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theilweise die Untreue und das Mistrauen wurzeln zu lassen. Sie wirken stets höchst an- !steckend. Denn da, wo sie Platz greifen, werden bald auch die zuvor Ehrlichen nicht mehrblos durch ihre Leidenschaften und selbstsüchtigen Begierden, sondern auch durch den Trieb ^der Selbsterhaltung, so wie durch denMismuth, als die dummen Betrogenen zu erscheinen, ^zur Nachahmung des Bösen geführt.
So dachten mit Cicero alle würdigen alten Staatsmänner und die klassischen Ju-risten Roms, welche die bona liile« oder Treu' und Glauben, als das Princip allesVerkehrs- und Verwaltungsrechts, an dessen Spitze stellten. So überhaupt die großenVölker des Alterthums, so lange sie noch würdig ihrer steigenden Blüthe und Größe, solange sie noch nicht, bereits verdorben, ihrem Untergange entgegengingen'). So dachtenauch unsere deutschen Vorfahren, so alle Würdigsten und Besten unter den deutschen Für-sten. Treu' und Glauben oder Ehrlichkeit, deutsche Ehrlichkeit, Heiligkeit des Worts— welches nach dem deutschen Grundsatz: „ein Wort ein Mann" Jeder mit seiner eigenenMännlichkeit vertritt, sie galten stets als deutsche Nationaltugend, als der erste Rechts-grund für deutschen Nationalstolz. Auch die allgemeine Wirkung dieser Tugend erkannteder gesunde Sinn unseres Volks und sprach sie aus in dem schlichten Volkswort: „Ehrlichwährt am längsten."
Wir Deutsche machten daher auch ebenso wie die Alten, wie alle nach Gesittungstrebenden Völker, sowohl bei dem Eintritt in den Rechts - und Staatsverein wie für dieBekräftigung einzelner wichtiger Rechtsverhältnisse, die denkbar größte moralische Ver-bürgung von Treu' und Glauben oder den Eid zur Grundlage dieser Verhältnisse. Wirriefen hier dem Rechte und zunächst dem nur juristischen und politischen Institute des Eidesselbst das Höchste und Heiligste, was der Mensch kennt, dessen Glauben an Gott und einehöhere Bestimmung, seine Religion, zu Hilfe. Unsere christliche Religion aber stellt auchihrerseits Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Treue an die Spitze ihrer Pflichtgebote und weißbas Wesen des Bösen und seiner Herrschaft nicht besser zu veranschaulichen als durch „der ^Vater und das Reich der Lüge."
Ik. Wie war es denn nun möglich, daß ganz entgegengesetzte Lehren und Maximenin dem politischen Leben sich geltend machen konnten ? Sie konnten und mußten es sehrnatürlich da, wo durch die vorübergehende Leidenschaft oder durch Entsittlichung ganzerZeiten und Völker, ihrer Regenten, Staatsmänner und Schriftsteller der Glaube, dieAchtung, die Erkenntniß für das Höhere, für die sittliche Welt und ihre Kräfte verlorenging. Sie konnten und mußten es da, wo die factische, durch List oder Stärke errungeneGewalt nur durch die Furcht und die sklavische selbstsüchtige Gesinnung roher oder gesun-kener Völker sich behaupten läßt. Sie konnten es endlich überhaupt, wenigstens ohne !
Auflösung der Bande des Staates, in der Despotie und der Theokratie. Denn !
ihre Grundlage ist nicht, wie die des Rechtsstaates, der freie Friedens- undHilfsverein und mit ihnen Treue und Glaube selbst, ihr Princip auch nicht die freiesittliche und rechtliche Achtung. Auch Scheingründe für die Rechtfertigung jener Lehrenkonnten entstehen, wenn im Kampf des Schlechten mit dem Schlechten, der treulosenHinterlist mit der List die klügste Treulosigkeit, wenn über den kleineren Teufel der größeresiegte. Schien ja doch hier die treulose Hinterlist selbst und die verschmitzteste vortheilhaft.
Auch da mochte Mancher solche Scheingründe finden, wo nach der besonderen Bildungs- !stufe eines noch unverdorbenen Volkes dasselbe die Unehrlichkeit seiner Regierenden nicht ,als solche erkannte und theilte, und wo also die vielleicht durch die List seines Regenten er-worbenen Güter ihm selbst nicht zum Verderben gereichten. Jene Scheingrüyde entstehenaber vorzüglich alsdann, wenn man in dem Geschick der Staaten und der Fürstengeschlechter,deren Lebensdauer die der einzelnen Menschen hundertfach übersteigt, deren Entwicklungund Verderbniß also so viel langsameren Schrittes geht, über dem einzelnen vorübergehen-den Gewinn den späteren dauernden Schaden und über dem täuschenden äußeren Scheindas wirklich Gute und den sichren Weg zu ihm vergißt. Nur durch solche Ursachen erklärtsich auch die Entstehung jenes verrufenen Treulostgkeitssystems des Italieners Macchia- 5
I) C. Th. Welcker, Letzte Gründe- S. 490 ff. System. Bd. I. S. 633 ff.