O'Connell
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sellschaft hinausreichte, da saß er jetzt um einen ganzen Kopf größer — um diesen Kopf mithoher Stirne, heißen Augen und scharfem Munde. Und öffnete er dann diesen Mund undsprach, so horchten Alle unwillkürlich und huldigten dem Geiste, der dort verkörpert wie aufeinem Throne stets Alle überragte, ohne daß man den Thron erst zu bauen brauchte.
Wir sahen ihn bei einem tollen Feste, das seine Liebe zu Altirland ihn alle Jabre imKreise seiner Familie feiern ließ. In der Bucht von Kilkenny, nahe bei Dublin, liegt einekleine Insel, Dulkay genannt. Dort versammelte sich vor Zeiten alle Jahre an einembestimmten Tage das junge Volk von Dublin und wählte einen König von Dulkay. Die-ser König war ein Herrscher in der Art des Königs Carneval am Rheine. Zu Ende des vo-rigen Jahrhunderts verbot die englische Regierung dies Fest, weil die Irländer es zu einernationalen Anregung umzügestalten suchten — vielleicht nur, weil die Engländer fürchteten,daß dies möglich sein könne. Dieses Verbot war wohl die Hauptursache, warum O'Con-nell das Fest feierte. — Es ging sehr lustig bei demselben zu, obgleich es, mit AusnahmeTom Steel's, Herrn Fitzpatrick's — O'Connell's Finanzminister— und des Schreibersdieser Zeilen, auf den engen Kreis der Familie O'Connell beschränkt war. Nach einemMahle, das eines Königs würdig gewesen und dem wir mit Bettelmanns Hunger Ehreangethan, begann das Fest. Herr Fitzpatrick wurde König von Dulkay — O'Connell seinerster Minister—O'Connell's Tochter Kriegsminister, sein tollster Enkel Ceremonieenmei-ster, der einzige Ausländer, der überdies nächstens abreisen wollte, Minister des Innern —»und so fort Alles Überzwerg und verkehrt, wie es im Reiche des tollen Königs von Dulkaysich gebührte. Aber trotz alles Gehenlassens, trotz alles Spielens, trotz aller kecken Laune— war doch das „Jncognitv^ unseres wahren Königs nicht ganz möglich, und selbst hiersahen Aller Augen nach den seinigen, um stets bereit zu sein, dem errathenen Winke zugehorchen.
Es ist ein Jammer — daß dieser König selbst nie ganz den emancipirten Sklavenvergessen lernte. Er wäre ohne ihn einer der Größten unter den Größten aller Zeitengewesen; denn in diesem Gefühle keimen alle Schwächen und alle Makel, die an O'Con-nell und seinem Rufe, wie Rostflecken den schönen Stahl zerfressend, ankleben.
VlI. Unumschränkter Herr und König aber war er vor Allem in den Versammlungenseiner Repealassociation in der Cornexchange zu Dublin. In einem engen, nichtacht Schritte breiten und kaum vierzehn bis sechszehn langen Saale versammelten sichwöchentlich einmal die tapfersten Kämpfer seines Reiches. Hier saßen sie, wie die Altenin ihren Kampfspielen, in aufsteigenden Terrassen um die Kampfstelle. — Die ganze Ein-richtung war aber so klein und erbärmlich als möglich; nackte, schmuzige Wände mit einpaar beschriebenen Papierbogen beklebt, mit ein paar ärmlichen Fahnen behängen. Aufdiesen und jenen standen Aufrufe und Sprüche. „Repeal" prunkte in goldener Schriftauf einer grünen Fahne, die über dem Haupte des Vorsitzers schwebte. „Laß kein Land,stark genug eine Nation zu sein, eine Provinz bleiben!"—>— „Das Volk, das nicht
wünscht, sein eigner Gesetzgeber zu sein, verdient Sklaverei!"- '„Eigenthum hat
nicht nur seine Rechte, sondern auch seine Pflichten!"-- „Wer ein Verbrechen be-geht, stärkt den Feind seines Landes. Dan. O'Connell!"-Das waren die Inschrif-
ten an den Mauern. Und wer sie gehörig würdigt, wird in ihnen den BerufO'Connell'sfür Irland sowohl als auch für die ganze civilistrte Welt erkennen.
Die Bänke dieses Forums waren von schwankenden, ungehobelten Bietern; in derMitte unten, dem Kampfplatze, der Rednerbühne, stand ein Lehnstuhl mit zerbrochenerLehne und ausgesessenem Sitze für den Sprecher dieses Parlaments, vor demselben warein kleines schmuziges Tannentischchen für die Abgeordneten der Presse. Auf den Bänkenringsum saßen Leute, die mit seltener Ausnahme Noth und Elend in ihrem Aeußern ver-kündeten und denen im Walde zu begegnen nicht gerade sehr erfreulich für den friedlichenund friedliebenden Reisenden gewesen sein würde. Mitunter saß hier und dort zwischendiesen auch ein Mittelbürger, dem man die Gewohnheit sich zu waschen und zu kämmenansah, und der hierdurch gegen seine Nachbarn nur um so mehr abstach. Unten im Mit-telpunkte dieses Trichterforums saßen' dem Präsidentenstuhle zunächst Leute des höher»Mittelstandes und mehrere Priester in ihrer sie auszeichnenden Tracht.
Staat« - Lerikon. X.
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