247
Deutlichkeit, das größte Verdienst der Schreibart; und dieseDeutlichkeit ist zugleich leicht, sie ist nicht das letzte Resultateiner mühsamen Untersuchung des Lesers, sondern sie springtdemselben in die Augen. Die in unserer Sprache so häufigenZweydeutigkeiten sind glücklich vermieden. Die Perioden sindnicht künstlich gebaut und doch wohlklingend; die Ideen sind so-wohl in ganzen Absätzen der Rede, als in einzelnen Perioden,so geschickt abgetheilt, daß man nicht aufgehalten wird, undden Zusammenhang bey der ersten Durchlesung ohne Müheübersehen kann. Die Übergänge sind natürlich, und der ganzeFluß der Rede führt den Leser sanft und ununterbrochen zumZiele. Es ist dabey eine gewisse Delicatesse und ein richtigerGeschmack in der Auswahl der Wörter und in den Wendungensichtbar. Nirgends ist etwas Übertriebenes, oder was sich denäußersten Gränzen näherte; nirgends zu starke und zu gewagte,und nirgends niedrige Ausdrücke. DurHgangig herrscht ein ge-mäßigter und sich gleicher Ton, aber der Ton der Belehrung,so wie er sich für eine Lesewelt schickt, die selbst schon unter-richtet und gebildet ist. Dabey läuft eine Ader von feiner Em-pfindsamkeit durch seinen Styl, selbst da, wo der Inhalt ab-stracte Gegenstände betrifft. Mau sieht, wie in Plato's Schrif-ten, so auch in seinen, immer zugleich den Menschen, und zwarden guten, edeln, liebenswürdigen Menschen; und so wie seinStyl nicht ohne Wärme des Gefühls ist, so ist er auch nichtvon den Farben der Imagination entblößt; aber diese Farbensind sanft, wie jene Wärme. Er weiß oft durch ein glücklichesBild seine Ideen in's Licht zu setzen; aber er mahlt dieses Bildnie so weit aus, um die Aufmerksamkeit des Lesers von demHauptgegenstande abzuziehen."
Höhere Schreibart.
Eine Stelle aus Schillers Geschichte desAbfalls der Niederlande von der spani sichenRegierung.