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O'Connell.
kaum Einer in der Geschichte der civilisirten Welt auftritt. Es lebte vor der Eroberungdurch England in der so glanzenden Gesetz- und Zügellosigkeit der keltischen Natur; dieEngländer benutzten ihre Überlegenheit, um diese Zügellosigkeit zu verewigen und zuletztsie durch Gesetze in die elendeste Knechtschaft und Sklaverei zu verwandeln. Diese Ge-setze-— die „pensl luvvs" Ingrids, Meisterwerke der Tyrannei und der Herrschsucht —versagten Irland jede religiöse, jede wissenschaftliche, jede menschliche Erziehung; sie such-ten das Elend des Volkes zu fördern, um jeden möglichen Aufschwung zu verhindern; siebehandelten die Menschen gleich reißenden Thieren, die, so oft sie aus ihrem Käsige treten,dem nächsten Jäger preisgegeben sind. Die Kette an dem Fuße des Irländers war soschwer, daß am Ende ihr eigenes Gewicht sie brach.
Ein Theil der penul laws waren bereits durch den allgemeinen Fortschritt der euro-päischen Cultur, die zuletzt England vor seiner eigenen Politik in Irland erröthen machte,in Verfall gerathen; den größern Theil aber bedingten die Emancipationsbestrebungen Ir-lands, die in O'Eonnell verkörpert erschienen. Mit der errungenen Emanciparion derKatholiken athmete die Brust des Irländers zum erstenm a le frei auf, fühlte er sich zumerstenmale, seit Irland eine Geschichte hat, als freier Mann. WasWunder, daßder Sklave von Jahrtausenden sich nicht gleich in den freien Mann von Gestern undHeute zu finden wußte?
Und O'Eonnell, der größte Irländer aller Zeiten, der große Mann des Jahrhun-derts, war in dieser Beziehung dennoch eben so gut wie sein ganzes Volk ein befreiterSklave von Gestern. Es kitzelte seine Eitelkeit wie die seines Volkes, wenn er es dem„sächsischen Lord" gleichthun konnte; er hielt Hof in seinem Bergschlosse, wie Lord Pa-wercourt in seinem Parke in der Grafschaft Wicklow; er hatte eine Meute, wie Lord Ro-den auf Tullimore; er fuhr mit Vieren, wie der Vicekönig Englands in Irland. Wirglauben nicht, daß O'Eonnell sich in irgend einer Weise klar Rechenschaft über diese Ge-fühle gegeben habe; aber wir zweifeln deswegen nicht einen Augenblick, daß sie ihn nurum so tiefer beherrschten und lenkten, je weniger sie ihm selbst klar waren. O'Connellwar überhaupt, wie die meisten großen Menschen, nicht vorherrschend ein Denker; erstand unter dem Einflüsse seiner Gefühle, sein Entschluß keimte stets in seinem Herzen undstieg von hier zu dem Sitze der Gedanken hinauf. Hingebung und Aufopferung, Liebeund Enthusiasmus, Zorn und Haß — nicht aber Berechnung und Vorhersehung sind dieTriebfedern jeder seiner Handlungen.
Und diese trieben ihn auch zu dem äußern königlichen Flitterprunke des eben erst derKette entronnenen Sklaven. Und es ist dies um so mehr zu bedmnm, als O'Eonnell ohneallen Prunk in ganz anderer Weise überall — nicht „königlich", das ist ein dummesWort für so Großartiges — wohl aber als gottberufener Führer und Lenker seiner Umge-bung auszutreten geschaffen war. »
In seiner Familie herrschte die innigste Herzlichkeit, und alle seine Kinder, Schwä-ger und Enkel liebten ihren Vater über Alles. Aber sie verehrten ihn noch mehr alssie ihn liebten. Trotz der innigsten Traulichkeit herrschte eine geheimnißvolle Scheu unterallen Familiengliedecn, sobald der große Mann unter sie trat. Die Stimme jedes Re-denden sank um einen Ton herab, alle Anwesenden traten weniger fest auf, gingen weni-ger rasch im Zimmer hin und her, setzten die Stühle sanfter zur Seite und schlossen dieThür mit mehr Bedacht. O'Eonnell reichte, nachdem er sich gesetzt, in der Regel balddem Einen, bald dem Andern die Hand; aber man sah Allen gn, daß sie fühlten, wie ihneneine große Ehre widerfuhr. Nur die kleinsten Enkel, die noch nicht zur Erkenntniß ge-kommen waren, erwiderten spielend und neckend die spielenden und neckenden Liebkosun-gen ihres Großvaters.
. Und das war so natürlich, daß ein anderes Benehmen Jedem nothwendig wie eineArt Empörung gegen den legitimsten Herrn und Meister vorgekommen sein würde. DerHeiligenschein der Größe verließ O'Connell selten. Die Natur hatte ihn geschaffen zumHerrschen. Er ragte schon körperlich weit über das Mittelmaß der stärkern Männer hin-aus. Sein Oberleib war aber viel größer als der Unterleib; so daß, wenn O'Eonnell sichniedersetzte, er sich zu erhöhen schien, denn wo er eben nur wenig über die Männer der Ge-