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10 (1848) [Not - Pra]
Entstehung
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87
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O'Connell. 87

Gefühlen und Znstincten der Irländer. England hat Irland stets und zu allen Zeitenwir ein erobertes Land betrachtet, und so haben die Irländer das Bewußtsein nie verloren,daß die Engländer ihre Eroberer sind. Die Folgen der Eroberung dauern überdies inden inneren gesellschaftlichen Zuständen, trotz der Emancipation der Katholiken, immerfort. Die Grundeigenthümer, die Landlords, sind in sehr großer Anzahl Engländer,Sachsen, wie die Irländer sagen in Mehrzahl die Abkömmlinge der Eroberer desLandes, die das Eigenthum durch Confiscativn den Irländern entrissen haben. DasBenehmen der Engländer sorgte dafür, daß die Irländer dies nie vergessen lernen konnten.Die Art, wie die Eroberer durch ein eigenthümliches Pachtsystem die Eroberten in Elend,in Abhängigkeit zu halten und sich dennoch durch dies Elend selbst zu bereichern wußten,hat nicht nur den Haß verewigt, sondern auch Zustände geschaffen, die nur eine Verbes-serung zulassen, wenn das Gesetz, das sie verbessern soll, die irländischen Eigenthums-und Pachtverhältnisse an der Wurzel angreist,, die Lords in gewisser Beziehung ihresEigenthums beraubt und es den Bauern überliefert. Nur so würde der Krebsschadender irländischen Zustände zu heilen sein-

Und diese Heilung ist nie und nimmer von England zu erwarten. Und zwar ausdoppeltem Grunde nicht. Die Engländer begreifen sehr selten, daß die Ursache des Uebelsin Irland eben so viel in den Zuständen als in den Menschen liegt. Sie sind nicht imStande, sich in das Wesen der Irländer hineinzudenken, und so suchen sie an diesen vor-zugsweise nur ihre Fehler, nicht auch ihre guten Seiten. Sie sagen:Die Irländersind faul, unordentlich, verschwenderisch, was können wir dafür, daß sie in Folge dessenelend sind ?" Eine Radicalreform der irländischen Eigenthumsverhältnisse, was nichtsAnderes heißen will als eine theilweise, aber durchgreifende Enterbung der reichen Leutezum Vortheile der Armen, erscheint den Engländern vom Standpunkte Englands auswie ein Verbrechen am Heiligsten, und hat für sie überdies den drohenden Nebengedanken,

- daß die armen Leute in England am Ende verlangen könnten, so gut wie die armen Leutein Irland behandelt zu werden.

Und ähnlich verhält es sich mit allen Grundreformen, die in Irland nothwendig sindund werden könnten.

Der eingeerbte Haß Irlands gegen England, des E eltengegen den Sachsen,ist endlich noch ein fast unübersteigliches Hinderniß gegen alle Reformen, die das eng-lische Parlament zum Besten Irlands versuchen sollte. So viele Jahrhunderte hindurchkam von England herüber nach Irland nur Unheil, und hierdurch wurde es natürlich, daßdem Irländer selbst die besten Gaben, die von England kommen, verdächtig erscheinen,noch leichter verdächtigt werden können*).

Das Alles erklärt es leicht, wie der Repealgedanke sich dem großen Irländer aufdrän-gen mußte; er liegt auf dem Boden jedes ächt irländischen Herzens, er liegt auf demBoden aller irländischen Zustände. Der Ruf:Repeal!" war für O'Connell so derAusdruck seines innersten Gefühls, wie der Ruf:Zu Hilfe!" für den Ertrinkenden.O'Connell sah kein Heil für Irland ohne Wiederauflösung der Union.

Aber O'Connell wußte auch, daß die Zeit noch nicht gekommen, wo England dieRepeal" zugeben werde; wo Irland dieselbe ohne Gewalt durchsetzen könne. Gewaltaber widerstrebte seinem System und zugleich seinem Bewußtsein, daß Irland Englandnicht gewachsen sei. Daher war seine Repealagitation, wenn auch in der Form ganzdieselbe wie die Agitation der Emancipationsfrage, dennoch im Geiste eine ganzandere. Wir sahen, wie er in der Agitation der katholischen Frage damit anfing, sichselbst zu emancipiren, und wie dann durch sein Beispiel geleitet ganz katholischIrland die Kette brach; wir sahen, wie er am Ende, ohne sich an Gesetz undStatut zu stoßen, seine katholischen Irländer aufforderte, einen Katholiken zuwählen und ins protestantische Parlament Englands zu schicken. Er wagte es nicht, indiesem Geiste auch bei der Repealfrage M handeln. Er agitirte das Volk für dieselbe,

*) Die Aufnahme oder besser die Zurückweisung der Peel'schen Schulreformen,' die allenbilligen Ansprüchen genug thaten, ist für diese Behauptung ein sehr schlagender Beleg.