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608 Pythagoras
neu Annahmen geführt; jedenfalls fällt seine Blütezeit zwischen 540—500 v. Chr. Alssein Geburtsland wird gewöhnlich die Insel Samos genannt; sein Vater Mnesarchus sollaus Tyrus oder sonst einer phöniz. Stadt abgcstammt haben. Die Nachrichten über sein Le-ben, welche wir so spaten Schriftstellern, wiePorphyrius und Jamblichus, verdanken, sindzum großen Theile sehr unsicher; sein Leben ist mit vielfachen Fabeln ausgeschmückt worden.So soll er eine Menge Lehrer gehabt haben;,höchst übertrieben sind auch die Nachrichten vonseinen Reisen. Er soll bei den Chaldäern, Ägyptern, Phöniziern und Magiern Geometrie,Arithmetik, Astronomie und den Dienst der Götter erlernt haben; er soll in Arabien, Judäa,Indien u. s. w. gewesen sein. Herodot bezeugt zwar nicht ausdrücklich eine Reise nach Ägyp-ten, aber doch einen Zusammenhang Pythagorischcr Lehren und Gebräuche mit altägypk.Weisheit. Gewisser ist, daß P. zu der Zeit des Polykrates 40 Jahre alt von Samos nachKroton in Unteritalien ausgewandert ist, wiewol die Ursache dieser Übersiedelung verschiedenangegeben wird. Daß er eine höchst bedeutende Persönlichkeit war, geht daraus hervor, daßer bald der Stifter und Mittelpunkt einer weitverbreiteten und einflußreichen Genossenschaft,dcsPythagorischenBundes, wurde, welche ethische und politische Zwecke verfolgte.Vgl. Krische, „De sncistatis a k. conclit-ie scopo pnlitico" (Gott. 1831). Das Urkheilüber die innere Einrichtung dieses Bundes machen die ausschmückenden Berichte der Spa-ter» ebenfalls unsicher; man darf aber mit Sicherheit annehmen, daß der aufreligiös-sittlicberGrundlage ruhende Bund sich durch symbolische Gebräuche von der Masse abschloß. Die Neu-aufzunehmenden wurden einer strengen und sorgfältigen Prüfung unterworfen; sie mußten sichwährend einer langen Lehrzeit bewähren; während der letztem waren sie nur Hörende, und derAutorität des Meisters unterworfen; daher das Verbot, zu sprechen, d. h. an den Verhand-lungen der Gesellschaft Theil zu nehmen (Pythagorisch es Stillschw eigen) und dastP«, d. h. „er hat cs gesagt", welches ihnen statt des Beweises galt; erst nach diesenPrüfungen wurden Die, welche sich durch sie nicht hatten abschrecken lassen, zu den Geheim-nissen des Bundes zugelassen. Die tägliche Lebensordnung war eine den Gliedern des Bun-des, die sich als eine große Familie betrachteten, gemeinsame; streng geregelte Mäßigkeit insinnlichen Genießungen, ein sorgfältig abgemessener Wechsel zwischen gymnastischen undgeistigen (religiösen und selbst asketischen) Übungen, strenge Selbstprüfung sind Grundzügederselben. Ob die Pythagoräer gar kein Fleisch, oder nur das gewisser Thiere nicht gegessen,ob sie ihre Tobten nach ägypt. Sitte in wollenen Gewändern bestattet haben oder nicht, undÄhnliches mehr, ist unsicher; daß sie in vielen ihrer Gebräuche sich an ägypt. Symbole an-geschlossen haben, nicht unwahrscheinlich. Die politische Wirksamkeit ist wahrscheinlich inder Hand eines enger» Ausschusses von 300 Mitgliedern concentrirt gewesen; Pythago-reische Verbrüderungen, die von diesem abhingen, scheinen in mehren unterital. und sicil.Städten bestanden zu haben. Ihre Tendenz, gegen demokratische Neuerungen, die zumTheil von dem Ehrgeize Einzelner, die nach der Tyrannis strebten, ausgingen, die dorisch-aristokratischen Staatsformen aufrecht zu erhalten, war zugleich die Veranlassung der Zer-störung des Bundes. Der erbittertste Gegner des P. in Kroton selbst war Kylon, ein ange-sehener Bürger. Dieser ließ das Haus des Milo, wo eine Anzahl Pythagoräer versammeltwar, umzingeln und anzünden; gegen 40 Personen, unter ihnen nach Einigen P. selbst,sollen dabei das Leben verloren haben; nach Andern war P. nicht mit unter den Versammel-ten; er floh nach Lokri, wo man ihm die Aufnahme verweigerte, und soll in Metapontum ge-storben sein. Die Art seines Todes ist ungewiß. Die Wirksamkeit des Bundes war abergebrochen und die Spuren derselben verlieren sich nach kurzer Zeit, obgleich einzelne Pykha-goräer auch später noch eine sehr einflußreiche Stellung eingenommen haben.
Ebenso dunkel, wie die äußern Lebensvcrhältniffe, ist die Lehre des P., zumal da diesealler Wahrscheinlichkeit nach mehr von seinen Schülern und Anhängern, als von ihm selbstwissenschaftlich ausgebildet worden ist. Er selbst hat nichts geschrieben; die sogenannten„Goldenen Sprüche" (anrea carmiim), seine Briefe und noch einiges Andere rühren offen-bar nicht von ihm selbst her. Aristoteles spricht immer nur von Pythagoräer», nicht von P-selbst. Das Charakteristische ihrer Denkweise besteht darin, daß sie die philosophische Specu-lation an die Mathematik anknüpften. P. selbst beschäftigte sich mit mathematischen Stu-dien. (S. Abacus und Pythagorischcr Lehrsatz.) Von ihm schreibt sich auch die