Oesterreichische Provinzen. Böhmen. 391
flusse aus Böhmen von Leitmeritz an, die beiden Adlern bis Reckenitz und Grulich. Selbstin dem Gebirgszuge zwischen Böhmen und Mahren herrscht auf ziemlichen Strecken diedeutsche Sprache, zumal von der schlesischen Seite her bei den Quellen der March, und aufböhmisch-österreichischer Seite bei den Quellen der Taya und Moldau. Ueberdies liegtzwischen diesen beiden Vorsprüngen des deutschen Sprachgebiets noch eine deutsche Sprach-insel, das Ländchen der Schönhengstler um Jglau her. Sodann bilden Budweis mit ei-ner Umgebung von 21 deutschen Ortschaften an beiden Ufern der Moldau so wie ein Be-zirk um Brvdeck solche deutsche Sprachinseln im Czechenlande; wie denn auch größereStädte und ihre Umgebung, namentlich Prag selbst, eine starke deutsche Bevölkerunghaben. Eine Vergleichung der Sprachgranze mit der Landesgränze ergiebt, daß der süd-westliche Saum des böhmischen Landes gegen Baiern hin auf eine geringe, der nordwest-liche aber, gegen die baierische Oberpfalz und gegen Sachsen, auf eine bedeutende Streckedeutsch ist. Gegen Schlesien fallen in der Gegend von Glatz beide Granzen aus eine kurzeStrecke zusammen; sonst greift überall das Deutsche wohl herüber nach Böhmen, nie aberdas Czechische nach Schlesien. Man will bemerkt haben, daß das Czechische dem Deut-schen gegenüber fort und fort abnehme 6); doch ist zu bezweifeln, ob dies auch für dieneueste Zeit gilt, da eine lebhaftere Reaction des Slaventhums gegen das deutsche Elementerwacht ist. Noch zur Zeit herrscht indeß das Deutsche in vielen Städten vor, wie dennauch der hohe Adel und ein großer Theil der Geistlichkeit in Böhmen entschiedendeutsch sind.
Böhmen, das Geburtsland der religiösen Märtyrer Huß und Hieronymus, wo sichdie erste und lange Zeit siegreiche Opposition gegen den geistlichen Despotismus der römi-schen Päpste erhob; wo auch in den Zeiten der Reformation der Protestantismus in sogroßem Umfange Wurzel gefaßt hatte, daß zeitweise die Mehrzahl der böhmischen Ständeder neuen Lehre huldigte, ist seit der Schlacht am weißen Berge (8. Nov. 1620) wieder derHerrschaft der römisch - katholischen Kirche unterworfen. Bei dieser Reaction waren zu-mal die Jesuiten thätig und wirksam. Daher zeigt sich noch jetzt unter den Czechengegen diesen Orden eine entschiedene Abneigung, wie denn das neue Jesuiteninstitut inLinz zwar meist von Deutschen, aber von keinen oder nur sehr wenigen slavischen Böhmenbesucht wird. Dennoch sollen sich seit 1846 die Jesuiten auch wieder in Prag eingenistethaben und Fortschritte machen. Die Zahl der Reformieren und Lutheraner beträgtgegenwärtig nicht viel über 60,000. Etwas stacker ist die Zahl der Juden mitnahe 70,000.
Der hin und her schwankende Kampf des slavischen und deutschen Elementssowie dieblutigen confessionellen Zerwürfnisse, deren Schauplatz Böhmen war, haben dem sonstgutmüthigen Charakter der Czechen ein finsteres Gepräge gegeben und einen Geist desMistrauens genährt, der sie nach unglücklichen Neuerungsversuchen mit Zähigkeit auf Er-haltung des Hergebrachten bedacht sein läßt. Wohl mögen Viele den Gedanken einer po-litischen Wiedergeburt und Selbstständigkeit träumen, ohne sich jedoch im Hinblicke aufeine Geschichte, die sie mit schwerlich noch zerreißbaren Fäden an die deutsche Nation ge-knüpft hat, dem sanguinischen Glauben an die Verwirklichung lenes Gedankens hinzuge-ben. Doch ist immerhin die Stimmung und Richtung des Volksgeistes der Art, daß esbei Verwickelungen im Osten unseres Welttheils, etwa bei einer allgemeineren Erhebungder benachbarten stammverwandten Völker, wohl auch in Böhmen zu Versuchen kommenkönnte, deren bloße Möglichkeit schon geeignet ist, die besondere Achtsamkeit der PolitikOesterreichs in Anspruch zu nehmen. Der Deutsche in Böhmen ist arbeitsamer und zweck-mäßig thätiger als der Czeche; und es sind zumal Deutsche, besonders in den nördlichenKreisen, die sich durch industrielle Rührigkeit und durch Unternehmungsgeist vor den ande-ren Völkern der österreichischen Monarchie auszeichnen. Doch ist der Czeche lebhaft, auf-geweckt und poetisch, wie schon sein Talent und seine Liebe zur Musik beweisen. Ueber-haupt stehen die slavischen Böhmen vor allen Nationen ihres Stammes auf einer verhält-nißmäßig hohen Stufe und ragen selbst in politischer Bildung über die meisten Völker des
6) So Kohl in den „Hundert Tage aus Reisen in den österreichischen Staaten. 1842."