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Obskurantismus rc.
friedigend, ja verletzend und unterdrückend für die höheren, für die gemüthlichen, religiös-sittlichen und für die praktischen Gefühle und Bedürfnisse und ruft so eine neue subjektiveMystik hervor, welche die religiös-moralischen und praktischen Forderungen und Bedürf-nisse des Herzens, die Liebe und die unmittelbare Verbindung der Seele mit göttlicherEinwirkung und Gnade ins Auge faßt und mehr oder minder den hohlen und falschenäußerlichen Menschensatzungen und Formeln entgegentritt. So erklären sich zum Theildie Mysterien der Alten, so die katholischen Mystiker und mystischen Ser-ken, welche die Hierarchie, so wie die Lehren von Hin cmar und Rhabanus Mau-rus, oder wie die Waldenser und Albigenser als ketzerisch auszucotten suchte, welchesie selbst in der Lehre und Richtung eines Tauler, eines Thomas a Kempiseben so wie in dem spateren Jansenismus und Quietismus haßte, und welchewenigstens zum Theil die Wurzeln für die Reformation und für ihre großen europäischenKampfe gegen hierarchischen Obskurantismus und Despotismus wurden.
Auf ähnliche Weise aber entstanden auch spater die im engeren Sinne sogenanntenprotestantischen Pietisten. Sie stiftete bekanntlich zuerst Spener im siebzehntenJahrhunderte in seinem Kampfe gegen den verknöcherten, selbst wieder obscurantischgewordenen protestantischen Dogmatismus, gegen seine einseitige Vernachlässigung dersittlich-religiösen Gesinnungs-, Denk- und Handlungsweise und selbst des Bibellesens.Mit Gelehrtenstolz und neuer hierarchischer priesterlicher Anmaßung, Herrschsucht nndzelotischer Ketzerverfolgung suchte später zum Theil die protestantische Geistlichkeit nur denblinden Glauben an die durch gelehrten Buchstabenkram aus den Symbolen entwickeltenDogmen zu erzwingen. Semm ler und seine mit dem Spottnamen Frömmler beleg-ten Anhänger und ihre coilsgia pietat!« riefen nun bekanntlich jene heftigen Ketzerverfol-gungen hervor, welche auch den Thomasius von Leipzig verbannten. Im Wesentli-chen wichtig und heilsam war der Semmler'sche Kampf, und heilsam vor Allem auch diedurch Thomasius unter dem großen Kurfürsten bewirkte Gründung der UniversitätHalle, die nunmehrige Pietistenuniversität, auf welcher Thomasius mit wahrhaftpraktischer christlicher Liebe zur Wahrheit und Vervollkommnung nach allen Seiten denfinsteren kirchlichen und politischen Dogmatismus, Scholasticismus und Aberglaubenmit seinen Ketzer-, Hexen- und Jnquisitionsprocessen bekämpfte. In dem Pietismusselbst aber, obgleich er sich nicht blos durch jene historische Entstehung, sondern auchdurch seinen Anschluß an wirkliche, nur einseitig aufgefaßte kirchliche Dogmen und seinepraktische fromme Richtung von sonstigem Mysticismus unterschied, bildeten sichdoch immer mehr Einseitigkeiten aus, welche ihn und seine Secte, die Herrnhuter w.,bis auf den heutigen Tag charakterisiren, eben sowohl die deutschen wie die nach seinemVorbilde gestifteten Secten der Methodisten in England, Schottland und Amerikaund der Momiers in der französischen Schweiz und in Südfrankreich. Die schottischepresbyterianische Kirche nehmlich, die Tochter der genferischen calvinistischen, war eben-falls in einseitigem stabilen Dogmatismus erstarrt. Und dieses rief im Anfänge drs'acht-zehnten Jahrhunderts jene von John Wesley gestifteten Methodisten, derenNachfolger 1818 in Lausanne den Spottnamen Momiers (Vermummte oderHeuchler) erhielten, hervor. Bei allen diesen Pietisten nun artete die Richtung, imGegensätze gegen den kalten historischen kirchlichen Dogmatismus, die Bedürfnisse desreligiösen Gemüths durch unmittelbare Verbindung mit dem Göttlichen und durch frommeLiebe und Gesinnung zu befriedigen, mehrfach aus.
Fürs Erste entstanden falsche, subjectiv willkürliche oder übertriebene Vorstellungenvon der Erbsünde und der absoluten Verdorbenheit der Menschen. Hiermit verbandensich fürs Zweite ebenfalls einseitige, zum Theil mystische Annahmen verschiedenartigerunmittelbarer, wundervoller Einwirkungen der göttlichen Gnade. Hieran knüpfte sichfürs Dritte ein Verleugnen und Aufgeben aller selbstständigen Freiheit und Spontaneität,in welchem man in passivem Quietismus den Durchbruch der himmlischen Gnade erwar-tete oder walten ließ. Hiermit verband sich viertens eine krankhafte, hochmüthige undtrübsinnige Verachtung alles Weltlichen, aller weltlichen Lebensfreuden wie der nichtpietistischen Kinder der Welt, der Wissenschaft überhaupt und besonders der theologischen.