Talleyraird - Pe'rigord 87
Alexander zuwider, legte er klug sein Ministerium nieder und erklärte, er könne als guterFranzos die Verträge vom 2V.Nov. 1815 nicht unterzeichnen. So bewahrte er seinenRuhm und schonte die öffentliche Meinung und das Nationalgefühl, das er stets zu beachtenstrebte. Der König von Sicilien schenkte ihm 1816 das Fürstenthum Dino, dessen Titel ec1817 aufseinen Neffen übertrug.
Mit dem Beginn der constitutionellen Regierung in Frankreich und den inner« Kämpfenwar die große Laufbahn T.'s eigentlich geschlossen. Er verachtete und bespöttelte als aufge-klärter Charakter das Treiben des Ultraroyalismus, konnte aber auch die Foderungen undden politischen Idealismus der Liberalen und Constitutionellen nicht begreifen. Von demGrundsahe des persönlichen Interesses ausgehend, war er ein vollendeter politischer Skeptikergeworden, der wol ein großer Diplomat im Stile der alten Zeit, aber kein moderner, dieethische Seite des Volks- und Staatslebens auffassender Staatsmann zu sein vermochte.In den ersten Jahren der Restauration erschien er oft im Schlosse und gab guten Rath, wieihn die Partei nicht brauchen konnte. Zn der Pairskammcr stimmte er oft mit der Oppo-sition, vertheidigte die Preßfreiheit und verwarf 1823 den Feldzug nach Spanien, schon weiler gegen Krieg überhaupt eine Abneigung besaß. Außerdem schleuderte er aus seinem Hotelreichlich seine berühmten Bonmots gegen die Personen und Zustände, die nicht selten gleichvergifteten Pfeilen wirkten. Als er die Klippen sah, an denen die Restauration scheiternwürde, zog er sich, besonders nach der Thronbesteigung Karl's X., nach Valencay zurück, woer ein gastliches Haus hielt und Jeden aufnahm, der sich durch literarisches oder politischesVerdienst auszeichnete. In seinem Umgänge verrieth T. stets den großen Herrn der altenZeit; Jedermann, der in seine Nähe kam, wurde von der Feinheit seiner Sitten und derEroßmuth und Liebenswürdigkeit seines Betragens bezaubert. Von Natur gemächlich,arbeitete er selbst so wenig als möglich, verstand aber die Kunst in hohem Grade, Andere zubenutzen und für sich arbeiten zu lassen. In geselliger Unterhaltung bewegte er sich mit Leich-tigkeit und streifte geschickt die Oberfläche der Thatsachen; doch besaß er nicht das Talent, inwichtigen Angelegenheiten aus dem Stegreif zu sprechen. Vielleicht hing dieser Mangel auchmit seinem Grundsätze zusammen, sich nie für den Augenblick zu erklären. „Der Mensch",wiederholte er oft, „hat nur die Sprache, um Das zu verschweigen, was er denkt." Bis inshohe Alter besaß er eine Anzahl von Freundinnen, die sich theils durch Bigotterie und über-triebenen Royalismus, theils durch Freigeisterei und Republikanismus auszeichneten. DemEinflüsse dieser ergebenen Parteigängerinnen, die er nach der Kunst der Jesuiten vortrefflichanzustellen verstand, verdankte er nicht selten seine größten Erfolge. Die Fehler und Schwä-chen, welche Männer von idealer Richtung oder überwiegender Gemüthsthätigkeit besitzen,waren T. natürlich nicht eigen. Er kannte keinen Haß, keine Rachsucht und keinen Neid;er vermaß sich nie, und weder sein Herz noch sein Gesicht verriethen Leidenschaften. Dochvermochte er, besonders im Alter, die Sucht nach Gold nicht zu verleugnen, und schmerzlichempfand er den Verlust, den ihm 1828 der Bankerott eines pariser Hauses zufügte. Vonden Ereignissen der Julirevolution hielt er sich anfangs gänzlich entfernt. „ Ludwig Philippindessen zog ihn vor Übernahme der Krone zu Rache und erhielt die kurze Äußerung, daß erzugreifen solle. Als sich mit der Revolution in Belgien und Polen die Kriegswetter überdem Julithrone zusammenzogen , erschien endlich T. und vereinigte sich, die alte Dynastieund sein Werk abermals fallen lassend, mit Ludwig Philipp zur Aufrechthaltung des europ.Friedens. Wiewol er hiermit den nationalen Tendenzen scharf gegenübertrat, war dies wolder zweifelloseste Dienst, den er Frankreich und Europa leistete. Er ging im Sept. 1830 alsfranz. Botschafter nach London und bot Alles auf, um die friedlichen Gesinnungen der Juli-dynastie an den Tag zu legen. Durch seine Bemühung traten Astreich und Preußen denConferenzen der drei Mächte bei, welche das Schicksal Griechenlands entschieden hatten.Unter den schwierigsten Umständen und einer unendlichen Reihe von Protokollen brachte erso endlich die Vereinigung der Mächte rücksichtlich Belgiens zu Stande. Auf Grund dieserResultate arbeitete er dann an der Ausführung seiner alten Lieblingsidee, an einer Ver-bindung Frankreichs mit England und Ostreich gegen Rußland. Gewissermaßen gelang ihmauch ein Theil seines Planes, indem er am 22. Apr. 1834 die tief angelegte Qusbruple-allianz (s. d.) Unterzeichnete, die vorerst das konstitutionelle Princiv im europ. Westen