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10 (1848) [Not - Pra]
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Obskurantismus rc.

ner Sünden und der sittlichen Schwache in ihrer Bekämpfung das Bedürfnis Anderen,ja sich selbst dieselben in abergläubischen, pietistischen und fanatischen Verhüllungen zuverbergen oder zu beschwichtigen.

Freilich wird eben so auch häufig eine allgemeine geistige Beschränktheit oderStumpfsinnigkeil eine zweite Quelle des Obscurantismus. Vereinigen sich mit sol-cher Beschränktheit Trägheit, natürliche Sympathie für die Gleichstehenden und die Ge-fühle des Neids und gekränkter Hochmuth gegen geistig und bald auch im Leben Höher-stehende so wie endlich der Unmuth über die unbequeme Aufforderung zu eigener geisti-ger Anstrengung, alsdann kann hieraus sich ein sehr widerwärtiger, ein philiströser undpöbelhafter Obscurantismus bilden, ein Obscurantismus, welcher die Gelehrsamkeit undPhilosophie anfeindet, ein Obscurantismus, welcher selbst einen Aristides verbannt,weil dessen allgemeine Achtung ihm widerwärtig wird.

Auch ist es nicht zu leugnen, daß jene sittlichen Verkehrtheiten und allgemeine Gei-stesschwäche auch bei einem Obscurantismus aus anderen Quellen gewöhnlich gar sehrMitwirken. So wirkt bei vielen lichtscheuen Pietisten, Mystikern, bei hysterischen Män-nern und Frauen, Betschwestern und Schwärmern der Hochmuth, sich als besonders be-gnadigt hoch über die geringgeschätzten Mitmenschen zu stellen, gar wesentlich mit. SelbstPhilosophen und Gelehrte, ja Künstler hemmen zuweilen aus Hochmuth, Herrschsuchtund Eigennutz den Fortschritt. Noch weit mehr aber , als sittliche Schwächen allemauch nicht böswilligen Obscurantismus in die Hände arbeiten, werden alle auch nichtböswilligen Obscuranten gerade die gefährlichsten Werkzeuge und Gehilfen jenes schänd-lichen despotischen Obscurantismus, welcher selbst in Pariser Bluthochzeiten und Ketzer-verbrennungen nicht so tödtlich gefährlich für die Völker wird, als wenn er mit feinerenMitteln wirkt und listig die natürlichen und selbst gutmüthigen Schwächen der Men-schen für seine schändlichen Zwecke in Bewegung zu setzen und so diese zu verhüllen weiß.So unterstützt der Aberglaube selbst den Unglauben, und dieser nährt und nutzt jenen fürseine gottlosen Zwecke.

IV. Die allgemeinste Que lle des Obscurantismus ist fürs Drittedie Einseitigkeit. Sie liegt in einer durch Erziehung, Lebensverhältnisse oder Lei-denschaft verschuldeten Einseitigkeit der Ausbildung und Richtung der Thätigkeit undAuffassung des geistigen Lebens. Die Kräfte und Quellen des vollständigen höherengeistigen Lebens und Lichts sind nehmlich mehrfacher Art; sie bestehen zugleich in derSinnenwahrnehmung, oder in der Aufnahme der äußeren sinnlichen Erfahrungen,in der Vernun ft, oder dem Vermögen der Vernehmung der Ideen, überhaupt der über-sinnlichen, der moralischen und göttlichen Dinge, wobei höheres Gefühl, Phantasie undGewissen wesentlich Mitwirken, endlich in der Verständigkeit, oder dem logischenBegreifen, Uctheilen und Schließen. Die Grundbedingung nun für ein allseitig gesun-des vollkommnes geistiges Erkennen, Leben und Fortschreiten ist ein grundgesetzli-ches (ihrem eigenen Wesen wie den verschiedenen Gebieten der Erkenntniß entsprechen-des) harmonisches Zusammenwirken dieser sämmtlichen Quellen,und dadurch die allein befriedigende innere und äußere Harmonie mit unsselbst, oder mit den unzertrennlichen Thatsachen unseres Bewußtseins von der Welt,von Gott und uns selbst*).

Statt aber nach solchem gesunden harmonischen Erkennen und Fortschreiten, nachsolcher allein wahren Aufklärung zu streben, wenden sich nun Viele, sei es wegender zuvor erwähnten Sünden und Schwächen, sei es wegen einseitiger Anregung durchErziehung, Religion, Lebensbeschäftigung, Verhältnisse, Leidenschaften, in krankhafterEinseitigkeit blos Einer jener drei Quellen und Kräfte zu, erkennen sie entweder nurals allein gültig an, oder doch als selbst in solchen Gebieten zunächst oder allein entschei-dend, in welchen grundgesetzlich eine andere Quelle die erste Stimme haben muß. Somuß z. B. in Beziehung auf Thatsachen der Sinnenwelt die sinnliche Wahrnehmungoder Erfahrung die erste Stimme haben, und es ist nur die Vereinbarkeit mit Verstand

*) Vergl. C- Welcke r ' s System. Bd. l S. 453 ff.