Quedlinburg 629
zugleich erklärlich, warum der kindliche Organismus die Anwendung dieses Mittels in dengeeigneten Präparaten so leicht verträgt, indem beim Kinde der Bildungstrieb alle andernübcrwiegt, beim vollkommen entwickelten Menschen jedoch die Rückbildung schon naturgemäßbeginnt. Die Menge der Krankheiten, in denen man das Quecksilber benutzt, ist sehr groß;als Hauptmittcl jedoch und bis vor nicht langer Zeit als einziges galt es bei der Syphilis(s. d.), wo durch die verflüssigende und ausleerende Kraft des Mittels mit diesem selbst zu-gleich das syphilitische Eist ausgeschieden wird. Wenn auch in ftühernZeiten das metallischeQuecksilber (Uercurius vivus) in der Absicht, bei hartnäckiger Darmvcrsiopfung durch dieSchwere desselben Öffnung herbeizuführen, gebraucht wurde, so ist man jetzt schon längstvon diesem unzweckmäßigen Verfahren zurückgekommen und benutzt das Quecksilber nur inseinen Verbindungen mit andern Elementen, indem besonders der hinzutrctende Sauerstoffdas Eindringen desselben in den Organismus und so die Entfaltung der Wirkungen erleich-tert. Die am meisten angewendeten Quecksilberpräparate, in denen das Metall theils mitSauerstoff, theils mit andern Elementen chemisch verbunden ist, sind etwa folgende: Schwc-felspießglanzquecksilber, Spießglanzmohr, schwarzes Schwcfclquecksilber, mineralischer oderQuecksilbermohr, schwarzes Quecksilberoxydul, Hahnemann's auflösliches Quecksilber, Ka-lo m e l (s. d.), Sublimat (s. d.), präparirter rother Quecksilbcrpräcipitat, salzsaures Am-moniakquccksilber, weißer Quecksilbcrpräcipitat und salpetersaure Quecksilberauflösung. Diesehr häufig benutzte neapolitanische oder graue Quecksilbersalbe (Önguenlnm ldleapn-Iltanum) und das Quecksilberpflaster (Lmxlsstriim mercurisls) enthalten daöMctalltheils in regulinischem Zustande, aber sehr fein zertheilt, theils in geringcrm Grade mitSauerstoff verbunden. Kann eine zu große, je nach der Art, wie sich ein Präparat dem Or-ganismus einverlciben läßt, dem Körper aus einmal zugeführtc Quantität dieser Mittel sehrschnelle Vergiftungszufälle herbeiführen, so vermag auch ein zu lange fortgesetzter Gebrauchderselben in kleinen Gaben, namentlich aber der längere Aufenthalt an Örten, wo viel Queck-silber verdunstet, z.B. in Quecksilberbergwerken, Amalgamirwerken, Spiegelfabriken u.s.w.,eine chronische Quecksilbervergiftung zu erzeugen, die sich, je nachdem sie allein durchdas Metall entsteht oder durch andere schon vorhandene Krankhcitszustände modificirt wirdverschieden ausspricht und Mercurialkrankheit (bl)<lrar^)ro5is oder lVIerrnrisIismus)genannt wird. Bei der reinen Mercurialkrankheit sind besonders die Quecksilbcrphy-siognomie, ein eingefallenes Gesicht mit trüben Augen und schmuzigcr, bleicher, um dieAugen und Nasenflügel ins Grünliche spielender Farbe, und das Mercurialzittern,das Unvermögen, die Glieder still zu halten, welches nicht selten in Zuckungen und Krämpfeübergeht, zu bemerken, während sich bei beiden der allgemeine Charakter der Quecksilberwir-kung, Auflösung des organischen Zusammenhangs, deutlich zeigt. Bei manchen, namentlichweiter vorgeschrittenen syphilitischen Übeln ist es jedoch nöthig, einen der höher» Grade dieserKrankheit, den Speichelfluß (s. Speichel), hcrbeizuführen, um Heilung zu erzielen. Vonden Alten als ein entschiedenes Gift gefürchtet, wurde das Quecksilber erst von den arab.Ärzten als Arznei in verschiedenen Präparaten, jedoch nur äußerlich, angewcndet und ge-langte so zur Kenntniß der übrigen Nationen. Der innere Gebrauch wurde jedoch geraumeZeit hindurch noch sehr gescheut und erst durch van Swieten (s. d.) allgemeiner eingeführt,nachdem auch die fortschreitenden Kenntnisse in der Chemie denselben durch Auffinden undzweckmäßigere Bereitung einzelner Präparate erleichtert hatten. Vgl. Richter, „Das Queck-silber als Heilmittel" (Berl. 1830).
Quedlinburg, ein ehemaliges reichsunmittelbares fürstliches Frauenstift im ober-sachs. Kreise, wurde von Kaiser Otto I. im I. 937 gestiftet und von ihm und seinen Nach-folgern reich ausgestattet. Das Gebiet, zu dem außer der Stadt Quedlinburg der FleckenDiktfurth und mehre Vorwerke gehörten, umfaßte auf 2 QM- gegen 15000 E. Das Stiftbestand aus einer Äbtissin, einer Pröpstin, einer Dechantin und einer Kanonissin. DieAbtissin hatte auf dem Reichstage, auf der rhein. Prälatenbank und auf den obersächs. Kreis-tagen Sitz und Stimme. Das Schutzrecht übten die sachs. Kaiser, nach ihrem Ausstcrben inder Mitte des I2.Jahrh. dieMarkgrafen von Brandenburg und dann nach vielfachen Strei-tigkeiten daS Kurhaus Sachsen. Im I. 1539 wurde das Stift„reformirt. Kursachsen ver-kaufte im I. 1697 das Schutzrecht nebst dem Anspruch auf die Ämter Lauenburg, Scvekcn-