86 Talleyrand - Pe'rigord
dern sie lag in seiner Denk- und Anschauungsart überhaupt. Nach Naturanlage wie nachBildung war er ein Repräsentant der alten Schule derSelbstsucht und des Materialismus;er verließ, wie er es noch öfter that, den Mann, der dem Untergange entgegeneilte, und suchteaus dessen Sturze den möglichsten Vortheil zu ziehen. Während er 1814 in der Eigenschaftals Großwahlherr die Regentschaft der Kaiserin zu stützen schien, betrieb er bei den Verbün-deten die Sache der Bourbons, verrieth die politische Schwäche Napoleon's und beschleunigtede» Marsch des Feindes auf Paris. Als die Regentschaft in Folge der Schlacht von Parisnach Blois abging, ließ er, nach der Verabredung mit Schwarzenberg, seinen Wagen an denBarrieren von Paris in dieHände eine- Lstr. Cavaleriedetachements fallen, das ihn scheinbarzur Rückkehr zwang. Er wurde hiermit die einzige wichtige und officielle Person in derHauptstadt und konnte nun mit Anstand die Unterhandlungen eigenmächtig fortsetzen. Beidem Einzug der Verbündeten nahm er die Hauptperson, den Kaiser Alexander, in seinemHause, in der Straße Saint-Florcntin, auf. In den häufigen Unterredungen, zu welchen erhiermit Gelegenheit erhielt, entfernte er aus dem Herzen des russ. Monarchen jeden Gedankenauf eine Rücksicht für Napoleon und dessen Familie und bestimmte denselben für die Ein-setzung der Bourbons. Als Hauptwerkzeug diente ihm dabei das Princip der Legitimität,das er eigentlich erst für die Bourbons erfand. Zugleich bemächtigte er sich durch Schmeicheleiund Versprechungen des Senats, bewirkte die übereilte Absetzung Napoleon's, die Procla-marion der Bourbons und brachte eine provisorische Negierung zu Stande, an deren Spitzeer selbst trat. Gewiß muß man die Kühnheit, die Verstandesschärfe und die Wirksamkeiteiner Persönlichkeit bewundern, die sich ohne alle andere Mittel der Macht und Gewaltzum Mittelpunkt der größten Weltverhältnisse machen und, wenigstens dem Anschein nach,ihre individuellen Plane durchsetzen konnte. Dessenungeachtet bleibt gerade in diesem Falleder Ruhm T.'s als Staatsmann und als Patriot sehr zweifelhaft. Bei seiner gerühmtenstaatsmännischen Voraussicht mußte er erkennen, daß der alteBourbonenzweig mit seinen Vor-urtheilen und seinem Gefolge von vornherein unfähig war, das neue Frankreich zu regieren.Auch nahm er ganz mit Unrecht das patriotische Verdienst in Anspruch, als habe seineKunstund sein Dazwischentreten allein das Reich vor Zerstückelung bewahrt und die Anerkennung deraltenGrenzen durchgesetzt. Die Verbündeten hatten ja vielfach erklärt, daß sie den Krieg nichtgegen die Nation führen wollten. Ferner stand das Nationalheer noch kampffähig hinter derLoire; Napoleon war noch auf franz. Boden; jeden Augenblick konnte sich dasinseinerEinheitbedrohte Volk in Masse gegen die Fremdlinge erheben. Endlich mußte der Kaiser von Ruß-land selbst wünschen, daß Frankreich als der Nebenbuhler Englands stark bliebe. NachdemLudwig XVIII. den Thron eingenommen, wurde T. zum Fürsten, zum Pair, zum Ober-kammerherrn und zum Minister des Auswärtigen erhoben, in welcher Eigenschaft er sich nunzur Vollendung seines Werks auf den Congreß nach Wien begab. Hier im Kreise der altenDiplomaten konnte er sein ganzes Talent für die Politik des Eigennutzes und der Doppel-züngigkeit entfalten. Seine Grundsätze, die er geltend machte, seine Siege, die er scheinbarzum Vortheil Frankreichs feierte, muß vielleicht Europa, Deutschland zumal, noch beklagen.Mit Gewandtheit schlich er sich in die Berathungen, riß die Angelegenheiten an sich, thcilkeund verwirrte die Interessen und ermüdete den Congreß, um ihn zu beherrschen. AufseinenBetrieb traten Spanien, Portugal und Schweden in den dirigirenden Ausschuß. Auf dasPrincip der Legitimität gestützt, ein Schlagwort, das überall angebracht wurde, wenn es dieUnterdrückung höherer staatsrechtlicher Ideen galt, rettete er dem Hause Bourbon Neapel.Am 5. Jan. 1815 brachte er sogar ein geheimes Bündniß zwischen Frankreich, Ostreich undEngland gegen Rußland und Preußen zu Stande. Nur die Rückkehr Napoleon's von Elbaschlug diese Zerwürfnisse, welche Europa in einen neuen Krieg zu stürzen drohten, daniederNapoleon suchte ihn nach seiner Rückkehr zu gewinnen und beging, als dies nicht gelang,Len Fehler, ihn zu ächten. T. hingegen rächte sich mit dem Beitritt Frankreichs zum Vertragvon Chaumont (s. d.) und betrieb aufs eifrigste die Ächtung des Kaisers durch die ver-bündeten Mächte. Nach der zweiten Restauration übernahm er abermals di« auswärtigenAngelegenheiten zugleich mit der Präsidentschaft des Ministeriums. Er versuchte jetzt dieharten Bedingungen, unter welchen der Friede geschlossen werden sollte, zu mildern; alleindiesmal ließen sich Rußland und Preußen nicht überlisten. Als er sah, daß er dem Kaiser