61
Obskurantismus rc.
und Vernunft, und die Vervollständigung und Befestigung der Erkenntnis dadurch zusuchen. Das logische Denken kann und soll alles Wissen von der Natur harmonisch ver-binden. Aber es darf für die Naturwissenschaft, wenn sie nicht bodenlos und schwärme-risch werden soll, seinen Stoff oder Inhalt nur aus der sinnlichen Erfahrung, nicht ausmetaphysischen, moralischen und religiösen Thatsachen schöpfen. Verkehrt wäre esdagegen, wenn der Mensch, als Bürger zweier Welten, über das Ueber sinnliche,über Gott und die göttlichen Dinge den Erfahrungen blos von der sinnlichen Weltdie alleinige oder zunächst entscheidende Stimme zuschreiben wollte. Dagegen muß nichtblos nur der Stoff aller höheren oder Vernunfterkenntnisse ebenfalls durch das logischeDenken harmonisch gestaltet werden: nein, es soll und kann auch die Nalurerkenntnißmit den Thatsachen der übersinnlichen Welt vereint werden, ja sie bestätigen. So wärees lächerlich, für die Idee der Unsterblichkeit des übersinnlichen freien geistigen Le-bens des Menschen die erste Entscheidung in dem Naturgesetze für die blos sinn-lichen Dinge und in blos ihnen entnommenen Begriffen zu suchen. Hat aber die Ver-nunft und die mit der Vernunft als wahr, als vernünftig aufgenommene Religion dieUnsterblichkeit ausgesprochen, so läßt sich nun nicht blos ihre Vereinbarkeit mit der er-fahrungsmäßigen Erkenntnis von dem Naturleben durch die richtige Auffassung seinesVerhältnisses und seiner Verschiedenheit in Beziehung auf das geistige Leben Nachweisen,sondern sie findet auch noch Bestätigung in ihm. Sie findet sie darin, daß das Natur-leben seine vollständige Bestimmung und Befriedigung auch ohne Unsterblichkeiterreicht, ja bei dem Mangel an Selbstbewußtsein und freier Bestrebung der individuellenSpecies in seiner Wesenheit selbst fortlebt oder neu ersteht, während für die mensch-liche Seele ohne individuelle Unsterblichkeit von Allem gerade das Gegentheil Stattfinden würde.
In jener krankhaften Einseitigkeit aber spotten blinde schwärmerische Anhänger hö-herer Anschauungen, Ideen, Gefühle und Phantasieen der Naturgesetze, der Erfahrungwie des logischen Denkens und des besonnenen Prüfens, statt deren Vereinbarkeit undhöhere Harmonie mit wahren höheren Erkenntnissen und Gefühlen zu erstreben. Ihrkrankhaftes geistiges Leben wird daher unangenehm berührt und gestört durch jenes Den-ken und Prüfen, womit sie ihr Besitzthum nicht zu vereinigen, wogegen sie es nicht zuvertheidigen wissen, und nun hassen und verfolgen sie das Licht.
Gar nicht minder einseitig aber stehen diesen Gefühlsmenschen, diesen Blindgläu-bigen, diesen schwärmerischen Jdeenfreunden die reinen Empiristen und Materialisten,die reinen Verstandesmenschen und einseitig verneinenden und zerstörenden Aufklärerund Rationalisten entgegen, welche alle höhere Erkenntnißquellen und Erkenntnisse ge-ringschätzen und allein ihre Erfahrungen des Sinnlichen und ihre lediglich von der niede-ren Sinnenwelt ihren Inhalt entnehmenden logischen Begriffe als die allein entscheiden-den Quellen auch in dem übersinnlichen, moralischen und religiösen Gebiet aufstellen.
Doch zu der völligen Einseitigkeit und krankhaften, verkehrten, das wahre Licht dervollkommenen Wahrheit gefährdenden, obscurantischen Erscheinungen gelangen die ver-schiedenen einseitigen Richtungen erst durch die Leidenschaften ihres gegenseitigen Strei-tes so wie durch die Empörung der Gefühle, wenn eine längere Zeit die Anhänger dereinen einseitigen Richtung vor- oder allein herrschten, die Anhänger der andern unter-drückten und nun in ihrer ganz extremen Gestalt in auffallenden Uebertreibungen undihren verderblichen Folgen allgemeiner sichtlich zu Tage kommen.
So ruft das eine Extrem das andere, die eine Wahrheitsverdunkelung die entgegen-gesetzte hervor, und der Wahrheitsfreund muß sich bei den doppelt verderblichen Folgensolcher Einseitigkeiten noch trösten, wenn wenigstens die geistigen Kräfte im Kampfewohlthätig geübt, und die einzelnen Seiten der Wahrheit besser hervorgehoben, undwenn für eine zwischen den extremen Parteien oder Parteiführern in der Mitte stehendeAnzahl die in der Mitte liegende Wahrheit zugänglich wird und nicht etwa die eine sie-gende Partei auch sie noch unterdrückt.
So können denn im Kampfe mit einem ganz im Sinnlichen, in blos sinnlicher Auf-fassung auch des historischen religiösen Cultus befangenen, im Kampfe vollends mit