Obskurantismus rc. 55
schäften, etwa die Geduld der Schafe, mit freier menschlicher Sittlichkeit verwech-seln will.
II. Daß es nun, trotz dieser einleuchtenden Wahrheiten, böswillige absicht-liche Obscuranten giebc, dieses laßt sich leicht begreifen. Gar Mancher sieht ein, daßseine Werke des Trugs und des Raubs das Licht nicht vertragen, daß, wenn er vielleichtauch für sich selbst die Aufklärung nicht scheut, doch das Volk nicht über die Wahrheit undüber seine Rechte aufgeklart werden darf, daß im Trüben gut fischen ist, und daß Wahr-heit und Freiheit die Völker ungeneigt und zu stark macht für die Mishandlung, Unter-drückung und Beraubung. Nur zu oft sehen wir in der Geschichte, daß herrschsüchtigeund habsüchtige Priester, Despoten, Höflinge, Aristokraten und auch demokratische Skla-venbesitzer *), lediglich mn die Menschen für ihre selbstsüchtigen Zwecke ihrer Freiheit undihrer Habe berauben und gleich Lastthieren, Schafen und Hunden misbrauchen zu kön-nen, das Licht der religiösen, politischen, der philosophischen und historischen und natur-gesetzlichen Wahrheiten auszulöschen und Wahn und Trug, Götzendienst in göttlichen undmenschlichen Dingen zu verbreiten suchen. Daß dann die Völker geistig und moralischarm, daß sie zur Vertheidigung auch gegen andere Völker schwach, daß sie ihrer höherenWürde und wahrer menschlicher Tugend immer mehr beraubt werden — dieses halt na-türlich jene lasterhaften Obscuranten von ihrem Frevel nicht zurück. Daß so wie inDeutschland, z. B. in Böhmen, seit den Religionskriegen, oder wie in Spanien und Por-tugal seit der Inquisition, Millionen und abermal Millionen von Menschen Glück undLeben verlieren, daß Städte und Länder öde und menschenleer werden —- dieser Volks-mord ist noch nicht einmal die unglücklichste Folge dieses verbrecherischen Obscurantismus.Die viel unglückseligere Wirkung desselben besteht in der geistigen, sittlichen und politi-schen Entartung und Verwüstung, welche er erzeugt. Werfe man den Blick auf die deut-schen Lande vor und nach den obscurantischen religiösen Verfolgungen und vor Allem vorund nach dem Jesuitismus und dem von ihm verschuldeten dreißigjährigen Kriege! Nachzwei Jahrhunderten haben wir noch lange nicht all die entsetzlichen Folgen diesesgrößten Nacionalunglücks überwunden, und da am Wenigsten, wo der Obscurantismusam meisten Macht behielt. Blicke man nach Spanien und Portugal, auf dieser vor derInquisition so herrlichen und mächtigen Völker dreihundertjährige entsetzliche Verwilde-rung und Verwüstung, aus welcher sie sich jetzt endlich seit einem Menschenalter durch im-mer neue Revolutionssieber wieder emporzuarbeiten trachten!
UeberSpanien enthielt einmal die Preußische Staatszeitung und nach ihrdie Augsburger All g. Zeitung folgenden Correspondenzartikel: — „Wie schmerz-lich auch das Schauspiel sein mag, welches Spanien den civilisicten Ländern darbietet,welches auch die Ercesse sein mögen, die seine Revolution befleckt und die Mittelmäßigkeitder Männer, die sich zu Werkzeugen derselben gemacht haben; man muß, um gerecht zusein, einen Rückblick thun und sich sagen, daß es sehr schwierig war, aus dem Zustandegeistiger Betäubung und Erstarrung und administrativer Veruntreuung des Natio-nalvermögens, in die es seit Jahrhunderten versunken war, auf regelmäßige Weise sich zu er-heben. Die Civilisation hat nicht überall in Europa denselben Charakter, bald ist sie mon-archisch und väterlich, bald aristokratisch und commerciell, bald-militärisch und philo-sophisch; aber unter allen diesen verschiedenen Formen findet man gemeinsame Charaktereder Vorsicht, der Ordnung, der guten Verwaltung und namentlich der geistigen Bewegung.In Spanien war aber Nichts zu einer Regeneration vorbereitet. Die Finanzen befindensich seit Jahrhunderten in einer fprüchwörtlich gewordenen Unordnung. Die Marineexistirt nicht mehr. Die Armee — hatte keinen einzigen ausgezeichneten Anführer. DieRechtspflege war ein organisirter Skandal und, was wichtiger als Alles ist, dem religiösenGeist, aus äußere Gebräuche beschränkt und durch zwar harmlose, aber unsittliche Möncherepräsentict, war es gelungen, alle Prüfung, Erörterung — Alles, was dem Geist Energieund Antrieb zu geben vermag, völlig zu verbannen. Spanien ist nebst Italien das einzige
*) Ein Gesetz des nordamerikanischen Freistaates Georgien von 183V untersagt beiden schwersten Strafen, die Sklaven lesen und schreiben zu lehren!