Druckschrift 
4 (1846) [Deu - For]
Entstehung
Seite
580
Einzelbild herunterladen
 

580 Faction.

zeichnet, die aber mehr oder weniger der Aristokratie sich nähern. Während der ganzenDauer der Demokratie in Athen wußten zwar sehr häufig einzelne Demagogen sichleitend an die Spitze der Masse zu stellen, aber besondere Factionen sind nur sehrvorübergehend zum Vorschein gekommen. Selbst die Oligarchie der dreißig Tyrannenbestand nur kurze Zeit durch fremden Einfluß und kann nicht als eine Faction gelten,die aus dem innersten, eigenthümlichen Leben des Volks hervorgegangen wäre. Auchin der Geschichte der Schweiz kamen nur da Factionen zum Vorschein, wo im Gegen-sätze von Stadt und Land, von Patriciern und Bürgern, oder von Bürgern undUnterthanen eine ungleiche Verkeilung der staatsrechtlichen Befugnisse statt hatte.Eine solche ungleiche Vertheilung dieser Befugnisse gehört aber zum Wesen einer Mon-archie mit einer Vertretung nach besonderen Ständen. Auch in der sogenanntenreinen Repcäsentativ-Monarchie knüpfen sich verschiedene staatsrechtliche Be-fugnisse an besondere Körperschaften und Volksclassen, und wenigstens besteht in derWirklichkeit keine einzige, wo die Gesammtheit der Staatsbürger in gleicher Weisezur Ausübung der ackivcn und passiven Wahlrechte berufen wäre. Endlich finden wirin den absoluten Monarchie«« besonders bevorrechtete und ausgezeichnete Ständeund Classen, denn wo die ganze Masse des Volks in gleicher Weise der unbedingtenGewalt des Alleinherrschers unterworfen ist, geht die Monarchie in Despotie über.Die besonderen Abmarkungen nach Ständen, Elasten und Corporationen, die Ver-schiedenheit der politi chen Interessen und der politischen Vorurtheile, die damit Zu-sammenhängen und sich daraus erzeugen, müssen aber, der Natur der Sache nach,häufigen Anlaß zur Entstehung von Factionen geben, die bald dahin, bald dorthinihre Anstrengungen richten. Wirklich zeigt uns die Geschichte vieler Jahrhunderte inEuropa, daß die privilegirten Stande des Adels und der Geistlichkeit bald gegen dieMonarchen, bald gegen das Volk Faciion gemacht haben. Selbst für die Erscheinungder Independenten und d.r Terroristen, während der kurzen Zeit der englischen undfranzösischen Republik, war doch dieMonarchie tie eigentliche Geburtsstätte: sie wärennicht entstanden und hätten nicht entstehen können, wenn sich nicht zuvor den reli-giösen und politischen Interessen des größeren Theils der Bevölkerung eine Factionder früber herrschenden Kirche und der absolut monarchischen Interessen entgegengc-stellt hätte.

Jede herrschende Partei wird der Entstehung von Factionen, die ihr in der Ausübungihrer Gewalt in den Weg treten könnten, zu begegnen suchen. Um nun dieser Entstehungvorzubeugen oder wenigstens die ersten Keime zu erkennen oder zu ersticken, hat sich diePolitik der Machthaber oft genug desMittels einer vexatorischen Beaufsichtigung der Staats-bürger bedient, inquisitorischer Nachforschungen nach ihren Gesinnungen und Ansichten,gckeimer Polizeien und Auflauerer, hemmender Zwangsanstalten gegen die Freiheit desgeistigen Verkehrs. Vergebliche Anstrengungen! wenn es sich nicht blos von den egoistischenZwecken einiger Individuen oder besonderer Familien und Stände handelte, sondern vonjenen allgemeinen und höheren politischen Interessen, die im Völkerleben mit derselbenNothwendigkeit sich geltend machen wie die Kraft und die Ansprüche des männlichenAlters, sobald die Jahre der Kindheit vorüber sind. Wohl mag es gelingen, durch solcheMittel der eingestandenen Schwäche und der falsch berechnenden Selbstsucht der Entstehungoffenbar hervortretender Factionen vorzubeugen. Aber man erstickt nicht die Leidenschaften,wenn man sie zur scheinbaren Ruhe zwingt und zum Schweigen verdammt, bis sie sich zumäußersten Grade gesteigert haben, bis aus der stillen Schwüle der verheerende Sturm undder zerschmetternde Strahl mit doppelt überraschender Gewalt Hervorbrechen. Konnte dieEntstehung einer Faction nicht gehindert werden, so suchte man Gewalt der Gewalt ent-gsgenzusetzen. Dann stellte sich Faction gegen Faction; dann waren selbst die Mon-archen häufig genöthigt, ihre wankende Macht bald auf die eine, bald auf die andere wech-selnd zu stützen; dann zogen sich die Kämpfe und alle unseligen Folgen der Zerwürfniß,stets von Neuem sich gebärend, oft Jahrhunderte lang hinaus. Einen tieferen Blick indas offenbare Geheimniß des Völkerlebens, das nur der verblendenden Eigensucht und ihrermacchiavellistischen Klugheit sich verbirgt, that der weise Solon, als er allen Bürgern ge-