^ t. S>< /'->< >-.< 7«.» .- 7 ,> >. !/>. r->»^-.' ^ ^ ... > ?'/E T'. » MV?. '^-d- LAM Allgemeine deutsche Real - Encyklopädie für die gebildeten Stande. Lonverfations - Lexikon. Neunte Originalauklage. In fünfzehn BLndeA--^^ ^ .. ^fünfter Gand.^ * Entführung bis Gebläse. New Uork, Leipzig, bei Wilhelm Radde , b e i F. A. B r o ck h a u s. 322, Droa-wny. ! ntführunst (crimen rnptus) heißt die von einer Mannsperson durch List oder Ge- t verübte rechtswidrige Bemächtigung einer fremden Ehefrau, einer Nonne, Witwe oder gescholtenen Jungfrau gegen deren und Desjenigen Willen, dessen rechtlicher Gewalt sie erworfen ist, und zwar zur Erzwingung der Verehelichung oder unerlaubten Umgangs, spccieller Beziehung wird die Entführung auchJungfernraub genannt. So selten jetzt Vorkommen mag, so häufig war sie in früherer Zeit. Berühmt ist in Roms Geschichte Raub der Sabinerinnen; bekannt in der deutschen die Entführung Anna's, der Tochter nachherigen Kaisers Maximilian's I., durch Karl VIII. von Frankreich. Die röm. Gesctz- mng belegte die Entführung mit barbarischen Strafen, die in Beziehung auf die Ent- )rung einer Ehefrau und einer unbescholtenen Jungfrau zum Theil in die heimliche Hals- nchtsordnung Karl'S V. übergegangen sind, welche für diese Fälle den Entführer mit dem >de und Confiscation seines Vermögens zu Gunsten des Entführten bestrafte. Die deut- c Particulargcscpgebung kennt jedoch diese Strafen nicht mehr und läßt für den Verführer wohnlich mehrjährige Freiheitsstrafen und zwar je nach den angewendeten Mitteln, nach u Verhältnissen der Entführten und nach dem Zwecke und den Folgen der Entführung, efängniß, Fcstungs- oder Zuchthausstrafe erfolgen. Entgegengesetzte Größen nennt man in der Mathematik solche Größen, die sich i ihrer Vereinigung vermindern «d«r ganz anfhebcn. Das Letztere ist der Fall, wenn sic rer abjoluten Größe nach gleich sind, sind sie aber ungleich, so hebt die kleinere einen ihr eichen Theil der größcrn auf. Größen dieser Art sind z.B. Schulden und Vermögen, Ein- chmc und Ausgabe. Man bezeichnet diese entgegengesetzte Beziehung der Größen durch die usdrücke positiv und negativ, oder auch additiv und subtractiv, und durch die ihnen versetzten Zeichen -j- und —, welche zugleich noch eine andere Bedeutung als Zeichen der einan- w entgegengesetzten Rechnungsarten Addition und Subtraktion haben. Nach dem Ange- lhrtcn ist(->- ») -j- (— ») — 0; (-j- a) -j- (—l») — (-j- s) — (-j- b); (-s- 5) (— 14) ^ — 9; (— 5) (-j- 14) — -j- 9. In mancher Hinsicht würde cs von Vortheil sein, >enn zur Bezeichnung der entgegengesetzten Größen besondere Zeichen eingeführt wären, crcn mehre in Vorschlag gekommen sind. Enthusiasmus, s. Begeisterung. Enthymema nenne man in der Logik einen abgekürzten Schluß, wo man die eine Prämisse nicht ausdrücklich ausspricht, sondern in Gedanken behält, z. B. alle Verträge sind eilig, folglich auch Staatsverträge. Entomologie heißt die Wissenschaft von den Insekten (s. d.) oder Kerfen. Da cs )r Zweck ist, das Wesen und die Erscheinung der Kerfe nach allen Richtungen zu crfor- chen, gerade aber diese Thicrclassc sowol durch Artcnzahl als durch Menge der Individuen ie reichste aller Thicrclassen ist, so erlangt das Gebiet jener Wissenschaft nicht allein sehr roßen Umfang sondern auch viele Wichtigkeit. Vermöge der Richtung, die gegenwärtig in er Zoologie und Botanik siegreich vorherrscht, wird auch in der Entomologie das Studium nt genauer Untersuchung des inncrn und äußern Baues der Kerfe beginnen und ihr die Physiologie der Kerfe, als die Kcnntniß von den Verrichtungen der Organe und sonach von cn Lcbensthäligkeitcn folgen müssen. Auf diesen Grundlagen der allgemeinen Ento- nologie beruht die besondere Entomologie, nämlich die systematische Aufzählung der kerfc oder ihre Anordnung in größere oder kleinere Gruppen. Untergeordnet steht diesem ein wissenschaftlichen Theile die angewandte Entomologie, die sich mit spccieller Erörte- Svnv.-Lex. Neunte Aufl. V 1 2 Entozoen rung über Schaden, Ruhen, Zucht der Kerfe beschäftigt, und als Forstinftktenknnde, als Naturgeschichte schädlicher Insekten, als Abhandlung über Bienenzucht u. s. w. anftretcn kann. Bei dem Reichthume an Formen und der nicht selten großen Schönheit derselben, bei der Mannichfaltigkeit, der Eigenthümlichkeit und dem Wunderbaren der Lebcnsäußerungen der Jnsektenwelt hat die Entomologie ungemein viel Anziehendes, und zwar in so verschiedenen Richtungen, daß für jedes speciellere Fach der Forschung Befriedigung geiboten wird. Es kann daher nicht Ausfallen erregen, wenn die Zahl der Verehrer dieser Wissenschaft vielleicht so groß ist als die der Botaniker, und größer als die irgend eines andern Zweigs ^er ^ Naturgeschichte der Thierwelt. Die Leichtigkeit, mit welcher mäßige Sammlungen in kurzer Zeit zusammenzubringen sind, der geringe Raum, den sie erfodern, und ihr gefälliges Ansehen sind andere begünstigende Umstände, die freilich aber auch veranlaßt haben, daß in keiner andern Naturwissenschaft der Dilettantismus so eingerissen ist als in dieser, und daß nirgend so viel Verwirrung durch denselben entstand als hier. Aus leicht begreiflichen Gründen wird dieses zumal in den Elasten der Schmetterlinge und Käfer vorzugsweise der Fall sein. Dessenungeachtet ist nichts gegen die oft vorkommende Neigung junger Leute zur Entomologie oder vielmehr zum Jnsektensammeln einzuwenden, vorausgesetzt, daß sic nicht mit Begehung unnöthiger Grausamkeiten verbunden s»i. Der erste Naturforscher, der richtige und oft überraschend tiefe Kenntnisse in der Entomologie besaß, war Aristoteles (330 v.Chr.). Bei dem Wiederaufleben der Wissenschaften im Mittelalter kam die Entomologie zuletzt an die Reihe. AufKonr. Gesner's (l5l6—58) unvollendete Arbeiten folgten nach langer Unterbrechung die Untersuchungen von Malpighi (1664), Redi(l686), Swammerdam (1670 — 85), Joh. Ray (1705), Linne (1735) und de Geer (1752). Als Begründer der neuen Entomologie verdient Joh. Christian Fabricius (17 48— 1808) die dankbarste Anerkennung. Ihm sind sehr viele tüchtige Forscher gefolgt, deren Zahl so im Zunehmen ist, daß wir nur noch die Begründer neuer Systeme, Latreille, Dume'ril, Mac-Leay und Kirby, zu nennen vermögen. Die Literatur der Entomologie ist unübersehlich zu nennen, da sic fragmentarisch in Sammelwerken verstreut ist oder in Monographien sich auflöst, feit kein Entomolog mehr gefunden werden kann, den ivm <>>l e >„ einem Gauz««-z « vrru e M ken. Populaire Bearbeitungen der Entomologie in engem Grcn- zen sind insehr großer Zahl vorhanden. Von allgemeinverständlichen, aber wissenschaftlichen Werken ist das vollständigste W.Kirby's und W- Spence's „Introeluction to entomolog)" (4 Bde-, Land. 1818; 3. Aust., 1832; deutsch von Oken, 4 Bde., Stuttg. 1823—33). Unter den eigentlichen Lehrbüchern zeichnet sich aus Herrn. Burmeister's „Handbuch der Entomologie" (3 Bde., Berl. 1832—42). Entozöen heißen eigentlich alle Thicre, die im Innern anderer Thicrkorper, selten und zufällig auch in Pflanzenfrüchten, Vorkommen, und außerhalb dieser für die natürlichen Wohnorte nicht zu leben vermögen. Wissenschaftlich genommen, kann eine solche, nur nach ihrem Aufenthalte definirte Elaste keine Geltung finden, indem sie Geschöpfe von sehr verschiedener Organisation umfassen würde. Im Innern thierischer Körper können Larven von Insekten Vorkommen (s. Bremse), ferner manche Infusorien (s. d.), wie Samcnthier- chen, und gewisse, neuerdings entdeckte, im Blute lebende mikroskopische Geschöpfe, endlich wirkliche Eingeweidewürmer. Diese letztem bilden unter dem Namen Helminthen eine besondere, artenreiche Elaste von verhältnismäßig einfach organisirten Thieren und woh- . ncn fast in allen Theilen des thierischen Körpers, z. B. im Darmkanale, in Leber, Lunge, Nieren, in den großen Gefäßen, im Hirn, dem unbebrüteten Ei, dem Muskelfleisch u. s. w. Manche Arten kommen nur in bestimmten Thieren und Organen vor, andere haben einen sehr weiten Vcrbreitungsbezirk, indessen ist fast kein Thier ohne eine oder mehre ihm eigen- thümlichc, sonst nirgend weiter vorkommende Arten von Helminthen. Nach ihrem Baue trennt man sie in zwei große Gruppen, in Rundwürmer, in welchen ein Darmkanal dcuts lich erkennbar und die Maulöffnung einfach ist, und in Aellenwürmer, die in mehre Ord- ^ nungen zerfallen, dadurch Übereinkommen, daß sie gewöhnlich mehre Mundöffnungen, einen höchst unvollkommenen oder gar keinen Darm haben und im Innern meist nur mit lockcrm Zellgewebe erfüllt sind. Die Gattungen und Arten sind zahlreich, manche fast mikroskopisch, andere, wie derBand wurm (s. d.), von der Länge vieler Ellen. Sie ernähren sich allein Entresol Entwickelung 3 auf »Kosten des Körpers, in welchem sic leben, und sind daher wahre Schmarotzer, die unter gewissen Umständen sich sehr vermehren und hierdurch die immer beschwerliche, bisweilen gefährliche Wurmkrankheit (s. d.) veranlassen. Zwar hat man bei vielen die Geschlechts- Werkzeuge aufgefunden, indessen bleibt ihre erste Entstehung in vielen Fällen unbegreiflich, wenn man die Theorie der Urzeugung (s. Zeugung) verwerfen will. Ungeachtet ihrer scheinbaren Einfachheit bieten sie der anatomischen Forschung viele interessante Thatsachen und sind seit etwa 60—70 Jahren mit immer zunehmendem Eifer und vielem Erfolge von zahlreichen Zoologen studirt worden, unter welchen Zeder und Götze, Nudolphi und Bremser („Über lebende Würmer im lebenden Menschen", Wien >819, 4.) umfassende Werke lieferten > Nißsch, Crcplin, Tschudi, Lcuckart, Diesing, Joh. Müller, Siebold, Blainville, Owen, Laennec, Delongchamps, Cloquet u. A. durch Monographien sich Verdienste erwarben. Entresol nennt man das in größern Gebäuden der hohen Säle und Zimmer wegen angebrachte niedrige Stockwerk zwischen dem Erdgeschoß und der ersten Etage, das gewöhnlich zu Wohnungen der Dienerschaft u. s. w. dient. Entschluß heißt das aus Überlegung entspringende Wollen einer Handlung; gleich- sam der Abschluß, das Resultat der Überlegung. Bleibt dieses Resultat bei einem Menschen lange aus, oder schwankt die Überlegung hin und her, so nennt man ihn unentschlossen. Entschlossen ist Derjenige, dessen Überlegungen sich rasch und bestimmt entscheiden. Mit der Entschlossenheit ist daher auf der einen Seite die Besonnenheit und Geistesgegenwart, auf der andern die Festigkeit und Beharrlichkeit des Wollens verwandt. Entsetzung nennt man die Befreiung einer Festung vom Feinde, der sie eingeschlossen hat. Eine Festung kann entsetzt werden entweder durch Überschwemmungen der Umgegend, wenn dies die Lage zuläßt, oder durch Mangel, wenn man die Gegenden umher verwüstet und die für den Feind bestimmten Transporte auffängt, oder endlich durch Gewalt der Waffen, wenn man den Feind zurückschlägt. Ist die gänzliche Vertreibung des Feindes nicht möglich, so sucht man wenigstens eine augenblickliche Entsetzung zu bewirken, um der Besatzung die mangelnden Bedürfnisse zuzuführc n, oder sie durch frische Truppen zu verstärken. Dies geschieht meist, msiern man die Kekk? KsrBelagerer plötzlich im Verein mit der Besatzung durchbricht. Entsctzungsrecht, s. Abmeierungsrecht. Entwässerung nennt man die Trockenlegung nasser, sumpfiger und feuchter Bodenstellen, um sie zum Anbau zu verwenden. Die Entwässerung ist eine der hauptsächlichsten Verbesserungen bei der Landwirthschaft, und namentlich in England werden darauf bedeutende Summen verwendet. Dieselbe wird bewerkstelligt entweder durch offene oder unterirdische Abzugsgräben, oder durch Vertiefung der Ackerkrume, oder durch Anlegung tiefer Senkgruben, oder auch dadurch, daß man den Quellen und andern Gewässern, welche die Versumpfung bewirken, den Zugang abschneidet. Alle vertiefte Stellen, welche dem Wasserüberfluß ausgesetzt sind, werden übrigens in den meisten Fällen mit besserm Erfolge zu Wiesen und Weiden als zum Getreidebau benutzt. Entwickelung heißt der Etymologie nach das Auseinanderlegcn des Zusammengclcg- tcn, wodurch das letztere nicht nur seiner Außenseite nach, sondern auch nach Dem, was es innen enthält, bekannt wird. Wenn etwas in Unordnung zusammcngelegt und dadurch in Verwirrung gerathen ist, so wird die Entwickelung eine Entwirrung. In uncigentlichcm Sinne wird in der Philosophie unter der Entwickelung die Darstellung der einzelnen Momente eines Dings verstanden, um dadurch das Wesen des Dings zu enthüllen. So findet eine Entwickelung einer Vorstellung, eines Begriffs, eines Urthcils u. s. w. statt, wenn die einzelnen Theile und Merkmale desselben hervorgehoben und einzeln dargestellt werden, damit das Ganze zu deutlichem Bewußtsein komme. Entwickelung in dieser Bedeutung wird sehr oft in dem Ünterrichte aller Art angewendet. In der Kunst wird eine Idee, ein Charakter durch anschauliche Darstellung und Personificirung desselben nach seinen einzelnen Zügen oder Handlungen entwickelt. In der Physiologie und Anthropologie bedeutet Entwickelung die stetig fortschrei-- tende, längere oder kürzere Zeit in Anspruch nehmende Ausbildung der in ein organisches 4 Entwickelung Wesen gelegten Anlagen zu dem Grade der Vollkommenheit, den es nach Maßgabe seiner Bestimmung und seiner Kräfte erreichen soll oder kann. In der anorganischen Welt gidr es keine Entwickelung; der Stein bildet sich nicht durch sich selbst von innen heraus, sondern durch Krystallisation. Die Entwickelung der niedrigsten Thicrclassen und Pflanzcnarten fällt allerdings nicht durch ihre einzelnen Stufen in die Augen, doch das Mikroskop hat sie selbst bei vielen Jnfusionsthierchen sowie bei sehr einfachen Pflanzengattungen enthüllt. O b- wol in den meisten Fällen, doch nicht durchgängig, ist die Annahme richtig, daß auf eine lang- dauernde Entwickclungszcit auch eine entsprechende Dauer der Vollkommenheit folge; die Eintagsfliege vollendet ihr vollkommenes Dasein ihrer Bestimmung gemäß in 2-1 Stunden, nachdem ihre Entwickelung eines viel länger« Zeitraums bedurfte. Die höchste Bestimmung aber hat der Mensch sowol im Leben als nach seinem physischen Tode; seine Entwickelung ist nur scheinbar in den Jahren vollendet, in welchen der Körper die meiste Kraft, die höchste Ausbildung, der Geist den stärksten Willen, den schärfsten Verstand, die tiefste Empfindung erlangt hat; sie dauert fort, wenn auch der Körper schwächer wird und der Geist seinem Begleiter sich beugend an Energie verliert, und der Tod, das Ende des Lebens, ist nur eine Ent- wickclungsstufe zu einem neuen, uns unbekannten, jedenfalls aber vollkommenem Dasein. Dieser hohen Bestimmung des Menschen entspricht seine physische und psychische Entwickelung. Können wir auch nicht zweifeln, daß ein jedes organische Wesen eine lange Reihe von Veränderungen zu durchlaufen habe, che es den höchsten Punkt seiner Vollkommenheit erreicht, und daß diese Veränderungen alle ebenso wundervoll vom Schöpfer geordnet und eingerichtet sind als beim Menschen, so ist doch bei diesem die Dauer der wesentlichen Veränderungen die längste und der Zustand der Vollkommenheit derselben entsprechend. Kein Geschöpf tritt hülfloser in die Welt als der neugeborene Mensch, aber kcins ist reicher anHülfs- »nitteln, die Welt zu beherrschen als der ausgebildete Mensch. Die Entwickelung des Menschen beginnt mit der Empfängnis im Leibe der Mutter; langsam reift hier das ncuge- schaffene Wesen (s. Fetus), bis cs die Naturgesetze zu einem selbständigen Dasein rufen. Aber noch kann er von diesem Dasein außer zur Aufnahme von Nahrung keinen willkürlichen Gebrauch machen, noch versagen ihm kei ne Glieder , hie von einer noch s chwach en Willenskraft aelc itet be i nabe ^ uu--i«kttnctartiae Bewegungen machen, den Dienst. Aber nach und nach wtrv^er Organismus fester; die ersten Zähne, als Zeichen, daß andere als die gewohnte Speise aus dem mütterlichen Körper verlangt wird, brechen hervor, die Zunge versucht articulirte Töne hervorzubringcn, die ersten Versuche zum Gebrauche der Glieder werden durch Fassen und Kriechen gemacht, der Geist vcrräth seine größere Thätigkcit durch geschärfte Aufmerksamkeit auf die Umgebungen und nicht selten durch stärkere Willenskraft. So schreitet Körper und Geist im Einklänge vorwärts. Das Ausfallen der ersten und das Hervorbrechen der zweiten Zähne verkündigt das Ende der Kindheit und den Anfang des Knaben- und Mädchen alters. Der Körper ist stark und wehrt die äußern Einflüsse mit mehr Energie von sich ab, die Lebensart gleicht mehr der der Erwachsenen mit Ausnahme der Beschäftigungen, doch geben die Stimme und das unreife Ansehen noch deutlich den Unterschied zwischen diesem Standpunkte und dem des gereiften Menschen, selbst wenn die Größe gleich ist, kund. Zugleich dehnt der Geist seinen Wirkungskreis bedeutend aus. Von allen Geisteskräften ist jetzt das Gedächtnis am thätigsten, es sammelt unablässig, ohne daß der Verstand befähigt wäre, die nöthigen Verbindungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen gesammelten Eindrücken festzustellen. Der Wille, der manchmal auszuartcn scheint, hat beiweitem die Festigkeit noch nicht erlangt, um ausdauernd sein zu können, und das Eefühlsvermögen legt seine Ausbildung nur noch durch sinnliche und kindische Luftschlösser an den Tag. Gegen das Ende dieser Periode trennt sich die Entwickelung der verschiedenen Geschlechter, deren ungleiche Bestimmung sich schon früher in der Wahl der Beschäftigungen offenbarte. Die Verwandlung des Knaben in einen Jüngling beginnt später als die des Mädchens in eine Jungfrau. Die Zeit des Anfangs dieser Periode hängt sehr von der Constitution des Individuums, vom Klima und von den äußern Verhältnissen ab. Früher wird diese Entwickelungsstufe er- reicht in südlichen Ländern und in großen Städten, wo eine weniger naturgemäße Lebensart durch die geistige Ausbildung auch dem Körper eine Trcibhausreife gibt. Der Knabe tritt Entwickelung 5 gewöhnlich in dasIünglingsaltcrmit dem 15., das Mädchen in das der Zungfrau init dem > 3. Lebensjahre. Bei beiden Geschlechtern beginnt diese neue Periode mit der Ausbildung der Eeschlechtsthcile, die bis dahin sich immer indifferent verhielten, und mit dieser tritt dann die sogenannte Pubcrtät (s. d.) ein. Dieser folgt eine durchgreifende Veränderung des ganzen physischen und psychischen Organismus. Der Körper erstarkt, das Wachsthum, welches vorher den Körper mehr nach der Länge ausdehnte, wirkt nicht mehr so stark in dieser Richtung, desto mehr arbeitet cs auf eine Proportion nach der Breite hin, und namentlich wird in dieser Beziehung die Brust ein Ziel seiner Bestrebungen, welche eine beträchtliche Ausdehnung erfährt. Durch diese Veränderungen und die gleichzeitig beim Jünglinge eintrctcnde Erweiterung des Kehlkopfs, wodurch seine Stimme einen tiefem, männlichem Ton bekommt, gibt sich die herannahendc Reife immer mehr zu erkennen. Sind aber diese physischen Erscheinungen schon bedeutend, so sind es fast noch mehr die mit ihnen in beständiger Wechselwirkung fortschreitenden psychischen. Da der Körper sich dem Culminations- punktc seiner Kraft nähert, so strebt auch der Geist seiner Vollkommenheit entgegen. Besonders sind der Wille und das Gefühl die beiden geistigen Vermögen, die sich schon jetzt zu einem bedeutenden Grade von Kraft entfalten, während der Verstand, offenbar noch diesen beiden untcrthan, sie nur durch Auffassen der Umgebungen und durch gesteigertes Selbst- bewußtscin unterstützt. Die erhöhte Kraft verweist den Jüngling auf ernstere Beschäftigungen als die bisherigen waren; im Gefühle seiner Stärke achtet er nur wenig der Hindernisse, die sich ihm dabei entgegenstellcn, bei deren Besiegung eben ihm der Verstand nur noch unvollkommen zu Hülfe kommt, sodaß auch oft am Ende sein Wille nach vergeblichen Anstrengungen sich daran bricht. Das Höchste will er erreichen, alle beengende Schranken durchbrechen, und seine Empfindung schwelgt in idealen Vorstellungen, deren Verwirklichung zwar mehr als die des Knaben im Bereiche der Möglichkeit liegt, aber auch selten genug seinen Eifer belohnt, indem die hemmende Macht der Verhältnisse sich vor das Ziel stellt. In stil- lerm Wirken äußert die Jungfrau ihren Willen; sie lebt mehr in der ihr selbst zwar noch fremden, aber sie wssNdcrbar ansprechenden Gefühlswelt in einer stummen Sehnsucht nach der Erfüllung von Wünschen, deren eigentliches Wesen ihr jedoch der Verstand noch nicht aufgeklärt hat. In derartiger Thätigkcit, in solchen Bestrebungen leben der Jüngling und die Jungfrau fort, bis sic den Punkt ihres Lebens erreicht haben, wo der Gipfel der körperlichen Ausbildung mit dem Erscheinen der Wcishcitszähne erstiegen ist, und wo der Geist aufhört, durch den Körper an Reife zu gewinnen, wo er nicht mehr von innen heraus sondern von außen her durch das Schicksal gebildet wird und die Erfahrung ihre Früchte trägt. Sowie das Jugcndalter beim männlichen Geschlecht später anfing als beim weiblichen, so beginnt auch das Mannes alter später, etwa mit dem 25. Lebensjahre, während das Weib früher schon, ungefähr nach Überschreitung des 20. Jahrs vollkommen befähigt ist, Alles zu leisten, was seine Bestimmung von ihm verlangt. Diese nun eintretende Periode der vollen Kraft und Thätigkcit ist die längste und dauert bei dem Manne ungefähr bis zum 60., bei dem Weibe bis zum 50. Lebensjahre, eigentlich bis bei Beiden die Zeugungsfähigkeit sich verliert, was bei einem Individuum früher, bei dem andern später geschieht. Das Knochengerüst ist nun völlig ausgcbildet, sodaß das männliche Skelet von dem weiblichen leicht sich unterscheiden läßt, die Construction der Muskeln ist so beschaffen, daß sie der stärksten Anstrengung gewachsen sind, und die Sinne haben den höchsten Grad ihrer Schärfe erreicht. Gleichmäßig verrichten alle Organe ihre Functionen, und nichts hindert den Menschen, von allen seinen Anlagen vollen Gebrauch zu machen. Die Ausbildung schreitet zwar noch immer vorwärts, aber im Ganzen; kein einzelnes Organ hat nach dem Naturgesetze eine vorherrschende Thätigkcit, harmonisch wirken sie alle nach gleichen Regeln auf dasselbe Ziel hin. In gleichem Verhältnisse zu sich selbst und in entsprechendem zu dem Körper steht der Geist. Der Verstand, früher durch seine unvollkommenen Versuche von Thätigkcit nur so oft auch die andern geistigen Vermögen auf Abwege führend oder von ihnen gänzlich mit fortgerisscn und unterjocht, macht seine bisher schlummernde Kraft geltend; nicht mehr versucht der Mann die ihm cntgcgcnstchcndcn unübcrstciglichcn Hindernisse durch den Willen und die Kraft zu zermalmen, er sucht sic durch Beharrlichkeit hinwcgzuräumcn oder durch Klugheit zu umgehen; nicht mehr sucht er in d- r Ferne die Befriedigung seiner Wünsche, er ergnift 6 Entwickelung das Nahe, ihm Vorliegende und die Sorge, die den Jüngling zur Verzweiflung trieb, ist dem Manne eine Gewohnheit geworden, die mit seinem Dasein eng verknüpft seine Thätigkeit ansiwrnt und ihn den Lohn derselben inniger empfinden läßt. Die Gatten- und Vaterfreu- den, die nach dem Begriffe der idealen Entwickelung nun eintreten, sind an die Stelle der gestaltlosen Träume getreten, die des Jünglings Brust schwellten. Dasselbe findet beim Weibe statt. Eine erfolgreichere Thätigkeit, befriedigender als die der Jungfrau, hat die Stelle der früher« eingenommen; das innere Haus zu regieren, die Pflichten der Gattin und Mutter zu erfüllen, ist die hohe Aufgabe des Weibs, bei deren Lösung ihm das angeborene tiefere Gefühl und der gewöhnlich feiner als bei dem Manne ausgebildete Verstand zu Hülfe kommen, während auch der Wille weniger durch seine Äußerungen im Schaffen als durch Consolidirung in sich selbst durch Festigkeit und Charakter die Vollendung seiner Entwickelung erkennen läßt. Der Ernst des Lebens läßt dem Weibe die Freuden, die es so oft mit Schmerzen und körperlichen Anstrengungen erkaufen muß, doppelt empfinden, und körperlich und geistig zu der Stelle befähigt, die es einnimmt, blickt eS auch in manchen Zuständen, welche vermehrte Sorge, ja selbst Gefahr verkünden, der Zukunft muthig und getrost entgegen. Schon die letzten Stadien dieser Periode lassen ein Zurückgehen der Kraft nicht verkennen und mit dem Aushören der Zeugungsfähigkcit ist auch das Alter gekommen und die sogenannte Jnvolutionsperiode beginnt. Ebenso allmälig, wie der Gipfel der Ausbildung erstiegen wurde, schreitet der Organismus wieder zurück. Die Fülle in den Muskeln, Knochen, Nerven, Blutgefäßen u.s. w. schwindet, indem die Aufsaugung über die Reproduktion die Ober- Hand gewinnt. Sowie der Körper bei den sonst gewohnten Anstrengungen bald ermüdet, so läßt auch der Geist in seiner Thätigkeit und Schärfe nach und, erhält sich das Leben noch lange, so tritt ein Zustand ein, der in körperlicher und geistiger Hinsicht dem des Kindesalters nicht unähnlich ist. Endlich, wenn der Tod aus Alterschwäche erfolgt, hört das Leben auf, und der Mensch sinkt zur Erde nieder, wie die überreife Frucht von selbst abfällt, wenn sie nicht gebrochen wird. Der Körper löst sich in seine Elemente auf und der Geist eilt einem andern Dasein entgegen. Dies ist der^Vcxjauf-d" menschlichen Entwickelungen im Ideal, aber nur selten, vielleicht nie gelingt es der Natur, einen Sterblichen aus einer Entwickelungsperiode in die andere durch so sanfte Übergänge ohne Abweichungen von dieser Cirkelbahn hindurchzuleiten. Die Entwickelungen des eingeborenen Menschen sind ebenso besondern krankhaften Abweichungen unterworfen als die später folgenden, und ein jedes Lebensalter hat seine besondern Krankheiten, die mit den Veränderungen, die die fortschreitende Ausbildung des Organismus bedingt, im genauesten Zusammenhänge stehen. Die drei Wohnungen der edelsten Organe des Körpers, die Schädel-, die Brust-, und die Unterleibshöhle, werden auch der Reihe nach die hauptsächlichsten Sitze der Krankheiten und die einzelnen Veränderungen des Körpers sind häufig von Störungen begleitet, die den Namen Entwickelungskrankheiten führen. Daß die Entwickelung des ungeborcnen Menschen verschiedenen Krankheiten unterworfen sei, zeigt deutlich die Beschaffenheit mancher Neugeborenen. Die gänzliche Verschiedenheit der Lebensart des neugeborenen Kindes von der im mütterlichen Körper, die neue Form des Blutumlaufs und der Respiration, die neue viel kräftigere Nahrung und die damit verbundene Veränderung in der Verdauung, die veränderte Thätigkeit der Haut, das Zurücktreten der Function der Leber und die anhebendc, vorher noch gar nicht cristirende Beschäftigung der Sinne machen das Erscheinen der vielen sogenannten Kinderkrankheiten (s. d.) vollkommen erklärlich. Vorzüglich aber ist das Gehirn dasjenige Organ, welches allen andern im Streben nach Ausbildung voraneilend, auch den heftigsten Angriffen aus- gesetzt ist und bei jeder Störung der andern Functionen am leichtesten in Mitleidenschaft gezogen wird. Eine im weitern Verlaufe als besonders wichtig sich darstellende Periode ist die des Hervorbrechens der ersten Zähne (s. Zahn), welche oft zu mancherlei Störungen im Organismus Anlaß gibt. Beim Eintritt in das Juqendalter sind die Entwickelungen im Sexualsystem beider Geschlechter häufig Ursachen zu Krankheiten, hauptsächlich aber bringt die zu schnell oder zu langsam fortschreitende Veränderung im Bau der Brusthöhle eine Anlage zu Brustkrankheiten, welche durch diese ganze Periode dauert, gewöhnlich bis in die nächste hinübcrragt und dem Leben sehr oft ein frühes Ziel setzt. Das gcsündeste von allen Entwöhnen Entzündung 7 ist das «ist Alter, wo alle Theile des Körpers in inniger Harmonie stehen; jedoch nur selten dauert diese Harmonie so lange als dieses Alter, gewöhnlich kommt in der zweiten Hälfte desselben eine Neigung zu Beschwerden der Unterleibsorgane zum Vorschein, namentlich ist sehr häufig das Erlöschen der Zeugungsfähigkeit beim weiblichen Geschlecht zwischen dem 4V. und 5V. Lebensjahre von bedeutenden Störungen begleitet. Das Ereisenalter endlich begünstigt vorzüglich die Krankheiten, die von Stockungen in den Functionen der verschiedenen Organe hcrrühren, z. B. Wassersucht, Gicht u. s. w., sowie auch nun bei weniger lebhaftem Widerstande der Lebenskraft die Folgen früherer Krankheiten stärker hervortreten. Vgl. Jörg, „Der Mensch auf seinen körperlichen, gemüthlichen und geistigen Entwickelungs- stufen" (Lpz. 1829) und Henke, „Über die Entwickelungen und Entwickelungskrankheiten des menschlichen Organismus" (Nürnb. 1814). Entwöhnen, s. Säugen. Entzündung (inllammstio, zchlegmssi» oder pi>Iogo5is) heißt der krankhafte Zustand eines Theils oder Organs, durch welchen die Bildungsthätigkeit in diesem erhöht wird, und der sich durch Schmerz, Geschwulst, vermehrte Nöthe und Wärme in demselben kundgibt. Zu diesen Erscheinungen gesellen sich oft noch Störung der Function des ergriffenen Organs, Fieber, eine allgemeine Zurückhaltung der Absonderungen oder der Stricturzustand und die gewöhnlichen Krankheitssymptome. Eine eigenthümliche Erscheinung, die bei den meisten Entzündungen vorkommt, ist die Speckhaut (crusta mllsmmstoris), eine auf der Oberfläche des aus der Ader gelassenen Bluts sich mehr oder weniger schnell bildende, feste, zähe Haut von grüner, grauer oder gelblicher Farbe. Jedes Lebensalter, jedes Geschlecht, jedes Temperament und jedes Klima ist den Entzündungen ausgesetzt; besonders begünstigt werden sie aber von dem Kindes-, Jugend-und Mannesalter, dem sanguinischen und cholerischen Temperament, der heißen und kalten Zone. Ebenso ist jedes Organ der Entzündung zugänglich, ausgenommen die hornartige, dünne Oberhaut, die Haare und die Nägel, welche sämmtlich weder Blutgefäße noch Nerven haben, besonders aber die Organe, welche der Einwirkung schädlicher Einflüsse am meisten bloßgestellt sind, z. B. Augen und Lungen. Als Gelegcnhcitsursachen wirken mechanische und chemische Verletzungen der Organe, fremde Körper in oder an denselben, allzu heftige Anstrengung derselben, schneller Wechsel der Temperatur, unterdrückte Ausleerungen von Blut und andern Säften (Fußschweißen), heftige Gemüthsbcwcgungen u. s. w. Die Tendenz der Entzündung ist immer die Aussonderung eines KrankhcitSproducts, welches in den meisten Fällen plastische Lymphe ist. Sowie dieses Bestreben bei Entzündung, die durch Verwundungen hcrbeigeführt wurde, die getrennten Theile wieder vereinigt (inllsmmstia sckbaesiva), so ist cs auch bei Entzündungen innerer Organe die Ursache von Verwachsungen, Verschließungen von Kanälen, Verhärtungen u. s. w.; demnach ist cs dort heilsam, hier schädlich. Bei höher» Graden der Entzündung und in sehr gefäßreichen Organen tritt leicht Eiterung und bei völliger Besiegung der Lebenskraft des befallenen Organs Bra n d (s. d.) ein. Der günstigste Ausgang ist die Zcrthcilung (i-esolutio), wobei sich unter allmäligem Nachlassen aller Symptome nach und nach der vorige Zustand des Organismus wiederherstellt. Die wichtigsten Unterscheidungen der Entzündungen sind folgende. Acute Entzündungen nennt man die schnell und mit deutlichem Fieber verlaufenden und daher in Zeit von einigen Wochen beendeten, chronischc dagegen solche, die sich länger hinausziehen, ohne daß der ganze Organismus bedeutenden Antheil daran nimmt, die jedoch durch ihre Dauer oft genug verderblich werden; active oder sthe- nische sind solche, bei denen der Eesammtorganismus seine Theilnahme durch eine allgemeine Aufregung kundgibt, passive oder asthenische gesellen sich zu nervösen oder fauligen Fiebern oder gehen in solche über, machcnweniger Aufregung, gehen aber leicht in Braud »der Verschwärung über. Nach andern Gesichtspunkten, den Theilen, die eine Entzündung befällt, den Ursachen, durch die sie herbeigeführt werden, den Krankheiten, mit denen sie gemeinschaftlich austrcten u. s. w. sind auch andere Classificationen ausgestellt worden. Bei der Behandlung ist fast immer zuerst darauf hinzuarbeiten, den Reiz, der die Entzündung veranlaßte, zu entfernen oder wenigstens so viel möglich abzustumpscn, ein Ziel, zu welchem die verschiedenste» Mittel führen. Ein Hauptmittcl ist die Blutentziehung, sowol die allgemeine durch den Aderlaß als die örtliche durch Blutegel, Schröpfen u. sw-, und oft sind diese 8 Enveloppe Enzio Mittel allein schon hinreichend, die Macht einer Entzündung zu brechen. Übrigens erfodern diese Krankheiten, besonders wenn sie innere Organe befallen, fast stets eine strenge entziehende Diät, die auch jede psychische Aufregung zu vermeiden gebietet. Das eigentliche Wesen der Entzündung, dieProcesse, welche in der entzündeten Stelle vor sich gehen, sind noch nicht völlig enthüllt und haben von Hippokrates an bis auf die Gegenwart die Pathologen vielfach beschäftigt; allein noch ist nach allen Theorien, die darüber aufgestellt worden sind, der Gegenstand nicht einmal so weit aufgehcllt, daß eine vollständig genügende Definition von Entzündung gegeben werden kann. Vgl. Thomson, „I-ectures vn intlsmnwtion" (Edinb. 1813; deutsch von Krukenberg, 2 Bde., Halle 182 V—21) und Gendrin, „Ristoire sna- lomigne lies inkammstions" s2 Bde., Par. und Montpell. 1826; deutsch von Radius, 2 Bde., Lpz. 1828—29). Enveloppe oder Mantel heißt ein fortlaufender Wall, welcher in einigen Festungen statt der Außenwerke den Hauptwall umschließt, oder auch vor jenem als eine zweite Umfassung dient. Envoye's, s. Gesandte. Enyallos, ein Beiname des Ares bei Homer, wird auch oft für diesen Gott selbst gebraucht; später erscheint E. als Sohn des Ares und der Enyo und ist ein besonderer Kriegsgott neben seinem Vater. Enyo, die Kriegsgöttin und Begleiterin des Ares in der Schlacht, entspricht dcrBel- lona (s. d.) der Römer. Enzian (Lentians) ist eine namentlich auf den Bergen der Schweiz und Tirols wild wachsende officinelle Pflanze, die aber auch in manchen Gegenden Deutschlands cultivirt wird. Aus der Wurzel bereitet man durch Auskochen einen Extract, durch Ausziehen mittels Weingeist eineTinctur. Beide Flüssigkeiten sind sehr kräftige, tonische, magcnstärkcndc Mittel. Einige Arten des Enzian werden auch als Zierpflanzen in den Gärten angepflanzt. Enzw oder Enzius, König von Sardinien, war zu Palermo 1225 geboren, der Sohn Kaiser Fricdrich's II. mit dem edeln Fräulein Bianca Lancia, der thätigste und treueste Thcilnehmcr seiner Kämpfe, ausgezeichnctdurch Anlagen und besonders durch seine körperliche Schönheit. Ersscht schon in der Schlacht bei Cortcnuova 1237 mit seinem Vater gegen die aufrührischcn Lombarden und besiegte hierauf seine Mitbewerber um die Hand der reichen Adelasia, der verwitweten Beherrscherin von Sardinien und Corsica. Fünfzehn Jahre alt, ward er mit derselben vermählt und erhielt in Folge dessen von seinem Vater den Titel eines Königs von Sardinien. Zugleich zum Statthalter von ganz Italien ernannt, traf ihn, als er dort einen Platz nach dem andern eroberte und bereits gegen die Mark Ancona vorrückte, mit seinem Vater am l l.Nov. 123g der Bannstrahl Gregor's IX., was ihn aber nicht hinderte, in dem angcfangcnen Werke fortzufahren. Den größten Ruhm erwarb er sich durch den 1241 erfochtenen Sieg über die genuesische Flotte. Der Papst hatte nämlich eine K'irchcnversammlung nach Rom berufen und die Prälaten eilten, trotz des Kaisers Verbot, auf der mit dem Papst verbündeten genuesischen Flotte herbei. In der Nähe von Livorno bei der kleinen Insel Meloria traf E. am 3. Mai 1241 die Flotte in Verbindung mit -er sicilisch-pisanischcn, schlug sie und nahm drei päpstliche Legaten und über 166 Erzbischöfe und Bischöfe gefangen; auch machte er dabei eine unermeßliche Menge Beute, besonders an Geld, sodaß er zum Hohn die gefangenen Prälaten in silbernen Fesseln in die festen Schlösser Apuliens und CalabrienS brirtgen ließ. An der Spitze der Modeneser in der Schlacht bei Fossalte am 2g. Mai 1249 gegen die Bologneser gerieth E- in Gefangenschaft, in welcher er dis an seinen Tod festgchalken wurde. Vergebens schrieb der Kaiser abwechselnd bittende und drohende Briefe um die Freiheit seines Lieblingssohns, vergebens bot er als Lösegeld einen silbernen Ring von dem Umfange der Mauern der Stadt Bologna. Die Bürger machten ein Gesetz, kraft dessen sie die Freilassung E.'s für immer untersagten. Selbst die List seiner Freunde, Piedro de' Asinelli und Rainerio de' Gonfalonicri, den Gefangenen in dem großen Weinfasse, in welchem man ihm vonZeit zu Zeit Wein brachte, versteckt zu entführen, misglücktc; eine Locke seines schönen blonden Haupthaars, die aus dem Spundlochc, wodurch E. Lust schöpfen sollte, hervorragte, verrieth den geheimen Plan, und E. wurde hierauf wenn auch nicht, wie gefabelt wird, in einen eisernen Käfig, doch in strenger Hast und sin- Eon de Bcaumonr Epakten 0 stcrer Einsamkeit gefangen gehalten. Er starb am 15. Marz 1272. Mit königlicher Pracht bestatteten die Bologneser seine Leiche in der Kirche des heil. Dominicus, wo eine gekrönte Bildsäule von Marmor und eine Inschrift seine Grabstätte bezeichnen. E.'s Geschichte legte Raupach seinem Trauerspiele „König Enzio" zum Grunde. Mit Lucia Vindageli stand E. in einem romantischen Liebesverhältniß, und dieser Verbindung soll die Familie der Bcnti- boglio ihren Ursprung verdanken. Vgl. Münch, „König E." (Ludwigsburg 1827). Eon de Beaumont (Charl. Eenevievc Louis Auguste Andre Timothce d'), bekanntunter dem Namen Chevalier d'Eon, wie durch die Zweifel, die man in sein Geschlecht setzte, war;uTonnerreinBourgogneam5.Oct. 1728geborcn. Er studirte die Rechte, wurde Advocat und machte sich durch einige politische Schriften dem Prinzen von Conti bekannt, auf dessen Empfehlung er von Ludwig XV. eine schwierige Sendung an den russ.Hof erhielt. Hier gewann er durch sein einschmeichelndes Betragen die Gunst der Kaiserin Elisabeth, leitete fünf Jahre den geheimen Briefwechsel derselben mit Ludwig XV., brachte cs auch zu einem Bündnisse mit Rußland und Frankreich und wurde dafür von dem Könige zum Gesandtschaftssecretair in Petersburg ernannt. Er wirkte mit zum Sturz des russ. Kanzlers Bestuzcw und zur Erhebung des Grafen Woronzow an dessen Stelle. Nach der Rückkehr nach Frankreich im I. 1758 betrat er kurze Zeit nicht ohne Auszeichnung die kriegerische Laufbahn und folgte dann dem Herzoge von Nivernois als Gesandtschaftssecretair nach London. Hier spielte er als geheimer Agent dieselbe Rolle wie in Petersburg und führte einen geheimen Briefwechsel mit Ludwig XV. Als der Herzog nach Frankreich zurückging, blieb er als Resident in London und wurde später zum bevollmächtigten Minister ernannt. Wahrscheinlich auf des Herzogs Veranlassung, den er sehr beleidigt, wurde er durch eine Hofcabale gestürzt, von dem Könige mit scheinbarer Ungnade entlassen, aber fortwährend von demselben zu der geheimen Correspondenz gebraucht. Nach Ludwig's XV. Tode nahm man darauf Bedacht, ihn zurückzurufen, weil man fürchtete, er könne die in seinen Händen befindliche» Geheimnisse an das engl. Cabinet verrathen, das ihm glänzende Anerbietungen machte. Auf Befehl Ludwig's XV. hatte er durch Anlegung weiblicher Kleider sein Geschlecht zweifelhaft machen müssen; den Scandal, den dieser Umstand fortwährend in London erregte, nahm man zum Vorwände, um seine Zurückberufung zu beschönigen. Einer Einladung des Ministers Vergcnnes zufolge, mußte er 1777 zu Versailles erscheinen, wo er sehr günstig ausgenommen wurde, aber von Ludwig XVI. von neuem den Befehl erhielt, sich auch künftig weiblicher Kleider zu bedienen. Die Ungelegenheitcn, die ihm die Erfüllung dieser Weisung zuwege brachte, bewogen ihn auf eine Einladung des Barons von Brcteuil 1783 wieder nach London zu gehen. Nach dem Ausbruche der franz. Revolution eilte er in sein Vaterland zurück und bot demselben seine Dienste an; allein damit abgcwicsen, mußte er wieder nach London wandern und wurde dann als Abwesender auf die Emigrantenliste gesetzt. Seit dieser Zeit war er von Unfällen verfolgt und versank, nachdem er seine Bibliothek und Kostbarkeiten verkauft, in eine so dürftige Lage, daß er sein Brot mit Fcchtstunden zu erwerben suchte. Durch Alter und Krankheit vollends nicdergebeugt, empfing er Unterstützung von seinen Freunden. Er starb am 21. Mai 1810. Eine gerichtliche Untersuchung setzte sein männliches Geschlecht außer Zweifel, wiewol die Gründe nicht bekannt worden sind, warum er sich weiblich kleiden mußte. Seine Werke erschienen unter dem Titel „I.nisirs > ist, zuerst um 30 vermehren und dann 11 davon subtrahiren. So ist die gregorianische Epakte des Jahrs 1811 gleich 22 weniger 11 oder gleich 11. Gegenwärtig hat die ganze Lehre von den Epakten nur noch einen sehr untergeordneten Werth. Epaminondas, der vorzüglichste unter den theban. Feldherren und Staatsmännern, der sein Vaterland eine Zeit lang auf den höchsten Gipfel des Ansehens und des Glücks erhob, war 111 v. Ehr. geboren. Er stammte durch seinen Vater Polymnis aus einer alten, aber verarmten edeln Familie, lebte bis zu seinem 10. Jahre in Verborgenheit und genoß den Unterricht des Pythagoreers Lysis, der ihn zu den erhabenen Ideen, die sein Leben schmückten, begeisterte. Bei seinem ersten Auftreten in Sparta, wohin die Thebancr ihn nebst Andern gesendet hatten, um den zwischen beiden Staaten ausgebrochenen Krieg vermittelnd zu beendigen, zeigte er ebenso viel Festigkeit und Würde als Ncdnertalent und verweigerte standhaft die Freigebung der von den Thebanern besetzten Städte Böotiens. Als der Krieg fortgesetzt wurde und E. den Oberbefehl erhielt, schlug er mit 6000 M. in Verbindung mit seinem Freunde Pelopidas das doppelt so starke feindliche Heer 378 v.Chr.beiLeuktra. ZweiJahre darauf mit Pelopidas zum Böotarchcn ernannt, drang er mit diesem in den Peloponnes ein, bewirkte den Abfall mehrer mit Sparta verbundenen Völkerschaften und wendete sich hierauf gegen Sparta, das jedoch von Agesilaus tapfer vertheidigt wurde. In Theben empfing man ihn bei seiner Rückkehr mit einer Anklage, weil er mit Pelopidas das Böotarchat über die gesetzmäßige Zeit behauptet hatte; doch wurde er in Folge seiner offenen und nachdrücklichen Entgegnung freigesprochen. Als ein neuer heftiger Kampf zwischen Sparta und Theben sich entspann, drang E. wieder in den Peloponnes ein und rückte plötzlich vor Sparta; allein Agesilaus nöthigte ihn abermals zum Rückzüge. Um dieses vereitelte Unternehmen auszugleichen, zog er mit 33000 M. nach Arkadien, wo die feindliche Hauptmacht stand. Hier kam es 363 v. Chr. bei Mantinea zur Schlacht, in welcher er, indem er an der Spitze der Seinen in die spartanische Phalanx einbrach, durch einen Wurfspieß tödtlich verwundet wurde. Als die Ärzte erklärten, daß er sterben würde, sobald man das Eisen aus der Wunde Epaphos Epeios II zöge, riß er es auf die erhaltene Sicgesnachricht selbst heraus mit den Worten: „Ich habe genug gelebt." Seine Sittenreinheit, Rechtlichkeit und Milde wird von den Alten ebenso sehr gepriesen wie sein Feldherrntalent, und namentlich rühmen sie von ihm, daß er sich nickt einmal im Scherze eine Unwahrheit erlaubt habe. Vgl. Bauch, „E. und Thebens Kampfum die Hegemonie" (Bresl. 1834). Epäphos war der Sohn des Zeus von der I o (s. d.), den diese in Ägypten gebar, nachdem sie wieder menschliche Gestalt erhalten hatte. Gleich nach der Geburt raubten ihn auf Antrieb der Here (Juno) die Kureten, aber Jo fand ihn, nachdem letztere von dem Zeus mit dem Blitze getödtet worden waren, an der Grenze Äthiopiens bei der Königin von By- blos wieder und führte ihn nach Ägypten zurück. Hier wurde er König, vermählte sich mit des Nilos Tochter, Memphis, und baute die gleichnamige Stadt. Mit der Memphis zeugte er die Libya, von der Libyen den Namen bekam, und die Lysianassa, die Mutter des Busiris. Epee (Charl. Michel, Abbe de l'), einer der Begründer des Taubstummenunterrichts (s. d.), wurde am 25. Nov. 1712 zu Versailles geboren, wo sein Vater als königlicher Architekt angcsiellt war, und widmete sich dem geistlichen Stande. Da er aber nach Vollendung seiner Studien, l 7 Jahre alt, bei Erlangung der Priesterweihe das bei Gelegenheit der jansenistischen Rcligionsstreitigkeiten cingcführte Formular zu unterzeichnen sich weigerte, wurde er von der Bewerbung um ein geistliches Amt ausgeschlossen, studirte nun die Rechtswissenschaft und wurde Parlamentsadvocat. Dieser Beruf sagte ihm aber nicht zu, und durch Bossuet's Einfluß wurde er Prediger und Kanonicus zu Troyes, wegen seiner jansenistischen Grundsätze aber durch den Erzbischof von Paris von dieser Stelle wieder entsetzt und ihm sogar der Religionsunterricht untersagt. Er lebte nun von seinem nicht bedeutenden Vermögen in der Zurückgezogenheit in Paris. Im I. 1755 erhielt er zuerst Veranlassung, sich mit dem Unterrichte zweier taubstumm geborenen Schwestern zu beschäftigen, und erfand, ohne, wie er versichert, von Pereira's auch in Frankreich bekannten Bemühungen um den Unterricht der Taubstummen etwas zu wissen, eine Zeichensprache, um Taubstumme der menschlichen Gesellschaft zuzuführcn. Da er seine ersten Versuche mit glücklichem Erfolge gekrönt sah, entschloß er sich, sein ganzes Leben diesem Geschäfte zu widmen. Äuf seine Kosten gründete er eine Anstalt für Taubstumme, deren Ausbildung er sich mit rastlosem Eifer unterzog. Sein ganzes Einkommen und Älles, was ihm menschenfreundliche Gönner, z. B. der Herzog von Pcnthievre, zukommen ließen, verwendete er auf Erziehung und Pflege seiner Zöglinge, für deren Bedürfnisse er mit solcher Aufopferung sorgte, daß es ihm selbst oft am Allernothwendigstcn fehlte. Sein Mitleiden mit einem taubstummen Jünglinge, den er 1773 auf der Straße von Peronne mit Lumpen bedeckt fand, brachte ihn in viele Verdrießlichkeiten. E. glaubte nämlich in diesem Verlassenen den ausgestoßcnen Erben der reichen gräflichen Familie Solar zu entdecken und foderte dessen Rechte zurück. In Folge eines Processes wurde derselbe allerdings >781 als GrafSolar anerkannt und inscincNechtc eingesetzt; nach dem Tode E.'s jedoch und des Herzogs von Pcnthievre ward 1792 das Ur- theil umgestoßcn, wodurch der junge Mann, seiner Ansprüche verlustig erklärt, ins tiefste Elend gcrieth. Bouilly benutzte diesen Stoff zu einem Schauspiele unter dem Titel „IVrckl-e » veritsble nianiere cl'iustruire ies sourels et muets" (Par. 1784,12.) erschien. Eperos oder Epeus, der Sohn des Panopeus, war nach Diktys mit 39 Schiffen von den Cykladischen Inseln nach Troja gezogen. Er erbaute unter Athene's Beistand das hölzerne Roß, in dessen Bauch er nach Virgil selbst mit stieg. Zu Metapont im Tempel der Athene zeigte man noch spät die Instrumente, welche er dazu gebraucht hatte. Bei Homer erscheint er als gewaltiger Faustkämpfcr und tragt bei den Leichenspiclen des Patroklus den Preis davon. Nach Stcsichorus hingegen war er ein bloßer Diener und Waffenträger der 12 Epenthesis Epernon Atriden, und als solcher war er auch im Apollo-Tempel zu Carthea auf derZnsel Ceos gemalt. — Epcios hieß auch der Sohn des Endymion, der seine Brüder, Päon und Ätolus, im Wagcnrcnnen besiegte und daher auf seines Vaters Anordnung in der Regierung folgte. Epenthksis ist eine grammatische Figur, die in der Einschiebung eines Buchstaben oder einer Sylbe besteht, z. B. im Lat. Xleumene statt XIcmene, Nsvors statt blars, und im Deutschen „gcwöhniglich" statt „gewöhnlich", „Kindelein" statt „Kindlein". Eperies, eine königliche Freistadt in Oberungarn, im saroser Comitat, dcrVcrsamm lungsort des Adels der Gespanschaft, liegt in einer höchst anmuthigcn Gegend und ist nächst Kaschau die schönste Stadt Oberungarns. Sic zählt gegen 7700 deutsche und slowakische Bewohner, darunter über 630V röm. und gricch. Katholiken, gegen 1300 Reformirte und etwa 80 Juden, und hat vier katholische Kirchen, ein protestantisches Bethaus, eine Synagoge, ein katholisches Gymnasium, ein evangelisches Districtualcollegium, eine Nvrmalhaupt- schule und ein Franciscanerkloster. Die schönsten öffentlichen Gebäude sind die St.-Nikolas- kirche, das Comitatshaus und das Capitelshaus. Die Einwohner verfertigen Leinwand und Tücher und treiben Handel sowol mit diesen Productcn wie mit Wein, Vieh und Getreide. E. soll seinen Ursprung einer von König Geysa II. um die Mitte des 12. Jahrh. hierher geführten deutschen Kolonie verdanken und war schon hundert Jahre später ein blühender Ort. Im I. 1374 wurde es zur königlichen Freistadt erhoben, später befestigt und mit einer Menge Freiheiten begabt; doch hatte sie auch im Laufe der Zeit durch Krieg, Pest und andere Unglücksfälle, und namentlich hatten die Protestanten wiederholte Verfolgungen zu erleiden. Eperncly (lat. Spsrnscum), eine Stadt in der Champagne, im Departement der Marne, am linken Ufer dieses Flusses, mit etwa 5000 E., ist berühmt als der Haupthan- delsplatz der rothen, weißen, moussirenden und nicht moussirenden Champagnerweine. Merkwürdig sind insbesondere die in den weichen Kreidcbodcn getriebenen Keller, welche hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Verschlingungen den Labyrinthen der Alten sich vergleichen lassen. Auch liefert die Stadt schöne Töpferwaarcn, die unter dem Namen 'I'«rre «le ^lmm- p-ixno in den Handel kommen. An der Stelle E.s stand bereits im 6. Jahrh. ein Schloß, das dann an die Kirche zu Rheims kam. Der öftere Aufenthalt der Bischöfe von NheimS daselbst veranlaßt« die Erbauung der Stadt, die im S. Jahrh. zum Schuhe gegen die Nor- manner mit einer Citadclle versehen wurde. Nachher bemächtigten sich der Stadt die Grafen von Champagne; um die Mitte des 16. Jahrh. kam sie an das Herzogthum Chatcau- Thicrry und wurde eine Castellanei. Epernon, eine kleine Stadt im franz. Departement Eure und Loir, war früher eine Herrschaft des Hauses Bourbon-Vendöme und wurde von Heinrich von Navarra an Jean Louis Nogaret de la Valette, einen Edelmann aus der Gegend von Toulouse, verkauft, der, nachdem er sich viel Ruhm in den Kriegen gegen die Hugenotten erworben, 157 5 starb. — Seine Söhne wurden von ihrem Oheim, dem Marschall von Bellcgarde, bei Hofe eingcführt und unter die sogenannten mignons Heinrich's III. ausgenommen. Der ältere, Bernard, mußte jedoch dem jüngern in der Gunst weichen, worauf er das Amt eines Gouverneurs der Dauphine und 1583 die Verwaltung der Provence erhielt. Als Anführer des königlichen Heers siel er 1592 vor Binon, indem er die Liguisten und den Herzog von Savoyen zu schlagen im Begriff stand.— Sein Bruder, Jean Louis von Nogaret de Caumont, bekannt durch lasterhaften Umgang mit Heinrich III., wurde von demselben 1581 zum Herzoge von Epernon, Kammcrherrn, Admiral von Frankreich und Generaloberst der Infanterie erhoben. Maria von Medici, deren Absichten auf die Regentschaft er unterstützte, gab ihm das Gouvernement von Guienne. Wegen seiner Händel mit dem dortigen Parlament, seiner Zwietracht mit dem Erzbischof, Cardinal von Sourdis, den er mit dem Stocke mishandelte, seiner zahllosen Verbrechen und Unthatcn, rief ihn 1638 Ludwig XIll. von seinem Posten ab. Er soll am Morde Heinrich's IV. Theil genommen haben. Tapfer und von großer Energie des Charakters, besonders ein tüchtiger Krieger, verdunkelte er diese Eigenschaften durch Grausamkeit, Geiz und Verschwendung. Er starb am >3. Jan. 1643. — Sein Sohn, Bernard deFoix und delaValctte, folgte seinem Vater nicht nur in der Hcrzogswürdc sondern auch im Gouvernement von Guienne, wo er sich gleich abscheulich benahm. Besonders ist er bekannt durch seine Unterstützung des Cardinals Mazarin Ephelien Epheleu 13 gegen das Parlament von Bordeaux, weshalb er sein Amt auch beim Sturze des Ministers lücdcrlegen mußte. Er starb >660 und mit einer Nichte erlosch das Haus Epernon. Ephkben hießen bei den Griechen vorzugsweise die Jünglinge vom 16. — 18. Lebensjahre, welche während dieser Zeit außer den gymnastischen Übungen besonders die Schulen der Grammatiker, Rhetoren und Philosophen besuchten und gewöhnlich, wie dies in Attika und Böotien der Fall war, unter der spcciellen Aufsicht eines Gymnasiarchen standen. Unter Ephebie verstanden die Athener den Eintritt in die bürgerliche Mannbarkeit oder Mündigkeit, der nach Ablauf des 18. Lebensjahrs stattfand und unter besonder» Feierlichkeiten öffentlich vorgenommen wurde. Ephemeren oder Eintagsfliegen sind Insekten aus der Ordnung der Netzflügler von geringer Größe, zartem Baue und mit vier durchsichtigen Flügeln versehen. Ihre Larve lebt im Wasser und braucht einige Jahre zur Verwandlung. Dic ausgcbildcten Thiere erscheinen stets in großen Mengen zugleich, keine aber in solchen, einem Schneefalle gleichenden Zahlen alsdie gemeine Eintagsfliege (k. ulb!pei»«8), die in Deutschland gegen Anfang des Monats August an Flüssen vorkommt, und ehedem manchen abergläubischen Schrecken veranlaßte. Das vollkommene Thier scheint nur wenige Stunden zu leben, nimmt keine Nahrung zu sich, sondern begattet sich nur und fällt dann todt zur Erde. Ephemeriden nennt man eigentlich Schriften, in welchen Tagcsvorfälle nach der Ordnung der Tage ausgezeichnet werden; dann Zeitungen und andere periodische Blätter, und endlich Schriften, worin die tägliche Witterung ausgezeichnet ist. Insbesondere versteht man unter Ephemeriden astronomische Tafeln, worin die täglichen Stellungendcr Sonne, des Monds, der Planeten und die übrigen Erscheinungen am Himmel verzeichnet sind. Diese letztem wurden namentlich seit Keplcr's Zeiten allgemein. Die ersten gab Purbach für die I. 1450—61 heraus; weit genauer sind die von Rcgiomontan für 1474, dessen Ephcmc- riden mit dem allgemeinsten Beifalle ausgenommen wurden; und die spätem von Stöfler, Leovitius, Origanus, Kepler, Manfredi, Zanotti u. A. Gegenwärtig sind die vorzüglichsten die pariser „Oonnaissauce cke81emj>8", der londoner „k^antical »Imanuc", die „blllomerick! lli Nilano", die früher unter Bodc's, jetzt unter Enckc's Redaction zu Berlin erscheinenden „Astronomischen Jahrbücher oder Ephemeriden" und Schuhmacher's „Jahrbuch". Ephösus, eine von den zwölf ionischen Städten in Kleinasien, der Mittelpunkt alles Handels von Vordcrasien, wozu der geräumige Hafen Vieles beitrug, in dem mythischen Zeitalter auch Ortygia und Ptelea genannt, wurde nach Strabo von Androklus, dem Sohne des Kodrus, nach Justin von den Amazonen erbaut. Durch Lysimachus befestigt, galt sie namentlich zur Zeit der Römer für die bedeutendste Metropolis in der Provinz Klcinasien. Nachmals öfter erobert und dabei theilwcise zerstört, wurde sic vollends verheert durch Tamcrlan. An ihrer Stelle steht jetzt das ärmliche Dorf Asaluk oder Aja-Soluk. Besonders berühmt war sie im Altcrthume durch den zwischen der Stadt und dem Hafen gelegenen und zu den Wunderwerken der Welt gezählten Dianentempcl, das Artcmision, als dessen erster Baumeister Chcrsiphron oder Ktesiphon von Kreta genannt wird. Er war von ionijcher Bauart, 425 F. lang, 200 F. breit und mit 127 Säulen, jede 60 F. hoch, geziert; an ihm sollen die gesummten Völker Klcinasicns 220 Jahre gearbeitet haben. Noch merkwürdiger als der Tempel selbst waren die darin ausgestellten zahllosen Bildsäulen und Gemälde der berühmtesten Meister Griechenlands. Als er durch Herostratus im 1.656 v. Ehr. in der Nacht der Geburt Alexander des Großen niedcrgebrannt worden war, ward er von den Ephesicrn noch prächtiger als früher wieder aufgebaut, wozu selbst die Frauen durch Aushändigung ihres Geschmeides beisteuerten. Von neuem wurde er seiner Schätze durch Nero beraubt und dann durch die Gothen 262 n. Ehr. ausgeplündert und niedcrgebrannt. Besondere Forschungen über denselben haben Hirt, Choiseul, Prokcsch und Fellows angc- stcllt. In der Kirchengcschichtc ist E. berühmt durch den Aufenthalt des Apostels Paulus und durch die 4SI und 449 daselbst gehaltenen ökumenischen Kirchenvcrsammlungcn, deren letztercwcgen der Tätlichkeiten, die dabei stattfandcn, die Näubcrsynode genannt wird. Epheten hießen in Athen die bereits von Drakon eingesetzten 51 Criminalrichtcr, welche in den vier Gerichtshöfen, dem Palladium, Delphinium, Prytancum und Phreatto, zu Gericht saßen und über die verschiedenen Fälle des Mords und Todschlags zu entscheiden 14 Epheu Ephraim hatten; doch wurde ihre Bedeutsamkeit von Solon dadurch geschwächt, daß dieser die wichtigsten Thcile ihrer Gerichtsbarkeit dem Areopag (s. d.) überwies. Bei der Wahl derselben sah man auf edle Abkunft und einen tadellosen Lebenswandel. Bgl. Kayemann, „Vs vrigino blpbetsrum et eorum juiiicio" (Löwen 1823). Epheu (Hellers llelix), ein bekannter immergrüner Strauch aus der Familie der Hederaceen, dessen Stamm im Alter baumartig werden kann, und dessen Zweige weit umherkriechend und mittels Luftwurzeln kletternd, Wände, Felsen und Baumstämme dicht übcr- spinncn. Im nördlichem Europa überhaupt selten, istder Epheu um sovcrbreiteterin Deutschland und weiter nach Süden, wo er im Sept. und Oct. sich mit gelben Blüten bedeckt, seine Früchte aber erst im nächsten Jahre zur Reife bringt. Durch Einschnitte in die Rinde gewinnt man, besonders in der Levante, aus ihm ein wohlriechendes, jetzt zum Heilzwecke wenig gebräuchliches Harz. Als Zimmerpflanze ist der Epheu seit einigen Jahren sehrin Aufnahme gekommen, besonders seine breitblätterige Gartenvarietät, dersogenannte englische Epheu, die auch weiß oder gelbgefleckt vorkommt., Der Epheu erscheint schon in den ältesten Zeiten als berühmte und geehrte Pflanze; in Ägypten war er dem Osiris, in Griechenland dem Bacchus geweiht, dessen Thyrsus mit Epheu umrankt dargestellt wurde, und die Römer mengten ihn unter die Lorberkrone der Dichter. Ephialtes, s. Aloidcn. Ephörus war in Sparta der Titel obrigkeitlicher Personen, welche nach Einigen jchon von Lykurgus, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber von Theopompus eingesetzt wurden, um zunächst die innere Staatsverwaltung, namentlich die gerichtlichen Geschäfte, wozu ihnen ein besonderes Gebäude, Ephorion genannt, angewiesen war, zu besorgen. Eins ihrer vorzüglichsten Geschäfte war später auch die Aufsicht über die Erziehung der Jugend. Sie wurden, fünf an der Zahl, aus dem Volke gewählt und führten ihr Amt nur ein Jahr, fingen aber bald an, ihren Einfluß, der ihnen namentlich durch beliebige Einberufung von Volksversammlungen in die Hände gegeben war, über die ursprünglichen Grenzen auszudehnen und selbst die Gewalt der Könige zu beschränken. Gegenwärtig bezeichnet Epho- rus einen Aufseher oder Vorgesetzten irgend einer öffentlichen Anstalt; in der protestantischen Kirche heißt der Superintendent als der Vorgesetzte der seiner Oberaufsicht untergebenen Geistlichen Ephorus, der dcsfallsige Sprengel dieEphoric und sein Ämt EPhorat. EphökUs, ein von Polybius hochgeschätzter gricch. Geschichtschreiber aus Kyme in Äolis, ein Schüler des Jsokrates, verfaßte ein großes historisches Werk in 30 Büchern, worin er zuerst eine scharfe Trennung des Mythus und des geographischen Elements von der eigentlichen Geschichte vornahm, von dem sich aber nur wenige Bruchstücke erhalten haben, die von Meier-Merz (Karlsr. 1815) herausgegeben wurden. Ephraem Syrus, wegen seiner Verdienste um die syrische Kirche, in die er gricch. Wissenschaft verpflanzte, kropbets 8xror»m genannt, war ein Kirchenlehrer des 3. Jahrh. und wurde zu Nisibis geboren. Seine Bildung und Weihe zum Diakonus empfing er von Basilius dem Großen, lebte meist zu Edessa und zog sich erst später aus ascetischem Eifer in die Einsamkeit zurück, in welcher er ums I. 378 starb. Von dem arianischen Streite blieb E. unberührt, doch schrieb er gegen die Eunomianer. Näher lag es ihm, den Bardesanes, die Audianer, Marcioniten und Manichäer zu bekämpfen, und er that dies theils in Homilien theils in einigen seiner merkwürdigen Hymnen. Die wichtigsten seiner gricch. und syrischen Schriften, die Assemani (6 Bde., Rom 1732, fg.) gesammelt hat, sind die syrischen Com- mcntare zum Alten Testament, zu denen neuerdings noch die in einer armenischen Übersc- tzung aus dem 5. Jahrh. aufgefundene und von Aucher (Ven. 1833) herausgegebene Auslegung der paulinischen Briefe gekommen ist. Wie hoch E. als Exegct steht, hat Lengcrke m den Abhandlungen „veLl. ocripturse sscrss interprets" (Halle 1828) und „ve Lpürsemi srte llermeneuties" (Königsb. 1831) nachgewiesen. Ephraim war der wichtigste unter den zehn Stämmen des Reichs Israel und hatte seinen Namen von dem zweiten Sohne Joseph's, den Jakob zugleich mit seinen Söhnen zum Erben einsctzte. Die Geschichte dieses Stamms, dessen Wohnsitze in der Mitte des Landes Kanaan lagen, ist sehr bedeutsam für die Schicksale des gesammten Volks. Eine schon früh an ihm bemerkbare Eifersucht gegen den mächtigem Stamm Juda steigerte sich allmälig zu Ephraimiten Epicykel 15 wirklicher Gehässigkeit. Daher schloß er sich nach Saul's Tode sammt den übrigen Stämmen, die überhaupt immer auf seiner Seite waren, an Jsboseth an, um nicht dem Judäer David unterthänig zu sein. Zwar unterwarf er sich endlich noch, allein die Misstimmung blieb und äußerte sich unter Andern, auch darin, daß sich Ephraim mit den übrigen Stämmen ausschließlich den ehrenvollen Nationalnamen Israel beilegte. Der nachmalige Auf- stand unter dem Ephraimiten Jerobeam, obgleich er zunächst keinen Erfolg hatte, führte doch nach Salomon's Tode den Abfall der zehn Stämme von Rehabeam herbei, worauf Ephraim seine eigenen Könige und seinen eigenen Cultus erhielt. Diese Spaltung, deren Aufhören die Propheten um so lebhafter hofften, je nachtheiligcr sie sich in ihren Folgen zeigte, wurde nach dem Exile durch das abstoßende Wesen der Juden, sowie durch die Verleumdung von Seiten der Samaritaner nur noch befestigt und endlich durch den samaritanischen Tcmpel- bau ganz unheilbar. — Ephraim heißt auch ein im Neuen Testament (Joh. 11, 54) erwähntes Städtchen, das wenige Meilen von Jerusalem nahe an der jüdischen Wüste lag. Ephraimiten nennt man eine besondere Elaste Münzen, welche während des Siebenjährigen Kriegs von einer Gesellschaft Juden, an deren Spitze ein gewisser Ephraim stand, als preuß. Münzpächtern, geschlagen wurden. Der Hauptsitz dieser Münzwerkstätte war Leipzig, welche Münze Friedrich der Große 1759 an jene Gesellschaft verpachtete. Die Münzen selbst waren so schlecht an Gehalt, daß die feine Mark bis zu 45 Thaler ausgebracht wurde. Ein solches Misverhältniß konnte nicht von Bestand sein. Sehr bald kamen die Ephraimiten in allgemeinen Verruf und gaben so dem guten Gelbe einen bedeutend hohen Curs. Den schlechten Credit glaubte man einige Zeit lang dadurch zu umgehen, daß man die grüßern Münzstücke, z. B. Gulden u. s. w., betrüglicherweise mit der Jahrszahl 1753 bezeichnte. Die in solcher Münze in Curs gesetzten Summen waren ungeheuer, und doch gehören dergleichen Stücke jetzt zu den Seltenheiten. Durch den Frieden zu Hu- bcrtusburg wurde diesem Unwesen ein Ende gemacht. Ephyra, eine Tochter des Okeanos, welche in der Gegend von Korinth lebte, daher diese Stadt zuerst Ephyra hieß.^^^- - Epicedium (griech.) bildete bei den Alken eine eigene Gattung von Trauer- oder Klagcgesängen, welche dem Inhalte und dem Versmaße nach der Elegie am nächsten standen und während der Zeit der Ausstellung der Leiche gesungen wurden. Epicharmus, ein berühmter dramatischer Dichter der Griechen und als solcher Repräsentant einer eigenen Gattung der Komödie, der dorisch-sicilischen, wurde im 5. Jahrh. v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Er kam frühzeitig mit seinem Vater, der ihn in den Lehren der pythagoreischen Philosophie unterrichtete, nach Mcgara und ließ sich nach der Zer- störung dieser Stadt durch Gelo in Syrakus nieder, wo er an dem Hofe des Königs Hiero gastliche Aufnahme fand, durch seine Dichtungen außerordentlichen Beifall sich erwarb und im hohen Ereisenaltcr, geachtet von Allen, starb. Die sicilische Komödie des E., früher ausgebildet als die attische, ging aus den auf dieser Insel als Volkspoesie einheimischen Mimen hervor, deren unzusammenhängende Bilder und Scenen E. mit solcher Geschicklichkeit zu einem Ganzen zu verbinden wußte, daß seine Komödien lange Zeit als Muster ihrer Gattung galten und namentlich durch philosophische Menschenkunde ebenso sehr wie durch scharfen Witz und lebendigen Dialog sich auszcichnetcn. Daher dienten sie auch nach Horaz dem Plautus als Vorbild, nud die griech. Philosophen, selbst Platon, führen häufig in ihren Schriften Sentenzen au§ denselben an. Die Bruchstücke des E. sind von Kruseman (Harlcm 1834) gesammelt und erläutert worden. Epicheirema heißt in der Logik ein Schluß, dessen Prämissen man sogleich ihren Grund zusetzt, sodaß dadurch ein abgekürzter zusammengesetzter Schluß (Polysyllogismus) entsteht. In der Rhetorik versteht man darunter auch einen ausführlicher» Beweis. Epicykel. Die ältern Astronomen nahmen an, daß alle Bewegungen der Himmelskörper m Kreisen stattfinden, weil die Kreislinie unter allen krummen Linien die vollkommenste sei; damit war die Annahme einer gleichförmigen Bewegung, d. h. einer immer gleichbleibenden Geschwindigkeit, nothwendig verbunden. Alle Himmelskörper aber sollten sich um die im Mittelpunkte ruhende Erde bewegen. Da jedoch sehr leicht zu erkennen ist, daß die Beobachtungen der Himmelskörper mit diesen Annahmen, in ihrer einfachsten Auf- 16 Epicykloide faffung, in grellem Widerspruche stehen, so mußten noch andere Annahmen zu Hülfe genommen werden. Für die Sonne und den Mond, die sich offenbar nicht immer gleich schnell bewegen, wurde daher der cxcentrische Kreis ersonnen, d. h. angenommen, daß die Erde nicht genau im Mittelpunkte desjenigen Kreises stehe, in welchem sich die Sonne und der Mond um die Erde bewegen, sondern in einem andern Punkte derjenigen Linie, welche die beiden entgegengesetzten Punkte der größten und kleinsten Geschwindigkeit verbindet. Für die Planeten, deren abwechselndes Vorwärtsgehen, Rückwärtsgehen und Stillstehen der Erklärung noch weit größere Schwierigkeiten darbot, wurden die Epicykcl ersonnen, d. h. kleinere Kreise, in denen sich nach derHypothese der Alten die Planeten bewegen sollen, während der Mittelpunkt jedes dieser Kreise um die ruhende Erde einen größer» Kreis beschreibt, welcher der de- fcrirende Kreis genannt wird. Demnach sollte das Verhältniß der Planctcnbewegungen zur Erde demjenigen ähnlich sein, in welchem die Bewegung des Monds zur Sonne, wie wir wissen, wirklich steht. Allerdings lassen sich die obengcdachten Erscheinungen und Unregelmäßigkeiten in den Bewegungen der Planeten durch die Annahme der Epicykcl ziemlich befriedigend erklären, wenn nur für die Bewegungen in jedem Epicykcl und im deferirenden Kreise, sowie für die Halbmesser beider ein angemessenes Verhältniß angenommen wird. Die Alten nahmen an, daß die Umlaufszeit jedes Planeten in seinem Epicykcl gleich der sy- nodischcn Umlaufszeit desselben und daß die Umlaufszcit des Mittelpunkts des Epicykels für die ober» Planeten gleich der tropischen Umlaufszeit derselben, für die untern gleich einem Jahre oder der tropischen Umlaufszeit der Sonne sei. Ferner füllte sich bei den obern Planeten der Halbmesser jedes Epicykels zu dem des deferirenden Kreises wie der Halbmesser der Sonnenbahn zur Mittlern Entfernung jedes Planeten von der Sonne verhalten; bei den untern Planeten sollte das umgekehrte Verhältniß stattfinden. In der That entsprechen diese Verhältnisse dem Zweck so viel als möglich. Aber durch die Annahme der epicyklischen Bewegung lassen sich immer nur diejenigen Unregelmäßigkeiten der Planetenbewegung erklären, die von der Bewegung der Erde um die Sonne, nicht aber diejenige, die von der elliptischen und ungleichförmigen Bewegung der Planeten um die Sonne herrühren, sowie namentlich auch die Ungleichheiten der Mondbcwegung, für welche man rbriisaM rln- E p ie y ke t-auge- nommcn hatte, sich keineswegs hinreichend daraus erklären lassen; daher haben die Nachfolger der griech. Astronomen bis auf Tychv Brahe die Anzahl der Epicykcl immer mehr vermehrt, drei und mehr Kreise aufcinandergesetzt, und dadurch die schon an und für sich verwickelte epicyklische Hypothese immer verwickelter gemacht, sodaß die Einfachheit des Kopcr- nicanischen Systems damit auffallend contrastirt. Leugnen läßt sich jedoch nicht, daß die epicyklische Hypothese dem Scharfsinne ihrer Erfinder große Ehre macht, und in dieser Hinsicht gebührt ihr noch immer in der Geschichte der Wissenschaften eine Stelle. Epicykloide. Wenn ein Kreis sich auf einer geraden Linie fortwälzt, so beschreibt jeder Punkt der Peripherie dieses Kreises die Cykloidc (s. d.); wälzt sich aber d ffrcis auf der Außenseite der Peripherie eines andern Kreises, so beschreibt jeder Punkt in der Ebene des ersten Kreises die Epicykloide, und bewegt sich jener Kreis auf der inner» Seite der Peripherie des zweiten, so beschreibt jeder Punkt des ersten Kreises dicHypo- cykloide. Zuweilen nennt man auch diese eine Epicykloide, und zwar zum Unterschied die innere oder untere, die eigentliche aber die äußere oder obere. Der erste Kreis heißc die Basis oder Grundlinie, der bewegliche aber der erzeugende oder beschreibende Kreis. Der eigentlich beschreibende Punkt muß nicht eben in der Peripherie des erzeugenden Kreises, er kann auch inner- oder außerhalb dieser Peripherie irgendwo auf einem Halbmesser des Kreises oder auf der Verlängerung desselben liegen. Liegt er außerhalb des Kreises, so heißt die Epicykloide eine verkürzte, liegt er aber innerhalb desselben, eine verlängerte. Zuerst betrachtete der dän. Astronom Römer diese Linie. Sie hat mehre merkwürdige geometrische Eigenschaften und ist selbst in den ausübenden Künsten nützlich. So müssen die Zähne der Kämme an den Rädern in Maschinen nach Epicykloidcn geformt sein, wenn die Maschine einen gleichförmigen Gang haben soll; Römer kam um 1674 auf die Epicykloide, als er die schicklichste Gestalt der Zähne eines Nads zu bestimmen suchte. Die Epicykloide ist zugleich die Brennlinie und Kaustik (s. d.) für die von einem Kreise zurückgeworfenen Lichtstrahlen. Man hat auch sphärischcEpicykloiden, die durch die Be- Epidaurus Epidemie II wegung eines Kreises entstehen, der sich um seinen Mittelpunkt dreht, zugleich aber auf der Peripherie eines andern, in einer andern Ebene liegenden Kreises hinrollt und mit ihm immer denselben Winkel bildet. Wenn z. B. ein senkrechter Kegel, der mit seiner Seitenfläche eine Ebene berührt, so auf ihr herumrollt, daß die Spitze des Kegels immer auf derselben Stelle bleibt, so beschreibt jeder Punkt des Umfangs seiner Peripherie eine solche sphärische Epicy- kloide. Alle diese Linien gehören zu den sogenannten Rolllinien, welche entstehen, wenn irgend eine Figur sich auf einer andern wälzt, und wenn ein Punkt der ersten der beschreibendeist. Wenn B. eine Ellipse sich auf einer ihr gleichen Ellipse wälzt und anfangs die Scheitelpunkte beider ineinander fallen, so beschreiben die Brennpunkte der sich wälzenden Ellipse Kreise, deren Mittelpunkte in dem andern Brennpunkte liegen, und deren Durchmesser gleich der großen Achse der Ellipse sind. Ebenso verhält es sich mit zwei gleichen Hyperbeln. Epidaurus, jetzt Ep idauro, eine Stadt in Argalis am Saronischen Meerbusen, mit einem Hafen und ziemlich bedeutendem Handel, nach Strabo eine karische Colonie und ursprünglich Epikaros genannt, bildete mit ihrem Gebiete einen eigenen Staat, der stets seine Unabhängigkeit von Argos zu behaupten wußte. Vorzüglich berühmt wurde sie durch den prachtvollen Tempel des Äskulap mit der Inschrift „Nur reinen Seelen steht der Zutritt offen", welcher westlich von der Stadt an der Straße von Argos zwischen zwei Bergen in einem dicht bewachsenen Haine stand, in welchem Niemand gebären oder sterben durfte. Eine Bildsäule des Gottes aus Gold und Elfenbein zierte denselben und in einem Nebengebäude, Tholos genannt, waren auf Tafeln Heilmittel gegen alle Krankheiten angegeben. Die Tempelruinen sind jetzt unter dem Namen Jero bekannt. Epldkmie oder epidemische Krankheit nennt man eine solche, welche eine unbestimmte Zeit lang in einer großem oder geringern Ausdehnung mehr Individuen befällt als zu andern Zeiten. Das Übel selbst kann von jeder Art sein, und es gibt wenig acute Krankheiten, die nicht einmal epidemisch aufgetreten wären. Die Frage nach den Ursachen der Epidemien aber kann nur ganz allgemein beantwortet werden. Sie sind in den kosmischen, tellurisch-atmosphärischen und menschli chen V erhältnissen begründet. Der Glaube an den Einfluß der Gestirne aus die menschliche KranWMsti'mmung ist der älteste, doch hat er sich alles Studiums der Astrologen ungeachtet noch nicht über den Aberglauben erhoben. Wichtiger ist und von deutlichem Einfluß das Verhältniß der Erde zur Sonne und der dadurch bedingte Wechsel der Jahreszeiten, denen Niemand eine Einwirkung auf die Stimmung des Körpers abstrciten wird. Von der größten Bedeutung sind jedoch die tellurisch- atmosphärischen Erscheinungen, deren krankheiberregende Eigenschaften historisch hinlänglich constatirt sind. Hierher gehören Erdbeben und die damit verbundenen Veränderungen in den elektrischen und magnetischen Verhältnissen eines Landstrichs, Überflutungen des Meers, Überschwemmungen und dadurch oder durch anhaltenden Regen herbeigeführte Feuchtigkeit, anhaltende Trockenheit und Hitze, besonders aber ungewöhnlicher Verlauf der Jahreszeiten, warme Winter, kalte Sommer u. s. w-, und die daraus unmittelbar entspringenden Folgen für Thier - und Pflanzenwelt. Die Macht der politischen Verhältnisse, Krieg, Hun- gersnoth, schädliche Gewohnheiten, die unter einzelnen Völkern im Schwange sind, auf die Krankheitsstimmung eines Volks oder einer Zeit bedarf wol kaum eines Beweises. Bedenkt man, daß oft alle diese Schädlichkeiten sich vereinigen und noch dazu durch Niederdrückung der Gcmüther dem Einzuge einer Krankheit in den Körper Thür und Thor geöffnet wird, so findet die Entstehung der großen Weltseuchen wol hinlängliche Begründung. Ein minder wichtiges Moment bei der Verbreitung der Epidemien ist die Ansteckung (s. d.); sie entsteht gewöhnlich erst, wenn die Krankheit schon eine hinlängliche Menge Menschen ergriffen hat, um ein Contagium (s.d.) zu erzeugen. (S. auch Miasma.) Die Sicherheitsmaß- regcln gegen Epidemien sind vielfältig, z. B. Impfung gegen die Pocken, Absperrung gegen die Pest u. s. w-, allein oft schon hat die Macht der Krankheiten solcher ohnmächtigen Versuche sie zurückzuhalten gespottet. (S. Englischer Schweiß, Schwarzer Tod und Cholera.) Epidemien kehren in manchen Landstrichen regelmäßig wieder, jedoch einmal mehr, das andere Mal weniger bösartig. Die Dauer einer Epidemie ist verschieden; gewöhnlich dauern sic desto kürzere Zeit, je heftiger sic auftreten, d. h. je mehr Individuen sie gleich anfangs ergreifen. Vgl. Schnurrer, „Chronik der Seuchen" (2 Bde., Tüb. 1823 — 24). Conv.-Lex. Neunte Aust. V, 2 18 Epidermis Epigraphe Epidermis oder Oberhaut, s. Haut. Epigeirösic, s. Zeugung. Epi'glottis ist der anatomische Name für Kehldeckel, eine dünne, herzförmige, mit Schleimhaut überzogene Knorpclplatte, welche über der ober» Öffnung dks Kehlkopfs, der sogenannten Stimmritze, liegt. Sic dient dazu, den Eintritt fremder Körper, besonders der Speisen in die Luftröhre zu verhindern. Beim Verschlucke» der Speisen drücken diese die Epiglottis, welche auch schon von Muskeln niedergezogen wird, auf die unter ihr befindliche Öffnung und gleiten über sie hinweg in die Speiseröhre. Epigonen, griech. lch'igonoi, eigentlich Nachgeborene, heißen vorzugsweise die Sohne jener sieben Helden, welche gegen Theben (s. d.) gezogen und dort sammtlich bis auf den Ad raslus (s. d.) umgekommen waren. Selbige unternahmen, um die Niederlage und den Tod ihrer Vater zu rächen, zehn Jahre nach jenem Ereignisse unter Anführung des Adra- stus oder des Alkm aon (s. d.) einen neuen Zug gegen die Thebaner, welche des Eteoklcs Sohn Laodamas anführte, und schlugen dieselben so, daß sie in der Nacht ihre Stadt verließen.,. Die Namen der E. sind folgende: Alkmäon und Amphilochus, Söhne des Amphia- raus, Ägialeus, Sohn des Adrastus, Diomedes, Sohn des Tydeus, Promachus, Sohn des Parthcuopäus, Sthenelus, Sohn des Kapaneus, Thersandcr, Sohn des Polyneikes und Euryalus, Sohn des MekisteuS. Ihre Bildsäulen waren als Wcihgeschenkc im Tempel zu Delphi aufgestellt. Schon in der frühesten Zeit war der Krieg der E. ein Gegenstand der epischen Poesie, später bearbeiteten ihn die Tragiker; besonders haben ihn Hellanikus und Ephörus behandelt. Epigramm hieß bei den Griechen ursprünglich die Auf- oder Inschrift auf Altären, Grabdenkmälern, Kunstwerken, Wcihgeschenken u. s. w., welche bald zur Erklärung, bald zur Anregung einer gewissen Stimmung beigcfügt war. Da diese Auf- oder Inschriften, besonders auf Weihgeschenken und Erabmälern, meist in geistreicher Kürze und ihrer Form nach in Distichen abgefaßt waren, so nannte man später jedes kurze Gedicht in Distichen, auch von audcrm Inhalte, z. B. erotischem und scherzhaftem, ein Epigramm, wie die große Sammlung der Epigranmi^M,.hex^Zrsech,.Anthologie zeigt. Während M> bei de» Griechen sast.lMgäch die empfindsame Seite hcrvortrikt, erscheint bei den Römern der Witz als der "überwiegende Bestandtheil des Epigramms, und nach dieser letzter» Richtung hin ist cs auch in den folgenden Zeiten von den andern gebildeten Nationen fast ausschließlich ausgebildet worden. Daher hat auch Lessing in seiner Theorie des Epigramms in den „Vermischten Schriften" (Bd. l) nur das Witzigsatirische im Auge, und es wurde dar komische oder witzige Epigramm, in welchem durch einen interessanten Einfall die Erwartung gespannt und dann auf eine überraschende Art befriedigt wird, vorzugsweise mit dem Namen Epigramm oder Sinngedicht belegt, bis Herder in seiner Abhandlung „Über das griech. Epigramm" in den „Schriften zur griech. Literatur" (Bd. 26) jenes Vorurtheil in Deutschland verdrängte und nachwies, daß der Witz dem Epigramme nicht wesentlich sei. Unter den Römern hat namentlich Martial (s. d.) nach der von Lessing angegebenen Bestimmung durch beißende Ironie und treffenden Witz das Epigramm zur Vollendung gebracht und seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften haben unzählige Dichter sich in lat. Sprache in dieser Art der Poesie, theilweise mit gutem Erfolge, wie Owen (s. d.), versucht. An der Stelle des griech. empfindsamen Epigramms bedienten sich dieJtaliener, Spanier, Portugiesen und Franzosen des Madrigals. In den „Priameln" des I!i. und lr. Jahrh. erkannte Lessing das ursprünglich deutsche Epigramm. Epigrammatische Anthologien lieferten unter den Deutschen Haug, Weißer und Schütz. Herdcr's „Zerstreute Blätter" und Jacobs' „Tempe" enthalten eine Auswahl der griech. Epigramme. Vgl. Grokc, „De epigrumumt'is tlieori» ltvluio constiluenriu" (Berl. 1826). Epigraphe (insrrchti»), d. h. Aufschrift oder Inschrift, bezeichnet im Allgemeinen jede Schrift, welche auf der Außenseite eines Gegenstands, wie auf einem Briefe, Buche, an öffentlichen Gebäuden, Weihgeschenken u. s.w. angebracht ist, besonders aber diejenige Schrift auf einem Denkmale, die im Lapidarstil, d. h. in sinnreicher Kürze, dessen Bestimmung an- tzibt. Wichtig für das Studium der Geographie, Geschichte, Alterthumskunde und Philologie sind »aincnriich in letzterer Beziehung die Inschriften der Griechen und Römer, die sich Epikaste Gptktet 19 überdies durch guten Geschmack und edle Einfachheit auszeichnen und an den öffentlichen Denkmälern wenigstens mit großer Sorgfalt ausgeführt sind. WaS den materiellen Stoff anlangt, so hat sich der Vorrath dieser Inschriften durch Gebäude, Reliefs, Statuen, Gemmen, Vasen, Tafeln in Stein, Erz und andern Materialien erhalten. Wegen ihrer Bedeutsamkeit für die übrigen Wissenschaften suchte man daher diese Inschriften schon im 17. und 18. Jahrh. zu sammeln, zu ordnen, zu ergänzen und zu erläutern, und mehre ital., holländ. und engl. Gelehrte verdienen deshalb eine ehrenvolle Erwähnung, z. B. Fcrreti, Falconer, Smet, Gruter, Reinesius, Fleetwood, Gori, Gudius, Muratori, Chishull, Pococke, Ma- zocchi, Chandler, Paciaudi, Biagi, Marini und Torremuzza. Doch hat man, da die Originale jener Inschriften häufig in einem verwitterten und lückenhaften Zustande sich befinden und mehre derselben, zumal in spätem Jahrhunderten und auf Privatdenkmälern, durch Steinschneider und Künstler nachlässig behandelt, entstellt oder sogar verfälscht worden sind, erst in neuerer Zeit angefangen, die ganze Summe der Inschriften einer strengen Prüfung und Sichtung zu unterwerfen, wobei man die allgemeinen Regeln der Kritik und Hermeneutik anwendete. Auch hierin haben die Deutschen vor allen Andern durch Fleiß und Gründlichkeit das Beste geleistet, wie Osann in „8^Iioge inscriptinnumgrsec.elrom. (Jena l 822, Fol.), Böckh in dem von ihm begonnenen, von Franz fortgesetzten „Lorpus iuscriptionum grsec." (2 Bde., Berl. 1828 fg., Fol.), Welcker in „8)4Ioge epigrsuimstiiin grsec. ex marinoribus etc." (2. Aust., Bonn 1828), Orelli in „Inscriptivnuin Ist. selectsrum col- Iectio"(2Bde.,Zür. 1828) und Franke, in den „Griech. und lat.Inschriften, gesammeltvon O. F. von Richter" (Berl. 183V, 4.), um nicht der einzelnen und mehr gelegentlichen Forschungen auf diesem Gebiete zu gedenken. Die Kenntniß der Inschriften heißt Epigra- phik oder Inschriftenkunde und setzt zugleich den Inbegriff der Regeln und Fertigkeiten voraus, die zum Verständniß der Inschriften, z. B. zur Entzifferung der in denselben oft gebrauchten Abkürzungen u. s. w., erfodert werden. Vgl. Kopp, „kslseogrsplna critics" (Manh. 1828, 4.) und Franz, „bllemeuts spiKrspbices ßrsee." (Berl. 1840, 4.).— Epigraphische Seite nennt man bei Münzen diejenige Seite, auf welcher sich das Bild und die Schrift befinden; mone°pt§räpVrsÄ'Hekfit Kepwenn sie nur Schrift, anepigraphisch, wenn sie nur Bilder hat. Epikaste, s. Jo käste. Epikrists nennt man theils eine Erscheinung, die zu einer Krisis als Vervollständigung hinzutritt, theils und hauptsächlich die rationelle Erklärung und wissenschaftliche Be- urtheilung einer einzelnen oder einer Reihe von Erfahrungen, z. B. einer Krankheitsgeschichte. Epiktet oder Epiktetos, ein berühmter Anhänger der Stoa, aus Hicropolis in Phrygien gebürtig, geb. um 50 n. Chr., war zu Nom der Sklave des Epaphroditus, eines Freigelassenen des Nero, dessen Mißhandlungen er mit einer Ruhe ertrug, die den echten Stoiker charakterisiren. Man erzählt, daß ihm sein Herr einst einen heftigen Schlag auf den Schenkel gab. „Du wirst mir das Bein zerschmettern", sagte E. Sogleich verdoppelte Jener den Schlag und zerschlug ihm das Bein. „Habe ich dir cs nicht vorausgcsagt? " fuhr E- mit ruhiger Miene fort. In der Folge ward er freigelassen und widmete sich der stoischen Philosophie. Domitian haßte ihn seiner Grundsätze wegen und verbannte ihn nebst andern Philosophen aus Nom. E. ließ sich zu NikopoliS in Epirus nieder, kehrte ahxr wahrscheinlich nach dem Tode Domitian's nach Rom zurück und scheint noch unter Hadrian gelebt zu haben. Unter dem Drucke des Zeitalters, in welchem er lebte, erhielt seine ernste, sittliche Weltansicht einen mehr entsagenden als thätigcn Charakter; der Mittelpunkt derselben ist die Mahnung, zu entbehren und zu dulden und auf nichts einen Werth zu legen, was nicht in der eigenen Gewalt des Wollenden stehe. Sein Schüler ArrianuS (s. d.) sammelte die Aussprüche E.'s in der Schrift „Encheiridion" und in den vier Büchern „Philosophische Gespräche" (deutsch von Schulz, 2 Bde., Altona 1801—3). Unter den vielen Ausgaben seiner Werke sind als die vorzüglichsten zu erwähnen die von Dan. Heinsius (Leyd. 1640, 4.), Casaubonus (Lond. 1659), Meibom (Utrecht 1711, 4.), Upton (2 Bde-, Lond. 1 741, 4.), Heyne (Lpz. 17 56 und 1793) und von Schweighäuser (Lpz. 1798), der auch „kss.- ctoteae pbilosoplüse monuinents" (5 Bde., Lpz. 1799 — 1800) herausgab. vo 20 Epiknr Epilepsie Eprkur, ein griech. Philosoph, geb. zu Gargettus bei Athen, 312 v. Ehr., erhielt sei- ncn ersten Unterricht zu Athen in dem Lehrsaal des Grammatikers Pamphilius. Später soll er eifrig des Demokrit Schriften studirt haben. Nachher trat er als Lehrer auf, ging wieder nach Athen zurück und cröffnete in seinem 36. Jahre eine Schule in einem Garten zu Athen, den er später seinen Schülern erblich überließ, weshalb auch die Schule des E. die Norti 6z,ic,irei hieß. Bald strömten ihm zahlreiche Schüler zu. Die Grundzüge seiner Lehre entlehnte er meist aus ältern Systemen. Die Philosophie war ihm das Bestreben, die Glückseligkeit durch Überlegung und Reflexion zu sichern, und deshalb ordnete er die Logik, von ihm Kanonik genannt, und die Physik der Ethik unter. Diese selbst war ihm die Lehre vom glücklichen Leben. Das letzte Ziel des Lebens war ihm Genuß ohne Thätigkeit, ein möglichst beharrlicher und ungestörter Zustand der Schmerzlosigkeit des Gemüths, und hierin unterschied er sich von Aristipp (s. d.), der für das höchste Gut die, wenn auch nur momentane, Lust durch Thätigkeit erklärt hatte. Was zu jenemZwecke führt, ist Tugend; nichts hat an sich, sondern Alles nur in Beziehung auf jenen Zweck einen Werth, und in diesem Sinne zog Epikur das geistige Vergnügen den sinnlichen vor, weil cs beharrlicher sei, schätzte die Freundschaft, Friedfertigkeit, Mäßigkeit, Nachsicht, war standhaft in Schmerzen u. s. w. Jene schmerzlose Gemüthsruhe wird aber hauptsächlich durch unsere eigenen Gedanken gestört, und zu diesen gehörte namentlich der Glaube an eine nothwendige Gesetzmäßigkeit der Natur, an eine Einwirkung der Götter auf menschliche Schicksale und an die Unsterblichkeit. Dem störenden Einflüsse dieser Gedanken soll nun die Erforschung der Natur (die Physik) ent- gegenarbeitcn, und zu diesem Zwecke erneuerte Epikur den Atomismus des D e mokri t(s.d.). Von dem Grundsätze ausgehend, daß alles Zusammengesetzte einfache Bestandtheile voraussetze, nahm er zwei nothwendige, ewige, unendliche Grundursachen an, die Atome n(s. d.), untheilbare und unendlich vielfach gestaltete Körper, und den leeren Raum. Selbst die Seele ist nach ihm aus Atomen zusammengesetzt und sterblich. Das ursprüngliche Kennzeichen der Wahrheit war ihm die Empfindung und Wahrnehmung, welche durch Bilder entspringt, die durch die Ausflüsse der Gegenstände bewirkt werden, und aus der sich dann die allgemeinen Vorstellungen bilden, durch welche wixchübst pazZukünftige anticipiren. Die Götter, meinte er, lebte n in ew iaer-Nube in den leeren Zwischenräumen zwischen den Weltkörpcrn (Metakosmien) unbekümmert um die Welt. Diese Lehre, die man nicht mit Unrecht des Atheismus und Materialismus beschuldigt, zog ihm zahlreiche Widersacher zu und reizte die Verleumdung wider ihn. Er starb 270 v. Ehr., und wiewol nach seinem Todesscin System auch inNom viele Anhänger fand, unter denenCelsus (s.d.), Plinius der Ältere(s.d-) und Lucrez (s. d.) die namhaftesten waren, so erlangte cS doch unter den Philosophen nie das Ansehen der pcripatetischen, stoischen und Platonischen Schulen. Seine Schüler feierten noch lange nach seinem Tode seinen Geburtstag und vereinigten sich am 20. jeden Monats in dem von ihm ererbten Garten zu einem fröhlichen Symposium, zu welcher Feier der uneigennützige Lehrer eine Geldsumme in seinem Testamente vermacht hatte. Doch entfernten sich seine Schüler später immer mehr von der persönlichen Mäßigkeit des E-, und schon Horaz spricht von Schweinen aus den Gärten des E. VonE.'s sehr zahlreichen Schriften ist uns wenig übrig geblieben. Zwei Briefe von ihm wurden verbessert von Schneider (Lpz. 1813) herausgegeben. Fragmente einer Schrill über die Natur sind bei den Nachforschungen zu Herculanum aufgefundcn und von Orelli (Lpz. 1818 ) herausgegebcn worden. Sonst kannte man seine Philosophie nur aus den Lehrsätzen, welche DiogenesLaer- tius (s. d.) aufbewahrt, und über welche Gassendi (s. d.) zur Rechtfertigung der Epikureischen Lehre weitläufige Commentare geschrieben hat, aus dem Gedichte des Lucrez und den Nachrichten, die uns Cicero, Plinius u. A. davon aufbehalten haben. Mit Beziehung auf den eudämonisti scheu Charakter der Epikureischen Sittenlehre nennt man im gewöhnlichen Leben einen Menschen, derbem Sinnengcnuß, besonders dem feinern, huldigt, einen Epikuräer. Epilepsie, auch Fallsucht oder Böses Wesen genannt, ist eine Krankheit, die aus einer Reihe von Krampfanfällen besteht, welche bald periodisch mit gewissen Naturerscheinungen in oder außer dem Körper im Verhältnisse, bald in unregelmäßigen Zwischenräumen wiedcrkehren. Zuweilen treten diese Zufälle ohne alle Vorboten ein, in andern Fällen werden sie durch Anzeichen vorbereitet; dahin gehören Aufgeregtheit jeder Art oder Nieder- Epilog Epimenidcs 21 gcschlagenheit der Kräfte wie des Gemüths und ein eigcnthümliches Gefühl von kühlem oder warmem Anwehen (sura eznlopticu), welches von einem Endpunkte des Körpers ausgehend denselben durchzieht und am Kopfe oder in der Herzgrube endigt. Der Anfall tritt dann ein, der Kranke stürzt bewußtlos zu Boden, wenn er sich nicht schnell noch auf ein Lager werfen konnte, und es folgen die Zeichen der heftigsten Erschütterung des ganzen Organismus. Nach ungefähr einer Viertelstunde kehrt das Bewußtsein zurück, und der Kranke ist bis auf etwas Mattigkeit wieder in seinem vorigen Zustande. Die Ursachen der Krankheit sind man- nichfaltig, nicht selten lassen sie sich heben; in vielen aber sind sie theils unergründlich, theilS bieten sie aller ärztlichen Kunst Trotz. Das Gehirn findet man meist vollkommen normal. Die Krankheit ist überall einheimisch und verschont kein Alter und kein Geschlecht. Die Anlage dazu kann angeboren, erblich oder in der Constitution begründet und erworben sein durch unzweckmäßige, körperliche und geistige Erziehung, Geschlechtsausschweifungen, namentlich Onanie. Bei angeborener Anlage tritt die Epilepsie gewöhnlich in den Entwickelungsjahren, dem Zahnen und dem Eintritte der Pubertät, auf, nach welcher letztem ein Ausbruch von eingepflanzten Keimen der Krankheit kaum noch stattfindet. Ebenso verschieden sind die Anlässe, welche den Ausbruch der Epilepsie herbeiführcn; besonders wirken Gemüthsaffectc in dieser Hinsicht. Von der Häufigkeit dieses Übels kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß in Deutschland allein ungefähr l stMW Menschen an demselben leiden Während des Anfalls selbst ist nur daraufzu sehen, daß sich der Kranke nicht beschädige; das Ausbrechcn der Daumen aus der geballten Faust hilft nichts und ist nur schädlich. Ebenso sind das Binden der Glieder, Niechmittel u. s. w. ohne allen Nutzen. Häufig geht die Epilepsie in Blödsinn oder Tobsucht über. Den Alten war die Krankheit wohlbekannt; Hippo- krates hat ein Buch darüber geschrieben, das Volk aber war in seiner Ansicht darüber so unklar, daß es die Epileptischen bald als von den Göttern Bestrafte verabscheute, bald als Gott- begeisterte verehrte. Vgl. Portal, „Odservatiniis sur I» nal»re et le traitement cks l'epi- Ivpsw" (Par. 1827; deutsch von Hille, Lpz. 1828). Epilog, d. h. Na ch- oder Schlußrede, oder Schlußwort, kommt wie der Prolog (s. d.) hauptsächlich bei Schauspielen stör'und erscheint meist als eine Art Nothbehelf, insofern er von einem Kunstwerke etwas sagt, was dasselbe nicht durch sich selbst aussvricht. Der Epilog der antiken Tragödie enthielt allgemeine Reflexionen über das Stück selbst oder über die Rolle Desjenigen, welcher den Epilog sprach. Shakspeare bediente sich mehrmals des Epilogs, um seinen Zuschauer» den Gesichtspunkt anzudeuten, aus welchem sic sein Werk betrachten sollten, und zugleich um Nachsicht für die Mängel des Stücks zu bitten; doch erlaubte er sich dies an sich aus dem Kunstgcbictc hcrausfallcnde Mittel fast nur in.Stückcn phantastischer und wunderlicher Färbung,;. B. in „Wie cS euch gefällt", oder in historischen Stücken, die, wie „Heinrich VI ll.", im Ganzen oder Einzelnen einer Misdeutung ausgesetzt sein konnten. Die Schlußcouplcts der franz. Vaudevilles haben etwas dem Epilog Verwandtes. In einem etwas veränderten Sinne nennt man Epilog die meist vcrsificirte Rede, welche nach Beendigung eines Theaterstücks auf irgend eine äußere Veranlassung von der Bühne herab an das Publicum gerichtet wird. Einer der schönsten Epiloge neuerer Zeit war der von Tieck, der bei Gocthc's Todesfeier auf der dresdener Bühne gesprochen wurde, stncigentlich nannte Goethe sein Gedicht auf Schiller einen Epilog zu Schiller's „Glocke". Epimeindes, ein bekannter Priester und Sänger des griech. AlterthumS, imll.Jahrh. v. Ehr., geb. zu Knoffus auf der Insel Kreta, wird von der Sage als cinVcrtrauter der Götter und als Seher der Zukunft geschildert. Als die Athener einst, von Feinden und ansteckende» Krankheiten hcinigesucht, nach dem Aussprüche des Orakels den Zorn dcrGötter zu sühnen stichle», beriefen sie den durch seine Weisheit und Frömmigkeit berühmten E- zu sich, der viele nntzliche-Einrichtungen unter ihnen traf. Bei seinem Fortgange schlug er alle Geschenke aus und verlangte zum Lohne nichts als einen Zweig von dem der Minerva geweihten Olbaume. Von ihn, ging auch die Sage, daß er als Jüngling in einer Höhle von einem Schlafe überfallen worden sei, der nach Einigen 4l>, „ach Andern noch mehre Jahre gedauert. Diese Sage liegt Goethe's Dichtung „Des EpimcnideS Erwachen", zur Jahresfeier der Schlacht bei Leipzig, zum Grunde. E. starb in seinem Vaterlande in hohem Alter. Vgl. Heinrich, ,E. aus Kreta" (Lpz. 1801). 22 EpimetheuS Epiphanius A c'2 Epimetheus, der Sohn des Titanen Japetos und der Klymene oder Asia, der Bruder des Prometheus (s. d.), vermählte sich trotz der Warnungen seines Bruders mit der Pandora (s. d.), von der er Vater der Pyrrha, der Gattin des Deukalion, und nach Pin- dar auch der Prophasis und Metameleia wurde. Epiuay (Louise Florence Pc'tronille d'), die Tochter des Tardieu Dcsclavelles, der in Diensten Ludwig'sXV. in Flandern starb, geb. 1726, war an den Generalpächter d'Epinay, des Delalive de Bellegardc Sohn, verhcirathet, als I. I. Rousseau, durch dessen Geschichte das Andenken derselben erhalten ist, ihr >745 durch Francueil vorgestellt wurde. Sie war, sagt Rousseau, liebenswürdig, besaß Geist und Talente. Ihr Mann aber war ein Wüstling, der durch seine Sitten ihr leiblich und geistig Schaden that; auch der Umgang mitMademoi- selle d'Ette, der Geliebten des Chevalier dc Valory, und mit diesem selbst, die beide für schlechte Charaktere galten, mag nachteilig auf Madame E. gewirkt haben. Ihr Mann besaß außer dem Gute Epinay ein Schloß Lachevrette bei Saint-Denis. Im Garten dieses Schlosses lag ein Häuschen, die Eremitage genannt, dicht am Walde von Montmorency. Dieses Häuschen, das Rousseau einmal wie für sich geschaffen genannt hatte, ließ Madame E. bei Gelegenheit eines Baus in Lachevrette für ihren Freund einrichten und überraschte ihn mit dem Vorschläge, cs zu seiner Wohnung zu machen. Nach langem Zögern nahm es Rousseau an, tief gerührt von diesem Freundschaftsbeweise, und bezog um Ostern 17 56 die Eremitage, die er bis in den Winter des folgenden Jahres, bis zur Zeit seines Bruchs mit Madame E, bewohnte. Grimm, den Rousseau bei der Madame E. cingcführt hatte, war deren Günstling geworden. Er machte den Plan, Rousseau zu zwingen, daß er Madame E- nach der Schwei; begleite, während dieser Reise ein Vergehen, woran Grimm Theil hatte, zu Grunde lag. Nousseau's Weigerung verursachte den berüchtigten Bruch mit seinen Freunden und den Auszug aus der Eremitage mitten im harten Winter. Diese Verhältnisse stehen freilich nicht in den „illemnires cle maclamo Ie msclsine 6. Lebensjahre getauft und unter ägypt. Mönchen gebildet, welche ihm die Abneigung gegen die freie Wissenschaft einflößten, schwang er sich allmälig bis zur Würde eines Bischofs von Konstantia (früher Salamis) auf Cypern empor und verwaltete dieses Amt von 367 an bis zu seinem Tode, der 463 erfolgte. Sein polemischer Eifer gab sich besonders kund, als er 364 nach Palästina, dem damaligen Sam- melpunkte der Origenisten, kam, und den Bischof Johannes von Jerusalem sowie die beiden Mönche Rufinus und Hieronymus zur Verdammung des Origenes auffoderte, den er schon früher in Schriften als Ketzer bezeichnet hatte. Lobenswcrthcr war sein Kampf gegen den Epiphoncma Epische Poesie 23 überhandnehmenden Bildergebrauch; erzürnt riß er, wie Hieronymus erzählt, im Vorhofe einer palästin. Kirche ein Bild ab, da Bilder dem göttlichen Gesetze zuwider seien. Unter seinen Schriften, die Petavius (2 Bde., Par. 1622) gesammelt hat, ist die wichtigste sein „Panarion" oder Verzeichniß aller (86) Ketzereien, welches freilich seinen nnhistorischen Sinn stark bekundet und an,Verworrenheit der Darstellung leidet. Außerdem erwähnen wir von ihm eine Schrift „Über die Maße und Gewichte" und den „8ermo <>«-, Kcke". — Ein anderer Epiphanius, mit dem Beinamen Scholasticus, lebte im 6. Jahrh. unir compilirte in Verbindung mit Cassiodorus (s. d.) aus Sokrates, Sozomenus und Theo- doret die „ölistoiiu tripsrtitu", das kirchcpigcschichtllche Handbuch des Mittelalters. Eplphonema (griech.) nennt man theils die einer Schilderung oder Darstellung an- gchängte Sentenz oder Nutzanwendung, theils eine sententiöse, von den Alten häufig ange- wcndcte Art zu argumentiren, indem man die Gründe zu den einzelnen Behauptungen hinzufügt, theils endlich auch den Schlußsatz in einer Rede, besonders insofern er sich aus dem Vorhergehenden natürlich ergibt und einen Nachdruck in sich enthält. Epiphöra oder Epistrophc, s. Anaphora. Epipole, die Tochter des Trachion, zog in männlicher Kleidung gegen Troja mit, wurde aber von Palamcdes erkannt und dann von den Griechen gesteinigt. Epirus, eine sehr gebirgige, an der Küste aber fruchtbare, von Jllyrien, Makedonien, Thessalien, Atollen, Akarnanicn und dem Jonischen Meere cingeschlossenc Landschaft des alten Hellas, mit den Flüssen Acheron und Kocytus, bildete den südlichsten Thcil des neuern Albaniens (s. d.) oder des Pafchalik Janina. Die Hauptstadt derselben war D odon a (s. d.). Früh durch eingewanderte Colonien bevölkert, behauptete E. lange Zeit seine Selbständigkeit. Unter seinen Herrschern zeichnete sich besonders Pvrrhus (s. d.) aus, der selbst die Römer eine Zeit lang siegreich bekämpfte. Nachdem jedoch die Epirotcn > 62 v. Chr. eine republikanische Verfassung angenommen, entstanden Parteiungen unter ihnen, sodaß nun die Macedonier mit Erfolg gegen sie auftrcten konnten. Erst nach der Besiegung Philipp's I I. von Makedonien durch die Römer im I. I 61 v. Chr. wurden auch die Epiroten von deren Bedrückungen wieder befreit. Die llnterstutzuncscheff'Astkiochus und Perseus von Makedonien im Kampfe gegen die Römer brachte ihnen den Untergang; Paulus Ämilius besiegte sie 168 v. Ehr., ließ ihre Städte plündern, 76 derselben zerstören und 176666 E. als Sklaven wegführen. Seit dieser Zeit war E. röm. Provinz und theiltc die Schicksale des röm. Reichs, bis es von den Türken unter Amurat II. 1-162 erobert wurde. Zwar warf Georg Castriota, genannt Skanderbcg (s. d.), der letzte Sprössling vom königlichen Stamme in E., 1-1^7 das türk. Joch ab; allein bald nach seinem Tode ward E. unter Mohammed ll. I486 wieder erobert und zur türk. Provinz. Episcenmm hieß bei den Griechen ein Theil des Theatcrgebäudcs, wahrscheinlich die drei sich übereinander erhebenden Geschosse oder Stockwerke mit den Sitzreihen. Epische Poesie heißt die erzählende Dichtungsart, welche das poetische Ercigniß als etwas Vergangenes der Einbildungskraft ruhig darstcllt. Unter den verschiedenen Unterarten behauptet die, welche man gegenwärtig vorzugsweise das Heldengedicht und das Epos (s. d.) nennt, die erste Stelle. Von geringcrm Umfange und beschränkterer Bedeutung ist dasjenige epische Gedicht, dessen Inhalt sich mehr auf das Leben einzelner Menschen bezieht, wodurch auch der Ton des Ganzen beschränkter und lyrischer wird. Hicrhcrgehörendiemeistcnroman- tischen Epopöen, und selbst Homer's „Odyssee" im Verhältnis zur „Jliade"; auch die meisten neuern Epopöen, welche einen religiösen oder mythischen und historischen Stoff behandelt haben, besonders die letzter«, welche sich mehr an die Geschichte anschlicßen, und die sogenannten idyllischen Epopöen. Ferner werden zu der epischen Poesie gerechnet der Roman (s. d.), aus den romantischen Epopöen entsprungen, und die poetischen Erzählungen, Novellen (s. d.) und Balladen (s. d.), welche Begebenheiten schildern, und durch ihren Ton, wie dies namentlich bei der Ballade der Fall ist, mehr oder weniger in die lyrische Poesie (s. Lyrik) übergehen. Viele Verwirrungen der ästhetischen Theorien beruhen darauf, daß man die Gattmrg, nämlich episches Gedicht und epische Poesie, und ihre Eigenthümlichkeiten mit der Art besonders dem Epos im höchsten Sinne, und hier wieder die verschiedenen Arten desselben, z. B. das antike und romantische, verwechselt hat. 24 Epiftopius Episode Episcopms (Simon), eigentlich Bishop, der gelehrte Anführer derRemon- stranten (s. d.) nach dem Tode des Arminius (s. d.), geb. >583, wurde >610 Prediger in der Nähe von Rotterdam und im Jahre darauf Professor der Theologie zu Leyden. Als die Remonstranten im I. 16 > 8 von der Synode zu Dordrecht vorgeladen wurden, erschien E. an der Spitze von > 3 Geistlichen, erhielt jedoch nicht die Erlaubniß, die Lehre seiner Partei zu vertheidigen. Aus der Kirchengemeinschast gestoßen und des Landes verwiesen, kehrte er erst um >630, wo größere Duldung eintrat, nach Holland zurück und lehrte nun seit >631 Theologie an dem neuerrichteten Remonstrantenseminar zu Amsterdam. In dieser Stellung blieb er bis an seinen Tod im I. >613. Der Arminianismus verdankt nächst Grotius dem E. seine Fortbildung zu jener freiern, zum Theil socinianischen Denkart, die über die fünf Artikel von 1610 hinausging und auch andere Dogmen, wie die von der Fortpflanzung der adamitischen Schuld und die Anselm'sche Satisfactionstheorie, aufgab. Unter den Schriften des E. ist außer der von ihm >621 verfaßten „6»us«ssio so» Oecluratio sententise psstornm, 629 die unvollendete „lustitntio Ideologie»" zu nennen. Eine Gesammtausgabe seiner Werke erschien zu Amsterdam (2 Bde., >650). Episkopalsystem heißt in der protestantischen Kirche die zwischen dem Territo- rialsystem (s. d.) und dem Collegialsystem (s. d.) der protestantischen Kirchenver- fassung in der Mitte stehende Ansicht. Während nämlich Einige den weltlichen Landesherrn schon als solchen für berechtigt halten, auch in rein kirchlichen Dingen die höchste Gewalt auszuüben, nach dem Satze „cujus est regio, ejus est religio", Andere dagegen die Kirche als eine selbständige Gesellschaft ansehen, welche ihre inner« Angelegenheiten selbst ordnen könne, nimmt eine dritte Partei an, daß in der Reformation die bischöfliche Würde und das bischöfliche Recht aus die evangelischen Landesherren übergegangen sei und daß diese nun, Jeder in seinem Lande, geistliche Oberhäupter ihrer Landeskirche geworden seien. Dies ist aber historisch ganz ungegründet. Die Reformatoren erklärten vielmehr, daß das kirchliche Episkopat mit dem Pfarramte völlig identisch sei, aherZweierlei überließen sie den weltlichen Landesherren; erMrs die Regierungsrechte der Bischöfe als deutscher Landesfürsten, gleichsam das Territoriälepiskopat, welches mit den kirchlichen nur zufällig verbunden war und außer Deutschland sehr wenig vorkommt, und dann das Recht der obersten Aufsicht über die Geistlichen oder die Theilnahme und das Direktorium der obern kirchlichen Behörden, sowie das Recht der Entscheidung und Dispensation in wichtiger« Fällen, den csusis sitinis et msjo- i'idus, welche in der katholischen Kirche der Papst sich Vorbehalten hatte. Ein wahres geistliches Episkopat der evangelischen Landesherren ist durchaus nirgend erweislich. - Episode, griech. Epeisodlon, bezeichnet nach Aristoteles in der alten Tragödie, wo ursprünglich der Chor die Hauptsache war, die Theile oder Handlungen, welche zwischen den Chorgcsängen eingeschaltet waren, den Dialog; dann überhaupt alle Nebenhandlungen im Epos und im Drama, welche der Dichter an die Haupthandlung angcknüpst hat, und die nicht wesentlich zu ihr gehören, sondern ein kleineres Ganze für sich bilden. Die neuern Kuustrichter haben die technische Bedeutung dieses Worts auf die letztere allein eingeschränkt. Bei guten Dichtern sind die Episoden nicht unnöthige, nur erweiternde Anhängsel oder Ausfüllungen, sondern geben Aufschluß über die Sache selbst oder entwickeln verborgene Ursache. Von dieser Art ist die schöne Episode des Thersites bei Homer und die Erzählung von der Eroberung Trojas in Virgil's „Äneis", die als Muster gelten können, da dadurch die Einheit des Gedichts nicht nur nicht gestört sondern sogar gefördert wird. Mit dem Märchen in Wieland's „Oberon" hat es gleiche Bewandniß; es scheint zufällig zu sein, erklärt, uns aber den Grund von Oberon's wunderbarer Theilnahme an dem Schicksale Hüon's. Übrigens hat die Episode in der epischen Poesie einen weit größern Spielraum und häufigere Anwendung als in der dramatischen, wo sich Alles auf eine gegenwärtige Handlung zusammendrängt. (S. Erzählung und Epos.) Wie in der Dichtkunst, so gibt es^ auch in der Prosa, namentlich in der Geschichte und in den Reden, Episoden. In der Malerei versteht man unter Episode eine Nebenpartie, besonders des historischen Gemäldes; im gewöhnlichen Leben Epistel Epithalamium 23 sogar jede Abschweifung von dem Hauptgegenstande im Denken und Sprechen; daher epi- so di sch so viel ist als abschweifend. Epistel nennt man in der Poetik den poetischen Brief, der keiner besondern Dichtungsart beigezählt werden kann, indem er bald erzählend (episch), bald lyrisch, und gewöhnlich didaktisch ist, wie schon die bekannte „kpistnls sck kisoues" des Horaz. Der Ton, welcher in der Epistel vorherrschen soll, läßt sich im Allgemeinen nicht angcben, weil er sich jederzeit nach dem Inhalte und nach dem Verhältnisse des Schreibenden zum Empfänger richtet. So grenzen Ovid's „bipistolse ex l'onto" durchgehend an die Elegie; die Horazi>chen „Lpistolse" an die Satire; mehre von Voltaire, Gückingk, Jacobi, Gleim, Klamer Schmidt u. A. sind lyrische Ergüsse einer scherzhaften Laune, und bei den Römern gehört selbst die Heroide (s. d.) hierher. Die Epistel muß durch und durch eine Beziehung auf die Person haben, welche schreibt, und auf die, an welche geschrieben wird, denn durch die Richtung an eine bestimmte Person gewinnt ein solches Gedicht an Wahrheit, Individualität und Lebendigkeit. (S. Brief.) In der christlichen Kirche versteht man unter Episteln vorzugsweise die in dem Neuen Testamente enthaltenen Briefe der Apostel und dann die aus denselben zu Predigttexten von Alters her ausgcwählten Abschnitte. (S. Perikopcn.) kp>8lol»e ohseuroruin virnnii», Briese von Dunkelmännern, ist der Titel jener Sammlung satirischer Briefe zu Anfänge des >6. Jahrh., die in barbarischem, sogenanntem Küchenlatein, unter dem Namen von damals bekannten Geistlichen und Professoren in der Rheingegend, namentlich aus Köln geschrieben, die Obscurantenpartei der Scholastiker und Mönche in Beziehung auf ihre Lehren, Schriften, Sitten und Redeweise, ihre Lebensverhältnisse, Thorheiten und Ausschweifungen mit schonungslosem Spotte geißelten und so nicht wenig der Reformation vorarbeiteten. Die erste Veranlassung dazu scheinen Reuchlin's Streitigkeiten mit dem getauften Juden Pfefferkorn über die hebr. Jnterpunction gegeben zu haben und den Titel selbst haben vielleicht die „kpistolae darorum virorum sck Ileudi- linuni ?lioreel,s«,il" (1 5 1-1) veranlaßt. Gerichtet sind sämmtliche Briefe an Octuin Gratius in Deventer, der zwar keineswegs ein so vollständiger Ignorant war, wie es hiernach scheinen möchte, der aber wegen seiner dünkelvollcn Anmaßung und seines entschiedenen Auftretens gegen den Zeitgeist gleichsam zum Stichblatt gewählt wurde. Beim ersten Erscheinen des Buchs hielt man Reuchlin für den alleinigen Verfasser, dann schrieb man es Reuchlin, Erasmus und Hutten zu. Durch neuere Untersuchungen hat sich jedoch herausgcstcllt, daß das erste Buch, das zu Hagenau 1515, angeblich aber zu Venedig bei MinutiuL (absichtlich statt Mauritius) erschien, von Wolfgang Angst, einem gelehrten und witzigen Buchdrucker in Hagenau, herrühre, was indeß von andern Seiten auch schon wieder bezweifelt worden ist, und daß am zweiten Buche, welches 1519 erschien, nächst Ulrich von Hutten, Crotus Nubeanus den bedeutendsten Antheil habe. Der Umstand, daß das Buch schon 1517 durch eine päpstliche Bulle in das Verzeichniß der verbotenen Bücher ausgenommen wurde, trug nicht wenig zu dessen Verbreitung bei. Unter den zahlreichen Ausgaben sind die zu Frankfurt (163 3,12.), die londoner Duodezausgabe ohne Jahreszahl, die von Maittaire (Lond. 1719, 12.), Münch (Lpz. 1827) und Notermund (2 Bde., Hannov. 1827) als die vorzüglichsten anzuführen. Epitaphtvs hieß bei den Griechen die feierliche Trauer- oder Leichenrede, die am Schlüsse eines Kriegsjahres zum Ruhm der im Kampfe für das Vaterland Gefallenen von einem gewöhnlich vom Staate dazu aufgefoderten Redner gehalten wurde, wie von Lysias, JsokrateS und Demosthenes. Berühmt ist besonders die Leichenrede des Perikles, welche Platon und Thucydidcs anführen. Auch bei den alten Römern finden wir schon aus frühester Zeit dergleichen I.suckstiones tunebres. Vgl. Döring, „Ile Isuckstione kuuebrsli spuck veteres" in dessen von Wüstemann herausgegebenen „Opusculs" (Nürnb. 1839). — Mit Epitaphium bezeichnet man eine Grabschrift oder ein Grabmal, lS. Dcnkmale.) Epithalamium hieß bei den Griechen und Römern das Hochzeitslied, welches gewöhnlich chorweise vor oder bei dem Brautgemache (tkslsmus) Neuvermählter abgcsungen wurde, wie der Hymen aus (s. d.) bei der Heimführung der Braut. Dergleichen Epitha- lamien verfaßten, obgleich die Sitte selbst bis in das heroische Zeitalter hinaufrcicht, namentlich Sappho, Anakreon, Stesichorus und Pindar, doch sind nur spärliche Überreste von denselben auf uns gekommen; aus der röm. Poesie verdient das „kpitkslswium ?dei et 26 Epitheton Epoche PbMi>Ios"besEatutius (s.d.) vorzüglich Erwähnung, ein größeres, aus der epischen und lyrischen Gattung gemischtes Gedicht. Eine Sammlung der griech. und röm. Epithalamicn findet sich in Wernsdorf's „?ootae lat. minnres" (Bd. -t, Th. 2). Epitheton oder Beiwort. Das Epitheton heißt, wenn cs einen im Umfange des Hauptworts wesentlich liegenden oder durch den Zusammenhang bedingten Begriff ausdrückt, ein noth wendiges (epitketon nccessorinm) und fällt alsdann in seiner rein logischen Bedeutung gänzlich dem Gebiete des Verstands anheim, z.B. die willkommene Gelegenheit; dagegen ein verschönerndes oder schmückendes (epitketon ornans), wenn es dazu dient, durch Veranschaulichung den Haüprbegriff nach einem oder mehren seiner Merkmale der Phantasie näher zu bringen, z. B. die funkelnden Sterne. Besonders werden hierzu zusammengesetzte Wörter genommen, und vorzüglich wirksam sind, wegen des in ihnen enthaltenen NebcnbegriffS von Thätigkcit und Leben, die Participicn. Auch gibt es in der Poesie stehende Beiwörter, insofern sie dem nämlichen Gegenstände oft beigelegt werden, z. B. das kühle Grab, die flüchtige Zeit. Die meiste veranschaulichende Kraft aber haben im Allgemeinen die einen Tropus, Metonymie oder Metapher in sich schließenden Beiwörter. Daß dieselben übrigens mit Bedeutung gewählt und nicht zwecklos angcwendct werden muffen, wie dies bei den überflüssigen und müßigen Beiwörtern der Fall ist, ergibt sich von selbst; denn so sehr sie, mit Sorgfalt gebraucht, zur Verschönerung und Verstärkung des Sinnes bcizutra- gen im Stande sind, ebenso sehr können sic auch, zur Unzeit und zu häufig angewandt, Schwächung oder gänzliche Störung des Ausdrucks verursachen. Epitöme (griech.), d. h. Abschncidung oder Abkürzung, nennt man in der Literatur den Auszug eines größern Werks oder überhaupt einen kurzen Inbegriff irgend einer Wissenschaft. Schon von den Griechen und Römern wurden in späterer Zeit dergleichen Auszüge aus früher» Werken veranstaltet, und namentlich finden wir bei letzter» unter dem Titel „kpitome" einen Auszug der röm. Geschichte von Florus (s.d.), aus dem gallischen Kriege vonEutropius (s. d.), derNovcllcn vonJulian, ebenso eine „Irpitoilio lliallo-! Uo- mori"; auch werden die Jnhaltsanzeigen der verloren gegangenen Bücher des Livius mit diesem Namen bezeichnet. (S. Chrestomathie uukAuthologie.) Der Verfertiger eines solchen Auszug^hxM Epit» n, ato r?^ Epizenxis (griech.) bezeichnet als rhetorische Figur die unmittelbar oder doch wenigstens bald hintereinander folgende Wiederholung desselben Worts, uni den Nachdruck dadurch zu heben, z. B. „Reize, reize ihn nicht", und bei Klopstock: „Auscrstehen, ja aufcr- stehen wirst du, mein Geist". Epizöen sind IM Gegensätze zu den En tozoen (s. d.) oder Eingeweidewürmern solche Thiere, die auf andern Thstren sich aufhalten und auf Kosten derselben sich ernähren, unter veränderten Bedingungen aber nicht leben könnten. Flöhe gehören sonach nicht unter die eigentlichen Epizocn, wol aber die vielen Arten Laust, die an Säugthieren und Vögeln vor- 'kommen, die Milben, die meist mikroskopisch, aber sehr artenreich sind, auch am Menschen in den Krätzpusteln, den sogenannten Mitessern u. s. w. gefunden werden; ferner gewisse Insekten, die nur im Larvcnzustande Epizoen sind, wie die Bremsen, und endlich ein ganzes Heer der den Krebsen entfernt verwandten kleinen Geschöpfe, die auf Wafferthieren leben. Epizvotie oder Viehseuche, nennt man eine Krankheit, welche eine Zeit lang heftiger als gewöhnlich unter den Hausthiercn herrscht. Sie hat dieselben Ursachen wie die Epidemie (s. d.) unter den Menschen, die den Epidemien oft so günstige Gemüthsstimmung ausgenommen. Es unterliegt jedoch das Thier seiner untergeordneten Organisation wegen miasmatischen und contagiöscn Einflüssen leichter als der Mensch. Vgl.Mandt, „Praktische Darstellung der wichtigsten ansteckrill n Epidemie» und Epizootien" (Bcrl. 1828). Epoche (griech.), d. i. das Anh» ten oder die Hemmung, nennt man im Allgemeinen einen wichtigen Zeitpunkt, von welchem ,:?an z. B. in der Geschichte eine neue Periode oder auch eine neue Zeitrechnung beginnt. — In der Astronomie versteht man unter Epoche de« Planeten die mittlere heliocentrische Länge der Planeten in ihren Bahnen zu irgend einer gegebenen Zeit, z. B- für den Anfang des Jahrhunderts, oder in Bezug auf ein bestimmtes Jahr die mittlere Länge im Mittlern Mittag des 1. J-n., wenn das Jahr ein Schaltjahr ist, und im Mittlern Mittag des HI. Dec. des vorhergehend u Jahrs, wenn das Jahr ein ge- 27 Epode Epos meines ist. Diese Epoche gehört zu den Elementen der Planetenbahn. Ebenso ist bei der Sonne und dem Monde von der Epoche ihrer Mittlern (geocentrischcn) Länge die Rede. Die Skeptiker bezeichnen mit Epoche das Zurückhaltcn des entscheidenden Urtheils. Epöde (griech.), d. h. Nach- oder Schlußgesang, hieß bei den Alten derjenige Theil eines lyrischen Gesangs, welcher auf die Strophe und Antistrophe oder Gegenstrophe folgt, sein eigenes Sylbenmaß enthält und aus einer willkürlichen Anzahl von Versen bestehen kann. Die meisten Hymnen des Pindar und viele Chorgesänge der griech. Dramatiker geben Beispiele von solchen Gedichten. Außerdem bezeichnet man damit eine vom Archi- lochus (s. d.) erfundene und von Horaz auf röm. Boden verpflanzte Gattung lyrischer Gedichte, in denen ein längerer Vers mit einem kürzer», gewöhnlich ein längerer Jambus mit einem Dimeter, abwechsclt. Das fünfte Buch der Oden des Horaz führt den Titel „Epo- den", den Andere jedoch als einen Anhang von Oden, die nach dem Tode des Dichters seinen übrigen Werken beigefügt wurden, fälschlich erklären. Epopeus, der Sohn des Poseidon und der Kanake, kam aus Thessalien nach Sicyon, wo er König wurde. Er gerieth mit dem Nykteus, König von Theben, in Krieg, weil er dessen Tochter Antiope (s. d.) entführt oder bei sich ausgenommen hatte, als sie von ihrem Vater geflohen war. Im Treffen verwundet starb er später, nachdem er zuvor noch der Athene für den erhaltenen Sieg einen Tempel erbaut hatte, in Folge der erhaltenen Wunden. Nach einer andern Erzählung wurde er von dem Bruder des Nykteus, Lykos, ermordet. — Epo- peus hieß ferner auch der Steuermann eines tyrrhenischen Schiffs, dessen Mannschaft den Bacchus (s. d.) entführen wollte, dafür aber in Delphine verwandelt wurde. Epöpöe, s. Epos. Epopten, d. i. Anschauer, nannte man im alten Griechenland die Eingeweihten, welche Allem, was bei den eleusinischen Mysterien vorging, beiwohnen durften. Epos. Wenn man unter dem Totalbcgriffe Epische Poesie (s. d.) auch die Romanze, Legende, Ballade, selbst den Roman u. s. w. begreift, so versteht man unter Epos oder Epopöe, wie schon die gebräuchliche Übersetzung Heldengedicht zeigt, vorzugsweise diejenige Gattung der epischen Gedichte, denen Begebenheiten von seltener Größe, worin sich eines- theils der Mensch, anderntheils aber auch eine überirdische Macht thätig zeigt, zum Grunde gelegt sind. Obgleich jene übernatürliche Einwirkung, welche unter der Gestalt von häufig selbst im Kampfe gegeneinander begriffenen Göttern, Engeln, Teufeln und Dämonen perso- nifieirt erscheint, von Vielen als dem Epos nicht wesentlich betrachtet worden ist, so bilden doch diese übernatürlichen Wesen, deren Gcsammthcit die Maschinerie deS EpoS genannt wird, in allen großen und als klassisch anerkannten Epopöen ein so geschlossenes Ensemble mithandelnder und qualitativ wie quantitativ so gewichtiger Kräfte, daß man deren Vorhandensein als dem eigentlichen Epos wesentlich und nothwendig betrachten darf. Diese Götterwesen und Dämonen sind die Symbolik des Epos und deuten auf jenen Glauben, daß sich um den Menschen ein wohlwollendes und ein übelwollendes Princip streiten, daß er und sein Thun und Handeln höhern sich gegenseitig befehdenden Mächten unterworfen seien. Allerdings ist diese Federung des Wunderbaren nur aus den vorhandenen Mustern hergenommen, aber die Zahl der wahren Epopöen beschränkt sich auch nur auf wenige und ihr Kreis ist wahrscheinlich bis dahin abgeschlossen, wo ein jetzt gar nicht vorauszusehender heroisch naiver Urzustand Vvlkssänger erweckt, aus deren Dichtungen abermals eine Epopöe hervorgehen dürfte. Abgesehen von der Maschinerie, liebt es die Epopöe, in das Kolossale zu zeichnen und den darin handelnden Personen einen ungewöhnlichen Charakter, eine halb märchenhafte Physiognomie und eine Gestalt über Lebensgröße zu ertheilen. Dies findet man in jedem eigentlichen Volks- und Naturepos, in der, „Jliade" wie in dem „Nibelungenlied". Das K u n st - epos, wie es z. B. Virgil in der „Äncis" ausbildete, verhält sich schon zierlicher und civili- sirter, doch hat es die wesentlichen Eigenschaften der Homerischen Epik, namentlich die Maschinerie, beibchalten. Sowol die Homerischen Dichtungen wie das „Nibelungenlied" entstanden in einer heroisch naiven Urzeit, weshalb man auch auf die Vermuthung gekommen ist, daß sie nicht einen, sondern mehre Verfasser haben und erst später überarbeitet und in ein Ganzes verschmolzen wurden; so viel ist gewiß, daß das Epos zu Zeiten der verfeinerten Civilisation keine innere Nothwendigkeit mehr hat, weil gerade seine Hauptcigenschaften, die 28 Equipage Erasmus grandiose Zeichnung, die kolossalen Gestalten, die wunderbare Maschinerie keinen Glauben erwecken. Darum findet auch Dante, der noch zu einer Zeit sein religiöses Epos verfaßte, wo man an das Wunderbare glaubte, jetzt wol noch einzelne Bewunderer seiner Genialität und dichterische» Größe, aber wenig Leser und eigentliche Liebhaber, und Milton und Klvpstock haben, je weiter die moderne Civilisation fortschritt, um so niehr in der Gunst des Publicums eingebüßt, da der religiöse Charakter ihrer epischen Dichtungen in unserer Zeit noch weniger anspricht als der heroisch-romantische, wie er sich z. B. in Tasso's Epos „Das befreite Jerusalem" abspiegelt. Mehr Theilnahme als das sogenannte religiöse Epos findet noch das romantisch-phantastische, das sich mit sinnlichen Elementen verseht, zwar auch eine Art Maschinerie, aus der mittelalterlichen Feen- und Zauberwelt herbeigeholt, an- wendet, aber eine solche, die gar nicht den Anspruch daran macht, daß man an sie glaubt. So Ariost's „Rasender Roland", der durch seine frische sinnliche Fülle anzicht, und Wieland's „Oberon", der anmuthig und selbst in seiner Ironie noch zierlich erscheint. Das sogenannte komische Epos kann nur als völliges Gegenstück und als Parodie des eigentlichen Epos gelten, auch treibt es diese Neigung zur Parodie nicht selten so weit auf die Spitze, daß es ebenfalls, jedoch nur um ergötzlich zu wirken, eine Maschinerie angewendet hat. In der neuern Zeit hat man auch von einem idyllisch en Epos gesprochen, welches der Maschinerie gänzlich entbehrt, das Wunderbare von sich weist, und nur als ein poetisches Familien- und Een- rebild gelten kann, mithin mit dem großen epischen, vorzugsweise Epos genannten Gedichte keine der wesentlichem, höchstens äußerliche und formelle Eigenschaften gemein hat. Die Versuche, das antike Epos zu erneuern, z. B. durch Sonnenberg und Ladisl. Pyrker, haben, bei allem Talent, welches der Erstere, bei aller Gewissenhaftigkeit, welche der Letztere zeigt, ein größeres Publicum nicht finden können, und hieraus wie aus andern Symptomen ergibt sich, daß die Zeit des Epos vorüber sei. Über die Entstehung und Fortbildung des deutschen Epos vgl. Wilh. Grimm, „Die deutsche Heldensage" (Gütt. 1829). Außerdem vgl. Torquato Tasso, „Dell' arte poeticu eck in psrticolure 753). Equipage nennt man in der Militairsprache Alles, was zur Bekleidung und Ausrüstung eines Offiziers gehört, und folglich beim Cavaleristen auch das Pferd sammt Sattel und Zeug. Beim Seedienste versteht man unter Equipage die sämmtliche Schiffsmannschaft an Offizieren, Matrosen und Soldaten. Eraslsträtus, einer der berühmtesten griech. Ärzte, um 39V v. Chr., welcher von der Insel CeoS stammte, dann nach Alexandrien sich begab und zuletzt in Jonien im hohen Alter starb. Gleich groß in der Theorie wie in der Praxis, ward er Stifter einer eigenen mcdicini- schcn Schule, die unter dem Namen derErasistrateer bekannt ist. Er nahm in dem Körper zwei Hauptgcgensähe an, den Lebcnsgeist und das Blut, suchte den Grund aller Krankheiten in dem Überfluß an Nahrungsstoff, dem er durch die strengste Diät entgcgcnwirktc, und machte namentlich in derLehre vom Gehirn und Nervensysteme überraschende und höchst wichtige Entdeckungen. Von seinen zahlreichen Schriften haben sich nur dürftige Bruchstücke oder die Titel erhalten. Vgl. Hieronymus, „birasistrsti et birssistruteorum lüste,ri»" (Jena 1790). Erasmus (Desiderjus), eines der rüstigsten Werkzeugs zur Beförderung des Ncfor- mationswerks, obschon er aus Abneigung gegen alle Händel an demselben keinen unmittelbaren Antheil nahm, geb. zu Rotterdam am 28. Oct. 1467, der uneheliche Sohn eines Holländers, Namens Gheraerds, aus Gouda, und der Tochter eines Arztes, war bis zu seinem neunten Jahre Chorknabe im Dome von Utrecht und kam dann in die Schule von Devent.r, wo er sein Talent auf eine so glänzende Weise zu entwickeln begann, daß schon damals gesagt wurde, er werde einst der gelehrteste Mann seiner Zeit werden. Nachdem Tode seiner Älter», die er im 14. Jahre verlor, zwangen ihn seine Vormünder, in den geistlichen Stand und mit dem 17. Jahre in das Kloster Emane bei Gouda zu treten, von welchem Zwange ihn jedoch der Bischof von Cambray befreite. Nachdem er 1492 die priesterliche Weihe empfangen, reiste er nach Paris, um sich in der Theologie und in den Humanioren zu vervollkommnen. Mit einigen reichen Engländern, die er hier unterrichtete, ging er 1497 nach England, wo ihn der König sehr wohl ausnahm. Doch kehrte cr bald nachPa is zurück und besuchte da».», Erato EratostheneS 29 en um seine Kenntnisse zu bereichern, Italien. In Bologna, wo er die theologische Doctorwürde :r- annahm, kam er, wegen seines weißen Scapuliers für einen Arzt der Pestkranken angesehen, a> in Lebensgefahr, indem ihn der abergläubische Pöbel mit Steinwürfen verfolgte. Dieser Vor- id fall war die Veranlassung, daß E. bei dem Papste um Dispensation von seinen Ordensgees lübden anhielt, die ihm auch gewährt wurde. Er besuchte hieraufVencdig, Padua undRom; :it aber so glänzende Aussichten sich ihm auch hier darboten, so folgte er doch lieber den Einlass düngen seiner Freunde nach England, wo ihm das Ansehen, welches er bei Heinrich VIII. et genoß, noch größere Vortheile versprach. Als er den berühmten Großkanzler Thomas Mo- ar rus besuchte, ohne sich ihm zu erkennen zu geben, ward dieser dergestalt von seiner Unterhal- n> tung entzückt, daß er ausrief: „Ihr seid Erasmus oder ein Dämon!" Man bot ihm sofort >t. eine Pfarrei an, die aber E. ablchnte, um nicht gefesselt zu werden. Nur kurze Zeit verwal- 's tctc er zu Oxford die Professur der griech. Sprache und wendete sich dann, nachdem er noch te die Niederlande und Deutschland durchwandert, nach Basel. Hier starb er am 12. Juli os 1536 und wurde im reformirten Münster begraben. E. vereinigte mit ausgebreiteter und es gründlicher Gelehrsamkeit ebenso viel geläuterten Geschmack und treffenden Witz. Eine allen geborene Neigung zur Unabhängigkeit und Ruhe ließ ihn eine gelehrte Muße und Einsam- lz- keit dem glänzenden Leben der Großen verziehen. Doch sein leises Auftreten in der Art eines ». schlauen Weltmanns machte ihm viele der Bessern seiner Zeit, namentlich Hutten, zu Feinte den. Große und dauernde Verdienste erwarb er sich um die Wiederherstellung der Wissende schäften. Seine Schriften sind noch immer wegen ihres gehaltvollen Inhalts und klassischen и, Stils geschätzt. Außer den Ausgaben mehrer Classiker und andern philologischen und kheo- st, logischen Schriften, durch welche er trefflich auf das Studium der classischen Wissenschaften bk cinwirkte, sind am bekanntesten und in fast alle lebende neuern Sprachen übersetzt seine we- en gen der darin herrschenden lieblosen Satire, Frivolität und Zweideutigkeit für die Jugend r> nicht besonders geeigneten „Ollvgum" (beste Ausgabe, Amst. 1650 und öfter; dann von >d Schrevel, Leyd. 1664) und sein „Lncvniiuui inoriae", d.h. Lob der Narrheit, herausgegeben im Original mit deutscher Übersetzung und Holbein'schen Federzeichnungen von W. G. Bell- cker (Bas. 1780 und Berl. >781); die neuesti Ausgabe des lat. Textes mit den Holbein'- cl scheu Abbildungen erschien zu Havre 1830. E. selbst besorgte eine Ausgabe seiner Werke n> bei Froben in Basel; die vollständigste, aber etwas flüchtig gearbeitete Ausgabe lieferte Le- clerc (>0 Bde., Leyd. 1703—6, Fol.). Das Leben des E. bearbeiteten nach Burigny Henke er (2 Bde., Halle 1782) und selbständig Adolf Müller (Hamb. 1828). er Eräto, eine der neun Musen, die Muse der lyrischen, besonders erotischen Dichtkunst, > 1 - wird mit einer Kithara in der Linken, worauf sie mit dem Plektron spielt und dazu singt und r- tanzt, dargestellt. — Erato hieß auch eine Dryade, die Gemahlin des Arkas, und Ausle- к. gcrin der Orakel des Pan. r, Eratosthönes, ein Gelehrter aus den Zeiten der Ptolemäer, wegen seiner vielseitigen ist Gelehrsamkeit der Philolog genannt, geb. 276 v. Ehr. zu Kyrene in Afrika, wurde von h. Ptolcmäus Evergetes nach Alexandrien berufen, wo er die große Bibliothek in Aufsicht er- hielt. Als er im Alter erblindete und deshalb seine gewohnte Lebensart aufgeben mußte, flarb er aus Gram als ein achtzigjähriger Greis 194 v. Ehr. den freiwilligen Hungertod, r- Er beobachtete in Alexandrien die Schiefe der Ekliptik zu 23" 57^ 15", die genaueste Bcob- st- achtung dieser Art, die sich aus jenen Zeiten erhalten hat. Auch sammelte er einen Stern- >!- katalog von 675 Fixsternen, der aber verloren gegangen ist. Seinen größten Ruhm aber m erwarb er sich durch die Messung der Größe der Erde. Um die Geometrie machte er sich durch r, seine Arbeiten über die Duplication des Würfels und die Primzahlen verdient. Von seinen gt vielen Schriften sind meist nur Fragmente übrig geblieben, die Bernhardy unter dem Titel' > 1 , „birutostlienicu" (Berl. 1822) am vollständigsten sammelte. Seine Schrift „Lntnsterlsmi", ,i! die von den Sternbildern handelt, wurde von Schaubach (Gött. 1795) und von Matthiä h (Franks. 1817) herausgegcben. Seine „Keogrspbm", worin er die Erdkunde zuerst wissen- >i, schaftlich behandelte, kennen wir nur aus den Anführungen des Strabo. Das sogenannte ,i SiebdesE. ist eine Methode, die Primzahlen zu finden. Vgl. Wilberg, „Die Construc- >o tion der allgemeinen Charten des E." (Essen 1834, 4.) und „Das Netz der allgemeinen Charten des E. und Ptolemäus" (Essen 1835, 4.). ! . ! 30 Erbach Erbauung Erbach, ein fränkisches Grafengeschlecht, welches seinen Stammbaum bis auf Einhard (s.d.), der Karl des Großen Tochter Emma zur Gemahlin hatte, hinaufführt. Zn verschiedenen Zweigen verbreitet, vereinigte es sich in der Mitte des 17.Jahrh. in zwei Haupt- äste, Erbach-Erbachsund Erbach-Fürstenau. Der erstere Hauptast erlosch imZ. 1731 mit dem Grafen Friedrich Karl; der letztere theilte sich wieder in die Linien Erbach- Fürstenau, Erbach-Erbach (früher Erbach-Reichenberg) und Erbach-Schönberg. Alle drei bekennen sich zur protestantischen Kirche und haben unter sich den Rang und das Seniorat nach dem Alter eingeführk. In früherer Zeit bekleidete die Familie das kurpfälzische Erbschenkenamt. Ihre Besitzungen, theils dem Großhcrzogthume Hessen (mit Erbach und Broiberg), theils dem Königreiche Baiern (mit Eschau und Steinbach), theils dem Königreiche Würtcmberg (mit der Grafschaft Wartenberg Roth) angehörig, haben einen Flächcn- raum von 11 IHM. mit etwa 49999 E. Senior ist Graf Albrecht von Erbach-Fürstenau, geb. am >8. Mai 1787, der seinem Vater unter Vormundschaft >803 folgte. Der Standesherr von Erbach-Schönberg, GrafLudwig, geb. am I.Juli 1792,folgte seinem Bruder 1829, und der Standeshcrr von Erbach-Erbach, Graf Eberhard, geb. am 27. Nov. 1818, unter Vormundschaft seinem Vater l 832. Das Stammschloß der Familie Erbach, wovon die Grafschaft den Namen führt, auf dem Odenwalde im Großher- zogthume Hessen, ist berühmt wegen des herrlichen Rittersaals, des Museums, welches viele griech., röm., vorzüglich aber deutsche Alterthümer, sowie viele ausgezeichnete Gemälde und Zeichnungen aus den neuern Schulen enthält, und der in ihrer Art einzigen Gewehrkammer. In der Bcgräbnißkapelle sind die Särge Einhard's und Emma's, welche aus dem Kloster zu Seligenstadt hierher gebracht wurden, aufgestellt. Erdämter waren theils erbliche Vicariate (Reichserbämter), theils Nachbildungen der Erzämter (s. d.). Die letztere Gattung anlangend, so hatteschonKaiserKonrad II. im 11. Jahrh. den mit dem Neichsobcrhaupte in äußerm Glanze wetteifernden Fürsten die Erlaubniß ertheilt, Hofämter, nach Muster der damaligen vier Erzämter, errichten zu dürfen. Diese nachmals beträchtlich vermehrten Hofstellen wurden, da sie mit Pfründen dockt waren, gleich den andernAmtern und Würden seitdem 12.Aahrh. in gewissen Familien erblich und standen in so hohem Ansehen, daß selbst Laienfürsten es nicht verschmähten, solche, jedoch durch erbliche Mcarien zu versehende, Erbämter bei Geistlichen anzunehmen, wie denn z.B. der Kurfürst von Sachsen Obermarschall des Stifts Bamberg und Obermundschenk der Abtei Kempten war. Da aber jene Erbbeamteten nicht immer in der Residenz anwesend waren, so wurden mit der Zeit neben diesen, aber unabhängig von ihnen, besondere Hofbeam- tete (s. Hof) für den täglichen Dienst angestcllt. Viele Erbämter sind, da sie ihre Bedeutung verloren hatten, nach Absterben der damit beliehenen Familien nicht wieder erneuert worden; doch haben sie sich noch in den östr. Erblanden, wo das Habsburgische Haus frühzeitig anfing, einen großen territorialfürstlichen Hofstaat zu bilden, in ziemlicher Vollständigkeit erhalten, und auch in Preußen scheint man neuerdings auf die Erhaltung oder Herstellung der in den verschiedenen Landestheilen bestandenen, wenn schon nur noch titnlaren Erbämter bedacht zu sein. Baiern hat vier wirkliche Erboberkronämtcr eingeführt, deren Existenz jedoch neuerdings, wo es sich um deren Dotirung handelt, in Frage gestellt worden ist. Erbauung ist ein bildlicher Ausdruck, aus den Schriften des Apostels Paulus genommen, der Erbauung von dem Wachsthum der Christen an Glaube, Liebe und Hoffnung gebraucht (z. B. Röm. 14, 19. 15, 2), wie er denn auch die Seele», welche,von der christlichen Wahrheit erleuchtet und erwärmt sind, bildlich einen Tempel Gottes oder des heiligen Geistes nennt. Die Erbauung dieses Tempels oder das Wachsthum des Christen an religiösem Glauben, Lieben und Hoffen kann auf dreifachem Wege vermittelt werden, nämlich durch Erleuchtung des Verstands zu klarer Auffassung und gläubiger Umfassung religiöser Wahrheiten, durch Belebung des Willens zur Liebe zum Vollkommenen, oder zu Gott und seinem Gesetz, und durch die Erweckung religiöser Gefühle unserer Gemeinschaft mit Gott und Christus und des Werths und der Schönheit christlicher Wahrheit, Tugend und Hoffnung. Soll die Erbauung vollkommen sein, so muß sie das Wahre, Gute und Schöne auf gleiche Weise zur innern Anschauung bringen, oder auf Erkenntniß, Willen und Gefühl zugleich und gemeinschaftlich wirken. Die Grundlage aller wahren Erbauung aber ist und muß Erbe Erbfähigkeit 31 sein das Wahre, weil nur Das, was wahr ist, auch gut und schön sein kann. Denn eine wahre und dauernde Liebe zum Vollkommenen kann nur aus klarer Anschauung desselben hervor- gchen, und die Gefühle, die an und für sich nur eine Lebendigkeit der Empfindungen sind, können nur dann wohlthätig sein, wenn sie nicht das Irrige sondern das Wahre, nicht den Wahn sondern die wahre Beschaffenheit der Dinge zum Gegenstände haben. Wenn sich die Frömmigkeit nicht auf wahre sonder» auf irrige religiöse Anschauungen gründet, so kann sie zwar lebendig und innig sein, aber sie wird wenig Tugend wirken und kann selbst zu gefährlichen Schwärmereien führen, wovon die Geschichte der christlichen Kirche lehrreiche Beispiele enthält. Die besten Erbauungsschriften sind daher die, welche die Erbauung auf klare Erkenntniß der Wahrheit zu gründen suchen, die schlechtesten die, welche von irrigen Vorstellungen ausgehen, und die gefährlichsten die, welche Verachtung der Vernunft predigen und nur das Gefühl aufzuregen suchen. Soll aber die Erkenntniß der religiösen Wahrheit erbaulich wirken, so muß sie nicht blos als Begriff für den Verstand behandelt, sondern das Wahre muß in seiner Würde und Schönheit zur inner» Anschauung gebracht, auf die Verhältnisse des Lebens angewendet und zum Grunde des Wollcns und Höffens gemacht werden. Ein Hauptmittel dazu ist außer dem Cultus die begeisterte Rede, d. h. eine Rede, welche von dem Gefühle des unbedingten Werths der Wahrheit und der Tugend durchdrungen ist. Das Christenthum hat vor allen Religionen den hohen Vorzug, daß das Leben seines Stifters der Erbauung im höchsten Grade dient, indem es das Bild des göttlichen Menschen darstellt, wie er sich bildet, wie er lebt und liebt, wie er unter Kampf und Leiden zur Vollkommenheit reift und in seiner Vollendung verherrlicht wird. Erbe (keres) heißt Derjenige, der in alle Rechte und Verbindlichkeiten eines Verstorbenen, soweit sie nicht mit dessen Tode erlöschen, wie z.B. eheliche, väterliche Rechte, Amtsverhältnisse, unmittelbar cintritt. Mehre Erben, die Mitcrben, treten gleichfalls in alle diese Rechtsverhältnisse, ein jeder nach der ihm bestimmten Quote, ein. In einem weitern Sinne gebraucht man das Wort Erbe auch bisweilen von Dem, welcher eine Erbschaft nicht unmittelbar von dem Erblasser (s. d.), sondern erst aus den Händen eines Andern als Fidei- commißerbe (s. Fideicommiß) erhält, und unterscheidet in diesem Falle den mittelbaren von dem direkten Erben. Unter Pflicht- oder Notherben versteht man diejenigen nächsten Jntestaterben (Ascendenten, Desccndcnten und Ehegatten), welchen, sofern nicht gesetzliche Gründe, sie ganz auszuschlicßcn, vorhanden sind, wenigstens ein bestimmter Theil des Nachlasses (s. Pflichtth eil) hinterlassen werden muß. Übrigens kann man entweder kraft gesetzlicher Bestimmung (ub intestnto) oder durch Testament, oder, nach deutschem Rechte, durch Vertrag Erbe werde». (S. Erbfolge.) Erbeinigungen hießen die im Mittelalter häufigen, unter mehren adeligen Familien geschlossenen, erblichen Bündnisse zu gegenseitiger Hülfeleistung bei Befehdungen u. s. w. Indem durch sie eine besondere Erbfolge keineswegs aufgerichtct wurde, so unterscheiden sie sich insofern wesentlich von den E r b v c r b r ü d e r u n g e n (s. d.). Erbeinsetzung (institutio kerellis) heißt die Ernennung eines oder auch mehrer Erben im Testamente, welche den wesentlichen Inhalt des letzter« bildet und sie von dem Codi- cille (s. d.) unterscheidet. Der Erbe braucht im Testamente nicht genannt zu werden, sondern der Testator kann sich deshalb auf eine andere Schrift beziehen (te«t»mentum inzsti- ciim). Nach röm. Rechte mußte, wenn einmal ein Erbe eingesetzt ward, über den ganzen Nachlaß in dieser Art verfügt werden, sodaß ein nur auf einen Theil eingesetzter Erbe doch das Ganze bekam, wenn für die übrigen Theile keine Erben ernannt waren; die neuern Gesetzgebungen haben dies zumcist,abgeändert, sodaß in einem solchen Falle das Übrige den gesetzlichen Erben zufallen würde. Nacyerbcncinsctzung (substitutiv) kann hinzutretcn für den Fall, wenn der Eingesetzte nicht Erbe sein kann, z. B. den Anfall nicht erlebt, oder wenn er es nicht sein will (substitutiv vulgaris); ebenso hat auch der Vater das Recht, seinen Kindern für den Fall, daß sie unmündig oder geisteskrank sterben, Erben zu ernennen (substitutiv pupillsris und yussi pupillsris). Erbfähigkeit oder Succcssionsfähigkeit nennt man den Inbegriff derjenigen Eigenschaften, welche theils zur Erwerbung einer Erbschaft überhaupt, theils unter besonder» Verhältnissen gesetzlich erfoderlich sind, oder das Nichtvorhandcnsein derjenigen Umstände, 32 Erbfolge Erbfolgekrieg ^ ' ZL welche die Erbfolge behindern. In Beziehung auf Testamente nennt man diese Fähigkeit lestamsntitsctio PÜSSIVS. Manche frühere Beschränkungen derselben sind durch neuere Gesetzgebungen aufgehoben worden; doch ist noch ziemlich allgemein die Erbfähigkeit von Korporationen, Stiftungen u.s. w. von der Erlaubniß der Negierung oder doch von derCon- firmation ihrer Statuten durch letztere abhängig. Im deutschen Fürstenrechte ist in der Regel Abstammung aus standesmäßiger, d. h. mit einer Ebenbürtigen geschlossenen Ehe zur Suc- ccssionsfähigkeit erfoderlich, wobei jedoch die Staatsrechtslehrcr über den Begriff der nicht standesmäßigen Ehe noch nicht einig sind. Bei der Lehnsfolge war früher das weibliche Geschlecht in der Regel sowie auch die Geistlichkeit ausgeschlossen, doch hat sich auch dies jetzt vielfach geändert. Erbfolge heißt der Übergang der gesammten übertragbaren Rechte und Verbindlichkeiten eines Verstorbenen auf einen Lebenden. Dieselbe ist eine Universalsuccession, die sich von der Singularsuccession dadurch unterscheidet, daß bei jener die Gesammtheit oder doch ein nach Quoten bestimmter Thcil der Gesammtheit von Rechts» und Verbindlichkeiten des Verstorbenen auf den Erben übergeht, während die Singularsuccession nur bestimmte einzelne Rechtsverhältnisse, z. B. Legat, Kauf, Schenkung u. s. w., übergehen läßt. Außer der Confiscation des gesammten Vermögens möchte es im neuern Rechte kaum noch eine andere Art der Universalsuccession geben, als die Erbfolge. Der Grund der Erbfolge ist entweder gesetzliche Bestimmung (In testaterbfolge) oder der letzte Wille des Erblassers (testamentarische Erbfolge) oder Vertrag. Sodann ist zu unterscheiden das Recht der Erbfolge von deren Ordnung. Erbfolgerecht haben Alle, welche auch erst nach vielen Andern zur Erbschaft berufen sind, und sie müssen in gewissen Fällen, wo von Disposition über die Substanz der Erbgüter die Rede ist, um ihre Zustimmung gefragt werden; die Erbfolgeordnung ist die Reihenfolge, in welcher sie zum wirklichen Besitz gelangen. Die vernehmlichsten Arten der Erbfolgeordnung sind: l) die Gradualordnung, wobei nur auf die Nähe des Grads, d.i. die Zahl der zwischen zwei Personen stattfindcnden Zeugungen gesehen wird, die gemeinrechtliche, römische Successionsordnung der entferntem Seitenverwandten (s. Erbrecht); 2) die Linealordnung, wenn nach Stämmen oder Linien succe- dirt wird, sodaß mehre Kinder eines Vaters immer nur für einen Stamm gelten und auch immer nur die gleich nahen Linien zur Succession kommen; 3) die Parentalordnung, insofern immer nur auf den nächsten gemeinschaftlichen Stammvater gesehen wird, und ein Be- sihthum, welches einmal an eine Person gekommen ist, so lange bei der Nachkommenschaft bleibt, als noch Jemand in derselben vorhanden ist, dann aber der Nachkommenschaft des nächsten Stammvaters zufällt, welche Ordnung der Erbfolge der alten Deutschen zu Grunde lag; 4) die Primogeniturordnung, wo immer der Erstgeborene der ältesten Linie succcdirt, und diesem die Nachgeborenen folgen, solange noch ein Successionsfähiger in dieser Linie, vorhanden ist; 5) das Majorat (s. d.), bei welchem die Ordnung nicht wesentlich an die Prärogative der ältern Linie geknüpft ist; 6) die Secundo- oder Tcrtiogenitur, wobei die Erbfolge immer auf die zweite oder dritte Linie fällt und bei derselben bleibt, so lange sie dauert und nicht durch den Abgang der ältern selbst zur ersten wird, indem in diesem Falle wieder die nächste zweite Linie des bisherigen Besitzers (der zweite Sohn, der älteste nachgeborene Bruder oder der Oheim) in die Secundogenitur eintritt, und 7) das Seniorat, welches an das nach dem natürlichen Lebensalter älteste Mitglied des ganzen Geschlechts fällt. Alle diese Ordnungen können auf verschiedene Weise combinirt und blos auf die Agnaten, aber auch auf die Cognaten bezogen werden. Übrigens sind die letzten vier Ordnungen der Erbfolge nicht sowol in privatrechtlicher Beziehung als im Staatsrecht, sowie zumeist durch ausdrückliche Festsetzung in größer» Vermögenstheilen adeliger und fürstlicherFanrilien üblich. Erbfolgekrieg. Bekannt sind besonders drei Erbfolgekriege. Der bair. Erb- folgekrieg, 1778 und 1779, hatte eigentlich nicht den Charakter eines Kriegs, sondern bestand mehr in einer Reihe von Einzelgefechten, demonstrirenden Hin - und Herzügcn und diplomatischen Verhandlungen. Als nämlich der bair.-wittelsbacher Mannsstamm mit Maximilian Joseph am 30. Dec. 1777 ausstarb, erhob Kaiser Joseph II. unter dem Vorwände alter Lehnsverträge Erbansprüche auf Niederbaiern, die böhm. Lehen in der Oberpfalz und noch mehre andere Herrschaften und Besitzungen, die zusammen ungefähr zwei ErLfolgekrieg 33 Dritthcile Baierns ausmachten. Auch ließ in der Thal der nächste Erbe in Beuern, Kurfürst Karl Theodor, der ohne eheliche Nachkommen war, durch Ostreichs Drohungen und Versprechungen zugleich, sich bewegen, in einem zu Wien am I. Jan. 1778 geschlossenen Vertrage, ohne Rücksicht auf die Rechte seiner Seitenverwandten, Niederbaicrn oder den bair.-straubingischen Landcstheil dem Hause Ostreich abzutretcn. Allein Karl Thcodor's muthmaßlicher Erbe, der Herzog Karl von Zweibrücken, widersprach, von König Friedrich I I. ermuntert, auf dem Reichstage zu Regensburg am 3. Jan. 1778 dieserAbtretung und ricfdcu Beistand Preußens und Frankreichs am 18. März an. Als zu gleicher Zeit der Herzog von Mecklenburg, auf einen alten Rechtsausspruch Kaiser Maximilian's I. gestützt, die Landgrafschaft Leuchtenberg und der Kurfürst von Sachsen, als Schwestcrsohn Maximilian Jo- seph's, die bair. Allodialerbschaft, im Betrage von 47 Mill. Fl., in Anspruch nahmen, schritt man, da gütliche Vermittelung bei Ostreich kein Gehör fand, zur Entscheidung durch die Waffen. Zwei preuß. Heere rückten am 5. Juli 1778 in Böhmen ein; das eine, von dem Könige selbst befehligt, drang von Schlesien aus bis Königsgrätz vor, wo Joseph am Zusammenfluß der Adler und der Elbe ein festes Lager bezogen hatte, das andere unter dem Prinzen Heinrich, mit welchem bei Dresden die Sachsen sich vereinigt hatten, ging über Rumburg, nahm Gabel, nöthigte den General Loudon sich znrückzuziehen und streifte bis Prag. Doch geschah kein entscheidender Schlag; im Sept. gingen die Preußen nach Schlesien und Sachsen zurück, um Winterquartiere zu beziehen. Währenddessen hatte Maria Theresia, die sehnlich den Frieden wünschte, mit Preußen Unterhandlungen angeknüpft, und so kam durch Frankreichs und Rußlands Vermittelung der Friede von Teschen am 13. Mai 1779, an Maria Thcrcsia's Geburtstage, zu Stande. Baiern trat an Ostreich das Jnn- vicrtcl oder das Land zwischen dem Inn und der Salza, etwa 49 lüM., ab; Sachsen wurde wegen seiner Allodialerbschaft mit 6 Mill. Fl. und mit der Souverainctät über die Grafen von Schönburg, die bisher Böhmen behauptet hatte; entschädigt, und Mecklenburg erhielt das >„ ivilcAmm lle non up^elluixlo. Preußen gewann nichts, trotzdem daß ihm dieser Krieg 29 Mill. Thlr. und 29999 M. kostete, übrige ns nannt en spokkwcise diesen Krieg, in welchem es zu keiner ernsten Waffenthätkam, biePreiWstMdSachsen den Kartofselkrieg, die Ostrcichcr den Zwctschkcnrummel, die Baiern den bair. Proeeß. Der östr. Erbfolgekrieg dauertevon 1749—48. Am 29. Oct. 1749 war Kaiser Karl V I-, der letzte des habsburgischen Mannsstamms (die span. Linie war schon früher aus- gestorben), mit Tode abgegangen, und Maria Theresia, seine älteste Tochter, nahm von allen östr. Erbländcrn sogleich Besitz. Gegründet war ihre Erbfolge auf die Pragmatische Sanction (s. d.), vermöge welcher die gcsammten östr. Staaten immer ungcthcilt auf die männlichen und in deren Ermangelung auf die weiblichen Nachkommen nach dem Erstgeburtsrecht übergehen sollten, und welcher Karl VI. sowvl von den Ständen der östr. Staaten als von den Hauptmächten Europas bei seinen Lebzeiten Anerkennung zu schaffen auf alle Weise sich bemüht hatte. Die Umstände erschienen aber thcils wegen des Zustandes innerer Zerrüttung, in welcher sich Ostreich damals befand, theils weil die Zügel der Regierung in weiblicher Hand lagen, den Feinden dieses Hauses allzu günstig, als daß sie dieselben nicht hätten zu ehrgeizigen Planen benutzen sollen. Friedrich II. war der Erste, welcher diese Gelegenheit ergreifen zu müssen glaubte, um ein altes, bisher nicht benutztes Recht auf die schles. Hcrzogthümer Liegnitz, Wohlau, Brieg und Jägerndorf geltend zu machen. Ohne Kriegserklärung rückte er im Dec. 1749 mit 3V099 M. in Schlesien ein, indem er zuglöiche vor Beginn der Feindseligkeiten, der Kaiserin gegen Abtretung dieses ganzen Landes sein Bünd- niß, einen Vorschuß von 2 Mill. Thlr. und bei der bevorstehenden Kaiserwahl seine Stimme für ihren Gemahl, den Großherzog von Toscana, anbot. Maria Theresia stellte die Entscheidung auf den Kampf mit den Waffen; allein schon die erste Schlacht, bei Mollwitz am 19. Upr. 1741, ging verloren, und binnen kurzer Zeit war das von östr. Truppen entblößte Schlesien ganz in Friedrich's Händen. Unterdessen war auch der Kurfürst von Baiern, Karl Albrecht, der Einzige, der die Pragmatische Sanction Karl'S VI. nie anerkannt, ausgetreten und hatte wegen seiner Abstammung von Anna, Ferdinand's l. Tochter, auf die ganze habS- burgische Erbschaft, besonders ab^M^ Dstreich, Böhmen und Tirol Ansprüche erhoben; Conv.-Lex. Neunte Ausl. V. b Z4 Erbfolqefrieg ebenso verlangte Spanien zufolge eines ehemaligen Erbvertrags zwischen der span, und östr. Linie des Habsburger Hauses zum Schein die ganze östr. Monarchie, in der That aber nur den Besitz der Lombardei für Philipp, den zweiten Sohn der Elisabeth, und auch der Kurfürst von Sachsen fodertc, als Gemahl der ältesten Tochter Kaiser Joseph's l., die ganze östr. Erbschaft. Sie alle vereinigte Frankreich, das, gegen dasHaus Habsburg seitZahrhundcr- tcn feindlich gesinnt, diese Gelegenheit benutzen wollte, die östr. Monarchie zu zertrümmern, in dem Bündnisse zu Nymphenburg am >8. Mai l 741, wo man eine Sichtung sämmtlicher Ansprüche und die vorläufige Thcilung der östr. Besitzungen vornahm. Der Krieg entbrannte nun an mehren Stellen zugleich. Zunächst kämpften in Italien >741 und >742 zwei span. Heere, um den Ostreichern die Lombardei zu entreißen. Frankreich sendete zwei Heere nach Deutschland; mit dem einen suchte der Marschall Mallcbois, in Verbindung mit Preußen, Holland und Hannover in Westfalen abzuhaltcn, der Maria Theresia beizustehe», mit dem andern eilte BelleiSle durch Schwaben zur Unterstützung Karl Albrecht's nach Baien,. Dieser war jedoch bereits mit bair. Truppen in Ostreich eingedrungen, eroberte hierauf, mit den Franzosen vereinigt, ganz Oberöstreich und ließ sich hier huldige», wendete sich alsdann nach Böhmen, wo bereits eine sächs. Armee unter Nutowski eingcrückt war, eroberte Prag und ließ sich daselbst am IS. Dec. 1741 als König krönen. In dieser Bedrängniß suchte Maria Theresia Hülfe bei ihren Ungarn. Von den Streitkrästen derselben und den Hülfs- geldern der Engländer unterstützt, stellte sie zwei Heere ins Feld, von welchen das eine unter dem Befehl des Gemahls der Maria Theresia in Böhmen einrückte, um die Fortschritte des Feindes dort aufzuhalten, das andere unter Khevenhüller Oberöstreich wiedecnahm, unter entsetzlichen Verwüstungen nach Baiern eindrang und gerade zu der Zeit, wo Karl Albrecht unter dem Namen Karl VII. in Frankfurt zum Kaiser gekrönt wurde, dessen Hauptstadt München eroberte. Jndeß hatte Friedrich II. den Krieg in Schlesien und Böhmen mit erfolgreichem Glück weiter geführt und aufs neue bei Chotusih oder Czaslau am 17. Mai 1742einen wichtigen Sieg über Karl von Lothringen gewonnen. Da faßte Maria Theresia einen raschen Entschluß und überließ diesem Gegner im Frieden zu Breslau am 11. Juni 1742 Schlesien unter der Bedingung, daß cr sich WHI -lMMenburgcr Hzunde trenne, und auch Sachsen trat dem Frieden bei. So von zwei Feinden bcfteit, vermochte Maria Theresia nunmehr nachdrücklicher gegen die Franzosen und Baiern zu kämpfen. Zuerst eroberten ihre Truppen unter dem Prinzen von Lothringen Böhmen, gewannen das durch Belleislt lange standhaft vertheidigtePrag nach dessen kühn ausgeführtem Abzug und brachten Baiern, das, während Ostreichs Hauptmacht in Böhmen agirte, an Karl VII. zurückgekommen war, aufs neue in ihre Gewalt. Zu gleicher Zeit erschien Georg II. mit einer in Norddeutschland gesammelten pragmatischen Armee (so genannt wegen der Verteidigung der Pragmatische» Sanction), schlug den zu des Kaisers Hülfe entsendeten Marschall Noaillcs bei Dettingen am Main am 27. Juni 1743, nöthigtc ihn, über den Rhein zu flüchten und folgte ihm bis Worms. Hier gelang es ihm, durch einen förmlichen Tractat am 13. Sept., den König von Sardinien zur Allianz mit Ostreich und England herüberzuziehcn, und auch Sachsen ließ sich endlich zu einer Verbindung am 30. Dec. 1743 und am 13. Mai 1744 mit den letzter» beiden Staaten vermögen. Durch die steigende Macht der Kaiserin bei der misgünstige» Gesinnung seiner ehemaligen Bundesgenossen um sein erobertes Schlesien besorgt gemacht, trat Friedrich II. aufs neue mit Frankreich und Baiern, sowie mit Kurpfalz und dem König von Schweden in der Union zu Frankfurt am 22.Mai >744, angeblich „zur Aufrechthaltung des Deutschen Reichs und dessen Oberhaupts" in einen Bund, brach dann plötzlich, während Maria Theresia's Hauptmacht im Elsaß gegen die Franzosen stand, im Aug. von drei Seiten in Böhmen ein und eroberte in kurzer Zeit dieses Land sammt Prag und andern festen Städten. Obgleich er nun in demselben Jahre noch, besonders durch General Traun's geschickte Märsche und Stellungen genöthigt, Böhmen wieder räumen mußte, so wurde doch hierdurch Schwaben und Baiern vom Feinde frei, und Karl VI I. kam abermals in den Besitz seinerHauptstadt, doch, wiecs schien, nur, um da am20.Jan. >74 5 zu sterben. Sein Sohn, Maximilian Joseph, von Ostreich mit einem neuen Einfalle in Baiern bedroht, schloß am 22.Upr. 1745 zu Füßen Frieden; an Karl's VII. Stelle aber wurde trotz Frankreichs Gegen- bemuhungen Maria Theresia's Gemahl unter dem Namen Franz l. am > 3 . Sept. zum Kai- Crbfolgekrieg 35 ser erwählt. Jndeß hatte Friedrich II. von den Drangsalen deS vorjährigen Feldzugs sich wieder erholt; in diesem Jahre unausgesetzt siegreich, schlug er bei Hohenfriedeberg am 4. Juni und bei Sorr die Östreicher und in dem Gefecht bei Hennersdorf am 23. Nov. und in der mörderischen Schlacht bei Kesselsdorf am 15. Dec. die Sachsen. So erfolgte am 25. Dec. der Friede zu Dresden, nach welchem Friedrich in dem Besitze von Schlesien verblieb. In Italien war lange Zeit der Krieg zwischen der span.-franz. und östr. Armee zum Nach, theile der letzter« geführt worden; Mailand, Parma und Piacenza fielen 1745 in die Gewalt der Franzosen, und der mit Ostreich seit 1743 neuverbundene König von Sardinien war so hart bedrängt worden, daß er sich kaum noch in seinem Stammlande Savoyen und Piemont behaupten konnte; auch hatten die Genueser durch das Ansinnen Ostreichs, das ihnen von Karl Vl. verpfändete Marquisat Finale ohne Empfang derRückzahlung an Sardinien ab- zugeben, sich zu dessen Feinden gesellt. Als aber nach dem Frieden zu Dresden Maria Theresia neue Verstärkungen nach Italien schicken konnte, gewann sie und der König von Sardinien nicht nur das Verlorene wieder, sondern es zog nun auch Spanien, nach Philipp's V. Tode einer andern Politik folgend, nach und nach seine Truppen aus Italien zurück, sodaß die Sardinier des Marquisats Finale sich bemächtigten und die östreicher am S.Sept. die Stadt Genua eroberten und sogar in das südliche Frankreich eindrangen. Zwar nöthigte sie Mangel an Lebensmitteln und ein Aufstand zu Genua zur Rückkehr, auch vermochten sie das hefreite Genua nicht zum zweiten Male zu erobern, dennoch schlugen sie einen erneuerten Einfall der Franzosen ins Piemontesische siegreich zurück, während die Engländer zu gleicher Zeit glücklich gegen Frankreich zur See kämpften, einen Theil ihrer Seemacht vernichteten uud mehre franz. Colonien in Nordamerika Wegnahmen. Mit entschiedenem Glücke dagegen fochten die Franzosen in den Niederlanden, seit der Marschall von Sachsen sie dort führte. Durch der Sieg bei Fontenay über den Herzog von Cumberland am l I, März 1745 gelang es diesem geschickten Feldherrn, in den Besitz der gesammten östr. Niederlande mit Ausnahme von Luxemburg und Limburg sich zu setzen und durch einen zweiten beiNocoux am I I.Oct. 1746 über den Prinzen von Lothringen sogar das holländ. Flandern einzunehmen, einem dritten endlich bei Laffeld unweitMastricht folgte die Eroberung der Festung Bergopzoom und Mast- richts. Diese wiederholten Siege der Franzosen machten össreich, sowie die furchtbare Erschöpfung seiner Finanzen endlich auch Frankreich zum Frieden geneigt, und die Nachricht von dem Anmarsche eines russ. Heers von 37000 M^ welches die Kaiserin Elisabeth der Maria Theresia zu Hülfe schickte und welches durch Mähren und Böhmen bereits bis in den fränkischen Kreis vorgerückt war, trug dazu bei, die Mächte zu einem schnellern Abschlüsse des längst erwünschten Friedens, der am 18. Oct. 1748 zu A a ch e n (s. d.) unterzeichnet wurde, zu vermögen. Der span. Erbfolgekrieg währte von 1701 — 13. Als Karl II., König von Spanien, am I. Nov. >700 starb und mit ihm die span.-östr. Linie erlosch, wurde die Erbschaft dieses Königreichs ebenso von Ostreich wie von Frankreich in Anspruch genommen. Ludwig XI V. fodcrte nämlich als Gemahl der ältesten Schwester Karl's II-, Maria Theresia, die aber auf die Nachfolge verzichtet hatte, für seinen Enkel Philipp von Anjou, als König von Spanien Philipp V. genannt, die span. Krone; Leopold I. dagegen gründete seine Ansprüche theils auf seine Mutter Maria, theils auf seine Gemahlin Margarethe Therese, Karl's jüngere Schwester, denen man ihre Rechte ausdrücklich Vorbehalten hatte, und verlangte die Erbschaft für seinen jüngern Sohn Karl, als König von Spanien Karl III. genannt. Dec schwachsinnige span. König selbst aber hatte, durch die schlauen Künste des franz. Gesandten Harcourt verführt, in seinem Testamente sich für Ludwig's XIV. Enkel entschieden. Die Erbfolgcangclegcnhcit war von um so größerer Wichtigkeit, als der Besitz des HauptlandeS Spanien zugleich den der Länder Neapel, Sicilien, Mailand, der Niederlande und eines großen Theils von Amerika umfaßte, und weil der vollständige Sieg der einen oder andern Partei unfehlbar das Gleichgewicht der curop. Staaten auf eine höchst gefahrdrohende Weise erschüttern mußte. Deshalb lag es im Interesse der Nachbarstaaten, die Vergrößerung zweier an und für sich schon so mächtiger Monarchien, besonders aber Frankreichs, auf alle Weise zu hindern. Ostreich hatte England, Holland, den König von Preußen, das Deutsche Reich 36 Erbfolgekrreg und spater auch Portugal, Frankreich dagegen die Kurfürsten van Baiern und Köln und anfangs auch die Herzoge von MantUa und Savoyen zu Bundesgenossen. Der Krieg begann zunächst in Italien, wohin Prinz Eugen 1701 unerwartet schnell auf ungebahnten Wegen vordrang, bei Carpi am 7. Juli und bei Chiari am 4. Sept. siegte und fast das ganze Herzogthum Mantua eroberte. Doch bald wendete sich das Kriegsglück. Zwar belagerten die kaiserlichen und Reichstruppen, unter Anführung des röm. Königs Joseph, die Festung Landau und brachten sic zur Übergabe, dagegen eroberte der Kurfürst von Baiern durch ei- nen Handstreich die Reichsstadt Ulm, nöthigte durch drohende Bewegungen gegen den Rhein hin Joseph seinen Rückweg nach Wien durch Böhmen zu nehmen und bewirkte endlich, als Villars den Rhein überschritten und in den Gefechten bei Fricdlingen am l 2. Oct. 17 02, bei Einhofcn und am Speierbach über den Markgrafen Ludwig von Baden die Oberhand behalten hatte, seine Vereinigung mit demselben, worauf bald hernach Breisach fiel und Landau wieder erobert wurde. Wie hier den Markgrafen von Baden der elende, alle kräftige Unternehmungen hemmende Zustand der Neichsarmee, so nöthigte gleicherweise in Italien den Prinzen Eugen der durch franz. Geld vom Fürsten Ragotzy in Ungarn erregte Aufstand, zu dessen Unterdrückung er selbst mit einem Theile seines Heers hineilen mußte, den Franzosen immer mehr Terrain zu überlassen. Nur die Uneinigkeit zwischen dem Kurfürsten und Villars und des Erster« verunglückter Eroberungszug gegen Tirol, wo das Landvolk unter dem tapfer« Landrichter Martin Sterzinger sich erhobund die Baiern mit großem Verluste aus dem Lande trieb, wurde Ursache, daß di? für die Östreichcr so gefährliche Vereinigung des Marschalls Vendome von Italien aus über Tirol mit dem Kurfürsten unterblieb; dennoch behauptete der Kurfürst im Verein mit den Franzosen die Oberhand an der Donau und schlug sogar am 19. Sept. 1703 den unfähigen General Styrum bei Höchstädt. Ganz andern Ruhm erfocht in den Niederlanden das holländ.-cngl. Heer unter Marlborough. Nach Eroberung einer Menge Städte und völliger Vertreibung der Franzosen aus dem kölner Lande schlug Marhborough mit dem Markgrafen von Baden vereint, wahrend Eugen die Linien bei Stollhofcn gegen Marschall Tallard bewachte, am 2. Juli >704 das bair.-franz. Heer unter den Befehlen des Kurfürsten und des Marschalls Marsin, der an Villars' Stelle getreten war, in den Verschanzungen vom Schellenberge in der Nähe von Donauwärth. Da' cs aber kurz da rauf d emM arickall Tallard gelaiig^trotz der Vcrtheidignngslinien bei Stoll- hofen, auf einem ankern Weg, durch das Kinzigthal in Schwaben, sich mit dem Kurfürsten zu vereinigen, so kam eS am 1.7. Aug. 1704 bei Höchstädt (die Engländer benennen diese Schlacht nach dem Dorfe Blenheim) zu einer Hauptschlacht, in welcher die Franzosen mit einem Verluste von 20000 M. Tobten und 15000 Gefangenen, worunter Tallard selbst, von Eugen und Marlborough gänzlich besiegt und in Folge dessen über den Rhein getrieben wurden. Landau wurde nun wieder erobert, Baiern, das der Kurfürst verlassen hatte, eingenommen, und mit Ausnahme des Rentamts München, das der Kurfürstin als Revenue verblieb, unter die Regierung des Kaisers gestellt, aber so hart bedrückt, daß die bair. Landleute unter Meindl und Plinganser, zweien Studenten der Rechte aus Ingolstadt, sich zur Empörung erhoben, die nur mit Mühe unterdrückt wurde. Während dieser Zeit war Leopold 1.170S gestorben. Sein Sohn und Nachfolger Joseph dämpfte mit kluger Milde de» Aufruhr in Ungarn, sprach 1706, nach Zustimmung der übrigen Kurfürsten, die Neichs- acht über den Kurfürsten von Baiern aus und setzte den früher angefangenen Krieg mit ebenso viel Glück als Eifer fort. Zwar behauptete sich Villars 1706 und 1707 am Rhein und schlug sogar den an des 1707 verstorbenen Markgrafen von Baden Stelle zum Feldherrn der Reichsarmee ernannten Markgrafen von Baireuth bei Stollhofcn am 27. Mai 1707; dagegen kamen die Verbündeten in Italien und in den Niederlanden in immer größer« Vortheil; denn Eugen war so glücklich, den Herzog von Savoyen aus dem Bündnisse mit Frankreich auf die Seite des Kaisers zu ziehen und gewann hierauf, nach einem unentschiedenen Treffen bei Caffano am 16. Aug. 1705, als er zum Entsätze von Turin herbeieilte, einen so vollständigen Sieg in der Nähe dieser Stadt, am 7. Sept. 1706, über die Franzosen, daß diese vermöge der sogenannten Generalcapitulation vom 17. März 1707 nicht nur die Lombardei sondern allmälig auch ganz Italien räumen mußten. Neapel wurde 1707 von den Ostrcichcrn und Sardinien >708 von den Engländern besetzt, sodaß nur Sicilicn in Erbfolgekrieg 67 Philipp's Gewalt blieb und der Papst ClemensXl.genöthigt wurde, Karl Ul. als König voy Spanien anzucrkenncn. Nicht minder glücklich kämpfte Marlborough in den Niederlanden. Er gewann zuerst bei dem Dorfe Namillics, südlich unter Löwen, am 23. Mai 1706 über den franz. Marschall Villeroi und den Herzog von Bourgogne einen Sieg, durch den die Franzosen über 20000 M. und die wichtigsten Örter in Brabant und Flandern verloren, einen zweiten bei Oudenarde am > I. Juli 17 U8 über Vcndomc, in Folge dessen Gent, Brügge, Lille u. s. w. in seine Hand fielen, und als im I. 1700 ein neues Heer unter dem Marschall Mllars ihm entgegengerückt war, erfocht er im Verein mit Eugen, nach der Einnahme von Tournay, einen dritten Sieg in der Schlacht bei Malplaquet am l 1. Sept. 17 VS, der den beiderseitigen Armeen auf-10000 M. kostete. Nur wenig nützte dagegen das Kriegsglück den Franzosen in Spanien selbst. Dort war Karl, von Engländern und Holländern unterstützt, 1706 von Portugal aus in Spanien, welches gleich anfangs dem 1701 von Ludwig XIV. zu ihm gesendeten Philipp V. sich unterworfen hatte, eingedrnngen, hatte den größten Thcil des Landes, darunter auch die Städte Barcelona und Madrid erobert, die Katalonier auf seine Seite gezogen und sich am 2. Juli 1706 zu Madrid als König Karl lll. aus- rufcn lassen. Allein die Kraft und der Nachdruck, mit welchem die Franzosen besonders seit dem Verluste von Italien hier den Krieg zu führen im Stande waren, verschaffte ihnen bei Karl's Saumseligkeit bald wieder das Übergewicht. Madrid fiel in ihre Hände, in der Schlacht bei Almanza 17 07 wurde Karl geschlagen, hierauf Aragonicn und Valencia unterworfen und der Erzherzog auf die Behauptung von Barcelona beschränkt. Nur Mangel an Geld und an den nötigsten Bedürfnissen setzte im nächsten Jahre, als Stanhope und Stahremberg an die Spitze der Kricgsführung der Verbündeten in Spanien gestellt wurden, den weitern Fortschritten der Franzosen ein Ziel. Unter diesen Umständen bat Ludwig XIV., aufs äußerste erschöpft, um Frieden. Sowol in den Fricdensunterhandlungen im Haag vom Marz bis Mai 1700, als später zu Gcrtruidcnburg vom April bis Juli 1710 erklärte er sich zur Verzichtlcistung auf Spanien und zu andern großen Opfern bereit; als man aber die Fodcrungen an ihn immer hohersspännft und sulcht gar von ihm verlangte, er solle seinen Enkel mit seinen eigenen Truppen aus Spanien vertreiben helfen, da brach er die Verhandlungen ab und begann den Kampf aufs neue. Auch jetzt wieder führte Ludwig anfangs den Krieg mit demselben ungünstigen Erfolg wie früher. Eugen und Marlborough drangen am Oberrhein siegreich vor» nahmen die Linien des Feindes und eroberten Douay, Aire und Bethune, Stahremberg und Stanhope in Spanien schlugen Philipp bei Almenara und beiTocalva am 10. Aug. 1710 und setzten Karl in den Besitz Aragvniens und Kastiliens, aus dem ihn jedoch der nach Spanien zu Hülfe gesendete Vcndome durch das glückliche Treffen bei Brihucga und das zweifelhafte bei Villavicivsa zum Theil wieder vertrieb. Unerwartet jedoch traten für Ludwig mit einem Male günstigere Zcitumständc ein. Marlborough siel zu London bei der Königin Anna in Ungnade, die Tories kamen ins Ministerium und zeigten sich geneigt, mit Frankreich einseitig einen Frieden einzugehcn. Da nun überdies Kaiser Joseph um diese Zeit ohne männliche Nachkommen gestorben war, sodaß alle seine Kronen seinem einzigen Bruder Karl, dem bisherigen König von Spanien, zusielen, fürchteten selbst Ostreichs Bundesgenossen das allzu große Übergewicht diescvMacht. Demnach wurden nach den bereits seit 17 lI zwischen England und Frankreich insgeheim gepflogenen Friedensunterhandlungen, während welcher Zeit England den Krieg zum Schein sorr- setzte, 1712 ein Waffenstillstand und Friedenspräliminarien abgeschlossen, die zunächst zu dem am l l.Apr. 1713 zwischen Frankreich einerseits und England, Holland, Portugal, Preußen und Savoyen andererseits abgeschlossenen Frieden zu Utrecht führten. Der Kaiser, zu schwach, um allein der Gesammtmacht der Franzosen gewachsen zu sein, welche sic von andern Feinden frei, gegen ihn wendeten, zeigte sich endlich, nach den mannichfach unglücklichen Kriegsoperationen des neuen Feldzugs und dem Verluste der wichtigsten Städte am Rhein, gleichfalls zum Frieden geneigt, der für ihn zu Nastadt am 6. März 171-1, für das Reich zu Baden in der Schweiz am 7. Sept. >715 abgeschlossen wurde. England, das bei diesem Friedensschlüsse am meisten gewann, erhielt von Frankreich Anerkennung der Thronfolge des Hauses Hannover, Schleifung des Hafens von Dünkirchen, die Erneuerung früherer Handelsverträge und die Abtretung großer Länder in Nordamerika, von Spanien Gibral- !< 7 ^. , 38 Erbgraf, Erbgroßherzog und Erbprinz Erbliche Krankheiten tar und Minorca und den Assicntotractat; Holland nichts als einen vortheilhasten Handels- tractat und das Besatzungsrecht von acht niedcrländ. Grcnzfestungen; Savoyen Erweiterung seiner Grenzen gegen Frankreich hin und Sicilicn, das eS jedoch ein Jahr spater gegen Sardinien an Ostreich überließ, Montferrat sammt vier Mailand. Herrschaften und Ansprüche auf die Thronfolge in Spanien, wenn das Haus Bourbon dort ausstürbe; Preußen Anerkennung des Königstitels und des Besitzes von Neufchatel; Ostreich die span. Niederlande, Mailand, Neapel und Sardinien; das Deutsche Reich die demselben zuletzt entrissenen Städte außer Landau. Dagegen mußten die Kurfürsten von Baiern und Köln in ihre Län- der und Würden wieder eingesetzt werden. Erbgraf, Erbgroßherzog und Erbprinz bedeuten in dieser Zusammensetzung den künftigen Nachfolger in der Würde und Negierung des Vaters und zwar Letzteres vor- zugsweise den Erbfolger eines Fürsten oder Herzogs, während in kurfürstlichen oder königlichen Häusern dasselbe Verhältniß durch den Titel Kurprinz und Kronprinz bezeichnet wird. Nur dem ältesten Sohne des Regierenden oder, wo weibliche Succession gültig ist, in Ermangelung eines solchen der ältesten Tochter kommt ein solcher Titel, mit welchem ein dem Range des regierenden Hauses entsprechendes Prädicat verknüpft ist, an und für sich zu, andere präsumtive Nachfolger aber dürfen sich denselben nicht eigenmächtig beilegen. Zn Dänemark führen neben dem Kronprinzen die Brüder desselben den Titel Erbprinz, und selbst entferntem Thronberechtigten ist derselbe bcigelegt worden, wie denn z. B. Kurfürst Johann Georg IV. von Sachsen und nach ihm sein Bruder Friedrich August I., als die Söhne der ältesten Tochter des ersten absoluten Königs von Dänemark, das durch den Übertritt des sächs. Hauses zur katholischen Kirche erloschene Recht erhielten, sich Erbprinzen von Dänemark zu nennen und diesen Titel nach den Gesetzen der Primogenitur zu vererben. Der ehedem übliche Gebrauch, dem jedesmaligen Thronfolger einen eigenen stehenden Titel zu geben, z. B. Prinz von Asturien in Spanien, Prinz von Brasilien in Portugal, Dauphin in Frankreich, ist in Folge der in diesen Ländern stattgehabten politischen Umwälzungen außer Übung gekommen; doch gibt cs zurzeit, einen Prinzen von Wales in England und einen Prinzen PöN, Preußen. Die Rechtsverhältnisse der Thron - und Ncgierungsnach- folger werden durch Haus - und Staatsgrundgesetzc bestimmt, und es sind dieselben in neuerer Zeit, wo man im Allgemeinen keine gewaltsamen oriental. Thronrevolutioncn mehr zu fürchten hat, wesentlich umgestaltet worden. Ein Antheil an der Regierung steht den Thronfolgern, wofern ihnen ein solcher nicht besonders übertragen wird, nicht zu, und die in con- stitutionellen Staaten nach erlangter Volljährigkeit ihnen gebührende persönliche Landstandschaft haben sie mit den übrigen Prinzen des regierenden Hauses gemein; ihre vorzugsweise Berechtigung aber, den Sitzungen des Staats- und Ministerraths beizuwohnen, soll lediglich dazu dienen, ihnen Gelegenheit zu geben, sich für ihren künftigen hohen Beruf auszubildcn. Erblasser wird ein Verstorbener in Bezug auf das durch seinen Tod auf Anden übergegangene Vermögen genannt. Erblehn (keuäum üerecliturium) heißt ein solches, bei welchem nicht lehnrechtlichk, sondern privatrechtliche Erbfolge eintritt, wo also auch die Töchter succediren können. An und für sich liegt darin nicht eine unbedingte Veräußerlichkeit des Lehens. Erbleihe nennt man die Verleihung eines erblichen Nutzungs- oder Bebauungsrechts an einem Bauergute, welche in der Regel gegen bestimmte Leistungen geschieht. Erbliche Krankheiten. Der Einfluß der Altern auf den Organismus der Kinder ist so groß, daß sich auch die besondern Eigenschaften, welche einen Menschen von dem an- dern unterscheiden, auf die „Kinder wenigstens zum Theil übertragen. Daher ist das Aussehen der Kinder dem der Altern in mancher Hinsicht ähnlich, und nur durch die Selbständigkeit, mit welcher jeder Organismus sich vom ersten Augenblicke seines Lebens an fortbildet, wird die gänzliche Gleichheit verhindert. Sowie aber die äußere Form des Kindes der der Altern ähnlich ist, so sind es auch die innern Organe und ihre bei den einzelnen Menschen verschiedene Beschaffenheit, in welcher ein sehr wichtiger Theil der gr.ößern Anlage zu Krankheiten liegt, sodaß auch diese forterben muß. Und in der That beobachtet man nicht selten, daß der Sohn in demselben Lebensalter von einer Krankheit ergriffen wird, in welchem der Vater daran litt. Was vererbt wird, ist aber nicht die Krankheit sondern die An- Erblichkeit 39 läge zu derselben. Die Ausbildung der wirklichen Krankheit erfodert immer noch andere Umstände, welche sie begünstigen; deshalb ist auch die erbliche Krankheit nicht nothwendig angeboren sowie die ererbte Anlage. Aus diesem Grunde sind angeborene Krankheiten sehr häufig keine erblichen, sondern hängen oft von Umständen ab, welche während der Schwangerschaft auf den Fetus cinwirkten. Der Einfluß des Vaters auf erbliche Krankheiten kann natürlich nur während der Zeugung stattsinden; die Mutter wirkt dagegen während der Schwangerschaft und durch daS Stillen noch auf das Kind, und cs ist möglich, daß auch hierdurch noch die Gelegenheit zu erblichen Krankheiten gegeben wird. Die Krankheiten, welche am häufigsten erblich Vorkommen, sind die Skrofeln, Flechten, Blutungen, vorzüglich aus den Lungen, und die Hämorrhoiden, die Schwindsucht, Gicht, der Gries und Stein, Skirrhus und Krebs, Geistes- und Gcmüthskrankheiten, hysterische und hypochondrische Beschwerden, der Schlagfluß, die Epilepsie und organische Krankheiten einzelner Theilc, vorzüglich des Herzens. Sic haben das Eigenthümlichc, daß sie mehr von inncrn als äußern, mehr von prädisponirendcn als von Gelcgcnhcitsursachcn erzeugt werden und als Krankheiten der Körpcrconstitution erscheinen, die deshalb viel schwerer und seltener heilbar sind, als wenn sie mehr von zufälligen, äußern Gclcgenheitsursachen abhängen.. Darum ist es besonders wichtig, daß man ihre Entstehung und Ausbildung bei Zeiten zu hindern suche. Wer eine erbliche Anlage besitzt, der hcirathe keine Person, welche dieselbe Anlage hat, sondern eine solche, welche von entgegengesetzter Constitution ist. Aus diesem Grunde sind auch die Heirathen unter nahen Verwandten nicht wohl zulässig, da durch sie die Erblichkeit der Krankheiten ganz besonders begünstigt wird. Man richte von der Geburt an alle Umstände, unter denen das Kind lebt, so ein, daß die ererbte Anlage nicht nur nicht befördert, sondern im Gegenthcile bekämpft wird. Man vermeide die zufälligen Gclegenheitsursachen, welche die Entstehung der erblichen Krankheit begünstigen, zumal in dem Lebensalter, in welchem die Krankheit bei den Altern entstanden war. Erhlichkeit. Es liegt in der menschlichen Natur, Das, was man für sich selbst erlangt hat, auch den Nachkommen hintcrlasscn zu wollen, damit sie ohne Arbeit und von Jugend an die Früchte der Arbeit ihrer Vorfahren genießen. Wenn einmal irgend ein Besitz oder Vorzug erblich geworden ist, so liegt cs in dem Interesse der damit Begabten, das Princip der Erblichkeit immer weiter auszudehncn und zu befestigen. Die german. Völker hatten zwar seit den ältesten Zeiten bevorrechtete Geschlechter,, und das Gcfolgschaftswesen vergrößerte noch ihre Zahl, ihr Ansehen und ihr materielles Übergewicht, doch war lange Zeit die erbliche Berechtigung derselben zu Erlangung gewisser Vorzüge durch die Wahlfrei- hcit des Volks beschränkt. Was die Lehen betrifft, so wurde zuerst bei den ital. Kriegspfrün- dew ihre Erblichkeit gesetzlich festgestellt, kraft der Constitution Kaiser Konrad's II. vom J. >037, welche dann auch weiter auf die übrigen Benesicien Ausdehnung fand; in Deutschland dagegen, wo man, wie in Frankreich, schon lange gewohnt war, bei Vergebung der Be- ncficicn auf tüchtige Söhne verdienter Vasallen Rücksicht zu nehmen, bildete sich erst mit Anfang des > 2. Jahrh. die Erblichkeit der Lehen dahin aus, daß mehre Söhne zugleich zur Erbschaft zugclassen wurden, was jedoch bei denjenigen Lehen, mit welchen Reichswürden verknüpft waren, den Grafschaften und Herzogthümcrn, nur sehr allmälig stattsinden konnte, da es ihrer Amtseigenschaft widerstritt und in der That dieselben mit der Zeit in Patrimo- nialhcrrschaftcn verwandelte. Dem Beispiele der weltlichen würden, wenn nicht der Cölibat in.der Kirche festgehaltcn worden wäre, dem Geiste der Zeit gemäß, die aus Alles, was mit dem Lehnswescn in Beziehung stand, den Grundsatz dir Erblichkeit anzuwcnden suchte, wahrscheinlich auch die geistlichen Beamteten gefolgt sein, und wir würden, wie erbliche Grafen und Herzoge, so auch erbliche Bischöfe und Päpste erhalten haben. So natürlich dieses Streben nach Erblichkeit, im Gegensatz der Theorien mancher Socialisten, welche jeden Pri- vatbesitz verwerfen, sein mag, so sehr bedarf es doch der Beschränkung, und selbst der Erblichkeit des Vermögens muß etwas entgegengesetzt werden, wodurch die Beweglichkeit und Freiheit des Verkehrs hergestcllt werden und wodurch verhindert wird, daß nicht ein Theil des Volks sich nach und nach dem andern dienstbar mache. Sowie daher der Staat mit Recht der Geistlichkeit wehrt, ohne seine besondere Genehmigung Güter zu erwerbe», so kann und muß er auch das Anhäufcn und Festhalten in einzelnen Geschlechtern in Aufsicht nehmen. -X- ' 7 ^' . 40 Erblosung Erbreche» ^ 1 k^> Ä Er kann die Fideicommisse beschränken, die Untheilbarke-it und Unveräußerlichkeit der Güter ganz oder theilweise aufheben; er kann bestimmen, daß kein einzelner über ein gewisses Maß von Grundeigenthum besitzen soll, und alle dergleichen Anordnungen können nicht unter dem Vorwände verhindert werden, daß der Staat die bestehenden Eigenthumsrcchtc achten müsse. Er muß zu verhüten suchen, daß nicht Ämter durch Käuflichkeiten erbliches Privat- eigcnthum verwandelt werden; insbesondere aber darf er niemals Erblichkeit in Dingen gestatten, welche persönliches Verdienst, Kenntniß, Erfahrung und Übung voraussctzen. Man hat die Erblichkeit in diesen Dingen für ein Mittel ausgcgeben, die allzu rasche Beweglichkeit des öffentlichen Lebens zu verhindern; sie soll das Feste, Beharrliche im Volke sein. Das ist gewissermaßen richtig, die Erblichkeit bestimmter Stellen und Rechte, z. B. des vcnetian. Senats, der Nathsstcllen in den ehemaligen Parlamenten u. s. w., bringt zwar einen Corporationsgeist hervor, welcher einer lange dauernden Consequenz fähig ist, aber das Ziel desselben ist doch oft etwas anderes als das Bestehende, und das Heil der Menschheit ist selten durch eine solche Consequenz gefördert worden. Frankreich, das durch seine Ne- ' volutionen in Aufhebung der starren mittelalterlichen Institutionen vorangcgangcn ist, hat neuerdings die Erblichkeit der Pairswürde abgeschafft, und mit der Beseitigung des veralteten Lohns-, Zunft- und Kastenwesens schwindet auch die damit zusammenhängende Erblichkeit der Ämter und Würden in unbeschränkten Monarchien wie in constitutionellen Staaten immer mehr. Erblosung (retractus gentiüt'ms) nennt man dasjenige Näher- oder Vorkaufsrecht, welches dann eintritt, wenn ein Erbgut an einen zur Familie Nichtgehörigen verkauft werden soll, und welches mithin den Verwandten des Verkäufers zustcht. Es ist die älteste Art des Retracts (s. d.), welche in Deutschland vorkommt. Erbpacht heißt diejenige Art der Verpachtung eines Grundstücks, in welche auch die Erben des Pachters mit ausgenommen werden. Er pflegt entweder auf bestimmte, dann aber längere, oder auf unbestimmte Zeit eingcgangcn zu werden. Zwar erlangt durch denselben der Pachter und seine Erben (Erbbeständer) kein Eigenthumsrecht an dem Grundstücke, doch kann, je nach dem Vertrage, auch dieses Rechts selbst als etwas Bleibendes an Andere übertragen oder auch verkauft werden.' Das Erbpachtsverhältniß auf unbestimmte Zeit kommt noch bei Banergutern in mehrfacher Gestalt vor. Erbrechen (vomitus oder eines,») nennt man die Entleerung des Magens durch den Schlund und die Mundoffnung. Eingeleitct wird das Erbrechen durch das Gefühl des Ekels (s.d.). Gleichzeitig werden die Sccretion des Speichels, des Schleims und dcrThrä- nen, sowie die Hauttranspiration vermehrt, das Gesicht wird blaß, ein Gefühl von Schwäche verbreitet sich über den ganzen Körper und der Puls wird beschleunigt. Endlich ziehen sich die Bauchmuskeln und das Zwerchfell stark zusammen, und mit größerer oder geringerer Anstrengung wird Alles ausgeworfen, was der Magen enthält, zuerst die genossenen Speisen und Getränke, dann Schleim und Galle, die aus dem Zwölffingerdarm herübertritt, und endlich auch der Schleim aus der Luftröhre und den Lungen. Ist der Reiz zum Erbrechen vorüber, so stellt sich Mattigkeit und Schlaf oder, war die Anstrengung nicht sehr bedeutend, bald das vorige Wohlbefinden wieder ein. Die Ursachen des Erbrechens sind verschieden. In der ersten Kindheitspcriode ist es fast normal und ohne alle Beschwerde, da die Vcrdauungs- organe noch sehr reizbar und die Nahrungsmittel meist flüssig sind. Sodann entsteht es durch Ubcrfüllung des Magens, durch Reizmittel, die in den Magen gebracht werden (s Emc- tica), durch dem sogenannten cvuseüsus, d.h. die Mitleidenschaft, in welche der Magen und die beim Erbrechen betheiligten Organe durch Vermittelung'der Nerven bei Leiden anderer Organe, als der Leber, der Nieren, der Gebärmutter, des Gehirns u. s. w. gezogen-werden, rein nervös bei hysterischen Zuständen oder psychisch durch die Einwirkung ekelerregender Vorstellungen, endlich auch willkürlich durch Verschlucken von Lust, was jedoch nur wenigen Personen möglich ist. Die älteste Lehre vom Erbrechen leitete dieses lediglich von convulsi- vischen Bewegungen des Magens her, welche eine der gewöhnlichen (peristaltischen) entgegengesetzte (antiperistaltische) Richtung annähme, bis Bayle) gest. 17 t>!', die Behauptung ausstrllte, daß der Magen sich ganz leidend dabei verhalte und nur durch die Zusammenziehung der Bauchmuskeln und des Zwerchfells so zusammcngedrückt werde, daß er seinen In- Erbrecht halt -usleerte. Heller suchte diese beiden Meinungen zu vereinigen. In der neuern Zeit gelang es den scheinbar schlagenden Experimenten Magendie's, die meisten Physiologen von der Passivität des Magens beim Erbrechen zu überzeuge», bis Bc'clard die Unzulänglichkeit jener Experimente durch neue Versuche darthat und zugleich allen bei diesem Vorgänge bc- cheiligtcn Organen die Anerkennung ihrer Aktivität sicherte. Noch dürften hier zwei gewissermaßen normale Arten des Erbrechens zu erwähnen sein, nämlich das Blut brechen (s. d.) und das Kothbrcchcn. (S. Miserere.) Erbrecht. Das Erbrecht beruht seinem philosophischen sowol als historischen Ent- »vickelungsgangc nach auf der moralischen Einheit der Familie, und mit der Entstehung der -letztem ist daher auch die Grundlage für dieses Rechtsverhältniß gegeben, das sich den eigentlichen Familienrechten anreiht. Mehre, namentlich frühere Philosophen haben das Erbrecht nur als ein positiv rechtliches, dem Naturrechte fremdes Verhältnis anschen wollen; allein die neuere speculative Philosophie ist zu jenem Satze gelangt, den auch Gans in seinem Werke „Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwickelung" (-1 Bdc., Stuttg. l 82 l—29) auf historischem Boden geistreich nachgcwiescn hat. Wenn nämlich schon bei Lebzeiten der einzelnen Glieder eine Familie eine gewisse Gemeinschaftlichkeit der äußern Realität dem inner», geistigen und physischen Nexus der Familie entspricht, so tritt diese Beziehung bei der Auflösung der Familie durch den Tod ihres Haupts hervor im Erbrecht und zwar zunächst als Übergang des Besitzes auf die andern Glieder der Familie. Dieses ursprüngliche Vcrhältniß zeigt sich allerdings in einfacher», zumal in den patriarchalischen Zustände» der menschlichen Gesellschaft deutlicher, als bei dem gegenwärtige»; Standpunkte der Civilisatio», wo das staatliche und bürgerliche Leben vielfache Modifikationen desselben hcrbcigcführt hat. Dem Gesagten zufolge wird das wahre Princip des Erbrechts das der Jirtcstatcrbfolgc sein. Die entgegengesetzte testamentarische Erbfolge beruht auf dem Rechte des Einzelne»», als Eigen- thümer über das Seinige zu verfügen. Die complicirtern Verhältnisse des Zusammenlebens der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft geben bei steigender Civilisatio»» den» letzter»» Princip mehr und mehr Geltung; doch erscheint gleich anfangs die Tesiamcnkscrrichtuiig durch viele Solennitäten erschwert, z.D. durch die'sieben Zeugen bei den Römern als Bild der Bolksverhandlung, und fortdauernd zu Gunsten der Familie beschränkt, z. B. durch den rön». Pflichttheil, die quotite clis^ouible des franz. Rechts, die Erbfolge des deutschen Rechts, welche sich nicht auf die Verwandtschaft mit dem letzter»» Besitzer, sondern auf die Abstammung vom ersten Erwerber gründet. Das röm. Erbrecht der letzten Zeit oder der Justinian'- schcn Gesetzgebung ist auf den erweiterten Begriff der Familie gegründet, »vo auch Frauen dieselbe fortsetzcn, und es stellt vier Ordnungen auf, in welchen die Familienglicdcr zur Erb- schaft berufen werden: >)dic ehelichen Kinder und Nachkommen nach Stämmen; 2) die Altern, Großältcrn u. s. w. mit den vollbürtigen Geschwistern und Geschwisterkindern (nicht Enkeln) und zwar die Geschwisterkinder, welche in ihrer Älter» Rechte treten, wenn sie mit Geschwistern des Erblassers concurrircn, nach Stämmen, unter sich allein nach Köpfen; !!) die Halbgeschwister mit ihren Kindern; 4) die entfernter» Verwandten, ohne Unterschied der väterliche» und mütterlichen Seite nach der Nähe des Grads und in gleichem Grade der Verwandtschaft nach Köpfen. Dieses System wurde in Deutschland gemeines Recht, aber durch das System der ehelichen Gütergemeinschaft, »vo diese gilt, und durch die besonder»» Gesetze einzelner Länder sehr modificirt. Das prcuß. Recht, welches indeß nur in Ermangc- lung besonderer Provinzialgesehc zur Anwendung kommt, hat folgende Erbfolgeordnung: >) Kinder und fernere Abkömmlinge, 2) Altern, 9) vollbürtige Geschwister und deren Abkömmlinge, 4) Großältcrn, Urgrvßältcrn u. s. w. nebst den Halbgeschwistern mit ihren Abkömmlingen, sodaß die Ascendenten die eine, die ander» Geschwister zusammen die andere Hälfte bekommen; die vollbürtigen Geschwister mit ihren Nachkommen schließen aber die Halbgeschwister und deren Nachkommen vo» der Erbschaft gänzlich ans, sowie diese die entfernter», Verwandten; 5) entferntere Verwandte nach der Nähe des Grads und ohne Unterschied der vollen und halben Geburt. Das franz. Recht thcilt den Nachlaß eines kinderlos Verstorbenen in zwei gleiche Hälften, wovon cs eine der väterlichen, die andere der mütterlichen Seite zuweist. Es entsteht hieraus folgende Erbfolgeordnung: >) Kinder und deren Nachkommen, 2) Geschwister und ihre Nachkommen, mit welchen die Älter»», wenn Beide 42 Erbschaft Erbse am Leben sind, zur Hälfte thcilcn, der Vater oder die Mutter allein aber nur '/> erhalten und Großaltcrn ganz ausgeschlossen werden. Die Geschwister aus verschiedenen Ehen »heilen jo, daß die vollbürtigen an beiden Hälften den väterlichen und mütterlichen Antheil nehmen, Halbgcschwister nur an der einen; also bekommen drei vollbürtige Geschwister mit einem Halbbruder thcilend jedes erstlich des Ganzen in ihrer Hälfte allein, und dann noch in der andern Hälfte oder '/u, der Halbbruder nur 3) Die weitern Verwandten nach der Nähe des Grads in jeder Hälfte, insoweit sie nicht von entfernter» Ascendenten, von diese» jedoch nur in ihrer Seite ausgeschlossen werden. Über den zwölften Grad der Verwandtschaft gibt cs kein Erbrecht. Am einfachsten und konsequentesten verfährt das östr. Gesetz- buch, Es beruft zuerst die Kinder und weitern Nachkommen, dann die zwei Stämme der beiden Altern und ihrer Nachkommen, jeden zur Hälfte, sodaß die Altern ihren Nachkommen Vorgehen; hierauf die vier Stämme der Großältern, dann die acht der Urgroßältcrn; ferner die l 6 der Ürurgroßältern und endlich die möglichen32 der Urururgroßältern oder die Ascendenten des fünften Grads. Alle diese Stämme sind aber einander so substituirt, daß die Antheile, in welchen keine Descendcnten vorhanden sind, dem nächsten Stamme znwachsen. Sv lange in einem nähern Grade, noch Descendcnten vorhanden sind, kommen die entfernter« Linien nicht zur Erbfolge. Über den fünften Grad der Ascendenten gibt es kein Erbrecht mehr. Ehegatten haben nach röm. Rechte kein eigentliches Erbrecht zueinander, wvl aber da, wo Gütergemeinschaft gilt oder wo die Landes- und Ortsgesetze dem Überlebenden einen gewissen Erbtheil (die statutarische Portion) zuwcisen. Erbschaft (iwroditu-) heißt das gcsammte Besitzthum eines Menschen, insoweit cs bei seinem Tode durch Erbrecht auf Andere übergehen kann. Eine Erbschaft wird eröffnet durch den wirklich erwiesenen, natürlichen Tod, oder den nach langer Abwesenheit (Verschollenheit) und öffentlicher Vorladung richterlich angenommenen, sowie, wo der sogenannte bürgerliche Tod als Folge lebenslänglicher entehrender Freiheitsstrafe eintritt, wie z. B. in Frankreich, durch den desfallsigcn richterlichen Ausspruch. Die Erbschaft fällt dem Erbe» (s. d.) an, indem sie eröffnet wird'(>^uli» lioi-eilitutis); sie wird aber erst für denselben erworben durch Antretung (itdilro lrereditedis), welche nicht durch einen Bevollmächtigten bewirkt werden kann. Nur der Pflichterbe (Keros suu») erwirbt nach röm. Recht sofort und ohne Antretung. Die Erbschaft ruht (üereditus jucens), bis der Erbe bekannt ist und sie angetrcten hat; sie wird als ein gesetzliches Ganze (universitss rerum) betrachtet, welches dasselbe bleibt, wenn auch die einzelnen Bestandtheile sich verändern. Es wird in diesem Falle ein Verwalter darüber verordnet; sie wird aber Demjenigen ausgcliefcrt, welcher ein klares Recht dazu aufwcist; wer ein besseres Recht dazu behauptet, muß sodann mit einer Erbschaftsklagc gegen Jenen austretcn. Auch ohne eigentliche Antretung der Erbschaft muß Derjenige die Verbindlichkeit des Erben übernehmen, welcher sich in die Verlassenschaft einmischt und sich als Erbe benimmt (pro berede! gestio). Das Recht, eine Erbschaft anzutreten, geht an und für sich auf die Erben nicht über, wol aber die angetretenc Erbschaft. Doch wird in einigen Fällen auch die noch nicht angetretenc Erbschaft auf die Erben übertragen (trunsmissio bereditutis, Versendungsrecht). Wenn der Erbe während der überlegungsfrist stirbt, können seine Erben noch bis zum Ablauf dieser Frist antretcn (irsnsniis- .-no äustiniuiieu), so der Vater eines eingesetzten Kindes nach dem Tode desselben, die Kinder eines von einem Ascendenten eingesetzten Erben (trimomiosio '1'beodosiam,) und die Kinder eines Abwesenden, letztere aber nur durch Restitution. Obige Hauptsätze des röm. Rechts über die Erbschaft liegen sowol dem deutschen gemeinen Rechte, als auch in der Hauptsache den meisten Particulargesetzgebungen Deutschlands zum Grunde. Erbse (?isum sutivum) ist eine von den Hülsenfrüchten, die sowol im Acker wie im Garten gebaut wird. Einen großen Feind haben die Erbsen während ihrer Blütezeit an dem Erbsenkäfcr, welcher in die jungen Hülsen und zwar an jede Erbse ein Ei legt, aus dem bald die Larve kommt, die sich in die Erbse hineinfrißt. Die reifen Erbsen dienen theils zur menschlichen Nahrung, theils zu Viehfutter, wozu auch daS Stroh mit Vorkhcil verwendet wird. Zur menschlichen Nahrung sind die Erbse» am zuträglichsten, wenn sie in der Mühle abgespelzt werden (Erbse ngraupcn). In den südlichen Ländern pflegt man die Erbsen zum Verspeisen zu rösten. Bei den Gartenerbsen unterscheidet man Läufer- und Erbstände Erbtochter 43 Zuckererbsen. Abarten davon sind die Zwergzuckererbse, die große englische Schwertzucker« erbst, die grüne Erbse, die Büschelerbse, die große holländische Erbse, die Klunkererbse und die frühe Läufererbst. Von den Zuckererbsen braucht man sowol Samen als Schoten, von den Läuftrerbscn nur die Samen zur Speise. Das Vaterland der Erbse ist wahrscheinlich das südliche Europa. Bei den Alten war sie nicht bekannt. Erbstände nennt man diejenigen Mitglieder ständischer oder parlamentarischer Korporationen, welche vermöge eines erblichen Rechts, nicht vermöge eines Amts oder persönlicher Ernennung, oder durch die Wahl ihrer Mitbürger, in denselben erscheinen. Das erbliche Recht ist wieder von mehrfacher Art, je nachdem es rein persönlich, ohne durch irgend eine Art von Besitz bedingt zu sein, oder dinglich, d. h. von dem Besitz gewisser Güter abhängig, oder beides zugleich ist. Von der ersten Art ist die Standschaft der Prinzen des regierenden Hauses und der Mehrzahl der Pairs (s. d.) in England sowie früher in Frankreich, bevor daselbst l83l die Erblichkeit der Pairie aufgehoben wurde. Im Deutschen Reiche war die Erbstandschaft mehr persönlich, doch wurde seit der Mitte des 17. Jahrh. die dingliche Bedingung neben der persönlichen, d. h. der Ebenbürtigkeit, unerläßlich. Gegenwärtig gibt cs in den deutschen Staaten außer den Prinzen souverainerHäustr keine persönlichen Erbstände Mehr, und was die Stan desherren (s. d.) anlangt, gleichviel ob sie zu der Zahl der seit I8V6 Mediatisirten gehören oder nicht, so sind sie nur insofern der erblichen Standschaft theilhaftig, als sie im Besitz von Gütern sich befinden, auf welchen dieselbe haftet. Erbsünde heißt in dem Glaubenssystem der Kirche die durch Adam's Fall entstandene und in die menschliche Natur gekommene und durch die Zeugung in gleichem Grade auf alle Menschen ohne Ausnahme fortgepflanzte gänzliche Zerrüttung der Vernunft und des Willens, wodurch die Menschen von Natur, d. h. wie sie bei der Geburt zur Welt kommen, nicht nur gänzlich untüchtig seien, Gott und das Gute zu erkennen und' zu lieben, sondern »uch allein geneigt zur Verachtung Gottes und begierig zu allem Bösen, wofür sie der Zorn Gottes theils mit dem leiblichen Tode bestraft, theils zum ewigen Tode, das istzurVerdamm- niß in der Hölle, bestimmt habe. Man gründete dieses Dogma auf die Erzählung I Mos. 3, die aber den Zweck hat, zu zeigen, daß der Mensch- da er die Weisheit bekommen habe, nicht auch die Freiheit vom Tode ansprechen könne, um nicht dadurch den Göttern gleich zu werden. Andere Schriftsteller, die man dafür angeführt hat, enthalten dieses Dogma nicht, noch andere widersprechen demselben bestimmt. Die erste Kirche hatte daher auch dieses Dogma noch nicht, sondern die Kirchenväter, z. B. Justin der Märtyrer, Clemens von Alexandrien, Jerenäus u. A., schreiben dem Menschen von Natur das Vermögen, Gott zu erkennen und daS Gute zu wählen, zu. Nur erst Augustinus im 5. Jahrh. bildete dieses Dogma aus, das aber in seiner ganzen Strenge von der lat. Kirche niemals angenommen worden ist. Luther und Calvin, beide Zöglinge und Bewunderer der Schriften des Augustinus, machten dessen Theorie von der Erbsünde zu einem Hauptdogmr der evangelischen Kirche, das auch in den Symbolischen Schriften derselben ausführlich dargestellt ist. Das Dogma streitet aber nicht nur wider bestimmte Schriftstcllcn sondern auch wider die Natur des Menschen, die Erfahrung und wider die Weisheit und Güte Gottes. Auf die Frage, wie nur immer Adam's Handlung jene Zerrüttung der menschlichen Natur habe Hervorbringen können, gab cs in der Theologie die Antwort, bald daß Gott 'sie dem Menschen zur Strafe aufgelegt habe, bald daß sie eine natürliche Folge der ersten Sünde, bald daß sic eine schädliche Wirkung der Frucht des verbotenen Baums gewesen sei. Die neuere Theologie ließ daher dieses schon von den Socinianern, Arminianern und Mennoniten aufgegebenc Dogma fallen, die Altlutheraner und die sogenannten Frommen halten es aber als eine Grundlehre fest, und die Hegelianer verstehen darunter den Abfall des Menschen vom Absoluten, d. h. daß der menschliche Geist ein von Gott verschiedenes Ich sein will, was die Hegelianer die Selbstsucht nennen und darin die Hauptsünde finden. Erbtochter heißt die nächste Verwandte eines Guts- oder Landbesitzers, welche nach Abgang des Mannsstamms oder doch in Ermangelung näher berechtigter männlicher Erben zur Nachfolge kommt und dann das Recht auf ihre Nachkommen überträgt. Ein besonderes Recht haben die Töchter der Lehnsbesitzcr in Mecklenburg, wenn letztere ohne Söhne versterben; sie werden Erbjungfcrn genannt und bleiben lebenslänglich in Besitz des Guts. 44 Erbuntcrthäiligkeit Erbvertrag In den europ. Fürstenhäuser» si>K> die Bcstiiumunge» über die Succession der weiblichen Linie sehr verschieden; in dem franz. Königshause ist sie dem Salischcn Gesetze (s.d.) zufolge nicht gestattet; in andern, wie in England, Spanien und Portugal, tritt sie unmil. telbar nach Absterben der dirccten männlichen Linie, ohne Berücksichtigung der Seitcnver- wandten, ein; gewöhnlicher aber greift sie Platz erst nach dem Erlöschen des ganzen Mannsstamms, wie denn z. B. die Erbtochter Karl des Kühnen die burgundischen Erblande an das Haus Habsburg brachte. Letztere Bestimmung findet sich im Hause Nassau, in der bad., würtemberg., sächs. und bair. Verfassung. In einigen Fällen ist den Erbtöchtern, wie z. B. der Maria Theresia, von den bis dahin ausgeschlossen gewesenen fernern weiblichen Verwandten oder sogar von den Nachkommen der ältesten Tochter des ersten Erwerbers, den sogenannten Negrcdienterben (s. d.), die Erbfolge streitig gemacht worden, doch wird nach den jetzigen Grundsätzen den nächsten Verwandten des letzten Besitzers der Vorzug gegeben. Erbuntcrthäiligkeit, s. Leibeigenschaft. Erbverbrüderungen nennt man Verträge, wodurch sich zwei oder mehre Familien ein für den Fall des Aussterbcns der einen cintretendcs, gewöhnlich wechselseitiges, Erbrecht zusichern. Dieselben wurden zunächst zwischen stammverwandten Familien üblich, um den verderblichen Folgen der Thcilungen vorzubcugen, welche in den ersten Zeiten der Erblichkeit der Lehen immer Todtheilungen waren, wie z. B- das wcttinische Haus dadurch die Grafschaften Wettin und Brehna, das anhaltische Brandenburg, Sachsen-Wittenberg, Sachsen- Lauenburg und Orlamünde, und der Hess. Zweig des brabant. Hauses Brabant verlor. Es wurde aber eine solche Vorsicht um so nothwendiger, seitdem man im l 1 . Jahrh. anfing, bei rcichsständischen Erbfolgefällen die Töchter vor den Stammsvettern vorzuzichcn, oder wol gar ganze Länder zu verkaufen. Mit der Zeit wurden solche Erbvcrbrüderungcn, von denen jedoch die Fämilicnverträge über Successionsrechtc und Erbfolgeordnungen, ingleichen die vorbchaltenen Rückfallsrechte und die mancherlei Anwartschaften zu unterscheiden sind, auch anf'blos verschwägerte Familien ausgedehnt. Es war dazu die kaiserliche Bestätigung insofern nothwcndig, als dadurch das Recht des Kaisers, Reichslehn zu vergeben (denn nur die Kurfürsten konnten Neichslehn ohne kaiserliche Einwilligung erwerben), bceinträch- tigt wurde. Die schon zu Zeiten des Deutschen Reichs geschlossenen Erbverbrüderungen, soweit sie nicht bereits Wirkung gehabt, wie z. B. die zwischen den Häusern Sachsen und Henneberg vom I. >55-1, zwischen Brandenburg und Pommern vomZ. 1501, oder bei Eintreten des darin vorgesehenen Falls wirkungslos geblieben sind, wie die zwischen Braunschweig und Ostfriesland vom I. 1691, oder endlich .ausdrücklich aufgehoben sind, wie z. B. 1805 der 1770 abgeschlossene Erbvertrag, wodurch Ostreich Successionsrechtc auf das Herzogthum Würtemberg erhielt, werden noch für gültig gehalten. Co die einseitigen Erbvcrbrüdcrungs- verträgc, welche dem Hause Brandenburg seit 1642 die Erbfolge in Mecklenburg, sowie seit l695 in Hohenzollern, auf den Fall des Aussterbcns des Mannsstamms zusichern. Am bekanntesten ist die zuerst im I. 137 3 ausgcrichtete, dann öfter erneuerte und fortdauernd cechtsbeständige Erbverbrüderung zwischen Sachsen und Hessen, bei der es ;edoch zweifelhaft ist, ob Brandenburg, welches 1457 und >614 derselben beitrat, noch darin begriffen sei. Das gegenwärtige deutsche Staatsrccht fodert zur Aufrichtung einer Erbverbrüderung, auf deren Möglichkeit namentlich die bair. Verfassungsurkunde hinweist, außer der Beachtung der etwa damit collidirenden frühern Bestimmungen, die Einwilligung der Agnaten und der Stände; doch könnte ein solcher Vertrag mit einem Fürstenhause außerhalb des Deutschen Bundes nicht ohne Genehmigung der Bundesversammlung geschlossen werden. Erbvertrag heißt ein Vertrag über die Erbschaft eines der Contrahcntcn oder auch eines Dritten. Nach röm. Rechte sollte der Wille des Mensche» über das Scinige frei bleiben bis au sein Ende, und man hielt es für unmöglich, daß sich Jemand vertragsmäßig einen Erben bestellen könne, welcher es nicht schon durch das Gesetz war, oder durch ein nicht zurückgenommenes Testament dazu wurde. Zwar konnte Jeder über das Recht an eine ihm künftig anfallende Erbschaft eines Dritten Verträge schließen, aber auch hier war die Genehmigung des künftig zu Beerbenden nothwcndig und widerruflich. Im deutschen Recht hat man aber auch die vertragsmäßige Bestellung eines Erbrechts für zulässig gehalten und diese für pbenso verbindlich und einseitig unwiderruflich erklärt wie andere Verträge. Dergleichen ErbzinS Erdapfel 45 Erbvertrage kommen vor als Familienverträge, in Verbindung mit Ehcpactcn, als Leibrenten- und Alimentationsverträge. Sie müssen nach den Gesetzen mehrer Länder obrigkeitlich bestätigt werden, und eine wahre Bestellung zum Erbfolger, nicht das bloße Versprechen, ein Testament errichten oder nicht abändcrn zu wollen, enthalten. In der Regel behält dabei der Besitzer die Disposition, sogar das Veräußcrungsrecht über die Bestandthcile seines Vermögens; nur in seine Verlassenschaft tritt der Vertragserbe sogleich ein, ohne eine besondere Antretung nöthig zu haben. Erbzills heißt eine jährliche bestimmte Abgabe, in Geld oder Naturalien bestehend, welche entweder auf,ein mit Eigenthumsrecht übertragenes Grundstück gelegt (consnsreser- vativns) oder gegen Überlassung eines Capitals „für ewige Zeiten" von einem Grundstücke versprochen ist (census cnnstitutivus). Erbzinsgüter sind daher diejenigen, welche einer solchen Reallast unterworfen sind. Bei ihnen wird Eigenthum des Bebauers vorausgesetzt, wenn es gleich nicht ein vollständiges zu sein braucht. Ercilla y Zuiliga (Don Alonso de), geb. zu Madrid am 7. Aug. 1533, der dritte Sohn eines span. Rechtsgelchrten, Fortunio Garcia, ererbte von seiner Mutter, welche nach dem frühen Tode ihres Gatten mit ihrem Sohne an den Hof der Kaiserin Jsabclla, Gemahlin Karl's V., kam, den Namen Zuniga. Er wurde Page bei dem Jnfanten Don Philipp und begleitete diesen auf seiner Reise durch die Niederlande und einige Thcile Deutschlands und Italiens und >553 zu dessen Vermählungsfeier mit der Königin Maria nach England. Als bald nachher, um den Aufruhr der Araucos (s. d.) an der Küste von Chile zu dämpfen, ein Heer nach Amerika gesandt wurde, nahm E. Theil an dem Zuge. Die Schwierigkeiten, mit denen die Spanier zu kämpfen hatten, der Heldenmuth, mit welchem die Arau- cancr den ungleichen Kampf bestanden, und die Menge großer Thaten, welche diesen Krieg auszcichneten, begeisterten den jungen und tapfer» E. zu dem Gedanken, ihn zum Gegenstände eines Epos zu machen. An Ort und Stelle begann er das Gedicht um etwa > 558, und Stücke Leder mußten ihm bisweilen den Mangel an Papier ersetzen. Falscher Verdacht, einen Aufruhr gestiftet zu haben, verwickelte ihn in eine peinliche Untersuchung. Schon stand er auf dem Blutgerüste, als seine Unschuld erkannt wurde. Tiefgckränkt ging erhicraufnach Spanien zurück und machte eine Reise durch Frankreich, Italien, Deutschland, Böhmen und Ungarn. Nach seiner Rückkehr vermählte er sich I57V in Madrid mit Maria Bazan, deren Reize und Tugenden er in mehren Stellen seines Gedichts erhebt. Im I. >571 wurde er zwar zum Ritter von Santiago ernannt und diente einige Zeit als Kammerherr beim Kaiser Rudolf II.; doch kehrte er >580 wieder nach Madrid zurück, wo er sich umsonst bemühte, für seine militairischcn und literarischen Verdienste eine angemessene Belohnung oder doch nur ein sorgenfreies Auskommen zu erhalten; er starb in großer Zurückgezogenheit und Ar- muth in Madrid. Zeit und Umstände seines Todes sind ungewiß; doch muß er »och vor 1595 erfolgt sein, da in diesem Jahre seine Gemahlin bereits als Witwe in ihrem Hause zu Villa de Ocana ein Karmeliterinnenkloster stiftete, in welchem auch beide Gatten begraben sind. Er hinterließ keine ehelichen Kinder, aber zwei natürliche Söhne. Sein historisch-episches Gedicht in Oktaven „I-»^r»»er>nie" ist, einzelne Episoden abgerechnet, eine treue Schilderung der Begebenheiten. Cervantes setzt es in seinem „von Huixote" den besten Epopöen der Italiener an die Seite. Jedenfalls theilt es vor allen sogenannten moderne» Heldengedichten mit den „Lusiaden" den Vorzug wahrer Objektivität und daher echt epischen Geistes; auch ist es von Seite der Sprache klassisch. Die erste Abtheilung ist die frischeste, denn diese brachte er fertig nach Europa mit, wo sie zuerst allein (Madr. 1569) erschien; neun Jahre darnach (1578) erschien erst die zweite Abthcilung, in welcher E. durch angebrachte Episoden schon mehr dem Zeitgeschmäcke huldigte, welches noch mehr der Fall in der dritten war, die mit den beiden früher» zuerst 1599 gedruckt wurde. Unter den vielen in und außerhalb Spaniens veranstalteten Wicderabdrücken des Gedichts ist der eleganteste der bei Sancha erschienene (2 Bde., Madr. >776), und der korrekteste derbe! Burgos (2 Bde., Madr. 1628). Fortgesetzt wurde dasselbe von Do» Diego Santistevan Osorio aus Leon (Salamanca 1597) und mit den Fortsetzungen zusammen gedruckt zu Madrid (1733, Fol.). Eine deutsche Übersetzung besorgte Winterling (2 Bde., Nürnb. 1831). Erdapfel (velinntlms tuberosns), nicht zu verwechseln milder Kartoffel (s. d.), 46 Erdarten Erdbeere ist ein der Sonnenblume ähnliches Gewächs und von dieser unterschieden durch den hohem, mehrfach aus der Erde hervortreibenden Stengel, das kleinere Blatt, die kleinere, sich später entwickelnde Blüte und die knolligen eßbaren Wurzeln. Die Pflanze stammt aus Brasilien und war in Deutschland weit eher bekannt als die Kartoffel, von welcher die Erdäpfel nur dann erst verdrängt werden konnten, als man jene nicht mehr für giftig hielt. Jeht werden die Erdäpfel nur noch wenig angebaut, da sie gleich dem Unkraute wuchern und ihre Knollen ein süßliches, nicht angenehmes Gemüse liefern. Nur als Viehfutter sind sie empfehlenswert!), und als solches werden sie auch noch hier und da in großen Plantagen angebaut. Auch kann man aus den Knollen Stärke, Zucker und Branntwein bereiten. Stengel und Kraut der Pflanzen gewähren ein gutes Viehfutter und in holzarmen Gegenden Brennmaterial; auch enthalten sie viel Salpeter und sind zur Pottaschenbereitung tauglich. Erdarten, s. Erden. Erdbeben nennt man die Bewegung einzelner Theilc der festen Erdoberfläche, welche durch zur Zeit noch keineswegs vollkommen erkannte Ursachen bewirkt wird. Dieselbe erfolgt auf die verschiedenste Weise in verschiedenen Graden der Stärke ; bisweilen gleicht das Erdbeben einem Schwanken oder einer in horizontaler Richtung gleichsam wellenartig fortschreitenden Bewegung; bisweilen hat sogar diese Bewegung etwas Drehendes und Wirbelndes. Manchmal ist sie schnell vorübergehend, manchmal länger anhaltend, oder sich in Perioden von Tagen, Wochen, ja Monaten wiederholend. Zu Zeiten beschränkt sie sich auf einen kleinen Bezirk, ein anderes Mal verbreitet sie sich über große Landstrecken. Oft ist sie kaum bemerkbar, dann wieder so heftig, daß sie nicht nur Gebäude umstürzt, sondern auch wol die Gestalt des Bodens selbst verändert. Zuweilen bleibt bei solchen Bewegungen die Oberfläche unverletzt und geschlossen, ein anderes Mal zerreißt sie, es bilden sich Spalten und Schlünde, und sic ist dann zuweilen mit Ausbrüchen von Gasarten, auch wol Entzündungen und Auswür- sen von Wasser, Schlamm und Steinen begleitet, die den vulkanischen gleichen; bisweilen erfolgt indeß dieses Zerreißen auch ohne solche Ausbrüche. Den Ausbrüchen der Vulkane gehe» in der Regel Erschütterungen des BodenS voraus. Diese Wahrnehmungen begründen den Schluß, daß solche Erschütterungen der Erdrinde, die eigentlichen Erdbeben, nicht von äußern Ursachen herrühren können, sondern daß sie durch gewisse, im Innern des Erdballs wirkende Kräfte hervorgebracht werden. Es zeigt sich aber bei allen den Erdbeben angehörenden Erscheinungen eine Ähnlichkeit mit den Phänomenen der Vulkane, welche es fast außer Zweifel setzt, daß beide durch einerlei Ursachen bewirkt werden und nur verschiedene Äußerungen derselben sind. (S. Geologie.) Zu den bedeutendsten Erdbeben der neuern Zeit gehören das in Lima im 1 . 17 - 16 , das in Lissabon am I. Nov. 1753 , welches sich von Grönland bis Afrika, ja bis Amerika ausdehnte; das in Calabrien am 28 . März 1783 , in Caracas an» 26 . März 1812 , in Valparaiso und Chile am > 9 . Nov. 1822 , in den span. Provinzen Murcia und Valencia im I. 1829 , in Syrien im I. 18 - 10 , auf Haiti am 7 . Mai 1832 und in Guadeloupe und in Ragusa im I. 1833 . Erdbeerbaum (^rdutus unoclo), ein strauchartiger Baum, der in Italien und Spanien, auch in Irland wild wächst und in Dalmatien so häufig ist, daß er beinahe undurchdringliche Gestrüppe bildet. Seine Früchte gleichen den schönsten Erdbeeren; sie sind fast dreimal größer als diese, haben aber einen faden Geschmack, weshalb die ungeheure Menge derselbe» früher meist unbenutzt blieb. Erst in neuerer Zeit hat man angefangen, Branntwein und zwar in großer Menge und vorzüglicher Güte daraus zu brennen. Erdbeere, eine Pflanzengattung aus der Familie der Rosaceen, welche aus mehren nur gemäßigten Klimaten angehörenden Arten besteht. Deutschland besitzt drei wildwachsende Arten, unter welchen dieWalderdbeere (LruAunu vesca) die am meisten aromatischen Früchte liefert. In den Gärten kommen außerdem drei Arten cultivirt vor, welche aus Nord- und Südamerika stammen. Die größten Früchte gibt die jetzt sehr verbreiten Erdbeere von Chiloe, die frühzeitigsten die virginische Erdbeere. Aus allen.diesen Arten sind durch Cultur ungemein viele, von den Gärtnern mit Namen unterschiedene Varietäten entstanden, die mit besonderer Vorliebe in England und Belgien angebaut werde». Die Frucht der Erdbeere, sowol der wilden als cultivirten, gilt für gesund, sollte aber, Erdbohrer Erde 47 wie alle Früchte im Norden, mit Mäßigkeit genossen werden, obgleich Sinne erzählt, daß er sich durch Genuß großer Mengen von Walderdbeeren von einem qualvollen Podagra befreit habe. Erdbohrer. Man bedient sich dieses Instruments zu Erkennung der Beschaffenheit des Erdreichs in großem Tiefen, namentlich um die verschiedenen Schichten desselben und deren Mächtigkeit kennen zu lernen, wie z. B. bei Steinkohlenlagern, Steinsalzlagcrn, Salz- quellen und überhaupt zum Ausstichen des Wassers. Der Haupttheil des Erdbohrers ist die Bohrstange, welche, sobald cs sich um große Tiefen handelt, aus mehren Stücken zusammengesetzt wird und dann Gestänge heißt. In, letztem Falle wird sie für die Handhabung zu schwer und mit einem Hebezeuge auf- und niederbewegt. Das Bohrstück, der untere Ansatz der Bohrstange ist nach den verschiedenen Erdschichten, welche durchsunken werden sollen, auch verschieden geformt, aber stets so, daß es die ausgebohrten Substanzen mit heraufbringt, wenn der Bohrer gehoben wird. Für weiche Schichten ist es ein hohler Cylinder mit einer unten fast horizontal liegenden Schneide, für Gesteine wirkt es, in Form eines Steinmeisels oder Stcinbohrcrs schlagend, u. s. w. In der neuesten Zeit hat der Erdbohrer eine sehr ausgedehnte Anwendung bei den Artesischen Brunnen (s. d.) gefunden, und wir erinnern hier an das Bohrloch des Brunnens von Grenelle, das 1686 F. tief ist, und an das 2V0S F. tiefe Bohrloch zu Ncusalzwerk bei Preußisch-Minden. Vgl. Seltmann, „Vom Erd - und Bergbohrer" (Lpz. >823). Erdbrand. Schon so lange als man überhaupt Steinkohlen aus der Erde fördert, kennt man Beispiele von in Brand gerathenen und lange Zeit, ja Jahrhunderte lang unter der Erde fortbrennenden Kohlenflötzen. Die Ursache eines solchen Brands kann vielleicht, wo das Kohlenflöh zu Tage ausgeht, ein wirkliches Anzünden durch Meiler u. s. w. gewesen sein, in den meisten Fällen wird man sie in der durch Zersetzung der Schwefelkiese entstehenden Erhitzung suchen müssen, welche eine Selbstentzündung bewirkt, sobald der Luft aufirgend eine Art Zutritt verschafft wird. Einmal entzündet brennt ei» Kohlenflötz lange fort und nur durch sorgfältigen Verschluß aller Zugänge (Verdämmung) und Vermeidung jeder Bauar- bciten in zu großer Nähe läßt sich vielleicht der Brand löschen. Durch eine» solchen Brand entstehen, abgesehen von dem großen Verluste an Kohlen und von den Gefahren, denen die Bergarbeiter besonders durch die sich entwickelnden Gase (brandige Wetter) ausgesetzt sind, interessante Veränderungen. Die naheliegenden Gesteinschichten werden umgeändert, der Kohlenschiefer in Porzcllanjaspis u. s. w. verändert; da durch das Verbrennen der Kohle ein leerer Raum entsteht, bilden sich Nisse und Einstürze, die an der Oberfläche bemerkbar sind; wo die Schichten zu Tage ausgehen, entwickeln sich Rauch und Dämpfe, zuweilen selbst Flammen, und Salmiak und andere Sublimate setzen sich ab. Ist der Brand nahe unter der Oberfläche, so erlangt der Boden eine Wärme, die sich zur Treibgärtnerci benutzen läßt, z. B. in Planitz bei Zwickau, in Staffordshire u. s. w. Außerdem sind Erdbrände bei Duttweiler. in Schlesien, bei Jdria, kurz fast überall beobachtet worden, wo Steinkohlenlager sind. Erde. Was zunächst die Gestalt der Erde betrifft, so erscheint sic dem nach allen Richtungen frei um sich blickenden Beobachter als eine flache, kreisförmige Scheibe, auf deren Rande das Himmelsgewölbe gleichsam zu ruhen scheint. Demgemäß wurde die Erde im Alterthum, selbst von den sonst so gebildeten Griechen und ihren Philosophen, lange für eine auf dem Wasser schwimmende Scheibe gehalten. Allein viele Erscheinungen, die Unsichtbarkeit nicht hoher Gegenstände in mäßiger Entfernung, die Vertiefung entfernter hoher Berge u. s. w., widersprachen bald dieser beschränkten, nur dem ersten Anschein entnommenen und entsprechenden Vorstellung, und schon im Alterthume ahneten Einzelne, zuerst wol Eudoxus, nach ihm Aristoteles, die Kugelgestalt der Erde, durch welche allein alle sich darbictende Erscheinungen hinreichend erklärt werden können. Nur die Kugelgestalt der Erde macht erklärlich, daß die Erde von jedem beliebige» Standpunkte aus rund erscheint, daß sich aber der Gesichtskreis in demselben Maße erweitert, in welchem wir unser» Standpunkt höher nehmen; daß wir ferner die Spitzen und Gipfel von Thürmen, Bergen, Schiffen u. s. w. aus der Ferne eher erblicken als den Fuß oder die untern Thcile derselben. Außer diesen Beweisen für die Kugelgestalt der Erde gibt es noch zahlreiche andere; dahin gehören das allmälige Sichtbarwerden neuer, vorher unsichtbarer Gestirne, sobald man sich von den Polen her kommend dem Äquator nähert, der runde Schatten der Erde auf dem Mond», sobald dieser 48 Erde durch sie verfinstert wird, die ungleichen Tageszeiten, in denen gleichzeitige himmlische Erscheinungen in verschiedenen Gegenden der Erde wahrgenommcn werden, endlich insbesondere die Reisen um die Welt, die seit 1519 in zahlloser Menge ansgeführt worden sind. Das Bedenken, das man aus den Begriffen von oben und unten herleitcn könnte, die bei einer kugelförmigen Erde auf verschiedene Stellen ihrer Oberstächen allerdings sehr verschieden, ans- fallen müssen, sodaß cs auf dem unser,» Wohnorte gerade entgegengesetzten Punkte der Erde Menschen geben muß, deren Füße nach derselben Richtung gekehrt sind, wie unsere Köpfe (s. Gegenfüßler), erledigt sich sofort, wenn man erwägt, daß für jeden Punkt der Erdoberfläche die Richtung nach der Erde (genauer die nach ihrem Mittelpunkte) als unten, die entgegengesetzte Richtung aber als oben betrachtet werden muß. Strcnggenommcn ist es jedoch nicht ganz richtig, daß die Erde eine Kugel ist; sie ist vielmehr an zwei entgegengesetzten Punkten, den beiden Polen, eingedrückt und abgeplattet, wie sich lheils aus Breitengrad»,essun- gen, thcils aus Pendclbeobachtungen ergibt. Die erster» lehren, daß die Meridian - oder Breitengrade nicht überall auf der ganzen Erde von gleicher Länge sind, wie cs der Fall sein müßte, wenn die Erde eine genaue Kugel wäre, sondern vom Äquator „ach den Polen zunchmcn, was auf eine an den Polen stattsindende A bplattung schließen läßt. Die Pendclbeobachtungen lehren, daß ein Pendel von einer gewissen Länge nicht überall gleich schnell schwingt, sondern nach den, Äquator zu langsamer, als nach den Polen zu, oder daß ein Pendel von einer gewissen vor- geschriebenen Schwingungszeit, z. B. einer Secunde, »ach dem Äquator zu verkürzt werden muß, was aufcine nach dem Äquator zu abnehmende Schwerkraft schließen läßt. Dieser letztere Umstand hat freilich noch einen andern Grund, nämlich die Schwungkraft, welche durch die Achsendrehung der Erde hcrvorgcbracht wird und der Schwerkraft entgcgcnwirkt, sie also vermindert. Da nun die Geschwindigkeit, mit welcher sich die einzelnen Punkte der Erde umdrchc», oder der Kreis, welchen jeder derselben in Folge der Umwälzung der Erde beschreibt, unter dem Äquator am größten ist, nach den Polen zu aber allmälig abnimmt, zugleich auch die Schwungkraft unter dem Äquator der Schwerkraft gerade entgegengesetzt ist, in den übrigen Gegenden der Erde mit ihr einen ihre Wirkung schwächenden Winkel bildet und unter den Polen ganz verschwindet, so muß die Schwerkraft unter de», Äquator die größte, unter den Polen aber gar keine Verminderung erleiden oder dort am kleinsten, hier am größten sein. Indessen reicht dies immer nicht hin, um die beobachtete Abnahme der Schwere zu erklären, da, wie die Pendclbeobachtungen ergeben, die Schwerkraft von den Polen nach dem Äquator um ihren > 9-1. Theil abnimmt und doch die Schwungkraft unter dem Äquator nur der 289. Theil der Schwerkraft ist. Dieser Unterschied (etwa'/->,») läßt sich aber vollkommen daraus erklären, daß die Erde keine Kugel sondern ein an den Polen abgeplattetes Sphäroid ist, daß daher schon deshalb, und ganz abgesehen von der Schwungkraft, die Schwerkraft unter den Polen am größten, unter dem Äquator am kleinsten sein muß, weil jene Gegenden dem Mittelpunkte der Erde, von welchem die Anziehung der Erde, die Ursache der Schwerkraft, ausgeht, oder in welchem sie vielmehr concentrirt gedacht werden kann, am nächsten, diese am weitesten von demselben entfernt sind. Aus den zehn zuverlässigsten Gradmcs- su ngen (s. d.) berechnet Befiel die Abplattung der Erde zu beinahe Die Gradmcs- sungen geben aber nicht nur über die Gestalt sondern auch über die Größe der Erde Aufschluß. Nach der Rechnung Besscl's folgt au§ den gedachten Gradmeffungen, daß die große Achse der Erde, der Durchmesser des Äquators, 6,5-1-i 154s/, Toisen, die kleine Achse oder die eigentliche Erdachse, der kleinste Erddurchmesser, welcher die beiden Pole verbindet, 6,522278s/l> Toisen beträgt, eine Toisc 6 Par. F. Drückt man die Größe der Erde in geographischen oder deutschen Meilen aus und versteht darunter solche, von denen 15 auf einen Grad des Äquators gehen, so kommen auf den ganzen Umfang des Äquators 5409, auf den Durchmesser des Äquators 1718s/«, auf die Erdachse 1713 M. (jede Meile zu 22843^ par. oder 23643 rheinl.F.). Die Oberfläche der Erde beträgt ungefähr 9'/» Mill. OM., der Inhalt derselben 2650s/, Mill. Cubikmeilcn. - Betrachten wir die Erde als Bestandtheil des Sonnensystems, so lehrt d-ie Astronomie, daß sie sich nebst zehn andern Planeten von Westen nach Osten um die Sonne bewegt und von derselben als ein an sich dunkler Körper Licht und Wärme erhält. Freilich ist dies mit unserer sinnlichen Wahrnehmung in Widerspruch, zufolge welcher die Sonne um die Erde 49 Erde zu lauft« scheint, und erst seit wenigen Jahrhunderten ist es den Menschen gelungen, sich von dieser Täuschung loszumachen. Bekanntlich war es Kopernicus, welcher die Hypothese aufstellte, daß die Sonne ruhe und die Erde nebst den Planeten sich um sie bewege, eine Hypothese, die jetzt allgemein als unumstößliche Gewißheit angenommen wird und an deren Richtigkeit keinen Augenblick mehr gezweiftlt werden kann. Ihren Weg um die Sonne legt die Erde in einem Zeiträume von ungefähr 365'/, Tagen zurück, den wir ein Jahr (und zwar ein Sonncnjahr) nennen. Die Bahn, welche die Erde beschreibt, ist genau genommen kein Kreis, sondern eine länglichrunde, dem Kreise sehr ähnliche, krumme Linie, nämlich eine Ellipse, in deren einem Brennpunkte die Sonne steht. Daraus folgt, daß die Erde nicht zu allen Zeiten des Jahrs gleich weit von der Sonne entfernt ist, und zwar steht sie ihr am nächsten (in der Sonnennähe oder dem Perihelium) zu Anfang des Jahrs, also wenn cs für die nördliche Halbkugel Winter ist, am fernsten (in der Sonnenferne oder dem Aphelium) um die Mitte des JahrS, wenn die nördliche Halbkugel Sommer hat. Der Unterschied zwischen der größten und kleinsten Entfernung ist indeß verhältnißmäßig zu unbeträchtlich, um auf die Wärme, welche wir von der Sonne erhalten, einen erheblichen Einfluß zu äußern, und der Unterschied der JahrSzeitcn hat eine ganz andere Ursache. Die kleinste Entfernung der Sonne von der Erde beträgt 26,3200V«, die größte über 2 > Mill., die mittlere (welche der halben großen Achse der Erdbahn gleich ist) 20,667000 M. Hieraus ergibt sich, daß der Weg, den die Erde jährlich durchläuft, über l29 Mill. M. beträgt; demnach legt die Erde (genauer ihr Mittelpunkt) in jeder Secunde ungefähr 4'/,» M. oder über 9300«» par. F. zurück, eine Geschwindigkeit, die man bester würdigen kann, wenn man bedenkt, daß ein Dampfwagen auf einer Eisenbahn zu einem gleich langen Wege gewöhnlich eine Stunde braucht, eine Kanonenkugel aber in der Secunde höchstens 2000—2300 F. zurücklegt. Außer dieser jährlichen Bewegung um die Sonne hat die Erde noch eine zweite, tägliche Bewegung, die bereits oben erwähnte Achftndrchung, indem sie sich täglich (genauer in 23 Stunden 56 Minuten 4 Sccundcn mittlerer Zeit) und zwar von Westen nach Osten einmal um ihre Achse dreht. Die Folge dieser Umdrehung ist das scheinbare Auf- und Untcrgchen der Sonne und überhaupt der Wechsel der Tageszeiten, da mit Ausnahme der beiden kalten Zonen oder der den Endpunkten der Achse zunächst liegenden Gegenden jeder Ort der Erde sich während eines Theils jener Umdrehungszeit auf der erleuchteten oder der Sonne zuge- kehrtcn, während des übrigen ThcilS auf der dunkeln oder von der Sonne abgewandlen Hälfte der Erde befindet. Das Vcrhältniß zwischen der Länge des TagS und der Nacht hängt von dem Winkel ab, den die Erdachse mit der Ebene der Erdbahn bildet. Wenn die Erdachse auf dieser Ebene senkrecht stände, so würden überall auf der ganzen Erde Tag und Nacht das ganze Jahr hindurch gleich sein, und ein Wechsel der Jahrszeitcn könnte nicht stattsinden. Allein die Erdachse macht mit der gedachte» Ebene einen Winkel von 23'/-°, die Folge dieser Einrichtung ist die Verschiedenheit der Jahrszeiten, wie sie auf der Erde stattfindet, die klimatische Verschiedenheit der einzelnen Thcile der Erdoberfläche und die mit den Jahrszeitcn zusammenhängende Ungleichheit der Tage und Nächte, die nur für den schmalen, unter dem Äquator liegenden Strich der Erde das ganze Jahr hindurch gleich lang sind, für alle andere Gegenden aber nur an den beiden Tagen im Jahre, wo die Sonne scheinbar durch den Äquator des Himmels geht, was um den2l. März und 23, Scpt. stattfindet. Vom 21. März an entfernt sich die Sonne nach Norden zu von dem Äquator, bis sie um den 2l. Juni einen nördlichen Abstand von 23V," erreicht hat, worauf sic sich dem Äquator wieder bis zum 23. Sept. nähert. Von diesem Tage an entfernt sie sich von ihm nach Süden, bis sie am,21. Dec. einen südlichen Abstand von 23'/-" erreicht hat, worauf sie sich abermals dem Äquator nähert, bis sie ihn am 21. März wieder erreicht hat. Am 21 . Juni ist für die nördliche Halbkugel der längste, für die südliche der kürzeste Tag > umgekehrt am 21. Dec. für die nördliche Halbkugel der kürzeste, für die südliche der längste Tag. (S. Iahrszeiten.) Noch mag erwähnt werden, daß die Umdrehungsgeschwindigkeit, welche offenbar von den Polen oder Endpunkten der Erdachse aus bis zu den von ihnen gleichweit entfernten Gegenden des Äquators allmälig zunehmen und dort am größten sein muß, unter dem Äquator etwa der Geschwindigkeit einer Büchsenkugel gleich ist, urdem jeder Eonv.-Lex. NeunteAufl. V. 4 j^r' 50 . Erde Punkt deS Äquators, ganz abgesehen von der Bewegung der Erde um die Sonne, in eine» Tage 5400 M., in einer Stunde 225 M-, in einer Minute 3'/> M. oder gegen 8600» F., in einer Secunde über 1400 F. zurücklcgt. Aber womit wollen wir das Vorhandensein dieser Bewegungen der Erde beweisen, dir mit unfern sinnlichen Wahrnehmungen in so direktem Widerspruche jn stehen scheinen? Genauere Erwägung zeigt, daß alle am Himmel vorkommende Erscheinungen sich nur dann befriedigend und ungezwungen erklären lassen, wenn wir der Erde die im Vorigen aus- I einandergesctzten und als ausgemacht angenommenen Bewegungen beilegen, wogegen ihrr ! Erklärung höchst verwickelt und künstlich ausfällt, wenn wir die Erde uns als ruhend den- i ken. Ruht die Erde, so müssen die zahllosen Himmelskörper, nahe und ferne, große und , kleine, sich um die Erde bewegen, welche doch erwiesenermaßen von vielen an Größe wc« l übertroffen wird, und zwar alle in 2 4 Stunden einen ganzen Umlauf um dieselbe von Oster I nach Westen machen, sodaß also jeder Himmelskörper sich genau in demselben Verhältnisse l schneller bewegen muß, in welchem er weiter von der Erde entfernt ist, und die sehr entfern- ten mit einer ganz Ungeheuern Geschwindigkeit, welche die des Lichts noch beiwcitcm über- > trifft, umlaufen müßten. Schon diese gemeinschaftliche tägliche Bewegung des zahlloser i Heers der Himmelskörper um die allein ruhende Erde ist gewiß im höchsten Grade un- l wahrscheinlich > sie fällt aber ganz weg, wenn wir avnehmcn, daß die Erde sich von Wester > nach Osten um ihre Achse dreht, was nothwendig den Schein einer in entgegengesetzter Rieh- I tung stattfindcnden Bewegung der Himmelskörper zur Folge haben muß, gerade sowie wir, i wenn wir in einem Wagen oder Schiffe fahren, uns unwillkürlich der Täuschung hingcber, i daß die am Wege oder Ufer befindlichen Gegenstände in entgegengesetzter Richtung an un§ > vorbeifliegen, wiewol wir in diesem Falle recht gut wissen, daß dies nur Schein ist und das wir selbst uns eigentlich in. Bewegung befinden. Einen directen Beweis für die Achsendre- ! hung der Erde liefert die Abplattung der Erde, die sich, wenn wir berücksichtigen, das ' sich die Erde unzweideutigen Beobachtungen und Erfahrungen zufolge ursprünglich in i einem flüssigen oder doch sehr weichen Zustande befunden haben muß, nur aus bei > Achsendrehung der Erde erklären läßt, indem dieselbe außerdem die Kugelfvrm angenommen haben müßte. Auch zeigt die Rechnung, daß der Betrag der Abplattung, welche die Erde hat, der Geschwindigkeit, welche wir ihrer Umdrehung beilegen müssen, genau ' entspricht. Wenn uns .nun die Pendclbcobachtungen eine Abnahme der Schwerkraft vo» > den Polen nach dem Äquator zu lehren, so ist diese Abnahme nur zum kleinern Thcil aus der nicht genau kugelförmigen Gestalt der Erde zu erklären, zum größer» aus der die Schwerkraft vermindernden Schwungkraft, welche eine nothwendige Folge der Achscn- drchung sein würde. Ferner kann man zu den direkten Beweisen für die Umdrehung der Erde auch rechnen die östliche Abweichung solcher Körper, die von einer ansehnlichen Höhe ! frei herabfallen, von der Vcrticallinie, wie sie sich aus den Versuchen Benzenberg's u. A. ergeben hat. Jn früherer Zeiten glaubte man, daß, wenn sich die Erde wirklich in östlicher Richtung umdrehte, ein von einer Höhe, z. B. Von der Spitze eines Thurms frei herabfallcnder Stein nicht genau am Fuße des ThurmS die Erde erreichen könne, sondern westlich von dem Thurme zu Boden fallen müsse. Da nun dies der Erfahrung zufolge nicht der Fall sei, vielmehr das Erstere stattfinde, so ergebe sich daraus ein Beweis, daß die behauptete Achsen- drehung der Erde nicht stattfinden könne. Selbst Tycho de Brahe und Riccioli hielten diesen Einwurf für unwiderleglich. Allein die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Schon Newton sah mit seinem gewohnten Scharfblicke ein, daß Körper, die von einer Höhe herabfallen, in Folge der Bewegung der Erde von der Verticallinie nicht westlich sondern östlich abweichen müßten, weil sie nämlich wegen ihrer größern Entfernung von der Erde eine größere, nach Osten gerichtete Geschwindigkeit besitzen und dieselbe auch hcrabfallend bcibehaltcn, daher den Boden östlich von dem Punkte erreichen müßten, wo dies, wenn die Erde sich nicht umdrehte, geschehen würde. Newton schlug daher vor, genauere Versuche hierüber anzustellen, um die Umdrehung der Erde dadurch zu constatiren, allein erst über ein Jahrhundert später, als diese Art der Beweisführung längst überflüssig war, wurden Versuche von hinreichender Genauigkeit angestellt, die dann auch das erwartete Resultat deutlich erkennen ließen. Da die Höhen, die für Versuche dieser Art angewandt werden können, immer nur Erden und Erdarte« Grdmannsdorf 81 -NI klein sind und einige hundert Fuß nicht übersteigen, so kann die erwähnte Abweichung immer Z., nur sehr gering sein (auf 50—60 F. kommt etwa eine Linie), und ihre Beobachtung erheischt daher die größte Genauigkeit. Bei einer Fallhöhe von 10000 F., welche ungefähr die der Höhe des Ätna gleich wäre, würde die Abweichung nicht weniger als 7 F. betragen, a? Schließlich kann die Analogie unserer Erde mit den andern Planeten angeführt werden, dir ur uns alle, nur mit Ausnahme der vier kleinsten und des entferntesten, eine Achscndrchung >S< deutlich wahrnehmen lassen. Der Einwand, daß wir ja von der Bewegung der Erde gar )ri nichts fühlen, verdient im Grunde gar keine ernstliche Widerlegung; an Stößen und Er- !». schütterungcn werden wir sie, wenn sie so gleichmäßig und regelmäßig vor sich geht, als wir nd annehmcn müssen, ebenso wenig oder vielmehr noch weit weniger wahrnehmcn können, als ei! die Bewegungen eines Fahrzeugs in einem völlig ruhigen Wasser, und das Durchschneiden M der Luft kann uns darum nicht merklich werden, weil die Atmosphäre an der Umdrehung der ff, Erde Theil nimmt. ai< Ist nach dem Vorigen die Achsendrehung der Erde als Ursache der scheinbaren täglichen er- Umdrehung des Himmels für bewiesen zu halten, so liegt es sehr nahe, auch die jährliche Besen wegung der Sonne durch die Sternbilder des Thierkreises für scheinbar zu halten und aus m- einer in derselben Richtung von Westen nach Osten stattsindendcn Bewegung der Erde um eii die Sonne zu erklären. Zieht man vollends in Erwägung, daß die Sonne an Masse die viel ch- kleinere Erde etwa 355000 mal übcrtrifft, und nach den Gesetzen der Mechanik zwei Kör- ir, per, die sich umeinander bewegen, sich um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt bewegen c», müssen, so erscheint die Bewegung der Sonne um die Erde als geradezu unmöglich ; bestimmt n§ man die Lage des gemeinschaftlichen Schwerpunkts, welcher dem Mittelpunkt der Sonne af 355000 mal näher als dem der Erde sein und also von dem erster» ungefähr um den 355000. re- Theil der Entfernung beider Mittelpunkte abstehen muß, so findet man, daß er noch nicht 60 M. von dem erstem, mithin im Innern des Sonnenkörpers liegt, da dieser einen Durch- in Messer von 192000 M. hat. Mit Hülfe einer Figur ist aber leicht zu zeigen, daß die Bewein gung der Sonne in der Ekliptik sich aus einer Bewegung der Erde um dieselbe mit größter Leichtigkeit erklären läßt. Auch die so ungemein verwickelten und scheinbar ganz regellosen chi Planetenbewegungen, wie sie uns erscheinen, lassen sich nur dann befriedigend erklären, wenn au wir annehmen, daß die Planeten sich gleich der Erde und in derselben Richtung um die ou Sonne bewegen. Wie in mathematischer, so läßt sich die Erde auch in physikalischer und po- cil litischer Beziehung betrachten. (S. Geographie.) >« Erden und Erdarten. Unter Erden im cng«n Sinne oder eigentlichen Er- !,i- den begreift man in der Chemie folgende Oxyde: Kieselerde, welche den häufigsten Bestand- m theil des Erdkörpcrs, so weit wir ihn kennen, ausmacht, Thonerde oder Alaunerde, ebenfalls >hk häufig vorkommend; ferner Thorerde, Zirkoncrde, Attererde und Glycynerde oder Bcryll- cr- erde, letztere vier nur in wenigen Mineralien verkommend. ZudenalkalischenErden, ch< welche sich von den vorigen durch ihre alkalische Neaction unterscheiden, gehören die im Was- >er ser schwer löslichen, Kalk, Baryt, Strontian und Magnesia, auch Bitter- oder Talkerde M genannt. In der Mineralogie, sowie im gewöhnlichen Leben, werden unter Erden und el- Erd arten verschiedene Gemenge der reinen Erden unter sich oder auch mit andern Sub- n- stanzen verstanden, wie denn z. B. die Ackererde ein Gemenge aus Kiesel -, Thon - und Talk- en erde, Eisen - und Manganoxyd, organischen Resten u. s. w. in veränderlichen Verhältnissen w- ist. (S. Bodenkunde.) In der Blumistik versteht man unter Erd arten ein Gemenge n, von zersetzten Vegetabilien und verschiedenen Erden zur Blumencultur, weil Leben, Gesundei' heit, Schönheit und Vervollkommnung sehr vieler Zierpflanzen von einer angemessenen Erd ec, Mischung abhängen. Als solche Erdarten kommen besonders vor Garten -, Haide -, Moor a- oder Torf-, Laub-, Damm- und Mistbeeterde, hl Erdferne, s. Apogäum, u- Erdharz oder Erdpech, s. Asphalt. rt Erdmannödorf (Friede. Wilh., Freiherr von), ein durch seinen Kunstsinn ausge- zeichneter Mann, geb. 1736 zu Dresden, studirtc in Wittenberg und begleitete dann den :n Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau auf dessen Reisen in England, Frank» tk 4* 52 Erdnähe Ercchtheus reich, der Schweiz und Italien. Sein Kunstsinn fand allenthalben reiche Nahrung und ent- wickelte sich besonders für die Baukunst. Stach seiner Rückkehr benutzte er die cingesainmcl- tcn Kenntnisse zur Verschönerung des dessauischcn Landes, und namentlich das Schloß i» Wörlitz bekundet den gebildeten Geschmack dcS Baumeisters; nicht minder hat er sich durch die Anlagen um Dessau ein bleibendes Gcdächtniß gestiftet. Auch die Gründung der Chal- kographischen Gesellschaft zu Dessau, im I. >706, war sei» Werk, und gewiß lag cs nicht an seinem Eifer, wenn sie den Erwartungen der Kunstfreunde nicht entsprach. Unter den Werken, die aus dieser Anstalt hcrvorgingcn, nehmen die von E. in Rom gezeichneten architektonischen Studien eine vorzügliche Stelle ein. Er starb 1800. Sein Leben beschrieb Rode (Dessau I80l). Erdnähe, s. Perigäum. Erdsteine sind eine Erfindung des Franzosen Jscnard in Odessa. Man kann sic aus jeder Erdart, den Sand ausgenommen, fertigen; sie übertreffen die Lehmsteine bciwcitcm an Güte und kommen fast den gebrannten Steinen gleich. Von Ecksteinen erbaute Gebäude hatten von Erdbeben durchaus nichts zu leiden, und Büchsenkugeln, in einer Entfernung von 30 Schritt auf eine Mauer von Erdsteinen abgeschossen, sielen platt gedrückt zurück, ohne die mindeste Zerstörung angerichtet zu haben. Übrigens halten die Erdstcim sehr warm, und der auf sie zur Bekleidung gebrachte Kalk trocknet in sehr kurzer Zeit. Erdstrich oderErdgürtel, s. Zone. Erdwärme nennt man theils die Wärme der Erdoberfläche, theils jene Warme, welche der Erdkörper in einer gewissen Tiefe hat. Erstcre ist bis auf eine gewisse Dicke, die nicht an allen Stellen ganz gleich, aber kaum größer als 60 F. ist, von den klimatischen Einflüssen, dem Stande der Sonne u. s. w. abhängig. Die Untersuchungen darüber sind also verknüpft mit den Untersuchungen über die Temperaturvcrhältnisse der Atmosphäre. Aus sehr vielfachen Beobachtungen über den Gang der Tcmperaturverändcrungcn an einem Ort! kann man am Ende zu Mittlern Werthen gelangen, zu einer sogenannten mittler» Jahrcs- temveratur, d. h. einer Temperatur, über und unter welcher die Temperatur des betreffenden Orts das Jahr über gleich lange zu schweben pflegt. Verbindet man die Orte auf der Erde, welche eine gleiche mittlere Jahrestemperatur haben, durch Linien, so erhalten diese den Name» der Isothermen; dieselben haben zwar im Allgemeinen die Lage von Parallelkreisen, weichen aber stellenweise bedeutend von derselben ab. Für das Studium der oberflächlichen Erdwärme ist ferner die Beobachtung der Breitegrcnzcn, in welche die Vegetation gewisser wildwachsender und cultivirter Pflanzen eingeschlossen ist, sehr wichtig, und diese Lehre geht mit der Pflanzen- und Thiergeographie Hand in Hand, wie sie überhaupt ein wichtiger Zweig der physikalischen Erdbeschreibung ist. Gelangen wir aber in eine Tiefe der Erde, welche von den klimatischen Einflüssen unabhängig ist, so finden wir, wie die Beobachtungen in tiefen Schächten und Bohrlöchern zeigen, eine consiante, mit zunehmender Tiefe in einem bestimmten Verhältnisse wachsende Temperatur, woraus man geologische Schlüsse auf die Beschaffenheit des Erdinncrn gemacht hat. (S. Cen tralfencr.) Es werde» daher Quellen um so wärmer, je tiefer sie aus der Erde kommen, wie sich besonders an den neuen Beispielen sehr tiefer Artesischer Brunnen (s. d.) gezeigt hat. Vgl.Bischof, „Die Wärmelehre im Innern unsers Erdkörpcrs" (Lp;. l837). Erebus, ein mythisches Wesen, der Sohn desChaos (s. d.), zeugte mit seiner Schwester, der Nacht, den Äther und den Tag. — Bei Homer ist das Erebus eine finstere Gegend unter der Erde, zwischen der Erdoberfläche und dem noch liefern Hades, der Durchgangsort von der Oberwelt in die Unterwelt. Erechtheus und Erichthonius, ursprünglich der Name einer und derselben Person, welche jedenfalls erst durch eine spätere Sage zu zwei verschiedenen Personen gemacht wurde, war ein attischer Heros, dessen Mythus mit dem der Athene und mit der ersten Cut tivirung Attikas in der engsten Verbindung steht. Auch Homer kennt nur Einen Ercchtheus, welcher Sohn der Erde war und von der Athene auferzogen wurde. Stach Apollodor ist Erichthonius Sohn des Hephästos und der Atthis, oder nach Andern der Athene, welche ihn, um ihn vor den Göttern zu verbergen, in eine Kiste legte und so der Pandrosos, des Ce- krops Tochter, übergab, mit dem Verbote, jene zu öffnen. Die Schwestern der Pandrosos Eremiten Erfahrung 53 öffnete» jcdoch aus Neugierde dieselbe und fanden das Kind von einer Schlange umringelt. Hcraugcwachscn, vertrieb Erichthonius sväter dcnAmphiktyon nnd stiftete dasFest-derPan- athenäcn. Seine Gemahlin war die Pasithca, die ihm den Pandion gebar. Die Söhne dieses Erichthonius sind Ercchthcus und Butcs, von denen jener die Herrschaft, dieser d as Pricstcrthum der Athene erhielt. Bon den Elcusinicrn bekriegt, erhielt er vom Orakel die Weisung, er werde siegen, wenn er eine seiner vier Töchter opfere. Er opferte die jüngste Orithyia, worauf die übrigen drei, Prokris, Krcusa und Chthonia, sich selbst tödtctcn. Hierauf schlug er die Feinde, wobei Eumolpus (s. d.) siel; er selbst aber wurde auf Bitten des Poseidon von dem Zeus getödtct. Auf ihn folgte in der Negierung Cekrops. Nach Diodor ist Ercchthcus ein Ägypter, der zur Zeit einer Hungcrsnoth Getreide nach Attika brachte, wofür ihn die Bewohner der Gegend aus Dankbarkeit zum Könige machten, worauf er die Eleusinien einführte. — Noch wird ein Erichthonius angefüh-rt, der der Sohn des Dar- danus, Baker des TroS, und der reichste unter allen Menschen war. Eremiten, s. Anachorete». Eresburg oder He res bürg hieß die alte Grenzfcste der Sachsen gegen die Franken, auf einer Berghöhc an der obern Dicmel, im sächs. Hesscngau des Landes Enger». Mit der Eroberung dieser Feste, welche, nach der Art der sächs. Kastelle, nur ein befestigtes Lager war, und der Zerstörung der nicht weit davon gestandenen Irin en sä ule (s. d.) cröffnete Karl der Große 772 die Sachscnkriege und gründete daselbst eine Kapelle, die bald zu einem der Abtei Korvei untergebenen Kloster sich erweiterte. Indessen blieb E- noch längere Zeit ein militairisch und politisch wichtiger Punkt, namentlich während der Kriege der fränkischen Könige untereinander, wo Herzog Otto von Sachsen sich auf derselben verschanzte. Erst als die Sachsen als vorherrschendes Volk auftrate», verlor dieselbe ihre Bedeutung. Nach der Auflösung des Herzogthums Sachsen suchte der Erzbischof von Köln, wie in den übrigen Territorien der kölner und paderborner Diöccse, sich auch in dem Gebiete von E- festzusehen, und veranlaßce dadurch langwierige Streitigkeiten mit dem Abt von Ksrvei, welche erst 1230 dahin ausgeglichen wurden, daß Letzterer dem Erzbischof die Hälfte aller zu E- gehörigen Besitzungen, mit Ausnahme des dasigen Klosters, abtrat, und dieser folgte dann >507 die andere Hälfte nach. Es hatte aber schon im l 2. Jahrh. der Magistrat der unter dem Berge gelegenen alten Stadt Horhusen zu größerer Sicherheit vor Feinden seinen Sitz ans den Berg verlegt, daher man nun den Namen der solchergestalt vereinigten „Stadt zum Eresbcrge" inMerSberg, woraus fälschlich Marsberg geworden ist, zusammenzog, oder auch dieselbe schlechthin „die Stadt zum Berge" nannte, woraus der nunmehrige Name Stadtberg entstand. Im Dreißigjährigen Kriege wurde die Stadt >6-16 durch die Schweden und Hessen zerstört und der alte Münster gesprengt. Eresichthon, s. Erysichthon. Eretrra, jetzt Paläo-Castro, eine der frühesten und ansehnlichsten Städte auf der Insel Euböa, wahrscheinlich von Athen aus gegründet, gelangte durch Schiffahrt und Han- dclchald zu so hohem Ansehen, daß es mit Chalcis um die Oberherrschaft auf der Insel wetteiferte und sogar einige umliegende kleinere Inseln sich tributbar machte, wurde aber im ersten Perserkriege von Darius ISO v. Ehr. gänzlich zerstört. Der Philosoph Mencdemus stiftete hier eine eigene, unter dem Namen der eretrischen bekannte Schule. Eretrische Schule, s. Elische Schule. Erfahrung nennt man die Summe der Kenntnisse, welche sich zuletzt auf Wahrnehmung von Thatsachen gründen; jede einzelne Erkenntniß dieser Art heißt eine Erfahrung. Der gcsammte Erfahrungskreis zerfällt in den der äußern und der innern Erfahrung, bei welcher Unterscheidung davon abgesehen wird, daß Alles, was wir von der Außenwelt erfahren, nur dadurch unsere Erfahrung wird, daß cs als Empfindung und Vorstellung Object unsers Bewußtseins wird. Auf dem Versuche, den Kreis der äußern Erfahrung in dem der innern aufgehen zu lassen, beruht der Idealismus; auf der Behauptung, daß jener seine von dem auffassendcn Subjccte unabhängigen, reellen Beziehungspnnkte verlangt, der Realismus. Auf keinen Fall gibt das bloße Dasein irgend eines äußern oder innern Factums schon eine Erfahrung; cs muß das Bewußtsein über Das hinzukonnne», was man erfährt. Viele Menschen erfahren daher garManchcs, ohnc Erfahrungen zu machen; ebenso wird man ^ -v.- Erfindungen und Entdeckungen such durch fremde Erfahrungen selten klug. Absichtliche Erfahrung führt zur Beobach, tung (s. d.) und zum Experimente. Das Vcrhältniß zwischen Erfahrungen und Gedanken und Begriffen bezeichnet Kant sehr treffend durch den Sah: Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer. (S. Empirismu s.) Erfindungen und Entdeckungen. Erfindung ist diejenige Thätigkeit des menschlichen Geistes, mittels deren er aus eine eigenthümliche Weise etwas bis dahin noch nicht Vorhandenes hervorbringt. (S. Heuristik.) Sie zeigt sich in der Wissenschaft und in der Kunst im weitern Sinne des Worts und unterscheidet sich von der Entdeckung wesentlich darin, daß letztere nur das Auffindcn irgend eines Gegenstandes ist, welcher bereits in derselben Gestalt längst vorhanden, aber noch unbekannt war. Erfindungen und Entdeckungen sind oft Ergebnisse des Zufalls, ebenso oft aber auch die Frucht angestrengter Forschungen und geistreicher Beobachtungen. Das dem Menschen angeborene Schamgefühl lenkte ihn bald auf die Erfindung der Bekleidung; wenngleich anfangs nur aus Thierfellcn bestehend, wurden sie doch immer mehr durch das dem Menschen innewohnende Schönheitsgefühl ge- schmückt, und das Thierfcll machte bald, je mehr die Bevölkerung wuchs und die Wildnisse, der Aufenthalt der Thierc, gelichtet wurden, den wollenen und leinenen Geweben Platz. Nächst der Bekleidung war das Obdach eine Hanptsorgc der Menschen. Anfangs Höhlen, bewohner wurden sie später Nomaden und mußten sich bewegliche Höhlen bilden; so entstand das Zelt und in Folge der Annahme fester Wohnsitze das Haus und der Tempel zur Verehrung der Gottheit. Die Erde brachte nicht allenthalben freiwillig ihre Früchte den Menschen dar, er sollte sie ihr abgcwinncn; so entstand der Ackerbau, cs mußten Werkzeuge erfunden werden, um die Erde zu bearbeiten; Holz, zugehaucn und geschnitzt mit scharfen Steinen, bot nur kurze Dauer, man suchte ein festeres Material und fand das Eisen, und die Anwendung desselben brachte eine Epoche in der menschlichen Industrie hervor. Der Klang des Eisens, der Gesang der Vögel, der Wunsch, die menschliche Stimme auch noch mit andern Tönen zu begleiten, ließ die Musik erfinden, und schon früh entstanden Saiten - und Blaseinstrumente. Aber auch Hader und Zwietracht schlichen sich unter die Menschen, und nicht blos auf die Beschäftigungen des Friedens sollte sich der menschliche Ersindungsgeist erstrecken, es galt auch den heimischen Herd gegen Gewalt und Raub zu sichern, und man erfand die Waffen zu Schuh und Trutz. So kettet sich Erfindung an Erfindung, Entdeckung an Entdeckung, hervorgcrufcn durch steigende Cultur, durch wachsende Bedürfnisse. An di« Stelle des Tauschhandels trat das Geld; die Schrift beförderte die Mittheilung, und wieder eine neue Epoche führte die Entdeckung des Magnets herbei, welche die Küsten- und Stromschiffahrt in eine überseeische verwandelte und eine Menge von Entdeckungen herbeiführte. (S. W eltumsegler.) Die frühem Jahrhunderte liegen uns so fern, daß wir die hundert und aber hundert Erfindungen und Entdeckungen derselben, deren Nutzen wir thcilweise heute noch genießen, während ein anderer Thcil in Folge der großen Wcltereigniffe untcrging, nicht einzeln erkennen können, sondern daß nur die epochemachenden, die Buchdruckerkunst (s. d.) und das Schießpulver (s. d.), wie Meteore oder Sonnen zu uns herüber leuchten. Vorzüglich reich aber waren an Erfindungen und Entdeckungen die letzte Hälfte des vergangenen und das gegenwärtige Jahrhundert, und zum größten Theil sind diese von so unberechenbarem Einflüsse auf t>as wissenschaftliche und technische Leben, daß wir jedenfalls an den Grenzen einer neuen Ära desselben stehen. Die Reihe eröffnen billig die Dampfmaschinen (s. d.), mit deren Vervollkommnung nicht allein eine gänzliche Umwandlung des Fabrikenbetriebs und des Bergbaus, sondern auch die Anwendung der Eisenbahnen (s. d.) für den allgemeinen Gebrauch und die Dampfschiffahrt (s. d.) zusammenhängen, wie überhaupt die Entdeckungen der Naturwissenschaft über das Wesen und die Kraft der Dämpfe auf fast alle technische Zweige mächtig eingcwirkt haben. (S. Damp f.) Im Gefolge der großem Anwendung der Dampfkraft fanden sich viele Erfindungen, um sich gegen unregelmäßige Wirkungen des Dampfs zu sichern. Die Entdeckungen im Gebiete der Gase führten auf die Erfindung der Gasbeleuchtung (s, d.), welche immer allgemeiner in Aufnahme kommt, und unzählige ähnliche Erfindungen, z. B. daS Astral-, Sidcral- und Drum- mond'sche Licht, das tragbare Gaslicht und in neuerer Zeit die noch nicht ganz ausgebildete Anwendung des elektromagnetischen Lichts ins Leben rief. Die neuem Entdeckungen in dee 55 Erfindungen und Entdeckungen Chemie haben auf die Technik unübersehbaren Einfluß gehabt, dahin gehören z. B- die Schnellgcrberei, Schnellbleiche, Schnellräucherung, künstliche Herstellung der Mineralien, z. B. Hornblende, Glimmer und Hyacinth aus ihren Elementen, die Fabrikation des künstlichen Ultramarins, die Vervollkommnung des Zeugdrucks und der Färberei im Allgemeinen. So verdanken wir auch der Chemie die Anwendung des Knallsilbcrs und anderer cxplodiren- dcn Mischungen, welche dann die Erfindung derPercussionsgcwchre nach sich zog. Die Destillation ist durch eine Menge neuer Apparate, durch Anwendung des Marienbads und des Dampfs, und die Extraction der Stoffe ebenso wie das Eintreiben von Auflösungen, um Stoffe damit zu bearbeiten, durch Rommershausen's Lustpresse vervollkommnet worden. Bramah's hydraulische Presse hat ebenfalls große Effecte geliefert. Durch Hülfe der Chemie wurde die Zuckerfabrikation aus der Runkelrübe und andern Stoffen entdeckt, und selbst die Künste verdanken ihr viel durch Erfindung der Lithographie und des Zinkdrucks. Die vervollkommnet« Erzeugung und Bearbeitung des Eisens ließ eine verbesserte Ausführung der Gußarbeitcn, einerseits in nie erreichter Größe, andererseits in kaum denkbarer Feinheit möglich werden, und damit zugleich ging auch eine Umwandelung im gesanunten Maschinenwesen Hand in Hand. Das letztere steht jetzt auf einer nie geahneten Stufe der Vollkommenheit, und in allen Zweigen der Gewcrblichkeit leisten die Maschinen, erfunden durch die genialsten Meister, fast das Unglaubliche. Wir erwähnen hier die Spinn - und Webemaschinen, die horizontalen Bohr- und Drehbänke, die Münzmaschincn, durch welche die Münze fast ohne menschliche Hülfe aus dem gewalzten Zaine bald als geprägtes und gerändertes Stück erscheint, dessen Gewicht so genau ist, daß 5V, ja hundert Stück kaum um 2—3 Gran vom Paßgcwicht differiren. Ebenso müssen wir die Schnellpressen erwähnen, welche mit geringer Bedienung, den weißen Bogen an einem Ende empfangend, ihn am andern Ende auf beiden Seiten bedruckt wieder abgebend, ebenso viel arbeiten als vier gewöhnliche Pressen in derselben Zeit. Auch der Stcmpelmaschinen müssen wir erwähnen, welche das weiße Papier empfangen, dasselbe stempeln, zählen, jeden Fehler verhindern und jeden Unterschleif unmöglich machen und das gestempelte Papier abliefern. Dahin gehören auch die Maschinen zur Verfertigung des Papiers, welche aus der Bütte den Zeug empfangen, denselben verthcilen, trocknen, pressen und auf dem Haspel ein Papierblatt von zwei Ellen Breite und beliebiger Länge liefern. Wollten wir auch nur die vorzüglichsten "der Maschinen aus allen Zweigen der Technik anführen, so würden wir noch manches Blatt dieses Buchs füllen müssen, doch müssen wir noch der kleinen Maschinen zur Zeiteintheilung, der Uhren, erwähnen, welche jetzt auf einer nie geahneten Stufe der Vollendung stehen. Die Chronometer, für Seefahrer von so hoher Wichtigkeit, werden jetzt mit einer solchen Genauigkeit gefertigt, daß ein solcher, nachdem er zwei Reisen um die Welt gemacht hatte, »och nicht um eine Drittelsccunde abwich. Aber auch die Uhren für das gewöhnliche Leben entsprechen jetzt den höchsten Anfode- rungcn, denn wir finden in dem Raume eines preuß. Thalers jetzt eine Uhr, welche Stunden und Viertelstunden schlägt, Secunden und Tertien und das Datum zeigt, mit einer Com- pensation gegen den Temperaturwcchsel und mit einem Fallschirm gegen Einwirkung des Stoßes und Falls gesichert ist und selbst während des Aufziehens in ihrem regelmäßigen Gange nicht aufgchalten wird. Andere Anwendungen des Eisens finden bei den Ketten- und Drahtbrückcn, beim Bau eiserner Häuser und eiserner Schiffe statt, welche letztere durch Dampfkraft und Anwendung der Archimedischen Schraube mit außerordentlicher Schnelligkeit segeln. Auch die neuern Entdeckungen in der Optik haben große Erfindungen und Verbesserungen nach sich gezogen. Dahin gehört die Fabrikation der achromatischen Gläser, die Vervollkommnungen der Ferngläser, Teleskope und Mikroskope, Wollaston's periskopische Brillen, sein Doppelmikroskop und seine Lumeru lucillu, vor Allem aber die durch das Hy- droxygengas bewirkte größere Beleuchtung bei mikroskopischen Beobachtungen. Erfindungen im Gebiete der Künste, welche große Erfolg« herbeigeführt haben, waren die Ersetzung des Kupfers durch Stahl zu Platten für Abbildungen, die Siderographie oder der «tahlstich, die Construction der verschiedenen Linir- und Gravirmaschinen, der verbesserte Holzschnitt aus Hirnholz, die obenerwähnte Lithographie, die Zinkographie, die Stereotypie und Clichirkunst, das Guillochiren undenklich die Daguerreotypie. Auch die Physik hat in der neuern Zeit große Entdeckungen aufzuweisc», welche bedeutende Erfindungen nach sich zogen; dahin gehört z. B. 56 Ersindungspatente Davy's Erfindung der Sicherheitslanipe, welche den Bergbau an Orten, die früher der brennbaren Dünste (schlagenden Wetter) wegen unzugängig waren, möglich machte, und desselben Entdeckung, daß keine chemische Neaction ohne Einwirkung der Elektricität möglich sei. Eine der merkwürdigsten und erfolgreichsten aber war Örstcd's Entdeckung vom genauen Zusammenhänge des Magnetismus und der Elektricität, und Jacobi's Anwendungen des galvanischen Stroms. Diese Entdeckung wurde die Mutter einer Menge von Erfindungen, deren Einfluß noch gar nicht zu übersehen ist, da die ganze Entdeckung, fast noch im Stadium der Kindheit, schon die erstauncnswerthesten Erfolge geliefert hat. Dem Elektromagnetismus, Galvanismus und Magnetclektromagnetismus verdanken wir die Aufklärung über eine Menge von Naturerscheinungen, die bis jetzt uns unerklärlich waren, wir verdanken ihm die Galvanoplastik, Galvanokaustik, Galvanographie, die galvanische Plattirung, den elektromagnetischen Telegraphen, und die elektromagnetischen Maschinen, welche von einer Triebkraft bewegt werden, von der man früher keine Ahnung hatte, und von der man hofft, daß sie einst die Dampfkraft ersetzen soll. Auch die Telegraphie ist eine Erfindung der neuesten Zeit und die Luftschiffahrt, an deren Regulirung und Ausbeutung für das gewöhnliche Leben man jetzt noch arbeitet, und obschon durch mannichfache mislun- gene Versuche eingeschüchtert, immer noch nicht verzweifelt. Vgl. Busch, „Handbuch der Erfindungen" (4. Ausl., 12 Bde., Eisenach 1802—22), Beckmann, „Beiträge zur Geschichte der Erfindungen" (5 Bde., Lpz. 1782—1805), Donndorf, „Geschichte der Erfindungen" (6 Bde., Oaiedlinb. und Lpz. 1817 — 20), „Dictioini-lire lies (iecouvcctes, inventinris, etc." (17 Bde., Par. 1822—24), Prechtl, „Technologische Encyklopädie" (Bd. 1 — 12, Stuttg. 1830—32), „Ueclisnics msgsrine", „äournsl oksrt» unck Sciences" und Dingler, „Polytechnisches Journal". Erssndungsvalente heißen die vom Staate den Erfindern industrieller Gegenstände ertheilte Zusicherungen, sie im alleinigen Genüsse ihrer Erfindung während einer gewissen Zeit schützen zu wollen. Man nennt sie wol auch Gewerbsprivilcgien, aber mit Unrecht, da sie sich nicht auf ein Allen gemeinschaftliches Recht beziehen, sondern nur den Schuß in einem dem Erfinder an sich schon zukommenden Rechte bezwecken, mithin keine Exemtion darbicten. Fast alle größere Staaten ertheilen solche Patente, jedoch unter sehr verschiedenen Bedingungen. Einige, z. B. England, verlangen vom Erfinder nur die Versicherung, daß seines Wissens die Sache neu sei, während andere, z. B. Preußen, nur nach vorgängiger technischer Begutachtung Patente ertheilen; einige patentiren nur für eine überall gleiche Zeit, z. B. England und Nordamerika auf 13 Jahre, andere nach Belieben auf 5, 10, 15 Jahre u. s. w., z. B. Frankreich und Ostreich; auch die zu erlegenden Patenttaxen sind sehr verschieden; manche Staaten machen die wirkliche Ausführung innerhalb einer bestimmten Zeit zur Bedingung, andere thun dies nicht; ebenso weichen die Bestimmungen über das Erlöschen der Patente, über die an Ausländer zu ertheilendcn Patente, über das Verfahren bei Patentstreitigkeiten, welches überall nicht ex otlicio, sondern nur aufAntrag des Beeinträchtigten eröffnet wird, sehr voneinander ab; endlich machen einige Staaten die Beschreibungen der Patente alsbald bekannt, wie England, oder erst nach Vcrfluß der Patentzeit, wie Frankreich, noch andere gar nicht, wie Nordamerika und Preußen. Vgl. Wieck, „Grundsätze des Patentwesens" (Chemnitz 1839) und Krauß, „Geist der östr. Gesetzgebung zur Aufmunterung der Erfindungen" (Wien 1838). Geht man davon aus, daß jeder Erfinder, wenn auch nicht auf die Idee, welche überhaupt nicht besessen werden kann, so doch aus die concrete Form ihrer Ausführung ein natürliches Recht hat, und daß nur die Hoffnung, in diesem Rechte Schutz und demzufolge einen sichern pccuniären Ertrag zu erlangen, den Erfindungsgeist wirksam aufrecht erhalten kann, während andererseits die Rücksicht auf das Gemeinwohl möglichste Publicität der gemachten Fortschritte erheischt, so wird man die Pa- tente als eine dieseentgegengesetzten Jntereffcnzweckmäßig vereinigende Einrichtung nur dann ansehen können, wenn jede concrete Form einer Erfindung, nie ein Princip, patentfähig ist, vorausgesetzt, sie sei neu und nicht policeiwidrig, sodaß also die Frage nach dem Nutzen der Erfindung ganz wcgfällt; wenn man ferner die Patente taxfrei ertheilt, sie stets auf ein und dieselbe Dauer gewährt, die Bedingung der wirklichen Ausführung innerhalb einer gewissen Zeit stellt, und endlich die Patentbcschreibungen möglichst bald publicirt. Nur mil Beibchal- Erfrieren Erfurt 57 tung dieser allgemeinen Grundlinien kan» ein Patcntgcsctz sich vom Privilegienthume und jeder Personalrücksicht frei halten. Trotz vieler die praktische Ausführung erschwerenden Sonderbarkeiten der Form nahem sich die engl, und die ihr fast gleiche nordamerik., sowie die östr., ferner die bair. und würtcmbcrg. Patentgesctzgebung am «leisten der entwickelten Idee, während sich da- preuß. Gesetz sehr weit davon entfernt. In der Thal ist auch der praktische Nutzen der Patente nirgend so deutlich hcrvorgetrcten als in England und Ostreich. Erfrieren. Wenn ein heftiger Grad von Kälte anhaltend auf den Körper wirkt, so wird diesem die nöthige Wärme entzogen, das Blut von der Oberfläche nach den innern Organen getrieben, die Feuchtigkeit an der Oberfläche in Eis verwandelt und so ein Scheintod herbeigeführt, der nach längerer oder kürzerer Zeit, wenn keine Hülfe kommt, in wirklichen Tod übergeht. Um einen solchen Scheintodtcn wieder in das Leben zurückzurufen, würde man eine ganz falsche Behandlung wählen, ivenn man ihn schnell erwärmte. Die erstarrte Oberfläche würde schnell aufthaucn und des organischen Lebens beraubt den Gesehen der anorganischen Natur anheimfallen, sich durch einen chemischen Proceß in ihre Elemente auf- lösen, also vom Brande ergriffen werden und so der Erfrorene vielleicht der einen Todesart entgehen, um einer traurigem zu verfallen. Ein erfrorener Köper muß vorsichtig, damit kein Glied zerbricht, an einen Ort, der vor dem Wind geschützt ist, gebracht werden. Hier entkleidet und bedeckt man ihn bis auf den Mund und die Nasenlöcher mit Schnee, erseht den ab- laufendcn so lange mit frischem, bis die Haut aufthaut und so das erste Zeichen des wicdcr- kehrcnden Lebens erscheint. Erst wenn sich Beweglichkeit der Glieder und Lebenswärme auf der Haut einstellt, entfernt man den Schnee ganz und beginnt mit kalten Tüchern zu frotti- rcn. Hat dieses die erwünschte Wirkung, so kann man allmälig die Temperatur des Orts erhöhen und die übrigen Belebungsversuche beim S ch e i n t o d (s. d.) eintreten lassen. Die beste Sicherheit gegen das Erfrieren gewährt starke Leibesbcwcgung; spirituösc Getränke befördern nur durch früher herbeigeführte Ermattung die Schlafsucht, welche besonders Fußgängern bei hohem Schnee so verderblich ist. Vgl. Bernt, „Vorlesungen über Nettungsmittel beim Scheintod«" (2. Aufl., Wien >837). Auch bei der Behandlung einzelner erfrorener Glieder ist die nämliche Vorsicht anzuwenden und oft beklagen Menschen den gänzlichen Verlust von Gliedern, die durch frühere Vorsicht erhalten, ja ganz der Gesundheit hätten wieder- gcgeben werden können. Schnee und eiskalte Wasscrumschläge sind auch hier die besten und vor allen Dingen nöthigen Mittel. Erfrischungsinseln, früher auch die Inseln des Tristan d'Acunh a genannt, nach dem portug. Entdecker derselben, heißen drei kleine Inseln !m südlichen Atlantischen Ocean, zwischen Afrika und Südamerika, westlich vom Vorgebirge der guten Hoffnung. Die größte unter ihnen, vorzugsweise die Erfrischungsinsel genannt, hat vortreffliches Wasser und zwei gute Häfen und ist reich an Vögeln, Scethieren, wilden Ziegen und Schweinen. Die beiden andern heißen Lowell und Pintades, früher Islo lies rossignols und I'lnaccessible. Als dieselben 1810 der amerik. Küstenfahrer, Jonathan Lambert aus Salem, von neuem entdeckte, machte er in einem Manifeste vom 4. Fcbr. 1811, welches sein erster Minister, Andre Millet, ebenfalls ein amerik. Seemann, unterzeichnet hatte, allen Nationen bekannt, daß er souveraincr Besitzer der Erfrischungsinseln sei; doch schon 1813 verließ er sie wieder. Im I. 1815 wurde sie von der engl. Regierung besetzt, um den Aufenthalt Na- poleon's auf Sancl-Helcna zu überwachen. Als dieser Posten nach Napoleon's Tode wieder zurückberufen wurde, blieben nur wenige Familien daselbst zurück, die unter patriarchalischer Leitung leben. Vgl. Earle, „Narrative «5 kl nine montbs rssitlence in k>levv-2e!lliiiiel in 1827 toAotlier vvitli n journal ok u re8iilence in IHstan ll'^ciinlin" (Lond. 1832). Erfurt (krtorelia), die Hauptstadt des Landes Thüringen und des gleichnamigen Regierungsbezirks der preuß. Provinz Sachsen, an der Gera und in dem Vorlande des Thü- ringerwaldgebirgs gelegen, war schon früher stark befestigt und ist seit 1814 eine Festung ersten Rangs. Sie hat im Westen zwei Citadellen, den Petcrsberg, dicht an der Stadt auf einer Anhöhe, und die noch höher gelegene Cyriaksburg, ehemals ein Kloster, getrennt von der Stadt. Der innere Umfang der Stadt steht mit dem Anbau und der Bevölkerung in keinem Verhältnisse, da der südwestliche Theil, fast ganz unbebaut, nur aus Gärten besteht. Unter de» öffentlichen Plätzen sind zu erwähnen der Fricdrich-WilhelmS-Plah am Dom, sonst vor X- - 58 Erfurt den Graden (ml j-reulus) genannt, mit einem Denkmale des letzten Kurfürsten von Main;, und der Fischmarkt mit einer Rolandssäule. Unter den 28 theils evangelischen, theils katholischen Kirchen sind der mit drei Thürmen versehene Dom, zu welchem eine breite Treppe hinaufführt, und die dicht neben demselben gelegene Kirche zum heil. Severus die wichtigsten. Der Dom ist besonders in Betreff des Chors, das 1339—83 erbaut wurde, eine der edlern goth. Kirchen und enthält nächst einem sehr reichen Portal Skulpturen und Erzgüsse vom I I.— 16 . Jahrh., unter Anderm eine Krönung Mariä von Peter Bischer, einen trefflichen Kranach u. s. w. Außerdem sind zu erwähnen die Prediger-, die Laurentius-, die Schotten- und die Barfüßcrkirchc mit einem prachtvollen Altar und schönen Grabsteinen ans dem 13. Jahrh., welche 1837 zum Thcil einstürzte, seitdem aber restaurirt wurde. Andere Sehenswürdigkeiten desselben sind die 275 Ctr. schwere Glocke Maria gloriosa, die 1397 ans der >25> beim Brande geschmolzenen Glocke Susanna gegossen wurde, und das Grabmal des doppelt beweibten Grafen Ernst von Gleichen (s. d.), das früher in dem 1813 abgebrannten Bcncdictincrklostcr auf dem Petcrsberge stand. Von den zahlreiche» Klöstern besieht nur noch das Kloster der Ursulincrinncn, das jetzt eine Erziehungsanstalt ist. I» dem ehemaligen durch Luther'S Aufenthalt berühmten Augusiincrkloster, wo noch dessen Zelle gezeigt wird, befindet sich gegenwärtig seit 1820 das Martinsstift für arme verwahrloste Kinder. Die 1378 gestiftete, aber erst 1392 eingewcihte Universität, welche in dem ersten Jahrhundert ihres Bestehens zu großem Ansehen gelangte, zu Anfänge des l 6. Jahrh. in Folge hartnäckiger Reibungen zwischen den Studenten und der Besatzung, die in argeGe- waltthätigkcitcn ausarteten, von ihrer Blüte schnell herabsank und in der letzten Zeit ihres Bestehens oft blos 50 Studenten zählte, wurde 1816 aufgehoben und ihr Fonds andern Anstalten überwiesen. An sie erinnern noch die 1758 gestiftete, jetzt königliche Akademie der Wissenschaften, die Bibliothek von etwa 30000 Bänden und 1000 Handschriften, der botanische Garten und andere Sammlungen. Gegenwärtig bestehen daselbst ein Gymnasium, ein Schullehrerscminar, eine mathematische Lehranstalt, eine Kunst- und Bauschule, eine Handlungslehranstalt, eine Hebammenschule, eine höhere Bürgerschule und andere Schule»! ferner ein Gcwerbevcrcin, zwei Musikvercine und eine Bibelgesellschaft. Außer dem Martinsstift gibt es auch zwei Waisenhäuser, ein Hospital, zwei Krankenhäuser, eine Anstalt für Augenkranke und ein Arbeitshaus. Die Zahl der Einwohner beläuft sich, abgesehen von dem activcn Militair, auf 29000, darunter etwa 6000 Katholiken und 100 Juden; zur Zeit ihrer Blüte im Mittelalter zählte die Stadt fast an 60000 E. Sie treiben hauptsächlich Gartenbau, Kunst- und Handelsgärtnerei und Sämercihandel; die bedeutendsten Fabriken sind in Tuch, Wolle, Baumwolle, Leinen, Schuhe, Band, Strümpfe, Taback, Leder, Essig und Liqueur; auch gibt cs ansehnliche Brauereien und Brennereien. Der Sage nach soll E. zu Anfänge des 5. Jahrh. von einem gewissen Erpes gegründet und nach ihm Erpesford genannt worden sein. Vonifacius gründete daselbst um 730 ein Bisthum, das aber bald wieder einging. Karl der Große erhob E. 805 zu einem der Handelsplätze für die Slawen, worauf die Stadt sehr bald an Bedeutung gewann. Im 12. Jahrh. gehörte es zur Hansa. Obschon es keine eigentliche freie Reichsstadt war, so behauptete es doch im Mittelalter, trotz der Ansprüche, welche Kurmainz auf die Landeshoheit über E. machte, eine Art von Unabhängigkeit. Mit Sachsen schloß cs 1383 ein Schutz- und Trutzbündniß, und verpflichtete sich dabei zu einem jährlichen Schutzgelde von l 500 mcißn. Gülden. Erst nach der Mitte des 17. Jahrh. gelang cs Kurmainz, seine Ansprüche auf E. vollkommen geltend zu machen; mit Hülfe franz. Kricgsvölker wurde die Stadt 1667 genommen, Sachsen aber verzichtete aus seine Schutzgerechtigkeit. Seitdem blieb E. ein unbestrittenes Besitzthum der Kurfürsten von Mainz, die es zugleich mit dem Eichsfeld (s. d.) durch Statthalter regieren ließen, bis es 1802 nebst diesem als eine Entschädigung für die an Frankreich abgetretenen Provinzen an Preußen kam. Nach der Schlacht bei Jena ging E. durch Capitulation am 16. Oct. > 89K an die Franzosen über und blieb unmittelbar unter der franz. Regierung, während das Eichsfeld nachher zum Königreiche Westfalen geschlagen wurde. Vom 27. Scpt.—13. Ort. 1808 hielt Napoleon daselbst eine Zusammenkunft mit dem Kaiser von Rußland, bei welcher auch die Könige von Sachsen, Baicrn, Würtembcrg und Westfalen, der Fürst Primas und viele andere Große erschienen und die größten Festlichkeiten veranstaltet wurden. Im Herbst >813 Ergane Erhard (Heinr. Aug.) 59 ergab sich die Stadt auf Capitulation, die Citadcllc auf dem Pctcrsbergc aber erst im Frühjahre 1813 an die Preußen. In Folge des wiener Kongresses kam E. nebst seinem Gebiete (I a lüM. mit etwa 15M»6 E.) und dem Eichsfcldc wieder unter prcuß. Hoheit. Vgl.Noback, „Geographisch-statistisch topographische Beschreibung des Regierungsbezirks E." (Erf. 18aI, -1.), Falckcnstcin, „Historie von E." (2 Bde., Erf. 173»—36, 3.), Beyer, „Neue Chronik von E." nebst Nachträgen (Erf. 1821 und 1823), Erhard, „E. und seine Umgebungen, nach seiner Geschichte und seinen gegenwärtigen gesammtcn Verhältnissen dargcstcllt" (Erf. 182») und Schorn, „Über altdeutsche Skulptur, mit besonderer Rücksicht aufE." (Erf. 1839). Ergäne war ein Beiname der Athene, als Beschützerin des häuslichen Fleißes, besonders der Webekunst. Erginoö, der Sohn des Klymcnos, Königs zu Orchomenos in Böotien, rächte diesen seinen Vater, der in Theben umgckommen war, an den Thebanern dadurch, daß er ihnen einen jährlichen Tribut von I v» Rindern auferlegtc. Hercules befreite sie davon und tödtete den E- Nach Andern blieb E. am Leben, schloß mit Hercules Frieden und hcirathetc noch in hohem Alter eine junge Frau, mit der er den Trophonios und Agamedcs zeugte. Derselbe ist cs, welcher bei Pindar unter den Argonauten erscheint, während dieser Argonaute nach Andern ein Sohn des Poseidon ist. Erhaben (sublime) bezeichnet in der Ästhetik das Hervortretcn der Idee des Unendlichen in der Erscheinung, was sich durch eine bedeutende Größe der in den Erscheinungen wirkenden Kraft ankündigt. Die Wirkung des Erhabenen vereinigt das Gefühl der Beschränktheit unserer sinnlichen und endlichen Natur mit der dadurch gewirkten Erhebung unserer vernünftigen und übersinnlichen Natur. Das Erhabene ist übrigens dem Schönen nicht entgegengesetzt, sondern eine Modifikation des letztem. (S. Schön.) Uber das Erhabene, jedoch blos in grammatischer und stilistischer Beziehung, schrieb schon unter den Alten Longinus (s. d.); unter den neuern Werken über diesen Gegenstand sind außer den systematischen Schriften über das Ganze der Ästhetik (s. d.) zu erwähnen Burke's ,,Iniir) iut» tl>e orij-in »f o»r itlc-as c>s tlie sublime <>nü beuutitul" (deutsch, Riga 1773) und Kant's „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" (Königsb. 1763). Erhard (Christian Dan.), ein bekannter deutscher Schriftsteller, namentlich in Beziehung auf Criminalrecht und Gesetzgebung, gcb. am 6. Febr. 175» zu Dresden, studirte zu Leipzig die Rechte und legte zugleich durch das Studium der Geschichte, der Philosophie und der Kunst den Grund zu einer vielseitigen Bildung. Er habilitirte sich 1782 als akademischer Lehrer in Leipzig und starb daselbst als Oberhofgerichtsrath und Professor des Cri- minalrechts am 17. Febr. 1813. Zn seinem „Handbuch des kursächs. peinlichen Rechts" (Bd. >, Lpz. 178»; 2. Ausl, von M. Schilling,,,! 832) brachte er dasselbe zuerst in die Form eines Systems; auch seine Anmerkungen zur Übersetzung von Pastorct's „Betrachtungen über die Strafgesetze" (2 Bde., Lpz. 1792—96) regten wichtige Fragen der Criminalgcsctz- gebung an. Seinen Nus verdankte er namentlich auch den „Betrachtungen über Leopold's I I. Gesetzgebung in Toscana" (Dresd. 1791). Sein „Versuch über das Ansehen der Gesetze" (Dresd. 1791 und >803) gab die Veranlassung, daß der preuß. Großkanzler Carmer ihn zur „Kritik des allgemeinen Gesetzbuchs für die prcuß. Staaten" (Th. >, Dresd. 1792) auf- fodcrte, wie er denn auch ein „Handbuch des preuß.-brandcnburg. Civilrcchts, enthaltend die Gesetze über die wichtigsten Verträge des bürgerlichen Lebens, soweit solche von dem gemeinen deutschen Rechte abwcichen" (Lpz. 1793) schrieb. Seine Übersetzung des „<7oelo Nnpoiöon" (2. Aufl.,Lpz. >811) fand allgemeine Anerkennung. Seine letzte und vielleicht wichtigste Arbeit war der „Entwurf eines Gesetzbuchs über Verbrechen und Strafen für die zum Königreich Sachsen gehörigen Staaten", der, soweit er ausgcarbcitct war, von Friedens (Gera 1816) herausgegeben wurde. Erhard (Heinr. Aug.), Archivar bei dem königlichen Provinzialarchiv zu Münster, gcb. am 13. Febr. 1793 zu Erfurt, studirte daselbst und zu Göttingen Medicin und wurde in Erfurt 1812 zum Doctor promovirt. Frühzeitig hatte er sich mit Literatur und Bibliographie beschäftigt, sodaß er auf der Universitätsbibliothek in Erfurt schon seit 1810 bedeutende technische Ärbeiten selbständig übernehmen konnte. Im I. 1813 erwarb er sich die philosophische Doktorwürde und habilitirte sich hierauf an beiden Fakultäten zu Erfurt. Nach- 60 Erhard (Zoh. Bcnj.) deiner zunächst an den damals während des Kriegs in Erfurt bestehende» Militairlazarek thcn Beschäftigung gefunden, wurde crimNov. >813 bei einer in der philosophischen Fa- eultät zu Erfurt cingctrctencn Vacan; zum außerordentlichen Professor gewählt; seine wirkliche Anstellung konnte indcß bei der damaligen Unsicherheit über da« Fortbestehen der Uni- vcrsität nicht erfolgen, weshalb er 1814 das Amt eines vorstehenden Arztes an dem Prvvin- zial-Militairlazarcthc auf dem Schlosse Rathsfeld unwcitFrankcnhauscn annahm und beim Wicdcrausbruche des Kriegs imI. >8l5 als Oberarzt bei dem Hauptfcldlazarcthc des sechsten Armcccorps dem Feldzüge nach Frankreich beiwohnte. Nach Erfurt zurückgckchrt, eröffnet«: er im Sommcrscmcstcr 1816 philosophische Vorlesungen, die aber durch die im Nov. desselben Jahrs erfolgte Aufhebung der Universität für immer unterbrochen wurden. Er verließ nun die akademische Laufbahn, gab auch die mcdicinische Praxis auf und übernahm die ihm Hähern Orts anvertrauten Arbeiten bei der in Erfurt verbliebenen, durch Vereinigung anderer Bücherschätze beträchtlich vermehrten ehemaligen Universitätsbibliothek. Ans den Grund seiner bei verschiedenen Gelegenheiten dargelegtcn historischen und paläograxhi- schcn Kenntnisse wurde er nun gegen das Ende dcs J. 1821 mit der wissenschaftlichen Bearbeitung des damaligen erfurtcr Rcgicrungsarchivs beauftragt und zum Bibliothekar ernannt, 1824 als Archivar zu dem Provinzialarchive in Magdeburg und im Frühjahre 1831 in gleicher Eigenschaft zu dem westsäl. Provinzialarchive in Münster versetzt. Unter seinen zahlreichen bibliographischen und historischen Schriften heben wir als beachtcnswerth hervor die Programme „Oo bidliotkecis Lrlorcliuo, prsesertim bidlintlieca „lüversit-ltis Oo>ne1»,r- ßicu" (8z,ee. I et >1; Erf. 1813 — l -t, 4.), umgearbeitet und fortgesetzt in den „Nachrichten von der Boyneburgischen Bibliothek zu Erfurt" in den „Sachs. Provinzialblättern" (1821); seine vielfältige», die Specialgcschichte Thüringens, die Reformations- und Literärgcschichte, die Diplomatik u. s. w. betreffenden Beiträge zu der „Allgemeinen Encyklopädic der Wissenschaften und Künste", seine „Überlieferungen zur vaterländischen Geschichte alter und neuer Zeit" (3 Hefte, Magdeb. 1825—28), die „Geschichte des Aufblühens wissenschaftlicherBil- dung, vornehmlich in Deutschland bis zum Anfänge der Reformation" (3 Bde., Magdeb. 1827—32) und die historisch höchst wichtigen Mittheilungen zur „Geschichte der Landfrieden in Deutschland, vornehmlich des westfäl. Landfriedens im 14. Jahrh. mit besonderer Rücksicht auf Thüringen" (Erf. 1829, 4.). Außerdem lieferte er in der Schrift „Erfurt und seine Umgebungen, nach seiner Geschichte und seinen gegenwärtigen gesammten Verhältnissen dargestellt" (Erf. 1829), in der „Nachricht von den bei Beckum entdeckten alten Gräbern" (Münst. 1836) und in der „Geschichte Münsters, nach den Quellen bearbeitet" (Münst. 1837) sehr interessante Beiträge zur Special- und Localgeschichte. Auch die von ihm, Höfer und von Medern herausgcgebene „Zeitschrift für Archivkunde, Diplomatik und Geschichte" (2 Bde., Hamb. 1833—36) und die von ihm und dem 1843 verstorbenen Domcapitular Meyer in Paderborn herausgcgebene „Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altcr- thumskunde" (5 Bde., Münst. 1838—43) enthalten sehr schätzcnswerthe Aussätze von ihm. Erhard (Joh. Benj.), ein durch seinen Lebensgang wie als scharfsinniger Denker gleich merkwürdiger Mann, gcb. zu Nürnberg am 5.Fcbr. 1766, war der Sohn eines armen Drahtziehers, der, als ein großer Liebhaber der Tonkunst und wissenschaftlicher Beschäftigung, in dem Sohne gleiche Neigung zu erwecken suchte. In dieser Absicht gab er ihm in der Musik Unterweisung, auch ließ er ihn im Zeichnen, Gravircn, im Lateinischen, Italienischen und Französischen unterrichten. Schon in seinem elften Jahre studirte E. Wolfs philosophische und mathematische Schriften; epileptische Zufälle unterbrachen mdeß Jahre lang seine Studien. Er übte das Gewerbe seines Vaters, bis er nach dessen Tode 1787 sich entschloß, Medicin zu studiren, was er in Würzburg und Jena that, worauf er sich >792 zu Altdorf die mcdicinische Doctorwürde erwarb. Mit den Ansichten der Parteien, die in Folge der franz. Revolution auch in Deutschland hervortraten, nicht übereinstimmend, und die aristokratische um deswillen hassend, was sie wollte, die demokratische aber um deswillen, was sie that, war er entschlossen, nach Nordamerika auszuwandcrn, als 1793 ein Betrüger ihn aller Mittel beraubte, seinen Entschluß auszuführcn. In der Abhandlung „Über das Recht des Volks zu einer Revolution" (Jena 1795) verneinte er dieses Recht unter jeder Bedingung. Jm J. 1797 erhielt er in Ansbach unter dem Minister von Hardenberg eine sehr vorthcil- Erich Erigena 61 haste Anstellung; doch gab er dieselbe >709 auf, um sich als praktischer Arzt in Berlin nie- dcrzulassen, wo er, seit >822 zum Obcrmedicinalrath ernannt, am 28. Nov. 1827 starb. Unter seinen meist in Zeitschriften zerstreuten Abhandlungen erwähnen wir namentlich seine „Apologie des Teufels" in Niethammer s „Philosophischem Journal" (1795) und außerdem noch seine „Theorie der Gesetze, die sich auf das körperliche Wohl der Bürger beziehen, und der Benutzung der Heilkunde zum Dienste der Gesetzgebung" (Tüb. > 809). „Denkwürdigkeiten" aus E.'s Leben gab Varnhagcn von Ense (Stuttg. 1830) heraus. Erich, im Schwedischen Erikist der Name von I -1 schweb. Königen, von denen die sieben ersten der mehroder weniger sagenhaften Geschichte angehörcn. E. VIII. (Bonde) unterjochte 1158den südlichsten Theil Finnlands und führte dort das Chrisienthum ein. Von dem dän. Prinzen Magnus in Upsala überfalle» und gefangen genommen, wurde er 1160 enthauptet, nach seinem Tode kanonisirt und als Schutzheiliger Schwedens verehrt. — E-XlV., der Sohn und seit 1560 Nachfolger Gustav Wasa's, unterzog sich vom Anfänge an mit Kraft und Energie den Negierungsgeschäften. Er förderte Künste und Handwerke, brachte Handel und Schiffahrt inAufnahmc, erhob die schweb. Seemacht auf eine Höhe, die sie weder vor noch nach ihm wieder erreicht hat, und trafinBezichung aufNcchtspflcgcdie zweckmäßigsten Einrichtungen. Durch Ertheilnng gräflicher und freihcrrlichcr Würden ward er der Schöpfer eines hohen Adels in Schweden. Allein der Wahnsinn, in den er periodisch versieh ließ ihn eine Menge Greuelthaten begehe», die er, wenn diese Periode vorüber war, schwer bereute. Durch sein Vertrauen in den antiaristokratischcn tückischen Kanzler Jöran Person machte er sich bei dem Adel, durch den unglücklichen Krieg gegen Dänemark bei dem Volke verhaßt. Endlich verbanden sich gegen ihn seine Brüder, Johann, den er schon zweimal gefangen gesetzt hatte, und Karl, und bemächtigten sich 1568 Stockholms, worauf Johann den Thron bestieg, der den unglücklichen E. nun in hartem Gefängniß hielt und 1577 vergiften ließ. Die Urtheile über E. haben wunderbar geschwankt ; die nächste Nachwelt sah in ihm nur einen blutdürstigen Tyrannen; Gustav UI. betrachtete ihn als einen Märtyrer; er errichtete über seinem Grabe in der Domkirche von WcsteräS ei» prachtvolles Denkmal, nahm die Krone und das Scepter vom Johann's Grabe in Upsala und legte Beides auf das seines Bruders. Die neuern Geschichtschreiber, wie Fryxcll und Gcijcr, haben mit Unparteilichkeit die gegenseitigen Unbilden der beiden Brüder abgewogen. Erichthonlus, s. Erechtheus. Eridälllls, jetzt der Po in Obcritalicn, erhielt diesen Namen vom Phaeton (s. d.), der den Beinamen Eridanus führte, welcher vom Zeus in diesen Fluß gestürzt wurde. Eine wichtige Nolle spielt er in der Geschichte der Argonauten. Eristöna (Johannes), Scotus genannt, einer der gelehrtesten Männer des 9. Jahrh., war wahrscheinlich ein Schottländcr, geboren zu Ergenc in der Grafschaft Herford, um 833. In England und Schottland hatte sich damals verhältnißmäßig die meiste Gelehrsamkeit und Wissenschaft erhalten, und E. eignete sich diese an, wenn auch seine Ncisc nach Griechenland und seine Kenntniß des Hebräischen zweifelhaft sind. Von Karl dem Kahlen an seinen Hof berufen, lebte er daselbst längere Zeit, bis er angeblich ketzerischer Meinungen halber Frankreich verlassen mußte. Alfred der Große berief ihn 877 nach Oxford; einige Jahre darauf soll er unter den Händen seiner Schüler zu Malmesbury das Leben verloren haben. An den Streitigkeiten seiner Zeit über die Prädestinations- und Transsubstantiations- lehre nahm er Anthcil. Seine philosophische Ansicht schloß sich an die der alcxandrin. Neu- platoniker an. Seine Liebe für dieselbe zeigte sich besonders in seiner Übersetzung des Dionysius Areopagita, welche eine Hauptquclle mystischer Ansichten im Mittelalter wurde; doch hatte er in Hinsicht des Abendmahls und der Gnadenwahlfreiere Ansichten, die er auch auszusprechen sich nicht scheute. Nach seiner Lehre, die eine Art mystisch-speculativcr Emanationslehre war, ist Gott das Wesen aller Dinge; in ihm haben die ursprünglichen Ursachen ihren Grund, aus welchen die endliche Natur hervorgeht, und alle Dinge gehen ebenfalls in sein Wesen zurück. Seine Hauptschrift ist „I)e ckivisione iisturse" (heransgeq. von Gale, Oxf. 1681, Fol.), in welcher er auch den Gedanken aussprach, daß die Philosophie und die wahre Neligion Eins und Dasselbe sei. Vgl. Peder Hjort, „Joh. E., oder vom Ursprünge einer christlichen Philosophie" (Kopcnh. >823), Standenmayer, „Joh. E. und die Wissenschaft 62 Erigonc Erkältung seiner Zeit" (Bd. I, Franks. 1833), der ihn als Vorläufer der großen Heroen der Scholastik und als Begründer einer christlichen Religionsphilosophie betrachtete, und Taillandier, „8c„t 6. et I» zikilosopkie seliolastikziie" (Strasb. und Par. 18-13). Erigöne, die Tochter des Jkar ius (s. d.), wurde vom Bacchus, als er bei ihnen einkchrte, verführt und gebar von ihm den Staphylos. — Eri gone, die Tochter des Ägi- sthus und der Klytämnestra, wurde, als sie Orestes (s. d.) ebenfalls ermorden wollte, durch die Artemis (Diana) gerettet und zu ihrer Priesteri» gemacht. Nach einer andern Erzählung crhenkte sie sich, weil Orestes wegen des Muttcrmords frcigesprochcn wurde. Nach Pausanias vermählte sie sich mit Orestes und gebar ihm den Pcnthilos. Erinna, eine berühmte griech. Dichterin, die innige Freundin der Sappho, daher auch sie die lesbische Sängerin genannt wird, war aus der kleinen Insel Telos im Westen von Nhodus geboren und lebte zur Zeit des Demosthenes. Sie erwarb sich durch ihre epischen und epigrammatischen Dichtungen, vielleicht auch durch lyrische Gesänge, einen so großen Ruhm, daß man ihre Verse den homerischen glcichstcllte, obgleich sie bereits im 19. Lebensjahre starb. Die Echtheit der unter ihrem Namen vorhandenen Gedichte ist zum Thcil aus guten Gründen bestritten worden; Andere nehmen eine ältere und jüngere E. an. Die poetischen Überreste sind gesammelt von Schncidewin in „Oelectus ;>oesis ßraec. «lex. etc." (Gott. 1838; ins Dcutscbe überseht und erläutert von F. W. Richter, Quedlinb. 1833). Vgl. Malzow, „Oe Lrinnao I.esl,me vita et reliizuiis" (Pctcrsb. 1836). Erinnyen, s. Eumeniden. Eriöpis hieß die Tochter des Jason und der Mcdea; ferner die Gemahlin des Anchi- ses und endlich die Gemahlin des Lokrers Oticus und Mutter des einen Ajax (s. d.). Eriphyle, die Tochter des Talaus und der Lysimache, die Schwester des AdrastuS (s. d.) und die Gemahlin des Amphiaraus (s.d.), ließ sich vom Polyneikes mit dem Halsband der Harmonia (s. d.) bestechen, ihren Gemahl zu überreden, am Zuge gegen Theben, wo es ihm, wie sie Beide wußten, vom Schicksal bestimmt war, umzukommen, Theil zu nehmen. Den Tod desselben, den er dort fand, rächte im Aufträge seines Vaters der eigene Sohn Alkmäon (s.d.) an ihr. Sophokles schrieb ein jetzt verlorenes Trauerspiel dieses Namens. Eris, die Göttin der Zwietracht, war nach Homer die Freundin und Schwester des Ares, nach Hcsiod die Tochter der Nacht und die Mutter des Hungers, der Pest, des Mords, der Lügen u. s. w. Wo sie erscheint, ist sie anfangs klein, nimmt aber bald so zu, daß sie sich bis über die Wolken erhebt. Am bekanntesten ist sie durch jenen goldenen Apfel, welchen sie bei der Hochzeit des Pelcus und der Thetis aus Rache nicht dazu cingeladen zu sein, unter die versammelten Götter warf. (S. Paris.) Ihr ähnlich ist die bei den Römern im Gefolge der Bellona erscheinende Discordia. Eriwan, die befestigte Hauptstadt des rufs. Armeniens, in einer Höhe von mehr als 3006 F. im Arasthal gelegen, ist von mittlerer Größe und zählt ungefähr 13000 E. Im russ.-pers. Kriege wurde sie am 13. Oct. 1827 vom damaligen russ. General Paskewitsch mit Sturm genommen, der deshalb den Beinamen Eriwansky erhielt, und im Frieden zu Turkmantschai am 22. Fcbr. 1828 mit der Provinz gleiches Namens von Persien an Rußland abgetreten. Wie früher ein Bollwerk Persiens gegen Rußland, so ist es gegenwärtig ein wichtiger Waffenplatz Rußlands gegen Persien. Erkältung. Einer der wichtigsten Processe in der Ökonomie des thierischen Körpers ist die Ausdünstung. (S. Schweiß.) Das Organ, welches sie vermittelt, ist die Haut, durch deren Poren unaufhörlich ein Theil der im Körper enthaltenen Flüssigkeiten verdampft, wozu die nöthige Wärme durch dieBlutcirculation hervorgcbracht wird. Wird diese Wärme durch längere Zeit cinwirkende bedeutende Kälte der Oberfläche entzogen, so erfolgt daS Er- frieren (s. d); wird sie schnell durch einen oft verhältnißmäßig nur unbedeutenden Kältegrad zurückgcdrängt, wobei sich die Poren durch Nervenvcrmittelung krampfhaft verschließen, so erfolgt Erkältung. Die Absonderung des Stoffs, der durch die Verdampfung ausgeführt werden sollte, geht im Innern des Körpers fort, und da ihm der Austritt durch die Poren verwehrt ist, so vereinigt er sich zu größer» Massen und wirkt auf die Stellen, wo er sich niederschlägt, als eine Art fremder Körper reizend ein. Besonders fühlen die Nerven, die Muskeln und die Brustorgane, welche durch die Luftwege immer mit der äußern Lust in Erkennen Erlach 63 Verbindung stehen, die schädlichen Einwirkungen des zurückgchaltcnen, für die Ausdünstung bestimmten Stoffs, und Ent; ü »düngen (s. d.), Rheumatismen (s. Nhe u m a) und K a - tarrhe (s. d.) sind die hauptsächlichsten Folgen dieser Unterdrückung der Ausdünstung. Zu den Schädlichkeiten, die Erkältung hcrbeiführen, gehören vorzüglich Zrigwind und innere und äußere Abkühlung durch kaltes Wasser. Ist der Tempcraturwechsel bedeutend, so kann auch das Blut plötzlich von der Oberfläche des Körpers mit solcher Gewalt nach dem Innern gedrängt werden, daß ein Schlagfluß (s. d.) das Leben endet. Vgl. Küttner, „Die Erkältung und die Erkältungskrankheiten^' (Dresd. und Lpz. 1842). Erkennen heißt im gewöhnlichen Sprachgebrauche Etwas als Das kennen, was es ist. Es unterscheidet sich also vom bloßen Vorstellen und Denken durch die Beziehung auf ein Object der Erkenntniß, dessen Beschaffenheiten, Verhältnisse u. s. w. in der Erkenntniß aufgefaßt und von andern unterschieden werden. Die Erkenntniß ist zugleich mit dem Ansprüche auf Wahrheit verbunden, sie ist selbst ein Fürwahrhalten Dessen, waS sie enthält. Erkennt» iß begriffe sind daher solche, welche mit diesem Ansprüche, daß durch sie etwas erkannt werde, gedacht werden, z. B. der Begriff der Ursache, des Dings, der Eigenschaft u. s. w. (S. Kategorie.) Je nach der Art des Fürwahrhaltens unterscheidet man Meinen, Glauben, Wissen; je nach den Quellen, aus welchen wir solche oder andere Erkenntnisse gewinnen, unterscheidet man empirische, historische, intuitive, discurstve und spekulative Erkenntnisse. Intuitive Erkenntnisse sind solche, die wir entweder unmittelbar durch die sinnliche Anschauung gewinnen oder wenigstens durch Aurückführung auf dieselbe belegen können; deshalb rechnet z. D. Kant auch die geometrischen Lehrsätze hierher; discursive und 'pcculativeErkcnntnisse sind solche, die ihren Grund in reinen Begriffsentwickelun- gen und den darauf abgeleiteten Schlüssen haben. Da das menschliche Denken sammt dem Ansprüche, den cs auf Erkenntniß macht, vielen Unwandlungen und Jrrthümern ausgesctzt ist, und nicht nur die Richtigkeit einzelner Erkenntnisse sich oft nicht bewährt, sondern auch die Möglichkeit der wahren, mit ihrem Gegenstände übereinstimmenden Erkenntniß nicht unmittelbar von selbst erhellt, so hat die Philosophie namentlich, in der neuern Zeit bei Locke und Kant, eineUntcrsuchnng über den Ursprung, die Gesetze und die Grenzen der menschlichen Erkenntniß, also eine Theorie der Erkenntniß für die allgemeine Vorbedingung aller andern Untersuchungen erklärt. Insofern man dabei nach althergebrachten psychologischen Voraussetzungen dem menschlichen Geiste, als dem Träger der Erkenntniß, ein besonderes Erkennt- nißvermögen zuschrieb, traten die Versuche solcher Theorien der Erkenntniß als Kritiken des Erkcnntnißvermögens auf, während andere Denker, z. B. Herbart, welche besondere See- lcnvermögcn nicht anerkennen, darauf Hinweisen, daß es sich nicht um eine Kritik dieses Vermögens, sondern um eine Kritik der Begriffe handle. Zum Erkcnntnißvermögen im weitern Sinne, wo es so ziemlich gleichbedeutend ist mit Vorstellungsvermögen, rechnete man übrigens die Sinnlichkeit, das Gedächtniß, die Einbildungskraft, den Verstand, die Urteilskraft und die Vernunft. Erklärung heißt im weitern Sinne die Darlegung einer Meinung, Ansicht, Absicht entweder einer eigenen, wie bei der Abgabe einer Erklärung, oder einer fremden, wie bei der Erklärung eines Schriftstellers; im engem Sinne in der Logik die Angabe Dessen, was im Inhalt eines Begriffs liegt. Dadurch wird der Begriff nicht nur klar, sodaß man ihn von andern unterscheiden kann, sondern auch deutlich, d. h. so bestimmt, daß auch die einzelnen Merkmale in ihm unterschieden werden. Die logisch vollkommene Erklärung ist die Definition. (S. Dcfiniren.) Erläuterung und Erörterung sind verwandte Begriffe, die sich auf die Vorbereitungen oder Anwendung einer Erklärung beziehen. Erlach, eins der ältesten sreiherrlichen Geschlechter in der Schweiz, wo auch das Stammschloß gleiches Namens liegt, aus Burgund herstammend, ist seit dem Anfänge des >2. Jahrh. vorzüglich in den Annalen Berns berühmt. — Ulrich vonE. war 1298 der Führer der Berner in dem glorreichen Kampfe gegen den Adel und Albrecht's Partei. — RudolfvonE-, der Sohn Ulrich's, gewann 1339 die Schlacht bei Laupcn, die das Schicket des Freistaats entschied. Großmüthig nahm er sich der Söhne des von ihm besiegten Grafen von Nydau an, deren Beschützer und Erzieher er ward und denen er sorgfältig ihre Erbschaft bewahrre. Im I. 1360 wurde er von seinem Eidam, Jost von Rubens, ermordet. 04 Erlangt» — Joh. Luhw. von E., geb. 1595,gest. 1659, war ein ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, der auf die Begebenheiten des Dreißigjährigen Kriegs und später in franz. Diensten in den Kriegen unter Ludwig XIll. und XI V. bedeutenden Einfluß hatte und sich allenthalben als Mann von Ehre mit großer Einsicht und Tapferkeit benahm. Er leistete Gustav Adolf von Schweden und Bernhard von Weimar, deren Freundschaft und Vertrauen er besaß, wichtige Dienste, und der Tod des letztem veranlaßte ihn, in franz. Dienste zu treten, wozu er auch dessen Heer zu bereden wußte. — Hieronymus vonE., geb. 1667, gest. 1748, war ebenfalls einer der gewandtesten Generale seiner Zeit, erst in franz., dann in östr. Diensten, und insbesondere mit dem Prinzen Eugen sehr befreundet. — Karl Ludw. von E., geb. zu Bern >726, der bis zum Ausbruche der Revolution in franz. Diensten stand, erhielt beim Einfall der Franzosen unter Brune und Schauenburg im I. 17S8 von Bern den Befehl über die Landesbewaffnung. Zwar gelang es ihm, den unentschlossenen Senat zu kräftigen Maßregeln zu bestimmen und eine uneingeschränkte Vollmacht in Hinsicht seiner Unternehmungen gegen die Franzosen zu erhalten; allein sehr bald wurde sie zurückgcnommcn. Angegriffen von ihnen unter Schauenburg, focht er ehrenvoll, aber, der Übermacht erliegend, unglücklich und wurde auf dem Rückzüge, als die Nachricht von der Eroberung Berns einlief, von seiner eigenen Mannschaft ermordet. — Nud. Ludw. von E-, geb. in Bern 1749, versuchte als Schultheiß von Burgdorf bei dem Einfalle der Franzosen ebenfalls Bern zu retten. Er verband sich 1801 mit AloyS Rcding und Steiger zur Herstellung der «»eidgenössischen Staatsordnung und wurde 1892 beim Ausbruche des lange vorbereiteten Aufstandes zum Oberbefehlshaber des Landesheers ernannt. Als Bonaparte durch die Vermittelungsacke dem Aufstande ein Ende machte, trat er ins Privatleben zurück und widmete sich den Wissenschaften. Unter seinen Schriften zeichnet sich nächst andern der „Oocle 9509 E., wovon mehr als 8599 der protestantischen, über 499 der reformirten und gegen 499 der katholischen Kirche angehören. Sie war früher sehr gewerbreich und hatte namentlich berühmte Kattun-, Handschuh- und Hutfabrikcn; später auch Spiegel-, Tuch - und Tabacksfabriken > gegenwärtig hat sie »eben mehren Manufacturen auch berühmte Brauereien. Außer der Universität bestehen daselbst ein Gymnasium und neben andern Schulen eine polytechnische. Die Universität verdankt ihren Ursprung dem Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Baireuth, der sie 1742 für Baireuth, seine Residenz, stiftete, ihr aber bereits am 4. Nov. 1743 das geeignetere E. zum Sitz anwics. In Aufnahme kam sie während des Siebenjährigen Kriegs, wo sie über 490 Studirende zählte. Zur Zeit des Markgrafen Alexander, der sic regenerirte, weshalb sie ihm zu Ehren die Friedrich-Alexander-Universität genannt wurde, minderte sich die Zahl der Studirenden in Folge zu strenger akademischer Gesetze bedeutend. Erst unter der prcuß. Hoheit fing sic wieder an zu steigen. Der schwankende Zustand, der seit 1896 eintrat, dauerte auch noch unter der bair. Negierung eine Zeit lang fort, bis eine zeitgemäßere Dotation derselben ausgesprochen wurde. Seitdem hob sie sich mehr und mehr, bis sie durch die Stiftung der Universität zu München den empfindlichsten Schlag erfuhr. Die Zahl der Studirenden beläuft sich auf 469. Das Universitätsgebäude wurde an der Stelle des 1811 abgebrannten und zu akademischen Zwecken benutzten ehemaligen markgräflichen Schlosses erbaut. Die Universitätsbibliothek, die im Universitätsgebäude ausgestellt ist, zählt gegen 199999 Bande und >999 Handschriften. Die übrige» Sammlungen sind in dem seit >819 vollendeten Museum vereinigt. Mit der Universität stehen in Verbindung eine Ent- Erle Ermau 6d bindungsanstalt seit 1827, ein Krankenhaus, ein anatomisches Theater und ein botanischer Garten. Vgl. Lammers, „Geschichte der Stadt E." (Erl. 1834). Erle, ein im größten Theile Europas und im nördlichen Asien bis zum Polarkreise einheimischer, für Forst- und Landwirthschaft wichtiger Baum, welcher zur Familie der Bc- tulaceen oder birkenartigen Pstanzen gehört. Die gemeine Erle (Firnis glutinös») gedeiht am besten auf sumpfigem Boden und eignet sich sehr zur Befestigung sumpfiger Flußufer; sie wächst schnell empor, wird bis zu 60 F. hoch und liefert ein rothbraunes Holz, welches zwar als Brennholz nicht viel werth ist, aber unter dem Wasser vortrefflich aushält, daher zu Bauten Unter demselben sehr brauchbar ist. Auch von Tischlern und Drechslern wird es viel verarbeitet. Die Rinde dient zum Gerben. In Schweden und dem nördlichen Rußland kommt eine zweite Art, die graue Erle, vor, die in Deutschland fehlt. Erlkönig ist nach der deutschen Volkssage ein fabelhaftes Wesen, das den Kindern nachstellt. Goethe benutzte die Sage zu einer herrlichen Ballade, die an Neichard und Franz Schubert berühmte Componisten gefunden hat. Erlösung heißt in der christlichen Glaubenslehre die durch Jesus Christus bewirkte Befreiung der Menschen von der Herrschaft des Wahns und der Sünde und deren zeitlichen und ewigen Strafen. Die Erlösung bewirkte Jesus theils durch die Verkündigung der Wahrheit, theils durch sein vorleuchtcndes Beispiel, theils durch seinen stellvertretenden Tod. Oft braucht man das Wort Erlösung vorzugsweise von der durch Jesu stellvertretenden Tod bewirkten Erlassung der Strafe der Erbsünde und der wirklichen Sünde, oder von der Rettung von der ewigen Verdammniß. (S. Versöhnung.) Ermnn (Paul), Professor der Physik an der Universität zu Berlin, geboren daselbst 1764, war anfänglich für das Studium der Theologie bestimmt, doch hatten die Naturwissenschaften einen so überwiegenden Reiz für ihn, daß er den Entschluß faßte, ausschließlich diesen zu leben. Er übernahm sehr früh ein Lehramt der Naturkunde beim franz. Gymnasium zu Berlin, später auch bei der allgemeinen Kriegsschule, und bei der Gründüng der Universität erhielt er die ordentliche Professur der Physik. Er gehört nicht zu Denen, die, einem genau abgegrenzten Gegenstand ausschließlich hingegeben, sich ein erschöpfendes Verdienst um denselben erwerben; vielmehr überraschen die zahlreichen Abhandlungen, die sich von ihm in Gilbert's und Poggendorff's „Annalen", in den „Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Berlin" und in mehren ausländischen Sammlungen gleicher Art befinden, durch die Mannichfaltigkeit der Gegenstände. Wenn Magnetismus, Hygrologie, Optik und Physiologie die Gegenstände seiner Untersuchungen waren, so kann doch die Lehre von der Elektricität als die Hrupttenden; derselben betrachtet werden. Es gelang ihm hier mancher wichtige Aufschluß, wie auch die pariser Akademie urtheilte, als sie ihm l 866 den von Napoleon gestifteten Galvani'schcn Preis zuerkannte. Früher schon war E. Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, einige Jahre später wurde er Sccretair ihrer physikalischen Claffe und nachher gemeinschaftlich mit Encke, nach der Reorganisation der Akademie, Vorsitzender Sccretair der mathematisch-physikalischen Classe. — Sein Sohn, Adolf Georg E., Professor der Mathematik an dem franz. Gymnasium und außerordentlicher Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin, wurde zu Berlin 1806 geboren. Er besuchte das dasige franz. Gymnasium und widmete sich dann aus der Universität dem Studium der Naturwissenschaften. Später setzte er seine Studien in Königsberg unter Befiel fort, den er dann auf einer wissenschaftlichen Reise nach München begleitete. In den I. 1828—30 vollbrachte er aus eigenen Mitteln eine Reise um die Welt, deren Hauptzweck neben andern wissenschaftlichen Bestimmungen der war, mittels der besten Methoden und der ausgcwähltestcn Instrumente ein Netz um den ganzen Umkreis unsers Planeten von möglichst genauen magnetischen Bestimmungen zu gewinnen. Für den ersten Theil dieser Reise bis nach Irkutsk schloß er sich an die magnctometrischc Expedition, welche Hansteen durch den westlichen Theil Sibiriens auf Veranlassung der schwed. Negierung unternahm; die weitere Reise durch Nordasien von der Mündung des Obi über Ochotzk nach Kamtschatka und von da zu See über die russisch-amerik. Colonicn,. Californien, Otahcift um Cap-Horn und über Rio Janeiro zurück nach Petersburg und Berlin, vollendete er al- Conv. - Lex. Neunte Aufl. V, 5 66 Ermeland Ernährung lein. Die Beschreibung seiner „Reise um dec Erde durch Nordasicn und die beiden Oceane" zerfällt in eine historische (2 Bde., Berl. 1833 — 38 ) und cme wissenschaftliche Abteilung (2 Bde., Berl. > 835—-1 1 , nebst Atlas). Ermeland (Vsrinis), ein anmuthigcr und fruchtbarer Landstrich in Ostpreußen von 76 OM. und mit 112066 E-, war ursprünglich eine der elf Landschaften, in welche das alte Preußen gerhcilt war, und nachdem es von den Deutschen Rittern erobert worden, eins der vier Bisthümer, in welche der Papst 1213 das Ordensland thcilte. Der Bischof von E. bewahrte seine Selbständigkeit dem Orden gegenüber, stand unmittelbar unter dem Papsie und erlangte im I I. Jahrh. den deutschen Ncichsfürstenstand. Im I. 1166 kam E. durch den thorner Frieden zugleich mit ganz Westprcußcn unter poln. Herrschaft. Der Bischof gehörte seitdem dem poln. Senate an, hatte das Recht, bei Throncrledigungen die preuß. Stände, wie der Erzbischof von Gnesen die polnischen, zubcrufcn und hieß deshalb z,r»ssiae rexäse Primas. Die berühmtesten Bischöfe von E. sind Äncas Silvius Piccolomini, Dan- tisc us (s. d.) osius lü d.I. dessen strenge Maßregeln gegen die Reformation zur Folge hatten, daß die Landschaft, wahrend ringsum der evangelische Glaube sich verbreitete, katholisch blieb, und Cromer (s. d.). Die Residenz des Bischofs war Braunsbcrg, später Heilsberg, gegenwärtig ist Frauenburg der Sitz des Domcapitcls. Im I. >772 wurde E- dem preuß. Staate einverleibt. Ermenonville, ein Dorf im franz. Oisedepartement, im Besitze der Familie Girardi», ist besonders bekannt wegen des schönen großen Parks, der Rousseau's Asche auf einer Insel enthält und deshalb im Sommer von Paris aus, namentlich von Fremden, häufig besucht wird. E. diente einst in den Bürgerkriegen zum Schlachtplatze; dann bewohnte hier die Geliebte Heinrich's IV., Gabriele d'Estrccs, ein Jagdschloß, von dem noch ein Thurm steht, der ihren Namen führt. Doch merkwürdiger wurde es, als Rousseau nach kurzem Aufenthalte 1778 daselbst starb. Während der Revolution brachte man zwar seine Asche von hier in das Pantheon, nach der Restauration aber wieder hierher. Schon hatte die sogenannte Lsncie n oiro fs. d.) aufE. das höchste Gebot gcthan, als Stanislaus von Gi- rardin, der nachmalige bekannte liberale Deputirte, gcst. 1827, dieselbe übcrbot und aus diese Weise E. für die Freunde der Kunst, der Natur und historischer Denkmale erhielt. Ernährung. Ein jeder Organismus verbraucht durch seine eigene Thätigkcit fortwährend einen Thcil der Stoffe, aus denen er besteht. Diese müssen, wenn er fortbcstehen soll, wieder erseht werden, ja in der Zeit, wo er sich zu einem vollkommenen Zustande ent Wickeln soll, muß ihm sogar mehr zugeführt werden, als er verbraucht. Dies geschieht durch die Ernährung, und die Substanzen, die dazu nöthig sind, nennt man Nahrungsmittel (s. d.). Die Vorgänge bei der Ernährung sind im höchsten Grade mannichfaltig, besonders in dem Körper der höhern Thicrclassen und des Menschen. Hier beginnt die Ernährung aus dem gewöhnlichen Wege des Essens mit den Vorbereitungen zur Assimilation, welche die Speisen und Getränke im Munde, Magen und Darmkanal erfahren, mit der Verdauung. Durch das Kauen, die peristaltische Bewegung des Magens und der Gedärme wird die Speise in einen Brei verwandelt, der durch Zufluß des Speichels, des Magensafts, der Galle und des pankreatischen Safts verdünnt und Chymus genannt wird. Die unzähligen aufsaugenden Gefäße, die im ganzen Darmkanal verbreitet sind, nehmen nun aus diesem Brei die zur Ernährung geschickten Stoffe in der Form einer weißen milchähnlichen Flüssigkeit (clizäns) auf, führen sic durch unzählige Drüse» und Gänge, wo sie noch mancherlei Veränderungen unterworfen wird, hindurch in den Brustgang, der längs der Wirbelsäule aus dem Unterleibe in die Brust cmporstcigt und seinen Inhalt in die linke Schlüsselbeinvene entleert. Von hier aus mit dem Blute vereint geht der Nahrungsstoff durch die Lungen in die Schlagadern und mit diesen in alle Theile des Körpers über, wo er in den Haargefäßen die letzte Verwandlung in Zellgewebe erfährt, die eigentliche Belebung der Assimilation, deren genauere Geschichte uns allerdings noch verborgen ist. In manchen Fällen sind Hindernisse vorhanden, welche die Ernährung durch den Mund unmöglich machen. Hier muß die Einsaugungsfähigkeit der Haut und des Darmkanals benutzt und die Ernährung durch Klystiere und Bäder von Fleischbrühe, Milch und andern nahrhaften Stoffen bewerkstelligt werden, was der Art, wie die Pflanzen sich ernähren, sehr nahe kommt, abc» 67 Crnesti Ernst (Kurfürst von Sachsen) die normale Ernährung nur sehr unvollkommen erseht. Der Trieb zur Ernährung ist der llärkste in jedem organischen Wesen, den zu befriedigen Hunger und Durst stets ermahnen. Ernesti (Joh. Aug.), der Stifter einer neuen theologischen und philologischen Schule, gcb. zu Tcnnstadt in Thüringen am 4. Aug. >767, studirtc zu Pforta, Wittenberg und Leipzig zunächst Theologie, machte aber, nachdem er >731 Conrcctor und >734 Rector der Thomasschule in Leipzig geworden war, die alte classische Literatur und die mit ihr verwandten Wissenschaften zum vornehmsten Gegenstände seiner Studien. Er wurde >742 außerordentlicher Professor der alten Literatur auf der dasigen Universität, 1756 ordentlicher Professor der Beredtsamkcit, erhielt >756 noch überdies eine ordentliche Professur der Theologie und legte erst 1776 die erstere nieder. Als erster Professor der theologischen Facultät starb er am 11. Sept. >781. Durch gründliches Studium der Philologie ebnete er sich den Weg zur Theologie und wurde durch sie zu einer richtigern Exegese der biblischen Schriftsteller und überhaupt zu freien, Ansichten der Theologie geführt. Von ihm ging größten- theils die theologische Aufklärung aus, insofern sie sich auf Philosophie und richtige grammatische Erklärung gründet. Als genauer Kritiker und Grammatiker zeigte er sich in seinen Ausgaben der „Memorabilien des Sokrates" von Tcnophon (5. Aust., Lpz. 1772), der „Wolken" des Aristophaucs (Lpz. >753; neue Ausg. von Hermann, Lpz. >836), des Homer (5 Bde., Lpz. >756—64; 2. Aust., 1824), Kallimachus (2 Bde., Leyd. >761), Po- lybius (3 Bde., Lpz. >764), Suetonius (Lpz. >748; 2. Aust., 1775), Tacitus (Lpz. >752; 2. Aust., 1772; zuletzt neu aufgelegt von Bekker, 2 Bde., Lpz. 1831), vor Allem aber durch seine vortreffliche Ausgabe des Cicero (5 Bde., Lpz. >737—39; 3. Aust., Halle >776 — 77), welche er mit einer „<7!uvis <7icor»niu" (Lpz. >739; 6. Aust., 1831) als sechsten Band begleitete. Er war der erste Lehrer und Wiederhersteller einer wahren und männlichen Be- rcdtsamkeit in Deutschland und verdient wegen seiner vortrefflichen Latinität den Namen eines Cicero der Deutschen, wie dies seine ungemein verbreiteten „lnitia ckoctrinae solitlio- lis" (Lpz. >736; 7. Aust., 1783), seine „0;>u5c»l!l oratorüi, o>'->ti<>nss, prolusiones et elogia" (Leyd. 1762; 2. Aust., > 767), das nach seinem Tode erschienene „OpnZcilorum nrntorinriim NVVIIM vnliimen" (Lpz. 1791; deutsch von Rothe, Lpz. 1791) beweisen. Nicht minder zahlreich sind seine theologischen Schriften, unter denen sich besonders der „^nti- Alurutoriuz" (Lpz. >755) und die „0;,uzculu tüenlogwa" (Lpz. >792) auszeichnen. Große Verdienste erwarb er sich auch durch die Herausgabe der „Neuen theologischen Bibliothek" (16 Bde., Lpz. 1766—69) und der „Neuesten theologischen Bibliothek" (3 Bde. und 6 Hefte, Lpz. 1773 — 79). Vgl. Bauer, „IHmUlae ae «liscchl. bä-nvst. inckales" (Lpz. >782) und die treffliche Charakteristik E.'s von Stallbaum in der Schrift „Die Thomasschule zu. Leipzig" (Lpz. >839). — Sein Neffe, Aug. Wilh. E-, gcb. am 26. Nov. 1733, gest. als Professor der Bcredtsamkeit zu Leipzig am 26. Juli 1861, gab den Livius (3 Bde-, Lpz. 1769; neue Aust., 5 Bde., >785) und Ammianus Marcellinus (Lpz. 1773) heraus. Gleichfalls als Philolog ist bekannt Joh. Christian GottlobE-, geb. 1756, gest. als Professor der Philosophie zu Leipzig am 5. Juni >862, der den Phädrus (Lpz. 178l), „Silius Jtalicus" (2 Bde., Lpz. >791 92) und einige andere Classikcr, sowie „Cicero's Geist und Kunst" (3 Bde., Lpz.7799—1862) herausgab, rmd Joh. Hcinr. Mart. E-, geb. >755, gest. als Kirchenrath und Professor zu Kvburg am >6. Mai >836. Ernst, Kurfürst von Sachsen, der Stifter der crnestinischen oder altern sächs. Linie, von welcher die gegenwärtig herzoglichen Fürste» Sachsens abstammen, war der Sohn des Kurfürsten Friedrich des Sanftmüthigen und der Erzherzogin Margaretha von Ostreich. Als >4jähriger Knabe zugleich mit seinem Bruder Albert von Kunz von Kaufungcn und dessen Verbündeten vom Schlosse zu Altcnburg > 455 geraubt (s. Prinzenraub) und glücklich gerettet, folgte er seinem Vater nach dessen Tode 1464 in der Kurwürde, regierte aber anfangs 21 Jahre lang die sächs. Länder mit Albert gemeinschaftlich, bis beide Brüder in dem am 28. Aug. >485 zu Leipzig vollzogenen Vertrage dieselben miteinander (heilten. In dieser Theilung, durch welche die jetzt noch vorhandenen beiden sächs. Stammlinicn, die ernestinische und die albertinischc, entstanden, erhielt E. außer dem Herzogthume Sachjen als seinen Antheil Thüringen mit den fränkischen und voigtländ. Besitzungen, die Hälfte des - » 68 Ernst I. Pleißner- und Ostcrlandcs, Naumburg-Zeitz, das Amt Jena u. s. w., wahrend Albert das Land Meißen nebst Dem, was diesem Lheilungsstücke sonst noch als Zubehör bestimmt war, wählte. Die Bergwerksnutzungen in beiden Ländern blieben jedoch in Gemeinschaft. Kaiser Friedrich lll. ertheilte am 2 t. Febr. >186 zu Frankfurt bei Gelegenheit der röm. Königswahl Maximilian's beiden Fürsten die Belehnung mit ihren Ländern und bestätigte die von ihnen über die gegenseitige Erbfolge festgesetzten Bestimmungen sowie die Theilung selbst, durch welche wie die Einheit des Fürstenhauses, so die Kraft und Macht des schönen Staats für immer gebrochen wurde. Übrigens sorgte E. während der Zeit seiner Rcgierung für den inner» Wohlstand seiner Länder sowie für den äußern Anwachs derselben. Er kaufte 1172 für sich und seinen Bruder das Fürstenthum Sagan in Schlesien von dem Fürsten Johann dem Wilden für 56066 Goldgulden, sowie 1171 vom Freiherrn Hans von Bibcr- stcin die Herrschaften Sorau, Beeskow und Storkow. Gegen Unrecht, Gewaltsamkeit und Anmaßung trat E. kräftig auf. So zog er im 1.1166 mit seinem Bruder gegen die Vögte von Plauen, die ihre Untcrthanen bedrückten, und nahm ihnen Plauen, Ölsnitz und Adorf; züchtigte Quedlinburg, das sich gegen seine Schwester, die Äbtissin Hedwig, empört hatte, und brachte Halle, Halberstadt und Erfurt, die sich den getroffenen Anordnungen nicht fügen wollten, zum Gehorsam. Er starb 1186 zu Kolditz. Von seiner Gemahlin Elisabeth, einer bair. Prinzessin, hintcrließ er vier Söhne, von denen der älteste, Friedrich der Weise, und der jüngste, Johann der Beständige, ihm in der Kurwürde folgten. Ernst k. oder der Fromme, Herzog zu Sachsen-Gotha und Altenburg, Stifter des gothaischen Gesammthauses, geb. am 21. Dcc. 1661 auf dem Schlosse zu Altenburg, als der neunte von zehn Brüdern, deren jüngster der Herzog Bernhard (s. d.) von Weimar war, erhielt er nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters, des Herzogs Johann von Weimar, von seiner Mutter Dorothea Maria von Anhalt eine treffliche Erziehung. Nach Gustav Adolfs Ankunft in Deutschland nahm er schweb. Kriegsdienste, wohnte den Belagerungen von Königshofen, Schweinfurt und Würzburg bei und kämpfte tapfer in der Schlacht am Lech, wo er namentlich mit seinem Regimcnte zuerst über den Fluß setzte und den Feind das Ufer, welches derselbe besetzt hatte, zu verlassen zwang. Nachdem er an der Eroberung der Städte Füßen und München Theil genommen, focht er mit Muth und Feldherrnblick in den Schlachten bei Nürnberg und Lützen, in welcher letztem er nach dem Falle Gustav Adolfs den Sieg über den mit einem neuen Corps anrückcnden Pappenheim allein errang. Als hierauf sein Bruder Bernhard 1633 den Oberbefehl über das schweb. Heer erhielt, übertrug ihm dieser die Verwaltung seines Hcrzogthums Franken. Zwar begab er sich bald darauf noch einmal unter seinem Bruder in den schweb. Kriegsdienst und half ihm Landshut in Baicrn mit Sturm erobern, allein nach der Schlacht bei Nördlingen am 26. Aug. 1631 zog er sich vom Kriegsschauplatz gänzlich zurück und trat hierauf 1635 dem pragec Frieden bei. Im folgenden Jahre vermählte er sich mit Elisabeth Sophia, der einzigen Tochter des Herzogs Johann Philipp von Altenburg, und beschäftigte sich von nun an lediglich mit der Reorganisation seines durch den Krieg zerrütteten Landes. Nach seines Bruders Albert Tode im 1 .1611 fiel ihm die Hälfte des Fürstenthums Eisenach zu, und durch Friedrich Wilhelm's 111., des letzten altenburgischen Herzogs, Ableben im I. 1673 kam er in den Besitz der altenburgischen und koburgischen Länder, von denen er jedoch, da Weimar auf diese Erbschaft gleichfalls Ansprüche erhob, aus Liebe zum Frieden mittels eines 1672 zu Altenburg abgeschlossenen Vergleichs einen Theil an dieses Haus abtrat. Er starb 167 5. Von seinen sieben Söhnen führte der älteste, Friedrich, die gothaische Linie fort, sein dritter Sohn Bernhard aber wurde Stifter der meiningischen und sein siebenter Sohn Ernst der saalfeldischen Linie. Die wohlthätige Wirksamkeit dieses trefflichen Fürsten hat sich in vielen noch jetzt bestehenden Einrichtungen sichtbar erhalten. Ein eifriger Anhänger von Luther's Lehre trug er eine stete und treue Fürsorge für alle Kirchen- und Schulangelegenheiten seines Landes, überwachte mit ängstlicher Sorgfalt die Erziehung seiner Kinder, welche beinahe die ganze Bibel auswendig lernen mußten, und leitete selbst deren religiöse Erbauung. Dies hinderte ihn jedoch nicht, die Verbreitung der evangelischen Lehre und die Sorge für deren Bekenner auch im AuSlande zum Gegenstanve seiner Thätigkeit zu machen, wie sein Brief- wrchsel mit dem Zar Alexei Michailowitsch zu Moskau über die Angelegenheiten der dorti- Ernst II. Ernst III. 69 gcn protestantischen Gemeinde, des Zars Gesandtschaft nach Gotha und die Stiftung einer deutsch-lutherischen Gemeinde zu Genf beweisen. Wie sehr er sich auch für allgemein christliche Angelegenheiten interefsirte, zeigen die Anwesenheit des Abts Gregorius aus Abyssi- nicn an seinem Hofe, seine Theilnahme für den Religionszustand in jenem Lande, seine Briefe an den König von Äthiopien, die Sendung Joh. Mich. Wansleb's aus Erfurt nach Abyssinien und die Briefe des Patriarchen von Alexandrien an ihn. Vgl. Eelbke, „Historisch actenmäßige Darstellung des Lebens E. des Frommen" (3 Bde-, Gotha 1810). Ernst II-, Herzog zu Sachsen-Gotha und Altcnburg, gcb. 1735, der zweite Sohn Herzog Friedrich's Ul., folgte seinem Vater 1772 in der Negierung. Durch Reisen nach Holland, England und Frankreich 1767—69 und im Umgänge mit den größten Geistern des letztgenannten Landes gebildet, regierte er mit Weisheit und Gerechtigkeit. Er brachte in das durch den Siebenjährigen Krieg zerrüttete Finanzwesen wieder Ordnung, verbesserte die Justizpflcge, errichtete Armenanstalten und Arbeits- und Krankenhäuser, stiftete eine Pen- stonsanstalt für die Witwen und Kinder der Staatsdiencr, sorgte für Verbesserung und Erweiterung der Schulen und beförderte auf alle Weise Künste und Wissenschaften. Nächst der Sprachkunde legte er auf die Mathematik einen besonder» Werth, war selbst astronomischer Schriftsteller und unterstützte die Herausgabe manches andern wissenschaftlichen Werks. Durch die Gründung der Sternwarte auf dem Seebcrg, deren Bau seine Gemahlin durch den gelehrten Oberhofmeistcr vonZach (s. d.) vollenden ließ, erwarb er sich um die Astronomie große Verdienste, war der Erste, der in Deutschland eine Eradmessung des Meridians veranstaltete, und lieferte außer andern geschätzten mathematischen Arbeiten vorzüglich eine geistreiche Theorie des Schachspiels nebst der Berechnung des Rösselsprungs (s. d.). Die zu allen diesen gemeinnützigen Unternehmungen nöthigcn ansehnlichen Summen gewann er durch kluge Sparsamkeit und höchste Einfachheit der Lebensweise, die er an seinem Hofe cinführte. Seine Obliegenheiten gegen Kaiser und Reich erfüllte er mit strenger Redlichkeit; auch schloß er sich zum Schutze des letzter» an den Fürstenbund an, den Friedrich der Große stiftete. Mit Festigkeit widersctzte er sich allen fremden Werbungen in seinen Landen, wie er denn selbst das Verlangen des Königs von England, seines nächsten Anverwandten, ihm für ansehnliche Geldsummen Truppen nach Amerika zu überlassen, von sich wies. Er starb am 20. Avr. 1803. Ihm folgte in der Regierung sein Sohn August Emil Leopold (s. d.). Ernst III-, Herzog zu Sachsen-Koburg und Gotha, der Sohn des Herzogs Franz, wurde am 2. Jan. 1783 geboren und gelangte am 9. Dcc. 1806 zur Regierung. Da er an dem Feldzuge des Königs von Preußen gegen Napoleon 1806, namentlich auch ander Schlacht bei Aucrstädt, Theil genommen hatte, wurde sein Land als erobertes Gebiet von Frankreich in Besitz genommen; doch erhielt er dasselbe im tilsitcr Frieden durch Fürsprache des Kaisers Alexander zurück und langte am 28. Juli 1807 in seiner Residenz Koburg an. Hierauf begab er sich »ach Paris, um die von Napoleon ihm versprochene Entschädigung für die aus dem Lande gezogenen Summen zu erwirken, mußte jedoch nach sicbcnmonatlrchem Aufenthalte unverrichteter Sache nach Deutschland zurückkehren. Seitdem war er vorzüglich mit der Organisation der Staatsverwaltung seines Landes beschäftigt, welches erst unter der willkürlichen Negierung des Ministers von Kretschmann, dann durch Kontributionen und Durchmärsche des feindlichen Heers furchtbar gelitten hatte. Allein seine Verpflichtung als Nhein- bundmitglied und die >809 und 1812 sich erneuernden franz. Truppenmärsche hinderten den Herzog, die Lasten des Landes bedeutend zu verringern. Nach der Schlacht bei Leipzig schloß er sich, sobald dies ohne Gefahr für sein Land geschehen konnte, an die Verbündeten an, übernahm den Oberbefehl über das fünfte deutsche Armeccorps, welches aus den Truppen der kleinen deutschen Länder bestand, blockirtc mit demselben Mainz und brachte diese Festung zur Übergabe. Später ging er Vach Paris, um an den dortigen politischen Verhandlungen und militairischen Festlichkeiten Theil zu nehmen und erschien auch persönlich auf dem Kongresse zu Wien, wo er nicht nur sein eigenes Interesse vertrat, sondern mit edler Theilnahme und achtbarem Freimuthe auch für die Sache des Königs von Sachsen sprach. Aufdem Kongresse wurde ihm in dem jenseit des Rhein gelegenen Fürstcnthume Lichtend erg (s. d.) eine Landcsvergrößerung mit 20000 E. zugesprochen, welche im zweiten pariserFriedcn, nachdem er als Oberbefehlshaber der sächs. Truppen wieder den Feldzug gegen Napoleon mitgemacht hatte, 70 Ernst August (König von Hannovcr) durch eine weitere mit 5000 E- vermehrt wurde. Als jedoch die in Folge der sranz.Julircvs« lution daselbst ausgebrochcnen Unruhen, die das Einrücker» der benachbarten preuß. Truppen vcranlaßten, ihm den Besitz desselben verleidet hatten, trat er dasselbe am 22. Scpt. 1831 für 2 Mill. Thlr. an die Krone Preußen ab und erkaufte dafür > 836 die Domaincn Wandersleben, Mühlberg und Rohrensee oberhalb Erfurt, 1837 Thal und 1838 Mechtcrstcdt im Gothaischen. Eine bedeutendere Gebietsvergrößerung siel nach Erlöschen des gothaischen Stammhauses durch den Staatsvertrag vom 12 .— 15. Nov. >826 in dem Herzogthume Gotha ihm zu, wofür er jedoch das kleine Fürstenthum Saalfeld nebst der früher zu Gotha gehörigen Herrschaft Kranichfeld an Meiningen abtretcn mußte. In Koburg hatte er nach dem wiener Congresse eine repräsentative Verfassung gegeben; in Gocha aber ließ er die Vorgefundenen alten Stände in ihren Rechten bestehen und führte nur eine der preuß. nachgebildete Städteverfassung ein. Zm Z. 1833 stiftete er in Gemeinschaft mit den beiden andern herzoglichen Linien, Altenburg und Meiningen, den Ernestinischen Hausorden. Seine Länder verschönerte er durch geschmackvolle Baute» und schöne Naturanlagen, wovon das herzogliche Schloß, die Rosenau und der Kahlenberg und das neue Schauspielhaus in Koburg und das schöne Schloß Reinhardsbrunn den sprechendsten Beweis liefern. Auch Wissenschaft und Kunst unterstützte er sehr gern und war namentlich auf die Vermehrung der Bibliothek in Eoiha und der dort befindlichen Natur- und Kunstsammlungen mit Freigebigkeit bedacht. Er vermählte sich das erste Mal 1817 mit Luise, der Tochter des Herzogs August von Sachsen-Gotha, und, als diese am 30. Aug. 1831 starb, mit Marie, der Tochter des Herzogs Alexander von Würtcmberg. Er selbst starb nach kurzem Krankenlager am 20. Jan. 1811 und hintcrließ aus seiner ersten Ehe zwei Prinzen, von denen der ältere, Ernst, gcb. am 21. Juni 1818, ihm auf dem Throne folgte, nachdem der jüngere, Albert, bereits im Febr. 1810 die Hand der Königin von England, Victoria (s. d.), erhalten hatte. Überhaupt hat das Haus Sachscn-Koburg zur Zeit E.'s III. sein Erbgut in so reicher Maße vermehrt und sich auf so viel europ. Thronen ausgebreitet, wie vielleicht früher nie ein Fürstengcschlecht. Denn außer dem bereits erwähnten Prinzen Albert wurde früher schon E.'s III. Schwester, Victoria, durch ihre Vermählung mit dem Herzoge Eduard August von Kcnt Mutter der jetzt regierenden Königin von England; sein nachgeborcner Bruder, Herzog Ferdinand, heirathete 1816 die reichste Erbin von Ungarn, das einzige Kind des Fürsten Franz Joseph von Köhary; sein jüngerer Bruder, Herzog Leopold, wurde >831 zum König der Belgier gewählt, und sein Neffe, Prinz Ferdinand, der älteste Sohn des Herzogs Ferdinand, 1836 der Gemahl der Königin von Portugal, Donna Maria da Gloria. Ernst August, König von Hannover, geb. am 5. Juni 1771, der fünfte Sohn König Georg's III. von Großbritannien, wurde weniger mit strenger Disciplin als mit gut- müthigem Wohlwollen erzogen. Er besuchte einige Zeit die Universität zu Göttingcn und nahm 1703 und 1701 an den Feldzügen der engl. Truppen in den Niederlanden gegen die sranz. Republik Theil. Übrigens ist von seiner Jugendzeit und überhaupt von seinem früher» Privatleben nur wenig bekannt, und Dasjenige, was die geschäftige Sage darüber verbreitet, nicht historisch beglaubigt. So viel ist gewiß, daß der Herzog in England fortwährend der Gegenstand der gehässigsten Anschuldigungen war. Nach dem Tode seines väterlichen Oheims erhielt er den Titel eines Herzogs von Cumberland. Erst im reifen Mannesalrcr trat seine Persönlichkeit in eben dem Maße klarer und bedeutender hervor, als mit dem Absterben der altern Geschwister seine politische Wichtigkeit zunahm. Man sing nun an, den Herzog von Cumberland, in welchem man früher nur einen apanagirtcn engl. Prinzen erblickt hatte, als einen präsumtiven Thronerben zu betrachten. Im I. 1813 und auch noch später war es sein Wunsch, die Statthalterschaft von Hannover zu erhalten, und da er nächst dem Prinzen Regenten der älteste der damals noch lebenden königlichen Prinzen war, so wäre ihm sein Zweck auch vielleicht gelungen, wenn nicht der Graf von Münster, welcher hannov. Staats- und Cabinetsminister in London war, sich ihm entgegengesetzt und den jünger» Bruder, den Herzog von Cambridge, nach Hannover gebracht hätte. Der Herzog ging nun nach Berlin, wo er mit dem geistreichen aber hocharistokratischen Herzoge Karl von Mecklenburg bekannt und durch Übereinstimmung in den Ansichten bald vertraut wurde. Auch vermählte er sich >815 mit dessen Schwester, Friederike Karolink Sophie Alexandrinc, die zuerst mit dem PrinM Ernst Kasimir (Graf von Nassau) 7t Ludwig Friedrich Karl von Preußen, gest. >706, und dann mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Solms, gest. >814, verhcirathct gewesen und bereits wieder mit dem Herzoge von Cambridge verlobt war. Wie sehr indeß der Herzog auch in Berlin sich zu gefallen schien, so wurde er dadurch doch keineswegs gleichgültig gegen Das, was sich in England zutrug. Er hatte in seinem Vaterlande durch seine Erhebung zum Fcldmarschall sowie zum Kanzler der Universität bereits eine hervorragende öffentliche Stellung erhalten, zugleich galt er als Oberhaupt der Torypartei und als der eifrigste Beschützer der engl. Hochkirchc. Als daher der große Kampf über die Emancipation der Katholiken zur Entscheidung kam und selbst Wellington nicht mehr im Stande war, die Gewalt des Stroms aufzuhalten, eilte der Herzog selbst nach England hinüber, um im Oberhause die Vorrechte der Kirche zu vcrthcidigen. Weder der humane Eifer, mit welchem seine königlichen Brüder, die Herzoge von Clarence und von Sussex, sich der Emancipation annahmen, noch die Drohung der damals noch liberalen „Times", empfindliche Aufklärungen über sein Privatleben zu verbreiten, konnten ihn abhalten, seine Ansichten mit allem Nachdrucke bis zum letzten Augenblicke zu vcrthcidigen, ja er gcricth bei Gelegenheit der Verhandlungen im Oberhause sogar mit dem Herzoge voir Clarence in einen heftigen Wortwechsel und verließ England nicht eher, als nachdem der Kampf zum Vorthcilc der Katholiken entschieden war. Bei der Krönung des Herzogs von Clarence als König Wilhelm l V. im I. 1831 war er in London, doch das Volk unterließ auch hierbei nicht, durch die verschiedene Art, wie cs ihn und seinen liberalen Bruder, den Herzog von Sussex, empfing, seine Abneigung und Zuneigung auf die unzweideutigste Weise zu erkennen zu geben. Inwieweit sich der Herzog an den weitgreifendcn Planen der Orangelogen zs. d.), deren Großmeister er war, bctheiligk, ist unentschieden; im I. 1830 mußte er öffentlich seinen Austritt aus dem Vereine erklären. Da man schon seit längerer Zeit den Herzog im Allgemeinen als den Thronfolger in Hannover betrachtete, so war man hier wegen seiner politischen Ansichten nicht ohne Bcsorgniß für das neue Staatsgrundgesctz von 1833. Diese Besorgnisse milderten sich indeß einigermaßen, als er bei seiner Rückkehr aus England im Frühjahre >830 auch durch Hannover kam und durch Freundlichkeit viele Ängstliche für sich gewann; allein im vollen Maße erwachten sic wieder, als der Herzog im folgenden Winter, wo er abermals in Hannover war, gerade in der Stunde abreiste, in welcher die Stände sich versammeln wollten, und nach Derneburg, dem Gute des Grafen von Münster, ging. Als am 2». Juni >837 der König Wilhelm lV. starb, befand sich der Herzog in England; doch reiste er sofort nach Deutschland ab, nachdem er vorher noch eine Zusammenkunft mit den Häuptern der Torypartei gehabt hatte. Seine ersten Ncgentcnhandlungcn waren die Vertagung der Ständeversammlung und das Patent vom 5. Juli, in welchem die Ncchtsbestän- digkcit der Verfassung in Zweifel gestellt wurde, worauf dann die Auflösung der Ständevcr- sammlung und die Aufhebung des Grundgesetzes folgten. (S. Hannover.) Die Hoffnung des Königs auf de» engl. Thron wurde weiter hinausgerückt durch die Vermählung der Königin Victoria und noch weiter durch die Geburt einer Prinzessin und des Prinzen von Wales. Im 1.1840 feierte er seine silberne Hochzeit; doch schon am 20. Juni >841 starb seine Gemahlin, deren Verlust er lange Zeit in gänzlicher Zurückgezogenheit beklagte. Im I. 1843 unternahm er eine Reise nach England, wo er der Königin den Unterthaneneid leistete. Sein freundschaftliches Verhältniß zu de», prcuß. und braunschwcig. Hofe wurde neuerdings in Folge der Zollverhältniffe gestört. Erholung von den Staatsgeschäften gewährt ihm namentlich die Jagd.— Sein einziger Sohn, der Kronprinz Georg Friedrich Alexander Karl Ernst August, gcb. am 27. Mai >810, leidet an fast gänzlicher Blindheit. Er führte während der Abwesenheit seines Vaters in England die Regierung und vermählte sich am l O.Fcbr. > 843 nür dcrPrinzessin M aria von Sachsen-Aitenburg, geb.am I L.Apr. >8 >3. Ernst Kasimir, Graf von Nassau, Katzencllcnbogcn, Vianden und Diez, der Stifter der diezcr Linie, war der fünfte Sohn des Grafen Johann des ältern von Nassau und der Elisabeth von Leuchtcnberg, und >3,78 zuDillcnburg geboren. Er trat in niedcrländ. Kriegsdienste, gerieth aber gleich anfangs bei Gelegenheit des Treffens unweit Dinslaken in span. Gefangenschaft. Durch ein Lösegcld von > 0000 brabant. Fl. befreit, nahm er dann unter dem Grafen Moritz von Nassau-Oranien an der Eroberung von Rheinbergen und Lingen sowie an dem Feldzüge gegen die Spanier Theil und kämpft« 1000 tapfer mit in der Schlacht X- 72 Erustfener Eroberung bei Nicuport. Im I. 160« wurde er nicberländ. Fcldmarschall und in demselben Jahre eroberte er die Stadt Lochcm. Seit 1620 war er Statthalter von Westfricsland, und >625 wurde er auch Statthalter von Groningen, Omeländc und der Landschaft Drenthe. Nach Ablauf des nicberländ. Waffenstillstands im I. I62l kämpfte er aufs neue gegen die Spanier, eroberte >622Bcrgen opZoom und Steenbcrgen, schützte >623Emden gegen Tilly und zeichnete sich noch bei andern Gelegenheiten in diesem Kriege aus, bis er >632 vorRoer- mondc blieb. Sein ältester Sohn, Heinrich Kasimir, folgte ihm in der Statthalterschaft von Friesland und Groningen. Erustfener, s. Kunstfeuer. Ernte. Unter Ernte versteht man alle die Arbeiten, welche zur Einbringung der Gewächse von Feldern und Wiesen nothwendig sind. Als leitender Grundsatz hierbei gilt, daß die Gewächse in dem angemessensten Zustande ihrer Reife ab- und in der möglichst kürzesten Zeit cingcbracht werden, weil nachthcilige Witterungseinflüffe leicht die Gewächse verderben können. Außerdem wird der Erfolg der Ernte noch abhängig von der Wahl des Zeitpunkts derselben und von der Vornahme der Erntearbeitcn. Was den richtigen Zeitpunkt der Ernte anlangt, so dürfen alle Körnerfrüchte auf dem Stengel nicht total reif werden, weil sonst der Körnerverlust zu groß ist und sich auch die Qualität des Korns verringert. Die Erntearbeitcn kann man abthcilen in das Abnehmer, der Gewächse vom Boden, in das Trocknen, Absahren und Aufbewahren. Man bringt die Pflanzen in einem verschiedenen Zustande ihrer Ausbildung ab, je nachdem man sie der Blätter, Wurzeln, Blüten oder Körner halber anbaut. Körnerfrüchte werden theils mit der Sense, theils mit der Sichel, Futtergewächse nur mit der Sense abgcbracht. Zum Trocknen läßt man gewöhnlich die abgcmähtcn Pflanzen eine Zeit lang auf dem Boden liegen, wendet sie auch, wenn sie viel Unkraut bei sich haben, oder wenn ungünstige Witterung cinfällt. Sobald sie trocken sind, werden sic in Garben gebunden und entweder sogleich cingefahren oder in Mandeln, Haufen oder Feimen gesetzt und noch einige Tage auf dem Acker stehen gelassen. Das Aufbewahrer, des Getreides und der Futterpflanzen geschieht theils in Scheunen und auf Böden, tkreils im Freien in Feimen (s. d.). Eroberung, d. h. die Erwerbung durch die Gewalt der Waffen, gibt an sich kein Recht, sondern ist ein factischer Zustand, durch Gewalt begründet, und nur so lange dauernd als die Gewalt, durch welche er hervorgebracht ist. Daher wird auch Alles, was durch Eroberung erworben oder ausgestellt worden ist, erst durch den Frieden, d. h. durch die persönlich freie Einwilligung des andern Theils, oder durch Verzichtleistung des bisherigen Berechtigten in Recht verwandelt. Auch der längste Besitz, Jahrhunderte hindurch fortgesetzt, kann an und für sich das durch bloße Gewalt unterdrückte Recht nicht vernichten und den Bethci- ligten eine Pflicht auflegen, welche nicht auf andere Weise begründet ist. Selbst die Anerkennung anderer Staaten gibt dem Eroberer kein stärkeres Recht, indem in derselben nichts weiter enthalten ist als die Erklärung, daß man sich dem Zustande, wie ihn die Waffengewalt herbeigeführt hat, nicht weiter «übersetzen wolle. Wenn die Umstände sich ändern, so hält man sich auch an diese Erklärungen nicht weiter gebunden. Daher legte Napoleon nicht ohne Grund einen so großen Werth auf die förmliche Entsagung der Bourbonischen Dynastie, welche aber von Ludwig XVIll. ebenso standhaft verweigert wurde als von den aus England vertriebenen Stuarts zu Gunsten des Hauses Hannover. Von Wichtigkeit ist hierbei die Anerkennung des Volks, und die auf diesem Wege herbeigeführtc Befestigung eines der Vernunft gemäßen Verhältnisses; denn da das Volk schuldig ist, eine bürgerliche Ordnung und eine öffentliche Gewalt unter sich zu stiften, so ist es auch berechtigt, der Gewalt, welche wirklich vorhanden und thätig ist, Gehorsam zu leisten und sic mit den Rechten der Negierung zu bekleiden. Die Handlungen einer solchen factische» Negierung sind dann wahre Regierungshandlungen; sie bringen rechtliche Wirkung hervor und können zwar auf verfassungsmäßigem Wege abgeändert werden, allein die durch sie erworbenen Rechte sind, wenn nicht besondere Gründe hinzukommen, ebenso wie andere als wohlerworbene zu achten. Werden sie ohne solche hinreichende Gründe wieder aufgehoben, so ist dafür Entschädigung ebenso zu leisten, wie in Fällen, wo Handlungen einer rechtmäßigen Negierung zurückgenommen werden. Wie weit das Recht der Eroberung geht, kann nach dem obigen Grundsätze gar Eros Erpenius 76 nicht i» Frage kommen; denn da Eroberung an sich kein Recht gibt, so kommt auch nur darauf etwas an, wie weit die Anerkennung der Bethciligten geht; diese aber hat keine andern Grenzen als die, welche in dem Hähern Zwecke der Staatsverbindung überhaupt gegeben sind. Die Eroberung kann sich daher wol auf Staatsgüter und Staatscapitalien erstrecken, und zwar in der doppelten Beziehung, daß die durch Eroberung eingesetzte Regierung darüber verfügen kann, und der Rechtsbestand dieser Verfügung nur von Beobachtung der verfassungsmäßigen Formen abhängt; ferner daß der Eroberer Staatsgüter und Capitalien auch von dem eroberten Lande selbst trennen kann, wie Napoleon sich die Domainen eroberter Provinzen Vorbehalten und von Denen, welchen er die Souverainetät überließ, besonders bezahlen ließ. Alles dies gilt aber nur insoweit, als Anerkennungen der Betheiligten hinzukommen; indeß sind die von dem Eroberer während seines Besitzes getroffenen gesetzlichen Einrichtungen unstreitig für wahre Handlungen der Staatsgewalt zu achten, bis sic durch andere Gesetze wieder aufgehoben worden sind. Eros, s. Amor und Anteros. Erotlkcr heißt, der Etymologie nach, jeder Verfasser einer Schrift, die über die Liebe handelt, jeder Schriftsteller, der sich die Liebe zum Stoffe wählt; jedoch belegt man in der griech. Literatur vorzugsweise die Claffe der Romanschriftsteller und der Verfasser der sogenannten Milesischcn Märchen mit diesem Namen. Sie gehören sämmtlich den später» Perioden der griech. Literaten an und leiden an sophistischer Spitzfindigkeit und überladenem Nedcschmuck, theilweise auch an dem Mangel züchtiger Darstellung. Die vorzüglichste» sind Ach illes Tatius (s. d.), Heliodor (s. d.), Longus (s. d.), ikenop hon von Ephe- susss.d.), Chariten (s. d.) und Parthenius (s. d.). Herausgegeben wurden sie von Mitscherlich in den „8c>i;>tolos eiotici j;ruLc." (3 Bde., Zweibr. 1792 — 93s und von Pas- sow in scrij>t»e»in erotion'iini gnsec." (2 Bde., Lpz. 1823 — 33), das aber nur den Parthenius und st'enophon von Ephesus enthält. Erotisch nennt man Alles, was auf Liebe Beziehung hat. Erotische Poesie ist demnach so viel als Liebespoesie, eine leichtere lyrische Gattung, die sich mehr zum Spiel als gtim Ernst neigt, wie z. B. Anakreon's Lieder. Naivetät, die aber freilich leicht in inhaltleere Spielerei ausartet, ist ihr Hauptcharakter. Vieles Treffliche der Art findet sich unter den Gedichten des schwäb. Zeitalters und bei den deutschen Dichtern des 17. Jahrh. Auch die meisten neuern Dichter Deutschlands haben den erotischen Scherz nicht verschmäht. Doch vorzüglich reich an dergleichen Poesien ist die franz. und ital. Literatur. Erotomanie, seiner griech. Abstammung nach so viel als Liebeswahnsinn, ist eine Form von Gemüthskrankheit, in welcher sich der Geist des Kranken unaufhörlich niit irgend einem Gegenstände beschäftigt, dem er seine Liebe zugewendet hat. Diese Liebe ist jedoch keine begehrende, da sie oft Gegenstände betrifft, die keiner Gegenliebe fähig sind, z. B. Statuen. Zuweilen versetzt die Gegenwart des geliebten Gegenstands einen solchen Kranken in Entzücken, während ihn die Abwesenheit desselben in Trübsinn versinken läßt; in andern Fällen bemerkt der Kranke die Abwesenheit seiner Gottheit nicht und fährt fort, sich mit ihr zu beschäftigen, als ob sie gegenwärtig wäre, was jedoch stets in den Grenzen des Anstands bleibt. Die Ursache dieser Krankheit, die fast nur bei jugendlichen Individuen vorkommt, liegt in einem reizbaren Nervensysteme und einer zuerst willkürlichen fehlerhaften Richtung des Ge- müthslcbens, welches sich der Herrschaft des Verstandes gänzlich entzogen hat. Eine unrichtig gewählte Lectüre kann viel dazu beitragen. Gewöhnlich beobachtet man diese Krankheit; wenn ein Jüngling oder eine Jungfrau in die Jahre übergetreten sind, in denen die Natur einen innigern Verkehr mit dem andern Geschlcchte sodert, ohne daß sie jedoch für ihr Herz Und ihre Sinne Befriedigung gefunden haben. In Klöstern, besonders Nonnenklöstern, kommt sie häufig vor. Sie unterscheidet sich von Nymphomanie und Satyriasts dadurch, daß bei ihr keine physischen Aufreizungen stattfinden, und von der rasenden Liebe, dem mnvr ü>- 8mms der Alten, daß letztere nur eine Leidenschaft bezeichnet, die sich nicht bezähmt, jedoch noch keine wirklich krankhafte Unfreiheit des Geistes bedingt. Ist die Krankheit rein, so kann durch klug und passend gewählte Zerstreuungen, z. B. Musik, durch Veränderung des Aufenthalts und der Lebensart, viel zu ihrer Heilung gethan werden. Erpenmö (Thomas), eigentlich van Erpen, einer der gelehrtesten Orientalisten, tz>c> 74 Erpressung Erratische Felsblöcke « S'§- l?>Z KL geb. zu Eorkum in Holland am 7. Sept. 1582, studirte zu Leyden Theologie, aufScaliger'S Zureden aber zugleich cisrigst die oriental. Sprachen. Nachher besuchte er England, Frank- reich, Italien und Deutschland. Mit besonderer Freundschaft nahm ihn der berühmte Casau- bonus in Paris auf. In Frankreich erlernte er das Arabische, in Venedig das Persische, Türkische und Äthiopische. Nach vierjährigen Reisen kam er 16 l 2 nach Holland zurück und wurde Professor der arab. und andern oriental. Sprachen, mit Ausschluß der hebr., für welche eine eigene Professur bestimmt war. Als 1610 eine zweite Professur des Hebräischen zu-Lcy- den errichtet wurde, übertrug man dieselbe E-, der bald nachher auch das Amt eines oriental. Dolmetschers bei den Generalstaaten erhielt. Die gelehrtesten Araber bewunderten die Eleganz, mit welcher er sich in ihrer Sprache, die so reich an Feinheiten ist, auszudrücken wußte. Sein Ruf als gründlicher Kenner des Arabischen war so verbreitet, daß er wiederholt vom Könige von Spanien den Auftrag erhielt, Inschriften an den maurischen Gebcncden und Denkmälern zu erklären. Seine Werke stehen noch jetzt in Ansehen. Er starb am I 5. Nov. 1622. Nächst seiner „lürammutica arab." (Lcyd. 1631 und öfter) und den „limbmoiita iiuguae arab." (Leyd. 1620) ist besonders seine Ausgabe von El Mazin's „llisturia sara- oenicn" (Lcyd. 1625, Fol.) bekannt. Erpressung, ein Verbrechen, dessen Umfang in den neuern deutschen Strafgesetzgebungen sehr erweitert worden ist, kann im Allgemeinen als die Abnöthigung eines Vvr- theils durch Vorwand oder Misbrauch eines zustchcnden Rechts bezeichnet werden. Früher pflegte dieses Verbrechen nur in dem enger» Sinne aufgefaßt zu werden, wornach es von Beamten verübt wird, und als solche- heißt cs gewöhnlich Concussion (s. d.), obwol schon das preuß. Landrecht die letztere Bezeichnung ohne weitere Begrenzung allgemeiner gebraucht. Die neuern Gesetzgebungen dehnen das Verbrechen auf die Anwendung körperlicher Gewalt oder Bedrohung mit Gefahr für Leib oder Leben, mit Klagen, Denunciationen, einige auch auf ditz mit andern Nachthcilcn ans und setzen in den schwerer» Fällen die Strafen des Raubs, in den geringem die des Diebstahls darauf. Erratische Felsblöcke sblocs er,u»ts), auch Findlinge, nc»»t man »ach Alex. Brongniart (s. d.) die Fclsblöckc und großen Geschiebe, welche sich weit von ihrer ursprünglichen Heimat auf der Erdoberfläche vorfindcn. So liegen auf dem den Alpen zugekehrtcn Abhange des Jura eine Menge Felsblöcke, die aus den höchsten Gegenden der Alpen stammen; ebenso finden sich in Holland, Dänemark, Norddeutschland, Preußen, Licfland und Polen eine zahllose Menge Felsblöcke, von denen erwiesen ist, daß sie im nördlichen Schweden und Rußland ihre Heimat haben. Die Größe derselben ist oft außerordentlich; so findet sich bei Averdun im schweizer Canton Waadtland ein Granitblock von 50 F. Länge, 20 F. Höhe und 20 F. Breite; einer in Mecklenburg hat 28F. und ein anderer aufFünen 22F. Länge. Solche Blöcke von den verschiedensten Größen bis zu vielen tausend Centncrn im Gewicht sind gar nicht selten, und kleinere in unzähliger Menge vorhanden. Sie sind nicht etwa sehr abgerundet und stumpfcckig wie weither angcrollte Geschiebe, sondern meist scharfkantig, ohne besondere Spuren von Abschleifung. Bemerkenswcrth ist nächst ihrer Menge, Größe und Scharfkantigkeit die regelmäßige Ablagerung der erratischen Felsblöcke. Am Jura liegen sic stets da am häufigsten und höchsten, wo gegenüber die Ansmündung eines großen Älpenthals zu finden ist. Die Verthcilung der nordischen Felsblöcke in parallele, von Nordost nach Südwest streichende Züge, ihre fast gänzliche Abwesenheit in freien und flachen Landstrichen, und dagegen ihre gewaltsame Aufthürmung auf den nach Nordost gekehrten Abhängen der Hügel - und Bcrgreihen beschrieb Nazumowski schon im I. >810, was durch die Untersuchungen Hausmanns, Brongniart's, Brückner's n. A. bestätigt worden ist. Daß die Alpentrünnncr am Jura durch eine ungeheure, aus der Mitte der Alpenkctte hcrvorbrechende Flut sortgerissen und von dem Abhange der Jurakctte aufgefangcn wurden, wird nach Buch's und Escher's Untersuchungen als erwiesen angesehen. Das Phänomen der nordischen Felsblöcke findet in einem weit größern Maßstabe und unter Verhältnissen statt, welche die Erklärung desselben etwas schwieriger machen, weshalb auch hierüber verschiedene und zum Theil abenteuerliche Hypothesen aufgestellt worden sind. Wenn auch jetzt ihr Ursprung ans den Gebirgen Skandinaviens erwiesen ist, so bleibt doch ihr Transport aus einer Entfernung von >50 M., und zwar über die Ostsee hinweg, ein Räthsel, dessen Lösung man durch die Annahme großer Erregungstheorie 75 Züge von Treibeis, ja selbst von Treibholz versucht hat. Durch Brongniart's und Sefström's Untersuchungen in Schweden ist cs sehr wahrscheinlich geworden, daß auch die nordischen Blöcke durch eine ungeheure Flut in die südlicher» Gegenden geführt und zerstreut wurden. Durch A gassi z (s. d.) wurde neuerdings auf die Wichtigkeit der Gletscher- und Eisbildung für Erklärung des Transports solcher Massen aufmcrksani gemacht. (S. Gletscher.) Errcgungstheorie nennt man gewöhnlich das System der Heilkunde, welches I. Brown (s. d.) aufstellte. Znfolge desselben entsteht das Leben durch die Thätigkeit der Erregbarkeit (iuoitaliilitas), deren jeder Organismus ein gewisses Quantum besitzt. Sie ist von unergründlicher Natur, hat ihren Sitz im Nervenmarke und den Muskelfasern und ist in allen Theilcn dieselbe, obwol in dem einen Theile stärker als in dem andern. Diese Erregbarkeit wird zu ihrer Thätigkeit (der Erregung, incit-eti«) veranlaßt durch Reize (potestntes üicitimtes), welche theils allgemein, thcils örtlich wirken und in äußere (Luft, Wärme, Nahrungsmittel, Arzneien, Blut, andere aus dem Blute abgesonderte Säfte, Gifte) und innere (Bewegung, Empfindung, Thätigkeit der Denkkrast, Gemüthsbewegungen) cingcthcilt werden. Die Einwirkung der Reize auf die Erregbarkeit gestaltet sich in ihren Folgen so, daß jeder Reiz die Erregbarkeit vermindert, jede Verminderung des Reizes die Erregbarkeit vermehrt, daß desto weniger Reiz ertragen wird, je größer das Maß der Erregbarkeit ist, und umgekehrt, daß ein längere Zeit wirkender geringerer Reiz einem kürzere Zeit wirkenden größer» gleich kommt, daß die Erregung, wenn sie durch einen Reiz gemindert ist, durch einen stärkern Reiz wieder gehoben wird, daß der nämliche Reiz in Theilcn, wo sich mehr Erregbarkeit findet, sowie in denen, aus die er unmittelbar wirkt, eine größere Erregung hcrvor- bringt als in andern, und daß endlich jeder zu heftige Reiz die Erregbarkeit tilgt. DasVer- hältniß der Erregbarkeit zu den cinwirkenden Reizen kann verschieden sein. Das ganz richtige Verhältniß mit etwas mehr oder weniger auf der einen oder der andern Seite ist Gesundheit; ist jedoch die Erregung etwas zu stark vermehrt, so entsteht sthcnische Krankheitsanlage, ist sie etwas zu stark vermindert, asthenische Krankyeitsanlage, tritt ein noch stärkeres Misverhältniß zwischen den beiden Lebcnsfactorcn, der Erregbarkeit und den Reizen, ein, so erfolgt Krankheit. Diese ist entweder örtlich, durch krankhafte Erregung oder einen örtlichen Reiz, oder sie ist allgemein, durch eine krankhafte Erregung, die den ganzen Körper afficirt, entstanden. Die allgemeine Krankheit ist sthcnisch, wenn sie durch zu starke Erregung mittels zu starker Reize veranlaßt wird, asthenisch, wenn die Erregung zu schwach ist, was entweder durch Mangel an Reizen und dadurch angchäufte Erregbarkeit (c1ebiliti»s llireotu) oder durch ein solches die Ursache der sthcnischen Krankheit noch übersteigendes Übermaß der Reize, daß zu viel Erregbarkeit entzogen wird (clelnliti»« inrlireet-,), cintritt. Die Ursachen der allgemeinen Krankheiten sind die schon angeführten Reize, welche entweder zu stark oder zu schwach wirken. Die Verschiedenheit der Krankheiten wird durch die verschiedenen Grade der Erregung und durch die Theile, die vorzüglich angegriffen sind, bedingt. Die Beurtheilung des Todes ergibt sich aus dem Vorhergehenden von selbst. Die Federungen an die praktische Medicin sind nun folgende. Um die Gesundheit zu erhalten, suche man das angemessene Verhältniß zwischen der Zulassung der Reize und der vorhandenen Erregbarkeit zu bewahren, überhaupt aber gebrauche man so wenig Reiz als möglich, wobei durch Gewöhnung viel gethan werden kann. Bei der Krankheit selbst ist auf die Heilkraft der Natur gar nichts zu geben, man suche vielmehr die Ursachen zu erforschen, um zu erkennen, ob die Krankheiten stheuischer oder asthenischer Natur sind. Bei sthcnischen Krankheiten suche man die zu starke Erregung durch Entziehung der Reize zu mindern, bei asthenischen mit dirccter Schwäche wende man zuerst schwächere, dann stärkere, mit indirekter Schwäche zuerst solche, die dem kraukmachenden Reize an Stärke nahe kommen, dann nach und nach schwächere Reize an. Die beiden Extreme in der Reihe der Arzneimittel sind Aderlaß als stärkstes reizminderndes und Opium als stärkstes reizmachcndes Mittel. Übrigens richtet sich die Wahl und Gabe der Mittel nach dem Grade der Scheine oder Asthenie der vorliegenden Krankheit. Dies die reine Theorie, wie sie Brown aufstellte. Wenig Anhänger gewann dieselbe in England, rnehr in Italien, die meisten in Deutschland. Hier wurde sic l 799 bekannt und zuerst 1797 von Weikard ausführlich dargestellt, von Röschlaub aber 1798 geistvoll bearbeitet und besonders gegen Hufeland's, Cappel s und Slicgiitz's Angriffe aufrecht erhalten. Unter ihren 76 Ersch Erscheinung Hauptanhängern ist Jos. Frank (s. d.) zu nennen. Wenige jedoch nahmen das Brown'sche System unverändert an; die meisten faßten nur die Grundidee auf und errichteten auf ihr ein neues System, sodaß zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts eine Menge Erregungstheorien erstanden, welche zum größten Theil, wenn nicht schon bei Lebzeiten, doch mit dem Tode ihrer Schöpfer wieder verschwanden. Vgl. Hecker, „Die Heilkunst auf ihren Wegen zur Gewißheit" (3. Aust., Gotha 1818). Ersch (Joh.Sam.), derBegründer der neuern deutschen Bibliographie, geb. zuGroß- glogau in Niederschlcsien am 23. Juni 1766, zeigte schon auf der Schule entschiedenen Sinn für Bücherkunde. Diese Neigung wurde zu Halle, wo er sich anfangs zwar der Theologie, sehr bald aber den historischen Wissenschaften widmete, durch die Benutzung der Universitätsbibliothek noch mehr angeregt und erhielt zunächst durch Meusel's „Gelehrtes Deutschland", an welchem er bald einer der thätigsten Mitarbeiter wurde, die besondere Richtung auf die neueste Zeit. Nächst dem literarischen Fache wurde durch die nähere Verbindung, in welche er mit Professor Fabri kam, das geographische sein Lieblingsstudium. Mit Fabri ging er 1786 nach Jena, um dort mit demselben die schon in Halle angefangene „Allgemeine politische Zeitung für alle Stände" herauszugeben, welche nachher in Hammerdörfer's Hände kam. Letzterer und Fabri vcranlaßten ihn zur fortwährenden Theilnahme an mehren geographisch-statistischen Arbeiten und ermunterten ihn auch zur Herausgabe des „Repertorium über die allgemeinen deutschen Journale und andere periodische Sammlungen für Erdbeschreibung, Geschichte und die damit verwandten Wissenschaften" (3 Bde., Lemgo 1790 — 92). Durch Fabri wurde er im Schütz'schen Hause eingeführt, und Schütz und Gottlieb Hufeland erkannten in ihm den Bibliographen, der zur Ausführung ihrer Idee, ein allgemeines Repertorium der Literatur mit der Allgemeinen Literaturzeitung herauszugeben, recht eigentlich geschaffen war. In diesem mühevollen Werke (8 Bde., Jena, nachher Weimar 1793 — 1809)vcrzeichncte er die Literatur von drei Quinquennien (1785—1800) und zwar nicht nur sämmtliche während jener Zeit einzeln erschienene Schriften, sondern selbst alle inJournalen und andern periodischen Sammlungen abgedruckte kleinere Abhandlungen in seltener Vollständigkeit und Genauigkeit und nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Plane mit Nachweisung sämmtlicher Recensionen, deren billigende oder misbilligcnde Ur- theile durch besondere Zeichen angegeben wurden. Zugleich beschäftigte ihn der große Entwurf eines „Allgemeinen Schriftstellerlexikon der neuern Zeit", den er später darauf beschränkte, die neueste Literatur der enrop. Nationen einzeln zu behandeln. Behufs dieser Arbeit ging er zu großem Vortheil für seine literargeschichtlichen Studien nach Göttingen, wo ihn das Anerbieten eines Hamburger Freundes traf, die Nedaction der „Neuen Hamburger- Zeitung" zu übernehmen, welche er mit Anfang des I. 1795 antrat. Hier war seine Zeit, als Zeitungsschreiber und Mitarbeiter an den Archenholz'schen Zeitschriften, wiederum zwischen Bibliographie und Geographie und neuester Geschichte getheilt. In dieser Zeit erschien von ihm „I.a krunce littersire" (3 Bde., Hamb. 1797—98), dem zwei Supplementbände (1802 und 1806) folgten. Im I. 1800 wurde er nach Jena als Theilnehmer an der „Allgemeinen Literaturzeitung" zurückberufen und erhielt noch in demselben Jahre das dasige Bibliothekariat. Drei Jahre später folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor der Geographie und Statistik nach Halle, wo er 1808 auch Obcrbibliothekar wurde. Hier unternahm er das „Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte deS 18. Jahrh. bis auf die neueste Zeit" (4 Bde. in 8 Abthl., Lpz. 1812—>4; 2., von Böckel, Puchelt, Koppe, Schweigger-Seidel, Rese und Geißler besorgte Ausl., Lpz. >822—40) und in Verbindung mir Grubcr die „Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste" (Lpz. >818 fg., 4.). Durch ersteres Werk hat er die neuere deutsche Bibliographie im eigentlichen Sinne des Worts zuerst technisch begründet, und die Vollständigkeit, Genauigkeit, Anordnung und innere Einrichtung desselben machten cs auf immer zu einem Muster, wie die Literatur einer Nation geordnet werden muß; das letztere leitete er bis zu seinem Tode mit Umsicht und Thätigkeit. Auch hatte er als Mitredacteur an der halleschen „Allgemeinen Literaturzeitung" vielfachen und wirksamen Antheil. Er starb zu Halle am l 6. Jan. > 828. Erscheinung im weiter» Sinne nennt man Alles, was in der Reihe der Veränderungen sich der Wahrnehmung darbietet. Es liegt also diesem Begriffe die Unterscheidung Erfische Sprache Erskine 7? zwischem Dem, was die Dinge in Wahrheit sind und den veränderlichen und vorübergehenden Formen, unter welchen sie sich darstellen, zu Grunde. Da nun die Erscheinungen nicht schlecht» hin für nichts erklärt werden können, sondern Etwas, was erscheine, voraussehen, welches sich selbst, aber als ein Anderes, als was cs ist, in der Erscheinung zu erkennen gibt, so ist dieser Gegensatz zwischen Schein und Wesen, Sein und Erscheinung zu allen Zeiten das allgemeinste Motiv des höher» metaphysischen Denkens gewesen, und die Frage: wie das Verhält- niß zwischen Dem, was ist, und Dem, was erscheint, zu denken sei, ist in den verschiedenen metaphysischen Systemen auf die verschiedenste Weise beantwortet worden. (S. Metaphysik.) Erfische Sprache oder Irische Sprache heißt die dem Galischen verwandte Mundart. (S. Kelten.) Erskine (Thomas, Lord), einer der ausgezeichnetsten Advocaten Englands, der dritte Sohn des schot. Grafen Buchan, dessen Familie dem brit. Staate so viele bedeutende Männer gegeben, war am 21. Jan. 17 50 geboren. Im Alter von > 8 Jahren verließ er die Universität und trat in die Marine, dann in ein Landregiment. Mit 21 Jahren beging er die Unvorsichtigkeit, ohne eine gesicherte Lage sich zu verheirathen. Nach längerm Schwanken in der Wahl eines Lebenßberufs schon Familienvater, begann er im Alter von 28 Jahren das Studium der Rechte. In der Praxis übte er sich unter der Leitung des berühmten Advocaten Buller und wurde >778 unter die Barrister ausgenommen. Seinen ersten Proceß führte er für den Capitain Baillie, der die Misbräuche in der Marineverwaltung rücksichtslos anfge- deckt hatte und deshalb als Libellist angeklagt worden war. Er errang in demselben als Sachkenner wie als Sachwalter den glänzendsten Sieg und begründete damit seine ruhmvolle Laufbahn; er hatte bewiesen, daß er die zwei großen Eigenschaften eines glücklichen Advocaten, Beredtsamkeit und Unabhängigkeit, vollkommen besaß. Die bedeutendsten politischen Proccsse, die damals die Negierung mehr aus Verfolgungssucht als aus Gerechtigkeitsgefühl einleitcte, wurden ihm nun übertragen. So führte er den Proceß Lord Gordon's, der des Hochvcrraths beschuldigt war, weil er den Aufstand gegen die Katholiken zu London ^ im I. >780 nicht unterdrückt hatte, den des Thom. Hardy und des Horne Toocke. In dem Processr des wegen Libells angeklagten Buchhändlers Stockdale im J. 1789 bewies er, daß die Geschworenen nicht allein den Spruch über das Factum der Verbreitung der Schrift, sonder» vorerst darüber zu fällen hätten, ob die Schrift überhaupt ein Libell sei. Wicwol seine Erläuterung damals keine Folgen hatte, wurde die Rechtsfrage fortan doch nach dieser Ansicht entschieden und der Preßfreiheit dadurch ein großer Vorschub geleistet. Der Prinz von Wales hatte ihn zu seinem Generalprocurator ernannt, als er aber 1792 die Vertheidi- gung des Thom. Payne, des Verfassers der berühmten demagogischen Schrift „kigbts «5 man" übernahm, mußte er dieses Amt niedcrlegen, doch wurde er durch den rühmlichen Namen, den er sich in dieser Sache erwarb, reichlich für den Verlust der Würde entschädigt. Jm J. 1899 führte er den berühmten Proceß des bekannten Hardsield, der im Wahnsinn nach dem Könige geschossen hatte. Als Parlamentsmitglied, seit 1783, als Pair von Schottland, seit 1896, und als Lordschatzkanzlcr während der kurzen Verwaltung Grenville's rechtfertigte er weniger sein ausgezeichnetes Talent, das er an den Schranken deS Gerichtshofs bewiesen hatte; doch betheiligte er sich in der Berathung über die Rechte der Jury, verthei- digte feurig das Gesetz gegen Ehebruch, sprach 1898 für die irischen Katholiken und reichte 1814 eine Petition von 89 Geistlichen um Aufhebung des Sklavenhandels ein. Abgesehen von der Discussion über die Apanage der Herzoge von Clarence und Cambridge imJ. 1818, gehörte er unausgesetzt zur Oppositionspartei und führte nicht selten lebhafte Angriffe gegen die Ministeriellen. Auch als Schriftsteller that er sich hervor; seine kleine Schrift „Vien? on tk« csnsos soll consequences ok tke present nnr" (1789) erlebte ihrer Freisinnigkett wegen 48 Auflagen. Er hatte darin die Principien der franz. Revolution anerkannt, trat aber sogleich an die Spitze eines Freicorps, als der Krieg mit Frankreich auszubrechen drohte. Nach dem Frieden von Amiens ging er mit Fox nach Paris, wo ihn der erste Consul mit großer Geringschätzung behandelte. Gegen Ende seines Lebens veröffentlichte er eine Schrift zu Gunsten der Griechen und ein Gedicht auf den Ackerbau. Er starb am 17. Nov. 1823 z« Almondale bei Edinburg. Seine berühmten Reden vor Gericht erschienen unter dem Titel „8peeclies oo subjocts connecteci rvitii tlie libert^ of tire press snck apaiust treasons" -VH' 78 Erstgeburt Ertrinken (6 Bdt., Lond. I50Z). — Die Würden des V aters gingen auf seinen zweiten Sohn, David M o n t a g u E., über, der als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister am bair. Hofe in Deutschland bekannt worden ist. — Henry E., der Bruder des Obigen, geb. 17 tö, gcst. 1817, hat sich ebenfalls durch seine Bercdtsamkcit im Parlamente, wie vor den schot. Gerichtshöfe» als Sachwalter hcrvorgethan. Erstgeburt oder Primogenitur. Das Vorzugsrecht des Erstgeborenen bei der Erbfolge ist eine sehr alte aus der Ansicht vom Sammteigcnthum hcrvorgcgangcnc Gewohnheit, welche sich von andern Erbfolgcarten dadurch unterscheidet, daß nicht, wie bei den M a- jo raten (s.d.) im cngcrn Sinne, der Älteste unter den dem Grade nach am nächsten stehenden, noch, wie beim Scniorat, der Älteste des ganzen Stamms, sondern jedesmal der Älteste der ältesten Linie zur Erbfolge gelangt. Nach den Gesetzen dieser Primogenitur (s. Erbfolg c) ist jetzt fast in allen europ. Neichen die Thronfolge geordnet. Im Deutschen Reiche stellte zuerst die Goldene Bulle Kaiser Karl's IV. >356 die Primogenitur für diejenigen weltlichen Territorien, auf welchen die Kurwürde ruhte, fest, und erst später wurde dieselbe auf die übrigen Lande der Kurfürsten, und zwar zuerst 1375 im brandenburgischen Hause, welches dadurch hauptsächlich den Grund zu seiner nachherigen Größe legte, ausgedehnt und auch bei den andern weltlichen Neichsfürsten durch Hausgesctze cingeführt; doch haben noch im l7.Jahrh. manche fürstliche Häuser einen Fluch darauf gesetzt, wenn einer ihrer Nachkommen das Recht der Erstgeburt feststellen wolle, da man es mit dem biblischen Spruche hielt: „Sind wir dann Kinder, so sind wir auch Erben." Ersticken ist eine Todesart, welche stets durch eine Störung der Respiration und plötzliche Hemmung des Kreislaufs bedingt wird. Sie erfolgt entweder durch verhinderte Ausdehnung der Lungen, also das Zusammendrücken der Brust, Wasser in der Brusthöhle, oder gewaltsame Öffnung der Luftwege, wobei die für die Ausdehnung der Lungen bestimmte Luft auf einem andern Wege entweicht, wie bei Stichen durch die Lunge, Durchschneidung Her Luftröhre, durch Verschließung der Luftwege und zwar entweder Verstopfung, die z. B. auch beim Ertrinken (s. d.) stattsindet, oder durch Zuschnürung von außen, Strangulation, durch Entziehung der zur Respiration nöthigcn Luftart, Aufenthalt in irrespirabeln Gasarten (s. d.) oder im luftleeren Raume, so weit sich dieser Herstellen läßt. Bei alle» diesen Todesartcn findet man im Körper fast dieselben Resultate, die Zeichen des gehemmten Lungenkreislaufs, der Überfüllung der Lungen, des Herzens, der Blutadern, oft auch des Gehirns mit Blut. Die inner» Vorgänge bei dem Erstickungstodc sind sehr complicirt. Vgl. Bichat, „Physiologische Untersuchungen über Leben und Tod" (deutsch, Tüb. > 802). Weil jedoch bei jedem Erstickungsfalle erst ein Zustand des Scheintodes (s. d.) dem wirklichen Tode vorausgeht, der ziemlich lange dauern kann, so werden Erstickte der Gegenstand vieler Belebungsversuche, welche damit beginnen müsscn, das Hinderniß der Respiration, welches gewöhnlich leicht zu erkennen ist, hinwegzuräumcn. Ertrag, s. Einkommen, Rente und Arbeitslohn. Ertrinken, eine der häufigsten gewaltsamen Todcsarten, wird dadurch herbeigeführt, daß durch Verschließung der Mund- und Nasenöffnungcn mit einer tropfbaren Flüssigkeit der Zutritt der atmosphärische» Luft zu den Lungen gehindert und die freie Respiration bis zum Erlöschen des Lebens unterbrochen wird. Das Leben wird entweder apoplektisch, d. h. durch eine hinzutretcndc Überfüllung der Blutgefäße des Gehirns und dadurch bedingte Lähmung dieses Organs, oder suffocatorisch, d.h. durch Unterbrechung der Function und dadurch hcrbeigcführte Lähmung der Lungen, zerstört. Oft verbinden sich beide Todesarten; erste« jedoch tritt gewöhnlich ein, wenn der Körper sehr erhitzt in die kältere Flüssigkeit kommt und so das Blut plötzlich von der Oberfläche nach dem Innern gedrängt wird. Die dadurch hervorgerufene, oft an und für sich noch nicht tödtliche Betäubung erleichtert dann die letz«« TodeSart und die auf diese Art Ertrunkenen werden nur selten wieder ins Leben zucückgerx- fen. Bei Denen jedoch, deren Lebensäußerungen nur in Folge des Mangels an Luft erloschen sind, ist, wenn die Hülfe zeitig genug kommt, die Wiedererweckung leichter möglich. Vor allen Dingen muß der Körper vorsichtig, ohne an Brust und Unterleib gedrückt zu werden, an die Luft gebracht, völlig entkleidet an einem mäßig warmen Orte auf ein passendes Lager, an heißen Sommertagen auf den Usersand, mit etwas erhöhtem Kopfe gelegt, hier Erweichung Erwiu 79 zuerst der Mund und die Nase von Schleim und Schlamm gereinigt and dann der ganze Körper mit Flanell oder auch mit bloße» Händen frottirt werden. Die übrigen oft der Todesart wegen sehr verschiedenen Wicdcrbclebungsmittcl sind dem Arzte zu überlassen. Höchst schädlich ist cs, den Ertrunkene» auf den Kopf zu stellen oder den Unterleib und die Brust desselben stark zu drücken, was zuweilen in der Absicht geschieht, das übermäßige Wasser aus dem Magen zu treiben. Ebenso darf, wenn auch leichte Hautwärme, leiser Herzschlag und andere Zeichen des wiederkehrenden Lebens da sind, nichts in den Mund gebracht werden, bevor nicht die Respiration vollkommen wicderhergestellt ist. Eine besondere Aufgabe für den Physiologe» ist es, die Vorgänge im Innern des Organismus beim Ertrinken zu verfolgen, sowie der Gerichtsarzt zu untersuchen hat, ob der Körper lebendig oder todt in die Flüssigkeit gekommen ist, in der man ihn fand. Vgl. Orsila und Lesucur, „Handbuch zum Gebrauche bei gerichtlichen Aufhebungen menschlicher Leichname" (deutsch von Güntz, Lp;, l 835). Erweichung (msliicia) heißt in medicinischcr Hinsicht die abnorme Verminderung der Consistenz eines Organs oder der organischen Cohäsion der Elcmcntartheile desselben. Selten dehnt sich dieselbe über das ganze Organ oder über ein ganzes System aus, son- d der» ergreift meist einzelne Stellen. Je nachdem die Krankheit selbständig auftritt oder als h Folge vorausgcgangcner Entzündung sich einstellt, sind die begleitenden Symptome und die ü anatomischen Ergebnisse verschieden. In crsterm Falle ist sie, wenn sie ein inneres Organ e befallen hat, schwer zu erkennen, da sehr oft Functionsstörungen und Abmagerung die einzigen Zeichen des vorhandenen Übels sind, welche aber ebenso gut die Folge anderer Krank- d Heiken sein können, während das ergriffene Organ nach erfolgtem Tode auch nichts weiter le zeigt als die erweichten Stellen, die ein blasses, eingefallenes, gallertartiges Ansehen haben e, und jedem Eindrücke weichen; in lehterm sind Schmerzen und die andern entzündlichen Zei- U chen vorhanden, und die erweichte Stelle zeigt sich »ach dem Tode mehr geröthet und von >g Blut oder Eiter durchdrungen. In diesem Falle ist die Erweichung oft ein Mittel der Heil- kraft der Natur, z. B. bei Knochenbrüchen, deren Wiedervereinigung stets eine Erweichung i- der beiden Bruchcnden vorausgehcn muß. Die selbständige Krankheit bietet der Behand- » lung ebenso viel Schwierigkeit dar, wie der Diagnose, und es ist noch unentschieden, ob Hci- » lung cintreten kann, da man die Krankheit am Lebenden noch nicht gehörig erkannt hat, also m der Glaube an erfolgte Heilung leicht auf einer Täuschung über die Natur des geheilten :s Übels selbst beruhen kann. Die entfernten Ursachen sind alle die, welche überhaupt Schwäche t. und kachektische Zustände herbeiführen. Die Erweichung kann jedes Organ befallen, selbst ). die Nägel, die Oberhaut und die Haare in gewisser Hinsicht. Am meisten hat man beobach- k- tct die Erweichung des Gehirns (enceplmlomulscis), des Rückenmarks (m^ vlomslaciu), des >d Magens (Ai,stromnlncm), besonders bei Kindern, und der Knochen (asteomulaeio). Vgl. n, Hesse, „Über die Erweichung der Gewebe und Organe des menschlichen Körpers" (Lpz. >827). Erwerben heißt in rechtlicher Beziehung Etwas als Eigenthum oder mit irgend einem andern Rechte an sich bringen. Man erwirbt Etwas entweder ursprünglich aus der ct, Hand der Natur (accunisitin originaria), oder aus der zweiten Hand (accjiiisitio secinxkuriu), ül wenn man die Sache von einem früher» Erwerber empfängt, durch Tausch, Kauf, Schen- >is kung, Erbschaft u. s. w., wobei Verhältnisse und Rechte des früher» Herrn (autor) in ver- h. schiedencr Art auf den neuen Erwerber übergehen. Übrigens unterscheidet man den Nechts- h< grund der Erwerbung (titulns scc,,iirencli), d. i. die Erlangung des Rechts an der Sache, ch von der Thatsache der Erwerbung (mollus uc^uironcii). Durch den ersten allein wird in der re Regel keine Erwerbung vollendet, es muß auch die Thatsache, die Besitzergreifung oder Über- »d gäbe, hinzukommen. Nur in einigen besondern Fällen hat oer Nechtsgrund auch die Wir- ir- kung der thatsächlichen Erwerbung. So erwerben Kinder und Enkel die ritterliche Erbschaft re sogleich von Rechtswege», Andere hingegen erst durch Antretung der Erb schaft (s. d.). U- Erwiu, lUaAister kirvinus, Aiibernator iöbricas ecclL5Ü>e ^rgentinensis genannt, lo> aus dem Städtchen Stcinbach in Baden, heißt der Baumeister, dem Bischof Konrad von ch. Lichtenberg den Thnrmbau des Münsters von Strasburg übertrug. Am 2. Febr. 1276 er- wurde der Anfang gemacht mit dem Graben des Fundaments, am 25 .Mai l 277 der Grundes stein gelegt, und trotz der Hindernisse, die Erdbeben und Gewitter hcrbciführten, sah der ier Aroße kunstreiche Meister einen bedeutenden Theil des Unterbaus noch bei seinem Leben voll- 8l> Erycina Erz endet. Doch ist es eine noch unentschiedene Frage, wie viel an dieser herrlichen Facade E.'s ursprünglichem Plane angchört, und ob nicht über dem großen Rundfenster ehemals ein spi- Her Giebel beabsichtigt war an der Stelle des jetzt gerade abschließenden Glockenhauscs. Der Thurm von der Platform an gerechnet, gehört in Entwurf und Ausführung erst dem 15. Jahrh. Auf E.'s noch vorhandenem Grabsteine im kleinen Höschen beider St.-Johanniskapelle wird er Hüttenherr und Werkmeister beim Münster zu Strasburg genannt und der 17. Jan. 1318 als sein Todestag angegeben. Er war Vater eines kunstbegabten Geschlechts. Ein Sohn, Johannes E-, folgte dem Vater in der Stelle eines Werkmeisters bis zum l 8. März 1339; SabinaE., seine Tochter, schmückte den Bau, besonders das südliche Seitenportal, mit Werken ihres Meisels, und Winhing E., ein anderer Sohn E.'s, fand seinen Beruf bei der Collcgiatkirche zu Hafselach, wo sei» Grab das Datum 1330 trug. Vgl. Schreiber's Nachrichten über E.'s Geschlecht in den „Schriften der Freiburger Gesellschaft zu Beförderung der Geschichtskunde" (Bd. >, 1828) und über die ästhetische Bedeutung der Münstcrfacade Goethe's Jugcndschrift „Von deutscher Baukunst" (1773). Der Bau E.'s, von jeher mit Recht als Weltwunder angestaunt, steht zwar in Beziehung auf organische Entwickelung der Massen der strenger» Schönheit des kölner Domentwurfs nach und läßt in stark vorwiegenden Horizontalmotivcn (Galerien, Gesimsen u. s. w.), sowie in dem die Entwickelung unterbrechenden kolossalen Rundfenster einen obwol mäßigen franz. Einfluß erkennen ; allein die Klarheit der Anordnung, der ungekünstelte Neichthum und die hohe Schönheit des Details, endlich die luftige Durchsichtigkeit und Leichtigkeit des Ganzen bei seinen riesigen Dimensionen (200 F. bis zur Platform, wo dann erst der 238 F. hohe Thurm beginnt) sichern dem Gebäude eine Stelle unter den ersten Kunstwerken. Der Pastor Schwarz auf der Insel Rügen wählte E. zum Helden seines Romans „E. von Stcinbach oder der Geist der deutschen Baukunst" (3 Bde., Hamb. 1835). Erycina ist ein Beiname der Venus von dem Berge Eryx auf der nordwestlichen Spitze der Insel Sicilien,„wo sie einen prächtigen Tempel hatte, welchen nach Diodor ihr Sohn Eryr, nach Virgil ÄncaS erbaute. Ihr Cultus, der über die ganze Insel verbreitet w ir, kam später, zu Anfang des zweiten punischcn Kriegs, auch nach Nom, wo ihr dann im I. 181 v. Ehr. ein Tempel vor dem collatinischen Thore errichtet wurde. Unter demselben Namen wurde die Göttin auch in Psophis in Arkadien verehrt. Erymanthus, der Sohn dcs Arkas und der Vater des Lanthus, soll dem Berge und Fluß Erymanthus in Arkadien den Namen gegeben haben. — Erymanthus, der Sohn des Apollon, wurde von der Aphrodite geblendet, als er sie mit dem Adonis im Bade überraschte. Erysschthon, der Sohn des Triopas, Königs von Thessalien, wurde dafür, daß er in einem der Ceres heiligen Haine eine Eiche umhieb, von der Göttin mit einem nie zu stillenden Hunger gepeinigt, der ihn dahin brachte, seine eigenen Glieder zu verzehren. — Erysich- thon, der Sohn des Cekrops und der Agraulos, starb kinderlos noch bei Lebzeiten seines Vaters auf der Rückreise von Delos, wohin er die Heiligthümer von Athen gebracht hatte. Erythrä, eine der zwölf ionischen Hauptstädte in Klcinasien, aufder Chios gegenüberliegenden Halbinsel Erythräa, eine Colonie der gleichnamigen Stadt in Böotien, wurde der Sage nach von Erythros, dem Sohne des Nhadamanthus, gegründet und zeichnete sich durch zwei uralte Tempel des Hercules und der Minerva aus, sowie als Geburtsort der von ihr benannten erythräischen Sibylle. Erythräische Meer wurde bei den Alten das Rothe Meer genannt. Es bildet« einen Theil des südlichen Oceans von der südlichen Küste Arabiens bis an die Insel Tapro- baue in Indien, schloß den Persischen und Arabischen Meerbusen mit ein und wurde der Sage nach von einem Könige Erythras, wahrscheinlich aber von seinem rothen Sande so benannt. Erz nennt man in der Berg- und Hüttenkunde jede in der Natur vorkommende chemische Verbindung anderer Körper mit demjenigen, welchen man auSbringen will. In dieser Bedeutung spricht man von Alaunerz, Vitriolcrz u. s. w. Im engern Sinne versteht man darunter die Verbindung der Metalle mit andern Körpern und Stoffen, z. B. mit Schwefel, Erden, Sauerstoff», s. w. Die Erze benennt man mit Vorsehung des Metalls, welches ihren Hauptbestandtheil auSmacht, z. B. Silbererz, Eisenerz, Bleierz u. s. w. Oft werden auch Glockenspeise, Kanonenmetall, Bronze u. s. w. Erze genannt. (S. auch Erzguß.) Außer- Erzählrnist Erzämter 81 dem wird das Wort Erz, wie das griech. Wort Archi (s. d.), mehren Wörtern vorgesetzt, um das Vorzüglichste in seiner Art, sowol im guten als bösen Sinne, dadurch auszudrücken. (S. Erzämter und Erzbischof.) Erzhaus hieß ursprünglich ein jedes mit einer Erzwürde bekleidete Fürstenhaus, vorzugsweise das Haus Ostreich, dessen Prinzen seit >-15:; den Titel Er; herzoge führen. Erzpriester heißt ein Prälat Hähern Rangs, der in geistlichen Verrichtungen die Stelle des Bischofs vertritt. Erzväter heißen die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob. Im bösen Sinne gebraucht das Wort z. B. Abraham a Sancta Clara in seinem Buche „Judas der Erzschelm". Erzählung nennt man die Mittheilung einer wirklichen oder erdichteten Begebenheit. Der Gegenstand der Erzählung wird daher immer als etwas Vergangenes angesehen und unterscheidet sich dadurch von der Beschreibung (s. d.). Die Erfodernisse einer guten Erzählung sind Klarheit, Vollständigkeit und deutliche Vorstellung des inner« Zusammenhangs der Umstände; dies gilt in noch höher», Grade von der poetischen Erzählung, als vollendeter Darstellung einer ästhetischen Idee unter der Form einer Begebenheit oder Handlung. Unter diesen Begriff gehört nicht blos die in Versen oder in Prosa abgefaßte Er- zählung von geringer,,, Umfange, welche gewöhnlich vorzugsweise poe tische Erzählung genannt wird, sondern auch das epische Gedicht und der Roman. Dem Tone und Zwecke nach gibt es nicht nur ernsthafte und komische Erzählungen, zu welchen letzter,, die humoristische gehört und die satirische gehören kann, sondern auch idyllische und naive, romantische und phantastische, wozu das Märchen gehört, und psychologische Erzählungen. Von dem Roman unterscheidet sich aber die poetische Erzählung im engern Sinne, wenn nicht durch die Versisication, doch gewöhnlich durch geringer,, Umfang und den Mangel an Episoden- Unter den kleinern Erzählungen der Italiener nennen wir die von Boccaccio, Tassoni, Bern!, Casti u. s. w.; unter denen der Engländer die von Chaucer, Goldsmith, Dryden, Prior, Pove, Walter Scott, Byron u.s. w.; unter denen derFranzoscn die von Marot, Lafontaine, Moncrif, Piron, Grecourt, Gresset, Florian, Dorat, Bouflers und Marmontel; unter den deutschen Erzählungen die von Lessing, Ewald von Kleist, Geliert, Gleim, Wieland, Thüm- mel, Pfeffel, Langbein, Schilling, Schulz, Lafontaine, Huber, St. Schütz, Steigentesch, Fouquc, Contessa, Heinr. von Kleist, Nochlitz und Kind, und, wenn man die moderne Novelle und Noveklete hierher rechnet, Ticck, Brentano, Contessa, Nochlitz, Kind, Fouque, Arnim, W. Alexis, Eichendorff, Mosen, Schefer, Storch, Mügge, Willkomm, Auerbach, Rcllstab, Kvcnig, die Frauen A. Schoppe, Fanny Tarnow, Wilhine von Chezy und Friederike Lohmann. (S. Novelle.) Erzämter. In den deutschen Gefolgschaften entwickelte sich die auf altheidnischen Priesterdienst zurückdeutendc eigenthümliche Sitte, auch persönliche und häusliche Dienstleistungen bei dem Führer, welche Griechen und Römer durch Sklaven oder Freigelassene verrichten ließen, als Auszeichnungen den Angesehensten der Getreuen zu übertragen. Daraus entstanden die in der Folge auch an den Fürstcnhöfen nachgebildetcn großen Hof- und Kronämter (s. Erbämter) des innern Hauswesens (dl-sinr ckomus, bligch-8te>vsrt, 6ume- ruriiis, Kämmerer), der Küche (Sencschall, Diipilei-, Truchseß), des Kellers (6ell»rius, Schenk, 8uticu1i»r'»is, Uincerna, vutlm) unddesMarstalls (Marschall, Comes stabuli, Connetalile), alle zugleich mit einer ober« Anführerstellc im Heere verbunden. Sie treten zuerst deutlicher und schon mit einer Beimischung von byzantin. Hofceremoniel hervor bei dem Krönungsfeste Kaiser Otto's 1-, doch waren sic damals noch nicht erblich, nicht an bestimmte Fürstenthümer geknüpft und wurden von den Fürsten persönlich verrichtet. Unter Kaiser Otto l V. erhielten sie eine höhere Bedeutung, indem damit, wie mit den drei geistlichen Erzämtern, das Recht der Königswahl verknüpft wurde. (S. Kurfürsten.) Es ruhten seitdem, was noch zur Zeit Kaiser Friedrich's I. sehr schwankend war, diese vereinigten Kur- und Erzämter erblich auf bestimmten bereits erblich gewordenen Territorialfürstenthümern, und zwar das Erztruchseßamt auf der Rheinpfalz, das Erzmarschallamt auf dem Herzogthume Sachsen, das Erzkämmereramt auf der Mark Brandenburg und das Erzschcnkcnamt auf Böhmen, sodaß also die Volksherzvgthümer Schwaben und Franken, als im Besitze der hohenstaufischen Kai- serfamilie befindlich, Lothringen, von dem Rhcinpfalzgrafen vertreten, und Baicrn, als dem- Conv.-Ser. Neunte Aust. V. 6 82 Erzbischof selben Pfalzgrafe» zugehörig, leer ausgingcn; das früher von wechselnden Erzkaplanen »er- schcne Erzkanzleramt aber war schon im Laufe des >0. und l I. Jahrh. sixirt. Es war für Deutschland dem Erzbischof von Mainz, für Arclat dem von Trier und für Italien dem von Köln, als beständigen Erzkaplanen, aufgctragen. Die Goldene Bulle Karl's l V. im J. 1356 ordnete, wie die Kur, so auch die Verhältnisse der Erzbeamteten des Reichs. Bei diesen war cs damals schon üblich geworden, daß sie zu ihrer Unterstützung und verkommenden Stcllver- tretung gewisse, ebenfalls bald erblich werdende Untcrbeamtetc annahmcn, welche in der Folge, da die Großwürdenträgcr immer seltener, und seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts gar nicht mehr, persönlich Dienste leisteten, allein die, mit Ausnahme des Erzkanzler» und des Erzmarschallamts, zu bloßen: Cercmonicl bei Feierlichkeiten ausgcartcten Erzämter zu ver» richten hatten. Solche, stets aus den edelsten, obschon nicht immerreichsständischen Geschlechtern gewählte Reichscrbbeamtete, mit denen jedoch die zur Privathofhaltung des Kaisers, als Landcsherrn, gehörigen Hvfbcamtcten nicht verwechselt werden dürfen, waren für das Erz- truchscßamt die von Nortenberg, dann die von Saldcneck und zuletzt die von Waldburg; für das Erzmarschallamt die Grafen von Pappenhcim; für den Erzkämmerer erst dicvon Weins- bcrg, dann die von Falkenstcin und zuletzt die Grafen, jetzt Fürsten von Hohenzollcrn; Reichs- erbschenkcn endlich waren zuerst die fränkischen Grafen von Limburg und nach ihnen die Grafen von Althann. Die Erzkanzlcr hatten zu Gehülfen und Stellvertretern Geistliche als Vi- cekanzler. Das nicht mit einer Kur verknüpfte Erzjägcrmcisteramt, womit Karl IV. die Markgrafen von Meißen belichcn hatte, kam außer Übung, jo cs wurde ihm später seine Eigenschaft als Erzamt bestritten; dagegen schuf man, als durch den westfälischen Frieden die geächteten Rheinpfalzgrafen, deren Kur- und Erzwürde an Baiern übergegangen war, wieder eingesetzt waren, für dieselben eine achte Kur, verbunden mit dem Erzschatzmeistcramte, dessen Ausübung den Grafen , von Sinzendorf als Neichserbschatzmeistern ausgetragen wurde. Als 1706 in Folge der Ächtung des Kurfürsten von Baiern Kurpfalz da- Erztruchscßamt wicdererlangt hatte, so wurde jenes mit der unterdeß für Braunschweig-Lüneburg errichteten neunten Kur vereinigt. Als hierauf Kurbaiern > 7 >4 wieder in seine Rechte eintrat, war daS Erzschaßmeistcramt zwischen Kurpfalz und Kurbraunschweig streitig, bis mit dem Ausster- bcn des bair. Hauses im I. >777 das Erztruchseßamt wieder an ersicre fiel. Während dieser Streitigkeiten kamen mehre neue Erzämtcr, z. B. das eines Erzobersthofmeistcrs, eines Erz- vorschnciders, Erzfalconiers u. s. w., zur Ausgleichung der verschiedenen Ansprüche, in Vorschlag, welche aber nicht angenommen wurden; doch erhielt noch von den im I. >803 geschaffenen vier weltlichen Kurstellen, Würtembcrg, Baden, Hessen und Salzburg, die ersten das schon früher angesprochcnc Erzbanneramt. Außerdem gab es noch mehre, nicht an Erzürnter geknüpfte Ncichscrbämter, z. B- das Neichsobcrthürhütcramt der Grafen von Weither«, das Rcichserbpostmcistcramt der Fürsten von Thurn und Taxis u. s. w. Auch für die Kaiserin gab cs besondere Erzämter, so war z. B. der Fürstabt von Fulda ihr Erzkanzler, der Fürstabt zu Kempten Erzmarschall und der Abt zu St.