Factioit. I
Wie also der Baum die Frucht und der in die Frucht eingeschlossene Samen deckBaum erzeugt, so heben sich aus dem Völkerleben bald Parteien hervor, um Factionen ^zu erzeugen, und bald erscheinen die Factionen als Keime, aus welchen Parteien her-vorgehen. Für die eine und andere Art dieser Erzeugung, die in ihrem Wesen die-selbe und nur in der Form der Erscheinung verschieden ist, bietet die Geschichte ihreBeispiele. Der blutige Kampf derGuelfen und Ghibellinen, der fast drei Jahr-hunderte lang in Deutschland und Wälschland wüthete, hatte seinen Ursprung in denFactionen der beiden mächtigen Familien, an welche die Anhänger der entgegenstehen-den Interessen, welche da und dort die Nationen theilten, mehr und mehr sich an-schlossen. In Frankreich begannen die Zwistigkeiten der beiden eifersüchtigen Häuser *der Guisen und Montmorency mit Cabalen am Hofe: sie gewannen Provinzenund wurden Factionen, aber erst dann wurde der Sireit zum allgemeinen Bürger-kriege, als sich die Guisen zur Vernichtung ihrer Gegner an die Spitze der Katholikenstellten und als ihre Widersacher die Bourbonen, die Häupter der Partei der Refor-mirten, herbeigerufen hotten. In anderen Phasen und unter anderen Verhältnissenweist dagegen die Geschichte auf.den umgekehrten Gang der Entwickelung, wonach aufdem breiten Boden größerer Parteien besondere Factionen emporsteigen, welche als deräußerste Gipfel derselben erscheinen. So hatten sich im ersten Beginne der Refor-mationsperiode die Hussiten mit gleichmäßigen Ansprüchen den Papisten entgeqen-gestellt, bis im Verlauf und in Folge des Kampfs die zu einer Faction erhitzten T a-boriten mit den Gemäßigten ihrer eigenen Partei in Zerwürfniß geriethen. In ähn-licher Weise war aus der Partei der Protestanten die Faction der Wiedertäufer so wiein England und Schottland aus den Parteien der Puritaner und Presbyterianer dieFaction der heftigen Independenten hervorgetreten. Die Parteinamen Tory undWhig deuteten im Anfänge auf den allgemeinen Gegensatz einer willkürlichen könig-lichen Gewalt und einer durch das Organ des Parlaments vertretenen Herrschaft derGesetze. Zu gewissen Zeiten nahm jedoch ein The l der einen -oder anderen Parteiden Charakter einer Faction an und noch jetzt verdienen die sogenannten Hvchtoriesdiesen Namen, welche ihre Vorrechte hartnäckig vertheidigen, aber im fruchtlosen Wider-stande so weit sich erbittert haben, daß sie zur Herstellung ihrer Gewalt selbst die hef-tigsten Mittel nicht scheuen würden. Au Anfang der französischen Revolution schienensich die Ansichten der großen Masse des Volks in der Constitution von 1791 zu ver-einigen und der allmächtigen Nationalpartei stand nur ein Theil des aus seiner pri-vilegirten Stellung verdrängten Adels und Clerus als Faction entgegen. Als aberunter dem Einflüsse dieser absoluten Royalisten die Täuschungen der repräsentativenMonarchie um so Heller an das L cht traten, bildete sich jenen gegenüber eine an Zahlerst geringe republikanische Faction, die im Strome der Ereignisse mehr und mehr an-schwoll, bis sie als republikanische Partei den Thron stürzte.
Wann das Wort Faction in wesentlicher Beziehung auf politische Bestrebungenaufgekommen sei, möchte schwer zu bestimmen sein. Schon Sallust spricht von Fac-tionen*). Unter den Kaisern aber hatte dieser Ausdruck wenigstens zeitweise keinepolitische Bedeutung. Zunächst wurden die verschiedenen Abtheilungen der Wagen-lenker in den Wetispielen des Circus „Factionen" genannt. Es gab vier Hauptfac-tionen, die als grüne, blaue, rolhe und weiße nach den Farben, die sie trugen, sich ^unterschieden. Die beiden weiteren Factimen, welche noch Domitian hinzufügte, be-standen nur während eines Jahrhunderts, so daß später nur die vier ursprünglichenwieder auf dem Schauplatze erschienen. Die besondere Gunst der Kaiser wie desVolks theilte sich unter die verschiedenen Factionen, indem z. B. Caligula sich für
*) Hiergegen mdchte jedoch Sallustius (1ugurtl>.27 und 31) angeführt werden, wo-selbst Memmius unter Anderem spricht: „ill u^l, utl per puucv» kactlosos lugurtkae ^«celus conäonaretur"; sodann: „opes kactionls" und endlich: „luter bonos sinlelti», l'luter mulv« kactlo." —
Anmerk, der Redact.