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Preßfreiheit; freie Presse; Freiheit der Presse re.
Denn was zuerst die angeführten persönlichen Angriffe durch die Presse betrifft(Klatscherei, Gemeinheit, Verleumdung, Hetzerei), so mag darauf, daß dergleichen lauthäufiger Erfahrung auch bei Censur nicht vermieden wird, hier deshalb kein Werth gelegtwerden, weil man wähnen möchte, durch größere Strenge der Censur solchem Ungemachsteuern zu können. Aber was läßt sich einwenden dagegen, daß der ehrliche Mann per-sönliche Angriffe bis zu einem gewissen Grade stillschweigend verachten mag; weiterhinaber zwischen Vertheidigung durch die Presse und.gerichtlicher Verfolgung des Verleum-ders die Wahl hat. So wird es in England gehalten, ohne daß irgend ein Nachtheil da-von bemerkbar ist, und bei diesem einzelnen Gegenstände, wo nicht von der Verfassungoder von politischen Einrichtungen die Rede ist, ließe sich nicht mit Grund einwenden,daß Englands Beispiel für Deutschland nicht passe. Freilich findet man bei vielenDeutschen eine gewisse Scheu vor dem gedruckten Buchstaben, eine überaus weiche Em-pfindlichkeit gegen öffentliche Angriffe. Diese würde jedoch , auch ohne zur englischenGleichgültigkeit bei persönlichen Angriffen übergehen zu müssen, geheilt werden durch einefreie Presse, und die Aussicht, einen Fehler abzulegen, soll uns doch nicht vermögen, einesonst annehmbare Gabe abzulehnen.
Auch die Sorge um Benachtheiligung der Moral und Sittlichkeit, so wie der Re-ligion ist keineswegs dergestalt begründet, wie es im Allgemeinen erscheinen mag. Inallen Fällen steht es ja den Staatsbehörden frei, gerichtliche Einschreitung nach den Ge-setzen zuveranlassen bei wirklichen und offenbar nachtheiligen Angriffen auf Das, was demMenschen heilig ist. Wer aber nur theoretisch hierüber urtheilt, überschätzt leicht die Ge-fahr unmoralischer oder irreligiöser Schriften. In jedem Lande, in welchem für Er-ziehung und Bildung der Jugend aller Stände dergestalt gesorgt wird, wie es jetzt inDeutschland geschieht, steht Sittlichkeit und Religiosität bei der eminenten Mehrzahl sofest, daß für Schriften der erwähnten Art ein einigermaßen nennenswerther Einfluß un-möglich ist. Auch ist ein besonderes Interesse für sie in solchen Ländern gar nicht vor-handen ; auch ohne die Hemmnisse der Censur werden sie nur selten erscheinen^ weil derVersuch ihrer Verbreitung keinen Gewinn verspricht. Censur kann dem religiösen Glau-ben keineswegs Heiligkeit und Kraft bewahren, und die ewigen Wahrheiten einer Religion,die den Geist der Liebe und Duldung athmet, bedürfen zu ihrer Aufrechthaltung keinesZwangs. Ansichten oder Einsicht über moralische und religiöse Dinge gestalten sich aberauch im Laufe der Zeiten so verschieden, daß, wenn die Censur, was Moral und Religionangreift, unterdrücken soll, auch dasjenige vernichtet tvird, was eine dankbare Nachwelt alsheilsame Verbesserung früheren Zustands betrachtet. Wer hat, ehe Wilberforce und diefreie Presse ihre Stimmen erhoben, bezweifelt, daß die Sklaverei der Neger mit der höch-sten Moral vereinbar sei? Hat Galilei nicht als religionswidrige Ketzerei abgeschworen,was heute die ganze gebildete Erde anerkennt? Wurde es nicht für sündhaft gehalten,als man ansing, den Rechtsgrund der Hexenprocess« zu leugnen? Und wäre vor 100 Jah-ren nicht Strauß' Leben Jesu ein Verbrechen gewesen?
Was aber die nur durch freie Presse möglichen Lehren betrifft, welche den Fürstenund den Regierungen Nachtheil bringen können, so lehrt die Geschichte der neueren Jahr-hunderte , daß die allermeisten Unruhen und Revolutionen da entstanden, wo die Pressenicht frei war. Wie viele Mittel hat jede wohlgeordnete Staatsregierung , bei freierPresse, solchen ihr feindseligen Bemühungen alle Wirksamkeit zu entziehen? Ihr stehenalle Materialien zur Widerlegung von Jrrthümern und absichtlichen Unwahrheiten zu Ge-bote. Ihr stehen, wenn sie nicht durch Censur viele Wohlgesinnte abschreckt, Männergenug zu Dienst, die, ausgerüstet mit Talenten und Kenntnissen, für Wahrheit und Rechtkämpfen^). Ueberhaupt schlägt man den Einfluß ungegründeter Angriffe gegen eine Re-gierung gewöhnlich viel zu hoch an. „Ansichten eines oder vieler Schriftsteller, wenn sienur eigen, rein persönlich sind, haben nie den mindesten Einfluß auf die Welt. Die Weltkümmert sich nicht um die, welche sich im Geist und in der Thal von ihr separiren. SolcheAnsichten wirken nur dann, wenn sie bereits mit größerer oder geringerer Deutlichkeit in
7) „Die Presse heilt die Wunden, welche sie schlägt", sagte Napoleon als erster Consul.