Sie wird daher nicht als eine schöne Wissenschaft betrach-tet, sondern ist bloß das Werk der Grammatik und des allge-meinen Unterrichts im Begreifen und Denken.
Die Beredtheit oder Wohlredenheit unter-scheidet sich von der gemeinen Rede durch die angenehmere undgefälligere Form, welche sie den Gedanken und dem Ausdruckezu geben sucht. Sie wird schon als ein Th eil der Kunst be-trachtet. Da sie aber vorzüglich nur den Bau einzelner, Sätzeund Perioden berücksichtiget, ohne sich auf förmliche Redeneinzulassen, so machen ihre Lehren nur denjenigen besonder»Theil der Rhetorik aus, welcher sich auf die Anweisung be-schränkt, einzelne Begriffe und Gedanken durch Worte undWendungen ästhetisch - schön auszubilden und dem Charakterihrer Ausbildung gemäß auszudrücken.
Die Sprache überhaupt ist das Mittel, Vorstellungendurch Worte mitzutheilen; ihr Zweck, sich verständlich zu ma-chen. Dem zu Folge muß sich die Beredsamkeit von dem Stylder gemeinen Prosa wesentlich unterscheiden.
Der Charakter der Beredsamkeit besteht alsodarin, daß sie bey wichtigen Gelegenheiten, und in der Ab-sicht, die Gedanken und Empfindungen anderer Menschen nacheinem genau bestimmten Zwecke zu lenken, eine Jdeenreihediesem Zwecke gemäß erfindet, anordnet und darstellt.
Die Beredsamkeit bestrebt sich daher, dem Zuhörer (oderLeser) die ihm mitzutheilenden Vorstellungen tief einzuprägen,ihn zu überzeugen und zu Entschlüssen zu bestimmen. Um dießvollständig zu erreichen, muß sie uns durch die Form des Ausdrucksdasjenige Interesse mittheilen, welches in unserer Seele ge-wisse Vorstellungen hervorruft oder begleitet, und für die ganzeArt der Jdeendärstellung ein eigenes Wohlgefallen erreget.
§. 8 .
Poesie und Beredsamkeit. Dichter undRedner.
Beyde unterscheiden sich sowohl durch die Art, als auch