Druckschrift 
1 (1825) Theorie der Beredsamkeit für alle Formen prosaischer Darstellung : nach den besten Quellen der Alten und der Neuern bearbeitet, und mit Mustern und Beyspielen belegt
Entstehung
Seite
412
Einzelbild herunterladen
 

chl2

den Stoffes begründeten Ausweichungen der Stimme ausdem Grundtone, gleichsam musikalisch durchführt. Von diesemGrundtone mus; die ganze Melodie für die Darstellung aus-gehen, und das Zeitmaß für die Darstellung, die geschwin-dere oder langsamere Bewegung der Stimme in der Folge derWorte und Sätze auf einander, und muß völlig dem Gegen-stände der Darstellung angemessen seyn. Schocher (in seinerAbhandlung: Soll die Rede auf immer ein dunk-ler Gesang bleiben?) behauptet, daß in den fünf Vo-calen, und zwar in folgender Ordnung derselben: u, o, e,a, i, die Tonleiter der menschlichen Sprachstimme enthaltensey; Kempelen, in seinem Werke über de» Mechanismusder menschlichen Sprache, läßt, im Wesentlichen dasselbe be-hauptend , die Vocale mit' einer geringen Veränderung aufeinander folgen, nähmlich: u, o, a, e, i. Es versteht sichjedoch von selbst, daß man in der Anwendung der Theorie derMusik auf die Declamation nicht zu weil gehen müsse, da dieTonleiter der Declamation zwar der musikalischenanalog, aber dennoch von ihr verschieden ist, und jene wedereinen so weiten Umfang hat, noch auch so plötzliche Übergängeaus einem Tone in den andern erlaubt.

Hauptsächlich muß der Declamator den Unterschied be-rücksichtigen, ob er in seiner eigenen, oder in einer frem-den Person auftritt. In dem letztern Falle ist er Schauspie-ler, er stehe auf der Bühne oder nicht, und er muß den frem-den Charakter mit der größten Wahrheit, Stärke und Lebhaf-tigkeit zeichnen. In dem erstem Falle, wenn er in seiner eige-nen Person auftritt, sind es entweder auch seine eigenenGedanken, welche er einer Versammlung mittheilt, dann ister Redner; oder es sind, fremde, welche er derselbengleichsam erzählt, um sie damit zu unterhalten, dann ist erVorleser. So sehr der Schauspieler bemüht seyn muß,seine Persönlichkeit zu verläugnen, so sehr muß sich hingegender Redner bestreben, sie überall rein und von allein Fremd-artigen abgesondert zu erhalten. Da aber jeder Redner als