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10 (1848) [Not - Pra]
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396 Oesterreichische Provinzen. Böhmen.

gelangten Gegensätze der Nationalität und Sprache; die religiösen und kirchlichen Ver-hältnisse; das erst der jüngsten Zeit angehörende raschere Wachsthum des Proletariats inden Städten und auf dem Lande, welches mehr und mehr, wie darauf neuere VorgängeHinweisen, zum Bewußtsein seiner Interessen und Ansprüche zu erwachen scheint; endlichdie Stellung der politisch berechtigten Stände gegenüber der Regierung.

Die Wiedererhebung des Czechenthums begann damit, daß man die Erinnerungenaus derZeitseinerBlüthe mit Vorliebe auffrischte; daß zumal dieböhmischeGesellschaft"die reichen Denkmäler der Landesgeschichte emsig sammelte. Wie Böhmen überhauptan Vereinen mancher Art reich ist, obgleich die bisherige österreichische Politik nicht geradedie freieste Entwickelung des Associationsgeistes zu entwickeln strebt, so bildeten sich na-mentlich Gesellschaften für die Förderung czechischer Literatur und Sprache; sowie einVereinpatriotischer Kunstfreunde", der zu Prag Fresken aus der Geschichte Böhmensmalen läßt. Ein reicher Böhme faßte sogar den Gedanken zur Gründung einer Walhallabei Prag, um sie mit den Bildsäulen der Helden des Czechenthums, eines Ottokar, Huß,Ziska, zieren zu lassen. Eine czechische Bühne ward errichtet und Preise für czechischeOriginaldramen wurden ausgesetzt. Noch wichtiger ist die vom Gewerbverein beschlos-sene, durch Beiträge von allen Seiten unterstützte Gründung einer czechischen Musterge-werbschule, die zugleich eine eigentliche Volksschule für die czechische Jugend sein soll-Besondere Sorgfalt wird der Presse gewidmet. Obgleich im Jahre 1846 in der österrei-chischen Monarchie nur drei periodische Blätter in czechischer Sprache erschienen ^), so hatdoch die Zahl und der Gehalt der Werke bedeutend zugenommen, welche nicht blos inBöhmen selbst, sondern auch bei den 4 5 Millionen Sprachverwandten in Mähren,Nordungarn und Schlesien verbreitet werden. Mit Eifer werden zugleich die verwandtenSprachen, Jllprisch, Polnisch und Russisch, betrieben. Allerdings hat der gemeine Czechekeinen Anlaß und keine Zeit für czechische Begeisterung; oder er weiß, daß ihm zumFortkommen das Deutsche nöthig ist, und greift darum wohl nach deutschen Büchern.Auch ist es noch gewöhnlich, daß zwischen rein slavischen und rein deutschen Orten dieKinder von 67 Jahren für eine Zeit lang umgetauscht werden, um sie auf diese Weisebeide Sprachen erlernen zu lassen. Indessen kann es bei jenesi czechischen Bestrebungennicht fehlen, daß neben manchem blos Lächerlichen auch manche verletzende Ungerechtigkeitgegen die deutsche Bevölkerung unterläuft. Ueberdies ist es ein nicht unbeträchtlicherTheil der gebildeteren mittleren Classe, wovon jene Bestrebungen ausgehen und von wel-cher überhaupt das Volksleben in wachsenden Kreisen seine Impulse zu empfangen pflegt.Es ist also keineswegs unmöglich, daß von da aus, unter besonders aufregenden oder ver-lockenden Umständen, der noch glimmende Zunder des Nakionalhasses auch von Neuemunter die Masse geworfen werde.

Wie verhält sich nun die Gesetzgebung dieser Bewegung gegenüber? Die Gesetzewerden auch in slavischer Sprache verkündet; die Verhandlungen der Behörden, soweitsie Slaven betreffen, sollen in dieser vorgenommen werden. Neuere Decrete haben denStudirenden der Theologie, Medicin und Rechte das Erlernen des Czechischen zur Pflichtgemacht; und wiederholte Verordnungen seit dreißig Jahren dringen darauf, daß keinBeamter angestellt werde, er sei denn der czechischen Sprache mächtig. Allein gleichwohlsoll es viele Beamten geben, die nicht czechisch verstehen, und nur Wenige, die des Czechi-schen in gleichem Grade wie des Deutschen mächtig sind. Jeder böhmische Landtag wirddurch einen czechischen Erlaß einberufen, mit czechischen Reden und Gegenreden eröffnet,auch wer sonst noch auf dem Landtage czechisch sprechen will, wird daran nicht verhindert,wenngleich von der Mehrzahl nicht verstanden. Den Kreishauptleuten wird ihr Amtmittelst einer czechischen Urkunde verliehen; die Behörden nehmen Berichte von Gemein-devorstehern in dieser Sprache an, wenn die Verfasser des Deutschen unkundig sind.Auch jeder Geistliche kann seine Bücher nach Belieben deutsch oder czechisch führen; undwenn ein strenges Verbot gegen czechische Bibeln besteht, so hangt dies mit dem ausschlie-ßenden System der römisch - katholischen Kirche zusammen. Endlich haben alle slavischen

8) Nach anöern Nachrichten erschienen 1846 in Prag 9 czechische Zeitschriften.