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Obskurantismus rc.
einem flachen, Moral und Religion zerstörenden Materialismus oder falschen Rationalis-mus höhere, gemüthlichere, sittliche und religiöse Gefühle und Bedürfnisse zumMysti-cismus führen, und zwar nicht blos zu dem uneigentlich so genannten, welcher absolut un-zertrennlich ist von aller wirklichen Religion und Religiosität. Dieser besteht nehmlich einer-seits in der allgemeinenAnnahme der Wahrheit höherer, nicht aus der sinnlichen Erfahrungund ihrem logischen Begreifen stammenden, sondern einem übersinnlichen Leben angehö-renden Gefühle und Ideen, und eines unmittelbaren Verhältnisses der Seele zu Gottund seiner Einwirkung, ohne welches schon die allgemeinste Erscheinung alles religiösenLebens, das Gebet, zum Widersinn würde. Andererseits besteht er auch in der Annahmedes Wesens derjenigen besonderen Offenbarung, welch« den wahren Mittelpunkt einerallgemeinen Religions - und Kirchengesellschast bildet, zu der man gehört. Nur setzenwir hierbei voraus, daß eben so wenig jene natürlichen wie diese positiv religiösen Ueber-zeugungen jene wahre Aufklärung durch grundgesetzliche harmonischeThätigkeit aller Erkenntnißquellen oder die vernünftige Prüfung und dieVereinbarkeit mit dem übrigen Wissen scheuen. Diese Vereinbarkeit ist nehmlich nachdem Vorherigen möglich, sobald aus den Thatsachen des menschlichen Lebensbewußtseinsund Bedürfnisses, aus der Vernunft nachgewiesen ist, daß ihnen diese religiösen Annah-men vollständig entsprechen, wenn sie auch der Natur der Sache nach weder durch blosempirische und logische Erkenntniß, noch auch blos durch die subjektive Vernunftthätig-keit des Individuums gesunden und gegeben werden konnten. Die wahre Aufklärung,der wahre Rationalismus schließt also Offenbarung, positive Religion und Supernatura-lismus keineswegs völlig aus. Dagegen besteht der eigentliche und falsche My-sticismus in einer jene Bedingungen und Gränzen überschreitenden, in einer willkürli-chen, blos durch einseitig überwiegende Gefühle und Phantasteen bestimmten subjektivenblindgläubigen Annahme von Mysterien, von solchen unmittelbaren, übersinnlichen,wundervollen, magischen Einwirkungen, Offenbarungen und Bildungen der geistigenDinge, von Geistern, von Geistererscheinungen, Inspirationen, Wundern, welche nichtmit jener Prüfung und der wahren Aufklärung vereinbar sind. Er ist Aberglaube undführt zu demselben (s. diesen Art-).
Doch schließt man schon aus Bescheidenheit von diesen Namen das Festhalten anden objektiven ächten, historischen positiven religiösen Glaubenssätzen einer öffentlich an-erkannten Religionsgesellschast aus und nennt dieses Orthodoxie, strengen undblinden Kirchenglauben. Ein über die Gränzen selbst der in der lebendigen Kirchenver-fassung von dieser Gesellschaft anerkannten wesentlichen Glaubenssätze Hinausgehendesundübertriebenes Festhalten angeblicher Glaubenslehren nennt man Hyperorthodoxie.Dieses Festhalten an den gegebenen Satzungen der Kirche unterscheidet sich auch dadurchvon dem Mysticismus und Aberglauben, daß, wenn auch jene Satzungen ursprünglichaus subjektivem Mysticismus, Aberglauben oder aus Betrug der Religionsgründerstammten, doch das spätere Festhalten von Priestern und Laien ohne eigenen Mysticis-mus, blos aus passiver Unterordnung, oder aus Herrschsucht und Eigennutz Statt findenund rein äußerlich und formell sein kann. Dieser kirchliche Stabilismus aber istnicht selten im höchsten Grade lichtscheu und obscurantisch, und zwar nicht blos der hierar-chisch - katholische mit seinen Ketzerverbrennungen und Inquisitionen selbst gegen natur-wissenschaftliche Wahrheit, mit seinen Mönchen, Scholastikern und Jesuiten, sondernauch ein rigoristisch-protestantischer mit seinem Pastor Götze und andern Zeloten.Nicht zwar, wie man sehr irrig gesagt hat, eine jede, selbst die wahre positive Religion,Rechts - und Staatsverfassung an sich sind obscurantisch und absolut stabil; wohl abersind es die eigennützigen oder trägen Verwalter derselben. Und Die, welche nicht ihre le-bendige göttliche Kraft erkannten, können für sie fürchten. Sie selbst vertragen, wie dasachte Christenthum, jede Prüfung jener wahren Aufklärung und gewinnen durchsie. Die Grundidee ihres Wesens ist Licht und Freiheit, Vervollkommnung und Fort-schritt ins Unendliche, Fortschritt in Wahrheit und Liebe, im Erkennen und Thun.
Jener kirchliche Stabilismus aber ist zugleich oftmals als nur äußerlich historischaufgefaßte Kirchenlehre, als äußerliche herrschsüchtige stabile Kirchensatzung völlig unbe-