Numismatik. 43
man sich nur mit Mühe losreißen konnte. Ein tieferer Grund, worauf schon die erstenForschungen und die Urgeschichte der Numismatik Hinweisen, liegt in der Natur der Mün-zen selbst. Sie sind doch immer nur ein Aeguivalent der Consumtibilien und müssendarum zu den Gegenständen der Production in einem bestimmten Verhältnisse stehen,indem es unzweckmäßig wäre, Münzen von solcher Größe oder Kleinheit auszuprägen,wofür man, einzeln genommen, im täglichen Handel und Wandel Nichts einzu-kaufen vermöchte. Allein die Kosten der Production und darum die Preise für diesel-ben Waaren sind verschieden in den mehreren Ländern und unter verschiedenen Umstän-den. Das natürlich zweckmäßige Verhältnis! zwischen den einzelnen Acten von Waarenund dem Maßstabe ihres Werths im Gelbe ist nun aber nicht immer beachtet worden.Dieses gilt selbst von dem in mancher Beziehung so große Vorzüge darbietenden französi-schen Münzsysteme, das, ein Erzeugniß der Revolution, ohne Weiteres einen abstraktenBegriff zu verkörpern suchte. Indem man den Franken zur Münzeinheit nahm und dasDecimalsystem *) durchführen wollte, stieg man bis zu den Centimes herab, einer fastnur ideal gebliebenen Münze, da man sie in der Wirklichkeit kaum darstellen konnte undsich ihrer wenigstens im täglichen Verkehre, als diesem völlig unangemessen, nicht bedie-nen mochte. Darum mußte noch zwischen Decime und Centime der Sou eingeschobenwerden, als hauptsächlich gangbare Scheidemünze **). Weil nun ferner die Preisefür die gleichen Quantitäten und Qualitäten von Waaren in den verschiedenenStaaten von einander abweichen, so würde man leicht fehlgreifen, wollte man dasMünzsystem des einen Staats ohne Weiteres für den andern als passend erklären. Je-denfalls wird sich die Vereinfachung und die Herstellung einer Gleichförmigkeit des Münz-wesens zunächst nur auf die besonderen Nationalitäten beschränken müssen, aufdie einzelnen größeren Kreise des Verkehrs, worin die wesentliche Gleichheit der Verkehrs-verhältnisse auch eine ziemliche Gleichheit im Werthe derselben Producteerzeugt. Ineiner späteren Zukunft und im Verlaufe der Entwickelung wäre es indeß wohl möglich,daß durch den lebhafteren und in allen seinen Mitteln vervollkommneten Welthandel alleNationen so sehr genähert würden, um die jetzt noch sehr großen Unterschiede in den Prei-sen der gleichnamigen Consumtibilien im Wesentlichen auszugleichen. Dann würde dieEinführung eines allgemein gültigen Münzfußes wohl ausführbar sein, so daß sichdie Besonderheit der Nationen, die Mannigfaltigkeit in der Einheit etwa nur noch imverschiedenen Gepräge kund gäbe. Und damit wäre allerdings für die Beförderungdes Verkehrs ein weiterer und nicht unwichtiger Schritt geschehen. Man wäre demZiele eines möglichst großen Zeitgewinns in der materiellen Production näher gekommen,weil mit der Verschiedenartigkeit der Münzsysteme zugleich eine nicht geringe Menge voninproductiven Geschäften des Zählens und Rechnens wegfallen würde.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die als Verkehrsgeld noch im Umlaufe befind-lichen Münzen für den Geschichtsforscher keinen besonderen Werth haben, weil die Ciccu-lation selbst das in den Münzen Dargestellte gleichsam in der Gegenwart festhält. Dar-um werden die Münze« der neueren Zeit mehr vom nationalökonomischen oder artisti-schen Standpunkte aus beachtet, und nur als Denkmale der Gegenwart, als Ueberliefe-rungen derselben an eine fernere Zukunft haben sie zugleich historische Bedeutung. DasInteresse des eigentlichen Geschichtsforschers dagegen wird sich hauptsächlich auf solcheMünzen wenden, die bereits außer Geltung und etwa nur in einzelnen Exemplaren aufspätere Geschlechter gekommen sind. Hiernach unterscheidet man eine historische voneiner bürgerlichen oder politischen Numismatik. Die letztere befaßt sich
Dieses Decimalsystem ist auch in Nordamerika, Rußland und Holland angenommen.In Holland wie in Frankreich ist man jedoch bis zu einer im Kleinverkehre unpassend gerin-gen Münze herabgestiegen.
Zur Würdigung des französischen Münzwescns und gegen Ueberschätzung seiner Vo--züge ist noch zu beachten, daß den französischen Münzämtern ein Schlagschatz von 1,52 8bleibt; daß dagegen die süddeutschen Münzstätten wohlfeiler prägen, da ihr Schlagschatznicht einmal ^ 8 beträgt. Vergl. L. Pestalozzi: „Ueber die Landplage fremder Scheide-münze im Canton Zürich. Orell und Füßli, 18Z8."