-Maximin bei Trier ihr Erzkaplan. Erzbischof heißt derjenige Bischof, dem mehre bischöfliche Sprengel untergeben sind. Diese Würde bildete sich im 3. und 4. Jahrh. n. Ehr. durch die Provinzialsynoden, die jährlich ein- bis zweimal in der Hauptstadt der Provinz unter Vorsitz des dasigcn Bischofs abgehalten wurden. Ein solcher Bischof hieß wegen seines Vorrangs vor den übrigen Erzbischof, wegen seines Aufenthaltsorts Metropolit, welchen Namen die morgcnländ. Kirche bcibchal- tcn hat. In der afrik. Kirche dagegen war die Benennung Primas gebräuchlich. Die großen ErzbiSthümer der alten Kirche waren Jerusalem, Antiochia, Ephesus, Alexandria, Konstantinopel und Nom, dessen Erzbischof jedoch schon seit dem 6. Jahrh. den Titel annahm. Die Synode zu Antiochia im I. 34 l legte dem Erzbischöfe schon die Oberaufsicht über ge- sammte Sprengel, die man seine Eparchie nannte, und den Rang über die Geistlichkeit der- selben bei, die in wichtigen Fällen sein Gutachten cinznholen hatte. Nach und nach entstanden aus diesen Ehrenvorzügen noch andere Vorrechte und eine förmliche Gerichtsbarkeit. Jndcß gingen von diesen Siechten schon zu Ende des 4. und im 5.Jahrh. manche an die Patriarchen (s d.), noch mehre aber im 9. Jahrh. an den Papst über. Den Erzbischöfen verblieben seitdem die Gerichtsbarkeit über die Suffraganbischöf« in erster Instanz in nicht peinlichen Fällen und über deren Untertanen in der Appellatiensinstanz; das Recht dcrZusam- Erzerui» Erzgebirge 83 menbcrufung einer Provinzialsynode und der Vorsih bei derselben; die Oberaufsicht und der Vorrang über die Bischöfe ihrer Eparchic; die Visitation in derselben; d>e Sorge für die Beobachtung der Kirchcngcsctze und Abstellung cingeschlichener Mißbräuche; die Ertheilung der Zndulgenz; das Devolutionsrecht (s. d.); die Vvrtragung des Kreuzes in allen Theilcn der Eparchie, cs wäre denn der Papst selbst oder ein liegst,,« u latere gegenwärtig, und endlich das erzbischöfliche Pallium (s. d.). Erzörum, die Hauptstadt des Paschaliks gleiches Namens im türk. Armenien, auf einer gegen 7000 F. hohen, im Winter sehr kalten und im Sommer dürren Hochebene kimveit des nördlichen Euphratarms gelegen, von Einigen für die alte armen. Stadt Aziris, von Andern röm. Ursprungs (arr Itomanorum) gehalten, ist der Sitz eines armen. Patriarchen und eines griech. Bischofs, sowie eines türk. Paschas von drei Roßschweifen, welcher in der Eigenschaft eines lebenslänglichen Oberfcldhcrrn des Heers gegen Persien, den Oberbefehl über die Paschas von Kars, Bajazid, Wan, Musch, Mvssul, Trapezunt und den noch türk. Thcil von Achalzik führt. E. zählt über 100000 E., aus Türken, Armeniern und Persern bestehend, welche sich durch Gewerbflciß auszeichne», einen lebhaften Handel, besonders Tran- sithandel, betreiben und die Stadt dadurch zu einem im Orient seltenen Zustand der Blüte gebracht haben. Besonders zu erwähnen sind die Fabriken in Seide, Baumwolle, Leder und Metallen, und die in E- verfertigten Säbel »ach Damascenerart gelten für die besten im türk. Reiche. Auf dem Handelswcge von Trapezunt nach Jnnerasicn gelegen, ist E. ein Hauptstapelplatz, welcher den Handel zwischen Europa und der genannten Hafenstadt einerseits, und Kaukasien, Persien und Jnnerasicn andererseits vermittelt. Es zählt viele Moscheen, Bazare, Karavrnscraien und manche merkwürdige Gebäude, worunter ein altes Kloster auszuzcichncn ist, das, in die ersten christlichen Jahrhunderte hinaufrcichend, den Türken zum Zeughause diente und worin die Russen im letzten Kriege mit den Türken eine Menge der schönsten alten Waffen aus der Khalifenzeit fanden. In diesem Kriege entschied die Eroberung E.s, das ein Bollwerk der Türkei gegen Rußland und Persien ist, durch den General Paskewitsch am 0 . Juli 1829 den Feldzug der Russen in Asien; in dem darauf folgenden Frieden von Adrianopcl ward es von diesen wieder an die Türken znrückgcgeben. Erzgebirge heißt die metallrciche Bergkette an der Grenze Sachsens gegen Böhmen, welche sich in einer Ausdehnung von 22 Meilen von Nordosten nach Südwesten bis zum Fichtelgebirge erstreckt, gegen Süden ziemlich steil emporsteigt, nach Norden aber, großten- theils stark bewaldet, sich aümälig abdacht. Die mittlere Höhe desselben über der Meersfläche ist 1600 F. In gcognostischer Hinsicht besteht das Erzgebirge in seiner Hauptmasse aus der Gneis-Granitsormation, und in dieser setzen die meisten Erze Lagerstätten auf. Als auf- und eingelagerte Massen erscheinen Porphyr und Basalt. Nach Sachsen zu folgt auf die Granit- und Gneisformation Thonschiefer, welchem wiederum Porphyr und Granit und Syenit aufgelagert sind; nach Böhmen zu legt sich auf eine weite Strecke das Braunkrhlenge- birge unmittelbar, und übrigens Thonschiefer an dasUrgebirge. — Erzgebirge oder Erz - gebirgischer Kreis hieß auch bis zur neuen Landeseintheilung Sachsens imJ. 1835 einer der vier erbländischen Kreise des Königreichs, der mit Inbegriff der schönburg. Ncceß- herrschaftcn auf 83 lüM. gegen 550000 E. zählt. Gegenwärtig gehört der erzgebirgische Kreis gleich dem voigtländischen zur Kreisdircckion Zwickau; doch sind einige Ämter desselben an die Kreisdirectioncn Dresden und Leipzig abgetreten worden. Die Hauptflüsse des Kreises sind die östliche oder freiberger und die westliche oder zwickauer Mulde, und die in die Mulde mündende Zschopau. Das Klima ist, namentlich in dem höhern Gebirge, sehr rauh und daher der Ackerbau unbedeutend; selbst in der niedren Gegend liefert er nicht den nöthi- gen Bedarf an Getreide; Obst und Gemüse sind sehr selten; der Flachs dagegen gedeiht ganz vorzüglich, auch werden Kartoffeln und Hafer erbaut. Die rauheste Gegend, wo beinahe aller Ackerbau aushört, ist bei Johann-Gcvrgcnstadt mit Karlsfeld und Jugel, welche Gegend auch wol das sächs. Sibirien genannt wird. Hier steigt der kleine oder sächs. Fschtelberg bei Oberwiesenthal in seiner nördlichsten Kuppe unfern der böhm. Grenze 3721 F. über die Nordsee empor. Ergiebige Nahrungszweige der erzgebirgischcn Landlcute sind die Schaf- und die Nindviehzucht, welche ein reichlicher Eraswuchs unterstützt, und der Bauholz-, Breter» 84 Erzguß Erziehung und Brennholzhandel. In de» Städten zeigt sich fast durchgehend ein reges Fabrikltbcn, entweder in Baumwollenspinncreicn, wie in Chemnitz (s. d.) und dessen Umgegend, oder in Linnenverarbeitung zu feinen Spitzen, wie in Annaberg und Schnccberg, oder in Holz, drechsele!, wie in den Dörfern Scyffcn, Heidelberg und Heidelbach, oder inBlech- und Eisen- waaren, wie zu Schwarzenberg und in dessen Umgegend. Vor Allem aber wichtig ist der Bergbau, der, infünsBergamtsrcvierc, Freiberg (s.d.), Schnccberg, Annaberg, Maricn- berg und Johann-Georgenstadt, getheilt, gegen I20U0 eigentliche Bergleute beschäftigt. (S. Sachsen.) Bei dem Allen aber können die Bewohner des höher» Gebirgs zum Theil kaum ihre tägliche Nahrung, welche fast nur in Kartoffeln besteht, erringen und sind häufig der Hungersnoth prcisgegeben, wenn ein früher Frost die Kartoffelernte vernichtet. Vgl. Hering, „Geschichte des sächs. Hochlands" (2 Bde., Lp;. 1828). Erzguß. Das Erz in seinen verschiedenen Legirungen galt von jeher als das zu grö- ßern Bildwerken tauglichste Metall, besonders weil es durch das Alter immer schöner wird und von allen Metallen den schönsten Rost erhält. Im frühen Mittelalter nimmt der Erzguß eine merkwürdige Mittelstellung ein. Vom 6. bis zum S. Jahrh. wird nämlich kaum eine andere Art Skulpturen erwähnt als getriebenes oder gegossenes Gold und Silber, namentlich wurden Altaraufsätze mit Nelieffigurcn gearbeitet. Seitdem aber mit Karl dem Großen daS Bedürfniß nach Skulpturwerken stieg, wurde der Erzguß häufiger, da mit edel» Metallen nicht auszureichen war, und diese glorreiche Epoche des Erzgusscs reicht bis ins IS. Jahrh. hinein. Die eigentliche Steinskulptur aber beginnt erst mit dem >2. Jahrh. häufiger zu werden, und vor dem lv. Jahrh. wird man in german. Ländern kaum Bildwerke in Stein Nachweisen können. Offenbar hat auch zum Aufblühen der german. Steinskulptur der Umstand bcigetragcn, daß wiederum das Er; für dm erwachten reichen Kunsttricb nicht ausreichte. Zu bedeutendern Kirchenzicrathen, Grabstatuen, Taufbecken u. s. w. blieb indeß der Erzguß fortwährend im Gebrauch und erhielt um I5V0 durch Peter Bischer (s.d.) seine höchste Vollendung. (S. Skulptur.) Erziehung, in der sinnlichsten Bedeutung als Wartung und Pflege des Körpers, zuweilen auch wol von Pflanzen und Thiercn gebraucht, kann doch im eigentlichen Sinne nur auf den Menschen bezogen werden. Wie die Erziehung auch bei dem Menschen anfangs vorzugsweise die physische Natur in Anspruch nahm, erst später dem Geistigen sich zuwcn- bete und auf dieses nach und nach allseitig einzuwirken suchte, so hat auch der Begriff der Erziehung verschiedene Phasen durchlaufen. Namentlich waren es in der neuern Zeit die verschiedenen philosophischen Schulen und Snsteme, welche immer neue Ansichten über das Wesen der Erziehung hervorbrachten. Die, man darf wol sagen, allgemeine Ansicht der Gegenwart geht indeß dahin, daß die Erziehung die absichtliche Einwirkung gebildeter Men- schen auf noch ungebildete ist, damit diese in den Stand gesetzt werden, sich selbst zu bilden. (S. Bildung.) Nur durch Selbstbildung kann der Mensch sich befähigen, den Zwecken seines Daseins gemäß zu leben und seine Bestimmung zu erreichen. Er muß aber wegen der Schwäche und Hülflosigkeit, womit er bei seinem Eintritte in die Welt behaftet ist, erst zur Selbstbildung allmälig angeleitet werden durch die Einwirkung anderer Menschen, welche bereits gebildet sind. Hiermit ist der Begriff der Erziehung gegeben. Wenn man früher Erziehung im weitern und engern Sinne unterschied, so war diese Unterscheidung ungenau, und man hat sie jetzt mit Recht gänzlich fallen lassen. Unter Erziehung im weitern Sinne verstand man übrigens Das, was die Natur und die scheinbar zufälligen Umstände in der Welt zur Bildung des Menschen beitragen, was jedoch nur uneigcntlich Erziehung genannt wer- ' den kann. Erziehung im engsten Sinne nennt man auch sehr häufig alle diejenigen Erzie- hungsthätigkeiten, welche nicht auf Unterricht hinauslaufen, also Wartung, Pflege, Gewöhnung, und seht dieselbe so dem Unterrichte entgegen. Die Erziehung beginnt mit der Geburt, wo nicht vor derselben, tritt allmälig zurück, sowie der Zögling im Stande ist, sich selbst zu bestimmen und zu bilden, und hört bei dem einen früher, bei dem andern später auf, ohne daß sich der Endpunkt derselben irgend genau bestimmen läßt. Wenn die Erziehung zu früh in den Hintergrund tritt, so kommt der Zögling in Gefahr, leicht auf Abwege zu gerochen und seine Lebenszwecke und seine Bestimmung zu verfehlen; wenn aber die erziehliche Einwirkung zu lange fortgesetzt wird, so vermag der Zögling oft diejenige Selbständigkeit 85 Erziehung sich nicht anzucignen, welche crfvderlich ist, um ein Leben im Lichte seiner Bestimmung zu sichren. Da alle Bildung des Menschen nur von innen heraus durch Sclbstthätigkeit erfol- gen kann, so besteht daS Geschäft der Erziehung hauptsächlich darin, den Zögling.auf ange- incssi'ne Art zur Sclbstthätigkeit anzuregcn, weshalb auch nicht mit Unrecht die Erziehungskunst häufig Erregungskunst genannt worden ist. Hieraus darf aber nicht geschlossen werde», als ließe sich dem Zöglinge von außen gar nichts anbilden, als müsse Alles aus ihm, aus dem Innern seines Geistes entwickelt werden. Ohne daß der Zögling selbstthätig dabei ist, läßt sich ihm freilich von außen nichts anbilden, aber Maximen, die er oft hört, Beispiele, die er täglich vor Augen sicht, werden leicht durch Gewohnheit zu seinem Eigenthume, und er bildet sie nun als solches weiter in sich aus. Hierauf sowie auf der Vernunft und Freiheit beruht die Erzichungsfähigkeit, welche allein dem Menschen ^zukommt, und die Möglichkeit der Erziehung. Über den Werth der Erziehung gibt es verschiedene Ansichten. Während Manche von einer Allgewalt der Erziehung reden, behaupten Andere, die Erziehung vermöge nichts. Die Wahrheit liegt, wie auch anderwärts, in der Mitte. Die Erziehung vermag viel, aber nicht Alles. Ihr Einfluß wird beschränkt durch die natürlichen Anlagen des Zöglings, durch die Eigenschaften des Erziehers, durch die Verhältnisse und Umstände, unter welchen die Erziehung vor sich geht, hauptsächlich durch den allgemeinen Geist der Zeit und der Nation. Die Erziehung nimmt verschiedene Richtungen, und es lassen sich hiernach verschiedene Arten derselben unterscheiden. In Beziehung auf die Art der erziehlichen Thätigkeit ist die Erziehung negativ, wenn sic alles der natürlichen Entwickelung und der Selbstbildung Nachteilige abzuhalten, positiv dagegen, wenn sie dieselben durch zweckmäßige Mittel zu befördern sucht. Die Unterscheidung der häuslichen von der öffentlichen Erziehung bezieht sich auf den Ort, wo die Erziehung vor sich geht. In der neuern Zeit ist öffentliche Erziehung mit Schulcrzichung gleichbedeutend, während das Altcrthum eine öffentliche Erziehung im prägnantcrn Sinne deS Worts hatte. Die zwei Hauptrichtungcn der Menschenkraft begründen einen andern Unterschied in dem Wesen der Erziehung, nämlich den der physischen und der geistigen Erziehung, und die letztere thcilt man wieder ein in inlellectuelle, welche eS mit dem Erkenntnißvermögen, ästhetische, die es mit dem Gefühl-Vermögen, moralische, welche cs mit dem Begehrungsvcrmögcn zu lhun hat. Rücksichtlich der Verhältnisse des Zöglings ist die Erziehung individuell, wenn sie den Zögling als Individuum, social, wenn sie ihn als Glied der menschlichen Gesellschaft nimmt. Die individuelle Erziehung kann sein allgemeine, inwiefern sie auf jedes erziehungsfähige menschliche Individuum paßt, besondere, welche nur für gewisse Classen von menschlichen Individuen geeignet ist (Knaben-, Mädchen-, Blindenerziehung u. s. w.), und einzelne, welche nur auf ein bestimmtes Individuum bezogen wird. Die sociale Erziehung läßt sich ebenfalls in allgemeine (Nationalerziehung), besondere (Standescrziehung, z. B. Erziehung des Bürgers, des Adels, der Prinzen) und einzelne (Erziehung für einen bestimmten Beruf) cintheilen. Die ganze Erziehungsthätigkeit vollendet sich in dem Zwecke, den Mitteln und der Methode. Der nächste Zweck der Erziehung ist die Selbstbildung des Zöglings; da aber diese wiederum als Zweck die Erreichung der Menschenbestimmung hat, so kann die letztere auch wol als Endzweck der Erziehung angesehen werden. Die Bestimmung des Menschen ist keine andere, als in seinem ganzen Leben Gott oder, da Jesus Christus das Ebenbild Gottes im Leben am treuesten dargestcllt hat, Jesum Christum ähnlich zu werden. Alle andere Zwecke, welche man der Erziehung sonst wol beilegt, lassen sich entweder auf die genannten zurückführen oder beruhen, wenn dies nicht möglich ist, auf falschen Voraussetzungen. Ihren Endzweck kann die Erziehung aber nur dadurch annähernd erreichen, daß sic auch die mannichfaltigen Lebenszwecke, denen der Zögling sich hingeben soll, zu erstreben sucht. Die Mittel der Erziehung sind sehr mannich- faltig, lassen sich aber auf drei Classen zurückführcn, nämlich Pflege, welche die natürliche Entwickelung befördert durch Wartung, Bewahrung und (erziehliche) Heilung; Zucht, d. i. die Gewöhnung des Zöglings noch vor und während der Erlangung der zur Selbstbildung erfodcrlichen Einsicht durch Strafe und Belohnung, Beschäftigung, Beispiel und Übung; endlich Unterricht (s. d.). In der Methode der Erziehung oder der Erziehungswcisc ist die eigentliche Thätigkeit des Erziehers begründet. Sie besteht in der Art der Einwirkung 86 Erziehung desselben auf den Zögling, damkl durch die Erziehungsmittel die beabsichtigten Zwecke auch wirklich erreicht werden. Die Erziehungsweisen, welche in der Wirklichkeit befolgt wurden, sind von jeher sehr verschieden gewesen, nach der Ansicht von der ursprünglichen sittliche« Natur des Menschen, von der Menschenbestimmung und nach der Berücksichtigung der Ei' ziehungsmittcl. Die Erziehung der meisten Menschen erfolgt ohne einen bestimmten, bis ins Einzelne festgesetzten Plan, und wenn der Erzieher die rechte Gesinnung und den rechten Takt hat, so ist dies gar nicht zu beklagen, da bei Befolgung einer bestimmten Erziehungs- Weise die Erziehung leicht zu Einseitigkeit und Verbildung führt. Die despotische Erzic- hungsweise sieht in den Menschen nur Sklaven einiger Herren und will die Jugend vorzugsweise zu unbedingtem und knechtischem Gehorsam erziehen; die pietistische geht von der Ansicht aus, daß der Mensch von Ngtur böse und verderbt sei, während die philanthropische denselben als ursprünglich durchaus gut nimmt; die materialistische erzieht den Zögling nur für die Erde, die idealistische nur für den Himmel; die verzärtelnde wählt nur mit den natürlichen Neigungen des Kindes übereinstimmende, die ascetische nur auf die himmlische Bestimmung des Menschen hinweisende Mittel. Diese und andere Erzichungsweiscn sind niemals rein, sondern nur in vielfachen Vermischungen miteinander aufgetreten. Die wahre Erziehungsweise beruht in dem Geiste des Christenthums (christliche Erziehung) und vcr- bindet Ernst mit Milde, Strenge mit Nachsicht, schließt nur solche Mittel aus, welche mit dem christlichen Geiste in Widerspruch stehen, und erzieht den Zögling in Tugend und Religiosität für das Leben und dadurch für die zukünftige Welt; sie übereilt nichts, beschränkt sich nicht auf bloße Beförderung der natürlichen Entwickelung, sucht aber auch keine der natürlichen Anlagen des Zöglings auszurotten; sie knüpft jede neue Einwirkung aus den Zögling an das in diesem bereits Vorhandene an, beachtet die Natur der Erziehungsmittel, regt die Kraft des Zöglings vielseitig zur Selbstthätigkeit an und leitet denselben durch Wahrheit und Tugend zur Liebe zu Gott, dem Erlöser und den Menschen. Eine bestimmte Richtung für die Gesellschaft, den Stand, den künftigen Beruf in die Erziehung während der ersten zehn Lebensjahre des Zöglings einzumischen, ist nicht zweckmäßig. Die Vollkommenheit der menschlichen Natur besteht in der größten Harmonie der Seelenkräfte, des Geistes, des Gemüths und des Willens, und in der möglichsten Gesundheit und Tüchtigkeit des Körper- zu jenen Thatigkeitcn der Seele. Wie„alle diese Kräfte und Thätigkciten dem Wesen nach eins sind, so muß auch die Einheit und Übereinstimmung der gesammten Kräfte das Ziel und die Frucht der menschlichen Erziehung sein. Den guten Menschen bezeichnen Frömmigkeit, Fleiß, Frohsinn. Die Liebe zu der Mutter, zu dem Vater, zu Denen, die beider Stelle vertreten, führen zu der Liebe zu Gott und Jesum Christum; Statur und Erzählung bieten den ersten Religionsunterricht für Geist und Gemüth dar. Das Spiel, womit das Kind sich beschäftigt, macht den Übergang zu geregelter Thäligkeit; die Liebe zu dieser ist der Fleiß. Freundliche Umgebung, liebevolle Zusprache und Führung und Gesundheit des Körpers und der Seele lassen die schönste Mitgabe der Kindheit, den Frohsinn, nicht untergehen, ,der auch im spätcrn Alter dem reinen, dem frommen und fleißigen Menschen bleibt. Die Übel, welche das menschliche Glück zerstören, sind der Stolz, alldem Eigensinn, Eigenwille, Sucht nach Unabhängigkeit, Egoismus in all seinen Theilen entsteht, und unbeherrschte Sinnlichkeit, das Verlangen nach dem Verbotenen. Die Heilmittel sind allein die genannten, innere lautere Frömmigkeit und Fleiß in guten Dingen, beide von der Liebe und dem Vertrauen geleitet. Jede Erziehung, die sich von diesen Grundsätzen entfernt, wird schädlich. Äußere Frömmelei nach Zwang und strenger Regel, ohne Liebe und Vertrauen, gebiert Heuchelei, geistlichen Stolz, heimliche Sünden, oft Verachtung und Haß de- Heiligen; Vernachlässigung der ftühen Gewöhnung an regelmäßigen Fleiß erzeugt alle Früchte der Schlaffheit oder der Ungebundenheit; und je mehr man sich von dem Christenthume, der großen Mcnschcnerziehung, entfernt hat, desto mehr Spielraum hat man dem Egoismus und der Sinnlichkeit gegeben. Wie die Erziehung bei den ältesten Völkern beschaffen gewesen, läßt sich jetzt nicht mehr historisch ausmachen. Wahrscheinlich aber war ihr KreiS'beschränkt auf die einfachste physische Erziehung (wie noch jetzt bei rohen, uncultivirtcn Völkern) oder auf Brauchbarkeit für die gesellschaftlichen Formen und Verhältnisse (wie noch gegenwärtig bei den Chinesen), und 87 Erziehung höhere Richtungen waren noch nicht Bcdürfniß geworden oder wurden durch die despotischen Staatsverfassungen und bürgerlichen Einrichtungen im Entstehen unterdrückt. Bei den alten Persern (wenn anders die Berichte Herodot's und Lenophon's als ganz zuverlässig angesehen werden können) bestand eine sehr ausgcbildete, öffentliche, auf körperliche Kräftigung und Aneignung kriegerischer, aber auch anderer Tugenden gerichtete Erziehung, die aber wol nicht der ganzen Jugend gleichmäßig zugute kam. Unter den Griechen erhielt die Erziehung cincn edler» Charakter, denn wenn auch einige griech. Stämme aller höhcrn Bildung widerstrebten, und die Spartaner über die körperliche Erziehung zu kriegerischen Zwecken nicht hinauskamen, so steckte doch bei den Athenern und deren Stannnsverwandten die Erziehung sich edlere Ziele und erreichte eine höhere Stufe. Die griech., insbesondere die athenische Erziehung kam vorzugsweise der freigeborcnen Jugend zugute, war öffentlich in bedeutsamer»» Sinne als bei uns, bezog sich gleichmäßig auf Körper und Geist und war gerichtet auf Bildung zur Nationalität. Die Sitte dcrAussetznng, die unbeschränkten Rechte des Vaters über die Kinder, die Überweisung der ersten Pflege an unwissende Ammen und Wärterinnen, der später» Leitung an Sklaven zeigen aber, daß selbst in den gebildetsten griech. Staaten die Erziehung ihre wahre Würde noch nicht erlangt hatte. Bei den Römer» trat die National- crziehung zurück und die Familicnerzichung in den Vordergrund, die in den schönsten Zeiten der Republik ernst, streng, sittlich war, später aber mehr nach griech. Weise sich »«»bildete und zuletzt ganz ausartcte. Der neue Geist des Christenthums vermochte anfangs wenig Einfluß auf die Erziehung zu erhalten. Stur einzelne Stände, die Geistlichen und die Ritter, später auch der sich bildende Bürgcrstand genossen während des Mittelalters eine einfache Erziehung, die sich auf Pflege und strenge Zucht, auf die Elemente einzelner Wissenschaften und auf die Fertigkeit des Lesens, seltener des Schreibens erstreckte. Der größte Theil der VoikSjugend wuchs ohne eigentliche Erziehung heran. Die Erziehung der Geistlichen bestand hauptsächlich in der Anleitung zur Ausübung der kirchlichen Pflichte», die der Ritter in frühzeitiger Abhärtung, in der Unterweisung in Führung der Waffen und in der Anleitung zur Übung in ritterlicher Sitte. Die in der zweiten Hälfte des Mittelalters anfblühenden Städte und die im I l>. Jahrh. erfolgende sogenannte Wiederherstellung der Wissenschaften gaben auch der Erziehung eine neue, freiere und vielseitigere Richtung. Während des ganzen Mittelalters waren Furcht, Strenge und unbedingter Gehorsam das Princip der Erziehung, und diese trug einen streng religiösen und kirchlichen Charakter, den sie auch bis zur Mitte des vorigen Jahrh. behielt. Um diese Zeit machten sich freiere Ansichten über Erziehung allgemeiner geltend, zuerst in England, dann in Frankreich, zuletzt in Deutschland. Durch die Ideen Locke'S, Nousseau's und der Philanthropinistcn erhielt die Erziehung einen Umschwung. Sie wurde mild, nachsichtig, mehr negativ wirkend, de» Neigungen des Kindes schmeichelnd, tändelnd, verzärtelnd, weltlich, auf gemeine Zwecke der Nützlichkeit gerichtet. Der lange unbeachtet gebliebenen körperliche» Erziehung wurde größere Aufmerksamkeit geschenkt und der Unterricht auf eine bedeutende Höhe getrieben. Mit den Frciheitskäm- pfen der Deutschen gegen den franz. Unterdrücker kam auch wieder mehr Kraft und Ernst in die Erziehung, aber der in der neuesten Zeit wieder erwachte religiöse Sinn hat noch nicht vermocht, die Erziehung auf das rechte Maß und Ziel zurückzuführen. Zu leugnen ist nicht, daß unsere Zeit sich auSzcichnet durch ein allgemeines, reges Interesse für Erziehung, durch die Verbreitung richtigerer Erziehungsmaximon bis in die untersten Classen der bürgerlichen Gesellschaft, durch das Princip der Liebe, welches die Erziehung durchdringt, durch die Achtung vor der persönlichen Würde des Kindes, durch die Sorgfalt, womit die vielseitige Entwickelung des Körpers und Geistes befördert wird, endlich durch die Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit des Hähern Unterrichts. Auf der andern Seite muß aber auch zugestanden werden, daß über Erziehung mehr geschrieben als für die Verbesserung derselben durch die That gethan wird, das Princip der Liebe gar zu häufig in gefährliche Nachsicht und Schwäche ausartct, die Genußsucht, Eitelkeit und der Egoismus der Jugend zu viele Nahrung findet, nach Frühreife zu eifrig gestrebt, der Unterricht oft zu hoch gesteigert und die Bildung des Ge- müths und des religiösen Sinns über dein Streben nach Verstandescultur oft noch vernachlässigt wird. Ein für die Erziehung der Jugend bestimmter und eingerichteter Ort heißt eine Erziehungsanstalt, und wenn dabei hauptsächlich auf den Unterricht gesehen wird, 88 ErzmüilZkil eine Schule, der wissenschaftliche Inbegriff der Regeln der Erziehung Erziehungswis- senschaft und die Geschicklichkeit in der Ausübung dieser Regel» Erziehungskunst. Beides neunt man auch mit einem aus der gricch. Sprache entlehnten Worte Pädagogik. Ebendaher heißt der Erzieher ein Pädagog, und eine öffentliche Erziehungsanstalt führt häufig den Namen Pädagogin m. Die in der neuern Zeit so oft vernachlässigte physischc Erziehung soll dem Geiste des Menschen im Körper ein brauchbares Werkzeug bilden. Ohne diese auf den Körper verwandte Sorgfalt wird seine Ausbildung verhindert oder ihr eine so falsche Richtung gegeben, daß sie mehr zum Nachtheil wirksam ist, und daß durch ungleiche Vertheilung ihrer Thätigkeit Störung in der harmonischen Wirkung der Systeme des Körpers, und dadurch wirkliche Krankheiten oder doch Anlagen zu künftigen Übeln erzeugt werden. Jede vernünftige Theorie der physischen Erziehung muß auf ein richtiges Studium der Natur des Kindes gebaut sein und daher vor Allem auf die Eigenheiten des kindlichen und jugendlichen Alters, auf die Perioden des WachsthumS der Kindheit und dann auf die besondere Beschaffenheit und Anlage eines Kindes Rücksicht nehmen. (S. Entwickelung.) Als Hauptpunkte einer zweckmäßigen physischen Erziehung sind anzunchmen: Gleichmäßige und rechtzeitige Bildung aller körperlichen Anlagen und Tätigkeiten, sodaß kein System des Körpers vor dem andern begünstigt, keines vernachlässigt wird (s. Gesundheit); frühzeitige Gewöhnung an Ordnung, da die ganze Natur in ihren Erscheinungen im lebenden Körper pünktliche Ordnung und höchste Zweckmäßigkeit befolgt; möglichster Schutz gegen äußere Einflüsse, aber auch allmälige Gewöhnung an dieselbe» (s. Abhärtung); frühzeitige Übung der körperlichen Kräfte und Bewegung des Körpers (s. Gymnastik), und Vermeidung einer zu frühen Geistesbildung. Vgl. Niemeyer, „Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts" (3 Bde.; 9. Ausl., Halle 1833), Richter, „Levana oder Erzichungslchrc" (3 Bde.; 2. Aust., Tüb. 1813), Graser, „Divinität, oder das Princip der einzig wahren Mcnschcn- bildung" (2 Bde.; 3. Ausl., Hof 1839), Schwarz, „Erzichungslehrc" (2. umgearb. Ausl.; 3 Bde., 1829), Milde, „Allgemeine Erzichungskunde" (2 Bde., Wien >811), Hcrgenrö- ther, „ErziehungSlehre im Geiste des ChristenthumS" (2. Aufl., Butzbach 1839), Heinroth, „Von den Grundfehlern der Erziehung" (Lpz. 1828), Bcneke, „Erziehung-- und Unterrichtslehre" (2 Bde.; 2. Aufl., Berl. 1832) und Schwarz, „Lehrbuch der allgemeinen Pädagogik" (3. Aufl., neu bearbeitet von Curtmann, 2 Bde., Heidelb. 1833). Erzmünzen nennt man Münzen von gemischtem unedcln Metall. Die franz. Gelehrten bezeichnen dieses gemischte Metall mit dem Worte Bronze, welche- eigentlich eine Legirung von Kupfer und Zinn andeutck, und tragen es auf alle Werke der bildenden Kunst über, welchen gleiches Metall zum Stoff diente. Die Erzmünzen sind lediglich ein Product der Völker der alten Welt und bieten dem Techniker wie dem Numismatiker unendlichen Stoff zu den verschiedenartigsten Untersuchungen. Die Mischung de- Metalls hat wol ihren Grund in den Vorthcilcn, welche sie, dem reinen Kupfer gegenüber, für die Münzprägung gewährte. Sie geschah meist in dem Verhältniß von 5—12 Procent. Ihr haben wir cs zu verdanken, daß die daraus geprägten Münzen während ihres langen Vcrborgenseins in der Erde wenig oder gar nicht gelitten, ja zuweilen schöner und dauerhafter aus derselben hervor- gcgangen sind. Die leichte Oxydation, welche sich in der Erde aus der Münzfläche erzeugt, bewerkstelligt einen natürlichen Überzug in verschiedenen Farben und Nüanccn, je nach dem Verhältniß der Legirung und der Beschaffenheit der Erde, in welcher die Münzen liege». Dieser harte, fest aufsitzende, aber sehr feine Überzug wird edler Rost (aenigo nobilis), von den Italienern putina genannt. Die letztere Bezeichnung ist in die meisten Sprachen über- gcgangen und jetzt unter den Numismatikern in allgemeinem Gebrauch. Die mit Patina überzogenen Erzmünzcn bilden eine von allen Münzsammlcrn bevorzugte Elaste, wie sie überhaupt wegen ihrer vorzüglichen Erhaltung ein Gegenstand der Liebhaberei geworden sind. Ja es gibt sogar Sammler, welche die Patina mit den wunderbaren, nach Art und Beschaffenheit des Aufbewahrungsorts, der Fundplätze u. s. w. verschiedenen Nüanccn und Farbenabstufungen in Grün, Braun und Blau zum Gegenstände emsiger Nachforschungen machen. Diese Bevorzugung hat auch den Verfertigern solcher antiker Münzen Gelegenheit gegeben, die Nachahmung dieses edcln Rostes zu versuchen, aber bis jetzt ist alle ihre Mühe 80 Esau Eschenboch vergeblich gewesen. Jhe Product bleibt weil hinter dem Originale. Die Erzmünzcn erhicl- ten erst zur Zeit Alexander des Großen allgemeinen Gebrauch und die altern Städte Griechenlands und Sicilicns, wie z. B. Sybaris, NaxoS, Zanklc u. s. w. kannten nur Münzen edel» Metalls. Bei den Römern dagegen waren die ersten und ältesten Münzen bis zur Zeit der punischen Kriege Erzmünzcn. Zu ihnen gehört das A s (s. d.) mit seinen Vervielfachungen undTheilen. Im Allgemeinen thciltman sie nach ihrerGrößc in dreiClassen, nämlich erster, zweiter und dritter Größe oder in Groß-, Mittel - und Klcinbronzc. Esau, d. i- nach I Mos. 25, 25. der Behaarte, auch Edom, d.i. der Rothe, genannt, nach > Mos. 25, 3». wegen seines Wunsches, von dem rothcn Gericht zu essen, war der Sohn Jsaak's und älterer Zwillingsbrudcr Jakob's. Der Bericht über ihn im ersten Buch Mosis ist offenbar mit Beziehung auf den später» Nationalhaß der Hebräer gegen die von Esau ab- stammcnden Edomitcr oder Idumäer (s. d.) abgefaßt. Schon im Mutterleibe stritt E. mit seinem Bruder, eine Vorbedeutung der Kriege, welche die Nachkommen Beider miteinander führen würden. Sodann wurde er durch Jakob'S List um das Recht der Erstgeburt und uni den väterlichen Segen gebracht, damit er keinen Vorzug vor dem Stammvater der Hebräer hätte. Durch die Ehen, die er nachmals mit heidnischen Weibern ans Kanaan einging, ward er der Stammvater des cdomitischc» Volks, das sich im Süden von Kanaan in der Gebirgsgegend Seir festsctztc, sich gleich den Israeliten in Stämme abtheilte und nach l Mos. 30, 31. eher als jene von Königen regiert wurde. Übrigens erscheint E-'s Charakter trotz allem Bestreben der Urkunde, ihn herabzusctzcn, in weit vorthcilhafterm Lichte als der Jakob's. Escadre, s. Geschwader. Escädron oder Schwadron heißt eine Abthcilung der Cavalerie von 120—200 Pferden; vier bis sechs, früher bei den Preußen acht oder gar zehn Schwadronen machen ei» Regiment aus. Am zweckmäßigsten wird es erachtet, die Schwadronen in vier ganze oder acht halbe Züge zu theilen, jeden Zug zu l6 Rotten. Die Schwadronen bei den norddeutschen Armeen sind durchgehend stärker. Escaläde heißt der Angriff auf eine mit Mauern oder gemauerten Wällen befestigte Stadt, wenn man sich zum Ersteigen der Leitern bedient. Ein solcher Angriff ist aber nur bei geringen VertheidigungSmittcln des angegriffenen Punkts oder beim Überfall ausführbar, jederzeit gefährlich und bei der neuern BefcstigungSkunst fast ganz unausführbar geworden. Escarpe nennt man in der Befestigungskunst die innere Böschung des Grabens, auf welcher der Wall liegt. Um sie unersteigbar zu machen, ist sie bei Festungen gewöhnlich gemauert; bei Feldverschanzungen sucht man diesen Zweck durch Palissaden am Fuße der Böschung zu erreichen. Esche heißt eine aus zahlreichen, in Europa und Nordamerika einheimischen Arten bestehende, zu der Familie der Oleinen gerechnete Gattung von Bäumen. Die gemeine Esche (bruxiuus exeolsior) kommt in Deutschland wild vor, wird über lOO F. hoch, liefert ein weißes, zähes, zur Verarbeitung sehr geschätztes Holz und eignet sich als schöner, schattcn- gebendcr Baum auch zur Anpflanzung in Parks. Von seinen vielen Spielarten ist eine der ausgezeichnetsten die Trau eresche, deren dünne Äste lang hcrabhängcn. In Südeuropa wächst die Mannaesche, aus welcher man inCalabrien, durch Verwundung der Rinde, die tropfenweise ausschwihcnde Manna erhält. In engl. Gartenanlagen kommen zwei bis drei arrs Nordamerika stammende, das norddeutsche Klima gut vertragende Eschen ziemlich häufig vor. Eschenbach (Wolfram von), unter allen Dichtern des schwäb. Zeitraums nicht allein einer der fruchtbarsten sondern überhaupt der vorzüglichste, wurde in der zweiten Hälfte des l2. Jahrh. aus einem adeligen Gcschlcchte geboren, das von dem jetzigen Städtchen Eschenbach bei Ansbach seinen Namen führte. Er empfing zu Hcnneberg den Ritterschlag und brachte sein Leben meist auf Nitterzügen zu, wobei er von seinem Dichtertalente und der Freigebigkeit der Fürsten lebte. Im I. 1203 kam er an den Hof des Landgrafen Hermann von Thüringen, wo er unter den Dichtern beim sogenannten Wartburgkrieg (s. d.) glänzte. Des Landgrafen Hermann Nachfolger, Ludwig der Heilige, scheint dem Dichter weniger Gunst und Freigebigkeit bewiesen zu haben als jener, daher sich E. gegen das Ende seines Lebens von dem thüring. Hofe zurückzog. Er starb zwischen 1210—25 und wurde in der Kirche Unserer Lieben Frauen zu Eschenbach begraben, wo man sich jedoch umsonst bemüht ÄO Escheiibnrg Eschemnayer hat, sein Grabmal aufzufinden. Seine Gedichte sind theils von eigener Erfindung, theils nach franz. und provenzal. Mustern gearbeitet. Voll Phantasie und tiefen Sinns, reich und neu in der Darstellung und ein gewandter, zierlicher Meister der Sprache und des Versbaus, erhob er sich zu einer bedeutenden epischen Höhe. Die vorzüglichsten seiner Werke sind „Parzival", beendet vor 1212, „Wilhelm von Orange" und der nur in zwei Bruchstücken von >79 vielzelligen Strophen erhaltene „Titurel", der nicht i»it dem jüngcrn „Titurel" verwechselt werden darf, für dessen Verfasser E. früher ebenfalls gehalten wurde. Außerdem besitzen wir von ihm einige Minnelicdcr. E- hatte auf seine Zell g wattigen Einfluß; allein in der Folge wurde er vergessen, bis die neueste Zeit ihn wieder zu der Ehrcnstclle erhob, die ihm gebührt. Die erste kritische Ausgabe der Werke E.'s lieferte Lachmann (Bcrl. >8? 3); überseht wurden sic von San-Marte (2 Bde., Magdeb. >836—41). Die neueste Übersetzung des „Parzival" und „Titurel" besorgte Simrock (2 Bde., Stuttg. 1842). Vgl. über das Leben E.'s insbesondere von der Hagen in den „Minnesängern" (Bd. 4). Eschenburg (Joh. Joach.), ein ausgezeichneter deutscher Litcrator, geb. am I. Dec. 174.'; zu Hamburg, erhielt seine erste Bildung auf dem basizen Johannen»,, studictc zu Leipzig und kam später durch Verwendung des Abts Jerusalem nach Braunschwcig, wo er in der Folge die Professur am Carolinum erhielt, zum Geh. Justizrath und Senior des Cyriacus- fiifks ernannt wurde und am 29. Febr. 1829 starb. Deutschland verdankt ihm die nähere Bekanntschaft der vorzüglichsten engl. Schriftsteller im Gebiete der Ästhetik, wie z. V. Brown's, Wcbb'S, Burney's, Fucsly's und Hurd's, die von ihm übersetzt und mit Anmerkungen begleitet wurden. Auch forderte er durch Berichte über die bcmerkenswerthcsten Erscheinungen in der engl. Literatur in Deutschland die Liebe und Anerkcnntniß dieser Geistes- schähe. Das größte Verdienst erwarb er sich aber durch seine Übertragung von Shakspearc'ö „Theatralischen Werken" (14 Bde., Zür. 1775 — 87) und „Schauspielen" (12 Bde., Zür. l 7 98— 1896). Wenn schon hierin nicht der Erste, indem Wieland bereits vor ihm Ähnliches begonnen hatte, so blieb seiner Übersetzung doch lange das Verdienst, die vollständigste zu sein; auch wird sie noch immer geschätzt, obschon ihr der Schmuck derMetrik und die wörtliche Genauigkeit abgehcn. Ein großes Verdienst erwarb sich E. auch durch seinen „Entwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften" (5.Aufl., von Pinder, Bert. 1896) und die „Bcispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften" (8 Bde., Berl. 1788—95), durch sein „Lehrbuch der Wissenschaftskunde" (3. Ausl., Berl. 1899), das „Handbuch der klassischen Literatur" (8. Ausl., von Lütke, Bcrl. 1837), seine „Denkmäler altdeutscher Dichtkunst, beschrieben und erläutert" (Brcm. 1799) und durch die Ausgaben des Boner, Burkard Waldis und anderer Dichter. Eskhenmaytr (Christoph Adolf von), Philosoph und Naturforscher, geb. am 4. Juni 1779 zu Neucnburg im Würtcmbergischcn, wurde 1811 außerordentlicher Professor der Philosophie und Mcdicin in Tübingen und 1818 ordentlicher der praktischen Philosophie daselbst. Im I. 1836 zog er sich in den Privatstand zurück und lebt seitdem zu Kirchhelln unter Teck. Den erste» Anstoß zu der Richtung, die E. später in der Behandlung dec Naturwissenschaften cingeschlagen, erhielt er durch Kielmayr in Stuttgart. Seine Philosophie läßt sich auf die Kant'sche Naturmctaphysik zurückführen. Auch von Schilling, dec sich an, Ende des vorigen Jahrh. in verwandten Richtungen bewegte, gewann E. manche spceulative Ansicht für die höhere Auffassung der Naturwissenschaft, ohne jedoch an der immer schärfer sich ausbildendcn absoluten Jdentitätslehrc desselben Thcil zu nehmen. Unter den zahlreichen Schriften E.'s sind zu nennen „Die Philosophie in ihrem Übergänge zur Nichtphilosvphie" (Erlang. 18!>3), „Versuch, die scheinbare Magie des thierischen Magnetismus aus physiologischen und psychischen Gesetzen zu erklären" (Tüb. 1816), „System der Moralphilosophie" (Stuttg. 1818 ), „Normalrecht" (2 Bde., Stuttg. 1819—29), „Grundlinien zu einem allgemeinen kanonischen Rechte" (Tüb. 1825), „Psychologie in drei Theilen, als empirische, reine, angewandte" (Stuttg. 1817; 2. Aufl., 1822), „Religionsphilosophie" (3Bde., Tüb. >818—24) und „Die einfachste Dogmatik aus Vernunft, Geschichte und Offenbarung" (Tüb. 1826). Die Hinneigung zu einem religiösen und naturphilosophischen Mysticismus, die sich in allen diesen Schriften mehr oder weniger darlcgt, hat sich in neuerer Zeit bei ihm sehr gesteigert und theils in einer heftigen Polemik gegen die Hegel'sche Schule, theils in einer Escher von der Linth Escherny 9L eifrige» Lhcilnahmc und wiederholten Vertheidigung der seit der Seherin von Prevorst sich immer mehr häufenden Geistererschcinungen (s. d.) geäußert. Hierher gehören seine Schriften „Die Hcgel'sche RcligionSphilosophie verglichen mit dem christlichen Principe" (Tüb. 1834), „Der Jschariotismus unserer Tage, eine Zugabe zu dem jüngst erschienenen Werke „Das Leben Jesu von Strauß" (Bd. I, Tüb. >835), auf welchen Angriff Strauß in seinen Gegenschriften sehr nachdrücklich antwortete, „Conflict zwischen Himmel und Hölle an dem Dämon eines besessenen Mädchens beobachtet" (Tüb. >837) und „Charakteristik des Unglaubens, Halbglaubcns und Vollglaubens" (Tüb. >838). Escher von der Linth (Zoh. Konr.), einer der edelsten und verdienstvollsten Schweizer der neuern Zeit, gcb. zu Zürich am 24. Aug. 1767, war ursprünglich für den kaufmännischen Beruf bestimmt, durch den er sich jedoch den wissenschaftlichen Studien nicht ent- fremden ließ. Er war bereits ein Jahr in der Kreppfabrik seines Vaters in Zürich thätig ge- wesen und >786 über Paris nach London gereist, als er am letzter» Orte von seinem Vater die Erlaubniß erhielt, in Eöttingen studircn zu dürfen. Nachdem er >788 die Universität verlassen und hierauf eine Neisc nach Italien unternommen, trat er daheim wieder in das Geschäft seines Vaters. Die Revolution erregte auch ihn für das öffentliche Leben, und durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er 1798 zum Mitgliedc der züricher Landstände gewählt. Gleich den übrigen freisinnigen Mitgliedern die herrschenden Mängel wohl erkennend, suchteer denselben auch durch Wort undThat zu steuern. Freund und Altersgenosse U st cri's (s. d.), theilte er dessen politische Gesinnungen und wirkte mit diesem in gleichem Sinne. Das größte Verdienst erwarb sich E. durch die Verbesserung des Linthbettes. (S. Linth.) Nachdem er die Sache vor die Tagsahung gebracht, wurde er von derselben 1804 mit der obersten Leitung bei Ausführung der nöthigen Arbeiten beauftragt, denen er sich mit der größten Uncigennützigkeit bis znr Vollendung des Werks unterzog. Auch auf die sittliche Bildung der Bewohner dieser Gegend wirkte er sehr wohlthätig durch Anlegung der Linth» colo nie, einer Erziehungsanstalt für verlassene Kinder aus dem Canton GlaruS. Ebenso erwarb er sich seit >812 großes Verdienst um die Verbesserung des Flußbettes der Glatt, welche aus dem Greifensec in nordwestlicher Richtung durch den Canton Zürich in den Rhein stießt, oft austrat und großen Schaden anrichtcte. Im I. 1815 wurde er Mitglied des züricher Staatsraths. Er starb am 9. März 1823. Das ganze Land trauerte um ihn; der Große Rath verlieh durch bestimmten eimnüthigen Beschluß zum Andenken an seine dem Vaterland geleistete» Dienste ihm und seinen Nachkommen den Beinamen „vo » der Linth", und die Tagsatzung ließ ihn am Linthkanal ein Denkmal errichten. Aus dem reichen Schatze seiner gcognostischen Beobachtungen hat er nur wenig in zerstreuten Aufsätzen veröffentlicht. EscherM) (Franc. Louis, Graf d'), der Freund Nousseau's, war in Neufchatcl am 24. Nov. 1733 geboren. Seine Jugend verträumte er halb in übertriebener Frömmigkeit, halb verschwärmte er sie im Leben der großen Welt; 24 Jahre alt, ergriff ihn eine wahre Wuth zu studircn; er zog sich in den Jura zurück, nahm lat. Stunden, las die Klassiker, arbeitete vier Jahre lang mit der größten Anstrengung; dann stürzte er sich wieder in die Welt. Diesen Wechsel wiederholte er noch oft in seinem Leben. Er zog sich zurück, nahm irgend ein neues Studium vor, z. B. Mathematik oder Philosophie, widmete diesem vier oder fünf Jahre in der Einsamkeit und ging dann wieder unter die Leute und an die Höfe und machte Ausflüge in der Nähe und Reisen in die Ferne. In Wien, wo ein Theil seiner Familie lebte, war er bei Hofe willkommen und des Ministers Kaunitz besonderer Freund; in Potsdam, wo ihn d'Alembcrt empfohlen hatte, beim Könige beliebt und des Ministers Hcrhberg genauer Freund; in Warschau in den glänzendsten Kreisen empfangen, in Petersburg von Katharina II. vorgezogen. Als er in den sechziger Jahren des vorigen Jahrh. im Jura lebte, machte er Nousseau's Bekanntschaft zu Motiers-Travers und schloß sich diesem vielfach aus Ercursionen an, die er in seinen „Nelsoges" anmuthig beschreibt. E. rühmt sich, mit Rousseau bis an dessen Tod befreundet gewesen und mit ihm, der mit aller Welt in Zwist gerieth, nie in Zwist gerathcn zu sein. Seine erste Schrift war „I-es Iscunss de Is ,>k>losopkie" (Par. 1783), eigentlich nur ein Bruchstück aus dem größern Werk, woran er dreißig Jahre gearbeitet, „ib-e bleu bumsin vu de I'egoisme et de In vertu". Demnächst erschien seine „(lyrresjmndsncs d'un bsbitsnt d« ksris svec sc» swis de Luisse et d'^ngle- 92 Eschke Eschwege teere sur les evenements cls 1789, 1799 et susssuil mois ck'uveil >791" (Par. 1791). In der Schrift „11s l'ögslite ou zniiieipes j;eiieruux zur Iss iilstit»ti»ns eiviles, politiczues et rel'igieuses" (Par. 1796) stellte er die Gleichheit als das unseligste, Alles verkehrende und zerrüttende Socialprincip dar. Sein letztes Werk waren die „lllelunges cl« litteruture, «I'Ilistoire, lle morule st tle pliilosopbio" (9 Bdc., Par. 1811 ). Seine „Lobrede auf Rousseau", in welcher er besonders die angeblichen Widersprüche in Rousseau's Charakter zu rechtfertigen suchte, wurde von Schelle ins Deutsche übersetzt (Lpz. >799). Erstarb 1815. Eschke (Ernst Rudolf), ehemaliger Director des Taubstummeninstikuts zu Berlin, ^ geb. am 17. Dec. l 7 tili zu Meißen, wo sein Pater Kreisstcuercinnchnicr war, kam, zwölf Jahre alt, auf die Fürstcnschule seiner Vaterstadt und bezog 1782 die Universität zu Wittenberg, um die Rechte zu studircn. Doch schon hier beschäftigte er sich mit Pädagogik; 1785 begab er sich nach Leipzig und 1786 kehrte er zu seinen Altern zurück. Da seine Gesundheit durch angestrengtes Studiren, besonders bei Nacht, sehr angegriffen war, so suchte er Erholung und Kräftigung auf einer Reise. Der Besuch des Taubstummeninstituts zu Wien unter Stork weckte in ihm die erste Neigung zum Taubstummenunterrichte ; doch traute er sich zu einem Taubstummenlehrer nicht Geduld genug zu. Im I. 1787 lernte er Heini ckc (s. d.) kennen, und dies bestimmte ihn, den Taubstummen seine ganze Lhätigkcit zu widmen. Später wurde er Heinicke's Schwiegersohn. Im I. 1788 gründete er auf eigene Koste» i» Berlin ein Taubstummeninstitut, das nach einigen Jahren nach Hohenschönhausen, einem königlichen Lustschlosse, 1798 aber wieder nach Berlin verlegt und zu einer königlichen Anstalt erhoben wurde, die E. bis zu seinem Tode imJ. I8l l als Director, zuletzt mit dem Titel als Obcrschulrath leitete. Bon seinen Schriften sind zu nennen „Kleine Beobachtungen über Stumme, eine Beihülfc zur Scelenlchre und Sprachkunde" (Berl. 1791), „Kleine Beobachtungen über Taubstumme" (Berl. 1799), „Das Taubstummeninstitut zu Berlin" (2. Auf!., Berl. 18 ll) und „Mythologische Vorlesungen für Damen" (Berl. 1896). Eschscholtz (Joh. Friede.), ein verdienter Naturforscher und Reisender, geb. am I. Nov. 1795 zu Dorpat, wo er auch studirte, machte als SchiffSarzt die von Otto von Kotze- buc 1815 unternommene Entdeckungsreise mit. In Verbindung mit Chamiffo, der als Naturforscher an derselben Thcil nahm, sammelte E. während dieser bis >8l 8 dauernden Erdumsegelung eine große Menge von Naturkörpern und wissenschaftlichen Beobachtungen, zumal über niedere Organismen des Meers. Seine umständlichen Untersuchungen über die Bildung der Koralleninseln imSüdmeer wurden vonKotzcbue im zweiten und drittenBande der „Entdeckungsreise in die Südsce und nach der Bcringsstraße zur Erforschung der nordwestlichen Durchfahrt" (Weim. 1821, -1.) mitgethcilt. Die von ihm gesammelten Mineralien schenkte er der Universität zu Dorpat, wo er nach seiner Rückkehr als Professor der Arz- neiwissenschaft und Director des zoologischen Cabinets angestellt wurde. Jm J. 1823 war er ebenfalls der Begleiter Kotzebue's auf dessen neuer Fahrt. Nach seiner Rückkehr im I. > 828 gab er in London eine Beschreibung der Reise heraus und fürKotzebue'sVerichkinder„Neucn Reise um die Welt" (Weim. und Petersb. 1839) lieferte er eine Übersicht der zoologische» Ausbeute, welche 2399 Thierartcn umfaßt. Von seinen übrigen Schriften ist außer den „Ideen zur Aneinanderreihung der rückgräthigen Thiere" (Dorpat 1819) und den „En- tomographien" (Lief. I, Berl. 1823) vorzüglich sein „System der Akalephen oder medusen- artigen Strahlthiere" (Berl. 1829, mit 16 Kupf.) zu nennen. Von seinem „Zoologischen AtlaS", welcher die von ihm auf seiner Reise um die Welt beobachteten neuen Thierarten darstellen sollte, sind fünf Hefte (Berl. 1829—33) erschienen. Er starb am 19. Mai 1831. Eschwege (Wilh.Ludw. von), Oberst bei dem Geniecorps in Lissabon, geb. 1777 auf dem älterlichen Gute Aue bei Eschwege im Kurfürstenthum Hessen, besuchte das Gymnasium zu Eisenach und bezog 17 96 die Universität zu Göttingen und 1799 die zu Marburg, wo er besonders mineralogischen und bergmännischen Studien sich widmete. Im I. 1893 folgte er der Auffoderung, in portug. Dienste zu treten, für die er 1893 auch eine Anzahl deutscher Berg- und Hüttenleute gewann. Als 1897 alle deutsche Bergbeamten in Portugal als Offiziere dem Artilleriecorps einvcrleibt wurden, erhielt er den Grad als Capitain. Im Juli 1898 bei dem Ausbruche der Revolution gegen die Franzosen, schlug er sich auf die Seite der sogenannten portug. Rebcllcnarmee, bei der er das Commando über eine Artillerie- Escoiquiz 63 division erhielt. In Folge einer Anffodcrung des Königs schiffte er sich im Febr. >810 nach Brasilien ein, wo er zum Major bei dem Jngcnieurcorps ernannt wurde und sehr bald auch die Stelle eines Directors des königlichenMinccaliencabincts erhielt. JmJ. 1817 wurde er zum Gencraldircctor aller Goldbergwcrke Brasiliens ernannt. Außer den berg- und hüttenmännischen sowie andern Arbeiten, beschäftigte ihn vorzüglich die Entwertung einer neuen Karte der Provinz Minas Geraes (4 Blatt, Münch. 1831). Beim Ausbruch der Revolution in Brasilien kehrte er mit einem zweijährigen Urlaube nach Deutschland zurück. Nach Ablauf desselben ging er im Juni 1823 wieder nach Portugal, wo ihm durch die Gunst des Königs die Stelle eines Oberberghauptmanns, mit Beibehaltung seines Rangs als Oberst beimJn- genienrcorps, zu Theil wurde. Unter Dom Miguel seiner Stelle als Oberberghauprmann entsetzt, kehrte er 1830 mit seiner Familie nach Hessen zurück, wo er sich mit literarischen Arbeiten und seit 1832 mit der Errichtung einer Acticncompagnic für die Goldwäschcreien in der Eddcr (s. d.) beschäftigte. Nach der Vertreibung Dom Miguel's kehrte auch er gegen Ende des I. 183-1 nach Lissabon zurück; doch in Folge vielfacher Chikanen sah er sich gc- nöthigt, freiwillig seine Entlassung als Obcrberghanptmann zn nehmen. Unter seinen Schriften erwähnen wir die „Beiträge zur Gebirgskunde Brasiliens" (Bert. 1832), „Pluto Bra- silicnsis" (Berl. >833) und „Portugal, ein Staats- und Sittengemälde nach dreißigjährigen Beobachtungen und Erfahrungen" (Bd. I, Hamb. 1837). Escoistniz (Do»Juan),König Ferdinand's V I I. von Spanien Vertrauter, geb. 1702 in einer altadeligen Familie von Navarra, war anfangs Page König Karl'S III. Aus Neigung zu den ernsten Wissenschaften zog er den geistlichen Stand dem Militärdienste vor und empfing ein Kanonicat des Stifts zu Saragossa. Seine liebenswürdigen Eigenschaften erwarben ihm zahlreiche Gönner und Freunde am Hofe, und so fiel, als dem Prinzen von Asturien ein Lehrer gegeben werden sollte, die Wahl auf ihn. Er wußte bald die ganze Liebe des Prinzen zu gewinnen, für den er seinerseits eine wahrhaft väterliche Zuneigung hegte. Die Freimüthigkeit, mit welcher er sich 1797—98 gegen den König und dieKönigin über die Leiden, welche auf Spanien lasteten, äußerte, zog ihm aber die Feindschaft des Friedensfürsten Alcudia (s. d.) zu, welcher es dahin brachte, daß er nach Toledo verwiesen wurde. Der Prinz verlor seinen geliebten Lehrer mit großem Kummer und blieb durch einen geheimen Briefwechsel mit ihm in Verbindung. E. suchte auch in der Verbannung durch Denkschriften, die er dem Könige einsandke, diesen über seinen Günstling aufzuklären; aber umsonst. Vielmehr gewann der Friedensfürst bei dem Könige ein immer entschiedeneres Übergewicht über den Prinzen, welcher im März 1807 an E. schrieb, daß er für seine Krone fürchte und bei ihm Rath und Beistand suche. Sogleich begab sich E. nach Madrid, wo damals der Pro- ceß vom Escurial gegen den Prinzen von Asturien stattfand. Er vertheidigte denselben auf das kräftigste und wirkte dadurch entscheidend auf die Meinung des Volks ein. Als 1808 Ferdinand VII. den Thron bestiegen hatte, wurde E. Staatsrath. Er rieth zu der Reise nach Bayonne, begleitete Ferdinand VlI. dahin, zeigte in den Unterredungen mit Napoleon, der seinen Einfluß kannte und ihn daher vor Allen bearbeitete, ebenso viel Verstand und Festigkeit als Anhänglichkeit an seinen Fürsten und rieth endlich diesem, der Krone nicht zu entsagen, was auch erfolgen möchte. Jndeß fand diese Entsagung doch statt, und E. folgte nun dem Prinzen nach Valcwxay. Sehr bald aber wurde er von ihm getrennt und nach Bourges verwiesen. Erst im Dec. 1813 kehrte er nach Valenxay zurück, als die eingetretencn Umstände Napoleon geneigt gemacht hatten, sich mit Ferdinand VH. zu versöhnen, und nahm nun wieder an allen Verhandlungen Theil, welche die Bourbons noch vor Napoleon's gänzlichem Sturze wieder auf den span. Thron setzten. Nichtsdestoweniger fiel er 1814 in Ungnade und wurde sogar gefangen gesetzt. Zwar wurde er nach einiger Zeit wieder zurückgerufen, doch fiel er sehr bald von neuem in Ungnade und starb im Exil zu Ronda am 29. Nov. 1820. Seine „Illea senc'illu etc." (1808), eincAuseinandcrsctzung der Gründe, welche Ferdinand VlI. bewogen, sich nach Bayonne zu begeben, ist ein wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte; dieselbe wurde nach ihrem Erscheinen in alle Sprachen übersetzt und erschien unter dem Titel „kx- )>nse der mntils y,ii ont eoF->ße, etc." (Par. 1826) in einer mit wichtigen Noten versehenen Übersetzung von Fr. Bruand, der sich jedoch unter dem Namen El Cabezudo versteckte. Auch übersetzte E. Poung's „Nachtgcdankcn" und Milton's „Verlorenes Paradies" ins Spanische. 94 Escorte Eselsbrücke» Escortc nennt inan eine Truppenabtheilung, welche einem Transport zur Deckung gegen einen Angriff und zur Aufrechthaltung der policeilichcn Ordnung beigcgeben wird. Escurkal (e> Lsciiris!) nennt man für gewöhnlich das berühmte Hieronymitenkloster San-Lorenzo el Real, in der span. Provinz Segovia, 6'/, M. von Madrid, nach dem nahe dabei gelegenen Flecken gleiches Namens, mit etwa 2000 E. Seinen Ursprung verdankt dieses Kloster, dem kein anderes an Größe und Pracht sich an die Seite stellen läßt, einem Gelübde König Philipp's II. nach dem bei St.-Qucntin am l v. Aug. 1557 erfochtenen Siege. Dasselbe bildet ein Viereck, wovon jede Seite 25V Schritte lang ist, besteht aus 17 Abthci- lungcn und dient zugleich zum Schloß und Kloster. Der Hof hält sich daselbst gewöhnlich im Herbste auf. Das Kloster bewohnen 20V Mönche. In der prachtvollen, nach dem Muster der Peterskirche in Rom erbauten Hauptkirche, welche 2-1 Altäre und acht Orgeln in sich faßt, befindet sich unter dem Hochaltäre die Begräbniskapelle des königlichen Hauses, Pantheon genannt, welche durch ein aus vergoldeter Bronze sehr künstlich gearbeitetes Thor verschlossen wird. Marmorstufe» führen zu derselben hinab; aus Jaspis und Marmor besteht auch der Fußboden und aus Bronze die Kuppel. Das prachtvoll geschmückte Oratorium bewahrt ein großes, ganz mit Diamanten und andern Edelsteine» geschmücktes Crnzifix. In der Mitte des Gewölbes steht ein großer massiv goldener Leuchter, und an den Wänden in 26 Nischen, die aufs prächtigste geschmückt sind, stehen ebenso viel schwarze marmorne Särge, thcils mit den sterblichen Überresten verstorbener Könige und Königinnen Spaniens angefüllt, thcils noch leer. Schon Karl I. von Spanien machte den Entwurf zu diesem Bau, doch erst Philipp II., 111. und IV. führten ihn, nach Bramante's Zeichnung, aus; er soll 5 Mill. Dukaten gekostet haben. Auch legte Philipp I I. die berühmte Bibliothek daselbst an, die seine Nachfolger ansehnlich vermehrten. Sie enthält zum Theil noch unbenutzte und unbekannte handschriftliche Schätze, namentlich in der arab. Literatur; einen Katalog derselbe» lieferte Casiri in seiner „vibliotkecs arali.-iiisp." (2 Bde., Madr. 1760—70, Fol.). Auch befinden sich daselbst eine kostbare Gemälde- und eine sehr reiche Münzsammlung. Esel, ein weltbekanntes Thier aus der Gattung oder Sippe der Pferde, unterscheidet sich von dem eigentlichen Pferd durch Länge der Ohren, der Haarbüschel am Ende des Schwanzes und die schwarze kreuzähnliche Zeichnung des Rückens. Im völlig wilden Stande lebt der Esel in den großen Wüsten Mittelasiens, aber auch in einigen Gegenden Persiens, wo er Hauptgegenstand der Jagd ist, und erscheint dort fast von Pferdegröße, als geselliges, je nach der Jahrszeit hin und her wanderndes Thier, welches im Sommer bis zum Ural, im Winter bis an die Grenzen Indiens vordringt. Vernachlässigung und Einfluß eines ihnen ungünstigen Klimas haben diese Thiere in Europa sehr herabgebracht. Im Orient, wo man sic als Hausthiere sehr schätzt, erscheinen sie unter weit edlerer Form, dienen zum Reiten und zeigen keine Spur von jenem Phlegma und der allerdings übertrieben geschilderten Dummheit, durch welche sic in Europa sprüchwörtlich geworden sind. Schon in Spanien gewahrt man den Einfluß des mildern Himmels auf ihre Entwickelung. Durch ihre Kreuzung mit Pferden entstehen die Maulthiere und Maulesel, ungemein nützliche und in Gebirgsgegenden kaum durch andere ersetzbare Reit- und Lastthiere. Die Eselsmilch enthält mehr Milchzucker und ungleich weniger Käsestoff als die Milch anderer Säugthicre und wird als leicht verdaulich und nährend oft in Krankheiten verordnet, wo große Störung und Erschlaffung der Verdauungsfunctionen vorwalten. Eselsbrücken nennt man diejenigen Hülfsmittel zum Verständniß einer fremden, besonders alten Sprache, welche ganz auf die Schwachheit oder Trägheit der Lernenden berechnet sind, indem in ihnen Alles, was eigenes Nachdenken oder die nöthigen Vorkenntnisse crfodert, auf oberflächliche Weise erklärt wird. Dahin gehören namentlich die Wörterbücher der alten Sprachen, in denen die gewöhnlichsten Formen, die der Schüler aus der Grammatik kennen soll, aufgcführt und erläutert werden, wie das „I.exicun msnusle graecuw" von dem Niederländer Cornelius Schrevel (gest. 1661), welches 30 Auflagen erlebte; ferner die Ausgaben der alten Klassiker mit Interlinear- oder nebenstehender Übersetzung in getreuer Wiedergabe der Worte des Originals, wie die Ausgabe des Homer von Hager, oder mit Anmerkungen, indem auch die geringste Schwierigkeit in Hinsicht der Form, Construction u.s.w. auseinandergesctzt wird, wie wir dies in den Ausgaben des Holländers Joh. Minelli (gest. Eselsfeste Esmenard 95 1683) finden. Diese letztere Behandlungsweise fand sehr bald in Deutschland Bcistill und Nachahmung, besonders durch Chr. Fr. Ayrmann, der unter dem Namen GermanicuS SinccruS die gelescnstcn lat. Schriftsteller, den Cäsar, Eutrop, Sucton, Cornel. NepoS, Justin u.A., in gleicher Manier bearbeitete, bis endlich das Studium der Philosophie und die Verbreitung eines geläuterten Geschmacks einer bessern Methode auch hierin Platz machten. Eselsfeste nannte man die seit dem 9. Jahrh. in Frankreich, Italien und Spanien zu Weihnachten zu Ehren des Esels, auf welchem Christus in Jerusalem cinzog, und im Juni zu Ehren des Esels, auf welchem Maria mit dem Kinde nach Ägypten flüchtete, begangenen religiösen Volksfeste. Ein als Geistlicher angepuhter, zum Knien abgerichteter Esel wurde dabei vor den Altar geführt und hier eine Messe gehalten, beider an die Stelle des Amen durchgehend ein Da trat. Die Feste mußten nothwendigcrwcisc sehr bald zu allerlei Unfug Veranlassunggebcn, erhielten sich aber, aller Verbote ungeachtet, hierund dabis ins 15.Jahrh. Eöklmos, dem Wortsinne nachMenschen, welche roheS Fleisch essen, nennen die Europäer gegenwärtig die Bewohner des arktische» Amerikas von ausgezeichnet mongolischer Gesichtsbildung. Hierzu gehören die Bewohner der Ostküstc Grönlands; die Westgrönländer (s. Grönland); die Bewohner der Küsten derBaffinsbai u. s.w.; die Bewohner der Verbund Ostküstc von Labrador, der Westküste der Hudsonbai, der Halbinsel Melville und von da. ab die Bewohner der Nordküstc des amerik. Festlands bis an das Eiscap und vom Eiscap hinab an der Nordwcst-, West- und Südküste des russ. Amerika mit Einschluß der Halbinsel Alaschka und der Aleutischcn Inseln, nicht minder in Asien die Tschuktschen. Wahrscheinlich sind die E. aus Asien über das Ostcap nach Amerika eingewandert. Sie stehen auf der untersten Stufe der Bildung, weichen nn Körperbau ganz von den übrigen Ureinwohner» Amerikas ab und kommen in ihrem Äußern den Lappen und Samojeden des nordöstli- chcn Asiens am nächsten. Sie erreichen selten eine Größe von 5 F.; auffallend klein sind namentlich ihre Hände und Füße. Die obere Kleidung der Männer, vorn bis unter das Kinn zugenäht, hinten mit einer Kapuze zur Kopfbedeckung versehen, besteht meist aus einem bis ans Knie reichenden Rock von Seehundsfellen, zuweilen auch aus aneinander genähten Häuten von Land- und Seevögcln. Ihre Beinkleider sind von gleichem Material und werden mittels eines Riemens um die Lenden zusammcngezogen und gebunden. Die Weiber haben an ihren Jacken einen schmalen Zipfel herunterhängen, der ihnen bis auf die Ferse reicht. Ihre Kappen sind an den Schultern sehr weit, um ihre Kinder in denselben auf dem Rücken zu trage». Auch tragen sie sehr weite, mit Fischbein aufgestciftc Stiefeln, um darin noch für ein Kind Platz zu haben. Fischgräten vertreten bei ihnen die Stelle der Nadeln, und fcingespaltene Ncnnthicrschnen die des Zwirns. Da in ihrem Vaterlands fast alle Vegetation erstorben ist, so leben sic meist vom Fischfänge, und die Robbe ist für sie Das, was dem Lappländer das Rcnnthier ist. Ihre Neligionsbcgriffe sind zum Thcil ganz roh, doch sind die Bewohner der Westküste von Grönland und in Labrador durch die Bemühungen hcrrnhutischcr Missiona- ricn, z. B. Egcde's (s. d.), zum Christenthume übergetreten. Manche der noch unbekehr- ten Stämme haben gar keine Vorstellung von Gott und Vorsehung. Einige glauben an ein unendlich gutes Wesen, Ukkoma, das von einem gleich mächtigenWidersacher, Wittike, unaufhörlich verfolgt wird; Andere nennen den guten Geist Torngarsuk, für den bösen Geist aber, den sich die Meisten als ein Weib vorstcllen, haben sie keinen Namen. Sie leben in völliger Gleichheit ohne Regierung, und nur der Stärkere oder Kühnere genießt einen Vorzug. Esling wurde berühmt durch die Schlacht am 21. und 22. Mai 1809 (s.Aspern und Esling), von der Ma sse'na (s. d.) den Titel eines Fürsten vonE. erhielt. Esmenard (Jos. Alphonsc), franz. Dichter, geb. 1770 zu Pe'lissane in der Provence, erhielt in Marseille seine Bildung, machte darauf drei Reisen nach Westindien und Amerika und lernte nach seiner Rückkehr Marmontel kennen, dessen Bekanntschaft die Neigung zur Literatur in ihm erregte. Im Anfänge der Revolution gehörte er zum Club der Feuillants, nach deren Sturz er 1792 auswandern mußte. Nach fünfjährigen Wanderungen durch England, Deutschland und Italien blieb er, von Konstantinopel zurückkehrend, in Venedig, wo er den Entwurf zu seinem Gedichte Navigation" machte. Nachdem er 1797 nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er wegen einiger politischen Schriften verhaftet und zum zweiten Male verbannt, worauf er wieder zwei Jahre im Auslande zubrachte. Der 18.Bru- 9s, Esoterisch Espartero maire öffnete ihm wicdcr die Rückkehr nach Frankreich, wo er sich nn't Laharpc und Fontanes verband und mit ihnen am „itim-cure 805 in Paris sich häuslich niedcrlassen. Seine 1803 auf die Bühne gebrachte Oper tr>nm,)I>e 803 kam von ihm und Jouy die Oper „»rüinantl Oorter", zu der Spontini die Musik schrieb, zur Auffübrung. Sein angeführtes Gedicht (Par. > 800) entsprach den Erwartungen nicht, obgleich die beschreibenden Stellen nicht unglücklich sind, und E. sah sich dadurch veranlaßt, bedeutende Abkürzungen damit vorzunehmen. Als Vorstand der erste» Abtheilung der Police!, mkt der Büchcrcensur und der Censur über die Theater beauftragt, mußte er sich viele Feinde machen, die sich vollends erhoben, als er >810 Mitglied dc§ Instituts wurde, obgleich er auf diese Ehre durch seine Talente Anspruch hatte. Zu diesen Unannehmlichkeiten kam noch, daß Napoleon ihn wegen eines das russ. Cabinet beleidigenden Aufsatzes aus Frankreich verwies. Er hatte sich drei Monate in Italien aufgehalten, als er die Erlaubniß zur Rückkehr erhielt; doch starb er unterwegs zu Fondi am 25. Juni >8l I an den Folgen einer Wunde, die er beim Umstürze des Wagens, ans dem Wege zwischen Neapel und Nom, erhalten hatte. Zwei seiner Töchter haben sich als Malerinnen ausgezeichnet. Esoterisch nannte man bei den Mysterien der Alten die blos für die Eingeweihte« bestimmte Lehre, im Gegensätze der exoterischcn Lehre, welche für die Uneingeweihten gehörte. (Esoteriker und Exoteriker.) Bei den Schülern des Pythagoras fand derselbe Unterschied statt; daß er aber auf des Platon und Aristoteles Schriften angewendct werde» könne, ist ungegründet. Auch in den andern Wissenschaften, zumal in der Religionslehre, hat man in der Folge diejenigen Vorstellungs- und Lchrarten, welche nur für tiefer Eindringende gehören, esoterische, und diejenigen, welche dm Fassungskräften der Ungelehrtem angemessen sind, exoterische genannt. Espagnölet (Jos. Nibcira), s. Spagnoleto. Esparsette oder Türkischer Klee (i»tl)-s!,rum onnki-z-cbis) ist eine der geschätztesten Futterpflanzen, die aber nur i» kalkhaltigem, lehmigem Boden gedeiht. Mittels der Esparsette können dürre, unfruchtbare, kalkige, dem Pfluge nicht zugängliche Berge und Abhänge, die sonst keinen Nutzen gewähren, auf das zweckmäßigste benutzt werden, zumal da diese Futterpflanze bei gehöriger Pflege länger als zehn Jahre ausdauert. Nur in gutem Boden gibt sie zwei Schnitte des besten Heus, das an Futterstoff alle andere Futterpflanzen weit übertrifft und, den Pferden gefüttert, die Stelle des Hafers vertritt. Den Boden läßt die Esparsette so befruchtet zurück, daß er mehre Ernten ohne alle Düngung liefert. Espartero (Don Baldamero), Exrcgent von Spanien, Graf von Luchana, Herzog von Viktoria und Grandevon Spanien ersterClasse, wurde >792 zu Grana- tula in der Mancha geboren, wo sein Vater, Antonio E., das Handwerk eines Stellmachers betrieb, und war unter neun Kindern das jüngste. Wegen seines schwächlichen Körpers zum geistlichen Stande bestimmt, für den er aber keinen Beruf in sich fühlte, verließ er > 808 bei der Invasion der Franzosen das Kloster, in welchem er seine Bildung erhielt, und trat in das fast ganz aus Studircnden zusammengesetzte sogenannte geheiligte Bataillon. Später kam er in das Cadettencvrps und gegen Ende des I. > 811 als Unterlicutenant zu dem in Cadiz befindlichen Jngenieurcorps, von dem er aber, bei den statksindenden Prüfungen nicht für dieses Corps tauglich befunden, >8>4 zu einem Infanterieregimente nach Valladolid versetzt wurde. Hierdurch gekränkt, war er bereits entschlossen, seinen Abschied zu verlangen, als ein einflußreicher Gönner ihm rieth, sich dem General Don Pablo Morillo vorzustellen, welcher zum Oberbefehlshaber der nach den insurgirtcn Colonien von Südamerika bestimmten Expedition ernannt war. Morillo gestattete ihm, an dieser Expedition, die im Jan. >8>5 abging, als Hauptmann Theil zu nehmen, und ernannte ihn bereits unterwegs ohne alle weitere Veranlassung zum Chef des Generalstabs. Da aber die Beschäftigungen, die E. als solchem oblagen, ihm wenig zusagten, wurde er sehr bald als Major zu der leichten Infanterie in Peru versetzt. Hier zeigte er bei mehren Gelegenheiten hohen Much, Kühnheit und Entschieden- Kspartero 97 heit und wurde 1817 zum Oberstlieutenant und >822 zum Obersten befördert. Nachdem die Kapitulation von Ayacucho im I. >821 die Herrschaft der Spanier aufdemamerik. Festland- geendet, kehrte E. mit Laserna, Valdes, Canterac, Rodil, Alaix, Lopez, Narvaez, Ma- roto u. A., die man später mit dem gemeinschaftlichen Namen der Ayacuchos bezeichnet?, nach Spanien zurück, wo er als Brigadier nach Logrono in Garnison kam. Ein bedeutendes Vermögen, welches er in Amerika durch Glück im Spiele erworben, setzte ihn in den Siand, mit Glan; zu leben, und seine persönlichen Eigenschaften erwarben ihm die Gunst der Tochter eines reichen, in Logrono angesessenen Gutsbesitzers, Namens Santa-Cruz. Gegen den Willen des Vaters verheirathete er sich mit ihr und wurde bald nachher mit seinem Regi- mente nach der Insel Mallorca gesendet. Jm Z. >832 erklärte er sich offen für die Thronfolge der Tochter Ferdinand's V»., und als nach dem Tode des Königs der Bürgerkrieg ausbrach, erbot er sich freiwillig, mit feinem Regimente nach den Nordprovinzen zu marschiren. Er » wurde Generalcommandant von Biscaya, sehr bald Marechal de Camp und Generallieutenant, und als Cordova im Mai >836 sich nach Madrid begab, übernahm er interimistisch das Obercommando. Durch sein persönliches Erscheinen rettete er im Äug. >836 Madrid und wurde hierauf im Sept. >836 zum General en chef der Armee des Nordens, zum Vice- könig von Navarra und Generalcapitain der baskischen Provinzen ernannt. Als Deputir- ter in den constituirenden Cortes beschwor er die Constitution von > 837; doch mit dem Ministerium Calatrava ss. d.) unzufrieden, veranlaßte er durch die Protestation der Gardeoffiziere in Aravanca dessen Sturz. Hierauf zum Kriegsministcr und Conseilspräsidenten ernannt, lehnte er jedoch beide Ämter ab. Als am >2. Sept. >837 die Armee des Don Carlos vor Madrid erschien, erwarb er sich abermals den Ruhm, die Hauptstadt zu retten. Er trieb den Prätendenten über den Ebro zurück, und im Dec. gelang es ihm, die Höhen von Luchana zu nehmen und Bilbao zu entsetzen, worauf er zum Grafen von Luchana ernannt wurde. Von jetzt an in Unthätigkeit verharrend, erwarb er sich während derselben wenigstens das Verdienst, die gesunkene Disciplin im Heere wiederherzustellen. Während er in der Gunst der Königin-Regcntin immer höher stieg, machte er zugleich durch die Blutgerichte zu Pam- pelona gegen Leon Jriarte, in Miranda u.s.w. seinen Namen zu einem gefürchteten im Lande und bei den Feinden. Jm J. >838 vernichtete er die Expedition des karlistischen Generals Negri. Inzwischen zerfiel er mehr und mehr mit dem Ministerium Ofalia, dem er die Schuld beimaß, daß er in fortgesetzter Unthätigkeit verbleiben müsse. Eifersucht gegen Narvaez und Cordova veranlaßte ihn hinsichtlich derselben zu mehren Adressen an die Königin. Sein glücklicher Feldzug im I. >839 brachte ihm als persönliche Auszeichnung den Titel eines Grande» erster Classe und Herzogs von Viktoria und die Großkreuze der franz. Ehrenlegion und des portug. Thurm- und Schwertordens. Sehr geschickt wußte er die Uneinigkeit der Karli- sten zu seinem Vortheile zu nutzen und Unterhandlungen mit Maro to (s. d.) anzuknüpfen, welche zu der Vereinigung von Vergara führten, in Folge deren Don Carlos sich genöthigt sah, nach Frankreich überzutreten. Als er im I. 1849 den Feldzug gegen Cabrera eröffnete, fodftte er für seinen Secretair und Adjutanten Linage, der kurz zuvor das Ministerium in einem offenen Schreiben gröblich beleidigt hatte, das Eeneralsdecret. Er war bereits zu mächtig, seine Fvderung ihm abzuschlagen; Narvaez mußte aus dem Ministerium scheiden, und Linage wurde General. Währenddessen hatten die Sitzungen der Cortes begonnen; das Ministerium, auf die Majorität in denselben bauend, versuchte den Exaltirten, die sich E. ganz zuge- wendet, durch das vorgclegte Gesetz wegen Beschränkung der Municipalvc'rfassung ss. Ayun- l amient o) einen empfindlichen Schlag beizubringen; die Königin-Regcntin aber hatte sich nach Barcelona begeben. Hier gab sie, ungeachtet des ernsten Abrathens des von seinem siegreichen Zuge gegen Cabrera hierher zurückkehrenden und mit grenzenlosem Jubel empfangenen E., dem von den Cortes votirten Gesetze durch ihre Unterschrift die Sanktion. 'Doch erst als die in Folge dieses Gesetzes entstehende Bewegung einm entschiedenen Charakter angenommen hakte, schloß sich ihr auch E. an. Er eilte nach Madrid, wo er im Triumph cin- zog, und von hier als Ministerpräsident mit seinen College» nach Valencia, wo am >6. Oct. l 849 die Königin-Regcntin ihre Äbdankung erklärte und ihren Entschluß, sich nach Frankreich zu begeben. Factisch hierauf dieRegierung Spaniens leitend, wurde er am 8. Mai >84l Lonv.-Ler. Neunte Aufl. V. 7 98 Espe« Cspillasse durch die Cortes zum einzigen Regenten des Landes erwählt. Mit Energie und Festigkeit, Geschäftsgewandkheit und diplomatischer Klugheit führte er das Ruder des Staats. Er steuerte den Anmaßungen des Papstes, hielt den namentlich in Valencia sich erhebenden Republikanismus nieder, dämpfte den Aufstand in Pampelona, wo O'Donnel zu Gunsten der Königin-Regentin das Banner erhoben hatte, machte die Plane zur Entführung der jungen Königin und zur Verführung der Truppen durch die Generale Diego Leon und Concha, deren Ersterer am 15. Oct. 1841 erschossen wurde, zu Schanden und schreckte die unruhigen baski- schenProvinzen durch Heeresmacht und Contributionen. Er bezwang am 15. Nov. Barcelona, , wo der republikanische Geist sich gegen ihn erhob, und zog hierauf am 3V. Nov. in Madrid i wieder im Triumph ein. Von jetzt an nahm E.'s Diplomatie eine andere Richtung; er wendete sich ganz England zu, wodurch er Frankreich nur um so mehr gegen sich erbitterte und zu allerlei Machinationen im Einverständnisse mit der Königin Christine veranlaßte. Dessenungeachtet gelang es ihm, die durch das ganze Land verzweigte exaltirte oder progressistische Partei durch unverbrüchliches Festhalten an der Constitution von >837 in den gesetzlichen Schranken zu halten und, wo sie heraustrat, wieder in dieselben zurückzudrängen. Auch die Jnsurrection in Barcelona gegen Ende des 1.1842 dämpfte er durch einenergischesBombar- dement der unglücklichen Stadt. Allein sein Fall war beschlossen; er wurde ermöglicht durch das Bündniß der Progressisten und Republikaner mit den Moderados oder der Christinischen Partei. E. mußte am 9. Mai 1843 in die von dem Ministerium Lopez beantragte allgemeine Amnestie willigen, wodurch das Land allen Jntriguen der zurückkehrenden Moderados preisgegeben wurde; Äs aber das Ministerium die Entlassung seines Secretairs Linage, des entschiedenen Anhängers der engl. Politik, und des Generals Zurbano, der sich dcnBar- celonesen durch seine Strenge verhaßt gemacht hatte, von ibm verlangte, entließ er am 20. Mai dasselbe und löste am 26. Mai auch die Cortes auf. Schnell verbreitete sich hierauf, namentlich in Folge des Gerüchts über einen für Spanien nachtheiligen mit England abgeschlossenen Handelsvertrag, durch die überall zerstreuten Gegner E.'s der Aufstand durch Katalonien, Andalusien, Aragonien und Galicien. Schon am 13. Juni beschloß die in Barcelona gebildete revolutionaire Junta E.'s Absetzung und die Großjährigkeit der Königin Jsabella, worauf die am l. Juli eingesetzte provisorische Regierung, bestehend aus Lopez, Caballero und Serrano, ihn als Verräther am Vaterlande der Regentschaft für verlustig erklärte. An^e Spitze des Aufstands trat in Valencia Narvaez, ein persönlicher Feind, der nun gegen Madrid zog, wo durch Bestechungen sehr bald die Truppen gewonnen wurden. (S. Spanien.) ^ E- aber, der durch die schnelle Folge der Ereignisse in eine gewisse Unentschlossenheit und Rath- j losigkeit verfiel und auf seinem Zuge gegen Barcelona durch nutzloses Zaudern den für ihn ! günstigen Zeitpunkt versah, blieb, nachdem Narvaez am22.Juli 1843 in Madrid eingezogen, ! nichts übrig, als sich am 30. Juli in Cadiz einzuschiffen und über Lissabon nach England zu gehen, wo er in Falmouth am > 9. Aug. landete. In England wurde er mit allen ihm als Regenten gebührenden Ehren empfangen, nachdem er in Spanien durch das Decret vom 16. Aug. aller Titel, Ehren und Orden für verlustig erklärt worden war. Espe oder Zitterpappel, s Pappeln. Espen (Zeger Bernhard van), einer der berühmtesten Kirchenrechtslehrer, geb. 1646 zu Löwen, wo er später als Professor des Kirchenrechts angestellt ward und in großem Ansehen stand. Er war ein Anhänger der Jansenisten und einer ihrer eifrigsten Vertheidiger, § weshalb er in vielfache Streitigkeiten verwickelt wurde. Als er dem Capitel zu Utrecht das > Recht zuerkannte, ohne Einwilligung des Papstes den Bischof zu erwählen, und sich weigerte, die Bulle „Dnigemtus" anzuerkcnnen, mußte er seine Stelle niederlegen, zog sich nach Mastricht, später nach Amersford zurück und starb an letzterm Orte am 7, Fcbr. 1728. Sein Hauptwerk ist das „äus ecclesiasticnin Universum" (Köln 1702, Fol.; zuletzt 3 Bde., Mainz 1791, 4.; im Auszuge von Oberhäuser, 2 Bde., Augsb. 1782 und Cilli 1797). Die beste Ausgabe seiner sämmtlichen Werke besorgte Jos. Baren (4 Bde., Par. 1753, Fol.). EspigNvlle heißt eine neuerfundene Feuerwaffe, welche Flintenkugeln mit unglaublicher Geschwindigkeit schießt. Die Erfindung soll von Dänemark, nach Andern von Italien ausgehen und wird in Deutschland als ein großes Geheimniß betrachtet. Espinasse (Julie Jeanne Eleonore de l'), eine der liebenswürdigsten Frauen, welche die ESpinel Esplanade 99 glänzendsten Geistesgaben mit einem für die leidenschaftlichste Liebe empfänglichen Herzen vereinigte, gcb. zu Lyon am 1S. Nov. 1732, war ein außer der Ehe gezeugtes Kind der Frau von Albion, welche von ihrem Manne getrennt lebte. Dieselbe erzog ihre Tochter öffentlich als die ihrige und würde ihr eine passende Lage gesichert haben, wenn sie nicht plötzlich gestorben wäre. Nach dem Tode der Mutter kam die Tochter in das Haus Vichy-Chamrond's, des Schwiegersohns ihrer Mutter, wo sie die Aufsicht über die Kinder führte, und 1752 als Gesellschafterin zur Marquise Du-Deffand, der Schwägerin ihrer Mutter. Beide Frauen lebten anfangs in bester Eintracht; allein sie wurde gestört, als Aller Herzen und selbst d'Alem- bert, der geprüsteste Verehrer der Du-Deffand, der E. zu huldigen anfingen. Die Marquise entfernte sie von sich; allein die Verstoßene hatte bereits zu zahlreiche Verehrer, die durch den Herzog von Choiseul es dahin brachten, daß der König ihr ein anständiges Jahrgeld aus- setzte. Von jetzt an trat sie in die große Welt, und die glänzendsten Cirkel wetteiferten um die Ehre ihrer Gegenwart. D'Alembert warb vergebens um ihre Liebe und konnte nie mehr als ihre Freundschaft erhalten. Der Graf von Mora, ein edler Spanier, liebte sie, ward von ihr wieder geliebt, doch schnell über den Obersten Guibert, der durch sein Verhältniß zu Friedrich ll. bekannt ist, vergessen. Sie starb am 23. Mai 1776. Ihre „I^ettres, etc." (2 Bde., Par. 1809; deutsch, Lpz. 1809), welche ihre Verhältnisse und den Wechsel der seltsamen Launen der Liebe mit Anmuth und Zartheit schildern, zeugen von einer seltenen Bildung. Espincl (Vicente), berühmt als Dichter und Musiker, wurde am 28. Dec. 1551 zu Ronda im Königreich Granada geboren; er stammte aus einer altadeligen, aber verarmten Familie und nahm statt des Namens seines Vaters Francisco Eomez, nach einem damals herrschenden Misbrauch den seiner mütterlichen Großmutter, Espinel, an. Er studirte zu Salamanca, ließ sich aber von der damals herrschenden Sucht nach Abenteuern verlocken, Kriegsdienste zu nehmen, durchzog nun als Soldat einen großen Theil Spaniens, Frankreichs und Italiens und erlebte in der Thal mancherlei Abenteuer, die er in seinen „kela- ciones cks l» Villa »venturas Oel Lscuckero Llarcoo cie Obregon" (Madr. 1618, zuletzt 1803; deutsch von Tieck, Bresl. 1827) erzählt. Schon damals mußte er als Dichter und Musiker sich einen Namen erworben haben; denn als zu Ende des J. 1580 für die Gemahlin Philipp's II., Anna von Ostreich, feierliche Exequien zu Mailand veranstaltet wurden, erhielt E. den Auftrag, Text und Musik dazu zu componiren, und seine Arbeit wurde der des Anibale Tolentino vvrgezogen. Reich an Erfahrungen und Kenntnissen, aber auch an Jahren und arm an irdischen Gütern, kehrte er in sein Vaterland zurück, trat in den geistlichen Stand und erhielt ein Beneficiat in seiner Vaterstadt Ronda und später die Stelle eines Kapellans am dortigen königlichen Hospital. Auch genoß er, wie sein Freund Cervantes, eine Pension von D. Bernardo de Sandoval y Rojas, dem Cardinalerzbischofe von Toledo. Doch konnte er, wie Cervantes, nie eine sorgenfreie Existenz erlangen, woran vielleicht seine Tadelsucht und seine bissige Laune zum Theil Schuld sein mochten. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er in Madrid zu in der Zurückgezogenheit des Klosters von Santa Catalina de los Donados, wo er auch 1633 starb. Man hat von ihm einen Band Gedichte (Madr. 1591), der außer lyrischen ein großes Lobgedicht „I.» 6s8a «le lu memoria" und eine Übersetzung von Horaz's „Lpistola -»> kisones" enthält, die lange Zeit für die beste in span. Sprache galt. Auch ist er, obgleich nicht der Erfinder, doch der Verbesserer der Dc- cimen, zehnzeiliger Strophen achtsylbiger Verse, denen er eine geregeltere Form und Reimstellung gab und die daher seitdem den Namen Espinelas tragen. Ist er auch nicht ein Lyriker ersten Rangs, wofür ihn seine Zeitgenossen hielten, so gehört er doch jedenfalls unter die Bessern der cl'assischen ital. Schule; für die Nachwelt dürfte die obenerwähnte Lebensbeschreibung des Marcos de Obregon wichtiger und interessanter sein, die Lesage vielfach benutzt hat. Auch in der Geschichte der Musik nimmt E. einen bedeutenden Platz ein; er war Virtuos auf der Guitarre, welcher er die fünfte Saite beifügte. Esplanade nennt man in einer Festung den unbebauten freien Raum, der absichtlich zwischen der Stadt und den Werken der Citadelle gelassen wird und mindestens 800 Schritt breit sein muß, damit der Feind, wenn er die Stadt erobert hat, nicht von den der Citadelle zunächststehenden Häusern aus den Angriff auf die erstere mit Vortheil eröffnen 7 «- 100 Esponton Esquilache kann. Zu dem Ende muß die Esplanade von der Citadclle beherrscht sein, und die letztere muß die Ausgänge der Stadtstraßen auf die Esplanade unter Strichfeuer halten können. Esponton hieß der kleine, zuweilen vergoldete Spieß, den bis zum I. l 806 die Unteroffiziere der meisten deutschen Armeen führten, der aber seitdem selbst bei Stadtsoldaten, wo er sich am längsten erhielt, abgeschafft worden ist. Ksprit (franz.) entspricht ganz dem deutschen Geist, selbst in seinen abgeleiteten Bedeutungen. Esprits nannte man namentlich, ehedem jedoch häufiger als jetzt, alle die Flüssigkeiten, welche durch Destillation von Substanzen gewonnen wurden, die entweder weingeistige oder andere sehr flüchtige und starkriechende Bestandtheile enthalten. So liefert Wein, Bier, Eider, jedes seinen besonder» Esprit, im Grunde freilich nichts Anderes als Alkohol (s. d.). Ebenso läßt sich aus jeder Pflanze, die nicht ganz arm an ätherischem Öl ist, ein Esprit ziehen; ja selbst die Ergebnisse der Destillation mehrer mineralischer Substanzen, wie des Salpeters, Vitriols, Grünspans u. s. w., wurden sonst unter die Esprits gerechnet. Jetzt bedient man sich statt dieser Benennung, die so verschiedene Erzeugnisse umfaßt, lieber der bestimmtem, welche die neuere chemische Nomenklatur an die Hand gibt; doch kommt sic bei mehren Arten Spiritus noch häufig vor. — In Militaircorporationen versteht man insbesondere unter Lsprit 6 e cor ps die thätigste Theilnahme jedes Einzelnen an dem gemeinschaftlichen Wohle Aller, verbunden mit dem redlichen Bestreben, jene Theilnahme allgemeiner zu machen, sowie den festen Willen, alle andere Rücksichten, vorzüglich aber die egoistisch-persönlichen, der gemeinsamen Wohlfahrt mit der edelsten und uneigennützigsten Selbstverleugnung zu opfern. — Lspritslorts, d. i. starke Geister, nennt man Menschen, die an Allem zweifeln, sich über Alles wegsetzen und damit groß thun. Der Ausdruck stammt aus der Zeit der von Frankreich ausgehenden Aufklärung, in der nicht selten aller religiöse Glaube als geistige Schwäche vorkam. Espronceda (Jose de), einer der ausgezeichnetsten unter den neuesten Dichtern Spaniens, wurde um 1808 zu Almendralcjo, einem kleinen Orte in der Provinz Estremadura, geboren und machte seine Studien zu Madrid. Im 1.1824 wanderte er nach Portugal aus, dann nach England und Frankreich, wo er bis 1833 blieb, sich ausschließcnd mit dem Studium der schönen Literatur beschäftigend. Durch die in diesem Jahre cingetretene Veränderung in der Politik des span. Cabincts ins Vaterland zurückgerufen, gab er bald Beweise von diesen Studien und seinen poetischen Anlagen, indem er schon im I. 1834 mit einem sechsbändigen Romane „8uncllo 8ullliu>s, 6 ei Lastellsao tio ni ei sobrino" zur Aufführung brachte und an der Zeitschrift „Li srtista" (1834—36) thätigen Antheil nahm. Am meisten zeichnete er sich jedoch in der Lyrik aus, worin er nicht nur für einen der besten, wo nicht für den besten der jüngsten span. Dichterschule gehalten wurde, sondern zu noch schöner» Hoffnungen berechtigte. Nicht minder versprach er durch seinen ehrenwerthen Charakter und seine patriotische Gesinnung als Bürger und Staatsmann dem Vaterlande nützlich zu werden. So hatte er sich bereits als Cortesdeputirter bemerklich gemacht und war schon zum Secretair der span. Gesandtschaft im Haag ernannt worden, als er am 23. Mai > 842 starb. Seine „koesms" erschienen zu Madrid 1840. Auch in E.'s Gedichten zeigt sich der Einfluß Victor Hugo's und Byron's; Sprache und Versbau sind mit vielem Geschick behandelt, und einige seiner lyrischen Gedichte, wie „LI pirsts", „Li menckigo" u. s. w., sind sehr beliebt geworden. Esquilache (Don Francisco de Borja y Aragon, Principe de), Graf von Simari, Mayalde u. s. w., nicht blos durch seinen hohen Rang sondern auch durch Bildung und poetisches Talent ausgezeichnet, wurde um > 48 l wahrscheinlich zu Madrid geboren. Er war der Sohn des Don Juan de Borja, Grafen von Mayalde v Ficalbo und dessen zweiter Gemahlin Donna Francisca de Aragon y Barreto; den Titel uno Namen eines Fürsten von Esquilache erhielt er durch seine Gemahlin, die Erbvrinzesstn von Sauillace im Köniareiche Neapel, mit der er sich 1602 vermählt hatte. In demselben Jahre wurde er von Wkilmv lll- zum Kammerherrn und Commthur des Ordens von Santiago und 16,4 rum Vicekönig von Peru ernannt, welche Würde er bis zu Ende des 1.1621 bekleidete. Während seines Vi- rekönigthums eroberte Don Diego Baca de laVega die Maynas in Maraston und gründete Esquire Esra """" 101 dort eine Stadt, die er E. zu Ehren San-Francisco de Borja nannte. Nach dem Tode Philipps III. kehrte E. an den Hof von Madrid zurück, wo er den übrigen Theil seines Lebens zubrachte und am 26. Oct. 1658 starb. Schon in seiner frühesten Zugend sprach sich seine Neigung und seine Anlage zur Dichtkunst aus, und er nahm sich darin vorzüglich den jünger« Argensola zum Muster. Daher zeichnen sich auch seine Gedichte durch Eleganz, verständige Einfachheit und Klarheit und einen sanften, melodischen Fluß des Versbaus aus; aber cs mangelt ihnen an Tiefe, Originalität und Schwung. Er war einer der letzten Repräsentanten des elastischen Stils der span. Cinquecentisten und erklärter Gegner der zu seiner Zeit schon vorherrschenden Schule des Gongora. Seine lyrischen Gedichte, unter denen seine Schäferromanzen noch jetzt von den Spaniern geschätzt werden, erschienen zuerst zu Madrid 1639 (auch 1638 und Antwerpen 1653), dann bedeutend vermehrt zu Antwerpen 1663. Ohne allen poetischen Werth ist sein epischer Versuch „Nspnlos recupsrml-l por «I Le> Von ^lonso" (Saragossa 1651 und Antwerp. 1685, 3.). Außerdem hat man von ihm eine Übersetzung einiger geistlichen Werke des Thomas von Kempis (Brüss. 1661, 3.). Esquire, ausgesprochen Squeir, was in der Schrift gewöhnlich nur durch Lsq. angedeutet wird, ist von dem engl.-normannischen Worte escuier, franz. ecu)er, in seiner altern Bedeutung, lat. scutiler, d. i. Schildknappe, hergcleitet. Dieser Ehrentitel, dem in der Anrede das Sir entspricht, führten ursprünglich in England Diejenigen, welche, ohne Peers, Baronets oder Ritter zu sein, wie die jältern Söhne der Ritter und ihre Nachkommen, ingleichen die Erstgeborenen der jüngern Söhne der Peers und ihre Nachkommen, wappenfähig waren, und es stand derselbe in hohem Ansehen, da er eine sehr bedeutende Classe des engl. Adels bezeichnete und auch schlechthin auf den ausländischen Adel ausgedehnt wurde. Bürgerliche wurden desselben nur durch königliche Wappenbricfe, die jedoch längst nicht mehr üblich sind, theilhaftig und vererbten ihn dann auf ihre Nachkommen; in neuerer Zeit dagegen geben in England alle Staatsämter, vom Friedensrichter aufwärts, die Doctor- würde und der Grad eines Barrister (s. Bar) Anspruch auf den Titel Esquire, den zu führen ein dazu Berechtigter selten unterläßt. Außerdem pflegt jetzt derselbe auch misbräuch- lich Jedem beigelegt zu werden, der kein Geschäft treibt, sondern von seinen Renten lebt. Esqmrol (Jean Etienne Dominique), einer der grüßten Irrenärzte der neuern Zeit, gcb. zu Toulouse am 3. Jan. 1772, diente 1793 in dem Militairlazarcthe zu Narbonne, erhielt 1805 den Doctorgrad und wurde 1811 Arzt an der Salpetriere zu Paris. Seit 1817 hielt er klinische Vorlesungen über Seclenkrankheiten und Seclenheilkunde; im I. 1818 veranlaßte er die Ernennung einer Commission, deren Mitglied er wurde, zur Abstellung der Misbräuche in den Irrenhäusern, wurde 1823 Generalmspector der Universität und 1825 erster Arzt am Ulaison Oes alienes. Gleichzeitig leitete er die von ihm vortrefflich organisirte Privat-Jrrenanstalt zu Charenton. Durch die Julirevolution, der er sich nicht fügte, verlor er seine öffentlichen Ämter und lebte darauf allein seiner Privatanstalt. Er starb am 12. Dec. 1830. E. war ein ausgezeichneter Denker und Arzt, und bei ihm vereinigte sich das seltene Talent des Seelen- und Körperarztes auf eine wahrhaft vollendete Weise. Durch humane Pflege und Leitung der Geisteskranken und durch eine zweckmäßige moralische Behandlung derselben hat er in den ihm untergebenen Irrenanstalten sehr glückliche Resultate in seinen Heilungen erlangt. Seine Schriften verbreiten sich über alle Gegenstände der Seclenheilkunde. Eine deutsche Bearbeitung derselben zu einer Art von System der Seelenstörungen und der Seclenheilkunde haben wir von Hille: „E.'s allgemeine und specielle Pathologie und Therapie der Seelenstörungen" (Lpz. 1827). Insbesondere ist zu erwähnen sein Werk „Des malsclies mentales ennsickerees sous les rapports meelicales, b^giemPie et möülco-legal" (2 Bde., Par. 1838 ; deutsch von Bernhard, Berl. 1838). Esra, ein jüd. Gesetzlehrer des 5. Jahrh. v. Chr., stammte aus hohenpriesterlichem Geschlecht? ab und führte 378 v. Chr. eine zweite Karavanc Judäer aus dem Exil nach Judäa zurück. Seine Verdienste am die neue Cvlonie in bürgerlicher und gottesdienstlicher Beziehung bestanden vornehmlich darin, daß er jeden Umgang mit Götzendienern, insbesondere die Ehen mit heidnischen Weibern streng untersagte und die chaldäische Quadratschrist statt der bisher gewöhnlichen samaritanischen einführte. Dagegen ist die Nachricht, daß er die bei der Zerstörung von Jerusalem verbrannten heiligen Bücher aus dem Gedächtnisse wieder 102 Eß Essen ausgezeichnet habe, ebenso fabelhaft wie eine andere, der zufolge er als Haupt der sogenannten großen Synagoge, eines Vereins jüd. Gelehrter, den alttcstamcntlichen Kanon gesammelt und vollendet haben soll. Das nach ihm benannte Buch, welches in Verbindung mit dem Buche Nehemia bei den Juden das erste und das zweite Buch Esra heißt, ist zum Theil chal- däisch geschrieben und rührt von mehren Verfassern her. Außerdem findet sich in der alexan- drin. Übersetzung des Alten Testaments noch ein apokryphes drittes und viertes Buch Esra, von denen das letztere das Werk eines jüd. Apokalyptikers zur Zeit Jesu zu sein scheint. Vgl. Schrrmcr, „Observstiones exeget. crit. in bisilr." (Brest. 1820). Eß (Karl van),, bekannt als Mitherausgeber der deutschen, von seinem Vetter Leander van Eß besorgten Übersetzung des Neuen Testaments, war zu Marburg im Stifte Paderborn am 25. Sept. 1770 geboren. Im I. 1788 kam er als Kloßiergeistlicher in die Be- ncdictinerabtci Huysburg bei Halberstadt, wo er I796Lector und 1801, wo er einen Nus an die Universität zu Frankfurt erhalten hatte, zum Prior erwählt wurde. Bei der Aufhebung der Abtei im 1.180-1 erhielt er die Pfarrei zu Huysburg. Von seinen freisinnigen Ansichten über Hierarchie kam er bedeutend ab und zeigte sich dem röm. Stuhl sehr unterwürfig, nachdem ihn der Fürstbischof von Paderborn 181l zum bischöflichen Kommissar mit der Vollmacht eines Generalvicars im Saal- und Elbedepartemcnt ernannt hatte, noch mehr aber nach dem Sturze Napoleon's. Welchen Antheil er auch an der Übersetzung des Neuen Testaments, die unterseinem und seines Vetters Namen (Braunschw. 1807; 1. Ausl., 1819, dann Sulzbach sehr oft) erschien, anfangs gehabt haben mag, so ist doch so viel gewiß, daß er sich später ganz davon lossagte. Er starb am 22. Oct. 1821. Außer einigen lat. Abhandlungen schrieb er eine „Geschichte der gewesenen Abtei Huysburg" (Halberst. 1810) und einen „Entwurfeiner kurzen Geschichte der Religion" (Halberst. >817), der von den Domschülern zu Halbcrstadt zur Nachfeier des Reformationsfestes öffentlich verbrannt wurde und von protestantischer Seite mehre Gegenschriften, wie von Körte und Augustin, veran- laßte. — Sein Vetter, LeandervanE., geb. zu Marburg 1772, wurde frühzeitig in die Benedictinerabtei Marienmünster im Stifte Paderborn ausgenommen und nachher Pfarrer zu Schwalenberg im Fürstenthume Lippe. JmJ. 1813 folgte er dem Rufe als Pfarrer nach Marburg, wo er zugleich außerordentlicher Professor der Theologie an der Universität und später Mitdirector des Schullehrerseminariums wurde. Verschiedene Umstände veran- laßten ihn indeß, seine Ämter niederzulegen. Nächst der Übersetzung des Neuen Testaments,, ^ deren fernem Äbdruck der Papst untersagte, sind zu erwähnen „Auszüge aus den heiligen ' Vätern und andern Lehrern der katholischen Kirche über das nothwendige und nützliche Bibellesen zur Aufmunterung der Katholiken" (Lpz. 1808; 2. Ausl., Sulzb. 1816), „Gedanken über Bibel und Bibellesen u. s. w." (Sulzb. 1816), „?r->Ainstics cloctornm cstlloü- corum tricient. circa Vuißstam üecreti sensum, nec non licitum textus originalis us»m testsntium ln8toria" (Sulzb. 1816 ; deutsch, Tüb. 1821). Essäer, bei Philo auch Therapeuten, war der Name einer jüd. Sekte, die bald nach dem Makkabäischen Zeitalter entstand und sich bis ins 1. Jahrh. n. Ehr. in Judäa und Ägypten erhielt. Die Essäer, in mehre Zweige getheilt, die sich zum Theil einem einsamen ehelosen Leben widmeten, führten einen rechtschaffenen, genügsamen und wohlthätigen Wandel ; sie lebten meist in Gütergemeinschaft, erklärten die Schrift allegorisch und begingen mit Gesängen und besonderer Andacht den gemeinsamen Gottesdienst. Sie waren als Ärzte und Wahrsager bekannt, wohnten in größerer Anzahl in der Gegend des Tobten Meers und in Ägyp- ' len, waren aber auch in den Städten jener Länder zu finden. Nach Einigen gehörte auch Christus ihrem Bunde an. Ein Jever hatte vor der Aufnahme eine Prüfung zu bestehen und wurde erst nach dreijähriger Probezeit förmlich ausgenommen. Die nicht ganz übereinstimmenden Nachrichten der Älten über die Essäer findet man in Bellermann's „Geschichtlichen Nachrichten aus dem Alterthume über Essäer und Therapeuten" (Bert. 1821) gesammelt. Essen, eine sehr betriebsame Stadt im Regierungsbezirk Düsseldorf der preuß. Provinz Rheinland, in fruchtbarer Gegend, hat etwa 5900 E., darunter gegen 3350 Katholiken, 2350 Evangelische und 200 Juden, vier Kirchen, darunter die schöne Stiftskirche, ein Gymnasium und mehre nicht unbedeutende Fabriken. Das ganz nahe dabei gelegene ehemalige rcichsunmittelbare Benedictinernonnenstist gleiches Namens wurde 860 gestiftet Essen (Hans Henrik) Essex (Graf von) 1«3 und 87 3 bestätigt und stieg durch kaiserliche Privilegien und Schenkungen sehr bald zu sol» cher Bedeutung, daß es 52 Nonnen und 20 Stistshcrren zählte. Nachmals von seiner Höhe wieder herabgesunkcn wurde es von der Abtissin Theophanie um die Mitte des lI. Zahrh. gleichsam von neuem begründet. Es hatte >275 den Kaiser Rudolf zum Schirmvoigt gewählt; gegen Ende des l 5. Jahrh. übertrug er die Schirmvoigtei den Grafen von der Mark. Das Gebiet der Abtei umfaßte auf einigen Quadratmcilcn die beiden Städte E. und Steel, mehre Dörfer und gegen >4000 E. Die Stiftsdamen mußten wenigstens Freifrauen sein und konnten nach freier Entschließung sich vermählen. Das Stift hatte Sitz auf der rhein. Prälatenbank und auf den westfälischen Kreistagen unter den Fürsten. An adelige Häuser verlieh cs vier Erbämter. Zm Rcichsdcputationshauptschluß von 1803 wurde es als Entschädigung an Preußen gegeben, später von dem Herzogthum Berg beansprucht und durch den wiener Congreß an Preußen zurückgegeben. Essen (Hans Henrik, Graf von), schweb. Reichsmarschall, geb. 1755 zu Kaft'äs in Wcstgothland, stammte aus einer alten liefländ. Familie, bildete sich in Upsala und Göttingen und trat hierauf in schweb. Kriegsdienste. Bei einem Turnier in Stockholm machte er durch seine Schönheit und Gewandtheit auf Gustav III. einen so günstigen Eindruck, daß er von dieser Zeit an der Günstling des Königs wurde, der ihn mit Gütern und Ehren überhäufte. E. benutzte sein Ansehen nie zum Nachtheil Anderer und behauptete fortwährend bei Hofe eine edle Offenheit. Er war des Königs Begleiter auf dessen Reisen durch Italien, Frankreich und Deutschland und folgte ihm 1788 beim Beginn des Kriegs gegen Rußland nach Finnland. Als der Feldzug vor der kleinen Feste Nyslot scheiterte und der König Finnland verließ, begleitete ihn E. nach Gothenburg, das die Norweger unter dem Prinzen Karl von Hessen als Rußlands Verbündete bedrohten. Zum Schutze des Königs zog er in aller Schnelligkeit Truppen zusammen, hob in mehren Landschaften Bauern aus und führte dem König diese Verstärkung zu, wodurch zum Theil der Waffenstillstand zu Stande kam. Stets der Begleiter des Königs, war er auch an dessen Seite, als derselbe auf dem Maskenbälle tödtlich verwundet wurde. Unter den nachfolgenden Regierungen genoß E. fortwährend ein hohes Ansehen. Er begleitete den Herzog von Südermanland und den jungen König Gustav Adolf auf der Reise nach Petersburg. Nach der Rückkehr von dort wurde er 1795 Oberstatthalter in Stockholm, worauf ihm l 800 der Oberbefehl in Pommern zu Theil wurde. Als Anführer des vereinigten Heers in diesem Lande vcrtheidigte er 1807 zwei Monate lang Stralsund und schloß einen ehrenvollen Waffenstillstand mit dem franz. Marschall Markier. Als der König, unzufrieden mit seinen Feldherren, die Anführung des Heers selbst übernahm, zog sich E. auf seine Güter zurück. Erst nach der Thronentsagung des Königs wurde er wieder in den Staatsrath gerufen. Im Aufträge des neuen Königs, Karl's Xlll., ging er noch in demselben Jahre als Gesandter nach Paris, um den Frieden mit Frankreich zu schließen, wodurch Schweden wieder auf kurze Zeit in den Besitz von Pommern gelangte, ^m J. 1810 empfing er den Prinzen von Ponte Corvo als erwählten Thronfolger in Schweden. Im I. 1813 erhielt er unter dem Kronprinzen den Befehl über die gegen Norwegen bestimmte Armee. Nach der Vereinigung beider Reiche wurde er Reichsstatthalter überNor- wegcn, norweg. Feldmarschall und Kanzler der Universität zu Christiania. Von diesem hohen Posten wurde er zwar 1818 entlassen, aber noch in demselben Jahre zum Wirklichen Reichsmarschall erhoben und 1817 Generalgouverneur in Schonen. Er starb am 28.Juli 1824. . Essenz, ziemlich gleichbedeutend mitTinctur (s. d.), nennt man eine spirituöse Flüssigkeit, welche aus einem oder mebren Körpern die auslösbaren Stoffe ausgenommen hat. an EIeqilibo, ein District in Südamerika, benannt nach dem gleichnamigen großen Flusse, längs dessen es sich ausbreitet, ein fruchtbares und reiches Land, bildet nebst Dcma- rara und Berbicc das brit. Guiana (s. d.). ^^5' E der engl. Grafschaften, am Deutschen Meere, mit 317233 E. auf 71'/, IHM. "nd der Hauptstadt Colchester (s. d.), war ursprünglich eins der angelsächs. Reiche und um 527 gestiftet. Durch den König Egbert von Wessex erobert, wurde es im Anfänge des 9. Jahrh. nut dessen Reiche vereinigt. nr.r (Rob. Devereux, Graf von), bekannt durch sein Verhältniß zur Königin Elisabeth von England, war am 10. Nov. 1567 zu Ncthewood in der Grafschaft Hercford 104 Essex (Graf von) geboren. Sein Vater, WalterDevereux, erster GrafvonE., starb während der Ausführung großartiger Colonisationsplane in Irland und hinterließ den zehnjährigen Knaben und die Witwe Lätitia, die alsbald Leicester, den Feind ihres Gemahls und Günstling der Königin Elisabeth, heimlich heirathcte. Lord Burleigh, der nach dem Willen des Vaters die Erziehung des Sohns leitete, brachte den schönen, hochbegabten Jüngling l 58-1 an den Hof, wo er viele Freunde fand und auch auf die Königin großen Eindruck machte. E. mußte deshalb dem eifersüchtigen Stiefvater 1585 in den Krieg nach Holland folgen. Die Schlacht von Zütphen, in der er sich auszcichnete, gab der Königin um so mehr Gelegenheit, ihm ihre l Gunst zu bezeigen; sie erhob ihn zum Cavaleriegeneral und gab ihm den Orden des Hosen- , Landes. Als Leicester 1588 starb, wußte sich die Königin bald durch den jungen Stiefsohn zu trösten, der ihr erklärter Günstling ward. Sie überhäufte den Jüngling mit Ehren , und Zärtlichkeit, während dieser Volksgunst, Kriegsthaten, überhaupt die Befriedigung eines männlichen Ehrgeizes der Liebe einer alternden Frau vorzuziehcn schien. Gegen ihren Willen schloß er sich >589 dem Kriegszuge an, durch den Norris und Drake Don Antonio wieder aus den portug. Thron sehen wollten; doch zog dieser Ungehorsam ihm nur zärtliche Vorwürfe zu. Im I. l 591 mußte sie ihm den Oberbefehl über ein Truppencorps verleihen, ! das sie zur Unterstützung Heinrich's I V. nach Frankreich sandte. Nach Kriegsruhm begierig, > unternahm E. zum Theil auf eigene Kosten mit dem Admiral Howard 1596 den kühnen j Handstreich auf Cadiz, wodurch England in den Besitz unermeßlicher Beute, besonders des > reichen Arsenals gelangte. Das Volk, das ihn seiner Ritterlichkeit und des Edclmuths wegen, mit dem er sich der verfolgten Katholiken und Puritaner annahm, längst als Liebling betrachtete, zollte dieser Heldenthat den lautesten Beifall. Auch die Königin ergoß sich in Lob l und Gnaden, empfand es indeß doch übel, daß er den öffentlichen Beifall dem ihrigen vor- j zog. Tiefer fühlte sie sich gekränkt durch seine heimliche Vermählung mit der Tochter Walsingham's, durch das Duell, das er angeblich aus Eifersucht mit dem Ritter Blount , bestand, endlich durch häufige Misachtung ihrer Persönlichkeit dem Hofe gegenüber. Nach seinem Wunsche beförderte sie ihn 1597 zum Großmeister der Artillerie. Er unternahm hierauf einen Kriegszug gegen Spanien, der aber misglückte. Als er zurückkehrte, kalt empfangen wurde und seine Feinde befördert und in der Gunst der Königin fand, erwachte auf einmal der ganze Stolz seines hochfahrenden und durch Glück verzogenen Charakters. Sein ungestümes Betragen, seine Reden, sein Spott, den die Hofleute hinterbrachten, mußten jedes Weib, am meisten aber die oft bis zur Lächerlichkeit eitle Königin verletzen. Überdies war Burleigh, sein Freund und Beschützer, gestorben, und alle seine Neider und Nebenbuhler hatten freies Spiel. Dessenungeachtet vermochte Elisabeth nicht, ihre Neigung für den Geliebten zu unterdrücken; sie verzieh ihm oft und gern und überhäufte ihn dann mit neuen Gunstbezeigungen. Nach einer heftigen Scene im Staatsrath (s. Elisabeth) ernannte sie ihn ungeachtet seiner Weigerung zum Gouverneur in dem unruhigen Irland. Er wurde mit ausgedehnten Vollmachten versehen und verließ den Hof gereizt und unter Verwünschungen. Um sich seiner Sendung, die er für Verbannung hielt, so schnell als möglich zu entledigen, schloß er nach einigen unbedeutenden Unternehmungen mit den Aufrührern einen Waffenstillstand, der bei Hofe als Staatsverrath angesehen ward. Um seinen Gegnern zu begegnen, eilte er hierauf gegen ausdrücklichen Befehl nach London zurück und drang rücksichtslos in das Cabinet der Königin. Zeitgenossen behaupten, daß er sogleich völlige Ver- . zeihung würde erhalten haben, wenn er mehr Geduld gezeigt und die Königin nicht im Nacht- , anzug überrascht hätte. Nur um den Schein zu wahren, sagt man, entkleidete ihn Elisabeth seiner Würden bis auf den Titel eines Generals; auch befahl sie, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Die lange Zeit, die man geflissentlich verstreichen ließ, verwandte der tollkühne und ungestüme Mann, um mit dem schot. Hofe in Verbindung zu treten und in London einen Aufstand zu veranlassen, der freilich zunächst gegen seine Feinde und die Minister gerichtet war. Nach seiner Gefangennehmung machte ihm nun der Kanzler Bacon, dem er sonst große 1 Gunst erzeigt, in aller Form den Proceß. Lange zögerte Elisabeth, das Todesurtheil zu bestätigen, indem sie hoffte, er werde ihre Gnade anflehen. Endlich ward er am 25. Febr. 1691 enthauptet; erstarb, nachdem er sich stolz und edel vertheidigt, mit großem Muthe. Die Erzählung von dem Ringe, mit dem er sein Schicksal bei der Königin habe aushalten 105 Essig Eßlair wollen, der aber von seiner Feindin, der Herzogin von Nottingham, zurückgehalkcn worden sei, soll nach neuerer Forschung des Grundes entbehren. Sein vertrautes Verhältnis! mit Elisabeth ist indessen durch unverwerfliche Zeugnisse gegenwärtig außer Zweifel gesetzt. Die Jugend, die glänzenden Eigenschaften, das schnelle Glück und das tragische Ende des Grafen E. haben ihn zum Gegenstände dichterischer Darstellung gemacht. — Die jetzigen Grafen vonE., sind mit dem Günstlinge Elisabeth's nicht verwandt; sie stammen aus dem Geschlechts der Capel. Arthur Capel, später Lordlicutenant von Irland, wurde 1661 zum Viscount von Malden und Grafen von E. erhoben. Essig. Wenn irgend eine wenkgeisthaltige Flüssigkeit, z. B. Wein, Bier, Branntwein, gegohrene Zuckersäfte u.s.w., bei einer Temperatur von 18"—36" R. mit hinreichender Lust in Berührung kommt, so absorbirt sie Sauerstoff aus der Luft und entwickelt dafür kohlensaures Gas; es verwandelt sich der Weingeist in Essigsäure, die in ihrer Verdünnung mit Wasser und vermengt mit den vorher schon anwesenden fremden Stoffen, denEssig darstellt. Die Stärke des Essigs richtet sich nach dem Gehalte an Essigsäure; die Farbe u. s. w. hängen von den Beimischungen ab, und in Letztcrm allein liegt der Unterschied von Bieressig, Weinessig u. s. w. Auch der bei trockener Destillation des Holzes gewon- neneHolzessig ist nur eine durch Thecrbestandtheile verunreinigte verdünnte Essigsäure. Bei Darstellung des Essigs kommt Alles darauf an, daß die gehörige Temperatur und der gehörige Luftzutritt stattfinde; letzterer kann, wenn man die Flüssigkeiten in offenen Gefäßen ruhig stehen läßt, nur sehr allmälig sein; man beschleunigt daher neuerdings, in der sogenannten Schnellessigsabrikation, die Essigbildung dadurch, daß man in besonder« Gefäßen (Essigbildern) die weingeistige Flüssigkeit in dünnen Schichten über Hobelspäne herabsickern läßt, während ein stets erneuter Luftstrom ihr entgegcnkommt. Indem man den Essig über aromatische Kräuter abzieht, erhält man mannichfache Riech- und Räuchercssige, unter welche derVinmAre 044 zu Ttanoe oracyre. Nach dem Tode Franz's I. im I. 1547 wurde sie auf Anstiften der Diana von Poitiers auf ihre Güter verwiesen. Sie trat nun, weil letztere die Gegenpartei begünstigte, zu den Hugenotten über und leistete denselben vielen Vorschub, lebte aber übrigens ziemlich geräuschlos bis an ihren 1576 erfolgten Tod. Este ist eins der ältesten und berühmtesten Fürstenhäuser Italiens. Gewöhnlich nimmt man ein früheres und ein späteres Fürstenhaus dieses Namens an. Das letztere beginnt mit Oberto's l. Sohn, Oberto ll., dessen Enkel Azo oder Azzo II. von Kaiser Heinrich III. mit Rovigo, Casal-Maggiorc, Pontrcmoli und andern kleinen ital. Landschaften belehnt wurde. Durch Azzo's Söhne, WelflV. und Fulco I., spaltete sich das Haus in zwei Hauptstämme, den deutschen oder welf-cstisch-cn und den ital. oder fulco-cstischen Stamm. Jenen gründete Welf IV., der nach Otto's von Nordhcim, Herzogs von Baiern, Absetzung im I. 1071 von Kaiser Heinrich IV. die Belehnung mit Baiern erhielt. Von ihm stammen durch Heinrich den Stolzen, Herzog von Baiern und Sachsen, und dessen Sohn, Heinrich dem Löwen, die Fürstenhäuser Braunschweig und Hannover ab. Den ital. Stamm dagegen, und somit den der spätem Herzoge von Modena undFcrrara, gründete Fulco l-, gest. 1135. Währenddes 12., 13. und 14. Jahrh. ist die Geschichte der Markgrafen von E., als Häuptern der Guelfen, mit den Schicksalen der übrigen Hcrrscherfamilien und kleinen Freistaaten in Oberitalien verflochten; sic erwarben zuerst Ferrara und die Mark Ancona, dann später auch noch Modena und Reggio. Zugleich zeichnete sich das Haus E. durch besondere Begünstigung der Gelehrten und Künstler während der Blüte der ital. Literatur aus. Schon Nikolaus 11., gest. 1338, erhob seine Residenz zum Sitz der schönen Künste und Wissenschaften. Höher noch als er steht in dieser Hinsicht Nikolaus III., gest. 1441. Dieser stellte die von seinem Vater Albert gestiftete Universität wieder her, stiftete eine neue zu Parma, zog die ausgezeichnetsten Männer, z. B. Guarini von Verona, den Ahnherrn des bekannten Dichters, und Joh. Aurispa, an seinen Hof und vererbte die Liebe zu den Wissenschaften auf seine Söhne Lionel und Borso. Lionel, gest. 1450, durch Liebenswürdigkeit des Charakters, Anmuth des Geistes und Feinheit der Sitten ausgezeichnet, unterstützte Handel und Gewerbe, förderte Künste und Wissenschaften, besonders aber das neu erwachte Studium der alten Literatur. Er stand mit allen großen Männern Italiens in Briefwechsel und galt selbst 108 Este als Muster der Beredsamkeit in der lat. und ital. Sprache. Gleiche Verdienste um Beförderung der Gewerbe, des Ackerbaus und der Künste und Wissenschaften hatte sein Bruder und Nachfolger Bor so, gcst. 1471. Kaiser Friedrich lll. war bei seiner Reise durch Ferrara von der Aufnahme, die er bei ihm gefunden, so entzückt, daß er ihm 1452 den Titel eines Herzogs von Modena und Reggio ertheiltc. Hierzu verschaffte sich Borso noch vom Papste Pius II. die Herzogswürdc für Ferrara, welches er als päpstliches Lehen besaß. Ganz im Geiste seiner Vorgänger wirkte Hercules I., gest. 1505, der, ungeachtet seine Staaten von den Venetianern hart bedrängt wurden, bis endlich ein allgemeiner Krieg über Italien ausbrach, den Wohlstand seines Landes zu sichern und seinen Hof mit Hülfe seines berühmten Ministers, Boyardo (s. d.), Grafen von Scandiano, zum Sammelplätze der größten Gelehrten zu machen wußte. Ihm folgte sein Sohn Alfons I., gest. 1535, als Feldherr und Staatsmann ausgezeichnet, und von allen Dichtern der damaligen Zeit, besonders von Ariosto, gefeiert. Seine zweite Gemahlin war jene berüchtigte Lucrezia Borgia (s. d.), sein Bruder jener Cardinal Hippolyt, der aus Eifersucht seinem natürlichen Bruder Julius die Augen, welche die von Beiden angebetete Geliebte schön genannt hatte, ausstechen ließ. Eine zur Rache an Hippolyt wegen dieser Grausamkeit an Julius und einem andern Bruder, Ferdinand, eingeleitete Verschwörung wurde entdeckt, und beide Brüder mußten ihr Leben im Kerker beschließen. Alfons trat 1569 der Ligue von Cambray bei und kämpfte mit Glück gegen die Vcnctianer, indem er noch in demselben Jahre, nach Zerstörung ihrer allgemein gefürchteten Flotte im Po, jenen jv vielfach verherrlichten Sieg zu Lande erfocht. Unheilvoll dagegen für ihn war sein Zwiespalt mit den Päpsten Julius II-, Leo X. und Clemens VII., die ihn wegen seines Festhaltens an der Ligue von Cambray, welcher sie feindlich gesinnt waren, mit dem Jnterdict belegten und der päpstlichen Lehen für verlustig erklärten. Erst nach der Eroberung Roms im I. 1527 unter Karl V. ließ dieser dem Herzog seine frühern Besitzungen wieder einräumen und bestätigte die Hoheitsrcchte seines Hauses. Sein Nachfolger, Hercules II., gest. 1559, der Gemahl Renate's, der Tochter Ludwig's XII. von Frankreich und der Anna von Bretagne, schloß mit der größten Ergebenheit sich an Karl V. an, da dessen Übergewicht fortwährend noch in allen ital. Angelegenheiten den Ausschlag gab. Er und noch mehr sein Bruder, der Cardinal HippolytderJüngere, ehrten Künste und Wissenschaften, und der letztere erbaute die prächtige Villa d'Este in Tivoli. Ihnen würde A l - fons II. in keiner Hinsicht nachstehen, wenn nicht unmäßige Liebe zur Pracht, in welcher er es dem Großherzoge von Florenz zuvorthun wollte, unbegrenzter Ehrgeiz, der ihn unter An- derm zu wiederholten kostspieligen Versuchen trieb, die Krone Polen zu erlangen, und rohe Hartherzigkeit, welche er namentlich auch durch die siebenjährige Einkerkerung des Dichters Tasso (s. d.), der an seinem Hofe lebte, bewies, als unvertilgbare Flecken seines Charakters wie seines Fürstenlebcns daständen. Obgleich dreimal verheirathet, blieb er kinderlos; deshalb erwählte er seinen Vetter Cäsar, gest. 1628, den Sohn eines natürlichen Sohnes Alfons' I., zum Nachfolger. Zwar bestätigte diesen der Kaiser in den Reichslehn Modena und Reggio, aber Papst Clemens VIII. erklärte die Erwählung für unrechtmäßig und zog Ferrara und die andern päpstlichen Länder als eröffnete Lehen ein. Cäsar's Sohn, Alfs ns III., ließ anfangs, seiner großen Heftigkeit wegen, eine harte Willkürherrschast befürchten, allein der Tod seiner von ihm leidenschaftlich geliebten Gemahlin, Jsabella von Savoyen, stimmte ihn zur größten Sanftmuth und zur Neigung für ein stilles, andächtiges, beschauliches Leben. Nach kurzer Regierung ging er unter dem Namen des Bruders Johann Baptist von Modena in ein Kapuzinerkloster nach Tirol, wo er seine Tage beschloß. Nach ihm folgt eine lange Reihe rühmloser Fürsten. Franz I., der Sohn Alfons' III., gest. 1658; Alfons IV., gest. 1662; Franz II., gest. 1694; Rinaldo, gest. 1737, durch dessen Vermählung mit Charlotte Felicitas von Braunschweig, der Tochter des Herzogs von Hannover, die beiden seit l V71 getrennten Zweige des Hauses wieder vereinigt wurden, und endlich Franz III-, an dessen Hofe Muratori (s. d.) und Tirabos chi (s. d.) lebten. Des letztem Sohn, Hercules III., erheiratete zwar die Fürsienthümer Massa und Carrara, mußte aber bei Annäherung der franz. Heere 1796 nach Venedig flüchten und verlor durch den Frieden von Campo-Formio 1797 seine Länder Modena und Reggio. Mit ihm starb 1797 der Mannsstamm des Hauses E. aus. Seine einzige Tochter, Maria Beatrix Este (Hannover-) Esterhazy von Galantha 109 Ricardo, war mit Ferdinand, dem dritten Sohne des Kaisers Franz von Ostreich, vermählt, welcher anfangs zur Entschädigung für das verloreneModena das Herzogtum Brcis- gau erhielt und 1806 starb. Der älteste Sohn Beider, Franz IV. (s. d.), gelangte nach Aufhebung des Königreichs Italien durch die Tractate von >814 und l 8 t 5 zum Besitze des Herzogthums Modena und nach dem Tode seiner Mutter 1829 auch zur Nachfolge in den Herzogthümern Massa und Carrara. Este. Den Stammnamen des Hauses Hannover-Este führen gegenwärtig die Nachkommen des Herzogs August von Sussex mit Lady Murray, AugustFriedrichvonE. und Auguste Emma von E. Die Vermählung des Herzogs, der der sechste Sohn König Georg'slll. von England war. mit der Lady Auguste Murray, geb. am 27.Jan. 1768, der älternTochter des schot. Grafen Dunmore, hatte zu Rom am 4. Apr. 1793 ohneVorwifsen der beiderseitigen Ältern stattgefunden. Ein nachher nicht zu ermittelnder engl. Geistlicher hatte die Trauung vollzogen, aber darüber keinZeugniß ausgestellt. Lady Auguste, um denBeweis einer wirklich geschlossenen, wenn auch bürgerlich ungültigen Ehe zu erhalten, leitete deshalb zu London eine zweite Trauung ein. Am 5. Dec. 1793 wurde im Kirchspiele St.-George nach dreimaligem Aufgebote ein Herr Frederic mit Auguste Murray, die Beide Leute geringen bürgerlichen Stands zu sein schienen, ohne Aufsehen getraut und die Handlung durch einen gewöhnlichen Trauschein bestätigt. Am 13. Jan. 1794 gebar Lady Auguste einen Sohn, den jetzigen Oberst von Este, während der Herzog in Lissabon war. Eine vom Geheimrath veranlaßte Untersuchung brachte nun das Geheimniß an das Licht, und aus Grund des über die Verheirathungen in der königlichen Familie im 1. 1772 bestimmten Gesetzes wurde von dem erzbischöflichen Gericht die Ehe des Herzogs für gänzlich nichtig erklärt, der sich indeß in seinem Gewissen an die Ehe gebunden hielt, und am 1 l. Aug. 1801 auch Vater einer Tochter wurde. Erst später erhielten beide Kinder den alten Namen Este, die Mutter den Titel d'Ameland und einen Jahrgehalt von 4000 Pf. St. Da der Herzog von Sussex und seine legitimen Nachkommen nach und nach mehr Aussichten aufdie Thronfolge erlangten, so suchte der Oberst von Este schon bei Lebzeiten seines Vaters die ^Anerkennung seiner Legitimität als eines Prinzen von Großbritannien und Irland, oder wenigstens von Hannover geltend zu machen. Für ihn schrieben Klübcr in den „Abhandlungen für Geschichtskunde" (Bd. 2, Franks. 1834) und Zachariä (Heidelb. 1834); gegen ihn Schmid (Jena 1835) und Eichhorn (Berl. 1835). Da die Frage erst nach dem Aussterben des jetzt in Hannover regierenden Hauses Wichtigkeit erhält, so ist dieselbe, obschon sic beim Tode des Herzogs von Sussex im I. 1843 von neuem zur Sprache kam, doch sehr bald wieder in den Hintergrund getreten. Esterhazy von Galantha ist der Name einer alten ursprünglich magyarischen Familie, deren Hauptast später zur deutschen Reichsfürstenwürde gelangte und gegenwärtig so begütert ist, daß der Majoratsherr für den reichsten Gutsbesitzer der östr. Monarchie gilt. Lächerliche Schmeichelei hat den Stammbaum derselben bis auf den angeblichen Abkömmling Attila's, Paul Estoraz, der 969 getauft wurde, hinausgeführt. Sie zählt eine lange Reihe ausgezeichneter Staatsmänner, Krieger und geistliche Prälaten unter ihren Ahnen und leistete dem Hause Habsburg unter Ferdinand II. und Leopold 1. wichtige Dienste bei der Gewinnung und Erhaltung Ungarns. Im I. 1238 theilte sie sich in die beiden Linien Zer- haz und Jlleshazy, welche letztere mit dem Grafen Stephan 1838 im Mannsstamm erlosch. Die erstere erwarb 1421 die Herrschaft Galantha im presburger Comikat. Nach dieser und einer andern Besitzung im ödenburger Comitat nahm 1584 die Linie Zcrhaz das Prädicat Esterhazy von Galantha an. Die Nachkommen Franz IV., gest. 1594, stifteten die noch bestehenden drei Linien, die von Csetneck, die von Zolyom und die von Frakno oder Forchtenau; letztere wurde schon 1626, die beiden erster« wurden 1683 in den Reichsgrafenstand erhoben. Die Linie Frakno theilte sich wieder in die von Papa und die von Frakno, welche letztere 1685 die rcichsfürstliche Würde erhielt. Durch die Erwerbung der Herrschaft Edelstetten in Franken eröffnete sich derselben 1804 der Eintritt in das deutsche Reichsfürstencollcgium, was aber nur bis >806 von Bedeutung war, wo Edelstetten bei Stiftung des Rheinbunds unter bair. Souverainetät kam. Ungeachtet der Ungeheuern Besitzungen sind die Güter der fürstlichen Linie so verschuldet, daß sie gegenwärtig fequestrirt werden. Besondere Erwähnung verdient der Fürst Nikolaus IV., geb. am >2. Dec. 1765. Er bereiste in seiner Ju- 110 Esther Esthland gend fast ganz Europa und hielt sich namentlich längere Zeit in England, Frankreich und Italien auf. Wie sein Vater, Nikol aus III., und sein Bruder Anton, der, von London »nnigst betrauert, vor Belgrad fiel, trat auch er anfangs in Militärdienste; spater aber wurde er zu diplomatischen Sendungen undGcsandtschaften bei feierlichen Veranlassungen gebraucht Mehre Zweige der Kunst und Wissenschaft danken ihm ausgezeichnete Bereicherung. Er ist der Gründer der herrlichen Gemäldesammlung in dem vom Fürsten Kaunitz gekauften Gartenpalaste in der wiener Vorstadt Mariahilf. Dort legte er auch eine auserwählte Sammlung von Kupferstichen und Zeichnungen an. Seine Sommerresidenz in Eisenstadt, wo er Haydn's Gebeine mit ausgesuchter Pracht beisetzen ließ, wurde durch ihn ein Tempel der Tonkunst und der Botanik. Napoleon, als er 1809 damit umging, Ostreich durch Abtrennung von Ungarn zu entnerven, machte dem Fürsten Anträge wegen der Krone Ungarns; allein er täuschte sich in ihm und der Stimmung des Volks; denn E. ging nicht darauf ein, auch waren die E. beim Volke keineswegs beliebt. Im Z. 1828 kaufte der Fürst vom Großherzog von Baden die Insel Mainau im Bodensee. Er starb am 25. Nov. 1833 zu Como in Italien, wohin er sich zurückgezogen hatte. Standesherr ist gegenwärtig sein Sohn, Paul Anton, geb. am 10. Mär; 1786, Wirklicher Geh. Rath, Kämmerer und Botschafter am Hofe zu London, seit 1812 vermählt mit Marie Therese, Prinzessin von Thurn und Taxis. Esther ist der Name einer jüd. Heldin, deren Geschichte in dem nach ihr benannten biblischen Buche berichtet wird. Sie hieß ursprünglich Hadassa, war nach dem Tode ihres Vaters Abihail von ihrem Oheim Mardochai an Kindesstatt angenommen worden und wohnte zu Susa, der Winterresidenz des pers. Königs Ahasverus. Dieser, unter dem wahrscheinlich Lerxes gemeint ist, fühlte sich von ihrer Schönheit so angezogen, daß er sie unter dem Namen Esther, d. i. Stern, zu seiner Gemahlin erhob und ihr nachmals selbst seinen Günstling Harnan aufopferte. Haman nämlich, durch Mardochai's unehrerbietiges Wesen gereizt, hatte die Juden bei dem Könige verdächtigt und zur Ermordung derselben sich Vollmacht geben lassen, allein ehe es zur Ausführung kam, wußte E. den König umzustimmcn und nicht nur die Hinrichtung Haman's, sondern auch ein Blutbad unter allen Judenfeinden zu erwirken. Zum Andenken an diese Errettung feierten und feiern jetzt noch die Juden am 14. und 15. Adar das Purimfest, d. i. Fest der Loose, weil Haman ihre Ermordung nach pers. Sitte durchs Loos bestimmt hatte. Das Buch Esther, welches wol erst nach dem Untergange der pers. Monarchie abgefaßt sein dürfte, ist nicht im theokratischen Geiste geschrieben, indem nichts unmittelbar auf Gott zurückgeführt, ja Gott nicht einmal genannt wird. Die unechten Zusätze, welche die alcxandrin. Übersetzung und die Vulgata enthält, stehen bei Luther unter den Apokryphen. Vgl. Baumgarten, „veücke libriL." (Halle 1839). Esthland, von den Esthen Wiroma, d. h. Grenzland, genannt, in Hinsicht sowol auf Areal als auf absolute und relative Bevölkerung die kleinste der drei Ostseeprovinzen (s. Liefland und Kurland), gehört seit dem nystadter Frieden von 1721 zu Rußland. Sie bildet ein längs der Ostsee und dem Finnischen Golf liegendes, fast ganz ebenes, mit vielen Sümpfen, Sandflächen und Eranitblöckcn übersattes Küstenland, in welchem doch auch an manchen Stellen fruchtbarer Ackerboden sich findet, der viel Getreide, besonders Roggen und Gerste, sowol zum eigenen Bedarf des Landes wie zur Bereitung und Ausfuhr von Kornbranntwein nach dem Innern Rußlands liefert, und namentlich auch eine recht ergiebige Flachs- und Hanfernte sowie auch einen reichen Holzertrag aus den dichten Tannen- und Birkenwäldern bietet. In Betreff der Einwohner muß man zwischen Esthen und Esth- ländern unterscheiden; die letzter» würden es für einen Schimpf halten, mir den erstem in eine Kategorie gestellt zu werden. Jene, die Esthen, gleich den Finnen, Lappen, Tscheremis- sen, Tschuwaschen, Mordwinen und vielen andern dem russ. Scepter unterworfenen Nationen, zum tatarischen Völkerstamm gehörend, sind die Urbewohner des Landes und von ihren Siegern und Unterdrückern mit Unrecht Tschuden, d. i. Fremde oder Barbaren, genannt worden. Sie gehörten wechselnd zum dän., deutsch, liefländ., schweb, und russ. Reich. Waldemar's I. Sohn, Knud VI. von Dänemark, 1182—1202, begann die Unterwerfung von E.; dieselbe vollendete Waldemar II. oder der Sieger 1202—41, der sich König aller Slawen nannte. Waldemar III. verkaufte 1347 E. an die mit dem Deutschen Orden verbundenen liefländ. Schwertbrüder, wodurch dasselbe mit in die bunten Schicksale dieses Or Itt Cstrees (Geschlecht) dens verflochten wurde. Erich XIV. unterwarf E. 156 l der schweb. Krone, bei welcher es bis zum I. tll l verblieb. Nachdem Peter der Große im gedachten Jahre das Land erobert, sicherte ihn der nystadter Friede den Besitz desselben. So ging E. durch die verschiedensten Schulen hindurch, und die Gebildetern der Nation, die Esthländer, jene Deutschen nämlich, die den Adel und Bürgerstand bilden und sämmtliche Städte und Güter des Landes innehaben, mögen manche nicht eben tröstliche Vergleiche in dieser Hinsicht anstellen. Besser erging und ergeht es ihnen aber immer als den armen, zu Dienst und Knechtschaft gezwungenen Esthen, deren in Wahrheit bedrängte Lage, trotzdem daß die Leibeigenschaft von dem milden, seiner Zeit vorgreifenden Kaiser Alexander seit 1816 dem Gesetz nach aufgehoben ist, gewiß noch Vieles zu wünschen übrigläßt und oft noch, selbst in neuester Zeit, zu bedeutenden inner« Gährungen Anlaß gegeben hat. Die Esthen reden eine weiche, wohlklingende Sprache in zwei Hauptdialekten, dem revalschen und dörptischen, und sind reich an herrlichen Volksliedern. Sie besitzen überhaupt viel Sinn für Poesie und haben eine leicht erregbare Einbildungskraft, viel natürlichen Verstand und ein starkes Gedächtniß. Sie sind wohlwollend, gutmüthig und religiös, der protestantischen Kirche ergeben, dabei aber auch von manchen Lastern, namentlich von Tücke, Jähzorn, Rachlust und Hang zur Widersetzlichkeit nicht frei, woran jedoch, ebenso wie an ihren mancherlei abergläubischen Vorurtheilen, die frühere fast gänzliche Vernachlässigung des Volks von Seiten seiner Beherrscher und Lehnsherren Schuld ist. Auch ein großer Theil von Liefland ist von Esthen bewohnt, besonders die Gegend von Dorpat, Fellin, Pernau, so- daß man in Liefland wieder ein besonderes Esthland im Gegensatz zu dem eigentlichen Lies- oder Lettland unterscheidet. Das Gouvernement Esthland, welches ebenso wie Liefland und Kurland zur Verwaltung des Gencralgouverneuvs säPMtlicher Ostseeprovinzen, der in Riga residirt, gehört, zerfällt in amtlicher Beziehung in vier Kreise: Harricn oder Reval, Wicrland oder Wesenberg, Jcrwcn oder Weißenstein und die Wiek oder Hapsal, welche zusammen auf 32-1 lüM. 282206 E. zählen. Über ein Zehntheil der ganzen Einwohnerschaft lebt in den Städten. Die fünf Städte des Landes sind Reval (s. d.), Weißenstein mit 301-1 E., Wesenberg mit 1276 E., Hapsal mit 918 E. und Baltischport oder Baltischhafen mit 320 E. Dazu kommen noch außer 15 größer» und kleinern Kirchspielen die beiden Flecken Leal und Kunda, das als Hafenort einige Bedeutung hat. Die beiden andern Häsen des Landes sind Reval und Hapsal, deren Schiffahrt wie die der Häsen der Ostseeprovinzcn überhaupt sehr im Sinken begriffen ist, seitdem Petersburg durch die immer großartiger werdende Rhede in Kronstadt allen Handel und Verkehr an sich gerissen hat. Die Einfuhr besteht hauptsächlich in Seiden-, Wollen- und Baumwollenwaaren, verschiedenen Hölzern, Südfrüchten und Salz, von welchem letzter» Artikel 1839 allein 515791'/- Pud eingeführt wurden; die Ausfuhr in Leinsamen, Flachs, Flachsheede (Werg), Roggen, Gerste und Kornbranntwein, wovon 1839 30602 Eimer versendet wurden. Estrees, ein uraltes franz. Geschlecht, das seinen Namen von einem Landgute in der Nähe von Arras führt. Seit den frühesten Zeiten hat diese Familie Männer besessen, die sich durch Stellung und Charakter auszeichnctcn. — Jean Marquis d'E., geb. 1186, war ein tüchtiger Krieger unter Franz I., Heinrich II., Franz II. und Karl IX. und besaß zuletzt die Würde eines Generallieutcnants des Königs und eines Großmeisters der Artillerie. Er bekannte sich, ohne von dem Hofe zu lassen, zum Protestantismus und starb am 23. Oct. 1571. — Sein Sohn, Antoine, Marquis d'E-, der Vater von Gabrielle d' Estre'es (s. d.), war ebenfalls Großmeister der Artillerie, machte sich berühmt durch seine Vertheidigung von Noyon im I. 1593 und starb gegen Ende des 16. Jahrh. als Gouverneur von Laferc, Paris und Jsle-de-France. — Sein Sohn, Franc. Annibal, geb. 1573, wurde später zum Herzog von E. und Marschall von Frankreich erhoben. In seiner Jugend gehörte er dem geistlichen Stande an und erhielt bereits 1591 das Bisthum Noyon. Seiner Neigung nach nahm er dann unter dem Familiennamen eines Marquis von Coeuvres Kriegsdienste und wurde sehr bald zum Generallieutenant befördert. Unter Maria de' Medici ging er als Gesandter fast an alle europ. Höfe. Im 1 .1621 erhielt er das Commando der vereinigten Truppen von Frankreichs Venedig und Savoyen, um den Graubündtnern das Veltelin zu sichern. Hierauf als Gesandter nach Italien geschickt, 112 Estre'es (GaLnelle d') machte er Mantua den Kaiserlichen streitig, mußte aber endlich capituliren. Dessenungeachtet erhielt er den Oberbefehl über das Heer in Deutschland und nahm > 632 Trier. Als außerordentlicher Gesandter mußte er dann nochmals nach Rom gehen und blieb daselbst zum Verdruffe des Papstes Urban's VIII. bis zum 1.1638. Als LudwigXIV. den Thron bestieg, wurde er Gouverneur von Jsle-de-France und Soifsons. Er starb am 5. Mai 167». Von seinen Zeitgenossen wird E. als Weltmann und Krieger, besonders als Verbesserer der Artillerie gerühmt. Auch hinterließ er Memoiren über die Regentschaft der Maria de' Medici (Par. 1666). —Jean, Grafd'E-, der Sohn des Vorigen, geb. 1628, machte seine ersten Kriegszüge in Flandern und diente > 653 mit Auszeichnung unter Turenne, wofür er Generallieutenant wurde. Nach einer wehr als zehnjährigen Gefangenschaft ernannte ihn 1668 der König zum Befehlshaber der Seetruppen. Als Viceadmiral suchte er die Naub- staaten zu zügeln. Im 1.1672 befehligte er gegen Holland die vereinigte Flotte von Frankreich und England und schlug den Admiral Nuyter bei Southwood-Bay. Nachdem er den Admiral Binck geschlagen, entriß er den Holländern 1677 die Insel Tabago- Im I. 1681 wurde er dafür zum Marschall und dann 1686 zum Vicekönig der amerik. Colonien ernannt. Jm Z. 1691 kämpfte er nochmals glücklich gegen die Engländer und erhielt dann das Gouvernement in mehren Provinzen, zuletzt in der Bretagne. Er starb am 19. Mai I7V7. — Sein Bruder, Franc. Annibal, Herzog d'E., Pair und Marschall von Frankreich, der als Marquis von Coeuvres zuerst in Flandern und Deutschland kämpfte und darauf das Gouvernement verschiedener Provinzen erhielt, starb zu Rom am 30. Sept. 1687.— Ein zweiter Bruder war der Cardinal Cäsar d'E., Bischof von Laon, gest. 1713. Ludwig XIV. bediente sich seiner als eines geschickten politischen Unterhändlers. Als der Enkel Ludwig's den span.»Thron bestieg, mußte er bis zum Z. 17V3 das Ministerium übernehmen. — Ein dritter Bruder, Jean d'E., Erzbischof von Cambray, gest. 1718, wurde von Ludwig XIV. ebenfalls zu politischen Sendungen in Portugal und Spanien verwendet. — Victor Marie, Herzog d'E., Marschall von Frankreich und Grande von Spanien, der Sohn des Grasen Jean d'E-, geb. 166», diente anfangs in der Landarmer, dann unter seinem Vater auf der Flotte und folgte demselben als Admiral und Generallieutenank. Er kämpfte glücklich gegen die Raubstaaten, gegen die Engländer und Holländer, befehligte 1693 die Flotte an der span. Küste, nahm 1697 Barcelona und wurde von Philipp V. zum Oberbefehlshaber zur See angenommen. In dieser Eigenschaft leistete er dem neuen Monarchen so große Dienste, daß Ludwig XIV. den Gunstbezeigungen seines Enkels noch den sranz. Marschallstab hinzufügte. Im I. 1703 führte er sehr glücklich die franz. Flotte gegen die Verbündeten bei Malaga. Nach dem Tode seines Vaters erhielt er dessen Gouverneurstellen; 1715 wurde er zum Regentschaftsrath und 1733 zum franz. Minister ernannt. Er starb am 28. Dec. 1737. — Louis Cäsar Lctellicr, Herzog d'E., Marschall und Minister von Frankreich, geb. 1695, war der Sohn Michel Letcllier de Courtan- vaux's und der Marie Anne Catherine d'E., der Tochter des Grafen Jean d'E., Schwester des Vorhergehenden. Er diente zuerst in Spanien unter Berwick, dann als Generallieutenant unter dem Marschall von Sachsen, zeichnete sich bei mehren Gelegenheiten aus und erhielt von Ludwig XV. nebst dem Marschallstab den Oberbefehl über das große Heer in Deutschland. Nachdem er am 26. Juli 1757 bei Hastenbeck über den Herzog von Cum- berland gesiegt, mußte er das Kommando an den Herzog von Richelieu abgeben. Nach der Niederlage bei Minden im I. 1759 wurde ihm der Oberbefehl nochmals übertragen. Mit ihm erlosch 1771 das Geschlecht. Estrees (Gabrielle d'), Herzogin von Beaufort, bekannt als die Geliebte Heinrichs IV. von Frankreich, war die Tochter des Antoine d'Estrees (s. d.) und um 1571 geboren. Sie stand im Alter von 2» Jahren, als sie der König auf dem Schlosse ihres Vaters, Coeuvres, kennen lernte und durch ihre Reize gefesselt wurde. In einem Liebesverhältnisse mit dem Marschall Bellegarde, ergab sie sich jedoch dem Könige erst, nachdem er Proben seiner aufrichtigsten Zuneigung abgelegt. Ihren Vater zu beruhigen, vermählte sie der König mit Domerval von Liancourt, einem Witwer mit 13 Kindern. Indessen wurde diese Ehe wegen angeblicher Unfähigkeit des Gatten bald ausgelöst, denn der König beabsichtigte sich von Margarethe von Valois scheiden zu lassen und seine Geliebte auf den Thron zu he- Estremadura Etampes N3 ben, ungeachtet dieselbe mit Bcllegarde noch immer im Einverständnisse stand. Bei Hofe war Gabrielle ihrer Sanftheit und Bescheidenheit wegen beliebt, doch haßte und verfolgte sie den Minister Sully, der dem Könige abgeredet hatte, sie zur Herzogin von Beaufort zu erheben. Gegen Ostern 1599, als schon die Scheidung des König- eingeleitet war, begab sich Gabrielle hochschwanger auf Anrathcn ihres Beichtvaters vom Hofe weg nach Paris. Der König begleitete sie halben Wegs, und als sie von ihm Abschied nahm, empfahl sie ihm ängstlich ihre Kinder und fiel in den tiefsten Schmerz. Zu Paris wohnte sie bei einem vertrauten Juden des Königs, Namens Zamet. Am Grünen Donnerstage wurde sie hier plötzlich nach dem Genüsse einer Orange von ,Pen heftigsten Zuckungen befallen und mußte bei der Nathlosigkcit der herbeigerufenen Arzte schon am Sonnabend unter fürchterlichen Schmerzen sterben. Ein Schlagfluß sollte ihrem Leben ein Ende gemacht haben; Niemand aber täuschte sich über die wahre Ursache ihres Todes. Heinrich IV. betrauerte sie ernstlich, wurde aber sehr bald durch seine neue Geliebte, Fräulein von Entraigues, getröstet. Sie hinterließ dem Könige drei Kinder, Ce'sar und Alexandre von Vendöme (s. Beaufort) und Henriette Katharine, vermählt an den Herzog von Elboeuf. Die von ihr nach einer Handschrift in der königlichen Bibliothek zu Paris erschienenen „Nemoires" (4 Bde., Par. 1829) sind wahrscheinlich von einem ihrer Freunde nach ihrem Tode verfaßt. Estremadura, eine span. Provinz an der Grenze Portugals, zwischen den Flüssen Tajo und Guadiana, von den Römern zu Üi8p»nia bsetica gerechnet, hat einen Flächenraum von ungefähr 470 mM. und 557V0V E. Sie ist von außerordentlicher Fruchtbarkeit, die aber die Bewohner bei ihrer Trägheit beiweitcm nicht gnügsam für Getreide-, Obst-und Weinbau nützen, sodaß Getreide sogar eingeführt werden muß. Am meisten sagt ihnen das Hirtenleben zu. Daher ist auch vorzugsweise die Schafzucht und überhaupt die Viehzucht noch außerdem begünstigt durch die Natur des Landes, im schwunghaften Betriebe, namentlich werden schöne Pferde, Esel und Maulesel, und durch Eichelmast viele Schweine gezogen, die treffliche Schinken und Würste liefern. Auch Seidenbau und Bienenzucht sind nicht unerhebliche Erwerbszwcige. Der sonst ergiebige Bergbau liegt jetzt ganz darnieder, und der Handel nach außen beschränkt sich auf den Paschhandel mit Portugal. Estrich nennt man jeden Fußboden eines Gemachs, welcher statt mit Dielen oder einer Steinpflasterung mit einer zusammenhängenden Masse bedeckt ist. Die Estriche waren schon in den ältesten Zeiten gebräuchlich und werden auf verschiedene Weise gefertigt. Die einfachsten sind die Lehmestriche, welche aus einer etwa drei Zoll dicken Lehmschicht bestehen, der zu besserer Bindung Ochsenblut beigemischt wird. Nachdem die Schicht fast trocken ist, wird sie wiederholt mit Dreschflegeln fest geschlagen. Häufig legt man solchen Estrich, namentlich im nördlichen Deutschland, nach einem Muster mit Steinen aus, welche mit fistgcschlagen werden. Die Gypscstriche bestehen aus einer Schicht mit Leimwaffcr angemachten Gypses, welche auf eine vollkommen abgeebnete Sand- oder feine Schuttlage ausgegossen wird. Auch die Gypsestrichc werden oft mit kleinen Steinen ausgclegt, und die Mosaikfußböden der altern und neuern Zeit sind solche Estriche. Die im Alterthum gebräuchlichen Kalke striche bestehen aus einer Mischung von hydraulischem Kalk und feinem Sand, auch des neuerfundencn hydraulischen Cemcnts bedient man sich zu Estrich. Streng genommen sind auch die Asphaltpflasterungen nichts Anderes als Estriche, bei denen man aber statt des Gypses oder Kalks geschmolzenes Erdharz als Bindemittel anwendet. Die Estriche gewähren den Vortheil eines sehr dauerhaften und feuersichern Fußbodens, weshalb man sie jetzt häufig in Küchen anwendet, aber sie beschweren, in ober» Etagen angebracht, die Gcbälke bedeutend, und so angenehm in wärmcrn Klimaten die Kühle ist, welche sie verbreiten, so empfindlich ist im Norden die Kälte, welche sie den Füßen mittheilen. Etampes, eine franz. Stadt im Departement der Seine und Oise mit8SV0E., hieß im Mittelalter Stampä. Sie war ein altes Krongut, das 1327 an Charles von Evreux kam und zur Grafschaft erhoben wurde, deren Besitzer in der Folge schnell wechselten. Als Franz I. seine Geliebte Anna von Pisseleu an Jean de Bressc, Grafen von Penthicvre, ver- hcirathcte, verlieh er ihr >534 die Grafschaft E., die er zwei Jahre darauf zum Hcrzogthum erhob, worauf Anna, gcst. 1576, den Titel einer Herzogin von E. annahm. Nach Svnv.-Lex. Neunte Aufl. V. 8 e. .7^^ 114 Etape Ktllt 8 xkNk'klmx Franz's I. Tode erhielt Diana von Portiers das Herzogthnm, das aber vonKarlIX. 1562an Zean de Dresse zurückgegeben wurde, mit dessen Tode cs 1565 wieder an die Krone fiel. Im I. 1508 schenkte Heinrich IV. E. an seine Geliebte Gabriclle d'Estre'cs, durch die es an deren Sohn, den Herzog Cesar von Vendömc, kam, dessen Nachkommen cs bis 1712 besaßen, wo es wieder der Krone anheimfiel. In E. wurden im l I. und 12. Jahrh. mehre Concilien gehalten, es bestanden daselbst zwei Domcapitel, auch eine Commende des Malteserordens. Etape (ftan;.), verwandt mit dem deutschen Worte Stapel, heißt eigentlich ein Ver- pflegungsort für die ans dem Marsche oder im Felde befindlichen Truppen, dann die Verpflegung der Truppen durch tägliche Lieferungen an im voraus bestimmten, einen Tagemarsch voneinander liegenden Orten. Die Aufsicht über die Etapen führt der Etapcn- commandant, meist ein Offizier; ihm zur Seite steht der Etapencommissar, in der Regel ein Civilist. Die Etape nconventioncn, wclche Preußen seit 1816 mit mehren deutschen Staaten geschlossen hat, betreffen den Durchzug seiner Truppen nach den durch anderer Staaten Gebiet abgetrenntcn Provinzen, deren Verpflegung und die dafür zu gewährende Vergütung. Etat (franz.) heißt überhaupt der Zustand oder die Beschaffenheit, dann ein Überschlag der Einnahmen und Ausgaben, der durch Vergleichung des unumgänglich Nothwen- digen mit dem Möglichen, d. h. mit dem Vorhandenen, sich ergibt. In der Staatshaushal- tungslchre ist Etat gleichbedeutend mitBudgetss. d.); beim Militair versteht man darunter den Entwurf über den Bestand der Truppen, das beim Heere nöthige Personale, die Wirthschaftsausgaben u. s. w. Etatsmäßig heißt demnach Das, was mit den angenommenen Festsetzungen übcrcinstimmt, und beim Militair, was zum eigentlichen Bestände gehört und in den Listen aufgesührt ist. IütrÜ8 geiiernM, d. i. Generalstaatcn, hießen seit Anfang des > V Jahrh. in Frankreich die aus den Abgeordneten des Adels, der Geistlichkeit und der städtischen Korporationen zusammengesetzten Landständc. Als Philipp IV. oder der Schöne, 1285 — 1 . 11 4, vom Papst BomfazVIII. in den Bann gethan und mit Absetzung bedroht, überdies durch Kriege mit den Flamländern in Geldnoth begriffen, die Stütze seiner Macht im Volk suchen mußte, schuf er neben den Parlamenten, die nur Adel und Geistlichkeit in sich faßten, eine erweiterte Volksrepräsentatiön, kn welcher auch zum ersten Mal der an Zahl, Geldbesitz und Bildung überlegene dritte Stand, das Bürgerthum der Städte, vertreten war. Am 28. März l 303 wurden diese sogenannten Ltats gönersnx in der Kirche Nötre-Dame zu Paris eröffnet. Die Könige ließen die Versammlung in dieser Weise nun oft, wenn auch nicht regelmäßig, zu- sammentrcten; selten aber handelte cs sich um das Wohl des Volks, gewöhnlich blos um Hülfsgelder und außerordentliche Auflagen. Nur zuweilen scheinen die Generalstaatcn einigen politischen Einfluß geübt zu haben. So ward von ihnen unter Ludwig X. das Gesetz bewirkt, daß allein auf ihr Befragen Steuern und Hülfsgelder erhoben werden durften. Unter Philipp V. wie unter Philipp voN Valois sprachen sie die Gültigkeit des Salischen Gesetzes (s. d.) aus. Besonder» Aufschwung nahmen sie während der Minderjährigkeit Karl's VIII.; sie hoben die Ordonnanzen des vorhergehenden Königs auf, trafen Verbesserung im Rechtswesen und erließen Handelsgesetze. Die zu Orleans 1560 unter Karl XI. versammelten Stände veranlaßken die sogenannte Ordonnanz von Orleans, die die Grundlage des franz. Civilrechts bis zur Revolution bildete. Von 1614 an, wo die Generalstaatcn unter Ludwig XIII. versammelt waren, wurden sie 175 Jahre lang nicht wieder berufen. Erst als das öffentliche Wesen durch den Despotismus in einen Abgrund versunken, als die Kapitalisten die Anleihen, die gemishandelten, aber erwachten Parlamente die Beistimmung zu neuen Lasten nnd die Versammlung der aus Adel und Geistlichkeit bestehenden Notablen unter Calonne die ihnen angesonnenen freiwilligen Geldopfer verweigert hatten, beschloß Ludwig XVI., die Generalstaatcn wieder zu versammeln. Weder der Hof, noch der Adel nnd die Geistlichkeit täuschten sich über das Gefährliche dieses Schritts. Ihre Privilegien und die dadurch versunkene Staatsverwaltung standen mit den gerechten nnd aufgeklärten Foderun- gen des Bürgerstandes, mit der Masse der Nation im unversöhnlichsten Widerspruche; cs war vvrauSzusehcn, daß sich der mit Füßen getretene dritte Stand, einmal zur Berathung über die Skaatslage gezogen, nicht mit der Übernahme neuer Lasten begnügen, sondern zu Cteokles Ethik I!5 einer durchgreifenden Reform des socialen und politischen Lebens schreiten würde. Am 5. Mai >789 wurden endlich diese Gcncralstaaten zu Versailles eröffnet; sie zählten 308 Glieder der Geistlichkeit, 28", Abgeordnete des Adels und 621 Glieder des dritten Standes, dem man schon die Einberufung der doppelten Anzahl hatte bewilligen müssen. Der Hof hatte sich alle Mühe gegeben, durch die Beibehaltung der veralteten Ständeordnung in jeder Art die Thätigkeit der Versammlung zu lahmen. Gleich nach der pomphaften Eröffnung begann deshalb der Kamps des von seinen Committenten mit ausführlichen Instructionen versehenen dritten Standes gegen den Adel und die Geistlichkeit. Die Gemeinen, die wegen ihrer Anzahl den Hauptsaal inne hatten, beriefen die beiden andern Stände zur gemeinschaftlichen Prüfung der Vollmachten zu sich. Dieser Antrag wurde als ein Zugeständnis an das Volk von Adel und Geistlichkeit verworfen, die die Vollmachten jedes Standes abgesondert geprüft wissen wollten. Die Verhandlungen darüber, in welchen Hof und Negierung ihreSchwäche, der dritte Stand eine weise Festigkeit an den Tag legte, zogen sich einen ganzen Monat hin. Am 10. Juni endlich erklärte der dritte Stand, daß er seine Unthätigkeit nicht mehr vor dem Volke verantworten könne, foderte die Privilegirten nochmals zur vereinten Prüfung der Vollmachten auf und proclamirte sich, nachdem er die Prüfung der Vollmachten allein vollzogen, unter dem Namen der national«; (s. Nationalversammlung) als die einzige, gesetzliche Volksversammlung. Dieser inmitten einer unermeßlichen Menge von Zuschauern gefaßte Beschluß wurde von ganz Frankreich mit staunendem Beifall ausgenommen; er war der erste Schritt zur Revolution. Als die Gemeinen sich am 20. Juni zur Sitzung begeben wollten, fanden sic jedoch den Saal verschlossen und mit Militair besetzt. Sie protestirten gegen diese Gcwaltthat als unverletzliche Volksdeputirte und begaben sich in das Ballhaus, wo sie stehend bis auf Einen den Eid schwuren, daß sie nicht eher sich trennen wollten, bis sie Frankreich eine neue Verfassung gegeben. Da ihnen die Prinzen für die nächste Sitzung auch diesen Ort vorenthielten, setzten sie ihre Berathungcn in der Kirche St.-Louis fort, und ein großer Theil der Geistlichkeit vereinigte sich hier mit ihnen. Unterdessen hatten Hof und Adel in der größten Besorgniß den König am 23. Juni zu einer wiederholten königlichen Sitzung vermocht, in welcher er in drohenden Worten die Beschlüsse der Gemeinen aufhvb und eine getrennte Verhandlung der verschiedenen Stände befahl. Die Gemeinen, die einer zerrütteten Negierung gegenüber im Namen des Volks und der öffentlichen Meinung handelten, ließen sich aber durch diesen Befehl nicht schrecken; sie hatten sogar die Genugthuung, daß sich der andere Theil der Geistlichkeit und mehre Adelige in den nächsten Sitzungen mit ihnen vereinigten. Endlich trat am 27. Juni der Adel, der die Ohnmacht seiner Jntrigucn und Prätcnsionen erkannte, auf eine königliche Ordonnanz ebenfalls hinzu, und so begannen nun die verhängnißvollenArbeiten der Nationalversammlung. Eteöklcs, der Sohn des Königs von Theben Ödipus (s. d.) und der Jokaste, der Bruder des Polynices, übernahm nach seines Vaters Vertreibung mit seinem Bruder abwechselnd ein Jahr um das andere die Regierung, hielt aber diese Übereinkunft nicht. Poly- nices floh daher zum Ad rastu s (s. d.), welcher, um ihm zu seinem Rechte zu verhelfen, mit sechs andern Fürsten jenen berühmten Zug der Sieben gegen Theben unternahm. Nachdem die meisten Helden gefallen, wollten E. und Polynices den Streit durch einen Zweikampf entscheiden, fielen aber Beide dabei. (S. Antigone.)— Eteokles, der Sohn des An- dreus oder des Flußgotkes CephissuS und der Evippe, war der Erste, welcher den Grazien im böorischen OrchomenuS opferte. Eteöklos, der Sohn des Jphis, berühmt seiner Uneigennützigkeit wegen, wird von Einigen unter den sieben Helden aufgezählt, die gegen Theben zogen. Etevstichvn, s- Chrvnogramm. Ethik, Sittenlehre oder Moral im weitern Sinne, ist die Wissenschaft von dem Guten und Bösen. Alle Ethik beruht auf dcr Thatsache, daß menschliche Willensacte und Handlungen unwillkürlich einer Benrtheilung unterliegen, die sich durch ein solches Verziehen und Verwerfen äußert, wie es die Begriffe gut und böse bezeichnen, und cs ist die Aufgabe der Wissenschaft, den Inhalt dieser Bezeichnungen, »»vermischt mit fremdartigen Bestimmungen, sowie die Weisungen, die sich daraus für das Wollen und Handeln ergeben, ans be- 8 * -L .1 sLl öl 7 ^ L 116 Ethik stimmte Begriffe zurückzuführen und mit systematischer Vollständigkeit zu entwickeln. So entsteht die Ethik als derjenige Thcil der Philosophie, welcher es nicht mit der Erklärung der Erscheinungswelt, sondern mit der Beurtheilung Dessen zu thun hat, worin sich das bewußt- voll geistige Leben zu erkennen gibt. In diesem Sinne sagten die Alten, daß Sokrates die Ethik als zweite Person in die Philosophie eingeführt habe, und den Schülern des Sokrates, namentlich Platon, gebührt das Verdienst, nach einer strengen Scheidung der sittlichen Beurtheilung von der Befriedigung der Begierde, des Guten von der Lust, wie er sich aus- drückte, gestrebt zu haben. Die Alten verfehlten aber dabei die einfache Bestimmung, daß das ursprüngliche Object der sittlichen Werthbestimmung nicht irgend ein äußerer Gegenstand sondern der Wille selbst sei; daher sie den Ausdruck für das sittliche Ideal im Begriffe des höchsten Guts, der Glückseligkeit, zu finden glaubten und in Gefahr gcriethen, die Ethik mit einer Güterlehre zu verwechseln. Deshalb finden wir den Eudämonismus (s. d.) bei den Alten bald durch eine wahrhaft sittliche Gesinnung veredelt, so namentlich bei Aristoteles und den Stoikern, bald aber auch in einer Gestalt, die den wesentlichen Charakter der Ethik aus dem Auge verliert, so bei Aristipp und Epikur. Dagegen ruht die antike Ethik noch aus dem wahren Gedanken, daß alle Gebiete des menschlichen Lebens, die öffentlichen Verhältnisse, wie die des Privatlebens, als ein zusammengehöriges Ganzes zu betrachten sind, und ihre Ethik schließt zugleich ihre Rechts - und Staatslehre mit ein. Einen festen Haltepunkt für die Fundamente der Ethik bvt das Christenthum dar, indem es unmittelbar auf die Gesinnung, den Willen, aus die Neinigkeit und Heiligkeit des Herzens drang; gleich- wol finden sich auch auf dem Gebiete der christlichen Kirche sehr starke, eudämonistische Verirrungen, indem sie das sittliche Wollen und Handeln nur als ein Mittel für die Sicherung der ewigen Seligkeit darstellte und empfahl; zugleich trat der im Alterthum nur erst bei den Stoikern angcdeutete Begriff der Pflicht deshalb in den Vordergrund, weil man die sittlichen Foderungen als göttliche Gebote auffaßte. Unter der Herrschaft des Pflichtbegriffs wurde allmälig der auf das Bedürfniß der gesellschaftlichen Sicherheit und Ordnung gegründete Unterschied zwischen solchen Foderungen, deren Erfüllung durch Zwang gesichert und somit der äußern Gesetzgebung unterworfen werden kann, und solchen, die dem Gewissen, der eigenen sittlichen Gesinnung des Menschen überlasse» bleiben müssen, die Veranlassung zu der Unterscheidung zwischen der Rechtölehre und der Moral im engern Sinne; eine Trennung, die das 17. und 18. Jahrh. vielseitig vorbereitet hatten, und welche Kant und Fichte streng durchzuführen sich zur Aufgabe machten. Abgesehen davon, erwarb sich Kant das große Verdienst, deutlich und bestimmt zu zeigen, daß die Sittenlehre nicht auf eine Gütcr- lehre gegründet werden könne,, sondern daß der Begriff des sittlichen Gutes selbst erst seine Bedeutung von solchen Bestimmungen erwarte, die über den Werth des Wollens und des daraus hervorgehenden Handelns entscheiden; er selbst aber faßte diese Fundamentalbcstim- mung des sittlichen Werths unter der Form des Gesetzes, eine- kategorischen Imperativs, der unmittelbar in der Vernunft liegen sollte. (S. Kant.) Kurze Zeit darauf zeigte jedoch Schleiermacher, daß die drei Begriffe der Tugend, der Pflicht und des sittlichen Gutes nicht ursprüngliche, sondern abgeleitete ethische Begriffe seien, und Herbart wies nach, daß die gemeinschaftliche Grundlage derselben die Lehre von den ethischen Ideen sei, als denjenigen Musterbegriffen, die dem allgemeinen Begriffe der sittlichen Vorzüglichkeit und Verwerflichkeit einen bestimmten Inhalt geben. Die Verschiedenheit der Beantwortung der Frage nach dem Inhalte des Begriffs vom Guten und Bösen ist übrigens Das, was man gewöhnlich unter der Verschiedenheit der Principien der Ethik versteht, und selbst abgesehen von dem allgemeinen Gegensätze der Ethik und des Eudämonismus und den verschiedenen Versuchen, sie untereinander auszugleichen oder ihren Unterschied zu verwischen, bietet die Geschichte der Philosophie hier große Verschiedenheiten dar, die sich aber zu einem guten Theil auf Mißverständnisse oder Einseitigkeiten zurückführen lassen. Vgl. Schleiermacher, „Versuch einer Kritik aller bisherigen Sittenlehre" (2.Aufl., Bcrl. 183s), Stäudlin, „Geschichte der Moralphilosophie" (Hannov. 1823), L. von Henning, „Die Principien der Ethik in historischer Entwickelung" (Berl. 182s) und Herbart, „Analytische Betrachtungen über das Naturrecht und die Moral" (Gött. 1834). Für den gegenwärtigen Standpunkt der Ethik ist cs charakteristisch, daß sie die Trennung zwischen Moral und Rcchtslehre nicht als Ethikotheologie Etienne (Charl. Guillaume) H7 berechtigt anerkennt, sondern die Beziehungen wieder aufzusuchen bemüht ist, die zwischen einer sittlichen Ordnung des Staatslebens und der sittlichen Durchbildung der Privatverhältnisse obwalten. Eine für die Geschichte der sittlichen Begriffe sehr einflußreiche Nebenbestimmung erhalten ethische Untersuchungen durch die Beziehung sittlicher Gebote auf die statutarischen Überlieferungen der positiven Religion, indem der Begriff der Offenbarung auch auf da- sittliche Gebiet übertragen und sittliche Gebote als unmittelbare Gebote GotteS dargestcllt werden. Darauf beruht die Unterscheidung der religiösen oder theologisch en Ethik von derphilosophischen. Er kann daher so viel religiöse Ethiken geben, als es Religionsformen gibt; jede derselben müßte sich aber doch in ein Verhältniß zu einer von äußerer Autorität unabhängigen Untersuchung des Ethischen zu setzen suchen, ehe der denkende Geist ihre Bestimmungen in seine Überzeugung aufnehmen kann; daher denn namentlich die ch r i st l i ch e Ethik von den Umwandlungen der Wissenschaft und des religiös-sittlichen Geistes vielfach berührt worden ist. Unter de» neuern Bearbeitungen der christlichen Ethik sind die wichtigsten die von F. V. Reinhard, De Wette, Ammon, L. F. O. Baum- garten-Crusius und Harleß. Ethikotheologie nennt man seit Kant den Versuch, das Dasein Gottes aus der moralischen Ordnung der Welt zu beweisen, im Unterschiede von der Physikotheologie, welche dasselbe aus der Ordnung, Schönheit und Zweckmäßigkeit der Natur zu beweisen sucht. Kant nannte in diesem Sinne das Dasein Gottes ein Postulat der praktischen Vernunft, d. h. Etwa«, was man aus theoretischen Gründen zwar nicht wissen könne, woran man aber ans moralischen Gründen glauben müsse. Ethnographie, d. i. Völkerkunde, heißt der Thcil der Geographie, welcher von den Bewohnern der verschiedenen Länder handelt, sie in Hinsicht ihrer Körperbildung und geistigen Kräfte betrachtet und ihre Sitten, Gebräuche und Eigenthümlichkeiten beschreibt. Die ethnographische Geschichte erzählt die Begebenheiten nach einzelnen Völkern oder Ländern, während die chronologische oder vielmehr synchronistische Geschichte die gleichzeitigen Begebenheiten der verschiedenen Völker und Länder nebeneinanderstellt. (S. Geschichte.) Etienne (Andre), der tapfere Tambour von Arcole, war zu Cadnel im Departement Vaucluse geboren und trat mit Beginn der franz. Revolution im Alter von l-1 Jahren in die Armee. Als Tambour der 5 l. Halbbrigade nahm er an den Feldzügen der franz. Republik in Deutschland Theil. Schon hier erregte sein muthvolles Betragen allgemeine Aufmerksamkeit; so war ec unter Denen, die beim Rheinübergange schwimmend über den Fluß setzten. Später mit seinem Corps zur ital. Armee versetzt, drang er in der denkwürdigen Schlacht an der Brücke von Arcole an der Spitze der Angriffscolonne mit unerschütterlicher Festigkeit den Sturmmarsch schlagend und über den Kanal schwimmend vor. Der erste Konsul erthcilke ihm zur Belohnung nach dem Siege ein Paar Ehrentrommelschlägcl und versetzte ihn als Tambour zum Jägercorps der damals errichteten Consulargarde. Seitdem wohnte E. in dieser Eigenschaft allen Feldzügen der Republik und des Kaiserreichs bei, und der Name des Tambours von Arcole wurde ein Symbol, das in der franz. Armee noch heute fortlebt. Als die Ehrenlegion errichtet wurde, trat E. als Ritter unter den Ersten ein. Seit 1830 war er Bataillonstambour des dritten Bataillons der zehnten Legion in der pariser Nationalgarde. Der Bildhauer David setzte sein Bild noch bei Lebzeiten unter die berühmtesten Männer der Republik in das Giebelfeld des Pantheons. Er starb in den letzten Tagen des I. l 837 in Dürftigkeit und wurde unter großen Feierlichkeiten begraben. Etienne (Charl. Guillaume), Pair von Frankreich, bekannt als dramatischer und politischer Schriftsteller, wurde am 6. Jan. l 7 75 zu Chamouilly im Departement der Ober- Marne geboren. Nachdem er sich l 7S6 nach Paris gewendet und hier sein erstes größeres Lustspiel „llruk-)8 et kulnprat" zur Aufführung gebracht hatte, wählte ihn der Herzog von Bassano zu seinem Secretair. Im 1. 1810 wurde er zum Censor deS „äournal ire" ernannt und ihm später die poiiceiliche Aufsicht über alle Zeitschriften übertragen. Sein Stück „b.os lleux j-ei>tlres" brachte ihm die Ehre der Mitgliedschaft des Nationalinstituts. Die gegen ihn durch seine amtlichen Verhältnisse erregte feindliche Stimmung fand einen Anlaß zum Ausbruche, als Lebrun-Toffa, das Vertrauen der Freundschaft verletzend, bekannt machte, daß E. den Stoff zu diesem Stücke aus einem alten, handschriftlich in der kai- 118 Etienne Etikette serlichen Bibliothek aufbewahrten Lustspiele eines Jesuiten in Rennes, betitelt „6ousxa ou iks gentlreg clnpös", geschöpft und sogar einige Verse daraus entlehnt habe. Das alte Lustspiel wurde sogar rufgeführt und von E.'s Gegnern zwar mit rauschendem Beifall empfangen, doch konnte es sich nicht gegen die Stimme der unbefangenen Mehrheit halten. E-, obschon er den rohen Stoff des alten Stücks so veredelt hatte, daß die Bearbeitung sein würdiges Eigenthum geworden war, fehlte hierbei vorzüglich darin, daß er anfangs die Bekannt- schaft mit seinem Vorbilde leugnete. Ausführlich ist der ganze Streit dargestellt in dem Werke „I-o zn-aces ck'6." (3 Bde., Par. > 810— 12). Sein Lustspiel „Il/intrigurmts", das trotz aller feindseligen Anstrengungen seiner Gegner großen Beifall fand, wurde einiger dem Hofe misfälligcn Anspielungen halber verboten, weshalb er sich zu einigen Änderungen veranlaßt sah. Nach Napoleon's Sturze verlor E. sein Ccnsoramt, das er nach dessen Rückkehr von Elba wiedcrerhielt. An der Spitze der Abgeordneten des Nationalinstitüts, die dem Kaiser zur Wiederkehr Glück wünschten, sprach er frcimüthig von den Bürgschaften, welche die öffentliche Meinung fodertc, und selbst von der Preßfreiheit. Nach der zweiten Rückkehr der Bourbons wurde er wieder außer Thätigkcit gesetzt und durch königliche Verfügung aus dem Nationalinstitute entfernt. Seitdem widmete er sich mit Glück der politischen Schrift- stcllcrei und schrieb in der „blinerve fran^uise" unter dem Titel „bittres sur ksiis" eine ebenso anziehende als treue Geschichte der Bewegungen, die von I8IS—2v den Hof und die Hauptstadt beschäftigten. Unter seinen übrigen Theaterstücken sind die Oper „Lcmdril- lan" (Aschenbrödel), die er mit Nantcuil gemeinschaftlich bearbeitete, und „llocoude" die berühmtesten. Seine in Gesellschaft mit Martainville hcrausgcgebene „Histoire du tlieätie traurig" (t Bde., Par. 1802) ist einschätzbares, mit Geschmack und Unparteilichkeit ge- schriebencS Werk. Wegen seiner Kenntnisse und Gewandtheit im Reden ward er I82V und >822 vom Wahlcollegium des Maasdepartemcnts zum Deputirten erwählt; auch 1829 wieder in die Akademie gewählt. Im I. 1831 kam er auch wieder in die Kammer, in der er zur gemäßigten Opposition gehörte und wiederholt zum Vicepräsidcnten erwählt wurde, worauf er 1837 die Pairswürdc erhielt. Von seinem „l'tis'Ltre cllsisi" sind zwei Bände erschienen. — Sein Sohn, Henri E., ist Rath am Rechnungshöfe und Mitarbeiter am „(^onstituticmllel". Etienne (Robert und Henri), s. Stephanus. Etikette nennt man das auf Überlieferung oder Vorschrift sich stützende Ccremoniel, äach welchem die Form des geselligen Umgangs unter den verschiedenen Ständen der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt ist. Wenn Adel und Würden in der Welt stets nur die Belohnungen des wahren Verdienstes wären, so bedürfte es allerdings keiner besonder» Vorschrift über die Ehrenbezeigungen, welche Diesem oder Jenem zukommen; allein da sehr oft der Fall cintritt, daß namentlich die erblichen Vorrechte nicht allezeit von Personen besessen werden, die durch ihre moralische und geistige Eigcnthümlichkcit zur freien Anerkennung derselben zwingen, so fodert die bürgerliche Ordnung, daß Regeln festgcstellt werden, nach welchen sich vcr Geringere gegen den Vornehmer» zu betragen hat. Zu leugnen ist indeß nicht, daß diejenigen Länder und Völker, bei denen die Etikette in einem hohen Grade und bis in die kleinsten Details herrscht, selten weder zu den freien noch zu den glücklichen gehören, und daß sehr häufig dieser gemachte Glanz und diese äußerliche Würde der Großen um so sorgfältiger von ihnen in Ehren gehalten wird, je mehr es an der inncrn, wahren Würdigkeit fehlt. Als Roms Imperatoren sich mit einem steifen und prunkenden Ceremonicl umgaben, hatten sie schon längst aufgchort, Herren der Welt zu sein, und der byzantin. Kaiserhof war nie mehr in leere Prunksucht und todtes Formenwesen vertieft, als in der Zeit, wo die Provinzen nicht mehr gehorchten und die Feinde bis unter die Mauern der Hauptstadt schwärmten. Überall hat Etikette damit ihrem Schein eintrctcn müssen, wo die Sache fehlte. Die drückendste Etikette herrschte von je an den Höfen morgcnländ. Fürsten. Der Herzog Philipp der Gute von Burgund kann als der Schöpfer der neuern, seitdem die Höfe tyrannisircndcn Etikette betrachtet werden. Um in den Augen der Menge den größten Fürsten der Christenheit es gleich zu thun, umgab er sich mit einer Menge Diener mrd Hofleute und legte ihnen ein so steifes Ccremoniel auf, daß nur später der span. Hof, an welchem die Mauren einst Fröhlichkeit und Lust einheimisch gemacht hatten, den seinen darin noch übertraf. Gegenwärtig hat die all- Molle mobile Etrurien 11V gemeine Entwickelung freisinniger Ideen die lächerliche Steifigkeit jener alten Etikette soivol an den Höfen als im Leben der vornehmem Stände bedeutend gemindert. Nur bei feierlichen Gelegenheiten hat gegenwärtig die Etikette als Cer em o n iel (s. d.) mit Recht und noth- wcndigerweise ihre Gültigkeit behauptet. Molle mobile heißt ein in Frankreich erfundenes sehr sinnreiches Instrument, den Bvhrungsdurchmeffer neugegosscner Geschützrohre zu prüfen und die etwa in der Seele enthaltenen Gruben zu entdecken. Die Stückgießer nennen es deshalb Instrument internal. Eton, ein Flecken in der engl. Grafschaft Buckingham, an der Themse, Windsor gegenüber, mit 2500 E. und einem reichen, ganz unabhängigen, von einem Propste und sieben Stiftshcrren regierten Stifte, ist insbesondere berühmt wegen der von Heinrich VI. daselbst gestifteten, mit einer reichen Bibliothek und auch übrigens ansehnlich ausge- statteten Schule. Die Zahl der Alumnen ist auf 70 festgesetzt und wird meist aus Söhnen der vornehmsten Familien ergänzt; die Zahl der Extraneer, welche bei Familien in E. wohnen, hält sich gewöhnlich zwischen 4—500. Der Unterricht hat viel Eigenthümliches, die Zucht ist sehr streng und die gemeinschaftliche Kost der Zöglinge sehr einfach. Etrurien, griech. Tyrrheni a, hieß im Altcrthum das ital. Land am Tyrrhenischen oder Untern Meer, das von Ligurien durch den kleinen Fluß Macra, vomcispada- nischcn Gallien durch den Kamm der Apenninen, durch die Tiber von Umbrien, den Sabinern, Latinern und dem Gebiet von Rom geschieden ward, welches letztere jedoch schon im 4. Jahrh. nördlich bis zum Ciminischcn Wald (vonViterbo gegen die Küste hin) ausgedehnt war. DerName Tus eia, daher Toscana, ward für das Land erst in späterer Zeit, dagegen war der Name Tusci neben Etrusci schon früh für das Volk üblich. Die Umbrer, die ältesten Bewohner des Landes, wurden durch die Tyrrhener, Tyrscner, oder tyrrhenischen Pelasger, die, wie cs scheint, zumeist zur See dahin kamen, aus dem südlichen Thcile des Landes und von den Küsten verdrängt. Deren Herrschaft ward, wol schon vor Roms Gründung, durch ein anderes Volk vernichtet, das sich selbst Nasena nannte, dann aber, nachdem es mit den unterworfenen Tyrrhencrn so verschmolzen war, daß das Tyrrhenische Tarquinii sin der Nähe des jetzigen Corneto) von ihm selbst als cm Stammsitz seiner Cultur und Ausbreitung betrachtet ward, den Namen Tusker oder Etrusker führte, der selbst aus den Namen der Tyrrhener, welchen die Griechen fortwährend anwcndetcn, entstanden ist. Jenes Volk, von den Alten gewöhnlich mit den eigentlichen Tyrrhencrn vermischt und daher aus Lydien abgeleitet, war in uralter Zeit von Norden und zwar zunächst aus Rhätien oder Rä- ticn in Italien eingewandert und hatte entweder sogleich, oder wie die Alten meinen, erst von dem eigentlichen Etrurien aus das Land zwischen den Alpen, dem Ticino und der untern Etsch, südlich bis über Bologna, oder wie es etrurisch hieß, Fclsina, hinaus eingenommen. Sieben Fclsina waren Mantua und Patria, Städte der Etrusker, welche, als sie hier von den Galliern besiegt wurden, sich zum großen Theil nach Räticn zurückgcwendct zu haben scheinen. Von längerer Dauer und ungleich größerer Bedeutung war die Herrschaft, welches jenes Volk in dem eigentlichen E. begründete, wo es Umbrer und Tyrrhener unterwarf und sich mit den letztem vermischte. Daß sie von da aus auch in Campanien durch Kolonien sich für einige Zeit festgesetztest höchst wahrscheinlich; in Corsica sind etrurische Colonien, auch Jlva (Elba) gehörte ihnen. Zu welcher Völkerfamilie dies Volk zu zählen sei, ist noch immer rin Räthscl, ebenso wie seine Sprache, von der sich geringe Reste in Inschriften auf Vasen, Münzen und (bei Perugia) Steinen erhalten haben. Von den Sprachen des übrigen Italiens scheint sie sich scharf unterschieden zu haben, aber auch weder mit dem Griechischen noch mit dem Keltischen oder Germanischen ist bis jetzt ein Zusammenhang sicher nachgewiesen worden. Die Schrift ist im Wesentlichen die altgriechische und vermuthlich von Großgriechenland her angenommen. Unter den ctrurischen Städten sind namentlich Vcji, Falcrii, Volsinii (jetzt Bolscna), Clusium (Chiusi), Perusia unweit des Trasimenischen Sees, Cortona, Arretium (Arezzo), Fäsulä (Ficsoli) im Innern des Landes, und theils an der Küste, theils ihr nahe Luna, Pisä, Volaterra, Vctulonium, Populonia, Rusellä, Cosa, Volci, Saturnia, Tarquinii und Cäre zu erwähnen. Diese Städte waren meist unabhängig voneinander; das Bui-desvcrhältniß, in welchem sie standen, war ziemlich lose, doch wurden zu religiösen und Politischen Zwecken Bundesversammlungen gehalten, in denen auch der Bundespriester, X- -v.^ 1 120 Etrurien 8 Ä7. sowie im Fall gemeinsamen Kriegs der Bundesfeldhcrr gewählt ward. Zuverlässig bestand dieser Bund aus zwölf Städten, und auch das Land am Po war so gegliedert; die als unabhängig angegebenen Städte aber überstiegen diese Zahl, und es bleibt ungewiß, ob dies sich dadurch erklären lasse, daß einzelne von ihnen erlöschen und andere an ihre Stelle traten, oder ob einzelne Stimmen auf dem Bundestag mehre Städte zusammcnfaßten. In allen etrur. Staaten bestand eine pricsterliche Aristokratie; aus den Geschlechtern, deren Häupter, wie es scheint, mit dem Namen Lucumoncn bezeichnet wurden, war der Senat abgeordnet, an die Stelle der Könige schienen später überall jährlich wechselnde Magistrate getreten zu sein. Unter jenem Hcrrenstand befand sich die übrige Volksmenge in einer Clicntel, die hier einen härtern und strenger» Charakter als bei den andern mittelital. Völkern gehabt zu haben scheint. Gcmcinfreie fanden sich wol nur in einzelnen Städten und ihr Stand ge- langte zu keiner Bedeutung. Der Einfluß der etrur. Staatsvcrfassung auf die röm. wird im Ganzen wol nur auf einzelne Äußerlichkeiten, wie die Magistratsinsignien, die Triumphzügc, zu beschränken sein. Dagegen kann eine Einwirkung des etrur. Religionswescns, in welchem sich allgemein-italische Vorstellungen und Gebräuche mit ganz eigcnthümlichcn sehr innig verschmolzen zu haben scheinen, auf die Gestaltung des röm. kaum geleugnet werden. Die Religion der Etrusker, tiefsinnig, aber düster und phantasicarm, war in ihrer Anwendung auf das Staats- und Privatleben sehr sorgfältig bis in das Einzelnste ausgebildet. Besonders wichtig war in dieser Hinsicht die Deutung der Zukunft aus göttlichen Zeichen, die Di- vination, welche ebenso wie der Götterdienst überhaupt dem herrschenden Stande vorzugsweise zukam. Die echtctrurische Kunst der Haruspices, aus der Beschaffenheit der Opfer die Zukunft zu deuten, ward in späterer Zeit auch in Nom benutzt; die Blihdeutung war in Etrurien ausgebildeter als irgendwo, mehr als das eigentliche, bei den Sabinern und Römern einheimische, Augurium, die Vogelschau. Unter den zahlreichen heiligen Büchern der Etrusker genossen die des Tages, eines Dämons, der den Etruskischen Lucumoncn die Göttcr- und Opferlehre verkündet haben sollte, besonderes Ansehen, daneben lehrten die sogenannten Acherontischen Bücher die Lehre von der Versöhnung der Götter, der Aufschiebung des Schicksals, der Vergötterung der Seelen, und in Ritualbüchcrn war vornehmlich die Anwendung der heiligen Gebräuche auf das praktische Leben verzeichnet. Die Götter selbst, deren Sitz im Norden gedacht ward, zerfielen in zwei Ordnungen, die der ober« und vcr- hüllten Götter, Äsar genannt, und die übrigen, unter denen Tina (Jupiter) an der Spitze des Raths der zwölfConsentes odcrComplices stand. Berühmt sind die gewaltigen und ans unbehauenen Steinen aufgeführten Mauern etrur. Städte, wie von Perusia, Volaterra, Rusellä und Vetulonium; große Wasserbauten wurden in Kanälen an der Mündung des Po und Arno und in Emissarien zu Trockenlegung von Seen und Sümpfen ausgcführt. Auch hier, wie im Tempel- und Häuserbau, wirkte E. auf Rom ein, die Cloaca maxima und der capitolinische Tempel in Rom unter den Tarquincn waren Werke ctrurischer Baukunst. In der Plastik zeichneten sich die Etrusker namentlich durch ihre Thonarbciten aus; V a- sen (s. d.), thcils griech., theils mehr eigenthümlicher Art, wie die zu Clusium gefundenen (s. Ausgrabungen) geben davon Zeugniß, aber auch Statuen wurden aus Thon gefertigt, wie denn die erste Statue des capitolinischcn Jupiter das Werk eines Etruskers war. Nicht minder wurde die Erzgießerei und die Toreutik in Metall und Elfenbein von ihnen geübt. Etrurische mimische Tänzer, Histrionen, fanden in Nom Eingang, ebenso kamen die Gla- diatorenkämpfe von E. dahin. Handel wurde vorzüglich zur See, aber auch zu Lande mit den Producten des Landes, namentlich mit Getreide, Eisen, Holz und den Erzeugnissen der Industrie, mit Thon- und Erzarbeiten und gewebten Zeugen getrieben. Nachdem Rom unter Tarquinius Priscus und Superbus wo nicht unter etrur. Herrschaft, doch in enger Verbindung mit E. gestanden, dann sich deS Angriffs des clusini- schen Porsenna, 507 v. Chr., kaum erwehrt hatte, begannen 185 deren Kämpfe mit der mächtigen etrur. Nachbarstaat Vcji, die durch Waffenstillstände mehrmals unterbrochen, im J. 396 mit der Zerstörung von Vcji durch Ca millus (s. d.) endeten, da das übrige E. durch die Angriffe der Gallier beschäftigt war. Auch der Ciminische Wald, der etwa seit 375 die Grenze gegen die Römer bildete, wurde von diesen überschritten und die Macht E.S gebrochen, namentlich durch die großen Schlachten am Vadimonischen See im I. 3VS w» Etsch Ettlingen 121 Q. Fabius über die Etrusker und im I 285, wo P. Cornelius Dolabella über sie und die mit ihnen verbundenen Gallier siegte. Von Norden her hatten Ligurer, in deren Gebiet 177 v. Chr. Luca zur röm. Colonie wurde, und Gallier die Grenzen der Etrusker geschmälert. Das Bundcsgcnosscnverhältniß, in welches E- 280 trat, wurde zu Anfang desBundesge- nossenkriegs, da E. den Römern treu blieb, mit der Civität vertauscht; den Untergang der etrur. Eigenthümlichkeit beförderten besonders dir Härte Sulla's, der seinen Veteranen in dem ihm feindlichen E. Land gab, und die Militaireolonien, die Octavian anlegte. Vgl. Otfr. Müller, „Die Etrusker" (2 Bde., Bresl. 1928) und Abeken, „Mrttelikalien vor den Zeiten röm. Herrschaft nach seinen Denkmalen dargestellt" (Stuttg. und Tüb. 1843). Unter der Römerherrschaft wurde der alte Name E. endlich ganz durch den Namen Tuscien verdrängt, der später in den Namen Toscana (s. d.) überging. Nur noch einmal tauchte der alte Name des Landes wieder auf, und zwar im Frieden zu Luneville von I80l, wo E. oder, wie man es oft, obwolmit Unrecht, auch genannt hat, Hetrurien dem Erbprinzen Ludwig von Parma als Königreich überlassen wurde. Nach seinem Tode übernahm seine Witwe, die Infantin Marie Luise von Spanien, als Vormünderin ihres Sohns Karl Ludwig, die Negierung, die sie jedoch schon am 10. Dec. 1807 in Folge eines zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Vertrags wieder niedcrlegen mußte. Hierauf wurde E. franz. Provinz und durch einen Senatsbeschluß vom 30 . Mai 1808 für einen Theil des franz. Reichs erklärt; im I. 1809 aber als Großherzogthum Toscana Napolcon's Schwester, Elisa, übergeben, die es 1814 wieder an das frühere Negcntenhaus abtreten mußte. Etsch, bei den Römern Xtbesi--, von den Italienern äciigs genannt, seiner Wassermasse nach nächst dem Po der bedeutendste Fluß Italiens, entspringt in Tirol und mündet, nachdem er einen Theil Tirols und die Provinzen Verona, Padua und Rovigo durchströmt, in mehren Armen in das Adriatische Meer. Zur Zeit der Römer hatte sie eine mehr nördliche Richtung. Durch ihr Anschwellen und Austrcten richtete sie oft große Verheerungen an, so namentlich in den I. 1721 und 1774. Ihre Ufer waren wiederholt der Kampfplatz in den ital. Kriegen. Etschmiadzin, ein berühmtes Kloster im russ. Armenien unweit Eriwan am Fuße des Ararat (s. d.) gelegen, ist befestigt und der Sitz des Katholikos, des Haupts der Arme n i sch e n K i r ch e (s. d.), den jetzt auch die Patriarchen von Wan im heutigen Kurdistan und von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen. Außerdem gibt es in E. 4 Erzbischöfe, 0 Bischöfe, 12 Archimandriten und gegen 40 Mönche. Als die Pforte und die Perser das Ansehen des Katholikos zum Druck seiner Glaubensgenossen misbrauchten, floh derselbe mit den Mönchen, Archiven und Heiligthümern in daS Gebiet der Russen. Der pers. Hof verlangte hierauf die Auslieferung desselben und die Verweigerung dieser Foderung galt als eine der Ursachen des Kriegs der Perser mit den Russen, der von Paskewitsch durch die Eroberung von E. am 27. Apr. 1827 eröffnet wurde und in welchem das Kloster viel litt. In dem Frieden von Turkmantschai wurde E. mit andern Gebieten von Persien an Rußland abgetreten. Vgl. Smith und Dwight, „kiesesrcbtz5 in ^rnienia" (2 Bde., Boston 1833), Ettenheim, eine alte Stadt im Obcrrheinkreise des Großherzogthums Baden, am Eingänge eines lieblichen Thales und am Ettenbach, hat ungefähr 3100 E., die vorrüglich mit Leinwebern und andern Gewerben, mit Ackerbau, Viehzucht und Handel sich beschäftigen und hierdurch sowie durch andere günstige Umstände sich einen Wohlstand begründet haben. E-, das in seiner Kirche des heil. Bartholomäus, in dem ehemaligen fürstbischöfiichen Hofsitze und dem kaiserlichen Freihofe merkwürdige Gebäude besitzt, wurde gegen Ende des 7-Jahrh. durch den Herzog Eticho, Grafen des Nordgaus, angelegt und stand im l5.Zahrh. in seiner schönsten Blüte. Dann 1790—1803 war es die Residenz des letzten Fürstbischofs von Strasburg, des Fürsten von Rohan - Guemene, der hier 1803 starb und seine Ruhestätte fand. In E. wurde 1804 der Herzog vonEnghien ss. d.), der hier residirte, auf Befehl Napolcon's aufgehoben. — Anderthalb Stunden südöstlich von E. liegt die ehemals berühmte Bcnedictinerabtei Ettenheimmünster, die im 7. Jahrh. gegründet, im lune- villcr Frieden aufgehoben wurde und jetzt im Besitze des Freiherrn von Türckheim ist. Ettlingen, eine Stadt im Mittelrheinkreise des Großherzogthums Baden, zwei Stunden von Karlsruhe, am Eingänge eines romantischen AlPthaleS, ist noch mit Gräben 122 Etty Eu and alten Mauern umgeben und hat ein sehr altcrthümliches Ansehen. Die merkwürdigsten Gebäude sind das alte fürstliche Schloß auf dem Grunde eines röm. Castells, das 1689 von den Franzosen nicdergebrannt, im Anfänge des l8.Jahrh. neu gebaut wurde; die im Brand von 1689 zum Theil erhaltene und gleichzeitig mit dem Schlosse wieder ausgebaute Pfarrkirche und das Rathhaus. Die Bewohner, etwa -1209 an der Zahl, treiben Acker- und Weinbau, Gewerbe und unterhalten ansehnliche Fabriken. Nom. Alterthümer werden in und um E. in Menge gefunden; doch wird der Ort zuerst zuAnfange des 12. und als Stadt erst in der Mitte des 13. Zahrh. erwähnt. Durch die Franzosen wurde die Stadt am 14. Aug. 1689 in fürchterlicher Weise verwüstet. Etüden, d. i. Studienstücke, heißen Musikstücke für verschiedene Instrumente, deren nächster Zweck technische Ausbildung des Spielers ist, die aber in neuerer Zeit eine besondere Bedeutung erlangt haben. Indem man nämlich das ausschließliche Festhalten einer gewissen Figur, was das Wesen der Etüde ausmacht, theils zu einer charakteristischen Färbung, theils zu bloö sinnlichschönen Klangwirkungen benutzte, dem Ganzen aber eine genügende Ausdehnung und Formenrundung gab, erhob man die Etüde zur Geltung einer selbständigen Kunstgattung, bei der der ursprüngliche instructive Zweck oft nur scheinbar beibehalten ist. Wenn an sich dagegen nichts einzuwendcn ist, da ja auch andere Gattungen, z. B. Tänze, zu einer künstlerischen Bedeutung erhoben wurden, die über den Namen und ursprünglichen Zweck hinausgeht, so ist doch nicht zu verkennen, daß von Vielen, namentlich von Clavier- componistcn, die Etüde mit einer Vorliebe behandelt wurde, die nicht ohne Beeinträchtigung anderer Gattungen geblieben ist. Etymvlögie (griech.) heißt derjenige Theil der Sprachlehre, welcher sich mit der Ab- leitung der Wörter beschäftigt und diese auf ihre Wurzeln und Stämme zurückführt, um ihre wahre und ursprüngliche Bedeutung zu erforschen. Sie umfaßt die Lehre von den Bcstand- theilen des Worts, von den verschiedenen Wortarten, ihrem Begriffe und ihren Formen, und endlich von der Bildung der Wörter durch Ableitung und Zusammensetzung und zerfällt mithin in die Fundamentallchre, Formenlehre und Wortbildungslehre. Die Wichtigkeit dieser etymologischen Studien wurde schon in früher Zeit erkannt und gewürdigt, doch hat man sich in der neuesten Zeit bei den Forschungen über die Wortstämme der todten und lebenden Sprachen, da Vieles hierin problematisch erscheint und der Phantasie ein freier Spielraum geöffnet ist, nur zu häufig in leere Spielereien verloren. Ein spcciellcs Wörterbuch, worin die Wurzeln der Wörter nachgcwiesen werden, nennt man Etymologicum. Das älteste, für die griech. Sprache abgefaßte Wörterbuch dieser Art ist das „Ltz-mologicum M8ANUIN" (hcrausgeg. von Schäfer, Lp;. 1816, 4.), wozu das „Ltz-molnFicum 6u82l erhob E. das Banner der Freiheit auf Zuruf der schönen Modena Maurogenia. Eucharistie, d. i. Danksagung, bezcichncte schon in der Liturgie der alten Kirche ein Doppeltes. Einmal nämlich und im cngern Sinne nannte man so das größere Dankgebet, welches nach Art der bei dem jüd. Passahmahl gebräuchlichen Lobgcbete und nach dem Vorgänge Christi selbst (Matth. 26, 26. 27.) vor der Consecration des Brots und Weins im Abcndmahlss. d.) vorherging und theils auf die allgemeinen Wohlthatcn Gottes, theils und insbesondere auf den Segen der Erlösung sich bezog. Eingeleitet wurde cs durch die sogenannten Präfationcn: „Die Herzen in die Höh!" worauf das Volk erwiderte: „Wir haben sie zum Herrn erhoben; ferner: „Lasset uns dem Herrn danken", worauf die Antwort erfolgte: „Das ist würdig und recht." Einen Theil dieses Gebets bildeten auch die von der Menge angestimmten Hymnen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth", und: „Ehre sei Gott in der Höhe." Im weitern Sinne verstand und versteht man unter E- die gestimmte Abendmahlsfcier. Euchenor, der Sohn des Ägyptus, wurde von derDanäldeJphimedusa ermordet.— Euchenor, ein Sohn des korinthischen Sehers Polyidus, zog mit gegen Troja und fand da durch den Paris seinen Tod. Eudämonismus heißt die Ansicht, welche die Glückseligkeit zum letzten Ziel alles Wollens und Handelns, also zum Maßstab des Guten und Schlechten, mithin auch das Streben darnach zum letzten Beweggründe und zum obersten Grundsätze der Moral macht. Eudämonistische Moral ist demnach eine Sittcnlehrc, welche dieses Princip aufstellt, und Eudä monist heißt Der, welcher dieser Lehre zugethan ist. Da der Begriff der Glück- seligkeit, d. h. des in der Befriedigung der Wünsche und Begierden liegenden Wohlseins, an sich ganz unbestimmt ist, so hat sich der Eudämonismus sehr verschieden gestaltet; gewöhnlich unterscheidet man einen gröbern und feinern, je nachdem man die Glückseligkeit in sinnliche oder geistige Genießungen oder in eine Mischung beider setzt. Eudämonistisch ist 124 Eudiometer Eugen (Franz) auch die religiöse Moral, wenn sie die Tugend lediglich um der Belohnungen willen em- pfiehlt, die ihrer in dem künftigen Leben warten. Dem Eudämonismus steht der Grund- satz, auf welchem alle wahre Ethik beruht, entgegen, daß die Befriedigung des WollenS diesem Wollen selbst noch keinen Werth gebe und daß es, um den Unterschied des Guten und Bösen festzustellen, nicht auf die Bestimmung Dessen, was den Willen befriedigt, sondern auf eine von allen Nebenrücksichten unabhängige Beurtheilung des Wollen- selbst ankomme. Wo man diese beiden ganz verschiedenen Standpunkte nicht genau sondert, kann es leicht geschehen, daß sich in den Begriff der Glückseligkeit echtsittliche Bestimmungen verstecken, wie dieses z. B. in dem Eudämonismus des Aristoteles der Fall ist, während Aristipp und Ep i- kur (s. d.) die Ethik ganz unumwunden in einer bloßen Genußlehre untergehen ließen. Eudiometer heißt ein Instrument zur Bestimmung der Menge von Sauerstoff, welche in einer gegebenen Quantität Luft enthalten ist. Unter den verschiedenen Einrichtungen desselben ist die Volta'sche die gewöhnlichste, die sich auf Verpuffung der zu untersuchen- den Luft mit einem gegebenen Verhältniß von Wafferstoffgas mittels des elektrischen Funkens gründet. Eudörvs, der Sohn des Hermes und der Polymele, der Tochter des Theffaliers Phylas, war unter Achilles einer der Anführer der Myrmidonen. Eudöpos aus Knidos, den Cicero den Fürsten unter den Astronomen nennt, lebte um 370 v. Chr., war der Schüler und Freund des Platon und bildete sich vorzüglich in Ägypten, wo er sich l 3 Jahre aufhielt, im Umgänge mit den Priestern. Seine letzten Jahre verlebte er auf dem Gipfel eines hohen Bergs, um den gestirnten Himmel immer vor Augen zu haben. Von allen griech. Philosophen und Astronomen scheint er zuerst richtigere Vorstellungen über die Krümmung der Erdoberfläche gehabt zu haben, welche er theils auf seinen Reisen nach Ägypten und Griechenland, theils durch Nachrichten anderer Reisenden kennen lernte, und wiewol er, wie es scheint, die Meinung von der Kugelgestalt der Erde nicht auszusprechen wagte, so hat er doch dieser Ansicht wahrscheinlich den Weg gebahnt. Auch soll er zuerst eine horizontale Sonnenuhr zu verzeichnen gelehrt haben, die er ihrer Gestalt wegen eine Spinne nannte. Seine Werke, von denen das eine „PImsiwnieiia" dem unter demselben Titel bekannten desAratus (s.d.) zu Grunde liegt, sind verloren gegangen. Eugen (Franz) von Savoyen, bekannter unter dem Namen Prinz Eugen, der größte Feldherr seiner Zeit und ein gleich ausgezeichneter Staatsmann, war der Sohn Eugen Moritz's, Herzogs von Savoyen-Carignan, Grafen von Soissons, und der Olympia Man- cini, einer Nichte des Cardinals Mazarin, geb. zu Paris am 18. Oct. 1663. Als der jüngste von fünf Söhnen wurde E-dem geistlichen Stande bestimmt; doch sein lebhafter hochstrebender Geist beschäftigte sich lieber mit dem Studium der Geschichte großer Männer als mit theologischen Spitzfindigkeiten. Schon gekränkt durch den Schimpf, der seiner Mutter widerfuhr, die Ludwig's XIV. erste Jugendgeliebte, dann von ihm verstoßen und aus Frankreich vertrieben wurde, fühlte sich E. noch mehr gegen Ludwig XIV. erbittert, als derselbe ihm, man sagt, auf des seiner Familie feindseligen Louvois Anstiften, das Commando einer Nei- tcrcompagnie abschlug, weil er zu schwächlich, und eine Abtei, weil er mehr für das Vergnügen als für die Kirche geschaffen sei. Zürnend verließ er 1683, als Ludwig einigen franz. Prinzen erlaubt hatte, im Kampfe gegen die Pforte Ruhm zu suchen, Frankreich und trat in östr. Dienste, gerade zur Zeit, als die Türken Wien belagerten. Schon in der Schlacht, durch welche die Kaiserstadt entsetzt wurde, am 12. Sept. 1683, und bei der ihr folgende» Vertreibung der Türken zeigte der 19jährige Jüngling so viel Tapferkeit, daß er die Aufmerksamkeit deS östr. Oberbefehlshabers auf sich zog und am ll.Dec. desselben Jahrs ein Dragonerregiment erhielt. Än der Spitze desselben entwickelte er in dem Türkenkriege, 1683 — 87, unter der Leitung des trefflichen Ludwig von Baden und Karl's von Lothringen herrliche Feldherrntalcnte, und rasch stieg er zu den höchsten militairischen Würden empor. Schon nach der Schlacht bei Mohacz im I. 1687 wurde er Feldmarschalllieutenant, 1693 Generalfeldmarschall und 1703 Präsident des kaiserlichen Hofkriegsraths. Außer dem schon genannten Feldzüge gegen die Türken kämpfte er für Ostreich in dem sogenannten Coalitions- kriege gegen Ludwig XIV. 1690—96 in Italien. Er wußte hier durch geschickte Unterhandlungen den Herzog von Savoyen, Victor ÄmadeuS II., auf des Kaisers Seite zu ziehen, und 125 Eugen (Kranz) obgleich dieser aus Übereilung in das unglückliche Treffen bei Gtaffard sich eingelassen hatte, stellte doch E. nach dem Eintreffen östr. Hülfstruppen das Gleichgewicht wieder her. Zum Führer beider Heere ernannt, entsetzte er 1691 Coni und drang durch Piemont in die Dauphine ein, die er zur Vergeltung der franz. Mordbrennereien in der Pfalz allenthalben verheerte. Nach Wien zurückgckehrt, wurde er Oberbefehlshaber in Ungarn und schlug die Türken in der berühmten Schlacht bei Zentha 1697, die dem Großvezier das Leben kostete und dem Verfalle des osman. Reichs das Siegel aufdrückte. Hoch erfreut über diesen Sieg reiste er nach Wien, wurde aber dort, weil er die Schlacht gegen den gemcssencrn Befehl des Hofkriegsraths unternommen, von Leopold kalt empfangen und mußte seinen Degen abgeben. Nach kurzer Frist erhielt er jedoch von Leopold selbst das Commando mit unumschränkter Vollmacht zurück. DaerindcßvomHofkriegsrathezuWiennicht gehörig mit Geld und Truppen unterstützt wurde, konnte er bei der Übermacht der Türken in den nächsten Jahren bis zum Frieden von Carlowiß im I. 1699 nicht viel mehr ausrichten. Im span. Erbfolgekriege besiegte er in Italien 1791 Fremont bei Carpi, Villeroi bei Chiari, und nur der geschicktere Vendöme vermochte durch seine Übermacht an Truppen E.'S Fortschritte aufzuhalten. Hierauf dämpfte er den Aufstand in Ungarn und stritt tapfer in der unentschiedenen Schlacht bei Luzzara. Im 1.1793 zum Hofkriegsrathspräsidenten ernannt, warcrvonnunandicHaupt- triebfeder aller Unternehmungen. Zunächst übernahm er den Oberbefehl des Heers in Deutschland und erfocht den glänzenden Sieg bei Hochstädt am 13. Rüg. 1794, wo ec das bair.- franz. Heer schlug, dann wieder in Italien, wo er durch die Schlacht bei Turin am 7. Sept. 1796 die Franzosen aus Italien trieb. Hieraus siegte er im Vereine mit seinem Freundeund Nuhmsgenossen Marlborough bei Oudenarde am l l.Juli 1798 und bei Malplaquet am 1 l. Sept. 1799. Nach dem Rücktritte Hollands aber und besonders England-, welches letztere er durch eine Gesandtschaftsreise im Jan. 1712 zur Bundesgenoffcnschaft, wiewol vergeblich, zurückzuführen bemüht war, an Hülfsmitteln zu schwach, um dem Feinde am Rhein widerstehen zu können, erlitt er bei Denain am 23. Juli 1712, wo Villars das Albemarle'sche Corps überfiel, eine Niederlage, in Folge deren seine Linie» vom Feinde überstiegen wurden und er cs ruhig ansehen mußte, wie eine Festung nach der andern von den Franzosen genommen wurde, bis der rastadter Friede im J. 1713, dessen Verhandlungen er gegen Villars mit ebenso viel Gewandtheit als Festigkeit führte, dem Kriege ein Ende machte. Jm J. 1716, beim Wiederbeginn des Kriegs gegen die Türken, ergriff E. aufs neue die Waffen, schlug noch in demselben Jahre das l 89999 M. starke Heer derselben bei Peterwardein, eroberte Temeswar und >717 nach einer blutigen Schlacht Belgrad. Ruhmgekrönk kehrte er nach dem gegen seinen Willen und Rath geschlossenen Frieden von Passarowitz 1713 nach Wien zurück, wo er, allgemein geliebt und verehrt, während der folgenden Friedensjahre mit gleichem Eifer im Cabinet arbeitete. Als aber >733 die poln. Thronfolgeangelegenheit einen neuen Krieg hcrbeiführte, erschien er noch einmal auf dem Kriegsschauplätze am Rhein, konnte aber, zu bejahrt und ohne hinlängliche Mittel, nichts ausrichten. Nach dem Frieden im I. 1737 kehrte er nach Wien zurück, wo er am 21. Apr. 1736 starb. E. war klein und schwächlich von Gestalt, hatte ein mageres Gesicht und eine lange Nase, schnupfte viel Taback und trug sich übermäßig einfach in Kleidern. Mit ganzer Seele liebte er seinen Feldherrnberuf, hielt die Soldaten in strenger Zucht, sorgte aber auch eifrigst für ihre Bedürfnisse. Mehr als dreizehnmal wurde er verwundet. Vom Herzoge Karl von Lothringen gebildet, und wie dieser von seinem Vaterlande verachtet und vertrieben, trat er, als Karl 1699 starb, nicht nur in dessen Stelle, sondern erwarb sich auch als Staatsmann und Diplomat um Ostreich große Verdienste. Dabei war er ohne Neid und Ränkesucht, empfänglich für Freundschaft, wie sein Verhältnis zu Marlborough beweist, und, was ihn in jener Zeit am meisten auszeichnet, religiös, aber ohne alle Intoleranz und ohne kirchliche und Skandesvorurtheile. Er diente drei Kaisern nacheinander, die er selbst so zu beurtheilen pflegte, daß er sagte, in Leopold I. habe er einen Vater, in Joseph I. einen Bruder, in Karl VI. einen Herrn gehabt. Die von E. verfaßten politischen Schriften, herausgegeben von Sartori (7 Abthcil., Tüb. 1812), sind sehr wichtig zur Kenntniß der Geschichte und Sitten seiner Zeit. Vgl. Dumont, „blistoiee militsire 6u prince bl.", fortgesetzt von Rousset (2 Bde., Haag 1723—29, Fol.), und Ferrari „De rel>»s gestis Lugenii" (Rom 1747, 4.). Die „Vie eiu zrrince Luxeue, 126 Eugen (Friede. Heim.) Euguvmyche Tafeln ^crite psr lui-meme" (18ÜS und Par. 1810) hat ven Prinzen von Ligne zum Verfasser, der durch diese Schrift das Pudlicum zu mystificiren versuchte. Eugen (Friede. Heinr.), Herzog von Würtemberg, geb. am 2I.Nov. 1758, der dritte Sohn des Herzogs Friedrich Eugen, trat 1777 in prcuß. Dienste und stieg rasch zum Ge- neralmajor und Chef eines Husarenregiments. Im poln. Feldzuge von 1794 und wamcnt- lich in der Schlacht von Sczekoczin commandirte er als Gencrallieutenant die Neiterci. Im 1. 1806 befehligte er als General der Cavalerie die Reservearmee, mit welcher er am 17. Oct. von Bernadotte bei Halle geschlagen wurde. Nach dem Frieden von Tilsit nahm er seine Entlassung und starb am 20. Juni 1822 zu Meiningen. Eugen (Friedr. Ka.l Paul Ludw.), Herzog von Würtcmberg, russ. General der Infanterie, der Sohn des Vorigen, geb. am 8. Jan. 1788, wurde frühzeitig von seinem Oheim, dem Kaiser Paul, in Dienst genommen. Er nahm an den Feldzügen von 1806—7 in Ostpreußen und 1810 in der Türkei Theil und commandirte 1812—l 4 die vierte Division des zweiten Armeecorps, welches fast an allen Hauptschlachten Theil nahm. In Folge seiner Waffenthaten bei Smolensk am 17. Aug. 1812 wurde er zum Generallieutenant befördert. Ebenso ausgezeichnet wie hier bewies er sich bei Borodino, beim Überfall von Tarutino, bei Krasnoi und, nachdem er inzwischen das Commando des zweiten Armeecorps, das in die ! Avantgarde unter General Winzingerode eingerückt war, erhalten hatte, bei Kalisch. In der > Schlacht bei Lützen stand er anfangs in Reserve; zu spät nach Eisdorf entsendet, um hier l etwas Entscheidendes ausrichten zu können, leistete er doch wenigstens dem ihm von Leipzig aus entgegenkommenden Vicekönig bis zum Abende einen solchen Widerstand, daßdieFlanke und der Rückzug der Armee gedeckt wurden. In der Schlacht bei Bautzen vertheidigte er am 20. Mai die Scadt, bis er nach Auritz befehligt wurde; am 21. Mai warf er bei Nischen den Angriff Macdonald's mit entschiedenem Erfolge zurück, und am 22. besetzte er auf eigene l Verantwortung den Töpfcrberg bei Neichenbach, durch dessen Behauptung er den Marsch und Übergang der Armee bei Görlitz sicherte. Nach dem Waffenstillstände kam er mit seinem Corps in die Avantgarde der Abtheilung des Grasen Wittgenstein, mit der er den König- l stein blockirte. Nachdem er hierauf bei Pirna und bei Kulm gegen Vandamme eine erfolg- ! reiche Thätigkeit bewiesen, ging er mit der Wittgenstcin'schen AbklMung über Zwickau nach l Leipzig, wo er in der Schlacht am 10. Oct. die zweite Coloune commandirte, die bei Wachau j in ein blutiges Gefecht verwickelt, gegen Mittag über die Hälfte zusammengeschmolzen, sich zurückziehcn mußte, und am 19. Oct. den letzten Angriff an Prvbsthaida vollführte. In Frankreich hatte der Herzog namentlich an dem Treffen bei Bar-sur-Aube, wo er den linken Flügel Oudinot's umging und zurückwarf, und bei Arcis-sur-Aube entscheidenden Antheil. In dem russ. Feldzüge von 1828 gegen die Türken befehligte der Herzog das siebente Armcccorps. Er ist in zweiter Ehe feit 1827 mit der Prinzessin Helena von Hohenlohe-Langenburg vermählt und Vater von drei Söhnen und drei Töchtern. Eugubinische Tafeln heißen sieben eherne Tafeln, in deren Inschriften allein uns ein umfänglicheres, höchst merkwürdiges Denkmal der umbrischcn Sprache erhalten ist. Die Schrift ist auf fünf von ihnen die umbrische, von der ctrurischen wenig verschiedene, auf zwei die lateinische; den Inhalt bilden Vorschriften über Opfergebräuche und Gebetformcln, deren Aufzeichnung wahrscheinlich zu verschiedenen Zeiten, im Ganzen wol noch vor dem 2. Jahrh, v. Chr. geschehen ist. Aufgefunden wurden sie im I. 14 44 zu Gubbio im Kirchenstaate, dem alten Jguvium oder Eugubium in Umbrien, wo sie noch aufbewahrt werden. Philipp Bonarota machte sie zuerst vollständig bekannt in Dempfer's „Ltruris regillis" (172.1—24); unter den frühern Erklärungsversuchen ist der von Lud.Lanzi in seinem gio
  • « hieß und vom Ennius übersetzt wurde, war, wie es scheint, sehr verbreitet, da spätere Schriftsteller, wie Diodor, dasselbe vielfach benutzten; besonders thaten dies die Kirchenväter, um damit den alten Götterglauben zu bekämpfen. Euklides, der Vater der Mathematik, geb. zu Alexandria um 300 v. Ehr., siudirte zu Athen unter Platon und lehrte dann in seiner Geburtsstadr unter Ptolemäus Sotcr die Geometrie. Er erweiterte das Gebiet der Mathematik vielfach, und in seinen Schriften herrscht eine unübertroffene Strenge der Methode und des Systems. Die besten Ausgaben seiner sämmtlichen Werke besorgten Gregory (Oxf. 1703, Fol.) und Peyrard (3 Bde., Par. 1814—18,4.). Die älteste griech. Ausgabe seiner „8toiclleia" (Elemente der reinen Mathematik), die wir nach einer im 4. Jahrh. ». Ehr. veranstalteten Revision besitzen, erschien zu Basel 1533 und ist noch jetzt unentbehrlich, weil sie dennachher nicht wieder gedruckten griech. Commentar des Proclus zu dem ersten Buche enthält. Die neueste Ausgabe derselben lieferte August (2 Bde., Berl. 1826—29); ins Deutsche wurde sie überseht von Lorenz (Halle 1781; 6. Aust,, von Dippe, 1840) und von Hoffmann (Mainz 1829); die „Dedomena" oder „Data" von Wurm (Berl. 1825). Die gleich einigen andern Schriften vielleicht mit Unrecht ihm beigelegten „Anfangsgründe der Musik" gabPena (Par. 1557,4.) heraus. Enkltdes aus Megara, der Stifter der megarischen Schule, ist einer der ältesten Schüler des Sokrates. Obgleich Megara von Athen ziemlich entfernt und allen Megaren- sern bei Todesstrafe verboten war, das Gebiet von Athen zu betreten, kam er doch des Abends in weiblicher Kleidung zur Stadt, um einige Stunden den Unterricht des Sokrates zu genießen. Nach dem Tode des Sokrates stiftete er eine eigene Schule, die megarische (s. d.). Er starb um 424 v. Ehr. Den Mittelpunkt seiner Lehre bildete der eine Verschmelzung elea- tischer Begriffe mit der Sokratischen Hervorhebung des Sittlichen enthaltende Satz, daß das Einzige, was in Wahrheit sei, das Gute sei, welches durch vielerlei Namen bezeichnet werde; alles Übrige sei nicht. Um diesen Satz zu rechtfertigen, suchte er indirect nachzuweiscn, daß alle übrigen gewohnten Begriffsverbindungen unfähig seien, den Inhalt Dessen, was allein sei, zu bezeichnen. Diese zum Theil spitzfindige Dialektik bildeten seine Anhänger weiter aus, und die Schule wurde deshalb auch dieeristische, d. i. streitsüchtige, genannt. Eule, eine Gattung von Vögeln, die unter den Raubvögeln die sich scharf auszeichnende Gruppe der nächtlichen bildet. Sie sind für die Zwecke der nächtlichen Jagd organisirk, denn ihr seidenartiges Gefieder gestattet einen geräuschlosen Flug; ihr Ohr fängt das geringste Geräusch auf, indem eine Art Ohrmuschel durch einen Kranz steifer Federn gebildet wird, und der Bau ihres Auges macht scharfes Sehen im Dunkeln möglich. Nicht alle sind völlige Nachtthiere, denn in Südamerika kennt man mehre am Tage umherfliegende; jedoch gleichen sich alle in Beziehung auf ihre Ernährungsweise als Raubvögel. Die Färbung aller ist düster, aber feine Zeichnungen schmücken dennoch ihr Gefieder; die arktische Schneeeule wird im Winter schneeweiß. Die Verbreitung der Eule reicht über die ganze Erde, und die Zahl der Arten ist daher ziemlich bedeutend. Dem Volke sind sie von jeher unheimlich erschienen, theils in Folge ihres ungeselligen nächtlichen Leben- und ihres Aufenthalts in verlassenen Winkeln und Ruinen, theils wegen ihres klagenden Geschreis und dem wunderlichen Ansehen ihres Kopfes und Auges. Die Alten fanden in ihnen den Ausdruck des Ernstes und Denkens, und daher war das südeurop. Käuzchen (Strix scops) der Minerva geheiligt. Mehre Arten lassen sich zähmen, sind aber unangenehme Gesellschafter. Deutschland besitzt elf Arten, von welchen der Uhu die größte ist. Eulenspiegel (Tyll), das Vorbild aller Schalksnarren der spätem Zeit, wurde in dem Dorfe Kneitlingen im Braunschweigischen geboren. Sein Vater hieß Klaus E. und seine 12S Guler Mutter war Anna Wortbeck. Er zog von Jugend auf in der Welt umher, namentlich in Niedersachsen und Westfalen, um allen Denen, die mit ihm zusammentrafen, allerlei Streicht zu spielen. Diese Narrenstreiche erzählt in abgerissener Form das bekannte Volksbuch, das wir unter E.'s Namen besitzen. Zufolge eines Leichensteins auf dem Kirchhofe zu Möln, vier Stunden von Lübeck, soll er daselbst 1350 gestorben und begraben worden sein; doch ist von einer Inschrift auf dem Leichensteine nichts mehr zu sehen; man findet darauf noch eine Eule und neben ihr einen Spiegel. Da man indcß einen ebenfalls auf ihn bezüglichen Leichenstein, der das I. 1301 als sein Todesjahr angibt, zu Damme in Belgien fand, so kam man zu der Vermuthung, daß E. überhaupt eine singirte Person sei; wahrscheinlicher ist in- deß, daß die Grabsteine zwei verschiedenen E. angehörcn, deren einer, der Vater, zu Damme, der andere, der Sohn, zu Möln starb. Erst nach E.'s Tode, wie auch das Volksbuch angibt, wurden dessen Narrcnstreiche zusammengestellt, und unstreitig zuerst in plattdeutscher Sprache; aus dem Plattdeutschen wurden sie durch den Franciscaner Thom. Murner in das Hochdeutsche übertragen, und dieser Übertragung dann die alten hochdeutschen Ausgaben des Volksbuchs nachgebildet. Die später» Bearbeitungen scheiden sich in eine katholische und eine protestantische. Die älteste bekannte gedruckte Ausgabe ist die hochdeutsche zu Strasburg (1519, 4.). Die Urtheile der Nachwelt haben nicht blos den ästhetischen sondern auch den sittlichen Werth dieses Buchs angegriffen. Unanständigkeiten sind freilich häufig darin zu finden, sie fallen aber dem Zeitalter zur Last, in welchem es geschrieben worden. Übrigens erhielt es sich Jahrhunderte als Lieblingsbuch nicht nur des deutschen Volks sondern vieler andern; es ist ins Böhmische, Polnische, Italienische, Englische, Holländische, Dänische, Französische und Lateinische überseht, mehrmals nachgeahmt, unzählige Male bis auf die neueste Zeit herab aufgelegt, mit Anmerkungen herausgegeben und neu eingekleidet worden. Vgl. Neichard, „Bibliothek der Romane" (Bd. 2 und 4), Flögcl, „Geschichte der Hofnarren" und Görres, „Die deutschen Volksbücher". — Ein sehr seltenes Kupferblatt von Lukas von Leyden hat den Namen Eulenspiegel (l'^spiexle). Euler (Leonhard), einer der größten Mathematiker, geb. zu Basel am l 5. Apr. >797, erhielt von seinem Vater, Paul, der seit 1708 Prediger zu Riechen war, den ersten Unterricht in der Wissenschaft, in der er später so Großes leistete. Auf der Universität zu Basel genoß er den Unterricht Joh. Bernoulli's; Freund war er mit Dan. und Nik. Bernoulli, die ihrem berühmten Vater mit Glück nachstrebten. Im >9. Jahre erhielt E. das Accessit des Preises, den die pariser Akademie der Wissenschaften auf die beste Abhandlung über das Bcmasten der Schifft gesetzt hatte. Durch die Bernoulli, die Katharina l. bei der Stiftung der Petersburger Akademie berufen hatte, wurde auch E. veranlaßt, nach Petersburg zu gehen, wo er 1730 die Professur der Physik erhielt, die er 1733, als Dan. Bernoulli nach der Schweiz zurückkehrte, mit einer Stelle bei der Akademie vertauschte. Seitdem arbeitete er mit einer Anstrengung im Fache der Mathematik, welche in der That Bewunderung verdient; denn mehr als die Hälfte der mathematischen Abhandlungen in den 46 Quartbänden, welche die Petersburger Akademie von 1727—83 herausgab, sind von ihm, und bei seinem Tode hinterließ er noch über 200 eingedruckte Abhandlungen, welche die Akademie nach und nach erscheinen ließ. Von der Akademie der Wissenschaften zu Paris, die ihn 1755 zu einem ihrer auswärtigen Mitglieder ernannte, obschvn keine Stelle erledigt war, wurde ihm zehnmal der Preis zuerkannt; so z. B. 1740 für die Schrift „Irxzuisitio pk^sica in causam Luxus ac reLuxus maris". Im 1.1741 folgte er einem Rufe Friedrich des Großen an die Akademie der Wissenschaften zu Berlin als Lehrer der mathematischen Wissenschaften, kehrte aber 1766 nach Petersburg zurück und starb daselbst am 7. Sept. 1783 als Director der mathematischen Classe der Akademie, nachdem er die letzten Jahre in völliger Blindheit zugebracht hatte. Er war von liebenswürdigem Charakter, immer heiter und guter Laune; in Gesellschaft zeichnete er sich durch angenehmen Witz aus. Seine erste Preisschrift über das Bemasten der Schiffe und noch mehr sein Aufenthalt zu Petersburg bestimmten ihn ohne Zweifel, die Mathematik auf die Erbauung und Leitung der Schiffe anzuwenden, und so entstand seine in der franz. Marineschule eingeführte, auch ins Englische, Italienische und Russische übersetzte „Hieorie complete <1e I» construction et nn- Iztticn" (2 Bde., Petersb. 1783—85, 4.). — Von seinen 13 Kindern ist Ioh. Albert E. zu erwähnen, geb. zu Petersburg am 27. Nov. 1734, gcst. als ruff. Staatsrath am 18. Sept. 1866, der sich durch viele Abhandlungen, unter denen sich allein sieben gekrönte Prcisschriften befinden, als einen gründlichen und gewandten Mathematiker bewährt hat. Eulögie bezeichnte in der neuen Platonischen Akademie des Arccsilaus und Karnea- des die Wahrscheinlichkeit. — Eulogismus nennt man das bei Verschiedenheit der Ansichten eintretende Handeln nach Gründen der Wahrscheinlichkeit. (S. Probabilismus.) Eumelus, der Sohn des Admetus und der Alcestis, führte elf Schiffe gegen Troja und besaß die herrlichen Rosse, welche Apollon selbst im Hirtenstande bei dem Admetus aufgezogen hatte. Mit denselben rang er bei den Leichenspiclen des Patroklus um den Preis; es brach ihm aber, als er dem Ziele nahe war, der Wagen, worauf ihm Achilles wenigstens noch den Panzer des Asteropäus gab. Seine Gemahlin war Zphthime, die Schwester der Penelope. — Eumelus, der König zu Pakrä, beherbergte den Triptolemus auf seiner Durchreise. Sein Sohn, Antheus, stürzte von des Letztem Wagen herab. Eumknes aus Kardia in Thrazien wurde, noch nicht 26 Jahre alt, von Philipp von Macedonien zu seinem Geheimschrciber ernannt und genoß ebenso sehr das Vertrauen Phi- lipp's als seines Sohns Alexander. Nach dem Tode des Letztem 323 v. Ehr. gab ihm Perdikkas, der Neichsverweser, die Statthalterschaft von Paphlagonien und Kappadocien; E. siegte über Kraterus, der mit Antipater gegen Perdikkas zog, im I. 321 in einer Schlacht, in der Kraterus selbst und sein Verbündeter, Neoptolemus von Armenien, fielen. Antigonus, dem nach des Perdikkas Ermordung Antipater den Krieg gegen E. aufgctragen hatte, wußte den größten Theil seines HeerS von ihm abtrünnig zu machen, vermochte aber die Bergfeste Nora in Kataonien, in der E. sich über ein Jahr hielt, nicht zu erobern. Nach Antipatcr'S Tod im I. 318 versuchte Antigonus, den E. für sich gegen Polysperchon, der Jenem als Neichsverweser gefolgt war, zu gewinnen, aber vergeblich; E. entkam aus Nora, war siegreich in Cilicien und Phönizien und wandte sich, als Antigonus selbst im I. 317 gegen ihn zog, nach Oberasien; hier wurde er, ohne besiegt zu sein, von seinen makedonischen Soldaten verrätherisch dem Feinde ausgeliefert und von diesem 316getödtet. Aus dem Alterthume haben wir Biographien des E. durch Plutarch und Cornelius Nepos. — Den Namen Eu- menesführen auch zwei Könige von P erg amu s (s. d.), von denen namentlich Eume- Conv.-Lex. Neunte Ausl. V. 9 130 Eumenideu Eunuch nes II., der älteste Sohn und seit 197 v. Chr. der Nachfolger Attalus' I., bekannt ist. Wie sein Vater war er den Römern ergeben. Zum Dank für diese Hülfe, die er ihnen im Kriege gegen Antiochus von Syrien geliefert hatte, erhielt er von ihnen nach dem Siege den thrazi- schen Chersones und fast ganz Asien diesseit des Taurus, auch die Streitigkeiten, in die er mit Prusias von Bithynicn und mit Pharnaccs von Pontus, sowie mit den Thraziern gcrickh, die über seine Bedrückungen 172 vergeblich in Nom Beschwerde führten, wurden durch die Römer zu seinem Vortheil entschieden. Da aber in dem Kriege gegen Perseus von Makedonien, zu denen er vornehmlich durch seine Klagen den Römern erwünschten Anlaß gegeben, seine Treue sich schwankend gezeigt hatte, begünstigte Nom die asiat. Gallier, mit denen er in Krieg gerathen war, indem es sie für unabhängig erklärte; es suchte, wiewol vergeblich, seinen Bruder Attalus gegen ihn aufzuwicgeln und nahm die Klagen, die der König von Bithynicn sowie mehre asiat. Städte über ihn führten, bereitwillig an. Bevor es zu einer Entscheidung gekommen war, starb E. 159 v. Chr. Die Pergamcnische Bibliothek, die sein Vater gegründet, wurde durch ihn ansehnlich vermehrt, wie er sich überhaupt als Freund der Wissenschaften und Bildung auszcichncte. Eumenrden, lat. Furien, eigentlich die gnädigen, gütigen, huldvollen Göttinnen, wurden euphemistisch die furchtbaren Nachegöttinnen genannt, deren wahren Namen Eri litt y en man nicht gern aussprach. Sic kommen schon beiden ältesten Dichtern vor und spielen dann eine Hauptrolle bei den Tragikern, bei denen sie einen ausgedehntern Wirkungskreis haben. In der ältesten Zeit, bei Homer und Hesiod, rächen und strafen sie den Meineid, Verletzung der Kindespflicht, des Gastrechts, jeden Mord und tragen überhaupt dafür Sorge, daß Niemand seine Grenzen überschreite. Bei denselben Dichtern erscheinen sie theils in unbestimmter Mehrheit, theils in der Einzahl; die Drcizahl, ebenso wie ihre Namen Alckto, Megära, Tisiphonc, ist jedenfalls erst spät aufgekommen, da bei Äschylns noch ein ganzer Erinnyenchor auftritt. Sie wohnten nach Homer im Erebus, womit auch die Fortdauer ihrer Strafe nach dem Tode zusammenhängt; nach Hesiod sind sie Töchter der Erde, welche aus den Blutstropfen der Zcugungstheile des Uranus entstanden. Was ihre Darstellung anlangt, so haben sie bei Äschylus die von den Gorgonen und Harpyien entlehnten Züge, während sic in der später» Zeit in freundlicherer Gestalt als geflügelte Jungfrauen mit Fackeln und Schlangen in den Händen erscheinen. In Athen war ihr Cultus, der wie bei den unterirdischen Gottheiten schweigend begangen wurde, ganz besonders in Ehren; sie hatten ein Heiligthum in der Nähe des Areopag und bei Kolonos. Eumolpus, berühmt als Sänger, der Sohn des Poseidon und der Chione, ein Thrazier, soll in Attika eingewandcrt sein, mit den Eleusiniern den König Erechtheus bekriegt und die eleusinischen Mysterien gestiftet haben. Von diesem unterscheidet man andere gleiches Namens, den Sohn des Musäus und Schüler des Orpheus, dann den Sohn des Philammon, den Lehrer des Hercules, ferner einen Nachkommen des Triptolemus. Der Name E. ist einer aus der Reihe jener alten priesterlichen Sänger, welche durch Gründung religiöser Institute unter den rohen Bewohnern von Hellas Cultur und Sittigung verbreiteten. Von dem Gründer der eleusinischen Mysterien hatte ein vornehmes Geschlecht in Athentden Namen der Eum olpiden, aus dem die Priester der Demeter in Eleusis gewählt wurden. Eunomra, eine derHoren (s. d.). Eunostus, ein HeroS in Tanagra, so genannt von seiner Erzieherin, der Nymphe Euno sie, wurde von den Brüdern der Ochne, welche ihn verleumdet hatte, als wolle er ihr Gewalt anthun, getödtet. Aus Neue stürzte sich Ochne später von einem Felsen herab. Dem E. selbst war bei Tanagra ein Hain geweiht, den kein weibliches Wesen betreten durfte. Eunuch, im Allgemeinen gleichbedeutend mit Castrat (s. Castration), werden besonders die Verschnittenen genannt, welchen im Orient die Obhut über die Harems anvertraut ist. Die Sitte, Eunuchen als Frauenwächtcr zu halten, ist eine Folge der Vielweiberei? sie wird daher besonders im Orient und Nordaftika angetroffen; in monogamischen Ländern kam sie nur vor, wenn asiat. Wollüste und Sitten eindrangen, wie z. B. in der röm. Kaiserzeit, insbesondere der der byzant. Kaiser. Die Sitte der Entmannung zum Zwecke Haremswächter zu gewinnen, ist sehr alt und scheint in Libyen ihren Ursprung genommen und von dort über Ägypten nach dem Orient sich verbreitet zu haben. Syrien und Kleinasten warm Eupen Euphrat 13L in dieser Beziehung besonders berühmt; in Griechenland gewann dagegen die Sitte, Eunuchen zu halten und zu machen, wenigerAusbreitung, weil, wenn auch oriental. Absonderung der Weiber, doch eigentliche Vielweiberei daselbst nicht heimisch war. Von den spätem Römern wurden Eunuchen zwar gehalten, doch die Verschneidung, um solche zu gewinnen, war bei ihnen nicht gebräuchlich; dagegen herrschte im byzant. Reiche die Sitte, Eunuchen zu halten und zu machen, desto mehr, und Eunuchen spielten am oström.Hofe eine große Nolle, waren häufig die Günstlinge der Kaiser und Großen, und der Name Eunuchus kommt daselbst sogar zur Bezeichnung eines Hofamts vor, etwa gleichbedeutend mit Kammerherr. Gegenwärtig ist die Sitte, Eunuchen zu halten und zu machen, vorzüglich noch unter den mohammcdan. Völkern, denen das Gesetz die Vielweiberei förmlich gestattet, im Schwange. Man findet bei ihnen zweierlei Eunuchen, die weißen, welchen blos die Hoden, und schwarze, denen alle Gcschlechtstheile genommen find. Diese letztem bezieht man als Sklaven aus dem Innern Afrikas; ihr Oberhaupt am türk. Hofe ist der Kißlar-Aga. Eupen, ein bedeutender Fabrikort im preuß. Regierungsbezirke Aachen, die Hauptstadt eines Kreises, liegt in einem schönen Thale, dicht an der belg. Grenze und hat über I umo E-, die äußerst blühende Tuch- und Kasimirfabriken, auch Seifen-, Cichorien- und andere Fabriken unterhalten. Die Blüte seiner Fabrikthätigkeit verdankt es franz. Refugics, die in den bis zum luneviller Frieden unter östr. Herrschaft stehenden Flecken des Herzogthums Limburg emwanderten. Unter der franz. Herrschaft gehörte hierauf E. zu dem Departement der Ourthe, bis es im pariser Frieden von l 81-l nebst andern limdurgischen Par- cellen an die Krone Preußen kam. Euphemismus nennt man in der Redekunst die Umschreibung einer anstößigen, unangenehmen oder widrigen Sache durch mildere und gelindere Worte. So bczeichneten die Alten z. B. den ihnen unangenehmen Begriff des Sterbens durch eine Menge Euphemismen, wie auch wir dies thun, wenn wir dafür sagen: „zu seinen Vätern vcrsammelt wcrdcn"u. s.w. Euphemus, der Sohn des Poseidon und der Europa, aus Panopeus in Phoci's, war der Steuermann der Argonauten und Ahnherr des Battus (s d.). Ihm weissagte Medea, daß in 17 Mcuschenaltern einer seiner Nachkommen Cyrcne gründen werde. EuphvN, ein von Chladni l7W erfundenes musikalisches Instrument, ist im Tone der Harmonika ähnlich, mit der es auch das Gemeinsame hat, daß der tönende Körper ohne vermittelnden Mechanismus von den Fingern in Schwingung versetzt wird, die Nüancirung also unmittelbar von dem Gefühle des Spielenden ausgeht. Euphönie, d.i. Wohllaut der Töne, bezieht sich auf den Klang oder die Qualität des Tons,;. B. der Stimme, und gehört, insofern die Töne die Grundbestandthcile des Worts find, zu den Vorzügen einer Sprache. Euphonische Buchstaben nennt man daher in der Sprachlehre diejenigen, welche blos des Wohlklangs wegen, ohne zu den Wortwurzcln zu gehören, eingeschoben werden, wie z. B. das von Adelung sogenannte mildernde e, das r in darauf, daran u. s.w. Euphorbus, der Sohn des Panthous, einer der tapfersten Trojaner, wurde von Menelaus getödtet. Pythagoras (s. d.) behauptete, früher dieser E. gewesen zu sein. Euphorie auch Eup athie ist die Eigenschaft einer Arznei, gut vertragen zu werden. Die Euphorie ist bei gewissen Kranken sehr zu berücksichtigen, weil manches Mittel, so angemessen es einer Krankheit auch sein mag, doch der Individualität des Kranken widerstreitet. (S. Jdio sy nkrasi e.) Euphrat, griech. Euphrätes, in den oriental. Sprachen Frat oder Prat genannt, der größte Strom Vorderasiens, entsteht in Armenien aus zwei Quellflüssen, die beide in Zweigen des Taurus entspringen, von Nordosten nach Südwesten fließend in der Gegend von Maden sich vereinigen, und von denen der nördliche, der nahe bei Erzcrum vorbeifließt, der Frat im engern Sinne, der südliche, größere aber der Murat-Tscha! ist. Bald nach ihrer Vereinigung wendet sich der Euphrat südlich, durchbricht den Taurus oberhalb Semisat (dem alten Samosata) und strömt dann, Mesopotamien von Syrien und der syr. Wüste trennend, in südöstlicher Richtung, bis er bei Korna mit dem Tigris sich vereinigt, mit diesem den Namen Schat-el-Arab annimmt und sich dann unterhalb Bassora in den 9* 132 Euphrosyne Euripides Persischen Meerbusen ergießt, nachdem noch ein Kanal ihn mit dem von den Gebirgen Persiens herabkommcndcn Karun verbunden. Das Flußgebiet des Euphrat beträgt über > 200» LIM., und seine Länge in gerader Linie 150, mit den Krümmungen 370 M.; sein Wasser ist, obgleich trübe, doch gesund und wohlschmeckend, und durch seine wenngleich in ihrem Eintreten und ihrer Ausdehnung weit unregelmäßigem Überschwemmungen ist er auf ähnliche Weise wohlthätig für das Land, das er durchströmt, wie der Nil für Ägypten. Obgleich der Euphrat eine große Wassermenge führt, so wird er der Hindernisse wegen, welche Strom- schnellen und Klippen verursachen, doch nur stellenweise und wenig zur Schiffahrt benutzt, und die Versuche, welche die Engländer in neuester Zeit unter Leitung des Obersten Chesney zu seiner Beschiffung mit Dampfbooten gemacht, scheinen dargethan zu haben, daß der Plan, ihn zu einer Wasserstraße zwischen Ostindien und dem Mittelmcere zu machen, in seiner gegenwärtigen Gestalt illusorisch sei. Euphrosyne, eine der drei Grazien (s. d.). Eurhythmie heißt das richtige Verhältnis das Ebenmaß in der Bewegung, z. B. im Tanze, im Takte der Musik und vorzüglich in den Worten als Sprachtönen, worin eine Sprache vor der andern Vorzüge hat. Der Wohlklang der Rede beruht nämlich auf Zeit- und Lautvcrhältnissen, und die dem Ohre gefällige Mischung der nach ihrer Dauer, wie nach ihrem Laute verschiedenen Töne in einem sprachlichen Ganzen begründet die Eurhythmie desselben. (S. Rhythmus.) Sonst nennt man auch Eurhythmie im Allgemeinen die schöne Übereinstimmung der einzelnen Theile zum Ganzen. Euripides, einer der vorzüglichsten griech. Tragiker, geb. zu Salamis am 5. Oct. 480 v. Ehr., gerade am Tage des berühmten Seesieges, den die Griechen über des lkerxes Übermacht erkämpften, wurde von seinem Vater Mnesarchus, einem nicht unbemittelten Krämer oder Schenkwirthe, in Folge der falschen Deutung einer bei der Geburt des Sohns erhaltenen Weissagung, anfangs für die gymnastischen Künste bestimmt, beschäftigte sich sodann einige Zeit mit der Malerei, wendete sich aber noch als Jüngling unter Änaxagoras, der damals mit großem Beifall in Athen lehrte, mit entschiedener Neigung den philosophischen Studien zu, welche auf seine Poesien in der Folgezeit einen so mächtigen Einfluß äußerten. Später studirte er auch unter Prodikos die Rhetorik, hörte den Protagoras und knüpfte einen dauernden Freundschaftsbund mit Sokrates. Des E. Zeit fällt in die Periode der höchsten Vollendung der griech. Tragödie durch Sophokles; neben diesem wurde er der Liebling seines Zeitalters, ja seine Tragödien erhielten selbst einige Male den Preis vor denen des Sophokles. Allerdings stimmten schon die alten Kritiker nicht immer in dieses öffentliche Urtheil ein, und Aristophancs, der Keinen verschonte, gab durch beißende Parodien gar oft den Lieblingsdichter dem Spotte preis. „Aristophancs", sagt Jean Paul, „läßt wie ein Moses seinen Froschregen auf den E. nur zur Strafe seiner schlaffen und erschlaffenden Sittlichkeit fallen, weniger bestochen als Sokrates von dessen Sittensprüchen bei verwaltender Unsittlichkeit im Ganzen." Von seinen dramatischen Stücken, deren Zahl von Einigen aus 7 5, von Andern auf 120 angegeben wird, sind nur l 9 auf uns gekommen, nämlich Alcestis, Medea, Hippolytus, Troades, Helena, Orestes, Andromache, Supplices, Heraklidä, Jon, Der rasende Hercules, Hecuba, Elektra, Phönissä, Jphigenia in Taurien und in Aulis, Bac- chä, Rhesus (wahrscheinlich unecht) und endlich ein Satyrspiel, Cyklops. Über den Werth des E. und seiner Tragödien gibt A. W. Schlegel folgendes Urtheil: „Von wenigen Schriftstellern läßt sich mit Wahrheit so viel Gutes und Übles sagen. Er war ein unendlich sinnreicher Kopf, in den mannichfaltigsten Künsten des Geistes gewandt; aber einer Fülle von glänzenden und liebenswürdigen Eigenschaften stand bei ihm nicht der erhabene Ernst des Gemüths, noch die künstlerische Weisheit ordnend vor, die wir an Äschylus und Sophokles verehren. Er strebt immer nur zu gefallen, gleichviel durch welche Mittel. Darum ist er sich selbst so ungleich; manchmal hat er hinreißend schöne Stellen, andere Male versinkt er in wahre Gemeinheiten. Bei allen seinen Fehlern besitzt er eine bewunderungswürdige Leichtigkeit und einen gewissen einschmeichelnden Reiz." Ein Thcil der Fehler des E. mag freilich seiner Zeit zur Last fallen, die eine Zeit der grübelnden Sophistik, politischer Streitsucht und der Rhetorenkünste war; allein Fehler bleibt es stets, den Fehlern des Zeitalters zu huldigen. Ein Hauptzweck des E. war, Rührung zu erwecken, und namentlich hat er durch seine Werk« Europa 133 eine ganz unbekannte Welt, die Welt des Gemüths, aufgeschlossen, was ihm auch wol so großen Beifall erwarb. Dagegen laßt sich mancherlei gegen seine lockern Plane, oft unerklärlichen Charakterveränderungcn, außerwesentlichen Chorgesänge, zum Theil auch gegen seine Stoffe selbst einwenden. Doch werden diese Mängel durch andere Vorzüge zurückgedrängt. Als vorzüglich erscheint er im wahren, natürlichen Ausdrucke der Leidenschaften, in anziehenden Situationen, originellen Charaktergruppirungen, in vielseitiger Auffassung der menschlichen Natur und ist ein Meister in der Kunst, den Dialog zu behandeln, Neben und Gegenreden dem Charakter, Geschlcchte und Stande, den offenbaren oder geheimen Absichten, der gegenwärtigen Stimmung des Redenden und dem Erfodernisse des Augenblicks richtig anzupassen und geschickt ineinander zu fügen. Überdies ist eine gewisse Zartheit und Lieblichkeit über seine Tragödien verbreitet, die das Gemüth einzunehmcn nicht verfehlen können. Was die Alten über seinen Haß gegen die Frauen erzählen, scheint, wenn nicht ganz »»gegründet, doch übertrieben zu sein, da sich in seinen Trauerspielen so viele Schilderungen weiblicher Schönheit und Sittlichkeit finden. Von seinen letzten Lebensumständen wissen wir, daß er einer Einladung des Königs Archelaus nach Macedonien folgte und bei ihm, der Sage nach in Folge eines Hundebisses, -107 v. Chr. starb. Die Nachricht von seinem Tode erregte in Athen die innigste Theilnahme, und man schickte nach Macedonien, um seine Gebeine abholcn zu lassen; Archelaus aber verweigerte dies und ließ ihm in Pella ein prachtvolles Denkmal setzen mit der Aufschrift „Nie wird, E., dein Andenken erlöschen!" Noch ehrenvoller war für ihn die Inschrift an dem Kcnotaphium, welches die Athener an dem Wege nach dem Piräeus ihm errichteten: „Ganz Griechenland ist des E. Denkmal, Makedoniens Erde bedeckt nur seine Gebeine." Der ihn überlebende Sophokles betrauerte öffentlich seinen Verlust, und der Redner Lykurgus ließ später seine Bildsäule im Theater zu Athen aufstcllen. Unter den Gesammtausgaben erwähnen wir außer den ältcrn von Barnes (Cambr. 160-1, Fol.) und Musgrave (4 Bde., Oxf. 1778, 4.) als die neueste und vorzüglichste die von A. Matthiä(10 Bde., Lpz. 1813—37), außerdem die vonBoissonade(5Bde., Par. 1825—27) und von Fix (Par. 1840), die Handausgaben von L. Dindorf(2 Bde., Lpz. > 825) und Bothe (Lpz. 1825—26) und in W. Dindorsis „knetue scenici Zr." (Lpz. 1830). Die vortreffliche Bearbeitung Porson's (2 Bde., Cambr. 17 07—1801; vermehrter Abdruck von Schäfer, 2 Bde., Lpz. >807; 3. Aust., 1824) enthält nur vier Stücke, die Hecnba, Phöniffcn, Medea und den Orestes. Unter den Herausgebern einzelner Stücke sind mit Auszeichnung zu nennen Valckenaer,Brunck, Markland, Elmsley, Monk, G. Hermann, Seidler, Klotz, Lenting, Pflugk, Bothe u. A. Die besten deutschen Übersetzungen lieferten Bothe (neue Ausg., 3 Bde., Manh. 1837 — 38) und Donner (Bd. 1, Heidelb. >841.) Vgl. Schneither, „l)e L. pbilo5»pko" (Gröning. 1828) und Gruppe, „Ariadne" (Berl. 1836). Europa, eine Tochter des Königs Agenor von Phönizien und der Telephaessa oder des Phönix, die Schwester des Kadmus, wurde von einer Dienerin der Juno mit einem der letzter» entwendeten Schönheitsmittel beschenkt. So gewann sic die Liebe des Jupiter, der, um sie zu besitzen, sich in einen weißen Stier verwandelte und in dieser Gestalt an den Üfern des Meers erschien, wo sie mit ihren Gespielinnen lustwandelte. E. fand den Stier so herrlich und so zahm, daß sie es wagte, ihn zu besteigen, worauf dieser mit seiner Beute dem Meere zueiltc und nach der Insel Kreta hinüberschwamm. Hier verwandelte er sich in einen schönen Jüngling, der mit ihr den Minos, Sarpcdon und Rhadamant zeugte. Später vermählte sich E.mit Asterius, dem Könige von Kreta, welcher, da ihre Ehe kinderlos blieb, jene drei adoptirte. Vgl. Höck, „Kreta" (Bd. 1). — Europa hieß auch eine der vielen Töchter des Oceanus und der Tethys; ferner eine Tochter des Tityus, die Mutter des Euphemus. Europa, der kleinste der fünf Erdtheilc, ist von drei Seiten von dem Meere umflossen, das hier verschiedene Namen führt und entweder zum nördlichen Eismeere oder zum Atlantischen Ocean gehört. Eine schmale Meerenge des Mittelländischen Meers trennt es von Afrika; nur gegen Osten hängt es mit dem festen Lande, nämlich in nicht genau bestimmter Grenze mit Asien, zusammen. E. liegt in der nördlichen kalten und in der nördlichen gemäßigten Zone, vom 8"— 83° östl. L. und vom 36"—71° nördl. B. und hat mit Einschluß der Inseln, welche gegen 15000 m>M. enthalten, einen Flächeninhalt von etwa 180000 OM. Die größte Ausdehnung, welche in gerader Linie 750 M. betragt, hat c§ 134 Europa zwischen dem Cap St.-Vincent in Portugal und dem nördlichen Ende der Grenze zwischen Europa und Asten, an der Straße Waigatsch; die größte Breite, ungefähr 520 M., zwischen dem Cap Matapan in Morca und dem Nordcap von Norwegen. Es ist außerordentlich gut bewässert, obgleich seine Ströme wegen der geringen Landmasse keinen so langen Lauf und keine so große Wafferfülle haben als in andern Erdtheilen, besonders in Amerika. Von den bedeutendsten Strömen fließen der Ebro, die Rhone und der Po in das Mittelländische; die Donau, der Dniestr und Dniepr in das Schwarze; der Don in das Asowsche; die Wolga in das Kaspische, die Dwina in das nördliche Eismeer; die Düna, die Weichsel und die Oder in die Ostsee; die Elbe, Weser und die Gewässer des Rhein in die Nordsee; die Seine in den Kanal; die Loire und Garonne, der Duero und Tajo, die Guadiana und der Guadalquivir in das Atlantische Meer. Den längsten Lauf haben die Wolga und die Donau. Die größten der zahlreichen Seen befinden sich im nördlichen Europa; in Rußland der Ladoga-, Onega- und Pcipussce; in Schweden der Mälar-, Wener- und Wctter- sce; an der Grenze von Deutschland und der Schweiz ist der Bodensec, an der Grenze oer Schweiz und Italiens der Gcnfcrscc; in Ungarn find der Platten- und der Neustcdlersce. Ein großer Thcil E.s ist gebirgig, doch der südliche mehr als der nördliche. Das höchste Land ist die Schweiz, von wo der Boden sich nach allen Seiten zu senkt und endlich gegen die Nord- und Ostsee in flache Ebenen ausläuft. Die ebensten und niedrigsten Länder sind Holland und die Küstenländer der Nord- und Ostsee. Nach Alex, von Humboldt zieht sich die große europ. Ebene von den Haidesteppcn Nordbrabants östlich bis zu den asiat. Steppen, die den Westabhang umgeben, bis zur chines. Dschungarci, also in einer Strecke von 80 Längengraden fort, ohne eine Höhe von 12—1300 F. zu überschreiten. Das größte europ. Gebirge find die Alpen (s. d.) in der Schweiz und Italien, die durch die Cevennen (s. d.) mit den Pyrenäen (s.d.) und südlich mit den Apennincn (s. d.) Zusammenhängen. In dem östlichen Thcile E.s find die Karpaten zn bemerken, die auf der einen Seite mit den Sudeten und auf der andern mit den Gebirgen in der europ. Türkei zusammcnhängcn. Der höchste aller europ. Berge ist der zu den Alpen gehörige Montblanc (s. d.) in Savoyen. Mehre der Gebirge, der Ätna, Vesuv, Hekla u. s. w-, sind feuerspeiende Berge. Der Boden E.s hat zwar nicht die üppige Vegetation der tropischen Länder, ist aber doch fast durchgehend des Anbaus fähig, indem nur die zur nördlichen Zone gehörigen Striche hiervon eine Ausnahme machen. In Hinsicht des KlimaS kann man E. in drei Striche eintheilen, in den warmen, wo der Citronenbaum ohne Pflege blüht, bis zum 38" der B-, mit angenehmem Frühling, heißem Sommer und kurzem Winter; den gemäßigten, bis zum 65°, wo noch das Getreide zur Reife gelangt; und in den kalten, bis zum äußersten Norden, wo nicht einmal Holz, sondern nur Rmnthiermovs gedeiht, alle Cnltnr erstirbt und außer dem Rennthier und Hunde kein Hausthier mehr vorkommt. Die Products E.s sind nicht so mannichfaltig als in den übrigen Erdtheilen, und viele derselben erst aus andern Erdstrichen dahin verpflanzt und einheimisch gemacht worden. Aus dem Thierreiche hat es Pferde, zum Theil die edelsten Racen; Rindvieh, Schafe allerwärts und in Spanien, Deutschland und England mit der feinsten Wolle; Esel, Ziegen, Schweine, Hunde, Nennthiere, Speise-, Raub - und Pelzwild der verschiedensten Arten; Walfische und Seehunde; viel zahmes und anderes Geflügel; eine große Menge von Fischen in den Meeren, Seen und Flüssen; viele nutzbare Insekten, wie Bienen, Scidcnwürmer, auch Austern und Perlenmuscheln. Aus dem Pflanzenreiche hat es Getreide aller Art und hinreichend zu seinem Bedarfc; schöne und schmackhafte Gartengewächse; vieles Obst und Südfrüchte, wie Feigen, Mandeln, Kastanien, Citronen, Pomeranzen, Oliven, Granatäpfel und Datteln. Auch gibt cs viel Flachs, Hanf, Baumwolle, Färberröthe, Taback, die edelsten Weinsorten und einen großen Reichthum an Brenn-, Bau- und Schiffsbauholz. Das Mineralreich liefert alle Metalle und die meisten Mineralien in hoher Güte und hinreichender Menge. An Gold und Silber sind Ungarn und Siebenbürgen, an Eisen Schweden, Norwegen und Rußland die reichsten Länder, Salz hat es hinlänglich, ja überflüssig, sowol Stein- als See- und Oucllsalj. Die E in w oh ner, über 216 Mill., sind ungleich auf dem Boden E.s verthcilt. Während in Rußland und Schweden gegen 3—100 Menschen auf einer OM. leben, ernähren Belgien, wo die Bevölkerung am stärksten ist, Italien, Frankreich, Großbritannien und Europa 135 Deutschland ebenso viele Tausende auf demselben Räume. Sie bestehen aus Völkerschaften verschiedener Abstammung und reden mehre ganz voneinander verschiedene Sprachen. Herrschende Hauptvölkcr in E. sind die Deutschen oder Germanen, über 60 Mill., wozu die Holländer/Belgier, Briten, Schweden, Norweger und Dänen; die Romanen, über 67 Mill., zu denen Spanier, Portugiesen, Italiener und Franzosen; Magyaren oder Ungarn, etwa 4'/-Mill., wozu die Szckler, Kumanen, und Naizen; die Slawen, zusammen 6l Mill., wozu die Russen, Polen, Lithauer, Kaffuben, Wenden, Letten, Tschechen, Slowaken, So- raben, Kroaten, Morlakcn, Scrbier, Usbeken, Montenegriner, Bosniaken; und die Osma- wen, über 4'/- Mill., wozu die Türken, Drusen und Tataren gehören. Als Nebenvölker sind zu erwähnen Armenier ( 160000 ), Juden (1,800000) und Zigeuner (340000), welche zerstreut leben, die Basken, Kymren, Calcdonier, Arnauten oder Albanesen, Griechen, Tschcr- kessen und Samojeden, zusammen über 0 Mill. Hauptsprachen sind die deutsche, von welcher die holländische, englische, schwedische und dänische abstammen; die lateinische oder römische, jetzt nur Gelchrtensprache, aber die Mutter der ital., franz., span., portug. und walach. Sprache; die slawische, wozu die russische, polnische, böhmische, wendische, bulgarische und serbische gehören; die neugriechische; die türk.-tatarische; die finnische; die ungarische ; die kymrische im Fürstenthum Wales und in der Bretagne, dem nordwestlichen Theile Frankreichs; die schot.-irische in Nordschottland und Irland und die baskischc an den Pyrenäen. (S. die den einzelnen Sprachen gewidmeten Artikel.) Am verbreitetsten sind die deutsche Sprache mit ihren Töchtersprachcn, die aus der römischen entsprungenen Sprachen und die slawische Sprache. Die herrschende Religion ist die christliche (über 211 Mill.), nach den drei verschiedenen Glaubensbekenntnissen als röm.-katholische Kirche, welche die meisten Bekenner zählt (gegen 115 Mill.); als evangelische und zwar als protestantische, reformirtc und anglicanische Kirche nebst mehren Sekten, z.B. Wiedertäufern, Mennoniten, Quäkern, Unitariern, Methodisten, Herrnhutern u. s. w. (gegen 50 Mill.), und die griech. Kirche (über 47 Mill.). Außerdem gibt cs, abgesehen von den Türken und Juden, in E. auch noch Heiden, nämlich unter den Lappländern und Samojeden, jedoch nur in geringer Zahl. Die Cultur steht in den meisten Ländern auf einer hohen Stufe und ist fortwährend im Steigen. Besonders zeichnen sich in dieser Hinsicht die Länder aus, wo die deutsche und die mit ihr verwandten Sprachen geredet werden, sowie Frankreich und ein Theil Italiens. In kei- ncm Erdtheile stehen die Manufakturen und Fabriken in solcher Blüte wie in vielen curop. Ländern, namentlich in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz. Gleich blühend ist der Handel, der durch Kunststraßen, Kanäle, das wohlcinge- richtete Postwescn, Eisenbahnen, Banken, Assecuranzen, Handelsgesellschaften und Messen befördert wird. Wie die Fabriken nicht blos europ. sondern auch sehr viele außcreurop. Na- turproducte, für alle Bedürfnisse eines bequemen Lebens sorgend, verarbeiten, so erstreckt sich auch der Handel nicht blos auf Europa sondern auf alle Erdtheile, und alle Meere werden von den Europäern befahren. Jedoch kommt keine europ. Nation in dieser Hinsicht der britischen gleich, welche die Beherrscherin der Meere ist und allein mehr Schiffe unterhält als alle übrige zusammen. Ebenso ist E. der Sitz der Künste und Wissenschaften. D>n Europäern verdankt die Menschheit die Erforschung der wichtigsten Wahrheiten, die nützlichsten Erfindungen, die schönsten Producte des Geistes, die Erweiterung aller Wissenschaften; denn keine ist den Europäern unzugänglich geblieben. Doch stehen hierin die deutschen und diejenigen Völker, welche die Töchtersprachen der lateinischen reden, auf einer viel hö- hcrn Stufe als die slaw. Nationen. Der türk. Nation ist dft vielseitige wissenschaftliche Bildung der übrigen curop. Nationen ziemlich fremd geblieben. Mehr als 80 Universitäten sorgen für den Hähern Unterricht, ihnen arbeiten die zahlreichen Gymnasien und Lyccen vor, und mit der Volksbildung beschäftigen sich die besonders in Deutschland zahlreich vorhandenen Volksschulen. Außerordentlich groß ist die Zahl der Akademien der Wissenschaften und Kunst und der wissenschaftlichen Sammlungen aller Art. Nach der natürlichen Lage zerfällt E. in West- und Osteuropa, wovon jenes die pyrenäische Halbinsel (Portugal und Spanien), das Wcstalpenland (Frankreich), das Südalpenland (Italien), die Nordalpenländcr (Schweiz, Deutschland und die Niederlande), die Nordseeinseln (Großbritannien, Irland und Island) und die Ostseeländer , > - 'iv -' 136 Europa > (Dänemark, Norwegen, Schweden und Preußen); dieses die nordkarpatischen Länder > (Rußland und Galizien) und die südkarpatischen (Ungarn im weitern Sinne und die Türkei) begreift. In politischer Hinsicht bestehen gegenwärtig in E- folgende selbständige Staaten: die drei Kaiserreiche Ostreich, Rußland und die Türkei; l7 Königreiche: Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Dänemark, Schweden und Norwegen, Sardinien, beide Sicilien, Griechenland, Preußen, Baiern, ! Sachsen, Hannover und Würtemberg; ein geistlicher Staat: der Kirchenstaat; neun re- ^ publikanische Staaten: die Schweiz, die Jonischen Inseln, Krakau, San-Marino, Andorra, s Hamburg, Lübeck, Bremen und Frankfurt; ein Kurfürstenthum: Hessen; sechs Großher- zogthümer: Baden, Hesscn-Darmstadt, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin, Mcck- lenburg-Strelitz und Toscana; zwölf Herzogthümer: Oldenburg, Sachscn-Koburg-Gotha, Sachsen-Altcnburg, Sachsen-Meiningen-Hildburghauscn, Braunschweig, Nassau, Anhalt- Dessau, Anhalt-Bernburg, Anhalt-Köthen, Modena, Parma und Lucca; ein Landgraf- thum: Hessen-Homburg, und elf Fürstenthümer: Hohenzolleru-Hechingen, Hohenzollcrn- Sigmaringen, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Waldcck, Lippe- Detmold, Schauenburg-Lippe, Liechtenstein, Neuß-Greiz, Reuß-Schlciz und Ncuß-Loben- stein-Ebersdorf. Zum östr. Staate gehören die Königreiche Böhmen, Ungarn, Galizien und Lodomirien, Jllyrien, Dalmatien und das lombardisch-venetianischc Königreich, das Erz- hcrzogthum Ostreich, das Herzogthum .Steiermark, das Großfürstenthum Siebenbürgen, die Markgrafschaft Mähren und die gefürstete Grafschaft Tirol; zum russ. Reiche das Königreich Polen und das Großfürstenthum Finnland; zum preuß. Staate die Großherzog- thümer Posen und Niederrhein, die Herzogthümer Schlesien, Pommern, Sachsen, Berg, Magdeburg u. s. w., die Markgraffchaft Brandenburg und theilweise die Markgrafschaft Lausitz; zu dem Königreiche der Niederlande und Belgien das Großhcrzogthum Luxemburg ^ und Limburg; zu Dänemark das Herzogthum Holstein; zum Königreiche Sardinien das Herzogthum Genua; zum Königreiche Sachsen ein Theil der Markgrafschaft Lausitz, und zum Kurfürstenthumc Hessen das Großherzogthum Fulda. Die Fürstenthümer Moldau, Walachei und Serbien sind Vasallenstaaten des türk. Reichs. E. wurde wahrscheinlich von Asien aus bevölkert und, wie es scheint, war Griechenland l der Theil, welcher zuerst von dorther seine Bevölkerung erhielt. Hier bildete sich etwa 1400 ! V. Chr. ein Volk aus, die Hellenen, gewöhnlich Griechen genannt, das in Hinsicht auf Cul- tur sehr bald Asien überflügelte und im -t. Jahrh. v. Chr. in seiner höchsten Blüte stand. Groß im Denken und Handeln, blühend durch Künste und Wissenschaften, fruchtbar an den herrlichsten Erzeugnissen eines mannichfach ausgebildeten Geistes, wird dasselbe, so lange die Cultur der Menschheit dauert, ein Gegenstand der Bewunderung und seine Verlassenschaft die bedeutendste Quelle des Denkens und Wissens bleiben. Doch mit der Auflösung des Universalreichs, welches Alexander der Große auf den Trümmern der gricch. Freiheit errichtet hatte, sank auch Griechenland. Zu derselben Zeit erhob sich in Italien ein anderes Volk, die Römer, das zwar schon früher in der Geschichte erscheint, aber erst, nachdem cs sich zum Herrn von Italien gemacht und den Kampf um die Herrschaft der Länder am Mittelländischen Meere mit den Karthagern in Afrika siegreich bestanden hatte, in der Geschichte Epoche macht und seinen Einfluß auch auf das übrige E. zu verbreiten anfängt. Es überwältigte das in sich uneinige Griechenland und verpflanzte griech. Cultur auf Italiens Boden. Bald ^ wurden durch den Fortschritt der röm. Waffen Portugal, Spanien, Frankreich, selbst Englands Gestade, Belgien, Helvetien, der zwischen der Donau und den Alpen gelegene Theil Germaniens, die ungar. Provinzen, damals Pannonien, Jllyrien und Dacien genannt, bekannter und erhielten von ihren Eroberern deren Cultur, Sitten und Sprache. Aus Nomaden wurden Ackerbauer, und blühende Städte erhoben sich. Auch die christliche Religion, welche sich in den Provinzen des weiten röm. Reichs schnell verbreitete, wurde wichtig für die Civilisation der meisten europ. Nationen. Nur Germanien widerstand der andringenden r Macht Noms und verhinderte dadurch die Verbreitung der röm. Cultur in dem Norden E.s. Mit dem Verfalle des röm. Reichs, hauptsächlich veranlaßt durch die Theilung in ein mor- genländ. und abendländ. Reich, trat eine große Umänderung der politischen Verfassung E-s durch die große Völkerwanderung ein. Die Völker des rauhen Nordens fielen über die schönen Eurotas Eurymedon 137 und angebautcn Länder des in sich geschwächten röm. Reichs her und brachten ihre ganze Roheit in diese Länder, wo nun röm. Kunst und Wissenschaft vor der Barbarei, der tiefen Unwissenheit und dem Aberglauben des Mittelalters zurückwichen. In Italien hatten Ostgothen und Langobarden, in Gallien Franken, in Spanien Vandalen, Sueven und Westgothen, in Südbritannien Angelsachsen sich niedergelassen und die Ureinwohner unterworfen, oder auch sich mit ihnen vermischt. Das Reich der Franken erhob sich unter Karl dem Großen zu Ende des 8. Jahrh. zu einer solchen Größe, daß aus demselben in der Folge die neuen Staaten Frankreich, Deutschland, Italien, Burgund, Lothringen und Navarra hervorgehen konnten. Um dieselbe Zeit fingen die nördlichen und östlichen Nationen E.s an, Einfluß in die Wclthändel zu erhalten. Slawen stifteten in Böhmen, Polen, Rußland und dem nördlichen Deutschland Reiche; in Ungarn traten die Magyaren auf und vom Norden aus erschütterten die Normänncr E. Den Päpsten aber gelang es, eine Hierarchie zu gründen, die Gregor VII. und Jnnoccnz III. vollendeten. Ihrer Herrschaft diente insbesondere der romantisch-heroische Wahn der Kreuzzüge. Jndeß bewirkte dieser Kampf E.s mit Asien, daß sich ein Mittelstand bildete, daß der Landmann nach und nach die Fesseln der Leibeigenschaft von sich warf und daß gelehrte Kenntnisse und Künste durch Araber und Griechen in E. wieder verbreitet wurden. Die nun sich mehrenden Universitäten, die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation begünstigten jene ersten Keime einer neuen wissenschaftlichen Bildung der europ. Völker, die dann zur herrlichsten Blüte gedieh. Die curop. Staaten aber gestalteten sich aus dem Chaos des Mittelalters zu immer größerer Selbständigkeit. Vergeblich waren die Versuche Karl's V., Ludwig's XIV. und Napoleon's, das bestehende Gleichgcwichtssystem der europ. Staaten zu zerstören. (S. die den europ. Staaten gewidmeten einzelnen Artikel.) Karten von E. haben in neuerer Zeit Berghaus, Grimm, Reymann, Schmidt; Atlase Van der Maelen, Dcnaix und Wahl, Schließen und Wörl geliefert. Vgl. Hassel, „Lehrbuch der Statistik der europ. Staaten" (Wenn. 1822) und Heeren und Ukert, „Geschichte der europ. Staaten" (Lief. I —19, Hamb. 1829—42). Eurötas, jetzt Basilipotamo, ein ziemlich bedeutender und reißender Strom in Lakonien, von welchem die Fruchtbarkeit des Landes zum Theil abhängt, entspringt auf einem Gebirge zwischen Lakonien und Arkadien und ergießt sich zuletzt in den Lakonischen Meerbusen. In ihm erlernten die spartan. Jungfrauen das Schwimmen. Euryäle hieß eine der Gorgonen (s. d.), die Tochter von Phorkus und Ceto; ferner die Tochter des Minos und Mutter des Orion; endlich eine Königin der Amazonen, welche dem Äetes gegen die Argonauten zu Hülfe kam. Euryälus , der Sohn des Mekisteus und Anführer der Mykener unter DiomedeS, zeichnete sich unter den Griechen vor Troja sehr aus. Auch wird er unter den Argonauten und unter den Epigonen (s. d.) aufgeführt. Ein Standbild desselben war in Delphi. — Euryälus, der Sohn des Ophcltes und Begleiter des Äneas, ist berühmt durch sein Freund- schaftsbündniß mit Nisus, mit dem er umkam, als siesich ins feindliche Lager geschlichen hatten. Eurybla, die Tochter des Pontus und der Gäa, war die Gemahlin des Titanen Krios, mit dem sie dcnAsträus, Pallas undPerscs zeugte. — Eurybia hieß auch die Tochter des Thcspios, die von Hercules Mutter des Polylaos wurde. Eurydlce hicß eine Dryade, die Gemahlin des Orpheus (s. d.), welche vom Ari- stäuS (s. d.) verfolgt von einer Schlange, auf die sie trat, gebissen wurde und in Folge dessen starb; ferner die Tochter des Lacedämon, Gemahlin des AkrisiuS (s. d.); dann die Tochter deS Adrastus, Gemahlin desJlos und Mutter des Laomedon; auch eine Tochter des Kly- menvs, die Gemahlin deS Nestor; und endlich die Gemahlin des Königs Kreon in Theben. Eurylöchus, der Sohn des Ägyptus, wurde von der Danaide Autonoc ermordet. — Eury lochus, der Gemahl der Ktimene, der Schwester des Odysseus, war der Begleiter desselben aufseinen Irrfahrten. Eurhmächlls, ein Freier der Hippodamia, wurde von Önomaus erschlagen; der gleichnamige Freier der Penelope von Odysseus durch einen Pfeil getödtet. Eurymkdon hieß der König der Giganten, Vater der Periböa, mit der Poseidon den Nausithous erzeugte; ferner der Wagenlenker des Agamemnon, und endlich der Sohn des Hephästus von der Nymphe Kabiro, 133 Eurynome Eusebtüs von Eines» Euryn-me, die Tochter des Oceanus, von Zeus Mutter der Grazien, nahm mit Thetis den vom Olymp durch Hera verjagten Hcphästos auf. Nach der ältesten Theogonie hatte sie vor Kronos mit ihrem Gemahl Ophion die Weltherrschaft. — Eurynome war auch der Beiname der Diana im arkadischen Phigalia, deren Bild oben Weib, unten Fisch war. Ihr Tempel wurde nur einmal des Jahrs geöffnet. Eurypylus , der Sohn des Euämon und der Ops, war der Führer der Ormcnier aus Thessalien gegen Troja, wo er von Paris verwundet wurde. Bei Eroberung der Stadt erhielt er eine Kiste, in der sich ein Bild des Bacchus befand, dessen Anblick ihn in Raserei versetzte. Das Orakel, welches deswegen befragt wurde, gab zur Antwort, er würde geheilt werden, wenn er das Bild an einen Ort bringe, wo ungewöhnliche Opfer stattfänden. Dieses war der Fall zu Aroe (Paträ) in Achaja, wo man jährlich der Diana einen Knaben und ein Mädchen opferte. Mit der Ankunft des Bildes hörten dort die Menschenopfer auf. Dasselbe erzählt Pausanias vom E., dem Sohne des Dexamcnos, der den Hercules auf dem Zuge gegen Laomedon begleitete und von Letzten» jene Kiste erhielt. — Eurypylus, der Sohn deS Poseidon und der Astypaläa, Herrscher auf der Insel Kos und Vater der Chal- civpe, wurde von Hercules, den auf seiner Rückkehr von Troja ein Sturm an jene Insel verschlug, erschlagen. Nach Andern war er der Sohn des Hercules und der Chalciope. — Eurypylus, der Sohn des Poseidon und der Keläno, König in der Gegend, wo später Cyrene erbaut wurde, zeigte den Argonauten den Weg aus den Syrtcn und schenkte (oder vielmehr Triton in seiner Gestalt) dem Euphem us (s. d.), als die Argonauten abfahren wollten, eine Erdscholle, auf der die Herrschaft über Libyen beruhte. — Eurypylus, der Sohn des Telephos und der Astyoche, der Schwester des Priamus, Bundesgenosse der Trojaner, erlegte den Machaon und wurde von Pyrrhus getödtet. Eurysäces, der Sohn des Telamonier Ajax und der Tekmessa, war der Vater des Philäos, der der Stadt Athen die Insel Salamis schenkte und dafür das Bürgerrecht erhielt. Eurystheus , der Sohn des Sthenelos und der Nikippe, ein Enkel des Perseus, Gemahl der Antimache, der Tochter des Amphidamas, König von Mykcnä, dessen Geburt Hera (Juno) beschleunigte, da Zeus im Rache der Götter erklärt hatte, daß der zuerst geborene Perside Beherrscher aller übrigen Nachkommen des Perseus werden sollte, in der Hoffnung, daß sein Sohn Hercules (s. d.) eher geboren und somit diesem die Ehre zu Theil werden würde. Auf diese Weise wurde E. König von Mykcnä und der später geborene Hercules ihm unterthan. Nach dem Tode des Hercules, den er nach Vollbringung der ihm auferleg- tcn zwölf Arbeiten in Ruhe lassen mußte, feindete er dessen Kinder an und verlangte ihre Auslieferung von dem Kcyx. Diese flohen daher, da Keyx dem E. nicht gewachsen war, zum Theseus nach Athen, an den er nun dieselbe Foderung that. Da aber dieser sich hierzu nicht verstand, so erklärte er ihm den Krieg, in welchem rr selbst mit seinen Söhnen umkam. Die Nachrichten über den Tod des E. weichen indeß sehr voneinander ab. Eurytns, der Sohn des Mclaneus und der Stratonike, Vater der Jole und deS Jphitos, König von Öchalia am thessalischen Pencus, war ein vorzüglicher Bogenschütze und foderte sogar den Apollon zu einem Wettstreit heraus, wobei er jedoch getödtet wurde. Nach Apollodor war er Lehrer des Hercules im Bogenschießen, und als er seine Tochter als Preis für den besten Bogenschützen aussetzte, bewarb sich auch Hercules, dem er jedoch dieselbe, obgleich er den Sieg davon getragen, vorcnthielt. Deshalb zog Hercules gegen Öchalia, tödtete den E-, eroberte die Stadt und führte die Jvle als Sklavin fort. Eusebla, bei den Griechen und im Neuen Testament die Frömmigkeit, wird im neuern Sinne als allegorische Figur vorgestellt, welche die Gottesgelchrsamkeit repräsentirt. — Eu- scbiologie ist so viel als Frömmigkcitslehre oder praktische Neligionslehre. Eusebius von Emesn, geb. zu Edessa, bildete sich zu Alexandria und war ein Schüler des Eusebius Pamphili und Freund des Eusebius von Nikomedien. Als ein Feind aller theologischen Streitigkeiten schlug er den nach des Eustachius Absetzung erledigten Bischofssitz zu Antiochien aus, nachdem er sich von der Anhänglichkeit des Volks an den entfernten Lehrer überzeugt hatte. Spater ward er Bischof zu Emesa, starb aber in der Verbannung zu Antiochien im I. 360. Die unter seinem Namen vorhandenen Homilien, von welchen die echten von großer Beredtsamkeit zeugen, hat Augusti (Elberf. 182 S) herausge- Eusebius Eustathius 139 geben. Andere Schriften von ihm, wie die „Hiiaesiiones XX evsngslicae" und ein Theil des „dommentsriiisinlmram" gab Mai in der „8criptorum veter. nova collectio" (Bd. I, Rom 1825) heraus. Vgl. Thilo, „Über die Schriften des E. von Emesa" (Halle 1832). Eusebius, mit dem Beinamen Pamphili, den er von seinem Freunde PamphiloS entlehnte, der Vater der christlichen Kirchengeschichtc, gcb. zu Cäsarea in Palästina gegen 27V n. Chr., wurde 313 Bischof in seiner Vaterstadt und starb um 339. Er war nächst Origenes der gelehrteste Kirchenlehrer des Altcrthums und in dogmatischer Hinsicht Scmi- arianer, was den frühen Untergang mancher seiner Schriften veranlaßt haben mag. Zu seiner in griech. Sprache abgefaßtcn Kirchengeschichte in zehn Büchern, in welcher er die Begebenheiten in der christlichen Kirche bis zum I. 323 auf eine glaubwürdige Weise erzählt, benutzte er zahlreiche Bibliotheken und selbst die Ncichsarchive. Fortgesetzt wurde sic von Sokrates, Sozomenes und Theodoret. Ins Lateinische wurde sie von Nufinus frei übersetzt und bis 395 fortgeführt. Die besten Ausgaben besorgten Valois (Par. 1659, Fol.), Neading (Cambr. 1729, Fol.) und Heimchen (Lpz. 1829); eine deutsche Übersetzung Stroth (Ouedlinb. 1777). Sein „siNronicon", welches bis 325 geht, ist, einige Bruchstücke abgerechnet, nur in einer armen. Übersetzung erhalten (herausgegebcn von Zohrab und Mai, Mail. 1818, 3.) und in einer lat. (herausgegeben von Aucher, 2 Bde., Ven. 1818, Fol.). Außerdem haben wir von ihm noch 15 Bücher seiner „krsepar-ttio evmigslica" (herausgegebcn von Vigcr, Par. >628, Fol.), welche die Verwerflichkeit des wissenschaftlichen und gemeinen Heidcnthums darthun und viele Auszüge aus verlorenen philosophischen Schriften enthalten; ferner von den 2V Büchern seiner „Demonstratio evsnge- liea" (herausgegeben von Montaigu, Par. 1628, Fol.), in welcher er die Vorzüge des Chri- steuthums vor dem Judenthum zeigt, zehn nicht ganz vollkommen erhaltene Bücher und endlich eine Lebensbeschreibung Konstantin's, oder vielmehr eine schmeichelnde Lobrede auf denselben (herausgegebcn von Heimchen, Lpz. 1839). Über die historische Glaubwürdigkeit des E. schrieben Möller (Kopenh. 1813), Dan; (Jena 1815), Kestner (Gott. >816, 3.), Neu- tcrdahl (Lund 1826) und Rienstra (Utr. 1833). Eusebius von Nikomedicn , Patriarch von Konstantinopel, der Erzieher des Kaisers Julian, mit dem er verwandt war, wurde zuerst Bischof von Berytes und dann von Nikomedicn. Um sich seine Stelle zu sichern, trat er auf dem Concil zu Nicäa als Verthei- diger des Arius auf und dann an die Spitze der Arianer. Unter Kaiser Konstantin, den er 337 taufte, wurde er Patriarch von Konstantinopel. Er starb 332, nachdem er im Jahre zuvor eine Kirchenversammlung zur Bestätigung des Arianismus zu Antiochien gehalten. Ellstachlv (Bartolomeo), berühmter ital. Arzt und Anatom, gcb. zu San-Severino in der Mark Ancona, nach Andern bei Salerno oder in Calabrien, studirte in Nom, wo er später als Arzt, jedoch stets in gedrückten Verhältnissen, lebte und l 57 3 starb. Fast allc Theile der anatomischen Wissenschaften hat er durch wichtige Entdeckungen bereichert, die auch zum Theil nach ihm benannt worden sind, so der Vcrbindungskanal zwischen dem inner» Ohre und dem hintern Theilc des Mundes ('1',i>-u Lustucilü) und die Hohladcr und Klappe (V»I- vnla biust-idlii). Unter seinen Werken sind besonders hervorzuheben die „Isbulue !,»ato- micae", treffliche anatomische Zeichnungen, gefertigt im 1.1552, die zuerst durch Lancisi (Rom 1713, Fol.) herausgegeben wurden. Der Text zu denselben scheint verloren zu sein; eine sehr gute Erklärung gab Albin (Lcyd. 173 3, Fol.). Mehre andere wichtige Schriften E.'s wurden von Voerhaavc (Leyd. 1797 und Delft 1736) herausgegebcn. Eustathius, der berühmte griech. Erklärer des Homer und des Geographen Dionysius, war anfangs Diakonus und Lehrer der Rhetorik in seiner Vaterstadt Konstantinopcl und seit 1155 Erzbischof von Theffalonich, wo er 1198 starb. So gering auch seine theologische und religiöse Aufklärung gewesen sein mag, so groß waren seine Belesenheit in den alten Classikern und der Umfang seiner gelehrten Kenntnisse, wie seine theilwcise aus alten Scholiasten zusammengetragencn Commentare beweisen, von denen besonders der Homerische (3 Bde., Nom 1532—59, Fol.; 3 Bde., Bas. I55S—69, Fol. und mit Devarius' Register, 3 Bde., Lpz. 1825—28, 3.) eine Fundgrube philologischer Gelehrsamkeit ist. Von seinem Commentar zu den Hymnen des Pindar ist nur das „?r»oeminm" auf uns gekommen, herausgegeben von Schneidewin (Gött. > 837). Die theologischen Aufsätze und Brief« . ,» - 110 Eustathius Eutin des E. hat Tafel zuerst durch den Druck bekannt gemacht (Franks. 1832, 4.). — Ein anderer Eustathius, auch Emathius genannt, welcher im 6., nach Andern sogar erst im 12. Zahrh. lebte, ist der letzte griech. Erotiker und Verfasser eines ziemlich geistlosen Romans, in welchem die Liebesgeschichte des Hisminias und der Hismine mitgetheilt wird. Besondere Ausgaben besorgten Teucher (Lpz. 1782) und Lcbas (Par. 1828), eine deutsche Übersetzung zuletzt Reiske in „Hellas" (Bd> I,Mitau 1778). Eustathius, Kirchenlehrer des 3. Jahrh. und Bischof von Antiochien, ist vornehmlich durch den Eifer bekannt, mit dem er an den nicäischen Beschlüssen festhiclt. Als nämlich um 330 die semiarianischc Partei des Eusebius von Nikomedien am Hofe Konstantins die Oberhand gewann, und in Folge davon einige Antinicäner aus der Verbannung zurück- berufen wurden, wollte E. mit diesen nicht in Kirchcngcmeinschaft treten. Er wurde deshalb im J. 331 vertrieben und Mclctius, damals Bischof von Sebaste, zu seinem Nachfolger ernannt. Allein ein Theil der antiochenischen Gemeinde wollte diesen, als von den Arianern eingesetzt, nicht anerkennen, sondern bildete unter dem später auch zum Bischof geweihten Presbyter Paulinus die abgesonderte Partei der Eustathianer. Die dadurch hervorgc- rufene Spaltung dauerte noch lange nach dem Tode des E-, der um 360 erfolgte, fort und konnte erst im Anfänge des 5. Jahrh. beigelegt werden. Eustathius, Mönch in Pontus und seit 355 Bischof von Sebaste in Armenien, verpflanzte das Mönchswesen nach Pontus, Paphlagonien und Armenien, war aber in seinem Eifer für mönchische Ascetik so überspannt, daß er darüber nicht nur mit seinem Freunde, dem Presbyter Aerius (s. Aerianer), zerfallen zu sein scheint, sondern auch wegen unbedingter Verwerfung der Ehe von der Synode zu Gangra in Paphlagonien, die zwischen die I. 362 und 370 fällt, verdammt wurde. Seine Anhänger, die Eustathianer, verwarfen heilige Handlungen, wenn sie von verheirathetenPriestern verrichtet wurden, überredeten vornehnr lich Weiber, ihre Männer zu verlassen, bedienten sich einer eigenthümlichen Mönchstracht und sollen auch, was für ketzerisch galt, am Sabbath gefastet haben. Euterpe, die Tochter des Zeus und der Mnemosyne, war eine der neun Musen, die Ergötzerin, und vom Flußgott Ttrymon Mutter des Nhcsos. In antiken Darstellungen sieht man sie mit Flöten sitzend und stehend, in Ambrakia sich auflchncnd, ja auch tanzend. Euthanasra nennt man die Kunst, sein Leben so einzurichten, daß man ruhig dem Tode entgegensetzen und sterben kann; in mcdicinischer Hinsicht die Erleichterung des Todes. Eine schwere Aufgabe ist cs für den Arzt am Sterbebette, den Widerspruch, in den hier seine Pflicht oft mit seinem Gefühle tritt, aufzulöscn. Die Pflicht gebietet ihm, das Leben des Kranken so lange wie möglich zu fristen, gleichwol sagt ihm sehr oft seine Wissenschaft, daß die Mittel, welche das Leben vielleicht eine Stunde länger erhalten, auch die Schmerzen und den Todeskampf ebenso nähren; daher tritt hier die dringendste Auffoderung für ihn ein, neben der Erfüllung seiner Pflicht den Zustand des Kranken auf jede Art so erträglich wie möglich zu machen. Der Natur vorzugreifen und das Leben schneller zu endigen, als cs der Verlauf der Krankheit bedingt, würde mit der Pflicht des Arztes in directcm Widerspruche stehen. Vgl. Ernestine von Krosigk, „Über den Umgang mit Lcidcnden u.s.w."(Berl. 1826). Euthymms Zigabönus (Zigadenus), ein gelehrter Mönch der griech. Kirche, lebte zu Anfang des 12. Jahrh. in Konstantinopel und zeichnete sich theils als verständiger Exegct, theils als Dogmatiker und Polemiker aus. Wir haben von ihm einen Commentar zu den Psalmen, der den Werken des Thcophylakt (Ven. 1530) beigcgcbcn ist, und einen zu den vier Evangelien, welchen zuerst Matthäi (3 Bde., Lpz. 1792) griechisch herausgegebcn hat. Sehr wichtig für Ketzcrgeschichte ist die von E. auf Befehl des Kaisers Alexius Komnenus verfaßte „Panoplia (d.i. Rüstkammer) des orthodoxen Glaubens in 23 Titeln". Leider sind jedoch sowol in der griech. Ausgabe von Gregoras (Tergovist 1711) wie in der lat. von Zinus (Ven. 1555) mehre Titel aus dogmatischen Rücksichten weggelassen worden. Eutin, im Mittelalter Uthin, die Hauptstadt des zum Großherzogthum Oldenburg gehörigen Fürstenthums Lübeck, in anmuthiger Gegend, am Eutinersee, der einen Flächeninhalt von 20872 OM. hat, ein sehr freundlicher Ort, der Sitz der großherzoglichen Landes- bchörden, hat über 2800 meist protestantische E., die in Ackerbau, Viehzucht, städtischen Gewerben und durch Frachtfuhren nach Lübeck ihre hauptsächlichsten Nahrungsqucllen finden. EutropiuS Evagrius IN Die vorzüglichsten Gebäude sind die alte Michaeliskirche mit ihrem spitzen Thurme, das geräumige Schloß, welches im 13. Jahrh. erbaut, >689 abbrannte, hierauf vom damaligen Bischöfe neu aufgcführt und in neuer Zeit durch den Großherzog von Oldenburg vielfach verschönert wurde, und das 1791 erbaute Rathhaus. Die Stadt hat eine vereinigte Gelehrten- und Bürgerschule in einem 1833 erbauten herrlichen Schulhause mit einer seit 1837 öffentlichen Bibliothek, eine Freischulc, eine höhere Töchterschule, eine Warteschule; ferner ein Armenhaus, ein Hospital, eine Spar - und Leihkaffe und eine Brandkasse. Das vormalige, 1309 gestiftete Collegiatstift, das in Folge der Reformation von seiner Blüte herabsank, wurde durch den Neichsdcputationshauptschluß im I. 1803 aufgehoben. E. soll von dem Grafen Adolf II. von Holstein gegründet sein und war schon im 12. Jahrh. sehr gut befestigt; im I. II55 überließ es der Graf Adolf dem Bischöfe Gerold, der den Ort zur Stadt erhob und daselbst einen Hof erbauen ließ. Noch stärker wurde E. im 13. und 14. Jahrh. befestigt. Fortwährend hatte es durch Pest, Krieg und Brand zu leiden, so zuletzt im1.1813, wo es von franz. und dän. Truppen besetzt, schwere Contributionen erlegen und Hamburg mit Proviant versorgen mußte. EutropMs (Flavius), ein lat. Geschichtschreiber, von dessen Lebensnmständen wir nur so viel wissen, daß er unter dem Kaiser Konstantin die Stelle eines Epistolographen oder Secretairs bekleidete, unter Julian mit gegen die Perser focht, unter Valens noch lebte und um 370 n. Chr. starb. Sein „krevisrimn Iiistoiiiie rom.", worin die röm. Geschichte von der Gründung Roms bis auf die Zeiten des Kaisers Valens ganz kurz erzählt wird, ist in einer ziemlich einfachen und reinen Sprache verfaßt und scheint ursprünglich auf den Schul- gebrauch berechnet gewesen zu sein. Außer den größer» Ausgaben von Haverkamp (Leyd. 1729) und Verheyk (2 Bdc., Leyd. 1762 und 1770) erwähnen wir die mehr für den Unterricht bestimmten von Tzschucke (Lpz. 1804), Hermann (Lüb. 1818; neue Aust., 1834), Zell (Stuttg. 1829) und Namshorn (Lpz. >837). Die gricch. Übersetzung des E. von einem gewissen Päanius hat Kaltwasser besonders herausgcgeben (Gotha 1780). Eutyches, der Urheber eines stürmisch geführten Kirchenstrcits im 5. Jahrh., war Archimandrit zu Konstantinopel und ein eifriger, aber ungeschickter Vertreter der dogmatischen Ansichten des Cyrillus von Alexandrien (s.d.). Mangel an Gewandtheit führte ihn zu den Lehren, daß nach der Vereinigung der beiden Naturen in Christo nur Eine Natur anzunehmen und Christi Leib dem Leibe anderer Menschen nach dem Wesen nicht gleich, sondern durch das Göttliche in ihm verklärt und vergöttlicht worden sei. Wegen dieser Übertreibungen auf einer Synode zu Konstantinopcl im I. 448 angeklagt und von seinem Bischof Flavianus abgesetzt, fand er in der Gunst des Ministers Chrysaphius und des alcxandrin. Bischofs Dioscurus, die Beide Flavian's Gegner waren, eine mächtige Stütze. Aus der sogenannten Räubersynode zu Ephesus im I. 449 erzwang Dioscur durch den Pöbel und bewaffnete Mönche die Freisprechung des E. und ließ dessen Lehre von einer Natur als mit dem nicäischcn Concile übereinstimmend bestätigen. Jndeß dauerte dieser Triumph nur zwei Jahre, denn 451 wurde zu Chalcedon der Eutychianismus für Ketzerei erklärt und gegen ihn auf Grund des Briefs, den Leo der Große schon früher an Flavian erlassen hatte, festgesetzt, daß die beiden Naturen in Christo ohne Vermischung und Verwandlung miteinander vereinigt seien. Der Vorwurf, den man dem E. und seinen Anhängern machte, daß er Apol- linarismus und Doketismus lehre, beruhte nur auf Folgerungen, die man aus seinen Sähen zog. Obgleich übrigens E. nachmals von allen Monophysiten verworfen wurde, so erhielten sich doch viele Eutychianerin der armenischen, äthiopischen und koptischen Kirche. Im Zeitalter der Reformation war Schwenkfeld (s. d.) als solcher verschrieen. Eva, s. Adam. Evagrius, bekannt als Kirchenhistoriker, wurde um 536 zu Epiphania in Cülc- syrien geboren und trat tüchtig vorgcbildet als Sachwalter in Antiochien auf. Durch ein. Vertheidigung des dasigen Patriarchen Gregorius kam er in solchen Ruf, daß er vom Kaiser Mauritius zum Stadtpräfecten ernannt wurde. Nebenbei beschäftigte er sich auch mit gelehrten Studien und führte die kirchengeschichtlichen Werke des Sokrates und Theodorct in sechs Büchern von 431—593 fort. Die Notizen, die sich darin finden, sind zum Thcil nicht 142 Cvalvatio« Evection unwichtig, allein der Geist des Ganzen ist der einer steifen Orthodoxie und mönchischer Befangenheit. Die beste Ausgabe hat Neading (Cambr. 1720) geliefert. Evalvation, d. i. Anschlag, gebraucht man insbesondere von der Schätzung des Werths eines Waarenlagers. Evander, gricch. Euandros, war der Sage nach etwa sechzig Jahre vor dem tro- jan. Kriege aus Arkadien nach Italien gekommen und hatte, von Faunus gastlich ausgenommen, da, wo später Nom entstand, eine Niederlassung am Palatin gegründet, dessen Namen Einige von seinem Sohne Palas, Andere von der arkadischen Stadt Pallantium ablcitcten; Buchstabenschrift, die Kunst der Musik, überhaupt Gesittung und mehre Götkerdienste hatte er mitgebracht. Am Aventin war ihm ein Altar errichtet. Daß der Erzählung vom E. eine altital. Sage zu Grunde liege, deren Gestalt später durch griech. Einwirkung verändert worden, scheint sicher und wird durch die Angabe bestätigt, E. sei der Sohn der echtital. Carmen ta(s. d.) gewesen, eine Meinung, die bei den Römern durch die griech. Ableitung des E. von Mercur und einer Nymphe Themis nicht verdrängt werden konnte. Evangelium, ein gricch. Wort, bedeutet seiner Abstammung nach eine frohe Botschaft. In de», christlichen Kirche wird es theils von der christlichen Lehre, welche mit der fröhlichen Botschaft von der Ankunft des den Vätern verheißenen und in Jesu erschienenen Messias beginnt, theils von den Schriften gebraucht, in welchen Marcus und Lucas und die Apostel Matthäus und Johannes die Nachrichten von den Thaten und Schicksalen Jesu Christi ausgezeichnet haben. Neben diesen vier kanonischen Evangelien, deren Echtheit und Glaubwürdigkeit trotz alter und neuer Angriffe im Wesentlichen feststeht, gab es in der Urkirche eine Menge apokryphi- scher, die sich theils auf die JugcndgeschichteJesu, theils auf seine später« Thaten und Schicksale beziehen. (S. Apokryphe n.) Wir erwähnen das „Llvangeliuin >;el!»m inlantiue" oder „L^»,-;e>iu!N 1'Iiomae" und das „bivaiiFCÜum AHeo- <>emi" sin einer kürzer» Necension ,,.4cta Uilati" genannt). Dazu kamen noch andere, wie das früher für die hebr. Urschrift des Matthäus gehaltene, bei Hieronnmus angeführte „Llv-mj-elium secuncluin llebrueus -ive Lbionitas". In diesen historisch ganz unverbürgten Schriften erscheint Jesus als Zauberer, dem die abgeschmacktesten Dinge bcigelegt werden. Evangelisten hießen in der älter» Kirche diejenigen Christen, welche von einer Gemeinde zur andern reisten und den Unterricht der Apostel fortsehten; der spätere Sprachgebrauch aber hat dieses Wort auf die erwähnten Verfasser der Lebcnsgeschichtc Jesu eingeschränkt. Evangelisch nennt man Alles, was der in den heiligen Schriften enthaltenen Lehre Jesu gemäß ist, weshalb sich auch die protestantische und reformirte Kirche, welche die Bibel als die einzige geschriebene Quelle ihres Glaubens anerkennt, die ev an gclische Kirche nennt und ihre Glieder evangelische Christen heißen. Evans de Lacy, brit. Oberst, geb. in Irland 1786 und auf der Kriegsschule zu High- Wycombe gebildet, begann seine militairische Laufbahn im Dienste der Ostindischen Compagnie und trat dann als Lieutenant in ein Dragonerregiment. Während des Feldzugs in Spanien gewann er durch seine wissenschaftlichen Kenntnisse die Beachtung des Herzogs von Wellington. Als Offizier im Generalstabe zeichnete er sich 1812—llin Nordamerika aus, wo er bei Neuorleans schwer verwundet wurde. Nach der Rückkehr ward er 1815 zum Hauptmann, bald darauf zum Major und wegen seiner Dienstleistung bei Waterloo als Adjutant des Generals Ponsonby zum Oberstlicutenant befördert. Nachher außer Activität gesetzt, wendete er sich zur Politik, trug die Farbe des Radicalismus und wurde 1830 von Westminster ins Parlament gewählt. Im 1.1835 übernahm er mit dem Range eines Ge- ncrallieutenants im span. Heere den Befehl über die auf zwei Jahre zu Unterstützung der Constitutionellen für span. Rechnung in England geworbene Legion. Hier focht und siegte er vor San-Sebastian, vor Passages, auf den Höhen von Amozagana, vor Oriamendi, vor Hernani und schloß den Feldzug im Juni 1837 mit Erstürmung der tapfer vertheidigten Stadt Jrun. Nach England zurückgekehrt, wurde er aufs neue von Westminster zum Vertreter im Parlamente gewählt, zum brit. Obersten und zum Ritter des Bathordens ernannt. Evection ist nächst der Variation und jährlichen Gleichung eine der bedeutendsten und zwar die größte der Ungleichheiten oder scheinbaren Unregelmäßigkeiten, welche der Lauf Everdingen Evrrtfon 143 des Mondes in seiner elliptischen Bahn um die Erde zeigt, weshalb auch schon PtolemäuS sie entdeckte. Der Grund der Evection liegt in den Störungen, welche die Sonne auf den Mond ausübt, und der größte Werth der Evection ist >" >6^ 30 ". Everdingen (Aldert van), ein berühmter niedcrländ. Landschaftsmaler, geb. 1621, gest. 1675. Er wußte in seinen Seestücken das erregte Element mit großer Wahrheit darzustellen, war Meister in trefflichen Waldpartien, die meist düsterer und nordischer Art sind, und hat sich als tüchtigen Kupferstecher besonders auch durch seine Blätter zu „Reineke der Fuchs" bewährt. Seine Landschaften machen durch ihre hochpoetische Auffassung und phantastische Natur auf den Beschauer einen unvertilgbaren Eindruck. — Sein älterer Bruder, CäsarvanE., geb. in Alkmaar 1606 , gest. 1679, zeichnete sich als Portraitmaler und in architektonischen und historischen Darstellungen aus. — Auch ein jüngerer Bruder, Jan van E-, geb. 1625, hat, obschon er Advocat war, mehre treffliche Bilder geliefert. Everett (Alexander Henry), aus dem Staate Massachusetts, studirtc in Boston und auf der Harvard-Universität zu Cambridge und kam 1818 als Gesandter der Vereinigten Staaten von Nordamerika nach dem Haag und 1825 in gleicher Eigenschaft nach Spanien. Was er im Laufe seiner meist fehlgeschlagenen diplomatischen Versuche, wie z. B. Holland zu Entschädigung Amerikas für die den neutralen Staaten weggenommenen Schiffe und W-aaren, Spanien zum Frieden mit seinen südamerik. Kolonien zu bewegen u. s. w., von der europ. Politik und den Staatenverhältnissen der alten Welt gesehen und erfahren, legte er anonym in der Schrift nieder „Lurope; or s genorgi survex ok tlre present situstlon nk tke principikil pervers, witk conjectures on tl:eir future prospects" (Boston 1822; deutsch von Jakob, 2 Bde., Bamb. 1823). Der gegenwärtige Zustand der europ. Hauptmächte dünkt ihm ein Kampf der Fürsten mit den Völkern, jener für Erhaltung der Willkürherrschaft, dieser für politische Freiheit. Seine Muthmaßung in Betreff des Ausgangs entscheidet für den Sieg der Völker und zwar deshalb, weil die Civilisation fortschreite und fortschreitende Civilisation politischen Freisinn im Gefolge führe; daher er den Fürsten zur Nachgiebigkeit rächet, um nicht das Unvermeidliche sich zum Verderben zu machen. Als Seitenstück schrieb er „^mericÄ; or a genersl surve) of tke politicsi sitiistion ok tkc seve- rsl powers oktlie Western continent" (Philadelphia 1827; deutsch, 2 Bde., Hamb. 1828), worin er Rußland und Nordamerika für die kraft der Priorität ihrer Nationalcxistenz unwiderstehlichen Herren der westlichen Continentalmächte erklärt. Zwischen beiden Schriften erschien unter seinem Namen ,,^lew icksss on Population, witli remurlcs ok tüe tlieories ok dlaltkus anü Oockwin" (Land. 1823; 2.Aufl., Boston 1826) ein gründlicher Gegenbeweis, daß die Nahrungsmittel im Verhältniß zur Bevölkerung sich mehren oder mindern. Mit dem Falle der Whigs endete E-'s politische Laufbahn und änderte sich sein politischer Glaube. Von seinem Posten abgerufen, gab er in Boston bis mit 1835 das„I^ortii smerican reviow" heraus und trat zu der vom Präsident Jackson 1828 begünstigten ochlokratischen Partei über. — Sein jüngerer Bruder, EdwardE., war früher unitarischer Geistlicher und dann Docent auf der Universität von Massachusetts in Cambridge. Nach einer Reise durch Deutschland und Griechenland wurde er Professor der griech. Sprache daselbst. Er übersehte Butt- mann's „Griechische Grammatik" (Cambr. 1821) und schrieb eine Abhandlung über griech. Inschriften. Später nahm er die Wahl zum Congreßmitgliede an, wurde 1836 Gouverneur von Massachusetts und ist gegenwärtig Gesandter in London. Evergeten, im Griechischen Euergetä, d. i. Wohlthäter, nannte man die kleine Völkerschaft der Agriaspen oder Arimaspen in der pers. Provinz Drangiana, weil sic einst den altern Cyrus mit seinem Heere, durch Zufuhr von Lebensmitteln, in der Wüste vom Hungertode retteten. Sie hatte eine recht gute, von der der angrenzenden Völker ganz abweichende Verfassung, die ihnen auch von Alexander gelassen wurde. — Mehre Fürsten dcS AlterthumS, z. B. die Ptolemäer, führten den Beinamen Euergeta. In der neuern Zeit nahm der den Freimaurern ähnliche, 1792 in Schlesien zur Beförderung der Sittenrcinheit gestiftete Männerbund den Namen Evergeten an, der sich 1795 wieder auflöste und dessen Statuten Feßler (Freib. 1804) herausgab. Evertson, eine auf der niedcrländ. Insel Zeeland heimische Familie, die der Republik der Vereinigten Niederlande im 17. Jahrh. eine Reihe ausgezeichneter Seemänner lie- 144 Evidenz Evolute srrte. — Cornelius E., geb. in Vließingen, erregte im Secdienst, dem er sich von Jugend auf widmete, durch seine kaltblütige und besonnene Tapferkeit die Aufmerksamkeit des Ad- mirals Tromp und war schon 1664 Viceadmiral. Als solcher blieb er in der Schlacht am 16. Juli 1666 gegen die Engländer. — Jan E., der Bruder des Vorigen, im Gegensätze zu demselben durch stürmischen Muth und kühne List ausgezeichnet, und daher ebensowol im regelmäßigen Gefecht wie auf Streifzügen sich Lorbern erwerbend, stieg ebenfalls bis zur Würde eines Viceadmirals. Als solcher hatte er bereits den Dienst verlassen, als auf die Nachricht von dem Tode seines Bruders er wieder in Dienst trat, „indem er", wie er in seinem Anstellungsgesuch sagte, „gleich seinem Vater, vier Brüdern und einem Sohn im Dienste des Vaterlandes zu sterben wünsche". Sein Wunsch wurde erfüllt, denn in der blutigen Schlacht vom -t. Aug. 1666, die Nuyter und Tromp dem engl. Admiral Monk lieferten, verlor er einen Schenkel und starb bald darauf in Folge dieser Verwundung. Beiden Brüdern ließen die Staaten von Zeeland in der Peterskirche von Middelburg ein prächtiges Grabmal, indem sie beigeseht wurden, errichten. Vgl.Jonge, „I-s vie 817). — CorneliusE., der Sohn des obenerwähnten Cornelius, vernichtete theilweise bei den Inseln von Virginien eine engl. Flotte, theils nahm er sic; Dasselbe that er mit einer franz. bei Neufundland; außerdem machte er bedeutende Prisen in den westind. Gewässern. In Folge dieser Kriegsthaten stieg er nach und nach bis zum Admiral, zu welcher höchsten Scemannswürde er 1688 ernannt wurde. Er war es auch, der in diesem Jahre bei Wilhelm's von Oranicn Landung in England die nieder!. Flotte befehligte. Später zog er sich zurück und starb 1766.— Gelin E-, der Bruder des Letztgenannten, nahm an verschiedenen wichtigen Seezügen in den amerik., span, und baltischen Gewässern einen rühmlichen Antheil und starb 1721 als Admiral. — Corneli us E., der Sohn Jan's, machte viele kühne Unternehmungen, focht in vielen Schlachten gegen die Engländer und Franzosen und starb 167g. Evidenz nennt man die anschauliche oder unmittelbare Gewißheit (s.d.), dann die höchste Gewißheit, bei welcher eine vollkommene Demonstration möglich ist, und welche auf der durch deutlich entwickelte und genau zusammenhängende Gedankenrcihen vermittelten Einsicht in die Unmöglichkeit des Gegentheils beruht, wie in der Mathematik. Evolute oder Abgewickelte Linie. Wenn man auf eine gegebene krumme Linie einen vollkommenen biegsamen und unausdehnbaren Faden ohne Dicke legt, der sich in allen seinen Thcilen der krummen Linie genau anschließt, und dann diesen Faden bei dem einen Endpunkte desselben aufhebt, sodaß der aufgehobene, allmälig vergrößerte Theil durch die Spannung, die man ihm mit der Hand gibt, in dem Punkte, wo er die krumme Linie verläßt, diese letztere immer berührt, so wird der ersterc Endpunkt dieses aufgehobenen Fadens eine andere krumme Linie beschreiben, die man dieEvolvente oder abwickelnde Linie nennt, während die gegebene krumme Linie die Evolute oder die abgewickelte Linie heißt. Man sieht bei näherer Betrachtung, daß der bereits abgewickelte oder gerade Theil des Fadens immer gleich demjenigen Bogen der Evolute ist, in dessen Endpunkten die Abwickelung anfängt und aufhört; daß dieser abgcwickelte Theil des Fadens immer senkrecht auf der Evolvente steht, und daß die Evolute eigentlich der geometrische Ort aller Mittelpunkte dcrKrüm- mungskrcise der Evolvente ist. Die Geometrie lehrt, wie man aus der Evolvente die Evolute, und aus dieser jene finden kann. Ist die Evolvente z. B. die Apollonische Parabel, so ist die Evolute die sogenannte Neil'sche Parabel. Die Theorie der Evoluten führt auf die sogenannten parallelen oder äquidistanten krummen Linien, die auch in der Praxis, bei der Con- struction von Eewölbebogen, bei den Zähnen der Maschinenräder u. s. w., Anwendung finden. Die Evolute der Cyklo ide (s. d.) ist wieder eine Cykloide von derselben Größe, aber umgekehrter Lage. Diese Bemerkung machte Huyghens und benutzte sie, um die Pendelstangen seiner Uhren in cykloidischen Bogen schwingen zu lassen, weil, nach einem gleichfalls von ihm gefundenen bekannten Gesetze der Mechanik, alle große und kleine Schwingungen in der Cykloide in derselben Zeit vollendet werden. Auch die Evolute der Epicykloide ist wieder eine Epicykloide, aber von entgegengesetzter Lage. Die Evolvente des Kreises ist eine Epicykloide, deren erzeugender Kreis unendlich groß ist. Die Evolute der logarithmischen Spirale ist wieder eine ähnliche Spirale. Wenn man endlich von irgend einer willkürlichen Evolutionen Ewald (Georg Heinr. Aug. von) 145 krummen Linie die Evolute, und von dieser wieder die Evolute sucht u. s. w., so sind diese aufeinanderfolgenden Evoluten einer Cykloide immer mehr gleich, bis sie, wenn die Anzahl der Evolutionen unendlich ist, völlig mit der Cykloide zusammenfallen, wie schon Jak. Ber- noulli gefunden hat. Die Lehre von den Evoluten, die auch in der Praxis von Nutzen ist, wurde von Huyghens in die Geometrie eingeführt, und später durch Euler vervollkommnet. Evolutionen heißen in der Taktik die Bewegungen einer Truppe zur Übung oder vor dem Feinde. (S. Manoeuvre.) Auch die Bewegungen einer Schiffsflotte zur See werden Evolutionen genannt. — Evolutionsescadre nennt man eine Schiffsflotte, welche bald diese, bald jene Stellung annehmen muß, um dem Feinde beizukommen oder ihm Abbruch zu thun. Evolutionstheorie, s. Zeugung. Evöra, die Hauptstadt der portug. Provinz Alentejo, auf einer Anhöhe, ist der Sitz eines Erzbischofs und hat 10—I lOOO E., die von der daselbst abgehaltenen Messe, Handel und Landwirthschaft ihre Nahrung ziehen. Es ist das alte Ebora, wegen der ihr von Julius Cäsar verliehenen Vorrechte lüberalits« lluli», später Elbora genannt. An die Römerzeit erinnern noch ein jetzt in ein Schlachthaus verwandelter Dianentempel und eine Wasserleitung. Die alte Universität ist zu einem Collegium herabgesunken. Evrenp (Lbroicse oder üleclinlkiimni ^ulercorum), die Hauptstadt des franz. Euredepartements, eine alte Stadt der Normandie, der Sitz eines Bischofs, der sonst mit merk- würdigen Gebräuchen eingeführt wurde, hat gegen 9800 E., diebedeutende Fabriken, namentlich in Tuch, Manchester und Strümpfen, unterhalten und ansehnlichen Handel treiben. Sehenswerth sind die Kathedrale mit ihrem 252 F. hohen Thurme, das schöne, eine halbe Stunde von der Stadt gelegene Schloß Navarra, zu welchem der Herzog Gottfried Moritz von Bouillon 1686 den Grund legte, der bischöfliche Palast, der Park und die Promenaden. Der einen der sonst hier bestehenden Abteien stand der Minister Sully als Abt vor, obschon er Calvinist war und nicht dem geistlichen Stande angehörte. In der Nähe finden sich viele Überreste aus röm. Zeit, namentlich die Neste eines Theaters. Vom Herzoge Richard I. von der Normandie wurde E. als Grafschaft gegen Ende des I 0. Jahrh. seinem mit der schönen Gonnor erzeugten Sohne Robert verliehen. Zu Anfänge des 12. Jahrh. wurde dieselbe an das Haus Montfort vererbt, von dem sie König Philipp August von Frankreich erkaufte. König Philipp IV. gab sie als Apanage an seinen Bruder, den Prinzen Ludwig, zu dessen Gunsten sie 1316 zur Paine erhoben wurde. Der Graf Philipp von E- erheirathete mit Johanna, der einzigen Tochter König Ludwig's X., das Königreich Navarra. König Karl III. von Navarra vertauschte 1404 die Grafschaft E. nebst andern Besitzungen gegen das neugebildete Herzogthum Nemours an König Karl VI. von Frankreich. Karl VII. gab sie 1426 an Johann Stuart, Grafen von Darnley, nach dessen Tode, 1429, sie von der Krone wieder eingezogen wurde, und Karl IX. als Duche pairie an seinen Bruder, den Herzog von Alen- con, nach dessen Ableben sie 1584 abermals an die Krone zurücksiel. E. hörte nun auf, Pairie zu sein, und wurde 1651 zur Entschädigung für Sedan an den Herzog von Bouillon gegeben, unter der Republik aber als Emigrantcnbesitzthum eingezogen. Das Schloß Navarra wies Napoleon zuerst dem Könige Ferdinand VII. von Spanien, dann der Kaiserin Josephine an. Ewald (Georg Heinr. Aug. von), Professor der oriental. Sprachen zu Tübingen, wurde als der Sohn eines armen Leinwebers zu Göttingen am 16. Nov. 1803 geboren. Nachdem er auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt die nöthige Vorbildung erhalten, besuchte er seit 1820 die akademischen Hörsäle daselbst. Sein Eifer für die Wissenschaft gewann ihm die Zuneigung mehrer Professoren, durch deren Unterstützung und Empfehlung es ihm möglich wurde, seine Studien, die sogleich eine entschiedene Richtung auf die oriental. Sprachen nahmen, ungestört fortzusetzen. Noch auf der Universität arbeitete er seine Schrift „DieCom- position der Genesis" (Braunschw. 1823). Im I. 1823 wurde er Lehrer am Gymnasium zu Wolfenbüttel; doch schon zu Ostern 1824 kehrte er, durch Eichhorn veranlaßt, als Repetent der theologischen FacultLt nach Göttingen zurück, wo er 1827 eine außerordentliche, 1831 eine ordentliche Professur der Philosophie und 1835 die Professur der oriental.Sprachen erhielt. Reisen zur Ausbeutung der oriental, handschriftlichen Schätze führten ihn 1836 Conv.-Lex. Neun» Amfl. V 10 ^ . .>-<' Iä6 Ewald (Johannes) nach Berlin, Paris und Italien. Als Professor der oriental. Sprachen fiel ihm auch nach » Eichhorn's Tode die alttestanientliche Exegese zu, die er sowol als Lehrer wie als Schriftsteller wesentlich gefördert hat. Die erste und wichtigste Frucht dieses Strebens war die „Kritische j Grammatik der hebr. Sprache" (Lpz. 1827), die er hierauf als „Grammatik der hebr. s Sprache" (Lpz. 1835; 3. Aust., 1838) kürzer bearbeitete, und der er neuerdings die „Hebr. s Sprachlehre für Anfänger" (Lpz. 1842) folgen ließ. Vorher war von ihm das „Hohe Lied ! Salomo's" (Gott. 1826) erschienen ; nächstdcm gab er heraus den „eommentsrius in oslvjisia" (Lpz. 1828), „Die poetischen Bücher des Alten Bundes" (-1 Bde., Gott. 1835 — 37; Bd. 2, 2. Aust., 184V), „Die Propheten des Alten Bundes" (2Bde., Stuttg. 1840) ^ und die auf drei Bände berechnete „Geschichte des Volks Israel bis auf.Christus" (Bd. I und 2, Gött. 1843—44). Sowie aber seine Vorlesungen in Göttingcn sich nicht blos über alttestamentliche Grammatik, Literatur und Exegese erstreckten, sondern auch die Grammatik des Arabischen, Persischen, Aramäischen und Sanskrit umfaßten, so verbreitete sich auch - seine schriftstellerische Thätigkeit über die genannten oriental. Sprachen. Auf „die kleine i Schrift „De metris carminum orabicorum" (Lpz. 1825) folgten der Versuch „Über einige ^ ältere Sanskrit-Metra" (Gött. 1827), ein Auszug des arab. Schriftstellers Wakidi ,,v« Nesopotomiae erpUAnatae kistoria" (Gött. 1827) und die „Orammstica eritica linAuae srabicae cum brevi metrorum ckoctrina" (2 Bde., Lpz. 1831 —33). Hier Wie in der hebr. Grammatik befolgt E. in der Elementarlehre vornehmlich die historisch-genetische Methode, welche sich bestrebt, die Art der Entstehung der einzelnen grammatischen Formen unter Berücksichtigung des in der Sprache allmälig cintretenden Erhärtens, Erweichens, Verhau» chcns und Umbildens einzelner Laute oder Buchstaben anschaulich zu machen, in der Sprach- bildung die Gesetze nachzuweisen, nach welchen sie erfolgte und so viel wie möglich die erste Gestalt der Sprachformen aufzusuchen. Gleichzeitig erschien der erste Theil seiner „Abhandlungen zur oriental, und biblischen Literatur" (Gött. 1832); auch war er es, der den Plan " zu der „Zeitschrift für die Kunde des Morgenlands" entwarf. Neben seinem Wissenschaft- lichen Charakter muß sein politischer hervorgehoben werden. Sein Weggang von Göltingm in Folge seiner Entlassung am 12 . Dec. 1837 wegen der von ihm mit sechs seiner Collcgen dem Universitätscuratorium übergebenen Protestation gegen die Aufhebung des hannov. Staatsgrundgesetzes gab ihm Muße zu einer neuen wissenschaftlichen Reise nach England, von wo ihn der Nus als ordentlicher Professor der Theologie >838 nach Tübingen führte, wo er seitdem durch den König von Würtemberg des persönlichen Adels theilhaftig wurde. Ewald (Johannes), einer der originellsten dän. Dichter neuerer Zeit, besonders als Lyriker und Tragiker ausgezeichnet, wurde am 18. Nov. 1743 zu Kopenhagen geboren, wo sein Vater, Enevold E-, Prediger und Director des Waisenhauses war. Nachdem er im 11. Jahre den Vater verloren, kam er in die Schule zu Schleswig, wo ein Freund des Vaters Rector war. Als er in seinem 15. Jahre die Universität zu Kopenhagen beziehen sollte, erweckte der Heldenruhm Friedrich des Großen seine Lust zu kriegerischen Thaten so sehr, daß er mit seinem ältern Bruder nach Hamburg entwich, wo er sich von dem preuß. Residenten ein Empfehlungsschreiben nach Magdeburg zu verschaffen wußte. Statt aber zu den Husaren zu kommen, wozu er durch den Residenten empfohlen worden war, stellte man ihn hier in ein Infanterieregiment. Deshalb misvcrgnügt ging er zu den Ostreichern über, wurde erst Tambour, nachher Unteroffizier und nahm an mehren Schlachten von 1759—6V Theil. Durch seine Familie losgekauft, kehrte er dann nach Kopenhagen zurück, wo er sich der Theo- . logie widmete und 1762 das Examen bestand. Eine unglückliche Leidenschaft riß ihn aus ^ dieser Bahn; da ein aus früherer Zeit her ihm theueres Mädchen sich verheirathete, ergriff ihn eine tiefe Schwermuth, die seitdem der vorwaltende Charakter seines Lebens wurde. Obgleich er das theologische Studium nicht ganz aufgab, so entschlug er sich doch des Gedankens einer Beförderung auf diesem Wege, und gab sich mit Eifer dem Studium der ältern und neuern Dichter hin, untex welchen letztem Klopstock namentlich durch seinen „Messias" einen entscheidenden Einfluß auf die ästhetische Richtung E-'s gewann. Schon durch seine Allegorie » „Der Tempel des Glücks" weckte er die Aufmerksamkeit der Kenner; in seiner „Trauercantate bei dem Tode Friedrich's V." (1766) entfaltete er eine lyrische Kraft und schmelzende Wehmuth, wie man sie bis dahin in Dänemark noch nicht gekannt. Als Lyriker ist E. unüber- Ewald (Johann von) 147 trefflich; ein Formbewältiger wie Wenige und der gediegenem Sprache Meister, taucht er stch in die tiefsten Gefühle und verwirrt sich nie in leeres Reimgcklingel oder verschrobene Diction. Auch auf dem Felde des lyrischen Dramas erntete er verdiente Lorbern. In „Adam und Eva" (>769) kämpfte die gewaltige Idee mit der Darstellung, und obgleich die letztere, wie in Klopstock's „Messias", nicht selten sich überfliegt, so ist auch hier sein Streben gewiß an- zuerkennen. Shakspearc's Studium läßt sich bei der in Prosa geschriebenen Tragödie „Rolf Krage" (1779) nicht verkennen. Den heroischen Nachklang des nordischen Mythus mehr als das innere Leben desselben, welches das Heldenalter erzeugt hat, stellt E. in „Balder's Tod" (>773) dar, einem Kunstwerke, das in objectiv-plastischer Form gewiß zu den ausgezeichnetsten gehört. Doch die Krone der E.'sehen Dramen bezeichnet das vorwiegend lyrische „Die Fischer" (l778), wo gerade die Einfachheit der Exposition um so mehr den Schmelz der dichterischen Bearbeitung durchscheinen läßt. Auch als komischer Dichter erwarb er sich einen unvergeßlichen Namen; doch ist es nicht sowol der leichte, treffende Witz als das objektiv Lächerliche in Situationen und Charakteren, welches seine Arbeiten in diesem Genre, z. B. „Die brutalen Klatscher" (1771) und „Harlekin Patriot" (1772), bezeichnet. Ein Anhänger des Bernstorffschen Ministeriums, wurde er von dem Guldberg'schen (1773) übersehen; auch die Unterstützung, welche ihm die Negierung in seinen letzten Jahren gewährte, war nur gering. Gezwungen, mit Gelegenheitsgedichten seinen Unterhalt zu suchen, gerieth er in ein etwas unordentliches Leben hinein, dessen Schmerz der Mangel und die Noth noch schärften. In seiner Verlassenheit von Verwandten, ja von der eigenen Mutter, gepflegt von einer mildthätigen Frau, starb er, einem mehrjährigen Eichtlciden zum Opfer fallend, zu Kopenhagen am >7. März 1781. Seine sämmtlichen dichterischen Werke begann er noch selbst hcrauszugeben; doch wurde die Ausgabe erst nach seinem Tode vollendet (3 Bde., Ko- penh. 1781 —91; 2. Ausl., 1813 — 16). Eine ausführliche Biographie E.'s lieferte Mol- bech (Kopenh. 1831); Beiträge dazu aus ungedrucktcn Quellen hat später F. C. Olsen gegeben. Ewald (Johann von), dän. General, geb. am 39. März 1 733 zu Kassel von bürgerlichen Älter», ging, nachdem er 1760 in den Militairdienst seines Vaterlands getreten war und einem Feldzuge im Siebenjährigen Kriege beigewohnt hatte, mit dem 1776 den Engländern überlassenen Hess. Truppencorps als Befehlshaber einer Jägercompagnie nach Nordamerika. Bei diesem Corps blieb er bis zum Ende des nordamcrik. Kriegs, während dessen er sich vielfach auszeichncte. Vgl. seine Schrift „Über den kleinen Krieg" (Mark. 1785), die namentlich Friedrich's II. Beifall erntete. Im I. 1788 trat er in dän. Dienst als Oberstlieutenant und Chef eines Jägercorps, dessen Errichtung ihm anvertraut wurde. Als Dänemark 1801 die Städte Hamburg und Lübeck besetzte, erhielt er in erstgenannter Stadt das Militaircommando und erwarb sich hier so allgemeine Achtung, daß ihm die Hamburger den Commandantenposten ihrer Stadt antrugen, den er jedoch ausschlug. Durch geschicktes Benehmen hinderte er >806 als General der Avantgarde des zur Behauptung der Neutralität der dän. Grenze in Holstein zusammengezogenen Armeecorps das Eindringen der Preußen und Schweden; nicht so gut gelang es ihm mit den Franzosen unter Murat, die das neutrale dän. Gebiet verletzten. Im folgenden Jahre schützte er an der Spitze zweier von ihm organi- sirten Regimenter während der Unternehmung der Engländer gegen Kopenhagen die Insel Seeland gegen feindliche Überfälle und ward dafür zum Großkreuz des Danebrogs und zum Gouverneur von Kiel ernannt. Im I. 1899 commandirte er das dän. Corps, welches die Franzosen gegen Schill unterstützte, zeichnete sich beim Sturm von Stralsund aus und wurde in Folge dieses zum Gcnerallieutenant ernannt. Seine in Stralsund nach Einnahme der Stadt bewiesene Humanität erkannten die Einwohner dankbar an. Noch im selbigen Jahre ward er commandirender General im Hcrzogthume Holstein unter dem Oberbefehl des Generalfeldmarschalls Landgrafen Karl zu Hessen, und 1812 erhielt er das Commando einer Armeedivision von 19000 M., die sich mit dem l>. franz. Armeecorps vereinigen sollte. Eine gefährliche Krankheit zwang ihn 1813, sein Commando niederzulegen, und kurz nachher starb er bei Kiel am 25. Juni. Wie er als Krieger durch Tapferkeit, Geistesgegenwart und seltenen Überblick ausgezeichnet war, so als Mensch durch Liebenswürdigkeit, religiösen Sinn, hohe Bildung und ausgebreitcte Kenntnisse. Im Äußern soll er, bei vorgerücktem Älter, zu Pferde, mit Friedrich ,11. von Preußen eine auffallende Ähnlichkeit gehabt haben. 111 * 148 Ewald (Ioh. Ludw.) Ewiger Friede Ewald (Ioh. Ludw.), protestantischer Theoiog, geb. 17-18 in dem fürstlich istnvurg. ^ Städtchen Hayn der drei Eichen, erhielt seine erste Bildung durch seinen Vater, einen redlichen Pietisten, dann durch einen nicht sonderlich gelehrten Prediger. Ohne gründliche Vor- kenntnisse ging er nach Marburg, um Theologie zu studiren. Nach vollendeten Studien wurde er Lehrer der jünger» Prinzen von Hessen-Philippsthal und später Prediger in Offenbach. Im I. 1778 sagte er sich plötzlich von dem Nationalismus, den er bis dahin gepredigt hatte, öffentlich los und fing an Erbauungsstundcn zu halten. Deshalb angefeindet, folgte er 1781 dem Rufe als Generalsuperintendent, Consistorialrath und Hofprediger nach Detmold. Hier machte er sich insbesondere um das Schulwesen verdient, errichtete ein Schullehrerseminar und wirkte im Allgemeinen wohlthätig, bis er durch die beiden Schriftchen „Was sollte der Adel jetzt thun?" (Lpz. 1793) und „Über Revolutionen, ihre Quellen und die Mittel dagegen" (Berl. 1792) abermals solchen Anstoß erregte, daß er 1796 die zweite Predigersielle an der Stcphanskirche in Bremen annahm. Auch hier machte er sich um das Schulwesen verdient, errichtete eine Bürgerschule und unternahm im Interesse des Erzie- hungswesens 180-1 eine Reise in die Schweiz, von der zurückgekehrt er öffentliche Vorlesungen für Mütter und Lehrerinnen über die Pestalozzi'sche Methode hielt und eine Pestalozzi'sche Schule gründete. Bald darauf ward er auch als Professor der Philosophie «n dem Lyceum angestellt; doch noch in demselben Jahre ging er als Professor der Moral und Kirchenrath nach Heidelberg. Manche Verdrießlichkeiten in diesem neuen Wirkungskreise, besonders nachdem er die Direktion des Ephorats übernommen hatte, vcranlaßten ihn, 1807 den Ruf nach Karlsruhe als geistlicher Ministeriell- und Kirchenrath anzunehmen, wo er am 19. März 1822 starb, nachdem ihm einige Jahre zuvor die Kanzel verboten worden war. Unter seinen zahlreichen Schriften, fast alle ins Holländische, zumTheil auch ins Französische übersaht, erwähnen wir „Salomo, Versuch einer psychologisch-biographischen Darstellung" (Gera 1800), j „Der gute Jüngling, Gatte und Vater, oder Mittel, es zu werden" (2 Bde., Franks. 180-1), » „Die Kunst, ein gutes Mädchen-, Gattin, Mutter und Hausfrau zu werden" (3 Bde., I Franks. 1807) und „Briefe über die alte Mystik und den neuen Mysiicismus" (Lpz. > 822). I Ewig im relativen Sinne bedeutet unübersehlich lang dauernd; im absoluten Sinne ^ nicht durch Zeit begrenzt oder ohne Anfang und Ende. Ewigkeit istUnbegrenzthcil in zeit- 4! licher Hinsicht, Zeitlosigkeit. So legt man Gott das Prädicat der Ewigkeit bei. Ob die Welt ! ewig sei oder nicht, war eine von den Fragen, von denen Kant nachzuweisen suchte, daß sich die Vernunft bei ihrer Beantwortung nothwcndig in entgegengesetzten Schlüssen (Antinomien) verwickele. Er discutirte sie ohne alle Rücksicht auf den Begriff der Schöpfung, von der übrigens die Theologen auch insofern verschiedene Meinungen haben, ob sie in die Zeit ! falle oder nicht. — EwigesLeben nennt man das Leben nach dem Tode, die Unsterblichkeit. > Ewiger Friede wird die Idee eines vollkommenen vernunftgemäßen Zustandes der Menschheit genannt, in welchem auch zwischen den Staaten nicht die Gewalt sondern das Recht herrscht, und Streitigkeiten nicht durch Krieg und diplomatische Drohungen mit demselben sondern nach Rechtsbegriffen entschieden werden. Der ewige Friede ist die Idee einer sittlich-rechtlichen Ordnung unter den Völkern, welche zu jeder Zeit praktische Gültigkeit und Verbindlichkeit für sie hat, wie die Moral und das Recht für die einzelnen Menschen ^ auch ohne den Staat gültig sind. Allein es bedarf, um eine solche Ordnung herzustellen und ' zu behaupten, einer Vereinigung der Staaten zum Zweck derselben und der Aufstellung ^ einer gesetzgebenden, richterlichen und vollziehenden Gewalt, oder, wie Kant in der Schrift 1 „Zum ewigen Frieden" (Königsb. 17 96) es ausdrückt: Das Völkerrecht soll auf einen Fö- ^ deralismus unabhängiger Staaten gegründet werden. Dies führt denn zu einer Verbin- 1 düng aller Völker, zu einem allgemeinen Staatenbund, einem Wcltstaat (civitas msxims) k mit einem gesetzgebenden allgemeinen Congreß, einer vollziehenden und regierenden cngern ^ Versammlung und einem Völkergericht, wodurch ein allgemeiner und Weltfriede aufrecht gehalten wird. Doch ist wohl zu unterscheiden die philosophische Idee der rechtlichen Ordnung y von den äußern Einrichtungen, durch welche man jene zu verwirklichen sucht. Als philosophische Idee ist dieselbe die Grundlage des Völkerrechts und bezeichnet das Ziel dessclbeii, l welches zwar in seiner Vollkommenheit unerreichbar ist, nichtsdestoweniger aber als Dasjenige betrachtet werden muß, welchem die Staaten sich anzunähern suchen müssen. Ein Ewiger Jude Exaltation 1^-1 Weltfriede bezeichnet daher das oberste Princip für die höchste wissenschaftliche Entwickelung aller diplomatischen Verhältnisse der Staaten zueinander. Was aber die äußere organische Einrichtung betrifft, so sind zur Zeit nur noch unvollständige Versuche und Vorschläge gemache worden. Ob Heinrich IV. von Frankreich, als er sich zum Feldzuge gegen die Niederlande gerüstet hatte, wirklich mit dem Plane umging, die Macht des span.-östr. Hauses zu schwächen und Europa in einen Staatenbund von 14 ungefähr gleichen Staaten und Con- föderationen mit einem beständigen Congrcsse zu verwandeln, ist als historische Thatsachc nicht völlig erwiesen. Aus Sully's Memoiren, wo Unterhandlungen mit der Königin Elisabeth und König Jakob I. über diesen Plan angeführt werden, führte sie der Abbe Castcl de St.-Pierre in einem besonder» Werke „Uroset 9 andere Kirchen und viele schöne öffentliche Gebäude und etwa 32999 E., welche große Fabriken in Leinwand, Flanell undTapetcn unterhalten und bedeutenden Handel treiben. Früher von Briten und Angelsachsen gemeinschaftlich bewohnt, wurden unter König Athelstan die erstem vertrieben und die Stadt befestigt, worauf sie bald zu einem ansehnlichen Handelsplatz sich erhob. Erhaustion nannten die alten Geometer, welche mit den Hülfsmitteln der hohem Analysis unbekannt waren, das Verfahren, welches sie zur Vergleichung krummliniger Figuren, krummer Oberflächen und runder Körper anwendeten, und welches darin bestand, die gedachten Größen vermittelnd auf andere, ;. B. geradlinige Figuren, eckige Körper, zu beziehen, die ihnen zwar nicht bis zum Erschöpfen (extwnstio), aber doch so nahe gebracht werden können, daß der Unterschied kleiner als jede angebliche Größe wird. Die Kenntniß 154 Exil Exorcismus der Exhaustionsmethodc, die den Alten die Stelle der Analysis des Unendlichen vertrat, ist in hohem Grade interessant und lehrreich, dabei ganz geeignet, uns mit hoher Achtung für die strenge Gründlichkeit und den großen Scharfsinn der alten Mathematiker zu erfüllen. Sie zerfällt eigentlich in vier Methoden, die man thcilS aus dem Euklides, theils aus den Schriften des Archimedes kennen lernt. Exil heißt die Verbannung, wodurch Jemand genöthigt wird, die Stadt oder das Land zu verlassen, wo er sich bis dahin wesentlich aufhielt. Das Exil war namentlich im Alterthum sowol als Strafe als auch als Mittel, sich Verfolgungen und Untersuchungen zu entziehen, insbesondere bei politischen Bewegungen, gewöhnlich; im letzter« Falle hieß cs freiwilliges Exil. (S.Deportation und Verbannung.) Exirnirter Gerichtsstand, s. Gerichtsstand. Exmission, d.i. Hcraussetzung aus der Wohnung, ist eine Art der Execution, welche stattfindet, wenn Jemand zur Räumung einer Wohnung rechtskräftig verurtheilt, diesem Erkenntniß nicht nachkommt. Exmouth (Edward Pellew, Viscount), brit. Viceadmiral, geb. zu Dover am l 9. Apr. 1757, trat 1770 in brit. Seedienst und focht 1777 auf dem Champlainsee in Nordamerika. Mit dem capitulirendcn General Bourgoync gefangen, jedoch auf Ehrenwort entlassen, wurde er 1779 Lieutenant, 1789 im Kriege gegen Frankreich verwendet und >782 zum Capitain befördert. Von 1786—89 war er auf Neufundland stationirt; im I. 1791 wurde er auf Wartegcld und beim Ausbruche des stanz. Revolutionskriegs 1799 wieder in Activität gesetzt. Als Befehlshaber einer Fregatte nahm er das erste stanz. Linienschiff und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit ebenso sehr durch Muth und Entschlossenheit wie durch Milde und Wohlwollen gegen seine Untergebenen aus. Im I. >794 erhielt er das Com- mando über das westliche Geschwader, und 1799 blockirte er Rochefort im Interesse der zweiten unglücklichen Unternehmung der stanz. Royalisten. Hierauf wurde er 1891 Marineoberst und 1892 vom Flecken Barnstablc als Tory ins Parlament gewählt. Beim Wiederbeginn des Kampfs gegen Frankreich blockirte er die feindliche Seemacht zu Fcrrol und empfing 1894 mit dem Range eines Contreadmirals der Weißen Flagge das Commando der Station in Ostindien, wo er die dän. Besitzungen eroberte. Im I. >819 zum Viceadmiral ernannt, schloß er mit seiner Flotte die Schelde, und 1814 wurde er unter dem Titel Lord Exmouth von Canontrige zum Pair ernannt. Als Commandeur der engl. Seemacht im Mittelländischen Meere wirkte er nach Napolcon's Rückkehr von Elba für Wiedereinsetzung der Bourbons in Neapel. Von den Barbareskenstaaten erlangte er 1816 ohne Waffengewalt dieFrcilassung der Christensklavcn, Frieden mitSardinien und Neapel, Anerkennung der Jonischen Inseln und das Versprechen, sich des Korsarcnhandwerks zu enthalten. Als Algier nicht Wort hielt, kehrte er in Verbindung mit einer niederländ. Flotte unter dem Vice- admiral van Capellen nach Algier zurück, ging auf der Höhe des Molo in Angesicht der stärksten Landbattcrien vor Anker und zwang, da Güte nicht fruchtete, durch das Bombardement vom 27. Aug. 1816 den Dei zu Erneuerung des Vertrags, wofür er von seinem Könige mit der Würde eines Visco-unt, von verschiedenen Continentalmächten mit Orden, von England durch das Parlament mit der engl. Bürgerkrone belohnt wurde. Die >817 ihm verliehene einträgliche Stelle des Hafcncommandanten von Plymouth legte er nach drei Jahren nieder und lebte dann im Schoost seiner Familie auf seinem Landsitze Teignmouth bis zu seinem Tode, am 23. Jan. 1833. Exorcismus (griech.), d. i. Beschwörung unter Anrufung der Götter, heißt bei den Kirchenvätern das Beschwören böser Geister bei dem Namen Gottes oder Christi, aus einem Menschen, den sie besessen hatten, auszusahren. Die Beschwörer hießen Exorcisten. Nach d/m zu Jesu Zeit im Morgenlande weit verbreiteten Dualismus hielt man nämlich alle Übel und auch Krankheiten für Wirkung böser Geister, und die Juden glaubten, daß Stummheit, Epilepsie, Mondsucht, Krämpfe, Wahnsinn, kurz alle Krankheiten, bei denen der Mensch seiner selbst nicht mächtig war, davon herrührten, daß der Kranke von einem bösen Geiste besessen sei. Durch besondere Formeln oder Zaubersprüche glaubte man indeß die bösen Geister zwingen zu können, den Kranken zu verlassen. Dies war gemeine Meinung bei den Juden zu Jesu Zeit, die besonders Zauberformeln, die von Salomo erfunden sein sollten, ge- Exoterisch Explosion 155 brauchten. Die ersten Christen beschworen die bösen Geister bei dem Namen Zesu Christi, der den Teufel besiegt habe, aus den Kranken außzufahren. Da man aber zugleich die Meinung hatte, daß alle Götzendiener dem Reiche des Teufels, der sich unter der Hülle der Götzenbilder verehren lasse, angehörten, so cxorcisirtc man auch die Heiden, wenn sie die christliche Taufe empfingen. Nachdem aber im 5. Jahrh. Augustin's Theorie von der Erbsünde Beifall gefunden hatte und man alle Neugeborene als dem Teufel angehörig ansah, so wurde der Exorcismus auch bei der Taufe christlicher Kinder allgemein. Wie die röm. Kirche, so behielt auch Luther den Exorcismus bei, die Reformirten aber schafften ihn ab. Obschon nun frühzeitig berühmte und rechtgläubige protestantische Theologen, wie Chemnitz und Gerhard, ihn verwarfen, oder wie Hollaz und Quenstedt für entbehrlich hielten, und derselbe in neuerer Zeit in der protestantischen Kirche abgeschafft wurde, so gebrauchen ihn doch gegenwärtig die Altlutherancr wieder aufs neue mit Eifer, indem sie ihn als ein besonderes Wahrzeichen des Luthcrthnms ansehen. Exoterisch, das Gegenthcil von Esoterisch (s. d.). Exotische Gewächse nennt man solche, welche andern Erdthcilcn und einem von dem unsrigen ganz verschiedenen Boden und Klima angehören und daher meist nur in Gewächshäusern gedeihen. Einige derselben kommen bei uns selten oder nie zur Blüte, andere blühen, geben aber selten reife Früchte und Samen. Vgl. Reichcnbach, „lconoxrspbia bo- tanica exotica" (3 Centurien, Lpz. 182-1— 3 », -1.). Expanskbel nennen manche Physiker die elastisch-flüssigen oder ausdehnsamen Körper, also die Luftarten oder Gase und die Dämpfe, und Expansib ilität, d. i. Ausdehn- samkeit, bezeichnet demnach den Zustand ihrer Ausdehnung oder diejenige Eigenschaft, auf welcher ihre Aggregatform beruht. Expansion, d. i. Ausdehnung, bezeichnet theils den Zustand der elastischen Flüssigkeiten und ist dann gleichbedeutend mit Expansibilität oder Elasticität, insofern der letztere Ausdruck von luftförmigen Körpern gebraucht wird; theils das Bestreben solcher Flüssigkeiten, sich in einen größer» Raum auszudchncn, das als eine ihnen eigenthümliche Kraft betrachtet, auch mit dem Ausdruck Expansiv kraft bezeichnet wird. Expensen, s. Kosten. Experimentalphysik, s- Physik. Exploration, überhaupt Ausforschung, bedeutet in medicinischem Sinne die genaue Erforschung alles Dessen, was dem Arzte zur gründlichen Beurtheilung eines vorliegenden Krankheitsfalls zu wissen nöthig ist. Sie ist dasjenige Geschäft, welches dem Arzte zuerst obliegt, wenn ein Kranker sich ihm anvcrtraut und in vielen Fällen leicht und nach kurzer Zeit vollkommen beendigt, in andern nicht seltenen mit unendlichen Schwierigkeiten verbunden, die in der Natur des Übels, im Zustande, Temperamente, Charakter u. s. w. des Kranken und in dessen äußern Verhältnissen liegen können, und in längerer Zeit erst zu bewerkstelligen. Insoweit die Exploration mündlich ist, nennt man sie Krankenexamen; -im Übrigen geschieht sie durch unmittelbare Anwendung des Gefühls, Gesichts, Gehörs, Geruchs und selbst des Geschmacks oder solcher Instrumente, die das Gefühl, Gesicht und Gehör unterstützen, z.B. der Sonde, der Spiegel, des Stethoskops u.s.w. Die Exploration ist beendigt, wenn ihre Ergebnisse den Arzt berechtigen, einen sichern Schluß auf sie zu gründen. In den meisten Fällen muß sie wiederholt werden, um die etwaigen Veränderungen, die der Verlauf der Krankheit oder die Wirkung der Heilmittel bedingen, zu beobachten. Explosion ist eine durch einen erhöhten Tcmperaturgrad herbeigeführte, gewaltsame und plötzliche Expansion elastischer Flüssigkeiten, letztere mögen entweder bereits vorhanden sein, wie dies bei überhitzten Wasscrdämpfen oder Leuchtgasanhäufungen, oder erst durch die Temperaturerhöhung erzeugt werden, wie dies bei Explosionen von Schießpulver oder Knallsilber, bei den Verbindungen des Stickstoffs mit den Alkalien und Metalloxyden u. s. w. der Fall ist. Die Explosionen werden um so heftiger, je vollkommener und schneller die Entzündung stattfindet und je größer die plötzlich entwickelte Menge des erzeugten Gases ist, und ihre Wirkungen um so kräftiger, je bedeutender bis zu einem gewissen Punkte hin der Widerstand ist, welcher sich ihrer Ausdehnung in den Weg stellt. Hat unmittelbar nach der Entzündung die atmosphärische Luft Zutritt zu dem vorher geschlossenen Explosionsraume, so 156 Exponent Expropriation entsteht ein Knall, außerdem und im offenen Räume nur eine Verpuffung, welche aber noch drastisch genug wirkt, da die Luft der Ausdehnung des Gases einen nicht unbedeutenden Widerstand entgegensetzt. Beispiele davon sind die Brückensprengungen und die Unglücksfälle bei Entzündung von Pulverwagen, z.B. in Pcrpignan, wo die Festungswerke zerstört wurden, in Wien, Leyden, Neifse, Thorn, Spandau, Eisenach, Dresden und Danzig. Exponent heißt in der Mathematik eine Zahl oder Größe, welche anzeigt, wie viel mal eine andere, neben der sie zur rechten Seite und etwas erhöht steht, als Factor gesetzt oder mit der Einheit multiplicirt werden soll. So ist 3* so viel als 3 X 3 oder Ix 3 X 3 oder 9; 3' — 3 xlX 1 oder 63; a' ist einerlei mit saus. Der Exponent I kann jeder Größe beigesctzt oder da, wo er bei einer Größe steht, weggelassen werden, ohne ihren Werth zu verändern, z. B. a'-----». Der Exponent kann auch eine negative oder gebrochene Zahl sein, in welchen Fällen die obige Erklärung nicht hinreicht. (S. Potenz.) Bei einem geometrischen Verhältnisse nennt man häufig den Quotienten beider Glieder desselben (meist des zweiten durch das erste) den Exponenten; demnach hat das Verhältniß 3:12 den Exponenten 3. Ebenso ist der Exponent einer geometrischen Progression oder Reihe der Quotient eines Gliedes durch das vorhergehende, z.B.bei der Progression I, 3, 9, 27, 81 ist 3 der Exponent. Eine Exponentialgröße ist eine Potenz, deren Exponent eine veränderliche Größe ist, z.B. a*. Der Exponent kann in diesem Falle selbst wieder eine Exponentialgröße sein. Eine Gleichung, worin Exponentialgrößen Vorkommen, heißt eine Exponentialgleichung, eine krumme Linie aber, die eine solche Gleichung hat, eine Exponcntialcurve. Eine solche ist z. B. die logarithmische oder logistische Linie. Die Entwickelung der Exponentialgrößen heißt Exponentialrechnung. Crpromission, s. Bürgschaft. Expropriation bedeutet in dem gegenwärtig gewöhnlichsten Sinne die auf gesetzlichen Zwang begründete, mit Entschädigung verbundene Abtretung einer im Eigenthum befindlichen Sache oder Befugniß. Das Eigenthum soll dadurch nicht in seinem Umfange geschmälert, cs soll keine Besteuerung dadurch ansgeübt werden, aber es wird ein Tausch erzwungen und insofern die Unantastbarkeit des strengen Eigenthumsrechts verletzt. Da nun die letztere eine der wichtigsten Erundsäulen der gegenwärtig socialen Ordnungen ist und cs sehr gefährlich wäre, wenn Modificationen desselben aus (oft trügerischen) Gründen des öffentlichen Wohls zur leichtsinnigen Gewohnheit würden, so muß auch jenes Recht mit hoher Vorsicht geübt, unter sorgfältige Garantien gestellt und nur da »erstattet werden, wo eine wahre Nothwendigkeit zur Ausführung einer für die Zwecke der Gesellschaft äußerst wichtigen Unternehmung cs klar crfodert, wo der vernünftige und redliche Bürger schon freiwillig dem Bedürfniß entgegenkommen sollte. Vorgekommen ist cs seit alter Zeit zu den Zwecken des Militairs, beim Bergbau, bei Fcuersgesahr, Brandstätten, dem Einsturz drohenden Häusern, Geradelegung von Flüssen, Dammbau, Anlegung von Kirchhöfen, Errichtung von Telegraphen, Häfen, Wasserreservoirs, bei Austrocknung von Sümpfen, bei Theuerung, beim Straßen-, Kanal- und Ufcrbau. Eine Expropriation von Befugnissen enthalten z. B. die auf einseitiges Zwangsrccht begründeten Ablösungs -, Eemeinheitsthci- lungs-, Arrondirungsgesetze u. dgl. Doch wendete man es früher in der Regel nur im Falle der unbedingten Nothwendigkeit des Zwecks, nicht aber des bloßen Nutzens halber, mit Strenge an, durch welche Maxime die Geradelcgung der Straßen und Flüsse lange Zeit gehindert worden ist. Anders wurde die Sache, als die Idee der Eisenbahnen aufkam, bei denen der als zweckmäßig anerkannte Bahnzug nicht wohl äußern Rücksichten geopfert werden kann, während die Eisenbahnen doch nur einen Nützlichkcits-, keinen Nothwendigkcits- zweck befriedigen. Überdies wurden dieselben meist von Privatpersonen errichtet. Es fragte sich nun, ob diesen das Expropriationsrecht, ohne welches ihr Unternehmen in den meisten Fällen gar nicht ausführbar war, weil es durch den Eigensinn eines Einzelnen unmöglich gemacht, durch die Habsucht Vieler übertheuert werden konnte, zuzugestehen sei. Man war darüber einverstanden, daß diese Ausnahme von dem Gesetze nur mittels ausdrücklicher Einräumungen von Seiten des Staats bewilligt werden könne. Dadurch erhielt zugleich der Staat eine schickliche Gelegenheit, die Zweckmäßigkeit der Unternehmungen selbst zu prüfen, und hat namentlich Solchen, die ohne entsprechenden Vortheil des Ganzen eine Störung Expulsion Extensiv« 157 der Eigenthumsverhältnisse bewirken würden, die rrxpropriationsrechte niemals zu ertheilen. Dem Stabilitätssysteme würde es angehören, das Expropriationsrecht zu Gunsten der Eisenbahnen gar nicht zuzugcstehen. In England hat man sich frühzeitig von dieser Beschränktheit losgemacht, nimmt aber die sorgfältigste Prüfung aller cinschlagenden Verhältnisse vor, sticht den Eingriff in die Rechte der Grundbesitzer auf jede Art zu mildern, »erstattet ihn nur bei der gewissesten Überzeugung des überwiegenden Vortheils, macht die Unternehmung nur nach der genauesten Verfassung möglich, gibt ihr ihre Verfassung und läßt sie dann in Freiheit walten. Zn Frankreich ist die Rücksicht auf die Grundeigenthümcr weniger ängstlich, dagegen die Bevormundung der Unternehmer ungleich strenger, wenn auch erfolgloser. In Deutschland, wo in den neuesten Jahren viele Expropriationsgesetze erlassen worden sind, hat man ein eklektisches Verfahren befolgt, das meist nur specielle, großartige, den Negierungen selbst am Herzen liegende Unternehmungen ins Auge fassen. Vgl. „Neuester Expro- priations-Codex" (Nürnb. 1837 ). Es kommt natürlich dabei nicht blos auf die allgemeine Ertheilung des Expropriationsrechts für gewisse Zwecke, sondern wesentlich daraus an: wer im einzelnen Falle der bestimmten Unternehmung dieses Recht zuzusprechen hat; wer die Frage zu entscheiden hat, ob die Anwendung desselben auf ein bestimmtes Object nöthig sei, oder ob nicht der Zweck sich auf andern: Wege gleich gut erreichen lasse; wer den Werth des abzutretenden Eigenthums zu schätzen und die Entschädigung zu bestimmen hat; nach welchen Grundsätzen letzteres zu bemessen ist, wie man auch hier überall nach dem mildesten Ausweg zu suchen, auch wol für die Eigenthümer die Harte des Zwangs durch anderweite Begünstigungen auszugleichen hat. Vgl. Heinrich, „Über Bodenveranschlagung zum Behuf der zwangsweisen Terrainserwerbung für Eisenbahnen" (Brest. 18 -t-l). Außerdem hat man auch Solche zu bedenken, die, wie Gläubiger, Richter, Berechtigte, Grundherren u. s. w., indirekt bei dem betreffenden Eigenthumsobjecte betheiligt sind. Expulsion, s. Abmcierungsrecht. Exstirpation, d. i. Ausrottung, nennt man jede chirurgische Operation, bei welcher ein Theil des Körpers aus seinem organischen Zusammenhänge getrennt wird. Die Exstirpation erfodcrt nicht ausschließlich den Gebrauch des Messers, auch durch Unterbindung, Zangen, Ätzmittel kann sie bewerkstelligt werden. Gewöhnlich ist eine Krankheit eines Theils, die dem ganzen Organismus Gefahr droht und auf andere Ärt sich nicht beseitigen läßt, wie z. B. ein Krebsschaden an der weiblichen Brust, oder die widernatürliche Erzeugung eines fremdartigen Gebildes, z. B. einer Balggcschwulst, eines Polypen, die Ürsache, welche diese Operation nöthig macht. Extcmporirte Komödie, im Italienischen Ovmmecki» ckell' arte, im Gegensatz zur Oommsclia ermiita genannt, hieß in Deutschland diejenige Gattung von Schauspielen, die von den Schauspielern, denen nur das Thema und Sujet gegeben waren, erst während der Darstellung dialogisch ausgeführt wurden. Obgleich die extcmporirte Komödie mehr für die Lebendigkeit südlicher Völker berechnet erscheint, so bestand doch auch in Deutschland lange Zeit der Haupttheil des Repertoires aus cxtemporirten Stücken. Allein sehr leicht neigte dieselbe zur Gemeinheit und Plattheit hin, und dieser Umstand, wie die Zunahme der dramatischen Literatur überhaupt mögen wol veranlaßt haben, daß die extcmporirte Komödie, welche besonders im l ä.Jahrh. blühte, und der Haupttummelplatz des Hanswurst war, aber schon von der Neuberin und Gottsched untergraben wurde, zwischen 1760—70 gänzlich verschwand und in Wien 1760 ausdrücklich verboten wurde. Nationaler und dabei systematischer hatte sich die extemporirtc Komödie bei den Italienern entwickelt ; aus ihr stammen vorzugsweise die Lazzi ab, und da jeder Schauspieler ein bestimmtes Fach hatte und die Rollen sich auf den Arlecchino, Pantalon, Lelio, Floria, den Doctor und Capitain beschränkten, so war das Ensemble stets tüchtig eingeübt. Beiweitem der Mehrzahl nach waren die ex- temporirten Stücke komischen Charakters. Gegenwärtig ist selbst das Extempo riren einzelner witziger Einfälle für den Schauspieler gefährlich, da es häufig empfindliche Strafen und Rügen nach sich zieht, und durch gesetzliche Bestimmungen in den meisten Staaten äuf ein sehr geringes Feld beschränkt. Extension nennt man die natürliche Ausdehnung, die Erweiterung oder den Um- 8 158 Ertersteine Eyck fang, z. D. eines Begriffs; das Extensive wird dem Intensiven entgegengesetzt, und eine extensive Größe ist eine solche, die in räumlicher Ausdehnung besteht. Ertersteine, eigentlich Egg estersteine, nennt man die aus Sandstein bestehende Fclsenreihe in dem Gebirgszuge Egge bei Horn im Fürstenthume Lippe-Detmold. Die Felsen sind meist vertical gespalten und enthalten zum Thcil natürliche Kammern. Auf mehren der Felsenspitzen, unter denen die höchste 125 F. ist, wiegen sich große Steine, die, vom Winde bewegr, sich zum Fallen neigen, aber doch nicht Herabstürzen. In der ganzen Reihe finden sich Bogengewölbe mit Bildhauerarbeiten, Zimmer, Treppen und Ställe ausgehauen. Ein großes Relief stellt die Kreuzabnahme dar und läßt trotz der Roheit der Ausführung eine würdige, einfach edle Composition erkennen, die höchst wahrscheinlich dem I 0. Jahrh. angehört, einer Zeit, in welcher deutsche Steinsculpturen sonst kaum Vorkommen Beschreibungen der Extersteine lieferten Menke (Münst. l 82-1), Dorow in den „Denkmalen german. und röm. Zeit in den rhein.-westfäl. Provinzen" (Stuttg. 1824) und Clostermeicr (Lemgo 1824). Extrakt nennt man ein Arzneipräparat, welches durch das Ausziehen der wirksamsten Stoffe aus Pflanzen mittels Wassers, Weins oder Weingeistes gewonnen wird, Da die auszuziehenden Stoffe meist flüchtiger Natur sind, so ist das Kochen derselben mit einer der genannten Flüssigkeiten die unzweckmäßigste Art, ein Extract zu bereiten; besser sind die verschiedenen Bereitungsarten durch Digestion, Maceration, Dampf und Druck. Die Konsistenz der Extracte ist verschieden; sie geht von der des frischen Honigs bis zur Trockenheit. Ein gutbereitetes Extract muß im Wasser eine klare Auflösung geben. Auch einige Metallpräparate führen diesen Namen, z.B. das Bleiextract und das Eisenextract; sie sind jedoch nur bis zur Extractsconsistenz abgedampfte Auflösungen von Metallsalzen. Extravaganten heißen die dem 6nrp»s jnris canonici beigcgebenen, jedoch nicht zu dem ofsiciellen Theile desselben, dem (üvrpns juris canonici clansnm, gehörigen Sammlungen von Dermalen Johann's XX ll. und späterer Päpste, welche von I. Chappuis in zwei Sammlungen die klxtravagsntes äoannis XXll., 20 an der Zahl, und die Lxtravaxantes coininunes, 75 an der Zahl, abgetheilt und seit dem J. 1500 den Ausgaben des tlorpns jnris canonici beigefügt wurden. Extremitäten des Körpers nennt man die Hände und Füße, und zwar crstcre die ober», letztere die untern. Außerdem spricht man noch von Extremitäten der Knochen und anderer Körpertheile, worunter man die Enden derselben versteht. Eyck (Joh. van), nach seinem Geburtsorte Maaseyck im Bisthume Lüttich, auch Jan van Brügge nach seinem Wohnorte Brügge genannt, war der Sohn eines Malers und wurde nach der gewöhnlichen, zuerst von Sandrart ausgestellten Meinung um >370 geboren. Ein älterer Bruder, H u bert v a n E., geb. um 1366, der gleichfalls ein berühm-. ter Maler war, unterrichtete ihn in den Anfangsgründen der Kunst. Beide Brüder wählten Brügge zu ihrem Wohnorte, wo damals, des blühenden Handels wegen, ein Zusammenfluß vieler Großen und Reichen war. Gegen 1420, oder bald nachher, zogen sie aber auf ziemlich lange Zeit nach Gent, um daselbst gemeinschaftlich einen Altar mit Flügel- thüren von sehr großem Umfange auszuführen, welchen ihnen Jodocus Vyts, ein reicher Bürger daselbst, übertragen hatte. Es war die berühmte Anbetung des Lammes, ein Gemälde, welches in seinen verschiedenen Theilen über 300 Figuren enthält und ein Meisterstück ersten Rangs ist. Mehre der Flügelthüren befinden sich gegenwärtig im königlichen Museum zu Berlin, wo sie mit einem Theile der auf Befehl Philipp's I I. von Spanien von Mich. Coxis gefertigten Copien zusammengestellt sind; die übrigen noch in der Kathedrale St.-Bavon zu Gent. Zwei Flügel der Copien des Coxis sind in der münchener Pinakothek und eine vollständige Cvpie des Ganzen von anderer unbekannter Hand befindet sich in Lon- don. Wenn man neuerdings Joh. van E. 20 — 25 Jahre später, als Sandrart annimmt, geboren werden läßt, so hat dies seinen Grund darin, daß die Bildnisse der Brüder van E-, die unter ihrem Gemälde der gerechten Richter angebracht und wie das ganze Gemälde zwischen 1420 — 32 ausgeführt sind, den ältesten bereits als einen Mann von sehr vorge- rückten Jahren, einen Sechziger ungefähr, den andern aber als einen Dreißiger zeigen. Hubert starb 1426, vor der Beendigung dieses Gemäldes, gleich ihrer Schwester Margare- 159 Eyck tha vanE., die ebenfalls Malerin war. Johann brachte das Werk 1432 zu Ende und kehrte hierauf mit seiner Frau nach Brügge zurück, wo er an dem glänzenden Hofe Philipp des Guten bis an seinen Tod, der wahrscheinlich 1445 erfolgte, reich lohnende Beschäftigung fand und noch viele herrliche Werke ausführte. Was seinen Ruf schon bei seinen Lebzeiten außerordentlich erhöhte, war die durch ihn bewirkte Einführung der Ölmalerei (s. d.), deren Erfindung ihm sogar von Mehren nach seinem Tode, wiewol fälschlich, zugeschrieben wurde. Als das Wichtigste aber, was die Brüder van E. geleistet, erscheint die mit jenem technischen Fortschritt ohne Zweifel in Verbindung stehende neue Richtung, die sie ihrer Schule (der sogenannten altflandrischen) und mittelbar der ganzen nordischen Malerei gaben. Ihre Vorgänger hatten sich fast ausschlicßend in kirchlichen Darstellungen bewegt und an denselben nur das speciell zur Andacht Dienende zur Erscheinung gebracht; daher der den Himmel verstellende Goldgrund, die Ruhe und der einfach milde, imposante Faltenwurf sowie die Sanftheit und Gottseligkeit der Gesichtszüge; daher aber auch der Mangel an Durchbildung in Gestalt und Gewändern und bei weniger befähigten Malern das gedankenlos starre Versinken in einen durch die Tradition gesicherten Typus. Trotzdem kann man diese Stufe der Malerei als einen naiven Idealismus bezeichnen, der auch bei sehr beschränkten Kunstmitteln gar wohl gedeihen konnte; denn je weniger sich der Maler um Composition, Beleuchtung und Bewegung abzumühen hatte, um so eher konnte er Alles, was von Poesie in ihm wohnte, in dem einen Brennpunkte seiner Darstellung, dem menschlichen Antlitz, sammeln. Seit Anfang des 15. Jahrh. tritt auch in der Malerei ein Umschwung ein, der im Volksleben und in der Literatur sich schon früher Bahn gemacht hatte. Dieselbe Periode des zersetzenden klaren Verstandes nämlich, welche als Vorbotin der Reformation an der Stelle der Heldensagen die Thierfabel, den Schwank und Volksbücher, wie Tyll Eulenspiegel, in Aufnahme brachte, drang nun in die bildende Kunst als Realismus ein. Anklänge hiervon finden sich schon bei Meister Stephan von Köln; die eigentlichen Träger des Umschwungs aber sind die Brüder van E., welche mit einem Male eine neue Auffassung, Darstellungsweise und Technik schafften und rasch in den weitesten Kreisen zur Geltung brachten. Statt der Ideale stellten sie Individuen und Charaktere dar, großentheils Por- traits; statt des überirdischen Glanzes ein naturgetreues Costum, zum Theil vom Hofe Philipp des Guten, und häusliche und landschaftliche Umgebung. Statt des Goldgrundes, den nur Hubert van E. für die drei ober» Figuren der Anbetung des Lammes beibehielt, sehen wir perspektivisch richtig vertäfelte Zimmer mit Kaminen, Städte mit Thürmen, Kirchen und lebhaften steilen Gassen, saftige, blumenreiche Wiesen, Bäume mit sehr entwickeltem Baumschlag, ferne blaue Berge und einen Himmel mit zarten weißen Wölkchen. In den Figuren selbst finden sich Anfänge anatomischer Studien, wenigstens in Händen, Füßen und Antlitz, denn eine weitere Entwickelung des Nackten gestattete ein übertriebenes Schamgefühl nicht, weshalb es auch den Figuren und Gruppen meist an Haltung fehlt. Auch läuft manches Herbe und Kalte in den Gesichtszügen mit unter, was durch die glänzende, miniaturmäßige Behandlung um so sichtbarer hervortritt. Höchst vortrefflich ist die Bezeichnung des Stoffs, seien es gestickte Gewänder und goldene Rüstungen oder hölzerne Geräthschaf- ten und Nebensachen, was nur durch das technisch und künstlerisch vollkommene, selbst muth- williger Zerstörung trotzende Colorit möglich war. Auch die besten Venetianer haben selten eine so leuchtende, durchsichtige Färbung. Merkwürdigerweise thut sich gleichzeitig in der florentinischen Schule mit Masaccio (s. d.) ebenfalls eine gewisse Hinneigung zum Realismus kund, während auch die Linearperspective durch die Bestrebungen der Paolo Uccello vollkommener durchgebildet wurde. Die Brüder van E. hatten einer Grundrichtung der Zeit den ersten Ausdruck verschafft und so fielen ihnen bald alle gcrman. Schulen zu, zunächst die kölner, bald auch die oberdeutsche. Als ihre unmittelbaren Schüler werden genannt Gerald van der Meir oder Meeren, Justus von Gent, der in Italien arbeitete, Rogier van Brügge und Antonello von Messina, der die bei den van E. erlernte Ölmalerei nach Venedig gebracht haben soll. Zunächst diesen folgte Joh. Memling (s. d.), vielleicht der tiefste Geist der Schule. In weiterm Sinne können auch Dürer und Holbein ebenso wie Kranach und Lukas van Leyden, als abhängig von dem großen Impulse dieser sogenannten altflandrischen Schule betrachtet werden. Denn das war das Fatum der deutschen Malerei, 160 -r. ^ ltz fÄ Eylau daß sie sich aus eigenen Kräften nicht mehr über diesen Realismus der Darstellung zu erheben vermochte und daher selbst in ihrem größten Repräsentanten, Albrecht Dürer, einer düster», bodenlosen Phantasie verfallen erscheint. Die Glasmalerei soll Joh. van E. die Erfindung verdanken, auf ganzen Scheiben mit Verschmelzung der Farben und sehr zarten Übergängen des Colorits dergestalt malen zu können, daß keine Verwischung möglich ist, was bis dahin nur durch Zusammenfügung (Mosaik) einzelner bunter Glasstückc zu erreichen war. Jedenfalls ist dies indeß nur in sehr eingeschränktem Sinne zu verstehen, daselbst die trefflichsten Glasgemälde vom Ende des 15. und Anfang des >6. Jahrh. keine eigentlichen Farbenübergänge finden, wo solche nicht durch Ausschleifung zu bewirken waren. Die Hauptbilder der Brüder van E. und ihrer Schule finden sich im Dom zu Gent, in der Museen zu Brügge, Antwerpen, Berlin, München und Paris. Vgl. Waagen, „Hub. und Joh. van E." (Bresl. 1822), Schnaase, „Niederländische Briefe", Passavant, „Kunstreist durch England und Belgien", Keverberg, „ Usulr», princesse lrrit-m., cl'spres In legende et les peintures d'HemIing" (Gent 1818) und Kugler, „Geschichte der Malerei". Eylau, gewöhnlich Preußisch-Eylau genannt, eine Stadt von 2IU0 E- im Regierungsbezirke Königsberg, wurde insbesondere durch die Schlacht am 8. Febr. 1807 denkwürdig. Benningsen hatte über Landsberg, in dessen Nähe bei Hof am 6. seine Arrieregarde ein rühmliches Gefecht bestanden, E. erreicht und ordnete hier am 7. sein Heer auf den wellenförmigen Höhen, nördlich des Städtchens, zur Schlacht. Am Nachmittage des 7. drängte Napoleon die russ. Arrieregarde nach der Stadt, doch behaupteten die Russen sich in deren Besitze, trotzdem daß die Franzosen in dieselbe eindrangen und die hochgelegene Kirche mit dem Kirchhofe genommen hatten. Um 6 Uhr Abends räumte Benningsen E.; er hatte seinen Zweck erreicht, er wollte nur verhindern, daß Napoleon nicht an demselben Tage noch gegen seine Stellung vorschreiten konnte. Davoust hatte zu gleicher Zeit in seiner flankirenden Bewegung über Heilsberg mit seiner Avantgarde die große Straße, die von Bartenstein über E- nach Königsberg führt, bei Bcisleiden, eine Meile von E., erreicht, während Ney in gleicher Entfernung bei Orschen und Lcstocq bei Husschnen, zwei Msilen von E., standen. Benningsen wollte bis Allenburg zurückgehen, wo er seine Verstärkungen erwartete, Lcstocq sollte Königsberg vertheidigen; dazu war er aber zu schwach. Benningsen konnte indeß auch Königsberg ohne Schlacht nicht preisgeben und so blieb ihm für die taktische Entscheidung E- der äußerste Punkt. Napoleon fürchtete, die Russen würden hier wieder der Schlacht ausweichen, desto erfreulicher war es ihm, sie, als am 8. Febr. der Tag graute, noch vor sich zu finden, und schnell traf er nun seine Anordnungen. Soult bildete den linken Flügel, E., welches er besetzte, hinter sich; rechts neben E. stand Augereau, neben diesem die Division Saint-Hilaire, hinter beiden 75Escadrons Reservecavalerie unter dem Großherzog von Berg (Prinz Murat); hinter der Kirchhofshöhe hielten die Garden, 8 Bataillone und 16 Escadrons unter Bessieres. Das franz. Heer mit Davoust und Ney zählte 80000 M.; Bernadotte war einige Tagemärsche zurück. Den Franzosen gegenüber lehnten die Russen unter General Tutschkow ihren rechten Flügel an Schmoditten, ihre Mitte unter General Sacken durchschnitt die Straße, die von E- nach Domnau führt; ihr linker Flügel unter General Ostermann-Tolstoy reichte bis an die Kreegeberge, an deren Fuß Serpallen liegt, welches am Abende des 7. von einem Theil der Arrieregarde zum Schuh des linken Flügels beseht war, zahlreiche Reserven unter dem General Doctorow und Fürst Gallizin standen hinter der Mitte. Sie zählten 58000 M., waren aber an Artillerie den Franzosen überlegen; sie hatten die Verbindung über Domnau nach Allcnburg in ihrer linken Flanke, die über Schmoditten nach Königsberg dagegen hinter dem rechten Flügel. Die gegenseitigen Artillerien waren in große Batterien zusammengezogcn vor der Front vertheilt. Napoleon's Disposition war folgende: Davoust sollte den Rücken und die linke Flanke der Russen und Saint-Hilaire ihren linken Flügel angreifen; waren diese Angriffe von Erfolg, so sollten Augereau und die Reserveavalerie durch ein Vorgehen gegen die Mitte die erster» unterstützen E- als Pivot behaltend, und Alles gegen den rechten Flügel werfen, wo Napoleon auf ein Einschreiten Ney's rechnete; die Schlacht sollte also eine Vernichtungsschlacht werdcrl, doch die späte Ankunft Davoust's und das Ausbleiben Ney's machten theilweise den Plan scheitern. Am grauenden Morgen eröffnete Benningsen die Schlacht durch das Feuer seiner 161 Eylau Batterien vor dem rechten Flügel, welches die Franzosen beantworteten und das bald allgemein wurde; dann schritt Wermingsen, der im Corps Soult gegenüber Bewegungen bemerkte, die ihn einen Angriff erwarten ließen, mit einem Theil des rechten Flügels zu einem Gegenangriffe. Die Franzosen, erst heftig beschossen, wurden gegen E. geworfen; Napoleon, für dieses sein Pivot besorgt, befahl zur Degagirung des eigenen linken Flügels Saint-Hilaire den Angriff, ihn sollte Augercau unterstützen; auch erwartete er Davoust. Als die Truppen sich in Bewegung setzten, trat ein heftiges Schneegestöber ein, welches alle Umsicht benahm und die in geschlossenen Colonnen Vorrückenden in eine falsche Richtung brachte, denn sie befanden sich beim Aufhören des Unwetters vor der Mitte der Russen da, wo sich diese an den rechten Flügel anschloß. Sie hatten ungeheuer durch die rufs. Batterien gelitten, Au- gereau wurde mit dem Bayonnet angegriffen, nach einem blutigen Kampf geworfen und von der Reservecavalerie unter Gallizin verfolgt; Saint-Hilaire gelang es, sich rechts zu ziehen, doch unter bedeutendem Verluste. Der Großherzog von Berg mußte nun mit der Reservecavalerie Vorgehen und den verfolgenden Feind zurückwcrfen. Sie drang vor und beide Cavalerien lieferten sich hier ein merkwürdiges Gefecht, indem bald der eine, bald der andere Theil seinen Gegner warf, je nachdem die Unterstützung bald von dieser bald von der entgegengesetzten Seite kam. Sie erschöpften sich auch so, daß sie im weitern Verlauf der Schlacht wenig mehr leisten konnten, doch hatte Napoleon davon den Vortheil, daßBenning- sen abgehalten wurde, von der Niederlage Augereau's irgend einige Vortheile zu ziehen. Es war zehn Uhr vorbei; eine mörderische Kanonade setzte die Schlacht bis zur Ankunft Da- voust's fort, der erst um Mittag in der linken rufs. Flanke erschien. Er nahm, von Saint- Hilaire unterstützt, Serpallen, eine andere Colonne Klein-Sausgarten, beide drangen dann unter muthigem Widerstande gegen die Kreegeberge vor, die erobert und mit 30 Geschützen gegen alle Angriffe gesichert wurden. Der rufs. linke Flügel war geworfen. Davoust, der sich immer mehr rechts ausdchnte, ihn zu umfassen, eroberte Auklappen, ein rechts daneben gelegenes Birkenwäldchen und das hinter diesem liegende Dorf Kutschitten, wodurch er nicht allein in Besitz der kürzesten Verbindung der Russen mit ihrer Heimat über Domnau und Allenburg kam, sondern auch durch einen kräftigen Angriff die Russen ganz gegen die Straße, die über Schmoditten nach Königsberg führt, werfen konnte, wodurch auch diese letzte Verbindung gefährdet wurde. Es war gegen 3 Uhr, da erschien Lcstocq und rettete die Russen vor einer der entscheidendsten Niederlagen. In den frühen Morgenstunden am 8. hatte Ney Lestocq, der von Hussehnen zur Vereinigung mit Benningsen aufbrach, so lebhaft angegriffen, daß nur ein Theil seines Corps, 5500 M., das Schlachtfeld, wohin es immer dringendere Befehle Benningsen's riefen, erreichen konnte; der Rest wurde nach Creuzburg abgedrängt. Auf dem Schlachtfelde angekommen, wurde Lcstocq sogleich nach dem hart bedrängten linken Flügel beordert; hier griff er zuerst Kutschitten an, welches zurückerobert wurde, sodaß die überflügelnden Feinde nun selbst überflügelt wurden; darauf wurde das Birkenwäldchen angegriffen, der linke russ. Flügel ging wieder vor und nahm Auklappen, doch gegen die Kreegeberge waren seine Angriffe vergebens, sie wurden behauptet. Das Birkenwäldchen vertheidigten die Franzosen aufs hartnäckigste, und als die Dunkelheit eingebrochen war und hier der Schlacht ein Ende machte, waren sie nur theilweise aus demselben vertrieben. Der linke franz. Flügel hatte während dieser Zeit die Kanonade mit den gegenüberliehcnden Russen fortgesetzt, auch griff Ney, der durch die nach Creuzburg ausweichenden Preußen getäuscht und ihnen gefolgt war und zu spät seine falsche Richtung erkannte, um '/,8 Uhr Schmoditten vergebens an. Ein sechstägiger Marsch und Kampf in der rauhesten Jahrszeit hatte das russ. Heer entsetzlich mitgenommen, und die Unordnung in demselben war in der Nacht zum 9. allgemein, der Hunger foderte sein Recht und ganze Scharen marodirten; dieser Zustand und der ungeheure Verlust verboten die Fortsetzung der Schlacht am folgenden Tage, wogegen Napoleon, denn das Corps Ney und die Garden waren noch intact, auf dem Schlachtfelde hielt, richtig urtheilend, daß sein Gegner abziehen werde, und so konnte er sich mit Recht den Sieger nennen, denn auf den Feldern von E. wurde nur der strategische Sieg, der die Russen von Allenstein nach E. zurückmanovrirte, durch die taktische Entscheidung parallelisirt; der Kampf mußte in den spätem Monaten noch einmal Conv. - Lex. Neunte Aufl. V. 11 162 Eylert Eynard ' ausgefochten werden. In der Nacht marschirte das russ. Heer über Schmoditten nach Kö- 4 nigsbcrg, welches cs am 9. erreichte; Lestocq ging über Domnau nach Allenburg, um die nächste Verbindung mit Rußland zu sichern. Der Verlust in der Schlacht war aus beiden ! Seiten ungemein groß; der russ. kann auf I8VVV Tobte und Verwundete berechnet, der 1 franz. ebenso groß angenommen werden. Am 16. Febr. verließ Napoleon E. und bezog hinter der Passarge Winterquartiere; die Russen aber folgten langsam nach. Eylert (Rulcmann Friedr.), erster evangelischer Bischof und königlicher Hofprediger zu Potsdam und Capitular zu Brandenburg, wurde am 5. Apr. 1779 zu Hamm in der Mark geboren, wo sein Vater Prediger bei der reformirten Gemeinde und Professor am r Gymnasium war, und erhielt auf letzterm seine Schulbildung. Nachdem er in Halle seine theologischen Studien beendet, wurde er dritter und bald darauf zweiter Prediger und Nachfolger seines Vaters zu Hamm. Von seiner Gemeinde geachtet und geliebt, lehnte er den Ruf als Consistorialrath nach Münster und später als Prediger nach Bremen ab, ging je- ! doch 1896, von dem nachherigen Minister Stein empfohlen, als Hof-, Garde- und Garni- ! sonprcdiger nach Potsdam. Sehr wohlthätig wirkte er in der damals drangvollen Zeit, unter Andcrm gründete er durch Herausgabe asketischer Schriften und durch gesammelte Beiträge auch eine Speiseanstalt. Als er nachher Hof- und Domprcdiger in Berlin werden sollte, bat die Stadt Potsdam, daß er ihr erhalten werde, was auch geschah. Zum Andenken der verewigten Königin Luise von Preußen gab er 1816 eine Schrift heraus, aus deren Ertrag er eine Stiftung zur jährlichen Ausstattung armer tugendhafter Brautpaare am Todestage der Königin machte, die jetzt noch besteht. Bei der Jubelfeier der Reformation 1817 crthcilte ihm die theologische Facultät zu Halle die theologische und die philosophische Facul- tät die philosophische Doktorwürde. Nach dem Tode des Bischofs Sack wurde er 1817 evangelischer Bischof, Mitglied des Staatsraths und auf den Antrag des Ministers von Altenstein Mitglied des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten. Unter j seinen asketischen Schriften nennen wir die „Betrachtung über die lehrreichen Wahrheiten des Christenthums bei der letzten Trennung von den Unsrigen" (-1. Aust., Magd. >834), „Homilien über die Parabeln Jesu" (Halle 1806; 2. Aust., 1819) und „Predigten über Bedürfnisse unsers Herzens und Verhältnisse unsers Lebens" (Halle 1813). Mit Haustein und Dräseke gab er „Neuestes Magazin von Fest-, Gelegenheits- und andern Predigten und kleinen Amtsreden" (4 Bde., Magdeb. 1816—20) heraus. Zur Feier des Jubelfestes der augsburgischen Confession erschien seine vielbesprochene Schrift „Über den Werth und die > Wirkung der für die evangelische Kirche in den königlich preuß. Staaten bestimmten Liturgie ! und Agende" (Potsd. 1830) und neuerdings veröffentlichte er „Charakterzüge und historische Fragmente aus dem Leben des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm's III." (Bd. 1 ^ und Bd. 2, Abth. I, Berl. 1842—44), die um so interessanter sind, je näher E. dem verewigten Könige stand, weshalb auch deren erster Band in einem Jahre rier Auflagen erlebte. Eynard, Banquier zu Genf, einer der edelsten, einsichtsvollsten und thätigsten Philhellenen, geb. 1775 zu Lyon, wo sein Vater ein Handelshaus besaß, stammt von einer franz. Familie ab, die während der Neligionsverfolgungen in Frankreich nach Genf auswanderte, , wo sie das Bürgerrecht erlangte. Bei der Belagerung Lyons im I. 1793 focht E- in den Reihen der Vertheidiger dieser Stadt und floh, als sie von der Armee des Convents genom- t men wurde, mit seiner Familie nach Genf. Einige Zeit darauf errichtete er ein Handels- ; Haus in Genua; als Freiwilliger nahm er unter Maffc'na Dienste, als dieser die Stadt zu vcrtheidigcn hatte. Im 1.1801 begab er sich nach Livorno, wo er für den damaligen König von Etrurien ein Darlehn übernahm, das ihm großen Gewinn brachte, und erst >810 kehrte er nach Genf zurück. Von Allen hochgeachtet wegen seiner geistigen Bildung und seineliebenswürdigen Umgangs, erschien er 1814 als Abgeordneter der Republik Genf auf dem Kongresse zu Wien. Im I. 1816 berief ihn der Großhcrzog von Toscana, um sich seines Raths in Hinsicht auf Einrichtung der Verwaltung zu bedienen. Auch ging er als dessen Abgeordneter >818 zum Kongreß nach Aachen und erhielt von demselben, nachdem er 1820 nach Toscana zurückkehrte, mehrfache Auszeichnungen. Später kehrte er nach Genf zurück, wo er sich seit 1824 eifrig der Sache der Griechen annahm. In ihrem Interesse begab e? sich 1825 nach Paris, wo er als Mitglied des Griechencomice eine erfolgreiche Thätigkeit 163 Ezechiel entwickelte. In Anerkennung seines Verdienstes wurde er von der gricch. Nationalversammlung zu Argos naturalisirt und zum Bürger von Athen ernannt. Zn Angelegenheiten der Griechen ging er 1827 auch nach London, wo er indeß nicht die Theilnahme fand, auf die er gehofft hatte. Vom Könige Ludwig von Baiern, der ihn 1825 in Italien kennen gelernt hatte, erhielt er nach dessen Thronbesteigung im I. 1828 für seine Ausdauer in den Bemühungen um die Sache der Griechen mehrfache Beweise besonder» Wohlwollens. Zm Aufträge des Präsidenten und der griech. Negierung, mit unumschränkter Vollmacht versehen, war er 1829 wieder in Paris, um die stanz. Negierung zur Unterstützung der Griechen und zur Garantie für eine neue Anleihe derselben zu vermögen. Als das Ministerium ihm im Oct. 1829 Beides abschlug, entschloß er sich, die nöthige Summe von 700090 Francs aus eigenen Mitteln und ohne Garantie nach Griechenland zu senden, und wendete sich dann mit seiner Bitte, die gricch. Freiheitssache zu unterstützen, direct an Karl X. und den Dau-Hin, worauf man ihm, nach einigen Unterhandlungen des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten mit dem russ. Cabinete Hoffnung machte, daß seine Bemühungen nicht erfolglos seien. Einer neuen Anleihe wegen ging er im Juni 1830 wieder nach London und von da nach Paris, wo er seine Vollmacht der griech. Negierung an den Fürsten Soutzo abgab, da er sich den Winter über in Nom aufzuhalten beabsichtigte. Doch schickte er zuvor mehre Noten an die Gesandten der drei großen Mächte und bat die Conftrenz zu London, die Wahl eines Beherrschers von Griechenland und den Abschluß der versprochenen Anleihe zu beschleunigen. Auch in. Nom unterzog er sich mit demselben Eifer der Sache der Griechen. Mit dem griech. Präsidenten Kapodistrias stand er bis zu dessen Ermordung in engster Verbindung, was ihm Veranlassung gab, sich desselben in öffentlichen Blättern mit Wärme anzunehmen. Während des Aufstands in Kreta imJ. 1841, wendete er sich an die Mitglieder des vormaligen griech. Comite in Paris und foderte sie auf, in Gemäßheit eines Schreibens, das er von der kretischen Commission in Griechenland erhalten, die philanthropischen Comite's wieder zu beginnen und sie für die Rettung der Christen im Orient zu benutzen. Gleiche Auffoderungen ergingen an die andern vormaligen Eriechenvcreine in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Gegen dieses philhellenische Streben erklärte sich zwar das „äournal Oes öebats", doch bildete sich in Lyon wieder ein Hülfsverein, und den 14. Juli erließ E. im Dienste derselben Sache ein zweites Sendschreiben von Beaulieu bei Genf aus, worin er unter Anderm sagt: „Ich glaube, man erwiese dem osman. Reiche und den kretischen Christen einen Dienst, wenn man die Insel mit dem Königreich Griechenland verbände, und dieses dafür eine jährliche Subsidie an die Pforte zahlte." Die baldige Unterdrückung des Aufstands in Kreta vereitelte seine Bemühungen, welche darum nicht minder ehrenwerth sind. Von seinem bedeutenden Vermögen, einer Frucht seiner Einsicht und Thätigkeit, macht er fortwährend den edelsten Gebrauch. Namentlich ließ er in Genf, wo er sich gegenwärtig aufhält , mehre prachtvolle Gebäude aufführen, wodurch er den Sinn für schöne Baukunst nicht wenig förderte und den Künstlern Gelegenheit gab, ihre Talente zu zeigen. Von ihm sind die „I.ettres et Oocuments ulUcielo reist, sux llivers eveneinents 25!» in Gefangenschaft. Im Gefängnisse verschmähte er Arznei und Nahrung, wies alle geistliche Tröstungen der Mönche von sich zurück und riß endlich am elften Tage nach der Schlacht den Verband von seiner Wunde, den zögernden Tod zu beschleunigen. So starb E., nachdem er Jahre hindurch eine Barbarei ausgeübt hatte, die allen Glauben überstieg. Drei Päpste hatten ihren Bannfluch gegen ihn ausgesprochen, mehr als 50000 Menschen starben aufseinen Befehl durch Henkershand oder im Gefängnisse; nur allein aus Pa- dua ließ er einst I >000 Unschuldige in einem gräßlichen Kerker lebendig vermodern. Sein Körper, in einem marmornen Sarge eingeschlossen, wurde unter dem Geleite crcmoncsischcr und anderer Ritter zu Soncino in ungeweihter Erde feierlich beigesetzt. — Auch E.'s Bruder, Alberich, mußte ein Jahr später, am25.Aug. >260, durch Hunger und Durst gezwungen, sein Schloß ohne Bedingung übergeben und wurde, nachdem man ihn und seine Söhne und Töchter auf die empörendste Weise beschimpft und diese zuletzt vor seinen Augen unter gräßlichen Martern getödtet hatte, an den Schweif eines Pferdes gebunden und zu Tode geschleift. Mit ihm ging das Geschlecht der Romanos unter. F V, s. Ton und Tonarten. Fabel wird in der Poetik doppelt gebraucht. In epischen und dramatischen Gedichten versteht man darunter das Gewebe der Begebenheiten; dann bezeichnet man mit diesem Namen auch eine eigene Dichtungsart. Von der Fabel der epischen und dramatischen Gedichte spricht man im Gegensätze der Geschichte. Indem nämlich der Dichter nicht das Wirkliche sondern das Mögliche, das Geschehene nicht wie es war, sondern wie es wahrscheinlich ist, und nicht mit historischer Treue sondern mit poetischer Nothwendigkeit darstellen soll, läßt er seinem Zwecke gemäß weg, was nicht wesentlich zum Ganzen gehört; er ändert ab, damit sich Alles zum Zwecke füge, und setzt hinzu, wodurch dieser besser erreicht wird. Selbst der historisch gegebene Stoff wird dadurch Werk seiner Erfindung, indem er aus dem Alten etwas Neues schafft. In diesem Sinne wurde jedoch das Wort Fabel früher öfter angewendet als gegenwärtig, wo man lieber von Thema, Sujet, Gegenstand, Jntrigue u. s. w. spricht, obgleich darin die feine Nuance, die in dieser Anwendung in dem Worte Fabel liegt, nicht ausgedrückt ist. Die Fabel als besondere Dichtungsart, nach ihrem angeblichen Erfinder AsopischeFabel oder auch Apolog genannt, zählt man mit Recht zu den didaktischen oder den Lehrgedichten. Sie ist eine Art Allegorie, und man kann sie erklären als Darstellung einer praktischen Regel der Lebensweisheit unter einem aus der physischen Welt hergc- nommenen Sinnbilde. Sie besteht aus zwei wesentlichen Theilen, aus dem Sinnbild und aus der Anwendung, welche man auch die Moral der Fabel nennt, die aber in dem Bilde sich selbst deutlich aussprechen muß, wenn die Fabel poetisch sein soll. Wegen ihres Zwecks, welcher die Erfindung bestimmt, liegt die Fabel wie das Lchrgedicht (s. d.) überhaupt auf der Grenze der Poesie und Prosa. Das Wohlgefallen an ihr wird vorzugsweise durch die anschauliche Erkenntnis erregt, daß die Haushaltung der Natur in der physischen und in der geistigen Welt dieselbe sei. In der nicht moralischen Welt zeigt sich nur die ewige und allgemeine Form jener Gesetze und Charaktere deutlicher als in der Menschcnwelt, und dies ist der Grund, warum der Fabeldichter, dem es nicht blos darum zu thun ist, eine Lehre durch einen gegebenen Fall anschaulich zu machen, wozu das Gleichnis oder die Parabel hinreichen würde, seine Personen aus der nicht menschlichen Welt wählt. Seit Aphthonius (s. d.) hat man die Fabeln in vernünftige, sittliche und vermischte eingetheilt. So ungenügend diese Eintheilung ist, so wenig möchte auch die von Herder in den „Zerstreuten Blättern" (Bd. 3) versuchte befriedigen, der sie eintheilt in theoretische oder den Verstand bildende, in denen ein Factum der Natur als Gesetz und Weltordnung zur Übung des Verstandes aufgestellt wird; in sittliche, welche Verhaltungsregeln für den Willen aufstellen, und in Schicksalsfabeln, in 166 Faber (Geschlecht) Fab er (Theodor von) denen die Verkettung der bald Schicksal, bald Zufall genannten Begebenheiten ins Spiel tritt, um zu zeigen, wie Dies und Das nach einer Hähern Anordnung aus- oder wenigstens nacheinander folgt. Von dem Vortrage der Fabel, der im Allgemeinen edle Einfachheit er- sodert, ist weder der Scherz ausgeschlossen, da gleichsam mit dem Wunderbaren ein Spiel getrieben wird, noch das Satirische, da ein Theil der Fabeln auf Ironie ruht; einige sind rührend, und die Schicksalsfabeln streifen an das Erhabene. Einfach, heiter und ernst in ihrer Darstellung waren die alten Fabeldichter, welche, wie es scheint, zuerst im Orient auf- tratcn. Berühmt sind die indischen Fabeln, die gewöhnlich dem Bidpai (s. d.) beigelegt werden, und die Fabeln des Arabers Lokman (s. d.). Unter den Griechen ist besonders Äsopus (s. d.) als Fabeldichter bekannt, welchen unter den Römern Phädrus (s. d.) nachahmtc. Deutsche Fabeln aus der Zeit der Minnesänger gab Bodmer heraus. Der älteste deutsche Fabeldichter scheint Strickers um die Mitte des 13. Jahrh. zu sein. Bon er (s. d.), zu Änfange des 14. Jahrh., ist als treuherziger Fabeldichter durch seinen „Edelstein" bekannt. Der Verfasser des Reineke Fuchs (s.d.) lieferte ein ganzes Fabelepos. Im 16. Jahrh. ist als Fabeldichter Burkard Waldis (s. d.) zu erwähnen. Im 17. zeichnete sich der engl. Fabeldichter John Gay (s. d.) aus und unter den Franzosen Lafontaine (s. d.), der besonders den Scherz in die Fabel einführte und im geselligen Welttone sprach. Unter den deutschen Fabeldichtern des vorigen Jahrh. stnd vorzüglich Geliert (s. d.), Gleim (s. d.), Lichtwer (s. d.), Willamov (s. d.), Pseffel (s. d.), Lessing (s. d.) zu nennen, die die Fabel mit der Satire durch den Stachel des Sinngedichts befreundeten. Die schwatzhafte Manier, in welche später die Fabel ausartete, scheint dieselbe allmälig aus der Reihe derjenigen Dichtgattungen, die noch mit Vorliebe angebaut werden, verdrängt zu haben, besonders da die Dichtungen mit moralisch-didaktischer Tendenz überhaupt in den Hintergrund getreten sind. Eine „Fabellese" gab Ramler heraus (3 Bde., Lpz. 1783—90). Faber ist der lat. Name mehrer namhaften franz. Rechtsgelehrten. Anton F., eigentlich Favre, gcb. zu Bourg-en-Bresse 1557, studirte in Paris und Turin und wurde 1581 Richter in seiner Vaterstadt, welche damals den Herzogen von Savoyen gehörte. Nachdem Bresse französisch geworden, ging er nach Chambery, wo er 1610 Präsident des obersten Gerichtshofs wurde und 1624 starb. Er war ein Freund besonderer, von der allgemeinen Meinung abweichender Ansichten. Der „<7ociex kabriamis" (Lyon 1661, Fol.), eine Sammlung von Entscheidungen, ist auch in Deutschland sehr geachtet und herausgegeben worden; nicht minder sind seine „Rational,» in pauckectss" (3 Bde., Lyon 1659—63, Fol.), sein Werk „Re erroribus praFmaticorum et mterprelum juris" (2 Bde., Lyon 1658, Fol.) und seine „Lonjsctursrum juris civilis libri XX" (Lyon 1661, Fol.) geschätzt. — Sein Sohn, Claude Favre deVaugelas, geb. zu Chambery 1587, gest. 1650, zeichnete sich als franz. Sprachforscher aus und ist vorzüglich bekannt durch seine „Rcmargues sur la lang»« tranysise" (Par. 1647, 4.) sowie durch seine Übersetzung des Curtius, an der er 30 Jahre arbeitete (Par. 1653, und nach einer von ihm selbst verbesserten, erst später aufgefundenen Handschrift I Ü59, 4.). — Peter F., eigentlich Pierre du Faur, geb. 1540, gest. 1600, Präsident des Senats zu Toulouse, ein Schüler des Cujacius, schrieb über den Titel „Re re^nlis juris" (1566) und drei Bücher „Lemestria", jedes eine Sammlung von 25 Aufsätzen (Genf 1660). — Ebenfalls aus Cujacius' Schule ging hervor N i c. F., eigentlich Lefebvre, geb. 1544, gest. 1612, der zuletzt Lehrer Ludwig's XIII. war. Faber (Basilius), ein deutscher Philolog, geb. 1520 zu Sorau, gebildet in Wittenberg, war erst Rector der Schule zu Nordhausen und dann zu Erfurt, wo er im I. 1576 starb. Sein verdienstlichstes Werk ist der von ihm mit ungemeinem Fleiße zusammengetra- genc „Tliessurus eruckitionis sckolasticse" (Lpz. 1571), der später von Gesner und zuletzt von Leich (2 Bde., Lpz. 1749, Fol.) verbessert herausgegeben wurde. Auch wurden durch F. die Magdeburger Centurien (s. d.) begründet und mehre Schriften Luther's ins Deutsche übersetzt, wodurch er das Werk der Reformation zu fördern suchte. Faber (Tanaquil), s. Lesebre. Faber (Theodor von),.russ. Staatsrath, geb. zu Riga 1768, kam in der frühesten Kindheit, nachdem er seine Ältern verloren, nach Deutschland, besuchte die Domschule in Magdeburg, studirte in Halle und ging darauf nach Frankreich, wo er Zeuge der Erstür- r t Fabiuo 167 mung der Bastille war. Im ersten Aufgebot der Nationalfreiwilligen mit aufgerufen, diente er als Soldat unter Lafayette; später focht er unter Dumouriez in der Champagne und in Belgienauch machte er das Treffen bei Valmy und die Schlacht bei Jemappe mit. Im I. 1793 gerieth er in vstr. Gefangenschaft, aus der er sich durch die Flucht rettete. Zur Zeit des Directoriums kehrte er nach Paris zurück, wo er bei der Centralverwaltung des Nocrde- partements in Aachen angestellt wurde. Dann kam er als Professor an die Schule zu Köln und gab hier den „Beobachter im Roerdepartement" heraus. Nachdem er von Köln aus seine Verbindungen mit seinem Vaterlande wieder angeknüpft hatte, erhielt er 1895 vom Fürsten Czartoryiski, damals Curator der Universität zu Wilna, einen Ruf an dieselbe. Dieser Ruf war aber blos ein Vorwand; bei dem ruff. Gesandten zu Berlin fand F. die Weisung vor, sich nach Petersburg zu begeben, wo er im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten angestellt wurde. Unabhängig von der Negierung schrieb er hier die „!>i<)tices sur l'iaterieur ia kremce ecrites en 1806" (Petersb. 1807) und die „Observatious sur I'srmöe trsnysise" (Petersb. 1807; deutsch, Königsb. 1808). Nach dem Frieden von Tilsit brachte er mehre Jahre außer Dienstthätigkeit in Liefland zu. Hier schrieb er seine „Uaga- telies ou promenslles ck'un ckesoeuvrs" (Petersb. 1811), die in Frankreich sehr günstig ausgenommen wurden. Im I. 1813 begründete er im Aufträge der ruff. Regierung den „Oassrvateur impartial", ein Journal für das Departement der auswärtigen Angelegenheiten; 1816 wurde er der ruff. Gesandtschaft am deutschen Bundestage beigeordnet und 1818 zum Staatsrath erhoben und aus den Kongreß zu Aachen gesendet. Später wählte er vorzugsweise Deutschland zu seinem Aufenthalte. Fabllls ist der Name eines der ältesten und angesehensten röm.H)atriciergeschlechter. In die früheste Zeit der Republik fällt, nachdem drei Brüder dieses Namens sieben Jahre hindurch, 485—479 v. Chr., die eine Stelle im Consulat abwechselnd bekleidet hatten, der Untergang der 306 Fabier, die mit 400» Clienten von einem Castell aus, das sie an derCre- mera erbauten, den Raubzügen der Vejenter wehrten. In einen Hinterhalt verlockt, sollen sie im I. 477 Alle umgekommen sein, ja die Sage erzählte, nur durch einen einzigen in Nom zurückgebliebenen Knaben sei das Geschlecht der Fabier erhalten worden, aus dessen mehren Zweigen nachher dem röm. Staate noch viele bedeutende Feldherrsn und Staatsmänner erwuchsen. — Am berühmtesten sind unter diesen Q. FabiusNullianus, der sich und seiner Familie den Beinamen Maximus erwarb, und sein Nachkomme Q- FabiusMa - ximus Verrucosus, von seiner Führung des Kriegs gegen Hannibal Cunctator, d. h. der Zauderer, benannt. Der erstere wurde, da er als Reiteroberster des Dictators L. Papirius Cursor im 1.324 sich gegen dessen Willen in Kampf mit den Samnitern eingelassen hatte, nur mit Mühe durch die Bitten des Senats und Volks von dem Tode gerettet, mit dem ihn, obwol er gesiegt, Papirius wegen seines Ungehorsams bedrohte. Er bewährte seine Feldherrngröße in den Kriegen gegen die Samnitcr, Etrusker, Umbrer und Gallier als Diktator im I. 315 und in fünf Consulaten, von denen er drei mit dem jüngcrn Decius (s. d.) bekleidete. Er war der erste Römer, der im I. 310 mit einem Heere über den Ciminischcn Bergwald in das nördliche Etrurien und im 1.295 über den Apennin in das Land der Sen- nonischen Gallier eindrang. Bei dem letzten Zuge erfocht er in der Schlacht bei Scntinum, in welcher Decius sich fürs Vaterland opferte und auch der große Feldherr der Samnitcr, Gellius Egnatius, siel, den Sieg. Seinen Sohn, O.. Fabius (Würges, begleitete er im I. 292 als Legat und half ihm die Schande eines erlittenen Verlusts durch einen Sieg über die Samnitcr, deren Feldherr Pontius (s. Caubin ische Pässe) gefangen ward, tilgen. Zum Besten des Staats hatte er auch im I. 304, da er mit Decius das Censoramt verwaltete, gewirkt, indem er des Appius Claudius (s. d.) gefährliche Neuerungen besci- tigte und die Freigelassenen auf die vier städtischen Tribus beschränkte. — Q. Fabius Maximus Cunctator hatte schon vor dem Beginn des zweiten punischen Kriegs das Consulat zweimal, im I. 233, wo er über die Ligurer siegte, und 228, sowie im I. 230 die Censur bekleidet. Seinen höchsten Ruhm erwarb er sich aber in dem zweiten Jahre jenes Kriegs, da er nach der Niederlage der Römer am Trasimenischen See im1.217 zum Diktator, oder vielmehr, weil nicht der Consul sondern das Volk ihn ernannte, zum Prodictator gewählt wurde. Auf den Höhen hinziehcnd gleich einer Wetterwolke, mit der ihn Hannibal selbst verglich, 168 Fableor Fabre d'Eglantme aber jede Schlacht klug vermeidend, nöthigte er durch seine stets drohende Nähe den Feind, dem es an Lebensmitteln gebrach, zu immerwährenden Hin- und Widermärschen und ermüdete und schwächte ihn so, während Nom wieder Kräfte sammelte. Doch gelang cs dem Han- nibal, ihn bei dem Passe Callicula listig zu täuschen und sich den Rückweg durch die Gebirge Samniums nach Apulien zu eröffnen. DasVolk theilte die Ungeduld des M. Minucius Rufus, der des Fabius Reiteroberster war, und sah wie dieser in dem klugen Zaudern des F., von dem Ennius in dem berühmten Verse rmus iiomo nobis cunctancko rosüituit rem mit Recht sagt, daß cs den Staat gerettet habe, Mangel an Muth. Daher gab es wider alles Herkommen dem Minucius gleiche Gewalt mit dem Diktator, bald aber ordnete sich jener wieder freiwillig unter, da er, vom Hannibal in einen Hinterhalt gelockt, nur dem F. seine Rettung zu danken hatte, und die Consuln des Jahrs führten, nachdem F. niedergelegt hatte, den Krieg nach seinem Beispiele fort. An den Vortheilen, welche die Römer, nachdem sie bei Cannä (s. d.) eine furchtbare Niederlage erlitten, in den I. 215 und 214 allmälig wieder errangen, hatte F. als Consul wesentlichen Antheil, und in seinem fünften Konsulate im 1.209 wurde Tarent, seit 216 einer der wichtigsten Stützpunkte Hannibal's, von ihm wiedcrerobert.— Ein Zweig des Fabius'schen Geschlechts führte den Namen Pictor, von dem Fabius her, der zuerst unter den Römern als Maler durch die Ausmalung des im I. 302 geweihten Tempels der Salus sich ausgezeichnet hatte; ihm gehörte Q. Fabius Pictor an, der im zweiten pun. Kriege zuerst die Geschichte Roms schrieb, der älteste der sogenannten Annalisten. Fasileor (im Plural Ksblisre; von dem lat. kübulsri, kabeilare, d. i. sprechen oder erzählen) hießen in der Kunstsprache der nordfranz. Dichter des Mittelalters (s. Trouve- res) Diejenigen, welche blos zum Sagen und nicht auch zum Absingen bestimmte Gedichte verfaßten, oder auf diese Weise vortrugen, im Gegensätze zu den Chanteor, oder eigentlichen Sängern, welche nicht nur zum Sagen sondern auch zum Singen bestimmte Gedichte verfaßten oder vortrugen. Solche blos zum Sagen bestimmte und daher in das Bereich der Fa- bleor gehörige Gedichte waren die rom-ms ck'aveuture in unstrophischen kurzen Reimpaaren, kleinere Erzählungen (contes, daher die Verfasser oder Vorträger derselben conteor hießen), Sprüche (ckits, daher ckiseur) und vorzüglich Märchen, Fabeln und Anekdoten aus dem Alltagsleben (tsblisux). Fabre d'Eglantme (Phil. Franc. Nazaire), franz. Dichter und Revolutionsmann, wurde zu Carcassonne am 28. Dec. 1755 geboren. Nicht ohne Talent, aber in Folge von Armuth weder sorgfältig erzogen noch gründlich gebildet, gewann er als Jüngling bei den Blumenspielen zu Toulouse den Preis der wilden Rose (eßlsntine) und fügte fortan dieses Wort seinem Namen bei. Ein regelloses Leben führte ihn auf das Theater; da er aber nur Mittelmäßiges leistete, verließ er diese Laufbahn und begab sich im Alter von 30 Jahren nach Paris, um dort der Literatur und Dichtkunst zu leben. Seine ersten Anstrengungen befriedigten seinen Ehrgeiz keineswegs. Er schrieb seit 1787 mehre Lustspiele, die theils ohne Interesse, theils mit Scandal über die Bühne gingen, bis ihm 1790 die Komödie „lü>e kliilinte de isoliere" außerordentlichen Beifall erwarb. Jhrfolgten „l/intrigue epistolsire", „6on- valescent de qualite" und andere, die, wenn auch weniger ausgezeichnet, doch F.'s ausgezeichnetes dramatisches Talent bekundeten. Seine Charaktere waren scharf gezeichnet, die Situationen lebendig; allein sein rauher, dabei aber feuriger Stil entzog ihm die gebührende Anerkennung bei den Ästhetikern. Beim Ausbruche der Revolution verband er sich, von Ehrgeiz getrieben, mit Desmoulins, Lacroix und Danton, und als letzterer nach den Ereignissen vom 10. Aug. 1792 das Justizministerium erhielt, wurde er Generalsecretair. Als Abgeordneter von Paris kam er in den Convent, wo er für den Tpd des Königs ohne Berufung stimmte, aber nur geringes Talent als politischer Redner zeigte, und 1793 wurde« in den Wohlfahrtsausschuß gewählt. Obschon des Royalismus nicht ohne Grund verdächtigt und unwürdiger Geldspeculation bezüchrigt, klagte er doch die Wucherer im National- convent an und schlug das Gesetz des Maximum vor. Als Berichterstatter über die Einführung des republikanischen Kalenders lieferte er einen Beweis seltenerUnwiffenheit mit großer Darstellungsgabe. Wahrscheinlich um die gegen ihn gerichtete Beschuldigung abzuwcnden, ließ er sich am 24. Oct. 1793 als Zeuge gegen die Girondisten gebrauchen und klagte dieselben in wahrhaft lächerlicher Weise der Veruntreuung der königlichen Mobilien an. Als er Fabre (Marie Jos. Victorin) Kavretti 169 aber dann mit der Partei Danton's gegen die Jakobiner und die Schreckensmänner auftrat, bewirkten die Anschuldigungen He'bert's auch seine Verhaftung. Am 13. Jan. 1794 der Fälschung von Documenten, der Veruntreuung öffentlicher Gelder und des Einverständnisses mit Pitt angeklagt, mußte er nicht ohne Schuld mit Danton u. A. am 5. Apr. 1794 das Schafot besteigen. Er starb muthig, indem er mit gefesselten Händen seine ungedruckten Dichtungen unter das Volk vertheilte. Seine Komödie „Oes precepteurs" kam zum ersten Male am 17. Sept. 1799 zur Aufführung und erntete enthusiastischen Beifall. Im I. 1801 erschienen seine „Oeuvres posthumes et melees" (2 Bde.). Fabre (Marie Jos. Victorin), franz. Dichter und Litcrator, geb. am 1 9. Juli 1785 zu Jaujac im Departement der Ardeche und in Lyon erzogen, kam in seinem 18. Jahre nach Paris und erwarb sich durch einige Gedichte Parny's Lob, sowie mehre Jahre den von der Akademie ausgesehten Preis. Seine „Opuscules en vers et en prose" (Par. 1806), „Ois- cours en vers sur les vo^sges" (Par. 1807) und „Oa mort tl'Oenri IV" (Par. 1808) sind gut geschrieben, aber inhaltlos. Seine prosaischen Schriften bestehen außer dem ebenfalls gekrönten „Tableau litteraire ,i Is guerre nationale" (Par. 1823), der „Oistoire 786 die außerordentliche Professur der Geographie und Statistik. Im I. >79-1 übernahm er in Erlangen die Nedaction der daselbst erscheinenden Zeitung und wurde hier 1805 ordentlicher Professor in der philosophischen Facultät. Er starb zu Erlangen am 30. Mai >825. Für das Studium der Geographie wurde er während seines Aufenthalts in Halle besonders durch Schütz gewonnen, für dessen „Elementarwerk" er die geographischen Abtheilungen lieferte. Unter seinen übrigen sehr zahlreichen geographischen Schriften sind hauptsächlich bekannt das „Handbuch der neuesten Geographie" (2 Bde., Halle >78-1—85; 10. Ausl., >8>9) und der „Kurze Abriß der Geographie" (Halle >786; 15. Ausl., >817), die vielfach benutzt, bis in die neuere Zeit sich sehr brauchbar bewährten. Fabricius Luscinus (Cajus), einer der Männer, die den später» Römern als Muster alter Sitteneinfalt und strenger Rechtlichkeit galten, entsetzte als Consul im J.282v.Chr. die Stadt Thurii, welche von den Lucancrn und Bruttiern belagert wurde, siegte über diese und die Samniter und bewährte bei der Einbringung reicher Beute seine Uneigennützigkeit. Nach dem Siege des Pyrrhus (s. d.) über die Römer bei Heraklea im I. 280 wurde er zu dem Könige nach Tarent gesandt, um die Auswechselung der Gefangenen zu bewirken; das Gold, das ihm Pyrrhus bot, wenn er den Frieden vermitteln wolle, wies er ebenso wie die Einladung desselben, ihm mit hohen Ehren bekleidet zu folgen, zurück, und diese Festigkeit, die er auch gegen die Drohungen des Königs zeigte, vermochte diesen, die Gefangenen ohne Lösegeld zu entlassen. Zum zweiten Male Konsul im I. 278, verschmähte er das Anerbieten des verrätherischen Arztes des Pyrrhus, diesen zu vergiften, und lieferte ihn dem Könige aus, der zum Dank wieder die röm. Gefangenen frei ließ. Während der Abwesenheit des Pyrrhus in Sicilien war F. siegreich über die unterital. Völker. Das Censoramt verwaltete er im Z. 275 mit Q. ÄmiliuS Papus, der auch in seinem zweiten Consulate sein College gewesen war. Als Beispiel alter Einfachheit wird erzählt, daß er den P. Cornelius Rufinus, weil er zehn Pfund Silber in Tafelgeräth besaß, als einen Verschwender aus dem Senate gestoßen. F. starb arm; der Staat übernahm die Ausstattung seiner Töchter, und um den Todten zu ehren, wurde eine Ausnahme von dem Gesetze der Zwölf Tafeln gestattet und für ihn und seine Nachkommen eine Begräbnißstätte innerhalb der Stadt angewiesen. Fabricius (Georg), eigentlich Eoldschmid, ein verdienter deutscher Gslchrter und Dichter, geb. am23. Apr. 1516 zu Chemnitz, wo sein Vater das Goldschmiedehandwcrk trieb, ging, nachdem er in Leipzig studirt hatte, als Hofmeister eines jungen Herrn von Wer- thern nach Rom, wo er sich fleißig mit Altcrthumsforschungen beschäftigte. Nachdem er hieraus einige Zeit in Strasburg privatisirt hatte, wuroe er Rector an der Fürstenschule zu Meißen, in welcher Eigenschaft er bis an seinen Tod, am >3. Juli I57>, segensreich wirkte. Er war ausgezeichnet als Gelehrter wie als Lehrer, redlich und bieder und so gottesfürchtig, daß er z. B. Bedenken trug, in seinen Gedichten die Namen der heidnischen Gottheiten zu gebrauchen. Bei seinen Schülern war er so beliebt, daß sie nach seinem Tode sagten, wenn cs Gott gefiele, wollten sie ihn mit den Nägeln aus der Erde scharren. In Nebenstunden beschäftigte er sich mit Naturgeschichte, Musik und besonders mit Poesie, wie er denn wegen seiner Verdienste um die letztere von Kaiser Maximilian ll. zum Dichter gekrönt und in den Adelstand erhoben wurde. Eins der bemerkenswerthesten Erzeugnisse seiner Muse ist seine in Versen abgefaßte Reise nach Rom. Seine treffliche Ausgabe des Horaz (2 Bde., Bas. > 555, Fol.) wird noch jetzt geschätzt; geringer aber, obschon nach dem damaligen Maßstabe nicht unbedeutend, ist sein Verdienst um die sächs. und deutsche Geschichte, welche er besonders in den Werken „kes misnicse" (1569) und „Res 6er,»eKeor^HV. v,lsst8crsi>ti's"(Bd. I, Meiß. 1830). Fabricius (Hieronymus), nach seinem Geburtsorte im Kirchenstaate ab Vgiiai-en- äeote genannt, ein berühmter Anatom und Chirurg, geb. >537, studirte in Padua unter Falopia (s.d.), dessen Nachfolger er als Lehrer der Anatomie und Chirurgie 1562 wurde. Neben andern Verdiensten, die er sich durch seine Gelehrsamkeit und seinen Ruf um die Universität erwarb, hat er auch das, daß auf seine Veranlassung ein neues, schönes anatomische- Fabricius (Joh. Albert) Fabriken 171 - Theater erbaut wurde. Zahlreiche Entdeckungen in der Anatomie und ein reicher Schatz chi- ' rurgischcr Beobachtungen haben ihm einen berühmten Namen in der Geschichte der Medicin ^ gemacht. Er starb zu Padua am 2 3. Mai 1619. Die erste Ausgabe seiner „Opera clürnr- > gica" erschien l 717 in Padua (2 Bde.), die beste der „Opera piixsiologica et anatamica" ^ besorgte Albinus (Lcyd. 1737, Fol.). Fabricius (Joh. Albert), der berühmte deutsche Polyhistor, wurde am II. Nov. 1668 zu Leipzig geboren, wo er auch Philosophie, Arzneikunde und'Theologie studirte. Als Professor am Gymnasium zu Hamburg starb er, nachdem er mehre auswärtige sehr ehren- f volle Rufe abgeschlagen hatte, am 30. Apr. 1736. Er umfaßte fast alleAweige des Wissens, besaß eine unglaubliche Belesenheit und einen unerschöpflichen Schatz besonders philologischer und literarhistorischer Kenntnisse und verstand es, diesen Reichthum auf das Vielseitigste zu benutzen. Muster der Gründlichkeit, Vielseitigkeit und Fülle der Gelehrsamkeit sind seine „Libliotbsca graecs" (14 Bde., Hamb. 1705—8, 4.), fortgesetzt und neu aufgelegt von Harleß (12 Bde., Hamb. 1700—1809, 4.) und mit einem Index versehen (Lpz. >838), seine „kibliotlieca latina" (Hamb. 1697; 5. Aust., 3 Bde., 1721 ; neu herausgeg. von Er- ! nesti, 3 Bde., Lpz. 1773 —7 4), die „Libliotkeca meclise et inlimae aetatis" (5 Bde., Hamb. I734fg., denen Schöttgen einen Supplementband, Hamb. I746,hinzufügtc; neueAufl.von Mansi, 6 Bde., Padua 1754, 4.), die „Libliotüeca ecdesisstica" (Hamb. 1718, Fol.) und , die „öibliogrspliia sntigiiaris" (Hamb. 1713; neue Aust, von Schafshausen, 1760, 4.). Auch zeugen von seinen gründlichen und ausgebreiteten Kenntnissen seine Ausgaben des Sex- tuS Empiricus und des Dio Cassius, sein „Oockex pseuckepigruplius Vet. ^est." (2 Bde., Hamb. 1713—22) und zahlreiche theologische, Archen- und literarhistorische Schriften. — Nicht zu verwechseln ist mit ihm Joh. Andr. F., geb. 1696, gcst. als Rector zu Nordhau. sen 1769, der sich gleichfalls um die Literaturgeschichte, namentlich durch seinen „Abriß einer allgemeinen Historie der Gelehrsamkeit" (3 Bde., Lpz. 1751-7-54) verdient gemacht hat. H Fabricius (Joh. Christian), der berühmteste Entomolog des 18. Jahrh., geb. zu ? Tondern im Herzogthume Schleswig am 7. Jan. 1743, studirte zu Kopenhagen, Leyden, Edinburg, Freiberg in Sachsen und dann zu Upsala unter Linnö. Er hatte sich ganz die Grundsätze, die Methode, ja sogar die Formen des Ausdrucks Linne"s angeeignet. Durch Linne wurde er zuerst auf die Idee geleitet, die Insekten nach dem Organe des Mundes zu ordnen. Nachdem er 1775 Lehrer der Naturgeschichte an der Universität zu Kiel geworden, ^ wo er am 3. März 1808 starb, gab er sich ganz seinen Lieblingsstudien hin und erschuf ein System, welches zwar keineswegs ein natürliches genannt werden darf, indessen der Entomologie eine völlige neue Bahn anwies. Ist auch dasselbe durch andere und bessere verdrängt worden, so erwarb sein Schöpfer sich doch unvergeßliche Verdienste, indem er zuerst den richtigen Weg andeutete, welchen man gegenwärtig verfolgt. Seine wichtigsten Schriften sind „SMoma entomologiae" (Kopenh. 1775; umgearbeitet, 4Bde., 1792—94, nebst „8up- plementum eatomologiae", 1797) und „kdilosopdia entomologica" (Kopenh. 