Deutsches Reich. 5
scher und kastenmäßig ihrer anerkannten Idee und Bestimmung untreuer wurde.So siegten endlich Familien- und Haus-Interessen, todter Pedantismus, Spießbürger-thum , Selbstsucht und Stumpfsinn überall in der ursprünglich edelsten Nation. Und istes zu viel, wenn man, nach der vorherrschenden Erscheinung urtheilend, sagt, das Reichhabe bei dieser verfehlten Gestaltung so geendet, wie es seit jener aristokratischen Verdrän-gung der Nation aus dem Reichstage nach den Worten des ehrwürdigen Erzbischofs H i nc-mar begann*)?
Zur Ehre der Einsicht und der patriotischen Gesinnung der Nation fehlte es indeß zukeiner Zeit an einsichtsvollen patriotischen Männern, welche das unausbleibliche Verderbenund seine Quelle erkannten, welche, so wie zu Wenzel's, zu Friedrich's Hl-und Maximilians Zeiten, durch Reformen der naturwidrigen, der vom na-tionalen Leben, von Volksliebe und Gemeingeist verlassenen unddeshalb immer mehr ersterbenden Verfassung neue Lebenskraft zu sicherndringend mahnten, welche endlich, wenn sie all ihr Mahnen vergeblich sahen, ihren pa-triotischen Schmerz in Kittern Worten aussprachen. Oft nicht ohne alle gute Wirkung,vermochten es doch ihre Worte nicht, den aristokratischen Kastengeist, die blinde Sicher-heit Derer, welche sich !m ausschließlichen Besitz sahen, oder, worüber Ulrich von Hüt-te n so bitter klagte, den Eigennutz ihrer Rathgeber zu besiegen. Nur allzu oft fragen jadie Letzteren nur nach dem, was ihnen für ihre kurze Lebenszeit Vortheile, nicht nach dem,was dauernd das Wohl ihres Fürstenhauses sichert. Auch sie rufen nur zuoft: „nach mir die, Sündfluth!" Gerade aber alle die kleineren aristokratischen Gliederdes Reiches, welche der Natur der Sache nach, wie es auch der Erfolg zeigte, zuerst unterseinen Trümmern begraben werden mußten, waren am meisten taub gegen die Forderungenhöheren Gemeingeistes. Trauriges Geschick so vieler Mächtigen, welches sie selbst Ange-sichts unvermeidlichen Unterganges noch verblendet und sie verhindert, freiwillig zu ihremund des Vaterlandes Heil den vielleicht ungerechten, jedenfalls schädlichen Alleinbesitz poli-tischer Gewalt wohlthätig zu beschränken!
Vielleicht der letzte, gewiß einer der einsichtsvollsten politischen Mahner und Warnerfür die deutsche Reichs-Aristokratie war kurz vor dem Untergange des Reichs, unmittelbarvordem Ausbruche der französischen Revolution, der treffliche Jo Hannes Müller, inseinem Fürstenbund 1787. Ec hielt diesen von dem großen Friedrich fast amEnde seiner Tage gestifteten Bund als das beste Mittel, zu Reformen im nationa-len Sinne zu gelangen, für die günstigste Gelegenheit, deutschen Nationalsinn zu be-weisen und zu erwecken, und sprach voll tiefen Wissens und mit feurigem Geist beredteWorte über die Quellen des Uebels, über den Weg zur Rettung. Als sich bald auch seineHoffnung immer mehr zu vereiteln schien, da mahnte er einige Jahre später in derSchrift: Deutschlands Erwartungen vom Fürstenbunde, nochmals drin-gend , doch nicht ohne tiefen Schmerz und Unmuth über die getäuschte Erwartung undnicht ohne herbe, doch wohlgemeint mahnende Vorhersagung der großen Unglückssälle, dieauch wirklich bald hereinbrachen und alle deutsche Regierungen und die Nation an den Randdes Abgrundes führten und von den ersteren weit den größten Theil zerschmetterten. Er er-innert an das Schicksal des einst so kräftigen, die deutsche Freiheit rettenden Volkes der Eh e-rusker, welches nach Tacitus in sorgloser Bequemlichkeit der trügeri-schen Ruhe zwischen übermächtigen Nachbarn genoß und sich zuerst denNamen der Guten und Redlichen, dann den der Trägen und Thörichten er-warb. Er klagt (Werke Bd-IX. S. 315 ff.) mit Worten, die an sich schon, durch denfurchtbaren und schnellen Erfolg seiner Vorhersagungen aber doppelt merkwürdig sind:„Jene Krähe, von der Suetonius meldet, sie habe zu Domitian's Zeilen aufdem„Capitol gesessen und geschrieen: „es wird Alles gut werden", scheint nach unserm„Vaterlande geflogen zu sein, wo sie eine zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen hat,
*) Seine Worte sind: coeporunt rsxni f'liinors» certarv <ls llonoribn» parvi pen-ueutos ssvrameutL et plus vertäutes <1e eorum vupiclitate quam «1e 8. eveleslss salutset ae po^uli pace.