Druckschrift 
Lehrbuch der höheren Seelenkunde; oder: psychische Anthropologie : eine Vorarbeit in Absicht auf die Hauptlehren vom Höchsten der Menschheit ; auch für Kirche und Staat
Entstehung
Seite
244
Einzelbild herunterladen
 

244

nur gespielt, sey es auch, daß man die Leidenschaften fürdie Winde auf dem Meere deS Lebens, und die Vernunftfür den Steuermann" erkläret: als müßte das Schiff desLebens eben so nothwendig ohne die Leidenschaft stille ste-hen, als ohne die Vernunft irre gehen! Wo sreylich derMensch nichts weiter ist, als ein gesteigertes oder ein ver-ständiges Thier: da kann jeder Trieb oder Antrieb nur auSdem physischen Grunde aufsteigen. Die Bestimmbarkeit derphysischen Triebe, Begierden und Neigungen durch dasPsychische (Ueberphysische) wird da keineswegs erkannt, al-so nicht eingeschen, wie jene mit diesem harmonisch, ja ein-stimmig wirken mögen, und wie dadurch die psychische Wirk-samkeit selbst nicht an sich, aber in diesem Gebiete derErscheinungen unterstützt werden könne. Die sogenannteVernunft aber, in der Sprache des Materialisten, ist ei-gentlich bloß der Verstand im Dienste der Thierheit (ein ge-horsamer Diener der Sinnlichkeit). Und was ist da vol-lendsdie große Leidenschaft", z. B.der Ehrgeitz, denman als die Seele großer (!) Thaten" aufführt? Nein,wo die Selbstheit mit der Selbstsucht behaftet ist: da magweder ein Großes noch ein Schönes hervorkommrn.

Betrachten wir nun den Menschen nach seinem Ver-hältnisse zum Höhern auf der einen Seite, und zum Nie-dern auf der andern, wie er sich nämlich von jenem tren-nen , und diesem hingeben kann: so erscheinet die Leiden-schaft in ihrem ganzen Umfange. Nur von einem Selbst,das zwischen Gott und der Natur in de.r Mitte steht, kanndie Leidenschaft ausgehen; nur in einem solchen kann sieentstehen. Und füglich dürfte sie daher nach den angegebe-nen Kennzeichen Selbstsucht genannt werden, vorausge-setzt ä.. das subjektive Selbst und U. dessen Abfall vomGöttlichen. So ist dieselbe a) ohne Bezug auf das Physische,und b) mit Bezug auf dasselbe denkbar. Das heißt, wennman will: es gibt eine psychische und eine physische