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gewordene Weltanschauung und Lebensordnung des Mittelalters brachten im I 6. Jahch.eine allgemeine Gährung, eine wunderliche Verwirrung der aus ihren Fugen gewichenenund losgelösten Lebenselemente hervor, und diese Gährung trieb die Gemüther der Einenzum Göttlichen hin, während sie bei Andern, namentlich bei Italienern und Franzose», eineArt philosophisch-satirischer Denkart hervorbrachte, die, in des Erasmus „l.aus xtuliiti»«",in den „bipistolae obscurorum virorum", in Agrippa's Schrift „Ile vaiiitateseientiarum",in den zahllosen maccaronischen Versen derJtaliener einzeln hervortretend, in R. ihren Brenn-Punkt und geistreichsten Repräsentanten fand. Sein unvergleichliches Werk ist als poetischeCaricatur des gesammten 16. Jahrh., hauptsächlich als Zerrbild der besonderer Gestalt, inwelcher es in Frankreich und Italien erschien, aufzufassen; jeder andere Gesichtspunkt istnicht ausreichend, es zu erklären. Er besaß sehr umfassende gelehrte Kenntnisse, war nochreicher an gesundem Mutterwitz und jener zwecklosen Lustigkeit, die das Kennzeichen des echtenWitzes ist, unübertrefflich in wundersamer Mischung des Ernstes,und Scherzes und über-strömend von Lustigkeit in der Weltansicht; doch trotz dem kecksten Übermuth, dem wahrhaft ,Ungeheuern burlesken Witz, welchem die tollsten Einfälle die liebsten sind, versäumte er nie ^die richtige Würdigung des Wahren im Leben. Sein Leben wird abenteuerlich wie ein Ro-man erzählt; doch selbst die Übertreibung abgerechnet, bleibt es immer noch wunderlich genug.Mit eisernem Fleiße studirte er die Wissenschaften, namentlich Astronomie und Sprachen, >wie er denn sieben Sprachen fertig gesprochen und mehre andere verstanden haben soll. Sehrjung trat er in das Franciscanerkloster zu Fontenay-le-Comte inNiederpoitou und empfing hm !die Weihen. Als die Unwissenheit der andern Mönche ihm das Leben sauer zu machen drehte,wußte er sich um 1523 vom Papst Clemens VII. ein Versetzungsbreve und Aufnahme in dieBenedictinerabtei Maillezais zu verschaffen. Aber auch hier hielt er nicht lange aus; er ver-ließ eigenmächtig das Kloster und ging nach Montpellier, wo er Doctor und Professor derMedicin wurde. Er ließ nun Commentarien über Hippokrates und Galen im Druck er-scheinen und erwarb sich nicht nur den Ruf eines gelehrten Arztes und trefflichen Lehrers,sondern machte sich auch sonst um die medicinische Facultät sehr verdient. Im I. 153S gingN. nach Lyon und dann mit dem Cardinal Dubellay als Leibarzt nach Rom. Im I. >535war er zum zweiten Mal in Rom. Der Papst verzieh ihm seine Fehler gegen die Kirchen-disciplin, gab ihm die Erlaubniß, in eine Benedictinerabtei gehen zu dürfen, worauf der Car-dinal Dubellay ihm eine Stelle in der Abtei St.-Maurus verschaffte, die säcularisirt werdensollte. So sahR. 1538 seinen Wunsch verwirklicht, ein weltlicher Kanonikus zu werden.Im I. 1545 erhielt er die Pfarrej von Meudon bei Paris, welche Stelle er sehr redlich ver-waltet haben soll. Er sollte die Pfarrei von S.-Paul in Paris antreten, als er > 553 inParis starb. Die erste Idee zu seinem „Lsrgantua" gab ihm eine alte Volkssage, gedrucktin den „Oiirouigues cle 6argan1iia" (Lyon 1532) und neuerdings herausgegeben vonZ. C. Brunet (Par. 1834). Man hat diesen Roman für eine Satire auf bekannte gleich-zeitige Personen und Ereignisse ansehen und in Grandgousier Ludwig XII., in EargantuaFranz I. und in Panurge entweder R. selbst, oder den Cardinal vonAmboise entdecken wollen.Es mag dies zum Theil der Fall sein; allein ein solches Deuteln ist hier im Ganzen nicht amrechten Orte. Kein Mensch auf Erden hat so viele heterogene Eigenschaften, uni das Urbildzu Panurge sein zu können; um diesen exquisiten Philosophen, Libertin und Schwätzer, deralle Sprachen spricht, der im Kriege sich nicht schlägt, sondern seinen Feinden als guter Ka-tholik etwas vorpredigt, der 63 Arten kennt, Geld aufzutreiben, und 24V, es auszugeben,der an die Bezahlung seiner Schulden nicht denkt, da man ja nicht weiß, ob die Welt nurnoch drei Jahre steht: um einen solchen Charakter zu erschaffen, dazu reichten keines Men-schen Eigenschaften hin, dazu mußte das ganze Jahrhundert beitragen. Allerdings beziehtsich Vieles auf ganz specielle Ereignisse; aber der Hauptsache nach haben wir nicht eineSatire auf specielle Personen und Dinge, sondern ein Zerrbild des Jahrhunderts vor uns,und daß N. diese Idee in seinem Werke stets sestgehalten hat, und daß in dem Einzelnen stetsdas Allgemeine zu erkennen ist, da« gibt seiner Dichtung den bleibenden und universellenWerth, wodurch sie der Weltliteratur angchort. Wegen seines Cynismus wollen wirR.nicht zu vertheidigen suchen; er wird ewig ein unentbehrliches Moment solcher Darstellungenhleiben, und wer R 's Sprache tadelt oder gar, wie viele Kunstrichter, ihn mit Cervantes