O'Connell
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„Sie dürfen England nicht verlassen, ohne Irland gesehen zu haben; Sie werdenEngland erst recht kennen lernen, wenn Sie Irland kennen. Irland ist die Achse, umdie sich heute England dreht. Sir Robert sagte: Irland werde seine „Nslicultz/"ach, es ist die „<iiiüc,iit)" Englands; es beherrscht heule Englands Geschick und wirdes noch lange, vielleicht bis ans Ende bedingen. Sie müssen Irland kennen oder Siewerden nie Englands Gegenwart und Zukunft begreifen." So drängte mich Freund D.Und seine Worte sielen auf keinen Steinboden; ich hatte hundertmal geahnet, was erso klar aussprach.
Am andern Tage brachte mich die Eisenbahn nach Liverpool; an demselben Abendfuhr ich mit dem Dampfschiffe nach Dublin ab, und mit der ausgehenden Sonne lag diegrüne Insel vor uns.
Es war das „Repeal-Jahr", es war das Jahr der „MEtre-Ueotiiigss", in denenO'Eonnell seine„Hunderttausende" musterte. Ich hörte in Dublin, daß die Reihe die-ser Meetings ihrem Ende nahe und daß am nächsten Tage vielleicht das letzte in Athlone,fast im Mittelpunkte Irlands, stattsinden werde. Ein paar Stunden nach meiner An-kunft in Dublin saß ich im Postschiffe, das auf dem Canale nach Ballinasloe führt. Wirlangten dort am andern Morgen an. In dem kleinen Städtchen, das noch fünf Stun-den von Athlone entfernt liegt, war Alles in Bewegung. Groß und Klein, Arm undReich schien zum Auszuge bereit. Truppweise gingen viele Bauern aus der Umgegendzu Fuß durch die Stadt. Sie waren die Vorzügler. Erst nach der Messe kam dasHauptheer in Bewegung. Karren und Wagen aller Art waren zur Auswanderung ein-gerichtet. Aus der Kirche strömte Alles zu den bereitstehenden Reisemitteln und nur mitMühe fand der Fremde, auf den man nicht gerechnet hatte, einen Platz. IrländischeGastfreundschaft half ihm suchen und finden. Es war ein großer irländischer Leiterwa-gen, auf dem wohl dreißig Leute in zwei Reihen mit dem Rücken gegen einander saßenund der sich erst in Bewegung setzte, als der Pfarrer des Ortes endlich seinen Sitz aufdemselben eingenommen hatte.
Die große Mehrzahl aller Männer und Frauen, die mit nach Athlone zogen, sahenzerlumpt und zerfetzt aus. Noch und Armuth hingen in den zerrissenen Kleidern um dieHagem und doch knochenstarken Leiber herab. Auf unserer Fahrt kamen wir an mehrerenDörfern vorbei und in allen waren das dritte, vierte Haus eine Ruine. Wenn wir einerSchloßruine des Mittelalters begegnen, an deren zerrissenen Mauern wir die Spuren desSturmes, der sie gebrochen, sehen, so denken wir doch nur an die Größe, den Reich-thum, den Stolz, die einst hier herrschten. Aber eine Bauernhütte in Ruin, entdacht,ohne Fenster, ohne Thüren, giebt nur Einen Gedanken, den der Noch und des Elends.Und solcher lebendigen, solcher beredten Prediger unter freiem Himmel begegneten wirauf unserer Fahrt heute von Minute zu Minute.
Ein paar Mal aber kamen wir an eine andere Scene. Nur selten fuhren wir an ei-nem Baume vorüber. Eromwell, der alle Irländer in der Provinz Connaught zusam-mendrängen und alle anderen Provinzen mit Engländern und Schotten bevölkern wollte,hatte sie ausrotten lassen, weil sie als Schutzwehr dienen konnten. — Die Felder sahenöde und trübe aus; die Erde schien um die Ruinen, die sie trug, zu trauern. Aus ein-mal winkte uns aus der Ferne.ein kleiner Wald grünen üppigen Baumwuchses. Esschien eine Oase in der Wüste zu sein. Das Auge ruhte mit Freude auf ihr. Je näherwir kamen, desto klarer zeigte sich die Ueppigkeit der einzelnen Baumgruppen, in denenhohe und niedere stolz aufschießende Pappeln und Tannen mit breiten Nußbäumen, Ka-stanien und Linden wechselten. Noch ein paar hundert Schritte näher trat dann aberauch die weiße Mauer hervor, die die Oase umgab. Eine Weile später fuhren wir an einemGitter vorbei, das einen Blick auf ein stolzes Schloß und in den herrlichsten Park erlaubte.
Mein Wagennachbar sagte mir: „Das Schloß gehört dem Lord ch., dessen Stamm-vater mit Eromwell nach Irland kam und Henkeramt bei ihm an den Irländern versah.Dafür erhielt er den Park, dessen irländischen Besitzer er eigenhändig gehängt hatte."Eine Weile später, als wir bei einem zweiten Park vorbeifuhren, sagte der Mann: „SehenSie, da wohnt wieder ein Sachse" — und dann zeigte er aus eine nahe liegende ver-