1778). Fabriken nennt man gewerbliche Etablissements, welche sich durch große Production, Anwendung des Princips der Theilung der Arbeit (s. d.) und eine von den Fesseln des Zunftzwangs freie Bewegung auszeichnen. Man braucht gegenwärtig in Deutschland di- Worte Manufacturen und Fabriken in gleicher Weise wie die Franzosen (während der Engländer nur wanukacture» kennt), ohne die Bedeutung der Fabrik, wie zum Thcil früher, aufdie ^ Fälle zu beschränken, wo Feuer beim Betriebe erfoderlich war. Übrigens nennt sich jetzt auch ^ jeder Handwerker Fabrikant, dessen Production eine gewisse Größe erreicht, wenn sie auch den beiden andern oben aufgestellten Bedingungen nicht entspricht. Die ungewöhnliche Größe und Billigkeit der Production findet sich zwar in der Regel bei Fabriken ; sie ist aber dem Begriffe der Fabrik nicht wesentlich, sondern wird erst durch das Vorhandensein der bei- den andern Bedingungen ermöglicht und ist deren Folge. Jedes Kunstproduct erfodert eine mehr oder mmder^roße Reihe verschiedener, und zwar oft ziemlich heterogener Operationen, ? denen das Material der Reihe nach unterworfen werden muß. Der Handwerker vollführt alle diese Operationen selbst, eine und dieselbe Person macht das Arbeitsstück, nur etwa mit Ausnahme von Nebendingen, ganz fertig. In der Fabrik kommt jedes Stück in so viele verschiedene Hände oder Maschinen, als einzelne Operationen damit ausznführen sind; jeder 172 Fabriken Arbeiter macht stets nur einen gewissen Thcil der Arbeit. Die Vorthcile, welche dieses Ver- l fahren bietet, sind hauptsächlich folgende. Der Zeitverlust beim Übergange von einer Operation zur andern, welcher um so größer ist, je heterogener die Operationen sind, wird vermieden. Die Arbeiter, immer auf dieselbe, meist sehr einfache Arbeit beschränkt, erlernen ! dieselbe nicht allein geschwinder, sondern erlangen auch eine Schnelligkeit und Geschicklichkeit, welche ein Handwerker, immer zerstreut durch die Verschiedenartigkeit der Operationen, nicht zu erlangen vermag. Die stete Beschäftigung mit derselben Arbeit führt gute Arbeiter noth- wendig auf Verbesserungen an Werkzeugen oder Erfindung von Maschinen, wodurch die Arbeit an Präcision oder Schnelligkeit gewinnt. Man kann, da unter den einzelnen Arbei- 1 ten nur wenige sehr schwierig sind, auch ungeschicktere Arbeiter, selbst Kinder mit Nutzen beschäftigen, überhaupt jeden Arbeiter gerade dahin stellen, wo er das Vorzüglichste leistet. Alle Arbeiten, welche an jedem einzelnen Stücke auf völlig gleiche Weise ausgeführt werden müssen, kann man durch Maschinen verrichten lassen, sobald es die Sache selbst erlaubt. Da es keinen großen Unterschied macht, ob die Reihenfolge der Operationen etwas verlängert wird, so ist man in geeigneten Fällen im Stande, eine weit allmäligcre Verfeinerung des rohen Materials zu bewirken, wovon oft die Güte und Egalität des Products abhängt. Endlich wird man in Fabriken stets mehr Gelegenheit haben, die Abfälle jeder Art entweder selbst zu benutzen, oder doch mit Vortheil zu verwerthen. Diese Benutzung der Abfälle und Nebenproducte wird aber hier durch keine Zunftrücksichten beschränkt. Der Wegfall des Zunftzwangs erlaubt dem Fabrikanten, sich, wenn er es vortheilhast finden sollte, seine Werkzeuge und Maschinen selbst zu verfertigen; ebenso macht er die fabrikmäßige Production von Gegenständen möglich, die sonst nur durch Concurrenz von mehren zünftigen Handwerkern verfertigt werden, wobei wir blos an die Wagcnfabrikation erinnern wollen. Als nothwendige Folgen einer umsichtigen Benutzung dieser Vortheile ergibt sich zunächst eine billigere Production, als sie auf dem andern Wege unter sonst gleichen Umstän- ! den möglich ist. Aber auch das Product wird, in den für den fabrikmäßigen Betrieb voll- k! kommen geeigneten Fällen, besser und von einer sonst nicht zu erreichenden Egalität. Überall, ! wo ein im Wesentlichen gleichartiges Material zu einer großen Anzahl ebenfalls gleichförmiger Stücke zu verarbeiten ist, findet der Fabrikbctrieb seinen eigentlichen Platz; und je gleichartiger das Material, je übereinstimmender die zu producirenden Gegenstände, je einfacher die vorzunehmendcn mechanischen Operationen sind, desto mehr wird man mit Maschinen machen können. Beispiele sind die Spinnerei, Weberei, Zeugdruckerei, Stecknadel- , und Nähnadelfabrikation u. s. w. Aber auch die Verfertigung zusammengesetzter Artikel, selbst von verschiedenartigem Material, gestattet den Fabrikbctrieb, sobald nur die Zahl der zu verfertigenden Gegenstände groß und die Natur der Bestandtheile so ist, daß man sie in großer Zahl ganz übereinstimmend machen kann, so z. B. Uhren-, Gewehr-, Schlösscrfabri- kation u. s. w. Eine solche Fabrik zerfällt gewissermaßen in so viel einzelne kleinere Betriebe, als es zu fertigende verschiedene Theile gibt, die dann erst im Zusammensetzen und Adjustiren ihre Vereinigung finden. Diese Zusammensetzung kann noch weiter getrieben werden, und cs entstehen dann Fabriken, in denen die heterogensten Arbeiten nebeneinander fortlaufen, z. B. Wagenfabriken. Diese letzter» Arten des Fabrikbetriebs gewähren den Vortheil, daß die einzelnen Theile ihrer zusammengesetzten Producte so gleich sind, daß man sie gegenseitig auswechseln kann. Ost geben sich diese Fabriken selbst gar nicht mit dem Zusammensehen , ab, sondern liefern nur einzelne Theile für Handwerker und andere Professionisten, so z. B. ^ in der Uhrenfabrikation. Überall aber, wo es sich um eine gewisse Jndividualisirung jedes einzelnen Stücks handelt, oder wo eine äußerste Vollendung der einzelnen Theile erfodert wird, läßt sich der Fabrikbctrieb nicht anwenden. So wird z. B. Schneidcrarbeit und Schuh- macherarbcit höchstens in Fällen von Armeelieferungen wahrhaft fabrikmäßig gemacht werden können. Über die Fälle, wo eine Anwendung von Maschinen möglich und rathsam ist, läßt sich im Allgemeinen nichts sagen; es hängt dies von der Natur der auszuführenden Operation, von den Anschaffungs - und Unterhaltungskosten der Maschine ab. Zu den aufgezähl- ^ ten Vortheilen des Fabrikbetriebs gehört endlich noch der, daß reelle Fabriken stets eine größere Garantie für die Güte der Arbeit bieten. Freilich wird auch oft fabrikmäßig schlecht gearbeitet, und namentlich sind Fabriken die wahren Fundgruben für alle ersinnliche Vortheile, Fabriken 173 ein mangelhaftes Innere unter gleißendem Äußern zu verbergen. Übrigens können Fabriken, wenigstens in größerer Anzahl, nur an Orten gedeihen, wo sich eine gedrängte Bevölkerung vorfindet; denn nur da ist die gehörige Anzahl von Arbeitern und zu verhältnißmäßig niedrigen Arbeitslöhnen zu finden. Wenn es auch am natürlichsten ist, Fabriken da anzulegen, wo man das Material und nach Umständen Brennstoff, Elementarkraft u. s. w. am besten zur Hand, wo man zugleich Straßen, Kanäle und dergleichen Communicationsmittel in der Nähe hat, so nöthigt doch oft erstere Rücksicht von der letzter» abzugehen. Schon insofern also hängt der Fabrikant von den Arbeitern ab. Aber auch der gute Wille der Arbeiter kommt in Betracht, den sich der Fabrikant erhalten muß, wenn er nicht in große momentane Verlegenheiten gerathen will. Zwar haben Koalitionen der Arbeiter, um höhere Löhne zu erzwingen, wie wir sie in England so häufig sehen, mit wenigen Ausnahmen den größten Nachtheil für die Arbeiter selbst. Denn zwingt nicht irgend ein zufälliger Umstand, z. B. übernommene große Bestellungen u. s. w., den Fabrikherrn zum augenblicklichen Nachgeben, so wird er allemal die Störung länger aushaltcn als die Arbeiter, welche nach Erschöpfung der Mittel ihrer Vereinskaffen von selbst wiederkommen. Oft hat dann der Fabrikherr in der Zwischenzeit durch Einführung von Maschinen, verbesserten Werkzeugen und dergleichen einen großen Theil seiner Ärbeiter ganz überflüssig gemacht, und die Folge ist noch größere Herabsetzung des Lohns. Die Arbeitercoalitionen haben noch den Nachtheil, daß sie den Fabrikherrn nöthigen, die Größe der Bestellungen zu verheimlichen, sodaß die Arbeiter nie wissen, auf wie lange Zeit sie voll beschäftigt sein werden. Umgekehrt sind auch die Arbeiter vom Fabrikherrn abhängig; doch ist hier beiweitem keine so große Befürchtung bedeutender Herabsetzung des Lohns. Nur in solchen Zweigen, wo eine große Concurrenz stattfindet und gleichzeitig eine übergroße Anzahl Arbeiter vorhanden ist, wird es möglich sein, durch Herabdrückung des Lohns die Fabrikationskosten zu vermindern; in der Regel muß der Fabrikherr diesen letzter» Zweck durch Maschinen, verbesserte Ökonomie des Verfahrens u. s. w. zu erreichen suchen. Die Fälle der erster» Art sind nicht so sehr häufig, und die Herabsetzung der Löhne würde dann meist auch ohne unmittelbare,Schuld der Fabrikanten in Folge der über- handnchmcnden Arbeiterzahl eingetretcn sein. Übrigens ist diese gegenseitige Abhängigkeit der Arbeiter und der Herren keineswegs auf den eigentlichen Fabrikbetrieb beschränkt, da wir in neuerer Zeit auch Gesellencoalitionen in zünftigen Handwerken gesehen haben, nur daß hier wegen der Zersplitterung in kleinere Massen übereinstimmende Maßregeln seltener Vorkommen. Man hat daher wol hieraus mit Unrecht einen Tadel der Fabriken hergeleitet, denn Herabdrückung der Löhne ist überall zu befürchten, wo ein großes Hindrängen der Massen zu gewissen Beschäftigungen vorkommt. Daß ein solches Hindrängen zu den Fabriken in der Regel sich zeigt, ist wol eher daraus abzuleiten, daß hier dem Arbeiter eine weit größere Aussicht auf dauernde und lohnende Beschäftigung dargeboten wird, eine Aussicht, die sich auch für gute und solide Arbeiter allemal bestätigt, wenn nicht plötzlich eintretende ungünstige Conjuncturen die Fabriken in ihrem Betriebe hemmen. ES fragt sich aber dann, ob sich diese Verhältnisse nicht auch überall fühlbar machen würden. Und wie häufig sind die Beispiele, daß tüchtige Fabrikanten selbst in solchen Zeiten zu eigenem Nachtheile ihre Arbeiter beibehalten haben, um sich derselben für bessere Zeiten zu versichern. Ebenso wenig wird man dem Fabrikbetriebe an sich den Vorwurf machen können, daß er demoralisirend wirke. Indem er einestheils Gelegenheit zum Zusammendrängen vieler Menschen an einem Punkte gibt, indem er in gewisser Hinsicht den ledigen Stand vorzugsweise begünstigt, gibt er ohne Zweifel ebenso Gelegenheit zu moralischer Entartung, namentlich in geschlechtlicher Hinsicht, wie diese in allen großen Städten, Garnisonsorten u. s. w. geboten wird; aber gewiß nicht mehr. Im Gegentheil wird es bei der steten Beschäftigung und bei der Abhängigkeit von den Fabrikherren von Seite der letztem weit eher möglich sein, in dieser Hinsicht günstig cinzuwir- ken, als in vielen andern Verhältnissen. Endlich hat man aus der Anwendung von Kindern einen Vorwurf für die Fabriken hergeleitet, aber hier ebenfalls nur den Misbrauch im Auge gehabt. Wer wird leugnen, daß Anwendung von Kindern in zu zartem Alter, zu unpassenden Arbeiten, vielleicht auch in der Nacht, eine zu unausbleiblicher Entncrvung der ganzen Generation führende Barbarei sei? Wer aber kann auch verkenne», wie sehr eine zweckmäßige Beschäftigung der Kinder einerseits dem müßigen Umherlaufen und Betteln ent- 174 Fabrikpflanzen Fabrikschulen gegenwirke, andererseits durch angemessene Vermehrung des Verdienstes den Wohlstand der Arbeiterfamilien erhöhe, und das wirksamste Gegenmittel gegen ein Überhandnehmen des ledigen Standes darbiete? So zeigt sich durchgehend, daß die Vorwürfe, welche man der: Fabriken gemacht hat, keineswegs den Fabrikationsbetrieb an sich treffen, sondern daß ihre Begründung in den industriellen Verhältnissen der Gegenwart zu suchen ist. (S. Industrie.) Fabrikpflanzen nennt man diejenigen Gewächse, die entweder in Fabriken als Werkzeuge gebraucht werden, oder das Material zu verschiedenartigen Fabrikwaaren liefern. Die hauptsächlichsten Fabrikpflanzen sind die Gespinnst liefernden Gewächse, Lein, H§nf, Schwalbenwurz und Nessel (Urtica nivea); ferner Seifenkraut, Cichorie, Taback, Weberkardc, Zu- ckerrunkeln und Kanariengras. Am ausgedehntesten wird der Anbau der Fabrikpflanzen in den östr. Staaten, in Schlesien, Brandenburg, Magdeburg, Hannover, Braunschweig, Hessen, Baden, Baiern und Würtemberg betrieben. Fabrikschulen heißen Elementarschulen für die in Fabriken arbeitenden Kinder, welche sehr häufig von den Fabrikherren selbst errichtet und unterhalten werden. Obgleich versucht worden ist, die Fabrikschulen als Ersaß der gewöhnlichen Volksschulen damit zu rechtfertigen, daß Fabrikkinder geistige Nahrung lieber annähmen als andere Kinder, weil sie nicht damit überfüllt und sie ihnen nach körperlicher Arbeit angeboten werde, daß in zehn wöchentlichen Stunden, die man gewöhnlich in solchen Schulen dem Unterrichte widmet, genug gelernt werden könne; daß je nach den in den meisten deutschen Staaten geltenden Bestimmungen Kinder in Fabrikschulen nicht eher ausgenommen werden dürfen, als bis sie fertig lesen können, so find sie doch nur als ein in manchen Orten und Gegenden allerdings nothwendiges Übel zu betrachten; denn durch zehn - bis zwölfstündige, tägliche, einförmige Arbeit in der Fabrik müssen die Kinder körperlich und geistig so ermüdet werden, daß rege Lernbegierde wol nur selten bei ihnen zu finden ist, und ein zehn - bis zwölfstündiger Unterricht in jeder Woche reicht kaum hin, diesen Kindern nur die allernothwendigsten elementarischen Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, zumal wenn der Unterricht Abends ertheilt wird. Am meisten ist in der Regel die sittliche Ausbildung der Fabrikkinder gefährdet, d« dem Religionsunterrichte in der Fabrikschule zu wenig Zeit gewidmet werden kann und die Kinder während der langen Arbeitszeit in der Fabrik mit Erwachsenen aus den untersten Ständen zusammen sind, die ihnen sehr oft in Reden und Handlungen schlechte Beispiele geben. Die Befürchtung Vieler, daß in den Fabrikgcgenden dem Staate jährlich eine Menge Unterkhanen zuwächst, die den gerechten Foderungen der Zeit weder in intellectucller noch in moralischer Hinsicht entspricht und an Körper und Geist von vornherein geschwächt ist, dürfte daher wol ohne Grund sein, und in den letzten Jahren sind deshalb die Regierungen mehrer Staaten besorgt gewesen, das beklagenswerthe Loos der in Fabriken arbeitenden Kinder überhaupt zu mildern und denselben insbesondere wenigstens das geringste Maß geistiger Ausbildung zu sichern, welches der Staat von jedem seiner Unterthanen zu fodern berechtigt ist. In England, wo schon seit 1802 verschiedene Gesetze in Betreff der Fabrikkinder erlassen wurden, ist diese Angelegenheit besonders durch das Gesetz vom 29. Aug. l833 von neuem regulirt worden, und die über eine neue Fabrikacbeitsbill im Unterhause im März 1834 gepflogenen Verhandlungen zeigen, daß eine aus Männern aller politischen Farben sich bildende Majorität daS oft unglückliche Loos besonders der noch nicht erwachsenen Fabrikarbeiter durchaus gemildert wissen will. In Frankreich kam unter dem22.März I84l ein ähnliches Gesetz zu Stande; in Preußen datirt das Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter vom 9. März 1839, in Baden die Verordnung über den Schulunterricht der in Fabriken beschäftigten Kinder vom 4. März 1840, in Zürich die Verordnung über die Beschäftigung der Kinder in den Fabriken vom 15. Juli 1837. Nach der bad. Verordnung müssen die in Fabrikschulen aufzunehmenden Kinder die beiden untern Unterrichtsstufen durchlaufen haben und wenigstens elf Jahre alt sein; ein Lehrer darf nicht mehr als 20 Kinder in derselben Stunde unterrichten und muß dabei den vorgeschriebenen allgemeinen Lehrplan befolgen. Die Kinder.müffen täglich wenigstens zwei Stunden unterrichtet und dürfen mit Einschluß der Schulstunden höchstens zwölf Stunden in den Fabriken beschäftigt werden. Nach der zürcherischen Verordnung soll kein Kind in eine Spinnerei oder in eine andere Fabrik vor zurückgelegtem zwölften Lebensjahre ausgenommen und nicht über 14 Stunden täg- Fabroni Fabvier 175 lich beschäftigt werden, auch bis zum 16. Lebensjahre die Repctir- und Unterweisungsschule besuchen. Das königlich sächs. Elementarvolksschulgesetz vom 6. Juni 1835 schreibt nur im Allgemeinen vor, daß Fabrikschulen ohne ein von der betreffenden Kreisdircction geprüftes und bestätigtes Specialreglement nicht errichtet werden dürfen. In Preußen gilt eine ähnliche Bestimmung. Vgl. Schmidt, „Über die Lage der Gewerbe in Deutschland und über den Einfluß des Fabrik- und Maschinenwesens" (Bcrl. 1837). Fabröni (Angelo), ein berühmter ital. Biograph, geb. zu Marradi in Toscana am 7. Febr. 1732, gebildet zu Faenza und Nom, das er aber später der ihm feindlichgestnntcn Jesuiten wegen verließ, war seit 1773 Erzieher der Söhne des Großherzogs Leopold von Toscana, machte dann mehre Reisen ins Ausland und starb am 22. Sept. 1803. Seine in gutem Latein geschriebenen „Vitae ltslorum cloctrina excellentium 813 wurde er Oberst im Generalstabe, Baron und, nach der Schlacht bei Leipzig, Stabschef bei den vereinigten Trümmern der elf Armeecorps. Nebst dem Oberst Denis Unterzeichnete er1814 die Kapitulation der Stadt Paris. Während der Hundert Tage stellte er sich in Lothringen an die Spitze eines Streifcorps, weshalb er nach der zweiten Restauration außer Thätigkeit gesetzt wurde. Im I. 1817 aber wurde er wieder als Stabschef unter dem Herzog von Ragusa zur Unterdrückung der von den Ultraroyalisten angeregten Unruhen nach Lyon entsendet. Hierdurch in die Anschuldigungen jener Partei verwickelt, schrieb er zur Aufklärung der Vorfälle „IHnn -m 1817" (Par. 1818). Von Canucl Injurien halber verklagt, wurde er verurtheilt und wieder außer Dienst gesetzt. Nach den Unruhen in Paris im Aug. 1820 wurde er vor demPairshofe des Hochverraths angeklagt, jedoch frcigesprochen. Im I. 1822 hatte er die Anklage zu bestehen, vier Unteroffizieren zur Flucht aus dem Gefängnisse behülflich gewesen zu seix doch ließ sich Solches nicht erweisen. Hierauf verließ er Frankreich, machte eine Reise durry Spanien und bot 1823 den Griechen seine Dienste an- Um Griechenland erwarb er sich durch die Bildung regelmäßiger Truppen und die Discipli- nirung des Heers die entschiedensten Verdienste, doch in Folge des Mistrauens und der Eifersucht der griech. Häupter gegen den Fremden mit Undank überschüttet, nahm er im Sommer 1828 seine Entlassung. Von Frankreich aus begleitete er zwar die franz. Expedition im - doch schlug er beharrlich jede Anstellung aus und kehrte, nachdem er die grrech. Milizen in ein Armeecvrps vereinigt, nach Frankreich zurück, wo er als Oberst wieder in Dienst trat. Edelmüthig gab er die Ansprüche auf seinen Sold und die bedeutenden Beutegelder zu Gunsten der griech. Witwen und Waisen auf. An der Julirevolutivn nahm^er dev 176 Fapade Fach rhätigsien Antheil und wurde zum Chef des Generalstabs der pariser Nationalgarde ernannt. Unzufrieden mit dem Gange der Regierung, legte er jedoch l 831 seine Stelle nieder und zog sich mit dem Grade eines Mare'chal de Camp in seine Vaterstadt zurück. Von ihm ist das „Journal «Iss Operation« «I» 6ieme corps peacksnt In Campagne cle 18 >4 en krance" (Par. 1819). , Fapade nennt man die Außenseite oder äußere Ansicht eines Gebäudes. Weil man indeß an den meisten Gebäuden nur Eine Außenseite zu sehen bekommt, so hat man die nach der Straße zu gehende Außenseite mit dem Haupteingange vorzugsweise Facade genannt. Sie ist gleichsam der Ausdruck des ganzen Gebäudes und darf deshalb nicht in loser Verbindung mit demselben stehen, wie dies z. B. an sehr vielen ital. Kirchen der Fall ist, sondern muß sich organisch mit dem Gebäude verbinden. Faccioläti (Giacomo), ein ital. Philolog, geb. zu Torreglia unweit Padua am 6. Jan. 1682, bildete sich auf dem Seminar zu Padua und wurde zuerst Professor der Theologie, später auch der Philosophie und endlich Präfect des Seminars und Generaldirector der Studien. Als Sprachforscher richtete er seine besondere Aufmerksamkeit auf die Wiederherstellung des Studiums der alten Literatur; aus diesem Grunde unternahm er auch eine neue Ausgabe des „I^exicon septem lingnarnm" (2 Bde., Padua 1718 fg., Fol.), welches nach seinem ersten Verfasser, dem Mönch Ambrosius von Calepio (Calepinus), das Cale- pinische genannt wird. Ihn unterstützte bei dieser Arbeit Foreellini (s. d.), mit welchem er, nach Beendigung desselben, die Idee zu einem großen lat. Wörterbuche faßte, ein mühevolles Unternehmen, welches F. bis zu seinem Tode im J. 1769 leitete und Forcellini aus- sührte. Im Verein mit Letzterm und einigen Andern besorgte er auch eine neueAusgabe von Nizoli's „I-exicon (liceroniannm". Seine lat. Reden (Padua 1767 und öfter) zeichnen sich durch die klassische Eleganz des Ciceronianischen Stils, seine Anmerkungen zu mehren philosophischen Schriften des Cicero durch Gründlichkeit, Klarheit und Geschmack aus. Facetten nennt man die eckiggeschliffenen Flächen auf Edelsteinen, Glaswaaren u. s. w., und Facettiren das Arbeiten derselben. Glaswaaren sacettirt man in Deutschland am besten in Böhmen, wo die Facettenschneider eine besondere Classe der Glasschleifer bilden. Fach bezeichnet in der Theatersprache diejenige Nollengattung, für welche ein Darsteller besonders befähigt und von der Direktion angestellt ist. In älterer Zeit waren die Fächer, da sie durch typische, täglich wiederkehrende Charaktere (Masken) vertreten wurden, noch gesonderter als gegenwärtig, besonders in der6omms«Iia ckell' arte (s.Extemporirte Komödie) der Italiener. Aber auch in Deutschland wurde lange Zeit an dem Grundsätze festgehalten, daß jeder Schauspieler auf ein gewisses Fach zu verpflichten sei, daher an jeder Bühne die einzelne Rollengattung, wie Courtisan, Pickelhering, Pantalon, Tyrannenagent, Königsagent, u. s. w. mit dem Schauspieler, der sie darstcllte, identisch wurde, sodaß man, wenn man den Darsteller meinte, nur den Titel der Rollengattung zu nennen brauchte. Diese gar zu einseitige Beobachtung des Fachwesens hemmte die freie Bewegung der Direktionen besonders in späterer Zeit, als die Spielwuth der Hauptdarsteller dem ersten Fache eine immer größere Ausdehnung zu geben wußte und unmäßige Federungen und Reklamationen immer häufiger wurden. Besonders intriguensüchtig zeigten sich die Schauspielerinnen, welche das erste Fach innehatten und, auf dieses Privilegium sich stützend, nicht leicht ein Talent neben sich aufkommen ließen. Nach Dalberg's Vorgänge suchte besonders Jffland, und noch mehr GrafBrühl, dieser Nollentyrannei Einhalt zu thun, und wenn auch das Fachwesen in der Natur begründet ist, so wissen die Direktionen gegenwärtig recht gut dem Mis- brauche der Fachprivilegien vorzubeugen. Die genanntesten Fächer sind folgende: erste Rollen, Helden - und Charakterrollen wie Lear, Wallenstcin, König Philipp u. s. w.; erste Liebhaber und jugendliche Helden, Chevaliers und Bonvivants, Jntriguants und Bösewich ter, edle Väter, Mantelrollen, pfiffige Bediente, AuShülfsrollen u. s. w. In ähnlicher Weise zerfallen die weiblichen Rollen in Heldcnmüttcr, Anstandsdamen, erste Heldinnen und Liebhaberinnen, Coquetten, Soubretten, komische Alte u. s. w. Strenger gegliedert sind die Fächer bei der franz. Bühne; hier gibt es z. B. im Lustspiel bei dem männlichen Personal: pre- wieyE roles, jeunss Premiers, troisiemes roles et rsisonneurs, peres nobles, manteanx, 177 Fächer Fachsystem grimes, Premiers comigues, deuxiemes cowi^ues, paxssns, iitilites und secessoires. Jndeß wird diese Eintheilung nur bei dem IbeLtre tranyais festgehalten, wo der ckef 6'emploi, der Besitzer eines Fachs, das ausschließliche Anrecht auf alle Rollen seines Fachs hat. Bei den übrigen Bühnen ist durch den Brauch, daß der Dichter die Rollen seines Stücks vollständig zu besetzen das Recht hat, eine strenge Durchführung des Fachsystems unmöglich gemacht. Fächer, aus Palmblättern und andern Stoffen kunstvoll gearbeitet, wurden schon im hohen Alterthume in Asien von den Frauen gebraucht, um sich mittels derselben Kühlung zuzuwehen oder von ihren Sklavinnen zuwehen zu lassen. Auch in Griechenland und Rom waren sie gewöhnlich, und zwar in sehr verschiedenen Formen. Während des Mittelalters wurden sie ein Gegenstand des Luxus und waren ein wesentlicher Schmuck der Frauen, bis sie zuerst in Frankreich während der Revolution und gegen Ende des l 8. Zahrh. fast überall aus der Mode kamen; allein in der neuesten Zeit hat sie die feine Welt, wenigstens zum Ballstaat gehörig, wieder hervorgesucht, und Frankreich liefert, wie früher, die geschmackvollsten. Fachingen, ein Dorf im Herzogthum Nassau an der Lahn in angenehmer Gegend, nicht weit von Diez, ist besonders bekannt durch das nach demselben benannte Fachinger Wasser, das 1745 entdeckt wurde, aus drei Brunnen, dem Hauptbrunnen, dem Schwen- delbrunnen und dem dritten Brunnen geschöpft wird, und zu den stärksten alkalisch-salini- schen Mineralwässern Deutschlands gehört. Es hat eine Temperatur von 8" R., einen angenehmen erfrischenden Geschmack und enthält viel Kohlensäure. An der Quelle selbst wird es wenig benutzt, desto mehr aber (in manchen Jahren 3<>W«>0 Flaschen) und sehr weit, selbst bis nach Amerika versendet. Man wendet es vorzüglich gegen Schleimanhäufungen in den Unterleibsorganen an, außerdem mit Wein und Zucker vermischt zur Stärkung nach bedeutenden Anstrengungen. Vgl. Bischof, „Chemische Untersuchungen des Mineralwassers zu Geilnau, Fachingen und Selters" (Bonn > 828). Fächser, bei Luther Fäser oder Feser, heißen die jungen, bewurzelten, ein bis zwei Jahre in leichtem Boden gelegenen, verpflanzbaren Weinreben, dann überhaupt alle Schnittlinge, durch welche, wie beim Weinstocke, die Fortvflanzung der Gewächse geschieht. Fachsystem nennt man in der Schulkunde diejenige Einrichtung, wornach die Schüler einer Schule nach ihren Kenntnissen in den einzelnen Lehrobjecten in besondere Lections- classen vertheilt sind, im Gegensätze zu dem Classensysteme, nach welchem jeder Schüler für alle Unterrichtsgcgcnstände nach den Gesammtfortschritten in ihnen derselben Classe angehört. Wenn auch das Fach - oder Lectionssystem den Vortheil darbietet, daß bei ihm allein eine genaue Classification der Schüler mit Rücksicht auf deren vorwaltende Anlagen für besondere Lehrfächer und den Grad ihrer Kenntniß in jedem einzelnen möglich, daß Einseitigkeit in der Bildung und das Zurückbleiben einzelner Schüler in einzelnen Lehrobjecten leick- tcr vermieden wird und die Fortschritte der Schüler in jedem Gegenstände des Unterrichts mehr gesichert werden, so hat es doch auch den Nachtheil, daß bei ihm die Harmonie der Bildung, das Jneinandergreifen aller Lehrobjectc, der erziehliche Einfluß der Lehrer ungemein erschwert wird. Zudem würde das Fachsystcm, wenn es streng durchgeführt werden soll, die Anstellung so vieler Lehrer für jeden Unterrichtsgegenstand erfodern, als Classen für denselben angenommen werden müssen, was nicht nur aus äußern Gründen unmöglich ist, sondern auch die Einheit des Unterrichts vollends zerstören würde. Deshalb wird das Fachsystem in den gewöhnlichen Schulen niemals, in höhern Schulen nur bei wenigen, in dem Organismus des Unterrichts eigentlich nicht wesentlichen Unterrichtsgegenständen Platz greifen können. Der Ausdruck Fachsystem wird fälschlicherweise oft auch für Fachlehrersystem gebraucht. Unter diesem letzter» ist diejenige Einrichtung zu verstehen, wornach derselbe Lehrer denselben Unterrichtsgegenstand auf allen Stufen oder in allen Eesammtclassen behandelt. Ihm steht das Classenlehrersystem entgegen, wornach auf jeder Unterrichtsstufe oder in jeder Eesammtclasse der ganze Unterricht einem einzigen Lehrer übertragen ist. Beide Systeme sind an sich betrachtet einseitig und der Erreichung des Schulzwecks hinderlich. Das Fachlehrersystem hat fast alle Nachtheile des Fachsystems, ohne einen der Vortheilc des Clas- scnsystems für sich ansprechen zu dürfen, und das Classenlehrersystem würde in Mittlern und ober» Classen der Mittel- und höhern Schulen den Erfolg des Unterrichts wesentlich beein- Conv. - Lex. Neunte Vufl. V. 12 178 Fachwerk Faksimile trächtigen, da Niemand für alle Unterrichtsgegenstände einer solchen Classe ein gleich guter Lehrer sein kann. Das angemessenste ist deshalb wol, das Fachlehrer- und Classenlehrcr- system so miteinander zu verbinden, daß das letztere in Elementarclassen allein herrscht, in Mittlern und obern Classen dagegen durch das Fachlehrersystem in seiner Strenge gemildert wird, wobei jedoch jede Classe ihren Hauptlehrer oder Classenordinarius haben muß, der mehr Lehrstunden als jeder andere Lehrer darin zu ertheilcn und für die äußere Ordnung und den Geist der Classe vorzugsweise einzustehen hat. In solchen Specialschulen, die sich der Akademie nähern, und welche Schüler von gereifterm Alter haben, z. B. in höhern Gewerbschu- len, Forstschulen u. dgl., kann sodann das Classenlehrersystem ganz zurücktreten. Fachwerk. Der hohe Preis der Bausteine machte es wünschenswerth, für Gebäude untergeordneten Rangs, namentlich für Wohnhäuser u. s. w. eine leichtere Bauart aufzu- finden, und diesem Bedürfnisse dankt das Fachwerk seine Entstehung. Statt der massiven Wände führt man nämlich eine Holzvcrbindung aus einzelnen Ständern, die durch Nahmenstücke, Riegel und Bänder zu einem soliden Gerippe verbunden werden, dessen einzelne Theile 4—6 Zoll im Quadrat stark sind. Die Felder dieses Gerippes werden dann mit Ziegelsteinen, Lehm u. dgl. ausgefüllt und das Ganze von beiden Seiten verputzt. Für innere Wände eines Gebäudes ist diese Bauart sehr gut; für Frontwände sollte man sich aber derselben nicht bedienen, da, abgesehen von dem Übeln Anblick, ihre Dauerhaftigkeit in sehr enge Grenzen geschlossen ist, und die anfängliche Ersparniß bald durch Neubau verloren geht. Wenn man aber für Frontwände eine Plattirung anwendet, indem man das Fachwerk um 6 Zoll gegen die Front zurückseht und nun die Fächer 12 Zoll stark ausmauert, das Fachwerk selbst aber in der Front im Verbände mit Steinen verblendet, so schwindet die Ersparniß noch mehr, und überdies modert das in den Steinen eingeschlossene, mit dem Mauerkalk in Verbindung kommende Holzwerk sehr bald. Pg.eiü ut äk8 oder kacin ut kscias ist eine Contractsform des röm. Rechts, welche zu den sogenannten unbekannten gehört, d. h. zu Denen, welche nicht wie Kauf, Auftrag, Leihe, Darlehn u. s. w. einen festbestimmten Charakter und Namen haben, nicht so bestimmte rechtliche Verbindlichkeiten Hervorbringen und in der Regel auch nur klagbar sind, wenn sie von Seiten des Klagenden bereits erfüllt worden. In der neuern Zeit bedarf man dieser Form nicht mehr, weil man alle Verträge, durch welche sich Jemand verpflichtet, Etwas zu geben, zu thun oder zu unterlassen, für rechtsverbindlich und klagbar hält, nur daß z.B. nach franz. Rechte keine Klage auf ein Thun oder Unterlassen, sondern nur auf Entschädigung stattfindet. Fackeln waren schon im Alterthume gebräuchlich, sowol bei Leichenbegängnissen wie bei denHochzeitsfeierlichkciten der Griechen, welche sich damit endigten, daß die Neuvermählte in das Haus des neuen Gatten geführt wurde, wobei ein Jüngling, der den Hymen vorstellte, mit der Fackel voranging. Auch war die Fackel das Attribut mehrcr Göttinnen, wie der Proserpina, Demeter und Athene, sowie des Hymen. Gegenwärtig bedient man sich sowol der Pech- wie der Wachsfackeln bei festlichen Aufzügen, feierlichen Leichenbegängnissen, auf Schiffen und Leuchtthürmen zu Signalen und auch auf Reisen. Fackeltänze, die wahrscheinlich in den Hochzcitsfeierlichkeiten der Griechen ihren ersten Ursprung fanden, wurden durch Konstantin den Großen, als er seine Residenz von Rom nach Byzanz verlegte, im 4. Jahrh. als Hofceremonie eingeführt. In spätem Zeiten wurden sie ein Theil der Turniere, womit Kaiser und Könige ihre Hochzeiten verherrlichten. Als die Turniere aufhörten, blieb der Fackeltanz als ein Denkmal der Ritterzeit, und noch gegenwärtig werden an einigen Höfen, z. B. in Preußen, bei Vermählungen Fackeltänze gehalten. Faksimile (lat., eigentlich: Mache mich ähnlich) nennt man eine der Urschrift in allen ihren Zügen und Eigenthümlichkeiten vollkommen ähnliche Nachbildung. So facsimilirt man alte Manuscripte, um Denjenigen, welchen die eigene Anschauung abgeht, die genaueste Ansicht der Schriftzüge, aus welchen sich auf das Alter derselben schließen läßt, zu verschaffen, Miniaturen, Handzeichnungen, sowie mit besonderer Liebhaberei die Handschriften berühmter oder sonst ausgezeichneter Männer, um das Charakteristische derselben darzulegen oder auch, weil man sich an gewisse Personen gern durch die ihnen eigenthümlichen Schriftzüge erinnern läßt. Man bedient sich hierzu sowol des Kupferstichs wie des Srein-- drucks und der Holzschneidekunst, und hat es in neuester Zeit, in täuschender Nachbildung des Faktisch Fagel 179 alten Materials mit allen seinen im Laufe der Zeit eingetretenen Veränderungen und De» fecten, zu einer staunenswcrthen Vollkommenheit gebracht. Vgl. „Isograpkie äes Komm«, celebres, ou collectio» <>« ksc-simile, 836—38, 4.). Faktisch, abgeleitet vom lat. Worte kactuw, d. h. das thatsächlich Geschehene, nennt man alles Das, was durch Thaksachen unzweifelhaft erwiesen oder zu erweisen ist. Factor heißt in der Arithmetik eine Zahl, welche man mit einer andern multiplicirt oder welche in einer andern ohne Rest aufgeht; so sind 2, 4, 7 und >4 die Factoren der Zahl 28. 2, 3, 5, 6, lv und >5 die Factoren der Zahl 30. Man theilt die Factoren in einfache und zusammengesetzte; erstere unterscheiden sich von letzter« dadurch, daß sie durch keine andere Zahl als durch sich selbst theilbar sind. Die Bestimmung des größten Factors zweier Zahlen ist ein wichtiger Gegenstand der Arithmetik. Man findet ihn dadurch, daß man die beiden Zahlen durcheinander dividirt und dann durch den Rest der Division wieder den vorigen Divisor dividirt, und dies so lange fortseht, bis eine dieser Divisionen keinen Rest mehr gibt. Der Divisor der letzten Division ist dann der gesuchte größte Factor beider Zahlen. — F a c t o r heißt ferner der Aufseher einer Fabrik, Manufactur, überhaupt jedes Geschäfts, welches nicht ein bloßes Handwerk ist, z. B. einer Druckerei, Schriftgießerei u. s. w- — Fa c- toreien pflegt man die in fremden Welttheilen befindlichen Handelsniederlassungen zu nennen, und berühmt sind insbesondere die Factoreien der Holländer in Ostindien.—Factoreihandel nennt man auch den Commissions Handel (s. d.). Fakultäten, s. Universitäten. Faden, ein Längenmaß, s. Maße und Gewichte. Faenza (bei den Römern Faventia), eine Stadt des Kirchenstaats in der Delegation Ravenna, am Amone, an der Kunststraße von Bologna nach Ancona, ist sehr regelmäßig gebaut, mit Mauern umgeben und hat gegen > 9000 E. An dem mit Bogengängen umgebenen und einem Springbrunnen gezierten Hauptplahe, auf welchem die vier Hauptstraßen einmündcn, stehen der Dom, das Rathhaus und das Theater. Die Kirchen der Servicen, dell' Annunziata, des heil. Bernardo und der Exosservanten sind theils architektonisch, theils wegen der Gemälde merkwürdig. Die Stadt hat ein Lyceum, welches eine Gemäldegalerie besitzt, zwei Malerschulen und mehre Wohlthätigkeitsanstalten. Berühmt sind besonders die Majolicafabriken, welche das unter dem Namen Fayence (s. d.) bekannte Geschirr liefern. Fagel , eine niederländ. Familie, welche der Republik der Vereinigten Niederlande eine Reihe würdiger Staatsmänner und Krieger geliefert hat, die der oranischen Partei mit Rechtlichkeit und ohne Nebenabsichten ergeben waren. Ahnherr derselben war Kaspar F., geb. zu Harlem >629. Er bekleidete die wichtige Stelle eines Staatssecretairs bei den Generalstaaten und zeichnete sich insbesondere bei der Invasion Ludwig's XlV. durch Muth und Standhaftigkeit aus. Mit dem Chevalier Temple brachte er >678 die Präliminarien des nimweger Friedens zu Stande. Bei den Unterhandlungen mit Frankreich widerstand er allen Verführungskünsten des franz. Gesandten und lehnte eine Summe von zwei Mill. Livres ab, die ihm geboten wurden, um ihn zu gewinnen. Sein Streben war die Erhebung Wilhelm'S III. auf den engl. Thron. Er war es, der Wilhelm's Manifest bei dieser Gelegenheit entwarf und von dem Alles geleitet wurde. Er starb > 688, noch che die Nachricht vom vollständigen Gelingen seiner Wünsche eingegangen war. — Sein Neffe Franz F-, geb. >659, gest. >746, war gleichfalls Staatssecretair der Generalstaaten und ein ausgezeichneter Staatsmann. — Franz Nikolaus F., ein zweiter Neffe Kaspar's, trat >672 in Dienst und starb >7>8 als General der Infanterie im Dienste der Generalstaaten und kaiserlicher Feldmarschalllieutenant; er zeichnete sich in der Schlacht bei FleuruS >690 aus, befehligte bei der berühmten Vertheidigung von Mons im I. >691 and bewies bei der Belagerung von Namur, bei der Einnahme von Bonn und in Portugal >703, in Flandern >71 > und >712 und bei den Schlachten von Ramillies und Malplaquet große militairische Talente. Franz F., geb. >740, gest. >77-3, ebenfalls Staatssecretair, wurde von Hem- sterhuis in einer meisterhaften Lobschrist gewürdigt. — Heinr. F., geb. >706, gest. >790, hatte als Staatssecretair vorzüglich an der Erhebung Wilhelm's IV. zur Statthalterwürde 180 Fagott Fahne imJ. 17-18 Antheil. — Heinr. F., ein Sohn des Vorigen, wurde als Staatsseeretair der Nachfolger des Vaters. Er unterhandelte und schloß 1794 den Bund Hollands mit Preußen und England, folgte dann dem Erbstatthalter nach England und kehrte 1813 mit dem Könige der Niederlande, Wilhelm I., nach Holland zurück. Als Gesandter in London Unterzeichnete er den Friedensschluß zwischen Großbritannien und den Niederlanden. Nachdem er 1824 von seinem Gesandtschaftsposten zurückgekehrt, wurde er 1829 zum Staatsminister ernannt. Er starb im Haag am 22. März 1838. — Sein Bruder, Jakob F., der 1793 — 95 Gesandter der Vereinigten Niederlande in Kopenhagen war, nahm >813 an der Revolution zu Gunsten des Hauses Dramen wirksamen Antheil. — Ein zweiter Bruder, Robert Freiherr von F-, niederl. General, trat sehr jung in Kriegsdienste und zeichnete sich schon 1793 und 1794 in den Feldzügen gegen Frankreich aus. Beim Ausbruch der Revolution in den Niederlanden ging er, fortwährend ein eifriger Anhänger des Hauses Oranien, ins Ausland, kehrte erst 1813 ins Vaterland zurück und wurde hierauf 1814 vom Könige Wilhelm I. zum Gesandten in Paris ernannt, welchen Posten er noch bekleidet. Fagott, im Französischen dssson, ein Blasinstrument, das ursprünglich als Baß zur Oboe diente, und daher bssson cks bimtbois genannt wurde, wird gegenwärtig im Orchester sowol als Baßinstrument, wie als füllende Mittelstimme, oder zur Octavenverdop- pelung einer Melodie und als Soloinstrumcnt benutzt. Es besteht aus einer doppelten (gebrochenen oder gekröpften) Röhre von Holz und wird, ähnlich der Oboe, durch ein Rohr an- gcblasen, das durch eine gekrümmte messingene Röhre, das 8 genannt, mit dem Körper des Instruments in Verbindung steht. Der Umfang des Fagotts reicht vom Contra-6 bis zum zweigestrichenen t>, selbst dreigestrichenen c; doch fehlen das tiefste U und 6>s. Abarten sind der vier Töne tiefer als die Noten klingende Quartfagott und der um eine Octave tiefere Contrafagott. Erfunden wurde der Fagott wahrscheinlich im 16. Jahrh. — Als Orgelregister ist der Fagott ein sanftes Rohrwerk von 16, seltener 8 Fußton. FahlcranH (Karl Joh.), einer der berühmtesten schweb. Landschaftsmaler, geb. am 29. Nov. 1774 im Sprengel Stora-Tuna in der Provinz Falun, wo sein Vater Prediger war, beschäftigte sich von Jugend auf mit der Kunst und wendete sich dann der Landschaftsmalerei zu. Er studirte dieselbe ohne eigentlichen Lehrer, und sein Vorbild war die heimische Natur, die er mit unermüdeter Sorgfalt und Genauigkeit studirte. Sie war es, welche Richtung und Charakter seines Pinsels bestimmte. Er kennt keine andere Natur als die nordische; er hat Italien nie gesehen, hat aber Schweden, Dänemark und Norwegen in mehren Richtungen durchreist und den Naturcharakter ihrer Gegenden genau studirt. Schon zu Anfänge dieses Jahrhunderts genoß er als Landschaftsmaler eines ausgebreiteten Rufs. Im I. 1815 erhielt er den Titel als Professor und später den Wasaorden. Seine bedeutendsten Gemälde sind im Besitze des Königs von Schweden. Für den König Friedrich VI. von Dänemark lieferte er in neuerer Zeit eine Reihe nordischer Aussichten. — Sein Bruder, Christian Erik F., geb. 1790, wurde 1829 Professor der Theologie zu Upsala und erhielt 1835 die Professur der Dogmatik. In den I. 1835 — 37 unternahm er eine Reise durch Deutschland, Frankreich und Italien. Seine (1825 — 26) ist eine sehr witzige und tiefsinnige Dichtung. Die komische Kraft liegt bei ihm in einem überraschenden Reichthum an Wortspielen, die in der schweb. Sprache schwieriger sind als in den meisten andern. Später ließ er die noch unvollendete epische Dichtung,,^ns§sri,is" (Upsala 1835) erscheinen. Außerdem lieferte er mancherlei theologische Aufsätze für die „Schwedische Literaturzeitung" und in der von ihm und dem Professor Knös besorgten „Kirchenzeitung". — Ein dritter Bruder, Axel Magn us F., geb. 1780, hat sich als Ornamentenbildhauer einen Namen gemacht. Fahlun, s. Falun. Fahne nennt man ein durch Farbe oder Bild gezeichnetes Stück Zeug an einem Stabe. Als Heerzeichen waren die Fahnen schon im Alterthume in Gebrauch. Aus Diodor ist bekannt, daß die Ägypter Thierbilder auf Spießen vor den Linien der Krieger hertragen ließen. Gleiches ist von den Persern aus rkenophon, von den Deutschen und Batavern aus Tacitus bekannt. Den Römern war cs Vorbehalten, den Gebrauch der eigentlichen Fahnen einzuführen. Auch Römer führten als Feldzeichen anfangs Thierbilder, den Adler, die Wölfin, 181 Fahne den Eber u. s. w. Solche Bilder wurden selbst als Auszeichnung einzelne» Legionen verliehen, bei denen sonst der Adler das stehende Feldzeichen war, so z. B. in den Bürgerkriegen der fünften Legion ein Elefant, weil sie des Scipio Elefanten besiegte. Die Fahne (vexillum, ij,n X - kV 182 Fahne des Propheten Fahnenberg Kriegereid. Bei der Infanterie hat in der Regel jedes Bataillon eine Kahne, bei der Cava- lcrie jedes Regiment eine Standarte, die sich allemal bei der ersten Escadron befindet. In der metallenen Spitze der Fahnen- oder Standartenstange sieht man gewöhnlich den Namenszug des Kriegsherrn, oder ein anderes Emblem; bei den Preußen z. B. nach dem Befreiungskriege das Eiserne Kreuj. Napoleon schaffte die Fahnen ganz ab und führte dafür nach dem Muster der röm. Legionen vergoldete Adler ein, welche jedoch nach der Restauration dem ürspesu tricolore weichen mußten. — Unter Fahne oder Fähnlein verstand man im Mittelalter einen Haufen Fußvolk oder ein Cornet (Schwadron) Reiter von verschiedener Stärke, weshalb die Angaben der ältern Schriftsteller, welche gewöhnlich nach Fahnen zu rechnen pflegten, über die Stärke der Heersabthcilungen sehr unbestimmt sind. Hatte die Besatzung eines Platzes capitulirt, so bestimmte beim Abzug die fliegende oder aufgewickelte Fahne den Grad des Ehrenvollen der Kapitulation. Bei den Landsknechten galt das Umdrehen der Fahne als ein Zeichen, der Empörung. Das Aufstecken einer weißen Fahne deutet an, daß ein fester Platz zurÜbergabe geneigt ist. Bei den Türkewund andern oriental. Völkern zeigt eine rothe Fahne (Blutfahne) den festen Entschluß zum Widerstand auf Tod und Leben an. Eine gelbe (Pestfahne) dient zum Zeichen des Vorhanden- scins der Pest, Cholera oder einer andern epidemischen Krankheit. Da an den Verlust der Fahnen vor dem Feinde sich der Begriff von Schande knüpft, so ist man bei einigen Armeen, z. B. bei der russ., so vorsichtig, sie nicht mit ins Gefecht zu nehmen, sondern an einen sichern Ort zurückzuschicken. Im Befreiungskriege führten bei den Preußen nur die alten Regimenter Fahnen, die jungen unterrichteten erhielten sie erst nach dem Kriege, als eine ehrende Anerkennung ihres Wohlverhaltcns. Später erhielten sogar die Jäger, Schützen und selbst jede Artillcriebrigade eine Fahne, obgleich diese Truppen sie, der Natur ihrer Fechtart wegen, nicht mit in den Krieg nehmen können. Da die Fahne ein Ehrenzeichen ist, so werden ihr auch die höchsten militairischen Honneurs gemacht, und sie erhält da, wo sie aufbewahrt wird, eine Schildwache. Früher wurde die Fahne nur vor dem Landesherrn gesenkt, gegenwärtig vor jedem höhern Offizier, der eine Parade abnimmt oder eine Truppe mustert. Bei aufmarschirter Linie steht die Fahne oder Standarte in der Mitte des Bataillons oder der ersten Escadron, und die nächsten Rotten sind zu ihrem Schutz bestimmt, weshalb sie Fahnenrotten, in einigen Armeen auch Fahnenpelotons heißen. Beim Evolutio- niren gibt die Fahne des Richtungsbataillons das Maß der Bewegung in Zeit und Raum für die übrigen Bataillone eines Regiments oder einer Brigade. Endlich dient die Fahne auch noch zur Rehabilitation eines ehrlos erklärt gewesenen Soldaten, indem sie über seinem Haupte geschwenkt und sein Name dadurch wieder ehrlich gemacht wird. Fahne des Propheten, der Sandschak Scherlff oder die heilige Fahne, war zuerst von weißer Farbe, gefertigt aus dem Turban des von Mohammed gefangenen Koreischiten; an ihre Stelle trat indeß sehr bald eine schwarze Fahne, von Mohammed Okal, d. h. schwarzer Adler, genannt, bestehend aus dem Vorhänge, welcher sich vor der Thüre der Aischa, einer der Frauen des Propheten, befand. Diese ursprüngliche Fahne, welche von den Mohammedanern als die heiligste Reliquie betrachtet wurde, kam anfangs an die Anhänger Omar's zu Damaskus, dann an die Abbasi, nachher an den Khalifen von Bagdad und Kahira; später fiel sie in die Hände Selim's l. und durch Amurad lll. gelangte sie nach Europa. Mit 42 seidenen Überzügen versehen und in einer kostbaren Kapsel verschlossen, wird sie in einer Kapelle im Innern des Serails aufbewahrt, wo einige Emire sie unter fortwährenden Gebeten bewachen. Verschieden von ihr ist die ebenfalls sehr sorgsam aufbewahrte Fahne, welche beim Beginn eines Kriegs und bei Ausständen entfaltet wird, die aber das Volk für die ursprüngliche hält. Fahnenberg (Karl Heinr., Freiherr von), geb. am 16. Mai 1178 zu Freiburg im Brcisgau, studirte zu Würzburg, Erlangen und Göttingen, wurde 1801 östr. Legations secretair zu München und Karlsruhe und ging nach Abtretung des Breisgaus an Baden in brd. Staatsdienst über. In seiner Stellung als Oberpostdirector seit 1819 erwarb er sich große Verdienste um das bad. Postwesen, namentlich durch die erste Einführung der Eil- posten in Deutschland; auch erhielt er 1823 provisorisch, 1826 aber definitiv die oberste Leitung der Schuldentilgungskasse. Neben vielen Amtsgeschäften benutzte er seine Mußestun- Fahnenjunker Fahnenwache 183 den zu literarischen, insbesondere zu staatswirthschaftlichcn Arbeiten. ZurZeitderbad. Preßfreiheit foderte er in einer Flugschrift zur Gründung eines Preßvereins für Erhaltung derselben auf und stand längere Zeit an der Spitze eines Polenvercins. Wegen Kränklichkeit, aber auch wegen ungünstiger Behandlung um seiner liberalen Ansichten willen, zog er sich 1835 vom Staatsdienste zurück und wohnte in Baden-Baden, wo er sich bis zu seinem am 16. März 1810 erfolgten Tode mit gelehrten Arbeiten, hauptsächlich mit einer historisch- statistisch-geognostischen Beschreibung des Schwarzwalds beschäftigte, als deren Vorläufer seine Schrift „Die Heilquellen am Kniebis im untern Schwarzwalde" (Baden 1838) erschien. Von ihm sind auch die anonym erschienenen „Actenstücke über die bad. Territorialhoheit" (Karlsr. 1818). Fahnenjunker. Früher wurde die Fahne von einem sogenannten Junker getragen, gegenwärtig von einem Unteroffizier; doch wählt man dazu gern einen wo möglich mit Ehrenzeichen geschmückten Veteran. Die Junker existiren zwar auch noch in einigen Armeen, z.B. in der bairischen, allein sie tragen nicht mehr die Fahne. Fahnenlehn hieß im Deutschen Reiche ein größeres Lehen der weltlichen Rcichsfür- sten, z. B. ein Fürstenthum, eine gefürstete Grafschaft, womit sie seit ll22 vom Kaiser durch Überreichung einer Fahne, wie die geistlichen Fürsten, mit dem Scepter beliehen wurden. Früher wurden die weltlichen Reichsfürsten mit Ring und Scepter investirt. Der Gebrauch der Belehnung mittels der Fahne schreibt sich davon her, daß diese als das Sinnbild des Heer- und Gerichtsbanns galt, weshalb auch nur solche Lehen, welche diese beiden wesentlichen Requisite der Gewalt in sich schlossen, auf solche Weise an die betreffenden Personen, Herzoge und Grafen im ältcrn publicistischcn Sinne, überhaupt sürstenmäßigc Personen, ertheill wurden. Nur vom Reichsoberhaupte konnte eine derartige Belehnung ausgehen, und zwar geschah dieselbe entweder in feierlicher Versammlung, oder auch in einfacherer Form, wo sie dann oft mit dem Schwerte, oder dem Scepter, vollzogen wurde, ja Kaiser Rudolf I. nahm sogar einmal, in Ermangelung eines Sceptcrs, eine Belehnung, geistlicher so- wol als weltlicher Fürsten, mit dem Cruzifix vor. Bei den feierlichen Belehnungen pflegten die Fahnen nach beendeter Handlung unter das Volk geworfen und von diesem zerrissen zu werden; doch wirkten sich manche Fürsten, wie z. B. die Könige von Böhmen, das Privilegium aus, ihre Fahnen behalten zu dürfen. Eine der glänzendsten und zugleich eine der letzten feierlichen Belehnungen war die des Herzogs Moritz mit der Kur Sachsen im I. 1517; gegen die Mitte des 17. Jahrh. aber kamen sie ab, und die Lehen wurden seitdem nicht mehr persönlich sondern nur durch Vermittelung von Gesandten, oder brieflich crtheilt. Um so mehr war man indessen daraus bedacht, den Begriff eines Fahnenlehens, im Gegensätze zu geringern Lehen, und die daraus herzuleitenden Vorzüge staatsrechtlich festzustellcn. Fahnenschmied, eine veraltete Benennung bei der Reiterei für einen gelernten Schmied, der das Beschlagen der Pferde und die Heilung der erkrankten zu besorgen hatte. Gegenwärtig kommen in dieser nützlichen und für die Reiterei, Artillerie und den Trainführenden wichtigen Charge folgende Kategorien vor: Thier- oder Roßarzt, Knrschmicd, Hufschmied, Beschlagsschmied und bei der Artillerie auch noch Zeugschmied, der die Reparatur schadhafter Fuhrwerke zu besorgen hat. In fast allen Armeen werden jetzt die Thierärzte und Kurschmiede auf besondern Schulen, den Thierarzneischulen, theoretisch und praktisch aus- gebildet, und nur erst nach abgelegtem Examen den Truppen überwiesen. Fahnentrupp oder Fahnenmarsch heißt ein von den Tambours oder Trompetern nach gewissem Rythmur geschlagener oder geblasener Marsch beim Abholen oder Abbringen der Fahnen und Standarten von oder nach dem Quartier oder Lager, wo sie aufbewahrt sind. Wenn ein Krieger mit militairischen Ehrenbezeigungen zur Erde bestattet wird, so pflegt m einigen Armeen das Begleitungscommando, die sogenannteLeichenparade, den Kirch- Hof mit dem Fahnentrupp wieder zu verlassen. Fahnenwache. Im Lager stehen gewöhnlich alle Fahnen eines Regiments vor der Front des ersten Bataillons aufgestellt, wobei dann ein Offizier mit einer, entsprechenden Mannschaft die Wache hat, welche die Fahnenwache heißt. Zn der Regel werden zwei Schild- wachen dabei ausgestellt, zuweilen auch nur ein einfacher Posten. Die Fahnenwache pflegt 184 Fahnenweihe Fahren I nur vor dem Kriegsheere, den Prinzen oder Prinzessinnen des Hauses und dem commandi» renden General ins Gewehr zu treten. Fahnenweihe. Die Ertheilung von Fahnen an Truppen, die sie noch nicht besitzen, ist mit einer militairischen Feierlichkeit und Gottesdienst verbunden, wobei der Geistliche die ^ Fahne einsegnet und der Kommandeur sie der Truppe unter entsprechender Anrede feierlich i übergibt. Napoleon wußte dergleichen Acte geschickt zu benutzen, namentlich kurz vor einer s Schlacht, um den betheiligten Truppen eine besondere Begeisterung einzuflößen. Eine der berühmtesten Fahnenweihen fand 18 l 5 in Paris nach Einnahme der Stadt im Beisein der ^ verbündeten Monarchen statt. Fähnrich hieß im Mittelalter der Fahnenträger, der ein besonders tapferer, zuverlässiger Mann sein mußte. Demselben wurde die Fahne vor versammeltem Regimente mit feierlicher Anrede übergeben, und er mußte schwören, Leib und Leben bei der Fahne zu lassen, sich erfodcrlichenfalls darin einzuwickeln und so dem Tode zu weihen, weshalb er auch einen höhern, zuweilen den sechsfachen Sold bekam. Die ältere Kriegsgeschichte stelltviele chrenwcrtheBei- spiele aus, daß Fähnriche ihrem Schwure im buchstäblichen Wortsinne nachgckommen sind. Bei den Preußen hieß noch bis l 808 der jüngste Offizier einer Compagnie Fähnrich, bei der - Escadron Cornet; bei der Reorganisation der Armee ging aber diese Charge ein. Gegenwärtig ist der Fähnrich ein Unteroffizier und rangirt gleich hinter dem Feldwebel; er trägt das i Offiziersportee'pe'e und wird daher auch Portee'peefähnrich genannt. Mit dieser Charge ! werden nur junge Männer bekleidet, welche auf Beförderung zum Offizier dienen, nachdem sie ein wissenschaftliches Examen abgelegt haben. Fahr, eine Benedictinerabtei im schweizer. Canton Aargau an der Limmat, wurde im I. 1130 gegründet und an das Kloster Einsiedeln geschenkt, im I. 18-11 nebst mehren Klöstern im Aargau aufgehoben. Fahren. Je unbehülflicher die ersten, nur auf zwei sehr niedrigen Nädern ruhenden . Wagen waren, um so mehr Kunst erfoderte das geschickte Lenken derselben und das schnelle 1 Fahren. Aus diesem Grunde bildeten auch die Wettfahrten in den olympischen und andern - Spielen des Alterthums einen Haupttheil, und der Sieger im Wagenkampfe wurde mit hohen ! Ehren gekrönt und belohnt. Mit der spätem Vervollkommnung der Wagen und als namentlich die Phrygier denselben statt zweier Räder vier gaben, wurde auch die Kunst des Fahrens leichter und mehr vervollkommnet. Bei der Einfachheit der Pferdegeschirre des Alterthums war die Schwierigkeit für den Wagenlcnker allerdings sehr bedeutend, während die gegenwärtigen Geschirre, welche oft mit großem Raffinement zusammengesetzt sind, es einem Kutscher möglich machen, vier, sechs, ja acht Pferde zu je zweien lang gespannt vomKutscher- bocke aus mit Leichtigkeit zu regieren. Ein übler Umstand beim Fahren ist der, daß man in manchen Fällen der Willkür des Zugthiers ausgesetzt ist, sobald auf eine oder die andere Weise der Kutscher außer Stand gesetzt ist, die Zügel gehörig wirken zu lassen, und viele Unglücksfälle sind in Folge dieses sogenannten Durchgehens der Pferde hcrbeigeführt worden. Gewöhnlich endet dieses Durchgehen nur dann, wenn die Pferde durch irgend einen Umstand ausgchalten werden oder wenn das Fuhrwerk zerstört ist, da gerade das letztere und das Geschirr das Pferd immer mehr beunruhigen und zur Wuth anstachcln. Man hat daher mannichfache Mittel ausgesucht, dies Durchgehen, dem man oft gar nicht Vorbeugen kann, unschädlich zu machen. , Eins der beste» ist eine Vorrichtung, mittels deren auf eine einfache Art das Ge- ! spann mit der Deichsel und den Ortscheitcn im Augenblicke des Durchgehcns von dem Wa- ^ gen getrennt werden kann, worauf letzterer stehen bleibt. Abgesehen davon aber, daß diese Vorrichtung leicht durch einzelne Zufälligkeiten, hauptsächlich aber durchjden vermehrten Zug, der nothwendig in der Vorrichtung eine größere, schwer zu bewältigende Reibung erzeugt, im Augenblicke der Gefahr außer Thätigkeit gesetzt werden kann, so können doch die Pferde selbst, angetrieben durch die Bewegungen der Deichsel und der Ortscheite, anderweit noch bedeutenden Schaden anrichten. Darum dürste wol die neueste Erfindung der Art vor allen altern den Vorzug verdienen. Diese besteht ganz einfach in einer veränderten Einrichtung der älter» Scheuklappen an den Geschirren; diese nämlich sind etwas solider construirt und dergestalt mit einem Zuge versehen, daß mittels desselben durch den Kutscher oder einen im Wagen Sitzenden die sonst abstehenden Klappen den Pferden vor die Augen gezogen und > Fahrende Artillerie Fain 185 diese dadurch vollständig geblendet werden. In diesem Zustande läuft das Pferd nur noch wenige Schritte, wird dann zaghaft und bleibt still stehen. Fahrende Artillerie ist eine Gattung von Feldartillerie, bei welcher die Mannschaft nicht wie bei der Fußartillerie zu Fuß geht, auch nicht wie bei der reitenden beritten ist, sondern auf dem Geschütz selbst und dessen Munitionswagen mit fortgebracht wird. Man will dadurch den Feldbatterien mehr Beweglichkeit verschaffen, ohne zu viel Kosten aufzuwendcn. Wie bei allen Dingen, welche zwei Zwecke zugleich erfüllen sollen, und wobei gewöhnlich keiner vollständig erreicht wird, so auch hier. Werden die Geschütze nicht übermäßig leicht gemacht, wodurch sie aber wieder an Wirksamkeit verlieren, so fällt durch die Belastung mit Mannschaften gewöhnlich das Gesammtgewicht zu groß aus, und man verfällt, besonders auf schwierigem Boden, gerade in den Fehler, dem man entgehen wollte. Außer dem Mangel an Selbständigkeit unterliegt die fahrende Artillerie auch noch dem Nachtheile, daß sie zu anhaltend schnellen Bewegungen nicht die erfoderliche Ausdauer besitzt, und daß aufunebenem Terrain, beim Passiren von Gräben u. s. w., die sitzende Mannschaft den größten Gefahren ausgesetzt ist; läßt man sie aber, um dieser Gefahr zu entgehen, an solchen Terrainstellen abstcigen, so geht der ganze Vortheil verloren. Wenn dessenungeachtet fahrende Artillerie noch bei einigen Armeen existirt, so ist der Grund entweder in einer langjährigen Gewohnheit zu suchen, von der man sich nicht trennen mag, wie in Ostreich, oder in einer falschen Ökonomie, wie in Baiern und Dänemark. Fahrende Habe oder Fahrniß heißen im deutschen Rechte alle bewegliche Güter oder Mobilien im Gegensätze der liegenden Gründe. Fahrenheit (Gabr. Dan.), der Verbesserer der Thermometer und Barometer, geb. zu Danzig gegen Ende des 17. Jahrh., war anfangs für die Handlung bestimmt, wendete sich aber aus Neigung dem Studium der Physik zu. Nachdem er Deutschland und England bereist hatte, ließ er sich in Holland nieder, wo die berühmtesten Männer seines Fachs, unter Andern auch 's Gravesande, seine Lehrer und Freunde wurden. Im I. 1720 kam er zuerst auf die Idee, sich des Quecksilbers statt des Weingeistes bei Anfertigung der Thermome - ter (s. d.) zu bedienen, wodurch diese Instrumente ungemein an Genauigkeit gewannen. Er nahm dabei die Kälte im Winter 1709 zu Danzig als den höchsten möglichen Grad seiner Scala an. Auch beschäftigte er sich in Holland mit Anfertigung einer Maschine zum Austrocknen der den Überschwemmungen ausgesetzten Gegenden, erhielt darauf von der Regierung der Niederlande ein Privilegium, konnte aber das Ganze nicht vollenden, da ihn der Tod 1740 überraschte. Fahrt nennt man beim Bergwesen die den Leitern ähnlichen Vorrichtungen zum Hinabsteigen in die Grube. Eine ganze Fahrt ist zwölf, eine halbe sechs Ellen lang. Vondem Fahrschacht ist der Förderschacht, in welchem die Erze herauf oder zu Tage gefördert werden, durch eine Scheidewand getrennt. Fährte, s. Ansprechen. Fain (Agathon Jean Frede'ric, Baron), erster Geh. Secretair Napoleon's, geb. zu Paris am l l.Jan. 1778, hatte kaum seine Schulstudien vollendet, als ihn ein Zufall in die Bureaux der Nationalversammlung versetzte. Im Alter von 16 Jahren wurde er Secretair des Militairausschusses des Nationalconvents, und nach dem 12. Vendemiaire des I. IV (5. Oct. 1795) kam er durch Barras und Letourneur in die Bureaux des Directoriums. Unter dem Konsulate wurde er 1799 Divisionschefder Archive und bald daraufStaatssecretair. Mit dem Titel als Archivsecretair kam er 1806 in das geheime Cabinet des Kaisers, der ihn 1807 zum Reque- tenmeister ernannte und 1809 zum Baron erhob. Zu Anfänge des I. 1813 wurde er Geh. Secretair des Kaisers, den er nun auf allen seinen Zügen bis zur Abdankung in Fontainebleau begleitete. F. hatte die ersten Befehle entworfen, welche Bonaparte als Consul, er entwarf auch die letzte Acte, welche ec als Kaiser Unterzeichnete, nämlich die Abdication zu Fontainebleau. Mit der Rückkehr der Bourbons verlor F. auch seine Stelle als Vorsteher des franz. Archivs; nach Napoleon's Rückkehr von Elba trat er wieder in seine frühere Stellung. Er Unterzeichnete im Staatsrathe das Protokoll vom 25. März, welches die Grundsätze enthielt, die dem Kaiser in Zukunft als Richtschnur dienen sollten; auch entwarf er das kaiserliche Dekret von demselben Tage, welches alle frühere Beschlüsse gegen die Bourbons von L86 Fairfax Kalck (Ant. Reirch.) neuem in Kraft se-te. Von der provisorischen Regierung wurde er zum Staatssecretair ernannt, was er aber nur 48 Stunden blieb. Nach der zweiten Restauration wieder ohne Anstellung, benutzte er seine Muße, um die bekannten „Manuskripte" auszuarbeiten, die zur Kennt- niß der diplomatischen Geschichte der damaligen Zeit sehr brauchbare Materialien liefern und deren Glaubwürdigkeit vornehmlich auf den amtlichen Verhältnissen des Verfassers beruht, die ihn zum Zeugen der meisten Staatsverhandlungen machten, deren Gang er entwickelt und beschreibt. Zuerst erschien das Manuscript vom I. 1814 (Par. 1823), dann das vom I. 1813 (2 Bde., Par. 1824), hierauf das vom I. 1812 (2 Bde., Par. 1827) und zuletzt das vom I. III (Par. 1828). Nach derZulirevolution wurde F. im Aug. I83V erster Cabi- netssecretair des Königs Ludwig Philipp und ihm 1832 die Verwaltung der Civilliste übertragen. Auch wurde er Staatsrath und wenige Tage vor seinem Tode, der am 14. Sept. 1836 erfolgte, Großoffizier der Ehrenlegion. Fairfax (Thomas, Lord), der General der Parlamentstruppen in England zur Zeit der bürgerlichen Kriege unter der Regierung Karl's I., wurde 1611 zu Dcnton in der Grafschaft Dort geboren. Er studirte in Cambridge und diente nach vollendeten Studien als Freiwilliger in Holland unter Lord Vere, um den Waffendienst zu lernen. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland faßte er eine entschiedene Abneigung gegen Karl l. und wurde, als der Bürgerkrieg ausbrach, vom Parlamente zum General der Reiterei ernannt. Er zeichnete sich durch.Tapferkeit, Klugheit undThätigkcit so aus, daß ihm das Parlament 1645, an des Grafen Essex Stelle, den Heerbefehl übertrug. Auch erhielt er Vollmacht, alle Generale unter seinem Befehle selbst zu ernennen. Doch sehr bald gewann Cromwell, der F. mit dem Titel eines Generallieutenants beigegeben war, einen solchen Einfluß über ihn, daß er Alles durchzusctzen vermochte. Siegreich in der Schlacht bei Oxford am 14. Juni 1645 gegen Karl I. unterwarf sich F. alles Land westlich von London, zog dann nach dem südlichen Theile und blockirte Excter, rückte hierauf vor Oxford, wo eine beträchtliche Besatzung stand, und zwang die Stadt, zu capiluliren. Zwar entkam der König, um sich den Schotten in die Armee zu werfen, war aber nun ohne Heer und ohne festen Platz in England. Als F. in London angekommen war, dankte ihm das Parlament durch eine Deputation und übertrug ihm die Überbringung der Summe von 400000 Pf. Sk., welche dasselbe der Armee von Schottland für die Auslieferung des Königs gab. Als die Auslieferung am 3V. Jan. 1646 erfolgt war, begegnete F. dem Monarchen mit vieler Achtung. Das Parlament ernannte ihn hierauf zum General der Armee, welche man noch beibehalten wollte, nachdem ein Theil verabschiedet und der andere nach Irland geschickt worden war. Als Cromwell die mit dieser letztem Maßregel unzufriedenen Truppen zur Empörung gegen das Parlament zu verleiten suchte, wollte F. seine Stelle niederlegen; die Führer des Heers wußten jedoch die Ausführung dieses Entschlusses zu verhindern, und F. gab sich nun den Maßregeln hin, die man ergriff, um das Parlament zu stürzen. Gegen den Befehl desselben zog er in London ein und erfuhr hier nicht so bald, daß der König mit Gewalt entführt sei, als er eilte, denselben bei Cambridge aufzusuchen. Gern hätte er den König gerettet, allein Cromwell beherrschte ihn und die Umstände. Nach des Königs Tode wurde F. zum Befehlshaber der Truppen in England und Irland ernannt; allein bei der Expedition, welche das Parlament 1650 gegen Schottland beabsichtigte, weil es sich für Karl II. erklärte, weigerte er sich zu dienen, worauf Cromwell den Oberbefehl erhielt. F.'s sehnlichster Wunsch blieb die Wiedereinsetzung der königlichen Familie; auch versuchte er nach Cromwell's Tode 1658 sie zu bewirken, und brachte zu dem Ende selbst ein Heer zusammen. Von der Grafschaft Jork ins Parlament gewählt, war er 1660 unter den Abgeordneten, die nach dem Haag gesandt wurden, um Karl II. zu veranlassen, so schnell als möglich die Ausübung der königlichen Gewalt zu übernehmen. Nach der Auflösung dieses Parlaments begab er sich aufseine Güter und starb am 12. Febr. 1671. Er besaß Neigung zu wissenschaftlicher Beschäftigung und hat unter andern Schriften auch „Nemoirs" (Lond. 1699) hinterlasscn. Fakir, im Arabischen überhaupt ein Armer, nennt man sowol die Mohammed. Derwische (s.d.) wie in Indien die Büßenden oder Sanjaffis, d.i. Entsagenden, die ein einsied, lcrisches Leben führen und mannichfachen Selbstpeinigungen sich unterwerfen. Faick (Ant. Reinh.), einer der aufgeklärtesten niederländ. Staatsmänner der neuern 187 Aalck (Niels Nik.) Zeit, geb. 1776 zu Utrecht, erhielt seine Bildung zu Amsterdam und seit 1800 auf der Uni- versität zu Göttingen. Nach der Rückkehr in das, Vaterland prakticirte er als Advocat in Amsterdam und verwaltete dann einige städtische Ämter. Von 1802—6 war er Gesandt- schaftssecretair am madrider Hofe, wo er auch eine Zeit lang in Abwesenheit des Gesandten dessen Posten versah. Unter Ludwig Napoleon lehnte er anfangs jede Anstellung bei Hofe und in der Diplomatie ab; im Z. 1808 aber trat er als Generalsecretair in das Departement des Seewesens und der Colonien ein. Bei den kritischen Zeitumständen im Herbste 1813 entwickelte er ebenso viel Much als Klugheit. Als Capitain einer Grenadicrcompagnie der Nationalgarde war sein Name der gefeiertstein jener Zeit. Zum Generalsecretair der provisorischen Regierung ernannt, welche sich bei der Entfernung der Franzosen im Haag gebildet hatte, wurde er nach der Ankunft des Prinzen von Oranien, und nachdem derselbe als König der Niederlande proclamirt war, Staatssecretair, welchen Posten er bis 1818 bekleidete, worauf ihm die Ministerien des öffentlichen Unterrichts, der Nationalindustrie und der Colonien anvertraut wurden. Auch übernahm er mehre wichtige diplomatische Sendungen, unter andern 1819 und 1820 nach Wien. Ganz besonders aber wurde seine Thätigkeit in Anspruch genommen bei den Verhandlungen wegen der Trennung Belgiens von den Niederlanden. Mit dem Range eines Staatsministers trat er 1832 in den Ruhestand und starb 1841. Bei seiner Aufnahme als Mitglied der dritten Clafse des nicderländ. Instituts schrieb er die Abhandlung „Über den Einfluß der holländ.Civilisation auf die Völker des nördlichen Europas", in den „Verhandlungen des nicderländ. Instituts" (Bd. I, Amst. 1817). Falck (Niels Nik.), ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Kiel, geb. am 25. Nov. >784 zu Emmerlef bei Tondern im Hcrzogthume Schleswig, widmete sich zuerst dem Studium der Theologie und Philosophie, wendete sich aber später als Hauslehrer bei dem Grafen Adam Moltke auf Nütschau dem Studium der Rechte zu. Nachdem er 1809 das juristische Amtscxamcn gemacht, arbeitete er zunächst in dem Bureau der schleswig-holsteinischen Kanzlei und zeigte hier eine solche Kenntniß des theoretischen Rechts, daß die Regierung die Absicht hatte, ihm den Lehrstuhl des röm. und deutschen Rechts an der neu zu errichtenden Universität zu Christiania anzuvertrauen, als die Abtretung Norwegens 1814 erfolgte, wodurch der Plan vereitelt wurde. Man gab ihm nun eine ordentliche Professur des Rechts in Kiel, wo er seitdem mit Erfolg und Auszeichnung als Lehrer und Schriftsteller gewirkt hat. Seine Schriften, die theils allgemein juristischen Inhalts sind, wie die „Juristische Encyklopädie" (4.Aufl., Lpz. 1839) und die früher vom Freiherrn vonDal- wigk hcrausgegebencn „Eranien zum deutschen Recht", theils specicll Schleswig-Holstein betreffen, wie sein „Handbuch des schleswig-holsteinischen Privatrechts" (4 Bde., Altona 1825—40) und die staatsrechtliche Schrift „Das Herzogthum Schleswig in seinem gegenwärtigen Verhältnisse zu Dänemark und zu dem Herzogthum Holstein" (Kiel 1816), zeigen von seinen vielseitigen Kenntnissen. Namentlich durch die zulehterwähnle Schrift erüffnete er sich zuerst den Weg zu seiner praktisch-politischen Thätigkeit in Schleswig-Holstein. Diese begann damit, daß er während des ersten holsteinischen VerfassunHsstrcits 1815—20 eine Zeit lang Consulent der nichtadeligen Gutsbesitzer war und Dahlmann's Bemühungen um Wiederherstellung der schleswig-holsteinischen Verfassung treu und ausdauernd unterstützte. Da er hierauf bei dem durch Lornsen 1830 erneuerte»Versuche der Wiedergewinnung einer Verfassung weniger entschieden auftrat und für milde Maßregeln sich geneigt zeigte, so wurde er 1832 zur Begutachtung der nähern Einrichtung der schleswig-holsteinischen Provinzialstände vom Könige nach Kopenhagen berufen, und dann auch 1835 und 1836 von der Regierung zu der holsteinischen und schlesw. Ständeversammlung als Mitglied für die Universität Kiel deputirt, die ihn 1838 zum Präsidenten wählte. Er hielt sich im Allgemeinen auf der liberalen Seite, brachte die Emancipation der Juden in Vorschlag, sprach sich für Preßfreiheit und für Wiederherstellung des gerichtlichen Verfahrens bei Preßver- gchen aus und nützte den Ständen wesentlich durch seine genaue Landeskcnntniß. Durch ein Schwanken und ängstliches Zurücktreten, sobald eS einer kräftigen Durchführung der Sache galt, sowie in neuester Zeit dadurch, daß er sich wol für Öffentlichkeit und Mündlichkeit im Gerichtsverfahren, aber gegen die Einführung von Geschworenengerichten aussprach, ist er 188 Falconer Falieri s -Ä mit der immer entschiedener in Schleswig-Holstein hervorgetretenen Volksmeinung nach und nach iy Opposition getreten. Falcöner (William), schot. Dichter, geh. zu Edinburg um 1735 und durch den Tod seiner armen Altern früh verwaist, erregte als Kajütenjunge auf einem Kauffahrteischiffe die Aufmerksamkeit Campbell's, des Verfassers des „I^exipb-mes", der ihn hierauf unterrichten ließ. Sein erstes Gedicht schrieb er 175 l auf den Tod Heinrich's, Prinzen von Wales. Acht- zehnZahrealt, litt er alsMatrose amBordderBritannia auf der Fahrt von Alexandrien nach Venedig Schiffbruch, rettete sich mit zwei Kameraden und schilderte, hierdurch veranlaßt, das Seemannsleben in einem Gedichte von drei Gesängen „IKe sbipwreclc", das zuerst anonym (Lond. 1762), dann unter seinem Namen (1764 und 1769) erschien und zuletzt mit Kupfern, erläuternden Anmerkungen und einer Biographie des Dichters von James Stanier Clarke (Lond. 1804; 2. Aust., 1808) herausgegeben wurde. Fortwährend anerkannte Schönheiten desselben sind nächst der Wahrheit des Inhalts malerische, oft originelle Darstellung und harmonischer Versbau; ein Hauptfehler aber ist der zu häufige Gebrauch unverständlicher Seemannsausdrücke. Eine Ode an den Herzog von Jork verschaffte F. eine Stelle beim Seewesen; aus Dankbarkeit schrieb er unter dem Namen Thcophilus Thorn eine politische Satire „Dbs clemsgo^ue" gegen Wilkes und Churchill. Sein letztes und gediegenstes Werk ist das „Universal marine ckietionsr)-" (Lond. 1769; neue Aust., 1809). Als Zahlmeister am Bord der nach Indien bestimmten Fregatte Aurora verlor er im Schiffbruche bei Macao 1769 sein Leben. . Falcönet (Etienne Maurice), ein berühmter franz. Bildhauer, geb. 1716 von armen Altern aus Piemont, mußte als Lehrling eines Holzschneiders in Paris gewöhnliche Holzarbeiten, wie Perückenstöcke u. s. w. fertigen, bis er in seinem >7. Jahre durch seine Thonbildnerei, mit der er sich in seinen freien Stunden und des Nachts leidenschaftlich beschäftigte, die Aufmerksamkeit des Bildhauers Lcmoine erregte, der ihn hierauf in seine Werkstätte nahm, wo er nun so große Fortschritte machte, daß er schon nach sechs Jahren die Statue des Milo vonKro- ton lieferte, eine der besten Arbeiten der neuern Sculptur. Nebenbei hatte er auch die lat. und ital. Sprache erlernt und sich mit den Werken des classischen Alterthums bekannt gemacht. Im I. 1745 wurde er in die Akademie ausgenommen. Im I. 1766 folgte er einer Einladung der Kaiserin Katharina 11., um die Statue Peter des Großen in Metall zu gießen, die den besten Werken der neuern Zeit beigezählt werden kann, obschon, da der erste Guß mislang, der Körper abgesägt und ein neuer angegossen werden mußte. Da er später bei der Kaiserin nicht gleicher Gunst wie im Anfänge sich zu erfreuen hatte, kehrte er 1778 nach Paris zurück, wo er zum Director der königlichen Malerakademie ernannt wurde; doch beschäftigte er sich von jetzt an meist literarisch. Erstarb am 4. Jan. 1791. Unter seinen Schriften, welche manches Treffliche enthalten, sind die „RMexions sur Is scuhiture" (Par. 1768) und die „Odservatious sur 1a Statue 1urc Aurele" (Par. 1771) bemerkens- werth; gesammelt wurden sie als „Oeuvres litte, aires" (6 Bde., Laus. 1781 — 82; 3 Bde-, Par. 1787). Goethe's Aufsatz „Nach Falcönet und über Falcönet" beschäftigt sich nicht mit dem Künstler und ftinen Werken, sondern ist eine glänzende, kräftige Jugendexpectora- tion gegen den Pedantismus der Ästhetik des vorigen Jahrhunderts überhaupt. Falerri, eine Stadt in Etrurien, an deren Namen noch die Kirche Santa-Maria dl Falari bei Civita-Castellana unweit der Tiber erinnert. Die Bewohner, Falisci, gehörten in den altern Zeiten Roms zu dessen gefährlicher» Feinden; nach dem Bündnisse, das Kami l lus (s. d.) im I. 394 v. Chr. mit ihnen schloß, griffen sie noch mehrmals zu den Waffen, wurden aber endlich mit dem übrigen Etrurien völlig unterworfen. Eine Empörung, die sie im I. 241 versuchten, wurde durch die Zerstörung ihrer Stadt bestraft und dann eine Colonie röm. Bürger daselbst begründet, die, wegen des berühmten Cultus der faliscischen Juno, den Namen Junonia Faliscorum erhielt. Falerner Gefilde, eine Gegend in Mittelitalien, und zwar in Campanien, am Fuße des Gebirgs Massicus, zwischen den Flüssen Savo und Vulturnus, war berühmt wegen des vortrefflichen Weins, der hier wuchs und dessen Horaz öfter rühmend gedenkt. Falieri (Marino), der berühmteste unter den drei Dogen von Venedig, welche diesen Namen führten, geb. 1278, war 1346 Befehlshaber der Truppen der Republik bei der Be- 189 Falk ' lagerung von Zara in Dalmatien, wo er einen glanzenden Sieg über den König von Ungarn erfocht, dann Gesandter der Republik in Genua und Rom. Zur Dogcnwürde gelangte er >354. Sein Charakter ist historisch treu gezeichnet in Byron's Trauerspiel „Lulieri" ! (Lond. 1821), wozu Folgendes aus F.'s Leben den Stoff gegeben hat. Ein Patricicr, Mi- I chael Steno, verliebte sich in ein Fräulein aus dem Gefolge der Gemahlin des Doge. Ge- ! täuscht in seinen Absichten, suchte er sich durch einige Zeilen zu rächen, welche für die Doga- ! ressa kränkend waren. Der Doge, ein Mann von wildem, furchtbar aufbrausendem Tempe- ^ ramente, foderte deshalb strenge Bestrafung, und da dem Steno, als einem Patricier, blos '' kurze Gefängnißstrafe zuerkannt wurde, so beschloß F., an der gesammten stolzen Aristokratie, die er von ganzer Seele schon früher haßte, furchtbare Rache zu nehmen, und bildete eine Verschwörung, um an einem bestimmten Tage, wozu der 15. Apr. 1355 bestimmt war, alle Senatoren zu ermorden und die Macht des Senats zu vernichten. Allein am Vorabende der Ausführung wurde der Doge mit den Verschworenen verhaftet und nebst den meisten Mitschuldigen am 17. Apr. 1355 hingerichtet. Zu einer meisterhaften Novelle „Doge und Do- garessa" verarbeitete diesen Stoff E. T. W. Hoffmann in den „Serapionsbrüdern", auch Delavigne brachte F. als Trauerspiel 1829 auf die Bühne. Falk (Johannes Dan.), bekannt als Schriftsteller wie durch seine Menschenfreund- > lichkeit, wurde zu Danzig 1770 geboren und zeigte von Jugend auf große Lernbegierde, die ! er aber nur im steten Kampfe mit den größten Schwierigkeiten einigermaßen zu befriedigen vermochte. Sein Vater, ein armer Perückenmacher, hatte ihn kaum nothdürftig lesen und schreiben lernen lassen, als er ihn schon bei seiner Arbeit gebrauchte und die Wißbegierde des Knaben auf alle Weise zu unterdrücken suchte. Mittels seines Spargeldes gelang cs indeß F., aus der Leihbibliothek Gellert's, Wieland's, Lessing's u. A. Werke zu erhalten, die er oft zur Winterszeit auf freier Gasse beim Schein der Laterne eifrigst durchlas. Immer unzu- , friedener mit seiner Lage, entschloß er sich einstmals, das väterliche Haus zu verlassen und zur See zu gehen. Wirklich entfernte er sich und irrte einige Tage an der Meersküste umher, bis er, da die Schiffer sich weigerten, ihn mitzunehmen, zur Rückkehr genöthigt war. Endlich erhielt er von seinem Vater die Erlaubniß zu studiren, kam nun mit dem 16. Jahre auf das Gymnasium seiner Vaterstadt und studirte dann zu Halle, bis er 1793, die Unabhängigkeit eines Privatgelehrten einer Anstellung vorziehend, sich nach Weimar begab. Hier fand er 1806 beim Einmärsche der Franzosen und nach der Schlacht bei Jena Gelegenheit, durch seine Kenntniß des Französischen und seine Geistesgegenwart um Stadt und Land sich sehr verdient zu machen, wofür ihn der Großherzog zum Legationsrath ernannte und ihm einen Jahrgehalt anwies. Doch größere Verdienste erwarb er sich 1813 um die leidende, hülfs- bedürftige Menschheit durch die Stiftung der „Gesellschaft der Freunde in der Noch", welche den Zweck hatte, verlassenen und verwilderten Kindern zur Erlernung nützlicher Gewerbe behülflich zu sein. Durch seine rastlosen Bemühungen kam später die Gründung einer Schulanstalt zu Stande, welche 1829 vom Großherzog in eine öffentliche Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder verwandelt wurde, die den Namen Falk'schesJnstitut führt. F. starb am 14. Febr. 1826. Als Schriftsteller trat er zuerst in der Satire auf, von Wieland aufs» ausgezeichnete Weise cingeführt, daß er zu großen Erwartungen berechtigte. In der That ' waren seine ersten Satiren „Der Mensch und die Helden; zwei satirische Gedichte" (Lpz. i 1798), „Die Gräber von Kom und die Gebete" (Lpz. 1799) reich an treffendem Witz; aber s seine später» Werke rechtfertigten diese Erwartungen nicht ganz, wenn auch die sieben Jahrgänge seines „Taschenbuch für Freunde des Scherzes und der Satire" (1797—1803) vieles Gelungene enthalten und sein dramatisches Gedicht „Prometheus" (Tüb. 1803) bei fehlender Harmonie und Vollendung im Einzelnen ein treffliches Werk voll Tiefe ist. Das „Leben, wunderbare Reisen und Irrfahrten des Johannes von der Ostsee" (Bd. I, Tüb. 1805) blieb unvollendet. In den 1.1806—7 gab er das Taschenbuch „Grotesken, Satiren und Naivetäten" (Stuttg.) heraus. Später erschienen von ihm „Oceaniden"(Bd. I, Amst. 1812) und „ClasstschesTheater der Engländer und Franzosen" (Bd. 1, Amst. 1812). Das dritte Reformationsjubiläum im I. 1817 feierte er durch zwei schöne Gedichte in Stanzen, welche von Ad. Wagner unter dem Titel „F.'s Liebe, Leben und Leiden in Gott" (Altenb, 1817) herausgegeben wurden. Derselbe gab auch „F.'s auserlesene Schriften" (3 Bde, 190 Falke Falklandsinseln l Lpz. 1818) heraus, welche in das „Liebesbüchlein", „Osterbüchlein" und „Narrenbüchlein" zerfallen. Den Ertrag seiner Schrift „Das Vaterunser in Begleitung von Evangelien und uralten christlichen Chorälen" (Lpz. 1822) bestimmte er zur Vollendung des Bet- und Schulhauses der von ihm begründeten Anstalt. Nach seinem Tode erschienen der „Volksspie- ! gel zur Lehre und Warnung" (Lpz. 1826) und eine neue Sammlung seiner „Satirischen > Werke" (7 Bde., Lpz. 1826) und nach Goethe's Tode, wie es F. gewünscht hatte, „Goethe I aus näherm persönlichen Umgänge dargestellt" (Lpz. 1832; 2. Aust., 1836). I Falke (lsicone) nannte man ein in der ersten Hälfte des 16.Iahrh. übliches Geschütz, ^ das sechs Pf. Eisen schoß, 7 F. lang und 890 Pf. schwer war; dasselbe kam daher mit den ' gegenwärtigen Sechspfündcrn überein, nur daß es zwei F. kürzer und weniger stark an Metall war als diese. — Falke nennt man auch einen auf dem Zapfenstücke einer Kanone angebrachten Aufsatz, so hoch, daß, wenn über den Falken und das auf dem Kops der Kanone befindliche Korn vifirt wird, die Visirlinie parallel zur Rohrachse läuft, also das Geschütz im Kornschuß gerichtet ist. Der Falke wird in der Regel nur an Belagerungs - und Defensions- kanonen, nicht aber am Feldgeschütz angebracht. Falken bilden unter den Tagraubvögcln eine besondere Gruppe, welche nur kühne, kampflustige, grausame, starke, meist von lebendiger Beute sich nährende Vögel umfaßt, die man den Katzen vergleichen kann. Sie sind über die ganze Erde verbreitet, gleichen sich hin- i sichtlich ihrer Lebensart auch in den verschiedensten Himmelsstrichen und zeigen selbst in Fär- 1 bung viel Übereinstimmendes. Man theilt sie in verschiedene Gattungen, die größtentheils auch in Deutschland ihre Repräsentanten haben, jedoch nicht leicht zu unterscheiden sind; Weiher, Bussarde, Milane, Stößer und eigentliche Falken gehören hierher. Unter den letztem wurde der gemeine Falke (kaIco peregrinus) und der isländische Falke vorzugsweise zu der im Mittelalter vielbeliebten Falknerei (s. d.) verwendet. Der Schaden, welchen einzelne Arten den Hühnerhöfen zufügen, kommt nicht in Betracht gegenüber dem Vortheile, , der aus der von vielen andern Arten betriebenen Vertilgung von Mäusen, Maulwürfen und ! ähnlichen Thieren entsteht; rücksichtslose Verfolgung der Falken ist daher nicht zu billigen. Falkenstein am Harz, eine Stunde von Ballenstedt, war seit dem 12. Jahrh. Sitz des im Halberstädtischcn und Anhaltischen reichbegüterten gleichnamigen Grafcngeschlechts, welches eine Zeit lang (1137—1237) die Schirmvogtei über das Stift Quedlinburg besaß. Der ausgezeichnetste unter diesen Dynasten ist der in der Vorrede zum „Sachsenspiegel" gefeierte Graf Hoyer von F. in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. Der Letzte seines Stamms, BurchardvonF., vermachte 1332, nicht ohne Widerspruch der ihm verwandten Grafen von Negenstein, seine weitläufigen Besitzungen dem Stifte Halberstadt, welches dieselben 1386 an die Herren von Affeburg wiederkäuflich überließ, 1339 aber ihnen völlig zu Lehen reichte. Seitdem war die Burg F. fortwährend der Wohnsitz einer Linie der srcihcrrlich Asseburgischen Familie, bis dieselbe 1761 sich nach dem nahen Meisdorf, einer am Ansgange des Selkethals gelegenen Falkenstein'schen Pertinenzherrschaft, wandte. Im 1.1832 ließ der gegenwärtige Majoratsherr, der preuß. Oberstjägermeister von Asseburg, die alte, noch wohlerhaltcne Burg, eine der schönsten Zierden des Harzes, rcstauriren und in bewohnbaren Stand setzen, sodaß sie den zahlreichen, hier sich einfindenden Jagdfreunden ein ebenso bequemes als anmukhigeS Obdach gewährt. Sie beherrscht das Selkethal, bietet eine weite Aussicht über den Harz und die Magdeburger Gegend und hat durch Bürger's Ballade „Die - Pfarrerstochter zu Taubenheim", unter welchem Orte das nahegclegcne Pansfcld zu verstehen sein soll, ein hohes romantisches Interesse. Im I. 1830 wurde von dem Könige von Preußen die ansehnliche Affeburg'sche Herrschaft zu einer Mindergrafschaft Falkenstein und ihr Besitzer in den Gras instand erhoben. — Andere Stammschlösser gleiches Namens gibt es in Thüringen, Baien«, den Rheinlanden und Ostreich. Falklandsinseln nennt man den Archipel im Australbereiche des Atlantischen Oceans zwischen 51°—53" südl. B. und dem 30"— 35" westl. L., der aus zwei großem Eilanden, Ost - und Westfalk.'and, besteht, die zusammen eine Oberfläche von etwa 80 llM. haben, und aus 360—380 mehr oder weniger unbedeutenden Eilanden, Felsenriffen und Sandbänken von 30—50 mM, welche die ersten auf allen Seiten umschließen. Gesehen wurden die Inseln zuerst im Aug 1 >92 von dem Engländer Davis, worauf sie im folgenden Falknerei 191 Jahre Mich. Hawkins im eigentlichen Sinne entdeckte und sie Hawkins-Mädchenland benannte. Der Engländer Strang, der sie 1689 besuchte, gab der ganzen Gruppe den Namen Falklandsinseln, den sie seitdem auch, dem Franzosen Bauchene-Guin, der sie 1790 nach sich benannte, und dem Poree von St.-Malo zum Trotz, der sie 1708 Malou inen taufte, behalten haben. Die erste Niederlassung auf der Ostsalklandsinsel wurde 1764 von Franzosen, unter Bougainville's Leitung, am Berkleysund unternommen und Port-Louis genannt. Spanien aber machte sein Eigenthumsrecht auf den ganzen Archipel geltend, und nach langen Unterhandlungen trat Frankreich die neue Colonie gegen eine Entschädigung an Spanien ab, das nun in den folgenden Jahren von Buenos-Ayres aus die von ihm Malvinas genannten Inseln bevölkerte. Im 1.1772 gründete auch England eine Colonie aus der Nordwestseite der größer» Falklandsinsel, im Hintergründe des 1764 von Byron entdeckten Eg- montshasens, die zwei Jahre nachher wieder verlassen wurde, bei welcher Gelegenheit jedoch die brit. Regierung ihre Rechte darauf sich wahrte. Auch Spanien ließ um dieselbe Zeit seine Niederlassung eingehen, ohne jedoch dadurch seine Ansprüche auf den ganzen Archipel aufzugeben. Später wurden zur Verbannung Vcrurtheilte aus den span. Statthalterschaften auf dem amerik. Festlande dahin versetzt und der Name der Colonie Port-Louis in Port- Solidad verwandelt. Aber auch dieses Unternehmen gerieth bald ins Stocken, und zu Anfänge des 19. Jahrh. befanden sich auf den beiden großen Falklandsinseln nur noch, und zwar in großer Menge, wilde Rinder und wilde Pferde, abstammend von denen, die in frühem Jahren die Spanier hierher versetzten. Brit. Handelsschiffer und Walfischfänger besuchten sie von Zeit zu Zeit, als 1820 die neue Argentinische Republik feierlich davon Besitz nahm und einige Jahre nachher bei den Trümmern des Forts Louis eine Niederlassung gründen ließ, die 1833 von den Engländern zerstört wurde, worauf die letzter» den ganzen Archipel sich zueigneten. Die Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata protestirten nun zwar 1834 gegen die Souverainetät Großbritanniens über die Falklandsinseln; doch dieses nahm von dieser Protestation wenig oder keine Notiz. So blieb die Angelegenheit unerledigt bis gegen Ende des J. 1837, wo Großbritannien einen Vergleich mit den Platastaaten abschloß, zufolge dessen gegen eine Entschädigung der ganze Archipel auf ewige Zeiten den Briten überlassen wurde. Falknerei nennt man vorzugsweise die Baize (s. d.), weil man dazu besonders der Falken (s. d.) sich bediente. Um dieselben für diese Jagdart abzurichten, werden die jungen Falken sehr frühzeitig den Alten weggenommen und nun mit frischem Fleisch von Tauben und Waldvögeln genährt; dann durch Sitzen auf Stangen ans Sitzen auf der Hand und später zum Tragen der Haube gewöhnt. Ist der Falke völlig gezähmt oder berichtigt, wie es in der Falknersprache heißt, so wird er mit verdecktem Kopfe aufs Feld getragen und, wenn sich Beute zeigt, die Haube ihm abgezogen, worauf er schnell aufseinen Raub stürzend, denselben faßt und auf des Falkners Lockung damit zurückkehrt. Diese Falknerei ist sehr alt und kam früh aus dem Morgenlande nach Europa. Im Mittelalter war sie eine Hauptbe- lustigung der Fürsten und des Adels, und da auch die Frauen Theil daran nahmen, so kam sie, besonders in Frankreich, sehr in Aufnahme. In einem von Curne de Sainte-Palaye in seinem Werke über das Ritterwcsen auszugsweise mitgetheilten alten Gedichte des Kapellans Gasse de la Bigne über die Jagdbelustigungen aus dem 14. Jahrh. wird hinsichtlich der Falknerei (kuucoonerie) besonders hervorgehoben, daß sie edeln Frauen wohl anstehe. In Deutschland stand die Falknerei schon unter Kaiser Friedrich II. in hohem Ansehen. Er war ein so eifriger Falkner, daß er selbst im Kriege sich dieses Vergnügen nicht versagte und eine eigene Schrift über die Falknerkunst verfaßte, welche sein Sohn Manfred von Hohenstaufen mit Anmerkungen begleitete; nebst diesen und zwei andern Schriften von der Falknerei wurde sie von I. G. Schneider (2 Bde-, Lpz. 1788, 4.) herausgegeben. Auch im Lehnwesen stößt man auf Spuren, welche die Achtung, deren sonst die Falknerei in Deutschland genoß, bestätigen, so bei den sogenannten Habichtslehnen im 14. Jahrh., welche dem Vasallen die Pflicht auferlegten, jährlich bei seinem Lehnsherrn namentlich mit einem abge- nchteten Habicht, worunter man damals häufig den Falken verstand, sich einzustellen. In Frankreich feierte die Falknerei unter Franz I. ihre höchste Glanzperiode, obgleich der König die Vagd mit Hunden vorzog. Die Falknereianstalten standen damals unter dem Befehl -wes Oberfalkenmeisters, der 15 Edelleute und 50 Falkenmeister unter sich hatte, über 30V 192 Falkonet Fall Baizvögel gebot und das Recht genoß, überall im ganzen Königreiche nach Belieben zu sagen. Überhaupt wurden jährlich mehr als 40000 Livres auf die Falkenjagd verwendet. Durch die Erfindung des Schrots um die Mitte des l 7. Zahrh. kam die Falknerei allgemein in Verfall. Zwar hat man in England, wo die Falknerei früher gleichfalls sehr beliebt war, wieder angefangen, sich mit derselben zu belustigen, doch ein Hinderniß allgemeinerer Aufnahme find die dort meist eingefriedigten Felder. Unter den morgenländ. Völkern verstehen sich noch gegenwärtig vorzüglich die Perser sehr gut auf die Ablichtung der Falken. Falkonet hieß in der ältern Geschützkunst ein den Falken (s. d.) nachgebildetes leich- L tes Feldgeschütz, das vier Pf. Blei schoß, 5'/rF. lang und 400 Pf. schwer war. Gustav Adolf soll bei Lützen im I. >632 von einer Falkonetkugel erschossen worden sein, was jedoch keineswegs erwiesen ist. Gegenwärtig ist das Falkonet ganz außer Gebrauch, ob zwar noch Vierpfünder existiren, welche jedoch nicht vier Pf. Blei sondern vier Pf. Eisen schießen. Fall nennt man diejenige Bewegung, vermöge deren die Körper bei mangelnder Unterstützung sich nach dem Mittelpunkte der Erde zu bewegen. Die Ursache des Falls liegt in der Schwere oder der Anziehungskraft, welche die Erde vermöge ihrer Masse auf die Körper ausübt. Da alle Körper sich im Verhältniß ihrer Massen gegenseitig anziehen, so fällt streng genommen nicht blos der fallende Körper nach der Erde zu, sondern die Erde bewegt sich auch demselben entgegen; doch liegt, da die Masse der Erde so unendlich überwiegend ist, ihre Gcgcnbewegung außer dem Bereiche der gewöhnlichen Berechnung. Ist ein Körper beim Fall gar nicht unterstützt, so nennt man seine Bewegung den freien Fall, welchem der Fall auf einer schiefen Ebene oder krummen Fläche entgegensteht. Die Hauptgesetze des freien Falls im luftleeren Raume sind folgende: >) Alle Körper, wie verschieden auch ihr Gewicht sein mag, fallen gleich schnell, eine Flaumfeder z. B. so schnell als ein Dukaten, wovon man sich durch Versuche mit der Luftpumpe leicht überzeugen kann. Die verschiedene Schnelle des Falls in der gewöhnlichen Luft rührt blos von dem Widerstande der letztem her. 2) Wenn der Raum, den ein fallender Körper in der ersten Secunde durchläuft, gleich l gesetzt wird, ! so ist der Raum, der in der zweiten Secunde von ihm durchlaufen wird, gleich 3, in der drit- i ten gleich 5, in der vierten gleich 7 u. s. w., die Größe des Fallraums in jeder Secunde schreitet also im Verhältniß der ungeraden Zahlen fort, woraus zugleich hervorgeht, daß die Fallbewegung sich immer mehr beschleunigt. 3) Aus dem Vorigen folgt, daß, wenn wiederum der nach Verlauf der ersten Secunde durchlaufene Raum gleich l gesetzt wird, der ganze durchlaufene Raum nach Beendigung der zweiten Secunde gleich 4, nach Beendigung der dritten Secunde gleich 9, nach Beendigung der vierten Secunde gleich 16 ist u. f w., woraus sich das Gesetz ergibt, daß sich die durchlaufenen Fallräume verhalten wie die Quadrate der Fallzciten. 4) Die Geschwindigkeit, welche ein Körper nach Durchlaufung eines gewissen Fallraums erlangt hat, d. h. mit der er seine Bewegung von da an fortzusetzen beginnt, ist der Fallzeit oder der Quadratwurzel des Fallraums proportional, sodaß sie, wenn der Körper im Fallen die vierfache Tiefe,erreicht hat, doppelt so groß ist als sie war, da er die ^ einfache Tiefe erreichte. Unter dem Äquator im Niveau des Meers fällt ein Körper im leeren Raume in der ersten Secunde 15,03397 F. Es verdient aber bemerkt zu werden, daß, ! weil nach den Polen zu die von der Notation der Erde hervorgebrachte Centrifugalkraft der Schwere minder cntgegenwirkt als am Äquator, die Körper dort etwas schneller fallen als unter dem Äquator, wie denn z. B. unter dem 45" der B. der Fallraum in der ersten Secunde 15,09328 F. ist. Alle Gesetze des freien Falls im leeren Raume sind in folgenden sehr einfachen Formeln enthalten: s—gt" und v—2gt, worin t die vom Änfange des Falls an verflossene Zeit, in Secunden ausgedrückt, s den während dieser Zeit, durchlaufenen Raum, A den Fallraum in der ersten Secunde (—15,05397 F. unter dem Äquator), v die zu Ende der Zeit t erlangte Geschwindigkeit bedeutet. Aristoteles und seine Nachfolger glaubten, die Schnelligkeit des Falls richte sich nach dem Gewichte der Körper, sodaß ein Körper von zehn Pfund zehnmal so schnell fiele als ein Körper von einem Pfunde. Dieser und andere Jrrthümer erhielten sich, bis Galilei theils durch Theorie, theils durch Versuche gegen den Anfang des 17. Jahrh. die richtigen Gesetze des Falls feststellte. Newton, auf das dritte Gesetz von Kepler fußend, erkannte die Fallgesetze in den Verhältnissen der Weltkörper zueinander. Guglielmini und nach ihm Benzcnberg fanden bei ihren Fallversuchcn einen Fallgatter Falllehn 193 neuen Beweis für die Bewegung der Erde um ihre Achse. Vgl. Benzenberg, „Versuch über die Gesetze des Falls, den Widerstand der Luft und die Umdrehung der Erde nebst Geschichte aller frühern Versuche von Galilei bis auf Guglielmini" (Dortmund l 804). Zur bequemen Demonstration dieser Gesetze dient eine Maschine, welche nach ihrem Erfinder die Akwood'sche Fall Maschine heißt. Dieselbe beruht darauf, daß man die Beschleunigung des fallenden Körpers durch ein Gegenwicht beliebig vermindern kann, ohne daß jedoch dadurch die Gesetze, nach denen die Geschwindigkeit und der durchlaufene Weg von der Zeit abhängcn, geändert werden. Die in der Natur vorkommende Geschwindigkeit des Falls ist nämlich ihrer Größe wegen zur Beobachtung sehr unbequem. Die Einrichtung der Fall- maschine ist in der Hauptsache folgende. An einer über eine Rolle gehenden Schnur hängen zwei gleiche Gewichte, am besten in kreisförmigen Scheiben bestehend; gibt man nun dem einen ein kleines Übergewicht, so sinkt es herab und zwar vor einer Scale, die an einer hölzernen Säule angebracht ist; mittels eines Secundenpendels läßt sich nun die Tiefe beobachten, welche das fallende Gewicht am Ende der ersten, zweiten, dritten u. s. w. Secunde erreicht hat. Die Geschwindigkeit des Falls hängt von der Schwere des Übergewichts im Verhältniß zu der der beiden gleichen Gewichte ab; ist dieses '/->» von jedem der beiden ursprünglichen Gewichte, so beträgt der Fallraum in der ersten Secunde nur l Zoll. Fallgatter (Korsos) sind aus starkem Holzwerk gezimmerte Gitterthore, welche mittels Ketten und einer Welle aufgezogen und niedergelassen werden können, um das Innere eines Festungsthors zu verschließen. Bestanden diese Verschlußthore blos aus einzelnen, unten zugespitzten und mit Eisen beschlagenen starken Hölzern, so hießen sie Fallbäume und hingen so eng nebeneinander, daß Niemand hindurch konnte. Zn der neuern Festungsbaukunst werden statt der Fallgatter und Fallbäume die sogenannten Versatzbalken angewendet, starke hölzerne Balken, welche innerhalb der Mauern horizontal übereinander in gemauerten Falzen liegen oder eingeschoben werden, um einen Gang (Galerie) an der entsprechenden Stelle abzusperrcn, was man einen Versatz nennt. Sie bilden dann eine feste hölzerne Wand, die vom Fußboden (Sohle) des Gangs oder Gewölbes bis dicht an die Decke reicht und dem Feinde das Vordringen verwehrt. Fällig ist eine Federung, wenn die Bedingung, an welche sie geknüpft ist, eingetreten, oder die Zeit, zu welcher die Foderung erfüllt werden soll, erschienen ist. Wer eine Federung bezahlt, ehe sie fällig ist, kann das Gezahlte nicht zurückfodern, wol aber Der, welcher bezahlt, was er nur bedingterweise schuldig war, wenn die Bedingung nicht eintritt. Wenn eine Foderung dadurch bedingt ist, daß eine fällige Schuld nicht bezahlt wurde, so muß der Federnde beweisen, daß nicht gezahlt ist, wozu in Wechselgeschäften die Proteste dienen. Wenn eine Zahlung aus keinen bestimmten Tag festgesetzt ist, so ist sie sogleich fällig, und wenn die Verfallzeit mit unbestimmten Worten bezeichnet ist, z. B. baldmöglichst, nach Bequemlichkeit u. dgl., so muß der Richter nach Umständen eine Zahlungszeit festsetzen, wenn nicht Landesgesctze oder der Gerichtsbrauch für diesen Fall eine gewisse Zeit vorschreiben. Wer die bestimmte Verfallzeit verstreichen läßt, ohne zu zahlen, muß die Nachtheile deS Verzugs tragen; indessen wird nach gemeinem röm. Rechte von Einigen behauptet, daß dazu nicht das bloße Eintreten des Verzugs sondern noch eine Auffoderung des Gläubigers (iuterpellatio) nöthig sei. Falliment oderFallissement, s.Bankrott. Falllehn oder Schupflehn nannte man in Schwaben und in den angrenzenden Provinzen die lange Zeit übliche Verleihungsform bäuerlicher Grundstücke, zufolge deren der Empfänger gewöhnlich gegen Erlegung einer bestimmten Summe das Gut, oder einzelne Parcellen desselben aufseine Lebenszeit, oft auch auf die Lebensdauer seiner Gattin überkam, ohne jedoch dasselbe in Asterpacht geben, veräußern, verpfänden oder weiter vererben zu können. Außer der erwähnten Summe hatte der Inhaber eines solchen leibfälligen Gutes oder einer Herrengunst, wie man diese Güter im gewöhnlichen Leben nannte, die öffentlichen Lasten zu übernehmen und jährlich eine geringe Abgabe an Geld, Naturalien oder Dienstleistungen an den Gutsherrn zu entrichten. Durch eine königliche Verordnung vom >8. Nov. l8I7 wurden in Würtemberg die Falllehn aufgehoben und jedes bis dahin leibfällige Gut als ein erbliches für die Nachkommenschaft des bisherigen Pächters erklärt. Evnv.-Sex. Neunte Ausl, V. L3 194 Fallschirm Falsen Fallschirm (pamcliute) nennt man den einem Regenschirme ähnlichen taffetnen Schirm von etwa 2" F. im Durchmesser, dessen sich die Luftschiffcr zum langsamen Herab- lassen auf die Erde bedienen, weil er ausgebreitet durck den Widerstand der Luft die Beschleunigung des Falls aushebt. Die erste Idee davon hatte Montgolfier, den ersten glücklichen Versuch damit machte Blanchard 1795 in London. Falopia (Gabriel), einer der größten Anatomen seiner Zeit, geb. l 523 in Modena, studirte in Padua unter Vesalius (s. d.) und bekam dann ein Kanonikat in Modena. Er machte große Reisen nach Frankreich und Griechenland und bekleidete nacheinander die Pro fessur der Anatomie zu Ferrara, Pisa und Padua, wo er auch die Aufsicht über den botanischen Garten hatte. Er starb 1562. Die Anatomie bereicherte er mit vielen Entdeckungen, und einige Theile des menschlichen Körpers wurden nach ihm benannt. Auch zeichnete er sich durch gründliche Kenntnisse und seine Leistungen in der Chirurgie aus. Seine Werke erschienen zu Venedig 1583 und zu Frankfurt 1606 (Fol.). Falsch ist im Allgemeinen Das, was Etwas scheint oder als Etwas dargestcllt wird, das es nicht ist, und durch seinen Schein trügt. Im moralischen Sinne steht das Falsche dem Wahren entgegen, und ist die Falschheit, d. h. die Fertigkeit, Andere über seine Gesinnungen zu täuschen, insofern eine unsittliche Handlung, als der Tugendhafte nie zu jener Täuschung Ursache hat; denn nur das Arge haßt das Licht. Öfter wird das Wort falsch auch nur für gleichbedeutend mit unrichtig, d. h. einer bestimmten Regel widersprechend, gebraucht, z. B. im Ästhetischen und Logischen; daher spricht man von falscher Zeichnung, falschem Witz, falschem Urtheile u. s. w. — In der Musik bezeichnet man mit falsch, wenn rin Ton nicht rein angegeben wird, wenn die Fortschreitung der Intervallen fehlerhaft ist, und die kleine oder verminderte Quinte, d. h. diejenige, die aus zwei kleinen Terzien besteht. — Falsches Licht (taiixjour) hat ein Gemälde, wenn es so gestellt ist, daß das Licht von einer andern Seite darauf fällt als von der, von welcher der Maler die Beleuchtung ausgehen ließ, oder wenn vom Standpunkte des Beschauers aus ein blendender Glanz darüber erscheint, der das deutliche Unterscheiden der Gegenstände verhindert. Fälschung (talsum) kann von dem Betrug (s. d.) im engem Sinne als diejenige rechtswidrige und absichtliche Entstellung der Wahrheit unterschieden werden, welche zum Schaden eines Andern an einer äußern Sache verübt wird. Während der Betrug oft mehr blos die Form ist, unter welcher ein anderes Verbreche« verübt wird, hat die Fälschung ihre besondere verbrecherische Existenz. Die Arten der Fälschung sind ebenso verschieden, als die Abstufungen ihrer Wichtigkeit. Obenan steht die Fälschung öffentlicher und Privaturkunden. Sie kann, wie auch manche andere Art der Fälschung, entweder dadurch geschehen, daß eine echte, richtige Urkunde geändert, z. B. eine höhere Summe in eine Schuldverschreibung, ein anderer Name als der des Erben oder Legatars in ein Testament eingesetzt wird (Verfälschung), oder dadurch, daß völlig falsche Urkunden gemacht und für echte ausgegeben werden (Fälschung im strengem Wortsinne). Außerdem kommt die Fälschung z. B. in Bezug aus Siegel und Stempel, auf Grenzsteine u. s. w. vor. Die Münzsäl- schung (s- d.) gehört zwar auch unter den Gattungsbegriff der Fälschung, wird aber gewöhnlich als besonderes Verbrechen, wegen ihrer Beziehung auf die Hoheitsrechte des Staats, behandelt. Die Ansichten darüber, in welchem Zeitpunkte, oder mit welcher Handlung das Verbrechen der Fälschung als vollbracht angesehen werden könne, sodaß cs die volle gesetzliche Strafe nach sich zieht, sind verschieden; es fragt sich, ob dazu schon die bloße Verfertigung einer Urkunde hinreicht, oder es ersoderlich ist, daß ein Gebrauch davon gemacht worden sei, oder ob dieser Gebrauch auch einen für Andere nachtheiligen Erfolg gehabt habe, z. B. ob Jemand wirklich damit hintergangen worden sei. Die zweite Ansicht scheint im Allgemeinen das Meiste für sich zu haben; doch weichen die Gesetzgebungen hierin sehr voneinander ab. Bei der großen Anzahl von Fällen, welche die Fälschung in sich begreift, ist die Strafe, die in Deutschland gegenwärtig blos Freiheitsstrafe ist, während in England z. B. auf dem Ausgeben falscher Banknoten die Todesstrafe steht, gleichfalls sehr verschieden. Falsen (Christian Magnus), norweg. Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. am 17. Sept. 1782 zu Opslo bei Christiania, der Sohn des als Dichter rühmlich bekannten EnevoldvonF. (geb. 1755), erhielt seine Schul- und akademische Bildung in Kopenha» 195 Falset Falster gen. Seit 1802 prakticirte er als Advocat im Vaterlande und wurde l807 Anwalt des Höchsten Gerichts und im folgenden Jahre Landrichter in der Nähe Christianias, in welcher letzter» Eigenschaft er aufs thätigste für die Gründung einer vorweg. Universität wirkte. Als Deputirter in der constituirenden Reichsversammlung zu Eidsvold im 1.1814 bekannte er sich zu den liberalsten Ansichten und entsagte freiwillig seinem Adel. Im Aug. 1814 erhielt er die Stelle eines Amtmanns von Nord-Bergenhus, und als Deputirter dieses Amts war er auf den Storthingen von 1815, 1816, 1821 und 1822. Er bewies sich als einen ausgezeichneten Redner, und die Nation zollte ihm wegen seiner Freimüthigkeit und seines vaterländischen Sinnes ungetheilte Hochachtung. Dagegen verlor er sehr schnell die Volksgunst, als erim Mai 1822 zum Generalprocurator ernannt wurde und nun, wie es schien, aus Ehrsucht sich gebrauchen ließ, Maßregeln der Regierung zu vertheidigen, die mit seinen früher ausgesprochenen Ansichten im offenen Widerspruche standen. Als das Storthing von 1824 den Gehalt eines Generalprocurators strich, entschädigte ihn der König durch Ernennung zum Stiftsamtmann in Bergen. Gegen Ende des I. 1827 kam er als Justitiarius des Höchsten Gerichts nach Christiania, wo er am 13. Jan. 1830 starb. Die schönste Frucht seiner literarischen Beschäftigung ist die „Geschichte Norwegens unter Harald Haarfager und dessen männlichen Descendenten" (3 Bde.); auch um die alte Geographie seines Vaterlandes hat er sich Verdienste erworben. — Sein jüngerer Bruder, KarlF., Landrichter zu Eger bei Drammen, war auf allen Storthingen seit 1821 einer der thätigstcn und parteilosesten Volksvertreter. Mehrmals zum Präsidenten gewählt, ein klarer Redner und bekannt mit den Bedürfnissen der Nation, besonnen, genoß er von seinem ersten Auftreten an ungeschwächt des Volks Vertrauen. Falset, s. Fistel. Falfkrechnung (Regula talsi) nennt man die Rechnungsmethode, deren man sich in der Arithmetik und Algebra, sonst mehr als jetzt, besonders da bedient, wo eine directc Auflösung der Aufgabe unmöglich ist. Man nimmt dabei für die gesuchte Größe eine willkürliche, also im Allgemeinen falsche Größe an, woher die Rechnung auch den Namen hat, und sucht dann aus dem Fehler, den diese Annahme zur Folge hat, auf die wahre Größe zurückzuschließen. Doch gibt es viele Fälle, wo diese Methode gar nicht anwendbar ist; in andern Fällen wird sie durch Anwendung von einfachen Gleichungen überflüssig. I?al 80 borävlie (baux-bourdon) nannte man überhaupt die freie Begleitung eines Chorals oder Bantus tirmus, welche die andern Singstimmen meist gegen den Tenor figurirten, insbesondere aber die Begleitung der Oberstimmen in Sextenaccorden. Falstaff (John), der stete Begleiter des ausschweifenden Prinzen Heinrich von Wales, des nachmaligen Königs Heinrich's V. von England, gest. 1421, ist die originellste dramatische Person, welche Shakspcare in seinem „Heinrich V." und auf ausdrückliches Verlangen der Königin Elisabeth in den „Lustigen Weibern von Windsor" gezeichnet hat. Er ist ein wahrer Heros der Taugenichtse, dabei aber unterhaltend, wohl zu leiden und überfließcnd von guter Laune, deren Energie man nicht genug bewundern kann. Er ist Soldat, aber ein ebenso feiger Soldat als lügenhafter Prahler; ergraut im Wohlleben, aber noch im Alter gleich lüstern und siederlich und immer nur auf Schwelgen und Ausschlafen sinnend. Unter diesem plumpen Äußern verbirgt er indeß den gewandtesten Schalk und weiß geschickt einzulenken, wenn die Dreistigkeit seiner Späße anfängt übel empfunden zu werden. Er erscheint gemein, aber doch nicht ohne Witz und Spuren früherer Bildung; man erkennt, daß er früher bessere Tage gesehen hat. Wohlbeleibt und etwas schwammig mag er wol erscheinen, aber der Schauspieler sollte sich hüten, ihn hanswurstmäßig und unförmig dick vorzuführen, denn es ist ebenso eine übermüthige Hyperbel, wenn Heinrich V. F. einen Fleischberg, wie wenn F. zur Wiedcrvergeltung den Prinzen eine Aalhaut oder getrocknete Rinderzunge nennt. Falster, eine zum Stifte Laaland des eigentlichen Königreichs Dänemark gehörige fruchtbare Insel in der Ostsee von 8/4 OM. Flächeninhalt, zählt gegen 20000, fast durchgehend dän. Bewohner, die sich vorzugsweise mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigen. Früher im Besitze mehrer Adelsgeschlechter, wurde sie seit dem 16. Jahrh. durch Ankauf zur königlichen Domaine. Die Hauptstadt ist Nykiöbing, mit einem Schlosse, einer Kathedral- 13 * 196 Faltenwurf Kamilienmünzen schule und I-1Ü0 E., blühend durch Handel, Schiffahrt und Gewerbe, und nächst ihr Stub- benkiöbing zu erwähnen, mit einem Hafen und 500 E. Faltenwurf, s Draperie und Gewand. Falun oder Fahlun, die Hauptstadt der schweb. Provinz gleiches Namens, des ehemaligen Dalekarlien (s. d.), in einem Thale, zwischen den Seen Varpen und Runn, eine Bergstadt und der Sitz des Landeshauptmanns und eines Berghauptmanns, hat 5000 E., eine von der Königin Christine gegründete höhere Stadtschule und ein Lehrinstitut für praktische Bergwifsenschaften, sowie das größte Kupferbergwerk in ganz Schweden, ja vielleicht auf der ganzen Erde. Die Grube, mitten in der Stadt, besteht aus einem im 17. Jahrh. durch den Einsturz vieler altern Grubenbaue entstandenen Abgründe und ist > 200 F. lang, gegen 600 F. breit und 200 F. tief, sodaß dieBergleute an den meisten Stellen beimTagcs- lichte arbeiten können. Früher liefertedie Grube, welche merkwürdige Maschinenhat, zu Zeiten 20000 Schiffpfund Ausbeute, jetzt durchschnittlich nur 5000 Schiffpfund. Außer Kupfer wird auch viel Vitriol sowie einiges Gold, Silber und Blei gewonnen. Sie ist im Besitz einer Aktiengesellschaft, welche das Capital auf 1200 Actien vcrtheilt. Übrigens hat F. viele Fabriken in Wolle, Baumwolle, Leinwand, Spielkarten, Taback, Spiegeln und Leder. Fama, gricch. Pheme, Ossa, die Göttin des Gerüchts oder der Sage, kommt schon bei den ältesten Dichtern vor. Sophokles nennt sie ein Kind der Hoffnung, Virgil die jüngste Tochter der Erde, die Schwester des Enceladus und Cöus. Die Erde gebar sie, um sich wegen der Besiegung ihrer Söhne, der Giganten (s. d.), an den Göttern dadurch zu rächen, daß F. die anstößigen Geschichten derselben überall bekannt machen sollte. Ovid beschreibt ihre Wohnung als einen Palast mit tausend Öffnungen und aus tönendem Erze gemacht. Farnes , die Personifikation des Hungers, nach Hesiod eine Tochter der Eris, wohn« nach Virgil am Eingänge des Tartarus, nach Ovid in Scythien. Familie. Die Familie ist das älteste, von der Natur unmittelbar durch die langdauernde Hülfsbcdürftigkeit des jungen Menschen, durch die tiefer als bei den Thiergeschlechtern , eingreifende Verschiedenheit des Gcschlechtscharakters und durch die warmen, sich unter der Mitwirkung und Sprache wciterstreckenden und lange dauernden Gefühle der Verwandtenliebe begründete Verhältniß unter den Menschen. Sie ist der erste Keim, die erste Grundlage der Staaten und zugleich ihr Vorbild. Sie webt die Menschen zum Volke zusammen und verbindet die Generationen. Sie ist es vornehmlich, welche dem Menschen ein auch über die Lebenszeit hinausreichender Interesse gibt, ihm die Vergangenheit werth und die Zukunft wichtig macht. Die schönsten Genüsse, die reinsten Gefühle und Bestrebungen sind für die Mehrzahl der Menschheit an die Familie geknüpft und selbst in rohen und verwilderten Ständen und Stämmen sind hierauf die einzelnen edlern Regungen, die als Keime des Bessern fortleben, gerichtet. Die Familienordnung ist zugleich ein wichtiger Maßstab, mit dem sich die Civilisation der Völker und Zeiten bemessen läßt. Auch der Staat ehrt die Wichtigkeit und Unabhängigkeit dieses heiligen Naturverhältnisses, hütet sich, es zu stören oder zu trüben, schützt seine Reinheit und Sittlichkeit und mischt sich nur in dringenden Nothfällen in sein Inneres. Künstlich einrichten und anordnen läßt sich im Familicnwesen weniger als irgendwo; aber mit höherer Läuterung der Menschheit hebt und veredelt sich auch dieses Grundelement der Gesellschaft, wie wieder seine Reinheit die Gesellschaft am sichersten vor Verfall bewahrt, schon weil cs der Hauptsitz der Erziehung ist, während der Schule mehr nur der Unterricht zufallen kann. Familienmünzen, früher gleichbedeutend mitConsularn, ünjcn (s. d.) gebraucht, nennt man in neuerer Zeit alle röm. Münzen, welche den Namen einer Familie oder einer Person tragen, sodaß man dazu auch die Münzen der Münzmeister unter Augustus u. s. w. rechnet. Die meisten Familienmünzen sind wie die Consularmünzen in Bronze und Silber; in Gold gibt es nur wenige, da dasselbe erst seit 206 v. Chr. vermünzt wurde. Wie jene unterscheiden sie sich in ihrem Gepräge wesentlich von denen der Kaiserzeit, da sie sehr reichhaltig an historischen Vorstellungen sind. DieZahl der einzelnen Familien, von denen es Münzen gibt, ist noch nicht abgeschlossen, wie überhaupt die ganze Abtheilung für den Forscher noch Vieles enthält, was einer weitern Erörterung fähig ist. Mehre Numismatiker haben den Begriff der Familienmünzen so weit ausgedehnt, daß sie dazu alle Münzen rechnen, auf Familienpact Familienwappen 197 denen sich der Name einer Person oder Familie findet, die überhaupt eine Inschrift tragen; den der Consularmünzen aber auf die namen- und inschristlosen eingeschränkt. Familienpact oderFamilienstatut heißt ein Vertrag, welcher zwischen den Mitgliedern einer Familie über ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten, Erhaltung ihres Vermögens, Benutzung und Vererbung desselben, über die Heirathen, die Bestellung eines Oberhaupts und Vertreters der Familie (Senior, Subsenivr) u. s. w. geschlossen wird. Ob es gleich scheinen möchte, daß dergleichen Verträge nur die Familie angingen, und daß daher eine Bestätigung von Seiten des Staats nicht nöthig wäre, so ist doch nicht zu leugnen, daß durch solche Familicnvcrträge, wenn sie zur Regel würden, außerordentlich tief in die Verhältnisse des Volks eingegriffen werden würde. Schon das Erste, was durch das Princip der Familienpactc herbeigeführt wird, die Unveräußerlichkeit der Güter und das Ausammen- ziehen des Grundeigenthums in wenige Hände, ist für den Staat von der größten Wichtigkeit, daß er sich die Aufsicht und die Gesetzgebung darüber nicht entziehen lassen darf. Daher haben in der neuern Zeit die Regierungen die Errichtung von Familienpactcn ohne ihr Vorwissen nicht gestattet und die Gültigkeit derselben von der Bestätigung abhängig gemacht. Die Familien hingegen fanden darin theils eine Beschränkung der allgemeinen Freiheit, theils ihrer Vorrechte, indem sie von einem Rechte der eigenen Gesetzgebung (Autonomie) sprachen, welches allenfalls nur in Dingen eintrcten kann, welche für den Staat und seine Gesetzgebung gänzlich gleichgültig sind. Sollen aber dergleichen Familienpactc auch für Andere und für noch nicht vorhandene Nachkommen verbindlich sein, so ist dies gar nicht möglich ohne Bestätigung des Staats. Gleichwol zählt die deutsche Bundesacte (Art. 14) unter den Rechten, welche den ehemaligen reichsständischen fürstlichen und gräflichen Familien bleiben sollen, auch das Recht der Autonomie oder der Errichtung eigener Familicnstatuten auf. Wie die Faniilicnpacten durch die Zustimmung der lebenden Familienglicdcr errichtet werden können und dann auch die Nachkommen verbinden, so können sie auch auf gleiche Weise wieder aufgehoben werden. Alle Lebende aber müssen einwilligen; eine Mehrheit der Stimmen kann weder bei der Stiftung noch bei der Aufhebung entscheiden; die noch nicht Geborenen müssen gelten lassen, was ihre Väter beschlossen. In Frankreich sind alleFa- milienpacte für unstatthaft erklärt. In den meisten regierenden Familien bestehen Familien- verträgc, die aber im Laufe der Zeiten veraltet sind und über die wichtigsten Verhältnisse in der Regel nichts Gewisses enthalten. Einen sehr sorgfältig ausgearbeiteten Familienpact hat das Gesammthaus Nassau im I. 1783 errichtet und am >4.Juli 1814 erneuert. Eins der merkwürdigsten aber war das Familienstatut Napoleön's vom 30. März 1806, zufolge dessen unter Andern auch die Könige aus der Familie Napoleon's seiner väterlichen Gewalt unterworfen waren, sodaß er sie selbst ein Jahr lang ins Gefängniß setze» konnte. Familienrath nennt man das Zusammenlreten der Mitglieder einer Familie, um sich über gemeinschaftliche Angelegenheiten zu berathen. Diese Einrichtung kommt besonders in Vormundschaftssachen schon frühzeitig im älter» deutschen und franz. Rechte vor und ist auch in das neuere franz. bürgerliche Gesetzbuch übergegangen. Der Friedensrichter muß in Frankreich bei wichtigen Angelegenheiten des Mündels mit dem Vormunde die sechs nächsten Verwandten zu Rathe ziehen, und diese üben die obervormundschaftlichen Rechte aus, welche nach röm. und den meisten deutschen Gesehen die obrigkeitlichen Vormundschaftsgerichte oder Pupillcncollegien auszuüben haben. Familienrecht nennt man sowol das Recht der Familien überhaupt, das Recht zwischen Mann und Frau, Altern und Kindern, Geschwistern und entfernter» Seitenverwandten; als auch die besondernRechte einzelner Familien, welche durch Familienpactc (s.d.), Hausverträge, Gewohnheiten und Testamente gegründet sind. Familiemvappen auch Geschlechtswappcn nennt man dasjenige Wappen, welches eine Familie führt und das dieselbe als solche bezeichnet. Die Familienwappen entstanden im 11. und 12. Jahrh.; doch waren sie damals noch nicht allgemein. Vorher war es Sitte, das Wappen nach der Besitzung zu führen, und so kam cs, daß Brüder ganz verschiedene Wappen führen. Die Ausbildung des Heroldswescns begründete auch hier eine ftste Regel, und diese gilt noch gegenwärtig insofern, als die Mitglieder einer und derselben Familie ein und dasselbe Wappen führen. Eine Ausnahme hiervon macht der hohe Adch 198 Fanal Faraday ^ der nach Verschiedenheit der Besitzungen, die er einst besessen oder noch besitzt, Abweichungen in den Wappen sich gestattet, welche wenigstens eine theilweise Verschiedenheit Hervorrufen. Selbst bei Standeserhöhungen hält man am Familienwappen fest, und es wird dasselbe in der Regel nur vermehrt. Ob die Alten Familienwappen gekannt, ist eine Streitfrage, deren Erledigung noch zu erwarten sieht. Die Worte des Ovid in den „Metamorphosen", wo Lheseus von seinem Vater durch die sixna s»i generis auf dem Schwertgriffe erkannt wird, lassen cs wenigstens vermuthcn. Fanal nennt man jedes Feuer, welches auf Thürmen, hohen Bergen u. s. w., am Ein- * gange eines Hafens oder an den Küsten des Nachts unterhalten wird, damit cs als Signal diene, folglich auch den Leuchtthurm (s. d.); bei den Schiffen die große Laterne am Hin- . tertheile, welche zugleich dazu dient, bei der Nacht den Rang der Schiffscommandanten an- ! zudeuten, und bei der Artillerie die Lärmstangc (s. d.). , Fanariöten heißen im Allgemeinen die Bewohner des Fanar oder Fanal in Kon- i stantinopel, eines Stadtviertels, das von dem daselbst befindlichen Leuchtthurme den Namen ! erhielt. Insbesondere versteht man darunter die edeln, meist sehr reichen griech. Familien, die sich hier, nach der Eroberung Konstantinopels aus der Stadt verdrängt, ansiedelten. Aus ihrer Mitte wurden seit der Mitte des >7. Jahrh. gewöhnlich die Dragomans oder i Dolmetscher der Pforte gewählt und seit Anfänge des 18. Jahrh. bis zum Ausbruche der ^ griech. Revolution (17 l 6 — l 822) die Hospodare der Moldau und Walachei; doch war die Wahl in Hinsicht der Letztem in der letzten Zeit auf wenige Familien beschränkt. Die Umtriebe der Fanariöten, ihre Erpressungen, worein sie sich mit den Bojaren theilten, die Bestechungen und Ränke, wodurch sic sich so lange in diesen Fürstenthümern behaupteten, schildert Markos Zallony in dem „Lsssi snr les IHariotes" (Marseille >824; 2. Aust., > 830). Bei dem Aufstande der Griechen zeigten die Fanariöten nur eine sehr geringe Theil- nahme und waren demselben eher hinderlich als förderlich. ! Fanatismus oder Fanaticismus nennt man vorzugsweise die durch religiöse Meinungen entzündete Schwärmerei Derer, welche von ihren Einbildungen und Gefühlen bis zum wüthenden und verfolgenden Rcligionseifer fortgerissen werden. Zuweilen wird jedoch das Wort Fanatismus auch von andern Schwärmereien gebraucht, welche sich lebhaft und stürmisch äußern. So spricht man von politischem Fanatismus, der sich in überspanntem und >n Vcrfolgungssucht ausartendem Eifer für eine Parteiansicht im Staate kundgibt. Nicht seltm verbindet sich mit dem religiösen der politische Fanatismus, wie denn die meisten Religionskriege eine Folge der Vereinigung beider waren. i Fandango ist, wie derBolero (s. d.), ein alter span. Nationaltanz im '/, Takt, der ! auf dem Lande am graziösesten getanzt und gewöhnlich von einer Zither in der Volltonart begleitet wird, während die Tänzer mit Castagnetten den Takt angeben. Er schreitet von einer sehr einförmigen zu der lebhaftesten Bewegung fort, drückt, so einfach und kunstlos die Pas im Ganzen sind, alle Sehnsucht, alle Nüancen, alle Freuden der Liebe bis zur Üppigkeit aufs sprechendste aus und wird so leidenschaftlich geliebt, daß, alles Eiferns der Geistlich- keit ungeachtet, er niemals ganz unterdrückt werden konnte. . Fanfare nennt man ein kleines, kriegerisches, für Trompeten und Pauken gesetztes Tonstück von glänzendem und namentlich lärmendem Charakter, weshalb auch ein Großsprecher, Prahler oder Windbeutel Fanfaro n und die Großsprecherei eine Fanfaron- nade genannt wird.— Fanfare heißt ferner bei einer Cavalerieattake das Trompcten- signal, welches kurz nach dem Signal „Galop" gegeben wird, und worauf alsdann das „Marsch-Marsch!" (die Cärriere) und der Einbruch in den Feind erfolgt. — Auch bezeichnet man mit Fanfare jedes kurze Jagdtonfiück für zwei Hörner. Fangschnur heißt die wollene, bei den Offizieren silberne oder goldene Schnur, welche oben an der Kopfbedeckung des Cavaleristen, unten an der Uniform od820 ein Farbe Färben 189 allgemeines Aufsehen, wo er als Schriftsteller austrat. Seitdem hat er sich durch eine große Menge interessanter und wichtiger Entdeckungen im Gebiete der Chemie uud Physik verdient gemacht. Besonders genannt zu werden verdienen in dieser Hinsicht seine Versuche über Le- girungen des Stahls mit edeln Metallen und die ausgezeichneten Eigenschaften, die dieser dadurch erlangt; ferner die Verwandlung mehrer bis dahin für permanent gehaltener Gasarten, wie Kohlensäure, Chlor u. s. w., durch ein sinnreiches Verfahren in tropfbare Flüssigkeiten; seine Darstellung verschiedener flüssiger Verbindungen von Kohlenstoff und Wasserstoff, die, bei gleicher Zusammensetzung mit dem ölbildenden Gas, doch verschiedene Eigenschaften zeigen; die Darstellung eines zu optischen Zwecken tauglichen Glases aus Kieselerde, Boraxsäure und Bleioxyd. Das meiste Aufsehen aber erregte seine Entdeckung des Vermögens im Magnet, elektrische Ströme zu erregen. In der neuern Zeit hat er eine Reihe, auch in Poggendorsfls „Annalen" übergegangener, ausgezeichneter Abhandlungen über den elektrischen Strom in allen seinen Beziehungen herausgegeben und sich mit Armstrong zu wissenschaftlicher Ausbeutung der Entdeckung von der Elektricität des Wasserdampfs vereinigt. Auch sein Werk über chemische Manipulationen verdient als eine für den praktischen Chemiker nützliche Anleitung rühmlicher Erwähnung. In Anerkenntniß seiner Verdienste um die Wissenschaften im Allgemeinen verlieh ihm 1832 die Universität zu Oxford die Doctor- würde; auch ist er Mitglied der Königlichen Gesellschaft zu London und correspondircndcs Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Paris. Farbe nennt man zunächst einen nicht wol näher zu definirendcn Eindruck, welchen das von den Gegenständen in unser Auge gelangende Licht auf letzteres macht, und der, da dieser an sich zwar subjective Eindruck doch mit im Ganzen sehr großer Übereinstimmung auf die verschiedensten Augen erfolgt, mit Recht unter die für Unterscheidung der Körper wichtigsten Eigenschaften gerechnet wird. Vollkommen zuverlässig ist dieses Kennzeichen jedoch nicht, da die Beurtheilung der Farbe mannichfachcn Täuschungen unterworfen ist, auch einzelne Menschen gewisse Farben nicht zu unterscheiden wissen. Ferner nennt man Farbe diejenige Beschaffenheit der Oberfläche eines Körpers, welche jenen Eindruck bedingt, und demgemäß werden endlich auch solche Körper Farben genannt, welche, auf die Oberfläche eines Körpers aufgetragcn, derselben die Fähigkeit ertheilen, einen bestimmten Farbeneindruck auf unser Auge zu machen. (S. Pigmente und Farbenlehre.) Man unter- scheidet die Farben in Grundfarben und zusammengesetzte Farben; jene sind eigentlich, abgesehen von aller optischen Theorie, deren Grundfarben die Regenbogenfarben sind, nur Weiß, Roth, Blau, Gelb, Schwarz; aus diesen lassen sich zunächst Grün, Violett, Braun zusammensetzen; außerdem kann aber jede Hauptfarbe durch kleinere oder größere Beimischung einer andern (man sagt dann, sie ziehe oder habe einen Stich in diese oder jene Farbe) durch verschiedenen Glanz, verschiedene Lebhaftigkeit, Reinheit, Sättigung u. s. w. unendlich viele Schattirungen und Nüancen geben. Man bezeichnet die hauptsächlichste dieser Nüan- ccn entweder mit gewissen hergebrachten Namen oder nach gewissen Gegenständen, welche diese Nüance am schärfsten zeigen, oder endlich durch Beisätze wie: hell, dunkel, hoch, tief, brennend, grell, sanft, lebhaft, matt, fett, mager, schmuzig, rein u. s. w. Für naturhistorische Zwecke hat man, um einige Übereinstimmung in Benennung der Farben zu erlangen, besondere Farbentafeln oder Farbenscalen. Beim Künstler und überhaupt in ästhetischer Beziehung kommt es weniger aus die Farbe an sich, als aus die Zusammenstellung an, da es mit Ausnahme unreiner und schmuziger Farben, wol keine Farbe gibt, die nicht in geeigneter Verbindung mit andern einen wohlthuenden Effect zu machen im Stande ist. Färbe?nökerich oder Jndigobuchweizen (kvl^gonum tinctorium) ist eine aus Nordchina stammende Farbepflanze, aus deren Blättern die Jndigofarbe bereitet wird. Den meisten Färbeknöterich ziehen die Chinesen. In Europa beschäftigen sich vorzüglich die Franzosen mit dem Anbau desselben; auch in Deutschland hat man Culturversuche damit ange- stcllt und zwar mit glücklichem Erfolg. Färben heißt der Proceß, wodurch Gcspinnstcn und Geweben eine bestimmte Farbe ertheilt wird. Eigentlich kommt es beim Begriffe des Färbens darauf an, ob die Farbe nur mechanisch auf die Oberfläche aufgetragcn wird, was man bei Holz, Metall u. s. w. Anstreichen oder Malen, bei Zeugen Drucken nennt, oder ob die Farbe in die Substanz eindringt, 200 Farbendruck - in welchem Falle man auch bei Holz und andern Stoffen das Wort Färben braucht. Das Farben der Goldarbeiter besteht in der Behandlung der fertigen Artikel mit einer scharfen Flüssigkeit, welche, indem sie gewisse Bestandtheile der Lcgirung auflöst, auf der Oberfläche derArtikel eine andere mit bestimmter Farbe versehene Lcgirung erzeugt, als die ganzeMasse ist. Das Färben der Gespinnste und Zeuge wird meist von zünftigen Handwerkern, den ! Färbern, getrieben, welche sich in Schwarz-, Schön-und Seidenfärberscheidcn. Alle Farbstoffe sind in Bezug auf das Färben entweder substantive, d. h. solche, die sich auf dem betreffenden Zeuge ohne alle Borbereitung befestigen, oder adjective, welche einer beson- * dcrn Vorbereitung des Zeugs dazu (s. Beizen) bedürfen; von letzterer Art ist z. B. der Krappfarbftoff. Andere Farbstoffe, wie z. B. das Jndigblau, erzeugen sich erst auf dem Zeuge selbst durch Oxydation (s. Indigo); noch andere, wie Berlinerblau, die schwarzen Farben, das Chromgelb u. s. w., werden dadurch im Zeuge selbst gebildet, daß man dasselbe nacheinander mit den beiden Körpern behandelt, welche durch ihre gegenseitige Zersetzung die Farbe bilden; in diesem Falle erhält gewöhnlich, obgleich nicht ganz richtig, der zuerst angewendeke den Namen der Beize. Die Vorbereitung zu jedem Färben besteht in der Reinigung des Zeugs von Fett und früher vorhandenen Farbstoffen, also in dem Bleichen (s.d.), welche Operation zuweilen beim Umfärben schon gefärbt gewesener Zeuge große Schwierigkeiten macht. Das gebleichte Zeug wird, wenn der anzuwendende ' Farbstoff substantiv ist, unmittelbar in die Färbeflotte, d.h. das mit der Auflösung, Abkochung u. s. w. des Farbstoffs angefüllte Gefäß, gebracht und darin herumbewegt, bis es sich gehörig gesättigt hat. Da viele Farbstoffe warm angewendet werden müssen, so sind die Färbekessel am besten mit Dampfheizung versehen und außerdem Haspeln daran angebracht, um die Zcugstücke hin und her haspeln zu können. Nach dem Färben werden die Zeuge in reinem Flußwaffer gespült, um den nicht befestigten Farbstoffzu entfernen, darauf im Trocken- Hause oder in eigenthümlichen Trockcnappararen (s. Zeugdruck) getrocknet. Bei adjectiven Farben wird das Zeug erst mit einer Auflösung der anzuwendendcn Beize gesättigt, gespült, getrocknet und dann ausgefärbt. Manche Farben werden später noch durch schwach saure Flüssigkeiten, Seifenbäder, Kleicnbädcr u. s. w. genommen, um ihren Ton zu erhöhen (Avi- vagen). Im Einzelnen hat jeder Stoff gewisse, für ihn vorzüglich paffende Farbstoffe und Beizen; so paßt z. B. Krapp am besten für Baumwolle, Cochenille für Seide und Wolle, Berlinerblau für Baumwolle, Indigo für Wolle u. s. w.; so wird die Baumwolle meist mit Thonerde- und Eisensalzen gebeizt, Seide und Wolle mit Weinstein - und Zinnsalz u. s. w. Die zu erzeugenden Nüancen hängen von richtiger Wahl der Beize und ihres Con- centrationsgrads, sowie von der Concentration, Temperatur und Dauer des Färbebadcs ab; so kann man mit Krapp allein alle Nüancen von Rosa durch Roth ins Braun, Violett und Schwarz färben. Die sogenannten Färbebücher sind meist nur Receptsammlungen, aus denen keine allgemeine Belehrung zu schöpfen ist. Der Färber soll eine tüchtige chemische Bildung haben, da die Theorie sämmtlichcr Färbeprocesse in der Chemie zu finden ist; aber der Chemiker ist deshalb noch kein praktischer Färber, da die Specialitäten nur von Übung im Gebrauch von gewissen Kunstgriffen und Vortheilen abhängen. Farbendruck oder Congrevedruck (compound printillg, Impression po>)'- cdröme) nennt man dar Verfahren, Papier gleichzeitig mit mehren Farben zu bedrucken. Für nichttypographische Zwecke kannte man schon früher Verfahrungsarten, welche die verschiedenen Farben, die man sonst hintereinander mit ebenso viel verschiedenen Formen aufdruckte, oder durch Schablonen austrug, gleichzeitig abzudrucken erlaubten. So wurden bereits vor 1823 bei Applegath in London farbige Bilderbogen für Kinder mittels ineinandergesctzter hölzerner Formen gedruckt. Congreve ss.d.), der in dieser Druckerei jenes Verfahren sah, fing 1823 zuerst an, Mctallplattcn statt der Holzplatten anzuwenden, nahm ein Patent und gründete mitWhiting in London die erste Anstalt für farbige Drucke, die, als Congreve 1828 starb, Whiting fortsehte. Nach Deutschland wurde die Sache durch Hänel in Magdeburg (1827) und Naumann- in Frankfurt (1828) verpflanzt. Nächstdem liefern die besten Con- grcvedrucke die Officinen von Sollinger in Wien, Länderer in Pesth, Gebrüder Didot in Paris und Teubner in Leipzig. Die Grundzüge des Verfahrens sind folgende. Aus einer Metallplatte schneidet man diejenigen Stellen, welche der einen von beiden Farben zukommen, Farbengebung Farbenlehre 201 aus, sodaß die Platte nun aus einem durchbrochenen Ganzen und einzelnen Einsatzstückeir besteht. Hierauf nimmt man von dem erstem Theile die Hälfte der Dicke weg, sodaß die Einsaßstücke, wenn sie eingesetzt sind, über die Hintere Fläche der Platte hervorragen. Gießt man dann auf diese Hintere Fläche Schriftmetall, so wird man nach dem Erkalten sämmtliche Einsatzstücke als ein durch das Schriftmetall verbundenes Ganzes aus der durchbrochenen Platte herausnehmen, auch beide Theile nach Belieben wieder vereinigen können. Endlich setzt man die beiden Theile zusammen, schleift die vordere Fläche ab und gravirt eine beliebige erhabene Zeichnung darauf. Vor dem Abdrucke hat man nur beide Theile der Platte auseinander zu nehmen, mit verschiedenen Farben zu versehen, wieder zu vereinigen und dann wie gewöhnlich abzudrucken. Dieses Geschäft wird durch eine eigcnthümliche Einrichtung der Pressen erleichtert, vermöge welcher sich zwischen jedem Abdruck die Einsatzplattc so weit herabsenkt, daß über beide Theile eine besondere Farbenwalze gehen kann, und dann wieder emporsteigt. Man kann so auf einer Presse, welche in der Stunde 15VV einfarbige Abdrücke liefern würde, in derselben Zeit l twv farbige machen. Durch die Vervielfältigung der Platten in Schriftmetall, was zuerst Naumann in Frankfurt angab, ist das Verfahren weit wohlfeiler und zugänglicher geworden. Auch der Druck mit mehr als zwei Farben macht jetzt weniger Schwierigkeit. In der neuern Zeit hat man häufig jenen bunten Kunstdruck mit dem allgemeinen Namen des Farbendrucks belegt, wo das Bild durch aufeinanderfolgendes Überdrucken mehrer Metallplatten oder lithographischer Hochdruckplatten in einer dem Formendruck für Zeuge analogen Art erzeugt wird. Ein vorzügliches Beispiel solchen Farbendrucks für die Buchdruckerpresse ist das bei Gelegenheit des Jubiläums der Buchdruckerkunst von Hirschfeld in Leipzig hcrausgegebene historische Tableau. Farbengebung. Die Farbengebung oder das Colo rit bildet einen Hauptbestand- theil der Malerei und zerfällt in den technischen und ästhetischen Theil. Zu dem technischen Theile gehören die Handgriffe de§ Malers für Bereitung und Mischung der Farben und für das ganze mechanische Verfahren, sowie die Kenntniß der Gesetze des Lichts und der Farben, und was aus der Beobachtung ihrer Wirkungen in der Natur für die Ausübung des Malers als Regel aufgestellt werden kann. (S. Farbenlehre.) Der ästhetische Theil hat es mit Wahrheit und Schönheit der Farbengebung zu thun. Hierzu wird wesentlich die Anlage erfodert, den eigentlichen Stoff und die Farbe der Gegenstände unter den Einflüssen des Lichts und der Luft mit Empfindung aufzufassen und in der Nachbildung mit charakteristi > scher Wahrheit auszudrücken. Soll aber dieser Ausdruck in der Nachbildung gelingen, so ist üne genaue Beobachtung der Localtöne, d. h. der natürlichen Farbe eines Gegenstandes, wie sie aus dem Standorte desselben oder in der Entfernung vom Zuschauer erscheint, und der Tinten, d. h. der Abstufungen des Hellen und Dunkeln, welche Licht und Schatten auf der farbigen Oberfläche hervorbrinqcn, erfoderlich. Die größten Schwierigkeiten in der Farbengebung bietet die Nachahmung der Farbe und Beschaffenheit des Fleisches oder des Nackte n (s. d.), Carnation (s. d.) genannt. Kommt zu der genauem Übereinstimmung der natürlichen Farbe, der Localtöne und Tinten eines Gemäldes mit dessen Gegenstand in der Natur noch der Ausdruck des eigenthümlichcn Charakters des Stoffs, woraus der Gegenstand besteht, so heißt die Farbengebung wahr. Zur Wahrheit piuß sich aber die Schönheit gesellen, welche durch die harmonischeVereinigung allerTönc des Gemäldes inEincnHaupt- ton erreicht wird. Das Colorit muß den ästhetischen Zweck der Darstellung unterstützen und bei aller Wahrheit der Localfarbc und des Stoffs im Einzelnen, durch die Harmonie der Farben und der Beleuchtung ein kunstmäßiges schönes Ganzes ausmachen. Die Wahl der Beleuchtung und die Vcrtheilung der Farben sollen nicht allein auf die Deutlichkeit der Dar- stellung sondern zugleich auf die Bewirkung einer wohlgefälligen Harmonie abzwecken, welche den Gesammteindruck des Kunstwerks unterstützt. Dieser Federung zufolge gehören auch Beleuchtung, Haltung und Helldunkel in den Begriff einer kunstmäßig schönen Farbengebung. Eine gleichsam geistige Geschichte des Colorits gibt Goethe in seiner „Farbenlehre". Farbenlehre nennt man im allgemeinen Sinne die Lehre von dem Ursprünge, der Mijchung und den Wirkungen der Farben, als Eigenschaften des Lichts. Die erste Vorrichtung zu gründlicher Erörterung der Fragen, woher kommt cs, daß einiges Licht farbig, anderes weiß sich zeigt, und nach welchen Gesetzen erfolgen die Erscheinungen der Farben, ist 202 Farbenlehre - das Glasprisma; der erste Physiker aber, der der Natur die Antworten auf diese Fragen zu entlocken wußte, war Newton (s. d.). Läßt man in ein verdunkeltes Zimmer durch ein kleines rundes Loch einen Sonnenstrahl auf einen geschliffenen, dreiseitigen, senkrecht pris- malischen Glaskörper fallen, so sieht man deutlich, daß der Lichtstrahl, bei dem Eintritte in den Glaskörper und wieder bei dem Austritte 'aus demselben, von seiner Bahn abgelenkt ^ und in eine andere geradlinige Bahn gebrochen wird; ferner daß der Lichtstrahl, der vor dem Prisma auf einem Papier, welches man in denselben so hält, daß er darauf senkrecht fällt, einen völlig weißen Kreis bildet, hinter dem Prisma aber, auf einem ebenso gehaltenen Pa- * pier, ein farbiges Bild darstellt, das ungefähr fünfmal so lang als breit ist und die Farben des Regenbogens genau in derselben Folge und Art zeigt, wie wir sie in der Lust sehen. Man nennt dieses Bild das prismatische Farbenbild oder F a r b e n sp e c t r u m. Die Länge desselben befindet sich in einer auf der Achse des Prisma senkrechtstehenden Ebene; an dem Ende, ^ welches nach dem brechenden Winkel des Prisma zu liegt, ist es roth, an dem von dem brechenden Winkel am weitesten abwärts liegenden Ende violett, dazwischen orangefarben, gelb, grün, blau und indigblau. Newton hat diese und ähnliche, mannichfach sich abändernde Erscheinungen genau beobachtet und daraus geschlossen, daß diese farbigen Lichter die einfachen sind und daß alles weiße Licht aus ihnen nach eben dem Verhältnisse zusammengesetzt ist, , worin sie sich in dem prismatischen Farbenbilde zeigen. Jeder weiße Lichtstrahl enthält, nach ' ihm, alle sieben farbige Lichter zugleich, die wir aber nicht unterscheiden können, weil sie in ihrem Zusammenwirken auf jedem Punkte der Netzhaut und in ihrem völligen Verschmelzen in der Empfindung, den Eindruck, welchen wir weiß nennen, Hervorbringen. Diese farbigen Lichter werden von den Körpern alle nach einerlei Gesetz zurückgeworfen, daher weißes Licht beim Zurückwerfen weiß bleibt. Aber sie haben eine verschiedene Brechbarkeit; die rothet Strahlen die kleinste, die grünen die mittlere, die violetten die größte, und werden daher, so oft weißes Licht eine Brechung erleidet, voneinander abgesondert, weil sie, vermöge ihrer verschiedenen Brechbarkeit, wenn sie gleich parallel einfallen, doch in verschiedenem Grade abgelenkt und daher in verschiedenen Richtungen gebrochen werden; das Roth am wenigsten, Orange stärker, noch stärker Gelb, Grün, Blau, Indiz, am allerstärksten Violett oder Purpur. Wenn diese sieben farbigen Strahlen wieder möglichst nahe einer neben dem andern parallel ins Auge fallen, sehen wir sie als weißes Licht. Die mehrsten Körper haben die Eigenschaft, von den farbigen Strahlen, welche darauf fallen, einige zu binden und zu verschlucken und nur eine oder ein paar Arten zurückzuwerfen oder durch sich hindurchzulassen, und daher rühren, nach Newton, die Farben der Körper. Blaue Seide z. B. verschluckt sechs farbige Lichter des weißen Strahls und wirft nur das blaue Licht zurück, und Cochenillc- tinctur läßt vom weißen Lichte blos den rochen Theil hindurch und verschluckt die andern Theile. Für dieses Alles sprechen die Versuche mit Farbenscheiben, die auf einem kleinen Rade schnell in die Runde getrieben werden, und mit dem Farbenspectrum, das man auf farbige Körper fallen läßt. Newton hat diese Theorie in seiner „Optik" auseinandergesetzt; doch ist sie, alles Scharfsinns ungeachtet, welcher aus ihr hervorleuchtet, nicht in jeder Hinsicht genügend. Mehre Physiker suchten Newton's Lehre über die Farbengebung zu verbessern, besonders was die Zahl der einfachen Farben betrifft, die Einige auf drei, Andere auf zwei haben vermindern wollen. Unter die Hauptgegner der Lehre Newton's vom farbigen Lichte gehörte Goethe, der alle Farbenerscheinung daraus erklärte, daß entweder das Licht durch ein trübes Mittel gesehen werde, ohne daß sich hinter einem beleuchteten trüben Mittel die Finsterniß als ein Hintergrund befinde, oder daß man durch ein weiß erleuchtetes Trübe in die Finstcrniß des unermeßlichen Raums sehe. Geschieht das Erste, so erscheint das Licht bei geringer Trübung des Mittels gelb und geht, mit zunehmender Trübung des Mittels, in das Gelbrvthe und Rothe über. So sieht die Sonne, wenn sie ihren höchsten Stand erreicht hat, ziemlich weiß, obgleich auch hier inS Gelbe spielend; immer gelber aber erscheint sie, je tiefer sie sich senkt, und je dichter demnach der Theil der Atmosphäre wird, den ihre Strahlen zu durchlaufen haben, bis sie endlich roth untergeht. Im andern Falle erscheint der unermeßliche Raum, wenn die Trübe dicht ist, bläulich; ist sie weniger dicht, so nimmt die Bläue an Tiefe zu und verliert sich ins Violette und endlich in das tiefste Schwarzblau. Die prismatischen Versuche suchte Goethe durch eine Verrückung des Hellen, z. B. des Sonnenbilder Karbepflanzen Farel 2N3 in der dunkeln Kammer, über das Dunkle, und aus einer Bedeckung des Hellen durch das Dunkle zu erklären. Man sieht im Allgemeinen, daß diese Theorie, in der Mangel an mathematischer Klarheit des Begriffs sich überall offenbart, die Farben dem Gesetze der Polarität, d. h. dem Gegensätze von Eigenschaften, welche sich nach Maßgabe der Innigkeit ihrer Verbindung gegenseitig ganz oder theilwcisc neutralisiren, unterwirft, indem sie Licht und Nichtlicht sich einander wechselseitig bedingen und einschränken und solchergestalt die Farbe entstehen läßt, welche also ein verdüstertes Licht oder ein erhelltes Finstere sein würde. Goethe trug seine neue Theorie der Farben in dem Werke „Zur Farbenlehre" (2 Bde., Tüb. >810) vor, womit Schopenhauers „Abhandlung über das Sehen und die Farben" (Lpz. >8>6) und Brewer's „Versuch einer neuen Theorie der Lichtfarben" (2. Aust., Düfseld. ,1815) zu vergleichen sind. Siegreich ward Newton vertheidigt von Pfaff in der Schrift „Über New- ton's Farbentheorie" (Lpz. l8l 3). Gegenstand der Farbenlehre können auch die sogenannten subjectiven Farben werden, mit denen sich neuerdings namentlich Fechncr (s. d.) beschäftigt hat, d. h. nämlich Farbcneindrücke, die das Auge empfindet, ohne daß die entsprechende Farbe in der That außerhalb vorhanden ist. (S. Sehen.) Farbepflanzen nennt man diejenigen theils wildwachsenden, theils cultivirten Gewächse, deren Wurzeln, Blätter, Stengel und Blüten zur Färberei benutzt werden. Zu den in Deutschland cultivirten Farbepflanzen gehören namentlich Safran, Saflor, Wau, Waid, Krapp und Färberscharte. Am häufigsten werden sie in Schlesien, Böhmen, Ostreich, Thüringen und Westfalen angebaut, doch hat der Anbau des Waid seit der Einführung des Indigo im 17. Jahrh. bedeutend abgenommen. . Färberröthe, s. Krapp. Farbige oder farbige Leute nennt man in Amerika in weiterer Bedeutung alle Diejenigen, welche nicht weiß geboren sind, in engerer aber nur die verschiedenen Mischlinge, die zwischen Weißen und Negern mitten inne stehen, und von denen die Spanier zwölf Abstufungen zählen, nämlich Creolen (s. d.), Mestizen (s. d.), Terzeroncn, Quarteronen, Pulchuelen, Mulatten (s. d.), Quinteronen, Saltoaltras, Saltaltras, Calpan-Mulat- .en, Chinos und Zambos. Sie sind im Allgemeinen am Körper und Geist gesund und kräftig und namentlich sehr erfinderisch. Zum Theil schon seit längerer Zeit ganz frei, genießen sie doch durchgehend einer größer» Freiheit als die Neger. Farbstoffe, s. Pigmente. Farce, abgeleitet von dem ital. Irrrss, d. i. gestopft, nennt man eine dramatische Posse, in welcher das niedere Komische herrscht und für welche viele Nationen eigene stehende Charaktere haben, die Spanier den Gracioso (s. d.), die Italiener den Arlechino (s. Harlekin), Scar am uz (s.d.) u. A.; die Deutschen den Hanswurst (s.d.), Kasperleu.s.w. (S. Komisch.) Die Farce steht noch einen Grad tiefer als die Burleske, beruht hauptsächlich auf Verkleidungen, Verwechselungen, Wortspielen u. s. w. und läßt sich häufig auf die tiefste Stufe des Niedrigkomischen und Unwahrscheinlichen herab. Die span. Bühne hat die besten Farcen; nächstdem die pariser und wiener Bühnen. Die Engländer nennen Das, was die Deutschen Farce nennen, Burleske und bezeichnen mit dem Namen Farce jedes kleine Füllstück komischen Charakters. Während Adelung meint, Färse sei eine Art Gesänge zwischen den Gebeten gewesen, mithin bedeute F. Intermezzo oder Zwischenspiel, und während der Provenzale Abbate Paolo Bernardy das Wort von einem provenzalischen Gerichte herleitet, liegt die Ableitung von dem ital. üirs» und weiterhin von dem lat. tarsum, d.h. gestopft, wol näher, weshalb auch Lcssing dasselbe im Deutschen Färse geschrieben haben wollte. Farel (Wilh.), einer der thätigsten Beförderer der schweizerischen Reformation, geb. >389 in der Dauphine, gelangte schon früh durch den Verkehr mit Waldensern zu freiern Ansichten. Nachdem er seit 1526 in den franz. Landestheilen der Cantone Bern und Biel das Evangelium mit glühendem, fast wildem Eifer gepredigt hatte, gründete er >530 die Reformation in Neufthatel. Doch der Hauptpunkt seiner Wirksamkeit wurde Genf. Hier vertheidigte er bei den Religionsgesprächen im Jan. 1533 und im Mai >535 die neue Lehre so siegreich, daß nicht nur der reformirten Gemeinde öffentlicher Gottesdienst erlaubt, sondern im Aug. >535 die Reformation vom Rache angenommen wurde. Noch verdienter machte sich F. um Genf, als er den im Aug. >536 durchreisenden Calvin (s. d.) durch seine gewal- 204 Faria y Sousa Farinelli lige Beredtsamkeit für die Stadt gewann. In Verbindung mit diesem war er im Oct. 1536 auf der Disputation in Lausanne thätig, wo sich die Reformation der Waadtländcr entschied. Zn Folge seines Kampfes gegen die unter savoyischer Herrschaft eingerissene Sittenlosigkcit der Genfer durch Einführung einer strengen Kirchenzucht, traf ihn 1538 das Loos der Verbannung. Er ging nach Neufchatel und blieb daselbst bis an seinen Tod im I. 1565; doch finden wir ihn im Oct. 1553 in Genf bei der Hinrichtung Servet's (s.d.), den er zurRicht- ftätte begleitete und über dessen letztes Gebet er die Worte äußerte: „Seht, welch'eine Macht hat der Teufel über einen Menschen, den er in seiner Gewalt hat!" F. wurde der Hauptbe- gründer der Presbyterialverfassung, deren Keime er bei den Waldensern vorgefunden hakte und dann weiter ausbildete. Vgl. Kirchhofer, „Das Leben Wilh.F.'s" (2 Bde., Zür. 1831 —33) und CH. Schmidt, „Ltuciss sur b'." (Strasb. 183-1). Faria y Sousa (Manoel), Geschichtschreiber und lyrischerDichter, geb.am 1 8.März 1590 zu Souto in Portugal, aus einer alten erlauchten Familie, wurde schon im neunten Jahre von seinem Vater auf die Universität zu Braga gesandt, wo er so ausgezeichnete Fort- schritte in den Sprachen und in der Philosophie machte, daß er im 14. Jahre in die Dienste des Bischofs von Oporto treten konnte, unter dessen Leitung er sich in den Wissenschaften weiter ausbildete. Die Liebe zu einem sehr schönen Mädchen erregte hier sein dichterisches Talent; er besang sie unter dem Namen Albania und vermählte sich mit ihr 1613. Bald darauf ging er nach Madrid, kehrte aber nach Portugal zurück, da sich dort für ihn keine Gelegenheit Karbol, sein Glück zu machen. Im I. 1631 besuchte er Rom, wo er durch seine Kenntnisse die Aufmerksamkeit des Papstes Urban's Vlll. und aller Gelehrten erregte. Nach Madrid zurückgekehrt, widmete er sich ganz den Wissenschaften und starb daselbst am 3. Juni 1649. Unter seinen in span.Sprache abgefaßten Schriften zeichnen sich aus „viscursosmn- rsles ^ poiiticns" (2 Bde., Madr. 1623 — 26) ; „<7omentsrios «obre la Imsiscls" (2 Bde., Madr. 1639, Fol.); „Lpitoms eie Iss bistoriss portuFuesss" (Madr. 1628, 4.; beste Ausgabe mit Fortsetzung, Brüss. 1730, Fol.); ferner „4sis portuguess" (3 Bde., Liss. 1666 — 75, Fol.), „^urojis portuKuess" (2. Aust., 3 Bde., Liss. 1678 — 80, Fol.) und „Bleies portugness" (Liss. 1681, Fol.). Von seinen Gedichten, die er unter dem Titel „b'uenle tle ^ßSliipe, rimss vsriss" in sieben Theilen sammelte, erschienen vier Theile (Madr. 1644 — 46); auch der größte Theil dieser Gedichte, die aus Sonetten, Eklogen, Canzonen und Madrigalen bestehen, ist in span. Sprache geschrieben; doch befinden sich darunter 200 Sonette und 12 Eklogen in portug. Sprache. Durch diese letzter», meist von Geist und Talent zeugenden, aber geschmacklos-schwülstigen und gesucht excentrischen Gedichte, sowie durch die beigegcbenen drei theoretischen Abhandlungen über Poesie, voll paradoxer Ansichten, wirkte er nicht unbedeutend, wenn auch eben nicht vortheilhaft aus die Entwickelung der portug. Poesie ein, da er lange für ein Orakel galt. Vgl. Moreno Parcel, „Retrsto Oe IVlsnoel <1s k." (o. O. u. I. in 4.). — Nicht zu verwechseln mit diesem ist ein anderer fast gleichzeitiger und gleichnamiger portug. Historiker und Alterthumsforscher, Manoel Severim de F., geb. zu Lissabon 1581 oder 1582, Doctor der Theologie, Cantor und Kanonikus zu Evora, wo er am 16. Dec. 1655 starb. Auch er schrieb „Varios ckiscursos politicos", die eigentlich den dritten Theil zu seinen „^ioticias kortuAsl" (Evora 1624; 3. Aust., Liss. 1791) bilden und unter Anderm eine Biographie des Camoens enthalten, die ihrer Genauigkeit wegen die Grundlage aller spätem ist. Er war einer der gelehrtesten Numismatiker seiner Zeit. Farinelli (Carlo Broschi, genannt), einer der größten Sänger des 18. Jahrh., später erster Minister Philipp's V. von Spanien, geb. 1705 zu Neapel, erhielt seine musikalische und Gesangsbildung durch Porpora und Pistocchi in Bologna. Im 1.1734 ging er zu der Theatergesellschast Porpora's nach London und 1737, nachdem er sich zuvor kurze Zeit in Paris aufgehalten hatte, nach Madrid, wo er zehn Jahre hindurch jeden Abend vor Philipp V. und der Königin Elisabeth sang. Als er durch seinen bezaubernden Gesang den in tiefe Melancholie versunkenen König endlich dahin gebracht, daß eine ärztliche Behandlung seiner Krankheit unternommen werden konnte, wurde er dessen Liebling und später erster Minister; doch vergaß er niemals, daß er zuvor Sänger gewesen. Er nutzte die Gunst des Königs nur, um Gutes zu thun. Daher beehrten ihn auch Philipp's V. Nachfolger, Ferdinand Vl. und Karl lll., mit ihrer Gnade. Im 1.1761 kehrte er nach Italien zurück Farnese 205 und ließ sich in der Nähe von Bologna ein geschmackvolles Landhaus bauen. Hier sammelte er eine reiche und kostbare Bibliothek für Musik und starb daselbst am 15. Sept. 1782. Farnese, ein ital. Fürstenhaus, dessen Stammbaum bis zur Mitte des 13. Jahrh. hinaufreicht. Es besaß damals das Schloß Farneto bei Orvieto und gab der Kirche und der Republik Florenz mehre ausgezeichnete Heerführer, namentlich Pietro F., gest. 1363, dem die Florentiner den Sieg über die Pisaner verdankten. Papst Paul lll., ein Farnese, der die Erhöhung seiner Familie mit ausgezeichnetem Eifer betrieb, ließ sich vorzüglich die Beförderung seines natürlichen Sohns, Pietro Luigi F-, angelegen sein. Da er von Karl V. das Herzogthum Mailand durch ein ungeheures Gebot für ihn zu erhalten vergebens versucht hatte, so erhob er Parma und Piacenza, die Julius II. den Mailändern entrissen hatte, zu einem Herzogthum, welches er ihm im Aug. 1545 übergab. Doch die Regierung des Pietro Luigi war nur von kurzer Dauer. Seiner Tyrannei, die er in seiner Residenz Piacenza übte, müde, erhoben sich gegen ihn, im Einverständnisse mit Ferdinand von Gonzaga, dem Statthalter zu Mailand, die Häupter des Adels. Am 10. Sept. 1547 wurde er durch Giovanni Anguissola ermordet, worauf Gonzaga im Namen des Kaisers Piacenza besetzte.— Ottavio F., der Sohn und Nachfolger Pietro's, befand sich damals bciPaullll. in Perugia. Zwar erklärte sich Parma für Ottavio, der sich auch mit einem päpstlichen Heere dorthin begab, allein zum Angriffe auf Piacenza zu schwach, mußte er sich zu einem Waffenstillstand mit Gonzaga verstehen. Papst Julius 111., Paul's Nachfolger, brachte ihn zwar, aus Anhänglichkeit an das Farnese'sche Haus, 1550 wieder in den Besitz des Herzogthums Piacenza und erwählte ihn zum Gonfaloniere der Kirche; allein ein Bündniß, welches er bald daraus mit Heinrich II. von Frankreich einging, zog ihm den Unwillen des Papstes wie des Kaisers zu und brachte ihn abermals in große Bedrängniß, aus welcher ihn indeß nach zwei Jahren ein ehrenvoller Vergleich erlöste. Seine Gemahlin, Margaretha von Parma (s.d.), söhnte ihn mit dem Hause Ostreich aus. Nachdem er hierauf 30 Jahre eines ungestörten Friedens genofftn, den er das Glück seiner Unterthanen zu befördern nützte, starb er 1586. — Ihm folgte in der Regierung beider Herzogthümer sein und Margaretha's ältester Sohn, Alessandro F., geb. 1546 und von seiner heroischen Mutter ganz zum Krieger erzogen. Unter Don Juan von Austxia, seinem Oheim, focht er 1571 in der Schlacht bei Lepanto gegen die Türken, wo er fechtend zuerst auf eine türk. Galeere sprang. Später folgte er seiner Mutter nach den damals schon empörten Niederlanden, wo er am 31. Jan. 1578 den Sieg bei Gemblours über die Geusen erkämpfen half. Ganz besonderes Vergnügen gewährte ihm der Angriff fester Städte. Mit unwandelbarem Gleichmuth durchwanderte er, allen Gefahren sich bloßstellend, die Laufgräben und Batterien, um hier seine Befehle auszutheilen. Als er während der Belagerung von Oudenarde 1582 mit andern Generalen auf der Brechebatterie speiste und eine Kanonenkugel drei nahe stehende Offiziere tödtete und einen verwundete, blieb er ruhig sitzen, befahl die Tobten hinweg zu schaffen, ihm aber ein anderes Tischtuch und andere Speisen zu bringen. Noch größerer Gefahr setzte er sich aus in der Belagerung von Antwerpen im I. 1585. Bisher stets vom Glücke begünstigt, kränkte ihn um so mehr das Mißlingen der Expedition nach England auf der sogenannten Unüberwindlichen Flotte, an deren Spitze ihn Philipp II. gestellt hatte. Nach seiner Rückkehr nach den Niederlanden erhielt er den Oberbefehl des zum Beistände der Katholiken nach Frankreich bestimmten Heers, wo er durch seine Ankunft Heinrich IV. von Navarra nöthigte, die Belagerung von Paris aufzuheben. Doch sein Glücksstern war untergegangen; durch Philipp dem Mangel preisgegeben und von den Liguistcn schlecht unterstützt, mußte er der Übermacht Heinrich's I V. weichen und starb bald darauf im Dec. 1592. — Ihm folgte in der Regierung sein ältester Sohn, Nanuzio I. F., gest. 1622, ein roher, finsterer, habsüchtiger und mistrauischer Fürst. Die Unzufriedenheit des Adels mit seiner Regierung benutzte er, den Häuptern der angesehensten Familien eine Verschwörung anzudichten, ihnen den Pro- ceß machen und sie am 19. Mai 1612 hinrichten und ihre Güter einziehen zu lassen. Seinen natürlichen Sohn, Ottavio, der die Liebe des Volks besaß, ließ er im Kerker unbarmherzig verschmachten. Dessenungeachtet zeigte er Geschmack für Wissenschaften und Künste; auch wurde unter seiner Regierung das Theater zu Parma in antikem Stile erbaut. — Sein Sohn und Nachfolger, OdoardoF., gest. 1646, besaß viel Talent zur Satire, große Be- 206 Faruesischer Stier Karrn redtsamkeit, aber noch mehr Dünkel und Eigenliebe. Leidenschaftlich liebte er das Krieger- thum, obschon er selbst wegen seiner übermäßigen Beleibtheit, die er auch auf seine Kinder und Kindcskinder vererbte, sich wenig zum Soldaten eignete. Hang zu Abenteuern und die Eitelkeit, auch in den Waffen glänzen zu wollen, verwickelten ihn in Kriege mit den Spaniern und mit Papst Urban Vlll., dem er große Summen schuldete. — Ihm folgte sein Sohn, Ranuzio II. F., gest. 1694, der als schwacher Regent häufig ein Spielball unwürdiger Günstlinge war, so unter Andern eines gewissen Gvdefroi, den er aus einem franz. Sprachlehrer zum ersten Minister und Marchese umgeschaffen hatte. — Da Ranuzio's Erstgeborener, Odoardo F., in seinem Fett erstickt war, so folgte ihm sein ebenso beleibter zweiter Sohn, Francesco F., gest. >727, und diesem sein nicht minder dicker Bruder, Antonio F., gest. 1731. Philipp V. von Spanien hatte ElisabethF., eine Tochter des erstickten Odoardo, geheirathet; nach Übereinkunft mit den europ. Großmächten, daß im Erlöschungs- falle des Hauses F. dessen Besitzungen an einen Sohn Philipp'sV. und Elisabeths, der nicht König von Spanien würde, übergehen sollten, nahmen, als Antonio F. nach kurzer Regierung gestorben war, die Spanier Parma und Piacenza für Don Carlos in Besitz. (S. Parma.) Farnessscher Stier heißt die berühmte antike Marmorgruppe, die gegenwärtig im Museum zu Neapel aufgestellt ist. Sie ist das Werk des Apollonius und Tauriskut von Tralles in Kleinasien, welche wahrscheinlich der rhodischen Schule angehörten und im 3. Iahrh. v. Ehr. lebten, und stellt den in Kleinasien auch sonst beliebten Mythus dar, wie Zethus und Amphion die Dirce wegen Mishandlung ihrer Mutter an die Hörner eines wilden Stiers binden, einen Gegenstand, der trotz der kraftvollen Behandlung doch keinen befriedigenden geistigen Inhalt darbot. Schon Piinius erwähnt die Übersiedlung der Gruppe nach Rom, wo sie zuerst die Bibliothek des Asinius Pollio, dann die Bäder des Caracalla schmückte. Im I. 1546 wurde sie wieder aufgefunden, restaurirt und im Palast Farnese aufgestellt. Mit der großen Farnese'schen Erbschaft kam sie 1786 nach Neapel, wo sie von neuem restaurirt wurde. Einer dieser beiden Restaurationen gehört z. B. die der Handlung ursprünglich fremde Figur der Antiope an. Färöer heißen die im Atlantischen Meere, zwischen der schot. Nordküste und Island liegenden 25 Inseln, von denen aber nur 17 belohnt sind. Sie haben einen Flächeninhalt von 23 OM., 7—8000 E. und gehören der Krone Dänemark. Die größte der Inseln ist Strömoe mit dem 2460 F. hohen Berge Skiellings-Field und dem Hauptort und Haupl- marktplatz aller Inseln Thorshavn. Außerdem sind noch bemerkenswerth die Inseln Nor- deroe, Osteroe, Süderoe und Sandoe, mit außerordentlich steilen und schroffen Ufern. Das Klima der Inseln ist in allen Jahrszeiten sehr gemäßigt und der Boden an den Stellen, wo starke Schichten Dammerde ihn bedecken, sehr fruchtbar an Getreide. Den HauptnahrungS- zwcig der Bewohner bilden die Vieh», besonders die Schafzucht, Fisch- und Vogelfang und das Sammeln von Eiderdunen. Die kleine Insel Lille-Dimen hat die besondere Eigenschaft, daß ganz weiße Schafe, wenn man sie dahin auf die Weide bringt, in kurzer Zeit, und zwar an den Beinen zuerst und dann aufwärts, schwarze Wolle erhalten. Die christliche Religion wurde ums I. i vvv von Dänemark aus nach diesen Inseln verpflanzt; sie hatten einen eigenen Bischof, an dessen Stelle seit der Reformation ein Propst getreten ist. Farquhar (George), geb. 1678 zu Londondcrry in Irland, studirte in Dublin und folgte dann seiner Neigung zur Bühne, erst als Schauspieler, bis er einstmals aus Versehen einen Mitschauspieler gefährlich verwundete, und hierauf als Dramatiker. Von seinen acht Lustspielen sind die vorzüglichsten „I^ove ancl » bottle" (1698), constsnt lovers" (1700), „8ir Llarrzf Wilclair" (1761), ,,1'tie incoostsnt" und „'I'lis recruiting oklicer" (1706); das beste sein letztes „Tbe Iiesux's stratsgem", das wenige Tage vor seinem im Apr. 17 07 erfolgten Tode mit vielem und dauerndem Beifalle zur Aufführung kam. Echtc Komik, glückliche Erfindung und leichter Dialog sind die Licht-, Mangel an Charakterisirung und sittliche Verstöße die Schattenseiten seiner Stücke. Die zehnte Ausgabe seiner gesammelten Werke, worunter Briefe, Gedichte und dramatische Versuche, erschien zu London 1772 (2 Bde.). Ins Deutsche wurden mehre seiner Stücke von Frankenbcrg übersetzt in der „Bibliothek engl. Lustspieldichter" (2 Bde., Lpz. 1839). Farrn oder F a r r n k r ci u t e r , eine Pflanzengruppe aus der Abtheilung der Akotyle- Farsistan 2V7 donen oder Kryptogamen (s. d.), die durch Bau und Habitus von allen übrigen so abweicht, daß man sie als überlebenden Rest einer untcrgegangencn vorweltlichen Vegetation anzusehen geneigt ist. Ohne Geschlechtsorgane zu besitzen, bringen sie sehr vollkommen orga- nisirte Früchte (Kapseln) hervor, welche an der Unterseite oder dem Rande des spiralisch sich entwickelnden Laubes (Wedels) stehen. Unter den bekannten drittehalbtausend Arten herrscht große Verschiedenheit der Formen, denn während einige nur moosähnlich sind, erheben sich die Baum farrn (in den Tropenländern und der südlichen Halbkugel bis 4V" B.) zur Höhe mehrer Klaftern. Viele sind parasitisch, doch zeichnen sich alle durch schöne Umrisse des oft äußerst zierlich zertheilten Laubes aus. In kältern Continentalländern sind sie artenarm; außerordentlich häufig aber auf-bergigen Inseln der Tropenmeere. In der Vorwelt bildeten sie einen Haupttheil der Vegetation und kommen daher als Abdrücke im Kohlenschiefer in außerordentlichen Mengen vor. Einige Farrn dienen als Nahrung; namentlich wird das Stammark gewisser Baumfarrn von den Neuseeländern häufig genossen, und in Ostindien benutzt man Lllabocarpus vleruceus als Gemüse. Des Frauenhaars (^ckiautum) bedient man sich bei Verfertigung des sirop cle cspillaire, der Wurmfarrn und die Amerikanische Calaguala liefern Wurmmittel. Die schwierige Cultur der Farrn wird gegenwärtig an vielen Orten mit Erfolg getrieben, in Deutschland zumal in Berlin. Um die Kenntniß derselben haben sich Kaulfuß, Greville, Raddi, Gaudichaud, Presl, Kunze, John Smith u. A. Verdienste erworben. Farssstan oder das Land Fars, mit dem dazu gehörigen Laristan, ist gegenwärtig eine Provinz des pers. Reichs, begrenzt von den Provinzen Kusistan und Kerman, vom Persischen Meerbusen und im Nordostcn von der großen Wüste. Sie hat einen Flächeninhalt von beinahe 6000 LIM. und l'/r— 2 Mill. E. und wird von den südwestlichen Nandgebirgen Persiens, den südöstlichen Fortsetzungen des Zagrosgebirgs durchzogen, die sich bis zu einer Höhe von gegen 8006 F. erheben und auf der einen Seite nach der inner» wüsten Hochebene Irans, auf der andern in mehre Terrassen nach dem Persischen Meerbusen abdachen. Der merkwürdigste der Flüsse ist der Araxes, jetzt Bend-Emir genannt. Das Klima ist in den höher gelegenen Theilen des Landes gesund und gemäßigt, dagegen in dem niedrigen schmalen Küstenstreif, zwischen dem steil aufsteigenden Gebirge und dem Meere längs des Persischen Meerbusens, im Sommer sehr heiß und deshalb auch sehr ungesund. Häufig sind Erdbeben. Aus Wassermangel ist das Land gegenwärtig unfruchtbar, wo nicht künstliche Bewässerungsan- stalten der allgemeinen Dürre abhelfcn. Von den Erzeugnissen des Landes sind nur die Mumie, ein Bergöl, das bei Darab-Gerd quillt, ferner die bei der Insel Kharak gefischten Perlen sowie der Wein und die Rosen von Schiras zu nennen. Die Bewohner gelten für die gebildetsten in ganz Persien, und ihre Sprache für das reinste Persisch. Von jeher zeichneten sie sich durch regem Sinn für Wissenschaften und schöne Literatur aus. Sie verfertigen schöne Glaswaaren und Waffen, und der Handel, den sic über den Persischen Meerbusen treiben, ist nicht unbedeutend. Die vorzüglichsten Städte sind Schiras (s. d.), das sehr gewerbflei- ßige Jezd mit 60000 E., Lar mit 15000 und Abusch ähr (s. d.). Mehre andere Städte, die sonst sehr blühend waren, wie Firus-Abad, Darab-Gerd, Surma, Fessa, sind ganz verfallen. Der größte, südliche Theil der Küste F.s und der davorliegenden Inseln ist von Arabern besetzt, die zum Theil unter dem Imam von Maskat stehen, zum Theil die Oberhoheit Persiens anerkennen, zum großen Theil aber auch ganz unabhängig sind. F. ist die eigentliche Heimat der alten Perser und das Stammland des Cyrus, dessen Vorfahren hier unter »irdischer Oberhoheit herrschten, und der durch Gründung seines Reichs diese Provinz zur herrschenden und ihren Namen, Fars oder Pars, zu dem des ganzen Reichs machte, dessen Schicksal sie von nun an im Allgemeinen theilte. (S. Persie n.) Ardeschir- Babekan oder Artaxerpes begründete daselbst um 225 die Macht der Sassanidendynastie. Im I. 641 wurdeF. von den Arabern erobert; später kam cs zweimal unter die Herrschaft der Soffari- den. ^m I. 934 ging es für die Khalifen gänzlich verloren, da die Bujden daselbst sich emporschwangen und F., woselbst sie sehr wohlthätig wirkten, zum Mittelpunkt ihrer Macht machten. Die Bujden mußten 1051 der Herrschaft der Seldschucken weichen, die wieder von khowaresmischen Schahs verdrängt wurden. Dann kam F. unter mongolische Herrschaft und wurde 1263 dem pers. Reiche der Dschingiskhaniden völlig einverleibt. Diesen nahm 208 Fasan Faschinen es Timur oder Tamerlan um 1393 ab, unter dessen Nachfolgern es bis > -169 blieb, wo sich die Turkomanen zu Herren desselben machten, bis Schah Jsmael cs 15V3 dem Reiche der Sofis einverleibte. Erst 1723 kam es auf kurze Zeit unter die Afghanenherrschaft, aber schon 1730 wurde es ihnen wieder von Nadir entrissen. Nach der Ermordung desselben, im I. 1737, fiel es der Anarchie anheim bis 1758, wo Kerim Khan, der in Schiras residirte, daselbst die Dynastie der Zendiden gründete, die bis 1793 regierten, in welchem Jahre F. unter die Herrschaft der noch gegenwärtig in Persien regierenden Kadscharendynastie kam. Als dem mehrmaligen Mittelpunkt des pers. Reichs finden sich in F. viele Denkmäler, wenn schon in Ruinen, von dessen alter Größe. Außer Persepolis (s. d.) und seiner Umgegend, kommen dergleichen vor bei Kasrun, in dem Gebirge bei Darab-Gerd und in Firus-Abad. Fasan heißt einer der schönsten und schmackhaftesten Vögel unter dem Federwildpret. Unter den verschiedenen Arten sind die bekanntesten der Gemeine Fasan, der Goldfasan und der Silberfasan. DerFasan gehört zur hohen Jagd und wird meist in Fasanerien gehalten, d. h. Anlagen zur Hegung der Fasanen, wozu man theils des Wegflicgens, theilS der Naubthiere wegen ein möglichst vom Walde entferntes, Überschwemmungen nicht ausge- setztes, mit Wiesen abwechselndes Feldgehölz wählt. In wilden Fasanerien sorgt man blos für Schutz gegen Raubthiere und für Winterfütterung, größere Sorgfalt und Kosten machen zahme Fasanerien nöthig. Die meisten Fasanerien finden sich in Böhmen. Das Anle gen derselben wird als eine besondere Gerechtsame, in manchen Ländern als Jagdrcgal betrachtet. In früher» Zeiten standen die Fasanerien in viel höherm Ansehen als gegenwärtig, und die Beschädigung derselben war mit Abhauen der rechten Hand bedroht. Fasces hießen bei den Römern die Bündel von Ruthen oder Stäben, aus deren Mitte ein Beil hervorragte, symbolische Zeichen der höchsten Magistratsgewalt über Leib und Leben. Sie wurden von den Lictoren den Königen, in der Zeit der Republik unter den ordentlichen Magistraten den Consuln und Prätoren, den erster« zwölf, den zweiten wenigstens in der Provinz sechs, später auch den Kaisern vorgetragen. In der Stadt Rom mußten seit Valerius Publicola, der auch zuerst die Fasces vor den Versammlungen des Volks, zur Anerkennung von dessen Obergewalt, senken ließ, die Beile herausgenommen werden, und nur dem Diktator, dem 23 Lictoren ebcnsoviele Fasces vortrugen, waren jene gestattet. ! Fasch (Karl Friedr. Christian), Stifter der Singakademie in Berlin, ein ausgezeichneter Musikkenner und Komponist, geb. 1736 zu Zerbst, wo sein Vater Kapellmeister war, entwickelte sehr früh sein ausgezeichnetes musikalisches Talent, welches durch den Musikdirektor Härtel in Strelitz weiter ausgebildet wurde, erhielt 1756 eine Anstellung in der Kapelle Friedrich's II- und starb zu Berlin l 800. In seinen Werken ist die tiefste Kenntniß der musikalischen gelehrten Kunst mit dem verständigsten Sinn und dem innigsten Ausdrucke verknüpft. Namentlich zeigte er im vielstimmigen Satze eine seltene Vollkommenheit. Sein ^ sechzehnstimmiges Kyrie und Gloria übertrifft Alles, was früher in dieser Gattung geleistet § worden war. Ein Verlust ist es, daß F., der in Allem nach höchster Vollkommenheit strebte, ! seine meisten Compositionen noch vor seinem Tode verbrennen ließ. Das größte Verdienst aber erwarb er sich durch die Stiftung der berliner Singakademie, der nach ihm sein Schüler Zelter (s. d.), welcher auch F.'s Verdienste in einer eigenen Schrift (Berl. 1801) gewür- > digt hat, mit Ruhm Vorstand. Faschinen, auch Würste genannt, sind von schwachen Baumzweigen gebundene Rollen, gewöhnlich 10 Zoll dick, aber nach Maßgabe ihres Zwecks von verschiedener Länge. Werden an beiden Enden die Baumzweige umgeschlagen und daraus ein sogenannter Kopf gebildet, so nennt man sie Kopffaschinen; doch sind diese in neuerer Zeit fast ganz außer Gebrauch, weil es vortheilhafter ist, keinen Kopf zu bilden, sondern die Faschine an beiden Enden glatt abzusägen. Auch bindet man sie jetzt mit Eisendraht und nur dann mit Weidenruthen zusammen, wenn es an Draht fehlt. Die Batteriefaschinen, womit die Brustwehren derBatterien bekleidet werden, sind gewöhnlich 16F. lang; die Ankerfaschinen, zur inner» fester» Verbindung des Baus der Kasten (merlous), 3 — 3F.; die Tracir- faschin en, deren man sich beim Abstecken der Laufgräben bedient, 3—6 F. lang und etwa 7 —8 Zoll dick. Die über der hintern Öffnung der Schießscharten genagelten heißen Blend- saschinen. Auch um ein Gebäude oder sonstigen Hohlraum bombenfest zu machen, wird 269 h r r n e, , k- u n » d. d. t. n n . ls e> )s a- e le> 8/ en ib e» 4' k§, lN- et. -h- rr, vr i ll- u> !I- !in let tr, B kr eine S-- Pf ,er >en >st' n, ir- «a d> ird Fasten k»8ti er mit starken Faschinen in mehren Schichten übereinander eingedeckt, und diese heißen dann Decksaschinen. Die Faschinen finden viele nützliche Anwendung im Festungs- und Be- lagerungskriege, unter Andern, auch zum Ausfüllen der Gräben; sind diese voll Wasser, so bindet man Feldsteine in die Faschinen, um sic schwerer zu machen, und dann heißen sic Wasser fasch inen. Endlich bedient man sich auch ganz kurzer Faschinen von 3 F. Lange, in welchen ein 3'/, — 4 F. langer, unten zugespitzter Pfahl gleich mit eingebunden wird; sie heißen Sappe nbündel (tsxots s serpe) beputzt. Mit dem letztem Namen belegt man auch das kurze Schwert, dessen Rücken eine starke Säge bildet, und mit welchem in einigen Armeen die Pionniers bewaffnet sind. Fasten nennt man in der Heilkunde die zeitweilige Enthaltung vom Genüsse aller oder gewisser Nahrungsmittel. In der Jugend und gesund erträgt der Mensch das gänzliche Fasten nicht lange ohne Nachtheil für die Gesundheit; dagegen bekommt ihm ein theilweises, selbst längere Zeit anhaltendes Fasten sehr wohl. In Krankheiten, bei denen häufig ein Widerwille gegen Nahrungsmittel stattfindet, der als ein Wink der Natur betrachtet werden muß, wirkt das Fasten nicht anders als heilsam; besonders zweckmäßig ist es nach heftigen Gemüthsbcwegungen, nach Überladungen des Magens und den daraus hervorgchenden Verdauungsbeschwerden, überhaupt bei Krankheiten, wo es darauf ankommt, daß die Arznei schnell und kräftig wirke. — Das Fasten, als Religionsübnng, um dadurch entweder Zerknirschung des Gemüths kundzugeben, oder zum Gebete und zu heiligen Handlungen überhaupt sich vorzubereiten, oder um Geschehenes wirklich abzubüßen, wurde schon früh nicht mehr dem freien Entschlüsse überlassen, sondern geboten. Es hatte dieses gesetzliche Fasten zu bestimmten Zeiten seinen Ursprung im Orient, wo die Priester anfangs auch die Arzte des Volks waren und die in diesen heißen Ländern nothwendige Diät zugleich zur Sache der Religion machten, weshalb auch die Religionen der Perser, der Hindus, des Lama, die mohammed. und die mosaische viel Fasten vorschrieben, während sich in der Religion der nordischen Vorzeit davon nur wenige Spuren finden. Die Juden hatten schon während des Exils neben den außerordentlichen und Privatfasten auch ordentliche und halten noch gegenwärtig fünf Hauptfasttage, namentlich am Versöhnungstage und an den Tagen der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar und durch Titus. Durch die Judenchristen wurde das Fasten auch in die christliche Kirche übertragen, wo man es zwar lange Zeit und hauptsächlich gegen die ascetische Überspannung der Montanisten (s. d.) für frei erklärte, allein all- mälig doch kirchlich gebot. Die drei großen Fasten fanden statt in den vierzig Tagen vor dem Charfreitag, von Pfingsten bis zu Johannis und von Martini bis Weihnachten. Das erstere nannte man im Lateinischen tzuullrsgeoiinu mit Beziehung auf das vicrzigtägige Fasten Jesu in der Wüste, und vorzugsweise die Fastenzeit oder Fasten. (S. auch Fastnacht.) Außerdem fastete man an den Vorabenden hoher Feste und den Mittwoch, Freitag und Sonnabend jeder Ouatemberwoche, was manjejunia qu-ttuor tempestutum oder Ouatem- bersasten nannte. Als Anfang des vierzigtägigen Fastens setzte Gregor der Große um 600 die Aschermittwoche fest, und jährlich bestimmt noch gegenwärtig der Bischof durch das Fa- stenmandat, wie cs mit diesem Fasten gehalten werden soll. Das Sonnabendefasten der röm. Kirche wurde von der griech. allezeit verworfen. Auch fastet die katholische Kirche in Beziehung auf Fleischspeisen alle Freitage und in vielen Gegenden auch die Sonnabende; doch gibt es hierbei vielfache Dispensationen, wie denn überhaupt das Fasten nicht so streng genommen wird. Durch die Reformatoren wurden die Fastengebote aus der Religion wieder in die Heilkunde verwiesen. kasti oder kasti calentiares hieß bei den Römern DaS, waS wir Kalender nennen. In den Fastis waren die Tage des Jahrs durch die zwölf Monate fortlaufend von nunckmae (der je achte Tag) zu nunckina« in Abschnitte getheilt, in deren jedem die einzelnen Tage durch Buchstaben von X bis 8 bezeichnet waren. Auch die Xslenllse, Nonse und läu» waren in ihnen angegeben, sowie die Tage, die für Ausübung der Rechtspflege gültig warm (die llios ks8ti, daher der Name) oder nicht (Ges nelüsti) durch die Buchstaben k »der Smv.-Ser. Neunte Aufl. v. 14 210 Fastnacht Pi und die Tage der Comilien durch 6 bezeichnet. Auch die Feste und Spiele, die auf bestimmte Tage sielen, wurden oft in den Fastis angemerkt. Wegen ihrer Wichtigkeit für das Gerichtswesen lange Zeit von den Patriciern unter Obhut der Pontifices geheim gehalten, wurden sie im Z. 304 durch den Ädil Cn. Flavius (s. d.) zur Kenntniß des Volks gebracht und pflegten nun in Stein gegraben öffentlich ausgestellt zu werden. Aus der Zeit des Augustus, nachdem Cäsar das röm. Kalcnderwesen geordnet hatte, rühren die bust, UsSesni her, die wir, da der früher in dem Palazzo Maffei zu Rom aufbewahrte Marmor, der sie enthielt, verschwunden ist, aus einer Abschrift kennen, die Pighius davon genommen. Sie sind die einzigen vollständig erhaltenen ; größere oder geringere Fragmente aber haben wr inoch von mehren andern, unter denen namentlich, ebenfalls aus des Augustus Zeit, die kasti 1'raeilestim(Zan.— Apr. und Dec.) wegen der auf ihnen angebrachten Bemerkungen des gelehrten Grammatikers Verrius Flaccus, der sie für die Stadt Präncste (Palestrina) abfaßte, wichtig sind. Eine Zusammenstellung Dessen, was sich von solchen Fastis erhalten hat, ist inFoggini's Ausgabe der „Last,Ürsenestini" (Rom 177N), auch im zweiten Theil von Orclli's „Inscriptionum Int. seleetsrum collcctio" (Zür. l828) enthalten. Von Ovid (s.d.) haben wir jein „basti" benanntes Gedicht. — Ganz verschiedenen Inhalts waren die I?u«t> c r> n 8IIIa r e s oder kssti muF^tratuum, ein Verzeichniß der jährlichen höchsten Magistrate, nämlich der Consuln, Diktatoren mit den Magistri Equitum und Censoren. Von einem solchen unter Augustus auf Marmortafcln eingegrabencn, bis 765 nach Roms Erbauung reichenden Verzeichniß wurden sehr bedeutende Fragmente im I. 1546 am Forum Noma- num aufgefunden, zu denen im 19. Jahrh. noch einige neu entdeckte kamen. Sie werden auf dem Capitol im Palazzo de' Conservatori aufbewahrt, daher auch 1? ssr; 6 i» z> itoIin > genannt, und sind nach Piranesi (Rom 1762), Borghese (Mail. 1818—20) und Fca (Nom 1820) von Laurent (Altona 1833) herausgegeben worden. An sie schlossen sich die b'ast! triumpiiules an, Verzeichnisse der Namen der Triumphatoren in chronologischer Folgt nebst Angabe des besiegten Volks und des Tags des Triumphs. Auch von ihnen haben sich antike Fragmente erhalten. Chronologische Verzeichnisse der röm. Magistrate sind von Neuern ebenfalls unter dem Namen käst! herausgegeben worden, so von Sigonius (Ven. 1555), von Almeloveen (Amsi. 1705 und 1740), von Reland (Utr. 1715); die beste auf den antiken Fragmenten und Schriftstellerangaben begründete Zusammenstellung der Art ist von Baiter in dem dritten Theil des von Orelli und ihm herausgegebcnen „Onomssticon '1'uIIisnum" (Zür. 1837); sie enthält die Consularfasten vom 1.509 v. Chr. — 565 n.Chr. und die Triumphalfasten von Romulus bis zum I. 749 der Stadt. Fastnacht heißt seit dem 6. Jahrh. die Vigilic der Ouadragesimalfasten oder der Tag, welcher der Aschermittwoch vorangeht. Da man sich vor dem Beginn der Fasten gewöhnlich noch gütlich that, so bildete sich hieraus das Carneval oder der Fasching, wie er im südlichen Deutschland genannt wird, den die Eiferer ehemals mit dem Namen Bacchanalien belegten, weil früher die Christen an diesen Tagen vorsätzlich raseten, sich Larven vorbanden, als Gespenster sich verkleideten, dem Bacchus und der Venus sich Hingaben und allen Muthwillc» für erlaubt hielten. Am richtigsten scheint die Ableitung des Namens Carneval vom Lateinischen coro und vale, weil man gleichsam dem Fleische Lebewohl sagte. Übrigens ist daS Carneval selbst nichts Anderes als eine Nachahmung der altröm. Deccmbersreiheit, aus da auch die Narrenfeste (s. d.) des Mittelalters hervorgingen. Aus Italien gingen die Fastnachtsfreuden nach und nach auch in die andern christlichen Länder über und veranlaßtcn im 13. Jahrh. in Deutschland die ersten dramatischen Versuche. (S. Fastnachtsspiele.) Am berühmtesten sind noch immer das Carneval zu Venedig und das zu Nom. Das erst« fängt bald nach Weihnachten an, und die Lustbarkeiten während desselben bestehen in Schauspielen, Redouten, Belustigungen auf dem Marcusplatze, wozu, bei der Anwesenheit hoher Fürsten, noch eine Regatta oder ein Wettrennen in Gondeln kommt. Außerdem wurde früher in Venedig noch ein zweites Carneval gefeiert, die venet. Messe oder auch das Himmel- fahrts- und Buccentaurfest genannt, weil es gewöhnlich am Himmelfahrtstage begann und weil damit die Feier der Vermählung des Doge mit dem Adriatischen Meere verbunden war. 11., in der er den Franzosen eine Constitution versprach. Als Pichegru selbst nach England geflohen, trat er mit Barras wegen der Restauration der Bourbons in Unterhandlung, und von Ludwig XVIN. bevollmächtigt, machtc er auch mehre Reisen an die befreundeten Höfe, bis der > 8. Brumaire plötzlich alle seine Plane vernichtete. Doch F. hatte sich bereits durch seinen Eifer und seine Gewandtheit, womit er unter den schwierigsten Verhältnissen Einverständnisse anzuknüpfen, zu nähren und die Personen für seine Absichten einzunchmen wußte, einen Namen erworben. Deshalb schickte auch Pichcgru ihn wieder nach Frankreich, um mit dem General Moreau anzuknüpfcn. Die Unterhandlung gelang, wurde aber plötzlich durch die Gefangennahme F.'s unterbrochen. Nach 18 Monaten erhielt er durch die Fürsprache des preuß. Gesandten seine Freiheit wieder unter der Bedingung, die stanz. Grenze zu meiden. Dessenungeachtet wagte er nach der Thronbesteigung Napoleon's das Manifest Lud- wig's XVM. an die stanz. Nation zu verbreiten. Ihn aufzufangcn wurde nach der Schlacht von Austerlitz eine besondere Commission nach Berlin gesandt, doch eine hohe Dame war ihm zur Flucht nach England bchülflich. Um diese Zeit gericth F. in einen langjährigen Kampf mit einem andern politischen Agenten der Bourbons, Namens Perlet. F. hatte hinlängliche Beweise, daß Perlet ein geheimer Spion Napoleon's sei; Niemand wollte ihm aber glauben, und noch 1816 wechselten beide miteinander Flugschriften, die über das ganze Treiben ziemliche Aufklärung gaben. Durch den Marquis Puisayc kam sogar F. selbst in den Verdacht eines VerräthcrS, von dem er sich jedoch bald reinigte. Im I. l 8 l 4 verließ er England und zog mit den Verbündeten in Paris ein, wo er nun von dem Fürsten Hardenberg zu geheimen Unterhandlungen gebraucht wurde. Nach der Rückkehr Napoleon's erhielt er von Wien aus eine Sendung an Ludwig XVIII. nach Gent, machte sich aber durch seine außerordentliche Gewandtheit dem stanz. Minister Blacas so verdächtig, daß er in Brüssel festge- nommcn und erst auf Verwenden des preuß. Gesandten, Grafen Goltz, in Freiheit gesetzt wurde. Hierauf brachte er wieder längere Zeit in England zu, wo er, wie in Preußen, Hci- matsrecht besaß und auch eine Pension erhielt. Später schickte ihn der Fürst Hardenberg als preuß. Generalkonsul nach Neufchatcl; allein seine Vaterstadt wollte ihn nur ungern aufnehmen. Die Bourbons bewiesen sich gegen K., der ihnen Leben und Vermögen geopfert, sehr undankbar; erst Karl X. gewährte ihm eine Pension von 5000 Francs. In der letzter» Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit der Landwirthschaft und starb am 4. Sept. I82S durch einen, vielleicht unfreiwilligen, Sturz aus dem Fenster. Seine „blemoires" (4 Bdc., Par. 1830), die ihm Gcnugthuung verschaffen sollten, erregten kein Aufsehen. Faujas de Saint-Fond (Barthe'lcmy), ein stanz. Naturforscher, geb. 1750 zu Montc'limart, war lange Zeit Professor beim pariser Museum der Naturgeschichte, das er mit einer Menge wichtiger Naturalien, die er meist selbst aufgcfundcn und gesammelt hatte, bereicherte. ImI. 1775 entdeckte er im Gebirge von Chenavari eine reiche GrubePuzzolan- erde und dann zu Lavoulte im Departement dcrArdeche eine überaus reichhaltige Eisenmine; auch ist er der Erfinder des Knochenmehls. Zn Anerkenntnis der Verdienste, welche er sich um den Wohlstand Frankreichs erworben, bewilligte ihm 17S7 der Rath der Fünfhundert eine Summe von 25VVV Francs. Er starb zu Paris am 26. Juli 1819. Unter seinen zahlreichen, freilich zum großen Thcil veralteten Schriften sind zu erwähnen die „lieckerckessur la pourrolsne" (Par. 1778), „Histoire naturelle «In Dauplnne" (4 Bde., Par. 1782), „Wnörulogie «los volcan«" (Par. 1784), „Histoire naturelle «las rocke« cke trapp" (Par. 214 Faulfieber Faulthrer 1788; neue Allst., I8I.7), „Vo)age eil.^ngieterre, cnLcnsse et an» i!eslIebricke8"(2Bde., Par. >797; deutsch von Wiedcmann, Gött. 1799) und „Uistoire naturelle 6e ls mon- tagne cke 8t.-?ierre Verbindungen zusammen, bis sich endlich das Ganze in die einfachsten Verbindungen, näm- i lich Kohlensäure, Wasser und Stickstoffgas, zerlegt hat. Auf den Zwischenstufen treten Ammoniak, Kohlenwasserstoffe, ferner, wegen des Phosphor- und Schwcfelgehalts vieler organischer Körper, auch Phosphorwasscrstoffgas und Schwefelwasserstoffgas, welche letztere nebst den vorigen den Übeln Geruch der Fäulniß bedingen, endlich gewisse feste kohlenstoff- reiche Zwischmproducte, der sogenannte H u m u s (s. d.), auf. Die verschiedenen Zwischenstufen werden je nach den vorhandenen Bedingungen verschieden schnell durchlaufen. Kann die Luft stets zutretcn, so bilden sich fast nur Kohlensäure, Wasser und Humus, daher das , Schwarzwerden beim Faulen, und man nennt dies Verwesung; bei mangelndem Luft- ^ zutritt walten die Wasserstoffverbindungen vor, die eigentliche Fäulniß. Ein gewisser War- ^ megrad und Anwesenheit von Feuchtigkeit sind wesentliche Bedingungen der Fäulniß. Im ^ Allgemeinen faulen thierische Stoffe schneller als vegetabilische und erstere, wegen ihres reichern Gehalts an Stickstoff, Phosphor und Schwefel, mit stärkerm Gerüche. Selten tritt die Fäulniß schon bei einzelnen Theilen des lebenden Körpers ein. (S. Brand.) Unter gewissen Umständen gibt die Fäulniß bei ausgeschlossener Luft zur Bildung eigenthümlicher sctt- und harzartiger Producte Gelegenheit, z. B. des Fettwachses oder Lcichenwachscs. Durch Austrocknen der Körper, große Kälte, Durchtränken mit Salzen, Holzsäure (Einpökeln, Räuchern u. s. w.) kann man die Fäulniß aufhalten und verhindern. Einige Substanzen, z. B- die Häute vor dem Gerben, den Flachs und Hanf beim Rösten u.s.w., läßt manzuweilen absichtlich in angehende Fäulniß übergehen, um dadurch die leichter faulenden Theile zu erweichen und zur Entfernung geschickter zu machen. Da Ammoniak, Kohlensäure und Humus die Bcstandtheile sind, welche zunächst zum Gedeihen der Pflanzen erfodert werden, so find alle faulende Stoffe als Dünger zu benutzen; es ergibt sich aber auch daraus, daß man die Fäulniß des Düngers, ehe er auf das Feld kommt, nicht zu weit fortschreiten lassen darf, weil sonst ein großer Theil der nutzbaren Zersetzungsproducte schon entwichen ist. Beim Faulen läßt der Dünger auch die Salze im Boden zurück, welche in den Pflanzen- oder thic- rischcn Theilen vorhanden waren, und auch dies ist von großer Wichtigkeit. Faulthier (krsi!)';»!?) heißt eine Säugthiergattung, die, nur im tropischen Südamerika vorkommend, zur Familie der Wenigzähnigen oder Oligodonten gerechnet wird, durch Mangel an Schneidezähnen und große gebogene Krallen sich auszcichnet, und durch zwei Arten, das zwei- und dreizehige Faulthier, repräsentirt wird. Vermöge ihres besondernBaus können die Faulthiere nur kletternd mit Schnelligkeit sich bewegen und sind daher wahre Baumthiere, die auch nur vom Laub der Bäume, namentlich des Trompetenbaums (Ocr<>- I>>») sich nähren. Ihre «ordern Glieder sind nämlich so unverhältnismäßig länger als die hintern, daß sie am Boden nur dann sich fvrtbewegen können, wenn sie auf dem ganzen Vorderarme aufliegen, ein ehemals übersehener Umstand, der zu vielen Fabeln Veranlassung gege- 215 Fauna Faust (Doctor Johann) bcn hat. Beide Arten sind harmlose, sonderbare Geschöpfe, von I3 F. Länge und mit grobem, trockenem, langem Haar bedeckt. In den Urzeiten hat es in der Nähe des Laplata Riesenfaulthiere gegeben, wie die dort aufgcfundencn gewaltigen Knochen beweisen. Fauna nennt man das Verzeichniß der in einem Lande oder Erdtheile einheimischen Thicre, sowie Floradas der Gewächse. Fauntleroy (Henry), Mitinhaber des großen Banquierhauses Marsh, Stracey und Compagnie in London, geb. daselbst 1784, wurde wegen gefälschter Unterschriften zum Tode vcrurtheilt und im Nov. 1824 gehenkt. Aus persönlichem Wohlwollen für ihn wünschte Georg I V. seine vielfach unterstützte Bitte um Gnade zu erfüllen; doch wegen ähnlicher voll- strcckter Urthcile rieth das Ministerium davon ab. So entstand das Gerücht, daß die Exemtion nur eine scheinbare gewesen, daß F. mittels eines künstlichen eisernen Halsbandes am Leben erhalten und nach Amerika entfernt worden sei, wo man ihn auch im I. 1839 gesehen haben wollte. Faunus, ein uralter König in Latium, der Sohn des Picus, ein Enkel des Satur- nus und von der Nymphe Marica, Vater des Latinus, lehrte seinen Unterthancn den Ackerbau und die Viehzucht, weshalb er nach seinem Tode als Wald-und Hirtengott verehrt wurde. Das ihm zu Ehren begangene Fest, Faunalia genannt, fiel auf den 5. Dec., an welchem Tage ihm die Landleutc besonders Böcke opferten und alles Vieh frei hcrumschwcifen ließen. Außerdem erscheint er noch als weissagender Gott, undalssolcherhaterdenNamenFatuus, wie seine Tochter oder Gemahlin neben Fauna auch Fatua heißt, und ist in Besitz mehrcr Hciligthümer, eines im Haine bei Tibur an der Quelle Albunea, eines andern aufdemAven- kin bei Rom, und eines dritten auf der Tiberinsel. Als Hirten- und Waldgott, ganz der griech. Pan(s. d.), vervielfältigt er sich in den Faunen, griech. Panen, die alsmisge- staltete Waldgötter, mit krummen Nasen, kleinen Hörnern, spitzigen Ohren, Schwänzen und Bockfüßcn dargcstellt und denen allerhand unheimliche Erscheinungen zugeschrieben wurden. Fauriel (Claude Charl.),Professor und Adjunct an der königlichen Bibliothek zu Paris, bekannt als Historiker und Literator, geb. 17 88, lebte während der Restauration amtlos seinen Studien, meist in Paris. Kurz vor der Julircvolution erhielt er einen Ruf an das akademische Gymnasium zu Genf; der Regierungswechsel in Frankreich veranlaßte ihn indeß, in Paris zu bleiben, wo bald darauffür ihn die Professur der neuern Literaturgeschichte gegründet wurde; auch erbte er von seinem Oheim, dem Abbe Sieycs, ein ansehnliches Vermögen. Im I. >836 wurde er Mitglied der Akademie der Inschriften. Wenn F.'s Vortrag, indem er stammelt und in Folge von Kränklichkeit jeder glänzenden Außenseite ermangelt, so zieht er andererseits durch die Vereinigung sehr seltener Eigenschaften unwiderstehlich an. Sein Hauptwerk ist die „Uistoire cle li» Ouuie merickionals Sons Ir» ckomilUttion des coilHuerunts Aer- msins" (4 Bde., Par. 1836), die in seines Freundes Aug. Thierry Sinn und Methode, nach den oft wörtlich reproducirten Quellen, mit Unbefangenheit und in einer vortrefflichen Sprache geschrieben, dem Besten sich anreiht, was in der neuern Zeit die historische Forschung und Kunst hervorgebracht hat. Nächstdcm gedenken wir noch seiner Ausgabe der provenzalischen Chronik „<7rois-«Ie contre les ^Ibiz-eois" (Par. 1838, 4.). Wie als Mitglied der Akademie und der von Guizot gestifteten historischen Comite's, so ist F. auch für das „äourual Uhr, der Teufel ihn s grausamlich umbrachte. Waren früher die Meinungen getheilt, ob überhaupt dieser F. ge- s lebt habe, so ist man gegenwärtig wol allgemein überzeugt, daß es einen solchen Mann gab, der durch mannichfaltige gelehrte Kenntnisse, vielleicht auch durch Taschcnspiclerkünste, im- ponirte und deshalb für einen Schwarzkünstler gehalten wurde, der mit bösen Geistern in geheimer und genauer Verbindung-stehe. Sein weit verbreiteter Ruf vcranlaßte die Erzäh- lcr seiner Thaten, die Wunderwerke, welche andern sogenannten Schwarzkünstlern einer frühcrn Zeit zugeschricben wurden, auf ihn überzutragen und ihn zum Helden im Fache der Magie zu erheben. Gab nun die Erzählung von seinen Wundern dem Volke Unterhaltung, so benutzte man dieselbe auch zur Lehre und zeigte an F.'s schrecklichem Schicksal die Gefahren geheimer Zauberkünste und die Abscheulichkeit eines in Sinnengier versunkenen Lebens. Die Sage von ihm wurde auf mannichfache Art ausgebeutct. Zuerst erschienen Volksbü- > cher, die Erzählungen von F.'s Unternehmungen und Thaten zu verkünden. So Wiede- mann's „Wahrhaftige Historien von denen greulichen Sünden vr.Joh.F.'s" (Hamb. 1599, 4.) und „Des durch die ganze Welt verrufenen Erzschwarzkünstlers und Zauberers vr. F. mit dem Teufel aufgerichtetes Bündniß, abenteuerlicher Lebenswandel und schreckliches Ende" (gedruckt zu Köln am Rhein und Nürnberg), die in fast alle civilisirte Sprachen übertragen wurden. Betrüger nahmen Veranlassung, ein Werk unter dem Titel „Faust's H öllcn- zwang oder der schwarze Rabe" herauszugeben, angeblich 1404 zum ersten Male gedruckt, das durchgehend mit sinnlosen Charakteren und Figuren und schändlich gcmisbrauchtcn Bibelsprüchen angcfüllt ist und dem der Aberglaube sonst Wunderdinge zuschrieb. Hierdurch wurden Andere ausgcfodcrt, das Geschichtliche der Sage zu ergründen. Daß die Dichtkunst einen Gegenstand, der der Phantasie einen so reichen Stoff darbot, sehr bald auffaßte und so manche Bilder daraus in elegischen Gedichten, in Pantominen, Trauerspielen, Schauspielen > und Lustspielen ausmalte, konnte nicht fehlen. Alles, was in dieser Gattung der Darstellung geleistet wurde, übertraf Go eth e (s.d.) im ersten Theile seines „Faust", der zuerst unter dem Titel „vr. F., ein Trauerspiel" (Lpz. 1790) und später umgearbcitet als „F., eine Tragödie" (Tüb. 1808) erschien und dem nach des Dichters Tode der zweite Thcil sStuttg. 1833) nachfolgte. Nächst diesem dürften besonders hervorzuheben sein Lessing's von Engel aufbewahrtes meisterhaftes Bruchstück „F. und die sieben Geister" in seinem „Theatralischen Nachlasse" (Bd. 2), G. F. L. Müller's rohe, aber kräftige und geniale dramatische Arbeit „vr. F.'s Leben" (Manh. 1778), Klinger's „F.'s Leben, Thaten und Höllenfahrt, in fünf Büchern" (Petersb. und Lpz. >791), des Grafen von Soden „vr. F., ein Volksschauspiel" (Augsb. 1791), Schink's „Joh.F., dramatische Phantasie nach einer Sage des 16. Jahrh." (1809) und Klingcmann's „F., ein Trauerspiel" (Lpz. 1815); ferner die Arbeiten von Grabbc, Lenau, Braun von Braunthal u.A. Auch die bildende Kunst nahm F. zum Gegenstände. Zwei Gemälde im Keller unter Auerbach's Hofe zu Leipzig vom 1.1525 geben Darstellungen von einem Spuk, den F. mit Mephistopheles in diesem Keller ausgeübt haben soll. Nembrandk lieferte ein schön radirtes Blatt, darstellend F. in seinem Zimmer während einer Gcisterer- scheinung. Christoph von Sichem stellte F. und Mephistopheles und den Famulus Wagner nebst seinem Geiste in zwei Kupferstichen dar. Geistreiche Darstellungen aus dem Leben dcS F. gaben in neuerer Zeit Cornelius und Retzsch. Vgl. Rosenkranz, „Über Calderon's wunderbare Magie, zum Verständniß der F.'schcn Fabel" (Halle 1829) und Stieglitz, „Die Sage von vr. F." in Raumcr's „Historischem Taschenbuche" (Lpz. 1834). Faust (Beruh. Christoph), ein verdienter populair-mcdicinischer Schriftsteller, geb. am 23. Mai 1755 zu Rotenburg in Hessen, wo sein Vater Arzt war, studirte in Göttingen und praktieirte dann zu Rotenburg, Vach und an andern Orten, bis er 1781 als fürstlich Faustrna Aaustvecht 21? schaumburg - lippischer Hofrath und Leibarzt nach Bückeburg berufen wurde, wo er an, 24. Jan. >842 starb. Aufsehen erregte er zuerst durch die Schrift „Wie ist der Geschlechts- trieb der Menschen in Ordnung zu bringen" (Braunschw. >781), in der er sich besonders gegen das zu frühe Tragen der Hosen aussprach, zumal als er seine Ansichten hierüber in einer besonder« Schrift (Strasb. 1792) der pariser Nationalversammlung vorlcgtc. Die meiste Verbreitung fand sein „Gcsundheitskatcchismus" (Lpz. 1794; I I. Aust, von Reinhardt, 183»), der als eins der gemeinnützigsten Werke in die lat. und die mchrsten lebenden Sprachen übersetzt wurde. Lebhaft interessiere er sich seit 1794 für den Plan einer allgemeinen Ausrottung der Blattcrnpest, den er, da sein Vorschlag wenig beachtet wurde, in der Schrift „Über die Ausrottung der Blattern" 17 98 den zum Fricdenscongreß zu Rastadt versammelten Ministern vorlegte. Als seinem philanthropischen Plane bald darauf Jenner's Entdeckung zu Hülfe kam, unterzog er sich eifrigst der Verbreitung der Kuhpockenim- pfung und empfahl sie in mehren Schriften. Auch zur Abstellung mehrer in der Ausübung der Gcburtshülfe eingewurzelte Gebrechen that er viele gute und gutgemeinte Vorschläge, namentlich in derSchrift „Guter Rat-Han Frauen über die besteArt des Gebarens" (1897). Mit noch eindringendcrn Worten sprach er für menschlichere Behandlung der Verwundeten auf dem Schlachtfelde, in mehren periodischen Blättern, auch mit PH. Hunold gemeinschaftlich in der Schrift „Über die Anwendung und den Nutzen des Ols und der Wärme bei chirurgischen Operationen" (Lpz. 1806). Auch in später» Jahren suchte er sich fortwährend durch gemeinnützige Vorschläge verdient zu machen, zuletzt noch durch seinen „Beitrag zum Bauwesen" (Bückcburg 1830). Faustina, Mutter und Tochter, erstere gest. 141 n. Ehr., war die Gemahlin des röm. Kaisers Antoninus Pius (s. d.), letztere, gest. 175, mit dessen Nachfolger M. Aurelius Antoninus (s. d.) vermählt. Beide, namentlich die zweite, sind wegen sittenlosen Lebens berüchtigt, an dem sie ihre tugendhaften Gatten nicht zu hindern vermochten. Ihr Andenken zu ehren, wurden nach ihrem Tode sowol von Antonin als Marc Aurel, Stiftungen für armeMädchen,welchepueilae slimenlsris«kaustininnaegenannt wurden, gemacht. Eine Ehrenrettung der jüngern F., die auch von ihrem Gemahl in dessen „Betrachtungen über sich selbst" gerühmt wird, hat Wieland versucht (in seinen „Werken", !794,Bd.2i). Faustkampf gehörte zu den gymnastischen Übungen der Griechen, bei denen er Pygme, und der Römer, bei denen er Pugilatus hieß, und war ein Theil des gricch. Pentathlon (s. Diskus), dem das röm. Quinqucrtium entsprach. Um die flache Hand trugen die Kämpfer Riemen aus hartem Rindslcder, die auch namentlich in der spätem Zeit und bei den Römern, welche diese Handbcdeckung Cestus nannten, mit Knoten, Buckeln und mit cin- gcnähtem Blei und Eisen versehen waren, um die vornehmlich auf den Kopf des Gegners zu richtenden Schläge noch furchtbarer zu machen. In der gricch. Heldensage war der eine der Dioskurcn (s. d.), Polydcukcs, als Faustkämpfer gefeiert, und plastische Darstellungen von Faustkämpfcrn haben sich aus dem Alterthume mehre erhalten. Als volksthümlich besteht der Faustkampf gegenwärtig noch bei den Engländern. (S. B oxcn.) Faustpfand heißt das Pfand an einer beweglichen Sache, die dem Pfandgläubiger zu Händen übergeben wird. (S. P fa n d.) ..Faustrecht (jus mamisrium), das Recht der Selbsthülfe mit gewaffneter Hand, ist ein Übel, welches alle Staaten in ihrer Kindheit treffen muß, so lange sie nicht eine wohl- geordnete Gerichtsverfassung und eine kraftvolle Regierung besitzen. In Deutschland dauerte dasselbe beiwcitem länger als in Frankreich und England, weil die Zerstückelung des Reichs und die Schwäche der deutschen Kaiser wirksamen Maßregeln im Wege standen. Das Faust- recht umfaßte vornehmlich Zweierlei, die Befehdungen und das Recht der Pfändungen; jene wie diese arteten oft, so wenig auch ihre ursprüngliche Bestimmung darauf gerichtet gewesen war, in ein wahres Raubgewerbe aus. Den Befehdungen arbeitete man seit den ersten Zeiten der Monarchie entgegen; da man aber nicht durchzudringen vermochte, so suchte man sic wenigstens dadurch zu mindern, daß nach den ältern Reichsgesetzen ein Versuch vorhergehen sollte, sein Recht durch Güte oder richterliche Hülfe zu erlangen, sowie durch das Verbot, kriegerische Angriffe am Freitag, Sonnabend und Sonntag vorzunchmen, den sogenannten Tottesfrieden (s. d.) vom 1. 1038 unter KaiserKonrad H. Allein dies Alles 218 Favart wurde wenig beobachtet. Die Privatpfändungcn waren erlaubt, wenn man eine klare verbriefte Federung hatte, in Güte aber von seinem Schuldner nichts erhalten konnte. Man wandte sich dann an einen Ritter, welcher gegen billige Vergütung cs übernahm, dem Schuldner aufzupassen, ihn selbst oder ihm gehörige Güter anzuhalten und sowol seinen Schützling als sich selbst bezahlt zu machen. Dabei kamen aber gar viele Unregelmäßigkeiten vor, welche durch Gesetze verboten, aber durch alte Gewohnheit dennoch aufrecht erhalten wurden, t Es sollte dem Schuldner die Pfändung vier Wochen zuvor angckündigt werden, was nicht ! darum auszuführen war, weil derselbe dadurch nur gewarnt worden wäre, seine Person und s Sachen in Sicherheit zu bringen. Es sollte gleich nach der Pfändung der nächste Richter ausgesucht werden, das waren aber, wenn es ja geschah, die Gerichte eines Burgherrn, mit welchem man sich schon abzufinden wußte, sodaß cs mit der Gerechtigkeit so genau nicht genommen wurde. Auch wurden unter irgend einem Vorwände die Sachen oft weit fortgeschafft, sodaß der Gepfändete zu thun hatte, che er ausfindig machte, wohin sie gekommen § waren. Die Hauptsache jedoch war, daß man sich nicht an den Schuldner allein, sondern an den ersten besten seiner Mitbürger hielt, dessen man habhaft werden konnte. Dies war ein Überbleibsel der alten deutschen Gesammtbürgschaft der Gemeinden gegeneinander, welche die Gesetze längst gemisbilligt hatten, die sich aber nicht hatte ausrottcn lassen, sodaß selbst Kaiser Friedrich I. 1158 nur den Studenten die Freiheit gewährte, wegen angeblicher Schulden ihrer Landsleute nicht angegriffen werden zu können. Viele Burgbesitzer und Ritter j lebten lediglich von diesen Pfändungen, welche zu wahrerStraßenräuberei ausartetcn, indem ^ der Mangel sie trieb, reisenden Kaufleuten aufzulauern, auch wenn keine Schuld von ihnen bcizutccibcn war. Hiermit waren überdies noch viele andere Plackereien verbunden, z. B. das Aufdringen von Geleite, das Erheben von Abgaben für die Sicherheit der Straßen u. s. w. Den Culminationspunkt erreichte das Faustrecht zur Zeit des sogenannten Interregnums 1254—73, sodaß Kaiser Rudolf von Habsburg, obschon er eine Menge Naubschlösser zerstören ließ, wenig auszurichten vermochte. Erst nachdem der große Schwäbische Bund ! im I. > 488 zu Stande gekommen und die Städte anfingen, die Raubritter mit schimpflichen ^ Hinrichtungen zu strafen, konnte Kaiser Maximilian cs wagen, an die gänzliche Abstellung des ! Faustrechts zu denken, zu welchem Behufe er > 495 das Neichskammergericht gründet! s und den ewigen Landfrieden (s. d.) zu Stande brachte. Doch die Sache ging nicht aus I einmal. Noch ziemlich lange nachher waren viele von den Dingen im Gange, welche der ! Landfricde hatte abstellen sollen, wofür wir nur an die Namen Berlichingen (s. d.) ! Sickingen (s. d.), Grumbach (s. d.) u. s. w. zu erinnern brauchen. Erst gegen das End! des l6. Jahrh., nachdem Schießpulver, stehende Heere und ein erstarkter Bürgcrstand in den Städten dem Ansehen der Landesherren größern Nachdruck gegeben hatten, wurde die gänzliche Abstellung des Faustrechts und der daraus entsprungenen Misbräuche möglich; die , vom Faustrecht hergeleiteten Abgaben aber dauerten noch viel länger fort, wie denn selbst im s Königreiche Sachsen das Geleite zum Theil erst 1834 abgeschafft wurde. Favart (Charl. Simon), ein fruchtbarer franz. Opern- und Lustspieldichtcr, geb. am 13. Nov. 1710 zu Paris, wählte, nachdem er daselbst sehr jung durch sein „Im krsnce 6e- livree par la kucelle 6'OrIösns" einen Preis bei den äeux lloraux gewonnen, den Staut eines Literaten und schrieb nun für die kleinern Theater, besonders für die franz. komisch! Oper. Im 1.1745 heirathete er eine schöne und geistreiche Sängerin dieses Theaters, die selbst einige Stücke, z.B. „Annette et Imbin", verfaßt hat. Sie hieß eigentlich Marie Justine Bcnedicke Duronceray, geb. am 15.Juni 1727 zu Avignon. Von ihr war der erste Versuch ausgegangen, Soubretten und Landmadchen nicht, wie bis dahin gebräuchlich gewesen war, im Putze der Hofdamen, sondern in dem diesen Rollen entsprechenden Costum zu spielen. Nachdem die komische Oper im 1.1745 aufgehoben worden war, übernahm F. die Direktion der Schauspielertruppe, welche der Marschall von Sachsen auf seinen Feldzügen nach Flandern mit sich führte. Seine Frau begleitete ihn, wurde aber, als sic sich weigerte, den Wünschen des Marschalls Folge zu leisten, in ein Kloster gesperrt und erst nach Jahr und Tag wieder in Freiheit gesetzt. Mit ihrem Manne kehrte sie hierauf nach Paris zurück, wo sie Mitglied der ital. Oper wurde, F. aber fortfuhr, Opern zu schreiben. Unter seinen Stücken, an denen seine Frau und sein Freund, der Abbe Voisenon, zuweilen Antheil Favorit Fayence 219 nahmen, sind die ausgezeichnetsten „I.c coq 6» village", „I^s ülle mal garckee" und „Minette 8 la cnur", wonach CH. F. Weiße sein „Lottchen am Hofe" dichtete. Seine beste Komödie ist „I-'Vnglais 8 Sorlleaux". Nachdem seine Frau am 20. Apr. 1772 gestorben, folgte er ihr am l2. Mai 1793. Seine und seiner Frau sämmtliche Werke erschienen unter dem Titel „Tböätre cie monsienr et mackume k." (lOBde., Par. 1763—72), woraus später ein Auszug gemacht wurde (3 Bde., Par. 1810). — Auch sein Sohn, Charl. Nic. F., geb. 1749, gest. am I. Fcbr. l 806, hat einige nicht mislungene Stücke geschrieben, war indessen doch mehr als Sänger auf dem ital. Theater, denn als Dichter ausgezeichnet. Favörit heißt überhaupt ein Günstling und Favorite die erklärte Geliebte eines Fürsten. Favorite-Sultanin heißt die erste der Sultaninnen des türk. Kaisers, d. h. diejenige, mit der er zuerst einen Sohn gezeugt; jedoch verliert sie den Anspruch auf diesen Namen, sobald der Sohn vor dem Kaiser verstirbt und ein mit einer andern Sultanin erzeugter,Sohn der Erstgeborene wird. Favras (Thom. Mary, Marquis von), das Opfer einer politischen Jntrigue, geb. zu Blois 1743, war beim Ausbruche der franz. Revolution Lieutenant in der Schweizergarde von Monsieur (Ludwig XVIII.) und genoß ein gewisses Vertrauen des Prinzen. Er machte deinselben den Vorschlag, gegen die Constituirende Versammlung gewaltsam zu verfahren und die alte Monarchie herzustellen. Inwieweit der Prinz zu diesem Plane die Zustimmung gab, ist nicht bekannt worden; man nimmt indessen an, daß derselbe Ludwig XVI. habe auf- hcben und sich selbst zum Regenten aufwerfen wollen. Gewiß ist nur, daß F. mit andern vertrauten Dienern des Prinzen beauftragt war, große Geldsummen auf jede mögliche Weise hcrbeizuschaffen. Als F. im Begriffe stand, seine geheimnißvollcn Plane auszuführcn, wurde er durch Lafayctte verhaftet. Der Prinz aber verleugnete ihn und bezeichnte in Paris ein Haus, in welchem sich die Verschworenen versammeln müßten. Vor Gericht gestand F. auf das Zeugniß mehrcr Soldaten, daß er zu Montargis 12000 Schweizer und ebenso viel Deutsche habe versammeln wollen, daß aber dieselben zur Verbreitung der Revolution in Belgien bestimmt gewesen seien. Ungeachtet er sich mit Festigkeit und Geschick vcrtheidigte, wurde er als Hochverräter zum Tode verurtheilt. Man hatte zur Abschreckung auf dem Greveplatze einen hohen Galgen errichtet, zu dem er am 19. Febr. 1790 abgeführt wurde. Jedermann, und er selbst hoffte aufseine Begnadigung. Als diese ausblieb, machte er auf dem Stadthause noch einige Aussagen, die ihn als das Opfer des Prinzen oder des Hofs erscheinen ließen, ohne daß er jedoch ein eigentliches Geständniß abgelegt hätte. Bei Fackelschein wurde er hierauf gehenkt, aber bald wieder abgeschnittcn und soll erst während eines Aderlasses gestorben sein. Die Königin und Monsieur suchten die Familie desselben durch reiche Jahrgeldcr zufrieden zu stellen, und nach der Restauration bewilligte Ludwig XVIII. der Witwe eine Pension aus seiner Privatkasse. Favre, s. Faber. Fawkes hieß der verabschiedete Offizier, der es übernommen, die Pulvcrmine anzuzünden, welche bei Eröffnung des Parlaments am 5. Nov. 1605, namentlich Jakobi, in die Luft sprengen sollte, und der zur Strafe verbrannt wurde. Zu der Erinnerung an diese sogenannte Pulvervcrschwörungss. d.)wird in den meisten engl. Städten jeden 5. Nov. ein als Offizier angeputzter Strohmann, unter Absingung eines Liedes mit den Anfangszeilen: „klease to remembsr Hie liktb ok November", durch die Straßen getragen und zulcht den Flammen übergeben, und wegen des gewöhnlich grotesken Anputzes nennt die engl. Konversation eine verputzte Dame einen Fawkes. Faxardo, s. Saavedra y Faxardo (Diego). Fayence oder Halbporzellan ist eigentlich eine aus farbigem oder weißem Thon verfertigte, mit undurchsichtiger, weißer oder farbiger Glasur versehene gebrannte Thonmaffe, die sich sowol vom engl. Steingut und Porzellan sowie vom gewöhnlichen Steingut genau unterscheidet; doch pflegt man in Deutschland Fayence mit Steingut gleichbedeutend zu brauchen, und die Franzosen unterscheiden außer ViOeoce commune und kmence Kne noch Viiience anglaise, das engl. Steingut. Schon die span. Mauren machten im 9. Jahrh. bemalte Fayencegcfäße; im 13. und 14. Jahrh. kam die Fabrikation von Majorca aus nach Italien und daher der Name Majolika (s. d> doch sollen auch 1299 in Faenza ähnliche 220 Fea Februar Geschirre selbständig erfunden worden sein, woher der Name Fayence entstanden sein mag. Die ältesten Geschirre von Faenza und Castel-Durante gehören gegenwärtig zu den Seltenheiten; 145» machte Della Robbia Basreliefs aus Fayence, und später wurden die Geschirre von Pesaro berühmt. Man zierte die Majoliken mit feinen Malereien und die Sammlungen zu Loretto, zu Dresden u. s. w. weisen kostbare Stücke aus dem >5. und 16 . Jahrh. auf. In Frankreich wurde im 16 . Jahrh. die erste Fayence von Palissy in Samtes verfertigt, und später ahmten die Holländer in Delft die Sache nach, weshalb nun die Fayence auch Delfter Porzellan genannt wurde. Gegenwärtig macht man in Deutschland und Frankreich fast nur noch ordinairc weiße und braune Fayence, da für die künstlerisch ausgcschmückten Sachen das Porzellan alle andere Massen verdrängt hat. Fea (Carlo), einer der thätigsten und verdienstvollsten Archäologen der neuern Zeit, zeb. zu Pigna in Nizza am 4. Juni >755. Nachdem er zu Nizza seine Studien begonnen und zu Rom vollendet hatte, erlangte er hier die juristische Doctorwürde und die Priesterweihe, mußte jedoch 1798 als Geistlicher von fremder Herkunft den Kirchenstaat verlassen und nach Florenz fliehen. Bei seiner Rückkehr im I. 1799 wurde er von den Neapolitanern, die damals Rom besetzt hielten, aus Misverstand als Jakobiner eingesperrt, bald aber wieder in Freiheit gesetzt und hierauf zum Oommisssrio dellc anticbit», welche Stelle vor ihm Winckelmann und Visconti bekleidet hatten, sowie zum Vorsteher der durch Kostbarkeiten ausgezeichneten Bibliothek des Fürsten Chigi ernannt. Er starb zu Rom am 17. März 1836. Mit Übergehung der mehr durch die damaligen Verhältnisse hervorgerufenen juristischen und politischen Schriften F.'s erwähnen wir hier die mit Anmerkungen versehene Übersetzung derWinckelmann'schen „Geschichte der Kunst" (Rom 1783—84). DieHeraus- gabe der WcrkeNafacl Mcngs' (Parma 178», 4.), die Noten zu dem Bianconi'schcn Werke über die alten Circus und namentlich den des Caracalla (Rom >789, Fol.) und seine ,Mi->- «ellanes üIoIoAic», critica e antiquaria" (Bd. I, Rom >79», Bd. 2, 1837). Sein Hauptverdienst besteht darin, daß er die Nachgrabungen in und um Rom stets zu wissenschaftlichen Zwecken benutzte; in dieser Beziehung sind zu erwähnen seine treffliche Monographie legritä ckel kanteon rivondicata a A. (Rom I 8»7 ; 2. Aufl., 182», 4.) und die „llrammenti cli kasti consolnr," (Rom >82», 4., mit 4 Kupf.). Vielfachen Tadel dagegen erfuhr seine Ausgabe des Horaz (Rom 1811; von Bothe, 2 Bde., Heidelb. 1819). Fcarn (John), unter den neuernMctaphysikern Englands einer der originellsten und scharfsinnigsten, ein Autodidakt, geb. um 1767, kam als Seemann im Dienste der Ostindischen Compagnie frühzeitig nach Ostindien, wo Locke's „Versuch über den menschlichen Verstand" das erste philosophische Buch war, das ihm zufällig in die Hand fiel. Noch in Ostindien machte er den Versuch, seine eigenen Gedanken, freilich in sehr barocker Weise, niederzuschreiben, und so entstand „Lssax on consciousness" (Lond. 1811). Später lebte er in London äußerst zurückgezogen, und zwar im wörtlichen Sinne nur der Philosophie. Seine Werke „b^irst lines ok tüe Innnsn minck" (Lond. 182») und „^nti-'l'ooks, or o» »nslxsis ok lanFugge" (2 Bde., Lond. 1824—27) haben, für England wenigstens, in der Psychologie und der philosophischen Sprachlehre eine neue Bahn gebrochen und enthalten nicht nur einen Schatz treffender Bemerkungen über manche unbewachte Thätigkcit des Geistes, sondern auch eine überraschende Klarheit und Sicherheit in der Zerlegung der Ge- dankenreihen in ihre Elemente. Da er indeß aller Empfehlungen ungeachtet eine Thcil- nahme des Volks für seine Untersuchungen nicht zu gewinnen vermochte, verfiel er endlich in eine gänzliche Verstimmung und starb zu London am 3. Dec. 1837. Febris, das Fieber, erscheint personificirk als Göttin bei den Römern, welche drei Tempel, den berühmtesten auf dem Palatinischen Berge hatte, wo man Mittel gegen das Fieber bereitete und verkaufte. Febromus (Justinus), s. Hontheim (Joh. Nik. von). Februar, im Deutschen Hornung, bei den Holländern Sporlilrelmauntl genannt, der zweite Monat des Jahrs, hat in einem Eemeinjahrc 29, im Schaltjahre aber 29 Tage, indem in diesem nach dem 23. ein Tag eingeschaltet wird. Bei den Römern hatte er ursprünglich im Gemeinjahre 29 Tage; als aber der achte Monat des Jahrs durch Scnatsbeschluß Augustus genannt wurde, wurde dem Februar ein Tag genommen und dem August, der Februus Fechtart 221. früher nur 30 Tage hatte, zugelegt, damit dieser dem Julius nicht nachstehe. Den lat. Na- men erhielt der Februar von dem alt-ital. Gott Februus (s. d.), wegen der Februalia oder Lupercalia, die vom 18.-28. Febr. in Nom gefeiert wurden und ein Reinigungsfest waren, bei welchem die Reinigung der Lebenden und die Sühnopfer der Tobten Vorgenom- men wurden. Den Namen Hornung leiten Einige von Hör, d. i. Morast, ab, Andere erklären den Namen dadurch, daß im Februar die Hirsche neue Geweihe erhalten. Februus, abgeleitet von kebrnare, d. l. reinigen, war ein etrurischer Gott, identisch mit Pluto, inwiefern das jährliche Todtenfest, Februalia genannt, im Monat Februar gefeiert wurde. Gewöhnlich erscheint er indeß als ein alt-ital. Gott, dem der Monat Februar heilig war, weil in diesem, als dem letzten Monate des Jahrs, ein allgemeines Reinigungsfest gefeiert wurde. Fechner (Gust. Theod.), ordentlicher Professor der Physik an der Universität zu Leipzig, geb. am >0. Apr. 1801 zu Groß-Sährchen bei Muskau in der Niederlausitz, wo sein Vater Prediger war, wurde nach dessen frühem Tode theils in Wurzen, theils in Ranis erzogen, besuchte dann die sorauer und die dresdener Kreuzschule und bezog in seinem 16. Jahre die Universität zu Leipzig, ursprünglich um Medicin zu studiren, doch später mehr zum speciellen Studium der Naturwissenschaften hingezogcn. Er habilitirtc sich auch für dieses Fach bei der Universität, an der er 183-1 die ordentliche Professur der Physik erhielt, doch wurde seine Thätigkeit als Lehrer wie als Schriftsteller in den letzter» Jahren durch ein Leiden der Kopf- und besonders der Augenncrven, das ihn zum beständigen Aufenthalt in einem dunkeln Zimmer nöthigte, fast gänzlich unterbrochen. Unter Anderm übersetzte er Biot's „Lehrbuch der Physik" und The'nard's „Lehrbuch der Chemie"; er redigirte bis 1835 das von ihm begründete „Pharmaceutische Centralblatt", auch gab er das „Repertorium der Experimentalphysik" (3 Bde., Lpz. 1832), „Repertorium der neuen Entdeckungen in der unorganischen Chemie" (3 Bde., Lpz. 1833) und „Repertorium der neuen Entdeckungen in der organischen Chemie" (2 Bde., Lpz. 183-1) heraus. Frühzeitig gab er auch unter den Ilr. Mises durch die „Stapelia mixta" (Lpz. 182-1), eine Sammlung humoristischer Aufsätze, die selbst Jean Paul's Aufmerksamkeit auf sich zog, sowie schon vorher durch den „Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe" (Germanien fPenigj 1821; 2. Aust., Lpz. 1832) und den „Panegyrikus der jetzigen Medicin und Naturgeschichte" (Lpz. 1822), Beweise eines reichen und glücklichen Humors, der von treffendem Witze und gründlichen Kenntnissen gleichmäßig unterstützt, sich an den Verirrungen und Mängeln der Wissenschaft mit glücklichem Erfolge übte. Später folgten die „Vergleichende Anatomie der Engel" (Lpz. 1825) und „Schutzmittel für die Cholera" (Lpz. 1832). Eine ernstere Richtung, wiewol mehr im geistreichen Spiele einer dichtenden Phantasie als durch wissenschaftliche Untersuchung, verfolgt sein „Büchlein vom Leben nach dem Tode" (Lpz. 1836). Auch ließ er „Gedichte" erscheinen (Lpz. 1832). Seine eigenen Untersuchungen betreffen vorzüglich den Galvanismus; sie finden sich theils in einzelnen Abhandlungen in Poggendorsss „Annalen", in seinen „Maßbestimmungen über die galvanische Kette" (Lpz. 1831) und in dem von ihm allein bearbeiteten dritten Bande von Biot's „Lehrbuch". Er gilt als einer der geistreichsten Vcr- theidiger der Volta'schen Theorie. Er beschäftigte sich auch mit den subjectiven Lichterschci- nungen. Die Wissenschaft hat sehr zu wünschen, daß F. ihr ganz wiedergegeben werde. Fechtart nennt man die Art, in welcher jede Truppengattung sich zum Kampf ordnet, um unter verschiedenen Umständen den besten Gebrauch von ihren Waffen zu machen. Jede der drei Hauptwaffen eines Heers hat eine ihr eigenthümliche Fechtart. Im Allgemeinen lassen alle Fechtarten sich auf zwei Hauptkategoricn zurückführen, nämlich auf die geschlossene und auf die zerstreute. Bei der geschlossenen stehen die Kämpfer entweder dicht nebeneinander (Fechtart in Linien) oder dicht hintereinander (Fechtart in Colonnen). Bei der zerstreuten stehen die Kämpfer einzeln, und jeder bedient sich seiner Waffen nach eigenem Ermessen. Die zerstreute Fechtart, oder auch offene Kampsvrdnung, wie sie von Einigen genannt wird, heißt bei der Infanterie das Tirailliren, bei der Cavalerie das Flankiren oder auch Blänkern oder Plänkle»; bei der Artillerie besteht der Charakter der zerstreuten Fechtart darin, daß die Batterien in kleinen Abtheilungen, doch niemals weniger als zwei Geschütze, auf verschiedenen Punkten des Schlachtfelds auftrcten. 222 Fechtkunst Feder Fechtkunst heißt die Lehre vom zweckmäßigen Gebrauch der Hand- oder Faustwaffeu sowol zum Angriff als zur Abwehr im Einzelgefecht. In den ältesten Zeiten stand das Fech- ten auf den Stoß obenan, später wurde auch das Fechten auf den Hieb zur Kunst erhoben, und gegenwärtig zerfällt die Fechtkunst in Stoßfechten, Hiebfechten und Bayonnet- fechten. Einige Waffen, wie der Stoßdegen, die Lanze und das Bayonnet, sind nur auf de» Stoß oder Stich eingerichtet, andere, wie der krumme Säbel, nur auf den Hieb, noch andere, ! wie der Pallasch oder Schläger, auf Beides; alle aber müssen die Abwehr gestatten, welche ! in der Kunstsprache das Pariren heißt. In früher» Zeiten führten die Kämpfer auch noch in s der linken Hand einen Dolch oder einen kleinen Schild, um die Stöße oder Hiebe des Gegners aufzufangen. Die Italiener Marozzo (1536) und Puteo (1544) stellten zuerst Theorien über die Fechtkunst auf. Der Franzose Thibault in seiner „^caelemie ele I'chwe, au sscret 784 Richter zu Govon, einem Flecken in der Provinz Asti. Hier lernte ihn der König Victor Amadeus III. kennen und ernannte ihn zum Richter in Moncalieri, einem Städtchen unweit Turin. Aus Liebe zu einer Schauspielerin, Camilla Ricci, gab er jedoch später seine Stelle auf, widmete sich dem Theater und schloß sich einer Schauspielergesellschaft an. Deshalb von seinen Altern verstoßen, nannte er sich nun Federici, zusammengezogen aus ieüe-Ie ->!!u äiicci. Er starb zu Turin im Febr. 1803. Unter seinen Theaterstücken sind „k.'avviso ai mariti", „I^o scultore e il eieco" und „binnen IV ul passo Uellu Hlurua" als die vorzüglichsten zu nennen. Sein Lustspiel „I-a lingia vivo ;>oco" kam unter dem Titel „Gleiches mit Gleichem" durch Vogel auf die deutsche Bühne. Seine „Opere teatrali" erschienen zu Florenz (ivBde., 179-1—97), Venedig (> 0 Bde., 1897) und Turin (5 Bde., 1898). Federn sind ein charakteristisches Eigcnthum der Vögel. Die von Zeit zu Zeit cin- tretende Erneuerung derselben nennt man das Mausern. Bei den meisten einheimischen Vögeln geschieht solches nur einmal im Jahre, und zwar im Herbst, bald früher, bald später; nur wenige mausern sich zweimal des Jahrs; auch ändert sich bei manchen Vögeln die Farbe der Federn. Den allgemeinsten Nutzen gewähren die Federn, namentlich die Gänsefedern, mit denen Polen, Lithauen, Preußen und Mecklenburg, und die Eid erdunen (s. d.), mit denen Island und Norwegen einen ausgebreiteten Handel treiben, als Bettfedern, und die Kiele derselben als Schreibfedcrn. Die indeß mit dem Schneiden der Federn verbundene Unbequemlichkeit und die geringe Dauer der thierischen Federn brachten schon zeitig auf die Idee, Schreibfedern künstlich von Elfenbein und Metall nachzuahmcn; doch erst der neuesten Zeit war es Vorbehalten, der Elasticität der Gänsefedern durch metallene Federn bei gehöriger Wohlfeilheit so nahe zu kommen, daß eine allgemeinere Anwendung eintreten konnte. Perry in London war es, der durch Erfindung der auf die jetzt übliche Weise gespaltenen Stahlschreibsedern die Bahn brach. Obgleich die Stahlfedern zum Erlernen des Schreibens und für wirkliches Schönschreiben nicht zu empfehlen sind, so haben sie doch wegen der Bequemlichkeit des Gebrauchs und wegen ihrer im Vergleiche zu guten Gänsefedern bedeutenden Wohlfeilheit die Gänsefedern mehr als zur Hälfte verdrängt. Früher fabricirte man sie ausschließlich in England, welches 1836 129 Tonnen Stahl zu ungefähr 250 Mill. Stück Stahlfedern verarbeitete; gegenwärtig liefern auch Frankreich, Nordamerika und Deutschland einen Theil des Bedarfs. Man verfertigt über 190 verschiedene Sorten je nach der Güte des verwendeten Stahls, der verschiedenen Härte, Form u. s. w. Um die Stahlfedern länger brauchbar zu erhalten, muß man sich einer nicht sauren Tinte bedienen und dieselben nach dem Gebrauche, am besten mit einem in Terpenthinöl getauchten Läppchen, auswischen. Bei theuern Federn verlohnt es sich auch der Mühe, die Spitze, wenn sie abgenutzt ist, mittels einer feinen Feile wieder etwas anzuschärfen, nachdem der entstandene Grath weggenommen ist. Ein besonderes Jnstrumentchen dazu hat Moves in Braunschweig angegeben. Auch von den Federhaltern, in welche man die Stahlfedern einklemmt, gibt csman- nichfache Constructionc-n. — Elastische Federn nennt man elastische Streifen u. s. w. von Metall, zuweilen auch von Holz u. s. w., deren Elasticität zu Erreichung irgend eines technischen Zwecks benutzt wird. Nach dem Zwecke kann man diese Federn eintheilen in Triebfedern, welche gespannt werden und beim Aufwickcln eine Uhr u. dgl. in Bewegung setzen, in der Regel spiralförmig in eine Ebene gewundene, schmale Streifen von blau angelassenem Stahl (Uhrfedern); Ne actions federn, welche durch ihre Rückwirkung gewisse kurze Bewegungen einzelner Theile bewirken, z. B. die Feder der Gewehrschlösser, Thürschlösser, mancher Maschinen u. s. w., von Stahl, gewöhnlichem Eisenblech, Spiraldraht (wie in den Kinderflinten), hier und da auch von Holz; Druckfedcrn, wie z. B. au Stellzirkeln; Spannfedern, zum Anspannen von Schnuren u. s. w., wie z. B. die ei«- 224 Federvieh Feerr stiyues der Hosenträger, die federnden Fischbeinstäbe der Regenschirme u. s. w., und Tragfedern, zum Tragen einer Last, um Stöße beim Fortbewegcn zu verhindern, wie z. B- die Wagenfedern. (S. Wagen.) Endlich wendet man Metallfcdern auch zu Erzeugung eines Tons an, z. B. als Schlagfedern bei Uhren, in den Mundharmonikas u. s. w. — Fed erwägen sind Vorrichtungen, welche eine Last oder eine Zugkraft durch den Grad der Gestaltsveränderung messen, den eine starke Stahlfeder dadurch erleidet. In gröberer Form kommen sie als Heu - und Fleischwagen vor, in feinerer als Dynamometer (s. d.). Bei Locomotiven mißt eine Federwage den Druck des Dampfs. Federvieh nennt man in der Landwirthschast die Gans, die Ente, das Huhn, das Truthuhn, den Pfau und die Taube. Fcderviehzucht im Großen zu treiben, wird selten gewinnbringend sein, außer in der Nähe von Gewässern, worin sich die Schwimmvögel den größten Thcil ihrer Nahrung selbst suchen, oder in der Nähe großer Städte, wohin die Pro- ducte der Fcderviehzucht sichern und guten Absatz finden. Außerdem erheischt die Erhaltung des Federviehs, abgesehen von dem Schaden, den es nur zu oft in Gärten und Feldern an- richtet, einen so großen Aufwand, daß..damit der Nutzen, den cs gewährt, nicht im Verhältnisse steht. Gleichwol fehlt in keiner Ökonomie das Federvieh, weil man es für einen noch- wendigen Bestandtheil einer jeden Wirthschaft hält, weil es den Hof belebt und weil es doch einen großen Theil des Jahrs kostenlos erhalten werden kann, indem es sich von den Abfällen aus den Scheunen u. s. w. nährt, die sonst ungenützt verloren gehen würden. Federwildpret heißen alle im Zustande der Wildheit lebenden Vögel, deren Fleisch zum Verspeisen tauglich ist. Das Federwildpret gehört thcils zur hohen, theils zur mittler«, thcils zur nieder« Jagd. Unter der hohen Jagd sind begriffen Fasanen, Auerhähne, Trappen, Schwäne und Kraniche; zur mittler» Jagd gehören Haselhühner, Birkhähne und Brachvögel; zur nieder« Wachteln, Lerchen, Rebhühner, Schnepfen, Drosseln, wilde Gänse und Enten, Taucher, Reiher u. s. w. Feen nennt die über Gallien, Britannien und besonders Irland verbreitete Volkssage weibliche Wesen, die, mit den Elfen (s. d.) nahe verwandt, in der Luft thronen, oder zur Erde herabsteigen, wo sie vertrauten Umgang mit Menschen pflegen und die Macht haben, sich unsichtbar zu machen. Erst die spätere franz. Sage machte sie zu thcils schöngebildeten und guten, theils misgestalteten und bösen weiblichen Wesen, die sich bei der Wiege des Menschen und in entscheidenden Augenblicken seines Lebens einfinden und gewissermaßen das Schicksal desselben Vorhersagen und mittels des Stabs, den sie führen, zaubern können, die Geschenke geben und nehmen und von einer Feenkönigin beherrscht werden. Für das Vaterland der Feensagen hielt man früher Arabien, von wo sie durch die Troubadours nach Europa verpflanzt worden sein sollten; allein der Name der Feen, der von dem keltischen f»er, d. h. hexen oder zaubern, abzuleiten ist, deutet auf abendländ. Ursprung derselben, und unstreitig sind sie die umgestalteten Überreste jener auf gallisch-röm. Inschriften so häufig vor- kommenden mstres und mstronse. Andere wollen den Namen Fee vom lat. Irrtum, d. i. Schicksal, ableiten, wobei sie sich auf das ital. ist«, d. h. eine gute Göttin, beziehen. Häufig stößt man allerdings in den historischen Sagen der Italiener auf Feen, und hier wie bei den Arabern gab es eine Sage, daß es ein eigenes Feenland gäbe. In Frankreich erhielten sie im l 2. Jahrh. in der Sage von Lancelot vom See (s. d.) ihre poetische Beglaubigung. Die wunderbare Macht der Dame vom See verbreitete hier und in dem Auslande den Geschmack an der Fcerei, wozu Philipp, Graf von Flandern, gegen Ende des l2. Jahrh., nicht wenig beitrug. Im Schlosse von Lusignan waltete die Fee Melusine; andere hielten sich an Quellen auf und unter Bäumen webten sie; bald sah das Volk überall Feen, besonders in verfallenen Schlössern, oder solchen, die in Wäldern lagen. Eine bedeutende Rolle spielten sie fortan in den Rittcrromanen und Fabliaux; sie gehörten zur Maschinerie der romantischen Poesie des christlichen Ritterthums und die romantisch-epischen Gedichte Boyardo's, Ariosto's u. A. gewannen nicht wenig dadurch. In England aber waren die Erzählungen von ihnen so verbreitet und in den Glauben des Volks übergegangen, daß es demselben weder seltsam noch unnatürlich schien, als Shakspeare die Feen auf die Bühne brachte. Neben der christlichen Lehre von guten und bösen Geistern konnten sic recht gut bestehen; Tasso in seinem „Befreiten Jerusalem" machte sogar den Versuch, diese geistigen Mittclwcsen des Chri- Feenmarchen Fehmqenchte 225 stcn - und des Hcidenthums in eine poetische Harmonie zu bringen. Vgl. (Knightley), „Mythologie der Feen und Elfen" (deutsch von Wolff, 2 Bdc., Wien 1 828). Feenmarchen, Erzählungen, in welchen der Held der Geschichte durch die Dazwi- schenkunst einer Fee gerettet wird, haben den Orient, besonders Arabien zum Heimatland, wo sie in „Tausend und eine Nacht" eine wichtige Rolle spielen. Im letzten Viertel des 17. Zahrh. kamen sie auch in Europa an die Tagesordnung, und es scheint) als ob die Italiener die Bahn gebrochen. Unter Ludwig XI V. wurden sie seit 1685 in Frankreich beliebt, namentlich seitdem Perrault 1697 seine „Kontos rie ms mere I'tHs" undMad.Aulnoy 1698 ihre „Oon- is-° eles kess" hatte erscheinen lassen. Durch den Beifall, welchen sie fanden, kam vielleicht auch Galland auf den Gedanken, die arab. Feenmärchen ins Französische zu übersetzen. Ihr Erscheinen veranlagte, daß man sich in ähnlichen Erfindungen versuchte, welche fortwährend begierig ausgenommen wurden, wie dies die Menge der Feenmärchen beweist, welche seit jener Zeit erschien. Die vorzüglichsten derselben findet man gesammelt in dem „Lsdmet General Gneisenau, avancirtc zum Hauptmann und kam nach dem Frieden in die Festung ^ Erfurt in Garnison. Hier soll er, von den Demagogen gewonnen, sich haben bereitwillig finden lassen, die Festung bei einem beabsichtigten Aufstande denselben zu überliefern. Deshalb 182-l in Untersuchung genommen, wurde er zu langjähriger Festungsstrafe verurtheilt, die er in Magdeburg absaß, wo er aber bei der Freiheit, die man ihm gestattete, 1832 Gelegenheit fand, nach Amerika zu entkommen. Feige, eine der Familie der nesselartigen Gewächse oder Urticeen angehärende Pflanzengaltung, welche mehr als IVO Arten zählt, die zum Theil gewaltige Bäume darstellen und säst alle den tropischen Erdgegenden angehören. Am bekanntesten ist der gemeine Feigenbaum, der ursprünglich im Orient wild, jetzt in Südeuropa überall cultivirt und selbst verwildert gefunden wird, das norddeutsche Klima im Freien aber nicht vertragt. Seine Frucht ist eigentlich nur der Blütenboden, denn die im Innern befindlichen Körner sind die wahren Früchte. Es gibt eine große Menge Spielarten von Feigenbäumen hinsichtlich der Farbe und der Größe der Früchte; dem Südländer sind diese als Nahrungsmittel von Be- § deutung, während sie im Norden meist nur getrocknet Vorkommen und wehr als Näscherei , oder etwa für medicinische Zwecke dienen. Die besten getrockneten Feigen kommen von , Smyrna, minder gut sind die von Genua und aus dem südlichen Frankreich. j Feijö (Diogo Antonio), Regent in Brasilien von 1834 — 37,' wurde um 178V in der kleinen Stadt Jtü in der brasil. Provinz San-Paolo geboren. Er machte den theologi- , schm Cursus im bischöflichen Seminar und galt, nachdem er Priester geworden, für einen , ausgezeichneten Prediger. Im I. > 821 als Deputirter der Provinz San-Paolo in die Cor- e tcsversammlung nach Lissabon erwählt, machte er sich als solcher nicht sehr bemerklich; mehr k wirkte er durch Jnkriguen für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Nach dem Abfälle d Brasiliens hielt er sich erst in Lissabon versteckt und entfloh dann nach London, von wo er b 182 3 nach seinem Vaterlande zurückkehrte. Hier zog er sich durch offene Kundgebung seiner l entschiedenen demokratischen Ansichten die Verfolgung des Pöbels zu, sowie strenge Policen liche Überwachung von Seiten der Regierung. Erst indeß als Abgeordneter bei der vom l Kaiser Dom Pedro berufenen ersten gesetzgebenden Versammlung, die 1826 zusammentrat, i erhielt er eine politische Bedeutsamkeit, indem er sogleich an die Spitze einer Opposition trat, s der sein Name bald zahlreiche Anhänger verschaffte. In Übereinstimmung mit seinen Grund- r sätzen trug er mächtig zum Sturze Dom Pedro's und zur Revolution vom 7. Apr. >831 bei. Bald nachher wurde er Justizminister und gewissermaßen Präsident des Ministerrathi. g Während seines Ministeriums modificirte er das peinliche Gesetzbuch in den Bestimmung» ^ hinsichtlich der Verschwörungen; er organisirte die Nationalgarden, führte die Municipal- ü garden ein und trug wesentlich dazu bei, das Heer aufzulösen, das die Revolution gemacht 2 hatte und in kurzer Zeit wieder eine neue gemacht haben würde. In harte Conflicte gerielh d er mit dem Papste', dem er unter Anderm in einer Note schrieb: „Es wäre zu wünsch»/ t daß Ew. Heiligkeit den gerechten Fodcrungen eines Landes Gehör schenkte, das nur zu viele i Beeinträchtigung vom röm. Hose erfahren hat und das sonst zu äußersten Schritten gs d trieben werden könnte, für welche die Verantwortlichkeit ihm nicht zur Last fallen würde, 2 und da endlich auch Ew. Heiligkeit in diesem Jahrhunderte nicht mehr in Unwissenheit dar- u über sein kann, daß Ihre Gewalt nur auf dem hinfälligen Grunde des Meinens und dcr e Leichtgläubigkeit beruht." Die Kammer beherrschte er so vollständig, daß er, als dieselbe ein» a von ihm verlangten Credit um eine bedeutende Summe verkürzte, nach einer I4monatlich» d Wirksamkeit seine Entlassung verlangte. Im I. 1833 wurde er zu gleicher Zeit von d» d Provinzen Rio und San-Paolo zum Senator erwählt und für erstere von der Regierung g bestätigt; auch von ihr im Aug. 1834 zum Bischof von Marianna ernannt. Als hierauf Feilmoser Fei» 227 die Regentschaft von drei Mitgliedern abgeschafft und ein einziger Regent auf vier Jahre an die Spitze des Staats gestellt werden sollte, wurde F. mit bedeutender Stimmenmehrhek hierzu erwählt und leistete am 12. Oct. 1834 den desfallsigen Eid. Seine Regentschaft begann unter sehr günstigen Aussichten, die sich aber bald verdunkelten. An die Stelle der blinden Unterstützung, die er früher in den Kammern gefunden hatte, trat eine heftige Opposition, unter deren Häuptern sich mehre Ehrgeizige befanden, die auf seinen Sturz hinarbei- teten. Als nun vollends F., um die gegen ihn immer heftiger werdende Presst zu zügeln, im März > 836 durch ein Decret die Preßprocesse, die bis dahin Geschworene entschieden, dem von der Regierung ernannten Gerichte überwies, ging die Opposition zum Complot und in einzelnen Provinzen zum förmlichen Aufstand über. F. nicht mächtig genug, diesen zu dämpfen, und von den Kammern verlassen, legte deshalb im Sept. 1837 seine Stelle nieder, nachdem er zuvor den Senator Dom Pedro Araujo de Lima zum Minister des Reichs ernannt hatte, der nun interimistisch die Regentschaft führte. In der Zurückgezogenheit lebte nun F. in seiner Vaterstadt, wieder mehr seinen republikanischen Grundsätzen huldigend, die er während der Zeit seiner Staatsverwaltung gewaltsam zurückgedrängt hatte. Jm J. 1842 stellte er sich an die Spitze des Aufstandes in San-Paolo und wurde nach Unterdrückung desselben vor das Gericht der Senatorenkammer gestellt. Feilmoser (Andr. Benedict), katholischer Theolog, geb. am8. Apr. 1777 zu Hopfgarten in Tirol, wo sein Vater Landmann war, besuchte das Gymnasium und die Hochschule zu Salzburg. Im I. 1796 trat er in das Benedictinerstift Fiecht in Tirol, ging jedoch von da zu seiner weitern Ausbildung noch einige Jahre in das Stift St.-Eeorg zu Villingen auf dem Schwarzwrld. Bei seiner Rückkehr nach Fiecht im 1.1809 wurde er zum Priester geweiht und zugleich als Lehrer der Exegese angestellt und gab in diesem Amte einen so wissenschaftlich-freien Sinn kund, daß er bei der orthodoxen Partei Anstoß erregte. Unter der bair. Herrschaft wurde F. zum Professor der oriental. Sprachen und Exegese in Innsbruck ernannt und lebte unangefochten. Doch als Tirol an Ostreich zurückfiel, mehrten sich die Angriffe gegen ihn in dem Grade, daß ihm die Berufung an die katholische Facultät zu Tübingen, die er 1820 zum Theil mit auf Bengel's Empfehlung erhielt, nicht anders als sehr erwünscht kam. Hier wirkte er als gewandter, scharfsinniger und humaner Lehrer bis an seinen Tod, der ihn am 20. Juli 1831 ereilte. Unter seinen Schriften, von denen mehre Einzelnes aus der hebr. Grammatik behandeln, ragt hervor dje „Einleitung in die Bücher des Neuen Bundes" (Jnnsbr. 1810; 2. Ausl., Tüb. 1830). Feimen, auch Diemen, nennt man regelmäßig aufgeschichtete Haufen von unge- droschenem Getreide, meist Hafer oder Stroh, die bei Mangel an Scheunen und Bodenraum im Freien angelegt werden, und deren Errichtung, wenn sich die darin aufbewahrten Gegenstände gut erhalten sollen, nicht wenig Vorsicht und Geschicklichkeit erfodort. In England wird fast alles Getreide bis zum Dreschen in Feimen aufbewahrt. Feiv (Jose Victorinö Barreto), einer der entschiedensten Republikaner in Portugal, geb. um 1783 aus einer alten angesehenen portug. Familie, war anfangs dem geistlichen Stande bestimmt und hatte bereits die ersten Weihen empfangen, als er zum Militairstande überging. Er war Oberstlieutenant, als 1820 die Revolution ausbrach, an der er thätigcn Anthcil »ahm. Zum Deputaten bei den constituircnden Cortes ernannt, zeichnete er sich in denselben ebenso als Redner wie durch seinen Patriotismus und seine demokratischen Ansichten aus. Als die Ereignisse von 1823 ihn zur Auswanderung nöthigten, widmete er seine Muße den Wissenschaften. Kaum in Folge der Einführung der Charte Dom Pedro's wieder nach Portugal zurückgekehrt, mußteer 1828 nach Unterdrückung des in Oporto gegen Dom Miguel s Usurpation ausgebrochenen Aufstands von neuem sein Vaterland verlassen und hielt sich nun hauptsächlich in Hamburg auf. Erst als Dom Miguel besiegt war, kehrte er nach Lissabon zurück, wo er, zum Deputieren der Cortes von >834 erwählt, seinen Sitz auf der äußersten Linken nahm und in der von ihm redigirten Wochenschrift „O movimentn" den entschiedensten Republikamsmus predigte. Aus der Aufhebung der Charte Dsm Pedro's im I. 1836 suchte er die möglichsten Vortheilc für die weitere Demokratisirung der Rc- ginungsform zu ziehen. Bon neuem zum Mitgliede der Cortes von 1837 erwählt, nahm er 15 * 228 Feith Feldbausch wieder seinen Sitz aus der äußersten Linken; doch sehr bald trat er aus der Versammlung, der er den Vorwurf machte, die ungesetzlichen Handlungen der Regierung straflos hingehen zu lassen. Seitdem lebt er aufseinen Landgütern, wo er sich hauptsächlich mit der Landwirth- schaft beschäftigt. Als Schriftsteller ist er bekannt durch seine Übersetzungen des Sallust (Par. >825), eines Theils des Livius (Hamb. >829) und der Tractate Alfieri's „Von der Tyrannei" und „Vom Fürsten und von den Wissenschaften". Im Vereine mit I. G. Mon- teiro gab er die Werke des Camoens und des Gil Vicentc (Hamb. 1834) heraus. Feith (Nhijnvis), einer der vorzüglichsten unter den neuern Dichtern Hollands und - nächst Bilderdijk (s. d.) der Wiederhersteller der verfallenen holländ. Poesie, geb. am 7. Febr. 1753 zu Zwoll in Oberyssel, zeigte schon früh die glücklichsten Anlagen zur Dicht- kunst. Nachdem er in Leyden die Rechte studirt hatte, lebte er seit 1776 in seiner Vaterstadt seiner Lieblingsbeschäftigung. Auch als Bürgermeister und bald darauf als Einnehmer beim Admiralitätscollcgium in Zwoll hörte er nicht auf, die Dichtkunst zu üben und die holländ. Literatur zu bereichern. Er versuchte sich fast in allen Formen der Dichtkunst; in frühem Zeiten neigte er sich sehr zu dem besonders von Bellamy (s. d.) angestimmten empfindsamen Tone, der in seinem Romane „Ferdinand und Constantia" (>785) vorherrscht und durch sein Beispiel in Holland eine Zeit lang sich verbreitete. Nach dem Wiederaufleben der Poesie Hollands schrieb er das Lehrgedicht „Hot 6rnk" (Amst. >792; deutsch von Eichstorff, 1821), ^ durch welches bei guter Anlage und vielen trefflichen Stellen doch noch immer jener empfindsame Ton durchklingt; frei davon, aber ohne bestimmten Plan, ist „Vs ouclerckom" (Amst. 1802). Unter seinen lyrischen Gedichten: „Ocker, er, ßsckiclrten" (4 Bde., Amst- >796- >8>0), sind mehre Hymnen und Oden durch hohen Schwung und Gefühl ausgezeichnet. Bon seinen Trauerspielen werden besonders „Mrirrm", „äoliamm Orav" (Amst. >791) und am meisten „Ines Os Oastro" (Amst. >793) geschätzt. In Verbindung mit Bilderdijk g»i er Haren's berühmtem Gedichte „I)e Oeuren", worin die Begründung der niederländ. Freiheit besungen wird, eine edlere Form. Seine „Uriever, snn 8opt>is over cken geest von ckj Lantisonscirs vvijsdogssrte" (Amst. >806) sind ein schwaches Werk des Alkers. Unter seinen prosaischen Werken zeichnen sich seine „Urisven »vor vsrsclioicksn onckerrverpeo"! (6 Bde., >784— 94), die viel zur Verbreitung eines guten Geschmacks beitrugen, durch gebildeten Stil und feine Bemerkungen aus. Er starb zu Zwoll am 8. Febr. > 824. r Felaths, s. Fulah. ' . Felbiger (Joh. Ignaz von), ein um das katholische Schulwesen Deutschlands sch verdienter Mann, geb. am 6. Jan. >72 > in Großglogau, studirte zu Breslau. Nach Vollendung seiner akademischen Studien kam er in das Kloster der regulirten Chorherren zu Sa- gan, wo er >758 Prälat wurde. Von jetzt an richtete er seine ganze Aufmerksamkeit aufdit Verbesserung des Schulwesens und ließ sich weder durch Verkennung noch durch Hindernisse von der Verfolgung seines Plans abschrccken. Seine Bemühungen, anfangs auf dÄ Stift Sagan beschränkt, dehnten sich nach und nach auf das ganze katholische Schlesien auS und erweckten auch in andern katholischen Staaten Deutschlands Nacheiferung. Nach seinem Vorschläge wurde durch Einrichtung von Schullehrerseminarien für Heranbildung tüchtigem Lehrer Sorge getragen; zweckmäßigere Schulbücher wurden eingeführt; auch verpflanzt! er die sogenannte Literalmethode, deren Eigenthümlichkeit in der tabellarischen Aufstellunz der Hauptideen in den einzelnen Lehrgegenständen bestand, aus der Realschule in Berlin i» die Volksschulen. Im I. >774 wurde er von der Kaiserin Maria Theresia als Generaldirektor des Schulwesens nach Wien berufen, wo ec in alle östr. Schulen die Literalmethadk einführte und viele Schulbücher herausgab, unter welchen besonders sein „Katechismus" viel gebraucht wurde. Als er >782 vom Kaiser Joseph seines Amts entlassen wurde, ginz er nach Presburg und starb daselbst am > 7. Mai >788. Fcldbausch (Felix Sebastian), einer der geachtetsten Schulmänner Süddeutscblandr, wurde am 25. Nov. >795 zu Manheim geboren und erhielt seit >807 auf dem dortigen Ly- ccuin und später auf dem zu Rastadt seine erste Bildung. Im I. >8>7 bezog er die Universität zu Heidelberg, wo er unter Creuzer und Schlosser die classischen Studien mit so gutem Erfolge betrieb, daß er bereits >820 eine Anstellung an dem Gymnasium zu Donaueschm- gen und nach Verlauf eines Jahrs an dem Lyccum zu Rastadt erhielt. Hier schrieb er zunächß lg, en kh- üer m- ^ lnd ! M ht- adt :im nd. ein nd- mh >est » 1 , ind- mst. I— iNe!> und gni zrei- ii iie In!« ien" hg-' sch lle» Sn> lfdii Iden ^ dni and ine» gen» in;ü kurz ini« eral- !h»d! aut" ging mdd, ,Ly- uve» utein chin- lächß Feldequipage Feldjäger 229 seine „Griech. Grammatik" (Heidelb. >823; 2. Aufl., 1826), hierauf seine größere „Lat- Grammatik" (Heidclb. 1837), worin er, nach dem VvrgangcBecker'sin verdeutschen Grammatik, namentlich die Satzverhältnisse klar zu entwickeln suchte. Außerdem erwähnen wir seine sehr brauchbare Ausgabe des Cornelius Nepos (2 Bdchn., Heidelb. >828) und der „Metamorphosen" des Ovid (Karlsr. >835), seine „Griech. Chrestomathie" (3. Aufl., Heidelb. >833), die treffliche Abhandlung „Über die Construction der Brücke, welche Julius Cäsar über den Rhein schlug" (Rastadt 1836) und die „Deutsche Metrik nach Beispielen aus klassischen Dichtern" (Heidelb. >84>). Feldequipage nennt man diejenigen Ausrüstungsstücke, welche im Besonder« auf die Ökonomie der Truppen im Felde Bezug haben, nämlich das Lagcrgcräth, die Zelte, Lagerdecken, Feldbindc, alles Koch- und Trinkgeschirr, die Packsättel mit allem Zubehör, die Bekleidung der Packpserdc, Krankendecken u. dgl. mehr. Bei wohlorganisirtcn Armeen werden alle diese Dinge schon im Frieden vorräthig gehalten und von Zeit zu Zeit ergänzt, damit es bei der Mobilmachung an nichts fehlt; jedoch ist man bemüht gewesen, die Feldequipage auf das dringend Nothwendigste zu beschränken, um den Troß der Armeen möglichst zu vermindern. Die Revolutionskriege sind darin mit gutem Beispiele vorangegangen; doch führten noch >866 die deutschen Offiziere Feldbetten, Tische, Stühle uss.w. mit in den Krieg, was mit dem Frieden von Tilsit sich änderte. Feldgeschrei nannte man in den frühesten Zeiten, als die Krieger noch keine gleichmäßige Bekleidung trugen und keine besondern Feldzeichen führten, die als Erkennungszeichen dienenden Worte. So riefen die Spanier eine Zeit lang „San-Zago", die Franzosen „Saint-Denis", die Engländer „Sanct-Georg" u. s. w. In den Armeen der Neuern gibt es dreierlei Erkennungsworte, die Parole (der Name einer Stadt), das Fcldgcschrei (der Vorname eines Mannes und mit der Parole gewöhnlich von gleichem Anfangsbuchstaben) und die Losung (jedes willkürliche Wort, gemeinhin ein Substantiv). Die Parole wird nur den Offizieren und Unteroffizieren, das Feldgeschrci aber jedem Soldaten mitge- thcilt, die Losung bestimmt in der Regel jeder Commandant eines detachirten Postens. Jedem, der einer Vedetle oder Schildwache sich nähert, es sei bei Tage oder Nacht, wird das Feldgeschrei und bei Nacht auch noch die Losung abgefodert; wenn eine falsche Antwort erfolgt, wird ohne Weiteres Feuer gegeben. Parole und Feldgeschrei, welche nur auf24 Stunden Gültigkeit haben, werden sorgfältig geheim gehalten und augenblicklich verändert, sobald bekannt wird, daß ein Soldat zum Feinde desertirt ist. Ein jeder Commandant einer Feldwache hat dazu das Recht, muß es aber unverzüglich in das Hauptquartier melden. Feldgeschütz heißen im Gegensätze zum Belag crungsgeschütz (s.d.) alle Kaliber bis zur zwölfpfündigen Kanone und zur zehnpfündigen Haubitze, und selbst diese ist bei der preuß. Artillerie in neuester Zeit aus der Reihe der Feldgeschütze gestrichen worden. Obzwar Leichtigkeit und größtmögliche Beweglichkeit Haupterfodernisse des Feldgeschützes sind, so dürfen beide doch niemals auf Kosten der Wirksamkeit erreicht werden, weshalb auch kein kleineres Kaliber als sechspfündige Kanonen mit inS Feld genommen werden sollten. Mörser gehören in der Regel nicht zum Feldgeschütz, doch befanden sich bei der preuß. Armee in denJ. >793—95 leichte siebenpfündige Tempclhof'sche Packmortiere, sogenannt, weil sie auf Pferden oder Maulthicrcn transportirt wurden. In den früher« Kriegen wurden auf jegliche >666 M. vier, fünf, sogar bis sieben Stück Feldgeschütz gerechnet, gegenwärtig auf >660 M. Infanterie nur zwei und eins in Reserve, auf jegliche >666 Reiter vier Geschütze der Reitenden Artillerie. Die Ausrüstung mit Munition beträgt für jedes Feldgeschütz, die Munitionswagen milgerechnct, 266 Schuß. Das erste Feldgeschütz soll König Karl VIll. von Frankreich auf seinem Zuge nach Italien mitgeführt haben. Feldjäger heißen in der preuß. Armee diejenigen Militairs, welche zuCouriergeschäf- ten und andern Sendungen gebraucht werden. Friedrich II. errichtete 17 46 ein solches Reitendes Feldjägercorps, das noch gegenwärtig, jedoch in der beschränkten Zahl von einem Chef, einem Commandeur, drei Obcrjägcrn mit Offiziersrang besteht, und dessen jedesmaliger Chef ein Gcneraladjutant des Königs ist. Mit diesem kleinen Corps find die mit Büchsen bewaffneten Jägerbataillone, deren Soldaten, sobald sie gelernte Jäger sind, auch wol Corpsjäger genannt werden, nicht zu verwechseln. In der würtembcrg. Armee existirt eine schön unifor» > 7 23V Feldküche.» Feldmühlen mirte, mit Lanzen bewaffnete Feldjägerschwadron von drei Offizieren und 52 berittenenlln- teroffizieren für den Dienst im Hauptquartiere. Zn allen Armeen befinden fich zwar Jäger- truppen, zu Fuß oder zu Pferde, doch gehören diese nicht zur Kategorie Derjenigen, welche mit dem Namen Feldjäger belegt werden. Feldküchen stammen vom Grafen Rumford her, der im Revolutionskriege eine besondere Art viereckiger Kessel erfand, die auf einem Roste lagen und so. groß waren, daß in, jedem Kessel Speise für 25V M. gekocht werden konnte, nachdem der auf einem einspännigen Wagen transportirte Kochapparat aufgeschlagen war. Später veränderte er den Apparat, - sodaß während des Fahrens gekocht werden konnte. Beide Erfindungen machten indcß kein Glück. Erst in neuerer Zeit ist die Sache in Preußen wieder ausgenommen worden und du Versuche von Kurowfky's haben befriedigende Resultate gegeben. Feldlazareth heißen die Anstalten zur Heilung erkrankter oder verwundeter Mili- tairpersonen im Kriege. Abgesehen von Ludwig dem Heiligen, der Arzte für seine Arm« mit nach Palästina nahm und das Hospice Oes Hmnre-Vingts für 300 jenseit des Meers erblindete christliche Krieger stiftete, war es Heinrich IV. von Frankreich, der 15 97 die ersten Feldhospitäler errichtete; Ludwig XIV. führte sie auch für die Friedenszeit in allen Garnisonen Frankreichs ein, was mit der Einführung der stehenden Heere überall nöthig wurde. Im Kriege gibt es stehende und fliegende Fcldlazarethe. Die erster« werden meist in größer» von den Hauptstraßen abseits liegenden Städten, Klöstern und öffentlichen Gebäuden, ungern in Festungen angelegt, weil sie oft den Keim zu verheerenden, ansteckenden Krankheiten und Seuchen entwickeln. Die fliegenden Lazarethe oder Ambulanccn (s. d.) befinden sich b« der Armee für den ersten dringenden Bedarf. Jedes Feldlazareth steht unter einem besonder« Dirigenten mit einer entsprechenden Anzahl von Stabs-, Ober- und Unterärzten, die untii dem Namen Feldärzte ein besonderes Personal bilden und nicht zum Etat der Truppen gehören- Eine der wohlthätigsten Einrichtungen sind die in neuester Zeit in der preuß. Arm« eingeführten Chirurgengehülfcn, wozu schon im Frieden jede Compagnie einen geeigneten j Soldaten stellt, der in den Militairhospitälern angelernt und bei entsprechender Applications den Rang eines Viceunteroffiziers erhält. In einer wohlgeordneten Armee wird Alles, ms zur Ausrüstung eines Feldlazareths an Instrumenten, Bandagen, Koch- und Eßgeschirrm und Geräthen aller Art bis auf das kleinste herunter gehört, schon im Frieden angeschaßj und bereit gehalten, wie dies auch die Bundcsmatrikel für alle zum deutschen Bundesheere gt- hörenden Contingente vorschreibt. Feldmanoeuvres unterscheiden sich von andern Friedensmanoeuvres dadurch, doj beide Parteien, Freund und Feind, in voller Stärke gegeneinander manoeuvriren, wahren! bei jenen der Feind häufig nur durch einzelne Trupps bezeichnet oder markirt wird. Feldmarschall ist die höchste militairische Würde in fast allen Armeen, bei den meisten aber nur ein Titel. Napoleon setzte die Anzahl der Marschälle des Reichs (Vlsrecdiu» <>e I'empire) auf zwölf fest, doch ist diese Zahl weder von ihm noch von den Bourbons streu; cingchalten worden; seit der Julirevolution aber aufs neue als Normalzahl festgesetzt. Bei den Ostreichern rangirt der Feldmarschall vor dem Generallieutenant oder Feldzeugmciff« und General der Cavalerie; dann folgt der Feldmarschalliieutenant und der Generalmajor, Preußen besitzt gegenwärtig nur einen Titular-Feldmarschall in der Person des Herzog! von Wellington. Feldmessen nennt man entweder die Ausmittelung des Flächenraums gewisser dmlb Felder, Wälder, Wiesen, Wege, Gewässer und Gebäude fich bildender Figuren, oder die Enl- werfung eines Grundrisses davon im verjüngten Maßstabe. (S. Messung und Mcßlisibl Feldmühlen oder Handmühlen zum Mahlen des Getreides wurden im Dreißigjährigen und auch in später« Kriegen bei den Armeen mitgeführt. In den neuern Kriegen sind sie durch die vermehrte Cultur der Länder entbehrlich geworden. Napoleon führte im Feldzüge von 1812, aus Besorgniß für die Unwirthbarkeit Rußlands, Handmühlen mit; die Erfahrung aber lehrt, daß, wenn man sich ihrer bedienen will, sie gewöhnlich durch den Transport unbrauchbar geworden sind. Im Feldzuge von 1814 waren auf Befehl der franz. Behörden in einigen Departements fast alle Mühlen zerstört worden, und die verbündeten Truppen empfanden allerdings hier und da den Mangel an Feldmühlen; doch dürfte dies eine Bei- Feldpost Feldwache» 231 spiel schwerlich Veranlassung werden, daß man bei einem künftigen Kriege in Europa sich mit diesem Gerüche belasten sollte. Feldpost. Zur Beförderung des Briefwechsels der im Felde stehende« Armee mit dem Vaterlande sind bei jeder größer« Heersabthcilung (Armeecorps) Feldpostämter mit dem entsprechenden Personale an Secretairen, Schirr- oder Wagenmcistern, Postillonen u.s.w., sowie mit dem gehörigen Fuhrwesen, Wagen- und Reitpferden eingerichtet. Sie stehen unter Feldpostmeistern und sind dem Hauptquartiere attachirt. Feldprediger, bei den Katholiken Feldkaplane, heißen die zufolge einer Verordnung der Kirchenversammlung zu Regensburg vom I. 742 beim Heere im Felde ange- stellten Geistlichen. Vor den franz. Revolutionskriegen hatte jedes Regiment einen beson- dern Prediger, der demselben auch zum Gefechte folgen mußte, um den Verwundeten Beistand zu leisten; allein nach dem Vorgänge der franz. wurden die Feldprediger bei den mei- jkn deutschen Armeen abgeschafft. Erst im Befreiungskriege von 1813 wurde es zuerst im preuß. Heere wieder Sitte, demselben Feldprediger folgen zu lassen; doch wurden nicht, wie früher Regiments-, sondern blos Divisions- und Brigadeprediger angestellt, deren erste Instanz gewöhnlich ein Fcldprvpst bildet. Feldschanzen sind flüchtig erbaute, meist nur auf das Bedürfnis des Augenblicks berechnete Schanzen, um einen einzelnen Posten, oder auch wol die Front einer Position oder deren Flanken zu verstärken. Sie werden nach einem einfachen Trace angelegt, meist in Form einer Redome, Lünette oder Flesche (s. d.), früher in zusammenhängender Linie, wovon man aber in der neuern Zeit ganz zurückgekommen ist. Ihre Brustwehr wird nur so stark gemacht, daß sie dem Feldgeschütz widerstehen kann, der Graben muß die erfoderliche Breite haben, um das Überspringen zu hindern, und mindestens 6—7 F. tief sein. Die Anlage der Feldschanzen macht einen eigenen Zweig der Befestigungskunst unter dem Namen der Feld- vcrschanzungskunst aus, daher auch der Ausdruck Fcldingenieur. Feldschlange, s. Colubrine. Feldschmiede heißt die auf einem vierräderigen Wagen bei den Batterien mitgeführte Schmiede, um theils den Pferdebcschlag, theils die kleinern Reparaturen an den Fuhrwerken leisten zu können. Feldspath, ein aus Kali, Thon- und Kieselerde bestehendes Mineral, findet sich ungemein häufig in Granit, Porphyr und Lava und bildet schöne Krystalle, so namentlich bei Karlsbad und am Fichtelberge, von rother, grüner und gemischter Farbe. Eine Art Feldspath ist auch der Ad ular (s. d.), so genannt nach dem Berge Adula in Graubündten. Der grüne Feldspath in Sibirien führt den Namen Amazonenstein. Man benutzt die schönfarbigen Feldspathe zu Ring- und Nadelsteincn, Petschaften, Dosen u. s. w. Feldverpflegung heißt im Gegensatz zur Friedensverpflegung die Verpflegung nach einem durch die größern Anstrengungen im Kriege bedingten und gerechtfertigten höhern Etat, sowol der Mundportionen für den Soldaten als der Rationen für die Pferde. Wenn z. B. der Soldat im Frieden täglich °/s Pf. Brot und '/«—Pf. Fleisch erhält, so besteht die Feldportion gewöhnlich aus 2 Pf. des ersten und Pf. des zweiten Artikels u. s. w. Für die Pferde wird die Feldration in der Regel an Hartfutter stärker und an Rauhfutter schwächer gemacht als die Friedensration. Zur Fcldportion gehört auch der Branntwein und bei den Franzosen statt desselben der Wein, sowie in einigen Armeen der Rauchtaback. Feldwachen heißen die zur Sicherheit einer lagernden oder cantonirenden Heersabthcilung ausgestellten Trupps, zunächst in der Richtung des Feindes, zuweilen auch in der entgegengesetzten, um gegen jeden möglichen Überfall gesichert zu sein. Ihre Stärke ist verschieden und richtet sich nach dem Terrain, das die Feldwache unter Aufsicht nehmen soll, übersteigt aber selten 30—40 Mann unter einem Offizier und bei kleinern Feldwachen auch wol unter einem Unteroffizier. Zn Durchschnitten oder bedecktem Terrain bestehen sie aus Infanterie allein, der blos einige Reiter zum Melden beigegeben sind; im offenen Terrain, das eine freie Umsicht erlaubt, aus Cavalerie; im gemischten Terrain aus jeder Truppengattung zur Hälfte. Die Feldwachen setzen Sicherheitsposten aus, welche bei der Cavalerie Ve- detteu, bei der Infanterie Schildwachcn heißen und gewöhnlich aus zwei Mann bestehen, daher der Ausdruck Doppelposten. Der Haupttrupp wird hinter der Postenlinie so verdeckt S32 Feldwebel Feldzug als möglich aufgestellt. Der Dienst der Feldwachen ist im Kriege sehr wichtig, und in jeder Armee herrschen darüber die bündigsten Vorschriften; sie machen einen integrirendcn Theil des sogenannten Vorpostensystems (s. d.) aus und werden alle 2-1 Stunden abgelöst. Feldwebel, sonst Feldwaibel, bei der Cavalerie Wachtmeister, ist der vornehmste Unteroffizier einer Compagnie oder Escadron und ein wegen seines Einflusses auf den Dienst und die Mannschaft wichtiger Posten, weshalb der Feldwebel, der an der Spitze aller innern Dienst- und Versorgungsgeschäfte einer Compagnie steht, auch im Soldatenleben die Mutter der Compagnie, der Hauptmann aber deren Vater genannt wird Im Mittelalter bei den Landsknechten besorgte der Feldwebel die taktische Ordnung und die Ausbildung der Mannschaft in der Fahne (Compagnie) und war mit besonderer Autorität bekleidet. Man wählt dazu einen gesetzten, erfahrenen und exemplarischen Mann, der sich Ach- tung bei der Compagnie zu verschaffen weiß; auch muß er mit der Feder gut Bescheid wissen, oa er alle Ravporte, Listen und sonstige schriftliche Eingaben zu fertigen hat. Der Feldwebel empfängt die Befehle unmittelbar vom Hauptmann und ist nur diesem verantwortlich. Eins seiner wichtigsten Geschäfte ist das Auszahlen der Löhnung, weshalb er ein zuverlässiger und treuer Mann sein muß. Um seine wichtige Stellung auch äußerlich zu ehren, darf er einen Säbel und das Offizierportee'pee tragen. Feldzeichen heißen beim Militair im Allgemeinen äußere Zeichen, um Freund von Feind zu unterscheiden, insbesondere die Fahnen, Standarten, Schärpen und andere Gegenstände des kriegerischen Schmucks, namentlich die Degenquaste oder das Porteepe'e. Bei den neuern Armeen richten sich die Farben der Feldzeichen nach den Landes-oder Nationalste- bcn. In der ältesten Zeit brauchte man als Erkennungszeichen Dinge aus dem gewöhnlichen Leben, wie Thierköpfe u. s. w-, die auf Stangen vorgetragen wurden. (S. Fahnen.) Erst später entstanden farbige Feldzeichen. Seit Einführung der stehenden Heere haben die Feldzeichen mancherlei Veränderungen erlitten und zuletzt sich auf gewisse Farben sixirt. Allein auch die Stellung der Farben nebeneinander macht dabei einen Unterschied; Frankreich und England z. B-, lange Zeit die erbittertsten Feinde, führen die nämlichen Farben (blau, weiß und roth), allein die Art, sie nebeneinander zu stellen, macht den Unterschied. Die Feldzeichen des deutschen Bundesheers sind folgende: Ostreich, gelb und schwarz; Preußen, Hohenzol- lern und Liechtenstein, schwarz und weiß; Baiern, weiß und blau; Würtemberg, roth und schwarz; Baden, roth und gelb, mit weißer Einfassung; Hessen und die freien Städte, weiß und roth; Sachsen und die sächs. Herzogthümer, sowie Waldeck, weiß und grün; Nassau, blau und orange; Hannover, gelb und weiß; Braunschweig, hellblau und gelb; Mecklenburg und Oldenburg, roth, gelb und blau, aber mit Versetzung der Farben; Sachsen-Weimar, grün, schwarz und gelb; Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen und Lippe, grün und weiß; Anhalt-Bernburg, hellgrün; Schwarzburg, blau und weiß; Neuß, gelb, roth und schwarz; Holstein, roth und gelb. Feldzug nennt man eine zusammenhängende Reihe militairischer Operationen, welche einen bestimmten Abschnitt in einem Kriege bilden. Ein Krieg besteht daher aus einer Reihe von Feldzügen, zuweilen auch nur, wie der von 1815 in den Niederlanden und in Frankrcich, in einem einzigen. In den älter« Kriegen umfaßte ein Feldzug gewöhnlich den Zeitraum vom Frühjahr bis zum eintretenden Winter, der den Operationen ein Ziel steckte; in den neuern Kriegen dauern die Operationen auch den Winter hindurch fort, wodurch der Begriff von Feldzug unbestimmter wird und gewöhnlich die Dauer eines vollständigen Kriegsjahrs bezeichnet. In einem und demselben Kriege können aber auch mehre Feldzüge nebeneinander stattfinden, je nachdem mehre Armeen, zwar zu dem nämlichen Kriegszwcck, aber auf verschiedenen Kriegstheatcrn operiren. So z. B. bestehen im Siebenjährigen Kriege die einzelnen Jahre aus den Feldzügen des Königs, des Prinzen Heinrich, des Herzogs von Braunschweig in Sachsen, Schlesien und Westfalen. Dadurch zerfällt der allgemeine Feldzug in mehre besondere, und das Letztere ist namentlich bei Coalitioncn der Fall. Im Befreiungskriege machte die große Armee unter Schwarzenberg, die schlesische unter Blücher, die Nordarmee unter Karl Johann und das Bülow'sche Corps in Holland jede ihren eigenen Feldzug. In den Revolutionskriegen hat Frankrcich nicht nur nach außen sondern selbst nach innen, z. B. in der Vendie, gleichzeitig besondere Feldzüge gemacht; daher denn auch Felicitas Fellenberg 233 die besondern Namen, welche die einzelnen Armeen (s. d.) erhielten, oder auch die einzel- nen Feldzüge, wie z. B. Feldzug am Rhein, in den Pyrenäen, in den Niederlanden u. s. w. Die Dauer eines Feldzugs anlangend, so richtet sich dieselbe nach dem Kriegszweck und endet gewöhnlich nur dann, wenn derselbe von der einen Partei erreicht oder aufgegeben wird, woraus von selbst folgt, daß zuweilen mehre Feldzüge sich aneinander reihen werden oder müssen, bis der Kricgszweck erreicht ist oder wegen Mangel an Mitteln, oder auch aus politischen Gründen aufgegeben wird. Zuweilen macht aber auch eine Armee in einem Jahre mehre Feldzüge zu dem nämlichen Kriegszweck, wie z. B. die franz. in Algerien, wo die große Hitze und die Regenzeit bestimmte Abschnitte nothwendig machen, und der allgemeine Jahrsfeldzug sich in einen Frühjahrs- und einen Winterfeldzug theilt. Ganz uneigentlich knüpft man den Begriff Feldzug an gewisse Operationsobjecte, wie es häufig neuere stanz. Schriftsteller gethan haben, die von einem Feldzuge bei Dresden, bei Leipzig, bei Belle-Al- liance sprechen. Am bestimmtesten bleibt cs, die Feldzüge chronologisch nach Jahren abzuthei- lcn, wonach z. B. der Befreiungskrieg aus den Feldzügen von 1813,1814 und >815 besteht. Felicitas, eine röm. allegorische Göttin der Glückseligkeit, wird gewöhnlich, namentlich auf Münzen, mit dem Mercurstabe und auf einem Füllhorn ruhend dargestellt; doch sind ihre Attribute je nach dem Gegenstände des Glücks verschieden. Lucullus ließ ihr zu Nom im I. 679 der Stadt einen Tempel bauen, der aber unter Claudius abbrannte. Fellenberg (Phil. Emanuelvon), Landwirth und Erzieher zu Hofwyl, ein um Schule, Landwirthschaft und Gemeinwohl vielfach verdienter Mann, geb. 1771 zu Bern, erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, besuchte seit 1789 die Universität zu Tübingen, um die Rechte zu studiren, und wurde 1795 an dem Institute Pfeffel's zu Kolmar angestellt. Einige Jahre nachher kehrte er seiner geschwächten Gesundheit wegen in die Schweiz zurück und durchwanderte nun nicht nur diese sondern auch einen Theil Frankreichs, Tirol, Schwaben und andere deutsche Länder, nicht in den Gasthäusern der großen Städte sondern in den Hütten des Volks seine Wohnung suchend. Immer mehr wurde er in Folge dieser Wanderungen dem Entschlüsse zugeführt, sich vorzugsweise der Volksbildung und dem Erziehungswesen zu widmen, wozu ihn der Umgang mit Pestalozzi noch mehr bestimmte; doch die Zeit war zu einem größer« Unternehmen keine günstige. Bei der 1798 in Bern ausgebrochenen Revolution verhielt sich F. leidend. Er übernahm zwar das Amt eines Quartiercommandanten der obern Districte des Cantons und leistete als solcher bei dem Bauernaufstände des Oberlandes wichtige Dienste; als man aber seine den Bauern gemachten Zusicherungen nicht erfüllte, nahm er seinen Abschied. Vermählt und Vater mehrer Kinder, kaufte er 1799 gemeinschaftlich mit seinem Vater das Gut von Hofwyl, in der Nähe Berns, das er 180 l nach des Vaters Tode ganz an sich brachte. Kaum mit den ersten Einrichtungen seines Gutes fertig, trat er mit Pestalozzi in Verbindung, worauf dessen Schule von Burgdorf nach dem Schlosse Buchste, ganz in der Nähe von Hofwyl, verlegt wurde. Beide wollten gemeinsam das Werk leiten; allein ihre durchaus entgegenstehenden Charaktere ließen keine Einigung zu, sodaß sie sich trennen mußten. PestalvW wendete sich nach Jfferten im Canton Waadt; F. hingegen fuhr mit verdoppeltem Eifer fort, durch neue Einrichtungen den Ertrag seiner Besitzung zu heben, und sowol auf die Umgegend durch sein Beispiel zu wirken als durch Herausgabe landwirthschaftlicher Schriften die Welt mit seinen Versuchen bekannt zu machen. Zu gleicher Zeit gründete er ein Institut für gänzlich verlassene Kinder. Auch eröff- netc er ein ökonomisches Lehrinstitut, wozu die berner Negierung einstweilen das Schloß Buchste einräumte und mit dem 1808 die Erziehungsanstalt für Kinder höherer Stände in Verbindung trat. Das Sinken des Pestalozzi'schen Instituts zu Jfferten veranlaßte ihn, im I- 1817 sich mit Pestalozzi auszusöhnen und einen Versuch zu machen, ob zwischen Hofwyl (s. d.) und Jfferten sich kein Verhältniß begründen lasse, wodurch beide Anstalten sich gegenseitig ergänzen könnten; allein diese Verbindung kam ebenso wenig zu Stande als der Plan, ähnliche Erziehungsanstalten wie zu Hofwyl in allen Can- ,u vereinig« gründen und unter einer gemeinsamen Oberleitung zu einem Ganzen , Siethen, seine Kräfte nicht durch zu weit verzweigte Unterneh- Hökern Ständet Betracht dieses ließ er auch, da das Institut zur Erziehung der hoher« Stande sehr an Bedeutung gewonnen und unter allen Hofwyler Stiftungen die ein- 234 FellowS Femern träglichste geworden war, >818 die landwirthschastliche Lehranstalt zu Buchsee eingchen. Um die Bildung der Volksschullehrer im Canton Bern hat sich F., trotz aller Hindernisse, welche ihm die berner Regierung selbst in den Weg legte, große Verdienste erworben. Seine Bemühungen um Volksbildung in der Nähe fortwährend verkannt, erhielten aus der Ferne um so größere Anerkennung; viele Fürsten besuchten selbst seine Anstalten und ließen nach dem Muster derselben in ihren Ländern ähnliche anlegcn. Fellows, d. i. Genossen oder Gefährten, heißen diejenigen Mitglieder der Collegien oder Gelehrtenstiftungen auf den engl. Universitäten zu Oxford und Cambridge, welche die inner« und äußern Angelegenheiten dieser Stiftungen verwalten. Ihre Anzahl ist »ach der Größe des College verschieden und beträgt im größten College zu Oxford lOl. Die Ein- künfte des Stifts werden nach Abzug aller nvthigen Ausgaben unter sie nach der Ancienni- täk vcrtheilt und betragen für einen nie unter 25 Pf. St., steigen aber oft sehr hoch ; dabei beziehen sie für die besonder» Ämter, die sie im College bekleiden, noch besondere Einkünfte. Sie wohnen in den Collegien und haben freien Tisch, brauchen aber jährlich nur eine kurze Zeit sich darin aufzuhalten. Der Genuß einer solchen Gclehrtcnpfründe (kellov-.-bip) dauert zeitlebens, außer wenn die Fellows sich verheirathen, oder Grundeigenthum erwerben, das mehr einträgt, oder eine höhere Stelle bei der Universität oder eine einträgliche Pfarrei erhalten. Einer der Fellows versieht die Stelle eines Prorectors und vertritt den Vorsteher, der nur aus den Fellows gewählt werden darf. Auch die Gelehrtenschule zu Eton hat ein Collegium, zu welchem sieben Fellows gehören, die mit dem Vorstande die Leitung der Anstalt haben und die Güter derselben verwalten. Sie haben das Vorrecht, sich zu verheirathen, ohne ihre Stelle zu verlieren, und können neben derselben auch eine Pfarrei besitzen. Felönie nennt man im Lehnrechte die Verletzung der Lehnstreue sowsl von Seiten des Lehnsherrn gegen den Vasallen, als von diesem gegen jenen, dann jedes Verbrechen, wodurch das Leben verwirkt wird, in welcher Bedeutung besonders die Briten das Wort gebrauchen. Ob dasselbe von dem lat. kullere, d. i. betrügen, oder von dem deutschen Worte fehlen, oder von dem frank, kelons , d. h. Untreue, herstamme, ist ungewiß. Felonie des Lehnsherrn gegen den Belehnten oder Vasallen wird begangen durch alle Handlungen gegen Leben, Ehre, Gesundheit und Vermögen desselben; von dem Vasallen gegen den Lehnsherrn durch Verweigerung des Lchnseidcs oder der Lehnsdienste, Verlassung des Lehnsherrn in Gefahren, Bündniß mit dessen Feinden, Verrath, Anklage, Offenbarung der Geheimnisse desselben und Versuche auf sein Leben; ferner durch grobe Beleidigung der Frau und Familie des Lehnsherrn, auch durch unkeuschen Umgang mit dessen Frau, Tochter oder Schwester. An dem Lehnsherrn wird die Felonie mit Verlust der Lehnsherrlichkeit und des LchnS bestraft. In Folge des Verlustes der Lehnsherrlichkeit wegen Felonie wurde die kleine Herrschaft Uvetot in Frankreich souverain und zum sogenannten Königreich Dvetot. Felsarten, s. Geologie. Felton (John), ist der Name zweier in der Geschichte Englands denkwürdig gewordener Männer, der Eine, ein eifriger Katholik, d«c den Muth hatte, die Bulle Pius' V., welche die Königin Elisabeth für eine Ketzerin erklärte, an die Thore des bischöflichen Palastes in London anzuschlagen, und dafür I56V mit dem Tode am Galgen büßte, der Andere ein fanatischer Irländer, der als Lieutenant in der Armee, welche unter George Villiere, Herzog von Buckingham, zum Entsätze der in Larochclle bedrängten Protestanten sich in Portsmouth einschiffen sollte, am 23. Aug. 1828 in das Schlafzimmer des Herzogs drang, ihn niederstach und dann freudig sich hängen ließ. Feltre (Herzog von), s. Cl arke (Jacq. Guill.). Felucke heißt ein kleines Kriegsfahrzeug, vorzugsweise zur Beschützung der Küsten nach Art der Galeeren eingerichtet. Es führt Ruder und Segel zugleich und ist mit einigen leichten Kanonen und einer Anzahl Drehbaffen armirt, außerdem die Mannschaft mit Flinten und Pistolen versehen. Femern, eine kleine zu dem unter dän. Hoheit stehenden Hcrzogthum Schleswig gehörige Insel, im Baltischen Meere, an der Nordvstspitze Holsteins und von diesem durch den F emersund getrennt, zählt auf ungefähr 3 OM. über 81 ) 0 » E., die namentlich mit wolle- Femgerichte 235 nen Strümpfen einen ansehnlicyen Handel treiben. Der Hauptort ist Burg, mit etwa 1706 E. und einem schlechten Hafen. Femgerichte, abgeleitet von dem altdeutschen Fcm, d. i. Strafe, auch heiligcFcm oder Feyme, Frcigcrichte, Westfälische oder heimliche Gerichte genannt, sind eine der auffallendsten Erscheinungen während des deutschen Mittelalters, wo sic der damals ganz im Argen liegenden Rechtspflege sich annahmen. Sie selbst leiteten ihren Ursprung von Karl dem Großen her, der sie begründet haben sollte, um den Rückfall der gewaltsam zum Christenthum bekehrten Sachsen zu überwachen. Wahrscheinlicher aber sind sie ein Überrest der freien german. Gerichte, die sich unter günstigen Umständen in Westfalen erhielten, als bei der Auflösung der Gauverfassung Deutschland in eine Menge selbständig regierter Länder zerfiel. Größere Bedeutung erlangten sie zunächst nach der Ächtung Heinrich des Löwen (s.d.), imJ. 1179, von dessen Ländern der Erzbischof von Köln Engern und Westfalen erhielt, daher auch die Sage den Erzbischof Engelbe rtvonKöln (s. d.), 1215—25, zum ersten Frcigrafen macht. Leicht wurde es ihnen in der allgemeinen Verwirrung, welche nachmals in Deutschland herrschte, sich ein furchtbares Ansehen zu verschaffen, zumal da die deutschen Kaiser selbst sich ihrer gegen mächtige Große bedienten. Ihren Culminationspunkt erreichten sie im 14. und 15. Jahrh., wo sic sich über ganz Deutschland auszubreiten ansingen. So wohlthätig sie indeß auch in vielen Fällen wirken mochten, so konnte es doch nicht fehlen, daß sie sehr bald ausarteten und häufig dem Eigennutz und der Bosheit zum Deckmantel dienten. Es war daher kein Wunder, daß viele Stimmen sich gegen sie erhoben und daß 1461 mehre deutsche Fürsten und Städte, denen auch die schweizer. Eidgenossenschaft beitrat, unter sich Vereine errichteten, um einen Jeden bei sich Recht finden zu lassen und zu verhindern, daß solches bei dem heimlichen Gerichte gesucht werde. Auch wurden von mehren Ständen des Reichs besondere kaiserliche Schutzbriefe gegen die Anmaßungen der Frcigcrichte verlangt. Die Kaiser selbst ließen es indeß bei fruchl- losen Versuchen bewenden, Verbesserungen in der Verfassung der heimlichen Gerichte einzuführen; da diese kühn genug waren, sich den Kaisern zu widersetzen und Kaiser Friedrich IU. sogar vorzuladen. Ihre Wirksamkeit hörte erst auf, als in Deutschland der allgemeine Landfriede errichtet, eine verbesserte Gerichtsform und die peinliche Halsgerichtsordnung eingeführt worden waren. Das letzte Femgericht wurde 1568 bei Celle gehalten. Doch noch bis zu Ende des 18. Jahrh. sollen in milderer Form in Westfalen Freigerichte gehalten worden sein. Außerhalb Westfalen vermochten sie, aller Versuche ungeachtet, keinen Bestand und kein Ansehen zu gewinnen; auf die Rothe Erde, d. h. Westfalen, wie dieses vielleicht des rochen Ziegelbodens wegen genannt wurde, waren sie auch durch die kaiserlichen Privilegien, auf die sic ihre Wirksamkeit stützten, beschränkt. Die Glieder der Fem hießen Wissende, d. h. Eingeweihte ; sie mußten ehelich erzeugt, Christen sein, ein untadelhastes Leben führen und durch einen Eid geloben, „die heilige Fem halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und Mutter, vor Schwester und Bruder, vor Feuer und Wind, vor Allem, was die Sonne bescheint, der Regen benetzt, vor Allem, was zwischen Himmel und Erde ist." Ursprünglich sollten Wissende nur auf der Rothen Erde ausgenommen werden und daselbst mit unbeweglichen Gütern angesessen sein; später aber wurden auch Fremde ausgenommen. Aus den Wissenden wurden die Freischöffen, die Beisitzer des Freigerichts und die Urtelvollstrecker gewählt; den Vorsitz in dem Freigerichte führte der Freigraf; die Aufsicht über sämmtliche Gerichte hatte als Stuhlherr der Landesherr, also in Westfalen der Erzbischof von Köln; die oberste Aufsicht aber als oberster Stuhlherr stand dem Kaiser zu, der gewöhnlich bei seiner Krönung in Aachen zum Wissenden ausgenommen wurde. Das Gericht eines Freigrafen hieß Freiding, und der Ort, wo das Gericht seine Sitzungen hielt, Freistuhl. Einer der berühmtesten Freistühle war der zu Dortmund. Später als die Fcm über ganz Deutschland ihre Wirksamkeit zu erstrecken anfing und die Frcigrafen Freischöffen aller Orten ernannten, entstand der Unterschied zwischen Wissenden, wie sich nun die Schöffen nannten, und Nichtwissenden. Die Frcigcrichte waren entweder öffentliche oder heimliche; jene, die „bei rechter Tageszeit und scheinender Sonne" unter freiem Himmel gehalten oder gehegt wurden, urthcilten in bürgerlichen Streitigkeiten; vor letzteres oder das heimliche Gerichtwurden Diejenigen geladen, die sich in dem öffentlichen Gerichte nicht genügend hatten 236 Fenchel Fe'nölon vcrtheidigen können, sowie alle wegen Ketzerei, Zauberei, Nothzucht, Diebstahl, Raub und Mord Angeklagte. Die Anklage geschah durch einen Freischöffen, der durch einen Eid erhärtete, daß der Angeklagte wirklich das Verbrechen begangen habe, dessen er angeschuldigt werde. Nichtwissende wurden binnen sechs Wochen und drei Tagen, Wissende binnen einer dreifachen Frist vorgeladen. DieLadung besorgte ein Wissender, der sie unter symbolischen Zeichen an der Thür des Vorgeladenen anheftete, den nun an bestimmten Nächten und an bestimmten Orten Wissende erwarteten, um ihn zum Gericht zu führen. Hier konnte sich der Angeklagte durch einen Eid reinigen, der Ankläger aber diesem einen Eid mit Eideshelfern ent- gegcnstellen; leistete hierauf der Angeklagte den Eid mit sechs Eideshelfern, so konnte der Ankläger denselben durch einen Eid mit 13 Eideshelfern entkräften; erst auf den eidlichen Eid mit 21 Eideshelfern mußte nothwcndig die Freisprechung erfolgen. Der Überwiesene sowie Die, welche der Ladung nicht folgten, wurden verfemt, d. h. allen Wissenden preisgegebcn, die nun verpflichtet waren, den Verfemten, wo sie ihn trafen, an einem Baum aufzuhängen, oder, wenn er sich zur Wehr stellte, sonst zu tödten. Zum Zeichen, daß an dem Getödtcten das Urtheil der Fem vollzogen worden sei, wurde ein Dolch neben seinen. Leichnam gelegt. Geistliche, Reichsunmittelbare, Juden und Weiber wurden nicht vor die Fem geladen. Vgl. Wigand, „Das Femgericht Westfalens" (Hamm 1825) und Üsener, „Die Frei- und heimlichen Gerichte Westfalens" (Franks. 1832). Fenchel (Xnetümn t'nsmciiliil»), eine Gewürzpflanze, wird des Samens halber, der zu medicinischen Zwecken, zur Bereitung von Branntwein, Ol und Fcnchelwasser dient, hier und da in Deutschland, namentlich häufig in der Gegend von Lützen und Pegau, im Felde angebaut. Außer dem gemeinen Fenchel werden auch der italienische und azorische angebaut, jedoch meist nur in Gärten, da beide Arten gegen den Frost sehr empfindlich sind. Fenelon (Franx. de Salignac de Lamothe), einer der edelsten Männer seines Zeitalters, wurde am 6. Aug. l 65 1 auf dem Schlosse Fenelon im jetzigen Departement der Dor- dogne aus einem alten und berühmten Geschlechte geboren. Ein sanfter Charakter, verbunden mit einer großen Lebhaftigkeit des Geistes bei einem schwachen und zarten Körperbau, zeichneten ihn früh aus. Sein Oheim, der Marquis von Fenelon, ließ ihn zunächst zu Ca> hors unter seinen Augen erziehen. F. machte schnelle Fortschritte, und die schwierigsten Studien wurden ihm ungewöhnlich leicht. Später kam er nach Paris, wo er in das Seminar St.-Sulpice eintrat. Im 2-1. Jahre wurde er zum Priester geweiht, und drei Jahre darauf vertraute ihm der Erzbischof von Paris, Harlay, die Aufsicht über die zur katholischen Kirche übergegangenen Protestanten an. In diesem Posten versuchte F. zuerst sein Talent, zu belehren und zu überzeugen. Als der König von dem guten Erfolge seiner Bemühungen hörte, ernannte er ihn zum Vorsteher einer Mission zur Bekehrung der Hugenotten in der Provinz Saintonge; doch F. trat nicht eher die Sendung an, als bis der König seine Dragoner zurückberufcn hatte, worauf seine einfache und tief ergreifende Bcredtsamkeil, verbunden mit den sanftesten Sitten, ganz die gehofften Wirkungen hervorbrachte. Zur Belohnung und mit Rücksicht auf sein werthvolles Buch „De l'eti»i, ries lilles" (1687) vertraute ihm Ludwig XIV. 1689 die Erziehung seiner Enkel, der Herzoge von Bourgogne, Bern und Anjou an, von denen der erste zum künftigen Beherrscher Frankreichs bestimmt war. F.'s Bemühungen hatten den glücklichsten Einfluß auf den Geist und Charakter seines Zöglings; er streute den Samen aller einen Fürsten zierenden Tugenden in sein Herz, aus denen das Glück Frankreichs entsprossen sein würde, wenn nicht ein frühzeitiger Tod die schönen Hoffnungen vernichtet hätte. F. war 1693 Mitglied der Akademie und >695 Erzbischof von Cambray geworden. Ein theologischer Streit (s. Quietismus), den er mit Bossuet, seinem vormaligen Lehrer, hatte, endigte damit, daß seine Lehrsätze in der „Llxplicstion 8 XIV"', Par. 1825) im Druck erschien. Seitdem lebte F. in seinem Sprengel als ein würdiger Bischof, fortwährend mit philosophischen Studien beschäftigt, und starb am 7. Jan. 1715. Durch öffentlicye Unterzeichnung der franz. Nation im 1.1819 ward ihm am 7.Jan. 1826 zuCambray ein Denk Fenestrelles Fenster 237 mal «richtet. In seinen philosophischen, theologischen und belletristischen Werken erkennt man einen durch die besten altern und neuern Schriften genährten und durch eine lebendige, anmuthige und blühende Phantasie beseelten Geist. Sein Stil ist fließend, angenehm, rein und harmonisch; doch könnte er oft gedrängter sein. Sein vorzüglichstes Werk „I-es avea- tures lle l'eleinaquo", in welchem er als Erzieher des Prinzen das Muster der Weisheit und einer fürstlichen Erziehung aufstellen wollte, wurde, noch ehe es im Druck (Par. 1699) beendet war, obschon er dazu ein königliches Privilegium batte, verboten, da der König darin eine Satire aufseine Regierung zu erblicken glaubte. Übelwollende erkannten, woran F. nicht gedacht hatte, in der Kalypso die Marquise von Montcspan, in der Eucharis die Herzogin von Fontanges, in der Antiope die Herzogin von Burgund, im Protesilaus den Louvois, in dem Jdomeneus den König Jakob und im Sesostris Ludwig XIV. Leute von Geschmack, die nur auf das Werk selbst sahen, bewunderten es als ein Meisterstück, das eine treffliche Regentenmoral in dem gefälligsten, wenn auch modernen Gewände vorträgt. Erst nach F.'s Tode gaben seine Erben den ,,'VeIemaque" (2 Bde.,Par. l717) vollständig heraus, der hierauf bis in die neueste Zeit herab in unzähligen Auflagen (vonAdry, 2 Bde., Par. 1811; von Villemain, 2 Bde., Par. 1824) verbreitet und in fast alle lebende Sprachen überseht wurde. Die vollständigste Ausgabe der „Oeuvres ,Ie N" besorgte Bausset (22 Bde., Versailles 1821 — 24); „Oeuvres ctioisies üe N" wurden öfter herausgegeben, nebst seinem „Nage" von Laharpc und einer biographisch-literarischen Notiz von Villemain (6 Bde., Par. 1825; neue Ausl., 1829). Aus den Originalhandschriften erschien die „Oarrespan- lisucs <1s ?." (Par. 1829). Seine „Religiösen Schriften" wurden vorzüglich durch Claudius, genannt Asmus der Wandsbecker Bote, den Deutschen zugänglich gemacht und neuerdings von Silbert (4 Bde., Rcgensb. 1837 — 39) übersetzt. Vgl. Bausset, „üistoire äe V." (3 Bde., Par. 1898; deutsch von Mich. Feder, 3 Bde., Würzb. 1811 —12). Fenestrelles, ein Dorf in der piemontes. Provinz Pinerolo mit einem in frühem Zeiten wichtigen, von den Franzosen wiederholt, zuletzr im I. 1796 zerstörten, neuerdings von der sardin. Regierung wiederhergestellten Fort an der von Briancon über den Genevre führenden Straße im Thale Pragelas. Wie unter der franz. Herrschaft, so dient auch gegenwärtig das Fort als Staatsgefängniß; namentlich wurde hierher 1813 die gefangene Cavalerie des Lützow'schen Corps gebracht. Fenster nennt man die in Gebäuden behufs des Lichts und der Luft angebrachten, mit durchsichtigen Scheiben oder sonst verschließbaren Öffnungen. Bei den Hebräern gingen, wie noch gegenwärtig im Oriente, die Fenster nicht auf die Straße sondern in den Hof und waren gewöhnlich mit Gittern oder Jalousien versehen. Die Chinesen bedienten sich zu Fensterscheiben sehr feiner, mit einem glänzenden Lack überzogener Stoffe, geschliffener Austerschalen und auch schon des Horns, das sie in dünne Platten zu verarbeiten verstanden. Die Römer fertigten sie gewöhnlich ausSpiegelstcin,.was der Beschreibung nach nichts Anderes als blätteriges Frauen- oder Marienglas war; aber auch aus dünn geschliffenem Achat oder Marmor und schon im 2. Jahrh. n. Chr. aus Horn. Daß man bei den Ausgrabungen in Pompeji Bruchstücke von Glastafeln aufgefunden, ist noch kein Beweis, daß man schon in so früher Zeit Glasfenster gekannt habe. Die ersten sichern Nachrichten von solchen finden sich im 4. Jahrh. bei Gregor von Tours, welcher Kirchenfenster von gefärbtem Glase erwähnt. Im I. 674 ließ der Abt Benedict Glasmacher aus Frankreich nach England kommen, um die von ihm erbaute Altei Weremouth mit Glasfenstern zu versehen; Dasselbe that 726 der Bischof von Worcester. Papst Leo IH. ließ zu Ende des 8. Jahrh. in die Laterankirche Glasfenster einsehen. In Deutschland hatte bereits im IO. Jahrh. das Kloster Tegernsee Fenster mit bunten Glasscheiben. Die ältesten vorhandenen Glasfenster in Frankreich gehören dem 12. Jahrh. an. ImI. 1180 fing man in England an, die Wohnhäuser mit Glasfenstern zu versehen, was seit dem 14. Jahrh. auch in Frankreich geschah; doch noch um 1458 fiel es dem Aneas Sylvius sehr auf, daß in Wien die meisten Häuser Glasfenster hatten. In rechtlicher Beziehung gilt im Allgemeinen der Grundsatz, daß Jeder in seinem Gebäude Fenster nach Belieben anbringen kann, sofern er dadurch nur nicht das Eigenthum des Nachbars oder das Nutzungsrecht desselben beeinträchtigt oder ihm sonst Nachtheil zufügt; die »rutsche Particulargesetzgebung hat indeß bestimmt, daß Fenster in der unmittelbar an des - >- 238 Fenstersteiler Feodor Zwanowitsch Nachbars Hof oder Garken stoßenden Mauer nur in einer bestimmten Höhe, gewöhnlich drei Ellen vom Fußboden des Zimmers, angebracht werden dürfen und mit eisernen Stäben oder Drahtgittern verwahrt sein müssen. Fenstersteuer nennt man die Besteuerungsweise der Gebäude nach der Zahl der darin nach außen befindlichen Fenster. Dieselbe beruht indeß auf sehr unsichern Grundlagen, da die Zahl der Fenster dem Werth und Ertrag eines Gebäudes doch nicht immer entspricht, und kann durch Zumauern der minder nothwendigen Fenster vielfach umgangen werden. Daher besteht auch in England, wo die Fenstersteuer zuerst aufkam, neben derselben noch eine Häusersteuer. Indem man behauptet, daß durch diese wie durch jene der Reiche im Vorzüge stehe, so gehört die Abschaffung beider in England zu den Wünschen der Volks- stimme, die aber noch nicht durchzudringen vermocht hat. Fenton (Elijah), engl. Dichter, geb. zu Shelton in Staffordshire, verweigerte als Student der Theologie dem Könige Wilhelm und der Königin Anna den Eid der Treue. Später wurde er Unterlehrer an dem Gymnasium zu Headley, dann Secretair des Grafen Orrery und Erzieher seines Sohns, des Lords Boylc. Er genoß die Freundschaft Pope's und starb am 1.1. Juli 173» als Secretair der verwitweten Lady Trumball, deren Sohn er unterrichtet hatte. Die Literatur besitzt von ihm mehre geschätzte Werke; namentlich einen Band Gedichte (Lond. >717), das Trauerspiel „Mariamne" (>723), die von Pope ausge» nommene Übersetzung des I., 4., >S. und 20. Buchs der „Odyssee", ein Leben Milton's und eine Prachtausgabe von Waller's Schriften mit Anmerkungen. Seine gesammelten Werke erschienen in London 1739. Feo (Francesco), ein berühmter Kirchencomponist, geb. zu Neapel >699, groß an Erfindung, Reinheit der Harmonie und für die damalige Zeit in Benutzung der Blasinstrumente, schrieb mehre Opern, die in Italien vielen Beifall fanden. Das größte Verdienst erwarb er sich durch die von ihm um 174» zuNeapel gestiftete Musikschule. Er starb 1752. Feödor ist der Name dreier russ. Großfürsten. — Feodor I., der Sohn Jwan's des Schrecklichen (s. d.), regierte von 1584—98, war ein schwacher Fürst und überließ die Herrschaft fast gänzlich seinem Schwager Boris Eodunow, der die innern Angelegenheiten des Reichs nicht nur geschickt leitete, unter Andern, den ersten Patriarchen für ganz Rußland in Moskau einsehte, sondern dasselbe auch gegen die äußern Feinde sicher zu stellen suchte. Mit F. erlosch Rurik's Stamm auf dem russ. Thron, und ihm folgte Boris Eodunow selbst, nachdem er F.'s Bruder Demetrius (s. d.) hatte umbringen lassen. — Feodor II., der Sohn Boris Godunow's, regierte nur kurze Zeit und ward 1605 ermordet und statt seiner der erste falsche Demetrius zum Zar erhoben. — Feodor lll., der Sohn des Zar Alexei, regierte von 1676—82, kriegte mit den Polen und Türken und erhielt im Frieden zu Bak- tschisarai Kiew und einige andere Städte der Ukraine. Besonders bemerkenßwerth ist, daß er die Ansprüche des Adels auf den erblichen Besitz dex höhern Würden und die bisherigen Bestimmungen über die gegenseitige Unterordnung der Adeligen bei Besetzung von Ämtern, die zu vielen Zwistigkeiten Veranlassung gaben, aufhob, indem er die Geschlechtsregister des Adels, die sogenannten Nasrjädbücher, öffentlich verbrennen ließ. Ihm folgte mit Übergehung seines ältern doch schwachsinnigen Bruders Iwan, sein jüngerer Bruder Petcrl. (s. d.). Feödor Zwanowitsch, ein merkwürdiger Künstler, geb. um 1765 in einer kalmückischen Horde an der russ.-chines. Grenze, wurde >77» von den Russen gefangen genommen und nach Petersburg gebracht, wo ihn die Kaiserin Katharina in ihren besonder» Schutz nahm und ihm in der Taufe den Namen Feodor Zwanowitsch beilegte. Später überließ sie ihn jedoch der damaligen Erbprinzessin Amalie von Baden, die für seine weitere Ausbildung sorgte. Nachdem er die Schule in Karlsruhe besucht hatte und einige Zeit im Philanthropin zu Marschlins gewesen war, entschied er sich für Malerei. Gut vorbereitet, ging er nach Italien und blieb sieben Jahre in Rom, wo sein Kunsttalent sich vielseitig entwickelte. Von hier aus begleitete er als Zeichner den Lord Elgin (s. d.) nach Griechenland und dann nach London, um die Aufsicht über den Stich des Elgin'schen Werks zu führen. Nach einem dreijährigen Aufenthalte daselbst kehrte er nach Karlsruhe zurück, wo ihn der Großherzog Karl Friedrich zum Hofmaler ernannte, welche Stelle er bis zu seinem Tode, 1821, bekleidete. Durch anhaltendes Studium der Antike und der alten florrnt. Meister hatte er sich 239 Feodosta Ferdinand H. (röm.-deutscher Kaiser) ihren strengen, großartigen Stil vollkommen angeeignct. Zn seinen Köpfen zeigt sich eine erstaunliche Mannichfaltigkeit und Individualität; nur Eines ist ihm fremd geblieben, nämlich weibliche Anmuth. Meisterhaft hat er verschiedene Blätter radirt, namentlich die Bron- zethüren von Ghiberti und eine Kreuzesabnahme nach Daniel da Volterra. Feodosia oder Kaffa, Kreisstadt im russ. Gouvernement Launen oder Krim, liegt aus der Südostküste der Krim an einem Busen des Schwarzen Meers und am Abhange eines Bergs. Sie ist der Sitz eines griech. Bischofs, hat etwa 6000 E., eine öffentliche Bibliothek, ein Museum der in der Umgegend gefundenen griech. Alterthümer, einen botanischen Garten, ein griech. Theater und einige Fabriken. Genueser, die sich seit der letzten Hälfte des 13. Jahrh. daselbst ansiedelten, legten den Grund zu ihrer Blüte, wurden aber 1474 von den Türken unterjocht. Die Zahl ihrer Bewohner war damals auf looooo gestiegen; sie war die größte Stadt der Krim, und der Khan der Krim hatte daselbst seinen Sitz. Im I. 1770 wurde sie von dem russ. General Dolgoruki mit Sturm genommen, 1774 zwar zurückgegeben; doch schon 1783 sah sich der Khan genöthigt, sie nebst seinem ganzen Lande an Rußland abzutreten, dessen Besitzstand der Friede zu Jassy 1792 anerkannte. Seitdem sank die Stadt, die schon unter der türk. Oberherrschaft genug herabgekommen war, immer mehr herab, obschon ihr Hafen zum Freihafen erklärt wurde. Ferdinand I-, röm.-deutscher Kaiser, 1556—64, geb. I503 zu Alcala in Spanien, war der Sohn König Philipps I. von Spanien und der Bruder Karls V., dem er als deutscher Kaiser 1556 folgte, nachdem er 1526 die Kronen von Böhmen und Ungarn erhalten und 1531 zum röm. Könige erwählt worden war. Schon als röm. König nicht unthätig, übernahm er bei mehren Gelegenheiten zwischen seinem Bruder und den deutschen Fürsten die Nolle eines Vermittlers, wie denn namentlich durch ihn zwischen Kurfürst Moritz und Karl V. der passauer Vertrag im I. 1552 zu Stande kam. Auch hatte er als König von Ungarn lange blutige Kämpfe erst mit seinem mächtigen, von Soliman unterstützten Nebenbuhler Johann von Zapolya, mit dem er zuletzt die Herrschaft Ungarns theilen mußte, und noch heftiger und blutiger nach dessen Tode mit Soliman selbst über den Besitz dieses Landes zu bestehen, bis er durch Zahlung eines jährlichen Tributs an die Türken sich Ruhe erkaufte. Mit dem Papste gericth er zuerst wegen seiner Anerkennung als Kaiser, dann wegen des tridenter Concils, bei welchem er auf Abstellung mehrcr Mis- bräuche und auf eine umfassendere Reformation der Kirche drang, in mehrfache Streitigkeiten. Um Deutschland machte er sich, nächst der duldsamen Behandlung der Protestanten, noch besonders durch ein auf dem Reichstage zu Augsburg im I. 1559 gegebenes Münzedict sowie durch eine Reichshofrathsordnung verdient. Nachdem er 1562 die Wahl seines Sohns Maximilian II. (s. d.), zum röm. Könige zu Stande gebracht und seine Länder unter seine drei Söhne, Maximilians Ferdinand und Karl, gethcilt hatte, starb er am 25. Juli 1564. Vgl. Buchholz, „Geschichte der Regierung Kaiser F.s I." (8Bde., Wien 1831—38). Ferdinand II-, röm.-deutscher Kgiser, 1619—37, ein Sohn des Erzherzogs Karl, Herzogs von Steiermark, des jüngern Bruders Maximilians II., war am 9. Juli >578 zu Gräh geboren. Mit dem glühendsten Hasse gegen die Protestanten von seiner Mutter, Maria von Baiern, die ihm noch auf dem Todtenbette die Unterdrückung derselben zur Pflicht machte, erfüllt und 1590—96 zu Ingolstadt zugleich mit Maximilian von Baiern von den Jesuiten erzogen, hatte er zu Loretto vor dem Altäre der Mutter Gottes das feier- Eelübde gethan, den Katholicismus um jeden Preis wieder zur alleinherrschenden Religion in seinen Staaten zu machen. Er begann auch wirklich gleich nach dem Antritte der Regierung in seinen Erbländern, Steiermark, Kärnten und strain, den Protestantismus hier gewaltsam zu unterdrücken, und versuchte, als er noch bei Lebzeiten des kinderlosen Kaisers Matthias 1617 zum Könige von Böhmen und 1618 von Ungarn ernannt worden war, ein Gleiches in Ostreich und Böhmen durchzusehen. Die Böhmen jedoch, auf Rudolfs II. Majestätsbrief sich stützend, widersetzten sich ihm mit Gewalt, rüsteten Truppen und zogen unter des Grafen Thurn Anführung sogar bis vor Wien, mußten aber, durch eine Diversion des niederländ. Feldherrn Bouquoi, der ihre Hauptstadt bedrohte, genöthigt, eilig und unverrichteter Sache zurückkehren. Hierdurch gewann F. Zeit, 24V Ferdinand III (rörn.-dentscher Kaiser) trotz aller Widersprüche der Union und der Böhmen, 1619 seine Kaiserwahl durchzusetzen. Die Böhmen erklärten ihn zwar ihres Throns verlustig und wählten in Verbindung mit den Ständen von Schlesien, Mähren und der Lausitzcn den Kurfürst Friedrich V. von der Pfa lz (s. d.) zu ihrem Könige, doch mit Hülfe der katholischen Ligue und des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen wurde dieser nach kurzem Kampfe besiegt. Das unglückliche Land verlor nun alle seine Privilegien. Durch Hinrichtungen, Güterconfiscationcn und Vertreibung unzähliger Familien wurde es zum Gehorsam, und durch Einführung der Jesuiten und die härtesten Verfolgungen gegen die Protestanten zum Katholicismus zurückgeführt. Die Kurwürde der Pfalz übertrug F. >622 trotz des Widerspruchs der Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, von denen er dem erstem durch Wallenstein zu zwingen, den zweiten durch Verpfändung der Lausitzcn zum Schweigen zu bringen wußte, eigenmächtig dem Herzoge von Bai'ern, der ihm gegen Böhmen so nachdrücklich Beistand geleistet hatte. Zugleich verpflanzte er den Krieg, der mit Unterwerfung der Böhmen eigentlich beendigt war,, in das übrige Deutschland, wodurch derselbe eine dreißigjährige Dauer und den Charakter eines Religionskriegs erhielt. Den Fortschritten seiner beiden Generale Lilly und Wallenstein trat zwar in Verbindung mit den Ständen des nieder- sächs. Kreises Christian IV. von Dänemark entgegen, aber bei Lutter am Barenberge geschlagen und weiter bedrängt, mußte er bald hernach Frieden schließen. Die beiden Herzoge von Mecklenburg, welche dem Könige Christian IV. Hülse geleistet hatten, wurden in die Acht erklärt und Wallenstein zum Lohne für seine Dienste mit ihren Ländern belehnt. Dagegen scheiterte F.'s Plan, sich der Handelshcrrschaft ans der Ostsee zu bemächtigen, an der Belagerung Stralsunds, welches durch die Hansestädte kräftig unterstützt wurde. Im Vertrauen auf das errungene Übergewicht erließ F. >629 für Deutschland das Re> stitutionsedict (s. d.), durch welches er den Protestanten alle ihre seit beinahe hundert Jahren erkämpften Vortheile mit einem Male wieder zu entreißen gedachte und dessen Ausführung durch Wallenstein'sche und liguiAsche Truppen er auch sofort an mehren Orten gewaltsam ins Werk zu setzen suchte. Doch bald hinderte die Entlassung Wallenstein's, welche die Reichsstände zu Regensburg erzwangen, und die Gegenwirkung Richelieu's, der alle politische Triebräder in Bewegung setzte, um die Macht des Hauses Ostreich zu beschränken, den Kaiser an weitern Fortschritten. Zugleich stellte sich in dem König von Schweden, GustavAdolfss. d.), der, mehrfach gereizt, als Retter des Protestantismus und deutscher Fürstenfreiheit auftrat und die gleichgesinnten protestantischen Fürsten und Stände unter seiner Leitung vereinigte, ihm ein Feind entgegen, der, ungeachtet Wallenstein's Wiederernennung zum Feldherrn durch erfolgreiche Siege und Eroberungen F.'s bisheriges Kriegsglück zu Schanden machte und nach seinem Heldentode bei Lützen in Axel Oxenstierna und seinen Generalen, Bernhard von Weimar, Horn, Bane'r und Tor- stenson unerschütterliche Stützen der schwed.-deutschen Gegenmacht hinterließ. Nach Wallenstein's meuchlerischer Ermordung gewann zwar F. durch Gallas >634 die Schlacht bei Nördlingen und mit diesem Siege Sachsens Rücktritt vom schweb. Bündnisse, aber die schweb. Generale, denen Ostreich keinen Mann von ähnlichem Geiste und Gehalte entgegenzusetzen vermochte, und, als die Schweden zu erliegen drohten, Frankreichs öffentlicher Anthcil an dem Kampfe gegen das habsburgische Haus, wozu die Hinwegführung des unter französ. Schutze stehenden Kurfürsten von Trier als Gefangener den Vorwand gab. brachte den Sieg der Waffen wieder so weit auf die Seite der Protestanten, daß F., als er am 15. Febr. 1637 starb, bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, seine Absichten jemals zu erreichen. Seine Regierung gehört unter die unheilvollsten; denn Deutschland verdankt ihm keine Wohlthat, kein Glück irgend einer Art, nur Blutvergießen, Jammer und Verheerung. (S. Dreißigjähriger Krieg.) Ferdinand m>, röm.-deukscher Kaiser, >637—57, der Sohn und Nachfolger des Vorigen, geb. am >3. Juli 1668 zu Grätz, im I. 1636 zum röm. Könige ernannt, war weniger sklavisch als sein Vater den Jesuiten und dem span. Einflüsse ergeben. Er hatte nach Wallenstein's Tode eine Zeit lang den Feldzügen selbst beigewohnt und den Jammer der Kricgsdrangsale aus Erfahrung kennen gelernt, mußte aber, obgleich zum Frieden ge- Ferdinand 1. (Kaiser von Ostreich) 241 neigt, de» Krieg fortsetzen, da das verschiedenartige Interesse der einzelnen kriegführenden Mächte für eine Vereinigung zu große Schwierigkeiten darbot. So dauerte unter ihm der Krieg fort, und in weiterm Umfange und bei der immer größer» Verwilderung der Soldateska unter noch ärgern Verheerungen als vorher. Durch die immer neuen Siege der Schweden, sowie dadurch, daß F. mehren Reichsständen, welche schweb. Partei genommen hatten, Amnestie bewilligte und daß er 1641 die Hamburger Präliminarien zu Stande brachte, wurde der Friede wenigstens vorbereitet, dessen Congreß 1643 zu Münster und Osnabrück zusammentrat und 1648 mit dem sogenannten westfälischen Frieden schloß. Noch während der Friedensverhandlungcn bewirkte F. die röm. Königswahl seines Sohns Ferdinand's IV., der aber 1654 starb. Aus dem Reichstage von 1653—54, dem letzten, welchem ein Kaiser in Person vorsaß, setzte er wichtige Veränderungen in der Ju- stizverfassung durch. Er starb am 2. Apr. 1657, nachdem er kurz zuvor noch ein Bünd- niß mit den Polen gegen Schweden geschlossen hatte. Ihm folgte als deutscher Kaiser sein Sohn Leopold l. (s. d.). Ferdinand 1. (Karl Leopold Franz Marcellin), Kaiser von Ostreich, ältester Sohn Kaiser Franz's 1., aus dessen zweiter Ehe mit Maria Theresia, Prinzessin beider Sicilicn, wurde am 19. Apr. 1793 in Wien geboren. Von früher Jugend mit den Leiden einer schwächlichen Gesundheit kämpfend, hatte er auch keine Ursache, sich über die Wahl Derjenigen zu freuen, denen die Cultur seiner geistigen Entwickelung anvertraut worden war; ebenso wenig war die Wahl Derjenigen, welche in spätem Jahren an die Spitze seiner nächsten Umgebungen gestellt wurden, mit Rücksicht auf seine dereinstige hohe Bestimmung, eine glückliche zu nennen. Nichtsdestoweniger zeigte er sehr bald bei den verschiedensten Veranlassungen Züge seltener Herzensgute, die durch das Beispiel seines Oheims, des Erzherzogs Karl, an den er sich am liebsten anschloß, genährt wurde. Eine imJ. 1815 unternommene Reise durch mehre Provinzen seines künftigen Reichs, nach Italien, der Schweiz und einen Theil von Frankreich wirkte stärkend auf seine Gesundheit und zugleich geistig bildend; besonders trat damals schon eine Vorliebe für die mit dem eingetretenen Frieden steigende und sich ausbreitende gewerbliche Industrie hervor. Ganz im Stillen lebte er fortwährend seinen technologischen und heraldischen Studien. Seine am 28. Sept. 1830 zu Presburg vollzogene Krönung zum Könige von Ungarn, unter dem Namen Fe» dinand V., gewährte ihm als populaire Maßregel nur einen nominellen Antheil an der Reichsregierung. Am 27. Febr. 1831 vermählte er sich mit der Prinzessin Karoline, der dritten Tochter des Königs von Sardinien, Victor Emanuel; doch ist seine Ehe bisher kinderlos geblieben. Glücklich entging er im Sommer 1832 dem von dem pensionirtcn Hauptmann Franz Reindl auf ihn gewagten Mordanfall, wozu diesen die Verweigerung einer angesprochenen Summe Geldes veranlaßte. Nachdem er am 2. März 1835 seinem Vater auf dem Kaiserthron gefolgt, war die Erleichterung des Looses seiner ital. Un- terthanen, die wegen politischer Vergehen zu strenger Kerkerstrafe verurtheilt waren, eine seiner ersten Rcgierungsverfügungen. Wenn im Übrigen die Fortsetzung der vom verstorbenen Kaiser befolgten Maximen als Grundelcment der neuen Regierung promulgirt wurde, so zeigten sich doch bald in manchen Verwaltungsmaßrcgeln wohlthätige Wendepunkte. Wie früher in Presburg, so widmete er bei seiner Krönung als König von Böhmen in Prag am 7. Sept. 1836 das übliche Krönungsgeschenk der Rcichsstände von 5W00 Dukaten öffentlichen Zwecken der Wohlthätigkeit. Den Tag seiner Krönung als König der Lombardei, am 6. Sept. 1838, verherrlichte er durch Ertheilung einer allgemeinen, fast unbeschränkten Amnestie für alle bisher stattgehabte politische Vergehungen seiner Unterthanen in den ital. Provinzen. Diese von der Herzcnsgüte des Monarchen hervorgerufene und von der Humanität seiner Oheime und Minister unterstützte, ebenso großherzige wie politisch kluge Maßregel, die er später auch aus andere Theile der Monarchie erstreckte, befestigte um so mehr das Vertrauen zu seiner Regierung, weil man der Überzeugung sich hingab, daß ein so umfangreiches Verzeihen und Vergessen auch von dem Willen begleitet sein müsse, jede Veranlassung zu ferner» Vergehungen nach Kräften zu beseitigen. (S. Ostreich.) Conv. - Lex. Neunte Ausl. V. 16 242 Ferdinand (Könige in Spanien) Ferdinand ist der Name mehrer Könige in Spanien. Ferdinand I. oder der Große, erster König von Castilien seit 1035, Sancho's III., des Königs von Navarra Sohn, entriß seinem Schwager Bermudes das Königreich Leon und gerieth mit seinem Bruder Garcia IV. von Navarra in Streit, welcher Letzter«: das Leben kostete. Er er- oberte einen Theil von Portugal, war im Kampfe gegen die Mauren glücklich und nahm zuletzt 1056 sogar den Titel eines Kaisers an, wodurch er seine Oberherrschaft über ganz Spanien andeuten wollte. Ihm verdankt Castilien zuerst eine geordnete Verfassung. Er i starb 1065. — Ferdinand II., der Sohn und Nachfolger Alfons'Vlll., in den Kö- j nigreichen Leon, Asturien und Galicien seit l l57, kämpfte glücklich gegen die Mauren und Portugiesen; seine ganze Regierung jedoch ist ein Gewirr von Widersprüchen, das zu enträthseln selbst seine Zeitgenossen nicht im Stande waren, da er nur stets nach augenblicklichen Eingebungen seiner Laune handelte, ,'u seiner Zeit entstand der Orden vonAlcan- tara (s. d.). Er starb 1188. — Viel bedeutender ist Ferdinand III. oder der Heilige, § geb. 1199, wurde 1217 König von Castilien, wo er seiner Mutter, und 1230 von Leon, wo er seinem Vater Alfons IX. folgte, seit welcher Zeit in Folge gesetzlicher Bestimmung Castilien und Leon ein einiges, nicht thcilbares Königreich ausmachen. Er eroberte in einem glücklichen Kriege gegen die Mauren das ganze Königreich Murcia und die wichtigen Städte Sevilla und Cordova und machte seine Waffen selbst den Mohammedanern in Afrika furchtbar. Um das Aufblühen der Wissenschaften erwarb er sich Verdienste durch ! die Stiftung der Universität zu Salamanca. Er starb I25l und wurde 1671 vom Papst Clemens X. unter die Heiligen versetzt. Sein Leben und seine Thaten beschrieb sein Minister, der Erzbischof Rodrigo ffimenes von Toledo in der „sstwonica ckel 8»nto re> von III, »scullu Oe I» libreris cle Is iglesia cke 8evi!Iu". — Ferdinand IV., König von Castilien und Leon, seit 1295, Sancho's IV. Sohn, hatte heftige Kriege erst mit dem Könige von Portugal und dann mit dem Könige von Aragonien zu bestehen, in denen er sich jedoch glücklich behauptete. Gegen die Mauren kämpfte er erfolgreich; er besiegte d«i ^ König von Granada und war mit neuen kriegerischen Unternehmungen beschäftigt, all ihn 1312 der Tod ereilte und zwar, wie die Sage erzählt, am letzten Tage einer dreißigjährigen Frist, binnen welcher ihn die beiden Brüder Grafen Carvajal vor den Nichter- stuhl Gottes gefodsrt hatten, als er sie unter Anschuldigung eines Meuchelmordes ungk- hört von den Stadtmauern zu Martos Hinabstürzen ließ. Er hinterließ das Reich im Zu stände großer Verwirrung, da sein Sohn und Nachfolger Alfons XI. erst zwei Jahn! altwar. — Ferdinand V. oder der Katholische, König von Aragonien 1179- 1516, geb. am 10. März 1152, Sohn Johann's II. von Aragonien, ist durch seine viel!» großen Regententugenden wie durch seinen Despotismus und seine arglistige Politil gleich bekannt. Noch bei Lebzeiten seines Vaters bereitete ein Zusammentreffen cigen- thümlicher Verhältnisse die nachmalige Vereinigung der beiden Königreiche Castilien und Aragonien vor. In Castilien war nämlich Heinrich IV. König, der seine Tochter Johanni nicht als rechtmäßiges Kind anerkannte. Nach seinem Tode im Z. 1171 bemeisterte sich! daher Heinrich's Schwester Jsabella, welche inzwischen mit dem aragonesischen Prinzen Ferdinand sich vermählt Hatte, zum Theil durch dessen Hülfe des castilischcn Throns. Als hieraus F. durch den Tod seines Vaters 1179 König von Aragonien geworden war. vereinigten sich die beiden christlichen Königreiche Aragonien und Castilien in F.'s und Jsabella's Händen. Doch blieb Jsabella, so lange sie' lebte, Königin von Castilien und vcrstattete ihrem Gemahle außer dem Einflüsse der Bcrathung an der Regierung dieses Landes keinen weitern Antheil, als in den Verordnungen neben ihren Namen den seinigen zu setzen und sein Wappen dem ihrigen beizufügen. F.'s ganze Regierung war eine ununterbrochene Reihe glücklicher Kriege. Nachdem er siegreich gegen Alfons V. von Portugal gefochten hatte, unterwarf er sich > 191 in Folge eines zehnjährigen blutigen Kampfes, bei welchem innere Zwietracht der Feinde ihn unterstützte, Granada, das einzige Reich, welches den Mauren in Spanien übrig geblieben war. JmZ. 1503 eroberte er durch seinen Feldherr» Eonsalvo di Cordova dasKönigreich Neapel und 1512 das Königreich Navarra bis an die Pyrenäen; den höchsten Glanz aber und einen Zufluß unermeßlichen Reichthums gewann seine Regierung durch die von ihm mittels Ausrüstung von Schiffen beförderte Entdeckung 243 Ferdinand VH. (Köniz von Spanien) Amerikas. (S. Colombo.) F. und Jsabella gründeten mit den Künsten einer macchia- vellistischen Politik ein ganz neues Regierungssystem. Sie brachen die Macht des Feudalismus, besonders du»ch Einführung der Jnquisttionstribunale in Castilien im I. 1480 und in Aragonien im I. >484, welche, von der Negierung ganz abhängig, keineswegs nur zu religiösen sondern auch zu politischen Zwecken angewendet und namentlich zunächst zur gewaltsamen Vertreibung der Juden im I. 1492 und der Verfolgung der Mauren imJ. 1501 benutzt wurden. In dem Bestreben, allmälig eine unumschränkte Königsmacht zu begründen, unterstützte sie der Cardinal Timen es (s. d.). Nach dem Tode aller seiner Kinder, mit Ausnahme der jüngsten Tochter Johanna, welche 1495 Philipp, den Regenten der Niederlande und Sohn Kaiser Maximilian's I., heirathete, verlor F. im I. 1504 auch seine Gemahlin Jsabella und somit die Regierung über Castilien, welche nunmehr an seine Tochter oder vielmehr deren Gemahl Philipp überging. Aus Erbitterung hierüber vermählte sich F. mit der franz. Prinzessin Germaine de Foix, aus welcher Ehe jedoch keine Kinder hervorgingen. Da indeß Philipp schon 1506 starb, Johanna aber wahnsinnig geworden war, kam die Regierung über Castilien doch wieder an F. Er starb am 23. Jan. 1516 zu Madrigalejo, in Folge eines Stärkungstrankes, den ihm seine Gemahlin, um Erben zu erhalten, beigebracht haben soll. Ihm folgte in Spanien Karl l., als deutscher Kaiser Karl V. (s. d.) genannt. Vgl. Prescott, „Geschichte der Regierung F.'s und Jsabella'S von Spanien" (deutsch, 2 Bde., Lpz. >842). — Ferd in andVI. oder der Weise, geb. zu Madrid 1712, der Sohn Philipp's V., dem er 1746 auf dem span. Throne folgte, überließ die Regierung ganz seinem Minister und starb 1759 blödsinnig und kinderlos im Kloster. Ihm folgte Karl lll., gest. 1788, und diesem Karl IV. (s. d.). Ferdinand VII., König von Spanien, geb. am 14. Oct. 1784, ein Sohn König Karl's IV. und der Prinzessin Marie Luise von Parma, hatte anfangs den Herzog von San-Carlos zum Erzieher und in der Folge den Grafen von Alvarez zum Oberhofmeister und den Domherrn Escoiguiz (s. d.) zum Lehrer, die aber beide durch den Herzog von Alcudia (s. d.), gegen den der Prinz schon früh eine große Abneigung »erriech, entfernt wurden. Um F. den Wissenschaften zu entziehen, suchte man ihm Vergnügen an dcrJagd beizubringen, und da dieses nicht gelingen wollte, so verheirathete man ihn 1801 mit Antoinette Theresie, einer Tochter des nachmaligen Königs beider Sicilien, Fcrdinand's I., die eine liebenswürdige, geistvolle Prinzessin, von F. zärtlich geliebt, aus Kummer über die Kränkungen, die sie von Seiten des Herzogs von Alcudia, den sie ebenfalls haßte, wie von Seiten des Königs und besonders der Königin, schon am 21. Mai 1806 starb. Mehr in der Absicht, ihren Haß gegen den Herzog von Alcudia zu befriedigen, als eine bessere Ordnung der Dinge in Spanien herbcizuführen, scharten sich von jetzt an mehre der unzufriedenen Großen, an deren Spitze der Herzog von Jnfantad o (s. d.) stand, um F., dem sie vorstellten, wie er nach des Vaters Tode durch die Machinationen des Günstlings wol gar vom Throne verdrängt werden könne, da er ohne allen Einfluß, von seinem Vater verkannt und von der Königin gehaßt sei. Der Herzog von Alcudia aber ließ alle Schritte deS Prinzen nur um so aufmerksamer beobachten. Als dieser, nach genommener Rücksprache mit Beauharnais, dem damaligen franz. Gesandten in Madrid, in einem Schreiben vom 11 . Oct. 1807 Napoleon den Wunsch zu erkennen gab, sich mit der ältesten Tochter Lucian Bonaparte's zu vermählen, wußte sick der Herzog der Papiere F.'s zu bemächtigen. In Folge davon wurde der Prinz am 28. Oct. 1807 im Escurial verhaftet und durch eine von dem Herzoge eigenhändig geschriebene, an den Rath von Castilien gerichtete königliche Kundmachung vom 30. Oct. für einen Verräthcr erklärt. Doch die Erbitterung des Volks gegen den Herzog von Alcudia führte am 18. März 1808 die Revolution von Aranjuez herbei, in Folge deren der König am 19. seiner Krone entsagte, die nun auf F., dem das Volk als Retter des Vaterlandes begrüßte, überging. Gleichzeitig hatte aber Karl lV. an Napoleon geschrieben und seine Thronentsagung für erzwungen erklärt. Die Abgeordneten F.'s an den Kaiser, um mit diesem mündlich diese Angelegenheiten zu ordnen, empfingen daher von ihm die Erklärung, daß er F. als König nicht anerkennen könne, jedoch zugleich eine Einladung für denselben, nach Bayonne zu kommen. Aller Warnun- 244 Ferdinand M. (König von Spanien) gen ungeachtet ging F. nach Bayonne, wo er am 20. Apr. anlangte und vom Kaiser mit Auszeichnung empfangen wurde. Als jedoch Karl IV. hier nochmals seine Abdankung für nichtig erklärte, so mußte der Prinz, nach dem Auftritte am 5. Mai, wo ihn sein erzürnter Vater und die erbitterte Mutter, in Gegenwart Napolcon's, wie einen Verbrecher mit den heftigsten Vorwürfen überschütteten und mit einer gerichtlichen Verurthcilung als Thronräuber bedrohten, unbedingt der Krone Spaniens entsagen; doch hatte er zuvor der von ihm in Madrid errichteten obersten Regierungsjunta mit uneingeschränkter Vollmacht das Recht ertheilt, die Cortes zu berufen und Krieg mit Frankreich zu führen. Er - erhielt als Apanage eine jährliche Rente von 600000 Francs für sich und seine Nachkommen aus dem Kronschatze von Frankreich, sowie die Paläste und Parks von Navarra als Eigcnthum für sich und seine Erben. Mit seinem Bruder Don Carlos, seinem Oheim Don Antonio, dem Domherrn Escoiquiz und dem Herzog von San-Carlos wurde ihm das Schloß Valencay, eine Besitzung des Fürsten Talleyrand, zum Aufenthalt angewiesen und er hier auf das strengste bewacht. Erst gegen Ende des I. 18 l 3 bot Napoleon F. die Wiedereinsetzung auf seinen Thron an, und auf den Grund des Vertrags vom l l. Dec., durch welchen F. Spaniens Interesse von der Sache Europas trennte, den jedoch die Cortes zu bestätigen sich weigerten, kehrte F. im März >813 nach Spanien zurück, wo er mi! den rührendsten Bezeigungen der Liebe und Treue von seinen Unterthancn empfangen wurde. Allein geleitet von einer Partei des Hofadels, der Geistlichkeit und einiger Gene- > rale, verweigerte er, noch ehe er in Madrid angelangt, den Eid auf die Constitution der I Cortes von 1812 und stieß diese um, weil sie die monarchische Gewalt zu sehr beschränkte; ' doch ertheilte er die Versicherung, selbst eine Consiitutionsurkundc zu geben, wie die Aufklärung von ganz Europa und die allgemeinen Bedürfnisse der span. Unterthancn auf beiden Halbkugeln sie nothwendig machten. Kaum aber war General Eguia mit einer Abtheilung der Garden in Madrid angekommen, so wurden, zwei Tage vor des Königs Ankunft, mitten in der Nacht die Mitglieder der Regentschaft, mehre Deputirte der Cortes und die Minister verhaftet. Am 14. Mai 1814 hielt F. seinen Einzug in Madrid, wo er durch freundliche Herablassung den großen Haufen zu gewinnen suchte. Von dem Augenblicke seines Regierungsantritts aber erfolgten Schritte und Handlungen, welche das Erstaunen Europas erregten. Statt der versprochenen Verfassung trat ein furchtbares Vcrfolgungssystem gegen Alle ein, denen man liberale Ideen zutraute, und Hinrichtungen, Gefängnißstrafen, Verbannungen und Vermögensconfiscationen fanden in alle» Theilen des Reichs statt. Die Ccnsur wurde in ihrem ganzen Umfange hcrgcstcllt; Dasselbe geschah in Ansehung der Mönchsorden, der Jesuiten und der Inquisition sammt der Folter. Kurz, es zeigte sich in den meisten Handlungen der Negierung ein mit Heftigkeit durchgreifender und auf Unterdrückung der Geistesfreiheit hinstrebender Charakter. All- mälig wurde die Verwaltung ganz abhängig von dem Einflüsse einer talentlosen und leidenschaftlich verblendeten Camarilla (s. d.). Endlich kam cs im Jan. 1820 zum Aufstande, in Folge dessen F. sich genöthigt sah, am 7. März die Constitution der Cortes von 1812 wiederherzustellcn; doch durch die bewaffnete Dazwischcnkunft Frankreichs wurde 1823 die absolute Gewalt in Spanien wiederhergestellt. F. hatte sich 1816 mit der zweiten Tochter des Königs Johann's VI. von Portugal, Maria Jsabella Francisca, wieder vermählt, die aber schon am 26. Dec. 1818 starb; zum dritten Male vermählte er sich im Aug. 18IS mit der Prinzessin Josephe, einer Tochter des Prinzen Maximilian von Sachsen, und nach deren Tode, am 17. Mai 1820, noch in demselben Jahre zum vierten Male mit Mari e Christine (s. d.), einer Tochter des Königs beider Sicilien, Franz's l., mi! der er zwei Töchter, die gegenwärtige Königin von Spanien, Isabella II. (s. d.), geb. am 10. Oct. 1830, und Luise, geb. am 3V. Jan. 1832, zeugte. Durch den Einfluß seiner Gemahlin, als sie das erste Mal schwanger war, wurde er bewogen, die von den Cortes 1822 in Antrag gebrachte Aufhebung des Salischen Gesetzes (s. d.) am 29. März 1830 durch eine sogenannte Pragmatik, welche die alte castil. cognatische Erbfolge wiederherstellte, zu verwirklichen, die schon bei Lebzeiten des Königs die Anhänger seines Bruders Don Carlos (s. d.) zu revolutionairen Zwecken sammelte und nach seinem Tode den furchtbarsten Bürgerkrieg entzündete. (S Spanien.) Fortwährend hier von der libe- 245 Ferdinand l (König beider Sicilien) ralen, dort von der rcactionairen Partei bedroht und geängstigt, ein Spiel der Camanlla und der Jntriguen am Hofe, übertrug der König, als er im Oct. 1832 schwer erkrankt war, seiner Gemahlin die Leitung der Staatsgcschäftc bis zu seiner Genesung, worauf ein freisinnigeres System an die Stelle des bisherigen trat. Der der karlistischen Partei ganz ergebene Minister Calvin ard c (s. d.), derben fast bewußtlose" König ein Decret, welches die pragmatische Sanktion von I83N aufhob, hatte unterzeichnen lassen, mußte flüchtig werden, und nachdem F. genesen, erklärte er vor einer von der Königin berufenen Versammlung aller Minister und Granden am 31. Dec. das Decret für erschlichen und übernahm am 4.Jan. 1833 wieder die Regierung. Nachdem noch am 20.Juni 1833 die feierliche Eidesleistung und Huldigung für die Prinzessin von Asturien von Seiten der Deputaten, der Cortes und der Großen des Reichs stattgcfunden, starb er am 29. Sept. 1833. Ferdinand I., König beider Sicilien, von 1759 — 1825, geb. am 12. Jan. 1751, der dritte Sohn König Karl's III. von Spanien, wurde, nebst seinem altern Bruder, dem nachmaligen Könige Karl IV. von Spanien von dem Prinzen von Santo-Nicandro erzogen, der zwar ein rechtschaffener Mann, aber von sehr beschränkten Ansichten war. Als sein Vater 1759 den span. Thron bestieg, folgte er demselben zufolge des Statuts, das die Vereinigung beider Kronen verbot, auf dem von Neapel, indem ihm während seiner Minderjährigkeit ein Regentschaftsrath, unter dem Vorsitze des Marchese Tanucci, vormaligen Professors der Rechte zu Pisa, beigegcben wurde. Durch seine Leutseligkeit war er bereits der Liebling des Volks geworden, als er unter dem Namen Fcrdinand IV. am 12. Jan. 1767 die Regierung übernahm, worauf er sich 1768 mit Marie Karolinc, der Tochter der Kaiserin Maria Theresia vermählte, die in kurzer Zeit einen entscheidenden Einfluß über ihn gewann und ohne deren Rath er auch später, als er nach Tanucci's Entlassung (1777) sich der Negierungsgcschäste mehr annahm, nichts that. Unter dem der Königin ganz ergebenen Minister Acton (s. d.) seit >784 verlor das madrider Cabinet allen Einfluß auf das von Neapel, welches sich mehr an Ostreich und England anschloß und daher auch 1793 der Koalition gegen Frankreich bcitrat. Obschon einer der heftigsten Gegner der franz. Revolution, sah sich F. doch gcnökhigt, >796 mit der franz. Republik Frieden zu schließen, die ihm, als er >798 von neuem der Koalition gegen Frankreich sich anschloß, den Krieg erklärte. Ein franz. Heer unter dem General Championnet rückte in raschem Siegeslauf in Neapel ein, wo, nachdem der König bereits am 24. Dec. 1798 nach Palermo geflüchtet war, am 23. Jan. 1799 die Parthenopeische Republik proclamirt wurde. Doch schon am 21. Juni 1799 fiel die Hauptstadt in Folge einer Gegenrevolution wieder in die Gewalt dcs Noyalistenhecrs unter dem Cardinal Ru ffo (s-d.), und es folgte nun eine strenge Untersuchung unter Spezi alc's (s. d.) Leitung gegen die Anhänger der neuen Republik, deren viele hingerichtet wurden. Erst im Jan. 1800 kehrte indeß der Hof nach Neapel zurück, zu dessen Gunsten Spanien mit dem ersten Konsul einen Vertrag schloß, durch welchen die Integrität des Königreichs Neapel und Sicilien gesichert wurde. Dessenungeachtet mußte F. in dem Frieden mit Frankreich vom 28. März 180 1 unter Andcrm den Stato degli Prcsidj abtretcn und franz. Truppen in seine Staaten aufnehmcn, auch in dem Neutralitätsvertrage von 1805 versprechen, den Truppen der gegen Frankreich Krieg führenden Mächte keine Landung zu gestatten. Als nun glcichwol im Nov. 1805 eine russ- engl. Flotte vor Neapel erschien und 12000 M. Russen landeten, so ließ Napoleon das Land besehen, wodurch die königliche Familie abernials veranlaßt wurde, > 806 nach Sicilien zu flüchten. Hier behauptete sich F. zwar mit Hülfe der Engländer, übergab jedoch, als zwischen der Königin und dem engl. Cabinct 1809 eine Spaltung eingctrctcn war, seinem Sohne Franz die Regierung, die er erst im Dec. 1811, nachdem die Königin sich nach Wien begeben, wieder übernahm. Durch den wiener Congrcß in allen seinen Rechten als König von Sicilien anerkannt, obgleich Murat (s. d.) noch im Besitze Neapels war, zog er nach dessen Flucht am 17. Juni 1815 in Neapel ein und vereinigte hierauf am 12. Dec. 1816 seine sämmtlichen Staaten dicsseit und jenscit der Meerenge in ein Königreich, d^s Königreich beider Sicilien, als dessen König er sich Ferdinand 1. nannte. Seine Gemahlin war am 8. Sept. 1814 gestorben; noch in demselben Jahre hatte er sich mit der verwitweten Prinzessin von Partana vermählt, die er >815 zur Herzogin von Flvri» 246 Ferdinand H. (König beider Sicilien) dia ernannte. Zn Folge der Revolution von 1820 mußte er die span. Constitution von >812 einführcn, die er auch beschwor, aber 1821 mit Hülfe östr. Waffen wieder aufhob. Wie er nun auf der einen Seite eifrigst bemüht war, die Carbonari (s. d.) au unterdrücken, so machte er sich andererseits durch Vertreibung der Jesuiten, Aufhebung übcrflüs. siger Klöster und wohlthätigc Reformen im Staatshaushalte um sein Land verdient. Er starb am 4. Jan. >828. Ihm folgte in der Regierung sein Sohn Franz I., gcb. am IS. ! Aug. 1777, gest. am 8. Nov. 1830, der Ferdinand II. (s. d.) zum Nachfolger hatte. s Ferdinand n., König beider Sicilien, geb. am 12. Jan. >810, der Sohn König > Franz's I. mit seiner zweiten Gemahlin, der Infantin von Spanien, Jsabclla Mario, folgte am 8. Nov. 1830 seinem Vater auf dem Throne. Das schöne Land, dessen Herrschaft er erbte, war in Folge der frühern schlechten Verwaltung, der Kriegsjahre und der neuen Wunden, die ihm auch nach dem Frieden geschlagen worden waren, in einer höchst beklagenswerthen Lage. Es fehlte die Freiheit im Bürgcrlebcn und die Sicherheit im Innern; Räuber, die die Fremdherrschaft zu bändigen gewußt hatte, waren das Schrecken des Volks in allen Gebirgsgegenden, und eine schmähliche Aristokratie drückte das Ganze, während durch die Verschwendung am Hofe und die unverständigsten Mittel, zu denen man in den Zeiten der Noth gegriffen, der Staatshaushalt zerrüttet war. Unter solchen Umständen war es wol sehr natürlich, daß die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Volke aufstieg und zum Theil sich laut äußerte, als der junge König, auf den schon lange die Angen der wahren Vatcrlandsfreunde gerichtet waren, den Thron bestieg. Um so größer war der Jubel, als die Hoffnungen sich verwirklichten, als die wegen Staatsverbrechen noch abzubüßendcn Strafen erlassen wurden, als die Verbannten Erlaubniß erhielten, nach fünf Jahren in das Vaterland zurückzukehren, als verkündet wurde, daß politische Meinungen und Ansichten kein Hindcrniß mehr der Anstellung sein sollten. Nicht minder glückliche Aussichten schienen sich zu öffnen, als der König den Finanzzustand dem Volke offen vor- j legen ließ und Hoffnung machte, durch weise Sparsamkeit denselben zu verbessern und den Abgabendruck zu vermindern. Allein nur zu bald lieh der König fremden Einflüsterungen, welche in der Gründung freier Staatseinrichtungen in seinem Reiche ein gefähr- ° liches Beispiel für die ganze Halbinsel erblickten, ein geneigtes Ohr, worauf die Aristokratie und die Geistlichkeit seine Umkehrung vollendeten. Seitdem hat weder Neapel not insbesondere Sicilien, das wiederholt zum offenen Aufstande überging und in Folge dieser 1837 von sehr harten Maßregeln betroffen wurde, beruhigt werden können, was auch bis dahin schwerlich geschehen dürfte, wo die Regierung sich nicht geneigt zeigt, versöhnend! Maßregeln cintrcten zu lassen. (S. Sicilien.) Der König vermählte sich am 21. No«. 1832 mit der Prinzessin Christine Marie von Sardinien, die ihm am 16. Jan. 1838 de« Kronprinzen Franz d'Assisi gebar, aber schon am 31. Jan. desselben Jahrs im Wochenbette verstarb, worauf sich derselbe im Jan. 1837 mit Therese, der Tochter des Erzherzogs Karl von Ostreich, vermählte, mit der er außer mehren Töchtern drei Söhne, Ludwig Ma- ria, Gras von Trani, geb. 1838, Albert Maria, Graf von Castrogiovanni, gcb. > 839, uni Alfons, Graf von Caserta, geb. 1841, zeugte. Des Königs Stiefschwester aus der erst» Ehe des Vaters ist die Herzogin von Berri (s. d.). Von seinen Geschwistern ist die ältest Schwester Luise mit dem Jnfantcn Franz de Paula vermählt, die andere, Maris Christin c (s. d.), die verwitwete Königin von Spanien. Sein ältester Bruder, Karl,. Prinz von Capua, gcb. am 10. Oct. 1811, vermählte sich gegen des Königs Willen mit der schönen Jrländerin Penelope Smith zu Gretna-Grecn am 7. Mai l 836. Sein dritter Bruder, Leopold, Gras von Siragosa, gcb. am 22. Mai 1813, wurde von ihm nach seinem Regierungsantritte zum Luogotenente generale in Sicilien ernannt und vermähl« sich 1837 mit der Prinzessin Marie Victoric von Savoycn-Carignan. Ein vierter Bruder, Ludwig, Graf von Aquila, geb. 1824, vermählte sich 1844 mit der Kronprinzessin Januaria von Brasilien. Von seinen andern Schwestern istAntonie, geb. 1 8 14 , mit dem regierenden Großherzog von Toscana, Amalie, geb. 1818, seit 1832 mit dem 3»' sanken Don Sebastian von Spanien und Therese, geb. 1822, .seit >843 mit dem Kaiser Dom Pedro II. von Brasilien vermählt. Ferdinand IN. (Großherzog von Toscana) Ferdinand von Este 247 Ferdinand in. (Jos. Joh. Baptist),,, Großherzog von Toscana und Erzherzog von Ostreich, der Bruder Kaiser Franz's I. von Ostreich, geb. am6.MaiI769, folgte als zweiter Sohn Kaiser Lcopold's II., seinem Vater am 2. Juli l 79V als Großherzog von Toscana, das er als ein Mann milden und festen Charakters ganz im Geiste desselben regierte. Als ein Freund des Friedens beobachtete er eine strenge Neutralität in dem Kriege gegen die franz. Republik und war der erste Souverain, der dieselbe am 16. Jan. 1792 anerkannte und mit ihr in diplomatische Verbindung trat. Zwar ward er durch Rußland und durch die schließlichen Drohungen Englands am 8. Oct. 1793, Livorno zu bombardiren, wenn er nicht binnen zwölf Stunden seiner Neutralität entsage, zu der Koalition gegen Frankreich gezwungen; doch trennte er sich auch sofort wieder von ihr, als Piemont von den Franzosen besetzt wurde. Erschloß am 9. Febr. 1795 mit Frankreich Frieden, rettete durch den Tractat von 1797 unter sehr mislichen Umständen die Neutralität seines Landes, mußte sich aber doch wieder, als die Plane Frankreichs in Beziehung auf Italien immer klarer hcrvortraten, dem wiener Hofe nähern, was Frankreich Veranlassung gab, zugleich mit Ostreich ihm im März 1799 den Krieg zu erklären, in Folge dessen er 1799 nach Wien sich flüchtete. Im Frieden zu Luneville von 1801 mußte er auf Toscana Verzicht leisten (s. Etrurien und Toscana); als Entschädigung erhielt er durch den Vertrag zu Paris am 26. Dec. 1802 das neugeschaffene Kurfürstenthum Salzburg. Allein schon im presburger Frieden von 1805 mußte er seinen Kurstaat an Ostreich und Baiern abtrcten und erhielt dafür Würzburg, auf welches die Kurwürde übertragen und das in Folge seines Beitritts zum Rheinbünde zum Großherzogthum erhoben wurde. Napoleon zeichnete F. bei mehren Gelegenheiten sehr aus und kündigte ihn sogar den Polen im Juni 1812 als ihren künftigen König an. Der erste pariser Friede gab ihm das Großherzogthum Toscana zurück, dem der Kongreß zu Wien noch den Stato degli Presidj und die Landes - und Lehnshohcit über das Fürstcnthum Piombino hinzufügte. Noch einmal mußte F. seine Residenz verlassen, als Murat >815 Italien unabhängig machen wollte und gegen Ostreich zu Felde zog; doch schon am 20. Apr. 1815 konnte er nach Florenz zurückkehren. Er war in erster Ehe vermählt mit Luise, der Tochter des Königs beider Sicilien, Ferdinands l., die zu Wien 1802 starb. Jm J. l 821 vermählte er sich mit der Prinzessin Marie, der Tochter des Prinzen Maximilian von Sachsen. Er starb am 17. Juni l 823, und ihm folgte in der Regierung sein einziger Sohn Leop old 11. (s. d.). Ferdinand (Karl Jos.) von Este, Erzherzog von Ostreich, östr. Feldmarschall und Ge- ncralgouverneur von Galizien und Siebenbürgen, geb. am25. Apr. 1781, der zweite Sohn des Erzherzogs Karl Ant. Jos. Ferdinands, geb. 1753, gcst. 1806, welcher durch dieVermäh- lung mitBeatrix vonEste die Erbfolge in Este erhielt und dessen Sohn Franz IV.Hcrzog von Modena ist. Schon im Kriege, den Ostreich > 805 gegen Frankreich führte, erhielt F. den Oberbefehl des dritten Armeecorps von 80000 M., das Baiern besetzte und in Schwaben sich aufstellte. Unter ihm leitete damals das Ganze, als Chef des Gencralstabs, der Gcncral- feldzeugmcister Mack. Nachdem dieser in seiner Stellung an der Iller, zwischen Ulm und Günzburg, sich hatte umgehen und von der Verbindungslinie mit Baiern, Ostreich und Tirol abschneidcn lassen, wurde F., welcher sich an der Spitze des linken Flügels befand, am 9. Oct. von dem Marschall Ney bei Günzburg, wo die Franzosen auf den Querbalken der abgetragenen untern Donaubrücke, unter dem Flintenfeuer der Östreicher, auf das rechte Ufer übcr- gingen, geschlagen. Vergebens drangen jetzt F., Fürst Schwarzenberg, General Kollowrath u. A. in den General Mack, daß er, um sich aus seiner ungünstigen Lage bei Ulm zu ziehen, das linke Donauufer behaupten und Nördlingcn gewinnen sollte. Als nun F. am > I- Oct. das Schicksal des in Ulm eingeschlosscncn Heers vvraussah, erklärte er seinen Entschluß, sich mit zwölf Schwadronen Reiterei durchzuschlagen. Fürst Schwarzenberg führte rwch in derselben Nacht den Zug glücklich bis Geislingen, wo man sich mit dem Corps des Generals Werneck zu vereinigen hoffte; allein dieser mußte bei Trochtelsingen am 18. capi- tuliren, während F. seine Scharen durch das feindliche Heer nach Öttingen führte und die Trümmer des Heertheils von Hohenzollcrn an sich zog. Doch bei Günzenhausen an der Altmühl wurde F., dessen ganze Schar nicht über 3000 M., darunter etwa 1800 Reiter, zahlte, durch Murat's Cavalerie cingeholt, und nur eine Unterredung des Fürsten Schwär- 248 Ferdinand (Herzog von Braunschweig) Ferbufi zenberg mit dem stanz. General Klein verschaffte ihm so viel Zeit, daß er mit der Cavalerie entkommen konnte, während die Infanterie nebst dem schweren Geschütze in Feindes Hände siel. Bei Eschenau nochmals vom Feinde erreicht, rettete ihn der heldenmüthige Widerstand der Nachhut unter dem General Mccserey, welcher, tödtlich verwundet, vom Feinde gefangen wurde. So entkam F. mit noch nicht 1500 M., welche in acht Tagen, trotz der täglichen Gefechte, über 50 M. geritten waren, am 22. Oct. nach Eger. Hierauf erhielt er den Ober- j befehl über die kaiserlichen Truppen in Böhmen, organisirte den Landsturm und machte den ^ Baiern in mehren glücklichen Gefechten jeden Fuß breit Landes streitig. Mit etwa >80»«) > M. deckte er den rechten Flügel der großen verbündeten Armee, bis diese die unglückliche ! Schlacht bei Austerlitz lieferte. Jm J. 1809 wurde er Oberbefehlshaber des siebenten Armeecorps, 06000 M. stark, mit welchem er am > 5. Apr. über die Pilica ins Herzogthum Warschau einrückte. Vergebens suchte er die Polen durch öffentlichen Aufruf zum Ausstande gegen Napoleon und den Großherzog von Warschau zu bewegen; Poniatowski leistete ihm > bei Rascyn am 19. Apr. tapfcrn Widerstand; doch übergab er am 22. Warschau mit Kapitulation, indem er Praga und das rechte Weichsclufcr behauptete. Auf diese Weste gelang es Poniatowski, während F. gegen Kalisch zog und Thorn vergebens angriff, die Ostreichn zu umgehen, einzelne Abteilungen derselben zu schlagen und zu Lublin im östr. Galizien ^ einen Volksaufstand zu erregen. Die Polen eroberten hierauf Sendomir, Zamosk und am i 28. Mai Lemberg; dieÖstreicher aber sahen sich durch den Übergang Dombrowski's über i! die Bzura genöthigt, am 2. Juni Warschau zu räumen. Zwar eroberte F. Galizien wieder; k doch wurde er sehr bald von Poniatowski aus Lemberg und Sendomir vertrieben, ver nun Galizien für Napoleon in Besitz nahm und am l5. Juli Krakau besetzte. F. zog sich nach i Ungarn zurück, und der Waffenstillstand zu Znaym am 12. Juli machte dem Kriege ein Ende. In dem Feldzuge von 1815 übernahm der Erzherzog den Oberbefehl über die östr j Reserve, die 44000 M. stark war, und ging mit zwei Abtheilungen derselben, am 26. Juni,!! über den Rhein, worauf General Colloredo den franz. General Lecourbe zwang, sich nach Bclfort zu werfen, F. aber nach Luneville vorrückte. Wie in diesem Feldzüge, so hat er auch später keine weitere Gelegenheit gefunden, sich militairisch auszuzeichnen. Ferdinand, Herzog von Braunschweig, einer der ausgezeichnetsten preuß. Feldherren im Siebenjährigen Kriege, geb. am I I. Jan. 1721 zu Braunschweig, der vierte Sohn deS Herzogs Ferdinand Albrecht, wurde von früher Jugend für den Militairstand erzogen. In * seinem 18 .Jahre durchreiste er Deutschland, Holland, Frankreich und Italien und trat hierauf >739 als Oberster und Chef eines Regiments in preuß. Dienste. Die schles. Kriegt ' waren für ihn die Schule, in welcher er sich zum Anführer bildete. Nachdem er zu Anfänge ^ des Siebenjährigen Kriegs die Schlacht bei Prag zum Vortheil der Preußen entschieden und bei mehren andern Gelegenheiten die glänzendsten Proben seines Heldenmuths und Feldherrntalents gegeben hatte, übertrug ihm der König gegen Ende des I. 1757 den Oberbefehl über das verbündete Heer in Westfalen. Als Führer desselben entwickelte er, einem ungleich stärkern franz. Heere gegenüber, den ganzen Reichthum seines Talents. Er vertrieb die Franzosen aus Niedersachsen, Hessen und Westfalen und war Sieger in den Schlachten bei Krefeld und Minden. Nach dem Frieden wurde er durch eine Spannung, die zwischen ihm und dem Könige entstand, bewogen, seinen Abschied zu nehmen. Seitdem lebte er in Braunschwcig oder auf seinem Lustschlosse Vechelde und widmete seine Muße maurerischcn > Beschäftigungen. Jedes wissenschaftliche und künstlerische Streben fand an ihm einen Beschützer; besonders unterstützte er Maler und Musiker. Dabei zeigte er eine unbegrenzte Wohlthätigkcit gegen Arme und sorgte für den Unterricht talentvoller Jünglinge. Nur ließ er sich zu oft von gehaltlosen Günstlingen leiten und misbrauchen und neigte sich sehr zum Ausländischen, namentlich zu den Franzosen hin. Er starb am 3. Apr. 1792, von allen Menschenfreunden, besonders von den Armen betrauert und beweint. Ferdinanden nannten die Neapolitaner, Grahamsinsel die Engländer die an der Nordküste Siciliens, zwischen der Insel Pantellaria, unter 37" 7^ 30" nördl. B. und 12" >4^ östl. L., im Juli >831 durch einen vulkanischen Ausbruch auf einer Korallenbank entstandene Insel, die indessen schon 1832 wieder ganz von dem Meere verdeckt war. Ferdüfi, s. Firdusi. Fcretrius Ferien 249 Feretrius, ein Beiname des Jupiter bei den Römern, dem die spolia opims, d. h. die dem feindlichen Feldhcrrn von einem römischen abgenommencn Waffen, dargebracht wurden, und dem Romulus den ersten Tempel auf dem Capitol erbaute. Diesen Tempel, der sehr klein war, vergrößerte Ancus, ihn erneuerte in späterer Zeit Augustus. Ferguson (Adam), ausgezeichnet als Geschichtsforscher und Mcralphilosoph, geb. 1724 zu Logierait in der schot. Grafschaft Perth, studirte von 17 ZV an in St.-Andrews und dann in Edinburg, wo er sich den Naturwissenschaften, der Moralphilosophie und den Staats- Wissenschaften, nachher auch der Theologie widmete und in die philosophische Gesellschaft trat, der damals auch Robertson, Blair und Hume als Mitglieder angehörten und aus der 1784 der noch bestehende debattirende Club, Dbe speculstive societ), sich bildete. Im Kriege gegen Frankreich im J. 1742 zum Feldprcdiger ernannt, kehrte er nach dem Frieden von Aachen 1748 nach Schottland zurück, wo es ihm aber nicht gelingen wollte, eine Pfarre zu erhalten, weshalb er wieder bei seinem in Irland stationirten Regimente die frühere Stelle einnahm, bis er als Erzieher der Söhne des Lord Bute sie 1757 gänzlich niederlegte. Im I. I75V wurde er an der Universität zu Edinburg Professor der Naturwissenschaften und 1764 Professor der Moralphilosophic. Sein „Lsss^ on tke kistor> ok civil society" (Lond. 1 767; deutsch von Jünger, Lpz. 1768) begründete seinen literarischen Ruf; demselben folgten die „Institutes ok moral pbilosopll)'" (Lond. 1760; deutsch von Garve, Lpz. 1772), „Observstions on civil und Political libert) " (Land. 1776), „blistorv ok tlis prngress anil terminatian «k tiie roman republic" (Lond. 1783; vermehrt, Edinb. 1799 und Lond. 1805; deutsch vonBeck, ZBde., Lpz. 1784 — 86) und „knnciples okmoral and Political Science" (Edinb. 1792; deutsch von Schrciter, Zür. 1795). In den I. 1773 und 1774 bereisteer als Führer des jungen Lord Chesterfield das Festland, und 1778 begleitete er als Secretair die zum Behuf von Unterhandlungen nach Amerika gesendeten fünf Commissare. Seine Professur gab er 1784 auf. Zu Bereicherung seines ausgezeichneten Werks über die röm. Republik reiste er später nach Italien und wählte dann St.-Andrews zum Aufenthalt, wo er am 22. Febr. 1816 starb. Ferguson (James), ein ausgezeichneter Mechaniker und geachteter Astronom, geb. 1710 zu Keith in der schot. Grafschaft Banff von armen Altern, zeigte früh einen außerordentlichen Lerntrieb, hatte aber, indem er um des Brots willen schon als Knabe in fremde Dienste kam, mit unendlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, ehe es ihm gelang, sich in eine seinen Talenten und seinen Neigungen entsprechende Stellung zu bringen. Nur erst nachdem er sich mit Eifer auf das Zeichnen geworfen, sodaß er durch Portraitiren seinen Unterhalt sich erwerben konnte, fand er bequemere Muße zu wissenschaftlichen Studien. Im I. 1743 ging er nach London, wo er nachher auch als Schriftsteller auftrat, und gleichwie auch in andern Städten Englands, Vorlesungen über Naturwissenschaften hielt, die viel Theilnahme fanden. König Georg III., der als Prinz seine Vorlesungen hörte, gab, als er den Thron bestiegen, ihm ein Jahrgcld von 50 Pf. St., das für die Bedürfnisse des anspruchlosen Mannes mehr als hinreichte. Er starb >776. Seine Hauptwerke sind „Astronom)' ex- plaiued upnilbür IssscKevvton's principles" (Lond. 1756; 4. Aust., 1770, 4.), „I^ectures «n subjects ok incclisnics, ii^droststics, pneumstics und ootics" (Lond. 1 760 und öfter) und „8clect meckonical exercises" (Lond. 1773), die auch eine Selbstbiographie enthalten. Fergusson (Rob.), Dichter, geb. am 5. Sept. 1 75 1 zu Edinburg, bildete sich auf der dasigen sowie auf der Universität zu St.-Andrews. Unter seinen engl. Gedichten zeichnen sich nur zwei Elegien aus „Ibe decline ok kriendsbip" und „^grünst repining st vrtims"; dagegen weht durch alle seine im schot. Volksdialekt geschriebenen Lieder ein innigpoetisches Leben. Eine Gehirnerschütterung, die Folge eines Falls, brachte ihn ins Irrenhaus, wo er am I6.Oct. 1774 starb. Seine gcsammtcn Dichtungen erschienen mit Biographie zu Perth (1774), spater von Dav. Irving (Glasgow 1799) und zuletzt in Edinburg (1805). Rob. Burnß hat ihm ein Denkmal der Verehrung errichtet. Ferien (kerise) hießen bei den Römern diejenigen Tage, an denen keine Geschäfte vorgenommen, sondern gottesdienstliche Handlungen verrichtet, Opfer dargebracht, auch wol Festmahle gehalten wurden. Sic zerfielen bei ihnen in solche, die nur Einzelne oder Fami- lim betrafen, wie Geburtstage n. s. w., und in solche, die vom Staate angeordnet wurden, 7-^ - ^ '».C 25-v Fermän Fernando Po die letztem wiederum in stehende, bewegliche und außerordentliche, vom Dictator oder Senate besonders festgesetzte, wie die Bitt- und Dankfestc. Später ging das Wort in den röm. Kir- chenkalender über, in welchem man den Montag kerin secuixl-,, den Dienstag leris tertia u. s. w. nannte, lheils um die heidnischen Namen zu verdrängen, theils auch um die Christen daran zu erinnern, daß ein jeder Tag zum Gottesdienst bestimmt sei. Bei Gerichtshöfen und Kollegien nennt man Ferien die Tage, an welchen kein Gericht und keine Sitzungen gehalten, und an Schulen und Universitäten die, an welchen die Schulstunden und Vorlesungen ausgesetzt werden. Fermän, im Persischen der Befehl, heißt in der Türkei jeder im Namen des Großherrn vom Großvezier ausgefertigte Befehl, daher auch jedes Privilegium und jeder Reisepaß. Fermat (Pierre de), einer der größten Meister der Hähern Mathematik, geb. zu Toulouse l SSO, gerieth schon in seiner Jugend mit seinem Freunde P a s ca l sf. d.) auf eine sehr sinnreiche Betrachtung der figurirtcn Zahlen, auf die er später seine Probabilitätsrechnung baute, als deren Schöpfer er betrachtet werden kann. Er beschäftigte sich überhaupt viel mit den Eigenschaften der Zahlen, machte viele scharfsinnige Entdeckungen in Betreff der Zu- sammensetzung und Zerlegung derselben; er quadrirte die Parabel auf eine viel einfachere Weise, als früher Archimcd es gethan hatte, und machte auch sonst in der Geometrie sehr sinnreiche Entdeckungen. Sein Verfahren, die größten und kleinsten Ordinate« der krummen Linien zu finden, war ganz analog mit der Methode der damals noch unbekannten Differentialrechnung. Auch in den ältern und neuern Sprachen war er ungemein bewandert und hatte überhaupt sehr ausgebreitete Kenntnisse. Mit Descartes kam er in heftige Streitigkeiten, als er dessen Geometrie und Optik und dieser dagegen F.'s Theorie 665 als Rath des Parlaments seiner Vaterstadt. Eine Sammlung seiner Werke erschien nach seinem Tode (2 Bdc., Par. 1679, Fol.). Fermate, Tenute oder Ruhepunkt heißt in der Musik das Aushalten einer Note oder Pause über ihre wahre Zeitgeltung, welches durch das Zeichen ((lnuronns) an- gedeutct wird. Am Schlüsse eines Abschnitts oder Satzes ist die Fermate öfter eine vom Komponisten gebotene Gelegenheit für den Spieler oder Sänger, eine frei erfundene oder vorbereitete Verzierung (s. 6 a <1 ence) anzubringen. Fermo, die befestigte Hauptstadt der gleichnamigen Delegation des Kirchenstaats, an der Hauptstraße von Ancona nach Neapel, der Sitz eines Erzbischofs, ist auf einem steilen Felsen mit herrlicher Aussicht auf das Adriatische Meer gelegen und gut gebaut. Sie zählt über 19600 E-, die namentlich Getreide- und Wollhandel treiben, und hat ein sehr geschmackvolles Theater. F. ist das alte kirmnm, dessen Ruinen sich unweit der Stadt finden. Im Mittelalter war es der Sitz einer Mark; zum Erzbisthum wurde es >589 erhoben. Fermor (Wilhelm, Graf von), russ. General, geb. zu Plcskow 1704, zeichnete sich im russ. Dienste in den Fcldrügcn Münnich's in der Türkei durch Muth und Tapferkeit aus und wurde während des Siebenjährigen Kriegs von der Kaiserin Elisabeth, als General Apraxin ohne ihr Vorwissen nach Best» zcw's (s. d.) Weisung rückgängige Bewegungen in Ostpreußen gemacht hatte und entsetzt war, >758 zum Oberfeldherrn des russ. Heers erhoben. Er nahm Thorn und Elbing, drang bis an die Ufer der Oder vor und belagerte Kü- strin, als Friedrich ihn bei Zornd orf (s. d.) überfiel. Da die Russen hier erst nach tapferer Gegenwehr das Schlachtfeld räumten, so schrieb sich F. den Sieg zu und wurde von der Kaiserin reichlich belohnt und in den Grafenstand erhoben. Bald indeß zog er sich nach Polen zurück und ließ sich des Oberbefehls entheben, der an den Grasen Soltykow überging, welchem F., edelmüthig genug, als CorpSgeneral zur Seite blieb. Er starb aus seinem Gute Nietau im1.17 71. Sein Name ging auf einen Zweig der schweb. Familie Stcinbock über. Fernambukholz, s. Brasilienholz. Fernando Po, eine der Guineainscln in Westafrika, etwa 6 M. lang, 4 M. breit, ist durchaus vulkanisch, sehr wasserreich und fruchtbar und wird von ungefähr >200 Negern bewohnt. Früher im Besitz der Portugiesen und >778 an Spanien abgetreten, wurde sie 1827 als ein sehr glücklich gelegener Punkt von den Engländern besetzt, die hier die Kolonie Clarencetown anlegten und >841 die vollständige Abtretung der Insel von Spanien er- Ferney Fernrohr 251 langten. Nahe dabei liegt die Insel Annabon, von Negern bevölkert, unter einem eigenen Herrscher, der sich den Titel König beilegt. Ferney, ein Flecken mit etwa 700 E. im stanz. Departement Ain, an der schweizer. Grenze, zur Zeit der religiösen Verfolgungen in Frankreich die Zufluchtsstätte vieler Prote- stanken, wurde insbesondere durch Voltaire's Aufenthalt berühmt. Nachdem sich derselbe 1762 daselbst angckauft hatte, war es seine Absicht, durch die Unterstützung aller Art, die er den Bewohnern gewährte, den Flecken zu einer Stadt zu erheben. Insbesondere suchte er den Kunstfleiß und vor Allem die Uhrensabrikation durch geschickte Arbeiter, die er aus dem nahen Genf dahin zog, in Aufnahme zu bringen. Auch die Fremden, die aus allen Theilen der gebildeten Welt nach F. strömten, um Voltaire, denPhilosophenvonFerncy, zu sehen, trugen nicht wenig zur Belebung dieses Orts bei, sodaß dessen Bevölkerung 1775 auf 1200 Seelen angewachsen war; allein nach Voltaire's Tode, >778, sank sie ebenso schnell wieder herab. Voltaire's Schlafzimmer in dem Schlosse ist noch in seinem ursprünglichen Zustande erhalten und zieht fortwährend viele Fremde nach F. Fernow (Karl Ludw.), einer der gründlichsten und geschmackvollsten deutschen Kunst- schriftstcller, geb. am 10. Nov. 1763 zu Dlumenhagen in der Uckermark, wo sein Vater als Knecht auf dem Edelhofe diente, kam in seinem zwölften Jahre durch Vermittelung der Gc- richtsherrschast als Schreiber zu einem Notar und dann bei einem Apotheker in die Lehre, wo er das Unglück hatte, einen Jägerburschen mit dessen eigenem Gewehr unvorsichtigerweise zu erschießen. Nach beendigten Lehrjahren begab er sich, um den Werbern zu entgehen, nach Lübeck. Schon früher hatten ihn Malerei und Dichtkunst ungezogen; von neuem wurde er für sie entzündet durch dst Bekanntschaft mit Carstens. Um sich ganz seiner Lieblingsneigung zu widmen, entsagte er endlich der Apothekerkunst. Aus reiner Liebe folgte er einem Mädchen, die er in Ludwigslust hatte kennen lernen, nach Weimar; getäuscht in seinen Hoffnungen, ging er dann nach Jena. Hier machte er die Bekanntschaft Rcinhold's und lernte in dessen Hause Baggescn kennen, der ihn mit nach Italien nahm. Als Baggesen zurückkehrte, fand F. an dem Baron Herbert und dem Grafen Burgstall Gönner, die ihn in den Stand setzten, sich 1704 nach Rom zu begeben und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Hier, wo er mit Carstens wieder zusammcntraf, fing er nun an, die Theorie und Geschichte der Kunst sowie die Sprache und die Dichter Italiens zu studiren. Als die Unterstützung seiner Gönner aufhörte, erwarb er sich durch Vorlesungen seinen Unterhalt. Mit einer Römerin vcrheira- thet, kehrte er 1802 nach Deutschland zurück und wurde hierauf außerordentlicher Professor zu Jena, >804 aber Bibliothekar bei der verwitweten Herzogin Amalie zu Weimar, wo er indeß schon am 4. Dec. 1808 starb. Von seinen Schriften erwähnen wir, abgesehen von sei- ner „Jtal. Sprachlehre für Deutsche" (2 Bde., Tüb. 1804; 2. Ausl., 1815), seine reichhal- tigcn „Römischen Studien" (3 Bde., Zür. >806—8), das „Leben des Künstlers Carstens" (Lp;. 1806), „Ariosto's Lebenslauf" (Zür. >800), die Abhandlung „Über den Bildhauer Canvva und dessen Werke" (Zür. 1806) und seinen „Francesco Petrarca", herausgegcben von Hain (Lp;. 1818 ). Vgl. Johanne Schopenhauer, „F.'s Leben" (Tüb. 1810 ), vervollständigt in der Ausgabe ihrer „Sämmtlichen Schriften" (Bd. I und 2, Lpz. > 829). Fernrohr oder Teleskop heißt im weitern Sinne jedes optische Instrument, das entfernte Gegenstände vergrößert und so zeigt, als ob sie näher gerückt wären. Man unterscheidet aber zwei Classen solcher Instrumente, solche, die nur auf der Brechung der Lichtstrahlen im Glase beruhen und daher Dioptrische Fernröhre und Rcfractoren, auch schlechthin Fcrnröhre genannt werden, und solche, die nicht nur auf der Brechung sondern auch auf der Aurückwerfung, Reflexion oder Spiegelung der Lichtstrahlen, beruhen und daher Spiege ltelcskope oder Reflectoren heißen. Ein Fernrohr der erster» Art besteht aus einer Röhre, die entweder einfach oder aus mehren ineinandergcschobencn Röhren zusammengesetzt sein kann, und in gehörigen Entfernungen voneinander zwei oder mehre parallel stehende, nach bestimmten Vorschriften geschliffene Linsengläser enthält. Das größte derselben, welches beim Durchsetzen nach dem Gegenstände zugekchrt ist und die von demselben ausgehenden Lichtstrahlen unmittelbar empfängt, heißt das Objectivglas, daS kleinste aber, in welches man beim Gebrauche sieht, das Augen- oder Ocularglas- Die Geschichte der ersten Erfindung der Fernröhre ist noch immer nicht völlig aufgeklärt; gewiß ist, daß sie 252 Keroma in Holland um das Ende des 16. oder zu Anfang des >7. Jahrh. gemacht worden ist ; als Urheber derselben wurde bisher bald Jak. Metius, der Sohn des berühmten Mathematikers Adrian Metius, bald Zachar. Jansen, bald Hans Lippershcy oder Lippersheim aus Wesel, Brillenmacher in Middelburg, genannt, daß aber nur dem letzter« eigentlich die Ehre der Erfindung gebührt, haben die neuesten Forschungen van Swinden's u. A. zur Gewißheit erhoben. Um 1668 kamen Fernröhre aus Holland ins Ausland. Galilei erhielt im 1.166g zu Venedig Nachricht von der Erfindung, versuchte hierauf selbst und zwar mit gutem Erfolge die Construction eines Fernrohrs und wurde so gleichsam der zweite Erfinder dieses nützlichen und unschätzbaren Instruments. Die ersten verfertigten Fernrohre, holländische oder Galilei'sche genannt, hatten ein doppelt-convexes Objectiv- und ein concaves Ocular- glas und zeigten die Gegenstände aufrecht oder in ihrer natürlichen Stellung. Kepler, der die erste theoretische Erklärung des Fernrohrs gab, erfand das astronomische Fernrohr, aus zwei convexen Gläsern bestehend, welches die Gegenstände zwar verkehrt daxstellt und darum für andere als astronomische Zwecke nicht gut anzuwenden ist, aber dennoch vor dem holländ. Fernrohr große Vorzüge besitzt, namentlich den, daß es ein größeres Gesichtsfeld hat oder mehr auf einmal zu übersehen gestattet. Für Betrachtung irdischer Gegenstände bedient man sich des vom Kapuziner Anton Mar. de Rheira erfundenen Erdfernrohrs, welches statt eines einzigen Ocularglases drei oder mehr, gewöhnlich vier, in einer Röhre, der sogenannten Ocularröhre, befindliche Oculargläser hat und die Gegenstände aufrecht zeigt. Bald fand man, daß der größern Vollkommenheit der Fernröhre diejenigen Übelstände und Fehler im Wege standen, welche aus der Farbenzerstreuung der Lichtstrahlen und der Kugelgestalt der Oberfläche der Linsengläser hervorgehen. Sollten sic möglichst unschädlich gemacht und eine sehr starke Vergrößerung mit hinreichender Helligkeit und Deutlichkeit verbunden werden, so mußten die Fernröhrc eine bedeutende Länge erhalten, was sie für den Gebrauch in hohem Grade unbequem machte. Divini in Rom, Campani in Bologna, Huyghens, der um die Theorie des Fernrohrs große Verdienste hat, Auzout u. A. verfertigten Gläser, die > 66 und noch mehr Fuß Brennweite hatten und zu ihrer Fassung Röhren von gleicher Länge erheischt hätten. Die Schwierigkeit der Construction solcher Röhren gab Veranlassung, Ferngläser ohne Röhren oder sogenannte Luftfcrngläscr zu verfertigen, welche zuerst von Huyghens angegeben wurden. Newton, der es nicht für möglich hielt, die dioptrischen Fernrohre durch Beseitigung der Farbenzerstreuung, als des größten bei denselben vorkommenden Übelstandes,,.wesentlich zu vervollkommnen, empfahl statt derselben die Spiegelteleskope, welche diesem Übelstande nicht unterliegen. Euler aber behauptete 1747, daß eine aus mehren Gläsern zusammengesetzte Linse die Farbenzerstreuung aufhcbcn könne, und da bald kiachher von Klingensticrna in Newton's Schlüssen Unrichtigkeiten nachgewiescn wurden, so fand sich der Optiker John Dollond (s. d.) bewogen, nach Eulcr's Andeutung Versuche anzustellen, die auch wirklich im I. I7Z8 zur Erfindung der achromatischen, d. i. farblosen, Linsen führten. (S. Achromatisch.) Damit war in der Verfertigung der Fernröhrc ein sehr wichtiger Fortschritt gethan, da die mit achromatischen Objectivgläsern versehenen Fernröhre weit mehr leisteten als die früher«, nicht achromatischen von weit größerer Länge. Seitdem sind die achromatischen Fernröhre von Peter Dollond, dem Sohne des Erfinders, von Ramsden und insbesondere von Fraunhofer vervollkommnet worden. Einen abermaligen wesentlichen Fortschritt in der Verfertigung der Fernröhre hat neuerdings der Optiker Plößl in Wien gemacht, indem er den Vorschlag Littrow's zu dialytischen Fernröhren ausführte. Dieselben unterscheiden sich von den gewöhnlichen achromatischen dadurch, daß die das Ob- jectivglas bildenden Linsen verschiedener Glasarten nicht dicht hintereinander wie bei jenen, sondern in gewisser angemessener Entfernung voneinander angebracht sind, sodaß die Flintglaslinse erheblich kleiner sein kann als die Crownglaslinse. Ferorna, eine alt-ital. Göttin, ist namentlich als Freiheitsgöttin bekannt, weil in ihrem Tempel bei Anrur (jetzt Terracina) Sklaven nach abgeschorencm Haupthaar die Frei- heit erhielten. Außerdem hatte sie einen Tempel in einem Haine am Berge Soracte in Etru- rien, wo ihr zu Ehren ein Volksfest mit einem bedeutenden Markte verbunden gefeiert wurde, wobei man vorzüglich Erstlinge der Früchte darbrachte, Reinigungsopfer und Feuer- Ferrand Ferrara 253 proben anstellte. Deswegen und weil zugleich mit ihr SoranuS (s. d.) verehrt wurde, hat man sie auch als unterirdische Gottheit angesehen und mit der Proserpina identificirt. Ferrand (Antoine Franc. Claude, Graf), Slaatsminister und Pair von Frankreich, Verfasser mehrcr geschichtlichen Werke, geb. am 4. Juli l 751 zu Paris, zeichnete sich vor der Revolution als Parlamentsrath zu Paris durch Beredtsamkeit und seine Opposition gegen Maupeou aus. Er widersehte sich den Anleihen, die das Ministerium Ludwig's XV>. verlangte und foderte den in der Sitzung persönlich anwesenden König in einer ebenso schönen als frcimülhigen Rede auf, von seinem Vorhaben abzustehen und durch die Einigkeit des Throns mit dem Parlamente den öffentlichen Credit zu befestigen. Nach dem Ausbruche der Revolution wanderte er im Sept. 1789 aus und lebte von 179-1 an in Regensburg. Im I. >899 kehrte er zwar nach Frankreich zurück, doch nahm er kein Amt an, sondern widmete seine Zeit dem Studium der Geschichte. Sein Werk „I^'esprit 7. Jan. > 825. Von seinen Schriften sind noch zu bemerken „LI«ge bistoriczue 9« mackm»« Lliiabetb", entworfen in Negensburg 1795 (Par. 1814), „Hieorie <1es rsvuliitittiis" (4 Bde., Par. 1817), „Histoire tles trois tlemeinbrations 9s ia ?N>0ANS" (3 Bde., Par. 1829), eine Fortsetzung von Rulhi'eres' „Histoirs 9e l'mmrrliis 9e kotogns" und unter Benutzung der von diesem hinterlasscnen Materialien geschrieben, und das „Lestameot ;>o- litigue", welches erst nach seinem Tode (Par. 1839) erschien. Auch hat er einige Tragödien geschrieben, die aber keinen Werth haben. Ferrara, eine Delegation des Kirchenstaats von 56 OM-, mit 299999 E., war früher ein selbständiges Hcrzogthum, welches das Haus Este (s. d.) vom Papst zu Lehen trug. Als der kinderlose Herzog Alfons II. seinen Vetter Cäsar zum Nachfolger ernannte, zog Papst Clemens VIU. nach Jenes Tode 1598 F. als eröffnetes Lehen ein und schlug es zum Kirchenstaate, mit dem es vereinigt geblieben ist, obschon die Herzoge von Este und Modena mehrmals ihre Ansprüche geltend zu machen suchten. — Ferrara, die befestigte Hauptstadt der Delegation, in einer niedrigen und ungesunden Gegend, an einem Arme des Po, mit breiten und regelmäßigen Straßen, mehr als hundert Kirchen und vielen großen und schönen Palästen, als die Residenz der Herzoge von Este eine der blühendsten Städte mit 89999 E., ist jetzt zum Thcil verfallen und öde und zählt kaum 23999 E-, darunter über 2999 Juden. Unter den öffentlichen Plätzen ist der zur Erinnerung an Ariosto benannte Piazza Ariostea der vorzüglichste. Das ehemalige herzogliche Schloß dient jetzt als Wohnung des päpstlichen Legaten und an den frühem Glanz desselben erinnern nur noch die schönen Fresken von Tizian, Dossi, Carpi u. A. Der Dom, mit einer merkwürdigen altgothischen Vorderseite, aber inwendig in neuerm Stile ausgebaut, ist zwar ein großes Gebäude, hat aber wenig Ansprechendes. Unter den übrigen Kirchen, von denen sich Santa- Maria degl' Angeli und San-Benedetto, mit dem Grabdenkmale Ariosto's, als Baudenkmale auszeichnen, enthalten die meisten herrliche Gemälde von zum Theil vortrefflichen Meistern, namentlich sehr viele von Garofalo (s. d.), der sich hier aufhielt. Gleich einem Hei- ligthume ist das Haus des Ariosto geachtet, eine andere Merkwürdigkeit ist das Euarini's. Eine Inschrift bezeichnet den feuchten, finstern Kerker im S.-Annenhospital, wo Herzog At- 254 Ferrari (Gaudenzio) Ferraris s er, >! fons ll. von Este den Torq, Tasso sieben Jahre, angeblich als Wahnsinnigen, schmachten ließ. Die von Kaiser Friedrich II. gestiftete, 1402 erweiterte Universität, eigentlich blvs noch ein Lyceum mit kaum hundert Studirenden, ist im Besitz einer ausgezeichneten Bibliothek, die außer vielen Handschriften, Miniaturen und alten Drucke auch mehre Autographa der Werke Tasso's und Guarini's aufzuweisen hat. Eine schöne Gemäldesammlung findet sich im Palaste Cantucini. Die Festungswerke in F. sind nicht unbedeutend und namentlich mit einer starken Citadelle versehen. Das Bcsatzungsrecht hat seit dem wiener Congrcß Ostreich. Ferrari (Gaudenzio), einer der ausgezeichnetsten Maler der Mailand. Schule zu Anfänge des l 6. Jahrh., geb. unweit Mailand, hatte wahrscheinlich seine Lehrjahre in der altern Mailand. Schule vor Lionardo's Einwirkung auf dieselbe (seit 1482) zugebracht und sich dann in den Schulen des Pietro Perugino und Rafael vervollkommnet. An Macht der Composition und des Ausdrucks, an Adel der Darstellung reicht er hier und da an die größten Meister seiner Zeit, doch fehlt ihm oft das Maß in Gruppirung und Färbung, und zum Theil durch seine ungemeine Leichtigkeit und Productivität verführt, verfällt er nicht selten in eine flache, allgemeine Manier. Die meisten seiner Werke finden sich in der Lombardei; so enthält die Brera in Mailand neben vielen andern Fresken F.'s auch dessen Marter der heil. Katharina, welche den Meister vielleicht auf seinem Höhepunkt zeigt. Eine ganze Reihe Fresken von ihm enthält die Kirche von Varallo, westlich vom Lago Maggiore. Wenig bedeutend sind seine Schüler Bernardino Lanini und Giov. Paolo Lomazzo. Ferrari (Bartolomeo), ital. Bildhauer, geb. zu Venedig 1780, stammte aus einer der reichsten und angesehensten adeligen Familien Ferraras, die sich in Folge vielfacher Vermögensverluste um die Mitte des 18 . Jahrh. nach Venedig übersiedelte. Zum Lehrer hatte er seinen Oheim, Giov. Ferrari-Torretti, der auch einige Zeit Canova's Studier leitete und von dem das Denkmal der letzten Siegers der Republik, der Angelo Emo, in der Kirche von Biazio herrührt. Mit der Konsequenz des Talents kehrte E. nach manchem Glückswcchsel, der ihn zu untergeordneten Arbeiten nöthigte, immer wieder zu der Ausübung seiner eigentlichen Kunst zurück. Er lieferte zahlreiche Statuen und Grabdenkmale in Marmor sowie werthvolle Arbeiten in Hol;; auch im Erzguß lieferte er Vorzügliches, namentlich vollbrachte er die höchst schwierige Restauration des bronzenen Flügellöwen, der zerbrochen von Paris zurückgebracht wurde, gegenwärtig aber wieder die Säule an der Pia- zetta Venedigs ziert. Er starb am 8. Febr. 1844. — Sein Sohn, Luigi F., geb. zu Venedig 1810, machte seine Studien unter des Vaters Leitung und Aufsicht und zeigte früh ein entschiedenes Kunsttalent. Sein ausgezeichnetstes Werk ist die Marmorstakue einer Nymphe, die, eine Lotosblume pflückend, an einem Felsen sitzt, im Besitz des Grafen Ser- belloni in Mailand; nächstdem verdienen besondere Erwähnung die Marmorstakue Da- vid's, die diesen in dem Moment darstellt, wo er als Sieger über Goliath ein Dankgcbct zum Himmel sendet, und die in Gyps modellirte, gegenwärtig in der Ausführung begriffe»! Marmorgruppe des Laokoon für die Stadt Venedig. Wie die namhaft gemachten, so nagen auch alle übrige Arbeiten des jungen Künstlers den Stempel der Weihe. Ferraris (Jos., Graf von), östr. Feldmarschall, geb. am 20.Apr. 1726 zu Luncville, stammte aus einer picmontcs. Familie, die sich seit dem 17. Jahrh. in Lothringen angesiedelt hatte. Als Edelknabe an dem Hofe der Witwe Kaiser Joseph's I. ausgenommen, trat er nach Ausbruch des östr. Erbfolgekriegs in Militairdienste und wurde Hauptmaün. Im Siebenjährigen Kriege zeichnete er sich namentlich in der Schlacht bei Hochkirche» aus und wurde 1761 Generalmajor. Nachdem er 1767 Generaldircctor der Artillerie geworden, veranstaltete er die Aufnahme und Zeichnung der unter seinem Namen bekannten Karte der Niederlande in 25 Blättern, im Maßstabe der Cassini'schen Karte von Frankreich, mit der sie jede Vergleichung aushält. Die 1706 in Paris davon gemachte Copie in 60 kleinen Blättern wird weniger geschätzt, während die durch van der Maelen veranstaltete lithographirte Ausgabe in 42 Blättern dem Originale nicht nachsteht. Im 1.1773 wurde F. Gencrallieutenant, und 1778 beim Ausbruch des bair. Kriegs übergab ihm Maria Theresia die Leitung des jungen Erzherzogs Maximilian Franz, nachherigen Kurfürsten von Köln. Obgleich im Alter schon weit vorgerückt, nahm F. doch auch noch am franz. Rcvolutionskriege Theil und zeichnete sich «amemlich bei Famars und vor ValencienneS aus. Nachdem er im Oct. 1703 seine Ent- Ferreira Ferrer 255 lassung aus dem Militärdienste genommen, wurde« 1798 Vicepräsident des Hofkriegsraths, 1801 Geheimrath und Feldmarschall und starb zu Wien am >. Apr. 1897. Ferreira (Antonio), einer der vorzüglichsten portug. Dichter, geb. zu Lissabon 1528, erhielt seine Bildung zu Coimbra, wo er sich vorzüglich mit dem Studium der Dichter des elastischen Alterthums beschäftigte, und wurde dann in einem angesehenen Staatsamtc am Hofe zu Lissabon angestellt. Er war nebst Sa de Miranda der hauptsächlichste Begründer des sogenannten classischen Geschmacks oder der Nachahmung der lat. Dichter in der portug. Poesie, wodurch sie eine antinationale Richtung erhielt; er vervollkommnete die schon von Sa de Miranda mit Erfolg bearbeiteten Gattungen der Elegie, der Epistel und des Sonetts und verpflanzte das Epithalamium, Epigramm, die Ode und Tragödie in die portug. Lite- ratur. Seine „Ines de Castro", nach Trissino's „8oz,I»,n>s1>e" die zweite regelmäßige Tragödie seit Wiederherstellung der Wissenschaften in Europa, wird noch jetzt wegen des erhabenen Pathos und der Vollkommenheit des Stils von den Portugiesen als eins der schönsten Denkmäler ihrer Literatur betrachtet. Außerdem schrieb F. noch zwei Lustspiele „Comedia do Lristo" und „Comedia do Cioso", Jugendarbeiten nach den von Sä de Miranda gegebenen Mustern, aber nicht ohne Verdienst und noch immer geschätzt; namentlich gilt das »weite („Der Eifersüchtige") für das älteste neucurop. Charakterlustspiel. Übrigens sind die Werke F.'s nicht zahlreich, da sein Amt ihm wenig Muße gewährte, und er schon 1569 starb. In allen seinen Werken sind Verstand und Tiefe die charakteristischen Kennzeichen. Seine Darstellung ist ernst, sein Ausdruck, mehr kräftig als sanft, sehr lebendig und voll jenes Feuers, das den Geist erhebt und das Herz erwärmt. Das Streben nach Kürze und Gedrängtheit führte ihn indeß zu weit, und sehr oft opferte er den Wohlklang dem Gedanken. Seine „?oemas Insitsnos" erschienen zuerst gesammelt zu Lissabon (1598, 4.) und die „l'odas SS obrss de k." in Lissabon 1771. Ferrer (Don Joaquin Maria de), span. Minister unter Espartero im I. 1849, geb. zu Pasages in Guipuzcoa am 8. Dec. 1777, siedelte sich, >8 Jahre alt, nach Südamerika über, wo er längere Zeit Handelsgeschäfte trieb. Nach dem Ausbruche der span. Jnsurrcction im I. 1898 ging er im Aufträge der Junta von Sevilla abermals nach Buenos-Ayres und von da nach Lima, um Capitalien, die der span. Negierung gehörten, nach dem Muttcrlande zu schaffen. Während seines siebenjährigen Aufenthalts in Peru war er thätig zur Verthei- digung des Landes gegen die Insurgenten von Buenos-Ayres. Im I. 1815 nach Madrid zurückgekehrt, vermählte er sich mit einer Tochter des ehemaligen Gouverneurs von Peru, Generals Alvarez. Er unterhandelte als Bevollmächtigter von Guipuzcoa und Biscaya mit der Regierung über die Fueros der baskischen Provinzen und kam dann als Mitglied in die Verwaltungsjunta der Bank von San-Carlos. Nach Herstellung der Constitution im I. 1829 wurde er >822 Deputirter. Er stimmte stets mit denEraltados und ging mit den Cortes, die er unter den schwierigsten Umständen einen Monat lang präsidirte, nach Sevilla und Cadiz. Nach der Übergabe der letztern Stadt an die Franzosen flüchtete er nach Gibraltar und von da nach England; dann ließ er sich mit Erlaubniß der franz. Regierung in Paris nieder, wo er sich literarisch beschäftigte und insbesondere sorgfältige Abdrücke mehrer span Klassiker veranstaltete. Obgleich ihm schon > 829 die Rückkehr ins Vaterland gestattet war, ließ er sich doch erst nach der Amnestie von 1832 in San-Sebastian nieder. Er gelangte wieder zum Besitz seiner sechs Jahre lang scquestrirten Güter und wurde 1834 zum Procurator bei den nach dem Estatuto real berufenen Cortes erwählt, wo er seine frühern politischen Freunde in der heftigsten Opposition gegen die Ministerien Martine; de la Rosa und Toreno unterstützte. Später stimmte er mit dem Ministerium Mendizabal, bis ihn die Ernennung zum Kammerherrn in einen geschmeidigen Hosmann umwandelte. Nachher leitete er hauptsächlich die Opposition gegen das Ministerium Jsturiz. Nach Auflösung der CorteS begab er sich zur Herstellung seiner Gesundheit nach Frankreich, wo er die Militairrcvolution von La-Granja und seine Ernennung zum Finanzminister erfuhr, die er jedoch ausschlug, weil sie ihm durch die gewöhnliche Post, nicht einmal durch einen Courier zugekommen sei, was seine Eitelkeit tief verletzte. Zum Abgeordneten bei den constituirendcn Cortes erwählt, unterstützte er Calatrava und war später der heftigste Gegner des ohne Beachtung seines Raths gebildeten moderantistischen Ministeriums Bardaji. Unter der neuen Constitution von 1837 wurde er 256 FerreraS Kerfen von der Provinz Guipuzcoa zum Mitgliede des Senats ernannt, in dem er als Gegner des gleichfalls moderantistischen Ministeriums Ofalia auftrat, bis er 1838, angeblich zur Her- stellung seiner Gesundheit, sich nach Frankreich begab. Als die Partei der Moderados an Einfluß verlor, kehrte er nach Spanien zurück, wo er bei der Septemberrevolution gegen Marie Christine im I. 1810 sehr thatig war und in Madrid mit an der Spitze der Bewegung stand. Im ersten esparteristischen Ministerium bekleidete er die Stelle eines Viceprä- stdcnten und Ministers des Auswärtigen, sowie eine Zeit lang provisorisch die des Finanzministers. Bei einer abermaligen Ministerkrisis im 1.18-12 verweigerte er den Eintritt in die neu zu bildende Verwaltung; bei den bald daraus beginnenden Kämpfen, die Esparte- ro's Sturz und weitere Zerwürfnisse zur Folge hatten, trat sein Name nicht mehr hervor. F. ist weder gewandter Redner noch Schriftsteller, wol aber ein Mann von Kenntniß, Einsicht und Geschäftserfahrung. Kerreras (Juan de), span. Geschichtschreiber, geb. zuLabaneza 1652 von adeligen, aber armen Altern, wurde von seinem Oheim erzogen und vollendete, zum geistlichen Stande bestimmt, seine Studien auf der Universität zu Solamanca. Als Priester erwarb er sich durch seine Bercdtsamkeit großen Ruf. Er wurde in der Kirche schnell zu hohen Ehrcnstellen befördert, selbst bei der Kongregation der Inquisition angestellt; die bischöfliche Würde aber, die man ihm antrug, schlug er aus. Philipp V. ernannte ihn zum königlichen Bibliothekar. Er starb 1735. Durch seine „Historia Uek8psl>s" (16 Bde., Madr. I7VV—27; neue Aust., 17 Bde., 1775—91,1.; deutsch mit Anmerkungen und Fortsetzung bis 1618 von Baumgarten, 13 Bde., Halle 1751—72, i.), die er bis 1598 herabführte, machte er sich um die Aufhellung der Geschichte Spaniens sehr verdient. Obschon Mariana's Darstellung weit höher steht, gibt dieselbe doch eine klare und unbefangene Erzählung der Ereignisse. Ferro, die westlichste unter den kanarischen, der Krone Spanien gehörigen Inseln, zählt auf 6 mM. gegen 5090 E. Sie ist sehr wasserarm und schlecht angebaut und ihr Hauptort der Flecken Valverde. Weil man vormals diese Insel für den äußersten Westpunkt der alten Welt hielt, so nahm man hier den ersten Meridian an, von welchem aus man gewöhnlich die Längengrade zählt. Abweichend davon haben die Engländer den ersten Meridian durch Greenwich gelegt, von wo die Holländer jetzt auch, sowie überhaupt alle Seekarten, ihre Länge rechnen. Fersen (Axel, Graf), schweb. Reichsmarschall, aus einer alten liefländ. Familie, die unter der Regierung Christine's, Karl's X. und Karl's Xl. Schweden viele wichtige Männer geliefert hat, geb. zu Stockholm um 1750, vollendete unter Leitung seines Vaters seine Studien und ging dann nach Frankreich, wo er Oberster des Regiments Lo^al 8uö826. Er zeichnete sich weniger durch einen eigenthümlich charakterisiere» Stil als vielmehr dadurch aus, daß er, nach den besten Mustern sich bildend, jene schöne Gleichförmigkeit, jenes Maß und ordnende Gesetz in seinen Arbeiten vorwalten ließ, die einer gesuchten, nur durch das Abweichcn vom allgemeinen Gesetze allein bemerkbaren Originalität stets weit voranstehe». Da er ein ausgezeichneter Violinspieler war, so componirte er hauptsächlich Quartetten, von denen man zu Paris eine sehr kostbare Gesammtausgabe veranstaltete. Doch hat er auch mehre gründlich gearbeitete Symphonien und einige Opern („Cantemira" und „Omar und Leila") geschrieben, in denen indeß mehr eine schöne Anordnung der Ideen und das Vermeiden alles Geschmackwidrigen vorherrschen, als daß die Erfindung selbst blühend herausträte. So viel Schönes dieselben enthalten, einen allgemeinen Anklang vermochten sie in Deutschland nicht zu gewinnen. Fescenmnen oder Fescennin i sche Verse, von der im Süden Etruriens gelegenen Stadt Fesccnnium so genannt, bilden einen Theil der alt-ital. Volkspoesie. Sie waren im saturnischen Metrum verfaßt und bestanden in Wechselgesängen, mit denen sich bei festlichen Gelegenheiten, wie bei Hochzeiten, die freude- und weintrunkene Jugend vergnügte und neckte. (S. auch Atellane n.) Sehr bald arteten sie jedoch in muthwilligen Spott und selbst in unzüchtige Witze aus, sodaß die licentiu ke-cennina bei den Römern sprüchwörtlich wurde und die weitere Ausbildung dieser Poesie eine gesetzliche Beschränkung erfuhr. Vgl. Zell, „Über die Volkslieder der alten Römer" in den „Ferienschriften" (Samml. 2, Freiburg 1829). Fesch (Jos.), Cardinal und Erzbischof von Lyon, der Stiefbruder der Mutter Napoleon's, war am 3. Jan. 1763 zu Ajaccio geboren. Er hatte sich dem geistlichen Stande gewidmet, verließ aber denselben beim Ausbruche der franz. Revolution und wurde bei der Alpenarmee unter General Montesquieu Kriegscommissar. Dieses Amt bekleidete er auch 1796 unter seinem Neffen in Italien. Nachdem Bonaparte 1801 das Concordat mitPapst Pius Vll. geschlossen, kehrte F. zum geistlichen Scande zurück und wurde 1802 zum Erzbischof von Lyon, im folgenden Jahre zum Cardinal erhoben. Zugleich nach Rom als franz. Gesandter geschickt, machte er sich durch kluges Betragen und seine entschieden ultramontane Gesinnung dem Papste sehr genehm. Er begleitete denselben 1804 zur Krönung Napoleon's nach Paris, wurde Großalmosenier des Kaiserreichs, Graf und Senator und 1806 vom Fürsten Primas des Rheinbunds, von Dalberg, zum Coadjutor und Nachfolger gewählt. Im I. 1809 wollte ihm Napoleon das Erzbisthum von Paris verleihen; allein F. ging nicht darauf ein, weil er schon längst mit dem Kaiser wegen dessen Politik gegen den päpstlichen Stuhl zerfallen war. Im I. 1810 präsidirte er dem zu Paris zu einem Nationalconcil versammelten Klerus; die Ansichten, die er dabei mit großer Kühnheit festhielt, brachten ihn vollends in Ungnade beim Kaiser. Er verlor seine Reichswürde; auch wurde ihm durch die Ernennung des Prinzen Eugen zum Großherzog von Frankfurt die Aussicht auf das Primat genommen. Seitdem lebte F. in einer Art Verbannung sehr glänzend an seinem Bischofssitze zu Lyon. Bei Annäherung der Östreicher im 1.1814 floh er von hier mit seiner Schwester Latitia, der Mutter des Kaisers, nach Rom, wo er vom Papste mit offenen Armen empfangen wurde. Die Rückkehr Napoleon's brachte ihn zwar nach Frankreich zurück; er wurde während der Hundert Tage Pair; allein nach der Schlacht von Waterloo mußte er wieder nach Italien wandern. Der royalistische Klerus verfolgte ihn nun durch Schmähschriften, die er keineswegs verdiente. Die Auffoderung von Seiten der BonrbonS, seine bischöflichen Rechte niederzulegen, verweigerte er hartnäckig; erst 1825, nachdem ihm ein päpstliches Breve die Ausübung der geistlichen Gerichtsbarkeit untersagt, verzichtete er auf das Amt, nicht aber auf die Würde selbst. Im I. 1837 wurde zwar ein Versuch zu seiner Wiedereinsetzung gemacht, dieselbe aber von der franz. Regierung verweigert. Mit seiner Schwester lebte er bis zu deren Tode in enger Freundschaft. Er starb am 13. Mai 1839. Seine weltberühmte, an Nummern sehr zahlreiche Gemäldesammlung, in der sich freilich auch viel Schlechtes fand, wurde nach seinem Tode nach und nach in Rom versteigert. Feßler (Ignaz Aurelius), bekannt durch seine mannichfaltigen Schicksale und Schrif- Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. ^ 258 Festigkeit , ten und vorzüglich durch sein Wirken als Geistlicher und Freimaurer, wurde im Juli 1756 zu Czurendorf in Niederungarn geboren, wo sein Vater als verabschiedeter Wachtmeister den herrschaftlichen Gasthof^n Pacht hatte. Von seiner Mutter, einer strengen Katholikin, gebildet und für das Kloster bestimmt, trat er l 7 7 3 in den Orden der Kapuziner und wurde l78l in das Kloster zu Wien versetzt. Kaiser Joseph, dem er Vieles von dem damaligen Unfug in den Klöstern entdeckt hatte, weshalb ihn die Mönche aufs grimmigste anfeindetcn, ernannte ihn 1783 zum Lector und bald nachher zum Professor der oriental. Sprachen und der Hermeneutik' des Alten Testaments auf der Universität zu Lemberg. Nachdem er gleich- zeitig in den Freimaurerorden getreten, wurde er auf sei» Verlangen gesetzlich aus dem Ka- ^ puzincrorden entlassen. Als er 1787 sein Trauerspiel „Sidney" auf das Theater von Lemberg gebracht hatte, klagten seine Feinde das Stück als gottlos und aufrührerisch an und nöthigten ihn, sein Amt niederzulegen und sich nach Schlesien zu flüchten. Hier fand er bei dem Buchhändler W. G. Korn zu Breslau freundliche Aufnahme und wurde dann bei dem Erbprinzen von Carolath angestcllt, der ihm später den Unterricht seiner Söhne übertrug. Im 1.1791 trat er zur protestantischen Kirche über. Seit 1796 lebte er in Berlin, wo er die sogenannte Mittwochs- und Humanitätsgesellschaft stiftete und von den Mitgliedern der dastgen Loge Royal-Aork beauftragt wurde, mit Fichte die Statuten und das Ritual dieser Loge zu reformiren, was in der Freimaurerwelt viel Aufsehen erregte. Bald darauf erhielt er eine Anstellung als Consulent für die katholischen, neu erworbenen poln. Provinzen. Aus dem Freimaurerorden trat er 1892. Nachdem er in Folge der Schlacht bei Jena sein Amt verloren, ließ er sich in Niederschönhausen bei Berlin, dann in Bukow nieder, wo er in sehr dürftigen Umständen lebte, bis er 1899 mit dem Charakter eines HofrathS als Professor der oriental. Sprachen und der Philosophie an die Alexander-Newsky-Akadcmie nach Petersburg berufen wurde. Doch auch dieses Amt verlor er sehr bald, weil seine philosophischen Vorträge des Atheismus beschuldigt wurden. Nachher wurde er Mitglied der Gesetzgebungscommisston und zugleich ihm die Erlaubniß ertheilt, nach Wolsk im saratowschen Gouvernement zu gehen, um dort die philanthropischen Ideen des Collegienraths Slobin realisiren zu helfen. Zwar verlor er 1816 seinen Gehalt als Mitglied der Gesetzgebungscommission, erhielt ihn aber 1817 mit allen Rückständen wieder und wendete sich nun nach Sarepta, dem Hauptsitze der Herrnhuter in jenen Gegenden, wo er bemüht gewesen sein soll, die Tendenzen des JesuitiS- mus und der röm. Hierarchie durch das Medium des HerrnhutianismuS in die protestantische Kirche überzupflanzen. Wenigstens beschuldigt ihn dessen der von ihm vielfach verfolgte, nachmals abgesetzte Pastor Limmer zu Saratow in seiner Schrift „Meine Verfolgung in Rußland", welche F. und den Staatsrath PesaroviuS zu Gegenschriften veranlaßte. Bei der Errichtung der Provinzialconsistorien gelang es F., durch die in Petersburg seinem Mysti- cismus zugethanen Gönner 1829 Superintendent und Consistorialpräsident der evangelischen Gemeinden in Saratow zu werden. Bei der Aufhebung des Consistoriums zu Saratow gegen Ende des 1.1833 wurde auch F. seiner bisherigen Stellung entbunden; dann > aber Generalsuperintendent und Kirchcnrath der lutherischen Gemeinde zu Petersburg, wo ! er am 15. Dec. 1839 starb. Sein bedeutendstes Werk ist die „Geschichte der Ungern und deren Landsassen" <19 Bde., Lpz. 1812—25). Seine historischen Romane „Marc Aurel" (3Bde.,Bresl.I799—92; 3. Ausl., -1 Bde., 1799), „Aristides und Themistokles" (2 Bde., Berl. 1792; 3. Aufl., 1818), „Matthias Corvinus" (2 Bde., Bresl. 1793; 2. Aufl., 1896) und „Attila" (Brest. 179-t) machten eine Zeit lang Aufsehen, sind aber jetzt verges- ^ sen. Sehr interessant ist seine Selbstbiographie „F.'s Rückblick auf seine 7 9jährige Pilger- ^ schaft u. s. w." (Bresl. 1826). Festigkeit eines Körpers heißt der Widerstand, welchen derselbe einer Trennung seines Zusammenhangs entgegensetzt; dieser Widerstand ist aber meist ein verschiedener, je nach der Richtung der trennenden Kraft; wirkt dieselbe der Hauptdimension des Körpers entlang > und ziehend, so wird die absolute oder Längenfestigkeit gegen das Zerreißen in Anspruch genommen. Dem Zerdrücken in der entgegengesetzten Richtung widersteht die^rückwirkende Festigkeit, und endlich einem Zerbrechen durch eine quer wirkende Kraft stellt sich die relative oder Qucrfestigkeit entgegen. Erstere ist bei-Hängebrücken und andern Hängewerken aller Art, Tragseilen u. s. w. von Wichtigkeit, die zweite bei Unterstützungssäulen, die dritte bet Festland Fest- und Feiertage 259 Querbalken an Gebäuden, Brücken u. s. w. Am leichtesten läßt sich durch Zerreißungsver- suchc die erste bestimmen; man hat daher auch über sie die meisten Angaben. Bei gleichförmigen Materialien, besonders Eisen, nicht aber bei Holz, wegen der Faserung, läßt sich annähernd »ach gewissen Formeln die relative Festigkeit aus der absoluten berechnen. Da jedoch .die Materialien nie völlig gleichförmig sind, so wird man bei jedem wichtigen Bauwerke wohl thun, die Festigkeit des vorliegenden Materials durch besondere Versuchsreihen zu ermitteln und dann die Stärke der Theile wenigstens doppelt so groß zu machen, als die Rechnung verlangt. Festland, s- Continent. Fest- und Feiertage nennt man in der christlichen Kirche die dem gemeinsamen Got- tcsdienste gewidmeten Tage, an welchen gewöhnlich die Alltagsarbeiten ruhen. Man thcilt sie ein in Wochen- und Jahrs- oder eigentliche Feste, in ordentliche und außerordentliche, in unbewegliche und bewegliche, in hohe und kleine, ganze und halbe, allgemeine und besondere. Das wöchentlich wiederkchrende Fest ist der Sonntag; ordentliche bewegliche Feste sind z. B. Ostern und Pfingsten, unbewegliche Weihnachten, der Michaelis-, Dreikönigs-, Lichtmeß-, Johannistag, die Marientage u. s. w. Außerordentliche Fest- oder Feiertage sind die Kirchweihfeste und die bei besondern Veranlassungen von den weltlichen Regierungen ungeordneten Feste, z. B. die Siegesfeste. In den ersten Jahrhunderten war die Zahl der kirchlichen Feste in Folge der drückenden Verhältnisse, mit denen das Christenthum zu kämpfen hatte, noch sehr gering. Außer dem Sonntage, der an die Stelle des jüd. SabbathS trat, feierte man nur Ostcr» (s. d.), P fi ng st e n (s d.) und den stillen Freitag (s. Charwoche), wozu aber bald das Fest der Epiphanien (s. Epiphanias, die Gedächtnißtage einiger Märtyrer, und seit der Mitte des ä.Jahrh. das Weihnachtsfest kam. Obgleich in der Feier dieser Feste der jüdische, zum Theil auch heidnische Ursprung unverkennbar ist, so wurde doch später durch besondere Kirchengesetze verordnet, daß diese Feste nicht in Gemeinschaft mit Juden und Heiden gefeiert werden sollten. Die Grundidee aller christlichen Feste war, die Erinnerung an die Person und Verdienste deS Heilandes lebendig zu erhalten, zum Dank gegen die Vorsehung aufzufodern und zur Ausübung christlicher Tugenden zu ermuntern. Durch Fasten bereitete man sich auf die würdige Feier derselben vor und betrachtete die Feste selbst als Freu- dentagc, an denen sich der Christ, durch die gewöhnlichen Geschäfte nicht gestört, nur mit frommen Betrachtungen beschäftigen sollte. Diese Festfreuden aber sollten so wenig in heidnische Sinnenlust ausarten, daß die christliche Kirche von dem Augenblicke an, wo sie im Staate zu herrschen anfing, die Staatsgewalt um das Verbot aller der Lustbarkeiten, wodurch die Heiligkeit der Sonn- und Festtage beeinträchtigt werden könnte, anrief. Obgleich die heiligen Tage, allgemein freilich erst seit Justinian, Ferien, d. i. solche Tage waren, an welchen alle öffentliche und gerichtliche Arbeiten unterblieben, so waren doch alle sogenannte Noch- und Liebeswerke erlaubt und sogar geboten. Jedem Gliede der Kirche aber wurde an diesen Tagen die Theilnahme am Gottesdienste zur besondern Pflicht gemacht; die Kirchen und selbst die Wohnungen der Christen wurden auf eine ungewöhnliche Art ausgeschmückt, auch die Christen zu einer anständigen und feierlichen Kleidung ermahnt. Man hielt Liebe s m a h l e (s. d.), und als diese abgeschafft werden mußten, blieb wenigstens eine Speisung der Armen durch die Reichen. Nach und nach bildete sich ein vollständiger Kirchenkalender aus, der das Jahr nach den Festen in drei Hauptcyklen eintheilte. Diesem zufolge bildet den ersten Cyklus der WeihnachtscykluS oder die Zeit des Andenkens an die Geburt und das Lehramt Christi, welche mit dem ersten Advent (s. d.) beginnt und bis zum Epiphanienfeste dauert. Zu diesem Cyklus gehören das Weihnachtsfest am 25. Dec., an welchem Tage bei den Ägyptern das Geburtsfest des HarpokrateS (s. d.), bei den Persern das des Mi- thras und bei den Römern die Saturnalien gefeiert wurden; da« Fest der Beschneidung und des Namens Jesu, verbunden mit dem Neujahrsfeste; und das Epiphanienfcst, das zuvor im Oriente und in Ägypten als Geburtsfcst Jesu begangen worden war, am 8. Jan-, an welchem Tage bei den Ägyptern die Epiphania des Osiris (s. d.) gefeiert wurde. Den zweiten Cyklus bilden die Ostern oder die Tage zur Feier deS Todes und der Auferstehung Jesu. In denselben gehören daS Palmfest, welches die griech. Kirche schon früh, die röm. erst seit dem 7. Jahrh. feierte; der Grüne Donnerstag, das Fest de- heiligen Abend» 260 Feston I mahls und des Fußwaschens; der große Sabbath oder der Osterabend, zum Gedächtniß des Hinabsteigens Christi in die Unterwelt, unter allen jüd. Sabbathtagen der einzige, den die christliche Kirche beibehalten hat; und das Osterfest oder die Feier der Auferstehung Jesu Christi, das größte aller christlichen Feste, von welchem alle Sonntage des Jahrs nur Octa- ven sind. Der Ostercyklus theilt sich in zwei Wochen, in die Woche vor Ostern, die große oder schwarze Woche, und die nach Ostern, die weiße Woche genannt, welche mit dem weißen Sonntage (s. Sonntag) oder der Osteroctave schließt. Den dritten CykluS bilden die Pfingsten, oder die Feier des verherrlichten Christus und der Ausgießung des heiligen Gei- ^ stes. In diesen Cyklus fällt das gegen Ende des -t.Jahrh. cingeführte Himmelfahrtsfest; ihn endet die Octave des Pfingstfestes mit dem erst im 16. Jahrh. entstandenen und erst von Johann XXII. allgemein ungeordneten Trinitätsfeste, welches dann die kirchliche Zeitrechnung bis zum Advent begründet. So bilden diese drei Festcyklen ein Ganzes, in welchem sich die Geschichte Jesu von seinem Eintritte in die Welt bis zu seiner Verherrlichung darstellt. In diese Cyklen hinein, zumal in die von größer« Festen entblößten Zeiträume, legte man im Laufe der Jahrhunderte eine große Anzahl Marien-, Engel- und Aposteltagc, sowie Eedächtnißtage der Märtyrer, Heiligen u. s. w., sodaß bereits im 16. Jahrh. die Hälfte aller Tage im Jahre zu Festtagen geworden war. Bei der Reformation der Kirche im 16. Jahrh. wurden zwar alle dogmatisch bedenklichen Feste, z. B. die auf die Verehrung der Maria bezüglichen, abgeschafft, allein aus Gewohnheit behielt man noch immer sehr viele ziemlich bedeutungslose bei. Erst im 18. Jahrh. dachte man sowol in der katholischen wie in der protestantischen Kirche ernstlicher auf Beschränkung derselben, um hierdurch zugleich den oft damit verbundenen Unsittlichkeiten Einhalt zu khun. Einer Verordnung Papst Benedict's XI V. vom 1 .1748 zufolge sollten außer den hohen Festen nur das Fest der Beschneidung und der ,, Himmelfahrt Christi, das Fronleichnamsfest, die Feste der Geburt, Verkündigung, Empfäng- .1! niß, Reinigung und Himmelfahrt Mariä, die Feste des Paulus und Petrus, Allerheiligen s! und der besonder« Schutzheiligen eines Landes und Ortes gefeiert, die übrigen Feste aber auf -Ed die nächsten Sonntage verlegt werden. Demnach wurden auch in Ostreich 17 49 und 17 53 und später unter dem Kaiser Joseph, ferner in Preußen 1773, in Spanien 1789, auch in Portugal und in andern Ländern eine große Anzahl Feste abgeschafft. Frankreich schaffte während der Revolution alle Feste ab; erst nachdem der Nationalconvent 1793 auf Robes- pierre's Ankag das Dasein des höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele decretirt hatte, wurden ganz neue an den Decaditagcn von der Republik zu feiernde Festtage angeordnet, die jedoch sämmtlich nach den Stürmen der Revolution den christlichen wieder weichen mußten. Nachdem in den preuß. Staaten auch die kirchlichen Feste der protestantischen Kirche seit 1754 wiederholt beschränkt worden waren, folgten diesem Beispiele zum Theil schon im 18., noch mehr aber im 19. Jahrh., die meiste» andern deutschen Staaten, sodaß gegenwärtig mit wenigen Ausnahmen alle kleiner», früher besonders gefeierte Feste auf den zunächst fallenden Sonntag verlegt sind. In Sachsen macht davon nur das Fest der Verkündigung Mariä eine Ausnahme. Dagegen wurden in Preußen und anderwärts ein Todtenfest am letzten Sonntage des Kirchenjahrs, sowie Gedächtnißtage der Schlachten bei Leipzig und bei Waterloo an den zunächst fallenden Sonntagen, und in Folge des dreihundertjährigen Neformationsjubiläums im I. 1817 ein Gedächtnißtag der Segnungen der Reformation am 31. Oct. cingeführt. Vgl. Augusti, „Die Feste der alten Christen" (3 Bde., Lpz. 1817—2V) und Böhmer, „Die christlich kirchliche Alterthumswissenschast" (2 Bde., Bresl. 