392 Oesterrcichischc Provinzen. Böhmen.
österreichischen Kaiserstaats hervor. Es ist bekannt, daß viele der ersten Notabilitätendes gelehrten Standes czechischen Ursprungs sind; daß das mathematische Talent, wodurchdie österreichische Artillerie eine hohe Stellung einnimmt, zumal in Böhmen einheimischist; daß gerade Böhmen der Verwaltung in allen Zweigen, von den Hofstellen bis zu denuntersten Dikasterien, zahlreiche Beamten liefert.
Dieser höhere Grad der Eultur spiegelt sich auch in der czechischen Sprache und Lite-ratur, die einen mächtigeren Aufschwung als selbst die polnische genommen hat, wie dennauch vor allen slavischen Literaturen ihre ältesten Denkmale am weitesten, bis in das zehnteJahrhundert, hinausreichen. Die erst 1817 entdeckten Reste epischer und lyrischer Ge-sänge der Königinhofer Handschrift aus dem 13. Jahrhunderte gehören zu den ausgezeich-netsten Werken des Mittelalters. Eine neue Periode begann mit Joh. Huß und der böh-mischen Reformation. Vor Allem war aber die Periode von 1526 — 1620 die goldeneZeit der czechischen Literatur, wo zugleich die in allen Verhandlungen herrschende czechischeSprache den höchsten Gipfel ihrer grammatischen und gesellschaftlichen Ausbildung er-reichte. Um so jäher war der Sturz in neue Barbarei durch den dreißigjährigen Krieg, alsjesuitische Sendlinge ganz Böhmen durchzogen, um alle czechischen Schriften den Flam-men zu opfern; eine Verfolgung, die tief bis ins 18. Jahrhundert dauerte, wo noch einJesuit sich rühmte, 60,000 böhmische Bücher verbrannt zu haben. Erst gegen Ende des18. Jahrhunderts begann wieder das Studium der czechischen Sprache, bis nach den Krie-gen gegen Frankreich, wo überhaupt in Europa die lange unterdrückten und verletzten Na-tionalgefühle lebhafter sich regten, auch die czechische Literatur in neuem Aufschwünge ei-nen reicheren Inhalt und wachsende Ausdehnung gewann ^).
Geschichte. Nach der Eroberung durch die Czechen bildete Böhmen, schon unterden heidnischen Herzogen aus dem Hause Przemysl' s und der in den Landessagen be-rühmten Libuscha oder Libussa, einen mächtigen Staat, gegen den die FeldzügeKarl's des Großen (805 und 806) ohne dauernden Erfolg waren. Nur von demmächtigen großmährifchen Könige Swatopluk wurde es auf kurze Zeit abhängig. ZuAnfang des 9. Jahrhunderts (822) trat es in den deutschen Reichsverband und bekräftigtediese Vereinigung durch freiwillige Erklärung zu Regensburg am 15. Juli 895. Böhmenblieb nun Mitglied des deutschen Reichs bis zu dessen Auslösung, auf dessen Geschickenicht wenige seiner Regenten einen bedeutenden Einfluß äußerten. Unter Herzog Bor -ziwoj l. wurde das Volk durch die byzantinischen Mönche Cyrillus und Metho-dius für das Chrisienthum gewonnen, das indeß nicht ohne schwere Kämpfe Wurzelfaßte und erst unter Bo lesl aw O., der zu Prag ein Bisthum gründete (973), grö-ßere Fortschritte machte. Inzwischen hatte schon Boleslaw I. diekleineren czechischenFürsten von sich abhängig gemacht und sein Sohn, Boleslaw II., seine Herrschaftüber Mähren bis an die Weichsel und den Bug ausgedehnt. Doch gingen diese Erobe-rungen unter seinen uneinigen Söhnen wieder verloren, bis es Brzetislaw l. (1037— 55) gelang, Mähren wiederzugewinnen und mit Böhmen dauernd zu vereinigen.Schon früher hatten mehrere Fürsten des Landes, darunter Udalrich (1013—1037),,dasRecht des Mitstimmens bei der deutschen Kaiserwahl erhalten; Wratislawli-(1075) und Wladislaw 11. (1158) wurden von den Kaisern mit dem Königstitel be-ehrt. Von 1 —94, da nicht weniger als zehn Prinzen des alten Herrscherhauses um
den Besitz des schwankenden Throns stritten, war Böhmens Macht in tiefem Verfall; bisPrzemysl Ottokar 1. (1197—1230) die alte Senioratserbfolge änderte und dienun erbliche Königskrone durch Politik und Schwert sicherte. Wenzel I. (ch 1253),mit der Nichte des letzten Babenbergers, Fried ri ch's des Streitbaren, vermählt, ein Fürstaus Czechenblut, stand in der Reihe der deutschen Minnesänger. Seinem Sohne, Otto-kar ll. (1253—78), gelang es, seine Herrschaft über alle deutschen Länder der österrei-chischen Monarchie, außer Tyrol und Salzburg, auszudehnen. Ec entriß den Baiern Egerund Waldsassen, trug sein siegreiches Schwert bis Königsberg das ihm zu Ehren erbautwurde, und herrschte zugleich , nicht selten mit tyrannischer Strenge, über Lausitz und
7) Ueber das Unterrichtswesen s. „Oesterreich."