Puseyismus 597
adeligen Altern geboren und war dann Zögling desLyceums zu Zarskoe Selo, wo er imAlter von kaum 13 Jahren sein erstes Gedicht „Erinnerungen an Zarskoe Selo" erscheinenließ, welches allgemeines Aufsehen erregte, jedoch für ihn selbst die nachthcilige Folge halte,daß er durch das allzu große Lob, womit man diesen Versuch aufnahm, sich von den crnstcrnStudien abziehen ließ. In der Folge beschäftigte er sich in Petersburg mit Geschichte undklassischer Literatur; auch las er mit Begeisterung die Werke Byron's, deren Einfluß auf denEntwickelungsgang seiner Poesie unverkennbar ist, und wurde schon unterKaiser Alexander derLiebling seines Volks. Eine von ihm mit zu kühner Begeisterung gedichtete Ode an die Frei-heit hatte seine Entfernung aus Petersburg zur Folge. Er erhielt eine Anstellung im süd-lichen Rußland, und seinem Aufenthalte daselbst verdankt Rußland viele der gelungenstenDichtungen. Unter der Menge seiner großem und kleinern Dichtungen, die selbst da, wosie als episch sich geltend machen wollen, einen mehr lyrischen Charakter an sich tragen, unddie zum Theil in sehr blühender und schwungvoller Sprache, oft selbst im erhabensten Stilegeschrieben sind, ragen besonders drei bedeutendere Gedichte als ausgezeichnet hervor, näm-lich „Rußlan und Ljudmilla", welches in sechs Gesängen die alte Heldenzeit Rußlands inKiew verherrlicht; „Der Berggefangene" (deutsch von Wulfert, Petersb. >823), welchesdie wilde Lebensweise der kaukas. Volksstämme schildert, und „Die Quelle von Baktschissaraioder die Thränenquelle" (Mosk. l 824) , welches letztere Gedicht die frühem noch übertrifftund wol überhaupt als P.'s gelungenstes zu bezeichnen ist. Obschon dieses Gedicht kaum600 Verse umfaßt, so bezahlte doch der Buchhändler Ponamarew dafür ein Honorar von300V Rubeln. Eine kleine Dichtung P.'s, „Eugen Onegin", schildert das ftivole Lebeneines jungen Mannes in Petersburg und enthält bei einer zum Theil prächtigen Diktionmanche sehr üppigeStellen und viele nur dem eigentlichen Russen interessante Anspielungenauf die Großen der Hauptstadt. Das dramatische Gedicht „Loris Ooclunokk" (Petersb.l83l), eine in reimlosen Jamben dialogisirte Geschichte, welche Moskau vom 20. Febr.1508—1612 zum Schauplatz hat, ist,ein Sittengcmälde jener Zeit in kühnen Umrissen undmit lebhaften Farben. Eine deutsche Übersetzung seiner Dichtungen lieferte Lippert (2 Bde.,Lpz. 1840). P. ist unstreitig der geistreichste unter allen russ. Dichtern; an Erfindung undReichthum der Ideen, an Gewandtheit der Diction übertrifft ihn kein anderer Schriftsteller;doch an Adel der Gesinnung, an hohem Schwung wahrhafter Begeisterung steht er meh-ren seiner Vorgänger in der russ. Literatur weit nach. Auch steht P. beiweitem nicht sofleckenlos hinsichtlich des Charakters da, wie jene. Er war eine ungebä'ndigte Dichternatur,die im Gefühle ihrer Kraft überschäumte und sich zu mancherlei Handlungen der Unbesonnen-heit und Verkehrtheit Hinreißen ließ. Der Kaiser Nikolaus rief ihn sogleich nach seiner Thron-besteigung aus dem Exil; doch bewies er sich dafür wenig dankbar. Er starb in Folge einesDuells zu Petersburg am 10. Febr. 1837.
PuseyiövMs heißt eine dem röm. Katholicismus zuneigcnde Richtung in der engl.Hochkirche (s. d.). DoctorPusey, geb. um 1800, Kanonikus an der Christ Church undProfessor der hebr. Sprache zu Oxford, hat dieser in Gestalt einer theologischen Schuleauftretendcn Reaction den Namen und die Begründung gegeben. Derselbe veröffentlichteseit 1833 im Verein mit seinen Amts - und Geistesgenossen Palmer, Newman, Oakley,Ward, Bowden, Thorndike, Keble, Perceval u-A. eine Reihe numerirter, die kirchlicheGegenwart behandelnderÄufsätze oderTractate (Trscts kor tbe times), in welchen der engl.Protestantismus herabgesetzt und dagegen eine Rückkehr zur alten, wahren apostolischenKirche gefedert wurde. Pusey verlangte mit seinen Anhängern die Geltung der Tradition,ertheilte nur dem Geistlichen allein die Befähigung zur Bibelerklärung und schrieb die Ent-stehung des Sektenwesens in England dem freien Bibellesen der Laien zu. Außerdem ver-warf er die Suprematie der weltlichen Macht, wollte nicht die Predigt, sondern dieSpendungder Sacramente und das Gebet der Geistlichen als die Hauptsache beim Gottesdienste ange-sehen wissen und verlangte die Herstellung der Messe, die Einführung der Kirchenbuße, derFasten und der Ohrenbeichte. Die Puseyten nannten dies die Herstellung der wahrenKirchenprincipien und zogen ihre Folgerungen noch weiter. Sie leugneten die Rechtfertigungdurch den Glauben, priesen das Verdienst der guten Werke, erklärten auch, das es Stufender innern Gnade und ein Fegefeuer gebe. Endlich veröffentlichte Newman, ein Inspektor