1836 —39). Feston nennt man ein lebendiges oder künstlerisch nachgebildetes Gewinde aus reichbelaubten Zweigen, Blumen und Früchten, zum Zweck einer heitern, fröhlichen Belebung architektonischer Massen. (S. Groteske.) Tempel und Altäre bei festlichen Gelegenheiten mit Blumengewinden zu zieren, war schon bei den Alten Sitte; die bildende Kunst fixirte den festlichen Zustand durch Nachbildung der Festons in Farbe und Stein, besonders als Verzierung ionischer und korinthischer Friese; auch auf antiken Vasen, Altären und Terra- -r- cotten sind Festonß nicht selten. In der neuern Kunst hat sich besonders Johann von Udine, der Eehülfe Rafacl's, durch großartige Behandlung der Fcstons ausgezeichnet. Die Deco- rateurs des vorigen Jahrhunderts pflegten je nach Umständen die Festons mit Muscheln, ma. ! Festspiel Festung 261 thematischen und musikalischen Instrumenten u. dgl. zu überladen und sie überhaupt als müßige Verzierung kahler Mauern anzuwenden. Vielleicht der kolossalste Festen der neuern Kunst ist der, welcher den Fries der Madcleine in Paris ausfüllt. Festspiel bezeichnet eine seht fast veraltete Gattung von Schauspielen, wie sic ehemals, besonders in der letzten Hälfte des 17. und durch das ganze 18. Jahrh., bei festlichen Gelegenheiten Brauch waren. Dergleichen Schauspiele wurden hauptsächlich bei vorkommenden Hoffcieclichkeiten aufgeführt und waren meist auf Bestellung und von eigens dazu ange- stellten Hofpocten gearbeitet. Sie verdrängten die noch aus der Nittcrzeit stammenden, früher bei solchen Festlichkeiten gebräuchlichen Turniere, Ringelrennen und Mummereien. Schon I5S1 auf dem zweiten Beilager des Herzogs Friedrich Wilhelm von Sachsen mit der Pfalzgräfin zu Weimar wurde eine Komödie von Nikolaus Roth, welche die Geschichte der Grafen von Gleichen behandelte, aufgeführt; ebenso 1627 zu Dresden bei Gelegenheit der Vermählung der Schwester des Kurfürsten, Sophie Eleonore, mit Georg, Landgrafen von Hcs- sen-Darmstadt, das von Opitz gedichtete, vom Kapellmeister Schütz componirte Singspiel „Daphne". Von selbst führten diese Aufführungen zu den eigentlichen Festspielen, d. h. eigens bestellten dramatischen Gedichten, in denen der Gegenstand des Festes selbst in meist allegorischer Form dargestellt wurde. Zu der allgemeinen Noch, welche der Dreißigjährige Krieg über Deutschland gebracht hatte, bilden die mit größter Pracht und üppiger Verschwendung, besonders an den kleinen Fürstenhöfen Deutschlands, die mit dem glänzenden Hofe Ludwig's XI V. wetteifern wollten, ausgestatteten Festspiele mit Schäfern und Schäferinnen, Tempeln, Opferaltärcn, Transparenten, bengalischem Feuer, Musen, Grazien und Genien, Tänzen, Fanfaren und Gesängen, einen recht unangenehmen Contrast. Sehr bald benutzten auch die herumziehenden Truppen die Hoffeste zu Festspielen, um ein zahlreiches Publicum herbeizuziehen. Allmälig verschwanden indeß diese Festspiele wieder oder wurden geschmackvoller, wie denn Schiller's Festspiel „Die Huldigung der Künste" sogar als ein selbständiges poetisches Werk gelten kann. Jetzt begnügt man sich meist mit einer Festrede oder einem eigens zu der betreffenden Feier componirten Festmarsch. Übrigens ist das Festspiel von dem Gelegenheitsstück, welches keine so enge Anwendung erleidet, weniger auf eine spe- cielle Tagesfcier oder eine Huldigung gewisser Personen beschränkt ist und nicht ausdrücklich befohlen oder bestellt zu sein braucht, als eine Untergattung zu unterscheiden. Festung wird im allgemeinsten Sinne ein jeder durch Hülfe der Kunst verstärkter Platz genannt, in welchem eine entsprechende und verhältnißmäßig geringe Truppenzahl (die Besatzung) sich gegen eine um Vieles größere feindliche (dieBclagerungstruppe) eine geraume Zeit lang vertheidigen kann. Da aber die besondern Zwecke, zu denen Festungen angelegt, die Mittel, die Örtlichkeit u. s. w. sehr verschieden sein können, so werden es auch die Festungen sein, und darnach erhalten sie denn auch ihre Benennung und Eintheilung. Nach der örtlichen Lage gibt cs gewöhnliche oder Festungen im stachen Lande, Bergfestungen, Seeplätze oder Küstenfcstungen u. s. w.; nach der politisch-geographischcn Lage hat man Grenzfestungen, Festungen im Innern, Ccntralfestungen, Hauptwaffenplätze, befestigte Sperrpunkte u. s. w.; nach der Größe und Wichtigkeit unterscheidet man Festungen ersten Rangs, Hauptwaffcn- und Depotplätze, welche einen bedeutenden Theil deS Kriegsmaterials, oder aufgehäufte Vorräthe, 'oder die Reichthümcr des Landes und des Staats u. s. w. enthalten oder aufnehmen können. Sie pflegen auf strategischen Punkten, wo möglich an großen Strömen und Flüssen, zu liegen und erhalten 10—20000 M. Besatzung. Festungen zweiten Rangs, als Zwischendepots, Niederlagen von Kriegsstoffen aller Art so- wol für offensive als defensive Operationen, liegen ebenfalls da, wo mehre große Straßen zusammcnkommen und erhalten Besatzungen von 4 — 8000 M. Festungen dritten Rangs sollen verschiedene Zwecke erfüllen, entweder den Feind an der Grenze aufhalten, oder der Volksbewaffnung zum Stützpunkt dienen, oder einzelne Zugänge, Pässe, Desileen, Flußübcrgänge sperren. Sie erhalten Besatzungen von 2 — 3000 M., können aber, schon ihrer geringen Größe wegen, nicht zu Depots für Kriegsmaterial dienen. KleineFestun- gen oder Forts haben gewöhnlich nur locale Zwecke und dienen als Spcrrpunkte im Gebirge, oder zur Beherrschung von Strommündungen, wie Pillau am Frischen Haff, oder Weichselmünde bei Danzig. Sie erhalten höchstens 800—1000 M. Besatzung und können, 262 Festungsbau Wenn ihre Lage die Vertheidigung nicht ganz besonders begünstigt, nur vorübergehenden Widerstand leisten. In Bezug auf Anlage und Bauart der Festungen haben die Systeme häufig gewechselt, doch lassen sie sich auf drei Hauptkakegorien zurückführen. Beim bastio- nirten System besteht jede Front aus zwei vorspringenden Bastionen (s. d.), welche mit einer Courtine mit vorliegendem Navelin verbunden und durch vo'rgelegte oder zwischenge- schobene kleine Außcnwerke verstärkt ist, wie z. B. Magdeburg, Lille und Metz. Beim te- naillirten System besteht die Umwallung aus einer durch ein- und ausgehende Winkel ge- hrochenen.Linie mit vorgeschobenen und dem Terrain angepaßten Werken, wie z. B. die Stadtbefestigung von Koblenz. Beim kasemattirtenj Caponnicrcn- oder Polygonalsystcm besteht die Umwallung aus einer flachen, der Form des Kreises sich nähernden Linie, welche durch herausgebaute Caponnieren (s. d.) die erfoderliche Scitcnbcstreichung erhält, wie z. B. bei Ingolstadt und Posen. Die neuere Befestigungsmanier sucht alle drei Systeme auf eine zweckmäßige Weise zu verbinden; sie betrachtet den Platz selbst als Kern und umgibt denselben mit einer Anzahl detachirter Forts, wie bei Koblenz, Köln, Rastadt u. s. w. (S. FcstungSbau.) Je weniger Festungen ein Staat bedarf, desto besser ist er daran. Daß nicht die Menge der Festungen ein Land vertheidigt, hat die Kriegsgeschichte, namentlich im I. I8l5, bewiesen. Bei einem Kriege, wo man angreifend verfährt, dienen die Festungen dazu, die unentbehrlichen Mund- und Kricgsvorräthe nicderzulegen und ihre Hcrbeischaffung zu erleichtern; die Flanken und den Rücken einer operirendcn Armee zu decken; im Fall eines Verlustes den erlittenen Schaden wenigstens theilweise zu ersehen; die geschwächte Armee, das verlorene Geschütz und die verbrauchte Munition zu ergänzen und eine nicht zu weit entfernte feindliche Festung ohne weitläufige Vorbereitungen zu belagern und sich ihrer zu bemächtigen, ehe der Feind Zeit hat, sic zu entsetzen. Beim Verthei- digungskricge dagegen geben sie dem Heere Schuh und Zeit, sich zu sammeln und in gehörigen Stand zu setzen. Sie halten den Feind vom zu raschen Vordringen ab, wenn er sich entschließt, Belagerungen zu unternehmen; wenigstens nöthigen sie ihn, durch Einschließung der zurückgelassenen Festungen seine Kräfte zu zersplittern und sich zu schwächen. Um sich in einem offenen Lande die Vortheile der Festungen zu verschaffen, hat man bei dem Vordringen in demselben ihre Stelle durch provisorische Festungen (plsces «lu moment) ersetzt, die besonders im Siebenjährigen Kriege, z. B. zu Göttingen, Braunschweig, Marburg und Fritzlar, sowie von Napoleon in Dresden und Hamburg, häufig gebraucht wurden. Man wählt gewöhnlich dazu eine Stadt mit festen Mauern, die wo möglich eine solche Lage hat, daß sie, von natürlichen Annähcrungshindcrnissen begünstigt, weniger Zeit und Arbeit zu ihrer Befestigung erfodert. Diese wird dann in der Art ausgeführt, daß man mit Benutzung der Zufälligkeiten des Terrains sie geschickt macht, einen mehrtägigen Angriff auszuhalten, damit die Armee Zeit gewinnt, zum Entsatz herbcizukommen. Festungsbau. Ein in den Erdboden getriebenes Pfahlwerk oder eine von losen Steinen aufgcführte Mauer waren die ersten Anfänge des Festungsbaus unter der Ackerbau treibenden Bevölkerung. Als Städte entstanden, umschloß man dieselben mit Mauern und führte auf ihnen in bestimmten Weiten Thürme auf, durch welche die Vertheidigung begünstigt und der stürmende Feind gehindert werden sollte, sich auf dem obern Umgänge auszu- breiten. Später fügte man außerhalb der Mauer noch einen Graben hinzu, um das Heran- bringen des Sturmbocks und der Wandelthürme zu hindern. Auf solche Weise waren die alten asiat., gricch. und röm. Städte, z. B. Babylon, Troja u. s. w., befestigt. Diese Bauart, mit Mauern und Thürmen von ungeheurer Stärke, erhielt sich bis ins 16 . Jahrh., wo Albr. D ü rer (s. d.) zuerst große Rundele von 300 F. im Durchmesser auf die Ecken der Stadt- mauern zu setzen vorschlug, welche Form der Italiener San-Micheli bei der Befestigung von Verona, im I. 1523, in die der noch jetzt üblichen spitzen Bollwerke oder Bastionen (s.d.) verwandelte. Bald wurden nun alle Festungen mit Bastionen versehen, deren Flanken eine Seitenbestreichung der Courtine gewährten, und denen man zum Schutz des Mauerwerks noch eine Anschüttung jcnseit des Grabens, das Glacis (s. d.), hinzufügte, aus dem nachher der Bedeckte Weg (s. d.) entstand. Weil die tiefen Gräben, wenn sie trocken waren, ohne Vertheidigung blieben, führte man eine niedrige Zwingermauer mit Schußspalten am Fuße des Hauptwalls herum, an deren Stelle später ein niedriger Erdwall (f.Fausse-Braie) Festungsbatt 263 trat, als man während des nicderländ. Unabhängigkeitskriegs nichtZeit genug hatte, steinerne Festungswerke aufzuführen. Während bis zu dieser Zeit die Italiener und Spanier mehr stumpfe als spitze Bollwerke erbauten, deren bisweilen gewölbte Flanken senkrecht auf der Courtine standen und deren Futtermaucrn das Feld weit überhöhten, blos mit einem kleinen Ravclin vor dem Thore in der Courtine, kommen bei den Niederländern seit 1570 fast niedrige Wälle mit spitzen Bollwerken und einem Wassergraben vor, verstärkt durch mehre Arten Außcnwerke, um den Widerstand der Festungen zu verlängern. Die ital. und span. Befcstigungswcise brachten Tartelca, de Carpi, Castriotto, Buske, Florian! und Donato Rosetti; die nicderländ. Freitag, Melden, Völker, Rusenstein, Scheither, Burgsdorff, Cochoorn, Klengel und Heer in ein System. Aus beiden ging die ältere ftanz. Befc- stigungsart hervor, die Gerhard von Hcrzogenbusch, de Ville, Mellet und der Graf von Pagne lehrten und auf welche Vauban (s. d.) seine Festungsbauc, z. B. in Landau, Neu- brcisach und Befort, gründete. Durch ihn bildete sich das sogenannte Uce moderne, ein bestimmter Umriß, dessen Flanken senkrecht auf den Streichlinien stehen und dessen weitvor- springendeS Ravelin sowol die stumpfe» Bollwerke als die Waffenplätze des Bedeckten Wegs gegen die Ensilade deckt. Auf Vauban's erstes System ging Cormontaigne zurück, dessen Memoiren wieder der sogenannten Schule von Mezicrcs zur Grundlage dienten. Auch in Deutschland, wenngleich mit einigen Modifikationen, baute man größtentheils in Vauban's Manier; doch benutzte man theilweise Cochoorn's Vorschläge, vervielfältigte die Flanken, versah sie zuweilen auch mit bombenfesten Geschützständen oder brachte eine Fausse-Braie an. Während man dem einen oder dem andern die Bastionen bedingenden Systeme beim wirklichen Festungsbaue folgte und von Kriegsbaumeistern mancherlei Vorschläge geschahen, um den sich noch zeigenden Mängeln abzuhclfen, hatte schon Groote l 618 die Bastionen für entbehrlich erklärt und seinen Umriß allein aus vocspringenden und eingehenden Winkeln zusammengesetzt, wo die erstern ihre unmittelbare Vertheidigung von den letzter» erhalten. Dillich machte dieses System zuerst bekannt, das von Suttinger und Werthmüller verbessert, ganz besonders aber von Landöberg ausgebildct wurde. Hauptsächlich den Zweck verfolgend, jeden Punkt, auf dem sich der Belagerer aufstellcn kann, mit einer überlegenen Kanonenzahl beschießen zu können, ist sein vorzüglichster Umriß ein Zwölfeck mit Fausse-Braie und einem Vorgraben, wo die eingehenden Winkel 00", die vorspringenden aber 60" hatten, hinter letzten» aber gemauerte Redouten, welche ein Rückenfeuer auf die Nebenwerke gewähren. Ihm folgten Voigt, Fürstenhoff, Herbart und besonders Montalcmbert, der von demselben Grundsätze ausging und in seiner gewölbten Tenaille 537 Kanonen gegen die ersten und 626 gegen die zweiten Batterien, größtentheils bedeckt, aufstellte. Auch Carnot scheint dpr Tenaillensorm den Vorzug zu geben, rechnet aber nur auf die Vertheidigung durch Wursi« fcucr, wozu er seine Mörser unter bombensichere Stände setzt, ihnen aber dadurch ihre vorzüglichste Eigenthümlichkeit raubt, nämlich die, sogleich hinter jedem deckenden Walltheil da aufgestellt werden zu können, wo sie die feindlichen Angriffsarbeiten am wirksamsten treffen. Montalembert's Entwürfe, die bei den Franzosen durchaus keine Anerkenntniß fanden, haben, in Verbindung mit der bastionirten Form, eine Befestigungsart erzeugt, welche, von den Franzosen die preuß. Befestigungsmanier genannt, mit letzterer den Hvhlbau verbindet und die Erdwälle der vorgelegten Werke mit thurmförmigcn, meist halbrunden, gewölbten ReduitS in ihrer Kehle versieht, um den Feind von der Hauptfestung entfernt zu halten. Im Ganzen hat man bcimFrstungsbau die alten Formen beibehalten, sich mit der herkömmlichen Gegenwehr begnügend, sodaß die von den Franzosen gegebenen Berechnungen der Dauer des Widerstandes anwendbar bleiben, wie auch noch in neuester Zeit die Belagerung der Citadelle von Antwerpen bewiesen hat. Um endlich, wenn der Widerstand der Wallmauern besiegt ist, wegen der Übergabe unterhandeln zu können, legt man, nach dem Vorschläge älterer Ingenieurs, zur Vertheidigung mit Geschütz eingerichtete, mit Holz und Erde ringedeckte Kasernen vor die Kehle des Bollwerks, was von Montalcmbert durch seine Defensivmauern bewirkt und von Hoyer und dem Holländer Merkes wiederholt enipfohlcn wurde. Allein keine in der neuern Zeit gebaute Festung gibt Gelegenheit zu dieser durch nichts zu ersetzenden Vertheidigung, die unfehlbar alle Vorschritte des Belagerers paralysiren würde, in dem Augenblicke, wo sie anfrngen entscheidend zu werden. 264 Festungsstrafe FrtialeS Soll nun eine Festung möglichst dauernden Widerstand gegen jede Art de« feindlichen Angriffs mit angemessener Ersparniß der Vertheidigungsmittel leisten, st> wird dazu erfodert, daß die Umwallung durch die Ortslage, durch die Höhe und Steile der Werke und durch die Sicherung der Eingänge gegen das Stürmen gesichert ist, wie z. B. Gibraltar, Mantua und der Königstein in Sachsen. Nur eine völlige Unzugänglichkeit gegen jede Art des Angriffs vermag eine unüberwindliche Festung darzustellen. Daß aber der Feind sich den Wall, den er nicht übersteigen kann, öffne, muß man durch Anordnung und Bauart der Werke unmöglich zu machen suchen. Hierzu ist nöthig eine dauernde Vertheidigung der hintereinander liegenden Werke mit gegenseitiger kräftiger Unterstützung von den Nebenwcrken. Auch muß der Raum, auf welchem der Feind während der Belagerung seine Streitkräfte zu entwickeln hat, beschränkt und seine Festsetzung durch möglichste Entziehung des Erdbodens zur Deckung erschwert sein. Offensive Bewegungen, d. h. Ausfälle sowol vor als nach der Festsetzung deS Feindes im Bedeckten Wege, muffen möglichst leicht ausgeführt werden können. Dies kann aber nur erreicht werden durch eine zweckmäßige Benutzung des Terrains, ohne alle Rücksicht auf die Regelmäßigkeit der Linien und Winkel. Es muß Gelegenheit gegeben sein zu wirksamem Gebrauch der Vertheidigungsmittel, sowol des Geschützes wie des kleinen Ge« Wehrs, gegen die ersten Batterien des Belagerers,,die Annäherungsarbeitcn, die Festsetzungen und zweite Batterie auf der Contrescarpe, den Übergang über den Graben und den Sturm auf den Wallbruch; auch muß eine Vertheidigung der einzelnen Quartiere der Stadt möglich sein. Die Stadt selbst sowie alle Vertheidigungsmittel müssen möglichst gegen die feind- liehen Geschosse gesichert sein. Auch dürfen endlich da, wo es das Tervain gestattet, Minen nicht fehlen zur unterirdischen Vertheidigung. Unter den vielen Schriftstellern über den Festungsbau sind als die vorzüglichsten zu nennen Blondel, Sturm, Herlin, Glaser, Beli- dor, Dufay, Jombert, Fellois, Filey, La Chiche, de Bodt, Naumann, Pirscher, Trinkano, Stälswerd, Flevigny, Reveroni, Böhm, Struensee, Bousmard, Hecquet, Virgin, Bleffon, Choumara, Zastrow, Fürst Ernst von Arenberg und Dufour. Festungsstrafe. In manchen Ländern wird der Unterschied beobachtet, daß man Leute von höherer Bildung, wenn sie wegen Vergehen, die nicht aus niedriger Gesinnung entspringen, z. B. wegen Duell, politischer Vergehen u. s. w., zu bestrafen sind, zur Einsperrung in Festungen verurtheilt. Der Festungsgefangene ist nicht wie der zum Zuchthaus Vcrurtheilte zu öffentlichen Arbeiten anzuhalten, sondern nur seiner Freiheit beraubt, und in der Regel sind ihm Bücher, Schreibmaterialien u. s. w. nicht zu versagen. Wohl zu unterscheiden von der Festungsstrafe ist die Fcstungsbaustrafe; denn die hierzu Verurtheil- ten, die eigentlichen Baugefangenen, werden zu öffentlichen Arbeiten, welche sie in Ketten verrichten müssen, verwendet. Der Festungsbaustrafe entspricht in Frankreich die Galeerenstrafe (travmix public» knrces). " Festus (Sextus Pompejus), ein röm. Grammatiker aus unbestimmter Zeit, den man gewöhnlich in das 3. Jahrh. n. Ehr. verseht, fertigte einen Auszug aus des Verrins Flaccus, der im I. 13 n. Ehr. starb, überaus schätzbarem Werke „Oe verdamm »i^nikcatione". Dieser in 20 Büchern nach den einzelnen Buchstaben alphabetisch geordnete Auszug, der in sprachlicher wie in antiquarischer Hinsicht gleich wichtig ist, wurde in der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. durch den bekannten Paul Winfried abermals verkürzt, und zwar mit Weglassung der seltenem Ausdrücke und ihrer Erklärungen; zum Glück aber hat sich die ursprüngliche Schrift des F. von der Mitte deS Alphabets an, freilich in einem kläglichen Zustande, erhallen, die später in die Bibliothek des Cardinals Farnese kam und gegenwärtig als „6o»Iex ke»ti k'smesisnu»" in Neapel aufbewahrt wird. Aus dieser Handschrift hat K. O. Müller in seiner Ausgabe (Gott. 1839) mit Benutzung anderer Hülfsmittel das Werk deS F. so genau und so vollständig als möglich herzustcllen gesucht, nach dessen Bearbeitung der Text der frühem Ausgaben (erste, Mail. 1371, Fol.), von Scaliger (Par. 1576 und 1583), von Dacier (Par. 1681 und 1699, 3.) und selbst von Lindemann im „dorpus grsmmat. Ist." (Bd. 2, Lpz. 1832) nur geringen Werth hat. Fetiäles, ein röm. prielierliches Collegium, dessen Einsetzung dem Numa, von Einigen dem Ancus Martins zugeschrieben ward. Dasselbe bestand aus zwanzig Mitgliedern, die den vornehmsten Geschlechtern angehörten, ihre Würde lebenslänglich behielten und sieb 265 FetiS Fett durch Kooptation ergänzten; der Vorsteher führte den Namen Pater patratus. Die Bestimmung der Fetiales, deren Institut sich auch bei andern altitalischcn Völkern fand, war eine völkerrechtliche, insofern ihnen die Untersuchung über die Nechtmäßigkeit eines zu führenden Kriegs und dessen feierliche Ankündigung, wenn der Gegner sich weigerte, sein Unrecht auf friedlichem Wege gut zu machen, zukam. Ebenso hatten sic bei Abschließung von Bündnissen diesen die religiöse Weihe zu crtheilen, über Erhaltung des Friedens und Bewahrung der Verträge zu wachen. Als Rom mächtiger wurde.verlor dieThätigkeit der Fetiales freilich ihre wahre Bedeutung und beschränkte sich auf die Ausführung althergebrachter Formalitäten. Zu diesem Zwecke erhielten sich die Fetiales unter den Kaisern noch bis über Trajan's Zeit hinaus. Fetis (Franc. Jos.), Kapellmeister des Königs der Belgier und Director des könig- lichen Conservatoriums der Musik zu Brüssel, geb. am 25. März >784 zu Mons, wo sein Vater Organist war, wurde von diesem mit so glücklichem Erfolg unterrichtet, daß er schon in seinem zehnten Jahre eine Organistenstelle seiner Vaterstadt verwalten konnte. Im I. l 8YY kam er in das pariser Cvnservatorium, wo namentlich Boyeldicu's Unterricht fruchtbringend für ihn wurde. Seine Studien nahmen frühzeitig eine mehr der Theorie seiner Kunst zugewendcte Richtung. Nach einer längcrn Reise, auf der er mit deutscher und ital. Musik sich vertraut zu machen Gelegenheit hatte, nach Paris zurückgckchrt, machte er dort tiefgehende Studien über die Geschichte der Musik, namentlich des Mittelalters, wozu ihm eine reiche Heirath Mittel bot. JmJ. 1811 war er jedoch in Folge des unverschuldeten Verlustes des Vermögens seiner Frau genöthigt, sich in die Provinz zurückzuziehen, worauf er 1813 Organist und Professor der Musikschule zu Douai wurde. Im I. 1818 kehrte er als Professor des Conservatoriums der Musik nach Paris zurück, wo er 1827 die erste kritische musikalische Zeitschrift in Frankreich, die „Revue musicale", gründete, die bald eine Art klassischer Autorität wurde. Außer mehren theoretischen und methodischen Werken, die er seitdem schrieb, machte namentlich seine vom Institut der Niederlande gekrönte Preisschrift „Über die Verdienste der Niederländer um die Musik" Aufsehen. Außerdem machte er sich sehr verdient durch seine „6ioArnz>l>ie universelle <>es iniisicivus et dililinj-rupllie genersls " heraus. Fetischismus ist die Verehrung eines Fetisch. Das Wort stammt von den Portu- giescn (tetisso), die Wort und Sache bei den Völkern Nigritiens fanden, welche leitieo von Zauberdingen brauchten, d. i. von Dingen, denen Zauberkraft inwohnt, die also übernatürliche Wirkungen hervorbringcn können. In die franz. Sprache ging das Wort über durch die Schrift vonBrosse „Du eilte Wochen oder zehn Mondesmonaten ein. Vermöge der eigenthümlichen Thätigkeit, welche eine fruchtbare Begattung im weiblichen Organismus Hervorrust, legt sich einer der beiden Eileiter (tudae kulopi,) mit seiner Mündung an den entsprechenden Eierstock an und empfängt von diesem den Keim des neu zu bildenden Geschöpfs, den er in den Fruchthalter (uterus) überführt, der zur Aufnahme des Ankömmlings schon vorbereitet ist. Vor der dritten Woche läßt sich vom zukünftigen Menschen noch nichts sehen als eine gallertartige Masse, die sich aber um diese Zeit in zwei Bläschen scheidet, aus deren einem der Kopf sich bildet, während das andere als Grundlage des Rumpfs dient. Ungeachtet dieser von der des ausgebildeten Menschen so verschiedenartigen Formation bemerkt man doch in der vierten Woche schon den Anfang des Herzens als einen pulsirendcn Punkt und somit eigenes Leben in dem neuen Geschöpfe. Dieses ist von den Eihäuten, deren man gewöhnlich drei annimmt, umgeben, welche sich in den zwei ersten Wochen bilden und außer dem Embryo noch eine Flüssigkeit einschließen, in welcher dieser schwimmt. Aus dem Bläschen, welches als zukünftiger Rumpf sich darstellt, tritt nun auch der sogenannte Nabclstrang (fiimculus »mbilicsli») heraus, welcher die Gefäße enthält, die da« Kind mit der Mutter in Verbindung sehen und dessen fernere Ernährung vermitteln. Die Vergrößerung des Fetus geht in den ersten Monaten außerordentlich schnell vor sich, und besonders ist in dieser Hinsicht die Entwickelung des Kopfs mit seinen inner« und äußern Theilen so bevorzugt, daß dieser eine Zeit lang an Umfang dem ganzen übrigen Körper gleichkommt. Allmälig entstehen auch die Unterleibsorgane, unter denen die Leber, welche bei der Ernährung des Fetus verschiedene Functionen ausübt, auch durch ihren Einfluß auf das Blut eine Art RespirationSorgan ist, zu einer bedeutenden Größe gelangt. Von den Brustorganen entwickelt sich das Herz viel frühzeitiger als die Lungen. So schreitet die Ausbildung des Fetus fort, bis nach und nach auch diejenigen Organe, die zum Leben im Fruchthalter weniger beitragen, sich mit den andern in ein Verhältniß gesetzt haben, wie eS das selbständige Leben außer der Mutter verlangt, und die Ausstoßung der Frucht zu Ende der Fetwa Feuerbach 267 vierzigsten Woche erfolgt. Gewöhnlich liegt das Kind in gekrümmter Lage, den Kopf nach unten gekehrt, die obern Extremitäten über die Brust gekreuzt und die untern an den Unterleib angezogen. Die große Menge bildungsfähige» Stoffs, die zur vollkommenen Entwickelung des entstehenden Menschen nöthig ist, wird diesem von der Mutter aus in verschiedenen Formen, wie sie das Alter des neuen Geschöpfs gerade verlangt, durch den Fruchtkuchcn (placenta), ein lediglich zu diesem Zwecke sich bildendes und bei der Geburt mit ausscheiden- dcs Organ, zugeführt. Dieser entsteht durch eine Verflechtung der Gefäße des Eis mit denen des Fruchthaltcrs gewöhnlich im dritten Monate und gelangt nach und nach zu einer bedeutenden Größe. Hier berühren sich die Gefäße des Kindes und der Mutter so innig, daß aus letztem der Nahrungsstoff in erstcre übergeht, von da durch die Nabclvene in die Leber des Kindes geleitet und nach einer hier erlittenen Veränderung durch den ganzen Körper ver- thcilt wird. Das Blut kehrt darauf durch die Nabelartcrien nach dem Fruchtkuchen zurück, um neuen Nahrungsstoff aufzunehmen. Hierin liegt das Wesen der Verschiedenheit des Fetus von dem geborenen Menschen in Hinsicht auf seine Ernährung, seine Respiration und seinen Blutkreislauf. Bei den Thicren erhält die Entwickelung des Fetus verschiedene Mo- dificationen, die durch deren verschiedene Grüße, Nahrungs - und Lebensart, besonders aber dadurch bedingt werden, daß beiweitem der grüßte Theil der Thierr seine Ausbildung außerhalb der Mutter in einem Ei erhält. Während bei den Säugthiercn das neu zu bildende Geschöpf in jedem Augenblicke Nahrung aus dem mütterlichen Körper bekommt, wird dieser dem im Ei sich bildenden für die ganze Entwickelungszcit mitgegeben. Nicht immer geht die Entwickelung eines Fetus regelmäßig vor sich; sie kann theils gänzlich unterbrochen und so der Tod herbeigcführt werden, wo denn der Fetus als fremder Körper ausgestoßen wird, theils im Ganzen oder nur in einzelnen Organen zurückblcibcn, theils einzelne Organe un- verhältnißmäßig vor andern begünstigen. Solche Unregelmäßigkeiten können förmliche M i s- gcburten (s. d.) Hervorbringen oder auch, wenn sie nur in einem geringcrn Grade da waren, einen nachtheiligen Einfluß auf das ganze fernere Leben des Menschen .ausübcn. Die Ur- fachen dieses abnormen Entwickelungsgangs können im Körper beider Altern schon vor der Zeugung gelegen haben, sie können aber auch erst während der Schwangerschaft eingetreten sein; im Ganzen sind sie noch wenig aufgchcllt. Die Fähigkeit, außerhalb der Mutter sein Leben fortzusetzcn, schreibt man dem Fetus gewöhnlich vom Ende der dreißigsten Woche seines Alters zu. Vgl. Danz, „Grundriß der Zergliederungskunde des ungeborenen Kindes" (2 Bde., Franks., Lpz. und Gieß. 1792—N3) und Lucä, „Grundriß der Entwickelungsgc- schichte des menschlichen Körpers" (Marb. l8l!>). Sehr häufig wird ein Fetus Gegenstand der gcrichklich-medicinischen Untersuchung, besonders da die neuere Zeit auch dem ungeborenen Menschen den Schuh der Gesetze zuerkannt hat, den das Alterthum aus Unkenntniß seines Zustandes ihm versagte. Fetwa, s. Mufti. Feudalrecht und Feudalsystem, s. Lehen. Feuer, s. Wärme. Feuerbach (Paul Joh. Anselm von), einer der berühmtesten deutschen Criminalisten, geb. am 14. Nov. 1175 in Frankfurt am Main, wo sein Vater als Advocat lebte, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studirte seit 1792 zu Jena. Durch philosophische Studien geistig erstarkt, wendete sich sein Eifer dem positive» Rechte zu. Nachdem er seinen „Anli-Hobbcs, oder über die Grenzen der bürgerlichen Gewalt und das Zwangsrecht der Untcrthanen gegen ihre Oberherren" (Erf. 1798) geschrieben und durch die „Untersuchung über daS Verbrechen des Hochverraths" (Erf. 1798) in die Reihe der Criminalisten einge- trctcn, begann er 1799 akademische Vorlesungen in Jena zu halten. Durch die „Revision der Grundsätze und Grundbegriffe des peinlichen Rechts" (2 Bde., Erf. 1799) und durch die von ihm, Grolman und von Almendingcn herausgcgebene „Bibliothek für die peinliche Rechtswissenschaft" leitete er eine neue Bearbeitung der Strafrechtswissenschaft ein, die er in seinem „Lehrbuche des gemeinen, in Deutschland geltenden peinlichen Privatrechts"(Gieß. 1801; 13. Ausl., von Mittermaier, 1849) systematisch ausführle. Er stellte sich dadurch an die Spitze der neuen Schule der Criminalisten, der sogenannten Rigoristen, die blos aus die Rechtsverfaffung Rücksicht nehmen und das richterliche Urthcil ganz dem Ausspruch« 268 Feuerbach des Strafgesetzes unterwerfen. Hierauf erhielt er 1801 in Jena eine ordentliche Profeffue, folgte aber 1802 einem Rufe nach Kiel, wo er die „Kritik des Kleinschrod'schcn Entwurfs zu einem peinlichen Gesetzbuchs für die bair. Staaten" (3 Bde., Erf. 1804) arbeitete. Im I. 1804 ging er an die Universität nach Landshut, wo er den Auftrag erhielt, den Entwurf zu einem bair. Strafgesetzbuch auszuarbciten, weshalb er 1805 als Geh. Referendar in das Ministerial-, Justiz- und Policeidcpartement nach München versetzt und 1808 zum Geh. Nach ernannt wurde. Das von ihm entworfene neue „Strafgesetzbuch für das Königreich Baiern" (Münch. 1813) erhielt, nach vorläufiger Prüfung und einigen Änderungen, am 16. Mai >813 die königliche Genehmigung, wurde in Sachsen-Weimar, Würtemberg und andern Ländern bei der Bearbeitung neuer Landesgesctzbücher zu Grunde gelegt, in Oldenburg als Gesetzbuch angenommen und auch ins Schwedische übersetzt. Gleichzeitig arbeitete F. seit 1807 auf königlichen Befehl den „6oli>poIöoi>" in ein allgemeines bürgerliches Gesetzbuch für das Königreich Baiern um, das aber nicht in Wirksamkeit getreten ist. Unter seinen Schriften aus dieser Periode sind noch zu erwähnen „Merkwürdige Criminalrechts- fälle" (2 Bde., Erf. 1808— 11; 3. Aust., > 830), womit zuerst einer liefern, psychologischen Behandlung solcher Fälle Bahn gebrochen wurde, „Themis oder Beiträge zur Gesetzgebung" (Erf. 1812) und „Betrachtungen über das Geschworenengericht" (Landsh. 1812). Da er in der letzter» die franz. Jury verwarf, so veranlaßt dies viele Schriften für und wider ihn, weshalb er 1810 eine „Erklärung über seine angeblich geänderte Überzeugung in Ansehung der Geschworenengerichte" abgab und später manche seiner Ansichten in der Schrift „Be- trachtungen über die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkcitspflege" (Gieß. 1821) weiter entwickelte. Bei der Wiederherstellung der deutschen Unabhängigkeit bezeugte F. sci- nen Nationalsinn und Gemeingeist durch mehre Schriften, unter andern durch die „Über deutsche Freiheit und Vertretung deutscher Völker durch Landstände" (Lp;. 1814). Im I. 1817 wurde er zweiter Präsident des Appellationsgerichts in Bamberg und 1817 erster Präsident des Appellationsgerichts für den Rezatkreis zu AnSbach. Nach einer 1821 unternommenen Reise nach Paris ließ er die Schrift „Über die Gerichtsverfassung und das gerichtliche Verfahren Frankreichs" (Gieß. 1825), zugleich als zweiten Band der obenangeführten „Betrachtungen" erscheinen. Später lieferte er die „Actenmäßigc Darstellung merkwürdiger Vergehen" (2 Bde., Gieß. >828-29). Ist auch seine Auffassung und Darstellung von Einseitigkeiten nicht ganz frei zu sprechen, so bleibt doch der Geist der erster« und die Classicität der lctztcrn für alle Zeiten bewundernswerth. Da er Allem, was das öffentliche Leben betraf, seine Aufmerksamkeit widmete, so kam cs auch, daß er >822 in Ansbach mit gegen die Einführung der Presbyterien protestirte. Fast möchte man sagen, sonderbarerweise beschäftigte er sich in seinen Mußestunden mit einer metrischen Übersetzung und einem Com- meutar des ind. Gedicht« „Gita Gowinda". In den letzten Jahren seines Lebens interessirte ihn des unglücklichen Kaspar Hauser's (s. d.) Schicksal. Er nahm sich desselben in Ansbach an und schrieb die erste kritische Zusammenstellung der von ihm geprüften Thatsachen unter dem Titel „K. Hauser, ein Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben" (Ansb. 1832). Auf einerNeise nach dem schwalbacherBade starb er in seiner Vaterstadt am2S. Mai 1833. Nach leincm Tode erschien eine Sammlung seiner „Kleinen Schriften vermischten Inhalts" (2 Abth., Nürnb. 1833). F. hinterließ fünf Söhne, die rühmlich in des Vaters Fußtapfen traten und jeder in besonderer Richtung durch Studium und schriftstellerische Tätigkeit sich hcrvorthaten. — Anselm F., der älteste Sohn, machte sich als Archäolog und Ästhetiker durch sein Werk „Der vaticanische Apollo" (Nürnb. 1833) berühmt, das, eine Reihe archäologisch-ästhetischer Betrachtungen enthaltend, von vielem Studium und tiefer Kunstanschauung zeigt. — Karl Wilh. F., der Zweitälteste Sohn, geb. 1707, gest. als Professor der Mathematik am Gymnasium zu Erlangen am >2. März 1834 nach mehrjährigen Leiden, hat sich durch seinen „Grundriß zu analytischen Untersuchungen der dreieckigen Pyramide" (Nürnb. 1827, 4.) als einen tüchtigen Mathematiker bewährt. — Eduard A u g. F., gest. als ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Erlangen am 25. Apr. 1843, erwarb sich als Schriftsteller im Gebiete des german. Rechts einen Namen durch seine Schrift „Die Sulicu und ihre verschiedenen Reccnsionen" (Erlang. 1831,4.). — Ludw. Ändr. F., der in Heidelberg und Berlin studirte, I828 in Erlan- Feuerdienst Feuerland 269 gen als Privatdocent sich habilitirte, später aber, von seinem Lehramte zurückgezogen, ganz der schriftstellerischen Thätigkeit sich widmete, hat sich als ein eifriger Hegelianer in den Parteikämpfen der neuern Zeit als einen geistvollen und geschickten Streiter und sehr fruchtbaren Schriftsteller bewährt. Unter seinen Schriften sind besonders zu erwähnen „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, aus den Papieren eines Denkers" (Nürnb. > 830 ), „Geschichte der neuern Philosophie von Bacon von Verulam bis Spinoza" (Ansb. 1833 ), „Abä- lard und Heloise, oder der Schriftsteller und der Mensch" (Ansb. > 833 ), „Kritiken ans dem Gebiete der Philosophie" (Ansb. > 835 ), „Geschichte der neuern Philosophie. Darstellung, Entwickelung und Kritik der Lcibnitz'schen Philosophie" (Ansb. > 837 ), „Pierre Bayle, nach seinen für die Geschichte der Philosophie und Menschheit interessantesten Momenten" (Ansb. > 838 ), „Über Philosophie und Christenthum, in Beziehung auf den der Hegelschen Philosophie gemachten Vorwurf der Unchristlichkeit" (Manh. > 839 ) und „Das Wesen des Christenthums" (Lp;. > 83 >; 2 . Aust., > 833 ). — Friedr. Heinr. F., der sich längere Zeit in Paris dem Studium der oriental. Sprachen widmete, ist durch mehre metrische Übersetzungen aus dem Sanskrit bekannt. , Feuerdienst oder Feuerverehrung war eine Art von Naturdienfl, indem man das Feuer als ein göttliches Element verehrte. Die Verehrung des Feuers war besonders bei den Persern üblich, wo sie zunächst wol veranlaßt worden sein mag durch die in der Provinz Baku am Kaspischen Meere häufig auS dem Boden dringenden Flammen unterirdischer Gase. (S. Gebern.) Feuer und Licht wurden als das in sich reinste, Alles reinigende und al- das mächtigste Element, dem nichts widerstehe, angesehen. Selbst entstehende Flammen wurden daher immer als Symbole der Götter angesehen, und im Oriente war die Vorstellung weit verbreitet, und auch die Grundlage des Dualismus, daß das Wesen Gottes oder der Götter reines Licht oder auch verzehrendes Feuer sei. Feuerkugeln nennt man in der Naturlehre alle feurige Luftcrscheinungen in Kugelgestalt, die sich in verschiedenen Größen schnell oder langsam durch die Luft bewegen. Kleinere Feuerkugeln nennt man Sternschnuppen (s. d.), und die, welche einen Schweif haben, feurige Drachen. Über ihr Entstehen hat man sehr verschiedene Muthmaßungen aufgestellt. Chladni erklärte sie für dichte Massen, welche sich außer unserer Atmosphäre inr Hähern Welträume gebildet haben, und setzte sie mit denAerolithen oder sogenannten Mondsteinen in eine Classe. Neuerdings ist man geneigt, die Sternschnuppen für kleine, unfern Gesichtskreis schnell passirende kometenartige Körper unsers Sonnensystems zu halten. Feuerland (Tierra ckel knego) heißt der aus >> großen und mehr als 20 kleinen Inseln bestehende Archipel zwischen 52 ° 3 >^ — 55 ° > >^ südl. B. und 67 ° — 77 " westl. L., an der südlichen Spitze von Amerika, der von Patagonien durch die 80 M. lange Magellanische Straße getrennt ist. DaS Klima der Inseln ist außerordentlich rauh, und auf manchen derselben thaut das Eis fast nie auf. Der 5000 F. hohe Berg Sarmiento scheint ein Vulkan zu sein. Die Inseln haben eine ganz eigenthümliche Flora, und nur wenige, meist ankiscor- butische Gewächse mit Patagonien und den höhern Andes gemein. Insekten finden sich äußerst selten, auch gibt es, einige Geier und Habichte ausgenommen, daselbst keine Landvogel. Das einzige vierfüßige Thier ist der Hund. Dagegen wimmelt die Sec von Walfischen, Seehunden und Seelöwen, von Schalthieren aller Art und Wasservögeln, namentlich Enten, Möven, sogenannten Port-Egmontshühnern und wilden Gänsen. Die Eingeborenen, P e - scherähs, d. i. Freunde, genannt, etwa 2V00 an der Zahl, ein kleiner, häßlicher, magerer, bartloser Menschenschlag mit langen schwarzen Haaren und von einer cisenrostartigen Farbe, stehen auf der niedrigsten Stufe der Cultnr. Sie kleiden sich in Seehundsfelle, welche sie ohne weitere Zurichtung um die Schulter werfen und beutelförmig um die Füße binden. Doch lieben sie den Putz, tragen Arm- und Fußbänder von Muscheln und malen sich weiße Ringe um die Augen. Sie kennen kein anderes Getränk als Wasser und genießen die See- thiere, ihre gewöhnliche Nahrung, roh oder halb verwest. Ohne feste Wohnplätze, ziehen sie, Nahrung suchend, von einem Orte zum andern. Ihre Hütten bestehen aus einigen Pfählen, kegelförmig zusammengestellt, mit Zweigen und etwas GraS bedeckt, und einer Öffnung unter dem Winde, die zugleich als Thüre und als Schornstein dient. Ihre einzigen Geräthschaften sind eine Tasche, ein Korb und eine Blase. Auch ihre Kähne zeigen gänzlichen Mangel an 270 Feuerlinie Feuerspritzen , Kunstfertigkeit; sie sind aus Baumrinden mit Sehnen zusammcngcnäht und auswendig mit einem Har; überzogen. Nur an ihren Waffen bemerkt man mehr Fleiß. Ihre Bogen, Pfeile, Wurfspieße und Fischangeln sind sauber gearbeitet, auch wissen sie dieselben wohl zu > gebrauchen. Nach Einiger Annahme sollen sie Flüchtlinge sein, die aus bessern Gegenden in dieses unwirthbarc Land verdrängt wurden. Die südlichste der Inseln istHermite n (l'Her- mitcs) mit dem Cap-Horn, um welches gewöhnlich die Schiffahrt nach Westamerika geht. Feuerlinie kommt sowol in der Taktik als in der Fortification vor. In der letzter« bezeichnet man damit die innere Linie einer Brustwehr, und wenn man sich diese fortgesetzt » nach allen Biegungen der Wälle denkt, so entsteht daraus der Ausdruck, eine Schanze oder ' Festung habe so und so viel Schritt oder Meilen Fcuerlinie. Magdeburg z. B. soll, wenn alle Außenwerke mitgerechnet werden, 4—5, nach Einigen sogar 7 Meilen Fcuerlinie haben. ! Nach der Länge der Fcuerlinie läßt sich dann die Anzahl der hinter der Brustwehr möglicher- ! weise aufzustellenden Vertheidiger berechnen. In der Taktik versteht man unter Feuerlinie entweder eine Reihe nebeneinander ausgestellter Flintenschüßen oder Geschütze. Beim Tirailliren wird z. B. die vordere Schwärmlinie die Fcuerlinie genannt. Auch die Front einer im Gefcchs stehenden Batterie beißt deren Feuerlinie, und wenn z. B. eine zweite Batterie daneben placirt oder in die Tirailleurlinie neue Rotten eingeschoben werden, so nennt man das die Fcuerlinie verstärken. Feuerlöschanstalten. Es ist eine auffallende Erscheinung, daß man bei dem Aufschwünge der mechanischen Gewerbe im Ganzen in allen Vorrichtungen, welche die Bezwingung des Feuers zum Zweck haben, noch so weit zurück ist; doppelt auffallend, weil man an dem Blühen der Versicherungsanstalten aller Art sehr gut sicht, daß die Menschen gegen Unglücksfälle nicht gleichgültig sind. Erklären läßt sich diese Erscheinung hauptsächlich dadurch, daß die Feucrlöschanstalten in der Regel von Nichttechnikern, oder doch höchstens von Bauverständigen geleitet werden, welche weder ausschließlich diesem Geschäfte zugewandt, noch in der Regel überhaupt geeignet sind, die stattfindcnde Mangelhaftigkeit zu bemerken und wirksam an ihrer Abstellung zu arbeiten. Darum machten unter Repsold's Leitung die Hamburger Löschanstalten eine so rühmliche Ausnahme, darum sind sie in England im Allgemeinen so vortrefflich, während in Frankreich fast nur Paris, in Belgien Brüssel, in Deutschland, außer Lübeck und Wien und neuerdings durch die Dampfspritze Berlin, fast kein einziger Ort in dieser Art Ausgezeichnetes leistet. Die erste Bedingung für eine zweckmäßige Feucrlöschanstalt ist demnach ein fest angestellter, technischer Dirigent, welcher beim Feuer selbst allein den Befehl führt; die zweite ein ganz bestimmtes, aus den erfoderlichen Handwerkern u. s. w. zusammengesetzte« Sprihenpersonal, wenn auch nicht völlig militairisch eingerichtete Pompierscompagnien wie die Sapeurs-Pompicrs in Paris und die Feuercvm- pagnie in Lübeck, doch sich diesen möglichst nähernd; die dritte absolute Ausschließung aller Überflüssigen. Die Zahl der zur Löschung eines Feuers nöthigen Personen ist nicht so groß, als man meint, und wird sich bei größerer Vollkommenheit der Utensilien noch mehr verringern ; nirgend aber schadet Überzahl mehr als hier. Die besten Feuerverordnungen der neuern Zeit haben wenigstens die beiden letzter« Bedingungen anerkannt, die meisten aber noch nicht die erste. Feuerprobe, s. Ordalien. Feuerspritzen sind Maschinen, bestimmt, einen Wasserstrahl mit großer Kraft und ! selbst auf bedeutende Höhen bei Feuersbrünsten an die brennenden Körper zu bringen, k Ihre Erfindung ist sehr alt, denn schon Ktesibius, welcher da- Saug- und Druckwerk erfand, soll sich dessen als Feuerspritze bedient haben. Anfänglich und bei den Römern waren diese Spritzen nur Handspritzen. In Deutschland werden fahrbare Feuerspritzen zuerst in Augsburg im I. >518 und in Nürnberg >655 erwähnt, wo Joh. Hantsch das bewegliche Steigrohr, den Schwanenhals, erfand. Dieselben bestanden nur aus einem Saug- und Druckwerke, welchem der Holländer van der Heyde >672 den Schlauch und Perrault >684 den Windkessel hinzufüzten. Letzterer ist ein mit Luft gefülltes verschlossenes Gefäß, das über der Einflußöffnung des Druckrohres steht. Tritt nun das Wasser in dasselbe, so comprimirt tS die Luft und da diese sich wieder auszudehnen strebt, so treibt sie das Wasser, auch nach dem Schluffe de-Druckventilö in einem ununterbrochenen Strahle vorwärts, während früher Feuersteins Fenerversicheruug 271 die Sprihen nur stoßweise mit jedem Vcntilspiele das Wasser forttricben. Die bis jetzt gebräuchlichen Feuerspritzen sind noch immer ziemlich unbehülflich und brauchen viel Platz. Ihre arbeitenden Theile sind oft nicht mit der nöthigcn Genauigkeit ausgeführt und ihre Bedienung, die immer mit aller Ruhe und von eingeübten Leuten gemacht werden sollte, geschieht sehr mangelhaft, um so mehr, da die Kraft meist unter sehr unvvrtheilhaften Bedingungen wirkt. Erst in neuester Zeit hat man diesem Theile der Maschinenkunde mehr Aufmerksamkeit geschenkt, und bedeutende Vervollkommnungen sind an den Feuerspritzen gemacht worden. Dahin sind vor Allem die Dampsfeuerspritzen zu rechnen, die sich in London und Berlin durch ihre trefflichen Erfolge bewährt haben. Ferner ist zu erwähnen die von Nepsold in Hamburg erfundene neue Feuerspritze, welche auf einen sehr kleinen Raum zusammengedrängt, sodaß sie durch jede gewöhnliche Zimmerthür geht, die Leistungen der großen, fahrbaren Spritzen noch übertrifft. Sie hat cylindrische Doppelkolben und ist eine Notationsspritze. Der Mechanismus derselben ist höchst einfach und sinnreich und gewährt, ohne Windkessel, dennoch einen ununterbrochenen Strahl von einem Zoll Durchmesser und 60 F. Höhe. Bedient wird sie durch zwei Männer, welche eine Kurbel drehen. Feuersteine gehören zu dem Geschlechts der Kiesel und übcrtreffen an Dichtigkeit den Achat, sind aber, wenn sie aus der Erde kommen, weicher als dieser und erhärten erst an der Luft. Einzeln auf der ganzen Erde zerstreut, findet man sie nesterweise in Klumpen von IVO —300 Kubikzoll, mit einer Rinde von Kreide, Gyps oder Kalkmcrgel umgeben, namentlich in Frankreich, besonders in der Champagne und in Bern, von wo aus lange Zeit die einzigen Flintensteine verführt wurden, in Italien, Tirol, Salzburg, auf der Insel Rügen, in Kram, Siebenbürgen, Galizien, Podolien und in der Moldau. UmFlintcn- steine daraus zu verfertigen, wird der blätterige Stein mit dem stumpfen Bruchhammer aus seiner Rinde geschlagen, nachher aber mit dem Spitzhammer in Schiefer zerhauen, worauf die nach ihrer verschiedenen Grüße voneiizandcr gesonderten Schiefer auf dem stählernen Steineiscn, das in einem Klotz befestigt ist, und mit dem runden Scheibcnhammcr vollends zu ihrer gehörigen Form bearbeitet werden. Keuervergoldung, s. Vergoldung. Feuerversicherung, Assecuranz oder Assecuration ist die von einem Theile (dem Versicherer) gegen einen andern (den Versicherten) übernommene Verpflichtung zum Ersatz des Feuerschadens, der an einem bestimmten Gegenstände, binnen einer festgesetzten Zeit stattfinden kann. Der andere Theil verbindet sich zu Gegenleistungen, von deren Erfüllung der Genuß der Versicherung abhängt. Das Vcrsicherungsdocument (die Police) begründet daher, obwol gewöhnlich von dem Versicherer allein ausgestellt, einen zweiseitigen Vertrag. - Die Versicherung wird erworben entweder durch die Verpflichtung, den Versicherer im gleichen Unglücksfalle ebenfalls schadlos zu halten, oder durch Entrichtung eines festen Preises (Prämie). Durch das Erste« bilden sich gegenseitige Gesellschaften, das Letztere geschieht bei Prämien- oder Aktiengesellschaften. Außerdem scheiden sich die zur Feucrvcr- sicherung bestehenden Anstalten in Landesbrandkassen (Feuersoeietäten) und Privatgesellschaften. Die Landesbrandkassen, Staats- oder ständische Anstalten, bestehen fast nur in Deutschland, versichern nur Gebäude und gehören dem System der Gegenseitigkeit an. Letzteres tritt bei ihnen mit den wenigsten Unvollkommenheiten ins Leben, namentlich ist die gegenseitige BeitragSpflichtigkeit der Theilnehmer bei ihnen völlig gesichert, weil die Beiträge den Landesabgaben gleichgestellt sind. Diese nützlichen und wohlthätigen Anstalten haben aber auch gewisse Mängel. Einige der lrtztern sind allen gemein und von dem Wesen der Institute und der Beamtcncontrolc unzertrennlich; andere sind nur aus alter Zeit und von aufgelösten Verhältnissen her in die Gegenwart unnöthig übertragen und einer Abhülfe gar wohl fähig. Zu den erster» gehören gewisse umständliche Formen der Versicherung und Schadenermittelung, sowie eine entweder ganz fehlende oder ungenaue Abstufung der Beiträge nach dem Grade der Gefahr. Mängel der letzter« Art sind unter Andern, die den Versicherten auferlegte Verpflichtung des Neubaues nach einem Brande, die deshalb verzögerte Entschädigung; vor Allem ist es der von vielen Landesbrandkassen noch ausgeübte Versicherungszwang, der oft allein hinreicht, um zeitgemäße Verbesserungen zu hindern, auch eine 272 Feuerversicherung nur in seltenen Fällen zu rechtfertigende Bevormundung der Ausübung von Privatdispo- sitionen mit sich führt. Preußen hat in den meisten Bezirken seiner Landesbrandkassen zwar die Versicherungssreiheit hergestcllt, indessen wird auch dort noch manche Beschränkung indirekt ausgeübt, z. B. durch strenge Formen bei der ohnedies nicht zur Sache gehörigen Sicherung gewisser Rechte der Hypothekgläubiger; dennoch ist die Aufhebung des Zwanges, selbst in beschränktem Maße, ein bedeutender Fortschritt. Den Verwaltungen gelten Ubel- stände der erwähnten Art nicht selten als Vorzüge, oder doch als unvermeidliche Dinge, von denen die Sicherheit und das Bestehen der Socictäten abhängt; der Jrrkhum dieser Ansicht stellt sich aber sogleich dar, wenn man die Blicke auf einzelne Landesbrandkassen wendet, welche ohne solche Eigenthümlichkeitcn sicher und ausgedehnt dastehen. In jenen Beziehungen ist also unfern deutschen Landesbrandkasscn eine Verbesserung zu wünschen. Auch sind deren zu viele kleine vorhanden, die sich den nächst gelegenen anschließen sollten, um mit ihnen zusammen einen Umfang zu erreichen, der drückende, ja unerschwingliche Beiträge einzelner Jahre, wie sie z. B. in Schlesien nach den Kriegsjahren stattfanden und sich 1842 in Hamburg wiederholt haben, verhindert. Eine völlige Abnormität ist besonders eine Brandkasse, die sich auf eine einzelne nicht ganz große Stadt beschränkt. Die Privätversicherungsgesellschaften sind Institute, deren Zweck nächst der Feuerversicherung selbst, auf den Erwerb von Vorthellen gerichtet ist. Diese Vortheile, welche bei den Actiengesellschaften sür die Actionaire, bei den gegenseitigen für die Verwaltenden, bei allen für die Agenten erzielt werden, hängen zwar hauptsächlich von einer geschickten und vorsichtigen Leitung der Geschäfte ab, sind aber doch nur durch die Theilnahme des Publikums denkbar. Diese zu erwerben und die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu lenken, bemühen sich alle derartige Gesellschaften. Es ist daher schwierig und wird mancher adoptirten Meinung entgegenlaufen, wenn man versucht, ein Urtheil über ihre Verhältnisse parteilos und richtig zu fällen. Die Actien gesellscha ft en bringen ein Cavital zusammen, um für die gegen ihre Versicherten übernommenen Verbindlichkeiten zu garantircn. Ein Thcil des Publikums stellt die Sicherheit, welche durch dieses Capital entsteht, höher als die Sicherheit der gegenseitigen Gesellschaften, allein mit Unrecht. Diese Frage läßt sich überhaupt nicht auf die beiderseitigen Systeme ausdehnen, sondern muß sich nothwendig auf die einzelnen Gesellschaften beschränken. Es kann eine bestimmte gegenseitige Gesellschaft sicherer sein, als eine bestimmte Aktiengesellschaft, und umgekehrt, je nachdem jede ihre Einrichtungen getroffen hat. DieEr- fodernisse der letztem müssen also in Betracht gezogen werden. Bei Aktiengesellschaften ist die hinreichende Größe des Capitals eine wesentliche Bedingung der Sicherheit, doch steht sie an Bedeutung der Größe und Solidität des Versicherungsumfangs nach. Je größer und je vorsichtiger ausgewählt die Anzahl der Versicherungen ist, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, daß die Verluste in einer Gegend sich durch den Gewinn aus einer andern zur rechten Zeit ausglcichen, und in Folge dessen einzelne große Unglücksfälle sich aus den Prämien selbst decken werden, anstatt das Capital zu vermindern. Der letztere Fall kann, besonders bei hinzutretenden andern Umständen, die Basis einer Aktiengesellschaft bedrohen, und man bedarf daher noch einer Sicherung gegen ihn. Sie besteht in einer Reserve. Diese basirt zunächst darauf, daß für eine jede Versicherungsdauer, welche über ein Rechnungsjahr hinausgeht, der verhältnißmäßige Prämientheil in das nächste übertragen wird. Einen solchen Übertrag nennt man die einjährige Reserve; eine mehrjährige entsteht aus mehrjährigen Versicherungen und begreift derenPrämienvom zweiten Jahre an in sich. Man nimmt den richtigen Durchschnitt der einjährigen Reserve etwas hoch auf die halbe Jahrsprämie, doch viel zu niedrig (bei den jüngcrn franz. Gesellschaften) aufderselben an. Selbst bei der Hälfte aber bildet sie (gleich der ganzen mehrjährigen) nur ein richtig bemessenes Äquivalent für künftige, innerhalb der gewöhnlichen Berechnungen liegende Verluste, keineswegs schon eine Sicherung für die immer von Zeit zu Zeit kommenden außergewöhnlichen Unglücksfälle. Vor diesen beginnt eine einjährige Reserve erst dann Sicherheit zu gewähren, wenn sie die halbe Jahrsprämie überschreitet, und dies zu bewirken, müssen die Aktiengesellschaften sich einen frühen Genuß des Gewinns zu versagen wissen. Die erste Grundlage dazu muß sich in ihren Statuten finden, vor Allem aber ist nöthig, daß weder die Direktion Feuerversicherung 273 noch ein anderer Theil der Gesellschaft Interessen erhält, welche sich von denen der ganzen Gesellschaft absondern können. Solche Absonderung wird unter Anderm erzeugt, wenn die Directorcn oder Stifter sich einen Privatvortheil bei der Emission der Actien erwerben und lchtere nachher zum gewöhnlichen Papierhandcl benutzt werden können, weil aus beiden das Bestreben folgt, den Actiencurs künstlich in die Höhe zu treiben. Die Actiengescllschaften besitzen durch die natürliche Sorge für die Sicherheit ihres Capitals eine starke Garantie für eine vorsichtige Verwaltung und dadurch für die Sicherheit ihrer Versicherten; dieser Vorzug aber kann ganz neutralisirt werden durch ein Interesse, welches augenblickliche, blendende Erfolge erheischt. Eine gute,'sichere Aktiengesellschaft wird daher vor Allem in dieser Beziehung rein, außerdem in derDarlcgung ihrer Verhältnisse ganz offen sein, ihre Rechnungsabschlüsse werden durch Angabe der einzelnen Einnahmen, Ausgaben, Reserven und versicherten Summen vollständig, auch Jedermann zugänglich sein. Sehr wichtig für die Sicherheit des Publicums sind die Bedingungen der Versicherungscontracte. Sie erfodern eine große Einfachheit, Entfernung von allen Clauseln, die im Falle eines Brandunglücks Verwickelungen herbeiführen können, endlich Sicherung eines einfachen und nahen Rechtsweges im Falle von Streitigkeiten. Deutschland, abgesehen von Ostreich, hat 18 Aktiengesellschaften; im Verhältnis zu andern Ländern eine etwas zu große Anzahl, die den Actio- naircn selbst, besonders den der neuern Gesellschaften schadet. Ausländische wirken daselbst ebenfalls, doch nicht überall. Fast alle englische und holländischebeschränken sich seit 1842 für ihre deutschen Geschäfte auf Hamburg. Die englischen Gesellschaften sind mit scheinbar unverhältnismäßig großen Capitalien ausgestattet, die aber in der Wirklichkeit nur den großen Gefahren in England und den außcreurop. Welttheilen entsprechen. Von den ältesten und angesehensten sind die Capitalien unbekannt, ihre Stifter haften für Verluste mit ihrem ganzen Vermögen, dagegen legen sie auch keine Rechnung ab. Die franz. Gesell- sellschaften haben die Feuerversicherung im westlichen und südlichen Deutschland zuerst eingeführt und waren dort sonst sehr verbreitet, sind aber seit dem vorigen Jahrzehnd immer mehr von den deutschen verdrängt, zum Theil auch von staatswegen nicht tolerirt worden, und jetzt nur noch in wenigen Gegenden Deutschlands zu finden. Ihre Versichcrungsbedin- gungen zeichnen sich durch besondere Schärfe aus, und ihr Wirken war nicht selten aufdringlich. Einige triester Gesellschaften beschäftigen sich vorzugsweise mit der Güterversicherung auf Transporten. Die gegenseitigen Priv atvcrsich erungs-Gcsellschaften habcnvordenAc- tiengesellschaftcn den Vorzug, daß, wenn ein Gewinn bei den Versicherungen stattfindet, derselbe den Versicherten selbst verbleibt. Dafür entbehren letztere der Garantie des Actiencapikals und müssen sich also selbst eine andere Garantie schaffen, die nur in Zahlungs- oder Nachschußverpflichtungen der Mitglieder bestehen kann. Daß der Fall, diese Verpflichtungen in Anspruch nehmen zu müssen, undenkbar sei, ist eine ebenso irrige Meinung als jene andere, daß ihre Erfüllung nicht zu erlangen sein werde. Die Folgen des Hamburger Brands haben beide widerlegt. Für sicherer im Allgemeinen als Aktiengesellschaften kann man die gegenseitigen nicht halten; es kommt dabei auf eine Vergleichung der Garantien im Einzelnen an, die indcß nur durch eine gründliche, sachkundige, oft sehr schwierige Untersuchung zu bewerkstelligen ist. Es betrugen z. B. die im Laufe des I. > 842 in Kraft befindlichen Vorschußver- bindlichkcitcn der gothaer Bank zwar über 5 Mill. Thlr., aber davon waren am I. Jan. 1843 nur 1,384619 Thlr. gültig, und an keinem Zeitpunkte des Jahrs ist jene volle Summe gültig gewesen. Je nachdem also eine Actiengesellschaft ein größeres oder kleineres Capital hat als die zur Zeit der Prüfung gültige Garantie einer gegenseitigen, wird sie in dieser Hinsicht mehr oder weniger sicher sein als die letztere. Mehr noch als bei Acticngcsellschaftcn ist bei gegenseitigen die Größe des Umfangs ein Hauptcrfodcrniß der Sicherheit, da jene doch wenigstens ihr festes Capital haben, bei gegenseitigen Gesellschaften aber die entsprechende Garantie von dem zahlreichen Beitritte abhängt. Die Freunde der Gegenseitigkeit könnten, um die möglichste Größe des Umfangs zu sichern, nicht besser thun, als Eine große Gesellschaft bilden; die neuerlich mehrfach angercgteJdee einer allgemeinen deutschen Nationalversicherungsbank ist daher ebenso patriotisch als praktisch. Die gothaer Bank, als die größte gegenseitige Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. 274 Feuerversicherung ^ deutsche Versicherungsgesellschaft, würde durch den Anschluß der andern sofort ein solches Institut werden. Allein diese Idee ist dem deutschen Particularpatriotismus nicht faßlich, und so wird denn die gegenseitige Versicherung bei unS wol so bleiben wie sic ist, nämlich in nicht weniger als 26 bekannte und noch viel mehre kleine, im Stillen wirkende Verbände zer- j splittert, sodaß der geringste Theil davon wirkliche Sicherheit gewährt, die Vcrwaltungs- kostcn aber ins Unglaubliche gesteigert sind. Trotz diesem Übel, und ungewarnt durch die sogar ohne vorhergegangene bedeutende Unglücksfälle erfolgte frühe Auflösung mancher kleinen gegenseitigen Gesellschaften, z. B. in Hannover, Nürnberg, .Greußen, tauchen immer noch von Zeit zu Zeit Versuche zur Bildung neuer auf, alle unter der steten Voraussetzung größerer ^ Ersparniß als der Aktiengesellschaften. Diese Voraussetzung ist bereits alt und allgemein verbreitet und doch nichtsdestoweniger irrig. Vor 2«) Jahren war die Ersparniß bei der gegenseitigen Versicherung eine Wirklichkeit, jetzt besteht sie nur noch in dem Rufe jener vergangenen Zeit; möge dies nun daher rühren, daß die Aktiengesellschaften ihre Prämien ermäßigt haben, oder daß sie, bewogen durch ihre eigenen Interessen, vorsichtiger verfahren und sparsamer verwalten als sonst. Diese Behauptung bedarf, da die öffentliche Meinung ihr nicht selten entgegcnstehen wird, eines Belegs; wir wählen dazu zwei Gesellschaften der größten Art, deren Rechnungen des I. 1842 Mittel zur Vergleichung liefern. Die gothacr Bank nahm eine Prämie von netto 860738 Thlrn. ein, wozu kommen 322321 Thlr. für Überträge aus frühem Jahren und wovon abgehen 414999 Thlr. für dgl. aus später» Jahren, sodaß 938060 Thlr. verbleiben; dazu wegen einer abgesetzten Provision von 5 °/„, zusammen 987431 Thlr. Dies gibt von 260,131759 Thlr. Versicherungen einen Prämiendurchschnitt von ungefähr 3'/s per Mille. Es ist ein Dividendendurchschnitt von 40 Procent seit dem Bestehen der Bank darauf gewährt worden, bleibt also ein wirklicher Prämiendurch- , schnitt von ungefähr 2'/, per Mille. Die clberfcldcr Gesellschaft dagegen berechnet an ein- f genommenen, im I. 1842 abgelaufenen Prämien brutto 226364 Thlr. gegen versicherte ^ 113,752928 Thlr., welches einen Prämiendurchschnitt von nur 2 per Mille gibt. ' Was nun die einzelnen Gattungen von gegenseitigen Gesellschaften betrifft, so be- ^ merken wir zuvor, daß bei keiner von ihnen das System der Gegenseitigkeit in ganz richtiger Weise, oder ohne erhebliche Übelstände, zur Ausführung hat kommen können. Die erste Gattung begreift solche Versicherungsgesellschaften in sich, welche die Schadenbeiträge nachträglich repartiren, zu den vorläufigen Ausgaben aber zinslose Eintrittsgelder erheben. Von den Zinsen bestreitet man die Verwaltungskostcn. Die Versicherungen werden nur für die Dauer einer oder mehrer Perioden der Beitragszahlung angenommen, was zwar die Reinheit des Systems der Gegenseitigkeit sehr fördert, aber für die Versichernden viel Unbequemes hat. Das letztere, sowie die Höhe der Eintrittsgelder, der gewöhnliche Mangel einer Classification der Beiträge, vor Allem aber die unbegrenzte Beitragspflichtigkeit der Mitglieder, alles Dies zusammen hat keine einzige Versicherungsgesellschaft dieser Gattung zu einer bedeutenden Ausdehnung kommen lassen. Die größte von ihnen ist die zu Schwedt an der Oder. Eine zweite Gattung classisicirt, um jene Übel theilweise zu vermeiden, die Beiträge nach der Gefahr, erhebt Prämien im voraus und mißt nach ihnen die Beitragspflichtigkeit ab, wie z. B. bei der gothaer Bank jedes Mitglied sich verbinden muß, bis zum vierfachen Betrage der Prämie nachzuschießen, jedoch nicht mehr. Bleiben Überschüsse, so werden dieselben unter dem Namen Dividende zurückecstattet. Versichern kann man zu jeder Zeit und r meist auf beliebige Dauer. Diese Einrichtungen sind ebenfalls mit Übeln verbunden. Daß ^ die Nachschüssc nach den vielfach abgestuftcn und nothwcndig mehr einer Ansicht der Verwaltung als einer festen Norm unterworfenen Prämien bestimmt werden, macht die Bei- tragspflichtigkeit ungleichmäßig. Die Verthcilung der Überschüsse verhindert jedes Ansam- mcln von Reserven für außerordentliche Fälle. Die beliebige Versichcrungszeit und Dauer aber muß Unrichtigkeit der Bercchnungsbasis der Dividenden sowie der Nachschüsse noth- ! wendig mit sich führen und kann sogar die Größe der Nachschußvcrbindlichkeitcn im Ganzen, also der vorhandenen Sicherheit, unverlässig machen. Eine dritte und vierte Gattung gehö- ' reu im Wesentlichen der zweiten an, nur zahlen sie keine Dividenden zurück, sondern bilden Reserven von den Überschüssen. Bei der dritten Gattung geschieht das ohne Weiteres, und hat alio zur Folge, daß die Mitglieder zum Besten einer spätern Generation aufsparen (wür- ! Feuerwerk 275 ' temberg. Anstalt). Die vierte Gattung hat auch dies verhüten wollen und läßt die neu hin> zutretenden Mitglieder ein Eintrittsgeld bezahlen, welches ihrem durch den Beikitt erwor- l denen Reserveantheil entspricht, wodurch aber der Beitritt kostspielig und also erschwert wird I (ostfries. Anstalt). Dies sind die Hauptgattungen der gegenseitigen Gesellschaften, einige der letztem nehmen jedoch Eigenthümlichkeiten einer fremden Gattung in sich auf. So gehört die leipziger Mvbiliarversicherungsbank der ersten Gattung an, classificirt aber die Beiträge, versichert sogar zuweilen wie Aktiengesellschaften zu festen Prämien; die marienwerdersche ^ Anstalt ist derselben Gattung, erhebt aber besondere Beiträge zu Reserven; der altonaer Verein zählt sich zur dritten Gattung, spart aber nur einen Theil der Überschüsse auf. In jeder der genannten Gattungen ist, trotz der angegebenen und einmal unvermeidlichen Mängel, I eine gut begründete Anstalt denkbar. Zu dieser Eigenschaft gehört, nächst einem großen Um- ^ fange, eine genügende Controle und Verpflichtung der Verwaltung, denn die Personen der Direktoren haben nicht ein Interesse für die Gesellschaft, welches dem Antheile an dem Capital bei Aktiengesellschaften in seinen Wirkungen gleich zu setzen wäre. Befugniß, die Aufsicht über die Verwaltung zu führen, haben die Mitglieder allein, und wenn sie davon nicht einen immerwährenden Gebrauch machen, oder gar organische oder administrative Anordnungen den Direktionen überlassen, so werden sie ihre Gesellschaft nie als gesichert vor menschlichen Schwächen oder Willkürlichkeiten betrachten dürfen. Eine gegenseitige Gesellschaft soll unbedingt^ Öffentlichkeit haben, nichts Wesentliches soll geschehen dürfen, ohne daß alle Mitglieder zuvor, und zeitig genug, um ihre Bedenken dagegen anzubringen, Kenntniß davon erhalten haben. Besonders muß die Rechnungsablegung öffentlich und in Hinsicht der Ver- ! waltungskostcn ganz specicll sein, sonst wird die Gesellschaft viel zu theuer verwaltet werden. 1 Was bei den Aktiengesellschaften über die Einfachheit der Vcrsichemngsbedingungen gesagt I worden, ist für die gegenseitigen noch wichtiger als dort, da bei ihnen nothwendig das ganze w Statut damit verbunden sein muß. Es gibt deutsche gegenseitige Gesellschaften, deren Sta- i tuten so voluminös und cvmplicirt sind, daß sie von den meisten Mitgliedern nicht gelesen und !j von den allerwenigsten begriffen werden können. Von ausländischen gegenseitigen Gesellschaften, deren keine ihre Geschäfte auf Deutschland ausdehnt, sei hier nur erwähnt, daß ihr System in England, weil man es nicht für sicher hält, fast ganz verlassen worden ist, in Frankreich dagegen besonders stark durch die Departementalverbände für Gebäudeversicherung re- präsentirt wird. Feuerwerk, auch Lust fe uerw erk, nennt man die Zusammenstellung und Abbrennung von Feuerwerksdecorationen und Lustfeuerwerkskörpern, welche bei festlichen Gelegenheiten und bisweilen auch zur Übung der Artilleristen angeordnet werden. Man theilt die Feuerwerkskörper in stehende und bewegliche ein, welche beide ebensowol zu Lande als zu Wasser verwendet werden. Die stehenden Lustfeuerwerkskörper sind entweder feste oder umlaufende. Zu den erstem gehören die Dekorationen. Diese sind entweder gemalt und werden dann erleuchtet und mit farbigen Lichtern oder dgl. garnirt, oder die ganze Dekoration selbst besteht dergestalt aus farbigem Feuer, daß letzteres sowol die ganzen Massen als die scharf hervortretenden architektonischen Linien oder Contourcn bildet. Oft ist auch das Farbenfeuer so eingerichtet, daß es in gewissen Zeiträumen wechselt, was durch verschiedene Sätze in den Lichtehülsen bewirkt wird. Die Dekorationen werden mit einer über jeden einzelnen Brennpunkt hinlaufenden Zündschnur in einem Augenblicke angezündet. Ferner gehören hierher l die Sonnen, Sterne u. dgl., welche aus einer gewissen Anzahl in bestimmter Richtung auf einem Brete festgenagelter starker, mit Brillant- und Farbenfeuer gefüllter Papierröhren bestehen, die sämmtlich gleichzeitig angezündet, beim Ausströmen des Feuers die verlangte Figur geben. Die stehenden umlausenden Fmerwerkskörpcr sind vertikale und horizontale Feuerräder, Rosen, Windmühlen, umlaufende Stäbe u. dgl. Die Papierröhren sind hier auf Unterlagen, welche auf einer Achse sich drehen, dergestalt aufgenagelt, daß die Gewalt des Pulvergases bei der Ausströmung die Ünterlage zugleich umtreibt und so das Feuer einen ! Kreis bildet. Man bedient sich außer dem Brillantfeuer auch hier des Farbenfeuers, da dasselbe jedoch faul ist, muß man den Trieb durch eine Röhre mit weißem Feuer bewirken. Die mannichfachen Verbindungen der Feuerräder miteinander zu guillochirten Zeichnungen», dgl. 18* 276 Feuerzeuge KeuillantS i machen diese Feuerwerkskörper zur größten Zierde eines Feuerwerks. Die beweglichen Feuer- ' werkskörper sind Schwärmer, Raketen, Leuchtkugeln und Goldregen, Tourbillons u. dgl. Schwärmer sind kleine Papierröhren mit einem Feuerwerkssatze gefüllt, die beim Anzün- den in schlangenförmiger Linie hin- und hcrfahren und zuletzt mit einem Knalle verlöschen. Im Wasser tauchen sie unter und kommen wieder an die Oberfläche empor. Man braucht sie nie einzeln, sondern stets zu 5« und >99, ja INO« in den sogenannten Feuertüpfen, wo sie auf einer Sprengladung stehen und insgesammt entzündet in die Luft geworfen werden. Auch zur Versetzung der Raketen braucht man sie zu sechs bis acht Stück. Raketen sind große, über einen Darm mit einem Pulvcrsatze hohl geschlagene Papicrröhren. Entzündet ^ würden sie nur herfahren wie Schwärmer, wenn man ihnen nicht in einem langen daran befestigten Stabe ein Gegengewicht gäbe, wo sie dann senkrecht in die Höhe steigen und oben mit einem Knalle verlöschen. Zuweilen setzt man oben eine Kappe auf und füllt in dieselbe ' Schwärmer, Leuchtkugeln, Goldregen u. dgl., welche die Raketen dann bei ihrem Erlöschen entzündet ausstoßen. Die Raketen brennt man entweder einzeln oder in Massen ab. Stehen beim Entzünden etwa-29—39 so gerichtet, daß sie mit dem untern Ende zusammenstoßen, so bilden sie beim Auffahren einen Psauenschweif, stellt man sie aber senkrecht, so erhält man «ine Feuergarbe. Die Girandola, welche jährlich in Rom von der Spitze der Engelsburg losgebrannt wird, ist eine solche Feuergarbe von 3 — 4999 Stück Raketen. Leuchtkugel» und Goldregen sind an und für sich faule Feuer, denn entzündet, würden sie an ihrer Stelle ruhig verbrennen. Man wendet sie daher zur Versetzung der Raketen an, wo sie sehr guten Effect machen. Die Leuchtkugeln haben verschiedenfarbiges Feuer, und oft wechselt die Farbe während des Brandes. Außerdem werden Leuchtkugeln noch in den sogenannten Bombenröhren verwendet. Diese Röhren sind abwechselnd mit einem faulen Satze und einer Treibladung, auf der eine Leuchtkugel steht, gefüllt und werfen diese Kugeln nach und nach in die Höhe. Man brennt gewöhnlich sechs bis acht Bombenröhren zu gleicher Zeit ab. Leuchtku- geln und Goldregen zusammen werden auch als Gegensatz zu den Schwärmern zur Füllung " von Feuertöpfen verwendet. Ebenso macht man auch Bomben, welche mit Schwärmern, Leuchtkugeln u. dgl. gefüllt und mit Lcuchtkngclsatz überzogen sind, und wirft dieselben aus Handmörsern, wo sie sich dann hoch in der Lust entladen. Die Tourbillons, Tafelraketen, steigen auf, indem sie sich horizontal um ihre Achse drehen und so ein steigendes Feuerrad bilden. Diese und die Raketen sind in der Anfertigung die schwierigsten Feuerwerkskörper. ^ Wafferfeuerwerkskörper stimmen in der Anfertigung mit den Landfeuerwerkskörpern über- i ein, nur erhalten sie einen wasserdichten Überzug und Schwimmschciben, damit sie über den, , Wasser bleiben, oder doch, wenn sie hinabgetricben werden, wieder an die Oberfläche herauf- > kommen. Tafelfeuerwerke sind Feuerwerke en miniature und zum Abbrennen im Zim- , mer bestimmt. Die Raketen haben hier die Stärke einer Bleifeder, die Schwärmer die einer starken Stricknadel u. s. w. Die Fcucrwerkssätzc erhalten möglichst wenig Schwefel und der Satz wird auch wol mit ätherischen Ölen parfümirt. Zur Füllung der Fcuertüpfe bedient man sich der Bonbons und Devisen u. s. w. Diese kleine» Feuerwerke crfodern große Genauigkeit in der Bearbeitung, sind aber sehr belustigend. Die Kunst der Lustfeuerwerke ist sehr alt, denn schon im I. 1379 wurde in Vicenza zum Fricdensfcste ein Feuerwerk abge- ! brannt, und 1510 ließ Jakob Fugger in Augsburg zur Feier der Erhebung Karl's V. zum . röm. Könige ein solches veranstalten. ! Feuerzeuge, s. Kunstfeucr. - Feuissants war der Name einer von Jean de la Barriere 1577 gestifteten Brüderschaft der Cistercienser (s. d.). Das Kloster derselben zu Paris gab während der Revolution einem politischen Club den Namen, der 1799, als die Jakobiner einen immer ausschweifender» Charakter annahmen, von den Gemäßigten, wie Lafayctte, Sicyes, Laroche- ^ foucauld u. A., gestiftet wurde und daselbst seine Sitzungen hielt. Der Club hieß anfangs j „die Gesellschaft von 1789", war zur Aufrechthaltung der Verfassung gegen die Ultras gerichtet und zählte zu seinen Mitgliedern Männer aller Stände, welche die Constitution Eng- l lands als Muster vor Augen hatten. Diese Opposition gegen die Jakobiner beförderte aber den revolutionairen Aufschwung nur um so mehr. Als der Graf Clermont-Tonnerre am 27. Jan. 1791 zum Präsidenten des Clubs erwählt worden war, brach gegen den letzter« Feuillee Feyjoö y Montenegro 277 ein Volksaufstand aus, und am 28. Marz wurde die Versammlung im Kloster durch einen wüthenden Haufen mit Gewalt auseinander getrieben. Seitdem wird der Feuillants nicht weiter gedacht. Feuillee (Louis),, bekannt durch seine botanischen und astronomischen Forschungen, geb. >660 von armen Alter», zeigte schon früh große Neigung zur Astronomie, in der Cassini sein Lehrer wurde. Auf Befehl Ludwig's XIV. machte er 1700 und 1701 eine astronomische Reise nach der Levante und den afrikanischen Küsten, auf welcher er viele Gefahren zu bestehen hatte, und 1703 eine ähnliche nach Amerika, wo er sich mehre Jahre aufhielt. Nachher besuchte er die Südsee, auf welcher Reise er vorzüglich die geographische Länge durch Mondsdistanzen zu bestimmen suchte, sodaß er als der Erste anzusehcn ist, der diese Methode im Großen anwendcte, wie er denn auch die Abweichung der Magnetnadel genau beobachtete. Durch seine Messungen trug er sehr viel dazu bei, daß der erste Meridian von den Geographen des Continents in der Nähe der Insel Ferro (genauer 20° westlich von Paris) angenommen wurde. Er starb als Vorsteher der Sternwarte zu Marseille am 18. Apr. >732. Sein „äournsl des odservstions, ksites sur les cütes orientsles de I'XmeriHue me- ridiomde et d-mr les Indes" (3 Bde., Par. 1714 — 25, 4.) und die „Histoire des plsntes mödieinsles, »>»> sont le plus en uss^e s»x rnz'sinnes dskeroii et du(7tnleeu 1709 — 11" (deutsch von Huth, 2 Bde., Nürnb. 1756—57, 4.) bezeichnen ihn als einen Mann von ungemeinen Kenntnissen und großer wissenschaftlicher Gewandtheit. Feuquieres (Manasscs de Pas, Marquis von), franz. Feldherr unter Heinrich IV., geb. >590 zu Saumur aus altem Geschlecht. Heinrich IV. bewilligte dem noch nicht Geborenen unter den Worten „Is race est bnnno" ein Jahrgeld und beförderte ihn später nach kurzer Kriegslaufbahn zum Generallieutcnant. Bei der Belagerung von Röchelte gefangen, trug F. durch Vorstellungen sehr viel zur Übergabe des Platzes bei. Nach dem Tode Gustav Adolfs wurde er nach Deutschland gesendet, um die Verbindung der protestantischen Fürsten mit Schweden aufrecht zu erhalten und Frankreich in das Bündniß aufzunehmen. Jm J. 1637 befehligte er mit dem Herzog Bernhard von Weimar das franz. Heer gegen den Kaiser. Er belagerte 1639 Diedenhofen und hielt nach dem Befehle des Königs gegen den mit Übermacht zum Entsatz herbeirückcnden Piccolomini Stand, wurde aber geschlagen und gefangen. Nach der Auswechselung starb er an seinen Wunden 1640 zu Diedenhofen. Seine „I^ettres et nej-oeiutions d'^llemsgne en >633 et 1634" (3 Bde., Par. 1753) sind für die Geschichte jener Zeit sehr wichtig. — Antoine dePas, MarquisvonF., der Enkel des Vorigen, geb. am 1 6. Apr. 1648, nahm zeitig unter seinem Verwandten, dem Marschall von Luxembourg, Kriegsdienste und wohnte als Oberst eines Regiments allen Feldzügen und Hauptschlachten bis zum Frieden von Nimwegen mit Auszeichnung bei. Als der Krieg 1688 aufs neue ausbrach, mußte er unter dem Dauphin Philippsburz belagern. Noch in demselben Jahre drang er an der Spitze eines Reiterhaufens von Hcilbronn aus aus eigene Hand in Deutschland bis Nürnberg brandschatzend vor und kehrte nach 35 Tagen mit einer Summe von 3 Mill. Livres zurück. Ludwig XIV. ernannte ihn dafür zum Mare'chal de Camp. Dann kämpfte F. siegreich unter Catinat in Piemont und Italien. Im I. >691 wurde er wieder nach Deutschland geschickt, wo er bei Speierbach mit 3000 M. das badische Truppencorps zurückhickt. Zwei Jahre darauf zum Generallieutcnant befördert, diente er als solcher bis zum Frieden von Ryswijk unter Luxembourg und Villeroi in Flandern. Ungeachtet er große Talente besaß, war hiermit seine kriegerische Laufbahn beschlossen, weil der Hof sich oft durch die Strenge und Gradheit seines Urthcils verletzt fühlte. Erstarb 17II. Seine „5lemoires" (4 Bde.,Par. 1770; deutsch,Berl. 1786) sind eine vorzügliche Quelle für die Kriegsgeschichte seiner Zeit. Feyjoö y Montenegro (Fr. Benito Jerönimo), den man den span. Thomasius nennen könnte, geb. am 8. Oct. >676 zu Cardamiro, einem Dorfe im Bisthum Orense, nahm mit > 4 Jahren das Ordcnskleid des heil. Benedict im Kloster S.°Julian de Samos und bezog dann die Universität von Oviedo, wo er nicht nur mit dem größten Eifer die Vorlesungen in seiner Fachwissenschaft, der Theologie, sondern auch die der übrigen Facultäten besuchte, sodaß er den Doktorgrad in allen Facultäten erhielt. Der Ruf seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seines musterhaften sittlichen Wandels erhob ihn zu Würden, die er nicht 278 Fez suchte, da er, nur seiner Neigung folgend, alle seine Zeit den Studien gewidmet hätte. S» wurde er zum Professor der Theologie zu Oviedo, zum Abt des dortigen Bcncdictinerklostcrs von S.-Vicente, zum General seines Ordens und von Ferdinand Vl. zu seincm Ehrcnrathe ernannt. Und doch war das Ziel seines Strcbens nicht ein Aufspeichern tobten Wissens, sondern ein ganz praktisches, ein den damaligen Bedürfnissen seiner Nation und den Foderungcn seiner Zeit ganz entsprechendes und für sein Vaterland höchst segensreiches. Denn durch- drungen von der Überzeugung, daß die trefflichen Anlagen dieses edeln Volks nur aus Mangel an Unterricht und Aufklärung, sowie durch eigennützig unterhaltene und genährte Vor- urtheile und absichtliche Täuschungen unentwickelt blieben, und eS nur dadurch hinter der mächtig vorgeschrittenen Zeit zurückgehalten wurde, suchte er sich Kenntnisse in allen Zweigen des Wissens zu erwerben, um dem Aberglauben, der Charlatanerie und der Dornirt- heit des Schlendrians entgcgentreten und sie mit den Waffen des Ernstes und der Satire bekämpfen zu können. So ausgerüstet begann er 1726 sein „Destro critico universal, 6 I)is- cursos varios en tollo genero 6000 E., am Martil, unweit von dessen Ausfluß ins Mittelländische Meer, und wichtigem Handel. Tanzet, in der Nähe des alten Tingis, später 1'rnilncta äulw, einer der ältesten Städte der Berberei, mit 10000 E., einem kleinen Hafen und festem Schloß, an der Meerenge von Gibraltar gelegen, der Aufenthaltsort der christlichen Consuln im marokkanischen Reich. Teza, eine der schönsten Städte des Reichs, mit etwa l 1000E., welche lebhaften Handel treiben; El Arisch oderLarafch, an der Mündung des Lukkos, mit gutem Hafen am Atlantischen Meer und etwa 40«» E-; Sale mit 23000 E. und Neu-Sale oder Rabatt mit 27000 E-, an der Mündung eines Flüßchens ins Atlantische Meer einander gegenüber gelegen, mit einem großen Hafen und bedeutendem Handel, früher der Sitz der marokkanischen Seeräüberei, jetzt die Station der Kriegsmarine. Fezzan, ein in Nordafrika ungefähr zwischen 24°— 30° 3«, nördl. B. und 29°— 33° östlL. südlich von der Regentschaft Tripolis gelegenes Reich, das aufungefähr 3—4000 OM. 70— l 10000 E. zählt. Der Boden ist im Ganzen wegen Wassermangel und übermäßiger Hitze im Sommer dürr und unfruchtbar, und nur in den niedrigem Gegenden anbaufähig. An wilden Thieren dagegen ist kein Mangel. Die Einwohner sind ein sehr gemischter, brauner, ziemlich negerartigcr, .jedoch im Ganzen wohlgestalteter Menschenschlag. In aller Bildung noch sehr zurück, beschäftigt sic außer dem Gartenbau nur die Fabrikation der unentbehrlichsten Bedürfnisse. Der Karavanenhandcl zwischen dem Innern Afrikas und der Küste bildet ihre Hauptnahrungsquclle. Das Land wird von einem dem Pascha von Tripolis zinspflichtigen Sultan regiert, dessen Macht auf einem Heer von 3000 arab. Reitern beruht, mit dem er seine Sklavcnjagdcn ausführt, der Hauptquclle seiner Einkünfte. Die Hauptstadt des Landes ist Mu rz uk, die Residenz des Sultans und ein wichtiger Handelsplatz, wo die Karavanen von Tunis, Gadamcs, Tripolis, Kairo, Bornu und Timbuktu zusammentreffen. Außerdem sind noch zu erwähnen Ge rmah, wahrscheinlich die Stadt der alten Garamantcs, und Traghan, früher die Hauptstadt des Landes, mit Teppichfabrikcn. F. ist wahrscheinlich die Phazania der Alten, nach welcher die Römer unter Cornelius Bal- bus einen Kricgszug unternahmen. Im 7. Jahrh. wurde es eine Beute der erobernden Araber, welche den jetzt noch daselbst herrschenden Mohammedanismus cinführten. Wie im Al- terthum, so wurde cs wvl auch im Mittelalter unter der arab. Oberherrschaft von eigenen Fürsten regiert, als welche wir im 14. Jahrh. eine Dynastie von Scherifcn finden, die anfangs unabhängig, später den Paschas von Tripolis zinsbar war. Jm J. >811 wurde sie vom Bei Mohammed-el-Mokuy ausgerottct, der sich im Namen des Pascha von Tripolis des Landes bemächtigte und unter dessen Oberhoheit die Regierung desselben führte. Fiacres nennt man gegenwärtig Miethwagcn, welche an bestimmten Plätzen einer Stadt beständig bespannt halten und für eine Vergütung bereit sind, Jedermann in dem Bezirke der Stadt und ihres Weichbildes zu befördern. Früher war die Benennung Fiacrc allen Miethwagcn gemein. Nicolaus Sauvagc in Paris war cs, der 1030 auf den Einfall gericth, beständig Wagen und Pferde zum Vcrmicthcu bereit zu halten; er wohnte in der Straße St.-Martin in einem Hause, welches nach dem daran angebrachten Bilde des heil. Fiacre, der der Sage nach der Sohn eines schot. Königs gewesen sein soll, Hotel de Fiacre genannt war, und daher schreibt sich die sonst ziemlich räthselhafte Benennung. Die Miethwagenein- richtungen wurden später verbessert, der Name aber blieb denjenigen Fuhrwerken, welche für den augenblicklichen Gebrauch an bestimmten Orten stets bespannt stehen. Die meisten bedeutenden Städte haben gegenwärtig solche Fiacres, die elegantesten in Deutschland Wien und Hamburg. Hinsichtlich der Ordnung stehen die Fiacres meist unter sehr strenger poli- ceilicher Controls, hinsichtlich des Fahrpreises aber ist dies zum großen Nachtheil des Publikums nicht überall der Fall, so namentlich in Wien und Hamburg. Flamingo ist der Beiname einer ganzen Anzahl nicderländ. Künstler, deren wahre Namen die Italiener nicht aussprcchcn oder nicht behalten konnten. — Die bedeutendsten davon sind folgende Beiden: Dionys Calvaert (s. d.) und Franz Duquesnoy, gcb. zu Brüssel 1594, einer der vorzüglichsten unter den modernen Bildhauern. An Reinheit des Stils und einfachem Adel des Ausdrucks war er seinem beständigen Nebenbuhler Bcr- nini (s. d.) weit überlegen und hat z. B- in Darstellung von Kindern eine frische Naivetät entwickelt, wie sie selbst seinem Zeitgenossen A. A l g a rd i (s. d.) nicht zu Gebote stand. Seine 280 Fiasco Fichte (Joh. Gottlieb) ausgezeichnetsten Werke sind die Statue der heil. Susanna in der Kirche Santa-Maria di Loretto in Rom und der kolossale St.-Andreas in der Petcrskirche u. s. w. In Belgien wer- den ihm zugeschrieben die schöne Mater dolorosa über Rubens' Grab in St.-Jacques zu Antwerpen, eine heil. Ursula in Notre-Dame des Victoircs in Brüssel u. s. w. Auch Joh. von Calcar (s. d.) und Mich. Coxis (s. d.) heißen in ital. Schriften zuweilen Flamingo. Fiasco, ein aus der Thcatersprache derJtaliener auch in die der Franzosen, Deutschen und Engländer übcrgegangener Kunstausdruck, womit man, im Gegensatz zu dem Furore, das Nichtgefallen eines Stücks, eines Schauspielers oder Sängers bezeichnet, ohne daß man wüßte, wie das Wort liusco, welches soviel als Flasche bedeutet, dazu gekommen. In Italien ist der Ausdruck viel gebräuchlicher und deshalb minder schroff als bei uns, wo man häufig den Ruf „OIL, olL tiasco!" selbst dann hört, wenn dem Sänger auch nur ein Ton versagt. Fibeln, s. A-b-c-bücher. Fibern heißen die feinen Fasern oder Fäden, welche den Grundbcstandtheil eines jeden irgend ausgebildctern organischen Körpers ausmachen. Ganz einfache Pflanzen sind zwar nur aus Zellen gebildet, sobald aber in den Hähern Stufen diese Zellen sich reihenweise miteinander verbinden, so entsteht die Pflanzenfaser, die, in Bezug auf Bau, Richtung, Durchkrcu- zung und Verbindung, in verschiedenen Familien des Gewächsreichs große und charakteristische Verschiedenheiten gewahren läßt. Die thicrische Faser, zumal des Muskels, erscheint bei sehr starker Vergrößerung als eine gedrängte Reihe von Kügelchen, die einzeln '/z»» Mil- limetre im Durchmesser haben. Viele solcher ungemein dünnen Fibern nebeneinander gelagert und durch Zellgewebe verbunden, geben ein der Zusammenziehung fähiges (contrac- tiles) Gewebe oder einen Muskel, indem jede einzelne Faser, während sie sich im Zickzack nach bestimmten Gesetzen zusammenzieht, verkürzt wird. Jene Kügelchen bestehen in der Hauptsache aus dem auch im Blute vorhandenen Faserstoffe oder Fibrine. Scharfe Untersuchungen der organischen Faser sind nur erst in neuern Zeiten, seit die Mikroskope große Vollkommenheit erlangten, möglich gewesen. Fichte bezeichnet im Allgemeinen das Pflanzcngeschlccht Uinus, im Vesondcrn aber eine Art desselben, die gemeine Fichte, auchRoth- odcrSchwarztanne (Linus svive- otris) genannt. Die Fichte bildet im Mittlern und nördlichen Europa und in Asien, meist auf Höhenzügen, ganze Wälder, liebt das Urgebirge, wächst schnell und kann bis 400 Jahre alt werden. Durch Anzapfen des untern Theils des Stamms erhält man den gemeinen Ter- pcnthin und durch Destillation desselben das Tcrpcnthinöl. Der harzige Rückstand nach der Destillation gibt geschmolzen das Kolophonium. Durch trockene Destillation des Fichtenholzes erhält man den Thecr, der abgedampft das Schiffspech liefert. Von selbst quillt aus der Rinde das gemeine Fichtenharz, das zu Salben und Pflastern dient und, geschmolzen, das gemeine gelbe Pech liefert. Durch langsames Verbrennen der Überbleibsel beim Thecr- schwelen erhält man den Kicnruß. Die Rinde ist ein guter und wohlfeiler Nichtleiter der Wärme, die Fichtenzapfen ein treffliches Surrogat zum Lohgerben. Aus den Nadeln läßt sich die in neuester Zeit erfundene Waldwolle darstellen. Das Holz dient als Brenn - und Bauholz und der süße, gallertartige, saftige Splint in Schweden und Lappland zur Brotbereitung. Außer der gemeinen Fichte sind noch bcmerkcnswerth diewciße und schwarze Fichte (Linus sllm und niZrs), auf den höchsten Gebirgen Amerikas heimisch, und die Lambertianafichte, einzeln in Californien wachsend, deren Harz die Einwohner stakt des Zuckers benutzen. Die Fichte war bei den Römern und Griechen der Cybele, Artemis, dem Poseidon und nach Einigen auch dem Bacchus heilig, deren Tempel an den Festtagen mit abgehauenen Fichten geschmückt wurden. Auch bekränzte man mit Fichtenkränzcn die Sieger bei den isthmischen Kampfspielen. Fichte (Joh. Gottlieb), geb. zu Rammenau bei Bischofswerda in der Oberlausih am 19. Mai 1762, besuchte Schulpforte und studirte zu Jena, Leipzig und Wittenberg. Dann lebte er einige Jahre zu Zürich als Hauslehrer, wo er Pcstalozzi's Freund war, und hierauf in Königsberg. Sein „Versuch einer Kritik aller Offenbarung" (Königsb. 1792), der allgemeine Aufmerksamkeit erregte und bei seinem Erscheinen für eine Schrift Kant's gehalten wurde, verschaffte ihm 1793 den Ruf als ordentlicher Professor der Philosophie nach Jena. Hier stellte er unter dem Namen der „Wissenschaftslehre" ein philosophisches System auf, 281 Fichte (Joh. Gottlieb) in welchem er die in demKant'schenKriticismus liegenden Keime des Idealismus entwickelte, sich deshalb von Kant immer weiter entfernte und den Grund zu den Philosophemcn Schel- ling's und Hegel's legte. Wegen eines in das von ihm und Niethammer herausgegebcne „Philosophische Journal" (Bd. 8, Hst. >) cingerückcen Aufsatzes „Über den Grund unsers Glaubens an eine göttliche Weltrcgierung" von dem kurfürstlich sächs. Konsistorium atheistischer Lehren beschuldigt, wurde er in eine Untersuchung verwickelt, welche bei der aufgeklärten Weimar. Regierung keine nachtheiligen Folgen für ihn gehabt haben würde, wenn er nicht mit Niederlegung seiner Stelle gedroht hätte, worauf er 1799 seine Entlassung erhielt. F. vcrtheidigte sich in der „Appellation gegen die Anklage des Atheismus" (Jena und Lpz. 1 799). Ec fand im preuß. Staate freundliche Aufnahme, lebte eine Zeit lang in Berlin und wurde im Sommer 1895 Professor der Philosophie in Erlangen, mit der Erlaubniß, den Winter in Berlin zuzubringen. Während des franz.-preuß. Kriegs ging er nach Königsberg, wo er auch eine kurze Zeit Vorlesungen hielt; nach dem Frieden aber kehrte er nach Berlin zurück, wo er I8l9bei der unterrichteten Universität als Professor der Philosophie angestellt wurde. F. war nicht nur ein scharfsinniger Denker, sondern auch ein scharsausgeprägter, edler und muthvoller Charakter und verdient als solcher in dem Andenken der Nation fortzulcbcn. So trat er namentlich im I. 1808, mitten in dem von Franzosen besetzten Berlin, als echter deutschcrMann auf und hielt seine „Nebenan die deutsche Nation" (Berl. l 898; neue Ausl., 1821), die in ihrer feurigen, aus inniger Überzeugung hervorgegangenen Bercdtsamkeit ci'n Denkmal der edelsten Gesinnung sind. Ebenso hielt er 181 üVorlesungen über den«Gegriff des wahrhaften Kriegs, die erst nach seinem Tode im Druck erschienen (Lüb. 1815). Wie F. für das Gute lebte, so starb er auch dafür. Seine würdige Gattin, eine geborene Schweizerin, welche sich während des Freiheitskriegs der Pflege der Verwundeten und Kranken >n den Hospitälern zu Berlin mit großer Selbstverleugnung unterzog, wurde vom HoSpitalfiebcr befallen; sie genas, F. aber unterlag demselben am 27. Jan. 1812. Vgl. „Joh. Gottl. F.'s Leben und literarischer Briefwechsel", herausgcgeben von seinem Sohne J.H. Fichte (2Bde., Sulzb. > 839—31). Rücksichtlich der wissenschaftlichen Leistungen F.'s sind wenigstens zwei Perioden zu unterscheiden, von denen die crstcre für die historische Bedeutung seines Idealismus beiweitem wichtiger ist als die.zwcitc. Die wichtigsten von den ihr angehörigen Schriften sind folgende: „Über den Begriff der Wissenschaftslehre" (Weim. 1792; 2. Aufl., 1798),'„Grundlage der gcsammten Wissenschaftslehre" (Wcim. 17 92; 2. Aufl., 1892), „Grundriß desEigenthümlichen der Wissenschaftslehre" (Jena 1795; 2. Aufl., 1802), „Über die Bestimmung des Menschen" (Berl. >899), „Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten" (Jena 1792), „Grundlage des Naturrechts" (2 Bdc., Jena 1796 — 97) und das „System der Sittenlehre" (Jena 1798), jedenfalls das reifste WcrkF.'s. Der Grundgedanke des in diesen Schriften aufgestellten Idealismus ist die alleinige Realität des sich selbst und das Nichtich setzenden Ich. Das Ich ist das absolut Productive, das aber nicht zum Bewußtsein seiner selbst, d. h. seiner unendlichen Selbstthätigkeit würde kommen können, wenn es sich nicht, zugleich als Anstoß und als Schranke seiner Thätigkeit das Nichtich, d. h. die Welt der Objecte, die Natur gegenüberstellte. Das Ich, insofern cs sich setzt als bestimmt durch das Nichtich, ist das intelligente Ich, und als solches Gegenstand der theoretischen Wissenschaftslehre; das Ich dagegen, als bestimmend das Nichtich, ist Gegenstand der praktischen Wissenschaftslehre. Freiheit, absolute Selbstthätigkeit um der Selbstthätigkeit willen ist nämlich für F., nicht wie bei Kant, die Bedingung und Voraussetzung des sittlichen Handelns, sondern selbst der höchste Ausdruck für die sittliche Aufgabe, für das Sittengesetz; um aber diese Selbstthätigkeit zu realisiren, bedarf es einer Welt der Objecte, durch welche das Ich sich selbst Schranken sehen muß, um an diesen Schranken sich seiner Selbstthätigkeit bewußt zu werden, wodurch freilich diese idealistische Ethik in den Cirkel geräth, daß das Nichtich als Bedingung der Sittlichkeit gefodert und zugleich die Aufhebung dieser Bedingung als das Ziel des sittlichen Strcbens dargestellt wird. Hinsichtlich der Rechtsbegriffe schloß sich die F-'sche Freihcitslehre in ihren Grundbestimmungen >an die Kanl'sche Lehre von der Freiheit als dem angeborenen und ursprünglichen Rechte an. Im Allgemeinen ist bei F. Das, was wir auf dem Standpunkte des gemeinen Bewußtseins die Welt nennen, nur ein Product des Ich; sie existirt nur durch das Ich, für das Ich und in 282 Fichte (Imin. Herrn.) dem Ich. Daß eine solche Lehre, die K. mit der ihm cigcnthümlichen Hartnäckigkeit auszubilden suchte, sich rxeder mit den Naturwissenschaften noch mit dem herrschenden religiösen Glauben noch mit den Bedürfnissen des praktischen Lebens in irgend eine haltbare Verbindung sehen konnte, war nicht zu verwundern; ja, F.'s eigene Ansichten unterlagen insofern einer Umbildung, als er das Absolute spater nicht in das menschliche, sondern in das göttliche Bewußtsein verlegte, und die einzelnen Geister sammt der Natur als Abspiegelungen jenes Weltich auffaßtc. In dieser theilweise selbst an das Mystische streifenden Richtung bewegt sich schon seine „Anweisung zum seligen Leben" 797, studirte zu Berlin Philologie, widmete sich jedoch auch frühzeitig schon philosophischen Studien, vorzugsweise dazu angeregt durch die Philosophie seines Vaters in ihrer spätem Gestalt und einem umfassendem Studium der Geschichte der Philosophie. Durch Hegel, dessen Vorlesungen im ersten Semester er noch besuchte, abgcstoßcn, da er an die anregende Lebendigkeit Schleicrmachcr's gewöhnt und für Schelling's Darstcllungswcisc begeistert war, entsagte er einstweilen der akademischen Laufbahn, der er sich zuzuwendcn im Begriffe stand, und widmete sich >822 dem Schulfache, erst in Saarbrücken und dann als Gymnasialprofcssor in Düsseldorf. Trotz der Unangemessenheit seiner äußern Bcrufsstcllung zu der Richtung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen, gelang cs ihm doch, sich durch eine Reihe philosophischer Schriften eine selbständige Stellung unter seinen Zeitgenossen zu erringen. In Folge dessen wurde er 1836 als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Bonn versetzt, von wo aus er 18 >2 einem Rufe an die Universität zu Tübingen folgte. Seine hauptsächlichsten Schriften sind „Sätze der Vorschule zur Theologie" (Stuttg. >826), „Beiträge zur Charakteristik der neuern Philosophie" (Sulzb. >829), deren zweite >841 erschienene Auflage so vermehrt ist, daß sie als ein selbständiges Werk betrachtet werden muß; „Uber Gegensatz, Wendepunkt und Ziel heutiger Philosophie" (3 Abthl., Heidelb. >832—36), „Religion und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhältnis" (Hcidelb. 1831), „Die Idee der Persönlichkeit und der individuellen Fortdauer" (Elberf. >834) und „Uber die Bedingungen eines speculativcn Theismus" (Elberf. >835). Außerdem finden sich eine Menge zum Theil umfangreicher Abhandlungen von ihm in der von ihm seit > 837 hcrausgcgcbenen „Zeitschrift für Philosophie und specula- tivc Theologie". Die wissenschaftliche Richtung F.'s erhält ihre Bedeutung für die Gegenwart hauptsächlich durch ihren relativen Gegensatz gegen die Hegcl'schc Philosophie. F. gesteht nämlich der dialektischen Methode nur eine formale, nicht, wie Hegel, eine reale Bedeutung zu; der dialektische Proceß ist ibm nicht das Absolute selbst, sondern nur die wesentliche und noth- wcndige Form der Evolution des Absoluten. Der Darstellung dieser Evolution, d. h. der eigentlich speculativcn Wissenschaft, welche F. durch den Begriff der Ontologie und spccula- tivcn Theologie bezeichnet, schickt er eine Untersuchung der Erkcnntnißthätigkeit voraus, nicht sowol im Sinne der Kant'schcn Schule, sondern mehr in dem Sinne einer Phänomenologie des Geistes. Diese Untersuchung soll zeigen, wie das Bewußtsein aus der Anschauung, die im Objecte befangen sei, durch die verschiedenen Stufen seiner Sclbstbesreiung in der Vorstellung und im Denken, sich bis zur höchsten Subjektivität hinauftrcibc, in deren Alles treu- ncndcr Reflexion und zerstörender Skepsis es sich selbst zuletzt als das einzige Gewisse übrig- Fichtelgebirge Fiction 283 behalte. Dieser subjektive Höhepunkt werde aber zugleich der erste Umschwung derselben kn den Gegensatz; der subjectivc Idealismus, wie ihn der Vater F.'s in seiner frühcrn Periode aufgestellt hatte, ist somit nur ein Durchgangspunkt für das Denken; das Ich zerbreche an seinem eigenen Scheine, als dem höchsten Selbstwiderspruche; das Wissen von sich, als dem Absoluten, schlage um in das Wissen von sich, als dem Nichtabsoluten, als der bloßen Form eines unendlichen Gehalts, der als das im Bewußtsein Gegenwärtige, sich in ihm Verwirklichende gedacht werden müsse. Hiermit sei das höchste Princip, der versöhnende Mittelpunkt aller übrigen Principien gefunden, das Absolute, als das sich Setzende und Offenbarende in einem Andern, was es doch selbst ist, das wahrhaft Lebendige, unendlich Positive. Auf diesem Punkte habe das Bewußtsein aus den gesammten Vorstufen sich zum speculative« Erkennen zusammenzufassen und zu ergreifen, wodurch das Princip der Reflexion wahrhaft überwunden und mit dem Speculativen versöhnt sei. Die Wissenschaft habe diesen Begriff des Absoluten als den Inhalt des wahren Erkenntnißstandpunkts einer kiefern Entwickelung zu unterwerfen. Die Aufgabe der Ontologie ist, die absoluten Formen, das System der Kategorien, in welche sich alles concret Wirkliche einbildet, für sich zu entwickeln. Hier sei das eigentliche Feld jener negativen Hegel'schcn Dialektik. Wo aber die Ontologie durch den dialektischen Fortschritt zu der höchsten, die gesammten Kategorien und untergeordneten Ideen in sich befassenden Idee der absoluten Persönlichkeit ihren höchsten Gipfel erreicht habe und eben dadurch in die speculative Theologie übergehe, reiche die negative Dialektik nicht mehr aus, sondern hier müsse eine positive, progressive Dialektik eintreten, welche, her- absteigend von der höchsten Idee, diese in ihrer Selbstbewährung durch die speculative Theologie, Naturphilosophie und Geistesphilosophie darzulegen habe. Daher müsse hier, wo das rein Apriorische nicht mehr ausreiche, die Speculation auch die Erfahrung als die thatsach- liche Verwirküchung der Idee in sich aufnehmen und durcharbeiten, ein Verfahren, welches F. wol auch als speculative, gottoffenbarende Empirie bezeichnet. Fichtelgebirge, eins der bedeutendsten Gebirge Deutschlands, im bair. Kreise Oberfranken mit eiüem Flächenraum von 42 mM., steht westlich mit dem Rhöngcbirge und dem Spessart, nordwestlich durch den Frankenwald mit dem Thüringerwalde, nordöstlich mit dem Erzgebirge und südöstlich mit dem Böhmerwalde in Verbindung. Die Hauptmasse der beiden Bergrücken, aus denen dasselbe besteht, ist Granit; die Scitenzweigc aber, vorzüglich gegen die Ncgnitz hin, sind Kalkstein. Es ist reich an Eisen, Vitriol, Schwefel, Kupfer, Blei und Marmor. Die höchsten Spitzen desselben sind der Schneeberg, 3221 F.hoch, der Ochsenkopf, 3123 F., der Kössein, 3060 F. und der Fichtelb erg, 3000 F. Auf demselben entspringen der Main, die fränkische und sächs. Saale, die Eger und die Nab. Es ist reich bewaldet mit Nadelholz und bis zu den höchsten Punkten angcbaut. Vgl. Goldfuß und Bischofs, „Beschreibung des Fichtelgebirgs" (2 Bde., Nürnb. >8l7). — Der kleine Fichtelb erg bei Wiesenthal im sächs. Erzgebirge ist 3700F.hoch und der höchste Punkt im Königreich Sachsen. Auf ihm entspringen die Zschopau und mehre andere kleine Flüsse. FiclNUs (Marsilius), ein berühmter ital. Arzt zu Florenz, der um das Studium der Platon'schen Philosophie in Italien sich großes Verdienst erwarb, war zu Floren; >433 geboren. Da der ältere Cosmus von Medici, bei welchem des F. Vater als dessen Leibarzt in hohen Ehren stand, des Knaben ausgezeichnete Talente erkannte, so nahm er sich desselben an und sorgte für dessen gründliche Ausbildung. Später beauftragte er ihn, den Platon und die Neuplatoniker, Plotin, Jamblichus und Proklus ins Lateinische zu übersetzen und stellte ihn bei der von ihm um 1440 zu Florenz gestifteten Platon'schen Akademie als Lehrer der Platon'schen Philosophie an. F. unterzog sich seinem Lehramte mit um so größerer Liebe, da er ein eifriger Anhänger der Platon'schen Philosophie war, die er als Vorbcreitungs- und Bc- festigungsmittel des christlichen Glaubens betrachtete; doch unterschied er in der Darstellung dieser Philosophie nicht genau Platon und die spätere Neuplatonische Schule, wie dies aus seiner „lüeoloßßs klstonica sen ile immortnlitate snimorum ac aeteroa telicitate" (Flor. 1482, Fol.) hervorgeht, in welcher er vornehmlich die Unsterblichkeit der Seele gegen die Aristoteliker seiner Zeit vertheidigte. Er starb 1499. Die best? Ausgabe seiner lat. Werke erschien zu Basel 1561 (2 Bde., Fol.). Fiction nennt man eine in den Gesetzen vorgeschriebene Annahme von nicht Vorhan» 284 Fidalgo Fieber denen Voraussetzungen bei einem Rechtsgeschäft. Je strenger ein Nechtssystem in sich selbst fortgebildet ist, durch consequente Entwickelung weniger einfacher Grundlagen, desto öfter ist cs nöthig, einzelnen Härten desselben dadurch abzuhelfcn, daß in solchen Fällen entweder s auf einen erweislich eingetretenen Umstand gar keine Rücksicht genommen werde, oder daß man einen andern nicht vorhandenen Umstand dennoch als vorhanden ansieht. Durch eine Fiction erster Art erhielt man z. B. in Rom, vermöge eines Gesetzes des Dictators Sulla, das Testament eines röm. Bürgers in Kraft. Eine Fiction der zweiten Art findet statt z. B. bei den fingirten Personen, wo mehre in einer gewissen Beziehung zueinander stehende Per- ? sonen, ein Collegium u. s. w. als Eine Person angesehen werden. Noch reicher an Fictionen als das römische ist das engl. Recht; denn so wird z. B. das Gericht des Exchequer in gewöhnlichen Schuldsachen nur dadurch competent, daß der Kläger fingirt, er selbst sei dem Könige schuldig und könne nicht bezahlen, wenn ihm nicht gegen den Beklagten zu seinem ' Rechte verhelfen werde. Fictionen beweisen aber stets die Unvollkommenheit des Nechtssystems. Fidalgo, s. Hidalgo. Fideicommiß heißt nach röm. Rechte die Bestimmung eines Erblassers, daß sein Erbe eine einzelne Sache (Singularfideicommiß oder Legat) oder einen Theil, oder das Ganze der Erbschaft (Univ ersalfid eicommiß) an einen Andern entweder sofort, oder nach einer gewissen Zeit, auch wol bei dem Eintritte gewisser Bedingungen hcransgeben soll. Der Erbe, welcher die Erbschaft abzutreten hatte, hieß lidiiciarius, der Empfänger tldsicommisssrius. Unter Kaiser Vespasian wurde verordnet, daß der Fiduciar bei der Herausgabe den vierten Theil der Erbschaft für sich behalten dürfe. Sehr verschieden hiervon sind die neuern Fideico mm iss e (kuleiconimiss-» suceessivu), d. h. Stiftungen, wodurch eine Vermögensmasse für unveräußerlicherklärt und dieOrdnung vorgeschriebe»ist, nach welcher die Mitglieder einer Familie oder andere dazu Berufene einander in dem Genüsse dieser Gütermasse folgen sollen. Bei Fideicommissen dieser Art hat der Fiduciar bei der Herausgabe keinen Anspruch auf den vierten Theil. Zu Errichtung derselben ist nach sehr vielen Landesgesctzen und vermöge allgemeiner Grundsätze stets die Erlaubniß des Staats nöthig, da dieselben, wenn sie zu häufig vorkämen, in alle Verhältnisse des gemeinen Wesens sehr störend eingreifen würden. Der Staat kann daher auch die bestehenden Fideicommiffe für auflöslich erklären und die Verwandlung in freies Erbe fodern. In Frankreich wurden während der Revolution alle Fidcicommisse aufgehoben und für die Zukunft verboten. Dieses Gesetz besteht zwar noch; doch wurden >826 zum Vortheil der Urenkel Substitutionen bis auf den zweiten Grad der Abstammung gesetzlich erlaubt. Fidenä, eine Stadt zwischen Tiber und Anio (Teverone), eine Meile von Rom gelegen, wo die Grenzen der Sabiner mit denen der Latiner und Etrusker sich berührten. Die Einwohner, Fiden aten, waren, wie es scheint, ein Gemisch aus jenen drei Volksstämmen, wurden schon von Nomulus besiegt, sielen aber mehrmals, zuletzt -138 v. Ehr. in Veji ab. Hierauf im 1.135 von dem röm. Dictator A. Scrvilius eingenommen, wurde F. ein unbedeutender Flecken, der unter der Negierung des Tiberius eine traurige Berühmtheit erhielt, da durch den Einsturz eines Amphitheaters, das Atilius daselbst für Gladiatorenspielc gebaut hatte, nach Tacitus 56600 Menschen verunglückten, nach Suetonius 20006 umkamen. Fides, die personificirte Göttin der Treue, hatte als solche mehre Tempel in Nom, deren Priester während des Dienstes Kopf und Hände mit weißen Tüchern umwanden. Ihre Symbole sind auf Münzen zwei ineinander verschlungene Hände, zwischen denen sich bisweilen Ähren, Mohnhäupter und Mcrcurstäbc befinden. Fieber (iebris) ist ein krankhafter Zustand, der sich hauptsächlich durch den bald mehr bald weniger regelmäßigen oder deutlich ausgesprochenen Wechsel von Frost und Hitze cha- raktcrisirt. Gewöhnlich führt dieser Zustand noch Durst, Appetitlosigkeit, Störung der meisten Körperfunctionen, besonders der Ausscheidungen, und, wenigstens in der beiweitem größten Mehrzahl der Fälle, beschleunigten Pulsschlag mit sich. Daß das Fieber eine selbständige, eigenthümliche Krankheit sein könne, ist in der neuern Zeit von vielen Pathologen, namentlich von Broussais (s. d.) entschieden bestritten worden, und nach der Meinung derselben ist das Fieber nur ein Zeichen, daß eine krankhafte Affection eines Organs oder eines Systems, z. B. der Nerven, den ganzen Organismus in Mitleidenschaft gezogen habe, Field Fielding 285 zugleich aber eine Reaction der natürlichen Heilkraft gegen die Krankheit, um einen Krank- heitsstoff durch Vermittelung des Gefäßsystems aus dem Körper zu entfernen. Letzteres geschieht durch die sogenannten Krisen (s. Krisis), welche wieder bei den verschiedenen Fieber- affecti'onen ein verschiedenes Ansehen haben. Von der großen Verschiedenheit der örtlichen Krankheiten, die dem Fieber zu Grunde liegen, der Krisen, die es entscheiden, der Zufälle, die sich damit verbinden, da die meisten acuten und viele chronische Krankheiten in Gesellschaft von Fiebererscheinungcn verlaufen u. s. w., rührt die große Menge Krankheitsnamen her, die durch Zusammensetzungen mit dem Worte Fieber gebildet werden. Unter den wissenschaftlichen Eintheilungen der Fieber nach den Standpunkte», von welchen aus man sie betrachtet, möchte eine der wichtigsten die sein, welche auf das Anhalten oder Aussehen der Fiebersymptome, den sogenannten Typus, bastrt, anhaltende Fieber (tödi-os continnse) und aussetzende oder W ech sc lfi eb er(s.d.) unterscheidet. Erstere sind wieder entweder im enger» Sinne anhaltende (kebres contimme contmentes), bei denen kein periodisches Steigen und Fallen der Fiebersymptome stattstndet, oder nachlassende Fieber (tebres continuae remitier,- tes), bei denen zu gewissen Zeiten die Anzahl und Heftigkeit der Symptome sich vermindert und dann wieder vermehrt. Aus alle Dem geht hervor, daß die Behandlung des Fiebers selbst in den meisten Fällen Nebensache ist und die Grundkrankhcit die hauptsächlichste Berücksichtigung bedarf, da mit deren Heilung auch das Fieber verschwindet. So verschieden also nach diesem Grundsätze die Behandlung der Fieberkrankhcitcn ist, so wenig läßt sich über deren Prognose eine allgemeine Ansicht aufstellen. Untersuchungen über das Fieber gehörten von den ältesten Zeiten an zu den Hauptaufgaben der Ärzte, doch ist bei diesen der Einfluß der allgemeinen ärztlichen Ansichten des jedesmaligen Zeitalters auf die Fiebcrtheorien nicht zu verkennen. Vgl. Reil, „Über die Erkenntniß und Cur der Fieber" (5 Bde.z 3. Aufl., Halle und Berl. 1820—28). Field (John), einer der bedeutendsten und was singenden Ton und Anschlag betraf, vielleicht der vollendetste Klavierspieler der neuern Zeit, gegen den selbst Hummel zurücksic- hcn mußte, ist zu Dublin 1782 geboren und ein Schüler Clementi's. Nachdem er in Cle- menti's Gesellschaft wiederholt in Paris ausgetreten war, beabsichtigte dieser, ihn in Wien Albrechtsberger's Unterricht genießen zu lassen, nahm ihn aber auf dessen dringendes Bitten mit nach Petersburg, wo sich F. bald einen glänzenden Namen erwarb. Im I. 1822 über- stedelte er nach Moskau, wo seine Concerte große Theilnahme fanden, insbesondere aber sein Unterricht sehr gesucht war. Zu einer Kunstreisc entschloß er sich erst 1832 und bereiste nun England, Frankreich und Italien. In Neapel hielt ihn eine Krankheit zurück, bis er 1835 mit einer russ. Familie nach Rußland zurückkchrte, wo er in Moskau 1837 starb. Von den von ihm componirtcn sieben Concerten sind namentlich zwei (in As-dur und Es-dur) berühmt geworden. Die meiste Verbreitung fanden jedoch seine Notturnos, die viel nachgc- ahmt, arber in ihrem einfachen, gemüthreichen Wesen nie erreicht wurden. Fielding (Henry), engl. Romandichter, geb. am 22. Apr. 1707 zu Sharpham-Park in Somersetshire, bezog von der Schule zu Eton die Universität Leyden, kehrte aber vor beendigten Rechtsstudien nach London zurück und schrieb nun für die Bühne. Der seinen beiden ersten Stücken „I^nve in sever»! maslcs" und „l'lle te»ij,Is beau" zu Theil gewordene Beifall blieb ihm nicht treu und von seinen sämmtlichen, >727 — 36 zur Aufführung gekommenen 28 Lustspielen und Possen sind kaum noch „Timm Nimmt,", „Nlle iUock l)nc- tor" und,,1'iie intriguinF cimmbermsicl" gekannt. Auch seine politischen Streitschriften und Flugblätter wurden wenig beachtet. Erst mit seinem „äosepb Andrews" (Lond. 1750, deutsch von Örtel, Meiß. 1802) betrat er die Bahn zu literarischem Ruhme. Durch seine „blistor) okäonatkgn Willi", seinen „Nom äones" (Lond. 1750; deutsch von Bode, Lpz. 1786—88, und von Lüdemann, Lpz. 1826) und seine ,,.4melm" (Lond. 1752) erhob er den engl. Roman von tiefem Verfalle zu classischer Höhe. Sein eigenes Leben war eine Reihe von Wechseln. Ausschweifung machte ihn arm, die Armuth fleißig. Vom Bühnen- dichter wurde er Schauspieldirector, dann Landwirth, Sachwalter, Journalist, zuletzt Friedensrichter, und als dieser schrieb er seine Romane. Zur Herstellung seiner Gesundheit schickten ihn die Ärzte nach Portugal; unterwegs schrieb er seine unvollendet gebliebene „Reise nach Lissabon". Er starb zu Lissabon am 8. Oct. 1751. Seine gesammten Schriften er- 286 Fiesco Fiefole ' schienen in London 1762 (4Bde.), 178-l (lOBde.), 1808 (I-tBde.) und in der edinbnrgcr j „Xoveiist'8 lidrar)" (1821) mit einer biographisch-kritischen Einleitung von Walter Scott. Fiesco (Giovanni Luigi), cig-entlich de' Fieschi, Graf von Lavagna, geb. I52t I oder 152',, erhielt eine treffliche Erziehung und kam durch den Tod seines Vaters frühzei- I tig in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens. Schon in seinem elften Jahre in eine Un- ternehmung wider sein Vaterland verflochten, rettete ihn nur seine Jugend von der Strafe. Mit seinem Ehrgeize verbanden sich sehr bald Eifersucht auf das Ansehen der Familie Doria und durch Beleidigung in ihm aufgeregter Haß gegen Johann Doria, den Neffen des Dogen. Mit seinen vertrautesten Freunden, Vincenz Calcagno, Johann Verina und Na- ^ fael Sacco und seinen Brüdern Hieronymus und Ottoboni beschloß er endlich den Stur; j der Doria und ihren Tod, wozu er mit Umsicht die Vorbereitungen machte. Zur Ausfüh- i rung des Unternehmens wurde die Nacht zwischen dem 1. und 2. Jan. >547 bestimmt. Der ^ Neffe des Dogen wurde niedergestochen, der Doge selbst aber entkam. F. hatte sich gleich zu Anfänge des Tumults in den Hafen auf die Galeeren begeben. Hier war er durch das , Umschlagen eines Bootes ins Wasser gefallen und war, da man im Getümmel seinen Hül- feruf nicht vernommen, ertrunken. Als am Morgen sein Tod bekannt wurde, zerstreute sich das Volk, das nur ihm zu Liebe die Waffen ergriffen hatte, und selbst die Verschworenen ;o- , gen sich nach und nach zurück, sodaß die Revolution von selbst ihr Ende erreichte, zumal da - den Verschworenen Begnadigung bewilligt wurde. Als später der alte Andr. Doria es dahin j zu bringen gewußt hatte, daß der Senat die Begnadigungsacte für nichtig erklärte, wurde F.'s ' Familie nebst den vornehmsten Verschworenen auf ewig aus Genuas Staaken verbannt und ihr ganzes Besitzthum in Beschlag genommen. F.'s Brüder, Hieronymus und Ottobo- n i F., wurden, jener nach der Eroberung des Schlosses Montobio, wo er eine 42tägige Belagerung ausgehalten, dieser, als er acht Jahre nachher in franz. Diensten in span. Gefangenschaft gerathcn, an Genua ausgeliefert wurde, mit dem Tode gestraft. F.'s Witwe war die ein- e zige Mitwisserin der Verschwörung, die mit dem Leben davonkam, und heirathete nachher den General Chiappino Vitelli, der zuletzt als span. Gcneralfeldmarschall in den Kriegen i wider die Niederländer diente. Schiller hat bekanntlich die Geschichte des F. zum Gegen- ^ stände eines Trauerspiels gewählt. Fiesöle (Fra Giovanni da) war der Klostername Santi T os I ni ' s, der nachmals den Beinamen anAelico oder >1 desto erhielt, einer der berühmtesten unter den Wiederhcr- >> stellern der Malerkunst in Italien, geb. 1387 in Mugello im Florentinischen. F. trat 1-107 in den Dominicanerorden und beschäftigte sich nebst seinem Bruder zunächst mit der Malerkunst blos zu heiligem Gebrauche, indem er verschiedene Chorbücher mit kleinen Bildern ^ verzierte. Die erste Richtung seiner artistischen Fähigkeit blieb auch bei seinen nachhcrigen ^ Werken in dem reichlichen Gebrauche der Vergoldung, in der Behandlung der Farben und j der sorgfältigen Ausführung kleiner Zierathen sichtbar. Nachdem er für sein Kloster auch ! größere Frescobildcr und dann in andern Klöstern mehre Gemälde ausgeführt hatte, ließ Cosinus von Medici durch ihn das Kloster San-Marco und die Kirche Santa-Annunciata verzieren. In dem Kloster San-Marco schmückte er jede Zelle mit einem großen Frescobilde, und unter mehren Gemälden an den Wänden zeichnet sich noch jetzt eine Verkündigung aus. Diese Bilder verschafften ihm solchen Ruhm, daß der Papst Nikolaus V. ihn nach Rom berief und durch ihn seine Privatkapelle im Vatican, die Kapelle des heiligen Laurentius, mit s den Wichtigsten Scenen aus dem Leben dieses Heiligen schmücken ließ. Vgl. Giangiacomo i Romano, „l>e ^itture ciells cspell» 767, war vor dem Ausbruch der Revolution Buchdrucker, that sich aber bald durch seine Beredsamkeit hervor und gewann als Präsident des 1'lleütre irmiyais einen großen Einfluß. Er bekannte sich stets zu gemäßigten Grundsätzen, schrieb sogar in den Stürmen der Revolution eine Broschüre „8ur >il Iivcessite (I'»»s rslixion" (Par. 1795) und war nach dem 9. Thernüdor einer der heftigsten Gegner des Convents. Nach dem 18. Fructidor zur Deportation nach Cayenne bestimmt, entfloh er, hielt sich einige Jahre in der Champagne verborgen und trat dann mit den Bourbons in Verbindung, wodurch er sich >799 ein Jahr Gefängniß im Temple zuzog. Nachher reiste er nach London und schrieb nach der Rückkehr Ke „I.ettres sur I'^ngleterre" und „Hetlsxions snr la Philosophie" (1802), wodurch er sich bei der Consularregierung empfahl, sodaß er 1805 Censor und Ncdacteur des „äonrnal -io i'em- pire" wurde. Nachdem ihn Napoleon 1810 zu einer geheimen Sendung nach Hamburg gebraucht hatte, wurde er Präfect des Departements Nievre. Die Restauration traf ihn nicht unvorbereitet, wie er denn überhaupt seine Verbindung mit den Bourbons nie ganz ausgegeben zu haben scheint. Seine „t.'oi-respondsnc« zioliticpie et administrative" (Par. 1817), die er dem Grafen Blacas widmete, verwickelte ihn in einen Proccß, der ihm > 8 > 3 drei Monate Gefängniß brachte. Hierauf neigte er sich zur Opposition; durch die Schrift „Ile I» gnerre d'bispsgne et des conse«pience»,d'une Intervention armöe" (Par. >823) kündete er den Ministern den Krieg an. Von besonderm Interesse ist seine „k§onvells cor- respoudunce politiczue et administrative" (3 Bde., Par. 1828). Auch ist er Verfasser mehrer in der Revolutionszeit aufgeführten Theaterstücke und einiger Romane, „I.e dol de 8urette" (1798), „L'rederie" (3 Bde., >800), „I^e divorce" (I 805) und ,,8'ix nonvel- les" (2 Bde., 1808), die er zum Thcii während seines Aufenthalts in der Champagne schrieb. Ohne großen poetischen Gehalt haben sie doch ihrer Zeit vielen Beifall gefunden und sind noch 1831 in einer neuen Auflage erschienen. Über sein Verhältniß zu Napoleon verbreitet seine „Lorrosjiondance et relations de 3. V. avec Lonsparte" (Par. 1837) einiges Licht. Er starb, nachdem er bis zu seinem Tode an den verschiedensten Journalen thätig gewesen war, am 8. Mai 1839. Mfe (James Duff, Graf von F.), Viscount Macduff, Pair von England, geb. >770, wohnte halbossiciell dem Kongreß zu Nastadt bei und hatte dann Missionen an den berliner und wiener Hof. Nachher focht er in Spanien gegen die Franzosen, wo er sich bei Ocaiia, Takavera und dem Angriff auf Matagarda auSzcichnete, wofür er von den Cortes zum Generalmajor ernannt wurde. Im I. 1827 erhielt er die Paine; Wilhelm IV. 283 Figaro Figur beförderte ihn zum Oberkammerherrn, in welcher Eigenschaft er sich um die dramatische Kunst verdient machte. Figäro, eine poetische Person, die durch Beaumarchais in dem „Varbier cle Sevilie" und „Vlarisxe <>e Vigaro" zuerst auf die Bühne kam und in diesen Stücken großen Beifall fand, gilt seitdem als der Typus der Verschlagenheit, Jntrigue und Gewandtheit. Figueras, Stadt in der span. Provinz Catalonien mit 5000 E., ist berühmt wegen der nahe dabei auf einer Anhöhe gelegenen Citadclle, Castells de San-Fernando, die in der Mitte des >8. Jahrh. vom Könige Ferdinand I V. angelegt wurde. Nachdem dieselbe am 27. Nov. 179-1 von den Franzosen genommen worden, erlitten dieselben bei F. am l-1. Juli 1795 durch die Spanier eine Niederlage. Figueröa (Francisco de), einer der berühmtesten span. Dichter des 16. Jahrh., geb. um 1510 zu Alcala de Henares, besuchte die Universität seiner Vaterstadt, trat aber sehr früh in Militairdienste und begab sich zu den span. Heeren nach Italien, wo er außer dem Waffenhandwcrk sich seiner Neigung zur Dichtkunst mit solchem Eifer und Talent hingab, daß er die Dichtcrkrone und den Beinamen des Göttlichen erhielt. Da er sowol durch seinen literarischen Ruhm als wegen der Liebenswürdigkeit seines Benehmens und der Feinheit seiner Sitten für einen der ausgezeichnetsten Männer in Spanien galt, so beredete ihn Don Carlos de Aragon, erster Herzog von Terranova, ihn als Gesellschastscavalier im I. 1579 nach Flandern zu begleiten. Doch scheint er sich dort nur kurze Zeit aufgehaltcn zu haben und brachte die letzten Jahre seines Lebens wieder in seiner Vaterstadt zu. Er soll um 1620 gestorben sein. Aus übergroßer Bescheidenheit ließ er kurz vor seinem Tode alle seine Gedichte verbrennen; doch hatten sich von einigen Abschriften in Freundeshänden erhalten, die Don Luis Tribaldos de Toledo zuerst hcrausgab (Lissab. 1625), wieder abgcdruckt in der Sammlung von Namon Fernande; (Madr. 1785 und 1804). Sie bestehen aus Sonetten, Can- zonen, Elegien und der so berühmt gewordenen Ekloge ,,'1'irsi", F.'s poetischer Name, unter welchem er in des Cervantes „Leisten" gefeiert wird. F. gehört nebst Boscan und Earcilaso zu den ersten Einführern des ital. Geschmacks, dichtete gleich gut in ital. und in span. Sprache, ja einige seiner Gedichte sind nach Art der macaronischcn ein Gemisch aus beiden Sprachen, und ihm gebührt der Ruhm, die reimlosen Verse der Italiener, wenn nicht zuerst, doch mit dem meisten Geschick in die span. Poesie verpflanzt zu haben. — Bartolome Cairasco de F., geb. 1540 auf der Insel Canaria, gest. im hohen Alter als Prior der dortigen Kathedralkirche, schrieb das Leben und die Legenden der Heiligen in vielen „Onntos" (4 Bde., Madr. 1609), die in sprachlicher Beziehung beachtenswerth sind. — Cristöval Suarez de F., geb. zu Valladolid in den letzten Jahrzehnden des 16. Jahrh., lieferte eine Übersetzung von Guarini's „Vastor 6<1o" (Neapel >602; 2. Aufl-, Valencia >609), die großes Aufsehen machte, einen Schäfcrroman „I^aconstsnte^ma- rilis, prosss x versos" (Valencia 1609; 3. Aufl., Madr. >781) und das historische Werk „blecbos ckel marines Öon Karcia blnrtailo cle Vlenclora" (Madr. 1613), welches die von Ercilla (s. d.) besungenen Begebenheiten des Kriegs gegen die Araucos erzählt. Sein Todesjahr ist unbekannt. Figur heißt eigentlich die äußere Gestalt, welche durch jeden begrenzten oder umschriebenen Raum entsteht, sei dies nun bei Flächen (Flächen figuren) oder bei Körpern (Körperfiguren). In der Tanzkunst versteht man darunter den nach gewissen Linien beschriebenen Weg, welchen der Tänzer zu nehmen hat; bei den bildenden Künsten beschränkt man den Begriff Figur meist auf die Menschengestalt ein und bedient sich für die übrigen Gestalten des Ausdrucks Form. Da jede Figur als solche dem Raume angehört, so ergibt sich von selbst, daß nur in den Künsten des Raums von Figur in eigentlicher Bedeutung die Rede sein kann und daß in den Künsten der Zeit dieser Ausdruck nur uneigentlich genommen werden könne. In letzterer Beziehung gehören besonders die rhetorischen Figuren oder Red efiguren hierher, d. h. die bcsondern Formen des Ausdrucks, worin die Gedanken und Empfindungen des Redners als unmittelbarer Erguß seines lebendig bewegten Gemüths an den Hörer sich kund geben. Der Gebrauch dieser Redefiguren ist tief in der Natur des Menschen begründet, der bald nothgcdrungen, bald aus reiner Freude an dem Kiguralgefang Figuranten 289 Spiel der Einbildungskraft, das Geistige gern in das Gebiet der Anschauung überträgt und ebenso gern das minder Anschauliche mit einem lebendigen Bilde umkleidet, weshalb auch keine Sprache ohne figürlichen Ausdruck ist. Dennoch sind dieselben in den verschiedenen Sprachen sehr verschieden, und die Eigenthümlichkeit des Nakionalstils bei einzelnen Völkern beruht zum großen Theile auf diesem Unterschiede. Gewöhnlich werden sie in solche cingetheilt, welche, ohne den Hauptbegriff zu verändern, nur dem Ausdrucke der Nebenvor- stcllungen durch Abweichungen von der eigentlichen Darstellungsweise eine größere Anschaulichkeit verleihen, und dann in solche, welche durch Vertauschung des eigentlichen Begriffs gegen einen uneigentlichen den Begriff wirklich verändern, indem sie statt des Gegenstandes oder mit demselben zugleich sein Gegenbild der Einbildungskraft vorführen. Die Figuren der ersten Elaste begreifen das Ungewöhnliche in dem Gebrauche einzelner Wörter und sind zum Theil grammatischer Art (Epitheton, Emphasis, Wiederholung, Ellipse, Asyndeton, Polysyndeton, Annomination, Alliteration und Onomatopöie), oder sie bestehen in der zum Behufe größerer Anschaulichkeit veränderten Wendung und Anordnung ganzer Gedanken (Frage, Apostrophe, Ausruf, Beispiel, Gleichniß, Vergleichung, Periphrase, Antithese, Ep- anorthosis, Gradation, Hyperbel u. s. w.). Die Figuren der zweiten Elaste nennt man gewöhnlich Tropen (s. d.), die Andere gar nicht zu den Figuren zählen, und rechnet dahin die Metonymie, die Synekdoche, Metapher, Personification, Allegorie u. s. w. Schon die Alten unterschieden nach jener Beobachtung Figuren der Gedanken und Figuren des bloßen Ausdrucks, obgleich es eine Figur des bloßen Ausdrucks ohne Rücksicht auf den Gedanken und die Empfindung nicht geben kann und soll; neuere Techniker ordneten sie nach dem Zwecke, den der Redner überhaupt verfolgt, zu belehren und zu bewegen, in demonstrative und pathetische. Die Feststellung und das ganze Wesen der Figuren selbst verdanken wir den Rhetorikern der Griechen und Römer, welche die Namen derselben, wie sie auch bei uns größtentheils noch in Gebrauch sind, bestimmten, ihre Anwendung zeigten und durch Beispiele aus den alten Classikern zu erläutern suchten. (S. Rhetorik.) Unter den Griechen behandelten namentlich Hermogenes, Herodian, Tiberius und viele Andere die Figuren, die sie scliemsts nannten, auf die angegebene Weise, deren Schriften IM achten Bande der „lilietores Ai-aeci" von Walz (Stuttg. 1835) vollständig enthalten sind; unter den Römern waren cs namentlich Nutilius Lupus, Aquila Romanus und Julius Nusinianus, deren Schriften am besten von Ruhnken (Leyd. 1768), und mit dessen Cvmmentar vielfach verbessert von Frotscher und Koch (Lpz. 1831 und Anhang dazu 18-10), hcrausgegeben worden sind, während den Nutilius Lupus allein Jacob (Lüb. 1837) herausgab. Eine vollständige und noch immer brauchbare Sammlung aller Figuren gibt I. Ehr. G. Ernesti im „Ii>exicon IsclmoloF. grase, et Ist. rlietoricae" (2 Bde., Lpz. 1705 — 97). — Logische oder syllogistische Figuren heißen die verschiedenen Gestalten, welche der Schluß durch verschiedene Stellung des Mittelbegriffs annimmt. — Figur nennt man in der Musik eine Anzahl oder Gruppe von Tönen, die in einem bestimmten Zusammenhänge stehen, ein kleines Ganzes ausmachen. Je nachdem das rhythmische oder das melodische Element dabei das bestimmende ist, spricht man von rhythmischen oder melodischen Figuren, seltener von harmonischen oder abgegrenzten Accordgruppen. Zu den melodischen Figuren gehören alle Arten der Verzierung. Figuralgesang oder figurirte Musik steht dem einfachen Choral- oder 6»nto kerm o (s. d.) gegenüber. Wird der Choral von einer oder mehren figurirten Stimmen begleitet, so heißt er figurirter Choral. Figuranten heißen beim Ballettanz, im Gegensatz zu den Solotänzern, diejenigen Tänzer, die nicht einzeln sondern truppweise tanzen, und also nur zur Ausfüllung und gleichsam zum Hintergründe für die Solotänzer dienen, und im Schauspiel die Personen, welche nichts zu sprechen haben, sondern blos auftreten müssen, um den leeren Raum auszufüllen und die Handlung vollständig zu machen; auch Statisten, Komparsen oder stumme Personen genannt. Höchst komisch ist der Spottname der franz. Bühne für diejenigen Figuranten, die wegen ihrer Unbeholfenheit und Unbedeutendheit zuhinterst gestellt zu werden Pflegen, und die man, weil sie häufig mit der Hintergardine in Berührung kommen, llreve- Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. !9 MV Figurirte Zahlen tnile, d. h. Gardinenvcrderber, nennt. Kaum minder komisch nennt die pariser Bühnensprache Natten diejenigen Figurantinnen, die das 16. Jahr noch nicht erreicht haben, und Tiger die- jenigen, welche über 16 Jahre hinaus sind. , Figurirte Zahlen heißen die Glieder arithmetischer Reihen höherer Ordnungen, s deren erstes Glied die Einheit ist; sie haben ihren Namen von der geometrischen Entstehungsart der einfachsten von ihnen. Geht man von der Reihe der natürlichen Zahlen aus: l, 2,3, 4, 5 u. s. w., so erhält man durch successive Addition der l, 2, 3 u. s. w. ersten Glieder die Reihe ? I, 3, 6, 10, 15, 21, 28, 36, 45... Diese Zahlen sind die einfachsten figurirten Zahlen; sie heißen auch Triangulär- oder Trigonalzahlen, d. i. Dreieckszahlen, weil man sie durch glcichweit voneinander entfernte Punkte, welche ein gleichseitiges Dreieck bilden, darstellen kann, nämlich folgendermaßen: ! Je nachdem man die 2,' 3, 4 u. s. w. obersten dieser Punktreihen nimmt und die darin ent- . haltenen Punkte zusammenzählt, erhält man die 2te, 3te, 4te u. s. w. der obigen Zahlen. ' Durcb successive Addition der Glieder der obigen Reihen erhält man ferner folgende: I, 4, 10, 20, 35, 56, 84... Diese Zahlen heißen Pyramidalzahlen, weil man sie auf folgende Weise geometrisch construiren kann. Nimmt man ein auf die vorhin angegebene Art aus Punkten construirtes gleichseitiges Dreieck, z.B. ein solches, wo jede Seite 5 Punkte hat, denkt sich die Punkte als Mittelpunkte gleichgroßer sich berührender Kugeln und legt auf dieses Kugeldreieck ein solches, , das in jeder Seite eine Kugel weniger (also nur 4 Kugeln) hat, dann auf dieses wieder ein solches, das in jeder Seite nur 3 Kugeln hat u. s. w., bis zuletzt nur eine einzige Kugel aufgelegt wird, so erhält man eine dreiseitige Kugelpyramide, und zählt man die Kugeln in den I) 2, 3,4 u. s. w. obersten Schichten, so erhält man die aufgeführte Zahlenreihe. Durch dieselbe Methode successiver Addition erhält man folgende Zahlenreihen, die sich aber nicht geometrisch construiren lassen: l, 5, 15, 35, 70, 126, 210... 1,6,21,56,126,252,462... u. s. w. Man nennt sie die zweiten, dritten u. s. w. Pyramidalzahlen. Gehen wir, statt ' von der Reihe der natürlichen Zahlen, von denjenigen arithmetischen Reihen der ersten Ord- § nung aus, deren Differenzen 2, 3, 4, 5 u. s. w. sind, also: 1,3,5,7,0,11... — 1, 4, 7, > 10 , 13,16 ... — I, 5, 9, 13,17, 21 ^.. — I, 6, 11, 16, 21, 26 ... u. s. w-, und addiren 1 in denselben successiv die ersten 2, 3, 4 ... Glieder, so erhalten wir folgende Reihen: k I, 4, S, 16, 25, 36... 1.5.12.22.35.51.. . ! I, 6, 15,28, 45, 66 ... 1.7.18.34.55.81.. . Die darin enthaltenen Zahlen nennt man Polygonalzahlen (Vieleckszahlen) und zwar . die der ersten Reihe Quadratzahlen, die der zweiten Pentagonal- oder Fünfeckszahlen, die der dritten Hexagonal- oder Sechseckszahlen u. s. w., weil sich Punkte, deren Anzahl einer Zahl der ersten, zweiten, dritten u. s. w. dieser Reihen gleich ist, in gleichen Entfernungen in die Fläche eines Quadrats, regelmäßigen Fünfecks, Sechsecks u. s. w. eintragen lassen. Aus jeder dieser Reihen kann man, wie aus den Triangularzahlen, Pyramidalzahlen ableiten, die sich auf ähnliche Weise, wie die dort gefundenen, geometrisch construiren lassen, aber auch Pyramidalzahlen höherer Ordnung, die nicht construirbar sind. Den Polygonalzahlen verwandt sind die Polyedralzahlcn, welche die Zahl der Punkte angeben, die sich in deü Ecken, Seitenlinien und Seitenflächen regulairer Körper in gleichen Entfernungen voneinander stellen lassen. Wie es nun fünf regulaire Körper gibt: das Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Filangieri Filicaja 291 Dodekaeder und Ikosaeder, cingeschlossen der Reihe nach von 4 Dreiecken, 6 Vierecken, 8 Dreiecken, 12 Fünfecken und 2» Dreiecken, so gibt es auch 5 Arten von Polyedralzahlen: 1) Tctraedralzahlen I, -1, >0, 20^ 35, 56, 81 . . . 2) Hexaedralzahlen I, 8, 27, 61, 125, 216, 313 . . . 3) Octaedralzahlen I, 6, 19, 11, 85, 116, 231 . . . 1) Dodekaedralzahlen I, 26, 81, 220, 155, 816, 1330. . . -5) Jkosaedralzahlen I, 12, 18, 121, 255, 156, 712 . . . Im 17. Jahrh. beschäftigte man sich viel mit den sigurirten Zahlen; ihr allgemeines Gesetz scheint zuerst Jak. Bernoulli bewiesen zu haben. Filanqieri (Gaetano), einer der berühmtesten Publicisten des 18. Jahrh., der vorzüglich zur Äerbesserung der Gesetzgebung beigetragen hat, geb. am 18. Aug. 1752 zu Neapel, war ein Sohn des Prinzen Casar Araniello und der Mariane Montalto, einer Tochter des Herzogs von Fraguito. In seinem 11. Jahre nahm er Kriegsdienste, verließ sie jedoch bald und widmete sich mit großem Eifer den Wissenschaften. Nach dem Wunsche seiner Familie trat er nach beendeter Studienzeit als Sachwalter auf. Seine Beredtsamkcit und Wissenschaft verschafften ihm großen Beifall, und seine Vcrtheidigung der zeit- und vernunftgemäßen Reformen, welche Tanucci, der damalige erste Minister in Neapel, durchsetzte, die Gunst desselben. F. erhielt bald ansehnliche Stellen am Hofe, was ihn jedoch nicht verhinderte, auch ferner seinen Lieblingsstudien treu zu bleiben. Das Ideal einer Gesetzgebung suchte er in dem Werke „k^a seien?» ckell» Ieg!sl»?ione" (8Bde., Neapel 1781 — 88 und öfter, zuletzt 1 Bde., Catania 1819; deutsch von Link, 8 Bde., Ansb. 1781 — 93; franz. mit einem Commentar von Benj. Constant, 6 Bde., Par. 1822) aufzustellcn, bei welchem er häufig Montesquieu vor Augen hatte. Wegen seiner Tiefe und Gründlichkeit machte dasselbe nicht nur in Italien sondern in ganz Europa außerordentliches Aufsehen, und F. sah sich in seinem 28. Jahre den berühmtesten Staatsrechtslehrern beigezählt. Der hohe Adel und der Klerus setzten, als der vierte Band erschienen war, ein geistliches Decret vom 6. Dec. 1781 durch, welches F.'sWerk für aufrührerisch und gottlos erklärte; F. ließ sich jedoch nicht irren und fuhr in seiner Arbeit fort. König Ferdinand I V. ernannte ihn 1787 zu seinem ersten Finanzrath; doch F. starb schon am 21. Juli 1788. Sein schneller Tod und sein offener Widerstand gegen die Anschläge Acton's (s. d.) veranlaßten den Glauben, daß er an Gift gestorben; doch hat kein gegründeter Beweis diese Muthmaßung bestätigt. Filet, abgeleitet von KI, d. h. der Faden, ist zunächst der Name derjenigen Verschlingungsart von Fäden zu Geweben mit weiten Maschen, welche bei Erzeugung der Netze angewendet wird; doch wendet man sie häufig auch zu Erzeugung feinerer Artikel aus Zwirn, Wolle und Seide an, und dieses Filetstricken gehört unter die feinem Damenarbeitcn. Der Unterschied des Filets vom gestickten, gehäkelten und gewebten liegt in den an der Kreuzungsstelle der Fäden befindlichen Knoten. Man bedient sich dazu einer eigenen Filetnadel und glatter Holzstäbe, um welche die Maschen geschlungen werden. — Den Namen Filet erhalten ferner gewisse weitmaschige, aber nicht wie Filet gestrickte, sondern gazeartig gewebte Zeuge von Seide. — Der Buchbinder nennt die linienförmigen Verzierungen der Buchrücken Filets und preßt sie mit sogenannten Filetstempeln auf. — In derKochkunst versteht man unter Kleis tle doeuf, ülets lle veau u. s. w. streifenförmige pikant zugerichtete Fleischstücke. Filiationsprobe heißt die aufUrkunden und glaubwürdige Dokumente gestützteDar- stellung so vieler Ahnen, als in dem vorliegenden Falle erfoderlich sind. Ist bei jeder auf der Ahnentafel genannten Person die Abstammung vom Vater, von der Mutter und die standesgemäße Vermählung angegeben, und zugleich auch die Wahrheit des Angegebenen durch begründeten Beweis, beglaubigte Documente u. s. w. dargethan, so heißt dies der Filia- tionstext. Kommt dazu noch der Beweis, daß jede in der Ahnentafel aufgeführte Familie, also bei >6 Ahnen 16 Familien, nicht nur von altem, ritterbürtigem oder stistsfähigem Adel sei und in der That das Wappen führe, wie es auf der Ahnentafel angegeben ist, so heißt dies die Adelsprob e. Diese und die Filiationsprobe zusammen bilden dieAhnen ^ probe. (S. Ahnen.) Filicaja (Vincenz von), ital. Dichter, geb. am 30. Dec. 1612 zu Florenz, des Seist* M2 Filigranarbeit Finanzwissenschaft nators Braccio und der Katarina Spini Sohn, dichtete früh Canzonen an eine Geliebte, die ihm aber der Tod entriß. Später vcrheirathete er sich mit Anna, der Tochter des Senators Scipio Capponi. In ländlicher Zurückgezogenheit dichtete er dann eine Menge lat. und ital. Gedichte, die er aber anfangs ganz geheim hielt, bis seine Freunde ihn vermochten, dieselben auch in weitern Kreisen mitzutheilen. Seine Oden auf die Siege gegen die Türken, die 168-1 in Florenz gedruckt wurden, gründeten seinen Ruf als erster Dichter Italiens in damaliger Zeit. Seine beschränkten bürgerlichen Verhältnisse verbesserten sich indeß durch diese Anerkennung keineswegs; erst die Königin Christine von Schweden nahm sich des bedrängten Dichters an und ernannte ihn zum Mitglicde der von ihr in Rom errichteten Akademie. Später wandte sich auch die Aufmerksamkeit des Großherzogs von Florenz aus ihn, der F. zum Senator und Gouvernementssecretair der Regierung von Volterra, und später der zu Pisa, ernannte. Im vorgerückten Alter und durch den Verlust mehrer seiner Kinder erschüttert, wandte sich sein Geist immer mehr auf religiöse Gegenstände. Mit der Herausgabe einer Gesammtausgabe seiner sämmtlichen Werke beschäftigt, überraschte ihn der Tod zu Florenz am 24. Sept. 1707, worauf sein Sohn, ScipioF., dieselben unter dem Titel „Loeoie loscsue" (Flor. 1707, 4.) herausgab. Eine zweite verbesserte Ausgabe, mit dem Leben des Dichters von Thomas Bonaventuri, erschien ebenfalls zu Florenz (1720), eine dritte zu Venedig (2 Bde., >762), welche den spätem Ausgaben (2 Bde., Livorno 1781 und Prato 1793) zu Grunde liegt. Filigranarbeit nennt man die früher mehr als seht geschätzten Kunstsachen und Zierathen aus Gold- und Silberfäden, welche Laubwerk, Arabesken u. s. w. darstellen. Vorzüglichen Ruf haben die röm. Filigranarbeiten. Filomena oder Philomena, die jüngste Heilige der röm. Legende, soll zu Anfänge des 4. Jahrh. n.Chr. unter der Negierung Diocletian's als Jungfrau ihres strengchristlichcn Lebenswandels wegen hingerichtet worden sein. Der Wunder halber, welche von ihren in den Katakomben bei Nom entdeckten Gebeinen verrichtet worden, in Italien vorzugsweise die Wunderthäterin genannt, wurde sie im I. 1831 vom Papste Gregor XVI. heilig gesprochen. Gegenwärtig sind ihre Gebeine in der Kirche zu Mugnano bei Avellino in Neapel ausgestellt, welcher Ort nun der Schauplatz der größten Wunder wurde. Vgl. „Kurze Nachricht von St.-F." (Freiburg 1834). Filtriren heißt eine Flüssigkeit durch einen Körper durchgießen, der so dicht ist, daß er die gröbern Thcilchen zurückhält. Die einfachsten Filtrirmittel sind Löschpapier, Leinwand Tuch und Filz. Zum Filtriren des Wassers bedient man sich auch des sogenannten Filtrir- steins, der die darauf gegossene Flüssigkeit leicht cinsaugt und durchläßt, die unreinen Theile aber zurückhält; ebenso ziehen Sand und Kohlen die Unreinigkeiten des Wassers an sich. Um selbst schleimiges, verdorbenes und stinkendes Wasser, sogar Seewasser, klar und trinkbar zu machen, hat man verschiedene Maschinen erfunden und andere Vorkehrungen getroffen. Eine der größten Filtriranstalten ist die in Paris, welche das Seinewasser reinigt, und in London filtrirt die Wassercompagnie täglich über 500000 Cubikfuß Wasser. In Zuckersiedereien wird der Zuckersyrup durch Knochenkohle filtrirt, um ihn zu reinigen. Fil) heißt überhaupt ein durchcinandergewirrtes, geschlungenes und festes Gewebe; gewöhnlich aber versteht man darunter den aus kardärschter Wolle und kardätschten Haaren von dem Hutmacher bereiteten Stoff, der zu Hüten, Decken u. s. w. verarbeitet wird. Finale nennt man den Schlußsatz eines Tonstücks. In den Jnstrumentalstücken hat das Finale meist den Charakter der Munterkeit und erfodert geschwinde Bewegung und lebhaften Vortrag. In der Oper besteht es gewöhnlich aus mehren aneinandergereihten, mehrstimmigen Sätzen von verschiedenem Charakter und verschiedener Taktart und Bewegung; doch schließt man einen Act auch zuweilen mit einem Quartett, Terzett oder Duett, am seltensten mit einer Arie, wie dies beim ersten Act des „Figaro" von Mozart der Fall ist. Es ist der Natur der Sache gemäß, daß das Finale des letzten Aufzugs das kürzeste und glänzendste sei; das des ersten, odvr bei einer dreiactigcn Oper das des zweiten Acts aber muß das ausgeführteste sein. Finanzwissenschast. Der AusdruckF i n an z ist bald von einem altdeutschen Worte, das Steuer bedeutet haben soll, bald von einer mittelalterlichen Bezeichnung der Buße, bal^ Findelhäuser 293 «en linstio, d. i. Feststellung, bald von linesse abgeleitet worden und gegen die erste Ableitung spricht jedenfalls, daß cs anfangs, und in vielen Staaten bis aus neuere Zeit, gerade nicht von der Steuer, sondern von denjenigen aus den Kassen des Volks abgeleiteten Einkünften der Fürsten gebraucht wurde, die dieselbe im Gegensätze zu den von den Ständen bewilligten Steuern und zu dem Ertrage ihres ursprünglichen Patrimonialvermögens besaßen. Diese nach und nach aus Regalien, Sporteln, Geldbußen, Conccssionsgeldern u. s. w. sich bildenden Einkünfte möglichst zu erweitern, darin bestand die Kunst eines geübten Finanziers, weshalb das Wort auch anfänglich in ziemlich zweideutigem und unpvpulairem, dem Gedanken an Plusmacherei und Ränken umfassenden Sinne gebraucht wurde. Mit den großen Vorschritten des neuern Staatswesens hat sich dieses Vcrhältniß durchgreifend geändert; der Name aber ist auf die ganze hochwichtige Thätigkeit übergetragen worden, welche dem öffentlichen Haushalt gewidmet ist. Die Finanzverwaltung ist derjenige Theil der inner» Staatsverwaltung, der sich mit dem öffentlichen Haushalte beschäftigt. Die Finanz- Wissenschaft ist die Politik der Finanzvcrwaltung. Sie muß, angewendet auf bestimmte, einzelne Staaten, ausgehen von der genauesten Kenntniß ihrer Kräfte und Zustände und, darauf gestützt, angeben, auf welche Weise man unter den gegebenen Verhältnissen am zweckmäßigsten die pccuniaircn Mittel zur Bestreitung der als nöthig und vernünftig anerkannten Bedürfnisse des Staats für denselben gewinnen, sie in seine Kassen überführen und bis zur endlichen Abführung zum Punkte der Verwendung verwalten könne. Sie hat bei Feststellung der Ausgaben des Staats nur insoweit eine Stimme, als sie zwar die Mittel zur Deckung des durch die Zwecke des Staats gebotenen Aufwands nicht weigern darf, bei bloßen Nützlichkeits- oder gar Luxusausgaben aber die Rücksicht auf die jedesmaligen Kräfte und Zustände des Volks geltend zu machen hat. Sie hat, nach festgcstelltem Bedürfniß, zu fragen, was oem Staate bereits für eigene Mittel aus Besitzthümcrn und Einkünften bestehender Anstalten zu Gebote stehen und wie das Fehlende auf dem Wege der Besteuerung oder sonst zu decken sei. Zuweilen wird sic selbst eine Einnahme der erster» Art fallen zu lassen und durch eine Abgabe zu ersetzen rathen. Denn fortwährend hat sie auf die Stimme ihrer Schwester, der Staatsökonomie, Rücksicht zu nehmen, die ihr sagt, welchen Einfluß ihre Schritte auf die wirthschaftlichen Verhältnisse des Volks haben möchten, und hat den Weg zu wählen, der dem Staate sicher, bereit, reichliche Einkünfte auf die dem Volke möglichst wenig drückende, den natürlichen Zug seines Verkehrs möglichst wenig störende, der persönlichen Freiheit möglichst wenig empfindliche Weise liefert. Nächst der Frage über die Quellen des öffentlichen Einkommens, die sich zuletzt doch nur in die drei Hauptgattungen: Domaincn, Regalien und Abgaben, jede im weitesten Sinne genommen, scheiden, einer Frage, die namentlich bei außerordentlichen Bedürfnissen, in bedrängten Zeiten, bei Kriegen und dergleichen an Schwierigkeit wesentlich zunimmt, intcressiren besonders die Untersuchungen über die zweckmäßigste Erhebungsweise der festgcstclltcn Abgaben und über das Kassen- und Rechnungswesen. Ein besonderes Kapitel bildet die wichtige Lehre vom öffentlichen Credit. Die allgemeine Finanzivissenschaft hat nun, wie alle Staatswisscnschaften, die im Allgemeinen zulässigen Mittel, die sich eben unter den besonder» Verhältnissen verschieden anwendbar zeigen, darzulegen und ihren Bedingungen, Eigenschaften und Wirkungen nach zu untersuchen. Die Literatur der Finanzwissenschaft ist sehr reich an Monographien, wie denn namentlich die Grundsteuer deren gar viele aufzuweisen hat; andere Theile, z. B- das Münzwesen, doch auch das gestimmte Finanzwesen sind oft in Verbindung mit den nationalökonomischen Untersuchungen behandelt worden. Überhaupt wurde sie anfangs in Verbindung mit den Kamcralwisscnschaften, und daher öfter vom einseitigen Standpunkte des Finanziers, der blos fragt, wie das Geld zu beschaffen sei, dann in Verbindung mit der Nationalökonomie, wobei wol über der Sorge, ja nicht beschwerlich zu fallen, der nöthigc Zweck gänzlich aus den Augen gelassen wurde, bearbeitet. Als selbständige Wissenschaft, unter Beobachtung des rechten Gleichgewichts, ist sie am besten von L. H. von Jakob (s.d.), K. A. von Malchus (s. d.) und Rau (s. d.) behandelt worden. Findelhäuser sind Anstalten, in welchen Findlinge, d. h. solche Kinder, die.von ihren Altern an irgend einen Ort gebracht, verlassen und von Andern gefunden werden (s. Aussetzung), auf öffentliche Kosten Aufnahme, Verpflegung und Erziehung erhalten. 294 Findelhauser Die christliche Kirche nahm sich von jeher der Findlinge an, und nach einigen, freilich legen- dcnartig ausgeschmücktcn Nachrichten soll schon im 6. Jahrh. zu Trier eine Art Findelhaus bestanden haben, in welchem der dortige Bischof die in ein vor der Kathedrale stehendes Mar- morbeckcn ausgcsetztcn Kinder regelmäßig aufnchmcn ließ und Gliedern der Gemeinde in Pflege gab. Das erste historisch ausgemachte Beispiel eines eigentlichen Findlings findet sich zu Mailand, wo eine solche Anstalt im I. 787 von dem Archiprcsbyter Dathcus gestiftet wurde. Wahrscheinlich aber bestanden im Orient und auch im Occident ähnliche Anstalten schon früher; wenigstens wird in den Kapitularien der fränkischen Könige der Findelhäuser als von Waisenhäusern verschiedener Anstalten gedacht. Findelhäuser wurden sodann gegründet 1676 zu Montpellier, >200 zu Eimbeck, 1317 zu Florenz, 1331 zu Nürnberg, 1362 zu Paris, 1386 zu Venedig, 1687 zu London und gegenwärtig bestehen fast in allen großen Städten der romanischen Länder, sowie auch Rußlands und Ostreichs dergleichen Häuser, während in Deutschland und den übrigen german. Ländern das System der Findel- Häuser nach und nach wieder aufgegcben worden ist. Dafür ist durch Gesetze bestimmt, daß zunächst die Altern zur Erhaltung und Erziehung der Kinder verpflichtet sind, und erst dann, wenn diese dazu außer Stande sind, diese Pflicht auf die nächsten Verwandten, demnächst auf die Gemeinde und zuletzt auf den Staat übergeht. Jede Art von öffentlicher Unterstützung hört aber sogleich auf, sobald es ausgemacht ist, daß die zunächst verpflichteten Verwandten jene Pflicht zu übernehmen in den Stand gekommen sind. Das Verfahren in den german. Ländern erschcintauf den ersten Augenblick natürlicher und sittlicher, gerechter gegen die Steuerpflichtigen, den unehelichen Geschlechtsgenuß minder begünstigend; dennoch ist ihm vorgcworfen worden, daß dadurch die Kindesmorde und die Zahl der Kinderaussetzungcn vermehrt würden, was sich aber durchaus nicht erweisen läßt. Auf die Anzahl der Kindcr- morde hat das Bestehen oder Nichtbestehcn von Findelhäusern gar keinen wesentlichen Einfluß; die Kiyderaussetzungen aber werden crfahrungsmäßig durch das System der Findel- Häuser begünstigt. Dies liegt auch in der Natur der Sache. Da, wo die Altern gesetzmäßig verpflichtet sind, für ihre Kinder selbst Sorge zn tragen, und Aussetzungen, die immer leicht entdeckt werden, strafbar sind, kommen die Altern viel weniger auf den Gedanken, sich ihrer Kinder durch Aussetzung zu entledigen. Ebenso wenig gegründet ist es, wenn man dem Verfahren in den german. Ländern vorwirft, daß bei demselben die Kinder der Armen großer Vernachlässigung und folglich dem physischen und moralischen Untergange mehr ausgesetzt bleiben, denn in allen Findelhäusern ist die Sterblichkeit unvcrhältnißmäßig groß. Was aber die sittliche Vernachlässigung betrifft, so ist es sehr einleuchtend, daß die Findlinge, welche von der zartesten Kindheit an Miethlingen anvertraut sind und später in der Welt ganz allein dastehen, der Gefahr, unsittlichen Neigungen und Handlungen sich hinzugebcn, leichter ausgesetzt sind, und die Erfahrung scheint dies zu bestätigen, indem nach Parent - Ducha- telet die in Findelhäusern gewesenen Mädchen, der großen Mehrzahl nach, ein höchst ausschweifendes Leben führen, und daß unter den Landstreichern und Dieben von Profession viele Findlinge sind. Nach dem in den roman. und slaw. Ländern geltenden Verfahren nimmt sich der Staat auch ohne vorhergcgangene Untersuchung der hüls- und schutzlosen Kinder an. In den zu diesem Zwecke eingerichteten Findelhäusern werden ohne Schwierigkeit, selbst mit Gestattung tiefen Geheimnisses, neugeborene Kinder ausgenommen, verpflegt und erzogen, und nur auf ausdrückliche und freiwillige Rückfoderung von Verwandten, welche die nötigen Beweise führen können, werden die Kinder zurückgegebcn. Während die Vortheile dieses Verfahrens problematisch sind, kann dasselbe von folgenden Nachtheilcn schwerlich freige- sprochcn werden. Zunächst wird dadurch die Auflösung der Familicnbandc befördert, indem nicht nur uneheliche sondern auch eheliche Kinder den Findclhäusern übergeben werden. So waren in Paris in den I. 1863—33 unter den Findlingen 8 Procent eheliche Kinder, und an manchen Orten ist die Anzahl der ehelichenFindlinge sogar größer als die der unehelichen. Um sich die Mühe und die Kosten der Erziehung zu ersparen, setzen gewissenlose Altern ihre Kinder einer größer» Todesgefahr, einer schlechten Behandlung von Miethlingen, wahrscheinlicher schlechter Erziehung, einer hülflosen Jugend aus und berauben dieselben jedes Anspruchs auf Verwandtenliebe, jeder Möglichkeit einer Erbschaft, ja ihres Namens. Ferner erfodert die Erhaltung der Findelhäuser ungeheure Opfer, die Anzahl der Findelkinder wächst, Findlater and Seafield Finstersetzunst 295 besonders in Frankreich, von Jahr zu Jahr. Während sie im I. 1781 dort etwa 40000 betrug, war sic 1833 auf > 19930 gestiegen. Die Kosten der Findelhäuscr betragcn'in Frankreich jetzt jährlich loMill. Francs, wovon etwa der neunte Theil aus dem eigenen Vermögen der Findelhäuscr, der 18. Theil aus vom Staate angewiesenen Mitteln (Strafen u. s. w.), mehr als der vierte Theil von den Gemeinden und über die Hälfte von den Departements bestritten werden. Wegen dieser bedeutenden Kosten hat man auch die Anzahl der Findlinge zu vermindern gesucht, theils durch Verminderung der Aufnahmccylinder, theils durch die Versetzung der Findlinge in entferntere Gegenden. Durch diese Mittel werden aber die mit dem System der Findelhäuscr verbundenen Übel eher vermehrt, wenn sie auch zur Verminderung der Anzahl der Findlinge etwas beigetragen haben. Vgl. Kröger, „Archiv für Waisen- und Armencrzichung" (2 Bdc., Hamb. 1825—28) und R. Mohl, „Die Findelhäuscr und Waisenhäuser" in der „Deutschen Vierteljahrsschrift" (1838, Oct. und Nov.). Findlater and Seafield (James Earl of), ein um das Wohl seiner Mitbürger in Schottland, Sachsen und Böhmen sehr verdienter Mann, geb. 1749 auf seinem väterlichen Stammschlosse zu Cullnous an der Grenze von Hochschottland, stammte aus dem alten schot. Geschlcchte der Ogilvics. Den größten Theil seiner Jugend verlebte er auf dem Fcst- lande, vorzüglich an den Höfen von Paris, Wien, Berlin und zu Brüssel; dann hielt er sich längere Zeit in England und Schottland auf und seit 1799 abwechselnd in Frankfurt, Hamburg, Altenburg und in Dresden, wo er 1811 starb. Seinem Wunsche gemäß wurde er bei der Kirche im nahen Dorfe Loschwih begraben. Mit ihm erlosch der Name Findlater. Seine Güter in Schottland vererbte er an seine schot. Vettern, die Barone von Grant, deren ältester gegenwärtig den Titel Earl of Seafield führt; seine Grundstücke in und bei Dresden, nebst ansehnlichen Legaten, vermachte er der Familie Fischer in Dresden; seine ausge- wählte Bibliothek kaufte der Graf Thun in Tcschen. F. war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der Geist, Geschmack und viele Kenntnisse besaß. Er stand in naher und durch einen ausgebreiteten Briefwechsel in fortgesetzter Verbindung mit den bedeutendsten Männern seiner Zeit. In seinem Hause fand man eine ausgcwähltc Gesellschaft geistvoller Männer und Frauen, ohne Unterschied des Ranges. Die franz. Emigranten wurden von ihm groß- müthig unterstützt. Bei Dresden legte er den nach ihm benannten Weinberg an; in Tcplitz gründete er gemeinschaftlich mit dem Grafen Clam das Armenhaus, und wie hier so trug er auch in Karlsbad viel zur Verschönerung der Stadt bei. Die Dankbarkeit der Karlsbader errichtete ihm dafür auf einer Höhe des Waldrückens einen Obelisk. Fingal (Fin Mac Coul), der Vater Ossian's (s. d.), lebte im 3. Jahrh. n. Ehr. und war Fürst von Morven (Morbhein), einer Provinz des alten Caledoniens. Er soll zu Selma seinen Sitz gehabt haben, das man in das Thal Glenco in der schot. Grafschaft Ar- gyle setzt, und in allen Theilen des schot. Hochlandes tragen Ruinen und Höhlen (s. Fin- gals höhle) seinen Namen. Auch in Irland lebt er noch in alten Sagen. Seinen kriegerischen Ruhm verdankte er besonders den Kämpfen mit den Römern in Britannien. Dorthin machte er oft Streifzüge und brachte Wein und Wachs als Beute heim. Ob der Römer Caracul, den Ossian nennt, Caracalla gewesen sei, ist, obschon Gibbon, Macphcrson u.A. cs meinen, sehr unwahrscheinlich. Zur See wagte er häufig Fahrten nach Schweden, den Orkneyinseln und Irland, Punkte, welche Ossian mit dem Namen Lochling, Jnnislore und Ullin bezeichnet. Seinen Tod besingt Ossian gelegentlich, ohne die nähern Umstände anzu- gcben. Den Charakter F.'s schildert er als den edelsten. Fingalshöhle, eine der schönsten und merkwürdigsten Grotten Europas an dcrSüd- westseite der Insel S taffa (s.d.), wahrscheinlich nach Fingal (s.d.) benannt. Sehr rcgel- mäßig von der Natur gebildete und perspektivisch geordnete Basaltsäulen tragen das Gewölbe, während der Boden vom Meer bedeckt ist. Sie hat eine Länge von 379 F., ist am Eingänge gegen 120, am Ende gegen 70 F. hoch und ungefähr 50 F. breit. Die im Innern hcrabträufelnde Feuchtigkeit bildet cigenthümliche, überaus melodische Töne. Finstersetzung oderApplicatur heißt die Art des Gebrauchs oder der Ansetzung der Finger bei allen Tasten - und Saiteninstrumenten, wie Orgel, Clavier, Harfe, Violine u.s.w. Sie ist zur reinen Intonation, Deutlichkeit und zum unverwischtcn Vortrage schwerer Stellen von hoher Wichtigkeit und bildet einen Haupttheil des Studiums dieser Instrumente. 2W Kiniguerra Fink Fmiguerra (Maso, eigentlich Tonimaso di), ein berühmter Bildhauer und Eold- arbeircr, dem Einige die Erfindung der Kupftrstccherkunst zuschreibcn, lebte zu Florenz um die Mitte des l ö.Jahrh. und war ein Zögling Lorcnzo Ghibcrti's, unter welchem er bei Verfertigung der zweiten bronzenen Thüre des Baptisteriums Johannes des Täufers zu Florenz, die 1425 angcfangen und 1445 vollendet wurde, beschäftigt gewesen zu sein scheint. F. war namentlich ausgezeichnet in der Nielloarbeit (s. d.). Eine von ihm für den Altar der Johanniskirche seiner Vaterstadt gearbeitete Mctallplattc, auf welcher die Krönung der Jungfrau Maria niellirtist, hat die Jahrszahl 1452 und befindet sich gegenwärtig im Museum zu Florenz. Nachdem man durch einen Zufall darauf gekommen, von diesen Nielloplattcn Abdrücke auf Linnen zu nehmen, soll F. diese Entdeckung auf Papier ausgedehnt und auf diese Weise den Kupferdruck erfunden haben. Ein Abdruck der erwähnten Platte auf Papier findet sich allerdings in dem königlichen Kupferstichcabinct zu Paris. Auch gibt es mehre Schwefclabgüsse von dieser Platte, die in sehr hohem Werthe stehen. Zeichnungen in Aquarell von F. werden ebenfalls in der Galerie zu Florenz aufbewahrt. Vgl. Rumohr, „Untersuchung der Gründe für die Annahme, daß Maso di F. Erfinder des Handgriffs sei, gestochene Metallplattcn auf genetztes Papier abzudruckcn" (Lpz. 1841). Finisterre (Cap), d. i. das Ende der Erde, heißt das Vorgebirge an der westlichen Spitze Spaniens in der Provinz Coruna, wo am 5. Mai 1748 die Engländer über die franz. Flotte den Sieg davon trugen. — Finisterre (sinistere) heißt auch eins der Departements im Nordwesten Frankreichs zwischen dem Kanal und dem Atlantischen Ocean, das auf 132 UM. 576VNN E. zählt. Fink (Friede. Aug. von), einer der verdientesten Generale unter Friedrich dem Großen, und in den ersten Jahren des Siebenjährigen Kriegs bis zu dem unglücklichen Ercigniß von Maxen, welches ihm die Gunst seines Königs und seine Stellung in der Armee raubte, war 1718 zu Strelitz in Mecklenburg geboren und trat früh in russ. Kriegsdienste, in denen er bereits zum Major aufgesticgen war, als er 1743 in die Dienste Friedrich des Großen überging, der ihn als Flügeladjutant bei seiner Person anstellte, wozu sein vortreffliches Flötenspiel wenigstens beitrug. Jm J. 1755 wurde er Obristlicutenanc, nach der Schlacht von Collin Oberst, noch in demselben Jahre Generalmajor und zu Anfang des I. 1759 bereits Generallieutenant. Mit dem erhöhten Wirkungskreise vermehrte sich auch des Königs Vertrauen zu ihm, sodaß, als Friedrich bei Eröffnung des Feldzugs von 17 59 seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, die Vertheidigung von Sachsen überlassen mußte, ohne dessen Armee Verstärkung zukommen lassen zu können, er ihm wenigstens F. als eine Unterstützung überwies. F. erwarb sich durch seine Thätigkeit, Umsicht und Sachkenntniß sehr bald auch Vertrauen und Zuneigung des Prinzen, und wenn dieser den Feldmarschall Daun, der das östr. Heer befehligte, nöthigte, sein festes Lager bei Schilda aufzugcben, mit seinem Heere den Rückzug erst bis an die Mulde und dann bis unter die Mauern von Dresden, an die Stellung von Plauen anzutreten, so darf der Antheil nicht vergessen werden, den F.'s Nathschläge und Mitwirkung unzweifelhaft dabei gehabt haben. Während dieses Rückzugs der östr. Armee unter Daun und der raschen Verfolgung derselben unterem Prinzen Heinrich war F. einstweilen bei Düben stehen geblieben, erhielt jedoch, da die Östrcichcr bei Hcinitz eine feste Stellung verthcidigen zu wollen schienen, den Befehl, über Döbeln und Roßwcin nach Nossen zu marschiren und durch Detachements Freiberg und Dippoldiswalde zu besetzen, um den Feind durch Manoeuvres zu Aufgabe seiner festen Stellung zu bewegen, was auch in der Thal geschah, indem sich Daun am 13. und 14. Nov. in die Stellung von Wilsdruff zurückzog. An letztcrm Tage traf der König aus Schlesien bei der Armee des Prinzen Heinrich ein und befahl sogleich, unter Gutheißung alles bisher Geschehenen, die Verfolgung des Feindes fort- zusetzen, wobei es unweit Rochlitz zu einem Gefecht kam. Bei dieser Gelegenheit ließ der König durch den General von Wunsch, F., der fortwährend auf dem linken Flügel der Armee des Prinzen Heinrich operirte, befehlen, mit seinem ganzen Corps, sogleich nach Dippoldiswalde aufzubrechen und selbst bis Maxen vorzugehen, da er die feste Überzeugung hatte, daß Daun sich über diesen Punkt nach Böhmen zurückziehen wolle. F., dem das Bedenkliche dieses Auftrags nicht entging, hielt es für gerathen, dies dem König persönlich darzulegen, und eilte deshalb nach Krögis in das Hauptquartier seines Monarchen. Allein dieser empfing ihn Finke Finnen 297 höchst ungnädig und wiederholte ihm auf das bestimmteste den Befehl, nach Maxen zu mar. schiren. F. marschirte.am 17.Nov. über Dippoldiswalde nach Maxen (s. d.), wo er am 20 Nov. von einer weit überlegenen Macht von allen Seiten zugleich angegriffen, nach größten- thcils rühmlicher Gegenwehr das für die preuß. Waffen ebenso Harke als bisher unerhörte Schicksal erfuhr, sich mit dem dem Tode entronnenen Theil seines Corps, das jedoch kaum noch aus 2000 M. bestand, als Kriegsgefangene im freien Felde ergeben und das Gewehr strecken zu müssen. Auf Ehrenwort wurde er gleich den andern Generalen in die Heimat entlassen. Friedrich verschob die kriegsgerichtliche Untersuchung über diesen Vorfall bis nach erfolgtem Frieden, wo F. zu zweijähriger Fcstungsstrafe und Entlassung aus dem Heere ver- urtheilt wurde. Wie keiner der später berühmtgewordenen Feldherren, die sich über die Ka- tastrophe von Maxen haben vernehmen lassen, den König von aller Schuld an derselben völlig freigesprochen hat, so erscheint F. auch nach dem Urtheile fast aller gleichzeitigen Schriftsteller vor der Nachwelt so ziemlich gerechtfertigt. Der König von Dänemark berief F. 1764, nach der Entlassung von der Festung, mit dem Range eines Generals der Infanterie in seine Dienste, in welche er denn auch mit Genehmigung Friedrichs noch in diesem Jahre eintrat. Doch Gram und Kummer hatten in seiner Seele zu tiefe Wurzeln geschlagen. Er starb zu Kopenhagen 1766. Friedrich der Große, als er F.'s Tod erfuhr, versetzte dessen jüngern Bruder, der als Capitain bei einem Feldregimente in der Provinz stand, nicht nur als Major außer der Reihe in eins der Regimenter, welches in Berlin garnisonirte, sondern befahl auch, daß das Regiment, dessen Chef F. früher gewesen, drei Tage Trauer anlegen sollte. Mit dem Prinzen Heinrich stand F. bis zu seinem Tode in dem freundlichsten Verhältniß. Finke (Jvh. Heinr.), einer der ersten Landwirthe, welcher die Landwirthschaft »ach wissenschaftlichen Grundsätzen betrieb, geb. 1730, war seit 1751 Pachter des Ritterguts Kösih in Anhalt-Köthen, wo er am 4. Jan. 1807 starb. Vorzüglich verdient machte er sich durch Veredelung der Schafzucht mittels span. Böcke, und bald hatte er sich als rationeller Schafzüchtcr einen Ruf erworben, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus reichte. Er versorgte mit seinen Zuchtböcken die Heerdcn Deutschlands und Polens und hat dadurch, sowie durch die von ihm errichtete Schäferschulc auf dem Pctersberge unendlich viel zum Aufschwung der veredelten Schafzucht in Deutschland beigetragen. Auch in andern Zweigen der Landwirthschaft zeichnete sich F. aus; namentlich war er einer der Ersten, welcher die Abschaffung der reinen Brache und die Einführung des Kleebaus anempfahl und darin mit gutem Beispiel voranging. Auch machte er sich als Schriftsteller verdient. Finnen, in ihrer eigenen Sprache Suvmalainen, d. i. Sumpfbewohncr, bei den Russen Tschuden, d. i. Fremdlinge, genannt, sind in engerer Bedeutung ein in der Nordwcstecke des curop. Rußlands, in den Gouvernements Petersburg undOlonez, besonders aber in dem Großfürstenthum Finnland (s. d.) wohnendes Volk; in weiterer Bedeutung eine große, über einen bedeutenden Theil des europ. und asiat. Rußlands verbreitete Völkerfamilie, die zu dem großen, dem tatarischen benachbarten und verwandten finnischen oder tschadischen Volks - und Sprachstamm gehört, und als ein uraltes Culturvolk, das in seinen Monumenten (Grabmälern im südlichen Sibirien, Tschudenschürfen bei Jekaterinburg und Wercho- turic, Tschudenhütten in der Tundra) sich vom Altai über den Ural bis zum Weißen Meer hinauf verfolgen läßt, schon frühzeitig in Verkehr und Berührung mit den historischen Völkern der alten Erde kam. Den Persern, wie den Griechen und Römern, in deren Grenzgebieten sic auch ihre Sitze hatten, waren sic bekannt. Höchst wahrscheinlich ist cs, daß die von den Sarmaten der Alten unterschiedenen Scythen die Finnen im Gegensatz zu den slawischen Völkern sind, mit denen sie auch nichts gemein haben. Solchergestalt dienten dieRiphäischen Berge, das Kaspische Meer und der Jaxartcs und Oxus, also jene Gegenden, wo die erwähnten Denkmale sich finden, den Finnen zu ihrem ersten bekannten Aufenthalt. Dort wohnten sie schon seit des Cyrus Zeit, ein friedliches Geschlecht herumschweifcnder Nomaden, später auch mit dem Ackerbau vertraut und in festen Sitzen wohnend. Vieles in ihrer Geschichte ist dunkle Mythe und unverbürgte Sage; doch scheint fcstzustehen, daß ihre spätere Übersiedelung in die mehr dem Nordwestcn zugcwandten Gegenden Rußlands, in denen wir sic noch gegenwärtig finden, eine unmittelbare Folge der Völkerwanderung war. Sie wichen zuerst schon, wie es scheint, dem Andrange der gothischcn Völkerschaften zur Zeit der Geburt 298 Finne» Christi, und das westliche Uralland, besonders icnc Gegend, wo die Große und Kleine Wolga sich vereinen, ward ihre zweite Heimat. Aus dieser wurden sic indeß in den nachfolgenden Jahrhunderten, besonders im 4., in der eigentlichen Periode des Völkcrgcwühls noch weiter verdrängt und bis in ihre dritte gegenwärtige Heimat, d. h. eben in jene äußerste Nordwest. ecke des curop. Rußlands hcraufgcworfcn, wo wir, wie schon erwähnt, noch heute den Haupt- stamm des ganzen finnischen Volks antrcffen; obgleich große Reste an der Wolga, Oka, Kama, an den Quellflüsscn der Dwina, im Ural und selbst auf weiten Strecken Asiens zurückgeblieben oder wieder dorthin zurückgcwandcrt sind. Wie die Eschen, ein Zweig der Fin- ^ nen (s. Esthland), eine Beute der verschiedensten Völker wurden, die sie wechselnd besiegten und knechteten, so auch der eigentliche Stamm der Finnen selbst, der wechselnd den Norwegern, Schweden und Russen dienstbar ward. Es gab eine Zeit der Blüte für die verschic- , denen Stämme des finnischen Volks, wo sic durch gegenseitigen, unmittelbaren Verkehr viel enger und fester, als cs gegenwärtig der Fall ist, verbunden waren. Damals hatten sich sogar selbständige Reiche unter ihnen gebildet, die eine Zeit lang selbst historische Bedeutsamkeit gewannen, wie Permicn odcrViarmicn und das Doppelklick) Udoricn und Jugoricn, dir jedoch schon im letzten Viertel des II.Jahrh. von den Russen unterworfen und zur rechtgläubigen Kirche bekehrt wurden. Wie bald von keinem Tributrccht der Norweger in Lapp- mark und Finnmark, wohin jene frühe Einfälle gemacht hatten, die Rede mehr war, und mir auch früh schon das sogenannte Karclien, dasNachbarlandOstbottnicns am Bottnischen Golf, welches durch die Siege Birger Jarl's im I. 1215 in die Hände der Schweden kam, denselben wieder entrissen wurde, so war andererseits auch das ganze übrige Land der Finnen von der Wolga bis nach Sibirien seit 1571 in der Gewalt der Russen, denen bald alle > 3 Haupt- stämmc der Finnen huldigten. Die spätern Siege der Schweden über den Kern des finnischcn Volks, die die Eroberung des eigentlichen Finnlands zur Folge gehabt hatten, wurden seil den Zeiten Peter des Großen wieder vernichtet, dessen Schwert schon I7t>3 ganz Jnger- mannland und 171l ganz Esthland und Liefland gefallen war, und dem auch > 7 Ii dos heutige Ostfinnland (Karclien) erlag, welche Eroberungen ihm durch den nystädtcr Frieden von 1721 für immer zugcsichert blieben. Kaum hundert Jahre später ging auch Wcstsinnland, die Küste längs des Bottnischen Golfs, sowie das eigentliche Lappland, der Norden Finnlands, für Schweden verloren, indem der Krieg zwischen Schweden und Rußland im I 1808 die Abtretung des gesammten Finnlands an das russ. Reich zur Folge hatte, dem Finnland als ein eigenes Großfürstcnthum cinverlcibt wurde. Der Friede des I. 1809 bestätig« diesen neuen Besitz Rußlands. Die einzelnen finnischcn Stämme, welche im I. 1838 ungefähr 3 Mill. Seelen umfaßten, sind folgende: I) die Finnen, der Hauptstamm, ungefäkir 1,350000 an Zahl, hauptsächlich in Finnland, 2) die Esthcn, 450000 Seelen, in Esthland und im nördlichen Liefland, 3) die Lappen, 0000 Seelen, in Finnland und in Archangelsk, 4) die Liefen, die Urbewohner Lieflands, von den Letten und Lithaucrn wohl zu unterscheiden,, kaum noch 5000 Seelen, im Wcndenschen Kreise des Gouvernements Liefland und am An- gcrschen Strande und bei Bausk im Gouvernement Kurland, 5) die Tschuwaschen, gegenwärtig mit tatarischer Sprache und russ.-gricch. Religion, 450000 Seelen, namentlich in dem Gouvernement Kasan, 6) die Tschercmissen, 200000 Seelen, davon 85000 im Kasan- schen, 7) die Mordwinen, 200000 Seelen, davon 20000 im Kasanschen, 8) die Wotjäkcn! oder Wotjäkcn, die sich selbst Murdi nennen, ungefähr 50000, davon 10000 in Kasan,. 9) die Wogulen, 30000 an Zahl, in den Gouvernements Perm, Tobolsk und Tomsk, >0)die Ostjaken, von denen aber nur die sogenannten obischcn Ostjakcn mit den Finnen in Sit« und Sprache entschieden verwandt sind, die kondischen und pumpokoischcn mit den Jnbaksen jedoch zu den Samojeden gehören, deren Volkszahl mit allen dazu gehörigen Stämmen, nämlich den Samojeden in engerer Bedeutung, den Koibalen, den Sojetcn, den Matorcn, den Tubinzen, den Kamatschinzen, den Karakassen, den Towzcn, Guarizcn und Jurakcn in Allem kaum >00000 M. beträgt, 1 l) die Permier oder Permjäken, kaum 50000 an Zahl, in den Gouvernements Perm, Wjätka und Wologda, 12) die Sirjänen, etwa 30000 Seelen, in den Gouvernements Wjätka und Wologda und Archangelsk und 13) die Teptärcn, rin finnisches Geschlecht mit schon sehr verwischter Nationalität, aus vielen einzelnen Völker- bestandtheilen zusammengesetzt, und in Sprache, Sitte und Physiognomie nur halb noch dm 299 Finnischer Golf finnischen Ursprung verrathcnd, im Gouvernement Orcnburg, etwa 29000 an Zahl. Madie Gestalt und Physiognomie der finnischen Stämme betrifft, so sind sic von starkem Kör» pcrbau, plattem Gesicht, etwas hervortrcrenden Backenknochen, mittlerer Statur, sehr Hellem gelblichen oder röthlichcn Haar, dünnem Bart, dunkclgrauen Augen und von fahler, oft gelblicher Gesichtsfarbe. Selbst die edelsten Stämme unter den Finnen, wie die Finnen und Eschen selbst, verleugnen die angegebene Physiognomie nicht, dagegen ähneln die Tschere- mifsen und Tschuwaschen noch mehr den Tataren, während die Wogulen sogar Manches mit den Kalmücken, die Mordwinen dagegen Vieles mit den Russen hinsichtlich der Körpcr- bildung gemein haben. Was den Charakter der eigentlichen Finnen, im engern Wortver- standc, betrifft, so zeigt sich bei ihnen viel Gutmüthigkeit, Biederkeit, Gastfreundschaft, Treue, Dienstfcrtigkeit, Tapferkeit, Standhaftigkeit und Arbeitsamkeit, dagegen auch viel Eigensinn, Starrheit, Widersetzlichkeit, Jähzorn und Nachlust. Zugleich fehlt es den Finnen nicht an einem gewichtigen Ernst und einer Ehrbarkeit und Bedachtsamkeit, die sich oft seltsam zu ihrer unterdrückten Stellung ausnimmt. Die finnische Treue und Biederkeit spricht sich sehr schön in dem alten Sprüchwort aus: „Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen." Auch fehlt es ihnen nicht an hohen Geistesanlagen, worauf ihr schon frühzeitiger hoher Cultur« zustand genügend hinweist. Die besondere Neigung zur Musik und Poesie theilen sie mit den Eschen, und frühzeitig hat man schon angefangcn, auch ihrem Volksliede die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Vgl. „(lkronicoa e;,isco;>orum tinlanllensium", herausgcgcben von Lehrberg; Nein, „Statistische Darstellung des Großherzogthums Finnland" (Helsingfors 1839), Erdmann, „Beiträge zur Kenntniß des Innern von Rußland" (Bd. I, Riga und Dorp. >822; Bd. 2, Abthl. I und 2, Lpz. 1825—26). Eine finnische Granunatik schrieb der Propst Strahlmann, außerdem sind die Schriften des rufs. Akademikers Sjögren zu erwähnen, der auf Kosten der Krone eine lange Reihe von Jahren hindurch sämmtliche finnische Stämme von Kurland bis zum nördlichen Eismeer bereist und in sprachlicher Hinsicht untersucht hat. Finnischer Golf, ein Theil der Ostsee, der im Norden von Finnland, im Süden von Esthland und Petersburg begrenzt wird, 60 M. in der Länge mißt und eine wechselnde Breite von 2^— >7 M. hat. Die Fahrt auf diesem Meerbusen ist wegen der vielen Untiefen und Versandungen, namentlich zwischen Kronstadt und Petersburg, und wegen der Felsenufer der finnischen Küste, der ein wahrer Steingürtel von Granitklippen und Inseln längs ihrer ganzen Ausdehnung vorgelagert ist, sehr beschwerlich und gefahrvoll, wozu noch im Frühling und oft auch im Herbst die gewaltigen Eismasscn hinzukommcn, die die finnischen Flüsse und besonders die Newa dem Golf zuführen, wenn dessen eigene Eisrindc selbst schon längst geborsten ist. Namentlich ist das erste Drittel der Fahrt von Kronstadt bis Hvgland sehr gefahrvoll, weil der Schiffer hier beständig die durch Tonnen bezeichnete Fahrstraße aufsuchcn muß, wo er dann oft in großer Gefahr schwebt, wenn die häufigen nordischen Nebel ihn daran verhindern. Die Insel Hogland steigt wie ein mächtiger Felsblock aus der Tiefe des Meers auf und gewährt durch ihre gigantischen Formen einen überraschenden Anblick. Um sie herum liegen die Inseln Lavensaari, Pcnisaari, Scskär, Groß- und Klcin-Titters'; die letzte der Inseln ist Kronstadt. Der finnische Golf gehört zu den am meisten befahrenen Armen der Ostsee; der bedeutende Handel, den Petersburg treibt, lockt allein schon jährlich Tausende von Schiffen aus allen Ländern Europas, selbst aus Amerika, in seine Gewässer. Dazu kommen die vielen andern zum Theil blühenden See- und Handelsstädte, wie Hapsal, Bal- tischport, Reval, Kunda in Esthland, Narwa, Wiborg, Fredriksham, Lowisa, Borgä, Hcl- singfors, Eknäs und Abo in Finnland. Fast alle diese Seestädte haben treffliche Häfen; Reval, Kronstadt (der Haupthafcn und die Hauptfestung Petersburgs), Ruotzinsalmi oder Notschensalm bei Kymmenegärd und Sweaborg beiHelsingfors, dienen selbst ganzen Geschwadern der russ. Kriegsflotte zur Station. Die Häfen sind durch treffliche Forts, zum Theil durch Festungen ersten Rangs vcrtheidigt, vor allen die Kriegshäfcn Reval, Kronstadt, Rot- schensalm und Sweabvrg. Es gibt 20 Leuchtfeuer in dem Golf, elf an den Küsten, neun mitten im Meere auf den Felseninseln. Nahe an 20 Dampfboote durchkreuzen fast beständig diese Gewässer, wovon drei der lübecker Gesellschaft gehören, ein Theil der andern zur Verbindung Petersburgs mit Stockholm, Kopenhagen, London und Havre dient, und die übrigen, 3»tt Finnland meist Kronsdampfschiffe, beständig zwischen Petersburg und Kronstadt, zwischen Petersburg und Peterhof, Peterhof und Oranienbaum, Kronstadt und Peterhof, Kronstadt und Oranienbaum, Kronstadt und Reval, Reval und Hclsingfors und Hclsingfors und Abo kreuzen, wozu die stete Bewegung der ruff. Geschwader mit ihren Linienschiffen und die rege Handclsschiffahrt mit Tausenden von Kauffahrteischiffen kommt. Finnland, ein ruff., von der Verwaltung der übrigen Provinzen getrenntes und für sich bestehendes Großfürstenthum, mit noch vielen Privilegien und Vorrechten, besteht in seiner gegenwärtigen Ausdehnung sowie unter dem Namen Großfürstenthum erst seit dem I. 1809 durch den Frieden zu Fredriksham, wodurch zu dem schon seit Peter des Großen Zeit im nystädtcr Frieden erworbenen finnischen Antheil, der seitdem das Gouvernement Wi- borg bildete, noch das ganze übrige finnische Gebiet hinzugcfügt wurde. Gegenwärtig ist ganz F. in acht Gouvernements oder Läne getheilt: I) Nyland mit der Hauptstadt F.s, Hel- singfors (s. d.) und 148677 E., 2) Abo-Björneborg, das frühere Finnland im engem Wortsinne, mit 251752 E., 3) Tawasthus mit 131474 E., 4) Wiborg mit 242455 E., 5) St.-Michel, das frühere Kymmenegärd, mit 130888 E-, 6) Kuopio, früher Sawolax, wonach der eine Hauptdialekt der Finnen der sawolaxische, im Gegensätze zum karelffchen, benannt ist, mit 159078 E., 7) Wasa mit 205245 E. und 8) Uleaborg-Kajana, oder Ostcr- botten und Lappland, mit 127570 E. Die Gesammtzahl der Einwohner beträgt also 1,397145, wovon sich 1,361107, d. h. die Finnen und Finnländer, letztere meist aus Schweden und Deutschen bestehend, zur protestantischen Religion, und 36038, d. h. Russen, die überhaupt nur in Kuopio, St -Michel, Nyland und zumeist in Wiborg leben, zur griech, Kirche bekennen. In F. wächst die Bevölkerung in einem sehr geringen Maße, woran häufiger Miswachs, die schlechten Nahrungsmittel überhaupt und die häufig grasfirendcn Fieber Schuld sind. Das Land hat ein Areal von 6406 mM. uyd zählt überhaupt 30 größere und kleinere Städte, darunter eine Universitätsstadt (früher Äbo, jetzt Hclsingfors) und 20 See- und Handelsstädte am Finnischen und Bottnischen Meerbusen. Übrigens ist F. eins der am reichsten bewässerten Länder, wo die Überfülle des feuchten Elements außer vielen Seen eine große Menge von Sümpfen und Mooren erzeugt hat, sodaß die Seen und Sümpfe über ein Drittheil des ganzen Landes einnehmen. Außer dem größten aller curop. Landseen, dem Ladoga, der auf einem weitem Raume die Küsten Wiborgs bespült, sind noch zu erwähnen: I) der Saima, der durch die Verkettung mit dem Puruvesi, Orivcsi, Piclis, Haapa, Konus, Suvas, Wuot und Kallavesi eine Ausdehnung von 42 M. in gerader Linie gewinnt, 2) der Päjjaine oder Pajiane, über 18 M. in gerader Linie lang, ebenfalls eine Kette vieler Seen, 3) der Ncssisee, über 22 M. mit allen zusammenhängenden Seen in gerader Linie lang, 4) der Kyrosce, über >2 M. lang, 5) der Uleäsec, über 10 M. lang, 6) der dem Kitkasce nahe benachbarte Kemisce, den die reißende Kemi Elf, F.s Hauptfluß, durchströmt und dessen Wasser durch die bedeutenden Nebenflüsse Unasjoki, Killinenjoki und Luirojoki stark angeschwellt werden, endlich 7) der mit tausenden von kleinen Inseln besäete Enara oder Jndia- gersec, der an Umfang und Areal dem Pcipussec in Esthland gleichkommt. Außerdem wird dem Ackerbau und anderweitiger Cultur auch ein großer Thcil Landes durch die vielen nackten Felsen, Granitgcrölle, Klippen und Sanddünen entzogen, die einen bedeutenden Theil F.s einnehmen. Doch tragen viele dieser Höhen auch Wald, und die Forstcultur hebt sich, wie im übrigen Rußland, auch hier mit jedem Jahre. Nur im äußersten Norden, im finnischen Lappland, sind die Gebirge meist nackt und starren hier sogar oft von ewigem Schnee, denn nur eine geringe Höhe gehört in diesen nordischen Gegenden dazu, um die Grenze des ewigen Eises zu erreichen. Durch ganz F. zieht sich fast ein zusammenhängender Gebirgszug, der namentlich ine Süden des Landes überaus reich an pittoresken Partien ist. Hohe, immergrüne Tannen und die schlanken Birken des Nordens krönen hier fast überall die Berge und Hügel und spiegeln sich hier und dort in den Uferengen malerisch zerrissener Seen und im Schaume der in wilden Katarakten von Fels zu Fels herabstürzenden Ströme. Da, wo die nordischen Flüsse Unasjoki, Killinenjoki, Jvalojoki, der Enara und Tana entspringen, tritt der Zug der lappischen Alpen mit dem 2000 F. hohen Poldoivi, dem Narangavaara und Livaara in das finnische Lappland ein, wo er den Pasio aufgipfelt. Längs der ferner» Grenze zwischen F. einerseits und Archangel und Oloncz andererseits zieht sich vom Pasio dann ein Fioravanti Firdüsi 30l zweiter Arm, der eigentliche Hauptstock des Gebirgs, der nun unter dem Namen Finnisches Gebirge auftritt und in einem Ausläufer bis an den Bottnischen Meerbusen reicht Der eigentliche Stamm dieses Finnischen Gebirgs besteht aus Granit, der in ungeheuer» Blöcken am Fuße des Gebirgs und durch die ganze Ebene hin abgelagert liegt. Der Hauptreichthum des Landes beruht in den Waldungen, in der Jagd und besonders im Fischfänge, in geringerm Maße im Ackerbau. Mannagrühe gedeiht gut, auch ist der finnische Flachs berühmt und dem russ. an Güte fast gleich. Die jährlichen Einkünfte des Landes betragen kaum IMill. Rubel Silber. Vgl. Gerschau, „Versuch einer Geschichte F.s" (Odense 1821), Rühs, „F. und seine Bewohner" (deutsch von Arwidson, Stockh. 1827) und Meyer, „Nuss. Denkmäler, in den I. 1828 und 1835 gesammelt" (2 Bde., Hamb. 1837). Eine Gcneralkarte F.s in sechs Folioblatt erschien zu Petersburg 1825. Fioravanti (Valentins), ein itgl. Komponist, besonders ausgezeichnet in der komischen Oper durch natürliche Laune, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit und Anmuth, geb. 1768 zu Florenz, empfing seine musikalische Bildung in Neapel und betrat dann in Turin die theatralische Laufbahn. Für das königliche Theater daselbst schrieb er die Opern „II turbo con- tro il flirbo" (1797) und „II tabro psrißßno". In Paris fanden seine Opern „I.:r Capriccios« pentita" (1805) und „I virtuos! ambnlanti" (1807) großen Beifall; in Deutschland durch die komische Oper „I-c csntatric! villrme" („Die Sängerinnen auf dem Lande"), welche voll heiterer Laune und gefälliger Melodien ist und im Stile der komischen Oper clas- sisch genannt werden kann; sowie später zu Neapel „Oli smori - nüirie" im pers. Originaltexte gab Lumsdcn (Kalkutta I8ll, Fol.), das ganze Gedicht nebst einem Glossarium und einer Biographie F.'s Turner Macan,(4 Bde., Kalkutta 1820) heraus. Eine kritische Ausgabe des Originals nebst wirklicher Übersetzung in franz. Sprach« hat Jul. von Mohl begonnen (Bd. I und 2, Par. 1840, Fol.). Eine vollständige Übersetzung fehlt noch; einen prosaischen Auszug in deutscher Sprache unter dem Titel „Das Heldenbuch von Iran" lieferte Görres (2 Bde., 1820), einen Auszug in engl. Sprache Atkinson (Lond. 1834). Außerdem besitzt man von F. noch einen „Divan" oder eine Sammlung lyrischer Gedichte, und ein romantisches Epos über die Liebe des Joseph und der Sulaichä, das gegenwärtig in London von Morley herausgegeben wird. Firenzuola, s. Nannini (Agnolo). Firmian (Karl Jos., Graf von), ein sehr verdienstvoller Staatsmann, geb. l 7 l 6 zu Deutschmetz in Tirol, erhielt seine Bildung zu Erthal, Innsbruck, Salzburg und aufder Universität zu Leyden und begab sich hierauf nach Frankreich und Italien, wo er seinen Geschmack für die schönen Künste ausbildete. Als Franz I. den deutschen Kaiserthron bestiegen hatte, kehrte F. nach Deutschland zurück und widmete sich den Staatsgeschäften. Maria Theresia sandte ihn als bevollmächtigten Minister nach Neapel und in der Folge in gleicher Eigenschaft nach der Lombardei. Hier eröffnete sich ihm ein weites Feld, alle Tugenden eines durch Religion, Philosophie und Wissenschaften geleite^» Staatsmanns im größten Glanze zu zeigen. Er war es, der die Liebe zu den Wissenschaften daselbst wieder erweckte, geistlichen Despotismus und Vorurtheile zu vertreiben anfing, Bibliotheken errichtete und die Universität Pavia herzustellen suchte. Ausgezeichnete Verdienste erwarb ersieh seit 17!) 0 insbesondere um die Stadt Mailand. In mehren Fächern der Literatur selbst bewandert, lebte er mit Künstlern und Gelehrten fortwährend in Verbindung und unterstützte viele derselben mit großer Freigebigkeit. Er starb am 20. Juli 1782 und hintcrließ eine auserlesene Bibliothek von 40000 Bänden und kostbare Kunstsammlungen. — Sein Bruder, Leopold Anton, Graf von F., Erzbischof von Salzburg, machte sich übel berüchtigt durch die Verfolgung der Protestanten im Erzbisthume Salzburg, die, 30000 an derZahl, imWinter 1731 —32 aus dem Lande zu wandern gewaltsam genölhigt wurden. Nicht Neligionseifer allein, sondern vorzüglich Geiz war es, der ihn hierzu veraulaßte. Nicht zufrieden mit den Abzugsgeldern, welche die Auswandcrnden bezahlen mußten, ließ er ihnen, wo es nur irgend thunliih schien, den Proceß als Empörer machen, sodaß sie auch noch ihres Vermögens verlustig wurden. Seine Verdienste zu belohnen, verordnete der Papst, daß ihm und seinen Nachfolgern künftig der Titel Hoheit (Lxcelsus, sur» Oelsitntla) auch von Cardinälen gegeben werden solle. Erstarb 1744. — Der letzte männliche Sprößling der Familie war Karl Leopold Max, GrafvonF.,Fürst-ErzbischofzuWien,geb.l760,gest.zuWienam28.Nov. 1831. Firmung, nach dem Lehrbegriffe der katholischen Kirche das zweite der sieben Sakramente, besteht in der geistigen Stärkung und Kräftigung des Christen durch den Geist von oben, der'mittels der Salbung mit dem Chrisma (s. d.), des Gebets und der Händeauflegung des Bischofs mitgetheilt wird. In der alten Kirche war die Firmung, wie noch gegenwärtig in der griech., mit der Taufe unmittelbar verbunden, wogegen in der röm.-katholischen Kirche der Konfirmand wenigstens sieben Jahre alt sein muß. Den sakramentalen Charakter der Firmung gründen die Katholiken theils auf Apostclgesch. 8, 14—21 und 10, 1 — 6 , theils auf die Tradition, die Lehre der Kirchenväter und die Beschlüsse mehrer Concilien, namentlich des zu Lyon im I. 1274. In der röm.-katholischen Kirche darf nur ein Bischof oberem von diesem beauftragter Priester firmen oder firmeln, in der griechischen dagegen jeder Priester. Auch darf, wie das Coneil von Trient in der siebenten Sitzung ein- Firnen Fisch art 3l)3 schärst, die Firmung nicht wiederholt werden, weil sie der Seele einen unauslöschlichen Charakter einprägt. Bei dem Ritus selbst wird die Stirn, in der griech. Kirche auch Augen, Nase, Ohren, Füße mit dem Chrisma in Kreuzesform bezeichnet und dazu die Worte gesprochen: „Ich bezeichne dich mit dem Namen des Kreuzes und kräftige dich mit dem Chrisma des Heils im Namen des Vaters u. s. w." Wie bei der Taufe, muß ein Zeuge, der F i r m - pathe, gegenwärtig sein, der mit dem Firmlinge durch die Firmung in eine geistliche Verwandtschaft tritt, die früher sogar ehehindeclich war; auch erhält der Firmling einen neuen Namen, den Firmnamen. Die Confirmation (s. d.) inderevangelischen Kirche ist nach Sinn und Bedeutung von der Firmung verschieden. Firnen, s. Gletscher. Firniß heißt ein jedes, eine glatte Oberfläche und Glan; gebende, sowie gegen leichte äußere Eindrücke und Feuchtigkeit schützende Anstrichmittel. Nach den Bestandtheilen unterscheidet man Wasser-, Weingeist-, Essenz- und Ol firn iß. Ein nach dem Aufträgen sich verhärtendes Harz ist in allen der wesentliche Bestandtheil; die übrigen Beimischungen, wie Weingeist, Terpenthinöl u. s. w., dienen nur zur Auflösung und Austragung. Die Was- ser firnisse, eine Auflösung von arab. Gummi, Traganth oder Kandiszucker in Wasser, Eiweiß und gereinigter Ochsengalle, wendet man nur zum Überziehen neuer Gemälde an, um diesen einen temporairen Glanz zu ertheilen. Die Weingcistfirnisse werden aus Harzen, Gummi- und Schleimharzen, wie;. B. Copal, Dammar, Elemi, Mastix, Sandarak, Schelllack und Weihrauch, durch das Auflösen in Weingeist bereitet. Die Auflösung von Schelllack in Weingeist, welche mit einem Leinwandbällchen und etwas Leinöl auf die Mobilien aufgetragen wird, nennt man Politur. Die Essenz firnisse sind in ätherischen Ölen aufgelöste Harze und scheiden sich in Gemälde- und den Lackfirniß. Ihnen sind auch die natürlichen Firnisse beizuzählen, der chinesische Firniß, der Saft des Firnißbaums, und der Copaivabalsam, der Saft der 6op-r!terainiiItij>iAs, deren HauptbestandtheileHarze und ätherische Öle sind. Der Öl firn iß wird durch das Kochen der gepreßten Samenöle, mit oder ohne Zusatz von Bleikalken, Zinkvitriol und Harzen, bereitet. Bei dem Kochen verdampft die dem Öle anhängende Flüssigkeit, der Pflanzenschleim wird zerstört und der Bleikalk aufgelöst. Das gekochte und geklärte Öl trocknet rascher „als das im rohen Zustande, and noch besser, wenn Bleikalk darin aufgelöst ist. Zu den Ölfirnissen gehören auch der Netouchir-,oder Malerfirniß, dessen sich die Kunstmaler bedienen und der aus gleichen Theilen Ölfirniß und Mastix oder Dammarharz, und der Trockenfirniß, der aus gleichen Theilen Retouchirfirniß und zerfallenem Bleizucker bereitet wird. Fiscal bezeichnet in den meisten deutschen Staaten zunächst einen öffentlichen Beamten, welcher die Gerechtsame und das Interesse des Fiscus (s. d.) in Obacht zu nehmen hat; dann im Criminalprvcesse den öffentlichen Ankläger oder Staatsanwalt. (S. Anklage.) Die Re ich sfi Scale im Deutschen Reiche bei dem Reichskammergericht und bei dem Reichs- hofrathe hatten die Obliegenheit, als Ankläger aufzutreten, wenn die Gerechtsame, Gesetze und Verfassung des Reichs verletzt wurden, z. B. gegen Misbräuche des Münzregals, gegen Störungen des Landfriedens u. s. w. Fischart (Joh.), auch bekannt unter dem Namen Men tz er, dessen er sich bei mehren seiner Schriften bediente, einer der originellsten aber auch zügellosesten deutschen Satiriker nicht blos seines, sondern vielleicht aller Jahrhunderte, geb. zu Mainz oder, nach Andern, zu Strasburg zwischen 152 »— 30 , warDoctor derRechte und Reichskammergerichts- advocat und wurde um 1580 Amtmann zu Forbach bei Saarbrück, wo er 1590 oder 1591 starb. In Hinsicht seiner Schriften, die theils in Prosa, theils in Versen, theils aus beiden gemischt und fast sammtlich mit den sonderbarsten Titeln versehen sind, herrscht vieles Dunkel. F. war unerschöpflich an drolligen, launigen, witzigen, nicht selten zugleich zweideutigen und schmuzigen Einfällen, auf das Genaueste bekannt mit den Thorheiten seines Zeitalters und nie ungewiß über den Ton, in welchem sie bald verlacht und verhöhnt, bald gegeißelt werden müssen. Die deutsche Sprache behandelte er mit ungemesscner Freiheit und schuf Wörter und Wendungen, ohne die Analogie im geringsten zu berücksichtigen; doch zeigte er auch in den willkürlichsten Sprachformcn seine Gelehrsamkeit und seinen Witz. Im starkkomischen und burlesken Ausdruck ist er unübertroffen, und selbst aus den schalkhaftesten Ergie« 804 Fischbein Fische ßungen seines fruchtbaren Genies leuchten überall eine natürliche Heiterkeit mid treuherzige Redlichkeit hervor. In vieler Hinsicht, besonders durch Fülle der Bilder übcrtrifft F. sogar Rabelais, dem er als Gelehrter und Sprachforscher gleichsteht. Die bekanntesten unter seinen > insgesammt sehr selten gewordenen Schriften sind „AffcntheurlichGeschichtklitterungu.s.w.", ' eine freie Bearbeitung des ersten Buchs vom „Eargantua" des Rabelais (1552, in veränderter Sprache >575), „Das glückhafft Schiff" (1576), eine einfach sinnreiche, auch topo- graphisch merkwürdige Erzählung von der Reise des Züricher Breitopfs nach Strasburg, in Reimen, die in einem treuen Abdrucke durch Halling herausgegcben und erläutert und mi! » ^ einem einleitenden Beitrage über die Geschichte der Freischießen von Uhland begleitet wurde « (Tüb. 1828), „Flohhaß, Weibertraß, durch Huldrich Elloposcleron" (zuerst ohne Jahr, dann ! 1577), ein übermüthig ausgelassenes Reinigedicht, „Mer Praktik Großmutter" (1574), l „Podogrammisch Trostbüchlein" (>577), „Philosophisches Ehzuchtbüchlein" (1578), „Bic- ^ ncnkorb des Heyligen Römischen Jmenschwarms u. s. w. durch Jesuwalt Pickhart" (> 579), ^ eine derbe Züchtigung des sittenlosen Lebens der Geistlichkeit. In seinem „Gargantua" sin- ^ den sich auch einige gereimte und in ihrem Bau sehr willkürliche Hexameter, die früher fälsch- ^ lich für die ersten Hexameter in deutscher Sprache gehalten wurden. - Fischbein heißen vorzüglich die Barten des Walfisches (s. d.). Diese sind dicke, oft 7 100 Pf. wiegende Hornlagen im Oberkiefer desselben, die gespalten, gereinigt und zu Stä- ^ ben und Stangen geschnitten, unter dem Namen schwarzes Fischbein zu Stöcken, zu ^ Gestellen von Regen- und Sonnenschirmen u. s. w. verbraucht werden. Weißes Fisch- ^ dein, welches von den Gold- und Silberarbeitern gepulvert gebraucht wird, nennt man die j Bemme oder Schale des Tintenfisches. (S. Sepia.) § Fische bilden die vierte Classe der Wirbelthiere und unterscheiden sich von den übrigen ^ dadurch, daß sie eierlegend, mit kaltem Blute versehen sind, durch Kiemen athmen, ein nur § aus zwei Abtheilungen bestehendes Herz besitzen, anstatt äußerer Glieder Flossen und eine z entweder nackte oder beschuppte Haut haben. Zwar kann kein Fisch völlig skclettlos sein, x allein in der Bildung und Härte des Knochengerüstes finden so viele Abstufungen statt, daß ^ die unvollkommensten Fische außer einer weichknorpeligen Wirbelsäule gar keine Knochen ^ besitzen. Größerer oder geringerer Kalkgehalt derselben hat auf die Zerfällung der ganzen z Classe in Knochen- und Knorpelfische hingesührt, indeß unterscheiden sich diese großen Ab- Z theilungen auch noch durch andere, weit wesentlichere Merkmale. Was man im gemeinen z Leben Gräten nennt, sind die oft sehr zahlreich in Doppelreihe übercinandcrliegenden und x zweispaltigen Rippen der Fische. Die »ordern Glieder bestehen aus einem Knochenringe, der h stets mit dem Hinterkopfe verbunden ist, nach außen zu beiden Seiten die Brustflossen trägt und nie fehlt; die hintern Glieder fehlen bisweilen ganz, z. B. beim Aale, bestehen aus wcni- d gen und einfachen Knochen, sind nur in den Bauchmuskeln aufgehängt und stehen entweder L (bei Kehlflosscrn) vor den Brustflossen, oder unter denselben (Brustflosscr), oder hinter den- Z selben (Bauchflosser). Ein eigenthümlicher Knochenapparat unterstützt endlich die Rücken- ! si flösse und Schwanzflosse. Die zu den Flossen gehenden Muskeln sind nicht von besonderer Z Stärke, indem diese Organe meist nur die Richtung beim Schwimmen, nicht aber das Vor- g wärtsgehen selbst bestimmen. Das letztere hängt vielmehr ab von dem abwechselnden seit- § lichen Krümmen und dem Geradestrecken des Körpers, wobei die ausgebreitete Schwanzflosse sich gegen die hinter ihr befindliche Wasserschicht stemmt. Die eigentliche Masse der Bewc- . e gungsmuskeln liegt daher an den Seiten des Körpers und bildet vom Kopfe bis zur Basis der Schwanzflosse eine schwer zu zerlegende Schicht, die aus einer Unzahl sich kreuzender sehr e feiner Fibern besteht. Das Auf- und Absteigen im Wasser wird durch die Schwimmblase i> unterstützt, welche eine eigenthümliche Mischung von Gasen enthält, indeß vielen Fischen ganz e fehlt. Der Schädel der Fische ist aus einer großen Menge von Knochenstücken zusammen- , r gesetzt, die untereinander nicht verwachsen sind und sich keineswegs alle auf entsprechende ' l Theile des Säugthierschädels zurückführen lassen. Das meist sehr zusammengezogene Schä- r delgewölbe birgt das Hirn, welches relativ viel kleiner als beim Säugthiere, beim Haifische i! » de m ), . e- >), n- h- >st ^ ä- zu h- >ie en ur ne », iß en en b- cn rd er gt litt n- n- er >r- it- se c- >s hr s° ii- de ä- )e re ch et Fische in seiner Structur viele sehr erhebliche Eigenthümlichkeiten, weil das Sehen im Wasser sie erheischte, ebenso wie der Aufenthalt in diesem Elemente Augenlider und Thränendrüfen unnöthig machte. Ein äußeres Ohr fehlt, und das innere, von den allgemeinen Bedeckungen überzogene ist einfachen Baus; dennoch hören Fische, wie jeder Angler weiß, sehr scharf. So ist auch das Geruchsorgan keineswegs complicirter Art; indeß aber lehrt die Erfahrung, daß Fische gegen Gerüche sehr empfindlich sind. Nur der Geschmack mag sehr stumpf sein, denn einerseits ist die Zunge oft ganz knochig, und außerdem verschlingen Fische ihre Nahrung stets ungekaut, indem die vielartigen Zähne ihnen nur als Werkzeuge des Ergreifcns und Festhaltens, nicht zum Zerkleinern dienen. Ihre Nahrung entnehmen sie meist dem Thierreiche; die größer« unter ihnen sind wahre Tyrannen der Gewässer und selbst für den Menschen gefährliche Raubthiere; nur wenige, und dann wol nur Süßwasserfische, nähren sich, und nicht einmal ausschließlich, von Pflanzenstoffen. Die Athmung geschieht durch die Kiemen (Bronchien), auf deren mannichfacher Structur und Anheftung ein Theil der systematischen Zerfällungen der ganzen Classc basirt worden ist. Diese gewöhnlich zu beiden Seiten des Kopfs liegenden, vom Kiemcndeckel geschützten Organe sind nichts Anderes als die letzten haarförmigen Verzweigungen eines vom Herzen ausgehenden Gefäßes, unter sich durch Zellgewebe zu allerlei Lappen oder Fransen vereinigt, und in Verbindung mit einem andern ähnlichen Systeme, welches das durch die Berührung mit dem Wasser gesäuerte Blut aufnimmt und in Umlauf bringt. Wenn die Kiemen cintrocknen, hört die Circulativn auf, daher ersticken Fische außer dem Wasser, wenn nicht durch besondere Vorkehrungen für Feuchthaltung jener Organe gesorgt ist, wie;. B. beim Aal, der daher einige Zeit auf dem Lande leben kann. Die Geschlechter sind bei Fischen stets getrennt; die angebliche Zwitterbildung bei Lampreten und Aalen beruht auf einem anatomischen Jrrthume. Inden allermeisten Fällen werden die Eier (Rogen) außerhalb des Mutterkörpers befruchtet; die Hoden der Fische sind die sogenannten Milche. Die Fruchtbarkeit der Fische ist unglaublich groß, Cuvier und Bloch sprechen von Hunderttausenden von Eiern in einem Individuum, Blumenbach und Lacepede von Millionen. Von Fürsorge für die Nachkommen hat man nur bei wenigen Fischen Spuren entdeckt. Die Lebensdauer scheint groß; auffällig ist bei vielen die Lebcnszä- higkeit. In Bezug auf Mannichfaltigkeit der Gestaltung übertrcffen die Fische die andern Wirbelthiere ebenso wie hinsichtlich ihrer allerdings sehr vergänglichen Farbenpracht. Die Zahl der bekannten Arten dürfte sich auf etwa 8VV0 belaufen, welche, der geographischen Verbreitung nach, deutliche Gruppirungcn gewahren lassen. Die wissenschaftliche Fisch- kunde oder Ichthyologie erreichte erst in neuern Zeiten höhere Vollkommenheit durch die Arbeiten von Cuvier, Valenciennes, Agassiz, Joh. Müller, Henle, Aarrellu. A.; ältere Ichthyologen sind Lacepede und M. E. Bloch; des letztem „Ökonomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands" (3 Bde., Bcrl. 1782, - 1 ., mit illum. Kupf.) reicht indeß für den Hausgebrauch noch immer aus. In Bezug auf Nützlichkeit für den Menschen folgen die Fische unmittelbar auf die Säugthiere. Nicht allein erhalten sich rohere Völker, zumal wenn sie sehr arme und unfruchtbare Länder bewohnen, oft nur durch Fische, sondern es ist der Fischfang auch für große und gebildete Nationen eine Quelle des Reichthums und der Macht. Die Geschichte des Herings (s. d.) beweist dieses vor Allem und macht es fast unnöthig, auf die weitgreifende Bedeutung hinzuweisen, welche der Fang der Stockfische und Makrelen -im Ocean, des Thuns im Mittclmeere, der Störe in Osteuropa u. s. w. für ganze Staaten erlangt hat. (S. auch Fischerei.) Einige Fische, z. B. der Zitterrochen, Zitterwcls, Zitteraal, der ind. Spitzschwanz, der elektrische Stachelbauch u. s. w., haben das eigenthümliche Vermögen, durch den Arm Dessen, der sie berührt, elektrische Schläge gehen zu lassen. Das Merkwürdigste bei dieser Elcktri- citätserregung ist die Willkürlichkeit derselben und ihr Abnehmen durch Ermüdung und so- ^ mit das Interesse, welches diese Erscheinung für den Zusammenhang zwischen dem anima- ' lischen Nervenleben und elektrischen Strömungen darbietet. Am besten sind der Zitterrochen und Zitteraal (s. d.) untersucht. Musschenbroek wies zuerst die elektrische Natur der Schläge nach. Später untersuchten Walsh, Davy, Becquerel, Dreschet, Humboldt und Bon- pland, neuerdings Mattcucci und in gewissen Beziehungen Faraday die Sache. Man weiß Conv.-Lex. Neunte Ausl. V. 20 3«6 Fischer (Christian Aug.) Fischer von Erlach jetzt gewiß, daß die von diesen Fischen erzeugten elektrischen Strömungen mit den gatvani» sehen Übereinkommen und daß die Fische dazu besondere Organe haben, welche beim Zitterrochen in der Nahe der Kiemen, beim Zitteraal längs des Schwanzes liegen und aus einer großen Anzahl von Säulchen bestehen, die wieder, wie kleine elektrische Säulen, aus über- , einandergeschichteten Blättchen bestehen; das ganze Organ ist reichlich mit Nerven versehen. Über den eigentlichen Vorgang bei Erzeugung der Schläge durch diese Organe weiß man noch so gut als nichts. — In der Astronomie führt das zwölfte Sternbild des Thierkreises den Namen der Fische (ss), gebildet aus dem nördlichen und südlichen Fische und vereinigt durch ein Band. » Fischer (Christian Aug.), der Verfasser mehrer glücklich nachgebildeter, geistreicher und unterhaltender Reisebeschreibungen, geb. am 2 9. Aug. l 7 71 zu Leipzig, durchreiste nach daselbst vollendeter Studienzeit 1792—98 in mercantilischen Angelegenheiten die Schweiz, 1 Italien, Frankreich, Spanien, Holland und das europ. Rußland und privatisirte dann in ' ) Dresden, bis er 1894 ordentlicher Professor der Culturgeschichte und schönen Literatur in ! Würzburg wurde. Wegen der von ihm unter dem Name» Felix von Fröhlichsheim heraus- > gegebenen Flugschrift „Katzensprung von Frankfurt nach München" (Lp;. 1821) 1817 in i eine fiscalische Untersuchung verwickelt und namentlich der Beleidigung des bair. Finanzmi- - nisters von Lerchenfeld überführt, wurde er als akademischer Lehrer entlassen und zu dreijäh. § riger Festungsstrafe verurtheilt. Nach seiner Freilassung im I. 1824 lebte er zu Frankfurt , am Main und dann zu Mainz, wo er am 14. Apr. 1829 starb. Unter seinen Schriften sind - als die vorzüglichsten zu erwähnen die „Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz nach I Genua" (Berl. 1799), die meist original ist; „Gemälde von Madrid" (Berl. 1802); „Gr- r mäldc von Valencia" nach Cavanilles (2 Bde., Lpz. 1803); „Gemälde von Spanien" nach ! Labordc (2 Bde., Lpz. 1809—10); „Vergreisen" (2 Bde., Lpz. >804 — 5); „Reise nach t Montpellier" (Lpz. 1805); „Reise nach Hieres" (Lpz. 1806); „Allgemeine untcrhaltendl 1 Reisebibliothek" (4 Bde., Berl. 1806—8); „Gemälde von Brasilien" (2 Bde., Pesth 1818); „Reise nach London" (Lpz. 1819) und „Kriegs- und Reisefahrten" (2 Bde., Lpz. 1820- 1 21), insgesammt weniger die Frucht eigener Beobachtung, als durch Benutzung fremdet l Werke entstanden. Im Gefängnisse sammelte er das „Hyazinthcntaschenbuch auf 1825" k (Franks. 18255, den „Curiositätenalmanach" (Mainz 1825) und die „Cabinetsstücke eines 8 Gefangenen" (2 Bde., Franks. 1825). Auch ist F. der Verfasser mehrer schlüpfriger und d obscöner Romane. I Fischer (Friedr. Christoph Jonath.), deutscher publicistischer und culturgeschichtlichei ° Schriftsteller, geb. 1750 zu Stuttgart, erhielt daselbst und zu Tübingen seine Bildung, begab sich darauf 1775 nach Wien und nahm dort 1776 die Stelle eines Secretairs bei der 8 bad. Gesandtschaft an, die er aber 1778, wegen politischer Conflicte in Betreff der bair. Erb- d folgeangelegenheit, wieder aufgeben mußte. Sofort als herzoglich zweibrückischer Legations- s secretair in München angestellt, folgte er im Herbst 1779 einem Rufe als ordentlicher Pro- 1 fessor des Staats- und Lehnrechts an die Universität zu Halle, wo er bis zu seinem Tode im 8 1.1797 blieb, obschon diese Stellung nicht die angenehmste für ihn war, da er als ein durch ^ diplomatische Berrätherei emporgekommencr Günstling und ohne wahre wissenschaftlichk l Bildung von den übrigen Professoren sehr gemieden wurde. Als Schriftsteller ist er nicht i allein durch seine staats- und rechtswiffenschaftlichen Compendien, sondern auch durch sein» ^ „Versuch einer Geschichte der deutschen Erbfolge" (2 Bde., Memmingen 1778), „Die Erb-. * folgsgeschichte unter Seitenverwandten in Deutschland" (Lpz. 1782) und besonders „Dü s Erbfolgsgeschichte des Herzogthums Baiern" (2 Bde., Lpz. 1778 — 80) bekannt; ferner > durch seine „Probenächte der deutschen Bauernmädchen" (Berl. 1780), „Geschichte des l Despotismus in Deutschland" (Halle 1780) und „Geschichte Friedrich's 11. Königs von 1 Preußen" (2 Bde., Halle 1787); sein Hauptwerk ist die „Geschichte des deutschen Handels", ^ u. s. w. (4 Bde. Hann. 1791—97). Alle seine Werke und namentlich auch das letzte, ob- ^ schon es als ein lobenswerther und interessanter Versuch zu betrachten ist, tragen den Stem- ^ pel des Mangels gründlicher Forschung. ^ Fischer von Erlach (Ioh. Beruh.), ein berühmter Baumeister des 17. Jahrh., geb. < zu Prag, nach Andern zu Wien, 1650, war der Nachfolger Bernini's und baute in Wien Fischer von Waldheim Fischerei 307 „j. mehre Paläste und namentlich die Kirche San-Carlo Borromeo; abcr Alles im Verdorbensten lex. ital. Stil. — Sein Sohn, Jos. E manuel F. von Erlach, gcb. um 1680, vollendete „er mehre der Bauten seines Vaters und construirte 1727 die erste Dampfmaschine imSchwar- ,er. zenbcrg'schen Garten zum Getriebe der Wasserkünste. Er starb nach dem 1.17-10. Seine ,en. ' Kirchen, Denkfaulen u. s. w. sind gleich denen seines Vaters meist im ganz verwilderten Ro° ,an cocostil entworfen; seine Paläste aber zeichnen sich durch gute, malerische Anordnung aus. ises Fischer von Waldheim (Gotthelf), russ. Wirklicher Staatsrath, Vicepräsident an rej. der medicinisch-chirurgischen Akademie und Professor an der Universität zu Moskau, geb. am , I -',. Oct. 1771 zu Waldheim in Sachsen, wurde als ein Jugendfreund Alex, von Hum- tzn boldt's, nach Vollendung seiner medicinischen Studien, von diesem und seinem Bruder Wil- .ch Helm zum Begleiter auf ihrer Reise durch Deutschland und Frankreich gewählt. In Paris beschäftigte er sich unter Cuvier's Leitung mit vergleichender Anatomie, der er schon früher , jn ' seinen Fleiß zugewendet.hattc. Damals schrieb er die „Versuche über die Schwimmblase der r in Fische" (Lpz. 1797), „Über die verschiedene Form des Intermaxillarknochens".(Lpz. 1800) uß, und mchres Andere. Im I. 1800 wurde er Bibliothekar in Mainz; zum Gcmeinderath da- ; in selbst erwählt, befand er sich auch unter den Abgeordneten, welche dem ersten Consul den ,,ii- Wunsch der Bürgerschaft vorlegten, ihre Stadt zur Handelsstadt umzuschaffen. Seine izh, Stellung veranlaßt ihn allerdings zu bibliographischen Forschungen, namentlich gab er eine fmt „Beschreibung typographischer Seltenheiten" (6 Lief., Mainz 1800—6) und einen „6ssm sind sur les monuments t)j><>gra;rliicj,ies Oe denn 6»tenl>erg" (Mainz 1802) heraus; doch uch fitzte er dabei seine anatomischen Arbeiten fort, wie seine „Anatomie der Maki" (Bd. 1, F,. Franks. 1801 ) beweist. Im I. 1801 kam er als Professor und Director des Museums an „ch die Universität zu Moskau und stiftete daselbst im folgenden Jahre die Gesellschaft der Na- -nch turforscher, welche später den Titel einer kaiserlichen erhielt. Bei dem Brande von Moskau wurde das große Museum, welches seine Thätigkeit zu so glänzender Höhe gehoben hatte, ein Raub der Flammen; auch verlor er dabei seine eigenen bedeutenden Sammlungen und Prä- parate. Zum Viccpräsidenten der medicinisch-chirurgischen Akademie wurde er18 l 7 ernannt. ,de, Unter seinen zahlreichen Werken sind besonders hervorzuheben das „Onnmasticon du s^s- 25 « tsme ll'ol^ctognosie" (deutsch, und dann vervollständigt russ., Mosk. 181 l), „Lmtomo- imS S^pdie de la Uussis et Genres des insectes" (deutsch und lat., 3 Bde., Mosk. 1820—28), und die Beschreibung des nach dem Brande neu angelegten „lUuseum d'iustoire naturelle de I'universite de Lloscou" (1 Bde., Mosk. 1823 fg.) und die „Or/ctoArgjdlie du ^ouverne- ment de lVloscou" (Fol., mit 65 Kupf.). bk- Fischerei theilt man ein in zahme und in wilde. Ersten findet in besonders dazu ander gelegten, künstlichen Teichen statt, welche in gewissen Zeiträumen ausgefischt und dann wie- ?rh. der besetzt werden; letztere erstreckt sich über alle fließende Gcwässer und ist entweder Privat- eigenthum des Staats, oder der Grundstücksbesitzer, soweit die Gewässer die Grundstücke pro. jedes Einzelnen berühren, oder sie ist der Benutzung aller Staatsbürger freigegeben; doch o jm gelten in letzterer Beziehung in fast allen Staaten besondere, die Fischerei betreffende Gesetze, urch damit dieselbe nicht unpfleglich betrieben werde. Gegenstand der zahmen Fischerei sind belicht sonders Karpfen, Hechte, Schleien, Barsche und Aale. Die Teiche, welche zur zahmen Flucht scherei dienen, theilt man ein in Streich-, Streck- und Hauptteiche. In den Streichteichen i,mi befinden sich die Samenfische, in den Streckteichen die Brut, mit welcher, wenn sie zur gehö- ;ck- ngen Größe herangewachsen ist, die Hauptteiche besetzt werden. Zur wilden Fischerei gehö- Dik ren alle Fischarten, die Krabben, Hummern, Krebse u. s. w. Im Alterthum waren die Fische rmr fließenden Gewässern eine herrenlose Sache und nur dann erst Eigenthum, wenn sie ge- deS sangen waren; darum stand auch das Fischen einem Jeden frei, außer in besonders angeleg- ven len Teichen und Weihern. Aber schon im Mittelalter kamen auch die fließenden Gewässer els" unter das Gesetz. Das Recht, in denselben zu fischen, maßten sich meist die Ritter an und oh. nur mit besonderer Erlaubniß und in der Regel gegen eine bestimmte Abgabe war es den kein- Unterthancn gestattet, zu fischen, wobei die Art und Weise und die Zeit des Fischcns, die Größe der Maschen in den Hamen und die Dauer der Laichzeit genau bestimmt waren und geb. bei strafe nicht überschritten werden durften. Vgl. Tscheiner, „Der wohlerfahrene Fischer- Lien 20 * 308 Fischerring Fistel ^ meister" sPesth l82l), Niemann, „Abriß des Fischwesens" (Lpz. >80^) und „Vollständiges Fischbuch" (Quedlinb. >825). Aischerring (snnuius pisc-Uvris) heißt das schon im 13. Jahrh. gewöhnliche Siegel des Papstes, welches den Breven in rothcm Wachs, den Bullen in Blei abgedruckt, ange- ! hängt wird und zwar den letztem in Ehe- und Rechtssachen an einem hänfenen, in Gnadcn- sachen aber an einem roth und gelblich seidenen Faden. Auf der einen Seite desselben sind die Bildnisse der Apostel Petrus und Paulus, auf der andern steht der Name des regierenden Papstes. Fischerring heißt es, weil der Apostel Petrus, den die röm.-katholische Kirche als den ersten Papst bezeichnet, che er Jesu folgte, von Fischerei lebte. Das Siegel wird ent- » weder vom Papste selbst oder von einem der Cardinäle ausbewahrt, nur vom Papste oder in seiner Gegenwart gebraucht und nach dem Tode desselben vom Cardinalkämmerer zerbrochen, worauf die Stadt Nom dem neugewählten Papst einen neuen Siegelring schenkt. Fischotter (Imtrs), eine Gattung von Raubsäugthieren mit Schwimmfüßen und horizontal abgeplattetem Schwänze. Die gemeine Fischotter lebt an den Flüssen der ganzen nördlichen Erde, ist auch in Deutschland häufig, nährt sich von Fischen, Krebsen und nöthigenfalls von Wasserratten, thut der Fischzucht zwar Schaden, ist aber ihres feinen Fells wegen geschätzt, das zu theuern Pelzen verbraucht wird. Das weiche Haar dient zur Verfertigung der Fischpinsel. — Die Seeotter (Unk) Uris), der vorigen verwandt, bewohnt die Nordwestküste Amerikas und das nordöstliche Asien und gab zuerst Veranlassung zu der Ansiedelung am Columbiaflusse. Ihr Fell ist eines der werthvollsten, indem ein guter, schwarzer Balg mit 150—200 Thlrn. bezahlt wird, in China sogar noch höhere Preise hat. Fiscus, eigentlich Eeldkorb, heißt im röm. Rechte die Privatkaffe des Kaisers, in, Gegensätze zu der Staatskasse (aei-urim» publicum); im neuern Rechte dagegen die Staatskasse, im Gegensätze der Chato ulle (s.d.) oder landesherrlichen Privatkasse. Insbesondere wird dieser Ausdruck von der Staatskasse gebraucht, insofern Strafen, herrenlose Güter, Sachen, welche dem Verkehre entzogen werden, oder deren die Privatbesitzer aus irgend einem - ! Rechtsgrunde verlustig werden, z. B. unerlaubte Geschenke, Legate, deren sich der Legatar unwürdig macht u. s. w., ihr zufallen, und insofern von ihren besondern Vorrechten die Rede k ist. Diese Vorrechte sind schon im röm. Rechte außerordentlich ausgedehnt, beruhen jedoch i auf richtigen Gründen. Es gehören dahin das gesetzliche Unkerpfandsrecht, welches dem FiS- t cus auf die Güter seiner Verwalter und Derer, die mit ihnen contrahirt haben, zukomm!, l das Recht, Zinsen zu fvdern, wenn sie auch nicht bedungen sind, dagegen nie Verzugszinsen s zu entrichten; längere gegen ihn stattsindende Verjährungsfristen, Befreiung von Cautioncn o und Proceßkosten u. s. w. Die Rechte des Fiscus hat der Fiscal (s. d.) in Obacht zu nch- s men, und fisca lisch heißt Alles, was mit dem Staatsschätze im Besonder« und dann auch ? im Allgemeinen mit dem Staate in Beziehung steht und in seinem Interesse oder auf seim r Verfügung geschieht, z. B. eine siscalische Untersuchung. Die Fiscalgerechtigkcit, o oder das Recht, einen Fiscus zu haben, womit man also theils das Recht bezeichnet, in einem ? gewissen Bezirke die siscalische« Nutzungen und anfallenden Vortheile zu beziehen, theils die e besondern Vorrechte des Fiscus zu genießen, steht im Allgemeinen nur der Staatskasse zu, x ist aber auch häufig andern Kassen und Behörden, z. B. den Ärarien der Städte, den land- Z schaftlichen Kassen, Stiftungen, Universitäten, ritterschaftlichen Creditvereinen u. s. w., mit a den aus der Natur der Sache fließenden Modifikationen cingeräumt worden. si Fistel, Kopfstimme oder False t, ist die gewöhnliche Benennung des höchsten Re- , ti gisters der menschlichen Stimme, das durch seinen feinen, flötenartigen Ton dazu Veranlaß d sung gab. (S.Stimme.) — Inder Chirurgie versteht man unter Fistel (listuls, sz- rmx) einen mehr oder weniger langen, einfachen oder aus mehren Ästen bestehenden wider- ?! natürlichen Kanal, der die in einer Höhle des Körpers befindliche Flüssigkeit längere Zeit ! t> hindurch entweder nach außen oder in eine andere Höhle überführt. Eine Fistel entsteht r entweder durch eine mechanische Verletzung, bei welcher dann die hindurchlaufende Flüssigkeit v die Heilung verhindert, oder wenn ein natürlicher Ausgang verschlossen ist und die auszufüh- n renden Stoffe sich so anhäufen, daß die Wandungen ihres Behälters durch Brand durchlö- ei chert werden. Ein solcher Kanal wird dann mit einer Haut ausgekleidet, die ziemlich unem- Z pfindlich ist, sodaß die Fisteln meistenthcils zu den schmerzlosen Übeln gehören. Die Aufgabl N ^ Kitz FiHjames 309 der Kunst ist es, einen solchen Kanal zu schließen, wenn er nicht, wie sehr häufig, zur Erhal» >el tung der relativen Gesundheit nöthig ist. Eine veraltete Fistel ist meist wegen der Unempfind» ;e- ^ lichkeit ihrer Wandungen schwer zu heilen. Man benennt die Fisteln theils nach der Flüssig» n- keit, welche durch sie hindurchtritt, z. B. Gallen -, Speichel-, Thränenfistel, theils nach den ad Theilen, an denen sic sich findet, z. B- Bauch Zahnsistel u. s. w. n- Fitz, ein altcngl. Wort, das seinen Ursprung offenbar vom lat. lllüis, d. i. Sohn, her- hc leitet. Wie das Mac der Schotten, das O' der Irländer, oder das Ben der Orientalen, ^igt U- das Fih mit einem Eigennamen verbunden im Englischen einen Abkömmling des Eenann- >er ten an. Gewöhnlich aber wird Fitz nur zur Bezeichnung der Abstammung bei den natürli- :r- chen Söhnen der Könige und Prinzen gebraucht; so FiHjames, Fitzclarence u.s. w. Auch Jr- kt. land hat mehre Familien, welche diese Bezeichnung führen. nd Fihgerald (Lady), die natürliche Tochter des Herzogs von Orleans, Egalite, und, »er wie die öffentliche Meinung alles Widerspruchs ungeachtet behauptete, der Frau von Genlis, nd welche sie unter dem Namen Pamela erzog, war zuerst mit dem irischen Lord Fitzgerald ver- llS mahlt, dem Leiter der dortigen Rebellion von 1798. Nach seiner Enthauptung vermahlte sie kr- sich mit dem Amerikaner Pitcairn, trennte sich aber wieder von ihm und ging nach Franken! reich, wo sie bis zur Julirevolution fern von Paris lebte. Nach derselben kam sic nach Paris, zu wurde aber von Ludwig Philipp und dessen Familie nicht anerkannt und starb daselbst gegen er, Ende des I. 1831 in Dürftigkeit. al. FiHherbert (Lady), eine Jrländcrin, geb. 1731 und erst mit einem Bruder des Car- iin dinals Wold, dann mit Lord Fitzherbert vermählt, verband sich nach dessen Tode dem Prints- zen von Wales, nachherigem König Georg IV., und wurde angeblich mit ihm in Rom gern traut. Die Vermählung des Königs mit Prinzessin Karoline von Braunschwcig, im I. er, 1793, löste das Verhältniß, und, ohne ihre Stellung in der aristokratischen Welt verloren zu rm - haben und geachtet in ihrer Umgebung starb Lady F. 1837 zu Brighton, in FiHjames (Edouard, Herzog von), Pair von Frankreich, ein Urenkel des Marschalls :de B e r w i ck (s. d.), geb. 17 7 6 zu Versailles, wurde in den Grundsätzen der Hofpolitik erzogen. >ch Schon l 789 verließ er, über jeden Abbruch der absoluten Monarchie empört, Frankreich, iS- trat dann in das Emigrantcnhecr Conde's und ging, nachdem dasselbe aufgelöst, nach Eng- nt, land, wo er ein Fräulein Latouche heirathete- Während der Consularregicrung kehrte er nach je» Frankreich zurück und lebte daselbst seiner Güter beraubt in wenig glänzenden Verhältnissen, un ohne jedoch die Anerbietungen Napoleon's anzunehmen. Erst ganz gegen das Ende der ch- Käiserrcgicrung trat er als Unteroffizier in die Nationalgarde von Paris und trug am 39. ich März >813 durch eine Anrede an seine Legion nicht wenig zur Unthätigkeit gegen die an- iii! rückenden Verbündeten bei. Nach der ersten Restauration wurde er Oberst der National- it, garde, Pair und Adjutant und Kammerherr von Monsieur. Nach der Rückkehr mit den m Prinzen von Gent, äußerte sich der royalistische Eifer F.'s zügellos. Leidenschaftlich betrieb die er die Vcrurtheilung des Marschalls Ney. Als sein eigener Schwager, der General Bcrtrand, zu, proscribirt werden sollte und dieser sich darauf berief, daß er dem Könige nie einen Eid der rd- Treue geschworen, behauptete F., alle Rücksichten für Familicnbande und das Unglück ver- mt achtend, in mehren öffentlichen Schmähartikeln das Gegenthcil. Das Einlenken des Ministeriums zur Mäßigung und konstitutionellen Politik veranlaßt! ihn, zur Opposition Überzüge- , treten. Er bekämpfte den Wahlgesehcntwurf vom I. l8I7, sprach gegen Ausnahmegesetze, as- die er vorher gebilligt, wirkte für Entschädigung der Emigranten und Herstellung der Kir- >)-- chengüter, vertheidigte sogar im Interesse seiner zügellosen Partei die freie Presse. Mit dem er- Ministerium Villele verwandelte sich F. in einen eifrigen Anhänger der Negierung und un- eil tcrstiiHte alle Restaurationsentwürfe derselben. Wider Erwartung leistete er nach der Juli- >ht revolution auch Ludwig Philipp als Pair den Eid der Treue. In die Umtriebe der Herzogin pil von Berri verwickelt, wurde er 1832 auf kurze Zeit verhaftet, worauf er in der Pairskam- lh. - mer mit besonderer Heftigkeit gegen die neue Negierung auftrat. Um seine Wirksamkeit zu lö- erhöhen, legte er die Pairswürde nieder und ließ sich 1833 von der Stadt Toulouse in die m» Deputirtenkammerwählten, was ihm auch 1837 wieder gelang. In dieser Stellung ent- ,bi wickelte er unter den Legitimisten nächst Berryer allerdings das bedeutendste und wirksamste 310 Fiume Fixsterne Rednertalent und bethciligte sich lebhaft bei allen politischen Fragen. F. starb im Nov. 1838. Mit seinem Tode verloren die Legitimisten eine ihrer moralischen Hauptstützen. Fiume (Minium 8t. Viti-ttl üuinen) , die Hauptstadt des sogenannten Litorale-, dar j seit 1822 wieder zu Ungarn gehört, am Ausflusse der Fiumara in den Meerbusen von Quar- nero, hat ungefähr 9066 E-, die mehre Fabriken, namentlich in Rosoglio, Zucker u. s w. unterhalten und ansehnlichen Handel treiben. In der St.-Vcitskirche und in dem ehemaligen Jesuitencollcgium besitzt die Stadt schöne Gebäude. Unter allen ungar. Seeplätzen ist cs der besuchteste. ? Fix, von Kxus, d. i. fest oder unbeweglich, daher Fixsterne u. s. w., wurde in der älteren chemischen Nomenklatur auch als Gegensatz von flüchtig gebraucht, z. B. fixe« Laugensalz u. s. w. FixeLuft nannte man wegen des größer« specifischen Gewichts sonst die Kohlensäure. Fixe Idee heißt überhaupt jede eingewurzelte falsche Vorstellung, die keiner Berichtigung zugänglich ist, ein festgewordener Wahn. Als krankhafter Zustand gehört sie zu der Classc von Geisteskrankheiten, welche sich durch Mangel an Beweglichkeit und gegenseitiger Bestimmbarkeit der Vorstellungen und Gedanken kund geben. Charakteristisch ist dabei, das in den meisten Fällen der Einfluß der Geisteskrankheit (s. d.) sich nur so weit erstreckt, als die Verzweigungen der fixen Idee mit den übrigen Theilen des Gedankenkreises reichen, daher Kranke dieser Art sowol innerhalb ihres Wahns consequent als auch über Gegenstände, die mit ihrer fixen Idee in keiner Verbindung stehen, ganz vernünftig denken. Fixmillner (Placidus), Astronom, geb. am 28. Mai >721 in einem Dorfe beini vbcröstr. Kloster Kremsmünsier, wurde in der Schule dieses Klosters, dessen Abt sein Oheini war, zuerst in den Wissenschaften unterwiesen und vollendete seine Studien, bei steter Verliebe zur Mathematik, in Salzburg. Nachdem er l 745 ins Kloster Kremsmünster zurück- gekehrt war, erhielt er die Professur des Kirchenrechts bei der um diese Zeit in Kremsmünster errichteten adeligen Rittcrschule, welche er bis zu seinem Tode, am 27. Aug. >791, be-c kleidete, ohne je der Mathematik untreu zu werden. Vorzügliches Verdienst erwarb er sich um die Sternkunde, nachdem der Abt >747 einen mathematisch-physikalischen Salon iui Kloster hatte errichten und eine Sternwarte erbauen lassen. Wegen seiner mathematische» Kenntnisse ernannte man F. >762 zum Astronomen des Klosters, ungeachtet er sich zuM nie mit der ausübenden Sternkunde abgegeben und nicht einmal mit der Literatur diesn Wissenschaft bekannt gemacht hatte, und doch wurde die Sternwarte zu Kremsmünsm durch seine Thätigkeit bald eine der berühmtesten Deutschlands. Nur durch F.'s vielfach! Beobachtungen des Merkur ward Lalande in den Stand gesetzt, seine genauen Mcrkursta- seln zu fertigen. Auch beobachtete und berechnete F. zuerst die Uranusbahn, fertigte Tafel» darüber und war der Erste, der Vode's Vermuthung, daß der von Flamsteed 1696 beobachtete und dann verschwundene 34. Stern des Stiers jener Planet gewesen sei, theoretisch er wies. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen „Nericliinms szieculr,« nstronomicae" (Kremsmünst. >765), „üeeeimiuii, sstroil. ab a. 1765 — 75" (Kremsm. >776) und ,,^cta sstronomicae <7remissamLnsis" (Kremsm. >776 —9>). Fixsterne, d. i. feste, unbewegliche Sterne, heißen beiweitem die meisten uns sichtbaren Sterne und zwar deshalb, weil sie scheinbar immer dieselbe gegenseitige Lage und Entfernung behalten. Ihre scheinbare Bewegung, vermöge welcher sie auf- und untergehe» und am Himmel theils größere oder kleinere Bogen beschreiben, theils ganze Kreise, von de-, nen der, welchen der sogenannte Polarstern beschreibt, am allerkleinsten ist, sodaß diesn' Stern fast ganz stillzustehen scheint, ist die Folge der täglichen Bewegung der Erde um ihn Achse. Hätte die Erde nur diese, so würde uns der gestirnte Himmel, an demselben Orte aus der Erde beobachtet, das ganze Jahr hindurch zu gleichen Stunden der Nacht einen gleiche»? Anblick gewähren, was bekanntlich nicht der Fall ist; in Folge der Bewegung der Erde umj die Sonne oder des scheinbaren Fortrückens der Sonne unter den Sternen ändert sich du- einer bestimmten Nachtstunde entsprechende Anblick des Himmels mit den Jahrszeiten.! Derselbe Stand der Sterne tritt an jedem Tage um vier Minuten früher als am vorhergehenden ein und trifft erst nach einem Jahre wieder genau auf dieselbe Nachtstunde. Die Entfernung der Fixsterne ist uns noch immer so gut als unbekannt, muß aber unermeßlich groß sein. Um sie zu bestimmen, hat man seit Bradley's Zeit viele Versuche gemacht, diej Fixsterne 311 sogenannte jährliche Parallaxe einzelner Fixsterne aufzufinden, d. h. eine scheinbare Verrückung derselben wahrzunchmcn, die, wie man glauben sollte, daraus entstehen müßte, daß wir uns, wenn wir die Sterne zu verschiedenen Zeiten im Jahre betrachten, an sehr verschiedenen Orten im Welträume und daher in sehr ungleicher Entfernung von den Sternen befinden, die uns weiter auseinander gerückt oder enger zusammengedrängt scheinen müssen, je nachdem wir ihnen näher oder weiter von ihnen entfernt find. Am zweckmäßigsten scheint es zu sein, die Beobachtungen an zwei Tagen, die gerade um ein halbes Jahr auseinander liegen, anzunehmen, weil wir dann an dem einen Tage am weitesten, nämlich über -I I Mill. Meilen von dem Standpunkte entfernt sind, den wir am andern cin- nehmen. Da nun aber diese bedeutende Ortsveränderung, welche uns gewissen Sternen nähert, von andern entfernt, auf die beobachteten Stellungen der Sterne gar keinen Einfluß hat, so müssen dieselben so außerordentlich weit von uns entfernt sein, daß gegen diese Entfernung gehalten, eine Weite von -t l Mill. Meilen gleichsam nur ein untheilbarer Punkt ist, und Linien, die von den Endpunkten des Durchmessers der Erdbahn, dem diese Länge zukommt, nach einem und demselben Fixstern gezogen gedacht werden, nur einen außerordentlich kleinen und daher für uns ganz unmcrklichcn Winkel bilden. Wenn dieser Winkel bei irgend einem Sterne auch nur 2 Sccunden beträgt, so wäre er für uns merklich; dann aber müßte der Stern 200000 mal weiter als die Sonne oder über -1 Billionen Meilen von uns und dem ganzen Sonnensysteme entfernt sein. Da aber eine solche Größe des gedachten Winkels noch bei keinem Stern beobachtet worden ist, so müssen wir annehmen, daß die meisten Fixsterne noch viel weiter von uns entfernt sind. In der neuesten Zeit haben die Astronomen Struvc undBcssel bei zwei Fixsternen eine sehr kleine Parallaxe wahrzunehmen geglaubt und hieraus eine Entfernung der von ihnen beobachteten Sterne von beziehentlich 30 und 13 Billionen Meilen abgeleitet, ohne daß jedoch diese Resultate bis jetzt für völlig zuverlässig gelten können. Schon in den ältesten Zeiten hat man die Sterne in Sternbilder abgetheilt, indem man eine Anzahl nahe beisammen stehender unter den Namen eines Thiers oder andern Gegenstandes vereinigte (s. Sternbilder); die einzelnen zu einem Sternbilde gehörigen Sterne unterscheidet man durch griech. Buchstaben (indem man den hellsten die ersten des Alphabets beilegt), wenn aber diese nicht ausreichcn, durch lateinische und durch Zahlen. Viele der glänzendsten Sterne haben besondere arab., griech. oder lat. Namen. Nach dem verschiedenen Grade von Glanz und Helligkeit, welchen die Sterne besitzen, theilt man sie in Sterne der ersten Größe, welche die hellsten sind, der zweiten, dritten und vierten Größe u. s. w-, wiewol diese Eintheilung viel Willkürliches hat und daher auch hinsichtlich der Größe, zu welcher jeder einzelne Stern gerechnet werden soll, keine Übereinstimmung unter den Astronomen stattfindet. Die kleinsten, welche ein mittleres Auge noch unbewaffnet erkennen kann, bezeichnet man gewöhnlich als Sterne der fünften Größe; aber ein schärferes Auge erkennt noch solche der sechsten und siebenten. Die folgenden Grüßen sind teleskopisch, d. h. nur mit Fernröhren wahrnehmbar, und die schwächsten, die mit den stärksten Fernröhren noch wahrgenommen werden, rechnet Struvc zur zwölften, Herschel der Jüngere zur zwanzigsten Größe. Wie groß die Verschiedenheit des Glanzes der Sterne ist, läßt sich daraus abnehmen, daß nach Versuchen des zuletzt genannten Astronomen das Licht des Sirius, des glänzendsten von allen Fixsternen, ungefähr 32ä mal so groß ist als das eines Mittlern Sterns der sechsten Größe. Zu den Sternen der ersten Größe rechnet man gewöhnlich auf der nördlichen Halbkugel des Himmels: Aldebaran (im Stier), Arktur (im Bootes), Altair (im Adler), Beteigeuze (im Orion), Capclla (im Fuhrmann), Procyvn (im Kleinen Hund), Regulus (im Löwen), Wega (in der Leier); auf der südlichen Halbkugel: Acharnar (im Eridanus), Antares (im Skorpion), Canopus(im Schiff Argo), Fomalhaut (im südlichen Fische), Rigel (im Orion), Sirius (im Großen Hund), Spica (in der Jungfrau), und die beiden mit dem Buchstaben slpim bezeichnctcn Sterne im Centaurus und im südlichen Kreuze, welche keine besondern Namen haben. Eine eigentliche scheinbare Größe im gewöhnlichen Sinne des Worts ist noch bei keinem Fixstern beobachtet worden, selbst in den besten, am stärksten vergrößernden Fcrnröhrcn erscheinen sie und zwar selbst die glänzendsten der ersten Grüße, nicht als kleine Scheiben, wie sämmtliche Planeten, sondern als leuchtende Punkte ohne einen merkbaren Durchmesser, und desto kleiner, je besser die 3l2 Fixsterne Fernröhre sind. Demnach ist uns die wahre Größe der Fixsterne völlig unbekannt und könnte auch dann nicht bestimmt werden, wenn ihre Entfernung bekannt wäre, da dazu die Kenntniß des scheinbaren Durchmessers unentbehrlich ist. Ob also der größere Glanz eines > Sterns im Vergleich mit einem andern von seiner größer» Nähe oder seiner beträchtlicher» Größe oder seinem intensiver» Lichte oder mehren dieser Ursachen zusammen herrührt, darüber läßt sich nichts bestimmen. Indessen läßt sich aus triftigen Gründen vermuthen, daß die Fixsterne im Allgemeinen nicht kleiner als die Sonne, ja zum Theil, was z. B. vom Sirius gilt, noch weit größer sind. Hinsichtlich ihres Lichts ist nur so viel ausgemacht, daß es jedem ^ Fixsterne eigcnthümlich ist, oder daß sämmtliche Fixsterne gleich unserer Sonne selbstleuch- lende Körper sind. Die Zahl der Sterne ist außerordentlich groß und natürlich unbekannt und völlig unbestimmbar; mit bloßen Augen erkennt man zwar nur wenige tausende, indem man 15—20 zur ersten, 50—60 zur zweiten, etwa 200 zur dritten, -1—500 zur vierten, 11 — >200 zur fünften Größe zu rechnen pflegt, aber in den folgenden Elasten wachsen die Zahlen sehr schnell und allein von der sechsten und siebenten Größe enthalten die Sternverzcichnissc über l2000 Sterne. Am dichtesten sind die Sterne innerhalb desjenigen Theils des Himmels zusammengedrängt, welcher die Milchstraße (s. d.) genannt wird und größtenteils aus Sternen der zehnten und elften Größe besteht; im dichtesten Theilc derselben sah Herschel der Ältere in einer Viertelstunde l 16000 Sterne durch das Gesichtsfeld seines Teleskops gehen. Große Wahrscheinlichkeit hat daher die Vermuthung des genannten Astronomen für sich, daß die Fixsterne unsers Firmaments eine Schicht bilden, deren Dicke im Vergleich zu ihren andern Dimensionen sehr gering ist; die Erde befindet sich ungefähr in der Mitte der Dicke unweit der Stelle, wo sich die Schicht in zwei kleinere Schichten spaltet. Diese Hypothese erklärt die ungleiche Vertheilung der uns sichtbaren Sterne am befriedigendsten. Daß die Fixsterne nicht eigentlich, ihrem Namen gemäß, unbewegliche Sterne sind, zeigen die Doppelstcrne (s. d.), welche nichts Anderes s sind als Systeme von zwei oder mehren verbundenen Sternen, die sich umeinander oder vielmehr um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt bewegen. Von anderer Art ist die von Halley entdeckte sogenannte eigene Bewegung vieler Sterne, welche darin besteht, daß sie langsam nach einer oder der andern Richtung fortrücken. Die schnellste bisher beobachtete Bewegung dieser Art beträgt indessen nur 5'/n> Secunden jährlich, also erst in etwa 36V Jahren so viel als der scheinbare Durchmesser der Sonne oder des Mondes; demnach können Jahrtausende vergehen, ohne daß diese Bewegungen eine erhebliche Veränderung in der Ansicht des gestirnten Himmels Hervorbringen, wenn auch die uns so langsam erscheinenden Bewegungen wegen der ungeheuren Entfernung der Sterne im Grunde außerordentlich schnell genannt werden müssen. Nach Bessel haben von fast 3000 Sternen, die er untersuchte, 425 eine merkliche eigene Bewegung (jährlich über '/> Secunde); in der neuesten Zeit hat Argelander ein Verzeichniß von 560 Fixsternen mit eigener Bewegung geliefert. Daß alle Bewegungen dieser Art nach demselben Punkte des Himmels gerichtet und durch eine Bewegung der Sonne und des Sonnensystems in entgegengesetzter Richtung zu erklären sind, wie Wilh. Herschel annahm, ist weder wahrscheinlich, noch den Beobachtungen völlig entsprechend, wiewol die Sonne nach Argelander zu den sich schneller bewegenden Fixsternen gehört. Bereits bei Gelegenheit der Doppelsterne ist der verschiedenen Farben gedacht worden, welche die Sterne zeigen. Auch die übrigen, einzeln stehenden Sterne erscheinen nicht alle mit gleicher Farbe, einige gelblich, andere röthlich u. s. w. Folgende Helle Sterne zeigen ein entschieden weißes oder farbloses Licht: Sirius, Spica, Wega; rokhe Sterne sind Aldebaran, Arktur, Castor und Pollux, Beteigeuze; gelbe Capclla, Procyon, der Polar- , stern. Doch scheinen im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen in der Farbe der Sterne i vorzukommen, da z. B. Sirius, der glänzendste aller Fixsterne, von entschieden weißem Lichte, von den Alten zu den rothen Sternen gezählt wurde. Andere Veränderungen betreffen die relative Helligkeit der Sterne; von den beiden schönen Sternen Castor und Pol- s lux im Sternbild der Zwillinge war früher Castor Heller, jetzt steht er dem Pollux nach, Delta im Großen Bären war sonst zweiter, jetzt ist er vierter Größe, auch der Stern Aldebaran scheint abgenommen zu haben; das Gcgentheil ist von dem Stern Altair im Adler anzu- nehmen. Auffallender als diese allmäligen und schwer nachzuweisenden Veränderungen 3IS Fläche Flachs find die periodischen und in kürzer» Zeiträumen sich wiederholenden, welche mehre Sterne zeigen, die man deshalb veränderliche oder auch periodische nennt. Man kennt bis seht ungefähr 15 derselben, unter denen die auffallendsten und merkwürdigsten Omikron im Walfisch (auch Mira oder der Wunderbare genannt) und Algol im Perseus sind. Der erstere, zuerst von Fabricius l 596 bemerkt, erreicht alle 35 t Tage seinen größten Glanz, erscheint dann etwa 13 Tage lang in demselben als Stern der zweiten, zuweilen sogar der ersten Größe, nimmt hierauf zwei bis drei Monate ab bis zur sechsten, zuweilen sogar bis zur zehnten Größe, sodaß er dann ein halbes Jahr dem bloßen Auge und in der Regel auch für Fernröhre unsichtbar bleibt, und nimmt dann allmälig wieder zu, aber schneller als er abgenommen hatte; mit bloßen Augen kann man ihn während seiner Periode drei bis vier Monate lang sehen. Der Stern Algol, im I. 1782 von Goodricke und um dieselbe Zeit von dem sächsischen BauerPalitsch als veränderlich erkannt, hat unter allen bekannten veränderlichen Sternen die kürzeste Periode von nur zwei Tagen 29'/, Stunden; er erscheint gewöhnlich und zwar zwei Tage 12 bis 13 Stunden lang als Ster» der zweiten Größe, nimmt dann etwa vier Stunden ab, erscheint eine Viertelstunde lang kaum als Stern der vierten Größe und nimmt dann wieder vier Stunden lang zu. Man hat diese räthselhaften Erscheinungen auf verschiedene Art zu erklären gesucht, entweder dadurch, daß diese Sterne sich um ihre Achse drehen und auf ihrerOberfläche hellere und dunklere Stellen haben, die uns abwechselnd sichtbar werden, oder dadurch, daß sich ein großer dunkler Körper um jene Sterne bewegt und dann, wenn er zwischen ihnen und der Erde steht, ihr Licht ganz oder thcilwcise auffängt, oder durch eine linsenförmige Bildung dieser Sterne u. s. w.; doch könnten auch wirkliche Veränderungen der Helligkeit die Ursache sein. Den veränderlichen Sternen verwandt sind wahrscheinlich die neuen Sterne, d. h. diejenigen, die plötzlich zum Vorschein kommen und dann wieder spurlos verschwinden, sich aber während ihrer Sichtbarkeit ganz wie Fixsterne Verhalten und den Gedanken an eine kometenartige Natur ganz ausschließen. Solche Sterne wurden unter andern gesehen im I. >25 v. Ehr., 389 n. Ehr., 935, 1263, 1572 (am II. Nov. von Tycho de Brahc entdeckt und sichtbar bis zum März > 573), 1693 (am 19. Oct. von Kepler entdeckt und sichtbar bis zum Oct. >695) und 1679. Vielleicht waren auch diese Sterne periodische und in den Jahren 935, >263, 1572 wurde vielleicht ein und derselbe Stern mit einer Periode von etwa 399 oder, nach Goodricke, von 159 Jahren gesehen. Fläche nennt man in der Geometrie jede Raumgröße, die nur nach zwei Dimensionen ausgedehnt ist oder die Grenze eines Körpers bildet. Die Flächen werden von Linien begrenzt. Man theilk die Flächen in ebene oder gerade und krumme. Eine ebene Fläche oder Ebene (s d.) ist eine solche, in welcher sich nach allen Richtungen oder zwischen je zwei beliebig gewählten Punkten gerade Linien ziehen lassen, die ganz in die Fläche fallen. Alle andere Flächen sind krumme Flächen; unter diesen kann man wieder Flächen von einfacher Krümmung, in denen man nach gewissen Richtungen gerade Linien ziehen kann, und Flächen von doppelter Krümmung, in denen sich gar keine gerade Linien ziehen lassen, unterscheiden. Zu jenen gehören unter andern die Cylinder- und die Kegelflächen, zu diesen die Oberfläche einer Kugel. Alle andere krummen Flächen, deren Mannichfaltigkcit außerordentlich groß ist, gehören in die höhere Geometrie. Von den Cylinder - wie von den Kegelflächen betrachtet man in der Elementargcometrie nur diejenigen, deren Grundfläche ein Kreis ist; die Grundfläche kann aber auch eine Ellipse, Parabel, Hyperbel u. s. w. sein. — Flächenraum heißt die Größe einer durch Linien begrenzten Fläche, bestimmt in Beziehung auf eine zum Grunde gelegte Einheit des Flächenmaßes. Flachs oder Lein wird wegen der langen und zarten Fasern, aus denen der Bast seiner Stengel besteht, angebaut. Nach erlangter Reise der Stengel löst man diesen Bast von den Stengeln ab, bereitet ihn vor, verspinnt die vorbereiteten Fasern zu Leinengarn und webt dann aus diesem die leinenen oder linnenen Gewebe, von denen die Leinwand (s. d.) und der linnene Damast (s. d.) die vorzüglichsten sind. Der Flachs hat zu diesem Ende eine sehr lange Reihe von Operationen zu durchlaufen, welche sämmtlich sorgfältig ausgc- führt'sein wollen. Zuerst muß man durch eine angehende Fäulniß den Leim, welcher die Bastfasern unter sich und mit dem Holze verbindet, auflockern; man nennt dies das Rösten des Flachses und unterscheidet, je nachdem dies durch Einhängen in Wasser oder durch Auslcgen »-3 314 Flacius Fladenkrieg auf den Rasen und Begießen geschieht, Wasserröstc (Wasserflachs) und Thauröste (Thauflacks). Die letztere Methode ist die aufhältlichere, liefert aber einen weißern Flachs. Nach dem Rösten folgt das Brechen des Flachses, eine Operation, bei welcher die holzigen Stcngeltheile zerknickt werden, ohne den Bast zu zerreißen; dies geschieht mit der Hand durch die sogenannte Breche oder auch durch Brechmaschinen, deren sehr viele empfohlen sind, von denen aber nur die allereinfachsten, und diese kaum, Eingang gefunden haben. Die zerbrochenen Holztheile werden durch das sogenannte Schwingen und das Bokcn des Flachses herausgeschafft und dann erst die erhaltenen Bastbündcl durch das Hecheln, welches bis zur Erfindung der Hechelmaschinen meist in sehr unvollkommener Weise mit Hand, hecheln geschah, in lauter parallele Fasern zerthcilt, wobei die Unreinigkeiten und zerrissenen Fasern als Hede oder Werg, welches sich ganz ähnlich wie Baumwolle zu einem geringem Garne verspinnen läßt, zwischen den Hechelzähnen sitzen bleiben. Der gehechelte Flachs kommt meist in Zopfe geflochten in den Handel. Er wird nun theils auf Handspinnrädcrn, theils auf Maschinen versponnen. Der Maschinenflachsspinncrei stellt die große Länge der Faser, und die Nothwendigkcit naß zu spinnen, mannichfache Hindernisse entgegen. Zuerst wurden dieselben, in Folge einer von Napoleon gestellten Preisfrage 1606 von Girard leidlich überwunden, dessen System lange die Grundlage aller ausgeführtcn Flachsspinnmaschinen war; doch sind neuereVersuche und namentlich die neuesten engl.Maschinen der völligen Lösung der Frage viel näher gekommen und, während auf dem Continent, namentlich wol aus Mangel an gehöriger Unterstützung von oben her und durch Capitalisten, die Maschincn- flachsspinnerei nur sehr mäßige Fortschritte macht, hat sie in England gegenwärtig bereits eine ungeheure Ausdehnung gewonnen, und es kann die deutsche Handspinncrei mit der Maschinenspinnerei weder in Qualität, mit Ausnahme der feinsten Nummern, noch im Preise des Products concurriren. Es wird sich das um so mehr Herausstellen, wenn es gelingen sollte, auch die Vorbereitungsarbeiten, welche bis jetzt vom einzelnen Producentcn ausgeführl wurden und daher besonders die Anwendung von Maschinen nicht gestatteten, durch Einrichtung größerer Röstanstalten und Vorbereitungsmaschinen in grüßerm, vereinigteren, daher auch gleichförmigeren und billigeren Maßstabe auszuführen. Unter dieserLage der Dinge leidet nicht allein die deutsche Flachsspinnerei, sondern einerseits auch der inländische Flachsbau, andererseits und namentlich die deutsche Lcinenweberei, ans deren Hauptsitzen in Schlc sicn, Lausitz, Böhmen, Hannover und Westfalen einstimmige Klagen erschallen. Während l 836 der Zollverein noch 18800» Ctr.Leinenwaaren ausführte, betrug dieseAusfuhr 1812 nur noch 108000 Ctr.; es werden gegenwärtig 22000 Ctr. Leinengarn mehr ein- als ausgeführt, und die Mehrausfuhr von Leinwand beträgt nur noch 85363 Ctr. Davon hat wol kcinensalls die in Folge der Concurrenz gesunkene Neellität der deutschen Lcincnsabrikation so großen Anthcil, als man anzunehmcn pflegt. Es ist demnach jedenfalls hohe Zeit, daß durch kräftige Maßregeln für die Erhaltung und Hebung dieses echt deutschen Industriezweigs gewirkt werde. Ne useeländischen Flachs nennt man die Fasern der Blätter von kbor- mium tensx, sehr fest und wohlfeil und besonders zu Seilerarbeiten paffend. (S. Hanf.) Flacius, eigentlich V la ci ch (Matthias), ein gelehrter Theolog, geb. 1520 zu Al- bona m Jllyrien, daher Jllyricus, studirte zu Basel, Tübingen und Wittenberg und wurde hier im I. > 511 Professor der hebr. Sprache. Aus Ärger über die Nachgiebigkeit Melanchthon's in Sachen des leipziger Interim ging er nach Magdeburg und wurde später, im I-1557, Professor der Theologie bei der Universität zu Jena. Hier gericth er mit Stri- gel im I. 1558 in heftige Streitigkeiten (s. Synergistisch e Streitigkeiten), in Folge deren er 1562 die Universität verlassen mußte. Er lebte nun zu Regcnsburg, in Brabant, Strasburg und zuletzt zu Frankfurt am Main, wo er 1575 starb. Verdient hat er sich gemacht als Hauptmitarbeiter an den Magdeburger Ccnturien (s. d.), sowie durch seinen „Lutulogns testiuiii veritkltis"(Bas. 1556) und die „(illnvis scrchturirs sucr»s"(Bas. I 567). Seine Anhänger, welche mit ihm die Erbsünde nicht als Accidens sondern als Substanz der menschlichen Natur ansahen, hießen Fla ei an er. Vgl. Ritter, „F.'s Leben und Tod" (Franks. 1725). Fladenkrieg nannte man die Fehde, zu der es in der Charwochc 1512 zwischen dem Kurfürsten Johann Friedrich und dem Herzoge Moritz von Sachsen kam, weil Ersterer in der Flagellanten Flahault 515 Pflege Wurzen, die Beiden gemeinschaftlich gehörte, einseitig eine Türkensieuer ausgeschrieben. Ohne Blutvergießen wurde sie durch die Vermittelung des Landgrafcn.Philipp von Hessen und Luther's mahnendes Wort sehr schnell geendet, sodaß die aufgebotcnen Krieger in den Osterfeicrtagen ihre Fladen noch in Ruhe verzehren konnten. Flagellanten, Geißelbrüder, Geißler, auch Flegler und Bcngler, nannte sich eine Brüderschaft im l 3.Jahrh-, die aus Mistrauen gegen die kirchlichen Heilsmittel sich entschloß, durch Geißeln Sündenvergebung zu erwerben. Als Begründer derselben wird der Einsiedler Rainer in Perugia, um 1260, genannt. Bald fanden sie fast an allen Orten Italiens Anhänger, und Alt und Jung, Vornehm und Gering zog durch die Städte, geißelte sich und vermahnte zur Buße. (S. Geißelung.) Von Priestern angeführt, mit Fahnen und Kreuzen zogen sie dann in Haufen von mehren Tausenden von Land zu Land und sammelten Almosen. Im I. 1261 brachen sic in mehren Scharen über die Alpen in Deutschland ein und fanden auch im Elsaß, in Baiern, Böhmen und Polen viele Nachahmer. Ss sehr indeß das Volk dieser neuen Brüderschaft anhing, so wenig fand sie die Billigung der Fürsten und der Hähern Geistlichkeit. Die öffentliche schamlose Entblößung beleidigte die guten Sitten, das Umhcrschwärmcn gab zu aufrührerischen Bewegungen und Ausschweifungen aller Art Anlaß, und das abgcdrungene Almosen setzte die ruhigen Bürger in eine nicht unbeträchtliche Contribution. Daher ergingen in Deutschland und Italien von mehren Fürsten nachdrückliche Verbote gegen diese Aufzüge der Geißler, die Könige von Polen und Böhmen verjagten sic mit Gewalt, und die Bischöfe setzten sich ihnen ernstlich entgegen. Dessenungeachtet zeigten sich im I. 1340 wiederum Geißler in Deutschland und den Nachbarländern, die nun aus Haß gegen die Kirche die Grundsätze der Bcghardcn aufnahmen, und namentlich im Anfänge des 15. Jahrh. in Thüringen unter dem Namen der Kreuzbrüder umhcrschwärmten. Im I. >414 wurden 9 l auf einmal zu Sangerhausen verbrannt. Die Kirchenversammlung zu Kostnitz (1414—18) verordnetc strenge Maßregeln gegen die Geißler und brachte cs dahin, daß der span. Dominicaner Vinccntius Ferrerius, welcher eine neue Geißelfahrt begonnen hatte, sich zurückzog. Vgl. Förstcmann, „Die christlichen Geißlergesellschaftcn" (Halle 1828) und Schnccgans, „Die Geißler, namentlich die Gcißelfahrt nach Strasburg im I. 1349" (deutsch von Tischendors, Lpz. 1840). Flageolet heißt die kleine Schnabelflöte oder Pfeife, die vorzüglich zum Abrichten der Singvögel gebraucht wird. Beim Violinspiel nennt man die Hellen, pfeifenden Töne Flageolettöne (sons Karmoniques, Okuitiiio), welche dadurch erzcugt'werden, daß der Finger die Saite bei einem Schwingungsknoten nicht fest nicderdrückt, sondern nur lose berührt. In neuer Zeit haben Viele dem Flagcolctspiel eine Ausdehnung gegeben, die sich mit wahrer, edler Schönheit wenig verträgt. — In der Orgel heißt eine Stimme Flageolet, die ihrer Natur nach nur einfüßig sein sollte, doch auch in andern Tvngrößcn vorkommt. Flagge heißt die große, mit Ausnahme der Schweden, bei allen Nationen viereckige SchiffsfaM von leichtem wollenen Zeuge, 18—>9 Ellen lang und 12 Ellen breit, welche, durch Wappen und Farbe die Nation, den Rang der commandirendcn Offiziere und die sonstigen Verhältnisse des Schiffs andeutcnd, gewöhnlich auf dem Hintertheile des Schiffs aufgesteckt zu werden pflegt. Die brit. Seemacht theilt sich nach der Farbe der Flagge in die der rothen, weißen und blauen Flagge. Flaggenschiffe heißen diejenigen Schiffe, welche mit derben Hähern Seeoffizieren, dem Admiral(s. d.), Viceadmiral und Contreadmiral, die deshalb auch Flaggen offiziere genannt werden, zustehendcn Flagge versehen sind. Die Admiralsflagge ist auf dem großen Maste, die des Viceadmirals auf der Vorstenge und die des Contreadmirals auf der Kreuzstcnge und nur dann auf der großen Stenge oder dem Mittclmast aufgesteckt, wenn die letztem ein abgesondertes Geschwader befehligen. Das Streichen der Flagge ist die größte Ehrenbezeigung, die ein Schiff dem andern erzeigen kann, und im Kampfe das Zeichen der Ergebung. Die Hülfsflagge wird aufgesteckt, um andere Schiffe zu Hülfe zu rufen; die Todtcnflagge, wenn eine vornehme Leiche sich am Bord des Schiffs befindet u. s. w. Auch sind Schiffe, an deren Bord eine ansteckende Krankheit herrscht, bei schwerer Strafe verbunden, solches durch eine Flagge zu erkennen zu geben. Flahault (Aug. Charl. Jos., Graf von), ehemaliger Adjutant Napoleon's, geb. am 21. Apr. 1785, stammt aus einer sehr alten und angesehenen Familie der Picardie Sein 316 Minen Flaminius Vater, ein verdienter Offizier, starb während der Revolution als Opfer seiner royalistischen Grundsätze, die er mit Leidenschaft vertheidigte, aus dem Schafot. F. fand mit seiner Mutter ein Asyl in England, wo dieselbe vom Ertrage ihrer Feder ihren Unterhalt und die Erziehung ihres Sohns bestritt. (S. Souza.) Nachdem Beide eine Zeit lang auch in Deutschland zugebracht, kamen sie 1798 nach Paris zurück, wo der junge F. sich dem Soldatenstande widmete und in ein freiwilliges Neitercorps trat, das unter Napoleon in Italien focht. JmJ. 1890 wohnte er dem Feldzüge in Portugal bei, wurde Adjutant Murat's und zeichnete sich bei Austerlitz und später in den span. Kriegen aus. Kurz nach der Schlacht bei Wagram wurde er Colonel und Adjutant Berthicr's, der ihm den Titel eines Barons des Kaiserreichs verschaffte. Im russ. Feldzüge that F. sich besonders hervor beim Treffen von Mohilew am 26. Juli 1812 und wurde im nächsten Jahre zum Brigadcgeneral ernannt und nach der Rückkehr nach Paris von Napoleon zu seinem Adjutanten erwählt. In Folge seiner heldenmüthigen Thaten bei Leipzig verlieh ihm Napoleon die Grafenwürde. Während der ersten Restauration hatte F. jeden Antrag von Seiten der Regierung abgelchnt, und kaum war Napoleon von Elba zurückgekehrt, so eilte ihm F. entgegen. Der Kaiser schickte ihn mit wichtigen Depeschen nach Wien; aber F. wurde zu Stuttgart angehalten und kam unverrichteter Sache nach Paris zurück, wo ihn Napoleon am 2. Juni 1815 zum Pair erhob. Hierauf begleitete er denselben zur Armee und kämpfte bei Waterloo. Seiner Verbindung mit Talleyrand hatteer es zu danken, daß er nicht aus Frankreich verwiesen wurde; indessen hielt er cs doch für rathsam, sich für einige Zeit zunächst nach der Schweiz und dann nach England zu begeben, wo er sich mit der reichen Tochter des LordKeith vermählte. Während der Restauration kam er zu verschiedenen Malen nach Paris; nach der Julirevolution nahm er seinen Sitz in der Pairskammer wieder ein. Im I. 1831 wurde er franz. Gesandter in Baiern. Hierauf begleitete er den Herzog von Orleans zur Belagerung von Antwerpen. Im 1.1838 erhielt er das Großkreuz der Ehrenlegion und 1841 den Gesandtschafts- Posten am Hofe in Wien. klamen hieß der Eigenpriester eines einzelnen Gottes, welcher unter Andcrm als Abzeichen seiner Würde eine kegelförmige Mütze (spex), an deren Spitze eine dünne, mit Wolle umwundene Ruthe sich befand, trug. Es gab zwei Classcn klsmines, nämlich die maso- res aus patricischem und die minnres aus plebejischem Geschlecht. Erstere waren der Flamen des Jupiter skismen Oisiis), des Mars (kismen Nsrtiaiis) und des Quirinus (kleinen (juirinalis), welche schon von Numa eingesetzt worden sind. Diese hatten als Auszeichnung den Gebrauch der sells curulis. Außerdem hatte der klamen vislis seinen eigenen Li- ctor, seine Opferknaben (csmilii) und seine besondere Wohnung, welche als ein förmliches Asyl galt; ferner war er Mitglied des Senats und berechtigt, niemals einen Eid ablegcn zu dürfen. Bei diesen Vorrechten war er aber auch vielen Beschränkungen unterworfen. So durfte er kein Pferd besteigen, nicht über Nacht die Stadt verlassen und mußte, wenn seine Gemahlin, kismmics genannt, welche den Opfcrdienst mit besorgte, starb, sein Amt nicder- legen. Die Letztem, die klammes minores, beliefen sich auf zwölf, von denen der niedrigste der derPomo n a (s. d.) war. Flaminqo, s. Sumpfvögel. Flamimus ist der Name eines röm. plebejischen Geschlechts, zu unterscheiden von Flamininus, dem Beinamen einer Familie der patcicischen gens tzuinctia. Namentlich berühmt ist C. Flaminius, der als Tribun im I. 232 v. Ehr. gegen den Willen des Senats seinen Antrag durchsetzte, das in früherer Zeit eroberte Land der sennonischcn Gallier diesscit Ariminum (Rimini), das als Staatsgut Galliern zur Benutzung verliehen worden war, an röm. Bürger zu vcrtheilen, ein Antrag, der seit Einigung der Stände als das erste Beispiel feindlicher Stellung eines Tribuns gegen den Senat erscheint, und dessen Ausführung den Ausdruck des großen gallischen Kriegs, 225—222, nach sich zog. Wider den Willen der Optimaten wurde F., nachdem er 227 als Prätor die neucrworbene Provinz Sicilien rühmlich verwaltet hatte, im I. 223 mit P. Furius zum Consul erwählt, und er- offnete das Schreiben des Senats, das ihm abzudanken befahl, erst nachdem er die insubrischen Gallier an der Adda besiegt hatte. Als Censor mit C. Ämilius Papus beschränkte er im Z. 22V die Freigelassenen wieder auf die vier städtischen Tribus, baute den Circus Flämische Colonien Flämische Sprache 317 Flaminius, von welchem später die neunte Region Roms den Namen trug, und die Fla- mini sche Straße, die von Nom durch Etrurien und Umbrien nach Ariminum führte. Da er zum zweiten Mal zum Consul im zweiten Jahre des zweiten vunischen Kriegs (217) gewählt, von der ihm feindseligen Partei der Optimalen an dem Antritt seines Amts in Rom gehindert zu werden fürchtete, verschob er die Feierlichkeiten desselben bis zu seiner Ankunft beim Heere in Ariminum, rückte hierauf mit diesem dem Hannibal bei seinem Einbruch in Etrurien entgegen und ließ sich von ihm am Trasimenischen See zu der Schlacht verlocken, in welcher er selbst mit dem größten Theile seines Heers den Untergang fand. Flämische Colonien nennt man die aus dem Ende des 12. und dem Anfänge des >3. Jahrh. sich herschreibenden Ansiedelungen niederländ. Einwanderer im nördlichen Deutschland. Der Zweck, zu welchem man jene Kolonisten aus den übervölkerten Niederlanden herbeirief, war theils, wie im Bremischen und dem westlichen Holstein, die Cultur der Moore und Brüche, wozu man besonders die im Eindeichen erfahrenen Holländer verwandte, theils, wie in Obersachsen, der Anbau des nach Vertreibung der Slawen entvölkerten Landes, wozu vorzugsweise die ackerbauverständigen Flamländer gebraucht wurden. Solche Cvlv- nien, welche zum Theil noch letzt durch Sprache und Sitten und andere Localeigenthüm- lichkeiten sich auszeichnen, wie z. B. mehre obcrsächs. Landstriche, Fläming genannt, schon durch ihren Namen an ihren niederländ. Ursprung erinnern, wurden nicht nach dem sonst üblichen Meierrecht, sondern unter eigenen Rechtsverhältnissen gegründet, und der Inbegriff dieser letzter», welche sich speciell auf die Colonisten in Ansehung ihrer Colonicgüter, die damit verknüpften Vorrechte hinsichtlich ihrer persönlichen Freiheit und des ihnen zugestandenen wichtigen Antheils an der Gerichtsbarkeit und auf die Bestimmung ihrer Abgaben beziehen, ist es, was man unter dem im nördlichen und nordöstlichen Deutschland verbreiteten, und zum Theil bis auf die neuere Zeit erhaltenen Flämischen oder Holländer-Recht versteht. Diesem nach wurde das wüste oder entvölkerte Land, welches ein Grundherr contract- mäßig einer Schar niederländ. Einwanderer anwies, verhältnißmäßig unter dieselben ver- theilt, worauf sie sich, sämmtlich freie Männer und darum auch zuweilen „Gestrenge" genannt, als freie Gemeinde, unter Vorstand eines Bauermeisters, d. h. Schulzen, constituir- ren und nach ihren hergebrachten Rechtsgewvhnheiten lebten. Vgl. Warnkönig, „Flandrische Staats- und Rechtsgeschichte" (4Bde., Tüb. 1834—43). Eine der Hauptbedingungen ihres Contracts war Freiheit von Diensten; dagegen verpflichteten sie sich, nach Ablauf der ihnen vergönnten Freijahre, dem Grundherrn einen Zehnten und gewisse andere Abgaben, welche auf die Hufe gelegt wurden, zu entrichten, daher der Ausdruck flämische oder holländ. Hufe, welcher nicht allein das Maß sondern gewöhnlich auch die flämischen Rechtsverhält- msse, unter welchen dieselbe, gleichviel ob von Flämingern oder von Andern, besessen wurde, bezeichnet. Der von ihnen gewählte Bauermeister, welcher das Schulzenamt ausübte und dafür nicht allein einige Freihufen und einen Antheil an den Gerichtsnutzungen, sondern auch andere Vorrechte, z.B. die freie Schaftrift, Schankgerechtigkeit u. s. w., besaß, verwaltete die Niedergerichte; die Obergerichte konnte er jedoch nicht ohne Zuziehung des herrschaftlichen Vogts oder Richters halten. Diese wesentlichen Vorrechte einestheils und die matt- riellen Vortheile, welche den Grundherren jene freien, zahlungsfähigen Bauern, im Gegensätze der armen Leibeigenen, gewährten, anderntheils hatten zur Folge, daß bald nicht nur schon bestehende Ortschaften flämisches Recht erhielten, sondern auch zahlreiche neue Ansiedelungen deutscher Colonisten unter denselben oder ähnlichen Rechtsverhältnissen, wie denn z. B. das dem magdeburgischen sehr ähnliche, weitverbreitete culmische Recht seine erbrechtliche« Bestimmungen aus dem flämischen Rechte entlehnte, im nordöstlichen Deutschland gegründet wurden. Vgl. Wersebe, „Über die niederländ. Colonien im nerdöstlichen Deutschland" (2 Bde., Hann. 1826 ). Flämische Sprache heißt nicht allein die flandrische sondern die gesammte deutsches- Mundart. Sie zeichnet sich vor der nahverwandten holländ., welche mehr Gaumen- töne hat, durch Nasentöne aus. Die Entstehung und Ausbreitung dieser Sprache erklärt sich aus der im frühem Mittelalter hier stattgefundenen Völkcrstellung und Völkermischung. Seitdem ist ihre sehr schroff und ohne Übergang hervortrctende Grenze gegen die romanisch, belg. (wallonische) Sprache im Wesentlichen unverändert geblieben; es zieht sich nämlich die- 318 Mancher- Mandern selbe in mannichfachcn Windungen von Eravclines anfangcnd, über Bergucs, Kassel, Bail- leul, Messines, Mcnin, an der Lys abwärts nach Kortryk, dann über Oudenarde nach Ne- naix, Gramniont, Enghien, Hal, Brüssel, Äwen, Tirlemont, St.-Trond und Tougrcß bis Mastricht. Vgl. Bernhards „Sprachkarte von Deutschland" (Kaff. > 843). Die ältesten flämischen Sprachdenkmäler, nämlich brabanter Urkunden und die Neimbibel, nebst dem Geschichtsspiegel von Jak. van Maerlant, schreiben sich aus dem Anfänge des 13. Jahrh.; dann folgt das antwerpener Stadtrecht vom J. 1300 und viele Chroniken und Legenden, unter welchen letztem die von den vier Haimonskindern am bekanntesten ist. Vgl. Mony „Übersicht der nicderländ. Volkslitcratur älterer Zeit" (Tüb. 1838). Aus der Zeit der bur- gund. Herrschaft datirt sich die Einmischung vieler franz. Worte in die flämische Sprache; doch stand dieselbe damals »och in größerm Flor als später in den traurigen habsburgischen Zeiten, wo sic zum bloßen Patois herabsank, und ihre Literatur sich fast lediglich auf Gebetbücher, Volksschriften und Volkslieder beschränkte. In den Städten und überhaupt unter den Gebildeten herrschte besonders seit Ludwig XlV. das Französische vor, und alle Versuche, welche seit 1815 die nicderländ. Negierung machte, dieses Idiom zu verdrängen und das Flämische in seine alten Rechte einzusetzcn, waren wegen ihrer übrigen Unpopularität erfolglos. Mit mehr Glück dagegen scheint die gegenwärtige belg. Regierung denselben Plan zu verfolgen. Bereits ist von oben her Vieles angeregt; flämische Grammatiken und Wörterbücher sind hervorgerufen und, in Erwartung, daß eine neue flämische Literatur erstehen werde, einstweilen die alten Sprachdenkmale gesammelt worden. Mehre theils inländische, thcils ausländische Gelehrte, wie Reiffenberg, Willems, de Smet, Dclepierre, Mone, Ahrends, Altmeyer, Corcmans und Hoffman» von Fallersleben, zeichnen sich auf diesem Felde durch gründliche Forschungen aus, und es ist bei ihrem löblichen Streben, die flämische Sprache zur hochdeutschen heranzubilden, nicht zu verkennen, daß sie eine der immer noch starken franz. Partei entgegengesetzte politische Tendenz verfolgen. Flamsteed (John), ein berühmter engl. Astronom, geb. am 19. Aug. 1646 zu Derby, widmete sich schon frühzeitig mit Eifer der Astronomie und ging in der Folge nach London, wo er mit Newton und Halley näher bekannt und vom Könige Karl II. zum Astronomen auf der neucrrichteten Sternwarte (Omnstcmlliouso) zu Greenwich ernannt wurde. Mit dem größten Flciße beobachtete er hier bis zu seinem Tode im 1.1720 den Sternenhimmel. Nur der ausdrückliche Befehl der Königin Anna konnte ihn vermögen, die Ergebnisse seiner vieljährigen Beobachtungen unter dem Titel „Aistoria coelestis britannica" (2 Bde., Loud. 1712) bekannt zu machen, die nach seinem Tode, von Halley herausgegeben, in vervollkommneter Gestalt (3 Bde., Land. 1723) erschien. Sein darin enthaltenes Vcr- zeichniß von 3000 Sternen, das richtiger und vollständiger als alle früher» war, wurde später durch Herschel u. A. berichtigt und sehr vermehrt. Nach seinem Tode erschien auch sein kostbarer „cAIas coelestis" mit 25 großen Karten (Land. 1729, Fol.), später mit 28 Karten und noch prächtiger ausgcstattet (Loud. 1753). Eine kleinere Ausgabe desselben, die aber vor dem Original manche Vorzüge besitzt, besorgte Fortin (Par. 1776); F.'s Zeichnungen sind darin auf den dritten Theil ihrer Größe reducirt. Flandern, eine nicderländ. Landschaft, gegenwärtig theils zu Belgien (nämlich die Provinz Ostflandern mit 733000 E. auf 54/- OM. und den Städten Gent, Oudenarde, Alost, Dcndermonde u. s. w. und die Provinz Westflandern mit 605000 E. auf 58/- OM. und den Städten Brügge, Ostende, Upern, Courtray u. s. w.), theils zu Holland (der südliche Theil der Provinz Seeland mit den Städten Sluis, Hulst u. s. w.), theils zu Frankreich (die westliche Hälfte des Departements du Nord mit 588000 E. und den Haupt- und den Bezirkstädren Lille, Douai, Hazcbrouk, Dünkirchen, sowie das Departement Pas-de- Calais oder Artois mit 655000 E. und den Städten Arras, Bethune, Boulogne, Mon- treuil, St.-Pol, St.-Omer, Calais) gehörig, ist ebenso durch treffliche Bodencultur, Handel und Gewerbfleiß, wie durch die Eigenlhümlichkeit ihrer theils german. (Flamländer), theils romanischen (Wallonen) Bevölkerung und durch ihre Geschichte ausgezeichnet. Cäsar fand hier als Hauptbewohner die belg. Moriner an der Westküste, neben welchen im Osten die german. Menapier und Nervier, im Süden aber die Atrebatenser, ein Ackerbau und Gewerbe treibender belg. Stamm, saßen, nach deren Besiegung das Land zu der röm. Provinz Flandern 319 Belgier secunda geschlagen wurde. In der Folge wurden auch, besonders an der Nordküstc, die sogenannten Lacti, d. h. slaw. und sächs. Kolonisten, angesiedelt, welche nicht wenig dazu beitrugen, das Land zu gcrmanisircn. Unter fränkischer Herrschaft bildete hier die Lys, der westliche Nebenfluß der Schelde, die Grenze zwischen Neustrien und Australien, und diese Grenzbestimmung erhielt sich im Wesentlichen auch nach der karolingischen Neichstheiluug noch lange Zeit hindurch, sodaß der nördliche und südwestliche Theil F.s, obschon vorzugsweise deutsch, zu Frankreich, der südöstliche aber, obschon vorzugsweise welsch, zum Deutschen Reiche gerechnet wurde. Seine Benennung erhielt das Land von dem Vländergau (die Gegend um Brügge und Sluis), dessen Grafen dieselbe, als sie gegen Ende des 9. Jahrh. über den zur Mark gegen die Normannen eingerichteten nordsranz. Küstenstrich gesetzt worden waren, über diesen ihren Amtsbezirk und in der Folge auch über einige ihrer angrenzenden deutschen Besitzungen ausdehnten. Als der erste dieser Markgrafen wird genannt Graf Balduin der Eiserne, welcher die Tochter Kaiser Karl des Kahlen entführte und heirathetc, und in Folge dessen im I. 864 jene neugeschaffene Mark von seinem Schwiegervater als erbliches Lehen erhielt, worauf dann in Deutschflandern die bisher hier bestandenen Gaugrafschaftcn verschwanden und an ihre Stelle kleinere, von markgräflichen D-'regrafen und Burggrafen verwaltete Districte traten, während in Welschflandern sich durch das Eingreifen der franz. Könige lange noch mehre Grafen bei ihrer Stellung erhielten. Unter Balduin's I. Nachfolgern zeichneten sich besonders aus Balduin IV. oder der Bärtige, der 1007 Valencienncs, die Burggrafschaft Gent, Walchercn und die sccländischen Inseln von König Heinrich II. zu Lehen erhielt und so deutscher Reichsfürst wurde, dann dessen Sohn Balduin V. oder der Fromme (1036—67), der seine Besitzungen durch die zum Herzogthum Niederlothringen gehörigen deutschen Gebiete zwischen Schelde und Dender (das Älosterland), durch Tournay, die Hoheit über das Bisthum Cambray, welchem die Grafschaft Flandern bis zu Errichtung des neuen Bisthums Arras in kirchlicher Hinsicht untergeben war, und die Grafschaft Hennegau vermehrte. Die neucrworbencn Nebcnländcr erhielt dessen jüngerer Sohn Robert der Friese, die Hauptländcr Flandern und Hennegau aber der Erstgeborene, Balduin VI. oder der Gute, dessen Söhne 1070 wiederum zwei Linien, die flandrische und die hennegauische, stifteten; nach dem baldigen Abstcrbcn der erstem aber folgte jener Robert, der, wie sein gleichnamiger Sohn, sich durch Fahrten nach dem Gelobten Lande und durch viele Kämpfe mit seinen Nachbarn und dem Kaiser einen Namen erwarb. Auf Robert II. folgte II12 in der Markgrafschaft der Sohn desselben, Balduin mit dem Beil, so genannt wegen seiner Strenge, womit er die Landfriedensbrecher bestrafte, und nach dessen kinderlosem Tode im I. 1120 der Universalerbe desselben, der dän. Prinz Karl der Gute, der jedoch schon I > 27 ermordet wurde. Hierauf stritten sich sechs Prätendenten um die erledigte Markgrafschaft, bis Landgraf Dietrich von Elsaß, ein Seitcnsproß des alten flandrischen Hauses, sich 1128 die allgemeine Anerkennung erwarb; doch ging schon mit dem Sohne desselben, Philipp, welcher Vermandois gewann, dagegen aber, für einige Zeit wenigstens, das später sogenannte Artois an Frankreich verlor und 119 > vor Saint-Jean d'Acre blieb, auch dieser Mannsstamm ab, und es wurde nun durch die Erbin Margarethe, die Gemahlin Balduin's VIII. von der henncgauischen Linie der alten flandrischen Grafen, F. und Hennegau wieder vereinigt. Ihr Sohn, Balduin, der Stifter des lat. Kaiserreichs zu Konstantinopel, hintcrließ 1206 zwei Erbtöchter, von denen die eine kinderlos blieb, die andere aber Hennegau, das seitdem von F. wieder getrennt war, an ihren Sohn erster Ehe, Johann von Avesnes, und F. an einen Sohn zweiter Ehe, Gui Dampierre, vererbte. Der Urenkel desselben, Ludwig I., zugleich Herr von Revers und Rethel, und somit der ländcrreichste unter allen Grafen F.s, gab 1336 durch seine Grausamkeit, mit welcher er einige wegen industrieller Beeinträchtigungen aufsässige Städte bestrafte, Veranlassung zu dem allgemeinen Bürgeraufstand, den der kühne genter Brauer, Jakob von Artevelde, mit engl. Unterstützung leitete. Aus seinem Lande vertrieben, suchte der Graf bei Frankreich Hülfe, doch gelang es ihm, erst nach dem Tode Artevclde's im J. 1345 zurückzukehren; im folgenden Jahre siel er in der Schlacht bei Crecy. Unter seinem leichtsinnigen Sohne Ludwig II-, genannt von Male, empörten sich die Städte, namentlich Gent und Brügge, welche hier frühzeitig zu Reichthum, Macht und Unabhängigkeit gelangt waren, von neuem, und stellte auch der 1348 320 Flanell Flanke mit England geschlossene Friede die Ruhe wieder her, so brach doch 1379 der Kampf der freiheitliebendcn Bürger gegen den Zwingherrn um so erbitterter los. Durch die Erbtochter dieses letzten Grasen von F., die Gemahlin Philipp des Kühnen von Burgund, wurde das Land 138-1 mit Burgund (s. d.) vereinigt und theilte seitdem die Schicksale dieses Reichs. Die burgund. Herzoge brachten den größten Theil des ehemaligen Herzogthums Niederlothringen unter ihre Herrschaft und legten so den Grund zu dem nachmaligen nieder- länd. Länderverein, in welchem F. fortwährend einen Hauptbestandtheil bildete; denn mochte nun auch, als nach dem Tode Karl des Kühnen (s. d.) mit dessen Erbtochter Maria diese Länder 1-177 an das habsburgische Haus fielen, die frrnz. Krone ihre alte Lehnshoheit über F., die, wenigstens bis an das linke Ufer der Lys und Schelde, d. h. so weit die alte Markgrafschaft F. reichte, eine durchaus rechtmäßige war, wiederholt geltend zu machen suchen, so blieb doch fortan diese Landschaft aus ihrem unnatürlichen Zusammenhänge mit Frankreich herausgerissen und wurde bei der Kreiscintheilung des Deutschen Reichs dem buc- gund. Kreise cinbezirkt. Dieser erlitt jedoch, nachdem er mit König Philipp H. an die span. Linie des Hauses Habsburg gekommen war, bedeutende Schmälerungen, indem nicht allein die Generalstaaten das sogenannte Holländisch-Flandern im westfäl. Frieden erhielten, sondern auch Frankreich seit Ludwig XIV. einen Theil von F. und Hennegau, Cambray und Artois abriß und durch den pyrcnäischen, den aachener, nimweger und utrechter Frieden in rechtlichen Besitz bekam. Durch den letztem und den rastavterFriedcnsschluß gelangten dann die Neste der span. Niederlande wieder an das Haus Ostreich. Seit179-1war F., gleich den übrigen belg. Provinzen, der sranz. Republik und später dem Kaiserreiche einverleibt und bildete die Departements der Lys (Provinz Westflandcrn) und der Schelde (Provinz Ostflandern); der wiener Kongreß aber theilte diese Stücke dem neuen Königreiche der Niederland e (s. d.) zu, mit welchem sie bis zur Constituirung eines Königreichs Belgien (s. d.) vereinigt blieben. Was auch im Laufe der Zeiten die wechselnden Dynastien über dieses Land verhängt haben mögen, nie hat der gesunde, thatkräftige, urdeutsche Sinn der Flamländer, wozu man im weitern Verstände alle Belgier deutscher Zunge rechnet (sFlämische Sprache) sich verleugnet, und gegenwärtig, wo dieselben die Wallonen in vielfacher Beziehung zu überflügeln scheinen, beruht auf ihnen die Hoffnung, daß der junge belg. Staat sich von dem sranz. Einflüsse befreien und dem deutschen Nationalinteresse zuwenden werde. Vgl. Praet, „blistoire lies cnmtes lls V. et <1e I'oriFine lies communes ilamsnckes" (Brügge 1829) und Leo, „Zwölf Bücher niederländ. Geschichten" (2 Bde., Halle 1832—35). Flanell ist ein aus Streichwolle allein, zuweilen auch mit Kette von Kammwolle oder selbst von Baumwolle, tuchartig gewebtes, glattes oder geköpertes, sehr wenig gewalktes, nur auf einer Seite gerauhtes und gar nicht oder nur einmal geschorenes Zeug. Von ihm sind der Molton oder Molleton und der Boi nur dadurch verschieden, daß sie gröber sind. Svvanskin ist ein feiner, geköperter engl. Flanell. Flanke heißt in der Festungsbaukunst derjenige Theil eines Werks, welcher einem andern Seitenvertheidigung gibt. Bei dem Bastion sind die Flanken diejenigen Linien, welche an den Mittelwall anstoßen. In ältern Zeiten pflegten sie rechtwinkclig auf dem Mittel- walle zu stehen, jetzt setzt man sie besser rechtwinkelig auf die Verlängerung der Face des Ne- bcnbollwerkS (die Defenslinie). Ehemals setzte man oft fünf Flanken hintereinander, jetzt höchstens zwei. Die Bestimmung der Flanken ist, den Graben vor den Facen des Nebcn- bollwerks und vor der Linie zu vertheidigen, ein Zweck, den sie indeß nur selten erfüllen, indem das Geschütz auf ihnen eher, als der Feind dorthin kommt, durch Bombenwürfe zerstört zu sein pflegt. Um diesem Übelsiande zu entgehen, stellt man das Geschütz in Casematten, woraus die casemattirtcn Flanken entstanden sind, auf welche besonders Vauban großen Werth legte. Derselberückte auch die Flanken von dem Schulterpunkte der Bollwerke zurück, um sie den feindlichen Enfilirschüssen zu entziehen (zurückgezogene Flanken), und ließ zu noch sichererer Erreichung dieses Zwecks den Schulterpunkt des Bollwerks in abgerundeter Form vortreten, woraus das Orillon (s. d.) entstand. Zn der Taktik bedeutet Flanke das äußere Ende des Flügels einer Armee, und eins der gewöhnlichsten Manoeu- vres ist es, den Feind durch Umgehung gerade auf diesem sehr bloßstchendcn Punkte anzu- g reift», dem dieser zuweilen durch Wiederumgehung znvorzukommen sucht. — Flanqueurs Flafchenzug 22 l heißen einzelne Reiter, die eine Cavalcrie auf mehre hundert Schritt vor ihre Front schickt, um den Feind zu beobachten und abzuhalten, den Haupttrupp durch Carabinerfeuer zu belästigen. Sie sind bei der Cavalcrie Das, was bei der Infanterie dieTirailleurs (s. d.) sind. Flaschenzug oder Polyspast nennt man eine sinnreiche mechanische Vorrichtung, welche aus einer Verbindung fester und beweglicher Rollen besteht und dazu bestimmt ist, größere Lasten mit geringerer Kraft zu heben, und zum Heben schwerer Lasten (beim Bau- und Seewesen, in Schmieden, Mühlen u. s. w.) häufig angewcndet wird. Archimedes von Syrakus soll sie erfunden haben; gewiß ist, daß sie schon zur Zeit des Vitruv, der um Christi Geburt lebte, allgemein bekannt war. Es gibt viele Constructionen dieser Vorrichtung, die sich im Allgemeinen auf zwei Classen zurückführen lassen, gemeine undPotenzflaschenzüge. Jene bestehen aus einer beliebigen Anzahl von Rollen, die in metallenen oder hölzernen Kloben oder sogenannten Flaschen vereinigt sind. Nach der gewöhnlichen Construction hat der gemeine Flaschcnzug zwei Flaschen, in deren jeder zwei, drei oder höchstens vier Rollen enthalten sind. Sämmtliche Rollen liegen in derselben Ebene übereinander und sind durch ein Seil verbunden, das zuerst über eine Nolle der obern, dann über eine der untern Flasche geht, so immer abwechselnd, von einer Flasche zur andern übergeht und zuletzt an der obern Flasche befestigt ist. Die nächsten Rollen beider Flaschen sind am kleinsten, die entferntem werden immer größer, je weiter sie von jenen entfernt sind, damit die parallelen Seile gehörigen Spielraum haben. Beim Gebrauch ist die obere Flasche befestigt, während an der untern beweglichen die Last hängt; indem nun das Seil durch Ziehen an demselben verkürzt wird, wird die untere Flasche der obern genähert und dadurch zugleich die an jener hängende Last gehoben. Um die Kraft zu finden, die einer gegebenen Last das Gleichgewicht halt, dividirt man die letztere durch die doppelte Anzahl der beweglichen Rollen oder (was Dasselbe ist) durch die Anzahl der Seilstücke, an denen die untere Flasche hängt. Beträgt die letztere z.B. sechs, wobei jede Flasche drei Rollen enthält, so ist, um eine Last von 60 Pf. im Gleichgewicht zu erhalten, die sechsmal kleinere Kraft von >0 Pf. hinreichend, und durch eine etwas größere Kraft wird die Last gehoben, wobei freilich die Kraft einen sechsmal größer» Weg als die Last zurücklegen muß. Um die Unbequemlichkeit, daß die Rollen von verschiedener Größe sein müssen, zu vermeiden, bringt man die Rollen jeder Flasche in horizontaler Lage nebeneinander auf einer und derselben Achse an. Smeaton suchte beide Arten von Flaschenzügen dadurch zu verbinden, daß er in jeder Flasche zwei übereinanderstehende Reihen von Rollen vereinigte, wobei die Rollen jeder Reihe einander gleich, die der beiden einander zunächst stehenden Reihen aber kleiner als die der beiden andern Reihen sind. Diese Einrichtung ist sehr zweckmäßig und empfiehlt sich auch dadurch, daß sie die Zahl der Rollen beliebig zu vermehren gestattet. Ändert man sie dahin ab, daß die Achsen der beiden Reihen an Rollen in jeder Flasche sich unter rechten Winkeln schneiden, so können sämmtliche Rollen von gleicher Größe sein. Der von White erfundene Flaschcnzug, bei welchem die zusammengehörigen in einer Flasche verbundenen Rollen durch einen in einem Bügel befestigten Kegel mit eingeschnittenen Riemen ersetzt werden, ist nicht sehr in'Gebrauch gekommen; noch weniger die von Shouldham vorgcschlagene Verbesserung desselben, nach welcher in jedem Bügel zwei mit ihrer Basis verbundene Kegel befestigt sind, die nach beiden Seiten gleichmäßig abnehmende Vertiefungen haben, und zwei Seile erfoderlich sind, an deren Enden zugleich gezogen wird. Bei den Potenzflaschenzügen ist nur eine und zwar in der Regel die letzte Rolle unbeweglich; jede bewegliche Rolle hat ihr eigenes Seil, das gewöhnlich mit dem einen Ende an einen unbeweglichen Gegenstand (Halter) geknüpft, mit dem andern an der nächsten beweglichen Rolle befestigt ist; die Kraft wirkt an dem Seil der letzten beweglichen Rolle, welcher über die unbewegliche geschlagen ist. Nicht selten sind alle Seile in einem gemeinschaftlichen Punkte befestigt. Bei dieser Einrichtung findet man die Kraft, welcher einer gegebenen Last das Gleichgewicht hält, wenn man die letztere durch die sovielste Potenz von 2 dividirt, oder soviel mal halbirt, als die Zahl der beweglichen Rollen beträgt. Auch der Potenzflaschenzug, welcher namentlich auf Schiffen zur Hebung großer Lasten auf eine geringe Höhe gebraucht wird, ist mannichfach abgeändert worden. Besonders empfehlens- werth ist diejenige Einrichtung, bei welcher die Last an den vereinten Enden aller Seile befestigt und nur die oberste Rolle unbeweglich ist Conv.'Lex. Neunte Aufl. v. 21 322 Flassan Flaxman ! Flassan (Gaeian Raxis de), ftanz. Historiograph, geb. 177«, stammt aus einer ur. sprünglich griech. Familie, welcher Papst Paul III. >536 die Herrschaft Flassan in der Grafschaft Venaissin verlieh, und erhielt in Rom durch Pius VI., der ihm sehr gewogen war, i eine Laicnpfründc. Nachdem er sich 1787 nach Paris begeben hatte und Eleve der Kriegs- I schule geworden war, schrieb er seine „ tznestion (ln divoree SOUS le rupport de I'ki-toire" (Par. 1790). Nach dem Ausbruche der Revolution begab er sich 1791 nach Koblenzzu dem ausgewanderten Adel, und nach der Auflösung des Conde'schen Corps nach Florenz und später nach Venedig. Als das Schreckcnssystem in Frankreich gestürzt war, kehrte er nach » Paris zurück, wählte die diplomatische Laufbahn und wurde Chef der ersten Abthcilung im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, nahm jedoch bald seine Entlassung. Des Einverständnisses mit den Ausgewanderten verdächtig, sollte er verhaftet werden; allein er rettete sich dadurch, daß er den Policeicommissar und die Soldaten, welche ihn verhaften sollten, in seinem Zimmer einspcrrte. Hierauf lebte er verborgen in Marseille und kehrte erst nach dem 18. Brumaire nach Paris zurück, wo er nun seine „Oistoirs gänerals de I» di- zilomatie Iran,;»!«« depuis Is tondstinii de In inniinrclne jusHii'su 1« noüt 1792, nvee lies tsblos clirnnoloFiljues de Ions le» traites c«nclu«z>:>r !:>Vrimce" (6 Bde., Par. 1808; 2. Aust., 7 Bde., 1811) arbeitete, die von Fleiß und Umsicht zeigt, mit der er die Archive benutzte, auch geistvoll aufgefaßt, aber nicht ganz unparteiisch ist. Zum Professor der Geschichte an der Kriegsschule zu St.-Germain en Laye ernannt, begleitete er 181-1 als Historiograph des Departements der auswärtigen Angelegenheiten die ftanz. Gesandtschaft zum wiener Kongreß. Um ihn von der Herausgabe einer Geschichte der ftanz. Diplomatie während der Revolution abzuhalten, die er nach dem Sturze Napoleon's angekündigt hatte, erhielt er eine Pension von 1290« Francs. Sehr lebhaft interessirte er sich später für die Sache Griechenlands. Von seinen Schriften sind noch anzuführen: „Ile I» colonisalinn de 8te.- Ilomingue" (Par. 1803), „Oes Ooiirbons de Maples" (Par. I8II), „Oela restglirntioii ^ jiolitigue «le l'Liirope et lie la krsnce" (Par. 181-1), die einseitige und durch blinden Haß gegen Napoleon entstellte „llisloire 6» con^res de Vienne" (3 Bde., Par. 1829; übersetzt von Herrmann, 2 Bde., Lpz. 183«) und „Oe la neutralite de In Lelgicjue" (Par. 1831). Flatterminen, s. Minen. Flavins, ein röm. Geschlechtsnamc. — Cn. Flavius stieg vom Schreiber des Ap- pius Claudius Cacus zum curulischen Ädil 3«4 v. Chr. empor, machte als solcher zuerst die Tage des Jahrs, an denen Gericht gehalten werden durfte oder nicht (s.F asi i), öffentlich bekannt und stellte auch zuerst die Klag- und Geschäftsformcln (legis actiones) in einem Handbuch zusammen, das später äus eivilelLIsvisnum genannt ward. — C. Flavius Fim> bria, einer der wildesten Anhänger des Marius und Cinna, begleitete, nachdem er bei der Leichenfeier des Erstem 86 v. Chr. einen, doch vergeblichen Mordversuch auf den edeln O. Mucius Scävola gemacht hatte, als Legat den Consul C. Valerius Flaccus, als dieser nach Asien gegen den Sulla sowol als den Mithridates von der Marianischen Partei gesandt wurde. Hier zog er die Soldaten ans seiüe Seite, vertrieb den Consul, ermordete ihn in Nikvmedicn, übernahm nun den Oberbefehl und schlug die Feldherren des Mithridates, den er selbst zur Flucht nöthigte. Den Grausamkeiten, die er hierauf gegen die zum Mithridates Abgefallenen und die Anhänger des Sulla ausübte, unter denen namentlich die Zerstörung von Jlium berühmt ist, ward durch Sulla ein Ziel gesetzt, als dieser im I. 84 von Griechenland aus gegen ihn zog. In Pcrgamus eingeschlossen, tödtcte er sich selbst. — In Reati (Riet!) im Sabinischen, war ein Geschlecht Flavius ansäßig, das durch T. Flavius VespasianuS (s. d.) zum Kaiserthron gelangte. — Unter dem Namen Flavius diente auch ein Bruder des Cherusker Arminius in den röm. Heeren des Tiberius und Germanicus. Flaxman (John), einer der berühmtesten engl. Bildhauer, geb. am 6. Juli 1755 zu Jork, besuchte vom 15. Jahre an die königliche Akademie, arbeitete aber nie in der Werkstatt eines Meisters. Er verheirathete sich 1782 mit Anna Denman, die sehr bald den wohl- thätigsten Einfluß aufseine Studien gewann. Von ihr begleitet, ging er 1787 nach Italien, wo er nach und nach in Rom die Aufmerksamkeit allcrKunstfrcunde auf sich zog. Noch mehr war dies der Fall nach seiner Rückkehr nach London im I. 1794, wo er 181« Mitglied der königlichen Akademie und Professor der Bildhauerkunst an derselben wurde. Nachdem er Fle'chier Flechte 323 l 820 seine Gattin durch den Too verloren, lebte er noch zurückgezogener als früher und starb am 9.Dee. 1826. Am berühmtesten sind seine Umrisse zu Homer's „Odyssee" (Rom >"93, 4.) und „Ilias" (Lond. 1795); ferner seine Zeichnungen zu Dante und die Blätter zuÄschy- lus. Seine Arbeiten wurden in Deutschland, namentlich durch Niepenhausen, Schnorr u.A., wie in Frankreich („Oeuvies cnmpletes", Par. 1832) wiederholt, und der Eifer, mit dem dies geschah, beweist, daß F. die Art getroffen hatte, wie die Meisten das Antike dargestcllt wünschen. Es zeigt sich aber auch in manchen seiner Arbeiten eine überraschende Größe der Composition und ein reiner edler Stil. Er war einer der Ersten unter Denen, die nach Winckelmann's Vorgang in den wahrhaften Geist der antiken Kunst eindrangen, im Gegensatz zu der falschen Classicität, welche die Zeit beherrschte. Ihn hatte besonders das damals erwachende Studium der Vasenbildcr und der pompejanischcn Wandgemälde von der weichlichen , Haltungslosen Manier seiner Vorgänger aus strenge Einfachheit zurückgeführt, und man kann ihn wol als einen der Schöpfer des modernen Reliefs bezeichnen. Seine „Sechs Bitten", sein „Ugolino" haben auch in Deutschland wahre Popularität erlangt. Doch sind nicht alle seine Werke von solchem Werthe; besonders in den rasch aufeinander gelieferten Umrissen zu Dante und Äschylus läuft viel Unerquickliches und Manierirtes, besonders manche zerfahrene, öde Composition mitunter. Zu dem allgemeinen Gebrauche der neuerlich so beliebten Umrißmanier hat er sehr viel beigctragen. Von seinen plastischen Werken sind in England besonders bekannt das Basrelief zum Andenken des Dichters Collin in der Kirche zu Chichester; das Denkmal des Lords Manssield und das der Familie Baring zu Micheldcver in Hampshire. Bewundernswürdig durch Neichthum an glücklich combinirten Gestaltungen war sein Modell zu dem Schilde des Achilles, nach dem 18. Buche der „Ilias". Flechier (Esprit), ein ausgezeichneter franz. Kanzelredner und Schriftsteller, geb. am 1. Juni 1632 zu Pernes, in der Grafschaft Venaissin, erhielt eine wissenschaftliche Bildung und trat in den Jesuitenorden, dem er jedoch entsagte, als er nach Paris ging, wo er sehr bald als Kanzelredner großen Ruf erlangte. In seinen Leichenreden auf Bossuet und Turenne lieferte er zwei Meisterwerke, die noch jetzt als solche Bewunderung verdienen. Mitglied der Akademie war er bereits 1673 geworden. Seine Ernennung zum Bischof im I. 1685 begleitete Ludwig XIV. mit den Worten: „Sein Sie nicht verwundert, daß ich Ihr Verdienst so spät belohne; ich fürchtete des Vergnügens beraubt zu werden, Sie zu hören." Im I. 1687 erhielt er das Biskhum Nimes und starb zu Montpellier am 16. Febr. 1710. Zn Nimes gründete er die Akademie. Außer seinen „Oraisons lünebrss" (Par. 1681, 4.; neue Aust., Par. 1812) sind seine „Histaire de Ikäodose Is Orand" (Par. 1679,1.),„Vie du csrdiiml Ximeneo" (Par. 1693, 1 . und öfter; deutsch von Fritz, Würzb. 1828) und seine „Lune^-riques des ssints" (3 Bde.) zu erwähnen. Seine „Oeuvres completes" erschienen zu Nimes (10 Bde., 1782). Wenn F. in seinen Leichenreden, denen er hauptsächlich seinen Ruf verdankt, Bossuet vielleicht an Correctheit des Stils übcrtrifft, so steht er diesem an Fülle der Gedanken und hinreißender Beredtsamkcit beiweitem nach. Er hat sich auch sowol in franz. als lat. Sprache als Dichter versucht. Vgl. seine „Oeuvres postkumes, couteuunt poesies lut. et trauy." (Par. 1712). Flechsen, s. Muskeln. Flechte (berpes) nennt man eine chronische Hautkrankheit, in welcher sich unregelmäßige Gruppen kleiner mit weißlicher Flüssigkeit ungefüllter und ein brennendes Jucken verursachender Bläschen bilden, die bei ihrer Heilung Schuppen oder Borken bilden, in schlimmer» Fällen jedoch auch in tiefer fressende, bösartige Geschwüre übergehen. Der deutsche Name sowol wie der lat. rührt von der Eigcnthümlichkcit dieser Krankheit her, daß die Gruppen von Bläschen von der Mitte aus heilen, von den Rändern aber sich auf die umliegenden Hautstellcn sortsctzen. Der Ausschlag verschwindet zuweilen plötzlich und kehrt nach einiger Zeit wieder zurück. Gewöhnlich entsteht die Flechte an Körperstellcn, die der Lust mehr auögesetzt sind als andere, und hängt häufig mit Allgemeinleiden zusammen, wobei sie eine Art Krisis oder eine Ableitung, die sehr wohlthätig ist, bildet. Dieser Grund macht auch oft eine ganz besondere, in andern Fällen nicht anzuwendende Behandlung der Flechte» nothwendig. Vgl. Fränkel, „Die Flechten" (2. Aust., Elberf. 18 - 10 ). 21 * 324 Flechte« Fleck Flechten oder Lichenen sind eine Pflanzenfamilie aus der Abtheilung der Akotyle- donen oder Kryptogamen, auf einer Seite an die Pilze, auf der andern an die Algen gren- zend. Die Flechten sind von zeitigem Baue, zuweilen ästig, meist krustig, selten gallertartig, oft aber undeutlich blattartig oder faserig. Sie vermehren sich, obgleich sie schild- oder kugel- förmige, mit Körnerschläuchen versehene Fruchtbehälter besitzen, doch mehr durch nacktes Keimpulver; sind ausdauernd und wachsen auf todtcr Erde, Steinen, Felsen und schmaro.- zend auf andern Gewächsen, besonders an den Rinden der Bäume, höchst selten unter Wasser und den dem Lichte unzugänglichen Stellen. Unter allen Pflanzen am weitesten auf der Erde verbreitet, wachsen sie ebenso gut unter dem Äquator wie innerhalb des Polarkreises. In den Gegenden, wo die Vegetation erlischt, sowol unter sehr hohen Breiten als auf den höchsten Gebirgen, bedecken sie den Boden in den grüßten Massen. Im großen Haushalte der Natur dienen sie als Uranfänge der Vegetation, besonders um den Boden für vollkommenere Gewächse an den unfruchtbarsten Stellen vorzubereiten. Sie enthalten einen cigen- thümlichen, dem Stärkmehl ähnlichen Kleber, Bitterstoff, Harz und rothen, hellgelben oder braunen Farbstoff und sind daher auch zur ökonomischen, medicinischen und technischen Benutzung geeignet. Theils sind sie Nahrungsmittel für Menschen und Thiere, z. B. die von Pallas entdeckte eßbare Flechte, die Manna der Kirgisensteppen und das sogenannte Renn- thicrmoos, theils Arzneistoffc, z. B. das Isländische Moos, das Lungenmoos, die Wand- und die Bitterflechte, theils endlich Farbsubstanzen, wie dieÖrseille. das Schwedische Moos u. s. w. An den Schweden Erik Acharius und Elias Fries haben sie Monographen gefun- den. Vgl. Dietrich, „lüclleooFi'upIüa germ. oder Deutschlands Flechten" (Jena 1830). Fleck (Joh. Friedr. Ferd.), einer der berühmtesten deutschen Schauspieler, geb. zu Breslau am 12. Jan. 1757, bezog nach dem Willen seines Vaters, der Rathsherr war, 1776 die Universität zu Halle, um Theologie zu studiren, entschloß sich aber, als während der Universitätsjahre durch dessen Tod die Unterstützung von Hause aufhörte, Schauspieler zu werden. Schon früher hatte er in Privatcirkeln zuweilen Rollen, namentlich Mädchen- rollcn übernommen. Öffentlich trat er zuerst in Leipzig aus, wo seine trefflichen Anlagen sogleich bemerkt und mit Beifall begrüßt wruden. Im I. 1779 ging er zu Ackermann und Schröder nach Hamburg, wo er, neben Schröder, seinen Ruf begründete. In Berlin fand er 1783 als Gast so ausgezeichneten Beifall, daß er bei der Döbbelin'schen Gesellschaft blieb und 1786 bei der zum Rationaltheater erhobenen berliner Bühne angestellt wurde. Seit 1790 Regisseur, nahm er, später bei der fortwährenden Kränklichkeit des Professors Engel, vielfach Theil am Directionsgeschäfte. Für die Charaktere und das Pathos Shakspeare's war er wie geschaffen. Jene wunderbaren Übergänge, jene Interjektionen, jenes Anhalten, dann wieder jener stürzende Strom der Rede und dazwischen jene naiven, ja an das Komische streifenden Naturlaute und Nebengedanken gab er so natürlichwahr, daß Tieck erst durch ihn diese Sonderbarkeit des Shakspeare'schen Pathos verstanden zu haben bekennt. In manchen Rollen, z. B. als Lear, mag er an poetischer Auffassung selbst den großen Schröder übertroffen haben. Ebenso groß zeigte er sich als Shylock, Götz, Otto von Wittelsbach, Tancrcd, Essex, Ethelwolf, Jnfant Pedro in „Ines de Castro" u. s. w. Auch in bürgerlichen Charakteren, wie sie in Jffland'schen und Kotzebue'schen Stücken auftreten war er in höchstem Grade ausgezeichnet, und in der Darstellung des Oberförsters in den „Jägern" erreichte ihn selbst Jffland nicht. F. war eine durchaus geniale Natur und folgte den Inspirationen seines Genius, die oft von Zufälligkeiten abhängig waren, sodaß er in manchen Augenblicken sogar schwach und matt erscheinen konnte, nachdem er kurz vorher durch die Macht seines Spiels Alles zur Bewunderung hingerissen hatte. Zuweilen war freilich diese Abspannung Folge des Weingenusses, dem er gern kurz vor Beginn der Darstellung oblag. Ale Mensch zeigte er sich durchaus bieder, im Umgänge künstlerisch-genial. Die letzte Nolle, in welcher er auftrat, war Schiller'S Wallenstein; er starb zu Berlin am 20. Dec. 1801. Aufseinen Tod wurde eine von Abrahamson gefertigte Medaille geprägt, und ein Denkmal bezeichnet seine Ruhestätte. Er bildete nicht nur seine Gattin, nachmals verehelichte Schröck, sondern auch zwei seiner Töchter, von denen die älteste sich mit Unzer, die andere aber mit dem Professor Gubitzin Berlin verheirathete, zu wackcrn Schauspielerinnen. Flecken Fleischliche Vergehen 325 Flecken nennt man in der Astronomie die dunkeln oder aschgrauen Stellen, welche auf der lichten Oberfläche der Sonne und der Planeten bemerkbar sind. (S. Sonnenflecken.) Fledermäuse bilden eine große und natürliche Familie (Handflügler, ekiroptora) der Saugthiere und haben zwar verschiedenartigen Zahnbau, indem einige nur Früchte, die meisten Insekten fressen, kommen indessen alle dadurch überein, daß sich über ihre sehr verlängerten Finger bis zu den Hinterfüßen und meist zum Schwänze eine Flughaut spannt, die es veranlaßte, daß die Alten die Fledermäuse zu den Vögeln zählten. Sie sind ohne Unterschied nächtliche und meist auch durch Insektenvertilgung nützliche Thiere, welchen von der durch Aberglauben ihnen angedichteten Gefährlichkeit nichts beiwohnt, finden sich, mit Ausnahme der kältern Länder, über die ganze Erde verbreitet und fallen bei uns in Winterschlaf. Fleetwood (Charl.), brit. Cavalerieoberst und Mitglied des langen Parlaments von 1646, stimmte zwar nicht für den Tod Karl's l., trug aber wesentlich bei zu dem Siege über Karl II. bei Worcester, am 3. Sept. 1651. Er heirathete Cromwell's Tochter, die verwitwete Generalin Jreton, und erhielt mit ihr die Gcneralstatthaltcrschaft von Irland, wider- sehte sich nichts destoweniger mit Disbrowc und Lambert, als Cromwell 1657 den ihm vom Parlamente angetragenen Königstitel annehmen wollte, und verlor deshalb auch Cromwell's Gunst nicht. Anfangs ein Untcrstützer seines Schwagers, des zum Protector erklärten Richard Cromwell, verbündete er sich später gegen ihn, sobald er dessen Unfähigkeit erkannt, und bewirkte auch mit dessen Entsetzung. Dennoch wurde er bei Karl's II. Thronbesteigung wegen seiner Theilnahme an der Schlacht bei Worcester von der Amnestie ausgenommen und starb bald darauf. Fleisch im engern Sinne nennt man die Muskelsubstanz des thierischen Körpers im Gegensatz zu den häutigen, knöchernen, knorpligen, hornartigen, flüssigen, gallertartigen und drüsigen Gebilden desselben. (S. Muskel.) Im weitern Sinne heißt Fleisch derjenige Theil eines jeden organischen Körpers, welcher durch eine gewisse Elasticität, Weichheit und Saftigkeit der Muskelsubstanz analog ist. Fleischer (Heinr. Leber.), ordentlicher Professor der morgenländ. Sprachen an der Universität zu Leipzig, geb. zu Schandau an der Elbe am 2I.Febr. 1861, besuchte von 1814 an das Gymnasium zu Bautzen und studirtc seit 18 IS in Leipzig Theologie. Schon frühzeitig hatte er Neigung zu dem Studium der oriental. Sprachen gefaßt, das er in Leipzig fortschte. Im I. 1824 ging er nach Paris, um dort Sacy's mündlichen Unterricht zu genießen und die reichen handschriftlichen Schätze der königlichen Bibliothek zu benutzen. Auch machte er unter Caussin de Perceval dem Jüngern einen ordentlichen Cursus im Neuarabischen und pflog später, um sich darin zu vervollkommnen, Umgang mit den von Mehemcd Ali zum Behuf ihrer Ausbildung nach Paris gesandten jungen Ägyptern. Im Herbste 1828 kehrte er von Paris zurück und erhielt 1831 eine Anstellung an der Kreuzschule zu Dresden. Hier verfertigte er den Katalog der oriental. Handschriften der königlichen Bibliothek (Lpz. 1831, 4.). Gleichzeitig besorgte er die Herausgabe von Abulscda's „Historis »nte- islsmics" (Lpz. 1831, 4.) mit lat. Übersetzung. Seine Übersetzung von „Samachschari's goldenen Halsbändern" (Lpz. 1835), die eine strenge Kritik der Hammer'schen Ausgabe die- ser.„Halsbänder" enthält, verwickelte ihn in einen mehrjährigen Streit mit dem genannten Gelehrten. Schon stand er 1835 im Begriff, nach Petersburg zu gehen, wo ihm die Professur des Persischen an der Universität und die Stelle eines Adjuncts der Akademie für morgenländ. Älterthümer und Literatur übertragen worden war, als er den Ruf zu der durch Nosenmüller's Tod erledigten Professur der oriental. Sprachen in Leipzig erhielt, dem er gern folgte. Hier hat er sich insbesondere durch den Unterricht in der arab. Sprache vielfach verdient gemacht. Von seinen Schriften sind noch zu erwähnen „vissertstio critics ckexlos- sis UMcktismz in cpmtunr priores IVll noctinm" (Lpz. 1836), „Ali's hundert Sprüche, arab. und persisch paraphrasirt von Watwat" (Lpz. 1837) und die Beschreibung der arab., pers. und türk. Handschriften der Stadtbibliothek zu Leipzig in dem „(lstuIoAus" von Naumann. Außerdem vollendete er die durch Habicht's Tod unterbrochene Ausgabe des arab. Originals der 1661 Nacht; gegenwärtig hat er den Druck des wichtigen Commentars zum Koran von Baidhawi beginnen lassen. Fleischliche Vergehen heißen die Befriedigungen des Geschlechtstriebs außerhalb 326 Fleiß Flemming (Jak. Heinr., Graf von) der Ehe. Sie sind bald blos Vergehungen gegen das Sittengcsetz, und unter diesen, nach geläuterten Nechtsbcgriffen in Fällen einfacher, nicht gewerbsmäßiger Unzucht straflos, bald Eingriffe in die Rechte Anderer, wie bei Ehebruch, Nothzucht u. s. w. Die Strenge oder ^ Milde der Strafgesetzgebung in diesem Punkte stand vielfach unter dem Einflüsse der religiösen Ansichten; schon die Römer straften, und zum Theil sehr hart, einen großen Theil der hierher gehörigen Vergehen. Am strengsten war die Gesetzgebung in Deutschland nach der Reformation, nachdem durch das kanonische Recht kirchliche Strafen (Kirchenbuße) eingeführt worden waren. Die Praxis hielt mit den Gesetzen hier nicht immer gleichen Schritt; , erst in neuerer Zeit wurden die letzter» durch größere Milde mit der Praxis wie mit dem Ncchtsgefühle in größern Einklang gesetzt. Die Hauptsache liegt hier außerhalb des Bereichs der äußern Gewalt und des strafenden Gesetzes; nur Erziehung und gutes Beispiel von oben können hier wirken, der Staat kann außer den Fällen eigentlicher Rechtsverletzung, nur präventiv, nicht coercitiv sich verhalten. Fleiß heißt die angestrengte und beharrliche Verwendung der Kraft für einen bestimmten Zweck. Der wahre Fleiß ist stets auf Nützliches und Gutes gerichtet und geneigt, mehr zu thun, als Pflicht und Nothwendigkcit fodern. Der Fleiß verstärkt und erhöht die Kraft, und kein ernster Zweck kann ohne ihn wahrhaft erreicht werden, ja er vermag den Mangel des Talents wenn auch nicht in allen Fällen zu ersetzen, doch minder fühlbar zu machen und einigermaßen auszugleichen. Talent ohne Fleiß verfehlt in der Regel sein Ziel und nützt meist wenig, während Fleiß selbst bei minderm Talente oft die wohltätigsten Früchte trägt und für Welt und Beruf ersprießlicher ist. Flemming (Paul), einer der trefflichsten deutschen Dichter des >7. Jahrh., geb. am 17. Oct. 1609 zu Hartenstein im Schönburgschen, wo sein Vater, der nachher nach Wechselburg versetzt wurde, Prediger war, besuchte, nachdem er durch Privatunterricht im ältcrlichen Hause einen guten Grund gelegt hatte, die Fürstenschule zu Meißen und dann die Universität , zu Leipzig, um Medicin zu studiren. Die Unruhen des Dreißigjährigen Kriegs vcranlaßten ihn indcß, 1633sich nachHolstein zu wenden, wo damals gerade der Herzog Friedrich im Begriffe war, eine Gesandtschaft an seinen Schwager, den Zar Michael Feodorowitsch, zu schicken. F-, voll Feuer und Wißbcgierde, bewarb sich um eine Stelle im Gefolge des Gesandten, erhielt sie und kehrte 1635 glücklich nach Holstein zurück. Auch erhielt er die Er- iaubniß, an der noch glänzendem Gesandtschaft des Herzogs nach Persien sich anzuschließen, die 1635 unter Segel ging und l639 in Moskau wieder anlangte. I» Reval verlobte sich F. mit der Tochter eines angesehenen Kaufmanns, und da er nach der Rückkehr ins Vaterland die Absicht hatte, sich in Hamburg als praktischer Arzt nicderzulassen, reiste er sofort 1640 nach Leyden und promovirte daselbst; doch kurz nach seiner Rückkehr nach Hamburg starb er am 2. Apr. 1640. F. steht unter den Lyrikern des 17. Jahrh. obenan und an Kraft und Schönheit des Ausdrucks, natürlicher Fülle des Tons und Neichthum des Gefühls und der Phantasie weit über Opitz, der ihm jedoch an Kritik, literarischem Selbstbcwußtscin, Glätte der Form und Vielseitigkeit überlegen war. Obgleich sich auch bei §. vielfach Spuren von Krankheitssymptomen der Zeit, von Roheit und Geschmacklosigkeit wahrnehmcn lassen, so enthalten doch seine „Geistliche und weltliche Pocmata" (Jena >642) einen Schatz von schönen Liedern, besonders erotischen, die den Stempel der Vollendung ansichtragen und von einer Süßigkeit der Melodie sind, die fast jetzt noch als unerreicht gelten kann. Andere sind ^ durch Schwärmerei des Gefühls, durch beredte Feier der Freundschaft, oder durch die Kraft männlichen Selbstbcwußtseins ausgezeichnet. Wohl zu beachten sind seine kräftigen und durchaus originellen Sonette, in denen er nicht blos für seine sondern für alle Zeit Mustergültiges leistete. Seine länger« Gedichte, die zum Theil die Abenteuer seiner Reise besingen, enthalten wenigstens einzelne vortreffliche Partien, obgleich diese beschreibenden Dichtungen, wie seine Gelegenheitsgedichte, mehr den Schwächen der Zeit verfallen sind. Als geistlicher Liederdichter zeigte er sich in seinem schönen Kirchenliede „In allen meinen Thatcn". Eine Auswahl seiner Gedichte besorgte Schwab (Stuttg. 1820) und Müller in der Sammlung der „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrh." (Bd. 3, Lpz. 1822). Flemming (Jak. Heinr., Graf von), kursächs. Staatsminister und Feldmarschall, geb. am 3. März 1667, stammte aus einem niederländ. in Pommern eingcwanderten Ge- Flensburg Fleurieu 327 schlechte, welchem mehre ausgezeichnete Feldherren und Staatsmänner in Schweden, Polen und Sachsen angehören und dessen bedeutende Besitzungen in Pommern den Flemming'- schen Kreis bildeten. Nach vollendeten Studien ging er 1888 zu seiner weitern Ausbildung nach England, trat hierauf in brandenburg. und später in sächs. Dienste als Generaladjutant des Kurfürsten Georg. Nom Kurfürsten Friedrich August zum Fcldmarschall erhoben, wußte er als dessen Gesandter in Warschau, als sich derselbe 1697 um die poln.Krone bewarb, ihm dieselbe durch Bestechung der Großen zu verschaffen. Besonders zeichnete er sich in dem Kriege gegen Schweden aus, bemächtigte sich >899 des Forts Dünamünde bei Riga und nannte es Augustusburg. Als aber bald darauf die sächs. Truppen sich zurückziehen mußten und der siegreiche Karl XII. vom Kurfürsten von Sachsen F.'s Auslieferung foderte, flüchtete derselbe nach Brandenburg, durfte jedoch in der Folge nach Dresden zurückkehren. Nachdem Karl's Xll. Glück sich gewendet, bemühte sich F. vergebens, dem Kurfürsten von Sachsen Liefland zu verschaffen und den König von Preußen zu einer Kriegserklärung gegen Schweden zu bewegen. Auch in Polen mußte er seine Plane, die Macht des Königs zu erweitern, aufgeben. Er starb zu Wien am 3V. Apr. 1728. Mit unbegrenztem Ehrgeiz verband er große Tapferkeit, schnelle Fassungskraft und unermüdliche Thätigkeit, Flensburfl, Festung und ansehnliche Handelsstadt in dem zur dän. Monarchie gchö- rigen Herzogthum Schleswig, an einem Meerbusen der Ostsee, hat über 1499E-, die Fabri- ken in Zucker, Taback, Leder, Essig, Seife und Lichten, sowie bedeutende Branntweinbrennereien unterhalten und sich mit >49 eigenen Schiffen am Scehandcl bethciligen, ein Gymnasium und eine Schiffahrksschulc. Die Stadt soll im 12. Zahrh. gegründet und nach ihrem Gründer, dem Ritter Flenes, benannt worden sein und wurde bereits im 13. Iahrh. befestigt. Wiederholt bis in die Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs herab war sic ein Schauplatz der Verwüstung. Vgl. Möller, „Historischer Bericht von F." (Flensb. 1767-). Flesche oder Nedan ist nächst der Schultcrwehr (epmilement) die einfachste unter den Fcldschanzen. Sic besteht aus zwei Brustwchrlinicn oder Facen, welche unter einem Winkel von 69"—90° zusammenstoßen, hat vorn einen Graben, zuweilen auch ein Glacis (s.d.), aber keinen Bedeckten Weg, und ist hinten offen oder auch mit einer Palissadirung geschlossen. Werden an den Facen kurze Flanken angehängt, so entsteht die Lünette oder Brille. Gewöhnlich werden die Flcschen blos mit Infanterie, selten auch mit Geschütz besetzt. Welcher (John), s. Beaumout und Flctcher. Fleuret oder Floret heißt ein sranz. Stoßrappicr von schmaler, starker, vierkanti- ger Klinge, ohne Parirstange, mit einem kleinen ovalen Stichblatt (Brille) versehen. Fleurieu (Charl. Pierre Claret, Graf von), einer der gelehrtesten Hydrographen des 18. Zahrh., geb. am 2. Juli 1738 zu Lyon, trat im 1-1. Jahre in den Secdienst, in welchem er sich durch ungemeinen Fleiß und musterhafte Aufführung auszeichnctc. Nach Beendigung des Siebenjährigen Kriegs, den er beim Landhccrc zum Theil mitmachtc, widmete er sich von neuem den nautischen Studien. Die von ihm und Fcrd. Bcrthoud (s. d.) erfundene Sce- uhr, welche er 1768 und 1769 auf der von ihm befehligten Fregatte Isis versuchte, übertraf alle Erwartung. Im1. 1776 erhielt er den wichtigen Posten eines Direktors der Hafen und der Arsenale, und von ihm rühren in dieser Eigenschaft alle Entwürfe in dem Seekriege von 1778 her, sowie die Instruction für die Entdeckungsreisen Lapeyrouse's und Entreca- steaux's, zu der übrigens Ludwig XVI. selbst, als kundiger Geograph, dieHauptideen angab. Jm J. 1799 wurde F. Marineminisier und einige Zeit nachher mit der Leitung der Erziehung des Dauphins beauftragt; allein der Sturm der Revolution zwang ihn sehr bald, sich von allen öffentlichen Arbeiten zurückzuzichcn. In der Zurückgezogenheit letzte er hierauf ganz seiner Wissenschaft, bis er 1797 in den Rath der Alten und in das Institut, dann in den Staatsrath und später, unter der kaiserlichen Regierung, in den Senat trat. Er starb als Gouverneur der Tuilerien am 18. Aug. 1819. Unter seinen Schriften sind besonders zu erwähnen „Völlige killt pur ordrs <1u r»i en 1768 et 1769, ponr äj>r<»iver les Iinrlo--es murines" (2 Bde., Par. 1773,4.), deren ganze Auflage er bis aus ein einziges Exemplar, wie man sagt, vernichtete, dann „üecoiivertes des b'runyuis duns le snd-est «je In non- velle 6>iinvs" (Par. 1790, 4.) und die mit Elienne Marchand herausgegebene „Voztuge autour du Monde" (4 Bde., Par. 1798—1899, 4.). 328 Fleurus Fleury (Claude) ^ Fleurus, ein Marktflecken an der Sambre mit 2200 E. in der belg. Provinz Henne- ' gau, wurde schon in früherer Zeit bekannt durch die Schlachten am 29. Aug. 1622, wo sich der Herzog Christian von Braunschweig und der Graf Ernst von Mansfeld durch die Spa- . nier unter dem General Cordova zu den Holländern durchschlugen, und am l. Juli l 690, wo die Franzosen unter dem Marschall von Luxembourg den Sieg über die Deutschen und Holländer davon trugen; sowie in der neuern Zeit hauptsächlich durch die Schlacht am 26. Juni 1794 zwischen den republikanischen Heeren Frankreichs unter Jourdan und denÖst- rcichern unter dem Prinzen Josias von Sachsen-Koburg, welche nicht allein das bedrohte Paris völlig sicherstellte, sondern zugleich die Niederlande den erster» preisgab. Die Vorposten der * verbündeten Armee berührten nach dem Falle der Festung Landrecy schon Peronnc, und keine Festung hinderte sie mehr, auf Paris loszugehen. Da umging Pichegru mit der Nordarmee den rechten Flügel der Verbündeten und nahm eine drohende Stellung gegen Flandern, während Charbonnier mit der Ardennenarmee ihren linken Flügel zurückdrängte und Jourdan mit der Moselarmee sich von Luxemburg aus in Marsch setzte. Bei Tournay gewannen in- deß die Verbündeten wieder eine feste Stellung, und Pichegru, der sie herauswerfen wollte, wurde von den Ostreichern zurückgeschlagen. Sofort ging nun die Sambre- und Maasarmcc, vereint mit der Armee der Ardennen, unter Jourdan über die Sambre, griff Charlervi an und eroberte es am 25. Juni 1794. Um dieser Stadt, deren Eroberung den Östreichern unbekannt geblieben war, zu Hülfe zu kommen und zugleich einen Versuch zur Wiederbe- frciung der Niederlande zu wagen, eilte der Prinz von Koburg am 26.Juni von Nivcllcs herbei. Dies führte noch an demselben Tage zur Schlacht von F., die im Anfänge, wo der Prinz den General Jourdan angriff, während der General Devay mit einem nicht unbedeutenden Corps vor Tournay seine Stellung nahm, zu den schönsten Erwartungen berechtigte. Schon war der Erbprinz von Oranicn mit dem rechten Flügel siegend bis Marchienne-au-Port vorgedrungen; schon hatte der linke Flügel unter Beaulieu beim Angriffe auf die Brücke von Auveloy und die Nedouten von F. 2V Kanonen erobert, als Beide gegen Abend den Befehl zum Rückzuge erhielten, indem er durch die während der Schlacht eingegangene Nachricht von der Kapitulation von Charleroi so bestürzt wurde, daß er den schon fast errungenen Sieg aus den Händen ließ und jede Hoffnung aufgab, die Niederlande zu retten. Am 16. Juni 1815 kam es in der Nähe von F. bei Ligny zwischen den Preußen und Franzosen zur Schlacht, welche letztere nach der Schlacht bei Waterloo auf ihrem Rückzuge F. in Brand steckten. Fleury (Claude), bekannt als Erzieher mehrer königlichen Prinzen von Frankreich, ^vwie durch seine kirchengeschichtlichen Forschungen, geb. am 6. Dec. 1640 zu Paris und gebildet in dem Jesuitencollegium zu Clermont, wurde von seinem Vater, welcher Advocat war, zum Rechtsgclehrten bestimmt und trat als solcher 1658 beim Gerichtshöfe des Parlaments auf; allein bald entschied er sich für den geistlichen Stand und übernahm 1672 die Leitung der jungen Prinzen von Conti, die mit dem Dauphin gemeinschaftlich erzogen wurden. Später übertrug ihm Ludwig XIV. die Erziehung seines natürlichen Sohns, des Grafen von Vermandois, und nachdem dieser 1683 gestorben, machte er ihn einige Jahre darauf zum zweiten Hofmeister der Prinzen von Bourgogne, Anjou undBerri, sowie zum Abt des Cister- cienserklosters Loc-Dieu. Mit Fe'nelon theilte F. die Sorge des Unterrichts der Prinzen; seine Mußestunden widmete er der Ausarbeitung mehrer wichtiger Werke, die ihm 1696 den Eintritt in die Akademie öffneten. Nachdem die Erziehung der Prinzen vollendet war, belohnte ihn Ludwig XIV. mit dem Priorate von Argenteuil. Ludwig XV. ernannte F. wegen seiner gemäßigten Gesinnungen, die er in den damaligen Streitigkeiten zwischen den Moli- nisten und Jansenisten bewiesen, zu seinem Beichtvater, welche Stelle er ein Jahr vor seinem Tode, der am 14. Juli 1723 erfolgte, großer Altersschwäche wegen niederlegte. F. war ebenso gelehrt als bescheiden, ebenso sanft und gutmüthig als einfach in seinen Sitten und rechtschaffen. Unter seinen vielen gelehrten Arbeiten nennen wir seine „Noeurs des Israölites" (Par. 1681), ,Moeurs de Okretiens" (Par. 1662; neue Auf!., 3 Bde., Par. 1802), „Traite d„ clioix et de la mötllode de8 etudes" (Par. 1686; vermehrte Aufl., Nimes 1784; lat. mit Anmerkungen von Gruber und Böhmer, Lpz. 1724), „Institution au droit ecclssisstigue" (2 Bde., Par. 1687) und seine in Einfachheit der Darstellung und Sprache musterhafte „llistoire ecclesiastiyue" (20 Bde-, Par. 1691—1720, 4.), welche bis 1414 reichte und Fleury (Andre Hercule de) Fleury de Chaboulou Z29 von Z. Cl. Fabre (26 Bde-, Brüss. 1726—40) und dann von Alex. Lacroix bis 1778 fort- geseht wurde. Eine lat. Übersetzung des ganzen Werks mitden Fortsetzungen erschien zu Augsburg (85 Bde., 1757—93), eine deutsche zu Frankfurt am Main (14 Bde., 1752, 4.). Der „^brege Oe I'bistoire «cclesisstigue lle (2 Bde., Bern 1766) wird Friedrich dem Großen zugcschrieben. Nach F.'s Tode erschienen die „Liscours 8ur les libertes Oe I'eglise xsllicane" (Par. 1724 und öfter). So verschieden man auch über die von ihm hin und wieder in seinen Werken ausgesprochenen Ansichten geurtheilt hat, so sind sie doch von bleibendem Werthe. Vgl. Lebret, „Le Vleur^ gallo-eatüolico »n acstlrolico" (Tüb. 1800, 4.). Fleury (Andre Hercule de), Cardinal und Premierminister Ludwig's XV., geb. zu Lodeve in Languedoc 1653, studirte in dem Jesuitencollegium, dann in dem Collegium Har- court zu Paris und wurde hierauf Kanonikus von Montpellier und Dvctvr der Sorbonne. Am Hofe Ludwig's XIV. gewann er sehr bald durch seine einnehmende Gestalt und seinen feinen Verstand die allgemeine Gunst, sodaß ihn die Königin zu ihrem Almosenier und in der Folge auch der König zu dem seinigen ernannte. Jm J. 1698 ertheilte ihm Ludwig XIV. das Bisthum Frejus und ernannte ihn hierauf zum Lehrer seines Enkels, des nachmaligen Königs Ludwig's XV. In der schwankenden Zeit der Regentschaft wußte sich F. das Wohlwollen des Herzogs von Orleans zu erhalten; er foderte keine Gnadenbezeigungen und hielt sich fern von allen Ränken. Der Herzog, der die Neigung des jungenKönigs für seinen Lehrer bemerkte, trug F. daS Erzb'isthum Rheims, eine der höchsten geistlichen Stellen in Frankreich, an; allein F. schlug es aus, um sich nicht von seinem Zöglinge trennen zu müssen. Im 1.1726 wurde er Cardinal und bald darauf durch Ludwig X V. an die Spitze des Ministeriums gestellt. Seitdem leitete der bereits 73jährige Greis bis zu seinem Tode die Angelegenheiten seines Vaterlandes mit vielem Glücke. Den Krieg, den er 1733 wegen der poln. Kvnigswahl gegen Karl VI. und das Deutsche Reich begann, endigte er rühmlich und brachte in dem Frieden von >736 Lothringen an Frankreich. An dem östr.Erbfolgekriege von 1740 Thcil zu nehmen, wurde er durch die beiden Brüder Belleisle vermocht, die, sein hohes Alter und ihren Einfluß, misbrauchend, ihn zu überreden wußten, daß er ohne großen Kraftaufwand die Macht Ostreichs zertrümmern könne. Noch vor dem Ausgange desselben starb er am 29. Jan. 1743 zu Jssy bei Paris. Als F. an die Spitze des Staats trat, befand sich Frankreich in der bedenklichsten Lage. Die Finanzen waren zerrüttet, der Handel verfallen, der Credit vernichtet, der Hof wenig geachtet, die Kirche in Verwirrung, das Sittenverderb- niß allgemein, die Nation verarmt und entkräftet und von äußern Feinden bedroht. F., minder stolz als Richelieu und minder ränkevoll als Mazarin, heilte diese tiefen Wunden; ohne Blutvergießen und gewaltsame Mittel erhöhte und befestigte er Frankreichs Glück im Innern, sowie dessen Ansehen von außen. Sein Hauptstreben war Erhaltung des Friedens. Während seines Ministeriums vermittelte, Frankreich den Frieden zwischen dem deutschen Kaiser und Spanien, zwischen der Pforte, Ostreich und Rußland; auch war er mehrmals bemüht, England mit Spanien auszusöhnen. Fleury de Chaboulon (P. A. Edouard, Baron), Cabinetssccretair Napoleon's nach dessen Rückkehr von Elba, geb. >779, war schon im 15. Jahre Anführer eines Bataillons der Nationalgarde. Am 5. Oct. 1795 zog er mit den empörten Parisern gegen den Nationalconvent, wurde gefangen und verdankte sein Leben nur der Thcilnahme, welche die Verwegenheit junger Leute immer erweckt. Unter dem Minister Ferment bei der Finanzvcr- waltung angestellt, trug er durch seine Redlichkeit wesentlich dazu bei, den öffentlichen Schatz gegen Beraubungen zu sichern. Als Staatsrathsauditeur arbeitete crinderDomainenvcrwal- tung und erhielt nachher die wichtige Untcrpräfectur zu Chateau-a-Bois im Mcurthcdepar- tcment, wo er sich viele und große Verdienste erwarb. Bei dem Vorrücken der Verbündeten in Frankreich von seinem Posten verdrängt, kam er als Auditeur in Napoleon's Hauptquartier, der ihm einige Sendungen auftrug und später die Präfectur von Rheims übergab. Auf erhaltenen Befehl ließ er hier die Landbewohner durch die Sturmglocke zu den Waffen rufen, und, obgleich der feindliche Anführer jeden Beamten, der das Volk bewaffnete, für vogclfrei zu erklären gedroht hatte, noch in dem Augenblicke, wo die Russen Rheims mit Sturm nah- men, kraftvolle Bekanntmachungen verbreiten. Den Nachforschungen der Feinde entronnen, blieb er in der Stadt verborgen, bis Napoleon's neues Vordringen ihm Freiheit und Leben 330 Flibustier retteke. Nach der Restauration begab er sich nach Italien; während der Hundert Tage kehrte er nach Frankreich zurück, wurde Napoleon's Geheimer Sccretair und sogleich mit einer Sendung nach Basel beauftragt. Nach Napoleon's abermaliger Entthronung geächtet, begab er sich nach London, wo er seine schätzbaren „Aemolres pour servir L I'kistoire 070 ging er mit 2200 M. auf einer Flotte von 37 Fahrzeugen unter Segel, landete bei Chagres und zog nun mit seinem Heere unter unsäglichem Mühsale über die Landenge gen Panama, wo er am 27. Jan. 1671 ankam, die span. Garnison, die cs vertheidigte, binnen zwei Stunden vernichtete, die Stadt unter den unsäglichsten gegen die Einwohner verübten Greueln plünderte und sie dann den Flammen übergab. Nach Beendigung dieses Raubzugs, der ihn mit seinen Genossen veruneinigte, weil sie ihn beschuldigten, den besten Thcil der Beute für sich behalten zu haben, zog er sich nach Jamaica zurück, entsagte dem Seeräuberleben, verheirachcte sich und starb auf dieser Insel in hohem Alter. Unter den verschiedenen Flibustierhäuptlingen, die neben Morgan befehligten, ist vorzüglich zu nennender Franzose Franc. Nau, genannt l'Olonnais, berüchtigt wegen seiner Grausamkeit, der 1666 Gibraltar bei Maracaibo cinnahm, den Ort dann verbrannte und Maracaibo brandschatzte, 1667 jedoch auf den Baruinseln von den Indianern gefangen und aufgefressen wurde. Im I. 1683 eroberten >200 Flibustier unter Anführung der Holländer Laurent de Grass und van der Horn und des Franzosen Grandmont die Festung Vera-Cruz, die sie plünderten und brandschatzten, sodaß man die Beute, mit der sie zur Theilung nach Jamaica zurückkchrten, aufS Mill. Piaster schätzte. Jm J. 1684 nahm Erandmont auch die Vorstädte Cartagenas und Campechc. Von dieser Zeit an ging es mit den Flibustiern rückwärts; denn da sie, in der Hand Frankreichs auf San-Domingo, England selbst gefährlich zu werden anfingen, wie denn ihr Häuptling Montauband auf seinen Raubzügen nach dcrKüstcvvnGuincalOOI mehr holländ. und engl. Schiffe nahm, soentzog ihnen England seinen Schutz. Zwar gelang es ihnen noch 1600 Santiago de los Cavalleros zu nehmen; allein ihre Unternehmungen gegen die Häfen Chiles und Perus scheiterten und sie selbst verminderten sich immer mehr. Ihre letzte bedeutende Unternehmung war der Beistand, den sie 1607 von San-Domingo aus unter der Anführung des franz. Gouverneurs dieser Insel, Ducasse, der franz. Expedition bei der Eroberung Cartagenas leisteten, das sie zurück- bleibend plünderten. Nie hat es wol eine Truppe gegeben, die ein solches Maß von Grausamkeiten und Greueln aller Art verübt hätte, wie die Flibustier, die unter Anderm die Gewohnheit hatten, die Mannschaft aller geraubten Schiffe niederzumetzeln, und die auch außer dem Kampfe nur in den viehischsten Lüsten ihre Erholung fanden und sich in scheußlichen Lastern aller Art wälzten. Von der Plünderung Cartagenas an erlitten sie fortwährend Niederlagen, da die Seemächte es jetzt in ihrem Interesse fanden, ihrem sie alle gefährdenden Treiben ein Ende zu machen. So nahmen sic reißend schnell ab, und schon in den ersten Jahren des 18. Jahrh. kann man sie als erloschen betrachten. Fliegen, s. Insekten. Fliegen nennt man die Bewegung eines Körpers durch die Luft, ohne daß er dabei die Erde berührt. Das Fliegen kann entweder unwillkürlich oder willkürlich sein. Bei dem unwillkürlichen Fliegen ist stets eine äußere Einwirkung bedingt, welche den Körper durch mechanische Hülfsmittcl, z.B. Stoß, Schwung oder Wurf, durch die Luft bewegt, das willkürliche Fliegen hingegen setzt immer eine dem Körper innenwohnende Willenskraft voraus. Die Vorsehung hat nureiner gewissen Classe von Geschöpfen die physische Fähigkeit zu fliegen bei- gelegt und sie zu diesem Endzwecke mit den dazu nöthigen Hülfsmitteln, mit Flügeln oder flügelahnlichen Ansätzen, versehen und zugleich ihren übrigen Körper zu dieser Thätigkeit geeignet construirt. Sollen auch andere Geschöpfe fliegen, so müssen sie Das, was jenen die Natur gab, durch Kunst und Mechanik ersetzen. Zu den ursprünglich zum Fliegen bestimmten Geschöpfen gehören die meisten Vögel, viele Insekten, einige Vierfüßler und Fische. Bei den Vögeln ist der ganze Körperbau so organisirt, daß ihnen dadurch das Fliegen erleichtert wird. Nicht zum Fluge bestimmt erscheinen der Kasuar, Strauß, Pinguin und andere Vögel, bei denen namentlich die Flügel nicht ausgcbildet sind. Der Flug der Vögel ist sehr rasch und man hat berechnet, daß viele derselben 12—14 Meilen in der Stunde zurücklegen. Die Insekten haben im Verhältniß zu ihren Flügeln einen sehr schweren Körper, weshalb sie sich nur § 332 Flinders Flinten durch Flattern im Schweben erhalten. Vierfüßige Thiere, z. B. Fledermäuse, erhalten sich durch die zwischen ihren Zehen und Füßen ausgespannte Flicgehaut in der Luft, den andern, z. B. den fliegenden Eichhörnchen, dient diese Haut nur, um sie bei großen Sprüngen zu unterstützen. Der ähnliche Fall tritt bei den fliegenden Fischen ein, wo sich die Brust- oder Bauchflossen flügelartig entwickeln. Was die Versuche anlangt, welche die Menschen gemacht haben, um fliegen zu können, so erscheinen dieselben höchst problematisch, wenn wir den Bau des Menschen betrachten, seinen runden Kopf, seine breitgewölbte, flache Brust, die Lage seines Schwerpunkts, den Ansatz der Arme am Körper, den ganzen Muskclbau, der ihn zu einer senkrechten Stellung bestimmt und seine eigenthümliche Schwere, insbesondere aber die Structur der Lungen, welche durchaus nicht dazu geeignet sind, den Athmungsproceß im Fluge und in höher» Luftschichten zu gestatten. Nichtsdestoweniger hat man von den ältesten Zeiten her Versuche dieser Art gemacht, wobei wir nur an die Erzählung von Dädalus und Ikarus zu erinnern brauchen. Nachdem aber die Versuche Giambatt. Dante's im 15. Jahrh., Mcerwein's in Gießen 178-1 und Berblinger's in Ulm durchaus mislungen und auch der Uhrmacher Degen in Wien nur höchst mangelhafte Resultate erzielte, scheint man in neuerer Zeit davon abzuschen, sich mit Flügeln in die Luft zu erheben; das Ziel aber sucht man durch die Luftschiffahrt (s. Acrostat) zu erreichen. Flinders (Mathew), bekannt durch seine Entdeckungsreisen, gcb. zu Doningto» in der Grafschaft Lincoln, begann seine seemännische Laufbahn auf einem Kauffahrer. Im I. 1795 begleitete er als Seecadet den Capitain Hunter nach Neuholland und vereinte sich hier mit dem Schiffswundarzte Baß zur Ausführung von Entdeckungsentwürfen. Anfangs ohne alle Unterstützung in der neuen Colonie, gelang cs ihnen, nachdem sie sich ein nur von einem Schiffsjungen bedientes Fahrzeug verschafft hatten, durch die Feststellung der Lage mehrer wichtiger Küstenpunkte des Laufs des Georgcflusses den Gouverneur zu gewinnen, der ihnen nun zwei Fahrzeuge überließ und die Fortsetzung ihrer Untersuchungen befahl. Vandicmens- land als Insel erkennend, entdeckten sic bei einer neuen Expedition die Durchfahrt, welche von F. den Namen der Baßstraße erhielt. Hierauf kehrte F. im 1 . 1800 nach London zurück, wo er ein Werk über Vandiemensland und eine Karte der Durchfahrt herausgab. Freigebig von der Regierung unterstützt, ging er im folgenden Jahre in Begleitung eines Astronomen , des berühmten Botanikers R. Brown (s. d.) und des Zeichners F. Bauer zur Untersuchung der südlichen und östlichen Küsten Neuhollands, des Golfs Carpentaria und der Torrersstraße ab. Nachdem er zwei Jahre auf diesen Zweck verwendet, litt er am 17 Aug. 1803 zwischen Neucaledonien und Ncuholland Schiffbruch, rettete aber die Mannschaft, setzte seine Untersuchung der Nordküste fort und segelte endlich im Dec. 1803 nach England zurück. Ohne Kenntniß des zwischen England und Frankreich von neuem ausgebrochenen Kriegs lief er in Jsle°de»France ein, um sein leckes Schiff auszubessern, und wurde vom Gouverneur Decaen unter den nichtigsten Vorwänden und ohne Berücksichtigung eines franz. Freipaffes, zum Kriegsgefangenen erklärt. Zwar wurde schon 1808 auf Verwendung der königlichen Socictät von England und des franz. Nationalinstituts seine Freilassung verfügt, indessen erfolgte diese erst 1810, indem Gehässigkeit und niedrige Eifersucht ihn an Bekanntmachung seiner Entdeckungen zu hindern, und den Ruhm derselben den viel später ausgelaufenen Expeditionen von Baudin und d'Entrecasteaux zuzuwenden, unternahmen. Wirklich wurden auch F.'s Verdienste nicht gehörig erkannt, und viele der von ihm zuerst gesehenen und benannten Punkte umgetauft. Gekränkt und mit gestörter Gesundheit nach England zurückgekehrt, beschäftigte sich F. mit Herausgabe seiner „Vn^-sge to tüe lerra auotritlis" (Lond. 1813, 1. mit vielen Kupf. und Karten) und starb schon im 1.1811. Für die Physik und Nautik waren seine Beobachtungen und Versuche über die durch Anziehung des Eisens im Schiffe bewirkte Ableitung der Magnetnadel von großer Wichtigkeit. Flinsberg, ein Dorf mit 1500 E. am Queis, 1510 F. über der Ostsee, im Regierungsbezirke Liegnitz der preuß. Provinz Schlesien, ist seiner Eisenquellen wegen berühmt, die schon im 16. Jahrh. als Heiliger Brunnen bekannt, 175-1 gefaßt wurden und gegenwärtig sowol zum Trinken als zum Baden benutzt werden. Auch ist daselbst eine Molkcnanstalt. Flinten, die Hauptwaffe aller europ. Infanterien, sollen um das I. 1610 in Frankreich erfunden und dort zuerst beim Militair eingeführt worden sein. Einige Schriftsteller Flintenschtoß Flintglas 333 behaupten indessen, daß die Flinte blos eine nach Beendigung des Dreißigjährigen Kriegs abgeänderte und erleichterte Muskete gewesen sei, die man statt des alten Radschlosses (s. d.) mit dem neuerfundenen Flinten- oder Feuerschloß, später mit dem Bayonnet (s. d.) versehen habe. Anfangs wurden nur die leichten Truppen zu Fuß und zu Pferde damit be- waffnet; sodann erhielten die Musketiercompagnien eine mit Flinten bewaffnete Abtheilung, welche Füsiliere hießen. Ludwig XlV. errichtete 1671 ein ganzes Füsilierregiment, ursprünglich zur Bewachung und Beschützung des Geschützes bestimmt, welches damals ein Ehrenposten war. Bei der niedcrländ. Armee wurden die Flinten zuerst allgemein für die Infanterie eingeführt, doch verbreiteten sie sich von 1680—1700 über ganz Deutschland und verdrängten die unbehülfliche Muskete (s. d.) und die Pike. Erst Ende des 17. Iahrh. erhielt die östr. Armee Flinten, denn noch 1670 war ein Drittel jedes Infanterieregiments mit Piken versehen. Bei den Franzosen sollte 1689 die Flinte Hauptwaffe werden, was aber vielen Widerspruch fand und erst 17 03 durch Vauban durchgesetzt wurde. Die braunschweig. Truppen erhielten bereits 1686 Flinten mit Feuerschlössern, die schweb, dagegen erst allgemein um das I. >721. Von diesen gingen sie zu den Türken über. Nach und nach erhielten die Flinten mehre Verbesserungen; die wichtigste aber war nächst der in neuester Zeit vorgenommenen Pcrcussionirung, der bei den Preußen durch Leopold von Dessau eingeführtc cylindrische Ladestock und das damit in Verbindung stehende trichterförmige Zündloch zum Selbstaufschütten des Pulvers auf die Pfanne, weil nach damaligen Ansichten der höchste Werth auf das Schnellschießen gelegt wurde. — Die Doppelflinten oder Doppelbüchsen bestehen gewöhnlich aus zwei Läufen nebeneinander, mit zwei besondern Schlössern; die Doppelflinten der östr. Schützen aus einem glatten und einem gezogenen Rohre übereinander, die in der Kolbe mittels eines Stifts beweglich sind, sodaß man den abzufeuernden Lauf heraufdreht. Eine andere Einrichtung haben die Doppelbüchsen der tiroler Gemsenjäger; sie bestehen nur aus einem sehr starken gezogenen Laufe, mit zwei Schlössern hintereinander, in welchen beide Schüsse geladen werden, sodaß die gepflasterte Kugel des hintern Schusses dem »ordern als Schwanzschraube dient. Wird der letztere losgeschossen, so verschließt ein Schieber das Zündloch desselben, und der zweite kann ohne Veränderung des Abkommens erfolgen. Flintenschloß. Bald nach Erfindung der Handfeuerwaffen war man auf Mittel bedacht, die Ladung auf eine bequeme Art zu entzünden. Die älteste Einrichtung dieser Art ist unter dem Namen des Luntenschlosses bekannt, das trotz seiner unverkennbaren Mängel sich bis in das 17. Iahrh. erhielt, obgleich schon 1517 in Nürnberg das deutsche oder Nad- schloß (s. d.).erfunden war, das indeß in vielen Beziehungen gegen das Luntenschloß in Nachtheil stand. Erst unter Gustav Adolf ging das Radschloß auf die Infanterie über, das bis dahin nur bei der Reiterei im Gebrauch war. Im I. 1630 soll das gegenwärtige Flintcnschloß in Frankreich erfunden worden sein, das auch deshalb das französische genannt wird, jedoch ist es nach Andern wahrscheinlicher, daß es in Italien erfunden wurde. Die Erfindung bewährte sich so sehr, daß sie schon 1658 fast allgemein verbreitet war. Anfangs nur unvollkommen, hat der Scharfsinn des menschlichen Geistes so viel Thätigkeit in Verbesserung des Flintenschlosses entwickelt, daß es jetzt kaum mehr etwas zu wünschen übrigläßt. Wichtige Verbesserungen, die aber beiweitcm nicht so bekannt geworden sind als sie es verdienen , hat der schweb., später preuß. General von Helvig mit dem Flintcnschloß vorgenommen, theils durch zweckmäßige Form der Anschlagsfläche der Batterie, theils durch sinnreiche Verlängerung, also auch Verstärkung der Kraft, der innern Haupt- oder Schlagfc'der. Daß die Pfanne, statt von Eisen, von Messing gemacht wurde, gehört ebenfalls zu den Verbesserungen. Eine Hauptänderung erfuhr das Flintcnschloß durch die Percussion (s. d.). Flrntglas besteht aus Kieselerde, Kali und Bleioxyd. Während die ersten beiden Substanzen wegen ihrer chemischen Verwandtschaft sich leicht vereinigen lassen, wenn sie durch große Hihe in Fluß gebracht werden, wo sie dann eine einzige und zwar durchaus ho- mogene Masse, das sogenannte Crownglas, bilden, so ist dies mit dem Blei nicht der Fall, weshalb es sehr schwer hält, große und durchaus homogene Stücke Flintglas zu erhalten, welche zur Verfertigung guter Objektive so nothwendig sind, da die Beimischung des BleiS die Farbenzerstreuung des Glases viel stärker macht. Früher konnte man brauchbares Flint» 334 Flinz Flora glas in größer» Stücken nur in England verfertigen, bis Fraunhofer in München noch viel größere von ganz besonderer Güte machte. Allein er nahm sein Gehcimniß mit sich ins Grab. Vergebens machte die franz. Akademie >766 und >786 die Verfertigung des Flintglascs zu einem Gegenstand ihrer Preisfragen, und auch der von der königlichen Akademie in London ausgesetzte Preis von l»V» Pf. St. blieb ohne Erfolg. Das von Kruincr und Lancvn später in Frankreich verfertigte Flintglas wurde zwar von Delambre sehr gerühmt, konnte aber zu größer« Objectiven nicht benutzt werden. Nach ihnen lieferte in Frankreich Artigues ei» Flintglas, und in der Schweiz gegenwärtig Guinand das vorzüglichste. Flinz, Flynz oder Flynis soll ein Gott der Sorben geheißen haben, der als ein ' alter Mann äuf einem Kieselsteinfelsen stehend dargestellt wird; doch hat man in neuerer Zeit gegen dessen Existenz bedeutende Zweifel erhoben. Wenigstens waren die bisher aufgefundc- nen angeblichen Bilder des F. unecht. Flittern nennt man die Erzeugnisse der Luggoldschläger aus Gold- und Silberblech oder dünngeschlagenem und cementirtem Messing, und man unterscheidet daher echte und unechte Flittern, Flittergold und Flittersilber, welche besonders Nürnberg, Berlin und Wien in sogenannten Karten in den Handel bringen und deren man sich zu allerlei Putz bedient. Flögel (Karl Friedr.), ein sehr verdienter deutscher Literator, geb. am 3. Dec. >7W zu Jauer in Schlesien, erhielt auf der Schule seiner Vaterstadt und auf dem Gymnasium zu Breslau seine erste Bildung und studirte dann zu Halle Theologie. Nachdem er sich einige Zeit mit Privatunterricht zu Jauer beschäftigt hatte, wurde er 1761 Lehrer am Gymnasium zu Breslau, bald darauf Prorector und >773 Rector der Schule zu Jauer, folgte jedoch schon >77-1 dem Rufe als Professor der Philosophie an die Nitterakademie zu Liegnitz, welche Stelle er bis zu seinem Tode, am 9. Dec. 1788, bekleidete. Seine Muße widmete er vorzüglich der Literargeschichte, und die Resultate seiner Forschungen sind seine „Geschichte des menschlichen Verstandes" (Brcsl. >765; 3. Aust., >776); „Geschichte des gegenwärtigen Zustandes der schönen Literatur in Deutschland" (Jauer >77l); „Geschichte ' der komischen Literatur" (1 Bde., Liegnitz und Lpz. 178-1—87), welche außer einer Abhandlung über das Komische und Lächerliche und einer allgemeinen Geschichte der komischen Literatur, die Geschichte der Satire, eine Schilderung der vorzüglichsten altern und neuern Satiriker, und zuletzt eine Geschichte der Komödie im weitesten Sinne des Worts enthält; „Geschichte des Groteskkomischen" (Liegn. und Lpz. >788); „Geschichte der Hofnarren" (Lieg», und Lpz. >789) und die nach seinem Tode erschienene „Geschichte des Burlesken" (Liegn. und Lpz. 179-t). Sie beweisen insgesammt seine Belesenheit und sein geläutertes Urtheil, obgleich es ihm, der Bildung und Richtung seiner Zeit gemäß, mehr auf Anhäufung des Stofflichen als auf philosophische Durchdringung und geistige Verklärung des gesammelten reichen Materials ankam. Weniger bekannt und doch nicht ohne Verdienst sind seine kleinen pädagogischen Schriften. Floh ist eine unter den übrigen Insekten sehr isolirt stehende Gattung mit Springfüßen und Säugrüssel. Wahrscheinlich gibt es mehr Arten als man annimmt, indeß ist wol der Floh der Hausthiere von dem des Menschen nicht verschieden. Man findet dieses Geschöpf überall auf der Erde, wo Menschen leben; seine Entwickelung aber befördern insbesondere warme, trockene Klimate, sodaß die Erzählungen von den Plagen Italiens, Spaniens und der Levante keineswegs übertrieben sind. In kältern Ländern '.aßt er durch Reinlichkeit sich vertreiben; gerühmt wird als Mittel gegen ihn die Besprengung der Zimmerdielen ! mit Wasser, in welchem man Quecksilber einige Minuten hat kochen lassen. Pflanzenaufgüsse nützen in diesem Falle nichts.—DerSandfloh oderNigua (kuiex penetruns) ist viel kleiner und kommt nur in tropischen Ländern vor. Sein trächtiges Weibchen bohrt sich langsam unter die Nägel oder in die Fußsohlen ein, schwillt zur Größe eines kleinen Schrotkorns an und verursacht bei Vernachlässigung und arger Unrcinlichkeit schlimme Geschwüre. Flor nennt man die feinste und dünnste aller Zeugarten, die aus Seide, Nesselgarn, Wolle und Baumwolle, in vorzüglicher Qualität in Frankreich und Italien gefertigt wird. Flora , bei den Römern die Göttin der Blumen und Blüten, überhaupt die Früh- lingsgöttin, identisicirt mit der gricch. Chloris, hatte ihren Tempel in der Nähe des Circus maximus. Ihr Cultus gehört zu den ältesten in Rom und wird auf Numa zurückgeführt. Floren Florenz 335, Das Fest derselben, dieFloralien, wurde oingeführt imI. 5 l 6 der Stadt und vom 2 8. Apr. — I. Mai, besonders zur Nachtzeit bei Fackeln, durch Gelage und Tänze, wobei namentlich die Freudenmädchen eine Rolle spielten, gefeiert. Ja man erzählt sich sogar, F. sei, wie Acca Laurentia, selbst ein Freudenmädchen gewesen, welche ihr Vermögen dem-Volke vermacht habe, wofür ihr zu Ehren dann ein Fest gefeiert worden sei. Auf Münzen erscheint . sie mit Blumenkränzen geschmückt. — In der Botanik heißt Flora die Aufzählung der in einem Erdtheile oder Lande oder einem kleinern Gebiete wild wachsenden Pflanzen. Die Floren geben die Basis zur Pflanz enge ographie (s. d.). Floren, lat. klloremis, ital. I'ioi'iii", franz. I'üirin , eine im tl. Jahrh. von der Stadt Florenz geschlagene Goldmünze, hat Dukatengrößc und zeichnet sich durch eine Lilie aus, welche den Avers der Münze cinnimmt. Der Revers trug ursprünglich das Bild Johannes des Täufers. Den Namen der Münze leitet man theils von der Stadt, theils von der sie bezeichnenden Lilie her, kior oder Vior',»» cki gij-lio. Die Münze selbst bestand aus feinem Golde, an Gewicht ein Quentchen, verbreitete sich schnell und wurde in den westlichen Ländern Europas bald nachgeahmt. Die b'Iorins cie klorence Ludwig's V>. und Vli., VI„- rii, tl'nr und klvrill 8t.-6eorge sind Nachahmungen jener Münze in Frankreich. In Spanien wurden sic unter Peter IV. von Aragonien geschlagen. Auch Deutschland und Italien blieben nicht zurück. Aus diesem Floren entstand der Goldgulden des Mittelalters und die Gulden der neuern Zeit, zu deren Beziehung man noch gegenwärtig die ersten beiden Buch- staben des Worts Floren (Fl.) gebraucht. Florentiner Arbeit heißt diejenige Art Mosaik, welche nicht wie die römische, aus opaken Glaspasten, sondern aus lauter harten Steinen, z. B. Achat, Korallen, Lapis Lazuli, Edelsteinen u. s. w., besteht. Abgesehen davon, daß sich für viele Farbennüancen gar keine Steine vorsinden, ist die Schleifung dieser meist außerordentlich harten Mineralien so schwierig, daß zu einem Bilde von wenigen Quadratsußen oft 20Jahre Arbeit nöthigsind. Gleich- wol haben die florentin. Großherzoge während der beiden letzten Jahrhunderte fortwährend eine Fabrik solcher Mosaiken aufrecht gehalten, deren mehre in dem Palast Pitti in Florenz sich finden. Der ungeheuren Kosten wegen wurden freilich im Verhältniß nur wenige Bilder verfertigt; man beschränkte sich meist auf Guirlanden und Ornamente in Tischplatten, Spic- gelrahmcn u. dgl., wobei z. B. weiße Beeren durch echte Perlen dargcstellt wurden, während die röm. Mosaikbildner mit ihren Glaspastcn eine Reihe der größten Altarblätter mit verhältnismäßiger Leichtigkeit copirten. Auch sieht das slorcntinische Mosaik, besonders in Bildern, immer ängstlich und gezwungen aus, während das römische jede Farbe und jeden Ton getreu wiederzugeben vermag. Gegenwärtig beschränkt sich die florcntiner Arbeit meist auf kleine Luxusgegenstände, welche die Fremden zur Erinnerung mitzunchmen pflegen. Florentiner Lack heißt eine Malerfarbe, welche ein Franciscaner zu Florenz zufällig erfand, als er bei Fertigung einer Tinctur aus Cochenille und Alaun eine Säure hinzugoß. Sie ist ein eigentlicher Lack, d. h. eine Verbindung des Cochenillroths mit Thonerde. Nachdem längere Zeit Florenz diesen Lack in großer Menge in den Handel gebracht hatte, befleißigte man sich auch in Deutschland, ihn zu fertige», und es liefern ihn gegenwärtig in bester Qualität Nürnberg, Wien und Berlin. Florenz, ital. Fiorenza oder Firenze, die Hauptstadt des Großherzogthums Toscana, mit IOOOOO E-, liegt in einer überaus reizenden Gegend am Arno, der hier an Schritt breit ist, vier Brücken har und die Stadt in zwei ungleiche Hälften theilt. Durch ihre schöne Lage und ihr mildes und gesundes Klima, besonders aber wegen ihrer historischen Merkwürdigkeiten und Kunstschätze gehört sie zu den ausgezeichnetsten Städten der Erde. Sie ist im Allgemeinen trefflich, obwol etwas eng, gebaut, sehr rer» sich und hat das herrlichste Straßenpflaster aus musivisch zusammengefügten Basaltplatten. Biele alte fest gebaute Paläste erinnern neben der Pracht zugleich an den Gebrauch zur Verthei'digung in den Parteikriegen des Mittelalters. Dahin gehören der Palast Pitti, > 00 Schritt in der Front lang, die gewöhnliche Residenz des Großherzogs, mit 900 Zimmern und vielen Meisterwerken der Sculptur und Malerei, zu welchem der herrliche Garten Boboli mit einem Schlosse gehört; der Palast Vecchio mit einer schönen Halle (I.), in welcher neben andern Schätzen der berühmte Perseus von Benvenuto Cellini steht; der Palast degli Ufsizii, 336 Florenz in welchem sich, außer der berühmten Magliabecchi'schen Bibliothek, die herrliche, anAntiken, neuen Kunstwerken in Erz und Marmor und an Gemälden so reiche Galerie befindet; die Paläste Strozzi und Riccardi (ehemals Medici) und der alte unregelmäßige Rathspalast am großen Markte (Piazza del Eranduca). Unter den 17 öffentlichen Platzen sind die merkwür- , digsten der großherzogliche mit der Statue Cosmo's I. und dem Raube der Sabinerinnen, einer Marmorgruppe von Johann von Bologna; ferner der Piazza Santa-Maria mit zwei Obelisken, bei denen jährlich Wettrennen gehalten werden, und der Piazza dell' Annunziata mit zwei schönen Springbrunnen und der Bildsäule Ferdinand's l. Unter den l 70 Kirchen und Kapellen zeichnet sich vor allen aus der Dom Santa-Maria del Fiore, der, ein riesenhaftes Meisterwerk der Baukunst aus dem 13. Jahrh., 500 F. lang und von außen schachbretartig ganz mit schwarzem und weißem Marmor überzogen ist. Die imposante, 380 F. hohe achteckige Kuppel desselben, ein Meisterwerk Brunclleschi's, soll dem berühmten Michel Angel» zum Vorbilde bei der Kuppel der Peterskirche in Rom gedient haben. Vgl. „I>a melropoli- tüim llnrentinL illustrsts" (Flor. 1820). Ferner sind jU erwähnen die Laurentiuskirche, zwar verbaut, aber sehr prachtvoll, mit zwei Kapellen, deren eine die ganz mitJaspis, Achat, Lapis Lazuli und andern kostbaren Edelsteinen geschmückten, wiewvl unvollendet gebliebenen Grabgewölbe der Mediceer enthält; die Kirche San-Giovanni oder Jl Batkisterio, in welcher alle Kinder, die in Florenz geboren werden, die Taufe erhalten, gebaut in der Form eines mit Marmor bekleideten Achtecks und berühmt wegen ihrer in Erz gegossenen Thürm mit herrlichen Bronzercliefs von Ghiberti (s. d.) und des musivisch eingelegten Bodens; die Kirche Santa-Maria Novclla, reich an Gemälden; die Dominicanerkirche San-Marco mit dem daranstoßenden Kloster, welches viele treffliche Gemälde von Fiesvle besitzt; die Kirche Santa-Croce mit den Grabmälern Michel Angclo's, Galilei's, Alfieri's, Macchiavelli's, Dante's u.A.; die Kirche des Klosters dell' Annunziata mit der berühmten Madonna von Sarto und andern ausgezeichneten Gemälden, und die Kirche del Carmine mit schätzbaren Frcscogemälden von Masaccio. Unter den öffentlichen Sammlungen verdient vor allen hervorgehoben zu werde» die in dem Palaste degli Uffizii in 22 Sälen ausgestellte Kunstsammlung von Meisterwerken der Kunst, von Gemälden, Kupferstichen, Bildsäulen, Gemmen, Mosaik, Bronzen und Münzen; berühmt ist hier vorzüglich die sogenannte Tribüne, in welcher Gemälde und Bildsäulen des ersten Ranges, z.B. Rafael's heilige Familie, die Forna- rina, Johannes, die Mediceische Venus, der Faun u. s. w., aufbewahrt werden, der Saal des Hermaphroditen, der große Saal milder Gruppe der Niobe und die Sammlung von beinahe 400 Bildnissen berühmter Maler, die zum Theil von ihren Meistern selbst gemalt sind. Vgl. „Heul ^ulleris (!i I-'irenre incisa in csrtoni" (Flor. 1821). Ferner sind zu erwähnen die Sammlungen in dem alten Rathhause, in den Palästen Riccardi, Strozzi, Ge- rini, Corsini und die der Akademie der Künste, meist aus alten florentin., aus aufgehobenen Klöstern und Kirchen hierher gebrachten Gemälden bestehend. Unter den wissenschaftlichen Anstalten sind die bedeutendsten die 1438 gestiftete Universität; die ^ccackewia ckella crusca für italienische Sprache, >582 gestiftet; die Akademie der schönen Künste, das musikalische Konservatorium, das Museum der Naturwissenschaften, welches 40 Säle füllt; das 6c»IIe- cho uobil« und die Lancasterschule; ferner die berühmte Mediceische Bibliothek im Lorcnzo- kloster mit 120000 Bänden und 6—7000 der kostbarsten Handschriften, die großhcrzog- liche und Magliabecchi'sche mit 100000 Bänden und dieMarucclli'sche mit 40000 Bänden. Unter den Theatern sind gewöhnlich zwei geöffnet; die große Oper und das Ballet, beide mit Geschmack und Pracht ausgestattet, werden im Theater dclla Pergola, die komischen Opern im Theater del Cocomero aufgeführt. Seinen Kulminationspunkt hatte F. im Mittelalter unter der Herrschaft der Mediceer; doch gehört es auch noch gegenwärtig zu den betriebsamsten und wohlhabendsten Städten Italiens. Die Bewohner nähren sich von zahlreichen Fabriken in Mosaikarbeiten, Strohhütcn, Seidenwaarcn, Sammet, Wollen- waaren, Kunstblumen, Porzellan, Florentiner Lack u. s. w-, welche sämmtlich nicht unbedeutende Handels- und Ausfuhrartikel, besonders nach Livorno, abgeben. Sie sind ein heiteres, friedliebendes und ziemlich arbeitsames Volk und zeichnen sich durch Geschmack und Kunstsinn aus. Die Umgebungen der Stadt sind höchst reizend; anmuthige, mit Oliven und Neben bekränzte Hügel wechseln mit lieblich .grünenden Thälern, die von zahl- 337 Floret Florez reichen Dillen, Klöstern, Dörfern übersäet sind, sodaß F. den Beinamen 1» bell» und die staunende Bewunderung der Fremden ganz mit Recht verdient. F. liegt im Gebiete dealten Etrurien, das nach dem Untergange des röm. Reichs unter die Herrschaft der Lon- gobarden kam, und, nach Zerstörung des longobard. Reichs- unter frank. Hoheit von Markgrafen und Herzogen regiert wurde. Im 12. Jahrb. kam Etrurien oder TuScicn, wie man es nun vorzugsweise nannte, an das Haus Hobenstaufen, doch wußten die mächtigern Städte, zu denen F. gebürte, ihre Unabbängigkeit zu behaupten. Nach dem Sturze des hohenstauf. Herrscherhauses in Italien sah F.sich genöthigt, Karl von Anjou die Signorie über die Stadt zu verleihen, der hierauf einen Stellvertreter einsehte. Dessenungeachtet hörten die wüthcnden Parteikämpfe der Demokraten und Aristokraten untereinander in F. auch jetzt noch nicht aus, sondern dauerten mit einer Heftigkeit, wie in keiner andern Stabt Italiens, vom >2.— >5. Jahrh., zugleich unter wiederboltcn Kriegen mit den umliegenden Städten, besonders mit Pisa, so lange fort, bis es endlichem durch den Handel reich gewordenen Hause Medici (s. d.) gelang, ein dominirendes Übergewicht über die Republik und später auch über die andern Freistädte Toscanas sich zu erwerben. Cosimo von Medici herrschte noch ohne Titel, nur durch seine Weisheit, und legte den Grund zur Macht seines Hauses und zum Aufblühen aller Künste in Florenz. Unter ihm und seinen Nachkommen wurde die Verfassung der Republik immer mehr oligarchisch. Zwar blieb fortdauernd eine starke demokratische Partei übrig, die einen heftigen, vielfach wechselnden Kampf mit dem Hause Medici führte, doch endigte derselbe durch das Eingreifen Kaiser Karl's V. damit, daß die Republik 153" vernichtet und der Herrschaft Alexander'- von Medici, welcher >531 den herzoglichen Titel von Toscana empfing, unterworfen wurde. Bereits als Republik hatte F. sich die übrigen kuscischen Städte unterworfen, nur die Stadt Siena be- bauptcte ihre Unabhängigkeit noch bis 1557, wo sic sich gleichfalls der Herrschaft der Medici unterwerfen mußte. Zwölf Jahre hernach, im I. 1569, erwarb sich Cosimo I. den großher- zoglichen Titel vom Papste, welche Würde später auch die Bestätigung des Kaisers erhielt. Mit dem Großherzoge Johann Gasto starb 1737 der Mediccische Stamm aus, worauf Toscana, zufolge der Bestimmungen des wiener Friedens von 1735, an den Herzog Franz Stephan von Lothringen, den Gemahl der Maria Theresia, gelangte, als Entschädigung für das Herzogthum Lothringen, das zur Abtretung an Frankreich bestimmt worden war. Dieser neue Großherzog gab dem Lande die Versicherung, daß es nie mit Ostreich unter Einem Regenten vereinigt werden solle. Daher trat Franz Stephan, als er Kaiser und Monarch von Ostreich wurde, das Großherzogthum Toscana an seinen zweiten Sohn Leopold, und dieser wieder, als er 1790 den Kaiserthron bestieg, an seinen zweiten Sohn Ferdinand Joseph ab, der dasselbe bis zum luneviller Frieden 1801 besaß, wo es unter dem Namen Königreich Etrurien (s. d.) dem Erbprinzen von Parma zugetheilt wurde. Im 1. 1807 aber mußte die verwitwete Königin von Etrurien, als Vormünderin ihres unmündigen Sohns, in dessen Namen der Negierung Toscanas, zu Gunsten Napoleon's entsagen, welcher Toscana 1808 dem franz. Staate einvcrleibte. Durch die Beschlüsse des wiener Congresses wurde die alte Herrscherfamilie wieder in den Besitz des Großherzogthums, das übrigens bei dieser Gelegenheit einige Landesvergrößerungcn erhielt, zurückgcbracht, und Toscana (s.d.) mit Florenz bildet seitdem wieder eine Secundogenitur des Hauses Ostreich. Vgl. neben Macchiavelli's „lstorio fiorontine" Dele'cluze, „b'Iorenco et seo vicissitmles" (2 Bde., Par. >837). Floret heißt das rauhe Gcspinnst, womit die Seidenwürmer ihr Gehäuse anfangen, ehe sie ordentliche Fäden ziehen; dasselbe kann nicht mit abgehaspelt, sondern muß gesponnen werden. Die aus dieser Seide gewonnenen Bänder, Zeuge u. s. w. erhalten zugleich durch den Zusah Floretdie Bezeichnung ihrer Art und Gattung. Florez (Henriquc), einer der tüchtigsten span. Geschichts- und Alterthumsforscher, geb. am I -t. pebr. I70l zu Valladolid, machte sich als Mitglied des Augustinerordcns seit 1715 bald so bemerkbar, daß er zum Professor der Theologie an der Universität von Alcalä ernannt wurde. In den I. 1732—38 gab er einen vollständigen Cursus der Theologie in fünf Quartbänden heraus. In der Folge aber legte er sich fast ausschließend auf das Stu» Conv.-Lex. Neunte Aust. V. 22 338 Flore; Cstrada Florian dium der span. Kirchen - und Profangeschichte und der historischen Hülfswissenschaften, be> sonders der Numismatik. Als erste Frucht derselben erschien seine „Olsve lnstorial" (Madc. > 1733; neueste Aufl., 1817), eigentlich nur die Vorarbeit zu der „Lispans sirgrsda, testen I ^evgrsücn-Iiistvrien de Is iz-lesis deLsj>snsetc."(29Bde., Madr. 1737—73, 3.), seinem s Hauptwerke, das von Fr. Manuel NiSco, Fernande;, Merino, Canal u. A. bis auf die Gegenwart fortgesetzt wurde. Als trefflicher Numismatiker bewährte er sich durch seine ,Me- dsllss de Iss cvloniss, mnnicipios ^ Pueblos sntißuos de bispsns" (2 Bde., Madr. 1757 — 58; Supplementband 1773), wodurch er Mitglied der franz. Akademie der Inschriften z, wurde. Seine „lllemoriss de las re^nss cstvlicss, liistoris ^snssld»j-ics I!e:>I de Osstills, z- de I^eon etc." (Madr. 1761; 3. Aust., 2 Bde., 1796, 3.) enthalten, außer den genealogischen und biographischen Nachrichten, interessante Beiträge zur Geschichte des Costums und der Sitten überhaupt. Seine Kenntniß der alten Geographie Spaniens bc- Wies er in der Monographie „I^a Vsntsbris. Disertscion sobre ei sitiv, x extensiv« tpie tuv» en tieinpv de Ivs Rvinsnas, lg re^ivn de Ins <7sntsbros etc." (Madr. 1768, 3.). Obwol von seinem Monarchen und dem Papste Benedict XIV. durch Titel und Ehrenämter ausgezeichnet, lebte F. doch meist in bescheidener Zurückgezogenheit nur seinen Studien und starb zu Madrid am 20. Aug. 1773. Sein für die Wissenschaft so fruchtbares Leben beschrieb F. Mendez, „IXoticis cle lg vids ) escritos de lUear. V." (Madr. 1780). Flore; Estrada (Don Alvaro), unter den neuesten span. Schriftstellern über Na- tionalökonoirüe der bedeutendste, geb. 1760 in Pola de Somiedo in Asturien, studirte zu Oviedo und Valladolid die Rechtswissenschaften. Nachdem er 1808 zum Gencralprocurakor der Provinz Asturien, der höchsten Autorität dieses Fürstenthums, ernannt worden war, wagte er als solcher, der Erste in Spanien, Napoleon öffentlich den Krieg zu erklären. Schon damals trat er auch als politischer Schriftsteller auf, wie z. B. mit einer „Intrnduccinn^ lg bistoris de lg Alleres de lg inde;>endencis", „Vsraleln del clero prntestsnte v del clers^M cstvlico" (8Bde., 3.) und den beidenConstitutionsvorschlägcn, wozu die Nationalregierungs anfgefoderthatte. Ebenso freimüthig wie gegen die Eingriffe Napoleons in die National-? rechte erklärte er sich gegen die des zurückgckehrten Königs Ferdinand VI l. in seiner „Uepie- sentscivn g Vernsndv VII. en ei gno de 1818 ksciendole vor tvdvs 8»s estrsvios", welches Werk fast in alle europ. Sprachen überseht wurde. Während der Reaction von 182» rcdigirte er die zu Cadiz erscheinende Oppositionszcitung „kil l'ribunv del puebl»". Nach - der Restauration mußte auch er >823 auswandcrn und benutzte die Zeit seiner Verbannung in Frankreich zur Ausarbeitung des Werks, wodurch er sich einen europ. Ruf und einen bleibenden Namen in der Wissenschaft erworben hat, nämlich seines Werks über Nationalökonomie: ,,t7nrso de econc>mig;>oliticg" (5. Aust., 1833; franz., von Leon Galibert, 3Bde., Par. 1833). In diesem in der eklektischen Methode abgefaßten Werke folgt er zumeist den von Malthus und Ricardo aufgestellten Grundsätzen; doch enthält es auch vieles Eigen- lbümliche, vorzüglich über die Verthcilung der Steuern und Auflagen. F. hat, einer der ^ Ersten, die unabweisbare Nothwendigkeit darin gezeigt, den Lohn mit der Arbeit in ein bil-M ligeres Verhältniß zu setzen. Ein Auszug daraus erschien unter dem Titel „LIementos deR ecanomis zinlltics" (Madr. 1831). Florian (Jean Pierre Claris de), einer der liebenswürdigsten franz. Schriftsteller, geb. am 6. März 1755 auf dem Schlosse Florian in Languedoc, verlor sehr früh seine Mutter, eine geborene Castilierin, die ihm, so viel dies möglich, sein gebildeter Großvater, welcher Rath an der Rechnungskammer zu Montpellier war, zu ersehen sich bemühte. Die von ' der Natur mit allen Schönheiten ausgestatteten Umgebungen seines Geburtsorts bildeten in ihm einen Natursinn, der den meisten franz. Dichtern mangelt und deshalb in seinen Schriften um so mehr gefällt. Nach dem Tode seines Großvaters kam er in eine Erziehungsanstalt nach dem nahen St.-Hippolyte und dann auf einige Zeit zu Voltaire nach Ferney, mit dem er verwandt war. Da es ihm an Vermögen fehlte, so nahm er 1768 als Page Dienste beim - Herzoge von Penthievre ; schon in diese Zeit fallen seine ersten schriftstellerischen Versuche. Später widmete er sich dem Militair, trat zuerst in das königliche Artilleriecorps und besuchte die Kriegsschule desselben zu Bapaume. Nachdem er diese verlassen, erhielt er eine Reitercompagnie im Regiment Penthievre, welches damals zu Maubeuge in Garnison stand. » I- ch 'S M II- e., w n- er il- le if- lll M lM , )e- lene >d. Florida Florida-Vlanca 339 Hier faßte er eine heftige Leidenschaft für eine Kanonissin und würde sie geheirathet haben, wenn seine Vermögensumstände und sein Vater es erlaubt hätten. Da aber sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen konnte, so nahm er seine Entlassung vom Militair und trat aufs neue als Kammerjunkcr in des Herzogs von Penthievre Dienste. Seit dieser Zeit fing er auch an, sich als Dichter zu versuchen. Er lebte abwechselnd zu Paris und auf den Schlössern, wo er ganz der Dichtkunst und dem Studium der span. Sprache, die er mit besonderer Vorliebe trieb, lebte. Bereits Mitglied mehrer anderer Akademien wurde er 1788 auch in die franz. ausgenommen. In der Schreckensperiode wurde auch er verhaftet, nach dem 9. Thermidor erhielt er seine Freiheit wieder, starb aber am 13. Sept. 1794 zu Sceaux. F. nahm als Mensch die Achtung Aller, die ihn gekannt, mit ins Grab; er war wohlthätig, uneigennützig, ein treuer Freund und von so reiner Gesinnung, wie sie zu jener Zeit in Frankreich nicht häufig gefunden wurde. Von seinen zahlreichen Schriften ist keine ohne Werth, und mehre werden ihn stets behalten. In seiner „Oslutee" (Par. 1784), dem gleichnamigen Gedichte des Cervantes nachgebildet, und in der lieblichen Dichtung „bisteile" (Par. 1788 ) schildert er mit eigenthümlichcr Zartheit das Leben der Hirtenwelt in poetischer Prosa. Durch warmen Ausdruck edler Gefühle ist sein gekröntes Gedicht „Voltaire et Is serf du mnnt äurs" (1782) ausgezeichnet. Seine auf Wunsch des Herzogs von Penthievre geschriebenen „bables" (Par. 1792) stehen nur denen des Lafontaine nach. Seine Lustspiele „I^es deux billets", „I.eKon Menage", „I.e Kon pere", „I.a könne inere", „b.e Kon KIs", „>l^rtil et OKIoe", „äesnnot et Volin", „l.es jumeaux", „I/ens-int d'Vrls^uio perdu et retronve" und „Vrleyuin msitre de maison" sind durch witzige Natürlichkeit und kindliche Heiterkeit ausgezeichnet. Sie wurden zuerst auf einem Liebhaberthcatcr gespielt, und F. übernahm in ihnen meist den Harlekin. Auch seine Nittergeschichten nach span. Originalen, z. B. „Oon- ralve de Onrdoue" (Par. 1791; deutsch von Krug von Nidda, Lpz. 1817), seine „lXouvol- les" (deutsch von Meißner, Lpz. 1786, und von Müchler, Bcrl. 1793) und seine Erzählungen und Märchen stehen in verdienter Achtung. Seinem „lVuma ?ompili»s" schadet die Vergleichung mit Föne'lon's „Velemsyue"; seinen „6»iIIa»ms Veil" schrieb er im Gefängnisse. Seinen „Oeuvres cninpletes" (24 Bde., Par. 1784— 1897 und öfter) schließen sich die „Oeuvres inedites de V." an, herausgegeben von Pixerc'court (Par. 1823). Florida, ein Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika, bestehend aus der südlich in den Mexicanischen Meerbusen bis zum Bahamakanal sich hinziehenden, 70 M. langen und 20—30 M. breiten Halbinsel, die im Westen an Luisiana, im Osten an das Atlantische Meer, im Norden an den Staat Georgien grenzt und von Cuba durch den Bahamakanal getrennt ist, hat einen Flächeninhalt von 2720 lüM. und nach der Zählung von 1840 54200 weiße E. Der Fluß Apalachicola thcilt das Land in Ostflorida mit der Hauptstadt St.-Augustin und Westflorida mit der HauptstadtPensacola. Andere große Flüsse sind der Missisippi, St.-John und St.-Mary. Der bedeutendste See ist der Mayaco, unter den Baien sind besonders zu erwähnen die von Pensacola, Apalache, Espiritu santo, die Carlos - und Chatambai. Die Berge im Innern des Landes hängen mit der apalachi- schen Gebirgskette zusammen. Das Klima ist in den Thälern und Ebenen heiß, aber fast durchgehend gesund; das Land reich an Producten aller Art, vorzüglich aus dem Thier - und Pflanzenreiche. Die Einwohner theilen sich in Eingeborene, die unter ihren eigenen Oberhäuptern stehen, Indianer, Europäer, namentlich Spanier, Franzosen, Engländer und Griechen, welche letztere, durch die Briten, um den Seidenbau zu cultivircn, aus dem griech. ArchipelaguS dorthin versetzt, fast ganz ausgcstorben sind. Im Frieden zu Fontainebleau von 17 62 trat Spanien F., das ihm nie viel eingetragen hatte, bis an den Missisippi an England ab, erhielt es aber im Frieden zu Versailles von 1783 zurück. Zm I. 1819 kam F. an dieVereinigten Staaten (s. d.) und bildet seit 1822 ein eigenes Gebiet derselben mit der Hauptstadt Talahassee. Florlda-Blanca (Don Josefo Monino, Graf von), Premierminister unter König Karl III. von Spanien, ein Mann von großen Talenten, geb. 1728 zu Murcia, wo sein Vater, Monino, Notar war, studirte zu Salamanca und zeichnete sich bald so aus, daß ihm der wichtige Posten eines Gesandten bei Clemens XIV. anvertraut wurde, wo er in sehr 22 * 240 Floris Florus schwieriger Lage viel Geschicklichkeit bewährte, so namentlich bei der Aufhebung des Jesuitenordens und bei der Wahl Pius' Vl. Als Kart lll. sich genöthigt sah, seinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Grimaldi, zu entlassen und von ihm die Wahl eines Nachfolgers verlangte, schlug dieser Monino vor, der hierauf zum Grafen von Florida-Blanca ernannt wurde und neben seiner Ministerstclle noch das Departement der Gnaden- und Ju- stizsachcn und die Oberaufsicht über die Posten, Heerstraßen und öffentlichen Magazine in Spanien erhielt, sodaß sein Ansehen fast uneingeschränkt war. Er legte Diligencen und gute Poststraßen an, richtete auf die wichtigsten Zweige der allgemeinen Policei seine Sorgfalt, besonders in der Hauptstadt, verschönerte diese und zeigte sich allenthalben als einen thätigen Beförderer der Künste und Wissenschaften. Das gute Vernehmen zwischen dem span, und portug. Hofe suchte er 1783 durch eine Doppelheirath zu befestigen, doch wurde seine Absicht, einem span. Prinzen die Thronfolge in Portugal zu verschaffen, nicht erreicht. Die kriegerischen Unternehmungen, zu welchen er seinen Monarchen bewog, der Angriff von Algier im I. >777 und die Belagerung von Gibraltar im I. >782 hatten einen nachtheili- gen Ausgang. Kurz vor dem Tode Karl's III., imOct. 1788, verlangte F. seine Entlassung und legte dem Könige eine Rechtfertigung seiner Verwaltung vor. Der König billigte dieselbe und verweigerte die Entlassung. Allein unter Karl IV. gelang cs F.'s Feinden, namentlich dem Herzoge von Alcudia auch ihn l 792 zu stürzen. Er wurde in die Citadelle zu Pampelona gebracht, nach einiger Zeit aber freigelassen und auf seine Güter verwiesen. Im I. 1808 erschien er in der Cortesversammlung und starb am 2V. Nov. 1808. Zum Nachfolger in dem Ministerium hatte er den Grafen Aranda (s. d.). Floris (Franz), ein brabantischec Maler, von seinen Zeitgenossen der niederländ. Rafael genannt, hieß eigentlich de Vriendt. Geb. zu Antwerpen >520 und ursprünglich zur Bildhauerei bestimmt, schloß er sich erst in seinem 20. Jahre der Malerschule des Lambert Lombard an und besuchte später Italien, w» die Werke Michel Angelo's und die Antiken seine Muster wurden. Nach Antwerpen zurückgekehrt, gründete er eine Schule von nicht weniger als >20 Schülern, welche seine Darsiellungsweise für lange Zeit zur herrschenden machten. Er rühmte sich, der stärkste Säufer von ganz Brabant zu sein und wagte darauf die unsinnigsten Wetten. Trotz seiner Umnäßigkeit schuf er aber unzählige Bilder, sodaß jede größere Galerie Werke von ihm besitzt; die zu Antwerpen enthält sein Hauptbild, den Sturz der bösen Engel. F. starb zu Antwerpen >570. Schon sein Lehrer Lombard schwankte zwischen Veralten niederländ.Kunstweise und derber röm.Schule; F.wandte sich entschieden der letztem zu. Aber die alte Befangenheit in Zeichnung, Comvosition und Farbe hing ihm noch immer an, während er die Innigkeit und die Macht der Charakteristik seiner niederländ. Vorgänger gegen die Äußerlichkeiten der röm. Schule aufgab. Von Rafael und Michel Angel» hat er sich wenig angeeignet; sein Pathos ist durchweg hohl und erlogen; seine Com- posilionen sind eine Sammlung bloßer Actstudien, ohne geistige Kraft und Charakter, aber bei aller Leerheit doch voll Prätension. Was er bisweilen im Trünke gemalt hatte, bestaunte er nachher als Eingebung; man würde aber irren, wenn man daraus schlösse, er habe ein seurigsinnliches Leben darzustcllcn vermocht. Er bewegte sich mit Vorliebe in mythologischen Gegenständen und malte z. B. die zwölf Arbeiten des Hercules. Eins seiner interessantesten Werke ist sein Entwurf zu den Triumphbogen für den Einzug Karl's V. und Philipp s >1. in Antwerpen. Von seinen Schülern haben ihn mehre durch eifrigeres Eingehen auf Wahrheit und Reinheit der Form weit übertroffen, so Franz Frank der Ältere, Franz Pourbus und Martin de Vos. — Sein Bruder, CorneliusF., war Baumeister; von ihm ist das Nathhaus in Antwerpen. Florus (Lucius Annäus), ein röm. Geschichtschreiber, dessen Zeitalter und Vaterland völlig ungewiß ist, obgleich man ihn gewöhnlich in das 2. Jahrh. n. Chr. versetzt und aus Gallien oder Spanien abstammen läßt. Er verfaßte aus den frühem Geschichtswerkcn eine „Lpitunx! rerum rom." oder einen gedrängten Abriß der röm. Geschichte von der Gründung Noms bis zur ersten Schließung des Janustempcls unter Augustus in vier Büchern, der aber wegen seiner gesuchten und dichterischen Darstellung, sowie wegen der öftem Verstöße gegen die Geographie und Chronologie mehrfachem Tadel unterliegt. Auch schreibt man ihm die kurzen Inhaltsangaben der verlorenen Bücher des Livius zu, obwol ohne hinrei- 341 Flöße Flöte chenden Grund. Dir von Titze in der Schrift „Oe epitomes rer. rom. vero suctvre etc." (Linz > 80-1) ausgestellte Ansicht, daß die „Lpitoms" des F. dem Augusteischen Zeitalter angehöre, an mehren Stellen aber interpolirt auf uns gekommen sei, hat großen Widerspruch gefunden. Außer der ersten Ausgabe (Par. 1170, 1.) erwähnen wir die von Grave (Utr. 1080), Duker (2Bde., Leyd. 1711; vermehrter Abdruck, 2Bde., Lpz. 1832), Fischer (Lpz. 1760) und Titze (Prag 1810), unter den deutschen Übersetzungen die von Schallgrubcr (Wien 1805). Dgl. Gossrau, „Oe klori qua vixerit aetste" (Quedlinb. 1837). Flöße nennt man im Allgemeinen eine Anstalt, welche denZweck hat, Holz aus einer holzrcichen Gegend nach einer holzarmen auf dem fließenden Wasser in Scheiten zu schwemmen. Insbesondere aber versteht man unter Flöße flache Fahrzeuge aus Baumstämmen von verschiedenen Holzarten zusammengesetzt, mit einem Boden von trockenen Fichten- oder Tannenstämmcn, weil sie außerdem nicht schwimmen, und dazu bestimmt, die Stämme, aus denen sic zusammengesetzt sind, zu Wasser fortzuführcn. Die größten Fahrzeuge solcher Art sind die großen Holländerflöße auf dem Rhein, die aus den vom obcrn Rhein, dem Neckar, dem Main und der Mosel kommenden kleinern Flößen zusammengesetzt werden. Die Hauptbauplätze hierzu sind bei Manheim, am äußersten Ende des Neckar, kurz vor seiner Mündung in den Rhein, zu Kassel, einem Mainz gegenüber gelegenen nassauischen Städtchen, beim Einfluß des Mai,, j„ den Rhein, oder unterhalb der Stadt an dem sogcnannnten Gartenfclde, und zwischen Andernach und Unkel am Rhein. Für die kleinern Flöße liefern die Waldungen des Fichtclgebirgs und die Provinzen Bamberg, Würzburg und Baireuth das erfodcrlichc Holz. Der Schwarzwald in Würtcmberg und Baden gibt hauptsächlich die Materialien zur Erbauung der kleinen Flöße, die von der Nagold und Enz in den Neckar und von der Kinzig oder Murg auf den Rhein gebracht und vorzüglich zu Manheim in große Flöße vereinigt werden. Für die Flöße der Enz und Nagold sind Pforzheim und Jaxt- hauscn die Stapelplätze, wo gewöhnlich durch Aneinanderfügung dreier derselben breitere Flöße gemacht werden, die man Thalflößc nennt und den Neckar herab bis Manheim schwimmen läßt, um da zur Erbauung der Holländerflöße zu dienen. Die Waldungen zunächst der Mosel sind die Holzmagazine für die kleinen auf diesem Strome herabkommcnden, aus Kiefern und Fichten zusammengesetzten, sogenannten Mari ne flöße, die auf dem Bauplatze zu Andernach in eigentliche Holländerflöße verwandelt werden. Die Flößerei auf den kleinen Ncbcnströmcn, der Sieg, Ruhr und Lippe, ist im Verhältnis zum Ganzen nur unbedeutend. Die stärkste ist in der Regel die vom Obcrrhein und dem Neckar. Das Flößrecht gehört zu den Regalien; doch kann das Flößen auf Flüssen, wo Schiffahrtsfreiheit stattsindct, auf Ansuchen nicht verweigert werden. Insofern die Flöße nicht zum Verkauf der Hölzer, aus welchen sic zusammengesetzt sind, sondern vielmehr zur Verführung leichter Waaren auf Flüssen dienen, sind sie uralten Ursprungs und haben viele Ähnlichkeit mit den ersten Fahrzeugen der Alten, wie sie denn die Araber schon auf dem Euphrat gebrauchten. In China gibt cs ganze Dörfer, die auf Flößen von starkem Bambusried erbaut sind und auf den Flüssen umherschwimmen, und in Ägypten gebraucht man auf dem Nil Flöße, die aus einer Menge von Töpfen zusammengesetzt und mit leichten Bietern belegt sind. Flöte (ital. Santo, ftanz. tlüte), ein Blasinstrument, meist von Buxbaum- oder Ebenholz, mit sechs Tonlöchern und einer bis acht Klappen. Die jetzt allein noch übliche Querflöte (Santo travei^n) besteht aus einer aus vier Stöcken zusammengesetzten Röhre. Die Intonation geschieht durch die Brechung des quer über das Mundloch geleiteten Luftstroms, während die jetzt veraltete Schnabelflöte, auch Plock- oder Kronflöte oder Flö- dusc (llüte üvuce, üütc a i»ec) genannt, durch ein schnabelförmiges Mundstück mit einem Kerne in der Richtung der Röhre angeblasen wurde. Von den verschiedenen Größen, in denen die Querflöte sonst vorkam, sind jetzt vorzugsweise noch folgende üblich: die gewöhn- lsche 0-Fliüe, deren tiefster Ton, sonst <1, jetzt durch Verlängerung des untersten Theils (Fußes -6-Fuß, Il-Fuß u. s. w.) c oder ü, sogar a zu sein pflegt, dann die eine Terzie höher stehende L'-Flöte, die Octavflöte oder Pickolflötc (Santo piccolo) und die eine kleine None höher als die O-Fläte stehende Ls-Pickolflöle. — In der Orgel führen mehre Stimmen den allgemeinen Gattungsnamen Flöte. Außer der die beschriebenen Instrumente nachahmcn- dcn Quer - und Plockflötc sind die üblichsten die Hohl-, Spitz-, Rohr- und Schweizerflöte, 342 Flott Flüe Flott heißt in der Schiffersprache so viel als auf dem Wasser schwimmend. Ein Schiff, das zur Zeit der Ebbe auf den Grund geräth, wird flott, sobald es die Flut wieder l hebt. Ein zur Zeit der Flut festgefahrenes Schiff künstlich wieder flott zu machen, ist meist sehr schwer, oft unmöglich. Flotte nennt man eine zu einem bestimmten Zwecke versammelte Anzahl von Schis, ftn, die von einem gemeinschaftlichen Befehlshaber, einem Admiral, Vice-oder Contread- miral, Commodorc u. s. w., geführt werden. Ihrer Bestimmung nach gibt cs Kriegs - und Handels - oder Kauffahrteiflotten, welche letztere gewöhnlich von einer Anzahl Kriegsschiffe begleitet und beschützt werden. Eine taktische Bildung erhielten die Kriegsflotten seit dem ^ Ende des 15. Jahrh.; später entwickelte sich eine förmliche Seetaktik, welche besonders durch ' die Engländer und Franzosen ausgebildet wurde. Außer den großen Seemächten haben die ^ Vcnctianer und Genueser in der Periode ihrer Blüte bedeutende und berühmte Kriegsflotten ! gehabt, die sie theils zur Beschießung ihres Handels, theils zu Eroberungen gebrauchten. Selbst die deutsche Hansa hatte im I 5. und 16. Jahrh. Kriegsflotten zum Schutz ihres Handels ausgerüstet, und ihrem Beispiel folgte Portugal. Zu den berühmten ältern Flotten gehört die des span. Feldherrn Eonsalvo di Cordova (1500), aus 51 Kriegsschiffen und einer Menge von Galeeren u. s. w. bestehend, mit 1300 Rittern und -1000 M. Landungstruppen am Bord; ferner die Flotte unter Don Juan von Austria (I .',71), aus 351 größer» und kleinern Schiffen mit 26000 Bewaffneten am Bord, und die des unglücklichen Ausgangs ihres Unternehmens wegen bcrühmtgewordcne Armada (s.d.) des Königs Phi- lipp's II. von Spanien. Unter den neuern Flotten sind die beiden zu Toulon ausgerüsteten zu bemerken, die eine (1798) aus 21 Kriegsschiffen bestehend, mit welcher Bonaparte nach Ägypten segelte; die andere (1830) unter dem General Bourmont zur Eroberung von Algier, welche 86 Kriegsscgel- und 7 Dampfschiffe zählte; endlich die Flotte von Navarin .1827). Eine wirkliche Kriegsflotte muß aus mindestens l 8 Kriegsschiffen bestehen, wo nicht, so wird sie Flotille, auch wol Escadrc oder Geschwader genannt. ^ Flötze und FlöHgcbirge, s. Geologie. Flüe (Nikolaus von der), der Heilige, als Einsiedler unter dem Namen Bruder ' Klaus bekannt, wurde IiI7 im Dorfe Saxeln des Cantons Unterwalden ob dem Walde geboren, wo er früher mit seinen Altern, dann mit seinen Kindern ein Gut bewirthschaftcte. Auf verschiedenen Kriegszügen, denen er beiwohnte, zeigte er sich ebenso menschlich als tapfer und führte ein durchaus unbescholtenes Leben. Später zum Landrath des Cantons erwählt, bewies er eine eigene Geschicklichkeit, alle Angelegenheiten schnell und gut zu Ende zu bringen. Die Würde eines Landammans, welche man ihm antrug, schlug er aus. Von Jugend auf zum beschaulichen Leben geneigt, dabei enthaltsam und streng gegen sich selbst, faßte er, nachdem er fünfzig Jahre hindurch alle Pflichten als Staatsbürger treu erfüllt hatte und Vater von zehn lebenden Kindern geworden war, mit Zustimmung seines Weibes den Entschluß, Einsiedler zu werden, und wählte zu seinem Aufenthalt eine Wildniß unweit seines Geburtsorts. Hier brachte er seine Zeit in Gebet und frommen Betrachtungen zu. Seinen Ruf vermehrte die Sage, daß er ohne alle Nahrung lebe und sich blos durch das Abendmahl stärke, welches er alle Monate genieße. Zu ihm, dem erfahrenen, hellsehendcn ^ Manne, wallfahrtete von nahen und fernen Orten, wer Rath und Trost bedurfte. Bald wurde er selbst der Netter des ganzen Vaterlandes. Unter den acht Cantonen, welche damals die ^ Eidgenossenschaft ausmachten, war Eifersucht undMistraucn entstanden. Man argwöhnte, 1 daß die Beute der vor kurzem bei Nancy erschlagenen Burgunder nicht gleich getheilt worden; die größern aristokratischen Städte hielten zusammen und wollten Freiburg und Solothurn in ihren Bund aufnehmen, welchem Vorschläge die kleinern demokratischen Cantone sich widersetzten. Auf einer 1181 zu Stanz, dem Hauptorte des Cantons Unterwalden, zur Berathung über diese Angelegenheiten gehaltenen Tagsatzung erhitzte sich der Partcigeist in so hohem Grade, daß eine Trennung des Bundes zu fürchten stand. Da erschien plötzlich, durch einen Freund dazu aufgefvdert, Bruder Klaus in der Versammlung der Abgeordneten. Das große Ansehen des Mannes, seine hohe, edle Gestalt, seine herzliche, aber kräftige Rede, in welcher er die Gefahren der bevorstehenden Trennung schilderte und zur Einigkeit ermahnte, ergriff die Versammlung so sehr, daß augenblicklich ein in der Schweizergcschichtr 343 Flügel Flüge! (Gust. Lebe.) berühmtes Grundgesetz, das Verkommniß zu Stanz, am 22. Dcc. 1481 beschlossen und ab- gefaßt wurde; alle bisherige Streitigkeiten wurden beigelegt, Freiburg und Solothurn in den Bund ausgenommen, und die Freiheit der Schweizer war gerettet. Unter den Segnungen seiner Mitbürger kehrte Bruder Klaus, nach vollbrachtem Werke, in seine Einsamkeit zurück, wo er fortfuhr, Tugend und Weisheit zu lehren, bis er am 22. Mai >487 starb. Ganz Unterwalden begleitete seine Leiche zur Grabstätte, alle Eidgenossen betrauerten ihn; fremde Fürsten ehrten noch nach dem Tode sein Andenken, und Papst Clemens X. versetzte ihn 167 > unter die Zahl der Heiligen. Flügel heißen in der Architektur diejenigen Theilc eines Bauwerks, welche mit dem Haupttheile desselben unter irgend einem Winkel verbunden, integrirendc Theile desselben bilden. Uneigentlich nennt man aber auch bei einem sehr langen Gebäude die beiden nächst der Mitte desselben gelegenen Theilc der Hauptfrontc Flügel derselben. Springen die Flügel eines Gebäudes vor oder hinter demselben nicht um eine volle Fensterbreite vor, so nennt man sie Nisalote. In der Kriegsbaukunst ist Flügel mit Flanke (s. d.) gleichbedeutend. In der Wasserbaukunst versteht man unter Flügel oder Flügclmauern, Bollwerke oder Mauern, welche zum Schutze irgend einer Wand, z. B. einer Schleusenwand, eines Brückenpfeilers, gegen den Seitcndruck des Wassers errichtet werden. Flügclgrä- b en nennt man die seitwärts der Hauptkanälc'ciiicsBcwässerungssystcms abgchenden Gräben, welche den Hauptkanälen das Wasser zu- oder ablciten. — In der Kriegssprache versteht man unter Flügel im Allgemeinen die beiden Enden einer jeden in Front aufgestellten Truppe, sie mag klein oder groß sein. Größere Heersthcilc werden in eine Mitte oder das Centrum und zwei Flügel gctheilt. Friedrich II. theilte zuweilen seine Schlachtordnung überhaupt in zwei Flügel ohne eine besondere Mitte, sodaß die eine Hälfte den rechten, die andere den linken Flügel bildete. Zur Beaufsichtigung dieser Hälften stellte er besondere vertraute Offiziere aus seiner Umgebung an, wovon die Charge eines Flügeladjutanten sich herschreibt, die noch jetzt, wenn auch nur dem Namen nach, in vielen Armeen cxistirt. Da cs damals Sitte war, die Reiterei auf die Flügel und das Fußvolk in die Mitte zu stellen, so entstand daraus der Name Reitcrflüge-l. In einigen Armeen werden noch jetzt dicCava- leriercgimenter in zwei Abtheilungen gctheilt, welche Flügel heißen ; auch werden die auf den Flügeln einer Abtheilung stehenden Chargen Flügcloffi ziere oder Flügel Unteroffiziere genannt; die Rotten daselbst heißen Flügelrokten, bei der Cavaleric sogar die äußersten Pferde Flügelpferde. — In der Musik bezeichnet man gegenwärtig mit Flügel ein Pianoforte (s. d.) in Gestalt eines Vogelflügels. Ein ganz anderes Instrument war der bis gegen das Ende des l 8. Jahrh. übliche Flügel, dessen Seiten nicht durch Hämmer angeschlagen, sondern durch Rabenkiele gerissen wurden. Die erste Idee dazu scheint das Cym- bal oder Hackebrct gegeben zu haben, wie auch der ital. Name Olsvicemlmlo andeutet. Flügel (Gust. Lebr.), Professor an der Landesschule zu St.-Afra in Meißen, geb. am >8. Fe'br. >862 zu Bautzen, erhielt auf dem dasigen Gymttasium und seit l 821 auf der Universität zu Leipzig, wo"er Theologie studirte, seine wissenschaftliche Bildung. Schon auf der Schule mit Vorliebe dem Studium des Hebräischen und der übrigen semitischen Sprachen zugethan, gab er sofort, nachdem er die Zusicherung einer Unterstützung aus der Staatskasse erhalten hatte, seine Stelle als Hauslehrer auf und ging im Frühjahre 1827 nach Wien, wo Hammer-Purgstall sein Lehrer wurde, auf dessen Veranlassung er die arab. Anthologie des Thaälibi unter dem Titel „Der vertraute Gefährte des Einsamen in schlagfertigen Gegenreden" mit deutscher Übersetzung (Wien 1829) hcrausgab. Durch neue Unterstützung dazu in den Stand gesetzt, durchreiste er Ungarn, Steiermark und fast ganz Deutschland und ging dann nach Paris, wo er seine oriental. Studien unter Sacy's Leitung fortsetzte. Nach seiner Rückkehr erhielt er im März 1832 eine Professur an der Landesschulc in Meißen. Seine bedeutendste schriftstellerische Arbeit ist die auf Kosten der londoner Oriental translation Committee veranstaltete Ausgabe des großen encyklopädisch.bibliographischen Wörterbuchs des Hadschi-Chalfa mit lat. Übersetzung und Commentar, wovon bis jetzt drei Bände (1835—44, 4.) erschienen sind. Außerdem lieferte er eine „Geschichte der Araber" (2 Bdchn., Dresd. und Lpz. 1832 — 38); auch besorgte er für Tauchniß in Leipzig hie Flügel (Zoh. Gottfr.) Flußgötter Stercotyxausgabe des Koran nach eigener Tcxtrecension sl834, 4.), wovon bereits drei Abdrücke erschienen sind. Flügel (Joh. Gottfr.), einer der vorzüglichsten engl. Lexikographen, geb. zu Barby 1788, lernte ursprünglich als Kaufmann und arbeitrte auf Comptoiren mehrer Haupt- Handelsplätze Deutschlands, bis er nach Nordamerika ging, wo er hauptsächlich mit dem Studium der engl. Sprache sich beschäftigte. Nach seiner Rückkehr nach Europa im J. 181g wählte er Leipzig zu seinem Aufenthaltsorte, wo er 1824 Lector der engl. Sprache ander Universität und 1838 ihm das Consulat der Vereinigten Staaten von Nordamerika übertragen wurde. Neben seiner „Vollständigen engl. Sprachlehre" (2 Bde., Lpz. 1824—26) sind besonders sein „Vollständiges engl.-deulsches Wörterbuch" (2. Aust., Lpz. 1838), dem das „Deutsch-cngl. Wörterbuch" von Sporschil als zweiter Theil hinzugefügt wurde; die „Triglokte, oder kaufmännisches Wörterbuch in drei Sprachen: Dcutsch-Englisch-Franzö- sisch" (3 Bde., Lpz. 1836—40), welches die technischen Ausdrücke des Handels, der Manu- factur, der Schiffahrt und der Rechte enthält; sein „Kleines kaufmännisches Handwörterbuch in drei Sprachen: Deutsch-Engkisch-Französisch" (3 Bde., Lpz. 1840), die gebräuchlichsten Ausdrücke des Handels enthaltend, und sein „Handbuch der engl. Handelskorrespondenz" (Abth. I, 4. Aust., Lpz. 1843; 2. Abth., Lpz. > 834) zu erwähnen. Flugsand nennt man die pulverförmige Sandart, welche im trockenen Zustande leicht erregbar vom Winde fortgcführt wird. Der Flugsand findet sich in Gegenden, die vorherrschend sandig sind, namentlich am Strande des Meers (s. Dünen) und großer Flüsse in der Richtung der herrschenden Winde. Flurbuch, s. Kataster. Fluß wird zwar im gewöhnlichen Sprachgebrauchs von Strom oft nicht unterschieden, aber bei strengerer Scheidung nennt man Fluß ein aus dem Zusammcnströmen mehrer Bäche entstandenes, fließendes Wasser, während man unter Strom (s. d.) einen großen Fluß versteht, der sich unmittelbar ins Meer ergießt. Einen Nebenfluß oder Seilcn- fluß nennt man den, dessen Gewässer sich in einen größern Fluß ergießt; Küstenflüsse strömen nach kurzem Laufe ins Meer; Steppenflüssc verlieren sich im Sande, in der Erde oder in einem See, ohne sichtbaren Abfluß. Die Geschwindigkeit der Flüsse hängt nicht blos von der Abhängigkeit des Bodens oder dem Gefälle, sondern ebenso sehr von der Wassermenge oder dem Drucke des Wassers ab und ist demgemäß sehr verschieden. Hieraus ist es zu erklären, wenn z. B. der Rhein bei einem viel abhängigem Flußbette langsamer fließt als die Donau. Die Menge des Wassers, welches die Flüsse dem Meere zusührcn, grenzt ans Unglaubliche; so hat man berechnet, daß z. B. die Wolga in einer Stunde über 1000 Will. Cubikfuß Wasser ins Kaspische Meer gießt. In Europa hat den größten Stromlauf die Donau, nämlich 406 M., in Asien der Hoang-Ho mit 607 und der Pang- tse-kiang mit 690 M., in Afrika der Nil mit 602 M. und in Amerika der Amazonenfluß mit 780 M. — Zn der Chemie, Probirkunst und Hüttenkunde versteht man unter Fluß oder Zuschlag eine salzige Beimischung, z. B. von Salpeter, Borax, Weinstein, Pottasche, Soda, Flußspath u. s. w., durch welche die Schmelzung der Erze befördert wird. Flußgebiet heißen alle die Länderstrecken zusammcngenommen, deren Gewässer in einen Hauptfluß sich vereinigen, bis dahin, wo derselbe mündet, oder derjenige Raum, welcher durch den Quellenbezirk und den Fluß wie Peripherie und Centrum zu einem und demselben Ganzen gehört. Flußsystem nennt man die sämmtlichen Quellen, Bäche, Seiten- und Nebenflüsse mit dem Hauptstrom oder die feste flüssige Form, in ihrer gegenseitigen Bedingung als Einheit gedacht. Das Flußgebiet beträgt bei großen Flüssen oft mehre tausend Quadratmeilen; doch liegen die Quellen verschiedener Flußgebiete zuweilen sehr nahe beieinander, wie dies auf dem Fichtelgebirge mit den Quellen des Main, der Nab, der Egcr und der Saale der Fall ist, von denen die erste zum Rhein-, die andere zum Donau-, die beiden letzten zum Elbflußgebiete gehören. Flußgötter, nach der Mythe Söhne des Oceanus, hießen die Beschützer der Flüsse oder vielmehr die als Götter persvnisicirtcn Flüsse selbst. Sie werden je nach der physischen Größe und der poetischen Würde des Stroms bald als Greise, bald als Jünglinge mit Urnen Füllhorn, Schilf abgebildct. An diese rein menschliche Bildung reiht sich, besonders in der 315 Flußpferd Föhr altern Zeit, die Stiergestalt an, theils durch bloße Hörner, wie bei dem Achelous, theils durch einen Stierleib mit Menschcnkopf, wie dies bei demselben Flusse der Fall ist, theils durch völlige Stierbildung, wie bei dem Kephissus. Die Bildung und Attribute wurden durch die Natur des Landes, durch die Schicksale des Volks, welches an dem Flusse wohnte, genauer bestimmt; so ;. B. bei der Statue des Tiberis, den die Wölfin mit den Kindern bezeichnet, und des Nil, den die Dämonen der Nilübcrschwemmung nach ihren 16 Graden umspielen. Flußpferd, s. Nilpferd. Flußspath ist ein Mineral, welches weiß, grau, blau, grün, gelb und roth sehr häufig auf Gängen und Lagern als Begleiter verschiedener wichtiger Metallgebilde vorkommt und beim Schmelzen der Erze und beim Probircn der Eisensteine als Fluß, desgleichen bei der Glas- und Porzcllanfabrikation gebraucht wird. Auch fertigt man daraus besonders in der engl. Grafschaft Derby Vasen, Leuchter, Becher u. s. w. Die dem Mineral cigenthümlichc, darin mit Kalk verbundene Säure, die Flußsäurc, wird beim Atzen des Glases angcwen- dct; sie entwickelt sich in Gasgcstalt, wenn man Flußspath mit Schwefelsäure erhitzt. Man betrachtet sie als die Verbindung eines noch nicht isolirten Elements (Fluor) mit Wasserstoff, analog der Salzsäure. Sie läßt sich nur in Gefäße von Blei oder Flußspath aufbc- wahrcn, da sie Glas, Porzellan und die meisten Metalle durchfrißt. Flüssigkeit ist derFcstigkcit (s. d.) entgegengesetzt und unterscheidet sich von letzterer hauptsächlich dadurch, daß in einem flüssigen Körper die Theilchen durch die kleinste Kraft gegeneinander verschiebbar sind, während feste Körper dieser Verschiebung einen Widerstand entgegensetzen. Man unterscheidet tropfbare Flüssigkeiten, wie Wasser, Weingeist u. s. w., und elastische Flüssigkeiten, worunter man die Gase versteht, in denen durch die größere Quantität Wärmestoff, die sie enthalten, eine gegenseitige Abstoßung der Theilchen hcrvorgeruftn wird, welche bewirkt, daß sic sich nach allen Richtungen auszudehnen streben. Flut, s. Ebbe. Fo, s. Buddha. Focus, eigentlich so viel wie Herd, bezeichnet den Brennpunkt (s. d.) und im Theater einen für einzelne Stände abgesonderten Platz. Föderation und Föderativstaat, s- Bundesstaat. Foe (Daniel de), s. Defoe. Fohi, der berühmteste chines. Heros, ist eines jener halbmythischen Wesen, die vielleicht gelebt haben mögen, deren Zeit sich jedoch nicht bestimmt angcben läßt (nach den Angaben der Chinesen zwischen 3468—2952), und auf welche die Sage alle die Attribute häuft, die die Idee, welche sie ihnen zu Grunde legt, zu versinnlichen vermögen. So werden F.vor Allem ein übernatürlicher Ursprung und eine übernatürliche Gestalt zugcschricben und tausend wunderbare Dinge von ihm erzählt. Seine Regierung folgte auf die Herrschaft des Himmels. Er ist der Erfinder der Künste und Wissenschaften und der erste Gesetzgeber der menschlichen Gesellschaft. So erfand er die Waffen, das Saitenspiel, die Regeln der Musik und die Buchstabenschrift, und von ihm soll das U-king (s.ChincsischcLiteratur) zuerst geschrieben worden sein. Er führte ferner die Ehe ein und die Darbringung von Opfern für die Geister des Himmels und der Erde, theilte den Himmel in Grade, fand die noch bei den Chinesen bestehende cyklische Periode von 69 Jahren und verfertigte zuerst einen Kalender; er regelte den Lauf der Gewässer, umgab die Städte mit Mauern und lehrte die Menschen die Gewerbe. Das Wichtigste aber war, daß er zuerst eine Negierung begründete, indem er öffentliche Beamte mit der Verwaltung des Landes und der Lenkung des Volks beauftragte und eine Ordnung unter ihnen feststellte. Föhn oder Föhnwind heißt der in der Schweiz, namentlich im Canton Uri wehende Wind, anfangs gewöhnlich ein Nordwind, der aber bald in Südwind überspringt und bei den Thieren eine gewisse Unruhe, bei den Menschen Abgespanntheit und den zuweilen epidemischen Alpenstich (s. d.) erzeugt. Föhr oderFöhrdc, eine der größer» Insel in der Nordsee an der schleswigschen Küste von l'/z OM., mit ungefähr 5990 E., zerfällt inW esterlan d fö hr, das zu Jütland und Osterland.föhr, das zum Hcrzogthum Schleswig gehört. Die Bewohner sind meist Friesen, die ihre eigenthümliche Tracht bewahrt haben; sie treiben Fisch- und Vogelfang 1 d 316 Föhrenbach Foix ^ sowie Schiffahrt und führen namentlich sehr viel Vögel aus, die zuvor in Essig gekocht werden; ferner Käse und Slrumpfwaaren. Der Hauptort ist der fast ganz nach Holland. Art gebaute Flecken Wyk, mit 700 E., einem guten Hafen, der 1806 angelegt, und dem ^ Wilhclmincnbad, das >819 eingerichtet wurde. Eine Verbindung zwischen F. und Kuxha> ^ fen mittels Dampfschiffahrt besteht seit 1833. Vgl. Warnstedt, „Die Insel F. und das Wilhelminen-Secbad" (Schlesw. 