Druckschrift 
2 (1824) Bibliothek der Humanitäts-Wissenschaften zur Selbstbildung für Jünglinge von reiferem Alter : philosophische Wissenschaften
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen
 

34

schmackes besteht in Übereinstimmung desselben mit den Ge«setzen der Schönheit. Körperliche und geistige Gesundheit, undFreyheit von Leidenschaft ohne Eigennutz und Privat-Jntereffesind Bedingungen eines richtigen Geschmackes. Feinheit hat derGeschmack, wenn er nebst dem Hervorstechenden und Offen-baren zugleich das Geheimere und Verborgene entdeckt, nebenden hervorstechenden Zügen zugleich die kleineren Fehler be-merket. Vielseitigkeit endlich bewähret der Geschmack, wenn ersich über jede Art des Schönen im Gebiethe der Kunst erstreckt.Dem richtigen Geschmacke ist der falsche, dem feinen der derbe,und dem vielseitigen der einseitige entgegen gesetzt.

62.

Der Geschmack beruht auf mehreren Vermögen des Gei-stes und Gemüthes, und kann daher nicht erworben werden,sondern muß angeboren seyn. Doch läßt sich der Geschmack garsehr erwecken, bilden und veredeln. Die Bildung des Ge-schmackes beruhet ganz vorzüglich auf einer harmonischen Cul-tur der ihn begründenden Seelenvermögen, und auf fortge-setzter Übung im reinen Genüsse schöner und erhabener Werke.Bey dieser Bildung ist die größte Sorgfalt nöthig, damit derGeschmack keine schiefe Richtung erhalte; vorzüglich muß derKünstler dem Mode-Geschmacke mißtrauen, und den National-oder Zeitgeschmack einer strengen Prüfung unterziehen.

63 .

Der Geschmack wird nur in Verbindung mit dem GenieKunstwerke erzeugen, er ist nur richtendes, nicht schaffendesVermögen. Doch wird das Genie beym Schaffen seiner Werkevom Geschmacke geleitet, wenn gleich die Regel im Augenblickedes Schaffens dem Künstler nicht deutlich vorschwebet.