742 Gasthäuser Gastmähler
Sitte streng beobachten, indem bei ihnen der Einkehrcnde nicht nur brüderlich ausgenommenund mit dem Besten, was der Hauswirth zu gewähren vermochte, bewirthet, sondern auch,wenn der Vorrath aufgczehrt war, zum Nachbar geführt wurde, der dann Beide mit gleicherFreigebigkeit bcwirthete. Die schönsten Beweise und Beispiele von Gastfreundschaft bietetuns das heroische Zeitalter Griechenlands; auf zarte Weise werden sie in den homerischenGesängen geschildert. Zeus, der deshalb den Namen des Gastlichen führte (L'enios), um-faßte mit seinem Schutze alle Fremdlinge ohne Ausnahme, und Alle fanden Aufnahme undPflege an dem gastlichen Herde. Wenn Glieder befreundeter Familien sich trafen, so geschah -fdies mit so größerer Liebe und Sorgfalt, und wahrhaft rührend ist die Aufnahme des jungenTclemachus bei Menelaus im vierten Buche der „Odyssee"; aber auch ganz unbekannteFremdlinge wurden mit Menschenfreundlichkeit und Güte behandelt, wie Odysseus auf sei-nen Irrfahrten von den harmlosen und lebenslustigen Phäakcn. Jeder Einkehrende wurdegebadet, umgekleidet, bewirthet, und man erfreute sich seiner Erzählung. Erst nach neun oderzehn Tagen, wenn der Fremde nicht eher schon freiwillig sich zu erkennen gegeben hatte,forschte man nach dessen Namen, Abkunft und Heimat und war dann doppelt erfreut, wennman in ihm einen Gastfreund aus früherer Zeit entdeckte. Schon frühzeitig entstanden imgriech. Alterthum besondere Verträge der Gastfreundschaft. Einzelne nämlich, die bei demzunehmenden Verkehre zu häufigen Reisen sich genöthigt sahen, gelobten einander gegensei-tige Bewirthung und Aufnahme, so oft ein Geschäft sie zueinander führen würde, und zwarnicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder und weitern Nachkommen. Als Wiedererken-nungszeichen bediente man sich hierbei der Hälfte eines von den Vätern gebrochenen Rings,und Jeder, der sich so als Gastfrcund bewährte, wurde nicht nur mit der größten Zuvorkom-menheit verpflegt, sondern auch beim Weggange mit Gastgeschenken geehrt, welche dann inder Familie des Empfängers als Gegenstände von besonderin Werthe sortcrbten. Mit demVerfalle der Einfachheit der Sitten verfiel auch bei den Griechen wie bei den Römern dieseschöne Sitte. Unter andern Umständen und in ganz anderer Weise erneuerte sich die Hoch-Haltung der Gastfreundschaft im Mittelalter, indem sic hier nur von gewissen Classen, wievon Einsiedlern und Mönchen geübt wurde, oder auf das Ritterwescn sich beschränkte unddann nur zu häufig in ein leidiges Ceremoniel ausartete, welchen Charakter sie bis auf dieneuesten Zeiten bei der nachmaligen gänzlichen Umgestaltung der socialen und politischenVerhältnisse größtenthcils bchaltm hat.
Gasthäuser zur Aufnahme und zum übernachten für Fremde gab cs im Alter-thumc weder in der Art noch in der Ausdehnung, wie gegenwärtig, da der Reisende gewöhn-lich das Recht der Gastfreundschaft (s. d.) in Anspruch nahm. Die ersten öffentlichenAnstalten in Griechenland, vorzüglich in Athen und Sparta, welche damit verglichen werdenkönnen, waren die sogenannten Leschen, Gebäude mit offenen Hallen, in denen man zusam-menkam, üm'zii plaudern; etwas später entstanden in den größern Städten die häufig mitKramläden verbundenen Pandocheen, d. h. Allhcrbergcn, in denen allerdings angeseheneFremde, die mit einem Gastfreunde keine Verbindung hatten, übernachteten, obgleich auchhier, wie noch gegenwärtig im Orient und in den südlicher» Ländern, für Bequemlichkeitnicht sehr gesorgt war, wie bei den Griechen, so wurden auch bei den Römern die Gasthäusergering geachtet und hatten nur für die niedere Volksclasse als Unterhaltungsörter Bedeu-tung; doch finden wir bei ihnen schon in früher Zeit öffentliche Herbergen für fremde Gäste(ckeversoria), welche in einem höhern Ansehen standen als die für einen ähnlichen Zweck,aber meist sehr dürftig eingerichteten Schcnkhäuscr (oa»;,<,nao und tabernae), in denen einReisender aus dem bessern Stande nur nothgedrungen einkehrte, und die Speisehäuscr oderGarküchen (po;>i>me), in denen man vorzugsweise zubcreitcte Speisen verkaufte und wo sichnur Leute aus der niedersten Volksclasse aufhielten. Übrigens läßt sich die Sitte, den Gast-häusern besondere Namen und Bilder zu geben, ebenfalls auf die früheste Zeit zurückführen.
Gastmähler gehörten schon im heroischen Zeitalter Griechenlands zu den reinsten undedelsten Vergnügungen und Erheiterungen des geselligen Lebens, wie wir aus den Schilde-rungen in den homerischen Gesängen sehen. In den Häusern der Könige und Vornehmenwurden hier festliche Mahlzeiten veranstaltet und nach dem Mahle eilte die lebensfrohe undrüstige Jugend zu Kampfspielen, während dieÄltern zusahen und den Kampfpreis bestimm-