182-1). Föhrenbach (Mathias), ein namentlich um Baden verdienter deutscher Mann, get. 1767 zu Sigelau bei Freiburg im Breisgau, der Sohn eines Landmanns, widmete sich in Freiburg der Rechtswissenschaft, nachdem er im Benedictinerstifte zu Villingen und auf dem ' frciburgcr Gymnasium seine Vorbereitung zur Universität vollendet hatte. Seine praktische Laufbahn begann er als Syndikus zu Waldshut; im I. >803 wurde er Rath bei dem sogenannten Collegium der Landrcchte in Freiburg und Mitglied des ständischen Ausschusses der breisgauer Stände, und nach der Vereinigung des Brcisgau mit Baden als Oberamtmann, mit dem Charakter als Hofrath, zum Vorstande des Oberamts Waldshut ernannt Nach Einführung der bad. Verfassung zum Abgeordneten gewählt, gehörte er auf dem Land tage von l8I0 und 1820 zu den gemäßigt liberalen Mitgliedern der Volkskammer. Uw diese Zeit wurde er als Rath an das Oberhofgericht in Manheim versetzt. Im I. >822 lei- tete er als Präsident der Volkskammer die siebenmonatlichen Verhandlungen des in völligem Zerwürfniß mit der Negierung geschloffenen Landtags. Auch auf dem Landtage von 1825 gehörte er zu den wenigen Mitgliedern einer muthvollen und beredten Opposition; doch legte er nach dem Schluffe des Landtags seine Würde nieder und wohnte der Versamm- lung von l828 nicht mehr bei. Als 1830 ein neues constitutionelles Leben erwachte und F. einstimmig zum Abgeordneten von Manheim ernannt worden war, erwarb er sich als Präsident der zweiten Kammer im I. >832 neue Verdienste. Nach Zurücknahme des Preßgi- sctzcs und nach Aufhebung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens sogar für die schon früher anhängigen Preßprocessc, trat F. bei seinem Gerichtshöfe kräftig, aber vergeblich gc- ! gen die rückwirkende Kraft dieser Verordnung auf; doch seit dem I. >835, in der Schwäche des höhern Alters, schloß er sich den Ministeriellen an. Später aus dem Staatsdienste zu- rückgetretcn, starb er zu Baden-Baden am 21. Oct. >831. Foix , ein altes franz. Grafengeschlecht, das vom Lande Foix im Arriegedcpartemcu! den Namen empfing. Roger F. erbte von seinem Vater Bcrnard, dem jüngcrn Sohne des Grafen Roger's l. von Carcaffonnc, einen Theil des Landes und nahm in der Mitte des > I. Jahrh., nachdem er durch Erbschaft noch das Übrige vereinigt, den Grafentitcl an, der nach dem Erstgeburtsrechtc forterbte. —Raymond Bern ardF., ein großer Krieger seiner Zeit, begleitete >190 König Philipp August nach Palästina. Dennoch wurde er nachher der Ketzerei beschuldigt, worauf der Graf Montfort (s. Albigenser) sich in den Besitz seiner Güter setzte. Gegen die Bedrückungen im Bunde mit dem Grafen von Toulouse kämpfend, fiel er >223 nach der Einnahme von Mirepoix. — Sein Sohn, Roger BernardF., setzte anfangs den Krieg fort, unterwarf sich mehrmals dem Papste mit großen Opfern, wurde aber 1237 nochmals in den Bann gethan und starb >230 als Büßender.— ' Gaston ll. F., ein tüchtiger Charakter, stand der Krone Frankreich in den Kriegen mit den ! Engländern ausdauernd bei und erhielt dafür einen Theil der Grafschaft Lautrec. Er fiel ^ >333 bei der Belagerung von Algesiras, wo er Alfons XI. von Castilien gegen die Mauren unterstützte. — Gaston lll. F., des Vorigen Sohn, seiner Schönheit wegen Phöbus genannt, prachtlicbend und kriegerisch, unterstützte den König im Streite gegen die Engländer und wurde dafür Gouverneur von Languedoc und Gascogne. Seine Gemahlin Agnes, die Tochter König Phittpp's lll. von Navarra, verstieß er. Des Einverständnisses mit Karl dem Bösen verdächtigt, machte er >356 einen Kriegszug gegen die Ungläubigen in Preußen. Als er 1358 zurückkehrtc, befreite er, vom Dauphin angerufcn, die königliche Familie aus den Händen der sogenannten Jacqucrie. In demselben Jahre schlug er sich mit dem Grafen Armagnac um Bcärn und machte seinen Nebenbuhler in der Schlacht von Launac zum Gefangenen. Als ihm Karl VI. das Gouvernement von Languedoc nehmen wollte, behauptete er sich mit Waffengewalt und schlug den Herzog von Bern in der Ebene von Revel. Seinen Sohn, von dem er glaubte, derselbe wolle ihn auf Anstifter: Karl des Bösen vergiften, ließ 347 Folard er, nachdem derselbe l 382 in seine Hände gefallen, unter Mishandlungen verhungern. Er starb ohne Erben 1391 und hinterließ ein Gedicht über die Jagd (Par. I62V), dessen schwülstiger Stil (lsii-e 6» kkekus) sprüchwörtlich geworden ist. — Der König verlieh nun die Be- sihungen an Mathicu F., einen Urenkel des Grasen Rvger's l. von F. Mathieu starb 1398 kinderlos. Hierauf nahm Archambauld von Grailly, der Gemahl Jsabelle's, der Schwester Mathicu's, wenigstens einen Theil der Grafschaft mit Waffengewalt und legte, nachdem er 1301 in dem Besitze bestätigt worden war, sich und seinen Nachkommen den Titel der Grafen von Foix bei. Er starb >312. — Sein Sohn, Jean,GrafvonF., wurde als ein tapferer Mann von Karl Vl. zum Generalcapitain von Languedoc, Auvergne und Guienne ernannt, was ihn mit dem Dauphin in Streitigkeiten verwickelte. Als indeß der Dauphin als Karl Vll. den Thron bestiegen hatte, söhnten sich Beide ans, und Jean wurde 1325 Oberbefehlshaber des Heers und mit Bigorrc beschenkt. Er starb am 3. Mai 1336. — Sein Sohn, Ga st o» IV., GrafvonF., der auf Befehl Karl's Vll. bei seinem Titel das Prädicat von Gottes Gnaden weglaffcn mußte, leistete nichtsdestoweniger dem Könige große Dienste im Kampfe gegen die Engländer. Im I. 1355 erklärte ihn sein Schwiegervater, Johann I I., König von Navarra, zu seinem Nachfolger. Überdies erhob ihn der König zum Pair von Frankreich und schenkte ihm seine Ansprüche auf Roussillon und Cerdagne. Bei seinem Tode im I. 1372 nahm seine Gemahlin Eleonore das Königreich Navarra in Besitz, während sein Enkel Franc. PHebus, Graf von F., unter der Vormundschaft seiner Mutter, Madeleine, Foix und Bigorrc erhielt. Letzterer folgte auch 1379 seiner Großmutter auf dem Throne von Navarra, starb aber sehr bald, woraufMadclcinc die Schwester desselben, ihre Tochter, die Gräfin Catherine, auf den Thron von Navarra setzte, die sie > 386 mit dem Herrn von Albrct vermählte. Letzterer hielt sich mit seiner Gemahlin nur unter großen Schwierigkeiten auf dem Throne, weil Gaston von F., Herzog von Nemours (s. d.), dessen Vater ein jüngerer Sohn Gaston's IV. war, seine Ansprüche geltend machte. Nachdem derselbe 1512 in der Schlacht von Ravenna geblieben, wollte Ludwig XII. Navarra an Gaston's Schwester Germaine von Aragonien verleihen; allein das Parlament von Paris entschied, daß nach dem Tode Catherine's und Albret's deren Sohn, Heinrich, die Krone von Navarra, wie die Besitzthümer des Hauses Foix erben solle. Die Tochter König Heinrichs, Jeanne d'Albret, hcirathete Anton von Bourbon, Herzog von Vendöme, und wurde so die Mutter des nachhcrigen Königs Heinrich's IV. von Frankreich. Folard (Jean Charl. de), franz. militairischer Schriftsteller, geb. zu Avignon am 13. Febr. 1669, diente während des Feldzugs von 1688 in dem Regiment Berri, wo er Gelegenheit fand, seine militairischen Talente auszubilden. Wegen seiner Gewandtheit und Kenntnisse, die er im Feldzüge von 1701 an den Tag legte, wählte ihn ,der Herzog von Vendöme zum Generaladjutanten. Später in die Lombardei versetzt, erhielt er in der Schlacht von Caffano im I. 1705 drei Schußwunden; doch ließ er sich dadurch nicht abhaltcn, die Anordnung dieser Schlacht mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Nachdem er sich namentlich bei der Belagerung von Modena ausgezeichnet hatte, ging er nach Flandern, wo er beiMal- plaquet verwundet und bald nachher gefangen wurde. Während des Kampfes am Rhein im J. 1708 bemühte sich Prinz Eugen vergebens, ihn durch die vortheilhaftcsten Anerbietungen zu gewinnen; vielmehr wußte er denselben in ein nachtheiliges Manocuvre zu verwickeln, sodaß der Marschall Villars, der bereits in sehr gefährlicher Lage sich befand, wieder frei wurde. Im I. 1713 ging er nach Malta, welches die Türken damals belagerten, und gab dort neue Proben seines Talents. Der Wunsch, unter Karl XII. zu dienen, führte ihn nach Schweden; doch nach des Königs Tode kehrte er nach Frankreich zurück. Im I. 1719 machte er unter dem Herzog von Bcrwick seinen letzten Feldzug. Gegen das Ende seines Lebens wurde er Mystiker und Wundergläubigcr. Er starb zu Avignon am 23. Mär; 1752 als Commandant von Bourbourg. Sein Hauptwerk sind die „Oommentaires sur welche Thuillier's franz. Übersetzung des Polybius (6 Bde., Par. 1727—30 und öfter) beigegeben sind und von Chabot im Auszuge (3 Bde., Par. 1757) herausgegeben wurden. Auch schrieb er „k^nuvelles ilecmivertes sur In --uerre" (Par. 1723). Vgl. „Vle- moires » servil- L I'tiistoirs 6» ebevalier 711—76 in Deutschland an ver. ; schiedcnen Höfen, und zwar 17-18—5-1 beim Deutschen Reiche und seit 1756 am bair. ^ Hofe mit wichtigen Geschäften beauftragt war, starb zu Paris am 26. Jan. l 802. ' Folge bezeichnet nicht nur die Aufeinanderfolge (succcssi») sondern auch den inner» ; Zusammenhang des Gedachten, die Abhängigkeit eines Gedankens von andern (conseepion- ti«), mithin das Verhältniß des Grundes (ratlo) und der Folge (cunsecutio) im enger» - Sinne. Die Ableitung der Folge aus dem Grunde heißt dieFolgcrung, und so lgerich- ^ lig oder folgerechtdaherDas, was den Voraussehungen entspricht. (S.Consequenz.) Die Frage, wie überhaupt ein Gedanke den andern begründen, einer aus dem andern als Folge abgeleitet werden könne, ist die allgemeinste Vorfrage aller wissenschaftlichen Methodik und ihre Beantwortung eine der Aufgaben derLogik (s. d.). Im gewöhnlichen Sprach- gebrauche wird Folge sehr oft mit Wirkung, mithin der Zusammenhang der Gedanken mit dem Zusammenhang der Ereignisse verwechselt. Folie nennt man jedes dünne Blättchen von Metall, farbigem Papier u.s.w., welches durchsichtigen Stoffen, z. B. Edelsteinen, untcrgelegt, ihren Glanz und ihr Feuer erhöht, indem es die durch den durchsichtigen Körper fallenden Lichtstrahlen zurückwirft. Auch das Spiegelglas bedarf einer Folie von amalgamirtcm Metall, um dasBild vollkommen zurück- zuwerfen. Man fertigt die Folie in allen Farben, besonders aus Zinn durch dünnes Auswalzen und farbiges Lackiren. Figürlich versteht man unter Folie alles Unechte, das einn Sache einen höher» Glanz gibt und ihr demnach gleichsam zur Unterlage dient, um ihren Werth scheinbar zu erhöhen. Follen (Aug., später Adolf Ludw.), rühmlichst bekannt als Dichter und als Schrift, steiler, geb. am 21. Jan. >794 zu Gießen, wo sein Vater als Landrichter und Hofrath ange- stcllt war, ^besuchte das dasigc Gymnasium, studirte dann zwei Jahre lang Theologie und , wurde hieraus Hauslehrer bei dem Freiherrn von Löw zu Stcinfurt in der Wektcrau. Im I I. 1811 machte er im Corps der Hess, freiwilligen Jägcr den Feldzug gegen Frankreich mit. ! Nach seiner Rückkehr studirte er zu Heidelberg die Rechte und übernahm später zu Elberfeld die Redaktion der dortigen „Allgemeinen Zeitung". In die Untersuchungen wegen der sogenannten demagogischen Umtriebe verwickelt, wurde er nach Berlin in die Stadlvoglei gebracht und erst nach zwei Jahren, 1821, wieder entlassen, worauf er in die Schweiz übersie- dclte, eine Stelle an der Cantonsschule zu Aarau übernahm, dann zu Altikon im Cauto» Zürich und später in und bei Zürich wohnte. Als Bürger dieses Cantons war er einige Zeit Mitglied des Großen Raths. Bei Verhandlung des Frcmdengesetzes im I. 18K> stimmte er für ein ausgedehnteres Asylrccht, als von der damaligen Majorität anerkannt wurde. In der Untersuchung communisiischcr Umtriebe zu Zürich im I. 18-13 wurde gegen ihn, wie gegen mehre Andere, wegen Förderung communistischcr Zwecke eine leichtfertige Beschuldigung erhoben, deren völlige Wichtigkeit aus dem Resultate der gerichtlichen Verhandlungen sich ergab und ihn zu einer Reklamation bei dem Großen Rache des Cantons veran- laßte. F. ist der Verfasser mehrer schönen Lieder in den „Freien Stimmen frischer Jugend" (Jena ,! 819), die noch jetzt im Munde deutscher Jugend leben, und bekannt als ausgezeichneter Übersetzer poetischer Fragmente aus dem Griechischen (Homer), Lateinischen (Kirchen- gcsänge) und Italienischen (Tasso). Große Anerkennung fand namentlich sein „Bildersaal » deutscher Dichtung" (2 Bde., Winterthur 1827). Zu seinen neuern poetischen Produktionen gehören der phantasiereiche und lebcnvolle Ritter- und Zauberroman „Malegys »nd Divian" und das Bruchstück einer metrischen Bearbeitung von „Tristan und Isolde". Sein neuestes größeres Werk ist die sehr gelungene und eigcnthümlich ansprechende Bearbeitung des ersten Thcils der „Nibelungen" (Zür. und Winterthur >8-12). — Sein Bruder, Karl F., geb. am 3. Sept. 1795, widmete sich nach beendigten Gymnasialstudicn erst zu Gießen der Theologie, dann den Rechtswissenschaften. Als Hess, freiwilliger Jäger machte er den Feldzug von >811 gegen Frankreich mit; dann setzte er seine juristischen Studien zu Gießen fort, wo er 1818 als Privatdocent sich habilitirte. Gleich seinem Bruder dichtete er mehre politische Lieder,dic unter der deutschen Jugend lebhaften Anklang fanden. Wegen politischer Verfolgungen siedelte er von Gießen nach Jena über, bis ihn erneuerte und zumal in :r> ir. rn n- rn h- e lls joch- lit es as ck- >s- >ei cii st- »d , !n> ' i>. -Id s°- ie- o» ge jl! nt cn ! !e- jd- n- d-- ch- n- >al » io> Nd -in ng er, »u >te zu er cn al Folz Fonfrede 349 durch Sand's(s. d.) That hervorgerufene Untersuchungen vcranlaßtcn, sich nach Frankreich und von da in die Schwei; ;u begeben, wo er zuerst an der Cantonsschule in Chm> dann an der Universität zu Basel angestellt wurde. Die Grundsätze der 1821 in'die Schweiz geflüchteten Carbonari fanden seinen Beifall. Da er sich als angeblicher Mitstifter eines nie ;ur Cristen; gekommenen deutschen Männerbundes weitern Verfolgungen ausgcsetzt sah und ihn die Negierung von Basel gegen das Andringen der preuß. Gesandtschaft nicht länger schützen konnte, wanderte er 1824 mit mehren Freunden nach Nordamerika aus. Hier trat er ;u Ncuyork, Cambridge und Lcrington thcils als Lehrer des röm. Rechts und der deutschen Sprache und Literatur, theils als unitarischer Prediger auf und verschaffte iw weitem Kreise dem deutschen Namen ehrenvolle Anerkennung durch seine geistreiche Kraft und glänzende Bildung, durch seine Bercdtsamkeit und Kenntnisse, durch seinen klaren Verstand und seine rastlose Thätigkcit. Schon in Deutschland hatte er sich in seinen theologischen Studien einem entschiedenen Rationalismus zugewendet, aber keinem kalten, thatenlosew und in leerer Abstraktion abgeschlossenen, sondern einem beseelten, lebenskräftigen und schöpferischen. Zu Neuyork, wo er >8-10 vor einem gewählten Publicum über deutsche Literatur Vorlesungen gehalten, schiffte er sich am IJan. zur Einweihung einer neuen unitari» sehen Kirche in Lexington ein. Eine raschvcr;ehrcndc Flamme ergriffdas Dampfschiff, das ihn führte, und mit 175 seiner Gefährten fand er in den Wellen ein Grab. Folz (Hans) oder Vol;, ein berühmter Mcistcrsänger, geb zu Worms 1479, lebte als Barbier zu Nürnberg. Durch ihn erhielten die sogenannten Fastnachtsspiele eine vollkommenere Gestalt, deren wir noch vier von ihm besitzen, die zu Nürnberg 1519—21 gedruckt erschienen und gleich seinen gereimten Volksschwänkcn, den Charakter roher Derbheit an sich tragen. Übrigens nahm F. sehr lebhaften Antheil an der Erfindung der Buchdruckerkunst und an der Reformation. Fonds (öffentliche) werden in Großbritannien vorzugsweise diejenigen Staatseinnahmen genannt, welche bei Staatsanleihen zur Tilgung des Capitals und der Zinsen überwiesen zu werden pflegen. Der Gebrauch, dieses zu thun, entstand unter der Regierung Wil- helm's III., und jede Anleihe erhielt ihren besonder» Fonds. Da aber zuweilen der eine Fonds nicht ausreichte) während ein anderer noch Überschuß hatte, so schlug man später mehre Fonds zusammen und bestritt aus ihrem gemeinschaftlichen Ertrage die Zahlungen, für welche sie bestimmt waren. Auf diese Weise entstanden seit 1715 die Gesammtfonds (ag^regats lund): der Südseefonds, der allgemeine Fonds, der Amortisationsfonds (sin- Kin^ kund) und endlich der consvlidirte Fonds, der seit 1786, nach Aufhebung der genannten Fonds, die Gesammtheit der öffentlichen Einkünfte, mit Ausschluß der jährlichen Bewilligungen, vereinigt. Aus diesem Fonds werden die Zinsen und fälligen Kapitale des ganzen Staatsschuldwescns, die Zinsen der Schatzkammerscheine, die Civilliste, alle Pensionen, Gehalte u. s. w. bezahlt; der Überschuß aber wird jährlich von dem Parlamente für die Bedürfnisse des laufenden Jahrs angewiesen. Da nun jeder Staatsschuldschein für Zinsen oder Capital ans einen gewissen Fonds angewiesen ist, so hat man den Namen Fonds ans die Scheine selbst übertragen und spricht daher von Spcculationen in engl., amerik., franz. und andern Fonds. (S. Staatsschulden.) Fonfrede (Henri), ein ausgezeichneter franz. Journalist, geb. am 21. Febr. 1788 zu Bordeaux, war der Sohn des Iean Bapt. B oy er F., der als Girondist während der Revolution in seinem 27. Jahre unter der Guillotine starb. Er erhielt seine Bildung auf der Ccntralschule seiner Vaterstadt und bereitete sich dann in Paris für den Advocatenstand vor. Eine heftige Krankheit, die seine Gesundheit untergrub, nöthigte ihn indeß nach Bordeaux zurückzukehren. Hier trat er in ein Handlungehaus, dessen Korrespondenz er lange Zeit führte. Später verband er sich mit seinem Oheim Armand Ducos, einem Bruder des gleichnamigen Girondisten, der mit F.'s Vater zugleich hingerichtet worden war, und gründete ein eigenes Handelshaus. Im I. >829 rief er in Bordeaux ein Journal „»a tribune" ins Leben, in welchem er eine heftige Opposition gegen die Minister machte, ohne jedoch jemals eigentlich radicale Grundsätze an den Tag zu legen. Seine journalistische Thätigkcit zog ihm sehr bald mehrfache Verfolgungen zu. Als die ,,'IHI-uri«" unterdrückt wurde, widmete er sich dem „Inckicuteur de vordeaux", in welchem er nach Kräften an dem Sturze der Re- 350 Fonk stauration mitarbeitete. Seit der Julirevolution bekannte er sich sowol in dem „lntlicsteur Ue Oorckesux", dem „Ulemoriul Oarckelais" als in den pariser Blättern PUIX'^ und dem „äournal tle ksrir", die ihm ihre Spalten während seines Aufenthalts zu Paris im I. j 1836 öffneten, und in dem „Omrner cke Lorileanx", den er bei seiner Rückkehr nach seiner Vaterstadt im I. 1837 gründete, fortwährend zu conservativenAnsichten. In den zahllosen Artikeln, welche aus seiner Feder geflossen sind, zeigt sich eine ungestüme Phantasie, eine schneidende Schärfe, und viel stilistisches Talent, aber zugleich ein Hang zu Paradoxen, der ihn nicht selten sehr irre leitete. Jedoch war F. fast der einzige Journalist der Provinz, der > selbst in Paris ein bedeutendes Ansehen genoß. Er starb am 22. Juli 1841. l Fonk (Peter Ant.), Kaufmann zu Köln, merkwürdig durch den Criminalproceß, wel> i cher gegen ihn wegen Ermordung des Kaufmanns Cönen geführt wurde, war um 1781 ge- ' boren, der Sohn eines reichen Kaufmanns zu Goch bei Kleve und zuerst in Rotterdam ^ Affocie eines dortigen Handelshauses. Später wendete er sich nach Köln, wo er sich mit der Tochter eines angesehenen Tabacksfabrikanten,Foveaux, verheirathete. Eine Bleiweißfabrik, welche er errichtete, gab er 1815 auf, um ein Geschäft mit Branntwein und Liqueurs gemeinschaftlich mit dem Apotheker Schröder in Krefeld zu betreiben. Beide Unternehmer geriethen aber bald in Zwistigkeit über die Vertheilung des Gewinns. Zur Beilegung derselben schickte Schröder, mit F.'s Zustimmung, einen jungen Kaufmann Wilh. Cönen aus Krefeld und den Handlungsgchülfen Elfes, einen frühem Diener F.'s, mit dem Aufträge nach Köln, I eine von F. ihm zugesandte Rechnung mit F.'s Büchern zu vergleichen. Elfes wurde, als er > mit Cönen am I. Nov. 1816 bei F. erschien, von diesem zurückgewiesen, Cönen aber zur , Untersuchung der Rechnung angenommen. Der Letztere begann nun seine Arbeit und ver- > glich zuerst die Geldeinnahme F.'s mit der Prima Nota und den Belegen. Er fand dieselbe in Richtigkeit; als er aber die Vorlegung des Hauptbuchs und des Journals verlangte, in j welchem nach der Angabe von F.'s Buchhalter I. I. Hahnenbein, der Cönen's schon vorhandenes Mistrauen noch bestärkt hatte, ein Betrug von 8000 Thlr. stecken sollte, verweigerte dies F., brach das Geschäft ab und reiste nach Neuß, um durch ein Paar Freunde, ohne Cönen, mit Schröder selbst einen Vergleich zu Stande zu bringen. Schröder ließ, durch Cönen gewarnt, sich auf nichts ein, kam aber selbst nach Köln, wohin auch F. zurückkehrte. Cönen überbrachte diesem bald nachher Vergleichsvorschläge, nach welchen er dem Gewinn des Branntweingeschäfts, welcher von F. auf 20000 Thlr. berechnet war, noch 8000 Thlr. zusetzen, dagegen aber den Vortheil von mehren noch unverkauften Gegenständen allein haben und Einiges von den Vorräthen ihm gänzlich abgetreten werden sollte. Hierüber hielten F. und Schröder am 9. Nov. mit Hahnenbein und Cönen eine Konferenz im F.'s Hause, in welcher F. zu diesem Zusatz zum Gewinn von 8000 Thlr. sich verstand; der Vergleich kam ,! jedoch nicht zum Abschluß, weil Schröder sich erst noch über einige Punkte mit Cönen be- ^ sprechen wollte. Man ging Abends, etwas nach 8 Uhr, auseinander; eine zweite Conferenz wurde auf den folgenden Tag früh 9 Uhr verabredet; Cönen und Schröder gingen in ihr H Gasthaus zurück; dahin kam später auch Hahnenbein, welchen Cönen, ehe er von F. nach ^ - Hause gekommen war, in seiner Wohnung ausgesucht hatte; man blieb bis nach 10 Uhr bei- g s sammen, und als Hahnenbein nach Hause ging, begleitete ihn Cönen. Er verließ Hahnen- ^ dein auf der Mitte des alten Markts und wendete sich wieder nach der Mühlengasse, in wel- s cher, nur etwa 30 Schritt entfernt, das Gasthaus lag, wo er wohnte, kam aber nicht in das- ^ selbe zurück. Schröder und Cönen's Verwandte und Freunde stellten bald nach des Letztem Verschwinden eifrige Nachforschungen an; man wußte sich keinen Grund eines Selbstmordes anzugeben, und so entstand denn der Verdacht, daß Cönen absichtlich auf die Seite geschafft sein möge, wobei F. der Einzige war, bei welchem man einen Beweggrund, sich Cönen's zu entledigen, voraussehen konnte. Ein Besuch dreier krefelder Freunde Cönen's, am 21. Nov., wobei F. sich sonderbar benahm und unter Andern, weinte, verstärkte den Verdacht. So lange indeß Cönen's Leichnam nicht aufgefunden war, konnten gerichtliche Maßregeln gegen s F. nicht ergriffen werden; die Police! gab sich inzwischen alle Mühe, eine Spur von Cönen zu entdecken; ein Bordell, in welchem derselbe einige Male gewesen war und sich mit einem Mädchen aus Florenz abgegeben hatte, wurde durchsucht, aber keine Ursache zum Verdacht gefunden; Cönen sollte an jenem Abend gar nicht dagewesen sein, und alle Bewohner und , 351 Fonk Nachbarn bezeugten, in der Nacht vom 9. zum 10. Nov. kein Geräusch in dem betreffenden Hause gehört zu haben, was bei der Lage und Bauart desselben nicht hätte unbemerkt bleiben können. Vergebens setzte man eine Belohnung von 3999 Francs aus. Schröder war unterdessen von F. zur Auseinandersetzung vor das Handelstribunal geladen worden, wo Letzterer den vorher eifrig gesuchten Vergleich beharrlich ablehnte. Auch wurde nachher am 20.Jan. 1817 durch ein schiedsrichterliches Urkheil, wobei der Generalprocurator von Sandt von Schröder zum Schiedsrichter gewählt worden war, Schröder's Schuld an die Gesellschaft auf 7791 Thlr., F.'s Guthaben an dieselbe auf l 6732 Thlr. festgestellt. Daß dieses Resultat durch eine Verfälschung der F.'schen Bücher herbeigeführt worden sei, ist zwar von dem Generalprocurator von Sandt behauptet, jedoch in der Untersuchung selbst nicht einmal als wahrscheinlich dargethan worden. Gleichwol konnte hierin allein, sowie in F.'s kaufmännischer Lage für ihn ein Grund liegen, Cönen's Entfernung zu wünschen. Am I9. Dec. wurde sein Leichnam unterhalb Köln im Rhein gefunden. Er war vollständig bekleidet; die beiden obersten Knöpfe seines Leibrocks, welchen er gewöhnlich ganz zugeknöpft hatte, waren ausgerissen. Die Rocktasche auf der Brust, in welcher er sein Taschenbuch trug, war leer, und nie ist das Taschenbuch wieder zum Vorschein gekommen. Dagegen wurde seine goldene Uhr in der Uhrtasche gefunden. Am Kopfe hatte er bedeutende Verletzungen, eine gequetschte Wunde über dem linken Auge, eine starke Contusion am Hinterhaupte, eine gerissene, ver- muthlich erst im Wasser entstandene Wunde auf dem Scheitel, am Halse tief unten gegen die Brust Spuren der Erwürgung. Daß Cönen nicht vorsätzlich oder zufällig seinen Tod im Rhein gefunden habe, schien daraus hervorzugehen, daß er, ohne sich ein Thor öffnen zu lassen, nicht zu dem Flusse kommen konnte, in jener Nacht aber Niemand eine Öffnung des Thors verlangt hatte. Die Auffindung des Leichnams Cönen's gab der einmal erweckten Meinung, F. wisse um dessen Verschwinden, einen bestimmten Stoff; die Wunde an der Stirne wies auf ein Werkzeug hin, welches F. in seinem Comptoir hatte und täglich brauchte, auf einen Gehülfen, welcher ihm täglich zur Hand und durch Interesse an ihn gekettet war, auf das Bandmesser und den Küper, Christian Hamacher. Auch die Behörden hatten nun gegen F. entscheidendere Maßregeln nöthig gefunden. Sobald am 22. Dec. die Nachricht in Köln eingetroffen war, daß man Cönen's Leiche im Rhein gefunden habe, wurde F- in seinem Hause von Gendarmen bewacht und eine Untersuchung gegen ihn eröffnet. Auch Hamacher, den man in einem Weinhause zu einem Streite veranlaßt und unter diesem Vorwände in Verhaft gebracht hatte, wurde über Cönen's Ermordung vernommen; man behorchte ihn im Gefängnisse, ein anderer Gefangener mußte sein Vertrauen zu erschleichen suchen, er wurde in einem feuchten und dunkeln Kerker gehalten, und so fing er denn am 19. März 1817 an, dem Generalprocurator von Sandt Geständnisse abzulegen und bekannte ihm endlich, daß F. mit seiner Beihülfe Cönen am 9. Nov. Abends in F.'s Hause wirklich erschlagen habe. Erst am 16. Apr. 1817 wurde Hamacher's Geständniß in gerichtlicher Form niedergeschrieben, das im Wesentlichen auf Folgendes hinauslief. F. habe ihn schon am 4. Nov. angegangen, Cönen aus der Welt zu schaffen, wozu er sich aber damals nicht verstanden. Am 9. Nov., wo er wieder bei F. gearbeitet, sei er auf den Abend nach 9 Uhr bestellt worden. Als er gekommen, habe ihn F. ins Comptoir geführt, welches im F.'schen Hause parterre neben der Hausthürc war, ihm Wein vorgefttzt und ihn angewiesen, wenn Cönen, der Etwas vergessen habe, komme und die Klingel ziehe, ihm zu öffnen. Cönen sei gegen '/,! I Uhr gekommen, habe geschellt, und nachdem er ihm die Thüre geöffnet, nach F. gefragt, der auch gleich hinzugekommen sei. Beide hätten sich gegrüßt und Cönen gesagt, er habe Etwas vergessen, worauf F. erwiderte: Das dachte ich wol. Beide seien sodann in das Zimmer gegangen, wo sie gearbeitet hätten; als sie wieder herabgekommen, habe F. von Schröder's Branntwein im Vergleich mit ganz altem echten Franzbranntwein gesprochen, den er Cönen zum Kosten angebotcn. Cönen habe sich anfangs geweigert, aber F. ihm zugeredet: „Nun thun Sie mir den Gefallen, ihn einmal zu versuchen." Ihm habe F. befohlen, ein Glas und eine Pumpe zu holen; er selbst aber habe das auf dem Tische liegende Bandmesser genommen und unter den Rock gesteckt. Sodann seien sie alle drei zusammen in das Packhaus gegangen, einen Raum im F.'schen Hause, gerade unter dem Schlafzimmer der Mägde; dort habe sich F. gestellt, als wolle er das Faß mit dem Bandmesser aufschla- 352 Fonk gen, sich aber gewendet und mit den Worten „Da, Kerl, hast du die Probe!" Conen einen Schlag auf den Kopf gegeben, sodaß dieser gleich geblutet habe, und dann einen Stoß auf die Brust, sodaß er rückwärts hingestürzt sei, wobei er noch mit dem Kopfe auf einen nahe dabei stehenden Gewichtstein gefallen. Hierauf habe F. zu ihm gesagt: „Haltet dem Kerl'die Kehle zu, daß er nicht schreien kann", welches er gethan, bis er nach einer Weile gespürt, daß er nicht mehr schreien könne. F. habe sodann Cönen die Brieftasche aus der Rocktasche auf der Brust gezogen, er aber den Leichnam in ein Faß gesteckt, ihm den blutenden Kopf mit einem Sack umwickelt, das Faß mit Stroh ausgefüllt und zugemacht. Dann hätte F. ihn veranlaßt, das Faß durch scinen Bruder Adam aus der Stadt schaffen zu lassen; er selbst habe diesen am nächsten Tage gedungen, am Montag früh mit seinem Karren bei F.'s Hause zu sein. Mit ihm sei er am Montag Morgens um 4 Uhr ans F.'sche Thor gekommen; F. habe die Thürc geöffnet, der Karren sei in den Hof geschoben, daß Faß aufgeladcn und unweit Mühlheim an den Rhein gefahren worden. Bis dahin habe sein Bruder nicht gewußt, was in dem Fasse sei, als aber das Faß abgeladcn gewesen, und sein Bruder habe fortfahrcr wollen, habe er ihm in der Angst gesagt: „Du mußt bei mir bleiben, in dem Fasse ist ein Todter!", worauf dieser entgegncte: „Gott, cin Tsdter! wenn ich das gewußt hätte, hätte ich das Faß nicht aufgeladen." Darauf habe er das Faß aufgeschlagen und mit seinem Bruder den Leichnam herausgenommen, sodann einen schweren Stein gesucht, solchen mit einem Riemen an den Körper gebunden und diesen in den Rhein versenkt. Übrigens hätte F. ihm für seine Theilnahme und Verschwiegenheit 100 Kronenthaler versprochen, 30 dann auch sofort ihm bezahlt.' Dieses Geständniß wiederholte Hamacher noch am 8. Mai; jedoch bald darauf fing er an zu schwanken und widerrief zuerst Das, was seinen Bruder betraf, der gleich F.'s Buchhalter Hahnenbcin, dem Küfer Ulrich und dessen Sohn und Hamacher'S Ehefrau, die den Policeiinspector Schöning mit einem Gefäß von Silber hatte bestechen wollen, ebenfalls verhaftet worden war, und zuletzt die ganze Erzählung. Er behauptete, der Gencralprocurator habe ihn zu diesem falschen Geständnisse verleitet, habe die ganze Erzäh lung zusammengesetzt und ihm eingelernt. Die gerichtliche Verhandlung der Sache blieb bis zum -1. Oct. 1817 in den Händen der Untersuchungsbeamtcn zu Köln; an gedachtem Tage aber wurde sie, weil man in Köln den Einfluß der angesehenen und ausgcbreitctcn Familie Foveaux, welcher F.'s Gattin angehörte, fürchtete, an das Kreisgericht zu Trier gewiesen. Der neue Untersuchungsrichter faßte die Sache in einem Gesichtspunkte auf, wobei das unjuristische, zum Theil despotische und willkürliche Untersuchungsverfahrcn der vorigen Beamten, besonders von Sandt's ans Licht gestellt wurde und die Überzeugung von der Schuld F.'s und der Mitangeklagten zurücktrat. Ein Unheil vom 23. Juni > 8 > 8 erkannte zwar die Anklage gegen Hamacher, entband aber F. und Hahnenbein von der Instanz. Auf neue Verdachtgründe wurde F. bald darauf zum zweiten Mal cingezogen, durch ein Unheil des Anklagesenats in Köln aber zum zweiten Mal in Freiheit gesetzt. Hamachrr's Prvceß wurde vor dem Assiscngericht in Trier verhandelt, und Hamacher am 31. Oct. >820 als Gehülfe bei Cönen's Ermordung, jedoch ohne Vorbedacht, zu I Ojähriger Zwangsarbeit ver- urthcilt. Am 3. Nov. 1820 wurde F. zum dritten Mal in Verhaft genommen, und die Untersuchung bis zum Juni 1821 fortgesetzt, am 22. Apr. >822 die Verhandlung vor dein Assiscnhofe zu Trier eröffnet und am 9. Juni damit beendigt, daß die Geschworenen mit 1 Stimmen gegen 5 F. eines in der Nacht vom 9. zum 10. Nov. I816anCönenverübtcn vorsätzlichen und vorbedachten Mords für schuldig erklärten, der Assiscnhof aber darauf die Todesstrafe gegen ihn aussprach. Auch F.'s Gesuch um Cassation dieses Urthcils wurde von dem Rcvisionshofe zu Berlin zurückgewiesen. Weil indeß der Thatbestand, die Ermordung Cö- ncn's, nicht erwiesen war, wurden F. und Hamacher durch eine königliche Cabinetsordre vom 10. Aug. 1823 freigesprochcn, auch von den Kosten, die über 13000» Francs betragen haben sollen, durch ein königliches Decret vom 9. Oct. befreit. F. ist am 9. Aug. >832 zu Goch, wo er eine kleine Anstellung erhalten hatte, gestorben, aber keine weitere Aufklärung in dieser wichtigen Sache zum Vorschein gekommen. Die Zeitungsnachricht, daß die erwähnte Florcntmcrin sich vor ihrem in einem pariser Spital erfolgten Tode als Mörderin Cönen's bekannt habe, ermangelt sicherer Bestätigung. Sowol während der Untersuchung als nachher wurde F.'s Sache, zugleich mit der Frage über den Vorzug des mündlichen vor Fontaine Fontana 35?» dem schriftlichen Gerichtsverfahren, sehr eifrig und leidenschaftlich von den beiden entgegengesetzten Parteien in vielen Schriften verhandelt, unter denen die von Bischofs „Pet. Ant. F. und Christian Hamacher, deren Richter und die Riesenafsisen zu Trier in den I. >820 und 1 822 vor dem Geschworenengerichte der Vernunft, Wahrheit und Gerechtigkeit" (2 Bde., Dresd. 1823), die F.'s Unschuld zu erweisen versuchte, die bedeutendste war. Fontaine, s. Springbrunnen. Fontainebleau, eine Stadt im franz. Departement der Seine und Marne am linken Ufer der Seine, mit 8200 E., einer Porzellan - und Fayencefabrik, ist besonders berühmt wegen des königlichen Lustschlosses im dastgen großen Walde, welches vom Könige Philipp August erbaut, durch Franz I. erneuert, durch Heinrich IV., Ludwig XIV. und XV. erweitert, durch Napoleon mit Ungeheuern Kosten verschönert und seit 1833 durch Ludwig Philipp vielfach verschönert wurde. Unter König Franz II. fand in demselben im Z. >560 die Versammlung der Notabeln statt, in welcher sich die Verschwörung von Ambosse vorbereitete. (S. Guise.) Ein Jahrhundert später bewohnte es die Königin Christine von Schweden, die hier am 10. Nov. >657 ihren Stallmeister Monaldeschi hinrichten ließ. Unter Ludwig XIV. war es der Aufenthaltsort der Montespan und unter Ludwig XV. der Dubarri. Am 5. Nov. 1762 wurden daselbst die Friedenspräliminarien zwischen Frankreich, England, Spanien und Portugal unterzeichnet und am 20. Nov. die Ratificationen ausgewechselt. Am 25. Nov. 1804 hielt hier Napoleon seine Zusammenkunft mit Pius VII., der dann 1809—>4 seinen Aufenthalt daselbst nehmen mußte, und am 11. Apr. 1814 Unterzeichnete daselbst Napoleon seine Thronentsagung. Vgl. Guilbert, „vescription liistvri- gue <1e V." (2 Bde., Par. 1731) und Jul. Janin, Versailles, karis" (Par. 1837). Fontäna ist der Name mehrer ital. Künstler. Der berühmteste darunter ist der Baumeister Domenico F., geb. 1543 zu Melide am Luganersee. F. kam, nachdem er sich in der Mathematik gute Kenntnisse erworben hatte, 20 Jahre alt, nach Rom, wo er die Antiken und die besten unter den neuern Meistern fleißig studirte. Später nahm ihn der Cardinal Montalto als Architekten an und trug ihm den Bau einer Kapelle in der Kirche Santa- Maria-Maggiore und eines Palastes auf; doch es fehlte dem Cardinal endlich an Geld, und der Bau würde unterbrochen worden sein, wenn F. nicht die Kosten aus seinen eigenen Mitteln hergegeben und so den Bau vollendet hätte. Aus Dankbarkeit bestätigte ihn der Cardinal, als er unter dem Namen Sixtus V. den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, in seiner Stelle als Architekt und ließ durch ihn einen andern Palast in der Nähe der Bäder des Diokletian bauen. In seinen Werken zeigt er sich als Nachahmer Michel Angelo's und hat somit wenig von der Grazie der gleichzeitigen vcnet. Baumeister, Palladio, Sansovino und Scamozzi; doch ist er nicht ohne eine gewisse Größe in der Anlage, sodaß Sixtus V. nicht fehlgriff, als er durch F. seinen Namen zu verewigen hoffte. Er gab ihm unter Anderm den Auftrag, den großen Obelisken, der gegenwärtig auf dem Platze vor der Peterskirche steht, damals aber noch zum Theil unter Trümmern versteckt lag, aufzurichten, was F. 1586 glücklich ausführte. In der Folge richtete er auch noch drei andere Obelisken an verschiedenen freien Plätzen ebenso glücklich auf. Die Art und Weise des Transports des großen Obelisken beschrieb er in der Schvift „Del inockn teinito nel trssportare I'odelisco vsticano 6 elelle kabbricke <1i 8isto V" (Rom 1590, Fol.). Unter den übrigen Gebäuden, die er auf Befehl Sixtus'V. baute, zeichnen sich die Vatikanische Bibliothek und die Wasserleitung kelice aus. Auch unter Clemens VIll. unternahm F. verschiedene Baue und Veränderungen mit den antiken Denkmälern, bis man ihn beschuldigte, Gelder, die er zum öffentlichen Dienst erhalten, unterschlagen zu haben. Er verlor 1592 seine Stelle am päpstlichen Hofe, erhielt aber sogleich einen Ruf als Architekt und Ingenieur des Königs von Neapel. In Neapel baute er verschiedene Kanäle, eine Straße längs dem Meerbusen und den königlichen Palast, der aber in der Folge sehr verändert worden ist. Sein Plan, einen neuen Hasen bei Neapel anzulegen, wurde erst nach seinem Tode durch einen andern Baumeister ausgeführt. Er starb zu Neapel 1607. — Sein Sohn, 'GiulioCesareF., der nach ihm königlicher Architekt wurde, erreichte des Vaters Ruhm nicht. — Carlo F., geb. 1634 unweit Como, ein Schüler Bernini's, war als päpstlicher Architekt Erbauer vieler Kirchen im Geschmack seines Lehrers und starb 1714.— ProsperoF., geb. in Bologna 1512, Len».-Lex. Neunte Aufl. V. 23 Fontanes Fontana (Frlrce) gehört als Maler in die Anzahl unglücklicher Manieristen, welche nach dem Zerfall der röm. und florent. Schule völliger Stillosigkeit anheimfielen; doch ist er im Colorit nicht ohne Verdienst. Er starb 1597 in Dürftigkeit, da das Erwachen der Schule der Caracci ihn ! gezwungen hatte, seine Werkstatt zu schließen. — Seine Tochter, Lavinia, 1542—1814, ! war als Bildnißmalerin berühmt. — Gleichzeitig mit ihm lebte in Urbino der Porzellanmaler Orazio F. Fontäna (Felice), ital. Physiker, geb. 1730 zu Pomarole unweit Roveredo im itrl. l Tirol, wurde als Mathematiker und Physiker von dem Großherzog, nachmaligem Kaiser Franz, bei der Universität zu Pisa angestellt, dann von dem Großhcrzog, nachmaligem Kaiser ' Leopold II., nach Florenz berufen, wo er das in Wachsmodellen ausgeführte Naturaliencabinet einrichtete, welches noch gegenwärtig eine der dortigen Sehenswürdigkeiten ist. Die Sammlung anatomischer Präparate in Wachs, welche die chirurgische Akademie zu Wien besitzt, ist ebenfalls unter seiner Leitung gefertigt. Er machte mehre Entdeckungen über die Anwendung der Gasartcn und der Kohlensäure und zeigte sich in seinen Schriften als scharfsinnigen und unermüdetcn Beobachter, vorzüglich in der Lehre von der Reizbarkeit in seiner Schrift „Ricercke kilooolicbs sa;»ra I» lisica animale" (Flor. 1781, 4.; deutsch, Berl. 1781, 4.). Er starb am 9. März 1805 und wurde in der Kirche Santa-Croce neben Galilei und Viviani begraben. — Sein Bruder, Gregor io F., geb. am 7. Dec. 1735, war früher Professor der Mathematik und Philosophie zu Mailand, dann zu Pavia und starb zu Mailand als Mitglied des Gesetzgebenden Raths im Aug. 1803. Seine trefflichen Abhandlun- ! gen über mathematische und physikalische Gegenstände sind in größern Sammlungen zerstreut. — Mit ihm ist nicht zu verwechseln der Pater Mariano F., geb. 1746, gest.zu Mailand am 18. Nov. 1808, der sich als Mathematiker durch seinen „(lmirs Oe Ozns- migue" (3 Bde., Par. 1792 fg., 4.) sowie alsKunstkenncr einen berühmten Namen erwarb. Fontäna (Francesco), berühmt als Literator und eifriger Verthcidigcr der Rechte der ' röm. Kirche, geb. 1750 zu Casalmaggiorc, leitete, seiner Kenntnisse wegen vom Papste da- > zu erwählt, fast alle Unterhandlungen zwischen Frankreich und dem päpstlichen Stuhle und > war auch 1804 bei der Krönung Napoleon's in Paris anwesend. JmJ. 1810 wurden, weil er das Decret, welches den Cardinal Maury zum Erzbischof von Paris ernannte, mit > unterzeichnet hatte, nebst andern Prälaten auf Napoleon's Befehl nach Vincennes gebracht l und hier bis zu dessen Sturz gefangen gehalten. Nach seiner Befreiung ernannte ihn dcr Papst zum Sccrctair der Congregation für die geistlichen Angelegenheiten und 1815 zum Cardinal. Als solcher ward er 1816 Mitglied der Commission, welche den neuen Codex der ^ Inquisition und den Studienplan zu entwerfen hatte, und später Präsident der Propaganda, l Er starb am 22. März 1822. > Fontanelle nennt man ein künstlich gebildetes und unterhaltenes Geschwür auf der 1 Oberfläche des Körpers, welches schon im höchsten Alterthum als Heilmittel angewendet wurde. Um ein solches Geschwür anzulegen, macht man mittels des Messers, eines Ätzmit-! tcls, eines Blasenpflastcrs oder des Glühcisens eine Öffnung in die Haut und legt in diese dinen größern oder kleinern mehr oder weniger reizenden Körper hinein, z. B. eine Erbse, eine Bohne, ein Stück Kantharidenpflaster u. s. w. Die Fontanelle dient als ablcitendes Mittel, um den Zug der Säfte von einem edlern Organe nach der Haut hinzulenken. Das vom Andrange der Säfte zu befreiende Organ bestimmt auch die Stelle, an welcher man die Fon- l lanclle anlegt. Um sie reinlich zu halten, bedeckt man sie mit einem indifferenten Pflaster' unL dieses mit einer leichten Binde und erneuert den darin liegenden Körper täglich wenigstens einmal. Eine lange Zeit offen gewesene Fontanelle darf man nur auf ärztlichen Rath wieder verheilen lassen. Ein ähnliches Mittel ist das Haarseil (s. d.). Auch bezeichnet man mit Fontanelle die Zwischenräume zwischen den Ecken der Schädclknochcn bei dem Embryo und dem neugeborenen Kinde, die meist erst im dritten Jahre mit Knochcnmasse ausgefüllt sind. Fontanes (Louis, Marquis de), franz. Dichter und Staatsmann, geb. am 6. März 1757 zu Niort in Languedoc, stammte aus einer Familie in Languedoc. Nach Vollendung seiner Studien ging er nach Paris, wo er sich durch seine Gedichte „I.e er, Os mon coeur" ^Par. 1778) und „L>e vergor" (Par. 1788; neue Aust., 1823), sowie durch die metrische Übersetzung von Pope's „Lssa> on mau" (Par 1783) und die Nachahmung von Gray's Fontanges Fontenelle 355 berühmter Elegie „I.ejl>»r 821. Sein viele Hoffnungen erregendes Gedicht „l.a 6rece ckelivree" blieb unbeendet. Seine Schriften, die insgesammt Muster der Correctheit und Eleganz sind, wurden aus seinem Nachlasse gesammelt von Sainte-Beuve (2 Bde., Par. 1837) herausgegeben. Fontanges (Marie Angölique de Scoraille de Roussille, Herzogin von), die Geliebte Ludwig's XIV., geb. 1661 aus einepsehr herabgekommenen Familie, wurde in ihrem 17. Jahre Ehrendame der Königin-Mutter. Von beschränktem Geiste, aber schön, unterjochte sic das Herz Ludwig's XIV., welcher der herrschsüchtigen und bizarren Laune der Montespan überdrüssig war. Kaum hatte sie die Leidenschaft desselben erkannt, als sie sich ganz dem Hoch- muthe und der Verschwendung überließ, welche die Hauptzüge ihres Charakters bildeten. Im Genüsse einer monatlichen Pension von 100000 Thlrn. war sie sehr bald die Spenderin aller Gnadenbezeigungen und die Tonangeberin für alle Moden. Als ihr auf einer Jagdpartie der Wind den Kopfputz in Unordnung gebracht hatte und sie zu Zierathen von Blättern ihre Zuflucht nahm, die sie durch ein Band befestigte, welches auf der Stirne geknüpft war, verbreitete sich in kurzer Zeit diese Mode unter dem Namen Fontange in ganz Europa. Der König erhob sie zur Herzogin; allein sie genoß dieses Ranges nicht lange, da sie in Folge ihrer Entbindung am 28. Juni 1681 in der Abtei Portroyal in Paris starb. Fonteuai, ein kleines Dorf in Burgund, im jetzigen Departement Nonne, ist berühmt durch die blutige Schlacht zwischen den Söhnen Ludwig des Frommen am 25. Juni 831, welche den Theilungsvertrag zu Verdun von 833 zur Folge hatte. — Fontenai-le C o m t e, wahrend der Revolution Fontenai-la-Peuple genannt, im franz. Departement Vende'c, mit 7600 E-, ist wichtig wegen der drei Messen, welche jährlich daselbst gehalten werden und als Mittelpunkt bedeutenden Viehhandels, und geschichtlich denkwürdig durch den Sieg der Republikaner über die Vendeer am 16 . Mai 1793 und die acht Tage darauf erfolgte Niederlage der Erster«. Fontenelle (Bernard le Bovier, früher le Bouvier), ein bekannter franz. Literat, geb. 23* FonLenoi Foore L) 7 : ^ am 1 l. Febr. 1657 zu Rouen, ein Neffe Corneille's, machte seine Studien bei den Jesuiten seiner Vaterstadt mit so glücklichem Erfolge, daß ein von ihm in seinem 13. Jahre gefertigtes lat. Gedicht ei»en akademischen Preis erhielt. Kaum 16 Jahre alt, hatte er bereits seine juristischen Studien beendet; da er aber seinen ersten Proceß verlor, so verließ er die Rechtswissenschaft und ging nach Paris, um dort als Schriftsteller zu leben. In dieser Laufbahn erwarb er sich ein großes Ansehen und beträchtliches Vermögen. Er war Mitglied verschiedener gelehrten Gesellschaften und bekleidete von 1699—1741 die Stelle eines immerwährenden Secrctairs der Akademie der Wissenschaften zu Paris, nachdem er die Präsidentenwürde abgelehnt hatte. Er starb in Paris am 9. Jan. 1757 in hohem Alter, schmerzlos, indem ec ^ zu den Umstehenden sagte: „Illes amis, je ssns une certsine disüculte d'etre." Die meisten ^ seiner zahlreichen poetischen, historischen, oratorischen, philosophischen und wissenschaftlichen Schriften, die zu ihrer Zeit vielfach bewundert wurden, sind jetzt der Vergessenheit anheimgefallen. Bei außerordentlicher Gewandtheit in der Darstellung besaß F. weder ein poetisches Gemüth noch eine besondere Schärfe des Verstands. Als Dichter schrieb er einige Opern, z.B. „ks^ckie", „8e!Ier<>j,iion"; ein musikalisch-dramatisches Schäferspiel „Lmstmion"; mehre Tragödien, z. B. „6rnt»s", „erspar", „ldalia"; Lustspiele, Fabeln, flüchtige Poesien, Epigramme und Schäfergedichte. Unter seinen prosaischen Schriften erwähnen wir beson- sonders seine „l.ottres du dievalier d'8er**" und die „Oialogues des Ilwrts" in Lucian's Manier. Den meisten Werth haben seine „Lntretieno 8ur I» pluralite deo mvndes" (Par. 1686; vermehrte Aufl., 1719; mit Lalande's Anmerkungen, Par. 1800; deutsch von My- lius, mit Anmerkungen von Bode, Berl. 1789), obgleich sie jetzt durch die seit jener Zeit gemachten Fortschritte der Astronomie unbrauchbar geworden sind. Seine Abhandlungen „8m l'exiotence de Dien" und „8ur le bandeur" und „8»r l'origme de8 iables" sind vergessen; dagegen wird seine „Hi8loire du tdeütre kranyam, ju8c>u's?ierre<7ornei»e" noch jetzt zu Rath! gezogen. Besonder» Ruf erwarb er sich durch die „lLlemoiies de I'^csdemie des ociences", deren Herausgabe er lange besorgte, und durch seine „Äoges" auf verstorbene Gelehrte s Seine „Oeuvre complste8" wurden mehrmals herausgegeben, am vollständigsten zu Paris (3 Bde., 18,8). Fontenoi, ein Dorf in der belg. Provinz Hennegau mit etwa 600 E., wurde geschichtlich merkwürdig durch den am 11. Mai 1745 errungenen Sieg der Franzosen unter dem Marschall von Sachsen über die verbündeten Engländer, Holländer und Östreicher unter dm Herzoge von Cumberland. Fontevraud (kor>8 Lbraldi), ein Thal an den Grenzen von Poitou und Anjou, m stanz. Departement Mayenne und Loire, ward 1094 von dem als Bekehrer gefallener Mädchen und durch seine seltsamen Bußübungen bekannten Robert von Arbrissel oder Arbrcsü zum Stammsitze seiner aus Büßenden beiderlei Geschlechts zusammengesetzten Klostergesell- schaft gewählt, welche den Namen des Ordens von F. annahm. Derselbe folgte der geschärften Regel Benedict's, hatte aber die Eigenthümlichkeit, daß die Mönche der Äbtissin unterworfen waren. Die Idee Robert's, Leute beiderlei Geschlechts in einem Kloster zu vereinigen, war eigentlich eine Erneuerung der Synaisacten - Schwärmerei des 2. und 3. Jahrh.; und erregte deshalb bei mehren Zeitgenossen Bedenken. Trotzdem breitete sich der Orden sehr l bald nach Spanien und dann vorzüglich in Frankreich aus, wo die zahlreichen Klöster dessel- > den bedeutende Schenkungen erhielten. Die Äbtissin von F., meist aus sehr vornehmem Geschlechts, regierte sie alle als Generalsuperiorin und war von jeder bischöflichen Gerichtsbar-' keit frei und nur dem Papste untergeben. Zu Gunsten der Nonnen wurde später die streng! Regel gemildert, wodurch im > 4. Jahrh. große Unordnungen in den Klöstern dieses Ordens einriffen. Allmälig verlor er an Ansehen, hatte aber doch bis zur stanz. Revolution noch Priorate in Frankreich, welche während derselben gleich andern Klöstern aufgehoben wurden. Fontinalien hieß in Rom das Fest, welches am 13. Oct. den Brunnen- oder Quell- Nymphen zu Ehren, besonders von Innungen, die mit Wasser zu thun hatten, gefeiert wurde, wobei man die Brunnen bekränzte und Blumen hineinwarf. Fovte (Sam.), als engl. Lustspieldichter der neue Aristophanes genannt, geb. I7>0 zu Truro in Cornwallis, widmete sich in London der Rechtswissenschaft, ging aber, nachdem er sein Vermögen vergeudet, auf die Bühne, wo er 1744 ohne Beifall als Othello dcbütirte. Forbin Forcellini 357 Im 1.1747 übernahm er das Haymarket-Theater, wo er zugleich den Director, Schauspieler und Dramatiker machte, indem er satirische Lustspiele schrieb und gab, in welchen er lebende öffentliche Charaktere, selbst Damen vorführte und bei deren Darstellung er von seinem Talente, Geberden und Sprache Anderer auf das treffendste nachzuahmen, den einträglichsten Gebrauch machte, bis der Magistrat das Theater schließen ließ. Von 1752 an spielte er abwechselnd in London und Dublin. Von seinen stählend dieser Zeit geschriebenen Possen ist bloß noch „Ule ma^vr ok ksrrut" auf dem Repertoir. Trotz der Abnahme eines durch einen Sturz vom Pferde gebrochenen Beins im J. >766 blieb er doch Schauspieler, und fortwährend dichtete er für sich angemessene Rollen. Körperlich leidend und schwer gekränkt durch die von einem entlassenen Diener wider ihn erhobene Anklage eines schändlichen Verbrechens wollte er nach dem südlichen Frankreich, starb aber schon zu Dover am 21. Oct. >777. Viele komische Anekdoten von ihm stehen in Cooke's „Nemoirs okSam. L'." (Lond. 1805). Seine sämmtlichen dramatischen Werke erschienen zu London (4 Bde., 1778; 2 Bdc., 1797; deutsch, 4 Bde., Berl. 1796 —98). Forbin (Louis Nie. Phil. Aug., Graf von), als Schriftsteller rühmlichst bekannt, geb. 1777 zu Roquc d'Antheron im Departement der Rhonemündungen, verlor in Lyon zur Zeit der Belagerung seinen Vater und seinen Oheim und fand hierauf eine Zuflucht in dem Hause des Zeichners Boissieu, dem er die erste Anleitung zur Kunst verdankte. Als er später mit einem gegen Nizza und Toulon bestimmten Bataillon der Nationalgarde ausziehen mußte, schloß er in Toulon mit dem Maler Grauet eine Freundschaft für das ganze Leben. Nach Beendigung des Feldzugs ging er nach Paris und arbeitete in David's Schule mit dem angestrengtesten Fleiße, bis er der Kriegspflichtigkeit wegen zum zweiten Mal von der Kunst Abschied nehmen mußte. Nachdem er indeß einige Zeit bei der Reiterei gedient hatte, wo ihm der General Sebastiani manche Erleichterung zu Thcil werden ließ, erhielt er seinen Abschied und ging nun nach Italien. Zur Zeit der Kaiserkrönung kam er nach Paris zurück und wurde Kammerherr der Prinzessin Pauline Borghese. Später trat er von neuem in Kriegsdienste und machte mehre Feldzüge in Deutschland, Portugal und Spanien, nahm aber nach dem Frieden von l 809, durch Hofränke unmuthig gemacht, als Generallieutenant seinen Abschied und ging nach Rom. Hier widmete er sich wieder der Kunst und kehrte erst 1814, nach der Wiederherstellung des Königthums, nach Paris zurück. Zum Mitgliede der Akademie und Oberaufseher der königlichen Kunstsammlungen ernannt, ordnete er 1815 die Überreste des von den Verbündeten geleerten Museums. Im I. 1817 machte er eine Reise nach Griechenland, Syrien und Ägypten, die er in der „Vn^s^e clans le I^evunt" (1819) beschrieben und mit schönen Zeichnungen begleitet hat. Nachdem ihm 1821 auch die Oberaufsicht über die Künste, Kunstdenkmale und die Kunftsachen in den Departements übertragen worden war, ordnete er von neuem das Museum. Auch richtete er das Nationalmuseum für Arbeiten fcanz. Künstler im Palaste Luxembourg und das Museum in Versailles ein. Seine Reise nach Sicilien gab seiner Sammlung von Handzeichnungen einen Zuwachs, die als „8c»ivenirs <1s la 8ieile" (1823) erschienen. Erwähnungswertl) ist auch sein Prachtwerk „län mais » Vsnise" (Par. 1824 — 25, Fol.). In seiner Jugend schrieb er einige Theaterstücke, unter Andern, gemeinschaftlich mit Revoil in Lyon, ein Vaudeville „8terne, oule vn^sgs sentimental" und einen Roman „<7tiaiies öarimnre" (1810; 2. Aufl., 1823), der nebst einigen seiner andern Dichtungen von seinem Schwiegersöhne Marcellus neu herausgegeben wurde (Par. 1842). Er starb zu Paris am 22. Febr. 1841. Forcellini (Egidio), ein als Lexikograph bekannter ital. Philolog, wurde 1688 in einem Dorfe unweit Feltre, im ehemaligen venet. Gebiete, von sehr armen Ältern geboren und war schon ziemlich erwachsen, als er in das Seminar zu Padua eintrat, wo er indeß in kurzer Zeit solche außerordentliche Fortschritte in der alten Sprache machte, daß sein Lehrer F a c c i o l a t i (s. d.) ihn an seinen lcxikographischen Arbeiten Thcil nehmen ließ. Beide faßten nun > 7 > 8 den Entschluß, ein vollständiges Wörterbuch der lat. Sprache herauszugeben , dessen Ausführung dadurch, daß F. als Professor der Rhetorik und Seminardircctor nach Ceneda verseht wurde, zwar einige Zeit aufgeschoben werden mußte, dann aber, als er > 731 «ach Padua zurückberufen worden war, unter der Gunst und dem Schutze des dasigen Bischofs Rezzonico und unter Facciolati's Leitung ohne Unterbrechung betrieben wurde. F. 358 Forchheim Form starb 1768, noch che seine mit so vieler Ausdauer vollendete Arbeit in Druck erschien, die nachher unter dem Titel „Totius latmitstis lexicon, consilio et cura äsc. kiicciolati, oper, et stuilio ,äs^. k'orcellim lucubratum" (-1 Bde., Padua 1771 ; 2. Aust., 1805) herauskam I und wegen ihrer möglichsten Vollständigkeit mit Recht den allgemeinsten Beifall erhielt, ob- > gleich in der genetischen Entwickelung der Bedeutungen Manches zu wünschen übrigbleibt Als Vervollständigung dazu erschien Gius. Furlanetto's „Lppenriix" (Padua 1816, Fol.), der auch eine neue vollständigere Ausgabe des ganzen Werks besorgte (Padua 1828), welche dem in England, sowie dem in Deutschland durch Voigtländer und Hertel veranstalteten Abdrucke (Schnceb. I82S—33, 4 Bde., Fol.) zu Grunde liegt. Forchheim, Stadt im bair. Kreise Oberfranken am Einfluß der Wiesent in die hin schiffbare Negnitz, mit3600E-, die Gewerbe und Handel, namentlich mitGctreide und Vieh, ' treiben, war schon zu Karl des Großen Zeit ein bedeutender Ort. Die dasige Abtei kam ION von Würzburg an das Bisthum Bamberg, unter dem auch die ganze Stadt stand, bis sie 1802 mit Bamberg an Baiern fiel. Früher war F. eine Festung, deren Werke zuletzt 1781 wiedcrhergestellt wurden, seit I 838 aber ist es ohne Besatzung. Bei F. kam es am 7. Aug. NOS zwischen den Franzosen und Östreichern zur Schlacht, in der die Erstem das Feld behaupteten. Förderung, s. Grubenbau. Forellen sind Fische aus der Gattung der Salinen, die viele, zum Theil das Meer bewohnende Arten begreift. Die eigentlichen Forellen halten sich nur in tiefen, klaren und kühlen Gewässern, und zwar allein in Gebirgsländem auf; weshalb die Anlegung von Forellenteichen in niedrigen Ebenen unmöglich ist. Sie schwimmen schnell, sind scheu und vor- sichtig, verhalten sich gegen schwächere Fische wie Raubthiere und zeichnen sich durch ihr schmackhaftes, zartes Fleisch aus. Außer der gemeinen Forelle kennt man in den Alpen- seen Süddeutschlands noch drei Arten, die sich in Bezug auf Färbung ziemlich gleichen. Dir Lachsforelle wird bis zehn Pf. schwer und lebt in der Nordsee. ^ Forenser nennt man Solche, die einer bestimmten Gerichtsbarkeit, oder auch Landeshoheit, nur als Besitzer bestimmter unter derselben belegener Grundstücke untergeben sind, ihren Wohnsitz aber und ihr Forum in allen übrigen Angelegenheiten anderwärts haben. Es liegt nahe, daß sie weder die vollen Rechte noch die vollen Pflichten wahrer Einwohner haben können, und es ist Aufgabe der Localordnungen und unter Umständen der allgemeine» Gesetzgebung, das Maß dieser Rechte und Pflichten zu bestimmen. Forkel (Joh. Nik.), ein ausgezeichneter Musikgelehrter, geb. 1749 zu Meeder bei Koburg, kam in seinem 17. Jahre durch Empfehlungen nach Schwerin, wo er durch Gesang und Harfenspiel die Gunst der herzoglichen Familie gewann. Veranlaßt, sich dem Studium der Rechte zu widmen, that er dies auch zwei Jahre, wendete sich aber dann ausschließend der Tonkunst zu. Später wurde erUniversitäts-Musikdirector zu Göttingen, wo er 1818 starb. Er componirte mshre Cantaten, Clavierconcerte, ein Oratorium u. s. w. Sein Hauptverdienst erwarb er sich jedoch als Historiker. Am bekanntesten sind seine „Allgemeine Literatur der Musik" (Lpz. 1792), die von C. F. Becker neu bearbeitet wurde, seine Schrift „Über Seb. Bach's Leben" (Lpz. 1802) und vor allen seine unvollendet gebliebene „Allgemeine Geschichte der Musik" (Lpz. 1788—1801, 4.). Forl'r (b'oriim äulii), die Hauptstadt der gleichnamigen Legation des Kirchenstaats, an der alten Amilischcn Straße zwischen Bologna und Rimini, ist sehr gut gebaut und hat ^ gegen 16000 E. Der Marktplatz gehört zu den schönsten öffentlichen Plätzen Italiens. Der Sitzungssaal im Magistratspalast ist von Rafael gemalt. Unter den zahlreichen Kirchen sind der Dom mit seiner ausgemalten Kuppel und die Kirche San-Mercuriale wegen ihrer alter- thümlichen Bauart die merkwürdigsten. F. ist der Sitz eines Bischofs; auch bestehen daselbst eine Universität und mehre gelehrte Gesellschaften. Form, der Wortbedeutung nach Gestalt, bekommt nicht blos in Beziehung auf sinnliche Anschauung sondern ganz allgemein für Alles, was einer Gestaltung fähig ist, seine Bedeutung durch den Gegensatz zum Stoff, der Materie (s. d.) und bezeichnet die Ge- sammtheit der bestimmten Verhältnisse, in welchen ein Object sich darstcllt. So unterschied z. B. Kant den Stoff der Erfahrung, die Sinncsaffcctionen, von der Form derselben, d. h. von der Art und Weise, wie sie sich uns räumlich und zeitlich geordnet darstellen; so spricht Formalitäteil . Formel) 359 man vgn Formen des Verstandes, als den Begriffen, die die Verhältnisse der Erscheinung gen bezeichnen; ebenso sind die Logik und Mathematik formale Wissenschaften, weil jene es mit den Verhältnissen der Begriffe, diese mit den Verhältnissen der Großen zu thun hat. Von entscheidender Bedeutung ist ferner die Form für Alles, was in das Gebiet des Schönen gehört; alle künstlerische Darstellung ist wesentlich Gestaltung. Obgleich nun jede Form nur in ihrer Beziehung auf einen Stoff, dessen Form sie ist, eine Bedeutung gewinnen kann, so ist doch die abgesonderte Untersuchung formaler Begriffe deshalb von großer Wichtigkeit, weil theils Vollständigkeit, Ordnung, Zusammenhang und Begründung unserer Erkenntnisse selbst formale Begriffe sind, theils den Werth und die Bedeutung des Stoffs, den uns die innere und äußere Erfahrung darbietet, wesentlich an seine Form gebunden ist. Formlos nennt man gewöhnlich Das, was entweder noch keine bestimmt entwickelte Form hat, oder der erwarteten Form nicht angemessen ist, z. B. eine formlose Rede, ein formloses Betragen. Förmlich oder formell heißt Das, was die gehörige Form hat, z. B. ein förmlicher Beweis; im gewöhnlichen Leben werden auch Die so genannt, welche an den äußern, zufälligen Formen zu sehr hängen. Formalismus nennt man in der Wissenschaft wie im praktischen Leben ein sich nach der Form richtendes Verfahren; dieser Ausdruck bezeichnet aber auch oft den Fehler, vermöge dessen man über der bloßen Form den Gehalt Übersicht oder dem letzter« eine Form aufdringt, die ihm nicht eigenthümlich ist. So ist namentlich die Behandlung aller philosophischen Aufgaben nach einem gewissen vorherbestimmten Schematismus fehlerhaft, z. B. nach der Kant'schen Kategorientafel, oder nach der Formel der Hegel'schen Dialektik. Formalitäten heißen äußere, außerwesentliche Umstände, womit eine Handlung begleitet wird, von denen aber, zufolge gesetzlicher Bestimmungen, oft die Rcchtsgültigkeit eines Geschäfts abhängig gemacht ist. Formeln nennt man für besondere Fälle vorgeschriebene oder durch den Gebrauch ein- geführte Worte, Wendungen oder Redensarten. In der Mathematik versteht man darunter einen allgemeinen Buchstabcnausdruck, für den Werth einer Größe, aus welchem die Abhängigkeit derselben von andern Größen, welche sie bestimmen, erhellt und welcher daher zugleich die Regel ihrer Berechnung in sich begreift. Formenlehre, im Allgemeinen die Lehre von der Form der Dinge und auf die Grammatik bezogen' bald gleichbedeutend mit der Etymologie im Gegensätze zur Syntax, bald als derjenige Theil der Etymologie genommen, welcher die Wörter der Sprache ihrer Form nach betrachtet, wird doch vorzugsweise von der blos anschaulichen Kenntniß der räumlichen Formen, Punkte, Linien, Winkel, Figuren, Körper nach Lage, Zahl, Gestalt, Entstehung, Verbindung untereinander u. s. w. gebraucht, und ist da gleichbedeutend mit geometrischer Anschauungslehrc. Durch Pestalozzi und namentlich durch seinen Schüler Jos. Schmid in die Elementar- und Volksschulen als Lehrgegenstand eingeführt, ist die Formenlehre seit einigen Jahrzehnden vielfach bearbeitet, sehr häufig von Elementarmethodikern und Lehrern überschätzt und erst in neuerer Zeit mehr in ihrem wahren Werthe erkannt worden. Obgleich ohne wissenschaftliche Bedeutung, ist sie doch für die Schule pädagogisch wichtig , indem sie vortrefflichen Stoff zu Anschauungs- und Sprachübungen darbietet, das Augenmaß übt, den Sinn für Regelmäßigkeit und Schönheit der Form bildet, auf die Grundlage des Schreibens und Zeichnens und bei richtiger Behandlung eine sehr gute Vorübung auf den Unterricht in der eigentlichen Geometrie ist. Gute, zum Theil eigenthümliche Bearbeitungen der Formenlehre gibt es von Jos. Schmid, Türk, Eraßmanri-, Diesterweg, Harnisch, Sickel, Ramsauer, Gräfe, Toblcr u. A. Formey (Joh. Heinr. Sam.), ein sehr thätiger Literator, geb. zu Berlin am 31. Mai 1711, aus einer Familie franz. Refugies, widmete sich der Theologie und wurde noch vor seinem 2«. Jahre von der franz. reformirten Gemeinde zu Brandenburg zum Prediger gewählt und sechs Wochen darauf in gleicher Eigenschaft bei der fricdrichSstädter Gemeinde in Brandenburg angestellt, 1737 aber Professor der Beredtsamkeit und 1739 Pro- fessor der Philosophie am franz. Gymnasium. Trotz seiner Kränklichkeit sehr thätig, hak er eine übergroße Menge Schriften hinterlassen. Außer mehren Übersetzungen gab er seit 1733 mit Beausobre und später mit de Mauclerc die „Uibliotllegue germamgue" (25 Bde.) und 360 Formosa Forsell ! dann die „Nouvelle bibliotkegue germonigue" (25 Bde.) heraus. Mit Perard schrieb er - ein „Inurnal litteraire noch in Unabhängigkeit inne haben. Ob diese Ureinwohner zum malaiischen Stamme oder > zu dem der Australneger gehören, ist ungewiß; ihre Sprache scheint malaiischenUrsprungs zu !> sein, während ihrer Körperbeschaffenheit nach sie mehr zu den Australnegern zu gehören ^ scheinen. Die Chinesen, welche auf der Insel eine starke Garnison halten, haben mehre ! Städte daselbst errichtet, die einen lebhaften Handel treiben. Die bedeutendste ist Thai- Ij wan°fu, die Hauptstadt des chines. Theils, mit dem ehemaligen holländ. Comptoir, dem - größten Gebäude der Stadt. I Formschneidekunst, s. Holzschneidekunst. ' Forsell (Karl af), schweb. Oberst und Oberdirector des Generallandvermessungs- ^ bureau, geb. am 18. März 1783 in Westgothland, wurde in der Akademie zu Karlsberg j gebildet und leitete seit 1803 verschiedene Vermessungen. Im I. 1809 schloß er sich den > Verschworenen an, wurde von Adlersparre sogleich in dessen Stabe angestellt und zu mehren Sendungen, unter Anderm an den Prinzen Christian August verwendet, und nachdem dieser zum Thronfolger in Schweden erwählt worden war, dessen Adjutant. Der wiederholt von dem Kronprinzen ausgesprochene Wunsch nach einer Eeneralkarte von Schweden veran- laßte F. nach dessen Tode seine Karte über Skandinavien, in der Scala von zu entwerfen, die er indeß erst 1817 vollendete (9 Blätter). Im I. 1810 zum Major im Jnge- nieurcorps befördert, entwarf er nach der Ankunft des Kronprinzen Bernadotte eine neue ^ I S61 Forseti Forst Karte von Schweden für den Privatgebrauch des Prinzen und wurde sodann von diesem nicht nur zu seinem Adjutanten sondern auch zum Lehrer seines Sohns, des Prinzen OBar, in der Mathematik und Geographie ernannt. Im I. 1813 hatte er von Gothenburg aus wichtige Depeschen nach London zu überbringen und wohnte hierauf den Schlachten bei Gcoßbeercn, Denncwitz und Leipzig, sowie den übrigen Kriegsoperationen des schweb. Heers bei. Zum Oberstlieutenant befördert, machte er 1814 den Feldzug in Norwegen mit. Nach dem Frieden vollendete er zunächst seine große Karte Schwedens. Im 1.1817 wurde er in den Adelstand erhoben und wohnte seitdem allen Reichstagen bei. Er nahm 1818 Stockholm auf, behufs der Befestigung, und entwarf 1819 den Plan zu der Dampfschiffahrts- Verbindung zwischen Stockholm und Gothenburg und zwischen Stockholm und Westeräs. Auch arbeitete er 1821 den Entwurf zu dem Statut der Sparkasse zu Stockholm. Zm I. 1824 wurde er Oberst und Oberdirector des Generallandvermessungsbureau. Wie als Chef dieser Anstalt, so machte er sich auch um seine Mitbürger sehr verdient durch die Stiftung einer Mäßigkeitsgesellschaft und der ersten Kleinkinderschule in Stockholm im 1.1836. Als Schriftsteller ist er durch seine „Statistik Schwedens" (Stockh. 1830; 3. Aust., 1836), die ins Deutsche (nach der zweiten Aust, von Freefe, Lüb. 1835) und ins Dänische übersetzt wurde, und durch seine Beschreibung der einzelnen Provinzen Schwedens bekannt. Forseti, einer der vornehmsten altnord. Götter. (S. Asenlehre.) Forskal (Peter), schweb.Botaniker, ein Schüler Linne's, geb. 1736, studirte zu Güttingen, wo er sich durch seine Disputation „Dubia 6s jiriocstnis ;>liilosopllistz recentio- ris" (1756), die gegen die damals herrschende Wolf'sche Philosophie gerichtet war, viele Feinde erregte. In Upsala trat namentlich der Professor Wallerius gegen ihn auf, auf dessen Betrieb auch nach F.'s Rückkehr ins Vaterland, seine lat. Habilitationsdisputation über die bürgerliche Freiheit (1759) von der philosophischen Facultät Upsala als gefährlich verworfen wurde, welches Unheil das Kanzleicollegium, an welches F. appellirte, bestätigte. Dessenungeachtet übersetzte sie F. ins Schwedische und ließ sie drucken, worauf dieselbe verboten und F. eine scharfe Zurechtweisung ertheilt wurde. Bald darauf erhielt er einen Ruf als Professor nach Kopenhagen, wo er sich auf Linne's Empfehlung, behufs naturgeschichtlicher Untersuchungen, der wissenschaftlichen Reise anschloß, die Carsten Niebuhr, von Haven und Kramer 1761 auf Befehl König Friedrich's V. nach Arabien unternahmen. In Arabien von der Pest befallen, starb er zu Dscherim 1763. Nach ihm benannte Linne eine aus dem Samen, welchen F. eingesendet hatte, gezogene Pflanze korslrälea, deren erster Spe- cies er den Beinamen tenacissimr, gab, wodurch er nach seiner Art F. zu charakterisieren suchte. Aus F.'s Papieren wurden von Niebuhr herausgegeben: „Descri;>tionss smmulium, avium, smpllibiorum, ziiscium, inssctornm, gime in itiners oriental! observavit ?. k." (Kopenh. 1775), „Klora ae^zit.-arab. etc." (Kopenh. 1775) und „leoties rerum naturalium, c;usL in itinere oriental, ciepingi cursvit k'." (Kopenh. 1776, mit 48 Kupf.). Forst nennt man eine in mehre Abtheilungen getheilte, in Cultur und Pflege gehaltene Bodenfläche, die mit verschiedenen Holzarten bestanden ist; Forstwissenschaft die Lehre von der zweckmäßigen Waldbehandlung und Waldbenutzung, die Theorie vom Forstwesen; Forstwirthschaft die Anwendung der Lehre auf die Forstgeschäfte selbst, die Praxis der Forstwissenschaft und Forstwesen den Inbegriff alles Dessen, was zur Theorie und Praxis gehört. Die Zwecke, welche durch einen Wald zu erreichen sind, können sehr verschiedenartig sein; einen andern Gesichtspunkt hat der Staatsforstwirth, einen andern der Privatforst- wirth; dem Forstmanne aber ist als solchem unter allen Umständen das Holz der wichtigste Gegenstand in den Waldungen, und sein Hauptaugenmerk muß dahin gerichtet sein, die Waldungen so zu behandeln, daß in ihnen die größte und brauchbarste Holzmenge mit den wenigsten Kosten erzogen und richtig benutzt werde. Die Forstwissenschaft ist nicht selbständig, sondern aus Erfahrungen und mehren Wissenschaften zusammengesetzt. Als Hülfswissenschaften gehören dazu Naturwissenschaften, Mathematik, Technologie, Staats-, Kamcral- und Po- liceiwissenschaft und Rechtskunde. Übrigens zerfällt sic in fünf Haupltheile: I) in die Holzzucht, 2) in den Forstschuh,. 3) in die Forsttaxation und Betriebseinrichtung, 4) in die ßorstbenutzung und 5) in die Forstdireclion. Die Lehre von der Holzzucht begreift dieWissen- lchast in sich, auf einem gegebenen Flächenraume mit möglichst geringer Aufopferung von 362 Forst Zeit und Geld so vieles und werthvolles Holz zu erziehen als nur möglich. Man theilt die Holzzucht ein in die natürliche und künstliche. Zu jener rechnet man die Fortpflanzung des Holzes durch den naturgemäß abfallenden Samen und durch freiwillig entstehende Wurzel- Lrut; zu dieser die Vermehrung und Fortpflanzung des Holzes durch Pflanzung, Wurzel- theilung und Ausstreuung des gesammelten Holzsamcns. Noch theilt man die Holzzucht ein in die Hochwald-, Niederwald- und Mittelwaldwirthschafk. Bei der Hochwaldwirthschaft werden nur Baumhölzer zum höchsten Grade der Vollkommenheit gezogen; bei derNieder- waldwirthschaft läßt man sämmtliche Laubhölzer nur eine geringe Stärke erreichen, sie dann nahe über der Erde abhauen und aus den Stöcken und Wurzeln einen neuen Holzbestand hervvrtreiben. Bei der Mittelwaldwirthschaft wird zwischen den lichten Baumholzbeständen zugleich auch Niederwald erzogen. Endlich theilt man die Holzzucht noch ein in Schlag- und in Plänter- oder Fehmelwirthschaft. Bei der Schlagwirthschaft wird ein vollkommener Holzbestand von gleichem Alter erzogen und dieser bei seiner Haubarkeit entweder ganz abgetrieben, oder es werden wenige Stämme davon bis zur Haubarkeit des neu zu erziehenden Bestands übergchalten. Bei der Plänterwirthschaft wird jeder Walddistrict fortwährend mit Holz von jedem Alter im Bestand erhalten. Durch Wegnahme der stärksten Stämme aus jedem Districte wird alle Jahre das nöthige Holz gewonnen. Sonst war die Plänterwirthschaft allgemein, jetzt aber ist sie fast überall durch die geregelte Schlagwirthschaft verdrängt. Der Forstschutz begreift die Maßregeln und Vorkehrungen, wodurch die Waldungen und die darin gezogenen Producte vor jedem Nachtheile, herbeigeführt von Menschen, Thie- ren, Naturereignissen, nachlässiger Forstverwaltung und fehlerhafter Forstvcrfaffnng, beschützt werden müssen. Die Forstabschätzung beruht auf dem Grundsätze, jährlich nicht mehr Holz aus den Forsten zu nehmen, als sie bei zweckmäßig betriebener Holzzucht für immer nachhaltig abgeben können; auch kommt die Forstabschätzung vor, wenn man den Geldwerth eines Forstes berechnen will. Es wird zu diesem Zwecke die Größe des Forstes mit Meßinstrumenten, die Güte des Bodens mit Rücksicht auf die Ortslage durch Bonitirung ermittelt und der Bestand des Holzes durch Probeflächen und der Werth der Mast, Viehweide, Jagd u.s. w. taxirt, wobei aber Rücksicht zu nehmen ist auf die auf dem Forste lastenden Servitute. Die Forstbenutzung ist einer der wichtigsten Theile der Forstwissenschaft. Sämmtliche Gegenstände der Forstbenutzung kann man einthcilen in unmittelbare und mittelbare. Zu jenen gehören Holz, Rinde, Säfte, Früchte, Blätter, Staudengewächse, Gräser, Moose, Flechten, Schwämme, Erden und Steine; zu diesen wilde Bienenzucht, wilde Fischerei, Jagd, Zehent, Zölle und Strafgelder. Um die wichtigsten unmittelbaren Forsterzeugnisse aufs beste zu benutzen, muß man verstehen, sie auf das geschicktest! zu ernten, zu sortiren, zu formen, aufzubewahren, zu transportiren, zu taxiren und zu berechnen. Die Forstdirection begreift die Wissenschaft, das Forstwesen in einem Staate zweckmäßig zu organisiren und den Betrieb desselben so zu leiten, daß die Forste in möglichst guten Stand gebracht, erhalten und auf das Beste benutzt werden. Zur zweckmäßig» Verwaltung der Forsten sind Männer von verschiedener wissenschaftlicher Bildung nöthig. Vgl. Hartig, „Die Forstwissenschaft nach ihrem ganzen Umfange" (Bcrl. >839), Cotta, „Grundriß der Forstwissenschaft" (3. Aufl., Dresd. l842) und Schulze, „Die Walderzie- hung nach den neuesten wissenschaftlichen Grundsätzen" (Lpz. > 83S). In früher Zeit war das Holz, da es in Überfluß vorhanden, überall Gemeingut, weshalb man auch an einen regelmäßigen Betrieb des Forstwesens nicht dachte; später eigneten sich den größten Theil der Waldungen die Fürsten zu. So gab es nur Gemeinde- und Staatswaldungen, bis nachher die Landesherren auch Edelleute, Privaten und fromme Stiftungen mit Waldung» beschenkten. Im 8. Jahrh. wurden, um möglichen Holzmangel zu vermeiden, durch Karl den Großen auch die nicht landesherrlichen Waldungen unter landesherrliche Oberaufsicht gestellt und gegen die willkürliche Verwüstung der Forste Gesetze gegeben. Gleichwol wurde dadurch der Zustand der Waldungen wenig gebessert, da die Gesetze nicht die pflegliche Behandlung deS Holzes vorschrieben, sondern nur von Diebstahl und Forstfrevel (s. d.) handelten. Erst im l-1. Jahrh. erkannte man die Nothwendigkeit, Vorschriften über die Wiederanzucht des Holzes zu erlassen, denen dann später zweckmäßige Forstordnungen folgten. (S. Forstrecht.) Bereits seit dem Anfänge des 18. Jahrh. traten Kramer, Gleditsch, Beck- 363 Forst Förster (Joh. Reinhcld) mann, Zanthier, Burgsdorf, Müllerkamp, Däzel, Reuter, Jager, Trunk u. A. als Forst, schriftstellcr auf; aber erst seit Ende dieses Jahrhunderts, besonders durch Hartig's (s. d.) forstwissenschastliche Bemühungen, datirt der große Aufschwung des Forstwesens von der Empirie zur Wissenschaft, den Bcchstein, Cotta, Hundeshagen, Pfeil, Laurop, Andre, König, Behlen u. s. w. wohlthätig förderten. Nächstdem trugen zur Erhebung des Forstwesens sehr viel bei die seit dem letzten Viertel des >8. Jahrh. gegründeten öffentlichen und Privat- Forstlehranstalten in Preußen, Ostreich, Sachsen, Sachsen-Weimar, Sachsen-Meiningen, Würtemberg, Baiern u. s. w. Auch in Frankreich, Rußland, Polen, Dänemark, Schweden u. s.w. hat man in neuerer Zeit solche Lehranstalten gegründet und fast auf allen deutschen Universitäten werden gegenwärtig Vorlesungen über die Forstwissenschaft gehalten. Forst, ein Dorf in dem bair. Kreise Pfalz mit 900 E-, hat bedeutenden Weinbau. Der darnach benannte Förster gehört zu den Pfälzer Weinen und bekannt ist besonders der Forster Traminer, gezogen aus Traminertrauben. Förster (Joh. Reinhold), ein durch seine Reise um die Welt und als Naturforscher rühmlichst bekannter Mann, geb. am 22. Oct. 1729 zu Dirschau bei Danzig, wo sein Vater Bürgermeister war, stammte aus dem alten Hause der Lords Forester in Schottland ab, deren Einige, in Folge der politischen Unruhen in ihrem Vaterlande, in Polnisch-Preußen eine neue Heimat gefunden hatten. Nachdem er in Berlin zur Universität sich vorbereitet und seit 1748 zu Halle gegen seine Neigung Theologie studirt hatte, ging er 1751 nach Danzig und erhielt 1753 die Predigerstelle zu Nassenhuben. Sein Amt verwaltete er nur, so viel es die Nothdurft heischte; mit desto größcrm Eifer widmete er sich seinen Lieblingsfächern, der Ma- thematik, Philosophie, Länder- und Völkerkunde und den alten Sprachen. Bei seiner Reiselust war ihm der Antrag willkommen, das Coloniewesen in Saratow im asiat. Rußland zu untersuchen, wohin er, begleitet von seinem Sohne Georg, im März 1765 abging. In seinen Berichten deckte er mehre Mißbrauche in der dortigen Verwaltung auf, was ihm von manchen Seiten sehr verdacht wurde. Nach seiner Ankunft in Petersburg erhielt er von der Kaiserin Katharina II. den Auftrag, mit Zuziehung mehrer Gelehrten ein Gesetzbuch für die Colonisten zu verfertigen, empfing jedoch für diese Arbeiten und Reisen, sowie für die verlorene Predigerstelle, die man wegen seines langen Außenbleibens unterdeß anderweit besetzt hatte, nicht die erwartete Entschädigung und reiste ohne die geringste Belohnung im Aug. 1766 nach London. Hier verkaufte er um seiner Subsistenz willen die von seiner Reise mitgebrachten Sammlungen; später suchte er sich durch Übersetzungen, bei welchen sein Sohn ihn unterstützte, etwas zu verdienen. Nachdem er mehre Predigerstellen in Amerika, die ihm angetragen wurden, ausgeschlagen, folgte er dem Rufe als Professor der Naturgeschichte und der franz. und deutschen Sprache nach Warrington in Lancashire. Doch legte er sein Amt nachher nieder und lebte als Privatmann zu Warrington mehre Jahre in nicht unangeneh- men Verhältnissen, bis er 1772 den Antrag erhielt, den Capitain Cook bei seiner zweiten Entdeckungsreise als Naturforscher zu begleiten. Diese Reise, auf welcher er volle drei Jahre zubrachte, wurde von seinem Sohne ausführlich beschrieben, da es dem Vater zur Bedingung gemacht worden war, nichts über dieselbe drucken zu lassen. Doch gab F. nachherseinereichen Bemerkungen über Gegenstände der physischen Erdbeschreibung und Naturgeschichte, die er auf dieser Reise gesammelt, unter dem Titel „Obgervstions macke ckuring a voxage raunck. tkemorlck" (Land. >778, 4.; deutsch von seinem Sohne, 2Bde., Berl. 1779—80; 2. Aust., 3 Bde., 1783) heraus. Nach der Rückkehr erhielt F. von der Universität zu Oxford die juristische Doktorwürde, sonst aber keine Belohnung, weil die engl. Regierung den von seinem Sohne bearbeiteten Reisebericht als eine Umgehung der übernommenen Verpflichtung betrachtete und überdies in diesem Werke Bemerkungen fand, die ihr nicht angenehm waren. So gerieth F. bei seiner zahlreichen Familie in Schulden und endlich sogar in Haft, bis ihn der Herzog Ferdinand von Braunschweig befreite. Im I. 1780 wurde er Professor der Naturgeschichte in Halle, wo er bis an seinen Tod, am 9. Dcc. >798, mit großem Beifalle lehrte. Seine Heftigkeit, seine Geradheit und sein offenes Herz zogen ihm viele Verdrießlichkeiten zu; auch sein Hang zum Spiele und die Begierde, seine Sammlungen um jeden Preis zu vermehren, setzten ihn oft in große Verlegenheit. Der Verlust seines Sohns Georg vermehrte diese Leiden. Scharfsinn und schnelle Fassungskraft waren bei F. zugleich mit dem 364 Förster (Ioh. Georg) Förster (George) bewundernswürdigsten Gedächtnrß verbunden. Er schrieb und sprach > 7 lebende und tobte Sprachen; auch besaß er eine ungemeine Kenntniß der Literatur in allen Fächern, und in der Geschichte der Botanik und Zoologie wird er nächst seinem Sohne fortwährend als einer der ersten Entdecker des 18. Jahrh. glänzen. Er war ausnehmend gefällig und dienstfertig; auch fremden Verdiensten ließ er volle Gerechtigkeit widerfahren. Eine unerschütterlich frohe Laune gab seinem Umgänge ein eigenes Interesse. Als er dem Könige Friedrich II. vorge- stcllt wurde, sagte er diesem: „Ich habe sieben Könige gesehen, vier wilde und'drei zahme; aber keiner kömmt Ew. Maj. gleich." Von seinen Schriften gedenken wir noch des „läber singulsris suchen. Nachdem er durch die Preußen, als diese Mainz wieder erobert, alle seine Habe, auch i seine Bücher und Handschriften, verloren hatte, trennte er sich von seiner geliebten Gattin, > einer Tochter Heyne's in Göttingen, die sich unter seiner Zustimmung mit seinem Freunde Huber wieder verband, und faßte den Entschluß, nach Indien zu gehen. Er begann zu dem ^ Ende das Studium der morgenländ. Sprachen, unterlag aber den Anstrengungen und Un< s fällen der letzterer Jahre und starb zu Paris am 11. Jan. 1794. F. gehört zu den clasji- > schen Schriftstellern Deutschlands; in seiner Prosa verbindet sich franz. Leichtigkeit mit engl. ' Gewicht. Abgesehen von seinen zahlreichen Übersetzungen erwähnen wir von seinen Schrif- ^ ten die anziehende, für Naturgeschichte und Mensch enkenntniß so wichtige Beschreibung der denkwürdigen „Reise um die Welt in den I. 1772—75" (2Bde.,Lond. 1777,4.; deutsch, 3Bde., ^ Berl. 1784), seine „Kleinen Schriften, ein Beitrag zur Länder-und Völkerkunde, Natur- l geschichte und Philosophie des Lebens" (6Bde., Berl. 1789—97) und insbesondere seine !; reichhaltigen „Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790" (3Bde.,Berl. 1791—94). Auch hat er das Verdienst, die „Sakontala" des Kalidasa auf deutschen Boden verpflanzt zu haben. Seine . gewesene Gattin, Therese Huber (s.d.), gab seinen „Briefwechsel, nebst Nachrichten von s seinem Leben" (2 Bde., Lpz. 1828—29) und seine Tochter seine „Sämmtlichen Schriften" mit einer Charakteristik des Verfassers von G. G. Gcrvinus (9 Bde., Lpz. >843—44) heraus. ^ Förster (George), ein Engländer, der, im Civildienste der Ostindischen Compagnie zu Kalkutta angestellt, durch die kühne und gefahrvolle Reise bekannt wurde, die er 1782 aus Indien durch Nordindien und Persien nach Europa machte. Er reiste meist als mohammed. Kaufmann und war in Sprache und Sitten seiner Rolle ganz Meister, sodaß er selbst seine - mohammed. Reisegefährten täuschte. Das Gebiet der Seikhs vermeidend, ging er über Kaschmir und den gewöhnlichen Karavanenweg über Kandahar. Nach Verlauf eines Jahrs hatte er 900 Stunden Wegs zurückgelegt und den südlichen Theil des Kaspischen Meers erreicht. Nachdem er >784 in England angelangt, gab er ein Werk über die Mythologie und Sitten Förster (Ernst Joach.) Förster (Friedr.) 36b der Hindus (Lond. 1785) und nach seiner Rückkehr nach Kalkutta den ersten Band seines Reiseberichts foums) from kenxsl to binFlanck etc." (Kalk. 1790, 4.) heraus. Abgc- sendet, um mit dem Oberhaupte des Mahrattenstaats zu unterhandeln, starb er unterwegs ,u Allahabad 1792. Ohne daß man erfahren hatte, durch wen und wie seine Schriften nach England gekommen, erschien der zweite Theil seines Reiseberichts (Lond. 1798). Eine deutsche Übersetzung dieses anziehenden Werks lieferte Meiners (2 Bde., Zur. 1796—>800). Förster (Ernst Joachim), als Kunstschriftsteller und Künstler rühmlich bekannt, geb. am 8. Apr. 1800 in Münchengoßerstädt an der Saale, widmete sich in Jena und Berlin theologischen und philosophischen Studien, seit 1822 aber der Malerei, zu welcher er von Jugend auf durch Neigung, Talent und Vorstudien befähigt war. Er trat zu München in die Schule von Cornelius ein und wurde bald darauf in Bonn an den Fresken der Aula und in München an denen der Glyptothek und der sogenannten Arcaden betheiligt, später auch an den enkaustischen Wandbildern des Königsbaus. Mehre Reisen nach Italien setzten'ihn in Stand, sowol durch kunstgeschicytliche Forschungen als durch Aufnahme alter Kunstwerke, z. B. der Fresken des Avanzo in der Kapelle San-Giorgio in Padua, für die Kunsthistorie sehr Bedeutendes zu leisten. In den letzten Jahren hat er sich überhaupt von der Ausübung der Kunst mehr und mehr dem historischen und ästhetischen Felde zugewcndet; den Anfang machten seine „Beiträge zur neuern Kunstgeschichte" (Lpz. 1835), denen die „Briefe über Malerei" (Stuttg. 1838) folgten. Als Muster können sein „München, ein Handbuch für Fremde und Einheimische" (Münch. 1838; 3. Aust., 1843) und sein „Handbuch für Reisende in Italien" (Münch. 1840; 2. Aust., 1842) gelten, besonders letzteres, welches in klarer Übersicht die Entwickelung der ital. Kunst nach den neuesten Ergebnissen darstellt. Auch die Gemälde Avanzo's, die, wahrscheinlich um 1376 gemalt, ein höchst wichtiges Mittelglied zwischen der altflorent. und venet. Schule bilden, wurden von ihm herausgegeben. Seit 1842 ist er als Mitredacteur des Schorn'schen „Kunstblatts" thätig, in welchem er sich fortwährend als den gediegensten Referenten, zumal der münchener Malerschule, bewährt. Durch Heirath mit Jean Paul Friedr. Richter (s. d.) verwandt, hat er von 1826—38 an der Herausgabe von dessen Nachlaß und Briefwechsel den hauptsächlichsten Antheil gehabt. Förster (Friedr.), Hofrath und Custos bei der königlichen Kunstkammer zu Berlin, der Bruder des Vorigen, geb. zu Münchengoßerstädt am24.Sept. 1792, erhielt seine Schulbildung auf dem Gymnasium zu Altenburg und studirte zu Jena Theologie, wendete sich aber nach überstandenem Candidatenexamen zu dem Studium der Archäologie und Kunstgeschichte und lebte eine Zeit lang in Dresden, um sich an den dortigen Kunstschätzen zu bilden. In Folge des Aufrufs Preußens trat er 1813 mit seinem Freunde Thcod. Körner in das Lützow'sche Freicorps und wußte wie dieser durch seine feurigen Kriegslieder, „Schlachtenruf an die erwachten Deutschen", innige Begeisterung für die Rettung des Vaterlands zu erwecken. In den folgenden Feldzügen mehrmals verwundet, avancirte er zum Offizier. Von Paris zurückgekehrt, wo er bei Zurückfoderung der dort aufgehäufken Kunstschätze thä- tig war, wurde er in Berlin als Lehrer bei der Artillerie- und Ingenieurschule angestellt, in Folge der 1817 eingeleiteten demagogischen Untersuchungen aber der Autorschaft damals anstößiger Aussätze bezüchtigt, aus dem königlichen Dienste entlassen und auch in seiner neuen Thätigkeit, als Docent bei der Universität, gehemmt. Nachdem er hierauf seit 1821 die „Neue berliner Monatsschrift", welche das Leben in Kunst und Wissenschaft besprach, dann 1823—26 die Voß'sche politische Zeitung und 1827—3V in Verbindung mit W. Alexis das neue „Berliner Conversationsblatt" redigirt hatte, schien er ebenso sich selbst mit den Verhältnissen der Zeit befreundet wie seine Gegner ausgesöhnt zu haben und wurde Hofrath und Custos bei der königlichen Kunstkammer. Von seinen frühem historischen Schriften sind zu erwähnen seine „Beiträge zur neuern Kriegsgeschichte" (Berl. >1816), „DerFeldmar- fchall Blücher und seine Umgebungen" (2. Aust., Lpz. 1821) und „Friedrich des Großen Jugendjahre, Bildung und Geist" (Berl. 1822), sowie seine „Gkundzüge der Geschichte des prcuß. Staats" (2 Bde., Berl. 1818) und sein „Handbuch der Geschichte, Geographie und Statistik des preuß. Reichs" (3 Bde-, Berl. 1320—22). Durch seine Biographie „Albrecht von Wallenstein" (Potsd. 1834) hat er sich ein bedeutendes Verdienst um die Aufhellung der Plane und Absichten dieses Feldherrn und besonders der Motive zu seiner Ermordung 366 Förster (Karl) Forstfrevel ! erworben. Einen Nachtrag dazu bildet seine Schrift „Wallenstein's Proceß vor den Schranken des Weltgerichts und des k. k. Fiscus zu Prag. Mit noch bisher ungedruckten Urkunden" (Lpz. 1844). Zn gleicher Weise machte er sich verdient durch die Herausgabe der docu- mentirtcn „Geschichte Friedrich Wilhelm's I„ Königs von Preußen" (3 Bde, Potsd. 1834 > —35) und das Werk „Die Höfe und Cabinete Europas im 18. Zahrh." (3 Bde., Potsd. ! 1836—39). Als geistvoller, gemüthlicher Eelcgenheitsdichter zeichnete sich F. aus in den j „Runden des Großen Kurfürsten in der Neujahrsnacht", sowie bei den alljährlichen Erin- i nerungsfesten der Freiwilligen und bei andern Veranlassungen, z. B. in dem Festspiele „Die i Perle auf Lindahaide" (Berl. 1841); außerdem bearbeitete er mehre Shakspearc'sche Stücke f und einige kleinere Lustspiele für die Bühne. Unter dem Titel „Gustav Adolf, ein histori- j sches Drama" (Berl. 1832) ließ er eine Reihe lebensvoller, mit ergreifender Wahrheit geschriebener dramatischer Scenen erscheinen. Auch gab er „Briefe eines Lebenden" (2 Bde., Berl. 1827) heraus. Seine Kriegslieder, Romanzen, Erzählungen und Legenden vereinigte er in einer Sammlung unter dem Titel „Gedichte" (2 Bdchn., Berl. 1838). Er , wirkte mit bei Herausgabe der Werke Hegel's und schrieb mit Bückh und Tölken vereint über ! die Aufführung der Sophokleischen „Antigone" (Berl. > 842). Auch bewies er neuerdings , durch Abfassung mehrer populairer historischen Schriften: „Leben und Thaten Friedrich des Großen" (2 Bde., Meiß. 1840—41; 2. Aust., Lpz. 1842) und „Christoph Columbus" (Lpz. 1842—43), eine rüstige schriftstellerische Thäkigkeit. Förster (Karl), bekannt durch seine Übersetzungen aus dem Italienischen und als Dichter, geb. am 3. Apr. 1784 zu Naumburg an der Saale, erhielt den ersten wissenschaftlichen Unterricht auf der dasigen Domschule und studirte seit seinem 16. Jahre Theologie zu L»ip- j zig. Durch seinen nahen Verwandten, den jetzigen Professor Lobeck in Königsberg, zu ge- > schichtlichen, philosophischen und philologischen Studien angeregt, hatte er den Plan, sich j der akademischen Laufbahn zu widmen, doch nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters sah ! er sich veranlaßt, aus Mangel an Mitteln zur Theologie zurückzukehren. Als Hauslehrer in ' Dresden wurde er daselbst sehr bald heimisch und 1806 als Adjunct und 1807 als zweiter - Professor am königlichen Cadettenhause angestellt, wo ihm namentlich das Fach der deutschen Sprache und Literatur zugewicsen war, das er auch beibehielt, als er 1828 in die erste Professur einrückte. Seine wenigen Mußestunden widmete er vorzugsweise der neueurop. Literaturgeschichte, insbesondere der ital., später auch der ältern deutschen, und dem Studium der Kunstgeschichte. Aus Scheu vor der Öffentlichkeit schrieb er mehre Jahre lang anonym, bis er mit der Übersetzung von Petrarca's „Gedichten" (Lpz. 1818—19; 2. gänzlich überarbeitete Aust., Lpz. 1833) hervortrat. Später erschienen von ihm die Überse- > tzung von Tasso's „Auserlesenen lyrischen Gedichten" (2 Theile, Zwick. 1821; 2. Aust., Lpz. . 1844), „Rafael, Kunst und Künstlerleben", ein Cyklus von Gedichten (Lpz. 1827), der unvollendet gebliebene „Abriß der allgemeinen Literaturgeschichte" (Bd. 1—4, Abth. 1, Dresd. ! 1827—30) und die Übersetzung von Dante's „Vita nuova" (Lpz. 1841). Viele Zeitschriften, besonders die „Blätter für literarische Unterhaltung", brachten von ihm lehrreiche literar- geschichtliche und kritische Aufsätze, in denen er die Erscheinungen der Literatur in ihrer Beziehung zu der Zeit, der sie angehörten, und in ihrer Bedeutung für den Entwickelungsgang der literarischen Bildung überhaupt möglichst unparteiisch und leidenschastlos würdigte Die von Wilh. Müller begonnene „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Zahrh." wurde vor ihm fortgeführt und 1838 mit dem 14. Bande geschlossen. Er starb am 18. Dec. 1841 ^ Seine zahlreichen zerstreut erschienenen Gedichte, deren mehre von Weber und andern namhas ten Componisten in Musik gesetzt wurden, erschienen nach seinem Tode von Ludw. Tieck ge sammelt (2 Bde., Lpz. 1842) und enthalten manche sehr ansprechende lyrische Gaben. Forstfrevel nennt man eine jede Beeinträchtigung des Waldeigenthums. Zn der Zu gendzeit der Völker war der Wald ein freies Eigenthum Aller zu Jagd und Benutzung des Holzes, sowie aller andern Erzeugnisse der Natur. Aber diese ursprüngliche Freiheit ver- . wandelte sich nach und nach in ausschließliche Berechtigungen der Fürsten und Grundherren; die Zagd wurde ein Regal, die hohe Jagd ein Attribut der Landesherrlichkeil und die niedere ein Ausfluß der Grundherrlichkeit; der Wald ging in wahres Eigenthum der Landesherrschaft, der Gutsherren, der Gemeinden und der Einzelnen über. Vgl. Stieglitz, „Geschichk- Forstrecht Fortuna 367 liche Darstellung der Eigenthumsvcrhältnisse an Wald und Jagd in Deutschland" (Lpz. 1832). Doch finden sich noch immer Spuren der altern Rechte. Namentlich fallen Entwendungen aus dem Forste, wenn sie stehendes Holz betreffen, mehr unter den Gesichtspunkt einer ungebührlichen Anmaßung oder eines Misbrauchs des Holzungsrechts u. s. w. als unter den des Diebstahls, wenn sie nicht unter erschwerenden Umständen, insbesondere auch mittels Gebrauchs eiserner Werkzeuge geschehen. Die Forstfrevel werden in der Regel von den Forstgerichten bestraft, welche meist aus dem Justizbeamten, dem obern Forstbeamten und dem Rechnungsbeamten bestehen und zu gewissen voraus bestimmten Terminen zusammentreten. Forstrecht ist der Inbegriff der Rechtssätze, welche sich auf Wald und Jagd beziehen. Das Forstrecht geht von der höchsten Staatsgewalt über die Forsten oder der Forsthoheit aus, welche demjenigen Staate zusteht, zu dessen Territorium der Forst gehört. Es umfaßt Alles, was sich auf Eigenthum und Benutzung des Walds bezieht, und greift also theils in das Privat- oder bürgerliche Recht, theils in das Policeirecht ein. Sein Zweck geht in dieser letzten Hinsicht dahin, die Benutzung so zu ordnen, daß nichts ohne Nutzen verbraucht oder verdorben, und daß das Verbrauchte wieder ersetzt wird. Obgleich also das Forstrecht gegenwärtig auf das Princip des Privatrechts gegründet ist, so tritt doch auch in ihm das Recht des Staats, für die Benutzung des Bodens zum Wohle des Ganzen zu sorgen, sehr deutlich hervor. Vgl. Pietsch, „Entwurf der Grundsätze des Forst- und Jagdrechts" (Lpz. 1779) und für Sachsen insbesondere F. M. Schilling, „Handbuch des Forst- und Jagdrechts" (Lpz. 1827) nebst Nachtrag (Lpz. 1829). Forstwesen und Forstwissenschaft, s. Forst. Fort nennt man eine kleine Festung, um einen Flußübergang, eine Gebirgsschlucht u. s. w. zu bewahren, ohne große Vertheidigungsmittel dazu anwenden zu dürfen. Sie sind meist regelmäßige Vier- oder Fünfecke, oder thurmähnliche, bombenfeste Gebäude. Durch Forts suchte man namentlich die europ. Niederlassungen gegen die Angriffe der Eingeborenen zu schützen. Nach dem neuern Befestigungssystem werden auch die detachirten selbständigen Werke, welche im Umkreise einer größern Festung angelegt sind, Forts genannt. Der Zweck derselben ist entweder, wichtige, in der Nähe der Festung liegende Tcrrainpunkte zu beherrschen, oder die Festung so zu umgeben, daß der Feind sich derselben nicht nähern kann, ohne diese Forts, deren jedes eine besondere Belagerung nothwendig machen soll, vorher zu erobern. Genua, Toulon, Koblenz, Posen, Rastadt und Ulm sind auf diese Weise sortificirt. Als Schattenseite der Vortheile, welche die Forts gewähren, ist zu erwähnen, daß man für jedes einen befähigten Kommandanten braucht, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen. Forteguerri (Niccolo), ital. Dichter, besonders bekannt durch das satirische Epos „Riccisrlietto", geb. 1674 zuPistoja, erhielt hier seine Erziehung und ging dann nachRom, um es in der geistlichen Karriere zu versuchen. Als Prälat am Hofe Clemens' XI. lebte er indeß, wie so Viele seines Standes mehr den schönen Wissenschaften und der Poesie als einer klerikalischen Thätigkeit. Er starb in Rom am 17. Febr. 1735. Seine Canzonen haben kein sonderliches Verdienst. Für das komische Epos in 2V Gesängen, welches ihn berühmt gemacht hat und worin er besonders die verderbten Sitten des Klerus verspottet, wählte er zum Helden eines der Haimonskinder, den Richarden. Er las dasselbe stückweise, wie es entstand, dem Papste Clemens XII. vor. Im Druck erschien cs erst zwei Jahre nach des Verfassers Tode und zwar unter dem Namen „6»rteromaco", den schon F.'s Vorfahr Scipio, den seinigen gräcisirend, geführt hatte (2 Bde., Ven. 1738, 4. und öfter; deutsch am besten von Gries, 2 Bde., Stutkg. 1831—32). Die übrigen, Gedichte F.'s erschienen in verschiedenen Ausgaben in Genua, Florenz und Pescia; seine Übersetzung des Terenz in versi -ciolti erschien sehr schön ausgestattet zu Urbino (1736, Fol.). Fortepiano, s. Pi ans forte. Forth, ein Fluß in Schottland, der in der Grafschaft Forth entspringt und in den Forthbusen der Nordsee (Früh of Forth) mündet, wurde geschichtlich merkwürdig durch die Schlacht im Sept. 1297, in welcher die Engländer den Schotten unter W. Wallace unterlagen. Fortification, s. Festungsbau. Fortuna, bei den Griechen Tyche, die Göttin des Zufalls, sowol des Glücks als des Unglücks, nach Hesiod die Tochter des Oceanus, nach Pindar, der ihr auch die Beschützung 368 Forum der Städte zuschreibt, die Schwester der Moren oder Parzen, steht dem eigentlichen Schicksale (s. Fatum), das seine Herrschaft nach fester Bestimmung übt, entgegen, insofern sie > gesetzlos wirkt, nach Laune bald gibt bald nimmt und bald Freude bald Trauer verursacht. Sie hatte Tempel zu Smyrna, zu Pharä in Messenien und im Hain zu Altis. In Italien war ihr Dienst sehr alt, äußerst ausgedehnt. Die Römer verehrten die Göttin unter vielen Namen; sie hatte Tempel unter den Namen Patricia, Plebeja, Equestris, Virilis, Primi- genia, Publica, Privata, Mulicbris, Virginiensis u. s. w. Eine eigene Bedeutung erhielt später nach Ovid die Fortuna Virilis, nämlich als Frauenglück bei Männern. Außer Rom wurde sic besonders zu Antium und Präneste verehrt; im Tempel des erstem Orts wurden ^ ihre zwei Bildsäulen sogar als Orakel befragt. Was die künstlerische Darstellung anlangk, ? so wurde bei der Tyche durch Attribute entweder lenkende Gewalt oder Flüchtigkeit oder > Reichthum an Gaben hervorgehoben; die Römer häufen alle Attribute auf eine Figur, doch so, daß im Ganzen die ernstere Ansicht vorherrscht. Ihr gewöhnliches Attribut, welches ihr auch schon Pindar beilegt, ist das Steuerruder; außerdem ein Füllhorn, ein Rad oder eine Kugel. Auch griff sie in den Bilderkreis der Isis und Panthea über. Auf einem Wandgemälde erscheint sie als Weltbeherrscherin im Sternenmantel, gekrönt, mit Scepter und Ruder. Forum hieß bei den Römern ein für den Marktverkchr, die Haltung der Gerichte und ' Versammlung des Volks bestimmter freier Platz, der Markt. Das ursprüngliche Forum zu Rom, in der Gegend, die jetzt den Namen 6umpo vsccioo führt, das Forum Nomanum, später auch msgnum genannt, erstreckte sich von Nordwest nach Südost von dem Fuße des Capitolinischen Hügels, wo der Bogen des Septimius Severus, nach der Höhe des Titusbogens, der Velia, in einer Länge von 63V F.; die Breite am westlichen Ende wird zu ISO, die am östlichen zu I lv F. gemessen. Es wurde durch Straßen und zwar im Ost und Nord durch die 8»crs via begrenzt, deren innere Seite frei war, an deren äußerer Seite Hallen und Tabernen, wie die der si-Aentsrii oder Geldwechsler, standen, welche in der spätem Zeit größ- tentheils durch Basiliken (zuerst die Basilica Porcia >85 v. Ehr.) und Tempel verdrängt - wurden. In dem östlichen Theile jenes Raums wurden die öjltcsten Comiticn (s. d.) der Römer, die Curiatcomitien, gehalten; erhalte daher den Namen Comiti um und wurdk von dem Forum im engem Sinne unterschieden. Dieses letztere hörte wol erst dann auf, Verkaufsplatz zu sein, als cs 472 v. Ehr. der Versammlungsplatz der Tribuscomitien geworden war; die Fora, auf denen später der Verkauf von Lebensmitteln stattfand, tragen bezeichnende Zunamen, so das korum bouriu,» an der Tiber, das borum suurium, prisca- rium, olitorium u. s. w. Öffentliche Gastmähler des Volks und die Gladiatorenkämpfe wurden in der Zeit der Republik gewöhnlich auf dem Forum Romanum gehalten. Auf dem Co- mitium wie auf dem Forum fanden Denkmäler mannichfacher Art eine Stätte, so stand auf dem letztem die Columna Rostrata des D uilius (s. d.); an das Comitium, auf welchem sich das Tribunal des Prätor Urbanus befand, stieß die hostilische Curie, der regelmäßige Versammlungsort des Senats; am westlichen Ende des Forum lag bei dem Aufsteig zum Capitol, dem clivus espitolinus, der Tempel des Saturn mit der Schatzkammer (aersriuw) und dem Archiv (tsbularium) des Staats; auf der nördlichen Seite standen drei Durch-, gangsgebäude, Jani, deren mittleres (jamis merlins) als der Ort, wo die meisten Geldge- l schäfte gemacht wurden, sich etwa als die röm. Börse bezeichnen läßt; die Grenze zwischen. Forum und Comitium wurde durch dieRostra (s. d.), die Rednerbühne, gebildet. Seit Zu- > lius Cäsar und Augustus verlor das Forum Romanum die Bedeutung, die cs in der repu- ^ blikanischcn Zeit als Mittelpunkt des röm. Staatslebens gehabt hatte, aber auf seine Verschönerung durch angrenzende Gebäude, wie die Basilica Julia, und durch Denkmäler, der« letztes die vom Exarchen Smaragdus dem Kaiser Phokas 6V8 errichtete, noch erhaltene Säule, war man fortwährend bedacht. Mit weit größerer Pracht waren aber diejenigen Fora ausgestattet, welche seit Julius Cäsar von mehren Kaisern aufgeführt und namentlich zu Gerichtsstätten bestimmt wurden; bei ihnen kam es nicht auf den freien Platz, der wol auch ganz fehlen konnte, sondern auf die Gebäude an, und durch die Fora des Julius, des Augustus, des Nerva, das, weil es als Durchgang diente, auch trsnsitorium genannt wurde, und das mit der berühmten Säule geschmückte Forum des Trajan entstand allmälig nördlich vom alten Forum eine Reihe der prachtvollsten Bauwerke. Vgl. W. A. Becker, „Handbuch FoScolo 369 der röm. Alterthümer" (Bd. I, Lp;. 1843). Auch mehre Ortschaften führen dm Namen Forum, durch den die Gerichtsbarkeit und Marktgercchtigkeit angedeutet wird und dem gewöhnlich der Name eines Römers hinzngefügt ist, so z. B. Lorum äppü in den Pontinischcn Sümpfen an derVia^ppiu, knrumk'Ikiminii in Umbrien an der Via kluminia, korum »a- <>n»ni bei den Batavern (jetzt Voorburg), korum ä»Iii das heutige Frc'jus bei Marseille und ebenso das heutigeFriaul, Lorum IHi das heutige Forli bei Faenza, knrum 8empronü in Umbrien (jetzt Foffombronc); oder der durch andere Zusätze näher bezeichnet wird, wie z. B. mehre Orte den Namen KorumKoviim, andere den Zunamen der Völkerschaft führen, wie Lorum kibalnrum in Spanien, 6a»ornm zwischen Mutina und Bononia, Segusinnorum in Gallien. ?o r um VuIcsni, der Marktplatz Vulcan's, hieß der Mittelpunkt der Phlegräischen Felder, die jetzige Solfatara. — In der neuern Gerichtssprache bezeichnet man mit Forum den Gerichtshof oder die Gcrichtsstelle, vor welcher streitige Rechtssachen entschieden werden, und dann die richterliche Behörde, den Gerichtsstand und die Gerichtsbarkeit; daher torum eompetens, das befugte Gericht, wohin die Rechtssache eigentlich gehört, und torum incom- 1 >ot<-ns, ein unbefugtes Gericht, korum contr->ctus ist der Gerichtshof des Orts, wo ein Vertrag geschlossen ward; -»rum äelicti oder commissi der Gerichtshof des Orts, wo ein Verbrechen begangen ward; torum tlomicilü und torum lmbitutionis der Gerichtshof des Aufenthaltsorts; torum gppreliensionis der Gerichtshof, wo der Verbrecher ergriffen wurde; torum originis der Gerichtshof der Heimat oder des Geburtsorts; torum rei sitae der Gerichtshof des Orts, wo die streitigen Gegenstände liegen, und lorum privilegistum ein Gerichtshof, unter welchem Jemand seines Amts oder seiner Person wegen steht. Foscölo (Niccolo Ugo), aus venet. Familie auf Zante 1777 geboren, eine glühende, leidenschaftliche Seele, früh erfüllt von dem Gedanken einer politischen Wiedergeburt Italiens, dem er sein Leben dichtend, lehrend, in kritischen Arbeiten, handelnd und die Jugend seines Vaterlands mächtig anregend opferte. Nach dem Ausbruche der Revolution trat er in Venedig mit seinem Trauerspiele ,,1'ieste" auf, welches die Partei, die von den Franzosen Italiens Wiederbelebung hoffte, mit Begeisterung aufnahm. F. selbst erkannte bald die Trüglichkeit dieser Hoffnungen und verschmolz in seinen „Ultimo lottere 6i äacopo Ortis" (Mail. 1802; deutsch, Lp;. I82S) mit seinen Licbesklagen (um Jsabella Roncioni, die nach- herige Gattin des MarcheseBartolommei) den herben Schmerz über die Versunkenheit seines Vaterlands. In Lyon, wohin er als Mitglied der Consulta berufen war, zeichnete er sich durch dir schmerzvolle und kühne Rede aus, die später unter dem Titel „Orsrione s IZnuu- Porte" (Lugano >829) in Druck erschien. Dann las er in Pavia als Monti's Nachfolger über Literatur; doch schon >805 ging er wieder mit dem franz. Heere nach Doulogne- Als er aus Mailand, wo er sich nach seiner Rückkehr aufhielt, durch Eugen wegen seines patriotischen Trauerspiels „Hsce" verwiesen wurde, wendete er sich nach Florenz, wo er seine Hoffnung auf Wiederherstellung Italiens noch stärker in dem Trauerspiel „kiccisrela" aussprach, das in London >820 erschien. Als Adjutant des Generals Pino suchte er sodann die Mailand. Nationalgarde für seinen politischen Gedanken zu begeistern, erregte aber dadurch das Mis- fallen der Negierung und sah sich genöthigt zu fliehen. Er ging nun nach der Schwei; und von dort l8l7 nach London, wo er am l >. Sept. >827 starb. Mit Monti hatte er eine Übersetzung der „Ilias" in versi sciolti begonnen; eine Übersetzung des Kallimachischen Gedichts „Haar der Berenice" nebst Commentar hatte er ebenfalls noch in Pavia verfaßt. In London übernahm er den Auftrag, eine kritische Ausgabe der vier großen ital. Dichter zu besorgen ; Krankheit, Mismuth und Leiden verhinderten die Vollendung. Indessen war er doch mit Dante so weit gekommen, daß Rolandi das Manuscript für -109 Pf. St. kaufte. Seine Ausgabe der „Divina cnmmecliu" erschien sehr schön und mit Illustrationen ausgestattet zu London >825. F. ging mit großen Planen um, unter denen eine „8toria elell' arte «ii guerra" die erste Stelle einnahm, von denen aber nichts zu Stande kam. Auch von den „lnni it»- lisni", die er begonnen hatte, ist nur ein Fragment bekannt geworden. Die „l.e-!ioni lli elo- gnenra" (Ven. 1830) sind von fremder Hand aus seinen Werken und dem Nachlaß zusam- mengestcllt^ Die „Discnrsi storici e letterarj" (Mail. >8-13) enthalten Übersetzungen von Aufsätzen F.'s aus engl. Journalen. Seinen „8»^--io sopra l'etrarca" gab Ticozzi (Lond. 1821) heraus. Die „Lncsis ineelite" (Lugano 1831) sind unbedeutende Jugendgedichte. bonv.-Lex. Neunte Uufl. V. 24 "o.'O Fostte Fothergill Fosite, ei» von den Friesen verehrter Gott, ist wahrscheinlich gleichbedeutend mit den, Altnordischen Forseti. (S. Asenlehre.) Foß (Heinr. Herrn.), norweg. Dichter, geb. am l7. Sept. 1790 zu Bc-rgcn, widmet, sich anfangs gegen seine Neigung, um dem Willen seiner Altern zu entsprechen, dem Kauf- mannstande, bis er 1808 die Erlaubniß erhielt, in Militärdienste zu treten. Nach manchen Faßlichkeiten langte er 1809 in Kopenhagen an, wo er als Lieutenant eine Anstellung fand. Mit Auszeichnung commandirte er 1810 einige Strandbatterien aus der Insel Lange- land gegen die Engländer. Nachdem er 1813 in sein Vaterland zurückgekehrt, wurde er Lehrer an der Realschule zu Bergen, von wo aus er später England, Frankreich und die Nie- ' verlande besuchte. Durch das Studium klassischer Schriftsteller gebildet, gab er mit Jonas Rein und C. Magn. Falsen das periodische Blatt „Der nordische Zuschauer" (5 Jahrgänge) und mit Alb. Sagen eine Beschreibung der Stadt Bergen (1824) heraus. Im I. 1827 von feiner Vaterstadt zum StorthingSdcputirten erwählt, machte er sich in so vortheilhaf- ter Weise bemerklich, daß ihn, als er in dieser Zeit als Stabscapitain nach dem Amte Smaa- lehnen versetzt wurde, auch die Stadt Moß als Deputirter zum Storthing von 1830 sendete Alsdann als Bataillonschef nach Christian!« versetzt, wurde er 1833 Storthingsdeputirkei dieser Stadt, die er seitdem auf allen Storthingen vertreten hat, indem er sich durch seine mit Mäßigung gepaarte Freimüthigkeit daS Zutrauen des Volks in immer Hähern Graden erwarb. Seine Mußestunden widmete er der Dichtkunst. Er übersetzte Tegner's „Frithiof" und in seinem großem Gedichte „Tidsnornerne" („Die Zeichen der Zeit") feierte er die echte, wahre Bürgertugend, indem er zugleich die Thorheit der überspannten Köpfe mit gemüth- licher Ironie geißelte. Fofsan», eine Handelsstadt im sardin. Fürstenthum Piemont an der Stura, der Sitz eines Bischofs, verdankt ihren Namen den dasigen Heilquellen. Sie ist mit alten Festungswerken umgeben und hat gegen 1 l 000 E-, die einige Scidenfabriken unterhalten und Handtl treiben. Nächst dem Dom San-Giovanni ist das Schloß, welches aus dem 14. Jahrb. stammt, das ansehnlichste Gebäude. Das Bisthum daselbst wurde von Gregor XIll. 158» gegründet. Bei F. wurden am 5. Nov. 1799 die Franzosen unter Moreau durch die Oß- reicher unter Melas und Kray geschlagen. Fossilien nennt man alle aus der Erde gegrabenen Körper; im weitern Sinne ist ei gleichbedeutend mit Mineralien (s. d.), im engern mitVersteinerungen(s. d.). Fossombröne (korum Semprouii), eine Stadt in der päpstlichen Delegation Urbim und Pesaro, an der Straße von Fano nach Nom, der alten Via klammia, der Sitz eines Bischofs, liegt in einem Thale am Metauro in einer reizenden Gegend. Sie hat 6500 E., die namentlich viel Seide bauen, welche unter dem Namen 8eta lloila msrcs als die vorzüglichste in ganz Europa gilt. Unter ihre Sehenswürdigkeiten gehören die Kathedrale mit , vielen alten Inschriften und das alte Bergschlvß. Aus der Nömcrzeit hat sie neben mehren j andern Resten die Ruinen eines Theaters und den Bogen einer Brücke aufzuweisen. Inder i Gegend um F. erlitt Hasdrubal durch die Römer eine Niederlage. Durch die Gothen wurde die Stadt zerstört und dann unweit der frühem Stätte in bequemerer Lage wieder aufgebaut. Fothergill (John), einer der berühmtesten engl. Ärzte, geb. am 8. März 1712 zu ! Carrend in der Grafschaft Jork, gehörte zur Sekte der Quäker und erhielt in einer Erziehungsanstalt derselben zu Scdberg seine Bildung. Er studirte Pharmacie bei Bartlett und Medicin in Edinburg, vcrtheidigte daselbst 1737 seine in den „lAessurus mellicus" von ? Will. Smellie aufgenommene Doctordisputation „Oe emeticorum usu in vsrüs morbir" und wurde hierauf am St.-Thomashospital in London angestcllt. Jm J. 1740 machte er eine Reise durch Holland, Deutschland und Frankreich und ließ sich dann als praktischer Arzt in London nieder, wo er sehr bald den Ruf eines der angesehensten Ärzte gewann, den er bis zu seinem Tode behauptete. Seine Curmethode der 1746 in London epidemischen häutigen Bräune beschrieb er in dem „Xccvunt of tke putrill sure tkroat" (Land. 1748; 2. Aust., 1751), der in mehre Sprachen überseht wurde. Berühmter machte er sich durch seine ziemlich glückliche Behandlung des Gesichtschmerzes, der nach ihm Fothergill'schei Gesichtschmerz benannt worden ist. Vgl. seine Abhandlung „X concise snllnxnte- srstic risrr oo s painlul sLection os tde osrves ok tbe face" (Lond. 1805). Auch beschäs FoLheringay Fouchc 371 tigte er sich eifrig mit der Botanik, und sein zoologisches und mineralogisches Cabinet gehörten zu den vorzüglichsten in England. Er errichtete auf seine Kosten eine große Erziehungs- anstatt für arme Quäkcrkinder, theilte Howard's Bemühungen, den Zustand armer Gefangenen zu erleichtern und intcressirte sich lebhaft für Abschaffung des Negerhandels. Er starb am 26. Dec. I78V. Eine vollständige Sammlung seiner medicinischen und philosophischen Werke veranstaltete ElliotsLond. 178l) und dann mit Zugabe seiner Lebensbeschreibung Lettsom (3 Bde., Land. 1783—85; deutsch, 2 Bde., Alkenb. 1785). Fotheringay, ein Dorf am Nee in der Grafschaft Northampton mit den Ruinen des Schlosses, in welchem die Königin Maria Stuart 1586 enthauptet wurde. Fötus,, s. Fetus. Fvuche (Jos.), Herzog von Otranto, der Sohn eines Schiffscapitain«, geb. am 29. Mai 1763 bei Nantes, erhielt daselbst bei den Vätern des Oratoriums den ersten Unterricht und trat dann in das Oratorium zu Paris, wo er unter glänzenden Fortschritten sich für das Lehrfach bestimmte. Die Revolution, die er mit Enthusiasmus begrüßte, traf ihn als Lehrer der Philosophie zu Nantes. Da er nicht in den Orden ausgenommen war, so heirathete er, wurde Advocat und vom Departement der Unterloire in den Convent gewählt. Hier kam er in den Ausschuß für den öffentlichen Unterricht, stimmte für den unbedingten Tod des Königs und riech zu den härtesten Maßregeln gegen die Royalisten. Zm Aug. 1793 wurde er in das DepartementNievre geschickt, wo er namentlich die Priester und dieReichen verfolgte. Im Nov. sandte ihn der Convent mit Collot d'Herbois und Cvuthon nach Lyon, um die unterworfene Stadt zu züchtigen. Aus Furcht oder Fanatismus begann er hier die Hinrichtungen in Masse und ließ binnen wenigen Monaten gegen 1760 Menschen durch Kartätschen niederschießen. Nach seiner Rückkehr im Apr. 1794 zog er sich durch Spott und Tadel den Haß Robespierre's zu, weshalb er auch Ursache hatte, den Sturz desselben zu fördern. Ungeachtet er klug einlenkte, erlag auch er als Schrcckensmann endlich den heftigsten Anklagen; er wurde im Aug. 1795 aus dem Convent gestoßen und bis zur Amnestie im Oct. gefangen gehalten, worauf er als Privatmann lebte. Im I. 1796 verrieth er dem Director Barras die Verschwörung des Babeuf, mit dem er in Verbindung gestanden, und wurde dafür im Sept. 1798 als Gesandter an die Cisalpinische Republik nach Mailand geschickt. Hier suchte er mit dem General Brune einen zweiten 18. Fructidor durchzusctzen, weshalb Beide abberufen wurden. F. erschien erst im Jan. 1799 zu Paris, nachdem die Politik Barras' die Oberhand behalten, und erhielt sogleich aufJoubert's Verwenden den Gesandtschaftsposten in Holland. Schon im Juli wurde er indeß wieder abgerufen und zum Policeiminister ernannt. Hiermit begann nun die Entfaltung seines großen Talents und sein grenzenloser Einfluß auf die innere Politik Frankreichs. Durch Energie, Klugheit und rastlose Thäkigkeit suchte er die Ruhe im Innern herzustellen. Zunächst wendete er seine Aufmerksamkeit den Factionen und deren Attentaten zu; er schloß die politischen Clubs und zügelte die Presse. Nach der Revolution des 18. Brumaire, die er aus Überzeugung unterstützte, organisirte er eine unerhörte Policeiherrschaft, zu der er die Mittel meist aus dem Spielpachtzog. Die neueNegierung hielt er von Gewaltthaten zurück und auf seinen Rath wurde die Emigrantenliste geschlossen, eine allgemeine Amnestie pro- clamirt und überall der Grundsatz der Mäßigung und Versöhnung festgehalten. Die Presse unterwarf er sich durch Bestechung; die Attentate suchte er mehr zu überwachen und zu verhindern als zu bestrafen. Dieses Letztere und überhaupt seine Mäßigung machten ihn indeß dem ersten Consul verdächtig, der ihn nun durch eine geheime Gegenpolicci überwachen ließ. Als F. überdies durch seine policeilichen Enthüllungen denselben zu zügeln und von einer unzcitigen Thronbesteigung abzuhalten suchte, wurde er im Dec. 1802 plötzlich seines Amts enrlaffen. Die öffentliche Police! wurde der Justiz untergeordnet, dafür aber der geheimen Policei unter Savary ein großer Wirkungskreis eröffnet. Zur Abfindung erhielt F. die einträgliche Se- natorie vonAix und dieHälfte des Policeireservefonds von 2,400000Francs, die bei seinem Abgänge vorhanden waren. Wie scharf F. übrigens die damalige Lage Bonaparte's begriff, bewies sein historisches Wort über die von ihm gemisbilligte Hinrichtung des Herzogs von Enghien: ,,6'est pIn, czn'un crime, c'ert uns kaute." Schon im Juli 1804 mußte ihm die Policei wieder übertragen werden; zugleich erhielt er auch das Ministerium des Innern. In 372 Fouche den Kriegen und bei der häufigen Abwesenheit des Kaisers gab ihm diese Stellung die Mache eines Regenten von Frankreich. Durch kluge und bestechliche Mäßigung suchte er nun vornehmlich die Royalisten an den kaiserlichen Thron zu fesseln. Der Kaiser, der ihn bereits zum Grasen ernannt, verlieh ihm nach dem östr. Kriege auch den Hcrzogstitcl mit reichen Dotationen im Neapolitanischen. Nichtsdestoweniger fuhr F. fort, die Politik des Kaisers durch die Enthüllung der öffentlichen Meinung von ganz Europa zu zügeln und wurde dadurch sehr bald wieder lästig. Als der Kaiser durch seine geheime Police! erfuhr, daß F. zweimal Anträge von England und den Bourbons empfangen, und daß er die Agenten Vitcl und Dache habe entschlüpfen lassen, stiegen das Mistrauen und die Spannung. Zwar vereitelte F. im Herbste 1809 in Verbindung mit Berna d ottc (s. d.) durch Msbi- lisirung der franz. Milizen das Unternehmen der Engländer auf Walcheren; doch that er dabei in einer Proclamation die unkluge Äußerung, daß die Gegenwart des Kaisers zur Rettung Frankreichs nicht nothwendig sei, und wurde nun des Ministeriums deS Innern verlustig. Um sich wieder in Gunst zu setzen, betrieb er am brit. Hofe durch geheime Agenten die Anerkennung Napoleon's; fiel aber dadurch, sowie, daß er die Verhaftung Lucian Bonaparte's (s. d.) verhindert hatte, gänzlich in Ungnade und mußte am 5. Juni 1810 auch das Policeiministerium abtretcn. Er sollte als Titulargouverneur nach Rom in eine Art von Verbannung gehen, erzürnte aber den Kaiser durch die Weigerung der Herausgabe wichtiger Briefe so heftig, daß er eiligst aus Frankreich fliehen mußte und sich von Italien aus nach den Vereinigten Staaten zu retten gedachte. Nachdem er die Briefe herausgegeben, erhielt er die Erlaubniß, in seiner Senatoric zu Aix, dann auf seinen Gütern zu leben, wo er mehre Jahre in einem glänzenden Privatstande zubrachtc. Als F. und Talleyrand entschieden vom russ. Feldzüge abriethen, konnte Napoleon nur mit Mühe abgchalten werden, die Haft dieser gefürchteten Männer zu verfügen. Nach der Rückkehr des Kaisers aus Rußland wurde F. wegen der Verschwörung Mallet's in Untersuchung gezogen, aber schuldlos befunden. Im Feldzüge von 18 l 3 rief ihn der Kaiser ins Hauptquartier nach Dresden, schickte ihn von hier als Gouverneur der illyrischen Provinzen nach Laibach und nach der Schlacht bei Leipzig nach Rom und Neapel, um die Schritte Murat's zu bewachen. Nochmals ermahnte F. von Rom aus im Jan. I8l4 den Kaiser zur Fügsamkeit. Als» nach dem Aufbruche Murat's nach Paris gerufen wurde, sagte er schon auf der Reise den Sturz Napoleon's voraus. Nach der Abdankung des Kaisers gab er demselben den Rath, den europ. Schauplatz ganz zu verlassen. Bei den Bourbons drang er auf Anerkennung der factischcn Zustände und auf allgemeine Versöhnung und zog sich, als diese Politik nicht befolgt wurde, ins Privatleben zurück, ohne den Anerbietungen des Kaisers zugänglich zu werden. Als die Landung Napoleon's bekannt wurde, wollte man ihm das Policeimini- ftcrium aufdringcn, was er aber ablchnte. Obschon er die Weisung erhalten hatte, im Interesse der Bourbons alle Aufträge des Kaisers anzunehmen, so befahl der flüchtige Hof doch noch seine Verhaftung, der er sich aber zu entziehen wußte. Bei der Ankunft Napoleon's rieth er demselben zur Beschwichtigung aller Parteien den Kaisertitel abzulcgen und als Generalissimus an die Spitze der Republik zu treten. Er übernahm zwar das Policeiministerium und trat mit Ostreich und dem brit. Hofe in Unterhandlungen, täuschte sich aber keineswegs über den Ausgang der Dinge und suchte durch eine kluge Schonung aller Parteien, die freilich an Vcrrath streifte, seinem eigenen Untergänge auszuweichcn. Als die Achterklärung der europ. Mächte erschien, wollte er Napoleon zu einer schleunigen Abdankung zu Gunsten besten Sohns vermögen. Der Kaiser hielt indeß alle diese Rathschläge für Vcrrath und wurde nur durch seine bedrängte Lage abgehalten, Gewalt gegen F. zu gebrauchen. „Ich weiß", soll er ihm vor der Abreise zur Armee zugerufcn haben, „daß Sie dem Feinde verkauft sind; ich sollte Sic erschießen lassen; Andere werden sich mit diesem Act der Gerechtigkeit befassen. Ich werde beweisen, daß Sic in der Wage meines Schicksals kein Haar wiegen." Nach der Schlacht von Waterloo betrieb F. die zweite Abdankung Napoleon's und suchte ihn nochmals zur Flucht nach den Vereinigten Staaten zu bewegen. Er stellte sich an die Spitze der provisorischen Negierung, vermittelte die Capitulation von Paris, leitete den Abzug der Armee hinter die Loire ein und verhinderte dadurch nutzloses Blutvergießen. Ludwig XVll l., dessen Rückkehr aus den Thron er keineswegs unterstützt Fougercs Foulon 373 hatte, übertrug ihm von neuem das Policeiministcrium. F. beschwor die Bourbons nochmals, Mäßigung und Achtung gegen das Bestehende zu beobachten und erntete dafür den grimmigsten Haß und die Verfolgung des Ultraroyalismus. Nach langem Sträuben mußte er endlich am 2 a. Juli die Proscription von 57 Personen unterzeichnen, wodurch er auch bei den übrigen Parteien das Zutrauen verlor. Seiner falschen Stellung müde, legte er, nachdem er in mehren Noten die Lage des Landes freimüthig geschildert, im Sept. l815 sein Ministerium nieder und verzichtete auch auf den Eintritt in die fanatische Kammer. (S.6bambre intrnuvable.) Mit seiner jungen Frau, die er kurz vorher aus einem alten Hause der Provence geheirathet, ging er als sranz. Gesandter nach Dresden. Als auch ihn das Verbannungsdecret vom l2. Jan. 1816 gegen die sogenannten Königsmordcr traf, suchte er Zuflucht in Prag, wo er mehre Flugschriften erscheinen ließ. Nachdem er l 818 östr. Staatsbürger geworden, ging er nach Linz und von da nach Triest, wo er durch sein thätigcs Leben aufgerieben, am 25. Dec. 182» starb. Er hinterließ l 4 Mill. Francs und zwei Söhne erster Ehe, von denen der älteste den Herzogstitel erbte. Als sein politisches Glaubensbckenntniß gelten die Noten an die fremden Minister im I. 1815 und der Brief an den Herzog von Wellington von 1817. Die „Nomnires cke llor. k., ck»e ck'Otrrinto" (4 Bde., Par. 1828—29) wurden zwar von seinen Söhnen gerichtlich für unecht erklärt, sind aber ohne Zweifel nach authentischen Quellen und zwar von Bcauchamp (s. d.) verfaßt. Fougeres, eine Stadt im sranz. Departement Ille und Vilaine mit 78»v E. und einem alten Schloß, hat ansehnliche Fabriken in Leinwand, Segeltuch, Flanell und Papier, auch wichtigen Handel und bedeutende Märkte. Bei F. wurden am 1. Nov. 1793 die Vendeer von dem republikanischen Heere geschlagen. Fvulis (Nob. und Andr., Gebrüder) machten sich in der Mitte des 18. Jahrh. als Buchdrucker zu Glasgow in Schottland durch ihre Ausgaben klassischer Schriftsteller berühmt, die denen von Barbou und Bodoni an die Seite geseht zu werden verdienen. Robert war anfangs Barbier und wurde erst 174» Buchdrucker. Allein lieferte er 1743 eine schöne Ausgabe des Demetrius Phalcreus und 1744 die des Hora; in 12., welche ohne Druckfehler ist, da er die Probebogen im Universitätsgebäude zu Glasgow öffentlich aushän- gcn ließ und, wie Nob. Stephan, einen Preis für jeden Druckfehler bestimmte. Jm J. 1744 wurde sein Bruder Andreas Thcilnehmcr des Geschäfts, und gemeinschaftlich besorgten nun Beide ihre sehr gesuchte Folge alter Classiker, in der Cicero (2» Bde., 1749, 12.), das griech. Neue Testament (175»), Homer (4 Bde.,.,175V—58, Fol.), Thucydides (mit lat. Übersetzung, 8 Bde., 1759), Herodot (mit lat. Übersetzung, 9 Bde., 1761) und Lenophon (mit lat. Übersetzung, 12 Bde., 1762—67) namentlich hervorragen. Der große Eifer beider Brüder, die schönen Künste in ihrem Vaterlande cmporzubringen, verursachte ihren Ruin. Sie wollten in Schottland eine Kunstakademie errichten, ließen zu diesem Zwecke mit großen Kosten Künstler in Italien studiren und von dorther eine Menge Kunstsachen kommen; da sie aber nicht unterstützt wurden, konnten sie diesen Aufwand nicht weiter bestreiten, und ihre Druckerei gericth in Verfall. Andreas starb 1774; Robert 1776, nachdem er sich genöthigt gesehen hatte, seine Gemäldesammlung, deren Katalog dreiBände füllt, in London zu verkaufen. — Einer ihrer Nachkommen lieferte noch bis 18V6 mehre gute Ausgaben von Classikern, namentlich Virgil (2 Bde., 1778) und Äschylus (1795, Fol.). Foulon (Nie.), ein Opfer der Volkswuth in der franz. Revolution, war um 1715 geboren. Noch sehr jung trat er in franz. Civildicnstc, bekleidete während des Siebenjährigen Kriegs eine Jntendantcnstclle bei der Armee und wurde hierauf Staatsrath. In seinen amtlichen Stellungen hatte er sich hart und habsüchtig gezeigt und durch schamlose Erpressungen Reichthümer erworben. Als ihn Ludwig XVI. zu Necker's Nachfolger in der Finanzverwaltung bestimmte, erhob sich die Volkswuth gegen ihn. Er mußte mit seinem Eidam Berlhier von Sauvigny aus Paris entfliehen, wurde aber, wiewol er die Nachricht von seinem Tode zu verbreite» suchte, zu Viry angehalten. Weil F. bei der Hungersnoth, die das Volk drückte, angeblich geäußert, „die Canaille solle doch Heu fressen lernen", band man ihm ein Heubund auf den Rücken, legte ihm einen Distelstrauß in die Hand und eine Nessel- krause um den Hals und führte ihn in diesem Aufzuge nach Paris auf das Stadthaus, wo ihn der Pöbel in der Wulh erdrosseln wollte. Mit eigener Gefahr gelang es Lafayette, den 374 Fouque (Heinr. Auq.) Fouque (Friede. Heinr. Karl) Mord zu verhindern, indem er versprach, F. den Proceß machen zu lassen. Bei Abführung l ins Gesängniß wurde er aber doch vom wüthenden Volke den Nationalgarden entrissen und sogleich, am 22. Juli 1789, an einem Laternenpfahl aufgeknüpft. Während man seinen Kopf auf einer Pike durch die Straße trug, brachte ein anderer Haufe auch den zu Com- piegne angehaltenen und gleicher Verbrechen beschuldigten Berthier ein. Man zeigte demselben den Kopf seines Schwiegervaters und führte ihn auf das Stadthaus. Als er hier, über die schimpfliche Behandlung empört, eine Waffe ergriff, um sich gewaltsam zu befreien, wurde auch er auf die Straße geschleift und an den Laternenpfahl gehenkt. Fouque (Heinr. Äug., Freiherr de la Motte), preuß. General, geb. 1698 im Haag, k stammte aus einer alten normänn. Familie, welche um der Religion willen Frankreich verlassen hatte. Schon im achten Jahre wurde er Page am Hofe des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, gegen dessen Willen er 1715 dem Feldzuge der Preußen gegen Karl XII. als gemeiner Soldat beiwohnte. Im I. 1719 wurde er Fähnrich, zehn Jahre darauf Hauptmann. Der Kronprinz von Preußen, nachmals Friedrich II., schenkte ihm sein Vertrauen, und dessen Vater erlaubte ihm, denselben im Gefängnisse zu Küstrin zu besuchen. Verdrießlichkeiten mit seinem Chef, dem Fürsten von Dessau, bewogen F., den preuß. Dienst 1738 als Major zu verlassen und in dän. Dienste zu gehen. Als aber Friedrich II. den Thron bestiegen hatte, rief er F. wieder zu sich und ernannte ihn zum Obersten und Commandeur eines neuerrichteten Regiments. F. machte hierauf die schlesischen Kriege mit und zeichnete sich 1742 als Commandant der Festung Glaß aus. Noch mehr that er sich als Gencral- lieutenant im Siebenjährigen Kriege durch Klugheit und Tapferkeit hervor, bis er am 23. Juni 1760 mit seinem aus kaum 10000 M. bestehenden Corps in den zu weit ausgedehnten Verschanzungen bei Landshut, die er aus Friedrich's Befehl vertheidigen mußte, von 31000 Ostreichern unter London angegriffen und nach heldenmüthiger Gegenwehr überwältigt wurde. Der größte Theil des Heers blieb auf dem Platze, die Übrigen mußten sich . wgeben, unter ihnen auch F., der schwer verwundet nur durch die seltene Treue seines Reit- j knechts Trautschke vom Tode gerettet wurde. Bei der darauf erfolgten Übergabe der Festung Elatz verlor er sein ganzes Vermögen. Besonders weil er über die schmähliche Behandlung der preuß. Gefangenen, selbst der Offiziere mit freimüthiger Leidenschaftlichkeit sich vielfach geäußert hatte, wurde er, so lange der Krieg dauerte, von den Ostreichen; nicht ausgewech- seit, sondern vielmehr zur Strafe von Brugg an der Leutha nach Karlstadt in Kroatien abgeführt und von seinen Bedienten getrennt. Die Kaiserin Maria Theresia suchte ihn in ihren Dienst zu ziehen, aber vergebens. Nach geschlossenem Frieden kam er wieder zu seinem Re- gimcnte nach Brandenburg, und für seine seltene Treue von seinem Könige mit Geschenken überhäuft, genoß er dessen Wohlwollen und Freundschaft bis an seinen Tod am 2. Mai 1774. Die „Älö.ilioires tlu baron <1? lalllnlte 17" (2 Bde., Berl. 1788; deutsch von Büttner, Berl. 1788) enthalten F.'s Briefwechsel mit Friedrich II. Vgl. seines Enkels Friedr. de la Motte F.'s „Lebensbeschreibung Heinr. Aug. de la Motte F.'s" (Berl. 1824). Fouque (Friedr. Heinr. Karl, Freiherr de ka Motte), bekannt als Dichter, ein Enkel des Vorerwähnten, geb. zu Brandenburg am 12. Fcbr. 1777, machte nebst seinem unglücklichen Freunde, H. von Kleist, als Lieutenant im Negimente der preuß. Garde du Corps den Feldzug am Rhein in den neunziger Jahren mit und lebte hierauf in ländlicher Stille den Musen. Anfangs als Lieutenant, dann als Rittmeister, wohnte er den bedeutendsten Schlachten des Freiheitskriegs von 1813 bei, bis er in Folge körperlicher Anstrengung sich gcnöthigk ^ sah, den Abschied zu nehmen, den er mit dem Majorscharakter erhielt. Später lebte er abwechselnd zu Berlin und auf seinem Gute Nennhausen bei Rathenow, dann mehre Jahre zu Halle und starb zu Berlin am 23. Jan. 1843. Als Dichter trat er zuerst unter dem Namen Pellegrin auf; er übersetzte des Cervantes „ldinm-incm" und dichtete Einiges im Geiste der span. Poesie. In dieselbe Zeit fallen derRoman „Alwin" (2 Bde.), die „Historie des edeln Ritters Galmy und einer schönen Herzogin aus Bretagne" und einige Schauspiele. Indessen schien ihn doch der Geist der nordischen Sage und altdeutschen Dichtung am meisten nnzusprechcn, den er auch mit bewundernswürdiger Fruchtbarkeit in mehren Werken dargelegt hat. Diesen kraftvollen Geist athmet vor Allem das dramatische Gedicht „Sigurd, der Schlangentödter" (Berl. 1809, 4.), mit dem er zuerst unter seinem wahren Namen auftrak. Fouquet Fouquier-Tinville 375 Ferner gehören hierher die vaterländischen Schauspiele „Alboin, der Longobardcnkönig" und „Eginhard und Emma"; vorzüglich aber „Der Zauberring" (3 Bde., Nürnb. 1816). Unter seinen zum Theil vortrefflichen kleinen Erzählungen steht das zarte, sinnvolle, in fast alleeurop. Sprachen übersetzte Märchen „Undine" (Verl, l 813; 6. Ausl., 1841 fallen voran. Unter seinen übrigen Schriften sind zu erwähnen das romantische Heldengedicht „Corona" (Bert. 1814), „Die Fahrten Thiodolfs" (2 Bde., Hamb. 1815), „Sängers Liebe" (Tüb. 1816), „Altsächs. Bildersaal" (4 Bde., Nürnb. 1818—IS), das geschichtliche EpoS „Bcrtrand du Guesclin" (3 Bde., Lpz. 1821), „Der Verfolgte" (3 Bde., Bcrl. 1821), „Der Sängerkrieg auf der Wartburg" (Berl. 1828), seine seltsame, von ihm selbst ausgezeichnete „Lebensgeschichte" (Halle l 84») und der Roman „Abfall und Buße oder der Seelenspicgcl" (Berl. 1844). F. schließt sich im Allgemeinen der romantischen Schule an; Religiosität, Ritterlichkeit und Galanterie sind die Grundelemcnte seiner Dichtungen, und obgleich er in seinen poetischen Formen nicht selten gezwungen, hart und launenhaft spielend erscheint, namentlich in seinen Dramen, so offenbart sich doch überall eine Fülle von Phantasie und ein eigcnthümlich kräftiges poetisches Leben. Später erschien er immer manierirtcr, pietistischer und feudalistisch-aristokratischer, sodaß er zuletzt mit dem Geiste derZcit, z. B. in seinen Gedichten „Die Weltreiche" (Halle 1835—4»), in einem directen Gegensatz stand, da er seine mittclalterigen Illusionen nicht los werden konnte. Doch ist ihm dabei nichts Gemachtes noch Geheucheltes vorzuwerfen; vielmehr bildet diese Richtung einen durchgehenden Grundzug seines Wesens. Seiner Richtung treu, gab er mit L. von Alvenslcbcn die „Zeitung für den deutschen Adel" (184» — 41) heraus. Er selbst besorgte eine Ausgabe seiner „Anserwähltcn Werke" (12 Bde., Halle 1841). — Auch seine erste Gattin, Karo- line von Briest, geschiedene von Rochow, geb. zu Ncnnhausen 1773, ist als fruchtbare Schriftstellerin bekannt. Mehre ihrer Romane, ihre „Briefe über Zweck und Richtung weiblicher Bildung" (Berl. 1811), sowie ihre „Briefe über die griech. Mythologie" (Berl. 1812) sind mit Achtung zu nennen. Einige ihrer erzählenden Dichtungen zeichnen sich durch einzelne tiefe Blicke in das menschliche, vorzüglich weibliche Herz aus. Sie starb zu Nennhausen am 21. Juli 1831. Ihre Briefe und kleinen Aufsätze wurden nach ihrem Lode unter dem Titel „Der Schreibtisch, oder alte und neue Zeit"(Köln 1833) gesammelt. Fouquet (Charl. Louis Aug.), s. Belleisle (Graf von). Fouquier-Tinville (Ant. Quentin), der berüchtigte öffentliche Ankläger während der franz. Revolution, war um 1747 im Dorfe Herouellcs im Aisnedcpartement von Landleuten geboren, die ihn zur Schule nach St.-Quentin schickten und dann das Amt eines Pro- curators am Chatelet kauften. Wegen Bankrotts mußte er jedoch seine Stelle niedcrlegen und that dann zu Paris geheime Policeidienste. Beim Ausbruche der Revolution zeigte er viel demokratischen Cynismus; durch Danton wurde er mit Robespierrc bekannt, der ihn erst zum Geschworenen, dann zum Director und öffentlichen Ankläger des Nevolutionstribu- nals machte. Ohne Bildung, Gewissen und Nechtssinn fn.hrte er hier unter der Maske der Unbestechlichkeit die Blutbcfehle des Wohlfahrtsausschusses aus und versank bald, schon aus eigenem Trieb alle Formen zurücksctzend, in ein kältcs, rohes Morden. Wurde er auf die häufigen Personenvcrwechslungen in seinen Todcsurtheilrn aufmerksam gemacht, so war die Antwort: „Das thut nichts; heute oder morgen, sterben müssen sic doch." Erschickte Spione und Anstifter (moutons) in die Gefängnisse, die dann als Zeugen und Mitschuldige vor dem Tribunal erscheinen mußten. Als man ihm einst bemerkte, daß aus Versehen zwei dieser Menschen mit zum Tode vcrurtheilt worden, cntgegnete er: „Der Schub ist einmal fertig, für diesmal muß cs so bleiben." Den Geschworenen Montane klagte er selbst an, weil er bei Verurtheilung der Charlotte Corday Mitgefühl für die Girondisten geäußert habe. Dem Convent schlug er die Errichtung eines Schafots im Saale des Gerichts vor, was selbst Collot d'Herbois mit Entrüstung zurückwicö. Nachdem er über die Köpfe aller Parteien das Todcsurtheil gesprochen, beförderte er auch mit gleichem Eifer Nobcspierre und dessen Genossen. Nach der Hinrichtung desselben erschien er im Convent, um demselben zu diesem Act der Gerechtigkeit Glück zu wünschen. Barere wollte ihn in seinem Amte auch nach dem Sturze der Schrcckens- männcr erhalten wissen; allein Frcron trug auf die Anklage desselben an. F. suchte sich zu rechtfertigen, da ihm aber solches nicht gelang, stellte er sich freiwillig. Endlich nach zehn 376 Fourcroy Monaten machte man ihm den Proceß. Obwol er in einer langen Vertheidignng alle Schuld ^ auf Robespierre schob, wurde er doch als gewissenloser Richter zum Tode verurtheilt und am ! Mai 1795 guillotinirt. Dem Volke, das ihn auf dem Wege zum Schafot verhöhnte, ries er zu: „Geh' Canaille, geh', hole dir deine zwei Unzen Brot bei deiner Section, ich gehe niit vollem Magen ab." Am Fuße des Schafots zeigte er sich feig. Erst 1829 starb zu Paris seine Frau; ihre Habseligkeitcn mit den Reliquien ihres Mannes wurden öffentlich versteigert Fourcroy (Ant. Franc., Graf de), einer der ersten neuern Chemiker, wurde am 1 5. Juni 1755 zu Paris geboren und bei der bedrängten Lage seines Vaters, als dieser seine Stelle , als Apotheker des Hauses Orleans verlor, nachdem er bis in sein 14. Jahr das Collegium s Harcourt besucht hatte, Schreiber, was er auch geblieben sein würde, wenn nicht der berühmte Vicq d'Azis, der ein Freund seines Vaters und Secretair der königlichen Societät der Med!- ein war, ihn zum Studium dieser Wissenschaft aufgemuntert hätte. Nach Besiegung vieler Schwierigkeiten wurde F. Arzt. Da er sich mit allen Zweigen der Naturwissenschaft befreundet, besonders aber Chemie mit vielem Eifer getrieben hatte, so gewann ihn der Chemiker Bucquet lieb und verschaffte ihm Gelegenheit, Vorlesungen über Chemie und Naturgeschichte zu halten. Diese Vorlesungen zogen bald so viele Zuhörer herbei, daß Buffo» auf F. aufmerksam wurde und ihm 1784 nach Macquer's Tode die Professur der Chemie im königlichen Pflanzengarten übertrug. Im folgenden Jahre wurde F. auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Unterdeß war er mit Lavoisicr, dem berühmten Reformator der Chemie, bekannt geworden; er nahm an den Arbeiten und Entdeckungen dieses Gelehrten Thcil und die durch die gänzliche Umgestaltung der Chemie nothwendig gewordene neue Terminologie der Wissenschaft, die für sich allein eine Analyse der Chemie ist und unberechenbar zu deren ^ Fortschritten beigetragen hat, war fast ganz F.'s Werk. Obgleich F., der in seiner frühem ^ Lage einen Haß gegen alles Privilegirtc geschöpft hatte, den Ausbruch der Revolution mit s Freuden sah, so gewann er doch vor dem J. 1792 keinen Einfluß auf dieselbe. In diesem Jahre wurde er Wähler von Paris und fünfter Ergänzungsdeputirter beim Nationalcon- * vent. Erst lange nach Ludwig's XVI. Tode trat er als wirkliches Mitglied ein, und der Zufall wollte, daß er Maral's Nachfolger wurde. Mit seltener Klugheit und nur dadurch, daß er seine Thätigkeit auf Gegenstände des öffentlichen Unterrichts und der innern Verwaltung beschränkte, entging er unter der Diktatur Robespierre's der allgemeinen Gefahr; dennoch wurde er den Jakobinern wegen seines Stillschweigens im Convent verdächtig, und nur mit Mühe entging er der Ächtung. Er bewirkte die Einführung des gleichförmigen Maßes und Gewichts, und seine Thätigkeit im Comite des öffentlichen Unterrichts und in der Section tles armes war unbegrenzt. Nach dem 9. Thermidor in den Wohlfahrtsausschuß berufen, fuhr er in seinen Arbeiten fort; die Artillerie verdankte ihm verbesserte Einrichtungen; er organisirte die Ccntralschule der öffentlichen Arbeiten, die den Namen der Polytechnischen erhielt, und begründete die Normalschule, an die er die berühmtesten Gelehrten als Professoren berief; er richtete die drei großen Specialschulen der Medicin zu Paris, Strasburg, Mont- ! vellier neu ein; schuf zwölf Rechtsschulcn, eine Menge Lyceen und Colleges und hatte auch an der Verschmelzung der Akademie zu dem umfassendem Institut cke kiunce Theil. Nach > dem l 3. Vende'miaire trat er in den Rath der Alten, den er 1798 wieder verließ. Der ^ 18. Brumaire fand ihn mit chemischen Arbeiten beschäftigt; der erste Konsul aber, der jedes Talent zu benutzen wußte, berief ihn in die Section des Innern des Staatsraths, und hierin blieb F. bis an seinen Tod. Als Generaldirector des öffentlichen Unterrichts leistete er » Großes , obgleich auch nicht zu leugnen ist, daß das von F. eingeführte Unterrichtssystcm an bedeutenden Mängeln litt, die theils in Napoleon's, theils in F.'s eigenen Ansichten über den Zweck des Unterrichts ihren Grund hatten. Zu seinem großen Leidwesen wurde er nicht, wie er gehofft hatte und für seine Verdienste erwarten konnte, als Napoleon die kaiserliche Universität errichtete, Großmeister derselben, sondern Fontanes (s. d.) ihm vorgezogen; doch entschädigte ihn der Kaiser nachmals durch die Erhebung zum Grafen mit einer Dotation von 29009 Francs. Er starb am 16. Dec. 1809, und sein Titel ging auf seinen Sohn über, der später auf dem Schlachtfelde bei Lützen als Oberst blieb. Von F.'s Schriften sind, mehrcr Gelegenhcitsschriften und Übersetzungen nicht zu gedenken, die ,,1-eyon» ck'tiistoire naturelle et I>enonienes <1e I» »sture et <1e l'srt" (6 Bde. 4. und I t Bde. 8., Par. 1801; deutsch von Vieth und Wie- dcmann, Braunschw. 1801) erhielten; ferner die „?tiiIosnpliie ck,,ni<,»e" (Par. 1792 und öfter; deutsch, Lpz. 1792) und die „Netkacle >ie nomenclsture clnini«;»«" (Par. 1787), die er mit Lavoisier, Euyton-Morveau und Bcrthollet arbeitete. Mit Lavoisier gab er auch die „Hiinsies tle ckimie" (18 Bde., Par. 1789—9t) heraus. Vgl. PalissotdeBeauvois, tiistnrchue >le Monsieur V." (Par. 1810, 4.) und Cuvier, >Ie Monsieur b'." in den „dlemoires tle I'scstlemie lies Sciences", welche ebenfalls viele Arbeiten von F. enthalten. Fourier heißen in einigen Armeen die Compagnie- oder Escadronsschreibcr mit dem Range eines Unteroffiziers. Auch die zum Quartiermachen vorausgesendeten Mannschaften werden Fouriers oder Fourierschützen genannt. Diese Charge ist sehr alt, denn man findet sie schon bei den deutschen Landsknechte» und bei den schweb. Truppen unter Gustav Adolf. In einigen Armeen ist den Hähern Offizieren ein Unteroffizier beigegeben, der für die Bedürfnisse ihres Kriegshaushalts sorgt und den Namen Stabsfourier führt. Fourier (Charl.), war am 7. Apr. 1772 zu Bcsancon geboren und besuchte das College seiner Vaterstadt. Er zeichnete sich hier durch erfolgreichen Fleiß aus, konnte aber seinem wissenschaftlichen Triebe nicht nach Wunsch genügen, da ihn sein Vater, ein Tuchhändler zu Bcsancon, schon früh zum Handel bestimmte. Der dauernde Schmerz eines verfehlten bürgerlichen Berufs legte, wie es scheint, mit den Grund zu seiner später« Richtung, zu seinem Kampfe gegen den Zwang der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zu Rouen, dann zu Marseille und Lyon bekleidete er untergeordnete Stellen im Handelssache. Durch geduldigen Eifer in Erfüllung seiner Berufspflicht erwarb er sich die Ächtung seiner Principalc und führte noch kurz vor seinem Tode, bis zum 60. Jahre, die Correspondcnz eines mit Amerika in Geschäftsverbindung stehenden Hauses. Aber während erBricfe copirte und untergeordnete kaufmännische Arbeiten besorgte, arbeitete er zugleich an einer Lehre, die das ganze System des herkömmlichen Verkehrs von Grund aus umwälzen sollte. Einige scheinbar unbedeutende Ju- -eudeindrücke waren nicht ohne Einfluß darauf geblieben. In der Lüge und in einem dem Gemeinwohl verderblichen Monopol glaubte er den Geist des jetzigen commerciellen Verkehrs zu erkennen und leistete, wie er sagte, den „Eid Hannibal's gegen den Handel", dem er in seiner Lehre und in zahlreichen, unter mancherlei äußern Schwierigkeiten publicirten Schriften treu geblieben ist. Am ausführlichsten ist sein System entwickelt im ,,'lHte cie I'sssa- cistio» ltoiliestchuo-sxricale" (Par. 1822), einem wunderlichen Werke, das in schwerfälliger, oft dunkler Sprache und in neugeschaffener Terminologie neben einer Masse von Thor- heiten und Sonderbarkeiten höchst geistvolle Partien umfaßt. Wie sehr F. durch diese Form der Darstellung gegen das Herkömmliche verstieß und wie wenig er den in Frankreich so besonders gefährlichen Schein des Lächerlichen zu vermeiden wußte, so fand er doch noch bei Lebzeiten eine kleine Zahl eifriger Änhänger, die theils in Schriften, theils in öffentlichen Borträgen seine Lehre predigten. Er starb am 10. Oct. 1837 in so gutem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideen, daß er viele Jahre lang täglich zu bestimmter Stunde nach Hanse zurückkehrte, in der Hoffnung, daß endlich ein zu seinem System bekehrter Millionair erscheinen und ihn durch seine Capitalien in den Stand sehen werde, von der Theorie zur Praxis überzugchen. F. geht für die Lehre seiner inctustrie sttrsvsnte et psssiomiee von einer allgemeinen Analogie und Einheit des Menschen mit dem Universum aus, sowie vom Dualismus einer unsterblichen Seele und einer unendlich sich reprvducircnden Materie, der sich auch im Menschen als menschliche Seele und Körper offenbare. Hiernach ist ihm das Weltall selbst eine fort und fort schaffende Association, worin alle Sonnen und Planeten, nach eigcnthümlichen Neigungen und Fähigkeiten, Mitglieder und Mitarbeiter sind. Für die Erde, die noch im Kindcsalter steht, da sie 40000 Jahre zunehmen und ebenso lange abnehmen wird, ist das schaffende und providentielle Wesen die Gesammtheit der Menschen, in welcher der Werth jedes Einzelnen nur durch die Verbindung mit Andern» bedingt ist, wie in der Musik der Werth jedes Tons durch seine Verbindung mit andern Tönen. Er seht darum eine Harmonie der Leidenschaften voraus, die ihm die Triebfedern aller Thätigkeit und die Träger der ihnen inhärirenden Fähigkeiten sind. Durch einseitige Ausbildung und Geltendmachung der Leidenschaften sei der harmonische Zusammenhang zerrissen worden und 378 Fourier (Charl.) das Übel in die Welt gekommen, das sich in einer traurig resignircnden Religion zeig«, i« einer zerrissenen Wissenschaft, in einer einseitig repressiven und zwingenden Gesetzgebung, in einer die Minderheit gvgen die Mehrheit bewaffnenden und diese unterjochenden Politik. Die Herstellung der socialen Harmonie sei die Aufgabe der Menschheit, die nur durch Aus- bildung der im Menschen liegenden mannichfaltigen Triebe und Leidenschaften erfüllt wer- den könne, sowie durch Gruppirnng der Individuen für die verschiedenen Arten der Thätig. keit, nach Maßgabe der bei ihnen hervortretenden, theils gegenseitig sich anziehenden, theils contrastirenden Neigungen. Darum setze die neue Socialwiffcnschast vor Allem die Kennt- niß der Triebe und Leidenschaften voraus, wofür sich denn F. eine sehr eigenthümliche, aber zum Theil höchst willkürliche Classification erfunden hat. Diesen Principien gemäß soll nun an die Stelle der unzusammenhängcnden Gemeinde und der isolirten, oft feindlich sich ent< gcgenstchenden Familienwirthschasten der große combinirte Haushalt der Phalanx treten, als Vereinigung von 12—1800 Personen jedes Alters und Geschlechts, sowie an dieStelle der zerstreuten Wohnungen unserer jetzigen Ortschaften derPhalanstere, als zusammenhängendes Gebäude. Den Phalangen auf dem Lande ist ein Gebiet von einer halben bis ganzen Quadratlieue zur gemeinsamen Ausbeutung zugewiescn. Das Eigenthum am Boden ist nach transmissibeln und vererblichen Actien verthcilt, und jedes Mitglied bleibt überdies persönlicher Eigenthümer der in die Gesellschaft eingelegten, oder von ihm erworbenen beweglichen Güter. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied der Lehre F.'s und des eigentlichen Kommunismus, der entweder alles persönliche Eigenthum, oder wenigstens dasjenige an Grund und Boden aufgehoben wissen will. Die Phalange soll sich in große Classenserien für Haushalt, Bodencultur, Fabrikation, Erziehung, Wissenschaft, Kunst u.s.w. vertheilen; diese in Ordnungsserien, wie z. B. die Claffenserie der Bodencultur in die besondern Zweige der Cultur der Wälder, Felder und Obstgärten; die Ordnungsserien in Serien z. B. für die verschiedenen Arten von Obst; und so kommt man endlich zu den besonder» Species oder Varietäten der Arbeit, die von den Elementen der Association, den aus 7 — 9 Mitgliedern bestehenden Gruppen, besorgt werden. Auf diese Weise sollen zugleich alle Varietäten des Geschmacks und Charakters Befriedigung und angemessene Beschäftigung finden, da jedes Mitglied nach freier Wahl in mehre Gruppen und Serien sich einrcihcn, und jede Stunde oder alle zwei Stunden von einer Gruppe und Beschäftigung zur andern übergehen könne. Hierdurch soll jede Fähigkeit entwickelt und verwendet, sowie im raschen Wechsel der Tätigkeiten die körperliche Gesundheit, die Spannkraft des Geistes und Gemüths bewahrt werden. In der Voraussetzung, daß jedes Mitglied an 30 verschiedenen Beschäftigungen Theil nehmen könne, nimmt F. an, daß sich bei 15 — 1600 Mitgliedern etwa-100 Serien bilden. Auch an der Consumtion soll jedes Mitglied nach seinen Neigungen und nach seiner mit Rücksicht auf Capital, Arbeit und Talent berechneten Rate am Gesammteinkommen Theil haben. Weil endlich der für die Gesellschaft geborene Mensch baldigst in die entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnisse verseht werden müsse, soll auch die Jugend der Phalanx, 3—5»0 Kinder beiderlei Geschlechts bis zum 12. oder 1-1. Jahre, in ähnlicher Weise, wie die Phalanx der Erwachsenen, gegliedert und beschäftigt werden. Die Regentschaft an der Spitze der Phalanx soll aus den Alten bestehen, die in jährlichen Wahlen wenigstens '/s der Stimmen auf sich vereinigen. F. war des guten Glaubens, daß nach Gründung einer einzigen Phalanx bald alle Völker, die Vortheilc seines Systems erkennend, in eine zusammenhängend! Reihe von Phalangen sich vereinigen und endlich in einem Omniarchat ihre Centralisatio» finden würden. Indessen ist der erste praktische Versuch, den seine Anhänger zu Conde-sur- Vcgres bei Versailles machten, mislungen und auch der neuere Versuch in der ehemaligen Abtei Citeaux, sowie die Anlage einer Colonie in Brasilien, scheint keinen bessern Erfolg zu versprechen, was freilich in mehr zufälligen äußern Verhältnissen seinen Grund haben könnte. F. hatte viel Scharfblick für die Misstände der jetzigen Gesellschaft und zeigte einen genialen Jnstinct für zahlreiche Bedürfnisse des Völkerlebcns. Allein von der Bedeutung einiger Wahrheiten ergriffen, scheint ihm zugleich jede Phantasie, jeder Einfall und jede Laune für eine höhere Eingebung gegolten zu haben, sodaß er zugleich eine Menge der widersinnigste» Träumereien oder kindischen Spielereien zu Tage brachte. Seine Schüler, unter denen der kürzlich zum Municipalrathc in einem pariser Stadtviertel gewählte V. Cvnsiderant einer Fourier (Jean Bapt. Jos.) Fourmont 37S der ausgezeichnetsten ist, haben jedoch großentheils diese Jrrthümer ihres Meisters vermieden und den seiner Lehre gemachten Vorwürfen des Materialismus, der Irreligiosität und der Auflösung aller Familicnbande zu begegnen gewußt. Man kann sagen, daß dadurch die Doctrin F.'s eine ganz neue Gestalt und eine viel praktischere Bedeutung gewonnen hat. Die Literatur zur Entwickelung der Lehre ist bereits eine sehr zahlreiche geworden und noch jetzt im Wachsthum begriffen. Außer einer Menge kleinerer und größerer selbständiger Werke erscheint jetzt eine fourieristische Monatsschrift „I^e nouveau moncke" und ein in Frankreich wohlgeachtetes Tagblatt „l.a llemocratie pacill^ue". Die reformatorischen Communisten, k an derkn Spitze Cabot steht, werfen dem neuerdings von vielen Irrlehren geläuterten Fourierismus vor, daß bei einer Verkeilung des Einkommens nach Capital, Arbeit und Talent immer noch eine Spaltung der Gesellschaft in drei Elasten und eine Aristokratie des Reich- Ihums und Talents bestehen bleibe. Auch Proudhon behauptet, daß ohne Abschaffung des Eigenthums die fourieristische Organisation der Arbeit nur ein weiterer Betrug sei. Diese Vorwürfe sind aber nur insofern nicht ohne Grund, als sich allerdings, durch bloßes Predigen von den Vorthcilen einer freiwilligen Association, der Pauperismus und die Ausbeutung der ärmern durch die reichern Elasten schwerlich beseitigen läßt, wenn nicht auch die Gesetzgebung, durch neue Bestimmungen über die Bewegung des Eigenthums und namentlich , durch Beschränkung des Erbrechts, auf dem privatrechtlichen Gebiete den guten Absichten der socialen Reformatoren zu Hülfe kommt. Die Anhänger F.'s bilden eine eigentliche Schule, gehören hauptsächlich der Bourgeoisie an und zählen tüchtige Schriftsteller und Männer von Studium und Wissenschaft in ihrer Mitte. Die Politik der franz. Regierung steht diesen friedlichen Reformers, welche kaum noch die Schranken der Doctrin überschritten haben, nicht feindselig entgegen. (S. Communismus.) Fourier (Jean Bapt. Jos., Baron), ausgezeichneter sranz. Mathematiker, geb. zu , Auxerre am 21 .März >768, aus angesehener Familie, war ein Zögling der dortigen Kriegs- s schule und erhielt schon in seinem l 8. Jahre eine Professur an derselben, wurde später an der pariser Normalschule, kurz darauf an der Polytechnischen Schule angestellt und folgte den. ^ General Bonaparte nach Ägypten. Hier war er als Commiffar des franz. Heers bei dem ! Divan in Kahira thätig und, während des syrischen Feldzugs mit ausgedehnter Gewalt bekleidet, schloß er auch im Auftrag des Generals Kleber den Vertrag mit Murad-Bei; zu gleicher Zeit war er Secrctair des Institut und einer der eifrigsten Mitarbeiter an der ^ „I)escri>>ti»n er bis 1315 blieb, und 1808 zum Baron ernannt; in der erstem Stellung vollendete er die ! seit Jahrhunderten gewünschte, mehrmals vergeblich versuchte Austrocknung der Moräste in l Bourgoin bei Lyon. Nach der Rückkehr Napoleon's von Elba erließ F. einen Aufruf in rvyalistischem Sinne, wurde aber gleichwol von Napoleon am 12. März 1815 zum Prä- selten des Rhonedepartements ernannt, jedoch am 12. Mai 1815 wieder abgeseht, weil er die anbefohlenen Maßregeln auszuführen sich weigerte. Er schlug nun seinen Wohnsitz wieder in Paris auf, lebte von jetzt an ganz seinen Studien und wurde noch im I. 1815 von der Akademie der Wissenschaften, die bereits 1 807 seine Prcisschrift über die Verbreitung der Wärme durch feste Körper gekrönt hatte, zum Mitglied, später zu einem ihrer Secrctaire auf Lebenszeit und 1817 in Anerkennung seiner Verdienste auch in stilistischer Hinsicht, in welcher sich , namentlich seine Lobreden zu Ehren verstorbener Akademiker auszcichncten, zum Mitglied der franz. Akademie ernannt. Er starb am 17. Mai 1829. Sein berühmtestes Werk ist die ,,'1'keorie nnsl^tic;uö ;,Ies" (2 Bde., Par. 17 3 5,1.) zu bl. c merken, denen in der Ausgabe von GuigncS und Deshautesrayes (2 Bde., Par. 1717, i.j j ein „^brege »1e Is vie eie I'. svec I» notice Fourragiren. Unter Fourragc wird das Pferdcfuttcr verstanden und der Empfang j desselben durch die Truppen heißt fourragiren. Empfangen sie die Fourrage aus Magah ^ e neu, oder entnehmen sie dieselbe aus den Dörfer», so nennt man es trocken fourragiren, j wird das Futter aber vom Felde geschnitten, so heißt dies grün fourragiren, oder auibe > wol schlechtweg sourragiren. Die Fourrage selbst zerfällt in Hartfutter (gedroschenen Ha- , fer, Gerste, Roggen), Rauhfutter (Heu und Stroh) und Grünfutter (Gras, Klee und jung«, § Getreide). Grün wird nur dann fourragirt, wenn an trockener Fourrage Mangel ist. Dal - § Geschäft selbst besteht darin, daß aus dem mit Sicheln oder Sensen abgeschnittencn Getreide Bunde gemacht und diese zu beiden Seiten des Sattels gehängt werden, wozu man sich eige- , ner Leinen, der Fourragirlcinen, bedient, die zu dem Ende jeder Reiter im Felde beisilh , führt. Da nun der Reiter, auf den Fourragirbundcn sitzend, keinen Widerstand gegen eim» feindlichen Angriff leisten kann, so wird einer Fourragirung, wenn zu befürchten steht, das der Feind sic stören könnte, jedesmal eine besondere Cavaleriebedeckung, bei großen Fourragi- rungen sogar auch Infanterie und Geschütz mitgegcbcn. Die Kunst, eine Fourragirung zweckmäßig anzuordnen, cinzuleiten, glücklich zu Ende zu bringen, nötigenfalls mit den Waffe» zn beschützen, macht einen besonder» Zweig des sogenannten kleinen Kriegs aus und erfoder! ^ ein besonderes Studium sowol für den Gcneralstab als den Befehlshaber der Bedeckungs- truppen; ja mancher Feldherr der früher» Zeit hat cs fast einem Siege gleich geachtet, wen« , cs ihm gelang, eine Fourragirung gleichsam unter den Augen des Feindes auSzuführen. Dil Hauptbedingung besteht darin, sowol die Zeit, wann, als die Gegend, wo fourragirt werde« soll, dem Feinde zu verbergen. Es ist daher nichts Ungewöhnliches gewesen, den Feind i» einer gewissen Richtung zu alarmircn oder auch wol anzugreifen, um dann in der entgegengesetzten Richtung eine Fourragirung desto sicherer zu unternehmen. Wird eine Gegend mil Requisitionscommandoß überschwemmt, um alle Verpflcgungsgcgcnstände aus den Städten, Dörfern, Pachthöfcn u. s. w. mit Gewalt wegzuführen, so nennt man das „eine Gegend aus l fourragiren", wie cs z. B. in der Umgegend einer Festung geschieht, die sich mit einer Belagerung bedroht sieht, um dem Feinde die Subsistenzmittel zu entziehen. Fox (Charl. James), einer der größten bril. Staatsmänner und politischen Redner, 381 M-, iter° den. ibe- >l»v ltei, dm / elbs! eri- halt cciki er, von aus äw gr°- >vik- W, 'a»g :<», ruch ' Hi' ig-N Oa-! eidi >g«' sich « das agi' »cek- ff-» l der! l >gi' em, D>! de« diu ,c>>' mil tcu, llls' 1 el»' ner, Fox (Charl. James) von mütterlicher Seite ein Urenkel König Karl's II-, war am 24. Jan. 1748 geboren. Der Vater, Henry F-, erster Lord Holland, Staatssccrctair unter Georg II., richtete die außerordentlichen Fähigkeiten dieses seines jüngern Sohns auf staalsmännische Thätigkeit und gab ihm zugleich eine so zwanglose Erziehung, daß der jugendliche Charakter den heftigsten Leidenschaften, besonders einer unbezähmten Spiclwuth, unterlag. Nachdem F. zu Eton und Oxford unter allerlei Zerstreuungen glänzende Studien gemacht, bereiste er den Kontinent und kehrte als vollendeter Weltmann zurück. Schon 1768 wurde er durch Familien- cinfluß ohne das gesetzliche Alter vom Flecken Midhurst ins Unterhaus gesandt, wo er zuerst in der Angelegenheit des Publicisten Wilkes (s. d.) auftrat und unter anmuthigen, fast stutzerhaften Formen große Talente durchblicken ließ. Seine ersten Bestrebungen waren der Mystischen Ministerialpolitik zugewendet, wofür ihn North zum Lord der Admiralität und 1772 zum Lord des Schatzes beförderte. Indessen mußte sein umfassender, tiefsinniger Geist diese Schranken bald zu eng finden. Er trat in Verbindung mit dem Haupte der Whigpartei, dem berühmten Burke (s. d.), und erlitt dadurch eine gänzliche Umwandlung seiner politischen Ansichrcn. Schon 1774, gleich nach dem Tode seines Vaters, entwickelte er im Unterhause eine oppositionelle Richtung und wurde deshalb vom Minister North seiner Stellung als Lord des Schatzes enthoben. Er erstickte die Kränkung in Ausschweifungen, vergeudete sein väterliches Erbe, stürzte sich in Schulden und verscherzte dadurch zugleich die öffentliche Achtung und das Zutrauen der Whigs. Erst die Wendung der nordamerik. Angelegenheiten weckte sein patriotisches Gemüth und entzündete sein ganzes politisches Genie. Auf das brit. Recht und die Verfassung gestützt, erhob er im Unterhause seine Stimme gegen die engherzige Politik North's und vertheidigte mit hinreißender Gewalt das Selbsibcsteurungs- recht und den Aufstand der Colonien. Einen schnellen, versöhnlichen Frieden stellte er als das einzige Rettungsmittcl des bedrohten Mutterlandes dar. Die Whigs waren stolz, diesen seltenen Redner den Ihrigen zu nennen; das Volk liebte ihn als den Vcrtheidiger des öffentlichen Rechts, und ungeachtet ministerieller Gegenbestrebungen wurde er 1786 mit großer Majorität für Westminster ins Unterhaus gewählt. Als North 1782 dem Ministerium Rockingham und Shelburne Platz machte, trat F. im Febr. als Staatssccrctair ein. Da es ihm aber nicht gelang, mit den Nordamerikanern einen ausschlicßenden Frieden zu verhandeln , so legte er sein Amt nieder. An seine Stelle trat der junge, an Talent ebenbürtige Pitt, mit dem er nun in den höchsten Lebensfragen der Nation einen langen Kampf begann, wie ihn schon die Väter Beider geführt hatten. Nachdem er die zerstreuten Kräfte der Opposition vereinigt, ja sich selbst mit dem schimpfbedecktcn North verbunden hatte, führte er I78ll nochmals den Sturz des Ministeriums herbei. Portland, North und er selbst traten ein, und der allgemeine Friede wurde sogleich nach denselben Grundsätzen unterhandelt und abgeschlossen, wegen welcher Shelburne bekämpft worden war. F., der seine Popularität stets höhern Entwürfen opferte, brachte jetzt auch die Jndia-Bill ins Parlament, die den ungeheuren Misbräuchcn der Ostindischen Compagnie steuern, aber zugleich die Verwaltung der ostind. Colonien in die Hände der Regierung bringen sollte. Dieser kühne Plan erhielt zwar durch seine meisterhafte Bcredtsamkeit im Unterhause die Majorität; allein der König ließ die Bill im Obcrhausc verwerfen, brachte noch zu Ende des Jahrs Pitt ans Ruder und löste das Unterhaus auf. Die öffentliche Meinung war gegen F. so eingenommen, daß er 1784 nur durch das Geld der Whigs einen Platz im Unterhause erhielt. Dessenungeachtet begann er, mit Burke und andern tüchtigen Männern vereinigt, eine großartige parlamentarische Opposition, die in der Geschichte des brit. Unterhauses kaum ihresgleichen hat und sich hoch über das gewöhnliche Parteiinteresse erhob. Im I. >787 schlug F. ernst- lich die Abschaffung der Negersklaverei vor und zeigte gleich anfangs, daß diese Maßregel den brit. Colonien nur günstig sein könnte. Als im folgenden Jahre die Geisteskrankheit des Königs ausbrach, machte er mit Burke mit großem Erfolge die Rechte des Prinzen von Wales aus die Regentschaft geltend, bis Pitt die Frage durch die Erklärung beseitigte, daß der König genesen sei. Auch gelang es ihm, den von Pitt der Befestigung von Okzakow wegen beabsichtigten Kriegs mit Rußland zu Hintertreiben. In der franz. Revolution begrüßte er, ohne sich von der hcrvorbrechcnden Anarchie im Princip irre machen zu lassen, den allgemeinen Fortschritt politischer Entwickelung und unterschied sich dadurch wesentlich 382 Fox (George) von Burke und den andern Whigs, die das demokratische Clement der Revolution fanatisch haßten. F. sah in dieser Meinungsverschiedenheit den Grund zu einer kiefern Spaltung seiner aristokratisch-starren Partei und that alles Mögliche, um durch einen Bruch die ministe- rielle Politik nicht zu verstärken. Aber nach 1790, bei Discussion der Quebekbill, brach die offene Trennung unter den Whigs aus. Burke, nachdem er seinen Freund beschworen, die franz. Revolution zu verlassen, kündigte ihm nicht nur die politische Genossenschaft sonder» auch in voller Sitzung die Freundschaft auf, und die Mehrzahl der Whigs trat nun auf die Seite des Ministeriums. Auch wurde sein Vorschlag, zur Verhütung des Kriegs mit dem Convente in Unterhandlung zu treten, mit großer Majorität verworfen. F. hielt es indes ? obgleich hart betroffen, im Interesse der Volksfreihcit für seine Pflicht, seine Stellung zu behaupten, und trat von 1792—97 gegen die imposante Majorität des Hauses fast ganz allein in die Schranken. Je geringer die Zahl seiner politischen Freunde wurde, um so hohn stieg seine Energie. Er neigte sich mehr und mehr der Demokratie zu und fing an auf eine durchgreifende Parlamentsreform zu denken. Gegen das I. 1797 endlich, als er sah, des sein Widerstand dem Feinde nur Stärke verlieh, zog er sich auf seinen Landsitz St.-Anns-Hill bei Cherzey zurück und führte daselbst unter ländlichen und literarischen Beschäftigungen mehre Jahre ein nüchternes, eingezogencs Leben. Nach dem Frieden von Amiens reiste er zur Aufsuchung geschichtlicher Quellen nach Frankreich, wo er mit großer Auszeichnung empfange» wurde. Als er zurückkehrte, stand das Ministerium Addington (Lord Sidmouth) im Begriff, den Krieg zu erneuern. F. hoffte jetzt aus eine Vereinigung der Whigs und näherte sich durch seinen neuen Freund, Lord Grenville, sogar seinem Gegner Pitt. Durch diese Verbindung wurde zwar im Mai 1804 Addington gestürzt; doch der König widersetzte sich dm Eintritte F.'s, den Pitt diesmal wünschte. F. begann daher mit frischer Kraft seine oppositionelle Stellung und suchte Pitt vergeblich von einem Bündnisse mit d-cn europ. Mächte» abzuhaltcn, das seiner Ansicht nach Frankreichs Gewicht nur vergrößern mußte. Als Pitt end- ? lich dem Schmerze über den Ausgang seiner Politik erlegen, wurde F. von dem Prinz-Regen- ' ten mit Grenville im Jan. 1806 ans Staatsruder berufen. Sein großer Nebenbuhler hatte ihm eine ungeheure Schuld, einen Nationalkcieg und unermeßliche Wirren hinterlassen, j Ehe er an den Frieden denken konnte, wollte er an dieWicdererobcrung vonHannover gehen. Allein seine ohnedies zerrüttete Gesundheit erlag der Anstrengung; erstarb am 13. Sept. 1806. In den letzten Jahren hatte er jsich mit einer Mistriß Armstead verheirathet. Seine Vermögensverhältnisse waren durch das frühere Spiel so zerrüttet, daß er seit 1793 auf Verwenden der Whigs eine Pension von 3000 Pf. St. erhielt. Nach seinem Privatcharakter war F-. einfach, bescheiden, kindlich, von den liebenswürdigsten Sitten. Er betrat die Red- , nerbühne fast schüchtern; erst wenn er sich in den Gegenstand und seine kühnen Entwürfe vertiefte, erwachten das natürliche Feuer und die hohe Kraft seiner Beredtsamkeit. In seiner unvollendeten Geschichte der letzten Könige des Hauses Stuart, Kirtorf nktko earl)- patt vktke reign nkäsmes tke secoock; nitk an introttuctor^ clispter" (Lond. 1808; deutsch ^ von Solkau, Hamb. 1810), vertheidigt er eigentlich nur auf geniale Weise die Revolution von 1688. Seine „Speeclies in tke Kouse ok<7»mmon8" erschienen in sechs Bänden (Lond. 1815). Von seinen Freunden wurde ihm 1816 auf dem Bloomsbury-Square zu London eine Bildsäule, 1818 ein Denkmal in der Wcstminsterabtci errichtet. Vgl. Walpole, „Re- collectinn nftke like okb'." (Lond. 1806). Fox (George), der Stifter der Quäker (s. d.), geb. 1624 in dem Dorfe Drayton in 1 der engl. Grafschaft Leicester, war der Sohn eines presbyterianischen Webers. Er kam anfangs zu einem Schuhmacher und Wollhändler in Nottingham in die Lehre und mußte bei diesem die Schafe hüten. Die Einsamkeit, sein tiefes Gcmüth und die religiöse Verwirrung seiner Zeit, die er schmerzlich beklagte, leiteten ihn allmälig zu jenem Mysticismus hin, in welchem er meinte, daß nichts Äußerliches zum Heile gereichen könne, und nur der göttliche Geist oder der Christus in uns beselige. Jm J. 1647 begann er die innere Religion des , Geistes zu predigen, mit einer Unerschrockenheit, die selbst vor Cromwell nicht bebte, und mit einem Eifer, der sich durch Einkerkerung und leibliche Züchtigung nicht abkühlen ließ. Er gründete eine Gemeinde unter dem Namen der Gesellschaft der Freunde und reiste nach Holland, Deutschland und Nordamerika, um Anhänger zu gewinnen. Die Blütcnzeit de- tisls! sei. isie- ! die di- »er» 'die Sem, deß, s ju an; ihn eine daß Hill :hre lus gm Be- sich bir- )eni los!- !tm nd> ! en- ^ Ute 'en. > >cn. Pt. ine auf 7er ed° ist ncr Jtt sch ion nd. ! 0 N dein I m- bei ng in che >cs , nd -ß- es Foy 383 Quäkerchums trat indeß erst »ach seinem Tode ein, orr im I. >881 erfolgte. Vgl. sein Tagebuch „UistoricsI account »k de like, travels und sulleringz okkeorge k." (Lond. >891). Foy (Maxim. Sebastian), einer der entschlossensten franz. Generale unter Napoleon und später in der Depulirtenkammer einer der vorzüglichsten Redner der linken Seite, war zu Ham am 3. Febr. >775 geboren und in der Kriegsschule Lafere gebildet. In der Revolution schloß er sich >78 > den Freiwilligen an, die an die Grenzen eilten. Seit >782 diente er in der Artillerie bei der Nordarmee unter Dumouriez, hierauf unter Dampierre, Custine, Houchard, Jourdan und Pichegru. In der Schlacht bei Jemappes wurde er verwundet. Im Z. >794 ließ ihn der Kommissar des Convents, Jos. Lebon, verhaften; doch der 9. Thermidor rettete ihm das Leben. Von 1795—97 zeichnete er sich in den Feldzügen der Rhein- und Moselarmee aus, wo er Moreau's Freund wurde, weshalb ihn Bonaparte eine Zeit lang beinahe feindselig behandelte. Gegen Ende des I. >798 diente er in der Schweiz unter dem General Schauenburg und >799 bei der Donauarmee unter Massen«, wo er zum Übergang über die Limmat viel beitrug. Seit 1800 stand er als Generaladjutant bei dem zur Rhcinarmce gehörigen CorpS des Generals Monccy, das durch die Schweiz nach Italien zog, wo er >891 die Vorhut des Heers befestigte. Als der Krieg mit England >803 wieder ausbrach, commandirte er die Schwimmenden Batterien, welche die Küste des Kanals vertheidigten, und im Kriege gegen Ostreich 1805 die Artillerie des zweiten Armeecorps. Im I. >807 sendete ihn Napoleon mit einem HülfScorps von >200 Artilleristen in die Türkei, um dem Sultan Selim III. gegen die Russen und Engländer beizustehen. Nach der Revolution, welche Selim vom Throne stürzte, kehrte jenes Corps nach Frankreich zu- rück; nur F. blieb und half unter des franz. Botschafters, des Generals Sebastian!, Leitung so kräftig die Vertheidigung Konstantinopels und der Dardanellen organisiren, daß der engl. Ad- miral Duckworth, der mit seiner Flotte durch die Meerenge bis in die Nähe der Hauptstadt vorgedrungen war, sich mit Verlust zurückziehcn mußte. Nach seiner Rückkehr commandirte er >808—>2 als General einzelne Abteilungen des Heers in Portugal und Spanien. Am LI. Juli 1812 übernahm er an Marmont'S Stelle den Oberbefehl des bei Salamanca an diesem Tage geschlagenen Heers, das er an den Duero zurückführte. Nachdem Wellington die Belagerung des Schlosses von Burgos am 2>.Oct. 1812 hatte aufheben müssen, rückte F. an der Spitze des rechten Flügels der Armee von Portugal wieder vor und bewirkte am Lg. Oct. den Übergang über den Duero bei Tordesillas. Nach Joseph Bonaparte's und Jour- dan's Niederlage bei Vittoria am 21. Juni 1813 sammelte er bei Bergara 20000 M. und schlug den linken Flügel: des span. Heers zurück, vcrtheidigte hierauf jeden Schritt Landes, sodaß Graham nur nach einem sehr blutigen Kampfe die Stellung bei Tolosa einnehmen konnte. Hierauf verstärkte er die Besatzung von San - Sebastian und zog sich ohne Verlust über die Bidassoa zurück. Im Treffen bei Pampeluna und in dem bei St. - Jean Pied de Port befehligte er den linken Flügel des Heers; auch nahm er an allen übrigen Gefechten in den Pyrenäen Theil und verließ daS Heer erst am 27. Febr. 1814, nachdem er gefährlich verwundet worden war. JmJ. 1814 wurde er Generalinspector der Infanterie; indem Feldzuge von 1815 befehligte er eine Division und wurde in der Schlacht bei Waterloo zum >5.Male verwundet. JmJ. 1819 ernannte ihn Ludwig XVIII. zum Generalinspector der 2. und 16. Jnfanterie-Militairdivision und das Departement der Aisne erwählte ihn zum De- putirten. Seitdem behauptete er stets auf der linken Seite der Kammer den konstitutionell- liberalen Charakter; er zeigte große Nednertalente und nicht gemeine Kenntnisse in den verschiedenen Zweigen der politischen Ökonomie. Insbesondere vertheidigte er mit Geist und Feuer das alte Wahlgesetz gegen die Einführung des doppelten Votums, das NccrutirungS- gesetz, sowie Alles, was ihm als Bürgschaft der Nationalfreiheit erschien; auch erklärte er sich 1823 gegen den,Krieg in Spanien mit sachkundiger Beredtsamkeit. Als Mensch und Staatsbürger hochgeachtet, starb er zu Paris am 28. Nov. 1825. Durch die liberale Partei wurde behufs eines Denkmals für ihn und zur Unterstützung seiner Hinterlassenen eine Subscription veranstaltet, die in kurzer Zeit auf mehr als eine MM. Francs sich belief. Aus seinem Nachlasse wurde die „üistoire de la giierre de In pöninsuls snns ldispnlöon" (2 Bde., Par. 1827) herausgegeben. Vgl. „Viocouro du Fönöral k." (2 Bde., Par. 1826 ), welchen eine Biographie F.'s von Tiffot beigegcben iff i 384 Foyer Fracht Foyer heißt in Theatern derjenige Saal oder das Gemach, worin dem Publicum ^ Gelegenheit geboten ist, sich in den Zwischenacten zu versammeln. Die Sache ist, wie das ' Wort, ftanz. Ursprungs. Der conversationellc, umgängliche und durch gegenseitige Mitthci- lung leicht erregbare Charakter der Franzosen begnügte sich nicht mit dem Zuschauen, Zuhören, Tadeln oder Billigen in Masse; man bedurfte auch eines Gesellschaftszimmers, worin ! man sich über das Gehörte und Gesehene Andern mitthellen und Jeder sich im lebendigen Austausch der gegenseitigen Empfindungen seiner eigenenJdeen entlasten konnte. Die Foyers der pariser Theater zeichnen sich durch große Eleganz und Pracht aus, besonders die der Gro- ßen Oper und des Renaissance-Theaters. Auch in London besteht die Einrichtung glänzen- ^ der Foyers, und namentlich gewährt das Foyer des Opernhauses, wo beide Geschlechter in der gewähltesten Toilette und im Ballanzuge erscheinen, einen blendenden Anblick; nur tritt hier, dem Volkscharakter gemäß, der Zweck gegenseitiger Unterhaltung zurück. In den Foyers der übrige» londoner Theater wird der Eindruck durch die Gegenwart zweideutiger Frauenspersonen geschwächt. In Deutschland sind die sogenannten Foyers, die sich bei einigen Theatern befinden, nicht viel mehr als Buffets und Conditoreien, in denen Frauen nur selten erscheinen und an eine gemeinsame Unterhaltung gar nicht zu denken ist. Wie das deutsche Foyer von dem franz. kozcer public, so unterscheidet sich auch das Conversationszimmer bei deutschen Theatern von dem Vo)er «les srtistes der franz. Bühnen; während hier Journalisten, Schriftsteller, Theaterdichter u. s. w. gern gesehen werden, wird in Deutschland im Conversationszimmer selbst der Verfasser des darzustcllcnden Stücks kaum geduldet. Fra Bartolommeo di S. - Marco ,s. BacciodellaPorta. Fracastöro (Girolamo), einer der gelehrtesten Männer seiner Zeir, geb. 14 83 zu Verona, verlor sehr jung seine Mutter, welche der Blih tödtete, als sie ihn im Arme trug. Durch seinen Vater erhielt er eine treffliche Erziehung, dann widmete er sich zu Padua mathematischen, philosophischen und medicinischen Studien und wurde schon in seinem 20. Jahre Professor der Logik daselbst. Als hier der Krieg den Unterricht unterbrach, folgte er einem Ruf l an die neucrrichtcte Universität zu Pordenone in Friaul, kehrte aber später in sein Vaterland zurück und bezog ein Landhaus bei Verona, wo er sich neben seiner ärztlichen Praxis mit Abfassung seiner Werke beschäftigte, die ihm sehr bald auch außerhalb Italien Ruf verschafften. Paul IN. ernannte ihn zum Archidiakon und ersten Arzt beim tridcntin. Con- cilium. Auf seinen Rath wurde dasselbe nach Bologna verlegt, indem er die l 547 in Trient herrschende Krankheit für eine ansteckende erklärte. Er starb am 6. Aug. 1553. Seine Landsleute ehrten sein Andenken durch eine Marmorstatue; sein Freund Ramusio ließ ihm eine Statue aus Bronze zu Padua errichten; auch wurden zwei Medaillen auf ihn geschlagen. Unter seinen Schriften ist am berühmtesten das Gedicht „Svpkilis seu morbus galli- cus" (Verona 1530; neueste Ausg. von Choulant, Lpz. 1830). Auch seine in trefflichen lat. Versen abgefaßten Briefe verdienen Auszeichnung. Seine sämmtlichen Werke er- I schienen zuerst zu Venedig (1555, 4.) und am vollständigsten zu Padua (2 Bde., 1739, 4.). Vgl. Mencken, „Vita k." (Lpz. 1731,4.). Fracht nennt man eigentlich die zu Schiff oder auf der Achse versendeten Güter und Rückfracht die Ladung für den Rückweg; im uneigentlichen Sinne aber den für die Beförderung bedungenen Lohn. Der Frachtbrief, im Scehandel Connossement (s d.) genannt, besteht in einem offenen Briefe, der an den Empfänger der Güter überschricbcn, vom Absender oder Spediteur unterschrieben und dem Beförderer derselben bei der Verla- , düng übergeben, den Ort und die Zeit angibt, wo und wann die Güter verladen worden sind; den Namen und Wohnort Dessen, dem sie zur Beförderung übergeben wurden; die Zahl der Stücke, Packe, Kisten, Fässer u. s.w., nebst deren Zeichen, Nummern, Gewicht und Beschaffenheit; die bedungene Fracht und wie viel im voraus darauf bezahlt wurde; ferner die Zeit, in welcher die Ablieferung erfolgen muß (Zeitgüter) und die in Beziehung auf die Fracht daran geknüpften Bedingungen. Außer den einzelnen Frachtbriefen ist für die Frachtschiffe aufFlüssen noch ein sogenanntes Manifest nöthig, welches aus den sämmtlichen Fracht- ' briefcn zusammengesetzt wird und zur leichtern Übersicht der Ladung an den Zollstättcn dient. In Beziehung aus Schiffahrt zur See versteht man unter Fracht oder Nolis den Micth- zins, welcher entweder für das Schiff oder einen Theil desselben entrichtet wird. Der dar- Fractilr Fragmente 385 über abgeschlossene Vertrag heißt (üerta-partie (s. d.) oder, besondersauf dem Mittelländischen Meere, Nolissement. Der Inbegriff der Gesetze, des Herkommens und der Rechtssprüche, in Beziehung auf die Fracht bildet das Frachtfahrerrecht. Über diesen Nechtstheil enthält unter allen Gesetzbüchern neuerer Zeit der franz. „6vile üe commerce" die bestimmtesten und zweckmäßigsten Verfügungen. Vgl. Münter, „Frachtfahrerrecht" ( 2 Bde.,Hann. l8l«>). Fraktur heißt in der Buchdruckerkunst die gebrochene, d. i. eckige, deutsche Schrift, ,um Unterschiede von der Antiqua, Cursiv und runden schwabacher Schrift (s. Schriften); in der Schönschreibckunst auch die sogenannte Kanzlei. Fra Diavolu, d. h. Bruder Teufel, hieß eigentlich MichaelPezza und war in Calabrien 1760 geboren. Anfangs Mönch unter dem Namen Fra Angelo, nach andern Angaben aber Strumpfwirker, trat er nachher zu einer Räuberbande, die in der Gegend von Jtri in Terra di Lavoro ihr Wesen trieb, und wurde als deren Hauptmann in contumaciam zum Tode vcrurthcilt. Da er sich bei dem Einrücken der Franzosen in Neapel für, den König erklärte, wurde er begnadigt und zum Obersten ernannt, worauf er mit seiner Bande den Feldzug im röm. Gebiete mitmachte. Auch 1806 that er den Franzosen inNeapel vielen Abbruch, bis er seiner schlechten Aufführung wegen vertrieben, sich nach Calabrien wendete , das er unter Leitung des Commodore Sidney Smith ebenfalls gegen die Franzosen in- surgirte. Durch Verrath bei San-Severino gefangen, wurde er, obschon die Engländer ihn als Militair ausgeliesert haben wollten, im Nov. 1806 zu Neapel gehenkt. Die Auber'- sche Oper, die seinen Namen trägt, ist ein reines Phantasiegebilde. Frage ist ein logisch unvollständiger oder unbestimmter Saß, welcher entweder durch ein besonderes Wort (Fragwort), oder durch die Stellung der Satzglieder eine solche Form crbalten hat, daß dadurch ein Anderer aufgefodert wird, durch eine Antwort denselben zu vervollständigen oder genau zu bestimmen. Wenn die Frage ein unvollständiger Satz ist, so kann jedes Satzglied fehlen, das dann durch die Antwort ergänzt wird; ist sie dagegen nur ein unbestimmter Sah, so kann die Unbestimmtheit entweder darin liegen, daß es unentschieden ist, ob der Inhalt der Frage zu bejahen oder zu verneinen (Affirmativ - und Ncga - tivfragen), oder darin, daß zwischen mehren Fällen zu wählen ist (Disjunctivfragen). Die Frage regt den Andern, an welchen sie gerichtet ist, zum Nachdenken und Suchen an und hat immer den Zweck, ihn zu veranlassen, entweder früher durch Belehrung seinem Geiste Angeeignetes, oder selbst Erfahrenes und Gedachtes zu reproduciren oder Vorstellungen, Begriffe und Gedanken zu verbinden oder zu zergliedern. Der Form des Gedankens nach gibt die Frage entweder ein Ganzes, dessen einzelne Theile, oder die einzelnen Theile, wozu das Ganze, oder mehre Theile, wozu die übrigen durch die Antwort angegeben werden sollen. Außer denschongenanntcn Arten der Fragen unterscheidet man noch Causalfra- gen, wo nach dem Grunde, Consecutiv fragen, wo nach einer Folge oder Wirkung, Finalfragen, wo nach dem Zwecke der Absicht, kategorische Fragen, wo ohne Voraussetzung oder Bedingung vorzüglich nach dem Subject oder Prädicat, hypothetische Fragen, wonach einer Bedingung gcftagt wird. Eigenschaften einer guten Frage sind Einfachheit und Kürze, Deutlichkeit und Bestimmtheit und Angemessenheit ihres Inhalts und Umfangs zu der Bildungsstufe des Gefragten. Fragmente (krsgment»), eigentlich Bruchstücke oder übriggebliebcne Theile eines Ganzen, werden vorzugsweise die Überreste der zahlreichen Schriften des Alterthums, namentlich der Griechen und Römer, genannt, die uns nur durch Anführung einzelner Worte, Stellen und Stücke von den ältern Schriftstellern selbst oder auch in lückenhaften und verstümmelten Handschriften erhalten worden sind. Bei dem Verluste der vollständigen Werke sind diese Fragmente für die Literaturgeschichte und für die Kenntniß des Alterthums überhaupt von höchster Wichtigkeit, daher man sich seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften theils mit der Sammlung und Erläuterung des bereits Vorhandenen aber Zerstreuten, theils mit Aufsuchung des noch Unbekannten eifrigst beschäftigte. Mit Übergehung der vielfachen Bestrebungen der Gelehrten in neuerer und neuester Zeit, die Fragmente einzelner Schriftsteller gelegentlich oder in besondern Schriften zusammenzustcllcn und zu behandeln, beschrän- Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. 25 386 Frahu Framea ken wir uns hier auf die Angabe der großem derartigen Sammlungen ganzer Stilgattungen Vor allen verdienen Erwähnung Mcineke's „krsgmenta comicorum gi-sec." (-1 Bde. Bert. 1839 — 4 l); die Sammlung der Fragmente der drei gricch. Tragiker und des Aristo- phanes in W. Dindorsis „koetse scemci graeei" (Lpz. und Land. 1 839) und von Bothe (Bd. I, Lpz. 1844); die der gricch. Redner in Baiter's und Sauppe's „Orstore« sttici" (Zür. 1844); der gricch. Geschichtschreiber in der „lllistoricorum grsec. frsgments" von Creuzer (Heidelb. 1896) und vollständiger von Miller (Par. 1841); die „Fragments v»- ticana" von Mai (Rom 1827 fg.); von den röm. Klassikern die „?oetsr»m I.ntii sceni- corum frsgments" von Bothe (2 Bde., Halberst. 1823 — 24); die „?oetsr»m Int. roli- <;uise" von Weichert (Lpz. 1839), ferner „Orstorum rom. frsgments" von H. Meyer (2. Ausl., Zür. 1842) und „Veterum blstoricorum rom. frsgments" von Krause (Bert. 1833). Überdies sind auch die Fragmente der einzelnen Schriftsteller meist den großem Ausgaben derselben mit beigefügt, wie die des Cicero den Ausgaben von Robbe und Orelli. Uber die Wolfenbüttelschen Fragmente, s. 8essing (Gotth. Ephraim). Frähn (Christian Mart.), einer der gründlichsten Orientalisten der neuesten Zeit, welcher sich um die arab. Sprachkunde, die mohammed. Geschichte und Numismatik die ausgezeichnetsten Verdienste erworben hat, wurde am 4. Juni 1782 zu Rostock geboren, wo er seit 1899 studirte und durch Tychsen zum Studium der oriental. Sprachen geführt wurde. Nachdem er später einige Jahre als Lehrer in der Schweiz zugebracht hatte, kehrte er 1806 in seine Vaterstadt zurück, worauf er auf Tychsen's Empfehlung >897 die Professur der oriental. Sprachen zu Kasan erhielt. Hier schrieb er in arab. Sprache, weil es an lat. Typen fehlte, die Abhandlung „Über einige größtentheils noch unbekannte samanidische und buji- dische Münzen" (Kasan >898); ferner „Numopkz'lscmm kototisnum", „De titulis et cognommi>,u8 <7bsnoriim boräse surese" (1814), „De origine vocslmli ro88ici Dengis" (1815) und „De srsliicoriim etism »uctoriim libris vulgst>8 crisi ;>o8centil,us omscnlsri" (1815). Im 1.1815 wurde er ordentliches Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und Oberbibliothekar, Director des asiat. Museums und Staatsrath in Petersburg, wo er sich namentlich um die Vermehrung der reichen oriental. Münz- und Handschriftensammlung sehr verdient machte. Von seinen hier ausgearbeitetcn numismatischen Schriften sind zu bemerken „De mimoriim Lulgsricoriim fönte sntigilissimo" (1816), „Die Chos- roen-Münzen der frühem arab. Khalisen" (Mitau >822,4.), „p§,imic»lici seleeti" (1823), ,M>i8ei 8pre>vitrisni numi culici" (1825), „Drei Münzen der Wolga-Bulgaren" (1830), „Die Münzen der Khane vom Ulus Dschutschis" (>832) und sein Hauptwerk „Decensio immorum mubsmmeck. acackemise im;,, scient. ?etro;,oIitnnse" (1826); ferner „Sammlung kleiner Abhandlungen, die mohammed. Numismatik betreffend" (Lpz. >839) und „Topographische Übersicht der Ausgrabungen von altem arab. Gelbe in Rußland" (Petersb. 1841). Die kufischen Inschriften alter mohammed. Denkmäler erläuterte er inden, „smti- <;uitati8 mub-tmmell. Monuments vsris" (Petersb. 1829—22). Auch schrieb er „über alte südsibir. Gräberfunde, mit Inschriften von gewissem Datum" (Petersb. 1837, 4.). Die morgenländ. Geschichte beschäftigte ihn besonders insofern, als sie für die alte Geschichte Rußlands von Interesse ist. Hierher gehören seine Schriften „De Dsscllkiris e;use memoria« jiroüita sunt »I, Ilm kosrlsno et äsk,uto" (1822), „Jbn Foßlan's und anderer Araber Berichte über die Russen älterer Zeit" (Petersb. 1823, 4.) und „Die ältesten arab.Nachrichten über die Wolga-Bulgaren; aus Jbn Foßlan's Reiseberichte" (1832). Fraisen heißen diejenigen Sturmpfähle, womit man den vordem Theil einer Brustwehr über derBerme (s.d.) versieht, um dem Feinde das Erklettern derselben zu erschweren. Das Besehen einer Brustwehr mit solchen Pfählen nennt man deshalb fraisire n. Fraiß oder Fraisch ist ein altdeutsches Wort, welches zunächst so viel als Schrecken, Furcht oder Gefahr, dann die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod bedeutet. Die Fraiß oder hohe Fraiß übt der Fraißherr durch das Fraißgcricht. Framöa hieß nach Tacitus die sowol zum Stoß wie zum Wurfe dienende metallene Nationalwaffe der Deutschen. Unstreitig sind darunter die meiselartigen Instrumente, meist von Bronze, oft auch von Stein, selten von Eisen zu verstehen, die in Deutschland, längs der Ostsee, in Frankreich, Belgien, Holland, Skandinavien, Großbritannien und Irland in gro- Franc Franxais 387 ßen Massen und in mehren Formen gefunden, in Deutschland Streitmeisel, in Dänemark und Schweden Paalstäbe oder Paalstave, von päll, d. i. Spaten oder Hacke, in England Kelte, weil sie von den Kelten herrühren sollten, in Frankreich irackes gsuloise« genannt und von einigen Alterthumsforschern für Abhäuteinstrumente gehalten werden. Häufig werden sie in großer Anzahl im Kreise gelegt, in der Erde gefunden. Franc, eine franz. Silbermünze, welche unter Heinrich III. an die Stelle der Teflons trat und 20 Sous galt. Gegenwärtig ist der Franc die Einheit des gesammten franz. Münz- systems, das auch Belgien eingeführt hat. In Silber werden ausgeprägt 1,2 und 5 Francsstücke; in Gold 2V und -10 Francsstücke. Der Franc berechnet sich nach dem20Gulden° fuß auf 6 Gr. 2 Pf., nach dem 21 Guldenfuß auf 6 Gr. 5 Pf. — Der Schweizerfranc hat einen um die Hälfte hohem Werth, ist aber fast nur Rechnungsmünze. Franca (Ricardo Jose'Rodrigues), der Haupturheber, der portug. Septemberrevolution von 1837, wurde zu Lissabon um 1790 von armen Altern geboren. Von Zugend auf für den Seedienst bestimmt, kam er sehr jung auf ein Kauffahrteischiff und nachher als Sergeant auf die königliche Flotte, mit welcher die königliche Familie nach Brasilien segelte. Sehr bald wurde er Seelieutenant; doch blieb er unbeachtet bis zur Ankunft Dom Miguel's, wo er der erste Stifter der Verbindung der Cacetteiros, d. i. Prügler mit Knotenstöcken, gewesen sein soll. Kurze Zeit darauf zum Commandanten eines nach Indien bestimmten Kriegsschiffs ernannt, desertirte er und emigrirte nach England und Frankreich. Erst nach den Siegen Dom Pedro's kehrte er nach Portugal zurück und wurde beim Seearsenal angestellt. Von Passas Manoel und Leonel Tavares seiner Stellung wegen mit vertrauter Freundschaft beehrt und von ihnen zum Hauptwerkzeug bei Ausführung ihrer Plane ersehen, ging er bereitwillig darauf ein, mit seinen Leuten die Septemberrevolution zu unterstützen, die die Charte Dom Pedro's vernichtete. In Folge dieser Bewegung zum ersten Intendanten des Arsenals erhoben, rief er die Verbindung der Cacetteiros wieder ins Leben; auch erhielt er die Erlaubniß, die Arbeiter im Arsenal zu bewaffnen und aus ihnen ein Bataillon zu bilden, das nach und nach auf 1800 M. anwuchs und dessen Oberst er wurde. Alles Gesindel vereinigend, wurde dieses Corps bald der Schrecken der Hauptstadt. F. selbst, dessen Name in allen Jakobinerclubs gepriesen wurde, hielt sich von nun an für einen zweiten Bonaparte. Durch sein ihm treuergebenes Corps, weiles die einzigen regelmäßigenTruppeu waren, die pünktlich ihren Sold erhielten, sowie durch seine Knüppelcompagnie die Hauptstütze der Septcmberrevolution, war es ihm ein Leichtes, die Corteswahlen nach dem Wunsche der dircctorischen Clubs zu leiten, und als es ihm vollends gelungen, die Contrcrevolution der Hofpartei zu beseitigen, kannte sein Ehrgeiz keine Grenzen mehr, obschon er selbst nur das Werkzeug der Clubs blieb. Fortwährend von den Directoren derselben gebraucht, wo es galt, den Hof und die Chartisten in Furcht zu halten, widerseßte er sich offen den Befehlen der Königin. Der verfehlte Aufstand der Chartisten unter Fereira und Saldanha, die vor Lissabon rückten, um unverrichteter Sache wieder abzuziehen, führte ihn auf den Gipfel seiner Macht. Größere Energie, die er nun entwickelte, und gesteigerte Frechheit brachten aber die Minister der Partei, welche die Septemberrevolution gemacht, Sa da Bandeira und Bomsim, zu dem Entschlüsse, ihn und seine Anhänger, die sich über sie zu erheben trachteten, um jeden Preis zu stürzen. Seine Widersetzlichkeit gegen die ihm zugegangenen Befehle veranlaßte den ihn stürzenden Ausbruch der Märzrevolution im 1.1838. Zwar befestigte er sich im Arsenal, mußte aber capituliren, als das auf sein Arsenalbataillon längst eifersüchtige Linienmilitair zum Sturm Anstalt machte. Er durfte unter klingendem Spiel mit seinem Corps, das die Waffen behielt, abziehen; als er sich aber dem später» Beschlüsse der Negierung, die Waffen niederzulegen, nicht fügte, kam es zum Treffen auf dem Rocio, wo er sich ergeben mußte. Er verlor seine Stelle als Intendant des Arsenals. Bald darauf suchte indeß die Negierung ihn durch die Ernennung zum Flottenchef an den Küsten von Afrika zu versöhnen; F. aber schlug, unter dem Vorwände von Krankheit, diese Stelle aus. Fransaiö (Antoine, Graf), bekannt unter dem Namen Franxais de Nantes, franz. Staatsmann, wurde am 17. Jan. 1756 zu Beaurepaire im Departement Jsere geboren. Nachdem er noch sehr jung die Stelle eines Directors der Douanen zu Nantes be» 25* 388 Franche-Comte kleidet hatte, wurde F. Mitglied des Staatsraths und Pair. Beim Beginn der Revolution zeigte er sich als ein eifriger Patriot und wurde zuerst zum Mitgliede der Municipalität von Nantes, dann, im Sept. I7SI, zum Deputaten der legislativen Versammlung gewählt. Hier zeichnete er sich bei wichtigen Gelegenheiten durch seine Mäßigung, seinen Muth und seine Bekanntschaft mit den Geschäften aus. Gewöhnlich hielt er sich zu den Girondisten, obgleich er im Allgemeinen eine völlig unabhängige Stellung behauptete. Im I. 1798 wurde er Secretair des Raths der Fünfhundert und vertheidigte als solcher vorzüglich die Freiheit der Presse. Obgleich er dem Direktorium nicht geneigt war, so billigte er doch nicht die Ereignisse des 18. Brumaire, ließ sich jedoch nachher bewegen, die Präfectur der Nieder- Charcnte anzunehmen. Bonaparte berief ihn in den Staatsrath und übertrug ihm wichtige Geschäfte, bei denen er sich ebenso geschickt als mild zeigte. Als Kaiser belohnte Napoleon ihn für seine Verdienste durch Verleihung des Grafentitels und der Würde eines Großofsi- ziers der Ehrenlegion. Nach der zweiten Restauration wurde F. vom Staatsralhe ausgeschlossen. Er lebte nun in der Zurückgezogenheit des Landes, bis ihm >819 die Wähler der Jsere dem öffentlichen Leben Zurückgaben. Doch blieb er nur bis 1822 Deputirter und kehrte dann in das Privatleben zurück, bis er beim Ausbruche der Julirevolution dasselbe zum zweiten Male verließ. Ludwig Philipp ernannte ihn 1831 zum Pair von Frankreich. Er stark am 7. März 1836. F. ist Verfasser verschiedener Werke und Aufsätze, welche meist die Landwirthschaft und andere gemeinnützige Gegenstände betreffen. Am interessantesten sind sein anonym herausgegebenes „Nanuscrit de ke„ äeräme" (Par. 1825) und der „kecueil de kadaises de Monsieur äeräme" (2 Bde., Par. 1826), in denen sich, wenn auch theilweise Sterne und Swift nachgerhmt werden, doch eine große Originalität der Gedanken und der Darstellung zeigt. Franche-Comte, die ehemalige Freigrafschaft Burgund, oder auch Hoch - oder Deutsch-Burgund, umfaßte zur Zeit ihrer Vereinigung mit Frankreich die heutigen Departements des Doubs, mit Ausnahme des damals würtemberg. Mömpelgard, des Jura und der Obersaone, welche auf 281'/r OM. gegenwärtig 935000 E. zählen. Diese Landschaft, im Osten durch die Schweiz, im Norden durch den Elsaß und Lothringen, im Westen durch die Champagne und das eigentliche Burgund und im Süden durch die Brcsse, Bugey und Gex begrenzt, ist vom Jura, der den Ostrand bildet, nach dem Doubs und der Saone hin abgedacht und im Norden von den Ausläufern der quellenreichen Vogesen durchzogen. Sie vereinigt sonach die Vortheile einer Berglandschaft mit denen des Flachlandes, war wegen ihres Reichthums an den mannichfaltigsten Producten schon von Alters her gepriesen und hat deshalb, trotz allen ethnographischen und politischen Wechselfällen, denen sie ausgesetzt gewesen, lange Zeit hindurch ein abgeschlossenes Ganzes gebildet. Zu Cäsar's Zeit bewohnten das Land die Sequaner, ein keltischer Volksstamm, nach deren Besiegung es der rüm.- gallischen Provinz velgica prima einverleibt wurde; später jedoch bildete es, nebst der franz. Schweiz, eine eigene Provinz Aksxims 8equsnorum, welche, seitdem hier viele german. Scharen sich angesiedelt hatten, auch den Namen Oermrmis tertia trug. Im 5. Jahrh. von den Burgundern in Besitz genommen, wurde diese Provinz dem Reiche derselben einverleibt, ohne jedoch darum ihre frühere Gestalt gänzlich einzubüßen, was schon daraus ersichtlich ist, daß die Erzdiöcese Bisanz außer dem dieser Metropole unmittelbar untergebenen Sprengel, d. h. der später» Franche-Comte, auch Lausanne und Basel, als Suffraganbisthümer, in sich faßte. Durch Chlodwig's Nachfolger wurde das Land, gleich dem übrigen Burgun d (s.d.) mit der fränkischen Monarchie vereinigt und theilte deren wechselvolle Schicksale. Eine neue Epoche nationaler Selbständigkeit schien für dasselbe anzubrechen, als der alemannische Graf Rudolf 887 das Reich Lurgundia transjursna stiftete, welches jedoch schon 1037 Rudolf lll., bei seinem kinderlosen Ableben, dem deutschen Könige Konrad 11. vermachte, der es wiederum 1045 an Graf Reinhold l. als deutsches Reichslehn vergab. Kaiser Lothar der Sachse trennte das Herzogthum Kleinburgund, die westliche Schweiz, davon ab und gab dasselbe an Konrad von Zähringen, während die Franche-Comte, die seit jener Zeit wegen ihrer vorzüglichen Freiheiten diesen ihren Namen führt, durch die Erbtochter Beatrix 1156 dem Kaiser Friedrich Barbarossa zugebracht wurde, der Besancon zur freien Reichsstadt erhob. Im 1. 1200 fiel das Land dann, abermals durch Heirath, an Otto II. von Meran, der Francia ö89 darüber in langem Streit mit den hier reichbegüterten Grafen von Chalons lag, bis diese im Z. 1248, nach Absterben des Meranischen Mannstamms, mit Hugo in Besth der Grafschaft Burgund kamen. In diesen Zeiten der Unruhen trat, im Gegensatz der Ohnmacht der Landesherren, die Selbständigkeit der Dynasten, welche bei Verfall der Gauverfassung hier aufgetaucht waren, z. B. der Grafen von Auxonne, Neufchatel, Mömpelgard und vieler kleinerer, recht scharf hervor. Dieselben setzten nämlich fortwährend ihr Vertrauen aus das Deutsche Reich, während die Dynastie Chalons dem franz. Interesse huldigte; ja die Franche- Comte war sogar durch die Heirath König Philipp's V. 1316 an die franz. Krone gefallen, wurde jedoch bei dessen Tode, 1322, wieder davon getrennt und seinem Schwiegersöhne, dem Herzog Otto IV. von Burgund, abgetreten. So war das Land nach langer Zeit wieder mit Burgund vereinigt, wurde indessen, bei Absterbcn des altburgund. Herrscherhauses im I. 1361, noch einmal auf kurze Zeit davon getrennt und fiel an Margarethe von Flandern, deren Tochter es dem Stifter des neuburgund. Hauses, dem franz. Prinzen Philipp dem Kühnen, wieder zubrachke. Dieser nahm es auch hcrgebrachtermaßen vom Reiche zu Lehen, daher es bei dem Tode Karl des Kühnen im I. > 477 aus doppelten Rechtsgründen an den Gemahl der burgund. Erbtochter, Maximilian von Ostreich, siel, nachdem einerseits die vom Adel unterstützten Prätensionen Frankreichs, andererseits die Versuche des Volks, sich dem Bunde ihrer alten Stammverwandten, der Eidgenossen, anzuschließen, misglückt waren. Die Franche-Comte wurde nun zum burgund. Rcichskreise geschlagen, mit welchem sic, nach Kaiser Karl's V. Abgang, der span. Linie des Hauses Habsburg zugethcilt wurde. Im Dreißigjährigen Kriege war sie lange Zeit der Tummelplatz der Franzosen, welche seitdem keinen Vorwand und keine Gelegenheit versäumten, sich ihrer zu bemächtigen, bis dieselbe, nebst der dazu gehörigen, gctrenntliegenden Grafschaft Charollais, aber mit Ausnahme der erst 1793 dem Deutschen Reiche entfremdeten Grafschaft Mömpelgard, im Frieden zu Nimwegen l 6 78 definitiv an Frankreich abgetreten wurde. Seitdem ist hier der Rest german. Lebens fast gänzlich vertilgt worden, und somit ein Übcrgangsvolk aus der Geschichte verschwunden, welches, wenn es mit seinen Stammgcnossen auf der Ostscite des Jura wäre vereinigt geblieben, zwar schwerlich eine erhebliche politische Bedeutung hätte erlangen, aber doch immerhin eine interessante Persönlichkeit entwickeln können. Francia (». Jose Gaspar Nodriguez), Dictator von Paraguay, wurde 1763 zu Assumption, der Hauptstadt von Paraguay, geboren. Zum geistlichen Stande bestimmt, erhielt er den ersten Unterricht in einem Seminarium und besuchte später die Universität zu Cordova de Tucuman. Nachdem er die theologische Doctorwürde erlangt hatte, gab er die Theologie auf, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen, und ließ sich später in Assumption als Sachwalter nieder. Der Hypochondrie unterworfen, schien er zuweilen am Wahnsinn, einem Familicnübel, zu leiden. Trotzdem stieg in Folge seiner Uneigennützigkcit, Energie und Kenntnisse sein Ruf bald so sehr, daß er zum Alcalden seiner Vaterstadt ernannt wurde. Als auch Paraguay 1811 sich von der span. Herrschaft losgerissen, wurde er Secretair der vom Congreß ernannten Junta, in welcher Stellung er bald einen entscheidenden Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gewann. Nachdem alle Parteien die Nothwendig- kcit einer Umwandlung der Verfassüng erkannt hatten, wurden Fulgencio Zjegros und F. auf zwei Jahre als Consuln erwählt und mit der obersten Gewalt bekleidet. Doch unmöglich konnte F. die höchste Gewalt mit einem Manne theilen, dessen Partei ihm verdächtig war; als daher der Congreß sich 1814 wieder versammelte, schlug F. als einziges Rettungs- mittcl des Staats die Ernennung eines Dictators vor. Durch Bercdtsamkeit sowie durch Einschüchterung wußte er die Mehrheit zu gewinnen und wurde auf drei Jahre zum Dictator erwählt, mit einem Jahrgehalt von 9666 Piastern, von dem er jedoch nur ein Drirtheil annahm. Seit F. allein an der Spitze des Staats stand, verdoppelte er seine Sittenstrenge und widmete sich mit Eifer dem Studium der Geschichte, Geographie, Mathematik und der franz. Literatur, besonders aber der Kriegskunst. Hierauf wurde er im I. 1817 zum Dictator auf Lebenszeit ernannt. Kaum aber hatte er das Ziel seines Strebens erreicht, als er in seiner Verwaltung die härteste Tyrannei zeigte. Er begann mit der Verhaftung seiner Gegner und der Bildung einer Leibwache von Schergen, die den Befehl hatte, jeden Verdächtigen niederzuhaucn, der ihm auf dem Wege begegnete. Als einige Jahre später unruhige Bewe- 39V Francien Franciscaner gungen sich zeigten, erließ F. den Beschluß, das Land solle nach den Formen einer reinen Demokratie regiert werden und ein Congreß von l 000 Deputaten, aus allen Bürgerclaffen erwählt, die Verwaltung führen. Die gewählten Mitglieder des Congrcsses wurden genö- thigt, sich nach der Hauptstadt zu begeben, als sie aber einige Tage ohne Gehalt hier zugebracht hatten, baten sie F., die oberste Gewalt wieder zu übernehmen und sie zu entlassen, wozu er sich auch verstand. Die Schreckcnsrcgierung trat seitdem immer empörender hervor. Die Strenge des Dictators war besonders gegen die Spanier gerichtet, die er ohne Schonung hinrichten ließ. Gegen die Geistlichkeit und besonders die Mönche hegte er tiefen Haß, der in der spätem Zeit immer zunahm und in völlige Verachtung gegen den katholischen Glauben überging; wie er denn auch 1824 alle Klöster aufhob, ihre Güter zu Staatsgütern machte, und alle Mönche, die nicht in den weltlichen Stand zurücktreten wollten, für unnütze Glieder des Staats erklärte. Dabei hob er den Gewcrbflciß und den Anbau des Landes durch Gesetze und Maßregeln verschiedener Art, die freilich oft höchst gewaltsam waren, wie er denn auch ungeschickte und träge Arbeiter mit dem Tode bedrohte, alle Auswanderung und allen Handel verbot und die Grundbesitzer -u bestimmten Anpflanzungen zwang. Natürlich mußte diese Tyrannei Verschwörungen veranlassen. Eine derselben wurde 1820 entdeckt und durch Hinrichtung vieler Personen unterdrückt. Zum Argwohn geneigt, glaubte er, daß die winkeligen und krummen Straßen der Stadt Affu-mption Meuchelmördern zum Hinterhalt dienen könnten, und ließ deshalb viele Häuser niederreißen, um neue Straßen zu er- öffnen oder die alten zu erweitern, und endlich 1821 fast die ganze Stadt verwüsten, um sie neu zu erbauen. Alle Nächte wechselte er sein Schlafzimmer, und die Gefängnisse waren voll von Personen, die er zu harten Arbeiten bestimmte. Die Fremden behandelte er schonend, so lange sie nicht durch Cultur des Paraguahthees, die er als Staatsmonopol betrieb, seinen Argwohn reizten. (S. Bvnpland.) Die Absperrung des Landes, die F. ausführte, wurde desto strenger, seit in den südlichen Republiken geordnete Verwaltungsformen eingeführt waren, die er mehr fürchtete als ihre srühern Kriege. Als das ganze Land seinen Befehlen unterworfen war, schien er seit 1824 zu mildern Gesinnungen zurückkehren zu wollen; aber bei jedem Anfall einer hypochondrischen Laune erlaubte er sich Handlungen, die an die Schreckenszeit erinnerten. Dabei lebte er in einem geräumigen Gebäude, das von den Jesuiten herrührte, in der größten Zurückgezogenheit und aufs einfachste mit vier Sklaven, die er sehr mild behandelte. Mit seinem eigenen Gelbe war er nicht haushälterisch, aber desto mehr mit dem Staatscinkommen. Seine Familienverhältnisse hatten nie Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten. Das Land übrigens, welches sich unter seiner Regierung gehoben hatte und in einem bessern Zustande befand als die meisten übrigen süd- amerik. Staaten, hatte sich nach und nach an seine Tyrannei gewöhnt, und so war es ihm möglich, sein System unangefochten bis zu seinem Tode durchzuführen, der am 10. Sept., nach einer andern Angabe am 10. Oct. 1840 in Folge einer überhandnehmendcn Wassersucht erfolgte. Ehe er starb, ernannte er noch eine der scinigen beinahe ähnliche Regierung und soderte das Volk auf, sie anzunehmen. Erst in seinem 70. Jahre hatte er sich mit einer jungen Französin vermählt, doch blieb seine Ehe kinderlos. (S. P araguay.) Francien, s. Franken. Franciscaner oderMinoriten, d. i. mindere Brüder (brstres minores), wie sie ursprünglich zum Zeichen der Demuth sich nannten, heißen alle Glieder des geistlichen Ordens, den der heil. Franz von Assisi (s. d.) >208 bei der Kirche Portiuncula zu AM in Neapel stiftete. Völlige Armuth sollte der Ruhm desselben und Fleiß in der von den Weltgeist- lichcn damals sehr vernachlässigten Predigt und Seelsorge sein Verdienst um die Kirche, Schulgelehrsamkeit aber dem Orden fremd sein. Daher verbot der Stifter den Mitgliedern desselben, irgend ein Eigenthum zu haben, und verpflichtete sie in den I20S und 1220 vom Papste bestätigten Ordensregeln zum Betteln und Predigen sowie zum strengsten Gehorsame gegen den Papst; dieser ertheilte ihnen dafür die Vorrechte der Betlelordcn (s.Orden), vermöge deren sie von Almosen leben, die Parochialrechte als Prediger, Beichtväter und Meßpriester beeinträchtigen und päpstliche Ablässe verhandeln durften, die ihrer Stamm- kirche (daher Portiuncula-Ablaß) reichlicher als irgend einem andern Orden geschenkt wurden. Da sie überdies der bischöflichen Gerichtsbarkeit ganz entzogen, nur unter ihren eigenen Kranciscaner Ml Obern und unter dem Papste standen, so konnte sich, so weit die katholische Kirche reichte, ihre Thätigkcit ungescheut in Alles mischen. In kurzer Zeit zählte der Orden Tausende von Klöstern, die, mit geringen Mitteln gegründet, durch Aberglauben und Mildthätigkeit ansehnliche Reichthümer gewannen. Die Nothwendigkeit, demselben Glanz zu geben, ließ Milderungen der Regel eintrcten; die Lebensart der Mitglieder wurde üppiger und die gelehrte Bildung, als ein wirksames Mittel der Herrschaft über die Menschen, zugelassen. Geistreiche Minoriten, wie Bonavcntura, Alexander von Halcs, Duns Scotus, Roger Bacon u. A., rechtfertigten durch ihre Verdienste um die scholastische Philosophie das Eindrängen der Ordensbrüder in die Lehrämter an den Universitäten. Gestützt auf die Beweisgründe des Duns Scotus, erhielten dieselben als Streiter für die unbefleckte Empfänglich der Jungfrau Maria eine gewichtvollc Stellung gegen die stolzen Dominicaner (s. d.), woraus der lange Kampf zwischen den Scotisten (Franciscanern) und den Thomisten (Dominicanern) entsprang, der bis in die neuesten Zeiten sich fortsetzte. Mit den Dominicanern, ihren natürlichen Nebenbuhlern, theilten sie als Gewissensrälhe, Regierungsgehülfen und politische Agenten der Fürsten vom 13. bis in das 16. Zahrh. die Herrschaft über die christlichen Völker; endlich von den Jesuiten verdrängt, wußten sie durch kluge Verträglichkeit mit den Letzter» mehr als die Dominicaner, von ihrem alten Einflüsse zu behaupten. Viele Mitglieder des Ordens gelangten zu den höchsten Kirchenämtcrn; namentlich gehörten demselben an die Päpste Nikolaus IV., AlexanderV., Sixtus IV. und V. und Clemens XIV. Diesen gelehrten und politischen Glanz sahen jedoch die Eiferer für die Strenge der alten Ordensregel, die Spiritualen oder Zelatoren, stets als Folgen eines Abfalls von demselben an und bildeten daher im 13. und I -1. Jahrh. besondere Brüderschaften, die unter dem Druck der Verfolgung auf avokalyptisckc Schwärmereien verfielen und in solche Opposition mit dem Papstthum selbst traten, daß sic zum Thcil aus der Kirche gestoßen wurden. Ihre Reste fanden besonders in der 1363 bei Foligni in Italien von Paolucci gestifteten Brüderschaft der Soccolanti, d. i. Sandalentragcr oder Barfüßer, einen Vcreinigungspunkt. Diese Brüderschaft wurde vom Papste, dann auch von dem Concil zuKostnih im 1.1315 unter dem Namen Observanten oder Mindere Brüder von der Observanz, im Gegensätze zu den Conv cntualenss.d.), anerkannt iffid behielt bei der Ausgleichung, durch welche Lco X. 1511 die bisherigen Streitigkeiten der verschiedenen Parteien nicderschlug, die Oberhand. Seitdem ist der Observan- tengencral Gcucralminister des ganzen Ordens und der Superior der Conventualen, welcher den Titel Generalmagistcr führt, ihm untergeben. Unter den Observanten entstanden im 16. und >7. Jahrh. neue Formen im Betreff der Armuth und Kasteiung des Leibes, zufolge deren sie sich nach den verschiedenen Graden der Verschärfung ihrer Regel in regulirte, strenge und strengste Observanten theilcn. Die regulirten Observanten wurden in Frankreich Cordcliers, d. i. Strickträger, wegen ihres Eürtelstricks mit Knoten, anderwärts Soccolanten oder Observantiner genannt, unter welchen Namen sie in Italien, der Schwei; und in Amerika noch bestehen. Zu den strengen Observanten gehörten die Barfüßer in Spanien und Amerika, die Ri formst! oder Verbesserten in Italien, und die ehemals in Frankreich blühenden Recollectcn, d. h. Eingezogenen, weil sic blos dem stillen Nachdenken ergeben waren und durch dienende Brüder Almosen sammeln ließen. Diestrcngften Observanten waren die Alcankariner, nach der Reform Peters von Alcantara, mit ganz bloßen Füßen. Sämmtlichc Zweige der Observanten bildeten unter ihrem gemeinschaftlichen Generale zwei Familien, die cismontanische in Italien, Oberdeutsch- land, wo die Klöster theils cingegangen, theils durch die Regierungen vom General getrennt worden sind, in Ungarn, Polen, Palästina und Syrien, und die ultramontanische in Spanien und Portugal, sowie in Amerika, Asien, Afrika und auf den Inseln. Die viel schwächere Brüderschaft der Conventualen zählte vor der franz. Revolution in etwa 166 Klöstern gegen 15660 Mönche; jetzt findet man sie nur noch im südlichen Deutschland, in der Schweiz und in Italien, wo sie Lehrämter bei den Universitäten bekleiden, indem sie sich mit den Wissenschaften beschäftigt und das Betteln aufgcgeben hat. Die graue wollene Kutte mit einem Strick um den Leib, an dem ein knotiger Geißelstrick hängt, haben alle Zweige des Francis- canerordens gemein, sowie die runde und kurze Kapuze. Eine lange und spitzige Kapuze und ein langer Barr sind die einzigen besondern Merkmale der sonst in der Regel und Lebensart 392 Francke (Aug. Herm.) den strengem Observanten ganz ähnlichen, Kapuziner, welche Matthäus von Basst 1528 als eine für sich bestehende Brüderschaft der Minoriten stiftete. Dieselbe steht seit 1619 unter einem eigenen unabhängigen General und erhielt in Europa und durch ihre Missionen in Amerika und Afrika solchen Zuwachs, daß sie im 18. Zahrh. in 1700 Klöstern über 25000 Glieder zählte. Seit 1212 bildete sich auch der weibliche Orden der Clarissin- nen (s. d.), der im I. 1224 als zweiter Orden des heil. Franz von demselben seine Regel erhielt und je nach der großem oder geringcrn Strenge, mit der er daran festhielt, in verschiedene Zweige sich theilte. Einen dritten Orden, dessen Mitglieder deshalb Tertiärer heißen, stiftete der heil. Franz 1221 für die Weltleute beiderlei Geschlechts, die es bleiben und doch einige leichtere Beobachtungen und den Gürtelstrick von den eigentlichen Minoriten annehmen wollten. Menschen aus allen Ständen ließen sich in denselben aufnehmen, und so wurden die Tertianer schon im 13. Jahrh. sehr zahlreich. Später traten sie zum Theil mit den ausgestoßenen Spiritualen oder Fratricellen und mit den Begharden in Verbindung, um mit diesen der Inquisition in die Hände zu fallen. Aus ihnen ging 1287 die rcgulirte Brüderschaft förmlicher Mönche des dritten Ordens, der Minoriten von der Buße, hervor, die, in Frankreich nach einem Dorfe bei Paris kicpuz genannt, sich zu den Observanten hielten, jetzt aber eingegangen sind. Die Gesammtzahl aller Franciscaner und mit Einschluß der Kapuziner belief sich im 1 8. Jahrh. auf 115000 Mönche in 7 000 Klöstern. Ihre Zahl ist jedoch um mehr als zwei Dritthcile herabgrsunken, da der Orden in Frankreich, Deutsch, lanch Spanien, Portugal und Oberitalien aufgehört hat, in den östr. Staaten keine Novizen mehr annehmen darf und unter Murat auch in Neapel viele Klöster verlor. Die Erhaltung der noch vorhandenen aber wurde im Concordat des Papstes mit Neapel ausdrücklich bedungen. Die mehrsten Glieder zählt der Orden gegenwärtig in Amerika und in den europ. Colonien; auch ist er im Besitze des heiligen Grabes m Jerusalem. Die Gcsellschaftsverfas- sung desselben ist der der Dominicaner im Wesentlichen gleich; nur daß der Vorsteher des gestimmten Ordens Eeneralministcr und der eines Klosters Guardian heißt. Francke (Aug. Herm.), der Stifter des hallischen Waisenhauses und vieler damit verbundenen Anstalten, einer der einflußreichsten Männer seiner Zeit, geb. am 23. März 1663 zu Lübeck, war der Sohn des dasigen Domsyndikus und erhielt seine erste Bllistrng aus dem Gymnasium zu Gotha, wohin sein Vater 1666 als Justizrath berufen wurde. Er entwickelte hier so seltene Fähigkeiten und machte in allen Schulbisciplinen so außerordentlich schnelle Fortschritte, daß er schon im 14. Lebensjahre für reif zur Akademie erklärt wurde; indessen bezog er dieselbe erst in einem Alter von 16 Jahren, und zwar begab er sich zunächst, jedoch nur auf kurze Zeit, nach Erfurt, hierauf nach Kiel, wo er im Genuß eines bedeutenden Familienstipendiums drei Jahre lang Theologie studirte. Im I. 1684 ging er als Führer eines jungen Freundes nach Leipzig, wurde Mitglied des dortigen großen Prcdigercollegiums und übte sich hier vorzüglich in den neuern Sprachen, bis zur Fertigkeit im Sprechen. So war er allseitig für die akademische Caxriere ausgerüstet. Er promovirte 1685, habilitirte sich gleichzeitig und wurde sehr bald ein beliebter Docent; dennoch genügte ihm diese Art der Thätigkeit allein nicht; er eröffnete deshalb ein colleZium pinlobibiicum, worin die Bibel erst philologisch aus dem Grundtexte, dann praktisch erklärt wurde und woran deshalb auch viele Nichtstudirende Theil nahmen. Diese seine Wirksamkeit wurde von 1687—80 durch mehre Reisen unterbrochen, auf denen er unter Anderm auch mit dem Superintendenten Sandhagen in Lüneburg, von dem seine Frömmigkeit zuerst einen pietistischen Charakter bekommen haben soll, zusammentraf. Nach Leipzig zurückgekehrt, setzte er besonders die biblischen Vorlesungen fort; je größer der Zudrang dazu wurde, desto mehr wuchsen auch der Neid, die Anfeindung und Verfolgung. Man suchte ihn, weil er weniger Werth aus die damalige ebenso strenge als unfruchtbare Orthodoxie setzte, als Jrrlehrer verdächtig zu machen. Der berühmte Thomasius, der damals noch in Leipzig lehrte, nahm sich zwar seiner an und vertheidigte ihn in einer eigenen Schrift, aber F. hielt es doch für gerathcn, den Verfolgungen auszuweichen und 1600 einen Nus nach Erfurt als Diakonus an der Augustinerkirche anzunehmen. Aber auch hier konnte er nicht lange in Ruhe bleiben. Seine Predigten, die sich mehr durch Herzlichkeit und warmen Eifer als homiletische Künsteleien auszeichneten und die mehr auf das Gefühl als auf Überlieferung trockener Orthodoxie berechnet waren Francke (Aug. Herrn.) 3!)3 wurden selbst von Katholiken so zahlreich besucht, daß man in Mainz Gefahr für tue Religion fürchtete, und so geschah es, daß F. ganz unerwartet schon im nächsten Jahre den Befehl erhielt, die Stadt binnen -18 Stunden zu verlassen. Er verließ am 27. Sept. 1681 Erfurt und begab sich zu seiner Mutter und Schwester nach Gotha. Ein Ruf drängte jetzt den andern. Er sollte nach Gotha und nach Koburg als Professor an die dortigen Gymnasien, nach Weimar als Hofprcdiger kommen, zog cs jedoch vor, 1692 nach Halle zu gehen, wo er an der neuerrichtc-ten Universität zuerst die Professur der oriental. Sprachen, später die der Theologie übernahm. Zugleich erhielt er das Pastorat in der Vorstadt Glaucha, weshalb auch diese der Sitz seiner Stiftungen geworden ist. Die Unwissenheit und Verwilderung der glauchaischen Gemeinde auf der einen, die Armuth vieler Einwohner auf der andern Seite gaben seinem Bestreben, praktisch zu wirken, die erste Anregung. Er unterrichtete die versäumten Armen und Kinder, die um Almosen zu ihm kamen, an bestimmten Tagen und Stunden und legte, als sich auch Andere gegen ein wöchentliches Schulgeld von einem Groschen anschlossen und die Zahl der Kinder bis auf 6V gestiegen war, dadurch, daß er sie in verschiedene Elasten trennte und den Unterrichtsplan regelte, den ersten Grund zu der Armen- und zu der Mittlern Bürgerschule. In demselben Jahre entstand in ihm auch der Gedanke, eine Waisenanstalt und ein Pädagogium zu gründen. Er hatte sich überzeugt, daß mit dem Unterrichte allein der Noth der Armen, besonders der Verwaisten, nicht abgcholfcn wäre, daß auch für deren Erziehung gesorgt werden müßte, und als ihm nun ein Geschenk von 500 Thlr., die jährlich 25 Thlr. Zinsen trugen, zuging, beschloß er, davon eine Waise zu erziehen; er forschte nach der bedürftigsten, aber man brachte ihm deren vier Vater-und Mutterlose. Er nahm sie alle im Vertrauen auf Gottes Beistand und in der Zuversicht, daß ihm gleichgesinnte Menschen helfend zur Seite stehen würden, auf. Die Zahl der Waisen wuchs von Jahr zu Jahr bis 1698, wo man für die bis dahin in Familien untergcbrach- ten Kinder ein eigenes Waisenhaus errichtete. Ebenso ging es mit dem Pädagogium. Einige auswärtige Familien wünschten ihre Kinder unter F.'s Augen erziehen zu lassen. Er mie- thete sie zuerst in Bürgerhäuser ein und stellte sie unter einen Inspektor; aber auch ihre Zahl mehrte sich so schnell, daß er für sie >712 ebenfalls eine Erziehungsanstalt erbauen mußte. Beide Institute wirken noch fort, wie die aus einer gleich scharfen Erkenntniß des Bedürfnisses hervorgegangene lat. Schule und die mit derselben verbundene Pensionsanstalt. Im Mai 1711 wurden 1075 Knaben und 700 Mädchen von 108 Lehrern unter F.'s Leitung unterrichtet. Dazu verband er mit seinen eigenen Stiftungen noch die Canstein'sche Bibelanstalt (s. Canstein) und unter dem Schutze der dän. Negierung ein Missionsinstitut für Ostindien. Alle diese Anstalten erfoderten sowol bei ihrer Gründung als Erhaltung sehr bedeutende Summen. F. war der Mann, sie zu schaffen. Der Umstand, daß er nicht eher die Mildthätigkeit in Anspruch nahm, als bis er Etwas geleistet, der praktische Sinn, womit er Alles angriff, die Uneigennützigkeit, welche auch seine Gegner anerkennen mußten, vor Allem aber seine Stellung an der Spitze einer Partei, für welche allmälig die wohlhabendsten und reichsten Familien gewonnen wurden, sicherten und erhielten seinem menschenfreundlichen Nus um Unterstützung eine große Theilnahme, zumal als die von den Landständen des Herzogthums Magdeburg nicht in freundlicher Absicht im 1.1700 veranstaltete Revision der F.'schen Schulen nur zu deren Gunsten ausficl. Aus allen Gegenden Deutschlands, ja selbst aus dem Auslande gingen bedeutende Geldsendungen ein. Daneben specu- lirte F. mit dem besten Erfolge. Die Apotheke, die zunächst nur für die Stiftungen angelegt war, die Buchhandlung, für deren Erweiterung Eulers sorgte, vor Allem aber die Me- dicamenten-Expedition gewährten zu manchen Zeiten einen sehr bedeutenden Ertrag. Nur auf diese Weise erklärt cs sich, wie es F. möglich war, ohne alle Unterstützung der Regierung so große Anstalten auszuführen. Vgl. „F.'s Stiftungen. Eine Zeitschrift von Schulze, Knapp und Niemeycr" (3 Bdc., Halle 1792—96) und Guerike, „Aug. Herm. F," (Halle 1827). Die Direktion der theils erst vollendeten, theils ncuentstehenden und der doch immer in Erweiterung begriffenen Stiftungen hätte die Thätigkeit eines Mannes von geringerer Energie und Gewandtheit vollkommen in Anspruch genommen. F. behielt Kraft und Zeit genug sowol zur Wahrnehmung seines Predigtamts als für seine gelehrten Studien. Er hielt seine Vorlesungen sehr regelmäßig und ließ es sogar an schriftstellerischen Arbeiten nicht 394 Francke (Heinr. Gottlob) Franco von Köln fehlen. Die meisten davon sind deutsch und asketischen Inhalts. Je mehr man sich das Alle« vergegenwärtigt, desto mehr muß man einen Mann von so unerschütterlichem Glauben, so ausdauernder Liebe und so seltener Thatkrast bewundern; aber man darf doch auch bei aller Bewunderung nicht verkennen, daß entweder von Natur etwas Zclotisches in ihm gelegen, oder daß die besondere Farbe seiner Theologie (s. Pietismus) nach dieser Seite hin nachtheilig auf ihn eingewirkt. Auch in Halle war er fast fortdauernd in Streitigkeiten wie mit der Geistlichkeit, so mit der Universität verwickelt. Er starb am 8. Juni 1727, worauf sein einziger Sohn GotthilfF-, der ohne Nachkommen verstarb, und sein Schwiegersohn Joh. Anast. Freylinghausen(s.d.)die Direction seiner Stiftungen übernahmen. DasEigen- thümliche derselben besteht gegenwärtig, wie zur Zeit des Stifters, zuvörderst darin, daß in ihnen ein Komplex der verschiedenartigsten Schulen aus einem engen, leicht übersehbaren Räume zusammcngedrängt ist; eine niedere Volks- oder Freischulc, in der 700 Kinder unterrichtet werden; eine mittlere Bürgerschule für Knaben, die von ungefähr 700 Schülern, und für Mädchen, die von ungefähr 500 Schülerinnen besucht wird; ferner eine höhere Töchterschule mit 150 Mädchen und eine höhere Bürger- oder Realschule, die gegen 25V Schüler zählt; endlich zwei Gymnasien, die lat. Schule mit einer Frequenz von 360 Schülern und das Pädagogium, das zur Zeit von 120 Schülern besucht wird. Mit diesen Schulen sind noch immer die drei von F. errichteten Erziehungsanstalten verbunden: die Waisen- anstalten mit 114 Knaben und 16 Mädchen, das Pädagogium mit 60 und die Pensionsanstalt mit 250—270 Zöglingen. Was die innere Organisation dieser Schulen und Erziehungsanstalten anlangt, so ist manche Eigenthümlichkeit im Laufe der Zeit verwischt; der Unterricht hat zwar die religiöse Grundlage behalten, aber die Masse der Betstunden ist aus pädagogischen Rücksichten vermindert; das Fachsystem hat dem Classensystem weichcn müssen; die Disciplin hat ihren klosterartigen Charakter verloren, und cs wird den Zöglingen die Theilnahme an Vergnügungen gestattet, die der Pietismus der Vorzeit als Teufelswerke bezeichnte. Aber Anderes ist geblieben. Die Nachfolger im Direktorium erfreuen sich fortdauernd bestimmter Vorrechte; sie ernennen ihre Kollegen, wie ihre Nachfolger, sie vociren die Lehrer und stellen die Beamten an, daneben verleihen sie die Stipendien und die Freistellen auf dem Pädagogium dem Alumnat und der Waisenanstalt ganz selbständig, wie denn die Aufsichtsbehörden nichts ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung in dem Bereiche der Stiftungen anordnen. Dazu sind die Schulen und Erziehungsanstalten so organisirt, daß jetzt wie früher der Unterricht größtentheils in den Händen junger Lehrer ruht. Daher findet sich überall ein frisches, reges Leben, daher sind F.'s Stiftungen noch immer ein praktisches Seminar für Geistliche, wie für Lehrer aller Art. So wirkt F.'s Werk auch noch in der Gegenwart fort, weshalb auch der Gedanke, ihm ein ehernes Denkmal zu setzen, überall in unserm Vaterlande so großen Anklang fand. Es wurde von Professor Rauch modellirt und im Bereich der Stiftungen am 5. Nov. 1820 eingeweiht. Vgl. Hesekicl, „Ac- tenmäßiger Bericht über das dem Gründer des Haifischen Waisenhauses Aug. Herm. F. errichtete Denkmal" (Halle 1830). Francke (Heinr. Gottlob), Jurist und Historiker, geb. 1705 zu Tcichwiß bei Weida, studirte zu Leipzig und wurde hier 1732 bei der philosophischen Facultät angcstellt, später auch Advocat, dann 1748 außerordentlicher Professor des deutschen Staatsrechts, 1740 kaiserlicher Hospfalzgraf, 1762 ordentlicher Professor der Moral und Politik und starb >781. Er war ein theoretisch, wie praktisch gleichtüchtiger Jurist, gab >762 eine Sammlung der Reichshofrathsconclusa von den I. 1761 und 1762 heraus, veranstaltete von mehren Werken, wie z. B. von Mascov's und Schmauß's staatsrechtlichen Kompendien, neue verbesserte und vermehrte Ausgaben und lieferte 1767 einen Band „Neuer Beiträge zur Geschichte, dem Staats-, Lehn- und Privatrechte des sächs. Fürstenhauses", nachdem er schon zuvor durch die Herausgabe des fünften und sechsten Bands von Kreysig's „Beiträgen zur Historie der kur- und fürstlich-sächs. Lande" (1761—64) und des dritten Bandes der „Diplomat» et scriptores" von Schöttgen und Krcysig(I760) sich um die Geschichte Sachsens verdient gemacht hatte. Franco von Köln, genannt karisieusis Magister, geb. zu Köln, lebte muthmaßlich Franxois Frank (Joh. Pet.) 395 ,'m l 3. Jahrh. und ist der Verbesserer und Begründer des Mc >1 suralgesangs (s. d.), den er sogar nach Einigen erfunden haben soll. Frarisois (Nicolas Louis, Graf), gewöhnlich Franxois de Neufchateau genannt, alsMinister und Mitglied des franz. Direktoriums ein sehr verdienter Mann, geb. zu Neufchateau in Lothringen am 17. Apr. 1750 von bürgerlichen Altern, zeigte sehr früh großes Talent für die Dichtkunst. Schon in seinem 13. Jahre wurde von ihm eine Sammlung Gedichte gedruckt, die selbst Voltaire schmeichelhaft beurtheilte. Mehre franz. Akademien in der Provinz ernannten ihn zu ihrem Mitglieds, indem er als Dichter zu großen Hoffnungen berechtigte, die indeß nicht in Erfüllung gegangen sind. Dagegen zeichnete er sich im Laufe der Revolution als Staatsbürger, Patriot und Staatsmann rühmlich aus. Jm J. 1782 wurde er Generalprocurator auf S.-Domingo. Er war Mitglied der ersten Nationalversammlung, in der er sich als Freund der Freiheit bemerklich machte; die Wahl für die zweite Nationalversammlung lehnte er ab. Die gemäßigten Gesinnungen, die er in seinem Drama „?sme>a", das 1793 auf die Bühne kam, aussprach, brachten ihn ins Gefängniß, aus welchem ihn der 9. Thermidor rettete. Im I. 1797 wurde er Minister des Innern und nach dem 18. Fructidor trat er an Carnot's Stelle ins Direktorium, aus dem er aber seiner streng verfassungsmäßigen Grundsätze wegen sehr bald wieder Ausscheiden mußte, worauf er den Auftrag erhielt, in Selz mit dem Grafen Cobenzl über die Volksbewegungen, die in Wien gegen Bernadotke staktgefunden, zu verhandeln. Doch schon am 17. Juni 1798 wurde er zum zweiten Male Minister des Innern, verlor indeß diesen Posten noch vor dem 18. Bru- maire. Bonaparte erthcilte ihm die Senatorie zu Dijon, und nachdem er ihn 1803 in den Grafenstand erhoben hatte, 1806 die zu Brüssel. Im I. 1814 zog er sich von den öffentlichen Geschäften zurück, lebte den Wissenschaften und starb am 10. Jan. 1828. Von ihm, als Minister, ging die erste Idee der öffentlichen Ausstellung der Erzeugnisse des Gcwerb- fleißes aus. Vgl. Bonnelicr,,Memoire sin ?. üe I^eusdlLte»»" (Par. 1829). Franeker, eine Stadt in der niedcrländ. Provinz Friesland, mit 4000 E-, gewann einen Namen in der literarischen Welt als der Sitz einer Universität, die, hauptsächlich aus Klosterfonds 1585 von den friesischen Staaten auf Veranlassung des Prinzen Wilhelm Lud- wig gestiftet, in der Folge mehre berühmte Gelehrte als Professoren zählte, 1816 aber aufgehoben und in ein Athenäum verwandelt wurde. Frank (Joh. Pet.), einer der berühmtesten praktischen Ärzte und einer der ersten Bearbeiter der medicmischen Policeiwlssenschast, wurde zu Notalbcn im Badischen am 19. März >745 geboren. Er besuchte die Schulen zu Rastadt, Baden, Metz und zu Pont-ä-Mousson, wo er 1762 Doctor der Philosophie wurde, ging dann, um sich der Heilkunde zu widmen, nach Heidelberg und von da 1765 nach Strasburg, worauf er im I. 1766 in Heidelberg promovirtc. Durch Overkamp wurde er zuerst dazu veranlaßt, die medicimschc Policci Zeben der praktischen Medicin als Hauptstudium zu erwählen. Hieraus prakticirte er inPir- masenz, wendete sich dann nach Bitsch in Lothringen, wo er aber nicht eher die Erlaubnis zur Praxis bekam, als bis er auch in Pont-äMousson sich die medicimschc Doctorwüvde erworben hatte. Nicht lange darauf ging er nach Baden-Baden, 1769 als markgräflicher Hvf- medicus nach Rastadt und dann als Stadt- und Landphysikus nach Bruchsal, wo er sehr bald fürstbischöflich-speierscher Leibarzt wurde und sich um das Hebammenwesen und den Unterricht der angehenden Ärzte und Wundärzte im Bisthumc große Verdienste erwarb. JmJ. 1784 folgte er dem Rufe als Professor der Physiologie und medicmischen Policci nach Göttingcn; doch schon im folgenden Jahre dem als Professor der Klinik an Tissot's Stelle nach Pavia, wo er nicht nur die medicmischen Lehranstalten sondern das ganze Me- dicinalwesen der Lombardei reformirte. JmJ. 1795 wurde er Director des allgemeinen Krankenhauses in Wien, das seiner rühmlichen Thätigkeit sehr viel zu danken hat, > 804 Professor an der Universität zu Wilna und im folgenden Jahre Leibarzt des Kaisers Alexander in Petersburg. Nachdem auch das russ. Mcdicinalwcsen vielfältig durch ihn verbessert worden war, kehrte er 1808 als praktischer Arzt nach Wien zurück, wo er am 24. Apr. 1821 starb. Auch Napoleon machte ihm glänzende Anerbietungen, um ihn nach Paris zu ziehen; F. aber ging nicht darauf ein. Unter seinen zahlreichen Schriften sind das wahrhaft klassische durch Voigt aus F.'s hinterlassencn Handschriften ergänzte,,System einer vollständigen me- S96 Frank (Jos.) Frank (Sebastian) dicinischen Police!" (6 Bde. und 3 Supplementbdc; Bd. I—3, Manh. 1783—88; Bd.!i, , Stuttg. 1813; Bd. 6 in 3 Abth., Wien 1817 —19; Supplementbd. I, Stuttg. 1812; Supplementbd. 2 und 3, Lpz. 1825—27) und das noch unvollendete lat. geschriebene Werk ^Behandlung der Krankheiten der Menschen" (6 Bde., Wien 1792—1821; deutsch 9 Bde.; 3.Aufl., Manh.1839, und von Sobernheim, I9Bde.,Berl. 1839—35; 3.Aufl.in3Bdn., 1835; 3. Aufl., unter dem Titel „Specielle Pathologie und Therapie", 2 Bde., 1830— Seine „Opusculs poslkumu" gab sein Sohn (Wien 1823) heraus, und eine Ausgabe seiner „De mellicina »pers vwnia" begann Sachs (Bd. I, Königsb. 1833). Vgl. über ihn seine Sclbstbiographie (Wien 1892). ^ Frank (Jos.), der Sohn des Vorigen, als Arzt und Schriftsteller ebenso berühmt Lider Vater, geb. am 23. Dec. 1771 zu Rastadt, wurde unter der Aufsicht seines Vaters erzogen und studirte zu Göttingen, Pavia und Mailand. Im I. 1793 wurde er als Adjunct und außerordentlicher Professor der Klinik in Pavia seinem Vater beigegeben und verwaltete dessen Amt, bis er ihm 1796 als Primairarzt am allgemeinen Krankenhause nach Wien folgte. Nachdem er 1892 Frankreich, England und Deutschland bereist, ging er 1893 all Professor der Pathologie mit seinem Vater nach Wilna, wo er sehr thätig wirkte, die mcdi- cinisch-chirurgisch-pharmaceutischc Gesellschaft, eine ambulatorische Klinik, eine VaccinationS- gcsellschaft, eine Gebäranstalt und ein Stipendium für 59 Studenten der Medicin stiftete Durch den Verlust seines Gesichts sah er sich 1823 gcnöthigt, diesen Wirkungskreis zu verlassen und ging 1826 nach Como, wo er am 13. Dec. 1832 starb. F. gehörte früher unter die bedeutendsten Anhänger der Brown'schen Erregungstheorie (s. d.) und nahm auch seinen Vater eine Zeit lang für dieselbe ein. Seine Grundsätze darüber legte er in mehren Schriften, besonders in dem „Grundriß der Pathologie nach den Gesehen der Errcgungs- theorie" (Wien 1893) nieder; außerdem sind noch von Wichtigkeit die „e^cta iustituti clinici miiversitatis vilnensi-" (6 Bde., Lpz. 1898— 13), seine „kraxeos meciicse universse pi'oecepta" (3 Theilc in 13 Abth., Lpz. 1826—31; 2. Aust., 1826—33; deutsch von Voigt, Bd. >—9, Lpz. 1828—33) und seine „Reise nach Paris und London, in Beziehung auf Spitäler" (2 Bde., Wien 1893—6). — Sein Bruder, Franz F., geb. 1773, dcr seine medicinischen Ansichten theilte, starb schon 1796 als Assistent seines Vaters in Wien. Frank (Othmar), Orientalist, geb. zu Bamberg am 8. Mai 1779, trat frühzeitig in den Benedictlnerorden zu Banz, wo er seit 1795 als Lehrer auftrat. Im I. 1899 wurde er Erzieher eines Neffen des Fürstbischofs Christoph Franz von Buseck zu Bamberg und 1892 Professor der Philosophie an der Universität zu Bamberg, nach deren Auflösung aber 1893 Professor am dasigen Lyceum. Nachdem er diese Stelle > 895 aufgegeben, lebte er pri- ^ vatisirend anfangs zu Nürnberg, seit 1812 zu München, später in Paris und London, wo er sich dem Studium der oriental. Literatur widmete, bis er 1817 nach München zurückkehrte, wo er zuerst als außerordentliches Mitglied derköniglichcn Akademie beschäftigtwmde. Hierauf erhielt er 1821 die ordentliche Professur der pers. und ind. Sprachen an der Universität zu Würzburg, die er 1826 mit der gleichen Professur zu München vertauschte. Erstarb am 16. Sept. 1839. Unter seinen Schriften erwähnen wir die „Bemerkungen über die morgenländ. Handschriften der Hof- und Centralbibliothek zu München" (Münch. 1813), die „<7brest»m-i1I>iir Zsoskrita" (2 Bde., Münch. 1829 — 21, 3.), die „Lrsinmstics 5iM- skrita" (Würzb.,1823), die „Philosophie der Hindu. Sanskrit und deutsch" (Münch. 1835, 3.) und „Uber das Bild des Wcltbaumeisters Visvakarman in einem der Fclsentem- ' pel bei Ellora in Indien" (Münch. 1835, 3.). Frank (Sebastian), einer der vorzüglichsten Prosaisten des >6. Jahrh., geb. 1591 zu Donauwörth in Schwaben, wendete sich gleich anfangs mit Eifer der Reformation zu und wurde protestantischer Geistlicher, gerieth aber später seiner schwärmerischen Ansichten wegen mit den Reformatoren in heftige Streitigkeiten und schloß sich den Wiedertäufern an. Nach- dem er mehre Jahre ohne Amt und bestimmtes Geschäft abwechselnd in Strasburg, Ulm, Basel und Nürnberg gelebt hatte, übernahm er zu Basel eine Buchdruckerei und starb wahrscheinlich daselbst um 1535. Unter seinen zahlreichen Schriften verdienen eine ehrenwerthe ! Auszeichnung die „Chronica" (Strasb. 1531, Fol., und öfter), in der er, einer der Ersten, die Universalgeschichte in deutscher Sprache behandelte, und seine Sprüchwörter" (Franks. Franken "97 1 5 1 1,3.; herausgegeben und erläutert von Guttcnstein, Franks. 1831). F.'s Stil ist kräftig, witzig und fast lakonisch, besonders in den Sprüchwörtern; die Chronik aber zeichnet sich aus durch kecken, frcimüthigen Sinn und die allseitig« Gerechtigkeit der Wcltansicht ihres Verfassers, von welcher nur das Papstthum einigermaßen ausgeschlossen ist. Vgl. Am Ende, „Nachlese zu F.'s Leben und Schriften" (Nürnb. 179«). Franken, d. i. Freie, ist der zuerst in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. n. Chr. vorkommende Name eines Bundes deutscher Völkerschaften, die anfangs aus dem rechten Ufer des Nicderrhein saßen und deren alte Eiuzclnamcn bald vor dem Gesammtnamen verschwinden. DieSigambern (s. d.) bildeten den Kern des untern Theils der Franken, der sich aus seinen ursprünglichen Sitzen, von der Lippe bis zur Assel, nachher weit nach Süden hin ausbreitelc. Für ihn erscheint seit der Mitte des -i. Jahrh. der Name S al i sch e Franken, der verschieden, von Einigen von einem Flußnamen Sala (die Assel), von Andern vom altdeutschen Worte saljan, d. i. zu eigen übergeben (von dem durch die Römer eingeräumtcn Lande), von Leo von dem keltischen Worte Sal, d. i. Meer, abgeleitet wird. Der Menapier Carausius, der das röm. Gebiet gegen ihre Einfälle zu Land und See schützen sollte, veranlaßte sie selbst, da er sich in Britannien 287 zum Gegenkaiser aufwarf, die Insel der Bataver und das Land bis zur Schelde zu besehen. Konstantius und Konstantin trieben sie zwar zurück, aber Julianus fand sie schon wieder in jenem Landstriche, den er ihnen auch, nachdem er siegreich gegen sie gefochten hatte, überließ, um sich ihrer als Hülfskrieger zu bedienen. Zu Anfänge des 5. Jahrh. traten sie wieder als Feinde der Römer auf, breiteten sich unter Chlodio überCam- bray bis zur Somme und weiter nach Westen unter Childerich aus, der auf jenen nach Me- roveus, von welchem das Geschlecht der merovingischcn Könige benannt ist, folgte. Chlodwig (s. d.) zertrümmerte endlich 388 den Rest der röm. Herrschaft in Gallien, wo nun das Land bis zur Loire den fränk. Namen trug. In dem andern Theile des sränk. Bundes, den obern Franken, die anfangs zwischen Main und Lippe wohnten, waren die Kalten (s. d.) das Hauptvolk. Seit der Mitte des 5. Jahrh. kommt für sie, namentlich für die, welche damals schon auf dem linken Nheinufer wohnten, der Name N iparisch e oder Nipu arische Franken, vom lat. rips, das User, vor. Gegen sie hatte kurz nach der Mitte des 3. Jahrh. Aurelian als Feldherr des Kaisers Valerian zu kämpfen, ja bis nach Spanien drangen in dieser Zeit fränk. Heerhaufen. Das linke Nheinufer von Mainz bis Köln wurde von nun an von ihnen heimgesucht, und Konstantin's und Juliau's Siege vermochten nur auf kurze Zeit dieses röm. Gebiet vor ihnen zu schützen. Zu Anfänge des 5. Jahrh. läßt sie die Sage unter einem Könige Faramund vereinigt sein. Zuletzt noch focht der röm. Feldherr Aktivs unter Valentinian 33« gegen sie, im Frieden überließ er ihnen das eingenommene Land. So wohnten sie auf dem linken Nheinufer westlich bis zur Maas, südlich bis zu den Ardennen und dem Hundsrück, auf dem rechten zwischen Main und Ruhr, nach Osten bis zur Werra. Weiter nach Süden hin breiteten sich diese Franken durch Besetzung altburgund. und alemann. Landes seit Beginn des 6. Jahrh. bis zur Lauter auf dem linken, bis zur Murg auf dem rechten Rheinufer, am Neckar bis zur Enz und Kocher, am Main bis zur Rednitz, und später durch Besiegung slavischer Stämme bis zu seinen Quellen aus. Damals hatte Chlodwig (s. d.) bereits, nachdem er die Alemannen überwältigt, Armorica abhängig gemacht und den Westgothen Aquitanien entrissen, durch die Vereinigung seiner salischen westlichen und der riparischen östlichen Franken unter gemeinsamer Herrschaft das fränkische Reick begründet; beide Völker behielten ihre besonder», aber wenig verschiedenen Volksrcchte, die nun auch schriftlich ausgezeichnet wurden (I^ex suIica und l^ex LipuuriorumX Das Christenthum verbreitete sich mit Chlodwig's Bekehrung bald bei den salischen Franken und am Rhein, aber erst zu Ende des 7. Jahrh. wurde cs durch den heil. Kilian am obern Main (Würzburg) begründet. Chlodwig's Söhne theilten nach seinem Tode 51 l das Reich; Theodorich erhielt den östlichenThcil, Austrasia oder Austria (krancia orientslis), innerhalb dessen mit dem Namen krsneis rkensrm das Land am Rhein, jedoch nicht als besondere Provinz, bezeichnet wird, sein Sitz war zu Metz, der des Chlodomir in Orleans, der des Chlotar in Soissons und der des Childebert in Paris. Der Antheil des letztem trug den Namen Neustria oderNeustrasia (keancis occickentalis), der dann auf das ganze westliche von Franken bewohnte Land zwischen den Nheinmündungen und der Loire, der Maas und 398 Franken dem Meere ausgedehnt wurde. Das Reich der Thüringer wurde 53V durch Theodorich und Chlotar mit Hülfe der Sachsen zerstört und die frank. Herrschaft hier bis zur Unstrut erweitert. Das Reich der Burgunder fiel vor den Franken im I. 534, der alte Name Burgund aber dauerte fort. Im Süden ging die Herrschaft über die Alemannen in den hohen Alpen und über die Provence von den Ostgothen an die Franken über, deren Oberhoheit gegen das Ende des 6. Jahrh. auch die agilolfingischen Herzoge der Baiern anerkannten. Das ganze Reich hatte Chlotar I. nach dem Aussterben seiner Brüder und deren Nachkommen auf kurze Zeit, von 558—561 vereinigt; von seinen vier Söhnen wurde es wieder getheilt und durch , Brunehilde (s. d.) und Fredegunde (s. d.) der Schauplatz blutiger Greuel, bis Chlotar II. es 613 wieder für einige Zeit zusammenbrachte. Eine Versammlung der angesehensten Lehnsleute und Bischöse beschränkte 615 die Gewalt der Könige; dagegen wuchs du Macht der Hausmeier oder ülajores >Iom»s (s. d.), die in Austrafien, Neustrien und Burgund die Negierung verwalteten. Dagobert I. (s. d.), unter dem Pipin von Land!» Hausmeier war, war der letzte König von einiger Bedeutung aus merovingischem Stamm Nach dem Tode Dagobert's II. von Austrafien, 678, weigerten sich die Austrasier, Theodorich l I l. von Neustem, und Burgund zu gehorchen; ihr Führer, PipinvonHerstallss. d.), des Pipin von Landen Enkel, wurde nach dem Siege bei Testri an der Somme 687 von Theodorich als Hausmeier in allen drei Reichen anerkannt. Er schrieb sich ckux et princep- I-'rulleo, um, stellte die alten jährlichen Volksversammlungen im März, später von Pipin dem Kleinen in den Mai verlegt (s. Märzfeld), wieder her und schaffte den sränk. Waffen in Kriegen mit den Friesen und abgefallenen Thüringern, Baiern, Alemannen neuiS Ansehen; er starb 714. Sein Sohn, Karl Mar teil (s. d.), von den Austrasiern ;u ihrem Hausmeicr erkoren, errang 720 diese Würde auch in Neustrien, die Friesen unterwarf er 734, vor den Arabern sicherte er das fränk. Reich durch die Siege, die er 732 (bei Toursj und 739 über sie erfocht. Der Thron blieb seit Theodorich's IV. Tode 737 unbesetzt. Karls , Söhne, die ihm 741, Karlmann im Osten, Pipin der Kleine (s.d.) im Westen alsHauS- meier folgten, machten Childerich I II. zum Könige; aber im 1.752 ließ ihn Pipin, der, nachdem Karlmann 747 ins Kloster gegangen, alleiniger Hausmeier war, zu Soissons absetzeu, den letzten merovingischen König. Er selbst wurde von Bon ifacius (s.d.) zum Könige gesalbt, und wie er schon vorher die abtrünnigen Alemannen, in deren Lande jetzt an die Stelle des alemann. Herzogs fränk. Grafen unter derAufsicht von Kammerboten traten, und Baieni bezwungen hatte, so war er jetzt siegreich gegen Aquitanien, gegen die Sachsen und Langobarden. Seinen weitesten Umfang erhielt das fränk. Reich durch die gewaltige, im Kriege nicht minder als in der Durchführung innerer Ordnung bewährte Thatkraft Karl deS Großen (s. d.), der nach seines Vaters, Pipin's, Tode im I. 768 mit seinem Bruder Karlmann, seit 771, wo dieser starb, allein herrschte und im I. 800 vom Papste mit dem Titel eines Kaisers der Römer geschmückt wurde. Aquitanien unterwarf er 769; 772 begann er die Kriege mit den Sachsen, denen, als er sie endlich 803 mit seinem Reiche vereinte, ihn Rechte und Gesetze gelassen wurden; 774 wurde das Reich der Langobarden zertrümmert, 778 der Zug gegen die Araber in Spanien, wo Barcelona jedoch erst 803 erobert wurde, ausgeführk, 788 in Baiern nach Thassilo's Absetzung die Herzogswürde abgeschafft, 791 der Krieg gegen die Avaren begonnen und 811 Gottfried, der südjütische Fürst, gedcmüthigt. So reichten die Grenzen des sränk. Reichs, da Karl 814 starb, von der Eider und dem Deut- ^ schen Meere gegen Süden bis zum Ebro, dem Mittelmeere, wo dieBalearen 799 genommen worden waren, in Italien bis über Nom hinaus, und vom Atlantischen Meere gegen Osten, wo auch die slaw. Nachbarn Karl's Obergewalt anerkannten, bis zur Ostsee, der Elde, Elbe, Saale, den: Böhmerwalde, dem Manhart, an der Donau bis gegen die Theiß und über die Drave und Save zum Adriatischcn Meere bis an Dalmatien. Das Reich wurde, nachdem Karl's Sohn, Ludwig der Fromme, 840 gestorben, von dessen Söhnen im Vertrage von Verdun 843 getheilt; das deutsche Land östlich des Rhein mit den Gauen von Main;, - Speier und Worms war Ludwig des Deutschen Anthcil, dem noch eine geraume Zeit der Name Ostfranken verblieb; Westfrankcn, wo sich die Verschmelzung des german. Volks mit der alten keltisch-röm. Bevölkerung zum romanischen Volke der Franzosen nun vollendet hatte und der Name Frankreich (s. d.) sich auf die Dauer erhielt, fiel an Karl den Franken 399 Kahlen; den schmalen Landstrich Mittelfranken zwischen beiden Reichen von der Nordsee her an der Schelde, Maas und Mosel, auf dem linken Rhcinufer und an der Rhone bis zum Mittelmecre erhielt mit Italien Lothar l. Als dessen Sohn aber, Lothar II., 869 gestorben war, theilten Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle das Land, das jener von seinem Vater erhalten (s. Lothringen), untereinander, und nun wurde die Maas Grenze zwischen dem ost- und westfränk. Reiche, die noch einmal nach des westfränk. Karlmann's Tode im Z. 884 auf kurze Zeit Karl der Dicke bis zu seiner Absetzung im I. 887 vereinte; auch erkannten die Könige von Frankreich und den beiden burgund. Neichen noch eine Oberherrlichkeit des tapfern Arnulf, der nach ihm in Deutschland erwählt wurde, an. Mit Arnulfs Sohne, Ludwig dem Kinde, erlosch der Stamm der Karolinger in Deutschland im I. 911, und erst jetzt wurde dieses aus einem ostfränk. zum wirklich Deutschen Reiche (s. De utschlan d); wie aber unter den Karolingern Australien als das Hauptland des fränk. Reichs betrachtet worden war und wie die röm. Kaiserwürde als ein von Karl dem Großen den deutschen Franken erworbenes, vom Papste zu gewährendes Recht auf Ostfranken hastete, so wurde dies auch fortwährend als der Kern des Deutschen Reichs angesehen, daher auch oft schlechthin das Reich genannt, und der deutsche König wurde durch die Wahl, die aus fränk. Erde geschehen mußte, seinem Rechte nach ein Franke. Ein Franke, KonradI. (s. d.), Graf von der Wetterau, wurde auch nach Ludwig's Tode 91 l zum Könige erhoben. Unter ihm stürzte die karolingische Reichsverwaltung durch Grafen und Sendboten zusammen, und es bildeten sich nach den Stämmen Landcsherzogthümer. Die Grenze des fränk. Landes, zu dem auf dem linken Nheinufer gegen Lothringen hin noch das Gebiet von Mainz, Worms und Speier gehörte, auf der rechten Seite des Rhein zwischen Sachsen, Baiern und Alemannien wird im Norden ungefähr durch den Lauf der Sieg, Eder, Fulda und Werra (wo der fränk. Hessengau) und den Thüringerwald bezeichnet, im Osten reichte es bis zum Fichtelgebirge und über die Rednitz, im Süden zur Altmühl, Wernitz, dem obcrn Kocher, der En; und Murg. Der gewöhnlichen Angabe, daß schon Konrad selbst durch Ludwig der erste Herzog von Franken gewesen, und daß ihm sein Bruder Eberhard, der 939 starb, in dieser Würde gefolgt sei, entgegen hat Aschbach inSchlosscr's und Bercht's „Archiv" (Bd. 2, 1831) gezeigt, daß zwar dem letzter« durch Heinrich I., als seinem Stellvertreter in Franken, die Pfalzgrafcnwürde ertheilt worden, daß es aber in Franken das l O.Zahrh. hindurch keine Landesherzoge gegeben habe, und die Bezeichnung 924 — 1125, von Grafen und Kammerboten, oder den damaligen Pfalzgrafcn verwaltet. Erst Heinrich V. erneuerte das Herzogthum Franken und gab es seinem Neffen, Konrad von Hohenstaufen, dem nachmaligen deutschen Könige Konrad III., von welchem es aufseinen Sohn, Friedrich von Rothenburg, überging. Nach dem Tode desselben kam 1167 Rheinfranken an den nachgeborencn Sohn Kaiser Friedrich's I., Konrad, der 1197 ohne Nachkommenschaft starb, worauf König Heinrich VI. dasselbe, soweit es nicht unter die Herrschaft der rhein. Pfalzgrafen gelangt war, seinem Bruder und später« Nachfolger, Philipp, ertheilte. Von diesem siel es wieder an die ältere hohcnstaufensche Linie und wurde, als dieselbe 1268 mit Konradin erlosch, gänzlich zerstückelt. Seitdem treten in Rheinfranken neben dem Gebiete der Pfalzgrafen mehre größere und kleinere geistliche, wie Mainz, Worms und Speier, und weltliche Territorien, wie die Wild- und Rheingrasschaft, die Grafschaften Nassau, Katzen» ellnbogen, Hanau und die Landgrafschaft Hessen, hervor; auf Ostfranken aber, wo das würz, burgische, fuldaische, bambcrgische, burggräflich nürnbergische, hennebergische, hohenlohische und viele andere Territorien sich bildeten, ruhte in der Folge allein noch der Name Franken, und es schreibt sich dieser Vorzug svwol davon her, daß, als 1449 Herzog Sigismund vo» Sachsen Bischof von Würzburg geworden, seine Nachfolger, auf eine angebliche Verleihung Pipin'r sich stützend, den herzoglichen Titel festhielten und sich Herzoge zu Franken nannten, 40V Frankerlhaufen Frankfurt am Main als auch, und ganz besonders davon, daß durch Kaiser Maximilian I. aus Ostfrankcn der Fränkische Kreis (s. d.) geschaffen, während Rheinfrankcn dem ober- und niedcrrheini- schen zugethcilt wurde. In neuester Zeit hat Baiern, dem der größte Theil des Fränkischen Kreises zugefallen ist, diesen alten Namen in der Benennung dreier Kreise, Ober-, Mittel- und Unterfranken, erneuert. Frankenhausen, eine Stadtim Fürstenthume Schwarzburg-Rudolstadt mit 3 7 00 E., einem fürstlichen Schlosse und einem bedeutenden Salzwcrke, der Sitz mehrer Landesbehörden, ist geschichtlich merkwürdig durch die Schlacht am >5. Mai 1523, in welcher die aufrührerischen Bauern unter Münzer's Anführung von den sächs., braunschweig, und Hess. Truppen an dem davon benannten Schlachtberge geschlagen wurden. Frankenweine nennt man im Allgemeinen die Weine, welche im bair. Kreise Unterfranken, einem Thcile des alten Franken, gebaut werden und zu den angenehmsten und gesundesten Tischweinen gehören. Obenan stehen unter ihnen die Würzburger Weine. Die vorzüglichste Sorte unter diesen ist der Leistenwein, der an einem Abhange des Marien- oder Frauenbcrgs, der sogenannten Leiste, bei Würzburg wächst und, wenn er ein gewisses Alter hat, durch seinen angenehmen Duft oder seine Firne und seine Zartheit vielleicht alle deutsche Weine übertrifft. Feuriger noch als der Leistenwcin, aber nicht von so aromatischem Geruch und lieblichen Geschmack ist der Steinwein, der seinen Namen nach dem Stcinberge bei Würzburg führt. Ebenfalls ein sehr feiner Frankenwein ist der Harfenwein, der seinen Namen von der Harfe, einem Berge bei Würzburg, erhalten hat. Unter den leichtern Frankenweincn, die im Allgemeinen Werthcimerweine genannt werden, ist der K almuth der vorzüglichste; außerdem sind zu erwähnen der Haslocher und Klingenberger. Viele Frankenweine werden auch als Rheinweine verkauft. Den bedeutendsten Handel damit treiben Würzburg, Kitzingen, Bamberg, Benshauseu und Frankfurt am Main. Frankfurt am Main, die erste der vier freien Städte des Deutschen Bundes, der Sitz der deutschen Bundesversammlung, ist durch Handel, Gewerbfleiß, Reichthum und Umgebungen eine der bedeutendsten Städte Deutschlands. Sie liegt in einem weiten Thale des Main, in einer reizenden Gegend, welche lebhafte, mit Alleen besetzte Kunststraßen in allen Richtungen durchschneiden, und prachtvolle Land- und Gartenhäuser, schöne Lustgärten, reiche Kornfluren und treffliche Obst-, Gemüse- und Weingärten schmücken. Das eigentliche F. breitet sich am rechten Ufer des Main aus, und ist durch eine auf I 3 Bogen ruhende steinerne Brücke, die zuerst l 312 erbaut wurde, mit der auf der linken Mainseite liegenden Vorstadt Sachsenhausen verbunden. Die ehemaligen Festungswerke sind niedergcrissen, die Gräben zum Theil ausgefüllt und mit Bäumen bepflanzt, die Wälle geebnet und theils mit geschmackvolle» Häusern besetzt, theils zu Gartenanlagcn im engl. Geschmacke benutzt. Zwar gibt es viele enge, finstere Straßen und eine Menge alter, mit geschmacklosen Verzierungen bemalter Häuser; dagegen finden sich auch an den öffentlichen Plätzen und in den Hauptstraßen, besonders an der sogenannten Holl« v»e am Main, mehre palastartige Gebäude; namentlich wurden seit 1813 viele neue Häuser im besten Stile erbaut. Unter die schönsten Straßen gehört die 750 Schritt lange Zeil; eine der häßlichsten war sonst die Judcngasse, wo sämmtlichc Juden wohnen mußten. Die Straßen sind gut gepflastert und zum großen Thcile durch Gas erleuchtet. Die katholische Stiftskirche, St.-Bartholomäi, gewöhnlich die Domkirche genannt, in welcher in späterer Zeit die deutschen Könige gekrönt wurden, stammt aus dem Ende des >3. Jahrh. her; erneuert wurde sie 13 15 —1509. Unter den vielen Denkmälern in derselben ist das des deutschen Königs Günther vom I. 1352 das merkwürdigste. Andere berühmte Kirchen sind die Katharinenkirche, erbaut 1680, mit einem schönen Altargemälde, und die 1833 eingeweihtePaulskirchemiteincrgewaltigenOrgel. DaeRakh- haus, der Römer genannt, welcher seit 1303 dieser Bestimmung dient und wo noch gegenwärtig die Goldene Bulle aufbewahrt wird, ist in verschiedenartigem Stile aufgeführt und bildet deshalb kein übereinstimmendes Ganzes. In demselben befindet sich der Kaisersaal, der seit 1558 bei den Krönungsfesten der deutschen Könige als Spcisesaal benutzt wurde. Derselbe ist neuerdings restanrirt worden, und die in demselben befindlichen schlechten Gemälde der deutschen Kaiser weiden gegenwärtig durch andere Gemälde von den besten deutschen Künstlern ersetzt. Das Thurn- und Taxis'sche Palais, die ehemalige Residenz des Fürsten Frankfurt am Main 401 Primas, worin jetzt die Sitzungen der Deutschen Bundesversammlung gehalten werden, ist in einem edeln Stile erbaut. Unter den andern öffentlichen Gebäuden sind die merkwürdigsten der Braunfels, der bis zur Erbauung des neuen Börsengebäudes als Börse diente; ferner der Saalhof, ursprünglich eine kaiserliche Pfalz, mit der Hauskapelle der heil. Elisabeth ; das 1780 erbaute, neuerdings restauriere Schauspielhaus; das Bibliothekgebäude; das Gebäude des Städel'schen Instituts, die Stadtwache, das Reithaus, das Waisenhaus und das gräflich Reichenbach'sche Palais. Das ehemalige deutsche Ordenshaus in Sachscnhausen ist zur Kaserne geworden. Die vorzüglichsten wissenschaftlichen und Kunst- ansialten sind das Senkcnberg'sche Stift (s. Senkenberg), eigentlich ein Bürgerhospital mit anatomischem Theater, chemischem Laboratorium, botanischem Garten, einer Bibliothek und herrlichem naturhistorischen Museum, das besonders durch Nüppell (s. d.) reiche Vermehrung erhielt; die 80000 Bände starke Stadtbibliothek mit einem Münzcabinet unter der Aufsicht des Bibliothekars Böhmer (s. d.); das Museum mit Gemälde- und Kupferstichsammlung; das vom Banquier Städel (s. d.) gestiftete und nach ihm benannte Kunstinstitut und der Bethmann'sche Antikensaal. Die Stadt hat ein Gymnasium, eine Bürgerschule, eine gut organisirte israelitische Schule, die durch den Fürst Primas 1813 erweitert wurde, eine Taubstummenanstalt, eine Zeichenschule und viele andere öffentliche und Privatschulen. Viele wissenschaftliche, Kunst- und andere Gesellschaften haben in F. ihren Sitz; so namentlich die daselbst 1810 gestiftete Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtßkunde, eine Bibelgesellschaft und ein Missionsverein. Auch besteht daselbst eine Menge wohlthätiger Anstalten und Vereine. Die Zahl der Bewohner beläuft sich mit Einschluß von Sachsenhausen auf 57000, die sich mit Ausnahme von 5000 Katholiken und 3500 Juden zur protestantischen Kirche bekennen. Von den vielen alten Geschlechtern oder Gewerkschaften sind gegenwärtig nur noch die Familien Alt-Limpurg und Frauenstein vorhanden. Die frankfurter Handwerker und Künstler liefern tüchtige Arbeiten; unter den Fabriken sind die in Rauch- und Schnupftaback, Kupferdruckschwärze, Gold- und Silbcrdraht, Teppichen und Papiertapeten die wichtigsten. Wichtiger als die Fabriken ist der Handel, welchen F. theils mittelbar, theils unmittelbar nach allen Gegenden Europas und selbst in andere Welttheile treibt. Derselbe besteht, außer dem nicht unbedeutenden Vertrieb von eigenen Fabrikaten und Landeserzeug- nisscn, im Handel mit Staatspapieren, der hier am bedeutendsten in ganz Deutschland ist, im Großhandel mit franz., engl., schweizer und deutschen Fabrikaten, wovon man hier sehr große Lager antrifft; ferner in einem wichtigen Speditions-, Commissions-und Zwischen- Handel und einem ausgebreitcten Wechselhandel. Auch der Buchhandel, für den F. im 17. Jahrh. in Deutschland der Hauptstapelplatz war, ist noch immer von Bedeutung. Ganz besonders wird der Handel gefördert durch die günstige Lage der Stadt und durch die durch dieselbe führenden Hauptstraßen, durch die Main- und Rheinschiffahrt, durch die Dampfschiffahrt nach Mainz und Bamberg, durch die Taunuseisenbahn nach Wiesbaden und Mainz und die beiden jährlich zu Ostern und Mariä Geburt abgehaltenen Messen. Von den in F. erscheinenden politischen Zeitungen, dem „Frankfurter Journal", dem „äonrnsl <>e kranckort" und der „Frankfurter Oberpostamtszeitung" ist die erstcre, seit 1615 erscheinende, die älteste in Deutschland. Unter den besuchtesten Orten um F. gehören Oberrad mit der Aussicht auf das Mainthal und die Stadt selbst, Bornhcim, Hausen mit der romantischen Aussicht auf das Taunusgebirge, Bockenheim, Rödelheim, das Forsthaus, wo sich ein angenehmer Wald und eine geschmackvolle engl. Anlage befinden, der Sandhof und Niederrad; zu den entfernter» Vergnügungsörtern gehören Hanau, das Wilhelmsbad, Homburg und Wiesbaden. Vgl. Kirchner, „Ansichten von F. und den umliegenden Gegenden" (Franks. 1818). F. ist ein sehr alter Ort und soll seinen Namen durch Kaiser Karl den Großen erhalten haben, der hier mit seinem Heere durch einen Furt ging und die jenseit des Main lagernden Sachsen schlug. Kaiser Karl hielt hier auch 791 ein Concil; Ludwig der Fromme legte die kaiserliche Pfalz, den Saalhos, an, und 813 wurde F. zur Hauptstadt des ostfränkischen Reichs erhoben und damals der sogenannte Römer, das jetzige Rathhaus, erbaut. Seit Kaiser Friedrich I. wurde es Wahlstadt der deutschen Könige und 1215 zur freien Reichsstadt. Der Conv. - Lex. Neunte Ausl. V. 20 402 Frankfurter Attentat frankfurter Schöppeustuhl war das Obergcricht für die ganze Wctterau und die angrenzende Gegend. Nachdem F. schon früher mit einer Messe begabt war, wurde ihr >339 durch Kaiser Ludwig den Baier die Abhaltung einer zweiten gestattet. Von dem schmalkaldischen Bunde wurden in F. seit dem Juni 1531 mehre Convente gehalten. Die erste Kaiserkrönung wurde hier 1711 an Karl VI. vollzogen. Im Siebenjährigen, wie im sranz. Revolutions- kriege, wo es am 23. Oct. 1792 durch die Franzosen unter Custine genommen wurde, hatte es sehr viel zu leiden. Jm J. 1893, wo die meisten Freistädte ihre Neichsumnittelbarkeit verloren, behauptete es dieselbe; dagegen wurde es nach der Stiftung des Rheinbundes 1806 dem Fürsten Primas, Karl von Dalberg (s. d.), zugethcilt, unter Hinzufügung Hanaus, Fuldas und anderer Gebiete in ein Großherzogthum verwandelt, welches auf 95 OM. 392099 E. zählte und in die Departements Frankfurt, Aschaffenburg, Fulda und Hanau zerfiel, der Fürst Primas zum Großherzig und Eugen Beauharnais zu dessen Nachfolger ernannt. Nach Vernichtung der franz. Übermacht sah sich der Fürst Primas genöthigt, auf sein Land zu verzichten, und es kamen >815 Fulda und Hanau größtcnthcils an Hessen- Kassel, Aschaffenburg an Baicrn, F. aber wurde au einer freien Stadt des Deutschen Bundes erklärt, deren Gebiet von 1'/) OM. gegenwärtig gegen 70999 E. umfaßt. Im I. >816, wo es zum Sih der deutschen Bundesversammlung wurde, erhielt es auch am 18. Juli eine neue, auf der ehemaligen reichsstädtischen fußenden Verfassung. Zufolge derselben beruht die oberste Gewalt auf der Gesammtheit der christlichen Einwohnerschaft. Der Gesetzgebende Körper besteht aus 29 Senatoren, 29 Mitgliedern des ständischen Bürgerausschusses und 45 aus der Mitte der christlichen Bürgerschaft gewählten Mitgliedern; der Senat, als Vollziehungsbehörde, aus 42 Mitgliedern. Die beiden Bürgermeister, der ältere und der jüngere, werden jährlich vom ganzen Senate gewählt. Mit den andern freien Städten des Deutschen Bundes hat F. in der Bundesversammlung die 17. Stelle und im Plenum eine eigene Stimme. Als Bundescontingent stellt es 693 M. zum elften Armcecorps. Die jährlichen Einkünfte betragen 1,399090 Fl., die Staatsschuld 8'/. Mill. Fl. Für den ausschließenden Genuß der Posten in F. zahlt der Fürst von Thurn und Taxis jährlich 19999 Fl. Die neue Zeit brachte F. in vielfache politische und mercantilische Verwickelungen. Ein Theil der jüngern Bürger verlangte Verbesserung und Abänderung in der innern Verfassung und Verwaltung, und allerdings ist in dieser Beziehung auch Einiges geschehen; allein Vielen schien man.zu langsam vorzuschreiten. Epoche machten in F.s neuester Geschichte das Attentat am 3. Apr. 1833 (s. Frankfurter Attentat) und der Anschluß an den deutschen Zollverein im I. >836, nachdem es den am 13. Mai 1832 mit England für zehn Jahre auf Gegenseitigkeit abgeschlossenen Handelstractat aufgelöst hatte. Vgl. das von Böhmer herausgegebene „Urkundenbuch der Reichsstadt F." (Bd. I, Franks. >836, 4.), Kirchner, „Geschichte der Stadt F." (2 Bdc., Franks. 1897—19) und (Feyerlein), „Nachträge und Berichtigungen zur Geschichte F.s" (2 Bde., Franks. 1899 —19) und Joh. Karl von Fichard, „Die Entstehung der Reichsstadt F. und der Verhältnisse ihrer Bewohner" (Franks. >819). Frankfurter Attentat. Unter dem nachwirkendcn Einflüsse der europ. Bewegungen von 1839 und im bcsondern Widerspruche gegen die als Zeichen der wieder begonnenen Neaction betrachteten Bundesbeschlüsse vom 28. Juni 1832 hatte sich cinestheils der politisch aufgeregten deutschen Jugend eine düstere Stimmung bemächtigt, die von einigen Führern zum jugendlich kecken Versuche einer gewaltsamen Umwälzung benutzt wurde. Einige den gebildeten Elasten angchörige jüngere Männer zu Frankfurt stellten sich an die Spitze; es traten Einzelne mit Einzelnen benachbarter Staaten und Städte in politischen Verkehr; auch wurden mehre nur von Wenigen besuchte Zusammenkünfte, namentlich im Würtem- bergischen gehalten. Schon im März >833 wurde in Hessen-Homburg ein unbedeutendes mi> litairisches Complot entdeckt, dessen Stifter mit den später» Führern in Frankfurt in naher Verbindung gestanden hatten. Dennoch kam man, im Vertrauen auf einen gleichzeitigen Ausbruch in Würtcmberg, nach langen Verhandlungen über einen Plan überein, zu dessen Ausführung eine kleine Zahl Studenten, deren Gesinnungen man sich vorher versichert hatte, nach Frankfurt beschicken wurde. Dahin begaben sich auch aus der Fremde einige junge Männer, die sich früher politischen Untersuchungen entzogen hatten. Einen kleinen Anhang fanden die Verbündeten unter den Bauern im frankfurter Flecken Bonames. Zwar erhiel- 403 Frankfurt an der Oder tm die Beteiligten am 3. Apr. Nachmittags durch einen anonymen Brief Nachricht, daß der Anschlag den Behörden »machen sei, aber die Vorbereitungen waren schon zu weit gediehen, um die Führer des Unternehmens davon abstehcn zu lassen. Am Abende des 3. Apr. stürmten zwei bewaffnete Haufen, ein jeder 3t»—35 M. stark, die Hauptwache und Con- siablerwache, worauf sich eine kleine Abtheilung nach dem ziemlich entlegenen Pfarrthurme begab, um die Sturmglocke ertönen zu lassen. Auf der Hauptwache fielen ohne Commando des Anführers etwa drei bis vier Schüsse, wodurch die Schildwache vor dem Gewehr und ^ ein Sergeant getödtet wunden, der bei einem frühem Vorfälle, als sich wegen Erhebung der Thorsperre Streit erhoben, auf einen waffenlosen Volkshaufen hatte Feuer geben lassen, wodurch mehre Menschen todt auf dem Platze geblieben waren. Bei dem Angriffe auf die Constablcrwache, wo ein verhafteter politischer Gefangener, den man irrthümlich für den Gefängenwärter hielt, tödtlich verwundet wurde, scheint es durch die Schuld eines Einzelnen, eines ehemaligen Fechtmeisters, etwas brutal hergcgangen zu sein; doch traten auch hier sogleich Mehre hervor, um sich jedem weitern Exccsse zu widcrsetzen. Die Insurgenten hatten die Wachmannschaften mit leichter Mühe überrumpelt, zu Gefangenen gemacht und ihrer Gewehre sich bemächtigt. Aber ihre Auffodcrung an die neugierig zusammenlaufende Menge, sich ihrer Sache anzuschlicßen, war erfolglos geblieben. Darum zogen sie sich, vor dem alsbald aus den Kasernen ausgerückten Linienmilitair, von der Hauptwache nach der Consta- blerwache zurück, wo sich ein ziemlich lebhaftes Gefecht entspann, in dem zwar der kleineHau- fen der Insurgenten die vorausgesendetcn Schützen des Militairs auf die Haupttruppe zurückwarf, bald aber der Übermacht weichen mußte und dahin und dorthin sich zerstreute. Neben einer größer» Zahl von Verwundeten hatten die Truppen fünf Tobte; von den Angreifcn- den war nur Einer tödtlich, mehre Andere waren leichter oder schwerer verwundet worden. Während dieser Vorfälle hatte sich von Vonames aus ein Bauernhaufe von 70—80 M., > nachdem er erst das unterwegs gelegene kurheff. Mauthhaus gestürmt, vor dem Friedberger Thore gezeigt, war aber wieder verschwunden, als er dieses geschlossen und die Wache verstärkt fand. Dieses Alles drängte sich in den kurzen Raum von kaum einer Stunde zusammen. Viele Betheiligte retteten sich durch die Flucht; Andere wurden in und bei Frankfurt verhaftet, und die nun begonnenen Untersuchungen zeigten, daß das Attentat noch in mehren Orten, namentlich auf einigen Universitäten, gewisse, wenn auch meist nur sehr entfernte Verzweigungen hatte, die sich in der Hauptsache auf unbestimmte eventuelle Verabredungen und Verheißungen beschränkten. Auch der bald nach dem Attentate kundgcwordenc Auf- i bruch mehrer Hausen poln. Verbannten aus ihren Depots in Frankreich nach der Schweiz ! scheint dem frankfurter Unternehmen nicht fremd gewesen zu sein. Für die Verhafteten in Frankfurt erwachte unter einem großen Theil des Volks, wie dies bei heimlicher Justiz und langwierigen politischen Untersuchungen immer der Fall ist, ein lebhaftes Interesse. So gelang es durch Unterstützung von außen schon imSpätjahre 1833 einem der Verhafteten, aus dem , Gefängnisse zu entkommen. Dagegen hatte ein ausgedehnterer Fluchtversuch am 2. Mai >83-1, den eine vor dem Gefängnisse versammelte Menge zu begünstigen suchte, nur für ' einen Einzigen glücklichen Erfolg. Den Übrigen wurde endlich am 20 . Ork. 1836 das Strafurthcil erster Instanz publicirt, welches die Meisten zu lebenslänglichem Gefängnisse verurtheilte. Aber schon am Tage nach der Publikation entkam einer der Vcrurtheilten mit , Hülfe seines Gefangenwärters. Auch sechs Andere wußten die Zeit vor Fällung der Entscheidung in letzter Instanz zur Verständigung mit ihrem Gefängenwärter und zur glücklichen Ausführung eines wohlangelegten Fluchtplans zu benutzen. So blieben nur sieben, die zur Vollstreckung des gegen sie erlassenen Endurtheils nach Mainz abgeführt wurden, denen man aber im Herbst 1838die Auswanderung nach Amerika umso eher gestattete, als sie zu den wenigst Eravirten gehörten, während die Mehrzahl, darunter die hauptsächlich Betheiligten, schon früher den Händen der Justiz sich entzogen hatte. ' Frankfurt an der Oder, die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks (348 LüM. mit 770000 E.) der preuß. Provinz Brandenburg, in der ehemaligen Mittelmark , liegt mit Ausnahme der einen der drei Vorstädte auf dem linken Oderufer und hak besonders als Handelsstadt Bedeutung. Sie ist der Sitz der Regierung, eines Obcrlandsge- 26 * -104 Fränkischer Kreis Fränkisches Recht richts und der neumärkischen Ritterschaftsdirection. Unter den sechs Kirchen sind die Marien- od er Oberkirche, welche Glasmalereien enthält, und die Nikslaikirche die vorzüglichsten ; auch bestehen daselbst ein katholisches Bethaus und eine Synagoge. Die daselbst am 27 . Apr. 1506 gestiftete Universität wurde 1811 nach Breslau verlegt. Jetzt gibt es daselbst noch das Friedrichsgymnasium mit einer Bibliothek, eine Oberschule und außer mehren andern Schulen die Leopoldsfreischule; auch ein Hebammeninstitut, eine Landwirkhschaftliche Gesellschaft und eine jüd. Buchdruckerei. Die Zahl der Einwohner beläuft sich ohne das Militair auf 24000 . Sie unterhalten Fabriken in Fayence, Taback, Zucker, Strümpfe, Seidenwaaren u. s. w-, fertigen viele Töpferwaaren und treiben ansehnliche Branntweinbrennerei. Den Handel, die Hauptnahrungsquelle der Stadt, die jedoch in neuerer Zeit minder ergiebig als früher war, befördern die Schiffahrt auf der Ober nach Breslau, die im Herbst 1842 eröffnete Frankfurt - berliner Eisenbahn und die drei jährlich zu Reminiscere, Margaretha und Martini abgehaltenen Messen. Dem in der Schlacht beim nahen Kunncrsdorf im I. 1759 gefallenen Dichter Kleist (s. d.) und dem 1785 in der Oder ertrunkenen Herzoge Leopold von Braunschweig (s.d.) sind Denkmäler errichtet. Vgl. Hausen, „Geschichte der Universität der Stadt F." (Franks, an der O. 1806 ) und Sachse, „Geschichte der Stadt F." (Franks, an der O. 1830 ). Fränkischer Kreis , einer der zehn Kreise des Deutschen Reichs, von Obersachsen, Böhmen, Baiern, Schwaben und den beiden rheinischen Kreisen eingeschlossen, begriff einen der schönsten Landstriche Deutschlands, das frühere östliche Hcrzogthum Franken (sd.) und zählte aus 490 lüM. I '/-Mill. E. Die Stände dieses Kreises theilten sich in vier Bänke, und zwar gehörten zu der geistlichen Bank die Bisthümer Bamberg, Würzburg, Eichstädt und der Deutsche Orden; zur Fürstcnbank Brandenburg-Baireuth und Brandenburg-Ansbach, Henneberg (Schleusingen, Römhild und Schmalkalden), Schwarzenberg, Löwenstein-Werl- Heim und Hohenlohe - Waldenburg; zu der Grafen- und Herrnbank Hohenlohe - Neuenstein, > Castell, Werthcim, Riencck, Erbach, Limpurg-Geilsdorf, Limpurg-Speckfeld, Seins- Heim, Reichelsberg, Wiescntheid, Wclsheim und Hausen; und zu der reichstädtischen Bank Nürnberg, Rothenburg, Windsheim, Schweinfurt und Weißenburg. Der fränk. Kreis stellte 1902 M. zu Fuß und 980 zu Roß; in Ansehung der Religion gehörte er zu den gemischten Kreisen. Kreisausschreibende Fürsten waren der Bischof von Bamberg und der oder die Markgrafen von Brandenburg-Baireuth und Brandenburg-Ansbach. Das Krcis- directorium hatte sich Bamberg allein angemaßt, mußte jedoch, nach langwierigem Streite, einen gewissen Antheil daran den Markgrafen von Brandenburg gestatten, welche auch das Kreisoberstenamt bekleideten. Die Kreistage wurden gewöhnlich in Nürnberg gehalten. Der größte Thcil des fränk. Kreises gehört gegenwärtig zum Königreich Baiern und ist in den Provinzen Ober-, Mittel- und Unterfranken, die jedoch auch Stücke des ober- und niederrheinischen Kreises umfassen, enthalten. Das Übrige wurde zumeist dem jetzigen Jaxtkreise des Königreichs Würtemberg; ferner Baden (Wertheim), Hessen-Darmstadt (Erbach) Hessen-Kassel, Preußen und den sächs. Herzogthümern (Henneberg) zugetheilt. Fränkisches Recht nennt man zunächst das in den ältesten fränk. Gesetzbüchern, namentlich auch in den Capitularen ausgezeichnete Recht der fränk. Herrschaft, dann aber auch, und ganz besonders, das persönliche Recht der Individuen fränk. Abkunft. Insofern nun im Mittelalter der Name Franken schlechthin alle Nichtsachsen begreift, und der Schwa- , benspiegel (s. d.) den Gegensatz zum Sachsenspiegel bildet, versteht man unter frank. Recht gemeiniglich das in jenem Rechtsbuche enthaltene Recht, welches jedoch, je nach den verschiedenen Provinzen, ja Orten, merklich voneinander abwich, daher wol auch zuweile" unter fränk. Recht, das speciell in dem Herzogthum Franken gültige verstanden werden muß. Die Abgrenzung der Länder fränk. Rechts (terrae suris kranconici), wozu im Allgemeinen das eigentliche Franken (s. d.), Baiern, Ostreich, Schwaben und die Nheinlande gerechnet wurden, gegen die sächs. Rechts (terrae juris saxonici), wozu Westfalen, das alte Sach-' senland und die germanischen Slawenländer im nordöstlichen Deutschland gehörten, war in früher« Jahrhunderten sehr schwankend, und der Wechsel einer Dynastie oder die Einwanderung von Colonisten vermochte bald diesem, bald jenem Rechte in einer Gegend die Oberhand zu verschaffen. So hielt sich z. B. im südlichen Thüringen unter der ersten landgräf- Franklin 405 lichcn Dynastie das frank. Recht, desgleichen auch im Oster- und Pleißnerlande, solange die frank, und schwäb. Kaiser dort unmittelbare Besitzungen hatten und dieselben zum Theil frank. Colonisten und Vasallen, wie die Lobdaburger waren, verliehen. Zm Laufe des 14. Jahrh. verschwand es aus diesen Gegenden, wie überhaupt damals die alten Volksrechte, neuen Rechtsnormen Platz zu machen ansingen; doch trat jetzt der Gegensatz der Länder frank, undsächs. Rechts, wenigstens dem Namen nach, um so bestimmter hervor, da er, alsBezeich-' nung für die beiden Reichsvicariatsbezirke, eine höhere politische Bedeutung erhielt. Franklin (Benjamin), einer der ausgezeichnetsten Männer seines Jahrhunderts, geb. aufdem zu Boston gehörigen Governors-Eiland am 17. Jan. 1708 von unbemittelten Altern, mußte von früher Jugend aus seinem Vater, welcher Seifensieder war, an die Hand gehen. Zwölf Jahre alt, erlernte er bei seinem aus England zurückgekehrten Bruder, Jak. F., die Buchdruckerkunst. Fortwährend widmete er dabei seine Freistunden, oft selbst einen Theil der Nacht, dem Lesen nützlicher Bücher. Schon früh versuchte er sich als Dichter; und als um 1720 sein Bruder eine Zeitung unternahm, schrieb er für dieselbe die unterhaltenden Aufsätze. Mis- helligkeiten jedoch, in die er mit seinem Bruder gerieth, bewogen ihn, Boston zu verlassen. In Philadelphia von dem Gouverneur der Provinz, Will. Keith, aufgemuntert, eine eigene Druckerei anzulcgen und mit >00 Pf. St. unterstützt, um das dazu Nöthige in England einzukaufen, ging er 1724 dahin ab, nachdem er sich vorher mit Miß Read, der Tochter seines Wir- thes, verlobt hatte, ergab sich aber dort einem ziemlich unregelmäßigen Leben. Auf der Rückreise nach Philadelphia im I. >726 machte er die Bekanntschaft des Kaufmanns Denham und wurde dessen Buchhalter. Als dieser aber bald darauf starb, mußte F. aufs neue zur Buchdruckerei seine Zuflucht nehmen und, abermals unterstützt von einigen Freunden, errichtete er nun eine eigene Druckerei. Er trat als politischer Schriftsteller auf und fand den un- getheiltesten Beifall. Seine Braut, Miß Read, hatte sich während seiner Abwesenheit, da sic sich sehr kalt von ihm behandelt sah, verheirathet, lebte aber in einer unglücklichen Ehe. F. eilte, sein Unrecht gut zu machen, bot der wieder Geschiedenen seine Hand an und heira- thetc sic 1730. Sein Geschäft, das er durch einen Papierhandel erweitert, hatte sehr glücklichen Fortgang, und immer höher stieg er in der Achtung seiner Mitbürger. Man erkannte in seiner pennsylvanischen Zeitung und in seinem jährlich erscheinenden Almanach seltene Einsichten und trug ihm >743 auf, den Plan der Philosophischen Gesellschaft in Amerika genauer zu entwerfen. In dieser Zeit fing er auch an, sich mit der Elektricität zu beschäftigen, und der glücklichste Erfolg krönte seine Bemühungen. Durch die oxforder Universität wurde er 1762 zum Doctor der Rechte ernannt. Als sich die amerik. Patrioten und die Anhänger des engl. Ministeriums in zwei entgegengesetzte Parteien schieden, bemühten sich beide, einen Mann zu gewinnen, dessen Einsichten und Einfluß ihnen den größten Vortheil versprachen. F. wurde nach seiner Rückkunft von einer Reise nach London Generalpostmcistcr aller engl.- amerik. Colonien; aber dieser mit ansehnlichen Einkünften verbundene Posten bestach ihn nicht zum Nachtheil der Sache seines Vaterlandes. Als bei den zunehmenden Unruhen in den Colonien das Haus der Gemeinen in London alle Agenten der Provinzen vor seine Schranken lud, um die Beschwerden zu untersuchen, erschien 1767 auch F. für Pennsylvanien und sprach mit ebenso viel Freimüthigkeit als Einsicht für die gerechte Sache. Seines Postens enthoben und in Gefahr, verhaftet zu werden, kehrte er 1775 nach Philadelphia zurück, wo zu jener Zeit der Congreß versammelt war. Von jetzt an wirkte er thätig mit zu der Behauptung der Unabhängigkeit und ging 1776 nach Paris, wo er anfangs insgeheim unterhandelte, als aber Ludwig XVl. 1778 die Unabhängigkeit der >3 Vereinigten Staaten Nordamerikas anerkannt hatte, erschien der schlichte, chrfurchtgebietende Greis als bevollmächtigter Minister seines Vaterlandes an dem glänzenden Hofe von Versailles und wurde der Gegenstand allgemeiner Verehrung. Am 20. Jan. 1783 Unterzeichnete er mit den engl. Eom- missarien zu Paris die Präliminarien des Friedens, der seinem Vaterlande die Unabhängigkeit zusicherte, und kehrte hierauf nach Philadelphia zurück, wo Alles wetteiferte, ihm Beweise der Achtung und Dankbarkeit zu geben. Er bekleidete noch in einemAlter von 78 Jahren die Stelle eines Präsidenten des Congresses von Pennsylvanien und starb, bis an seinen Tod für das Wohl seiner Mitbürger durch heilsame Einrichtungen ununterbrochen thätig, am 17. Apr. 1790. Ihm verdankt die Physik die Erfindung des Blitzableiters und des elek- 406 Fraukreich (Geogr. u. Statist.) > krischen Drachen (s. d.); auch hat er eine Erklärung der Natur bes Nordlichts versucht. Er ' erfand einen eigenen Sparofcn und vervollkommnete die Harmonica, für deren Erfinder ihn , Einige fälschlich hielten. Mit ruhiger Klarheit durchschaute sein scharfsinniger Geist die Verhältnisse des Lebens im Großen wie im Kleinen, ohne je von der Bahn der Wahrheit «begleiten, und sein edles Herz umfaßte das Wohl der ganzen Menschheit. Ohne in die Irr- ganze einer unfruchtbaren Grübelei einzugehen, hatte er sich ein System der Lebensweisheit gebildet, das seine Anwendbarkeit stets bewähren wird. Unübertrefflich war er in der Kunst, die Lehren der Moral zu entwickeln und sie auf die Pflichten der Freundschaft und der allgemeinen Liebe, auf die Benutzung der Zeit, auf das Glück der Wohlthätigkcit, auf die noch- ^ wendige Verbindung des eigenen Wohls mit dem allgemeinen, auf die Früchte der Arbeitsamkeit und den Genuß anzuwendcn, den die geselligen Tugenden uns verschaffen. Man kann nichts Schöneres in dieser Art lesen, als die „Sprüchwörtcr des alten Heinrich, oder die Weisheit des guten Richard" (Philadelphia 17 57), die durch Einkleidung und Inhalt das Muster einer Volksschrift sind. D'Alembert bewillkommnete den Erfinder des Blitzableiters und den Befreier seines Vaterlandes, bei seiner Aufnahme in die franz. Akademie, mit dem ebenso schönen als wahren Hexameter: „Lripuit coelo tnlmen, sceptiuin^us txrsnnis " (Er entriß dem Himmel den Blitz, den Tyrannen das Scepter.) Auf Mirabeau's Antrag legte bei seinem Tode die Nationalversammlung in Frankreich eine Trauer auf drei Tage an. Für seinen Grabstein bestimmte F. selbst folgende Inschrift: „Hier liegt der Leib Benj. F.'s, eines Buchdruckers (gleich dem Deckel eines alten Buchs, aus welchem der Inhalt herausgenommen und der seiner Inschrift und Vergoldung beraubt ist), eine Speise für die Würmer; doch wird das Werk selbst nicht verloren sein, sondern (wie er glaubt) dermaleinst erscheinen in einer neuen schönern Ausgabe, durchgesehen und verbessert von dem Verfasser." Eine Sammlung seiner sämmtlichen Werke erschien zu London (3 Bde., 1806). Vgl. „Hie private corrsspnnüence uk Helft. k." (l817, 4.) und i „Llsmoirs ob tbe iile sncl writings <>k keift, k." (3 Bde., 1818—19, 4.; deutsch von Bin- , zer, 4 Bde., Kiel 1829). — Eine Verwandte F.'s, die Dichterin Susanne von Bändern er, gcb- Franklin, die mit Wieland, Herder und Ramlcr in Verbindung stand und , ihre seltenen Leiden und Schicksale in einem ihrer früher» Werke, „Geschichte der Clara von Burg", erzählt hat, starb zu Koblenz am 20 . Dec. 1828. Frankreich (franz. lulkrklllee, lat. kranco-ksllis), zwischen 12" 57 /— 25" 58^ östl. L. und 42° 25/— 50° 50^ nördl. B-, hat einen Flächeninhalt von 9843 OM. und grenzt gegen Norden an den Kanal, die Meerenge von Calais, an Belgien, Luxemburg und die preuß. Nheinprovinz, gegen Osten an den Rhein, der es von Baden trennt, die Schweiz und i Sardinien, gegen Süden an das Mittelländische Meer und Spanien, von dem es durch die l Pyrenäen geschieden ist, und gegen Westen an das Atlantische Meer und den Kanal. Die , größte Ausdehnung sowol von Süden nach Norden als von Westen nach Osten beträgt etwa § 160 M. Die geognostische Beschaffenheit F.s ist so, daß man es weder entschieden unter die i Gebirgs- noch unter die Flachländer zählen kann. Während es südlich und östlich wirkliches ^ Hochland ist, finden sich im Innern nur mittelhohe Gebirge, die sich nördlich und westlich in Hügelketten und Hügelebenen sbflachen, nordwestlich in Flandern, Artois, Picardie, Jsle- de-France und nördlicher Normandie und südwestlich in Gascogne ist Flachland vorherrschend. Die Küsten sind nur in drei ins Meer hervortretendcn Provinzen Bretagne, süd- e licher Normandie und Provence felsig, alle übrige haben sandige Ufer. Man kann füglich dreiHauptgebirgssysteme unterscheiden, welche die Gestalt des Bodens bestimmen und die verschiedenen Flußgebiete bilden: die Pyrenäen im Süden, welche die eine Grenze des Garonnegebiets, die Alpen im Südwesten an der Grenze, welche die Scheidewand des Rhone- und Pogebiets und nördlicher derJura, welcher die Scheidung des Rhone- und Nhein- gebiets macht. Die Pyrenäen (s. d.), in welchen, obwol sie niedriger sind als die Alpen, dennoch der Alpencharakter wesentlich hervortritt, bilden die natürliche, wie die politische ^ Grenze zwischen F. und Spanien, doch so, daß diese der Wasserscheide, nicht aber dem Hauptzuge des eigentlichen Hochgebirgs folgt. Von den Pyrenäen aus zieht sich nordwärts zwischen der Arriege und Aude hin ein Zweig derselben, die Schwarzen Berge (1.er montsgnes 4V7 Frankreich (Geogr. u. Statist.) noirc«), welche nordostwärts ihre Fortsetzung in den Cevennen (s. d.) finden. Mit den Ceven« nen stehen drei ins Innere des Landes nach Norden zu sich verzweigende Gebirge in Verbindung, zuerst das Gebirge von Forez, welches von den Quellen der Loire aus zwischen dieser und dem Allier sich hinzieht und an der Quelle der Bebre in zwei Zweige auseinandergeht, von welchen der östliche, das Magdalenengebirge (blcmtugne cle 1a blaclelsine) das bedeutendere ist und die Berge La Pierre-Haute, 6332 F., Le Puy-de-Montoncelle, 5266 F. und Cimes-de-la-Madelaine, 4656 F., umfaßt; zweitens das aus Basalt - und Lavamassen bestehende Auvergnegcbirge, welches, durch das Margeritengebirge mit den Cevcnnen und zwar zunächst mit dem Lozeregebirge zusammenhängend, die Wasserscheide der Loire und Garonne macht und zwischen den Quellen der Sioule und des Chavanoux mit einem um den Cher, die Creuse, Vienne und den Clain bogenförmig herumlaufenden Höhenzuge zu- sammcnhängt, der bis Melle und Poitou geht und alsdann sich in Hügel verflacht, und den Cantal, 6326 F., Mont-dDr, 6166 F., Col-de-Cabre, 5996 F., Puy-Marie, 5954 F. und Puy-de-Döme, 4784 F. hoch, als höchste Spitzen aufzuweisen hat, und drittens das Esldhügelgcbirge (l.u Löte 7 über 500Tonnen, 281 zwischen 500 und 300 Tonnen, 1820 zwischen 100 und 300 Tonnen u.s. w. Die Zahl der Dampfschiffe steigt von Jahr zu Jahr, gleich der zur Unterstützung des Handels gegründeten Aktiengesellschaften, deren es gegen anderthalb tausend gibt. Der Landhandel war in neuester Zeit besonders bedeutend mit der Schweiz und mit Belgien. Der innere Handel ist ganz frei, daher auch sehr lebhaft. Die 410 Frankreich (Geogr. u. Statist.) l wichtigsten Seehandelsplätze sind Marseille, Bordeaux, Nantes, Havre-de-Grace, Bayonne, ' Rouen, Dieppe und Dünkirchen. Im Innern bilden Paris und Lyon die Mittelpunkte des Verkehrs, an welche Städte sich Strasburg, Lille, Montpellier, Nimes, Rennes und Toulouse anschließen. Die berühmteste Messe hält Beaucaire. Für den Handel sind auch die wc- ^ nigen franz. Colonien (s. d.) fortwährend von hoher Wichtigkeit, die zusammen auf l 56«, lüM. zu schätzen sind, mit etwa 722000 E. Außer Algier (s. d.) besitzt F. in Afrika namentlich die Insel Bourbon (s. d.), in Asien Pondichery (s. d.), in Amerika einen Theil vonGuiana (s.d.), Martinique (s.d.)und Guadeloupe (s. d.), in Australien die Gesellschaftsinseln (s. d.) und die Marquesasinseln (s.d.). k Die Einw ohn erzähl des franz. Staats in Europa belief sich l84I auf34,136677. Den Haupttheil der Bevölkerung bilden die Franzosen, ein Mischvolk von Kelten, Römern, Franken und Burgundern. Im Elsaß und in Lothringen wohnen etwa 1,250000 Deutsche, in der Bretagne noch eine Mill. Kimren, Abkömmlinge der brit. Kimren, in den Pyrenäen etwa 12 5000 Basken, Nachkommen der span. Jbericr, im Südosten 300000 Italiener; ferner ! gibt es 7 0000 Juden, 10000 Zigeuner rmd 6000 sogenannte Cagots (s.d.). Außer der Herr- ^ schenken franz. Sprache, mit ihren verschiedenen Mundarten, wird deutsch in Lothringen und Elsaß, jedoch ziemlich verdorben, italienisch in Corsica und an den Grenzen von Italien, fli- mändisch in Flandern und Hennegau, und baskisch und kimrisch an den Pyrenäen gesprochen. Die herrschende Kirche ist die röm.-katholische, doch haben alle übrige Konfessionen gleiche Rechte. Die Katholiken stehen unter l 4 Erzbischöfen, von denen mehre zugleich Cardinälesind, und unter 67 Bischöfen, zu welchen zuletzt im I. 1838derBischofvon Algier hinzukam; außer- > dem gibt es 20 Bischöfe in purtibus, 174 Generalvicare und 660 Domherren. Die Zahl ! derReformirten, meist Bekenner der Lehre Calvin'S, beläuft sich auf 850000, Protestanten, ^ etwa 500000, finden sich fast nur im Elsaß; außerdem gibt es über 5000 Mennoniten und > Quäker u. s. w. Andere Sekten, wie die Saint - Simoniancr, die franz. - katholische Kirche > des Abbe Chatel, waren nur von weniger Bedeutung. Die Neformirten haben Pfarrkirchen, ^ die zugleich Consistvrialkirchen sind. Auf 6011 Menschen wird eine solche Consistorialkirche , gerechnet, von denen immer fünf den Sprengel einer Synode bilden. Die Protestanten haben in Strasburg ein Generalconsistorium, die Juden ein Centralconsistorium in Paris ^ und sieben Consistorialsynagogen in Paris, Strasburg, Kolmar, Metz, Nancy, Bor- , deaux und Marseille. Klöster gab es 184 2 noch gegen >800, Trappistenklöster im I. i 1843 10. Das gesammteUnterrichtswesen, mit Ausnahme der Kunst-, Militair-, ^ Veterinair» und Bergwerkschulen, steht in F. unter der Leitung von Deputaten der Akadc- ! mien, deren es gegenwärtig 26 gibt. Diese Akademien, welche sich hinsichtlich der Lehrge- genstände mit den akademischen Gymnasien, wie sie früher in Deutschland bestanden, vergleichen lassen und das Recht besitzen, akademische Würden zu ertheilen, haben ihren Cenka!- punkt in der Universität zu Paris, die, nicht eine Unterrichtsanstalt, sondern als Aufsicht den sogenannten Universitätsrath bildet, an dessen Spitze der Minister des öffentlichen Unterrichts als Großmeister der Universität steht. Universitäten deutscher Art gibt es, Strasburg ausgenommen, in F. nicht, sondern nur Akademien, d. h. Facultäten für besondere Wissenschaften und zwar für katholische Theologie zu Paris, Lyon, Aix, Bordeaux, Rouen und Toulouse; für protestantische Theologie zu Strasburg (lutherisch) und Montauban (refor- > mirt); für Jurisprudenz zu Paris, Aix, Dijon, Grenoble, Cacn, Poitiers, Rennes, Strasburg und Toulouse; für Medicin zu Paris, Montpellier und Strasburg; für Mathematik e und Naturwissenschaft zu Paris, Caen, Dijon, Grenoble, Toulouse und Strasburg; für I die Literatur zu Paris, Toulouse, Strasburg, Dijon und Besanxon. Den Akademien ähnliche Anstalten sind in Paris die Schule für morgenländ. Sprachen, das College de Frau« für Wissenschaften und Literatur, die Lools speciule für schöne Künste, kcnle ^olz-tLelimque, die Normalschule zur Bildung der Gymnasiallehrer, das Museum für Naturgeschichte und - mehre Zeichen-, Bau-, Industrie - und Handelsschulen; in den Provinzen die Kunst - und ' Gewerbschulen zu Chalons an der Marne und zu Angers, die Malerschule zu Lyon und l Dijon, die Militairschule zu St.-Cyr und Saumur, die Ingenieur- und Artillericschule zu Metz, die Forstakademie zu Nancy, das Institut für das Seewesen und das See-Geniecorxs i zu Brest, das Marinecollegium zu Angouleme, die Landwirthschaftsschulen zu Noville und re, ' >es !U- - se- lll, >a- cil die ! '7. cn, he, ien »er rr- lNd la- en. che nd, icr- ahl en, ind che ' lM, che ^ te» uiS ioe- i .leicalicht U»- ur- si'>" »nd f°r- ^ v«- ati! e für I hin Mtt Mid »nd »nd ^ ezu »xs und Frankreich (Geogr. u. Statist.) Llt Grignon, die Thierarzncischulen zu Alfort, Lyon und Toulouse, und d>e zahlreichen phar- niacentischen, chirurgischen und andere Anstalten. Auch unterhält F. eine Malerakademie zu Rom. Was den Secundairunterricht anlangt, so bestehen auf Kosten des Staats 46 Gymnasien (Lnüeges r<>)m„x), unter denen die sechs in Paris die berühmtesten sind; außerdem gibt es noch 312 auf Kosten der Städte unterhaltene Gymnasien (6oI1öges communsiix). Der Volksunterricht in den Primairschulcn, besonders in den nordwestlichen und südlichen Departements, ist noch in sehr traurigem Zustande, und viele Tausende, nicht nur der ältern, sondern auch der jüngcrn Bewohner können weder lesen noch schreiben und wachsen in großer Roheit, selbst ohne Religionsunterricht auf. Doch haben früher Cousin (s. d.) und Gui - zot (s. d.) sowie gegenwärtig Villemain (s. d.), für das Unterrichtswesen, namentlich für die Primair- und Secundairschulen, die rühmlichsten Anstrengungen gemacht. Die wichtigste und in jeder Art großartigste Anstalt für Förderung der Wissenschaften ist das königliche Institut (s. d.). Außerdem gibt es, namentlich in Paris,-zahlreiche wissenschaftliche Gesellschaften. (S. Akademien) Ebenfalls in Paris conccntriren sich unverhältnismäßig die wissenschaftlichen Sammlungen, von denen wir nur die königliche Bibliothek, die größte Büchersammlung der Welt und reich an Kostbarkeiten aller Art, ferner das iUrmee national in Versailles, das 8lnsee clk I'bistoire »riturelie und den äartiill «is jüuutes erwähnen. Die Grundzüge der Nationaleigenthümlichkeit der Franzosen sind zwar nach den verschiedenen Provinzen sehr verschieden; im Allgemeinen aber könnte man natürliche Lebhaftigkeit, die oft in Flüchtigkeit oder gar Leichtsinn übergeht, geweckte Geistigkeit, die Witz und Eleganz höher stellt als gründliche, schmucklose Wahrheit, und enthusiastische Kühnheit, jedoch ohne Ausdauer als den Hauptcharakter des franz. Volks betrachten. Der Franzose ist schnell bereit, Alles zu erfassen, was seine feurige Einbildungskraft reizt, und wagt sich muthig und kühn an die schwierigsten und abenteuerlichsten Unternehmungen, schreckt aber leicht zurück und gibt sie auf, um neue zu ergreifen. Fast nur die Gegenwart beachtend, überhaupt mehr als der Deutsche dem öffentlichen politischen Leben sich widmend, kümmern ihn weder die Vergangenheit noch die Zukunft besonders; dabei zeichnen Urbanität der Sitten, scharfer, praktischer Verstand, gewandtes, einnehmendes Betragen, Edelmuth und Gastfreiheit ihn aus, Vorzüge, die nur durch seine übermäßige Nationaleitelkeik und die daraus hervorgehende Misachtung fremder Nationen, durch eine große Veränderlichkeit des Charakters und eine auffallende Sucht zu glänzen einigermaßen verdunkelt werden. In wissenschaftlicher Hinsicht haben die Franzosen von jeher in den praktischen Wissenschaften, Meinem, Chirurgie, Physik, Mathematik, Mechanik, mehr geleistet als in den spekulativen. (S. FranzösischePhi- losophie.) Inden bildenden Künsten haben sie namentlich in neuerer Zeit wieder einen bedeutenden Anlauf genommen, doch stehen sie hierin, wie selbst noch in der Musik (s. Französische Musik), den Italienern und Deutschen beiweitem nach. Dagegen dürften sie in geistreicher Behandlung der Geschichte, ferner als Lustspieldichter sowie in jeder Art politischer Schriftstellern als vor den übrigen Nationen ausgezeichnet gelten. (S. Französische Literatur und Französisches Theater.) Was die Finanzen betrifft, so haben sich schon unter der Restauration und namentlich seit der Zulirevolution die Staatsausgaben und Staatsschulden beträchtlich gemehrt, obwol das Land reichliche Mittel zur Deckung derselben besitzt. Während im Z. >861 das Budget gegen 556 Will., im I. 1811 über 956 Will, und selbst im I. 1813 nur 1156 Mill. betrug, war im I. 1843 die Gesammtausgabe auf >468,868864 Francs gestiegen; die Staatsschuld aber belief sich über vier Milliarden Francs. Wie in den früher« Jahren, so zeig sich auch im 1.1843 ein Deficit, indem die Gesammteinnahme nur zu 1344,481282 Francs berechnet wurde. Die Haupteinnahmepostcn stoffen aus Zöllen und Salzsteuer (262,698666 Francs), direkten Steuern (247,989766), Forsten und Fischerei (264,164666), indirekten Steuern (49,676666), Einregistrirungsgebühren, Stempel u.s. w. (35,657566), Postregal (4,678666) u. s. w. Die Armee zählt ungefähr 393666 M.; die Infanterie besteht aus 166 Regimentern und zwar 75 Linien - und 25 leichten Regimentern zu drei Bataillonen Hierzu kommen noch zehn Bataillone Jäger von Orleans zu acht Compagnien, zwei Regimenter Fremdenlegionen zu drei Bataillonen, drei Bataillone leichte Infanterie von Afrika ((Lssseurs ä'Llricpiv) und drei Bataillone Zuaven, sowie 18 Compagnien Veteranen, die ^ll2 Frankreich (Geogr. u. Statist.) Cavalerie aus zwei Carabiniers-, zehn Kürassier-, zwölf Dragoner-, acht Lanciers-, dreizehn > Chasseurs - und neun Husarenrcgimentern zu fünf Escadrons, nächstdem aus vier Regimen- tern ^lissseurs ü'^srique, den Spahis inBona undOran und den Veteranen, die Artillerie aus 14 Regimentern mit 206 Batterien, darunter 62 reitende, und 1236 Geschützen; ferner >3 Conrpagnien Veteranen, einem Regiment Pontonniers, 12 Handwerkercompagnien, einer halben Compagnie Waffenschmiede und sechs Escadrons Trains; das Geniecorps aus drei Regimeiztcrn zu zwei Bataillonen, einer Compagnie Sapeurs-Conducteurs, zweiArbei- tercompagnien und einer Compagnie Veteranen. Die Gendarmerie zählt 15500'M. in 2t Legionen, einer Legion reitender Municipalgarde in Paris und einem Bataillon corsischer / Jäger. Dazu kommen noch die militairisch organisirten Sapcurs-Pompiers, die Löschmannschaft von Paris. Zu dem ober» Generalstabe der Armee gehören außer den Mar- schälten (s. d.) in Friedenszeit 80 Generallieutenants und 160 Marechaux de Camp; das Corps des großen Generalstabs besteht aus 560 Offizieren. Die Verwaltung besorgt du Militairintendantur, bestehend aus 25 Intendanten und 75 Unterintendanten. Die ganze Armee ist in 21 Militairdivisionen getheilt, die in Paris, Chalons, Metz, Tours, Strasburg, Besancon, Lyon, Marseille, Montpellier, Toulouse, Bordeaux, Nantes, Rennes, Rouen, Bourges, Lille, Bastia, Dijon, Clermont, Bayonne und Perpignan ihren Sitz haben. Dü Ergänzung der Armee findet statt durch freiwilligen Eintritt und Conscription; doch ist Stellvertretung gestattet; die Dienstzeit dauert acht Jahre. Festungen gibt es sechs ersten Rangs, nämlich Metz, Strasburg, Toulon, Brest, Lille und Gravelines, elf zweiten, 2t dritten, 7 5 vierten Rangs, außerdem gegen 30 Forts, von denen jedoch die größere Zahl verfallen ist und viele ganz aufgegeben sind. Den Mittelpunkt aller dieser Festungen wird das befestigte Paris bilden. Die Nativnalgarde, zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung ini Innern und den Angriff von außen, in welcher Jeder von 20—60 Jahren zu dienen verpflicht«! ist, umfaßt gegenwärtig gegen 2 Mill. Individuen und zwar in Paris und der Bannmeiü allein gegen 120000 M. Die Flotte besteht aus 15 Linienschiffen, 27 Fregatten, 73 Cor- vetten und 30 Kriegsdampfböten, und wird fortwährend, namentlich was die Dampfflott! betrifft, bedeutend vermehrt. Sie steht unter dem Admiralitätsrath, und die sünfPräfecturen, in welchen sich die franz. Seehäfen theilen, sind Dünkirchen und Havre, Brest, l'Orient, Rochefort und Toulon. Die Marinetruppen bestehen in drei Regimentern Infanterie und 40 Compagnien Artillerie, 10 Arbeitercompagnien u. s. w. Die Hauptkriegshäfen stad Boulogne, Cherbourg, l'Orient, die Inseln Rhc und Oleron, Larochelle, Bayonne, Toulon, St.-Tropez und Antibes. Die Staatsverfassung F.s beruht auf der von Ludwig XVIII. am 3. Juni >815 freiwillig und in freier Ausübung seiner königlichen Gewalt gegebenen (octroirten) nnd untn Mitwirkung der Kammern am 7. Aug. 1830 in mehren wesentlichen Punkten abgcänder- ten (paciscirten) Obnrte constitiitioniielle. Zufolge derselben ist F. eine beschränkte Monarchü unter dem Titel eines Königreichs. Der König, der sich nicht König von F., sondern König der Franzosen nennt, hat die vollziehende Gewalt; er allein verleiht Ämter und Würden; er kann, wenn das Staatswohl oder die Ehre F.s cs gebietet, Krieg erklären und Frieden schließen; ihm steht das Begnadigungsrecht und das Recht der Strafmilderung zu; nm durch seine Vollziehung können neue Gesetze in Kraft treten; auch ertheilt er Orden und Adel. Seine Person ist heilig und unverletzlich. Der König hat eine Civilliste von 12 Mill. Francs in Gold aus dem Schatze und 4 Mill. Einkünften aus Domainen. Zu den Imme- , bilien der Krone gehören seit der Julirevolution der Louvre, die Tuilerien (vom Könige erst seit dem I.Ock. 1831 bewohnt), das Elisee-Bourbon und die Schlösser, Häuser, Gebäude und Ländereien, Wiesen, Teiche und Waldungen nebst sämmtlichen Jnventarien von Versailles, St.-Cloud, St.-Germain-en-Laye, Compiegne, Fontainebleau, Pau und Meudov, die Porzellanmanufactur von Sevres, die Gobelinsfabrik und die Manufacturen vonBeau- vais, das Gehölz von Boulogne und Vincennes und der Wald von Senart. Alle übrige, durch frühere Gesetze mit den Krondomainen verbundene Paläste, Schlösser, Hotels uni ^ Güter wurden zum allgemeinen Besten verkauft und vom Staate verwendet. Dagegen bilden die in den J. 1661, 1672 und 1602 der Orleans'schen Linie durch besondere Edicte zugespro- chenen Apanagen gegenwärtig ebenfalls Bestandtheile der Krondotation. Zum Familie«' 413 Frankreich (Geogr. u. Statist.) schätze der Krone gehören auch die Diamanten, Perlen, Statuen, Gemälde, geschnittene Steine, Alterthümer, Museen, Bibliotheken und Kunstdenkmäler, sowie alle Hausgeräthe in dem Uötol Oes ^rcks-meublss und in den verschiedenen königlichen Palästen. Die Thronfolge ist erblich in männlicher Linie nach dem Erstgeburtsrechte. Mündig wird der König mit dem l 8. Jahre; während der Unmündigkeit führt der nächste männliche Agnat, der aber 2 l Jahre alt sein muß und keinen fremden Thron inne haben darf, die Regentschaft. Die Mutter, und wenn diese stirbt, die Großmutter, ist Vormünderin und Er- »ieherin des Unmündigen. Der König wird von fremden Herrschern der allerchristlichste, vom Papst der erstgeborene Sohn der Kirche genannt; der Kronprinz, jetzt der Graf von Paris, heißt nicht mehr Dauphin (s. d.), sondern krincs ro^-sl; die übrigen Prinzen nnd Prinzessinnen erhalten den Titel ^Itssss royale. Besondere Hoffähigkeit wird nicht verlangt und die frühere Etiquette ist aufgehoben. Der von Bonaparte 1802 gestiftete, von Ludwig XVIII. bcibehaltene und 1816 in fünf Elasten getheilte Orden der Ehren leg ion (s. d.) ist, nachdem 1830 die andern Orden aufgehoben worden, der einzige noch übrige Orden in Frankreich. Zur Erinnerung an die Julirevolution wurde am 30. Dec. 1830 das Julikreuz gestiftet. Staatsbürger (citn^ens) wird von seinem 21.Jahre an jeder geborene Franzose, der in Frankreich wohnt und in das Bürgerregister eingetragen ist; Fremde erlangen das Stratsbürgerrecht erst nach zehnjährigem Aufenthalte im Lande. Die Nation bilden alle persönlich freien Franzosen. Zwar unterscheidet man nach der Geburt Adel, Klerus, Bürger (bourgeois) und Bauern; allein vor dem Gesetz sind alle Franzosen gleich. Sie genießen Religionsfreiheit, soweit nicht die Police! eingreift, Redefreiheit und Preßfreiheit, die jedoch mit manchen Schranken umgeben ist, und Unverletzlichkeit des Eigcnthums, soweit dasselbe nicht zum öffentlichen Nutzen gegen Entschädigung abgetreten werden muß, haben Ansprüche aus alle Civil- und Militairämtcr und steuern ohne Unterschied je nach dem Vermögen zu den Staatslasten. Die gesetzgebende Gewalt und das Recht Steuern zu erheben theilt der König mit den jährlich zusammenzuberufenden Kammern (s. d.), der Kammer der Pairs (s. d.), welche der König auf Lebenszeit ernennt, und der Kammer der Deputaten, die vom Volke erwählt werden. Die Gesetzgebung beruht auf der 6barte constitution- »slle und den einzelnen Gesetzbüchern (6n6es), den von den Kammern angenommenen und vom Könige sanctionirken Gesehen und den königlichen Ordonnanzen. (S. Französisches Recht.) Die Staatsverwaltung besorgen die Minister-Staatssecretairs, die vom Könige ernannt sind, der stc auch nach Gefallen entlassen kann, in ihren Departements unabhängig voneinander wirken, die königlichen Ordonnanzen contrasigniren, für deren Inhalt verantwortlich find und, von der Deputirtenkammer in Anklagestand gesetzt, von dem Gerichtshöfe gerichtet werden. Unter dem Vorsitze des Königs oder des Ministerpräsidenten bilden sie den M i n i st e r r a t h (Lonseil <>ss ministes«), der über die höchsten Staatsinteressen berathet, und unter dem Hinzutritt von vier Staatsministern und zwei vom Könige dazu berufenen Staatsräthen den Cabinetsrath (Lonseil <1u cabinet), mit den königlichen Prinzen, gesammten Staatsministern und andern dazu Berufenen den GeheimenRath (Conseil jn-ives) und mit den Prinzen, 30 Staatsräthen, 80 Requetenmeistern und 30 Auditeurs den in fünf Abtheilungen zerfallenden Staatsrath (Oonssil 6'Ltat), der, seit >839 neu organisirt, alle Capacitäten in sich vereinigt. Die Departementsministerien, an deren Spitze die Minister-Staatssccretairs stehen und die in mehre Abtheilungen zerfallen, die von Unterstaatssecretairs oder Generaldirectorcn geleitet werden und in deren jeder ein Generalsecretair die Verwaltung zu besorgen hat, sind das des Kriegs, der auswärtigen Angelegenheiten, der Justiz und des Cultus, des Innern, der Finanzen, des Handels und Ackerbaus, der Marine, der öffentlichen Arbeiten und das des Unterrichts. Der Chef des Justizdepartements führt den Titel Großsiegelbewahrer. Jedes Departement wird von einem Präfecten, jedes Arrondissement von einem Unterpräfecten verwaltet, der jenem subordinirt ist. Die Cantonaleintheilung hat keinen Verwaltungs - sondern nur Justizzweck, und die Gemeinden, welche den Canton bilden, ressortiren unmittelbar vom Unterpräfecten; an der Spitze jeder Gemeinde steht der Maire. Die Verwaltung der innern Angelegenheiten ist rein bureaukratisch, denn die Collegien der Präfectur- und Bezirksräthe, deren cs in jedem Departement und Arrondissement eins gibt, haben wie die Municipalräthe, welche den Mai- - '-4k, 414 Frankreich (Territorialbildung) res beigegeben sind, nur eine gutachtliche Stimme. Die Rechtspflege wird von Tribunalen erster Instanz verwaltet, von denen eine Abtheilung über Vergehen correctioneller Police! urtheilt. In jedem Bezirk gibt es für Civilsachen einen Gerichtshof dieser Art, der gewöhnlich am Hauptort des Arrondissements seinen Sitz hat (Tribuiianx >le jiremiere M8tanc«). Jeder Cankon hat seinen Friedensrichter, von dem aus an die erwähnten Tribunale appel- lirt werden kann, während von diesen aus Appellation an die königlichen Gerichtshöfe (6o„rs ll'appel oder Cniirs rnvalos) freisteht, welche in letzter Instanz sprechen. Dieselben Gerichtshöfe üben auch diese Criminalrechtspflege, welche auf das Institut der Geschworenen gegründet ist; in dieser Eigenschaft heißen diese Gerichtshöfe Assisenhöfe, und über ihnen steht als höchste Instanz der Cassationshof (6o„r eie cassation) zu Paris, der entweder das Urtheil bestätigt oder wegen Mängel in der Form verwirft und den Rechtsfall an ein anderes Assi- sengericht verweist. Diese richterlichen Beamten, vom König ernannt, sind unabsetzbar (in- amovililes). In Handelssachen entscheiden die Handelstribunale ('IHbunanx cle commerce). Von den Kriegsgerichten (dlnnseils cke guerre), eins in jeder der 21 Militairdivisioncn, ap- pellirt man an das 6onseil üe revision, das ebenfalls aus Militairpersonen besteht. Die Entscheidung der Preßvergehen wird von dem Geschworenengerichte (äur)-) ausgesprochen. Jedes Departement hat einen Director der directen Steuern, einen Domainen - und Einre- gistrirungsdirector, einen für die Verwaltung der indirekten Steuern, sodann einen Gcne- raleinnebmer der Steuern, unter dem in jeden Arrondissement ein Untereinnchmer steht, und einen Generalzahlmeister. Vgl. Briand de Verzc, „Dlctioimsire complctc geogr., ststist. et commercigl cln roz-snme 360 erkaufen, in welchem der König von England als Besitzer von Guienne und Limousin anerkannt und demselben überdies Poitou, Aunis, Saintonge und Angou- mois abgetreten wurde. Erst mit Vertreibung der Engländer unter Karl VI I. gelangten die stanz. Könige wieder in den Besitz ihrer alten Länder. Unter Karl s VII. Sohn und Nachfolger, Ludwig IX., erhielt das bereits mächtig gewordene Reich einen bedeutenden Zuwachs, indem es diesem nach dem Tode Karl des Kühnen gelang, 1377 das eigentliche Herzog- 416 Frankreich (Territorialbildung) thum Burgund (Bourgogne), in welchem seit dem Aussterben der alten Herzoge, im J. >361, von Philipp dem Kühnen, dem viertgeborenen Sohne König Johann's, an bis jetzt ein Zweig des franz. Königshauses regiert hatte, trotz der Ansprüche, welche Maximilian von Ostreich, als Gemahl der Maria von Burgund, erhob, mit der sranz. Krone zu vereinigen. Vier Jahre später erbte Ludwig XI. von Karl, dem letzten Grafen von Anjou, vermöge Testaments die Provence, und >481 eroberte er das Boulonnais und verband die Picardie mit F. Unter seinem Sohne und Nachfolger Karl VIII. starb > -188 der Mannsstamm der Herzoge von Bretagne aus. Die letzte Herzogin Anna wurde die Gemahlin Karl's VIII., dann Ludwig's XII.; ihre Tochter Claudia vermählte sich mit Franz I., wodurch die Bretagne auf immer mit der Krone Frankreich vereinigt wurde. Unter Franz I. war es auch, wo die Franzosen die erste Niederlassung außer Europa, und zwar in Kanada, gründeten. An dem hierauf auf längere Zeit eintretenden Stillstand der tcrritoriellen Erweiterung waren die politisch-religiösen Bewegungen des i K.Jahrh Schuld. Die erste bedeutende Erwerbung in der folgenden Zeit waren die drei lothringischen Bisthümer Metz, Toul und Verdun unter Heinrich II. Mit der Thronbesteigung Heinrich's IV., des ersten Bourbons, kamen 1589 der auf der franz. Seite der Pyrenäen gelegene Nest des Königreichs Navarra, dessen anderer Theil 1512 von den Spaniern erobert worden war, sowie Beärn und Foix an die franz. Krone. Auch wurden unter Heinrich IV. die Landschaften Bresse und Bugey erworben, die der Herzog von Savoyen 1601 abtreten mußte. Unter Ludwig XIII. erfolgte die Colonisirung der Inseln St.- Christoph, Martinique und Guadeloupe, sowie von Cayenne in Guiana; die Eroberung von Arras führte 16-19 die Vereinigung der Grafschaft Artois, die im utrechter Frieden von 1713 bestätigt wurde, mit der Krone herbei, auch wurden 1641 die Cerdagne und Roussillon erobert. Ludwig XIV. sicherte sich den Besitz dieser letzter« Landschaft sowie die Abtretung des Charolais durch seine Vermählung mit der Infantin Maria Theresia. Im westfälischen Frieden wußte er sich Elsaß bis auf wenige Städte und die Bestätigung der früher eroberten Bisthümer Meß, Toul und Verdun zu erwerben. Er vereinigte Dombes und Nivernais mit der Krone, entriß 1667 den Spaniern das sogenannte franz. Flandern, eroberte in den I. 1668 und 1674 die Franche-Comte, die er im nimweger Frieden von 1678 bestätigt erhielt, und 1681 Strasburg; auch gründete er Niederlassungen auf den Inseln Marie-Galante, St.-Barthelemy, Bourbon und Grenade, setzte sich im westlichen Theile von Domingo und am Senegal fest und vermehrte die überseeischen Colonien durch die Niederlassung Fort-Dauphin auf Madagaskar, durch die Insel St.-Martin, Neu-Orleans und Louisiana, und durch die Niederlassung auf Mauritius und Cap Breton. Der größte Theil dieser Colonien ging aber unter seinem Nachfolger, Ludwig XV., in dem Kriege mit England an diese Macht, zum Theil auch an Spanien verloren, dagegen gewann Ludwig XV. 1735 Lothringen vom Deutschen Reiche und 1768 die Insel Corsica von Genua. Unter Ludwig XVI. wurden, bei dem bereits innerlich gährenden Zustande des Staats, keine weitern Eroberungen gemacht; doch sicherte sich F. in Folge seiner Thcilnahme an der Befreiung der engl. Colonien in Nordamerika im Frieden von 1783 die Insel Tabago und die Niederlassungen am Senegal; auch gründete es 1777 die Niederlassungen Lacalle und Bona an der Berbereiküste zum Behuf der Korallenfischerei. Das ganze Land zerfiel früher, abgesehen von dem später hinzugekommenen Corsica, in die 16 alten Landschaften: l) Jsle-de-France, 2) Picardie, 3) Champagne, 4) Lyonnais, 5) Burgund, 6) Dauphine, 7) Provence, 8) Languedoc, 9) Guienne, mit Gascogne und Navarra, 19)Orleannois, I I) Bretagne, 12) Normandie, 13) Flandern, 14) Franche- Comte, 15) Lothringen und 16) Elsaß, die in militairischer Hinsicht wieder in Generalgouvernements und in Rücksicht des Finanz- und Steuerwescns in Generalitäten oder Generalinspectioncn getheilt waren. Zur Zeit des Ausbruchs der Revolution zerfiel es in 34 Provinzen. Eine neue Eintheilung und zwar in 83 Departements decretirte die Nationalversammlung im I. 1789, bestätigt wurde dieselbe durch den König am 15. Jan. 1799. In Folge der Eroberungen unter der Republik und als Kaiserreich zählte F- 1811, auf dem Höhepunkte seiner Macht und Territorialausbildung, 139 solcher Departements. Im Norden von der Ostsee, im Süden von der Tiber begrenzt, zählte es aus einem Flächenraum von mehr als 14599 OM. 42^ Mill. Menschen, darunter 28 Mill. Franzo- Frankreich (TerritoriaNnldung) 417 sen, 6'/- Milk. Italiener, 4'/- Mill. Niederländer und 4 Milk. Deutsche, die Bewohner der illyr. Provinzen, gegen >Mill., nicht eingerechnet. Es begriff damals in sich I) F. dies- seil der Alpen oder das eigentliche F., In Francs genannt, im Gegensaß zu I'kmpire srnnguis, mit welchem Ausdrucke man das Ganze bezeichnete; 2) F. jenseit der Alpen oder den tranö- alvinischen Theil, eingetheilt in vier Generalgouvernements, die aus den eroberten Provinzen Italiens zusammengesetzt waren und 14 Departements bildeten; 3) F. jenseit des Rhein oder den transrhenanischen Theil, welcher aus den Vergrößerungen F.s durch Holland und die Nordseeküstcn nebst Lübeck bis zur Ausmündung der Trave in die Ostsee bestand, an der Elbe das deutsche Generalgouvernement hieß und l4 Departements bildete. Nach Napo- lcon's Sturze führten die beiden pariser Friedensschlüffe am 30. Mai 1814 und am 20. Nov. >815 mit der Wiedereinsetzung der Bourbons F. aufseine alten Grenzen vom J. >789 zurück, doch mit der Abänderung, daß, während es Avignon, Venaissin, Mömpelgard (Mont- belliard) und ähnliche Enclaven behielt, dagegen auf der Ostgrenze vier Festungen, Philippe- ville, Marienburg, Saarlouis und Landau, nebst dem Herzogthume Bouillon abgetreten wurden. Gegenwärtig ist es in 86 Departements getheilt, die wieder in Arrondissements, Cantons und Gemeinden zerfallen. Zu den nördlichen Provinzen gehören: >)das Norddevartement mit der Hauptstadt Lille, die frühere Provinz Flandern, 2) Pas-de-Ca° lais mit der Hauvtst. Arras, Calais, die frühere Provinz Artois, 3) Somme mit der Hauptst. Amiens, die frühere Provinz Normandie, 4) Niedcrseine mit der Hauptst. Rouen, 5) Eure mit der Hauptst. Evreux, 6) Orne mit der Hauptst. Alencon, 7) Calvados mit der Hauptst. Caen, 8) La Manche mit der Hauptst. St.°Lo, gebildet aus der Provinz Picardie, oMisne mit der Hauptst. Laon, 10 ) Oise mit der Hauptst. Beauvais, > I) Seine und Oise mit der Hauptst. Versailles, >2) Seine mit Paris, Hauptstadt des ganzen Landes und Residenz des Königs, 13) Seine und Marne mit der Hauptst. Melun, gebildet aus Jslc-de-France, >4) Ardennen, mit der Hauptst. Mezieres, 15) Marne mit der Hauptst. Chälons, > 6) Aube mit der Hauptst. Troyes, 17) Obcrmarne mit der Hauptst. Chaumont, gebildet aus der Champagne, >8) Maas mit der Hauptst. Bar-le-Duc, 19) Mosel mit der Hauptst. Metz, 20)Meurthe mit der Hauptst. Nancy, 2 l) Vogesen (<1«8 Vosges) mit der Hauptst. Evinal, gebildet aus Lothringen; zu den ö stlichcn Provinz en: 22) Nieder- rhein mit der Hauptst. Strasburg, 23) Oberrhein mit der Hauptst. Kolmar, gebildet aus Elsaß, 24) Obersaone, mit der Hauptst. Vcsoul, 25)Doubsmit der Hauptst. Besan^on, 26) Jura mit der Hauptst. Lons-le-Saulnier, gebildet aus Franche-Comtö, 27) Uonne mit der Hauptst. Auxcrre, 28) Ain mit der Hauptst. Bourg, 29) Saone und Loire mit der Hauptst. Macon, 3 0.) Cöte-d'Or mit der Hauptst.Dijon, gebildet ausBurgund, 31) Rhone mit der Hauptst. Lyon, 32) Loire mit der Hauptst. Montbrison, gebildet aus Lyonnais; zu den südlirh en Prov inzen: 33) Oberalpen mit der Hauptst. Gap, 34) Drome mit der Hauptst. Valence, 35) Jsere mit der Hauptst. Grenoble, gebildet aus Dauphine, 36)Vaucluse mit der Hauptst. Avignon, gebildet aus Venaissin, 37) Niederalpen mit der Hauptst. Digne, 38) Nhonemündungen mit der Hauptst. Marseille, 39) Var mit der Hauptst. Draguignan, gebildet aus Provence, 40) Oberloire mit der Hauptst. Le-Puy- en-Velay, 41) Lozere mit der Hauptst. Mende, 42) Ardeche mit der Hauptst. Privas, 43) Gard mit der Hauptst. Nimes, 44) Herault mit der Hauptst. Montpellier, 45) Audc mit der Hauptst. Carcaffonne, 46) Tarn mit der Hauptst. Alby, 47) Obergaronne mit der Hauptst. Toulouse, gebildet aus Languedoc, 48) Arriege mit der Hauptst. Foix, die alte Provinz Foix, 49) Ostpyrenäen mit der Hauptst. Perpignan, die alte Provinz Nousil- lon, 50) Gironde mit der Hauptst. Bordeaux, 51) Dordogne mit der Hauptst. Perigueux, 52) Lot und Garonne mit der Hauptst. Agen, 53) Lot mit der Hauptst. Cahors, 54) Avei- ron mit der Hauptst. Nhödcz, 55) Tarn und Garonne mit der Hauptst. Montauban, 56) Gers mit der Hauptst. Auch, 57) Landes (Haiden) mit der Hauptst. Mont-de-Marsan, 58) Oberpyrenäen milder Hauptst. Tarbes, gebildet aus Ernenne und Gascognc, 59) NicderpyrenäcnmikderHauptst.Pau, die alteProvinzNavarra und Böarn; zu den westlichen Provinzen: 60)Charente mit der Hauptst. Angouleme, gebildet ausSain- tonge und Augoumois, 6 >) Niedcrcharcnte mit der Hauptst. Larochelle, gebildet aus Conv. - Lex. Neunte Aufl. V. 27 -118 Frankreich (früheste Geschichte) Aunois, 62) Vienne mit der Hauptst. Poitiers, 63) beide Scvrc mit der Hauptjr. Niott, 64) Vende'e mit der Hauptst. Bourbon-Vendee, gebildet aus Poitou, 65) Maine und Loire mit der Hauptst. Angers, gebildet aus Anjou, 66) Sarthe mit der Hauptst. Mons, 67) Mayenne mit der Hauptst. Laval, gebildet ausMaine, 68) Niederlvire mit der Hauptst. Nantes, 69) Ille und Attache mit der Hauptst. Rennes, 76) Nordküsten mit der Hauptst. Bricux, 71) Finisterre mit der Hauptst. Quimper, 72) Morbihan mit der Hauptst. Vaunes, gebildet aus Bretagne; zu den Mittlern Provinzen: 73)Loiret mit der Hauptst. Orleans, 74) Loire und Cher mit der Hauptst. Blois, 7 5) Eure und Loir mit der Hauptst. Chartres, gebildet aus Orleannois, 76)Jndre und Loire mit der Hauptst. Tours, ge- > bildet aus Touraine, 77) Cher mit der Hauptst. Bourges, 78) Zndre mit der Hauptst. Chatcauroux, gebildet ausBerri, 79)Nievre mit der Hauptst. Revers, gebildet aus Ri- vernois, 86) Allier mit der Hauptst. Moulins, gebildet aus Bourbonnais,8l) Creuft mit der Hauptst. Gueret, gebildet aus Marche, 82) Correze mit der Hauptst. TulleS, 83) Obervicnne mit der Hauptst. Limoges, gebildet aus Limousin, 84) Puy-de-Döme mit der Hauptst. Clermont und 85) Cantal mit der Hauptst. Aurillac, gebildet aus Auvergne. Die Insel Corsica bildet das 86. Departement. Unter allen Departements hat das Seinedepartement die stärkste (1,160066), das Departement der obern Alpen die geringste Bevölkerung (130000). Das alte Gallien (s. d.), nachdem es mehr als 400 Jahre in der Gewalt der Römer gewesen, wurde zu Anfänge des 5. Jahrh. von drei großen german. Völkerschaften überzogen und erobert, von den Westgothen (s. d.), die sich im Süden niederlicßen, den Burgundern (s. Burgun d), die den Osten cinnahmen, und den Franken (s. d.), die sich im Norden festsetzten. Chlodwig (s. d.), der König der salischcn Franken, ein Enkel des Mi- rovcus, faßte augenscheinlich den Plan, inmitten des VLlkerwirrwarrs ein großes Reich zu gründen. Er machte 486 durch den Sieg bei Soissons der röm. Herrschaft im nördlichen , Gallien vollends ein Ende, unterwarf sich 496 in der Schlacht bei Zülpich (Dalbiaciim) die 1 alemann. Völker am Rhein und trat dann aus dem Heidenthume in die katholische Kirche, wodurch er für seine Politik die Unterstützung des Klerus und der katholischen, von ariani- fchen Fürsten regierten Nachbarvölker gewann. Nachdem er um 500 die Burgunder zinspflichtig gemacht und 507 dem König Alarich >>. das goth. Gallien größtentheils entrissen, vernichtete er durch Mord die noch übrigen kleinen Frankenkönige. Seine vier Söhne theil- tcn 5 l 1 das Reich, ohne die Regierungseinhcit ganz aufzuheben. Theodorich nahm die östlichen Länder oder Austrasien (Ostfranken) mit der Hauptstadt Metz, Chlodomir die westlichen Gebiete zwischen der Loire und Garonne mit der Hauptstadt Orleans, Childebert den Strich von der Loire bis an den Ocean oder Neustrieu (Westfranken) mit der Hauptstadt Paris, und Chlotar das Land von der nördlichen Seine bis zur Maas mit der Hauptstadt Soissons. Vereint eroberten die Brüder 531 Thüringen und 534 Burgund. Innere Kämpfe und Verbrechen brachten aber schon 558 die ganze Monarchie an Chlotar I. Nach seinem Tode theilten 561 die vier Söhne Charibert, Guntram, Chilperich und Siegbert das Reich nochmals, und cs begannen nun unter den Familiengliedern die Greuel, Verbrechen und Revolutionen, welche das entartete Königsgeschlecht und auch die Völker ausrieben. Chlotar II., König von Neustrien, das nun den ganzen Westen umfaßte, ein Sohn Chilpcrich's und Fred eg und e's (s. d.), schaffte endlich 613 noch die bluttriefende Königin Brunehilde (s. d.) mit ihren Enkeln aus dem Wege und erwarb dadurch auch die übrigen Reiche / der alten Monarchie, Austrasien und Burgund. Die altfränk. Verfassung war damals schon untergegangen. Aus dem Gefolge (Leudes) der Könige hatte sich ein mächtiger Kriegs- und Beamtenadel gebildet, der mit den entarteten Höfen das Volksthum unterjochte und das Märzfeld (s. d.), wo alle Freie stimmten, in Verfall brachte. Auch die Könige, zumal bei ihrer Entnervung, wurden von der Aristokratie abhängig und mußten die Regierungsgcwalt mit einem von den Großen erwählten Major Domus (s. d.) theilen. Ebenso war der pol!- . tische Einfluß und der Neichthum der Kirche gewachsen. Chlotar, nachdem er mit deraustra- sischen und burgundischen Aristokratie förmlich capitulirt, berief 615 eine Reichsversammlung nach Paris, in der auch zum ersten Male 79 fränk. Bischöfe ihre Ansprüche geltend machten. Durch dieselbe wurde die Bischofswahl dem Könige genommen und dem Volke Frankreich (früheste Geschichte) 419 zugesprochen, den Bischöfen die Gerichtsbarkeit über die Geistlichen eingeräumt, der Landfriedenbruch mit Todesstrafe belegt und bestimmt, daß weder Freier noch Knecht in Zukunft ungehört verurtheilt werden solle. Bald nach Chlotar's Tode im I. 628 zerfiel das Reich wieder in zwei von verschiedenen Königen regierte Hälften, was Krieg und Umwälzung zur Folge hatte. Die mächtigen Majores Domus setzten die schwachen Merovinger (rois ü>i- nennts), von denen kaum einer mehr das männliche Alter erreichte, nach Belieben ein und ab und führten untereinander verwüstende Kriege. Endlich 678, nach der Ermordung Dago- bert's I I., übergaben die austrasischen Großen, indem sic den Thron erledigt ließen, die Neichs- verwaltung den herzoglichen Brüdern, Pipin von Herstall und Martin, den Nachkommen des Bischofs Arnulf von Metz. Martin wurde am Hofe Theodorich's lll. von Neustrien, wo der despotische Major Domus Ebroin waltete, ermordet; Pipin aber, von den Neustriern angerufen, schlug den König 687 in der Schlacht bei Testri und ließ sich zumMajorDomus aller drei Reiche auf Lebenszeit erheben, während Theodorich und seine Nachkommen den Thron behielten. So wurde die fränk. Monarchie wieder in eine kräftige Hand vereinigt. Die Aristokratie hatte durch diese Revolution an Macht und Einfluß unermeßlich gewonnen, und das german. Element des Ostens erhielt die Oberhand über den roman. Westen. Als Pipin 714 gestorben, errang sich dessen natürlicher Sohn, der den Vater an Kraft noch übertraf, Karl, genannt Martell, d. i. Hammer, erst von den austrasischen Großen, dann auch in Neustrien und Burgund die Würde des Major Domus, ohne daß er das Kö- mgsgeschlecht vom Throne stieß. Im südlichen Gallien hatte sich unter einem merovingischen Sprößlinge, Eudo, das unabhängige Herzogthum Aquitani en (s. d.) gebildet; vergebens bemühte sich Karl, diesen starken gefährlichen Nebenbuhler zu unterdrücken. Auch waren die Herzoge und Grafen der südlichen und westlichen Provinzen so selbständig geworden, daß Karl an eine innere Reform des zerfallenden Reichskörpers nicht denken konnte. Dagegen strebte er, gleich seinem Vater, die abgefallenen Nebenländer wieder zu unterwerfen. Er überzog siegreich die Alemannen, Baiern und Sachsen und machte sich durch eincfränk. Flotte die Friesen zinsbar. Den wichtigsten Dienst leistete er aber der Monarchie durch die Bezwingung der Araber, die nach der Eroberung Spaniens ins südliche Gallien eingefallen waren, sich zu Narbonne festgesetzt hatten und nun unter dem Statthalter Abdorrhaman an die Loire vordrangen. Karl setzte ihrer Ausbreitung durch einen blutigen Sieg zwischen Poi- tiers und Tours im I. 732 für immer ein Ziel und vertrieb sie auch einige Jahre später aus der Provence. Obgleich er das Christenthum als die Grundlage der Civilisation und, mit allen Gliedern seines Stamms, als die Stütze seiner Macht erkannte, ergriff er doch schon Maßregeln gegen die Habgier der Geistlichkeit und erregte dadurch ihren unauslöschlichen Haß. Karl stand im Begriffe, dem Papste Gregorlll., der ihm große Aussichten aufJtalicn eröffnet, gegen die Lvngobarden bcizustehen, als ihn am22. Oct. 741 plötzlich der Tod ereilte. Seine Söhne, Karlmann und Pipin der Kurze, thcilten die Neichsverwaltung und setzten, um ihrer Negierung den Schein der Nechtmäßigkcit zu verleihen, den Merovinger Chilperich III. auf den seit 737 erledigten Thron. Vereinigt bezwangen sic die Alemannen und Baiern; auch suchten sie die Sachsen sich botmäßig zu machen. Nachdem Karlmann, der Welt müde, 747 nach Italien ins Kloster gegangen, wurde Pipin Herr der ganzen Monarchie und wagte nun die Übertragung der königlichen Würde auf seine Familie. Mit Zustimmung des Erzbischofs Bonifaz (s. d.) von Mainz, des fränk. Klerus und des Papstes Zacharias wurde Chilperich III. mit seinem Sohne auf der Reichsvcrsammlung zu Soissons am 3. Mai 752 der Krone für unwürdig erklärt und Pipin zum fränk. Könige erwählt und von Bonifaz und später voni Papste gesalbt. Sofortsuchte nun Pipin durch Waffenglück seinen Thron zu befestigen. Er vertrieb 752 die Araber vollends aus Narbonne, unternahm, vom Papste Stephan II. angerufen, 754 und 755 Kricgszüge gegen die Lon- gebärden nach Italien, machte im fortgesetzten Kampfe im I. 758 die Sachsen zinsbar und vereinigte nach achtjährigem Kriege mit seinem Todfeinde, Waifar, dem Sohne Hunold's und Enkel Eudo'S, auch das 56 Jahre getrennt gewesene Aquitanien wieder mit dem fränk. Reiche, für welchen Zweck seine Vorfahren fast unausgesetzt vergebens gckämpfthattcn. Den Papst beschenkte er 755 mit dem unter fränk. Schußhcrrschaft gestellten Exarchat (s. Exarch), ohne Rücksicht auf das Recht des griech. Kaisers. Der Heerbann war damals immer 27* 420 Frankreich (unter den Karolingern) noch das einzige Band, welches das Volk an den König knüpfte und die verschiedenen Völker und Provinzen untereinander näher brachte. Auch Pipin vermochte, aus Rücksicht für die Großen, die ihm zum Throne verhelfen, zu keiner kiefern Begründung der Skaatseinheit zu schreiten. Um wenigstens alle Freie zur Hcersfolge zu zwingen, hatte er seit 754 die Volksversammlungen hergestellt, dieselben aber vom März in den Mai verlegt, damit die Berschenden den Kriegszug sogleich antreten konnten. Der Sohn Pipin's, Karl der Große (s. d.), nachdem er 771 die Länder seines gestorbenen Bruders Karlmann an sich gebracht, erweiterte die altfränk. Monarchie durch Po- ^ litik und Waffengewalt zum Kaiserreich des Abendlandes. Der Schwerpunkt der Monarchie lag seit Pipin von Herstall in dem rein german. Ostfranken, denn die Völker des Westens waren schon unter der harten Römerherrschaft, dann unter dem Joche der fränk. Herzoge und einer habgierigen und herrschsüchtigcn Kirche entnervt worden. So sehr sich indeß Kaiser Karl bemühte, in seinen Erbländern eine geordnete Verwaltung herzustcllen, dem Volksthume wurde nicht aufgcholfen. Die Reichsversammlung auf dem Märzfelde, die über die kaiserlichen Gcsctzesentwürfe (s. Capitularien) berathschlagte, gestaltete sich zu einer Versammlung der Großen. Unter den fortwährenden Kricgszügen schmolz die Zahl der freien Männer mehr und mehr zusammen; die weniger Wohlhabenden waren verarmt und suchten sich der Heerbannpstichtigkeit zu entziehen, indem sie die Knechte und Leibeigenen der Reichen wurden. Das Übel zeigte sich für das Kriegswesen schon während der Negierung Karl's so drohend, daß die Dienstpflicht von der Person auf das Eigenthum gelegt werden mußte. Sein Sohn und Nachfolger, Ludwig der Fromme (s. d.), theilte8>7 die unförmliche < Monarchie unter feine Söhne, womit die Familienkriege begannen, bis im Aug. 843 durch den Vertrag zu Verdun (s. d.) unter den Brüdern eine letzte Thcilung zu Stande kam. Karl der Kahle erhielt die fränk. Länder zwischen Rhone, Saone, Maas, Schelde und Ebro (Ncustrien, Aquitanien und die span. Mark) als selbständiges Königreich, dessen gemischte f Bevölkerung sich nach Sprache und Sitte zu einem neuen Volkskörper (brrnizmis) zu verschmelzen begann. Ein charakterschwacher Regent, vermochte er sich kaum gegen die Anschläge seiner Verwandten und die fortwährende Empörung der Vasallen und Statthalter aufrecht zu erhalten, zumal da von jetzt an die Normannen alljährlich Einfälle auf den franz. Boden machten, die Provinzen verheerend durchzogen und nur durch Tribut zum augenblicklichen Rückzug sich bewegen ließen. Während die span. Mark verloren ging, riß er indeß 872 den Westen von Lothringen (Austrasien) an sich und nach Ludwig des Deutschen Tode, 87 6, erwarb er sogar die röm. Kaiserwürde. Nach vielen andern Zugeständnissen an die Großen hatte er endlich die Erblichkeit der königlichen Lehen und der hohen Staatsämter erklärt, wodurch das Reich völlig in eine Feudalaristokratie und der König in den Ersten der Großen (primus m- ler pgra») verwandelt wurde. Der Heerbann hörte nun auf; jeder Mächtige rückte mit seinen Vasallen und Knechten ins Feld, wie cS ihm beliebte. Karl der Kahle starb 877 auf der Flucht aus Italien vor seinem Neffen Karlmann. Sein Sohn, Ludwig II., der Stammler, wurde erst nach mancherlei Schenkungen und Bewilligungen an die Großen gekrönt und starb schon 879. Er hinterließ aus erster Ehe die Söhne Ludwig und Karlmann, aus einer zweiten den Nachgeborenen Karl den Einfältigen. Ludwig III. und Karl führten die Negierung gemeinschaftlich; vom König Ludwig dem Jüngern von Deutschland, der sie bekriegte, mußten sie den Frieden durch die Abtretung Lothringens erkaufen. Unter ihnen em< , pörte sich 879 der Statthalter Graf Boso und stiftete aus dem Gebiete von der Rhone bis zum Jura das Arelatische Reich, später das cisjuranische Burgund (s. d.) genannt. Ludwig III. starb 882; Karlmann 884, nachdem er von den Normannen einen zwölfjährigen Waffenstillstand erkauft. Mit einstweiliger Übergehung Karl des Einfältigen wurde nun der röm. Kaiser und deutsche König, Karl der Dicke, auf den franz. Thron berufen und so das Erbe Karl des Großen nochmals vereinigt. Man hatte gehofft, durch diese Macht die immer heftiger andringenden Normannen zu überwältigen. Allein der Kaiser erkaufte von ' den Normannen den Frieden durch schimpflichen Tribut; seiner Unfähigkeit wegen wurde er 887 von den Reichsständen zu Tribur abgesetzt und starb 888 in Mangel und Verachtung. Frankreich befand sich in völliger Auflösung; die Großen betrachteten sich als Souveraine und erfüllten alle Provinzen mit Mord und Verwüstung. Unter den vielen Thronbewerbern 421 Frankreich (unter den Capetingern) wurde Graf Odo von Paris (s. Capetinger), der mächtigste und tapferste der Kronvasal- lcn, zum Könige erhoben; er leistete dem deutschen Könige Arnulf, um sich der Ansprüche desselben zu erwehren, den Eid der Treue, was aber keine Folgen hatte. Der Herzog Rudolf, lothringisch-helvetischer Statthalter, riß sich 888 vom franz. Neichsverbandc los und gründete an der Osiscite des Jura ein zweites Königreich Burgund, das transjuranische. In diesen Wirren trat Karl der Einfältige 893 als Gegenkönig auf, und eine Partei der Großen, an deren Spitze der Graf Herbert von Vermandois stand, brachte es nach vicljährigem Kriege dahin, daß Odo 898 das Reich mit Karl theiltc. Nach Odo's Tode im I. 898 wurde Karl der Einfältige als alleiniger König anerkannt und nach dem Absterben des karolingischen Geschlechts mit Ludwig dem Kinde in Deutschland erhielt er auch die Krone von Lothringen. Er suchte sich nun in den Normannen (s-d.), die sich schon 876 zu Rouen festgesetzt hatten, eine Stütze zu schaffen, indem er ihren Heerführer Robert 912 das Land von der Eure bis zum Meere, die nachhcrigc Normandie, als erbliches Herzogthum und franz. Kronlchn, die Bretagne als Afterlehn verlieh. Angeblich weil Karl seinen habsüchtigen Günstling Hagano nicht entfernen wollte, erhob sich 922 sein alter Nebenbuhler, GrafRobert, der Bruder Odo's, als Gcgenkönig, den namentlich der Graf Herbert unterstützte. Karl wurde 923 in einer Schlacht bei Soissons von den Empörern besiegt und starb später wahrscheinlich in der Gefangenschaft seines Feindes Herbert. Lothringen ging an Heinrich I. von Deutschland verloren. Die Witwe Karl's floh mit ihrem Sohne Ludwig zu ihrem Vater, König Eduard I. von England. Herzog Rudolf von Burgund, der Schwager des bei Soissons gefallenen Robert, erhielt nun die franz. Krone und wußte sich gegen die Großen bis zu seinem Tode i»i I. 936 zu behaupten. Nach einem wüsten Interregnum von fünf Monaten brachten endlich Graf Hugo der Große und Wilhelm von der Normandie den Sohn Karl des Einfältigen, Ludwig IV., den Ultramariner, auf den Thron. Seine Regierung war aber ein fortgesetzter Krieg mit Hugo dem Großen und Robert von der Normandie, dem er das Land nehmen wollte. Er starb 953. Von seinen Söhnen, Lothar und Karl, wurde der ersterc unter Hngo's Vormundschaft zum Könige von Frankreich erhoben. Er besaß nur noch seine Residenz, die Stadt Laon, zu eigen und mühte sich seine ganze Regierung hindurch vergebens, den Großen einige Länder zu entreißen. Sein Bruder Karl hatte von Kaiser Otto II. Nie- derlothringcn zu Lehen erhalten. Darüber aufgebracht, unternahm Lothar 978 einen Kriegs- zng durch Lothringen und drang bis Aachen verwüstend vor; Otto rächte sich aber durch einen verheerenden Einfall in Frankreich. Lothar starb 986; mit seinem Sohne Ludwig V. oder dem Faulen, den er zum Mitrcgcnten angenommen, endete 987 die Dynastie der Karolinger. Frankreich war unter ihr eine Beute der rohen Großen und der habsüchtigen Geistlichkeit geworden und lag in finstere Barbarei versunken; das Volk zerfiel in Herren und Leibeigene. Karl von Lothringen hatte sich durch das Lehnsverhältniß mit Deutschland bei den franz. Großen so verhaßt gemacht, daß nach Ludwig's V. Tode Hugo Capet, Graf von Paris und Orleans, Herzog von Francien, welches das Gebiet zwischen Loire und Seine begriff, als einer der größten Kronvasallen den Thron von Frankreich erwarb. 99—24 ein langer Krieg mit Heinrich I. von England um die normann. Besitzungen, wodurch wenigstens das Gefühl der Nationaleinheit geweckt wurde. Als I 121 Heinrich I. mit Kaiser Heinrich V. gemeinschaftlich gegen Frankreich losbrach, brachte Ludwig das für damalige Zeit ungeheure Heer von 299000 M. zusammen, dem die Nationalfahne, die Oriflamme (s. d.), zum ersten Male vorgctragen wurde. Auch die nächste Regierungsepoche unter Ludwig VII., l 137—80, war fast ganz mit dem Kampfe gegen den übermächtigen Vasallen Heinrich von der Normandie, der 115-1 als Heinrich l>. den engl. Thron bestieg, ausgcfüllt. Allein erst das Genie und das Glück Philipp's >>. August (s. d.), 1180—1223, vermochten der Krone das Übergewicht über diesen und die andern Vasallen zu erringen. Nachdem er >199 den Kampf gegen Richard Löwenherz begonnen, nahm er dem schwachen Könige Johann ohne Land 120-1 die Normandie, Maine, Touraine und Poitou, auch wußte er diese Eroberungen in der entscheidenden Schlacht bei Bovines im I. > 214 zu behaupte,». Zugleich wurden die mächtigen Grafen von Flandern und Boulogne hartgcdcmüthigt. Überdies vereinigte Philipp August mit der Krone durch Politik und Hcimfall Vcrmandois, Alencon, Auvergne, Artois, Evreux und Valois. Die Kreuzzüge, welche damals der Papst im südlichen Frankreich gegen die Albigenser (s. d.) begann, wurden von Philipp geduldet und von seinen Nachfolgern unterstützt, weil sie wenigstens die Vernichtung des mächtigen, mit Aragonien eng verbundenen Grafen von Toulouse zur Folge haben mußten. Auch die Veränderungen in der Verwaltung waren unter der Regierung Philipp's bedeutsam. Die erbliche Würde des Großseneschalls, der alle Verwaltungszweigc in sich vereinigte, wurde ab- geschafft und die Prövötalgerich tc (s. d.) wurden unter die Aufsicht königlicher Bailliffs (s. Bailli) gestellt. Bis zu Anfänge des 13. Jahrh. flössen die Einkünfte der Krone aus den Prevöte's, den Forst- und Lehngefällen, den erledigten Stiftern und dem Mobiliarnachlasse der Prälaten, aus den Zöllen, Münzgefälleu und Judensteuern; nur in Folge der Kreuzzüge waren mit Bewilligung der Päpste allgemeine Kriegsstcuern erhoben worden. Philipp legte seinen Unterthanen zuerst eine regelmäßige Abgabe zur Unterhaltung geworbener Kriegsleute auf. Unter ihm wurde auch der Pairshof fs. Pa irs) aus sechs weltlichen und ebenso viel geistlichen Großen reorganisirt und als Staatsrath und Reichsgericht eingesetzt. Durch die Verbesserung der Rechtspflege wurden nun auch die Vasallen zur Appellation an die königlichen Gerichtshöfe gewöhnt, wodurch die Krone Gelegenheit erhielt, sich in deren Angelegenheiten zu mischen. Diese für die Centralisation des Staats und der königlichen Gewalt glückliche Politik förderte auch LudwigVlll., 1223—26, durch seine Kriege mit Heinrich lll. von England und die Thcilnahme am Kampfe gegen die Großen im Süden. Ludwig > X- oder der Heilige (s. d.), 1226—70, konnte nun die Waffen niedcrlcgen und die Grundlegung der neuen Monarchie beginnen. Während seiner Minderjährigkeit versuchten allerdings die Großen nochmals vergeblich, ihre Gewalt wiedcrherzustellen. Der Krieg, der die südlichen Länder zu Wüsten gemacht, wurde zu Gunsten der Krone damit geendet, daß Lud- wig's Bruder, Karl von Anjou, die Erbin von Provence, der andere Bruder, Alfons von Poitiers, die Erbin Raimund's VII. von Toulouse heirathete. Im Friedensschlüsse mit Eng- 423 Frankreich (unter den Valors) landimJ. 1250 erhielt Heinrich lll. großmüthig Euienne, Perigord, Limousin und einen Theil von Saintonge zurück; dagegen mußte er den Vasalleneid leisten. Die kleinern Vasallen, durch die Kriege zu Grunde gerichtet, stifteten jetzt sogenannte Friedensassecuranzen, welche den König an der Spitze hatten. Eine Hauptstütze der Negierungsgewalt gründete aber Ludwig durch die Entwickelung der Rechtspflege und Gesetzgebung. Er errichtete königliche Appellhöfe durch die ganze Monarchie und verdrängte die altfränk. Rechtsgewohnheiten durch kanonisches und röm. Recht. So schaffte er das Eottesurtheil ab und führte den Zeu- gcnbeweis ein. Indem hiermit die gelehrten Juristen (leistes) ans Ruder gelangten, kam in das öffentliche Recht der Begriff des Fiscus und des röm. Kaisers. Zunächst für seine Stammländer ließ Ludwig ein allgemeines Gesetzbuch, „Ltulüissements äe 8t.-I.oms", abfassen, und ehe er den zweiten Kreuzzug begann, sicherte er die Freiheiten der Galli ca Nischen Kirche (s. d.) gegen die seit den Albigenserkriegen besonders anmaßenden Päpste durch ein besonderes Statut. Unter seinem Nachfolger, Philipp lll., 1270—85, wurden durch Heimsall Poitou, Auvergne und Toulouse mit der Krone vereinigt. Wie sehr bereits die Bedeutung des hohen Adels gefallen, zeigt die jetzt beginnende Ertheilung des Briefadcls. Mit dem Beginn des 13. Jahrh. brachte Philipp IV. oder der Schöne, 1285—1314, durch seine kühne, selbstsüchtige, aber immer schöpferische Politik der alten Feudalmonarchie den Todesstoß bei, während freilich auch das Extrem, der monarchische Despotismus, in abscheulichen Erpressungen und Finanzoperationen sich geltend machte. Durch seine Kriege mit Eduard I. von England erwarb Philipp 1303 nur einen geringen Theil von dessen franz, Besitzungen; auch vermochte er die Grafschaft Flandern nicht zu unterjochen und mußte sich im Frieden von 1304 mit dem Lande diesseit der Lys begnügen. Durch Heirath erwarb er der Krone Navarra, Champagne und Brie. Durch die Kriege mit den Flamländern war er in tiefe Geldnolh versunken, was ihn von den Großen abhängig zu machen drohte. Mit Bo- nifaz VII1. (s. d.) über die Besteuerung des Klerus in Händel verwickelt, nahm er Gelegenheit, die päpstliche Gewalt in Frankreich auf Jahrhunderte zu vernichten, indem er Clemens V. (s. d.) seinen Sitz zu Avignon nehmen ließ. Zugleich stellte er der geistlichen und weltlichen Aristokratie das Bürgerthum entgegen, dessen Dasein bisher im Staatsleben wenig Gewicht gehabt hatte. Er berief am 28. März 1303 zum ersten Male die Ltats gene- raux ss. d.), bei welchen außer Adel und Geistlichkeit auch der dritte Stand (Viers-etat) erscheinen durfte. Das alte Parlament (s. d.) wurde dafür 1305 in einen Centralgerichtshof für die ganze Monarchie umgewandelt. Um die Landschaften der Prinzen der Krone zu bewahren, setzte er auch die Abschaffung der Weiberlehn durch. Diese gewaltigen Reformen, verbunden mit fiskalischen Gewaltthätigkeiten und der grausamen Verfolgung der Tempelherren (s. d.), beweisen das Steigen der königlichen Gewalt und den Beginn einer neuen Epoche des Staatslcbens. Seine Söhne und Nachfolger, Ludwig X., 1314 — 16, Philipp V., 1316—21, Karl IV., 1321—28, mit denen sich die unmittelbare Linie derCa- petinger schließt, übten die unumschränkte Gewalt fast ohne Widerspruch und ergaben sich bereits einem üppigen Hofleben. Nach Ludwig's X. Tode kam bei dessen Tochter, Johanna, das sogenannte Salischc Gesetz (s. d.) zuerst in Frankreich in Anwendung, zufolge dessen sie ihrem Vater nur in Navarra folgen konnte, das hiermit von dcrKcone wieder abgetrennt wurde. Den franz. Thron bestieg nach Karl's IV. Tode ein entfernter Verwandter, Philipp von Valois, der Brudersohn Philipp's I V. oder des Schönen. Die unbedingte Ausschließung aller weiblichen Nachkommen von der franz. Thronfolge und die Erhebung des capetingischen Seitenzweigs der Valois (s. d.) in der Person Philipp's VI., 1328—50, aufden Thron, war besonders gegen die Ansprüche Eduard's III. von England (s. d.), dem Tochtersohne Philipp des Schönen, gerichtet. Es begannen hiermit zwischen den beiden Königshäusern die langen Successionskriege, die den franz. Adel aufricben, das Volk in Barbarei stürzten und das Reich zu Wüste machten. Philipp begann den Kampf mit seinem Nebenbuhler 1330 und unterlag gänzlich 1346 in der Schlacht bei Crecy (s. d.). Seine Regierung zerrüttete durch Münzverfälschung, Erpressung, hohe Steuern auf Lebensmittel die Industrie und das Bürgerthum; doch brachte er durch Schenkung die Dauphine (s.d.) an die Krone. Kaum alhmete das Volk auf, als unter Johanni., 1250—64, der dynastische Krieg wieder entbrannte, in welchem Johann 1356 durch die 424 Frankreich (unter den Valoiö) Schlacht von Poiticrs (s. Eduard, dcr schwarze Prinz) selbst seine Freiheit verlor und 1360 im Frieden von Bretigny das ganze alte Aquitanien dem Feinde als souveraine Herrschaft abtreten mußte. In dem zerrütteten Reiche tauchten jetzt allenthalben wilde Revolutions- Versuche auf. Die Generalstaaten, die der Dauphin Karl als Regent versammelt, rissen, von König Karl dem Bösen von Navarra unterstützt, die Negierungsgewalt an sich; in Paris herrschte der Pöbel; ein Bauernaufstand im Norden, die Jacquerie, verwüstete mit den Banden entlassener Söldner (s. Condottieri) die Provinzen. Dennoch nahm der Streit gegen Eduard III. mit dem Regierungsantritte Karl's V., 1363—86, in Folge des Zwistes ^ der Häuser Montfort und Blois um Bretagne zum dritten Male seinen Anfang und wurde ' erst 1377, nach dem Tode Eduard's und seines Sohns, mit dem jungen Könige Richard II. j beigclegt. Frankreich hatte bis aus mehre Platze Alles zurückcrhalten. Karl benutzte sein Glück, um die lästigen Eeneralstaaten zu unterdrücken; an ihre Stelle setzte er die feierlichen Parlamentsversammlungen (s. I-it »lejustioe); selbst das Neichsgrundgesctz, nach dem dcr König nun mit vierzehn Jahren mündig werden sollte, führte er in dieser Weise ein. Während der Minderjährigkeit Karl's VI., >386—1322, traten neben dem Kampfe mit England und Flandern die Meutereien und Bürgerkriege der Prinzen von Geblüt hervor, die jetzt statt der alten Vasallen die Provinzen beherrschten und aussogcn. Die schamlose Habsucht des Herzogs Ludwig von Anjou, der für seinen Neffen die Regierung führte, brachte 1382 Paris und den Norden zu einer blutigen Empörung, in der das mit Hämmern bewaffnete Volk (rliiiüvtins) die Finanzbeamten erschlug. Die Berufung des Herzogs von Anjou auf den Thron von Neapel, der ausbrechende Wahnsinn des Königs, die Regierung des Herzogs Philipp von Burgund, der sich mit franz. Truppen seine Erbschaft Flandern erobern ließ, steigerten die Verwirrung und den Hader unter den Prinzen und Großen aufs höchste. Nach dem Tode Philipp's stritt der Herzog Ludwig I. von Orleans, dcr Bruder des Königs, mit dem Prinzen Johann von Burgund um die Regentschaft und wurde > 367 von letzten» ^ ermordet. Sämmtliche Prinzen und der junge Orleans verbanden sich mit dessen Schwiegervater, dem Grafen Armagnac, zur Rache und wiegelten den Adel des Südens auf, während dcr Herzog von Burgund den Bürgerstand zu Paris und im Norden für sich gewann. Ganz Frankreich thcilte sich hierauf in Armagnacs (s. d.) und Bourguignons, und das Blut floß auf dem Schlachtselde und dem Schafot in Strömen. Zugleich überzog Heinrich V . von England das Reich mit einem starken Heere, vernichtete die Franzosen 1315 in dcr Schlacht von Azincourt und verband sich mit dem Herzoge von Burgund, der 1317 Paris ^ eroberte und daselbst das schrecklichste Regiment begann. Der Dauphin Karl steigerte die Ver- ; Wirrung 1319 durch die Ermordung des Herzogs von Burgund. Nachdem 1320 im Vertrage von Troyes Heinrich V. von England die Nachfolge auf dem franz. Thron zugesicherk erhalten hatte, zog sich Karl hinter die Loire zurück und begann erst als Regent, dann als Karl VII., 1322—61, den langjährigen Krieg gegen die Engländer fortzusetzen, die nun im Namen des jungen Hcinrich's VI., 1322—71, die Provinzen des Nordens aussogen. Das Volk war so herabgewürdigt, daß sicherst 1329 mitdemAuftretender Jean n e d'A rc ss.d.) ^ der erwachende Nationalgeist erhob. Als sich die Herrschaft dcr Engländer, die 1353 nur noch Calais besaßen, zu Ende neigte, begann allmälig die Reorganisation des zerrütteten Reichs. Um den Räubereien der Soldtruppcn vorzubcugen, erlangte Karl von den Ständen eine regelmäßige Kriegssteuer (Daille); schon 1338 hatteer durch eine pragmatische Sanc- tion die franz. Kirche vor den Übergriffender Päpste gewahrt. DiePolitik Ludwig's XI. (s. d.), 1361—83, begünstigte das Aufblühen bürgerlicher Bildung und Industrie. Die königlichen Prinzen waren in den Unruhen so mächtig geworden, daß sic jetzt die Einheit des Reichs und der Regierung bedrohten. Ludwig demüthigte sie, besonders die Häuser Bretagne und Burgund, was die gegen den Thron gerichtete Verschwörung „paar I« bien publir" zur Folge hatte. Die Kriege mit Karl dem Kühnen von Burgund, mit Eduard I V. von England, mit Maximilian von Ostreich berührten das Volk wenig. Der 1382 zu Arras geschlossene r Friede, der Frankreich Ansprüche auf Burgund zusicherte, legte jedoch den Grund zu dem 25V Jahre fortdauernden Kampfe mit dem Hause Habsburg. (S. Niederlande.) Vom alten Titularkönige von Neapel, Renatus von Anjou, erwarb Ludwig Maine, Anjou, Provence und die mitgeerbtcn Ansprüche auf Neapel. Karl VIII., 1383—98, der durch Hcirath 42.1 Frankreich (unter den altern Bourbons) »«blich Bretagne gewann, fand den Staat consolidirt, die königliche Gewalt fast ohne Schranken, die fast ausgcrottcte Bevölkerung in steigender Blüte. Unter ihm erwachte aber auch schon die Eroberungspolitik nach außen, die in dem ritterlichen Volkscharakter Wurzel faßte und seitdem auf die politische Gestalt der europ. Welt wesentlich Einfluß gehabt hat. Karl VIII., Ludwig XII. (s.d.), 1498—1515, und Franzi, (s.d.), 15 >5 —1547, wendeten sich mit ihren Erbansprüchcn gegen Mailand und Neapel, bis diesen blutigen, vergeblichen Kämpfen, aus denen Ostreich allein siegreich hcrvorging, l 544 der Friede zu Crespy ein Ende machte. Die innere Politik Franz's I. brach noch die letzten Schranken nieder, welche der absoluten Monarchie bisher entgcgengestanden. Ein Concordat mit dem Papste sicherte 1516 die Besetzung der Bisthümer dem Könige, an die Stelle der Generalstaatcn trat die Versammlung der Notablen (s. d.), das Parlament wurde zum Justizhofe herabgedrückt, die Großen ge- wähnten sich an ein glänzendes, abhängiges Hoflebcn. Heinrich II., 1547—59, setzt» die Kriege seines Vaters zur Dcmüthigung des Hauses Habsburg fort, indem er sich mir-vcn protestantischen Fürsten Deutschlands verband, und begünstigte dadurch auch in Frankreich die Verbreitung der Kirchenrcformation, auf welche die Gemüther durch die verbreitete Volksbildung, die Weltkriege und die Versunkenheit der Kirche vorbereitet worden waren. Die Valors begriffen diese gewaltige Geistesumwälzung nicht und stürzten Frankreich in neue Bürgerkriege und innere Zerrüttung. Heinrich sing den Protestantismus sogleich mit Feuer und Schwert (s. (llruml, rs urd ente) zu verfolgen an, als er 1559 den Frieden von Chateau- Cambrcsis geschlossen. Unter seinen drei schwachen Söhnen, Franz II. (s. d.), 1559—60, Karl IX. (s.d.), 1560—74, Heinrich III. (s. d.), 1574-89, und deren Mutter, Katharine von Medici (s. d.), die die Reformation kurze Zeit als fiscalischcs Mittel begünstigte, riffln die katholischen Prinzen von Lothringen (s. Guisen) die Staatsgewalt an sich, während sich ihre politischen und kirchlichen Gegner, die Prinzen von Geblüt, die Bourbons, an die Spitze der Bewegung stellten. Jede Partei besaß ausgezeichnete Männer, stützte sich auf die Masse des getheilten Volks und rüstete sich zum Kriege. Der Kampf hatte seit l 563 schon dreimal begonnen, als 1572 die pariser Bluthochzeit (s. d.) jede friedliche Ausgleichung unmöglich machte. Nach einem dreimaligen Aufstande zwangen die Protestanten Heinrich III. endlich 1576 durch Vertrag freie Neligionsübung ab, was die Stiftung der katholischen Ligue (s. d.) zur Folge hatte. (S. Hugenotten und Coligny.) Der Krieg nahm hierdurch zugleich eine politische Wendung, die das Reich mit Zerstückelung bedrohte, and Heinrich III. rief, nachdem er 1588 die Guisen hatte ermorden lassen, das Haupt der protestantischen Partei, Heinrich von Navarra, herbei, der nach des Königs Ermordung, 1589, als der nächste Thronerbe die franz. Krone behauptete. Erst 1598 durch das Edict von Nantes und den Vertrag von Vcrvins mit Spanien wurde die Ruhe im Innern Frankreichs hergestellt. Vgl. Mignet, „Histoire de Irl li^us et du re^ne ele Henri IV" (5Bde., Par. 1829). König Heinrich IV. (s. d.), mit dem das Haus Vourbon (s. d.) den franz, Thron bestieg, besänftigte zwar die in den Religionskriegen entfesselten Elemente durch den Übertritt zum Katholicismus, durch das Edict von Nantes, durch Zugeständnisse und Festigkeit gegen die Parteihäupter; allein der Zwiespalt der Interessen, die Gährung der Gemüther und die Unzufriedenheit der Großen dauerten fort und brachen in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. wiederholt in Verschwörungen und Aufständen hervor. Die Macht, die Heinrich überkam, war unter diesen Umständen weit abhängiger und beschränkter als unter seinen Vorfahren. Fortan begann von Seiten der königlichen Gewalt eine consequente Unterdrückungspolitik, die den franz. Staat in eine vollendete Autokratie verwandelte, sodaß endlich Ludwig XI V. mit Recht sagen konnte: I'ötut, c'est moi. Heinrich entwickelte zuerst das franz. Colonialwesen; er hatte mit seinem weisen Minister Sully (s. d.) auch eine durchgreifende Reform der Verwaltung begonnen, als er 1610 unter dem Dolche Ravaillac's fiel. Während der Minderjährigkeit Ludwig's XIII. (s.d.) schwankte anfangs die Regierungspolitik unter Hofintriguen, bis der Cardinal R i ch e l i e u (s. d.) das Staatsrudcr ergriff. Es gelang ihm, die Macht der Großen zu zügeln; zugleich aber trat ein eiserner Negierungsdespotismus ein, unter dem der Staat und das Volk jede freie Bewegung verloren. Nach außen benutzte Richelieu die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs, um das Haus Habsburg zu schwächen. Der Cardinal Mazarin (s. d.) setzte diese Politik während der Jugend Ludwig' s XIV. (s. d.), 426 Frankreich (unter den altern BourbonS) dcr >643 den Thron bestieg, fort. Sein drückendes Finanzsystem, die Mißhandlung dcS Parlaments und die Zurücksetzung der Großen riefen 1648—34 einen neuen Bürger- krieg, die Unruhen der Fronde (s. d.), hervor, der mit der Unterjochung des Parlaments, der letzten Schranke königlicher Willkür, endete. Hierauf trat Ludwig XIV. selbst seine lange Alleinherrschaft an, und es begannen nun seine Eroberungskriege nach außen. Im westfälischen Frieden schon hatte Frankreich Elsaß, den Sundgau und die Bestätigung der Bis- thümer Metz, Toul und Verdun erhalten, im pyrenäischen Frieden mit Spanien einen Thcil der Niederlande und die Grafschaft Roussillon. Eine Reihe großer Feldherren, wie Tnrenne, Vatikan, Luxembourg, Catinat, Vendömc, Boufflers, Crequi, ein mächtiges, durch Louvois (s. d.) geschaffenes Heerwesen und eine neue Seemacht machten bereits die Politik und die Waffen Frankreichs den europ. Mächten furchtbar. Der niederländ. Krieg, in welchem die franz. Heere mit allen Mächten zugleich kämpften, brachte im Frieden zu Nimwegen die Franchc-Comte und einen Theil von Flandern an Frankreich. Mit dem I. 1678 stand dasselbe auf dem Gipfel nie dagewcsener Größe. Auch im Innern hatte das Volk unter dcr Verwaltung Colbert's (s. d.) einen ebenso raschen Aufschwung genommen; alle Nationalkräfte in Industrie, Handel, Kunst und Wissenschaft waren erweckt und gesteigert, um die Regierung und den Thron Ludwig's zu verherrlichen. Dennoch fingen der Staat und das Volk an, in ihren innersten Verhältnissen zu erkranken. Die schweren Kriege, die Verschwendung des Hofs, eine üppige Geistlichkeit und ein drückender Adel saugten das Volk aus und verzehrten die Früchte eines kaum erwachten Gewerbfleißes. Dabei gestaltete sich dcr königliche Despotismus durch alle öffentliche Verhältnisse bis ins Privatleben hinein lähmend und unerträglich. Seit 1683 hatte der unter seinem Beichtvater Lctellier und der Frau von Maintenon (s. d.) zur Frömmelei neigende Ludwig willkürlich das Edict von Nantes aufgehoben, worauf die empörendste Verfolgung der Protestanten, die Zerrüttung der Gesellschaft und innere Unruhen ihren Anfang nahmen. (S. Dragonaden, Hugenotten Emigranten und Cevcnnen.) Nach dem neunjährigen Kriege in Deutschland, dcr 1697 mit dem Frieden von Ryswijk endete, war der Staat schon völlig erschöpft. Dennoch wurde der span. Erbfolgekrieg, der Europa nochmals unter die Waffen rief, begonnen und während dcr nun folgenden zwölf Jahre der innere Wohlstand Frankreichs und dieHülfs- mittcl der Negierung vollends vernichtet. Als Ludwig XIV. 1715 starb, hielt sich das an Gehorsam gewöhnte Volk von einer drückenden Last befreit. Die öffentliche Schuld, die er hinterließ, belief sich auf 3569 Mill. Livres. Es begann nun das lange, heillose Regiment Lud w ig's XV. (s. d.), welches das öffentliche Wesen nach innen und außen in gänzlichen Verfall brachte und das Volk an den Gedanken einer durchgreifenden Staatsrcform gewöhnte. Schon die Regentschaft des Herzogs Philipp vonOrleans (s. d.) war für Frankreich ein großes Unglück. Die sittliche Verdorbenheit seines Hofs, seine schlechten Finanzoperationen, besonders der Verlaufdes von La w (s. d.) begründeten Actiensystcms, stürzten das Volk in sittliche Verwilderung, zerstörten das Pci- vatvcrmögen und vermehrten die üble Lage des Schatzes. Vgl. Lcmontey, „tti-toire eie U rt!>;enee" (2 Bde., Par. 1832). Erst die 1723 beginnende rechtliche und friedliche Verwaltung Fleury's (s. d.) verschafften dem Volke und dem Staate einige Erholung. Im Kriege über die poln.Königswahl und in den Friedensvcrhandlungen zu Wien, 1735—3?» behauptete unter diesem Minister Frankreich das letzte Mal seine gebietende Stellung. Die Theil- nahme am östr. Erbfolgekriege und der Friede zu Aachen im I. 1748 vcrriethcn der Well zuerst Frankreichs innere Schwäche; sein Handel, seine Marine und seine Colonien wurden preisgegeben und vermochten sich nicht mehr zu erholen. Noch tiefer sank aber Frankreich durch die Politik Ludwig's XV. in, Siebenjährigen Kriege. Die berüchtigte Pompadour (s. d.) veränderte, durch Maria Theresia eingenommen, das System dcr auswärtigen Politik und brachte ein Bündniß mit Ostreich zu Stande, welches Frankreich überhaupt in eine falsche Lage versetzte, die Landhccre, unter die Günstlinge des Hofs gestellt, wurden geschlagen, die Flotte von England aufgerieben, und im Frieden zu Paris, den der Minister Choi- seul(s. d.) 1763 um jeden Preis schließen mußte, ging der größte Theil der Colonien an England verloren. Die in diesem Kriege vergeudeten Summen waren unermeßlich und dcr Staat und das Volk litten furchtbarer als zu Anfänge des Jahrhunderts. Dabei stiegen die 427 Frankreich (Instand vor der Revolution) Verschwendung, die Auflösung und Maitrcssenwirthschaft des Hofs und dieTyrannei, Willkür und Demoralisation in allen Zweigen der Staatsverwaltung. Besonders entwürdigten die jetzt noch leichter als unter der vorigen Regierung zu erlangenden I^ettreLÜeca- cKot (s. d.) Recht und Gesetz und überlieferten die Freiheit der Person den Jntriguen des Hofs und der Großen. Die Händel und Cabalen der Jesuiten, die endlich 1764 vertrieben wurden, der Sturz Choiseul's durch die Dubarri (s. d.), der Kampf und die Verweisung der Parlamente hatten die Verwirrung und die Erbitterung aufs höchste gesteigert, als Ludwig XV. >774 starb. In dieser Lage Frankreichs bestieg Ludwig XV l. (s. d.) den Thron, reich an gutem Willen, aber schwach an Charakter. Er stellte den alten, unfähigen Maurcpas (s. d.) an die Spitze der Verwaltung, der Turgot (s. d.) und Malesherbes (s. d.) die Ver- waltung der zerrütteten Finanzen übertrug. Diese würdigen Männer schlugen durchgreifende Reformen, die Verbesserung der Rechtspflege, die Ablösung der Staatsfrohnen und die Besteuerung der Privilcgirten vor, wurden aber dafür von dem Adel und den Parlamenten gestürzt. An ihre Stelle trat Necker (s. d.), der dem Ausbruche eines Staatsbankrotts durch Sparsamkeit und Ordnung vorbeugte. Als er aber nach den amerik. Kriegen, an denen Frankreich gegen England von >778—83 Theil nahm, erklärte, daß eine Aufhebung des Steuerprivilegiums zur Rettung des Staats nothwendig sei, setzte die Hofpartei Calonne (s. d.) an seine Stelle. Die Verwaltung dieses Mannes, der durch leichtsinnige Anleihen und Verschleuderung den Staatscrcdil völlig erschöpfte, führte am 22.Febr. >787 zu einer Versammlung der Notablcn (s. d.), in der Calonne sich zu dem Geständnisse ge- nöthigt sah, daß die Anleihen der letzten Jahre bis zur Höhe von >746 Will, und das jährliche Deficit auf l 46 Mill. Livres gestiegen seien. Calonne mußte abdanken und der Bischof Lomenie de Brienne (s.d.) an die Spitze der Verwaltung gestellt, der, nachdem er von der Versammlung mir Mühe die Ablösung der Frohnen und eine Stcmpeltaxe erhalten, seine Zuflucht zu zwei neuen Stcueredicten nahm, die das Grundeigcnthum betrafen, deren Einre- gistrirung aber das Parlament hartnäckig verweigerte. Der König wurde deshalb vom Hofe zu gewaltsamen Maßregeln gezwungen; er verbannte das Parlament nach Troycs, nahm ihm seine politischen Befugnisse und setzte eine Art Hofrath, die sogenannte 6»ue geniere, ein, der künftig den Finanzerlassen Gesetzeskraft geben sollte. Durch diesen Staatsstreich verlor der König das erste Mal das Vertrauen des Volks. Alle Stände prolestirten dagegen, und in der Dauphine, Bretagne, Provence, Flandern und Languedoc brachen zugleich Unordnungen aus. Die nordamcrik. Freiheitskriege hatten das Volk an revolutionaire Ideen gewöhnt; die Versammlung der Notablen hatte die Zerrüttung des Staats, die Verschwendung des Hofs, die Unfähigkeit der Verwaltung ans Licht gezogen; der Hof und die Negierung befanden sich bereits in der gefährlichsten Lage. Brienne, von äußerster Verlegenheit getrieben, nahm nachmals seine Zuflucht zu einer Versammlung des Klerus, der aber jedes Opfer zurückwies und die Herstellung der Parlamente und die Einberufung der Gencral- staaten verlangte. Auch der Adel und der dritte Stand wollten eine Neichsvcrsammlung; der crstere mit der Geistlichkeit, um in alter Weise die Lasten gesetzlich dem dritten Stande aufzubürden; letzterer, um eine durchgreifende Staatsrcform aus der Mitte heraus zu beginnen. Der König und der Hof mußten endlich nachgeben. Necker wurde an die Stelle Brienne's zurückgerufcn und die seit 1614 vergcsscncnLtuts z-euei a ur(s. d.) am 25. Mai l 788 zu Versailles versammelt. Hof, Adel und Geistlichkeit gedachten durch die Bewahrung der alten Formen der Gefährlichkeit dieses Schritts vorzubeugen. Die Berathung und die Abstimmung sollten in alter Weise nach Ständen vor sich gehen, wodurch die Beschlüsse deS dritten Standes bei einer Vereinigung der beiden andern stets kraftlos werden mußten. Der lange Kampf, in welchen die Stände darüber sogleich geriethcn, endete damit, daß sich am >7. Juni auf Sieyes'Antrag der dritte Stand als die einzige, wahre National» ersamm- lun g (s. d.) erklärte und dem Adel und der Geistlichkeit frcistellte, sich mit ihm zu vereinigen. Die Revolution und eine neue Phase der Geschichte Frankreichs hatten damit schon begonnen. Um den Ursprung und den Verlauf der franz. Revolution zu würdigen, ist es nothwendig, einen Blick auf den Zustand und die Formen des öffentlichen Lebens bei Beginn jener Epoche zu werfe». Diese Formen, in welchen der absolute Thron cmporgcwachsen, standen, 428 Frankreich (Zustand vor der Revolution) > nach der Seite des Staats und der Gesellschaft hin, im Allgemeinen im Widerspruche mit der gesteigerten Entwickelung, der Bildung, den Ansprüchen und den Bedürfnissen der Nation. Die alte Gesellschaft Frankreichs war, wie im vorigen Jahrh. überhaupt, in drei Stände, den Adel, die Geistlichkeit und den sogenannten dritten Stand (tiers-parti) politisch geschieden. Von den beiden erster» bildete die Geistlichkeit den ersten Neichsstand und genes mit dem Adel, wenn auch nicht durchgängig gleichen Rang, doch gleiche persönlicheBefreiung von Steuern und öffentlichen Lasten. Man unterschied die Geistlichkeit des alten Frankreichs, welche die eigentliche Staatscorporation bildete und aus 16 Erzbischöfen, >06 Bischöfen, Pfarren und Klöstern ihrer Sprengel bestand, und die ausländische Geistlichkeit in den seit ^ Heinrich II. hinzugekommcnen Provinzen, die zwei Erzbischöfe und 22Bischöfe begriff. Die Besitzungen der corporativen Geistlichkeit, mit Ausschluß der ausländischen, umfaßten scheu in der Mitte des I7.Jahrch. >80000 Lehngüter, darunter 83000 mitObergerichtcn, 2-19lm Meiereien und Vorwerke, 1,700000 Morgen Weinberge, und außerdem noch-100000 Mer- gen Weinberge, wovon sie ein Drittheil oder ein Viertheil des Weins bekam, 60000» Mer- gen lediger Feldgüter, 135000 Weiher, 900000 Morgen Wiesen, 235000 gehende Wasserräder in Mahl- und Papiermühlen, -Hammerwerken u. s. w., 1,800000 Morgen Waldungen und 1,300000 Morgen Weiden. Überdies war ihr der größte Theil des Bodens zehntbar; fast auf jedem Grundstücke hatte sie eine Hypothek, Rente oder, wenn auch noch so kleine, Stis tung. Selbst die königlichen Domaincn waren davon nickst ausgenommen. Die Einkünfte der Gesammtgeistlichkcit wurden von Necker zu 130 Mill., und das Verhältniß ihrer Eimr zu denen der weltlichen Grundbesitzer wie 1 zu 5'/,, der Antheil der Pfarrer an diesen Einkünften aber zu 30—35 Mill. angegeben. Die Abteien wurden, mit Ausnahme derjenigen, welche Hauptsitze eines Ordens waren, wie die große Karthause zu Grenoble, der Sitz des Cism- cicnsercapitels zu Citeaux bei Dijon u. s. w., von dem Könige vergeben, thcils an Conuncn- dcn, thcils an wirkliche Kirchcnvorstcher. Der Commcnden gab cs 225, zum Theil mit reichem Ertrage, indem der Inhaber den dritten Theil sämmtlichcr Einkünfte des Klosters be- - zog. Da weder Residenz noch sonst Geschäfte damit verbunden waren, so galten die Con>- menden für Versorgungsanstalten der jüngern Söhne des Adels; nur die geringer» kaum au die Gelehrten des bürgerlichen Stands. Das Einkommen der Äbte gibt der „Llnueme i von 1789 nach der alten Taxe des röm. Stuhls auf beinahe 8 Mill. an. Der regu- lirten Abteien zählte man 368, nämlich 115 Mönchs- und 253 Nonnenklöster. Vo» düsen reichen Einkünften bewilligte, außer einem unter Franz I. begründeten Zehnten, der nach dem ersten Schätzungscommiffar Decims pusclmliue genannt wurde, die Geistlichkeit regelmäßig alle fünf Jahre an den Staat sogenannte cloilSjgreetuitsoelliimii'Ls von 15—18 Mill. und in besonder» Fällen «Ions geutuits e-xtraoi iliimii e.-, die als unverzinsliche Darlehn M der Regierung gewöhnlich in langen Terminen zurückgezahlt wurden. Da sic diese Verivil- ligungssummen selbst durch Anlehen aufzubringen pflegte, hatte sie 1789 eine Schuldenlast v°» 136 Mill., für deren Abtragung und Verzinsung durch eine Auflage auf alle Kirchenpfriui- den gesorgt war. Die sogenannte ausländische Geistlichkeit war in einigen Provinzen du> gewöhnlichen Staatsabgaben unterworfen. Der Gcsammtbetrag aller Abgaben, welche die Geistlichkeit, mit Inbegriff der Steuern, die sie sich zur Tilgung ihrer Schulden selbst auf- lcgte, zu tragen hatte, gibt Necker auf 11 Mill. an; in die Staatskasse flössen davon ungefähr 3'/r Mill. Schon vor der Revolution hatte in den untern Volksclasscu die Neigung für den geistlichen Stand sehr abgenommcn; die Zahl der Mönche, die 50 Jahre früher 80tu»1 s gewesen, war auf 20000 gesunken. Die höhere Geistlichkeit aber war durch Verschwendung, ; Sittcnlosigkcit und gänzliche Entäußerung ihres Berufs bei dem Volke in allgemeine Wr- ? achtung gesunken. Der Stand des Adels war nach Rang und Bedeutung in Frankreich sehr verschieden. Mit dem Einziehen der Lehen war der alte Reichsfürstcnstand, mithin die alte Pairswürde verschwunden; an seine Stelle traten zuerst die Prinzen deS königlichen Hauses, später sogar einige auswärtige Fürsten. In der Mitte des 16. Jahrh. fing man endlich an, die Angele- ^ hcnsten aus den Familien des niedern Adels zur Pairs- oder Hcrzogswürdc zu erheben, oh»! daß sie dadurch die Bedeutung der allen Pairs erlangt hätten. JmJ. 1789 bestand die well-t liehe Pairschaft aus 33 Mitgliedern, unter welchen die Herzoge von Uzes (Crussoh seit 1»^)! 429 mit Na- drci tisch ciicf iunz ichch «ist»,. seit) Dil che» l>v» Nvr> Nor- ss-r- dmi- bar; tif ru- be- dil . ) Frankreich (Zustand vor dev Revolution) die ältesten, die von Choiscul und Coigny (seit 1787) die jüngsten waren. Dagegen hatten sich die sechs geistlichen Pairs, der Erzbischof von Rheims und die fünsBischöfe aus dem Fa- milienhcrzogthume (Francien) HugoCapet's, aus den ersten Zeiten der Paine erhalten. Die weltlichen Pairs, unter welchen INSU der Erzbischofvon Paris als Herzog von St.-Cloud seinen Sitz nahm, machten nur die erste Stufe des nieder« Adels aus, obschon sich darunter sechs Familien befanden, denen man den Rang souverainer Fürstenhäuser zugestand, nämlich die in Frankreich landsässigen Zweige der Häuser Lothringen und Savoyen, Grimaldi, Rohan, Tremouille und Latour d'Auvergne. Der übrige Adel war außerordentlich zahlreich und verhielt sich zu der ganzen Bevölkerung etwa wie > zu 250. Er unterschied sich in wirklichen alten Geburtsadel und in Brief- und Beamtenadel. Die Ämter, die ihrem Inhaber entweder durch die bloße Erwerbung oder durch zwanzigjährige Amtsführung gesetzlich Adelsrechte verliehen, die gewöhnlich auch auf die Kinder forterbtcn, beliefen sich auf die Zahl von ungefähr 4000. Darunter gehörten nicht nur die Stellen der Minister, Staatsräthe, der Räche des pariser und einiger anderer Parlamente, des Rechnungshofs, des Steuergerichts, der Oberamtleute, sondern auch die Rachsherrenstellen einiger Städte, der Titel eines königlichen Se- cretairs, sogar das Amt eines Thürstehers oder Gerichtsboten des pariser Parlaments konnte den Adel verleihen. Der alte Adel erkannte diese Neulinge, die Kolllssse Us rolle, nicht an. Auch nur der alte Adel hakte vermöge der Herkunft das Recht, bei Hofe vorgestellt zu wer- dm; noch unter Ludwig XVl. erschien eine königliche Verordnung, nach welcher Niemand zum Unterlieutenant vorgeschlagcn werden durfte, der nicht eine adelige Herkunft von wenigstens vier Generationen aufzuweisen hatte. Für den vornehmen Adel führte man bei jedem Regimente die Stelle eines Onlonel en ssconll ein, wodurch die militairische Laufbahn eines jungen Adeligen da anfing, wohin ein Anderer nur durch lange Dienstjahre gelangen konnte. Noch wenige Jahre vor der Revolution wurde sogar der Satz aufgestellt, daß alle geistliche PrLbenden, die eigentlichen Pfarrstellen ausgenommen, nur an die jüngern Söhne des Adels verliehen werden durften. Den Titeln nach zerfiel der Adel in Herzoge, Grafen, Marquis, Vicomte, Barone, ohne daß die vier letztem, die meist von Gütern geführt wurden, einen Rangnnterschied begründet hätten. Nur der Herzogstitcl gab einige Vorrechte bei Hofe; so hatten die Damen das Recht, bei der Königin auf einem Tabouret zu sitzen. Der Herzoge gab es dreierlei: Ducs et zmirs, Ducs kereüitsires non zrsir«, deren Anzahl sich 178!) auf >5 belief, und V>IC8 ü llrevsts et llrevets cl'konneur, welchen zum Theil ohne den Titel die Rechte der Hcrzogswürde beigelcgt waren. Mit jeder Adelsstufe, selbst dem Amtsadel, war die Befreiung von den hauptsächlichsten Staatslasten verknüpft. Der Adel leistete nicht die allgemeine Grundsteuer (Mills), keine Wegebaufrvhnen (corvees), war nicht militairpflich- tig, nahm keine Einquartierung u. s. w. Der ^gpimtivn, einer Classtnsteuer nach Vermögen. war er zwar unterworfen, aber diese Abgabe war im Verhältnisse zur Grundsteuer unbedeutend und sehr ungleich vertheilt. Der Adel besaß mit der Geistlichkeit und einigen Ritterorden, z. B. dem Malteserorden, dem Orden des heil. Lazarus und andern, den beiweitem größten Theil des Grundeigenthums von Frankreich und übte über seine Gutsangehörigen die gewöhnlichen grundhcrrlichen Rechte der Gerichtsbarkeit, Police!, Lehnsherrlichkeit, Jagd u. s. w. aus. In einigen Gegenden bestand selbst noch die Leibeigenschaft, die 1779 auf allen Krondomainen aufgehoben wurde. Nccker nimmt das Gesammteinkommen der Grundeigenthümer, mit Ausschluß des Königs, des Malteserordens, der Geistlichkeit, auf ungefähr 400 Mill. an, wovon also auch der größte Theil dem Adel zufallen mußte. Rechnet man nun noch hinzu, daß der Adel im Besitze der geistlichen Pfründen und der Staaksämter war, so ergibt sich, daß er eigentlich den größten Theil des Nationaleinkommens verschlang, während der übrige Theil der Nation die Arbeit und die öffentlichen Lasten tragen mußte. In seinem inner« Charakter war der Adel Frankreichs zur Zeit der franz. Revolution gerade furchtbar demoralisirt. Ludwig XlV. zog ihn an den Hof, um ihn daselbst im Dienste seiner Person unter glänzenden Zerstreuungen und nichtiger Auszeichnung seine Unabhängigkeit, das alte Basallenthum, vergessen zu lassen; Ludwig XV. warf ihn durch sein eigenes Beispiel in den Strudel der Ausschweifungen und Sittenlofigkeit. Seine Augen und Wünsche auf die Gunst des Monarchen gerichtet, hatte er jede Theilnahme für das Volk und den Staat, jedes ernste Pflichtgefühl für das öffentliche Interesse verloren. -100 Frankreich (Zustand vor der Revolution) ^ Der dritte Stand umfaßte alle Claffen der Gesellschaft außer Adel und Geistlichkeit, also das Volk mit Ausschluß des ungefähr dreißigsten Theils. Während der dritte Stand nicht die Fähigkeit besaß, gewisse politische Rechte zu erlangen und die Hähern Staatsämter zu bekleiden, trug er doch die ganze Last der öffentlichen Leistungen und den ganzen Druck der unförmlichen Staatsmaschine; alle Claffen des Bürgerthums, der Gelehrte und der Kaufmann so gut wie der arme Bauer und der geringste Handarbeiter, waren mithin dem Adel und dem Klerus gegenüber nicht im Genüsse ihrer vollen politischen Persönlichkeit. Im Innern des dritten Standes selbst hatte die alte Verfassung der Städte, daß Zunft- und Zn- , nungswesen u. s. w. eine Menge hemmender Schranken geschaffen. Dieses ganze Verhält- niß war der materiellen Nothdurft, nicht minder aber dem Geiste und der Bildung der Nation zu eng geworden; es stand im Widerspruche mit der christlichen Anschauungsweise, du ein Bossuet und Massillon mit der Humanität, die ein Fenelon unter dem Volke verbreitet, und mit den aufgeklärten Ideen, welche die eigentlich zur Verherrlichung des absoluten Thront erweckte Literatur und Wissenschaft ausgestreut hatten. Männer wie Voltaire, Helvetius, Rousseau hatten die Gebildeten zum Nachdenken über den Staat und die Gesellschaft gewöhnt, und wie verschieden auch diese Männer wirkten, so hatten doch alle dem Volke die Lesung zugerufen: ,,'Vous le» Kammes sont nöes egruix." Schon längst vor der Revolution war deshalb der höhere Bürgerstand über den Widerspruch seiner Lage in Unmuth und Erbitterung versunken. Er besaß die Intelligenz, die Bildung, den Reichthum des Capitals, kur; alle Bedingungen eines vollen Staatslebens; er sollte fortwährend mit seinem Gelbe das sinkende Staatsgebäude stützen, und doch sah er sich zu Gunsten eines übermüthigcn »er- dorbenen Adels von der Thcilnahme an der Staatsverwaltung ausgeschlossen. Die Lag! und die Stimmung des niedern Volks, der arbeitenden Claffen, waren längst schon wahrhaft trostlos. Von Feudal- und Staatslasten zu Boden gedrückt, von harten Gencralpächtern und Finanzdienern geknechtet, von einer schlechten Justizverfassung zur Rechtlosigkeit verur- thcilt, hatte es die Achtung vor dem öffentlichen Wesen und den privilegirten Ständen verloren, eine gewisse unheilsvolle Demoralisation war bis in die niedrigsten Volksschichten gedrungen. In einer solchen allgemeinen Noch und Mißstimmung des bürgerlichen Lebens bedurfte es eines Stoßes, einer Bewegung der wankenden Staatsmaschine, und der Brand mußte auch im Herzen der Nation, in der Gesellschaft selbst, Hervorbrechen. Was die eigentliche Staats Verfassung des alten Frankreichs betrifft, so strittman in den Jahren vor der Revolution überhaupt darüber, ob Frankreich eine feste Verfassung besitze, oder ob es allein dem unbeschränkten Willen des Monarchen unterworfen sei. Indes hatten sich wol Bruchstücke eines freien Gemeindewescns erhalten; sie standen aber ohne allen Zusammenhang, waren nur noch auf das Interesse einzelner Stände berechnet und gewährten durchaus keine Bürgschaft gegen das Andringen absoluter Negierungsgewalt. In den ständischen Einrichtungen unterschieden sich die Landstände der Provinzen von den Reichsstanden. Erstcre rührten aus den Zeiten der Lehnsfürstcn her und hatten sich bei Vereinigung der Länder mit der Krone in Artois, Bourgogne, Be'arn, Bretagne und Languedoc erhalten. Diese Landstände waren aus Adel, Geistlichkeit und den Städten zusammengesetzt und beschäftigten sich nur mit der Vertheilung und Erhcbungsweise der Steuern. Ihr Fortbestehen hinderte die Einheit der Finanzverwaltnng und machte die innern Landeszölle (traites) nö- thig. Das Reich zerfiel demnach in die Provinzen der fünf großen Pachtungen (grosses ter- ^ ines), in die für fremd gehaltenen (rezxwees), in die als fremd behandelten (iraitees) Provinzen. In den andern, außer den obgcnannten Landtheilen, waren die Landstände verschwunden, indem man seit Karl V. in jeder bischöflichen Stadt zwei Deputirte (Llus) eingesetzt hatte, die das Steuergeschäft verrichteten. Allmälig aber wurde diese ständische Deputation in ein förmliches Steuercollegium verwandelt, deren cs nach der Zahl der Oberämter unter dem Namen von Electionen 183 gab, und die, unter Aufsicht der Provinzialverwaltung gestellt, ihre Beamten vom Könige empfingen. Die unter Philipp IV. zu Anfänge des >4- ; Jahrh. an die Stelle des alten Neichsraths der Pairs gesetzten Rcichsstände waren wol das wichtigste Element einer volksthümlichcn Verfassung; allein daS fortbcstehende Übergewicht großer Vasallen, die Ohnmacht des durch anhaltende Kriege zerrütteten Volks und die Herrschsucht der Valois hatten die Ausbildung und Befestigung dieses politischen Körpers verhin- Frankreich (Zustand vor der Revolution) 431 dert. Wurde eine solche StZndcversammlung ausgeschrieben, so wählte jeder Stand nach den Oberämtern eine vorgeschricbcne oder beliebige Anzahl von Deputirten. Gewöhnlich wurden sie nur zu Geldbewilligungen berufen. Die letzte Versammlung der Art während der Negierung Ludwig's XIII. bestand aus I ^»Geistlichen, 132vom Adelund I»2 dcsdritten Stands; sie ging im Streite und ohne Resultat auseinander. Mit Begründung der absoluten Negic- rungsgcwalt unter Richelieu wurden diese Stände ganz außer Gebrauch gesetzt, und ihre Zusammcnberufung unter Ludwig XVI. mußte an sich als eine Revolution, als eine Veränderung des Regierungssystems gelten. Für ein drittes constitutionelles Element des alten Frankreichs wollte endlich das Parlaments, d.) angesehen werden. Dasselbe war von Philipp IV. aus dem alten Reichsrathe zum obersten Gerichtshöfe umgebildct worden und sah sich seit Karl V. als die Fortsetzung und den Erben dieses alten PairShofs an. Nach dieser nie recht entschiedenen Ansicht behauptete es, daß jedes, auch mit Zuziehung der General- staaten verfaßte Gesetz erst staatsrechtliche Gültigkeit habe, wenn es durch die Eintragung in seine Sitzungsprotokollc (enregistre, »<-„<) publicirt worden sei. Im I. 1528 war es auch als Corporation wirklich zu einer Versammlung der Notablen berufen worden. Seit Richelieu und Mazarin aber gänzlich in seinem politischen Einflüsse bedroht, begann es aus Selbsterhaltungstrieb, sich als die Stütze der Aristokratie und des Volks zugleich zu betrachten und verweigerte nicht selten die Einregistrirung lästiger Steueredicte. Nach den Unruhen der Fronde mußte es sich unter den Despotismus Ludwig's XIV. beugen. Seine oppositionelle Stellung unter der Negierung Ludwig's XV. half dem Volke wenig; vielmehr vermehrte sein Eingreifen in alle Zweige der Staatsverwaltung die allgemeine Verwirrung. Nur sein corporativer, auf den Adel und den Advocatenstand zugleich gestützter Charakter, nicht seine Volksthümlichkeit machte sowol 1771 dem Kanzler Meaupou, wie 1788 dem Minister Brienne seine völlige Beseitigung unmöglich. Vgl. Aubry, Mey und Maultrot, „5lsxi,»<-s >Iu (Irnit ;>nlilic Iran,,'." (2 Bde., Brüss. 1775). Die Gerichtsverfassung des alten Frankreichs lag unter den Trümmern des Lehnwesens verschüttet und glich einem wüsten Chaos. Die Rechtsverwaltung befand sich gänzlich außer Controls der Regierung und mußte doch andererseits die unverantwortlichsten Eingriffe des Hofs und der Minister ertragen. Die äustices »eigneuriale» bildeten die unterste Stufe und waren jeder Aufsicht entzogen. Diese grundherrliche Gerichtsbarkeit zerfiel in die hohe, mittlere und niedere, wovon die erster? eine unbeschränkte Criminaljustiz in sich schloß. Von dem iöeigneiir 1>S8 jiwticie,' appellirte man zuweilen an den 8eig»eur lisntsiisticier, in der Regel aber an die königlichen Oberämter der Provinzen (vaillsges et 8enecl>an»»ees). Vor diese Oberämtcr, ursprünglich königliche Domainenkammern, gehörten auch alle sogenannte c»s ro^aux aus den Gerichtssprengeln der Vasallen. Die Untergerichte der königlichen Domainen hießen Vogteien, Urevotes. Die Oberämter waren mit einem des Rechts unkundigen vaillit besetzt, der in seinem Namen die Justiz von einem gelehrten Juristen, I.ieutenant »rs Mill. zu erlegen, wobei mir in Betracht kam, was an die Staatskassen, nicht was an die Amtsvorgängcr bezahlt worden. Heinrich IV. war es, der den Ämterhandel gesetzlich gemacht und auf Vorschlag seiner GehcimschrciberS Paulet weiter ausgedehnt hatte, indem er gegen eine jährliche Abgabe von . '/,» der Ämtscinkünstc (Xn,»is! oder U-uiIette) sogar den Erben des Beamten dasRechtvei- lieh, das Amt zu verkaufen. Eine der nächsten Folgen dieser Einrichtung war die ungehcurr Vermehrung aller Ämter. Für die meisten waren zwei, drei und vier Personen atzgestcllt, die nach Monaten oder einem Jahre in der Amtsführung wechselten. Besonders unter dem Nichtcrstandc hatte sich durch die Käuflichkeit und Erblichkeit der Ämter ein Kastengeist aus- gebildet, der auf die Rechtspflege den traurigsten Einfluß übte. Es war schwer, gegen die Mißgriffe und die Bedrückung oder die Beschränktheit der Richter Abhülfc zu erlangen, weil - der Einzelne sogleich von der ganzen Zunft gegen die Regierung und das Volk in Schuh genommen wurde. Selbst der Advocatcnstand hatte diesen Corpsgcist. Dem Eigensinne, dem Stolze und der Herrschsucht der höhern wie niedern Gerichte mußte daher manches Opfer fallen, und Linguct und Vollende haben sich große Verdienste erworben, daß sie fortgesetzt diesen richterlichen Despotismus bekämpften, der durch das Gesetzbuch Ludwig's XIV. (Orllnu- innice criminelle), welches doppelte Tortur und Ausdehnung der richterlichen Gewalt ein- führte, vorzüglich begünstigt wurde. Auf nur geringe Judicien konnten hiernach die härtesten Todesurtheile gefällt werden, wie die Processe von Lebrun, Langlade, Calas, Montbailli, Labarre, Desruc, Lalli u. A. bewiesen. Die franz. Criminalrechtspflege wurde deshalb ein Gegenstand des Mistrauens und der Abscheu der ganzen civilisirtcn Welt. Die Civilrechks- pflege war schleppend, mit Förmlichkeiten überladen und höchst kostspielig. Die Besoldung der Richter war eigentlich gering, allein sie bezogen Sporteln, die von kleinen freiwilligen Geschenken (bssüce-s) bis zu den bedeutendsten Summen gestiegen waren. Die Rechnung wurde nach Arbeitstagen (Vucution-) gemacht, deren jeder einem Parlamentsrathe mit !!>'/> Livres bezahlt wurde; nicht selten setzte man 2—30» solcher Arbeitstage an. Nach der Fiction, daß der Parlamcntspräsident bei allen Aktionen als gegenwärtig betrachtet wurde, betrugen die Vacationen des vorletzten, als habsüchtig bekannten Parlamentspräsidcnten d'Aligre's zu Paris von 1768— 83 die Zeit von 30t» Jahren. Die großen Vorrechte der ^ Parlamentsglicder, wie Steuerfreiheit, Adelsrang und das damit verbundene hohe Ansehen, ; machten diese Stellen sehr gesucht, sodaß der gewöhnliche Preis einer solchen 60000 LivreS, der der Präsidentenstelle zu Paris aber 500000 Livres betrug. Um die Geschlossenheit ihres Corps und ihrer Interessen aufrecht zu erhalten, erschwerten die Parlamente den Eintritt neuer Familien außerordentlich; auch ließen sie sich in Rücksicht auf Familienverbindungen nicht selten große Parteilichkeit zu Schulden kommen. Ihr zweifacher, politischer und richterlicher, Charakter gab ihnen Gelegenheit, in alle Zweige des öffentlichen Lebens einzugrei- l fen, woraus die störendsten Conflicte mit den übrigen Gewaltthatcn entstanden. So erlaubte das pariser Parlament den jansenistischcn Priestern die Auetheilung des Abendmahls, während dies der Erzbischof Beaumont verbot, und als der StaatSrath den Parlamentsbeschluß 433 Frankreich (Zustand vor der Revolution) cassirte, wurde derselbe am andern Tage wiederholt und eine criminalistische Verfolgung der widerspenstigen Pfarrer eingeleitet. Ungeachtet der Ungebundenhcit der Gerichte griff aber zugleich auch die Negierungsgewalt oder selbst der Hof in das Justizwesen aus das entsetzlichste ein. Durch die l-ettres cle cscket wurden jeden Augenblick Schuldige und Unschuldige dem Arme des Richters entrissen. Sollte ein Rechtshandel, besonders eine wichtige Criminalsache nach besonder« Ansichten entschieden werden, so wurden dazu vornehmlich unter Ludwig XIV. Special-Commissionen ernannt. Nichtigkeitsgesuche gegen die Parlamentsentscheidungen konnten beim Staatsrathe, und zwar bei einer Abtheilung des Conseil llu roi, die den Namen des Oonsoil prive oder 6es psrtis führte, angebracht werden. Dieser Rath zählte unter dem Vorsitze des Kanzlers 21 Staatsrathe, 7 8 Alsttres ", so konnte selbst Ludwig XIV. nicht immer dem Einflüsse des königlichen Hauses und seiner Umgebungen widerstehen. An der Spitze der Geschäfte standen eigentlich der Kanzler von Frankreich, die vier Staatssecretaire, des Auswärtigen, des königlichen Hauses, der Marine und des Kriegs, und der Generalcontroleur der Finanzen. Jeder dieser sechs Departementchefs, welche aber nicht immer den Rang eigentlicher Minister bekleideten und Zutritt zum Staatsrathe hakten, war mit unumschränkter Gewalt bekleidet. Seine Verfügungen gingen im Namen des Königs. Der Ministerrang wurde ohne schriftliche Bestallung blos dadurch ertheilt, daß der König Jemanden zu den Sitzungen des Staatsraths einladen ließ; war das Recht einmal gegeben, so konnte es nur durch förmliche Verurtheilung entzogen werden, weshalb entsetzte Minister stets aus der Hauptstadt exilirt wurden. Blos im engern Staatsrathe ließ sich der König selbst Borträge machen. Die übrigen Abtheilungen waren Conv.