Schifffahrtsgesetze. 807
ist gewiß, daß die ganz rücksichtslose Ausschließung der fremden Schifffahrt nicht mehr da-zu beitragen konnte, das einmal erlangte Uebergewicht zur See zu erhalten. Das bit-tere Gefühl aller seefahrenden Nationen gegen England, wegen der Navigationsacte,drohte zu gemeinsamen Retorsionen und zur Schmälerung des Marktes der britischenFabrikate zu führen. „So lange — sagt M'Culloch — die Preußen, Schweden, Dänenund Andere sich unsere Handelsbeschränkungen gefallen ließen, ohne Wiedervergeltung zuüben, war es nicht unsere Sache, ihnen zu sagen, daß unser System illiberal und drückendsei. Aber als sie dieses ohne unser Authun ausgefunden hatten, als sie von Retorsion ge-gen unfern Handel sprachen, wenn wir unsere Beschränkungen nicht modificirten,wäre es da zu verzeihen gewesen, wenn wir uns geweigert hätten, uns mit ihnen zu ver-ständigen?" —
Die Engländer bedürfen der Navigationsacte nicht mehr zu dem Zwecke, wozu sieerlassen wurde. Sie sind jetzt die erste Seemacht, ihre Handelsmarine ist die erste derWelt. Sie haben daher ihr Schifffahrtsgefetz mvdificirt und werden es noch weiter thun,im Interesse der Erhaltung ihrer Absatzwege und ihrer Schifffahrt. ES ist Sacheder übrigen Nationen, welche Seehandel treiben oder treiben wollen, Maßregeln zu treffen,um die Bedingungen des Seeverkehrs mit England einer wahren Gegenseitigkeit immernäher zu bringen. Das aber sollten wir Deutsche den Engländern ablernen und unsmerken, daß Beschränkungen des Verkehrs gegen andere Staaten, falls sie überhaupt Et-was taugen, doch nur dann Etwas wirken können, wenn die übrigen Bedingungen zur Er-reichung des Zweckes gegeben sind und gefördert werden: freie Institutionen, Preßfrei-heit, eigene Thätigkeit, Unternehmungsgeist, Nationalsinn.
Karl Mathy.
Nachschrift (von einer andern Hand). — Die Redaction hat den Unter-zeichneten ausgefordert, dem vorstehenden Artikel einige Zusätze, mit Bezug auf die deut-schen Interessen, anzufügen. Freilich, wenn er lediglich auf seine nächste Umge-bung den Blick beschränken wollte, so könnte er gern geschehen lassen, daß in einem weit-verbreiteten und angesehenen Werke, wie das gegenwärtige, die englische Schifffahrtsactenur als eine allmälig verschwindende Eigenthümlichkeit von Altengland behandelt und dieso laut und lebhaft angeregte Frage nach der Zweckmäßigkeit ähnlicher Einrichtungen fürDeutschland nur geringer Aufmerksamkeit gewürdigt werde. Eingebürgert in einer derHansestädte fühlte er lebhaft, die Redaction, indem sie gerade diese Aufgabe in seineHände legte, habe es in dem Vertrauen gethan, er werde nicht von umgebendenäußeren Einflüssen sein Urtheil beherrschen lassen. Nichts natürlicher, als daß aneinem Platze, der durch den Zwischenhandel blüht und der selbst seine Bedeutungals Deutschlands erster Ausfuhrhafen durch die Springfeder des Zwischenhandels viel-fach gefördert weiß, daß da die Stimmung im Allgemeinen jeglicher Maßregel abholdist, welche die gänzlich freie Bewegung eines so mächtigen Verkehrs irgendwie zu zwingendroht. Ist er sich nun auch bewußt, daß er früher hin und wieder, zumal wenn es galt,unüberlegte Schmähungen gegen die Hansestädte zurückzuweijen, eben diese Stimmungzu ausschließlich vorwalten lassen (doch nicht ausschließlicher als Andere, welche im Nameneiner Theorie in denselben Ton einstimmten), so darf er doch auf Alles, was er über dieseAngelegenheit je geschrieben, verweisen zum Zeugniß, daß ihm nie in den Sinn gekommen,irgend ein hanseatisches Interesse von dem des Gesammtvaterlandes zu trennen. Wiedurch fortgesetzte Studien, zumal geschichtliche, und durch Achtsamkeit auf den Gang derEreignisse seine Ansichten sich theils befestigt, theils geläutert, hat sich mehr und mehr dieUeberzeugung ihm aufgedrängt, daß.das Verhältniß der Hansestädte zu Deutschland eindurchaus ungenügendes sei, daß ein höherer Einigungspunkt gesucht werden müsse, ebenderselbe, dessen zur Zeit auch in so mancher anderen Beziehung das Vaterland schmerzlichentbehrt. Es ist ihm immer klarer hervorgetreten, daß in dieser Frage, die Wahrheit zusagen, der politische Gesichtspunkt den staatswirthschaftlichen überwiegt. Wie, wenn esnun einmal in dem ganz besonderen Entwickelungsgange dieses deutschen Volkes so vor-gezeichnet ist, daß es die träumend verdämmerte, die schmählich verscherzte, die auf