Druckschrift 
1 (1825) Theorie der Beredsamkeit für alle Formen prosaischer Darstellung : nach den besten Quellen der Alten und der Neuern bearbeitet, und mit Mustern und Beyspielen belegt
Entstehung
Seite
340
Einzelbild herunterladen
 

5/,o

nicht aufgedrungen werden. Darum sagt auch Hugo Blair:„Der Geschichtschreiber, der allzu geneigt ist, in den Ton derAbhandlung zu fallen, und der über jeden Gegenstand, Len ererzählt, Betrachtungen und Untersuchungen anstellt, erregt sehrleicht den Verdacht, daß er es sich vielleicht erlaubt, der Erzäh-lung der Begebenheiten bisweilen wissentlich oder unwissentlichdiejenige Wendung zu geben, welche ein von ihm angenomme-nes System am meisten begünstigt. Die Geschichte soll unsmehr durch unparteyische und einsichtsvolle Erzählung unter-richten, als durch ausdrückliche, in die Form der Belehrungeingekleidete Bemerkungen. Bey gewissen Gelegenheiten, wennirgend ein zweifelhafter Umstand eine nähere Untersuchung for-dert, oder irgend ein großes Ereigniß aufgestellt werden soll,über dessen Ursachen und Bestimmungen die Urtheile der Men-schen sehr verschieden ausgefallen sind, in solchen Fallen darfallerdings die Erzählung auf einige Augenblicke stille stehen, undder Geschichtschreiber sich selbst zeigen, und eine so wichtigeAuseinandersetzung mit aller Geschicklichkeit vornehmen. Aberer muß auch aus der andern Seite auf seiner Hut seyn, daßer dem Leser nicht durch allzu oste Wiederhohlung von der-gleichen Untersuchungen lästig wird. Was die Bemerkung überdie menschliche Natur überhaupt, oder über die Eigenthümlich-keiten gewisser Charaktere betrifft, so thut es immer eine bessereWirkung, wenn der Geschichtschreiber dieselben seiner Erzählungauf gute Art einverleiben kann, als wenn er dieselben als ei-gentliche abgesonderte Betrachtungen erscheinen läßt. Tacitus,zum Beysviel, macht in dem Leben des Agrieola, bey Gelegen-heit der Behandlung, welche Agrieola vom Domitian erfuhr,die Bemerkung: „Es ist der menschlichen Natur eigen, denje-nigen zu hassen, den man beleidiget hat." — Die Bemerkungist richtig und gut angewandt; aber die Art, wie sie aufgestelltwird, ist zu abgezogen und zu philosophisch. Ein ähnlicher Gedankein einer andern Stelle eben dieses Schriftstellers thut daherweit bessere Wirkung. Es ist die Rede von der Eifersucht, dieGermanicus von Seiten der Livia und des Tiberius mit Recht