-Ler. Neunte Aufl. V. 28 . - 434 Frankreich (Zustand vor der Revolution) daS eooseil 6es ä^pöclrso, das Lsuseil äes knsnces und der Geheime Kriegsrath, in welchem sämmtliche Minister und Staatssecretaire Sitz und Stimme hatten. Mit dem Staatsrathe war das Oonseil <1e8 partis verbunden, das außer Nichtigkeitsbeschwerden auch Recusations- gesuche gegen Obergerichte, Reffortstreitigkeiteu u. s. w. entschied.' Ein anderes Obertribunal war das Qrsnck coiweil, bestehend aus fünf Präsidenten, 54 Rathen u.s.w., dessen Gerichts- barkeit sich in Streitigkeiten über geistliche Beneficien, Bankrotte, Wucher, einige Lehns- gesälle u. s. w. über das ganze Reich erstreckte. In der «r-rncle cbuncelleris endlich, bestehend aus dem Kanzler Siegelbewahrer, zwei Oramls ir»ji;,orte»r8, vier 6r«ncl8 runlienci«-,- u. s w., . wurden alle Bestallungen, Adclsbriefe, Naturalisationen, Legitimationen u. s. w. ausgefertigt, s Das Abgabesystem, in seiner inner» Anordnung höchst drückend und zufällig, lastete ganz auf dem Landbauer und dem Bürger. Alle bürgerliche Besitzungen waren den mannichfalkigsten Lehngefällen, Frohnen und gutsherrlichen Rechten, meist auch dem Zehnten unterworfen. Aus diesen Rechten und Gefällen zogen der Adel und die Geistlichkeit den größten Theil ihrer Einkünfte. Was die Privilegirten übrigließen, nahm so ziemlich der Staat. Auf dem Drittheile, das von dem Gesammtgrundeigenthume des Landes dem Bürger und Bauer zufiel, lag zuvörderst die IHIIe, eine Verbindung von Grund- und Vermögenssteuer, die dem Staate jährlich 95 Mill. einbrachte. Eine andere Einkommensteuer, clupitation, die auch die Privilegirten traf, war geringer und trug nur 4 l Mill. Eine dritte Vermögenssteuer, nach dem reinen Einkommen vornehmlich aus Grundstücken, hieß, weil sie ursprünglich des Reinertrags traf, Viugtieme; sie war zunächst verdoppelt, dann um '/o erhöht und 1782 in Folge des nordamerik. Kriegs verdreifacht. Alle Stände sollten die Steuer gemeinsam tragen; allein der Adel wußte sich ihrer Härte bedeutend zu entziehen. Die sämmtlichen Grundsteuern vor der Revolution beliefen sich auf2lO Mill. Livres, wovon auf den Bürger und Bauer, der'/, oder gar nurdes Bodens besaß, mehr als '/, fielen. Hierzu kamen die Wegebaufrohnen der Bauern (corve^), die Necker jährlich zu 20 Mill. anschlug. Alle die schönen Kunststraßen, die Frankreich durchschnitten, waren mit demSchweiße ' der Bauern erbaut, während die nothwendigen Vicinalwege im Verfall lagen. Eine drückende Last fürden dritten Stand war auch die Einquartierung der Truppen, welche Wohnung, Feuer, Licht, Salz, Wäsche, und auf dem Lande auch das Pferdefutter erhalten mußten. Ebenso waren nur die Gemeinden zum Kriegsdienste verbunden. Jährlich wurden 60000 M. durch das Loos zum sechsjährigen Kriegsdienste ausgehoben, wobei die schmählichsten Erpressungen und Bedrückungen vorfielen. Vornehmlich waren es aber die indirecten Steuern, die durch ihre Einrichtung und Verwaltung das Volk zur Verzweiflung brachten und aussogen. Mit Ausnahme der Tranksteuer, welche der Staat selbst verwaltete und aus der er 52 Mill. zog, war die Regie nebst den Binnen- und Grenzzöllen verpachtet. Die Generalpächter zahlten jährlich in den letzten Jahren 186 Mill. an den Staat. Davon kam ein volles Drittheil auf die Salzsteuer, auf einen Gegenstand, den der Arme wie der Reiche in gleichem Maße brauchte. Diese 6» Mill., die in die Staatskasse flössen, waren aber nicht Alles, was das Volk für das Salz zu geben hatte; es mußte auch den Gewinn der Generalpächter, die Besoldung der Unterbeamten, die zur Unterdrückung des Schleichhandels bewaffnet- Macht u. s. w. bezahlen, was zusammen auf 20 Mill. Livres angeschlagen wurde. Der Centner Salz, der in freiem Handel ILivre kostete, und noch weniger, wenn die Fabrikation nicht beschränkt gewesen, wurde durch die Salzstcuer (gabelle) in einigen Provinzen bis auf 62 Livres gesteigert. Diese äußerst verschiedene Besteuerung der Provinzen verwickelte die Verwaltung und de- e moralisirte das Volk durch den Schleichhandel (taux-8itum»ßL). Durch den Transport eines Centners Salz über die Grenze von Bretagne nach Maine oder Anjou waren in einer Stunde 17 Thlr. zu verdienen. Die Negierung erzog sich auf diese Weise einen Stamm verzweifelter Menschen, die durch die härtesten Strafen von der Schmuggelei nicht abgehalten werden konnten; gewöhnlich waren l8üv Verbrecher der Art im Gefängnisse, von denen man jährlich wenigstens 300 zu den Galeeren verurthcilte. Ebenso drückend war auch die, selbst;wi> . schen verschiedenen Provinzen des Innern, von Colbert zuerst eingeführte Getreidesperre. Dieselbe lähmte den Ackerbau, trieb die Preise in einzelnen Landesthcilen in die Höhe und öffnete dem Wucher und der Bestechung das weiteste Feld. Bekanntlich bereicherte selbst Ludwig XV. seine Privatkasse durch die abscheulichsten Eetreidespeenlationen. Erst unter 435 Frankreich (Zustand während der Revolution) Ludwig XVI. wurde die Eetrcidesperre im Innern ungeachtet der Umtriebe der Wucherer aufgehoben. Erwägt man, daß durch dieses kostspielige und wirre Abgabensystem gegen 500 Mill. in die Staatskasse eingetrieben wurden, so kann man sich wol von dem Elende der arbeitenden Classen und ihrer Erbitterung gegen den Hof, das Heer der Beamten und die privilegirten Stände einen Begriff machen. Dieser Unwille des Volks stieg aufs höchste, als bei der beginnenden Finanzkrisis die furchtbare Verschleuderung der öffentlichen Gelder an das Licht trat. Die Kriege Ludwig's XIV., seine Baulust und seine Prachtliebe empörten das gesunde Gefühl des Volks lange nicht so sehr als die übermüthige Verschwendung einer Pompadour und Dubarri unter Ludwig XV. Unter ihm kamen die sogenannten Vccpiit- L comptant, eigenhändige Quittungen des Königs an die Staatskasse über empfangene Gelder, auf, welche die Quelle und der Deckmantel der gröbsten Unordnungen wurden. Noch unter Ludwig XVI. betrug die Summe der auf gleiche Weise (Orclonnances su pnrteur) dem Schatze entzogenen Gelder, nach dem geheimen Kassenbuche (luvre rouge) des Königs, gegen 86» Mill. Livres, die insgesammt zu geheimen Gratificarionen und Pensionen für den Hofadel verwendet worden waren. Durch nichts konnte die franz. Revolution bei ihrem Beginn mehr an Kraft gewinnen als durch die Wankelmüthigkeit Ludwig's XVI. und die Anschläge des Hofs und des Adels. Den Widerstand gegen die vernünftigen Federungen der VolkSdeputirten hatte am 17. Juni 1789 zur Constituirung der Nationalversammlung (s. d.) geführt; er führte am 2». Juni zu dem feierlichen Eidschwur der Deputirtcn im Ballhause (srrment <1u jeu kes»me). Diesen Acten des souverainen Volkswillens folgte ein dritter, als die Versammlung nach der königlichen Sitzung vom 23. Juni, welche die Herstellung der alten Stände bezweckte, die Unverletzlichkeit ihrer Mitglieder und jede Gewaltthat gegen dieselben für Hochvcrrath erklärte. Der von seiner Umgebung geleitete König ließ hierauf unter dem Marschall Broglio (s. d.) ein starkes Truppencorps zusammenziehen, löste das Ministerium auf'und verbannte Necker über die Grenze. Diese feindlichen Maßregeln verursachten am 12. Juli zu Paris den ersten blutigen Aufstand; am 13. erfolgte die Errichtung der Nationalgarde und einer revolutionai- ren Municipalbehörde; am l-t. eroberte das bewaffnete Volk die Bastille (s. d.). DieBe- wegung theilte sich schnell den Provinzen mit, überall entstanden Nationalgarden und Mu- miipalitäten, und die königliche Gewalt lag auf allen Punkten gebrochen. Jetzt erst versöhnte sich der König mit der Versammlung und suchte die Hauptstadt zu beruhigen, indem er Necker zurückrief, B a il ly (s.d.) als Maire und Lafay ette (s.d.) als Befehlshaber der National- garde bestätigte. DieköniglichenPrinzen waren die Ersten, welche auswandertcn. (S. E mi - gran ten.) Am 4. Aug. hob die Nationalversammlung alle Feudalrechte und persönlichen Lasten aus und ließ darauf die Erklärung der Menschenrechte (s. d.) folgen, womit auch der Umsturz der alten Gescllschaftsverfassung begonnen hatte. Die Streitigkeiten über das Veto (s. d.), die beabsichtigte Flucht des Hofs, eine Orgie, die am I. Oct. das Leibregiment Flandern im Schlosse zu Versailles feierte, wobei unter den Augen der königlichen Familie die Nationalfarben beschimpft wurden, überdies Hungersnoth, führten zu Paris von neuem zu Zusammenrottungen. Am S. Oct. zog ein wüthender Volkshaufe nach Versailles, gefolgt von <»»»» M. franz. Garden und Nationalgarden, die Lafayette vergebens zurückzuhalten versuchte; es begann am 6. eine Metzelei mit den Leibgarden des Schlosses, die zur Folge hatte, daß der König mit seiner Familie und später auch die Nationalversammlung ihren Sitz nach Paris verlegen mußten. Die Versammlung war indeß im Verfassungswerke so weit vorgeschritten, daß sie im Nov. eine neue Organisation des Landes begann. Die alten Provinzen wurden durch 83 Departements ersetzt, die in Districte und Cantone zerfielen; die Wahl der Dcrwaltungsräthe vollzogen alle activen, den Werth dreier Arbeitstage steuernden Bürger. Die activen Bürger wählten auch die Wähler, und diese die Deputirtcn der Nationalversammlung. Jedes Departement erhielt einen Civil - und einen Criminalge- richtshof, jeder Canton ein Friedensgericht. Alle, die an der alten Ordnung ein Interesse hatten, besonders der Adel und die Geistlichkeit, protestirten gegen diese Reform und suchtet das Volk aufzuwiegeln. Um dem Klerus den Einfluß abzuschneiden und der Finanznoth ab- zuhelsen, confiscirte nach langen Debatten die Versammlung am 2. Dec. die sämmtlichcn 436 Frankreich (Zustand während der Revolution) Kirchengüter, was bald darauf zur Creirung der Assignaten (s. d.) führte. Eine neue, dem Lande augepaßte Verfassung des Klerus, die Aushebung der geistlichen und weltlichen Orden, Corporalionen und Titel, steigerten den Haß und die Umtriebe der Privilegirten. Unter diesen Wirren beschworen am >4.Juli 1790, am Jahrstage der Erstürmung der Bastille, der König, die Staatsgewalten und die Deputaten der Departements (beeleres) auf dem Marsfelde die neue Verfassung. Mit dieser Errichtung des konstitutionellen Throns schien jede Versöhnung, jeder Friede gewichen. Zu Nancy empörten sich drei Regimenter gegen ihre alten Befehlshaber, die der zu Metz commandirende Bouille (s. d.) nach hartem Kampfe unterwarf; ein Theil des Klerus verweigerte auf Geheiß des Papstes den Bürger- eid; die politischen Clubs, besonders die Jakobin er (s.d.) erhitzten dieKöpfe und regten die Massen auf; die Nationalversammlung selbst war in Constitutionelle, Demokraten und Anhänger des Hofs gespalten. Am 2. Apr. 1791 starb Mirabeau (s. d.), der einzige Charak- ter, der den Thron gegen Männer, wie Robespierre, Maral, Danton, Desmoulins, hätte aufrecht erhalten können. Zugleich nahm die Auswanderung des Adels überhand. Der Prinz von Conds bildete zu Worms, der Graf Artois zu Koblenz ein Emigrantencorps. Ostreich, der König von England, als Kurfürst von Hannover, die Schweiz, Spanien und Sardinien schlossen am 20. Mai 1791 zu Mantua ein Bündniß gegen Frankreich und kündigten dem Könige ihre Hülfe an. Ludwig XVI., entschlossen, seine Sache selbst zu vertheidigen, machte auf Veranstaltung Bouille"s in der Nacht vom 20. Juni mit seiner Familie den unglücklichen Fluchtversuch ins Lager von Montme'dy, wurde aber am 22. zu Varennes (s. Drouet) verhaftet und nach Paris zurückgeführt. Die Nationalversammlung hatte unterdessen nicht versäumt, auch die ausübende Gewalt an sich zu nehmen; sie suspendirte den König vorläufig und setzte eine Untersuchungscommission ein, die jedoch des Königs Unverletzlichkeit geltend machte. Der Rest von Achtung, die man dem Monarchen bisher noch gezollt, war mit diesem Ereignisse verschwunden; man betrachtete die Flucht als Verrath und wünschte sich Glück, der Gefahr eines Bürgerkriegs entgangen zu sein. Die republikanische Partei, darunter Robespierre, Petion, Desmoulins und Danton, erhob nun ihr Haupt und arbeitete an der Absetzung des Königs und einer zweiten Revolution. Ein zu diesem Zwecke veranlaßter Auslauf am 17.Juli wurde nicht ohne Blutvergießen durch Lafayette gedämpft, der dadurch seine Popularität verlor. Am 14. Sept. beschwor der König die Constitution vom 0. Sept. 1791. Zufolge derselben übte die aus 747 Mitgliedern bestehende, alle zwei Jahre sich erneuende Nationalversammlung die gesetzgebende Gewalt allein, während der König die exc- cutive mit einem suspensiven Veto erhielt. Inzwischen hatte Preußen mit den übrigen Mächten den Vertrag zu Pilnitz gegen die Revolution geschlossen. Während sich am 30. Sept. die Constitüirende Versammlung auflöste, um der Gesetzgebenden Platz zu machen, eilten 100000 M. Nationalgarden zur Vertheidigung der Grenze. Die Wahlen zur Gesetzgebenden Versammlung, die alle vorige Mitglieder ausschloß, brachten die Demokraten ans Ruder. Die Versammlung begann am l.Oct. 1791 ihre Sitzungen; die äußerste constitutionelle Partei, die sich auf den Mittelstand stützte, waren die Girondisten (s. d.), die Demokraten oder Republikaner hatten den Jakobinerclub zu ihrem Rückhalt, wo Robespierre (s. d.) herrschte. Die Emigration, die Eidesweigerung des einen Theils der Geistlichkeit, die Protestation der auswärtigen Höfe und die royalisti- sehen Aufstände in Calvados und der Vende'e steigerten die Aufregung und zwangen die Versammlung zu harten Maßregeln. Mehre Decrete erklärten die Emigranten für Vaterlands- verräthcr und die widerspenstigen Priester für Empörer. Der König verweigerte den Decre- ten die Zustimmung und erregte dadurch den Unwillen der Demokraten wie der Girondisten. Im Dec. stellte man 160000 M. unter Waffen und setzte de» Prinzen Conds und den Grafen Artois in Anklagestand. Auf Antrag des Königs und des Ministers Dumouricz ward am 20. Apr. 1792 der Krieg gegen Ostreich einstimmig beschlossen. Bei der Nachricht von der ersten Niederlage der Franzosen wurde die Aufregung der Massen ungeheuer. Die Versammlung erklärte sich in Permanenz und decretirte die Zusammenziehung eines Lagers von 29000 M. födcrirter (Nakionalmiliz) in der Nähe von Paris. Als der König, seine Hoffnung auf das Vordringen des Feindes setzend, am 8. Juni diesem Vorschläge die Zustimmung versagte und das Ministerium Roland (s. d.) abdankte, verlor er selbst die Stütze Frankreich (Zustand wahrend der Revolution) 437 der Girondisten. Nicht ohne ihre Veranlassung erschienen am 20. Juni die bewaffneten Haufen der Vorstädte vor der Versammlung und verlangten die Abschaffung des königlichen Veto. Am Morgen waren aus Furcht vor diesen Haufen die Tuilericn mit Kanonen und Nationalgarden beseht worden; gegen Mittag drangen die Massen in das Schloß, verlangten die Vollziehung der Decrete und schmähten und ängstigten die Glieder der königlichen Familie, bis Petion (s. d.) am Abend das Volk entfernte. Die Nationalversammlung, um den Ansichten des Königs entgegenzutrcten, erklärte am 5. Juli das Vaterland in Gefahr, ries Freicorps zusammen und bewaffnete das Volk mit Piken. Die Preußen waren nach dem Manifeste des Herzogs von Braunschweig in die Champagne eingerückt. Während die Jakobiner die Vorstädte in Aufruhr setzten und den marseiller Pöbel an sich zogen, verhandelte am 9. Aug. die Versammlung die Absetzung des Königs; doch mußte die Sitzung vor der Wuth des andringenden Volks aufgehoben werden. Am 10. Aug. erhoben sich die pariser Sectionen, setzten einen rcvolutionairen Bürgerrath ein und griffen gegen Abend die starkbewaffneten, im Innern von den Schweizern vertheidigten Tuilericn an. Die Nationalgarden, über die Gegenwart der Hoflcute entrüstet, weigerten sich, auf das Volk zu schießen, und so sah sich der König endlich genöthigt, mit seiner Familie in den Schoos der Nationalversammlung zu flüchten. Nichtsdestoweniger dauerte der Kampf fort, in welchem die Schweizer zumeist niedergemetzelt wurden. Auf Vergniaud's Antrag wurde der König vorläufig seiner Macht entkleidet; die gicondistischcn Minister wurden wieder eingesetzt, den Beschlüssen der Versammlung Gesetzeskraft zugesprochen und die Zusammenberufung eines Nationalconvents angeordnet. Den König führte man am 13. Aug. als Gefangenen mit seiner Familie in den Tempel. Der constitutionelle Thron, die Verfassung von 1791 und der Einfluß aller Anhänger des Königthums waren nun vernichtet. Die pariser Gemeinde, an deren Spitze die wüthendsten Jakobiner standen, nöthigte die Versammlung zur Einsetzung einer Gerichtscommission, die über die Verschworenen des 10. Aug., wie man die Anhänger des Königs nannte, Untersuchung verhängen sollte; alle unbeeide- ten Priester wurden aufgesucht und eingekerkert. Die Fortschritte der Preußen in der Champagne setzten die Hauptstadt in grenzenlose Verwirrung und entzündeten den Fanatismus der Massen. Um die harrenden Royalisten in Schrecken zu setzen, schlug der Minister Danton (s. d.) die Errichtung eines Vertheidigungsraths vor. Nicht ohne sein Anstisten begannen auf die Nachricht von der Einnahme von Verdun am 2. Sept. die furchtbarsten Blut- scenen. Die Barrieren wurden geschlossen, die Sturmglocke geläutet und ein von mehren Mitgliedern des Bürgcrraths geleiteter und bezahlter Pöbelhaufe mordete drei Tage hintereinander in den Gefängnissen die eingesperrten Priester und Royalisten. Die Nationalversammlung aber war zu ohnmächtig, um dem Greuel Einhalt zu thun; sie löste sich am 31. Sept. aus und der unter diesen Einflüssen gewählte Nationalconvent trat an ihre Stelle. Vgl. Lameth, „Uistoire Oe I'Xssemdlee constitu-inte" (3 Bde., Par. 1828). Als der Nationalconvent (s. d.) am 21. Sept. >792 seine Sitzungen begann, war die exaltirte, jakobinische Partei beiweitem der constitutionell gesinnten und gemäßigten Gironde an Zahl überlegen. Erstere, weil sie die erhöhten Bänke zur Linken einnahm, erhielt den Namen des Bergs; die Girondisten besetzten die Plätze zur Rechten; die große charakterlose Masse, die sich zwischen den wortführenden Parteien in der Ebene befand, wurde mit dem Spottnamen Morast belegt. Auf Collot d'Herbois' (s. d.) Antrag wurde F. am 25. Sept. unter stürmischem Beifall zur Republik erklärt. Auch nach außen hatte die Revolution den Sieg errungen. Die Preußen zogen sich zurück, Belgien wurde erobert, Custine nahm Trier, Speier und Mainz, Montesquieu überzog Savoyen. Der Einfluß des Bergs und der Jakobiner erlangte dadurch außerordentliche Stärke. Der mit dem 5. Dec. beginnende Proceß des Königs regte die Leidenschaften furchtbar auf und gestaltete sich sogleich zum Kampfe des Bergs mit der Gironde. Am 20. Jan. 1793 endlich wurde das Todesurtheil über Ludwig XVl. (s. d.) gesprochen und am 21. vollzogen. Das Schicksal und die Lage F.S hatten dadurch eine unermeßliche Veränderung erlitten; die Bergpartei hatte mit den Girondisten und allen Gemäßigten für immer gebrochen und den Gang der Ereignisse auf sich genommen. In allen Theilen des Landes entstand Aufruhr; dieVendee (s. d.) bedrohte die Hauptstadt; England, Holland, Spanien, Neapel und das Deutsche Reich verbanden sich 438 Frankreich (Zustand während der Revolution) gegen die Revolution. Der Berg und die Jakobiner begannen nun 'die Rettung derselben durch die Herrschaft des Schreckens. Einen Augenblick gedachte man den Herzog von Or- leans (s. d.), Egalite genannt, zum Protector des Reichs zu erheben. Doch dieser hatte nichtdenMuth, darauf einzugehen. Am9. MärzwurdeaufDanton'sBetriebdas Nevolu. tionstribunal (s. d.) errichtet und mit blutdürstigen Männern besetzt. Die Eroberung Belgiens durch Dumouriez (s. d.) zog auch dort die Errichtung des revolutionaircn Regi- menrs nach sich, wogegen derselbe als constitutione!! Gesinnter protestirte. Um dem Kouver- nement revoliitionnsirs mehr Kraft zu geben, trat am 6. Apr. unter Marat und Danton der Wohlfahrtsausschuß (s. d.) ins Leben, der den Vereinigungspunkt der revolutio- nairen Häupter und ihrer Politik bildete. Wenige Tage später hob man die Unverletzlichkeit der Volksdeputirten auf; dies war die Einleitung zum Verfahren gegen die Girondisten. Auf Marat's Anstiften mußten mehre Deputationen der pariser Gemeinde die Gironde vor dem Convente der Theilnahme an Dumouriez's Abfall zeihen und auf ihre Anklage dringen. Als auch dies nicht fruchtete, entwarf der Bürgcrrath, an dessen Spitze Hebert stand, den Plan, die Girondisten zu ermorden. Die Bedrohten beantragten hierauf eine Untersuchung^ commission, die Hebert verhaftete und den Rath auflöste. Dieser Schritt gab das Zeichen zum Aufstande. Die Banden der Vorstädte vereinigten sich und erschienen am 3 l. Mai bewaffnet vor dem Convente, um die Proscription von 34 Girondisten zu fodern. Am 2.Juni wurde der Streich, wobei der Jakobiner Henriot die Banden anführte, durchgesetzt und die Ächtung der Girondisten als Vaterlandsverräther erlangt. Die Meisten derselben waren in- beß entkommen; die, deren man habhaft werden konnte, wurden hingerichtet, ihre Fürsprecher vertrieben. Das Volk in den Provinzen aber zeigte sich über diesen Umsturz aller Gesetzlichkeit entrüstet und griff überall zu den Waffen. General Wimpfen zog unter dem Namen Lssembloe lies Departements reunis in Bretagne, Luines und Caen ein nicht unbedeutendes Corps zusammen, das er gegen die republikanischen Truppen führte und mit dem er Paris zu nehmen gedachte. Marseille, Bordeaux und andere bedeutende Städte des Südens nahmen die Partei der Girondisten; Lyon wurde durch die Royalisten zur Lossagung von der revolutionaircn Negierung bewogen. In diesen Wirren beschwor der Convent am l v.Aug. 1793 auf dem Marsfelde eine neue Verfassung, die jedoch sogleich bis zum Ende des Kriegs suspendirt wurde. Dieselbe war ganz auf eine reine Demokratie berechnet. Alle Gewalten, Behörden und selbst die jährliche Nationalversammlung gingen aus Primairversammlungen hervor, zu denen Jeder, auch der ganz Besitzlose, Zutritt hatte. Der Convent entwickelte aber eine großartige Thätig- kekt nach innen und außen. Er befahl die Verhaftung aller Verdächtigen und die Erhebung des Volks in Masse. Carnot (s. d.) wurde im Aug. an die Spitze des Heerwesens gestellt; mehr als eine Million Bürger wurden mobil gemacht und nach allen Punkten und Grenzen des Reichs entsendet. An die Stellen der entlassenen girondistischen Generale traten die Republikaner Pichegru, Hoche, Moreau, Westermann, Dugommier, Marceau, Kleber u. A. Der Enthusiasmus mußte die Disciplin ersetzen; durch Requisitionen wurde das Nöthige geschafft; Alle hatten in den glänzenden Feldzügen von 1793 und 1794 nur die Wahl, entweder zu siegen oder zu sterben. Der Krieg im Innern dagegen wurde immer gräßlicher; in der Vende'e, die 40V00 M. unter den Waffen hatte, begann ein wahres Morden. Die Greuel, welche die republikanischen Truppen in dem überwundenen Marseille und Bordeaux verübten, veranlaßten Toulon, sich am 29. Aug. an die Engländer zu übergeben. Am 9. Oct. wurde Lyon genommen, wo, unter Leitung der Conventsdeputirten Collot d'Herbois, Cou- thon und Fouche, ein furchtbares Gericht über die unglücklichen Bewohner erging. Auch Toulon wurde zu Ende des November erobert und schrecklich verwüstet. Eine sogenannte Revolutionsarmee von 6909 M. schlecht bezahlter Sansculotten (s. d.) durchzog alle Provinzen des Reichs und verbreitete mit den Conventsdeputirten Tod und Schrecken. Um dem Volke wohlfeile Lebensmittel zu verschaffen, hatte man das Maximum des Preises bestimmt. Zu Paris, wo alle bürgerliche Beschäftigung der arbeitenden Classen aufhörte, mußte man die bewaffneten Pöbelhaufen sogar unterhalten. Am 6. Oct. wurde eine neue Zeitrechnung und ein neuer Kalender (s. d.) cingeführt. Auch das Christenthum wurde nun abgeschafft und dafür durch Hebert und seine cynischen Genossen von Seiten der pariser 439 Frankreich (Zustand während der Revolution) Gemeinde derCultus der Vernunft eingcführt. Der Wohlfahrtsausschuß, der feit dem Siege über die Girondisten die Revolutionshäupter vereinigte, hatte jeht alle Gewalt an sich gerissen und war gewohnt mit Hülfe der Jakobiner und der Massen die souveraine Herrschaft zu üben. Das Treiben der ultrarevolutionairen Hebectisten mußte ihm, besonders aber Ro- besxierre misfallen, dessen Plane sie durchkreuzten und dessen Ansehen beim Pöbel sie zu untergraben drohten. Nach einem kurzen Kampfe mit den gemäßigter» Gliedern des Ausschusses wurden deshalb am 13. März 1704 die Hebertistcn, 20 an der Zahl, ergriffen und als Lasterhafte und Vaterlandsverräther am 2a. hingerichtet. Da die Partei Danton's, die nach so viel Greuel und Blutvergießen einen gesetzlichem Weg einschlagen wollte, Nobes- pierre ebenfalls im Wege stand, so wurden auch Danton und seine Freunde, nachdem No- bcspierre's Anhang am 31. März ihre Verhaftung durch gesetzt, des Noyalismus angeklagt, und mußten am 5. Apr. das Schasst besteigen. Robespierre, Saint-Just und Couthon bildeten nun ein schreckliches Triumvirat. Alles war zu einer neuen Revolution bereit, die den Convent stürzen und Robespierre die Dictatur verleihen sollte. Die Herstellung einer vollständigen Demokratie und eine gänzliche Umwandlung des Geistes und der Sitten F.s war die Absicht dieser Männer. Zunächst führte Robespierre den Cultus des höchsten Wesens ein. Dann mußte Couthon auf eine schnellere Justiz des Revolutionstribunals und auf ein Gesetz antragen, nach welchem die Ausschüsse das Recht erhielten, die Deputirten eigenmächtig vor das Tribunal zu stellen. Mit Furcht und Schrecken gab endlich der Convent nach, und Robespierre begann nun die Hinrichtungen in Masse (lonrnees). Als sich die Mitglieder des Wohlfahrts- und des Sicherheitsausschusses diesem furchtbaren Despotismus, der auch sie bedrohte, widersetzten, wendete sich Robespierre an die Gemeinde und die Jakobiner, die ihm blind ergeben waren. Am 8. Thermidor (26.Juli) verlangte er von dem zitternden Convente die Erneuerung der Ausschüsse, aber vergebens. Endlich am 0. Thermidor, als Saint-Just seine Anklagen und Drohungen zu entwickeln begann, gab Tallien dem Convente die Sprache; alle Mitglieder erhoben sich, schwuren die Republik zu retten und ließen Robespierre mit seinem Bruder, Saint-Just, Couthon und Lebas verhaften. Gleiches geschah mit Hcnriot, den Anführer der pariser Banden, der den Angriff auf den Convent schon vorbereitet hatte. Am Abend gelang es indcß den Jakobinern, die Gefangenen zu befreien. Henriot richtete nun seine Kanonen und Banden gegen den Convent, der Barras zum Commandanten der Nationalgarde ernannte, die Aufrührer außer dem Gesetz erklärte und mit Hülfe der Sectionen einen vollständigen Sieg davon trug. Schon am 28. Juli mußte Robespierre das Schafot best«', gen; auch wurden 76 andere Terroristen theils hingerichtet, theils ausgestoßen. Das Volk hatte durch das System des Schreckens furchtbar gelitten; namentlich der Mittelstand sehnte sich nach Ruhe. Es bildete sich unter Fre'ron eine Art Leibwache des Convents aus den Söhnen der wohlhabenden Bürger, die sogenannte „Goldene Jugend", die mehre Monate hindurch fast tägliche Kämpfe mit dem Pöbel und den Jakobinern zu bestehen hatte. Am 1 l. Nov. wurde endlich der Herd aller Unruhen, der Jakobinerclub, geschlossen und bald darauf erfolgte das Verbot aller Volksgesellschasten. Die 73 Deputirten, die gegen den 3 l. Mai pro- testirt hatten und alle andere Geächteten, wurden zurückgerufen. Die Hungersnoth und das Sinken der Assignaten auf den fünfzehnten Theil ihres Nennwerths gaben jedoch immer wieder Gelegenheit zu Aufständen. So vereinigten sich am 13. Germinal (2. Apr. 17S5) die Jakobiner mit den Vorstädten zu einem Überfalle des Convents, wurden aber von den Sectionen zurückgeworfen. Noch heftiger brach am >. Prairial (20. Mai) die Emeute aus; die Vorstädte St.-Antoine und Marceau federten vom Convente Brot, die Constitution von > 783 und die Befreiung der Patrioten, und es gelang ihnen sogar, die Versammlung auseinander zu treiben, Hs die Sectionen den Kampfplatz behaupteten. Am 2 3. Mai ordnete hier- ausder Convent die Entwaffnung der Vorstädte an, und die demokratische Partei, khrer Führer und ihrer Clubs beraubt, verlor hiermit allen Einfluß. Dafür wurden die Städte des Sü- dens, wohin die Jakobiner ausgewandert waren, die Schauplätze gräßlicher Emeuten und Mordscencn. Die durchgreifende Reaction, die im Convente, wie in der Gesellschaft seit dem Sturze der Schreckensherrschaft begonnen, machte sich auch in der neuen Verfassung geltend, welche, im Laufe des Sommers entworfen, die politische Gewalt gänzlich in die Hände des Mittelstandes legte. (S. Direktorium.) Die Bestimmung, daß zwei D'rittheile desCon- 440 Frankreich (unter dem Directorium) vents für das erste Mal in den Gesetzgebenden Körper treten sollten, um die Wahlumtriebe der Demokraten wie der andringenden Royalisten zu verhindern, rief am >3. Vendcmiaire (4. Oct.) einen von den Royalisten geleiteten Aufstand der pariser Scctionen hervor, der drohender als alle frühere war. Der Convent verschanzte sich in den Tuilerien, bildete eine Armee des Innern, über welche er Barras den Oberbefehl ertheiltc, der seinerseits den als Jakobiner entsetzten General Bonaparte zum Gehülfen annahm. Durch des Letztem Anordnungen wurde die Empörung mit einem großen Blutbade gedämpft. Am 6. Oct. mußten auch die Sectionen ihre Waffen niederlegen. Noch in der letzten Zeit ordnete der Convent ein neues Unterrichtswesen an; er stellte die freie Religionsübung her und erließ eine allgemeine Amnestie. Nach außen hatte F. die größten Siege errungen und einen Territorialzuwachs von 15 Departements erhalten. Mit Preußen war im Apr., mit Spanien im Juli >795 der Friede geschloffen worden; die Östreicher waren über den Rhein, die engl.-holländ. Armee bis an den Texel gedrängt; Domingo war an F. abgetreten, und die Vendee lag durch Niederlagen erschöpft. Am 26. Oct. >795 (-1. Brumaire des Jahrs IV) löste sich der Convent auf, und am 28. begann die Dircctorialregierung. Die ftanz. Revolution hatte hiermit ihren Wendepunkt genommen. Der alte Staat und die alte Gesellschaft waren zerstört; die große Masse des Volks, im Kampfe der einzelnen Nassen um die Herrschaft ermüdet, verlangte Ruhe und wendete sich wieder den bürgerlichen Geschäften zu. Die neue Verfassung trug den Charakter der Ordnung und Versöhnung. Während sie die vollziehende Gewalt in ein Directorium von fünf Mitgliedern vereinigte, vertheilte sie die Gesetzgebung an zwei Körper, an den Rath der Alten und den der Fünshun- dert. Wer irgend eine directe Steuer zahlte, hatte zwar als ackiver Bürger Zutritt zu den Primairversammlungen, welche die Wähler wählten; allein der Wähler selbst mußte in den Städten das Einkommen von 260 Arbeitstagen, auf dem Lande von 150 Nachweisen. (S. Directorium.) Das demokratische, in den Emeuten nach dem Thermidor wehrlos gemachte Element, das die Einführung der Constitution von >793 als die Befestigung seiner Herrschaft betrachtete, war mit dieser Wendung des Staatslebens allerdings höchst unzufrieden. Unter Leitung des Schwärmers Babeuf (s. d.), Darthe's und Buonarotti's (s. d.) begannen deshalb die reinen Demokraten eine weitläufige Verschwörung, mit der sie auf Grund der Constitution von >793 eine völlige Gleichheit im öffentlichen Leben, selbstim Besitze, bezweckten. Vgl. „H ccmjurstion cleVubeul" (Brüss. 182 >). Diese Verschwörung wurde aber verrathen und nach langer Untersuchung am 25.Mai >797 mit der Hinrichtung Babeufs und Darthe's bestraft. Als die Direcloren Barras (s. d.), Newbell, Lareveillere, Letourneur und Carnot die Regierung antraten, hatten sie alle Zweige der Verwaltung, besonders aber die Finanzen, in furchtbarer Zerrüttung gefunden. Eine gezwungene Anleihe, die weitere Emission von Assignaten, die Creirung von Territorialmandaten auf die Nationalgüter vermochten weder dem Schatze noch dem öffentlichen Credit überhaupt aufzuhelfen. Die militairische Lage der Republik war nicht minder nüslich. Die Vendee stand im Aufruhr, und England, Ostreich und Rußland hatten sich nach dem Frieden zu Basel aufs neue zum Kriege verbunden. Der Rhein war durch das verräterische Benehmen Pichegru 's (s. d.) bloßgegeben, und die westlichen Küsten und Holland waren mit der Landung der Engländer bedroht. Die Armeen, namentlich die ital. unter Scherer und Kellermann, befanden sich im Zustande der Auflösung. Hoche wurde daher in die Vendee geschickt, wo er auch den Bürgerkrieg bis zum Juni l 7 96 völlig dämpfte. Carnot aber entwarf den Plan, nach welchem ^ die ftanz. Heere von Italien und dem Rhein aus zugleich in die östr. Monarchie Vordringen h und den Krieg auf fremde Kosten führen sollten. Bonaparte erhielt den Befehl in Italien; er griff im Frühjahre 1796 die dreimal stärker« Heere der Östreicher und Piemonteser an, siegte im Apr. bei Montenotte, Millesimo, Mondovi und zwang den König von Sardinien zu einem Waffenstillstände und der Abtretung von Savoyen, Nizza, Tenda und Beuil. Im " Mai ging das republikanische Heer über den Po; es schlug die Östreicher unter Beaulieu (s. d.) am > 1. bei Lodi, schloß mit Parma, Modena, Neapel und dem Papste unter schweren Bedingungen Waffenruhe und belagerte Mantua. Ein zweites östr. Heer unter Wurm - ser (s. d.) wurde im Aug. bei Lonato, im Sept. bei Roveredo, Primolano, Bassano und Ceres geschlagen. Am > 5. Nov. endlich unterlag ein drittes Heer unter Alvinzi in der Schlacht 441 Frankreich (unter dem Direktorium) ' bei Arcole. Auch Iourdan (s. d.) und M oreau (s. d.) waren siegend über den Rhein gedrungen. Letzterer hatte schon den Lech überschritten, um seinen rechten Flügel mit der repu- Manischen Armee in Tirol zu vereinigen, als ihn Jourdan, der am -1. S.ept. bei Würzburg vom Erzherzoge Karl (s. d.) geschlagen worden war, veranlaßte, den berühmten Rückzug hinter den Rhein anzutreten. Unterdeß hatte Bonaparte im Jan. 1797 die dreitägige Schlacht bei Rivoli gewonnen, Mantua genommen und den Papst am 19. Febr. zum Frieden von Tolentino und der Abtretung von Bologna, Ferrara, Romagna gezwungen. Ein fünftes östr. Heer unter dem Erzherzoge Karl wurde ebenfalls aus Italien gedrängt und Friaul cr- f obert, wahrend Joubert in Tirol vordrang. Der Waffenstillstand zu Leoben am 8. Apr. setzte diesen republikanischen Siegen ein Ziel. Ostreich verzichtete auf Belgien, erkannte die Cisalpi Nische Republik (s. d.) an, und F. sah sich binnen elf Monaten als Obcrherrn von ganz Italien. Auch aus dem genuesischen Gebiete hatte Bonaparte am 22. Mai eine Li- gurische Republik (s. d.) gebildet; zugleich trat F. im Aug. mit Spanien in Bündniß. Frankreich stand jetzt nach außen auf dem Gipfel einer Macht, die seine Könige unter den verzehrendsten Opfern vergeblich erstrebt hatten, und doch litt es im Innern an den Wunden der Revolution. Obgleich das Directorium aus Italien und Deutschland unermeßliche Summen bezogen, die geistlichen Güter in Belgien und am linken Rheinufer verkauft, eine Grund-, Personen-, Gewerbsteuer und viele andere Auflagen eingeführt hatte, fand es doch kein Mittel, die Staatsgläubiger zu befriedigen, sodaß es sich genöthigt sah, im Sept. 1797 die öffentliche Schuld auf einmal um zwei Drittheile herabzusetzen. Durch diesen Staatsbankrott wurde der Werth der Assignaten völlig vernichtet, und Lähmung des Verkehrs, Selbstmord, Elend und Unzufriedenheit folgten auf dem Fuße. Die royalistische Partei, die sich bei der Milde der Regierung überall eingedrängt hatte, benutzte diesen Zustand. Sie bemächtigte sich im Mai 1797 der Wahlen, brachte ihre Anhänger in die Räthe, den Royalisten ^ Barthe'lemy (s. d.) sogar bei Lctourneur's Austritt ins Directorium, und bereitete sich 1 überdies offen zu einem gewaltsamen Umstürze der Regierung vor. Das letztere bewog endlich dieDirectoren Barras, Rewbell und Lareveillere zu dem Staatsstreiche vom 18. Fructidor (s. d.). Der gewaltsamen Vertreibung aller royalistischen Räthe folgten zugleich terroristische Gesetze gegen die Privilegirten, die dadurch wieder aus dem Staate und der Gesellschaft getrieben wurden. An die Stelle der Guillotine trat jedoch die Verbannung; auch Carnot (s. d.) und Barthelemy unterlagen dieser Strafe, und ihre Plätze nahmen Merlin de Douai und Treilhard ein. Diese Revolution, die unter Mitwirkung des Heers durchgesetzt wurde, zog die Herrschaft der strengrepublikanischen Partei nach sich. Die Friedensunterhandlungen zu Lille mit England waren zwar abgebrochen worden; mitÖstreich aber kam am 17. Oct. der Friede zu Campo-Formio zu Stande, in welchem die franz. Republik noch die sieben Jonischen Inseln Venedigs und in geheimen Artikeln auch das linke Rheinufer zugesichert erhielt. Um das Heer, seine einzige Stütze, nicht aufzulösen, aber auch um den ehrgeizigen General Bonaparte zu entfernen, wurde jetzt das Directorium zu der Unternehmung nach Ägypten und zum Einfall in die Schweiz getrieben. Unter dem Vorwände einer Landung in England wurde eine Flotte von 409 Schiffen ausgerüstet, die am >9. Mai 1798 mit30000 M. der besten Truppen von Toulon auslief, am 12. Juni Malta wegnahm und am 2. Juli bei Alexandrien landete. (S. Napoleon.) England zitterte vor Furcht und Zorn, denn es sah sich jetzt möglicherweise in seinen ostindischen Besitzungen bedroht. Angeblich, weil die Schweiz der Herd royalistischer Umtriebe, ferner, weil F. nach alten Verträgen verpflichtet sei, den von der Eidgenossenschaft bedrückten Waadtländern Schutz zu verleihen, mußte Saint - Cyr (s. d.) noch im Dec. 17 9 7 in die Schweiz einbrechen. (S. Schweiz.) Dieser Feldzug hatte im Äpr. die Umbildung des Waadtlandes zur Lemanischen Republik, die Demokratisirung der Helvetischen Republik und im Aug. 1798 ein genaues Bündniß, endlich auch die Einverleibung von Genf, Biel und Mühlhausen mit F zur Folge.. Am >5 Febr. 1798 hatte auch Berthier (s. d.) aus dem Kirchenstaate eine Römische Re- - Publik gegründet, weshalb der Papst Pius VI. nach F. gebracht wurde. Diese schonungslose eroberungssüchtige Politik erbitterte aber alle Höfe, während die Völker gewöhnlich die republikanischen Heere als ihre Befreier ansahen. Nachdem Nelson die franz. Flotte bei Ab ukir (s. d.) vernichtet, und England die geringen Fortschritte und die schwierige Lage L42 Krankreich (unter dem Direktorium) Bonaparte's in Ägypten bemerkt hatte, arbeitete es während des Congreffes von Rastadl (s. d.) an einer zweiten allgemeinen Coalition, der Ostreich, Rußland, Neapel und die in Ägypten verletzte Pforte beittaten. Schon im Nov. 1798 hatte der König von Neapel, um den Papst zu rächen, ohne Kriegserklärung sein Heer unter dem östr. General Mack (s. d.) in den Kirchenstaat einrücken lassen. Das Directorium entwickelte zur Begegnung dieses drohenden Sturms von allen Seiten eine gewaltige Thätigkeit. Es führte eine regelmäßige Conscciption ein und stellte dadurch 209900 junge Streiter zur Verfügung der Republik. Der stanz. General Championnet (s. d.) drängte, nachdem er beträchtliche Verstärkungen erhalten, die Neapolitaner zurück, benutzte die in Neapel ausbrechenden Unruhen, um ' die Stadt, freilich nach einem sehr blutigen Kampfe, am 21 .Jan. 1799 zu besetzen, und pro- ! clamirte daselbst am 25. Jan. die Parthenopäische Republik, während Ferdinand IV. sich ' auf Sicilien beschränkt sah. Der General Joubert hatte indcß auch Piemont besetzt und den ' wankelmüthigen König von Sardinien zur Verzichtleistung auf dieses Land gezwungen. Mit dem Anfänge des Feldzugs war al,o ganz Italien in den Händen der Franzosen. Die Coalition griff nun F. von drei Seiten zugleich an. Ein starkes östr. Heer fiel in das Gebiet von Mantua, schlug am 5. und l 5. Apr. die Armeen Scherer's an bei Etsch, vereinigte sich mit den Russen unter Suworow (s. d.) und zwang Moreau, deren Scherer's Stelle den Befehl übernommen, zum Rückzuge. Auch Jourdan wurde vom Erzherzoge Karl an der Ostrach am 21. März und bei Stockach am 25. geschlagen und zurück- gedrängt, und sein Nachfolger, Lenouf, mußte sogar das Heer über den Rhein zurückführen. Zu gleicher Zeit landete am 30. Aug. der Herzog von Aork mit 40000 M. in Holland uni näherte sich den stanz. Grenzen. In dieser bedrängten Lage der Republik erfolgten die Wahlen von l 799, die der republikanischen Partei noch mehr Übergewicht als im vorigen Zahn gaben, wo das Directorium die meisten Wahlen gewaltsam annullirt hatte. Während das Directorium jetzt Rewbell, seinen einzigen kräftigen Charakter, verlor, trat Sieyes (so.) . an dessen Stelle, ein Feind der Constitution vom I. III, der den Plan gefaßt hatte, durch eim > selbstausgearbeitete Verfassung der Republik eine sichere Grundlage zu geben. Mit diesem Siege erklärten sich nun sogleich die Räche in Permanenz und zogen das Directorium über die Lage des Staats zur Rechenschaft. Treilhard, Merlin und Lareveillere mußten austte- ten, G oh i er (s. d.), Moulins und Roger Ducos (s. d.) traten an ihre Stelle. Glücklicherweise für das innerlich neuen Erschütterungen preisgegebene F. kehrte ihm das Wis fenglück am Rhein zurück. Suworow hatte zwar am 15. Aug. das stanz. Heer unter Hubert und Moreau bei Novi geschlagen, allein die Östreicher trennten sich von ihm, sodaß ei sich in die Schweiz wenden und daselbst mit einem andern russ. Corps unter Korsakow uneinigen mußte. Massen« (s. d.) schlug vom 25.—27. Sept. dieses vereinigte Heer bei Zürich, und am 25. warf Soult (s. d.) eine östr. Heersabtheilung unterHotze. In Holland aber drängte Brune (s. d.) den Herzog von Aork zurück und nöthigte denselben nach dm Siegen bei Bergen am 19. Sept., Alkmaar am 2. Oct., Reverwijk am 6. Oct. zur Kapitulation. Die Unzufriedenheit der Parteien und die Lage des von Allen verlasftnen Directo- riums änderte sich dadurch nicht. Selbst die strenger« Republikaner hatten die Überzeugung, daß der Staat nur durch die Vereinigung der Regierungsgewalt in einer kräftigen Hand gt- rettet werden könnte, und Jedermann war gespannt auf den Sturz der alten Verfassung und den Beginn einer neuen politischen Ordnung. Sieyes zögerte nur, weil er durch den Ted Jvubert's eines Generals beraubt war, der ihn unterstützen konnte. Aber auch Bonapartt, e dessen Ehrgeiz Sieyes und die Patrioten fürchteten, hatte die Lage der Republik nicht auS dem Auge gelassen. Er übergab, als er die Ereignisse kommen sah, den Oberbefehl über das ägypt. Heer dem General Kleber (s. d.) und landete am 9. Oct. 1799 in F-, um seine längst bedachte Rolle in der Katastrophe zu nehmen. Am 6. Nov. mußte sich endlst Sieyes mit ihm vereinigen, und am 9. Nov. (s. Brumaire) wurde die Constitution vom I. III mit der Directorialregierung durch Militairgewalt gestürzt. Die Überbleibsel der Räthe setzten hierauf in der Nacht vom 11. Nov. eine provisorische, aus drei Consuln desto hende Regierungsbehörde ein und wählten dazu Bonaparte, Sieyes und Roger DucoS. Diese arge Verletzung der Gesetzlichkeit und der Heiligkeit der Volksdcputirten wurde nichts' destoweniger von den meisten Parteien mit Beifall begrüßt. Die Constitutionellen von I7SI ! ldl ' iv UM d.) eseS üg- ilik. M' UM ? >ro- ! sich! dm ! ;en. ' >eer bei an cm. liiii !ah^ >hri das M! ^ scm iber we> her- Saf. !0II- ßei oer- Zm and den itll' cto- gt- und !-d ule, f and ibir um lieb >°ni der :ste> ^ cos. hts- l9I Frankreich (unter dem Consulat) 443 glaubten durch monarchische Formen die öffentliche Freiheit nun begründet; die Royalisten sahen in dem Consulate den ersten Schritt zur Berufung der BourbonS; die Masse erblickte in Bonaparte eine Bürgschaft für die Herstellung der innern Ruhe und Ordnung; die strengen Republikaner endlich ließen sich durch die Sorgfältigkeit täuschen,, mit welcher von den neuen Machthabern der republikanische Charakter geschont und aufrecht erhalten wurde. Vgl. Thiers, „Histoire eis la revolntion frsny." (10 Bde., Par. 1823—27 und öfter). Ein Ausschuß der Räche erhielt nun den Auftrag, die Constitution vom Jahre Vlll zu entwerfen. Sieyes wollte seine Verfassung zu Grunde gelegt wissen; allein Bonaparte wohnte den Sitzungen bei und benutzte von Sieyes nur Das, was ihm für seine weitgehenden Plane tauglich schien. Schon am 27. Dec. trat diese neue Constitution in Kraft, und am 7. Febr. 18üv ward sie für angenommen erklärt. Dieselbe hatte scheinbar ein rein con- stitutionelles Gepräge, legte aber im Grunde die ganze politische Gewalt in die Hände dreier Konsuln, von denen wieder der erste der wahre Machthaber war, während ihm die beiden andern nur berathend zur Seite standen. Bonaparte theilte natürlich sich selbst die Rolle des ersten Consuls zu und ließ sich seine Gehülfcn in Cambace'res und Lebrun ernennen. (S. Consulat.) Sie waren alle drei auf zehn Jahre ernannt, konnten auch wieder erwählt werden und waren für ihre Regierungshandlungen unverantwortlich. Ein Erhaltungssenat (Sönat conzervsteur) von 80 Mitgliedern, gleichsam ein politischer Caffationshof, ernannte die Glieder des Gesetzgebenden Körpers, des Tribunals, des Cassationshofs und die Con- suln; dann mußte er auch die Acte aller dieser politischen Gewalten bestätigen oder verwerfen. Seine Mitglieder blieben lebenslänglich. Der Gesetzgebende Körper von 300 aus den Departements ernannten Mitgliedern wurde jährlich zum fünften Theil erneuert und sollte über die ihm vorgelegten Gesetzentwürfe entscheiden. Das Tribunal endlich von l00 Mitgliedern bildete die verfassungsmäßige Opposition gegen die Regierung und war bestimmt, über die Gesetzentwürfe zu verhandeln. Bei Besetzung der Ämter suchte Bonaparte alle Parteien, besonders aber die Republikaner zu berücksichtigen, weil diese sich nicht wie die Jakobiner und Royalisten bestechen ließen. Die Lage des Staats war nach allen Seiten hin gefährdet; es bedurfte der ganzen Energie und der ganzen Scharfsichtigkeit des ersten Consuls, um das Vertrauen und die Ruhe zu befestigen. Die unkluge Härte des Directoriums hatte den Bürgerkrieg in der Vcnde'e wieder hervorgerufen, die Finanzen waren zerrüttet, die Armeen waren durch die vielen Niederlagen aufgerieben. Bonaparte theilte zuvörderst die ganze Republik in 25 Militairdivisionen ein, deren jede ihren Commandanten und ihre Divisionen erhielt, wodurch die Empörungen unmöglich wurden. Dann suchte er durch Zugeständnisse die Ven- dce zu besänftigen, und als dieses nicht half, erklärte er die empörten Departements außer dem Gesetz und schickte den General Hedouville ab, der endlich am l8. Jan. 1800 unter der Bedingung einer völligen Amnestie den Frieden zu Stande brachte. Um den Finanzen aufzuhelfen, wurde ein neues Papiergeld geschaffen, der Stcuerfuß erhöht und, statt der gezwungenen Anleihe von 100 Will, auf die Güter der Ausgewanderten, die unter dem Di- rectorium so viel Haß hervorgerufen, eine gezwungene Anleihe von 12 Mill. bei den bedeutendsten Bankhäusern gemacht. Die Departementsverwaltung erhielt schon im Febr. eine gänzliche Umwandlung, indem an die Stelle der Näthe die Präfecten und Unterpräfecten, in den Municipalitäten die Maires traten, die gleich den Intendanten der frühem Zeit ihre politische Gewalt von der Regierung empfingen. Die Policei erhielt unter Fouche (s. d.) das Recht, die Preßfreiheit zu überwachen und in Schranken zu halten. Die Liste der Emigranten wurde aber geschlossen und überhaupt Jeder ausgestrichen, der die Waffen gegen F. nicht getragen hatte. Mit diesen Einrichtungen mußte auch das Heerwesen neu organisirt werden. Da F. erschöpft war, bot der erste Consul England und Ostreich den Frieden an, was aber verworfen wurde. Während nun Moreau am Rhein den Oberbefehl erhielt, übernahm ihn Bonaparte selbst in Italien, wo unter Melas die Östreicher das franz. Heer von allen Punkten verdrängt hatten und im Begriff standen, in die Provence einzufallen. Bonaparte zog deshalb im Mai 1800 mit seinem Heere über die Alpen, griff die Ostreicher im Rücken an und entschied Italiens Schicksal am l 4. Juni in der Schlacht bei Marengo. Die Ostreicher mußten hieraus, zufolge der Convention von Aleffandria am v.Juni, die Lombardei räumen und die Cisalpinische Republik trat wieder ins Leben. Mit 444 Frankreich (unter dem Consulat) gleichem Glück kämpfte auch die Rheinarmee unter Moreau. Nachdem die Franzosen im ' Apr. über den Rhein gegangen, wurden die Östreicher in blutigen Gefechten über die Donau getrieben und im Juni bei Hochstädt geschlagen. Lecourbe fiel nun in Tirol ein, siegte bei Feldkirch und war in kurzem Herr von Vorarlsberg. Diese Erfolge führten am 15. Juli den Waffenstillstand von Parsdorf herbei, der am 10. Sept. durch die Übereinkunft zu Hohenlinden, wie in Italien von Castizlione verlängert wurde. Als die Feindseligkeiten im Herbste wiederbegannen, trieb Augercau (s. d.) mit der franz.-batavischen Armee di« Ostreicher unter Albini über Aschaffenburg, Würzburg, Bamberg und Forchheim hin, und . am Rhein wurde der Erzherzog Karl am 3. Dec. in der Schlacht von Hohenlinden gänzlich von Moreau geschlagen und bis in die Nähe von Wien verfolgt. Da die Franzosen auch in Italien unter Brune, in Graubündten unter Macdonald (s. d.) siegten, schloß Ostreich am 25. Dec. den Waffenstillstand zu Steier und am 16. Jan. 1801 den Waffenstillstand zu Treviso, dem bald Friedensunterhandlungen folgten. Der König von Sicilien, der mii Hülfe der Koalition die Franzosen aus Neapel und Rom getrieben und den Cardinal Chiara- monti als Pius VII. eingesetzt hatte, schloß jetzt unter Vermittelung des russ. Kaisers am l>. Febr. den Waffenstillstand zu Foligno. Da die Landung der Engländer und Emigranten am 4. Juni 1800 auf der Halbinsel Quiberon (s. d.) mißglückt war, so gab sich nun der Haß der Royalisten und Jakobiner in Verschwörungen (s. Höllenmaschine) gegen das Leben des ersten Konsuls kund, was besonders die Verfolgung und Verbannung der Letzter« zur Folge hatte. Am 0. Febr. 1801 wurde endlich der Friede zu Luneville (s. d.) geschlos- ; sen. Der Rhein wurde F.s Grenze, und die Cisalpinische, Batavische, Ligurische und Helvetische Republik sowie das Königreich Etrurien (s. d.) wurden anerkannt. Durch einen besonder« Vertrag mit Spanien erwarb F. am 21. März Parma und Luisiana: am 28. März erfolgte der Friede mit Neapel, am 29. Sept. der mit Portugal. Nach der Ermordung Kleber's am 13. Juni 1800, hatte der unfähige General Menou(s. d.) in Ägypten das Kommando über die etwa noch 15000 M. starke franz. Armee über- ' nommen. Derselbe wurde am 21. März von den gelandeten Engländern bei Rahma- nieh völlig geschlagen, worauf Be ll i ar d (s. d.) am 27. Juni zu Kairo, Menou aber am 30. Aug. 1801 zu Alexandrien Kapitulationen schlossen, nach welchen die Reste der Expedition auf engl. Schiffen nach F. befördert wurden. Nach Pitt's Austritt aus dm Ministerium kamen auch die Friedensunterhandlungen mit England in Gang, und am >. Oct. 1801 wurden zu London die Präliminarien, am 27. März 1802 der Friede zuAmient (s. d.) unterzeichnet. F. erhielt alle seine im Kriege verlorenen Kolonien zurück, räumt« Neapel und das Kirchengebiet und erkannte die Republik der Jonischen Inseln an. Am S. Oct. 1801 schloß F. mit Rußland, am 9. mit der Pforte den Frieden. Mit dieser allgemeinen Waffenruhe ging F. im Innern den größten Umwandlung«» entgegen. Die Aufregung verschwand, Industrie und Handel blühten empor und di« republikanische Gesellschaft vergaß sich in Vergnügungen und Genußsucht. Der erste Com sul zögerte nicht, dem öffentlichen Wesen wie dem Privatleben allmälig Alles abzustrcift», was an die Zeiten der Revolution und der Volkssouverainetät erinnern konnte; zugleich abrr beförderte er kräftig die Entwickelung aller materiellen Interessen. Schon längere Zeit Han« man mit dem päpstlichen Stuhle um die Herstellung des katholischen Gottcsdiensts unterhandelt, und am 15. Äug. 1801 kam ein Kon cord at (s. d.) zu Stande, nach welchem F. wilder 9 Erzbischöfe und 41 Bischöfe erhielt. Da man den Widerspruch des Tribunals befurch- f tete, so wurde dieses durch einen Senatsbeschluß von den heftigsten Republikanern gereinigt > und auf 80 Mitglieder herabgesetzt. Am 26. Äpr. publicirte ein Senatsbeschluß eine allgemeine Amnestie zu Gunsten der Emigranten, von der ungefähr 1000 an die Familie der Bourbons besonders gekettete Personen ausgeschlossen waren. Gleichzeitig wurde ein neuer Civilgesetzbuch vorbereitet (s. FranzösischcsRecht) und ein Verdienstadel durch die Errichtung der Ehrenlegion (s. d.) gegründet. Im Mai >802 machte das Tribunal dein , Senate den Vorschlag, Bonaparte ein Unterpfand der Nationaldankbarkeit zu geben. Der " Senat ernannte ihn hierauf zum Konsul auf fernere zehn Jahre. Als aber der Konsul bescheiden diesen Beweis des Zutrauens nur mit Zustimmung des Volks annehmen wollte, ft stellte der Senat dem Volke die Frage: Ob der erste Konsul auf Lebenszeit seine Würde be« 445 im >au bei iuli ?°- im die ind li-h s »in eich uid mi! >ri- lö. am )as den zur las- rnd ach ach "r rei- iu> am Er- >en> ,1. n< mte ,S. gen die ön> fcu, lber ure an- oie- cch- s rigt ' lge- der ue> Er> am, v-r ' be- s- b!« Frankreich (unter der Kaiserregierung) halten solle. Von 3,57 7 399 Bürgern stimmten 3,568885 für das lebenslängliche Consulat, und am 2. Aug. >802 wurde nun Bonaparte durch Senatsbeschluß zum lebenslänglichen Konsul erhoben. Zugleich wurde die Verfassung dahin geändert, daß alle politische Gewalt in die Hände Bonaparte's kam und die constitutionellen Körper zu Schatten herabsanken. Schon zu Anfänge des I. >802 war Bonaparte zum Präsidenten der Cisalpinischen Republik ernannt worden; im Aug. wurde die Insel Elba, im Sept. Piemont, im Oct. Parma mit F. vereinigt. Genua und Lucca erhielten neue Verfassungen, und >803 mußte auch durch die Mediationsacte die Schweiz eine neue Constitution annehmen. Jndeß ging Domingo durch die Capitulation Rochambeau's am 20. Nov. 1803 für F. auf immer verloren. Der Haß Englands, wegen des franz. Übergewichts, von der einen, die Empfindlichkeit des ersten Consuls von der andern Seite, riefen schon im Mai >803 neue Feindseligkeiten hervor. F. begann ungeheure Rüstungen zu einer Landung in England und besetzte im Zuli, ungeachtet der Neutralitätserklärung, Hannover. Dieser hereinbrechende Krieg und die Verschwörung Cadoudal 's (s. d.) wurden für den ersten Consul die Stufen zum Kai- serlhrone. Nach mehren Adressen und Scheinberathungen im Senat und dem Tribunale wurde endlich durch einen Senatsbeschluß vom >8. Mai Napoleon Bonaparte zur Befestigung des Staats und zur Sicherheit seiner eigenen Person zum erblichen Kaiser der Franzosen und die Glieder seiner Familie zu franz. Prinzen erklärt. Zugleich erlitt die Verfassung insofern eine Veränderung, als der Senat und der Gesetzgebende Körper ganz dem Willen des neuen Monarchen untergeordnet wurden. Wie groß die Zuneigung und das Vertrauen des Volks zu Napoleon waren, zeigte sich wieder bei der Abstimmung, wo von 3,574498 Bürgern 3,572329 für die Erhebung stimmten. Am l8. Mai >804 wurde das Kaiserreich proclamirt. Die franz. Revolution war hiermit zu ihrem Ausgangspunkte zurückgekehrt. Die verfassungsmäßige Freiheit ging in einer Militairherrschaft unter, die Volk und Staat zu neuen Umwälzungen und Erschütterungen führen mußte, und doch hatte F. durch eine geordnete Verwaltung, durch die Herstellung des gesellschaftlichen Gleichgewichts, durch die Aufregung und Entfaltung aller geistigen und materiellen Kräfte, einen Ungeheuern Fortschritt gemacht, der in der Geschichte der europ. Welt eine neue Epoche begründet. Vgl. Tissot, „Histvire Is plus cnmplete, gui ait pari! jusgu'ü cs jonr tie la rev olution trsny. tlepuis >789 jusgu'ü I'empirs" (6 Bde., Par. >823—36). Als Bonaparte am >8. Mai >804 zum erblichen Kaiser der Franzosen ausgerufen worden, fühlte sich die Masse des Volks, mit Ausnahme der strengen Republikaner und Royalisten, von der Größe und dem Glücke des Mannes selbst erhoben und vergaß, zu welchem Zwecke sie kurz vorher mit solcher Anstrengung gekämpft. Die Departements sendeten Adressen, die Geistlichkeit verglich Napoleon mit allen biblischen Helden und nannte seine Erhebung den Willen der Vorsehung. Papst Pius VII. kam in Person nach Paris und salbte den Kaiser mit seiner Gemahlin am 2. Dec. > 804 in der Kirche Nvtre-Dame. Nach der Proclamation schon errichtete Napoleon die Erzämter des neuen Kaiserthrons, ernannte die Großwürdenträger (Aranüs-öiZnitaires) und die Großoffiziere (s. Dignitare) und setzte einen hohen kaiserlichen Gerichtshof ein, der über die Vergehungen der Mitglieder der kaiserlichen Familie und der ersten Staatsbeamten, über Hochverrats» und alle Verbrechen gegen den Staat und den Kaiser erkennen sollte. Durch einen Senatsbeschluß vom 3V. Mär; 1806 wurden sodann die Familiengesetze des kaiserlichen Hauses in Rücksicht der Erbfolge, der Titel und Apanagen der Prinzen und ihrer besonder» Verhältnisse zu der Person des Kaisers festgestellt. Die Civilliste blieb so, wie sie durch die Constitution von 179 l festgeletzt war, nämlich jährlich 25 Mill. Livres. Der Senat hatte schon l 804 seine Bedeutung verloren, indem 31 Senatorien errichtet wurden, mit denen eine Dotation von 25—30000 Francs, zugleich aber auch eine wenigstens dreimonatliche Residenz am Orte der Pfründe verbunden war. Die Wahl und die Zahl der Senatoren waren vom Kaiser abhängig. Der Gejetzgebende Körper blieb; allein das Tribunal, in welchem Carnot seine Stimme gegen die Errichtung eines neuen Throns erhoben, wurde am >9. Aug. >807 abgeschafft. Um jede Spur republikanischer Sitte zu vernichten, mußte mit dem I. > 805 der republikanische Kalender dem Gregorianischen wieder Platz machen. Am >8.März >805 wurde Napoleon auch König von Italien; er setzte sich am 26. Mai zu Mailand die Eiserne Krone auf und 446 Frankreich (unter der Kaiferregierung) errichtete den Orden derselben. Am -1. Juni wurde die Ligurische Republik(Genua), am 21. Juli Parma und Piaccnza mit F., Guastalla aber am 24. Mai >806 mit dem König, reich Italien vereinigt. Eine Schwester des Kaisers, Elise Bacciocchi (s. d.), erhielt Lucca und Piombino als Herzogthum und franz. Reichslehn. Der Kaiser von Ostreich und viele Fürsten Deutschlands erkannten das Kaiserreich an; dagegen verließen der russ. und der schweb. Gesandte Paris, und die franz. Gesandten entfernten sich aus Petersburg und Konstantinopel. England, empört über die Wegnahme Hannovers, bedroht von einer Landung und verletzt durch die strengsten Maßregeln gegen seine Manufacturwaaren, schloß mit Schweden einen Subsidienvertrag und vermochte im Apr. 1805 Rußland zu einer dritter Coalition gegen F., der im Aug. durch Pitt s Bemühen auch Ostreich wieder beitrat. Napoleon brach nun aus seinem Lager von Boulogne nach Deutschland auf, wo die Ostreich» und zwei russ. Heere bereits anlangten. Der Feldzug war kurz und entscheidend. Während Massen» den Erzherzog Karl in Italien aufhielt, schlug Napoleon die Östreicher bei Wertingen, nahm Ulm, besetzte Wien undvernichtete die Russen am 2. Dec. bei Austerlitz (s.d.). Schon am 26. Dec. 1805 wurde der Friede zu Presburg (s. d.) unterzeichnet. Ostreich verlor gegen 1000 L>M. und drei Mill. E., darunter die treuen Tiroler. Baiern und Wür- temberg, als die Verbündeten des Kaisers, wurden in diesem Frieden souveraine Könige, sowie auch Baden ein unabhängiger Staat; das Königreich Italien wurde um 500 IHM. vergrößert. Dagegen hatte der Sieg der Engländer am 21.Oct. 1805 über die franz.- span. Flotte bei Trafalgar (s. d.) die Frucht sechsjähriger Rüstungen vernichtet. F. verlor an diesem Tage 1654 Kanonen, 15000 Menschen und 60 Mill. angewendetes Geld. Napoleon, von jetzt an überzeugt, daß alle Anstrengungen gegen die Engländer zur See fruchtlos seien, ergriff nun mit Konsequenz die Politik, seinen Feind durch Absperrung vom Festland- zu vernichten. In dieser Absicht überließ er zunächst Hannover an Preußen, das dadurch mit England in Krieg gerieth. Die Dynastie von Neapel, die sich nicht seinen Ansichten fügen wollte, wurde der Regierung verlustig erklärt und am 30. Mai 1806 der Bruder des Kaisers, Joseph Bonaparte (s. d.) auf den Thron von Neapel und Sicilien gesetzt. Ein anderer Bruder, Ludwig Bon apart e (s. d.) wurde König von Holland; Na- poleon's Stiefsohn, Eugen Beauharnais, Vicekönig von Italien (s. Leuchtend erg) Joachim Murat (s.d.), Großherzog von Berg. Diese neuen Dynastien standen durch enge Bündnisse und durch daS kaiserliche Familienstatut im genauesten Verhältnisse zum Kaiserreich und bildeten nebst den neugeschaffenen Lehnsträgern ein Foderativsystem, welches das politische Gleichgewicht Europas, um welches England und Ostreich kämpften, völlig auf- heben mußte. Der Eintritt Baicrns, Würtembergs und Badens in dieses Staatensystem, auch die Einverleibung Hannovers in die preuß. Monarchie, brachte den alten deutschen Ncichskörper zur vollständigen Auflösung, und Napoleon bewirkte nun die Errichtung des Rheinbundes (s. d.), in dessen Grundvertrage vom 12. Juli 1806 er als Protector erkannt wurde. Durch dieses Umsichgreifen F.s sahen sich alle Mächte Europas bedroht. Preußen hatte überdies erfahren, daß Napoleon in den Unterhandlungen mit dem Ministerium Fox die Rückgabe Hannovers dargeboten, und faßte den Plan, dem Rheinbunde einen nordischen Bund entgegenzusctzen. Noch im Herbste 1806 vereinigte es sich mit Rußland, Schweden und England zu einem neuen Kriege, um die Franzosen aus Deutschland zu vertreiben. Napoleon brach aber über den Rhein, schlug am 14.Oct. die Preußen bei Jena (s. d.), zog am 25. in Berlin ein, besiegte die Russen bei Eylau (s. d.) und Friedland (s. d.) und schloß am 7. und 9. Juli 1807 den Frieden zu Tilsit (s.d-). Vgl. Bignon, „llirtoire ü« kr-mce llepuis Is 18 brumaire 1799 jiisqu'ü I» pm» cke lilsit" (6 Bde., Par. 1830). Das Kurfürstenthum Sachsen war zum Königreich erhoben worden, Westfalen (s.d.) wurde als neues Königreich begründet und des Kaisers Bruder, Hieronymus Bonaparte (s. d.) zugetheilt, auch das Großherzogthum Warschau (s.d.) und die Republik Danzig (s. d.) geschaffen. Drei deutsche Fürstenhäuser, Hessen-Kassel, Braunschweig und Oranien, hörten auf zu regieren. Elf Fürsten traten dem Rheinbunde bei und Preußen und Rußland dem Bunde gegen England, wodurch die drückende Conti» nentalsperre ganz Europa aufgelegt wurde. (S. Continentalsystem.) Napoleon, 447 Frankreich (unter der Kaiferregierung) drr sich im Osten gesichert sah, begann nun sein Auge auf die pyrenäische Halbinsel zu werfen. Portugal hatte den Engländern seine Häfen nur gezwungen geschlossen und erhielt die Continentalsperre nur scheinbar aufrecht, weshalb ein franz. Heer Spanien durcheilen und Portugal besetzen mußte, während im Nov. 1807 die regierende Dynastie nach Brasilien entfloh. Ein Familienzwist am madrider Hofe verschaffte Napoleon zugleich Gelegenheit, sich unter der Maske des schiedsrichterlichen Freundes dort einzumischen. Nachdem der schwache Karl IV. zu Bayonne zu Gunsten Napoleon's auf die Krone verzichtet, und der Kronprinz, nachheriger König Ferdinand VII. gezwungen ein Gleiches gethan hatte, wurde Joseph Bonaparte, der König von Neapel, auf den span. Thron gesetzt, der Großherzog von Berg aber bestieg den von Neapel. Die Spanier aber begannen, auf Ostreich und England hoffend, ihren verzweifelten Kampf, zwangen den General Dupont (s.d.) zu Baylen die Waffen zu strecken und vertrieben Joseph Bonaparte aus Madrid und Zunot aus Portugal. Da erschien der Kaiser selbst auf dem Kampfplätze und unterwarf das Land in einer Reihe schneller Siege. Unterdessen hatte Ostreich im Bunde mit England zum fünften Mal die Waffen gegen F. ergriffen, und die Tiroler erhoben sich; auch gab es Bewegungen in Westfalen. Allein Napoleon eilte herbei, siegte in den Schlachten bei Eckmühl (s. d.) und bei Aspern und Esling (s. d.), besetzte Wien und trennte das Bündniß„durch den Sieg bei Wagram (s. d.). Der Friede von Wien am 14. Oct. I8VS kostete Ostreich nochmals 2000 QM. mit3'/,Mill.E.und die Häfen des Adriatischen Meers. Die Jllyrischen Provinzen wurden errichtet und wie der Kirchenstaat, schon am 17. Mai I80S, mit F. vereinigt. Zugleich veranlaßte der russ. Kaiser, durch persönliche Freundschaft an Napoleon gefesselt, Schweden zum Eintritt in den Contincntalverein gegen England. Durch die Verheirathung Napoleon's mit der Erzherzogin Marie Luise (s. d.) am I. Apr. 1810 schien die Revolution in F. geschlossen und der neue Thron vollkommen legitimisirt. Das franz. Volk, noch vor kurzem so stolz und eifersüchtig auf seine republikanische Freiheit und Gleichheit, lebte und dachte jetzt aristokratisch und fand seinen Ruhm darin, Könige schaffen zu helfen, wie es früher Republiken geschaffen hatte. Berauscht von dem Glanze seiner Siege, fühlte es im Augenblicke, nicht den harten Despotismus, der alle Spuren öffentlicher Freiheit und jede selbständige Äußerung der Volkskraft und des Volksgeistes unterdrückte. Schon früher hatte Napoleon, um seinen Thron mit äußerm Glanze und treuen Anhängern zu umgeben, durch ein Decret vom 1. März 1808 außer den her- zvglichen Würden, einen Erbadel und durch den Senatsbeschluß vom 14. Aug. 1800 die Majorate hergestellt. Dieser Adel war jedoch ganz verschieden von dem alten Feudaladel, indem er keine öffentlichen Vorrechte hatte, und erlosch, sobald ihm das bestimmte Vermögen fehlte. Im Lager zu Wien hatte Napoleon auch 1800 den beiden Orden, der Ehrenlegion und der Eisernen Krone, einen dritten, den, der Drei goldenen Vließe hinzugefügt, der aber nie ins Leben trat. Nach dem Frieden mit Ostreich wendete der Kaiser seine Aufmerksamkeit auf alle Zweige der innern Staatsverwaltung. Er reformirte und befestigte das Nechts- wesen durch neue Gesetzbücher und die Organisation der Gerichtshöfe, unterstützte die Industrie und den innern Handel und unternahm Kanal-, Straßen - und andere öffentliche Baue. Alle seine Bestrebungen richteten sich jedoch nur auf die materielle Entfaltung der Nationalkräfte; die geistigen Regungen des Volks wurden durch Policeizwang und militairische Diseiplin niedergehalten. Die glänzende Kaiserzeit ist daher in Literatur und Wissenschaft die ärmste in der ftanz. Geschichte. Selbst die Unterrichtsanstalten erhielten eine militairische Form. Am 17. März 1808 ward die kaiserliche Universität zu Paris gestiftet, in der sich alle Unterrichtsanstalten im ganzen Umfange des Reichs concentrirten. Schon im Vertrage zwischen Holland und F. vom 16. Mär; 1810 hatte erstereS ganz Seeland mit der Insel Schouwen, Brabant und Geldern auf dem linken Ufer der Waal abgetreten. Als darauf am 1. Juli 1810 der König von Holland, weil er nicht eifrig genug die Continentalsperre hielt, seine Krone niederlegen mußte, wurde durch das Decret von Rambouillet vom 9. Juli 1810 das ganze Königreich Holland mit F. vereinigt. Da aber England dessenungeachtet fortsuhr, den Continent zu versorgen, so erklärte Napoleon, daß er die ganze Küste der Nordsee unter seine Aufsicht nehmen müßte, und am I o. Dec wurden die Mündungen der Ems, Weser und Elbe nebst den Hansestädten, etwa 600 QM. 4L8 Frankreich (unter der Kaiserregierung) und über eine Mill. Menschen, dem franz. Reiche einverleibt. Am 12. Nov. 18 ln war dies schon mit Wallis geschehen, um sich ganz der Straße über den Simplon zu versichern. Die 130 Departements des franz. Staatskörpers erstreckten sich nun vom Texel bis in die Milte Italiens, von Hamburg bis herab nach Korfu. Besonders hatte die Vereinigung Nord- deutschlands mit F., ungeachtet der verheißenen Entschädigungen, großen Haß und Erbitte, rung unter den Fürsten hervorgerufen. Der bedeutendste jener beraubten Fürsten war der Herzog von Oldenburg, ein naher Verwandter der rufs. Herrscherfamilie. Die Freundschaft des Kaisers Alexander schien durch diese Gewaltthat erschüttert. Überdies trieben die Engländer in Gothenburg und den Häfen der Ostsee einen bedeutenden Handel mit Colo- nialwaaren nach Rußland, worüber von Paris aus in Stockholm und Petersburg Beschwerde geführt wurde. Als nun Rußlands Handelsverfügungen im I. I8IV und >8Il geradezu dem Continentalsysteme widersprachen, schien ein neuer europ. Krieg unvermeidlich. Während England mit Rußland unterhandelte, gewann F- Preußen und Ostreich fm ein Bündniß. Obschon nun der Krieg in Spanien noch sortdaucrte und hier Massen» hart bedrängt war, so wurde doch der Krieg von Seiten F.s am 22. Juni l 812 an Rußland erklärt. Napoleon fiel mit einer Armee von 500000 M. in Rußland ein und hielt nach den Siegen bei Ostrow, Plock, Mohilew, Smolensk, an der Moskwa, am 14. Sept. seinen Einzug in Moskau. (S. Russisch - deutscher Krieg.) Mehr der Hunger, die Kälte und die Politik als die Waffen der Russen zertrümmerten diesc-s stolze, siegende Heer und benahmen F. und seinem Kaiser den Glauben an Unübcrwindlichkeit. Die Verschwörung Mallet's bewies der Welt überdies, wie der franz. Koloß nur von der Persönlichkeit Napoleon's getragen werde. Schon im Apr. 1813 führte Napoleon ein neues Heer von 300000 M. ins Feld. Preußen war am I. März zu Rußland übergetreten, und mit den Schlachten von Lützen (s. d.) und Bautzen (s. d.) fingen auch die übrigen Bundesgenossen F.s an zu wanken. Nach den Unterhandlungen zu Prag, in welchen das Kaiserreich auf den Rhein, die Maas und die Alpen beschränkt werden sollte, wendete sich ebenfalls Ostreich von F. ab. Der Kampf entbrannte nun aufs neue. Napoleon siegte bei Dresden (s. d.), während seine Generale in Schlesien, in Brandenburg und Böhmen geschlagen wurden. Nach der entscheidenden Niederlage bei Leipzig (s. d.), wo auch die Sachsen und Würtembergerzu den Verbündeten übergingen, mußte die franz. Armee dem Rhein zueilen und sich bei Hanau (s. d.) den Weg durch die plötzlich abgefallenen Baiern bahnen. F., an seinen eigenen Grenzen bedroht, erwachte von seinem Siegestaumel, besaß aber nicht, wie in den Zeiten der Revolution, den aufopfernden Enthusiasmus, sich dem Feinde in Masse entgegenzuwerfen. Der Senat benutzte diese Lage, um sich der vernichtenden Politik des Kaisers zu widersetzen; zvrnig löste Napoleon den Gesetzgebenden Körper auf. Er begann nun im Jan. 1814 seinen denkwürdigen Feldzug auf franz. Boden; er schlug Blücher bei Champeaubert, Mont- mirail, Chateau-Thierry, Veauchamps und warf die Östreicher bei Montereau. Allein Bernadotte erschien von Belgien aus im Rücken, die Engländer drangen von Westen ein, und Murat verließ in Italien die Sache des Kaisers. Alle Gemüther, alle gefesselte Geister wollten sich von dem Drucke Napoleon's erheben, und das Volk, an Schweigen und Gehorchen gewöhnt, verhielt sich als Zuschauer des nun persönlichen Kampfs. Während Napoleon den kühnen Entschluß faßte, sich in den Rücken der Verbündeten zu werfen, eilten die feindlichen Heere, von Talleyrand (s. d.) ermuntert, auf Paris zu, das nach einer kurzen Gegenwehr der Nationalgarde am 30. März 1814 capitulirte. Am folgenden Tage hielten die Verbündeten ihren Einzug und erklärten, daß sie nicht mehr mit Napoleon noch seiner Familie unterhandeln, und den franz. Staat nur in seinen alten Grenzen anerkennen würden. Zugleich wurde der Senat mit der Staatsregierung, der Entwerfung einer neuen Verfassung und der Wahl eines Oberhaupts beauftragt. Als Napoleon die Übergabe der Hauptstadt erfuhr, dankte er erst zu Gunsten seines Sohns, dann ohne Bedingung ab, nahm am 20. Apr. Abschied von seinen alten Soldaten und zog sich auf die ihm zugefiaudene Insel Elba zurück. Der Senat unter Talleyrand's Vorsitz hatte schon am 2. Apr. eine provisorische Regierung ernannt, Napoleon und seine Familie des Throns verlustig erklärt und die Bourbons nach F. zurückgerufen. Der Gesetzgebende Körper bestätigte diese Beschlüsse. Der Graf von Artois, als Generallieutenant des Reichs, Unterzeichnete am 23. Apr. die 449 j Frankreich (unter der ersten Restauration) Convention von Paris, die F. auf seine frühem Grenzen zurückführte. Am 3. Mai 1814 hielt König Ludwig XVlH. (s. d.) in Paris seinen Einzug. Er hatte eine constitutionelle Regierung anerkannt, die vom Senat entworfene Verfassung aber verworfen. Am 2. Juni beschenkte er hierauf F, mit der Lkarts constitutionnelle. In diesem Acte königlicher Gnade wurden die Revolution und das Recht des Volks an der Negierungsform mit einem Schlage verleugnet. Der alte Adel nahm seine Stellung, die Geistlichkeit ihre Macht zurück. Die neue Regierung datirte ihre Dauer vom I. 1789. F. war tief entmuthigt, gekränkt, aber ungeachtet der unermeßlichen Opfer und Erschütterungen in seiner innern Lage nicht zerrüttet, s Eine strenggeordnete Verwaltung, einen blühenden Gewerbfleiß und die stolze Erinnerung ! großer Thatcn nahm es in die neue Epoche seines Staatslcbens hinüber. (S. Napoleo n.) > Vgl. Mignet, „liistoire de In rsvolutio» Irsny. clepuis 1789 susgu'en 1814" HÜ Bdc., ^ Par. 1824 und öfter) und Wachsmuth, „F. im Nevolutionszcitalter" (3 Bde., Hamb. 1811 — 44). Daß Ludwig XVIII. am 3. Mai 1814 als König von F. in Paris einzog, hatte er weder dem Verlangen der gebeugten Nation noch dem Wunsche der Verbündeten, sondern den Umständen und den Bemühungen Einzelner, besonders des Fürsten Talleyrand zu verdanken. Die Bourbons hatten durch ihren monarchischen Despotismus den Staat in die 25jährige Krisis geworfen; sie hatten die Waffen gegen F. geführt und alle Anschläge des Auslandes befördert; sie waren umgeben von dem alten Adel und der alten Geistlichkeit, welche die Herstellung ihrer Privilegien nicht aufgegebcn hatten. Dieses Alles flößte demVolke vorderRestaurationdcrBourbonsBesorgniß, jaAbneigung ein. LudwigXVIIl., ei» geprüfter und versöhnlicher Charakter, beeilte sich daher durch die Declaration vom 2. ' Mai zu St.-Ouen eine constitutionelle Verfassung zu verheißen. Wenn die Aussicht auf eine octroirte Charte auch alle die Männer verletzte, die in der zurückgelcgten Revolution einen politischen Fortschritt der Nation sahen, so gewann er doch dadurch im Allgemeinen das ^ Vertrauen der Masse. Diese Verfassungsurkunde, die noch gegenwärtig die Grundlage des öffentlichen Rechts in F. bildet, wurde der Nation vom Könige am 4. Juni 1814.übcrgcben. Sie enthielt die Grundsätze der gesetzlich beschränkten Monarchie, wie Gleichheit Aller vordem Gesetze, gleiche Verpflichtung zu Staatslastcn, Freiheit der Person, des Eigenthums, der Religion, der Presse u. s. w.; sie versprach aber auch die Vergessenheit alles Vergangenen. Der unverletzliche König hatte die ausübende Gewalt; erstand an der Spitze der bewaffneten Macht, erklärte Krieg und schloß Frieden, ertheilte die Staaksämter und hatte die Initiative ! in den Gesetzen. Er konnte die beiden Kammern, die mit ihm die Gesetzgebende Gewalt übten, nach Gefallen berufen, vertagen und auflösen; doch mußte er in letztcrm Falle binnen drei Monaten neue Wahlen anordnen. Überdies ernannte er alle Pairs, erblich oder persönlich, für die erste Kammer, deren Präsident der Kanzler war. Die Deputirtenkammer, die sich jährlich um ein Fünfthcil erneuerte, ging aus Wahlcollegien hervor; der König ernannte ! die Präsidenten der Wahlcollegien und wählte den Präsidenten der Kammer aus fünf dafür vorgeschlagcnen Deputaten. Jeder Deputirte mußte 40 Jahre alt sein und 1000 Francs Steuern zahlen; der Census der Wähler wurde auf 300 Francs bestimmt. Der König erhielt für die Dauer seiner Negierung von der Gesetzgebung eine Civilliste bewilligt; sie betrug für Ludwig XVIII. wiederum 24 Mill. Livres. Überdies erklärte die Charte Unverletzlichkeit der Richter, Beibehaltung der Jury, Freiheit der Abstimmung, Abschaffung der Conscrip- ' tion und Confiscation u. s. w. Am 13. Mai 1814 ernannte der König das Staatsministc- rium, bestehend aus dem Kanzler d'Ambray, dem Minister des Auswärtigen Talleyrand, dem des Innern Abbe Montesquieu, dem Finanzminister Baron Louis u. s. w., und am 3. einen neuen Staatsrath. Bei der Einrichtung des Hofstaats trat der alte Adel in seine persönlichen Rechte wieder ein; auch wurden die alten Orden, der des heil. Geistes, des Militairvcrdicn- stes, der Ludwigs- und der Michaelsorden, hergestellt; die Ehrenlegion erhielt eine neueDc- , coration und verlor einen Thcil der Dotation. Der mit den Verbündeten am 30. Mai 1814 abgeschlossene Friede beschränkte F. auf seine alten Grenzen vom 1. Jan. 1792; doch behielt cs ungeachtet der päpstlichen Protestation Avignon und Venaissin, auch mehre Enclaven, wie i Mömpelgard, und die Hälfte von Savoyen. Außer den Inseln Tabago, Samte? Luew und Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. 29 45 » Krankreich (in den Hundert Tagen) Jsle-dc-France, erhielt es von England alle übrige verlorene Colonien zurück. Sogar dir aus ganz Europa in Paris zusammengehäuften Kunstschähe wurden F. gelassen. Die Charte hatte auch die Befteiung von der Grundsteuer und andern drückenden Lasten verheißen; allein die Regierungsbedürfnisse sowol, wie die unermeßlichen Geschenke und Bewilligungen der Emigranten und herabgekommene Privilegirte machten die Beibehaltung der alten Mo- nopole nöthig, womit daS Volk sehr unzufrieden war. Auch die 60 Mill. Schulden, die dir König in der Verbannung gemacht hatte, wurden auf den öffentlichen Schatz gelegt. Noch tieferes Mißvergnügen erregte aber die allgemeine Reaction, die im politischen Leben sogleich eintrat, als die nothwendigsten Anordnungen getroffen waren, und welche die Charte eigent- s lich wieder aufhoben. Man führte statt der Preßfreiheit die Censur ein, dehnte die Police!- ! gemalt-us und verletzte die Gerichte, verfolgte die Anhänger des Kaisers und die Republikaner, erregte Zweifel über das Eigenthumsrecht erworbener Nationalgüter, begünstigte die alten Anhänger und führte in den royalistischen Zeitungen die empörendste Sprache, r Auch die Herrschsucht der Geistlichkeit, religiöse Verwirrung und Umtriebe traten auf. Selbst Mitglieder der königlichen Familie und hohe Staatsbeamte legten Verfolgungssucht und politischen Fanatismus an den Tag; der König selbst aber verletzte den Nationalstol; aufs empfindlichste durch die Äußerung, daß er seine Krone dem Prinz-Regenten von England zu verdanken habe. Am meisten fühlte stch die Armee, bei der das Andenken an Napoleon noch so neu war, verletzt, als sie ihre Massen aufgelöst, ihren Ruhm verspottet, ihren Sold vermindert und ihre Ehrenzeichen vertauscht sah. In dieser allgemeinen Mißstimmung des Volks, des alten Heers, das größtentheils ins Privatleben zurückgetrcten war, verbreitete sich die Nachricht von dem Erscheinen des Kaisers. Er war am I.März >8l5 im Hafen bei Fre'jus gelandet, und das Heer sowie die größt Masse des Volks wendete sich ihm sogleich mit Begeisterung zu, als dem Erretter aus einem schmachvollen Zustande. Vergebens waren die Achtserklärung Ludwig'S XVIIl., die Einberufung der Kammern, die Erneuerung des Eids auf die Verfassung und die Entsendung von Truppen; die königliche Regierung hatte zu sehr die Interessen und das Gemüth der Nation verletzt, als daß man hätte die Hand zu ihrer Vertheidigung aufheben sollen. Den l 9. März floh der König von Paris nach Gent, und am 20. Abends kehrte der Kaiser ohne Schwertstreich in die Hauptstadt zurück. Napoleon hob sogleich die Kammer und die meisten königlichen Verordnungen auf und ernannte ein neues Ministerium. Er versicherte der Nation, daß er nur gekommen sei, sie glücklich zu machen, daß er die Eroberungspolitik aufgeben und nach liberalen Grundsätzen regieren wollte. Als er sich aber von seinen Marschällen und Großen umgeben sah, erwachte sogleich der unumschränkte Herrscher. Um sich mit den Liberalen abzufinden, erließ er am 22. Apr. eine Zusatzacte (Xcte sUciitionnelle) zu der Verfassungsm- künde, die am l.Juni auf dem Maifelde feierlich beschworen wurde. (S. Hundert Tage.) Durch dieses Schauspiel, womit er die unbedeutenden Zugeständnisse der Acte verhülltc, täuschte er die Einsichtsvollen nicht; vielmehr entzog er sich die Gemüther und machte seino Stellung nur schwieriger. Die Wahlen brachten die tüchtigsten und liberalsten Männer in die Kammer. Sobald die Nachricht von der Landung Napoleon's in Wien angelangt, wurdo er am 13.März 1815 als der Störer des Weltfriedens von dem Congresse geächtet, und ain 25. März schlossen Ostreich, Rußland, Preußen und England einen neuen Allianztractat, in welchem sich jede dieser Mächte zur Stellung von 150000 M. verpflichtete. Alle Versucht, die Napoleon zur Anknüpfung von Unterhandlungen mit dem östr. Cabinetc machte, schei- f terten, zumal da Murat im Apr. 1815 in Italien einen eigenmächtigen Feldzug gegen Ostreich eröffnet«. (S. Fouche.) Nachdem sich Napoleon bei großem Mangel an Hülfsmitteln so stark als möglich gerüstet, brach er in der Mitte Juni gegen die Heere der Verbündeten auf, die von Ostende aus bis nach Italien eine große Kette um die franz. Grenzen bildeten. Der Anfang des Kampfes war den Franzosen günstig, und das Heer beseelte die größte Hingebung. Nach einigen Vorpostengefechten griff er die Preußen bei Thuin an der Sambre au , und warf sie zurück. Am 16. erfocht er in der Ebene von Fleurus einen Sieg über die Preußen (s. Ligny und Quatrebras); allein am 18. wurde er bei Waterloo (s.d.) gänzlich geschlagen. Er eilte nach Paris und verlangte von der Kammer neue Opfer, die aber nichts bewilligte. Als hierauf die Verbündeten ohne Widerstand nach Paris vordrangen, legte er Frankreich (unter der zweiten Restauration) 451 am 21. Juni zu Blois die Krone zu Gunsten seines Sohns nieder. In Paris aber bildete sich eine provisorische Regierung unter der Leitung Fouche's. Nachdem am 3. Juli Blü- cher und Wellington mit dem Marschall Davoust eine Militairconvention abgeschlossen, nach welcher sich die franz. Armee hinter die Loire zurückziehen mußte, rückten die Verbündeten am 7. in Paris ein. Die Kammer war noch versammelt; sie richtete an die fremden Heere und die Nation die Erklärung, daß sie jede Negierung als ungesetzlich verwerfen würde, welche die Rechte der Nation verkennen sollte. Am 9. Nachmittags erschien Ludwig XVIII., um von dem Throne aufs neue Besitz zu nehmen. Eine neue Deputirtenkammer wurde sogleich einberufen und zur Bildung eines neuen Heers geschritten, gegen die AnhängerNapoleon's aber die heftigste Verfolgung begonnen. Die Royalisten hatten den Plan gefaßt, F., um cs besser beherrschen zu können, zu theilen. Der Norden und Westen sollte ein konstitutionelles Reich unter Ludwig, der Süden eine absolute Monarchie unter dem Grafen Artois bilden; doch war der König mit diesem Entwürfe nicht zufrieden. Die Lage F.s wurde nun die traurigste; die Verbündeten hielten den größten Theil des Landes besetzt und bezeigten zum Theil wenig Schonung; indem andern herrschte Aufruhr, blutige Verfolgung, geistlicher und politischer Fanatismus. Erst am 20. Nov. kam zu Paris zwischen dem König und den Verbündeten ein zweiter Friede zu Stande. Nach demselben sollte F. auf die Grenzen von 1790 zurückgeführt werden und die vier Festungen Philippeville, Saarlouis, Marienburg und Landau, das Herzogthum Bouillon, einen Theil des Departements Niederrhein und thcilweise die Landschaft Gex abtreten. Zugleich wurde ihm sein 1814 gebliebener Theil von Savoyen und das Anrecht auf das Fürstcnthum Monaco genommen. Endlich mußte sich F. verpflichten, die Festung Hüningen zu schleifen, 17 Festungen drei bis fünf Jahre den Verbündeten einzuräumen, ein Occupationshcer von 150000 M. für diese Zeit zu erhalten und 700 Mill. Francs Kriegscontribution zu zahlen. Außerdem machte sich die franz. Regierung verbindlich, die rechtmäßigen Ansprüche der Individuen, Corporationen oder Institute in den Ländern der Verbündeten zu befriedigen und alle Schätze der Literatur und Kunst herauszugeben, welche die Franzosen in den früher besetzten Ländern mitgenommen hatten. Auch mußte F. dem Sklavenhandel entsagen. Der Herzog von Richelieu (s. d.), der im Sept. 1815 an die Spitze des Ministeriums getreten war, Unterzeichnete diesen harten Vertrag. Ludwig XVIll. hatte bei seiner zweiten Ankunft zu Paris der provisorischen Negierung die Befolgung einer vernünftigern Politik und eine allgemeine Amnestie versprochen; allein seine Umgebung, die Prinzen, die Priester und die Hofleute, ließ ihn diese Zusage nicht halten. Am 24. Juli erschien eine Ordonnanz, die 19 zu Napoleon übergegangene Generale vor ein Kriegsgericht, 39 andere unter policeiliche Aufsicht zu stellen befahl. Eine zweite Ordonnanz schloß 29 Mitglieder der Pairskammer aus. Die am 7. Oct. eröffnete Deputirtenkammer, die den Spottnamen Okamtir« iutrouvable (s. d.) erhielt, war mit den wüthendsten Royalisten angefüllt, sodaß der König mehre ihrer Beschlüsse verwerfen mußte. Ein Gesetz vom 29. Oct. räumte der Regierung das Recht ein, alle Die zu verhaften, welche strafbarer Anschläge gegen König und Staat schuldig schienen, wenn auch vor Gericht die Schuld nicht erwiesen war. Von der Pairskammer gerichtet, wurde der Marschall N ey (s. d.) am 7. Dec. erschossen. Beide Kammern schärften das vom Könige cingebrachte Amnestic- geseh vom 6. Jan. 1816 dahin, daß Alle, die für den Tod Ludwig's XVI. gestimmt, oder während der Hundert Tage Ämter angenommen, auf ewig aus Frankreich verbannt sein sollten. Die Folgen dieser und ähnlicher Maßregeln, verbunden mit der Herstellung mehrer Kongregationen, zeigten sich bald in den Unruhen und Verschwörungen in den Städten des Südens. Die royalistisch Gesinnten oder die Verriet« erlaubten sich unter dem Schutze der Kammer die schrecklichsten Ausschweifungen in Marseille und Nimcs, wo die Protestanten als Anhänger des Kaisers ermordet wurden. Die Angriffe der royalistischen U ltr a s (s. d.) in beiden Kammern auf die Minister führten endlich am 5. Sept. l816 zur Auflösung der Deputirtenkammer. In Folge dieses unerwarteten Schlags verfaßten die Ultras unter Betheiligung der Prinzen eine geheime Note an die fremden Cabinctc, in der sie eine bewaffnete Einschreitung erbaten. Die Sitzungen der neuen gemäßigtem Kammer begannen am 4. Nov. 1816. Die Liberalen erlangten zwar das verbesserte Wahlgesetz vom 5. Fcbr. 1817 und 29* 4'>2 Frankreich (unter der zweiten Restauration) dasRekrutkrungsgesetz vom 6. Mar; 1818, konnten aber die Aufhebung der unconstitution!!- len Ausnahmegesetze durchaus nicht durchsetzen. Die angestifteten Unruhen in Grenoble vnd in Lyon, und die im Juli 1818 entdeckte Verschwörung der Ultras zum gewaltsamen Umstürze der Verfassung durch fremde Bayonncte brachte eine wirkliche Annäherung des Mi- nisteriums an die Liberalen und Patriotenzu Stande. Das ungeheure Budget von I062MU. Francs für das I. 1817 wurde bewilligt, da Richelieu die Verminderung des Occupations- Heers um 30000 M. bewirkt hatte; das Zutrauen zur Finanzlage des Landes aber sticg, als die Negierung zur Anleihe von 1818 auch franz. Handelshäuser zuließ. Endlich bewirk» . die Regierung auf dem Congrcsse zu Aachen bei den Verbündeten den Beschluß vom 9. Ott. s 1818, der Frankreich noch im Laufe dieses Jahrs von sämmtlichen fremden Truppen befrei». ^ Zugleich wurde auf Wcllington's Vermittelung durch einen Vertrag vom 28. Apr. 1818 die liquide Fodcrung von 1296,091000 Francs für die Kriegsentschädigungen an Privat- Personen auf 240,800000 Francs herabgesetzt und die Summe größtentheils durch Iu- scriptioncn auf das große Schuldbuch F. (in Renten) gedeckt. Die Summe von 28» ^ Mill. rückständiger Kricgscontribution setzte der Congreß ebenfalls auf 265 Mill. herab. ' Am 12.Nov. I818trathieraufF.zudcmFriedensbundedereurop.Hauptmächte. (S.Qua- drupelallianz.) Der Herzog von Richelieu hatte jedoch durch seine Verhandlungen zu ^ Aachen, durch die Weigerung einer weitern Entwickelung des constitutionellen Systems ün Ministerium Spaltung und bei den Liberalen der Kammer Unzufriedenheit hervorgcrufen, sodaß er mit seinen Anhängern im Dcc. das Amt niederlegen mußte. Der König ernannte j am 28. Dcc. ein neues Ministerium, das dritte seit 1815, in dem der Marquis Dessol- les (s. d.) den Vorsitz führte, Baron Louis die Finanzen, Saint-Cyr das Kriegswesen, De- serre die Justiz und Decazes das Innere mit der Police! verwaltete. Dieses liberale Ministerium unterlag jedoch bald den Ultras beider Parteien. Am 19. Nov. 1819 wurde De- ^ cazes (s. d.) erster Minister, und für Dessolles, Saint-Cyr und Louis, welche die Charte , vollzogen wissen wollten, traten Pasquier, Latour-Maubourg und Roy ein. Der gemäßigte Noyalismus, den das neue Ministerium verfolgte, zog ihm sogleich den heftigsten Widerstand der äußersten Rechten und Linken in der Kammer zu. In der That hatten sich auch alle liberale und patriotisch gesinnte Männer über die Lage des Landes, die Handhabung der Gesetze und die schreiendsten Verletzungen der Charte zu beklagen. Erst am 9. Juni 1810 war die Preßfreiheit wieder eingeführt worden, und dennoch dauerten die Censur der periodischen Presse und die zahllosen Verfolgungen und Bedrückungen gegen die Schriftsteller fort. Die eingeführten Prevötalgerichtshöfe für Beurtheilung der politisch Verdächtigen hatte zwar schon dieKammer von 1818 aufgehoben und die Fälle unter die Jury verwiesen; allein man führte eine geheime Haft (le secrot) ein, die den Beschuldigten der richterlichen Gewalt entzog und oft Jahre lang dauerte. Die Charte hatte die Confiscation abgeschafft; ein Gesetz vom 9. Nov. 1819 führte dagegen starke Geldbußen ein, die der Confiscation nicht unähnlich sahen. Ein besonderer Grund der Unzufriedenheit war, daß die Nation auch nicht eine obrigkeitliche Person zu ernennen hatte. Vom Flurwächtcr des Dorfs bis zum Maire wurden alle Beamten von der Negierung erwählt, und die königlichen Departementalräthesxra- . chen im Namen ihres Sprengels die Wünsche der Nation aus, ohne dieselbe irgend zu hören. Selbst die Nationalgarde, die ihre Offiziere durch die Regierung erhielt, war nicht überall aus den Eigenthümern zum Schutze des Eigenthums zusammengesetzt, sondern nach Gunst und Willkür aus Besitz- und Heimatlosen, sodaß sie in manchen Departements einer durch l die royalistische Partei bewaffneten Rotte glich. Daher konnten in mehren Gegenden drs Landes die unerhörtesten Greuel gegen die Protestanten straflos verübt werden, welche den Dragonaden Ludwigs XIV. nichts nachgaben. Die Regierung unterdrückte wol endlich diese blutigen Gewaltthaten; aber die sogenannten Trestaillons und andere Mörder wurden nicht bestraft. Einen andern Unfug beging die theokratische Partei durch das Missions-und Schulwesen der Uöres lls Irr toi, die an der Abschaffung des Protestantismus und der Charte gleich f systematisch arbeiteten. Hingegen beschwerten sich die Adeligen über das neue Nekrutirungs- gcsetz, das die Gleichheit des Kriegsdienstes wiederherstellte, und über Vernachlässigung bei Besetzung der Ämter, während sie doch sieben Achtel der Präfecturen und Mairestellen inne hatten. Überdies standen sie an der Spitze der Militairdivisionen, der Legionen, der Gm- Frankreich (unter der zweiten Restauration) 453 darmerie, der Tribunale, der Gesandtschaften and der Finanzverwaltung. Die ultraroyali- stisthe Partei wünschte überhaupt den Zustand von 1789, die Parlamente, die Standesunterschiede mit den Privilegien, das Feudalwescn u. s. w. Zu diesem Zwecke bestand unter dem Baron Vitrolles ein sogenanntes (Gouvernement occulte, unter dessen Schutze alle Ecwall- thaten und reactionairc Maßregeln verübt und betrieben wurden. Endlich erhitzten und verwirrten die Gemüther auch die zahllosen Processe wegen Meuterei und Hochverrats die schmählichsten Umtriebe bei den Deputirtenwahlen und die policeilichen, namentlich in Frankfurt gefaßten Beschlüsse und Maßregeln der benachbarten Staaten. Die Negierung, die für den Augenblick einen liberalen Aufschwung genommen hatte, wendete sich, durch ihren Eintritt in den Bund der europ. Machte auf dem Kongresse zu Aachen bestimmt, nun unter dem Ministerium DecazcS einem festen, der Charte entgegengesetzten Stabilitätsprincipc zu und suchte deshalb ihre Stütze in dem Centrum der Kammer. Um der liberalen, von dem bisherigen Wahlsysteme begünstigten Wolkspartei den Eintritt in die Kammer und allen Einfluß abzuschneidcn, suchte sie jetzt durch ein neues Wahlgesetz der reichen Grundaristvkratie den überwiegenden Einfluß auf die Wahlen zu verschaffen, zugleich auch die öffentliche Meinung durch neue Ausnahmegesetze niederzuhaltcn. Über dieses neue Wahlgesetz, das die Regierung beabsichtigte, entbrannten in den Sitzungen der Kammern vom 29.Nov. 1819 bis 22.Juli 1829 die heftigsten Parteikämpfe. Gleich anfangs setzten die Ultraroyalistcn die Ausstoßung des Grafen Gregoire (s.d.) wegen seiner Thcilnahme an der Revolution durch. Dessenungeachtet schien die Partei der Gemäßigten die Mehrzahl zu bilden, als die Ermordung des Herzogs von Bcrri (s. d.) am 13. Fcbr. 1820 in der allgemeinen Bestürzung den Ultras die Oberhand verschaffte und die ganze Wutb der Royalisten auf Dccazcs lenkte, dessen Mäßigung als die Ursache dieser Frevelthat angc- klagt wurde. Der Minister legte zwar noch den Entwurf des neuen Wahlgesetzes und zweier Ausnahmegesetze vor; als er aber sah, daß er die Majorität verloren, dankte er am >8. Fcbr. 1820 ab. An seine Stelle trat als Präsident des Ministerraths der Herzog von Richelieu, und Graf Simeon wurde Minister des Innern. Unter heftigem Widerstande wurde nun das erste Ausnahmegesetz (It>oi»nrIa liberte ilitlivicluelle vom 26. März 1820) angenommen, nach welchem jeder des Hochvcrraths Verdächtige auf Befehl dreier Minister verhaftet und spätestens erst nach drei Monaten vor Gericht gestellt werden konnte. Das Gesetz sollte aber nur bis zum Schlüsse der künftigen Sitzung Dauer haben. Heftiger noch entbrannte der Partcikampf über das zweite Ausnahmegesetz (I-oi sur I» put-iimtion Ues joum-mx, ecrits >,eriocii820 unter 220 neucrwählten Deputirtcn nur 30 Liberale sich befanden; auch 1821 verstärkten von 87 neugewählten Deputirtcn zwei Drit- 454 Frankreich (unter der zweiten Restauration) kel die rechte Seite, während die übrigen thcilS -um Centrum, theilS zur linken Seite gehörten. Dic'Einführung dieses Wahlgesetzes nebst den Ausnahmegesetzen war ein vollständig« Sieg des aristokratisch-monarchischen Negierungssystems über den bürgerlichen Liberalismus, das sich nun auch in Gesetzgebung und Verwaltung bis zur Julircvolution unter dm verschiedenen Ministerien immer vollständiger entwickelte. Viele Beamte, die diesem neuen, die Verfassung untergrabenden Negierungssystcme nicht günstig waren, geriethen deshalb sowol in der Presse wie in der Kammer in scharfe Opposition mit der Negierung, was von nun an häufige Dienstentlassungen zur Folge hatte. So wurden die geachtetsten Männer, , wie Royer-Collard (s. d.), Camille Jordan (s. d.), Barante (s. d.), Guizotss. d.) u. A. aus dem Staatsrathe entlassen. Noch willkürlicher aber benahm sich gewöhnlich der Kriegsminister, indem er Offiziere, die ihm zu liberal oder zu royalistisch galten, ohne allen Urtheilsspruch aus der Armeeliste strich. Dieser Despotismus mußte nur die allgemeine Unzufriedenheit im Volke und im Heere steigern, und es zeigten sich vielfache Spuren von gr- Heimen Verschwörungen gegen den Staat, die gewöhnlich schlecht angelegt waren, aber von ! den Royalisten ausgebeutet wurden. Das meiste Aufsehen machte die Militairverschwörung vom 19. Aug. 1820. Eine Menge Offiziere und Unteroffiziere hatte die Truppen um Paris ! zur Empörung zu verleiten gesucht; der angebliche Anstifter war ein gewisser Capitain Nan» til, der aber entfloh. Der Pairshof, vor den dieserFall gesetzlich kam, und derdabei den staatS- , rechtlichen Grundsatz aufstellte, daß er auch allein über den Thatbestand zu entscheiden habe, verurtheilte drei der abwesenden Verschwörer zum Tode, mehre zu Geld« und Gefängnis- ! strafe; die meisten jedoch mußten freigesprochen werden. Eine andere, die sogenannte östliche > Verschwörung (Lonspirstion Oe l'Lst), wurde im Juli 1821 vor die Assisen zu Riom gebracht, die sammtliche Angeklagte schuldlos fand. Dagegen zeigte Madicr de Montjau, Hof- j gerichtsrath zu Nimes, der Kammer an, daß ein geheimer Directorialausschuß im Gard- § departement den politischen und religiösen Fanatismus zur Verbreitung eines förmlichen , Aufstands benutze; da diese Machinationen aber bis zu den Prinzen Heraufstiegen, so hatte > die Entdeckung weiter keine Folgen. Noch vor Eröffnung der Kammersitzung vom 19. Dec. 1820 bis 31. Juli 1821 hatte das Ministerium, um sich die Stimmen der rechten Seite zu sichern, die Wortführer derselben, Laine, Villele und Corbiere, zu Minister-Staatssecrctairen, zwar ohne VerwaltungS- zweig, jedoch mit dem Stimmrecht; im Ministerrathe ernannt. Allein ungeachtet düstr Maßregel, die nur den Ehrgeiz der Übrigen weckte, eröffneten die strengen Royalisten gegen die Minister die heftigste Opposition und rissen selbst das Centrum und die Linke mit sich fort, wenn auch jede Partei ihren besondern Grund zur Unzufriedenheit hatte. In der Adresse wurde der König gebeten, auf die Reinigung der Sitten und die Herstellung eines christlich-monarchischen Erziehungssystems zu sehen, was für die Gestaltung des UnterrichtS- wesens sehr entscheidende Folgen hakte. Die wichtigsten Verhandlungen betrafen die auswärtigen Verhältnisse und das Recht der Redefreiheit in der Kammer. Ungeachtet des Widerstandes Noyer-Collard's und der sehr geschwächten linken Seite wurde die Ordnungs- policei der Kammer durch mehre strenge Bestimmungen geschärft, auch die Fortdauer dks Censurgesetzes vom 31. Mai 1820 beschlossen. Eine ruhigere und den Interessen des Landes angemessenere Haltung zeigte die Kammer bei den Verhandlungen über das Budget; besonders nahmen die Doctrinaires Gelegenheit zur Entwickelung wichtiger staatswirthschaftlicher ^ Fragen. Die Zinsen der Nationalschuld allein betrugen 230 Mill. Francs, während der Ackerbau und das Gewerbwesen des Landes furchtbar darniederlagen. Ein Gesetzentwurf über die Organisation der Municipal- und Departementsverwaltung mußte vom Ministerium zurückgenommen werden, weil alle Parteien, besonders aber das Volk, damit unzufrieden waren. Die Ereignisse in Neapel gaben aus verschiedenen Gründen sowol den Ultraroyali- sten wie den Liberalen Gelegenheit, die unter sich selbst uneinigen Minister zu bekämpfen. Noch kurz vor dem Schluffe der Sitzungen brach dieser Zwiespalt im Ministerium aus; be> f sonders konnte man sich nicht über den Antheil einigen, den die Minister ohne Portefeuille künftig an der Verwaltung nehmen sollten. Villele und Corbiere gaben daher ihre Entlas jung, was eine Spannung der ganzen rechten Seite mit dem Ministerium zur Folge hatte. Dessenungeachtet glaubten die Minister durch eine Ausdehnung der Censurstrcnge auch auf 455 Frankreich (unter der zweiten Restauration) die anticonstitutionellcn Blätter und durch andere unparteiische Maßregeln einen Einfluß auf die Mehrheit der Kammer für die nächste Sitzung zu gewinnen. Allein die neue Wahlform führte den heftigsten Gegnern des Ministeriums, den strengen Royalisten, eine beträchtliche Verstärkung zu, während die Linke und das Centrum im Verhältniß geschwächt wurde». Als nun die Sitzung von 1821 am 5. Nov. begann, zeigte sich das Übergewicht der engverbundenen Rechten sogleich in der Wahl der Berichterstatter und Ausschüsse. Die Adresse an den König enthielt einen bittern Tadel der ministeriellen Politik auf demCon- gceffe zu Laibach (s. d.). Der Siegelbewahrer Deserre legte der Kammer zwei Gesetzentwürfe vor, von denen der eine die Verlängerung der Censur bis zur Sitzung von 1826, der andere die Verschärfung der Strafen auf Preßvergehen zum Gegenstände hatte. Dies war das Zeichen zum gemeinschaftlichen Angriffe der Rechten wie der Linken auf die Politik der Minister, die, eine Auflösung der Kammer nicht wagend, am 17.Dec. 1821 ihre Entlassung einreichtcn. Das neue und zwar sechste Ministerium wurde aus den strengsten Royalisten gewählt; Pcyronnet erhielt das Justizwesen, Montmorency die auswärtigen Angelegenheiten, der Marschall Victor die Kriegsverwaltung, Corbiere das Departement des Innern, Clermont-Tonnerre das Seewesen und Villele die Finanzverwaltung. Viele andere Veränderungen in den höhern Staatsämtern folgten. Das neue Ministerium, das bei der Schwäche der Linken in der Kammer ganz die Oberhand hatte, nahm sogleich den Vorschlag zur Verlängerung der Censur zurück, und diese hörte mit dem 5. Febr. 1822 auf. Dagegen wurde, namentlich durch die Rechtsgelehrten im Centrum, die Untersuchung aller Preßver- gehen den Geschworenengerichten entzogen. Auf den öffentlichen Credit hatte die Mimsterial- veränderung keinen Einfluß; dagegen äußerte sich in den Provinzen die Unzufriedenheit der demokratischen Partei, sowie auch im Heere. Man entdeckte am Ende des I. 1821 in der Kriegsschule zu Saumur unter den Offizieren und Soldaten eine Verschwörung zu Gunsten des jungen Napoleon und 1822 mehre gleichzeitige Anschläge zum Aufstande der Garnisonen von Belfert, Saumur, Neubreisach und Metz, wo die dreifarbige Fahne aufgepflanzt werden sollte; auch in Grenoble, Bordeaux, Rennes, Nochelle und Nantes gab es Unruhen. Am 2a. Febr. kam die Verschwörung des Generals Bertön (s. d.), im Aug. der Aufruhr des Oberst Caron (s. d.) zum Ausbruche. Zu Paris veranlaßten die Auszüge der Missionare unruhige Austritte, und ein Studententumult der Medicinischen Schule hatte die Aufhebung derselben bis im März 1823, und das Verbot aller Vorlesungen über Geschichte, Naturrccht und Philosophie zur Folge. Die Departements wurden durch Brandstiftungen beunruhigt. Diese Excesse, die oft von den Fanatikern, wie man die überspannten Royalisten zum Unterschiede von den Politikern oder den gemäßigten Royalisten nannte, angestiftet waren, gaben in der Kammer Ursache zu den heftigsten Angriffen auf die Revolution, den Liberalismus und die linke Seite. Da dir Linke jetzt stets überstimmt und häufig zur Ordnung gerufen wurde, so faßte sie zuletzt den Entschluß, sich jeder Abstimmung zu enthalten. Wie in der Deputirtenkammer, so hatte auch in der Pairskammer das aristokratische Prin- cip den vollen Sieg davon getragen. Unter Anderm faßten die Pairs den Entschluß, daß kein Pair jemals wegen Schulden an Bürgerliche in Verhaft genommen werden könne. Die stürmische Sitzung von 1821 wurde am l. Mai 1822 geschlossen. Die neuen Wahlen zur Deputirtenkammer wurden jetzt von der Regierung fast auS- schließend geleitet, und der Finanzminister erließ sogar ein Umlaufsschreiben, worin allen Beamten zur Pflicht gemacht wurde, für die Regierung zu stimmen. Ünter 80 neugewählten Deputaten betrug daher die Zahl der antiministeriellen nur 31. Nachdem der König am 4. Juni die Kammerfitzung von 1822 eröffnet, erklärte am 11. Juni Villele, daß die seit neun Jahren nöthig gewesene Bewilligung eines Provisoriums aufhöre, indem er den Entwurf des Budgets von 1823 vorlegte. Seine Talente und seine Mäßigung erwarben ihm in kurzer Zeit in der Leitung veröffentlichen Angelegenheiten ein solches Übergewicht, daß ihn der König am 4. Sept. zum Ministerpräsidenten ernannte. Die Ultraroyalisten, die ihn gehoben hatten, fingen ihn aber, als er eine nothwendige Mäßigung und das Bestreben der Versöhnung zwischen Thron und öffentlicher Meinung zeigte, bereits zu hassen an. Die wichtigsten Verhandlungen in der Kammer von 1822 betrafen die neuen Zollverordnungen, welche, dem Prohibitivsystem Englands und einiger Contincntalstaalen angemessen, die 456 Frankreich (unter der zweiten Restauration) Handelsfreiheit noch mehr beschränkten. Auch die auswärtige Politik in Bezug auf Grie- j chenland und Spanien gab zu lebhaften Debatten Anlaß. Während das Volk einen Krieg ' zur Unterdrückung des konstitutionellen Princips in Spanien verabscheute, begann die Regierung bereits ihre Rüstungen. Sie hatte unter dem Vorgeben, einen Gesundhcitscordoii zu bilden, ein ansehnliches Beobachtungscorps au der Grenze versammelt und Unterstühle die Regentschaft und die sogenannte Glaubensarmce nach besten Kräften. Die Sitzung von 1822 schloß am 17. Aug. mit Bewilligung des Budgets. Am 28.Jan. 1823 eröffnen ^ der König die Kammern mit einer Rede, in der er den Marsch von 100000 Franzosen gegen Spanien ankündigte, um, wie er äußerte, dieses Königreich mit Europa auszusöhnen. Die Opposition war sowol in der Volks - als in derPairskammer so schwach, daß sie in der Adresse ihre Misbilligung über den span. Feldzug nicht ausdrücken konnte. Aber auch der Minister Villele war nicht unbedingt für den Krieg mit Spanien und hatte sich über die Abfassung der Note an die span. Negierung mit dem Herzog von Montmorency, der eben erst vom Kongreß zu Verona zurückgckehrt war, entzweit, was die Abdankung des Herzogs und den Eintritt Chäteaubriand's in das Ministerium des Auswärtigen zur Folge hatte. Um so mehr ergriff die Friedenspartei in beiden Kammern bei der Debatte über die außerordentliche Creditbewilligung von 100 Mill. die Gelegenheit, die Nothwendigkeit und die Folgen des ! span. Kriegs zu prüfen. Viele der angesehensten Redner und Staatsmänner hatten schon in ^ beiden Kammern gegen den Krieg gesprochen, als der Abgeordnete Manuel (s. d.) aus der Vende'e durch eine Anspielung auf das Schicksal F.s die rechte Seite in dem Grade reizte, i daß er ohne Angchör und ohne Beachtung der parlamentarischen Ordnung am 3. Mai aus ! der Kammer gestoßen wurde. Da er am folgenden Tage dessenungeachtet auf seinem Sitze > erschien, so ließen ihn die Royalisten, weil sich die Nationalgarde weigerte, durch Gendarmen ^ mit Gewalt aus dem Saale schleppen. Die linke Seite verließ hierauf die Kammer bis auf , einige Mitglieder, die sich aber, gleich Mehren des linken Centrums, der Abstimmung enthielten. Das Gesetz wegen der Creditbewilligung sowie das über die Einberufung der Veteranen wurde nun angenommen; 176 Depulirte hatten jedoch nicht mitgcstimmt. Gegen § Manuel's Ausschließung legten 62 Mitglieder eine förmliche Protcstakkön ein. Am 0. Mai l 1823 wurde die Kammer unter gegenseitigen Anklagen und furchtbarem Partcihadcr ge- ! schlossen. Das franz. Heer hatte schon am 7. Apr. die Bidassoa überschritten und machte am I. Oct. in Cadiz der Herrschaft der span. Constitution und der Cortes ein Ende. Auch auf die Befestigung der Legitimität und des monarchischen Princips in F. war dieser kurze, sechsmonatliche Feldzug von bedeutendem Einfluß. (S. Spanien.) ! Als der König am 23. März 1823 die Sitzung der Kammern eräffnete, betrug die An- > zahl der liberalen Mitglieder etwa 17, während sie 1823 mehr als 110 ausgemacht hatte. Schon zu Anfänge des span. Kriegs war der General Damas an die Stelle des Herzogs ! von Belluno ins Kriegsminifterium getreten. Der König entwarf ein lachendes Bild von j der Lage F.s; allein die Ausgaben des I. 1823 hatten sich auf 1133,601671 Francs bc> ^ laufen, während die Einnahme nur 909,130783 Francs betrug; der span. Krieg hatte ! 207,827085 Francs gekostet. Der Minister Villele trug deshalb auf einen Nachschuß von 107 Mill. Francs an und erhielt ihn auch bewilligt. Da die Opposition in der Kammer fast völlig vernichtet war, so wurde auch der Vorschlag des Ministeriums, die gänzliche Erneuerung der Wahlkammer erst nach sieben Jahren vorzunchmen (s. Septennalität), als - Staatsgcsctz angenommen. Die Minister sahen hierdurch ihre Stimmenmehrheit gesichert. ! Im Laufe der Verhandlungen über das Budget gestand der Minister, daß das Deficit in den ^ Finanzen seit 1813 jährlich über 72 Mill. betragen, weshalb die Verwaltung im laufenden " Jahre für 332 Mill. Francs zu sorgen habe, die nicht aus dem gewöhnlichen Einkommen bestritten werden könnten. Dessenungeachtet nahm die Kammer das Budget an. Der Minister schlug nun, um im Finanzetat Ersparnisse zu machen, vor, an die Stelle der vom Staate crcirtcn fünfproccntigen Renten drciprocentige zu setzen; allein dieser von der Dcpulirten- s kammer angenommene Vorschlag derRentenrcduckion (s. d.) wurde von der Pairs- ; kammcr verworfen. Man sah sich darum genöthigk, das Tabacksmonopol zu erneuern und die Verbrauchssteuern zu erhöhen. Weil aber Chateaubriand die Vertheidigung des Ren- tenrcductionsgesetzks unterlassen hatte, mußte er seine Ministerstclle niederlcgcn, die einstwoi- - 457 srankrerch (unter der zweiten Restauration) i len Villele an sich nahm. Bald nach dem Schluffe der Sitzung, der am 4. Aug. erfolgte, erneuerke die Negierung am 15. Aug. die Ccnsur der öffentlichen Blätter, welchen Beschluß besonders Graf Frayssinous, Erzbischof von Hermopolis, der in das neuerrichtcte Kultusministerium eingetreten, unterstützte. Ludwig XVIll. starb am I6.Sept. 1824, und sein Bruder bestieg als Karl x.(s.d.) den Thron. Der neue Monarch erklärte sogleich die Absicht, die Charte zu achten und zu befestigen; er ernannte den Dauphin zum Mitgliede des Staatsraths und hob schon am 29.Sept. die , Censur auf. Der Graf von Clermont-Tonnerre übernahm das Kriegsministerium, der Gcne- i ralDamas das Departement desAuswärtigen, der Herzog von Doudeauville dasMinisterium ! des königl. Hauses. Villele befestigte seine Stellung beim neuen Könige durch die kluge Leitung des Staatshaushalts, wie durch die Bewilligungen, welche er der Adels - und Pfaffcn- parlei bis auf einen gewissen Punkt bewilligte. Unter seinen vielen Gegnern war Chäteau- 1 briand in seinem Organ, dem „lournsl des debsts", der beredteste. Schon in der Kammersitzung von 1825, die am22. Dec. 1824 eröffnet und am 13. Juni 1825 geschlossen wurde, konnte die Nation ungeachtet der königlichen Versicherung einsehen, daß man damit umgehe, die Charte planmäßig zu vernichten. In der Deputirtenkammer saßen 32V alte Privilegirte. Villele legte jetzt den schon in der vorigen Sitzung von dem geheimen Ausschuß verworfenen Gesetzentwurf über die Entschädigung der Emigranten in anderer Form vor. Ungeachtet der Anstrengungen Foy's ging diesmal das Gesetz durch, und die Emigranten (s. d.) erhielten für ihre zum Vortheil des Staats verkauften Güter die Summe von 1000 Mill. Francs in Renten, deren Verthcilung aber in die Hände des Königs gelegt wurde. Auch das Nentenreductionsgesetz ging durch; doch setzte die öffentliche Meinung der Vollziehung desselben viele Hindernisse entgegen. Um dem katholischen Cultus mehr Achtung zu verschaffen, schärfte man das Sacrilegiengesetz. Nach der Annahme des Budgets , erfolgte am 29. Mai die glänzende Krönung des Königs zu Nheims nach altem Herkommen, wobei Karl X. schwor, nach der Charte zu regieren. Durch eine Ordonnanz vom 17. Apr. 1825 wurde die Unabhängigkeit Haitis (s. d.) anerkannt; auch erhielten 1826 durch die Begünstigung des Handels mit den span.-amerik. Colonien die südamerik. Freistaaten stillschweigend Anerkennung. Damit standen ein vorläufiger Schiffahrtsvertrag mit England sowie ein Handels - und Freundschastsvertrag vom 4. Oct. 1826 mit Brasilien in Verbindung. Diese Maßregeln im Interesse des Handels und der Industrie söhnten die Nation im Augenblick mit dem Ministerium Villele aus. Wie sehr es aber darauf abgesehen war, das constitutionelle Princip nun an der Wurzel anzugreifen, zeigte sich wieder in der Kammer von 1826, die am 31. Jan. eröffnet und am 6. Juli geschlossen wurde. In der mit Landadel angcfüllten Volkskammer war Villele seines Siegs gewiß; in der Pairskammer hatte sich das Ministerium durch die Ernennung von 31 neuen Pairs verstärkt. Glcichwol wurde das Gesetz über das Vorzugsrecht der Erstgeburt bei Erbschaften von den Pairs am 8. Apr. verworfen und nur das über die Substitutionen angenommen. Das Erstgeburtsrecht würde die Gleichheit aller Franzosen vor dem Gesetz vernichtet haben und der ärgste Eingriff in die Bestimmungen der Charte gewesen sein. Unter den übrigen Gegenständen beschäftigten die öffentliche Aufmerksamkeit am meisten der Proceß Ouvrard's und dieDenunciation der Jesuiten durch den Grafen Mont- - losier (s. d.). Obgleich die Jesuiten unter Ludwig XV. aus F. vertrieben worden waren, hatten sie sich unter dem Schutze der Restauration doch wieder eingefundcn, an mehren Orten Kollegien errichtet und sich durch die von ihnen besetzten kleinen Seminare großentheils des öffentlichen Unterrichts bemächtigt. Der pariser Appellationshof erklärte sich zwar in Ansehung der Denunciation Montlosier's am 18. Aug. 1826 für incompetcnt; der Abbe de Lamennais(s. d.) aber wurde wegen seiner Angriffe auf die Grundlagen der gallica- nhchen Kirche verurtheilt. Der Proceß Ouvrard's betraf die Armcelieferungsvcrträge zu s Bayonne für den span. Feldzug, wobei der öffentliche Schatz aus Jrrthum, Nachlässigkeit und Übereilung der Verwaltungsbehörden mehre Mill. Verlust erlitten hatte. Weil mehre hohe Staatsbeamte, selbst der gewesene Kriegsminister Victor, Herzog von Belluno, der General Euilleminot und der General Bourdesvult verwickelt waren, mußte der Proceß vor die Pairskammer gebracht werden. Die nähern Umstände der ganzen Angelegenheit find 458 Frankreich (unter der zweiten Restauration) im Dunkel geblieben; außer einigen Lieferanten, die wegen Bestechung Strafe erhielten, wurde das gerichtliche Verfahren gegen die Übrigen eingestellt. Mit dem Schluffe der Kam- mersitzung von 1826, in der die Politik des Hofs und Villele's schon durch die Pairs die erste Niederlage erhalten, begann sich auch die öffentliche Meinung gegen das System der Negierung , kräftiger zu äußern. Als die Wahlen für die Kammer von 1827 eine dem Ministerium un- I günstige Wendung nahmen, wagte Villelc plötzlich die Censur der politischen Blätter einzu- ! führen. Gleich nach Eröffnung der Sitzung von 1827 mußte diese Maßregel als der Charte > zuwider aufgehoben werden. Dafür brachte der Minister ein neues strenges Preßgesetz vor ) die Kammern, das er das Gesetz der Gerechtigkeit und Liebe nannte. Die Opposition in der Volkskammer war noch nicht stark genug; doch die Pairs veränderten das Gesetz so sehr, daß es zurückgenommen werden mußte. Ganz F., namentlich aber Paris, brach darüber in Jubel aus, und als der König am 29. Apr. 1827 die pariser Nationalgarde musterte, riefen mehre Stimmen bss les mini-tren!" Die Nationalgarde wurde deshalb am 30. aufgelöst, was den Volkshaß und den Bruch mit der Regierung außerordentlich steigerte. Um , diese Zeit kam es, da der Dei von Algier, Hussein Pascha, wegen Beleidigung des fran;. Consuls die Genugthuung verweigerte, zu Feindseligkeiten mit diesem Staate, und am 12. ! Juni 1827 begann die Blockade Algiers (s. d.). Zu Gunsten der Griechen schloß F. mit England und Rußland am 6. Juli 1827 den londoner PacificationSvertrag. Ünterdessm hatte Villelc die Auflösung der Wahlkammer am 5. Nov. 1827 und die Ernennung von 76 neuen Pairs vom Könige erlangt. Allein die sreigewordene Presse und der Unwille der ^ Nation gestalteten die Wahlen für das Ministerium so ungünstig, daß Villelc und dieübri- gcn Minister am 4. Jan. 1828 ihre Entlassung nehmen mußten. An die Spitze des neuen und zwar neunten Ministeriums, das aus meist unbekannten, aber strengroyalistischcn Männern zusammengesetzt war, trat Marti gn a c (s. d.), der in den Kammern für Villele die glänzendsten Siege erfochten hatte. Der Gang der neuen Regierung war unbestimmt > und schleppend. Es erfolgte die Räumung Spaniens; die Congregation der Jesuiten und ihre Schulen wurden durch eine Ordonnanz vom l 6. Juni 1828 aufgehoben; Morea wurdr durch ein franz. Heer von den türk. Truppen (s. Griechenland) befreit; ein neues Preß gesetz endlich schaffte die Tendenzprocesse, und ein anderes die Mißbrauche bei den Wahlen ab. Den Kammern von 1829 legte Martignac die Entwürfe des längst erwarteten Com- munal-und Dcpartementalgesehes vor; die Kammern aber verlangten so wesentliche Abänderungen, daß die Regierung die Gesetze fallen ließ. Bei der Discussion des Budgets für 1830 brachen heftige Klagen über die Finanzmaßregeln der Regierung, den Druck der Abgaben, über die Verluste in Spanien aus. Schon in dieser allgemeinen Unzufriedenheit ^ konnte man die Zeichen zum Sturze eines Ministeriums sehen, das im Innern keiner Part« gnügte und in der auswärtigen Politik zwischen Rußland und England schwankte. Die Kammer wurde am 31. Juli 1829 geschlossen, und am 8.Aug.mußte sich daS Ministerium, besonders aus Betrieb der Hofpartei, die Martignac haßte, zurückziehc». Das zehnte Mini' , sterium seit der Restauration wurde nun gebildet. Fürst vonPolignac(s. d.), ein erklärter Feind der Charte, bisher franz. Botschafter in London, trat als Minister des Auswärtigen ein; Courvoisier wurde Großsiegelbewahrer, der durch sein Benehmen bei Waterloo besonders im Heere unpopulairc Graf Bourmont Kriegsministcr; Gras de Rigny sollte die Marine und die Colonien übernehmen; der wüthende Royalist Graf de Labourdonnaye . erhielt das Innere; Baron von Montbel die geistlichen Angelegenheiten und den Unterricht, Graf Chabrol die Finanzen. Die Hof- und Pfaffenpartci hatte mit diesem Ministerium allerdings den größt«! Sieg errungen. Allein die ganze Nation, von beabsichtigten Staatsstreichen und dem Umsturz der Verfassung fest überzeugt, rüstete sich auch sogleich zum Widerstande. In den fünf Departements der früher» Bretagne, in Paris und an andern Orten begannen sich Vereine zur Steuerverweigerung zu bilden, im Falle die Abgaben nicht der Verfassung gemäß erho- t ben würden. Im Dec. 1829 zählte man bereits 62 Associationen dieser Art. Labourdonnaye schlug gegen dieses Verfahren im Cabinet gewaltsame Maßregeln vor, wurde jedoch über- ! stimmt und nahm, als man gegen seine Ansicht eine Präsidentschaft im Ministerium zu errichten beschloß, seine Entlassung. Am 18. Nov. 1829 trat hierauf Polignac als Präsident e», m- cste >ng an- zu- 3te , oor dn hr, in fen , ge- l Im ^ n,. l2. nit l sen >on der >ri- >en >cn Ae mt , >nd ^ rde eß- , len ! m- ! lb- für lb- >cil lei vie >m, «i- i är- cti- be- die rye ht, ten ^m- ü'f ^ ine ho< ! aye >er> er- enl Frankreich (Julirevolution) 459 an die Spitze des Ministeriums; Montbel erhielt die Leitung des Innern; Guernon de Ranville wurde an Montbel's Stelle Minister der geistlichen Angelegenheiten. Polignac war überzeugt, daß er die öffentliche Meinung nicht für sich habe. Seine Gewalt stützte sich nur auf die Gunst des Königs und auf die von dem Cardinal Latil geleitete Congregation; er suchte sich deshalb durch öffentliche Bauten und gemeinnützige Plane, auch durch die Expedition nach Algier (s.d.) beliebt zu machen. Zugleich aber begann er eine heftige Verfolgung der Presse, die die Kraft, die Kühnheit und den Widerstand derselben nur steigerte. Noch war indessen kein Angriff auf die Verfassung vorgcfallen; aber alle Parteien befanden sich in Spannung und Erwartung. Am 2. März l 830 eröffnete der König die Kammern mit einer Rede, in der er die Äußerung that: „die Charte habe die öffentlichen Freiheiten unter die Obhut der Rechte seiner Krone gestellt; cs sei seine Pflicht, diese Rechte seinen Nachfolgern unangetastet zu hinterlassen. Sollten sträfliche Umtriebe seiner Regierung Hindernisse erwecken, so werde er sie zu besiegen wissen." Dies war deutlich genug gesprochen. Dagegen erklärte ihm die Deputirtenkammer in der von Gautier verfaßten und von S2I Deputaten genehmigten Adresse am 18. März: „daß die Übereinstimmung der politischen Absichten seiner Regierung mit den Wünschen seines Volks nicht vorhanden sei." Sofort vertagte der König beide Kammern am 19. März bis zum l. Scpt. Am 16. Mai löste er die Deputirtenkammer auf, ordnete neue Wahlen an und berief die neue Kammer auf den Z. Aug. Chabrol und Courvoisier waren mit diesen feindlichen Maßregeln nicht zufrieden und nahmen ihre Entlassung aus dem Ministerium. In Folge dessen ward am l 6. Mai der ebenso geistreiche als entschlossene GrafPeyronnet (s. d.) zum Minister des Innern ernannt, wogegen Montbel das Finanzdepartement übernahm. Chantelauze wurde Großsiegelbewahrer und Justizminister, und Baron Capelle erhielt das neue, für öffentliche Bauten errichtete Ministerium. Diese Vollendung des Ministeriums Polignac schien den Kampf des Throns mit der öffentlichen Meinung anzukündigen. Obschon der König in einer Proklamation vom 13. Juni an die Nation und die Wähler erklärte, daß er die Charte aufrecht halten werde, so fielen die Wahlen doch größtentheils im Sinne der Opposition aus; die 221 Deputaten der Ädresse wurden sämmclich wieder gewählt. Das Ministerium sah jetzt ein, daß es die Majorität nach dem bisherigen Wahlsysteme nicht erlangen könne. Es bewog deshalb Karl X. auf Grund des Artikels der Charte, welcher lautete: „Os r«i tait Iss regle- meats et nreionuauces pour I'exöcution lies loi» et In sürete ,s" und der tinnsl" einer solchen Auslegung jenes Artikels der Charte, und 34 Schriftsteller Unterzeichneten gegen die Ordonnanzen eine Protestatio«. Als hierauf Policcidiener die Pressen der liberalen Blätter besetzten und zertrümmerten, riefen die Eigenthümer den Schutz des Gesetzes an, und der Handelsgcrichtshos erklärte, daß die Journalisten bis zur gerichtlichen Entscheidung an der Fortsetzung der Blätter nicht gehindert werden könnten. Die Buchdrucker und Buchbinder aber schlossen ihre Werkstätten, die Buchhändler ihre Läden, wodurch Tausende von Menschen arbeitslos wurden. Am 27. begannen die zornigen Volkshaufen die königlichen Wappen zu zerschlagen, die Waffenmagazine zu erbrechen, und die Wuth und der Aufruhr steigerten sich reißend, als die königliche Garde, zuerst am Palais royal, die Massen durch Gewehrfcucr zu zerstreuen suchte. Bereits weigerten sich die Linientruppen, von den Waffen Gebrauch zu machen. Am 28. floh, mit Ausnahme des Ministers Polignac, der Hof und die Minister zum Könige nach St.-Cloud, und Paris wurde nun in Belagerungszustand erklärt. Das Volk hingegen errichtete zahllose Barrikaden, 18000 Bürger griffen 460 Frankreich (Iulirevolution) zu den Waffen, und es entwickelte sich in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen ein furchtbarer, regelloser Kampf. Schon am 28. gerieth der Marschall Marmont durch Abfall der Truppen und Mangel an Lebensmitteln mit seinen 6000 Schweizern und einigen Bataillons Garden in die bedrängtcste Lage. Unterdeß hatten sich die zu Paris anwesenden De- putirtcn versammelt und ließen durch einen Ausschuß dem Minister Polignac am Morgen des 29. die Einstellung der Feindseligkeiten unter der Bedingung anbieten, daß die Ordonnanzen zurückgenommen, das Ministerium aufgelöst, die Kammern aber zum Aug. berufen würden. Allein jede Vermittelung wurde zurückgewiesen. Der Kampf entbrannte nun aufs neue, und nachdem das Arsenal, der Louvre, das Palais royal wiederholt von dem Volke erstürmt waren, sahen sich die königlichen Truppen am Abende thcils zur Kapitulation, theilS zum Abzüge aus Paris genöthigt. Im Laufe des Tags hatte sich eine provisorische Regie- rungsbehörde, bestehend aus Lafayette (s.d.), dem Herzoge von Choiseul (s.d.) und dem General Ee'rard (s. d.), sowie ein Municipalausschuß für Paris aus den angesehensten Männern, wie Laffitte (s. d,), Casimir Pericr (s.d.) u. A., gebildet, welche aufdem Stadthause die Absetzung Karl's X. aussprachen. In dem Hause Lafsitte's aber vereinigten sich die anwesenden Paks und Deputirten als Gesetzgebende Versammlung und beschlossen, dem Herzoge Ludwig Philipp von Orleans als Generallieutenant des Reichs die Regentschaft zu übertragen. Derselbe erschien am 30. Juli in Paris, trat seine Würde an und ernannte in Ge'rard, Guizot, Louis, Dupont de l'Eure, Bignon und Jourdan ein provisorisches Ministerium. Als Karl X. am 30. die gänzliche Niederlage seiner Truppen erfuhr, reiste er am Morgen des 31. nach Rambouillet, wo sich mehre Tausend Mann Garden um ihn versammelten. Die provisorische Negierung aber schickte zur Verhinderung neuen Blutvergießens unter dem Befehle Lafayctle's 6000 M. Nationalgardcn nach Rambouillet, denen sich ein großer Haufe des bewaffneten Volks anschloß. Schon am 2. Aug. hatten der König und der Dauphin in einem Briefe au den Herzog von Orleans denselben als Neichsverwescr bestätigt und zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux der Krone unter der Bedingung entsagt, daß letzterer sogleich als Heinrich V. ausgerufen würde. Als aber der König von dem Aufbruche der Truppen nach Rambouillet Nachricht erhielt, schrieb er einen zweiten Brief, in welchem er von der provisorischen Negierung Bevollmächtigte verlangte, die ihn mit seiner Familie sicher an die Küste bringen sollten. Auf diese Auffodcrung trafen der Marschall Maison (s.d.), der General Jacqueminot (s. d.), der Herzog von Coigny und die De- putirtcn Odilon-Barrot und Schoonen noch vor der Ankunft der Truppen in Rambouillet ein, bestimmten den König, die Garden zu entlassen und am 3. nach Cherbourg abzureiscn, wo er sich am l 6. Aug. mit seiner Familie nach England cinschiffte. Die Julirevolution war hiermit beendet; ganz F., das Heer, alle Behörden und Körperschaften erklärten sich für dieselbe. Während jedoch die siegestrunkene Jugend die Herstellung der Republik verlangte, beschlossen, namentlich unter dem Einflüsse Lafayette's und Lafsitte's, die zusammengerre- tcncn Kammern, den Herzog von Orleans die Krone anzubieten. Ein mit republikanische» Formen umgebenes Königthum sollte die neuerrungene Volkssouverainetät befestigen und zugleich F. vor den Greueln der Revolution sichern. Der Herzog von Orleans, der sich M patriotisch bewiesen, der bei seiner Ankunft auf dem Stadthause die Bürgschaften der Freiheit selbst proclamirt hatte, schien für diesen bürgerlichen Thron am würdigsten. Der Dcpu- tirtc Be'rard erhielt den Auftrag von den Kammern, die Charte nach dem Princip der Volks- souverainctät umzugestalten, was jedoch Guizot und der Herzog von Orleans zum Theil z» verhindern wußten. Beide hatten sich schon vereinigt, die Monarchie so wenig als möglich zu schwächen und durch die Politik der rechten Mitte (s. äu ste m il i e») die extremen Parteien vom Einflüsse auf die Entwickelung der Ereignisse abzuhalten. Der reformirte Entwurf der Charte wurde am 7. Aug. in der Deputirtenkammcr mit 219 Stimmen gegen 33, und unter 113 Paks von 89 angenommen. In derselben wurde der Grundsatz der Volks- souvcrainetät ausgesprochen, die Ccnsur für immer abgcschafft und die Initiative der Gesetzgebung auch den beiden Kammern verliehen. Die Organisation der Pakskammcr. die Wahlordnung und noch mehre andere wichtige Gegenstände blieben unentschieden. Das erfoder- liche Alter der Deputirten wurde von 30 auf 30 Jahre herabgesetzt, und das der Wähler von 30 auf 23; auch erhielten die Deputirtenkammcr und die Wahlcollegien das Recht, 461 ein 'all )a- 2e- ! M! rn- ^ ru- ^ un 'lk! Nli N-. lnd m- em tcn en, nt- er- >ri- hy un u!< >en ug lstr , nl- cm i-f, - ner ^ !Sll ! 2e- j lli, ! en, lon für ^ !«, re- fen j >nd :elt : cci- pn- i lich ^ ar- NII- ss, lks- s-h' ! >bl- l )er- ^ )ln j chü ! Frankreich (unter Ludwig Philipp) ihren Präsidenten selbst zu wählen. Mehre Nebenartikel betrafen die Verantwortlichkeit der Minister, dieHerstcllung der Nationalgarde, die Unterrichtsfreiheit, die Anwendung der Jury aufPreßvergehen u. s. w. Am 9. Aug. beschwor der Herzog diese neue Verfassung in einer Sitzung der vereinigten Kammern und bestieg dann als Ludwig Philipp I., König der Franzosen, den Thron. Schon früher hatten einige Pairs und Depntirte die Kammern verlassen; jetzt verlor die Mehrzahl der von Karl X. creirten Pairs ihre Würde, weil sie dem Bürgerkönige den Eid verweigerten. Lafayette wurde Oberbefehlshaber der neuerrichteten Nalio- nalgardc. Die alten Minister setzte man in Anklagestand. Das provisorische Ministerium aber wurde am 13. Aug. in ein definitives verwandelt. Der Herzog von Broglie (s. d.) erhielt die Präsidentschaft und das Ministerium des Unterrichts, Guizot das Innere, Sebastian! die Finanzen, Ge'rard das Kriegswesen; Lafsitte, Casimir Pe'rier, Bignon und Dupiu wurden Mitglieder des Staatsraths ohne Portefeuille. Kaum war der Kamps der Julitage beendet, kaum hatte Ludwig Philipp (s. d.) om 9. Aug. 1830 als Bürgerkönig den franz. Thron bestiegen, als sich im politischen Leben F.s ein neuer Gegensatz erhob, der den geschichtlichen Verlauf der letzten fünfzehn Jahre wesentlich bedingt hat. Der König, noch bevor er die Krone aus den Händen der Kammern empfing, war der Überzeugung, daß ihm dieselbe nach dem Sturze der ältern Bourbons als dem Haupte der jüngern Linie gehöre. Fortan wurde die Begründung dieser beanspruchten Legitimität (s. d.) gegen das Andringen des souverainen Volkswillens^'die Sicherung des dynastischen Interesses, überhaupt die Befreiung der Monarchie aus den Fesseln der Revolution, die Aufgabe seiner sichern und klugen Politik. Unter dieser Form machte er seine Erhebung den auswärtigen Höfen bekannt, hielt sich zu den Verträgen von l8I4 und >815 verpflichtet und erhielt auch in kurzem, nachdem er die Bewahrung des europ. Friedens versprochen, die Anerkennung der auswärtigen Höfe. Das Ministerium, das der König nach seiner Inauguration bestätigte, enthielt die verschiedenartigsten Elemente und war nur auf den Augenblick berechnet. Unter all diesen Männern war Guizot (s. d.) der einzige, dessen Talent, Energie und politische Anschauung ihm Vertrauen cinflößte, und der ihm zur Bändigung der revolutionairen Geister dienen konnte. Als Haupt der Doctri- naices (s. d.) hatte Guizot unter der Nestauration die octroirtc Charte Ludwig's XVIIl. als den Schild der Volksfreiheit vcrtheidigt, aber dessenungeachtet nicht aufgehört, ein guter Royalist zu sein; er hatte nur an der Julirevolution Theil genommen, um diese Charte gegen die Staatsstreiche monarchischen Despotismus zu sichern, aber daran keine weitere Conse- quenzen geknüpft. Die Umänderung der Charte mußte sogar auf seinen Betrieb unterbleiben.- Sein politisches Ideal war überdies von jeher die engl. Staats - und Volksverfassung gewesen. Er hielt es für einen Mangel politischer Organisation, daß F. nicht wie England neben einer mächtigen Adclsaristokratic auch eine Aristokratie des Bürgerthums aufzuweisen habe. Durch seinen unermeßlichen Einfluß, den er gleich nach der Julirevolution theils unmittelbar, theils bei der Anstellung seiner Schüler in den höher» Staatsämtcrn erhielt, prägte er diese politischen Ansichten zu einem Negierungssysteme aus, das bisher unter allen den verschiedenen Ministerien wesentlich dasselbe geblieben ist, weil es im Ganzen der Persönlichen Politik des Königs entspricht. Dieses Ncgierungssystem aber, das sich bald nach allen Seiten des Staatslebens hin zeigte, stand im Widerspruch mit den Grundsätzen der neuen Charte, mit den Erinnerungen der Julirevolution, mit den Ansprüchen der zahlreichen Republikaner, die sich kaum mit dem Gedanken an einen republikanischen Königsthron ausgesöhnt hatten. Zuerst zogen sich die Häupter der Julitage, wie Lafsitte, Lafayette, Odilon- Brrrot u. s. w., aus dem Bereiche des Throns und der Negierung zurück, was allein schon die Gemüther befremden und erkälten mußte. Überdies entzündeten die Nachwirkungen der Julirevolution in Belgien, Polen, Deutschland, den kriegerischen Geist des Heers und der Jugend, und die alten und jungen Republikaner sahen jetzt den Zeitpunkt gekommen, wo F. die Verträge der Restauration abschütteln, den Rhein wicdergewinnen und durch den Sieg der republikanischen Waffen die Volkssouverainetät durch ganz Europa Herstellen konnte. Statt dieser Erhebung nach außen ließ die Negierung auf dem Ministercongresse zu London erklären, daß F. die bewaffnete Intervention jeder dritten Macht in den insurgirten Ländern als eine Kriegserklärung ansehen würde. Um jedoch die öffentliche Meinung in etwas zu ! 462 Frankreich (unter Ludwig Philipp) versöhnen, hatte der König Guizot und Mole (s. d.) am 2. Nov. aus dem Ministerium ent> lassen und Laffitke zum Ministerpräsidenten und Finanzminister ernannt. Montalivet erhielt das Innere, Sebastiani die Marine, Maison das Auswärtige, Merilhou das Cultusministe- rium, während Ge'rard und Dupont in ihren Stellen blieben. Gegen die Mitte Nov. trat ! aber Soult an Gerard's Stelle, d'Argout an die Sebastian!'s, wclcherMinisterdesAuswärti- gen wurde. Dieses Ministerium galt als freisinnig, obschon cs das System des bewaffneten ! Friedens nach dem Willen des Königs aufrecht erhalten mußte. Die Kammer stand so un> I ter dem Einflüsse der Negierung, daß sie im Allgemeinen dieses System billigte. Sie bewil- > ligte das Budget von mehr als einer Milliarde ohne großen Einspruch und beschäftigte sich dem Versprechen der Charte gemäß noch vor ihrer Auflösung mit der Reform des Wahlge- setzes. Die frühere Zahl der Wähler von 80V<10 wurde durch die Verminderung des Wahl- ccnsus auf 200000 gebracht, die 8000 Wahlfähigen aber auf 24000; die doppelten Wah- len fielen weg, und die Anzahl der Deputirten ward auf45S festgesetzt. Die Besitzenden , hatten durch diese Veränderung allerdings bedeutend gewonnen ; die weniger Wohlhabenden i sahen sich auch in dieser Hinsicht um die Früchte der Julirevolution gebracht, was die Aufregung und den republikanischen Zorn nur noch mehr steigerte. Die ersten Unruhen galten indessen dem Julithrone nicht; sie brachen während des Protestes der Exminister vor der ! Pairskammer in den letzten Tagen des Dec. aus. Volkshaufen foderten den Tod der Ange- ! klagten, während eine Adresse der Deputirtenkammer das Urtheil in lebenslängliche Einsperrung und bürgerlichen Tod verwandelte. Ein anderer Ausbruch der Volkswuth gegen die Anhänger der ältern Bourbons, gegen die sogenannten Legilimisten, fand am 15. Fcbr. 1831 statt, als mehre derselben in der Kirche St.-Noch die Todesfeier des Herzogs von Bern begehen wollten. Der wüthende Pöbel riß beim Anblicke der weißen Fahne die Kirche und darauf den Palast des Erzbischofs von Paris, von Quelen, nieder. In Folge des Austritts von Laffitte, dessen Präsidentschaft den König für die Erhaltung des Friedens besorgt ^ machte, trat schon am l3. März I83l eine abermalige Ministerialveränderung ein. Casimir Perier theilte sich in das Ministerium des Innern mit Montalivet; Soult und Sebastiani behielten ihre Portefeuilles; de Nigny bekam die Marine, Barthe das Departement des Cultus, Louis die Finanzen. In der kräftigen, aber despotischen Hand Casimir Perier' s (s. d.) erhielt nun erst das System Guizot's unter dem Namen der „rechten Mitte" eine scharfe Ausprägung und einen stabilen Charakter. Die auswärtigen Verhältnisse verwickelten sich täglich mehr und bedurften eines so sichern und konsequenten Geistes, ebenso die Lage F.s im Innern. Perm ließ zufolge des Friedenssystems das aufgestandene Polen fallen. Als aber die östr. Truppen gegen den Grundsatz der Nichtintervention im Kirchenstaate entschritten, als der Deutsche Bund mit der Besetzung des Großherzogthums Luxemburg drohte, that er den kühnen Schritt ^ und ließ am22. Febr. 1831 Ancona von den Franzosen besetzen. In den Kammern, die sich nach der neuen Wahlform am 23. Juli versammelten, hatte das Ministerium die Majorität; das angenommene Budget von 1831 belief sich der großen Rüstungen wegen auf1500Mill> Auch die Interessen Belgiens hatte Ludwig Philipp des Friedens halber preisgegeben; doch mußte, als im Aug. Holland mit der Eroberung Belgiens drohte, das an der Nord- j grenze unter Ge'rard versammelte Heer in Belgien einrücken und von den Holländern einen > Waffenstillstand erzwingen. (S. Belgie n.) Alle diese Ereignisse, besonders aber der Fall Warschaus, erregten die Gemüther, und Noth sowie die Härte, mit der Perier die republika- i nischen Blätter und Volksassociationen verfolgte, riefen in den meisten großen Städten des I Landes Tumulte und Erneuten hervor. Ein furchtbarer Aufstand dieser Art brach im No», unter den Seidenwebern zu Lyon aus. Gegen 40000 Fabrikarbeiter, denen man die Erhöhung des Lohns verweigerte, blieben mit gewaffneter Hand eine ganze Woche hindurch die Herren der Stadt, bis am 3. Dec. Soult und der Herzog von Orleans mit einem bedeutenden Heere herbeieilten. Auch die Henriquinquisten, oder Anhänger des Herzogs von Bor- ^ dcaux, die bisher von dem Volkshasse verfolgt, im Dunkel geblieben waren, vermehrten diese Wirren. Im Jan. 1832 entdeckte man zu Paris eine Verschwörung, welche die Gefangennahme der Familie Orleans und die Einsetzung einer Regentschaft zu Gunsten Heinrich's V- bezweckte. Der unter dem Namen derVolksfreundc bekannte republikanische Club, der eben- 463 Frankreich (unter Ludwig Philipp) fM in das Complot verwickelt war, wurde bei dieser Gelegenheit geschlossen. Die Ankunft der emigrirten Polen, Nahrungslosigkeit und die ausbrechende Cholera verbreiteten zu Anfänge des JahrS den Aufruhr durch alle bedeutende Städte des Landes. Am 16. Mai 1832 war Perier gestorben, und das Cabinet, dessen Präsidentschaft jetzt der König gegen den Grundsatz „1-e roi regne, m»is non gouverne pas" übernahm, erklärte, daß das System vom 13. März, wie man Pe'rier'S Regierungsgrundsähe nannte, unverändert beibehalten werde. Bisher hatten alle Tumulte weniger dem Throne selbst gegolten. Bei dem Leichenbegängnisse des Generals Lamarque erhob sich am 5. Juni 1832 zu Paris ein planvoller, wie man behauptete, von der Regierung hervorgerufener Kampf, bei dem es sich um das Bestehen des Königthuins und das Schicksal F.s handelte. Die Art, wie die Regierung ihren Sieg benutzte, empörte auch die gemäßigten Gemüthcr. Paris wurdenach dem Kampfe in Belagerungszustand erklärt, Kriegsgerichte wurden eingesetzt, um über 1200 Verhaftete Ul richten; der Cassationshof aber schritt ein, und beide Maßregeln mußten aufgehoben werden. Unterdessen hatte auch der schon längst begonnene Aufstand in derVendee mit dem Erscheinen der Herzogin von Berri in den ersten Tagen des Mai eine ernste Wendung genommen. Allein der General Solignac dampfte diesen Aufruhr mit großer Energie, sodaß die Herzogin die Flucht ergreifen mußte und endlich im Oct. durch Verrath gefangen ward. Noch ehe man am 19. Nov. 1832 die Kammern zusammcnberief, wurde aus Furcht vor der Verantwortlichkeit in Folge der Juniemeute nach einer vierzehntägigen Ministerkrisis in den ersten Tagen des Oct. ein neues Ministerium gebildet, in dem die Doctrinaires als die einzige Zuflucht des Königs abermals die Oberhand erhielten. Soult übernahm das Kriegsministerium und die Präsidentschaft, Broglie das Auswärtige, Thiers das Innere, Guizot den Cultus, Barthe die Justiz, Humann die Finanzen, d'Argout den Handel und de Rigny die Marine. Der erste Schritt des neuen Cabinets war, daß es 6 2 neue Pairs creirte, von denen Viele zum Verdruß der Deputirtenkammer als eifrige Legitimisten galten. Zugleich suchte sich das Ministerium durch seine auswärtige Politik beim Volke in Ansehen zu bringen. Es schloß mit England eine besondere Convention, um mit Waffengewalt den König von Holland zur Annahme des londoner Vertrags zu zwingen. Ein franz.-engl. Geschwader ging zu diesem Zwecke nach den holländ. Küsten ab, und der Marschall Gerard mußte mit einem Heere von 50000 M. die Citadelle von Antwerpen belagern. Als sich der König am IS. Nov. zu Pferde nach den Kammern begab, fiel ein Schuß nach ihm, dessen Urheber jedoch nicht ermittelt werden konnte. Dieses Ereigniß, dessen Anstiftung man die Regierung selbst beschuldigte, trug außerordentlich dazu bei, daß das Ministerium die Majorität der Depu- tirtenkammer erhielt. Doch mußten die Minister einen vorgelegten Gesetzentwurf, der für die Zukunft den Belagerungszustand der Hauptstadt gesetzlich machen sollte, sowie einen über die Verwaltung der Provinzen zurücknehmen, während die Kammer die Federung Guizot's von einer Million zur Gründung eines Systems des öffentlichen Unterrichts freiwillig auf anderthalb Million erhöhte. Nachdem das Budget bewilligt, wurde die Kammer am 25. Apr. 1833 geschloffen, aber am nächsten Tage für die Sitzung von 1833 sogleich wieder geöffnet, damit die Regierung auch das Budget für das nächste Jahr vorlegen konnte. Als im Juni endlich sämmtliche Posten durchgegangen waren, trat Thiers auf und kündigte an, daß die Regierung entschlossen sei, Paris zu befestigen. Man nahm jetzt auch wirklich die schon im ersten Jahre nach der Julirevolution begonnenen Arbeiten wieder auf; allein die Nationalgarde drückte bei der Musterung am 28. Juli dem König so arg ihr Misfallen über die Forts aus, daß die Fortsetzung der Arbeiten unterbleiben mußte. Es wurde jetzt von der Regierung beschlossen, die gefahrdrohenden Bestrebungen der republikanischen Partei aufzudecken, um durch Schrecken auf die Gemüther zu wirken. Zwei republikanische Vereine, der Verein der Menschenrechte und der Bund der Volksfreunde, jener von Cavaignac, dieser von Marrost geleitet, zählten in der Mitte des J. 1833 bereits an 10000 Genossen, von denen ein großer Theil bewaffnet und auf das erste Zeichen bereit war, der Staatsgewalt im offenen Kampfe «ntgegenzutreten. Die Häupter der beiden Vereine wurden deshalb verhaftet und vor Gericht gestellt, aber von der Jury freigesprochen. Die am 23. Dec. > 833 für das künftige Jahr »öffneten Kmumern zeigten sich indessen über-d?» Despotismus und die geflissentlichen Anreizungen der Regierung sehr misgehalten. Am 2-1. Juli 1831 war 464 Frankreich (unter Ludwig Philipp) mit den Bereinigten Staaten ein Vertrag abgeschlossen worden, nachdem F. eine Entschädi- § gung von 25 Mill. an amerik. Bürger für gewaltthätige Maßregeln unter Napoleon zu ke zahlen hatte. Es hatte dabei eine Verschleuderung von mehren Millionen stattgefunden, und K als der Vertrag der Kammer vorgelegt ward, so verwarf sie denselben in der Sitzung vom A l.Apr. 1834. Sebastian! und Broglie, die dabei betheiligt waren, legten hierauf ihre Porte- ' si seuilles nieder, und das Ministerium wurde, ohne sein System aufzugcben, am 5. reorgani- ! d sirt. Soult blieb Präsident und Kriegsminister, Humann behielt die Finanzen, Guizvt den j si Unterricht, Thiers das Innere, Perfil wurde Siegelbewahrer, Duchatel Handelsminister, de i h Nigny bekam das auswärtige Departement, der Viceadmiral Jakob das Seewesen. Der g Justizminister Barthe hatte zu Ende März den Kammern einen Gesetzentwurf vorgelegk, » nach welchem alle ohne Erlaubniß der Behörde geschlossene Vereine verboten sein sollten. u Dieses Gesetz, das auch angenommen ward, bedrohte die republikanischen Vereine in ihrer » Existenz, und am 9. Apr. brachen demzufolge zu Lyon Unruhen aus, die nach furchtbaren d Verheerungen erst sechs Tage später gestillt werden konnten. Auf die Nachricht von diesem b Aufstande erhob sich auch am 13. Apr. Abends eine große republikanische Emeute zu Paris, d die aber ebenfalls am folgenden Tage durch die Linientruppen und die Nationalgarde ge- n dämpft wurde. Die Regierung setzte hierauf in den Kammern ein allgemeines Entwaff- b nungsgesetz durch und ließ dann vor der Pairskammer gegen die in den Erneuten Verhafte- > 2 ten den sogenannten Aprilproceß beginnen, zu welchem ihr jeder recht Grund fehlte. ! si Am 22. Apr. 1834 wurde durch Talleyrand's Bemühung zu London der berühmte ^ si Vertrag der Quadrupelallianz zwischen F., England, Spanien und Portugal ge- , 2 schlossen, der die Herstellung der Ruhe, oder vielmehr die Aufrechthaltung der constitukio- j> nellen Verfassungen auf der pyrenäischen Halbinsel zum Zwecke hatte. Die Flucht des Don ! n Carlos in den ersten Tagen des Juli von London durch Paris nach Navarra verursachte s 2 den Rücktritt Soult's aus dem Cabinet, indem ihm der König die Nachricht davon mehre 2 Tage zurückgehalten hatte. Ge'rard trat dafür an die Spitze des Cabinets, das im Übrigen ' si keine Veränderung erlitt. Die Wahlen für die Deputirtenkammer, die am 31. Juli 1831 1 ihre Sitzungen wieder begann, waren für die Negierung sehr vortheilhaft ausgefallen. Schon d früher hatte man an der span. Grenze ein Beobachtungsheer zusammengezvgen, das jetzt f noch bedeutend verstärkt wurde, wiewol sich der König aus Rücksicht für die nordischen Höft ^ i zu einer Intervention zu Gunsten der Königin nicht entschließen konnte. Die Aprilunruhen f hatten alle Kerker F.s mit Männern angefüllt, deren Lage das Mitleid des ganzen Volks si erregte. Der Minister Ge'rard entschloß sich deshalb, sein längeres Bleiben im Cabinet von der Bewilligung einer allgemeinen Amnestie abhängig zu machen, was jedoch vom Könige l wie von seinen Kollegen verworfen wurde, sodaß er schon am 29. Oct. sein Amt niederlcgtc. ^ ^ Im Streite über die Besetzung der Präsidcntenstelle, erhielt plötzlich einige Tage darauf das > ganze Ministerium, außer Perfil, die Entlassung. Der König, um der Negierung cine Majo- l rität zu sichern, beschloß jetzt aus den Halbliberalen oder dem sogenannten Tiers-psrti der ^ Kammer ein Ministerium zu bilden. Am 11. Nov. wurden die Mitglieder dieses CabimtS, an dessen Spitze Maret, Herzog von Bassano, stand, veröffentlicht; aber vier Tage später k sah sich der kräftige, liberale Maret schon gezwungen, sein Amt abzugeben, worauf auch die > > Übrigen abdankten. Die Doctrinaires wurden nun wieder berufen. Am 18. Nov. erhielt ; e Marschall Mortier in dem neuen Cabinet die Präsidentschaft, und Guizot, Thiers, Duchatel, > Rigny und Humann nahmen ihre frühern Stellen wieder ein; das Seewesen aber übernahm l - der Admiral Dupcrre. In den Kammern, die am 29. Dec. zusammentraten, hatten die Minister einen harten Stand, indem sie die von ihren Vorgängern beabsichtigte Amnestie ! zurückwiesen. Thiers entwickelte bei dieser Gelegenheit, daß ihre Verwaltung kein Rück- l schritt, wol aber ein System des Widerstandes (resistsnce) sei. Nachdem die Minister die f Kammer durch ein Vertrauensvotum geprüft hatten, legten sie derselben nochmals den > amerik. Vertrag vor, der auch nun angenommen wurde. Darauf schlug der Finanzminister der Kammer die Erneuerung des Tabacksmonopols vor. Die Mehrheit jedoch entschied sich , vorerst zur Niedersetzung einer Commission von Sachverständigen, über welche Niederlage ! der König so erzürnt war, daß sich das Cabinet darüber auflöste. Am 20. Febr. >835 nahm ' der Marschall Mortier seine Entlassung. Der König beauftragte hierauf den Marschall Frankreich (unter Ludwig Philipp) 465 Foult mit der Bildung eines neuen Ministeriums, das zwar aus demDiers-psrti zu Stande kam, aber auch sogleich wieder an der Amnestieftage scheiterte. Nach einer vierwöchentlichen Krisis entschlossen sich endlich die ministeriellen Deputirten, den abgetretenen Ministern eine Adresse zu übergeben, in berste um die Rücknahme ihrer Portefeuilles gebeten wurden. Der König willigte darein und ernannte den Herzog von Broglie zum Präsidenten und Minister dis Auswärtigen, während das Cabinet so blieb, wie es vor dem AustritttMortier's gewesen. Die Doctrinaires hatten das Übergewicht, und Thiers stand vereinzelt. Am 28. Juli hielt Ludwig Philipp Heerschau über 39999 M. Linientruppen und 29999 M. National- gnrdm, als plötzlich eine furchtbare Explosion erfolgte, die 21 Personen in der Nähe des Königs niederschmetterte. Ein gewisser Fieschi hatte dieses Attentat auf den König ausgeführt nnd wurde deshalb von der Pairskammer mit zwei angeblichen Mitschuldigen zum Tode murtheilt. Am 3. Aug. wurden die Kammern eröffnet, und die Regierung legte ihnen sogleich drei Gesetzentwürfe vor, deren einer die Beschränkung der periodischen Presse durch Hobe Kaution, der andere die Einführung geheimer Abstimmung bei den Geschworenengerichten, der dritte eine Ausdehnung der Strafe in cnntumucism betraf. So gewichtige Stimmen, unter andern Noyer-Collard, sich auch gegen diese die Charte verletzenden Entwürfe erbo- ben, so wurden sie am 9. Sept. 1835 doch angenommen. Die Kammer mußte sich zwei Tuge darauf vertagen und trat erst wieder am 29. Dec. 1835 zusammen. Obgleich diese sogenannten Septembergesetze den Ünwillen des Volks hervorriefen, auch mehr als 190 Zeitschriften zu erscheinen aufgehört hatten, behielt das Ministerium dennoch die Majorität. Im Zun. >836 gelangte endlich neben dem Proceffe Fieschi's auch die Sache der Aprilgefangeneu zum Ende, indem diejenigen pariser Gefangenen verurtheilt wurden, die vorher entflohen wurm. Bei der Discussion des Budgets gab der Finanzministcr Humann ein fortdauerndes Deficit zu und erklärte, daß er zur Deckung desselben nur zwei Wege kenne: Erhöhung der Abgaben, oder Herabsetzung der fünfprocentigen Renten, welche Maßregel auch sehr gereckt sei, da alles übrige Eigenthum nur drei Procent abwerfe. Die Linke faßte den letztem Vorschlag auf und bestimmte dem Minister einen Termin, binnen welchem er ihn als Gesetz in die Kammer bringen sollte. AlleinHumann nahm noch vorEnde des Termins den Abschied und wurde durch Argout ersetzt. Der König nämlich war entrüstet über diesen Gedanken, der ihm die Neigung der großen Capitalisten hätte entziehen können, und auch das Cabinet stimmte ihm bei. Da aber die Kammer hartnäckig aus die Verhandlung der Sache drang, so legten am 5. Febr. 1836 alle Minister ihre Ämter nieder. Nach einer vierzehntägigen Ruchlosigkeit mußte endlich der König, in Rücksicht auf die liberale Partei, die den Sieg davon getragen, Thiers zum Präsidenten und Minister des Auswärtigen ernennen. Die Doctrinaires Guizot, Duchatel und Broglie schieden aus und wurden durch Sauzet, Passy und Pelet ersetzt; das Ministerium des Innern erhielt Montalivet. Die Rentenreduction legten indessen die neuen Minister vor derHand ebenfalls bei Seite. Die stürmische Kammer hatte kaum nach der Bewilligung eines Budgets von 1912 Mill. ihren Abschied genommen, als am 25. Juni 1836 ein neues Attentat auf das Leben der königlichen Familie ganz F. in Schrecken setzte. Ein Kaufmannsdiener, Namens Alibaud, hatte nämlich, als der König mit seiner Schwester und Gemahlin nach Neuilly fahren wollte, u« Ausgange der Tuilerien in den Wagen geschossen, um das Vaterland von einem Tyrannen zu befreien. Die auswärtige Politik nahm jetzt unter dem liberalen Thiers einen höher» i Aufschwung, so weit es der König gestattete. Wiewol er mit den übrigen Mächten die Schwei; zur Ausweisung der politischen Flüchtlinge zwang, so verwandte er sich doch kür die gedrückte Republik Krakau, nahm den Dei von Tunis gegen die Pforte in Schutz und beschloß ein Freiwilligencorps zur Unterstützung der bedrängten Königin von Spanien auszurüsten. Auch der König war für diesen Plan gewonnen; allein die revolutionairen Vorgänge in Spanien selbst, auch eine unzeitige Proclamation des Generals Lebeau, der die Fremdenlegion commandiren sollte, Hintertrieb das Unternehmen. Der König hatte in der Angelegenheit zugleich Thiers compromittirt, sodaß derselbe am 25. Aug. 1836 mit seinen Kollegen abdankte. Erst nach einigen Wochen kam endlich ein neues Ministerium zu Stande. Mole erhielt die Präsidentschaft und das Ministerium des Auswärtigen, Guizot den Unterricht, Con».-Lex. Neunte Lust. V. 30 >466 Frankreich (unter Ludwig Philipp) Duchätel die Finanzen, Rosamel die Marine, Easparin das Innere, Bernard das Departement des Kriegs, Perfil die Justiz. Ein Notenwechsel über die Ausweisung des fraiiz, Spions Eonseil brachte das neue Cabinet in Zerwürfnisse mit der Schweiz, die in der ersten Hälfte des Nov. eine gegenseitige Grenzsperre zur Folge hatten. Um der öffentlichen Mj. nung zu genügen, die schon langst die Begnadigung der politisch Verurtheilten verlangte, wurde am st. Oet., am Geburtstage des Königs, «ist Gefangenen die Strafe erlassen. Auch die Erminister Karl's X., Pcyronnct, Chantelanzc, bald auch Poliguac und Guernon de Ran- ville wurden aus Ham entlassen, indem sich die Volkswuth längst in Mitleid verwandelt hatte. Ungeachtet der Ruhe, die jetzt in Frankreich herrschte, hatte sich der Eemüther bei dem Gange der Regierung eine tiefe Misstimmung bemächtigt, die nur deshalb nicht ausbraib, weil die Parteien entwaffnet waren und die Nation eine neue Revolution mehr als jedes andere Übel fürchtete. Ein Neffe des Kaisers Napoleon, der Sohn des Grafen St.-Leu, Prinz Ludwig Napoleon, baute auf diese Stimmung des Landes einen Plan, der Ludwig Philipp stürzen, ihm aber den Kaiserthron verschaffen sollte. Am 30. Oct. > 836 nämlich, Morgens st Uhr, versammelte der Artillerieoberst Vaudrey zu Strasburg sein Regiment, zeigte demselben an, daß durch eine ausgebrochene Revolution der Prinz Ludwig Napoleon den Thron von Frankreich bestiegen habe, und foderte die Soldaten auf, Napoleon II. zum Kaiser auszurufen. Der Prinz erschien hierauf-in der Mitte des Regiments und zog an dessen Spitz! durch die Straßen, während gleichzeitig der Commandant, General Voirol, und der Präfiu gefangen genommen wurden. Die Negierung jedoch, von dem Plane unterrichtet, hatte die Besatzung gewechselt, und der Prinz wurde mit seiner ganzen Umgebung verhaftet. Man stellte ihn jedoch nicht, wie es die Doctrinaircs wollten, vor Gericht, sondern schaffte ihn zu Schiffe nach Nordamerika. Der Proccß gegen seine Mitschuldigen wurde den Asfisen des Niederrhein zugcwiescn, die aber am 18. Jan. 18.37 alle Angeklagten freisprachcn, weil die Regierung den Hauptschuldigen der Gerechtigkeit entzogen hatte. Dieser Spruch, der in ganz Europa Erstaunen erregte, war eine große Niederlage für die Regierung. Am 27. Dec. 18stst wurden die Kammern eröffnet. Als der König zur Eröffnung der Sitzung mit seinen drei ältesten Söhnen abfuhr, schoß ein Arbeiter, Meunier, ein Pistol in den Wagen, ohne dabei Je- 'mand zu verletzen. Der Mörder wurde am 30. Apr. zum Tode verurtheilt, aber begnadigt und dcportirt. AufdieMajorität der Kammer bauend, legte derKriegsministcr Bernard am 21.Jan. 1837einen Gesctzcntwnrf,die berühmte Ioi ncti ! n. en u- i ü, n< n, > »- >» is n- !N s- ' h- ! « i « ! M . !» ul > er .'i! IN r- c- ni er ^ ig in ^ r; r- r- ii> i- ,'e . ;e Sk r. ni n !- Frankreich (unter Ludwig Philipp) 467 deutendes Übergewicht, als es gehofft hatte. Der Handelsminister Martin legte am IS.Febr. 1838 einen Gesetzentwurf vor, der die Regierung ermächtigte, umfassende Kanalbauten und vier große Eisenbahnlinien anzulegen. Ehe der Entwurf jedoch zur Bcrathung kam, brachte der freisinnige Gouin am 20. Febr. einen Gesetzvorschlag, die Rentenrcduction und die Ersparung von jährlich 25 Mill. betreffend, ein. Der Dichter Lamartine verwandte dabei sein ganzes poetisches Talent, um die Kammer zum Mitlciden für die kleinen Rentenbesitzer zu gewinnen, die bis zum Belaufe von l vo Francs nicht volle 2,5»onoo Mill. Francs betrugen. Die Negierung zitterte ccher für ihre Freunde, die großen Rentiers. Endlich nach langen Debatten wurde am 5. Mai das Reductiousgesetz mit großer Stimmenmehrheit angenommen, aber kurz darauf von der Pairskammer verworfen. Eine gleiche Niederlage erlitt die Negierung bei dem Gesetzentwürfe über die Eisenbahnen, deren Erbauung die Kammer nicht in die Hände der Regierung, sondern der Privatleute legte. Ein neuer Anschlag auf das Leben des Königs sollte jetzt wieder die Aufmerksamkeit des Volks und der verstimmten Kammer in Anspruch nehmen. Man hatte nämlich das Modell zu einer Höllenmaschine entdeckt, das sich ein begnadigter Republikaner, Namens Huber, gekauft, um dasselbe zur Erbauung einer Maschine zu verwenden, die den König und seine Familie mit einem Schlage vernichten sollte. Der Verbrecher wurde von der Jury zur Deportation verurtheilt. Unterdes war Prinz Ludwig Napoleon in die Schweiz zurückgekchrt, wo er zu Thurgau das Bürgerrecht besaß, und hatte in einer Schrift, die unter dem Namen eines Lieutenant Laily herauskam, sein Anrecht auf den franz. Thron zu beweisen versucht.' Laity wurde deshalb vor den Pairshof gestellt und am >0. Juli zu l oooo Francs Geldstrafe und fünf Jahre Ge- fängniß verurtheilt. Dieses Verfahren erbitterte; zugleich aber begann auch eine Verfolgung aller liberalen Zeitschriften. Die Anwesenheit des Prinzen Napoleon in der Schweiz bekümmerte indeß das franz. Cabinet so sehr, daß es zuerst seine Ausweisung auf diplomatischem Wege verlangte und, als sich die Schweizer diesem Eingriffe in ihre inner« Rechte nicht fügen wollten, selbst Truppen an die Grenze rücken ließ, bis sich der Prinz freiwillig aus der Schweiz entfernte, um einen Krieg zu vermeiden. Ebenso hart und gebieterisch benahm sich aber auch die Regierung in den Händeln mit Mexico und Bucnos-Ayres. Bei dem ungeordneten Zustande dieser Länder war es gegen franz. Staatsbürger wie gegen alle übrige Fremden zu Eigenthumsverletzungen gekommen. Das franz. Cabinct verlangte ohne weiteres von den betreffenden Regierungen eigenmächtig bestimmte Entschädigungen und für seine Staatsangehörigen übertriebene Begünstigungen. Da Mexico und Buenos-Ayres diese Foderungen verweigerten, wol aber unter brit. Vermittelung sich zu einem Vergleiche bereit erklärten, so wurde die Mündung des Rio de la Plata, sowie die ganze östliche Küste von Mexico in Blockadezustand erklärt und im Scpt. 1838 noch eine ansehnliche Flotte unter dem Admiral Baudin zur Verstärkung abgeschickt. Als am 17. Dec. 1838 die Kammern eröffnet wurden, entwarf der König von der Lage des Reichs das blühendste Bild; erzeigte die Räumung von Ancona am 3. Dec. 1838, zugleich den Abzug der Ostreichen aus dem Kirchenstaate an und verkündigte die Erscheinung der franz. Flotte vor Veracruz und die Eröffnung der friedlichen Unterhandlungen zu London im März zur völligen Schlichtung der belg. Angelegenheiten. Dessenungeachtet machte diese der Nationaleitelkait schmeichelnde Rede auf die Kammer diesmal keinen Eindruck. Die Doctrinaires hatten sich schon längst unte Euizot's Leitung von der Negierung losgcsagt und sich zum Angriffe gerüstet. Die Erbitterung der Liberalen durch die erneute Anwendung der Septembergesetze war grenzenlos. Der gefährlichste Widersacher aber war Thiers, der jetzt zum ersten Male das politische System des Königs ohne Rückhalt angreifen wollte. Der Adressenentwurf, welcher der Kammer am 3. Jan. 1839 von der Commission vorgelegt wurde, war eine offene Kriegserklärung gegen die Negierung. Seit der berühmten Adresse der 221 war eine solche Sprache nicht mehr geführt worden. Die ganze äußere Politik des Cabinets war als Misgriff bezeichnet und eine verletzende Anspielung auf das Selbstregiercn des Königs gemacht. Während der Bcrathung dieser Adresse traf die Nachricht von der Eroberung des Forts San-Juan de Moa ein, die durch den Abfall mehrer schwankender Mitglieder auf die Adresse mildernd Wirkte. Dessenungeachtet stellte sich dem Ministerium eine so schwankende Majorität heraus 468 Frankreich (unter Ludwig Philipp) ! daß es den Entschluß faßte, am 22. Jan. 1839 abzudanken. Soult erhielt nun den Auftrag, I ein neues Ministerium zu bilden. Da er aber erklärte, ohne Thiers sei kcins möglich, so wandte sich der König nochmals an Mole und die übrigen alten Minister. Diese behielten nun ihre Portefeuilles, vertagten am 31, Jan. die Kammern, lösten dieselben am 2. Fcbr. auf und riefen sie auf den 2«. Marz 1839 wieder zusammen. Von beiden Seiten betrieb man den Wahlkampf. Die Regierung drohte mit den Schrecken der Anarchie, dem Einbrechen der Ostreicher und Preußen, wenn die Revolutivnairs den Sieg behielten. Dessenungeachtet sielen die Wahlen gegen das Ministerium aus, das nun am 9. März seine Ämter niederlegte. Die gewaltigste Ministerkrisis nahm jetzt ihren Anfang. Am I.Äpr. wurde ein Ministe- 3 rium proelamirt, das aus lauter unbekannten und unfähigen Namen zusammengesetzt war. ! Jedermann war überzeugt, daß dies nur eine provisorische Ernennung sei. Jndeß traten die ! Kammern zusammen, in denen keine Partei eine entschiedene Majorität zu besitzen schien, l Der Präsident Pafsy erhielt nun die Aufgabe, ein neues Ministerium zu bilden; allein die-Kombination löste sich, als die Ordonnanzen unterzeichnet werden sollten, nochmals auf. Das ganze Land sah mit ängstlicher Spannung auf den Ausgang dieser Sache; I Handel und Gewerbe litten. Die Republikaner benutzten die Krisis, um in Paris einen ^ Aufstand zu machen. Sonntag am 12. Mai, als sich der größte Theil der Nationalgar- ! den außerhalb der Barrieren befand, erbrachen einige Haufen junger Männer das Maga- ! zin eines Waffenhändlers, fielen die Posten an, überwältigten die Policei und warfen Bar- - rikaden auf, als das Linienmilitair cinschritt. Erst am nächsten Tage gegen Abend war es ^ gelungen, sämmtliche Aufrührer zu zerstreuen. Am 13. Mai trat Soult als Präsident und Minister des Auswärtigen an die Spitze eines Cabinets, in welchem Teste das Justizmi- nisterium, General Schneider das Kriegswesen, Pafsy die Finanzen, Cunin-Gridaine d»S Departement des Handels, Duperre die Marine, Villemain den öffentlichen Unterricht, > Dufaure die öffentlichen Arbeiten, Duchatel endlich das Innere verwaltete. Dieses Ministerium, das so verschiedene Elemente vereinigte, nahm in der Kammer liberale Anläufe, i zeigte sich aber den Deputaten gegenüber gänzlich unfähig. Die Sitzung endete, nachdem s das Budget bewilligt war, am 7. Äug. 1839. Vor Eröffnung der Kammersitzung des nach- ^ sten Jahrs ernannte der König 22 neue Pairs. Die Angelegenheiten in Afrika, die Beendigung des spanischen Bürgerkriegs, die Verwickelungen im Orient, nachdem Ibrahim Pascha die türk. Armee bei Nisib geschlagen, Alles vereinigte sich, um das Ministerium zu erdrücken. Ludwig Philipp cröffnete die Kammern für das Jahr 1830 am 23. Dec. 1839. i Der Kämpf begann mit einem Angriffe Thiers' auf die Politik der Regierung iy den orient. Angelegenheiten, in denen sich England bereits von F. zu trennen begann. Sebastian! wurde deshalb von London abgerufen und Guizot dahin geschickt. Im Jan. wurde ein Gcsctzvorschlag Soult's, die Dotation des Herzogs von Nemours betreffend, verworfen, worauf das Mnisterium abdankte. Thiers, als Präsident und Minister des Auswärtigen , trat nun ein. Re'musat erhielt das Innere, Vivicn die Justiz, Gouin den Handel, Noussin die Marine, Pelet die Finanzen, Cubieres das Ministerium des Kriegs, Cousin den Unterricht, Jaubert die öffentlichen Arbeiten. Dieses liberale Ministerium sah sich sogleich von einer überwiegenden Majorität der Kammer unterstützt, erregte aber bei den übrigen Mächten sowie bei den Gemäßigten in F. selbst Befürchtungen. Jndeß war diese Furcht ungegründet; die Septembergcsetze blieben, die Rentenreduction wurde wieder von der Pairskammer verworfen, und die Reform des Wahlgesetzes, zu Gunsten der Demokratie, kam nicht einmal zur Discussion. Außer der Bewilligung des Budgets erhielten die Minister noch beträchtliche Summen für Eisenbahnen und Dampfschiffe. Thiers aber hatte in London ! durch Guizot die Bewilligung erthcilen lassen, die Äsche Napoleon's von Helena nach Paris zu holen; Re'musat erhielt für diesen Zweck von der Kammer eine Million bewilligt. Nach dem Schluffe der Sitzung am >3. Juli 1830 richtete Thiers seine ganze Aufmerksamkeit auf die orient. Angelegenheiten. Er hatte schon oft erklärt, daß ebenso wenig der Pascha von Ägypten wie die Pforte selbst fallen dürfe. Das brit. Cabinet bot ihm im Mai Vergleichs- weise an, daß der Pascha Ägypten und das Paschalik Acre behalten solle; allein Thiers verwarf diesen Vorschlag als nicht genügend; ebenso schwieg er zu den Änerbictungcn der deutschen Mächte in Bezug auf Syrien- Als aber die vier Mächte gewahrten, daß Thiers de« ! b I so N r. ch et e. e- 7 r. ie ^ a. ^ in ls ^ ! i> c- it i- st i- a i. !. st >. l, I t r - ^ r i 1 r . » r Frankreich (unter Ludwig Philipp) 469 Pascha zu einer unmittelbaren Aussöhnung mit dem Sultan gerathen, entfernten sie sich von ihm und ließen F. vereinzelt, während sic selbst am 15. Juli 1849 einen Vertrag Unterzeichneten, nach dem Ibrahim Ägypten erblich, und alles Land zwischen dem Rothen Meer und dem Sec Liberias lebenslänglich erhalten solle. Am 17. Juli eröffnete man zu London dem franz. Gesandten, daß die vier Mächte einen geheimen Vertrag ohne Zuziehung F.s abzuschließen sich bewogen gefunden. Zugleich ward Admiral Stopford beordert, die ägypt. Flotte anzugreifen und die türkische zu befreien, was jedoch Thiers dadurch verhinderte, daß er die ägypt. Flotte davon benachrichtigte. Ganz F. flammte vor Kriegslust auf, als es die Vollziehung des Julivertrags vernahm. Thiers aber, während cr mit Lord Palmcrston einen diplomatischen Krieg führte, betrieb zugleich im Innern die Rüstungen zur See und zu Lande. Auch trat er mit dem Gedanken einer Befestigung von Paris hervor. Während dieser allgemeinen Spannung begann der Prinz Louis Napoleon ein zweites, kindisches Complot gegen F., indem er am 6. Aug. mit einigen Anhängern bei Boulogne eindrang und als Napoleon II. durch die Stadt zog. Er wurde, da ihm Niemand zulief, sogleich gefangen genommen, von dem Pairshof zu lebenslänglicher Haft verurtheilt und nach Ham gebracht. Thiers, nachdem er mitBroglic den König Ludwig Philipp zu einer Vermehrung des Heers auf 639999 M. bewogen, beabsichtigte nun zu Anfänge Oct. die Absendung der franz. Flotte an die syrische Küste zum Schuhe Jbrahim's, was jedoch der König nicht zugestand; die franz. Flotte mußte sich bei den Hierischen Inseln sammeln. Am 18. aber überreichte Thiers den verbundenen Mächten ein Ultimatum, indem er mit Krieg drohte, sollte die Absetzung des Vicekönigs von Ägypten stattfinden. Diese halben Maßregeln jedoch schreckten die verbundenen Mächte nicht, und während die engl. Flotte Beirut eroberte und die ägypt. Armee den Rückzug antreten mußte, war der Einfluß F.s im Orient durch das Friedenssystem Ludwig Philipp's schon verloren gegangen. Am 15. Oct. geschah auf das Leben des Königs ein neuer Ängriff durch einen gewissen Darmes, der bei einer Musterung der Nationalgarde mit einem mit sechs Kugeln geladenem Gewehre auf den königlichen Wagen schoß, aber sich selbst nur dabei verletzte. Zwanzig junge Männer sollten zu diesem Complot zusammengctreten sein. Darmes starb unter der Guillotine. Die Eröffnung der Kammern war auf den 28. Oct. bestimmt. Der König, beabsichtigte Thiers, sollte bei dieser Gelegenheit den Julivertrag entschieden verwerfen und von der Kammer ausgedehnte Mittel zu fernem Rüstungen fodern, was aber der König fest verweigerte. Am 21. Oct. soderte darum Thiers mit den übrigen Ministern seine Entlassung. Der König vertagte hinauf die Kammern bis zum 5. Nov. und ernannte am 29. Oct. ein Ministerium, in dem Soult die Präsidentschaft erhielt. Guizot übernahm nun die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, Duchatel das Innere, Martin du Nord das Justizwesen, Humann die Finanzen, Teste die öffentlichen Arbeiten; Villemain trat in das Ministerium des öffentlichen Unterrichts, Cunin-Gridaine erhielt die Verwaltung des Handels, Duperrc der Marine. Das Ziel, das sich dieses Ministerium setzte und offen bekannte, war die Aufrechthaltung des europ.Friedens. Wiewol Guizot durch einen Zweifel an der militairischen Überlegenheit F.s die Deputaten empfindlich verletzte, so erhielt er doch in der Kammer sogleich eine starke Partei, die das System des Friedens bewilligte. Die Kricgsrüstungen wurden nun allmälig eingestellt, und der Finanzminister bemühte sich, Ordnung in die Finanzen zu bringen, die unter den kriegerischen Vorbereitungen Thiers' sehr gelitten hatten. Die Beisetzung der Asche Napvlcon's im Dome der Invaliden am l 5. Dec. erregte weniger den Enthusiasmus der Nation, als man geglaubt harte. Um diese Zeit kam auch der vom Admiral Mackau am 31. Oct. mit Buenos-Ayres geschlossene Friedenstractat an, der F. gebührende Entschädigung gewährte und die Franzosen den begünstigtcnNationen gleichstellte. Während sich aber unter Guizot's Leitung die Verhältnisse mit den europ. Mächten wieder günstiger gestalteten, legte das Ministerium der Kammer den Plan Thiers'überdie Befestigungen von Paris vor, der am l.Fcbr.1841 auch ohne Abänderung angenommen wurde. Unter der Berathung eines Handelsvertrags mit Holland wurde die Kammer am 22. Mai 1841 geschlossen. In Folge der Revision des Steuercatasters brachen im Laufe des Juli zu Toulouse und in andern Städten des Südens Unruhen aus, die durch Waffengewalt unterdrückt werden mußten. Als der Herzog von Aumale und dessen Bruder Nemours an der Spitze eines Regiments am >3. Sept. von 47Ü Französische Akademie Französisch-katholische Kirche ihrem Feldzuge aus Afrika in Paris cinzogen, feuerte ein Arbeiter, Namens Guenisset, ein Pistol auf die Prinzen, ohne dieselben jedoch zu verwunden. Er hatte nach gelungenem Mord das Regiment zum Aufruhr bringen und eine Revolution herbeiführen wollen. Der PairS- hof verurtheilte ihn zur Deportation. Der König cröffnete, nachdem er vorher das Heer bedeutend reducirt hatte, die Kammern für 1842 am 27. Dec. >841. Sehr heftige Debatten über die auswärtige Politik, die orient. Frage, den span. Etiquettenstreit, das Durch- fuchungsrecht, hätten dem Ministerium die Majorität der Kammer beinahe entzogen. Besonders war es das zur Verhinderung des Sklavenhandels unter den europ. Mächten eingc- führte Durchsuchungsrecht der Schiffe, was dem franz. Nationalcharakter gegenüber dm Briten beleidigte. Durch die Protestationen der Kammern gehemmt, wagte der König auch nicht, den Vertrag vom 20. Dec. 1841 mit den andern Mächten unbedingt zu ratisicircn. Die Trennung F.s von den übrigen Cabineten, die kaum besänftigte Erbitterung mußten dadurch wieder hcrvorgerufcn werden; beide Nebenbuhler rüsteten sich insgeheim zum Kriege. Am 27. Apr. 1842 starb der Finanzminister Humann und Lacave-Laplagnc trat an seine Stelle. Während die Kammer ein Gesetz discutirte, nach welchem eine Eisenbahnstrcckc von 000 Lieues auf Staatskosten ins Leben treten sollte, ereignete sich am 8. Mai ein gräßliches Unglück auf der Eisenbahn von Versailles, das 200 Menschen das Leben kostete. Ein anderer trauriger Fall war am 13. Juli der tödtliche Sturz des franz. Thronerben, des Herzogs Ferdinand vonOrleans(s.d.),aus dem Wagen. Als am 26.Jnli die Kammern zusammengctrckcii, wurde demzufolge die Negentschaftssrage verhandelt. Dieselbe fiel dahin aus, daß der nächst: männliche Agnat, wenn er 21 Jahre alt und keinen fremden Thron cinnimmt, bei der Minderjährigkeit des Königs Regent sein soll; der Mutter ist dabei die Erziehung und die Vormundschaft Vorbehalten. Die Minister erhielten bei der Abstimmung über dieses Gesetz 392 Stimmen. Am I. Mai >842 vergrößerte der Contreadmiral Dupetit-Thouars'die franz. Besitzungen, indem er in den polynesischen Gewässern die Marquesasinseln in Besitz nahm. Allgemeine Aufmerksamkeit verdienen die Bewegungen des Klerus und der Legitimisten, die im Laufe des I. >843 stärker als je begannen. Erst waren es die seit 1830 in F. wiederum außerordentlich herangewachsenen Jesuiten, welche unter dem Schilde der Untcrrichtsfrei- heit mit der Universität kämpften; gegen Ende des Jahrs erhoben sich aber die Bischöfe gegen die Regierung. Eine Reise des Herzogs von Bordeaux nach London im Herbste gab seinen Anhängern, den Legitimisten, Gelegenheit, einen Hof um den Prätendenten zu bilden. Alle öffentliche Beamte, die auf diese Weise ihren Eid vergaßen, wurden abgesehl oder gerichtlich verfolgt. Die Kammern wurden am 27. Dec. eröffnet. Mit derDiscussion der Adresse entbrannte ein lebhafter Kampf gegen die Legitimisten, die ein Paragraph der Adresse als Ke- brandmarkte (llötris) bezeichnte. Jm Nov. >843 machte Dupetit-Thouars den Versuch, sich durch Absetzung der Königin Pomarc der Insel Otaheiti zu bemächtigen, was die Regierung in Rücksicht auf England nicht zugeben durfte. Vgl. Michelct, „Urecis 830) und Schmidt, „Geschichte von F." (2 Bde., Hamb. >83«!—40). Französische Akademie, s. Institut. Französische Kirche, s. Gallicanische Kirche. Französisch-katholische Kirche. Die Rückschritte der stanz. Priesterpartei während der Restauration riefen in der Zeit der Julirevolution eine Menge religiöser, mehr oder minder deistischer Bestrebungen hervor. Der Saint-Simonismus (s. d.) trat kühner hervor, der ehemalige Generalvicar Ögger kündigte sich als Vollender der neuen Kirche Swedcnborg's (s. d.) an, die Gesellschaft „Ulm lleo" wollte, ähnlich den Thcophilan- thropen von 1706, eine allgemeine Kirche auf Grund der natürlichen Religion errichten, und die neuen Templer (s. d.) wirkten eifrig für Ausbreitung ihrer „ursprünglichen christlichen Kirche". Zu diesen Erscheinungen gehörtauch die vom Abbe Fcrd. Franc. Chakel (s. d.) gestiftete, vorzugsweise sogenannte franz.-katholische Kirche. Bereits im Äug. >83« hatte Chatel bekannt gemacht, daß er und eine Anzahl Priester die Functionen des geistlichen Amts unentgeltlich verrichten und von aller Einmischung in weltliche Dinge sich enthalten wollten; die Gemeinden, die solche Pfarrer wünschten, möchten sich an ihn wenden. Bestimmter trat er der alten Kirche im Jan. >831 gegenüber, wo er eine Kirche nach seinen ? n j si a « S ! i > >r d! -> - ! i Französische Kunst (Baukunst) Ideen «öffnete und in Verbindung mit Louis Napoleon Auzou und Blachere nicht nur den Gottesdienst ganz in der Landessprache zu halten anfing, sondern auch ein Glaubensbekennt' „iß entwarf. Letzteres war ein Gemisch sich widersprechender Lehren; cs erklärte sich vornehmlich gegen Unfehlbarkeit des Papstes und allgemeiner Concilicn, gegen Cölibat und Fasicngebote, gegen die Verpflichtung Erwachsener zur Ohrenbeichte, gegen die von der Kirche bestimmten Ehehindernisse, sowie gegen kirchlichen Gebrauch der lat. Sprache und setzte fest, die Hierarchie solle aus einem Patriarchen, einem Coadjutor, Bischöfen und Diakonen bestehen. Gleichzeitig war Chatcl in den Templerorden eingetreten und hatte sich zum Bischöfe weihen sowie zum Primas-Coadjutor von Gallien ernennen lassen, dabei aber schriftlich ver- Nochen, die franz.-katholische Kirche als bloße Vorschule der templerischcn Urkirche und als abhängig von dieser betrachten zu wollen. Freilich hielt er dieses Versprechen so wenig, daß ilm die Templer als Coadjutor bald absctztcn. Inzwischen hatteChatcl's Unternehmen guten Fortgang; mehre Gemeinden erbaten sich franz.-katholische Pfarrer, und im Nov. l83I wurde eine Halle im Faubourg St.-Martin zu Paris als Primatialkirche der neuen Religion eingeweiht. Allein der Plan Chatel's, eine Actiengcsellschaft zur Förderung seiner Sache zu gründen, und der heimliche Abschluß eines neuen Ecsellschaftsvertrags entzweite ihn im Z. 1832 mit Auzou für immer. Die auf einer Synode versuchte Aussöhnung zerschlug sich, und Auzou, der sich der röm.-katholischen Kirche wieder mehr annähcrte, richtete an mehren Lrten den Gottesdienst nach gemäßigtern Grundsätzen ein, während ihn Chatcl, der Bischof- Primas durch die Wakl des Volks und des Klerus, für einen Apostaten erklärte. Theils diese Spaltung, theils der radicale Rationalismus, den Chatel predigte, theils endlich der Mangel an Subsistenzmitteln hatten den Abfall Anderer zur Folge. Allerdings machte die Reform noch in den 1.1834 und 1833 einige Fortschritte; allein schon begann auch die Regierung die Gegenwirkung der Hierarchie zu unterstützen und wendete auf die franz.-katholische Kirche hier und da das Gesetz über die verbotenen Associationen an. So geschah es, daß Chatcl's Anhang trotz seiner unermüdlichen Thätigkeit immer mehr zusammenschmolz und gegenwärtig fast ganz beseitigt scheint. Von seinen Schriften erwähnen wir noch den mehrmals aufgelegten „bmcc>I»>;e", d. i. Agende, den „Oatecllisme" (Par. l833) und den „(3»le eie I'knmaliite" sPar. 1837). Die seit l 332abgesonderte Kirche des Abbe Auzou, die sich seit 1836 die franz.-evangelischc nannte und namentlich in Paris Anklang fand, drang nur auf Reform der päpstlichen und bischöflichen Gewalt, nahm dagegen die katholischen Dogmen an und verwarf den von Chatcl später ausgestellten Tarif für Kirchcngebüh- ren. Jndeß gerade der scharfe Tadel, den der nicht talentlose Auzou über die Anmaßungen und Schwächen des hohen Klerus ausgoß, scheint am meisten dazu mitgcwirkt zu haben, daß ihm die Regierung allmälig alle Kirchen, zuletzt auch im I. >837 seine Hanptkirchc zu Clichy schließen ließ. Mehr derIdee Auzvu's als der Chatcl's verwandt, war der Versuch des Abbe Helsen in Brüssel, der im I. 1833 eine katholisch-apostolische Kirche stiften wollte. Französische Kunst. Von der alten keltischen Kunstübung (s. Kelten) sind nur noch in wenigen Gegenden Frankreichs Denkmale übrig, z. B. in Auvergne, Normandie und Bretagne, und auch bei dem Vorhandenen kann von Kunst kaum die Rede sein. Vorzugsweise bestehen dieselben in einfachen Grabhügeln. Das Bedeutendste sind starke, oft stundenlange, meist Bergspißen umgebende Mauern von Stcinblöcken, in denen man die oppilla zu erkennen glaubt, in welche die Gallier in Kcicgszcitcn zu flüchten pflegten. Ein solches vjipitliiik, scheint der Odilienbcrg in den Vogesen mit seiner anderthalb Stunden langen Hcidenmauer gewesen zu sein. Sodann gibt es noch Reste von kolossalen Heiligthü- mern, bestehend in Reihen und Kreisen hoher, Meist auf dem dünnern Ende gestellter Steinpfeiler. Das am besten erhaltene Denkmal dieser Art ist ein Wald von -ittüt) Pfeilern bei Carnac unweit Quiberon in der Bretagne. Das Hciligthum Vasso in Auvergne, von welchem Gregor von Tours erzählt, mit seiner 36 F. dicken Doppelmauer, seiner inner» Bekleidung von Marmor und Mosaik und seinem Bleidach, scheint nicht ohne Einwirkung von Seiten der griech. Kolonie Massilia Gestalt und Schmuck empfangen zu haben, wie denn auch die gallischen Münzen sich an die von Massilia und noch mehr an die von Makedonien anschließen, welches im 3. Jahrh. v. Chr. von den Galliern mehrmals geplündert Wurde. Vgl. „Instructious ein eoinite kistoriuue lies arts et monuments^ (Par. 183S) 472 Französische Kunst (Baukunst) und H. Schreiber, „Die Feen in Europa" (Frcib. 18-12, -1.). Die rom. Bauten in Gallien kommen mit denen andererLändcr fast ganz überein; so die Triumphbogen in Orange und Rheims, die Uiüsnil carree in Nirms, die imposanten Thermen in Paris, mehre Theater u. s. w. Auch der Basilikenbau ging in der christlich rom. Zeit auf die Gallier über und war bei der Ansiedelung der Franken schon durch zahlreiche und glänzende Beispiele repräsentirt. Die Bauten der meroving. Zeit scheinen sich fast durchaus den spätrömischen angeschlossen zu haben, wie man aus der wahrscheinlich erst damals errichteten ?»rta nigrz in Trier schließen darf, und so waren auch wol die meroving. Basiliken, wie z. B. das von Dagobert l. erbaute, mit vergoldetem Dach versehene St.-Denis, völlig nach dem rom. Typus entworfen. Daneben kommen als Baptisterien u. s. w. schon früher kleine Rotunden vor. Aus der karoling. Zeit ist nur sehr Weniges erhalten; um so glänzender lauten aber die Beschreibungen. Derselbe Abt Ansegis, welcher den Dom zu Aachen entwarf, schuf z.B. sein Kloster Fontanellum an der untern Seine zu einem prachtvollen Compiler von mehren Kirchen und palastähnlichcn Gebäuden um. Wie er, so waren auch die meisten frühem Baumeister Frankreichs höhere Geistliche. Bald indcß gewann auch hier die romanische Bauart eine bestimmte, von der Antike verschiedene Physiognomie; so ist es z.B. wahrscheinlich, daß in der Normandie der Eewölbebau schon sehr früh, vielleicht bereits im >v. Jahrh., das flache Dach der Basilika verdrängte. Gemeinsam ist den meisten roman. Kirchen Frankreichs eine gewisse Haltungslosigkeit der Facaden, welche auch noch in der golh. Periode fortdauerte und bei aller Pracht doch einen barbarischen Eindruck zurückläßr. Dagegen sind die franz. Baumeister als die ersten zu rühmen, welche den Chorumgang mit einem Kranze runder, später polygoner Kapellen bereicherten, was in der Folge eine Grundbedingung des goth. Kathedralenbaus wurde. Zu den bedeutendsten roman. Bauten gehören der Dom zu Arles, St.-Ccrnin in Toulouse, Notre-Dame-du-Port in Clermont, einige Kirchen in Poitiers, Angers, Tours u. s. w., St. -Germain-des-Pre's in Paris, Notrc- Damc in Chalons an der Marne, die Facade von St.-Denis (ein Werk des berühmten Abts Eugcr), St.-Rcmy in Rheims und vor Allem mehre Kirchen der Normandie, wichtig durch eigcnthümliche Auffassung des Details, durch die früheste consequente Durchführung des Gewölbebaus und organische Verbindung der Thürme mit der Kirche; ferner St.- Gcorges in Boscherville, Abbaye-aux-Damcs, Abbaye-aux-Hommes und St.-Nicolas in Caen, die Kathedrale von Evrcur u. s. w., sämmtlich dem 11. Jahrh. angehörend. In der zweiten Hälfte des l 2. Jahrh. bildete sich in Nordfrankreich vorzüglich der sogenannte gothi- sche Baustil aus, der auch sogleich sehr massenhaft und reich auftrat, aber trotz einzelner vortrefflicher Leistungen nirgend die reine Harmonie guter deutscher Bauten erreichte. Charakteristisch sind für die franz. Bauten des gothischen Stils die Beibehaltung der Säulen als Träger des Hauptschiffs (später durchgängig mit Halbsäulcn bekleidet), während in Deutschland ein Pfeiler den Kern der Stütze bildet; die mehr nur äußerliche als constructive Ausbildung des Details; das Vorherrschen hoher Galerien zwischen den untern Schiffen und den obern Fenstern, welche beide dadurch beeinträchtigt werden; der meist nur dreiseitige, in Deutschland fünfseitige Abschluß des Chors; das Vorherrschen der Horizontallinie und die geringe Ausbildung des strebenden Elements, besonders sichtbar im Facadcnbau, in den nur wenig entwickelten Strebepfeilern, im stumpfen, vierseitigen Abschluß der meisten Thürme u.s.w.; daneben die größte Pracht in der Hauptfacade wie in den Fronten des Querbaus, kolossale Nundfenster, reiche Galerien mit Statuen und besonders ein Portalbau, der oft den ganzen untern Thcil der Facade mit Sculpturen bedeckt. Durch den verschwenderisch reichen Schmuck wurde die Kraft der Facade beeinträchtigt, sodaß der Thurmbau da erschöpft innehält, wo an den deutschen Kirchen die Verwandlung des Vierecks ins Achteck folgt und den reichen, durchsichtigen Helm als Blüte des Ganzen vorbereitet. Zu den ältern gothischen Gebäuden Frankreichs gehören Nokre-Dame in Paris (begonnen um >163), Chor und Schiff der Kathedrale von Rouen (begonnen 1212), die jetzt zerstörte Kirche St.-Ni- eaise in Rheims (begonnen 1229 von Hugo Libergier), der prachrvolle Dom von Amiens, der mit dem zu Köln in engem Zusammenhangs steht (begonnen 1220 von Robert de Luzarche), die Dome zu Laon, Senlis und Auxerre, die Katedrale von Chartres (I 26 V eingeweiht) und die zu Rheims (1219—49, mit Ausnahme der Fa;ade); die Sainte-Cha- 4 473 Französische Kunst (Baukunst) pelle in Paris (begonnen unter Ludwig dem Heiligen von Pierre de Montereau), Notre- Dame zu Mantcs (von Eudes de Montrcuil), Notre-Dame in Dijon u. s. w. Im l 1. und I5. Jahrh. war bei zunehmendem Reichthum und großer Eleganz doch eine gewisse Ausartung unverkennbar, was sich z. B. an der Facade des Doms und an den schönen Kirchen St.-Ouen (begonnen 1318) und St.-Maclou (1-172) in Rouen, an dem kolossalen aber unvollendeten Dom zu Bcauvais, an den Kathedralen von Alby, Rodez, Bordeaux, Toul und Tours zeigt. Daneben sind als herrliche Civilbauten zu nennen das Palais de Justice und der Hintere Thcil des Hotel de Bourgtheroulde in Rouen, das Hotel deClugny in Paris und der jetzt nicht mehr vorhandene alte Louvre. Vgl. Chappuy, „(mtlletlrales iruny." „l^s INN)SN üge pittoresqne" und A. de Laborde, „I^es Monuments lis ls ssrunces". Mit dem l6. Jahrh. tritt für Frankreich eine in ihrer Weise nicht minder glorreiche Bauepochc, dicderRenaissancc (s. d.), ein. Dieselbe ist freilich nicht als eine strenge Wiedererweckung der antiken Baukunst zu betrachten; sie bestand vielmehr in einerUmschmclzung der noch immer gothischen Grundformen mit phantastisch umgestaltcten antiken Ornamenten. Am deutlichsten zeigt dies die Kirche St.-Eustachc in Paris (begonnen 1532), deren Grundplan, Disposition, Facaden, Strebepfeiler u. s. w. noch ganz gothisch gedacht, aber in antikisi- rendcn Formen ausgeführt sind. Etwas anders verhält es sich mit den meisten Profanbauten dieser Zeit; sie zeigen einen ziemlich dirccten Einfluß der ital. Baumeister, welche König Franz I. kommen ließ, z. B. Serlio's, sind aber ebenfalls nicht ohne große Verschiedenheiten von den gleichzeitigen ital. Bauten in einem besonder», wesentlich decorativen Stil entworfen, der etwas außerordentlich Gefälliges und Malerisches hat, aber oft der Strenge und Konsequenz entbehrt und sich an Großartigkeit der Anordnung aus keine Weise mit Bra- mante und Michel Angelo messen kann. Als die bedeutendsten dieser Bauten sind zu erwähnen der mittlere Theil des Tuilerienpalastes und das Grabmal Franz's I. in St.-Denis von Philibert D elorme (s. d.), gest. 1577; das Schloß Ecouen von Jean Bullant, um 1510; die Westseite des Hofs im Louvre von Pierre Lescot, gest. 1578, vielleicht das Schönste, was in diesem Stile cxistirt; die Tribüne des Cariatides im Louvre und die Fontaine des Jnnocents von dem Bildhauer Jean Goujon, gest. 1572, endlich die altern Theile von Fontainebleau, das Schloß Amt, woran einzelne Theile gleich verschönen, noch halb- gothischen Facade des Schlößchens Gaillon nach Paris gebracht und neuerdings im Hofe des Palais des Beaux-Arts ausgestellt wurden; die sogenannte Maison de Francois l. in den Champs-Elysees zu Paris; die Kirchen St.-Eustache und St.-Etienne du Mont in Paris u.s.w. Mit dem Anfang des 17.Jahrh. wurde der franz. Baustil ernster und schmuckloser; die ital. Einwirkung brach sich vollständiger Bahn, wie sich dies schon im Palast Luxembourg zu Paris zeigt, der von de Brosse seit 1612 erbaut wurde. Die Nachahmung der damaligen florcntin. Künstler, zumal des etwas älter» Bart. Ammanati, ist in den Bauten dieser Zeit unverkennbar. Man strebte, auf die Alten selbst zurückzugehen, was freilich in der Baukunst so wenig als in der classischen Tragödie gelingen wollte. Das Hauptwerk dieser Richtung ist dic Colonnade des Louvre, begonnen 1670 nach den Zeichnungen des Arztes Claude Perrault, ein mächtiger Bau von unleugbar wohlthuender Anordnung. Was sonst unter Ludwig XI V. gebaut wurde, trägt nicht den Stempel hoher Genialität; insbesondere fällt an den Palästen der wunderliche Contrast auf zwischen dem antikisirenden Gebäude und dem steilen Dache mit seinen hohen, verzierten Schornsteinen, wie z. B.'an den beiden Pavillons der Tuilerien. Das große Versailles selbst befriedigt weder durch imposante Anlage noch durch Schönheit. Zahllose königliche und andere Schlösser fallen in dieselbe Zeit; so Rincy, Berny, Verneuil, Meudon, Maison, Chilly und ein Theil von Chantilly. Wie in dem Charakter des Monarchen, so ist auch in seinen Bauten statt der wahren Großartigkeit oft nur eine imposante Repräsentation sichtbar. Zu den bessern Architekten seines Hofs gehörten Lcmcrcicr, gest. 1660, der Erbauer der Kirchen St.-Roch, des Oraloirc Val de gräce und der Sorbonne in Paris; Franc. Blondel, 1618—86, der die Porte St.- Denis entwarf, und besonders Jules Hardouin Mansard (s. d.), der Erbauer des Jnva- lidendoms, dessen schlanke, prachtvolle Kuppel wie von einem Nachklang der gothischen Baukunst belebt erscheint. Weniger bedeutend ist die Hintere Fronte des Schlosses zu Versailles , während die Schloßkavclle durch reiche, malerische Anordnung überrascht. Auch der 471 Französische Kunst (Baukunst) eintönige Vcndömeplatz ist sein Werk. Bcrnin i's (s.d.) pomphafte Anwesenheit in Paris im I. >665, also vor dem Bau der Louvrccolonnadc, über welche ihn Voltaire in so groß- müthigc Verse ausbrechen läßt, war von keiner weitern Wirkung auf die franz. Kunst. Mit der Regierung Ludwig's XV. entwickelte sich entschieden der sogenannte Rocv costil (s. d.), welcher sich durch zunehmende Unbedeutendheit der Composition und kindische Mattigkeit der Ornamente kenntlich macht. Namentlich sind die meisten Kirchen aus jener Zeit ohne allen Kunstwcrth, wie z. B. St.-Sulpice in Paris; dagegen hat diese Kirche eine prachtvolle Facade, die nicht von dem Baumeister der Kirche sondern von dem großen Decorationsma. lcr Scrvandoni, 1695—l766, herrührt und in der That den Charakter einer schönen, aber freilich ganz unkirchlichen Decoration trägt, jedoch mit einer gewissen Reinheit und Mäßigung in den Formen. Erst seit der Mitte des > 8. Jahrh. begann auch die franz. Kunst wieder auf die Antike zurückzugehen und diesmal gewissenhafter als je; das Reich der Willkür hörte auf seit die alten Monumente wieder genauer abgebildct und gemessen wurden. Das erste größere Werk dieser Richtung sind die Colonnaden auf der ?I»ce eie In eoncortle in Paris, von I. A. Gabriel, 1719—82. Dieselbe gereinigte, aber kalte und öde Classicität zeigt sich in dem Münzgebäude von I. D. Antoine, gest. >891, und in der kcole kunst, insofern sic zuerst die Kälte und Nüchternheit, die man für Classicität hielt, durch ein malerisch-decoratives Element milderten, das sich auch in der Treppe des Louvre glänzend bethätigt. In dem gleichzeitig begonnenen 4re cls I'etoils, angefangen 1896 von Chalgrin, fortgesetzt von Goust und nach langen Unterbrechungen vollendet und wesentlich verändert von Huyot und Blonct im 1.1836, zeigt sich dagegen noch eine gewisse Kahlheit, doch streng und ohne Manier. Im I. 1897 begann Vignon nach eigenem Plane die berühmte Madc- leine als einen Ruhmestempcl für die große Armee, und als solche würde sie auch wol einen bedeutendem Eindruck machen, denn als Kirche, wozu sie unter der Restauration umgestal- lct wurde. Sie erreicht an Größe den Tempel des Zeus in Olympia und bildet nach außen einen riesigen korinthischen Pcristylos und besteht im Innern aus drei Kuppeln und einer Halbkuppel; an Skulptur, Vergoldung und Malerei ist nichts gespart worden. Den Eindruck, welchen sie machen könnte, schwächt zum Theil die schwere Vergoldung, welche daS Gebäude viel kleiner scheinen läßt, als es ist. Mit nicht viel geringem, architektonischen Luxus ist die Börse ausgcstattet, die >898 von Brongniart begonnen, 1826 von Labarrc vollendet wurde, und deren eisernes Dach die Bewunderung aller Techniker auf sich zieht. Die Bestimmung des Gebäudes spricht sich von außen durch die ringshcrumlaufcndc korin- thischeHalle recht gut aus, während das Innere bei malerischer Anordnung doch noch an einer gewissen elastischen Magerkeit leidet. Eine kurze Liebhaberei für den gothischen Baustil ging fast spurlos vorüber; dagegen breitete sich allmälig das Studium der Renaissance aus, zumal durch Pcrcier und Fontaine selbst. Und in der That sollte man es den Franzosen nicht verargen, daß sie, der Antike müde, sich einem Stile in die Arme warfen, der doch vielleicht die am eigentlichsten klassisch zu nennende Periode ihrer Kunstgeschichte bildet, insofern sich in ihm am deutlichsten der Nationalcharakter ausspricht. Denn die höchste Blüte des gothischen Baustils ist wenigstens nicht auf franz., sondern erst auf deutschem Boden aufgegangen. 475 Französische Kunst (Bildhauerei) während die deutsche Renaissance bei aller thcilwciscn Schönheit sich doch nie zu der naiven Freiheit entwickelte, die der franz. eigen ist. Das Aufkommen der Renaissancestudien fällt in die Zeit seit 1820 und geht demnach mit dem Erwachen der romantischen Malerschule so ziemlich Hand in Hand. Einstweilen beschränkte sich ihre Anwendung freilich auf bürgerliche Bauten; selbst in der sogenannten LImpelle expiutnir«; der zuletzt genannten beiden Meister ist nur erst eine leise Ahnung davon zu verspüren. Auch die Facade der Deputirtenkammer von Poyct, die Kirche St.-Vincent de Paula (begonnen 1827) und die Julisäule von Alavoine (entworfen 1830) sind noch ganz im Geiste des Kaiserreichs geschaffen. Beim Weiterbau zweier schon früher begonnenen Prachtbauten, des Palais des beaux-arts und des Palais du quai d'Orsay führten nach der Julirevolution Duban und Lacorne'e die Renaissance auch wieder in den hohem Baustil ein, die seitdem, wenn auch elastisch gemäßigt und nur selten durch abenteuerliche Ornamentik und Polychromie auffallend, zur herrschenden geworden und nicht bloße Modesache ist. Die pariser Architekten behandeln dieselben meist mit großem Geschick und wissen sie als wesentlich decorativen Stil jeder Art von Facade anzupasscn, wie die Saison cloree und die dlaison du Pont Oster am Boulevard glanzend darthun. Mäßig in der Verzierung und mehr der ital. Renaissance sich nähernd haben Huye und Eucrchy 1836 das Thcatre Vcntadour oder de la rcnaissancc entworfen, während Lebas 1837 in der zierlichen Kirche Notre-Dame de Lorette sich völlig der spätrömischcn Basilika anschloß. In demselben Jahre begannen Godde und Lesueur das größte Werk, welches diese moderne Renaissance bis jetzt aufzuweisen hat, nämlich die Erweiterung des Hotel de Ville zu Paris, welches gegenwärtig einen fünfmal größern Raum einnimmt als früher. Sie hielten sich dabei gewissenhaft an den Stil des alten Baus und schufen ein überaus malerisches, prachtvolles Ganzes. Höfe, Interieurs u. s. w. sind mit entsprechendem Luxus ausgestattet; geschnitzte Decken, prunkvolle Kamine, kunstreiche Treppen und Galerien repräsentiren hier den franz. Renaissancestil mit all der Pracht, deren er fähig ist. In dem Cirque Franconi hat der deutsche Hittorff(s. d.) sich weniger an die N naissance als an einen polychromatisch geschmückten griech. Stil gehalten, was vielen pariser Architekten zu wünschen wäre, wen» nicht Manier und Verwilderung entreißen sollen, wozu schon die Extravaganzen der Baumeister unter Franz I. den Mittelmäßigen leicht verführen können. Doch übcrwicgt in der gegenwärtigen franz. Schule als gesunder Kern die Tüchtigkeit in der Construction und Disposition, worin wahrhaft Großes geleistet wird. Besonders in der Disposition entwickeln die pariser Architekten, durch die Raumcrsparniß gcnöthigk, eine ausgezeichnete Virtuosität. Mit großem Eifer sind in neuester Zeit auch viele mittelalterliche Monumente rcstau- rirt worden, so die Kirche von St.-Denis, die Kathedralen zu Angers, Bourgcs, Charles, Orleans, Rheims, Rouen, sowie mehre Kirchen in Paris. Von keltischen Sculpturcn ist inFrankrcich so viel wie nichts, von römischen wenigstens nichts Außerordentliches erhalten; denn die Venus von Arles ist sicher nicht das Werk eines einheimischen Künstlers. In den unzäbligcn Altären, Sarkophagen u. s. w. der gal- lisch-röm. Zeit zeigt sich derselbe verdorbene röm. Provinzialstil wie in andern Gegenden des röm. Reichs. Eine alte Vorliebe der Kelten für den Erzguß läßt sich in den vielen kleinen Bronzestatuetten erkennen, welche, obschon röm. Gottheiten darstellend, doch gewiß großcn- theils von Einheimischen gefertigt sind. Erst nach der Völkerwanderung findet sich im 8. Jahrh. eine bedeutendere einheimische Scnlptur, bestehend in Altartafeln mit getriebenem Gold - oder Silberblech überzogen, welche als mit Hautrelicffiguren geschmückt geschildert werden. Nachher wurde auch Vieles in Erz gegossen, aber die eigentliche Stcinsculptur begann erst mildem l l. Jahrh. und schritt dann noch in der romanischen Zeit rasch zum Schmuck der Chorwände und Kirchenfacadcn, zumal der Portale vor, während die Arbeiten in Metall und Elfenbein sich ebenfalls vervielfältigten. Die Werke des II. und 12. Jahrh., z. B. die im Chor von St.-Dcnis befindlichen, sind zum ^iheil noch durchaus roh und barbarisch; erst gegen Ende des l2. Jahrh. und besonders im 13. entwickelt sich wie in Deutschland so auch hier eine oft großartige, einfache Jdealistenschule. Als deren Hauptwerke sind die Reliefs derChorwände in Notre-Dame zu Paris, einige Sculpturcn im Dom zu AmienS, besonders am Südportal die Vierte ilores und die älter» Portalbilder am Dom zu Rheims zu erwähnen. Unser den letztem befindet sich ein segnender Christus, dem an freier Hoheit und L76 Französische Kunst (Bildhauerei) Majestät nur wenige Christusbildcr gleichkommen. Mehr nur des zum Theil keltisch-mythologischen Inhalts wegen merkwürdig sind die Portale von St.-Denis und von Notre- Dame zu Paris. Leider hat die Revolution, zumal in der Champagne, viel gegen diese Sculpturen gewüthet und die Reihen von Königsstatuen, welche an den Portalen, wie z. B. in St.-Germain des Pres, oder in besondern Galerien über denselben standen, z. B. an Notre-Dame zu Paris, fast durchgängig vernichtet. Mit dem l S.Jahrh. trat wie in Deutschland eine vorwaltendeNeigung zur Charakteristik ein, unter welcher das Ruhige und Ideale der alten Sculpturen mehr und mehr verschwand. Die Portale wurden immer luxuriöser, der ornamentistische Schmuck reicher und verwirrter. Aus dieser Zeit stammt die Facade des Doms von Rouen, die Sculpturen der Chorwand im Dom zu Amiens, das Leben St.- Firmin's in mehren hundert Figuren darstellend, und wahrhaft unzähliges Andere. So trefflich Manches im Einzelnen sein mag, so machen doch diese Werke im Allgemeinen den Eindruck einer verflachten und verwilderten Auffassung des Lebens und lassen sich mit den gleichzeitigen Werken der fränkischen Schule, in welcher damals Veit Stoß und die Bischer wirkten, an Strenge, Tiefe und Schönheit nicht vergleichen. Die franz. Bildhauerei war indeß reif zu einer durchgreifenden Einwirkung von außen, und diese erfolgte unter Franz l. von Italien aus. Durch Venvenuto Cellini (s. d.), von dessen Arbeiten in Paris wir freilich jetzt nicht viel mehr wissen, als was er selbst in seinem Leben erzählt. Auch von den übrigen ital. Künstlern, welche die sogenannte Schule von Fontainebleau bildeten, hat sich fast nichts erhalten. Die Reihe einheimischer Künstler, welche derselben angehürten, eröffnet der geniale Jean Goujon, der als Bildhauer, Architekt und Stempelschneider gleich berühmt, 1572 in der Bartholomäusnacht umkam. Schon in seinen Werken zeigt sich als charakteristische Eigenschaft dieser altern franz. Schule ein ornamentistisches Wesen, eine Botmäßigkeit der Sculptur unter dem architektonischen Schmuck, welche die freie Entfaltung wesentlich hemmte und bald der Manier die Thüre öffnen mußte. Goujon's bekannteste Werke sind die zierliche Fontaine des Jnnocents in Paris, einige Reliefs im Louvre, wo gegenwärtig das iUusee 590, gehört schon der Ausartung an, wie seine Gruppe der drei christlichen Tugenden, die sich jetzt im Louvre befindet, beweist, die schon völlig die affcctirte Grazie des »ncieii rv^iine athmet, aber mit großer Gewandtheit ausgeführt ist. Von dem Maler Jean Cousin, gest. 1589, enthält dieselbe Sammlung einige gute Portraitbüsten. Andere Künstler derselben Richtung waren Barth. Prieur, Pierre Fran- cheville und der Italiener Paul Ponce. Tacca, der Schüler des Johann von Bologna, fertigte das Pferd der Statue Heinrich's IV. auf dem Pont-ncuf in Paris und die Reiterstatue Philipp's I V. von Spanien in Buen-Netiro. Durch die häufiger werdenden Reisen der Künstler wurde die franz. Sculptur immer mehr von der italienischen abhängig und theils ihrer ital. Muster wegen, theils durch die unter Ludwig XIV. eingctretene Übermasse von Bestellungen gerieth sie immer tiefer in Manier und Unnatur. Dieses zeigt sich schon in Jacq. Sarrasin's(I590—1660) Karyatiden am großen Pavillon des Louvre und mehr oder weniger auch in den Werken von Franc. Anguier (l 612—86) und seinem Bruder Michel Anguier, Thcodon, gest. 1680, Lcrambert u.A. Mitten unter diesen classischen Manieristen trat ein großer Naturalist auf, Pierre Pugct, geb. zu Marseille 1622, der sich lange in Italien aufhielt, als Maler, Architekt und Bildhauer großen Ruhm erntete und 169-1 starb. Da ihm indeß Strenge und Gemessenheit des Stils völlig abgingen, so wurden seine Arbeiten von den damaligen franz. Künstlern mehr bestaunt als studirt und blieben ohne bedeutende Wirkung auf ihre Zeit. Die berühmtesten sind ein sterbender Fechter, einige Statuen in Genua und vor Allem sein Milo von Kroton, jetzt im Louvre, ein Werk, welches an dämonischer Kraft des Ausdrucks unter allen neuern Sculpturen seinesgleichen sucht. Die Gebrüder Marsy, geb. 162-1 und 1628 in Cambray, arbeiteten viel für Versailles, z. B. Bacchus und Latona und die berühmte Pferdegruppe bei dem Apollobad. Der namhafteste Künstler am Hofe Ludwig's XIV. war Franc. Girardon, geb. 1 630, gest. 1715. Auch er arbeitete, zum Theil nach Zeichnungen des damals allgewaltigen Lebrun (s. d.), viel für Französische Kunst (Bildhauerei) 477 Versailles; seine Reiterstatue Ludwig's XIV., 21 F. hoch, die sonst auf dem Vendömeplatze stand, war das erste Werk dieses Rangs, das aus Einem Guße bestand. Unzählige Büsten und Statuen von seiner Hand vcrrathen bei aller Manier doch eine kühne Auffassung und leichte, kecke Darstellung. Pierre le Gros, 1656—1718, einer der besten franz. Künstler, lebte fast immer in Rom, wo auch seine meisten Werke sich noch jetzt befinden; so sein heil. DominicuS in St.-Peter. Eine schöndrappirte Römerin von ihm steht im Tuileriengar- ten, eine heil. Theresia in der Karmeliterkirche zu Turin. Nie. und Guill. Coustou(s.d.), die das Relief I.e passte 6» Lbiu fertigten, waren gewandte Nachfolger Girardon's. Edme Bouchardon (s. d.), gcb. 1698, erwarb sich besondern Ruhm durch seine Fontaine des Grenelles in Paris und durch einen Amor, der sich aus der Keule des Hercules einen Bogen schnitzt. Seine Statue Ludwig's XV., welche die Stelle einnahm, wo jetzt der Obelisk steht, wurde in der Revolution zertrümmert. Antoine Coysevox (s. d.), geb. 1610, Lambert Adam, geb. in Nancy l700, Lemoine, Rene Slodz, geb. in Paris >705, u. A. bewegten sich mehr oder weniger in der Manier Girardon's, welche bei L. Adam schon in leere Verwilderung überging. Die beiden bekanntesten Bildhauer derRegierungszeit Ludwig's X V. waren Etienne Maurice Falconet (s. d.), bekannt durch seine theoretischen Schriften und durch die etwas manierirte, doch großartige Reiterstatue Peter's I. in Petersburg, und Jean Baptiste Pigalle (s. d.), geb. 1711, der durch vieles Studium der Antiken die Manier mit Glück überwand, ohne jedoch die akademische Kälte abzulegen. Sein berühmtestes Werk ist das Monument des Marschalls von Sachsen im Chor der Thomaskirche zu Strasburg, eine der größten neuern Unternehmungen dieser Art, das im Einzelnen viel Schönes enthält, sich aber doch nicht über eine gewisse theatralische Repräsentation erhebt und sich mit Thorwald- sen's Denkmal des Herzogs von Leuchtenbcrg nicht messen kann. Während der Revolution und des Kaiserreichs verfolgte man den schon von Pigalle rngedeuteten Weg, das Studium der Antike, in deren Gegenständen sich auch fortwährend die meisten Darstellungen bewegten. Einer der bedeutendsten Künstler dieser Epoche war Ant. Denis CHaudet (s. d.), >736 —>810, von welchem der Kaiser ausschließlich dargestellt sein wollte, der auch die Statuen Napoleon's des Gesetzgebers (jetzt im Museum zu Berlin) und Napoleon's als Feldherrn (früher aus der Vendömesäule in Paris) und zwar beide nickt ohne große, freie Auffassung arbeitete. Dazwischen kam die Einwirkung Cano- va's, der in Paris ausgezeichneter Gunst genoß. Unter seinem Einfluß entstanden die letzten Werke, meist Portraits in Büsten und Statuen, von Jean Ant. Houdon (s. d.), 1711 — 1828. Die ersten größern Bestellungen des Kaisers, die Vendömesäule und der Carrousel« triumphbogen, wurden jene A. F. Fortin und E. F. Gois (>765 — 1837), dieser Cartellier (>757— >831), F. Lemot (1773—>824) u. A. übertragen und mit möglichstem Anschlüßen an die Ehrensäulen und Triumphbogen Roms ausgesührt. Die Vendömesäule war eins der ersten Monumente, an welchem man modernes Costum anzubringen wagte. Bald mehrten sich die Aufträge, und es besitzt Paris gegenwärtig aus der Kaiserzeit und der nachfolgenden eine Masse von Statuen in Palästen, auf Brücken, in Gärten und auf Plätzen wie keine andere neuere Stadt. Von dem erwähnten Lemot ist die gegenwärtige, etwas schwerfällige Reiterstatue Heinrich's IV. auf dem Pont-neuf, von Dupaty (s.d.), 1771 —>825, und dem berühmten I. P. Cortot, geb. 1787, die Statue Ludwig's XIII. auf der Place royale. Der Letztere, ein Schüler des Pierre Bridan, der den für den Bastilleplatz bestimmten Elefanten ausführte, ist einer der ausgezeichnetsten Bildhauer der Gegenwart und hat in seinen Statuen des Marius, des Camillus, des Marschalls Lannes, in seinem Frontispiz der Deputirtenkammer, sowie in vielen Sculpturen des ^rc cke l'etniio u. s. w. nicht nur eine reiche Erfindung sondern auch große Reinheit, Kraft und Gemessenheit des Stils an den Tag gelegt. Weicher und mehr der Richtung Canova's anhängend, nicht ohne Anmulh und Strenge des Stils arbeitete Jean Jos. Baron Bosio (s d.), geb. >769. Unter der Restauration regte sich in vielen franz. Bildhauern ein Streben nach Charakteristik, nach Emancipation von Canova und dem Stile des Malers David. Die Genresculptur begann mehre treffliche Künstler völlig in Anspruch zu nehmen, so Saint-Paul Lemoine, geb. >781, u. A. Bald fand die charakteristische Richtung einen höchst genialen Vertreter in Pierre Jean David (s.d.), geb. 1789, früher Schüler des Malers David und Canova'S. 47s Französische Kunst (Bildhauerei) Seine äußerst zahlreichen Werke bezeugen ein tiefes Studium des Individuellen, das, bisweilen bis zur Caricatur gesteigert, über das Princip des Schönen vorherrscht, aber nirgend oer inner» Kraft entbehrt. Unter den jüngern Künstlern, die zum Theil durch die Vorliebe der Zeit für Gedächtnißstatuen Beschäftigung und Ruhm erlangten, sind besonders zu nennen I. I. Flatters aus Krefeld, mehr noch der altern, klassischen Richtung angehörend P.A. Fessard, geb. 1798 , der Mitschüler Cortot's, und A. A. Dumont, geb. 1801 , der den unglücklichen Freiheitsgenius auf der Julisäule arbeitete. Eines ausgebreiteten Rufs genießt gegenwärtig PH. H. Lemaire, geb. 1798 , ein Schüler Cartellier's. Neben vielen Büsten und Statuen arbeitete er seit >830 das etwas theatralische und in der Symbolik nicht ganz glückliche Giebelfeld der Madeleine. In Notre-Dame de Lorette zu Paris findet sich seine Statue der Hoffnung, in Versailles seine Portraitstatucn Kleber's und Ludwig's XIV. In ihm, wie in den meisten franz. Bildhauern der neuesten Zeit streiten sich Naturalismus und ein ziemlich willkürlicher, bald von diesem, bald von jenem Muster angeregter Idealismus. Mehr auf die naturalistische Seite neigt sich F. Duret, der 1832 mit seiner berühmten Bronzestatue eines tanzenden neapolit. Fischers den Anstoß gab zu der jetzt so häufigen Ausbeutung des dortigen Volkslebens für die Sculvtur. Die Deputirtenkammer gab nicht nur von außen sondern auch im Innern Anlaß zu bildnerischem Schmuck; die Reliefs des Sitzungssaals sind von Ramey, Romand und Petitot. Für andere Bauten, z. B. für die Ausschmückung der Galerie von Versailles und für die Nischen der Madeleine arbeiteten Nan- teuil, Preault, Raggi, Debay Vater und Sohn, Ramus, Barre u. A. Von Elshoet sind die Statuen an den Springbrunnen der Place de la Concorde entworfen, während unter Viscönti's u. A. Leitung mehre andere Fontainen ausgeführt wurden. Noch unter der Restauration begann der jetzt curop. Ruf James Pradicr's aus Genf, den seine herrliche Statue I. I. Rouffeau's in Genf begründen half. In seinem Cyparissus, seiner Psyche, seinem Niobiden zeigte er einen vielleicht zu weichen Stil, während seine vier Ruhmsgöttinnen am großen Triumphbogen untadelhaft sind. Trefflich und in der modernen Kleidung malerisch ist seine Gedächtnißstatue des Grafen von Beaujolais, Bruders Ludwig Philipp's. Sein Schüler Tony Etex, geb. 1808 , dagegen ist bei aller Tüchtigkeit und Routine manierirt, wie namentlich sein heil. Augustin in der Madeleine beweist. Höchst energisch und in der Form vollendet sind die Arbeiten von Denis Foyatier, geb. 17 9 3 , dessen Spartacus unter den Statuen des Tuileriengartens vielleicht den ersten Rang cinnimmt. Mehr dem Naturalismus angchö- rend, erscheint E. Seurre der Altere in seinen Reliefs am .ärc Ie lämnFes gehören noch gegenwärtig zu den größten Schätzen, die eine Kunstsammlung besitzen kann. Aber ohne kräftigen Lebenstrieb schloß sich die franz. Malerei der damals am burgund. Hofe blühenden flandrischen Malerschule an, in welcher Richtung sie noch im 16. Jahrh. verharrte. Ihr gehörte auch Rene der Gute, Titularkönig von Sicilien, an, dessen gemaltes Portrait man zu Aix in der Provence bewahrt. Erst unter Franz l. beginnt unter dem Einflüsse ital. Maler die eigentliche Geschichte der Malerei in Frankreich. Leonardo da Vinci (s. d.) kam >515 nach Frankreich, wo er aber schon 1519 in des Königs Armen starb, der sodann Andrea del Sarto (s. d.) auf einige Jahre in seine Dienste nahm. Rosso de'Rosst, untc-r dem Namen Maitre Roux bekannt, wurde 1539 erster Hofmaler und erhielt die Oberaufsicht bei den Verschönerungen zu Fontainebleau. Da man die Malereien gern mit Stuccaturarbciten vereinigte, so berief Franz l. zu diesem Behufe Primaticcio (s. d.), welchen er zu seinem Kammerherrn machte. Diesem folgten mehre ital. Künstler, welche in Paris eine Künstlercolonie bildeten, wie einst die Griechen in Rom. Mehre franz. Maler wurden nur durch sie gebildet. Frans. Clouet, genannt Janct, und Corneille von Lyon waren die ersten bessern einheimischen Portraitmaler; doch erscheinen sie noch mehr von den Traditionen der altflandrischen Schule als von den ital. Malern abhängig. Besonders zeichneten sich die Franzosen aus in der Glas-, Emaille - und Miniaturmalerei sowie in der Tapetenweberei. Ihr Streben war immer dahin gerichtet, die Kunst mehr zum Schmuck zu benutzen, als in ihr das Hobe und Heilige zu fühlen; ihr Talent 480 FrailzöstsHe Kunst (Malerei) zeigte sich mehr ,'m Technischen und Akademischen als im Poetischen. Bramante, der vom Papst Julius II. den Auftrag erhielt, die Fenster des Vaticans durch Glasmalereien zu zieren, berief die franz. Künstler Claude und Guillaume de Marseille dazu nach Nom. Mit Jean Cousin, geb. zu Soucy bei Sens, fängt in der Mitte des >6. Jahrh. die Reihe der berühmtem franz. Maler an. Er besaß gründliche Kenntnisse in der Perspective und Architektur. Von seinen Glasmalereien sind besonders die in der Kirche von St.-Gervais in Paris berühmt. Seine Ölgemälde, das jüngste Gericht, in der Sacristci der Mini- men bei Vincennes, war das erste größere Historiengemälde. Franz I. foderte ihn und seine Zeitgenossen auf, wetteifernd edle Kunstwerke hervorzubringen; er sammelte sie und vereinte viele herrlicheWerke Leonardo's, Rafael's und Michel Angelo's damit, wodurch er den Grund des pariser Museums legte. Leider aber ist von dieser berühmten Sammlung zu Fontainebleau fast nichts mehr vorhanden, und auch die Fresken des Nosso und Primaticcio sind ziemlich ganz verschwunden. Mart. Fre'minet, geb. zu Paris 1567, bildete sich besonders nach Michel Angela und wurde erster Hofmaler unter Heinrich I V. Doch kaum hatte die Kunst in Frankreich die ersten Stufen des Wachsthums erreicht, so kränkelte sie wie eine Treibhauspflanze. Viel trugen die ausschweifenden Sitten an den Höfen Franz's II. und Karl's IX. dazu bei. Die Kunst wurde entwürdigt zu üppigen Darstellungen nach den Ideen des Aretino, die Zeichnung war unrein, die Farbengebung kraftlos und ohne Harmonie. An Simon Bauet, geb. zu Paris 1582, gest. 1611, erhielt Frankreich einen ausgezeichneten Nationalkünstler, der eine Schule stiftete und den Geschmack wieder reinigte. Er hatte den Orient gesehen und bildete sich in Venedig und nach Caravaggio, dem er in Färbung und Charakteristik nachstrebte, ohne ihn jedoch zu erreichen. Er war überhäuft mit Arbeiten und erhielt auch die von dem bedeutenden Portraitmaler Philipp von Champagne angefangene Galerie berühmter Personen zu malen. Zuletzt verfiel er in das Manierirte. Aus seiner Schule gingen Le- brun, Lesueur, I. B. Mola, Mignard, Dufresnoy, Chaperon, Dorigny und seine Brüder, Aubin und Claude Vouet, hervor. Seine berühmtesten Zeitgenossen waren Noel Jouvenet, Allcmand, Perrier und Quintin Varin. Der Letztere war der Lehrer des großen Nie. Pou s- si n (s. d.), 159-t— ,665, des Gründers der sogenannten heroischen Landschaft, den man auch den franz. Rafael nennt. Als Historienmaler ist Poussin der eigentliche Schöpfer der Classicität im guten und schlimmen Sinne. Bei großer Reinheit der Form und tiefem Studium der Composition läßt er doch durch Leblosigkeit der Farbe und allzu sichtbare Reflexion, zumal im Ausdrucke, kalt. Sein Schüler und Schwager, Caspar Dughet, gewöhnlich eben- falls Poussin oder Gasparo genannt, einer der größten Landschafter aller Zeiten, bildere zuerst die Lehre von, den landschaftlichen Massen und Linien aus. Er lebte meist in Rom, wo auch seine meisten Werke sind. Andere berühmte franz. Maler dieser Zeit waren Moise Valentin, geb. zu Colomiers >699, gest. 1632, der sich nach Caravaggio bildete und mehr kühne Kraft als seine franz. Vorgänger hatte; Jacq. Blanchard, 1699—38, der sich den Beinamen des franz. Tizian erwarb und der vollkommenste Colorist unter seinen stanz. Zeitgenossen war; Claude Lorrain (s. Gelee), 1699—82, der trefflichste Landschaftsmaler aller Zeiten; Chauveau, der besonders wegen des Feuers seiner Compositionen gerühmt wird; Nie. Mignard, aus Troyes in Champagne, Mignard von Avignon genannt, als Portrait- malcr, und dessen jüngerer Bruder, Pierre, Mignard le Romain (s. d.) genannt, gest. 1695, berühmt durch meisterhafte Portraits und große Freskomalereien, sowie Seb. Bourdon (s. d.), ein sehr vielseitiger Künstler, dessen bleibende Leistungen hauptsächlich dem Genre angehören. Doch der bedeutendste Künstler dieser elastischen Schule war Eustacbe Lesue ur (s. d.), gest. 1655, der sich in Paris selbst bildete. Sein Stil hat etwas ungemein Einfaches, Edles, Stilles; seine Zeichnung ist rein und sein Kolorit sanft harmonisch, obschon etwas matt. Er war zu ausgezeichnet, als daß ihn nicht der Neid seiner Mitbürger hätte verfolgen sollen. Selbst nach seinem Tode mußten seine Gemälde in dem Karthäuserkloster mit Gittern umgeben werden , um sie gegen verstümmelnde Bosheit zu schützen. Weltberühmt ist darunter der Tod des heil. Bruno, ein Bild ohne alles Pathos, aber rührend durch eine reiche Abstufung des tiefsten Ausdrucks. Seitab von diesen Künstlern liegt ein großer, ergötzlicher Humorist, Jacq. Callot (s. d.), geb. 1592, gest. 1635, dessen zahllose Kupferstiche und Zeichnungen einen drolligen Kontrast zu der pathetischen Prätension Poussin's Französische Kunst (Malerei) 4SI ' und seiner Schüler bilden, und in ihrer derben Komik alle Seiten des damaligen Lebens be- ' rühren. Alle diese Künstler waren bereits gebildet, als Ludwig X I V. den Thron bestieg, dessen mehr auf äußern Prunk gerichteter Sinn der wahren Kunst nicht sehr günstig war. Nur Lebrun (s. d.), gest. 1690, feierte unter ihm seine glänzendste Zeit und gewann, nicht immer durch edle Mittel, eine Alleinherrschaft über Alles, was Kunst betraf. Seine Arbeiten sind ungemein zahlreich; überall sieht man Genie und Leichtigkeit, aber auch echt franz. Manier und ein Hinneigen zum Theatralischen. Den Minister Colbert vermochte er zur Gründung der franz. Akademie der Kunst in Nom und in Paris, welche letztere sich befon- s ders dem Zunftzwange der alten Akademie des heil. Lucas in Paris entgegenstellte. Nach Le- brun'sZcit verließen die Franzosen die gute Bahn und das Studium der ital. Meister. Unter den Kupferstechern zeichneten sich unter Ludwig XIV. Gc'rard Aud r an (s. d.), Z. Mariette und Gabr. Lebrun besonders aus. Die genanntesten Künstler der folgenden Zeit sind die Brüder C o u r t o i s (s. d.), genannt Bourguignon, große Schlachtenmaler; Noel C o y p e l (s. d.) und dessen Sohn Antoine, deren reichePhantasie allgemeinen Beifall erwarb, die aber auch den wahren Ausdruck in theatralische Übertreibung verwandelten, sowie mehre Glieder der Familie Boulogne. Vivien, Jouvenet, Cheron, Parrocel, Sylvcstre, Delargilliere, Andre und Lafage waren fleißige und geschickte Künstler dieser Zeit, doch Alle nicht frei von Manier. Ihnen ist, wie fast allen franz. Malern der ältern Schule, bei aller Handfertigkeit doch ein gewisses conventionellcs Wesen eigen, das sich in Schwäche der Charakteristik und Färbung sehr deutlich ausspricht. Am freiesten davon war der geniale Portraitmaler Hyacinth Ritz au d (s. d.). Die Genremalerei feierte ihren Triumph im Anfänge des l 8.Jahrh. mit Antoine Wateau (s. d.), 1684—1721, dessen Maskeraden, Schäferscenen u. s.w. ungemeinen Anklang fanden und noch jetzt als feinste Rococostücke sehr geschätzt sind. Unter Ludwig X V. wurde s der Spiegelluxus, die Pastellmalerei und der Geschmack an Cameengemälden so herrschend, daß er die wahre Kunst völlig verdrängte. Loriot entdeckte damals die Kunst, Pastcllfarben zu fixiren. Die ganze Regierungszeit Ludwig's X V. herrschte die Manier, welche sich nicht blos in den oft unsauber» Bildern von Christophe Huet und Franc. Bo ucher (s. d.), 1704 —70, offenbart, sondern auch den bessern Leistungen von Ant. Pesne, Pierre Subley- ras, Lemoine und den Vanloo (s. d.) in hohem Grade anhängt. Erst nach der Mitte des 18. Zahrh. begann, wie im Völkerleben so in der Kunst, ein Bewußtsein der tiefen Unnatur, in der man sich befand; noch einmal traten Natur- und Alterthumsstudium vermittelnd ein und regenerirten, letzteres die Historienmalerei, erstercs die Landschaft und das Genrebild. Die erste freundliche Erscheinung dieser neuen Periode war der Landschaftsmaler Jos. Vernetss.d.), >714—89, dessen Darstellungen von tiefem Gefühle, reicher Phantasie und rastlosem Studium der Natur zeugen. Der Graf C ayl u s (s. d.), gest. 1765, ein franz. Winckelmann, that als eifriger Alterthumsforscher viel für die franz. Kunst und stiftete Preise ' zur Aufmunterung der Künstler. Grenze, gcb. 1726 zu Touren, gest. 1805, kann man mit Recht einen Volksmaler der Franzosen nennen, denn seine ganz aus dem häuslichen Leben genommenen Bilder zeichnen die eigenthümlichsten Züge der Denk- und Empfindungs- Weise seiner Mitbürger. Seine Gemälde sind einfach und lieblich, an das Empfindsame grenzend und voll der tiefsten Wahrheit in Darstellung der franz. Vvlksnatur. Seit ihm hat das Genrebild seinen gegenwärtigen Namen, tadleau eie genre. Aber auch für die geschichtliche Malerei trat jetzt eine Periode neuer, reinerer Classicität ein. Vien (s. d.), 1716— >809, wurde der erste Verbesserer des Kunstgeschmacks und der Vater der neuen Schule, aus welcher David (s.d.), 1748—1825, hervorging, der Stifter der gegenwärtigen franz. Schule, der zuerst wieder das strenge Studium der Antike und der Natur einführte und so mit kräftigem Einfluß einen rcinern Stil und eine richtigere Zeichnung bewirkte, als je in Frankreich geherrscht hatten. Gleichzeitig mit David zeichneten sich aus Vincent, Rcgnault und ^ Menageot. Während der Revolution wurden 1791 durch die Nationalversammlung alle i Kunstanstalten aufgehoben. Die herrlichsten Kunstwerke gingen durch die rohen Ausbrüche bei zerstörenden Freihcitswukh verloren; doch ein neuer Geist entflammte zugleich die Gemü» ther und die Phantasie der Künstler. Die Patrioten traten unter dem Namen einer Volks» j Conv.-Sex. Neunte Aufl. V. 31 482 Französische Kunst (Malerei) und republikanischen Künstlergesellschaft zusammen, deren Versammlungen im Louvre jeder Bürger beiwohnen konnte. Dieselbe wählte namentlich die Hauptereignisse der Revolution zur Darstellung, und wurde dadurch auch der Ausdruck an grelle Übertreibung gewohnt, so ward doch zugleich die fade frühere Manier vertilgt. David selbst war bei Decoration und Anordnung der republikanischen Feste vielfach thätig und erwies sich bis zum Consulat als eifriger Republikaner. Suve'e, ein sehr geschickter Künstler, wurde zum Direktor der franz. Akademie in Rom ernannt. Napoleon bot Alles auf, um die Künste kräftig zu unterstützen, und eine außerordentliche Anzahl bedeutender Künstler entfaltete ihre Talente schnell und glänzend; doch ist nicht zu leugnen, daß jetzt vor lauter Studium der Form und Composition auch der letzte Rest von Unmittelbarkeit und Naivetät in kalter Schönheit unterging. Die drei berühmtesten Malerschulen wurden die von David, Rcgnault und Vincent; nur stehen . auch die beiden letztem völlig unter David's Einfluß. Aus seiner Schule heben wir den vortrefflichen Drouais (s. d.) hervor, der, sowie Harriet, in früher Jugend (1788) in Rom starb; bei seinem Eifer für Alles, was erhaben, gut und edel war, seinem zarten Schönheitssinn und seiner nie mit sich zufriedenen Bescheidenheit, wäre er wahrscheinlich Frankreichs größter Künstler geworden. Außer ihm sind als die ausgezeichnetsten Schüler David's zu bemerken Ge'rard (s.d.), der Schöpfer des Belisar in der Galerie Leuchtenberg, Gros (s.d.), berühmt durch seine Gemälde, die Pestkranken in Jaffa und die Schlacht bei Eylau, in Hervorhebung des Individuellen, Wirklichen ein Vorgänger der romantischen Schule, Ingres (s.d.), einer der gelehrtesten Maler, der sich im Studium Rafael's eine von den Extremen unabhängige Stellung errang; dann Pcytavin der Ältere, Hennequin, Berthen, Serangcli, Mad. Laville-Leroulx, Mad. Ange'lique Monges, Mad. Barbicr-Val- bonne, van Bre't und Richard aus Lyon. Regn ault's (s. d.) Werke sind correct und lieblich, wenn schon noch etwas an die alte Manier erinnernd. Sein berühmtester Schüler war Euer in (s.d.), ein Künstler ersten Ranges. Unter seinen übrigen zahlreichen Schüler» sind Laudon, Menjaud, Blondel, Moreau und besonders der vortreffliche Portraitmaler, Rvb. ärfevre bemcrkcnswerth. Auch bildete er viele ausgezeichnete Künstlerinnen, wie Mad.An- zon, Lenoir, Romany, Mlle. Lorimier, Bc'noit und Davin - Mirvaux. Mit Übergehung älterer ausgezeichneter Künstler, wie Vincent, Lagrene'e, Taillasson, Peyron, Monsiau und Lethiere sind aus der neuern Schule besonders auszuzcichnen Prudho», Meister in gewagten Lichteffectcn und wie wenige seiner Schulgcnossen auch im Kolorit, Girodet (s. d), gest. 182-1, als Historienmaler, Jsabcy und Augustin als Miniaturmaler, Drolling als Maler von Conversationsstücken, Redoute als trefflicher Blumenmaler, Valcnciennes und Boguet als Landschaftsmaler, Mad. Chaudet, die Gattin eines geschickten Bildhauers, als Nachfolgerin Greuze's, Mad. Jaquotvt als Porzellanmalerin, sowie Bervic (s. d.) und Des- noyers (s. d.) als ausgezeichnet treffliche Kupferstecher im historischen undSellier im architektonischen Fache. Die Vereinigung der herrlichsten Kunstwerke aller Nationen im Museum in Paris und der rege Kunsteifer des damaligen Direktors Den on (s. d.), der selbst trefflicher Skizzenzeichner war, weckten jedes schlummernde Kunsttalent und brachten glänzende Wirkungen rascher Thätigkeit hervor. Die Großthaten Napoleon's wurden vielfach Gegenstand der Kunst, welche jetzt trotz des einseitigen Antikenstudiums sich in moderne Darstellungen einlaffen mußte. David selbst verstand sich nur selten dazu, so in der Krönung Napoleon's; zahllos aber waren die Schlachten und Cercmonienbilder von Gros, Girodet u. A. Aber das falsche Pathos blieb hier so wenig aus wie in den Bulletins des Kaisers, und seine großartige Verachtung des Individuellen spiegelte sich in der nachlässigen Charakteristik seiner Maler. Mehr und mehr überwältigte der Stoff die Darstellung; man steigerte sich gegenseitig zum theatralischen Effect. Was dabei für die Dauer gewonnen erscheint, war Strenge der Form und gewissenhaftes Studium, während besonders das Colvrit sehr zurückblieb. Diese so vervollkommnete Schulpraxis konnte jedoch der Malerei nicht die fortdauernde Theilnahmc des Publicums bewahren, das, allmälig jener vielen kalten, gezierten oder über- trieben pathetischen Vorstellungen, welche David's Schule geliefert hatte, überdrüßig, das , Individuelle, Scelenvolle und Herzergreifende dargestellt zu sehen wünschte. Daher bereitete ,j sich seit der Restauration eine Spaltung der Ansicht und Auffassung vor, welche bald jener altern Richtung das Bestreben einer Anzahl jüngerer Talente entgegenstellte und denselben Französische Knust (Malerei) 483 Streit in der Malerei veranlaßte, der schon in der Literatur zwischen den Klassikern und Romantikern begonnen hatte. Dazu kam, daß die dem Antiken oder Classischen zugewandte Schule sich seit der Restauration, trotz der Begünstigungen, welche der Kunst zu Theil wurden , doch nie recht wohl fühlte. Obgleich ein beträchtlicher Theil von Karl's X. nie zureichender Civilliste zur Förderung der Künste verwendet wurde, obgleich prachtvolle Bauwerke geschaffen, Brücken mit Statuen geschmückt, die Kirchen aufs neue geziert, den ausgezeichnetsten Künstlern glänzende Aufträge gegeben und ihren Werken die ehrenvollsten Stellen in de» Dillseen eingeräumt wurden, traten doch viele der begünstigten Künstler theilnahmlos zurück. Man fühlte nur zu sehr, daß der Enthusiasmus fehlte, womit in der Kaiserzeit der stanz. Heldenruhm selbst in den Thaten des Altcrthums sich abgespiegelt hatte, und daß die nun absichtlich von der Regierung begünstigten religiösen Gegenstände, zumal in jener cor- rccten Schulweise behandelt, die Gemüther kalt ließen. Daher wendete sich die Liebhaberei des Publicums und reicher Sammler, z. B. des Herzogs von Orleans und derHerzogin von Bern, mehr auf Begünstigung des Genre, welchem Fache die lebenvollen Gemälde eines der genialsten Künstler, des Horace Bern et (s. d.), schon längst allgemeine Anerkennung verschafft hatten. Nächstdem fallen zwei der größten Genrcmaler, die vielleicht je gelebt haben, Grauet (s. d.) und Leopold Robert (s. d.), der Eine mit seiner Blüte, der Andere mit seinen Anfängen, in diese Zeit. Einige jüngere Historienmaler dagegen, wie Delacroix, Schef- fer (s. d.) u. A., die als Häupter der romantischen Schule auftraten, verwarfen mit einem Male Alles, was jene klassische Partei in Zeichnung und Färbung, Reinheit des Stils und edlerHaltung der Komposition errungen zu haben meinte, und erwarben sich durch ungewöhnliche, phantastische Auffassung ergreifender Scencn eine Partei. Der Durchbruch geschah mit einigen, jetzt im Luxembourg befindlichen Bildern: Dante in der Hölle und das"Blutbad auf Seco von Eug. Delacroix (1822-2-1); der Tod der Königin Elisabeth von Paul Delaroche (s.d.); dicGeburt Heinrich's l V.von Eug.Deveria(I827)u.A.; nachdem Horace Vernetschon vielfrüher in seiner Schlacht bei Tolosa(I8I7) und seinem Mamlukenmord (1819) einer neuen Darstcllungsweise Bahn gebrochen hatte. Aber erst seit der Julircvolukion entschied sieb der Kampf in einer für die Kunst selbst nicht unvortheilhaftcn Weise. In der im Oct. I8ZN zum Besten der im Juli Verwundeten veranstalteten Kunstausstellung im Luxembourg standen die große» Werke der classischen Schule, welche den Ruhm der Käiserzeit zurückriefcn, nach einer langen Zeit tiefer Verborgenheit, dem Publicum wieder vor Augen neben den neuesten Bestrebungen. Trotz der glänzenden Erinnerungen aber, welche Lethiere's Erstürmung der wiener Brücke, Gue'rin's Begnadigung dcr Aufxührer von Kairo, Meynier's Wiederauffindung der Fahnen des 76. Regiments, Gros' Pest zu Jaffa, dessen Schlachten von Erstarr und Abukir, Ge'rard's Schlacht von Austerlitz u. s. w. zurückriesen, verhehlte man sich doch nicht, daß viele dieser so gerühmten Meisterwerke der Wärme ermangelten, ohne die das Kunstwerk keine dauernde Wirkung behalten kann. David, behauptete man, habe wol einen Leib, aber keine Seele zu malen verstanden, und weiter habe es auch seine Schule nicht gebracht. Aber der glänzenden und schulgerechten Vollendung dieser Werke gegenüber, konnte doch auch die theilweise Nachlässigkeit und Jncorrectheit der neuen Schule keine Anerkennung finden, und es bildete sich nun ein mittleres Urtheil, in welchem Künstler wie Ingres, Schnetz, Court, Langlois, die seit längerer Zeit sich von der herrschenden Schule frei gemacht, aber keineswegs das Gute derselben aufgegeben hatten, ehrenvoll hervortraten und talentvolle Nachahmer, wie Delaroche, Aubois u. A., fanden. Die Häupter der romantischen Partei mußten nun selbst ihreÜbcrtrcibungenmäßigen, und Delacroix, Scheffer, Johannot, Hesse und Descamps haben als talentvolle Künstler sich seitdem großen Ruhm erworben. Die»historienmalerei wurde nächst zahlreichen Ankäufen in den Kunstausstellungen, von der Regierung durch große Aufträge, z.B. zur Ausschmückung der Deputirtenkammer und der Säle des Louvre, und insbesondere durch Errichtung des großen historischen Museums in Versailles unterstützt, das jetzt , im Wesentlichen vollendet, schon gegen 6000 größere und kleinere, alte und neue Bilder ent- , hält und i» welchem alle Stile und Manieren repräsentirt sind, zuweilen freilich mehr in ihren ! Unarten als in ihren Tugenden, da die Arbeiten großentheils sehr eilfertig geliefert wurden. Der Chorführer des Genrefachs, Horace Vernet, der als Dircctor der franz. Akademie in 31 * 484 Französische Literatur (Nationatliteratur, 1096—1515) Rom zumeist daselbst lebte, hat sich mehr und mehr den Darstellungen aus der modernen Geschichte zugewendet. Unter den Historienmalern der neuern Zeit sind folgende noch als der alten Schule mehr oder weniger zugethan zu betrachten: Abel de Pujol, Leon Coignet, Coudert, Court, Debay, Delorme, Gue'rin, Picot, Langlois, Dubufe u. A., während au- ßer Horace Vernet und Paul Delaroche vornehmlich Delacroix, A. Johannot und sein minder bedeutender Bruder Tony Johannot, Robert Fleury, Lamy, Beaume, Steuden, E. Deveria, Schnetz, Ary Scheffer, Ziegler und die bedeutendsten Maler der mit Paris in steter Verbindung stehenden belgischen Schule, Wappers, De Keyser, Biefve und Gallait als Romantiker gelten. Als eigentliche Genremaler sind Granet, Graf Forbin, Laurent, De- bacy, Bellange, Destouches, Grenier, Rob. Naigeon, Vauchelet, Spindler, Boilly, Dubufe, Colin, Boulanger, Ducis u. A.; für die Landschaft Regnier, Raffort, Giraux, Ed. Berlin, Be'mond, E. Lepoittevin, C. Roqueplan, Watelet nnd Tanneur; für die Marinen Gudin, Jsabey und Garneray; für Thierstückc Berre und Delacroix und für Blumen Van Spaendonck, Van Os und Redoute' bemerkenswerth. Auch die beiden berühmten genfer Landschafter Diday und Calame gehören der pariser Schule wesentlich an. In der Por- zellanmalcrei haben sich neben Mad. Jaquotot Constantin und Pastine Namen erworben. Die Kupferstecherkunst, während der Kaiserzeit durch große Unternehmungen der Regierung, z. B. das Werk der ägypt. Expedition und das ,Musee Napoleon", aufs glänzendste gefördert, zählt fortdauernd viele ausgezeichnete Künstler. An Desnoyers haben sich im historischen Fach Lignon, Laugier, Förster, Masquelier, Lorichon und neuerlich der Schweizer Weber ehrenvoll angeschlossen. Ein jetzt äußerst blühender Kunstzweig sind die meist landschaftlichen oder architektonischen Aquarelle, in welchen sich freilich Effecthascherei und Manier augenscheinlich zu offenbaren pflegen. Auch in der Lithographie haben die Franzosen durch wesentliche Verbesserung der Zeichnungsmanieren, insbesondere der Kreidezeichnung und des Drucks, sich großes Verdienst erworben, obgleich sie diese Kunst weniger zu ausgeführten Gemäldenachbildungen als zu Skizzen und Bildnissen anwcndet. Als vortrcff- < licher Portraitzeichner auf Stein ist Gravedon zu erwähnen. Auch die Holzschneidekunst wurde in Paris nach dem Vorgänge der Engländer gefördert. Der Hauptsitz der Kunstübung j in Frankreich bleibt natürlich immer Paris, jedoch sind auch in vielen Provinzialstädten in neuerer Zeit Künstlervereine, Kunstschulen und Museen gebildet worden, und namentlich ^ hat Lyon eine schöne Sammlung und mehre geschickte Genremaler aufzuweisen. Die 1830 ! in Paris gegründete 8ociet« libre pour I'enc»uraAement lie8nit8 suchte die gemäßigte Mitte zwischen Klassikern und Romantikern zu behaupten und auch das Verhältniß der Kunst zum Staate auf alle Weise in Anregung zu bringen und zu fördern. ^ Französische Literatur. Die franz. Nationalliteratur, die, wie keine andere, zur Weltliteratur geworden ist, weil sie, abgesehen von äußern politischen Motiven, wie keine andere die allgemeinen Elemente der neueurop. Literatnren überhaupt am abstractesten und consequentesten ausgeprägt hat, ist denn doch, wie jede andere, nur das geistig, in Rede und Schrift, objectivirte Nationalbewußtsein, modificirt durch den jeweiligen Zeitgeist, also das Product des Nationalcharakters und des Zeitgeistes. Der franz. Nationalcharakter, der aus ^ keltischen, romanischen und germanischen Elementen besteht, wurde in dem Mittelalter dnrch ! drei successive vorherrschende, das sociale wie das intellectuelle Leben gestaltende Hauptpotenzen des allgemein curop. Zeitgeistes modificirt, nämlich das Christen- nnd Kirchenthum, das Lehen- und Ritterthum und das König- und Bürgerthum; daher zerfällt auch die Geschichte der Nationalliteratur in Frankreich bis aus Franz l. in drei Hauptperiodcn, wovon die erste die Zeit von der Errichtung der neueurop. Staaten nach dem Sturze des weström. Reichs bis zum Anfange.des 12. Jahrh. umfaßt, d. i. die Entwickelungsepoche der Keime des neuen Lebens unter dem Schutte der alten Welt; die zweite das 12. und 13. Jahrh. begreift, oder die Blütezeit der eigentlich inittelalterlichen Nationalliteraturen, und die dritte vom Ende des 13. Jahrh. bis zum Anfang des 16. reicht, die Zeit der Gegensätze und des Übergangs ^ von der mittelalterlichen zur modernen Literatur. (Erste Hauptperiode.) Auch in Frankreich wurde nach dem Sturze des weström. Reichs das Christen- und Kirchenthum, nnd zwar in der concreten Form der katholischen Hierarchie, das mächtigste sociale Bindungsmittel, der Kitt, womit die noch brauchbaren Trum- Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) 485 mer der alten Welt mit den auf sic herabgestürzten Felsblöcken der german. Urgebirgc zu neuen, noch aus sck heterogenen Elementen bestehenden Staatsgebäudcn verbunden wurden, i auch hier übte der christliche Spiritualismus nach Überwindung und Vernichtung und j des heidnischen Sensualismus, eine so exclusive Kraft, daß er das neue Lebensprincip, die ! mächtigste geistige Potenz wurde, der sich die bloß materiellen Kräfte assimiliren und unter- i ordnen mußten. Natürlich mußte daher um so mehr die Literatur eine durchaus religiös- ^ kirchliche Tendenz und Färbung bekommen, ja die Theologie umfaßte alle Wissenschaften, , und alle Lehrenden und Schreibenden gehörten dem geistlichen Stande an. So bilden Erklärungen der heiligen Schriften und Predigten die eine Hauptmasse dieser religiösen Litera- ! tur, Heiligenlegendcn die andere. Auch waren alle Schriftwerke bis zum 9. Jahrh. in der Sprache der abendländischen Kirche, der lateinischen, verfaßt. Ja selbst die wenigen Bruch- ! stücke eigentlicher Volkslieder aus jener Zeit sind uns nur in lat. Aufzeichnung erhalten wor- ^ den. Allerdings aber zeigt sich schon in der Sprache und rhythmischen Form dieser Überreste ! und vorzüglich der mehr volksmäßigen Kirchenlieder (den Prosen, Sequenzen), wie sich all- ! mälig die Volksmundarten (linFuu roiusrm mstie») und die volksmäßigen Formen (rb>tü- mus, mollus, Isncluo) von dem Gelehrt-Lateinischen und der streng metrischen Form abzu- ! sondern, zu emancipiren und selbständig zu Nationalsprachen und eigentlicher Nationallite- I ratur zu entwickeln begannen. Denn es ist wol weht zu bezweifeln, daß auch die damals Frankreich bewohnendenVölker und Volksstämme, wenn auch noch keine Literatur im eigent- lichen Sinne, doch schon Sprüche, Lieder und Sagen hatten, worin sich das zu einigem Selbstbewußtscin gekommene nationclle Gemeingefühl aussprach. So bezeugt schon Casar, daß die Kelto-Gallen sogar eine Art gelehrter, religiös-mythischer Poesie, von einer eigenen Priester - und Sängerkaste (Druiden und Barden) verfaßt und fortgepflanzt, hatten, von der aber, da sie nicht ausgeschrieben werden durfte, natürlich keine Denkmäler sich erhalten konnten; doch finden sich noch Spuren davon, trotz der nach Einführung des Christenthums gegen diese Kasten und ihre Traditionen vorzugsweise gerichteten Verfolgung, in den bis auf den heutigen Tag im Munde des Volks sortlebenden Liedern der Bretagne, die von De la ! Billcmarque) „Kairas-Lreir. 6ii»nt5 pnpnlaires deutsch von A. Keller und E. von Seckendorf, Tüb. l 81 l), gesammelt wurden. So haben ^ ^ die german. Eroberer heimische Sagen mitgebracht und auch später noch ihre Helden und ^ j Großthatcn in eigenen Liedern besungen, wie dies das Siegslied der Franken unter Chlo- ' tar ll. beweist. Endlich ist es nicht zu bezweifeln, daß auch die romanisirtcn Jtalen (Gallo- ' Romanen) nicht nur volksmäßige Lieder in der lat. Schriftsprache, wie viele Beispiele beweisen, sondern auch eigentliche Volkslieder in der Sprache des gemeinen Lebens, den gallisch, romanischen Dialekten, hatten, wovon wir freilich aus lcichtbegrciflichcnUrsachen keineDenk- ' mälcr sondern nur historische Zeugnisse, wie z. B. von den romanischen Volksliedern auf ' den Sieg des westfränkischen Königs Ludwig's NI. bei Saucourt im I. 881, besitzen, wofür ' «der die zu Anfang des 9. Jahrh. vollendete Trennung von der gelehrten Muttersprache und ' die selbständige Ausbildung der beiden romanischen Hauptmundarten Frankreichs, der süd- lichen (romsn provenyal, Ikmgiis ftermo „slianus), sondern die mit Keltischem gemischte, analytisch-bequemere lat. Umgangs- , spräche (sermo vulgaris rusticuH, die, wie überall, sich neben der erstem erhalten und nach ^ dem Verfall der röm. Literatur immer mehr vorgedrängt hatte. Dazu kam nun noch der, wenn auch nicht eigentlich grammatische, doch lexikalisch-phonetische Einfluß der german. Idiome, wodurch, je nachdem diese mehr oder minder bedeutend einwirkten, sich leichter, wie 486 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) bei den gebildetem gothischen Stämmen im Süden, oder spröder, wie bei den rohem Franken des Nordens, dem romanischen fügten, provinzielle Unterschiede und vorzüglich die beiden obgcnanntcn Hauptmundarten des Gallo-Romanischcn entstanden, sodaß nördlich der Linie, welche diese beiden Idiome schied und die sich durch Dauphine, Lyonnais, Auvergne, Limousin, Perigord und Saintonge zog, in der nordfranz. Sprache und Sinnesart das german. > Element ein bedeutendes Moment bildete, während das romanische im Südfranzösischcn reiner und unbedingter herrschend sich erhielt. Als daher beide Mundarten fast gleichzeitig ^ sö weit ausgebildct waren, um die Entstehung einer eigentlichen Nationalliteratur möglich ) zu machen, so mußten dadurch allein schon die süd - und die nordsranzösische einen charakteristisch verschiedenen Grundton bekommen. Diese Grundverschiedenheit konnte jedoch in der ersten Periode, in der nur erst die Keime zu beiden Literaturen gelegt wurden, noch nicht scharf markirt hcrvortreten; denn beide wurden von dem sie gemeinschaftlich und fast ausschließend dominircnden kirchlichen Zeitgeist noch in so engen Schranken in Rücksicht des Stoffs, der Tendenz und der Form gebalten, daß in beiden der erste fast nur aus kirchlichen Schriften und Überlieferungen genommen, die zweite eine religiös-paränetische, die letzte eine Nachbildung jener der volksmäßig-lat. Kirchenpoesie war; auch waren die ersten, namentlich bekannt gewordenen Schriftsteller in beiden Mundarten Geistliche (clercs), die nach lat. Vorbildern arbeiteten. So sind, mit Übergehung der blos sprachlich-historischen Denkmäler, z. B. Urkunden und Eidesformeln, die ersten literarischen in der Sprache von Oc das Bruchstück eines für den Zweck der Erbauung behandelten Lebens des BocthiuS ! aus dem Ende des lO.Zahrh., Heiligcnlegenden, wie die vom heil. Amantius, der heil. Fides von Agen, aus dem 11. Jahrh., nach dem Lateinischen, Lpistolas ksrcitae, d.i. halb lat., halb romanische Kirchengesängc, wie das Mysterium von den weisen und thörichtcn Jungfrauen, die Todtenfeier des heil. Stephan, ebenfalls aus dem 1l. Jahrh., die geistlichen Gedichte der Waldenser im piemontesischen Dialekt, aus dem l2. Jahrh., sämmtlich in proscnartigcn ^ Tiraden oder cinreimigen Strophen (in Raynouard's „tHx 6es poesies «los '!>«»>»- tlours", Bd. 2, und dessen „l-exi^ne rvman", Bd. I) und endlich sogar schon kunstmäßige Hymnen nach Art der lateinischen (aus dem Anfang des l >. Jahrh., bei Nochegudc, „I^>- § nasse occitsnien", Toulouse 1819) in kürzern Versen, worin die Anfänge der Kuustpocße der Troubadours sich zeigen. Ebenso waren die ersten schriftstellerischen Versuche im Nord- französischen Paraphrasen oder Nachbildungen lat. Originale meist kirchlich-religiösen Inhalts, wie das älteste rhythmische Denkmal im 'nordfranz. Nomanzo, die Prosa (Kirchenlied) von der heil. Eulalia (in „bilnonensia", hcrauSgeg. von Hoffmann und Willems, Gent 1837), aus dem 9. Jahrh., die Paraphrasen der Bücher der Könige und der Makkabäer, in Prosa, aber mit rhythmischen Stellen untermischt, aus dem 12. Jahrh-, die Übersetzung der Predigten des heil. Bernhard, auS dem > 2. Jahrh. („I-es yiiatre livros 6es rms, trsckuits en kran , «In 12mu sied«, suivi» 6'un krsgment 6e woralitös suräob et ri nn clwix 6sserwons 6e8t.-8ernsr6",herausgeg. vonLerouxdeLincy,Par. 184l, 4.), die nochun- gedruckte Übersetzung verschiedener Schriften Gregor de- Großen, aus dem 12. Jahrh., Lp'- tres Isrcies und Heiligcnlegenden (wie die verloren gegangenen, aus dem Lateinischen übersetzten des KanonicuS Thibaud von Vernon, vor IV53, die Legende vom heil. Brandanus, um II2I, herausgeg. von Jubinal, Par. 1836), die, insoweit sie eine eigcnthümliche poetische Form erkennen lassen, noch ganz volksmäßig sind. ' , (ZweiteHauptperiode.) Außer dem zu Anfang des 12 . Jahrh. neucrwachtcn und j erstarkten Nationalgefühl hatte ein politisch-sociales Element sich so kräftig entwickelt und so ! allgemein verbreitet, daß es zur geistigen Potenz geworden war, und schon gegen das Ende des > I. Jahrh., also fast gleichzeitig mit dem Bedürfniß nach einer Nationalliteratur und der sprachlichen Befähigung dazu, dem Kirchenthum die ausschließliche Herrschaft über den Zeitgeist streitig zu machen begann, und daher bald das eigentliche Lebensprincip der neueurop. Nationalliteraturen wurde. Es hatte sich nämlich aus der german. Gefolgschaftsverfassung der i Lehnsstaat, aus dem bevorrechteten Reiterdicnst der Ritterstand und aus beiden unter dem Einfluß feinerer, höfischer Geselligkeit (Courtoisie), der Frauen (Galanterie) und der dieser immer mächtiger werdenden Richtung sich nun anschließenden Geistlichkeit das ideale Ritterthum (Chevalerie) gebildet, dessen geistige Hebel Ehre, Liebe und Religion waren und das in 487 Französische Literatur (Nationallitcratur, 1096—1515) den Kreuzzügen sich objcctivirt und Bewußtsein gewonnen hatte. Daher mußten nun auch die gleichzeitig entstehenden Nationallitcraturen von dem Nationalgefühl, aber modificirt durch diesen ritterlichen Zeitgeist, Charakter, Tendenz und Färbung erhalten, und je mehr das eine oder das andere dieser Elemente vorwog, sich mehr Volks - oder mehr kunstmäßig gestalten. Dadurch entstand neben der nationalen auch eine principiclle Verschiedenheit in der formellen Bildung, und nun konnte auch erstcrc, auf einer breitern Basis ruhend, sich unbeschränkter entwickeln und schärfer markirt hcrvortrctcn. Dies hat sich denn auch an dem Entwickc- lungsgange der süd- und nordfranz. Nationallitcratur in dieser Periode tatsächlich so sehr bewährt, daß während derselben noch nicht von einer allgemeinen Geschichte der franz. Literalen, sondern nur von einer speciellcn jeder dieser beiden in Frankreich selbständig nebeneinander bestehenden Schwcstcrliteraturcn die Rede sein kann, wovon zwar keine eigentlich älter ist, jedoch die südfranzösischc zuerst in Betracht kommt, weil sie eher eine kunstmäßigc Bildung erreicht und dadurch bedeutender auf die andere cingewirkt hat. Die Bewohner des südlichen Frankreichs, insgemein mit dem historisch vagen Namen Provencalcn bezeichnet, hatten, ohnehin durch die geographische Lage, einen äußerst fruchtbaren Boden und einen überaus milden Himmel begünstigt, frühzeitiger als die meisten übrigen Bewohner des barbarischen Europa von der phokäischcn Colonie Massilicn aus schon eine höhere Bildung erhalten, die durch die Römer, die Zöglinge derselben Schule, noch mehr befestigt wurde, sodaß blühende Handelsstädte mit röm. Sitten, Gesetzen und Municipal- vcrfassung selbst die zerstörenden Einfälle nordischer Barbaren und die verheerenden Strcif- züge der span. Araber überdauert hatten. Hier mußten daher zuerst die neuen Sitten eine idealere Richtung annehmen; hier konnte bald wieder eine feinere Geselligkeit entstehen; hier hatte sich aber auch mit den vorwiegend romanischen Elementen der Sinn für die Form überhaupt reger und feiner erhalten, hier sich die gebildetere ritterliche Gesellschaft schärfer vom Volke getrennt und die subjektive Gefallsucht über das volksthümlich-objcctive Gc- meingefühl längst die Oberhand erhalten; hier mußte also auch die Poesie, der Anfang aller Nationalliteratur, sich zuerst als lyrische Kunstpoesie gestalten, und in der That ist die süd- franz. Nationalliteratur oder Troubad ourspocsie die ältestencucurop. Kunstlyrik. Diese hat sich zwar zunächst aus der kunstmäßigen lat. Kirchenpocsic, der Hymnodic, besonders in formeller und musikalischer Hinsicht, entwickelt; da aber ihre völligere Ausbildung in die Periode der Herrschaft des chevalcrcskcn Geistes, zu Ende des I l.und zu Anfang des 12. Jahrh., siel, und vorzugsweise von der adeligen Gesellschaft, den Höfen der Großen, unter bedeutendem Einfluß der Frauen ausging, so mußte sic dadurch nicht nur im Allgemeinen von den Idealen des Nittcrthums, Ehre, Liebe und Religion, die stoffliche Grundlage, von der Courtoisie den formellen Charakter einer höfischen Convcrsativnspocsic und von der Galanterie einen mehr weibischen Grundton erhalten, sondern auch ihre spcciellere Gestaltung, ihre concrctcn Hauptformcn, die Canzonc (Minnelicd), das Sirventcs (Dienstgc- dicht, Lob - und Rügelicd)und die Tenzonc (Strcitgedicht) sind dadurch schon hinlänglich mo- tivirt. Fernere Folgen dieser Entstehungs - und Bildungsart der provcncalischcn Hofpoesie waren ihre immer schärfere Trennung von der Volkspocsie, die Mannichfaltigkeit und Künstlichkeit ihrer Formen bei conventioneller Gleichmäßigkeit der Ausdruckswcise, Monotonie des Inhalts und Einfachheit der Gedanken; daher auch ihre innige Verbindung mit dem Rittcr- thum, ihre weite Verbreitung mit demselben und ihr Verfall mit dem Erlöschen seines Geistes. Die Zeit ihrer Blüte war, wie die des Nittcrthums, das 12. Jahrh., vorzüglich an den glänzenden Höfen der Grafen von Toulouse, von Provence und Barcelona, die selbst, sowie die Könige von Aragon und andere Fürsten und Große des occitanischcn Sprachgebiets, cs nicht verschmähten, mit ihren Hofdichtcrn um die Wette die höfische Kunst zu üben. So eröffnet Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien und Graf von Poitiers, 1087 — 1 127 , die ansehnliche Reihe dieser höfischen Kunstdichtcr, Troubadours (s. d.) genannt. In der Trouba- dourspoesie cvncentrirtc sich nicht nur die südfranz. sondern die ganze occitanische Nationalliteratur dieser Periode, und ihr Hauptbcstandtheil und ihre wahre Eigenthümlichkcit war und mußte die höfische Kunstlyrik sein. Wol haben sich auch einige epische Denkmäler in provenxalischer Sprache aus dieser Periode erhalten, und diese sowie die zahlreichen Anspielungen in den Gedichten der Troubadours selbst lassen keinen Zweifel, daß sie auch mit den 488 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) Sagenkreisen des Mittelalters bekannt waren; doch beweist schon die verhältnismäßig so geringe Anzahl und späte Abfassung von epischen und erzählenden Gedichten überhaupt, wovon noch überdies die meisten offenbar nordfranz. Originalen nachgcbildet sind, daß die epische Richtung hier nie eine primaire wurde; dies war aber kein Werk des Zufalls sondern innerer Nothwendigkeit, weil die Troubadourspvesie gleich anfangs eine subjective Richtung genommen, sich als Kunstpoesie gestaltet und von der Volkspoesie nicht nur getrennt sonder» sich ihr entgegengesetzt hatte. Eine etwas bedeutendere Stellung als die Epik, aber auch nur eine sccundaire hatte die Didaktik in der Troubadourspvesie; denn ihre mehr objcctive, mehr den selbstverleugncnden Ernst des Gelehrten sodernde Richtung konnte den gefall- und genußsüchtigen ritterlichen Sängern des heitern Südens nicht sehr zusagen; daher sind die hier vorkommenden didaktischen Gedichte auch mehr vereinzelte Erscheinungen, meist von Dichtern, die nicht Kunstlyriker waren, in ihrem Alter oder im Alter der Kunst verfaßt, deren Verfall man umsonst durch diese gelehrte Richtung aufzuhalten suchte; denn die Troubadourspoesie mußte, auch wenn so zerstörende politische Ereignisse, wie die Albigenserkriege, die Unterwerfung des Südens durch den Norden u. s. w., nicht eingetrcten wären, mit dem Erlöschen des idealen Nittcrthums, des echten Rittergeisies gegen das Ende des i3. Zahrh. zugleich verblühen, da sie sich nur einseitig aus einem Kunstprincip entwickelt und, nicht tiefer in einer volksthümlichen Basis wurzelnd, daher mit dem Aufhören dieses künstlichen Lebens- princips ihre blos davon ausströmende vitale Kraft verloren hatte. Ebenso ist cs erklärlich, daß in einer Literatur, deren wesentlicher Charakter die künstliche Ausbildung der lyrischen Form war, weder eine Dramatik, die immer eine bedeutende Epik voraussetzt, noch namhafte Werke in Prosa entstehen konnten. Die Werke der Troubadourspoesie sind gesammelt in Raynouard's „Lboix lies pvesies ckes 'Rroubackours" und dessen „Rexique romsn", in Rochegude's „Rarnssse occitanien" und trefflich erläutert durch Diez, in „Die Poesie der Troubadours" und „Leben und Werke der Troubadours". Die nordfranz. Nakisnallitcratur hatte zwar sich gleichzeitig mit der südfranz. und daher unter demselben Einfluß des ritterlichen Zeitgeistes entwickelt, auch ihre formelle Bildung war zunächst aus der mittellat. Kirchenpocsie hcrvorgegangen; aber die Nordfranzosen waren nie so vollständig romanisirt, das hier durch die frühere und dauernde fränkische Herrschaft mit dem ohnehin stammverwandten keltischen enger verbundene german. Element wurde durch den frischen austrasischen Nachtrieb unter den ersten Karolingern verjüngt und neuerdings durch den starken normannischen Zusatz crkräftigt. Die Civilisation ging bei ihnen nicht von bedeutenden Handelsstädten, glänzenden Höfen und galanten Frauen, sondern von Klöstern, Stiftsschulen und gelehrten Bischöfen und Königen aus. Daher halten sie noch weniger Formsinn, aber desto frischeres Thatgedächtniß; keine so verfeinerten Sitten, aber naturwüchsigere Kraft, kaum ein höheres gesellschaftliches Leben, aber eine gleichmäßigere volksthümliche Bildung, weniger subjeclivos Selbstgefühl, aber mehr objcctives Volksbewußtsein, Stammstolz und individuelles Unabhängigkcitsgefühl; daher endlich waren die ersten nordfranz. Kunstdichter (Irouveres) nicht höfische Minnesänger sondern ritterliche Mönche und gelehrte Meister (Oercs, Llaistres). Hier konnte sich also die Nationalliteratur nicht wie in Südfrankreich von vornherein als Kunstlyrik gestalten; hier mußte sie zuerst als volksmäßige Epik, epische Historie und scholastische Didaktik austreten. Ihre ältesten und bedeutendsten Monumente sind die aus Volksliedern hervorgegangenen Helden- und Geschlechtssagen '(Lbsnsons cke geste), halbmythische Neimchronikcn und abenteuerliche Mären (Rais, Romans ck'aventure), noch schauerdurchzuckt von keltischem Feen - und Elfenspuke, noch durchdustet von dem german. Urwaldsgeruch, noch durchrauscht von dem Wellenschläge der abcnteuergebärenden Nordsee, kurz ein frischer, lebensvoller Nachtricb des uralten und ewig jungen Baums der Volkspoesie, mit der auch die sich kunstmäßigcr gestaltende nordstanz. Poesie des Mittelalters stets innig verbunden blieb, deren Princip daher nicht wie das der südfranz. eine mit der Kunst, die sie geschaffen, versiegende Fontaine, sondern ein nur mit dem Herzblut des Volks, dem er entquollen, verrinnender Jungbrunnen ist. Diesem Princip gemäß wird auch die Entstchungsart, Verzweigung, formelle Ausbildung, Vortragsweise und folglich die Eintheilung der nordfranz. Epen theils durch geographisch- Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096-1515) <169 ethnographische, theils durch politisch-religiöse und Culturverhältnisse der verschiedenen Volksstämme Nordfrankrcichs motivirt. Zn Rücksicht des Stoffs wird man also die nordfranz. Nationalepen in die des fränkisch-karolingischen, des normannisch-normandischcn und des brctonisch-normandischen Sagenkreises einthcilen, denen man, ihrer analogen Bildung wegen, die antike oder oriental. Stoffe im volksthümlichen Tone und Colorit behandelnden Gedichte anreihen kann; in Rücksicht der Form und Vortragsweise lassen sie sich in gesagte und gesungene (Ltmnsnns cke ge8to) und in blos gesagte oder gelesene (L»mu„s, (.nutes) unterscheiden. Die fränkisch-karolingischen Epen beruhen,stofflich auf noch halbmythischen Helden- und Geschlechtssagen (gesto, daher 6tmn8»n8 cks ge8te) d'er german. Eroberer und ihrer Nachkommen; die im Munde des Volks fortlebende Tradition und die von Geistlichen ausgezeichneten Geschichten (Chroniken) sind nach der eigenen, nicht zu bezweifelnden Aussage dieser Epen ihre Quelle»; denn Sage und Geschichte zu mischen, liegt im Charakter aller echten Volksepen; formell haben siesich aus Volksliedern und der volksmäßigen Kirchenpoesie, den Prosen, entwickelt, und ihre langzciligen, einreimigen, ungleichen Strophen (tirrxies mnoorimes) waren zum theilweisen (in Oi88C8 oder Rhapsodien) Absingen bestimmt. Es lassen sich drei Stadien in der Bildung dieser Epen unterscheiden, das erste, die Umgestaltung der german. Helden-und Ge- schlechtssagcn zu franz. Nationalepen, um die Zeit der ersten Capetingcr, als das Vasallenthum noch trotzig dem Königthum gegenüberstand, und die ncustrisch-capetingische als franz. Nationalpartei die austrasisch-karolingische verdrängte; daher in den Epen dieser Formation noch das einfach-natürliche, aber roh-egoistische Heroenthum vorherrscht, der König nur als der erste unter den ksr«8, den großen Krouvasallen, erscheint, deren Fehden miteinander und mit dem Könige das Hauptthema bilden, und die austrasische Partei der Mainzer immer die Rolle der Vcrräthcr spielt. Das zweite Stadium, das ihrer Weihe zu christlich-ritterlichen Epen, datirt von der Zeit Philipp August's und der ersten Kreuzzüge, nachdem bereits das ideale Ritterthum in den Kämpfen für den Glauben einen äußern Gegenstand gefunden, der bald so sehr zum geistigen Mittel- und Höhenpunkt wurde, daß er das selbstsüchtige Heroenthum und den eifersüchtigen Nacen-, Stamm- und Familiengeist in den Hintergrund rückte, nachdem die Geistlichkeit, dieser Stimmung sich bemächtigend, auch die Volkssage in diesem Sinne und zu diesem Zwecke umzugestalten und mit legcndenartigen Elementen zu verbinden begonnen hatte, wie in des Pseudo-Turpin's Chronik und in der Legende von Karl des Großen Zug nach Konstantinopcl und Jerusalem; nun erscheinen Karl und seine Paladine vorzugsweise als fromme Glaubcnshelden und Märtyrer, alle feindliche Völker und Stämme concentriren sich in dem Einen Hauptfcinde des christlichen Glaubens, den Sarazenen, und die legendenarkig ausgcschmücktc Sage von Roland's und seiner Gefährten frommem Heldentod im Thale Ronccval bildet den Kern dieser zweiten Formation. Das dritte Stadium, das der willkürlichen Umdichtung und Verschmelzung dieser Epen mit Sagen anderer Kreise, trat ungefähr mit der Mitte des l:;. Jahrh. ein, als bereits die Begeisterung der Kreuzzüge und des frommen Nilterthums vorüber war, dieses in überverfeinerter Courtoisie und Galanterie sich zu verflüchtigen begann und es schon neuer stärkerer Reizmittel bedurfte, um die Hörlust eines immer unpoetischer werdenden Publicums anzurcgen; da genügten die alten german. Necken selbst im Costum der Kreuzritter und Mönche nicht mehr, man suchte sie durch Verbindung mit den Feen Avalon's unsterblich, durch die Hülfe von Zauberern aus der Schule Merlin's unüberwindlich und durch Wunderthaten im Stile des oriental. Alexander interessant zu machen; die Maschinerie der Legenden, Engel und Teufel war verbraucht, und durch Riesen und Zwerge, Zaubcrhörner und Magnctberge mußte die Anziehungskraft verstärkt werden; nun wurde auch das naturgemäße Verhältniß in dcrGeschlcchts- liebe zur höfischen Minne sublimirt, und diese trat nun so sehr in den Vordergrund, daß selbst das Bekchrungswcrk des Glaubenseifers nicht blos mit dem Schwerte sondern vorzugsweise durch die galante Eroberung und Taufe heidnischer Prinzessinnen geschah. Diese Epen kann man nach den Provinzen, in welchem siesich localisirtund daher vorzugsweise ausge- bildct haben, eintheilen in die kerlingischcn (francigenischen, d. i. aus dem Lande zwischen der Seine und Loire, lluclie lle Trance), aquitanischen, proven;alischen, burgundisch-arelatischen, lotharingischen und belgischen, und die vorzüglichsten Heldengeschlechter (gester), deren Ge- 490 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) schicke und Großthatcn sie besingen und um die sich die übrigen gruppiren, sind das des bur» gund. Girart de Roussillon, das lotharingisch-belgische der Loherains, das kerlingische Kö- nigsgcschwcht, das austrasisch-deutsche des Dvon de Mayence und das aquitanisch-provcn- calische des Garin de Montglavc. Die meisten dieser Epen, vorzüglich die beliebtesten, exi- stiren in mehren Redaktionen, verschieden sowol der Zeit der Abfassung und den Mundarten nach, als in Hinsicht aufAusfassung, Ausbildung und Bearbeitung derSagc. Manche Sage hat mehre Hauptzweige (brancbes), die einzeln und encyklisch bearbeitet wurden. Die vorzüglichsten bisher herausgcgebenen sind die in der Sammlung „Romans lies dourepairs ! deRrance"(9 Bde., Par. 1832—42) erschienenen, „Ra cliansou deRo^and on deRonce- 1 vs»x", hcrausgegeben von Michel (Par. I837)> und „Rbarlemagne, an anAlo-norms» poem", ebenfalls herausgegeben von Michel (Lond. 1836). ! Schon unter diesen fränkisch-karolingischen Epen sind einige der ältesten in norman- ^ bischer oder anglo-normandischer Mundart abgefaßt; denn theils war gerade dieser Dialekt des nordfranz. Romanzo durch den Einfluß der Höfe von Rouen und London am frühesten zur Schriftsprache ausgebildct, theils aber waren eben die Normands, als echte Kinder des Nordens und Nachkommen der Wikinger und Skalden, ebenso sagen« als abenteuersüchtig, und so wurden vorzugsweise sie die Erhalter, Fortpflanzer und Verbreiter der Sagen und Mären des Mittelalters. Es ist daher natürlich, daß ein solches Volk die aus der Heimat mitgebrachtcn Traditionen und die eigenen Herocnsagen über den fremden nicht ganz vergaß und auch die selbsterlebten Abenteuer und die Großthatcn seiner Seekönige und Herzoge sang und sagte oder episch erzählte. So finden sich nicht nur in den von normandischenTrou- veres bearbeiteten Rliaiisoas de z-este noch Erinnerungen an die altnordischen Mythen, wie an Völund, Wade und Helgi, sondern sie haben auch in eigenen Epen halbmythische und halbhistorische Nordseesagcn, besonders des angcl- und dän.-sächs. Sagenkreises, bearbeitet, ^ wie das „Rai d'RavelnIr le vaneis" (hcrausgcg. von Maddcn, Lond. 1828, und von Mi- I chel, Par. l 833), der „Roman du roi Huri, et de liiniel", und theils in noch ganz sagen- ! haften, theils in schon mehr eigentlich historischen, immer aber noch episch gehaltenen Gedichten und Neimchronikcn die Geschicke und Thatcn ihrer Herzoge und Könige, wie im „Human de Robert le diadle" (hcrausgcg. von Trebuticn, Par. 1837), in Wacc's „Roman de Kon et des dncs de Kormandie" (hcrausgcg. von Pluquet, Rouen 1827), in Bcnvlt's „Obronicple des dncs de Normandie" (hcrausgcg. von Michel, Par. 1836—44) u. s. W., ja sogar einzelner Ritter und Abenteurer, wie z. B. in der „Uistoire de Roulgues, Ritr- >Varin" (hcrausgcg. von Michel, Par. 1840) und im „Roman d'Rustaciie le moine, j'irate iamsnx" (hcrausgcg. von Michel, Par. 1834) besungen und erzählt. Auch in den altern Gedichte.» dieses normannisch-normandischen Sagenkreises ist noch ein zwar ungeschlachtes und rohes, aber einfach-natürliches Heldenthum, das sich von dem fränkischen durch jenen finstern, schauerlichen Ernst und abenteuerlichen Sinn des Nordens unterscheidet, während in den jünger» auch hier der Einfluß des idealen Ritterthums und der Kreuzzüge unverkennbar wird; fast in allen aber sich schon Verschmelzung mit keltischen Mythen und bretonischen Traditionen oder doch durch Bretonen vermittelte und umgcstaltete Überlieferung zeigt; denn mit den keltischen Stämmen der Bretagne, Englands und Irlands, als ihren nächsten Nachbarn und Unterworfenen, waren die Normands in frühzeitige Verbindung gekommen. Aus diesem Verhältnisse erklärt sich auch hinlänglich das hohe Alter, der Neichthum und die weite Verbreitung des bretonisch-normandischcn Sagenkreises. Die Elemente dessel- f den sind druidische Mythen, aber einerseits schon in der ältern Kunstpoesie der Barden, besonders der von Wales, und den echten Triaden durch sagenhaft-historische Anlehnung me- tamorphosirt und localisirt, andererseits durch die Volkspocsie (Rais), besonders die armori- canische, und volksmäßigc Traditionen (die ^labinuAion, d. i. enkanees oder gestes tradi- lioimels) freier märchenhaft entwickelt, dann in lat. und wälschen Chroniken (Units genannt) mit der gelehrten Sage, der Legende und der factischen Historie verbunden, christlich-mystisch, umgcdcutct und beglaubigt, und endlich bei eintrctender Präponderanz des ritterlichen Zeit- ' geistes in chevalereskes Costum eingekleidet und zur Verherrlichung der Ideale des Ritterthums angewandt, wozu sich diese bretonischen Stoffe, eben ihrer mythisch-märchenhaften Vagheit wegen, besonders eigneten. Schon in der nach der lat. des Galfried von Monmonth 491 Französische Literatur (Nationalliteratur, W96—1515) bearbeiteten Reimchronik oder Brut des anglo-normandischen Trouvere Wace aas dem I. I I öS (herausgcg. von Leroux de Lincy, 2 Bde., Rouen 1836—38), dem bis jetzt älteste« Denkmal dieses Kreises, finden sich die also mctamorphosirten Elemente der Ritterepen von Arthur und den Rittern der runden Tafel (Romans «l'aventure «ls In Takle ion«1e), die, weil sie keine so einfach-feste, volksthümlich-historische Grundlage wie die Epen der vorigen Kreise hatten, bald eine mehr kunstmäßigc Gestalt bekamen, bald eine subjectiv-ideale Richtung nahmen, meist in kurzen Reimpaaren und von höfischen Dichtern abgcfaßt wurden, und daher vorzugsweise bestimmt waren, vor der ritterlich-höfischen Gesellschaft gesagt und gelesen zu werden. So waren es besonders die anglo-normandischen Trouveres oder Hofdichter des normandisch-anjouischen Königshauses von England, das aus politischen und religiösen Gründen die Sammlung und Bearbeitung der brctonischcn Sagen begünstigte, die theils in kleinern episodcnartigcn Erzählungen, den Rais, unter denen die Lais der sogenannten Marie de France (herausgcg. von Roquefort, mit deren übrigen Dichtungen, 2 Bde., Par. 1820) am berühmtesten sind, theils in größer» und cyklischen Dichtungen (Romans ä »venture) diese keltischen Mythen und Traditionen mit mehr oder minder subjcctiver Tendenz und Zusätzen eigener Erfindung verarbeiteten, sie bald nur zur Verherrlichung der Che- valeric, Galanterie und Courtoific, kurz des weltlichen Nittcrthums und zur Unterhaltung der höfisch-ritterlichen, abcnteuersüchtigen Gesellschaft überhaupt benutzend (Romans Ie (Hrnn Io kourtois", von Helie de Borron. Die gelehrte Sage schlich sich allerdings frühzeitig in die Epen des brctonischcn Kreises ein; aber cs finden sich auch sehr zeitig Dichtungen, in denen der Stoff ganz dem antiken Sagenkreise angehört und die sich nur in Form und Einkleidung den nationellcn Epen anschließen. Vorzüglich waren cs die Sagen von Trojas Zerstörung nach den später» Kyklikern, da ja nach dem Vorgänge der Römer auch die Barbaren von den Trojanern abstammen wollten, und die von Alexander dem Großen, aber meist schon nach oriental.-byzant. Traditionen, wie sich jener abenteuerliche Asienfahrer des Alterthums den Kreuzfahrern des Mittelalters am meisten analog darstelltc, die am frühesten und häufigsten von den gelehrtritterlichen Dichtern und daher auch von den Trouveres bearbeitet wuydcn. So finden sich handschriftlich ein „Roman cls la ckestruction «Io Troges", schon von einem Zeitgenossen des 492 Französische Literatur (Nationalliteratur, 109Z—1515) Ware, dem anglo-normandischen Trouvere Benvist de Sainte-Morc, und mehre eimnsnns minder parodistisch, am wenigsten die Alexandergcdichte, was in der Natur des Stoffs lag. Zn derselben Weise wurden auch biblische und oriental. Sagen behandelt, nachdem die Bibel > durch Paraphrasen der Geistlichen, der Orient durch das Schwert der Kreuzritter auch den ! Laien und weltlichen Sängern des Occidents aufgeschlossen worden waren, wie z. B. in den epischen Gedichten von Judas Maccabäus, Barlaam und Josaphat, Hcraklius (von V -Hitlers ck'^rras, um 1218, herausgeg. mit einem deutschen Gedichte über denselben Gegenstand von Maßmann, Qucdlinb. 1842), Cleomades von Adencz le Roi, Flos und Blaneflos nach maurischen Sagen u. s. w. Endlich sind theils vereinzelte locale, thcils gemischte Sagen, die sich nur äußerlich an einen der größer» volksthümlichen Sagenkreise anlehnen, auch in größer», episch gehaltenen Gedichten bearbeitet worden, so in den Nomanen von Partenopcus de Blois, von dem anglo- normandischen Trouvere Denis Piramus im 1Jahrh. (herausgeg. von Robert, Par. 1834), vom Comte de Poitiers (herausgeg. von Michel, Par. 1831), und dieselbe Sage in mehr kunstmäßig-ritterlicher Form und schon mit lyrischen Einschaltungen im „Louis,i »1« In Violett«^" von Gibert de Montreuil im 13.Jahrh.'(herausgeg. von Michel, Par. 1834); mit diesem letztem von ähnlicher Form und Behandlung des Stoffs sind die Nomane vom Castellan von Co u cy (s. d.) und von Guillaume de Dole, und sogar schon halb in Prosa, halb in Versen die liebliche Erzählung von Aucasin und Nicolcte in der Ausgabe der „Ls- l-lisux" von Barbazan und Mcon u. s. w. Bei solcher Vorliebe für das Epische und Abenteuerliche ist es nicht zu verwundern, daß auch die so abenteuerreiche Zeitgeschich te episch behandelt wurde; so vorzüglich die Geschichte des ersten Kreuzzugs und dessen Helden, Gottfried's von Bouillon, der überdies durch seine Abstammung von dem sagenhaften Schwanritter sich so sehr dazu eignete, den daher schon ein Zeit- und Kampfgenosse, Bechada, in einer verloren gegangenen Limusou «le Feste besungen und von dem ein schon zu Anfänge des 13. Jahrh. verfaßter „Lomsa cku cbevs- jlei -UI L^gne 0,1 tle Lockelroi Loiiilloii", begonnen von Jehan Renax, beendet von Gan- dor de Doucy, um > 205, wenigstens handschriftlich sich erhalten hat. So sind auch noch voll sagenhafter Züge und sich n«nchmal zum epischen Tone erhebend die eigentlichen Neimchroniken dieser Zeit, worunter eine der merkwürdigsten die „Oironigue rünee" des Philipp Mouskcs, gest. als Bischof von Tournay im J. 1282 (herausgeg. vom Baron von Neiffenberg, Brüff. 1830—3'!) ist. Selbst die bessern, schon mehr eigentlich historisch gehaltenen und daher in der mehr beglaubigenden Form der Prosa geschriebenen Zeitgeschichten sind noch von dem episch- ritterlichen Geiste durchweht, wie die „Vstuire eie li iVormsuel" und „Clirouchue (IsLobeit Viscsrt", von dem montecassincr Mönche Ayme, aus dem 12. Jahrh., eins der ältesten stanz. Prosadcnkmäier (herausgeg. von Champollion-Figeac, Par. 1835) und die trefflichen Memoiren, die ersten dieser so reichen Gattung der stanz. Geschichtsliteratur, des Marschalls der Champagne Villchardouin, gest. um 1218 (herausgeg. von P. Paris, Par. 1838) und des Jean, Sire de Joinville, gest. 1315, gedruckt in der Mcmoirensammlung von Peti- tot (Par. 181S). Fast nur durch den geringem Umfang und die gedrängtere cpisvdenartige Behandlung unterscheiden sich von den Lomsus cksventiire die kleinern Erzählungen, Contss, wovon die weltlichen noch meist Geist und Sitte des Ritterlhums bewahrt haben, oft noch sagenhafte Stoffe behandeln, ja nur zum blos erzählenden Vortrage umgearbeitete Volkslieder sind (und dann manchmal noch den Namen ihrer Quellen: Lais tragen) und vorzugsweise Liebesabenteuer schildern x die geistlichen, 6 ontes »- ckes sind unter dem Titel „l^e rnmsn du rsnsrt", herausgegeben von Mion (-1 Bde., Par. 1826) und Ergänzungen, Nachträge und Verbesserungen dazu enthalten Chabaille's „8»p- zdcünents" (Par. 1835). Die Satire und die Allegorie wurden überhaupt auch in der didaktischen Poesie der Nordfranzosen desto mehr die vorherrschenden Auffassungs- und Darstellungsformen, je mehr in dem Charakter derselben die romanischen und keltischen Elemente über die germanischen die Oberhand erhielten und je mehr ihre darin begründeten Anlagen zur abstrahirenden Reflexion und zur witzigen Auffindung und Züchtigung des Lächerlichen und Verkehrten durch den nüchterner gewordenen, die Contraste zwischen der Idee und ihrer roncreten Erscheinung immer schärfer auffassendcn und ausprägenden Zeitgeist entwickelt und begünstigt wurden. So zeigt sich der satirische Geist mehr oder minder in vielen Ditz, Oomplsintes und besonders in den sogenannten Libles oder satirischen Zeitspiegeln von Guiot von Provins und Hugo von Bersil, und in der von der Scholastik ausgehenden, dialektisch-allegorischen Form der visputsisons und Lstailles, worunter eins der berühmtesten Gedichte der satirisch-burleske Kampf der Grammatik gegen die Logik und die übrigen mit ihr verbündeten Wissenschaften, „I^s Katsille des sept srts" des Henry d'Andeli in Jubi- nal's Ausgabe der „Oeuvres" des Rutebeuf sich sinket, von dessen Gedichten auch viele satirisch-didaktischen Inhalts sind. Sehr zahlreich sind schon in dieser Periode die allegorischen Gedichte, die anfangs einen ganz ernsten, ja mystisch-ascetischen Charakter hatten; dann aber auch immer mehr eine satirische Färbung bekamen; besonders beliebt war die Einkleidung in Träume (Snnj-es) und Reisen in die andere Welt (Vo)gx;^ d'enier, de ziarsdis); aber auch die irdische Liebe wurde in dieser Blütezeit der Galanterie ein Hauptgegenstand der didaktischen Poesie und nicht nur in dogmatischen Gedichten, die „Kunst zu lieben" (l'art d'siiner), sondern auch in allegorischen gefeiert, unter denen der „komsn de ls rose" eine seine Zeit weit überdauernde Celebrität behauptet hat. Unter diesem Titel cxistiren zwei Gedichte, die, obgleich das jüngere sich nur für eine Fortsetzung des altern gibt und beide gewöhnlich als Ein Ganzes betrachtet und beurtheilt werden, doch einen grundverschiedenen Charakter haben und an denen sich die veränderte Richtung des Zeitgeistes, die gegen das Ende dieser Periode eintrat, schon recht augenfällig zeigt. Das ältere dieser Gedichte, von Guillaume de Lorris, gest.um 1260, hat nämlich, wenn auch nicht mehr den ideal-ritterlichen Geist und schon eine frivol-sinnliche Tendenz, doch noch ganz chevalereske Formen; das jüngere hingegen, von Jean de Meung vor 1367 verfaßt, der den Schluß des älter» Gedichts unterdrückte und eine blos äußerlich damit zusammenhängende Fortsetzung anreihte, ist schon ganz in dem das Ideale verspottenden, ihm die gemeine Wirklichkeit entgegensetzenden Geiste der folgenden Periode geschrieben, die Allegorie ist viel gröber und statt der feinern Ironie waltet in ihm schon die derbe, selbst das Heiligste nicht schonende Satire, die Frau Minne ist schon eine Venns vulgivsgn und selbst die modernen communistischen Ideen von Emancipa- tion des Fleisches und der Gemeinschaft der Güter und Frauen finden sich darin im Keime; dabei hat es eine schon durchaus pedantisch-gelehrte Färbung; kurz in ihm Hatzen die keltischromanischen Elemente über die germanischen, das Bürgerthum über das Kirchen - und Ritterthum schon völlig den Sieg errungen, und hauptsächlich durch diese Pseudofortsctzung wurden einerseits die Bekämpfungen und Verdammungen des „Roms» de I» rose" von Seite der schwer angegriffenen Geistlichkeit, andererseits die Verteidigungen und Deutungen derselben durch untergeschobene wissenschaftliche Tendenzen und Geheimlehren von Seite der Gelehrten, und dessen gerade durch diese Opposition noch wachsende Beliebtheit bei dem ohnehin diesen realistischen Ansichten immer mehr huldigenden franz. Publicum veranlaßt. (Unter den vielen Ausgaben von diesen Gedichten ist die neueste und beste von Me'on, 3 Bde., Par. 1813.) Außer diesen doch noch irgend ein poetisches Element bewahrenden Gedichten 495 Französische Literatur (Natioualliteratur, 1096—1515) kommen aber auch solche vor, die, bloße Reimereien, in ganz prosaischer Auffassung rein wissenschaftliche oder praktische Gegenstände behandeln und nur dafür zeugen, daß wenigstens die poetische Form noch immer die vorherrschende blieb; so schrieb z. B. Walther von Meh unter dem Titel „Ims^e du monde" eine Art Encyklopädie des Wissens seiner Zeit, in der Mitte des 13. Jahrh.; so gibt cs mehre naturhistorische Reimwerke unter dem Titel „8es- Üüii-e", „Vnliicrnii-e", „D->>,id->ire", ja sogar die Justinianeischen Institutionen, Kloster, regeln und Coutumes oder Gewohnheitsrechte wurden in Reime gebracht. Poetischer als diese scholastische Weisheit sprach sich die Volksweisheit in oft sehr naiv-körnigen Sprüchwör- lern aus, wovon schon die Trouveres in eigenen Rahmengedichten, wie z. B. „De 5Iarcn„> et de 8alnmc>n", „Des ziroverbes ou Dante de Dretsigne" u. s. w., Sammlungen zusam- menstelltcn. Neuere Sammlungen der Art sind in Crapclet's„?roveibes et dictons populsi- res" (Par. 1831) und Leroux de Lincy, „De livre des proverbes" (2 Bde., Par. 1842). Schon aus dieser frühzeitigen und reichen Entwickelung der epischen und didaktischen Poesie bei den Nordfranzosen ist es erklärlich, daß sich bei ihnen viel später, und daher nach dem Muster der provencalischcn, die Kunstlyrik ausbildete. Zudem entstand erst unter den Nachfolgern Philipp August's, vorzüglich unter dem Frauenregimente der Königin Blanche, der Gräfinnen von Flandern und von Champagne, eine die höfische Kunstlyrik bedingende feinere Geselligkeit und Höfischheit. Als daher gleichzeitig durch die häufigen ehelichen Ver- bindungen des königlichen Stamms mit den südlichen Fürstenhäusern und durch die Kreuzzüge und Albigenserkriege die Nordfranzosen einerseits für die Bildung des Südens empfänglicher geworden, andererseits in so häufigen und engen Verkehr mit diesem getreten warm, so konnte es nicht anders kommen, als daß auch die Troubadourspoesie als die gebildetere auf die nordfranz. Einfluß gewann, und in jener Gattung, die dieser fast noch gänzlich fehlte, zum Muster derselben wurde. So erblicken wir denn auch in der That zu Ende des 12. und zu Anfang des 13. Jahrh. die ersten Spuren einer nordfranz. Kunstlyrik und Hof- pvesie ganz nach provencalischem Zuschnitte, sowol dem Inhalt als der Form nach, mit so geringen Modisicationen und Abweichungen, daß was von der Troubadourspoesie gilt, im Allgemeinen auch auf die nordfranz. Kunstlyrik angewendet werden kann. Aber ihre größte Blüte war in der ersten Hälfte des 13. Jahrh., als die Provencalpoesie bereits ihrem Verfall enkgegenging. Könige, Prinzen aus königlichem Stamme und die ersten Fürsten des Reichs, wie Johann von Brienne, Thibaut IV. von Champagne, König von Navarra, einer der berühmtesten unter diesen höfischen Kunstdichtcrn (seine Gedichte sind herausgeg. von La Ra- valliere, 2 Bde., Par. 1742), Heinrich III., Herzog von Brabant, Peter von Dreux, Graf von Bretagne, und selbst der grausame Karl von Anjou, König von Neapel, verschmähten es nicht, mit ihrem Hofadel in die Wette zu dichten; nun wurde die Dichtkunst auch in Nordfrankreich eine adelige Erholung und gehörte zur vollendeten ritterlichen Bildung eines da- maligen Hofmanns. Unter solchen Verhältnissen wuchs natürlich die Zahl dieser Hofsänger bedeutend an, und Laborde, der in seinem „Dsssi sur la musiezue" (Bd. 2) biographische Notizen über sie und viele Auszüge aus ihren Gedichten bekannt gemacht hat, zählt mehr als > 36 Liederdichter im 12. und 13. Jahrh., unter denen sich auch mehre aus dem bürgerlichen Stande befinden und der Castellan von Coucy (s. d.) einer der bekanntesten geworden ist. Muster dieser lyrischen Hofpocsie finden sich in Jubinal's „ä»ng)eurs et'Douveres" (Par. >835) und P. Paris' „komsncero tr-my." (Par. 1833). Aber selbst in der Kunstlyrik offenbart sich auch der volksthümlichere Geist der Nordfranzosen; denn neben diesen eintönigen Minneliedern und Conversationsgedichten enthält sie einige Liedergaktungen, die einen eigen-- thümlichern Geist und volksmäßigere Formen haben; so die D-ds ffriyues, Drdlsdes, ?sstn„- relles und vor allen einige episch-lyrische Gedichte, ähnlich den moderneren Romunces, welche- den Übergang von der volksmäßig epischen zur lyrischen Kunstpoesie bilden. Proben davon finden sich in Paris' „knmsacero". Noch fallen in diese Periode die Anfänge der nordfranz. Dramatik. Sie entwickelte sich auch hier, wie überall, theils aus dem religiösen Cultus, theils aus volksthümlichen Fest- und Schimpfspielen und wurde aus der blos mimischen Darstellung eincrHandlung zur dia- logischen und eigentlich dramatischen, nachdem die objective und subjektive Richtung in der epischen und lyrischen Form jede für sich so durchgebildet waren, daß eine Verschmelzung bei» ä96 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1696—1515) der in der dramatischen möglich und nothwendig geworden war. So entstanden zunächst aus den Kirchen-Prosen und Lpitres fsrcies die geistlichen Dramen, lästere« genannt, wenn sie biblische Stoffe behandelten, Niracles, wenn sie Wundersagcn aus dem Leben der Heiligen zum Gegenstände hatten; und aus den äsux-partis, Disputaisoos, Datailles, ?»sto„rel!es und den Rintes der Jongleurs die weltlichen, anfänglich bloß äcux (Spiele) genannt, und von allen diesen Arten des franz. Nationaldramas finden sich schon seit der Mitte des l 3. Jahrh. ziemlich ausgebildete Proben, wie von den illusteres das jedenfalls noch diesem Jahrh. angehörende Fragment „Da resurrection ei» 8auveur"; von den Illiraclss das „De 'Dlieo- piiüe" von Rutebeuf, und „De 8-int Nicolas" von Jean Bodel d'Arras, um 1250; von den äeux die von Adam de la Halle, starb um 1288, „Di äus Xcksn, <>» a I?e»iIIie" und das so berühmt gewordene Schäferspiel „Di Kiens «le Robiu et Oe illarion" mit Musik, wozu ein Ungenannter eine Art Vorspiel „Di äus 6u kelsrin" schrieb; ja sogar von den später so häufigen allegorischen Dramen, den sogenannten llloralites, ist das gegen das Ende des 13. Jahrh. verfaßte „De Dierre 3. Jahrh. war der Sieg des König- und Bürgerthums über das Kirchen - und Nitterthum entschieden; von nun an sind sie die herrschenden Potenzen, erst vereint, dann sich selbst mit wechselndem Glücke bekämpfend, bis Ludwig Xl. seinen Nachfolgern eine Herrschaft hinterließ, die keine Nebenbuhler mehr zu fürchten hatte, bis unter Franz l. bas Königthum zu Paris so unbeschränkt und glänzend thronte, daß nur von dem Hofe allein, wie alle materielle Macht, so jeder geistige Impuls ausging. Natürlich mußte sich dieser veränderten Richtung des Zeitgeistes gemäß auch die Nationalliteratur gestalten, und so sehen wir schon seit dem Ende des > 3. Jahrh. die Ideale des Nittcrthums vor dem auf die nächsten Interessen der unmittelbaren Wirklichkeit hauptsächlich gerichteten Bürgersinn entweichen, oder höchstens ein Scheinleben in hohlgewordenen Formen noch fristen; die Phantasie muß ihre Herrschaft dem Verstände oder gar dem über sie spottenden Witze abtreten, der Glaube muß sich gegen die immer kühner werdende, von den Universitäten, ja von der Geistlichkeit selbst ausgehende, Skepsis zu schützen suchen, und die Dialektik spielt in dieser Zeit der Gegensätze und der überall erwachenden Opposition eine immer wichtigere Rolle; die Poesie wird zünftig und muß von den Schlössern des verarmenden und verwildernden Adels auf den bunten Markt der Städte und in die Kammern der rhetorischen Meistersänger flüchten, bis sich der königliche Hof ihrer erbarmt, wo sie bald als Lustigmacherin bei dem Volke gegebene» Festen, bald als pedantisch geschulte Gelegenheiksdichtcrin in den enger» Kreisen der gelehrtthuenden Höflinge dient. Kurz, auch die Nationalliteratur wurde immer mehr aus einer kirchlichen und ritterlichen eine bürgerliche und königliche. Im südlichen Frankreich verstummte mit dem Erlöschen ihres Lebensprincips, des höfischen Ritterthums, natürlich auch die echte Troubadourspoesie. Umsonst suchten die Ca- pitouls von Toulouse und die Municipalitäten der südfranz. Städte ihr durch Stiftung von zünftigen Dichterschulcn und gelehrt-poetischen Akademien, der sogenannten äe»x iluraux, neues Leben einzuhauchen; mit dem Geist der adeligen Gesellschaft war auch die Kunst des ritterlichen Minnesangs entschwunden, die ehren- und handfesten Bürger konnten aus dem Grabe des RitterthumS keine lebensfrischen Blüten mehr entsprossen machen und mußten sich begnügen, die schöne Ritterleiche mit ihren künstlich nachgemachten Todtensträußen zu schmücken, und so war aus der heitern Kunst ein sogenanntes fröhliches Wissen, kau sa- der, geworden, das aber in der That nur ein trauriges Scheinleben fristete und höchstens poe- 497 ^ Französische Literatur (Nationalliteratnr, 1096—1515) tische Gesetzbücher (RIors äel xav saber oder I.czs «l'smors, herausgcg. von Gatien d'Ar- ! noult, Toulouse 18-11) und verkünstelte Formen, aber keine selbständige, eigenthümliche Na- lionalliteratur mehr Hervorbringen konnte, indem die südfranzösische sich von nun an in der nordfranzösischen verlor. ! Wol hatte auch auf die n or d franz. Nation all iteratur diese veränderte Richtung j des Zeitgeistes bedeutend cingewirkt; aber ihr Lebensprincip war mit dem ritterlichen Geiste nicht zugleich entwichen. Sie wurzelte im Volksthum und war aus volksmäßigen Principien hervorgcgangen. Darum konnte sie wol nach herrschenden Zeitrichtungen sich formen und mit ^ ihnen sich formell verändern, ja zeitweise eines oder das andere ihrer volksthümlichen Ele- ' mente hervorheben oder zurückdrängen; aber ihre Wesenheit, ihr eigentliches Lebensprincip wird nur mit dem Nationalbewußtsein zugleich aufhören. Deshalb hauptsächlich, und min- ^ der der blos äußerlichen politischen Verhältnisse wegen, wie der Besiegung des Südens durch den Norden, der wachsenden Macht des Königthums, der dadurch zunehmenden Centralisi- mng in dem Hofe von Paris u. s. w., hat die nordfranz. die südfranz. Literatur überdauert und absorbirt. Deshalb hat und wird sie den Einflüssen der Zeit und fremder Literaturen wol vorübergehend sich beugen müssen; aber so lange das franz. Volk als solches sich bewußt ' bleibt, immer wieder zu selbständigem, eigenthümlichem Leben sich emporrichten können. Des- I halb hat sie sogar in dieser Periode des Versinkens einer schönen poetisch - idealen Form und > der erst unter schweren Kämpfen sich emporarbeitenden Keime einer neuen Gestaltung kein bloßes Scheinleben wie die südsranz, gefristet, sondern, nach vergeblichem Spiel mit hohlgewordenen Formen, mit den neues Leben verheißenden Keimen sich verbunden und ist so mit dem erstarkenden Bürgerthum wieder volksmäßigcr geworden. Die echte Epik, die mit der Jugend der Völker unwiederbringlich entflieht, mußte natürlich mit dem Eintritt des Nordfranz, in das Manncsalter aufgegeben werden. Mit der breitem, prosaisch-verständigen Gestaltung des Lebens mußte auch das Epische dem entsprechende Formen annehmen. Daher wurden nun die ältern tlbaosons lle gsste und Romans i «i'rventure in Spruchgedichte, Vits, umgeformt, wie in die Vits cie kuillsume tl'^nFleterre, ile Robert le viuble ; oder, besonders später, noch häufiger in Prosaromane aufgelöst, vor- i zugsweisc die Romane des bretonischen Sagenkreises, die ihrer vagen, märchenhaften Natur, ! ihrer mystisch-allegorischen Einkleidung Und ihres schon überverfeinerten, sich verflüchtigen- ! den Ritterthums wegen noch am besten mit dieser veränderten Zeitrichtung sich vertrugen ^ und daher nicht nur cncyklisch bearbeitet, wie z. B. im „Roman tre" (beste Ausg., Par. 1843), der das Ritterthum in ironi- scherFärbung darstellt. Auch die Rabliaux und (lontes wurden nun prosaisch bearbeitet und durch Tagsgeschichtchen in gleichem Geiste vermehrt, wovon die Sammlung unter dem Ti- s tel „ves Cent nouvelles" am berühmtesten geworden ist (beste Ausg. von Leroux de Lincy, 2 Bde, Par. 1841). Die Nachblüte des ritterlichen Geistes in den engl.-franz. Kriegen zeigt sich auch in einigen Geschichtschreibern dieser Zeit; so hat sogar noch in der Form der Obsnsons Re geste der Trouvere Cavelier einen der berühmtesten Helden dieser Kriege, Bertrand du Guesclin, besungen („(lbroniqus", herausgcg. von Charriere, 2 Bde., Par. ! >839, 4 .), und wenn auch in Prosa, so doch in wahrhaft naiv-epischem Geiste abgefaßt ist - die Chronik des Jean Froissart (s.d.); hingegen spricht sich schon in dessen FortsehcrMon- strelet ein bürgerlich völkischer Geist aus, und das Königthum bildet den Mittelpunkt der Darstellung in den Memoiren des Philippe de Co min es (s. d.). Cvnv.-Lex. Neunte Aust. V. 32 498 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) I» einer Zeit, welcher der nüchterne Verstand des Bürgcrthums irnd die scholastisch, dialektische Gelehrsamkeit der Universitäten immer mehr die bestimmende Richtung gaben, mußte natürlich dieDidaktik eine bedeutende Stelle cinnehmen und gegen die frühere Pe> i riode wenigstens an Umfang noch zunehmen, obgleich sie sich vorzugsweise in den beiden ftü- ! her eingeschlagenen Hauptbahnen, derAllegorie und Satire, fortbewcgte, wozu das immer wachsende Ansehen des „IlE-m de la rose" nicht wenig beitrug, wie sich an den vielen nun erscheinenden Nachahmungen desselben, besonders in formeller Hinsicht, zeigt. So finden sich aus dieser Zeit eine große Menge moralisirend- oder satirisirend-allegorischer Dichtungen in der Form der 8o„ges, voctrirmux, Debats, iXsks, D»nses, DIasnns u. s. w.; aber die Menge beweist für ihre fast gleichmäßige Mittelmäßigkeit und daß sie nur als Ge- sammterscheinung mehr Interesse haben; so dürften etwa als Beispiele nenncnswerth sein des Raoul de Presle „8o«Ae du verlier"; „Des trois pelerinsges" von Guillaume de Euilleville; Pierre Michault's „Doctriusl de cour" und „Danses aux sveugles"; Martin Franc's „DKampion der dames" als Vertheidigung des weiblichen Geschlechts gegen die Angriffe im „Roms» de I» rose"; die in anderer Beziehung berühmt gewordenen „Danses macabres" und „Irrels cl'amour" des Martial d'Auvergne; die im echt franz. Spottgeisie geschriebenen frivol-burlesken Gedichte des Guillaume Cvquillart u. s. w. Am meisten zeigen sich in der Lyrik die diese Periode charakterisircnden Gegensätze und Übergänge. So finden sich noch Nachklänge selbst des Geistes der ritterlich-höfischen Minne- und Conversationspocsie in den Gedichten des Herzogs Karl von Orleans (her- ausgegebcn von Guichard, Par. 1842, und von Champollion-Figeac, Par. 1842), seiner Hofdichter und selbst in denen Froissart's; so wurde in einseitiger, geistloser Nachahmung der Kunstpoesie, die Form und die Kunst zur Hauptsache machend und darüber die Poesie verlierend, die erstere zur leblosen Förmlichkeit, die letztere zur spielenden Künstelei in den plumpen Händen der zünftigen Meistersänger, die sich mit Recht nunmehr Ulieton- eisns nannten, und in den nicht minder taktlosen aber zierlich behandschuhten der Gelegen- heitsdichtcr des königlichen Hofs, wovon die erstem sich bemühten, in ihren poetischen Werk- ! stätten und Zunftstuben, ?uis de palinods genannt, für ihre 8srvsntois et sottes cliansnas, PKanls rovaux, Dali alles, Davs, Virela^s, Rondaux u.s. w. neue Modelle und Leisten (Lärmes et Patrons) zu erfinden; die letztem, wie Alain Chartier, Molinct, Christine de Pisan, Meschinot, Guillaume Dubois genannt Cretin u.s.w., ihre obligaten Gefühle und Höflingsphrasen in elegant toumirten, künstlich-gereimten, absichtlich dunkeln und nach echter Höf- lingsweise von vorn und von hinten zu lesenden, immer aber nur Piatitüden enthaltenden Gelegenheitsgedichten dem Könige und den Damen und Herren seines Hofs zu präsentiren. ' Dabei zeigt sich in allen diesen Gedichten schon mehr oder minder der Einfluß pedantischer ^ Gelehrsamkeit, der Sucht zu moralisiren und allegorisiren, kur; der vorherrschenden Verstan- desthätigkeit und des romanischen Elements des franz. Nationalcharakters. Daneben aber kommt der unverwüstliche keltische Grundcharakfer des franz. Volks in seiner ganzen Eigen- thümlichkeit in den beiden echt volksmäßigen und darum wahrhaft nationalen Dichtern dieser Periode, dem pariser Schüler Franz Villon und dem normandischen Walkmüllcr Olivicr Basselin wieder zum Durchbruch; der Erstere, von armen Altern zu Paris 1431 geboren, ein liederlicher Patron, der nur durch die Gnade Ludwig's Xl. der verwirkten Todesstrafe entging, schildert in seinen Gedichten (zuletzt hcrausgeg. von Prompsault, Par. 1832) sein eigenes Leben und damit das Leben des Volks in Paris mit Gewandtheit, Frische und treffendem Witz und spottet über die Unnatur und Pedanterie seiner Kunstgenossen, über die er sich f durch seine Originalität weit erhebt und eigentlich der Urheber der Dichtweisc ist, die man nach seinem Nachahmer Marot zu benennen pflegt; der Letztere (I35V—1418) spiegelt mit liebenswürdiger Naivetät die fröhliche Bonhomie des franz. Landmanns in seinen Trinkliedern ab, welche von seinem Wohnorte, dem Thale Vire, de« Namen V-»ix-de-Vire erhiel- ten und mit dem, später in Vaudeville (s. d.) verstümmelt, ähnliche Couplets bezeichnet > wurden. Die „Vaux-de-Vire" Bafselin's und seines Nachfolgers Jean Lehoux wurden zu- . letzt von Julien Travers (Par. 1833) herausgegcben. ^ ' Diesen volksmäßigen Charakter trug aber vor allen in dieser Periode diedramatische ! Pocsie, und ihre Produkte wurden erst nun zu eigentlichen Volksschau spielen; denn nun ! I l- ", e- ! i- ! >s n t. :r '> e- n >e n ie !S ie ;e n r- :r h' w ei i- k- ! e- ", s- f- :n n. ! er ! n- er ii- ie- er n, ^fe in n< ich in nt el- ; iet j u- . ! he I nn Französische Literatur (Nationalliteratur, 1096—1515) 499 erst war diese Form, nachdem die übrigen mehr oder minder ihre vitale Kraft verloren hatten und einer neuen Regeneration bedurften, die einzige allen Bedürfnissen entsprechende geworden ; der König und die Bürger fanden gleichen Gefallen daran; die zünftigen Vereine der Städte und der vergrößerte Hofhalt der Könige begünstigten ihre Einführung ins Leben, und der ohnehin schau- und repräsentationssüchtige Charakter der Franzosen steigerte ihre Entwickelung, die durch mimische Darstellungen bei Hof- und Kirchenfesten längst vorbereitet war. Daher bildeten sich zu Ende des > 1. Jahrh. bald mehre Gesellschaften zur Aufführung dramatischer Stücke. So entstand aus frommen Handwerkern die 6onkreri« cke I» psssioo, um 1398, sogenannt, weil sie Mysterien, welche die Passionsgeschichte zum Gegenstände hatten, darstellten und für derlei Darstellungen schon 1392 von Karl VI. privilegirt, eröffnet- sie in dem Hospital der Dreifaltigkeit bei dem Thore von,St.-Denis die erste eigentliche Schaubühne zu Paris. Vgl. über die Lontrerie «ie la pussion Taillandier's Abhandlung (Par. 1833). Diese Mysterien hatten dem Geiste und der Form nach noch ganz den Charakter der ebenso genannten lat. Kirchendramen, die ungefähr seit dem 12. Jahrh. von Geistlichen verfaßt und von ihnen, aber auch schon mit Zuziehung der Laien und des Volks, in Kirchen und Klöstern dargestcllt worden waren, in welchen selbst schon einzelne Stellen, wie Volkslieder und Scenen aus dem Volksleben, in der Vulgairsprache abgefaßt Vorkommen. Auch nun wurden die Nzstöres noch lange als zum Gottesdienste gehörige Handlungen angesehen, mit Gebeten und Kirchengesängcn begonnen und beschlossen, hatten - oft Geistliche zu Verfassern und sogar noch manchmal zu Mitspielern; die religiöse Idee lebte aber in ihnen nur mehr äußerlich fort, es fehlte die gläubige Begeisterung, wodurch bei den Spaniern die Mysterien sich zu den Viitos sscrumeutules und Onmediss ssgrscias erhoben, während in den sranz. Mysterien die zwar auch schon in den lateinischen sich findenden, komischen und grotesken Elemente und die dadurch vermittelte Anknüpfung an die gemeine Wirklichkeit und das Alltagsleben sich immer mehr vordrängten, sodaß sie durch den immer greller werdenden Kontrast zwischen der Tendenz und der Ausführung parodisch und skurril wurden und sich endlich nicht nur die Parlamente und die Kirche selbst sondern sogar die öffentliche Meinung gegen sie erklärte. Dieser Mangel an Einheit zwischen Idee und Ausführung hatte auch ihre Formlosigkeit zur Folge; sie bestanden eigentlich nur aus äußerlich aneinander gereihten Scenen, die sich nach dem Bedürfniß der Schaulust willkürlich vermehren ließen, sodaß ihre Darstellung meist mehre Tage dauerte, wonach sie in äournees einge- theill wurden, die aber selten einer inner« Gliederung entsprachen. Übrigens waren die Mysterien zu einer bedeutenden Anzahl angewachsen, und sie hatten nicht nur die Passionsgeschichte (üe xranck mustere) sondern biblische Stoffe, aus dem Alten und Neuen Testamente, überhaupt und dann auch Hciligenlcgenden und Wundersagen zum Gegenstände, in welchem letzter« Falle sie gewöhnlich Nirscles hießen, wiewol dieser Titelunterschied sich nicht immer streng beobachtet findet, ja es kommen unter diesen Namen sogar Stücke aus der Profangeschichte vor, wenn sie nur überhaupt eine ernste erbauliche Tendenz hatten. Muster von »lvsteres und Mrades finden sich nicht nur in dem obenerwähnten „Hieütre trsnysis", sondern auck in A. Jubinal's „Nxstöres msckites öffentliche Meinung zu wirken, wie z. B. Ludwig XII. in den 8utties ttu Nouveau mvmle, De I'bomme obstiue, Oe In cbssse ciu cerk lies cerls und Oe la mere sötte den Papst Julius ll. und die Mißbrauche der Geistlichkeit verspotten ließ (der Verfasser der beiden letztem war der in diesem Genre überhaupt so berühmt gewordene Pierre Gringore), bis sie den Königen und den Parlamenten, die sie auch nicht schonten, so gefährlich schienen, daß sie sie anfangs unter Censur stellten und dann ganz unterdrückten; mit dem Geiste des Volks aber war dieser Hang zur satirischen Posse zu sehr verwachsen, als daß er nicht in der Folge, freilich unter modisicirten Formen und andern Namen, sich wieder Bahn brechen sollte. Neben diesen beiden Gesellschaften und wie in dem Bedürfnisse, ihre Extreme zu vermitteln, bildete sich auch noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrh. eine dritte Schauspielergcsellschaft, wodurch eine neue Art von Dramen entstand. Die Zunft der Gerichts- und Parlamentsschreiber, Oes clercs üe lu Ruroclie, eine sehr alte Verbindung von Advocaten, Procuratoren und ihren Gehülftn, war nämlich schon lange im Besitze des Vorrechts, alle öffentliche Feste und Feierlichkeiten zu ordnen. Als sie nun die Schauspiele aus den Händen der Geistlichkeit in die der Laien übergehen und die Lust des Volks daran sahen, wollten auch sie ihr Nepräsentations- ! recht wahren. Um jedoch mit den Privilegien der andern beiden Gesellschaften nicht in Colli- > sion zu kommen, erfanden sie eine neue Art von Schauspielen, die unter der Maske des Ko- ^ mischen eine wenn nicht religiöse, doch ernste moralische Tendenz hatten und daher blvmü- tes genannt wurden und sich von den -lästere» durch die Wahl des Stoffs und die Einkleidung, von den 8ott,e» durch die Tendenz und die abstraktere Haltung unterschieden; dies war die äußere Veranlassung. Die innere Nothwendigkeit dieser Erscheinung lag in dem Bedürfnisse, das allgemein Menschliche, abstrahirt von positiven Offenbarungen und tcmpo- rair-concrcten Verhältnissen zur Anschauung zu bringen. Daher lag dieser Form der Anschauung die Allegorie am allernächsten, und die Moralitäten wurden gerade durch die auf die Spitze getriebene allegorische Abstraktion ironisch und mußten wieder in eine konkretere Form Umschlagen, wollten sie ihre poetische Existenz retten. Dies geschah auch in der That, indem sich aus den Moralitäten die Rsrces entwickelten, worin die pcrsonificirte Abstraktion sich wieder anthropomorphisirte und bei der vorzugsweise auf das Lächerliche gerichteten Weltanschauung der Franzosen zu komischen Charakteren gestaltete. So hatte die Rsrce, wenigstens anfänglich, den Zweck, mehr das Lächerliche im allgemein Menschlichen herauszuheben, während die8ottie sich pasquillartig an die Persönlichkeiten heftete und so wurde sie der Prototyp des franz. Charaktevlustspiels, ja in einer Rsrce des l 5. Jahrh-, in der > „Oe msitre Rierre Ratbelm" (zuerst gedruckt zwischen 1474 und I-t90; angeblich von Pierre Blanchet; oftwieder abgedruckt, z.B. Par. 1748,underneutvonBrucis und Palaprak) ist die ganze Eigenthümlichkeit und Meisterschaft der Franzosen in diesem Fache schon vollkommen ausgeprägt. Allerdings arteten auch die Rsrces so sehr aus, daß sie kaum von den 8ottie- ' zu unterscheiden sind und daher mit diesen gleiches Schicksal hatten; jedenfalls aber sind sie die merkwürdigste Art des altfranz. Dramas, bei dessen Entwickelung cs schon entschieden - war, daß die Franzosen nie eine eigentlich nationale Tragödie, wol aber eine ganz volksthüm- s liche Posse und ein durchaus originelles Charakterlustspiel bekommen würdm. Muster dieser ' komischen Gattungen finden sich im „Recueil <1e plusieurs karces, sotties et morslites" von ^ P. Simeon Caron (11 Bde., Par. 1798—1806), im „Recueil res L jomclre aux reimpressions" von P. Caron (Par. 1829), im „Recueil kies tarces, morslitös - et »ermons jo^eux" von Lcroux de Lincy und Michel (4 Bde., Par. 1837) u. s. w. Über die mise en -cene dieser Stücke vgl. Moricc, „Ri-toire ile Is wi-e an rcene 501 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1515—1643) depui» Iss wüsteres jusqn'uu 6id" (Par. 1836) und über die Geschichte des franz. Theaters überhaupt, außer den altern Werken von den Brüdern Parfait, Beauchamps, Laval- liere, Suard u. s. w., Magnin, „I.es oriAines Nu tliestre moderne" (Par. 1838) und One- ßme Leroy, „Histoire comzisrse du tbestre et des moeurs en Vrsnce" (Par. 18-13). Die stanz. Literatur war das Mittelalter hindurch, wenn auch roh und ungebildet, doch national und der Ausdruck der dem ganzen Volke cigenthümlichen Bildung und Gesinnung ) gewesen. Unter Franz l. kam das Studium der klassischen Autoren des griech. und röm. Alterthums in Ausnahme. Die stanz. Schriftsteller, von den ihnen dargebotenen neuen Herrlichkeiten geblendet, verachteten von nun an die Leistungen ihrer Vorgänger; sie betrachteten die Schriften der Alten als einzig der Nachahmung würdig, wiesen die nationalen Erinnerungen sowie die christliche Lebensanschauung von sich, und so entstand der Classicismus Nächst der sklavischen Nachahmung der Alten war das ungemessene Bestreben der Dichter und Schriftsteller, dem vornehmen Publicum, besonders dem Hofe, zu gefallen, an der seit ^ Franz 1. beginnenden, unter Ludwig XIV. ihren höchsten Gipfel erreichenden falschen Rich- > tung der franz. Literatur Schuld. Bis aufLudwigXlV. fand indcß der neue Geschmack sowol ^ in der Volksbildung als in dem Widerstreben mchrer Schriftsteller einigen Widerstand, und i wie im kirchlichen und Staatsleben die Periode von ISIS—1613 eine Zeit des Kampfes 1 und der Gährung war, so war sie es auch in der Literatur. Zu den namhaftesten Verbreitern klassischer Studien in Frankreich, welche auf die stanz. Literatur dieser Periode einen großen Einfluß ausübten, gehören Gukll. Bude, 1167 —1516 (s. Bu däus), Jacq. Lefevre d'Eta- ples (Faber Stapulensis), gest. 1537, Jos. Scaliger(s. d.) aus Age», Isaak de Ca san- ' bon (s. d.) aus Genf, Jean Daurat, gest. 1588, der Lehrer Ronsard's, und die beiden Etienne > (s. Stephanus). Die Schriften des Alterthums wurden aber nicht nur Gegenstand sprach- , sicher Forschungen, sondern man beeilte sich, dieselben dem größer» Publicum in zahllosen Übersetzungen zu erschließen. So bearbeitete Jean Colin den größten Theil des Cicero und Dupinet Plinius den Altern; Claude Grujet brachte die Briefe des Phalaris in franz. Verse, Millet übersetzte den Lucian, Blasse de Vigenere, der berühmteste Übersetzer seiner Zeit, beschäftigte sich mit Livius und Cäsar, und die Übersetzungen Amyot's sind in stilistischer Beziehung so vortrefflich, daß sie noch jetzt gelesen zu werden verdienen. Unter den Dichtern, welche diesen Zeitraum eröffnen und die im Ganzen sich noch ziemlich frei erhielten von der überhandnehmenden Nachahmungssucht antiker Vorbilder, bemerken wir zuvörderst König Franzi., der trotz seiner Unbesonnenheiten, Schwächen und andern Fehlern für die Cultur des stanz. Volks viel geleistet und seinen Ehrennamen, 1-« pere des lettres, redlich verdient hak. Sein Kammerdiener Clement M arot (s.d.), 1195—1511, dessen Vater, Jean Ma- rot, auch Dichter gewesen war, ist als Haupt der franz. Poeten unter Franz I. anzusehen. Neben ihm verdienen genannt zu werden Theodor B ez a (s. d.), dessen Poesien zuweilen ans Nüchterne streifen, und Mellin oder Meslin de St.-Gelais, 1191 — 1558, der durch Übersetzungen und Nachahmungen der Alten und Italiener für die franz. Literatur wirksam war i und vorzügliche Epigramme, nach Art der concetti, schrieb ; Etienne Dolet aus Orleans, als Ketzer 1516 verbrannt, ein verdienter Humanist; Victor Brodeau, den Marot seinen Sohn nannte, und besonders Gilles d'Aurigny, gest. 1553, der Verfasser der lieblichen Dich- . tung „I.e tuteur d'swour". Aus der großen Anzahl von Dichterinnen, welche in dieser Periode gefeiert wurden, heben wir nur die reichbegabte Luise Labe (s. d.) hervor, 1526— 68, vom Gewerbe ihres Mannes die schöne Seilerin genannt, deren Elegien noch jetzt bc- - wundert werden; Pornette du Guillct und besonders die melancholische Madelaine Dcsroches ! und ihre Tochter Catherine, die beide 1585 an der Pest starben. Margarethe von Va- ^ lois (s. d.), die Schwester Franz's I. und Gemahlin Heinrich's II. von Navarra, verdankt ihren Ruf als Dichterin weniger ihren lyrischen Poesien als einer Novcllcnsammlung l „Ueptsmeron", in der weibliche Frömmelei und Lüsternheit, Zartsinnigkeit und Verstandesschärfe auffallend vereinigt sind. Indessen wird der größte Theil der in dieser Sammlung enthaltenen Stücke Nie. Denisot, 1523—86, Jacq. Peletier, 1517—82, und besonders Bonaventure Desxeriers, gest. um 1511, beigelegt, dessen originelles „6^mt>al»m muodl"in jüngster Zeit von CH. Nodier wieder aus der Vergessenheit hervorgezogen wurde. Auch mehre 502 Französische Literatur (Nationallitcratur, 1515—1643) andere Fürsten und Fürstinnen versuchten sich während dieser Periode in poetischen Produktionen, so ;. B. Maria Stuart, von der sich einige reine lyrische Klänge erhalten haben, Karl IX. ^ und später Heinrich IV. Allmälig wurden die Wirkungen der klassischen Studien größer, und mehre Dichter, unter denen Zodelle, Pierre de Ronsard, Jean Antoine de Batf und Joachim Dubcllay die talentvollem waren, stifteten eine Dichterschule, das stanz. Sieben- gestirn (?Ieisäe) genannt. Ronsard (s. d.), 1525—85, klassisch gebildet, ausgestattet mit reicher und kühner Phantasie, mit unzeitiger Gelehrsamkeit prunkend, durch die Aufnahme ! griech. Wörter und willkürliche Benutzung aller stanz. Dialekte die Sprache verwirrend, war das Haupt dieser Dichterschule und wurde bei seinen Lebzeiten und noch lange nachher als Fürst der stanz. Dichter gefeiert. Doch verdient er keineswegs die Verachtung, welche ihn in späterer Zeit traf, wie dies namentlich seine „viscours ou Henri II" und „Iliscourr ÜU Lbarles IX" beweisen. Unter der großen Anzahl seiner Werke ist ein verunglücktes Epos „bifsnoiacke" in literarischer Hinsicht wichtig. Euillaume de Salluste, Sieur du Bartas, 1544—9V, trieb die sprachliche Neuerungssucht der damaligen Dichter vielleicht am weitesten; nichtsdestoweniger ist sein großartiges Hauptwerk „I.» septumine, nu creati»,, <>» innocke en septjonrs" (Par. 1584, 4.) reich an trefflichen Partien. Ein heftiger Gegner Ronsard's war der protestantische Parteischriftsteller Theodore Agrippa d' Aubignc (s. d.), 1550—1630, dessen Satiren „I^e8 tr:,gic,,ies" von bitterm Spotte triefen und der sich besonders auch auf dem Felde der Geschichte mit Glück versucht hat. Tief unter ihm stehen als Satiriker Vauquelin de la Fresnaie und Gilles Durant; dagegen übertraf ihn Mathurin Regnier (s. d.), 15 7 3 — 16 l 3, der originellste Dichter Frankreichs seit Villon, der den Namen des Montaigne der Poesie führt. Jean Passerat geißelte in Verbindung mit dem gelehr- l ten Juristen Nie. Rapin in der Satire „5leni;>>,s" die Ligue. Jacq. Dulaurens, Thomas ^ de Courval-Sonnct bildeten in der satirischen Poesie den Übergang von Register zu Voiles». Mit Franc, de Malherbe (s. d.), 1556 —1628, begann ein neuer Abschnitt in der stanz. Dichtkunst. Jean Bertaut, 1552—I6II, der die erotische Poesie mit der geistlichen vertauschte, Phil. Desportes, 1546—1606, der sich in der ital. Manier gefiel, S. G. de La- roque, in dessen Sonetten zuweilen ein wahrhaft poetischer Hauch weht, der Präsident Claude Erpilly u. A. hatten bereits die pedantische Form Ronsard's überwunden; aber sic wurden iu den Schatten gestellt von Malherbe, der in kalter Besonnenheit, Reinheit und Wohllaut > der Sprache sowie in rhythmischer Regelmäßigkeit ausgezeichnet war, sodaß er noch jetzt als Muster eines stanz. Stilisten gelten kann. Unter seinen Zeitgenossen ist Honorat de Bavil, Sieur de Racan, l 589 —1670, Malherbe's Schüler und eins der ersten Mitglieder der , von Richelieu 1635 gestifteten Akademie, am ausgezeichnetsten und als Jdyllendichter in z der stanz. Literatur selbst bis jetzt vielleicht noch unübertroffen. Eine Menge anderer minder bedeutender Dichter übergehend machen wir nur noch auf Jean Ogier de Gombauld's trcsf- ^ liche Epigramme und auf die zarten Lieder Pierre de Godolin's (s. d.), 1579—1649, ^ aufmerksam. Letzterer, der sich der provencalischen Sprache bediente, ist einer der wenigen Patoisdichter, die sich einen Platz in der stanz. Literaturgeschichte erworben haben. In der dramatischen Poesie bewirkte die Bekanntschaft mit der Literatur des clas- > fischen Altcrthums eine gänzliche Umgestaltung. Jouveneau hatte einen Kommentar über , Tcrenz herausgegeben, Octavien de St.-Gelais, der Vater des oben erwähnten Mellin, Des- pe'riers, Charl. Estienne, Lazare de Bass und Guill. Bouchetcl übersetzten um die Wette, so- . daß Etienne Iod e lle (s. d.), Seigneur de Limodin, 1532—73, es wagen konnte, nach dem Vorbilde Griechenlands und Roms das neue stanz. Theater zu gründen. Die durch ihn hervorgebrachte dramatische Revolution hat so nachhaltig gewirkt, daß Frankreichs größte Tragiker sein System nur haben verfeinern, aber nicht verändern können, bis es erst in neue- ! rer Zeit von der romantischen Schule erschüttert wurde. Schon unter Franz I. wurden zur ! Begründung eines neuen regelmäßigen Dramas die ersten Versuche gemacht, doch scheiterten ' sie damals und glückten erst, als Jodelle unter der Negierung Heinrich's II. seine fünfactige - Tragödie „Olsopstre oazitive" mit Chor schrieb und vor dem versammelten Hofe aufführte ! (1552). Jodelle's letztes und bestes Werk war das Trauerspiel „vickon". Von seinen nächsten Nachfolgern in der dramatischen Poesie sind Jean de Lape'rouse, der Verfasser der „M- tleo", 1530—56, Charl. Toutain, Gabr. Bonin, Rob. Garnier und Jacq. Gre'vin zu be- ! 503 Französische Literatur (NationaMteratur, 1515—1643) merken. Auch der Komödie gab Jodelte in seinem ,,^,lil>« Lugeue ou le rencoutre" eine ganz neue Gestalt. Auf der von ihm eröffneten Bahn folgten ihm I. A de Bass in seinem „lös brave ou taille-bras" und viele Andere. Fast in allen komischen Stücken dieser Zeit wird der Anstand in gleichem Maße wie die Sprache verletzt. Pierre Larivey, der Verfasser des „löagiisis", der „Veiive", der „^coliers" u. s. w., gab übrigens der Prosa, deren sich schon Jean de Lateille bedient hatte, den Vorzug. Die zahlreichen Lustspiele Pierre Leloyer'ß, 1556—1631, sind nicht ohne einzelne feine Züge. Die religiösen und politischen Fehden, , welche Frankreich während dieser Periode erschütterten, riefen eine ganze Literatur dramatischer Pamphlets ins Leben, die in künstlerischer Beziehung vielleicht keinen Werth haben, aber als historische Monumente nicht ohne bedeutendes Interesse sind. Zu den hervorstechendsten Dramen dieser Gattung gehören „OKilperic seconck" von Louis Leger und die „6ui- siaäe" von Pierre Matthieu, 1563—162 l. Lecocq, Claude de Bassecourt und Guill. Be- liard lieferten dramatisirte Schäfcrspiele, eine poetische Gattung, die von Nie. Filleul zuerst in Frankreich eingeführt war. Erwähnt zu werden verdienen noch „I.s sacrilice ä'Xtrra- K»m" von Theodor Beza und „I.es Llacbabses" von Virey, obgleich beide Stücke fast aller dramatischen Handlung entbehren. Jean de Rotrou, der Verfasser des „Venceslas", ist als Vor.äufer des Corneille anzusehen, und von Alex.Hardi, gest. um 1636, dessen bestes Stück „Karikme" ist, möchte die Nachricht nicht ganz ohne Interesse still, daß er gegen 866 Schauspiele geschrieben hat. Der Nitterroman wurde besonders von Adrien Se'vin, Claude Collet und Hcrberay Desessarts, die von der Vorliebe Fra.iz's I. für das Rittcrthum angeregt waren, wieder in Frankreich eingeführt; aber er konnte sich nicht lange halten. Mit den bei- > den Königinnen Katharina und Maria von Medici kamen Kenntniß und Nachahmung der ital. Literatur auf, sodaß man an den rohen Gestalten der Nittcrromane keinen Geschmack ! mehr finden konnte. Die obenangeführte Novellensammlung „Heptsmeron", die selbst erst , nach Boccacciv's Vorbilde angelegt war, fand zahllose Nachahmungen. Indessen sind fast alle dieselben gänzlich vergessen und überhaupt dürften außer den schon erwähnten Erzählungen nur noch „l.ss sventures lle tilersril et!t lek-m sto 8»>ntre" erwähnt sein, welche man Ant. de Lasalle zuschreibt. Unter Anna von Ostreich fand das Skudium dcr span. Sprache für cincZeit lang in Frankreich Eingang, und Montemayor's „DiiMÄ" wurde so beliebt, daß sie Honore d'Urfe, Graf vonChateauneuf, ausMarseille, 1561— > K 25 , in seiner ,,-lstres" nachahmte. Die unzähligen Schäferromane, mit denen Frankreich während dieser Zeit überschwemmt wurde, sind der Vergessenheit anheimgesallen. Jean Barclay (s.d.), 1583 — 1621, führte den politischen Roman ein, bediente sich indeß der lat. Sprache. Unendlich wichtiger als alle diese Productionen ist der um diese Zeit begründete satirische Roman. Der älteste Meister darin, in tief aufgegriffenen Zügen, mannichfachen Andeutungen, cigenthümlichen Bildern und Zusammenstellungen, sowie in kühner, freier Gestaltung der Sprache Lehrer und Vorbild für die geistreichsten Schriftsteller der folgenden Jahrhunderte, war Frang. Rabelais (s. d.), gest. 1553. Er geißelt die Mönche, die Unbeholfenheit gelehrter Zunftmenschen, die Gaukelhaftigkcit und Leichtgläubigkeit des großen Haufens und die Prahlereien der Großen; oft ist er zügellos, nie gehorsam den Gesetzen des guten Geschmacks und der feinen Lebensart, aber immer neu; über die Sprache schaltet er nach freiem Belieben und darum verdankt sie ihm so viel. An den Roman schließt sich die unter Richelieu aufgekommene, von Balzac (s.d.), gest. 1655, undVoiture, 1598—1618, k zuerst ausgcbildete Gattung der blos unterhaltenden, für das Publicum bestimmten, galanten, meist faden Briefe; doch hat Balzac durch seine anderweitigen moralischen und politischen Abhandlungen um die Bildung der franz. Prosa Verdienste und wird deshalb auch der Vater derselben genannt. ^ Die historische Kunst sowie überhaupt die Prosa gewann außerordentlich durch das ! im Anfänge dieser Periode in Aufnahme gekommene Studium der classischen Literatur. Be- . sonders trug Claude de Seyssel, gest. 1526, durch seine „Uistoire I.oiii8 Xll" und seine „ürancle monsrebie öle krmice" zur Gestaltung einer einfachen, natürlichen historischen Darstellung bei. Die treuherzige Naivität des von Joinville angegebenen Memoirentons verschwand allmälig und machte der modernen Correctheit Platz. Der wichtigste franz. Geschichtschreiber des 16. Jahrh. ist Jacq. Aug. de Thou (s.d.), gewöhnlichThuanuS genannt, 504 Französische Literatur (Nationalliteratur, 1643—1715) 1553—1617, ein sittlich edler, kräftig freimüthiger und Wahrheit liebender Mann, der sich meist der lat. Sprache bediente. Nach ihm versuchte sich in der Darstellung der neuern Welt- gcschichtc Theodore Agrippa d'Aubigne (s. d.). Die andern Historiker, welche außerdem > noch Erwähnung verdienen, schrieben meist Memoiren. In der „llistoire 6u cbevslier I1svsr6 6s plusieurs clinses s6venues saus Iss regnes 6e (ltiarlss VIII, I.oiiis XII et ^ Vrsnyois I" bemerkt man zum letzten Male die naive Einfalt der ältern Geschichtschreiber. Die Commentare von Blasse de Montluc haben dramatisches Interesse und führen uns gräßliche Scenen vor; die Memoiren Easp.de Saulx-Tavannes, welche von seinem Sohne Jean redigirt wurden, haben mehr philosophischen Gehalt; Michel de Castelnau ist männlich-kräf- tig; Heinrich's IV. erste Gemahlin, Margarethe von Valois, beschrieb die Geschichte des franz.Hofs sehr anziehend und stellte sich als eine Vestalin dar; Lanoue gibt in seinen Denk- Würdigkeiten ein vollkommenes Bild seiner edeln Seele; Pierre de Bourdeillcs, Seigneur de Brantö m e (s. d.), gest. 1611, ist geistreich, witzig und lebhaft, aber schamlos schmuzigm / seinen berüchtigten Memoiren; Sully und Hardouin de Pcrcfixe erzählen das Leben Hein- rich's IV. Außerdem erwähnen wir noch als Memoirenschreiber Duplessis-Mvrnay, Jean Mergcy und Pierre de l'Etoile. Bemcrkcnswcrth sind noch als Historiker in abgerundeterer Darstellung Theod. Beza (s. d.), der eine „llistoire 6ss eglises rekormees" schrieb. Lan- cclot Voisin de la Popeliniere, gest. 1608, von dem man eine „llistoire 6s krsnce" und eine „llistoire 6es distoires" hat, und Henri, Herzog von Rohan, 1579 —1638, der in seinen „dlemoires nur iss cstoses sclvenues SN k'rsnce 6epuis Is inort 6s Henri IV jus- ljii'en juin 1629" die Geschichte der von ihm geleiteten bürgerlichen Unruhen lieferte. l Die didaktische Prosa war seit dem 15. Jahrh. in Hausbüchern und gemeinnützi- j gen Bearbeitungen wissenschaftlicher Erfahrungen versucht und nach lat. Mustern gestaltet ?! worden, auch erreichte sie auf diesem Wege frühzeitig eine gewisse Reife. Ansichten vom ös- fentlichcn Leben und über menschliche Bestrebungen wurden zum Gegenstände schriftstelleri- s scherBelehrung gewählt, und diese populair-philosophische Richtung blieb die vorherrschende, unterstützt von dem der Nation eigenthümlichen Beobachtungsgeiste und praktischen Sinne, das Ziel angenehm lichtvoller Veranschaulichung geistiger Betrachtung erstrebend. Mit Übergehung mancher nicht ganz unwichtigen didaktischen Schriftsteller möge es hier genügen, auf Michel Eyquem de Montaigne (s. d.), 1533—92, und Rabelais, die wichtigsten Schriftsteller des 16. Jahrh., aufmerksam zu machen. Nächst ihnen dürsten die meiste Be- achtung verdienen der sittlich fromme Zweifler Pierre Charron (s. d.), gest. 1603, Etienne de Laboe'tie, gest. 1563, welcher sich in kräftiger Sprache zu kühnen Grundsätzen alterthüm- licher Freiheit bekannte, Olivier de Seres, Seigneur du Pradel (1539—1619), dessen ! „'l'bestrs 6s i'sAriciilture" ein würdiges.Seitenstück zur „dl.'iison rüstig,is" von Charl. Estienne bildet, Hubert Languct (s. d.), Jean B odin ss. d.), mit dessen inhaltschwcrem Werke über den Staat die wissenschaftliche Bearbeitung der Politik bei den Neuern beginnt, und Calvin (s. d.), dessen hohes Verdienst um die strenglogische Gliederung des stanz. Stils noch nicht gebührend gewürdigt ist. Vgl. Sainte-Beuve, ,,'VsbIesn 6e Is pne-ie lr-mg. etclutkestretrsny. su I6iemesiscle" (2Bde., Par. 1828; 2.Aufl., Bd. I, 1 8-13), Saint- Marc Girardin und PH. Chasles, „'lsblesu 6e I» littersture trsny. su Itiieine siecle" i (Par. 1829) und Baron, „llistoire sbregee 6s >s littersture Irsny. 6epuis son origiue ! susgu'su I7ieme siecle" (2 Bde., Brüss. 1841). Durch Franz 1. waren Kenntniß und Liebe der klassischen Literatur befördert worden; ^ unter des wackern Sully Verwaltung war viel Nützliches geschehen; der Cardinal Richelieu, ^ 1585—1643, der Alleinherrscher unter Ludwig XIII., hatte Wissenschaften und Künste ge- A liebt und eifrig begünstigt, die franz. Akademie 1635 und andere wissenschaftliche Anstalten ^ gestiftet. WasMazarin, 1643—61, versäumt hatte, das machteColbert, 1619—83, reich- ! lich gut. Obgleich der eitle und unersättlich herrschsüchtige, durch knechtische Geschmeidigkeit der Freunde und Feigheit oder Kopflosigkeit der Feinde verzogene und verdorbene König nr- - sprünglich kräftigen Natursinn für Großes und Schönes hatte und unter seiner Regierung mit großartiger Freigebigkeit Künste und Wissenschaften gefördert, Unterrichtsanstalken und gelehrte Gesellschaften eröffnet und vervollkommnet, Bücher-, Kunst- und Naturaliensammlungen angelegt und bereichert, berühmte Gelehrte belohnt und in das Land gezogen, Französische Literatur (Nationalliteratur, 1643—1715) 505 sich aber auch 866660 Hugenotten vertrieben wurden, so ist doch Colbertss-d.) als die Ursache elt- alles Großen anzusehen, was von Ludwig für Literatur und Gelehrsamkeit geschah. Durch em I ihn wurden zu der von Richelieu gestifteten franz. Akademie 1663 die Akademie der Jn- ier ^ schriften und schönen Wissenschaften, 166-1 die der Malerei und Bildhauerkunst und 1666 et ^ die der Wissenschaften; ferner 1667 die Sternwarte, 1673 der botanische Garten, das >er. s chemische Laboratorium sowie das „äouriiul cles savnnts" begründet, welches mit wenigen äß. s Unterbrechungen bis jetzt fortgcführt ist. Die franz. Sprache wurde zur Weltsprache, und an ; noch lange nachher haben die Franzosen die Zeit Ludwig's XIV. die goldene ihrer Literatur äf> I genannt und mit den Jahrhunderten des Periklcs, des Augustus und der Medici verglichen. >es Ob und inwiefern diese Vergleichung stattsinden kann, könnte streitig erscheinen; wahr ist, ik- daß die franz. Prosa einen solchen Grad von Klarheit, Leichtigkeit, Feinheit und Präcision de ^ erlangte, daß bis jetzt noch keine neuere Sprache Schriftsteller aufzuweisen hat, welche die in j großen Prosaisten jener Zeit bedeutend übertreffen; wahr ist aber auch und jetzt selbst in n- Frankreich ziemlich allgemein anerkannt, daß die franz. Dichter, deren ästhetisches Grundin gesctz lautete : „Ltullier la cour et connii'isse? Ii> ville", in durchaus falschen Bahnen wandel- -r ten, und daß ihre regelrechte Dürftigkeit, verglichen mit dem nicht geringern Talente mancher dieser Dichter, einen Kontrast bildet, der ernsthaftes Bedauern für manchen jener Männer d einflößt, welche gefesselt wurden durch Vorurtheile einer misvcrstandenen und falschen n Ästhetik und durch den Zwang des Hofgeschmacks. Die dramatische Poesi e, als vorzüglich geeignet, Hoffeste glänzend zu verschönern, gewann in diesem Zeitalter das Übergewicht. Gebildet durch das Studium der Alten und der - > Spanier, die Vorgänger benutzend und übertreffend, wurde Pierre Corneille (s. d.), ct ^ 1600—81, der Vater des klassischen franz. Theaters. Sein berühmter „Vi,l" athmet rv- - gsi mantischen Geist, später aber, durch Nichelieu's und der Akademie hartes Urtheil einge- - l schüchtert und an seinem eigenen Gefühle irre gemacht, entäußerte er sich desselben und fügte sich den Federungen des Classicismus. Sowie Corneille im Erhabenen und Heroischen, so zeichnete sich sein jüngerer Zeitgenosse, Jean Racine (s. d.), 1639—99, vertraut mit den Meisterwerken der Griechen und von ihrem Geiste befruchtet, Kenner des menschlichen, besonders weiblichen Herzens, im Rührenden aus. Keiner hat sowie er den Ton des Hofs zu treffen gewußt, keiner hat ihn in der Sprache, im rhythmischen Wohllaut übertroffen. Sein Rival Jean Nie. Pradon, gest. 1698, der von einer Coterie des Hofs getragen wurde, ist längst der Vergessenheit anheimgefallen. Von den übrigen Trauerspieldichtern dieses Zeitalters dürften nur noch Thom. Corneille (s. d.), dessen „Xriane" eine liebliche Schöpfung ist, und der schwülstige Prosper Jolyot de Cre billon (s. d.), genannt Iä>e terridle oder der franz. Äschylus, hervorzuheben sein. Camp istron (s. d.) und Lagrange-Chanceh zwei Schüler und Nachahmer Racine's, sind nur noch den Namen nach bekannt. Freier und glücklicher als in den Tragödien bewegten sich die Franzosen im Gebiete des Komischen. Hierin wurde Meister, Muster und Vorbild Jean Bapt.Poquclin, genannt M oli ere ss.d.), 1622—73, der sich durch das Studium röm., ital. und span. Komiker und des Rabelais zum Lustspieldichter bildete. Von seinen nächsten Nachfolgern ist Jean Franc. Regnard >leces ä tiroir) von Edme B. Boursault (s. d.), 1638 — 1761, einem erbitterten Feinde Molierc's, waren cincZeit lang beliebt, und Lesage(s.d-) und Scarron (s. d.) für die kleinern Theater durch herrliche Possen thätig. Auch Lafontaine versuchte sich erst allein in einer Bearbeitung eines Tercnzischen Stücks, dann in Gemeinschaft mit dem Schauspieler Champmesle (s. d.) auf dem Gebiete der Komödie. Die franz. große Oper bildete sich durch Lully's Musik und Quinault's (gest. > 688) Texte, von denen „Xt^s", „Xi-miele" und „Koliuicl" die vorzüglichsten sind. Neben ihm verdienen Duche genannt zu werden, und Corneille, der eine Oper „Xnclromeüe" geschrieben hat. Das privilegirte Operntheater bekam den Namen Xoaciemie royale dcvilles mehr Zusammenhang ;u geben und den verbotenen Dialog durch Pantomime zu ersetzen. Vgl. Lesage und Dorneval, ,,'1'iieütrs eie In Loire" (10 B de., Par. 1721). Die alte Neigung der Franzosen, unterhaltende E r z ä h l u n g e n und gute Lehren der Moral oder irgend einer Wissenschaft und Kunst in Verse zu bringen, brachte auch in dieser Periode eine Menge verstficirter Werke hervor. Obenan steht Jean de Lafontaine (s. d.), 1621 --95; als unübertroffener Fabulist wußte er der franz. Sprache eine Anmuth und , Naivetät zu geben, welche seitdem Keiner wieder erreicht hat. Eine merkwürdige Erscheinung ist Nie. Boilcau Despreaux (s. d.), 1636—I7I I, den man den personificirten Geschmack des Zeitalters Ludwig's XIV. nennen kann. Sein eigenthümliches Verdienst besteht in einer durch sorgfältiges Studium der von ihm abgöttisch verehrten und zuweilen stark benutzten Alten gewonnenen Correctheit in Sprache, Stil und Vcrsification; auch hat er viel gesunden Menschenverstand, Feinheit und Witz. Ästhetische Besonnenheit verläßt ihn nie; an Phantasie und Begeisterung dagegen war er ganz arm, und Gefühl scheint ihm fremd zu sein. Was ihn besonders auszeichnet, ist sein sicheres, selbständiges, ästhetisches Unheil, in dem er nicht selten auf eine Weise, die ihm zur größten Ehre gereicht, sich von seinen Zeitgenossen trennt. Das Epos, worin sich schon Ronsard versucht hatte, gelang in dieser Periode noch weniger; Jean Chapelin's (s.d.) „kucells el'Orlenns" kam nach Mvntmaure's witzigem Epigramme als altes Weib aus die Welt und wurde von Boileau nicht ohne Grund verspottet; Ant. Houdart de Lamotte's (s. d.), 1672 —1731, neue „Iliacle" war eine wahrhafte Travestie; George de Scudc'ry's (s. d.) „^Isric on Home vsiacus" ist jetzt ganz vergessen, und nur der „VInvis" von Jean Dcsmarets de St.-Sorlin und „8t.-I^«uis" von Lemoine tragen Spuren von Poesie. Aus der großen Menge komi- i scher epischer Dichtungen heben wir nur Boileau's „Imtrin", ein Meisterstück, hervor. Diejenigen poetischen Gattungen, welche nicht blos einen gebildeten, witzigen, mit Sprache und Stil vertrauten Weltmann, sondern eben einen Dichter verlangen, die lyrische Poesie, das Idyll u.s.w. konnten in diesem Zeitalter unmöglich gedeihen; doch bildete sich die leichtfertige Poesie (ln poesie kolütre, ledere, tngitive, bueline) bei der in den vornehmen und gebildeten Ständen immer mehr einreißenden Unsittlichkcit schnell aus. Unter j diesen Dichtern des Genusses, deren mehre in dem Hause der berühmten und berüchtigten Ninon de Lencl os (s. d ), sowie später des Grand-Prieur de V e nd ö m e (s. d.) einen gesellschaftlichen Mittelpunkt hatten, ist Eh apelle (s.d.), 1626—86, zu erwähnen, in dessen Geiste auch Guill. Amfrqe de CH aulieu (s. d.), gest. 1729, der Marquise de Lafare, Alex. ! Lainez (s. d.) und andere Libertins dichteten. Im Idyll versuchten sich Antoinette Des- ! boulieres (s. d.), gest. 1693, deren supersentimentale Moralitäten mehr Beifall fanden > als ihre lyrischen Gedichte. Besser als sie traf Jean Nenaud de Segrais aus Cacn, 1625»— ^ 1791, der Übersetzer des Virgil, den Jdyllcnton; die „Lelo^ies" des Fontcnclle aber sind , nur als possirliche Beispiele »erkünstelter Unnatur zu betrachten. Der Repräsentant der > höhcrn lyrischen Poesie war Jean Bapt. Rousseau (s. d.), 1669—1731, über dessen ! Werth als lyrischer Dichter Sainte-Beuve streng, aber nicht ganz ungerecht urtheilt, wenn er ihn nennt Is inoins Ivrie>ne eie tvus les boinmes i> I» mnins Izrigiis llelniites les epn- ier. Indessen steht Rousseau, wenn man seine Verdienste um die Sprache ins Auge faßt, , weit über seinen Nebenbuhlern. E Die Romane, welche in jeder Nationalliteratur eine wichtige Rolle spielen und fast ^ immer als Maßstab zur Beurtheilung der Bildung und des Geschmacks des größten Theils ! der Lcsewelt dienen können, waren im Zeitalter Ludwig's Xl V. sehr zahlreich und das Studium dieses Zweigs der Literatur läßt tiefe Blicke in den Geist und die Neigungen der da- maligen Zeit thun. Bemerkenswerth ist, daß der Classicismus nicht gleich Eingang in die Romanliteratur fand, der sich derjenige Theil des Publicums lange fast ausschließlich zu- v neigte, der an der kalten Correctheit der Dichter nach Boileau's Sinne keinen Geschmack l fand. Gautier de Costes de la Calprenedc, gest. 1663, ein Mann von kühner Phantasie, aber ohne ästbetische Besonnenheit, war es, der zuerst Begebenheiten der gricch. und röm. Geschichte im Geiste und in der Manier des älter« Ritterromans so bearbeitete, daß 507 Französische Literatur (NationaMteraLur, 1643—1715) ,mr dic Namen griechisch und römisch blieben, die Abenteuer selbst aber, die Situationen und die Charaktere ganz in die romantische Ritterzeit fielen. Diese Manier wurde von Fräulein Madelaine de Scude'ry (s. d.), 1607—1701, noch weiter ausgesponnen. Von den zahllosen Produttionen des Ritter- und historischen Romans, der nun allmälig in Aufnahme kam, verdienen nur die gewandten und geistreichen Romane der Gräfin Lafayette (s. d.), 1633—09, angeführt zu werden; die der Caumont de la Force und der de Villedieu sind nur noch den Literatoren bekannt, und die schamlose „Ilistoire smnureuss Oes 6r»,I«s" des Grafen Rabutin de Bussy verdiente wenigstens nur von diesen gelesen zu werden. Um diese Zeit verbreitete sich auch durch Segrais u. A. der Geschmack an span. Novellen; vorzüglich aber waren es Feenmärchen (s. d.), denen das Publicum seine Liebe zuwandte. Charl. Perrault (s.d.), gest. 1703, scheint mit seinen „Onntes 0« mo mörs I'Ove" die Märchen- kst erweckt zu haben; eine Menge Damen, unter denen die Gräfin d'Aulnoy (s. d.) die hervorstechendste war, versuchten sich nach ihm in dieser Gattung, und F ene l v n (s. d.), der in seinem „Telemague" den unvergänglichsten Roman dieser ganzen Periode schuf, schrieb Märchen für die Erziehung des Herzogs von Bourgognc. Ant. Galland (s. d.), 1616— 1715, lieferte eine gefällige Übersetzung von „Tausend und Eine Nacht"; Petit de Lacroix, gest. 1713, übersetzte „Tausend und Ein Tag", und Simon Guenlctre gab „Tausend und eine Viertelstunde" heraus. Die Krone gebührt indessen den Märchen des Grafen Antony Hamilton (s. d.), gest. >720. Die letzte Art von Romanen dieser Periode waren dic komischen, und in ihnen glänzen Paul Scarron (s.d.), 1593—1660, fturril lustig aus Grundsatz und bis zum letzten Athemzugc witzig, und Alain Rene Lesagc (s. d.), > 668— 1717, der nach Moliere der größte Sittenmaler seiner Zeit war und, wenn er auch hier und danach span. Mustern arbeitete, doch durchaus auf eigenen Füßen stand. Die Kunst, elegante Briefe zu schreiben, wurde seit Balzac undVoiture sehr gewöhnlich, und wir besitzen von jedem ausgezeichneten Schriftsteller in der Sammlung seiner Werke auch seine Correspondenz. Am meisten glänzten im Briefschreiben, Badet, die geistreiche Geliebte Boursault's (s. d.), deren Briefe unübertroffene Meisterwerke sind, und Franc. d'Aubigne, Marquise de Maintenon (s. d.), 1635—1719, in deren Correspondenz mit der Prinzessin des Ursins sich eine ebenso große Gewandtheit als Wcltkenntniß zeigt. Die Briefe der Marquise von Sevigne'(s. d.), 1626—96, stehen an historischer Bedeutung denen derMaintcnon nach, find aber durch Zartheit des Ausdrucks und derGcsinnung höchst anziehend. Neben ihr nennen wir noch die Comtcsse de Staal (s. d.), 1603—1750, die durch den Zauber nachlässiger Leichtigkeit fesselt. Mit Recht zweifelt man an der Echtheit der unter Ninon de Lcnclos' Namen herausgcgebencn Briefe. Die „Httres zuluntes" von Fontencllc sind wie seine Idyllen geckenhaft. Die Bered tsamk eit erreichte in diesem Zeitalter bei den Franzosen eine bedeutende Stufe der Vollkommenheit, und einige Kanzelredncr sind noch jetzt unübertroffen. Mit Übergehung der Jesuiten Lingendes und Timolcon Cheminais nennen wir zuerstJ. B. Bos- suet (s.d.), 1627 —1704, der als Kanzelredner und vorzüglich in seinen Leichenreden durch Schwung der Gedanken uni Würde der Darstellung zu erschüttern wußte. Ihm schließt sich sein jüngerer Zeitgenosse Franc, de Salignac de la Mothe Fen e'lon (s. d.), 1651 — 1715, an, der durch Einfachheit und Natürlichkeit zum Herzen spricht. Louis Bour dal ouc (s.d.), 1632—1704, wirkt mehr auf den Verstand und ist gründlich in der Disposition, während Jean Bapt. Massillon (s. d.), 1665—1742, der sanfter und geschmackvoller ist, für ein vollendetes Muster franz. Kanzelberedtsamkeit gelten kann. Esprit Fle'chier (s. d), 1032 —1710, vereinigte rhetorische Kunst mit sorgsamer Correctheit und glänzte vorzüglich in seinen Trauerreden, die indeß an Gedankenreichthum denen Bossuet's nachstehen. Außer diesen sind noch Mascaron Charl. de la Ruc und Ant. Anselme zu erwähnen. I. Sau - rin(s. d.), 1677—1730, sprach prophetenartig und ist, was Kraft des Gedankens anbetrifft, der Bossuet der Protestanten. Die Geschichtschreibung konnte aus mancherlei Gründen vor der Revolution in Frankreich nicht recht gedeihen, und eigentliche historische Meisterwerke hat das Zeitalter Ludwig's XIV. kaum hecvorgebracht. Doch zeichnen sich fast alle franz. Geschichtschreiber durch trefflichen Stil aus. De VarillaS, gest. 1696, ist sehr unzuverlässig. Franc. EudeS 508 Französische Literatur (Nationalliteratur, 18. Jahrh.) de Me'zeray (s. d.), 1610—83, schrieb chronikenartig und im echten Nationalton, ft«, müthig und witzig, ist aber zum Theil sehr unvollständig. Des würdigen Jesuiten Gabr. Daniel, 1644—1728, geschichtliche Werke fanden vorzüglich Beifall bei Hof. Der Jesuit d'Orle'ans, 1641—98, schrieb ,,1.es revolutions «i'^nxleterre" und „llistvire «les revo- ^ tious «i'Lspsgns" nicht ohne Beredtsamkeit; Maimbourg dagegen, 1616—86, ist nur, deklamatorisch-glänzend und polemisch einseitig. CcsarVichard de Sasint-Ne'al(s. d), 1639—92, behandelte mit leichtfertiger Verletzung der Wahrheit die Geschichte romantisch und veranschaulichte überaus glücklich Begebenheiten und selbstgeschaffene Charaktere. Rcne'Aubert de Verto t d'Auboeufss. d.), 1655—1735, ist unterhaltend wie Saint- Real und etwas zuverlässiger als dieser. Michel leVassor, 1648—1718, in seiner „llistoire 6« U-ouis Xlll", bewies sich sehr wahrheitliebend. Charl. Nollin's (s. d.), 1661 —>741, „Uistoire nncienne" und „Histsire romsine" war für die Jugend geschrieben und wurde viel gebraucht. Claude F leu ry (s.d.), 1640—1723, verfaßte eine bändereiche, lehrreiche, in Einfachheit der Darstellung und Sprache musterhafte Kirchengeschichte. Jacq. Basnage, IS5Z —1723, Bossuet's theologischer Gegner, lieferte die beiden klassischen Werke „Uistoire >Ie I'eglise «iepuis äesos-Lllristsuscpi' s present" (2 Bde., 1699, Fol.) und „Uistoire «lek religino «les suits Oepuis 3esus-6iirist" (5 Bde., Rott. 1707). Lehrreich ist endlich auch Euill. Hyacinthe Bougeant's „Histoire Is elo uch ent io" in )kii sch- ker ,il. > iß, nn 7N l.), en en !0> en ur >lt m le, :n n, 'I! l. te t. , n d u . n § n t Französische Literatur (Rationalliteratnr, 18. Jahrh.) chum sci. In der Politik verfolgte man einen ähnlichen Gang; doch war man, da die Monarchen für die neuen Lehren zuvörderst eingenommen waren und also in ihren Interessen geschont werden mußten, sehr vorsichtig. In der Literatur äußerte sich der Skepticismus zunächst in den Angriffen gegen die Alten. Das Ansehen derselben wurde zuerst von Fon- tenelle (s. d.) und Lamothe (s. d.) erschüttert, die in Anna Dacier (s. d.) keine sehr furchtbare Gegnerin fanden. Bemerkenswccth ist, daß, während in der vorigen Periode sich alles literarische Leben um den Hof als das allgemeine Centrum drehte, nunmehr die Salons, die bis dahin nur Nebensonnen gewesen waren, in der Literaturgeschichte eine immer größere Bedeutung gewannen. Die wichtigsten dieser glänzenden Vercinigungspunkte waren die Salons der Mad. Geoffrie (s. d.), Mad. De l' Espinasse (s. d.), Mad. Du-Def- fandss.d.) und des Barons Holbach (s. d.). Der geistreiche Ni varol (s. d.) kann für dm personificirten Geist des damaligen Salonslebens gelten. Den entschiedensten und allgemeinsten, auch jetzt noch fortdauernden Einfluß auf Frankreichs Literatur und die Geistesrichtung des ganzen Zeitalters hatte Voltaire (s. d.), >694— 1778, welcher, ausgestattet mit seltenen Naturgaben, reich an anmuthigem Wissen und vielseitigen Erfahrungen, die Fülle des Nationalsinns in sich aufnahm und durch die in ihm am sichtbarsten gewordene furchtbare Gewalt des Worts über Weltansichtcn und gesellschaftliche Verhältnisse eine fast beispiellose Macht ausübte und eine Wechselwirkung zwischen Leben und Literatur hervorrief. Er war Parteihaupt aller franz. Philosophen, galt in der Literatur für den gewichtigsten Wortführer seiner Zeit und sah sich für berufen an, den Gesammt- Men der geistig Mündigen in Europa zu vertreten. Sein Charakter war schwankend und »oll nie erlöschenden Widerspruchs, wie die Zeit, deren vollkommenster Repräsentant er ist; alle Tugenden, aber auch alle Laster haben einmal in ihm gewohnt, und nur die durch Schmeicheleien und Huldigungen der um seine Gunst buhlenden Großen reichlich genährte Eitelkeit sowie sein fanatischer Haß gegen das Christenthum haben ihn nie verlassen. Wenn Voltaire der Demokrit seiner Zeit genannt werden kann, so möchte man Jean Jacq. Rous- seau(s. d.), 1712—78, den Heraklit nennen, und es ist schwer zu entscheiden, wessen Einfluß bedeutender gewesen ist. Gewiß ist, daßNousseau trotz aller seiner Jrrthümer und Paradoxen für das Gute sowie für die Menschheit begeistert war Mit dem eisigkalten Voltaire hat er nichts gemein. An Voltaire und Rousseau schließt sich Montesquieu (s. d.), 1689 —1755, durch dessen unsterbliches Werk „ve l'esprit ,1e.? lois" die Staatswissenschaft zur Lieblingsbeschäftigung des Publicums erhoben wurde. (S. FranzösischePhilosophie.) Durch Voltaire's und Montesquieu's geschichtliche Werke erhielt die Geschichtschreibung einen neuen Schwung. Das, was man Geschichte der Menschheit und Philosophie der Geschichte genannt hat, verdankt, wenn man von Bossuet's „viscours sur 1'kistoire" absieht, erst dem 18. Jahrh. sein Entstehen. Einen glücklichen Versuch der Civilisations- geschichte gab Condorcet (s. d.) in seiner „Lsquisse ck'un lubleuu bistorique ckes propre» öe l'esprit kumuiu". Wenn indcß die Historiker dieser Periode sich namhaftes Verdienst erworben haben, so darf doch auch nicht verschwiegen werden, daß der sogenannte philosophische Geist der geschichtlichen Wahrheit und Würde bedeutend geschadet hat. Einer der gelehrtesten Historiker des 18. Jahrh. ist Gabr. Bonnet de Mably (s. d.), 1769—77; nächst ihm sind zu erwähnen Goguet (s. d.), der in seinen „kecborckes sur 1'origin« 6ss lois" die Entstehung der Gesetze, Sitten, Gebräuche, Staatsformen, Künste und Wissenschaften beleuchtete; Jean Jacq. Barthe'lemy (s. d.), 1716—95, der Verfasserder „Vo^sge <>» jeiiue ^Iisrcksrsis", eines in Darstellung und Sprache meisterhaften Gemäldes des gesellschaftlichen Zustands in Griechenland vor Alexander, Guill. Thom. Raynal (s. d.), ein leidenschaftlicher Republikaner, 171l —96, De Me'he'gan, der ein geistreiches und gutgcschric- benes „lublesu «le l'liistoire mockerne (lepuis la ciiutL lle I'empire ck'Occitlsiltjusqu' s lk» paix <1« IVestplislie" verfaßte; FricdrichII.(s.d.), König von Preußen, dessen historische Werke mehr um ihres historischen Gehalts als um ihres Stils willen hervorgehoben zu werden verdienen. Gabr. Henri Gaillard (s. d.), 1726—1806, der Verfasser mchrer weitschweifiger Biographien und größerer geschichtlicher Werke. Claude Carloman deRulhiere (s.d.), gest. 1791, der in den Salons eine große Rolle spielte; deCastre'ra, dessen Biographie der russ. Kaiserin Katharina man unhöflich fand; Charl. Jean Franc. Henault, 1685— 510 Französische Literatur (Nationalliteratur, 18. Iahrh.) 1170, der Verfasser des trefflichen „gellrege Oel'kistvire Oe krsnce" (Par. 1744; neue Aufl-, 3Bde., 1775); Claude Franc. Lavier Millot (s. d.) und Jean Bapt. Louis Cre- vier, 1693—1765, der Fortseßer der „Uistoire romsine Oe Kolli»" (Bd.9—>6) und Verfasser mehrer anderer GcschichtSwerke. Gründliche Forschung und sachgemäße Darstellung zeichnen Jean Jacq. Garnier, 1729—1805, den kenntnisreichen, freilich auch breiten Fort- scher der Velly-Villaret'schen „kistaire Oe krsiice" aus. Die Memoiren, welche in dieser Zeit erschienen, sind zahllos, aber mehr als Spiegelbilder gesellschaftlicher Sittenverdcrbniß denn als historische Werke zu betrachten. Der talentvollste Nachfolger Labruyere's war im l 8. Iahrh. der sittlich strenge, freimüthige Charl. Pineau D uclos (s. d.), 1704—72, der . wohlgetroffene, obgleich etwas überladene Charaktcrzcichnungcn lieferte. Durch humoristische Zeitgemälde machte sich Louis Sebast. Mercier (s.d.), 1710—1814, berühmt; Fr Vinc. Toussaint, 1715—72, schrieb anziehende Sittenschilderungcn. Dupaty (s. d.), 1744—88, machte sich durch seine Bemühungen um Verbesserung der franz. Justiz ver- dienter als durch seine poetischen Arbeiten; die im unerträglich affectirten Stil geschriebenen „ketlres zur l'It-Oie" sind sein berühmtestes Werk. Noch häßlicher sind D e m o u sti e r ' s (s. d.) vielgelesene „kettces 5 knülle sur I» m^tkologie". Die Sitte, seinen Briefwechsel drucken zu lassen, erhielt sich auch in diesem Jahrhundert. Vorzügliche Beachtung verdient in mehr als einerHinsicht die pikante „KorresponOAnce litterrüre, plülnsoplüque et critique" von Baron Grimm und Diderot. Laharpe's (s. d.) „OnrrespnnOsncs llttersire" ist vor übler Laune dictirt; interessanter sind die Briefe der Madame d' Epinay (s. d.). Die geistliche B e r e d t s a m k e i t konnte im 18. Iahrh. in Frankreich nicht gedeihen. Neuville, dessen Predigten einen belletristischen Anstrich haben, den Abbe Poulle, mit glühender Phantasie begabt, den Abbe Beauvais, dessen Einfachheit zuweilen rührend wird, den Peter ^ Bridaine und Boismanant ausgenommen, hat der ganze Zeitraum keine bedeutenden geistlichen Redner hervorgebracht. Dagegen feierte die akademische Beredsamkeit, in welcher im vo- , rigcn Iahrh. Fontenclle gegläutt hatte, in dieser Periode ihre Blütezeit. D'Alembert, Chamfort, Laharpe, Thomas, Maury, Mairan, Bailly und der Graf Guilbert zeichneten sich darin aus. Unter den gerichtlichen und Parlamenksrednern, die sich schon in der vorigen Periode bemerklich gemacht haben, erwähnen wir hier zuvörderst den herrlichen, charaktervollen Michel l'Hvpital (s.d.), 1505—73, dann Pierre Seguier, 1504 — 80 , der die Einführung der Inquisition in Frankreich verhinderte; Marion Baron de Drui, 1540—1609, , Guilb. du Vair, 1556—1621, den trefflichsten Redner seiner Zeit, Louis Servin Jacq.de l Puymissons, Claude Fayilli und Ant. Lcmaistre. Paul Pelisson, gest. 1693, vertheidigte mit ebenso viel Muth als Geschicklichkeit den bei Ludwig XIV. in Ungnade gefallenen Minister Fouquet. Denis Talon, gest. 1698, Chr. Fr. de Lamoignon, gest. 1709, Terraffon, gest. 1734, Cochin, gest. 1747, werden noch jetzt als juristische Schriftsteller und ausgezeich- ! neteNedner geschätzt. Der gelehrteOlivicrPatru, gest. 1693, und der Kanzler D'Agues- seau (s. d.), 1667—1751, sind Muster stilistischer Eleganz und Correcthcit. Vgl. Four- nel, „Kistoire Oes uvocats k»i parle,nent" (3 Bde., Par. 1813), Boinvilliers , „krmcipes et loorcenux clloisis O'eloquence juOicislre precäOes O'uoe llistoire sllreges O'eloqueoc« jaOiciiüre en krsnce" (Par. 1826) und Binard, „Ke barreau frsix,:üs" (Par. 1843). Der Noman folgte der frivolen Richtung des 18. Iahrh. Nächst Voltaire's, Rous- seau's und Diderot's viclbcrühmten Werken dieser Gattung sind die von Pierre Claris de Florian (s.d.), 1755—94, und Jean Franc. Marmontel (s.d.), 1719—99, zu er- ' wähnen, welches Letztem Schriften sich durch Eleganz und Correcthcit auszcichncn. Über alle j gleichzeitige Schriftsteller erhob sich Jacq. Henri Bernardin de Saint-Pierre (s.d.), i 1737 —1814, der freisinnige Ausleger derNatur, dem ein vielbcwegtes Leben und die Wer- ^ dorbenheit seines Jahrhunderts nicht die Reinheit seiner Gesinnung geraubt hatten; in ergreifender Einfalt der Darstellung und Sprache ist er ausgezeichnet. Großen Einfluß aus die franz. Romanliteratur übte England; Ant. Frans. Pre'vöt d'Exilcs (s. d.), 1697 —1763, übersetzte mehre engl. Romane und schrieb seine eigenen im Geschmack der engl. . Familienromane. Montcsquieu's „kettres perssnes" erregten eine Schar mehr oder minder talentvoller Nachahmer, von denen die meisten jetzt vergessen sind. Unter der Masse von Schmuzromanen, die in diesem Jahrhunderte erschienen, erinnern wir blvs an die verrufenen Französische Literatur (Nationalliteratur, 18. Iahrh.) 511 Werke des Claude Prosper Jolyot de Cre'billon dem Jüngern (s.d.), 1707—77, und an Louvet's (s.d.) „k->ul>l»s", diese Blüte geistreicher Frivolität. DieBcmühungen des Grafen Tressan, durch Erneuerung des Geschmacks an den altern Nittcrromancn die giftigen Producte des Tags in etwas zu verdrängen, hatten sehr geringen Erfolg. Außer den Tragödien Voltaire's brachte das 18. Iahrh. wenig Bedeutendes hervor; die meisten Dichter begnügten sich, die Vorgänger mehr oder minder geschickt nachzuahmen, und nur einige haben Selbständigkeit. Doch geschahen einige Fortschritte zur Umwandelung dramaturgischer Ansichten. Unter den Tragikern ist zuvörderst Jean Franc. Ducis (s. d.), 1733 — 1816 , zu bemerken, der den Muth hatte, Shakspeare, zum Thcil freilich in sehr verwässerten Bearbeitungen, auf die Bühne zu bringen. Auch der gewandte Chamfort machte sich durch Tragödien und Komödien bekannt. P. L. Dubelloy, 1727—75, nahm den Stoff zu seinen Tragödien aus dem Mittelalter, allein er war in den Geist desselben zu wenig eingedrungen. Theils nach ihm, theils nach Cre'billon bildete sichAnt.Marie Lemierre(s. d.), >733—93. Chatcaubrun, gest. 1775, suchte sich den tragischen Stil des Sophokles und Euripides anzucigncn. Auch Laharpe traf in einigen seiner bessern Stücke, z. B. in ,Me- dmie", den Ton des klassischen Alterthums. Dagegen versteht Mad. Riccoboni durch Wärme des Gefühls zu rühren. Von Guymond de Latouche ist eine „Iplugeuie en Tau- nse" erwähnenswcrth. In diesem Jahrhunderte entstand auch die Mittelgattung zwischen Tragödie und Komödie, das Schauspiel oder Drama, welches durch Diderot, Dcstouches, 1880-175-1, Nivelle de Lachausse'e und Sedaine in seinem zikilosopbe saus Is sn- vnir" bearbeitet ward. Das eigentliche Lustspiel fand nur wenig ausgezeichnete Pfleger. Pierre Carlet deChamblinde Marivaux(s.d.), 1688—1763, dessen geschraubte Sprache in dem Worte Marivaudage sprüchwörtlich geworden ist, war zwar ein Kenner des menschlichen Herzens, wie auch seine psychologischen Romane beweisen, konnte sich indessen zu wenig von der Manier losmachen. Indessen haben sich einige seiner Stücke noch auf der Bühne erhalten, während Florian's Lustspiele, so ausgezeichnet sie auch zum Theil sein mögen, vom Repertorium verschwunden sind. Auch von Greffet werden noch einige Stücke, z. B. sein schalkhafter „Vert-VeN", gegeben. Charl. Colle (s. d.), gest. 1783, war zu sehr von der Frivolität seiner Zeit angesteckt, um etwas Großes zu leisten; dagegen ist die „5lötr<>msnis" von Alexis Piron höchst bedeutend. Für die Oper schrieben viele Dichter, unter Andern Pvinsinet, gest. 1692; Bernard, dessen vorzüglichstes Stück „(7sstor et kollux" ist, Lasont, gest. 1735, Vade, gest. 1759, Poullain de St.-Foix, gest. 1776, Marmontel, Rousseau in seinem von ihm selbst componirten „vev-in du vi>I->ge", Favart, gest. 1792, und Sedaine; doch keiner machte sich so berühmt als der giftig-witzige Beaumarchais (s. d.), gest. 1799. Mehre Dichter dieser Periode suchten Voltaire's geistreiche poetische Erzählungen nachzuahmen. Am glücklichsten hierin waren Evariste deParny (s. d.), gest. 181-1, drr sein Vorbild an Schlüpfrigkeit überbot, und sein Freund Bertin. Auf gleicher Stufe mit ihnen steht Jean Bapt. Joh. Villarct de Gre'court (s. d.), gest. 17-13, und Mad. Verdier. Der Chevalier Stanisl. de Boufflers (s. d.), gest. 1815, erzählt lebendig, und Jean Bapt. Louis Gr esset (s.d.), gest. 1777, ist besonders im Komischen glücklich; Marie Anne duBoccage (s. d.), gest. 1802, versuchte sich in größer» Heldengedichten; Franc. Augustin Paradis de Moncrif(s. d.), gest. 1770, wurde der Schöpfer der Ballade, und Dorat, Watelet, der Cardinal de Bernis u. A. lieferten Lehrgedichte. Ganz ausgezeichnet sind zum Theil Saint-Lambert's descriptivc Gedichte, besonders seine Thomson nachgedichteten „Saisons". Mehr durch würdige Gesinnung und treffliche Sprache und Versification als durch poetischen Werth ausgezeichnet sind die Lehrgedichte Louis Racine's (s. d.); Nie. Joh. Gilbert (s. d.), 1750—80, zeichnete sich als Satiriker aus und hatte großes lyrisches Talent. Die Jdyllendichter, namentlich Leonard, 1711—93, und Berquin, ahmten zum größten Tcheile Eeßner nach. Aubert erwarb sich durch Bearbeitung der Fabel einen Namen, obgleich er Florian, der nach Lafontaine der größte Fabeldichter Frankreichs ist, durchaus nicht gleichgestellt werden kann. Auch an frivolen Lehrdichtern fehlte es nicht; P. I. Bernard, le gentil genannt, ein Zögling systematischer Leichtfertigkeit und sinnlicher Genußgier, lehne in seiner ,,^n ck'rnmer" die Kunst zu verführen. In der leichtfertigen Poesie glänzte neben Voltaire der mit herrlichen Anlagen ausgerüstete Alexis Piron, gest. 1773. Panard, gest. 513 Französische Literatur (Nationalliteratur, Revolutionszeit) 1765, ist ein berühmter, heiterer Volksdichter und erhielt den Beinamen des Lafontaine des Liedes. Colardcau führte die Heroide ein; Malfilatre, gest. 1769, berechtigte zu großen Erwartungen, die sein früher Tod tauschte; durch anmuthige Verse zeichnete sich auch der Herzog von Nivernois, gest. 1798, aus. Als Odendichter verdient neben Gilbert nur der Marquis Lefranc de Pompignan, 1709—84, erwähnt zu werden, dessen „(illrmt sur la raort cle ll. 6. Roussesu" eine der schönsten Dichtungen des I8.Jahrh. ist. Zu den literarischen Arbeiten dieser Periode, welche auf die Bildung der Sprache einen nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt haben, gehören auch die zahlreichen Übersetzungen elastischer Werke des Alterthums und des Auslandes. Unter Anderm wurden Cicero von Bouhier und Olivet, Quintilian von Gedoyn, Terenz vonLcmonnier, Juvenal von Dussaux, Persius von Se'lis, Homer von Bitaube und dem Fürsten Lebrun und unter den modernen Dichtern Tasso ebenfalls von Lebrun, Ariost von Tressan, Shakspeare und Joung von Leiourncur bearbeitet So groß auch der Einfluß sein mag, den die sogenannten Philosophen des 18. Jahrh. auf die politischen und socialen Verhältnisse ausgeübt haben, so hieße es doch den Gang der Ereignisse verkennen, wenn man diese ungeheure Umwälzung einzig und allein auf Rechnung der zerstörenden Tendenzen, welche die Literatur in der letzten Hälfte des 18. Jahrh. genommen hatte, setzen wollte. Die kühnsten Ideen, welche dieses Jahrhundert des Zweifels und der Blasirtheit hervorgebracht hatte, wurden von der fürchterlichen Wirklichkeit über- > boten. Aber während die sociale Lage der Dinge binnen weniger Jahre ganz und gar sich ! umgesialtete, machte sich der Einfluß der Revolution auf die Literatur durchaus nicht so schnell geltend. Wenn auch einige neue Elemente sich zu bilden anfingen, so blieb doch noch sehr viel vom Alten stehen; ja, es trat dieses Festhalten an den überlieferten literarischen . Ideen mit der Wuth, von der allem Bestehenden der Krieg erklärt wurde, nicht selten in > einen grellen Widerspruch. So bietet sich das seltsame Schauspiel dar, daß die Männer der Revolution, die am Tage im Blut sich gebadet, des Abends an zartgesponnenen Schäferspielen sich erholten. Überhaupt zeigt diese Zeit der Gahrung die sonderbarsten Kontraste; denn ^ während einige Dichter offenbar noch auf dem Boden des 18. Jahrh. stehen und sich ganz natürlich in den vorigen Abschnitt gruppiren ließen, tragen andere schon den Keim der neuen Zeit in sich und finden deshalb nicht blos als Vorläufer sondern zum Theil selbst als Begründer der neuern Literatur in der Darstellung der Gegenwart ihre paffende Stelle. So haben wir es denn hier mit einigen wenigen Repräsentanten der Revolution zu thun, deren Zahl um so geringer ist, als dieser mächtige Umschwung der politischen Ereignisse den literarischen Interessen überhaupt nicht günstig war. Die ganze Literatur flüchtete sich in die Journale und Pamphlets und nur eine einzige Gattung, die der parlamentarischen Bercdt- samkeit, entfaltete sich zur herrlichsten Blüte. Nicht als ob, selbst während der ärgsten Schreckenszeit, irgendwie ein Mangel an poetischen und andern literarischen Productionen einge- tretcn sei; aber die meisten derselben waren auf den Augenblick berechnet und haben nicht den mindesten Werth. So bieten die vielen lyrischen und andern Gelegenheitsgedichte, welche in den „koesies nationales eie la revoliition krsnyaise" niedergelegt sind, fast nur ein historisches Jnteresse. Rühmlich hervorgehoben zu werden verdienen unter den l y r i sch e n D i ch - ternJoh. Rougct Delisle (s. d.), geb. 1760, der bei Anfang der Revolution Genieoffizier war; erdichtete und componirte das herrliche Lied, welches später unter dem Namen der Marseiller Hymne so bekannt geworden ist, und das, wie Klopstock sagte, mehr als 30000 braven Deutschen das Leben gekostet hat. Der gefeierteste unter den eigentlichen Ne- , volutionsdichtern ist Ponce Denys Ecouchard Lebrun (s. d.), 1729—1807, der von seinen Zeitgenossen nicht anders als Lebrun-Pindare genannt wurde. Er war besonders glücklich in der Ode, obgleich er nicht selten, um der Prosa zu entgehen, in das Emphatische fiel. Eine glänzende Sprache ist ihm nicht abzusprechen, wenn auch seine Begeisterung zuweilen wol zu gemacht erscheint. Eine der berühmtesten Dichtungen dieser Zeit ist die „bl^mne -> l'Ltre snprems" von Marie Jos. de Ch einer (s.d.), dessen politische Ansichten denen seines unglücklichen Bruders Andre Chenier schroff gegenüberstanden. Letzterer war besonders glücklich in der Zeichnung der sanftern Gefühle des Herzens. Seine lieblichen Elegien, Idyllen und besonders seine gemüthreichen „kücloF»«" sind vom reinsten Hauche des Alterthums durchweht. Auch Jacq. Montanier Delille (s. d.), >738—1813, der in'seiner Bear- Französische Literatur (Nationalliteratur, Revolutionszeit) 51 3 Leitung der „OarK'ica", sowie in seinen Dichtungen, die meist deskriptiver Natur sind, den Ideen des Classicismus besonders in Bezug auf die Form huldigte, hat es nicht verschmäht, seine Muse zum Organ der Revolution zu machen. Mit Delille und Saint-Lambert geistesverwandt ist Raucher aus Marseille, der die Monate besang und 1793 guillotinirt wurde. Interessanter sind die dramatischen Productionen dieser Zeit. Hier zeichnete sich M- I- Che'nier aus, der es besonders liebte, seine historischen Dramen mit Anspielungen auf Zeitereignisse zu würzen. Deshalb nennt sie Villemain „Pamphlets, welche auf die Bühne gekommen sind". Für ihn war das Theater eine Tribüne, von der er zum aufgeregte» Volke sprach. Zu den Dichtern, deren Tragödien besonders gefielen, gehören Fab re d'Eglantine (s.d.) und Laya, die sich Beide mit mehr Glück im Lustspiel versuchten. Besonderes Gefallen fand das Publicum an dem Drama, das nicht schauerlich genug sein konnte. Charakteristisch sind in dieser Beziehung die „Victimcs cloltrccs", wo der Greuel auf die Spitze getrieben ist. Daneben war das Theater mit Gelegenheitsstücken aller Art überschwemmt, unter denen viele vom Schauspieler Dngazon herrührten. Meist wurde in diesen Stücken der großen Menge und den Gewalthabern Weihrauch gestreut; nur einige Dichter, z. B. Laya in seinem „4mi 9cs lois", hatten Muth genug, die exaltirte Partei offen anzugreifen. Auch Collot d'Herbois (s.d.), der eine so schreckliche Rolle in der Revolution spielte, schrieb mehre Komödien, unter denen „Imcic" und „^«Iricnnc" zu den bessern gehören; doch sehr bald figurirte er selbst auf der Bühne in „(7oIIot 9ans I^on", einer Tragödie von Fouvielle dem Altern, die indeß erst nach dem 9. Thermidor gespielt werden konnte. Die Stücke der berüchtigten Olympe de Gouges, die auch einen unglücklichen Versuch aus dem Felde der Nomanliteratur machte, streifen an das Wahnwitzige; das merkwürdigste Schauspiel indeß, das während der Revolution über die Breter ging, war wol „L-e jugement «los rois" von dem fruchtbaren Sylvain Marechal, der sein Stück eine proplistie betitelte. Hier kommen alle Könige auf einer wüsten Insel zusammen und werden, nachdem sie sich gegenseitig in den Haaren gelegen haben, von einem feuerspeienden Berge in die Luft geschleudert. Auch die comcllic larmoyante fand Beifall, besonders erhielt die Bearbeitung von Kotze- bue's „Menschenhaß und Reue" eine günstige Aufnahme. Demoustier war in seinen dramatischen Stücken „I^c conciliatcur" und „I^cs lemmss" ebenso widerlich affectirt als in seinen „L-cttvcs a blinilie". Die politische Beredtsamkeit und die Journalistik erreichten während dieser Periode ihren Höhepunkt. Nirgend hat das Wort eine solche Macht ausgeübt; aber keine Zeit und kein Land haben auch einen so reichen Kranz hervorragender Redner hervorge- bracht. Besonders hat die ^sscmdlcc Constituante Männer aufzuwcisen, die noch jetzt als Meister der Beredtsamkeit genannt werden. Der berühmteste von allen Rednern dieser Zeit war Mirabeau (s. d.), dieses donnernde Organ der Revolution; um ihn gruppirtcn sich der Cardinal Maury (s. d.), dessen Reden zuweilen etwas überladen sind, Mounier (s.d.), der sich durch praktischen Blick und Geschäftskenntniß auszeichnet, Lally-Tollen- dal(s.d.), Clermont-Tonnerre (s. d.), Adrien Duport, geb. 1759, gest. 1798, Barnave (s. d.), der haarspaltende Sieyes (s.d.) und der milde Jacq. Ant. Marie de Cazales, geb. 1752, gest. 1895. Während der ^sscmdlcc legislative traten die Girondisten und unter ihnen Vergniaud (s. d.) besonders hervor. Die Reden der Konvention nationale und des virectoire arteten nicht selten in wahre Wuthausbrüche aus. Auch die Journale gewannen erst während dieser Periode an Bedeutung. Sie durchliefen ganz denselben Entwickelungsgang wie die politische Beredtsamkeit. Die ersten Journale der Revolutionszeit, z. B. „I-e vieux corckelier" des talentvollen Desmoulins, waren leidenschaftlich, aber sie blieben doch immer innerhalb der Grenzen des Anstandes, während in der Schreckenszeit die öffentlichen Blätter mit Blut geschrieben wurden, bis Napoleon nach dem 18. Brumaire der Journalistik wieder die Flügel beschnitt. Das vollständigste Bild der stanz. Journalistik und Beredtsamkeit während der Revolutionszeit gewährt die „Kistoire parlcmcntsirc tle la revolution krsnp." von Roux UNdBuche; (49 Bde., Par. 1 833— 49). Außerdem Vgl. „tüboix 9c rapports, o;>ioions ct ckiscours ;,rononccs ä Is tvibune nationale, öepuis t789jusqu'a cc jo»r" (29 Bde., Par. 1818—22). Conv.-Lex. NeunteAufl. V 33 514 Französische Literatur (Nationalliteratur, !9. Jahrh.) Obgleich es Napoleon bald gelungen war, in den politischen Verhältnissen Frankreichs Ruhe und Ordnung wiederhcrzustellen, so lag die Literatur doch noch lange an den Wunden dar- nieder, welche die Revolution ihr geschlagen hatte. Der Grund davon war ein doppelter. Einmal war Napoleon wahrhaft freien geistigen Regungen nicht hold, und nur die Sciences exnctes, also besonders die naturhistorischcn und mathematischen Wissenschaften, fanden bei ihm Forderung und Begünstigung; dann aber wurden die meisten hervorragenden Geister durch die geräuschvolle Thätigkeit Frankreichs nach außen hin von dem stillen Dienste der Kunst und Wissenschaft abgezogen. Die Verdienste, welche sich Napoleon durch die neue Organisation des gesammten Unterrichtswesens um die Wissenschaften erworben hat, sind nicht zu verkennen; aber das Wort, das er selbst mit so großem Erfolge zu gebrauchen verstand, schien ihm eine allzu gefährliche Waffe, als daß er ihren Gebrauch nicht hätte beschränken sollen. Zn der Literatur begünstigte er daher nur diejenige Schule, die bei den unschuldigen Tendenzen des Classicismus wieder anknüpfte. Dadurch entfremdete er sich die hervorstechenden Geister, welche die Keime der Zukunft in sich trugen. Dieser freie Geist, welcher sich zu regen anfing, ließ sich zwar nicht unterdrücken, aber sein Hervorbrechen wurde wenigstens verzögert, um so mehr da auch die ganzeTenden; der Restauration ihm zuwidcrlief. Die unklugen Reactivuen, durch die man Frankreich wieder in einen Zustand zurückzuführen suchte, dem cs längst entwachsen war, gaben den Ausschlag und ließen endlich die neuen Ideen, welche sich in der Stille entfaltet und an Kraft gewonnen hatten, ans Licht treten. Die eigentlichen Begründer dieser neuen Schule weren Mad. de Stael (s. d.), Chatea ubriand (s. d.) und Charl. Nodier (s.d.), obgleich dieselben mit einigen Schriftstellern des l S.Jahrh., besonders mit Bcrnardm de Saint-Picrre (s. d.), in Verbindung zu setzen sind, der sich seinerseits wieder an I. I. Rousseau anlehnt. Rousseau war nämlich, obgleich er in der Negirung der gegebenen Verhältnisse mit seinen Zeitgenossen übereinftimmte, doch von den kalten Zweiflern grundverschieden. Seiner ungestümen Fcuerseele war cs zu eng in den Schranken der Gesellschaft. Auch Saint-Picrre flüchtete sich wie Rousseau in das freie Naturleben, das ihm vertraut war und dessen gehcimnißvolle Sprache er in seinen Schriften erschloß. Chateaubriand ging auf dem von diesen Beiden eröffnten Wege weiter und erwarb sich um die Entwickelung der sranz. Literatur ein doppeltes Verdienst. Einmal fand er nämlich in den Urwäldern Amerikas eine neue, stischere Poesie, die sich von der gekünstelten, formgewandten, kalten Vers- kunst seiner Zeit losriß, und dann brach er den gewaltigen Einfluß Voltairc's, der noch fortdauerte, dadurch, daß er den lechzenden Gemüthern die Wohlthat der Religion wiedergab. Mad. de Stael brachte noch ein drittes Moment, das besonders dazu beigetragen hat, den Umschwung der Literatur in Frankreich zu bewirken. Wir meinen die Kennlniß des Auslandes und besondersder deutschen Literatur. Ihr „lls l'^llemsgne" hat anfdiejungen Geister Frankreichs einm Einfluß ausgeübt, wievielleicht kein anderesWerk. Allerdings war ihr durch verschiedene Übersetzungen aus dem Englischen schon vorgearbeitet, sodaß Shakspeare nicht mehr für ein monstre galt, wie ihn Voltaire genannt hatte, aber das eigentliche Verdienst, das gewaltige german. Element in die franz. Literatur eingeführt zu haben, gebührt doch dieser ausgezeichneten Frau. Auch Nodier war von deutschem Geiste getränkt, ja er ahmt in einigen seiner trefflichen Novellen geradezu deutsche Vorbilder nach. Nachdem diese neuen Ideen immer festere Wurzeln gefaßt hatten und dem alten Wesen des Classicismus über den Kopf gewachsen waren, brachen sie endlich in der romantischen Schule hervor, deren ganze Tendenz auf eine Durchbrechung der starren classischcn Form und auf die Begründung einer inhaltsreichen Poesie ging. Diese neue Schule, die von german. Ideen ausging, wendete sich dem Mittelalter und dem rcstaurirtcn Katholicismus zu, warf sich dann eine Zeit lang dem Zweifel in die Arme und verirrte sich, je mehr sie selbst in Manier ausartete, zum Theil zu wirklichen Thorheiten. Dadurch überlebte sie sich selbst und verlor ihre eigentliche Bedeutung, obgleich die letzten Vertheidiger des abgestorbenen Classicismus Victor Hug»(s. d.) noch bis auf die neueste Zeit zum eigentlichen Parteihaupte der romantischen Schule gestempelt haben. Der Romanticismus feierte seine ersten offenen Siege auf der Bühne. Der„6lvbe" war unter allen Journalen, welche den modernen Ideen Vorschub leisteten, das einzige, das in der Literaturgeschichte sich seinen Platz erwarb. Während die romantische Schule de» Grundsatz der „Kunst um der Kunst selbst willen" auf die Spitze trieb, hat sich seit der Juli- Französische Literatur (Nationalliteratur, 19. Jahr- ) si15 revolution in der franz. Literatur eine Richtung kundgethan, welche wir die Tendenzpoesie nennen möchten. Ihr eigentliches Haupt ist Mad. Dudcvant (s. d.), unzweifelhaft die bedeutendsteliterarischc Erscheinung, welche in Frankreich seit der Julirevolution sich gezeigt hat. Die ganze Richtung derKaiscrzeitwarder lyrischen Po esienicht günstig. Entweder artete sie in eine fade, kriechende Gelegenheitspoesie aus, oder sie streifte, z. B. in Fontanes (s. d.), Boisjolin, Baour-Lormian u. A. an das Didaktische. Nur wenige Dichter bewegten sich in freiern Formen. Dazu rechnen wir Ant. De'saugicrs, 1772—1827, dessen „cdanson-", obgleich sie von denen Mrangcr's übertroffen wurden, eine echte nationale Farbe haben, und Honore Niouffe aus Rouen, l 7 64 — 1813, der Empfänglichkeit für Goe- the'schen Geist zeigte. Während der Restauration erkennt man verschiedene Richtungen in derLyrik. Zuerst wurde der klassischen Tradition gehuldigt. Unter den Dichtern dieserSchule zeichnete sich besonders Casimir Delavign e (s. d.), gest. >843, aus, dessen etwas rhetori- sirende „dlessemenuer" den Ton zu treffen wußten, der in der franz. Nation immer An- klang findet. Sodann zeigte sich eine süßliche katholisirendeRichtung, deren Haupt Lamartine (s. d.) wenigstens eine Zeit lang war und die bis auf die Gegenwart besonders bei der Frauenwelt in vorzüglicher Gunst steht. Aber die ultramontanen Bestrebungen der Restauration, die zahllosen politischen Misgriffe, welche sich die Bourbons zu Schulden kommen ließen, waren dem verletzten Nationalgefühlc zu sehr zuwider, als daß dasselbe sich nicht dagegen hätte auflehnen sollen. Es machte sich Luft in den vollendeten Liedern des unvergleichlichen Chansonniers Beranger (s. d.), der seitLafontaineunstreitig der xopulairste und na- tionellste Dichter Frankreichs ist. Seine unzähligen Nachahmer stehen tiefunter ihm, und nur Pierre Emile Debraux aus Anccrville, geb. 1796 („61>irns»ns nulionales", 1819, und „Uur- ricsäes cle 1836"), verdient einigermaßen neben ihm genannt zu werden. A. de Lamartine hatte sich eigentlich sowol durch die Form, die er oft auffallend vernachlässigt, als durch den gemüthlichern Inhalt seiner Poesien von dem Classicismus getrennt; aber die neuen Ideen, die auch bei ihm schon in Gährung lagen, wurden erst bei Victor Hugo zur Partei- fache. Auch er stimmte anfangs den katholisircnden Ton an, machte sich aber bald die Vernichtung des Classicismus zur Lebensaufgabe. So ist er als der eigentliche Stifter der romantischen Schule zu betrachten, deren Haupt er lange Zeit war. In seinen lyrischen Gedichten zeigt sich unstreitig seine größte Befähigung, obgleich er auch hier zuweilen in geschmacklose Spielerei verfällt. Um V. Hugo sammelte sich seit 1825 eine heilige romantische Schar von Lyrikern, die ihrerseits wieder als Muster und Meister für den Haufen der Romantiker galten. Dazu rechnen wir Emile Dcschamps, dessen „siltudesfruny. etetrsuFeres" besonders durch die gewappnete Vorrede die Klassiker bitter verletzten; seinen Bruder Ant. DeSchamps, der den Dante übersetzt und selbst einige gute poetische Sachen geliefert hat; Sainke-Beuve (s. d.) in seinen „Unesios de 3. velorinc" und besonders den sprudelnden Alfred de Müsset (s. d.), der von den romantischen Ultras zuweilen über V. Hugo gestellt ist, während ihn die Klassiker für den größten Narren in Europa erklärten. Pierre Lebrun (s. d.), der sich auch als Dramatiker bekannt gemacht hat, wird zu den gemäßigten Romantikern gezählt; auch A. de Vigny'S (s. d.) Zusammenhang mit der neuen Schule läßt sich Nachweisen, obgleich seine lyrischen Gedichte in einem philosophischen Tone gehalten sind, der mit dem Nomanticismus nichts gemein hat. Jean Reb oul (s. d.) aus Nimes schließt sich an Lamartine an. Einige schöne elegische Dichtungen lieferte der unglückliche Hcgcsippe Moreau. Nicht bloS in ihren äußern Lebensschicksalen sondern auch im Dichten verwandt mit demselben war Elise Mercoeur (s. d.), 1869—35, von der Lamartine sagte, daß dieses kleine Mädchen alle neue Dichter übertreffen werde. Unter den übrigen dichtenden Frauen verdienen besonders Marcclline DesbordeS-Valmoress. d.), die Dichterin der unglücklichen klagenden Liebe, und Amable Tast u (s. d.), die weniger leidenschaftlich aber im Ausdruck elegischer Gefühle nicht minder glücklich ist, Louise Colet und Delphine de Girardi n (s.d.) genannt zu werden, welche Letztere sich jetzt der Prosa gänzlich zugewcndet hat. Unter den Dichtern, welche seit der Julirevolution sich hervorgcthan haben, ist der Satiriker Aug. Barbier (s. d.), wenn nicht der ausgezeichnetste, doch derjenige, von dem man sagen kann, daß er recht eigentlich ein Product dieser neuern Zeit sei. Im Übrigen haben sich in der 516 Französische Literatur (Nationalliteratur, 19. Jahrk.) Lyrik der neuesten Zeit keine neuen Richtungen gezeigt. Die jungen Dichter haben den Zwi«. spalt zwischen Romanticismus und Classicismus, die als getrennte Schulen keinen Sinn mehr haben, überwunden, und es bleibt der Zeit anheimgestcllt, was aus dieser Verschmcl- zuiig hervortreiben wird. Von den Lyrikern der Gegenwart erwähnen wir nur A. Brizeux, den Dichter des lieblichen Liederkranzcs „Nsrie", der auch in bretonischer Sprache dichtet, Louis Delatre, Henri Blazc, den Übersetzer Goethe's, und den genfer Dichter Juste Olivier. Besondere Pflege genoß zu Anfänge dieses Jahrh. die didaktische Poesie. Zu den vorzüglichsten Dichtern, welche sich dieser Gattung zuwendeten, gehört Louis de Fon- tan es (s. d.), der ebenso gefeiert als gewandter Redner wie als Dichter war. Bois- jolin schrieb ein Lehrgedicht „s.a botsnicpie", Castel besang mit Einsicht und Gefühl die Pflanzenwelt („I.es Alantes"), Esme'nard (s. d.) schrieb „I.a Navigation"; Lalane ist der Verfasser der beiden Lehrgedichte „I.e potager" und „I.ss oiseaux de laserine"; Gudin besang die Astronomie; Jos. Michaud (s. d.) schrieb ein Gedicht ,,1.e printemps d'»a proscrit"; der Historiker Daru (s. d.) „I-'astronomie"; Bcrchour lehrte die Gastronomie; auch Victorin F a b r c (s. d.) lieferte einige elegante Lehrgedichte; Gabr. Legouve (s. d.) wurde durch Zartheit seiner Dichtungen („1>e merite des semmes") Liebling der Frauen; Saint-Victor schrieb „l.'ssperance", „I.evn)age du poete" u. s. w.; Leroux's„b.es trnis ügez" sind reich an Schönheiten; Chenedolle, der früher ein Lehrgedicht „I.e genre de I'Iinmine" geschrieben, schließt sich in seinen „blindes postic;ues" dem von Lamartine angegebenen Tone nicht ohne Glück an. Das Lehrgedicht wurde in neuester Zeit auffallend vernachlässigt. Auch die Fabel hat in der Gegenwart an wahrhaft ausgezeichneten Dichtern ! nur Viennet (s. d.) aufzuweiscn, der sich gleichfalls in der satirisch-politischen Epistel aus- reichnete, die von Barthe'lemy (s. d.)und Me'ry eine Zeit lang mit besonderm Erfolge angebaut wurde. Die beträchtliche Anzahl verunglückter Epopöen wurde auch in dieser Periode mit einigen neuen vermehrt. Masson sang den Krieg der Eidgenossen gegen Karl den Kühnen ^ („s.ss blelvetiens"); Luce de Lancival schrieb ein mittelmäßiges Gedicht „^eliille » 8c)ins"; Bavur-Lormian aus Toulouse, geb. 1772, ein arger Feind der Romantiker, übersetzte Taffo und akynte in seinen „koösies Aallic;ue-" den Osstan nach; Parceval de Grandmaison lieferte in seinem „?Iüli>>pe Auguste" eins der besten franz. Epen; Creuze de Lesscr beabsichtigte einen Cyklus epischer Gedichte aus den Sagenkreisen des Mittelalters zu geben („l.es cbe- valiers vigne zwischen Classicismus und Nomanticismus, ohne daß sich indessen weder der Eine noch der Andere zu einer vernünftigen Vermittelung beider Schulen erhoben hätte. Anfangs huldigte letzterer übrigens durchaus der streng klassischen Richtung, bis sich allmälig die modernen Ideen endlich sogar in seine etwas steifleinenen Stücke, die für die große Menge der > Bourgeoisie berechnet sind, einzuschlcichen wußten. Ncpomucenc Lemcrcicr (s. d.) ist eine I eigene Erscheinung; seine Stücke, die aus einem cigcnthümlichcn Gährungsproccssc hervor- gegangcn zu sein scheinen, verrathcn einen bevorstehenden Umschwung der dramatischen Literatur, obwol der Dichter selbst eifrigst gegen jede Neuerung der dramatischen Federungen protestirt. Einer der hervorragendsten Dramatiker der romantischen Schule ist Alex. D u - was (s. d.), dessen „Henri III" seiner Partei den ersten eklatanten Sieg verdankt. Sein Talent ist viel zu beweglich, als daß er innerhalb der engen Grenzen des Nomanticismus hakte stehen bleiben sollen; nachdem er in einer Reihe Tragödien und Dramen, in denen ausländische Muster nicht selten allzu getreu benutzt sind, den neuen Ideen auf der Bühne Geltung verschafft hat, ist er allmälig zu dem einträglichen Vaudeville, das mit der Kunst wenig «der nichts zu thun hat, herabgcstiegcn. Die dramatischen Stücke V. Hugv's sind in ihren lyrischen Partien immer vortrefflich, nur zeigt sich daneben besonders in der ganzen Anlage eine Manier, die in seinem neuesten Stücke, den „vurgrsves", geradezu in Abgeschmacktheit ausgcartct ist. Alfred de Vigny ist wie in seinen lyrischen Dichtungen, so auch in den dramatischen immer reflcctirend; in den meisten derselben bricht ein elegischer Ton hervor, der allen seinen Werken eigcnthümlich ist. Einige der beliebter» neuern Dramatiker sind Leon Gozlan, dessen „De I» m-dn droite et de I» main gauclie" Aufsehen gemacht Hat, und Felix Pyat, dessen tcndcnzvolles „Deux serruriers" bei der großen Menge viel Beifall < fand. Neben diesen Dichtern, die sich immer mehr oder weniger eine rein künstlerische Aufgabe stellten, machte sich nun noch eine Richtung geltend, die man im Gegensätze zur idealistischen Schule die realistische genannt hat. Bei ihr handelt es sich nur um treue Darstellung eines historischen Faktums oder um Realität. So geschickt auch die historischen Scencn ° Vitet'S (s. d.), die geistreichen Mystifikationen Prosper Mcrime'e's (s. d.), der seine eigenen Arbeiten meist für Übersetzungen ausgab, und die „8oirees de I^euill)", welche unter dem pseudonymen Namen M. de Fongcrai (Dittmer und Cave) erschienen, sein mögen, ' so haben sie doch als dramatische Kunstwerke keine Bedeutung. Auch die geistreichen „?ro- 'erbes dramatigiies" (neue Aust., 1828 — 30 ) von Thomas Leclercq und die witzigen „8c«>i>es jio^ulaires" von H. Monnicr können auf einen solchen Maßstab keinen Anspruch machen. Noch tiefer in dieser Beziehung stehen die zahllosen Vaudevilles und Mclodrames, me für die vielen pariser Theater meist fabrikartig und auf Bestellung, zum Theil von in- 518 Französische Literatur (Nationalliteratur, 19. Jahrh.) dustriellen Gesellschaften angefertigt werden. Unter allen Schriftstellern, welche dieses Feld mit Erfolg ausbeuten, istScribc (s. d.) offenbar der bedeutendste. Neben ihm versehen Alhoy, Mad. Ancelot, Theodore Anne, Eticnne Arago, Germain Delavignc, Merle, Variier, Laurencin und viele Andere die Bühnen mit dem alltäglichen Bedarfs, ohne daß die Kunst einen großen Gewinn davon zöge. Wir wollen indeß nicht leugnen, daß unter den zahllosen Stücken, die jeder Tag entstehen läßt, einzelne sind, die nur einer sorgfältiger» Überarbeitung bedürften, um selbst künstlerischen Ansprüchen zu entsprechen, und daß sie von jedem andern als dem ästhetischen Standpunkte betrachtet interessant sein mögen. Vgl. f die Sammlungen „I.L msgarin tilcütrsl" und „1.S krunce m»tic>»e au l 9ieme siecle" ! und Brazier, „Ulkronicjues lies petits tilLÜtres tle karis" (2 Bde., Par. 1837). Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß in neuester Zeit derRoman unter allen Kunstformen derjenige ist, der sich die meisten Kräfte zugewendet haben. Es ist fast kein einziger der hervorstechenden Dichter, die wir erwähnt haben, der nicht auch einen Streifzug auf dieses poetische Gebiet, dessen Grenzen so außerordentlich elastisch sind, gemacht hätte. Chateaubriand und Mad. de Stacl verdanken ihren Nomandichtungen fast ebenso viel Ruf als ihren übrigen Werken. Nodicr's Novellen sind zarte, duftige Dichtungen und streifen nur hier und da an Werther'sche Sentimentalität. Dieser Ton klingt auch in Senancour zu sehr an, auf dessen Produktionen einige moderne Kritiker vielleicht zu viel Gewicht gelegt haben. Unter den Dichterinnen, deren Romane zu Anfang dieser Periode in Gunst standen, dürsten besonders hervorzuhcben sein Mad. de Genlis (s. d.), Juliane Kr üben er (s. d.), die zartstnnige Cottin (s. d.) und Adele de Souza (s. d.). Die Herzogin vonDuras , (s. d.) ist ihrer Zeit wol überschätzt worden und Mad. deMontolieu verdankt ihren Ruf mehr l ihren Übersetzungen aus dem Deutschen als ihren eigenen Werken, unter denen „Caroline Ue läcktllelil" noch das bcmerkenswertheste sein dürfte. Wenn wir den ungeheuer» Strom der neuern franz. Romane und Novellen überschauen, der im täglichen Anschwcllen begrif- - fcn ist und sich vermöge der Übcrsctzungskanäle in alle Länder Europas ergießt, so dürften ^ sich die bedeutendsten Erscheinungen etwa folgendermaßen gruppiren lassen. Der Sitten- roman ist nicht nur derjenige, der in Frankreich den meisten Anklang findet, sondern für den die Franzosen auch das meiste Geschick haben. Der fruchtbarste und gelesenste Dichter, der dieses Feld bebaut, ist Balzac (s. d.), dessen Produktivität Staunen erregt; besonders ist er in der Schilderung des Lebens in der Provinz glücklich; in seinen Bildern des höher» Salontreibcns verfällt er aber leicht in eine widerliche Manier. Zu den beliebteste» Romanschreibern, welche sich an Balzac anreihen, gehören der pseudonyme Michel Raymond, Massen und Hippolyte Brücker, Emile Souvestre, der sich nie mit unreinen Tendenzen befleckt, Mad. Ancelot, Mad.Dast(Cinq-Mars), Mad. Charles Reybaud und deren Schwager Louis Neybaud, der in seinem „ä6rä,ii«?st>irot" cineherrliche Schilderung der gegenwärtigen politischen und socialen Lächerlichkeiten gibt. Viele der genannten Schriftsteller haben die unter ihren Namen erschienenen Romane in Gesellschaft mit andern Nomandichtern geschrieben, wie denn überhaupt nicht geleugnet werden kann, daß eine Unzahl ephemerer Tagsschriftsteller sich;» schamloscrFabrikarbcitherabgewürdigt. Wir würden es unbegreiflich finden, wie die unwürdigen Produkte, die aus diesen unreinen Quellen hcrvorgehcn, in Frankreich ihr Publicum haben, wenn es nicht noch unbegreiflicher wäre, wie diese Werke, die für Franzosen durch Bezugnahnu und Anspielungen aufLocalinteresscn einigen Reiz haben können, von Deutschland und dem ^ übrigen Europa in Übersetzungen und zahllosen Nachdrücken verschlungen werden. So groß auch der Kreis sein mag, der solchen Erscheinungen selbst im Auslande gesichert ist, so hat doch kein Werk eine solche Ausbreitung gefunden und so großes Aufsehen gemacht, als du vielbesprochenen ,M)stbre8 ?ari»" von Eug. Sue (s, d.), die erst als Feuilleton im „äournal «los clöbsts" und dann in unzähligen Ausgaben aller Art erschienen sind. Was man auch gegen die Anlage des ganzen Werks und vom Standpunkte der Ästhetik gegen einzelne Partien desselben einwenden mag, so viel steht fest, daß dieser Roman nicht blos > weit über alle Sittenschilderungen gestellt werden muß, welche die franz. Literatur aufzuweisen hat, sondern daß er zugleich eine der bedeutungsvollsten und gewichtigsten Erscheinungen der Gegenwart ist. Die leichtfertigen Romane Paul de Kock's (s. d.), der an dem uncr- 519 Französische Literatur (Nationalliteratur, 19.Zah»H.) schöpflichcn Pigault-Lcbrun (s. d.) einen Vorgänger hatte, haben mit Suc's genanntem Werke blos die zufällige Ähnlichkeit, daß sie ebenso wie dieses das pariser Leben, besonders in seinen untern Schichten, schildern. Übrigens kann Kock nur als ein Schriftsteller dritten oder vierten Rangs bezeichnet werden, obgleich einige deutsche und engl. Kritiker kurzsichtig genug gewesen sind, in ihm einen bereisten Vertreter der franz. Romanliteratur zu sehen. Für Frankreich gilt von ihm Saintc-Beuve's geistreiches Wort „0>> le lit, inais j>erse ne le cannait". Im historischen Romane hat Victor Hugo's „>'<>tre-D»me clekaris" die Palme davongetragen, während A. de Vigny's „(lliuz-Vlarr" in seiner Art fast ebenso vortrefflich ist. Die historischen Romane von Paul Lacro ir (s. d.) erinnern besonders durch sorgfältige Ausmalung des historischen Details zuweilen an W. Scott. Melchior Fre'deric Soulic ff. d.), der sich auch auf diesem Kunstgebiete versucht, hat eine zu ungeregelte Phantasie, als daß er sich innerhalb der engen Grenzen dieser Gattung mit besondcrm Glück bewegen sollte; sein Talent weist ihn mehr auf den psychologischen Roman hin, der unter seiner Feder freilich zuweilen zum Foltcrroman wird. Noch phantastischer sind die Romandichtungen des Vicomte d'Arlincourt (s. d.); ungleich wcrthvoller dagegen die historischen Darstellungen Pitrc-Chcvalicr's, der sich durch Übersetzungen aus dem Deutschen um Verbreitung deutscher Literatur verdient gemacht und der die Stoffe zu seinen eigenen Werken meist aus der romantischen Geschichte der Bretagne nimmt. Alexandre de Lavergne, dessen „Ducliesse lemoires aiiek>tic>ues >i'uu otlicier cle >a gruncle arivee" (Par. >833) von Lucas dcMontigny, Mirabcau's Adoptivsöhne, C. Blaze's „Via militsire Sons i'empirs" und die Werke des fruchtbaren E. Marco de Saint-Hi- lairc hervorzuhebcn. Im Sccromanc leistete E. Sne, der auch eine Geschichte der franz. Marine unter Ludwig XIV. verfaßt hat, das Meiste. Edouard Corbiere, Redackcur des «Imuiutl <1,1 Ikavi-s", mag das Seewesen treuer schildern, aber an Kunstwcrth sind seine Romane denen Suc's nicht gleichznstellen. Außer diesen beiden würden noch A. Jal („Scenes vie maritime"), Henri Duroc („Xveutures tl'iiu marin") und Aug. Romieu („l^e m»„E") zu erwähnen sein. Den Romanen reihen sich die Schilderungen an, welche von jeher den Franzosen in vorzüglichem Grade gelungen sind. Einer der berühmtesten Sit- tenmaler des >ü. Jahrh. ist J ou y (s. d.), von dem wir eine Anzahl lebenskräftiger Werke besitzen, welche franz. Zustände seit der Revolution darstcllen. Trefflich sind die von ihm in Verbindung mit Jay (s. d.) geschriebenen „1-es Kermites en prison" und „l-es bermites en liberte" sowie die „^loeurs aciministratives". Neben Jouy ist der Gras Santo -Domingo, ein Pseudonym, Verfasser der „Tablettes romsines", „Tablettes parisieauss", „Tes cke- «aites en action" u. s. w., zu erwähnen; ferner Gallois, der Verfasser der „bloeurs et ca- 520 Fr-yzösische Literatur (Nationalliteratur, 19. Iahrh.) lircteres clu I stieme-8ik>c!s" Sehr wichtig sind, die Schriften des genialen, sprachbehcr» schenken, gelehrten, phantasiereichen uno recken Paul Louis Courier (s. d.), die überaus reiche Beiträge zur Sittengeschichte der neuern Zeit abgebcn und ungemein auf die Stimmung des franz. Volks während der Restauration, besonders auf die Landbewohner gewirkt haben. Vor Allem aber ist hier „V>e livre cles cent-et-un" bemerkenswerth, welches für eine der merkwürdigsten und vollständigsten Urkunden für die gegenwärtige franj. Sittengeschichte gelten kann. Noch vollständiger und systematischer angelegt ist die Sammlung „I.es.klun- Yi>i5 peints pur e»x-,nemss", in denen das franz. Leben der Gegenwart nach allen Richtungen geschildert wird. Gewöhnlich erscheinen solche Werke in sogenannten illustrirtcn Ausgaben, beim wo die Feder nicht hinreicht, da muß der geschickte Stift eines Genremalcrs, wie Gavarni, Th. Johannot, Grandville u. A., zu Hülfe kommen. Zu den bessern Schilderungen von Paris gehören „V>u grancke viile", die P. de Kock begonnen hat und mehre Andere fortgesetzt haben, „I.es rues 8" und „I7n eteüLi»- ri8" vvnJul.Janin u.s.w. Ein allgemeineres Interesse haben die „Vrnmmix z>eint8p->rcnx- meinea", „I.e8z>etitesmi8ere8stelavieli,lmuine" von Old Nick (M.Forgueß) Und„Ülui>ntre molule" des unerschöpflichen Grandville, in denen die Lächerlichkeiten der Gegenwart aufdas geistreichste pcrsiflirt werden. Dieselbe Aufgabe stellen sich die satirischen sogenannten kleinern Journale, wie z. B. der C h a r i v a r i (s. d.) Überhaupt spielen die Journale, was Schilderungen und Skizzen betrifft, eine große Rolle. Das Feuilleton, in dem über Literatur, Kunst, sociales Leben auf eine mehr oder minder geistreiche Weise abgehandclt wird, hat in jüngster Zeit eine unglaubliche Ausdehnung erhalten. Der König des Feuilletons ist Jul. Jan in (s.d.), der auf jcder Seite geistreiche Capriccios zu spielen weiß. Eigentlichen Gehalt haben diese leichtfertigen Productionen nicht und in der Literaturgeschichte gebührt ihnen kein Platz, wenn sie auch in der Regel, nachdem sie erst in einem Journale oder einer Revue figurirt haben, zu einem Buche lose zusammcngcstellt werden. Wenn man aber diese ganze Schriftstellerei vom moralischen Standpunkt aus betrachtet, so steht sic wo möglich noch tiefer; denn hier herrscht die gewissenloseste Käuflichkeit in einem Grade, daß man sich empört abwenden muß. Die Zahl der leichtern Neiseschilderungen, welche jedes Jahr unter verschiedenen Titeln bringt, ist Legion, und wir können deshalb nur einige beliebtere Schriftsteller dieser Gattung hervorhebcn. lkaver M armier (s. d.) besitzt eine unbestreitbare Gewandtheit in der Schilderung der verschiedenartigsten Scenen, obgleich weder bei ihm noch bei Alex. Dumas, oessen „li»pre88ic>n8 cle vo^c>8e" immer mehr anschwellen, strenge Wahrheit zu suchen ist. Gewissenhafter sind die Neisewcrkc von D'Haussez („Vnznj-e U'»n «xile Ue I^nnrlres » ldii>z)le8"), Gue'roult („I.ettres 8„r l'k8z,;>Ane"), Henri Cornille („8c>liven'irs cVOr'ient") und CH. Didier („Vlne nniiee en bl8z,i>^i>e" und „lm cam;)iiFne «le lioms"). Genannt zu werden verdient besonders Adolphe de Custine, dessen neuestes Werk „I.a Rci88ie eu 183l>^ von Seiten der Russenfreunde sehr verketzert wurde. Die kirchliche Bercdtsamkcit war seil der Negierung Ludwig's XIV., wo sic ihr goldenes Zeitalter feierte, in fortwährendem Sinken begriffen gewesen. Außer dem Cardinal Maury, der sich auch als politischer Redner auszcichnete, aber größer als Lehrer der Redekunst denn als ausübender Redner war, und dem BischofFrayssinous (s. d.) haben sich Wenige hcrvorgethan, die noch jetzt erwähnt zu werden verdienten. Unter den gegenwärtigen geistlichen Rednern machen Th. Lacordaire und Abbe Navignan das meiste Aufsehen. Napoleon machte der politischen Bercdtsamkcit, die sich während der Revolution herrlich entfaltet hatte, ein Ende; aber er schuf eine Bercdtsamkcit, ebenso glänzend als jene, die militairische. Die Reden und Proclamationen Napoleon's wirkten zauberartig, und dieser Ricsengeist steht auch als Redner unübertroffen da. Keiner hat gleich ihm den Lapidarstil eines Thucydidcs und Tacitus im Französischen auszuprägcn gewußt. Mit der Rückkehr der Bourbons blühte die Staatsbercdtsamkeit in verjüngter Kraft auf; besonders war cs die liberale Partei, die bei ihren stürmischen Kämpfen die ganze Gewalt des Worts erkennen ließ. Zu den hervorstechendsten Rednern der Restauration gehörten Benj. Constant (s.d.), GeneralFoy (s.d.), Manuel (s.d.), Chateaubriand (s.d.), Villelc (s.d.), Royer- Collard (s. d.), während Andere wie Guizot (s. d.),Thiers (s. d.), Odilon-Barrot (s. d.), Mauguin (s. d.), Berryer (sd.) und Cormenin (s. d.) sich erst gegen Ende der 521. Französische Literatur (Nationalliteratur, 19. Iahrh.) Restauration oder nach dem Siege der Julidynastie entfaltet, oder sich doch erst ihre eigentliche Bedeutung erworben haben. Vgl. Timon (Cormcnin), „Livre des orsteurs" ( l I. Aust., Par. 1843). Gesammelt findet man die vorzüglichsten Staatsreden der neuern Zeit in der „Lvllection des principaux discours et eboix de rapports et opinions prononces ä I» cdambre des pairs et ä Is cliambre des deputes, «lepuis Io «ersinn de 1815 juscpi'ä nos jnurs". Die gerichtliche Beredsamkeit fand besonders an den Brüdern Dupin (s. d.) treffliche Pfleger. Neben ihneiz zeichnen sich Chaix d'Estange, Marie, Cre'mieux u. A. aus. Vgl. Clair und Clapier, „Lebarreau krany." (16 Bde., Par. 1822—23), Pinard, „ksrreau krany." (Par. 1843) und „banales du barreau krsny. ou clitiix de plsidopers psrOupin sine, Oupinseune, Lerrz-er 61s, lUerilbou, etc." (19 Bde., Par. 1823—41). Wenn die franz. Geschichtschreiber des 17. Iahrh. sich meist nur durch treffliche Darstellung empfehlen, so ist der philosophische Pragmatismus, der mit Voltaire und Montesquieu in Frankreich anhebt, der unterscheidende Charakter der Historiker des 18. Iahrh., von denen Viele, namentlich Voltaire, in Hinsicht der Erforschung der Thatsachen und der redlichen Darstellung derselben viel zu wünschen übriglassen. Die gewaltigen Ereignisse, welche besonders Frankreich seit dem Ausbruche der Revolution bewegt haben, mußten noth- wendig der Geschichtschreibung einen neuen Schwung geben. Bevor wir indeß die wichtigsten franz. Geschichtschreiber dieser Periode aufzählen, ist nöthig zu bemerken, daß sich hinsichtlich des Princips der Geschichtschreibung gegenwärtig drei Schulen bemerkbar machen. Die systematische oder rationelle Schule, deren Haupt G u iz ot (s. d.) ist, stellt die Thatsachen massenweise zusammen, sucht daraus Folgerungen und Ideen zu ziehen, verliert sich aber in zu weitgehenden Betrachtungen. Die beschreibende oder erzählende (descriptivc) Schule, zu derBa - rante (s. d.), die beiden Thierry (s. d.) und zum Theil auch Capefigue (s. d.) gehören, schildert die Begebenheiten, die Personen und Sitten mit aller möglichen Treue, ohne sich eine Reflexion zu erlauben; sic ahmt in mancher Hinsicht den naiven Ton der Chronisten des Mittelalters nach und überläßt dem Leser, über das Geschehene Betrachtungen anzustel- len. Die fatalistische Schule endlich, deren wichtigste Männer Mignet (s. d.) und Thiers (s. d.) sind, beschränkt sich auf die politische Geschichte; sic erzählt die Hauptvvrfällc und stellt die guten und bösen Thaten der Individuen als nothwcndige Folgen derselben dar. Doch sind diese Schulen in der Wirklichkeit nicht immer so streng geschieden. So vermittelt I. Michel et (s. d.), einer der ausgezeichnetsten Historiker Frankreichs, die erste und zweite Schule, indem er die pragmatische Manier zur philosophischen zu steigern und auch das de- scripkive Element zur historischen Poesie zu erheben sucht. Die allgemeine Weltgeschichte fand mehre Bearbeiter, unter Andern an Anquetil (s. d.) und dem ältern Segur (s. d.). Die alte Geschichte wurde umsichtig bearbeitet von P. CH. Lcvesque, gest. 1813, dem Übersetzer des Thucydidcs, der außer andern historischen Werken die „Uistoire criticpie de la re- publigue rom." (3 Bde., Par. I 897) und „Lindes sur I'bistoire sncienne" (5 Bde., Par. >811) lieferte. Em. Guillc, Joh. de Clermont, Baron de Saint-Croix, gest. 1811, legten den Gang und Entdeckung gehaltvoller Forschungen über mehre Gegenstände der alten Geschichte lichtvoll und bündig dar in dem „Lxsmcn critigne des anciens bistoriens d'^Iex- sndre Is 6rand" (neue Aufl., Par. 1894, 4.), den „Recbsrclies sur Iss mxsteres" u. s. w. Etienne Clavier, gest. 1817, zeichnete sich durch seltene Gründlichkeit aus in der „ttistoire des Premiers temps ds la 6rece depnis lnacllus suscpr'ü In cllute des kisistratides" (2 Bde., Par. 1899; neue Aufl., 3 Bde., 1822). Ein großes Publicum fand Poirson's und Cayr's „Lrecis de I'bistoire roin." (Par. 1828) und „l'recis de I'bistoire sncienne «t des siiccessenrs d'^Iexmidre". Sehr bemerkenswerth sind die Arbeiten Michelet's („llistoire rom.") und E. G. Arbancre's, dessen „,4nal)ss de I'bistoire asiatigue et ds I'kistoire greccpie" (2 Bde., Par. 1835) und „^nsl^se de I'bistoire rem." (4 Bde., Par. >841) eine philosophische Betrachtungsweise anstreben. Sonst sind von den Historikern, welche sich um die alte Geschichte im Allgemeinen oder um einzelne Partien derselben verdient gemacht haben, noch Letronne (s. d.), Naudet, PH. Lebas und Champany zu bemerken. Das Mittelalter war in neuester Zeit Gegenstand vielfacher Forschungen; aus der großen Menge von Werken, welche sich auf die Geschichte desselben beziehen, erwähnen wir nur O. L. Dcsmichels' „llistoire generale du moxen sge" (2 Bde., Par. 183 >) und „?recis «io 522 Französische Literatur (NatiouaMteratur, 19. Jahrtz.) I'ilistoire du mo^on age"; die brauchbaren Werke des Publicisten Koch (s. d.); die ver- schiedenen Monographien de« Vicomte Aug. Arthur Beugnot, dessen verdienstliches Werk die „llistoire de >a destruction du psgunisme en nccident" (2 Bde., Par. 1835) ist. Besonders bedeutend sind die „Vnnales «tu mo^en sge" (8 Bde., Dijon > 825—26) von I. M. F. Frantin aus Dijon. Die Geschichte der neuern Zcit ist in den Werken von Max Sam- son Fried. Scholl (s. d.) auf eine ebenso erschöpfende als gewissenhafte Weise behandelt. Sonst erwähnen wir von allgemeinen Werken über die Geschichte der letzten Jahrhunderte besonders die Handbücher von Ragon und Filon. WasdieGeschichteFrankreichS betrifft, die in unzähligen Werken behandelt wird, so betrachten wir zunächst die allgemeine Geschichte. Anquetil, der Verfasser der „llistoire de k'rsnce depuis le» 6uulo!s jusczu'ä la 6n de I» monsrcbie" (l 3 Bde., Par. t 805) und der Fortsetzer dieses Werks, Gallais (s. d.), stehen auf einem sehr nieder» Standpunkte. Die Velly-Villaret-Garnier'sche „llistoire de Vrsnce" setzte Dufau bis zum Tode Hein- rich's IV. fort (30 Bde.). Guizot, dem die franz. Geschichte einen ganz neuen Aufschwung ! verdankt, ist in dreifacher Rücksicht der Geschichte nützlich gewesen, als Lehrer, Schriftsteller und Minister. Sismondc deSismondi (s. d.) hat nur als Forscher einen bedeutendem i Werth; als Geschichtschreiber steht er weit unter Guizot und Michelet. Letzterer ist besonders in sprachlicher und stilistischer Hinsicht ganz ausgezeichnet; seine noch unvollendete „llistoire ^ de Vrnnce" kann für ein historisches Kunstwerk gelten. Nicht minder ausgezeichnet ist die „llistoire de Vrsnce" (Bd. I — l l) von Henri Martin, besonders durch fleißiges Quellenstudium und eine klare, anziehende Darstellung. Vom legitimistischcn Standpunkte aus behandelte Laurcntie die franz. Geschichte. Noch verdächtiger ist der Standpunkt, welchen Ca- pefigue einnimmt, der in einer Reihe von verschiedenen Werken so ziemlich das ganze Gebiet der Geschichte Frankreichs behandelt hat; er huldigt der Idee des Katholicismus auf eine Art und Weise, daß er auf Glaubwürdigkeit keinen großen Anspruch machen kann. Die Gc- schichtswerke von Charl. Joh. Lacretelle, einem Pragmatiker, sind weder für Staatsmänner ^ noch für Philosophen von Werth und können nur ein Publicum interessircn, das durch pi- j kante Anekdoten und eine glatte Darstellung zufrieden gestellt wird. Amans Alexis Monteil hat in seiner „llistoire lies Vr-»iyuis des divers etuts, MIX eint) derniers sieclcs" (10 Bde., Par. 1820—36; neue Aufl., 1833) ein ebenso interessantes als lehrreiches Werk geliefert; auch sein von gewissenhafter Forschung zeugender ,,'lHte das inaterianx ms,m- serits de divers genres d'lu'stoire" (2 Bde., Par. 1835) bietet dem Geschichtsfreunde reiche Belehrung. Auguste Trognon, ein fleißiger Mitarbeiter am„llloko", hat seine für dieses Journal geschriebenen kritischen Aufsätze in den „siltudes sur! llistoire de Vrsnce" (Par. 1836) gesammelt. Unter den zahllosen Abrissen der franz. Geschichte sind die Werke von Felix Bodin, von Theöphilc Lavallce und von Bürette empfchlcnswerth. Unter den Ge- schichtswerkcn, welche einzelnen Partien der franz. Geschichte gewidmet sind, heben wir besonders die „llistoire des Osulois" (3 Bde.; 2.Aufl., Par. 1833) und„llist»ire de li» (laule sous In dominntiou romaiue" von Amede'e Thierry hervor, die in der historio- graphischen Methode Augustin Thicrry's abgcfaßt sind, in denen sich aber der Verfasser durch seine Vorliebe für das Keltenthum zu sehr sonderbaren Hypothesen hat verleiten lassen. Auch Berlier schrieb einen „Vrecis iiistorchue de ln llaule svus !-> dominstinn romuine" (Par. 1835). Über die Franken hat Guizot in seinen Dissertationen das beste geliefert; rüstig eifert ihm Amedee Thierry »ach; des ehemaligen Ministers Peyronnet (s. d.) „llistoire des Vrnnes" (3 Bde., Par. 1835) ist zwar ein gedankenreiches, aber sehr unkritisches Buch. Für die älteste Zeit der Monarchie begeisterte sich der GrafMont losi er (s. d.) in seinen historischen Schriften. Augustin Thierry verdankt seinen Ruhm seiner „llistoire de In cmi- < 0 >ete de I'.^ngleterre pnr les IVormauds" (7. Aufl., 3 Bde., Par. 1832), welche allen Reiz der ursprünglichen Geschichtschreibung hat und dabei eine ausgezeichnet gelehrte Arbeit ist. An dieses Werk schließt sich die fleißige „llistoire des Vormunds" (2. Aufl., Par. >833) von Deppin g (s. d.) an, der eine Reihe gelehrter Monographien geliefert hat. Barante ist in seiner „llistoire des ducs de llourgogne" der eigentliche Stifter der descriptiven Schule. Michaud hat sich in seiner berühmten „llistoire des croisndes" in einer unbefriedigenden Mitte zwischen der descriptiven und pragmatischen Manier gehalten. Der Buch» Französische Literatur (Nationalliteratur, 19. Jahrh.) ü2ö Händler I. M. V. Audin gab eine lesbare „Uistoire de I» 8»int«-L»rtköIem)" (Par. 1826) und Sainte-Aulaire (s. d.) eine gehaltreiche „üistoire delsLionde" (3. Aust., 6 Bde., Par. 1842). ErwähnenSwerth ist Thibaudeau's (s. d.) „Histoire de, etsts ge'nersux enLrsuee" (2 Bde., Par. 1843). Die franz. Revolution hat ihre eigene Literatur. Die wichtigsten Werke, welche diesen Zeitabschnitt behandeln, sind die von ThicrS und von Mig- net; der erstere behandelte die Revolution ausführlicher, der letztere in kürzerer Fassung vom fatalistischen Standpunkte aus. Thiers' Werk ist allerdings hinreißend und in einzelnen Partien wahrhaft großartig; Mignet's Werk aber in seiner lichtvollen Zusammenstellung der Thatsachen, seiner durchsichtigen Darstellung und der Tiefe der eingeflochtenen Reflexionen ein noch vollendeteres Meisterwerk. Felix de Conny hat im legitimistischen Sinne eine „8is- toile de In revolution de Lrsncs" (6 Bde., Par. 1834 — 42) geschrieben. Labaume's „klistoire monsrekiczue et constitutionnelle de Is revolution trsny." ist unparteiisch, aber ohne Tiefe. Noch oberflächlicher und dabei bis zur Frechheit parteiisch ist die „Histoire de Lrsnce depuis la 6a du regne del^ouisXVl, etc." vom Abbe de Montgaiüard, die von seinem Bruder fortgesetzt und erweitert wurde. Armand Marrast gab mit Dupont „Laste, de ls revolution trsny." (Par. 1835) im streng revvlutionaircn Sinne heraus. Gleichfalls auf dem radicalen Standpunkte steht der ehemalige Deputirte Cabet, dessen mit kommunistischen Grundsätzen getränkte GeschichtSwcrke auf die große Menge berechnet sind. Mit Ruhe und Umsicht geschrieben ist die „llistoire de Is rövolution lrsny." von Vivien (4 Bde., Par. 1841). Viel bedeutender aber als die meisten dieser Werke ist die „Histoire parle- mentsire de Is rövolution lrsny. ou souraal des assewbleesnationales" (1789 — 1815; 4V Bde., Par. 1833 — 40) von Roux und Buche;, die hier die wichtigsten Materialien zur Geschichte der Revolution zusammengestellt haben, ohne eine entschiedene Vorliebe für dieselbe zu verbergen. Von den Biographen Napoleon's und den Geschichtschreibern seiner Negierung sind nächst dem Kaiser selbst (s. Napoleon) die berühmtesten der Graf S/g u r (s. d.), dann Big» on (s. d.), Gourgaud (s. d.), Arnault, in Verbindung mit Jay, Jouy und Nor- vins; ferner Arnault allein und Thibaudcau. Die vorzüglichsten populairen Darstellungen dieser glänzenden Periode lieferten Norvins, Laurent, Abel Hugo, ein Bruder des Dichters, E. Marco deSaint-Hilaire und Dumas. Was die eigentliche Kriegsgeschichte anbelangt, so hat P. PH. Segur's „Histoire de IXspoleou et de Is gründe srmee" fortwährend ein sehr großes Publicum; von noch größerer Wichtigkeit aber ist Matth. Dumas' „Lrecis des eve- uements Iiiilltslres" (19 Bde., Paris 1816—26). Daneben verdienen genannt zu werden „Lrsitd des grsndes ojierstions wilitsires" (18 Bde., Par. 1803) von Henri de Jörn ini (s. d.), „üistoire de l'expedition de Rusris" (3 Bde.; 2. Aust., 1825) vom Marquis George de Chambray, „Neuioires sur les csmpsgnes, etc. de 1792 jusci»' » In ;>six de 6-lwpo-Lormio" (4 Bde., Par. 1829) vom Warschau Gouvion de Saint-Cyr, wozu die „üdemoires sur les csmpsgnos sous le directoire, le cansulst et I'eiujdrs" (4 Bde., Par. 1831) die Fortsetzung bilden. Ausgezeichnet ist auch das nachgelassene Werk Foy's „klistoire de I» guerre d« Is Ldmnsule sous k>lspoleoa" (4 Bde.; 3. Aufl., Par. 1828). An Memoiren herrscht ein fast drückender Überfluß; viele sind von Soulavie seit 1788 theils auS brauchbaren Stoffen, nicht ohne Willkür zusammengestellt, theils verfälscht oder gar untcrge- schoben worden. Unter den andern Sammlungen sind zu erwähnen die von Saint-Albin Ber- ville undJ. F. Barriere, „(lollectiondesmemoires relstils sls rdvolution lrsny." (30 Bde., Par. 1822—28) und die ,5leu,oires ;>srticuliers pour rervirs l'kistoirede Is revolution". Von einzelnen Werken erregten Napoleon's „lUemoires", ferner die von Bourrienne (s. d.), von Las Cafes (s- d.), von dem Palastpräfccten Bauffct, vom Kammerdiener konstant, von Mad. Cam pan (s. d.), die verschiedenen Manuscripte des Baron Fain (s. d.), die ,Memoires" der Herzogin von Abrantcs (s. d.), die der Frau von Larochc-Jacquelein und die der Mad. de Hausset das meiste Aufsehen. Die „lUemoiros de I^ouis XVlll", die „Sädmvires de Loucbe" (von Beanchamp zusammengestellt) und die „5tömoires kiogrs- pkiczues de Slirsbesu" sind zunr Theil stark überarbeitet. Die neuerdings erschienenen „Slldmoires" des Marschaus Ney (Par. 1836) unterlagen zwar hinsichtlich ihrer Authen- ticität manchen Anfechtungen, doch sind sie von der Familie nicht förmlich desavouirt war- 524 Französische Literatur (Nativnalliteratur, 19. Jahrh.) den. Nächst Lamarque's Memoiren und denen Grcgoire's, die von H. Carnot herausgege- den wurden, erregten Lafayette's ,Memoires, corresponclancs et manuscrits" (6 Bde., Par. 1837—38) das meiste Aufsehen. Von Chäteaubriand's mit Sehnsucht erwarteten „>lemmre8 cl'outre-tomke" ist mit Ausnahme einiger Fragmente nur ein selbständiger Abschnitt „I>e eongres e clix ans" des Lehtern ist unstreitig eine der wichtigsten Erscheinungen der Gegenwart und der glänzendste Versuch, die Geschichte der Gegenwart darzustcllen. Für die Biographichaben die Franzosen in dieser Periode unendlich viel geleistet, und es sind einige biographische Werke zu Stande gekommen, deren Verdienstlichkeit und Nützlich, keit, bei manchem Irrigen und Verfehlten, allgemeine Anerkennung verdient. Wir nennen die „Viograpkie universelle" von Michaud (72 Bde., Par. l8ll —-13), „kiogrspkie tles komme« vivants" (5 Bde., Par. I 816 —18) und die „üiograpkie nouvells cies cantem- porsins" (25 Bde., Par. 1826), auf welche aber der Liberalismus und Classicismus ihrer Redactoren, Jouy, Jay, Arnault undNorvins, nachtheilig eingewirkt haben. Unparteiischer ist die „Liograpkie universelle et portative" (5 Bde., Par. 1826) von Rabbe, Boisjolin u. s. w. Auch verdient Beauvais' „Dictionnaire Kistorique" von Barbier (Par. 1826), die „Hiograpkie universelle" von Weiß (1 Bde.) und die „kiograpkis cles komme« ciu sour" Erwähnung. Ebenso witzig als unparteiisch ist die „tllalerie cles cootemporaias illustre«, psr UN komme cie rien" (M. de Lomcnie). Vortreffliche einzelne Erscheinungen hat auch das überreiche Gebiet der franz. Provinzialgeschichte aufzuwcisen, und das große Interesse, das man seit einiger Zeit in allen Theilen Frankreichs an der Localgeschichte zu nehmen scheint, ist wenigstens zum Thcil der Thätigkeit des von Guizot gestifteten Lcmiite iüs- toricpie, das sich über ganz Frankreich verbreitet hat, beizumessen. Was die Quellen- sa m m l u n g e n der franz. Geschichte betrifft, so haben wir neben den großen Werken von Buchen („tüKromHuos nationales", 46Bde.,Par. 182 1),Guizot(,Memoires relatitsäi'llistoire eie krance", 36 Bde.,) und Pctitot („kollectioii eles memoires", erste Folge, 52 Bde.; zweite Folge, 78 Bde.) zu nennen Lader, der eine höchst interessante „Oollection 837), Greg. Orloff u. A. mehr oder minder bedeutende Historiker. Die Geschichte Spaniens behandelten in umfangsreichen Werken Saint-Hilaire und Romey. Die Geschichte Portugals bearbeitete nach den Quellen I. F. Mielle, ein Mann aus der Schule der Benediktiner, in Gemeinschaft mit Fortia d'Urban in der „blistoire generale clu kortugal" (IO Bde., Par. 1828—38). Die politischen Verhältnisse Griechenlands und der Türkei riefen eine Menge historischer Gelegenheitsschriften hervor, von denen cs indessen keiner gelungen ist, die berühmten Werke Pouqueville's in den Schatten zu siel- len. In Bezug auf die Geschichte der Schwei; ist bei einzelnen trefflichen Specialwerken nichts hervorragendes erschienen. In Belgien treibt das wiedergeborene Nationalgefühl zur Erforschung der so reichen und dramatischen Landcsgeschichte. Die Regierung hat eine historische Commission niedergeseht (von Reiffenbcrg, de Smet, Willems u. A.), welche alle Archive durchforschen läßt und das Aufgefundene zu ordnen und herauszugcben hat. Warn- Französische Literatur (Natio nakliteratur, 19. JahrH.) d25 könig lieferte eine „Histoire 6e I?lsn6rs" (2 Bde., 1837), Jul. de Praet die „Üistoirs «I« Is Llan6rs 6epuis le comte 6>ii 6« Vampierrs susqu' siuc 6ucs 6e LourxoAne" (2 Bde., Par. >828) undLeGlay, die „üistoie« 6es cointes 6k b'IiMllres" (2 Bde., Par. 1843). Bei der Geschichte Deutschlands begnügt man sich noch mit Übersetzung von Kohlrausch's bekanntem Werke und mit Abrissen, wie sie Arnold Scheffer u. A. geliefert haben. Daneben erschienen nur einige wenige Werke über einzelne Partien, die mehr Bedeutung verdienen. Dahin rechnen wir Camille Paganel's „Histoirs 6e I?rö6eric le 6ran6" (2 Bde., I830)und seine„ttistnii6 tle.losepb II"(Par. 1843). Dagegen zieht Großbritannien fort- ' während die franz. Geschichtschreiber an. Chateaubriand schrieb eine kurze, aber substantielle „Hi.-itoire lies quates Stuarts". Auf früher fast unbenutzt gebliebenen Quellen beruht Ma- zure's „Histmre 6s la revnlutiun 6e 1688" (3 Bde., Par. 1825); ungleich bedeutender ist Guizot's unvollendet gebliebene „llistoire 6s la revolution 6'XnFleterre". Auch hat neuerdings PH. Chasles (s. d.) eine Geschichte dieser Zeit begonnen. Skandinavien blieb seit Catteau-Calleville, der eine brauchbare „Histoirs 6es revulutions 6e IVorvegs" (2 Bde., Par. 1818) arbeitete, fast ganz unberücksichtigt; nur Lemoine mit seiner „Histoire 6s 8ue6e" und Chopin mit seinen „kiövolutions 6es peuples 6ul>ivr6" dürsten einige Erwähnung verdienen. Rußland und Polen wurden mehr politisch als historisch betrachtet. Wir heben hier nur die ausgezeichnete „blistuire clsLologne avant et sous le roi3ean8obios1c)>" (3 Bde., Par. 1826) von N. A. de Salvandy hervor. Unter den außereurop. Ländern ist es besonders Amerika, welches die Thätigkeit der franz. Historiker in Anspruch nimmt. Durch großartige Behandlung der eigentlichen Civilisationsgeschichte zeichnete sich besonders Guizot in seinen Vorlesungen aus, die auch in Druck erschienen sind. Neben ihm verdient kein Anderer genannt zu werden; nur in einzelnen Fächern der Kulturgeschichte, z. B. in der Geschichte der Kirche, haben Potter, Jacq. Matter (s. d.), Merle d'Aubigne, Henrion und Jean Salvador Bemcrkenswerthes geliefert. In Betreff der Literaturge - schichte muß vor Allem die Fortsetzung der „Histoirs litteraire enes" und seinem „Lrecis 6e I'Iustoire 6s la litteraturs tran^." ist sehr oberflächlich; geistreicher, aber gleichfalls nicht erschöpfend sind die Werke über die Literatur des 18. Jahrh. von Jay, Fabre und Barante. M. I. Che'nier's neuere Literaturgeschichte gibt nicht viel mehr als eine dürftige Nomenclatur. Ungleich wichtiger sind die Werke Nay- nouard's (s. d.), Charpcntier's, De la Rue's, Michel's, Monmerque"s, P. Paris', Achille Jubinal's u. A. über die Literatur des Mittelalters. Villemain's literatur-historische Vorträge blenden oft durch den Glanz der Darstellung und lassen besonders ein tieferes Studium der german. Literaturen vermissen. In Dem, was man jüngere Schule nennen kann, nehmen der ticfgelehrte Fauriel (s. d.), der geschmackvolle Jean Jacq. Ampere (s. d.) und der phantasiereiche Charl.Maquin die ersten Stellen ein. Erwähnenswerth ist auch das „l'a- bleau 6s In litteraturs trauy. au 1 6isme siecle" von Sainte-Beuve, der die ästhetische Kritik mit besonderm Glück handhabte. Sehr ansehnlich ist die Zahl der Kunstrichter, die in Journalen und Revuen aller Art zu Gericht sitzen. Schließlich gedenken wir nur noch der Werke der „Histoire 6e la littöraturs a»sman6e" (2 Bde., Genf 1 836) und „blisloire 6e la lit- terature trany." (Stuttg. 1836) von Peschier aus Genf, die beide recht brauchbar sind. In der Archäologie und Kunstgeschichte ist in neuerer Zeit von Millin (s. d.), D u- laure (fd.), A. Len vir (s.d.), A. de Labor de (s.d.), Quatremere deQuincyss.d.), Seroux d'Agincourt (s.d.) und Raoul-Rochette (s. d.) viel geleistet worden. Auch zeigte sich große Thätigkeit für die Erhaltung und Bekanntmachung der franz. Nationaldenkmäler. Schweighäuser (s. d.) und Golbe'ry haben die Kirchen und Schlösser des Elsasses beschrieben; Jouannet erforschte Bordeaux und Dumege Toulouse; in der Normandie arbeiteten de Caumont u. A.; Sommerard, gest. 1841, lieferte die Prachkwerke „I-'art en provioce" und „ll.'art au mo^en age"; Gilbert beschrieb, obgleich unbefriedigend, dieDome von Chartres, Paris, Rheims und Amiens; ein ähnliches Werk über die Kathedralen Frankreichs begann Chapuis, während Nodier, Taylor und Cailloux in ihren „Vo^sges pittoresque» et romantiques 6ans l'aocieims Francs" sehr bald die Monumente gegen die Landschaften «ufgaben. Aus der großen Anzahl brauchbarer Handbücher der Kunstgeschichte erwähnen 526 Französische Literatur (Mathematik, Astronomie) wir nur Rame'e's „lCanuel 665, ander Bestimmung der Beschaffenheit der figurirten Zahlen. Durch große Thätigkeit für Erweiterung und Begründung derMathcmatik zeichnete sich die Zeit von >669—1719 aus. GM. Franc. Ant. de L'Höpital (s. d.) repräsentirte würdig die franz. Mathematiker. Viel trug auch die 1666 gestiftete Königliche Akademie der Wissenschaften zur Vervollkommnung der mathematischen Wissenschaften bei sowie die 1667 angelegte Sternwarte. Jean leRond d' Alemb ert (s. d.) förderte die Mathematik in allen ihren Theilen und war vorzüglich für > die von Euler weiter verfolgte Integralrechnung thätig, und Co n dorcet (s. d.) bewährte in t seinen Leistungen für Analyse des Unendlichen und für Wahrscheinlichkeitsrechnung tiefein- dringenden Scharfsinn. Unter den neuern Mathematikern sind besonders hervorzuheben Jos. Louis Lagrange (s.d.), LouisAnt.Bougainville (s.d.), Gasp.Monge(s.d.), Adrien i Marie Legendre ss. d.) und Sylv. Franc. Lacroix (s. d.). Von ältern Mechanikern ist Jacq. deVaucanson (s. d.) mit Ruhm zu nennen; Leroy und Ferd. Berthoud (s. d.) erwarben sich verdienten Ruhm durch astronomische und Seeuhren. Auch Mersenne, gest. ! 1618, Aeg. Pers. de Roberval, gest. >675, und Edme Mariotte (s. d.) machten sich um die Mechanik sehr verdient. Varignon versuchte die Statik auf einen obersten Grundsatz zu- rückzusühren; de Lahire machte sich um die Lehre vom Hebel verdient; die Brüder Mo nt- golfier (s.d.), Charles (s.d.) und Pilätre de Ro;icr(s. d.) versuchten sich in der Luftschiffahrt; Be'lidor (s. d.) förderte Wafferbaukunst, Artillerie- und Jngenieurwissen- schaft, und Nich. de Prony erwarb sich durch seine „^rcliitscturs i>) tlcouIiHiie" und „iile- cnniczne pinins<>;>!>ic;ue" hohen Ruhm. Für Festungsbau und Belagerungskunst wurden die Franzosen frühzeitig Europas Lehrer; neben Vau bau (s. d.) sind Moritz (s. d.) Marschall von Sachsen, Folard und besonders Carnot (s. d.) zu erwähnen. Die Geodäsie und mathematische Topographie bearbeitete Puissant, die Hydraulik Prony und um die Nautik machte sich Pierre Bvuguer (s. d.) verdient. i Die Astronomie gewann in Frankreich erst wissenschaftliche Bedeutsamkeit durch ^ Kopernicus, Tycho de Brahe, Kepler und Galilei. Unter den ersten fleißigen Beobachtern zählenP. Gassendi (s. d.) und Nic. Cl.F. de Peiresc zu Aix, 1589—1637; später begann die ausgezeichnete und erfolgreiche Thätigkeit der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Picart, Auzout (s. d.), Bouillaud, gest. 169-1, Richer, gest. 1696, Lahire u. A. brachten genaue Erdmessungen zu Stande. Mit den erheblichsten Entdeckungen bereicherte seit 1669 Jean Dom. Cassini (s. d.) die Astronomie. Andere berühmte Astronomen waren Nic. Louis de Lacaille (s. d.), Aug. Darquier, 1718—1892, Iran Sylvain Bailly (s. d.), Jerome de Lalande (s.d.) und Jean Jos. Dslambre(s.d.). Astronomische Tafeln lieferten Lahire, Lalande, das 6>,resu «Iss longitulle» zu Paris und Delambre. Durch die Gradmessungen MaupertuiS', Clairaut's, Camus', Lemonnier's und Celsius'in Lappland im Z. 1737 Französische Literatur (Physik, Chemie, Mineralogie, Geologie) 527 und die Condami'ne's, Godin's und Bougucr's in Peru im Z. 1749 wurde nach langen Streitigkeiten die Gestalt der Erde auf ein gegen beide Pole abgeplattetes Sphäroid bestimmt. Die physische Astronomie wurde durch Laplace (s. d.) zu hoher Vollendung geführt. Biot ff d.) machte sich um physische Astronomie, wie um mathematische Physik verdient. Unter den populairen astronomischen Schriften steht Fontenelle's „kluralite des mondes" oben an. Die Physik und die Chemie verdanken viele der wichtigsten und folgereichsten Entdeckungen franz. Forschern. Die Lehre vom Licht bearbeitete Biot; die von der Wärme und ! Aalte Mairan (1751), Deluc (s. d.) und I. Bapt.Jos. Fourier; den thierischen MagneeiS- l muS Armand M. I. de Chastenet Marquis de Puyse'gur, 1752 — 1825. Zur Theorie des j Elektrochemismus lieferte Andre Mar. A m p e r e (s. d.) wichtige Beiträge. Auch für Me- ! teorologie wurde vonFranzosen viel geleistet, namentlich von Mairan (1', 49), Deluc(I772), Saufsure (1783), Lamarck und Romme indem „1'sldeau des vents" (2Bde., Par. 1806). An allgemeinen Werken, Hand - und Lehrbüchern war Frankreich nicht so reich als Deutschland. Nächst Biot'S Meisterwerk sind die Arbeiten von Brisson (l 803), Ha uy (s. d.) und Scnebier (f d.) zu erwähnen. Die atomistische Ansicht fand einen gelehrten Vertreter an T. L. Sage, gest. 1805. Die Umgestaltung derChemie und ihre hieraus erfolgende Verbindung mit der Physik ging von Frankreich aus. Sie wurde bewerkstelligt durch Ant. Laur. Lavoisi er (s. d.), der dem phlogistischen System das antiphlogistische entgegensetzte. Andere berühmte Namen neben ihm sind F o urcr o y (s. d.), Morveau (s. d.), Berthol- lct(s. d.), Vauquelin (s. d.) und der durch seine chemischen Entdeckungen, namentlich um die Industrie verdiente Chaptal (s. d.). Unter den Lehrbüchern der Chemie sind die von Thenard, Dalton, Chevreul, de Saussure, Gay-Lussac, Darret, Serullas, Balard und Braconnot zu erwähnen. Vgl. Höfer, „Üisloire de cliimie" (2 Bde., Par. 1843). ^ Die Mineralogie wurde von den Franzosen ebenfalls mit Eifer bearbeitet; ihr Ko- > ryphäe unter den Mineralogen ist Nene Just H a u y (s. d.), der die Krystallographie begrün- l dete. Im Werner'schen Sinne schrieb Brochart; unter den neuern Lehrbüchern sind die von ! Brard und Beudant (s. d.) besonders geschätzt. Die Geogno sie, Geologie und Petrefactenkuude wurde von jeher mit beson- ^ derer Vorliebe von franz. Forschern bearbeitet; doch sind freilich einige der besten Schriften, namentlich die Buffon's (s. d.) von manchen gehaltlosen Hypothesen sehr entstellt. Als berühmte Namen sind hier aufzuführen, Horace Benedict Saussure (s. d.), Deluc (s. d.), Ramend, D o l o m i e u (s. d.), F a u j a s d e S a i n t - F o n d (s. d.), einer der ausgezeichnetsten Geologen, Cordier, Cuvier (s. d.), der mit der Urwelt, und Ad. The'od. Brongniart (s.d.), der sich mit fossiler Botanik beschäftigte; ferner Berthier, Nozet, Constant Prevost und Bonnart; Bravard und Croizct, die Cuvier's Forschungen über die urwcltlichen Neste fortsetzten, und d'Aubuisson de Voisins, der die ganze Geognosie einer neuen Bearbeitung (1819) unterwarf, und Necker durch seine „Ltndes geoloj-iques sur Iss ^Ipes" (Par. 1841). An dem blühenden Zustande der Botanik und Zoologie haben die Franzosen durch gleich umfängliche und gleich gründliche Arbeiten wenigstens ebenso großen Antheil als die Deutschen. Sie betraten gleichzeitig mit diesen, kurz nach dem Wiederaufleben der Wissenschaf- lm, die Bahn selbständiger Forschung, zumal im Gebiete der Zoologie. Belon, geb. zu Mons 1517, bereiste die levankischen Länder und stellte ein ornithologisches System auf, wel- ! ches in seinen Hauptzügen mit den jetzt angenommenen übereinkommt. Auch in dem Werke über Fische, welches Guill. Rondelet 1554 hcrausgab, finden sich Versuche einer auf genaue Untersuchungen begründeten Systematik. Das wahre Gedeihen der Naturwissenschaften da- tirt aber in Frankreich, ebenso wie in Deutschland, seit der ersten Hälfte des 18. Jahrh. Ungeachtet der sehr verschiedenen Wege, welche von den Forschern beider Länder cingeschlagen wurden, blieben die Resultate im Ganzen sich gleich. In Deutschland huldigte man fast un- vedingt den strengen Linne'schen Ansichten, in Frankreich aber bildete sich eine eigene Schule, die in geradem Widerspruche alle künstliche Systematik und eingeführte Nomenclatur verwarf, allerdings aber, und ohne es vielleicht zu beabsichtigen, zu jenen freien Forschungen Veranlassung gab, auf welchen die gegenwärtig überall herrschenden, sogenannten natürli- chcn Systeme begründet worden sind. Diese Richtung wurde zur völlig einseitigen und nachtheiligen in Buffon (s. d.) und seinen Schülern, die in rhetorischen Darstellungen, in ele 528 Französische Literatur (Zoologie) ganter Form und in geistreichen Andeutungen, die jedoch meist auf vorgefaßten Meinung«« und Spielen der Einbildungskraft beruhten, das eigentliche Wesen des naturhistorischcn Vortrags suchten. Man glaubt, daß Ne'aumur (s. d.) durch sein sehr schön geschriebenes, auf wirklichen Untersuchungen beruhendes Werk,,Memoire pourservir ül'tiistoire des insectes" <6 Bde., 1734—42, -1.), den erstcnAnstoßju einer bald ausartenden Betrachtungsweise der Natur gegeben habe. Blinde Parteisucht mengte sich endlich rin, und um von dem viel geschmähten Linne sich ganz unabhängig zu machen, setzten franz. Zoologen, wie Adanson (s. d.)an die Stelle der klaren und logisch strengen Nomenklatur jenes großen Forschers ein so barbarisches Kauderwelsch, daß ohne das Zwischentreten verständiger Männer die Zoologie in Frankreich un- s tcrgegangen sein würde. Schon D'Aubenton's anatomische Zusätze benahmen den flachen De- § clamationen Buffon's einen Theil ihrer Gefährlichkeit, indem sie jeden Unbefangenen auf die ' Nützlichkeit genauer Untersuchungen aufmerksam machen mußten. Fast gleichzeitig entfernte , sich auchBrisson in seinen fleißig gearbeiteten Werken über die Vögel (1760 — 62) von dem Vuffon'schen Muster, welches Levaillantss. d.), und zwar aufKosten seines Nuss, in orni- thologischen Prachtwerken (1799—1807) wieder aufzufrischen versuchte. Esentstand daher eine Spaltung unter den franz. Naturforschern, von welchen die meisten von Buffon sich lossagten, ohne jedoch sich ganz für die Linne'sche Schule erklären zu können, und daher ihre eigenen Systeme erschufen, wie unter Andern der GrafLace'pede (s. d.), ein fleißiger, vielseitiger, aber keineswegs immer glücklicher Arbeiter. Das Bedürfnis! einer Anordnung des erstaunlichen Materials, welches bis Anfang des gegenwärtigen Jechrh. sich aufgehäuft hatte, war ' ebenso unleugbar, als die Unmöglichkeit, sich des Linne'schen Systems für diesen Zweck zu bedienen. Man erkannte, daß man von andern Grundlagen, zumal hinsichtlich der einfachem Organismen ausgehen müsse, und hier erwies sich nun jener Widerwille des vergangenen ^ Zahrh. gegen die schulgemäß künstliche Systematik wohlthätig, indem er die geringen Be- , Lenken beseitigen half und das Betreten eines neuen Wegs erlaubte. Es drang die An- ! sicht durch, daß ohne umfassende Kenntniß der inner« sowol als der äußern Organisation es i unmöglich sein werde, einem Naturkörper seinen richtigen Standort in einem Systeme an- ! zuweisen, und daß eine auf äußere Kennzeichen allein begründete Anordnung nur im Noth- falle zulässig sei. Vorgänger, wie Vicq de Azyr (1792), der viel ältere D'Aubcnton u. A., hatten Vieles vorgearbeitet im Gebiete der vergleichenden Anatomie; jedoch gelang es erst Cu- vier, dieser Wissenschaft ihre richtige Stellung zu geben und ihre Unentbehrlichkeit für das zoologische Studium auf das überzeugendste darzulegen. Cuvier (s. d.) wird zu allen Zei- j len als einer der Begründer der neuen Zoologie gelten und in der Geschichte der Wissenschaft, wie Alle, die mit ihm arbeiteten oder ihm nachsolgten, fortleben, obschon man in England, Schottland und Nordamerika seine Schule des eines christlichen Philosophen unwürdigen Materialismus anklagte. Das Ausland, und wie immer Deutschland zuerst, ergriff diese schon durch einheimische Forscher angedcuteten Lehren Cuvier's mit vieler Liebe und baute a» ihnen fort mit überraschendem Erfolge; nur in England nahm man erst 17 Jahre nach dem Erscheinen von Cuvier's „Re^ne ->nim»I" Notiz. Es gibt keinen Zweig der Zoologie, der nicht in Frankreich tüchtige Bearbeiter und zwar in der jetzt geltenden gründlichen Richtung gefunden hätte. Als vergleichende Anatomen glänzen Cuvier, GeoffroySaint-Hilaire (s. d.), H. L. Geoffroy, Blainvillc, Laurillard und Duvernoy; die Säugthiere bearbeiteten Geoffroy Saint-Hilaire, Fr. Cuvier, Roulin, Audebert (s. d.), Lacepede (s. d.), Dar- marest und Lesson; auch lieferten die beiden Letzten, ebenso wie Vieillot und D'Orbigny, be- 1 deutende ornithologische Werke; das vollständigste aller vorhandenen Werke über Reptilien ! verdankt man Dumeril (s. d.); im gleichen Felde arbeiteten Cocteau, Lacepede, Brong- i niart (s. d.); das von Cuvier angefangene und von Valenciennes fortgesetzte große Werk über die Fische wird, ungeachtet einer mangelhaften Einrichtung, zu allen Zeiten ein Denkmal erstaunlichen Fleißes bleiben; über alle Classen der wirbellosen Thiere, vorzugsweise indeß über Mollusken schrieb Lamarck (s. d.). Das Hauptwerk über Krustenthiere gaben . Milne Edwards und A ud oui n (s. d.), über Spinnen Duge's; die Zahl der Entomologen ist sehr groß; abgesehen von dem hochverdienten Latreille nennen wir nur noch Audouin, ^ Boisduval, Macquart, Serville, Guerin, Dejean (s d-und Lacordaire; die Anatomie der l Mollusken brachte zuerst Cuvier in Frankreich empor; ihre Systematik haben seitdem Viele ^ Französische Literatur (Botanik) 529 vesonders aber Deshayes mit Glück bearbeitet, während D'Orbigny, Ferussac, Blainville durch Monographien sich bedeutende Namen erwarben; die Strahlthiere untersuchten Peron, Lesueur, Quoy und Gaimard, Blainville; auch sind die Franzosen in diesem Fache nicht hinter dem Auslande geblieben, vielmehr rühren manche sehr wichtige Entdeckungen über Bau und Leben niederer Seethiere von ihnen her, wievonAudouin, Milne Edwards, Quatre- fages, D'Orbigny u.A. In der Literatur der Naturwissenschaften herrscht in Frankreich viele Regsamkeit; einige der geschätztesten und großartigsten Zeitschriften erscheinen dort, zumal die vortrefflichen „ännnlcs «Iss Sciences nsturelles" von Milne Edwards u.A.redigirt. Von Seiten des Staats geschieht Vieles zur Förderung naturwissenschaftlicher Studien, denn theils 1 finden tüchtige Leistungen Anerkennung und Förderung, theils wird nichts gespart, um die schon jetzt enormen Sammlungen, namentlich diejenigen der Hauptstadt zu vermehren. Na- ! turwiffenschaftliche Expeditionen sind seit der großen ägyptischen sich immer gefolgt, und ^ selbst in bedenklichen Zeiten nie ganz unterblieben. Pe'ron's und Lesueur's Reise nach Neuholland eröffnete in diesem Jahrhunderte die Reihe; mehre Erdumsegelungen von der Regierung veranstaltet, von Dupcrrey, Dumont d'Urvillc (s. d.), Freycinet (s. d.) geleitet, die Expeditionen nach Morea, nach dem hohen Norden und in Algier, die Aussendung einzelner Reisenden, wie Duvaucel, Diard, D'Orbigny, Lalande, die Anstellung von Sammlern in den entlegensten Erdgegendcn haben den Wissenschaften unübersehliches Ma- j terial geliefert, welches von rüstigen, meist in Paris lebenden Forschern mit Schnelle und Geschick verarbeitet und in Werken, die oft auf öffentliche Kosten gedruckt wurden, der Welt zugänglich gemacht wird. Von dem Zustande der Botanik in Frankreich gilt im Allgemeinen das über Zoologie > Gesagt«. Früh gewann diese Wissenschaft in Frankreich eine unabhängige Gestalt, indem dort l die natürliche Methode entstand, an deren Fortbildung die sranz. Botaniker bis jetzt unermüdlich arbeiten. (S. Botanik.) Nichtachtung der strengen, von Linne in der botanischen Philosophie vorgeschriebenen Gesetze und etwas vornehme Willkür haben sich allerdings ! inmanchenderbestenSchriftendieserClaffeebensokund gegeben als geringe Kcnntniß der alten > Sprachen, indrß übersieht man, der sonstigen Gediegenheit wegen, diese Flecken und Barba- ! rismen. Die Richtung des botanischen Studiums ist jetzt in Frankreich, ebenso wie in Dcuksch- ^ land, der Anatomie und Physiologie der Pflanzen vorzugsweise zugewendet, indcß fehlt ex auch an Forschern nicht, welche nur mit systematischer Pflanzenbeschreibung sich befassen. Franz. Botaniker und Zoologen geben ein anderwärts seltenes Beispiel raschen und gedeih- ! lichcn Zusammenwirkens, denn außer den umfangreichen Wörterbüchern über das Gesammt- gebiet der Naturwissenschaften, die in wenigen Jahren vollendet wurden, sind Reihen zoologischer Specialwerke unter dem unpassenden Titel von Fortsetzungen zu Buffon erschienen, während das von Decandolle (s. d.) begonnene Riesenwerk der Aufzählung aller bekannten Pflanzen jetzt durch einen Verein ausgezeichneter Männer seinem Schlüsse zugesührt wird. An botanischen Prachtwerken ist die sranz. Literatur sehr reich, indem entweder die Negierung die Mittel zur Herausgabe lieferte, oder reiche Buchhändler, auf eigene Gefahr, so großen Unternehmen sich Hingaben. Bekannt sind besonders die unübertrefflichen Leistungen von Redoute (s. d.) und Turpin als Zeichner, und die mit zahllosen Abbildungen versehenen Werke von Tuffac, Descourtilz, Geoffroy Saint-Hilaire, Decandolle Delessert ss. d.) und Labillardiere (s. d.), und die botanischen Atlanten, z. B. von ^ Gaudichaud, dem Begleiter Freycinet's, welche den Berichten über die von der Negierung veranstalteten Entdeckungsreisen beigegeben sind. Pflanjenanotomie und -Physiologie pflegten in neuester Zeit Dumortier, Mirbel, der schon um 1802 neue und sehr cigenthümlich« Ansichten über die Elementarorgane der Pflanzen bekannt machte und an C. L. Richard einen würdigen Gegner fand; ferner Turpin, Decaisne, Dutrochet, Guillemin, Morren, Lefebure, Vaucher, Montagne u. A., die zum Theil auch aufdie Fragen eiugingen, welche die in Deutschland neu entstandene Agriculturchemie (s. d.) anregte und die aufLebcns- thätigkeit bezüglichen chemischen Einflüsse besprachen. > Obschon cs in Frankreich bereits im 16. und 17. Jahrh. nicht an geschickten Chirurgen fehlte, unter denen mehre, wie Ambr. Parc (s. d.), gest. l592, sich einen ausgezeichneten Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. 34 530 Französische Literatur (Medicin, Staatswissenschast) Namen erwarben und durch cigenthümliche Methoden sich bekannt machten, so gewann die Chirurgie doch erst im 18. Jahrh. eine wissenschaftliche Gestalt, wozu die von Franc. M- got de la Peyronie in Paris 1731 gestiftete chirurgische Akademie und die Einrichtung der Lcnle cks cliirurgie, 1773, nicht wenig beitrugen. Als die berühmtesten franz. Chirurgen, die sich in der Literatur einen bedeutenden Namen erwarben, erwähnen wir im >8. Jahrh. Dom.Anel, der eine neue Methode zur Heilung der Thränenfistel einführte (1713); I. Louis Petit, gest. 1750, der über Knochcnkrankheiten schrieb; Fr. Lecat, gcfl. 1768, und H. Fr.Le- dran, gest. 1770, bekannt durch ihre Forschungen über den Stcinschnitt; Franc. Sauveur Morand, gest. 1773, und dessen Sohn Jean Franc. Clem. Morand, gest. 1783 ; Th. Tron- chin (s. d.), gest. 1781; ToussaintBordenave, gest. 1782 ; I. P. David, gest. 1783; Ant. Louis, gest. 1792; ferner P.J. Default (s.d.), gest. 1795, mit dem eine neue Ara der franz. Chirurgie beginnt; Rafael Bicnvenu Sabatier, gest. 1811; Jos. Fr. L. Deschamps, gest. 1823; Ant. Portal, gest. 1832; Anthelme Richerand, geb. 1779; Alexis Baron Boyer (s. d.), gest. >833; Euill. Baron Dupuytren (s.d.), gest. 1835, und Dom. Jean Baron Larrey (s. d.), gest. 1832. Unter den franz. Geburtshelfern erlangte Baudelocque, gest. 1815, den meisten Ruhm. Was dieMedicin anlangt, so wurden von Franzosen vorzugsweise die Fächer bearbeitet, die eine sinnlich wahrnehmbare Erscheinung begreifen. Um Pathologie und Therapie machten sich am verdientesten Fr. Boissier Sauvages, gest. 1767, der die Krankheiten classificirtc, Phil. Pinel (s.d.), gest. 1826, Jean Louis Alibert, geb. > 780, der auch unter den Physiologen mit Achtung genannt wird, Rene Theoph. Hyac. Laennec, gest. >826, und Broussais (s. d.), gest. 1838. Eine treffliche populaire Diätetik lieferte Ti ssot (s.d.) in dem „Xvis an pcuple snc >u sollt«" (Lausanne 1 761). An Lehrbüchern und Schriften über Arzneimittellehre und Pharmacie ist kein Mangel; nächst Achille Richard, geb. 1793, machte Orfila (s. d.) mit seiner „'l'oxicologsiv" (2Bde., 3. Aust., Par. 1833) Epoche. Lagrange und Ant. Baume (s.d.), gest. 1803, schrieben Lehrbücher der Pharmacie. Als Thicrärzte sind I. I. Mangct, Et. Guill. de la Fasse, Bourgelat, der Stifter derVctcrinairschule in Lyon (1761), J.J.Paulet, L. VitetundVicqd'Azyr zu bemerken. Die Staatswissenschaft bildete sich in Frankreich seit dem >6. Jahrh. unter Einwirkung mannichfacher Erfahrung, nicht ohne Übertreibungen und Verirrungen aus. Die philosophische Idee vom Staate wurde durch das Studium der Alten entwickelt, und die Revolutionen, welche im 16. Jahrh. die Kirche und im 17. das Königreich England erfuhren, brachten eine Menge neuer Ideen in Umlauf. Den ersten Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung der idealen Staatslehre machte Jean Bo di n (s. d.), gest. 1596. Etienne de la Boetie, gest. 1561, bekannte sich zu kühnen Grundsätzen alterthümlicher Freiheit in dem „Irnite Ir> servituckc volnutilire"; in gleicher Gesinnung schrieb Hubert Lan guet (s. d.), gest. 1581, unter dem Namen Stcph. Junius Brutus seine „Vimliciae contra t)ra»»ns". Auch eine große Zahl der in der grcuelvollcn Periode von Franz I. bis aufNichelieu geschriebenen Memoiren muß theilwcisc zu den politischen Schriften gerechnet werden. Gelang es auch Richelieu, die lang entbehrte Ruhe wiederhcrzustellen und den offenen Widerstand zu unterdrücken, so wurden doch unter seiner Herrschaft, noch mehr aber unter seinem Nachfolger Mazarin Stimmen der Unzufriedenheit laut, die selbst unter Ludwig XlV. nicht ganz verstummten. Unter der Regierung Ludwig's XV. trat der Widerspruch nicht mehr in augenblicklichen Ergießungen bittern Unmuths oder witzigen Spotts, sondern in ernster wissenschaftlicher Gestalt hervor; brit. Ideen gewannen überwiegenden Einfluß, und man wußte was man wollte. Voltairc(s. d.), Rousseau (s. d.), Montesquieu (s. d.), Mably (s. d.), Naynal (s. d.), die Encyklopädistcn (s. d.) veränderten den Geist der Nation durchaus und noch jetzt ist ihr Einfluß bedeutend. Unter der großen Zahl politischer Schriftsteller, welche sich seit der Revolution in Frankreich hcrvorgethan haben, nennen wir nur Sieycs, Condorcet, Mirabeau, Benj. Constant, Mad. de Stack, dePradt, Talleyrand, Chateaubriand, Courier, Roycr-Collard, Guizot, Foy, Ke'ratry, Villele, Dupin, Martignac, Casimir Pe'ricr, Odilon-Barrot, Cormenin, Thiers, Capefigue und Mich. Chevalier. Die Sachwalter des theokratischen Despotismus und der Papstmacht, wie Jos. de Maistrk (s. d.) und Louis Gabr. Ambr. Vicomte deBonald (s. d.), wurden bald vergessen. Französische Literatur (Nationalökonomie, Jurisprudenz) 531 Die Nationalökonomie, lange praktisch und eigentlich als Cabinetsgeheimniß vorhanden, che sie wissenschaftlich bearbeitet wurde, hat in Frankreich treffliche Schriftsteller gefunden. Aus früher« Zeiten sind Sully's „blcniiowic8 ro^ules" zu bemerken. Colbert's Hauptfürsorgc war auf Handel und Gewerbe gerichtet, um den Gcldreichthum des Landes zu steigern; seinem Mercantilsystem wurde das aus philosophischer Forschung hervorgegangene phystokratischc System entgegengesetzt, welches Franc. Quesnay (s.d.), gest. 1774, sein Entstehen dankt und das später der Minister Turgot (s. d.), gest. 1781, anzuwendcn versuchte. Seitdem beide Systeme durch den Schotten Adam Smith auf den gemeinsamen Emndbegriff der Arbeit zurückgeführt wurden, hat Frankreich eine Menge trefflicher Arbeiten auf diesem Felde aufzuweisen, deren Verfasser theils Smith sich anschließen, theils dessen Theorie selbständig modificirtcn, und unter denen wir nur Jean Bapt. deSay (s. d.), Ca- nard, Franc. Charl. Louis Comte (s. d.), Dunoyer, Rey, Charl. Eanilh (s. d.) und Sis- mondi namentlich anführen. Die politische Geographie wurde im Vergleich zu andern Wissenschaften in Frankreich vernachlässigt; dagegen gibt es treffliche Landkarten, insbesondere von Claude Delisle (s. d.), d'Anville (s. d), Cassini (s. d.), Barbie'du Boccage (s. d.) u. A. Das beste geographische Handbuch schrieb der Däne Maltebrun (s. d.), gest. > 826. Ausgezeichnet ist das„Dictioniiiüre gsoArspliigus imiversvlle" (8 Bdc., Par. 1825), woran indeß auch Deutsche, z.B. Humboldt und Klaproth, gearbeitet haben. Die Statistik entstand in Frankreich wissenschaftlich unter Richelieu, der eine ausgebreitete Staatenkenntniß als noth- wendige Bedingung seiner umfassenden politischen Wirksamkeit anerkannte; P. Davity, gest. 1636, verfaßte mit musterhafter Sorgfalt und Vielseitigkeit das erste classische statistische Werk „I-es etuts, ei»;>ües, rtt)itiii»es, etc. clii moncie" (2 Bde., Par. 1616, Fol.; vermehrt von J.B. de Nocoles, 7 Bde., Par. 1666, Fol.). Unter den übrigen statistischen Werke» erwähnen wir nur die von L.Ballois, gest. >863, und P. E. Herbin. Francois de Neu sich ate au (s. d.) gab mit seiner Statistik des Departements der Vogesen 1796 zu den amtlichen statistischen Beschreibungen einzelner Provinzen den Ton an, worauf die meisten Prä- fccten ebenfalls Beschreibungen der einzelnen Departements lieferten. Charl. Dupin begleitete seine genauen statistischen Angaben mit scharfsinnigen Urtheilen und Folgerungen. In neuester Zeit lieferten die wichtigsten Werke über die Statistik Frankreichs A. Legoyt und Schnitzler. Die ältere franz. Jurisprudenz hatte eine doppelte Richtung, einmal auf das röm. Recht, wo sie mit der deutschen zusammentraf und in Cujacius (s. d.) und seinen Zeitgenossen ihren Kulminationspunkt erreichte, und dann auf das eigenthümlich franz. Recht der alten Provinziallandrcchte (contumos) und der königlichen Ordonnanzen. Unter den Systematikern der spätem Zeit ist besonders Rob. Jos. Pothicr (s. d.), gest. 1772, zu nennen, welcher in einer großen Reihe einzelner Abhandlungen fast alle Thcile des Rechts behandelte. Sonst war vor der Revolution die Rechtswissenschaft von der rein historischen Behandlung sehr abgekommen und entweder dogmatisch praktisch geworden, wohin die vielen Repertorien gehören, von welchen wir nur das letzte von Merlin von Douai, gest. 1838, erwähnen, welches gleichsam den Übergang von der ältern in die neueste Zeit bildet, oder rhetorisch, wohin die vielen Sammlungen gerichtlicher Vorträge zu zählen sind, oder endlich philosophisch-re- fvrmirend, von Montesquieu s Werke über den Geist der Gesetze an bis zu dessen neuern Commentatoren. Auf diesem Standpunkte steht die franz. Schule der Nechtsgclchrten im Tanzen noch gegenwärtig, ohne weder in historischer noch in philosophischer Hinsicht sich bedeutend erhoben zu haben. Selbst die Arbeiten vonPastöret (s. d.) und Comte (s. d.) sind von keinem großen Werthe. Erst in neuerer Zeit singen die franz. Juristen an, sowol die historische als die philosophische Seite des Rechts mit mehr Ernst und Gründlichkeit zu behandeln. Dagegen zeichnen sich die Kommentare der ältern und neuern Gesetzbücher und die dogmatischen Bearbeitungen des neuern Rechts von Boulay-Paty, Pardessus, Sircy, Leere, Dalloz, Bourguignon u. A. durch Scharfsinn, Genauigkeit und Vollständigkeit aus. Deutsche Ideen haben auch aus die franz. Jurisprudenz Einfluß gewonnen, und der eklektischen Philosophie entspricht eine rechtsphilosophische Schule, die durch Lcrminier (s. d > 34* 532 Französische Literatur (Theologie, Philologie) am eigenthümlichsten vertreten wird. Zu den jünger» Juristen, die zur Verbreitung rechtsgeschichtlicher Studien in Frankreich besonders beigetragen haben, gehört Ed. Laboulaye, des- sen Schrift „De I'enseignement liu «iroit <1e Lrsncs" (Par. 1840) einen guten Blich in den Zustand der franz. Rechtswissenschaft gewährt. Obschon es in Frankreich zu keiner Zeit an einzelnen gelehrten Theologen gefehlt hat, und namentlich viele Benediktiner, Väter des Oratoriums, Jansenisten und Jesuiten um Bibelstudium, Kirchengeschichte und Patristik sich bedeutendes Verdienst erworben haben, so hat doch die franz. Theologiesich nicht auf den Standpunkt erheben können, den sie in Deutschland erreicht hat. Aus dem l O.Jahrh. sind Calvin (s. d.) und sein geistreicher Nach- s folger Theod. Beza (s. d.) zu nennen; im 17. Jahrh. feierte die geistliche Beredtsamkeit durch B ossuet (s. d.), Massillon (s. d.), Fle'chier (s. d.), Bourdaloue (s. d.) u. A. ihre schönsten Triumphe; seit der Mitte des 18. Jahrh. aber wurde durch Freigeisterei die franz. Theologie von aller Theilnahme an den Fortschritten der wissenschaftlichen Cultur ausgeschlossen, und bei der noch gegenwärtig bestehenden Einrichtung der theologischen Sc» ! minarien in Frankreich kann von einer Wissenschaft der Theologie kaum die Rede sein. Die ! bessern Werke sind meist raisonnirend; wir erwähnen hier nur die Namen CH arro n (s. d.), P ascal (s. d.), Ant. Arnauld (s. d.), Nicole, Huet(s. d.), Bossuet, F^ne'lon (s. d.), Vernet und Chateaubriand (s. d.). Benj. Constant (s. d.) gab in seinem Werke „De In relij-ioi>, eonsilleree clsns su soiircs, ses lormes ei sos clevelozipements" den ersten Ent- ! wurf zu einer, freilich sehr einseitigen Religionsphilosophie; größere Theilnahme als er fand der geistreiche Lamennais (s. d.), während des Bischofs Frayssinous (s. d.) Bemühungen ganz vergebens waren. Die classische Philologie, ein überwiegendes Element der literarischen Cultur des gesammten neuen Europas, war dies besonders in Frankreich, wo man seit Franz I. mehr als in irgend einem andern Lande die eigentliche Nationalliteratur nach dem Muster der Alten zu gestalten versuchte und wo das humanistische Studium auf Jurisprudenz, Medicin, , Mathematik, Geschichte, geistliche und gerichtliche Beredtsamkeit einen unmittelbaren praktischen, höchst bedeutenden Einstuß äußerte. Obschon indeß die Kenntniß der lat. und griech. j Sprache und Schriftsteller das ganze Mittelalter hindurch in Frankreich nie ganz verloren - ging, so kann man doch erst seit dem Anfänge des 16. Jahrh. von Philologie reden. Die ! philologische Regsamkeit verlor sich aber wieder, nachdem der Absolutismus unter Ludwig XIV. seine Vollendung erreicht hatte, besonders seit der Unterdrückung der Protestanten; die Geistesbildung wurde zum Werkzeuge höfischer Absichten herabgewürdigt, und wenn auch alle gelehrte Bildung forthin noch auf das Studium der Alten begründet blieb, so erzeugte sich doch bald der Wahn, daß jene großen Muster als Förderungsmittel selbständiger Vollkommenheit hinreichende Dienste geleistet hätten; die Erklärung der Classiker verflachte sich in kurzer und bequemer Leichtigkeit, und die durch sinnliche Anschaulichkeit zusagende Beschäftigung mit artistischer Archäologie und alterthümlichen Realien gewann das Übergewicht. Erst gegen die Mitte des 18. Jahrh. erwachte ein neuer Eifer für gründliche Philologie; die Revolution aber sowie die ganze Periode des Kaiserreichs waren zu entschieden realistisch, als daß die Philologie hätte gedeihen können. Als die berühmtesten franz. Philologen des 16. Jahrh. sind zu nennen Budäus (s.d.), 1467 —1540, der eigentliche Begründer besonders der griech. Sprachkenntniß in Frankreich unter König Franz I.; Julius Cäsar Scaligerss. d.); Rob. und Henri Etienne (s. Stephanus); Muretus (s. d.), . gest. 1585; Turnebus (s. d.), Lambinus (s. d.), Hotomannus (s. d.), Pithöus (s. d.), Jos. Justus Scaligcr (s. d.), 1540 —I60S, Isaak de Casaubou (s. d.), 1559 — 1614; aus dem >7. Jahrh. Vigerus (s. d.), 1591 — 1647, und S almasius (s. d.) 1588—1653; Jacq. Paumier, lat. Palmerius, gest. 1670, beförderte die alte Geographie durch seine „vescriptio Orseciae sntiquse" (Leyd. 1678). Tanaquil Faber (s. Lefevre), gest. 1672, wirkte als Lehrer und als Schriftsteller. Charl. Dufresne (s. d.), 1610 — 88 , machte sich hochverdient um die byzant. Geschichte, spätere Gräcität und Latinität und dir °> Geschichte des Mittelalters. Unter Bossuet's (s. d.) und Huet's (s. d.) Leitung erschienen seit 1674 die Ausgaben röm. Classiker in usum velpllini. Anna Dacier (s. d.), gest- 1720, und ihr Mamr Andre Da ci er (s. d.), gest. 1722, übersetzten und erläuterten Vieles Französische Literatur (Rhetorik, Poetik) 533 mit treuem Fleißc. Danct's, Cantel's, Larue's, Jean Hardouin's (s. d.), Sanadon's (s. d.) u. A. fleißige Arbeiten sind jetzt zum Theil vergessen. Der Jesuit Fr. Pomcy erläuterte die Mythologie. Um die Chronologie und Astronomie erwarb sichPetavius(s. d.), 1583—1652, bedeutendes Verdienst. Auf röm. Numismatik wurde viel Fleiß verwendet, vorzüglich von Jean Foy Vaillant (s. d.), 1632 — 1706. Im I8.Jahrh.ist unter den Chronologen Nie. Frc'ret (s. d.), gest. 1739, zu nennen; die Numismatik erhielt einen wackcrn Bearbeiter an Jos. Pellerin, gest. 1782; d' Anville (s. d.), gest. 1782, wirkte für alte Geographie; die Kunst des Alterthums erläuterte Montfaucon (s. d.), 1655—17-11, in dessen Fußstapfen Caylus (s. d.), 1692 —1765, trat. Für röm. Geschichte leistete Cre- ! vier Einiges, bedeutend mehr jedoch der gelehrte Charl. de Brosses (s. d.), gest. 1777. Villoison (s. d.), gest. 1805, und Larcher (s. d.) arbeiteten für griech. Literatur erfolgreich thätig. Nächst ihnen sind, abgesehen von den Deutschen Brunck (s. d.), gest. 1803, Zerem. Jak. Oberlin (s.d.), gest. 1806, und Schweighäuscr (s-d.), JeanJacq. Bar- thelemy (s. d.), Sainte-Croix, Volney (s. d.), Etienne Clavicr, der geistvolle Courier (s.d.)undinderneuestcnZcitA. Letronne (s.d.) zu erwähnen. Namentlich wurden morgen- länd. Sprachen von den Franzosen seit Richelieu, der die erste morgenländ. Druckerei cin- ^ richten ließ, mit vielem Flciße betrieben. Großen Nus erwarben sich Etienne Fourinont (sd.), Abel Nein usat (s.d.), Jaubcrt, Che zy (s.d.), Champollion (s. d.), Langles (s. d.), O. uatremcre de Quincy (s. d.) und Burnouf (s. d.). Ein ganz neues Gebiet hat die Philologie in Frankreich dadurch gewonnen, daß sich die franz. Gelehrten seit einiger Zeit dem Studium ihrer reichen mittelalterlichen Literatur mit großem Eifer zugewendet haben. Zwar wagten schon in der Mitte des vorigen Jahrh. Einige, wie Laravalierc, Barba- zan, Saintc-Palaye, Caylus, Trcssan, Legrand u. A., mit scheuer Curiosität sich mit den Werken der ältern Nationallitcratur zu beschäftigen; aber das eigentliche Studium dieser , reichen Schätze, die Jahrhunderte lang, zum größten Theil »»gekannt, in den Bibliotheken moderten, datirt doch erst aus der neuesten Zeit. Verdient um die Verbreitung dieses Stu- ! diums haben sich gemacht Roquefort, Meon, Dclarue, Robert, Pougcns, Pluquet, Crapelet, Naynouard; von Jüngern nennen wir Francisquc Michel, Paulin Paris, Leroux de Lincy und Achille Jubinal. Auch einige deutsche Gelehrte haben sich erfolgreich mit altfranz. Philologie beschäftigt, wie z. B. Orell, I. Bckkcr, Adelb. Keller und Ferd. Wolf. Die franz. Lehrbücher der Rhetorik sind meist gute und brauchbare Auseinandersetzungen der von Cicero und Quinctilian gegebenen Vorschriften, die Anweisung zur Poetik aber gewöhnlich schwach und fast ausschließcnd sprachliche und rhythmische Äußerlichkeiten berücksichtigend. Den ersten rohen Versuch einer Theorie der Poesie und Beredsamkeit machte um 1500 Jean Jourdain in seiner Schrift „I^ejarclln 773). Das 18. Jahrh. versuchte aus der speciellen Kritik in eine höhere zu gelangen und hatte eine Ahnung von einer Philosophie des Schönen; allein bei der herrschenden„Scnsual- Philosophic konnte kein derartiger Versuch gelingen. Den ersten Versuch einer Ästhetik - machte der Jesuit Aves Maria Andre in seinem ,,'IHte ck» Oeau"; auf ihn folgte Diderot mit seinem „Uralte clu beau"; den meisten Ruf aber erwarb sich Charl. Batteur (s. d.), gest. 1780, der die Redekünste auf den obersten Grundsatz der Nachahmung der schönen Natur zurückführte. Als ein Bindeglied zwischen der Literatur des l 8. und 19. Jahrh. steht Marm VNtel (s. d.) da, dessen „koetiyue Irsny." und „Elements (Is litterature" reich an 534 Französische Literatur (Sprache) fruchtbaren, von den herrschenden abweichenden Ansichten sind. Lah arp e'S (s. d.) „I^ce's VN cours 694) zusammengesetzt und die von den großen Schriftstellern der Nation gebrauchten Ausdrücke eingetragen und akademisch sanctionirt. Gerade dieses Lexikon aber, dem übrigens von Sprachkennern bald die Arbeiten einzelner Sprachforscher, wie Ri- chelet's, Furetiere's u. A., vorgezogen wurden, hat der Entwickelung der franz. Sprache die ärgste Fessel angelegt. Das einzige Verdienst, welches der Akademie beigemessen werden kann, besteht darin, daß sie die franz. Schriftsprache vor Ausdrücken und Wendungen bewahrte, die nicht bei Hofe gehört werden können; aber aaich diese gesellschaftliche Abgeschliffenheit und bequeme Angemessenheit, wodurch sich die franz. Sprache allerdings seit Lud- wig's XIV. Zeit und noch gegenwärtig sowol dem Gelehrte , mit Ausnahme des Philosophen, als dem Staats - und Weltmann empfiehlt, ist wieder ein Werk der Feinheit und Eleganz der franz. Schriftsteller, zu denen von jeher viele hochgestellte Personen gehörten. Das politische Übergewicht, welches Frankreich lange Zeit in den Geschäften der europ. Staaten behauptete; die im Jahrh. Ludwig's XlV. in der That höhere Cultur Frankreichs im Ver- hältniß zu Deutschland und dem ganzen europ. Norden; d > Vertreibung von beinahe einer Million Hugenotten, die sich in ganz Europa zerstreuten; en.Iich die unleugbare Vortrefflich- kcit der Schriften eines Pascal, Bossuet, Corneille und so vieler Anderer machen es erklärlich, wie die franz. Sprache seit den, Anfänge des 18. Jahrh. zur gesellschaftlichen Universal- und Hofsprache und seit 1735 zur allgemeinen Sprache der Diplomatie werden konnte. Vgl. Allou, „üssui zur I'iiliiversitlite tle Io lsugus kroll«;." (Par. 1828). Im Allgemeinen blieb die franz. Sprache das 18. Jahrh. hindurch stationär, obgleich Voltaire in einigen Dingen vom Hergebrachten abwich und unter Ändern die von de Akat nie lange Zeit verworfene Neuerung wagte, in einigen Temxoribus des Verdi statt oes »i» ein s>5 zu schreiben. Äm meisten trug im 18. Jahrh. I. I.Rousseau zur Fortbildung der Sprache bei. Die Revolution brachte eine Menge neuer Wörter in Umlauf, andere erhielten andere Bedeutungen. Vgl. Mercier. „Xeologis 0 » vocobuloire lio mvts Iivuveoux" (2 Bde. Par. 1861). Unter den Schriftstellern der neuern Zeit, welche die Sprache wesentlich bereichert und ihr einen neuen Geist eingehaucht haben, stehen Mirabcau, Chäteaubriand, Mad. de Stael und besonders Courier oben an. Nach ihnen kam die noch kühnere romantische Schule, die, indem sie neue Sprachelcmente aus dem Gebiete des gewöhnlichen Lebens, aus den älter» Schriftwerken, besonders denen des 16. Jahrh., und zum Theil auch aus dem Deutschen und Englischen einführte, die franz. Schriftsprache wesentlich bereicherte und ihr die Freiheit und Möglichkeit fortwährender Äusbildung zurückgab. Mag man auch an einigen Romantikern Übertreibung in Anwendung alterthümlicher und ausländischer Ausdrücke und Wendungen tadeln, jedenfalls ist durch sie die franz. Sprache positiv fortgeschritten; denn schon, daß die neue Französische Musik 535 Schule die lächerliche Prüderie der klassischen in Beziehung auf das Poetische oder Unpoetische, das Edle oder Unedle auf eine gewisse Classicität der Ausdrücke, Gegenstände und Bilder abgelegt hat und auf daß „cels ne se dit der Akademie nicht achtet, ist ein wahrer Fortschritt. Viel hat auch die franz. poetische Sprache dadurch gewonnen, daß die Romantiker die Eintönigkeit des Alexandriners durch bewegliche Cäsur und Übergreifen des Sinnes in zwei Verse (echsmbement) aufzuhcben gewagt und eine Menge neuer Versarten geschaffen haben. Vgl. Fauchet, „Reciieil de I'oriAiue dein Isiigns et zivesie frans." (Par. 1581; neue Aust, von Legrand, 3 Bde., Par. 1779), Champollion-Figeac, „lVoiivelle« rectierckes snr les zmtois" (Par. 1809), G. Henry, „lUstnire de I» lun^ue frone;." (2 Bde., Par. I8ll —12) und I. I. Ampere, „üistnire de I» reformotion de lit langiie fran^." (Par. 1831). Die Zahl der Wörterbücher der franz. Sprache ist sehr beträchtlich. Vgl. Nodier, „Lxrunen critique «lei, dictionnaires de In lon-gne frain;." (Par. 1828). Rochegude, der Sammler des „karnasse oecitonien", gab auch einen „klsrcn d'nn glossaire occitsnien" (Toulouse 1819); Pougcns eine „^rckenInAie Iran,.-. <>u vocidnilnirs des niots anciens toindes en desuetude et propres ä etre restituös s» Isn^s^e moderne" (2 Bde., Par. 1825); Roquefort sorgte für das Verständniß des »ordfranz. Nomanzo durch sein„6Ios- snire eis In iangue romanc" (2 Bde., Par. 1808); gleichen Zweck hakten Borel's ,,'I'resor eie rocüercües et anticguites gnnloises et fran^." (Par. 1055, 1.) und Lacombe's „Diction- uaire du vieux lanAgj-e frany." (Par. >760 — 07). Von allgemeinen Wörterbüchern sind das der Akademie (Par. 1093), wozu in neuerer Zeit zwei Supplemente (Par. 1825 und Par. 1831, 3.) kamen, sowie die von Aimar de Nanconnct (1006), Ant. Furetiere (1090) und Richelet( 1680) die bedeutendsten. In neuester Zeit haben die Lexika von Boiste (1800), Thie'bault (>820), Raymond (1832) und Napoleon Landais (1833) großen Eingang gefunden. Für Deutsche ist das Lexikon von Mozin, welches zuleht von Peschier heraus- gegebcn wurde, zu bemerken. Mercier schrieb ein „Dictionnaire d» Oos lon^o^e" (2 Bde., Par. 1808); etymologische Lexika lieferten Menage (Par. >693, Fol.), Roquefort (2 Bde., Par 1829) und Noel Carpcntier (2 Bde., Par. >831). Die Synonymik bearbeiteten Girard, Beauzee, Noubaud und Guizvt im „!>!nnveon dictinnnoire nniversel Oes S)iwi>)ilies de!o itiliFiis fron^." (2 Bde., Par. 1809). De la Mesanges gab ein „Dictivn- uoire des zirnverOes fron^." (Par. 1821), Phil. Jos. Lcrvux ein „»ietionnoire coiniqne, sotiriqne, critiqne, Onrlesqne, Obre et zirovorOiol" (Lyon 1735) heraus. Unter den ältern franz. Sprachlehren bemerken wir die von Rob. Etienne und von Garnier (1589), unter den neuen die von Desmarais (1705), Restaut (7. Aust., 1755), Wailly (20. Aust., >829), Levizac, Giraulk-Duvivicr, Noel undChapsal, Panckoucke, Caminade, Domerguc, Bescherelle und Vanicr, dem Begründer einer neuen grammatikalischen Schule in Frankreich, die wichtigsten. Die meisten der ältern für Deutsche geschriebenen Lehrbücher der franz. Sprache haben durchaus keine wissenschaftliche Bedeutung, obgleich einige derselben, z. B. Mozin, Daulnoy, Franceson und Hirzel eine große Verbreitung fanden und zur praktischen Erlernung des Französischen förderlich gewesen sind. Ein ganz neuer Aufschwung der franz. Grammatik ist in jüngster Zeit durch eine philosophische Behandlung der Sprache hervorge- rufcn. Von den vorzüglichsten Grammatikern dieser neuern Schule nennen wir Schifflin, Städler, Mäzner, Nichon und Mager. In sprachhistorischer Hinsicht sind die Untersuchungen von F/Diez in seiner „Grammatik der romanischen Sprachen" höchst beachtenswerth. Gute grammatische Monographien lieferten Vaugelas, Menage, Bouhours, Girard, Ber- cher, Francois de Neufchäteau, Bcrtrand, dDlivst, Dubois und Ackermann; Lehrbücher der allgemeinen Grammatik Lancelot, unter Arnault's Leitung (1600), Duclos, Beauze, Condillac, Silvestre de Sacy und Rammstein. Bcmerkenswerth ist endlich noch, daß auch die franz. Patois oder Volksmundartcn in neuester Zeit sich einer wissenschaftlichen Behandlung zu erfreuen gehabt haben. Das wichtigste Werk, welches in dieser Beziehung zu erwähne» sein dürfte, ist das „T'oOieon sznttptiqne et coinporotif des idiomes zxqniloires n» zra- tois (1s In ki-sncs", von I. F. Schnakenburg (Bcrl. 1830). Französische Musik. Die ersten Anfänge derselben fallen gegen Ende des 5. und zu Anfänge des 6. Jahrh. Was Strabo, Diodor und andere alte Schriftsteller über Musik unter den Galliern vor der Unterjochung durch die Römer berichten, sind ungenügende Andeutnn- 6 : 4 ' 536 Französische Musik gen, und die Musik, bei deren Klange Pharamond zum König ausgcrufcn wurde, mag wol kaum etwas Anderes gewesen sein als eine Art kriegerischer Musik, wie sie auch gegenwärtig bei uncivilisirten Völkern zu finden. Dagegen wurde König Chlodwig, als er 4 96 zu Rheims sich taufen ließ, durch die bei dieser Gelegenheit aufgeführte Musik so ergriffen, daß er auf ihre Pflege und Verbreitung fortan sein Augenmerk richtete. Ein ihm von Thevdorich dem Großen zugcsendcter gebildeter Musiker wurde zu Verbesserung des Kirchcngesangs ver- . wendet. Die Volksmusik war und blieb noch lange misachtet und zurückgesetzt. Selbst Karl > der Große, seiner Volksliedersammlung ungeachtet, wendete seinen Eifer mehr dem Kirchen- ! gcsange als der Volksmusik zu. Er ließ röm. Sänger kommen und Singschulen von ihnen ' errichten. Glcichwol haben cs die Franken in dieser ihnen aufgedrungenen Kunst der kirch- i lichen Musik nie zu einiger Bedeutung gebracht. Einen Wettstreit seiner Sänger mit den römischen, entschied Karl selbst zu Gunsten der letztem. Erst seit der Vermählung des Königs Robert mit Constance von Provence zu Anfänge des 10. Zahrh. scheint die Volksmusik der Franken durch die überkommenen provencalischcn Melodien einen fördernden Anstoß erhalten und durch die gleichfalls der Provence entstammten Troubadours (s.d.) einen noch hohem Aufschwung genommen zu haben. Fürsten und Höfe liebten und förderten die Kunst dieser wandernden Künstler, während durch die Jongleurs und Mene'triers, die theils jene begleiteten, theils auf eigene Hand umherzogen, sic auch unter die nieder« Volksclasscn verbreitet, freilich aber auch endlich herabgczogen wurde. So blieb es bis ungefähr in die Mitte des l 9. Jahrh. Um diese Zeit bereitete sich in der kirchlichen Musik, die bis dahin und später in starrer Abgeschlossenheit von jenen Bestrebungen keine Kenntniß nahm, ein neuer Umschwung vor durch die Verbesserung und Regelung der Men suralmu sik (s. d.) durch Franco von Köln und durch die Versuche einer geordneten mannichfaltigen Harmonie, sowie durch Erfindung einer zweckmäßigen Notenschrift. Ein lebhaftes Fördcrungsmittcl waren die , geistlichen Komödien (die Mysterien), in denen durch Musik und Declamation eine biblische , Geschichte dargcstellt wurde, und für welche Philipp der Schöne l!!>3 selbst ein eigenes ' Theater in Paris baute. Jndcß des ganz leidlichen mehrstimmigen Satzes, der in den Überbleibseln eines Adam de la Hale und der Bemühungen des gelehrten Doctors der Sorbonne Johannes de Muris (äonn cks bleur8), ungeachtet, blieb doch in der Folge die musikalische Kunst in Frankreich hinter Dem, was in Belgien, Italien und Deutschland geleistet wurde, weit zurück. Selbst die durch Franz I. errichtete Kapelle äußerte keinen durchgreifenden Einfluß. Zwar blieben die mit Katharina von Medici und später mit Maria von Medici nach Frankreich gekommenen Italiener und die seitdem in Italien entstandene Oper nicht ohne Einfluß, dennoch wurde erst durch Lully (s. d.), einem geborenen Florentiner, ein erster Grund zu einer nachmals sich ausbildenden nationalen Richtung der Musik in Frankreich gelegt, indem er das Beste, was er von Volksmelodien auf seinen Reisen fand, in seinen Opern benutzte und zugleich eine lebendigere Instrumentation anwendetc. Falsch aber ist cs, wenn man ihn den Erfinder des rhythmisch-dcclamatorischen Stils, den Schöpfer der franz. Musik nennt. Nach ihm, und ihn zum Thcil übcrbietend und in Überladung verfallend, erwarb sichNameau (s. d.) besondere Geltung. Das Übertriebene, Geschmacklose in seinen Opern fand in Rousseau einen heftigen Bekämpfer, der selbst nicht ohne Glück für die Oper schrieb. Unterdeß hatte sich die Opern comigue von der franz. Musik gesondert, und Phili - > dor (s. d.) und Monsigny (s. d.), die für sie schrieben, huldigten der ital. Weise, welche in ^ Piccini ihren Hauptvertreter fand. Da trat der Deutsche Gluck (s. d.) >774 in Paris mit ' seiner „Jphigenia in Aulis" auf und das Eigenthümlichc seiner Musik, die spiritualistischt Auffassung und das Vorwalten des declamatorischcn Elements gegenüber dem sinnlich melodischen der ital. Schule erschienen so durchaus neu und fanden in dem franz. Volkscharakter eine so lebhaft anklingende verwandte Saite, daß ei» höchst lebhaft geführter Streit der Gluckisten und Piccinisten entstand, an welchem nicht nur Volk und Hof theilnahmcn, sondern der sich selbst bis auf den Thron erstreckte. Gluckistin war die Königin, Piccinist der König. Glcichwol hatte die ganze Erscheinung augenblicklich keinen merklich umgestaltenden Einfluß. Vielmehr schien nach Gluck's Abtreten Alles in das gewohnte Gleis zurückzufallen. In der That aber war die scharf bezeichnende Declamation, das Unterordncn des Musik- formellen unter den Situativns- und Gefühlsausdruck und das Zurückweisen der Gesangs- Französische Philosophie 537 Virtuosität in die Schranken dramatischer Darstellung zwar nur von allmäligem, aber sichern» Einfluß auf die Wecke der Zeitgenossen und Nachfolger. Unter ihnen sind vorzüglich zu nennen Gretry (s. d.), Dalayrac (s. d.), Monsigny (s. d.), M e h ul (s. d.), Boyel- dieu ff. d.), Jsouard (s. d.), Gossecss. d.) undLesueur (s. d.). Auffallend ist, daß gnade zwei Italiener es sind, in denen jener Einfluß am cigcnthümlichsten, großartigsten und entschiedensten hervortritt, nämlich in Cherub ini (s. d.) und Spontini (s. d.), während bei den neuesten franz. Componisten, schon bei Boyeldieu die Einwirkung von Rossini's glänzenden Erfolgen inehr oder weniger merkbar ist. Die hervorstechendsten derselben sind Herold (s. d.), Halevy (s. d.), Adam (s. d.), und vor Allem Auber (s. d.). Ein Deutscher endlich, Meyerbeer (s. d.), scheint nach mehrerlei Bestrebungen in deutscher und ital. Weise in der franz. Musik den ihm günstigsten Boden gefunden zu haben. Minder bedeutend als in der Oper, ja geradezu schwach sind die Leistungen der Franzosen auf dem Felde der kirchlichen Musik. Außer Gossec, Lesueur und Cherubim ist kaum ein bedeutender Tonseher zu nennen, und Choron's Institut für kirchlichen.Gesang ging mit ihm zu Grabe. Im Bereiche größerer Jnstrumentalwerke (Symphonie) ist Bcrlioz (s. d.) der Erste und bis jetzt der Einzige, der diese« Feld bebaute. Von größtem Einfluß war die Errichtung des pariser Conservatoriums im J. l793 unter Cherubini's, jetzt Auber's Leitung. Die ausübende Musik wurde durch dasselbe auf eine früher nicht gekannte Höhe gebracht. Sänger und namentlich Virtuosen, die in der ganzen gebildeten Welt sich Anerkennung erwarben, hat Frankreich seit Ende des vorigen Jahrh. hervorgcbracht, obenan die durch Rud. Kreutzer (s. d.), Rode (s. d.), Baillot (s. d.) gegründete Eeigerschule. Auch der Instrumentenbau steht gegenwärtig auf sehr hoher Stufe, und namentlich haben Erard's Clavicr- instrumente den ausgebrcitctsten Ruf. Für Theorie, Harmonik und Geschichte wirkten namentlich Catel (s. d.), Cherubini (s. d.), Reicha, Fetisss. d.) u. A. Von musikalischen Zeitschriften sind gegenwärtig vorzugsweise die „6urette musicsle", die mit der frühem „ktevue musicaie" verschmolzen ist, und die „brsnce musicsie" zu nennen. Französische Philosophie. Wenn man den Antheil, den die Franzosen an der Cultur der Philosophie genommen haben, erst von der Zeistan datiren wollte, wo die Repräsentanten der letztem sich der Landessprache zu bedienen anfingcn, so würde das l6. Jahrh. den Zeitpunkt bezeichnen, von welchem an eine franz. Philosophie sich zu entwickeln ansing. Indeß fällt die Zeit, wo die Franzosen einen großen und entscheidenden Einfluß auf die Philosophie hatten, viel früher. In den Zeiten der Scholastik, von Anfang .des l2. bis in die Mitte des 14. Jahrh. war Paris der Mittelpunkt einer wcitgreifcndcn philosophischen Regsamkeit; dort hauptsächlich wurden die großen Kämpfe zwischen der Scholastik und Mystik, dem Nominalismus und Realismus, dem Kirchenglauben und der nach Freiheit und Selbständigkeit strebenden Forschung gekämpft, und die Repräsentanten dieser Kämpfe, Abä- lardus (s. d.), Thomas von Aquino (s. d.)u. A., waren entweder selbst Franzosen oder lernten und lehrten in Paris. Nachdem das wiedercrweckte Studium des Alterthums die Fundamente der mittelalterlichen Bildung erschüttert, waren Montaigncss. d.) und Charron (s. d.) die Ersten, welche in der Darlegung ihrer Ansichten über Volk und Menschen, über die Möglichkeit des Wissens und das Verhältniß der Sitte zur Moral und des Glaubens zur Vernunft von dem hergebrachten Formalismus der Schulphilosophie abzuweichen wagten, Beide indeß mehr skeptisch raisonnirend als wissenschaftlich untersuchend. Beiweitem tiefer ging rücksichtlich der Politik Jean Bo bin (s. d.) in seinem Werke „Oe In repulilchue". Den Mittelpunkt der franz. Philosophie im 17. Jahrh. und zugleich einen der entscheidenden Ausgangspunkte der gcsammten neuern Philosophie bildete aber erst die Philosophie des Rene Descartes (s. d.), der bis auf die Gegenwart der einzige Metaphysiker von allgemein historischer Bedeutung ist, den Frankreich hervorgebcacht hat. Um ihn grup- Pirt sich, eheils als Anhänger, theils als Gegner, eine Anzahl ausgezeichneter Köpfe, die, von seinen Schriften angeregt, belehrt oder zum Widerspruch gereizt eine Zeit lang den philosophischen Studien in Frankreich eine nicht geringe Regsamkeit verschafften, und die theils durch die Verbindung der Philosophie mit der Mathematik und den Naturwissenschaften, «Heils durch Bekämpfung der Hierarchie nnd des Jesuitijmus einen sehr wohlthätigen Einfluß hatten. Unter ihnen sind vorzugsweise zu nennen Louis de la Forge, Arzt zu Saumur, 538 Französische Philosophie Ant. Arnauld, l6l2—94, dessen philosophische Schriften Chr. Jourdain (Par. 1843) herausgegeben hat, Blasse Pascal (s. d.), Pierre Nicole, 1625 — 95, Nic. Male- brauche (s. d.), P. Dan. Huet (s. d.), P. Gassen di (s. d.) und P. Mersenne, gest. 1648. Der vorherrschend dogmatischen Richtung der Cartesianischen Schule stellten nicht nur Huet sondern auch Franx. de Lamothe le Bayer (s. d.), gest. 1672, u. A. einen bald das Wissen dem Glauben unterordnenden, bald die Religion selbst in den Zweifel hereinziehenden Skepticismus entgegen. Ganz unabhängig von allen eigentlich systematischen und spekulativen Streitigkeiten schrieb F e'n e'l o n (s. d.) in schöner Sprache und mit der wärmsten religiösen Überzeugung seine „kecberckes s»r I'existence <1s llieu". Auch Bossuct's (s. d.) glanzende Rhetorik entbehrte der Philosophie nicht, und seine „(lonnaissance Vien et 6e »oi-wsme" muß zur philosophischen Literatur der Franzosen gezählt werden. Mit Descartes und Malebranche schien sich die originale Productionskraft der Franzosen für Philosophie aus lange Zeit erschöpft zu haben. Einen Theil der Schuld trägt jedenfalls der ganze gesellschaftliche Zustand Frankreichs vom Ende des 17. bis herab zu den letzten Decen- nicn des 18. Jahrh. Die frivole und leichtfertige Art zu philosophiren, welche im l 8. Jahrh. die höchste Stufe erreichte, begann unter dem Einfluß des Hoflebens schon gegen Ende des 17. Zahrh.; Witz fing an für Tiefsinn, kluger Egoismus für Lebensweisheit, flache Empirie für gesunde Philosophie zu gelten, und S ain t°Evremont (s. d.), gest. 1713, und der Herzog Franc, de Larochefoucauld (s. d.), 1612—86, gaben namentlich den höhern Ständen den Codex ihrer Lebensansichtcn und ihrer Moral. Fönten elle (s. d.), >657— 1757, bei seinen Zeitgenossen hochberühmt, erhob sich nicht über ein leichtes und gefälliges Spiel mit wenig begründeten Gedanken, und scharfsinnige Köpfe, wie der pariser Arzt Cl. Brunet, der in seinem „krojet rinne nouvelle metspk)sikj»e" (Par. 1763) eine idealistische Richtung einschlug, blieben ohne Einfluß. Einen unter einer Masse historischer Gelehrsamkeit versteckten unablässigen Krieg mit den Systemen und religiösen Dogmen aber auch , mit den Vorurtheilen seines Zeitalters führte Pierre Bayle (s. d.), 1647—1766, der aber ! im l 8. Jahrh. einen größer» Einfluß gewann, als er im 17. gehabt hatte. ^ Das 18. Jahrh., welches sich selbst le siede z>kilosopbi 7. begonnen hatte. Es entwickelte sich in ihm theils eine immer weitcrgreifende und hartnäckigere Opposition gegen die wirklichen Misbräuche in Kirche und Staat, gegen geistlichen und weltlichen Despotismus, theils eine immer unverholenerhervortrctendeUnterwüh- lung aller religiösen und sittlichen Überzeugungen. Der einflußreichste Träger dieser Richtung des Zeitalters, welche sich in der franz. Philosophie des 18. Jahrh. viel mehr abspiegelte, als durch sie hervorgerufen wurde, war Voltaire (s. d.), 1694—1778, die positive Basis, von welcher aus die Philosophie in diesen Auflösungsproceß eingriff, war der Empirismus Locke' s (s. d.), der sich in Frankreich bald in einen platten Sensualismus und Atheismus umwandelte; der eigentliche Verbreiter der Locke'schen Psychologie, die zugleich die Stelle der Metaphysik, Ethik und Ncligionsphilosophie vertreten sollte, war Condillac (s. d.), 1715 —86, dessen Schriften in Frankreich mit dem größten Beifall ausgenommen wurden. An ihn schlossen sich mehre ausgezeichnete Köpfe an, wie Diderot (s. d.), 1713—84, und der große Mathematiker d'Alcmbert (s. d.), 1717—89, die in Verbindung mit Helve- tius (s. d.), Duclos (s. d.), Marmo ntel (s. d.), Grimm (s. d.), Con dorret (s. d.), Raynal (s. d.), Morellet (s. d.) u. A. durch die Encyklopädie ihre Ansichten über alle ^ Classen der Gesellschaft verbreiteten. (S. E n cyklopädi stcn.) Von dem strengen leidenschaftslosen Ernste eigentlicher philosophischer Forschung enthalten die Schriften derEncyklo- pädisten nur in einigen Partien bemerkenswerthe Proben; ihre durch eine zum Theil glänzende Rhetorik wirksam unterstützte Tendenz ist meist polemisch, und bei Einigen von ihnen, wie z.B. bei Holbach (s. d.) in dem berüchtigten „8^8tems Schamlosigkeit hervor. Edlere Elemente wirkten in Rousseau (s. d.), 1712—78, dessen Verbindung mit den Encyklopädistcn daher nur eine sehr vorübergehende war; zu einer kiefern Auffassung der Natur hätten die beredten Schilderungen und geistreichen, wenn auch unhaltbaren Ansichten B u ffo n's (s.d.), >767—88, sowie die Betrachtungen so frommer Französische Philosophie 539 und redlicher Naturforscher, wie CH. Bonnet (s. d.) und Robinet („kssui sur Is gruclstioll ,ies etres", Amst. 1768, und „De In nuluro", 8Bde., Amst. 1761 —68), beitragen können. Ebenso hatte Montesquieu (s. d.), >689—1755, in seinem bis jetzt wol im Einzelnen, aber noch nicht im Ganzen übertroffenen „Lsprit «les lois" ans historischer Grundlage den Blick für die mannichfaltigen Formationen des Staatswcsens und ihre innere Verwebung geöffnet; in ähnlichem Geiste schrieb der scharfsinnige und charakterfeste Condorcet (s. d.), 1713-9-1, über die wichtigsten Fragen des politischen Lebens und den allgemeinen Gang der geistigen Entwickelung. Zn der Folgezeit waren weder die Stürme der Revolution noch das militairische Geräusch des Kaiserreichs geeignet, die Pflege der Philosophie zu begünstigen, zumal daNapoleon aller tiefern philosophischen Forschung, die er durch den Namen Ideologie zu bezeichnen pflegte, abhold war. Der vorherrschenden Richtung des Sensualismus und Empirismus traten daher erst nach der Restauration andere Elemente entgegen, die zum Theil außerhalb derPhilosophie ihren Grund und Boden haben. Den Sensualismus und Empirismus vertraten in den ersten Deccnnien des >9. Jahrh., während die Schriften von Cabanis (s. d.) meist noch in die Revolutionszeit fallen, hauptsächlich Destutt de Tracy (s. d.), der Graf Volney (s. d.), G arat (s. d.), der Arzt Broussa is (s.d.) und mit einem kleinen Zusätze speculativer Elemente auch Azcns, geb. 1766, in dem „8zst«i»s universel clo pbilosopliie" (8Bde., Par. 1816 — 12; neue Aufl., 182-1) und „(lours tle plülosopliis generalo ou explication simple et graeluelle eie tons les üüts cle I'orclre pb^sique, pbzsiologicziie, mtellectuel, moral et politiqus". Auch der große Beifall, dessen sich Gall's Schädellehre bis auf den heutigen Tag in Frankreich zu erfreuen hat (s. Gall und Phrenologie), hat seinen Grund in dieser sensualistischen Philosophie, deren Motto z. B. Cabanis in dem Satze ausspricht: „I^esnerts, voilü tout l'liomme." Jhrgcgcnübertratallmäligeinetheologisch-spi- ritnalistische, welche bei Saint-Martin (s.d.) in seinem merkwürdigen Buche „l)ss erreurs et eis In verite" in der Art des Jak. Böhme eine theosophische und mystische Färbung hatte, bei Andern sich mehr dem unbedingten Glauben an die Offenbarung und der Vertheidigung hierarchischer Bestrebungen zuneigtc oder ganz entschieden hingab. Diese Philosophie der Revolution, des Katholicismus und Absolutismus erhielt in dem Grafen de Maistre (s.d.), >753—>821, de Lamennais (s.d.) und Bonald(s. d.) ihre Begründer und wichtigsten Stützen; auch der seit 1815 in Frankreich lebende dän.Baron Eckstein (s. d.) und der ehemalige Buchhändler P. S. Balkanche (s. d.) schloffen sich ihr an. Zwischen beide in die Mitte trat der in Frankreich sogenannte Eklekticismus, eine Art Theorie der Erkenntlich, welche den Locke'schen und Condillac'schcn Sensualismus durch die Berufung auf gewisse der sinnlichen Empfindung nicht entlehnte Begriffe und Grundsätze in seine Schranken zurückzudrängen und die höhern, sittlichen und religiösen Interessen sicher zu stellen suchte. Die wichtigsten Urheber und Vertreter des Eklekticismus sind Noyer-Collard (s. d.) und Cousin (s. d.), auf welche Beide das Studium der schot. und der deutschen Philosophie wesentlichen Einfluß gehabt und von welchen der Letztere namentlich durch seine Arbeiten und Vorlesungen über die Geschichte der ältern und neuern Philosophie auf die Förderung der Philosophie in Frankreich eine sehr wvhlkhätige Wirkung ausgeübt hat. Ihnen schlossen sich so bedeutende Männer, wie;. B. der Baron Dege'rando(s.d.),Laromi- guiere (s. d.), J vuffroy (s. d.), Bens. Constant (s. d.), Jos. Droz (s. d.) u. A., an, und der Eklekticismus genoß mehre Jahrzehnde eines so hohen Ansehens, daß selbst die Bezeichnung eklektische Philosophie nicht wie in Deutschland als ein Tadel sondern als ein Lob angesehen wurde. Vgl. Damiron, „kis.sui s„r I'iiistoire cle lupkilosoplno en Trance -»» I öiöme siede" (2 Bde., 2. Aufl., Par. >828), Lerminier, „De I'mkluence cle Is pbilo- sopbis <>» >8ieme siede snr In le^islution et Irr sodubilite >lii lüieine siede" (Par. 1833) und Carove, „Religion und Philosophie in Frankreich" (Gött. 1827). Scnsualisten im Sinne des 18. Jahrh. gibt es unter den einflußrcichern Vertretern der Philosophie jetzt wol nur »och wenige; desto stärker ist in den letzten Jahren der Gegensatz zwischen der katholisircnden, hierarchischen Partei und den Vertheidigcrn einer von kirchlicher Autoritär unabhängigen, hierarchischen Planen sich nicht unterordnenden Forschung hervorgetreten, und hat sich bis in die höchsten Sphären des Staatslebens hinauf durch die Kämpfe über die sogenannte liberte c' 540 Französisches Recht lle l'eilssi'knement public gellend gemacht. An Donald und an Lamennais, der in seiner „Ls- »pllsse ll'une ptlllosoptne" (Par. 1841) auf eine cigenthümliche Weise den Offenbarungs- glauben mit Phantasterei verbunden hat, schlossen sich vorzugsweise an L. E. Bautaiu (s. d.), Abbe Gerbet und P. I. B. Buchez in dem „Lsssi tl'un trsite complet lls pliilos»- pleis SU poil»t lle vue ll»t cslüolicisme et tl» piogres" (3 Bde., Par. 1846). Als gewichtiger Gegner des Eklekticismus ist in neuerer Zeit namentlich P. Leroux (s. d.) in der „Ile- tutstiou tle l'ecloctisme" (Par. 1839) aufgetreten. Des größten Interesses sind übrigens in Frankreich vorzugsweise solche Schriften gewiß, die den innern Zusammenhang socialer Verhältnisse einer philosophischen Kritik unterwerfen und auf die Abhülfe socialer Gebrechen Hinweisen, wozu der Einfluß, den der Saint-Simonismus (s. d.) und Fourier (s. d.) theils unmittelbar, theils mittelbar hatten, Belege darbietct. In neuester Zeit haben die Franzosen angefangen, sich mehr um die deutsche Philosophie seit Kant zu bekümmern, als dies früher der Fall war; davon zeugen Michelet's (s. d.), Ballanche's, Edgar Quinet's (s.d.), P.J.B.Buchez's („Introlluction s Is Science lle I'turtoire", Par. 1843) Arbeiten über Philosophie der Geschichte, die zum Theil einen sichtlichen Einfluß deutscher Systeme vcrrathen; die Arbeiten Lerminier's (s. d.) u. A. über die Philosophie des Rechts; ferner die in neuerer Zeit häufiger werdenden Übersetzungen einzelner Abhandlungen und größerer Werke von Kant, Schleiermacher, Fichte und Schelling; die sorgfältiger»: und ausführlichern Übersichten, Kritiken und Berichte, die in der franz. periodischen Presse über ausländische Philosophie Vorkommen, endlich Werke, die, wie Barchou de Penhoen's „üistoire lle ptlllosopllle slle- uisnlls llepuis I.eibnitL jns>pi's Hegel" (2 Bde., Par. 1836), Willm's „üsssi sur Is plü- losopliie lle Hegel" (Bd. I, Strasburg 1836), Amand Saintes' „üistoire cie ls vie et lles ouvrsges cle 6. lle 8pinors" (Par. 1842), Desselben „üistoire lle Is vie et veck haben, die Franzosen mit den Methoden und Ergebnissen der neuern deutschen Systeme und ihren geschichtlichen Grundlagen bekannt zu machen. Eleichwol dürfte den glänzenden Erfolgen gegenüber, deren sich in Frankreich namentlich die mathematischen, naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Studien zu erfreuen haben, das Interesse für Philosophie sich bei den wissenschaftlich Gebildeten in Frankreich immer noch innerhalb sehr enger Grenzen bewegen, und ob gerade die Bekanntschaft mit dein deutschen absoluten Idealismus zu einer nachhaltigen Erweckung des philosophischen Untersuchungsgeistes beitragen könne, mag billig bezweifelt werden. Für einen Ncbenzweig der Philosophie, die Pädagogik, hat die franz. Literatur in den letzten Decennien in den „heitres snr l'ellu- cstion" der Mad. Guizot, in der Schrift der Mad. Remusat „De I'ellucstion llesiemmes" ebenso in dem Werke der Mad. Necker de Saussure „Ile I'öllncstion progressive" (2 Bde., deutsch von A. von Hoggucr und Wangenhcim, 3 Bde-, Hamb. 1838) und Theod. Fritz's „Lscpllsss ll'un sz-steine complet ll'instruction et cle I'öllncstion et cle leur üistoire" (3 Bde., Strasb. 184l—43) werthvolle Beiträge geliefert. Französisches Recht. Die Entwickelung des franz. Rechts hat bis auf die Gesetzgebung der ciny oder vielmehr lullt (lolles mit der des Rechts in Deutschland viel Ähnliches, und es fand vor der Revolution in Frankreich eine nicht geringere Verschiedenheit, ja Verworrenheit derRechlsverfassung statt, als noch gegenwärtig in Deutschland herrscht. In der frühesten Zeit schon wurden die Spuren alter gall. Volksrechte, die das röm. Recht etwa noch gelassen hatte, durch die Einwanderungen der german. Stämme fast ganz verwischt; nicht in gleichem Maße aber wurde das röm. Recht verdrängt, das sich namentlich in dem südli- chern, Italien nähern und stärker bevölkerten Theilc Frankreichs und unter der Herrschaft der Westgothcn und Burgunder in großem Ansehen behauptete. Die Länder aber, in welchen cs auf diese Weise gültig blieb, nannte man davon ?sz-s lln llroit ecrit. In der Zeit, wo die Staatsgewalt in der Lehnsanarchie untergegangen war, wo jede Baronie und jcde Stadt ein unabhängiges Ganzes bildeten und der König nur als der erste unter den großen Lehnsfürsten Frankreichs galt, entstanden die vielerlei Gewohnheitsrechte oder Provinzial- rechte, deren Eigcnthümlichkeiten aber nicht sowol in einer innern, durch die Bedürfnisse und den Geist des Volks bedingten Nothwendigkeit als in zufälligen Umständen und Ereignissen wurzelten. Diese Länder mit Gewohnheitsrechten hießen ku^s llu llroit coutuuller. Von iu o- h- e- !>s er ? cn >-) ii- er ), ji- >i e- n ie 3 s h i Kranzösisches Recht 541 besonderer Wichtigkeit sind die Provinzialrechte, welche zum Thcil auf ausdrücklicher Gesetzgebung der Fürsten mit ihren Stände» beruhten. Unter diesen stehen die Gesetze der Normandie oben an, weil sie, wenigstens in Betreff des Lehnrechls und überhaupt der Verhältnisse des Grundeigenthums, die Grundlage des ganzen engl. Rechts geworden sind. Vgl. Houard, ,,'I'rnite snr les coutumes snglo-iiormemiles" (3 Bde., Dicppe 1776, 3.). Dem Rechte der Normandie stehen in Hinsicht der Wichtigkeit zunächst die Gewohnheiten und Statuten der Stadt und Grafschaft Paris, weil sie vielen andern zum Muster gedient hatten und gewissermaßen für den ganzen Sprengel des pariser Parlaments als subsidiaire Rechtsquelle behandelt wurden. Den Städten wurden häufig zugleich mit dem Stadtrechtc eigene Gesetze verliehen. Allerdings, fanden einige dieser Parkicularrechte schon früher eine schriftliche Bearbeitung, wohin die Ltnblissemeiilr Ue 8t.-I^oui8, das in den königlichen Baronien geltende, von Ludwig IX. verbesserte Recht und die Oonseils von Peter Desfontaines aus dem >3. Jahrh. zu rechnen sind; die meisten dieser besondern Rechte aber lebten nur in der Erinnerung der Einwohner und der Richter. Daher wurde, nachdem Karl VII. die Engländer vom franz. Boden vertrieben hatte, auf dem Reichstage l -153 angeordnet, daß alle Gewohnheitsrechte durch schriftliche Auszeichnung zur Gewißheit gebracht werden sollten. Man vernahm die Einwohner über das geltende Recht, je zehn und zehn, bis man glaubte, hinreichende Gewißheit zu haben; dann wurden die ausgezeichneten Rechte von Rechtsgelehrtcn geord- net, im Staatsrathe geprüft und vom Könige bestätigt. Die Operation, fast ION Jahre lang fortgesetzt, lieferte einige hundert bestätigte Parkicularrechte und Statuten, deren vollständigste Sammlung, über -IN» enthaltend, von Bourdot deRichebourg unter dem Titel „Ooutumier genernl" (8 Bde., Par. 172-1, Fol.) veranstaltet worden ist. Neben dieser Masse besonderer Rechte war indeß auch die allgemeine Neichsgesetzgebung nicht unthätig gewesen. Die beiden ersten Regentendynastien hatten Kapitularien mit Zustimmung der Nation gegeben; die dritte Dynastie mußte freilich in den Zeiten der Lehnsanarchie nicht nur den großen Vasallen und Fürsten des Reichs eine vollkommene Unabhängigkeit und Landesherrlichkeit zugestehen Ilors I'obeisssnce «I» roi) sondern selbst die kleinern Barone ihrer eigenen Fürstentümer, die im Gegensätze des Reichs das Land des Königs hießen, beherrschten ihre Untertanen mit einer nicht viel geringern Selbständigkeit. Die gesetzgebende Macht der Könige konnte daher anfangs sich nur in Verleihung der Stadtrechte thätig zeigen, die indeß doch zur Beschränkung der Gewalt der Barone nicht blvs zum Vortheile der Bürger sondern auch zum Vortheile der Krone bedeutend beitrugen, bis unter Philipp II. August, 118V—1223, der Grundsatz herrschend wurde, daß der König erledigte Reichslehn mit seinem Erblande, als dem eigentlichen Kronlande, vereinigen könne. Eine der ersten Erwerbungen war das Herzogthum Normandie. Die auf diese Weise gewonnene größere äußere Macht der Krone wurde durch die Klugheit und das große persönliche Ansehen Ludwig's IX., 1226—7», in sich selbst so verstärkt, daß der König wieder theils mit seinen Baronen, theils ohne dieselben allgemeine Anordnungen zu Stande bringen konnte, die man nun, sie mochten mit Zuziehung der Stände beschlossen oder vom Könige allein aus eigener Macht gegeben sein, Orllonnsn- ces nannte. Auch sie galten indeß nur in den Erblanden des Königs; die großen Neichsfür- sten übten eine gleiche gesetzgebende Gewalt in den ihrigen. Erst nachdem die großen Lehns- Herrschaften bis auf wenige kleine, wie Dombes, Orange, Bouillon, Avignon und Venaissin, mit der Krone vereinigt worden waren, namentlich durch die Vermählung Karl's VII. mit der Erbtochter des Herzogs von Bretagne und Heinrich's IV. Thronbesteigung, dehnte sich die gesetzliche Kraft der Ordonnanzen über das ganze Reich aus. Zugleich aber näherte sich die königliche Gewalt derjenigen Unbeschränktheit, welche unter Richelieu durch gänzliche Unterdrückung der Großen vorbereitet, unter Ludwig XIV. vollendet wurde und durch ihre Mis- brauche unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. die Revolution herbeiführte. Unter den Ordonnanzen aus dieser Zeit zeichnen sich mehre über die Gerichtsverfassung und die Proceßordnung aus, worin Frankreich damals dem übrigen Europa vorausging; die altern betreffen meist lo- cale Gegenstände und das Verhältnis der Kirche zum Staate. Zu jenen gehören die Ordonnanzen von 1-136 und 1353 und die Ordonnanz von Villers-Cotterets im 1.1539, welche fast gleichzeitig mit der Criminalgerichtsordnung Karl's V. in Deutschland den schriftlichen Jn- guisitionsproceß an die Stelle des bisherigen unförmlichen und tumultuarischen, noch dazu 542 Französisches Recht in jeder Herrschaft verschiedenen Verfahrens setzte. Ihr Verfasser war der Kanzler Guillaumk Poyct, von welchem sie auch Euilelmine genannt wurde. Ferner die Ordonnanz von Orleans im J. 1560, welche eine allgemeine Landcsordnung enthält, die von Blois im I. 1578, welche vorgeblich dem Eindringen des rüm. Rechts entgcgenarbcitetc, und andere. Heinrich III. übertrug die systematische Anordnung der Verordnungen seiner Vorgänger dem berühmten Briffon, welcher sie unter dem Namen des (locke üenr^ oder Lasilirptes bekannt machte, ohne daß sie jedoch gesetzliche Autorität erhalten hätte. Unter Ludwig XIII. wurde 162g eine ausführliche Verordnung über das gerichtliche Verfahren und andere Beschwerden der , Stände in 461 Artikeln durch den Kanzler Michael de Marillac entworfen, (locke Alarilkc ; oder (locke Aliclmnt genannt, welche aber die Gerichtshöfe, weil sie nicht einregistrirt worden f war, nicht durchaus als Gesetz betrachten wollten. Ludwig's XIV. Negierung zeichnete sich namentlich auch durch legislative Thätigkeit aus, und es erschienen umfassende Verordnungen über den bürgerlichen Proceß (1667), denCriminalproceß (>670), das Handelsrechts! 673 ), das Forstwesen (>669), die Marine (1681) und die geistliche Gerichtsbarkeit (1695). Die wichtigsten Verordnungen Ludwig's XV. betrafen Schcnkungen(I73I), Testamente (1735) und Substitutionen (17 47). Die früher» unvollständigen Gesetzsammlungen, wie die systematische von Fontanon und eine andere (4 Bde., >61 l,.Fol.), und die chronologische von Neron und Eirard (4 Bde., 1620, Fol.) wurden unbrauchbar durch das unter dem Kanzler Pontchartrain von de Lauriere begonnene, später von Secousse, Villevault, Labrequigny und Pastoret fortgesetzte „liscueücke Louvre" (I8Bde., 1723—1828, Fol.) und das vonJour- dan begonnene, von Jsambert, Decrusy und Jaillardier fortgesetzte „kecueil general ckes luis ckepnis 418 jus<)u'en 1789" (30 Bde., 1820 — 31). Bei diesem Zustande der Gesetzgebung in Frankreich war besonders die große Verschiedenheit des Rechts in dem bürgerlichen Verkehre ebenso lästig als dem gesunden Verstände entgegen und daher die Verschmelzung der Particularrechte in ein einziges bürgerli- > chcsGesetzbuch einer der allgemeinsten Wünsche der Nation. Die Aufhebung so mancher Rechtsinstitute während der Revolution, der lehnsherrlichcn Gerechtsame, der Familiensidci- ! commisse und der Unlheilbarkeit der Lehngütcr machte die Abfassung eines allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuchs durchaus nothwendig, was schon in der ersten Constitution von 1781 anerkannt wurde. Doch fanden die drei Entwürfe des damaligen Deputieren Cambaceres (vom 9. Aug. 1793, 9. Sept. 1794 und 17. Juni 1796) keinen Eingang. Erst unter dem Consulate am 18. Juli 1800 wurde eine neue Commission (Tronchet, Portalis, Pigotde Prcämeneu und Maleville) dazu eingesetzt, deren Arbeiten nach vier Monaten beendet, im Druck dem Cassationshofe und den Appcllationsgerichten zugeschickt und mit den gleichfalls gedruckten Bemerkungen der letztem dem Staatsrathe vorgelegt wurden, die unter Camba- cer V Vorsitz und des Generalsecretairs Locre Protokollführung das Gesetzeswerk bearbeitete, das durch Decket vom 5. März 1803 als „(locke civil ckes Vranyais" bezeichnet und besten erster Theil am 15. März desselben Jahrs promulgirt wurde, dem dann bis zum 20. März 1804 die übrigen Theile folgten. Die durch die Wiedereinführung der monarchischen Negierung bedingte Abänderung wurde von der Gesetzgebenden Versammlung am 3. Sept. 1807 genehmigt und nun zugleich der bisherige Name in „(locke Napoleon" umgeändert. Eine neue Abänderung wurde nach der Restauration nöthig; sie erfolgte durch das Gesetz vom 30. Aug. 1816 und aus dem „(locke Napoleon" wurde nun ein „(locke civil". Im Wesentlichen aber hat, die Abschaffung der Ehescheidung ausgenommen, die, in der Revolution völlig freigegeben, schon unter Napoleon sehr erschwert wurde, die Restauration an dem Gesetzbuche nicht geän- > dert. Der „(locke civil" handelt in 2281 Artikeln von den Rechten der Personen, von den Gütern und den Modifikationen des Eigenthums und von den verschiedenen Arten, Eigenthum zu erwerben. Während der franz. Herrschaft wurde er in verschiedenen deutschen und nicht deutschen Ländern eingeführt, von den erstem hat ihn außer den Rheinprovinzen jetzt nur noch das Großherzogthum Baden und zwar als „Badisches Landrecht" im Wesentlichen beibehalten. ^ Die Civil p roceßordnung, „(locke cke proceckure civile", vom 24. Apr. >806, mit Gesetzeskraft vom 1.Jan. 1807, bestehend aus 2Theilcn mit 7 Büchern und 1042 Artikeln, ist nur eine neueRcdaction derProceßordnung von 1667, ganzaufdieselben Grundlage« 543 Französisches Recht gebaut. Die Klage, Antwort, Replik und die ganze Feststellung der faktischen Streitpunkte wird zwischen den Sachwaltern ohne Zuthuung und Leitung des Gerichts verhandelt, Urkundenbeweis ist die Regel; aber die aus jener Vcrhandlungsweise entspringende Unvollkommenheit wird ausgeglichen durch die in jeder Lage des Protestes stattfindende Erlaubniß, dem Gegner eine bestimmte Erklärung an Eidesstatt über factischc Umstände, interrogatioa sur kaits et srticles, abzufodern; der letzte Vortrag der Parteien erfolgt mündlich vor versammeltem Gericht, und der Regel nach wird darauf sofort das Urtheil gegeben. Das Handelsgesetz b.uch, „Locke cke commerce", vom 20. und 21. Scpt. 1807, mit Gesetzeskraft vom I. Jan. 1808 in 3 Büchern und 0-t8 Artikeln, ist eine Umarbeitung der Ordonnanzen von 1673 und >68l über den Handel und die Schiffahrt. Die Criminalproceßordnung von 1670 hatte durch ihre Härte, z. B. die doppelte Tortur, czuestion prchiaratttire, zu Erzwingung des Geständnisses und die cpwstinn xreslsble vor der Hinrichtung, um die etwaigen Mitschuldigen zu erfahren, noch mehr aber durch die Art, wie sie von den Gerichtshöfen gehandhabt wurde, allgemeinen Abscheu erregt. Die Herrschsucht der obcrn Gerichte, welche nicht blos auf die Unabhängigkeit der richterlichen Gewalt sondern auf politischen Einfluß gerichtet war, der Stolz auf richterliche Unfehlbarkeit und der Zunftgeist, welcher hohe und niedere Gerichte zu dem Streben vereinigte, vorgefallene Fehler zu verdecken und zu verfechten, verbunden mit der Lehre, daß zur Verurthei- lung kein Geständniß nöthig, sondern auch bloße Anzeigen hinreichend seien, hatten eine Menge Misbräuche und empörende Fälle unschuldig Hingerichteter zur Folge gehabt. Gänzliche Reform der Criminalgerichte und des Processes war daher eine der ersten Tendenzen der Revolution. Sie wurde nach engl. Art eingerichtet, Geschworene eingeführt, und eine Criminal- proccßordnung vom 29. Sept. >791, welcher am 6. Oct. ein Strafgesetzbuch und am 21. Oct. eine ausführliche Instruction über die Behandlung der Criminalsachen folgten, gehörte zu den Arbeiten, womit die erste Nationalversammlung ihre Sitzungen schloß. So Manches auch in den spätern Gesetzen über den Criminalproceß, in dem „Locke des ckelits et ckes seines" vom 25. Oct, 1795 und in einzelnen Verordnungen (vgl. Dupin's „L>ois criminelle, extraites cke In collection cku I.ouvre et cku kulletin ckes lois", Par. 1821) hieran geändert worden ist, so ist doch die Grundlage, mündliches Verfahren nach einer vorläufigen schriftlichen Untersuchung und Schöffenurtheile, unverändert geblieben und in der Criminalproceß- ordnung Napoleon's, dem „Locke ck'iustructinu criminelle" vom 29. Nov. 1808, bestehend aus 2 Büchern und 633 Artikeln, aufrecht gehalten worden. Vgl. Verenger, „ve ln ju,tics criminelle en k'rance" (Par. 1818) und Dupin, „Obssrvstions sur plusieurs zioints im- portants cke untre legislatinn criminelle" (Par. 1821). Das Strafgesetzbuch, „Locke ;>enal", vom22.—27.Febr. 1810, mit Gesetzeskraft vom I. Jan. 1811, bestehend in 3 Büchern mit 383 Artikeln, ist eine Umarbeitung des frühem vom 8. Oct. 1791 und des „Locke Oes ckelits et cles ;>eines" vom 25. Oct. 1795. Vor der Revolution hatte man kein Strafgesetzbuch sondern nur einzelne Verordnungen und eine hauptsächlich auf das röm. Recht gebaute Theorie, die denn, nur in einigen Stücken gemildert, auch noch den neuern Gesetzbüchern zum Grunde liegt. Nach der Julirevolution im 1.1830 wurde die Criminalproceßordnung und das Strafgesetzbuch revidirt, jedoch nur in einigen Punkten wesentlich geändert. Die „Mockikcations" vom 28. Apr. 1832 der „Locke ll'mstrnction criminelle" und der „Locke pensl" heißen zusammen „Locke criminel". Diese fünf Gesetzbücher, die sogenannten cinc, Locke- (liuit Lockes genannt, wenn man die Forstgesetzgebung, „Locke korestier", das Wafferrecht, -„Locke kluvisl", und dasLand- wirthschaftsrecht, „Lockerural", hinzurechnet, die aber keine öffentliche Geltung haben) beruhen durchweg auf historischem Grunde, obgleich das Streben nach Allgemeinheit und Entfernung des blos Zufälligen, wenigstens beim „Lockc civil", sichtbar ist. Zu ihrer wissenschaftlichen Erklärung sind das ältere Recht Frankreichs ebenso unentbehrlich wie die Materialien ihrer eigenen Entstehungsgeschichte, die Entwürfe, die Bemerkungen der Gerichtshöfe und des Tribunals, die Verhandlungen im Staatsrath und die Vorträge im Gesetzgebenden Corps, die auch zumeist gedruckt find. Außer den officiellcn Ausgaben hat man mehre Ausgaben sowol der einzelnen als der gesammten Codes zusammen, unter denen wir nur „I-es ciiuj Lockes" von Sirey (5 Bde. 1818, 3 ; neue Ausl., 1833), „Manuel cku ckroit krall;, ovnts- 544 Französisches Theater nant Is cüarte constitutionnelle et Io» cinc; (7o662, jedoch ohne festen Platz, Vorstellungen in Paris gab. Einer dritten endlich glückte eS besser; sie spielte abwechselnd mit der franz. Truppe und erhielt, als sich 1780 beide franz. Gesellschaften im Palais royal zu dem ViieLtre trnnyais vereinigten, daß Theater im Hotel de Bourgogne cingeräumt. Diese Bühne ist das bekannte 4'KeLtre Italien, welches unter Ludwig XlV. wegen Beleidigung der Frau von Maintenon geschloffen, vom Prinz-Regenten wieder eröffnet wurde und dessen Mitglieder seitdem Iroupe itsiieime cke 8on-VItes»e le ckuc cl'Orlesns, Regent 3' m NI r- )' e- n h ii e n ii o n 'o s t, ie >- n > t. st >- Fränzöslsches Theater 545 weisen, und es gibt z„gar größere Städte, welche sich mit herumziehenden Schauspielertrup- xen begnügen müssen. Zwar pflegen jährlich einige pariser Künstler Triumphreisen in der Provinz zu unternehmen, aber diese meteorgleichcn Erscheinungen sind nicht im Stande, dem dortigen künstlerischen Leben einen Aufschwung zu geben. Wenn sich auch irgendwo einmal ein ungewöhnliches Talent zeigt, so wird es unwiderstehlich vom Centrum angezogen. Daher kommt es denn, daß man bei Besprechung des franz. Theaters nur die pariser Bühnen ins Auge zu fassen hat. Die Zahl der Theater von Paris ist übrigens einem östern Wechsel unterworfen; in der Revolution war sie einmal bis gegen 3» gestiegen; später wurde sie auf acht herabgesetzt; gegenwärtig zählt man, die kleinen Winkeltheater mitrechnet, 25— 27. Die wichtigsten sind: I)die Große Op er (.^csilömie royale IIu", auf Befehl Gregor's IX. geschrieben und später von drei Andern ergänzt. Die Legende aber, die im Orden ausschließlich gebraucht wird, ist von Bonaventura (s. d.). Vgl. Vogt, „Der heil. F. von Assisi" (Tüb. >8-10). Franz von Paula, der Stifter des Ordens der Minimen, geb. 1-1 >6 zu Paula, einem Städtchen in Calabricn, wurde von seinem Vater, weil er ihm erst spät, auf sein dringendes Gebet, geboren worden war, für den geistlichen Stand bestimmt. In seinem zwölften Jahre kam er in das unreformirte Kloster der Franciscaner von St.-Marcus, wo er sich den schwersten Kasteiungen unterwarf. Zwar wünschten seineÄltern, später ihn wieder zu sich zu nehmen, allein er zog es vor, nach Assisi zu wandern und von da nach Rom zum Grabe der Apostel. Als er, l -1 Jahre alt, in die Heimat zurückgekbhrt, entsagte er seinem Erbe und lebte nun als Einsiedler in einer Felsengrotte. Kaum 20 Jahre alt, fand er, seiner Frömmigkeit wegen, bereits viele Anhänger, die sich neben seiner Grotte Zellen erbauten. Von dem Erzbischof zu Cosenza erhielt er hierauf die Erlaubniß zum Bau eines Klosters und einer Kirche, der auch >136 zu Stande kam. Der neue Orden wurde von Sixtus IV. I -17-1 unter dem Namen der Eremiten des heil. Franz bestätigt, 1102 aber von Alexander VI. in den der Minimen (s. d.) umgewandelt. Den gewöhnlichen drei Gelübden, der Armuth, der Keuschheit und des Gehorsams, fügte F. ein viertes hinzu, das des Omadragesimallebens durch das ganze Jahr, d. h. der Enthaltung, nicht nur von Fleisch sondern auch von Eiern und aller Milchspeise, außer in Krankheitsfällen. Er selbst unterwarf sich einer noch weit strengem Regel. Das Gerücht von den Wundcrcuren, welche F. verrichtet haben sollte, machte, daß ihn der kranke König von Frankreich, Ludwig XI., zu sich berief. Allein erst auf Befehl Sixtus' IV. begab sich F. nach Frankreich, wo er mit königlichen Ehren empfangen wurde. Zwar konnte er das Leben desMonarchen nicht verlängern, doch trug er bei zu dessen ruhigem Ableben. KarlVIll. bediente sich seines Raths bei den wichtigsten Angelegenheiten und ließ ihm ein Kloster in dem Parke von Plessis-les-Tours und ein anderes zu Ambosse bauen. Auch Ludwig XIl. wußte ihn in Frankreich zu fesseln. F. starb zu Plessis-les-Tours am 2. Apr. 1507 und wurde, nachdem ihm seine Anhänger eine Menge Ähnlichkeiten mit Christo angcdichtet hatten, 1513 selig und 1510 heilig gesprochen. Franz Stephan , unter dem Namen Franz I., 17-15—65 röm.-deutscher Kaiser, geb. 1708, der älteste Sohn des Herzogs Leopold von Lothringen, kam 1723 nach Wien und wurde daselbst mit dem schles. Herzogthum Tcschen belehnt. Nach seines Vaters Tode trat er 1729 die Regierung des Herzogthums Lothringen an, das er >735 gegen die Anwartschaft des Großherzogthums Toscana an Ludwig's XV. Schwiegervater, Stanislaw Lesczinski, abtrat, nach dessen Tode es für immer mit Frankreich vereinigt werden sollte. Im I. 1736 vermählte er sich mit Maria Theresia (s. d.), der Tochter Kaiser Karl's VI. und wurde hierauf Reichsgeneralfeldmarschall und Generalissimus der kaiserlichen Heere. Im folgenden Jahre starb mit Johann Easto der letzte Großhcrzog Toscanas aus dem Hause Medici, und F. nahm nun Besitz von dem großhcrzoglichcn Throne. Im 1.1738 befehligte er mit seinem Bruder Karl das östr. Heer in Ungarn gegen die Türken. Nach dem Tode Karl's VI., im J. 1710, wurde er von seiner Gemahlin zum Mitrcgentcn aller östr. Erblande erklärt, durfte jedoch keinen dirccten Antheil an der Staatsverwaltung nehmen. Nach Karl's VIl. Tode wurde er, trotzdem daß Frankreich, Brandenburg und Pfalz anfangs auf alle Weise cntge- genwirkten, zum röm.-deutschen Kaiser erwählt und als solcher am l.Oct. 17-15 zu Frankfurt gekrönt. Nichtsdestoweniger überließ er fort und fort die Besorgung der Angelegenheiten des Deutschen Reichs seiner Gemahlin. Eifrigst war er für Vergrößerung seines Privatschatzcs besorgt, den er durch Pacht von Zöllen und Handelsunternehmungen mit schlauer Gewandtheit auf 20 Mill. Fl. gesteigert haben soll. Friedrich der Große, der ihn satirisch den Hof- banquier nannte, versichert, daß F. im Siebenjährigen Kriege oftmals sogar den Preußen, welche mit seiner Gemahlin Krieg führten, für gute Bezahlung Mehl und Fourage geliefert habe. Dagegen war er aber auch wieder sehr wohlthätig; er genoß wegen seiner persönlichen Freundlichkeit und Herablassung einer großen Popularität bei seinen Unterthanen und erwarb sich überdies anerkennenswcrthc Verdienste um Wissenschaft und Kunst und um Ge- wcrbfleiß undHandel. Er starb zu Innsbruck am >8.Aug.l765 und hintexließ seinem altern- si48 Kranz l. (Kaiser von Dstreich) Sohne Joseph (s. d.) die Kaiserwürde und seinem zweiten, Leopold, der als Leopold II. (s.d.), des Bruders Nachfolger auf dem Kaiserthron wurde, das Großherzogthum Toscana. Franzi. (Jos. Karl), Kaiser von Ostreich, 1806—35, als röm. - deutscher Kaiser Franz II., 1792—1806, genannt, gcb. zu Florenz am >2. Febr. >768, der Sohn Kaiser Leopold's II. und der Marie Luise, einer Tochter König Karl's III. von Spanien, folgte am l. März 1792 seinem Vater in den östr. Erblanden und wurde am 6. Juni als König von Ungarn, am I I. Juli als röm.-deutscher Kaiser und am 5. Aug. als König von Böhmengekrönt. Seine erste Erziehung hatte er zu Florenz unter den Augen seines Vaters erhalten, seit 1784 aber zu Wien gelebt, um an der Seite seines Oheims, Joseph's II., sich zum Regenten zu bilden. In seinem 20. Jahre hatte er denselben auf seinem Zuge gegen die Türken begleitet und 1789 selbst den Oberbefehl des Heers übernommen, wobei London ihn unterstützte. Als Kaiser Joseph am 20. Febr. 1790 gestorben, regierte F. bis zur Ankunft seines Vaters in Wien (> 2. März) und begleitete dann diesen zu den Verhandlungen mit dem König von Preußen und dem Kurfürsten von Sachsen 1791 nachPillnitz, wo er, indeß Kaiser geworden, >792 mit Preußen ein Schutz- und Trutzbündniß gegen die Republik Frankreich schloß, die ihm, als Könige von Ungarn und Böhmen, bereits am 20. Apr. 1792 den Krieg erklärte. Im I. 1794 stellte sich F. selbst an die Spitze der niederländ. Armee, welche am 26. Apr. die Franzosen bei Cateau und Landrecy schlug, und am 22. Mai die blutige Schlacht bei Tournay gewann. Als jedoch die brabanter Stände ihm den gefoderten Landsturm und die Geldunterstühungen versagten, und der Gang des Kriegs durch Carnot's Strategie eine ungünstige Wendung nahm, kehrte er wieder nach Wien zurück. Der Abfall seiner Bundesgenossen und das Vorrücken der Franzosen unter Bonaparte in Italien nöthigte ihn hierauf, den Frieden von Campo-Formio am >7. Oct. 1797 einzugehen, durch welchen das Deutsche Reich den größten Theil des linken Nhcinufers und Ostreich, ohne ein erwähnens- werthes Äquivalent dafür zu erhalten, die Niederlande und die Lombardei verloren. Aber schon 1799 erhob sich F. im Bunde mit Rußland und England zu neuem Kampfe gegen die Re- / publik Frankreich und zwar anfangs glücklich; bald aber nach der unerwarteten, plötzlichen Rückkehr Bonaparte's aus Ägypten und in Folge der Siege seiner Heere in Italien sah er sich zum Frieden von Luneville, am 9. Febr. 1801, gezwungen, der ihm selbst große Opfer und > dem Deutschen Reiche das ganze linke Rheinufer kostete. Den 1805 wiederum in Verbindung mit Rußland erneuten Kampf gegen Frankreich endeten die Schlachten bei Ulm und Austerlitz, worauf F. mündlich mit dem Kaiser Napoleon die Bedingungen eines Waffen- ^ stillstands und die Grundlage des Friedens zu Presburg von 1805 verabredete, der für Ostreich durch die Abtretung von 1000 OM. mit 3 Mill. E., noch fühlbarere Verluste zur Folge hatte. Nach der Errichtung des Rheinbunds legte er, nachdem er schon durch das Prag- matikalgcsetz vom 11. Aug. 1804 unter dem Namen Franz I. sich zum ersten Erbkaiser von Ostreich erklärt hatte, die Regierung des Deutschen Reichs feierlich nieder. In dem Kriege ^ Preußens und Rußlands gegen Frankreich behauptete F., der sich übrigens, wiewol verge- ! bens, 1807 zum Vermittler zwischen den kämpfenden Parteien anbot, die Neutralität. Doch im 1.1809 ergriff er zum vierten Male die Waffen gegen Napoleon, jedoch nur um sie bald dar- aufwieder niederzulegen. Der Friede zu Wien vom 14. Oct. 1809 hatte für Ostreich aufs neue j den Verlust von 2000 OM. mit 4 Mill. E. zur Folge, schien aber durch F.'S Einwilligung zu der Vermählung seiner ältesten Tochter Marie Luise mit Napoleon den Grund zu einem dauernden Freundschaftsbündnisse zwischen beiden Staaten legen zu wollen. Im Mai >812 ' vereinigte sich F. mit Napoleon nach der Unterredung zu Dresden zum Feldzuge gegen Rußland. Nach dem unglücklichen Ausgange desselben blieb F. anfangs während des von Seiten ^ Rußlands mit Preußens Hülfe fortgesetzten Kampfes neutral, dann trat auch er, nachdem er sich l vergebens bemüht hatte, den Frieden zu vermitteln, der Coalition gegen Frankreich am l 2. Aug. ! 1813 plötzlich bei. Dem mächtigen Kampfe, der sich nun entspann, wohnte er bis zum Ende in Person bei und gelangte durch die pariser Friedensschlüsse und durch den Separatvertrag mit ^ Baicrn vom 14. Apr. 1816 in den Besitz einer Ländermasse, wie sie in dieser Abrundung und Blüte keiner seiner Vorfahren besessen hatte. Seit 1816 herrschte F., mit Ausnahme des Aufstands der Lombardei, der jedoch bald gedämpft wurde (1821), in ruhigem Frieden bis zu seinem Tode am 2. März 1835. Mäßigung, Gerechtigkeitsliebe und schlichtes, herablassendes Be- 549 Franz I. (König von Frankreich) nehmen auch gegen den Geringsten seiner Unterthanen waren die Eigenschaften, die ihn als Herrscher auszeichnetcn. Das Princip seiner inner,, und äußern Politik war nach dem Vor- bilde seines Vaters, das conscrvative, zu dem er gleich beim Beginn seiner Regierung ebenso von außen her durch die stanz. Revolution als im Innern durch das in Folge zu rasch und zu weit vorgreifender Reformen des Kaisers Joseph II. allgemein sich kundgebende Bedürfniß, der erschütterten Verfassung der verschiedenen Länderbestandtheile der Monarchie, wieder festen Bestand zu geben, gleichsam hingedrängt wurde. Daher stützte sich seine Verwaltung im In- nern auf den Grundsatz der Unantastbarkeit aller wohlerworbenen Rechte und Herkömmlichkeiten und auf die unverändert gelassene Selbständigkeit der Form der Verfassung und Verwaltung der verschiedenen Provinzen, bei im Ganzen ziemlich zeitgemäßer Fortbildung des Ganzen. Anerkannte Verdienste erwarb er sich in dieser Hinsicht um Ostreich durch die Veränderung und Ergänzung der Josephinischen Gesetzbücher, das I8IN eingeführte Bürger- geseh und das 180-1 erneuerte und nochmals aufs neue revidirte Strafgesetzbuch, durch Edi- cung einer neuen Gerichtsordnung, Sonderung und Vertheilung der politischen, der Justiz- und Criminalgegenstände an drei verschiedene Hofstellen, durch die 1792 angeordnete Landesvermessung und die 1817 hierauf basirte Einführung der neuen Grundsteuer u. s. w. Er belebte die industrielle Thätigkcit durch mannichfaltigc Erleichterungen im Gcwerbewesen, sowie durch Errichtung technischer Lehranstalten, föderte den Handel durch zweckmäßige Verordnungen und zahlreiche Bauten und sorgte auch vielfach für die Wissenschaften und Künste durch Gründung von Lehranstalten und namentlich durch Verbesserung und Erweiterung der Universität zu Wien. F. war viermal vermählt: I) seit 1788 mit Elis. Wilh. Luise, Prinzessin von Würtemberg, die am l 8. Febr. 1790 kinderlos starb; 2) seit 15. Aug. 1790 mit Maria Therese, Prinzessin von Sicilicn, die am 1.9. Apr. 1807 starb und welche ihm 19 Kinder gebar, von denen noch fünf am Leben sind, nämlich Marie Luise (s. d.), Witwe des Kaisers Napoleon; Ferdinand I. (s. d.), der jetzige Kaiser von Ostreich; Marie Clementine, geb. 1798, vermählte Prinzessin von Salerno; Franz Karl Joseph, geb. am 7. Der. 1802, und Maria Anna, geb. 1809, Äbtissin des adeligen Domstifts in Prag; 9) seit 1808 mit Marie Luise Beatrix, Prinzessin von Modena, gcst. am 17. Apr. 1816 und 9) seit dem 10. Nov. 1816 mit Karoline Auguste, einer Tochter des Königs Maximilian Joseph von Baicrn, die, am 8. Febr. 1792 geboren, 1819 von dem damaligen Kronprinzen, jetzigen Könige von Würtemberg, Wilhelm l. geschieden worden war. Franzi-, König von Frankreich >515—97, geb. zu Cognac 1999, der Sohn von Karl von Orleans, Grafen von Angoulemc, bestieg nach dem Tode seines Schwiegervaters, Ludwig's XII., als Enkel von dessen Vaterbrudcr, am 1. Jan. 1515 den Thron. Voll Ruhmbegierde und ritterlichen Geistes, beschloß er sogleich die Ansprüche seiner Vorfahren auf die Hcrzogthümcr Genua und Mailand geltend zu machen, in welches letztere die Schweizer den Herzog Maximilian Sforza eingesetzt hatten. Mit einem bedeutenden Heere brach er auf ungebahnten Wegen über die Alpen und erfocht am 19. und 19. Scpt. 1515 in den Ebenen von Marignano über die Schweizer einen glänzenden Sieg, nach welchem ihn Sforza das Herzogthum überlassen mußte. Auch das bedrohte Genua erklärte sich nunmehr für den Sieger, un- Papst Leo X. schloß mit ihm zu Bologna ebenfalls Frieden und das Concordat von 1516. Noch in demselben Jahre kam mit Karl I. von Spanien, demnachmaligen Kaiser KarlV., der Vertrag und Friede zuNoyon zu Stande. NachKaiscr Maximilian'sss.d.) Tode, 15 l9, warben F. und Karl V. zugleich um die deutsche Kaiserkrone. Ungeachtet der großen Summen, die F. zur Bestechung der Deutschen verwandte, mußte er doch seinem Nebenbuhler weichen, und fortan begann zwischen Beiden ein fast ununterbrochener Kampf. Ein franz. Heer ging >521 über die Pyrenäen und eroberte Navarra, wurde aber sehr bald wieder vertrieben. Zugleich begann der Krieg an der niederländ. Grenze. F. eroberte Land- recy, Bouchain und mehre andere Städte Flanderns, Karl V. nahm Tournay. Auch in Italien traten der Kaiser und der Papst gegen ihn auf. Im Nov. >521 wurden die Franzosen fast ganz aus Mailand vertrieben, und dasTreffen bei Bicoca am2. Apr. 1522 brachte ihre Sache vollends in Verfall. Dazu kam noch, daß der Connetable, Karl vonBourbon (s. d.), durch die Verfolgungen der Königin Mutter, Luise von Savoyen, gereizt, in die Dienste des Kaisers trat. Zwar schickte F. im Aug. 1529 ein neues Heer unter dem Admi- 550 Franz ll. (König von Frankreich) ral Bonnivct nach Italien, doch am >4. Apr. > 524 wurde dieses in der Schlacht bei Ro- magnano vom Vicckönig Lannoy von Neapel aufgcricben. Als die Kaiserlichen hierauf in der Provence cinficlen, zog F. schnell ein großes Heer zusammen, drängte die Feinde zurück und setzte im Oct. noch selbst nach Italien über. Hier begann er im Winter die Belagerung von Pavia, während l 9009 M. Franzosen Neapel bedrohen mußten. Doch schon im Fcbr. 4525 erschienen die Kaiserlichen vor Pavia und lieferten den Belagerern am 24. Febr. ein Treffen, in welchem der König, der durch Hitze das Heer der Vernichtung preisgegeben hatte, gefangen genommen wurde. Nach Madrid abgcführt, nöthigtc man ihm einen Vertrag vom 44. Jan. 4 526 ab, in welchem er seine Ansprüche auf Neapel, Mailand, Genua, Asti, wie die Oberherrlichkeit über Flandern und Artois aufgab, das Hcrzogthum Burgund abzutreten und die Schwester des Kaisers, Eleonore, zu heirathen versprach. Bis zur Erfüllung des Vertrags mußte er seine zwei jüngsten Söhne als Geiseln stellen, gegen welche man ihn an der Grenze auswechselte. F. gedachte indcß keinen Augenblick, diesen Vertrag zu halten. Er verweigerte die Abtretung von Burgund unter dem Vorwände, daß dies die Stände nicht zugäben, und schloß mit dem Papste Clemens Vll. und mehren ital. Fürsten am 22. Mai 4526 zu Cognac eine sogenannte heilige Ligue, die den Fortschritten des Kaisers Einhalt khun sollte. Diesem Bündniß zufolge ließ F. 1527, nach der Einnahme Noms durch die Kaiserlichen, ein großes Heer untcr dem Marschall Lautrer in Italien einrücken, das in kurzer Zeit Genua nahm, Pavia erstürmte, den Papst befreite und in Neapel eindrang. Dennoch mußte Fe erschöpft am 5. Aug. 4529 den Frieden zu Cambray schließen, zufolge dessen er seine Söhne mit 2 Mill. Thlr. auslöscn, Italien räumen, die Schwester des Kaisers heirathen und denselben sogar noch gegen seine früher» Verbündeten unterstützen mußie. Dieser Friede konnte natürlich von keiner Dauer sein, und F. trat nun mit dem Papste, den protestantischen Fürsten Deutschlands und den Türken zugleich in Verbindung. Als Sforza 4535 gestorben, verlangte er vom Kaiser die Übertragung Mailands an einen seiner Söhne, und als ihn der Kaiser durch leere Versprechungen hinhiclt, fiel er plötzlich in Savoyen ein, worauf der Kaiser 4 536 die Provence überzog. Der Einfall Soliman's ll. in Ungarn be- r wirkte endlich 4 538 den zehnjährigen Waffenstillstand zu Nizza. Auf einer Neisc, die hier- , aus der Kaiser, um schnell nach den Niederlanden zu gelangen, durch Frankreich machte, cr- theilte er F. nochmals das Versprechen, einen von dessen Söhnen mit Mailand zu belehnen, hielt aber ebenso wenig Wort. F. griff darum ein viertes Mal zu den Waffen. Er verband sich mit dem Herzoge Wilhelm von Kleve, mit Dänemark und Schweden. Während ^ eine franz.-türk. Flotte unter Barbarossa die Küsten Italiens verheerte, eroberte der Herzog von Orleans im Sommer 4542 Luxemburg, Vcndöme Artois, der Herzog von Kleve Bra- > bant. Der Kaiser aber verband sich 4 543 mit Heinrich VIII. von England zur gänzlichen ! Eroberung Frankreichs und demüthigte den Herzog von Kleve. Im März 1544 erfocht daS franz. Heer unter dem Grafen Enghien in Italien bei Cerisolles einen glänzenden Sieg. . Allein F. vermochte den Vortheil nicht zu verfolgen, indem der Kaiser im Juli in die Cham- ! pagne einbrach und Heinrich Vlll. mit einem starken Heere zu Calais landete. Die Belage- , rung von Boulogne hinderte jedoch ein schnelles Vordringen nach Paris, sodaß F. Zeit ge- ^ wann, ein Heer zu sammeln und Unterhandlungen anzuknüpfen. Da der Kaiser großen i Mangel an Lebensmitteln litt, sich auch vor den Protestanten in Deutschland nicht sicher ^ hielt, so kam schon am 48. Sept. 4 544 der Friede zu Crespy zu Stande, in welchem F. alle , Ansprüche auf die Länder des Kaisers, dieser aber auf Burgund aufgab. Zwei Jahre spater ' erst endete der Krieg mit England. F. starb am 3 4. März 4 547. Er war im Umgänge ebenso liebenswürdig und ritterlich, als seinem Charakter nach unbeständig und den Leidenschaften unterworfen. Unter seiner Regierung wurde in Frankreich die absolute Regierungs- gewalt eigentlich gegründet. Der Eifer, mit welchem er Bildung und Wissenschaft in sei- ! nem rohen Zeitalter zu verbreiten suchte, hat ihm den Namen eines Vaters der Wissenschaf- ! ten zugezogen. Dessenungeachtet ließ schon crvieleKctzerhinrichten; auch verbot er l 535«das > Bücherdrucken bei Strafe des Strangs und führte, als dies unausführbar war, die Censur ein. Vgl. Gaillard, „llistoire cke k'. I" (7 Bdc., Par. 4 760—69), Herrmann, „F- (Lpz. 1824) und Röderer, ,^.oms XII et I" (2 Bde., Par. 4825). Franz II., König von Frankreich 1559 — 60 , geb. zu Fontainebleau am 1 9 . Jan 551 Franz IV. (Herzog von Modena) Franze'n 1544, der älteste Sohn Hcinrich's II. und der Katharina von Medici, bestieg am 10. Juli 155 » den Thron. Schon 1558 hatte man den gebrechlichen Knaben mit der schönen Maria Stuart, der Tochter König Jakob's V. von Schottland, vermählt, die er sehr liebte. Maria brachte ihre Oheime, die katholisch gesinnten Guisen (s. d.), an den Hof und an die Spitze der Verwaltung. Durch den Stolz und die Herrschsucht derselben empört, verbanden sich die protestantischen Prinzen von Geblüt mit den Protestanten insgeheim, den König aus den Händen der Fremden mit Gewalt zu befreien und die Guiscn zu vertreiben. Diese zu Am- boisc gestiftete Verschwörung, deren Häupter der Prinz Ludwig l. Cvndess. d.) und ein Edelmann, Namens dc la Nenaudie, waren, wurde jedoch im März >56», kur; vor ihrem Ausbruche, entdeckt. Zwölfhundert der Verschworenen wurden hingerichtet, und auch der Prinz Conde sollte das Schafol besteigen, als F. am 5. Dec. 1560 in Folge eines alten Übels am Ohr plötzlich starb. Er hintcrließ seinem Bruder und Nachfolger Karl IX. (s. d.) 45 Mill. Staatsschulden und den ausbrechenden Bürgerkrieg. Franz IV. (Joseph Karl Ambrosius Stanislaus), Herzog von Modena, Erzherzog von Ostreich, geb. am 6. Oct. 177», ist der Sohn des Erzherzogs Ferdinand von Ostreich und der einzigen Tochter des Herzogs Hercules III., mit welchem die Reihe der männlichen Nachkommen des Hauses Este (s.d.) schloß. F. vermählte sich >812 mit Beatrix, der Tochter des Königs Victor Emanuel von Sardinien, die > 81» starb; doch erst 1814 kam er zum Besitz des väterlichen Erbes Modena, mit dem er 182», nach dem Tode seiner Mutter, die Hcrzogthümer Massa und Carrara vereinigte. Die Erinnerung an die durch die Folgen der franz. Revolution erlittenen Verluste hatte bei ihm eine Empfindlichkeit erzeugt, welche durch die Erziehung, die er bekam, wie durch die Ereignisse, die in seine Jugendzeit fielen, nur noch mehr gesteigert wurde. Gleich nach seinem Regierungsantritt hob er alle Einrichtungen auf, die nur irgend an die franz. Herrschaft erinnern konnten. Nachdem er den Jugendunterricht den Jesuiten übergeben, glaubte er die Revolution vollkommen unterdrückt und seine Herrschaft hinreichend gesichert zu haben; er erbot sich den benachbarten kleinen Fürsten, sogar dem Hofe zu Turin zur Stütze ihrer Throne an, als er die Entdeckung machen mußte, daß sein eigenes Land der Herd der Revolution Italiens und der Mittelpunkt ihrer bedeutendsten Verzweigungen sei. Sein ganzes Sinnen und Denken war von nun an einzig auf Verfolgung der Revolutionairs gerichtet, und Modena der Schauplatz von immer neuen Verfolgungen, politischen Processen und Hinrichtungen, die sich seit der Julirevolution in Frankreich, die den Herzog zu äußerster Strenge veranlaßte, bedeutend mehrten. (S. Modena.) Der Erbprinz Franz, geb. am l.Juni 181», vermählte sich 1842 mit der Prinzessin Adelgunde von Baiern, geb. 1823. Des Herzogs Brüder sind die Erzherzoge Ferdinand (s. d.) und Maximilian, geb. 1782, Großmeister des Deutschen Ordens. Franzbranntwein nennt man die in Frankreich aus schlechten Weinen, Weinhefcn und Weintrebern gewonnenen und durch Beimischung von Essigäther lieblich gemachten Branntweine. Am berühmtesten ist unter den Franzbranntweinen derCognac (s. d.). Franzcn (Frans Michael), schweb. Dichter und Homilet, geb., zu Uleäborg in Finnland am ». Fcbr. 1772, erhielt seine wissenschaftliche Ausbildung in Abo, wo er I7»2 Do- cent wurde. Eine Dichtung auf den Grafen Creutz war es, welche seinen Ruhm begründete, indem er sich darin ganz frei von jener schwülstigen und unnatürlichen Manier zeigte, die damals in Schweden fast allein für Poesie galt. In den I. 17»5 und 1796 durchreiste er Dänemark, Deutschland, Holland, Frankreich und England. No,ch während seiner Abwesenheit erfolgte seine Ernennung zum Universitätsbibliotheken: zu Abo; zwei Jahre darauf erhielt er die Professur der Literaturgeschichte, die er 1801 mit der der Geschichte und Sit- renlehre vertauschte. Als Finnland an Rußland kam, wendete sich F. nach Schweden und erhielt dort 1810 die reiche Pfarrei Kumla, in der Gegend von Örebro. Im I. >825 folgte er dem Ruse nach der Hauptstadt als Pfarrer zu St.-Clara, und >831 wurde er Bischof von Hörnesand. Seit 1898 Mitglied der schweb. Akademie, übernahm er 1824 das Sekretariat derselben und wurde bald darauf auch deren Historiograph. Als Dichter ist F. allgemein beliebt. In allen seinen Arbeiten herrscht ein natürlicher, naiver, kindlich-idyllischer Einn, der von Ziererei und falscher Sentimentalität fern ist; Form und Sprache aber sind ebenso anmuthig als gebildet. Seine gesammelten Dichtungen erschienen unter dem Titel 552 Franzensbrunnen Frauen „Llcallleot^Iilcen" (5 Bde., Örebro 1824—36). Als Historiograph der schweb. Akademie lieferte er in deren Abhandlungen eine Menge Biographien ihrer Mitglieder. In Folge des durch die Übersetzung des „Lebens Jesu" von Strauß veranlaßten Streits ließ er zur Vcr- theidigung der Offenbarungslehrc >841 zwei poetische Schriften drucken, die auch inS Deut- sche übersetzt wurden. Franzensbrunnen, s. Eg er. Franziskaner, s. Franciscaner. Franzweine heißen in Deutschland im Allgemeinen alle aus Frankreich kommende Weine; insbesondere aber der Languedoc-, Charente-, Orleans-, Anjou - und die Provenceweine, überhaupt die geringern Sorten franz. Weins im südwestlichen Frankreich, und selbst noch im nordöstlichen Spanien und zwar vorzugsweise die weißen. Fratricellen, s. Beginnen. Frauen, worunter der edlere Sprachgebrauch das ganze weibliche Geschlecht befaßt, sind im allgemeinsten Sinne die Repräsentanten der Sitte, der Liebe, der Scham, des unmittelbaren Gefühls, wie die Männer die Repräsentanten des Gesetzes, der Pflicht, der Ehre und des Gedankens; jene vertreten vorzugsweise das Familienleben mit dessen Hauptcle- menten Sitte, Gefühl, Liebe und Schamgefühl, diese vorzugsweise das Staatslebcn mit dessen Hauptelementen Gesetz, Gedanke, Pflicht und Ehrgefühl. Ebenso correspondiren Form und Inhalt; von jener, deren Repräsentant das Weib ist, verlangt dieses Zierlichkeit, Anständigkeit und Schönheit; von diesem, dessen Repräsentant der Mann ist, verlang» > dieser Fülle, Tiefe und praktische Zweckmäßigkeit. Wie die Religion und die Lyrik dem Weibe, so sind die Philosophie und die Epik dem Manne zumeist entsprechend; jenes empfindet, dieser erkennt das Richtige; der Mann ist stark im Handeln, Mittheilen und Be- fruchten, das Weib im Dulden, Empfangen und Gebären; Stärke verlangt überall der I Mann, Anmuth das Weib, Stärke und Anmuth vereint stellen erst den wahren Schönheits- , begriff dar. Man hat in jüngster Zeit dem Weibe Functionen zuweisen wollen, die nur dem s Manne von der Natur selbst zugewiesen sind; aber schon die äußere Bildung, Stimme, Gang und Haltung beweisen auf den ersten Blick, auch wenn man die Erfahrungen einer tausendjährigen Geschichte nicht zu Rathe ziehen wollte, wie verschieden die Natur beider Geschlechter ist, wie verschieden also auch ihre Aufgabe innerhalb der geistigen Entwickelung der Menschheit sein muß. Für das consequcnte logische Denken des Mannes hat das Weib sein instinctartiges, orakelhaftes und ahnungsvolles Auffassen zum Ersatz. Der Mann war > stets in der Staats - und Religionsschöpfung, in der Philosophie, in Kunst und Wissenschaft productiv, neugestaltend und maßgebend; das Weib nahm an seinen Entwickelungen mehr nur aufnehmend und mitempfindend Theil und begleitete und glossirte sie nur mit geistreichen Randbemerkungen oder löste sie in empfindungsvollc Lyrik aus, und so viele Frauen sich auch bisher mit der Poesie, der Musik und der Malerei beschäftigt haben, so blieben sie, aphoristisch wie sic im Ganzen sind, in den letzter» doch immer nur Dilettantinnen und schlugen selbst in der Poesie, so talentvoll, geschmackvoll und im Einzelnen selbst geistreich sie sich zeigen mochten, noch nie eine neue Richtung ein; der gesellschaftlich raisonnirende Roman und das Lied blieben ihre Höhenpunkte, zu einem Epoche machenden Drama oder Epos brachten sie es nirgend. Ebenso haben große Regenrinnen noch nie eine eigentliche Staatsschöpfung hervorgebracht, so vortheilhaft sie auch durch die Männer, mit denen sie sich um- ^ gaben und die sie meist mit richtigem Takt wählten, zum Theil wirken mochten. Diese geschichtlichen Erfahrungen lassen sich nicht wegleugnen. Man schiebt diese Mängel auf die engherzige Erziehung des weiblichen Geschlechts, aber die größten Männer haben sich und selbst den engherzigsten Verhältnissen zum Trotz, selbst erzogen. Man erzieht ein Mädchen und einen Knaben von anscheinend denselben Gaben ganz gleichmäßig, so wird doch das Resultat ein durchaus verschiedenes sein, denn die Natur läßt sich nur bis zu einem gewissen Grade umgehen, aber auf die Dauer nicht betrügen und rächt sich bei solchen gewaltsamen '> Versuchen nur um so grausamer. Die Klagen der geistreichen modernen Weiber sind nur zum geringsten Theile gerechtfertigt; die Natur, unparteiisch wie sie im Ganzen und Großen ist, hat dem weiblichen Geschlechtc Gaben verliehen, die sie dem Mann versagt hat, und umgekehrt; sie hat dem Weibe Schmerzen aber zum Ersähe auch Freuden zugetheilt, die der Mann nicht kennt, Krauen 55L und umgekehrt; und die Sorgen und Schmerzen einer Mutter werden von ihren Freuden unfehlbar mehr als blos ausgewogen. Es gibt eine Menge von Kleinigkeiten, an denen der Mann kalt, ja verächtlich vorübergeht und die doch dem Weibe höchst wichtig und eine Quelle'der angenehmsten Eindrücke und Empfindungen find; aber für gewisse Sorgen und Schmerzen des Mannes, die in seiner Organisation wie in seiner ganzen Stellung zur Außenwelt begründet sind, wird das Weib nie das richtige Verständniß haben, wie der Mann selten das richtige Verstandniß für die dem Weibe eigenthümlich zugetheilten Schmerzen und Sorgen hat. Dieses Misverstehcn und Verkennen ist gegenseitig und hindert das vollkommene Glück beider Geschlechter, scheint aber von der Natur selbst ungeordnet zu sein und beweist, wie verschieden Mann und Weib von Hause aus organisirt sind. Eben dieser Verschiedenheit wegen bilden erst Mann und.Weib den vollkommenen Menschen; das Weib ist an sich ebenso zweckmäßig entwickelt als der Mann, es ist keine Unter-, Zwitter- oder Nebenart des Mannes, sondern eine in sich fertige Gegenwart, die ihn ergänzt. Daher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe und des Weibes nach dem Manne, die erst durch gegenseitigen Besitz und innige Verschmelzung gestillt werden kann; daher die naturgemäße Erscheinung, daß das Weib am Manne vorzüglich diejenigen Eigenschaften achtet und liebt, durch die er eben männlich, der Mann am Weibe, durch die es eben weiblich erscheint. In diesem allgemeinen Bcdürftiiß sind beide Geschlechter einig, so sehr sie sich auch im Einzelnen miskennen und misverstehcn mögen. Die Physiologen können uns beweisen und beweisen uns, daß das Weib vegetativer, der Mann animalischer, jenes mehr begeistigt, dieser begeistigcnder ist, jenes mit der Natur und ihren Processen viel inniger zusammenhängt, dieser von der Natur viel losgerisscner da- stcht; hier genügt cs, darauf hinzuwcisen, daß Mann und Weib gleich groß und erhaben sein können, nur ist die Größe, ja selbst die Tugend des Mannes eine andere als die des Weibes, und ein Weib, das im passiven Dulden erhaben ist, mag leicht ebenso bewundernswürdig sein als ein Mann, der es im Handeln ist. Die Hauptfunctionen des Mannes beruhen auf dem Staate und der Wissenschaft, die des Weibes auf der Familie und der Geselligkeit. Durch letztere befördern sie die Entwickelung derJntelligcnz überhaupt und veredeln und verschönern sie; durch die Familie wirken sie für die Geschichte selbst. Je reiner und sittlicher das Familienwescn, desto reiner der Kern einer Nation, desto edler und reiner ihre Geschichte. Viele der größten und tüchtigsten Männer, die sich im Staatsleben oder in Wissenschaft und Kunst auszeichneten, verdankten das Beste ihres geistigen Theils, die moralische Grundlage ihres Daseins, den Einflüssen ihrer Mütter. Das Madonnenideal, insofern sich das Mütterliche in ihm spiegelt, ist das höchste und reinste, unter welchem in der Kunst das Weib zur Erscheinung gebracht werden kann. Eine gründliche Darstellung der Geschichte des weiblichen Geschlechts würde ergeben, wie sehr der Bildungsgrad desselben von der Bildung des männlichen Geschlechts ab- und mit ihm zusammcnhängt; daß, je unfreier der Mann, auch desto unfreier das Weib erscheint, ja daß es zu gewissen Zeiten, besonders im Orient, in eine Apathie versinken kann, in welcher es, gleichsam sich selbst aufgebend und an sich verzweifelnd, nicht einmal mehr den Willen hat, sich zu irgend einer Art geistiger Erkenntniß zu erheben. Jedenfalls ist aber der Einfluß des intellektuellen Lebens beider Geschlechter aufeinander ein gcgcn- und wechselseitiger, nur daß es allerdings leichter nachzuwcisen ist, wie der Mann, der in der Beleuchtung der Geschichte steht, im Strome derJntelligcnz das Weib mit sich sortreißt, als wie der allgemeine Strom der Intelligenz von Seiten der Geistesbildung des weiblichen Geschlechts seine nährenden Zuflüsse erhält. Zu diesem Zwecke müßte man, da das Weib vorzugsweise in der Familie wurzelt, die unmögliche Aufgabe erfüllen, eine bis ins Specielle gehende Geschichte des Familienwesens, ja der einzelnen Familien selbst zu schreiben. Au allen Zeiten und unter allen Völkern hat sich die seltsame Erscheinung wiederholt, daß das Weib auf der einen Seite ebenso hoch gepriesen, als von der andern herabwürdigt wurde. Selbst die Bibel enthält Beispiele für Beides. Die höhere Dichtung, sogar unter den Chinesen und Indiern, feiert das Weib als ein fast über aller Menschheit stehendes Wesen, die Satiriker, Sittenrichter und Strafprediger unter fast allen Nationen können kaum Worte genug finden, um die Schwächen und die Schlechtigkeiten des weiblichen Geschlechts zu schil- dem und den Mann vor den verderblichen Einflüssen des Weibes zu warnen. Wenn man 554 Frauen aus dem Umstande, daß die griech. edeln Frauen, aber doch mit dem Vorbehalt, Königinnen des Hauses zu sein, in ihren Gynäcecn fast abgesperrt und mit häuslichen Arbeiten beschäftigt unter ihren Sklavinnen lebten, daß die Athcnerinnen fast nur um des Staatszwecks willen, um von ihnen schöne und kräftige Kinder zu erhalten, geheirathet wurden und daß endlich die Männer berechtigt waren, bei den in allen anmuthigen Künsten erfahrenen Hetären einen feiner», selbst geistigen Genuß zu suchen oder gar der Knabenliebe zu stöhnen, wenn man aus diesen und andern Umständen darauf schließen wollte, das Weib sei bei den Griechen und speciell bei den Athenern verachtet gewesen, so würde sich diesem Fehlschluß schon die Verehrung gegenüberstellen, welche die liebende Mutter und Schwester oder die sich aufopfernde Gattin bei den Griechen genoß. Geschichtschreiber feiern edle Thaten der Weiber, und Dichter, wie Homer, Sophokles und Euripides, stellen so reine Ideale echter Weiblichkeit auf, die bildende Kunst selbst drückte in ihren Juno-, Diana-, Minerva- und Mu- sengestaltcn ein so inniges und großes Gefühl für weibliche Würde und Erhabenheit aus, daß man eher behaupten möchte, das echt Weibliche sei nirgend und zu keiner frühem oder spätem Zeit in gleichem Maße erkannt und gefeiert worden als im alten Hellas, welches sich vor dem Geiste einer Aspasia (s. d.) beugte und das Lied einer Karin na (s. d.) oder Sappho (s.d.) hochpries. Freilich fehlte den Griechen in der Liebe die phantastische Schwärmerei des Mittelalters oder die halb krankhafte Sentimentalität der modernen Zeit. Es ist bekannt, welchen politischen Einfluß die Spartanerinnen übten, wie die Übermännlichkeit, zu der sie erzogen wurden, sogar alle weibliche Anmuth und Liebenswürdigkeit in ihnen ertödtcte, bis zu dem Grade, daß sic alle Liebe für Gemahl und Kind dem Vaterlande opferten und die Jungfrauen in öffentlichen Gymnasien, wobei sie oft nackt erschienen, körperliche Übungen anstellten. Hiermit ist wenigstens bewiesen, daß die griech. Frauen keineswegs die untergeordnete Stellung einnahmen, welche manche Schriftsteller ihnen andichten. Die Römerinnen, dem Gesrmmtcharakter des Volks entsprechend mehr ernst, gemessen und sittlich streng als geistreich und poetisch regsam, wurden zwar von dem Gesetze in strenger Obhut gehalten, übten aber sowol in der Familie auf ihre Kinder wie durch ihre Repräsentation überhaupt auf das ganze Staatsleben einen durch die ganze Geschichte Noms durchgehenden und sehr kenntlichen, moralischen Einfluß aus. Hier ist nur an die Jungfrauen der Vesta, welche das symbolische Feuer der Keuschheit hüteten, an die röm. Matronen, ein Ehrentitel, welcher, alle weibliche Tugend, Würde und Ehrbarkeit umfassend, sich bis auf uns vererbt hat, an die Mutter Coriolan' s (s. d.), an so viele glänzende Namen, Porcia (s. d.), Cornelia (s. d.), Arria (s. d.) u. s. w., zu erinnern. Obgleich die röm. Frauen im Allgemeinen und mehr aus freier Wahl sehr eingczogen lebten, war cs ihnen doch durch das Gesetz vergönnt, bei den Schauspielen undGastmahlcn gegenwärtig zu sein. Wenn man auch imAlterthume der Weiblichkeit nicht in ihrem Princip huldigte und es nicht gerade die zartern Elemente des Weibes waren, die man vorzugsweise feierte, so geht doch aus der obigen Darstellung deutlich hervor, daß die Frauen im Alterthume keineswegs eine unwürdige, vielmehr sehr bedeutungsvolle Stellung einnahmen. Um so betrübender zeigt sich bei dem Untergänge und Zerfall der alten Staaten der mächtige Einfluß weiblicher Verdcrbniß, eine Erscheinung, die sich überall in fast gleichen Symptomen kenntlich macht und wiederholt. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß das Weib in Zeiten der allgemeinen Verdcrbniß und Entsittlichung öffentlicher und kenntlicher hcrvortritt als in den Zeilen der Sitte und Unverdorben- hcit, wo es nur durch das geheime Medium der Familie auf die Männer und durch diese auf die Geschichte selbst Einfluß hat. Buhlerinnen, wie L a i s (s. d.), Phryne (s. d.), Leon- tium (s. d.), in deren Armen Epikur seine lebenslustige Philosophie lernte, Hipparchia, Lamia, der man sogar einen Tempel baute, stehen an der Pforte, welche zu dem Untergänge der einfachen Verhältnisse des alten Griechenlands führte. Namentlich litt unter dieser von den Hetären gepflegten allgemeinen Verweichlichung dieRepublikderAthener. Auch dicstrengen Spartanc- rinnen ergaben sich der Üppigkeit, und die Lykurgischen Gesetze selbst, nur für eine einfache und unschuldigeZeit berechnet, beförderten zu derZcit der Ausartung die Zügellosigkeit und den Ehebruch, sodaß eine fast völlige Gemeinschaft der Weiber eintrak. Auch in den Untergangszeitcn Noms spielt das Weib eine ebenso traurige als hervorkretcnde Rolle, indem unter den Römerinnen Wollust, Herrschsucht und Jntriguensucht, die sie sich an allen Verschwörungen zu Frauen 555 bethciligen verführte, wahnsinnähnlich überhandnahmcn. Wer denkt hier nicht an Julia (s. d.), Augustus' Tochter, an Hcliogabal's Mutter, an Messalina (s. d.), F a u st i n a (s. d.,> u.s. w.? Ebenso ist die Geschichte des ostrvm. Kaiserthums, welches fortdauernd einem verderbten Christenthum fröhnte und dem reinigenden germanischen Princip verschlossen blieb, von den Tollheiten, Wollüsten und Jntrigucn herrschsüchtiger Weiber befleckt. Dieser Verderbnis arbeitete schon im Schoost der röm.Welt selbst das Christenthum mit seinen einfach cdeln Elementen entgegen. Erst durch das Christcnthum erhielten auch die Frauen ihre Rechte wieder, und es ging mit dem Geiste dieser Religion, welche die Sinnlichkeit im Menschen ertödtet und sich stets auf die Unendlichkeit bezieht, eine höhere, geistige Würdigung auf dieselben über. Freilich hätte ohne Zutritt des Germanismus, von dem jetzt eine Erneuerung und Veredelung der stockenden Säfte nach allen Seiten hin ausgehen sollte, das Christcn- thum innerhalb der verderbten röm, Welt schwerlich mehr als eine stille Gemeinde gebildet; aber das reine kräftige Urvolk der Germanen befruchtete sich mit den bildenden Ideen des ^ Christenthums und gab so dem Staats- und Familienleben eine neue Gestalt. ! Es ist bekannt, mit welcher Achtung, die fast an Verehrung grenzte, das Weib bei den Ger- ^ mancn behandelt wurde, und so führte dieser Germanismus, vcrschwistert mit dem Christen- thume und den bessern Rückständen des Romanismus, wozu sich noch der Einfluß der cheva- lcrcsken span. Mauren gesellte, zur Blüte des Nittcrthums im Mittelalter. In gewisser Hinsicht kann man diese Zeit die Blütezeit der Frauen nennen. Sänger und Ritter, und häufig waren letztere selbst Sänger, huldigten der Macht weiblicher Schönheit. Für die Frauen dichtete man, für die Frauen zog man in den Kampf und zum Turniren. Schon ^ früh wählten sich edle Jünglinge eine Gebieterin ihres Herzens und verharrten lange in dieser lieblichen Dienstbarkeit. Auch die Poesie der Provencalen, welche sich in Italien, Spanien, l im südlichen Deutschland und durch die Normannen in England verbreitete, trug das ihrige - dazu bei, diese religiöse Verehrung der Frauen, die mit dem Maricndienst verschmolz, anzu- preiscn. Jndeß war diese phantastische Schwärmerei, die in allerlei Spielereien, in die Lnnrs tl'amnm- oder Minnegcrichtc, ja in fast wahnsinnige Erscheinungen ausarletc, am wenigsten geeignet, die Rechtsstellung der Frauen zu fördern, sodaß uns das Ganze des romantischen Mittelalters nur wie ein reizendes, phantastisch-dccorirtes Schauspiel, worin die poetische Schwärmerei den Gedanken überwiegt, nothwendig erscheinen muß. (S. Minne.) Daher schon zur Zeit der Blüte des Nittcrthums, aber mehr noch in den Zeiten des Faust- ^ rechts, zu dem es ausartcte, die mannichfachen Spuren von brutaler Verachtung des weiblichen Geschlechts, von offenbarer Verhöhnung seiner Rechte, seiner Scham und Ehre, wo- ^ mit jene zur Schau getragene Licbesschwärmerei im auffallendsten Widerspruche steht. Das Ritterthum war nicht auf den Gedanken gestellt und ging daher sehr bald in rohe Gewalt und in das Recht des Stärker«, also auch in das unbedingte Recht des männlichen Geschlechts über das weibliche über. Auch diese Zeit trug den Keim des Todes in sich. Zwischen den Adeligen und Freien bildete sich ein dritter Stand, das nüchterne, aber verständige Bürger- lhum, immer mehr aus. Das Weib trat von der Prunkbühne des Nittcrthums in die bürgerliche Häuslichkeit zurück, der man vielleicht nur vorwerfen kann, daß sie zu beschränkt war und dcnMann aufdieArbeits- und Studirstube, dasWeib auf die bloße ökonomischeHaus- halterei verwies. Mit jener ritterlichen Schwärmerei, die wesentlich aus den Elementen des Katholicismus hervorgegangen war, vertrug sich der Protestantismus nicht, der vorzüglich dem Bürgcrthum zu Hülfe kam und selbst die Nonnen in gemüthliche Hausfrauen zu verwandeln bemüht war. Eine Abart der srübcrn Chevalcrie erkennt man jedoch in der franz. Galanterie, gemischt aus schäferlichbürgerlichen und ritterlichen Elementen, steif und frivol, ceremoniös und coquett zu gleicher Zeit. Dieser Schein der Chevalerie war der Sittlichkeit und Wahrheit gewiß nicht so vortheilhaft als der äußern Erscheinung. Es bildeten sich bestimmte Regeln für das Schickliche; man lernte sogar nach dem Anstande lieben, geistreicke Frauen hatten den Vorsitz in literarischen Cirkeln, die franz. Hofctikette, als Deckmantel des zügellosesten und frivolsten Lebens, und das für Frankreich so verderbliche, die spätere Revolution mit veranlassende Maitressenwesen traten mit dieser Galanterie selbst in Verbindung, und sogar an mehren kleinern Höfen Deutschlands wurde, wenn auch mit weniger Geschmack, diese galante Form des Umgangs zwischen beiden Geschlechtern nachgeahmt und verband sich 556 Krauenglas Frauensommer auch hier mit Frivolität, üppiger Vergnügungssucht und die Sitten vergiftender Maitreffen- wirlhschaft. Glücklicherweise jedoch widerstanden diesem reizenden Verderben die beiden bedeutendsten Höfe Deutschlands, der preußische unter Friedrich Wilhelm l. und Friedrich dem Großen und der östr.-habsburgische unter Maria Theresia, vor allen Regentinnen diejenige, welche das hausmütterliche Regiment auch auf die Staatsverwaltung übertrug. Ja in Deutschland machte sich sehr bald zu dieser in sich sittenlosen Galanterie, für die ohnehin die deutschen Frauen, deren Grundwesen mehr gemüthlich und häuslich schlicht als witzig und geistreich ist, wenig sich eigneten, der etwas krankhafte Gegensatz geltend, indem die Liebe und demnach auch der Umgangston eine Färbung von poetischer Empsindelei annahmen, die auch in der schönen Literatur vorwaltetc und welcher diese Zeit den etwas verfänglichen Na- men der sentimentalen Periode verdankte. Auch diese nur in Deutschland in solchem Maße wahrnehmbare Sentimentalität hatte etwas Unwahres und machte allmälig natürlichem Formen Platz, obgleich noch viel daran fehlt, daß der Umgangston überall so harmlos und natürlich wäre, um den Verkehr beider Geschlechter nicht unter der Form des bloßen konventionellen Anstands, sondern der freien Schönheit erscheinen zu lassen. Steifheit und formelle Abgemeffenheit treten in Deutschland nur zu häufig an die Stelle der anständigen Feinheit, welche die höhern Gesellschaftskreise in Frankreich so sehr auszeichnet, da hier Takt, Geschmack und Esprit, der selbst die steife gesellschaftliche Regel flüssig zu machen weiß, und eine daraus sich ergebende anstandsvolle Ungezwungenheit von alter Zeit her erblich sind. In gewissen Theilcn Deutschlands und unter gewissen Classen, welche Vornehmheit und zugleich franz. Art affectiren, stört das sichtbare Bestreben nach Repräsentation, und der von den Frauen selbst angeschlagene Ton scheint häufig mehr darauf berechnet zu sein, die Kluft zwischen beiden Geschlechtern noch über Bedürfniß zu vergrößern, als eine Annäherung zu begün- stigen. Allerdings macht hierbei der Charakter der verschiedenen Stämme und Stände einen Unterschied, und die Frauen in Süddeutschland beweisen, daß der Begriff geselligen Anstands bei aller Natürlichkeit und naiven Treuherzigkeit sehr wohl aufrecht zu halten ist. Jedenfalls hat die moderne Civilisation anerkannt, daß das Weib das leitende, verschönende, die Schroffheiten der Männer mäßigende Element, die Königin der Gesellschaft sei. Aber damit nicht zufrieden, haben geistreiche Frauen, die auch wol durch Stärke und Schärfe des Denkens, zum Theil selbst durch ihr Leben eine Ausnahme von ihrem Gcschlechle machten, sich über die Unwürdigkeit der Stellung, welche das Weib innerhalb der menschlichen Gesellschaft einnimmt, heftig beklagt. (S. Emancipation der Frauen.) Frauenglas, s. Gyps. Frauenlob wurde HeinrichvonMeißcn, ein Meistecsänger, genannt, entweder wegen des Lobes, das er den Frauen widmete, oder von seinem berühmten Lobgesang auf die heil. Jungfrau, oder deshalb, weil er in seinem Streitlied, einer Art Tenzone, gegen den Schmidt Regenbogen dem Worte „Frau" vor dem Worte „Weib" den Vorzug gibt. Um das I. 1260 geboren, übte er seine Kunst lange an süd- und norddeutschen Fürstenhöfcn aus, ließ sich nicht vor 1311 in Mainz nieder, wo er zwar nicht, wie die Sage will, die erste Mcistersängerschule stiftete, aber doch eine Vereinigung von Sängern unter bestimmten Formen gegründet zu haben scheint und 1318 starb. Frauen sollen seinen Leichnam in die Domkirche getragen, ihn beweint und seinen Grabstein durch Weinspenden geehrt haben; statt des letzter«, der im I. 1744 zerbrochen wurde, ist ihm 1842 ein neues Denkmal gesetzt worden. In seinen Gedichten, zu denen vermuthlich auch die gehören, welche im Gegensatz gegen einen älternZeit- undLandesgenosseu, den Mei.ßner(l260—80), in der sogenannten Manessischen Handschrift dem „jungen Miffenäre" zugeschricben worden, ist ein poetisches Gemüth und Gedankenreichthum nicht zu verkennen; sie leiden aber an dunkelm, gezwungenem Ausdruck und an störender Häufung einer Gelehrsamkeit, welche wahrscheinlich die spätern Meistersänger zu der unbegründeten Annahme veranlaßt hat, daß er ein Doctor der Theologie gewesen sei. Aus den Licderhandschriften (s. Meistersänge»:) sind sie am vollständigsten gesammelt und als 16. Theil der Bibliothek der gesammten deutschen Nationalliteratur (Quedlinb. und Lpz. 1843) herausgegebcn von L. Ettmüller unter dem Titel „Heinrich's von Meißen des Fraucnlobcs Leiche, Sprüche, Streitgedichte und Lieder". Frauensommer oderAlter - Weibersommer heißen die Fäden, welche im Herbste Frauenvereine Fraunhofer 557 tie Luft durchziehen. Sie sind das Gespinnst der Fliegenden Sommerspinne, eines Insekts, das kaum die Größe eines Nadelkopfs hat. Die Spinne erscheint zu Anfänge des August zuerst in Wäldern, Gärten und auf Wiesen, wo sie ihre Eier ausbrüten läßt, und dann auf den Feldern, die sie, um andere Insekten zu fangen, mit feinen Fäden überzieht, welche vom Winde zusammcngeführt, in langen Flocken fortgeführt werden. Frauenvereine zu wohlthätigen Zwecken hat es schon vor dem deutschen Befreiungskriege gegeben; in weitern Kreisen ist ans jener Zeit bekannt der Verein adeliger Frauen, der zu Wien im Anfänge des I. 1811 nach dem Muster der Gesellschaft der Mütter zu Paris durch die Fürstin Karolinc LobkowiH gestiftet wurde und der noch gegenwärtig unter dem Namen „Gesellschaft der adeligen Damen zur Beförderung des Guten und Nützlichen" fortdauernd sehr wohlthätig wirkt. Zu einer andern Art von Frauenvereinen gab aber der deutsche Befreiungskrieg Veranlassung. Der erste Anstoß zur Bildung von Vereinen unter den deutschen Frauen, welche offen den Zweck aussprachen, die Sache des Vaterlands nach Kräften zu unterstützen, ging von Preußen aus. In Königsberg, wo vielleicht am frühesten patriotische Frauenvereine entstanden, in Breslau und Berlin waren dergleichen Vereine schon im März 1813 thätig. Durch den Aufruf mehrer Prinzessinnen des preuß. Königshauses, an deren Spitze die Prinzessin Wilhelm stand, vom 23. März 1813 wurde die Gründung solcher Vereine in Preußen mächtig gefördert. Fast alle größere Städte in diesem Lande folgten dem Rufe, und andere deutsche Staaten blieben nicht zurück, sobald der anfangs wechselnde Kampf für Deutschlands BefreiungVeranlassung oder Raum dazu gab. Im Laufe der 1.1813 und 1814 entstanden wohlthätige und patriotische Frauenvereine in Dresden, Leipzig, Bautzen, Altcnburg, Weimar, Meiningen, München, Augsburg, Erlangen, Kempten, Nürnberg, Salzburg, Kassel, Marburg, Darmstadt, Karlsruhe, Hannover, Lüneburg, Celle, Ülzen, Lauenburg, Haarburg, Göttingen, Osterode, Hoya, Duderstadk, Braunschweig, Bremen und in vielen andern Städten, 1815 auch in Hamburg. Der Zweck dieser Vereine war im Allgemeinen gerichtet auf die Sorge für die Streitenden, die Verwundeten, die Hinterlaffenen gefallener Vaterlandsvertheidiger und die durch den Krieg in Krankheit und Elend Gestürzten. Viel ist durch diese gemeinsamen Anstrengungen für die Sache des Vaterlandes geschehen, und den deutschen Frauen wird stets ein Theil des Ruhms, den das deutsche Volk in jenem denkwürdigen Kampfe für dieBefreiung des Vaterlands errang, zugestanden werden. Nach dem zweiten pariser Frieden hörte die Thätigkeit der Frauenvereine an den meisten Orten auf, nur einzelne blieben fortbestehen, um sich der von den Leiden des Kriegs hart Betroffenen menschenfreundlich anzunehmen. Später nahmen diese einen allgemeinen wohlthätigen Charak- ter an, und der Gedanke, daß überall zu aller Zeit Unglückliche Trost und Hülfe bedürfen, fand unter Deutschlands edeln Frauen mehr und mehr Eingang und gab Veranlassung, daß aller Orten neue Frauenvereine zu wohlthätigen Zwecken zusammentraten. Jetzt ist wol kaum eine irgend bedeutendere Stadt in Deutschland zu finden, in welcher nicht ein solcher Verein wirksam ist. Am bemerkenswerthesten oder doch am bekanntesten sind das patriotische Fraueninstitut im Großherzogthum Weimar, gestiftet und geleitet von der Großher- zogin Marie, Großfürstin von Rußland, das eine Vereinigung von mehr als 1OV einzelnen Frauenvcreinen bildet; die Frauenvereine in Bamberg, Baircuth, München; in Dresden, Meißen, Freiberg, Großenhain, Oschatz, in mehren Städten des Erzgebirgs unter dem Schuhe der Königin von Sachsen, in Leipzig, Altenburg, Gotha, Koburg, Meiningen, Merseburg, Erfurt, Brandenburg, Berlin, Minden, Kassel, Marburg, Hanau, Hamburg u. s. w. Die Wirksamkeit dieser und anderer Frauenvereine erstreckt sich theils auf die Bildung der ärmern weiblichen Jugend in eigens zu diesem Zwecke errichteten Industrieschulen, theils auf Beschäftigung arbeitSloserPcrsonen, theils auf sonstige Unterstützung Armer, Kranker, Arbeitsunfähiger, theils auf Unterhaltung von Kleinkinderschulen (s. d.), und diese Vereine bilden dadurch ein wesentliches Glied in der großen Kette wohlthätiger Anstalten, die über Deutschland verbreitet sind. Vgl. Gräfe, „Nachrichten von wohlthätigen Frauenvereinen in Deutschland" (Kaff. 1844). Fraunhofer (Jos. von), berühmt als Optiker und Erfinder vieler optischer Instrumente, geb. zu Straubing in Baiern am 6. März 1787, der Sohn eines Glasers, mußte schon in früher Jugend das Geschäft seines Vaters treiben, kam im zwölften Jahre als Lehr 55,8 Fraustadt FrayssinouS ling zu einem Spiegelmacher und Glasschleifer nach München, wo er während der sechsjährigen Lehrzeit nur höchst selten dieFciertagsschule besuchen durste und deshalb des Schreibens und Rechnens fast ganz unkundig blieb. Dadurch, daß er, als das Wohnhaus seines Lehrherrn 1801 einstürzte, im Schutte vergraben wurde, erregte er die Aufmerksamkeit des Königs Maximilian Joseph von Baiern und erhielt nach seiner Genesung von diesem 18 Dukaten. Mit diesem Gelbe kaufte er zunächst eine Glasschneidemaschine, die er auch zum Steinschneiden benutzte; der Geheimrath Utzschneiderls. d.) aber verschaffte ihm die zum Selbstunterrichte nöthigen Bücher; doch nur insgeheim an Feiertagen konnte er einige Stunden eigenen Studien widmen. Nichtsdestoweniger wurde er bald mit den Gesehen der Optik bekannt und wendete seinen Verdienst nebst dem Reste seines Geldes dazu an, seinem Lehrmeister das letzte halbe Jahr der Lehrzeit abzukaufen und sich eine Schleifmaschine für optische Gläser anzuschaffen. Im I. 1806 wurde er von Utzschneider undReichenbach (s. d.) als Optiker angestellt und hierauf unter seiner Leitung in dem ehemaligen Kloster Benedictbeurn das für alle dioptrischc Instrumente bestimmte Institut gegründet, das 1819 nach München kam. Er fing seit 1811 an, Flintglas zu schmelzen und erfand nach vielen mißlungenen Versuchen eine völlig homogene Masse dieses Glases; auch gelang es ihm, Crownglas zu bereiten, welches das englische an Güte übertraf. Unter den vielen von ihm erfundenen oder verbesserten optischen Instrumenten stehen der Nefractor für die Sternwarte zu Dorpat, der im Durchmesser 2—500 mal vergrößert, und der von ihm für den König von Baiern gefertigte Refractor von 12 Zoll Objectivweite und 18 F. Brennweite oben an. Nach Verlegung des optischen Instituts von Benedictbeurn nach München wurde F. 1823 Conservator des physikalischen Cabinets der bair. Akademie; doch starb er schon am 7. Juni 1826. In seiner Vaterstadt wurde dem Hause, wo er geboren, gegenüber seine Büste aufgestellt und die Straße nach ihm genannt. Seine Beobachtungen sind theils in den .^Denkschriften der bair. Akademie", theils in Gilbert's „Annalen der Physik" niedcrgelezt. Fraustadt, Kreisstadt in der preuß. Provinz Posen, an der schles. Grenze gelegen, mit etwa 7 000 E., ist merkwürdig wegen der während des nordischen Kriegs zwischen den Sachsen und Russen unter Schulenburg einerseits und den Schweden unter Renskiöld andererseits am 12. Febr. 1706 gelieferten Schlacht, in welcher die erster« eine völlige Niederlage erlitten. Die Schlacht war innerhalb einer Viertelstunde entschieden, indem die Russen, Plötzlich von einem panischen Schrecken befallen, ohne Kampf die Flucht ergriffen und die Sachsen mit fortrissen. General Renskiöld befleckte seinen Sieg dadurch, daß er 6 Stunden nach dem Kampfe >500 russ. Gefangene, die ihn fußfällig um ihr Leben baten, zur Vergeltung der Gewaltthaten ihrer Landsleute unmenschlich niedermeheln ließ. Fraysstnous (Denis, Graf von), franz. Prälat, bekannt durch seinen Eifer für ultramontane Zwecke unter der Restauration und als Anhänger der vertriebenen Bourbons, geb. zu Curieres in Gascogne am 0. Mai 1765, verlebte die Zeit bis zu Anfänge des 19. Jahrh., wo er, als die Religion wieder von Seiten des Staats begünstigt wurde, unter den Priestern sich auszcichnete, die zur Belebung des religiösen Sinnes vor allen Dingen gegen die materialistischen und atheistischen Ansichten der herrschenden Philosophie sich erklären zu müssen glaubten. Seine Reden in der Kirche des Carmes in Paris zu hören, gehörte eine Zeit lang zum guten Tone. Obschon im Innersten Royalist, wußte er sich durch Schmeicheleien bei Bonaparte zu empfehlen; er wurde Gencralinspector der Akademie von Paris und erhielt ein Kanonikat bei der Kirche von Notre-Dame. Er predigte nun zu St.-Sulpice, bis ihm dieses 1809 untersagt wurde. Nach der Restauration wieder im Besitze seiner Kanzel, bekämpfte er eifrigst alle nicht royalistische Ansichten und wurde zum Censor ernannt. Wahrend der Hundert Tage verließ er Paris. Im Aug. 1815 wurde er Mitglied der Commission für den öffentlichen Unterricht, legte jedoch 1816 seine Stelle nieder und erhielt eine Pension von 6000 Francs. Durch eine von ihm verfaßte Lobrede auf Ludwig den Heiligen, die er 1817 in der Akademie vorlas, machte er sich zuerst in der literarischen Welt bekannt. Bald darauf wurde er erster Almosenier und Hofprediger Ludneig's XVIIl., dann Titular- bischof von Hermopolis, Großoffizier der Ehrenlegion, Graf und Pair; auch stellte man für ihn die Würde eines Großmeisters der Universität Paris wieder her. Jm J. 1823 wurde ihm das neuerrichtete Ministerium des Cultus übertragen; in dieser Stellung begünstigte Fredegar Freeholber 559 er die Jesuiten, die sich allerdings schon früher eingeschlichen hatten, die Kongregationen und vieles Andere, was mit dem Culturzustande und den Bedürfnissen und Wünschen der Zeit im grellen Widerspruche stand. Nachdem er 1828 zugleich mit Villelc das Portefeuille niedergelegt, erhielt er im Aug. 1829 die feuille des benelices, d. h. das Recht der Präsentation für die Erzbisthümer, Bisthümer und andere geistliche Titel. In Folge der Julirevolution begab er sich zunächst nach Genf; zwar kehrte er nachher nach Frankreich zurück, begab sich aber dann, indem er Ludwig Philipp den Eid weigerte, nach Prag an den Hof Karl's X. und spater nach Gör;, wo er an der Leitung der Erziehung des Herzogs von Bordeaux Theil nahm. Seit 1838 nach Frankreich zurückgekehrt, lebte er in der Zurückgezogenheit und starb zu Saint-Gcnies in Gascogne am l 2. Dcc. 18-1 l. Großes Aufsehen erregte zu ihrer Zeit seine Schrift „Dekenss du cliristianismo" (3 Bde., Par. 1825), zu der die nach seinem Tode erschienenen „Conferences et disconrs inedites" (Par. 18-12) die Fortsetzung bilden. Vgl. Henrion, „Vie de I?." (Par. 1842). Fredkaar, nächst Gregor von Tours (s. d.), der älteste und wichtigste Geschichtschreiber der Franken, lebte im 7. Jahrh. und ist der Verfasser einer „Historia Krancorum" in sechs Büchern, von denen die drei ersten reine Compilation sind und das vierte in einem Auszuge aus Gregor von Tours besteht, das fünfte und sechste aber dem Gregor von Tours sich anschließend eine sorgfältige Aufzeichnung der Ereignisse von 584—641 enthalten. Die beiden lehtern stehen bei Bouquet in den „Scriptni-es" (Bd. 3). Fredegunde war erst die Concubine, dann die Gemahlin Chilperich's, des fränkischen Königs von Neustrien, nachdem sie dessen Gemahlin Galeswintha ans dem Wege geräumt. Die Schwester der Ermordeten Brunehilde (s. d.) reizte, um Blutrache zu nehmen, ihren Gemahl Siegbert von Austrasien gegen Chilperich, seinen Bruder, zum Krieg. Er war siegreich, aber im Lager zu Vitry, da ihn schon die Neustrier zu ihrem König ausriefen, fiel er 575 durch Meuchelmörder, die F. gesendet hatte. Brunehilde aber wurde nach kurzer Gefangenschaft zurückgeschickt nach Austrasien. Zu ihr floh Merovcus, Chilperich's Sohn von seiner ersten verstoßenen Gemahlin Audovera, der mit mit ihr durch Prätextatus, den Bischof von Rouen, heimlich verbunden worden. Die Austrasier wiesen ihn zurück, die Einwohner von Terouanne wollten ihn seinem Vater ausliefern, dem zog er nach Einigen den Tod durch die Hand eines Freundes vor; Andere geben F. die Schuld seines Todes, auch Prätextatus fiel durch sie, ebenso sammt seiner Mutter Audovera ihr anderer Stiefsohn Chlodwig, dm sie arger Zauberkünste, durch die ihre drei Söhne kurz nacheinander gestorben, beschuldigte. Nach ihres eigenen Gemahls Ermordung, die sie, von anderer Leidenschaft gefesselt, verursacht hatte, stellte sie sich mit ihrem nur vier Monate alten Sohn Chlotar (II.), dessen Echtheit sie mit 366 Eideshelfern erhärtete, unter den Schuh Guntram's, des fränkischen Königs von Burgund. Nach dessen Tod 593 übernahm sie selbst für Chlotar die Regierung und griff, da 596 Childebert, der Sohn Brunehilde's, gestorben, diese ihre alte Feindin an. Noch wurde ihr die Freude eines Siegs zu Theil, aber kurz darauf starb sic 597. Frederiksoord, Armencolonie in der niederländ. Provinz Drenthe, an der Grenze, von Overyssel und Friesland, wurde 1818 nach dem Plane des Generals Grafen Jan van den Bo sch (s. d.) in der Absicht, durch Ackerbaucolonien in wüsten Gegenden zur bürgerlichen und sittlichen Verbesserung der Armen beizutragcn, durch einen Verein von Vaterlandsfreunden begründet, an deren Spitze sich der Prinz Friedrich gestellt hatte. Vgl. Kever- berg, „De In colonie de k." (Gent 1821) und Kireckhoff, „5lemoire zur les colonies de bieiifiiisance de 1?. et de VVortel" (Brüss. 1827). Fredman, s. Belm an (Karl Michael). Fredriksham, Stadt und Festung in der russ. Provinz Finnland, am Finnischen Golf, der Sitz eines protestantischen Consistoriums, mit Casernen für 14666 M., einem Cadettenhause und 3666 E., wurde 1727 von den Schweden angelegt, 1742 aber von ihnen fast gänzlich niedergebrannt und erst später wieder aufgebaut. Am 15. Mai 1796 erfochten hier die Schweden einen Seesieg über die Russen; am berühmtesten aber wurde es durch den daselbst am 17. Sept. 1869 zwischen Rußland und Schweden abgeschlossenen Frieden, der das finnische Gebiet vollends in den Besitz Rußlands brachte. (S. Finnland.) Freeholder, s. England (Volksverfassung). S6Y Fregatte Freiberg Fregatte nennt man ein leichtes dreimastiges Kriegsschiff mit einem oder zwei Verdecken, das 20—60 Kanonen führt, mit 125—450 M. bemannt ist und im Range nach dem Linienschiffe folgt. Freher (Marquard), ein verdienter deutscher Historiker, geb. zu Augsburg am 26. Juli l 565, studirte zu Altdorf und in Frankreich zu Bourges unter Cujacius die Rechte und wurde dann Professor derselben zu Heidelberg. Nachdem er vielfach in diplomatischen Geschäften verwendet worden, starb er zu Heidelberg am l 3. Mai 1614. Unter seinen Schriften erwähnen wir die „6erm. rorum scrPtorcs aliquot insiAnes" (3 Bdc., Franks. I80U — II; neue Aust, von B. G. Struve, 3 Bde., Strasb. 1717, Fol.), „Rerum boiiem. «criptores siiczuot snticzui" (Franks. 1602, Fol.), „tlorpus irancicae bistoriae roteris" (Hanau 1613, Fol.), „Ori^in« zwlstinse" und „Virectorium in omnes kere «bronologoz rom.-^erm. imp." (neue Aust, von Köhler, Altd. 1720). Freibataillone wurden in Deutschland zuerst in Preußen durch Friedrich II. in? Siebenjährigen Kriege errichtet, weil cs an leichten Truppen fehlte, um sie den Ungarn, Kroaten und den Freicorps der Franzosen entgegenzustellen. Während des franz.-deutschen Kriegs wurden mehre größere Freieorps errichtet, aus allen Truppengattungen zusammengesetzt und zu weiten und gewagten Streifzügen in die vom Feinde besetzten Gegenden gebraucht. Durch sie erhielt der kleine Krieg eine ganz veränderte Gestalt. Die berühmtester. Führer solcher Corps waren Czcrnitschew, Tettenborn, Dörnberg, Walmoden, der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig und Lützow. Freiberg, Bergstadt im königlich sächs. Kreisdirectionsbezirke Dresden, mit 12057 E-, unweit der östlichen Mulde amMünzbache, verdankt den Ursprung der Entdeckung der käsigen Silberbergwerke, in Folge deren Bergleute vom Harz sich gegen l 100 an der Stelle des frühem Orts Christiansdors anbauten. Durch die vielen vom reichen Bergsegen herbeigelockten Ansiedler gewann die neue Kolonie schnell eine größere Ausdehnung, und bereits 1196, wo Kaiser Heinrich VI. die Mark Meißen an sich gerissen hatte, soll F. befestigt und von kaiserlicher Mannschaft besetzt gewesen sein. Unter Heinrich dem Erlauchten war es schon eine namhafte Stadt, die auch viele ritterbürtigc Geschlechter unter ihrer Bürgerschaft zählte; ihre ersten bekannten Statuten und Privilegien aber gehören in die Zeit Friedrich des Gebissenen (1294), der gleichzeitig auch ein Bergrecht festsetzte. Bei den vielfältigen Landes- theilungen, welche seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. in dem Hause Wettin vorfielen, blieb F. samrnt den Bergwerken, als das schönste Kleinod, stets Gemeingut des Hauses und selbst in dem leidenschaftlichen Bruderkriege (1445) wußte die Stadt ihre Neutralität zu ' behaupten; durch die Haupttheilung von 1485 aber kam sie (die Bergwerke jedoch erst 1547 durch die Wittenberger Kapitulation) für immer in den ausschließlichen Besitz der Albertinischen Linie. Sie war im Lause eines Jahrhunderts vier mal durch Feuersbrünstc verheert worden, um so wohlthätiger mußte es für sie sein, daß der nachgeborene Sohn Herzog Albert's, ^ Heinrich der Fromme, sie zu seiner Residenz wählte, und in der That, was der Dreißigjährige ! Krieg, der die städtische Bevölkerung von 32000 auf l 0«>00 reducirte und ihren Wohlstand ,! zerstörte, und nachmals der Siebenjährige Krieg unversehrt gelassen, Alles ist Heinrichs Werk und verräth sein Interesse für diesen seinen Lieblingssitz. So das Schloß, ursprünglich Frei- oder Freiheitsstein, später Freudenstein genannt, welches gegenwärtig als Magazin benutzt wird, vorzugsweise aber die von ihm erneuerte Domkirche, nebst der im Chore der- , selben eingerichteten fürstlichen Begräbnißstätte, wo er selbst und seine Nachkommen bis auf ^ Johann Georg IV., gest. 1694, den letzten protestantischen Landesherrn, ruhen. Am sehens- werthesten unter diesen Grabmälern ist das des Kurfürsten Mori tz (s. d.), mit seiner le- j bensgroßen Marmorstatue, gefertigt vom antwerpener Künstler Floris, und der Rüstung, ! die er in der Schlacht bei Sievershausen trug. Ein seltenes Kunstwerk eines unbekannten Meisters in dieser Kirche ist die theilS aus Stein gehauene, theils aus Stucco gearbeitete Kanzel, welche eine kolossale Tulipane vorstellt, deren Kelch, die eigentliche Kanzel, mit den Bildnissen mehrer Kirchenväter und des Papstes Sixtus' IV. verziert ist. Die Orgel gehört I unter die vorzüglichsten Werke Silbcrmann's. Die sogenannte Goldene Pforte des Doms, ein schönes Denkmal byzant. Kunst, ist ein Überrest der bis zur Mitte des 15. Jahrh. an der Stelle des DomS gestandenen alten Pfarrkirche zu St.-Martin. Auf Veranstaltung des § Freiberg 561 königlich sächs. Alterthumsvereins wurde 1836 in den architektonisch merkwürdigen Kreuz« gangen der Domkirche ein Museum vaterländischer Alterthümer eingerichtet, für welches die sogenannte Götzenkammer im Dom reiche Ausbeute lieferte. Außerdem sind bemerkens- werth die Peterskirche, auf dem höchsten Punkte der Stadt, in Form eines Kreuzes gebaut, H mit dem über 200 F. hohen Hahnenthurme, die Zakobikirche, wahrscheinlich in den ersten Zeiten der Entstehung der Stadt angelegt, der Stein auf dem Markte, welcher die Stelle bezeichnet, wo 1455 der Prinzenräuber Kunz von Kauffungen hingerichtet wurde, das alter- thümliche Rathhaus und das Waisenhaus. Die Stadt hat ein gutes Gymnasium, mit einer ansehnlichen Bibliothek; die wichtigste Lehranstalt aber ist die l "65 gestiftete Bergakademie, die vorzüglichste Bergwerksschule in Europa. Seit Abr. Gottlob Werner (s. d.) ihren Ruhm verbreitete, wurde sie durch Charpentier (s, d.), von Busse, Lampadius (s. d.), Z. A. F. Breithaupt (s. d.), K. F. Nauma nn ss. d.) und andere ausgezeichnete Männer die Lehrerin mchrcr hundert Fremder fast aus allen Welttheilen, und die Namen der berühmtesten Naturforscher der neuesten Zeit glänzen unter ihren Zöglingen. Sie besitzt seit >791 ein eigenes Gebäude, das außer den Lehrsälen und dem chemischen Laboratorium die Bibliothek, die Mineralienverkaufsanstalt und das Werner'sche Museum enthält, welches dieser theils bei seinen Lebzeiten, theils in seinem letzten Willen der Akademie überließ, und das durch die aufOryktognosie und Bergbau sich beziehenden wissenschaftlichen und technischen Sammlungen- namentlich auch durch das vollständigste Edelstcincabinet Europas ausgezeichnet ist. Die Lehranstalt hat sieben ordentliche und einige außerordentliche Lehrer für Berg- und Hüttenkunde und deren Hülfswissenschaften und zählt in der Regel etwa "0 Studircnde. Mehre Inländer erhalten freien Unterricht, genießen ein Jahrgcld, und jedem dieser Zöglinge ist ein sogenanntes Freigedinge, d. i. eine Arbeit in irgend einer Grube, angewiesen, welche er in den Freistrmden wie ein gewöhnlicher Bergmann, jedoch gegen etwas höhern Lohn, besorgt. Eine Vorschule für die Akademie ist die Hauptbergschulc. Die Nahrungs- zweige der Stadt bestehen in Spinnereien, Spitzenklöppeln, Tuchmanufacturen, Blciweiß- uud Bleiglättefabrikcn, einer Fabrik leonischer Waaren und einer Schrotgicßerei. Die wichtigsten Erwerbsquellen bieten indessen das Berg- und Hüttenwesen, wobei etwa 6000 Arbeiter beschäftigt sind, und die darauf gegründete Fabrikation, welche über > l000 Personen des freiberger Bergamts nährt. Wie einst die Wiege, so ist es auch jetzt noch der Mittelpunkt des sächs. Bergwesens, an dessen Spitze nach dem Tode des verdienten Oberberghauptmanns Sigm. Aug. Wolfg. von Herder (s. d.) und dem Abgänge seines Nachfolgers Freies leben (s. d.), der Freiherr von Bcuft stehc, und der Sitz der wichtigsten, darauf bezüglichen Anstalten. Das dasige Oberbergamt und das Oberhüttcnamt sind die unmittelbaren Behörden des gesammten Bergbaus in Sachsen, welcher, obschon größtentheils in dm Händen von Privaten, doch unter Leitung des Staats, dem das Regal zusteht, betrieben wird. Jenes leitet den eigentlichen Erzbau, dieses führt die Aufsicht über die Schmelzhütten und das Amalgamirwcrk. An die Generalschmelzadministration müssen seit dem Anfänge des >8. Jahrh. alle Silber-, Blei- und Kupfererze abgeliefert werden, während in frühem Zeiten die gewonnenen Erze überall, auch in den Hütten der Privatbesitzer, geschmolzen wurden. Außer diesen Behörden bestehen in F. ein Oberzchntamt, welches den Zehnten und Zwanzigsten vom Ertrage der Bergwerke einnimmt, ein Bcrgschöppenstuhl, der, aus dem Stadtrath gebildet, alle wichtige Rechtssachen in Beziehung auf das Bergwesen entscheidet, und ein Bergamt, daß die zu Tageförderung des Erzes in dem freiberger Revier besorgt. Unter den Revieren, in welche der sächs. Bergstaat gethcilt wird, ist F. das bedeutendste; cs zerfällt in fünf Bezirke und betreibt 150 Zechen. In F. sind die reichsten Silberbergwerke Sachsens; unter ihnen war die Grube Himmelsfürst sowol hinsichtlich ihrer Ergiebigkeit als der Regelmäßigkeit ihres Baus und der Vollkommenheit ihrer Maschinen eine der ersten in Europa. Sie ist seit länger als 400 Jahren geöffnet und wird seit 200 Jahren ununterbrochen gebaut. In der Nähe F.s befinden sich unter mehren andern Anstalten zur Förderung des Bergbaus die großen Silberschmelzhütten mit 8 Hochöfen und l4 Revcrberiröfcn, sowie das >787 gegründete und, nach dem zerstörenden Brande, >705 wic- derhergestellte Amalgamirwcrk, welches in neuern Zeiten vielfach vervollkommnet wurde. Cvnv.-Lex. Neunte Nufl. V. 36 562 Freibeuter Freiburg (Canton) Der 1788 angelegte Kurprinzenkanal führt bald auf, bald neben der Mulde die Erze -nt- fernter Gruben zum Amalgamirwerk, in dessen Nähe Kähne mit 60—90 Ctr. Erz durch eine Maschine 20 Ellen hoch aus der Mulde in den Kanal gehoben werden. Um die seit einiger Zeit von den Gewässern überwältigten Erzreichthümer der freibcrger Gegend benutzen zu können, hat die Regierung seit > 843 einen Stölln in Angriff genommen, welcher das Wasser aus den alten Bauen in der Gegend von Halsbrücke zunächst in die rothschönberger Gegend abführen soll und schon auf dieser Distanz 2'/, Mill. Thlr. kosten wird, den man aber später bis in die meißner Gegend fortzuführen beabsichtigt. Vgl. Herder, „Der tiefe meißner Erbstolln" (Lpz. l 839). Nach Breithaupt'S Angabe in der Schrift „Die alte und freie Bergstadt F. in Hinsicht ihrer Geschichte, Statistik, Cultur und Gewerbe" (Frcib. 1825) hat der freibcrger Bergbau in den 630 Jahren seiner Dauer 240 Mill. Thlr. oder 82000 Ctr. feines Silber geliefert. Freibeuter nennt man einen Seeräuber, der seine Flagge nach den Umständen ändert und nicht wie der Kaper, durch den Kaperbricf bevollmächtigt, nur gegen die Nationen Feindseligkeiten ausübt, mit welchen die seinige verfeindet ist, weshalb er auch als Räuber, der Ka- per hingegen militairisch behandelt wird. Freibriefe, s. Licenzen. Freiburst im Breisgau, die ehemalige Hauptstadt des Breisgaus (s. d.), jetzt der Hauptort des Öberrheinkreises im Großherzogthume Baden und Sitz eines Erzbischofs, liegt am Treisamflusse, über welchen .eine schöne Brücke führt, und unweit des 3600 F. hohen Noßkopfs am Fuße des Schwarzwalds in einer schönen und fruchtbaren Gegend. Nebst den Vorstädten Herdern und Wiehre zählte es 184 3, jedoch ohne die Besatzung und die Studenten, gegen 15800 E. Ein schönes Denkmal goth. Baukunst ist das Münster mit seinem 356 F. hohen Thurme, jetzt die erzbischöfliche Kathedrale, erbaut seit der Mitte des 12.Jahrh. und im Innern prächtig verziert, mit einer Menge Grabmäler, unter denen sich das Grabmal Berthold's V., Herzogs von Zähringen, auszeichnet. Vgl. Schreiber, „Geschichte und Beschreibung des Münsters zu F." (neue Aust., Frcib. >825). Andere merkwürdige Gebäude sind das Kaufhaus, das Theater, das erzbischöfliche Palais, das Museum, das ehemalige Landschaftshaus und das Nathhaus. Die katholische Universität wurde 1457 vom Erzherzog Albert von Ostreich gestiftet und ist mit reichen liegenden Gründen in Baden, Würtemberg und der Schweiz ausgestatket, obschon sie einen nicht unbedeutenden Theil derselben im Elsaß durch die franz. Revolution verlor. Sie zählte >843 in der theologischen Facultät sieben ordentliche Professoren, darunter Hug (s. d.), Hir scher (s. d.) und Staude nmaierss.d.), inderjuristischensechs,darunterW arnkönigss.d.) undHeinr.Amann, in der medicinischcn sechs und in der philosophischen acht, darunter Heinr. Schreiber, Baumstark, Ans. Feuerbach und Deuber, abgesehen von den außerordentlichen Professoren und Privatdocenten; die Zahl der Studirendcn betrug in demselben Jahre 350, darunter 50 Ausländer. Mit der Universität ist eine ansehnliche Bibliothek von mehr als >00000 Bänden verbunden. Außerdem bestehen in F. noch ein katholisch-theologisches Seminar, ein Gymnasium und ein Forstinstitut. Dem Erzbisthume sind die Bisthümer Mainz, Fulda, Rottenburg und Limburg untergeordnet. Vgl. Schreiber, „Urkundenbuch der Stadt F." (2 Bde., Frcib. 1828). Freiburg, Canton der Schweiz, hat auf 27'/, OM., bei einer Ausdehnung von >5 Stunden Länge und acht Stunden Breite, etwa 94000 E., meist Katholiken, außer im protestantischen Bezirk Murten, und grenzt an Bern, Waadt, von dessen Gebiet auch drei kleinere Bezirke völlig umschlossen sind, und an den Neucnburgersee. Der größere Theil derBevölke- rung spricht ein verdorbenes Französisch; die übrige deutsch. Die Sprache der Regierung ist das Französische; doch werden alle Gesetze und Decrete des Großen Raths und alle für den ganzen Canton verbindliche Staatsrathsbeschlüsse in beiden Sprachen ausgefertigt. Die Oberfläche des Landes besteht meist aus begrasten oder bewaldeten Hügeln und Bergen, von denen die höhern, eine Fortsetzung der Alpenkctte des berner Oberlands, im kältern südlichen Theile des Cantons gelegen sind, ohne jedoch die Grenze des ewigen Schnees zu erreichen. Der größere Theil des Murtensces, der im Norden von einem ausgedehnten Moose, im Süden und Osten von fruchtbaren Ebenen begrenzt ist, sodann der Schwarze und Seedorfer 563 Freiburg (au öer Unstrut) See gehören zum Canton. Die wichtigsten Flüsse des meist zum Rheingebicte gehörigen Landes sind Saane, Broyc und der Chandon. Die Bewohner nähren sich meist von Alpcn- wirthschast (Käse vonGruyeres), von Getreide-, Wein-, Obst-, Taback- und Gartenbau. Die Gebirge liefern Sandsteine, marmorartige Kalksteine und etwas Steinkohlen. Die Stadt F., vom Herzoge Berthold IV. von Zähringen > >70 am Felsenufer der Saane gegründet, stand mit ihrer SchwesterstadtBern anderthalb Jahrhunderte in feindlichem Verhältnisse und büßte die Anhänglichkeit an ihre Herren in fortdauernden Kämpfen gegen die Berner. Durch das stanzer Verkommniß trat sie 1481 mit ihrem Gebiete als neunter, später als zehnter Can- kon der Eidgenossenschaft bei. Auch hier artete allmälig die Demokratie in städtische Oligarchie und Familienherrschaft aus. Namentlich bildete sich zwischen dem gesetzgebenden Großen und vollziehenden Kleinen Rache ein die Censur der höchsten Behörden übender Rath der Sechziger, über den sich später noch eine mit den ausgedehntesten Befugnissen versehene Heimliche Kammer erhob. Die allmälig immer mehr sich befestigende Familienherrschaft des Pakriciats wußte indeß in langem Kampfe mit der röm. Curie und mit den seit der Reformation in F. residircnden Bischöfen von Lausanne die weltlichen Rechte zu wahren. Doch wurdeschon >581 den Jesuiten eine bleibende Ansiedelung gewährt; unter der Restauration wurden 1818 zuerst die Liguorianer und bald darauf die Jesuiten nicht blos wiederzugclaffen, sondern ihnen auch die frühern Besitzungen zurückgegeben. Zu Ende des 18. Jahrh. entstanden Gährungen gegen die herrschende Oligarchie, theils in der Landschaft, theils in der Stadt selbst unter der franz. Bevölkerung. Am 2. Mär; 1708 von den Franzosen besetzt, wurde F. ein Theil der Helvetischen Republik, sodann unter der Mediation einer der 19 Cankone und einer der sechs Vororte. Mit der Restauration stellte wieder die Aristokratie, unter etwas mildern For- ! men, ihreHerrschaft her, bis endlich die Erhebung des Volks im 1.1830 die Anerkennung des Princios der Rechtsgleichheit und die Verfassung vom Jan. 1831 durchsetzte. Diese Constitution garantirt, wie in den andern regenerirten Cantoncn, die Preßfreiheit, die persönliche Freiheit u, s. w., enthält jedoch die weitere Bestimmung, daß die röm.-katholische Religion die cinrige öffentliche Religion des Cantons ist, mit Ausnahme des Bezirks Murten, wo nur der öffentliche Cultus der reformirten Konfession gestattet sein soll. Die gesetzgebende Gewalt steht einem durch indirecte Wahlen aller Staatsbürger gebildeten und alle drei Jahre zu einem Drit- theil erneuerten Großrathe zu, die vollziehende einem aus 13 Mitgliedern bestehenden und gleichfalls periodisch zu erneuernden Staatsrathe; die richterliche einem Appellationsgerichte, den Bezirks- undFriedensrichtern. Zum Zwecke der Verwaltung ist der Canton in 13 Bezirke getheilt, deren jedem ein Oberamtmann vorgesetzt ist. An die Stelle der älter» Handfeste und ! Gewohnheitsrechte wird seit >821 ein neues allgemeines Civilgcsetz bearbeitet, wovon I T34— ' 42 das Personenrecht, ein Theil des Sachenrechts und das Erbrecht erschienen sind. Auch ! wurde 1833 eine Commission mit Bearbeitung eines neuen Criminalgesetzes an der Stelle j der früher geltenden Carolina beauftragt, wovon 1840 und 1841 der „6o„ csntnn cko kV" (2 Bde., >832). — Freiburg im Uechtlande, Hauptstadt des Cantons, mit etwas über 0000 E., die im ober« Theile der Stadt französisch, im untern deutsch reden, erhebt sichterrassenförmig von beiden Felsenufern der Saane, ist von weitem Umfange, im Ganzen gut gebaut und meist mit hohen und starken Mauern umgeben. Um das Auf- und Absteigen zu ersparen, ist seit >833 und 1834 eine 818 F. lange und 137 F. über den Kluß erhabene Drahtbrücke erbaut. Unter den vier Kirchen zeichnet sich die Nikolauskirche, mit der großen Orgel von Mooser und ' mit einem 365 F. hohen Thurme aus. Auf der ober« Anhöhe, gleich einer Feste, liegt das ^ Jesuitencollegium mit etwa 600 Schülern. l Freiburg an der Unstrut, ein Städtchen im preuß. Herzogthüme Sachsen, zählt etwa 2000 E-, die ansehnlichen Weinbau, Woll- und Leinweberei treiben. Merkwürdig sind die namentlich in ihrer äußern Ansicht sich herrlich präsentirende Stadtkirche im gvth. Stile 36 * 5iU Freikorps Freie und das unmittelbar über der Stadt liegende alte, angeblich von Ludwig dem Springer um 1969 erbaute Bergschloß (Neuburg genannt), welches jetzt als Wirtschaftsgebäude des dam gehörigen Grundbesitzes dient. Auf dem Markte befindet sich die Statue des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfcls. Zn der Nähe von F. ist der Adelsacker, den, der Sage nach, unter Ludwig dem Eisernen der die Bauern arg bedrückende Adel, zur Strafe vor den Pflug gespannt, umackern mußte. Seit Friedrich des Ernsthaften Zeit residirten in F. die Pfalzgrafen von Sachsen und die Landgrafen von Thüringen. Im Z. 18 l 3 kam es hier am 21. Oct. zwischen den Franzosen unter Bertrand und den Preußen unter Pork zum Gefecht. Freicorps, s. Freibataillone. Freidank oderVridanknenntsichder Dichter eines mittelhochdeutschen didaktischen Gedichts, das den Titel „Bescheidenheit" führt, mit welchem Worte die alte Sprache verständige Einsicht und richtige Beurtheilung der Dinge bezeichnet. Der Dichter, den W. Grimm für nicht verschieden von Walther von der Vogelweide (s. d.) hält, verfaßte sein Gedicht entweder auf oder bald nach dem Kreuzzuge von 1229, auf welchem er selbst Kaiser Friedrich 11. begleitete. Es ist ein Spruchgedicht, d. h. seine hauptsächliche Grundlage ist die Weisheit und Klugheit des Volks, wie sie namentlich im Sprüchwort sich kund gibt, verarbeitet durch einen höfischen Dichter. Abgesehen von dem poetischen Werth, den cs besitzt, und von der tüchtigen kernhaftcn Gesinnung, die sich darin ausspricht, ist es von Wichtigkeit durch den Aufschluß, den der Dichter darin über den sittlichen und religiösen, öffentlichen und häuslichen Zustand seiner Zeit ertheilt. Es wurde viel gelesen, und seine Form bot Gelegenheit zu Zusätzen und Änderungen, daher die Handschriften sehr untereinander abweichen. Eine treffliche Ausgabe des Gedichts mit belehrender Einleitung besorgte W. Grimm (Gött. 1834). Von der erweiternden Umarbeitung desselben durch Seb. Brandt (s. d.) sind von 15<>8—83 sieben Auflagen erschienen. ^ Freidenker bezeichnet nicht blos einen Denker, der seine Überzeugungen von den An- , sichten der Kirche unabhängig macht, sondern auch einen solchen, der den Offenbarungsglau- ! bcn oder allen positiven Glauben überhaupt verwirft; im ersten Fall ist die Frcidenkcrei - Deismus, im letztem überhaupt Unglaube. Der Name hat in dieser Bedeutung seinen Ursprung von den Engländern, unter denen im 18. Jahrh. mehre Gegner des Christenthums auftraten. Man tadelte mit diesem Namen mittelbar die Gläubigen als schwache Köpfe und erhob sich über dieselben als Denker; daher auch die franz. Freidenker sich gern starke Gei- l ster, Freigeister oder Philosophen nannten. So artete das freie Denken in Befehdung des t Glaubens, und da dieser sich verthcidigte, in Spott und Feindseligkeiten gegen das Positive ; aus. In England wurde die Frcidenkcrei, die zunächst mit der Verspottung einzelner Dogmen und der kirchlichen Verhältnisse begann, durch den schlechten Zustand der Religion und Kirche veranlaßt, gegen.welchcn die Schriftsteller unter Jakob II. und Wilhelm lll. zu Felde zogen, i Dodwell, Steele, Ant. Collins, der durch seinen „I)isc«urse nk treetlimlcmg" (Lond. 1713) dieses Wort zuerst zu einem Parteinamen machte, und John Tolland waren die Chorführer der Freidenker in England. Auch erschien hier seit 1718 eine Wochenschrifttreetlim- Ivit Uliil Iiumnur etc." Matth. Tindal, gest. 1733, Morgan und Bernard Mandeville trugen die Freidenkcrci auf die Moral über; am weitesten aber trieben dieselbe Lord B olingbrocke (s. d.) und David H u m e (s. d.). In Frankreich wurde die Frcidenkcrei durch den Gcistesdruck, welchen die herrschende Kirche ausübte, hervorgerufen; sie tricb ; anfangs nur verstohlen ihr Wesen, bemächtigte sich aber bald um so tiefer der Gesellschaft, i Man griff die Religion, die man häufig mit Pfaffenthum sur gleichbedeutend hielt, als cin Vorurthcil an, und Viele verloren sich in offenbaren Atheismus. Voltaire und die Encyklo- pädistcn d'Nlcmbert, Diderot und Hclvetius sowie der Verfasser des „8Müme 2. Jahrh. die Nachkömmlinge jener Freien theils im Bürger- oder dem sehr zusammengcschmolzenen freien Bauernstände, theils in dem nieder« Adel, wozu sie ans dem Abwege der Ministerialität gelangt waren, hauptsächlich aber unter den: zahllosen Hansen der Unfreien, dem nach erfolgter Zersetzung der ursprünglichen VolksclementC zurückgebliebenen Niederschlage der Nation, zu suchen. Vgl. Montag, „Geschichte der deutschen staatsbürgerlichen Freiheit" (2Bde., Bamb. und Würzb. 1812 —l 4) und Hüllmann, »Geschichte des Ursprungs der Stände in Deutschland" (2. Ausl., Berl. 1830). Freie Künste (artos liberales, ü>ß;ei»ikee oder boiiss) nannten die Alten diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten, die zu dem Unterrichte des Freien gehörten und die man eines freien Mannes würdig erachtete, im Gegensätze der Beschäftigungen der Sklaven, der artes illiberales, worunter man meist mechanische Arbeiten verstand. Gewöhnlich zählt man sieben freie Künste, nämlich Grammatik, Arithmetik und Geometrie, Musik, Astronomie, Dialektik und Rhetorik, von denen, nach der gewöhnlichen Annahme die erstem drei in den Schulen des Mittelalters das Trivium, die letztem vier das Quadrivium genannt wurden, während Andere die Grammatik, Dialektik und Rhetorik zum Trivium, die andern Künste zum Quadrivium rechnen. (S. Kunst und Magister.) Freienwalde, eine Stadt in der preuß. Provinz Brandenburg an der Oder, ist besonders wegen des nahe dabei in einem freundlichen, von waldigen Höhen umgebenen Thale liegenden Bades bekannt. Die Quellen, unter denen der Königliche Gesundbrunnen und die 566 Freiesleben Freie Städte Küchenquelle die vorzüglichsten sind, haben eine Temperatur von -I- 7" R. und als Haupt- sächlich wirkenden Bestandtheil Eisen, dazu wenig Kohlensäure, sodaß sie dem Gehalte und der Wirkung nach zu den schwächer» Eisenwassern (s. d.) gezählt werden. Sie werden fast nur äußerlich angewendet und sind besonders reizbaren, schwächlichen Individuen zu empfehlen. Die Quellen sind bereits seit dem t -1. Jahrh. bekannt und die Anstalten gut, da die Bäder früher mehr als gegenwärtig und namentlich häufig von der Gemahlin König Friedrich Wilhelm's II. benutzt wurden. Untersucht wurden sie von Rose. In einer Vorstadt von F. ist seit mehren Jahren das Achilles- oder Alexandrinenbad eingerichtet, zu welchem drei Quellen gehören, die bis auf eine schwache Schwefelquelle den vorigen ziemlich gleich sind. Vgl. Treumann, „Die Heilquellen und Badeanstalten zu F." (Berl. 1827). Freiesleben (Joh. Karl), ein um das Berg - und Hüttenwesen namentlich Sachsens höchst verdienter Mann, geb. zu Freiberg am 14. Juni 1774, richtete, da sein Vater und seine beiden Großväter dem Bergmannsstande angehärlen, frühzeitig fernen Sinn auf das Bergmannsleben. Seil 1789, besonders aber während seiner bergakademischen Studien, 1799—92, hatte er Werner sehr viel zu verdanken, der höchst vortheilhaft für F.'s wissenschaftliche Ausbildung wirkte. In den 1.1792—94 studirte er in Leipzig die Rechte. Hieraufbereiste er in Humboldt's Gesellschaft die schweizer und savoyer Gebirge. Nach der Rück- kehr zunächst als Bergamtsassessor in Marienbcrg angestcllt, wurde er 1799 Bergmeister in den Revieren Johanngeorgenstadt, Schwarzenberg und Eibenstock und 1800 Bergcommissionsrath und Director des mansfeldischen und thüringer Bergbaus in Eislcbcn. Zugleich erhielt er von den Besitzern des sangerhäuser Bergwerks den Auftrag zur Direktion desselben, die er 28 Jahre lang besorgte. Daß F. in dieser Zeit auch für die Wissenschaft fortwährend thätig blieb, beweisen vorzüglich seine als klassisch anerkannten „Geognostischen Arbeiten" (6 Bdc., Freiberg 1807 —18). Im Juli 1808 wurde er Assessor, 1818 Rath beim Oberberg - und Oberhüttenamt, >898 aber, nach erfolgtem Ableben des Oberberghauptmanns von Herder, zum Chef des gesammten Berg- und Hüttenwesens als Berghauptmann ernannt, welcher Stellung er aber auf sein Ansuchen 1842 enthoben wurde. Von seinen Schriften gedenken wir noch seines „Magazins für die Oryktographie von Sachsen" (Heft 1 —10, Freiberg 1828 —39), eines Werks, in welchem ein außerordentlicher Reichthum von Sachkenntniß und Localkunde und eine erstaunenswerthe Masse von Literatur mit ebenso viel Fleiß als Kritik zusammengestellt ist. — Sein ältester Sohn, Karl Friedr. GottlobF., geb. zu Eisleben am 12. Aug. 1801, gest. zu Freiberg als Bergschrciber und Bergamtsassessor am 2. Juni 1836, hat sich einen Namen gemacht durch die Schrift, „Der Staat und der Bergbau, mit vorzüglicher Rücksicht auf Sachsen", die aus seinem Nachlasse von Professor Bülau in Leipzig herausgegeben wurde (Lpz. 1837; 2. Ausl., 1839). Freie Städte. Die Städte Deutschlands, die meist unter den Karolingern und den Kaiscrn aus dem sächs. Hause entstanden, blieben lange in einer oft sehr drückenden Abhängigkeit von den geistlichen und weltlichen Großen. Die unruhigen Zeiten unter Heinrich gaben zuerst den Bürgern von Worms und Köln den Muth, sich zu bewaffnen; sic boten dem bedrängten Kaiser ihre Dienste an, der dieses Anerbieten gern annahm. Durch Handel und Gewerbfleiß wuchs allmälig auch die Macht anderer Städte; sie unterstützten nicht selten die Kaiser gegen die übermüthigen Großen und erhielten dafür, oder für ihr Geld Freiheiten und Auszeichnungen mancher Art. So entstanden in der Mitte des 12. Jahrh. die Reichsstädte (s. d.). Übrigens gab cs schon von den ältesten Zeiten her freie Städte in Deutschland, die, aus den Römerzeiten hcrrührend, mit den spätern freien Reichsstädten wenig gemein hatten und erst im Anfänge des >6. Jahrh. das Wesentliche ihrer frühem Vorrechte und durch Unkunde ihrer Beamten selbst den Namen freier Städte verloren. Die vorzüglichsten ihrer Rechte bestanden darin, daß sie in vollkommener Unabhängigkeit sich selbst regierten, nie einem Kaiser oder König Pflicht und Treue schwuren, nie einem Römerzug beiwohnten, noch sich mit Gclde abkauften, nicht zum Reich steuerten oder des Reichs Bürden trugen, nicht dem Reiche angehörten, sich auch keineswegs den Reichsständcn zuzählten, mit Einem Worte unabhängige Freistaaten bildeten. Die lombard. Städte, durch Handel reich und mächtig und durch den Beistand der Päpste kühn gemacht, wagten es wiederholt, sich ihren Oberherren, .den Kaisern, zu widersetzen, welche die Widerspenstigen nur mit Mühe Freigeister Freiheit 567 zum Gehorsam brachten, und das Beispiel der lombardischen hob auch den Muth der deutschen Städte. In der Mitte des l 3. Jahrh. entstanden zwei wichtige Verbindungen derselben zu gemeinschaftlichen Zwecken, die Hansa (s. d.) und der Bund der rheinischen Städte. Der Nest der Hansa und des ehemaligen städtischen Collegiums auf dem Deutschen Reichstage, die freien Städte Hamburg (s. d.) Bremen (s. d.) und Lübeck (s. d.), wurde 1810 dem franz. Kaiserreiche einverlcibt. Da indeß alle drei Städte 1813 zur Wiedererlangung der deutschen Freiheit thätig mitgewirkt hatten, so wurden sie vom wiener Congreß, nebst Frankfurt am Main (s.d,), der Residenz des FürstenPrimas, als freieStädte anerkannt. Als solche traten sie am 8. Juni 1815 i>enr Deutschen Bunde bei und erhielten bei dem Bundestage im Plenum jede eine Stimme, im cngcrn Nathe aber eine Gcsammtstimme. Ein gemeinschaftliches Oberappellationsgericht haben sie seit 1820 in Lübeck. Außer diesen vier Städten in Deutschland wurde durch die Acte des wiener Congrefses auch Krakau (s. d.) unter dem Schuhe Rußlands, Ostreichs und Preußens als freie Stadt erklärt. Freigeister, s. Freidenker. Freigerichte und Freigrafen, s. Femgerichte. Freigut nennt man Güter und Maaren, die von gewissen Abgaben frei sind; ferner ein freies Landgut, Allodiumts- d.), auf welchem keine Lehnspflichtcn und Steuern haften; endlich ein Bauerngut, welches nicht zu Frohnen und andern Dienstbarkeiten verpflichtet ist, sondern nur die gewöhnlichen Landsteuern oder einen Freizins bezahlt. Auch versteht man in manchen Ländern unter Freigut ein solches, welches von Kriegs- und andern Lasten frei ist und nur auf männliche Erben fällt. Die Natur des Freiguts hängt im Wesentlichen von Verträgen, Privilegien u. s. w. ab. Freihafen nennt man einenHafen (s. d.), wo Schiffe aller Nationen frei oder gegen Entrichtung eines mäßigen Zolls einlaufen und Handel treiben können. Die berühmtesten Freihäfen sind die zu Triest, Genua, Livorno, Odessa und Antwerpen. Freiheit ist im gewöhnlichen Sprachgebrauch der positive Ausdruck für Das, was seinem Begriffe nach eigentlich nur negativ ein Vcrhältmß der Unabhängigkeit bezeichnet. So spricht man vom freien Schwünge eines Pendels, vom freien Falle der Körper, von der Freiheit, mit welcher sich der Vogel in der Luft bewegt, von der Freiheit des Verkehrs u. s.w. und bezeichnet damit die Unabhängigkeit gewisser Ereignisse und Tätigkeiten von gewissen sie bestimmenden Ursachen, ohne damit jeden ursächlichen Zusammenhang überhaupt auf- heben zu wollen. Darin, daß der Grundbegriff der Freiheit nur ein negativer ist, liegt zugleich, daß er auch nur eine relative Bedeutung hat, und daß, insofern von einer bestimmten Art Freiheit die Rede ist, abermal ein bestimmtes System von Ursachen als Beziehungs- Punkt hinzugedacht werden muß, von welchem Das, was man frei nennt, unabhängig sei. So heißt politische Freiheit die Unabhängigkeit entweder eines Staats von andern Staaten, oder die Unabhängigkeit des Einzelnen im Staate von der nvthigendcn Willkür anderer, und die Verschiedenheit sowol der nöthigenden Personen als der Art, in welcher, der Objecte, in Beziehung auf welche sie andere nöthigen können, ergibt sehr verschiedene Arten und Grade der politischen Freiheit. Ebenso ist es mit der kirchlichen Freiheit (s. Religionsfreiheit), der Gedankenfreiheit u. s. w. Es ist ganz natürlich, daß man den Begriff der Freiheit weniger in der Auffassung des Unbelebten und Unbeseelten als in der des Lebendigen und Beseelten, also namentlich in der des geistigen Lebens anwendet, in welchem sich eine von äußern Ursachen nicht unmittelbar abhängige Selbstthäligkeit kundgibt, und hierin liegt die Veranlassung, daß die ursprünglich nur negative und relative Bedeutung des Begriffs Freiheit in den Hintergrund tritt und statt derselben die Frage nach einer positiven und absoluten Bedeutung desselben entsteht. Diese Frage eigentlich ist es, welche die Streitigkeiten über die Freiheit des menschlichen Wollcns, über Determinismus (s. d.) und Indeterminismus (s. d.) hervorgerufen hat. Die bloße Selbstbeobachtung gibt über diese Frage keinen bestimmten Aufschluß. In der inner» Regsamkeit, die der Mensch sich selbst als sein Begehren und Wollen zusckreibt, findet er sich häufig durch äußere Eindrücke, Bedürfnisse, Gefühle, das Beispiel Anderer u. s. w. bestimmt, also unfrei; gleichwol gibt es sowol unter mehren Begehrungen, als den Mitteln ihrer Befriedigung eine Wahl und eine Überlegung, nach welcher sich die Entscheidung richtet oder wenigstens richten kann; 568 Freiheit der Mensch braucht nicht der Sklave jeder augenblicklichen Begehrung zu sein; er kann sein eigenes Begehren lenken, leiten, beherrschen^ er kann nicht blos eins von dem Vielen, was er begehrt, mit bewußter Ausschließung des Übrigen thun, sondern er scheint auch etwas Anderes wollen zu können als er will, und so erscheint er, der Überlegende, Wählende und Entscheidende, sich selbst als frei. Gleichwol ist es mindestens zweifelhaft, ob die'Übcrlegungen den Menschen, oder der Mensch seine Überlegungen beherrscht, und wo ohne Überlegung gewollt unh gehandelt wird, ist immer die Möglichkeit vorhanden, daß unbewußte Motive das Begehren und Wollen so oder anders bestimmen. Mit dieser schwankenden Unsicherheit der Selbstbeobachtung vereinigen sich überdies mancherlei, unter sich selbst wenig harmonirende, aber mächtige Interessen, welche die Unbefangenheit der Untersuchung über die Freiheit des menschlichen Wollens beeinträchtigen, namentlich ethische und religiöse. Wenn das Wollen des Menschen der nothwendige Erfolg von Ursachen ist, die nicht wieder als sein eigenes Wollen betrachtet werden können, so scheint cs einem Mechanismus anheimzufallen, der, wie man meint, die Zurechnung aushebt und dem Unterschiede zwischen Tugend und Laster seine Be- deukung raubt. Andererseits scheint die absolute Abhängigkeit der Erschcinungswclt von den Nathschlüssen Gottes in dem Begriff der göttlichen Allmacht und Allwissenheit mitgesetzt werden zu müssen und somit für eine Freiheit im positiven Sinne kein Spielraum übrig zu bleiben, und doch sträubt sich das Gefühl, auf ethische Voraussetzungen sich stützend, gegen die Annahme einer Vorherbestimmung zum Guten und Bösen, welche den Werth oder Unwerth des Menschen nicht als sein eigenes Werk erscheinen läßt. Hieraus erklärt sich, warum die Philosophie über diese Frage zu keinem allgemeinen Einverständniß gekommen ist. Der Streit darüber zieht sich von Au gustin(s. d.) und Pelagius durch die ganze Scholastik hindurch bis herab auf die neueste Zeit. Zwar die sogenannte Freiheit der Willkür (libertas nePnIiiirii, inckilkerentise), d. h. die Meinung, der Wille sei dergestalt unbestimmbar, daß er trotz aller Motive zu einer von zwei entgegengesetzten Handlungen in dem Acte eines und desselben Wollens ebensowol das Eine als auch das Andere wollen könne, ist zu widersinnig und widerstreitet der Möglichkeit aller vernünftigen Bildung des Wollens zu sehr, als daß sic jetzt noch Jemand ernsthaft vertheidigcn möchte, wie sie z. B, im Mittelalter Duns Sco- tus und Occam gegen Thomas von Aquino verthcidigten; gleichwol findet sich der Grundgedanke derselben, absolute Unabhängigkeit von allem Causalzusammenhange, auch in der sogenannten transscendcntalen Freiheit Kant's, welche dieser als das Vermögen erklärte, eine Reihe von Erscheinungen, die nach Naturgesetzen abläuft, schlechthin von selbst anzufangen. Ob eine solche Freiheit, neben welcher, wie Kant wohl sah, „keine Natur mehr möglich ist", dem Menschen beigelegt werden könne, ließ er theoretisch unbestimmt, behandelte vielmehr die ganze Frage darnach als eine Antinomie; dem Menschen als Erscheinung sprach er sie ausdrücklich ab und glaubte sie nur für den Menschen als intelligiblcs Wesen als einen über aller möglichen Erfahrung hinausliegenden intelligiblen Act, als ein Postulat der praktischen Vernunft im Interesse der Ethik vertheidigcn zu müssen. Kant, der überdies die sittlich e Freiheit ganz richtig nicht als absolute Unbestimmbarkeit des Wollens, sondern als Unabhängigkeit desselben von andern als sittlichen Motiven definirte, hätte nicht nöthig gehabt, so weit zu gehen; das sittliche Interesse nöthigt nicht nur zu dem Postulate der trans- scendentalen Freiheit, sondern es schließt die letztere deshalb geradezu aus, weil ein Wille, der gänzlich unbestimmbar ist, auch keinen sittlichen Motiven und somit auch nicht der sittlichen Bildung überhaupt zugänglich gedacht werden könnte. Ebenso verlangt auch der Begriff der Zurechnung nichts weiter, als daß ein Wollen, welchem die That als gewollte, und eine Person nachgewiesen werden könne, welcher das bewußte Wollen als das ihrige beigelcgt werden kann; die Zurechnung schließt nur diejenigen Formen des Determinismus aus, welche das Wollen und Handeln nicht als den Ausdruck des eigenen geistigen Lebens des Wollenden und Handelnden zu betrachten erlauben. Demnach hat der Kant'schc Freiheitsbegriff auf die nachfolgenden Systeme Fichte's, Schelling's und Hegel's den größten Einfluß gehabt, sodaß man in neuerer Zeit mit engsichtiger Einseitigkeit wol auch den Gedanken ausgesprochen hat, es handle sich gegenwärtig in der Philosophie nur noch um das eine Problem der Freiheit; in Wahrheit ist dabei allmälig die Voraussetzung eines Werdens ohne Ursache, eines absoluten Werdens, welches auch der transscendcntalen Freiheit Kant's zu Grunde Areiheitsbämne FreiheitsmüHe liegt, inimer deutlicher zum Vorschein gekommen, und der gewaltsam übertriebene Freiheitsbegriff in den einer grund- und zwecklosen Nothwendigkeitzurückgefallen. Überhaupt berührt die theoretische Frage über die Freiheit oder Unfreiheit des Wollens, bei welcher man nie vergessen sollte, in welcher Beziehung von der einen oder der andern die Rede ist, die Bestimmung des Begriffs der sittlichen Freiheit gar nicht. Diese ist Abhängigkeit des Wollens von der sittlichen Einsicht, Unabhängigkeit desselben von jedem andern Motive; als solche aber nicht eine Thaksache sondern eine Aufgabe, der sich derMensch in seinem gesammten Wollen nähern kann und soll; sie ist ein Musterbild des Wollens, eine Idee, kein Naturgesetz, und die Möglichkeit, sich ihm zu nähern, setzt die Bestimmbarkeit des Wollens, also den richtig verstandenen Determinismus voraus. Vgl. überhaupt Wcrdermann, „Versuch einer Geschichte der Meinungen über Schicksal und menschliche Freiheit" (Lp;. >793); Daub, „Darstellung und Beurtheilung der Hypothesen in Betreff der Willensfreiheit", herausgcgebcn von Kröger (Altona 1834); Nomang „Über Willensfreiheit und Determinismus" (Bern 1835); Herbart, „Briefe zur Lehre von dec Freiheit des menschlichen Willens" (Gött. 1836). Über die Anwendung, welche man von dem Begriffe der äußern Freiheit zur Begründung der Rechtslehre und Staatslehre gemacht hat, s. Naturrecht. Freiheitsbäume. Die fast allen europ. Völkern eigene Sitte, den Beginn des Frühlings, auch die Volks - und Kirchenfeste mit Aufstellung grüner Bäume zu feiern, führte in den Vereinigten Staaten während des Unabhängigkeitskriegs zu dem Gebrauche, solche Bäume, besonders Pappeln, als Symbol der wachsenden Freiheit zu pflanzen. In der franz. Revolution ahmte man dieses nach. Die Jako bin er (s.d.) zu Paris sollen 1790 den ersten ^rbre 6e la liberte aufgerichtct haben, und schnell verbreitete sich der Gebrauch durch ganz Frankreich, sodaß bald alle Ortschaften solche mit der Freiheitsmütze (s. d.) gekrönte Freiheitsbäume besaßen, die man unter Absingung revolutionairer Lieder umtanzte und überhaupt als den Sammelplatz der Patrioten betrachtete. Anfangs bediente man sich der Pappeln zu Freiheitsbäumen; weil aber der Name dieses Baums (>>e»;>Iier) zu Spöttereien Anlaß gab, wählte man später Eichen dazu. Der Convent regelte durch ein Decret vom 3 Pluviöse des Jahrs >1 diesen Cultus, der von den republikanischen Heeren auch in das Ausland verbreitet wurde und während der Schreckenszeit unter dem Vorwände der Beschädigung eines Frciheitsbaums Unzähligen das Leben kostete. Mit dem Erlöschen des rcvolutionairen Eifers verfielen auch die Freiheitsbäume, die unter dem Kaiserreich, wie alle republikanische Sitten, vollends unterdrückt wurden. Auch in der Julirevolution fing man an einigen Orten an, Freiheitsbäume zu errichten, doch das Volk nahm wenig Antheil daran. Die Wegnahme der damals in Deutschland, besonders in den Nheingegcnden aufgepflanzten Freihcitsbäume ließ sich nicht immer ohne Tumult bewerkstelligen. Über die Freiheitsbäumc lieferte der Abbe Gre'goire eine kleine, aber sehr gelehrte und interessante Schrift (1793). Freiheitskrieg nennt man im Allgemeinen sowol den nordamerik. Freiheitskampf von 1773, wie den Krieg auf der pyrenäischen Halbinsel gegen Frankreich von 1808—l 3, insbesondere aber den Russisch-deutschen Krieg (s. d.) von 1812 —15. FreiheitsmüHe. Bei allen europ. Völkern, wo die freie Persönlichkeit kein Gemeingut war, hatten gewöhnlich nur die politisch Begünstigten das ausschließcnde Recht, mit bedecktem Haupte öffentlich zu erscheinen. Bei den Römern z. B. durften die Sklaven keine Kopfbedeckung tragen, und eine der Feierlichkeiten ihrer Freilassung war, daß ihnen der bisherige Herr einen Hut aufsetzte. (S. Freilassung.) Wahrscheinlich dieser alten Sitte zufolge ist der Hut oder die Mühe überhaupt das Sinnbild des freien Mannes geworden. Bei allen Revolutionen und Befreiungskämpfen spielte die Kopfbedeckung nach ihrer Gestalt und Farbe eine wichtige Rolle; als das Zeichen politischer Unabhängigkeit wurde sie in die Wappenschilde der Geschlechter und Völker ausgenommen. So wurde der Hut das allgemeine Symbol der schweizerischen Einheit und Selbständigkeit. In England dient die blaue Mütze mit weißem Rande und der goldenen Umschrift „I.ibei- 1 )-" als das Sinnbild verfassungsmäßiger Volksfreiheit. Beim Ausbruche der franz. Revolution wurde die rothc, spitze Mütze der zu Marseille befreiten Galeerensträflinge die charakteristische Kopfbedeckung und das Freihcitssymbol der Revolurionsmänner. Man erschien in dieser Mütze in den politischen Volksversammlungen und Clubs, steckte dieselbe auf die Freihcitsbäume und ge- 570 Freiherr Freilassung brauchte sie überhaupt zum Zeichen revolutionärer Gesinnung. Mit den übrigen ccvolu- kivnairen Sitten verschwand auch die sogenannte Jakobiner - oder Frcihcitsmütze. Freiherr, s. Baron. Freilassung aus der Sklaverei fand sowol bei den Griechen als bei den Römern statt. In Sparta war es zwar dem einzelnen Bürger nicht gestattet, einen seiner Heloten (s. d.) sreizulafsen, dagegen ertheilte der Staat häufig an Heloten, namentlich, wenn sic zum Kriegsdienst verwendet wurden, die Freiheit und zugleich das Bürgerrecht. In Athen trat der Freigelassene (Apeleutheros) im Staat in das Verhältniß der Schutzverwandten und mußte seinen frühcrn Herrn als Patron ehren. Bei den Römern entstand eine rechtliche Freiheit durch eine unter bestimmten Formen geschehene Freilassung (man,unissio). Die älteste dieser solennen Manumissionen hieß m-»n»m!s-io vimlict» und bestand in einer symbolischen Handlung; der Herr nämlich erschien mit dem Sklaven vor dem berechtigten Magistrat; ein Anderer, gewöhnlich ein Lictor, berührte das Haupt des Sklaven mit einem Stäbchen (kestnca oder vilxliets), dem Symbol der Lanze, und zeigte dadurch, wie durch Worte, die er aus- sprach, an, daß er den Sklaven frciwissen wolle; dann faßte der Herr diesen, drehte ihn, indem er ihm durch Worte die Freiheit gestattete, herum und ließ ihn los, wodurch er zu erkennen gab, daß er ihm nicht mehr zu folgen brauche, worauf der Magistrat förmlich die erlangte Freiheit bestätigte. Außer dieser Art solenner Freilassung, die übrigens durch Hinwegnahme der Förmlichkeiten endlich zu einer bloßen Erklärung vor dem Magistrat wurde, bestanden noch folgende: vie MÄiniinissio cens», indem der Herr den Sklaven durch den Censor in die Bürgerlistcn cintragen ließ, die miinninissio testamento, wenn der Herr in seinem Testament den Sklaven für frei erklärte, und die msiiumissin in ecclasi» durch feierliche Erklärung vor der Gemeinde und den Geistlichen, die durch Konstantin eingeführt wurde. Auch Freilassung durch die Staatsgewalt findet sich, so schon früh als Belohnung für Anzeige von Verbrechen, durch Kaiser Claudius die Freilassung des von seinem Herrn ausgeseßten kranken Sklaven. Die bloße Privaterklärung der Herren, daß der Sklave frei sein solle, die auf verschiedene Weise, z. B. mündlich vor Freunden, oder durch Zuziehung zum Tisch, oder brieflich, geschehen konnte, begründete zwar einen faktischen Zustand von Freiheit, war aber, wenn nicht eine solcnneManumission hinzukam, ohne rechtliche Wirkung, bis im I. t ü n. Chr. die I>ex ll„»i» erklärte, alle nicht solenn Freigelassenen sollten für rechtlich frei gelten, aber nicht in den Stand der röm. Bürger sondern in einen Stand treten, der dem der Einwohner lat. Colonicn ähnlich war, daher sie 1-stüü äuiii-tiü genannt wurden. Schon vorher waren durch die Bestimmungen der I^ex ^eli» Konti» (3 n. Chr.) über das Alter, das Freilasser und Freizulassender haben müßten, und der I^ex Kuri» qusc (s. d.) in der Schrift „Die drei 573 Freimaurerei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft" (2 Bde., Dresd. 1810; 2. Anfl., 1819) auseinandergcseht ist. Die älteste dieser Urkunden ist die 926 allen Baucorporationen in England vom König Athelstan'durch seinen Bruder Edwin zuIjork bestätigte Verfassung, deren Urschrift in angelsächs. Sprache noch jetzt in Dork ausbewahrt wird und wovon in obiger Schrift eine gerichtlich beglaubigte Übersetzung zum ersten Mal gedruckt steht. Nach einem religiösen Eingänge, der die altgläubigen, mit der ältesten morgenländ. Kirche übereinstimmenden Christen nicht verkennen läßt, enthält die Urkunde eine Geschichte der Baukunst, die, soweit sie Britannien betrifft, mit den bewährtesten Geschichtschreibern übereinstimmt, worauf die 16 ältesten Gesetze selbst folgen. Die zweite der Urkunden ist ein unter dem Könige Heinrich Vl. von England niedergeschriebenes Fragstück, welches über das Wesen des Bundes einen unbildlichen Aufschluß gibt und in allen seit >756 erschienenen Ausgaben des neuengl. Constitutionenbuchs abgedruckt ist. Die letzte der drei Kunsturkunden ist die alte Acte der Aufnahme zum Maurer, sowie sie noch heute als das älteste Ritual von allen Maurern altengl. Systems in allen Erdtheilen unverändert ausgeübt wird. Ihren Anfängen nach ist sie so alt, als die Yorker Constitution, enthält noch Gebräuche.der röm. Baueorpoca- tionen und der ältesten christlichen Asteten und Mönche und spricht die Grundlehre und die Verfassung der Brüderschaft übereinstimmend mit den alten Pflichten aus. Nach der in ihr enthaltenen Liturgie kann man das Ritual jeder Loge hinsichtlich seiner geschichtlichen Echtheit und des reinen Geistes der überlieferten Freimaurerei beurtheilen. Verschieden davon in wichtigen Stücken ist das Ritual des neuengl. Großmeisterthums. Alle diese Ergebnisse geschichtlicher Forschung schien mit einem Mal eine neue Erscheinung vernichten zu wollen, die sogenannte köln er Ür künde, die nebst zwei andern alten Actenstücken im I. >816 an den Nationalgroßmeister der niederländ. Logen als in einem Nachlasse vorgefunden cingesendct wurde, auf Pergament mit Charakteren in lat. Sprache abgefaßt und mit den Unterschriften bedeutender Männer, wie Melanchthon's, des Erzbischofs von Köln Hermann und des Jak. Präpositus, versehen war. Übersetzt und abgcdruckt, ! wurde sie 1818 an alle niederländ. Logen vertheilt und gelangte so bald auch nach Deutschland. Ihrem Inhalte nach kamen am 2-1. Juni in Köln die Vorsteher von 19 europ. Bau- > Hütten zusammen, um den verschiedenen Verleumdungen und Entstellungen des Bundes- zwccks, als wollten die Freimaurer den Templcrorden wiederherstellen, seine Güter wieder ! zu gewinnen suchen, den Tod seines Großmeisters rächen und in Kirche und Staat Spalls langen erregen, dadurch entgegenzuarbeitcn, daß sie den wahren Ursprung und Zweck des Bundes darstelltcn. Zugleich wollten sie dafür sorgen, daß, wenn die Verbindung jemals ! eingehen sollte, sie sich später wieder in der wahren Gestalt und in dem echten Geiste nach dieser Urkunde constituiren könnte. Zu diesem Zwecke wurde die Urkunde entworfen, von den > >9 Meistern unterzeichnet und in 19 Abschriften an die damals bestehenden Collegien des f Ordens abgegeben. Ließe sich die Echtheit der kölner Urkunde erweisen, so wäre nicht nur dargcthan, daß alle seit >717 von der Brüderschaft befolgten Rituale, Gebräuche und Ee- , sehe unecht seien, und daß der Maurerbund eine christliche, nicht eine rein menschliche Anstalt sei, sondern er hätte auch auf einmal einen unbekannten Obern zum Großmeister erhalten, ^ müßte höhere Grade anerkennen und sich einer brüderlichen Oberaufsicht fügen. Allein, wenn gleich manche achtungswerthe Stimmen sich zur Vertheidigung dieser Urkunde crho- - den haben, so ist doch ihre Unechthcit jetzt gänzlich außer Zweifel gestellt, indem nicht nur Me- s lanchthon's Alibi und die völlige Verschiedenheit der Schriftzüge des damaligen Erzbischofs j von Köln und des Jak. Präpositus von ihren Unterschriften unter der Urkunde, sowie aus paläographischcn Gründen der spätere Ursprung der letztem selbst nachgewiesen ist, sondern auch aus inner» Gründen der Beweis geführt ist, daß sie entweder gänzlich falsch oder, auS dem Maurerthume des >8. Jahrh. zusammengesetzt, in der zweiten Hälfte des >8. Jahrh. verfaßt wurde. Die gründlichsten Untersuchungen über diese Urkunde sind von Kloß in , Fischer's „Neuester Zeitschrift für Freimaurerei" (2. Heft, >869), Bobrik, „Text, Übersetzung und Beleuchtung der kölner Ürkundc" (Zür. >840) und Schwetschkc, „Paläographischec ! Nachweis der Uyechtheit der kölner Freimaurerurkunde" (Halle >843). ! Bis zum 1.1717 pflanzten sich die nach der Yorker Constitution arbeitenden Bauhutten ' oder Logen in ununterbrochener Folge fort, nahmen jedoch außer den eigentlichen Kunstgenos» 574 Freimaurerei sen auch gelehrte und einflußreiche Nichtbaukünstler als sogenannte angenommene Maurer in ihre Gesellschaft auf, worunter selbst mehre Könige von England waren. Zu Zeiten bürgerlicher Unruhen und politischer Parteiung waren die Logen freier und angenommener Maurer gewöhnlich der gesetzmäßigen Regierung ergeben und deshalb öfter von der Gegenpartei verfolgt. Endlich blieben aber 1717 nur noch vier solche Logen übrig, deren Mitglieder meist angenommene Maurer waren. Beschlossen diese nun, die gesellige Verbindung auch als Nichtbaukünstlcr fortzusetzen und sie dem damaligen Zeitgeiste zweckmäßig umzugestal- ! ten, so.konnte sie dazu doch gewiß, außer derGleichheit politischer Gesinnungen und Wünsche, nur der reinmenschliche, moralische Gehalt der überlieferten Gesetze, Lehren und Gebräuche bewegen. Bis hierher reicht die erste Periode der Geschichte der Freimaurcrbrüderschaft, bis hierher war sie eine Gesellschaft freier Baukünstlcr, welche, durch die Baukunst zu äußerer Wirksamkeit vereinigt, der reinmenschlichen Vollendung in Religion, Tugend und Geselligkeit nachstrebten und Einsicht in dieselbe sowie Liebe zu ihr mit kunstsinniger Weisheit verbreiteten. Seit 1717 tritt die Freimaurerbrüderschaft, besonders unter dem Einflüsse der drei Mitglieder Desaguliers, Jam. Anderson und George Payen, in ihrer alten Verfassung, Lehre und Liturgie als eine nicht mehr baukünstlcrische, von allen Bauzünften unabhängige Gesellschaft auf, die sich in Liebe, Hülfe und Treue den reinsittlichen Zwecken der Menschenliebe, Duldung und Geselligkeit gewidmet hat, ihre Kunst als Geheimnis übt und sich aus freie Männer beschränkt. Anderson erhielt den Auftrag, „die fehlervollen Copieu der alten gothischen Constitutionen nach einer neuen und bessern Methode zu bearbeiten" und daraus ein allgemein gültiges Constitutionenbuch zu bilden, als welches seine Handschrift noch im I. 1721 von >4 dazu ernannten gelehrten Brüdern, nach einigen Verbesserungen, anerkannt und von der Großloge 1723 in den Druck gegeben wurde. Diesem Buche sowie den spätem Ausgaben desselben liegt die Yorker Constitution mit Auslassungen, Zusätzen und Veränderungen nach den Begriffen der jedesmaligen Zeit zu Grunde. Folgendes sind die hauptsächlichsten Pflichten, wie sie Anderson aus den 16 Grundgesetzen der Yorker Constitution ausgezogen hat und wie sie, dem Wortsinne getreu, in fast allen Constitutionenbüchern eurov. Freimaurer lauten: „Der Maurer ist als Maurer verbunden, dem Sittengesetze zu gehorchen ; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein stumpfsinniger Gottesleugner noch irreligiöser Wüstling sein. Obwol nun die Maurer in alten Zeiten in jedem Lande verpflichtet wurden, von der Religion dieses Landes oder dieser Nation zu sein, welche es immer sein mochte, so wird es doch jetzt für dienlicher erachtet, sie allein zu der Religion zu verpflich- ! ten, worin alle Menschen übereinstimmen; ihre besonder» Meinungen ihnen selbst zu über- i lassen, das ist (zu der Religion), gute und treue Männer zu sein, oder Männer von Ehre i und Rechtschaffenheit, durch was immer für Benennungen und Überzeugungen sie verschie- j den sein mögen. Hierdurch wird die Maurerei der Mittelpunkt der Vereinigung (der Eini- ! gung, der Einheit), und das Mittel, treue Freundschaft unter Personen zu stiften, welche außerdem in beständiger Entfernung voneinander hätten bleiben müssen. Der Maurer ist ein friedfertiger Unterthan der bürgerlichen Gewalten, wo er auch wohnt und arbeitet, und soll sich nie in Zusammenrottungen und Verschwörungen gegen den Frieden und die Wohlfahrt der Nation verwickeln lassen, noch sich pflichtwidrig gegen die Unterobrigkeiten bezeigen, s Es sollen kein Privathaß, keine Privatstreitigkeiten zur Thür der Loge hcreingebracht wer- > den, vielweniger irgend eine Streitigkeit über Religion, oder Nationen, oder Staatsverfas- ^ sung, da wir, als Maurer, blos von der obenerwähnten katholischen (allgemeinen) Religion > sind; auch sind wir von allen Nationen, Mundarten oder Sprachen und sind entschieden ! gegen alle Staatshändel, als welche nimmer noch der Wohlfahrt der Loge beförderlich gewesen sind, auch jemals sein werden." Eine Verbindung mit so edlem Zwecke und so einfacher Form mußte sich bald Bahn ^ brechen und wurde besonders in Deutschland willkommen geheißen, wo sie nachweisbar vom i I. 1737 an festen Fuß gewann. Schon haben Logen in Hamburg, Dresden, Berlin, Leip- i zig, Breslau, Baireuth, Frankfurt am Main, Altenburg, Halle und Braunschweig ihr zum Theil ununterbrochenes, hundertjähriges Bestehen mit glanzenden, zahlreich besuchten Festen gefeiert. War doch auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. in Deutschland die Theilnahme am öffentlichen Leben so erkaltet, die Wissenschaft in so starre Formen gebannt, die Gesellig- Freimaurerei 575 seit in so unnatürliche, unbeugsame Fesseln der Convenienz geschlagen, war doch der Zartst,in aus der Sitte, die Milde aus dem Berkehr, das Gemüth aus der Kirche, das Lied aus den Volkskrciscn so weit geflohen, cs waren die Stände so schroff geschieden, es standen sich die Konfessionen so feindlich gegenüber, daß die Freimaurerei mit ihrer versöhnenden Hand und mit ihrem reinmenschlichen Odem eine freudig begrüßte Erscheinung werden mußte. Dazu kam, daß die schon im I. 1738 erfolgte Aufnahme des damaligen Kronprinzen von Preußen, nachmaligen Königs Friedrich's II., in die Brüderschaft, der sogleich nach seiner Thronbesteigung die Errichtung der jetzt noch so blühenden Loge zu den drei Weltkugeln in Berlin anordnete und selbst Meister vom Stuhle ward, derselben eine kräftige äußere Stütze gewährte und zu ihrer Empfehlung gewiß nicht wenig beitrug. Vorzüglich waren es die böhern Stände der bürgerlichen Gesellschaft, welche sich in den ersten Jahrzehnden dem Bunde zuwendeten, Militairs, Beamtete und Kaufleute, später erst folgten diesen auch Gelehrte; selbst Kaiser und Könige verschmähten nicht, den Maurerschurz anzulegen, wie, außer dem schon genannten Könige von Preußen, Kaiser Franz l., König Stanislaus Lesczinski, der damalige Prinz von Wales mit seinen Brüdern, nächst manchem Andern, der ungenannt zu bleiben wünschte. Wie alle menschliche Einrichtungen, so blieb jedoch auch der Maurerbund nicht unent- weiht, und der Geist der Zeit spiegelte sich auch innerhalb der verschlossenen Werkstätten in ihren Söhnen ab. Um so leichter fand der Misbrauch in dem Bunde ein ihm günstiges Gebiet, als sich die Brüderschaft der Öffentlichkeit entzog, und als sich zumal in Deutschland und Frankreich an die Stelle des einfachen Namens der Brüderschaft der Name und Begriff eines Ordens gedrängt hatte, und die Ordensbrüder anfingen, sich in Obere und Untergebene imd verschiedene Stufen oder Grade zu vertheilen, da hatte Thorheit und Sünde ein leichtes Spiel. Zuerst war cs, während man in England der ursprünglichen Einfachheit und dem reinmenschlichen Streben sich treu erhielt, die Alchemie, welche mit den Verheißungen ihrer Reichthümer die deutschen Freimaurer verblendete und mit ihrem Schottengrade bereicherte und entwürdigte, indem diese Thorheit für schot. Weisheit angepriesen wurde. In Folge der Bekanntschaft, die man im Siebenjährigen Kriege mit Franzosen und den von ihnen erfundenen sogenannten höher» Graden machte, schlich sich das Ritterwesen in die Brüderschaft ein, das sich 1763 in die sogenannte stricte Observanz auflöste, welche die Wiederherstellung des Templcrordens zu ihrem Geheimniß hatte und die namhaftesten Männer in ein possenhaftes Spiel mit Ritterlichkeit verwickelte, bis hierarchische Bestrebungen ihr Heil an dem irregeleiteten Bunde versuchten. Mehr als ihnen gelang es der Magie, sich der Brüderschaft zu bemeistern, und man bannte und schaute Geister, statt den Menschengeist zu erbauen und sich im Anschauen reiner Menschenwürde zu erheben. Sogar der Jesuitismus warf, als ihm die Außenwelt durch den Papst verschlossen ward, sein Netz über die Brüderschaft und versuchte sich derselben durch Pietismus sowie durch Gold- und Rosenkreuzer als williger Diener zu versichern. Somit war der eigentliche schöne Zweck der Freimaurerei in seinen äußersten Gegensatz umgeschlagen, und Umkehr oder Untergang war die Wahl geworden. Allein auf zu nvthwendigcn Bedürfnissen der Menschheit beruht der Grund dieser Anstalt, als daß sich nicht hätte der menschliche Geist für das Rechte entscheiden sollen. Man wurde der Thorheit müde und sing an, zu der altengl. Freimaurerei sich mehr und mehr zurückzu- wendcn. Joh. Joach. Christoph Bode (s. d.), Feßler (s. d.), K. Chr. Fr. Krause (s. d.), Moßdorf, Schröder und Wedekind richteten ihre freien, Hellen Blicke auf die Maurerei und scheuten keine Mühe, dieselbe vom wuchernden Unkraute zu reinigen. In Frankfurt am Main, in Hamburg und Berlin, in Sachsen und Hannover schloß man sich dem Principe der Reformen vielfach an, und so ist für die Mehrzahl der deutschen Logen ein neuer Morgen angebrochen und verheißt für das zweite Jahrhundert der deutschen Brüderschaft einen Hellern, segensvollern Tag. In dem ersten Jahrhundert seines Bestehens hat der Freimaurerbund, wie cs ein Überblicken seiner Geschichte, namentlich auf dem Kontinente Eurovas, zu ergeben scheint, vor Allen mit der Begründung seines Daseins zu chun gehabt, und die jugendliche Uncrfahrcn- heit gab ihm natürlich den Verführungen schlauer Köpfe preis. In England und dessen Kolonien, wo sich ungefähr 700 Logen befinden, blieb das Leben derselben ungefährdet und an- 576 Freimaurerei spruchlos, und bei dem praktischen Blicke der Engländer erhielten sich die Werkstätten auch ziemlich frei von fremdartigen Zusätzen und falschen Richtungen, obgleich es auch meist nur die gesellige Seite des Bundes zu sein scheint, welcher man vorzugsweise seine Aufmerksamkeit widmete. In Portugal wurde zwar schon 1735 die erste Loge m Lissabon gegründet, aber bald machte die Hierarchie ihre Macht gegen ihn auf grausame Weise geltend, und je nachdem Englands und Frankreichs Einfluß in diesem Lande die Priesterherrschast überwog oder nicht, hob sich oder sank das Leben der Maurerci, bis cs seit 1823 gänzlich erlosch. Dasselbe Schicksal erfuhr die Brüderschaft in Spanien, wo sie noch früher als in Portugal > Eingang gefunden hatte. Schon >740 erging in Folge eines Edicts von Philipp V. eine harte Verfolgung über den weit verbreiteten Bund, die aber noch blutiger im J. 1751 wurde Wenn die franz. Herrschaft in Spanien die Maurerei wieder ins Leben rief, so wußte Ferdinand VII. sie wieder zu vertilgen, und die seit 1820 von den Cortes wieder geöffneten Logen schloß >824 ein neues Verbot. Vielleicht hat das Blut von sieben noch im I. >827 zum Tode verurtheilten Brüdern den dem Bunde feindseligen Geist versöhnt, denn seitdem scheint das Maurerthum unangefochten geblieben zu sein. In Frankreich hat sich der Bund seit 1725 trotz mehrfacher Verbote von Seiten der Regierung, die nicht mit Strenge ausgcübt wurden, fast ununterbrochen erhalten,' jedoch bis heute noch ist er nicht frei von störenden Beimischungen. Die Erweiterung, die ihm Napoleon bereitete, unter dessen Herrschaft die Zahl der Logen bis auf 1200 stieg, hat sich insoweit gemindert, daß jetzt etwa 500 Bauhütten zu der pariser Großloge gehören. Italien konnte, wie oft auch der Versuch, der Brüderschaft festen Fuß zu verschaffen, erneuert wurde, kein günstiger Boden für Freimaurerei werden, da ihr Erbfeind, der Jesuitismus, daselbst immer eine überwiegende Macht besaß. Die Schweiz hat nach mancherlei Wirren jetzt etwa 20 Logen aufzuweiscn, unangefochten in den protestantischen, mehr oder weniger beunruhigt in den katholischen Cantonen. In den Niederlanden, wo die Werkstätten fast nie gestört wurden und man auch ziemlich treu der ursprünglichen Einfachheit blieb, werden von Holland heute noch 75 Logen aufgezählt, von denen die Mehrzahl in den Colonien ist; Belgien dagegen, mit etwa 36 Logen, hat einen steten Kampf des Freimaurerthums mit dem Katholicismus auszuwcisen, in welchem die Volksstimmc für die durch Wohlthätigkeit und Freisinnigkeit ausgezeichnete Brüderschaft Partei genommen hat. Dänemark, dessen König selbst Großmeister ist, hat dem Bunde stets ein ungestörtes Leben innerhalb seiner Grenzen gegönnt, und es ist derselbe dort praktisch und einfach geblieben. In Schweden dagegen hat sich die Freimaurerei nicht rein erhalten von , mystischer Färbung. Beide Staaten zusammen haben etwa 30 Logen. In den östr. und ruff. Staaten, wo früher ebenfalls maurerische Bauhütten standen, sind alle Logen von den ^ Regierungen geschlossen worden. Dasselbe Schicksal haben sie in Baden erfahren, sowie in i Baiern alle Staatsdicner von der Thcilnahme entfernt wurden, und in Kurhessen die Logen i eingegangen sind. In den übrigen deutschen Staaten aber erfreut sich der Maurcrbund eines > regen Lebens und ist theils anerkannt, theils geduldet mit mehr als 200 Logen. Die Freistaaten von Nordamerika zählen unter Leitung von etwa 20 Großlogen gegen 1100 Werkstätten. So ist die Brüderschaft thätig in mehr als 2500 Logen, und ihr Bestehen ist jetzt wol ein gesichertes, sowie ihre bisherigen Erfahrungen sie vor wesentlichen neuen Verirrungen schützen dürsten. Zwar ist nicht in Abrede zu stellen, daß die Versuchung zu neuem Irr- thume abermals vorhanden ist, in den weitverbreiteten Bestrebungen unserer Zeit, eine kirchliche Reaction zu betreiben, und schon hat man angcsangcn, theils den Bund öffentlich als eine widerchristliche Anstalt zu verklagen, theils in den Bereich seiner Thätigkeit kirchliche Angelegenheiten ziehen zu wollen. Allein die Überzeugung, nur das Reinmenschliche sei seine Aufgabe, ist zu fest begründet und zu allgemein eingewurzelt, als daß einzelne Versuche der ganzen Brüderschaft eine falsche Richtung zu geben vermögend sein möchten. Vielmehr steht zu erwarten, daß sich die Maurerei einer Hähern Stufe ihrer Entwickelung mit festem Schritte i nähern werde; denn, auf unvergänglichen Bedürfnissen ruhend, trägt der Bund viel vcr- , heißende, edle Keime in seinem Schoost. Anerkannt ist sein Zweck, den Menschen zum Menschen zu bilden durch freie und harmonische Übung seiner Kräfte. Nicht nach einem gegebenen Muster, nicht nach einer positiven Lehre, sondern aus sich selbst heraus soll sich die Menschheitin seinen Werkstätten erbauen. Frermaurerei ' 577 ^ Das leitende Gesetz dabei ist das Selbstbewußtscin der in eine Loge vereinigten Männer, der ^ Ausgangspunkt ist das in jeder Menschenbrust liegende Gebot: Du sollst in jeder einzelnen '' Stunde ein guter Mensch sein, und die Gebräuche und Formen des Vereins sind dem Werk- ^ maurerthume entlehnt, weit genug, um'der individuellen Anschauung und Deutung hinrei- ^ chmden Spielraum zu gestatten, und doch insoweit begrenzt, daß sie sich eben nur auf das All- § gemeinmenschliche in ihrem Zusammenhänge beziehen lassen. Indem nun die Freimaurer als ^ gute, treue Menschen beisammenstehen, ihre Verbindung fortsctzen, sich unterhalten und cr- ^ holen, wollen sie das Urbild der Menschheit, wie es in ihrem Bewußtsein steht, darleben, sich E in der Theilnahme an diesem Leben erheben und stärken, und mit der in der Loge belebten - Liebe zur reinen Menschenwürde in die Außenwelt zUrücktretcn, um da auf weitere Kreise ' durch Beispiel, Wort und Thal veredelnd einzuwirken. Bei diesem Streben ist ihnen jeder " freie Mann von gutem Rufe als Bruder willkommen, welchem Stande, welcher Kirche er " angehörc; er kommt zu ihnen als Mensch und wird nur als solcher in ihren Kreisen bclrach- tet, aus denen eben Alles hinweggewicsen ist, was nicht zu den reinmenschlichcn Angelegen- t Heiken gehört. Sie kümmern sich nicht um den Staat als eine besondere Vereinigung blos ^ gewisser Menschen zur Verwirklichung der Idee des Rechts, sondern ehren ihn nur als eine " nothwendigeAnstalt, sind dankbar für seinen Schuß und fügen sich willig in seine Anordnun- E gen und Gesetze. Sie fragen nicht nach dem Glaubensbekenntnisse und nach den kirchlichen " Angelegenheiten, aber ehren die Kirche als eine heilsame Anstalt zur Entwickelung des Got- ^ tesbewußtseins, schätzen das Christcnthum als den Inbegriff der erhabensten und reinsten ' Ideen und als die Quelle, aus welcher die Bildung stammt, deren sie sich erfreuen, so innig, e daß sie sogar die Bibel als das Symbol ihres größten Lichts, des Begriffs Gott, in ihrer ^ Mitte haben. Darum protestircn sie aber auch in ihrer großen Mehrheit gegen die Meinung, ' eine christliche Anstalt zu bilden, obschon sie nichtverkennen, daß sie sich das Urbild der Mensch- ' heit nicht schöner und vollkommener denken können, als es sich in den: Stifter des Christen- ^ thums ausgeprägt und in seiner einfachen Lehre ausgcdrückt hat, und öffneten schon oft ' ihre Werkstätten auch Nichtchristen. Alles Positive ist ihnen fremd; ihr Thun ist praktische ^ Philosophie. Ihre Verfassung ist frei; sie wählen ihren Meister, sic geben sich ihr Gesetz ^ selbst und hegen den festen Glauben, der heilige Geist im Menschengeschlecht sei mächtig ge- ' nug, um durch alle Verirrungen hindurch die Menschheit immer wieder auf den rechten Pfad ' zu leiten und ihre Blicke immer wieder auf das herrliche Ziel, das sic erreichen soll, zu richten. ' ^ Ob, wenn sie fest an diesem Glauben halten, ihrer Verbrüderung eine bedeutungsreiche Zu- > , kunft bevorstehe, wer wollte daran zweifeln? Noch haben sie kaum angefangen, die Ergeb- * ^ msse der Wissenschaft in ihrem ganzen großen Umfange, insofern sie reinmeuschlich sind, in ' ihre Unterhaltung zu ziehen und zu einem Gemeingute zu machen für die Menschheit; nur i ^ erst für Moral, Religionsphilosophie und Geschichte hat man dcnMuth gehabt, sich in dieser ^ - Hinsicht zu entscheiden. Dennoch aber scheint der Brüderschaft gerade Vorbehalten zu sein, ' i vom winmenschlichen Standpunkte aus alle Zweige der Wissenschaft in das Auge zu fassen. ' s Ebenso gehört die Kunst bis jetzt erst theilweise in ihre Kreise, und Vieles, was eine rein- ^ t menschliche Erbauung fördern würde, hat man noch nicht gewagt, in ihre Werkstätten zu ' ! ziehen. Auch sind es bis heute fast ausschließlich Männer, denen die Freimaurerei zugänglich ' z ist, während das weibliche Geschlecht und die Jugend noch fern von dem Bunde steht. Wel- ^ j chcs aber auch seine Zukunft sein möge, überflüssig und kraftlos ist er auch in seiner jetzigen ' ' Verfassung nicht. Dadurch, daß er Menschen an willige Unterwerfung unter das Gesetz der ' Vernunft gewöhnt, sie übt, sich frei zu bewegen und sich in dieser Freiheit doch durch Liebe ' und durch weise Achtung fremder Rechte selbst zu beschränken, sie lehrt, die Sittlichkeit über ' Alles zu stellen und in einer allseitigcn Entwickelung der Geisteskräfte das Heil der Mensch- ' ! heit zu suchen, dadurch ist sein Dasein und Wirken bedeutungsvoll. Rechnen wir dazu, daß ' I er den Menschen, der bessere Zeiten sehen möchte, vor allen Dingen an die Veredelung seiner ' j selbst weist, daß er zur Bedingung eines gemeinnützigen Strebens Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit erhebt, daß er zwischen die genußsüchtigen und prunkliebcnden Zeitgenossen ' seine einfachen Sitten stellt, neben die eifernden und hadernden Rcligionsparteien seine Duldung und Anerkennung fremder Rechte hält, und neben die Altäre der Weltliebe seine der Cciw.-Lex. Neunte Aufl. V. 37 578 Freinsheim Freire geistigen Erbauung gewidmeten Werkstätten baut, so ist er schon heute eine großartige, dan- kenswerthe Erscheinung. Er nährt die Gottinnigkcit inmitten des Jagens nach Geld und Gut, er errichtet der Freundschaft Tempel in dem Leben, dessen rege Bewegungen dieHerzen einander nicht finden lassen, er unterhält den Sinn für Häuslichkeit und stilles Familienglück in einer Zeit, wo das Wirthshauslcben Alles in seinen gcmüthlosen Strudel zu ziehen droht. In keinen Hallen übt sich die einfache Redekunst, an den schlichten Melodien seiner Lieder findet die tolle Begeisterung für Virtuosität ihre Grenze, und während seine Liebeswerke, seine Wohlthätigkeitsanstalten Liebe und Vertrauen wecken, ist sein größtes Verdienst, daß er das Bew ußtsein unablässig anregt, des Menschen wahre Größe und höchste Würde sei — ein Mensch zu sein. Vgl. Kloß, „Bibliographie der Freimaurerei" (Franks. 18-14), Feßler, „Sännnt- liche Schriften über Freimaurerei" (Freiberg 1865), Lenning's von Moßdorfrevidirte „En- cyklopädie der Freimaurerei" (3 Bde., Lpz. 1822—28), Fischer, „Neue" und „Neueste Zeitschrift für Freimaurerei", sowie „Maurerhalle" (Altenb. 1832 fg.) und die Zeitschrift „La- tomia" (Lpz. >8-12 fg.). Freinsheim (Joh.), ein bekannter Philolog, geb. 1668 zu Ulm, entwickelte schon frühzeitig außerordentliche Fähigkeiten, studirte erst zu Marburg, hierauf zu Gießen, wo er mit dem Studium der Rechte das der Philosophie und schönen Wissenschaften verband und wendete sich später nach Strasburg, um zugleich von hier aus die Bibliotheken Frankreichs besuchest und benutzen zu können. Eine lat. Lobrede auf Gustav Adolf machte ihn wegen ihrer eindringenden Bcredtsamkeit und schönen Schreibart bekannt, sodaß er >642 als Professor der Staatswirthschast und Bcredtsamkeit nach Upsala berufen und >647 von der Königin Christine zum Bibliothekar und Historiographen in Stockholm ernannt wurde. Da aber das Klima dieses Landes seiner Gesundheit nicht zusagte, so folgte er dem Ruse als Honorarprofessor an der Universität zu Heidelberg, wo er am 36. Aug. 1666 starb. Durch mehre Ausgaben lat. Klassiker, namentlich aber durch die glückliche» Ergänzungen der verlorenen Bücher des Curtius und Livius hat er sich als tüchtiger Gelehrte gezeigt; dagegen ruht sein deutsches Epos auf den Herzog Bernhard von Weimar, unter dem Titel „Deutscher Tugcnd- spicgel oder Gesang von dem Stamm und Thaten d«H alten und neuen Hercules" (Strasb. >636, Fol.), längst in verdienter Vergessenheit. Freire (Agostinho Jvze), portug. Minister, der treueste Freund Dom Pedro's nnd der aufgeklärteste Patriot, geb. am 28. Aug. >786, ein Findelkind, besuchte die Universität zu Coimbra und widmete sich besonders dem Erziehungsfache, bis die franz. Invasion seinem Lebensplane eine andere Richtung gab. Nachdem er im Oct. > 866 in Militairdienste getreten und > 8> I zum Lieutenant avancirt war, nahm er Theil an den Schlachten von Albuera, Vittvria und an den Pyrenäen. Im I. >815 zum Capitain ernannt, widmete er sich nun eifrigst dem Studium der Kriegswiffcnschasten und wurde > 826 Major. Kurze Zeit nachher wählte ihn die Provinz Estremadura zum Deputaten bei den außerordentlichen constituiren- den Cortes, von denen er als eines ihrer thätigsten und geschicktesten Mitglieder im Febr. >82> zum Secretair, im Juni >822 zum Viceprasidentcn und einen Monat darnach zum Präsidenten erwählt wurde. Nach dem Sturze der Constitution ging er zunächst nach der Insel Jersey, dann nach Paris und bereiste hierauf Belgien, einen großen Theil Frankreichs, Englands und Deutschlands sowie die Schweiz. In Folge der Verleihung der constitutioncllcn Carta Dom Pedro's kehrte er >826 nach Portugal zurück, woeralsMajvr in dasGeniecorxs trat und bald daraus zum Chef des Generalstabs ernannt wurde. Nach der Usurpation Dom Miguel's flüchtete er >828 wieder nach Paris, wo er seit 183 > für dieWicdererobcrung des portug. Throns für Donna Maria sich auf das lebhafteste interessirte. Er begleitete 1832 de» Exkaiser nach den Azorischen Inseln, der ihn hier, nachdem er die Zügel der Regentschaft übernommen, zum Kriegs- und interimistischen Marineministcr ernannte. Von jetzt an war F- die Seele des Unternehmens gegen Dom Miguel, das auch nur bei seiner Ausdauer, seiner Tätigkeit und seinem persönlichen Muthe glücklich ausgcführt zu werden vermochte. (S. Portug a l.) Nach der Pacification Portugals wurde er zum Staatsrathe ernannt und von den Provinzen Estremadura und Minho zum Deputaten bei den Cortes erwählt. Sein Bericht über die Administration des Kriegswesens, den er in den Cortes ablegte, war ein Muster der Bescheidenheit, Genauigkeit und Eleganz. Nachdem er im Aug. >834 das Kriegsministc- 579 Freireiß Freischütz rium mit dem der Marine vertauscht, wurde er im Nov. zum Oberstlieutenant und im Jan. 1835 zum Obersten befördert, worauf er im Febr. 1835 das Ministerium des Innern übernehmen mußte. Auch wurde er im Oct. >835 mit der Direktion der königlichen Militair- schule beauftragt. Jetzt lernte sich F. immer mehr fühlen; er war der wichtigste Mann im Staate, Niemand vermochte ihm zu widerstehen und ihm etwas abzuschlagen; so wurde er iibcrmüthig bis zur Insolenz, selbst gegen die Königin. Doch er hatte nach Übernahme deS Ministeriums des Innern in alle Staatsgeschäfte eine ungemeine Thätigkeit gebracht; er entwickelte seine Talente nicht nur als Deputirter und Gesetzgeber, er wußte dieselben auch als Minister geltend zu machen, sodaß in den Cortes, ungeachtet der heftigsten Opposition am Ende der Sitzung von >835, dem Gouvernement ein Votum des Zutrauens ertheilt wurde. Als ihm, wie man sagt, in Folge einer gröblichen Beleidigung der Königin die Thüre gewiesen wurde, nahm er im Mai 1835 nebst seinen Collegen die Entlassung als Minister und widmete sich nun ganz dem Amte als Direktor der Militairschulc. Doch schon im Oct. wurde er zumPair des Reichs ernannt und im Apr. 1836 nebst seinem Freunde Silva Car- »alho wieder ins Ministerium berufen. Doch F. und seine Collegen hatten die Popularität verloren, bereits am 8. Scpt. > 836 wurden sie wieder gestürzt und mit ihm zugleich die Carta Dom Pedro's. F. reichte noch in der Nacht vom 6. Sept. die Entlassung von allen seinen Staatsstcllen ein, um seine Gesinnungen unzweideutig an den Tag zu legen, und lebte, von allen öffentlichen Geschäften zurückgezogen, blos den Wissenschaften und seinen Freunden, während der Hof und die Anhänger der Carta damit umgingen, dieselbe wiederherzustellen. Dies sollte am 3. Nov. 1836 geschehen. Auch F. war nach Belem geladen zu dieser Feierlichkeit; doch auf dem Wege dahin wurde er von den rebellischen Nationalgarden ermordet »nd mit seinem Körper der gräßlichste Spott getrieben. Vgl. „ttesumo kistorico du viel» e tragu'o tine 7.e b." (Lissab. I 837). Freireiß (Georg. Wilh.), ein berühmter Reisender und Naturforscher, geb. zu Frankfurt am Main am >2. Juli >789, war der Sohn unbemittelter Altern, die jedoch keine Mühe und Sorgfalt für die Erziehung ihrer Kinder scheuten. Als Lehrling in einem Handelshause zu Offenbach machte er sich daselbst durch seinen naturwissenschaftlichen Eifer dem Hofrath Meyer bekannt, der ihn Langsdorffss. d.) empfahl, als dieser zu einer naturwissenschast- > lichen Reise nach Persien einen Begleiter zu haben wünschte, der die Verrichtungen eines Be- I dienten versähe, ohne jedoch wie ein solcher behandelt zu werden. F. begleitete denselben 1869 nach Petersburg; die beabsichtigte Reise unterblieb jedoch in Folge der zwischen Rußland und Persien ausgebrochencn Feindseligkeiten. Nachdem sich F. hierauf einige Zeit bei Tilcsius (s. d.) aufgchalten und durch Naturalienhandel etwas erworben hatte, begleitete er 1812 den inzwischen zum ruff. Generalkonsul ernannten Langsdorfs als naturhistorischcr Gehülfe ! nach Brasilien, trennte sich jedoch bald von ihm und gewann dagegen einen Freund an dem schweb. Generalkonsul von Westin in Rio-Janeiro. Die erste Reise ins Innere des Landes in die Provinz Minas-Geracs, machte F. im Juli 1813 gemeinschaftlich mit Eschwege (s. d.). Nach der Rückkehr nach Rio-Janeiro, im Jan. >815, wurde er zum Naturforscher des Königs ernannt mit der Anwartschaft auf eine Professur der Zoologie. Noch im nämlichen Jahre begleitete er den Prinzen Maximilian von Neuw ied (s.d.) auf seiner Reise an der Ostküste von Brasilien. Seit 1817 nahm er seinen gewöhnlichen Aufenthalt in der . Gegend am Mucuri. Beschäftigt mit seinen Sammlungen und mit Gründung einer Niederlassung für Deutsche, Leopoldina genannt, am Flusse Peruipe, nicht weit von Dicoza, starb er am l. Apr. 1825. In der Absicht, seinen Landsleuten eine genaue Schilderung Brasiliens zu geben, schrieb er seine „Beiträge zur nähern Kenntnis des Kaiscrthums Brasilien" lBd. I, Franks. 1823). Freisasse heißt der Besitzer eines Freiguts (s. d.). , Freischütz ncnntdie Sage einen Schützen, dersich durch Bündnißmit dem Teufel söge- . i nannte Freikugcln schafft, von denen sechs unfehlbar, selbst in der weitesten Entfernung treffen, die siebente aber oder auch eine von den sieben dem Teufel angeh wt, der nach seinem Willen die Richtung gibt. Bearbeitet wurde die Sage zuerst von Äpe' im „Gespcnsterbuch"; F. Kind benutzte sie zu der Oper, die von K. M. von Weber componirt Weltruf erlangtHat. 37 * 580 Freischützen Freizügigkeit Freischützen benannte man in Frankreich die erste unter Karl VlI. errichtete Nationalmiliz. Nachdem Karl V ll.1 115 zuerst eine regelmäßige Reiterei (compagnies ll'oilloi,- iicince) gestiftet hatte, errichtete er 1348 die Krone-urckers, um ein analoges Fußvolk zu besitzen, wozu jedes Kirchspiel einen geeigneten Mann stellen mußte. (S. Bogenschützen.) Freisrng oder Frcisingcn, eine Stadt IM bair. Kreise Oberbaiern, am Einfluß der Mosach in die Isar, der Sitz des münchencr Domcapitels und Generalvicariats, mit 3000 E., einem Schloß, schöncrDomkirche, einem Schullchrcrseminar und einem Blindeninstitut, war sonst der Hauptort des gleichnamigen Bisthums, das auf 5 IHM. gegen 27000 E- zählte. Dasselbe wurde zu Anfänge des 8. Zahrh. gegründet und der heil. Cortinian dessen erster Bischof, unter dessen Nachfolgern besonders Otto von Freising (s. d.) und der Prinz Ruprecht von der Pfalz, 1305—98, zu erwähnen sind. Durch Kaiser Ferdinand II. wurde der Bischof von F. zum Fürstbischof erhoben, durch den Neichsdeputationshaupkbeschluß von 1802 aber dessen Besitzungen zum Thcil an Pfalzbaiern, zum Theil an Salzburg übertragen. Vgl. Mcichelbcck, „Aistorio Kreisingensis" (2 Bde-, Augsb. 1723—20, Fol.). Freisprechung. Die Erkenntnisse der Criminalgcrichte sind entweder vcrurtheilend oder freisprechend. In letzterer Beziehung macht das gemeine deutsche Criminalgericht einen Unterschied zwischen gänzlicher und zeitiger Freisprechung oder wie man es, wicwol nicht ganz richtig, zu nennen pflegt, absolutio a causa und ab instantia. Diese letztere, auch die Entbindung von der Instanz genannt, erfolgt, wenn der wider den Angeklagten vorhandene Verdacht nicht gänzlich abgclehnt worden ist und hat in der Regel, nach den Bestimmungen besonderer Landesgesetze, anderweitc civilrcchtliche Folgen, z.B. Verlust der Ehrenbürgerrcchke. Mit Recht Hot sich die neuere Criminalpolitik vielfach gegen die Anwendung dieses Mittelwegs erklärt und entweder völlige Freisprechung oder Verurtheilung verlangt. Freistätte, s. Asyl. Freitag, der sechste der Wochentage, bei den Angelsachsen Frigcdag, im Englischen Kriäsv, hat seinen Namen von Frigga oder Freyja (s. d.), der Gemahlin Odin's. Freiwaldau, ein Städtchen im troppaner Kreise der preuß. Provinz Schlesien, am Füße der Goldkoppe, mit ungefähr 2000 E-, erlangte in neuerer Zeit besonder« Ruf durch die hier von I. Weiß gegründete Kaltwasserheilanstalt. Ganz in der Nähe liegt das wegen einer gleichen Anstalt noch berühmtere DorfEräfenberg (s. d.). Freiwillige (Volontair'es) nennt man beim Militair Offiziere und Ofsizierssubjectc, die ohne Sold thcils zu ihrer weitern Ausbildung, theils auf Avancement dienen; ferner Soldaten, die, ohne dazu verpflichtet zu sein, Kriegsdienste nehmen, und endlich diejenigen Individuen, die durch Ausrüstung auf eigene Kosten und unentgeltliches Dienen eine Abkürzung ihrer gesetzlichen Dienstzeit suchen. Eine eigene Art Freiwillige waren die sogenannten National-Freiwilligen in Frankreich während der Revolution, die zu vielen Tausenden den Linientruppcn zuströmten, theils aus Patriotismus, theils aus Furcht, den Machthabern verdächtig zu werden und einer Anklage zu unterliegen. Der Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk vom 5. Fcbr. 1813 veranlaßt die Errichtung der Freiwilligen Jäger, die sich entweder selbst cquipirtcn oder mittels der ansehnlichen Geldbeiträge dcrZu- rückbleibendcn, wie namentlich das Lützow'sche Corps, ausgerüstet wurden. (S. auch Freibataillone.). Sie zeichneten sich hauptsächlich in den Schlachten bei Lützen, Bautzen und Leipzig aus, in welcher letztem sie hart mitgenommen wurden. Dem Beispiele Preußens folgten nach der Schlacht bei Leipzig Sachsen (s. Banner), Baiern,.Bt'aunschweig und Hessen; doch fanden diese Freiwilligen wenig Gelegenheit, sich hervorzuthun. Nach dem ersten pariser Frieden wurden die Freiwilligen Jäger aufgelöst, bei der Rückkehr Napoleon's aber wieder «ufgerpfen, wo indeß die Sache nicht mehr den Anklang fand, wie im I. 1813. Freizügigkeit. In Gemäßheit des Art. 18 der deutschen Bundesactc ist durch Bundcsbeschluß vo>M3.Juni 1817 eine allgemeine Freizügigkeit unter den deutschen Bundesstaaten cingcführt und damit also die Frage wegen des von den außerLandcs gehenden Erbschaften zu erhebenden Abschosses (s.d.) und des von den Auswandernden zu zahlenden Abzug s g e l d s (s. d.) in Deutschland unpraktisch geworden. Mit außerdeutschen Staaten bestehen hierüber mehrfache Verträge. In Frankreich ist durch das Gesetz vom 11. Juli > 829 den Fremden eine gleiche Erbfähigkeit wie den Franzosen zugestanden. Der weitern Ent- Fre'jus Fremdeltbill 581 " Wickelung des Völkerrechts bleibt es Vorbehalten, hinsichtlich der Freizügigkeit nach und nach den Foderungen des natürlichen Rechts allenthalben positive Anerkennung zu verschaffen. Fresus, eine kleine Stadt an der Mündung des Argens im franz. Departement des Var, der Sitz eines Bischofs, liegt in einer milden, mchrer großer Sümpfe wegen aber ungesunden Gegend und zählt 3200 E., welche meist von Handel mit Südfrüchten, Sardellen und Thunfischen leben und viel Rohrgeflechte liefern. F. war ursprünglich eine Colonie der Masfilier; durch Julius Cäsar wurde es von neuem colonisirt und nun hieß es bnrnmäulü. Augustus ließ hier den Hafen, eine Wasserleitung, einen Circus und Bader anlegen und noch gegenwärtig hat es aus der Römerzeit ansehnliche Ruinen aufzuweisen. Im Mittelalter gehörte es den Grafen von Provence. Nachdem es gegen Ende des-O. Jahrh. durch die Sara- zencn zerstört worden war, wurde es durch das Bemühen des dasigcn Bischofs gegen Ende des 10. Jahrh. wieder aufgebant. Der statt des schon frühzeitig ganz versandeten alten Hafens in der Nähe angelegte neue Hafen St.-Raphael ist besonders dadurch merkwürdig, daß Napoleon hier 1100 bei seiner Rückkehr aus Ägypten landete und am 27. Apr. 1814 nach Elba sich cinschiffte. Fremde. Die Gesetzgebung eines Volks gegen Fremde ist ein Maßstab seiner Cultur. Alle rohe Völker behandeln den Ausländer als einen Feind und als rechtlos; gebildete aber gestehen dem unverdächtigen Fremden das Recht zu, ihr Gebiet zu betreten und mit ihnen zu verkehron, auch unter gewissen Bedingungen das Bürgerrecht zu erwerben (Fremd en- recht). Jndeß ergeben sich Unterschiede zwischen Fremden und Einheimischen aus allgemeinen Rechtsgrundsähen, z. B. daß der Fremde gewisse Bürgschaften leisten muß, wenn er gegen einen Staatsbürger als Ankläger auftritt; daß er wegen Schulden, welche er im Lande gemacht hat, persönlich angehalten werden kann; daß er staatsbürgerliche Rechte nicht ausüben darf; daß er nach den Gesetzen mancher Staaten nicht Vormund, Testamentszeuge u. s. w. sein kann; daß man ihm den Landesschutz aufkündigen und ihm aus dem Lande weisen kann, welches gegen den Staatsbürger nicht erlaubt ist. Auf besondere Vortheile, welche ein Staat seinen Bürgern außer der allgemeinen rechtlichen Sicherheit gewährt, ;. B. Erziehungsanstalten, Armenhäuser, hat der Fremde ebenfalls keinen rechtlichen Anspruch. (S. Heimat.) Allein eine Ungerechtigkeit gegen Fremde ist vornehmlich in drei Beziehungen ? sichtbar, nämlich in den Schwierigkeiten, welche man macht, auch dem unverdächtigen Frem- I den den Eintritt in das Land zu gestatten, in der übertriebenen Erschwerung der N a tu r a - I lisation (s d.) und in der Entziehung privatrechtlichcn Sicherheit. (S. Fremdenbill.) , Wenn auch die Befugniß eines Staats, einem Fremden den Eintritt zu verwehren, sich nach I strengem Recht vertheidigcn ließe, so läßt sich doch die Ausübung einer solchen Befugniß aus dem Gesichtspunkte der Politik nur in sehr beschränktem Maße rechtfertigen. Vielseitigkeit der echten Cultur kann nur durch möglichste Freiheit des geistigen Verkehrs unter den Völkern befördert werden. In Ansehung der Naturalisation haben freilich mehre Staaten besondere Veranlassungen zu Vorsichtsmaßregeln gehabt, z. B. wenn der Einfluß einer fremden Macht überwiegend wurde, oder eine ausländische Dynastie den Thron bestieg. Erfreu- ' sich ist es, daß die ungleiche Behandlung der Fremden in Änsehung der privatrechtlichen Ver- ' hältnisse mehr und mehr schwindet. Sehr verschieden sind indeß noch immer die gesetzlichen ' ^ Bestimmungen in Hinsicht der Frage, ob ein Fremder unbewegliches Eigcnthum besitzen dürfe, was Frankreich und die meisten deutschen Staaten unbedingt gestatten. Unnatürlich ist es, ! l wenn in den Staaten des Deutschen Bundes Deutsche als Fremde behandelt werden. Vgl. ' ! in Beziehung auf Frankreich Legat, „6oc1e cles etr-mgers" (Par. 1832) und in Betreff - ! Englands Okey, „Droits lies etrsuAsrs <1aus Is Crsucke UretgANs" (Par. 1832). ! Fremdenbill (^liendill) wurde in England das von dem Staatssecretair Lord Gren- > ^ ville 1703 in Vorschlag gebrachte, vom Parlament angenommene Ausnahmcgesetz(s. d.) ° genannt, zufolge dessen jeder Ausländer bei seiner Ankunft auf brit. Boden einer strengen ' ( Untersuchung unterworfen und in die Gewalt des Staatssecretairs gegeben wurde. Derselbe - kennte jedem Fremden den Aufenthalt überhaupt verweigern und ihn, auch wenn er ihm eine - Aufenthaltskarte gegeben, jeder Zeit überdies nach Gutdünken verhaften lassen oder auswei- > sin. Dieses strenge, dem Geiste der brit. Verfassung widersprechende Gesetz wurde zwar seit ' dem Frieden von 1814 von der Opposition hart bekämpft, dessenungeachtet aber 1816 und 582 Fremdenlegion 1818 erneuert. Erst unter dem Ministerium Canning trat eine andere Bill an dessen Stelle, welche die Fremden der Willkür derRcgieiung weniger preisgibt. JnFrankrcichveranlaßtcn die vielen politischen Flüchtlinge, die sich seit 1830 hier sammelten, ebenfalls 1832 ein sehr strenges Fremdengesetz, das 1833 verlängert wurde und noch gegenwärtig in Kraft ist. Fremdenlegion. Als Frankreich bald nach der Julirevolutivn theils von einer Menge Abenteurer, theils von politischen Misvergnügten und Flüchtlingen überschwemmt wurde, die ihr Vaterland freiwillig oder gezwungen wegen mißlungener revolutionairer Bewegungen verlassen hatten, sah sich die franz. Regierung genöthigt, durch irgend eine Beschäftigung diese Menge unruhiger Köpfe zu discipliniren und für ihren Unterhalt zu sorgen. Sie erließ ^ deshalb, da die bestehenden Gesetze den Eintritt von Fremden ins franz. Heer und die Anwendung des Dienstes franz. Truppen überhaupt untersagten, in Übereinstimmung mit den Kammern am 9. März 1831 ein Gesetz, welches sic ermächtigte, innerhalb des Königreichs eine Fremdenlegion zu bilden, die jedoch nur außerhalb des Continentalgebicts desselben »er- wendet werden dürste. In Bezug auf Ausrüstung, Sold und Unterhalt wurde dieselbe der franz. Linieninfanterie gleichgestellt und auch derselben Disciplin und Strafgesetzgebung unterworfen. Die Angehörigen derselben Nation wurden in ihr getrennt gehalten und so viel als möglich zu eigenen Bataillonen vereinigt; dagegen wurden der Oberbefehl über die Legion und auch die beiweitem größere Mehrzahl der Offizier- und selbst Unterofsizierstellen lediglich Franzosen anvertraut. Die Formirung der ersten Bataillone, deren Kern aus Deutschen, Italienern und Spaniern bestand, ging im Laufe des Sommers l 831 schnell von statten, sodaß noch gegen Ende des Jahrs 1773 M. nach Algier gesendet werden konnten, das der Legion ganz gegen den Wunsch der Meisten unter ihr, welche auf einen curop. Krieg gehofft hatten, zum Schauplatze ihrer Thätigkeit angewiesen wurde. Ungeachtet der häufigen Übertritte zu den Beduinen war die Legion in Folge des Zuflusses aus Frankreich im I. 1832 bereits bis auf 4000 M. in vier Bataillonen gestiegen. Auf verschiedene Punkte Algiers verthcilt, nahmen diese an allen bedeutenden Waffenthaten des Occupationshecrs Theil und zeichneten sich, fortwährend an die gefährlichsten Posten gestellt, bei vielen Gelegenheiten aufs vor- theilhafteste aus. Trotz der starken Verluste auf dem Schlachtfelde und in den Spitälern war sic 1833 auf 4900 und 1834 auf 5200 Köpfe gestiegen, ein Zuwachs, der hauptsächlich durch den seit 1832 stattgefundenen Eintritt vieler Polen bewirkt wurde. Die Unterstützung, welche Frankreich in Folge des Quadrupelallianzvertrags dem constitutionellcn Spanien zu gewähren hatte, bewirkte die Versetzung der Legion nach Spanien, indem zufolge eines am 28. Juni 1835 zwischen Spanien und Frankreich abgeschlossenen Vertrags die- ^ selbe in span. Sold überging. Durch eine Ordonnanz vom 30. Juni aus franz. Dienste entlassen, tmt dieselbe scheinbar freiwillig, im Grunde aber gezwungen, in span. Dienste, wo bei den unter dieselbe getretenen Franzosen ihre Rechte als franz. Staatsbürger, insbesondere aber den franz. Offizieren ihre Grade und Anciennctät im franz. Heere Vorbehalten wurden. Am 16. Aug. landete die Legion in Tarragona und nahm, der Division des Generals Pastor zugethcilt, unter dem Befehle des Obersten Bernctte vom Sept. 1835 an an . den Operationen in Aragonien Theil. Im folgenden Jahre kam sie unter den Oberbefehl ^ des Generals Cordova nach Navarra, wo ihr Anführer, der seitdem zum Genera! ernannte j Bernette, den Befehl über das ganze Opcrationscorps in dieser Provinz erhielt. In der > Mitte dieses Jahrs erhielt sie durch Werbungen in Pau wieder einigen Zuwachs und kam ^ dann unter die Befehle des Generals Lebcau, dem auch der Befehl über das ganze Ovcra- ' tionscorps in Navarra zu Theil wurde, indem General Bernette, wegen Verpflegung seines j Corps mit der span. Regierung in Händel gerathen, seinen Abschied genommen hatte; denn ^ trotzdem daß die Legion an fast allen Gefechten des Corps von Navarra Theil genommen, dabei, wie früher in Aragonien, drrrch ihre Tapferkeit sich vor den span, constitutionellcn Truppen ausgezeichnet hatte und der Schrecken der Feinde geworden war, so wurde sie doch von der span. Regierung aufs schmählichste vernachlässigt. Die Folge davon war, daß der Geist eines Corps, welches, wie die Fremdenlegion, aus so verschiedenartigen Nationen, zum Theil aus lüderlichcm Gesindel zusammengesetzt war und nur durch die Disciplin zusammen- gehalten und gezügelt werden konnte, bald sich sehr verschlechtern mußte. So kam es, daß die Ausschweifungen in der Legion sich ebenso wie die Überläufcrcien zu den Karlisten mehrten. 583 Frerel Fre'ron Unter diesen traurigen Umständen nahm General Lebcau seinen Abschied. Ihm folgte im Befehle über die Legion im Monat Nov. 1836 der Oberst Conrad, ein geborener Elsässer, der fast alle Feldzüge Napoleon's in Deutschland und Spanien mitgemacht hatte. In den schwierigsten Umständen erwarb er sich die größten Verdienste, indem er, unter dem drückendsten Mangel am unentbehrlichsten, der daraus hervorgehenden Zuchtlosigkeit nach Kräften zu steuern und dem dringendsten Bedürfnisse abzuhelfen suchte, ein Bestreben, bei dem er ebenso sehr mit der Pflichtvergessenheit und Saumseligkeit der span. Regierung, wie mit dem meuterischen Geiste der Legion, der fast zur offenen Empörung überging, zu kämpfen hatte. Trotz der verzweifelten Lage der Legion und ihrem fortwährenden Zusammenschmclzen durch Gefechte, Krankheiten und Ausreißerei, sodaß Don Carlos eine eigene Fremdenlegion orga- nisiren konnte, that Conrad mit den Trümmern seines jetzt der Division des Generals Sars- field beigegebenen und nur noch 2300 M. zählenden Corps noch Wunder der Tapferkeit. Immer an die gefährlichsten Punkte gestellt und zu den entscheidendsten Schlägen gebraucht, schmolz cs aber auch immer mehr zusammen. Das Gefecht bei Huesca am 24. Mai rieb die Legion so auf, daß sie am I. Juni kaum 600 M. zählte, und das Gefecht bei Barbastro vollendete ihren Untergang. Im entscheidenden Augenblicke von den span. Truppen der Königin Verlässen, hielt sie hier allein Stand; von den Karlisten eingeschlossen, wurde sie niedergehauen bis auf 150 M., die sich nach Pampeluna retteten. Conrad fiel dabei an der Spitze seiner kleinen Schar. In Pampeluna, dem Depot der Legion, befanden sich jetzt nur noch etwa 300 M., die in den elendesten Spitälern, von aller Hülfe entblößt, elendiglich ihr Dasein fristeten. Die span. Regierung kümmerte sich gar nicht mehr um sie, und weder Bitten noch Drohungen vermochten sie zur Erfüllung ihrer Versprechungen zu bewegen. Ebenso wenig verstand sie sich aber dazu, der franz. Regierung die dem Vertrage vom 28. Juni 1835 zufolge unerläßliche Zustimmung zur Zurückberufung zu geben. So kam es, daß die Trümmer der Fremdenlegion, an welche die span.Negierung am >6. Juni 1837 nicht weniger als 704270 Francs an Sold schuldete, bis Ende 1838 im größten Elende in Spanien schmachten mußte. Erst um diese Zeit ertheilte ihnen die span. Regierung die Erlaubniß zur Rückkehr »ach Frankreich; am I. Jan. 1839 verließen sic Saragossa und trafen am 8. Jan. in Pau ein. Während auf diese Weise die alte Fremdenlegion in Spanien zu Grunde ging, wurde in Algier eine neue gebildet, die schon >836 wieder 854 M. zählte. Sie nahm in rühmlicher Weise an den Expeditionen nach Konstantine Theil, war >838 bereits auf 2000 M. gestiegen und hat seitdem bei einer Menge Gefechten und Expeditionen ihre kriegerische Tüchtigkeit bethätigt, wie erst neuerdings bei dem Zuge des Herzogs von Aumale nach Beskara. Frerct (Nicolas), bekannt durch seine archäologischen und chronologischen Forschungen wie auch als Atheist, einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, gcb. zu Paris am 15. Fcbr. >688, ein Zögling Nollin's, wurde schon im 25. Jahre Mitglied der Akademie der Inschriften. Wegen seiner Eintrittsredc „8»r IHgüie Oesb'riuiyms", die ebenso gelehrt als keck, unziemliche Äußerungen über die Verhältnisse der Prinzen zu dem Regenten enthielt, mußte er sechs Monate in der Bastille büßen. Nachdem er seine Freiheit'wiedercrlangt hatte, übertrug ihm der Marschall von Noaillcs die Erziehung seiner Kinder. Am eifrigsten beschäftigte er sich mit der Chronologie der alten Völker, und seine Abhandlungen und Streitschriften hierüber machen eine» großen Theil der Denkschriften der Äkademie jener Zeit aus. Übrigens war er in keiner Wissenschaft fremd und wußte die Feder wohl zu führen. Er war einer der Ersten, die sich offen zu den Grundsätzen des Atheismus bekannten, den er in der „l.ettre ;>e" und dem „blxninen eritchue Oes »pnloßistes Oe la re- ligioo cl-retienoe" (Par. 1767) systematisch auseinandersetzte. Seit 1742 Secretair der Akademie der Inschriften starb er am > 7. Jan. 1749. Seine „Oeuvres" erschienen in 20 Bänden (Par. 1796, >2.); eine neue Ausgabe begann Champollion-Figeac (Bd. I, Par. 1825). Freren (Elle Catherine), franz. belletristischer Schriftsteller, gcb. zu Quimper 1719, gebildet durch die Jesuiten und eine Zeit lang Professor am Oslle^e Ii.nu,s le OruuO, machte sich besonders bekannt durch das von ihm 1746 begründete kritische Journal. Dasselbe erschien zuerst unter dem Titel „I.ettres Oe mnOnme In comtesss Oe ***", und als es auf Veranlassung einiger von F. schwer gekränkter Schriftsteller unterdrückt wurde, unter dem Titel „I^ettres sur czuel^ues eerits Oe es tein^is" (I 3 Bdc., >749—54) und hierauf unter 584 Freskomalerei dem Titel „^nnee litteruire" (1753—76). Seine erste literarische Thätigkeit hatte er den von Des Fontaincs herausgegebencn „Observstions s„r les ecrits modernes" und „äiixe- ments snr ^»eignes ouvruAes nouveanx" (35 Bde., 1735—36)gewidmet. Die Bitterkeit, mit welcher er mehre Schriftsteller, besonders Voltaire, unablässig behandelte, zog ihm mehrmals Gefahr zu, und nur der mächtigen Protection des Königs Stanislaus hatte er cs zu danken, daß er nicht verhaftet wurde. Er starb am 16. März 1776. Wenn auch F. in den meisten Fällen gegen die von ihm getadelten Schriftsteller Recht hatte, so verlor er doch nach und nach seinen ganzen Ruf, und in der letzten Zeit seines Lebens hatten Voltaire's und der Encyklopädistcn Satiren es dahin gebracht, daß der Name Freron gewissermaßen zu einem Schimpfwort wurde, das noch lange nachher einen frechen Kriticus bedeutete. Sein Sohn, Louis Stanislas, geb. zu Paris 1765, setzte nach des Vaters Tode die „^nneelitte- raire" bis 1796 fort (zusammen 296 Bde.), die unter seinem Namen zuerst sein Oheim, der Abbe Royon, dann Grosser und zuletzt Geoffroy Herausgaben. Beim Ausbruch der Revolution warf er sich ganz in den Strudel derselben und gab 1789 den berüchtigten „Orateur du j>e,iple" heraus. Als Deputirter der Stadt Paris in der Nationalversammlung und in dem Convent und im Club der Cordeliers machte er gemeinschaftliche Sache mit seinem einmaligen Mitschüler Robcspicrre. Nebst Barras vollzog er 1793 in Toulon und Marseille die blutigen Beschlüsse der Schreckensherrschaft. Nach seiner Rückkehr wurde er indcß No- bespierre verdächtig und trug, als ihm dies klar wurde, zu dessen Sturze bei. Er schloß sich nun der Conventsregierung an und nahm den „Oruteur du z>euz,le" wieder vor, den Dus- sault unter seinem Namen redigirtc, entzweite sich aber wegen der darin jetzt ausgesprochenen Ansichten fast mit Allen, deren Meinung er früher getheilt hatte. Bei einer zweiten Sendung nach Marseille imJ. >795 that er einer wilden ReactionEinhalt. Vgl. sein „Memoire lustoricgie sur In reaction royale et mir les mslbeurs du Midi". In der Zurückgezogenheit schrieb er hierauf seine „kletlexions sur les Irüpitaux et zmrticulierement ce»x de Loris" (Par. 1866). Zm Z. 1862 sendete ihn der erste Conseil mit dem General Leclexc als Untcr- präfect nach S.-Domingo, wo er nach zwei Monaten den Einflüssen des Klima erlag. Freskomalerei oder Malerei ul kresc», d. h. auf der noch nassen Mauer, nennt Man im Gegensatz zu der cnkaustischen und der Ölmalerei diejenige Art Malerei, welche mit Wasserfarben auf einer noch frischen Unterlage von Kalk, mit Sand vermischt an Wandflächen ausgcführt wird. Schon im griech. Altcrthuni, neben der Enkaustik, in stetem Gebrauche, ging die Frescomalerei nie völlig verloren, die gegenwärtig wieder neue Triumphe feiert. Das jetzige, besonders durch die münchener Schule ausgebildete Verfahren der Frescomalerei besteht darin, daß die wohlausgetrockncte Mauer mit einem sorgfältig bereiteten Mörtel aus seinem Sande und altem Kalk in der Stärke von ein bis zwei Linien überseht wird, welcher dann der Malerei als Grund dient und, so lange er noch feucht ist, die Eigenschaft besitzt, die darauf getragenen Farben ohne Zusatz von Leim oder eines andern Bindemittels dergestalt fcstzuhaltcn, daß sie weder trocken noch mit Hülfe des Wassers sich auslö- sehen lassen, sondern mit der Zeit nur desto inniger mit der Wandfläche sich verbinden. Diese Verbindung der Farbstoffe mit dem Kalkbcwurf der Mauer ist keine bloße mechanische Adhäsion sondern eine wahre chemische Cohäsion. Der im nassen Mörtel aufgelöste Kalk hat nämlich die Eigenschaft, sich während des Austrocknens an die Oberfläche zu ziehen und auf derselben durch Absorption von Kohlensäure aus der atmosphärischen Luft zu einem feinen durchsichtigen Email zu krystallisiren, welches die damit in Berührung stehenden Farbenpartikeln durchdringt oder einhüllt und somit fixirt. Dieser krystallinische Überzug, eine Art Tropfstcinbildung, ist im Wasser schwer auflöslich und wird von den übrigen atmosphärischen Einwirkungen nicht zerstört, sondern geht bei fortgesetzter Anziehung von Kohlensäure und Wasserdämpfen nur vorwärts in der Steinbildung. Schon aus der nothwendigen Verbindung mit dem Kalk geht hervor, daß nicht nur sämmtlichc vegetabilische und animalische Farben dabei unanwendbar sind, sondern auch diejenigen mineralischen, welche mit dem Kalk vcrwondt sind und demnach eine neue Verbindung mit demselben eingehen würden, z. B. rs Bleiwciß. Vgl. Wiegmann, „Die Malerei der Alten" (Hann. 1836). Da nur mit einem feuchten Grunde die Farben zu einem Ganzen verschmelzen, so kann auch daS Antra- n des Bewurfs und das Aufträgen der Farben selbst nur stückweise geschehen und nie mehr Frescomalerei 585 aufgelegt werden, als der Maler in Einem Tage vollenden kann. Auch kann derselbe bei der eiligen und stückweiscn Ausführung nicht blos frei nach der Skizze arbeiten, sondern muß mittels einer Pause nach seinem in gleicher Größe entworfenen Carton die Umriffe und Schattirungcn auf den Kalk übertragen, wahrend eine Farbenskizze ihm die Farben angibt. Da dieselben aber vor dem Anstrocknen insgesammt, mehr oder weniger, dunkler erscheinen als nachher, so gehört ein ungemein geübtes, berechnendes Auge zu dieser Arbeit, zumal da alles wesentliche Nachbessern nur durch Abkrahung des alten und Auflegen eines neuen Kalkbcwurfs möglich ist. Minder Wichtiges, Härten in Ton, Zeichnung und Modellirung, wird jedoch durch Netouchirung mit Temperafarben verbessert. Es ist einleuchtend, daß in dieser Malerei eine so feingefühlke Harmonie in Licht und Schatten und Farbe unerreichbar bleibt, wie sie bei einer Technik möglich ist, bei welcher der Künstler das bereits Vollendete in seiner wahren Wirkung stets vor Augen hat, das er auch nach Erfodern wieder übergehen und umstimmen kann, bis er durch Übermalen und Lasiren die gewünschte Harmonie erreicht hat. Eine noch weit folgenreichere Eigenthümlichkeit besitzt die Frescomalerei in dem Mangel aller durchsichtigen und saftigen Farben, sodaß die Schatten bei nur mäßiger Tiefe trüb und trocken erscheinen. Dagegen ist es das Licht, worin die Frescomalerei jeder andern weit voranstcht. Aus dem Gesagten schon geht hervor, daß Farbcnreiz und Lichtcontraste in der Frescomalerei nur andeutungsweise vorhanden sein können, daß daher die Illusion völlig fehlt. Auch in der Modellirung stehen ihr lange nicht dieselben Mittel zu Gebote, welche die Ölmalerei besitzt. Das Gebiet der Sentimentalität, das Hinarbeiten auf Stimmung u. s. w. sind ihr versagt. Unter diese Kategorie fallen wesentlich das Genrebild und, mit Ausnahme, auch die Landschaft. Dafür befähigt schon ihre große Dauerhaftigkeit sie vorzugsweise zu echt monumentalen Kunstwerken, während jene Bedingungen sie zu einem Stile nöthigcn, der auf großartige Ausbildung der Zeichnung und Compositivn beschränkt, sich für die höhere Historienmalerei vorzüglich eignet. Des Lyrischen im Gebiete der Kunst, nämlich der Far- hcnglut, entbehrend, hat sie als Trägerin des epischen Elements seit Jahrhunderten den Reigen der größten Kunstwerke angeführt. Jeder Streit über den Vorzug der Ölmalerei oder des Fresco ist demnach überflüssig; sie ergänzen einander. Es ist öfter versucht worden, die Frescomalerei durch jene zu ersetzen, indem man die Wände mit kolossalen Ölbildern bedeckte. Hierbei aber zeigte sich, daß die Malerei, wenn sic einmal mit der monumentalsten Kunst, der Architektur, einen Bund cingeht, nach Lichtcffect und Allem, was zur Illusion gehört, nicht nur nicht mehr streben kann, sondern auch nicht streben darf. Die Vorzüge der Ölmalerei wurden dabei zu Fehlern; die Figuren traten aus der Wand heraus und störten so die architektonische Intention, während der ganze, dem Ölbilde gemäße Grundton sich als wandbeherrschende Farbe viel zu dunkel erwies. Eine solche Masse von Wirklichkeit lastet drückend auf dem Beschauer, während ihn die Wahrheit auch des kolossalsten Frescobildes erhebt. In seiner Beschränkung auf das Nothwendige, welche zugleich die Darstellung des Höchsten nicht ausschließt, nähert es sich den Bedingungen des Reliefs fast mehr als jenen des völlig ausgcführtcn Ölbildes. Viele pomxejanische, ja selbst etruskische und ägypt. Wandgemälde sind in Fresco ausgeführt. Auch die urchristliche Zeit hat nur Denkmale dieser Art hinterlassen, besonders in den Katakomben von Nom und Neapel. Aus dem frühern Mittelalter besitzen wir mehr Nachrichten von Wandmalereien überhaupt, als Denkmäler; auch scheinen dieselben einige Zeit hinter die Mosaikbildcr znrückgetretcn zu sein. Erst seitdem im 13. Jahrh. ein neuer Geist in der Kunst erwachte, läßt sich auch in der Frescomalerei eine fortlaufende Entwickelung Nachweisen. Für Deutschland sind die Reste von Fresken im Dom zu Bamberg, in St.-Gcrcon, St.-Ursula undSt.-Künibert in Köln, wol sämmtlich aus dem > 3. Jahrh., besonders wichtig; für Italien die Werke der Florentiner und Sicneser. Die Schule des Giotto (s.d.) lieferte eine ungemeine Anzahl Wandgemälde, und ihr folgten sehr bald auch die übrigen ital. Schulen. In Deutschland wurden, zumal an denWänden der Kreuzgänge, ganze Reihen Darstellungen-angebracht, wobei wir nur an die Tod tentänze (s. d.) erinnern und an die Sitte, die Facadcn der Häuser mit Historien zu bemalen. Aber Alles übertraf an Masse und theilweise auch an Werth die ital. Frescomalerei des 16. Jahrh., vor- züglich in den Schulen von Rom, Florenz und Mailand, weniger in der von Venedig. Das d80 Freskomalerei vorhergehende Jahrhundert schloß mit Leonardo da Viuci's Abendmahl; schon seit 1508 begann Rafael die Stanzen und Logen des Vaticans, und Michel Angclo die Decke der Sch. tinischcn Kapelle; I5Z4—kl malte Letzterer ebendaselbst sein Jüngstes Gericht. Miche! Angclo's einseitige, aber in seinem Wesen tiefbcgründctc Vorliebe für die Frescomalerei ist bekannt; als die Sixtinische Kapelle gemalt werden sollte, rieth sein Schüler Fra Sebastians dal Piombo von Venedig, Ölfarben anzuwendcn; der Meister aber sagte: „Nichts da; die Ölmalerei taugt nur für Weiber und geistlose, handwerksstolze Männer, wie Bruder Sc- > bastiano." Es trat aber auch nun die Zeit ein, wo die Frescomalerei die Entartung der s Kunst im höchsten Grade theilcn sollte und wo cs nur galt, am schnellsten die Wände der Paläste mit Farben zu decken. Zu erwähnen sind nur Pietro da Cortona (s. d.) und die ! Brüder Zuccari. Rubens und seine Schüler malten nur höchst selten in Frcsco. Zu einer besvndern Ausartung hatte hauptsächlich Correggio Anlaß gegeben; wir meinen die perspektivischen Künsteleien der Deckengemälde, wodurch eine scheinbare architektonische Erwel- > tcrung erreicht wurde, sei es, daß man blos sigurenreiche Balustraden oder gar hohe Kuppeln > und andere Scheingewölbe darstellte. Das > K. Jahrh. ist sehr reich an großen kirchlichen Frescobildcrn, welche in diesem falschen Streben nach Illusion gefertigt sind, ja man wird schwerlich eine bedeutendere Kirche ans dieser Zeit finden, in welcher nicht die Decken mit solchen Schcinperspectiven und mit seltsam nach demselben Jllusionsprincip verkürzten Figuren bemalt wären. Vorzüglich thatcn sich hierin einige Tiroler hervor, welche in süddeutschen und ital. Kirchen und Abteien die Deckengemälde fertigten und dabei oft mehr als bloße Handfertigkeit an den Tag legten. So standen die Sachen zu Anfänge des 19. Jahrh.; in der Malerei regierte die Clas- sicität in einer fast völlig äußerlichen Weise, abseits vom Volksleben und seinen Bestrebungen, doch nicht ohne eine gewisse kalte Reinheit des Stils. Aber die Noth der Zeit gab sich mildem classischcn Altcrthum nicht mehr zufrieden; Deutschland wendete seinen Blick aus die eigene große Vorzeit, auf das Mittelalter, und so entstand die romantische Malcrschulg früher und in einem ganz andern Sinne als in Frankreich. Ihre ersten Leistungen aber, wodurch sic die Aufmerksamkeit Europas auf sich zog, waren Frcscobilder. Bald nach dem deutschen Freiheitskriege fand sich eine Anzahl deutscher Künstler in Rom zusammen, alle mit dem eifrigen Studium der ältern Malerei beschäftigt. In der Wohnung des preuß. Consuls Vartholdy (s. d.) fanden vier der bedeutendsten unter ihnen die längst gewünschte Gelegenheit, sich in der Frescomalerei zu versuchen. Co rnelius (s. d.), Overb eck (s. d.), PH. Veit (s. d.) und W. Schadow (s. d.) malten daselbst die Geschichte Joscph's in sieben Bildern, ^eit Jahrhunderten wieder das erste Werk einer reinen Begeisterung und nicht bloßer Reflexion. Nicht lange daraus bot der Marchese Massimi den deutschen Künstlern eine noch berrächtlicherc Aufgabe dar; drei Gemächer in seiner Villa sollten mit Darstellungen nach den größten ital. Epikern geschmückt werden. Jul. S chnorr (s. d.) übernahm Arivst, Overbeck mit Jos. Führich Taffo und PH. Veit mit Jos. Koch (s. d.) Dante. Jetzt war eine neue, durch freie Anregung von Seite der ältern Kunst hervorgcrufenc Dar- stcllungsweise geschaffen; auch die Composition erschien wie von schweren Banden befreit in großartigster Entwickelung. Während Cornelius als Direktor der Akademie nach Düsseldorf ging, malte nun Overbeck sein berühmtes Bild, die Jndulgcnz des heil. Franciscus in der Kirche Madonna degli Angel! bei Assisi, welches das erste bedeutende Kirchcngcmälde dieser neuen Richtung wurde. Indessen entschied cs sich, daß nicht Düsseldorf sonder» München der Sitz der neuen Frescomalerei werden sollte. Noch als Kronprinz berief König Ludwig von Baicrn Cornelius dahin und übertrug ihm die Wandgemälde der Glyptothek. Dies sind die berühmten trojanischen und mythologischen Scencn, mit welchen die neue Kunst ihren glorreichen Einzug in Deutschland feierte, Meisterwerke hoher Charakteristik und dramatischer Intention. An der Ausführung hatten Zimmermann und Schlotthauer Thcil. Auch wurden jüngere Talente mit Ausmalung der sogenannten Arcaden am Host gartcn beschäftigt; >527—29 malten Karl Hermann aus Dresden, Stürmer, Ernst Förster, Hiltcnspergcr, Lindenschmitt u. A. daselbst eine Reihe Scencn aus der bair. Geschichte, welche, wenn auch in ungleichem Grade, eine rasche Aneignung der Auffassung und Technik des Meisters bekunden. Jetzt folgten zwei kolossale Aufträge des Königs vonBaiern, Fresconmtkrer 58? dir Ausschmückung des neuen Königsbaus und der damit verbundenen Allerhciligenkirche. Elfterer enthalt Gemälde vonKa ulbach (s. d.), Olivicr, Hiltcnspcrgcr, Schulz, Zimmcr- mann, Karl Hermann, Gassen, PH. Foltz, Lindenschmitt u. A. theils in Enkaustik, theils in Fccsco, sämmtlich zu deutschen und griech. Dichtern; doch beiweitem das Bedeutendste sind die großen Fresken im Erdgeschoß, zu den: Gedichte der Nibelungen, von Jul. Schnorr. Die Allerhciligenkirche, fast über und über mit Fresken auf Goldgrund bedeckt, verwirklichte zuerst wieder den kühnen Gedanken, eine große theologische Idee, den Zusammenhang des alten Bundes mit dem neuen, in einem Komplex architektonisch geordneter Bilder mythisch versinnlicht zur Anschauung zu bringen; nur ist zu bedauern, daß die Ausführung hier, zum Theil wegen des schweren Goldgrundes, sich so sehr auf das Uranfänglichc in der christlichen Kunst zurückziehen und beschränke» mußte. Bei unleugbar großartiger Gcsammtconception ist die Wirkung daher verhältnißmäßig gering. Hcinr. Heß (s.d.) begann diesesWerk 1828 mit Hülfe seiner Schüler Schraudolph, Koch, Müller u. s. w., unter denen besonders der Erstgenannte sich seitdem bedeutenden Ruf erwarb. Aber diese sogcnannteHofkirche erscheint gleichsam nur als eine Vorarbeit neben der seit 182!» begonnenen Ludwigskirche, an deren Wänden und Gewölben Cornelius, und nach seinen Entwürfen seine Schüler, in einem rie-, sigen Cyklus von Darstellungen den ganzen christlichen Glauben geschildert haben. An der flachen Hintcrwand befindet sich das berühmte Jüngste Gericht, ohne Zweifel eines der größten Kunstwerke der neuern Zeit, wenn auch im Detail ohne des Meisters Schule einiges Harte und Verfehlte bemcrklich wird. Eine neue Aufgabe erwuchs, als die Pinakothek geschmückt werden sollte. Der König wünschte ein Gegenstück zu den Nafael'schen Logen im Vakican, und so entstanden die Fresken in den Kuppeln und Lünetten der 25 Arcaden längs der Stadtscite des Gebäudes. Cornelius schilderte darin die Geschichte der Kunst von Cima- bue bis auf Rubens; Zimmermann übernahm die Ausführung. Auch zu den Fresken am Zsarthore entwarf Cornelius die Zeichnungen. Die meisterhafte Ausführung durch Bernh. Neher hat diesem einen bedeutenden Ruhm und wichtige Bestellungen erworben, wovon wir nur die Fresken im Schlosse zu Weimar erwähnen. Auch ließ der Kronprinz von Daicrn seine Burg Hohenschwangau nach einer Reihe trefflicher Cvmpositionen von Lindcnschmitt mit FreScobildern schmücken. In der Basilika des heil. Bvnifacius in München gehen die zahlreichen und imposanten Frescobildcr von Hcinr. Heß der Vollendung entgegen; eine andere große Unternehmung, Jul. Schnorr's Fresken aus der deutschen Kaisergcschichte in der sogenannten Neuen Residenz (dem Festsaalbau) sind bereirs vollendet, auch wird dies bald dcr Fall sein mit den enkaustischen Bildern zur „Odyssee" von Hiltensperger. Was in den neuesten Bauten, dcr Loggia bei dcr Theatinerkirche, der Nuhmeshalle, der königlichen Villa bei Aschaffenburg u. s. w., gemalt wird, ist uns noch nicht bekannt. Auch der Dom von Syrier soll bedeutenden malerischen Schmuck erhalten. Endlich sind Karl R o ttma nn's (s. d.) höchst wcrthvollc landschaftliche Fresken in den Arcaden am Hofgarten zu erwähnen. Zn ihnen ist das unlösbar scheinende Problem, ohne besondcrcLicht- und Farbeneffectc Landschaften in Frcsco zu behandeln, auf das glücklichste gelöst durch möglichste Beschränkung des Vordergrundes, und durch poetische Anordnung und Stilisirung des Ganzen, und es bilden diese Landschaften eine der bedeutendsten Leistungen der neuern Kunst. Überblickt man den ganzen Ungeheuern Ncichthum der auf Anregung König Ludwig's entstandenen FreSco- malereien, so ergibt sich eine Masse von bedeutenden künstlerischen Leistungen, wie sic wol noch nie eine Negicrungszcit von 20 Jahren hervorgcbracht hat. Unleugbar hat die Ölmalerei, auf Schlachten, Genre und Landschaften beschränkt, dabei gelitten, und zwar nicht nur in Betreff der numerischen Masse. So freudig Deutschland das Große dieser Leistungen, den wahrhaft monumentalen Stil dieser in ihrer Art oft vollkommenen Kunstwerke anerkennt, so ist doch nicht in Abrede zu stellen, daß dieselben in manchem Betracht außerhalb dcr Zeit stehen, deren Richtung vor Allem eine charakteristische Durchbildung des Einzelne» verlangt, welche dem Frescobilde vermöge seiner inner» Bedingungen nicht zu Gebote steht. Was die Fresken außerhalb Baicrns anlangt,, so sind dieselben zum großen Theil von Künstlern dcr münchencr Schule gefertigt. So malte Stürmer im Schlosse des Grafen von Spee zu Hcldorf, unweit Düsseldorf, mehre Bilder aus der Geschichte Kaiser Heinrich's 1l., «u deivn jedoch auch H. Mücke, dcr der düsseldorfcr Schule angchört, bedeutenden Theil 588 Freskomalerei hatte. In der Aula zu Bonn wurden die Darstellungen der vier Facultätcn von München» Künstlern in Fresco gemalt, die Theologie von Karl Hermann mit Hülfe Ernst Förstcr's 4 Zoll lang, von schlankem Körper und gelblich behaart. Ursprünglich in Nordafrika heimisch, wird es von den Jägern abgerichtet, die wilden Kaninchen aus ihren Bauen in die vorgestell- ten Netze zu treiben. I Freundschaftsinseln, eigentlich Tongainseln, ein zu Australien gehöriger ' Archipel von 188 Inseln im Stillen Ocean, worunter 32 größere vom 10° 44'—21° 32' südl. B. und 200°—204° östl. L., wurden wenigstens zum Theil 1613 von dem Holländer Tasman entdeckt. Von Cook, berste 1773 und 1777 besuchte, erhielten sie, wegen der gast- freundschaftlichen Aufnahme, die er bei den Einwohnern gefunden hatte, den Namen Frcund- schaftsinseln. Das Klima ist äußerst schön und der Vegetation und Gesundheit sehr zuträglich. Keine der Inseln ist ohne süßes Wasser. Die Zahl der Bewohner mag sich auf200000 belaufen. Dieselben sind von mittler Größe und wohl proportionirt, kupferbraun und zeichnen sich durch freundlichen Sinn, Freigebigkeit, Großmuth, Ehrlichkeit und Kunstfleiß vor den andern Südseebewohnern aus; doch herrschte auch bei ihnen die Sitte der Menschenopfer. Die bürgerliche Verfassung der Inseln ist aristokrarisch-moimrchisch; die meisten derselben stehen unter der Botmäßigkeit des Herrschers auf der Insel Tongatabu. Die Bekehrung der Bewohnck zum Christenthum wurde seit 1820 mit Erfolg durch brit. Missionare betrieben. Die größte der Inseln ist Wawau. Freyberg (Max. Prokop, Freiherr von), bair. Kämmerer, Staatsrath, Vorstand des Reichsarchivs und Secrctair der historischen Classe in der Akademie der Wissenschaften zu München, geb. daselbst am 3. Jan. 1780, besuchte, nachdem er im Theresianum zu Wien > und in der Pageric zu München seine Vorbildung erhalten, 1807—10 die Universität zu Landshut, wo er sich dem Studium der Rechte widmete, nach dessen Vollendung er Frankreich, Holland, die Schweiz und Italien bereiste. Nach seiner Rückkehr trat er in den Staatsdienst, wurde 1817 Negierungsrath in München und, nachdem er sich 1824 mit einerToch- ter des Grafen von Montgelas Vermählt hatte, Ministerialrath im Ministerium des Innern, nach dem Regierungsantritte des Königs Ludwig'sl. Vorstand des Ncichsarchivs, 1820 zugleich wieder als Ministerialrath eingesetzt und 1838 zum Staatsrath ernannt. Als Depu- tirter in der Ständeversammlung von 1837 zeigte er sich als eifrigen Anhänger des Ministeriums und als Verthcidiger der Klöster. Unter seinen schöngeistigen Schöpfungen erwähnen wir seing. „Novellen" (Münch. 1828; neue Aufl., 1836), die „Malerische Reise im obern Italien" (Münch. > 830) und die historischen Romane „Die Stauffer von Ehrcnfels" (3 Bde., Münch. > 833) und die „Löwenrikter" (Münch. 1830; neue Aufl., 1836). Viel bedeutender aber sind seine historischen Arbeiten; dahin gehören „Älteste Geschichte von Tegernsee" (Münch. 1822), die gekrönte Preisschrift „Über das altdeutsche öffentliche Gerichtsverfahren" (Landsh. > 824), „Geschichte der bair. Landständc und ihrer Verhandlungen" (2 Bde., Sulzb. 1828—20), „Grundlinien einer Geschichte der bair. Landständc" (Münch. 1832), „Sammlung deutscher Nechtsalterthümcr" (Heft I, Main; 1828), „Sammlung historischer Schriften und Urkunden" (Bd. I—5, Heft 1 und 2, Stuttg. 1827 — 37), „Pragmatische Geschichte der bair. Gesetzgebung und Staatsverwaltung seit den Zeiten Mail ximilian's I." (Bd. I—4, Abth. 1, Lpz. 1836—39, 4.). Auch machte er sich mit dem Frer- herrn von Hvrmayr sehr verdient durch die Fortsetzung der von Lang herausgegcbenen „liegest» sive rermn boicaruin »utoArspb»", deren neunter Band 1841 erschien. Freycmet (Claude Louis Desaulses de), franz. Naturforscher und Weltumsegler, geb. zu Montelimart am 7. Aug. 1770, trat zu Anfänge des I. >704 in die Marine der Republik und nahm, im I. 1803 zum Schiffslieutenant ernannt, Theil an der Expedition des / Capitains Nie. Baudin (s. d.) nach Neuholland und lieferte zu der von Baudin's Begleiter Peron herausgegcbenen „Vovugecketiecouvertesuxterres snstrulss exeoite;>»r orckre >!u gouvernement penclant les snnees 1800—1804" (2. Aufl., 4 Bde., Par. 1824) den Atlas, der als ein Meisterwerk betrachtet wird, und auch einen Band nautischer Bemerkungen. Hieraus befehligte er die Corvette Le Voltigeur, wurde 1811 Fregattencapitain und erhielt 5W Freyja Freyre 1817 den Befehl über die Corvette L'Ürania, mit der er auf Befehl Ludwig's XVIN. im zu- letzt genannten Jahre eine Entdeckungsreise im Südmecre unternahm. Rückkehrend erlitt er bei den Falklandsinseln am 13. Febr. 1820 Schiffbrnch, rettete jedoch die Mannschaft und den größten Theil der Sammlungen und wurde spater, wie gebräuchlich, vor ein Kriegsgericht gestellt, aber ehrenvoll freigesprochen. Der Hauptzweck dieser Reise war, Beobacht»»- gen anzustellen, zur Bestimmung der Gestalt der Erde und der Intensität der magnetischen l Kraft in der südlichen Halbkugel. Die Resultate derselben enthält das Prachtwerk „V<>)NM nutonrAu monele, penclsnt les simees 181 7 — 2tt" (8 Dde., Par. I 825 sg.,-1., nebst Atlas). ^ Alle Gefahren dieser schwierigen und langen Reise theilre seine Gattin, die sich, ohne sein Vorwiffen, in Mannskleidern an Bord des Schiffs begeben hatte und sich erst zu erkennen gab, als das Schiff auf offener See war. In Verbindung mit H. Clement entdeckte er ein neues Verfahren, das Seewasser trinkbar zu machc-n, das sich später vollkommen bewährt hat. Auch erfand er eine eigene Methode beim Kartenstich aufKupfcrplatten, die nachmals von Brue mit großem Erfolge angewendet wurde. Er starb auf seinem Landgute Freycinct bei Loriol im Drömedepartement am l 8. Aug. 1832. Freyja und Frigga sind in der Göttersage zwar geschieden, doch ursprünglich Eins, im Zusammenhänge mit Freyr ts. d.). Friggaist nach der Äsen lehre (s. d.) die obersu Götti», Odin's Gemahlin und eine Tochter des Niesen Fiorgwyn und steht den Ehen vor. Freyja ist die Tochter Niord's, die Schwester Frcyr's und die Göttin der Liebe. Sie fährt aus einem mit Katzen bespannten Wagen, und zu ihr kommen die verstorbenen Frauen und auch die Hälfte der in der Schlacht Gefallenen, weshalb sie Val-Freyja genannt wird. In letzterer Beziehung muß sie als Erde gedeutet werden; unter Odin's Gattin Frigga aber wird diese ebenfalls verstanden, und wenn Freyja, gleich der Isis ihren Osiris, Oddcr sucht, so ist dies Odin als Sonne gedacht. Auch die Namen Frigga und Freyja sind in der Bedeutung fast gleich, und in den Mythen werden beide oft verwechselt. Bei Angelsachsen und Langobarden wurde Odin's Gemahlin als Frea verehrt. Freyr, der Sohn Niord's, mit seinem Vater unter die Äsen ausgenommen, von denen er, als er den ersten Zahn bekam, die Himmelsburg Alsheim erhielt, wird wegen seiner Abstammung Vanagod genannt. Er ist ein Gott des Friedens und der Fruchtbarkeit, spendet Regen und Sonnenschein und wird um gute Ernte angerufen. Seine Gattin ist Gerda, des Niesen Gymer Tochter. F. hatte sie erblickt, als er einst Odin's Hochsitz Jllioskiaff bestiegen, von dem aus man Alles auf Erden sieht. Gerda war so schon, daß der Glanz ihrer Arme Luft und Meer durchleuchteten. Von heftigster Liebe ergriffen, sendete F. als Bcautwerbcr Skir- ner ab, dem er dafür sein treffliches Schwert hatte geben müssen, das er im Kampfe der Götterdämmerung vermissen wird. F.'s Fcst fiel zur Wintersonnenwende. Vielleicht war er früher mit Freyja (s. d.) hermaphrodikisch vereinigt, gleich dieser wurde er von Brautleuten angerufen. (S. Asenlehre.) F. stand in hoher Verehrung, besonders in Schweden, wo er als Landesgott galt, und auch auf Island. Sein Name wird bei Eiden zuerst genannt. Seinen Haupttempcl in Schweden hatte er zu Upsala, wo ihm jährlich ein großes blutiges ' Opfer von Menschen und Thicren gebracht wurde. Am Julfeste, das ihm geweiht war, ^ mußte, während der Gott im Lande hcrumgefahren wurde, aller Streit ruhen. Da das F- entsprechende goth. Franja, im Sächsischen zusammengezogen Fro, noch im Christenthuine ^ alS Benennung des Herrn sich erhalten hat, andere Überlieferungen aber fehlen, so ist zu ver- muthcn, daß es diesen Völkern nur ein abstracter Begriff gewesen sei. Freyre (Don Manuel), span. Feldherr, geb. um 1765 zu Osuna in Andalusien, erprobte zunächst im Pyrenäcnkrieg als junger Offizier seinen Muth, wurde >798 Major eines Husarcnrcgimcnts und war 1808, als der Unabhängigkeitskrieg ansbrach, Oberstlieu- tenant. Im folgenden Jahre wurde er Oberst, hierauf Brigadier und commandirtc die Reiterei der Armee des Generals Blake. Die Franzosen auf allen Punkten unablässig neckend, verfolgte er die Division Godineau von Gibraltar bis an die Thvre von Sevilla und fügte l ihr so vielfältigen Schaden zu, daß der Befehlshaber, um Napolcon's Zorne zu entgehen, sich erschoß. Im 1.1811 übernahm er das Commando über das dritte Armeecorps und verdrängte die Franzosen aus dem Königreiche Granada. Muth und Klugheit zeigte er besonders in der Schlacht von Ocana. Am 36. und 3 >. Aug. >813 trug er durch seine Manoeu- ^ Freytag Friant 5,91 »res viel zur Wegnahme von San-Scbastian bei, woraufcr Generallieutcnant wurde. Nach der Entlassung des Generals Ballestcros wurde ihm das Kricgsministerium angebotcn, das er aber ausschlug. Als bei dem Aufstande von 1820 der König eines zuverlässigen und ta- vfern Feldhcrrn bedurfte, fiel die Wahl auf ihn. F. erließ von Sevilla aus unterm >4. Jan. einen Aufruf an seine Truppen. Aber es war schwer, Truppen gegen Truppen zu sichren, welche vor wenig Tagen noch die gleichen Lagerstellen gctheilt harten. Er schien durch Untcr- > Handlungen gewinnen zu wollen, was er mit Gewalt nicht zu erreichen hoffte. Seine Maß- ! regeln hatte der erwünschte Erfolg gekrönt, wenn nicht in Galicien und an andern Orten Ein- k xörungen ausgebrochen wären. Nachdem er im Monat Febr. die Insel Leon von der Landseite eingeschlossen und den General Riego in die Gebirge von Ronda hatte verfolgen lassen, erschienen am 7. März Abgeordnete bei ihm in Puerto-Santa-Maria, die auf Ansuchen vieler See- und Artillerieoffiziere in Cadiz die Verkündigung der Constitution begehrten. Am 9. kam F. selbst nach Cadiz und durch den Stand der Dinge, wie durch das Lormcken des Generals Grafen Abisbal gedrängt, versprach er, daß des andern Tags die Constitution xroclamirt werden sollte. Er halte, so schrieb er an den König, diese Neuerung für nöthig, um einem Bürgerkriege vorzubcugen, um so mehr, als Graf Abisbal im Anzuge sei, der auf die Besatzung von Cadiz großen Einfluß habe. Als er aber am andern Tage nach Cadiz kam, um der Feierlichkeit beizuwohnen, hatte jenes Blutbad statt, über dessen Veranlassung noch ein Schleier liegt. Kaum war die Ordnung hergestellt, so kamen die Offiziere der Besatzung zu ibm und verlangten die Verhaftung der Artillerieoffiziere, deren politische Gesinnungen verdächtig seien. F. erfüllte ihr Gesuch, weiter dies für das einzige Mittel hielt, die Personen der Letztem in Sicherheit zu bringen. Auch ließ er die Bataillone, welche jenes Blutbad ungerichtet, aus Cadiz abziehen. Am I -1. erhielt er endlich die königlichen Decretc vom 7. März, worauf die Constitution in Cadiz verkündigt und beschworen wurde. Einige Tage später aber wurde ihm der Oberbefehl genommen und er verhaftet, weil man ihn für den Urheber des cadizer Blutbads erklärte. Vgl. „Ilel'ensin general 1). Oluinml b'." (Madr. > 820). Nach der Restauration wieder in Freiheit gesetzt, lebte er nun bis zum Tode König Ferdinands VII. in großer Zurückgezogenheit. Im I. 1833 erklärte er sich für die Königin Jsa- bella, wurde hierauf Procer, Obercommandant der Garde und Generalcapitain in Madrid, siarb aber bereits zu Anfänge des I. > 834. Freytag (Georg Will). Friedr.), Professor der oriental. Sprachen zu Bonn, geb. am I9. Sept. l 7 88 zu Lüneburg, besuchte die Universität zu Göttingen, wo er neben der Theologie Philologie und die hebr. Sprache studirte und l8Il eine Reperentenstelle erhielt. Aus Haß gegen die Fremdherrschaft gab er 1813 seine Nepetentenstelle auf und ging nach Königsberg in Preußen, wo er als Gehülfe bei der Bibliothek angestellt wurde. Beim Wicderaus- bruche des Kriegs gegen Frankreich im I. 1815 wurde er preuß. Brigadeprediger. So fand er Gelegenheit, in Paris seine unterbrochenen Studien der oriental. Sprachen fortsetzcn zu können. Nach dem Frieden blieb er zuerst auf Urlaub in Paris, legte aber dann bald seine Stelle als Prediger nieder und widmete sich, vom preuß. Ministerium unterstützt, mit ganzem Eifer dem Studium der arab., pcrs. und türk. Sprache. Eine Frucht dieser Studien waren seine „8e!ectu ex Iiistnr'm tkulebi" (Par. >819). JmJ. 1819 wurde er als Professor der oriental. Sprachen an die Universität zu Bonn berufen. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehören die „Kurzgefaßte Grammatik der hebr. Sprache" (Halle l 835), seine arab. Chrestomathien und das große „l-exicon urul>.-lut." (1 Bde., Halle 1830—37, 1.), dem cr ein kleineres (Halle 1837, 4.) folgen ließ; fernerseine „-tiudnin provorbiu" (3 Bde., Bonn 1838 — 43), „6»ubi üen-8otiuir curmen in luuiiein A4iil>umme,!:s ciicliiin" (Halle 1823, 1.), „blsmssue curminu", eine Sammlung der ältesten arab. Gedichte von Abu Temmam, mit arab. Scholien (Bonn 1828, 4.), die „Darstellung der arab. Verskunst" (Bonn l83«), und die Anthologie „Kslciliut-^lotioluku" von Jbn Arabschah (Bonn >837). Friant (Louis, Graf), franz. Generallieutcnant, geb. am 18. Sept. 1758 zu Vil- lers-Morlancourk in der Picardie, diente seit 1781 in der franz. Garde und nahm >787 den Abschied. Beim Ausbruche der Revolution trat er als Unteroffizier wieder ins Heer und ging 1793 als Oberst eines Freiwilligencorps zur Mosel-, dann zur Maas- und Sambre- armce, wo er bei mehren Gelegenheiten große persönliche Tapferkeit zeigte. Nach der 592 Frias Schlacht von Fleurus wurde er aufChampionnct's Verwenden zum Brigadegeneral erhoben und erhielt darauf von Kleber ein Corps von >2000 M-, um die Belagerung von Mn- stricht zu unterstützen. Nach der Einnahme von Luxemburg übergab ihmJourdan das Com- mando über diese Provinz und die Grafschaft Chiny, das er aber, der Überschreitung seiner Vollmachten angeschuldigt, bald niederlegen mußte. Gegen Ende des I. >766 ging er zur itsl. Armee, wo er sich in der Division Bcrnadotte's beim Übergange über den Taglianienko, bei der Einnahme von Gradisca, später zu Laibach durch seltene Tapferkeit auszeichneke. Unter Desaix nahm er an der Expedition nach Ägypten Theil; er kämpfte in der Schlacht bei Schabreiß und an den Pyramiden, unterwarf durch rastlose Verfolgung der arab. Reiterei Oberägypten und erhielt daselbst von Kleber nach Bonaparte's Äbgang den Oberbefehl. Nach der Schlacht von Heliopolis , wo er den rechten Flügel befehligte, mußte er gegen das aufgestandene Kairo aufbrechen, das er erst nach drei furchtbaren Angriffen am 18. Axr. 1809 vollständig unterwarf. Zur Belohnung dafür wurde er zum Generallieutenant ernannt. Als sich die EiWländer vor Abukir zeigten, rückte er ihnen entgegen, mußte sich aber, der Übermacht weichend, kämpfend nach Alexandria zurückziehen, das er bis zur Einschiffung der Franzosen behauptete. Nach seiner Rückkehr wurde er, durch die außerordentlichcn Anstrengungen fast dienstunfähig gemacht, zum Generalinspecteur der Infanterie ernannt; aber schon im Feldzüge von >805 übernahm er ein Kommando unter Davoust und half die Schlacht von Austerlitz gewinnen, in der ihm mehre Pferde unter dem Leibe getödtct wurden. Im Feldzuge von > 800 focht er tapfer bei Aucrstädt, im folgenden Jahre in Polen, wo er am >4. Dec. die Russen bei Nasielsk warf. Der Kaiser erhob ihn hierauf 1808 zum Grafen und Commandeur der Eisernen Krone. Im Feldzuge von 1809 zeichnete sich F. bc- sonders bei Eckmühl und dann in der Schlacht von Wagram aus, wo seine Division den Sieg entschied. Napoleon hatte ihn 181l zum Befehlshaber der Grenadiere der Fußgarden ernannt, gab ihm aber im Feldzuge von 1812 das Commando einer Division, an deren Spitze er in der Schlacht an der Moskwa die besondere Aufmerksamkeit des Kaisers durch seine Kühnheit auf sich zog. Sehr schwer verwundet, konnte F. erst während des Waffenstillstands im Feldzüge von 1813 zur Armee stoßen und erhielt nun den Befehl über eine Division der jungen Garde, mit der er sich im Gefechte bei Hanau auszeichneke. Fast in allen Gefechten, die im I. 18 l -1 auf franz. Boden geführt wurden , erwarb er sich bis zum letzten Augenblicke neue militairische Lorbcrn. Da F. die Entsagungsacte des Kaisers unterzeichnet hatte, erhob ihn Ludwig XVIII. zum Ludwigsritter und gabihm das Commando der königlichen Grenadiere zu Metz. Nach Napolevn's Rückkehr erhielt er die Pairwürde und befehligte eine Gardedivision bei Fleurus und Waterloo, wo er nochmals verwundet wurde. Die zweite Restauration beraubte ihn der Pairschaft und seines Commandos. F. starb am 23. Juni >829 auf seinem Landgute Gaillonnct bei Meulan. — Sein Sohn, Jean Franc. F-, geb. zu Paris am 12. Juni 1790, wohnte den letzten Feldzügen des Kaiserreichs bei und war schon 1813 Stabschef der alten Garde. Derselbe wurde > 832 zum Marcchal de Camp und Commandeur der Ehrenlegion erhoben und befehligte nach § dem Tode des Marschalls Lobau im I. 1838 interimistisch die Nationalgarde der Seine. Frias (Don Bernardin Fernande; de Velasco, Marquis von Villena, Graf von Haro und von Oropesa, Herzog von), geb. zu Madrid am 20. Juli 1783, stammt aus der alten Familie der Velasco und trat sehr jung in die königliche Garde. Im I. 1798 zum Lieutenant befördert, machte er 1801 den Krieg in Portugal mit und wurde 1803 Ca- pitain bei dem Dragonerregiment der Königin. Unter Junot nahm er 1807 Theil an dem Zuge nach Portugal, wo er 1808 den Franzosen in die Hände fiel, aber glücklich wieder entkam. Bei Baylcn war er Adjutant des Generals Castanos, wurde hierauf Obcrstlicute- . nant, dann Oberst und nahm fortwährend thätigen Antheilan dem Unabhängigkeitskriege, i Nachher begab er sich an den Hof Ferdinand's VII., der ihn zu seinem Kammcrhcrm ^ machte, was er schon bei Karl IV. gewesen war. Der Revolution von 1820 sich anschlic- < ßcnd, wurde er zunächst als Gesandter nach London gesendet und >821 Minister. Nach ' der Restauration ward er 1823 dergestalt verwiesen, daß er sich von Madrid und allen königlichen Schlössern auf 15 Meilen entfernt halten mußte, bis er 1827 die Erlaubniß zur Rückkehr erhielt. Im I. 1833 schloß er sich der Sache der Königin an und erhielt im Friaul ' Febr. 1834 den Gesandtschaftsposten am franz. Hofe. Er schloß die Quadrupelallian; mit ab, allein unter dem Ministerium Mendizabal wurde er zu Anfänge des I. 1836 abberufen. Von mehren Provinzen im I. 1838 in den Senat gewählt, nahm er die Wahl für Leon an. Am 7. Sept. 1838 trat er statt Ofalia an die Spitze des Ministeriums; doch schon am I v. Dec. mußte er dem Ministerium Perez de Castro weichen. Nachdem er eifrig znm Sturze Espartero's beigetragen, wurde er 1843 Präsident der Staatsjunta. Friaul, insehr früher Zeit ein für sich bestehendes Land, mit besonder» Herzogen, umfaßte in seiner einstmals weitesten Ausdehnung die jetzige Delegation Udinc des der Krone - Ostreich gehörigen lombard.-venetian. Königreichs (130 lOM. mit 380000 E.), welche das ehemalige venetian. Friaul und den görzer Kreis des Königreichs Jllyrien (87'/- lOM. mit 180000 E.) und den sogenannten Jdrianer Boden oder Jdrianer Bezirk des jetzt zum Her- zogthum Kärnten gezogenen Adelsberger Kreises (3 UM. mit 20000 E.), welche beide das ehemalige östr. F. bildeten. Es hat seinen Namen, ital. kr,uli oder ksttia 0«! krlu1i, ohne Zweifel von der altröm., einst in seinem Bezirk gelegenen Stadt borum äulü, ist ein an Getreide und Wein fruchtbares und mit Mineralien und Heilquellen gesegnetes Land, das von mehren Zweigen der Kärntischen und Julischen Alpen, welche die Gebirgspässe von Chiusa di Verzolle, Folmino und die Flitscher Klause bilden, durchschnitten und vom Zsonzo und Tagliamento bewässert wird. Die Einwohner sind katholisch und meist Italiener, aber von einem eigenthümlichen Schlage und mit einem eigenen Dialekt, welcher der lat. Sprache weit ähnlicher ist als das Italienische. Hauptorte sind: Udine (s. d.), die Hauptstadt des ehemaligen venetian. Friaul, Campo-Formio (s. d.), die Stadt Cividale, in deren Nähe das DorfZuglio mit Überresten des alten kornm äulü und merkwürdigen Ausgrabungen liegt; die Festung Palmanova, Görz(s. d.), der Hauptort des östr. Friaul, und Montc- santo, ein berühmter Wallfahrtsort; Flitsch oder Pletsch, in dessen Nähe die Flitscher 1 Klause; Gradiska (s. d.) und die Bergstadt Jdria(s. d.). F. theilte in den alten Zeiten das Schicksal der übrigen Länder des nördlichen Italiens. Ursprünglich von den Car- niern bewohnt, wurde eS, wie die Nachbarländer, wiederholcntlich von den verheerenden Eroberungszügen der deutschen barbarischen Völkerschaften heimgesucht, dann im 6. Jahrh. »on den Longobarden erobert und zu einem der 36 Herzogthümer gemacht, in welche man nach der Besitznahme das ganze longobard. Italien theilte. Des LongobardenkönigS Alboin Neffe, Grasulf (368 - 588), soll der erste Herzog gewesen sein. Unter seinem Nachfolger Eisulf fiel 614 der Khan der Avarcn in F. ein und verwüstete die Provinz; Gisulf starb den Heldentod, seine Gemahlin Romilda gab sich gegen das Versprechen, die Stadt korum 3u- Hi, in die sie sich gerettet, schonen zu wollen, dem Avarenfürsten preis, der sie aber dessen- nngerchtet später hinrichten und die eingenommene Stadt plündern und verbrennen ließ. Bon den folgenden Herzogen wurde Ratchis 744 nach Liutprand's Tod und Hildebrand's Absetzung König der Longobarden. Herzog Rotgaud mußte, nach Besiegung des Lsngobar- dmkönigs Dcsiderius durch Karl den Großen, sich dem Sieger ergeben und Treue geloben, empörte sich aber wieder, als Karl 774 mit den Sachsen beschäftigt war, und wollte ganz Italien gegen ihn erheben. Doch Karl eilte noch im Winter nach Italien, überfiel den Empörer und ließ ihn 775 enthaupten. An seiner Stelle setzte nun Karl in F. Grafen ein, die, weil sic zugleich die MarkTreviso zu bewachen hatten, um diese Zeit auch Markgrafen von Treust hießen. Später wurde Nicderpannonien und Kärnten zu F. geschlagen; Lothar crrich- ^ tete im Z. 820 , um dm Einfällen der Slawen, die sich zwischen der Sau und der Drau bis an den Fuß der Julischen Alpen niedergelassen hatten, einen festen Damm entgegenzusttzen, die Markgrafschaft Friaul und ernannte den Grafen Eberhard zum Markgrafen. So wurde 8-, weil es mit Kärnten, Krain, Steiermark und Baicrn in Grenzvcrhältnissen stand, das i «sie politische Band zwischen Deutschland und der Lombardei. Die Kämpfe mit den Sla- i wen und Bulgaren und andern barbarischen Nachbarvölkern dauerten auch unter den nächsten > Markgrafen noch eine Zeit lang fort, bis diese später es verzogen, ihre räuberischen Heerszüge > "rch Deutschland zu richten. Um die Grenzen mit mehr Sicherheit beschützen zu können, wurde nach 827 die bisherige Mark F. in vier große Grafschaften gethcilt. Unter den nach- folgenden Markgrafen von F., die von jetzt an auch oft den Titel Graf und Herzog führen, Eonv.-Lex. Neunte Aufl. V. 38 594 Frickthal Friedemann erklärte sich Berengar 888 zum König von Italien, mußte aber mit seinem Nebenbuhler Guido- Herzog von Spoleto, und später mit dem Kaiser Arnulf wiederholte, zum Theil unglückliche Kämpfe bestehen und verlor zuletzt sogar seine Markgrafschast F., die Arnulf dem Grafen Walfried gab. Aber nach Arnulfs Abzug aus Italien und Walfried's Tode bemächtigte er sich der Markgrafschaft wieder und theilte mit Guido's Sohne Lambert, der nach seines Vaters Tode dessen Ansprüche zu den sinnigen gemacht hatte, die Herrschaft über Italien. Da bald nachher Lambert starb, so trat er als alleiniger König von Italien auf und hatte als solcher erst mit Kaiser Ludwig II., dann milden Ungarn, die fortwährend verheerende Einfälle machten, und endlich mit Rudolf, König vom transjuranischen Burgund, Krieg zu führen, bis er zuletzt 92-1 meuchlings ermordet wurde. Nach Berengar's Tode wurde die Mark- grafschaft F. zerstückelt, Istrien davon getrennt und Verona eine eigene Markgrafschast. F. ward wieder eine bloße Grafschaft, deren Besitzer aber seit Kaiser Otto's l.Zeircn zu den Ständen des Königreichs Italien gehörten. Es blieb nun Reichslehn, bis Kaiser Konrad H. im lI. > Jahrh. den größten Theil desselben (das sogenannte venet. F.) dem Patriarchen Poppo von , Aquileja schenkte, der cs mit seinen übrigen weltlichen Besitzungen vereinigte. UntcrderHerrschaft dieser Patriarchen blieb F., bis 1385 die Bürger von Udine, unzufrieden mit ihrem Patriarchen, unter Beistand der Republik Venedig sich gegen ihn auflehnten und in mehrmals erneuerten Kriegen sich zwar von seinem Joche befreiten, dafür aber endlich 152V der Botmäßigkeit der Venetianer, welche in diesem Jahre Udine und andere Städte in F. eroberten, sich unterwerfen mußten. Zwar eroberte cs Kaiser Maximilian 1. 1509, als er mit dem Papst und Frankreich gegen das übermüthig gewordene Venedig zu Felde zog; allein 1515 nahmen es die Venetianer wieder. Das östr. F. gehörte seit frühester Zeit dem Gcschlechte der Grafen von Tirol, deren eine Linie, die görzischc, an welche F. vererbt worden war, im 1.1590 mit Leonhard Grafen von Görz ausstarb, worauf Kaiser Maximilian!. vermöge alter Verträge die Grafschaft, die ihm ohnehin schon verpfändet war, in j Besitz nahm. Das venet. F,, blieb bis zum Frieden von Campo-Formio 1797 bei Venedig, j kam dann mit diesem an Ostreich und 1805 durch den Frieden zu Presburg an das vo» Napoleon gestiftete Königreich Italien, von welchem es zugleich mit einem Theile des östr. F. das Departement Passerino (53 IHM. mit 290500 E.) bildete. Im 1.1899 verlor Ostreich auch noch den übrigen Theil von F. durch Abtretung an die illyr. Provinze«. Im Kriege 181-1 aber gewann der Kaiser von Ostreich ganz F. wieder und ist seitdem unter dem Titel eines Herzogs von F. in dem Besitz dieser Landschaft. Frickthal, ein Thal mit mehren Seitenthälern, so genannt von den in einer feucht- ^ baren Gegend gelegenen ansehnlichen Flecken Ober- und Untersrick, mit den Hauptorten Laufenburg, Stein, Rheinfelden, hat auf einem Flächenraume von etwa 5'/rlüM. ctwas über 29099 meist katholische Einwohner. Es gehörte früher zum Brcisgau, wurde 1801 im luneviller Frieden an Frankreich abgetreten, von diesem an die Schweiz überlassen und bildet seit 1893 einen Bcstandtheil des Cantons Aargau. Friktion, s. Reibung. 1 Fridericia,, Stadt und Festung im dän. Jütland am Kleinen Belt, mit ungefähr 5009 E-, worunter eine franz.-reformirte Colonie von etwa 790 Seelen, ist besonders bekannt als Zollstatte für die durch den Kleinen Belt gehenden Schiffe und als Überfahrtspunkt nach Middelfahrt in Fünen. Die Stadt würde seit der Mitte des 17. Jahrh. durch König Friedrich III. angelegt, die Festung ist unbedeutend. Friedberg, eine Stadt in der Provinz Obcrhessen des Großherzogthums Hessen auf einer Anhöhe an der Usbach, hat gegen 3990 E., welche Ackerbau und Gewerbe treiben, eine schöne alte Kirche mit Glasmalereien und eine befestigte Burg, Burg Friedbcrg genannt, in welcher sich jetzt ein Schullchrerseminar befindet. Die Stadt wurde 1211 zur freien Reichsstadt durch Kaiser Friedrich II., der in der Burg daselbst zum Schutz der kaiserlichen Güter ^ 1252 eine adelige Burgmannschaft stiftete, die bald ansehnliche Güter in der Umgegend er- > warb, auf der rheinischen Bank saß, mit der Stadt in häufigen Zwiespalt gerietst und erst ^ 1891 aufgelöst wurde. Bei F. siegten die Franzosen >762 über die verbündete Armee und am 19. Juli 1796 unter Jourdan über die Östreicher. Friedemann (Friede. Traug.), nassauischer Oberschulrath und Direktor des Ar- er :il »f de er er ad ! de > zu s :k- F- n> l. on > er- m >» >er er- er gi M 0t- ni- in l ig, >s» str. >st. M cm kl- M. rdc scn ähr be- >nkt nig auf eine , in chs> ütrr > er- I erst ^ und -Ar- l Friedensgerichte 595 ckivs zu Idstein, geb. am 31. März 1793 zu Stvlpen in Sachsen, studirte, nachdem er die Fürstenschule in Meißen besucht hatte, zu Wittenberg Theologie und Philologie, wurde 1813 Conrector am Gymnasium zu Zwickau, 1817 am Gymnasium zu Wittenberg, 1820 Rector des letztem und 1823 Director des Katharineums zu Braunschwcig, wo er als Mitglied der Commission zur Ordnung des gesammten städtischen Schulwesens den wesentlichsten Einfluß auf die Organisation des neuen Gesammtgymnasiums hatte, die zwar viel gepriesen wurde, aber mit großen Mängeln behaftet ist. Im I. 1828 zum Director des Obergymnasiums ernannt, beantragte er eine genaue Verbindung des Collegium Karolinum mitseinerAnstalt, und da seine Anträge kein geneigtes Gehör fanden, folgte er verstimmt im Herbste desselben Jahrs dem Rufe als Director des Gymnasiums zu Weilburg. Hier wirkte er durch kräftige Dis- ciplin und andere zweckdienliche Einrichtungen bedeutend zu noch größerer Blüte dieser Anstalt mit. Seine einseitige und zu weit gehende Vorliebe für das Studium der alten klassischen Sprachen wurde jedoch mehrfach Gegenstand öffentlicher Polemik. Als Director des Landesgymnasiums war er Mitglied der Deputirtenbank und gehörte auf dem Landtage von 1831 auf 1832 zu den fünfDeputirten, welche den Landtag fortsetztcn, als Minorität die übrigen 18 Deputirten von der Dcputirtenbank ausschlossen, die Ersetzung derselben durch neue Wahlen bei der Negierung beantragten und aus alle Foderungen der letztem bereitwillig eingingen, wodurch auch F. in der öffentlichen Meinung ungemein verlor. Im Sommer >836 unterzog er sich dem vom König von Holland ihm gewordenen Aufträge, den Unterricht im Athenäum zu Luxemburg nach deutschen Grundsätzen zu organisiren, sein Schulplan aber erfuhr vielfachen Tadel. In demselben Jahre crtheilte ihm die theologische Facultät zu Leipzig die Doctorwürde. Jm J. 1810 wurde er als Archivdirector nach Idstein versetzt. Seine Schriften sind sehr zahlreich und haben mehr praktisch - pädagogischen als wissenschaftlichen Werth. Als Philolog machte er sich verdient durch die Herausgabe des siebenten Bandes des Tzschucke'schen Strabo (1818), der Bcntley'schen „Lpistoiss" (1823), derNuhnken'- schen „Orstiones, eiissertstiones et epistolac" (1828), der Ruhnkcn'schen „victstainOvi- eiii lleroidss" (1829), der Wyttenbach'schen „Opuscula selccta", die er alle mit grammatischen und literarhistorischen Anmerkungen ausstattete. Außerdem gab er heraus „Paräne- sen für studirende Jünglinge" (6 Bde., Braunschw. 1827—31), „Deutsche Schulreden" (Gieß. 1829) und „Vitae dominum eruckitissimorum a viris elo^ueutissimis scriptae" (1 Bde., Braunschw. 1825); auch besorgte er eine neue Ausgabe des „Kraclus a<> ksrnss- sum" (2 Bde., Lpz. 1828) und schrieb „Beiträge zur Vermittelung widerstrebender Ansichten über Verfassung und Verwaltung deutscher Gymnasien" (3 Hefte, Weilb. 1833—36), „Beiträge zur Kenntniß des Herzogthums Nassau" (2 Bde., Weilb. 1833—35) und eine „(lbrestomstdis Lioeronisns" (Braunschw. 1823; Bd. I, 3. Ausl-, 1832). Friedensgerichte sind in England ein tief in das ganze öffentliche Leben eingreifendes und wohllhätig ebensowol für die öffentliche Ordnung als für die gesetzliche Freiheit des Volks wirkendes Institut. Der Hauptcharakter derselben besteht darin, daß eine große Zahl Beamter durch das ganze Land vertheilt ist, welche zwar von dem Könige, aber vermöge der desondern Verhältnisse auf eine solche Weise angestellt sind, daß keiner von ihnen in Versuchung ist, die öffentliche Gewalt zu misbrauchen oder über die verfassungsmäßigen Schranken auszudehnen. Es ist ein durchaus freiwilliger Dienst, aber zugleich ein Ehrenpunkt, sich in die allgemeine Friedenscommission der Grafschaft aufnehmen zu lassen, jedoch zur wirklichen Übernahme des Amts Niemand verpflichtet. Ist man in einem Bezirke mit den Friedensrichtern unzufrieden, so wird leicht ein anderer dazu vermocht, diesen Dienst gleichfalls zu übernehmen, sodaß die Bürger stets gegen die Launen, die Nachlässigkeit, die Herrschsucht und andere Schwächen der untern Beamten geschützt sind, welche bei einer andern Einrichtung, wo für einen bestimmten Bezirk nur ein Beamter vom Staate bestellt ist, schwer zu vermeiden sind und oft sehr drückend werden. In vierteljährigen Versammlungen bilden die Friedensrichter einer Grafschaft zu gleicher Zeit das Criminalgericht der Grafschaft für die geringem Straffälle, die obere Policeibehörde und Appellationsinstanz bei Beschwerden über einzelne Friedensrichter, das Gericht für Beschwerden in Steuersachen und die Administra- tivdehörde der Grafschaftsgemcinde. Mündlichkeit und Öffentlichkeit der Verhandlungen 596 Friedensschlnß bei Beschwerdesachen beschleunigen nicht nur die Entscheidung, sondern verhüten auch jede Beugung der Wahrheit und des Rechts und verhindern allen Beamten - und Collegialdeepo- tismus. So tragen die Friedensrichter unendlich viel bei, in die Justiz - und Policcivcrwal- tung Einfachheit, Kraft und Gesetzlichkeit zu bringen und das Band zwischen Regierung und Unlerthanen ungeschwächt zu erhalten, indem die Veranlassungen des gegenseitigen MiS- trauens entfernt werden. (S. England, Regierungsverfassung.) Die fr a n z. Friedensgerichte haben mit dem engl. Institut kaum mehr als den Namen gemein, obwol die Nationalversammlung bei dem Gesetze über die neue Gerichtsverfassung Frankreichs vom 24. Aug. 1790, welches im Wesentlichen nock gegenwärtig besteht, ein ge- naueres Anschließen an die engl. Verfassung beabsichtigte. Damals wurde Frankreich in Departements, Districtc, Arrondissements und Cantons getheilt, um die ehemalige Sonderung der Provinzen, Ämter und Herrschaften zu verwischen. In jedem Canton sollte, statt der aufgehobenen Patrimvnialgcrichte, von den sämmtlichen activen Bürgern ein Friedensrichter, mit einigen Assessoren (;>ru gerichtc, welche, imProcesse bis zu 50 Thlr., jedoch mit mehrfachen Ausnahmen, wirkliche Gerichte, in wichtigern Sachen wenigstens Sichcrbehörden sind. Wahrscheinlich haben diese Frie- dcnsgerichtc zur Entstehung des weit beschränktem Instituts der Schiedsgerichte (s. d.) Veranlassung geben. Die neuere Gesetzgebungspolitik hat die Frage über Zweckmäßigkeit der Einführung der Friedensgerichte wieder angeregt und meist beifällig beantwortet. Friedensschlnß. Die Friedensunterhandlungen werden entweder unmittcl- j bar zwischen den kriegführenden Mächten, oder mittelbar durch einen dritten Staat eröffnet, der wieder entweder nur seine guten Dienste verwendet, oder mit Einwilligung der kriegenden Parteien, als Vermittler (meüiateui), oder als Schiedsrichter dabei auftritt. Versammeln sich zu diesem Behufe bevollmächtigte Gesandte, oder kommen die Fürsten selbst zu Friedensunterhandlungen zusammen, so entsteht ein Friedenscongreß. (S. Congreß.) Die Gesandten beschäftigen sich entweder erst mit einem Präliminarfriedens vertrage, oder arbeiten sogleich am Definitivfriedensschluß. Jenen darf man nicht verwechsiln mit den Friedenspräliminarien, in welchen verhandelt wird über den Ort der Frie- bcnsunterhandlung, über die Art, wie der Friede geschlossen, wer dabei zugelasscn oder ausgeschlossen, wer die Vermittelung oder Bürgschaft übernehmen, welchen Charakter die Be- I vollmächtigtcn haben und welches Ccremoniel befolgt werden soll. Ebenso wenig darf man > diePräliminareonvention oder vorläufige Übereinkunft damit verwechseln, in welcher über einen Punkt verhandelt wird, ohne dessen Zugestehung sich ein Theil in gar keine Unterhandlungen einlassen will. Der Präliminarfriedensvertrag hat es mit den Hauptpunkten zu thun und läßt vor der Hand die minder wichtigen Ncbenpunkte, über die man sich nachher Friedland (Herzogthum) Friedland (Schlacht bei) 597 noch zu vergleichen hofft, unerörtcrt. Solche Friedensinstrumente haben bisweilen nur die Form einer Punctation, bisweilen aber die eines wirklichen Deffnitivvertrags, werden aber übrigens in beiden Fällen wie der Friede unterzeichnet und ratificirt, worauf sie, wenn nicht nachher ein Anderes ausdrücklich ausgemacht wird, völlig verbindende Kraft haben. Der Desinitivfticdensschluß beseitigt nachher alle streitige Punkte. Angchängt sind dem Friedensschlüsse bisweilen noch besondere Artikel, entweder öffentliche oder geheime. Manche enthalten Hauptpunkte, die auf den Frieden und dessen Vollziehung selbst Bezug haben; andere sind ein bloßer Vorbehalt, wegen gebrauchter Titel, Sprache u. s. w. So verwahrte man sich sonst, seitdem die franz. Sprache zu Friedensschlüssen gebraucht wurde (1614), in den Verträgen, an welchen Frankreich Anthcil nahm, daß hieraus für die Zukunft keine Schuldigkeit gefolgert werden solle. Friedland hieß das Herzogthum in Böhmen, welches einst Albrecht von Wallenstcin besaß. Nachdem nämlich dieser theils durch das Vcrmächtniß eines reichen Oheims, der ihm 14 Güter und Herrschaften in Böhmen und Mähren hinterließ, theils durch den aus dem Vermögen seiner ersten Gemahlin in den I. l 621 —23 gemachten Ankauf von mehr als für 7 Mill. Fl. in Folge der Unterwerfung Böhmens confiscirter Güter, die an Werth wol 20 Mill. Fl. betrugen, einen bedeutenden Komplex von Grundbesihungen und Ländereien erworben hatte, wurde er für seine währenddes böhm. Abfalls 1618—20 gegen den Kaiser Ferdinand durch vielfache Beweise an den Tag gelegte Anhänglichkeit und Treue im I. 1623 von diesem zum Neichsfürsten und Herzoge von Friedland erhoben. Das Herzogthum F. umfaßte, laut des darüber ausgestellten Majestätsbriefs, neun Städte, nämlich Friedland, Ncichenberg, Arnau, Weißwasscr, Münchengrätz, Böhmisch - Leippa, Turnau, Eitschin, Aicha, und 57 Schlösser und Dörfer, unter denen wir nur Welisch, Kloster, Neuschloß (die einzige der Witwe Wallenstein's übriggelasscne Besitzung), Widin und Neupc- stein nennen. Die Bestandthcile des Herzogthums waren nicht gut arrondirt; sie lagen mehrentheils in den bunzlauer und bidschower Kreisen, einzelne davon aber auch in den lcut- meritzer, königingrätzcr, chrudimer und bcchiner zerstreut. Zugleich hatte Wallenstcin als Reichsfürst und Herzog von dem Kaiser die Lehnshoheit über die innerhalb des Herzogthums gelegenen Lehngüter erhalten. Um die Verwaltung, Rechtspflege, Wiederherstellung der Kirche und Schule und Belebung der städtischen Gewerbe sorgte Wallenstein in seinem Her- zogthume mit Umsicht und unverdrossenem Eifer. Die Oberaufsicht im Allgemeinen war einem Landeshauptmann übertragen, und auf den Gütern saßen Hauptleute, über welche i» den einzelnen Kreisen ein Custos und über diese insgcsammt ein Regent die Aufsicht führte. Za sogar eine Art ständische Verfassung führte der im Felde despotische Wallenstcin ein; er bestätigte lucht nur dem Herrnstande und der Ritterschaft ihre landständischen Rechte, sondern verlieh auch den städtischen Gemeinden, als dem dritten Stande, Sitz und Stimme. Die einzelnen Besitzungen des ganzen Hcrzogkhums F. wurden nach Wallenstein's Ermordung, nachdem die Consiscation ausgesprochen, an die Theilnehmer und Anstifter des Mordes »ertheilt, und von denselben erhielt z. B. Graf Gallas die friedland. Herrschaften Friedland und Reichcnbcrg, Leslie die Herrschaft Neustadt u. s. w. Die Consiscation der Güter Wallenstein's und der als mitschuldig Ermordeten soll über 50 Mill. Fl. allein an liegenden Gütern betragen haben. — Die Stadt Friedland, nach der das Herzogthum seinen Namen erhielt, liegt im bunzlauer Kreise des Königreichs Böhmen, an der sächs. und preuß.-schles. Grenze und hat gegen 3500 E-, die ansehnliche Woll-, Baumwoll- und Leinwandwebcrei treiben. Das weitläufige, durch seinen Bau und mancherlei Altcrthümer merkwürdige Schloß hat eine hohe freie Lage und war ehemals sehr fest. Namentlich bewahrt man daselbst ein treues Originalgemälde Wallenstein's in Lebensgröße. Friedland, Kreisstadt mit 2300 E. im ostpreuß. Regierungsbezirke Königsberg, an der Alle, ist geschichtlich merkwürdig durch die Schlacht, welche daselbst Napoleon am 13. Juni 1807 gegen die Russen Unter Venningsen gewann. Am 13. Juni stand das franz. Heer größtentheils bei Preußisch-Eylau vereinigt, es konnte von hier aus gleichmäßig nach Königsberg marschiren und F. vor den Russen erreichen, Lannes war bis Domnau vorgc- gangen. Beuningscn, besorgt, sein Gegner könne F. eher besetzen, marschirte unausgesetzt, fand aber bereits am Abende des > 3. Feinde daselbst. Seine Avantgarde vertrieb sie, fornürte 598 Friedland (Schlacht bei) sich vor der Stadt gegen Posthencn hin und stieß bald auf Lannes, welcher sich von Domnaa gegen F. in Marsch gesetzt hatte. Er leistete Widerstand, welcher Wermingsen vcranlaßte, immer mehr Truppen auf das linke Ufer hinüberzuziehen. Hier vor F. bildet das Terrain im Umfange einer Meile eine lcichtgewcllte Ebene, in gleicher Entfernung von Wäldern umgeben, südlich der von Sortlak; ein Mühlenfließ, von Posthencn her in die Alle mündend, theilt es in zwei Theile. Benningsen, dessen Heer seit zehn Tagen ununterbrochen in Bewegung oder im Gefechte gewesen war, glaubte ihm unter dem Schutze der hinübergezogenen Truppen einen Ruhetag geben zu können; eine Schlacht hier zu liefern, lag gar nicht in feiner Absicht. Lannes hatte das Terrain und das hohe Korn so vortheilhaft benutzt, daß er seinen Gegner am Morgen des 14. bis 8 Uhr über seine Stärke zu täuschen wußte; er dehnte sich links bis Heinrichsdorf aus, hielt in seiner rechten Flanke den sortlaker Wald mit Tirail- lenrs besetzt, die auch vor der Fronte in großen Schwärmen, unterstützt von Artillerie, sich ausbreiteten. So fochten hier 8000 M. Infanterie und S0t»» M. Cavalerie gegen das rufs. Heer, welches um 9 Uhr mit Zurücklassung der l 4. Division, I v Escadrons Cavalerie und eines großen Theils der Artillerie auf dem rechten Ufer der Alle, in einer Stärke von 46000 M., zwischen dem sortlakerWalde und dem GebüscheDamerau, vor dem rechten Flügel Heinrichsdorf, aufgestellt stand; mehre Brücken in F. verbanden die beiden Ufer der Alle. DieJnfanterie formirte zwei Treffen, General Fürst Bagration befehligte den linken und Fürst Gortschakow den rechten Flügel, die Cavalerie unter den Generalen Uwarow und Fürst Gallizin stand hinter denselben. Aus dieser Stellung ließ Benningsen sein Heer nach 9 Uhr ungefähr lOOü Schritte Vorgehen, aber ein Versuch, sich Heinrichsdorfs zu bemächtigen, schlug gänzlich fehl. Bei Lannes trafen unausgesetzt neue Abteilungen ein, denn Napoleon hatte, sowie ihm dieser das Erscheinen der Russen diesseit F. gemeldet, allen Nachrückenden Eile empfohlen; um l 0 Uhr befehligte er schon 4009» M. und das Übergewicht der Russen war nun aufgehoben. Diese waren in ihre frühere Aufstellung zurückgegangen, blieben hierin unbeweglich halten, das Ganze folgte nur mechanisch den Schützen, sowie diese gegen die Feinde vordrangcn und ging mit ihnen auch zurück. Alles war in den Bewegungen ohne Plan, da Benningsen weder entschieden vorwärts zu gehen noch das Gefecht abzubrechen Lust hatte. Um seine Waffen- > ehre zu retten, wollte er erst bei einbrechendem Abend den Rückzug auf Wehlau fortsetzen. ! Sein Heer war in der weiten ebenen Fläche den feindlichen Geschossen ganz ausgesetzt, und ! jede Kugel traf. Nichts konnte den Franzosen erwünschter kommen. Napoleon war gegen Mittag auf dem Schlachtfelde, ihm folgte Ney, der hinter dem sortlaker Walde sich verdeckt aufstellen mußte. Napoleon erkannte sogleich, als er das Schlachtfeld übersehen hatte, daß F., wo die Übergänge über die Alle waren, der entscheidende Punkt sei. Kam er in dessen Besitz, so war er Sieger und der russ. rechte Flügel von demselben abgeschnitten. Er zog die fechtenden Truppen zusammen, Ney nahm den rechten, Mortier den linken Flügel ein und Lannes die Mitte; die Cavalerie stand größtentheils hinter Ney, wo auch Bernadotte, der zuletzt eintraf, Victor und die Garden hielten. Obgleich Napoleon 85000 M. zusammen hatte, blieb er lange unentschlossen, ob er angreifen solle; ihm waren die wunderliche Aufstellung Bcnningsen's und dessen Absichten räthselhaft. Endlich um 5 Uhr befahl der Kaiser den Angriff, der rechte Flügel sollte ihn beginnen, die Wegnahme von F. sein Ziel sein und ! der linke als Pivot dienen. Zu gleicher Zeit hatte aber auch Benningsen eingesehen, daß seine Lage, entziehe er sich derselben nicht noch bei Zeiten, eine verzweifelte werden müsse; er befahl den Rückzug, der vom rechten Flügel anfangen sollte, allein seine Befehle wurden nur langsam befolgt, ja Gortschakow verweigerte, da er keine Veranlassung sah, sie auszuführen, den Gehorsam. Ney schritt vorwärts, seine Tirailleurs warfen ihre Gegner ganz aus dem sortlaker Walde, wodurch auch der linke russ. Flügel zu einer rückgängigen Bewegung veranlaßt wurde. Ney suchte nun diesen Flügel weiter rechts zu umgehen, stieß aber bald mit sei- > »cm rechten Flügel an die Alle, seinen linken breitete er gegen das Mühlenfließ aus, um sich i der Wirkung des feindlichen Geschützes zu entziehen, welches beim weitern Vorgehen so ver- , heerend wurde, denn auch vom jenseitigen Alleufer wurde er beschossen, daß sein Corps schwankte. Die russ. Cavalerie warf sich nun auf die beiden Flügel Ney's, während Bagra- uon mit der Infanterie seine Fronte angriff. Ney wurde vollständig geworfen, und sein Corps ergriff die Flucht. Die Division Dupont aber vom Corps Bernadotte und die Cava- Friedlaud (Valentin) 599 leriedivisio» Latour-Maubourg, die als Reserven zunächst gefolgt waren, warfen sich auf die verfolgenden Russen und schlugen sie gänzlich zurück; die franz. Artillerie fuhr auf 300 Schritte Entfernung gegen die Russen vor und erschütterte diese durch ihr Feuer so, daß sie, angegriffen von Dupont und Ney, welcher sein Corps rasch wieder geordnet hatte, nach F. weichen mußten und über die Brücken auf das rechte Ufer abzogen; diese wurden Flammen gesetzt, obgleich der rechte Flügel noch zurück war. Es war 8 Uhr und F. in den Händen der Franzosen. Napoleon hatte seinen Hauptzweck mit dem Besitze von F. erreicht und die Schlacht gewonnen. Während des Gefechts auf dem rechten franz. Flügel war der linke nach den Befehlen Napoleon's in Unthätigkeit geblieben, er sollte erst, wenn F. besetzt, angrcifen. Fürst Gortschakow, der den wiederholten Befehlen Benningsen's trotzte und seine Gefahr nicht einsah, griff sogar, um den eigenen linken Flügel zu degagiren, die ihm gcgcnüberstchenden Feinde an. Doch bald mußte er den Rückzug nach F. antreten, welches er im Besitz der Franzosen fand, die er zwar hinauswarf, sich aber nicht behaupten konnte, da auch die entferntere, rechts vom Städtchen erbaute Brücke aus Mißverständnis in Brand gesetzt wurde. Alles drängte sich nun nach der Furth von Kloschenen zusammen, hier begann-der Durchgang. Die feindliche Artillerie schoß von allen Seiten in diese dichte Masse, Lannes warf sie endlich in den Fluß, doch die Cavaleric und Artillerie des rechten Flügels kamen unangefochten nach Allenburg. Darüber war die Nacht cingebrochen. Bedeutend war der Verlust beider Heere, der franz. betrug 12000 M-, wogegen der russ. ansehnlich großer angenommen werden mußte. Benningsen ging am 15. bei Wehlau über den Pregel und weiter nach Tilsit. Am 2 l. ward ein Waffenstillstand geschlossen, dem der Friede von Tilsit folgte. Fricdland (Valentin), gewöhnlich nach seinem Geburtsorte Trotzen darf genannt, unstreitig der berühmteste Schulmann seiner Zeit, war der Sohn eines Landmanns, gcb. am I-l. Febr. 1100 zu Trotzendorf in der Oberlausiß. Er besuchte die Schule zu Görlitz, vcr-' kaufte l 5 > 3 nach dem Tode seiner Altern das väterliche Gütchen und ging nach Leipzig, wo er namentlich den Unterricht des berühmten Peter Moscllan und des Richard Crocus genoß. Im Z. 1515 kam er als unterster Lehrer wieder nach Görlitz, wo er nun den Rector und die übrigen Lehrer in den Anfangsgründcn der griech. Sprache unterrichtete. Als Luther aufgetreten, legte er sein Amt nieder und ging 1518 nach Wittenberg. Hier schloß er sich innig au Luther und Melanchthon an und lernte von einem getauften Juden, Hadrian, bei welchem er die Stelle eines Dieners versah, da er ihm kein Honorar geben konnte, Hebräisch. Zn den letzten Jahren seines Aufenthalts in Wittenberg erwarb er sich viel durch Privatunterricht. Im I. > 523 folgte er dem Rufe als Rector des Gymnasiums zu Goldberg. Da cr aber viele Hindernisse fand, ging er vier Jahre darauf als Lehrer nach Liegnitz und von da 152!) wieder mach Wittenberg, 1531 aber zum zweiten Male als Rector nach Goldberg, indem man ihm alle mögliche Unterstützung bei seinen Schulverbesserungen zusagtc. Mit musterhafter Treue stand cr dieser Schule nun 33Jahre vor und brachte sie zu einer seltenen Berühmtheit. Nicht nur aus Schlesien sondern auch aus Polen, Lithauen, Ostreich, Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen strömten Schüler nach Eoldbcrg in großer Zahl. Alle Schüler, und deren zählte die Schule oft über 1000, wohnten in den Schulgebäuden, wo F. durch eigenthümliche republikanische Einrichtungen, indem er die Schüler selbst ins Regiment zog, eine treffliche DiSciplin aufrecht zu erhalten wußte. In den ersten Jahren mußte cr allein in den Obcrclasscn den Unterricht besorgen; in der Folge wählte er sich einige Gehüsten; in den untern Elasten unterrichteten auch Schüler der obern Classen. Außer dem Unterricht in der Rcligionslehre, welchen F. selbst in allen Elasten leitete, bezog sich der Unterricht auf die lat., griech. und hebr. Sprache, Redekunst, Geschichte und Dialektik. Die Muttersprache wurde in Eoldbcrg durch die lateinische ganz verdrängt, da es keinem Schüler gestattet war, deutsch zu sprechen. Auf Klarheit und Deutlichkeit im Vortrage legte cr einen so hohen Werth, daß cr behauptete, nur der Schalk spräche unverständlich, und ein dunkler und verwickelter Vortrag sei ein Anzeichen, daß auch das Herz voll Tücke sei. Damit beschäftigt, einen neuen Schulplan einzuführcn, weil dic Schulvecfassung etwas in Verfall gerochen war, mußte cr das Unglück erleben, daß das Schulgebäude niederbrannte. Er zog nun mit seiner Schule nach Liegnitz, wo er am 26. Apr. 1556 starb. Vgl. Pinzger, „Va lcntin F., genannt Trotzendorf" (Hirschberg 1825). 600 Fredländer (David) Friedrich I. (röm.-dentscher Kaiser) Friedländer (David), ein mit dem lebendigsten Sinne für das Gute, Wahre und Schöne begabter Israelit, geb. zu Königsberg am 6. Dec. 17 5», erwarb sich ohne regelmäßiges Studium durch aufmerksames Lesen die Kenntniß der hebr., franz. und deutschen Sprache und Literatur. Großen Einfluß auf seine Ausbildung hatte insbesondere Mendelssohn, mst dem er, sowie mit Spaltung, Teller, Meierotto und Engel im innigsten Freundschaftsverhältnisse stand. Die religiöse und sittliche Bildung seiner Mitbrüdcr förderte er als j Generaldeputirter sämmtlichcr Judenschaften in den preuß. Staaten, später, 1806—12, als Ältester der berliner Judenschaft, auf alle mögliche Weise. Er ergriff für sie häufig die s Feder und wirkte ihnen das Bürgerrecht aus, worauf er durch die Wahl seiner Mitbürger in den Stadtrath kam. Auch als Assessor des königlichen Manufaktur- und Commerzcollc- ! giums wirkte er manches Gute. Er starb zu Berlin am 25. Dec. 1833. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen: „Reden, der Erbauung gebildeter Israeliten gewidmet" (2 Hefte, Berl. 1817—18), „Moses Mendelssohn, von ihm und über ihn" (Berl. 1819), „Beitrag zur Geschichte der Verfolgung der Juden im 19. Jahrh. durch Schriftsteller" (Berl. 1820) und die von Krug hcrausgegebene Schrift „An die Verehrer, Freunde und Schüler Jerusalems, ! Spalding's, Tellcr's, Herder's und Löffler's" (Lpz. 1823). Friedländer (Michael), als Arzt rühmlichst bekannt, ein Neffe des Vorigen, geb. NI Königsberg 1769, studirte in seiner Vaterstadt, dann in Berlin, Göttingen und Halle die Arzneikunde und machte hierauf zu seiner weitern Ausbildung eine Reise durch Holland, England, Deutschland, Italien und die Schweiz. Er war 1799 einer der Ersten, der Schutzpockenimpfstoff nach Berlin verpflanzte. Seit 1800 lebte er in Paris, wo er sich namentlich dadurch ein Verdienst erwarb, daß er die Kenntniß der deutschen medicinischen Literatur in Frankreich, sowie die der französischen in Deutschland vermittelte. Er war ein fleißiger Arbeiter am „l)!> ti'oiiimire Heilkunde" (2 Hefte, Lpz. 1838—39), in denen er ein treffliches Gemälde der Entwickelung l und Ausbildung der Medicin in großartigen Zügen lieferte. Auch in andern Richtungen ist chs ! schriftstellerische Thätigkeit fortwährend rege geblieben, und namentlich enthalten die „Blätter für literarische Unterhaltung" und die „Allgemeine Literaturzeitung", deren Redakteur für die medicinischen Fächer er seit Ersch's Tode geworden, viele Beiträge von seiner Hand. Friedrich I. oder Rothbart (Barbarossa), zweiter röm.-deutscher Kaiser aus dcm > Hause der Hohenstaufen und einer der mächtigsten und einsichtsvollsten Herrscher Deutschlands 1152—90, geb. 1121, der Sohn Herzog Friedrich des Einäugigen von Schwaben, folgte seinem Vater 1137 in der herzoglichen Würde und erhielt nach dcm Tode Kaiser Konrad's UI., seines Oheims, I >52 die Kaiserkrone. Von dem Streben erfüllt, das 601 Friedrich l. (röm.-deutscher Kaiser) röm. Kaiserthum als eine rein weltliche Macht im Gegensätze gegen die Allgewalt des Papstes nach der Weise Karl des Großen wicdcrherzustcllcn, wendete er gleich anfangs sein Hauptaugenmerk auf die Unterwerfung Italiens, um sich und seinem Hause hier eine unumschränkte Königsmacht zu gründen, deren Errichtung in Deutschland unter den obwaltenden Verhältnissen bereits eine Unmöglichkeit schien. Er ordnete daher die Angelegenheiten in Deutschland schnell, schlichtete den Streit der dän. Königssöhne Knut, Waldemar ^ und Sueno, indem er dem letztgenannten die dän. Krone zum Lehen gab, und gewann j Heinrich den Löwen (s. d.) dadurch, daß er 1154 dessen rechtliche Ansprüche auf ^ das Hcrzogthum Baiern förmlich anerkannte. Zugleich schickte er die päpstlichen Legaten, ! die sich in die deutschen Bischofswahlen mischten, nach Italien zurück und rüstete ein gewaltiges Heer, um ihnen bald selbst über die Alpen nachzufolgen. Dort hatten die lombardischen Städte, durch Kunstfleiß und Handelsverkehr reich und durch die Abwesenheit mächtiger Herren groß und freiheitsstolz geworden, seit der Zeit der fränkischen Könige, von dm Päpsten unterstützt, sich vom Reiche nach und nach immer unabhängiger gemacht; aber in wilder Uneinigkeit sich selbst bekriegend und zum Theil der Ansicht zugethan, daß eine Unterordnung unter das Kaiserthum der wilden, verderblichen Freiheit, die sic jetzt in sich nährten, vorzu,ziehen sei, schien eine Unterwerfung derselben leichter als die der trotzigen Vasallenwclt Deutschlands. Während der Kaiser noch zu Konstanz sein Heer sammelte, erschienen Boten der lombardischen Stadt Lodi und klagten, daß ihre Stadt durch das päpstlich gesinnte Mailand unterjocht worden sei. F. gebot den stolzen Mailändern, dieses Unrecht zu vergüten, aber die Konsuln zerrissen seinen Brief. Im I. 1154 überstieg nun F. die Alpen; erhielt zu Noncaglia einen großen Reichstag, auf welchem auch die Abgeordneten Mailands demüthig sich der ausgesprochenen Strafe des Kaisers unterwarfen, eroberte hierauf Asti und Torkona, welches letztere er zum abschreckenden Beispiele in Asche legen ließ, setzte zu Pavia sich die lombardische Krone auf und empfing zu Rom durch den Papst am 18. Juni 1155 die kaiserliche. Nach Deutschland zurückgekehrt, bekriegte er 1157 mit Glück den polnischen König Boleslaw und erhob Böhmen zu einem Königreiche; doch schon 1158 mußte er einen zweiten Zug nach Italien antreten, da die lombardischen Städte, namentlich Mailand, sich abermals empört hatten. Auch diesmal brachte er zuvor die Angelegenheiten Deutschlands in Ordnung, namentlich begütigte er den wegen des Verlustes von Baiern ihm grollenden Heinrich Jasomirgott durch die Erhebung seines Be- sitzkhums, der Mark Ostreich, zu einem selbständigen, erblichen Herzogthume. Alsdann vrach er nach Italien auf und begann den Kampf. Zuerst siel Brescia, dann wurde Mailand durch Hunger zur Übergabe gezwungen und mußte sich verpflichten, den Städten Como and Lodi ihre Freiheit wiederzugebcn, dem Kaiser den Eid der Treue zu leisten und ihre vom Volke erwählten Consuln vom Kaiser bestätigen zu lassen. Nach diesem Siege hielt der Kaiser aufs neue einen großen lombardischen Reichstag zu Noncaglia, bei welchem alle große Lehnsträger Italiens und aus jeder Stadt zwei Consuln sich einsinden mußten. Hier, von lauter Eingeborenen als Abgeordneten umgeben, ließ er durch vier von der Universität zu Bologna berufene hochberühmte Ncchtsgelehrte die kaiserlichen Rechte und die der Städte und Vasallen untersuchen und, gestützt auf die Grundsätze des ncucingeführten Justinianei- schen Rechts, feststellen, daß künftig alle Zölle und Einkünfte dem Kaiser gehörten, daß die Städte verwaltet werden sollten von einem Statthalter (Podesta), den ihnen der Kaiser ^ stellen werde, und daß die Befehdung von nun an aufhören solle. Solchen Harken Schlüs- ! sen wollten viele Städte sich nicht unterwerfen und zeigten hartnäckigen Widerstand; allein sie wurden zum Theil mit den Waffen bezwungen, wie Crema, das nach langer und harter Belagerung 11 t><> das Schicksal Tortonas erlitt, oder srätererRache aufbehaltcn, wie Mailand , das sich mit Glück gegen F. verthcidigte. Jndeß war Hadrian IV. gestorben. Unter sich in Zwiespalt, hatte ein Theil der Cardinälc Alexander ll> , ein anderer Victor IV. gewählt. Der Kaiser übergab die Entscheidung über den wahren Papst einer Kirchenver- sammlung, vor welcher Victor sich stellte, während Alexander ausblicb. Diese erkannte Victor an, und der Kaiser bestätigte diese Erklärung. Alexander mußte aus Rom und sogar aus Italien nach Frankreich flüchten, von wo aus er dann später I >63 F. und Victor IV. in den Bann that. Inzwischen hatte F. ein neues, drittes Heer in Deutschland sammeln lassen, 602 Friedrich I. (röm.-deulscher Kaiser) das 166666 M. stark im Frühsommer >161 die Alpen überschritt und sogleich Mailand zu belagern anfing. Nach einer fast zweijährigen Belagerung mußte das stolze Mailand, von Hunger gezwungen, 1162 sich endlich ergeben. DerKaiser ließ dieStadt von Grund auszer- störcn, schenkte zwar den Einwohnern das Leben, bestimmte aber, daß sie an vier verschiedenen Orten ihres Gebiets sich von neuem anbauen sollten. Nach solchem Siege vermeinte nun F. . am Ziele seiner Wünsche zu sein. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland setzte er den strengen Erzbischof Reinold zum Reichsverweser Italiens ein, dem er Voigte unterordnete, die mit strenger Willkür walteten, schwere Steuern ausschrieben und überhaupt das Land hart peinigten. Auch ließ er, als kurz nachher Victor IV. starb, ohne Rücksicht auf dessen Gc- genpapst Alexander, an dessen Stelle Paschalis III. wählen und ertheilte ihm seine Bestätigung. Bald aber begannen die hartbedrängten ital. Städte aufs neue im Aufstand sich zu erheben. Auch schlossen sie 1167 einen Bund, den lombardischen, zur Vertheidigung ihrer Rechte, begannen Mailand wiederherzustellen, zwangen Lodi zum Beitritt, riefen Alexander 111. zurück, legten ihm zu Ehren 1168 die Stadt Alessandria an und verbanden sich mit dem griech. Kaiser. Schon 1166 zog F. zum vierten Male nach Italien. Mit dem ansehnlichen Heere, das ihn dahin begleitete, warf er anfangs Alles vor sich nieder, ja es gelang ihm sogar, den vertriebenen Pa>st Paschalis III. in Rom wiedereinzusetzen, aber eine furchtbare Seuche, die unter dem Heere ausbrach, nöthigte den Kaiser, bald darauf eilig nach Deutschland aufzubrechen, wohin er, von Verfolgung und Nachstellungen bedrängt, nur mit Mühe zurückgelangte. Kaum hatte er hier die nöthigstcn Angelegenheiten geordnet, namentlich den Herzog Heinrich den Löwen mit seinen Feinden versöhnt und zur Ruhe gebracht, so unternahm er 1173 einen fünften Zug nach Italien. Aber von Heinrich dem Löwen und dessen Heere kurz vor dem Kampfe der Entscheidung, ungeachtet seiner inständigen Bitten verlassen, erlitt er am 29. Mai 1176 bei Lignano, von der Übermacht der , Lombarden angegriffen, eine völlige Niederlage, in Folge deren er sich zur Anerkennung Alexander's III. als wahren Papstes und zu einem Waffenstillstände mit den Städten, ' deren Föderation er sogar gutheißen mußte, auf sechs Jahre gezwungen sah. Nach Deutschland zurückgekehrt, foderte er sofort Heinrich den Löwen, dessen Abtrünnigkeit er den unglücklichen Ausgang des letzten Kampfes mit Recht zuschrieb, vor das Reichsgericht und sprach, als dieser auf dreimalige Ladung nicht erschien, die Acht über ihn aus. Sic zu vollziehen, rückte er gegen ihn zu Felde, zwang ihn endlich I l 86 zur Unterwerfung und zertrümmerte, indem er ihm nur seine Erbländer Braunschweig und Lüneburg ließ und ihn überdies auf drei Jahre nach England verbannte, die so gefährliche Welfenmacht in Deutschland für immer. Baicrn, welches Heinrich der Löwe zeither besessen, wurde, jedoch mit Ausschluß von Steiermark und Tirol, dem treuen Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach zu Theil, Sachsen batte schon früher, jedoch gleichfalls mit manchen Gebietsbeschränkungen, Bernhard von Askanien erhalten. Auch erhob F. um diese Zeit Regensburg zu einer Reichsstadt, wie schon früher Lübeck und Hamburg, wodurch die Entstehung der spätem Hansa vorbereitet wurde. In Italien blieb cs seitdem ruhig. Nachdem Papst Alexander lll. 1 >81 gestorben, unterhielt der Kaiser auch mit dessen Nachfolger Urban II. das gute Vernehmen und schloß hierauf mit den lombardischen Städten 1183 zu Konstanz einen neuen Vcrsöh- ^ nungs- und Fricdcnsvcrtrag, durch welchen ihnen zwar die vollkommene Freiheit, sich ihre ^ Obrigkeiten selbst zu wählen und Bündnisse zu schließen, dem Kaiser aber aufs neue die Oberherrlichkeit und das Recht der Auferlegung gewisser Steuern zuerkannt wurde. Im Herbst 1 >83 ging F. zum sechsten Mal nach Italien, diesmal ohne Heer, nicht in feinchcli- ger Absicht, sondern mit dem Plane, seinen Sohn Heinrich vom Papste krönen zu lassen und zugleich denselben mit Constanzia, der einzigen Tochter und Erbin des normännsiche» Königs Roger von Apulien und Sicilien, zu vermählen. Mit Ehrfurcht und Freudenbezeigungen wurde der Kaiser allenthalben von den lombardischen Städten ausgenommen. Zwar erlangte er die Krönung seines Sohns nicht, da der Papst mistrauisch und über die sicil. Vermählung ärgerlich, dieselbe verweigerte. Dagegen fand die Hochzeit 1 > 86 mit glänzenden Feierlichkeiten statt, eine Verbindung, von welcher F. mit mehr Zuversicht als je die ^ Verwirklichung seines Hauptplans, der Herrschaft über Italien, erwartete. Inzwischen ^ war die Schreckensnachricht nach Europa gelangt, daß Jerusalem durch die Schlacht von Li- > 603 Friedrich II. (röm.-deutscher Kaiser) bcrias I >87 in die Hände der Ungläubigen zurückgefallen sei. In dieser Noch, dem Geiste der Zeit und den Auffoderungen des Papstes gehorchend, entschloß sich F., nachdem er einen allgemeinen Landfrieden verkündigt und der Ruhe Deutschlands wegen den Welfen Heinrich vermocht hatte, nochmals auf drei Jahre nach England zu gehen, zu einem allgemeinen Kreuzzuge. Er übergab seinem Sohne Heinrich die Regentschaft, sandte dann einen feierlichen Fehdebrief an Saladin und zog mit seinem Sohne Friedrich von Schwaben, mit Ludwig von Thüringen und andern Fürsten und einem Heere von ivvvüO M. im J. 1189 über Griechenland nach Kleinasien. Schon war er mit seinem Heere glücklich den verräthe- ' rischen Nachstellungen des griech. Kaisers Isaak Angelus entgangen, schon hatte er in zwei großen Schlachten, zuerst bei Philomelium, am 14. Mai 1190, und kurz darauf bei Jko- mum, die Seldschuken besiegt, als er im Flusse Kalycadnus bei Seleucia in Syrien, den er mit dem Pferde durchschwimmen wollte, am 10. Juni 1190 unerwarteterwcise seinen Tod fand. Die meisten Kreuzfahrer zerstreuten sich nun; den Nest aber führte sein Sohn Friedrich von Schwaben, gcb. 1166, der Stifter des Deutschen Ordens, nach Ty- rus, wo er des Vaters Gebeine beerdigte. Bald darauf, 1191, starb auch er zu Akkon an einer pestartigen Krankheit. F. war ein edler, tapferer, freigebiger, im Glück und Unglück ! gleich standhafter Fürst und verdeckte durch diese großen Eigenschaften den Stolz und die Herrschsucht, die allerdings vielfach die Triebfedern seiner Handlungen waren. Von mittler I Größe und wohlgebaut, von blondem Haar, weißer Haut und röthlichem Bart, daher Barbarossa genannt, hatte er ein bewundernswürdiges Gedächtniß und besaß für seine Zeit ungewöhnliche Kenntnisse. Er schätzte die Gelehrten, besonders die Geschichtschreiber. Seinen Vetter, den Bischof Otto von Freisingen (s. d.), ernannte er zu seinem Geschichtschreiber, und seine Liebe zur Baukunst bezeugen noch gegenwärtig die merkwürdigen Ruinen von , Gelnhausen in der Wetterau. Sein stetes Vorbild war Karl der Große. Wie dieser, hatte er eine hohe Idee vom Kaiserthum, die er durch seine Negierung zu verwirklichen strebte, ' und ebenso war er auch ein aufrichtiger Anhänger der Religion und ein Freund der Geistlichen und der Kirche, deren stolzen Anmaßungen er jedoch sich kräftig entgegensetzte. Kein Kaiser lebte so lange wie er im Andenken des Volks fort, das lange an den Tod des in fremdem Lande Dahingeschicdenen nicht glauben wollte. Die Sage hat später den alten mächtigen Kaiser schlafend in die tiefen Klüfte des Kyffhäuser Bergs versetzt, von wo er einst ans Licht treten wird, um mit seiner Wiederkehr Deutschland wunderbar goldene Zeiten zu bringen. Vgl. Joh. Voigt, „Geschichte des Lombardenbundes und seines Kampfes mit Kaiser Friedrich I." (Königsb. >818). Friedrich II., derHohenstaufegenannt, röm.-deutscher Kaiser, 1209-50, gcb. zu Jcsi in der Mark Ancona am 26. Dec. 1194, war der Sohn des Kaisers Heinrichs VI. und der normännischen Constanzia, Erbtochter Siciliens diesseit und jenseit des Faro, und cm Enkel Kaiser Fricdrich's 1. Bis 1209, wo er die Negierung des untern Italiens und Siciliens selbst übernahm, stand er unter der Vormundschaft des Papstes Jnnoccnz's lil. Schon die Belehnung mit Neapel und Sicilien und die Krönung des vierjährigen Knaben hatte die Kaiserin Constanzia mit Aufopferung der wichtigsten Kirchcnrcchte dem Papste abkaufen müssen. Magnatenparteiungen, dem Kirchcnoberhaupte willkommen, theilten das Land, und F. fehlten ebenso Geld wie Truppen, um sich und seiner Würde Ansehen zu verschaffen. Die von den deutschen Fürsten ihm in seinem dritten Jahre zugcsagtc deutsche Ko- nigskrone hatte nach seines Vaters Tode dessen Bruder, der Herzog Philipp von Schwaben, sich zugeeignet und um ihren Besitz einen achtjährigen, Deutschland verheerenden Krieg mit dem Gcgenkönig Otto IV. bis 1208, wo er durch Otto von Wittelsbach ermordet wurde, erfolglos gekämpft. Als aber der nunmehr allgemein anerkannte Kaiser Otto IV. dem Papste Jnnocenz misfällig wurde, rief Letzterer selbst F. auf den deutschen Thron. Trotz aller Nachstellungen der welfischen Partei erschien F. 1212 in Deutschland und wurde von dem Hohensiaufischen Anhänge mit offenen Armen empfangen; denn Otto hatte Viele sich ' verfeindet, und ein Feldzug gegen Frankreich hatte seine Macht gebrochen. Nachdem sich F. ! W einem Krcuzzugc verpflichtet, wurde er 1215 zu Aachen gekrönt; Otto starb 1218 in seinen altsächs. Erblandcn. Der Besitz der deutschen und steil. Kronen gab F. die Hoffnung, den schon von Friedrich I. gefaßten Plan auszusührc», sich ganz Italiens bemächti- I 604 Friedrich ll. (röm.-deurscher Kaiser) Zen, die Lombardei bezwingen und den geistlichen Universalmonarchen in die Stellung eine» Ersten Bischofs der Christenheit Herabdrücken zu können. Doch seine Zeit, in Aufklärung und Bildung noch weit hinter ihm selbst zurückstehend, nährte noch Vorurtheile, die er längst schon besiegt hatte. Fest sein Ziel im Auge, ließ er 1220 seinen Sohn Heinrich zum röm. König und zugleich zum König von Sicilien krönen, setzte den Erzbischof EngelbertI. von Köln (s. d.) als Reichsvcriveser ein und verließ Deutschland, um erst nach 15 Iah. ren dahin zurückzukehren. Den über diese Krönung aufgebrachten Papst Honorius III. begütigte er durch das erneuerte Versprechen eines Kreuzzugs und durch die Entschuldigung, daß diese Maßregel zur Unternehmung desselben unerläßlich sei; auch sollten die Kronen Si- ciliens und Deutschlands nie auf Einem Haupte vereinigt werden. Hierauf ging er, unbe- kümmert um die von den Mailändern verweigerte Eiserne Krone, nach Rom, wurde hier 1220 als Kaiser gekrönt und eilte nun seinen Erblanden zu, um die innern Angelegenheiten daselbst fest zu ordnen. Zu diesem Zwecke beauftragte er seinen Kanzler PetrusdeVineiS (s. d.) mit der Ausarbeitung eines allgemeinen Gesetzbuchs; auch gründete er in Neapel >221 eine Landesuniversität. Um die Lombarden zur Anerkennung seines Kaiserthums zu bewegen, schrieb er einen großenReichstag zu Cremona aus. Allein die Mailänder achteten auf seineBe- fehle so wenig wie früher, erschienen nicht, erneuerten 1226 den lombardischen Bund mit mehr als 15 Städten und wehrten durch Besetzung der Pässe an der Etsch den Deutschen die Vereinigung mit dem Kaiser, der nun die Rcichsacht über die Ungehorsamen aussprach. Schon rüstete er sich zur Vollstreckung derselben, als Papst Honorius neue ernste Mahnungen wegen des versprochenen Kreuzzugs an F. richtete, die, von dem neuen Papst Gregor IX. mit Androhung des Kirchenbanns wiederholt, der Kaiser nicht länger unbcfolgt lassen durfte. Er sammelte demnach ein Kreuzheer, vermählte sich auf den Rath des Deutschen Ordenshochmeisters Hermann von Salza (s. d.) mit Jolanta, der Tochter des Titularkönigs von Jerusalem, Johann von Brienne, dessen Titel F. hieraus annahm, und schiffte sich mit dem Landgraf Ludwig von Thüringen und einer Menge vornehmer Ritter 1227 z» Brundusium ein. Doch von einer epidemischen Seuche angesteckt, ehe er noch das Schiff bestiegen hatte, war er genöthigt, zumal da die Krankheit zunahm und Landgraf Ludwig starb, schon nach drei Tagen nach Otranto zurückzukehren, worauf der größte Theil der Pilger sich zerstreute. Durch keine Bitten ließ sich nun der Papst abhalten, über F. den Bannfluch auszusprechen und diesem, als der Kaiser immer noch mit Wiedrrantritt der Kreuzfahrt zögerte, durch das Jntcrdict Nachdruck zu geben. Da mußte F. 1228 den Kreuzzug aufs neue antreten. Der Papst aber, statt hierdurch versöhnt zu sein, gebot dem Pa> triarchcn von Jerusalem und den drei Ritterorden, sich dem Kaiser in allen Stücken zu wi< versetzen. Trotzdem gelang cs dem Kaiser, mit seinem Heere, dem sich die Deutschen Ordensritter treu anschlossen, bis Joppe vorzudringen und den Sultan Kamel zu einem zehnjährigen Waffenstillstände zu bewegen, demzufolge nicht nur Jerusalem und die heiligen Städte sondern auch das ganze Land zwischen Joppe, Bethlehem, Jerusalem, Nazareth und Mo nebst Tyrus und Sidon herausgegeben wurden. Jerusalem, wo F. sich am >7. Mär; I22S selbst die Krone aufsctzte, da kein Priester in Gegenwart des gebannten Kaisers auch nur Messe lesen wollte, wurde mit dem Jnterdict belegt, und F. durch die Templer sogar an den Sultan verrathen, der aber durch Übersendung des Briefes den Kaiser selbst davon in Kenm- niß setzte. Nunmehr hatte F. sein Gelübde erfüllt; eilig kehrte er daher nach Untcritalien zurück, das indeß der Papst durch den treulosen Johann von Brienne hatte erobern und verwüsten lassen, eroberte sein Erbland wieder und erlangte endlich vom Papste 1230 die Aufhebung des Banns. Nur die lombard. Städte, besonders Mailand, Vencd g und Brescia, wollten nichts vom Frieden wissen und verlegten sogar seinem Sohne Heinrich de» Weg zum Reichstage nach Ravenna. Da rüstete der Kaiser sich 1234 zum Kämpft, aber che er noch mit den Vorbereitungen dazu fertig war, traf ihn die Nachricht, daß sein Sohn Heinrich, dem er die Regierung in Deutschland übertragen, auf des Papstes Betrieb von ihm abgefallcn, einen Bund mit den Lombarden geschlossen und alle ihre vermeintlichen Rechte anerkannt habe. Plötzlich erschien F. in Deutschland, und Heinrich, von den Sei- nigen verlassen, mußte um Gnade bitten, die ihm auch zu Theil wurde; als aber der verblendete Jüngling aufs neue gegen den Vater sich empörte, wurde er auf dem Reichstage Friedrich U. (röm.-deutscher Kaiser) ' 6V5 >u Main; >235 förmlich abgesetzt und mit Weib und Kind auf das Schloß San-Felice in Apulien in lebenslängliche Haft gebracht. Statt Heinrich ließ nun F. seinen zweiten Sohn I Konrad zum römischen Könige wählen; zugleich feierte er mit großem Glanze und geräusch vollen Festlichkeiten seine dritte Vermählung mit Jsabella von England. Hierauf rüstete er zu Augsburg > 23« gegen die Lombarden ein ansehnliches Heer, das durch die Hülfskruppen Ezelin's (s. d.) und der ghibellinisch (kaiserlich) gesinnten Städte Obcritalicns verstärkt, dm glänzenden Sieg bei Cortenuova am Oglio, am 26. und 21. Nov. >237, errang und die Unterwerfung aller lombard. Städte, mit Ausnahme von Mailand, Bologna, Pia- ' cenza und Brescia, zur Folge hatte. Auch diese waren geneigt, F. als Herrn anzuerken- iim und boten unter der Bedingung der Verzeihung jede Aufopferung an Geld und Gut. Aber F. verlangte, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben sollten, und so sahen sich die Städte durch die Verzweiflung zu einem Bunde genöthigt, der den Kaiser zu einem langwierigen Belagerungskricge nöthigte. Diese für den Kaiser ungünstige Wendung der Dinge glaubte der Papst, der, eifersüchtig über F.'s Glück, zugleich durch die Ernennung des Sohns desselben, Enz io (s.d.), zum König des unlängst den Sarazenen entrissenen Sardinien, aufdaserselbstimNamenderKircheAnsprüchemachte, beleidigt war, benutzen zu müssen, um die Entwürfe des Kaisers in Italien zu stören, und sprach daher am Palmsonntage 123!» den Bann von neuem gegen F. aus. Der Kaiser aber setzte muthig und entschlossen dm Kampf gegen die Lombarden fort, beantwortete die schmähenden Anklagen des Papstes mit gleichen Schmähungen, brach später sogar in das päpstliche Gebiet ein, eroberte >231 Ravenna und drang bis Nom vor, das er jedoch, wiees scheint, nicht anzugreifen wagte. Kein Wunder war es, wenn F. und der Papst über diesen Kampf in Italien um die Herrschaft die furchtbare Gefahr gering achteten, welche damals durch den Erobcrungszug der Mongolen, eines wilden Volks aus Mittelasien, dem ganzen christlichen Europa, vor Allem Deutschland, drohte. Nach einer heißen Schlacht bei Wahlstatt (s.d.)im J. >231, in der sie siegten, erlitten die Mongolen zwar später durch die an der Donau versammelte deutsche Kriegsmacht, zu welcher auch des Kaisers Hülfstruppen unter Enzio stießen, eine große Niederlage, allein dieser Unfall würde nicht im Stande gewesen sein, Deutschland von der Verwüstung dieser barbarischen Horden zu befreien, wenn nicht Spaltungen unter ihnen selbst über die Thronfolge sie zur Rückkehr nach Asien genöthigt hätten. Jndeß fuhr F. fort, den Papst zu bedrängen; er ließ durch Enzio eine Anzahl von Bischöfen, die nach Nom auf ge- nues. Schiffen zu einer Kirchenversammlung segelten, gefangen nehmen, nach Gregor's >X. Tode Cölestin lV., und als dieser schnell starb, nach einer Zögerung von 18 Monaten, Zn- nocenz IV. zum Papste wählen. Jnnvcenz, früher ein inniger Freund des Kaisers, wurde aber, da er der Kirche um jeden Preis den vollständigsten Sieg verschaffen wollte, von jetzt an sein erbittertster, furchtbarster Feind. Er bestätigte Gregor's Bannfluch, floh nach Lyon, berief dahin eine ökumenische Synode, die den Kaiser für abgesetzt und aller seiner Kronen für verlustig erklärte, und soderte die deutschen Fürsten auf, an seine Stelle einen neuen Kaiser zu wählen. Weder die eigene Vertheidigung F.'s noch die seines beredten Kanzlers, Thaddäus von Suessa, der vor der Kirchenversammlung zu Lyon die boshaften und abgeschmackten Beschuldigungen, die man dem Kaiser gemacht, siegreich widerlegte, waren im Stande, Papst und Kirche milder gegen ihn zu stimmen. Auf Jnnocenz's Betrieb wählten die geistlichen Kurfürsten 1236 den Landgrafen von Thüringen, Heinrich Raspe, an seiner Statt zum deutschen König, den der Papst mit bedeutenden Subsidicngcldern unterstützte. Doch F. verlor den Muth nicht, und während er selbst mit seinem Sohne Enzio Sicilien und die Lombardei vcrtheidigte, zog sein Sohn Konrad gegen Heinrich Raspe zu Felde, der, >237 in einem Treffen bei Ulm geschlagen, bald darauf starb. Hierauf wählte die päpstliche Partei Wilhelm, Grafen von Holland, zum König; doch auch er vermochte sich nicht zu behaupten, sondern seine Erhebung trug blos bei, die in Deutschland unter solchen Verhältnissen immer größer werdende Gesetzlosigkeit und Verwirrung zu vermehren. Doch von nun an traf ein Unglücksschlag nach dem andern den Kaiser. Ein erneuerter Versuch, den Papst durch Unterwerfung zu versöhnen, scheiterte an Jnnvcenz's Hartnäckigkeit; den Parmensern, deren Stadt der Kaiser hart und unter Verübung vieler Grausamkeiten belagerte, gelang eS in einem Ausfälle das Bclagcrungshcer zu schlagen und völlig zu zerstreuen; sein Sohn Enzio, 606 Friedrich III. (deutscher König) von den Bologneser« besiegt, wurde ohne Anssicht auf Befreiung von ihnen gefangen gehalten ; sein Kanzler Petrus de Vincis, der längst in seiner Treue gewankt hatte, versuchte ihn zu vergiften, und selbst seinen tapfer» Mitkämpfer Ez elin (s. d.) sah er vonsich zu den Feinden abfallen. Nur noch einmal nahmen die Angelegenheiten F.'S in Oberitalicn eine günstigere Wendung; die Ghibellinen gewannen die Oberhand, und F. würde vielleicht Znno- cenz besiegt haben, wenn ihn nicht selbst am 13. Dec. 1250 zu Fiorentino der Tod in den Armen seines natürlichen Sohns Manfred getroffen hätte. Ihm folgte sein Sohn Kon- ra d I V. (s. d.). F., dessen Haupt sieben Kronen (die röm. Kaiser- und die deutsche Kö- > nigskrone, die eiserne der Lombarden, die von Burgund, Sicilien, Sardinien und Jerusa- lem) geziert hatten, war, ohne körperlich groß zu sein, wohlgebaut, blond, mit schöner Stirn und fast antik gebildeter Nase und Mund und Augen, welche freundliche Heiterkeit ausdrückten. Kühn, hochgesinnt, tapfer, tolerant gegen Andersgläubige und freisinnig, vereinigte er diese dem Hohenstaufischen Hause gleichsam erblichen Eigenschaften mit trefflichen Anlagen und herrlichen Kenntnissen und mit Liebe zur Kunst undWissenschaft. Er verstand sammtliche Sprachen seinerUnterthanen, Griechisch, Lateinisch, Italienisch, Deutsch, Französisch und Arabisch, war in allen Arten ritterlicher Übungen wohlerfahren, ein tiefer Kenner der Naturgeschichte, über die er Mehres schrieb, und ein Dichter zarter Liebeslieder in der zuerst durch ihn zur Schriftsprache erhobenen ital. Volkssprache. Bald leidenschaftlich rasch und streng, bald mild und freigebig, dabei üppig und lebensfreudig, war er seinem ganzen Wesen nach mehr Italiener als Deutscher. Seinem Geburtslande Italien gehörte seine Seele, gehörten alle seine Gedanken und Entwürfe an; hier wollte er die Gewalt des Kaiserthums feststellen, hier durch seine Ge- ^ setzgebung und Verwaltung das Muster eines wohlgeordneten Staats gründen. Deutschland, wo die schon so fest ausgebildete aristokratische Verfassung die Errichtung einer schrankenlosen Künigsmacht unmöglich machte, war ihm blos durch die Mittel und Kräfte noch etwas werth, die es bot, Italien zu überwinden. Gern und willig brachte er daher in den 1220 zn Gunsten der geistlichen und 1232 zu Gunsten der weltlichen Fürsten gegebenen Constitutionen durch Einräumung der Rechte der Landeshoheit derselben einen neuen wichtigen Theil der kaiserlichen Prärogative zum Opfer, blos um damit ihre Unterstützung zur Verwirklichung seines Plans aufJtalien zu erkaufen; Rechte, welche der Grundstein derjenigen Verfassung wurden, nach welcher, statt des alten Königreichs der Deutschen, eine Masse verbündeter Staaten unter der obersten Leitung eines erwählten Kaisers bestand. F.'s Ncgierungszeit fällt in die merkwürdigste Epoche des Mittelalters. Durch Znnocenz III-, Gregor IX. und Zmw- ccnz IV. wurde die Hierarchie trotz F.'s Gegendampf damals auf den Höhepunkt ihrer Macht gebracht und erhielt in den Ritterorden, den Bettelorden und der Inquisition, die um diese Zeit entstanden, furchtbare Stützen ihres Baus; unter den Waldensern und Albigensern zeigte sich bereits ein Protestantismus des Mittelalters; ein freier Bürgerstand trat hervor, in Deutschland durch den Kaiser, in Italien durch den Papst begünstigt, und fand hier (Lombardenbund) wie dort (Rheinischer Städtebund und Hansabund) in großen Conföde- rationen seinen Stützpunkt; dem Faustrccht zu steuern, wurde zuerst ein Landfriede in deutscher Sprache geboten; auch zeigten sich die ersten merklichen Anfänge des geheimen Gerichts der Feme, und durch die von F. gestifteten Universitäten zu Neapel und Wien (1238) wurde der Grund zu dem nachmals erwachenden Geist wissenschaftlicher Prüfung und Forschung gelegt. Vgl. Funck, „Geschichte Kaiser F.'S II." (Züllich. 1792). Aus dem Leben F.'s wählte Fr. von Heyden für das Trauerspiel „Der Kampf der Hohenstaufen" (Berl. 1828) das I. 1235 und Jmmermann für die Tragödie „Kaiser Friedrich II." (Hamb. 1828) die 1.1234-50 zum Stoff. Friedrich in., oder der Schöne, deutscher König seit 1313 , Eegenkönig L u d - w ig's I V. (s. d.) von Baiern, Erzherzog von Ostreich, geb. 1286, der Sohn des deutschen Königs Albrcchk's I. und der Elisabeth, der Erbtochter Meinhard's III. von Kärnten, übernahm, nachdem sein älterer Bruder, Rudolf der Sanftmüthige, 1307 gestorben und sein Vater 1308 ermordet worden war, als der älteste noch lebende Sohn dicRegierung des Herzogthums für sich und seine jüngern Brüder. Zu Wien zugleich mit seinem Vetter, Ludwig von Baiern, erzogen, hatte er mit diesem einen innigen Freundschaftsbund geschlossen, der lange ungestört fortbestand. Als aber die Vormundschaft über die niedcrbair. Herzoge von Friedrich III. (deutscher König) 607 dem Adel des Landes ihm und nicht Ludwig von Baiern übertragen wurde, geriethen die Freunde in Zwist, der zum Kriege führte, in welchem F. von Ludwig bei Gamelsdors 13 l 3 geschlagen wurde. Den schon bei seines Vaters Tode von F. gehegten Plan, die Kaiserkrone zu erlangen, vereitelte die Wahl Heinrichs VIl. von Luxemburg; doch faßte er denselben wieder auf, als der Letztere im I. 1313 plötzlich starb. Er söhnte sich zu Ranshoven und Salzburg mit Ludwig aus, entsagte der Vormundschaft über Niederbaiern und gewann das Herz des Jugendfreundes von neuem. Trotz dieser Versöhnung, und obgleich Ludwig von Baiern früher seinem Freunde versprochen hatte, nicht nach der Krone zu streben, sondern sie F. zu überlassen, wurde er dennoch, als er mehre der bedeutendsten Fürsten geneigt sah, ihn zu wählen, dem gegebenen Worte untreu, zog eilig mit seiner Partei nach Frankfurt, wurde gewählt und ließ F., der Frankfurt vergebens belagerte, nicht in die Stadt. Auch mit der Krönung zu Aachen kam er F. zuvor, sodaß Lctztcrm nichts übrigblieb, als zu Bonn auf einer Tonne im freien Felde sich die Krone aufsctzen zu lassen. Nur das Schwert konnte jetzt entscheiden, und ein mehrjähriger Bürgerkrieg begann, der von Mord, Brand und Parteiung begleitet, Deutschland furchtbar verheerte. Die meisten Fürsten Deutschlands reihten sich nun an die eine oder die andere Partei, an die östreichische und luxemburgische an, und nicht ungern sahen sie einen Kampf, der ihnen selbst mehr Ansehen verleihen und aufs neue dazu beitragen mußte, die kaiserliche Macht zu schwächen. Nach vielen hartnäckigen, aber unentschiedenen Treffen neigte sich endlich der Sieg immer mehr auf die Seite F.'s, der besonders an seinem tapfern Brüder Leopold eine mächtige Hülfe hatte, und Ludwig, hart bedrängt, ging schon mit dem Gedanken um, dem Reiche gänzlich zu entsagen. Allein durch Leopold's unglückliche Niederlage bei Morgarten (s. d.) am 15. Nov. 1315 gegen die Schweizer wieder ermuthigt und durch ansehnliche Unterstützungen seiner Partei verstärkt, begann er den Kampfaufs neue. BeiMühldorfaufder AmpfingerHaide trafen die Heere am 28. Sept. 1322 zusammen, und F-, der die heranziehende Verstärkung seinesBcuders Leopold nicht abwartete, wurde, besonders in Folge der klugen Maßregeln des feindlichen Feldhauptmanns Seyfried Schweppermann (s. d.), völlig geschlagen und nebst 13 00 der Vornehmsten vom östr. und salzburgischen Adel gefangen. Drei Jahre lang hielt Ludwig ihn auf der Burg Traus- nitz bei Nabburg im Thale an der Pfreimt in ritterlicher Hast, und weder die Thränen seiner Gemahlin Elisabeth von Aragonien, der schönsten und geistreichsten Frau ihrer Zeit, die sich aus Schmerz blind weinte, noch ein kühner Rettungsversuch seines Bruders Leopold vermochte ihn aus dem Gefängnisse zu befreien. Als aber Ludwig cinsah, daß er nur durch eine Versöhnung mit der habsburgischen Partei zum sichern Besitze der Kaiserkrone gelangen könnte, entließ er 1325 F. seiner Gefangenschaft, gegen das Versprechen, ihn als Kaiser an- zuerkenncn, die Seinigen zu gleicher Anerkennung zu bewegen und die Wahlurkunden und besetzten Länder herauszugeben, wenn dies ihm aber unmöglich sei, sich freiwillig wieder als Gefangener zu stellen. F.'s Absicht, sich zu versöhnen, scheiterte an dem festen Sinne seines Bruders Leopold, der vom Papste, Ludwig's Feinde, verhetzt, sich zur Erfüllung der Bedingungen nicht verstehen wollte. Freiwillig kehrte er daher, seinem Eide treu, obgleich ihn der Papst desselben entband, nach München zu Ludwig als Gefangener zurück. Von solcher Treue gerührt, nahm ihn Ludwig freundlich auf, erneuerte das alte innige Freundschaftsver- hältniß und thcilte mit ihm Wohnung, Tisch und Bette, wie in den goldenen Jugendtagen; ja er übertrug chm sogar, als er seinem Sohne Ludwig 1327 gegen den König von Polen, welcher auf des Papstes Antrieb einen räuberischen Einfall in Brandenburg gemacht hatte, zu Hülfe ziehen mußte, die Verwaltung von Baiern und schloß mit ihm einen Tractat, vermöge dessen dieReichsregierung zwischen Beide getheilt sein sollte. Da aber die Reichsfürsten der Ausführung dieses Beschlusses sich widersetzten, so kam ein zweiter Vertrag, nach welchem Ludwig Italien und die röm. Krone nehmen, F. aber als röm. König in Deutschland herrschen solle, zwischen den Freunden zu Stande, der aber gleichfalls nicht zur Ausführung kam. Denn als bald daraus mit Leopold's Tode für F. die Stütze wie der äußere Antrieb seiner ehrgeizige» Plane hinsank, zog dieser es vor, sein übriges Leben in Einsamkeit und Ruhe hin- zubringtn, und auf dem Euttenstein von nun an nur stillen, frommen Betrachtungen sich zu widmen. Hier starb er am 13. Jan. 1330 und wurde zu Mauerbach in dem von ihm gestif- L08 Friedrich IV. (deutscher König) teten Kloster begraben. Nach der Aufhebung dieses Klosters im I. >783 brachte man seine irdischen Überreste in das Münster von St.