394 Oesterreichische Provinzen. Böhmen.
Nach Ludwig'sI. Tod gelangte wieder ein Habs bürg, Ferd inandl., Bru-der Kaiser Karl'sV., durch die Wahl der Stände auf den Thron. Als aber dieböhmischen Stande seinem Bruder in der Bekriegung des schmalkaldischen Bundes nichtbeistehen wollten, führte er im 1.1547, auf dem sogenannten blutigen Landtage, stattdes Wahlrechts wieder die Erbfolge ein. Unter ihm und seinen Nachfolgern, dem weisenduldsamen Maximilians, und unter Rudolf II., der mehr in den Sternen als imReiche zu Hause war, unter dem sich jedoch czechische Sprache und Dichtung eines beson-deren Schutzes erfreuten und zu hoher Blüthe gelangten, bereiteten sich die Stürme desdreißigjährigen Kriegs vor, der unter Matthias (1618) zum Ausbruche kam.Schon bei seinen Lebzeiten war sein Vetter, Ferdinand ll. (1619—37), zum Königevon Böhmen gekrönt worden. Vergebens setzten ihm die böhmischen Stände den Kur-fürsten Friedrich V. von der Pfalz entgegen; die Schlacht am weißen Berge entschiedzu Gunsten des Hauses Habsburg, mit dem nun die 1619 vertriebenen Jesuiten wiedereinzogen, und die Unterdrückung des Protestantismus begann.
In den Glaubenskämpfen von 1409—1620 hatte sich der alte Haß der Czechen ge-gen die Deutschen von Neuem geregt, damit waren die eifrigsten Bestrebungen für czechi-sches Volksthum und Sprache verbunden. Noch 1615 ward auf einem Landtage zuPrag beschlossen, daß mit der Zeit in allen Kirchen und Schulen czechisch gepredigt undgelehrt werden solle; daß Niemand das Bürgerrecht erwerben könne, der nicht dieserSprache mächtig sei, daß die Verächter der Czechensprache aus dem Lande geschafft werdensollten. Mit der Schlacht am weißen Berge trat aber eine so vollständige Wendung derDinge ein, daß fortan, während zwei Jahrhunderten, selbst jeder Gedanke an eine selbst-ständige Entwickelung Böhmens, im Widerspruch mit Deutschland und mit der Herr-schaft der katholischen Kirche, erloschen schien. Ferdin and ll. brach die Macht der Op-position durch Hinrichtungen, Verbannung und Güteceinziehung. Die protestantischeKirche, zu der sich über drei Viertheile der Bewohner bekannten, ward unterdrückt; undan 36,000 Familien, darunter alle protestantischen Prediger und Lehrer, viele Künstler,Kaufleuke und Handwerker, die nicht katholisch werden wollten, wunderten nach Sachsen,Brandenburg, Polen, Schweden, Holland aus. Voncher Auswanderung von mehr als derHälfte der altböhmischen Geschlechter und der Verleihung oder dem Verkauf ihrer heimge-fallenen Güter meistens an Deutsche stammt der große Grundbesitz deutscher Aveligen inBöhmen und Mähren. Der Krieg und seine Folgen hatten das Land in solchem Maße ver-ödet, daß die Bevölkerung im 1.1638 auf780.000 zusammengeschmolzen war. Außerdemhatte Ferdinand den von Rudolfll. den Ständen bewilligten und volle Religions-freiheit zusichernden Majestätsbrief vernichtet und durch die erneuerte Landesordnung vom10. Mai 1627 die Verfassung wesentlich verändert, indem nun Böhmen in ein rein katholi-sches Erbreich verwandelt wurde. Zwar erklärte noch Ferdinand II., daß er „die teut-sche und böhmische Sprach zugleich wolle gehalten und fort gepflantzet wissen." Alleindoch wich jetzt die czechische vor der deutschen Sprache zurück, welche letztere zur amtlichenund kirchlichen gemacht wurde; und wie bis 1620 kein bedeutendes deutsches Werk inBöhmen erschienen war, so verschwand jetzt das Czechische für längere Zeit aus der Reiheder Schriftsprachen.
Ferdinand Hl. (1637—57) war bemüht, das entvölkerte Land wieder zu bevöl-kern, die noch blutenden Wunden möglichst zu heilen und sich die Liebe der Böhmen zugewinnen. Er regelte die Verfassung durch die Declarationen und Novellen vom 1. Febr.1640 und suchte die Universität Prag, welche daher die Karl-Ferdinandeische heißt, durchBeseitigung mancher Beschränkungen wieder zu heben. Die Regierung Leopold's I.(1657—1705)'wurde durch den Aufstand der die harte Robot verweigernden Bauernim leitmeritzer, Pilsener und czaslauer Kreise und durch die furchtbaren Verheerungen derPest getrübt. Unter ihm und seinem edlen Sohne Jose pH l- (1705—11), der mitEinsicht und Thatkraft für sein Reich sorgte, erholte sich Böhmen langsam wieder: beson-ders durch die Einführung deutscher Colonisten, durch größere religiöse Duldung und durchHerabsetzung der Frvhntage der leibeigenen Bauern. Karl VI. (1711—40), in fastununterbrochene Kriege verflochten, konnte nicht viel für die Wohlfahrt des Landes thun.