wußtsein einer auf Konzentrationszerstreutheit beruhen-den Unmenschlichkeit, kann etwa die Tönung der Exi-stenz durch dieses Schuldbewußtsein selbst für mangelndeLeistungen aufkommen und versöhnend, ja Zuneigunggewinnend wirken? — Eine «Spekulation», verrucht ge-nug, um sie Adrian Leverkühn zuzuschreiben.
Der Roman — ich trug ihn in all diesen fremdartigen,abenteuerreichen Wochen fest im Herzen, stellte im Geisteine Liste notwendiger Verbesserungen an dem Geschrie-benen her und dachte vorwärts. Mein Wohlverhalten alsPatient, die meinem Alter kaum zustehende Behendigkeitim Genesen, die ich zeigte, dies ganze Bestehenwollen undglatte Bestehen einer späten und unerwarteten Belastungs-probe meiner Natur, — hatte es nicht alles ein heimlichesWozu?, stand es nicht in dessen Dienst, und brachte iches nicht aus dem Unbewußten auf, um hinzugehen unddies fertig zu machen?Dabei war der Gedanke an dasWerk wie eine offene Wunde, die nur, und sei es in liebe-vollster Absicht, berührt zu werden brauchte, um michin meiner Schwäche auf unvorhersehbare Weise zu er-schüttern. Meine Frau und Erika hatten in dem mitge-führten Maschinenmanuskript gelesen, und während ichim Schlafrock appetitlos vor meinem schmalen Eßtisch-chen saß, sprach mir Erika von ihrem Eindruck durcheinzelnes, nur von den ersten Besuchen der Freunde beiAdrian im Dorf, Spenglers, Jeanette Scheurls, Schwerdt-fegers, von dem Kunstpfeifen Rudis, und wie vorzüglichsie das alles finde. Sofort war ich in Tränen,—deren nichtsals freudevollen Sinn ich dem Kinde klarzumachen hatte,da sie sich heftig wegen ihrer Unvorsichtigkeit schalt.
Vollständige Appetitlosigkeit war das einzige, worüber
U9