-Stephan zu Wien. Friedrich IV. , deutscher König I 440—93, als röm. Kaiser III-, als Erzherzog von Ostreich V., der Sohn Herzog Ernst des Eisernen und der masovischen Cymburgis, geb. zu Innsbruck am 2 l. Sept. > 4 l 3, wurde das Haupt der über Steiermark, Kärnten und Krain herrschenden Linie, während in Tirol und Niederöstreich zwei andere Linien (die Albertinische und Leopoldinische) regierten, deren Länder später ihm und seinem Sohne auch zuficlen. Kaum mündig geworden, unternahm er einen Zug nach dem gelobten Lande. Im I. 1433 trat er nebst seinem unruhigen Bruder, Albrecht dem Verschwender, die Negierung seiner ' Länder an, die freilich wenig mehr als 16000 Mark eintrugen, und wurde Vormund für seine Vettern, Sigmund von Tirol und Ladislaw Posthumus von Niederöstreich, Ungarn uni Böhmen. Nach Kaiser Albrecht's !I. Tode im I. 1439 einstimmig zum Kaiser gewählt, ent- schied sich F. endlich nach elfwöchentlicher Unschlüssigkeit für die Annahme der Neichskrone und wurde 1-142 zu Aachen gekrönt. Gleich im Anfänge seiner Regierung gerieth er in einen l Krieg mit seinem Bruder Albrecht, der in Vorderöstreich regierte, und konnte blos durch Erlegung einer bedeutenden Geldsumme denselben zur Herausgabe der Länder, die er von ihm besetzt hielt, bewegen. Hierauf brachen die Ungarn unter Johannes Hunnyades Cor- vinus, um F. zur Auslieferung des von ihnen zum König gewählten Prinzen Ladislaw zu zwingen, 1445 verheerend in Ostreich ein, belagerten Wienerisch-Neustadt und erzwangen endlich durch einen zweiten Einfall und die erneuerte Belagerung Wiens im I. 1452 unter Ulrich Eyzinger, gegen die er, wie das erste Mal, auch nicht den geringsten Versuch zur Abwehr wagte, dieRückgabe ihres Königs. Dieser anhaltende Kriegszustand in Ostreich hatte die Entstehung großer Räuberbanden veranlaßt, welche unter Anführung des Ritters Pankraz von Gallicz das Land plündernd durchzogen und furchtbar verwüsteten. F., unthätig wie immer, überließ es den Städten, sich selbst zu helfen und kaufte endlich dem Gallicz den Frieden für eine Summe Geldes ab. Ebenso wenig unternahm er etwas Ernstliches gegen Mailand, als dort nach Erlöschen des Mannsstammes der Visconti im 1. 1447 der Usurpator Sforza des mailänd. Staats, eines deutschen Lehens, sich bemächtigte. Um die dem Hause Ostreich entrissenen Krongüter wicderzuerlangen, mischte er sich in die Angelegenheiten der uneinigen Schwei- zercantons und rief, selbst zu schwach, vom Reiche verlassen, ein fremdes Kricgsvolk (s. Arm a- gnac) aus Frankreich unter dessen Dauphin herbei, das 1444 bei St.-Jakob an der Birs von der Schweizer Tapferkeit eines Andern belehrt, seine Waffen zum Theil gegen Deutschland und gegen Ostreich selbst richtete, während F. selbst 1449 den Eidgenossen ihre Eroberungen förmlich bestätigen mußte. In der pfälz. Erbfolge im 1.1449 verfeindete er sich mit Fried- richdemSiegreichenss. d.), dem Bruder des verstorbenen Ludwig, der statt seines Neffen Philipp die Kur für sich verlangte und, als F. widersprach, Mainz, Trier und mehre andere deutsche Fürsten auf seine Seite brachte, die den Beschluß faßten, den unfähigen Kaiser ab- zuschen und an seine Stelle den Böhmen Georg Podiebrad zu wählen. Durch seine schlaffe Unselbständigkeit und feige Ergebenheit gegen don päpstlichen Stuhl veranlaßte er, daß das Concil zu Basel, wodurch die deutsche Kirche höchst wahrscheinlich frei geworden wäre, in seinen segensreichen Resultaten wieder vernichtet wurde. Denn als die deutschen Reichsfür- stcn auf die Aufrechthaltung der frühem Concilienbeschlüsse drangen und zugleich den erneuerten Eingriffen des Papstes, der die Absetzung zweier geistlichen Kurfürsten aussprach, sich kräftig widersetzten, wußte er durch seinen schlauen Kanzler Äncas Sylvius, den nachmaligen Papst Piusll., der die Mittelsperson zwischen dem Papste und den Fürsten machte, den Rath der Fürsten so zu theilen, daß sie sich einzeln in dem sogenannten Fürstenconcordat dem Papst Eugen unterwarfen, und endlich in dem sogenannten Wiener Concordat von 1448, das der Kaiser erst allein mit dem Papste schloß und dem die Neichsfürsten nachher gleichfalls einzeln beitraten, alle Beschlüsse des baseler Concils, die sich auf Einschränkung päpstlicher Misbräuche bezogen, Zurücknahmen. Die günstige Stimmung des Papstes gegen ihn benutzend, zog er im 1. 1452 nach Italien, um die Kaiserkrönung, die letzte, die ein König der Deutschen zu Rom empfing, durch den Papst an sich und seiner Gemahlin Elconora von Portugal, der Stammmutter aller nachmaligen Fürsten Ostreichs, mit der er sich während seines Aufenthalts in Italien erst vermählt hatte, vollziehen zu lassen. 609 Friedrich IV. (deutscher König) Wenn er durch diese Krönung sowie durch das um dieselbe Zeit (1453) den östr. Fürsten er- theilte Vorrecht, den erzherzoglichen Titel führen zu dürfen, seinem Hause einen gewissen äußern Glanz verlieh, so ließ er dagegen wahre und wichtige Vortheile sich aus den Händen reißen. Dies geschah, als Ladislaw >457 ohne Nachkommen starb. Zwar gewann F., während Oberöstreich an Albrecht und ein Theil von Kärnten an Siegmund von Tirol kamen, durch diesen Todesfall Niederöstreich, in Bezug auf die übrigen Länder desselben aber mußte er die Demüthignng erleben, daß trotz seiner gegründeten Ansprüche die Krone von Ungarn Matthias Corvinus und die von Böhmen Georg Podiebrad zufiel. Kaumwardiesverschmerzt, als sein Bruder Albrecht im 1.1462 die Hauptstadt Wien gegen ihn insurgirte. Erst mit Al- brecht's Tode im I. 1463 bekam er von dieser Seite her Ruhe und trat nun auch in den Besitz von Oberöstreich. Fast ohne Widerstand ließ er die Osmanen, die gleich anfangs mit leichter Mühe aus Europa hätten wieder vertrieben werdenkönnen, 1456 bisUngarn, 1469 bis Kram und 1475 bis Salzburg Vordringen; auch zeigteer auf dem 1471 zu Regensburg über die Abwehr dieser Feinde gehaltenen Reichstage, obwol am meisten bedroht, die größte Theilnahmlosigkeit unter allen Fürsten. In Deutschland selbst nahm unter seiner Regierung das Faustrecht auf eine furchtbare Weise wieder überhand. So befehdeten sich die Fürsten Sachsens 1447 in einem Bruderkriege, der ihre Länder mehre Jahre lang verwüstete, und ebenso führte Albrecht Achilles von Brandenburg mit 17 Fürsten, 15 Bischöfen, 40 Grafen und der fränk. Ritterschaft im Bunde einen noch verheerender» Krieg gegen die Reichsstädte Nürnberg, Augsburg, Nördlingen, Memmingen und die Schweizer wegen angeblicher Verletzung seiner burggräflichen Rechte. Seiner treulosen Politik, der zufolge er die Könige von Böhmen und Ungarn unter sich verfeindete, hatte er es zu danken, daß endlich Beide gegen ihn die Waffen kehrten und besonders Matthias ihn so in die Enge trieb, daß er auch nicht Einer Stadt in seinen Erblanden mehr mächtig war, bis endlich sein Sohn Maximilian erst spät den Ungarn diese Eroberungen wieder entriß. Auch Karl den Külmen, um dessen reiche Erbtochter Maria er für seinen Sohn Maximilian warb, täuschte er bei den Unterhandlungen zu Trier im 1. 1473 über die Erhöhung Burgunds zu einem Königreiche, die er durch schnelle Entfernung abbrach, wodurch er mit Karl selbst in einen Krieg gerieth, den er mit Aufopferung seiner Bundesgenossen endigte. Nur als sein Sohn Maximilian, der nach Karl's Tode im I. 1477 die Hand der Maria und mit ihr die reichen Niederlande erhalten hatte, mit den eigenen Niederländern in Krieg gerieth und >488 sogar gefangen worden war, entschloß er sich, ihm selbst zu Hülse zu eilen und zu befreien. Dagegen gelang es auch nach Matthias'Tode im I. 1490 ihm nicht, die Ungar. Krone zu erlangen; vielmehr mußte er sehen, wie die Ungarn statt seiner den poln. Fürsten Ladislaw zum König wählten. Seine Thätigkcit auf dem Reichstage beschränkte sich auf einige wenig beachtete Gesetze über den Landfrieden; auf ein unwichtiges Edict zur Verbesserung der Münzen im Reiche; auf Beschränkung des westsäl. Femgerichts, das ihn selbst einmal vorzuladen sich erdreistet; auf einen Plan über das Aufbringen der Reichshülfe, die in die große und die kleine oder eilende getheilt wurde, aber bei der Kostcnver- theilung auf die einzelnen Stände übergroße Schwierigkeiten fand; endlich auf einen Plan zur Errichtung eines Reichskammergerichts, welches aber erst unter Maximilian 1495 zu Stande kam. Diesem seinem Sohne überließ übrigens F. schon seit 1490 die Regierung, während er selbst,zu Linz seinen Lieblingsneigungen lebte. Kurz vor seinem Tode mußte er noch eines Schadens am Fuße wegen den letztem sich abnehmen lassen und starb an der Ruhr, die er sich durch zu reichlichen Genuß von Melonen zugezogen hatte, am 19. Aug. 1493, indem er seinem schon I486 zum röm. König erwählten Sohne Maximilian das Reich hinterließ. F. war 53 Jahre Herrscher und hat unter allen deutschen Kaisern am längsten regiert. Mit manchen Privattugenden geschmückt, war F. bei seiner entschiedenen Geistesmittelmäßigkeit, seiner übermäßigen Liebe zur Ruhe und seiner vorherrschenden Abneigung gegen jedes große Geschäft, besonders gegen kriegerische Unternehmungen, weder zit einem Regenten überhaupt noch zu einem Könige der Deutschen insbesondere geeignet, zumal in einem Jahrhundert, das an geistigen und weltlichen Bewegungen fruchtbar, eine neue Gestaltung der Dinge hervorzubringen versprach, die Keime neuer Entwickelungen jn Conv.-Lex. Neunte Aufl. V, 39 6IÜ Friedrich V. (v.d. Pfalz) Friedrich VI. (König v. Dänemark) ^ sich verschlossen trug. Während der Zeit seiner Negierung wurden die Erfindungen dcS ' Lumpenpapiers, der Formenschneidekunst und der Buchdruckerkunst gemacht, Amerika ent- deckt, der Seeweg nach Ostindien ausgefunden, nach der Eroberung Konstantinopels II5Z ein neues wissenschaftliches Leben durch die griech. Flüchtlinge in Italien und Deutschland angeregt und ein neues System der westeurov. Staaten ausgebildet, das namentlich im Kampfe über Italien sich praktisch bekundete. Aber F. hatte an dem Allen keinen Ankheil. Fast noch träger in der Sorge für das Reich als einst König Wenzel, kümmerte ihn kaum die Wohlfahrt seiner Erbländer, und selbst wenn die Umstände ihn gebieterisch aufschrecktm, griff er nicht zum Schwerte, sondern am liebsten zu langen, ermüdenden Unterhandlungen, bei welchen nicht selten verrätherische List die Hauptrolle spielte. Statt der Kirche die heißersehnte Reform zu geben, was in seinen Händen lag, statt wider Türken und Räuber zu kämpfen, die seine Länder verwüsteten, statt dem wiedererwachten Fehdewesen und Faust, rechte zu steuern und statt der Reichstage zu warten, beschäftigte er sich lieber mit Astrologie, Alchemie und Botanik. Eine beunruhigende Sorge für ihn war, daß er nach seinem Tode wegen des ihm abgenommenen Beins nicht der einbeinige Kaiser genannt werden möchte und eine ihn vielfach beschäftigende Aufgabe, das von ihm aufseine Bücher, Gefäße und Paläste gesetzte Anagramm X. bl. I. O. lä. (Xustriae bist lmperare Orbi läniverso), dessen Lösung man erst in seinen Papieren fand, recht vielfach zu deuten. Übrigens ist F. trotz seiner Thatenlosigkeit als der zweite Stammvater des östr. Hauses zu betrachten, dessen Privatvortheil er bei aller Liebe zur Ruhe doch niemals aus den Augen verlor. Von F. an blieb das Kaiserthum gleichsam erblich bei Ostreich und ward unverkennbar die Hauptursache des schnellen Emporsteigcns dieses Hauses zu weltgeschichtlicher Größe, wenigstens der Forderung seines Glückes. Friedrich V. von der Pfalz, König von Böhmen 1619 — 2V, geb. zu Amberg 1596, war der Sohn Kurfürst Friedrichs IV. von der Pfalz, dem er bei dessen Tode im J. 1619 unter der Vormundschaft des Pfalzgrasen von Zweibrücken Johann's IV. in der Kur- > würde folgte, und der Prinzessin Luise Juliane, der Tochter des großen Wilhelm von Ora- nien. Er erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung theils daheim, theils in Sedan bei seinem Oheim, dem Herzoge von Bouillon, und erwarb sich nicht nur im Französischen und Lateinischen sondern auch in der Geschichte in damaliger Zeit ansehnliche Kenntnisse. Schon 16 l3 vermählte er sich mit Elisabeth, der Tochter König Jakob's I. von England; zwei - Jahre darauf übernahm er die Negierung. Als Neformirtcr an die Spitze der Protestant!- j sehen Union gestellt, zog er allmälig mehr und mehr die Aufmerksamkeit der protestantischen > Fürsten Deutschlands auf sich. Nachdem die Böhmen den am 28. Aug. 1619 in Frankfurt i zum Kaiser erwählten Ferdinand II. am 19. Aug. der böhm. Königskrone für verlustig erklärt hatten, wurde dieselbe durch fast einstimmige Wahl F. übertragen, der sie auch auf Zureden seiner Gemahlin und im Vertrauen auf die Union und seinen Schwiegervater nach einigen Bedenklichkeiten annahm und am 2. Nov. gekrönt wurde. Die Schlacht am Weißen Berge bei Prag am 8. Nov. 1629 raubte ihm die böhm. Krone. Besiegt flüchtete er durch Schlesien und Brandenburg nach Böhmen. Spott aller Art folgte dem Besiegten, man nannte ihn in Rücksicht seiner kurzen Herrschaft den Winterkönig und am Hause des engl. Gesandten in Wien wurde er in einem Steckbriefe als verloren gegangen bezeichnet und auf sein Einbringen eine große Belohnung gesetzt. (S. Dreißigjähriger Krieg.) - Im I. 1621 in die Reichsacht erklärt, wurden seine Kurlande vom Herzog Maximilian von Baiern und span. Truppen besetzt und er selbst 162 3 der Kur für verlustig erklärt. (S. P fa l z.) Ohne wieder in die Kur eingesetzt zu werden, starb er zu Mainz am 19. Nov. 1632. Friedrich VI., König von Dänemark, geb. am 28. Jan. 1768, ein Sohn Christi an's VII. (s. d.) und der Königin Karoline Mathilde (s. d.), wurde am 14. Apr. 1784 für volljährig und zum Mitrcgcnten seines geisteskranken Vaters erklärt, dem er am 13. März 1898 als König auf dem Throne folgte. Vom besten Eifer für das Wohl seines Volks beseelt, dabei ein gütiger und gerechter Fürst, erkannte er bei dem zerrütteten Zu- ! stände, in welchem er die Regierung übernommen hatte, daß nur durch eine durchgreifendt > Abstellung der verschiedenen Gebrechen in der Verwaltung und dem Staatsleben der dän. Monarchie wieder anfgeholfen werden könnte. So erwarb er sich durch eine Reihe wohlrh»' Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg) 611 tizer Maßregeln während seiner Regentschaft das unbestrittene Verdienst, eine wohlthätige Regeneration in mehren der wichtigsten Zweigen der innern Staatsverwaltung und der inner« politischen Zustände Dänemarks durchgeführt zu haben; ein Verdienst, das ihm die Liebe und Dankbarkeit seinesVolks selbst unter den zum Theil von einer fehlerhaften Politik herbeigeführten Drangsalen bewahrte, und das sich vorzüglich in der Emancipation des Bauernstandes, der Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden und des sittlichen Zustands der Neger, der Abschaffung des Negerhandels, der Verbesserung der Rechtspflege, des Heer- und Unterrichtswesens, der Förderung des Ackerbaus und des Handels, der Einführung der freilich später nach und nach immer mehr wieder beschränkten Preßfreiheit erwies. Wenn trotz diesen mannichfachen Verbesserungen im innern Staatsleben der dan. Monarchie dieselbe unter seiner Regierung von der frühem Stufe ihrer Macht herabsank und insbesondere in ihren Finanzen immer mehr herunterkam, so lag das zwar auch an der fehlerhaften finanziellen und äußern Politik, die man befolgte, am meisten aber wol an den Zeitumständcn, in welche Dänemark auf eine verhängnißvolle Weise verwickelt wurde. Bis 1801 wußteDänemark zwar scim Neutralität zur See aufrecht zu erhalten; allein der Angriff der Engländer auf Kopenhagen am 2. Apr. 1801, und noch mehr das unheilvolle Bombardement dieser Stadt im Sommer 1807 warfen Dänemark in eine Periode des Staatsunglücks, welche weder der Patriotismus noch der beste Wille des Königs abzuwenden vermochten. Bei all der Liebe und Achtung, welche die dän. Nation der Person ihres im Unglück alt gewordenen Königs widmete, konnte ihr doch nicht die Erkenntniß ausblei- ben, daß der Staat in Folge der seit 1815 befolgten innern Politik, die sich gewaltig von der, welche der König in seiner Jugend befolgt, unterschied, immer mehr herunterkommen müsse. Die Julirevolution von 1830 verfehlte daher auch nicht in Dänemark eine Bewegung hervorzurufen, welche die Einführung von Provinzialständen zur Folge hatte. (S. Dänemark.) Noch hatte dieses Zugeständnis des Königs seine regenerirende Kraft nicht erweisen können, als derselbe am 3. Dec. 1830 starb, worauf Christian VIII. (s. d.) ihm in der Regierung folgte. Er war vermählt mit Sophie Friederike, einer Tochter des Landgrafen von Hessen-Kassel, von welcher er zwei Töchter hatte, welche die Prinzen Ferdinand und Friedrich Karl Christian von Dänemark, der gegenwärtige Kronprinz, heirathetcn, welcher letztere aber 1837 sich scheiden ließ. Friedrich Wilhelm, Kurfürstvon Brandenburg 1640—88, gewöhnlich der Große Kurfürst genannt, geb. am 6. Febr. >620 zu Berlin, wurde zuerst in Küstrin, dann am Hofe des Herzogs von Pommern erzogen. Im 1.1634 bezog er die Universität Leyden und machte hierauf einige kleine Reisen. Er war 20 Jahre alt, als er nach dem Tode seines Vaters, Georg Wilhelm, am 1. Dec. 1640 die Negierung antrat. Sofort änderte er das politische System, das fein Vater in dem immer noch fortdauernden Dreißigjährigen Kriege befolgthalte, entfernte den Minister Schwarzenberg, den Wortführer des kaiserlichen Interesses, und schloß, um der Verheerung seines Landes auf der gefährlichsten Seite ein Ziel zu setzen, am 14. Juli 1641 zu Stockholm mit den Schweden einen Waffenstillstand, vermöge dessen diese zwar die Städte Driesen, Landsberg, Krossen, Frankfurt und Gardelegen besetzt halten durften, ihm selbst aber das übrige Land und auch in den genannten Städten die bürgerliche Gerichtsbarkeit zurückgegeben wurde. Seine Cavalerie überließ er dem Kaiser, dem sie den Eid der Treue geleistet hatte. Durch den Waffenstillstand mit Hessen-Kassel im 1.1644 erhielt er die von Hessen besetzten Örter in Kleve und in der Grafschaft Mark zurück. Im I. 1847 vermählte er sich mit der manischen Prinzessin Luise Henriette, geb. am 17. Nov. 1627, gest. am 8. Juni16 6 7, die ebenso durch klaren Verstand wie religiösen Sinn ausgezeichnet, unter Andern das Lied „Jesus meine Zuversicht" verfaßte. Obgleich nach dem Absterbcn der Herzoge von Pommern im 1.1637 dieses Land vermöge früherer Erbverträge an Brandenburg hätte fallen sollen, so war eS doch von den Schweden besetzt, und der Kurfürst im westfäl. Frieden genöthigt worden, Vorpommern, die Insel Rügen und einen Theil von Hinterpom- viern an Schweden zu überlassen, wogegen er nebst dem Reste von Pommern und der Grafschaft Hohenstein die Bisthümer Halberstadt, Minden und Kamin als weltliche Fürsten- khümer bekam, und das Erzstift Magdeburg ihm, nach dem Tode des damaligen Admini- 39* 612 Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg) strators, des Prinzen August von Sachsen, als Herzogthum versprochen wurde. Seiner Glaubensgenossen, der Reformirten, nahm sich F. bei den westfäl. Friedensunterhandlungen ebenso dringend als seines politischen Privatinteresses an und brachte es dahin, daß dieselben gleiche Rechte mit den Protestanten erhielten. Nach dem Friedensschlüsse war die Haupt- aufgabe, die er zu lösen strebte, die Bildung eines stehenden Heers, um bei einem künftig aus- brechenden Kriege nicht wieder, wie im Dreißigjährigen Kriege, wehrlos dem eindringenden Feinde preisgegcben zu sein. Zu diesem Zwecke beförderte er die Wiederbcvölkerung des Kur- staats mittels Einwanderungen aus Holland, drang bei den Ständen auf bleibende Bewilligung der Accise und auf die Einführung sogenannter Ritterpferde und brachte, nach solchen Vorbereitungen, innerhalb zehn Jahre, sein Heer, indem er die Organisation des schwedischen zum Muster nahm, durch die rastlosen Bemühungen seiner Generale Georg von Dersflin- ger (s. d.), Herzog von Schömberg, Otto von Sparr und Christoph von Kannenberg auf die Höhe von 25000 M. Die erste Anwendung dieses noch im Anfänge seiner Entwickelung begriffenen Heers machte der Kurfürst mit Erfolg gegen den Herzog von Pfalz-Neu- bürg, der in den vermöge Vergleichs mit Brandenburg vom I. 1647 erhaltenen Ländern Jülich, Berg und Ravenstein 1650 die dort gewährleistete Religionsfreiheit brach und die Protestanten hart verfolgte. Bald hernach wurde der Kurfürst in den Krieg, welchen 1655 Schweden mit dem Polenkönig Johann Kasimir führte, verwickelt, indem ihn der König von Schweden, Karl Gustav, zwang, auf seine Seite zu treten und, nach der Eroberung des größten Theils von Polen, das Hcrzogthum Preußen von ihm zur Lehen zu nehmen. Bald darauf rückte zwar Johann Kasimir an der Spitze eines Nationalheers gegen die Schweden ins Feld, diese aber und die Brandenburger erkämpften in der dreitägigen Schlacht bei War- schau, am 28.—30. Juli 1656, einen blutigen Sieg. Zum Lohne für seinen Antheil daran erlangte der Kurfürst in einem zu Labiau geschlossenen Vertrage die Aufhebung der Lehnsabhängigkeit des Herzogthums Preußen von Schweden. Als aber 1657 der Kaiser des bedrängten Polenkönigs sich annahm und auch Dänemark, um bei dieser Gelegenheit von den im letzten Friedensschlüsse erlittenen Verlusten sich zu erholen, Schweden den Krieg erklärte, verließ der Kurfürst die Partei des letztem und verbündete sich am lO.Sept. zu Wehlau mit dem Könige von Polen, der ihm dafür die Souverainekät Preußens gewährte, und schloß sich auch, am 10. Nov., aus Furcht vor der Rache Karl Gustav's für seinen Abfall, dem engem Bündnisse an, in welches Polen, Dänemark und Holland zum Schutz und Trutz gegen Schweden miteinander traten. Karl Gustav's plötzlicher Tod befreite ihn von dieser Rache, und in dem hierauf zu Oliva 1660 zwischen den kriegführenden Mächten geschlossenen Frieden erhielt der Kurfürst die Bestätigung der Souverainetät des Herzogthums Preußen. Die Stände Preußens aber, mit der Aufhebung des Lehnsverhältnisses zu Polen unzufrieden und der festen Meinung, durch dieselbe die Gewährleistung ihrer Privilegien und Rechte verloren zu haben, verweigerten den Huldigungseid, vor allen die Stadt Königsberg mit ihrem charakterfesten Bürgermeister Hieronymus Rhode, und es bedurfte, nach der Fruchtlosigkeit gütlicher Verhandlungen, endlich strengerer Maßregeln, z. B. die Anlegung der Festung Friedrichsburg zu Königsberg, um die Stände endlich 1662 zur Huldigungslcistung zu bewegen. In ähnlicher Weise wußte der Kurfürst 1666 auch die Huldigung der Stadt Magdeburg, die bei dem Übergehen des Erzbisthums in des Kurfürsten Hände ihre reichsstädtischen Rechte behaupten wollte, sich zu erzwingen. Unterdeß hatte der Kurfürst 1663 dem Kaiser Leopold mit 2000 M. Hülfstruppen und bald hierauf auch dem poln. Könige Michel Kori- but in dem Kriege gegen die Türken beigestanden. Ebenso trat er, die aus dem Falle der Republik der Niederlande für Deutschland erwachsende Gefahr klarerkennend, 1672 mit diesem Staate, der von Ludwig XIV. angegriffen wurde, in ein Bündniß und trug dazu bei, daß sich zu Braunschweig der Kaiser, Dänemark, Hessen-Kassel und andere deutsche Fürsten Mit ihm zur Vertheidigung der Niederlande gegen Frankreich verbanden. Allein die zweideutige Lauheit, mit welcher die Lstr. Feldherren den Krieg führten, sowie ein Einfall der Franzosen in seine westfäl. Provinzen nöthigten den Kurfürsten, am 16. Juni 1673, zu dem Vertrage zu Vossem, einem Dorfe bei Löwen, nach welchem Ludwig XlV. Westfalen zu räumen und dem Kurfürsten 800000 Livres zu zahlen sich verbindlich machte; der Kurfürst dagegen dem Bündnisse mit Holland entsagte und Frankreichs Feinden weder mittelbar noch 613 Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg) unmittelbar bcizustehen versprach, sich aber vorbehielt, im Falle eines Angriffs, dem Deutschen Reiche Hülfe zu leisten. Dieser Fall trat schon 1674 ein, wo der Rcichskrieg gegen Frankreich beschlossen wurde. Die Holländer und Spanier unter dem Prinzen Wilhelm von Oranten, dem auch ein kaiserliches Truppencvrps unter de Souches untergeben war, stellten sich in den Niederlanden gegen den Prinzen Conde, die kaiserlichen und Reichsvölker unter Bournonville am Oberrhein gegen Turenne auf. Nachdem in den Schlachten bei Sinzheim, am 16. Juni, und bei Senef in Brabant, am 11. Aug., viel Blut ohne rechte Entscheidung geflossen war, zog das durch den Zuzug der Brandenburger unter ihrem Kurfürsten bis auf 60000 M. verstärkte deutsche Heer über den Rhein und nahm seine Winterquartiere im Elsaß, während Turenne sich nach Lothringen zurückzog. Aber gegen Ende des I. 1674 griff Turenne das verbündete Heer unerwartet an, Bournonville veruneinigte sich mit dem Kurfürsten, und obwol sie in mehren blutigen Gefechten den Feinden überlegen blieben, kehrten doch im Jan. 1675 Beide über den Rhein zurück, und der Kurfürst bezog Winterquartiere in Franken. Unterdeß hatte König Karl XI. von Schweden, um als Bundesgenosse Frankreichs den Kurfürsten von der Theilnahme am Kriege gegen letztere Macht abzuziehen, ein Heer unter dem Marschall Wrangel aus Pommern in die Mark einrücken und das wehrlose Land besetzen lassen- Durch die zögernden Unterhandlungen, welche derKurfürst durch seinen Statthalter, den Fürsten von Anhalt, mit den Schweden eröffnete, und dessen Unthätigkeit sichergemacht, rückten die Schweden immer weiter vor, verwüsteten das Land und erneuerten alle Greuel des Dreißigjährigen Kriegs. Da rückte der Kurfürst plötzlich 1675 mit seinen Truppen aus Franken in Eilmärschen nach seinen Staaten vor, nahm am 15. Juni Rathenau mit Sturm, ereilte am 18. Juni den General Waldemar Wrangel, der seinen Rückzug nach Havelberg zum Feldmarschall bewerkstelligen wollte, beiFehrbcllin und brachte ihm mit 5600 Reitern und 13 Geschützen gegen 7000 M. Fußvolk, 4000 Reiter und 38 Geschütze eine solche Niederlage bei, daß das übrige schweb. Heer in ungesäumter Flucht seine Staaten räumte. Während der Kaiser die Schweden in den Reichsbann that, drang der Kurfürst, durch ein Bündniß mit Dänemark verstärkt, noch weiter siegreich vor, eroberte ganz Pommern und vertrieb die Schweden auch, als sie aufs neue im Jan. 1679 16000 M. stark von Liefland her eingefallen waren, in einem glücklichen Winterfeldzuge aus Preußen. Während dieser Siege des Kurfürsten hatten die mancherlei Unfälle der Armeen am Rhein, noch mehr aber die diplomatischen Künste Ludwig's XIV. die kriegführenden Mächte zu Friedensunterhandlungen bestimmt, die sie einzeln, jedes nur aufseinen Vortheil bedacht, Holland am 11. Aug., Spanien am 17. Sept. und der Kaiser am 5. Febr. 1679 zu Nimwegen mit Frankreich abschlossen. Der Kurfürst, in diesem Frieden unberücksichtigt gelassen und vom Kaiser preisgegcben, wollte nun, mit Dänemark verbündet, Pommern, den Gewinn seiner Siege, hartnäckig behaupten; allein nach erfolglosen Verhandlungen mit Ludwig XIV. und ebenso erfolglosen Vorstellungen bei dem Kaiser mußte er endlich, da die Franzosen 30000 M. stark feindselig in das Herzogthum Kleve einrückten, der Nothwendigkeit weichen und in den Frieden von St.-Germain en Laye am 29. Juni 1679 einwilligen, demzufolge er alle Eroberungen an Schweden herausgab, dagegen aber, außer 300000 Kronenthaler Entschädigung von Frankreich, die wenigen Örter und Zölle erhielt, welche Schweden seit dem westfäl. Frieden in Hinterpommern besessen hatte. Uneingedenk, wie wenig in den Verträgen zu La- biau, Wehlau und Vossem die Bundestreue dem Staatsinteresse gegenüber ihm gegolten, hegte der Kurfürst über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen und Plane, namentlich gegen den Kaiser, Kittern Unmuth und brach bei Unterzeichnung der Ratification des Friedens mit Vir- gil's Dido in die Worte aus: „Einst ersteht aus meiner Asche ein Rächer", indem er zugleich zum Texte für die Friedenspredigt den Spruch aus Psalm 118, 8. wählte: „Es ist gut auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf Fürsten." Als in der Folge Ludwig XIV. durch den Ausspruch jener berüchtigten Reunionskammern, welche 1680 ihre Wohnsitze zu Metz, Breisach, Besancon und Doornik aufschlugen, sich das Eigenthumsrecht über eine große Anzahl zum Deutschen Reiche gehöriger Landschaften und Städte anmaßte und mit gewaffneter Hand mitten im Frieden sich in Besitz derselben setzte, brachte der Prinz Wilhelm von Oranien einen Bund zwischen den Generalstaaten und Schweden zu Stande, welchem sich auch der Kaiser und alle bedeutender« deutschen 614 Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg) j Reichsfürsten anschlossen. Nur der Kurfürst von Brandenburg lehnte nicht nur den Bei- ! tritt zu der Association der genannten Machte entschieden ab, sondern suchte sogar, seiner ge- gen den König von Frankreich eingegangenen Verpflichtung gemäß, wo möglich die friedliche Beilegung des Streits zwischen dem Reiche und Frankreich zu bewirken und den Fortgang dieser Association auf alle Weise zu hindern. Eine Zeit lang widerstrebten zwar die verbün. beten Mächte den Vorschlägen des Kurfürsten zu einer friedlichen Ausgleichung, da aber Ludwig durch keinen Widerstand seiner Gegner, die zum Theil mit den Türken zu thun hat- ten, gehindert, immer größere Eroberungen machte, kam cs unter Vermittelung des Kurfür- sten am l 5. Äug. l 684 zu einem Waffenstillstand mit Frankreich auf 26 Jahre, vermöge dessen Ludwig in dem Besitze alles Dessen blieb, was er sich bis zum l.Aug. >681 angeeignet hatte, Strasburg und die Kehlerschanze mit eingeschlossen. Doch löste das freundschaftliche Verhältnis, zwischen ihm und Frankreich sich wieder auf, als er >685 nach der Aufhebung des Edicts von Nantes, aus Vorliebe für seine Confession, best in Frankreich grausam verfolgten Reformirten in seinen Staaten einen Zufluchtsort bot, sowie auch dadurch, daß er zur Abwehr der nach dem Aussterben der Simmern'schen Linie des Kurhauses Pfalz an Ludwig XIV. auf die pfälzische Allodialverlaffenschaft erhobenen Ansprüche sein Bünd- niß mit Holland l 685 erneuerte. Diese Mishclligkeitcn in Frankreich veranlaßtcn ihn, sich Ostreich wieder zu nähern; noch mehr aber bestimmte ihn hierzu die Hoffnung, für die durch das Aussterben der plastischen Fürstenlinie 1675 erledigten drei Fürstenthümer Liegniß, Brieg und Wohlau, .die in Folge einer alten Erbverbrüdcrung an Brandenburg hätten fallen sollen, aber von Ostreich cingezogen worden waren, entschädigt und zugleich in den Be- ^ sitz des Fürstenthums Jägerndorf gesetzt zu werden, welches der Kaiser, nachdem er den Fürsten Johann Georg aus dem Hause Brandenburg 1623 in die Acht erklärt, ebenfalls an sich gezogen hatte. Um den Kaiser zur Erfüllung dieser seiner Ansprüche geneigter zu machen, sendete er demselben unter dem General von Schöning zum Kriege in Ungarn 8060 M., welche sich bei der Belagerung und Erstürmung der alten Hauptstadt Ofen am 2. Sept. 1686 auszeichneten. Auch verband er sich in den Verträgen von 1685 und 1686 aufs neue mit dem Kaiser zur Erhaltung und Vertheidigung des Reichs gegen jeden Angreifer. In diesen Verträgen vereinigten sich der Kaiser und der Kurfürst endlich auch über die fehles. Angelegenheit. Zufriedengestellt durch die Abtretung des zu Schlesien gehörigen schwiebusser Kreises und einer Geldfodernng auf Ostfriesland, die auf eine Mill. Thlr. angeschlagen, auf 240600 Thlr. zusammenschwand, leistete der Kurfürst auf seine Ansprüche an die gefederten vier Fürstenthümer Verzicht. Auch ein anderer Wunsch, die aus Nachgiebigkeit gegen seine zweite Gemahlin, Dorothea, geborene Prinzessin von Holstein-Glücksburg, zu Gunsten der mit ihr erzeugten Söhne testamentarisch verfügten Ländertheilung vom Kaiser Leopold bestätigt zu sehen, blieb zum Besten des Kurstaats unerfüllt. Nach einer langen Regierung starb der Kurfürst zu Potsdam am 20. Apr. 1688 an der Wassersucht. Ihn preist sein Urenkel Friedrich II. als den Vertheidiger und Wiederhersteller seines Landes, als den Schöpfer des Glanzes und Ruhms seines Hauses, und allerdings datirt man mit Recht von seinem Regierungsantritte an die Begründung der nachmaligen Größe und politischen Wichtigkeit des preuß. Staats. Das Areal des Staats, durch den Kurfürsten um 602 OM. erweitert, betrug bei seinem Tode 2046 OM., ebenso war die durch die Leiden des Dreißigjährigen Kriegs geminderte Bevölkerung, namentlich durch Begünstigung der Einwanderung erst der Holländer, dann der aus Frankreich vertriebenen Protestanten, von denen sich etwa 21000 in dem Kurstaate niederließen, bedeutend wieder gewachsen. Vertheilt über die ganze Oberfläche-des Staatsgebiets, cultivirten diese Einwanderer eine Menge wüster, unfruchtbarer Landstriche in der Altmark und Priegnitz u.s.w. und machten sich durch Verbreitung besserer Methoden, z. B. der Gärtnerei und des Ackerbaus (Holländereien) und Einführung neuer Gewerbe und Industriezweige allenthalben nützlich. Von mittelmäßiger Größe, doch regelmäßig gebaut, war der Kurfürst einfach in seinem äußern Erscheinen, mäßig im Essen und Trinken, leutselig, wahrhaft fromm und seiner Kirche aufrichtigen Herzens zugethan. Selbst duldsam, litt er in seinem Staate durchaus keine Unduldsamkeit der Religionsparteien untereinander, und durch eine sorgfältige Erziehung mit mannichfaltigen Kenntnissen ausgestattet, ^ sorgte er eifrig für das Gedeihen der Künste und Wissenschaften. Er gründete die Univcr- l 615 ! Friedrich l. (König von Preußen) § sitätzu Duisburg und die jetzige königliche Bibliothek in Berlin, rrorganisirte die Universi- täten zu Frankfurt an der Oder und zu Königsberg, stiftete das Werdcr'sche Gymnasium und verlegte das Joachimsthal'sche nach Berlin. Er erweiterte Berlin durch Hinzusetzung der Dorothcenstadt und des Friedrichswcrders und verschönerte es durch mehre Anlagen, z. B. die Linden, und stattliche Gebäude. Wenn auch das Resultat des 1683 auf der asrik. Küste von dem Major von der Gröben angelegten Fons Fricdrichsburg der. Erwartungen dervon dem Kurfürsten gestifteten Asrik. Handelsgesellschaft nicht entsprach, so waren dagegen seine Bemühungen, den Handel im Innern zu beleben und den Ackerbau zu heben, von desto Lesserm Erfolge begleitet. So brachte der im 1. 1662 gegrabene, die Spree und Havel verbindende Friedrich-Wilhelmskanal dem Handelsverkehr der Mark und besonders der Hauptstadt entschiedenen Vorthcil. Unter seiner Regierung wurden auch 1656 die Postfahrten, die ihre erste Organisation durch Michel Mathias erhielten, eingeführt; im 1.1661 erschien die erste Zeitung, und 1656 ließ sich der erste Buchhändler in Berlin, Rupert Völker, daselbst nieder. Zum Nachfolger hatte er seinen Sohn aus der ersten Ehe, Friedrich III., als König Friedrich I. (s. d.) genannt. Aus der zweiten Ehe überlebten ihn sechs Kinder: Philipp Wilhelm, ausgestattet mit der Markgrafschaft Schwedt, gest. 1711, Friedrich Albrecht Heermeister des Johanniterordens, später auch Statthalter in Hinterpommern, gest. 1731, Karl Philipp, gest. 1665, Christian Ludwig, Statthalter zu Halberstadt und Dompropst von Magdeburg, gest. 1731 und zwei Prinzessinnen. Die dem Kurfürsten im I. 1766 in Berlin errichtete Statue ist Schlütcr's Werk und wurde von Joh. Jakobi gegossen. Vgl. Leop. von Orlich, „Geschichte des preuß. Staats im 17. Jahrh., mit besonderer Beziehung auf das Leben Friedrich Wilhelm des Großen Kurfürsten" (3 Bde., Berl. 1838—39). Friedrich I., erster König von Preußen, 17 6 1 — 1 3, als Kurfürst von Brandenburg und souverainer Herzog von Preußen seit 1688 Friedrich III. genannt, geb. am 22. Juli , 1657 zu Königsberg, der Sohn des Großen Kurfürsten und der Prinzessin Luise Henriette, der ersten Gemahlin desselben, erhielt nach dem Tode seines älter» Bruders Karl Emil, gest. 1671 zu Strasburg, die Aussicht auf die Erbfolge. Persönlich unansehnlich und verwachsen, weil er als Kind einmal vom Arme der Wärterin hcrabgestürzt war, scheint die hieraus entstandene Schwächlichkeit Schuld gewesen zu sein, daß er ohne eine sorgfältige Erziehung blieb. Zn seinem Jünglingsalter hatten Misverständnisse, in die er mit seiner Stiefmutter gerieth, auch das Verhältniß zwischen ihm und seinem Vater erkaltet und den Letzter» anfangs zu einer Enterbung seines Sohns erster Ehe, dann auf Fürsprache der Minister zu einer anderweiten letztwilligen Verfügung bestimmt, nach welcher der Kurprinz in der Kurwürde und ^ den Kurländcrn und die übrigen Söhne in den andern Besitzungen folgen sollten. Gleich bei seinem Regierungsantritte im 1.1688 aber erklärte F., mit Einwilligung dcsKaisers, von dem «schon als Kurprinz für den Preis der Rückgabe des schwiebusscr Kreises die Zusage der Unterstützung dabei erhalten hatte, dieses Testament für ungültig; er nahm von den gesammten Ländern seines Vaters Besitz und gab seinen Stiefbrüdern nur Ämter und Apanagen. Als Regent zeigte er sehr bald dasselbe Streben wie sein Vater, den Glanz und den Einfluß seines Hauses, wenn auch in anderer Weise als jener, zu mehren, und unterstützt von den Staatskräften und Mitteln, die jener gesammelt hatte, gelang ihm dies um so leichter. Demzufolge umgab er sich mit einem ceremoniösen, nach dem Muster Ludwig's XIV. in Pracht und Üppigkeit Prunkenden Hofe, trat mit den bedeutendsten europ. Mächten in freundschaftliche Beziehung und machte sich ihnen besonders dadurch wichtig und nothwendig, daß er ihnen seine Truppen häufig als Hülfsvölker lieh. So unterstützte er den Prinzen Wilhelm von Oranien bei seinem Unternehmen gegen England mit 6666 M., unter seinem Marschall Schömberg, die zur Entscheidung der Schlacht an der Boyne und hierdurch zur Beendigung des Kampfs -wischen Wilhelm III. und Jakob II. überhaupt viel beitrugen. Zur Reichsarmee gegen Frankreich, welches 1689 die Rheinpfalz verwüstete, sendete er 26666 M., denen er selbst folgte, und die Rheinbergen, Kaiserwerth und Bonn wieder eroberten. Auch nahm er 1696 an dem Feldzuge am Rhein, wiewol ohne erheblichen Erfolg, Theil und unterstützte 1691 den Kai- jer in seiner Bcdrängniß in Ungarn gegen ein Hülfsgeld von 156666 Thlr. mit 6666 M. seiner besten Truppen, unter dem General Barfuß, welche die Schlacht bei Salankemen am >9. Aug. 1691 mitgewinnen halfen, und auch später bei Belgrad und Zentha sich auszeich- 616 Friedrich I. (König von PreutzcN) netcn. Zm ryswijker Frieden von 1697 erhielr F. trotz den nicht unbedeutenden Opfern, dir er im Laufe des Kriegs gebracht, keinen andern Dank, als daß ihm die Vortheile bestätig! wurden, welche sein Vater im westfälischen Frieden sowie in dem Frieden zuSaint-Germain erhalten hatte. Dagegen wußte F. auf anderm Wege Vergrößerung seines Staats sich zu verschaffen. Zwar gab er den schwiebusser Kreis, dem ausgestellten Reverse gemäß, gegen eine Entschädigung von 25VVÜ0 Thlr. an den Kaiser zurück; allein er erhielt dafür die Anerkennung seiner Souverainetät als Herzog von Preußen und das Versprechen, daß der kaiserliche Hof seine Anwartschaft auf Ostfriesland und Limburg unterstützen wollte, zwei Lander, die auch in der That später in den Besitz Brandenburgs kamen. Von dem Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August I., erkaufte er 1698 für 340099 Thlr. die Erbschirmvogtei über das Stift Quedlinburg, die Reichsvogtei zu Nordhausen und das Amt Petersberg bei Halle; dem Grafen von Solms-Braunfeld kaufte er die Grafschaft Tecklenburg für 300000 Thlr. ab, auch ließ er die Stadt Elbing, welche bereits dem Großen Kurfürsten verpfändet, demselben aber nicht übergeben worden war, 1703 in Besitz nehmen. Das Fürstenthum Neufchatel und die Grafschaft Valengin erwarb er nach dem Erlöschen des Hauses Longue- ville, theils in Folge der Dienste, die er Wilhelm lll. von England geleistet hatte, theils in Folge derAnsprüche seiner Mutter auf diese Erbschaft. Von der oranischen Erbschaft erhielt er >702 die Grafschaften Mörs und Lingen; mit den Häusern Hohenzollern-Hechingen und -Sigma- ringen schloß er einen Erbverbrüderungsvertrag; vom Markgrafen von Kulmbach erkaufte er gegen eine jährliche Rente die Anwartschaft auf Baireuth; als Herzog von Kleve nahm er auch Geldern, das Karl V. dem Herzog Wilhelm von Kleve einst entrissen hatte, nach dem Erlöschen des habsbprg. Mannsstamms in Spanien, in Besitz. Nach der Erhebung des Kurfürsten von Sachsen auf den poln. und des Oranicrs Wil- hclm's lll. auf den engl. Thron hatte seine für die Äußerlichkeiten der Größe sehr eingenommene Seele das Verlangen befeuert, die Königskrone zu tragen, ein Verlangen, zu dessen Erfüllung der souveraine Besitz des außerhalb Deutschlands Grenzen gelegenen Herzogthums Preußen eine günstige Gelegenheit zu bieten schien. Nach mehrjährigen Unterhandlungen in dieser Angelegenheit mit dem Kaiser, dessen Einwilligung und Zustimmung ein wesentliches Erfoderniß war, wenn die beabsichtigte Würdeerhöhung von Erfolg sein und bei andern Staaten Anerkennung finden sollte, gelang es endlich den diplomatischen Künsten des kurfürstlichen Botschafters, den Kaiser für die Sache geneigt zu machen, und so kam denn am 16. Nov. 1700 zu Wien ein Vertrag zwischen dem Kaiser und dem Kurfürsten, der sogenannte Kronentractat, zu Stande, in welchem Leopold den preuß. Königstitel anzuerkennen versprach, F. aber sich verpflichtete, in dem bevorstehenden span. Erbfolgekriege 10000 M. für den Kaiser ins Feld zu stellen, eine Compagnie Soldaten in der Rcichsfestung Philippsburg zu unterhalten und auf die rückständigen Hülfsgelder, die er noch vom Kaiser zu fodern hatte, zu verzichten, in allen Reichsangelegenheiten der kaiserlichen Stimme beizutreten, bei jeder künftigen Königswahl seine Stimme einem östr. Prinzen zu geben und seine deutschen Reichslande den Verbindlichkeiten gegen das Reich in keiner Weise zu entziehen. Kaum erhielt der Kurfürst von der Unterzeichnung dieses Vertrags Kunde, so eilte er mitten im Winter mit seiner Familie und seinem ganzen Hofe nach Königsberg und setzte sich dort am 18. Jan. 1701, nachdem er Tags vorher den Schwarzen Adlerorden gestiftet hatte, mit allem erdenklichen Pompe die Krone auf. Die Anerkennung der Königswürde erfolgte auf des Kaisers Änregung, zunächst von den Kurfürsten, dann nach und nach von allen europ. Staaten, mit Ausnahme Spaniens und Frankreichs, das erst im ntrechter Frieden von > 7 1 3, und des Kirchenstaats, der erst 1787 die preuß. Königswürde anerkannte, und denen vergebens wegen verletzter Particularintereffen die poln. Stände und der DeutscheRitterorden sich anschlossen. An dem nordischen Kriege nahm F. keinen Antheil; als Ostreichs Bundesgenosse aber sendete er in dem span. Erbfolgekriege 20000 M. an den Rhein, die unter dem Generallieutenant Heyden bei Kaiserswerth, Kempen, Linnen, Wachtendonk, Venlo, Bonn und Rheinbergen sich auszeichneten und die berühmte Schlacht bei Hochstädt 1704 mit entscheiden halfen, und später 6000 M. nach Italien, die 1706 unter Eugen's Befehl nicht wenig zu dem glücklichen Ausgange der Schlacht bei Turin beitrugen. Das Ende dieses.,Kriegs je- doch und den Frieden von Utrecht erlebte F. nicht. Schon längst kränklich und hinfällig, starb 617 Friedrich Wilhelm I. (König von Preußen) « am 25. Fcbr. 1713, wie erzählt wird, aus Schreck über den unvorbereiteten Anblick seiner aus ihrem Gewahrsam entkommenen wahnsinnigen dritten Gemahlin, Luise von Mecklenburg. F. ist von jeher mit den Eigenschaften, die er besaß, mehr ein Gegenstand des Tadels als des Lobes gewesen. Eitelkeit, rin mächtigerHang zu übertriebener Prachtliebe, verschwenderische Freigebigkeit gegen zum Theil unwürdige Günstlinge, wie gegen Kolbe, neben Undankbarkeit gegen wahrhaft verdiente Männer, wie gegen Dankelmann, und harter Druck seiner Unterthanen durch Steuern und Abgaben sind Schattenzüge, denen natürliche Gutherzigkeit, Wohlwollen gegen die Unterthanen und unverbrüchliche Treue, patriotische Gesinnung für die deutsche Sache als Lichtpunkte gegenüberstehcn. Verdient machte er sich durch die Gründung der Universität zu Halle, durch die Aufnahme mehrer wegen ihrer Freimü- thigkcit und religiösen Denkungsart verfolgten Männer, wie Ehr. Thomasius und Aug. Herm. Francke, durch die Stiftung der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Bildhauer- und Malerakademie daselbst, durch die Erbauung Charlottenburgs, die Anlegung neuer Straßen und Kirchen in Berlin und die Errichtung eines AppcllationsgerichtS daselbst. Wie sein Vater machte auch er sich allenthalben die Beschützung seiner Kirche und seiner Glaubensgenossen zur Gewissenssache, unterstützte auf alle Weise die Colonien der stanz. Refugie's, nahm die aus Bern Ausgewanderten und die durch Ludwig's XIV. Unduldsamkeit aus dem Fürstenthum Oranien Vertriebenen bei sich auf und überkam nach des Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August's, Übertritt zur katholischen Kirche in Gemeinschaft mit Hannover der Sache nach, die Leitung des tüorpus Lvangslicorum. Er war dreimal verheirathet; zuerst mit Elisabeth Henriette, Prinzessin von Hessen-Kassel; dann seit >684 mit Sophie Charlotte, Prinzessin von Hannover, der Schwester des nachherigen Königs von England, Georg's l., einer Fürstin, höchst ausgezeichnet durch geistige und körperliche Bildung und Leibnitz's Freundin, die Mutter Friedrich Wilhelm'sl. (s.d.), seines Nachfolgers, und endlich mit Sophie Luise, Tochter des Herzogs von Mecklenburg-Grabow Friedrich Wilhelm!., König von Preußen, 1713—46, der Sohn Friedrich's I., geb. 1688, wurde in frühester Zeit unter der Aufsicht seiner hochgebildeten Mutter, der Prinzessin Sophie Charlotte von Hannover, von einer Französin, der geistreichen Frau von Ro- coulle, die später als Marthe Duval berühmt wurde, erzogen, doch konnte dieselbe keinen Einfluß auf ihn gewinnen. Der Charakter des Prinzen bildete sich vielmehr erst am Hofe seines Großvaters, des Kurfürsten von Hannover, eines kaltblütig gerechten und streng haushälterischen Fürsten, und nach seiner Rückkehr in Berlin unter der Leitung des Generals von Dohna, eines Mannes, der mit einem strengen, stolzen und befehlshaberischen Wesen eine ungemeine Thätigkeit und Ordnungsliebe verband; Eigenschaften, welche auf den Prinzen übergingen, ohne daß es dazu einer strengen Gewöhnung bedurft hätte. Die ersten Heerführer seines Vaters, der Markgraf Philipp und der Fürst von Anhalt, entwickelten des Prinzen zweite vorherrschende Neigung, die zum Militair, und die Bekanntschaft der berühmtesten Generale seiner Zeit, des Prinzen Eugen und des Herzogs von Marlborough, welche er in den Niederlanden, bei Gelegenheit seiner Theilnahme an der Belagerung von Doornik (Tournay) machte, scheint diese Neigung noch vermehrtzu haben. Sogleich nach seinem Regierungsantritte, am25.Febr. 1713, beschränkteer den Luxus, welcher bisher am Hofe seines Vaters geherrscht hatte. Er verminderte die Zahl der Angestellten, wie er von 160 Kammerherren nur acht behielt; er setzte die Gehalte der zu hoch besoldeten Beamten herab und suchte überhaupt die Finanzen neu zu organisiren. Seine politischen Beziehungen waren zwar nicht von großer Bedeutung, trugen aber selbst absichtslos dazu bei, Preußens Ansehen und Geltung bei dem Auslande zu bewahren und bei mehren Gelegenheiten dem Staate Gebietsvergrößerungen zu verschaffen. So gewann er im utrechter Frieden von 1713 von den span. Niederlanden für das abgetretene nassauische Fürstenthum Oranien den größten Theil des Herzogthums Geldern und von Frankreich und Spanien die Anerkennung des Königstitels und des Besitzes der Fürstenthümer Neufchatel und Valengin. In demselben Jahre nahm er, nach dem Absterben des letzten Grafen Volrad Besitz von der Grafschaft Limburg, auf welche sein Vater vom Kaiser die Anwartschaft erhalten hatte. Im Laufe des nordischen Kriegs, an welchem sein Vater durchaus keinen Antheil genommen hatte, wollten die Russen und Sachsen, nach der Capitulation des schweb. Generals Steenbock in Tönnin- 618 Friedrich Wilhelm I. (König von Preußen) gen, schweb. Pommern besetzen. Dies zu verhindern, schlossen der Administrator von Hol- stein-Gottorp und der schweb. Generalgouverneur in Pommern, Graf Welling, im Juni 1713 mit dem Könige einen Sequestrationsvertrag über Stettin und Wismar. Der König, welcher Karl Xll. persönlich achtete und ihm wohlwollte, halte die Absicht, den Norden durch diese vermittelnden Maßregeln zu beruhigen; allein der aus der Türkei nach Stralsund zurückgekehrte Karl Xll. verwarf diesen Vertrag und verlangte Stettin von Preußen zurück, wobei er die Wicdcrbezahlung der 400000 Thlr. verweigerte, welche der König an die Russen und Sachsen zur Vergütung der Kriegskosten bezahlt hatte. Dadurch wurde der König 1715 zum Kriege gegen Schweden und zum Bündnisse mit Rußland, Sachsen und Dänemark bestimmt. In Verbindung mit denselben eroberte der Fürst Leopold von Dessau, an der Spitze der Preußen, Rügen und Stralsund. Nach Karl's Xll. Tode behielt er im Frieden von Stockholm, am I. Febr. 1720, die Inseln Wollin und Usedom, Stettin, überhaupt Vorpommern bis an die Peene, wogegen er zwei Mill. Thlr. an Schweden zahlte. Von dem gegen Ostreich gerichteten Bündnisse, welches 1725 zwischen England, Holland und Preußen zu Hannover abgeschlossen worden war, wußte der östr. Gesandte, Graf von Seckendorf, den König bei dessen Widerwillen gegen Georg II. sehr bald wieder abzuziehen, worauf es am 12. Oct. 1726 zwischen den beiden Mächten zu dem Bündniß zu Wusterhausen kam, demzufolge der König dem Kaiser versprach, die Pragmatische Sa nction (s. d.) anzuerkennen und ihn auf den Fall eines Angriffs mit einem Truppencorps zu unterstützen, unter der Bedingung, daß Ostreich bei dem Aussterben der Pfalz - neuburgischen Linie Preußens Anspruch auf die Herzogthümer Jülich und Berg unterstützen sollte. Auch an dem pvln. Thron- folgekriege, 1733—35, nahm der König Antheil. Denn obgleich er den bald nach seiner Wahl durch russ. und östr. Truppen aus Polen vertriebenen König Stanislaus Leszczpnski in Königsberg aufnahm und mit Jahrgeldern unterstützte und dadurch die Unzufriedenheit der mit Sachsen verbundenen Höfe von Wien und Petersburg erregte, so stellte er dennoch, als Frankreich in Folge dieser Verwickelungen Ostreich den Krieg erklärte, für diese Macht I OVOV M. Hülfstruppen, welche sich mit den Östreichcrn am Rhein vereinigten. Kurz darauf erschien der König sogar selbst in Begleitung des Kronprinzen auf dem Kriegsschauplatz, aber die zaudernde Schläfrigkeit, mit welcher der um seinen wohlerworbenen Ruhm ängstlich besorgte Prinz Eugen den Krieg führte, verdroß ihn, sodaß er sich bald vom Heere wieder entfernte. Nachdem er, unwillig über den bei den Präliminartractate und der jülichschcn Erbangelegenheit nochmals bewiesenen Undank Ostreichs von der fernern Theilnahme am Kriege sich mit dem Vorsätze zurückgezogen, nicht ferner mehr für dasselbe die Waffen zu ergreifen, beschäftigte er sich nun lediglich mit den Angelegenheiten seines Königreichs, bis ihn am.3l.Mai 17 4 0 der Tod erreichte. Er vereinigte mit einem gedrungenen Körper und einer gesunden Kör- perconstitutivn einen zwar nicht vielseitig gebildeten, aber desto vorurtheilsfreiern Geist und einen starken, fast unwiderstehlichen Willen. Wenn der Große Kurfürst die Unabhängigkeit seines Hauses, Friedrich 1. den Glanz desselben begründet hat, sostellteF.dieinnereMachlund Stärke desselben fest. Zwei Dinge waren es, die ihn vorzüglich beschäftigten, die Vermehrung der Militairmacht und die Verstärkung der Staatskraft in Folge einer erweiterten Cultur des Bodens und einer möglichst sparsamen und geregelten Finanzverwaltung. Obgleich er zu nichts weniger aufgelegt war, als zum Kriegführen und den Ruhm, der aus Eroberungen entspringt, verachtete, so hielt er doch ein zahlreiches, wohlgeübtes Heer für das beste Mittel, um die Sicherheit und die Selbständigkeit seines Staats zu bewahren. Von ihmrührt die mi- litairische Form des preuß. Staats her, die derselbe bis in die neuesten Zeiten behalten; seine ganze Regierungsweise war militairischer Art; alle seine Hofcavaliere mußten Militairs sein; den Militairstand, zu dem er sich selbst rechnete, zog er dem Civilstande vor, wodurch er es freilich diesem erschwerte, seine Rechte gegen jenen geltend zu machen. In der Thal hatte er auch wirklich seine Kriegsmacht im1.1718 auf 60000 und am Schluffe seiner Regierung auf mehr als 76006 M. gebracht, unter denen sich jedoch wenigstens 26000 Ausländer befanden. Eine besondere Vorliebe hatte er für große Soldaten, aus denen er seine Leibwache bildete, von ihm die Potsdamer Garde genannt, und die er nicht blos im Deutschen Reiche sondern auch in Holland, in England und Schweden zusammensuchen und für die er trotz seiner sonstigen Sparsamkeit große Summen zahlen ließ. Übrigens sorgte er 619 Friedrich kl. (König von Preußen) auch durch Anlegung von Festungen für die Verteidigung des Staats; Magdeburg, Stettin, Wesel und Memel wurden unter ihm befestigt. Er war ein tüchtiger Staatswirth. Während er selbst in seiner Lebensweise die größte Sparsamkeit und Einfachheit beobachtete, brachte er zugleich in die Finanzen des Staats die schönste Ordnung, bezahlte die sämmtlichen Schulden seines Vaters, steigerte die Einkünfte seines Landes auf 7,400000 Thlr. und hinterlicß einen Staatsschatz von neun Mill.Thlr. Zu bestimmten Zeiten reiste er in den Provinzen des Landes umher, prüfte die Wirtschaften auf seinen Domainen und die ihm vorgelegten Rechnungen und schalt heftig und strafte, wenn er seine Diener aufUntreue oder Fahrlässigkeit ertappte. Trotz seiner Sparsamkeit scheute er keinen Aufwand, sobald es galt, die materiellen Interessen des Staats zu fördern. So suchte er durch.Begünstigungen aller Art Ackerbau, Gewerbe, besonders die Wollenmanufacturen und den Handel zu heben; er nahm bereitwillig die salzburger Ausgewanderten und die aus Polen vertriebenen Dissidenten auf, um die durch Seuche und Krieg cntyölkerte und verwüstete Gegend Preußens wieder zu bevölkern, vermehrte die Friedrichsstadt in Berlin um beinahe 1000 Häuser, stiftete das Lollegium meciico-ciururAieum, die Oksrite, das Findelhaus und das Cadettenhaus in Berlin und das Waisenhaffs in Potsdam und begründete namentlich viele Dorfschulen. Dagegen hob er die von seinem Vater gestiftete Akademie der bildenden Künste zu Berlin als unnütz wieder auf; auch die Akademie der Wissenschaften verdankte ihre Rettung nur dem Umstande, daß man ihm vorstellte, wie durch sie Wundärzte für sein Heer gebildet würden. Er verbesserte das Justizwesen, verbot die Hcxenprocesse und die Verschleifung der Processe und widmete den kirchlichen Angelegenheiten seines Volks, obgleich nicht ohne gewaltsame und willkürliche Eingriffe, große Sorgfalt. In seinem Charakter hatte er viele ' Eigenheiten. Bei seinem Jähzorne und seinem Hange zur Willkür und Gewaltsämkeit, wovon am meisten seine Gemahlin Sophie Dorothea, eine hannov. Prinzessin, und sein ältester Sohn zu leiden hatten, gab er doch sehr oft herrliche Beweise seines klaren, gesundenUrtheils und seiner Gerechtigkeitsliebe. Er war im Innersten seines Herzens ein echter Republikaner, wie er denn mehr als einmal die Absicht hatte, sein Leben als freier Privatmann in der Republik Holland zu beschließen. Seine Politik war wahr und offen, Diplomatisiren war ihm ein Greuel. Besonders aber haßte er die Franzosen und franz. Wesen. In Religionssachen war er streng orthodox, ohne Meinung und Urtheil, gläubig ohne Widerrede, aber für freie Geistesbildung hatte er keinen Sinn und seine Ansicht von religiösen Dingen, verlangte er, sollten auch Andere unbedingt theilen, wie er denn z. B. den lutherischen Geistlichen in seinem Staate die reformirte Kirchenordnung gebieterisch aufdrang und die Union der beiden protestantischen Kirchen anbefahl. Dem Ritter- und Lehnswesen des Adels, den er überhaupt nicht sehr bevorzugte, machte er ein Ende und führte statt der persönlichen Leibeigenschaft die Erbun- terthänigkeit ein. Seine Erholung und Freude fand er an Truppenmusterungen, der Jagd, Puppenkomödie und an der Abendgesellschaft, die er sein Tabackscollegium nannte, die meist von Abends 5 Uhr bis gegen Mitternacht dauerte, und an der Vornehme und Geringe, je nach dem Grade ihrer geselligen Brauchbarkeit, bei einem Glase Bier und einer Pfeife Taback Theil nehmen durften. Außer Friedrich II. (s.d.), seinem Nachfolger, hinterließ er folgende Söhne: August Wilh., der Vater des Königs Friedrich Wilhelm's !!., geb. 1722, gest. >758; Heinrich, geb. 1726, gest. 1802; Ferdinand, geb. 1730, gest. 1813. Vgl. Morgenstern, „Über Friedrich Wilhelm I." (Braunschw. 1793) und F. Förster, „Geschichte Friedrich Wilhelm's l." (3 Bde., Potsd. 1834—35). Friedrich kl., König von Preußen, 1740 — 86, der Große, auch der Einzige und von seinen Zeitgenossen nur der König genannt, war am 24. Jan. 1712 geboren, ein Sohn Friedrich'Wilhelm's l. und der hannöv. Prinzessin Sophie Dorothea. Seine erste Jugend verlebte er unter dem Drucke einer harten, blos auf militairische Übungen berechneten Erziehung, deren Art und Weise der König selbst für den Prinzen aufs speciellste vorgeschrieben hatte. Der General Graf von Finkenstein war sein Gouverneur; der Major von Kalkstein sein Unterhofmeister. Trotz des einseitigen, pedantischen Unterrichts, den er genoß, und obgleich seine militairische Ausbildung zur Hauptsache gemacht wurde, entwickelte sich doch frühzeitig in ihm die Neigung für Dichtkunst und Musik, besonders durch den Einfluß, welchen seine erste Pflegerin, die geistreiche Frau von Rocoulle und sein frühester 620 Friedrich ll. (König von Preußen- Lehrer Duhan, ein stanz. Ausgewanderter, auf ihn gewannen, indem sie mit der Königin insgeheim eine Opposition wider die väterlichen Erziehungsgrundsätze bildeten. Aber diese Folgsamkeit gegen die Weisungen der Mutter, die Abneigung gegen den einförmigen Exercier- dienst und die Verschiedenheit der Geistesrichtung überhaupt begründeten bald eine Spannung zwischen Vater und Sohn, welche durch den Minister von Grumbkow und den Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, später auch von dem östr. Gesandten von Seckendorf noch absichtlich ge- nährt wurde. Unwillig über den Druck, unter welchem er lebte, und der Mishandlungen seines Vaters müde, faßte F. endlich den Entschluß, zu seinem mütterlichen Oheim, Georg II., nach England zu flüchten. Nur F.'s ihm gleichgesinnte Schwester, Friederike, und seine Freunde, die Lieutenants von Katt und von Keith, wußten um das Geheimnis seiner Flucht, welche bei Gelegenheit einer Reise, auf der er seinen Vater nach Wesel begleiten mußte, .von einem Dorfe bei Frankfurt aus des Nachts geschehen sollte. Doch Katt's unvorsichtige Äußerungen hatten die Absicht des Prinzen verrathen, der Prinz wurde ergriffen, von dem Vater erst auf barbarische Weise gemishandelt und in der Wuth ohne Dazwischenkunst des Generals von Mosel beinahe getödtet, von jetzt an streng bewacht und alsdann ins Gefängniß gesetzt. Keith, der in Wesel war, entkam, von F. noch zu rechter Zeit gewarnt, nach Holland und Eng. land, bis er 1741 nach F.'s Thronbesteigung nach Berlin zurückkehrte und zum Obristlicu- tenant, Stallmeister und Curator der Akademie der Wissenschaften ernannt wurde. Der Lieutenant Katt aber wurde am 15. Aug. zu Berlin gefangen genommen, von dem Könige selbst, der ihn vor sich führen ließ, mit Fußtritten, Stockschlägen und Maulschellen gemishandelt und schon am 6. Nov. zu Küstrin durch einen vom Könige verschärften Spruch des ^ Kriegsgerichts vor den Augen F.'s, der aus dem Fenster seines Gefängnisses zusehen mußte, ^ hingerichtet. Während der Prinz in Küstrin, in engster Haft, die gerichtlichen Verhöre bestand, ließ ihm der König den Antrag machen, zu Gunsten seines nachfolgenden Bruders, mit dem der Vater zufriedener war, der Thronfolge zu entsagen, wofür ihm Freiheit der Studien, Reisen u. s. w. gewährt werden solle. Doch standhaft sein Recht behauptend, äußerte er: „Ich nehme den Vorschlag an, wenn mein Vater erklärt, daß ich nicht sein leiblicher Sohn sei." Auf diese Antwort entsagte der König, welchem eheliche Treue Religionspflicht war, diesem Ansinnen auf immer. Unterdessen war der Prinz, in seinem Gefängnisse sehr hart gehalten, ! erst in Köpenick, dann in Berlin vor ein Kriegsgericht gestellt worden, und der Vater schien geneigt, ihm das Leben absprechen zu lassen. Nur die F-ürsprache der Könige von Polen und Schweden sowie des Königs Umgebung, die mahnenden Vorstellungen des Propstes Rcinbeck und des östr. Gesandten von Seckendorf retteten ihn, indem besonders letzterer, der indeß dem Prinzen geneigter geworden war, die kaiserliche Verwendung geltend zu machen wußte. Der Prinz erhielt nun, in Folge seiner schriftlichen Bitte um Verzeihung, das kö- nigliche Begnadigungsschreiben cingehändigt, mußte aber hierauf, nach seiner Entlassung aus dem engern Verhafte in Küstrin, auf des Vaters Befehl bei der Domaincnkammer als jüngster Kriegsrath arbeiten und wurde erst bei der Vermählung seiner Schwester, der Prinzessin Friederike mit dem Erbprinzen Friedrich von Baireuth, an den königlichen Hof zurückgeführt. Nach seines Vaters Willen mußte er sich hierauf 1733, wider seine Neigung, mit der Prinzessin Elisabeth Christine (s. d.), der Tochter des Herzogs Ferdinand Albrecht von Braunschweig - Bevern, vermählen, die von jetzt an, zwar von F. hochgeachtet, aber getrennt lebend, den Sommer auf dem ihr von Friedrich Wilhelm geschenkten Schönhausen, den Winter im Schlosse zu Berlin zubrachte, bis sie 1797 starb. Dem Prinzen selbst gab Friedrich Wilhelm die Grafschaft Ruppin und 1734 die Stadt Rheinsberg, wo derselbe bis zu seiner Thronbesteigung den Wissenschaften lebte. In seiner nächsten Umgebung befanden sich Bielefeld, Chazot, Suhm, Fouquet, Knobelsdorf, Kai- serling, Jordan und andere Gelehrte, sowie die Componisten Graun und Benda und der Maler Pesne. Mit auswärtigen Gelehrten, besonders mit dem von ihm bewunderten Vol- i taire, stand er fortwährend in Briefwechsel. Mehre Schriften, namentlich sein „Europäisches ' Staatcnsystem" und sein „^»ti-dlscbisvel ou essai criliezue sur le ?eines eie blscdisvsl" (Haag 1740) erhielten in der ländlichen Ruhe RheinSbergS ihr Dasein. Der Tod seines Vaters führte ihn am 31.. Mai 1740 auf den Thron. Die Zahl seiner Unterthanen betrug damals 2,240000 auf 2190 UM. und bei seinem Tode mehr den» § 621 Friedrich ll. (König von Preußen) 6 Mill. auf 3515 mM. Zu dieser Größe erhob er während seiner Negierung den preuß. Staat durch seine großen Regenten - und Feldherrntalente, im Felde und im Cabinet durch viele ausgezeichnete Männer unterstützt. Ein Heer von 70000 M. hatte sein Vater, in der Erwartung eines Kriegs wegen der jülichschen Erbfolge, schon immer schlagfertig gehalten. Welchen Gebrauch er von diesem Heere zu machen gedenke, zeigte F. gleich anfangs im kleinen, als er den Fürstbischof von Lüttich, der über die Preußen gehörige Herrschaft Heristall sich Hoheitsrechte anmaßte, nach vergeblicher Auffoderung, durch Entsendung eines kleinen Truppencorps zur Entsagung seiner vermeintlichen Rechte zwang. F., der schon große Hoffnungen von sich erregt hatte, behielt größtenteils die Einrichtungen und Staatsgrundsätze seines Vaters bei, gab aber denselben mehr Aufschwung und Leben. Gleich zu Anfänge erhob er die unrechtmäßigerweise Zurückgesetzten, entließ unnütze Große, löste das kostspielige Potsdamer Grenadierregiment auf, verkaufte in der damaligen Theurung das in den königlichen Magazinen aufgehäufte Getreide ganz billig, sorgte für eine unparteiische, schnelle Rechtspflege, schaffte die Folter ab, gestattete Jedermann freien Zutritt-zu sich, gestand Zedem Glaubens - und Denkfreiheit zu und gestattete politische Freimüthigkeit in Schrift und Wort. Der Tod des Kaisers Karl's VI. bald nach seinem Regierungsantritt war ein günstiger Augenblick, den F. benutzte, um die Rechte des Hauses Brandenburg auf die schles. Fürstenthümer Jägerndorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau, deren Belehnung seine Vorfahren nicht hatten erlangen können, geltend zu machen. Gleichzeitig mit seinen Ansprüchen und Friedensvorschlägen, die er der Königin Maria Theresia vorlegte, drang er im Der. 1740 mit einer Armee von 30000 M. in Niederschlesien ein, eroberte, da Maria Theresia seine Federungen wegwerfend abwies, mit Ausnahme der drei Festungen Glogau, Brieg und Neisse, bis zum Jan. I74l ganz Schlesien und erzwang nach Einnahme der drei genannten Festungen und durch die Siege bei Mollwitz am l O.Apr. 1741 und bei Chotusitz unweit Czaslau, am 17. Mai 17 42, den Frieden von Breslau, am 11. Juni 1742, demzufolge Ober- und Niederschlesien bis an die Oppa nebst der Grafschaft Glatz, mit der daraus haftenden Schuld von 1,700000 Thlrn. von Ostreich an F. abgetreten wurde. Die hierauf folgende Zeit des Friedens benutzte F. sogleich, um das neueroberte Land, welches zwar durch den Krieg vielfach gelitten hatte, aber durch das leutselige Betragen, die gerechte Milde und aufrichtige Glaubenstoleranz seines Regenten schon ganz für ihn gewonnen war, zu ordnen, zweckmäßig einzurichten und zu neuem Wohlstände zu erheben. Um dieselbe Zeit nahm F., auf die vom Kaiser Leopold 1694 für sein Haus erhaltene Anwartschaft gestützt, Besitz von Ostfriesland, als der Fürstenstamm dieses Landes 1744 ausstarb. Jndeß rief oas zu Worms am 23. Sept. 1743 zwischen Ostreich, Großbritannien, Sardinien und Sachsen zur Gewährleistung der durch die pragmatische Sanction Maria Theresia zuge- theilten Länder geschloffene Bündniß, welches F. auch als gegen sich gerichtet ansehen mußte, ihn aufs neue zum Kriege für die Vcrtheidigung von Schlesien auf. Demnach verband er sich insgeheim mit Frankreich und schloß mit dem Kaiser, mit Pfalz und Hessen-Kassel am 22. Mai 1744 zum Schutze des erster» und seiner Erblande die Frankfurter Union und brach im Aug. 1744 mit 80000 M. in Böhmen ein, nahm Prag durch Kapitulation und siegte, obgleich hiernächst aus Böhmen zurückgedrängt, in den Schlachten bei Hohenfricde- berg, am 4. Juni 1745, bei Sorr, am 30. Sept., bei Hennersdorf, am23. Nov., und endlich bei Kesselsdorf, am l 5. Dec., über die Östreicher und Sachsen, sodaß Ostreich nichts übrigblieb, als den Frieden zuDresden, am25.Dec. 1745, zu schließen und durch denselben F. aufs neue den Besitz von Schlesien zu bestätigen. Braunschweig, Kassel, die Pfalz und Sachsen, welches letztere an F. eine Mill. Thlr. zahlen mußte, wurden in den Frieden mit eingc- schlossen und garantirten dem Könige den Besitz Schlesiens. (S.SchlesischeKriege, Erbfolgekrieg, östr.). Während der nun folgenden elf friedlichen Jahre wendete F. seine ganze Sorge auf die Verbesserung der Staatsverwaltung und die Förderung des allgemeinen Wohlstandes, sowie auf die Organisirung und Ausbildung seines Kriegsheers, ohne dabei das Studium der Dichtkunst und der Wissenschaften aus den Augen zu lassen. Unter andern schrieb er in dieser Zeit die „Newoires pour rervir s I'bistoire 785 den deutschen Fürstenbund (s. d.), in welchem er die Verfassung Deutschlands gegen willkürliche Eingriffe zu schützen suchte. Eine unheilbare Wassersucht beförderte den Tod des Königs. Er starb zu Sanssouci am!7.Aug. 1786 und hinterließ seinem Neffen, Friedrich Wilhelm II. (s.d.), ein um >325 UM. vergrößertes Reich, einen Schatz von mehr als 7 0 Will., ein Heer von 200009 M., einen hohen Credit bei allen europ. Mächten und einen durch Bevölkerung, Eewerbfleiß, Wohlstand und wissenschaftliche Bildung kräftig emporgehobenen Staat. F.'s thatcnvol- lcs Leben hatte seine Zeitgenossen mit so hoher Achtung erfüllt, daß sie den Beinamen des Großen zu gering für ihn hielten; sie nannten ihn den Einzigen. Treffend charakterisier ihn Notteck als den Erben aller Vorzüge, nicht aber der Fehler seines Vaters, als geistreich und muthvoll, als der Friedens- und der Kriegskünste mit gleich hohem Talente Meister und als eine der glänzendsten Leuchten der Zeit, der die deutsche Ehre gegen die weitgreifenden Plane Frankreichs rettete und Preußen aus der untergeordneten Stellung zu einer der gefürchtetsten Mächte Europas umschuf. Wie groß war nur allein das Verdienst um sein Land, oaß er auch in den bedenklichsten Umständen keine Staatsschulden machte, wol aber, obschon er einen bedeutenden Theil der Einkünfte wieder unter seine Untcrthanen zurückfließen ließ, einen Schatz sammelte, größer, als je ein Regent in Europa dergleichen besessen hat. Zu F.'s Fehlern rechnet man seine einseitige Verstandesrichtung, die mit Men- schcnverachtung und Argwohn gepaart die Gefühle des Herzens auszuschließen schien, seine Hinneigung zu franz. Bildung und Literatur, bei Verachtung der deutschen Nationalität, und seine Geringschätzung der Religion und besonders der christlich-kirchlichen Institutionen. AuS dieser seiner Menschenverachtung,,die übrigens gegen Ende seines Lebens fortschreitend zunahm, ging z. B. seine verwrmdende Satire, die Herabwürdigung Einzelner, die ihm dienten, das Mistrauen gegen den Bürgerstand, dem er Ehrgefühl und Talent absprach, sowie die Maßregel der Berufung von Franzosen als Beamten in sein Reich zur Errichtung der Regie hervor. Seine Gleichgültigkeit gegen positive Religion wurde weniger dadurch, daß er sich mit Freigeistern umgab, schädlich, als dadurch, daß er sie zur Schau trug und mit beißendem Witz über Neligions - und Kirchensachcn zu sprechen und mit Bibelsprüchen und Liederversen Spott zu treiben liebte. Übrigens glaubte er an ein höheres Wesen und achtete 624 Friedrich Wilhelm ll. (König von Preußen) ^ die Trefflichkeit der christlichen Moral sehr hoch. Bei seiner gänzlichen Unbekanntschaft mit ' der deutschen geistigen Bildung achtete er diese gering und trug selbst nichts zu ihrer Vervollkommnung bei. Jndeß muß man hierbei bedenken, daß die deutsche Literatur, als F. die sranz. Bildung annahm, auf einer noch gar nieder» Stufe stand; F.'s Geist konnte sich in den pedantischen Formen der deutschen Wissenschaft nicht gefallen, und als ein höherer Geist über diese kam, war der vielbeschäftigte König in seinem Kreise schon zu einheimisch, als daß er , für jenen noch hätte empfänglich werden können. F.'s Regierung war eine Sclbstregierung, und die Folgen derselben zeigten sich am nachtheiligsten in der Civiladministration, die immer mehr zur Maschine ward. Sich selbst genug, kannte er keinen Staatsrath, was in einer erblichen Selbstherrschaft unvermeidlich dahin führen muß, daß der Geist eines Herrschers sich selbst überlebt. Die Stärke des Staats, die in der Nation und in der Verwaltung liegt, sah er blos in seiner Armee und in seinem Schatze. Nirgend konnte daher die Scheidewand zwischen dem Civil - und Militairstande so stark werden als in der preuß. Monarchie, was allerdings der Erstarkung des Staatsgebäudes nachtheilig werden mußte. Aber was allen Tadel, alle Fehler und Mängel des großen Mannes überstrahlt: er betrachtete sich nur als den ersten Diener des Staats, und der große Gedanke seines Lebens war: „Als König denken, leben, sterben." Seine hinterlassenen prosaischen Werke betreffen vorzüglich Geschichte, Staatswissenschaft, Kriegswiffenschaft, Philosophie und Literatur überhaupt. Seine sämmtlichen Schriften sind enthalten in den Sammlungen „Oeuvres publ. 790 und 24 Bde., Potsd. I8V5). Ins Deutsche wurden sie übersetzt von Biester, Zöllner, Sander u. A. (19 Bde., Berl. 1789). Die „Oeuvres distorigues de V. le Orund" (4 Bde., Lpz. 1830) enthalten die „Illemoires j>our servir » l'kistoire de örsndenbour^", die „llistoire de mou temps", die „llistoire de In guerre de sept sns", die „Hlemoires depuis la paix de Hubsrtsbourg 1763, jusgu'ä In tm tln psrtsge de la kologne" und die „Illemoires de In Auerre de 1778". Eine neue große vollständige und prachtvolle Ausgabe der Werke F.'s läßt der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., durch die Akademie veranstalten. Vgl. Dohm, „Denkwürdigkeiten meiner j . Zeit" (5 Bde., Lemgo l 814— l 9), Kolb, „das Leben F. des Einzigen" (4 Bde., Spcier j und Lpz. 1828), Pagenel, „Uistoirs de Lf Is Orund" (2 Bde., Par. 1830), Doxer, , „Idle ok V. tbe second" (Lond. 1832; 2. Aust., 1833); die Schriften von Preuß (s. d.) ' und F. Förster, „Leben und Thaten F. des Großen" (2 Bde., 2. Aust., Meiß. 1842). ! Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, 1786—97, geb. 1744, war der Bru- derssohn und Nachfolger Friedrich' s 11. (s. d.). Sein Vater, August Wilhelm, zweiter Sohn Friedrich Wilhelm's I., befehligte 17 5 7 auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Col- ^ lin ein preuß. Armeecorps in Böhmen und der Lausitz, aber nicht mit Glück, weshalb er die Ungunst Friedrich's II. erfuhr, und starb bald darauf 1758. Nach seinem Tode wurde der Sohn von seinem Oheim, Friedrich II., als Prinz von Preußen zum Kronprinzen erklärt. Der junge Prinz, von kräftigem und schöngebautem Körper, überließ sich bald einer Lebensweise, welche der Oheim misbilligte und welche Beide eine lange Reihe von Jahren hindurch voneinander entfernte. Doch äußerte Friedrich II. seine Zufriedenheit mit dem Kronprinzen, als er im bair. Erbfolgekricge 1778 bei Neustädte! in Schlesien einen Beweis persönlicher Tapferkeit gegeben hatte. Sein Regierungsantritt fand unter günstigen Umständen statt. Preußen war in keinen Kampfmit äußernFeinden verwickelt, es hatte sogar durch Friedrich'sll. Politik in der letzten Zeit seines Lebens eine Art von schiedsrichterlichem Einfluß auf die Angelegenheiten Europas gewonnen, der Staatsschatz war gefüllt und das Heer in einem achtunggebietenden Zustande. Doch bald ging durch politische Misgriffe der Credit bei den auswärtigen Cabineten verloren, und durch unnütze Kriege und den Aufwand der Lieblinge wurde der geerbte Schatz verschleudert. Die erste Theilnahme F.'s an auswärtigen Angelegenheiten bestand darin, daß er 1787 eine Armee unter dem Herzoge Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschwcig nach Holland schickte, wo die Patrioten, die antioranische Partei, den Erbstatthalter, der sich durch sein offenes Trachten nach monarchischer Gewalt verhaßt gemacht hatte, vertrieben und dessen Gemahlin, die Schwester des Königs, bei ihrer Reise 625 Friedrich Wilhelm N. (König von Preußen) «ach dem Haag beleidigt, dafür aber keine Genugthuung gegeben hatten. Die Preußen drangen ohne Widerstand bis Amsterdam, und die alte Ordnung der Dinge wurde bald wieder- hergestellt, auch am l5. Apr. 1788 eine Schutzverbindung im Haag zwischen Preußen, England und Holland geschloffen. In dem Kriege zwischen Schweden und Rußland, 1788, hinderte der König in Verbindung mit England den fernern Angriff Dänemarks auf Schweden. Eifersüchtig auf die Fortschritte Rußlands und Ostreichs im Türkenkriege, verbürgte j er der Pforte in einem Bündnisse, 17 SN, alle ihre Besitzungen und reizte dadurch Ostreich, sodaß bereits ein preuß. Heer in Schlesien an der böhm. Grenze und ein östr. in Böhmen sich zusammenzog. Doch Leopold II., der eben die Regierung antrat, wünschte keinen Krieg mit Preußen, und so wurde zwischen beiden Mächten, unter Vermittelung Englands und Hollands, schon unterm 27. Juli 17 SV zu Reichenbach ein Friede zu Stande gebracht, laut welchem Ostreich von der Verbindung mit Rußland zurücktrat und den Türken alle Eroberungen bis auf den Bezirk von Aluta zurückzugeben versprach. Der bald darauf zwischen Ostreich und der Pforte zu Stande gekommene Friede zu Szistowe wurde auch wirklich unter dieser Bedingung abgeschlossen; Herzberg aber, über diesen Gang der preuß. Politik unwillig, nahm seine Entlassung. Die Mißverständnisse über die reichenbacher Convention glichen Leopold II. und der König bei Gelegenheit ihrer Zusammenkunft zu Pillnitz im Aug. 17S1 aus, wo Beide zu einem Bündniß für die Erhaltung der deutschen Reichsverfaffung und zur Bekämpfung der ftanz. Revolution sich vereinigten. In Folge dieses Bündnisses, das am 7. Febr. 1792 in Berlin zwischen beiden Staaten erneuert wurde, ließ der König gegen die allgemeine Volksstimme im Juni 17 S2 unter dem Herzoge von Braunschweig ein Heer von 50000 M. in Frankreich einrücken, dem bald darauf er selbst mit den Prinzen nachfolgte. Aber die zaudernde Unentschlossenheit des Herzogs und die Planlosigkeit, mit welcher man den Krieg führte, sowie die Zwietracht unter den Verbündeten machte, daß die Vortheile, welche man anfangs errungen hatte, bald wieder verloren gingen und dafür empfindliche Verluste eintraten, worauf Preußen, nur auf die Sicherung seines Interesses bedacht, mit der Republik Frankreich am 5. Aug. 1795 zu Basel (s. d.) einen Separatfrieden schloß. (S. KarlWilh. Ferd. vonBraunschweig und Möllendorf.) Für die Neutral!- ! lätdes nördlichen Deutschlands wurde eine Demarcationslinie (s.d.) verabredet, in ! einem geheimen Artikel dieses Friedens aber der franz. Republik der Besitz des ganzen I linken Rheinufers auf dem dort gelegenen preuß. Gebiete zugesichert, wofür Frankreich Preu- ^ ßen eine große Entschädigung in Deutschland auf Kosten der kleinen Stände versprach. Glücklicher, wenn auch nicht aufrichtiger, war die Politik des Königs gegen Polen. Von ! Preußen aufgefodert, hatten die Polen, an ihrer Spitze der König Stanislaus Poniatowski, die ruff. Truppen und den von Rußland dem poln. Könige beigeordneten Rath vertrieben und eine neue Constitution entworfen, nach welcher Polen aus einem Wahlreich in eine Erbmonarchie, die man dem Hause Sachsen zugedacht, verwandelt werden sollte. Preußen ebenso wie Ostreich hatten die neue Verfassung gebilligt und das erstere in dem Vertrage vom 29. März 179« die Untheilbarkeit des poln. Staats anerkannt und demselben einen Beistand von 40000 M. Infanterie und 4000 M. Cavalerie für den Fall zugesichert, daß sich eine fremde Macht in dessen innere Angelegenheiten mischen würde. Katharina II. aber, die in- deß mit der Pforte Friede geschloffen und, ohne selbst Antheil an dem Kampfe gegen Frankreich zu nehmen, Preußens und Ostreichs Anstrengungen in diesem Kriege berechnet hatte, , erklärte die neue poln. Verfassung für französisch und jakobinisch und benutzte die Abwesenheit des Königs, um rasch Polen zu erobern. Der König, in die Alternative verseht, entweder in Folge seines Bündnisses mit Polen, diesen Staat gegen Rußland zu verthcidigen, oder denselben mit Rußland zum zweiten Male zu theilen, entschied sich für den lchtern Entschluß um so leichter, weil diese Maßregel ihn für die im Revolutionskriege gebrachten Opfer ent- ! schädigen sollte, und so ließ denn der König im I. 1793 seine Truppen unter Möllendorfs ! Anführung in Großpolen einrücken und einen Landstrich besehen, der 1100 OM. groß und ! um Einschluß von Danzig und Thorn, 1,200000 E. fassend, unter dem Namen Südpreußen mit Westpreußen verbunden und nach preuß. Verfassung eingerichtet wurde. Obgleich nun der Reichstag von Grodno diese Abtretung und den gleichzeitigen Verlust von Lithauen, Ton».-Lex. Neunte Au fl. V. 40 626 Friedrich Wilhelm Hl. (König von Preußen) Podolicn und der Ukraine an Rußland zu genehmigen gezwungen wurde, so brach doch im Apr. 1794 unter Kosciuszko und Madalinski ein Aufstand der Polen zur Wiederherstellung ihrer Selbständigkeit aus, in welchem anfangs die Russen und auch die Preußen mehrmals besiegt wurden, bis endlich Kosciuszko von dem russ. General Fersen am 10. Oct. erst geschlagen, dann gefangen, und Praga am 4. Nov. von Suworow erstürmt wurde. Die Folge war die dritte Theilung oder gänzliche Vernichtung Polens, wobei Preußen alles Land westlich vom Riemen mit Warschau, im Ganzen 999 IHM. mit l Mill. E. erhielt, welche theils zu den benachbarten Provinzen geschlagen, thcilsmit der Provinz Neuostpreußen vereinigt wurden. Eine neue Landesvergrößerung, die aber vollkommen rechtlich begründet war, erhielt Preußen durch den Erwerb der fränk. Fürstenthümer Ansbach und Baireuth. Auf dieselben hatte es alte Erbansprüche, die noch zuletzt im Frieden zu Teschen 1779 anerkannt worden waren.. Am 2. Dec. 1791 trat sie der kinderlose Markgraf Christian Friedrich Karl Alex., den eine Herzensangelegenheit nach England, zog, dem König gegen eine Leibrente von 509009 Fl. ab, und am 28. Jan. erfolgte Preußischerseils die Besitznahme dieser 169 lüM. und 385990 E. umfassenden Länder, welche der König zugleich zur Erneuerung des mit diesen Ländern an Preußen übergehenden Rothen Adlerordens benutzte. Der König starb am 16. Nov. 1797. Zwar hinterließ er den preuß. Staat um 2299 UlM. und 2'/, Mill. Menschen vermehrt, aber die Ordnung und Festigkeit desselben im Innern sowie das Ansehen und die Würde nach außen waren erschüttert, und an die Stelle der 72 Mill. im Staatsschätze, die Friedrich 1l. hinterließ, waren 22 Mill. Schulden getreten. Wohlwollend und nicht ohne Kenntnisse hatte derKLnig im Anfänge seiner Negierung durch mehre Beweise von Eroßsinnigkeit und Milde schöne Hoffnungen erweckt; er suchte die Lasten des Volks zu erleichtern, hob die drückende, nach franz. Art bestehende Regie und somit die allzu große Strenge der Zollverfassung auf, milderte die Militairverhältnisse, unterstützte Landwirthschaft, Gewerbthätigkeit und Handel, legte viele Kunststraßen an, gründete Bildungsanstaltcn für Militairs und für Chirurgen, z. B. das Cadettencorps zu Kalisch und die Pcpiniere zu Berlin, und ließ das neue Gesetzbuch, daS Friedrich ll. vorbereitet hatte, vollenden (1788) und unter dem Namen „Preußisches Landrecht" 1794 einführen. Aber bald reihte sich an das Gute, was geschah, mancherlei Schlimmes. Denn unkundig der Rcgierungsgeschäste, da Friedrich II. bei Lebzeiten seinem Nachfolger keine Thcilnahme an denselben gestattet hatte, hingegeben seinen Schwächen und von unfähigen oder betrügerischen Nathgebern, Bischofwerder, Wöllner und Luchesini, verlockt, ließ der König die Geisteshelle, Selbstthätigkeit und Regentensorgfalh sowie vor Allem die politische Weisheit seines großen Vorgängers vermissen. Besonders erregte das Censurcdict vom 19. Dec. 1788, das alle in- und ausländische Bücher der Beur- theilung besonderer Behörden unterwarf, sowie das von dem pictistischen Wöllner (s. d.) verfaßte Neligionsedict vom 9. Juli 1788, welches den Geistlichen jede Abweichung vom kirchlichen Lehrbegriffe bei Strafe der Absetzung verbot und die Anstcllbarkeit der Geistlichen und Lehrer voy einer Prüfung ihrer Altgläubigkeit abhängig machte, vielseitigen Widerspruch, worauf eine Verschärfung des Censuredicts vom 5. März 1792 mit der Androhung harter Strafe für die Tadler der Landesgesetze erfolgte, die die Unzufriedenheit gegen die Rathgeber des Königs, von denen dieselbe ausgcgangen war, nur noch steigerte. (S. Preußen.) Des Königs erste Gemahlin war Elisabeth Christine Ulrike, Prinzessin von Braunschweig; nachdem er sich 1769 von ihr getrennt hatte, vermählte er sich mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, gest. 1895, die ihm folgende Söhne gebar: Friedrich Wilhelm III. (s. d.), seinen Nachfolger; den Prinzen Ludwig, gest. 1796; den Prinzen Heinrich, geb. 30. Nov. 1781, der gegenwärtig in Nom lebt, und den Prinzen Wilhelm (s. d.). Friedrich Wilhelm Hl., König von Preußen, 1797 — 1349, ältester Sohn Friedrich Wilhelm's II. und der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, ward am 3. Aug. 1779 geboren. Die Sorge für seine Erziehung theiltc in früherer Zeit die Mutter mit seinem Großoheim, Friedrich II. Sein nachmaliger Erzieher war der Graf Karl Adolf von Brühl als erster Gouverneur. Früh schon zeigte F. viele geistige Anlagen, ein vortreffliches Eemüth Und besonders jene Kraft des Charakters, die er in der Folge in den harten Prüfungeü des Unglücks behauptet hat. Er ward nicht blos militairisch sondern zugleich populair erzogen ; frühzeitig lernte er sich andern Ständen nähern. Im Aug. 1791 begleitete er als 627 Friedrich Wilhelm!ll> (König von Preußen) Kronprinz seinen Vater zu den diplomatischen Verhandlungen nach Dresden, und machte hier die Bekanntschaft des Kaisers Franz. Als Preußen, in Verbindung mit Ostreich, den Krieg gegen Frankreich erklärte, und sein Vater im Juni 1792 sich zu seinem unter dem Befehle des Herzogs Karl Wilh. Ferdinand von Braunschweig stehenden Heere an den Rhein begab, begleitete ihn der Kronprinz nebst den übrigen Prinzen des königlichen Hauses und zeigte bei mehren Gelegenheiten große Unerschrockenheit und ausgezeichneten Muth. Am 24. Dec. >793 vermählte er sich mit der Prinzessin Luise (s. d.), der Tochter des Herzogs Karl von Mecklenburg-Strelitz, die er während des Feldzugs am Rhein sn Frankfurt am Main hatte kennen lernen. Nicht Staatsgründc oder Familienverhältnisse sondern Harmonie der Gesinnungen und Einklang derHerzen schlossen diesenBund. Nachdem der Prinz am >6. Nov. l797 seinem Vater in der Regierung gefolgt war, besuchte er im Frühjahre 1798, in Begleitung seiner Gemahlin, die vornehmsten Städte seines Reichs, um die Huldigung zu empfangen. Günstlinge beiderlei Geschlechts hatten während der letzten Regierungsjahre seines Vaters sich der obersten Gewalt bemächtigt und misbrauchten sie zu eigennützigen, selbstsüchtigen Zwecken. Verschiedene heilsame Einrichtungen Friedrichs ll. waren vernichtet worden. Die Bessern im Volke richteten ihre Augen sehnsuchtsvoll auf den Prinzen, der eine Negierungsweise im Geiste seines Großohcims hoffen ließ. Er erfüllte gleich nach dem Antritte seiner Negierung die von ihm gefaßte Hoffnung, so viel er konnte. Das verhaßte Religionsedict und das Censurreglement wurden, sowie der lästige Tabacks- pacht, aufgehoben; eine zeitgemäßere Censur wurde angeordnet und der Lauf der Justiz nicht mehr durch willkürliche Cabinetsbefehle unterbrochen. Eine Cabinetsordre vom Z. l798 enthielt die Worte: „Vernunft und Philosophie müssen die unzertrennlichen Gefährten der Religion sein; es sind keine Zwangsgesehe nöthig, um wahre Religion aufrecht zu erhalten." Schnell entfernte er mehre Personen, die unter der vorigen Regierung den gerechten Unwillen der Nation gegen sich erregt hatten, und stellte an die Spitze der Geschäfte Männer von anerkannter Einsicht und Redlichkeit. Seine Rechtlichkeit zeigte sich auch in seinen Cabinets- befchlen; sie lieferten ein bis dahin ungewöhnliches Beispiel, daß der Regent den Negierten die Gründe seines Verfahrens einzeln darlegte. Eine weise Sparsamkeit, welche die zerrütteten Finanzen und die überkommene Staatsschuldenlast von 22 Mill. Thlrn. nothwendig machten, wurde eingesührt. Der König selbst gab das Beispiel an seinem Hofe, wo edle Einfachheit, verbunden mit Ordnung und Pünktlichkeit, herrschte. Das königliche Paar war das schönste Muster eines glücklichen häuslichen Lebens und der auf Thronen so seltenen Gattcnliebe. Bei dem erneuerten Kampfe der europ. Mächte gegen Frankreich behauptete Preußen die seit dem bascler Vertrage vom i7.Mai >795 angenommene Neutralität, und der König benutzte diese Zeit des Friedens, um die alten und neuen Provinzen seines Reichs zu einer immer höhern Stufe der Bildung zu erheben, und besonders in letzter» den innern Wohlstand dauerhaft zu gründen. Durch den baseler Frieden war festgesetzt worden, daß die stanz. Truppen die aus dem linken Rheinufer liegenden preuß. Provinzen, Geldern, Meurs und einen Theil von Kleve fortwährend in Besitz behalten sollten; die definitive Entscheidung wegen dieser Provinzen war bis zum allgemeinen Frieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Reiche ausgesetzt geblieben. Nachdem dieser Friede am 9. Febr. 1801 zu Lune- ville zu Stande gekommen und das ganze linke Rheinufer an Frankreich überlassen worden war, erhielt Preußen > 893 durch den Reichsdeputationsschluß den östlichen Theil des Stifts Münster, die Fürstenthümer Hildesheim, Paderborn, Eichsfeld, Erfurt mit seinem Gebiet, Untergleichen, Treffurt, Dorla, die freien Städte Goslar, Mühlhausen und Nordhausen, die Stifter Quedlinburg, Essen, Verden, Elten, die Abtei Herford und die Propstei Kappenberg. Preußen gewann durch diese Entschädigung gegen 180 OM. mit mehr denn 490000 E., größtentheils ergiebige, dem Staate wohlgclegene Länder, mit einem Überschüsse an Einkünften von mehr als 2 Mill. Fl. Durch einen Tausch mit Baiern wurden die fränk. Fürstenthümer zweckmäßig und mit einem Gewinn von ungefähr 8 OM. gerundet. Der König war jetzt Beherrscher eines Reichs, dessen Volksmenge gegen 10 Mill. betrug.,. Bei dem durch die dritte Koalition zwischen England, Rußland und Ostreich gegen Frankreich 1805 ausgebrochnen Kriege blieb der König seinem Neutralitätssysteme getreu. 40 * 628 Friedrich Wilhelm Ni. (König von Preußen) Bewegungen, welche von Rußland gegen Preußen gemacht wurden, veranlaßten ihn, auch seine Truppen in Schlesien und an der Weichsel zusammenzuziehen. Aber die widerrechtliche Gebietsverlehung des preuß. Gebiets in Franken, und die persönliche Zusammenkunft mit dem Kaiser Alexander in Berlin änderten die Lage der Dinge. Der König trat insgeheim am 3. Nov. 1805 der Coalition gegen Frankreich unter gewissen Bedingungen bei, schickte aber, während er noch den Frieden zwischen den kriegführenden Mächten zu vermitteln suchte, ein Heer nach Franken. Nach der Schlacht von Austerlitz kam der Friede zwischen Ostreich »qd Frankreich zu Stande. Wenige Tage vorher, am 15.Dec. 1805, war zu Wien, durch den Grafen Haugwitz (s. d.), eine vorläufige Übereinkunft zwischen Preußen und Frankreich abgeschlossen worden. Durch diese wurde die Verbindung der beiden Mächte erneuert und die gegenseitige Garantie der alten und neuerworbenen Länder festgesetzt; Preußen trat Ansbach zu Gunsten Baierns, Kleve und Neufchatel zur freien Verfügung an Frankreich ab und erhielt dafür Hannover. Diese Erwerbung Hannovers, wovon Preußen am I. Apr. 180K wirklich Besitz nahm, veranlaßt schon am 20. Apr. ein Manifest und am 11. Juni eine förmliche Kriegserklärung Englands gegen Preußen. Auch mit Schweden, dessen König in Folge eines mit England geschlossenen Subsidienvertrags das Hcrzogthum Lauenburg decken wollte, brachen Feindseligkeiten aus, die jedoch durch eine im Aug. 180S zwischen England und Preußen erfolgte Aussöhnung wieder beseitigt wurden. Neue Friedensunterhandlungen Frankreichs mit England und Rußland, durch welche Preußen sich gefährdet glaubte, und die Errichtung des Rheinbundes veranlaßten auch zwischen Preußen und Frankreich neue Unterhandlungen. Preußen hatte die Idee, im Norden Deutschlands, sowie Napoleon im Süden und Westen es gethan hatte, einen nordisch-deutschen Bund zu stiften, welcher alle im Grundvertrage des rhein. Bundes nicht genannte Staaten enthalten i sollte. Um der Federung, daß Frankreich dieser beabsichtigten Verbindung kein Hinderniß ! entgegenstellen, seine Truppen aus Deutschland zurückziehen und verschiedene widerrechtlich besetzte Orte räumen sollte, mehr Nachdruck zu geben, rüstete Preußen sich, blos in Verbindung mit Sachsen, zum Kriege gegen Frankreich, dessen Heere sich ebenfalls nach Deutschland in Bewegung setzten. Das Gefecht bei Saalfeld, der Tod des tapfern Prinzen Louis I von Preußen, die Schlacht bei Jena und Auerstädt, die Übergabe der wichtigsten Festungen an den Feind und der Verlust aller Länder zwischen Weser und Elbe folgten schnell aufeinander, und schon am 27. Oct. war Napoleon in Berlin. Der König wählte Memel zu sei- i nem einstweiligen Aufenthalte, sammelte sein Heer aufs neue und ahndete mit gerechter Strenge die Pflichtvergessenheit, die Viele sich hatten zu Schulden kommen lassen. In Gemeinschaft mit seinem treuen Verbündeten, dem Kaiser von Rußland, stellte er sich den in Ostpreußen eindringenden Feinden entgegen. Die Schlachten bei Evlau und Friedland führ- > ten endlich den Frieden zu Tilsit (s. d.), am 9. Juli 1807, herbei. In diesem Frieden mußte der König Landestheile abtreten, die seit Jahrhunderten seinem Hause treu ergeben gewesen waren. Die Hälfte seines Reichs, und zwar Provinzen, die in Rücksicht des Ackerbaus, Gewerbfleißes und Handels die vorzüglichsten waren, gingen verloren. Was den Schmerz des Verlustes noch vermehren mußte, war, daß auch die ihm als Eigenthum verbleibenden Länder von den franz. Truppen besetzt gehalten wurden. Selbst die Hauptstadt Berlin wurde erst im Der- 1808 von ihnen geräumt, und der von seinen Unterthanen zurückgesehnte König konnte erst Ende 1809 in seine Residenz einziehcn. Mit unablässigem Eifer und festem Willen arbeitete der König mit Hülfe seiner Minister Stein und später Hardenberg, die Wunden, welche der Krieg seinen Staaten geschlagen hatte, zu heilen und eine völlig neue Einrichtung der innern Staatsform zu begründen. Die Armee wurde auf -12000 M. gesetzt und neu umgebildet. Eine neue Civilverfassung wurde hergestellt, der Gang der öffentlichen Geschäfte genau bestimmt und die gleiche Berechtigung des Bürgerstandes mit dem Adel nicht nur ausgesprochen sondern auch wirklich ins Leben gerufen und die Gewerbcfrei- heit eingeführt. Früher schon, am 9. Oct. 1807, war das wohlthätige Edict erschienen, wel- , ches die Erbunterthänigkeit aushob. Unter dem Namen der Städteordnung wurde am 19. Nov. 1808 eine gesetzliche Vorschrift über die Vertretung der Stadtgemeinden in Rücksicht des städtischen Gemeinwesens durch Stadtverordnete crtheilt. Ebenso wichtig und für den Staat heilsam war die am 6. Nov. 1809 beschlossene Veräußerung der königlichen Domai- , 62 g ! Friedrich Wilhelm III. (König von Preußen) ! MN, die Verwandlung der Klöster und anderer geistlicher Stiftungen in Güter des Staats (am 30. Oct. 1810), und die selbst unter sehr drückenden Zeitverhältnissen höchst freigebige Pflege und Ausstattung des Erziehungswesens, wozu, außer einer durchgreifenden Verbesserung der Schulen überhaupt, besonders die Stiftung der neuen Universität zu Berlin, 1809, gehört, sowie die Verpflanzung der Universität zu Frankfurt an der Oder nach Breslau, >810, die zugleich eine neue, zweckmäßigere Form erhielt. Im Dec. 1808 reiste der König in Begleitung seiner Gemahlin nach Petersburg, um das Freundschaftsbündniß mit dem Kaiser Alexander noch fester zu knüpfen. Nach einem Aufenthalte von einigen Wochen kehrte er nach Königsberg zurück und hielt am 23. Dec. 1809 seinen Einzug in Berlin. Doch das friedliche Glück des Königs und des Landes wurde bald aufs empfindlichste gestört durch den unerwarteten Tod der allvcrehrten Königin Luise, am 19. Juli 1810. Unermüdet fuhr der König fort, den inncrn Zustand seines Landes zu vervollkommnen; dahin gehören verschiedene Verbesserungen in der Civil- und Justizverwaltung, im Münzwescn und im Anbau des Landes. An die Stelle der durch das Edict vom 30. Oct. 1810 und durch die Urkunde vom 23. Jan. 1811 aufgelösten Ballei Brandenburg, des Johanniterordens, des Heermeisterthums und der Commenden derselben, deren sämmtliche Güter als Staatsgüter ungezogen worden waren, errichtete der König, am23.Mai 1812, einen neuen Orden unter der Benennung Königlich preuß. St.-Johanniterorden und erklärte sich selbst als Protector desselben. Mit Frankreich schloß er am 24. Febr. 1812 zu Paris ein Schutzbündniß gegen alle europ. Mächte, mit welchen der eine oder andere Theil in Krieg verwickelt wäre oder verwickelt werden könnte. Als im Juni 1812 der Krieg zwischen Rußland und Frankreich ausbrach, ließ der König zu dem Heere des letztem ein Hülfscorps von 30000 M. stoßen, welches ^ mit dem zehnten franz. Armeccorps unter dem Marschall Macdonald denlinken Flügel bildete und zu der Belagerung von Riga bestimmt wurde. Bei dem schnellen und gefahrvollen - Rückzuge der Franzosen aus Rußland mußte auch das preuß. Hülfscorps sich zurückziehen. Aber der cvmmandirende General Dorck (s. d.) rettete es durch eine am 30. Dec. 1812 mit dem russ. General Diebitsch abgeschlossene Übereinkunft, vermöge welcher das preuß. Corps ^ für neutral erklärt wurde und sich von dem franz. Heere absonderte. Diese eigenmächtige Handlungsweise des Generals Uorck mußte anfangs gemisbilligt werden. Als aber der König am 22. Jan. > 513 seine Residenz nach Breslau verlegt hatte, ließ er von da aus in ei- ! nem Parolebefehl vom l l. März dem General Porck volle Gerechtigkeit widerfahren und ^ I übergab seinem Oberbefehle noch ein anderes Truppencorpß. , ^ Der Aufruf des Königs vom 3., 9. Febr. und 17. März 1813 entzündete alle Claffen , i des Volks zum Freiheitskampse und bewunderungswürdig schnell stand ein mehr durch Be- , geisterung und Muth als glänzende Waffenrüstung ausgezeichnetes Heer da. Die Franzo- ^ sen hatten Berlin erst in der Nacht vom 3. zum 4. März geräumt, worauf die Russen daselbst einzogen. Am 15. März kam Kaiser Alexander nach Breslau, wo der König sich noch ! aufhielt. Ein zu Kalisch am 28. Febr. geschlossenes Trutz- und Schutzbündniß, dessen Unter- , Zeichnung am 2«». März zur öffentlichen Kunde gebracht wurde, vereinigte beide Monarchen > aufs innigste miteinander. Am 2 7. März übergab General Kruscmark in Paris die preuß. ^ Kriegserklärung. Zwei preuß. Armeen, die eine in Schlesien gebildet unter Blücher, die an- , dere unter Aorck, welche in Berlin zu dem russ. Heere unter Wittgenstein stieß, rückten zu- > gleich mit den Russen nach Sachsen. Der König kam am 24. wieder nach Berlin, wo er ! für die Verwaltung des Staats Militair - und Civilgouverneure ernannte, das Continental- ! system aufhob und eine nur für diesen Krieg bestehende Auszeichnung des Verdienstes um , das Vaterland stiftete: das Eiserne Kreuz von zwei Claffen und einem Großkreuz. Außer , den regelmäßigen Heeren ward auf das schleunigste eine allgemeine Landwehr und ein , Landsturm errichtet, deren Zweckmäßigkeit sich später, als der Feind schon in Schlesien und , " gegen Brandenburg vordrang, in wohlthätiger Weise zeigte. Die persönliche Gegenwart deS Königs, der alle Gefahren und Beschwerden mit seinen Truppen theilte, befeuerte diese auf- I höchste; ihrem Hcldcnmuthe mußte selbst der Feind Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir , > erinnern hier nur an die Thaten der preuß. Armee bei Lützen, Bautzen, Haynau, Kulm, . ! Troßbceren, Dennewitz, an der Katzbach, bei Wartenburg und, nach der Schlacht bei Mö- . Eern am 16. Oct. 1813, an die Eroberung Leipzigs', den Übergang über den Rhein am 1 630 Friedrich Wilhelm lll. (König von Preußen) Zan. 1814, die Siege bei Laon amO.und Montmartre am 30. Marz. „Die schles. Armee", sagt Blücher am Schluffe seines Berichts aus Paris vom 4. Apr. 1814, „hat nach einer Campagne von 7Monat, in welcher sie sechs große Schlachten lieferte, acht Actionen und unzählige Gefechte hatte, über 48000 Gefangene gemacht und 432 Kanonen erobert." Der König gab während des Feldzugs von 1813 und )814 nicht nur öfter Beispiele persönlicher Tapferkeit, wie bei Kulm am 30. Aug. 1813, bei Fere-Champenoise am 25. März I8U, sondern trug auch durch seine Einsicht und Festigkeit in den Tagen der Gefahr, nach den unglücklichen Gefechten bei Montmirail, am 14. Febr., und bei Montereau, am 18. Febr., viel zur Entscheidung des Kampfs bei. Schon war nach jenen Gefechten eine rückgängige Bewegung nach Chaumont, die bis über den Rhein zurückgeführt und Napoleon s Herrschaft aufs neue befestigt haben würde, beschlossen. Aber der König bewirkte durch seine Festigkeit und sein Vertrauen in die gute Sache, daß der Rückzug nicht weiter fortgesetzt wurde, sondern daß die Heere gegen Paris vorrückten, welches sich auch bald nachher, am 30. März den Verbündeten ergab. Hardenberg und Blücher wurden in den Fürstcnstand erhoben; Ehrenzeichen und Beförderungen lohnten die bewiesene Tapferkeit im Kriege. Später wurde auch das Andenken der im Kampfe für Freiheit und Vaterland gefallenen Tapfer» durch öffentliche Denkmäler und auf andere Art geehrt. Nachdem der König bis zum Abschluffe des Friedens in Paris verweilt hatte, reiste er, im Juni 1814, mit dem Kaiser Alexander nach London, hielt bei seiner Rückkunft am 7. Aug. einen feierlichen Einzug in seine Hauptstadt und begab sich dann nach Wien, wo er bis zur Beendigung des Congreffes blieb. Durch die allgemeinen Congreßverhandlungen und durch einige besondere Verträge ersetzte er seiner Monarchie größtentheils den Verlust, den sie im Frieden zu Tilsit erlitten hatte. Als im März 1815 Napoleon von Elba her Frankreich wieder in Besitz nahm, verband sich der König am 25. März zu Wien mit Ostreich, Rußland und England gegen ihn und dessen Anhänger. Schon am 18. Juni erfochten die preuß. Heere mit ihren Verbündeten den Alles " entscheidenden Sieg über Napoleon bei Belle-Alliance. (S. Waterloo.) Der König kam aus diesem Feldzuge erst am 19. Oct. wieder in seine Residenz zurück, wo er am 22. Oct. das 400jährige Regierungsjubiläum seines Stammhauses Hohenzollern feierte. Seit dieser Zeit war es des Königs Bestreben, das Wohl seiner Unterthanen zu erhöhen, für Kirche und Schule zu sorgen, Kunst und Wissenschaft zu heben und Handel und Gewerbe zu beleben. Daß ihm dies mit so glücklichem Erfolg gelang, verdankte der König besonders der ! Unterstützung der ausgezeichneten Beamten und Minister, die er stets mit richtigem Blicke ; zu wählen verstand, und von denen wir nur an Wilh. und Alex, von Humboldt, Altenstein, Beyme, Doyen, Hardenberg, Stein, Scharnhorst, Blücher, Gneisenau u. s. w. erinnern wollen. Zwar trat die am 22. Mai 1815 der Nation versprochene neue Verfassungsurkunde mit zeitgemäßer Volksrepräsentation, vielleicht in Folge der hier und da in Deutschland ans Licht tretenden demagogischen Umtriebe, in der angekündigten Weise nicht ins Leben, doch wurde durch die am 5. Juni I823crgangene definitive Verordnung in den Provinziallandständen vorläufig ein Organ zur Kenntniß der Bedürfnisse und Wünsche der Provinzen Seitens der Regierung geschaffen, das einer weiten Ausbildung fähig, dieselbe in günstigen Zeiten gewiß auch erhalten wird. Nächstdem verlieh der König durch Gründung des deutschen Zollver- , eins (s. d.) dem Handel eine günstige Richtung und einen neuen Aufschwung, wußte durch ! den Einfluß seiner gemäßigten Politik bei mehren Gelegenheiten den Frieden in Europa zu vermitteln und zu erhalten und suchte durch die nach dem Reformationsfest 1817 von ihm ausgesprochene Union eine vollständige Annäherung und Ausgleichung der beiden protestantischen Kirchenparteien zu bewirken, wobei er freilich im Fortgange dieses Bestrebens mit Einführung der neuen Agende (am 2. Juni 1826) an vielen Orten lebhaften Widerspruch fand. Aufrichtig fromm und kirchlich gesinnt, war er ein Freund einer klaren, erleuchteten Religiosität, förderte wo er konnte den kirchlichen Sinn, trug freigebig, so sparsam er sonst war, zum Bau von Kirchen, Ausstattung von Schulen und wissenschaftlichen Anstalten bei ! und unterstützte überhaupt großsinnig alle wissenschaftliche und künstlerische, sowie alle gemeinnützige Bestrebungen. Mit besonderer Vorliebe widmete er sich dem Militair und ! allen Militairangelegenheiten, und hier war er Selbstregent im eigentlichsten Sinne des ! Worts; freilich aber nahm der Aufwand für dasselbe 22 Milk- der Einnahme hinweg. 3» ! 631 ! Friedrich Wilhelm IV. (König von Preußen) derPslitik schloß er sich immer enger an das Petersburger Cabinet an. Bei den revolutionai- ren Kämpfen in verschiedenen Ländern Europas sprach er sich stets nachdrücklich für die souveraine Legitimität aus, stellte nach der Zulirevolution eine beobachtende Armee an die Maas und beförderte bei dem Aufstande der Polen auffallend durch seine bewaffnete Neutralität die Siege der Russen und drückte mit beharrlicher Strenge jedes Hervortreten revojutionairer Gesinnungen nieder. Den Kampf, in den ihn die katholischen Wirren mit der hohen Geistlichkeit seines Landes vcrsehten und der die letzten Tage seines Lebens verbitterte, konnte er nicht selbst zu Ende führen. (S.Preußen.) Er starb am 7. Juni l 84V. Am 9. Nov. >824 hatte er eine morganatische Ehe mit der Gräfin Auguste von Harrach (s. d.) geschlossen. Die noch lebenden Kinder aus seiner ersten Ehe sind: l) sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm I V. (s.d.); Wilhelm (s.d.), Prinz von Preußen, geb. am22.Mär; 1797, vermählt I829mit der Prinzessin Auguste von Sachsen-Weimar; die Prinzessin Charlotte, jetzt Alexandra, die Gemahlin des Kaisers Nikolaus von Rußland; der Prinz Karl, geb. am 29. Juni 180 l, vermählt 1827 mit derPrinzessin Maria von Sachsen-Weimar; die Prinzessin Alexandrine, geb. am23.Febr. 1803, Witwe des >842 verstorbenen Großherzogs, Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin; die Prinzessin Luise, geb. am I.Febr. 1808, vermählt mit dem Prinzen Friedrich der Niederlande; der Prinz Albrecht, geb.am4.Oct. 1809, vermählt 1830 mit der nieder- länd. Prinzessin Mariane. Vgl. Eylert, „Charakterzüge und historische Fragmente aus dem Leben des Königs von Preußen F. W." (B- > und 2, Abth. I, Berl. 1842—44). Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen seit 1840, geb. am 15. Oct. 1795, der Sohn König Friedrich Wilhelm'slll. (s.d.) und der Königin Luisess. d.), zeigte schon in frühester Jugend einen lebhaften, für das Edle und Schöne empfänglichen Sinn. Während unter der sorgfältigen Pflege einer liebenden Mutter diese Keime gepflegt und entwickelt wurden, wies der Vater dem einstigen Erben des Throns frühzeitig diejenige Lauf- l Lahn an, welche für den Herrscher eines Staats, der vornehmlich auf den Waffen und der Intelligenz beruht, die angemessenste sein dürfte. Unter der Leitung von I. F. G. Delbrück und Ancillon in Schulwissenschaften und Philosophie, unter der von Scharnhorst und Knesebeck in Militairwissenschasten unterrichtet, ging der Kronprinz später zu einem akademischen Kursus der Rechts- und Staatswissenschaftcn unter Savigny, Ritter und Lancizolle über, während zugleich das Talent für die zeichnenden Künste durch Schinkel und Rauch gepflegt wurde. Während seine Jugend durch die unglückliche Katastrophe nach der Schlacht bei Jena getrübt wurde, fielen seine Jstnglingsjahre in die schöne Zeit der Begeisterung des Befreiungskriegs. Er wohnte den meisten Hauptschlachten der Feldzüge von ^ 1813 und >814 bei, doch war er noch zu jung, um schon selbst ein Kommando führen zu können. Die Kunstschätze in Paris gaben seinem empfänglichen Gcmüthe eine bestimmtere ! Richtung auf die Kunst; noch mehr wurde diese durch eine Reise nach Italien im I. 1828 ^ gefördert, wo er die Protection des damals durch E. Gerhard in Anregung gebrachten Jnsti- ! tuts für archäologische Corresponden; übernahm. Seinem Kunstsinne hatte auch der ehe- ! malige Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens zu Marienburg seine Wiederherstellung zu danken. Der Umgang mit ausgezeichneten Künstlern und geistvollen Männern war ihm stets ein Bedürfniß und Erholung. Die Aussprüche seiner lebhaften Anschauungsweise über manche Sachverhältnisse und Persönlichkeiten wurden fortwährend vom Publicum mit Interesse aufgegriffen, wiewol nicht Alles von ihm herrührt, was man gern dafür ausgibt. Als Mitglied des Staatsraths entwickelte er große Thätigkeit und sehr selbständige Ansichten; als Militairgouverneur in Pommern kam ihm die ungekünstelte Liebe seiner Untergebenen entgegen. Nachdem er am 7. Juni 1840 seinem Vater auf dem Throne gefolgt, ging er einen ziemlich eigenthümlichen Weg. Er erließ eine theilwcise Amnestie für alle politischer Vergehen wegen Verurtheilte, setzte Arndt in Bonn in seine Professur wieder ein, berief Boyen und I. A. F. Eichhorn zu Ministern, stellte die Gebrüder Grimm an, zog die be- I rühmtesten Notabilitäten in Literatur und Kunst, A. W. von Schlegel, Tieck, Rückert, Cor- ! nelius, Mcndelssohn-Bartholdy u. A. in seine Nähe und stiftete eine Friedensclasse des Ordens pl>ur >e merite, in welche die berühmtesten Gelehrten und Künstler Deutschlands und des Auslandes ausgenommen wurden; er ließ durch Maßmann die Turnanstalten von neuem ins Leben rufen und traf bei drohenden Gefahren von Seiten des Auslandes die 632 Friedrich der Gebissene kräftigsten Maßregeln zur Sicherstellung des Vaterlandes, wobei er stets ganz Deutsch, land im Auge behielt; er erweiterte die provinzialstrndische Verfassung durch die Errichtung von Ausschüssen, gewährte der Presse eine freiere Bewegung und befreite die rhein. Gerichts- Verfassung von manchen Einschränkungen. Konnten alle diese und viele andere wohlthätige Handlungen des Königs nur mit der ungetheiltesten und allgemeinsten Freude in ganz Deutschland ausgenommen werden, so sind freilich andere von verschiedenen Gesichtspunk, ten aus abweichend beurtheilt worden. So namentlich die Einführung einer strengem Sonn- tagsfeier, der freiere Spielraum, welcher den Altlutheranern und andern Separatisten zu Theil wurde, die Schlichtung der Differenzen mit dem Papste wegen des Erzbischofs von Köln, die Amtsentsetzung Bruno Bauer's und die Suspcndirung Braun's und Achterftld's von ihren Lehrämtern, das Hinausrückcn der Hoffnung auf eine reichsständische Verfassung, die Begünstigung des Adels und die Einführung von Majoraten. Man siebt, es ist seit 1849 ein neues Element in die Zeit gekommen, dem zunächst ein Zustand des Schwankens und der Gährung folgte, der sich erst ausgleichen und läutern muß, dessen Fortgang man aber mit Vertrauen entgegensetzen kann, da der König bei seiner Vorliebe für die ehrwürdigen For- men der german. Vorzeit, jeder geistigen Ansicht das Recht gönnt, innerhalb gewisser Schranken sich selbst aus sich heraus zu entwickeln. (S. Preuß en.) Seine Verbindungen milden europ. Großmächten befestigte der König durch wiederholtes Zusammentreffen mit dem Kai- ser Nikolaus von Rußland und durch die Reise nach England im Jan. 1842, wo er den Prinzen von Wales aus der Taufe hob. Vermählt ist er seit dem 29. Nov. 1823 mit der Prinzessin Elisabeth von Baiern, geb. am 13. Nov. 18VI, der Zwillingsschwester der Gemahlin des Prinzen Johann von Sachsen; doch ist seine Ehe bis jetzt kinderlos geblieben. Sein präsumtiver Thronfolger ist der Prinz von Preußen, Wilhelm, geb. am 22. März 1797. Friedrich der Gebissene, oder mit der gebissenen Wange, auch der Freudige genannt, Markgraf zu Meißen und Landgraf in Thüringen, 1291—1321, geb. um 1256, der Bruder Diezmann's (s. d.), war der Sohn Alb recht des Unartigen (s. d.), Landgrafen in Thüringen, und Margaretha's, der Tochter Kaiser Fried- rich's II- Als seine Mutter floh, soll sie beim Abschiede, im heftigsten Ausbruch des Schmerzes , ihn in den Backen gebissen haben. Nebst seinem Bruder wurde er von Dietrich dem Weisen, Markgrafen von Meißen und der Lausitz, dem Bruder seines Vaters, erzogen Im Kriege mit seinem Vater, der ihn von der Erbfolge in Thüringen ausschließen wollte, wurde er gefangen genommen und mußte ein Jahr aus der Wartburg zubringcn, bis ihn einige ihm treu ergebene Ritter mit Gewalt befreiten. Hierdurch ward er verhindert, der Einladung der Italiener zu folgen und seine Ansprüche als Sprößling der Hohenstaufen auf Neapel und Sicilien gegen Karl von Anjou geltend zu machen. Als er und sein Bruder, nach dem Absterben Dietrich des Weisen, im 1.1282, und seines Sohns, Friedrich des Stammlers, im I. 1291, dessen Länder erhielten, kam es von neuem zwischen dem Vater und den Söhnen zum Kriege, die den erstern gefangen nahmen und nur auf Kaiser Rudolfs Vermittelung freigaben. Als hierauf der Vater aus Rache ganz Thüringen an Adolf von Nassau verkaufte, sahen sic sich zum Kampfe gegen diesen genöthigt, und als derselbe > 298 gefallen, gegen den Nachfolger Albrecht I., über dessen Heer sie am 31. Mai 1397 bei Lucka einen vollständigen Sieg davontrugen. Nach Albrecht's Ermordung im I. 1398 unterwarfen sich F. die von jenem besetzten Orte, namentlich Eisenach, von neuem, und da nach seines Bruders Ermordung gegen Ende des 1.1397 ihm dessen Landesantheil zugefallen war, so war er nun Markgraf von Meißen und der Lausitz und Landgraf in Thüringen. Auch vereinigte er die Reichsstädte Altenburg, Chemnitz und Zwickau mit seinem Lande, in welchem er 1399 einen allgemeinen Frieden anbefehlen ließ, zu dessen Haltung Adel und Bürger sich eidlich verbindlich machten. Im Kriege mit dem Markgrafen Otto von Brandenburg wurde er bei Großenhain gefangen genommen. Seine Freiheit mußte er mit 32999 Mart Silber und durch die Abtretung der Niederlausitz erkaufen. Hierauf suchte er in seinen Erblanden die Ordnung wiederherzustellen, fiel aber 1322 in eine Gemüthskrankheir und starb zu Eisenach am 17. Nov. 1324. Ihm folgte sein Sohn Friedrich der Ernst- hafte, geb. 1399, gest. 1349; diesem seine Söhne Friedrich der Strenge, geb. Friedrich I. (der Streitbare) Friedrich H. (der Sanftmüthige) 633 1331, gest. 138»; Balthasar, geb. 1336, gest. 1-106, und Wilhelm, geb. 1343, gest. 1407, und hieraufFriedrich I. (s. d.) oder der Streitbare. Friedrich I. oder der Sttreitbare, der erste Herzog zu Sachsen wettinischen Stamms und Kurfürst, 1423 — 28, geb. zu Altenburg am 29. März 1369, war der älteste der drei Söhne des Land - und Markgrafen Friedrich's II. oder des Strengen, und Katharina's, Gräfin zu Henneberg, die ihrem Gemahl die Pflege Koburg nebst Zubehör als Heirathsgut mitbrachte. Sein Vater hatte, als der älteste unter seinen Brüdern, 1349 die Gesammtrcgierung in seinem und ihren Namen übernommen, und sie hatten sich wic- I derholt das Bruderwort gegeben, „nie sich zu sondern, noch zu theilen; ihr Ding sollte Ein Ding sein und ihre Lande Einem wie dem Andern zu Gebote stehen und unterthänig sein." Daher bestand, als 1379 dennoch eine Sonderung wünschenswerth schien, dieselbe in einer bloßen sogenannten Örterung, der zufolge Friedrich der Strenge das Osterland, Balthasar Thüringen und Wilhelm Meißen zur Benutzung erhielt. Kaum aber war der Erste 1381 mit Hinterlassung dreier unmündiger Söhne, Friedrich,Wilhelm und Georg, gestorben, als seine Brüder am 13. Nov. >382 zu Chemnitz, auf Grundlage des bisherigen Nutzungs- besitzes, eine förmliche Landestheilung bewerkstelligten, wonach zu der osterländischen Portion auch die Mark Landsberg, das Pleißnerland, einige Stücke des Voigtlandes, mehre thüring. Städte und außerdem das mütterliche Erbe Koburg gehörten. Schon in seinem vierten Jahre wurde F. mit Anna, der Tochter Kaiser Karl's IV., verlobt, was ihn in der Folge, da König Wenzel über die Braut anderweitig verfügte, in vielfältige Zwistigkeiten mit diesem verwickelte, bis derselbe 1397 sich dazu verstand, dem Getäuschten eine Abfindungssumme zu zahlen. Bereits I388hatteF. als Bundesgenosse des Burggrafen von Nürnberg Gelegenheit, in dem deutschen Städtekriege seine Streitbarkeit zu bewähren; den Rittersporn aber verdiente er in dem Zuge, welchen er 1391 im Verein mit dem Deutschen Orden ^ gegen die Litthauer unternahm. Nicht minder thatkräftig zeigte er sich nach außen in dem Kampfe gegen den abgesetzten und ihm persönlich verhaßten König Wenzel; bald aber nah- 1 men innere Angelegenheiten ihn eine Reihe von Jahren hindurch in Anspruch, zunächst seine Vermählung mit Katharina von Braunschweig, welche er 1402 auf das von ihm in Gemeinschaft mit seinem Bruder Wilhelm bewohnte Residcnzschloß Altenburg führte; dann ! die Dohnaische Fehde (1402); ferner die durch den ehrgeizigen Grafen von Schwarzburg, ! des Landgrafen von Thüringen Schwiegervater, erregten Händel (1412); besonders aber die ^ über den Nachlaß seines 1407 kinderlos verstorbenen Oheims Wilhelm entstandenen Streitigkeiten. Diese wurden 1410 dahin ausgeglichen, daß die Brüder den nördlichen, ihr Vetter - Friedrich der Friedfertige von Thüringen dagegen den südlichen Theil Meißens sammt den doigtländ. Distrikten erhielt; die Burggrafen von Nürnberg aber, welche als Schwestcr- sohne des Verstorbenen ebenfalls Ansprüche erhoben, ließen sich 1415 mit einer Geldsumme obfinden. Einer der Glanzpunkte in F.'s Negierung ist die unter ihm 1409 erfolgte Stiftung der Universität zu Leipzig (s. d.). Die unermüdliche Thätigkeit, welche er seit 1420 gegen die auch sein Land unmittelbar bedrohenden Hussitenunruhen entwickelte, machte ihn vor allen Streitgenossen dem bedrängten Kaiser Sigismund Werth, der ihn 1423 mit der erledigten Kur und dem Herzogthum Sachsen begabte. F. sollte aber diese wichtige Erwerbung nicht in Ruhe genießen, indem der Kaiser von jetzt an die ganze Last des Hussitenkriegs auf ihn wälzte. Verlassen von der versprochenen Hülfe der übrigen Rcichsfürsten, verlor F. > 425 den größten Theil seines Heers bei Brüx, und als auf den begeisternden Ruf der Kur- fürstin Katharina neue 20000 M. zur Hülfe heranrückten, fand bei Außig im I. 1426 die Blüte der sächs. Wehrmannschaft den Untergang. Auch im folgenden Jahre vermochten die Meißner nicht, vor der fanatischen Hussitenwuth Stand zu halten, und wahrscheinlich war der Gram über diese Niederlagen die nächste Ursache zu dem Tode des Kurfürsten. Er starb am 4. Jan. 1428 und wurde in der von ihm gestifteten Fürstenkapclle im Dom zu Meißen l beigesetzt. Sein Nachfolger war Friedrich I I. (s. d.) oder der Sanftmüthige. Vgl. Horn, „Leben F. des Streitbaren" (Lpz. 1733). Friedrich II. oder der Sanftmüthige, Kurfürst und Herzog zu Sachsen, 1428—64, der nächste Stammvater der crnestinjschen und albcrtinischen Linie, geb. >412, übernahm nach siines Vaters, Friedrich des Streitbaren, Tode im 1.1428, vbschon noch 634 Friedrich HI. (der Weise) Friedrich August!. (König v. Sachsen) sehr jung, das ihm als Erstgeborenen allein zustehende Herzogthum Sachsen, sowie die Verwaltung des übrigen Landes im Namen seiner erbberechtigten Brüder Sigismund, Heinrich und Wilhelm. Die Aufgabe des angehenden Regenten war höchst schwierig; er trug eine seinem Stamme noch nicht angepaßte Krone und hatte ein Land zu schützen, welches den verheerenden Einfällen der Hussiten preisgegeben war. Kaum hatte dieses Ungewitter sich verzogen, so entspannen sich weitaussehende Mishelligkeiten unter den Heranwachsenden, an Charakter sehr verschiedenen Brüdern. Sigismund nämlich, welchem in der nach Heinrich's Tode im I. 1435 vorgenommcnen Orterung die Nutzung des Pleißnerlandes überlassen war, ließ sich zu einer verrätherischen Verbindung mit dem rebellischen Burggrafen von Meißen und Herrn von Plauen verleiten, sodaß er 1437 in Gewahrsam gebracht werden mußte. Zwar wurde derselbe, da er sich in den geistlichen Stand begeben hatte, 1440 zum Bisthum Würzburg befördert; doch schon nach drei Jahren mußte er, wegen anstößigen Kebenswandels, diese Stellung wieder aufgeben und begann nun neue gefährliche Meutereien gegen seine Brüder, welche dadurch genöthigt wurden, ihn bis zu seinem Ende im I. 1463 gefänglich festzuhalten. Nachdem so die Ursache des Zwistes beseitigt war, gab die von dem kinderlosen Friedrich dem Friedfertigen angefallene Erbschaft, wodurch 1440 zum letzten Male sämmtliche wettinische Lande unter Eine Herrschaft kamen, Veranlassung, daß eine langverhaltene verderbliche Zwietracht zwischen den beiden noch übrigen Brüdern losbrach. Wilhelm glaubte sich nämlich bei der 1445 zu Stande gekommenen Erbtheilung, wonach ihm Thüringen und ein Theil des Osterlandes zugefallen waren, übcrvortheilt, und seine Räthe, namentlichApel, Buffo und Beruh. Vitzthum, bestärkten ihn in dem Verdachte und schürten seinen Haß an. Bald entbrannte der Bruderkrieg, und jeder Versöhnungsversuch F.'s war fruchtlos, bis endlich >451 auf kaiserliche Mahnung ein Friede zu Stande kam, in Folge dessen Wilhelmseine unwürdigen Räthe entfernte. Eine mittelbare Folge jenes fürstlichen Zwistes war der von Kunz von Kaufungen 1455 verübte Prinzenraub (s. d.). Außerdem blieb F.'s häusliches Glück, welches er mit Margarethe, der Schwester Kaiser Friedrich's III., im Kreise seiner acht Kinder genoß, ungetrübt und bildete einen erfreulichen Contrast gegen die unanständige Hofhaltung seines kinderlosen Bruders mit Katharina von Brandenstein. Er starb am 7. Sept. 1464 mit Hinterlassung zweier Söhne, Ernst (s. d.) und Albrecht (s. d.). Friedrich III. oder der Weise, Kurfürst und Herzog zu Sachsen, 1486—1525, geb. zu Torgau am >7. Jan. 1463, folgte I486 seinem Vater, dem Kurfürsten Ernst (s. d.), in der Kur und dem Hcrzogthum Sachsen allein, während er die übrigen Besitzungen der ernestinischen Linie gemeinschaftlich mit seinem Bruder Johann dem Beständigen regierte. Ein Freund der Wissenschaften, gründete er 1502 die Universität zu Wittenberg, an die er die hellsten Köpfe als Lehrer berief. Obschon er sich nie öffentlich zu Lu- ther's Lehre bekannte, so erwarb er sich doch um die Reformation (s. d.), die er in gewandter und kluger Weise unterstützte, ein unvergängliches Verdienst. Er nahm sich Luther's gegen den Papst an, wirkte ihm 1522 freies Geleit nach Worms aus und ließ ihn dann aus' die Wartburg in Sicherheit bringen. Dreimal führte er das Reichsvicariat; nach Maxi- milian's l. Tode lehnte er die ihm angetragene Kaiserkrone ab. Nachdem ihm noch ganz zuletzt der Bauernkrieg (s. d.) viel Sorge gemacht, starb er am 5. Mai 1525. Ihm folgte sein Bruder Johann der Beständige (s. d.). Friedrich August l. oder der Gerechte, König von Sachsen 1806—27, der älteste Sohn des Kurfürsten Friedrich Christian, geb. zu Dresden am 23. Dec. 1750, folgte seinem Vater am 17. Dec. 1763, unter Vormundschaft seines Oheims, des Prinzen Latz e r (s. d.), als Administrators. Sein Lehrer in den Staatswiffenschaften war der nachmalige Minister Freiherr von Gutschmidt. Nachdem er am >5. Sept. 1768 die Regierung selbst übernommen, vermählte er sich 1769 mit der Prinzessin Maria Amalie von Zweibrücken,geb. 175l,gest.am I5.Nov. 1828, die ihm am 21. Juni 1782 die Prinzessin Auguste gebar. Wegen der Ansprüche seiner Mutter auf die Verlassenschaft ihres Bruders, des Kurfürsten von Baiern, führte er 1778 gemeinschaftlich mit Friedrich dem Großen den bair. Erbfolgekrieg (s. d.) gegen Ostreich. Aus Rücksichten auf das Wohl seines Landes und dessen geographische Lage trat er dem deutschen Fürstenbunde (s. d.) bei. Die« 635 Friedrich August II. (Äönig von Sachsen) selben Rücksichten bewogen ihn auch, die poln. Königskrone auszuschlagen, als sie chm 1791 angeboten wurde. Auch der zu Pillnitz 1792 abgeschlossenen Coalition gegen Frankreich trat ernicht bei; erst nach erklärtem Reichskriege, 2793, stellte er sein Contingent als Reichsstand zum Kriege gegen Frankreich, bis er 1796 dem Waffenstillstands- und Neutralitätsvertrage des obersächs. Kreises mit den Franzosen beitrat. Bei dem rastädter Congreffe suchte er die Selbständigkeit des Deutschen Reichs zu behaupten, und bei dem Entschädigungsgeschäst zu Regensburg, wozu er nebst sieben andern Reichsständen erwählt war, zeigte er strenge Gerechtigkeit. An dem Kriege zwischen Frankreich und Ostreich im I. > 805 nahm er keinen Theil; doch verstattete er den preuß. Armeen den Durchzug durch sein Land. Nach der Auflösung des Deutschen Reichs schloß er sich Preußen gegen Frankreich an, bis er sich nach der Schlacht bei Jena gcnöthigt sah, mit Napoleon in Unterhandlungen zu treten. Nach dem Frieden zu Posen am 11. Dec. 1806 nahm er den Königstitel an und trat nun als souverainer Fürst dem Rheinbunde (s. d.) bei. In der Niederlausitz wurde ihm der kottbusser Kreis zugesi- chert; dagegen mußte er an das neuerrichtete Königreich Westfalen das Amt Gommern, die Grafschaft Barby, Treffurt und den sächs. Theil der Grafschaft Mansfeld abtreten. Durch dm Frieden von Tilsit, 1807, erhielt er das Herzogthum Warschau. Als König von Sachsen, wie als Herzog von Warschau hatte er die Verbindlichkeit, an den Kriegen Napoleon's Theil zu nehmen; doch sandte er keine Truppen nach Spanien. In dem Kriege gegen Ostreich im I. 1809 stellte er blos sein Contingent. Als im I. >813 Sachsen der unmittelbare Schauplatz des Kriegs wurde, begab er sich erst nach Plauen, dann nach Regensburg und endlich nach Prag. Nach der Schlacht bei Lützen mußte er auf Napoleon's drohendes Begehren nach Dresden zurückkehren. Später folgte er Napoleon nach Leipzig. Nach der Einnahme Leipzigs ließ ihm der Kaiser Alexander erklären, daßer ihn als seinen Gefangenen betrachte. Seine Erklärung an die Kaiser von Rußland und Ostreich, der gemeinschaftlichen Sache beizutreten , wurde nicht angenommen. Er mußte sich nach Berlin, dann nach dem Lustschlosse Friedrichsfelde begeben, bis er die Erlaubniß erhielt, in Presburg seinen Aufenthalt zu nehmen. Nachdem er hier in die vom wiener Kongreß beschlossene Abtretung der Hälfte Sachsens an Preußen cingewilligt hatte, kehrte er unter allgemeinem Jubel am 7. Juni 1815 in seine Hauptstadt zurück, wo er an selbigem Tage für Verdienst und Treue den Civilverdienstorden stiftete und nun aus allen Kräften strebte, die Wunden zu heilen, die der Krieg seinem Lande geschlagen. (S- Sachsen.) Im Scpt. 1818 feierte er sein fünfzigjähriges Regicrungs- und im Jan. 1819 sein Ehejubiläum. Er starb zu Dresden am S. Mai 1827, und ihm folgte in der Regierung sein Bruder Anton (s. d.). Vgl. Weiße, „Geschichte F. A.'s" (Lpz. 1811), Herrmann, „Leben F. A.'s" (Dresd. 1827), „Mitthei- lungcn aus dem Leben F. A. des Gerechten" (Lpz. 1829) und Pölitz, „Die Regierung F. A.'s von Sachsen" (2 Bde., Lpz. 1830). Friedrich Auqust H., König von Sachsen seit 1836, geb. am 18. Mai 1797, ist der älteste Sohn des Prinzen Maximilian von Sachsen, geb. am >3. Apr. 1759, gest. am 3. Jan. 1838, eines Bruders der Könige Friedrich August (s. d.) und Anton (s. d.). Seine Mutter, Karoline Marie Therese von Parma, verlor er schon am 8. März 1802, nachdem er kurz vorher der Obhut des Generals von Forell, eines Schweizers, der die damalige Schweizergarde befehligte, anvertraut worden war. Gemeinschaftlich mit seinen Brü- dein, den Prinzen Clemens, gest. zu Pisa am 2. Jan. >822, und Johann (s.d.), genoß er einen vielseitigen Unterricht. Die Zeitereignisse umgaben seine ersten Jünglingsjahre mit manchen unruhigen Wechseln und führten ihn frühzeitig durch die Schule der Erfahrung. Er ging 1809, während des Kriegs mit Ostreich, nach Leipzig und Frankfurt am Main, 1813 nach Regensburg und Prag. Nach kurzem Aufenthalte in Presburg, eilte er1815, von dem General von Watzdorff begleitet, nebst seinem Bruder Clemens in das östr. Hauptquartier nach Dijon, wo der Erzherzog Ferdinand von Este sich der beiden Prinzen liebevoll annahm. Nachdem sie Paris und die süddeutschen Residenzen besucht, kehrten sie im Oct. 1815 nach Dresden zurück, wo sie nun im Vereine mit ihrem Bruder Johann mit Ernst und Eifer der Vollendung ihrer Studien sich widmeten, welche der General von Watzdorff leitete, während für den Unterricht im praktischen Militairdienste der damalige Major von Cerrini beigeordnet war, und der Hofrath Stnbel den Prinzen juristische und staat-wissenschaftliche Vorlesun- 63o Friedrich I. (König von Würtemberg) gen hielt. Zm hohen Gefühle der Wichtigkeit seines künftigen Rcgentcnberufs erwarb sich der junge Fürstensohn gründliche juristische, staatswissenschaftliche und militairische Kennt- nisse; Erholung suchte er in den Naturwissenschaften und in der Kunst, wie in kleinen Rei- scn, wo die anspruchslose Liebenswürdigkeit des Prinzen und seiner Brüder ihnen die Herzen des Volks gewann. Der König Friedrich August weihte ihn frühzeitig in die Geschäfte ein. Erwürbe 1818 Generalmajor, im Nov. 1822 wirklicher dienstthuendcr Chef einer Jnfanteriebrigade, nach des Generals Lecocq Tode am 23. Juli 1830 General und Chef der Armee; auch wohnte er seit 1810 den Sitzungen des Gehcimenraths bei und zwar r seit 1822 mit Stimmrecht. Im Sommer 1824 besuchte er die Niederlande, 1825 Paris, wo er besonders in dem Familienkreise des Hauses von Orleans die freundlichste Aufnahme fand, und 1828 Italien. Wurde auf diesen Reisen sein Geschmack für die Werke der classi- scheu Kunst erhöht, so ließ er sich doch dadurch nicht abhalten, die vaterländische Kunst anzuerkennen und ihre Jünger zu unterstützen. Unter seinen mit Sorgfalt gepflegten und mit Umsicht bereicherten Sammlungen zeichnet sich besonders die Kupferstichsammlung aus. Von seinem Oheim Friedrich August erbte er die Liebe zur Botanik, von der er in der von Heidin herausgegebenen „k-'Ior-i lVIrrrienbergensis, oder Pflanzen und Gebirgsarten gesammelt und beschrieben von dem Prinzen Friedrich, Mitregenten von Sachsen, und von I. W. von ! Goethe" (Prag 1837) einen öffentlichen Beweis gab. Auf ihn waren bei den Ereignissen des 1.1830 die Blicke des unruhig bewegten Volks vertrauensvoll gerichtet; von ihm erwartete man mit dem Willen die Kraft, einen neuen Geist in das sächs. Staatsleben einzuführen. Gleich nach dem Ausbruche der Unruhen in Dresden wurde er an die Spitze der zur Aufrechthaltung der Ruhe verordneten Commission gestellt. Am besten aber wurde diese Ruhe verbürgt, als ihm am 30. Sept. 1830, nachdem sein Vater, der Prinz Maximilian, dem Thronfolgerechte entsagt hatte, der König Anton die Mitregentschaft übertrug. Die Folge davon war das neue Staatsgrundgesetz mit allenUmgestaltungen, die es mit sich führte, das mit Liebe gegeben, mit Treue gehalten worden ist. Nachdem er seinem Oheim am 6. Juni 1836 auf dem Throne gefolgt, widmete er sich mit der gewissenhaftesten und unermüdlichsten Thätigkeit seinen Regentenpflichten. (S. Sachsen.) Es regiert, doch vermeidet er es mit sicherm Takte, selbst zu verwalten; dabei ist er von jeder Ostentation entfernt. Die edelsten Regententugenden, Mäßigung und Milde, sind Grundzüge seines We< ! senS. Im Sommer 1838 machte er eine sehr interessante Reise nach Istrien und Dalmatien, i zunächst in botanischer Hinsicht, und besuchte dort auch auf einem ziemlich gewagten Aus- ^ fluge den Wladika der Montenegriner. Auf einer Reise nach England im I. 1844, wurde er hier, wie namentlich auch in Belgien, auf das freundlichste empfangen und durch Ehrenbezeigungen aller Art ausgezeichnet. Vermählt war er in erster Ehe seit 1819 mit der Erzherzogin Karoline von Ostreich, die nach fortwährender Kränklichkeit am 22. Mai 1832 kinderlos starb; eine zweite, jedoch, wie die erste, bis jetzt kinderlose Ehe verband ihn am 24. Apr- 1833 mit der Prinzessin Maria von Baiern, geb. am 27. Jan. 1805. Friedrich I. (Wilh. Karl), König von Würtemberg, 1806—16, geb. zu Treptow in Hinterpommern am 6. Nov. 1754, der Sohn des Herzogs Friedrich Eugen von Würtemberg, erhielt seine erste Erziehung durch seine hochgebildete Mutter, Sophia Dorothea, eine Tochter des Markgrafen von Brandenburg-Schwedt. Erst nach Beendigung des Siebenjährigen Kriegs konnte der Vater sich der Erziehung seines Sohns, der außerordentliche Fa- > higkeitcn besaß, mehr annehmen. Seine Bildung als Mensch war großentheils franz. Art und wurde es noch mehr während eines vierjährigen Aufenthalts in Lausanne. Sehr bald wurde Friedrich der Große sein Vorbild. Gleich seinen sieben Brüdern trat er in preuß. Dienste und stieg im bair. Erbfolgekriege bis zum Generalmajor. Nach seiner Rückkehr aus Italien, wohin er seine Schwester und deren Gemahl, den Großfürsten Paul von Rußland, begleitet hatte, wurde er Generallieutenant und Generalgouvcrneur im russ. Finnland. Aber , auch dieses Verhältniß löste er 1787 auf und lebte nun zu Mvnrepos unweit Lausanne, dann zu j Bodcnheim bei Mainz. JmJ. 1780hatteersichmitderPrinzesfinAugusteKarolincFriedcrike Luise von Braunschweig-Wolfrnbüttel vermählt, die aber 1787 starb, und mit ihr zwei Söhne gezeugt, seinen Nachfolger Wilhelm I. (s. d.) und den Prinzen Paul, geb. am 19. Jan. 1785, und eine Tochter, Katharine, die sich nachher mit dem Fürsten von Montfort ver- Friedrich l. (Kurfürst von der Pfalz) 637 mahlte. In Versailles war er Zeuge der ersten Verhandlungen der Nationalversammlung und nahm hierauf im Febr. l 790 seinen Wohnsitz in Ludwigsburg. Nachdem sein Vater nach dem Ableben zweier Brüder ohne männliche Descendenten in Würtemberg zur Regierung gelangt war, stellte sich F. als nunmehriger Erbprinz 1796 dem Eindringen der Franzosen entgegen, mußte aber der Gewalt weichen und lebte eine Zeit lang in Ansbach, dann in Wien und London, wo er sich 1797 mit der engl. Prinzessin Charlotte Auguste Mathilde, gest. 1828, vermählte. Nachdem er am 23. Dec. 1797 seinem Vater als Herzog von Würtemberg gefolgt, wußte er durch seine Verbindungen mit den Höfen zu Wien und Petersburg im I. 1803 nicht nur die Kurwürde sondern auch im Reichsdeputationshauptschluffe eine angemessene Entschädigung für den Länderverlust am linken Rheinufer zu erlangen. Seine Staatskunst war zunächst auf die Erhaltung, dann aus die Vergrößerung seines Staats gerichtet. So errang er durch festes Anschließen an Napoleon und den Beitritt zum Rheinbünde, worauf er am I. Jan. 1806 den Königstitcl annahm, den Besitz eines unabhängigen Königreichs von 368 lüM. mit 1,400000 E- Um ganz ungehindert seine ganze Kraft auf die auswärtigen Verhältnisse seines Staats wenden zu können, hob er 1806 in Alt-Würtemberg die von ihm beim Regierungsantritt beschworene Verfassung auf. Im Gefühle seiner Kraft wollte er sich mit den Monarchen Europas mehr und mehr in Eine Linie stellen. Darum bekleidete er seinen Thron mit dem vollen Prunke der Majestät, erbob sein Heer zu einer die Kräfte des Landes übersteigenden Stärke, verwickelte sich, besonders seit dem Tode seines edeln und geistvollen Freundes, des Grafen von Zeppelin, im I. 1801, in kühne Entwürfe, die er leidenschaftlich und gewaltsam verfolgte. Wenn auch nicht an Geist und Kraft, doch an rascher Willensthätigkeit und stolzer Haltung seinen Umgebungen, die zumeist in Ausländern bestanden, weit überlegen, wollte er, wie Friedrich der Große und Napoleon, Selbstregent sein und Volk und Staat maschinenartig handhaben. Die sittliche Natur des Staats war ihm, bei seiner franz. Weltbildung und bei der Art seiner Menschenkunde und Lebensfreuden, nie klar geworden. Nie kam ihm ein leiser Zweifel ein, daß das Recht vielleicht nicht auf seiner Seite sei. Doch wendete er von seinem Volke manches Übel durch die Entschlossenheit ab, mit der er die Eingriffe der franz. Regierung in die innere Verwaltung seines Staats zurückwies. Erst nach der Schlacht bei Leipzig näherte er sich den Verbündeten. Der Minister, den er an sie abordnete, sollte ihm sogar noch ein Stück Land als Belohnung für seinen Übertritt ausmitteln und fiel in Ungnade, daß er ihm durch den Vertrag von Fulda am 6. Nov. 1813 blos die Gewähr seiner sämmtlichen Staaten und die Anerkennung seiner Unabhängigkeit verschafft hatte. Der neue Umschwung der Dinge, den im Herzen Europas die begeisterte Kraft des Volks hervorgebracht hatte, wirkte indeß auch auf Würtemberg zurück. F., der in Wien vergebens sich mehren Bestimmungen, inwieweit sie seine fürstliche Unabhängigkeit gefährdeten, widerseht hatte, begriff endlich, daß auch er den Foderungen des wiedergeborenen Völkerrechts nachgebcn müsse; doch zögerte er mit sei- nein Beitritt zur deutschen Bundesacte bis zum 1. Sept. 1815. Seinem Volke kam er mit einem Verfaffungsgesehe, das er ihm als Ordonnanz aufdringen wollte, entgegen; allein zur größten Überraschung des in anderer Zeit an blinden Gehorsam gewöhnten Fürsten wurde dasselbe einstimmig verworfen. Einen neuen Verfassungsentwurf hatte er den Ständen vor- gclegt, als er am 30. Oct. 1816 starb. (S. Würtemberg.) Friedrich I. oder der Siegreiche, von seinen Gegnern der Böse Fritz genannt, Kurfürst von der Pfalz, 1452—76, geb. 1425, der zweite Sohn Ludwig's III. oder des Bärtigen, erbte nach seines Vaters Tode 1439 einige Theile der pfälzischen Länder, überließ aber dieselben freiwillig seinem älter« Bruder, dem Kurfürsten Ludwig IV., der sie mit dem Kurfürstenthume vereinigte. Als Ludwig IV. 1449 mit Hinterlassung eines minderjährigen Sohns von 13 Monaten, Namens Philipp, starb, wurde F. Vormund und Administrator des Kurfürstenthums. Der zerstörende Fehdegcist hatte zu jener Zeit, unter der Regierung des schwachen, unthätigen Kaisers Friedrichs III. in Deutschland, besonders in den Nheingc- genden, seine höchste Stufe erreicht. Daher benutzten denn auch sogleich die unruhigen und fehdelustigen Nachbarn der Pfalz, besonders Mainz und die Grafen von Lützelstein, diesen Zustand der Administration, um Grenzstreitigkeiten anzufangen oder verheerende Einfälle und Raubzüge in die Pfalz zu unternehmen. Da F einsah, daß nur der Besitz der wirklichen 638 Friedrich Wilhelm (Herzog von Braunschweig), landesherrlichen Hoheit und Macht ihn in den Stand zu setzen vermöchte, diesen Angriffen erfolgreich entgegenzutreten, so ließ er sich 1452 von den Ständen des Landes die Regierung als Kurfürst aufLebenszeit mit der Bedingung übertragen, daß er sich nie standesgemäß ver- mählen und seinen Neffen Philipp als Sohn und Nachfolger annehmen wolle. Der Papst Nikolaus V. sowie mehre kleinere deutsche Fürsten erkannten F. in seiner neuen Würde sogleich an, auch die Kurfürsten nahmen ihn nach einigen Unterhandlungen 1461 in den Kurvcrein auf, dagegen widersprach Kaiser Friedrich III. und erklärte, obgleich um seine Einwilligung ausdrücklich gebeten, den willkürlichen Schritt für ungültig und strafbar, während zu gleicher Zeit die zum kurfürstlichen Präcipuum gehörigen Städte der Oberpfalz den Gehorsam verweigerten. Aber bald brachte F. die letzter» durch Gewalt der Waffen, indem er durch einen plötzlichen Überfall Amberg 1454 eroberte, zur Unterwerfung; auch besiegte er die stets feindseliggesinnten lützelsteiner Grafen und vereinigte ihre Grafschaft mit der Pfalz, demü- thigte den Herzog von Veldenz und verglich sich mit Baden und Kurmainz zum Frieden; nur den Kaiser vermochte er, trotz wiederholter eigener Bitten und der Fürsprache Anderer, nicht zu seiner Anerkennung im Kurfürstenthume zu bewegen. Inzwischen war in Mainz ein neuer Erzbischof, Dietrich von Isenburg, gewählt worden, dem jedoch der Papst Pius II. das Doppelte der Annaten und Palliengelder auferlegte und zur Pflicht machen wollte, die Kurfürsten nur mit seiner Bewilligung zu gemeinschaftlichen Verabredungen zu berufen. Als Dietrich sich dessen weigerte, setzte der Papst ihn ab und ernannte Adolf von Nassau zum Erzbischöfe. Während nun Dietrich bei dem Kurfürsten F. und dem Herzoge Ludwig von Baicrn Hülfe suchte und fand und sich auf diese Weise fortdauernd behauptete, schickte der Kaiser Friedrich III., der sich in allen Dingen dem Papste unterthänig erwies, nachdem er die Neichsacht über F. ausgesprochen, ein Heer unter dem brandenburger Kurfürsten Al- brecht Achilles gegen denselben; auch wußte er den Grafen Ulrich von Würtemberg, den Markgrafen Karl von Baden und den Bischof Georg von Metz zur Theilnahme an dem Kampfe gegen Dietrich und dessen Bundesgenossen zu gewinnen. Dieser sogenannte Pfälzerkricg hatte anfangs für F.'s Gegner einen sehr günstigen Erfolg, bis es F. gelang, sie bei Seckenheim 1462 zu schlagen und Ulrich, Karl und Bischof Georg gefangen zu nehmen. Mit schwerem Lösegelde und mit Abtretung mancher Bezirke mußten sie sich loskaufen und noch überdies versprechen, den Kurfürsten mit dem Papste und mit dem Kaiser auszusöhnen. Auch der Erzbischof Dietrich verpfändete, aus Dankbarkeit für den kraftvollen Beistand, F. einen Theil der Bergstraße, der erst durch den westfäl. Frieden wieder an Mainz kam. Der Kaiser aber war jeder Aussöhnung mit F. entgegen, verlangte vielmehr, da Herzog Philipp unterdessen herangewachsen war, daß diesem die Regierung übergeben werden sollte. Nichtsdestoweniger blieb F. im ungestörten Besitze der Regierung, um so mehr, da sein Neffe, mit welchem er in dem besten Vernehmen lebte, nicht die Absicht zeigte, .ihn aus derselben verdrängen zu wollen. Dagegen hielt F. auch sein gegebenes Wort, sich nie standesgemäß zu ver- heirathen; nur zur linken Hand ließ er sich eine schöne Bürgerstochter aus Augsburg, Clara Dettin, antrauen, die er zum Fräulein von Dettingen erhob. Mit ihr erzeugte er zwei Söhne, Friedrich und Ludwig, die er mit Privatbesißungen ausstattete und von denen der Letztere der Stammvater der heutigen Fürsten und Grafen von Löwenstein wurde. F. starb, nachdem er die Pfalz segensreich regiert und das Besitzthum des Kurfürstenthums ansehnlich vermehrt hatte, 1476, und ihm folgte sein Neffe Philipp der Edelmüthige. Vgl. (Krämer) „Geschichte des Kurfürsten F.'s I. von der Pfalz" (2 Bde., Franks. 1765). Friedrich Wilhelm, Herzog von Braunschweig, geb. am 9. Oct. I77l, der vierte und jüngste Sohn des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand (s. d.), erhielt mit zweien seiner ältern Brüder gleiche Erziehung, bis die militairische Laufbahn, für welche er bestimmt war, seinem Unterrichte eine besondere Richtung geben mußte. Von seinem Vater wurde er mit großer Zärtlichkeit geliebt, aber sehr hart behandelt. Schon 1786 ernannte ihn der König von Preußen zum Nachfolger seines Oheims, des Herzogs Friedrich August von Öls, der l 805 starb. Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz, wo er einige Zeit in Lausanne zü- brachte, wurde er Capitain bei einem preuß. Infanterieregiment, in welchem er seit 1792 den Krieg gegen Frankreich mitmachte, und nach dem baseler Frieden erhielt er ein Regiment Im 1.1804 vermählte er sich mit der bad. Prinzessin Maria Elisabeth Wilhelminc, mit Friedrich Franz (Mecklenb.-Schwerin) Friedrich Günther 639 welcher er die beiden Prinzen K a r l (s. d.) und W i l h e l m (s. d.) zeugte. Mit allem Feuer, das die Uuterdrückung Deutschlands und seines Vaters unglückliches Schicksal in ihm entflammte, nahm er 1806 an dem Kriege gegen Frankreich Theil, zuletzt bei demBlücher'schen Corps, mit dem er bei Lübeck gefangen wurde. Nach seines Vaters Tode, am 10. Nov. 1806, würde er, da sein ältester Bruder im Sept. 1806 kinderlos verstorben war und seine beiden andern nicht verheiratheten Brüder wegen unheilbarer Blindheit auf die Negierung verzichtet hatten, zur Nachfolge in der Regierung gelangt sein, hätte nicht Napoleon's Machtspruch ihn seines Erbes verlustig erklärt. Nach dem tilsiter Frieden lebte er zu Bruchsal, wo im Apr. 1808 seine Gemahlin starb. Beim Ausbruche des Kriegs gegen Ostreich im I. 1809 warb er in Böhmen ein Freicorps. Bereits war Schill in Stralsund untergegangen, als der Herzog in Sachsen einfiel; doch der König von Westfalen nöthigteihn, mit seinen Schwarzen Husaren Dresden und Leipzig zu räumen, worauf er sich nebst dem östr. General Am Ende von Dresden seitwärts nach Franken zu zog, wohin die Östreicher unter Kien- mayer aus Böhmen vorgcdrungen waren. Nach dem Waffenstillstände von Znaim am 12. Juli >809 rückte er, indem er dem Bündnisse des östr. Kaisers entsagte, mit seinem 1500 M. starken Corps, worunter 700 M. Cavalerie, von Altenburg gegen Leipzig vor. Nach einem kleinen Gefechte daselbst setzte er seinen Marsch über Halle nach Halbcrstadt fort, wo er den westfäl. Oberst Wellingerode mit dem fünften Infanterieregiment schlug und denselben gefangen nahm. Hierauf wendete er sich nach Braunschweig, in dessen Nähe, bei dem Dorfe Olper, er am I. Aug. ein siegreiches Gefecht mit 4000 M. Westfalen unter dem General Reubcl bestand, und dann über Hannover nach Nienburg, wo er über die Weser setzte. Am -t. Aug. kam er zu Hoya an und eilte nun auf dem linken Weserufer weiter, während ein Theil seines Corps, um eine Demonstration zu machen, nach Bremen sich wendete. Am 5. Aug. rückten in der That die Schwarzen Husaren in Bremen ein, das sie aber schon am folgenden Tage wieder verließen. DcrHerzog hatte inzwischen seinen Marsch durch das Olden- burgische fortgesetzt und die Nacht vom 5. auf den 6. Aug. zu Delmenhorst zugebracht, und es schien, als ob er Ostfriesland zu erreichen suche, um sich dort einzuschiffen. Unvermuthet aber ging er bei Huntebrück über die in die Weser sich ergießende Hunte und bemächtigte sich aller zu Elsfleth meist leer liegenden Handelsschiffe und Weserfahrzeuge. Am 7. Morgens ging er, nachdem er sich die nöthigen Seeleute mit Gewalt verschafft hatte, mit aufgezogener engl. Flagge, unter Segel, und schon am 8. landete er auf Helgoland, von wo er am 11. mit seinem Corps nach England absegelte. In England wurde der Herzog mit seinem Corps, welches sogleich in engl. Dienste überging und später in Portugal und Spanien verwendet wurde, mit der lebhaftesten Theilnahme ausgenommen. Er erhielt vom Parlament eine jährliche Pension von 6000 Pf. St., die er bis zur Rückkehr in seine Erbstaaten, welche am 22. Dec. 1813 erfolgte, bezog. Nach seinem Regierungsantritte wollte er das Gute mit reinem Willen; aber er wollte es zu schnell, übersah deshalb die gewohnten Formen, stieß überall an und erfüllte so keineswegs die Erwartungen, mit denen man ihn ausgenommen hatte, indem namentlich seine Vorliebe für das Militair die schon ohnedies beklagenswcrthen Finanzen des Staats vollends zerrüttete. (S. Braunsch'weig.) Als die Ereignisse von 1815 ihn von neuem ins Feld riefen, starb er in der Schlacht bei Quatrebras (s. d.) am 16. Juni 1815 den Heldentod. Ihm folgte unter engl. Vormundschaft sein Sohn Karl (s. d.). Friedrich Franz, Großherzog von Mecklenburg-Schwerin seit 18-12, geb. am 28. Febr. 1823, ist der Sohn des Großherzogs Paul Friedrich mit der Prinzessin Alexandrine von Preußen, geb. am 23. Febr. 1804. Nachdem er unter der Aufsicht der Altern durch Privatlehrer vorbereitet worden war, erhielt er seit 1838 in dem Blochmann'schen Institut zu Dresden seine weitere Ausbildung und bezog dann die Universität zu Bonn. Hier verweilte er noch, als der frühe Tod seines Vaters am 7. März 1842 ihn an die Regierung brachte, der er sich, im richtigen Gefühle der ihm auferlegten Pflichten, mit Ernst unterzog. (S. Mecklenburg- Schwerin.) DerHerzog hat noch einen Bruder, den Prinzen Wilhelm, geb. 1827, und eine Schwester, die Prinzessin Luise, geb. 1824. Friedrich Günther, Fürst zu Schwarzburg-Rudolstadt seit 1807, geb. am 6. Nov. 1793, der Sohn des regierenden Fürsten Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline von Hessen-Homburg, verlor bereits am 28. Apr. 1807 seinen trefflichen Vater, der, wie er im 610 Friedrich (Hohertzollern-Hechirigtn) Friedrich Wilhelm (Hessen) Leben für des Sohnes Erziehung und Bildung durch vorzügliche Lehrer bemüht gewesen war, so auch den Fall seines Todes fürgesehen hatte. Nach des Vaters letztem Willen übernahm, während der Minderjährigkeit des Sohns, die Mutter in Verbindung mit des Vaters Bruder, dem Prinzen Karl Günther, die oberste Leitung der Landesangelegenheiten. „Der mir nachfolgende Fürst", lauteten die Schlußworte des Testaments, „sei ein ehrlicher, gerech- ter, vorurtheilsfreier, deutscher Mann! Kein Gesetz gebe er, das nicht reiflich überlegt, und es selbst zu halten, sei seine einzige Leidenschaft! In der Wahl seiner Diener sei er so vorsichtig als in der Wahl seiner Gattin und Freunde! Die reine Lehre Jesu sei ihm und dem ganzen Lande heilig! Aufklärung in jedem Fache, bessere Erziehung, Beförderung der In- dustrie sei seine Freude! Er sei ein Vater des Vaterlandes!" Nachdem der junge Regem § 1810—II ein Jahr lang ein Pensionat in Genf besucht hatte, nahm er daheim, um sich in die Regierungsangelegenheiten einzuweihen, Theil an den Sitzungen der obersten Regierungsbehörden. Wenige Tage nach der Schlacht bei Leipzig eilte er in das Lager der Verbündeten, um unter der Obhut seiner Oheime, der Prinzen Ludwig und Philipp von Hessen-Homburg, dem Zuge gegen Frankreich zu folgen. An seinem zwanzigsten Geburtstage ergriff er die ^ Zügel der Regierung selbst. Nach der Rückkehr Napoleon's von Elba trat er zum zweiten Male in die Reihe der Vaterlandsvertheidiger und rückte mit der von seinem Oheim Philipp befehligten Heeresabtheilung bis an die Loire vor. Im Oct. 1815 von Paris nach Rudolstadt zurückgekehrt, vermählte er sich im Apr. 1816 mit der Prinzessin Amalie Auguste, geb. am 18. Aug. 1793, der ältesten Tochter des kurz zuvor verstorbenen Erzprinzen Friedrich von Anhalt-Dessau. Seinem Lande gab er 1816 eine Verfassung, und fortwährend herrschte zwischen ihm und dem Volke das schönste Einverständniß. (S. Schwarzburg.) Das einzige Kind des Fürsten ist, nachdem zwei Prinzen frühzeitig verstorben, der Erbprinz Günther, geb. am 5. Nov. 1821. Friedrich (Wilh. Konstantin), Fürst von Hohenzollern-Hechingen seit 1838, geb. > am 16. Febr. 1801, das einzige Kind des Fürsten Friedrich Hermann Otto und der Prinzessin Pauline, einer Tochter des Herzogs Peter (Biron) von Kurland und Sagan, erhielt unter der Leitung seines hochgebildeten Vaters, den geschickte Lehrer unterstützten, eine für die Ausbildung seines Herzens und Geistes gleich vortheilhafte Erziehung. Nachdem er sich namentlich aufReisen für das höhere Gesellschaftsleben weiter ausgebildet, vermählte er sich am 22. Mai 1826 mit der Prinzessin Eugenie von Leuchtenberg, geb. am 23. Dec. >808; i doch ist seine Ehe bis jetzt kinderlos geblieben. Ganz des Vaters würdig, übertrug ihm dieser ! 1834 bei seiner fortwährenden Kränklichkeit die Leitung und Führung der Regierungsgeschäfte, der er sich auch in der letzten Zeit vor seinem Regierungsantritt, der am 12. Sepl. 1838 erfolgte, mit gleicher Umsicht und Edelmüthigkeit unterzog. Die Erbschaft von einer Million Francs, die ihm aus dem Nachlasse des Fürsten Gavre d'Aysseau, Granden von Spanien, zufiel, gab ihm die Mittel, seine Residenz Hechingen durch Neubauten und aus andere Weise zu verschönern; auch wurde er dadurch in den Stand gesetzt, in Betracht der finanziellen Lage des Landes, aus der Hofkasse einen jährlichen Beitrag an die Landeskaffe zahlen zu lassen. (S. Hohenzollern.) Friedrich Wilhelm, Kurprinz und Mittegent von Hessen seit 1831, geb. am 20. Aug. 1802 zu Hanau, der einzige Sohn des Kurfürsten Wilhelm 11. (s. d.) von Hessen und seiner Gemahlin Auguste Friederike Christiane, der Tochter des Königs Friedrich Wil- helm's II. von Preußen, genoß seit 1815 den Unterricht de- nachmaligen Professors Suabe- dissen zu Marburg, der ihn auch auf die Universitäten zu Marburg und Leipzig begleitete. Als die Verbindung des Kurfürsten mit der Gväfin von Reichenbach seine Gemahlin veranlaßt hatte, ihren Aufenthalt im Auslande zu nehmen, lebte der Prinz eine Zeit lang in der Nähe seiner Mutter, theils in Bonn, theils in Fulda. Er war wieder in Kassel, als 1830 der Aufstand ausbrach, und durch die freundlichen Zusicherungen, mit welchen er am >5. Sept. unter die aufgeregten Bürger trat, trug er dazu bei, die Ruhe wiederherzustellen. Zn , Fulda hatte der Prinz seit mehren Jahren eine Verbindung mit der Gattin des preuß. Lieu- z tenants Lehmann angeknüpft, welche von dem katholischen Glauben zur protestantischen Kirche übergegangen war, um die beabsichtigte Scheidung ausführen zu können. Im Aug 1831 erklärte er, daß er mit ihr. die bereits den Namen Frau von Schaumburg angenom» Friedrich (Prinz d. Niederlande) Friedrich (Kasft. Dav.) 641 nie», eine morganatische Ehe eingegangen habe, und durch eine Verordnung vom 6. Oct. 1831 erhob er dieselbe zur Gräfin von Schaumburg, mit der Bestimmung, daß die in dieser Ehe erzeugten Kinder den Namen Grafen und Gräfinnen von Rotenburg führen sollten. Am ZN. Sept. 1831 übertrug ihm der Kurfürst, der seit dem 31. Apr. 1831 wegen der Erbitterung der Bürger gegen die Gräfin von Neichenbach seine Residenz nach Hanau verlegt hatte, nicht,nur die Mitregentschaft sondern auch, bis er wieder seinen bleibenden Aufenthalt in der Hauptstadt nehmen würde, die alleinige Regierung, worauf am 7. Oct. der Prinz seinen Einzug in Kassel hielt, wohin ihm auch sehr bald seine Gemahlin folgte. Der Prinz machte nach dem Antritte der Regierung manche Einschränkungen in dem Hofhaushalte und schien um die Gunst des Volks sich bewerben zu wollen, doch wendete er seine Sorgfalt besonders dem Militairwesen zu. Die Gemüther waren bereits durch die Vereitelung mancher Erwartung, die man von der neuen Regierung gehegt hatte, aufgeregt, als am 7. Dec. 1831 das gespannte Verhältniß, in welchem der Prinz mit seiner Mutter lebte, die seit 1831 wieder nach Kassel zurückgckehrt war und die Gräfin von Schaumburg nicht als die Gemahlin ihres Sohns anerkennen wollte, zu höchst bedauerlichen Ereignissen Veranlassung gab, deren Untersuchung eine vollständige Aufklärung über ihre Tendenz nicht gegeben hat; doch fand später zwischen Sohn und Mutter eine Aussöhnung statt. In der Gesetzgebung wie in der Verwaltung sind seit dem Regierungsantritte des Kurprinzen ziemlich erfreuliche Fortschritte gemacht worden; doch fehlte es nicht an fortwährenden Veranlassungen zu Mißstimmungen zwischen der Staatsregierung und zwischen dem Volke und den Ständen. (S. Hessen-Kassel.) Friedrich (Wilh. Karl), Prinz der Niederlande, der zweite Sohn des Königs Wil- helm'sI. (s.d.), wurde am 28. Febr. 1797 geboren, als die »ramsche Familie bereits die Niederlande hatte verlassen müssen. Die schwierigen Zeiten, in welche die Zugend des Prinzen fiel, waren nicht ohne Einfluß auf die Richtung seines Geistes, indem sie in ihm die angeborene Neigung zum zurückgezogenen Leben verstärkten und ihm das Cabinet und Studir- zimmer werth machten. Während seines Aufenthalts in Berlin erhielt er Geschichtsunterricht durch Niebuhr, dessen Achtung und Liebe ersieh in diesem Verhältniß zu erwerben wußte. Zu Ende des 1.1813 wieder in die Niederlande zurückgekehrt, wurde ihm durch den Familienvertrag vom 4. Apr. 1815 die Succession in die deutschen nassau-oranischen Erblande, als einen souverainen Staat, zugesichert. Allein in Folge der Vereinigung Belgiens mit den Niederlanden wurden diese deutschen Erblande gegen Luxemburg aufgegeben, und dieses durch das Gesetz vom 25. Mai 1816, in welchem der Prinz gegen Entschädigung mit einer Anzahl Domainen in Nordbrabant auf die Nachfolge in demselben verzichtete, mit dem Königreiche der Niederlande für immer verbunden. Im I. 1825 vermählte sich F., der unterdeß den Titel Prinz der Niederlande erhalten hatte, mit der Prinzessin Luise von Preußen. All- mälig war er von seinem Vater zu den Staatsgeschäften gezogen worden; bald nach seiner Verheirathung wurde er zum Generalcommissair des Kriegsdcpartcmcnts, später zum Admiral des Königreichs ernannt. Zn diesen Ämtern bewies er eine ebenso große Thätigkeit als minutiöse Genauigkeit. Dabei war er ein Freund und Förderer der Wissenschaften und Künste. Als die Freimaurerlogen in einigen Theilen des Königreichs eine große Bedeutung gewannen, fand man eS rathsam, den Prinzen als Großmeister an ihre Spitze zu stellen. Eine wichtige Rolle spielte der Prinz in der belg. Revolution. (S. Belgien.) Große Verdienste erwarb er sich nach dem Abfalle Belgiens um die Organisation des holländ. Heers, sowie um die ganze Entwickelung der gegen Belgien gerichteten militairischen Maßregeln. Seit der Abdankung seines Vaters von der Königswürde zog er sich von seiner amtlichen Thätigkeit zurück und widmete sich ganz seiner Familie und den Künsten des Friedens. Friedrich (Kaspar Dav.), Landschaftsmaler, ged. zu Greifswald am 5. Sept. 1774, machte seine Studien seit 1794 auf der Akademie in Kooenhagen und seit 1798 in Dresden. Er beschränkte sich früher fast ganz auf Zeichnungen in Sepia, die er trefflich zu behandeln verstand; erst später lieferte er auch Ölgemälde. Eine große Winterlandschaft, einen Kirch» Hof mit den Ruinen einer gothischen Kapelle zwischen Euren vorstellend, bewirkte 1811 seine Aufnahme in die berliner Akademie, worauf er 1815 Professor und Mitglied der Kunstakademie in Dresden wurde. Hier starb er nach langen Leiden am 7. Mai 1849. Ein treff» Conv. - Lex. Neunte Aufl. V. 41 6-12 Fries Fries (Jak. Friede.) liches Altargcmälde lieferte er für die Kirche zu Letschen in Böhmen. Mannichfaltigkeit der Erfindung, Tiefe des Gefühls, Studium der Natur, Einfachheit und Einheit der Darstellung, ein meist düsterer, oft melancholischer Charakter, entfernt von aller Nachahmung, sprechen sich in seinen Landschaften mehr oder weniger aus. Fries oder Borte heißt in der elastischen Baukunst der mittlere Theil des Gebälks zwischen dem Architrav (s. d.) und dem Karin es (s. d.). In der dorischen Bauart wird der Fries durch Metopen (s.d.) und Triglyphcn (s. d.) ausgefüllt, in der ionischen und korinthischen mit Festons (s. d.), Arabesken, oder fortlaufenden Nelieffiguren. Auch bedeutet F r i e s bisweilen den langen, schmalen Streif am obern Theile eines Gemachs. Fries (Elias), Professor der praktischen Ökonomie zu Upsala, geb. am > 5. Aug. l'91 im Sprengel Femsiö im Stifte Wexiö, wo sein Vater Pfarrer war, studirte in Upsala, wo er 1814 Docent, I8IS Adjunct und 1828 Demonstrator der Botanik wurde, 1824 den Pro- sessortitel und 1834 die Professur der praktischen Ökonomie erhielt. Zunächst und vorzüg- i lich waren es die Pilze und Schwämme, denen F. seine besondere Aufmerksamkeit zuwea- dete. So entstand sein „Systems m^cologicum" (3 Bde., Greifsw. 1821—32), das gleich > beim ersten Erscheinen des ersten Bandes Epoche machte und dem er später die „Lpicnsis I s^stematis m^cologici se.» sxnopsis b^menom^cetum" (Upsala 1836—38) folgen ließ. Sein ganzes System stützt sich auf morphologische und reflexive Gründe, während die früher« Systeme auf phytographischen Principien und Abstraction beruhen. In seiner „läcbeoo- grsplüu enropae» retormata" (Lund 1831) trat er als Vermittler der ältern und neuern Ansichten aus. Ein Freund des natürlichen Systems suchte er die Wissenschaft von der tobten Abstraction zu den lebenden Formen der Reflexion zu führen. Noch erwähnen wir seine „8)stems orbis veAst-ebilis" (Lund 1825), „kloru scanica" (Ups. 1835), „b'Iora bnlliin- 1836) , „8piciIeAiiim plantsrum ileglectarum" (Ups. 1836), „^cl. kungi 6umeen- ses" (Ups. 1837); mit dem Propst Stenhammar gab er die „läclienes suecicue" (14Fa§- eikcl 1819 fg.) heraus; auch besorgte er die Herausgabe des von Magn. Ningius angefangenen Werks „blerlrsrium normale" (Sect. 3 —6, Ups. 1836—40). Fries (Jak. Friedr.), Philosoph, geb. am 23. Aug. 1773 zuBarby, erhielt seineBil- dung seit 1778 in der Brüdergemeine zu Barby, auf deren Seminar daselbst er auch seine theologischen Studien machte. Um sich den philosophischen Wissenschaften zu widmen, ging - er 1795 nach Leipzig, dann nach Jena, wurde hierauf 1797 Hauslehrer in Zofingen, kehrte - aber 1800 nach Jena zurück und erhielt hier 1801 die Erlaubniß, Vorlesungen zu halten. ' Nachdem er 1803 und 1804 in Gesellschaft seines Freundes, des Freiherrn von Hainiz, Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Italien durchreist hatte, folgte er 1805 dem Rufe als Professor der Philosophie und Elementarmathematik nach Heidelberg, von wo er 1816 als Professor der theoretischenPhilosophie nach Jena zurückkehrte. Nach dem Wartburgsfeste (s-d.), welchem er beiwohnte, wurde er seiner angeblich demagogischen Ansichten halber von seinem Lehramte suspendirt und 1824 der Professur der Philosophie gänzlich enthoben; doch behielt er die Professur der Physik und Mathematik, die er bis zu seinem Tode, am 10. Aug. 1843, bekleidete. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen: „Philosophische Rechtslehre oder Kritik aller positiven Gesetzgebung" (Jena 1803), „System der Philosophie als evidente Wissenschaft" (Lpz. 1804), „Neue oder anthrovologische Kritik der Vernunft" (6 ' Bde., Heidelb. 1807; 2.Aufl., 1828—31), „System der Logik" (Hcidelb. >811; 3.-AusI„ . 1837) , „Vom Deutschen Bund und deutscher Staatsverfassung; allgemeine staatsrechtliche Ansichten" (Heidelb. 1816; neue Ausl., 1831), „Handbuch der praktischen Philosophie" (2 Bde., Lpz. 1817—32), „Handbuch derpsychischcn Anthropologie" (2 Bde.,Jena l 820—21; 2. Ausl-, 1837—39), „Mathematische Naturphilosophie" (Heidelb. 1822), „Julius und > Evagoras, oder die Schönheit der Seele" (2 Bde., Heidelb. 1822), ein philosophischer Ro- Kran, „Die Lehren der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung oderHauptsätze der Glaubens- ' und Tugendlehre" (Heidelb. 1823), „System der Metaphysik" (Heidelb. > 824) und „Geschichte der Philosophie, dargestellt nach den Fortschritten ihrer Entwickelung" (2 Bde., Halle i 1837—40). In seiner Philosophie folgte er den Lehren Kant's; indeß glaubte er, daß die ^ Sriesel Friesen 643 Kant'sche Methode noch einer Vervollkommnung bedürfe, und suchte diese in einer analytischen Naturlehre vom menschlichen Geiste überhaupt, welche er die philosophische Anthropologie nannte. Seine Glaubenslehre, welche das subjectivc Wissen ergänzen soll, ist der Jaco- bi'schcn Vernunftanschauung verwandt. Friese! (miliaris) ist eine Hautkrankheit, welche darin besteht, daß meist am Halse, auf der Brust und dem Rücken kleine, hirsekornähnliche Bläschen sich zeigen, die bald durchsichtig, bald milchweiß, bald mit einem rothen Saume umgeben, bald ohne diesen erscheinen; daher die Namen Krystall-, Perl-, Milch-, rothcr und weißer Friescl. Gewöhnlich tritt diese Krankheit im Gefolge von andern auf, besonders nach Unordnungen in der Verdauung, oder sic wird durch übermäßige Beförderung des Schweißes hervorgerufen, wie bei den Wöchnerinnen und kleinen Kindern, wo man sie dann auch Hitzbläschen (lmlros) nennt. In manchen Fällen bildet der Friese! auch eine Krisis. Bisweilen verschwindet der Frresel plötzlich, worauf sich jedoch gewöhnlich andere, beschwerlichere und gefährlichere Symptome einstellen. Meist lassen die Bläschen bei ihrem Verschwinden keine Spur zurück und gehen nicht in Geschwüre über, zuweilen vertrocknen sie, und es erfolgt eine geringe Abschuppung. Der übrige Zustand des Körpers entscheidet darüber, ob der Friese! als gefahrlos oder als Zeichen von Gefahr, namentlich großer Schwäche, zu betrachten sei. Friesen, ein german. Volk, wohnten, als die Römer durch Drusus, berste zinsbar machte, sie zuerst kennen lernten, vom östlichen Rheinarm bis zur Ems auf der Nordwcst- svitze Germaniens zwischen Batavern, Brukterern und Chauken. Durch die Bedrückungen der Römer erbittert, befreiten sie sich im I. 28 n. Chr. Domitius Corbulo hatte sie im Z. 47 wieder zum Gehorsam gebracht, als er den Befehl des Kaisers Claudius erhielt, die röm. Truppen auf das linke Rheinufer zu ziehen, wodurch sie wieder frei wurden. Bei dem Vordringen der Franken vom niedern Rhein nach Süden verbreiteten sich die Friesen auch über die Inseln, die durch die Mündungen des Rhein, der Maas und der Schelde gebildet werden. In dem Küstenlands zwischen der Ems und Weser wurde der Name der Friesen wol nicht durch Einwanderung sondern dadurch herrschend, daß stammverwandte Chauken ihn «»nahmen, die sich nicht dem Bunde der Sachsen anschlossen. Ebenso wenig scheint der friesische Name nach dem westlichen Küstenstrich von Schleswig, wo von der Eyder bis Tondern und auf den vorliegenden Inseln (namentlich Nordstrand, Föhr, Sylt) die Nord friesen (auch Strandfriesen) wohnten, durch Einwanderung gekommen zu sein, sondern vielmehr ein zurückgebliebener Nest stammverwandter Angeln ihn angenommen zu haben. (S. Schleswig.) Bei den südwestlichen Friesen faßte zuerst die fränk. Oberherrschaft Fuß durch Pipin von Herstall, der 68!> über den fries. Fürsten Ratbod bei Dorstcd siegte, und mit ihr das Christenthum, für welches bald das Bisthum Utrecht die Pflanzstätte wurde. Sie verbreitete sich bis zur.Assel und zum Fly, dem später durch Sturmfluten immer mehr vergrößerten Ausgang der Zuydersee, dann durch Karl Martell, der den Friesenhcrzog Poppo 734 in der Schlacht tödtete, vom Fly bis zum Lauwers oder Laubach, wo nun Bonifaciu s (s.d.) das Christenthum predigte, und von da über die Ems bis zur Weser, wo die östlicher» Stämme an den Kriegen der Sachsen Theil nahmen/ durch Karl den Großen, der 785 dem heil. Lind- gar die Bekehrung übertrug und 8N2 das Friesische Recht (s. d.) aufzeichnen ließ. Grafen wurden eingesetzt, in späterer Zeit auch wegen der Raubzüge der Normannen eineGrenz- grafschaft (Ilucatns b>es!se) gebildet. Am tiefsten wurzelten die fränk. Einrichtungen und schon früh bei den zuerst unterworfenen südwestlichen Friesen, sodaß deren Eigenthümlichkcit überhaupt ihre alte Verfassung und auch ihre Sprache hier, wo die niederländische sich bildete, verschwand. Hier entstand auch zuerst Landeshoheit im l<>. und 11. Jahrh., in den erblichen Grafschaften Holland und Seeland, Geldern mit Zütphen, und in dem Stift Utrecht mit Assel. Mit Holland wurde das Land von Alkmar und Hoorn bis zum Fly (Wcstfries- land, Erbfriesland) nach schweren Kriegen erst im 13. Jahrh. durch eine Kapitulation vereinigt. Bis dahin hatte es zu dem Bunde der sieben Seclande gehört, welcher die verschiedenen Stämme der freien Friesen, nachdem die Gewalt der fränk. Grafen erloschen war, bis zur Weser zu einem Ganzen vereinte. Adel und freie Bauern bildeten die Landgemeinden, deren auf ein Jahr gewählte Richter die Gemeinden der Gaue, in welche die Seelande zcr- 4 !* »-.7 Z L44 Friesisches Recht Frlmont fielen, leiteten. Ein Ausschuß der lchtern und die Richter traten alljährlich zu Upstalsboom bei Aurich zu einem großen Landtag zusammen, bei welchem das Recht der allgemeinen Gesetzgebung, die oberste Richtergewalt und die Bestimmung über LandeSvertheidigung war. Innere Fehden, besonders der Häuptlinge, die sich allmälig aufwarfen, zerrütteten diesen Bund; 1323 wurde er noch einmal erneuert, der allgemeine Landtag hörte aber im II. Jahrh. auf. Auch von außen wurde die Freiheit der Friesen angegriffen. Westlich der Ems, deren Mündung 1277 — 87 durch Sturmfluten zum Dollart (s. d.) erweitert wurde, kam das Land von Drenthe und Groningen endlich zu Anfänge des 15. Jahrh. unter das Stift Utrecht, dem die Grafschaft darüber schon lange verliehen war; in dem nun vorzugsweise sogenannten Frieslande zwischen Lauwers und Fly vertheidigten die Friesen ihre Freiheit tapfer gegen die Holland. Grafen und unterwarfen sich lieber im J. 1157 dem Reiche. Herzog Albrecht von Sachsen behauptete sich 1198 bei ihnen als Erbstatthalter; 1523 vereinte sie Karl V., nach der Abtretung durch Karl von Geldern, mit seinem burgundischen Erbe. (S. Niederlande.) In dem Lande östlich derEms wurde >130 Edzard Zirksena zum Anführer des Bundes gemacht, durch dessen Schließung die Fehden, die vom 11. Jahrh. an geherrscht hatten, beendet wurden. Sein Bruder Alberich, 1151 zum Anführer gewählt, wurde durch Kaiser Friedrich III. Reichsgraf von Ostfriesland (s. d.). Seinem Hause, das 1711 mit Karl Edzard ausstarb, unterwarfen sich endlich 1196 auch die Häuptlinge im östlichen Theile des Landes (bei den Rüstringern), wo durch Siebeth Papinga 1121 die Oberherrschaft des Erzstifts Bremen gebrochen war, das nebst den sächs. Grafen von Oldenburg die Freiheit der Friesen am meisten angefeindet hatte. Beiden waren die tapfern friesischen Ste- dinger, die am südöstlichsten an der Weser wohnten, erlegen; erst nachdem 12 31 in der Schlacht bei Alteresch 6909 Stedinger vor dem Kreuzheere, das gegen sie geführt wurde, gefallen waren, konnten die oldenburg. Grafen den Grafenbann über sie in Landeshoheit verwandeln. Am längsten behaupteten die Butjadinger zwischen Jahde und Weser die Freiheit. Graf Johann bezwang sie 1199 mit Hülfe der schwarzen Garde; doch noch einmal befreiten sie sich, und erst1511 wurden sie mit Hülfe von Braunschweig und Lüneburg unterworfen. Vgl. Wiarda, „Ostfriesische Geschichte" (Bd. 1—9, Aurich 1791—>813; Bd. 19, Bremen 1817). Die Sprache der Friesen, zwischen dem Dänischen und Niedersächsischen mitten innestehend, ist in ihrer alten Gestalt, vornehmlich in den altfriesischen Rechtssatzungen, erhalten, die sich in dem Bunde der Seelande bildeten und deren älteste wol im 12. Jahrh. ausgeschrieben sind. Im Laufe der Zeit und durch den Einfluß namentlich des Dänischen, Niedersächsischen und Niederländischen, bedeutend verändert, lebt sie noch in verschiedenen Mundarten bei den Nord- friescn, in Ostfriesland und dem oldenburg. Saterland und im nieder!. Frieslande fort. Ein ,Alkfriesisches Wörterbuch" lieferte Freiherr von Richthofen (Gött. 1819,1.). Friesisches Recht nennt man die von den Friesen (s. d.), als sie mit Karl dem Großen capitulirten, festgesetzten Rechtspunkte, nach denen die öffentliche Sicherheit vornehmlich durch Geldbußen aufrecht gehalten werden sollte. Das alte fries. Recht behielt länger als die alten Gesetze irgend eines andern deutschen Stamms seine Alterthümlichkeit und wurde von der Volksgemeinde durch Gemeindebeschlüsse und Urtheile erweitert. Vom Abt Sibrand wurde zwischen 1306—28 das altfries. Recht aus den Quellen gesammelt; jeder Bezirk hatte aber sein besonderes Recht, so die „Domen (Urtheile) von Ems" (1312); das „Recht der Rüstringcr" oder das „Asegabuch" (vor 1355), welches von Wiarda (Berl. 1895,1.) herausgegcben wurde, und die „Willküren der Brokmänner" (von 1319), das ebenfalls Wiarda (Berl. 1820) herausgab. Vom Grafen Edzard rührt das „Ostfriesische Landrechk" (1515) her, welches Wicht (Aurich 1717) herausgab. Neuere Forschungen, z. B. die von Wilda im Gebiete des Srrafrechts, haben die Bedeutung des fries. Rechts für die Geschichte des deutschen Rechts mehr und mehr an den Tag gelegt. Vgl. Freiherr von Richthofe-n, „Friesische Rechtsquellen" (Gött. 1819,1.). Frigga, s. Freyja. Frimvnt (Joh. Phil-, Graf von), Fürst vonAntrodocco, einer der vorzüglichsten östr. Generale der neuern Zeit, geb. 1756, stammte aus einer lothring. Familie. Er wanderte 1791 aus Frankreich aus, nahm Dienste im Conde'schen Corps und trat nach Lessen Auflösung als Oberster der Bussy'schen Jäger mit diesen in östr. Dienste. Hier stieg er Frischen Frischlin 645 nach und nach zum Feldmarschall-Licutcnant auf und erhielt zu Ende des Feldzugs von 1812 den Oberbefehl über das von Ostreich im Kriege gegen Rußland gestcllteHülfsheer in Polen. In den Feldzügen von 1813 und 1814 commandirte er einen Theil der Cavalerie, und 1815 leitete er als Oberbefehlshaber der östr. Truppen in Oberitalien den Feldzug gegen Murat so zweckmäßig ein, daß Bianchi, welcher gegen Ende April daß Commando der Armee von Neapel übernahm, den Krieg in sechs Wochen beendigte. F. selbst blieb inzwischen am Po stehen, wo er ein Heer von 690V0 M. bei Casal-Maggiore vereinigte, das er dann in zwei Corps theilte. Das stärkere, unter General Radevojewicz, sandte er über den Simplon in das Walliser Land, das andere, unter dem General Bubna, über den Cenis durch Savoyen nach der Rhone. So bemächtigte er sich der Pässe von St.-Moritz, ehe noch Suchet, wie ihm Napoleon befohlen, Montmelian besetzen konnte. Die Franzosen mußten Savoyen verlassen; die Östreicher aber erstürmten das Fort L'Ecluse und gingen über die Rhone. Am 9. Zuli ergab sich Grenoble, am 1». wurde der Brückenkopf von Macon genommen, und am 11. besetzte F. Lyon, welches Suchet, obwol durch ein verschanztes Lager geschützt nicht zu vcr- theidigen wagte, da ihm die Ereignisse von Paris bekannt waren. Der piemontes. General Osasca aber, der unter F. 12600 Picmonteser commandirte, hatte unterdessen am 9. Zuli mit dem Marschall Brune einen Waffenstillstand zu Nizza abgeschlossen. Hierauf entsendete F. einen Theil seines Heers über Chalons und Salins nach Besancon zu der Armee des Oberrhein. Nach dem Vertrage von Paris machte das östr. Heer unter F., dessen Hauptquartier Dijon war, einen Theil des Besatzungshecrs von Frankreich aus. Zm J. 1821 erhielt F. den Oberbefehl über das 520VV M. starke östr. Heer, welches den Beschlüssen des laibacher Kongresses zufolge gegen Neapel marschirte, um den Carbonarismus und die dort errichtete neue Ordnung der Dinge zu vernichten. F. führte das Heer am 6. und 7. Febr. über den Po, zog am 2-1. in Neapel ein, während der General Walmoden Sicilien besetzte und stellte binnen kurzem Alles wieder auf den alten Fuß her. Der König Ferdinand belohnte ihn dafür mit dem Titel eines Fürsten von Antrodocco und mit einer Summe von 220000 Ducati. Nach Bubna's Tode im I. 1825 erhielt er das Eeneralcommando der Lombardei in Mailand; später wurde er Hofkriegsrathsprästdent zu Wien und starb daselbst am 26. Dcc. 1831 an der Cholera. Frischen ist der deutsche Name für den Hüttenproccß, durch welchen man Roheisen in Schmiedeeisen verwandelt. Man schmilzt das Eisen erst unter einer Kohlen- oder Schlackendecke in einem niedrigen Herde ein und setzt es dann der Wirkung des Gebläses aus, wobei die Kohle aus dem Eisen herausbrennt. Hat man sich durch Proben überzeugt, daß das Eisen schweiß - und schmiedbar geworden, so wird die Eisenmasse aus dem Herde genommen und unter Hämmern und zwischen Walzen zu Stangen für das Stabcisen oder sogenannten Stürzen für die Blechfabrikation ausgestreckt. Dieses Verfahren heißt im Allgemeinen die Hcrdfrischerei und ist nur mit Holzkohlen auszuführen. Im Einzelnen weichen die Manipulationen bei der Herdfrischerei in Steiermark, Kärnten, am Rhein, auf dem Thüringerwald und in verschiedenen Gegenden Frankreichs sehr ab, und man hat fast unzählige Frischmethoden. In England und überall da, wo man hinreichende Steinkohlen hat, wird das Frischen vorth cilhafter in mit Steinkohlen geheizten Flammöfen vorgenommen; man nennt dies die Puddlingsarbeit. Doch ist im Allgemeinen die Qualität des mit Holzkohlen gefrischten Eisens vorzüglicher. Frischstahl nennt man den Stahl, welcher in Steiermark und im Siegenschcn unmittelbar aus Roheisen dadurch gewonnen wird, daß man bei der Herdfrischerei den Proceß da abbricht, wo das Roheisen seinen Kohlenstoff noch nicht vollständig verloren hat. Der Frischstahl läßt sich nur aus einem sehr reinen Holz- kvhlenroheisen darstellen und wird vorzüglich zur Scnsenfabrikation verwendet. Frisches Haff, s. Haff. Frischlin (Nikodemus), ein durch seine Schriften sowie durch seine Schicksale berühmter Philolog und lat. Dichter des 16. Jahrh., geb. am 22. Sept. 1547 zu Balingen im Würtembergischen, wurde schon in seinem 21. Jahre beim Stifte zu Tübingen, in welchem er seine Bildung erhalten hatte, als Lehrer angestellt, wo er sehr bald durch seine Lehrgabe die Eifersuchtseiner Kollegen, besonders seines ehemaligen Lehrers, Crustus, erregte. Vom Kaiser Maximilian 1t. wurde er, nachdem er 1575 auf dem Reichstage zu Regensburg seine 646 Frist Frithjofssage Komödie „Rolieccu" vorgclescn, zum gekrönten Dichterund später zum Pfalzgrafen er- nannt. Von seinen neidischen Kollegen, wie vom Adel, den er sich durch eine Rede, das Lob des Landlebens, verfeindet, gedrängt und verunglimpft, nahm er 1582 einen Ruf als Rector der Schule zu Laibach in Krain an, kehrte aber nach zwei Jahren nach Tübingen zurück, das er indeß schon 1586 wieder verließ. Hierauf lebte er zwei Jahre in der Nhcingc- gend und in Sachsen, fortwährend beschäftigt mit literarischen Arbeiten und mit Beantwortung der Schriften seines Hauptgegncrs Crusius. Nachdem er 1588 kurze Zeit Rector der Martinsschule zu Braunschweig gewesen, ginger nach Marburg, und auch hier vertrieben, wiedcrin die Rheingegcnden. Als die würtcmb. Regierung sich weigerte, ihm das rechtmäßige Erbthcil seiner Frau verabfolgen zu lassen und er sich deshalb an den Kaiser wendete, wurde er als ein Pasquillant in Mainz aufgehoben und auf die Festung Hohen- urach gebracht. Hier verfertigte er aus seiner Wäsche ein Seil, um sich an demselben in der Nacht vom 2!). zum 36. Nov. 1596 herabzulassen. Getäuscht durch den Schimmer des Mondes hatte er die gefährlichste Stelle gewählt, das Seil riß und er fiel zerschmettert zwischen den Felsenwänden hinab. F. war ein vielumfassender Geist; doch tragen die meisten seiner Schriften das Gepräge der Eile. Seine Elegien und seine „lckebruis" (Strasb. 1599), die Geschichte der jüd. Könige, die er im Kerker zu Hohcnurach dichtete, geben ihm einen Platz unter den bessern neuern lat. Dichtern. Tragödien gelangen ihm nicht; dagegen enthalten seine sieben Komödien hervorstechende Züge des Witzes. Das Meiste hat er für die Grammatik geleistet; seine Anmerkungen über die „Satiren" dcs Persius und die „Bucolica" und „Georgien" Virgil's sowie seine lat. Übersetzung des Kallimachus und Aristophanessind nicht ohne Werth. Vgl. über F. Conz. „Kleinere prosaische Schriften" (Bd. 1, Tüb. 1821). Frist (tcrmimis) heißt die ent., cder durch das Gesetz, oder eine richterliche Bestimmung gesetzte Zcic, binnen welcher eine Handlung vorgenommen werden soll oder darf; Fristverlängerung oder Fristerstreckung (Uil-etio) die vom Richter gewährte Er- tvcitcrung dieses Zeitraums. Die Fristen sind präclusiv (Präclusiv fristen), wenn durch unbenutzten Ablauf derselben das Recht zu der Handlung selbst verloren geht, welches bei denen durch das Gesetz bestimmten Fristen, die man Fatalien, Ordnungs- oder Nachfristen nennt, durch den bloßen Ablauf derselben geschieht, bei den vom Richter bestimmten aber, nach gemeinem deutschen Proccßrecht, einen Antrag der Gegenpartei (Ungehorsamsbeschuldigung, uccusutio coutiuiiuciue) und ein richterliches Decret vorausseht. (S. Präclusion.) Die bekannteste gesetzliche Frist ist die von zehn Tagen (lutule ciescen- ckli), binnen welchen ein richterliches Urthcil durch Rechtsmittel (Appellation, Läuterung, Revision u. s. w.) von der Rechtskraft abgehalten werden kann. Sie fängt von der Stunde der Publikation an zu laufen, sodaß sie mit derselben Stunde am elften Tage zu Ende geht. Auf dieser Kraft der Fristen, deren Verstreichen einem Verzichte gleich ist, beruht nicht allein der Betrieb der Proccssc sondern auch die Sicherheit der Rechte und die Sicherstellung der Bürger gegen veraltete und auf irgend eine Weise getilgte oder aufgcgebenc Ansprüche. (S. Verjährung.) Eine sächs. Frist besteht in sechs Wochen und drei Tagen; sie hat ihren Ursprung in der alten deutschen Gerichtsverfassung, nach welcher jede Ladung vor Gericht 1 -1 Nächte in sich fassen mußte, also immer auf den 15. Tag gerichtet war und eine Verurtheilung erst nach dreimaliger Vorladung, also am -15. Tage, erfolgen konnte. Frithjvfhsage heißt die vermuthlich zu Ende des 13. Jahrh. ausgeschriebene, ihrer Entstehung nach aber viel ältere isländ. Saga von dem norweg. Held Frithjof (eigentlich Fridhthjofr, d. i. Fricdcdieb) dem Starken und seiner Liebe zu der schönen Jngcbjörg, der Tochter Bele's, Königs von Joyn am Joynefjord (im jetzigen Stifte Bergen). Helge und Halfdan, die Bruder der Jngcbjörg, verweigerten sie seiner Werbung und gaben sie dem alten König Hring, während F. die Fährlichkciten bestand, die sie ihm bereiteten. Landflüchtig in Folge der Rache, die er genommen, kam er zu König Hring, der ihn licbgewann, und ihm bei seinem Tode sein Gemahl und sein Reich (Ringerikc im südlichen Norwegen) hinterlicß. Das letztere gab er Hring's Söhnen, nachdem er in der Schlacht Helge getödtck und Halfdan zur Abtretung von Sogn gezwungen, wo er nun mächtig herrschte und sich auch Hördaland unterwarf. Sein Zeitalter wird von Mohnike um das I. 866 n. Ehr., von P- E. Müller vor 706, von Andern noch weit früher gesetzt. Die isländ. Urschrift der Saga Fritzlar Froben 647 ist hcransgegebe» von E. I. Björne in der Sammlung „Nordiska Kampa dater u. s. w." (Stvckh. 1737), und besser von C. CH. Nafn im zweiten Band der „Fornaldar Sögur Nordhrlanda u. s. w." (Kopcnh. 1820); ins Deutsche überseht ist sie von Mohnike (Strass. 1830). Dem schweb. Dichter Tegn er (s. d.) hat die isländ. Sage den Stoff zu seinem schönen Gedicht „Frithjofs Saga" gegeben. ! Fritzlar, in der kurhess. Provinz Niederhcffcn, an der Edder, mit 30VVE. und eini- 1 gen Fabriken, ist eine sehr alte Stadt, die bereits im 8. Jahrh. von den Sachsen niedergebrannt wurde. Sic hatte schon damals ein berühmtes Benedictinerkloster und auf dem Reichstage daselbst wurde Heinrich I. zum deutschen Könige erwählt. Im I. ll232 wurde sie durch den Landgrafen Heinrich Naspe von Thüringen genommen und verbrannt und 1100 daselbst der Herzog Friedrich von Braunschweig durch den Grafen von Waldeck überfallen und getödtet. Sie gehörte bis 1802 zum Erzbisthum Mainz, wurde hieraufhcff-, 1807 > zum Königreich Westfalen geschlagen und nach dessen Auflösung an Hessen zurückgegebcn. i Fritzsche (Karl Fricdr. Aug.), ordentlicher Professor der Theologie zu Rostock, geb. zu Steinbach bei Borna in Sachsen am 16. Dcc. 1801, der älteste Sohn des als Thcolog gleichfalls bekannten Professors Christian Fricdr. F. zu Halle (geb. zu Nauendorf bei Zeih am 17. Aug. >776), erhielt seine Bildung theils durch den Vater, theils auf der Thomasschule und der Universität zu Leipzig (seit 1820), wo er sich 1823 habilitirte und 1825 außerordentlicher Professor wurde. Im I. >826 folgte er dem Rufe als ordentlicher ^ Professor der Theologie nach Rostock, und beim Jubelfeste der Universität zu Marburg im j I. 1827 wurde er Doctor der Theologie. Die Ergebnisse seiner Studien hat er nächst seinen ! Vorlesungen in zahlreichen Schriften vorgclegt, namentlich m Programmen über neutesta- j mentliche Stellen, in mehren Gelegcnheitsschriftcn, wie „Über Tholuck's Verdienste um > die Schrifterklärung" (Halle >831), „Präliminarien zur Abbitte und Ehrenerklärung" . (Halle 1832) w. s. w-, vor Allem aber in seinen ausführlichen Commcntaren über den Matthäus (Lpz. >826), Marcus (Lpz. 1830) und den Römerbrief (Lpz. 1836); doch tadelt man mit Recht das Minutiöse in seiner Schrifterklärung und den Ton, in welchem er seine Gegner, wie De Wette, Tholuck, Dav. Schulz, Kühnöl u. A., zu belehren suchte. — Sein Bruder, Franz Volkmar F., ordentlicher Professor der Bercdtsamkeit und alten Literatur zu Rostock, geb. zu Stcinbach am 26. Jan. 1806, besuchte, nachdem er seine erste Bildung ebenfalls durch den Vater erhalten hatte, das Gymnasium zu Luckau und stu- dirte dann seit 1822 zu Leipzig unter Beck und Hermann Philologie. Auch blieb er daselbst bis 1828, wo er nach Rostock berufen wurde, nachdem er mehre Jahre als Collaborator an der Thomasschule gewirkt hatte. Als erste Frucht seiner Studien, worin man den scharfsinnigen Kritiker und tüchtigen Erklärer erkannte, erschien die Ausgabe von Lucian's „illsxitixler, Demonnx, 6all»s etc." zugleich mit den trefflichen „Hunestionss I.ucio- veae" (Lpz. >826), der die „6ominei>ti>tio»e8 lle ntticisino et ortllogrnpllis I.iicioni" (Rost. 1828) und eine Bearbeitung der „llinlo^i veoruin" (Lpz. 1829) folgten. Später widmete er seine Thätigkeit ganz vorzüglich dem Aristophanes in mehren einzelnen Abhandlungen, namentlich in den „(Zimesti»i>es^ri8toj>Iikuier,s" (Bd. >,Lpz. >835) undinderAus- gabc der „l'llesinopllnimi'.nsne" (Lpz. > 838), und bewährte auch hier außerordentliche Belesenheit und ein tiefes Eingehen in das Wesen der griech. Komödie, während seine beiden Streitschriften gegen O. Müller, dessen Behandlung der „Eumcnidcn" des Äschylus betreffend (Lpz. >831—35), leider nur durch Parteinahme hcrvorgerufen wurden. — Der dritteBruder, Otto Fridolin F., ordentlicher Professor der Theologie in Zürich, geb. zu Dobrilugk am 23.Sept. 1812, zuerst ebenfalls von seinem Vater und daneben seit 1826 auf dem Pädagogium zu Halle unterrichtet, studirte hier seit 1831 Theologie. Nachdem er sich >836 als akademischer Docent habilitirt, erfolgte 1837 seine Berufung nach Zürich, wo er 1812 zum ordentlichen Professor befördert wurde, nachdem er ein Jahr zuvor von der theologischen Facultät zu Halle die Doctorwürde erhalten hatte. Mit seinem Vater und seinem ältesten Bruder gab er die „Opnsculs scsllemica britrscüiorum" (1838) und nachher die „<7»n- ksssio Iielveties posterior" (Zür. 1839) heraus. Froben (Joh.), ein gelehrter Buchdrucker, von Denis mit Recht der Aldus der Deutschen genannt, geb. zu Hammelburg in Franken 1160 , wurde auf der Universität zu Basel 648 Frobisher Frohneu / gebildet und arbeitete dann in Joh.Amerbach's und Hans Petri's von Langcndorf Officinen als Corrcctor, bis er 1191 eine eigene Officin errichtete, deren erster Druck eine lat. Bibel war. Er war einer der Ersten, welche lat. Lettern in ihren Drucken gebrauchten. Seine griech. Type ist nicht schön, seine lat. rund und deutlich, ohne gefällig zu sein. Seine Titel- i blätter sind gewöhnlich etwas überladen, doch sind die Randcinfassungen bei vielen derselben nach Zeichnungen von Holbein und nicht ohne Verdienst. Sein Zeichen besteht in zwei ge- krönten Schlangen, die sich um einen Stab winden und einen Vogel im Munde halten. Alle seine Drucke empfehlen sich durch große Correctheit; sie sind meist theologischen, vorzüglich patristischcn Inhalts; doch besorgte er auch mehre Ausgaben röm. Classiker. Als ein vertrauter Freund des Erasmus von Rotterdam, der auf seine Bitten lange Zeit bei ihm in Basel lebte, druckte er alle Schriften desselben, unter Andern, dessen zweite Ausgabe des Neuen Testaments vom I. l 5 l 9 auf Pergament. An den Folgen eines unglücklichen Falls starb er 1527. Seine Officin wurde von seinen Söhnen Hieronymus, der gleichfalls mit Erasmus näher befreundet war, und I o h a n n, seinem Schwiegersöhne Nikolaus Episcopius, und später von seinen Enkeln Ambrosius und Aurcliusmit geringem Erfolge fortgesetzt. Froblsher (Sir Martin) oder auch For bisher, ein engl. Seefahrer des I K.Jahrh., gcb. zu Doncaster in der Grafschaft Aork, faßte den Plan, eine nordwestliche Durchfahrt nach China aufzusuchen. Nach 15jährigen Bemühungen gelang es ihm, aus Verwenden j Dudley's, Grafen von Warwick, eine Gesellschaft zusammenzubringen, welche ihn insoweit j unterstützte, daß er zwei kleine Schiffe ausrüsten und damit am 8. Juni 15 7 6 von Deptfort absegeln konnte. Am l I. Juli erblickte er unter 61" nördl. B. Land; doch hinderte ihn das Eis zu landen. Er fuhr hierauf südwestlich, dann nördlich und glaubte am 28. die Küste von Labrador zu sehen; am 3 >. sah er ein drittes Land, das er in Besitz nahm, und am l I . Aug. befand er sich in einer Meerenge, die er 59 Stunden hinauffuhr und nach sich benannte, , worauf er am 2. Oct. nach Harwich zurückkam. Ein Stein, welchen einer der Matrosen aus ,> dem in Besitz genommenen Lande mitgebracht hatte, veranlaßte die Gesellschaft, da man ihn ^ für goldhaltig ansah, zu einer zweiten Ausrüstung, mit welcher F. am 26. Mai 1577 abging. Mit einer Ladung jener Steine kehrte er zurück, und die Königin Elisabeth war mit dem Erfolge seiner Reise so zufrieden, daß F. beauftragt wurde, in dem neuentdeckten Lande ( ein Fort zu erbauen und eine Besatzung nebst Arbeitern dort zurückzulaffcn. Zu dem Ende ging er am 31. Mai l 57 8 mit drei Schiffen dahin ab, denen zwölf andere folgten. Am 20. Juni entdeckte er Wesifriesland, welches er Westengland benannte und für die Königin in Besitz nahm. In die Meerenge aber konnte er wegen des Eises nicht einlauscn; einige Schiffe scheiterten, andere wurden beschädigt; die Jahrszeit war zu weit vorgerückt, um eine Colo- nie zu gründen. F. mußte sich daher begnügen, 599 Tonnen des vermeintlichen Goldsteins einzunchmen, und kehrte nach England zurück. Da sich indessen zeigte, daß jener Stein den erwarteten Werth nicht habe, so stand man von weitern Unternehmungen ab, und streitig ist es gegenwärtig, welche Länder F. auf seinen Fahrten entdeckt habe. Im I. > 583 befehligte er ein Schiff der Flotte, welche unter Drake nach Westindien ging, und 1588 ein großes Kriegsschiffgegen die span. Armada. JmJ. 1593 mikzehn Schiffen dem Könige Heinrich IV. zu Hülfe geschickt, wurde er bei einem Angriff auf die Küste von Bretagne am 7. Nov. 1591 verwundet und starb bald darauf zu Plymouth. Vgl. „I^a Navigation du cspitsins k. en region» d'aest, vt nordwest, >>» I'annee 1577" (Gens 1578). s Frodöar, fränkischer Quellenschriftstellcr, geb. um 891, stammte aus der Champagne und starb als Presbyter zu Rheims im I. 966. Er beschrieb unter dem Titel „banales seu On-onicon" die Geschichte seiner Zeit von 919—969, am ausführlichsten Frankreich, und seine Mittheilungen zeichnen sich durch Wahrheitsliebe und Gründlichkeit rühmlichst aus. Außerdem lieferte er eine urkundliche „Uistoria ecde-iaotilieinonsis", welche bis958reichk. Das erstcre Werk findet sich in den Sammlungen von Pithöus (Bd. 12), Duchesne (Bd. 2) und Bouquet (Bd. 5 und 6); letzteres wurde von Sirmond (Par. 1611) und Couvenier (Douai 1617) herausgegeben. Frohnen (coi-vees) heißen Dienste, welche der Besitzer eines verpflichteten Grundstücks dem Besitzer eines berechtigten Grundstücks leisten muß. Sie unterscheiden sich von der eigentlichen Dienstbarkeit dadurch, daß letztere, wenigstens im Sinne des röm. Rechts, stets i Froissart 649 > nur in der Verpflichtung bestanden, auf seinem Grundstücke eine Handlung des Berechtigten zulassen zu müssen (in putiernln), während jene die eigene Vornahme einer unfreiwilligen Handlung bedingen (in tscientlo bestehen), weshalb sic auch servitute-j»ris gei-munici ge- ! nannt werden. Die Frohnen sind ursprünglich die natürlichen Folgen davon, daß sich eine Minderzahl in den Besitz eines weit großem Überflusses von Grundcigenthum gesetzt hatte, als den sie durch eigene Arbeit bestreiten konnte, eine Mehrzahl dagegen wol die Arbeitskraft, aber nicht den Boden besaß, auf den sie dieselbe hätte verwenden können, dabei jedoch > weder die Verwendung der Arbeitskraft äus andere Tätigkeiten als den Landbau, noch die I Vermittelung auf dem Wege der Geldwirthschaft in der Zeit lagen. Deshalb überließen die großen Grundbesitzer den nach Bodenanthcilen Verlangenden dergleichen als bleibendes Eigenthum, aber unter der Verpflichtung bestimmter dem Hauptgute zu leistender Dienste. Dieselbe Verpflichtung wurde unterworfenen Völkerschaften aufgelegt, in deren Mitte sich die Sieger auf großen Gütern niederließcn und die es, im Vergleich zu dem Verfahren der alten Volker, als Wehlthat betrachten mußten, unter diesen Verpflichtungen ihre Güter behalten zu dürfen. Misbrauch der Macht, der gesellschaftlichen Vortheilc, der Klugheit mögen das ursprüngliche Maß in vielen einzelnen Fällen verrückt haben, wie denn namentlich auch die unpassende Anwendung des röm. Rechts auf diese Verhältnisse viel geschadet hat. Unge- > messeneFrohnen sind entweder die höchste Stufe einer solchen misbräuchlichen Ausdch- ! nung, oder sie sind eine Folge ursprünglicher wirklicher Leibeigenschaft (s. d.). Die sogenannten Personalfrohnen liegen nicht sowol auf einem Grundstücke als auf einem ^ ganzen Bezirke, dessen sämmtlichc Einwohner sie zu leisten haben. Sic sind immer nur ^ Handfrohnen, die in Botcngehen, Stricken von Zagdnetzen, Arbeit mit Karst und Spaten u.s.w. bestehen, nicht Spann fr ohne n, die mit Zugvieh gcthan werden. Die Frohnen , schaden dem Pflichtigen, weil sie ihn zu einer unfreiwilligen und entweder gar nicht oder nur dürftig bezahlten Arbeit näthigen, bei großer Ausdehnung eine wesentliche Vermehrung ^ seines Wirthschaftsaufwands verursachen, Versäumnisse in der eigenen Wirthschaft vcran- l lassen und oft einen Geist der Trägheit für alle Arbeit erzeugen; dem Berechtigten, weil sie ihm träge und widcrwilligc Arbeiter geben, bei deren Verwendung er zudem durch das feste Herkommen gebunden ist; Beiden durch Streitigkeiten und gespannte Verhältnisse. Deshalb ist eine Beseitigung derselben auf dem Wege gesetzlicher Ablösung wünschenswerch, und wenn sich schon nicht leugnen läßt, daß in manchen Fällen die an die Stelle der Frohne getretene Gcldrente schwerer drückt als jene, mit der vielleicht eine müßige Zeit ausgefüllt wurde, so muß doch auch die Rente ablösbar sein und dem Landmannc das Ziel gestellt werden, seinen Boden vollkommen frei zu machen. (S. Grundcigenthum.) Froissart (Jean), franz. Dichter und Historiker, geb. ums 1.1337 zu ValcncicnneS, erhielt, dem geistlichen Stande bestimmt, eine gelehrte Erziehung, wendete sich aber sehr bald, zum feinen Weltmann geworden, der Poesie zu. Zn seinem 2». Jahre begann er die Geschichte der Kriege seiner Zeit zu schreiben, welche Beschäftigung, da er, um den Schauplatz der zu beschreibenden Begebenheiten zu untersuchen, mehre Reisen unternahm, auch dazu diente, ihn einigermaßen von einer Neigung zu heilen, die er zu einer weit über seinen Stand erhabenen Dame gefaßt hatte. Die später erfolgte Vermählung dieser Dame machte ihn so unglücklich, daß er nach England ging, wo Philippe de Hainaut, König Eduard's UI. Gc- ! mahlin, sich zu seiner Beschützerin erklärte. Diese verschaffte ihm auch die Mittel, einige Zeit wieder in Frankreich in der Nähe seiner Angebeteten leben zu können. Bald aber kehrte er an den Hof von England zurück, wo man den fröhlichen Dichter und Sänger so gern halte. Von hier aus folgte er dem Schwarzen Prinzen, Eduard von Wales, nach Aquitanien und Bordeaux. Später ging er mit dem Herzoge von Clarence, als dieser sich mit der Tochter Galeazzo Visconti's II. vermählte, nach Italien und ordnete die Festlichkeiten, welche Amadeus VI. von Savoyen dem Herzog zu Ehren gab. Nach dem Tode seiner Gönnerin Philippe gab er alle Verbindung mit England auf und trat nach manchen Abenteuern als Dichter und Secretair in die Dienste des Herzogs Wenzel von Brabant, aus dessen und seinen eigenen Poesien er eine Art Roman, „l>kelia6or", bildete. Nach Wcnzel's Tode ging er in die Dienste des Grafen Gui de Blois, der ihn ermunterte, sein Geschichtswerk fortzusctzen, weshalb er eine Reise zu dem Grasen Gaston lll. Foix (s. d.) unternahm, um aus dem 650 Fronde Munde der an dessen Hofe lebenden bcarnischcn und gascognifchcn Ritter die Thatcn zu hören, welche sie verrichtet. Auf der Reise dahin wurde er mit dem Ritter Mcssirc Espaing du Lion bekannt, der allen Kricgszügcn bcigcwohnt hatte und ihm so offene Mitthcilungen darüber machte, daß der dieselben enthaltende Thcil der vorzüglichste seiner Chronik ist. Nachdem er noch mehre Reisen behufs seiner Chronik gemacht, starb er als Kanonicus zu Chimay 1101 . Seine Eeschichtserzählungcn, die von >322 — >100 gehen, kragen in Colorit und Stil ganz das Gepräge seines bewegten Lebens, sind aber schätzbare Docu- mentc des Charakters und der Sitten jener Zeit. Sie erschienen unter dem Titel „<7tircmi- de >le krrnico, cl'Xngleterre, ck'blcosse, «l'Lsiisgne, 829) herausgegeben. Die schöne Handschrift der Chronik F.'s in der brcslauer Bibliothek wurde insbesondere noch dadurch merkwürdig, daß man, als die Franzosen Breslau 1806 durch Capitulation einnahmen, in einem besondern Artikel der Stadt den Besitz des Manuscripts sicherte. Fronde wurde in Frankreich die Partei genannt, die sich während der Minderjährig, kcit Ludwig's XlV. dem Hofe und der Regierungspolitik des Ministers Mazarin (s. d.) widcrsetzte und von 1618—51 bedeutende innere Unruhen erregte. Die Habsucht und der Absolutismus Mazarin's, dem die Regenten Anna von Ostreich das Staatsruder gänzlich überließ, hatte die Ansprüche aller Stände verletzt. Die Prinzen und Großen sahen sich von den hohen Staatsämtern zu Gunsten der Ausländer ausgeschlossen, das Parlament war in seinen politischen Befugnissen bedroht, und das Volk seufzte unter der Last von Abgaben und Werwaltungsmisbräuchcn. Während der Hof den westfäl. Frieden unterhandelte, begann deshalb das Parlament eine hartnäckige Opposition, indem es die Einregistrirung der königlichen Edicte, besonders der schmählichen Finanzmaßregeln verweigerte. Obschon der neunjährige König im Knabenkleide durch mehrel-its ilejustice (s. d.) die Einregistrirung der Edicte erzwingen und den Widerstand und die eigenmächtigen Berathungen des Parlaments verbieten mußte, so änderte doch dasselbe seine Haltung gegen den Hof nicht. Mazarin griß darum zu Gewaltmitteln. Er ließ unter Anderm am 26. Aug. 1618 die hitzigsten Gegncl des Hofs, den Parlamentspräsidenten Potier de Blancmenil und den Parlamcntsrath Peter Broussel, verhaften. Als das Volk den Staatsstreich erfuhr, griff cs zu den Waffen, zerstreute die Schweizergarde und errichtete am 27. Aug. in den Straßen um das Palais royal Barrikaden (In jonrnee 8 Jan. 1650 die plötzliche Verhaftung der Prinzen Condch Longueville und Conti zur Folge hatte. Diese Gewaltthat ries den Aufstand in allen Provinzen hervor. Der Marschall Türenne nahm den Titel eines Gencrallieutcnants der königlichen Armee zur Befreiung der Prinzen an, verband sich mit dem Erzherzog Leopold Wilhelm, wurde aber, nachdem er sich vieler festen Plätze bemächtigt, am 15. Der. von den Truppen Mazarin's im Treffen bei Retel gänzlich geschlagen. Mazarin kehrte im Triumph nach Paris zurück. Allein hier wa- s u n r. l u II II II n Ik h ! ir h n d . n !' > !r : s I ^ > I! I- c- -l i. ic n r- c- ii 5 lk f >e ii c- I ei i >- i Fronleichnam Frontinus rc» alle Parteien unter die Waffen getreten, und man federte so drohend seine Entfernung, daß er die Prinzen der Haft entlassen und nach den Niederlanden entfliehen mußte. Das Parlament verbannte nun den Cardinal Mazarin mit seiner Familie, und der Prinz von Conde erhielt bei Hofe dicObcrhand. Es trat aber nun an die Stelle der Waffen ein schmähliches Zntrigucnspiel, das den Stand der Parteien gänzlich änderte und den imVolksintrresse begonnenen Kampf in eine Hofcabale verwandelte. Turenne wurde durch die Regenten, der einflußreiche Coadjutor Retz durch Mazarin gewonnen, und Conde, gegen den ein Gewalt- sireich ausgeführt werden sollte, weil er die Regierungsgewalt an sich gerissen, mußte der Sicherheit wegen in seine Starthalterschaft Ernenne entfliehen. In diesen Wirren hatte Ludwig XIV. das 14. Jahr erreicht und dem Namen nach am 7. Scpt. I65t die Negierung angctreten. Er ließ den Prinzen Conde Vorschläge zur Rückkehr machen; dieser aber, voll Mistraucn gegen die versöhnliche Sprache, warf sich nach Bordeaux, wo er großen Anhang hatte, und erüffnete von hier aus mit bedeutenden Hülfsmitteln einen förmlichen Krieg gegen den Hof, der verderblich geworden wäre, hätte sich nicht Turenne dem Prinzen ent- gegengesieUt. Am 2. Juli 1652 kam es zwischen beiden Parteien in der Nähe von Paris zu einem heftigen Gefechte. Conde war bereits dem Untergänge nahe, als ihm der Math und der Eifer seiner Schwester, der Herzogin von Lo nguevill e (s. d.) die Thsre von Paris öffnete, wodurch die Streitigkeiten nochmals einen neuen Wendepunkt nahmen. Paris selbst, der fruchtlosen Unruhen müde, unterhandelte jetzt mit dem ausgeschlossenen Hofe und verlangte vom König die gänzliche Entfernung des zurückgckchrten Mazarin, was Ludwig XI V. nebst einer vollen Amnestie auch bewilligte. Conde, der den Vertrag verwarf, weil der Herzog Karl I V. von Lothringen ihm ein Heer von >2999 M. zugcsührt hatte, verließ am 15. Oct. I652Paris, begab sich in die Champagne und trat endlich, da sich dieProvinzen beruhigten und Niemand mehr für ihn die Waffen führen wollte, 1654 in span. Dienste. Schon am 21. Oct. 1652 war der König in Paris eingezogen und hatte in einem lüt, de su-tic« eine allgemeine Amnestie proclamirt, den Parlamenten den Einspruch in die politischen Angelegenheiten verboten und den Prinzen Conde als Hochverräther geächtet. Auch Mazarin kam im Nov. nach Paris zurück, um aufs neue die Zügel der Negierung zu ergreifen. Obschon alle die Großen, die im Heere des Prinzen die Waffen geführt hatten, sowie zwölf der unruhigsten Parlamentsräthe für den Augenblick verbannt wurden, so kehrte doch selbst die ProvinzGuienne zum Gehorsam zurück, da die erwartete span. Hülfe ausblieb. So war aus dieser langen, anscheinend im Volksinteresse begonnenen, aber von den Großen ins Charakterlose gezogenen Bewegung die königliche Gewalt allein als Siegerin hcrvorgcgangen. Vgl. Sainte-Aulaire, „Histoire de laVrande" (3Bde., Par. 1827). Fronleichnam, altdeutsch, d. i. des Herrn Leib (corpiig domini äesu Vlirisli), bezeichnet die geweihte, nach dem Lchrbegriffe der katholischen Kirche in den Leib Jesu verwandelte Hostie. Die zufolge dieser Lehre seit dem Anfänge des 1 ll.Jahrh. herrschend gewordene Anbetung der geweihten Hostie, vielleicht auch die Offenbarungen, die einige Nonnen in der Diöccse von Lüttich empfangen haben wollten, veranlaßtcn Papst Urban I V. 1261 zur Stiftung des Fronleichnams festes, welches nicht an dem mit andern Feierlichkeiten überfüllten Gründonnerstage, sondern am Donnerstage nach dem Trinitatisfeste gefeiert wird und, seitdem cs auf dem Concilium zu Vienne imJ. I3II allgemein angcordnct wurde, das glänzendste unter den Festen der katholischen Kirche geworden ist. In katholischen Ländern wird dasselbe durch große Processionen begangen, aufwclchc allerlei Lustbarkeiten folgen. Fronte nennt man die Vorder- oder Gesichtsscitc eines Menschen oder Gebäudes; in der Militairsprache die dem Feinde oder der Stelle, wo man sich den Feind denkt, zuge- kehrte Seite der Stellung; daher Fronte auf etwas machen, so viel als gegen etwas gerichtet sein. Frontinus (Sertus Julius), ein röm. Schriftsteller aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrh. n. Chr., gelangte durch eigenes Verdienst allmälig zu den höchsten Staatßämtcrn. Er erntete unter Vespasian großen Ruhm als Feldherr in Britannien und zeichnete sich überdies als Rechtsgelchrtcr und Redner unter seinen Zeitgenossen aus. Nachdem ihm 97 n. Chr. unter Nerva zum zweiten Male das Consulat und in demselben Jahre die Aufsicht über die Wasserleitungen in Rom übertragen worden war, starb er um >95 n. Chr. Seine beiden 652 Frontispice Froriep Hauptwerke sind die vier Bücher von den Kriegslisten, „Strstegemuticön", welche zuerst z« " Rom (l^87, 4.), dann von Oudendorp (Leyd. 1731 und 1779), Schwebe! (Lpz. 1772)und ll Wiegmann (Gott. 1798) herausgegeben wurden, und die für die Geschichte der Baukunst ! - wichtige Schrift „De syuseeluctibus urbis Romae", welche von Adler (Altona 17 92), Neu ^ Rändelet (Par. 1820,4.) und zuletzt am besten von Dedcrich (Wesel 1841) bearbeitet wurden, ^ der auch eine deutsche Übersetzung gab (Wesel 1841). Fälschlich wurde F. früher die Schrift „De re sgraria" und die Bruchstücke „De limitibus" und „De coloniis", welche sämmtlich ! in „kei sgrurise auctore8" von Göns (Amst. 1674, 4.) enthalten sind, zugeschrieben. . Frontispice, im Allgemeinen gleichbedeutend mit F ront e (s. d.), nennt man insbesov- ^ dere den Mittlern, in Form eines Giebels gebauten, hervorspringenden Theil eines Gebäudes. - Fronto (Marcus Cornelius), ein berühmter Lehrer der Beredtsamkeit unter Hadrian, stammte aus Cirta in Numidien. Er trat später zu Rom mitvielcmBeifall auf, unterrichtete ^ ^ selbst die Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus, gelangte allmälig zu den höchsten , Staatswürden und starb um 170 n. Chr. Früher kannte man nur Fragmente seiner grammatischen Schriften („De üiklereutüs vocsbnlvrum"), in neuerer Zeit aber entdeckte Angele ^ Mai in einem Palimpsest der Ambrosianischcn Bibliothek zu Mailand mehre Werke desselben, namentlich eine große Anzahl von Briefen (Mail. 1815), wovon in Deutschland ein sorg- ^ faltiger Abdruck (Franks. 1816) und eine kritische Ausgabe, zugleich mit den Anmerkungen !! Buttmann's und Heindorf's durch Niebuhr (Berl. 1816) besorgt wurde. Einige Jahre nachher fand Mai in einer Handschrift des Vatikans mehr als hundert noch unbekannte Briefe ) des F. und machte dieselben in einer neuen, vervollständigten Ausgabe der sämmtlichcn Werke ' ^ (Rom 1823) bekannt, die dann auch in Deutschland (Celle 1832) besonders abgedruckt wur- » den. Eine franz. Übersetzung lieferte Cassan (2 Bde., Par. 1830), eine Auswahl der vor- ^ züglichsten Briefe I. C. Orelli in der „(lkrestomirtdia krontomanit", welche der Ausgabe ^ des „vislogus <1e oratoribus" von Tacitus (Zür. 1830) beigcgeben ist. F. gehört zu dev n vorzüglichsten Schriftstellern jener Zeit, obgleich seine gekünstelte Sprache und declamato- i ^ rische Darstellung den Verfall der Literatur und den gesunkenen Geschmack verrathen. Vgl. ^ . Roth, „Bemerkungen über die Schriften des F." (Nürnb. 1817). l > Fronton, s. Giebel. d Froriep (Friedr. Ludw. von), gcb. 1779 zu Erfurt, besuchte die Schulen zu Bücke- h bürg und Wetzlar und studirte seit 1796 zu Jena, wo er 1799 die mcdicinische Doctorwürde ,, erhielt und 1801 als akademischer Lehrer auftrat. Vielfach beschäftigte er sich mit Eall s ^ Schädellehre, wie seine „Darstellung der neuen, auf Untersuchungen der Verrichtungen des . Gehirns gegründeten Theorie der Physiognomik des vr. Galt" (3. Aust., Weim. 1802) be- . weist, jedoch blieb die Gcburtshülfe sein Hauptstudium, und eine Frucht desselben war sein !. „Theoretisch-praktisches Handbuch der Geburtshülfe" (9. Aust., Weim. 1832). Im I. , 1804 folgte er einem Rufe nach Halle, wo 1806 unter seiner Leitung das öffentliche Ent- ^ bindungshaus eingerichtet wurde. Von jetzt an wendete er sich mehr der Naturgeschichte, ver- ^ ^ gleichenden Anatomie und Chirurgie zu; auch nahm er thätigen Antheil an Bertuch's l ^ (s. d.), seines Schwiegervaters, Wirksamkeit für Verbreitung naturwissenschaftlicher Kennt- ? nisse. JmZ. I8v8wurdecralsProfefforderChirurgieundEeburtshülsenachTübingenbe- ^ ^ rufen, wo er sich besonders durch Einrichtung einer geburtshülflichen Klinik verdient machte. > , Seit 1811 zum würtemb. Leibarzt ernannt, ging er als solcher >814 nach Stuttgart, >816 ' ^ jedoch als sachsen-weim. Obermedicinalrath nach Weimar, um Bertuch in seinen Geschäften - zu unterstützen, nach dessen Tode im 1.1822 er das Landes-Zndustric-Comptoir in Weimar ^ für eigene Rechnung übernahm. Zn demselbcnJahre begann er die Zeitschrift „Notizen aus dem ^ Gebiete der Natur- und Heilkunde" (50 Bde., Weim. 1822—36), die er gegenwärtig unter , dem Titel „Neue Notizen u. s. w." (29 Bde., Weim. 1836—44) mit seinem Sohne fort- , setzt. Außerdem ist noch seine Bearbeitung von Cooper's „Handbuch der Chirurgie" (4 Bde.; , § 2. Aust., Weim. I831)zu erwähnen. Wie früher schon in dem „Oppositionsblatt", so nahm ! er auch seit 1823 auf den wcimar. Landtagen thätigen Antheil an den politischen Begeben- i heiten. — Sein Sohn, Rob. F., geb. 1804 zu Wcimar, promovirte 1828 in Bonn und wurde 1832 Professor der Heilkunde zu Jena und 1833 außerordentlicher Professor der medicinischen Facultät, Prosector und Cvnservator des pathologischen Museums der Charite . 'Frösche Fruchtbringende Gesellschaft 652 Berlin. Er hat sich in der medicinischen Welt besonders durch mehre großartige Kupferwerke bekannt gemacht. Dchin gehören „Chirurgische Kupfertafeln" (Weim. 1820 fg.), „Klinische Kupfertafeln" (Weim. >828 fg.), „Symptome der asiat. Cholera im Nov. und Dec. 1831 zu Berlin abgcbildet und beschrieben" (2. Ausl., Weim. 1832), „Atlas der Hautkrankheiten" (Weim. 1837 fg.), „Beobachtungen über die Heilwirkung der Elektrici- tät bei Anwendung des magnctoelektrischen Apparats" (Weim. > 833). Frösche, s. Batrachier. Froschmäuseler, s. Rollenhagen (Georg). Frost heißt die Temperatur der Luft, bei welcher Wasser im Freien gefriert, und ist im Allgemeinen gleichbedeutend mit Kälte (s. d.). Frostableiter bestehen in Strohseilen, die man mit dem einen Ende an diejenigen Gegenstände, welche man vor dem Frost schützen will, meist Obstbäume, befestigt, mit dem andern Theile aber in ein mit Wasser angefülltes Gesäß leitet. Frucht heißt in der Botanik im weitern Sinne der Verein aller der Theile der Pflanze, die nach dem Verblühen der letztem zur Bildung desSamens (s. d.) und zu seiner Be- schützung Mitwirken. Im engem Sinne ist die Frucht nur der zur Reife gelangte Fruchtknotens. d.). Jede Frucht besteht aus zwei Theilen, nämlich der Fruchthülle (pericur- >>»,m) und dem Samen. In der Regel entsteht eine Frucht nur aus Einer Blüte; im gemeinen Leben nennt man aber auch die Ananas, die Tannenzapfen u. s. w. Früchte, obgleich sie aus einer Menge gedrängt stehender Blüten durch Verwachsung hervorgehen. Die Beschaffenheit der Fruchthülle, ihre Fächer, Scheidewände, die Art des Öffnens und der Anheftung des Samens bestimmen die Fruchtgattungen. Der eßbare Theil der Früchte ist gewöhnlich die zwischen der Außen - und Jnnenhaut der Fruchthülle befindliche Flcischmaffe. Zur Bestimmung der Familien, Gattungen und Arten geben die Früchte die sichersten Merkmale. Fruchtbarkeit, im physiologischen Sinne. Die Quantität des Zeugens oder der Grad der Fruchtbarkeit hat bei jeder Gattung ein bestimmtes ungefähres Vcrhältniß; so kommen auf jede Ehe durchschnittlich 3—4 Kinder; auf23—30 lebende Menschen kommt jährlich eine Geburt, auf 50 Ehen eine unfruchtbare. Ähnliches läßt sich auch bei Thieren der höher» Claffen, wo indessen die Zahlenverhältnisse andere sind, Nachweisen. Die Fruchtbarkeit ist um so größer, je einfacher die Zeugungswcise ist; daher die ungeheure Vermehrung derJnfusionsthiere. Sie ist größer bei äußerer Befruchtung, wie bei Fischen und Fröschen, als bei innerer, größer bei Thieren, die ihre Nahrung ohne Schwierigkeit und in Menge finden (Grasfressern) und daher weniger Reizbarkeit zeigen als bei irritabel« Raubthieren; sie ist endlich bei kleinem bald ausgelragenen Thieren bedeutender als bei solchen, deren Felusleben lange dauert, und die ausgewachsen einen bedeutenden Körperumfang erlangen. Bei verschiedenen Individuen derselben Ärt (specios) ist endlich die Fruchtbarkeit nicht immer gleich, theils in Folge natürlicher Anlage, theilS zufälliger Umstände, wie Quantität und Beschaffenheit der Nahrung, Lebensverhältniffe überhaupt, Grad der körperlichen Gesundheit, Älter, Klima u. s. w. Die Fruchtbarkeit ist durchschnittlich größer als zur Erhaltung der Gattung nöthig ist, wird aber in ihren Folgen beschränkt durch im Verhältnisse stehende kurze Lebensdauer, Sterblichkeit und die Zerstörung der jungen Brut, welche andern Geschöpfen zur Nahrung dient. Unter günstigen Umständen kann die Bevölkerung eines Landes in 50 Jahren sich verdoppeln; ein Paar Kaninchen kann innerhalb vier Jahren 1,274000 Nachkommen haben, indem diese Thiere jährlich 4—8 mal zeugen, jedesmal aber 4—8 Junge werfen, die schon nach sechs Monaten wieder zeugungsfähig sind. Bei nieder» Thieren ist die Fruchtbarkeit noch weit größer; Re'aumur hat gefunden, daß eine Blattlaus in der fünften Generation 5004 Mill. Nachkommen hat. Man besitzt eine große Menge annähernder Berechnungen der Eierzahl, welche Pflanzen und Thiere in einer Fortpflanzungsperiode reifen; ein Maisstengel trägt 2000, eine Sonnenblumenpflanze 4000, eine Gerstenpflanze 7000, eine Ulme 300000 Samen; in Austern und Archenmuscheln hat man von I—2 Mill., in der Karausche 93000, in der Schleie 200000, im Karpfen 300-000000 Eier gesunden, Beispiele, welche beweisen, daß die Erde für die Geschöpfe bald zu eng werden würde, wenn nicht die obengenannten Einflüsse ausglcichend dazwischen träten. Fruchtbringende Gesellschaft oder Palmenvrden nannte sich der am 24.Auz. 654 Frnchtfolge Frugoni ! 1617 auf dem Schlosse zu Weimar von Kasp. von Teutleben, dem Hofmeister des Prinzen ' Johann Ernst des Jüngern, gestiftete Verein zur Erhaltung und Wiederherstellung der Reinheit der deutschen Sprache, welche damals durch Einmischung fremder Wörter und Redens- arten alle Eigenthümlichkeit zu verlieren in Gefahr stand. Fünf deutsche Fürsten, drei Her- zöge von Sachsen-Weimar und zwei von Anhalt nahmen an der Stiftung desselben Theil, j und sogar König Karl Gustav von Schweden ließ sich als Mitglied aufnehmen. Das Muster für die Einrichtung der Gesellschaft hatten die ital. Akademien gegeben; um jeden Rang, streit zu vermeiden und bürgerliche Mitglieder den höher« gleichzustellen, wurde Jedem ein Name beigelegt, dessen er sich in der Gesellschaft bedienen mußte. Außerdem erhielt jedes s Mitglied ein Sinnbild und einen Wahlspruch die den Namen von Gewächsen entlehnt wurden. So hieß z. B. der Herzog Wilhelm von Weimar der Schmackhafte; sein Sinnbild war eine Birne mit einem Wespenstich, und sein Wahlspruch: Erkannte Güte. Andere hießen der Saftige, der Nährende, her Bittersüße, der Steife, der Gemästete, der Wohlriechende, der Abtreibende u. s. w. Über den müßigen Spielen mit Namen, Sinnbildern und Wahlsprüchen wurde der ursprüngliche Zweck der Gesellschaft sehr bald vergessen. Dennoch wirkte dieselbe mannichfach anregend, insbesondere auf die höhern Stände in Deutschland Später hielt sie ihre Zusammenkünfte auf dem Schlosse zu Köthen, bis sie 1680 einging. Vgl. Neumark, „Neusprossender deutscher Palmenbaum" (Nürnb. 1668). Fruchtfolge oder Fruchtwechsel, s. Ackerbau. Fruchtknoten (ovarium) nennt man den Theil des Stempels oder des weiblichen Befruchtungsorgans der Pflanzen, welcher die Eierchen oder die Anfänge der Samen, auf dem Mutterkuchen (plucentit) durch Nabelstränge (tuniculi umllilicsles) befestigt, in seiner Höhlung einschließt. Selten ist nur ein einzelnes Eichen vorhanden. Der Fruchtknoten entwickelt sich nach dem Verblühen der Pflanze zurFrucht (s. d.). ^ Fruchtstück nennt man ein Gemälde, welches Garten- oder Baumfrüchte darstellt. ^ Die Fruchtstücke erhalten durch Anordnung und Zusammenstellung der verschiedenen Fruchtarten und durch täuschende Wahrheit der Farbengebung und Beleuchtung ihren vorzüglichsten Reiz. Als die vorzüglichsten Fruchtmaler sind die Niederländer anerkannt, namentlich ! de Heem, Mignon, Gillemans, Berbruggen, van Royen, van Huysum und Rachel Ruysch, ! während die Italiener dergleichen von jeher zu malen verschmähten. Ihnen fehlt die ver- ; gnügliche Seelenruhe, die zur Production des Fruchtstücks und des S t i l l l e b e n s (s. b.) l überhaupt nöthig iss. Unter den deutschen Künstlern der neuern Zeit zeichnete sich besonders Preyer in Düsseldorf durch treffliche Blumen- und Fruchtstücke aus. Fruchtwein, s. Eider. Fructidor, d. i. Fruchtmonat, hieß in dem republikanischen Kalender Frankreichs die Zeit vom 18. Aug. bis zum 16. Sept. Bekannt ist der 18. Fructidor des I. V (4. Sept. 1707), an welchem die Directorialregierung die sranz. Republik durch einen Staatsstreich vor dem Andringen der Royalisten rettete. (S. Directorium.) Frugöni (Carlo Jnnocenzo), ein berühmter ital. Dichter, geb. zu Genua 1602 , wurde als der jüngste unter drei Söhnen für den geistlichen Stand bestimmt. Bei ungemcinerLeb- haftigkeit des Geistes und der Einbildungskraft machte er schnelle Fortschritte, besonders in , den schönen Wissenschaften. Als er 1716 in Brescia Rhetorik zu lehren anfing, hatte er sich schon den Ruhm eines eleganten Schriftstellers in Prosa und Versen, in lat. sowol als in ^ ital. Sprache erworben. Er stiftete daselbst eine sogenannte arcadische Colonie, in der er dm - Namen Comante Eginetico erhielt; allein erst in Rom erreichte sein Genius seine volle Entwickelung. Seit 1719 lehrte er zu Genua, dann zu Bologna. An dem Hofe zu Parma fand er durch des Cardinals Bentivoglio Verwendung eine ehrenvolle Aufnahme; allein seine Muse mußte sich öfter zu Gelegenheitsgedichten bequemen. Seine Denkwürdigkeiten des Hauses Farnese, welche er 1720 herausgab, wurden mit dem Titel eines königlichen Geschichtschreibers belohnt. Nach dem Tode des Herzogs Antonio kehrte er nach Genua zurück Jetzt fing sein Klostergelübde an, ihm lästig zu werden, und nach vielen Bemühungen wurde er ! desselben durch Benedict XIV. entbunden. Seine große Canzone auf die Eroberung von Oran durch die span. Truppen, unter dem Befehle des Grafen Montemar, und andere Gedichte, welche er zu derselben Zeit dem Könige Philipp V. und der Königin von Spanien Frühreife Frühling überreichen ließ, machten ausgezeichnetes Glück. Er wurde wieder an den Hof von Parma gerufen; doch der Krieg, welcher in Italien zwischen Spanien und Ostreich ausbrach, versetzte auch ihn in drückende äußere Verhältnisse. Nach dem aachener Frieden kam er von neuem an den Hof zu Parma und überließ sich nun ganz seiner Neigung zur Dichtkunst, bis zu seinem Tode im I. >768. Seine Werke erschienen zu Parma (>» Bde., >770) und am vollständigsten zu Lucca (l5 Bde., 1770); eine Auswahl zu Brescia (3 Bde.,„> 782). Frühling heißt im gewöhnlichen Lcbcn.diejcnige Jahrszeit, welche den Übergang von dem Winter zum Sommer bildet und während welcher in Folge der anhaltend wärmer» Witterung die Vegetation erwacht; in der Astronomie, diejenige Zeit des Jahrs, in welcher sich die Sonne vom Äquator entfernt und zugleich die Tage zunehmcn. Der astronomische Frühling beginnt hiernach in der nördlichen Halbkugel an dem Tage, wo die Sonne von Süden her den Äquator erreicht, d. i. um den 22. März, in der südlichenHalbkugel an dem Tage, wo sic ihn von Norden her erreicht, d. i. am 23. Sept., er endigt immer an dem Tage, wo die Sonne um Mittag ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hat, d. i. für die nördliche Halbkugel um den 21. Juni, für die südliche um den 21. Dec. Alles dies gilt jedoch zunächst nur für die gemäßigten Zonen, da sich nur in diesen das Jahr in vier gleiche Jahrszeiten thcilen läßt. Übrigens sind der natürliche oder meteorologische und der astronomische Frühling, welchen letzter» die Kalender angcben, hinsichtlich ihres Eintritts, oft sehr voneinander verschieden; der crstcre tritt desto früher ein, je näher eine Gegend dem Äquator liegt, in der Regel aber später als der letztere. Frühlingscur nennt man ein längere Zeit fortgesetztes Heilverfahren, bei welchem im Frühjahre der ausgepreßte Saft frisch gesammelter Kräuter, z. B. des Wcrmuths, Schnittlauchs, Eänseblumenkrauts, Distelkrauts, Kerbels, Schöllkrauts, der Schafgarbe u. s. w., in einer bestimmten Gabe genossen wird. Es wird entweder der Saft eines einzelnen Krautes oder mehrer zusammen verordnet, derselbe mit Milch, Fleischbrühe, Thecausgüsscn u. s. w. vermischt, auch zuweilen noch andere Arznei damit verbunden und die Wirkung des Ganzen durch eine passende Diät unterstützt. Ihren Hauptcinfluß, der gewöhnlich auflösend ist, zeigen diese Euren in den Organen des Unterleibs. Auch benutzt man die frischen Kräutersäfte, um Molken (s. d.) damit zu bereiten. Vgl. Löffler, „Die Kräutersaftcuren und deren Än- wendung" (Drcsd. >830). Frühlingsnachtgleiche (^equiiwetiinn Vernum) heißt, der Zeitpunkt, in welchem die Sonne in ihrem Aufstcigen, indem sie von der Südseite des Äquators auf die Nordseite desselben übergeht, den Äquator erreicht, an allen Orten der Erde Tag und Nacht völlig gleich macht und bei uns den Anfang des astronomischen Frühlings bestimmt. Frühreife nennt man die dem betreffenden Lebensalter vorauseilende Ausbildung des Körpers und Geistes eines Kindes. Die Ürsachen einer solchen Verfrühung liegen häufig in der erziehlichen Einwirkung, oft sind sie aber ganz unbekannt. Es hat Kinder gegeben, die schon im sechsten Lebensjahre die Größe und Stärke eines erwachsenen Menschen erreichten, und man führt Beispiele an, daß in noch frühem Lebensjahren an Knaben alle Zeichen der Mannbarkeit sichtbar waren. Gewöhnlich bleibt bei so ungewöhnlich rascher Entwickelung des Körpers die Entwickelung des Geistes zurück. Das auffallendste Beispiel von Frühreife des Geistes ist das von dem sogenannten lübecker Wunderkinde, Ehr. H. Heineken, geb. am 8. Febr. >721, das schon im zehnten Monate alle Gegenstände kennen und benennen lernte, noch vor Ablauf des ersten Lebensjahrs unter Anleitung eines Lehrers mit den hauptsächlichsten Geschichten in den fünf Büchern MosiS sich bekannt machte, im 15. Monate die Weltgeschichte ansing, noch vor vollendetem dritten Lebensjahre die Institutionen und die dän. Geschichte inne hatte, nun auch lateinisch lesen lernte, aber schon im fünften Lebensjahre starb. Ein anderes frühreifes Kind Baratiers, geb. am >9. Jan. >721 zu Schwabach in Franken, konnte im dritten Jahre lesen, im fünften deutsch, franz. und lat. sprechen, im achten die Bibel in den Grundsprachen verstehen, wurde dann Mathematiker und Rechtsgelehrtcr, war im l 8. Jahre ein Greis und starb im 20. Lebensjahre. Auch Torquato Taffo, Joh. Pico von Mirandola, Melanchthon, Hugo Grotius gehörten zu den frühreifen Kindern. Geistige Frühreife der Kinder wird oft von den Älter» aus Eitelkeit absichtlich begünstigt, hat aber in den meisten Fällen die traurigste» Folgen für die körperliche Eestindhcitj nur dann ist sie A H-' ! 2 , H W s'.l . ec. 656 Frundsberg FryxeÜ weniger nachtheilig, wenn sie die Frucht der natürlichen Entwickelung ist. Immer ist es gut, Kinder, bei welchen eine solche Frühreife sich zu zeigen beginnt, in ihrer geistigen Entwickelung durch gesteigerte Pflege der körperlichen Entwickelung zurückzuhalten. Frundsberg (Georg von), auchFronsperg oder Freundsberg, Herr zuMin- delheim, kaiserlicher Feldhauptmann, wurde zu Mindelheim am 24. Sept. >475 geboren. Dein Vater, Ulrich F., war, wo nicht Urheber, doch erster Hauptmann des Schwäbischen Bundes, und sein Bruder, KasparF., zeichnete sich durch tapfere Thaten als Führerim Bundeskriege aus. F. nahm an dem Zuge des Schwäbischen Bundes (s. Schwabcn) wider den Herzog Albert von Baiern Theil; sein großes Talent für die Kriegskunst aber bildete er in den Kriegen Kaiser Maximilian's I. gegen die Schweizer aus. Schon > 504 galt er für einen der tapfersten Ritter im kaiserlichen Heere, und seit 15 >2 stand er an der Spitze der kaiserlichen Truppen in Italien. Karl V. leistete er wesentliche Dienste in der Schlacht von Pavia im I. > 525. Im I. > 526 warb er > 2000 Deutsche auf eigene Kosten mittels Verpfändung seiner Güter, durch welche er das Heer Karl's von Bourbon verstärkte, mit dem er dann vor Rom zog, das im Sturm genommen wurde. Zn der Folge führte er gegen Ulrick von Würtemberg das Fußvolk des Schwäbischen Bundes an, und im Kriege wider Frankreich diente er in den Niederlanden unter Philibert von Dramen. Seine Truppen zu Fuß, die Lanzknechte, in Regimenter gctheilt, gaben den Schweizern an kriegerischer Haltung und Tapferkeit nichts nach. Als er bei Ferrara die wegen rückständiger Löhnung aufstützigen Truppen nicht zur Ruhe bringen konnte, wurde er, wie er glaubte, vom Schlage gerührt und auf ein Schloß in der Nähe gebracht. „Da siehst du mich wie ich bin", sagte er zu seinem Freunde Schwalinger, „das sind die Früchte des Kriegs! Drei Dinge sollten einen Jeden vom Kriege abschrecken: die Verderbung und Unterdrückung der armen unschuldigen Leute, das unordentliche und sträfliche Leben der Kriegsleute und die Undankbarkeit der Fürsten, bei denen die Ungetreuen hoch kommen und reich werden und die Wohlverdienten unbelohnk bleiben." Auf dem Reichstage zu Worms, wo Luther vor Karl V. sich verantworten sollte, machte der ruhige Blick des angefeindeten Mannes einen solchen Eindruck auf F., daß er Luther freundlich auf die Schultern klopfte und ihm zurief: „Münchlein, Münchlein, du gehst jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberster auch in der allerrrnstlichsten Schlachtordnung nicht gethan haben. Bist du aber auf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen fort und sei nur getrost; Gott wird dich nicht verlassen." F. starb zu Mindelheim am 20. Oct. 1528. Seine Güter waren durch die Summen, welche die angeworbenen Truppen gekostet, so verschuldet, daß sie zum großen Theil verkauft werden mußten. Dgl. Barthold, „Georg von F., oder das deutsche Kriegshandwerk zur Zeit der Reformation" (Hamb. 1833). Fry (Elisabeth), geb. 17 80 auf Cartham-Hall in der Grafschaft Norfolk, die Tochter des dasigen Schloßbesitzers und Quäkers John Gurnay, stiftete daselbst eine Freischule für arme, verwaiste Mädchen, die sie nach ihrer Verheirathung mit dem londoner Kaufmann Jos. Fry erweiterte. Später errichtete sie in London eine Schule für die Kinder der Gefangenen in Newgate, sowie unter dem Namen des Newgater Vereins eine von einer Vorsteherin und zwölf Frauen geleitete Lehr- und Arbeitsschule für verurtheilte Gefangene. Allgemeiner bekannt wurde sie durch ihre in rastloser Thätigkeit zu Verbesserung des Schicksals der Gefangenen in Amerika, Frankreich und Deutschland unternommenen Reisen. Während sie von der einen Seite wegen ihres oft segensreichen Wirkens den Beinamen Engel der Gefängnisse erhielt, unterlagen auf der andern ihre Bestrebungen, insofern sie damit mysticisti- sche Tendenzen verband und durch Vertheilung von Tractätchen manche Verirrungen veranlaßt, oft lieblosen und harten Beurtheilungen. Frypell (Anders), einer der populairsten unter den gegenwärtigen schweb. Geschichtschreibern, geb. >795 in der Provinz Dalsland, wo sein Vater Propst war, studirte in Upsala, wo er >82> den philosophischen Lorberkranz erhielt, und wurdehieraufLehrer und > 828 Rector an der Marienschule zu Stockholm, worauf er >833 den Professortitel erhielt. Bereits seit >826 Mitglied des königlichen Comite zur Prüfung der Landeserziehungsanstalten wurde er >834 Mitglied der Akademie der schonen Literatur, der Geschichte und der Alter- thüm« zu Stockholm und der Oldskrift-Selskab zu Kopenhagen. In demselben Jahre un- Fualdeö 657 ternahm er eine Reise nach Polen und Deutschland; nach seiner Rückkehr wurde er >835 Pfarrer zu Sunne in Wermland. Seine Reise hatte eigentlich den Zweck, die vom Bischof Brask in den Zeiten Gustav's l. nach Polen abgeführten schweb, Urkunden aufzusuchen, von denen aber keine Spur sich mehr vorfand, da die wichtigsten Archive Polens nach Rußland geschafft worden waren. In Kopenhagen und Wien benutzte er die Gelegenheit, die in Archiven aufbcwahrten Gesandtschaftsberichte der in den J. 1640—97 am Hofe zu Stockholm accreditirten Minister abzuschreiben, die er nach seiner Rückkehr herausgab (4 Bde.). Seinen Ruf begründeten hauptsächlich seine „Berättelser ur svenska Historien" (Bd. 1 —10, Stockh. 1823—43), die, abgesehen davon, daßsie durch die patriotische Gesinnung, welchesich darin ausspricht, durch naturgetreue Auffassung, biographische Details und naive und lebendige Darstellung zum wahren Volksbuch geworden sind, mit jedem Theile an Gehalt und Gründlichkeit durch fleißige Quellenforschung und geschärftes Urtheil gewonnen haben, sodaß . man sic in ihren letzten Theilen als eine unentbehrliche Ergänzung der Geijer'schen Geschichte betrachten muß. Deutsch erschienen F.'s „Leben Gustav II. Adolfs" (von Homberg, 2 Bde., Lp;. 1842—43) und „Erzählungen aus der schweb. Geschichte" (2 Bde., Stockh. 1843). Seiner „Charakteristik der Zeit von 1592—1600 in Schweden und der ausgezeichnetsten in dieser Periode lebenden Personen" wurde 1830 der höchste Preis der schweb.Akademie zu Theil. Unter seinen Dichtungen ist das Singspiel „Wcrmlands flickan", welchem die eingewebten Volksmelodien besondern Reiz verleihen, beiweitem die vorzüglichste. Außerdem hat F. mehre Schulschriften herausgegeben, namentlich eine schweb. Sprachlehre. Fualdes. Der Mord des F. zu Nhodez, einer kleinen Fabrikstadt des Departements Aveyron im südlichen Frankreich, gehört zu den verwickeltsten Criminalfällen neuerer Zeit. F. war Protestant, gehörte zu der Partei der Liberalen und hatte unter der kaiserlichen Negierung den Posten eines Procurators beim Criminalhofe zu Nhodez bekleidet. Nach der Restauration lebte er als Privatmann und trieb Geldgeschäfte. Dies brachte ihn mit dem Mäkler Jausion und dem Kaufmann Bastide-Grammont auf einen vertrauten Fuß. Plötzlich faßte er 1817, wahrscheinlich durch die Verfolgungen der Protestanten im südlichen Frankreich bewogen, den Entschluß, Rhode; mit einem andern Wohnorte zu vertauschen. Er verkaufte seine liegenden Gründe und kündigte, sowie Andern, Jausion und Bastide, die geliehenen Capitalien. Beide konnten für den Augenblick diese ohne großen Nachtheil nicht entbehren, und da F. dessenungeachtet auf Rückzahlung derselben bestand, so gcriethen sie, namentlich der heftige und finstere Bastide, mit ihm deshalb am Morgen des 19. März 1817 in einen lebhaften Wortwechsel, der sich damit endigte, daß man eine neue Zusammen- kunft auf den Abend desselben Tags verabredete. Am andern Morgen um 6 Uhr fand man den Leichnam des mit Messerstichen ermordeten F./ eingepackt wie einen Ballen Kaufmannsgut, in dem beim Orte vorbeifließenden Aveyron. Ziemlich um dieselbe Zeit erschienen Jausion mit seiner Frau und Schwägerin, der Gattin des Bastide, in der Wohnung des F. und begannen die Papiere desselben zu durchsuchen, wobei sie nicht nur sein Pult erbrachen und mehre Papiere und Rechnungsbüchcr sondern auch einen Beutel mit Geld und andere Effecten mit sich nahmen. Um 10 Uhr fand sich auch Bastide ein und durchsuchte noch einmal die Papiere. Da man diese Personen als die vertrautesten Bekannten des Ermordeten kannte, der Sohn desselben aber aufNeisen war, so ließ man dies ungehindert geschehen. Die von den Behörden mit allem Eifer, namentlich auf Betrieb des indcß zurückgekehrten Sohns, betriebene Untersuchung blieb ohne Resultat, bis auf einmal ein Kind auf eine Spur leitete. Ma- delaine, die zehnjährige Tochter des Schenkwirths Bancal in der Straße Hebdomadiers, hatte von ungefähr geäußert, daß sie wisse, wo und von wem F. ermordet worden sei, und erzählte auf weiteres Befragen, daß der Mord im Bancal'schcn Hause selbst begangen, daß dabei eine Menge Personen gegenwärtig und sie selbst, die man schlafend geglaubt, Zeuge davon gewesen sei. Sogleich wurde Bancal und seine Frau, ein ehemaliger Trainsoldat, Collard, dessct« Geliebte, Anne Benoit, sowie noch drei Andere, Bax, Missonier und Bousqnier, und 25 Tage nach dem Morde auch Bastide und Jausion festgenommcn. Da die beiden Letzter» Katholiken waren und den vornehmsten Familien der Stadt angchörten, so bot die antiprotc- stantische Partei Alles auf, sie zu retten, und sah sich, da Alle standhaft leugneten und die Conv.-Lex. Neunte Aufl. V. 42 658 Fualdes einzelnen Widersprüche der Angcklagrra untereinander blos Nebendinge betrafen, schon beinahe am Ziele ihrer Wünsche, als ein neuer wichtiger Umstand cintrat. Die geschiedene Frau eines Offiziers, Marie Franc. Clarissc Manson, die Tochter des Prevotalgerichtspräsidenten Enjalran, hatte im Gespräche mit ihrem Verehrer, einem Offizier Clemandot, so genaue Umstände der Mordthat erwähnt, daß der Verdacht entstand, sie sei dabei zugegen gewesen. Darüber zur Ncde gestellt, erklärte sie in Gegenwart des Präfecten und ihres Vaters, daß sie sich am Abend des I 0. März eines Abenteuers halber in männlicher Kleidung in der Straße Hcbdomadicrs befunden und, erschreckt durch den Lärm, welchen der Überfall eines Menschen auf der Straße verursacht, in das Bancal'schc Haus geflüchtet sei. Hier habe man sie sogleich beim Eintritt im Dunkeln ergriffen und in ein Cabinet gebracht, wo sie vor Entsetze» ob der verübten Thal in Ohnmacht gefallen, dadurch aber den Mördern verrathen worden sei, von denen Einer auf sic zugestürzt sei, um auch sie zu erwürgen. Durch die Dazwischenkunft eines Andern sei dieser zwar von seinem Vorhaben abgehalten worden, doch habe sic auf den Körper des Ermordeten einen furchtbaren Eid ablegen müssen, nichts zu verrathen, und sei darauf von einer dritten, gleichfalls beim Mord implicirten, Person in Sicherheit gebracht worden. Mehr war nicht ans ihr hcrauszubringcn, indem sie sich bei allen Fragen auf ihren Eid und auf die ihr gewordene Drohung berief, daß man sie und ihr einziges Kind tödten werde, falls sie einen der Mörder nenne. Unterdeß hatte sich Bancal mit dem in Urin aufgelösten Rost der Nägel seiner Holzschuhe vergiftet und dadurch die Untersuchung aufs neue erschwert. Aus den von dem Gerichtshöfe in Rhodcz vorläufig angestcllten Erörterungen ergab sich jedoch bereits folgender Stand der Anklage. F. war, als er der mit Jausion und Bastide getroffenen Verabredung gemäß, am Abende des I0. Mär; zu der besprochenen Zusammenkunft ging, in der Straße Hebdomadiers, unfern des Bancal'schen Hauses, von mehren postenweise verthcilten Männern überfallen und in die Unterstube des genannten Hauses geschleppt worden. Hier hatten ihn die anwesenden 10—11 Personen, unter ihnen auch einige Weiber, gezwungen, mehre Wechsel zu unterschreiben. Nachdem dies geschehen, war er, entkleidet und an allen Gliedern gebunden, auf einer Bank gleich einem Lhierc geschlachtet, der Leichnam aber darauf eingcpackt und in der Nacht zur Stadt hinaus in den Avcyron gebracht worden. Das Verfahren vor dem Assisengerichtc zu Nhodez wurde am 18. Aug. 1817 unter unbeschreiblichem Zudrang aus der Nähe und Ferne eröffnet undMad. Manson am 2 ,'.Aug. zum ersten Male öffentlich als Zeugin verhört. Die weibliche Schüchternheit und Drohungen, die ihr zcithcr von allen Seiten gekommen waren, wirkten auf die zart organisirte Frau so ein, daß sie, den Mördern gegenübcrgcstellt, in Ohnmacht sank. Wieder zu sich gekommen, nahm sic ihre früher« Geständnisse zurück, hartnäckig leugnend, daß sie am bewußten Tage im Bancal'schen Hause gewesen sei, indem sic Das, was sie geäußert, von einer gewissen Rose Pierret, welche Zeugin der Mordthat gewesen, erfahren habe. Als man in der letzten Sitzung der Assist am 5. Scpt. sic durch Fragen immer mehr verwickelte, rief sie endlich aus: „Noch sind nicht alle Schuldige in Fesseln, aber über meine Lippen darf die Wahrheit nicht!" Nach dem fast einstimmigen Urthcilc der Geschworenen, am 12. Sept., wurde die Witwe Bancal, Bastide, Jausion, Bax und Collard zum Tode, Missonicr und Anne Bcnoit zu lebenslänglicher Galcercnstrafc und Bousquicr zu ein Jahr Zuchthaus verurtheilt, Mad. Manson aber, auf Antrag des Gcncralprocurators wegen falschen Zeugnisses in Verhaft genommen. Doch die Familien Bastidc's und Jausion's setzten Alles in Bewegung, um die Genannten zu retten. In Folge eines Cassationsgcsuchs wegen Vernachlässigung verschiedener Formalitäten in dem Verfahren wurde in der That das Unheil für nichtig erklärt und die ganze Sache vor dieAssist zu Alby verwiesen. Vor Eröffnung der neuen Untersuchung hatte Mad. Manson im Gefängnisse zu Nhodez ihre Memoiren niedergeschrieben und darin nicht nur ihre frühere Aussage, daß sie am I!>. März in der Straße Hebdomadiers gewesen, sondern auch geleugnet, daß ihr von irgend einer Seite Drohungen gekommen seien, um ihre Aussage zu bestimmen, vielmehr ihre Geständnisse vor dem Präfecten für abgedrungen erklärt. Am 25. März l8I8 begann die Assist zu Alby ihre Sitzungen. An 30» Zeugen wurden nach und nach verhört, unter Andern auch Rost Pierret; doch ergab sich, daß nicht sie sondern eine Andere, Namens Charl. Artabosse, an jenem Abende im Bancal'schen Haust zugegen Fuchs 659 gewesen war. Durch das Zeugniß eines Fischers aus der Gegend von Nhodez kam nun auch heraus, daß unter den mehren Personen, die am >9. März Nachts 11 Uhr den Ballen nach dem Aveyron geschleppt hatte», sich Jausion, Bastide, Bancal und Bax befanden. Ebenso gestand endlich die Witwe Bancal am 3. Apr. ein, daß der Mord in ihrem Hause und in ihrer Gegenwart geschehen sei, und auch Mad. Manson sing wieder an, in ihren Aussagen zu schwanken. Sostanden die Sachen, als unerwartet Bastide, bei einer Confrontation mit Mad. Manson, fußend auf seine Kenntniß des Charakters derselben und der Angst, welche sie vor den Drohungen seiner Anhänger hatte, sie höhnend auffoderte, die Wahrheit zu sagen. Doch er hatte sich geirrt; Mad. Manson, erschöpft durch die Länge des Verfahrens und niederge- bcugt durch die Entbehrung des Umgangs mit ihrem einzigen geliebten Kinde, drängte sich durch die Gendarmen bis dicht vor Bastidc hindurch, sah ihn fest an und rief: „Bastide, sehen Sie mich an, kennen Sie mich ?" „Nein!" erwiderte dieser. Empört hierüber ries sie: „Elender, du kennst mich nicht und bist es, der mich ermorden wollte?" erklärte hierauf, daß sie in Nhodez und in ihren Memoiren gelogen habe und fängt an, den Hergang des Mords in der Weise, wie sie ihn früher vor dem Präfecten ausgesagt, umständlich zu wiederholen. Nun bekannten auch Collard und Bax. Erstercr war durch Bancal zu der That beredet und gedungen worden; die Wechsel, welche F. hatte unterschreiben müssen, hatte Jausion zu sich genommen; Bastide-Grammont aber darauf dem F. erklärt, daß er sterben müsse. F. hatte sich zur Wehr gesetzt; Bastide aber war über ihn hergefallen, hatte ihn zu Boden geworfen, mit Hülfe Jausion's gebunden und, nachdem sie ihn auf die Bank gelegt, ihm die Gurgel abgeschniltcn. Die Bancal hatte das herabströmende Blut in einem Gefäße aufgefangen und es den Sauen zu fressen gegeben. Alle Beschuldigte gestanden nach und nach mit mehr oder weniger Ausführlichkeit die That ein; nur Bastide-Grammont und Jausion verharrten beim Leugnen. Am 4. März 1818 schloß der Gerichtshof seine Sitzungen. Nach dem einstimmigen Urtheile der Geschworenen wurden Bastide-Grammont und Jausion des vorbedachten Mordes und zugleich des Diebstahls mit Einbruch schuldig erklärt; die Bancal mitschuldig am Morde aus Vorbedacht; Collard und Bax schuldig der Theilnahme am Morde; Anne Benoit schuldig ohne Vorbedacht; Missionier, Bousquier und die Übrigen schuldig als Teilnehmer an dem Fortschaffen der Leiche. Demzufolge wurden die Bancal, Bastide- Grammont, Jausion, Collard und Bax zum Tode, Anne Benoit zu lebenslanger Karrenarbeit, die Andern aber nach Maßgabe ihrer größer« oder geringer» Strafbarkeit zu ein- und zweijähriger Gefängnisstrafe und Geldbußen verurthcilt; Bax, mchrer bei ihm eintretendcn mildernden Rücksichten wegen, der Gnade des Königs empfohlen, der dessen Strafe in 2Ujährigcs, sowie die der Bancal, weil sie keinen thätigen Antheil genommen und von ihrem Manne abhängig gewesen, in lebenslängliches Gefängnis verwandelt; die Manson aber, als unschuldig bei der That, sogleich in Freiheit gesetzt. Am 3. Juni 1818 wurde Bastide- Grammont, Jausion und Collard zu Alby hingcrichtet. Nur Collard starb reumüthig und seines Verbrechens cingcständig; Bastidc und Jausion verharrten beim Leugnen. In Folge einer neuen Anklageakte vom 27. Oct. 1818 bei dem obersten Gerichtshöfe zu Toulouse wurde der kaum beendete Proceß noch einmal ausgenommen; jedoch gewährte.die erneute Untersuchung kein Resultat. Mad. Manson starb 1823 zu Versailles. Vgl. Kobbe, „Fual- des' angebliche Ermordung" (Celle 1831). Fuchs. Die Füchse bilden eine Unterabtheilung der Gattung Hund und unterscheiden sich von dieser durch buschigen Schwanz, zugespitzte Pupille und langes Haar. Man kennt viele Arten aus fast allen Wcltgcgcnden, die aber durch Sitten, Schlauheit, nächtliche Lebensweise u. s. w. sich sehr gleichen. Am bekanntesten ist der gemeine Fuchs, der über die gan ze nördliche Welt verbreitet in mehren Spielarten (Brandfüchse, Birke nfüchsc) vorkommt, Baue unter der Erde anlegt, die mit mehren Ausgängen oder Fluchtröhrcn versehen sind, von Geflügel, jungen Hasen, nöthigenfalls auch von Früchten sich nährt, selten sein heiseres Gebell hören läßt, durch seine sehr unangenehme Hautausdünstung auffällt, selbst jung eingefangen nie ganz zahm wird, Fallen mit vieler Schlauheit entdeckt und zu vermeiden weiß, aber als Raubthier und besonders seines nützlichen Pelzes wegen so viel verfolgt wird, daß er bei geringerer Lebenszähigkeit und Fruchtbarkeit schon lange ausgerottet sein 42* 660 Fuchsrnseln Fueros müßte. Fuchsbälge Md überall im Norden, besonders aber in Rußland ein sehr wichtiger Handelsartikel. Das Fuchsprellen war ehemals ein rohes Vergnügen deutscher Lrnd- junker und bestand im Hinaufschncllen eines auf einem Brete angebundenen lebenden Fuchses Den Fuchsjagden zu Pferde und in Begleitung großer Meuten sind in England viele reiche Landbesitzer immer noch enthusiastisch ergeben; ja man hat hier für dieses sehr theure Vergnügen sogar eine Kunstsprache erfunden und Clubs gestiftet. Unter den ausländischen Füchsen liefert der schwarzeSilber fuchs in Sibirien den kostbarsten Pelz, indem ein Fell über 100 Thlr. kostet; minder theuer, aber dennoch sehr werthvoll, sind die amerikanischen Kreuzfüchse, der Blaufuchs und der Eisfuchs. Fuchsinseln, auch Kawa lang, ruff. Lisii Ostrowi, nennt man den östlichen Theil des Archipels der Aleuten (s.d.), mit dem diese Inseln, auch in Betreff ihrer Bewohner sowie ihrer politischen und natürlichen Beschaffenheit völlig übereinstimmen. Wie diese, sind sie alle vulkanischer Natur und voll von noch thätigen Vulkanen. Bewohnt sind von ihnen Unimak, die größte, mit einem Bischöfe, einer kleinen ruff. Garnison und einem Schiffswerft, Kugalga, Sannak, Akun, Akulan und Umnak, sogar Unalaschka, die volkreichste. Fuder, Flüssigkeitsmaß, s. Maße und Gewichte. Fuentes (Don Pedro Henriquez d'Azevedo, Graf von), ein ausgezeichneter span. Feldherr und Staatsmann, geb. 1560 zu Valladolid, erregte schon als Jüngling am Hofe Philipp's II. große Erwartungen von seinen Talenten. Seinen ersten Feldzug machte er 1580 unter dem Herzog Alba in Portugal, dessen Gunst er sich erwarb. Ums I. >591 wurde er nach den Niederlanden geschickt, um dem berühmten Alexander Farnese im Cabinel wie im Felde Beistand zu leisten. Nach dem Tode desselben blieb er in gleicher Stellung bei dem Grafen von Mansfeld, Peter Ernst, und dann auch bei dem Erzherzoge Ernst, dem er besonders den Friedensabschluß mit den Holländern widerrieth. Da er sich dem span. Interesse aufs höchste ergeben zeigte, erhielt er 1595 interimistisch das Gouvernement der Niederlande und zugleich die volle Macht, durch Waffengewalt und diplomatische Künste die Holländerzu beugen. Als der Cardinal Erzherzog Albert Statthalter der Niederlande wurde, ging F. als Gouverneur und Generalcapitain nach Mailand. Durch seine listige und unruhige Politik, wie durch ein starkes, auserlesenes Kricgsheer erregte er hier die Furcht der ital. Fürsten, besonders aber der Venetianer. Er kaufte den Hafen Finale auf der gennes. Küste und erbaute >60.9 an den Grenzen des Veltlin, beim Einflüsse der Adda in den Co- mersee, die Feste Fuentes, wodurch er die Graubündtner äußerst erbitterte. In Besorgnis über den Aufschwung, den Frankreich unter Heinrich IV. nahm, brachte er 1599 das Bündnis mit dem Herzoge von Savoyen zur Zerstückelung Frankreichs und die Verschwörung des Marschalls Biron (s. d.) zu Stande. Die Nachricht von der Ermordung Hcinrich's versetzte ihn in die ausgelassenste Freude. Als nach dem Tode Ludwig's XIII. der Krieg zwischen Frankreich und Spanien und Ostreich wieder ausbrach, fiel der hochbetagte F. mit einem Heere von 250V0 M. span. Kerntruppen in die Champagne ein, um unmittelbar nach Paris vorzudringen. Bei Rocroy aber, das er belagerte, wurde er am 19. Mai 1613 von dem jungen Herzoge von Enghien, dem spätem großen Conde (s. d.), mit geringerer Macht angegriffen und gänzlich geschlagen. Mit 6000 Spaniern blieb F. auf dem Platze; eine gleiche Anzahl wurde gefangen, während die Franzosen kaum 2000 M. verloren. F. war ein kühner und thätiger Charakter, aber zugleich hart, eigensüchtig und unbeugsam, ein vollendeter Typus des damaligen Spanien. Fueros (span.) kommt vom lat. formn her und bezeichnet zunächst den Gerichtsort, die Gerichtsbarkeit. In letzterer Bedeutung wurde cs in Spanien auf die Sammlungen von Gesetzen übertragen, wie das V»er« jurgo, die span. Bearbeitung der alten I^ex Visigotkorum, beweist; dann aber auch insbesondere auf die den einzelnen Städten von den Königen verliehenen Stadtrechte, wie z. B. die beiden berühmtesten Stadtrechte, das Fuero von Leon und das von Najera, darthun. Da diese Stadtrechte meist besondere Freiheiten, Zugeständnisse und Privilegien enthielten, so wurde dann das Wort Fuero vorzugsweise in dieser Bedeutung gangbar, und insbesondere bezeichnete man damit die Gesammtheit der Vorrechte und Freiheiten, welche die particulairen Constitutionen Navarras und der drei baskischen ProvinzenBiscaya, Alava und Guipuzcoa ausmachten. Fast ausschließlich in dieser letztem 661 > Fuervö Bedeutung ist das Wort, das in der neuesten Zeit durch den Krieg der Basken (s. d.) um ihre Fueros eine erneute Wichtigkeit erhielt, im praktischen Gebrauch geblieben, während die , Fueros anderer Provinzen und Städte Spaniens längst erloschen sind. Diese baskischen Fueros haben das alte wcstgothische Recht zur Grundlage, aus welchem sie in der Zeit vom Einfall der Mauren in die pyrenäische Halbinsel bis zur vollkommenen Consolidation der span. Monarchie unter dem habsburgischen Hause sich ausbildeten. Durch die Mauren wurden die Gothen in die cantabrischcn Berge und die westlichen Pyrenäen zurückgedrängt; hier ^ kamen sie mit den Basken in nähere Berührung und politische Verbindung, sodaß das go- ! thische Recht bei diesen immer mehr und mehr Eingang erhielt. Obgleich verschiedenen der an jenem Ende der pyrcnäischen Halbinsel ncuentstandencn Reiche angehörig, wußten die Basken unter der Oberherrschaft der Fürsten dieser Reiche dennoch ihre Freiheit zu bewahren und ihre republikanischen Einrichtungen weiter auszubildcn. Dasselbe war der Fall in dem halbbaskischen Navarra, das unter eigenen Königen einen unabhängigen Staat bildete. So entstanden theils aus dem alten gothischcn Recht und den neuen Verhältnissen, in welche die Bewohner jener vier Länder, theils durch die Berührung mit andern Völkern, durch Eindringen neuer Einrichtungen, wie des Lehnswescns, und durch die fortschreitende innere Entwickelung kamen, theils aus den besonder» Anordnungen ihrer Fürsten, die Fueros, bei deren Bildung auch die Streitigkeiten der Einwohner mit ihren Fürsten ein wichtiges Moment sind. Anfangs nur als Privilegien und statutarische Rechte einzelnen Orten verliehen, und von diesen auf andere übertragen, gestalteten sie sich nach und nach durch Einführung des repräsentativen Elements der CortcS und Ausdehnung über ganze Provinzen, sowie durch Verbindung mit dem allgemeinen Gewohnheitsrecht in diesen, zu constitutiven Gesehen für dieselben, die mit der Zeit gesammelt, redigirt und förmlich verbrieft wurden. Auf diese Weise sind die Fueros dcS Königreichs Navarra auS den alten Rechten des Königreichs Sobrar- bien, das im 9. Jahrh. in Aragonicn und Navarra sich theilte, hcrvorgcgangen; der König Sancho imlI. Jahrh. bildete dieselben durch Ordnung des Lchns- und Städtcwcsens weiter i aus, und 1236 wurden sie bei den Streitigkeiten zwischen dem Könige Theobald und seinen ! Cortes gesammelt und niedergeschriebcn und sind noch jcht unter dem Namen ,,6urtularic» i llel rsv 'I'ibultlo" bekannt. Ferdinand der Katholische, der Navarra mit der Krone Castilicn ! vereinigte, hielt die Fueros desselben unter Anpassung derselben an das neue Verhältniß zu Castilien, aufrecht. Jhre Hauptbestimmungcn sind folgende: Ohne Einwilligung der Cortes, die, auf drei Jahre gewählt, aus den drei Ständen der Geistlichkeit, des Adels und der Gemeinden bestehen und sich alljährlich versammeln, kann weder ein Gesetz erlassen noch sonst etwas Wichtiges, wie Kriegserklärungen, Friedensschlüsse, Waffenstillstände, Abgaben und l Bewilligungen aller Art, vorgenommen werden. Die Negierung besteht aus dem Vicekönige, i welcher den Oberbefehl über die Truppen führt und das Recht halte, in den Cortesvcrsamm- lungen und dem Großen Rathe von Navarra zu präsidiren, dem Großen Rache von Navarra, ! einer den alten franz. Parlamenten ähnlichen Behörde, und der Contaduria, der alle Recht- ! fcrtigungen von Ausgaben und Einnahmen vorgclegt werden müssen. Die Verwaltung lci- > ten in den einzelnen Ortschaften jährlich gewählte RcgidoreS, in den 33 Thälern (vallos) ' Gemeinderäche (a^untamiento) mit Alcalden an der Spitze, die ebenfalls meist jährlich gewählt, doch zum Theil auch erblich sind, und in den fünf Mcrindadcs, in welche die 33 Thä- ler gcthcilt waren, in jeder wieder ein Merino (Oberalcalde) und zwei Substituten. Die Justiz wird in erster Instanz von den Alcalden der Thäler, in zweiter von den Alcaldes de Corte (Hofrichter) in Pamplona und in dritter vom Rath von Navarra besorgt. Außer dem von den Cortes bewilligten Grenzzollamte gibt es kein anderes, und außer der geringen Bewilligung von 176600 Realen fließt nichts in die königlichen Kassen; dazu muß der König mit einem Königscide die Aufrcchthaltung aller dieser Fueros versichern. In der Herrschaft ! (8t!nc>r><,) Biscaya bildeten sich die Fueros hauptsächlich unter den Streitigkeiten der Be- > wohner dieses Landes mit ihrem Grafen aus. Sie wurden 1371 vom Grafen Juan in ein ! Gesetzbuch gesammelt, das 1352 vom Corregidor Mora verbessert, und dann, nachdem Bis- caya, das schon früher in Lehnsabhängigkcil erst von Navarra, dann seit 1200 von Castilien gestanden, unmittelbar mit Castilien vereinigt war, 1526 neu bearbeitet, vervollständigt und vom König Karl l. (dem deutschen Kaiser Karl V.) bestätigt wurde. Nach demselben muss 662 Fueros jeder neue Herr (sonor) (denn nur so nennen die Biscayer den König von Spanien als ihren Fürsten), wenn er 14 Jahre alt ist, binnen einem Jahre ins Land kommen, und zuerst unter den Thoren von Bilbao, in die Hände des Raths, dann im Dom zu Larrabccua in die Hände des die Hostie haltenden Priesters, hierauf vor der Landesversammlung unter dem Baume zu Gucrnica und endlich in der Kirche von Berineo die Fucros beschwören. Die Regierung wird gebildet von dem vom Herrn ernannten Corregidor mit drei Stellvertretern und der Deputation, die aus dem Corregidor und zwei Deputaten besteht und die eigentliche Verwaltung des Landes zu besorgen hat; ihr steht zur Seite das Ncgimienko, das aus der Deputation und sechs Negidorcn zusammengesetzt ist. Die höchste Gewalt hat aber die Generalversammlung (äiilita general), die sich alle Jahre unter dem Baume von Gucrnica versammelt, alle Angelegenheiten der Herrschaft behandelt, was in dem folgenden Jahre ausgcführt werden soll, bestimmt, die Steuern, Ausgaben, Einnahmen und die Besoldung der Miliz und Beamten festsctzt, die Rechnungen und alles im vorhergehenden Jahre Geschehene prüft und die Deputaten der Deputation und die Ncgidorcs des Negimicnto ernennt. Alle Ge- schäfte werden in ihr in span. Sprache vorgetragen und in baskischcr verhandelt. Da keine Ständeuntcrschicdc in Biscaya gelten, so findet auch keine Einthcilung der Landcsvcrsamm- lung nach ihnen statt, diese besteht vielmehr nur aus den Abgeordneten aller Ortschaften Biscayas, zu welcher Stelle jeder volljährige ansässige Biscayer reinen Bluts befähigt ist. Die Justiz üben in erster Instanz die Stellvertreter (toncntos) des Corregidor, in zweiter die Deputation und in dritter das königliche Gericht zu Valladolid. Sonstige Privilegien find, daß jeder Biscayer reinen Bluts für adelig gilt, daß kein Tabacksmonopol und keine Zölle statlsinden, daß außer der Post keine königliche Verwaltungsbehörde in der Provinz sei» darf, daß die Biscayer nicht rekrutirungspflichtig, auch nicht gezwungen sind, span. Truppen aufzunchmen, vielmehr ihnen allein die Verthcidigung des Landes obliegt, und daß jeder königliche Beamte wegen Anmaßungen oder Eingriffe in die Fueros nach de» Landcsgcsctzc» bestraft werden kann. In der Provinz Alava, die ebenfalls aus der Oberherrschaft Navarras im J.,I296 an die von Castilicn überging, bildete das Zucro von Logrono die erste Grundlage der Privilegien, die sich vorzüglich in den Streitigkeiten der Alavesen mit ihren castilischcn Herrschern weiter entwickelten und in der Verfassung, die König Johann l l. von Castilien gab, ihre Fixirung fanden. Ihre Hauptbcstimmungc» sind: die Provinz ist in '> > Brüderschaften (I>oriin»nlmio-i) getheilt, die jede von einem oder zwei alljährlich von den sämmtlichcn Grundeigcnthümern der Brüderschaft, adeligen wie nichtadcligen (>>lol,o>»s), gewählten Alcaldcn, die auch als Richter in erster Instanz fnngircn, verwaltet wird. Dagegen werden die Abgeordneten (;>r»ouu>I«ros) zur Generalversammlung der Provinz nur von den adeligen Familienhäuptcrn ernannt. Diese Generalversammlung (.luntu z->n» i >Is kommt alle Jahre zweimal zusammen, übt alle die Rechte wie die von Biscaya und wählt den Gcneraldcputirtcn auf drei Jahre, den Repräsentanten und ersten Beamten der Provinz, der die höchste Civil- und Militairgcwalt in der Provinz vereinigt, zugleich Richter in der Appcllationsinstanj ist, und dem eine ebenfalls von der Ecneralvcrsammlung gewählte Deputation zur Seite steht. Die Provinz Guipuzcoa erhielt von den Königen von Navarra ihre Fueros, die nach dem Anfall der Provinz an Castilicn von den castilischcn Königen aufrecht erhalten wurden. Der König Karl ll. von Spanien veränderte und verbesserte sic und bxachtc sie in ein Gesetzbuch, das 1096 in der Provinz cingcführt wurde, unter dem Titel „^önevu recossilucion «io los fueros z>rivilogßus »lo >a mii)' noble ) leul zirovineiu >te <>ni- zniLcou". Die Hauptbestimmungcn desselben sind: Alle Jahre findet eine Generalversammlung (juntn) der Abgeordneten (;>rocuru,lnres) statt, wozu jede der 57 Bürgermeistereien (itlculeHa) einen sendet; dieselbe ernennt vier Gcneraldcpulirle, die aus den Städten Sau- Sebastian, Tolosa, Aspcitia und Ascoytia sein müssen; sie bilden die mit der Negierung des Landes beauftragte Pcovinzialdcputation, die jährlich in ihrem Sitz mit einer jener vier Städte abwcchselt, wo dann jcdeSmal der Gcncraldeputirtc der Stadt den Vorsitz führt und für die gewöhnlichen Geschäfte einen Adjuncten und die beiden Alcaldcn der Stadt als Ca- pitularen zur Seite hat. Die Generalversammlung hat dieselben Befugnisse wie die von Alava und Biscaya, sowie auch die Provinz fast ganz dieselben Rechte hat, mit der Ausnahme, daß San-Sebastian und Jrun span. Truppen aufnehme» müssen. Die Vcrwal- 663 Fuge Fuger tung wird in jedem Orte von einem Gemcinderath (it)iu>tumieiit,>) mit einem Alcalden an der Spitze geführt, der auch Richter in erster Instanz ist, und von dem die Appellation an i den vom Könige ernannten Corrcgidor geht, der die hohe Gerichtsbarkeit besitzt, und die Rechte des Königs, die meist nur negativer Natur sind, ausübt. Außerdem gibt es noch einen von der Generalversammlung erwählten Grcnzzolldircctor. Durch Espartcro wurden diese , Fneros fast ganz aufgehoben, durch die Königin Jsabella aber im Juli >84ä wiederherge- I stellt. (S. Spanien.) Fuge heißt ein mehrstimmiges Tonstück, in welchem die Stimmen nicht gleichzeitig anfaugei^ sondern einander in der Weise folgen, daß alle mit demselben melodischen Satze (Thema oder Subjcct), aber in verschiedener Tonhöhe beginnen. Die Ordnung ist regelmäßig die, daß eine Stimme zuerst das Thema im Haupttone (»lux) vorträgt, eine zweite mit demselben eine Quinte höher oder Quarte tiefer (coines oder Antwort) folgt, die dritte dann das Thema wieder im Hauptton ergreift, jedoch gegen die erste um eine Octave versetzt und die vierte endlich nochmals in der Quinte oder deren Octave folgt. Das, was jede Stimme, während das Thema in einer andern liegt, vorzutragen hat, heißt Contrasubjcct oder Gegcnthema. Ist das Thema von allen Stimmen cingeführt, so bleibt cs durch die ganze Fuge der hcrrsthendc Gedanke und erscheint wechselnd in allen Stimmen mit allerlei Gestaltungen, Umwandlungen, Verkürzungen u. dgl. Oft wird auch ein Gcgenthema zugleich mit dem Dux cingeführt, das während der ganzen Fuge neben dem Haupttone eine selbständige Geltung behält, und es heißt alsdann die Fuge eine Doppel fuge; Fuge über zwei Subjectc aber, wenn in der Mitte des Stücks ein ganz neues Thema eingeführt und erst nachdem es verarbeitet worden, mit dem ersten Thema verkettet wird. Besteht die Fuge ! blos aus dem Thema mir seinen Contrasubjcctcn, so heißt sie eine strenge Fuge (s»j;a iicc.-r- cnm); frei aber ist sic, wenn mancherlei fremde Gedanken (Zwischcnharmonien) cingcmischt, ' auch die Contrasubjcctc nicht durchaus treu bcibchaltcn werden. Die Fuge, wie oft sie auch durch rein calculircudc Behandlung zum bloße» Ncchcncxcmpel hcrabgczogcn wurde, dielet dem Tonsctzcr ein weites Feld zu schönen großartigen Effecte», wie zu cigcuthümlichcn kunst reichen Combinationcn. Lehrbücher und Abhandlungen über die Fuge schrieben Marburg, Albrechtsberger, Kirnbcrgcr u. s. w. Sehr übersichtlich behandelt den Gegenstand Nochlitz in seinem Werke „Für Freunde der Tonkunst". Fitster (Friedr. Hcinr.), Historienmaler, gcb. zu Heilbronn >75,1, zeigte früh große Vorliebe für die Malerei und kam, um dieselbe zu erlerne», nach Stuttgart, verließ aber dann aus Klcinmuth die betretene Bahn und ging nach Halle, um die Rechte zu studiren. Hier war cs der Professor Klotz, der ihn aufs neue anfeucrtc, seinem ersten Lebcnsplanc getreu zu bleiben. Nachdem er zu seiner weitern Ausbildung einige Zeit in Dresden sich auf- gehalten hatte, ging er17 7 t »ach Wien und ward hierauf von der Kaiserin Maria Theresia alSPcnsionair nach Nom geschickt. Nach siebenjährigen Studien daselbst begab er sich >782 »ach Neapel, wo er in dem Bibliothcksaale der Königin Karolinc zu Cascrta acht historische ^ Bilder in Frcsco ausführtc und ein sehr gelungenes Bildmß dieser Monarchin lieferte. , Im I. >781 folgte er dem Rufe als Vicedircctor der Maler- und Bildhaucrschule nach Wien, wo er nach und nach Professor, Rath und wirklicher Dircctor wurde und am ü.Nov. >818 starb. Nach seiner Rückkehr nach Wien lieferte er anfangs fast nur Miniaturgcmälde, die sich durch charakteristische Ähnlichkeit und wahre, kräftige Färbung auszcichnen, und unter dcncnwir das des Kaisers Joseph'sll., des einzigen wahrhaft ähnlichen dieses Monarchen, und das der Gräfin Rzcwuska erwähnen. Bald indeß bildete er sich in Wien auch mit dem besten Erfolge in der Ölmalerei aus. Seine vorzüglichsten Arbeiten in dieser Beziehung sind die Portraits Kaiser Joscph's >>., der Erzherzogin Elisabeth und Loudon's und unter den historischen Gemälden Prometheus, der das himmlische Feuer entwendet, Orpheus, der von Pluto die Rückgabe der Eurydicc erbittet, Dido auf dem Scheiterhaufen, die ersten Ältcrn bei Abcl'S Leiche, das Urthcil des Junius Brutus über seine Söhne und, als Seitenstück, der Tod der Virginia, Semiramis, welche an ihrem Puhtische dicEmpörung derBabylonier wider sie erfährt, Sokrates vor seinen Richtern, die schöne Magdalena und Johannes in der Wüste in der kaiserlichen Hofkapclle zu Wien. Zu seinen gelungensten Arbeiten gehören endlich die 20 Handzeichnungcn, welche er nach Klopstock'ö „Messias" auf blaues Papier, 664 Fugger mit Krcidc und Tusche und nachher auch in Gemälden ausführte. Bei großer technischer Gewandtheit war indeß F. nicht frei von akademischer Manier; auch leiden seine Arbeiten an einer gewissen Kälte der Erfindung und an Einförmigkeit de- Charakters Fugger, ein fürstliches und gräfliches Geschlecht in Schwaben, hat den Webermeister Johannes §. zu Graben unweit Augsburg, der mit Anna Meisner aus Kirchheim ver- heirathet war, zum Ahnherrn. — Der älteste Sohn desselben, Johannes F., ebenfalls Webermeister, erhcirathcte 1370 mit Klara Widolph das Bürgerrecht zu Augsburg und fing nun neben der Weberei einen Leinwandhandel an. Nach seiner ersten Gattin Tode ehelichte er 1382 Elisabeth Gfattermann,.eines Rathshcrrn Tochter, mit der er zwei Söhne und vier Töchter zeugte. Er wurde in der Weberzunft einer der Zwölfer, die mit im Rache saßen, Frcischöffe der westfäl. Feme und starb 1309 mit Hinterlassung eines für damalige Zeit bedeutenden Vermögens von 3009 Fl. — Sein ältester Sohn, Andreas F-, wucherte mit seinem Anthcile so, daß er bald vorzugsweise der reiche F. hieß. Mit seiner Gemahlin, Barbara, aus dem alten Geschlechte der Stammler vom Ast, stiftete er die adelige Linie der F.vomRch, so genannt von dem Wappen, das Kaiser Friedrich lll. dessen Söhnen gab, die aber 1583 ausstarb. — Des Johannes F. zweiter Sohn, Jakob F., besaß zuerst unter den F. in Augsburg ein Haus und trieb schon eine ausgebrcitcte Handlung. — Jakob §.'s Söhne Ulrich, Georg und Jakob) erweiterten durch Fleiß, Geschicklichkeit und Redlichkeit ihre Handlungsgeschäfte außerordentlich und legten den Grund zu dem großen Flor der Familie; sie verhcirathcten sich mit Frauen aus den edelsten Geschlechtern und wurden vom Kaiser Maximilian in den Adelstand erhoben, der bei ihnen die Grafschaft Kirchberg und die Herrschaft Wcißenhorn für 70000 Goldgulden verpfändete und dem sie später im Aufträge Papst Julius' II. >70000 Dukaten, als Hülfsgcldcr zum Kriege gegen Venedig zahlten. Ulrich widmete sich insbesondere dem Handel, den er mit Ostreich eröffnete, und cs gab keinen Handelsgegenstand, den er nicht berücksichtigt hätte; selbst Albrecht Dürer's Kunstwerke gingen durch seine Hand nach Italien. Jakob dagegen beschäftigte sich mit dem Bergwesen; er pachtete die Bergwerke in Tirol und gewann dadurch außerordentliche» Reichthum; er lieh den Erzherzogen von Ostreich 150000 Fl. und erbaute das prächtige Schloß Fuggerau in Tirol. Als er 1503 zu Hall in Tirol starb, folgte Kaiser Max in Person seiner Leiche. Sv gewannen durch Handel und Bergbau die F. immer größer» Neich- thum. Nach allen Gegenden gingen ihre Waarcn, und fast jede Straße, jedes Meer trug F.'sche Lastwagen und Schiffe. Den höchsten Glanz aber erreichte dieses Geschlecht unter Kaiser Karl V. — Nachdem, wie früher Jakob F., auch Ulrich F.'s Söhne 1536 ohne Erben gestorben waren, so beruhte der Stamm und Glanz des Geschlechts auf Raimund und AntonF., den beiden Söhnen Gcorg's und der Regina Jmhof, die den Eifer Eck's gegen Luther und die Wittenberger mit ihrem Gclde unterstützten. Als Kaiser Karl V. 1530 den Reichstag zu Augsburg hielt, wohnte er in Anton F.'s prächtigem Hause am Weinmarktc; er erhob unterm l-t. Nov. 1530 Anton und dessen Bruder Raimund in den Grafen- und Pannerstand, gab das noch verpfändete Kirchberg und Weißenhorn ihnen erb-und cigen- thümlich, nahm sie auf der schwäb. Grafcnbank unter die Reichsstände auf und begabte sie mit einem Siegelbricfe, der ihnen fürstliche Gerechtsame verlieh. Für die Unterstützung, die sie ihm bei seinem Zug gegen Algier im I. 1535 gewährten, gab er ihnen das Vorrecht, goldene und silberne Münzen zu schlagen, das von ihnen 1621—23 und 1693 ausgeübt wurde. Bei seinem Tode hintcrließ Anton F. sechs Mill. Goldkronen baar, abgesehen von vielen Kostbarkeiten und Juwelen, und Gütern in allen Thcilen Europas und beider Indien. Von ihm soll Kaiser Karl, als er den königlichen Schatz zu Paris besehen, gesagt haben: „Zu Augsburg ist ein Leinweber, der kann das Alles mit eigenem Golde bezahlen." — Kaiser Ferdinand II. erhöhte noch den Glan; des F.'scheu Hauses bei der Bestätigung des von Karl V. ertheilten Gnadenbricfs durch die Verleihung neuer großer Vorrechte an die beiden Ältesten der Familie, den Grafen Hans und HieronymusF. Auch als Grafen setzten die F. die Handlung fort und erwarben so unermeßliche Rcichthümer. Die ersten und vornehmsten Stellen im Reiche wurden ihnen zu Theil, und mehre reichsfürstlichc Häuser rühmten sich der Verwandtschaft mit dem F.'schen Geschlechte. Sie waren im Besitze ausgezeichneter Kunst- und Büchersammlungen; Maler und Musiker wurden von ihnen unterhalten, Fühler Führich 665 Künste und Wissenschatten mit Freigebigkeit unterstützt; ihre Wohnungen und Garten waren Meisterstücke der Baukunst und des damaligen Geschmacks. So verliert auch die Erzählung das Unglaubliche, daß, als Karl V. nach seinem Zuge gegen Algier bei Anton F. cinkehrte, dieser im Kamin ein Feuer von Zimmtholj mit der Schuldverschreibung des Kaisers angezündet. Dabei waren sie fortwährend eifrigst bemüht, durch Wort und Thal Gutes zu stiften. Ulrich, Georg und Jakob F., des wohlthätigen Jakob Söhne, hatten in der Jakober Vorstadt zu Augsburg Häuser gekauft, sie niederreißen und dafür >0» kleinere bauen lassen, die sie armen Bürgern gegen geringen Zins überließen. So entstand die Fuggcrci, die unter diesem Namen, mit eigenen Mauern und Thoren versehen, noch gegenwärtig besteht. Auch viele andere wohlthätige Stiftungen wurden durch Ant. F. und dessen Söhne gemacht. Freilich riefen sie auch die Jesuiten nach Augsburg und beschenkten sie mit Gebäuden für Collegium, Kirche und Schule und mit reichlichem Golde. — Nach den beiden Brüdern Raimund und Anton F. hatte sich das Geschlecht in die Naim undischc und die Antonius linie getheilt, aber alle schreiben sich: Grafen Fugger von Kirchbcrg und Weißenhorn. DieRaimundische Hauptlinie theilte sich durch Raimund's Söhne wieder in zwei Äste: der ältere, Joh. Jak. F., stiftete den pfirtischcn, Georg F. den kirchberg-wcißcn- hornischen Zweig, die beide noch bestehe». Die Anton iuslinic theilte sich durch Marx, Hans und JakobF. wieder in drei Nebenlinien, von denen die ersterc >676 im MannS^ stamme erlosch, die zweite gegenwärtig in drciZweige, nämlich Fugger-Elött, Fuggcr- Kirchheim und Fugger-Nordcndorf sichtheilt, und die dritte noch in dem Zweige Fugger-Babenhausen fortblüht. — Der GrafAnselm Maria Fugger-Babenhausen, gest. am 22. Nov. 1821, wurde vom Kaiser Franz >1. am l. Aug. >863 nebst seiner männlichen Nachkommenschaft, nach dem Rechte der Erstgeburt, in den Neichssürsten- stand erhoben, und die Reichsherrschaften Babenhausen, Boos und Kettershausen, zusammen 7 lüM. mit I I066 E. und 266606 Fl. Einkünften, unter der Eesammtbencnnung Babenhausen, zu einem Neichsfürstcnkhum erhoben. Durch die Errichtung des Rheinbundes kam dasselbe sowie die übrigen F.'schen Besitzungen unter die Oberhoheit des Königs von Baicrn; doch sind ihre» Besitzern viele Vorrechte von Seiten der Krone durch besondere Verträge zugestandcn worden. Der jetzige Standesherr von Babenhausen ist der Fürst Leopold Karl Maria, geb. am 3. Oct. >827, der am 29. Mai >836 seinem verstorbenen Vater Anton Anselm unter Vormundschaft folgte. Fühler oder Fühlhörner (^»tenim«) heißen bei den Insekten die zwcigcgliederten, an den Seiten des Kopfs befindlichen, vielgestaltigen Organe, die, weil sic niemals fehlen und in den Gattungen eine beständige Form haben, zur Begründung systematischer Unterschiede wichtig sind. Wie schon der Name andeutet, so hielt man sie ehedem für Tastwerkzeuge, allein sic eignen sich nicht zu solchcmZwcckc, da sie meist hornig sind, außerdem auch andere weichere Theilc sichtbarlich das Tasten vermitteln. Nach Kirby sind die Fühler die Hörorgane der Insekten; daß das durch solche Werkzeuge möglich gemachte Hören in seinem Hergänge sich anders verhalten müsse als da, wo ein gewöhnliches Ohr vorhanden ist, liegt auf der Hand, indessen beweisen Versuche, daß das geringste Erzittern der umgebenden Luft von diesen Organen empfunden wird. Wcichthicrc und Würmer besitzen oftmals theils am Kopfe, thcils an andern Theilen des Körpers Fühler (Utacula), die von der verschiedensten Gestalt, in vielen Fällen wol der Sitz mehrer verschmolzener Sinne sein mögen. Führich (Jos.), Historienmaler, geb. zu Kragau inBöhmen imJ. >806, erhielt seine Bildung in Prag, Wien und Nom und lebt gegenwärtig in Wien. In Nom bestimmte sich seine Kunstrichtung durch Verbindung mit den deutschen Malern, welche dort die sogenannte romantische Schule gründeten. Mit Schnorr, Veit, Koch und Overbeck nahm er Theil an der Ausschmückung der Villa Massimi, in der er die Sccnen aus Tasso arbeitete. (S. Frcsco - Malerei.) Seitdem hat er sich ohne einseitige Vorliebe für die fromm-mittelalterliche Richtung doch immer einer strengen Reinheit des Stils beflissen und zahlreiche höchst bedeutende Werke geliefert, theils in Öl, theils in Kupferstich. Das wichtigste ist seine Geschichte der heil. Genoveva (>833) und sein herrlicher Triumph Christi in einer Reihe von Blättern. Von seinen früher« Arbeiten sind sein Vaterunser und seine Sccnen aus der bähm. Geschichte zu erwähnen. F. ist eines der bedeutendsten Talente, welche jetzt in. der geschichtlichen Maler« 666 Fulahs Fluda thätig sind, und entfaltet in seinen Compositionen oxr eine großartige Energie und viele Macht des Ausdrucks. Die große Menge spricht freilich F.'s ernste, mäßige Färbung nicht an. Fulahs (Fulancger), ein weitverbreiteter Stamm ausdcm Hochsudan. (S. Afrika.) Ihr ursprüngliches Heimatland ist vielleicht das Gcbirgsländchen Fuladu, wo sie noch jetzt als wildes Jägervolk Hausen. Auf der Timbuterrassc dagegen und in der ganzen Ausdehnung ihrer Ansiedelungen vom Niger bis hinunter nach dcrSicrra-Leone-Küste zeigen sie sich als ein gesittetes, städtebauendes, Viehzucht und Ackerbau treibendes, gcwcrbthätiges und auch zum Handel geneigtes Volk. Alle Reisende, welche über sic berichtet haben, stimme» i» ihrem Lobe überein. Die meisten Nachrichten verdanken wir Winterbottom. Er schildert sie als ein sanftes Volk, das im Allgemeinen vom Landbau und von der Viehzucht lebt; doch kommen sie auch in großen Zügen zur Ebene herab und ziehen, nachdem sie durch mancherlei Industrie etwas erworben haben, wieder auf ihre Terrassen heim. Sie schmieden Eise» und Silber, arbeiten recht sauber in Leder und Holz und weben feste Zeuge. Ihre Wohnungen sind wvhlcingerichtet. Sie sind Mohammedaner und haben außer Moscheen fast in jeder ihrer Städte Schulen. Sklaven machen sie nur in, Kriege, doch leiden sie selbst, wie der Misfionair Fox erzählt, sehr von den raubsüchtigcn und kriegerischen Nachbarstämmen. Ihr König (Al- mami) Abdul Kadrin ließ sich l 82 l mit dem Gouverneur Grant von Sicrra-Leone in Unterhandlung ein, der den Arzt O'Bcirn nach Timbu sandte, um einen Vertrag wegen freien Handels und Abschaffung des Sklavenhandels zu Stande zu bringen, und der König versprach das Möglichste. Die Fulahsprachc ist von allen Ncgersprachcn die wohlklingendste, besonders der Susudialekt, in welchem die Tociot)- lor inissions tn ^lric» un>I tl>« Last eine Reihe christlicher Bücher hat drucken lassen. Die Hoffnungen der Ncgerfrcunde, Civilisation in Afrika einzuführcn, sind besonders auf den Charakter der Fulanegcr gebaut. — Einen cigenthümlichcn Zweig dieses Stamms bilden die Fclatahs, Neger, welche nicht auf dem Hochsudan, sondern jenseit des Niger das Land bewohnen, welches die Nordwcstecke von Hochafrika bildet. Die Fclatahs sind Krieger und Eroberer, welche große Naubzüge im Nigerthal unternehmen. Das Land, welches die Fclatahs bewohnen, liegt im Haussalande westlich vom untern Lause des Niger. Der Scheck) Othman, auch Danfodir genannt, dehnt! durch seine Eroberungen das Felatahgcbict beträchtlich aus. Sei» Sohn, der Sultan Bello, der ihm 1816 folgte, nahm seine Residenz in Sakkatu am Flusse Zirmi, einem Nebenflüsse des Niger, wo ihn Clapperton 1823 besuchte. Bello, der ein Freund der Civilisation ist, cr- bot sich gegen diesen Reisenden, an der Unterdrückung des Sklavenhandels zu arbeiten, auch dem Könige von England Grund und Boden zur Errichtung einer Niederlassung an dcr Küste zu geben, wenn man ihm einen Consul und einen engl. Arzt schicken wollte. Die Aufnahme, welche Clapperton 1826 bei dem Sultan fand, scheint dagegen weniger günstig gewesen zu sein. Das Felatahland besitzt zwar, wie cs scheint, kein Geld, aber doch mancherlei innere Hülfsquellen. Die Handelsstadt Kano ist ein Stapelplatz für Korn, Reis und Bich. — Auch soll der Name Fu la eine Sekte unter den Negern bezeichnen, die ähnliche Grundsätze wie die Quäker befolgt, keine Sklaven hält und sich zum Islam bekennt. Fulda, eine Provinz des Kurfürstcnthums Hessen, mit dem Titel eines Großherzogthums, 33/r lDM. mit >38000 meist katholischen E-, umfaßt außer den nicdcrhcss. Ämtern Fricdewald und Landcck, dem früher» Stift Hersfeld und der Herrschaft Schmalkalden, etwa zwei Drittheile des ehemaligen, zum obcrrhein. Kreise gehörigen Bisthums Fulda. Dieses letztere entstand aus der? 13 durch Bonifacius in der Landschaft Buchonia gestifteten Abtei, welche schon 751, von aller bischöflichen Oberaufsicht befreit, unmittelbar dem röm. Stuhle untergeben wurde. Bald darauf erhob sich dieselbe noch mehr theils durch die mit dem Kloster verbundene, ausgezeichnete Gelchrtcnschule, an welcher der berühmte HraKanus MauruS (s.d.) eine Zeit lang wirkte, theils dadurch, daß sie 968 den Primat vor allen andern Abteien Deutschlands und Frankreichs erhielt. Auch in dcr Folge wußte» die Äbte von F., die seit Kaiser Karl IV. zugleich die Erzkanzlerwürdc bei der Kaiserin bekleideten, wenn schon sie keine bedeutende Territorialmacht zusammenbrachten, doch durch alle Stürme der Reformation hindurch ihr kirchliches und rcichsfürstliches Ansehen zu behaupten, svdaß F. 1752 zu einem Visthum erhoben wurde. Durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde dasselbe 1903 säcularisirt und, jedoch nicht ohne Widerstreben des letzten Bi- 667 Fulda (Friedr. Karl) Fultou c schoss Adclbert, vem Hause Nassau-Dramen als Furstcnthum eingeräumt, doch bald wieder . dem Fürsten Wilhelm, der gegen Napoleon die Waffen ergriffen hatte, entrissen und zu dem ) l Großherzogthum Frankfurt geschlagen, mit welchem es bis zu dessen Auflösung vereinigt t blieb. Im Z. l 815 von Preußen in Besitz genommen, wurde cs bald darauf theils an Baicrn, - größtenthcils aber an Kurhessen abgetreten. Die gegenwärtige Provinz F. hat eine hohe j Lage und wird an der Ostseite von dem Nhöngcbirgc und an der Westseite vom Vogelsberge ) ! begrenzt, der zum Thcil selbst zu ihr gehört. Viele einzelne, kegelförmige Berge, welche vul- i konischen Ursprungs sind, wechseln durchgehend mit dazwischen liegenden Wiesengründen und e Thälccn. Einige der Berge, wie der Dammcrsfcld, die Milzcburg, ihrer grotesken Form > wegen dasHeufudcr genannt, und der Bibrastein erheben sich zu cincrHöhe von2—30Ü0F. i Viele Gewässer, darunter die Fulda, welche in Baiern entspringt, gewähren dem Lande eine > reichliche Bewässerung. Der Boden ist im Allgemeinen bergig, steinig und mager, durch den > Fleiß der Einwohner aber wohlangebaut. An Waldungen, vorzüglich von Buchen, ist c großer Reichlhum. Treffliche Wiesengründe geben reichliche Fütterung und veranlassen be- c nächtliche Rindvieh - und Schafzucht. Das Salzwcrk zu Salzschlief gewährt jährlich über ' 2266 Ctr. Ausbeute. Die Einwohner unterhalten viele Fabriken und beschäftigen sich vvr- - züglich mit Spinnerei und Weberei. Viele Landleute gehen im Sommer in die südlichen > Maingcgcnden, wo die Ernte früher beginnt, und suchen hier etwas zu verdienen. — Die > Hauptstadt Fulda mit etwa >6066 E., der Sitz der für das Großhcrzogthum >817 errichteten Negierung und des Oberlandcsgcrichts, sowie des katholischen Bischofs für das Kurfinstenthum Hessen, liegt in einem weiten Thale an der Fulda, über welche eine steinerne Brücke führt. Der schönste Platz, der Domplah, ist mit zwei Obelisken geziert. Unter den Gebäuden zeichnen sich aus die herrliche, von Quadersteinen erbaute Domkirche, mit einer schönen Kuppel und dem Grabe des hcil.Bvnifacius, und das vormalige bischöfliche Schloß, vor welchem die 18 >2 ausgcrichtetc kolossale Erzstatuc des heil. BonifaciuS prangt. Auch hat die Stadt ein Gymnasium, welches an die Stelle der hier von >73-1— 1863 bestehenden Universität getreten ist, eine Domschulc, zwei Nonnenklöster und ein Franciscauerklostec auf dem nahen Fraucnbcrge. Ungefähr eine Meile südlich von F. liegt auf einer niedrige», aber weil ausgedehnten Anhöhe das vormalige bischöfliche Lustschloß Fasanerie. j Fulda (Friedr. Karl), deutscher Sprach- und Geschichtsforscher, gcb. am 13. Sept. ^ >721 zu Wimpfen in Schwaben, widmete sich in Tübingen und Göttingen dem Studium der Theologie, das er, nachdem er einige Zeit die Stelle eines Aeldpredigers in einem Holland. Negiinentc bekleidet hatte, zu Göttingen fortsctztc, und wurde zuletzt Pastor zu Ensingen an der Enz im Würtcmbergischen, wo er am l I. Dcc. >788 starb. Den glücklichen Erfolg seiner Forschungen über die deutsche Sprache bewährte er zunächst in der Abhandlung „Uber die zwcc» Hauptdialcktc der deutschen Sprache" (Lpz. I 7 7 3), dann in seinem größer» Werke „Sammlung und Abstammung gcrman. Wurzelwörter nach der Reihe menschlicher Begriffe" (Halle >776, -1.), auf welches er die „Grundregeln der deutschen Sprache" (Stuttg. >778) und den „Versuch einer allgemeinen deutschen Jdiotikensammlung" (Verl. >788) folgen ließ. Andere Untersuchungen von ihm finden sich in dem „Deutschen Sprachforscher", j den er gemeinschaftlich mit Nast in Stuttgart hcrausgab. In allen diesen Schriften zeigte F. Philosophischen Scharfsinn, ausgcbreitete Bekanntschaft mit den Sprachen und der Geschichte und den mühsamsten Fleiß. Seine Schreibart ist äußerst gedrungen und grenzt oft selbst an das Dunkle und Näthselhafte. Historische und antiquarische Kenntnisse entwickelte er in der „Gcschichtskarte, in zwölf großen illuminirtcn Blättern" (Bas. > 782) und in den, „Überblick der Weltgeschichte, zur Erläuterung der Geschichtskarte" (Augsb. > 7 83). Seinen Com- mentar über den Ülsila, nebst einem Glossar und einer mösogothischen Grammatik, hat Zahn i in seiner Ausgabe des Ulfila (Weißens. > 865) bekannt gemacht. Fulgurit, s. Blitzröhren. Füllhorn (cornu oopine), ein mit verschiedenen Gaben der Natur, wie Blumen, Früchten u. s. w., gefülltes, gewöhnlich gewundenes Horn, das Symbol des Reichthums und Überflusses, hak einen mythischen Ursprung. (S. Amalthca und Achclous.) Aulton (Rob.), der Erfinder des Dampfschiffs, wurde >767 in der Grafschaft Lan- ^ castcr in Pennsylvanicn geboren und kam, da sein Vater unbemittelt war, zu einen, Gold» 668 Fulvius Funck (Ioh. Friedr.) schmied nach Philadelphia in die Lehre. Hier entwickelte crcin bcdcutcndesTalent zumZeich- nen, sodaß einige Personen sich seiner annahmcn und ihn zu seinem Landsmanne Bcnj. West, dem berühmten Maler, nach London sendeten, unter dessen Leitung er die Malerei studiren sollte. Da er indeß nach zweijährigen eifrigen Studien rinsah, daß er in diesem Fache nie ^ etwas Außerordentliches leisten würde und unterdeß mit dem Amerikaner Ramscy, einem geschickten Mechaniker, bekannt geworden war, so beschloß er, sich ganz der Mechanikzu widmen. In dieser Zeit vcranlaßte ihn Barlow, der nachmalige Gesandte der nordamerik. Freistaaten, nach Paris zu kommen und dort die Panoramen einzuführen, ein Unternehmen, ! das ihm Ehre und Geld und zugleich die Gelegenheit brachte, seine mechanischen Studien in ^ Paris fortzusctzen. Barlow beförderte F.'s Fortkommen dadurch bedeutend, daß er ihn mit den Notabilitatcn des Nationalinstikuts und den ersten Ingenieurs bekannt machte. Aus dieser Periode datirt sich F.'s Erfindung einer Marmorschncide- und Polirmühlc, eines sub- marinen Boots und des Torpedo, einer Maschine, Schiffe unter Wasser anzubohren und zu sprengen. Die Krone seiner Erfindung aber istdas Dampfschiff(s.d-), das ihn unsterblich gemacht hat, während man Jonath.Fitch als einen Narren verlacht hatte. Seine erste» Versuche auf der Seine fanden allerdings wenig Anklang, zumal da sie nicht ganz gelangen; dasselbe Schicksal hatten sie in England. Hierauf wendete er sich nach seinem Vaterlandc zurück und baute 1807 mit Brown's Bcihülfe zu Neuyork das erste Dampfschiff. DasGclin- gcn desselben verschaffte ihm ein Patent zu alleiniger Dampfschiffahrt auf den bedeutendsten Flüssen Amerikas, das er aber in Geldverlegenheit für mehre Flüsse zu geringen Preisen ablre- tcn mußte. Nur noch für zwei Flüsse hatte er das Patent, als er in sehr bedrückten Umständen und mit Hinterlassung von mehr als 10000» Dollars Schulden 1815 starb. Jnscincnletzten Lebensjahren beschäftigte er sich mit Anwendung der Dampfmaschinen bei Kriegsschiffen, und der Congrcß ließ eine Dampffrcgattc nach seiner Angabe, 1-15 F. lang und 55 F. breit bauen, deren Vollendung er aber nicht mehr erlebte. Als Anerkennung der Verdienste des Vaters setzte der Congreß seinen Kindern l 829 eine Summe von 5090 Dollars mit den Zinsen von 1815 an und später, im I. 1838, eine Summe von 100000 Dollars aus. Vgl. Montgery, „ldlotice sur la vie et Iss truvuiix de Rol). k." (Par. l 825). Fulvius, ein röm. plebejisches Geschlecht, das aus Tusculum stammte und in mehre durch die Beinamen Flaccus, Nobilior, Pätinus u. s. w. bezeichnte Familien zerfiel. — Ouintus Fulvius Flaccus verwaltete, nachdem er schon zweimalConsul und 231 v. Ehr. Censor gewesen war, nach der Niederlage bei Cannä zwei Jahre hintereinander die städtische Prätur. JmJ.2I2 zum drittcnMale Consul schlug er den Hanno inCampanicn; im folgenden Jahre unterwarf er das abtrünnige Capua, dessen harte Bestrafung vornehmlich von ihm ausging. Er starb, nachdem er 209 das Consulat zum vierten Male verwaltet. — Sein Enkel, Marcus Fulvius Flaccus, wurde, da er als Consul im I. >25v. Chr. den Antrag stellen wollte, den Bundesgenossen das Bürgerrecht zu verleihen, vom Senat nach Gallien entfernt, um den von ihren Nachbarn bedrängten Massilicrn Hülfe zu bringen. Er schloß sich nachher an Cajus Gracchus (s. d.) an und fand nebst zwei Söhnen den Untergang im I. >21. — Eine Tochter des Marc. Fulvius Bambalio war Fulvia, Cice- ro's erbitterte Feindin, von der Vcllejus sagt, daß nichts weiblich an ihr gewesen als der Körper; erst an Publ. Clodius Pülcher (s. Clo dius), dann an Curio, seit 16 v. Chr. an den Triumvir Antonius verheirathet. Nach dem Perusinischcn Kriege, den sie erregt hatte, floh sic aus Italien und starb in Sicyon 10 v. Chr. (S. Antonius und Augustus.) — Ful- via hieß auch die Geliebte des Senators Q. Curius, durch welche Cicero Kunde überden Fortgang der Verschwörung des Catilina (s. d.) erhielt. Funck (Joh. Friedr.), bekannt als politischer Schriftsteller, geb. am 10. Febr. >801 zu Frankfurt am Main, besuchte seit 1821 die Universität zu Lyon, dann die zu Jena und bestand 21 Jahre alt das theologische Candidatencxamcn in seiner Vaterstadt, worauf er eine Lrhrerstclle in der niedcrländ. Gemeinde erhielt, aus der er jedoch in Folge seiner Broschüre „Das Candidatenwesen in Frankfurt am Main 1775 und >830" (Offenbach 1830) entfernt wurde. Sich und seine Mutter zu ernähren griff er zu literarischen Arbeiten und gab seit 1830 theils allein, theils mit seinen Freunden und politischen Glaubensgenossen, Freieisen und W. Sauerwein, eine Menge politischer Zeit - und Flugschriften heraus, darunter 669 Funck (Karl Will). Ferd. von) „Eulenspiegel", „Der neue Eulenspiegcl", .,D'>° deutsche Volkshalle", „Die Fackel", „Erbsteine", „Scherz und Ernst", „Zcitspicgel", „Zeitlosen" u. s. w. Diese von dem rücksichtslosen, gutgemeinten, aber unzweckmäßigen Tagsradicalismus jener Zeit anklingcnden Schriften hatten zur Folge, daß er im Juni 1832, in Folge zweier Senatsbeschlüsse, vom Poki- ceirmte eine Verwarnung erhielt und im Sept. in eine vierwöchentliche Gesängnissstrafe ver- „rtheilt wurde. Von neuem in Untersuchung gezogen und am l 2. Nov. l 832 verhaftet, wurde er zwar bei der Stürmung der Hauptwache am 3.Apr. 1833 in Freiheit gesetzt; doch freiwillig kehrte er sofort in seine Untersuchungshaft zurück, worauf er zu acht Monaten Ge- fängnißstrafe verurthcilt wurde. Als eine gesunde Frucht seiner Studien erschien von ihm in derselben Zeit „Ludwig der Fromme, Geschichte der Auflösung des großen Frankenreichs" (Franks. 1832). Nachdem er seine Strafe abgebüßt, hielt er zu Frankfurt ungemein zahlreich besuchte Vorlesungen über deutsche Geschichte, die ihm abxr sehr bald untersagt wurden, woraus er die Fortsetzung unter dem Titel „Gemeinfaßlicher Überblick der ältesten deutschen Geschichte" (Offenbach 1834) erscheinen ließ. Der Verdacht, daß er mehre Hefte des „Bauern-ConversationS-Lexikon" mit vertreiben geholfen und das aufgefundene Manuscript zu einer fünften Folge desselben verfaßt habe, führte seine abermalige Verhaftung am 8. März >83-1 herbei. Überdies beschuldigte man ihn der Theilnahme an der Verbindung des sogenannten Männerbundes, was aber F. ebenfalls in Abrede stellte. Auf diese Verdachtsgründe hin und wegen seiner Theilnahme an einer Sectionsversammlung wurde er, nachdem er sich zwei Jahre in Untersuchungshaft befunden, durch ein Gutachten der Facultät zu Göttingen zu fünfJahre Zuchthaus verurthcilt, welche Strafe aber das Oberappellationsgcricht zu Lübeck auf drei Jahre herabsetzte, die F. auf dem Hardenberg bei Mainz abbüßte. Die Zeit seiner Haft verwendete er zu linguistischen Studien. Seinem freilich etwas excentrischen Charakter läßt sich eine gewisse stoische Festigkeit nicht absprechen. Funck (Karl Wilh. Ferd. von), der Verfasser der „Gemälde aus dem Zeitalter der Kreuzzüge", geb. am 13. Dec. 1761 zu Braunschweig, wo sein Vater als Hofrath angestellt war, wurde auf der Schule zu Wolfenbüttel und seit 1778 auf dem Carolinum zu Braunschweig gebildet. Im1.17 80 trat er als Lieutenant bei der Garde du Corps in sächs. Dienste, aus denen er aber in Folge gespannter Verhältnisse mit seinem Commandanten 1 785, seine Entlassung nahm. Seitdem widmete er sich literarischen Beschäftigungen; namentlich arbeitete er seine anonym erschienene „Geschichte Kaiser Friedrich's II." (Züllichau 1792). Auch wurde er schon um diese Zeit mit Schiller bekannt und Mitarbeiter an der „Allgemeinen Li- teraturzcitung". Durch den Generallieutenant Grafen von Bellegarde, der damals an der Spitze der sächs. Reiterei stand, ließ er sich bewegen, 1791 in das neuerrichtetc Husarenregi- mcnt einzukreten, in welchem er den Krieg gegen Frankreich am Rhein mitmachte. Während seiner Abwesenheit verbrannte bei einer Feuersbrunst zu Kölleda das vollendete Manuscript seiner Geschichte Sachsens. Seine Theilnahme an den „Horen" brachteihn in ein innigeres Ver- hältniß mit Schiller und Goethe. Seit 1801 zum Major befördert, wurde.er beim Ausbruch des Kriegs von 1806 Adjutant des Generals von Zezschwitz und in der Schlacht bei Jena verwundet und gefangen. Er hatte dem Kurfürsten die Nachricht von der Geneigtheit Na- polcon's für den Abschluß des Friedens mit Sachsen zu übcrbringen und begleitete 1807, inzwischen zum Oberstlieutenant und bald darauf zum Generaladjutanten und Oberst ernannt, den König nach Warschau und 1808 zu dem Congreß in Erfurt. Kur; vor dem Ausbruche des Kriegs gegen Ostreich wurde er Generalmajor. Seit dieser Zeitwußte man durch Jntriguen ihn mehr und mehr aus der Gunst, in der er bei dem König Friedrich August stand, zu verdrängen. Zwar wurde er 1810 zum Generallieutenant ernannt, gleichzeitig aber erhielt er das Cvmmando einer Brigade leichter Reiterei, wodurch er aus der Umgebung des Königs entfernt wurde. Im Kriege gegen Rußland im I. 1812 führte F. eine Cavaleriedivision unter Reynier, dessen Gunst er anfangs in hohem Grade genoß, bis es seinen Neidern gelang, ihn auch bei diesem zu verdächtigen. Er mußte im Jan. 1813 das Commando über seine Division abgeben und nach Sachsen zurückkehren, wo er nun in Wartegeld gesetzt, in Wurzen Im Kreise seiner Familie lebte. Da er unter dem russ. Generalgouvernement zu dienen sich weigerte, so erhielt er seine Entlassung, die aber der König nach seiner Rückkehr für nichtig erklärte, worauf F. wieder mit Wartegeld in die Zahl der wirklichen Generallieute- 670 Fuildainentalbaß Funke - nants der Cavalerie trat. Abgesehen von einer Sendung in das Hauptquartier des Herzog von Wellington und nach London lebte er unausgesetzt seinen geschichtlichen Studien in Wurzen, wo er am 7. Aug. 1 828 starb, nachdem die philosophische Facultät zu Marburg in, ! Jahre vorher ihn durch Übersendung des Doctordiploms geehrt hatte. Die reifste Frucht sei- ^ nes Geistes waren die „Gemälde aus dem Zeitalter der Krcnzzüge" (4 Dde., Lpz. 1820- 2a), worin gründliches Quellenstudium mit Lebendigkeit und Würde der Darstellung sich vereinigt. Nach seinem Tode erschienen „Erinnerungen aus dem Feldzüge des sächs. Corps unter dem General Grafen Neyuier im I. 1812" (Dresd. 1829), welche schätzbare Am- ^ schlüsse über die Ereignisse jener Zeit gewähren. Fundamentalbaß oder Erundbaß nennt man eine Baßstimme, welche eulstcht, wenn man von den Accorde» einer harmonischen Reihe, nur die Grundtone in den Baß legt, während eine gewöhnliche Baßstimme auch andere Intervalle der Accorde enthält. Der Grundbaß dientzu übersichtlicher Darstellung einer Harmoniefolge, nicht zur praktischen Ausführung. — Auch heißt die bezifferte Orgclstimme in Kirchenmusiken Fun damentalbaß Fünen, dän. Fyen, lat. bu>me>, nach Seeland die größte der dän. Inseln, welche milden Inseln Taasing und Langeland das Stift Fünen ausmacht, umfaßt 61 ClM. mit 170000 E. und liegt zwischen Seeland, von dem cs durch den Großen, und zwischen Jütland und - Schleswig, von denen eS durch den Kleinen Belt getrennt wird. Es hat einen Meerbusen, Stcgcstrand, ist im Innern eben und fruchtbar, besonders an Getreide und wird von mehren Flüssen, die meist Aa heißen, durchschnitten. Die Hauptstadt der Insel ist das malle Odense mit ungefähr 8000 E-, berühmt durch die von Knut dem Heiligen gegründete Kathedrale mit merkwürdigen alten Königsgräbern und als Sitz eines Bischofs. Die Stadt hat eine Bibliothek aller in dän. Sprache irgend gedruckter Bücher; auch besteht daselbst eine ' Literarische Gesellschaft. Außerdem sind bemerkenswert!) Nyeborg, mit 2000 E-, der Hauptüberfahrtsort nach Seeland, bekannt durch den am >4.Nov. 1659 durch die vereinigten dän., ' poln. und brandend. Truppen über dieSchwedcn errungenen Sieg, Svenborg, mit 2700 E., an der äußersten Südspihe Fünens gelegen, mit gutem Hafen und lebhafter Schiffahrt, und > Middelfart, bekannt durch seinen Meerschweinfang, den eine besondere Zunft von Dclphin- sängern gegen einen jährlichen Pacht betreibt. Manches Jahr werden hier an 600 Stück, von denen einzelne 250 Pf. schwer sind und deren Speck als Thran benutzt wird, gefangen. Fünfhäfen, s. Linque ?nrts. Fungiren heißt ein Amt verwalten; daher Functionen die mit dem Amte verbundenen Geschäfte. — Mathematische Functionen, s. Infinitesimalrechnung. Funk (Gottfr. Bencd.), ein verdienter Schulmann und Pädagog, geb. 1 73-1 zu Hartenstein in der sächs. Grafschaft Schönburg, studirte, nachdem er, auf Anrathcn I. A. Cra- ^ mer's in Quedlinburg, in Folge seiner Bedenklichkeiten wegen Verpflichtungen des Prcdigt- amts, die Theologie aufgegeben hatte, seit 1755 in Leipzig die Rechte. Doch schon im folgenden Jahre berief ihn Cramer, der untcrdeß Hofprcdiger in Kopenhagen geworden war, zu sich, als Lehrer und Erzieher seiner Familie. In dieser glücklichen Lage, welche ihm den Umgang mit Klopstock, Münter, Basedow, Nesewitz und vielen andern ausgezeichneten Männern gestattete, blieb F., bis er an die Domschule in Magdeburg kam. Im I. 1772 wurde er Rector dieser Schule; auch erhielt er 1785 den Titel als Consistorialrath. Er starb am 18. Juni 181-1. Eine Sammlung seiner „Schriften" erschien nach seinem Tode (2 Bde., Bcrl. 1820—21). Seine tiefen und vielseitigen Kenntnisse und gereisten Erfahrungen, verbunden mit einer musterhaften Berufstreue, echter Humanität und reinem Leben, erwarben ihm eine ebenso seltene als fruchtbare Einwirkung auf die Geistes - und Herzensbildung seiner ! zahlreichen Schüler. Ein Verein seiner Schüler ehrte des Lehrers Andenken durch eine wohl- thätige Stiftung bei der Schule zu Magdeburg und durch Aufstellung der Büste desselben in der Domkirche zu Magdeburg. Funke (Karl Phil.), ein zu seiner Zeit geschätzter und äußerst fruchtbarer Schriftsteller im Fache der Naturlehrc, geb. 1752 zu Görtzsalke bei Brandenburg, war anfangs Lehrer am Philanthropin zu Dessau, dann Jnspector des dasigcn Schullchrcrseminariums. Er erhielt 1804 den Titel als schwarzburg-rudolstädt. Regierungsrath und starb auf einer Reise zu Altona im I. 1807. Ungeachtetdcr Eile, mitwelcher cr die meisten seiner Schriften ausarbeitete, Aurea Furlanetto 671 enthalten sie doch auch manches Gute. Als die vorzüglichsten erwähnen wir die „Naturgeschichte und Technologie" (3 Bde., Braunschw. 1700— 01; 6. Aufl., von Wiedemann >812), „Neues Realschullexikon" (3 Bde., Braunschw. >800 — 5), „Handwörterbuch der Naturlehre" (2 Bde., Lp;. 1805), „Naturgeschichte für Kinder" (10. Aust., herausgegeben von Lippold, Lpz. 1831), die noch gegenwärtig in Schulen gebraucht wird, und „Mythologie" (neue umgearbcitete Aust, von Lippold, Hann. 1823). Furca, s Sanct-Gotthard. „Furcht nennt man die lebhafte Besorgniß einer Gefahr oder eines, oft nur eingebildeten Übels, dem zu widerstehen man sich nicht gewachsen fühlt. Was diese Furcht erregt oder leicht erregen kann, heißt f urchtbar und im höhcrn Grade fürchterlich. Die Furcht ist an sich ein dem lebendigen Wesen natürlicher Affcct, weil cs ein Gefühl seiner Beschränktheit hat. Die Grade der Furcht sind Bangigkeit, Angst (s. d.) und Muthlosigkeit oder Verzagtheit; eine plöhlich den Menschen ergreifende Furcht nennt man Erschrecken, Grausen und Entsetzen, die auch den Muthigsten befallen können, sofern es Gefahren gibt, die ihn zum Gefühl seiner menschlichen Ohnmacht bringen. Die Geneigtheit zur Furcht heißt Furchtsamkeit, die cbensowol eine physische als eine geistige und moralische sein kann. Eine ängstliche Behutsamkeit charakterisirt das ganze Betragen des Furchtsamen, herrscht in seinen Reden, seinem Gange, seinen Bewegungen und seinem Gesichte. Seine Stimme ist leise und ängstlich, ebenso sein Gang. Im Umgänge mit Menschen erscheint die Furcht als Schüchternheit und Blödigkeit, oder als übertriebene Höflichkeit und Kriecherei. Furia nannte Linne' einen kleinen, kaum haardickcn Wurm, der in den Sümpfen BotbnienS wohnend, vom Winde verweht, auf Menschen und Thicrc herabfallen, sich unter die Haut fressen, brandige Wunden und unfehlbar den Tod herbeiführen soll, wenn er nicht ausgeschnitten würde. Da Niemand seitdem dieses Thier beobachtete, so ist anzunehmcn, daß hier eine übertriebene Schilderung des Fadenwurms vorlicge, der in sumpfigen Gegenden zwischen den Muskeln der Thicre sich einnistet. Furien, s. Eumeniden. Fnrina, eine alte Göttin der Römer, von der weiter nichts bekannt ist, als daß sie jmseit der Tiber unweit Rom einen Hain hatte, in welchen sich der jüngere Gracchus flüchtete. Cicero seht sie mit den Furien in Verbindung. Furioso bezeichnet in der Musik nicht sowol eine Art der Bewegung als vielmehr eine Art des Ausdrucks und wird daher auch als Beiwort gebraucht, z.B. ^»ogro furioso. Das Wilde und Rasende, worauf dieser Ausdruck hindeutet, wird nicht durch übermäßige Geschwindigkeit befördert; ein wilder und rauher Accent im Vortrag entscheidet hier mehr als die Bewegung, und dieser wird von Seiten des Tonsctzers besonders begünstigt durch fremde harte Ausweichungen, Dissonanzen, Sforzatos, plötzlich eintretende Fortes, chromatische Fortschreitungen im Einklang u. s. w. Furius, in älterer Zeit Fusius, ist der Name eines alten, aus Tusculum stammenden röm.-patricischen Geschlechts; zu ihm und zwar zu der Familie der Camilli, die noch in der Kaiserzeit fortblühte, gehörte der berühmte Besieger der Gallier, M. Furius Camil-- l u s (s. d.). — Nicht zu verwechseln ist mit diesem das plebejische Geschlecht der Fufii, dem D. Fusius Calenus angehörte, der als Volkstribun 01 v. Ehr. für Clodius thätig war, dann Cäsar, durch den er 37 das Consulat erhielt, und Antonius anhing und im J. I I starb. Furlanetto (Giuseppe), einer der berühmtesten Gelehrten Italiens, geb. zu Padua am 30. Aug. 1775, erhielt seine Bildung in dem bischöflichen Seminar seiner Vaterstadt und war in den I. 1700 und l 800 Lehrer in dem Collegium von San-Giustina, nach dessen Aufhebung er Erzieher des Sohns des Grafen Cestari wurde. Im 1.1805 übernahm er in dem bischöflichen Seminar die Vorträge über biblische Hermeneutik und wurde drei Jahre darauf Director des Seminars. Im Nov. >817 von dem östr. Gouvernement zum Professor des Bibelstudiums an der Universität zu Padua ernannt, kam er nach zwei Jahren, da er das anhaltende Sprechen nicht vertragen konnte, um seine Entlassung ein und übernahm, wenige Monate nachher das Rectorat des vorgedachten Seminars, das er aber >822 ebenfalls niederlegte, worauf er sich mit neuem Eifer seinen Lieblingsstudien, der alten Literatur, ergab. Unter seinen Arbeiten sind besonders zu erwähnen der im Einverständniß mit dem 672 Fürst Fürstenberg (Geschlecht) . damals noch lebenden Verfasser besorgte Abdruck des Morcclli'schen Werks „De st>Inin- " scrstitionum Ist." (5 Bde., Padua 181!>—2:;, I.) und die neue Ausgabe von Forccllini's Lexikon (-1 Bde., Padua 1828—34; wiederabgedruckt Schnecb. >82!»—32), außerdem „De snticlie Isjiicli clel miiseo 837) und „lliiistesrioni >Ii »n sntico i mnnuinento se;>»lcrsle senperto vs" (Padua 1838,4.). Fürst, im Altdeutschen Furisto, später Fürste, bezeichnet, nach Grimm, blos im Allgemeinen die höchste Würde in Bezug auf die Unterthanen. In einem weitern Sinne ge- braucht man daher Fürst auch als gleichbedeutend mit Staatsoberhaupt und ähnlichen Ausdrücken, sodaß in der Geschichte fast aller Völker Fürsten Vorkommen. Im cngern Sinne ' kommt der Name Fürst insbesondere auf dem Gebiete des deutschen Rcichsstaatsrechts vor, wo unter Fürsten Diejenigen verstanden werden, die Sitz und persönliche oder Virilstimme auf den Reichstagen hatten. Man kann zwar auch schon in der Geschichte der frühesten deutschen Zustände von Fürsten in einem allgemeiner» Sinne sprechen, allein die bestimmte juristische Bedeutung erhielt das Wort Fürst erst seit der Zeit des fester geordneten deutsche» Gemeinwesens. Fürst bezeichnet nämlich seitdem die höchsten unmittelbaren Beamten des Königs, namentlich die Herzoge und verschieden benannten Grafen, wie Gau-, Pfalzgrafen n. s. w., insofern diesen die Ausübung der zwei höchsten und wichtigsten Gewalten des Königs, die bekanntlich das Kriegs- und Gerichtswesen zum Gegenstand hatten, übertragen war. Das unmittelbar vom König ertheilte, mit dem Königsbann versehene Amt war cs also, was die Fürstenwürde verlieh, die eine AmtSwürde war und den Herzogen und den be- zeichnetcn Grafen zukam. Das Wort Graf wurde indeß auch andern nieder» Beamten bci- gelegt, daher;. B. Holz-, Deichgrafen, die aber auch, weil sie kein Amt der oben bezeichmtcn Art hatten, keine Fürsten waren. Als sich später durch die Einwirkung des LchnswesenS das ursprünglich im Auftrag des Königs oder Kaisers verwaltete Amt in ein lehnrechtlichcs Ei- ^ gcnthum der Beliehenen umgestaltete, als aus den Beamten Landesherren wurden, vcr- l schmolzen beide Begriffe, nur daß dieselben Personen in ihrer Stellung zu ihrem Territorium ; und Unterthanen zunächst als Landesherren und in der zum Kaiser und Reich als Fürsten j betrachtet wurden. In letzterer Beziehung zeichneten sich unter den Fürsten besonders seit der Zeit der Goldenen Bulle Karl's IV. die Kurfürsten (s. d.) aus. Je mehr die Erblichkeit das alte BeamtenverhLltniß verwischte und die sonstigen Veränderungen die Fürstenwürdc in einen Titel umgestalteten, desto leichter konnte es, und zwar schon seit dem l 3. Jahrh., üblich werden, den fürstlichen Titel als Geburtstitel gewissen hochadeligen Geschlechtern bei- zulegcn, die sich nun von den gräflichen Häusern, mit deren Titel es eine gleiche Bewandtnis hatte, unterschieden. Übrigens theilt man die Fürsten in geistliche und weltliche; in eigentliche Fürsten und Titularfürstcn. Die Ernennung der letzter» war ein Rcservatrecht des t Kaisers, und mit ihr war an sich die Theilnahme an den reichsrechtlichen Befugnissen der - Fürsten nicht verbunden; ebenso erlangen die gegenwärtig durch einen deutschen Souverain in den Fürstenstand erhobenen Geschlechter die dem hohen Adel durch die deutsche Bundes- ^ acte zugesichertcn Rechte nicht. Fürst (Walter), aus dem schweizer. Canton Uri, gest. 1317, stand nebst Arnold von ^ Melchthal und Werner Stauffacher an der Spitze des Bundes, der > 3tt7 zur Befreiung der l Schweiz (s. d.) geschlossen wurde. Sein Schwiegersohn war Wilhelm Tell(s. d.). Fürstenberst, ein deutsches, mcdiatisirtcsFürstenthum von 38 >üM. mit etwa!)7lM , E-, welches die Grafschaften Hciligenberg, die Landgrafschaften Stichlingen und Baar und , die Herrschaften Jungnau, Trochtelfingen, Hausen und Möskirch umfaßt, liegt unzusam- - menhängend in dem südlichen Theile Schwabens und steht seit > 806 unter der Landeshoheit von Baden, Württemberg und Hohenzollern-Sigmaringen. Die standesherrlichen Verhältnisse zu Baden wurden durch die Verhandlungen am > I.Nov. 1823 und durch die Übereinkunft vom >4. Mai >82.7, die zu Würtemberg durch die königliche Declaration vom 23. Jan. >839 bestimmt. Das Geschlecht der F. stammt von den alten Grafen von Urach, i die ursprünglich die Grafschaften Freiburg und Fürstenberg besaßen, welche erstcre sie aber, r nachdem die Stadt Freiburg sich frei gemacht, nach und nach ganz verloren. In der Mitte des 1 3. Jahrh. erbauten sie das Schloß und Städtchen Fürstenberg, am Schwarzwalde, und entlehnten davon ihren Geschlechtsnamen. Die verschiedenen Zweige, in welche sich daS II .'r Kürstenberg (Franz, Freiherr von) Haus F. im Mittelalter theilte, vereinigten sich insgesammt in der Person Friedrichs III., gest. 1559 . Friedrich's Söhne, Christoph und Joachim F., stifteten, jener die kin- zingerthaler, dieser die Heiligenberger Linie. Die kinzingerthaler Linie schied sich später in zwei neue Äste, in die vom Grafen Vratislaw II. gestiftete möskirchische Linie, welche 17-1-1 aus- starb, und in die vom Grafen Friede. Rudolf gegründete sWlinger Linie, die noch gegenwärtig fortdauert. Auch die Heiligenberger Linie theilte sich später in die Heiligenberger und doncsingische, welche letztere aber bald ausstarb. Im I. 1664 wurde die hciligenbergcr Linie in den Neichsfürstenstand erhoben und erhielt >667 Sitz und Stimme im Reichsfürstenrath, erlosch aber 1716, worauf die ältere kinzingerthaler Linie die Güter und den Für- stentitcl erbte. Fürst Ioh. Wilh. Ernst aus der kinzingerthaler Linie vereinigte nach dem Aussterbender möskirchischen wieder die gesummten Besitzungen und erhielt zugleich 1762 vom Kaiser die Gunst, daß alle eheliche Söhne der F. den Fürstentitel führen durften, während bisher nur der jedesmalige Regent Fürst, die andern Familienmitglieder Landgrafen hießen. — Unter den ältern Gliedern der Familie sind zu erwähnen: EgonGrafvonF., geb. 1588 , der erst Geistlicher, dann Soldat und zwar in liguistischen Diensten, mit Vollziehung des Nestitutionsedicts in Franken und Würtembcrg beauftragt wurde, unter Tilly bei Leipzig im I. 1631 den rechten Flügel commandirte und als Gcncrallieutenant des Schwäbischen Kreises 1635 starb.— W il h. EgonvonF., geb. 1629 , der gleich seinen beiden ältern Brüdern dem Bischöfe Franz Egon von Strasburg, gest. 16 82 , und Hermann Egon, dem Oberhofmeister des Kurfürsten Ferdinand Maria von Baicrn, ganz dem s:-anz. Interesse hingegeben, Geh. Rath des Kurfürsten Maximilian Heinrich von Köln war, den er blindlings leitete. Trotzdem daß der Kaiser Leopold am 12 . Mai 1664 alle drei Brüder in den Reichsfürstenstand erhoben hatte, waren sie ihm doch feind und verriethcn ihr Vaterland an Frankreich. Man nannte sie spottweise mit ihren Complicen nur Egonisten, als Ansxic- lungzugleichaufEgoisten und ihrenFamiliennamcn Egon. Endlich ließ am 4 . Fcbr. 1674 der Kaiser zu Köln durch Soldaten sich der Person Wilh. Egon von F.'s, der auf alle Weise die Plane Ludwig's XI V. auf Deutschland förderte, bemächtigen, ihn nach Bonn und dann nach Wienecisch-Nenstadt führen, wo er anfangs enthauptet werden sollte, aus Furcht vor Frankreich aber, das sich seiner dringend annahm, unangetastet blieb und durch den nimweger Frieden sogar wieder in seine Ehren und Würden eingesetzt wurde. Von der Kurfürstenwahl zu Köln im I. 1688 wegen seiner verdächtigen politischen Gesinnung ausgeschlossen, machte ihn Ludwig XIV. zum Erzbischof von Strasburg, der Papst aber zum Cardinal. Er starb > 704 . — Ant. Egon von F., ein Günstling des Kurfürsten August des Starken von Sachsen, wurde von diesem nach seiner Erhebung auf den poln. Königsthron im I. 1697 in Sachsen als Statthalter zurückgelassen, um hier die Geldsumme, die der König in Polen brauchte, durch drückende Auflagen herbeizuschaffen. Erstarb >716 zu Hubertsburg.— Der gegenwärtige Standesherr ist der Fürst KarlEgonvonF-, geb. am 28 . Oct. 1796 , bad. General, seit 1818 mit der Prinzessin Amalie von Baden vermählt, und als erbliches Mitglied der ersten Kammer der bad. Ständcversammlung seit vielen Jahren Viceprälident. Er besitzt in Böhmen mehre Fideicommißherrschaften, wie Pürglitz, Kruschowitz, Nischburg u. s. w., rcsidirt zu Donaueschingcn und hat 66600«» Fl. jährliche Einkünfte. — Die von dem jüngsten Sohne des Fürsten Prosper Ferdinand von F., gest. 1764 , gestiftete, in Ostreich blühende weitraer Linie führt den landgräflichen Titel und besitzt die Herrschaften Wcitra, Rheinpolz, Wasen in Nicderöstrcich und andereHerrschaftcn in Mähren mit 156666 Fl. Einkünften. Der jetzige Landgraf istFriedrich von F., geb. 1774, östr. Wirklicher Geh. Rath und Obcrhofceremonienmeister. Vgl. Münch, „Geschichte des Hauses und des Landes F." (3 Bde., Aach. 1830 — 32 ). Fürstcnberg (Friede. Wilh. Franz, Freiherr von), ein ausgezeichneter Staats- mann, der sich um das münstersche Land große Verdienste erwarb, geh. am 7. Aug. 1729, aus einem der ältesten Geschlechter des westfäl.Adels, besaß vortreffliche, durch Studien und Reisen, besonders in Italien, ausgebildete Anlagen, die er als Mitglied der Ritterschaft und des Domcapitels zu Münster, vorzüglich während des Siebenjährigen Kriegs, auf eine wohl- chäkige Weise entwickelte. Nach dem Frieden ernannte ihn der zum Kurfürsten von Köln Conv.-Lex. Neunte Ausl. V. 43 »ich' z 674 Fürstenbund Kürstenrecht und zum Fürstbischof von Münster erwählte Maximilian Friedrich Graf von Königßcck- Rothenfels zu seinem Minister und übertrug ihm die Negierung des gänzlich erschöpften und mit Schulden belasteten münsterschen Landes. Er stellte sehr bald den Credit wieder her, förderte Ackerbau und Gewerbe, besonders den Leiwandhandel, reformirte die Justizverwal- , tung, sicherte die gesellschaftliche Ordnung durch eine gute, entehrendes Mistrauen in ihrer Behandlung ausschließende Police!, munterte die Geistlichkeit zu höherer Bildung auf und gab unter allen katholischen Staaten Deutschlands im Hochstifte Münster das erste Beispiel verbesserter Schulen. Talentvolle Jünglinge wurden unterstützt, um sich zu Lehrern auszu- > bilden, das Militairwesen des Landes durch eine der Landwehr ähnliche Volksbewaffnung - und durch Gründung einer Militairakademie im I. 1767 wesentlich verbessert und von Hof- mann zu Münster unter F.'s Leitung eine Medicinalordmmg, die erste und vorzüglichste ihrer Art in Deutschland, dem Hochstifte verliehen. Sv blühte in kurzer Zeit das Land wieder auf; alle Stände wetteiferten in Bestrebungen für die Sache des Gemeinwohls, und Wohlstand und öffentliches Vertrauen mehrten sich so, daß bald in keinem benachbarten Lande ein so niedriger Zinsfuß war als im Münsterschen. Kein Wunder, daß Volk, Ritter- schaft und Domcapitel, als 1780 dem Kurfürsten ein Coadjutor zur Seite gesetzt werden sollte, gleich sehnlich den Wunsch hegten, statt eines Lstr. Prinzen, wie es der Plan war, F. zum künftigen Regenten von Münster sich gegeben zu sehen. Aber ungeachtet dieser allgemeinen, für F. so günstigen Stimmung, trotz seiner eigenen kräftigen Opposition und der von Seiten Preußens ihm hierbei gewordenen Unterstützung siegte Ostreichs Einfluß, und es wurde der Erzherzog Maximilian Franz Coadjutor. In Folge dessen sah F. sich zwar nun genöthigt, seine Ministerstelle niederzulegen, fuhr aber selbst in der ihm verbliebenen Stelle als Generalvicar noch fort, für das beste des seinem Herzen so thcuern Geburtslandes mit unermüdlichem Eifer zu sorgen und besonders durch Verbesserung des Volksunterrichts, , durch Reformation des Gymnasiums und Errichtung einer vollständigen Universität zu Münster sowie eines Pricstcrseminars sich unbestreitbare Verdienste um dasselbe zu erwer- > den. Er starb am 16. Sept. I8>0. Vgl. Esser, „Franz von F." (Münst. 1842), der hier j auch die höchst interessanten Schriften F.'s über Erziehung und Unterricht hat abdrucken lassen Fürstenbund. Der deutsche Fürstenbund wurde gegen die Übergriffe des KaisersZo- seph's 11. in die deutsche Rcichsverfaffung durch König Friedrich II. geschlossen. Kaiser Joseph hatte nämlich, als beim Tode des Kurfürsten Maximilian Joseph von Baiern imZ. ^ 1777, dessen Länder an den Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz fielen, den Plan, durch ! die Einziehung Baierns seine Erblande zu arrondiren. Der bair. ErbfSlgekricg (s. d.) ^ , und der Friede zu Teschen am 13. Mai 177S zwangen ihn, davon abzustehen. JmJ. 1784 nahm indessen Joseph die Verhandlungen zur Verwirklichung seines frühem Plans von ^ neuem auf. Derselbe scheiterte jedoch abermals an der Festigkeit des Herzogs Max Joseph von Zweibrücken, als muthmaßlichen Erben der bair. Lande nach dem Tode Karl Theodors . > und nachmaligen Könige von Baiern, und den Erklärungen Frankreichs und Rußlands, die I den Frieden zu Teschen garantirt hatten. Gleichwol weigerte sich Joseph fortwährend, seine ' Verzichtleistung auf Baiern bestimmt zu erklären. Daher lud der König von Preußen im ' Mär; 1785 die Kurfürsten von Sachsen und von Hannover zu einem Bunde zur Aufrecht- > Haltung und Vertheidigung der deutschen Reichsverfassung ein, der auch aller Gegenbcnm- hungen Ostreichs und Rußlands ungeachtet zu Berlin am 23. Juli 1785 von Preußen, ' Sachsen und Hannover als deutscher Fürstenbund unterzeichnet wurde. Die Maßregeln gegen die Vertauschung Baierns waren in einem geheimen Artikel enthalten. Binnen wenigen Monaten schlossen sich auch der Kurfürst von Mainz und sein Coadjutor Dalberg, der ' Kurfürst von Trier, der Landgraf von Hessen-Kassel, die Markgrafen von Ansbach und von ' Baden, die Herzoge von Zweibrücken, Draunschwcig, Mecklenburg, Sachsen-Weimar, Sach- I sen-Gotha, 'sowie der Fürst von Anhalt-Dessau dem Bunde an. So wurde Ostreichs Ab- ' sicht vereitelt, das nun, gleich wie Rußland, die Sache ganz aufgab. Vgl. Dohm, „Über drn deutschen Fürstenbund" (Berl. 1784) und (Joh. Müller) „Darstellung des Fürstenbundes" ' (Lpz. 1787; 2. Aust., 1780). ! Fürstenrecht nannte man im Deutschen Reiche ein Gericht über einen Fürsten. Da rin Jeder, vermöge der alten deutschen Rechtsgrundsätze, nur von seinen Genossen gerichtet - Fürstenfchulen Kurth 675 werden konnte, so konnte auch über einen Fürsten nur von Fürsten unter Vorsitz des Königs (Kaisers) gerichtet werden. So wurden der Herzog Thassilo II. von Baiern unter Karl dem Großen (788), der GrafAdelbert von Bamberg (S06), der Herzog Erchanger von Schwaben (SN) u. A. durch den Spruch eines Fürstenrechts zum Tode verurtheilt, und der Herzog Heinrich der Löwe von Sachsen 1180 seiner Reichsherzogthümer verlustig erklärt. Kaiser Friedrich II. nahm das Gericht über einen Fürsten von dem Geschäftskreise seines 1235 eingesetzten Kammerrichters aus. Da hingegen Karl V. unter Andern namentlich den gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ohne Fürstengericht von seinen ital. Rächen zum Tode verurtheilen ließ, so wurde später in der kaiserlichen Wahlcapitulation bestimmt, daß kein Fürst oder anderer Stand des Reichs anders als durch ein Urtheil des Reichstags seiner Negierung entsetzt oder persönlich verurtheilt werden solle. Die Reichsgerichte sollten die Sache in einem solchen Falle instruiren; die Acten dann an den Reichstag geschickt, hier von einer unparteiischen und beeidigten Commission geprüft, und auf ihr Gutachten endlich vom ganzen Reichstage das Urtheil gesprochen werden. Dies war das bis zur Auflösung des Deutschen Reichs geltende Fürstenrecht. — Auch versteht man unter Fürstenrecht den Inbegriff derjenigen Rechtsnormen, nach welchen die persönlichen Rechtsverhältnisse eines regierenden Fürsten zu beurtheilen sind. Dasselbe macht, indem auch die Thronfolge und andere öffentliche Verhältnisse davon abhängen, einen Theil des Staats- rechts aus. Die Quellen desselben sind das allgemeine Staatsrecht, Landesgrundgcsetze, Familienverträge sowie auch einige in das Landesstaatsrecht übergegangenc Bestimmungen der deutschen Reichsgesetze. Fürstenschulen wurden die vom Kurfürsten Moritz von Sachsen aus den Gütern eingegangencr Klöster zuPfort« (s. d.), Meißen (s. d.) und Grimma (s. d.), letztere ursprünglich zu Merseburg, gegründeten Lehr- und Erziehungsanstalten genannt, in welchen mehre hundert Schüler, theils und zumeist unentgeltlich (Alumnen), theils für ein sehr mäßiges Kostgeld (Extraneer) unterhalten und unterrichtet werden. Die Fürstenschulen haben sich stets durch ihr Streben nach gründlicher und gelehrter Bildung ausgezeichnet und bis in die neueste Zeit den Ruhm gewahrt, die klassischen Studien in vorzüglicher Weise zu pflegen, und wenn sie auch in Erziehung und Unterricht von manchen Einseitigkeiten sich nicht ganz frei machen konnten, so haben sie sich doch den Fortschritten der Pädagogik nie verschlossen. Eine Fürst-nschule war ursprünglich auch dievom Grasen Ernst Georg von Henneberg 15" 7 gestiftete Schule zu Schleusingen. (S. außerdem Klosterschulen.) Fürth , eine bedeutende Fabrikstadt im bair. Mittelfranken, am Zusammenflüsse der Pegnitz und der Rednitz, ziemlich zwei Stunden von Nürnberg, zählt gegenwärtig über lSOOOE-, darunter überI25Ü0Evangelische, über 500Katholiken und gegen 3000Zuden. Sie ist zum Theil sehr regelmäßig angelegt, der Sitz eines königlichen Gerichtshofs und hat zwei evangelische, eine katholische Kirche, zwei Haupt- und vier Nebensynagogen, ein Schauspielhaus und ein großes Hospital. Außer einer lat. Schule bestehen daselbst eine Gewerks-, eine Volks- und eine Industrieschule, sowie eine talmudische Schule, eine Art jüd. Universität. Die Bewohner leben ausschließend von der Fabrikation, vom Handel und von der Industrie. Der Hauptgcgenstand der letzter« sind sogenannte Manufactur - oder Nürnbcrger- Waaren, namentlich Spiegel, geschlagenes Gold und Metall zum Vergolden und Versilbern, alle Arten von Bronzefarben, Brillen und ovtischen Instrumenten, Eürtlerarbeiten, Drcchs- lerwaaren aus Metall, Elfenbein, Hornu.s.w., Strumpswaaren, Baumwollenzeuge, Federkiele, Siegellack und Cichorie, künstliche Blumen, Damcnfedern, chirurgische und mathematische Instrumente, Buchbinderwaaren von Pappe, Leder und Saffian, bunte Papiere, Kinderspielsachen u. s. w. Der Charakter des Handels, welchen F. in sehr ausgedehntem Umfange betreibt, erstreckt sich zunächst auf die Ausfuhr inländischer Jndustriecrzeugnisse. Der Debit einheimischer Producte nimmt eine untergeordnete Stelle ein. Der Activhandel hat hauptsächlich seine Richtung nach Nord- und Südamerika, nach der Levante, Holland, Belgien, Spanien, Portugal, Mittel- und Untcritalien, Norddeutschland, Dänemark und Schweden. F. kommt zuerst zu Anfänge des l O.Jahrh. vor, wo es an das Hochstift Bamberg kam. Die Voigtei über den Ort hatten schon frühzeitig die Burggrafen von Nürnberg. Im Dreißig- 676 Furunkel Fuß jährigen Kriege wurde cs 163-t von den Kroaten niedergebrannt. Auch >680 wurde es >ast ganz durch eine Feuersbrunst in Asche gelegt. Erst in der letzten Hälfte des 18. Jahrh. gelangte cs durch die Gründung mehrer Fabriken und Manufakturen schnell zur Bedeutendheit, und namentlich wurde unter der vormaligen preuß. Regierung durch thätige Unterstützung der Industrie und durch Entfernung hemmender Fesseln ein kräftiges Aufblühen gefördert. Bis >818 ein Marktflecken, wurde es in diesem Jahre zu einer Stadt erster Elaste erhoben. Einen noch höhcrn Aufschwung nahm die Stadt durch die >835 nach Nürnberg angelegte Eisenbahn, die erste mit Dampfwagen befahrene in Deutschland und eine der einträglichsten. Furunkel, s. Blut schwär. Fusel heißt der allen rohen Branntweinen eigene unangenehme Beigeruch und Beigeschmack, welcher sich nur schwer durch Behandlung mit Kohle völlig beseitigen läßt und den man am besten wahrnimmt, wenn man einen Tropfen in der flachen Hand reibt. Die Ursache desselben ist ein bei jeder geistigen Gährung sich als Nebenprodukt entwickelndes ätherisches Ol, das Fusel öl, welches aber nach den verschiedenen Stoffen verschieden ist; so sind Weinfuselöl, Kartoffelsuselöl und Getreidefuselöl völlig voneinander verschiedene Körper. Das unangenehmste ist das Kartoffelfuselöl. Füsiliere kommen zuerst in der franz. Armee vor, inwelcher man diejenigen Fußtrup- pen so benannte, welche im >7. Jahrh. mit den neuen Feuergewehren (lnsils) bewaffnet wurden. (S. Fl i n te n.) Später verlor sich bei den Franzosen dieser specielle Name, indem alle Infanteristen, welche weder Grenadiere noch Voltigeurs waren, Füsiliere genannt wurden. In Preußen gab es Füsiliere in besondern Bataillonen, welche in eigene Brigaden (Füsilierbrigaden) formipt, bis nach dem Kriege von >806 bestanden. Von da ab erhielt das dritte Bataillon eines Infanterieregiments den Namen Fü silierbataillon. Der Grundidee nach, sollten diese Bataillone aus besonders geeigneten, gewandten Leuten zusammengesetzt werden, was man später weniger beachtet hat; doch ist ihnen noch gegenwärtig eine gewisse Selbständigkeit zugebilligt. Füssliren heißt einen zum Tode durch die Kugel verurtheilten Soldaten erschießen, wozu in der Regel neun Mann commandirt werden. Ehemals nannte man es Arkebusiren. Fuß im engsten Sinne heißt der unterste Theil der untern Extremität. Die obere gewölbte Fläche nennt man den Fußrücken (ckorsiim peckis), die untere ausgehöhlte die Fußsohle (pisntu peckis). Sein hintererTheil heißt die Ferse (calx). Der Fuß enthält 26 Knochen, von denen sstbe» der Fußwurzel (tarsus), fünf dem Mittelfuße (metatsrLus) und U den Zehen (ckigiti ;>e«lis) angehören. Die Fußwurzelknochcn, an Größe und Gestalt sehr voneinander verschieden, sind in zwei Reihen so zusammengefügt, daß sie theils ein Gewölbe bilden, aus welchem der ganze Körper sicher ruht, theilö durch ihre wenn auch geringe Be- wegbarkeit die Bewegungen des Fußes unterstützen. An die vordere Reihe derselben sind die Mittelfußknochen angefügt, welche untereinander ziemlich gleich aus Röhren bestehen, denen sich die Zehenknochen anschließen, deren jede Zehe drei, die große allein nur zwei besitzt. Sämmtliche Knochen sind an den Stellen, wo sie aneinanderstoßen, durch Kapselbänder (s. Bänder) untereinander verbunden, zu denen sich noch einige Seitenbänder gesellen. Eine große Menge Muskeln, von denen einige die Verbindung des Fußes mit dem Oberschenkel, andere die mit dem Unterschenkel und noch andere die der Fußknochen untereinander Herstellen, vermittelt die ziemlich complicirten Bewegungen desselben. Im weitern Sinne nennt man Fuß die ganze untere Extremität, dann Alles, was einem Gegenstände als Stützoder Ruhcpunkt dient, und endlich überhaupt den untersten Theil einer Sache, z. B. den Fuß eines Bergs. — Fuß oder Schuh, beim Schreiben häufig durch ^ bezeichnet, ist in den meisten Ländern das Hauptlängenmaß, das seinen Namen ohne Zweifel von dem Fuße eines erwachsenen Menschen erhalten hat, dessen Länge es ungefähr ausmachk. Da aber die Menschen von sehr verschiedener Größe sind, so kann es nicht befremden, daß auch der Fuß als Längenmaß in den einzelnen Ländern eine verschiedene Größe hat. Die drei am häufigsten vorkommenden Fußmaße sind der franz., der engl, und der rheinländ. Fuß. Der alte franz. oder par. Fuß, sonst auch pieck ck» rni genannt, wird in > 2 Zoll ü 12 Linien, also in >^ Linien, getheilt, eine Einthcilung, die überhaupt bei den meisten Fußmaßen üblich ist, wenigstens im gemeinen Leben, während die Geometer den Fuß gewöhnlich in in Zoll ü in Linien Fußangel« Fußkuß 677 theilen. Der engl. Fuß, dem der russ. gcüau gleich ist, ist der dritte Theil eines Aaro, das in England die eigentliche Einheit des Längenmaßes bildet, und wird in > 2 Zoll s 10 Linien getheilt; er beträgt nur 135,16 par. Linien. Der rhcinländ. oder preuß. Fuß, auch Werkoder Baufuß genannt, ist der zwölfte Theil einer preuß. Ruthe; er wird gleich dem stanz, in 12 Zoll ä 12 Linien getheilt und hat 139,13 par. Linien, während der preuß. Feld - oder geometrische Fuß der zehnte Theil einer preuß. Ruthe ist und in 1» Zoll L I» Linien getheilt wird. In ganzen Zahlen sind ungefähr 29 franz. mit 30 rheinl. (genauer 57 franz. mit 59 rheinl.), 46 franz. mit 49 engl, und 34 rheinl. mit 35 engl. Fuß von gleicher Größe. Der größte vorkommende Fuß ist der alte turiner (pieele Ichrsnäo), welcher fast >9 franz. Zoll hält. Der östr. oder wiener Fuß hat >40,13, der bair. 129,38,' der würteniberg. 127 stanz. Linien, der hannöv. 11engl. Zoll; der neufranz. ist der badische und neue schwciz. Fuß°/io,derhcssen-darmstädtische '/> eines Metre, welches die Einheit des ncu- ftanz. Längenmaßes hildet, u. s. w. Der Flächcnfuß oder Quadratfuß ist ein Flächenraum, der einen Fuß lang und einen Fuß breit ist; er hat 144 oder 100 lUZoll, je nachdem man den Fuß in >2 oder in 10 Zoll theilt. Der körperliche Fuß oder Cubikfuß ist ein körperlicher Raum, der einen Fuß lang, einen Fuß breit und einen Fuß hoch ist. Nur sehr selten kommen noch vor: beim Flächenmaß der Riemcnfuß, 1 F. lang und 1 Zoll breit; beim Körpermaß derScha chtfuß, I F.lang und breit, > Zoll hoch und der Balkenfuß, 1 F- lang, aber nur 1 Zoll breit und hoch. —In der Architektur heißt Fuß der untere Theil kines Gebäudes oder einzelner Theile desselben. An Gebäuden besteht der Fuß aus einer hohen Platte, Plinthe, welche sich mit einigen mehr oder minder ausladenden Gliedern (Fußgesims) an die eigentliche Frontwand anschließt. Der Fuß eines Gebäudes muß immer geringere Ausladung haben als das Hauptgesims, damit er nicht unter dem Bogenfall liege. Der Fuß an Säulen bildet den Übergang aus der cylindrischen Form derselben in das Viereck, daher ist die Plinthe desselben meist quadratisch, die Gesimse aber sind rund. Die griech. dorische Säule hat keinen eigentlichen Fuß, obwol man Beispiele hat, daß derselbe dadurch ersetzt ist, daß der untere Theil des Säulcnschafts bis auf eine geringe Höhe nicht cannelirt ist. Erst bei der ionischen Säule finden wir den Fuß eingeführt. Die Höhe des Fußes darf nie über einen halben Säulendurchmcsser betragen. Pilaster, Wandpfeiler, haben von jeher einen Fuß gehabt, der aber in seiner Gliederung nicht immer mit dem Fuße der dazu gehörigen Säule übercinstimmt, oft nichts weiter als eine einfache Plinthe ist. — In der Vers- kunst versteht man unter Fuß ein Vcrsglied, welches aus der Zusammenstellung mehrer nach Kürze und Länge abgemessener Sylben besteht. Diese Versfüße, die gleichsam das Material eines Gedichts bilden, wurden schon von den Alten mit besondern Namen bezeichnet, wieDaktylusss.d.), Spondeus (s.d.), Jambus(s.d.) u.s.w.(S.Rhythmus.) Fußangeln (ckn»«se-tr»,>j,es) sind eiserne, mit vier Spitzen versehene Körper in Sternform und so construirt, daß eine der zwei bis vier Zoll langen Spitzen immer oben zu liegen kommt, also aufrecht steht, der Körper mag geworfen werden, wie er will. In der Fortification gehören sie zu den Annäherungshindcrnissen und haben manche Vortheilc, denn sie hindern nicht das Feuer der Vertheidiger, wie die Dornenhecken, gewähren dem Feinde keine Deckung, wie die Wolfsgruben, sind leicht überall hinzuwerfcn, wo man dem Feinde die Annäherung verwehren will, z. B. vor Feldschanzen, engen Passagen u. s. w., und sind ebenso leicht wieder wegzunehmen, wenn man ihrer nicht bedarf. Besonders vortheilhaft sind sie gegen feindliche Reiterei, die eine mit Fußangeln bestreute Fläche ohne Gefahr nicht Passiren kann. Dagegen haben sie den Nachtheil, daß, wenn der Feind Kenntniß von ihrer Lage hat, er sie durch einzelne des Nachts ausgeschickte Leute leicht aufnehmen lassen kann. Ihrer Kostbarkeit wegen macht man nur in seltenen Fällen von ihnen Gebrauch, doch leisten sie bei Vertheidigung der Breschen gute Dienste, da der Feind zum Aufheben oder Beseitigen der Fußangeln viele Zeit braucht. Im freien Felde können die Fußangeln auch durch Eggen mit eisernen Zinken ersetzt werden. Endlich bedient man sich ihrer auch noch, obschon policei- widrig, um Gärten, Bienenhäuser u. s. w. gegen Diebe zu schützen. Fußkuß, im Morgenlande schon in früher» Zeiten das Zeichen der Untergebenheit und Verehrung, wurde bereits durch die röm. Kaiser im Abendlande cingeführt, durch die Päpste aber, namentlich von Gregor V II., als Zeichen der dcmüthigen Verehrung, welche dem Papste 678 Füßli Fußton 1 die gesammte röm.-katholische Christenheit zu erweisen habe, gefedert. Nach demCeremonirl- ! gebrauche tragt der Papst zu diesem Behufc Pantoffeln, auf welchen sich ein Kreuz befindet, ! und dieses Kreuz wird geküßt. Auch die Pantoffeln der Leiche des Papstes auf dem Parade- bette empfangen den Fußkuß. Protestanten, die beim Papst Audienz erhalten, und fürst. lichen Personen wird gegenwärtig der Fußkuß erlassen; alle andere Katholiken aberhaben ihn zu leisten. Füßli (Joh. Kasp.), Portraitmaler, geb. zu Zürich 1706, gest. I78l, lernte die Malerei bei stimm Vater, der ein mittelmäßiger Künstler war, und bildete sich nachher auf Reisen, besonders in Wien weiter aus. Seine Portraits fanden vielen Beifall und wurden von Walch, Haid, Preißler, Seuter u. A. radirt. Er stand mit den vorzüglichsten deutschen Künstlern und Kunstkennern in Verbindung und war auch Schriftsteller im Fache der Kunst. Außer der „Geschichte der besten Künstler in der Schweiz" (-1 Bde., Zür. 1769—79) und dem „Verzeichniß der vornehmsten Kupferstecher und ihrer Werke" (Zür. 1771) gab creme Sammlung von Winckelmann's „Briefen an dessen Freunde in der Schweiz" (Zür. 1778) und Mengs' „Gedanken über die Schönheit und den Geschmack in der Malerei" (Zür. 1762) heraus. — Sein Sohn, Ioh. Heinr. F., Historienmaler, zuletzt Director der königlichen Malerakademie zu London, wo man ihn Fuseli schrieb, geb. zu Zürich 1742, studirte in Berlin unter Sulzer, machte dann mit Lavater >761 eine Reise und ging hierauf nach England, wo Reynolds seinen Kunstsinn vorzugsweise auf die Malerei richtete. Nachdem er in Nom 1772—78 vorzüglich Michel Angelo's Werke studirt hatte, ging er wieder nach England, wo er neben West für den vorzüglichsten Maler galt. Er starb zu Puttney-Hill bei London am 16.Apr. 1825 und wurde in der Paulskirche an der Seite seines Freundes Reynolds begraben. Unter seinen Gemälden werden geschätzt das Gespenst des Dion nach Plu- ^ tarch, Lady Macbeth, der Kampf des Hercules mit den Pferden des Diomedes, und seine ^ Miltcns-Galerie, 60 Gemälde zu Milton's Gedicht. Seine 1801 erschienenen „Vorlesun- ^ gen über die Malerei" (deutsch von Eschenburg, Braunschw. 1803) wurden in Hinsicht des Stils und wegen der absprechenden Urtheile, die er sich über anerkannte Kunstwerke erlaubt hatte, sehr getadelt. Seine Einbildungskraft schweifte oft über die Grenze des Kunstschönen hinaus und gefiel sich in abenteuerlichen Gestaltungen; seine Ausführung war selten correct und gründlich. Seine sämmtlichen Werke nebst Lebensbeschreibung wurden von Knowles (3 Bde., Lond. 1831) herausgegeben. — Joh. Rud. F. der Jüngere, geb. zu Zürich >769, gest. 1793, bildete sich unter Loutherbourg dem Altern in Paris zum geschickten Miniaturmaler; auch lieferteer gute Zeichnungen in schwarzer Kreide nach Rafael und andern großen Meistern. In der Folge beschäftigte er sich mehr mit der Literatur der Kunst und gab das „Allgemeine Künstlerlexikon" (Zür. 1763, 4.) heraus, wozu er 30 Jahre hindurch gesammelt hatte. — Sein Sohn, Hans Heinr. F., geb. am 8. Dec. 1744, ein Jugendfreund Joh. von Müller's und Vict. von Bonstetten's, war gegen Ende des vorigen Jahrh. öffentlicher Lehrer der vaterländischen Geschichte und unter der helvetischen Einheitsverfassung Mitglied der obersten Vollziehungsbehörde. Seit der Einführung der Mediationsacte lebte er zurückgezogen und bekleidete blos noch die Stelle eines Mitglieds des Großen RathS. Seine Muße war, nächst dec Leitung der Buchhandlung Orell, Füßli und Comp., vornehmlich literarischen Beschäftigungen im Fache der vaterländischen und der Kunstgeschichte ge- l widmet. An seinem 85. Geburtstage nahm er auch die Entlassung als Mitglied des Großen Raths und starb zu Zürich am 26. Dec. 1832. Er setzte das „Künstlerlexikon" seines Vaters in zwölf Abschnitten fort (1806—21) und lieferte dann „Neue Zusätze zu dem allgemeinen Künstlerlexikon und den Supplementen desselben", wovon das l. Heft (Zür. 1824, Fol.) den Buchstaben A enthält. Auch schrieb er „Über das Leben und die Werke Rafael Sanzio's" (Zür. 1815). DaS „Künstlerlexikon" in seinen verschiedenen Auflagen und Fortsetzungen war bis zum Erscheinen des Nagler'schen „Neuen Künstlerlexikon" das allgemeine Noch- und Hülfsbuch für die Kunstgeschichte, vbschon alles Ästhetische darin längst verschwundenen Principien angehört. Fußton dient bei der Orgel zur Bezeichnung der Tonhöhe. Ein Register, dessen tiefste Pfeife 8 F. lang ist, gibt die Töne, wie sie die Noten besagen, und stimmt mit der menschlichen Stimme überein (8 Fußton). Bei doppelter Länge der Pfeifen klingt das Register eine j Fußwaschen Fyt "'-1 Octave tiefer (l6 Fußton), bei halber Lange eine Octave höher (3 Fußton) U. s. w. Es gibt in der Orgel Stimmen von 32 bis zu einem Fußton. Fußwaschen war im Morgenlande eine Pflicht der Gastfreundschaft, welche der Wirrh den bei ihm ankommcnden Reisenden entweder persönlich oder durch seine Diener leistete. Da auch Jesus Christus seinen Jüngern, am Abende vor seinem Todestage, die Füße wusch, um sie durch diese symbolische Handlung zur Demuth zu ermahnen, so kam im 3. Jahrh. in der Kirche hier und da die Sitte auf, daß die Priester oder, wie in Mailand, der Bischof selbst an den Täuflingen einige Tage nach der Taufe das Fußwaschen vollzogen. Zugleich wurde dieser Handlung mit Bezug auf I Mos. 3, 15. eine sacramentale Wirkung zugcschrieben. Als bloße Kundgebung der Demuth hat sich dieser Ritus in der röm.-katholischen Kirche sowie bei der evangelischen Brüdergemeinde, bei den Mcnnvniten und andern christlichen Parteien erhalten und findet am Gründonnerstage statt. In Rom geschieht es auf folgende Weise. Aus einer erhöhten Bank in dcr Clemcntinischen Kapelle sitzen l 3 Arme als Stellvertreter der Apostel in einer weißwollenen Kutte, den Kopf mit einer weißen Mütze bedeckt. Diesen besprüht der Papst, der eine einfache weiße Tunica trägt und dem Cardinäle Handtuch und Becken halten, den rechten Fuß mit Wasser, trocknet ihn ab und küßt ihn bann. Hierauf werden sie in der Pauluskapelle gespeist, wobei sie der Papst bedient, und erhalten beim Nachhausegehcn die wollenen Kleider und das Handtuch, mit dem ihre Füße abgetrocknet worden sind, nebst einer silbernen Denkmünze zum Geschenk. Ähnlich ist die Feierlichkeit an den Höfen mehrcr katholischer Fürsten, namentlich in Wien und München. Fustäge wird in derHandelssprache ziemlich gleichbedeutend mit Emballage gebraucht, indem man darunter das Materiale versteht, dessen man sich zum Einpacken der Waarcn und anderer Gegenstände bedient. In der Schiffsprache versteht man unter Auflage die Fässer und Gefäße, in welchen die Flüssigkeiten aufbcwahrt werden. Fusty heißt in der Handelssprache alles Schadhafte und Unbrauchbare einer Waare und Fusty - oder Fustarcchnung die Berechnung des Fusty, welche von dem angcsetztcn Werthe der Waare in Abzug kommt. Futtermauern oder Revetirungen (revetemeats VN pierre) heißen diejenigen Mauern, womit die Wälle und Gräben einer Festung bekleidet werden, theils um die Erde zu halten, theils auch um die Anlage (talus) oder Böschung steiler machen zu können als dies bei bloßer Erde möglich ist, und dadurch dem Feinde das Hinaufklettern zu erschweren. Futterpflanzen heißen diejenigen krautartigen Gewächse, welche ihres reichlichen Ertrags und ihrer besonder« Nahrhaftigkeit wegen auf den Feldern zu Viehfutter angebaut werden. Ihre Cultur bildet den sogenannten künstlichen Futterbau im Gegensatz zu dem natürlichen Futterbau, den Wiesen. Zu den Futterpflanzen gehören namentlich alle Kleearten, vorzugsweise aber die Esparsette, die Luzerne, der Kopsklee und der Weidc- klee. (S. Klee.) Außerdem rechnet man auch noch dazu Erbsen, Wicken, Hafer, Roggen, Spergel, Buchweizen, Mais, Raps, Rübsen, Kohl, Rüben und Kartoffeln. Seit der Einführung des Futterpflanzenbaus in Deutschland durch Schubarl von Kleefeld (s. d.) hat sich die deutsche Landwirthschaft mächtiger als durch irgend ein anderes Mittel cmpor- geschwungen, indem durch den Anbau von Futterkräutern die reine Brache entbehrlich gemacht und sonst noch viele andere große Vorthcile vermittelt werden. Futürum (lat.) heißt in der Grammatik diejenige von den drei Hauptformen des Zeitworts, durch welche die Zukunft ausgedrückt wird. Mehre Sprachen, wie die griech. und lat., haben hier besondere Formen für die absolute und relative Zukunft futurum Simplex) und zur Bezeichnung einer in der Zukunft vollendeten Thätigkeit (butmiun exuetum). Fyt (Ioh.), ein holländ. Maler, geb. zu Antwerpen um IK25, malte Vieles mit Rubens, Jak. Jordaens und Th. Willebort gemeinschaftlich, und sein Pinsel war so fruchtbar, daß fast jede bedeutende Gemäldesammlung etwas von ihm aufzuweiscn hat. Vorzugsweise malte er Jagden, wilde und zahme vierfüßige Thiere, Vögel, Früchte, Blumen und Basreliefs. Seine Zeichnung ist höchst naturgetreu und doch gewählt, sein Colorit glühend und kräftig, und die Farben sind besonders im Lichte stark impastirt, sodaß er in allen diesen Beziehungen mit de Voes und Snyders wetteiferte. Auch in der Ätzkunst war er ausgezeichnet. 680 6 Gabeldeichsel namentlich gab er >612 zwei Folgen Thierstücke heraus. Sein Sterbejahr ist unbekann. Unter seinen Schülern war Dav. Koning der berühmteste O, s. Ton und Tonarten; G-Schlüssel, s. Violinschlüssel. > Gäa, lat. I'ellus, d. h. die Erde, eine kosmologische Gottheit der Alten, entstand nach den ältesten griech. Sagen aus dem Chaos. Sie gebar ohne befruchtende Liebe aus sich selbst den Uranus (Himmel), die Gebirge und den Pontus (Meer); hierauf von Uranus befruchtet den Oceanus, Äöos, Kreios, Japetos, Hyperion, die Theia, Nhcia, Mnemosyne, Themis, Phöbe, Thetys, den Kronos, die Cyklopcn und Hekatoncheiren oder Centimanen, Titan en (s. d.) genannt. Da Uranus aus Mistrauen jedes dieser Kinder gleich nach der Geburt einkerkerte, gab sie ihrem Sohne Kronos jene bekannte Hippe, womit dieser seinen Vater entmannte. Sie selbst, durch die aus sie dabei niedcrfallenden Blutstropfen befruchtet, gebar die Erinnyen, Giganten und melischen Nymphen, später von ihrem Sohne Pontus den Nereus, Thaumas, Phorkys, die Kcto und Eurybia. Mir Kronos, der seine Kinder verschlang, ebenfalls unzufrieden, erzog sie heimlich ihrer Tochter RheiaSohn Zeus (s. Jupiter), dem sie, als er erwachsen, zum Throne des Kronos vcrhalf. Später kommt G. nicht mehr sehr vor, hat jedoch noch einige Orte, wo sie verehrt wurde, wie auf der Akropolis in Athen. Delphi soll sie der Sage nach in frühester Zeit allein oder mit Poseidon gemeinschaftlich besessen, dann aber an Themis, von der es Apollon empfing, abgetreten haben. Gabälis (Graf von), eine vom Abbe de Villars (s. d.) fingirte Person. Gabel. Jm Alterthume bediente man sich beim Essen weder der Gabel noch des Messers ; die Speisen wurden zerlegt aufgetrage», da die mehr liegende Stellung, die man bei Tische einnahm, den freien Gebrauch der einen Hand hinderte. Wenn man auch später, um die Speisen nicht mit den Fingern erfassen zu müssen, kleine Stäbchen cinführtc, so waren dies doch immer keine Gabeln in der gegenwärtigen Form; diese sind vielmehr eine ital. Erfindung, kommen, wenn man bildlichen Darstellungen trauen darf, als Zubehör zum Messer zuerst im l S.Jahrh. vor und waren das ganze Mittelalter hindurch und bis zu Anfänge des lü.Jahrh. in Frankreich und Deutschland und bis zu Anfänge des 17. Jahrh. in England, wie noch gegenwärtig in Spanien, im Innern Rußlands, in China, wo man mit kleinen Stäbchen ißt, und anderwärts, sehr selten. Man hielt sie für einen überflüssigen Luxusartikel, weshalb denn auch bei ihrer ersten Einführung in Frankreich im Kloster St.-Maur ernstliche Streitigkeiten über deren Gebrauch zwischen den altern und jüngern Brüdern ausbrachen und in mehren Klostcrordnungen Verbote derselben sich finden. Gabel, eine kleine Stadt im bunzlauer Kreise des Königreichs Böhmen, mit 21 VS E. an der Landstraße von Münchengrätz nach Zittau im rauhen Grenzgebirge, ist merkwürdig durch ein Gefecht zwischen den Östreichcrn und Preußen im I. > 7 57, welches zum Nachtheil der Letztem ausfiel. Auch im bair. Erbfolgekricgc verschanzte sich hier 1778 die Avantgarde des Loudon'schen Corps, die aber in Folge des schnellen Vordringens des Prinzen Heinrich von Preußen durch die unwegsamen Gebirge und Wälder über Numburg abgeschnitten und zum Theil gefangen wurde. Gabeldeichsel, oderauch Kluftdeichsel, nennt man die aus zwei Deichselbäumen bestehende Vorrichtung, zwischen welcher das Hintcrpferd eingespannt wird, das deshalb auch wol Gabelp fcrd genanntwird. Bei allen Artillerien, welche das engl. Laffetirungssystcm, die Blocklaffctc, angenommen haben, hat auch die Gabeldeichsel eingeführt werden müssen, weil sie von diesem Systeme unzertrennlich ist. Bei denjenigen Artillerien, die das Wand- laffetensystem haben, gewöhnlich das Gribeauval'sche genannt, sind zwei Pferde nebeneinander au die Protze gespannt; die Deichsel oder Stange befindet sich dann zwischen ihnen, und sie pflegen deshalb Deichsel- oder Stangenpferde zu heißen. Ob die Gabel- oder Stangen- deichsel vortheilhafter sei, gehört zu den noch nicht entschiedenen Streitfragen der Artilleristen. Gaveleutz Gabinius 681 l GabelenH (Hans Konon von der), Geh. Kammer- und Regierungsrath zu Altenburg, ein bekannter Sprachforscher, geb. daselbst am t 3. Oct. > 807, der einzige Sohn des im 7. März 1831 verstorbenen Geh. Raths und Kanzlers Hans Karl Leopold von derG., erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und seit 182 5 auf den Universitäten zu Leipzig und Göttingen, worauf er 1829 in den sachsen - altenburg. Staatsdienst trat, in welchem er 1831 zum Kammer- und Regierungsrath und 1833 zum Geh. Kammer- und Regierungsrath befördert wurde. Einen Ruf als Curator der Universität zu Jena im Anfänge des J. 1833 lehnte er ab. Frühzeitig bildete sich bei ihm die Neigung aus, fremde Sprachen zu erlernen, und mit einem glücklichen Gedächtnisse und seltenem Scharfsinne versehen, drang er schnell in den eigenthümlichen Charter eines jeden Idioms ein. Schon als Gymnasiast suchte er sich die Sprache der Chinesen anzucignen; als Student, ohne sein eigentliches Fachstudium, das der Rechte, zu vernachlässigen, wurde er auf die übrigen Sprachenfamilicn des östlichen Asiens hingeleitet. In Göttingen begann er das ! Studium der Mandschusprache, der einzigen des in Ostasien weit verbreiteten tungusischen ' Stamms, der literarisch angebaut worden ist. Ungeachtet der spärlichen und meist mangelhaften Vorarbeiten von P. Amyvt, Langles, Re'musat und Klaprokh, unternahm er es, da ihm einige in China gedruckte Origmalwerke zu Gebote standen, in den „LIemonts 0« In grsmmnire Miuniscboitk:" (Altenb. 1833) eine neue Grammatik der Mandschusprache zu bearbeiten, in der er diese Sprache nach ihrer ganzen Individualität in conciscn Regeln entwickelte. Von seinen übrigen Forschungen in den ostasiatischen Sprachen hat er bis jetzt wenig bekannt gemacht. In der von ihm mikbegründeten „Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" lieferte er einige interessante Aufsätze über das Mongolische. Neben diesen oriental. Studien und der THLtigkeit, die seine öffentliche Stellung verlangte, wendete er in Vcr- I bindung mit einem Jugendfreunde, I. Löbe, seinen Fleiß den älter» Zweigen des german. I Sprachstamms zu, namentlich der gothischen Bibelübersetzung des Ulfila (s. d.), von der ' sie eine neue kritische Ausgabe nebst lat. Übersetzung (Bd. I und 2, Abth. 1, Altenb. >836 und Lp;. 1833, 3.) lieferten, der bereits ein goth. Glossar bcigegeben ist und eine goth. Grammatik folgen wird. Nachher den Sprachen des finnisch - tatarischen Sprachstamms sich zuwendend, war er der Erste in Deutschland, der dieselbe nach rationalen Grundsätzen zu bearbeiten unternahm. Er lieferte eine Grammatik der mordwinischen Sprache in der erwähnten Zeitschrift (Bd. 2) und demnächst die „Grundzüge der sirjanischen Grammatik" (Altenb. >831). Auch besitzt er ein glückliches Talent für Poesie und hat namentlich mehre Scott'sche Dichtungen in der gelungensten Weise übersetzt; doch ist davon wenig gedruckt worden. Gabelle, soviel wieindirecteSteuer; in Frankreich eine Salzsteuer, die, während der Revolution abgeschafft, durch Napoleon wieder eingeführt wurde. — 6al,eIIa emigrntioins, s. Abzugsgcld. Gab«, eine alte Stadt in Latium, zwischen Rom und Präneste (jetzt Palestrina) nahe bei dem heutigen Lago di Castiglione gelegen, kam der Sage nach durch die List des Sextus Tarqmnius in röm. Gewalt. Einst groß und mächtig, durch alten Zuno-Cultus berühmt, verfiel sie schon früh und lag zu Augustus' Zeit in Trümmern. Die Steinbrüche in ihrer Nähe lieferten den Römern vortreffliche Bausteine. — Llsbinus cinctu5 hieß bei den Römern eine ' »on den Gabinern hergenommene, bei Opfern und andern heiligen Gebräuchen übliche ! Schürzung der Toga, die sich auch auf antiken Bildwerken dargestellt findet. > Gabinius (Aulus), ein Römer aus plebejischem Geschlecht, machte als Volkstribun im 1.67 v. Chr. den Vorschlag zu dem Gesetze (lex 6»I>inic>), durch welches zur Führung des See- i räuberkriegs dem Pompejus, den er nachher in den asiat. Kriegen als Legat, auf seine Berei- ! cherung bedacht, begleitete, eine ungemeine Macht übertragen wurde. Durch den Einfluß der Triumvirn für das I. 58 mit L. Calpnrnius Piso zum Consul ernannt, unterstützte er den Clodius in seinen Feindseligkeiten gegen Cicero. Als Statthalter Syriens nahm er sich 57 der Sache des Hohenpriesters Hyrkanus gegen dessen Bruder Aristobulus und Neffen Alexander an und besiegte die Letztem vornehmlich durch seinen Legaten M. Antonius. Um Cäsar's und Pompejus' Willen zu genügen und reichen Lohn zu erwerben, setzte er den Ptolcmäus Auletes mit Gewalt wieder in Ägypten ein; während der Zeit wurde seine Provinz von räuberischen Arabern durchzogen, und in Judäa brachen durch Alexander die Unruhen wieder 682 Gabler (Zoh. Phil.) Gabler (Georg Audr.) aus, die er jedoch bei seiner Rückkehr unterdrückte. Ais er, durch Crassus gedrängt, im Z.5S nach Rom zurückgckehrt war, wurde er, weil er ohne Auftrag von Senat und Volk seine Provinz verlassen und von Kriegsmacht entblößt hatte, wegen beleidigter Majestät des Volks angeklagt. Der Einfluß des Pompejus, der selbst den Cicero für ihn gewann, und Derer, die er bestochen, befreite ihn von dieser Anklage, bei der zweiten, wegen Erpressungen, und der dritten, wegen Amtserschleichung, drang indeß der Unwille des Volks und der Haß der röm. Ritter durch, die er, da er sich in Syrien bereicherte, ebenso wenig geschont hatte als die Provinzialen. Er wurde verurthcilt und sein Gut cingezogen. Aus dem Exil, in das er gegangen, rief ihn im I. 49 Cäsar zurück, der ihm nach der Schlacht bei Pharsalus ein mili- tairisches Kommando anvertraute; auf dem Zuge durch Dalmatien wurde er durchAngriffe der Dalmatier genöthigt, sich in die feste Stadt Salonä zu werfen, wo er zu Anfänge des Z. 47 v. Chr. starb- Gabler (Joh. Phil.), ein protestantischer Theolog, der sich um biblische Kritik und Exegese Verdienste erwarb, geb. am 4. Juni >753 zu Frankfurt am Main, bezog, nachdem er sich mit der elastischen Literatur und schon damals mit der Wolf'schen Philosophie und Baumgarten'schen Theologie beschäftigt hatte, >772 die Universität zu Jena. Dem forschenden Jünglinge konnte, seit ihm in Jena nicht allein in der Philosophie sondern auch in der biblischen Hermeneutik und Kritik ein neues Licht aufgegangcn, das Studium der Theologie in der damals üblichen Form nicht genügen. Fest entschlossen, es aufzugeben, söhnten ihn Griesbach's Vorlesungen, der 1775 in Jena auftrat und kurz zuvor sein Neues Testament herausgegeben hatte, wieder mit der Theologie aus. Er erhielt >789 eine theologische Rexe- tcntenstclle in Eöttingen, wurde >783 Professor der Philosophie am Gymnasium zu Dortmund und zwei Jahre später Professor in Altdorf und zugleich Diakonus an der dasigcn Stadtkirche. Nachdem er >787 Doctor der Theologie geworden und >793 in die zweite theologische Professur und in das Archidiakonat eingerückt war, wurde er >804 als Professor der Theologie nach Jena berufen, wo er >8>2, nach Griesbach's Tode, in die erste theologische Professur aufrückte und als Geh. Kirchen- und Consistorialrath am >7. Febr. >826 starb. Unter seinen Schriften sind vorzugsweise zu erwähnen seine Ausgabe von Eichhornes „Urgeschichte" (2Bde., Altd. >791 —93), der die Einleitung und die hinzugekommenen Anmerkungen bleibenden Werth sichern; der „Neue Versuch über die Mosaische Schöpfungsgeschichte" (Altd. >795), ein Nachtrag zur „Urgeschichte"; sowie sein „Theologisches Journal" (16 Bde., Nürnb. >796—>811), das er anfangs mit Hänlein, Ammon und Paulus, später allein hcrausgab. In allen seinen Schriften, namentlich auch in mehren seiner zahlreichen Programme und Dissertationen, zeigte er sich als scharfsinnigen Kritiker und gründlichen Gelehrten. Vgl. Schröter, „Erinnerungen an G." (Jena >827). Gabler (Georg Andr.), des Vorigen Sohn, ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin, geb. zu Altdorf am 39. Juli >786, setzte die bereits zu Altdorf begonnenen Studien von 1894—7 zu Jena fort, wo damals auch Hegel lehrte, dessen eifrigster Zuhörer und Schüler er war. Nachdem er kurze Zeit im Schiller'schen Hause in Weimar und von >808 an in Nürnberg Hauslehrer gewesen, kam er zu Ostern >81 > an das Gymnasium zu Ansbach. Von hier wurde er >817 als Professor an das Gymnasium zu Baireuth versetzt und >821, in Folge eines Rufs an das Gymnasium zu Frankfurt am Main zum Rector befördert. Als >824 über dem Gymnasium noch eine Lycealclasse errichtet wurde, erhielt er die Direction der gestammten Studienanstalt, der noch in demselben Jahre die Ernennung zum Kreisscholarchen folgte. Auch in der Sphäre des Schuldienstes, in der er länger festgehalten wurde, als es ihm erwünscht war, beschäftigte er sich eifrigst mit der Philosophie, und da in dieser Zeit die wichtigsten Werke Hegel's erschienen waren, so fand er in der Hegel'schen Lehre die „absolute Befriedigung seines Denkens und Erkennens". Namentlich bestrebte er sich, durch möglichst klare Darstellung die Principien und den Standpunkt dieses Systems dem allgemeinen Verständniß zugänglich zu machen, und suchte diesen Zweck durch sein „Lehrbuch der philosophischen Propädeutik als Einleitung zur Wissenschaft; erste Abtheilung: Die Kritik des Bewußtseins" (Bd. >, auch unter dem Titel „System der theoretischen Philosophie" Erlang. >827) nicht ohne glücklichen Erfolg zu erreichen; doch ist die Fortsetzung dieses Werks unterblieben. In einem höhern Grad« wurde die Aufmerk- Gabriel Gaeta (Stadt) 683 samkeit auf G. gerichtet, als er nach Hegel's Tode, nachdem mit der Wiederbe>ehung des dadurch erledigten Lehrstuhls längere Zeit gezögert worden war, als Nachfolger desselben nach Berlin berufen wurde und zu Ostern 1835 diesem Rufe folgte. In seinem Antrittsprogramm „De vsrus piiilosopkise erg-t reli^ionem cliristirmom pietutte" (Berl. 1836) suchte er die Übereinstimmung der Hegel'schen Philosophie mit den christlichen Religionsdogmen nachzuweisen; in neuester Zeit bat er die Hegel'sche Philosophie namentlich gegen die Angriffe Trendelenburg's in dessen „Logischen Untersuchungen" durch eine sehr ausführliche Recension zu vertheidigen gesucht, die als selbständige Schrift unter dem Titel „Die Hegel'sche Philosophie. Beiträge zu ihrer richtigem Beurtheilung und Würdigung" (Heft 1, Berl. > 843) erschienen ist. Gabriel, d. h. Mann Gottes, ist nach der spätem jüd. Mythologie einer der siebe» Erzengel, der dem Propheten Daniel seinen Traum auslegte und die künftige Erscheinung des Messias verkündigte. Er offenbarte dem Zacharias die Geburt des Johannes und der Maria die Geburt des Heilandes. Nach den Rabbinen ist er der Todesengel für Israeliten, und alle israel. Seelen werden an ihn abgeliefcrt; nach dem Talmud der Fürst des Feuers und über den Donner und das Reifen der Früchte gesetzt. Er brannte auf Jehovah's Geheiß den Tempel an, ehe Nebukadnezar's Krieger ihn anzündeten. Auch wird er zufolge des Talmuds einst auf den Fisch Leviathan Jagd machen und ihn überwältigen. Nach der moham- medan. Sage ist er einer der vier von Gott besonders begnadigten Engel, der die göttlichen Nathschlüsse aufzeichnct und dem Mohammed den ganzen Koran eingegeben hat. Gabrielli (Catharina), eine der berühmtesten Sängerinnen des 18. Jahrh., geb. zu Rom 1730, die Tochter eines Kochs, genoß den Unterricht Garcia's (Io SpaAnoletto) und Pvrpora's und sang seit 17-17 auf dem Theater von Lucca mit allgemeiner Bewunderung. Kaiser Franz 1. berief sie nach Wien, wo der Unterricht des Metastasio ihre Bildung vollendete. Mit ihrem Gesang verband sie ein anmuthiges Spiel. Im 1.1765 folgte sie dem Rufe der Kaiserin Katharina nach Petersburg; zehn Jahre darauf ging sie nach London; im I. > 7 7 7 kehrte sie nach Italien zurück. Gegen 1780 begab sie sich nach Mailand, wo sie noch durch ihren Gesang Alles in Erstaunen setzte. Sie starb 1796. Ihr Talent war mit vielem Eigensinn gepaart, sodaß die Sänger sich scheuten, mit ihr auszutreten, was zu vielen Anekdoten Veranlassung gab. Gacon (Franc.), ein franz. satirischer Dichter, geb. zu Lyon 1667, war eine Zeit lang Mitglied des Oratoriums, trat dann aus dieser Congregation, um desto ungebundener seinen satirischen Gelüsten sich hingeben zu können. Gegen das Ende seines Lebens nahm er aber wieder das Mönchsgewand, wurde Prior in Baillon bei Beanmont-sur-Oise und starb daselbst am 15. Nov. 1725. Am bekanntesten sind unter seinen Schriften „De poete ssns ürrcl" (1696), „D'^nti-Uousseuu" (1712), „D'Domere venge" (1715), „Lmlrlemes »» elevises ciiretiennes" (I 714 und 1718) und „De 8ecretuire <1» Dsrnssse" (1723). Auch lieferte er eine metrische Übersetzung des Anakreon (2 Bde., 1712). Gadebusch, eine alte Stadt im Großherzogthum Mecklenburg-Strelitz mit 1860 E-, ist durch mehre Schlachten in ihrer Nähe denkwürdig, so namentlich durch die im I. 1283, in welcher die Söhne Heinrich's I. von Braunschweig über die Sachsen und Brandenburger siegten und die am 20. Dec. 1711, wo die Schweden unter Stcenbok den Sieg über die Dänen davontrugen. Bei dem nahen Dorfe Wöbbelin fiel in einem Gefechte am 26. Aug. 1813 Theodor Körner (s. d.). Unter einer alten Eiche wurde er daselbst bestattet, und neben ihm ruhen seit 1815 seine Schwester und seit 1831 sein Vater. Gaeta, Stadt und Festung am Mittelländischen Meere, in der ncapolit. Provinz Terra di Lavoro, . auf einer kleinen schroffen Landzunge, welche nach Virgil ihren Namen von Cajeta, des Äneas Amme, erhalten haben soll, der Sitz eines Bischofs, zählt 14000 E. und ist eine der stärksten Festungen in Europa. Im Castell wird der Leichnam des Conne- table Karl von Bourbon aufbewahrt; sein prachtvolles Grabmal ist jedoch zerstört. Unter den Gebäuden zeichnen sich die Kathedrale des heil. Erasmus und der Thurm, den Kaiser Friedrich Rothbart erbaut haben soll, durch Bauart und Höhe aus. Die Umgebungen der Stadt sind reizend und mit einer Menge von Landhäusern geziert. G. wurde schon vor Roms Erbauung gegründet und diente fortwährend vielen vornehmen Römern zum Aufenthalts- 684 Gaeta (Gaudin, Herzog v.) Gagern (Hans Christ. Ernst, von) orte. Antoninus Pius legte den Hafen an. Nach dem Untergange des röm. Reichs hatte cs eine Zeit lang republikanische Verfassung und wurde darauf von Herzogen regiert, die den Papst als Lehnsherrn anerkannten, bis es >435 König Alfons V. von Aragonien eroberte, worauf es mit Aragonien vereinigt wurde und später an Neapel kam. Wie schon in früherer Zeit, so hat eS auch in der neuern mehre denkwürdige Belagerungen erfahren. Von denÖstrei- chern unter dem General Daun wurde es >702 drei Monate belagert und hierauf mit Sturm genommen. Durch ein vereinigtes sranz.-span. und sardin. Armeecorps >734 belagert, ergab sich die Besatzung, nachdem sie sich vom Anfänge Apr. bis zum 6. Aug. vertheidigt hatte, auf ehrenvolle Bedingungen. Seitdem noch mehr befestigt, wurde es >806 von den Franzosen unter Massen» belagert. Der Commandant der Festung, der heldenmüthige Prinz Ludwig von Hessen-Philippsthal, verweigerte nämlich, als die neapolit. Regierung dem franz. Heere im Febr. >806 den Besitz von G. zugesichert hatte, die Übergabe und nöthigte den Feind zu einer förmlichen Belagerung. Der Prinz hielt sich bis zum Juli, als eine fast tüdtliche Verwundung durch eine Bombe ihn nöthigte, sich nach Sicilien überschiffen zu lassen, worauf die Festung am >8. Juli capitulirte. Auch in den I. >8 >5 und >82l widerstand G. längere Zeit den Östrcichern. Gaeta (Mart. Michel Charl. Gau bin, Herzog von), ein ausgezeichneter franz. Staatsmann, der um das Finanzwesen sich große Verdienste erwarb, geb. am 10. Jan. >758 zu St.-Denis, der Sohn eines Advocaten, widmete sich ebenfalls dem Studium der Rechte und wurde schon in seinem 22. Jahre Bureauchcf einer Abtheilung des Steuerdepartements. Als man die Finanzverwaltung >780 einer Nationalschatzkammer übertrug, wurde er zum Mitgliede der mit ihrer Leitung beauftragten Commission ernannt. Als man ihm >702 und >703 die gebetene Entlassung nicht gab, zog er sich >794 in die Gegend von Soissvns zurück. Hier erfuhr er, daß ihn das Direktorium zum Finanzminister ernannt habe; er schlug indessen diese Stelle aus sowie auch die eines Cvmmissairs bei dem Nationalschahe, die ihm vom Rathe der Fünfhundert angetragen wurde. In der Schreckcnszeit gelang es ihm, durch Cambon's Vermittelung die 48 alten Finanzeinnehmer zu retten, welche der Convent aus Unwissenheit in das Decret mit inbegriffen hatte, demzufolge die 60 Generalpächter als Opfer des Revolutionsgerichts fielen. Nach dem >8. Brumaire ernannte ihn Bonaparte zum Finanzminister, und ihm gebührte als solchem der Ruhm, zuerst Ordnung und Festigkeit in die franz. Finanzen gebracht zu haben. Er wurde >808 zum Grasen, >800 zum Herzog von Gaeta ernannt und leitete das Finanzministerium bis zur Restauration. Während der Hundert Tage wurde er von Napoleon zum Pair erhoben. Von >815—18 war er Mitglied der Deputirtenkammer, >820 Gouverneur der franz. Bank, in welcher Stelle er >834 durch den Grafen d'Argout ersetzt wurde. Seitdem lebte er in der Zurückgezogenheit auf seinen Gütern zu Jennevillers in der Nähe von Paris, wo er am 5. Nov. 1841 starb. Seine ,Memoirss, Souvenirs, opinions et ecrits <>e I». 6., liuc ,1s 6." (2 Bde., Par. >826, nebst einem Supplementbande 1834) sind für die Geschichte des franz. Finanzwesens von >800—20 von ungemeiner Wichtigkeit. Nächstdem sind noch zu erwähnen sein ,,^per;u sur les ewprunts" (Par. >817) und die „Notice iiistnrchue »ur les Knunces ite la krsnce «lepuis >800)u«^u'au > uvril 1814" (Par. 1818). Gagaritt, eine strstliche Familie in Rußland, die ihren Ursprung von Rurik, dem Beherrscher von Starodub ableitct. Der merkwürdigste derselben ist Mathias G., Gc- neralgouverneur von Sibirien unter Peter I. Als der Krieg mit Karl Xl>. für Peter eine üble Wendung nahm, faßte G. den Entschluß, Sibirien von Rußland loszureißen und sich daselbst zum selbständigen Beherrscher zu erheben. Aber ehe er noch sein Vorhaben ausführen konnte, wurde er zu Petersburg festgenommen und vor den Fenstern des Senats erhängt, nachdem ihm Peter vergeblich Verzeihung verheißen hatte, wenn er sich selbst schuldig bekannte. Gagat, s- Braunkohle. Gagern (Hans Christoph Ernst, Freiherr von), bekannt als politischer Schriftsteller, Redner und Staatsmann, geb. zu Kleinniederheim bei Worms am 25. Jan. >766, kam frühzeitig in nassau-usingische Dienste und war seit >791 Gesandter beim Reichstage, dann nassau-weilburgischer Gesandter in Paris und hierauf Geh. Rath und Regierungspräsident, bis Napoleon'S Decret, daß kein auf dem linken Rheinufer Geborener in einem nicht zum Gagen» (Hcinr. Wilh. A»»g., von) Gähnen 685 sranz. Reiche gehörenden Staate Dienste leisten dürfe, ihn nöthigte, seine Entlassung zu nehmen. Hierauf wendete er sich nach Wien, wo er mit Hormayr und dem Erzherzoge Johann in genauer Verbindung stand und I8l2 einen vorzüglichen Antheil an dem Entwürfe zu einem neuen Aufstande in Tirol nahm. Als jedoch dieser letztere an der Aufhebung eines engl. Couricrs in Brünn scheiterte, wurde er 1813 aus Ostreich entfernt, worauf er in das ruff.-preuß. Hauptquartier und dann nach England ging. Im I. >814 wurde ihm als diri- gircndem Staatsminister dir Verwaltung der manischen Fürstenthümer übertrage», und > 8 > 5 nahm er als Gesandter des Königs der Niederlande Theil an den Geschäften des Congrcsses zu Wien. In Paris bewirkte er sodann die Erweiterung des neuen Königreichs der Niederlande; doch vergebens waren seine Bemühungen um dieZurückgabe des Elsasses an Deutschland. Vom Könige der Niederlande zum Minister ernannt, bekleidete er bis l 8 l 8 die Stelle als Gesandter beim deutschen Bundestage. In seinem Briefwechsel mit dem Fürsten von Metternich, noch vor Eröffnung des Bundestags, drang er auf Ausführung solcher Maßregeln, welche die politische Einheit der deutschen Nation feststellen könnten. Auf dem Bundestage selbst, wo seine Vota durchgehend von Freimuth und Patriotismus zeigten, verwendete er sich namentlich nachdrücklich für Einführung landständischer Verfassungen in den deutschen Bundesstaaten; auch trug er darauf an, daß der Bundestag dem Troßherzoge von Sachsen-Weimar seinen Dank bezeige für das 1816 zur Gewährleistung vorgelegte Verfassungsgesetz. Nachdem er 1820 vom niederländ. Hofe pensionirt worden war, priva- lisirte er auf seinem Gute Hornau bei Höchst im Hessen-Darmstädtischen. Als Mitglied der ersten Kammer des Großherzogthums Hessen seit 1820 hat er zwar niemals zu irgend einer systematischen Opposition gehört, wol aber oft mit hohem Eifer die Aufmerksamkeit der Regierung und der Stände auf-patriotische und philanthropische Fragen zu lenken und weit über die Grenzen des Landes zu führen gesucht. Unter seinen Schriften erwähnen wir: „Die Resultate der Sittengeschichte" (6 Bde., Franks., dann Stuttg. 1808—22; 2. Aust., Bd. 1—4, Stuttg. 1835—37); „Die Nationalgeschichte der Deutschen" (2. Ausl., 2 Bde., Franks. 1825—26), die bis zum Frankenreiche geht; „Mein Antheil an der Politik" (Bd. 1 —4, Stuttg. 1823—33, Bd. 5 und 6, Lpz. 1844), eine Art politischer Memoiren, und „Kritik des Völkerrechts" (Lpz. 1840). Gastern (Heinr. Wilh. Aug., Freiherr von), früher Abgeordneter zur zweiten Kammer des Eroßherzogthums Hessen, der Sohn des Vorigen, geb. 1799, studirte die Rechte in Göttingcn, Jena und Heidelberg. Er war Mitkämpfer in der Schlacht von Waterloo, betheiligte sich dann den burschenschaftlichen Bestrebungen und wurde unter Denen genannt, die sich in der Stourdza'schen Sache bereit erklärt hatten, die freie vaterländische Entwickelung des akademischen Lebens gegen die Verdächtigungen jenes Ausländers im Zweikampfe zu vertreten. Nach Beendigung seiner Studien trat er in den großherzoglich Hess. Staatsdienst, wurde 1829 Negierungsrath und 1832 controlirender Beamter des Ministeriums des Innern und der Justiz. In einer 1827 erschienenen Schrift bekämpfte er mit Erfolg eine» Antrag auf Verwandlung der dreijährigen in sechsjährige Finanzperioden und wurde >832 Mitglied der zweiten Kammer, in der er an den meisten wichtiger» Discussionen, zu- mal bei Principienfragen, im liberal konstitutionellen Sinn Theil nahm. Da er nach Auflösung des Landtags mit mehren andern im Staatsdienste befindlichen Abgeordneten pen- sionirt wurde, nahm er seinen Abschied und verzichtete damit zugleich auf die ihm gebührende Pension; auch gab er einen neuen Beweis seiner Uneigennützigkeit, indem er die Absicht seiner Mitbürger, ihm durch Subscription diese Pension zu ersetzen, durch die Erklärung zurückwies, daß er sie nicht annehmen werde. Als Grundbesitzer zu den Landtagen von 1834 und >835 wieder in die Kammer gewählt, gehörte er zu den Führern der Opposition, erschien aber, als deren Wirksamkeit immer geringer wurde, nicht mehr auf dem Landtage und entsagte zuletzt freiwillig durch Veräußerung eines Theils seines Grundbesitzes der Wiedererwählung. Als einsichtiger und thätiger Landwirkh von seinen Mitbürgern hochgeachtet, lebt er gegenwärtig auf einem Gute unweit Worms. Gähnen (oscetio oder oseitatio) heißt die krampfhafte Bewegung der Gesichtsmuskeln, bei welchen der Unterkiefer tief herabgezogen wird und ein langes, tiefes Einathmen und darauf ein Ausathmcn stattstndet. Jede Ermüdmig des Nervensystems, durch gewöhn- 686 Gährung Gail licht Körperanstrengungen, durch längeres Ansehen oder Anhörcn einer wenig anziehenden Sache, ja auch durch längere angestrengte Aufmerksamkeit auf einen interessanten Gegenstand ruft die Neigung zum Gähnen hervor. Ebenso entsteht es durch eine gewisse Jdeen- associakion beim Anblicke eines Gähnenden, oder wenn vom Gähnen gesprochen wird. Die Wirkung des Gähnens scheint eine Anregung zu erneuerter Thätigkeit der Lungen und somit des Blutkreislaufs zu sein, denn man fühlt sich unmittelbar nach dem Gähnen munterer und gestärkter als zuvor, und cs kommt hierin das Gähnen mit dem Necken und Dehnen der Glieder (psuckiculatin) überein, wie auch das Herabziehen des Unterkiefers beim Gähnen in der That eine Art jenes Gliederreckens, eine Ausdehnung der Muskeln ist. In manchen Krankheitszuständen, z.B. im Wcchselsieber während des Frostes, ist die Neigung zum Gähnen bedeutend verstärkt. Gährung ist der ganz allgemeine Name für die mit Gasentwickelung, also Blasen- bildung und Bewegung in den Flüssigkeiten oder Verbreitung eines besonder» Geruchs, verbundene freiwillige Zersetzung von Körpern organischen Ursprungs, wenn sie, dem Kreise des Lebens entrissen, den Einwirkungen der chemischen Verwandtschaft ihrer Bcstandtheile unter sich und besonders auch der atmosphärischen Einflüsse ausgesetzt sind. Günstige Bedingungen für jede Gährung sind Zutritt von Luft und ein gewisser, nicht zu hoher und zu niederer Wärmegrad sowie Gegenwart von Wasser. Auch wird manche Gährung nur dann eingc- leitct, jede aber befördert, wenn man in die in Gährung zu versetzende Flüssigkeit eine in Zersetzung begriffene oder sich leicht zersetzende Substanz hincinbringt, z. B. alle stickstoffhaltige Körper, wie Käsestoff, Kleber u. s. w., ferner Sauerteig, die durch Gährung anderer Flüssigkeiten entstandene Hefe u. s.w. Diese blos durch ihre Gegenwart (durch Contact) wirkenden und auf die Natur der Producte keinen Einfluß äußernden Körper nennt man Fermente. Die Gährung ist sehr oft von der Bildung niederer Pflanzenformen, wie Schimmel u. s. w., oder auch niederer Thiere, wie Infusorien, begleitet; man ist aber noch nicht einig darüber, ob man diese Bildung als Ursache und wesentlich bedingendes oder nur als begleitendes Phänomen der Gährung ansehen soll. Die Gährung wird verhindert durch große Kälte, durch Hitze und Entfernung der Luft (Abkochen), durch Entfernung des Wassers (Austrocknen), endlich noch auf unerklärte Art durch die Gegenwart mancher Substanzen, wie Kreosot, Senföl u. s. w. Der Gährungsarten, die sich durch die Natur der Producte unterscheiden, kann es sehr viele geben. (S. Fäulniß.) Am meisten ist die Gährung des Zuckers untersucht, welche mehre Stadien durchläuft; in der Regel geht der Zucker zuerst unter Kohlensäureentwickelung inAlkohol (s. d.) über; diese sogenannte weinige Gährung liegt den technischen Processen der Branntweinbrennerei (s. d.), des Braucns (s. d.) und Brotbackcns (s. Bro t) zu Grunde. Unter Zutritt der Luft geht dann weiter der Alkohol in saure Gährung über und verwandelt sich in Essig (s.d.). Unter gewissen Bedingungen sind die Zuckerarten auch einer andern Gährung fähig, welche darin besteht, daß die Flüssigkeit im ersten Stadium schleimig wird, daß im zweiten der Schleim in Milchsäure und im dritten die Milchsäure in Buttersäure sich verwandelt. Zum Zustandekommen oder wenigstens zur Vollendung der beiden letzten Stadien ist die Gegenwart von Alkalien nöthig. Gaibach, ein Dorf im bair. Untcrfranken mit 6V0 E. und einem Schloß, ist wegen der daselbst auf dem Kapellcnberge errichteten Constitutionssäule merkwürdig, sowie wegen des daselbst am 27. Mai 1832 gefeierten Constitutionsfestes, das, obschon es nicht die Ausschweifungen, wie das zu Hambach (s. d.) in seinem Gefolge hatte, doch zur Verhaftung des Bürgermeisters Behr (s. d.) die Veranlassung gab. Gail (Jean Bapt.), einer der gelehrtesten franz. Hellenisten neuerer Zeit, geb. am 4. Juli 1755 zu Paris, machte sich seit 1791 als Professor der griech. Literatur am College ro^al <1e Francs in kurzer Zeit sowol durch seine Vorlesungen wie durch literarische Arbeiten bekannt, die ihn jedoch wegen mehrer ihm eigenthümlicher Ansichten über Gegenstände der alten Geographie und Geschichte in viele Streitigkeiten verwickelten. Später wurde er Mitglied des Instituts, dann auch Conservateur der königlichen Bibliothek und starb am 5. Febr. 1829. Seine zahlreichen Werke bestehen theils in Übersetzungen und Ausgaben griech. Klassiker, wie des Homer (7 Bde-, Par. 1891), Herodot (2 Bde., Par. 1823, nebst Atlas), Thucydides, «kenophvn, Lucian u. A., theils in philologischen Commentaren, wohin wir na> Gaillard Gajus 687 mentlich sein zwar reichhaltiges, aber wunderlich zusammengesetztes Collectivwerk „I.e ;>Ki- lologiie, ou recberckes kistori^ucs, geograpbiciues, miiitaires, etc." (22 Bde., Par. 1814— 28, nebst Atlas) zählen; auch sind nicht ohne Verdienst seine „6rsmmsire grecqne" (Par. 1798; 9. Aust., 1818), nebst einem „8»pplement, on Idivtismes, etc." (Par. 1812), sowie der „6ours de ianAue greccjue, ou extraits tls dilkdrents auteurs, avec traduction iateriinesire en latin et en krany." (2 Bde., Par. 1797). Mehr Aufsehen noch erregte seine „(iengrapbie d'tterodote, avec alias et les pisns lies batsilies, etc." (2 Bde., Par. 1823). — Seine geistreiche Gattin, Sophie Garre, von der er sich aber wenige Jahre nach der Verbindung wieder trennte, erwarb sich durch ihre Compositionen einen bedeutenden Namen, insbesondere durch die einactigc Oper„I^es dsuxssioux" und die Oper „I>a serensäe". Gaillard (Gabr. Henri), stanz. Geschichtschreiber, geb. in dem Dorfe Ostel bei Soissons am 26. März 1726, studirte anfangs die Rechte, widmete sich aber sehr bald der Literatur und später ausschließend der Geschichte. Sein erstes Werk war eine „LKetoriqus »I'usagedes demoiseiies" (1746), und da diese gute Aufnahme fand, folgte 1749 eine „Loetigue ä I'usaZe des daines". Von mehren andern Schriften dieser Art sind seine „Neiangss litteraires" bemerkenswerth. Als Historiker trat er zuerst mit der „Histoire de Zlsrie de öourgoxns, 6Ile de <7ksries le Te-nersirs" auf, der dann die „Histoire de k'ran- ^nis l" (7 Bde., Par. 1766—69, 12.; neue Aufl., 5 Bde., 1818, und4Bde., 1819) und die ,,llistoire de ebariemagns, prdcedde de considdrstions sur la Premiere racs st sidvis de considerations sur la seconde race" (4 Bde., Par. 1772, 12.; neue Aust-, 2 Bde., 1819) folgten. Weitschweifig, einseitig befangen und rhetorisirend stellte er Frankreichs auswärtige Verhältnisse zu England und Spanien dar in der „Histoire de la rivaiite de la krance et de I'^UFieterre" (II Bde., Par. 1771—77, 12.; neue Aust., 6 Bde,, 1819) und „Listoire de la rivaiite de Is krsnce et de I'LspsAne" (8 Bde., Par. 1801, 12.; neue Aufl., 1807). Zur „Lncxclopddis mdtbodiyue" lieferte er das „Dictionnsire iiist»- riljus" (6 Bde., Par. 1791, 4.). Auch schrieb er mehre Lobreden, von denen die meisten Preise gewannen, unter Andern die Äoges auf Malesherbes, Descartes, Karl V., Hein» -ich IV., Corneille, Mokiere, Lafontaine, Bayard und den Präsidenten Lamoignon. Er starb als Mitglied der Akademie der Inschriften und der stanz. Akademie amlZ.Febr. 1806. Gainsborough (Thom.), einer der berühmtesten engl. Landschaftsmaler, geb. 1727 zu Sudbury in Suffolkshire, entwickelte frühzeitig sein bedeutendes Talent für die Malerei und hatte dann Gravelot in London zum Lehrer. Eins der ersten Mitglieder der königlichen Kunstakademie starb er in London am 2. Aug. 17 88. Seine Portraits zeichnen sich durch schlagende Ähnlichkeit aus und zu den vorzüglichsten gehören die der königlichen Familie, des Componisten Abel und des Schauspielers Quin. Als beste Landschaften werden genannt 'Lire sbepberd's bo/, He lischt betveeeo littie boxz and dogs, 'Vüe sea-sbore und Tke n-oodman !n tlle stör»,. Am bekanntesten ist das in siegreicher Opposition gegen Sir Joshua Reynolds gemalte Bild IKe blue bo^ in der Dcvonshire-Galerie. Gajus, früher minder richtig Casus geschrieben, ein röm. Rechtsgelehrter, der zu den Zeiten der Kaiser Hadrian und Antoninus Pius (117 —161) lebte. Seine „lnstitu- tionss", eins der gangbarsten Lehrbücher des röm. Rechts bis auf Justinian, die Grundlage des gleichbenanntcn officiellen Lehrbuchs des Rechtssystems, welches eine wesentliche Stelle in der Justizreform Justinian's einnahm, und die einzige einigermaßen vollständige und sy- stematisch geordnete Quelle der ältern Rechtswissenschaft der Römer, wurde lange Zeit für verloren erachtet und war nur aus einzelnen Stellen, welche andere Schriftsteller aufbewahrt hatten, aus Auszügen und Umarbeitungen bekannt. Nachdem zuerst Maffei zu Anfänge des 18. Jahrh. zwei Blätter einer Handschrift des Werks in der Bibliothek des Domcapitels zu Verona aufgefunden, entdeckte Niebuhr 1816 eine vollständigere Handschrift auf seiner Reise als preuß. Gesandter nach Rom während eines zweitägigen Aufenthalts in Verona in einem sogenannten codex rescriptus der Briefe des heil. Hieronymus. Zwar konnte er anfangs nur so viel erkennen, daß ein altes juristisches Werk hier verborgen sei; allein aus dem Wenigen, was er dann in Paris Savigny in Beziehung auf seine Entdeckung mittheilte, rieth dieser sehr glücklich auf des G. Institutionen. Auf Niebuhr's Veranlassung schickte die Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1817 den Philologen Jmm. Bekker und den Juri« 688 Galaktometer Galalien ! fien Goschen, denen sich freiwillig der Professor Bethmann-Hollwcg anschloß, nach Verona, um den Inhalt des Werks genauer zu prüfen. Savigny's Vcrmuthnng bestätigte sich; durch die vereinten Bemühungen der drei genannten Gelehrten wurde der größte Theil des Werks in Zusammenhang gebracht, bis auf die ganz unleserlichen Stellen hergestcllt und (Berl. 1820 ) gedruckt. Nochmals verglich die Handschrift der Professor Blume, dessen Ergänzungen und Verbesserungen in einer neuen Auflage (Berl. 1825 ) nachgetragen wurden. Andere Ausgaben besorgten Heffter (Bonn 1830 ), Lachmann (Bonn 1841 ) und Böcking (Bonn 1841 ). Durch das Aufstnden dieser Institutionen wurden eine Menge scharfsinniger und gelehrter Hypothesen über die röm. Rechtsgcschichte zerstört und über viele Punkte derselben ganz neue Ansichten eröffnet. Unter den durch dasselbe hervorgerufenen Schriften sind Ed. Gans' „Scholien zum G." (Berl. 1821 ) hauptsächlich bcmerkenswerth. Galaktometer oder Milchmesser ist ein von Ca det de Vaux (s. d.) erfundenes, dem Aräometer (s. d.) sehr ähnliches Instrument, um den Gehalt der Milch nach Graden zu bestimmen; doch reicht dasselbe zur sichern Beurtheilung der Güte und Rahm- haltigkeit der Milch nicht aus. Dem Zweck entsprechender ist schon der von Neander, am sichersten der von Voigt erfundene Rahmmesser. Alle diese Instrumente sind indcß erst anwendbar, wenn die Milch einige Stunden gestanden hat. Dagegen hat neuerdings Donne ein Instrument (Lactoskop) erfunden, mit dem der Rahmgehalt der Milch sofort nach dem Ausmelken bestimmt werden kann. Galanterie, von Montesquieu als die „delicate, leichte, ewige Lüge der Liebe" bestimmt, bezeichnet im Allgemeinen das durch die Sitte der höhern Gesellschaft gebotene artige und feine Betragen gegen das weibliche Geschlecht. Jndeß geht die Galanterie nicht aus innerer Anerkennung der Tugenden oder selbst nur körperlichen Reize der Frauen hervor, sie erscheint vielmehr, in äußerlichen Formen und in der Etikette verharrend, nur als Ergeb- niß des sogenannten guten Tons oder der Sucht, selbst zu gefallen und durch Entwickelung von Witz und Esprit, die sich freilich nur auf der Oberfläche bewegen, wie durch Entfaltung anmuthiger äußerer Formen zu glänzen. Häufig verbindet man damit sogar den Nebenbegriff der Sinnlichkeit und der lockern Sitten, ja man beschönigte, zur Zeit ihrer höchsten Blüte, damit noch Ärgerlicheres; zuweilen verstand man darunter auch einen verbrecherischen Liebeshandel. Eine ganze Epoche, die Zeit Ludwig's XIV., nennt man nach ihr das Zeitalter der Galanterie, indem das Ritterliche des Mittelalters zuerst unter Franz I. und Heinrich IV. in das Chevalercske oder blos Cavaliermäßige überging und sich abschwächte und sodann, als die gesellschaftlichen Verhältnisse Frankreichs immer demorali- sirter wurden, in jene hoffähige, durch die Etikette bestimmte Form des Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern ausartete, welche unter dem Namen der Galanterie allen noch so sittenlosen Liebeshändeln und Maitressenverhältnissen zum Deckmantel diente. Selbst Deutschland fühlte von mehren Höfen die verderblichen Rückschläge dieser Galanterie, der nur insofern ein gesundes Princip zu Grunde lag, daß sie das Weib als die Königin des gesellschaftlichen und conversationellen Verkehrs betrachtete. Galatea, eine Tochter des Nereus und der Doris, welche einer sicilischen Sage zufolge Polyphem liebte, aber keine Erwiderung fand, da G. den Acis, den Sohn des Fan- nus und der Symäthis, vorzog. Aus Eifersucht zerschmetterte diesen Polyphem mit einem Felsstück, wobei G. nur mit Mühe ins Meer entkam. Acis wurde hierauf von ihr in einen Fluß oder in eine Quelle (k«l>8 ^cilins genannt) verwandelt. Diese sicilische Fabel ist der Gegenstand einer schönen Idylle des Theokrit. — Galatea hieß auch die Tochter des EurytiuS, die Gemahlin des Lamprus, die im Fall, daß sie eine Tochter gebäre, dieselbe tobten sollte. Als dieses wirklich eintrat, zog G. das Mädchen als einen Knaben unter dem Namen Leucippus auf. Später jedoch, als das Kind herangewachsen war, nicht mehr im Stande, die Sache ihrem Gemahl zu verheimlichen, flehte sie die Latona an, das Mädchen in einen Jüngling zu verwandeln, was die Göttin auch that. Galatien, eine im Alterthume überaus fruchtbare Landschaft Kleinasiens, in, Norden von Paphlagonien, im Osten vom Königreiche Pontus, im Süden von Phrygien, Ly- kaonien und Kappadocien, im Westen von Bithynie» und Phrygien begrenzt, wurde von den Galatern bewohnt, einem Gemisch von Griechen und Galliern oder Kelten, daher die k ! Galatsch Gale 689 Bewohner auch 6sl>ogrueci hießen und das Land selbst KsIIoAraeeis. Im 3. Zahrh. v. Chr. fielen nämlich große Scharen von Galliern unter Brennus in Griechenland ein, zogen dann erobernd weiter, nahmen Byzantium und die Küste von Propontis, gingen um 278 v. Chr., von dem Könige von Bithynien, Nikomedes, gerufen, über den Hellespont, erkämpften sich Troas und Nordphrygien und wurden von Attalus I-, dem König von Perga- mus, um 238 v. Chr. aus die oben angegebenen Grenzen Galatiens eingeschränkt. Die Verfassung Galatiens war früher rein aristokratisch, bis die zwölf Tetrarchen, welche neben einem legislativen Senat von 3V0 Alten sich in die Regierung theilten, die Herrschaft erblich an sich brachten, worauf einer derselben, Dejotarus (s. d.), gest. 30 v. Chr., unterstützt von Pompejus, sich den Königstitel aneignete. Nach dem Tode desselben kam das Reich an Amyntas, wurde aber schon 25 v. Chr. von den Römern erobert und zur Provinz gemacht, die unter dem oriental. Kaiser Theodosius dem Großen in 6slstia prims, mit der Hauptstadt Ancyra (sAngor a), und 6alatiu sscuncls, mit der Hauptstadt Pessimrs, ein- getheilt war. Hier befand sich im Z. 53 und dann im I. 57 der Apostel Paulus, der einen seiner Briefe an die Galater richtete. — Galatia war bei den Griechen auch der Name von Gallien; im Mittelalter bezcichnete man damit die span. Provinz Galicien. Galatsch, eine offene schlechtgcbaute Stadt von ungefähr l oooo E. in der Moldau, an der Donau zwischen den Mündungen des Sereth und des Pruth gelegen, ist, da von ihr aus die Seeschiffahrt aus der Donau beginnt, durch ihre Lage dazu bestimmt, der Haupthafen der untern Donau sowie der Stapelplatz sämmtlicher Donauländer, vorzüglich aber Ungarns, der Walachei und Moldau, nicht nur für ihren Verkehr mit dem Oriente insbesondere sondern überhaupt für den gesammten überseeischen Handel der letztgenannten Länder zu werden. In Folge dieser Lage hat sich der Verkehr der Stadt in neuester Zeit sehr gehoben und würde dies in noch höherm Grade gethan haben, wenn ihm nicht manche Hindernisse entgegenträten, wie oberhalb die Stromschnellen bei Orsowa und am Ausflusse der Donau die Plackereien der Russen. Galba (Servius Sulpicius), röm. Kaiser vom Juni 68—Jan. 69, 'geb. 5 v. Chr. aus angesehenem Geschlecht, bekleidete 32 n. Chr. das Consulat und zeichnete sich als Statt- Halter von Aquitanien unter Tibcrius, von Germanien unter Caligula, von Afrika unter Claudius, vom tarraconesischen Spanien seit 60 unter Nero, durch Tapferkeit, Strenge und Gerechtigkeit aus. Schon bei Caligula's Tode drangen seine Freunde in ihn, sich des Throns zu bemächtigen; doch blieb er dem Claudius treu und erwarb sich dadurch dessen Gunst. Im I. 68 foderte ihn Julius Binder, der nzjt den gallischen Legionen zuerst sich gegen Nero erhob, auf, dir Jmperatorwürde zu übernehmen. G. aber trat zunächst, da er auch die Kunde erhielt, daß Nero seine Hinrichtung beschlossen, nur als Legat des röm. Tribunals und Volks gegen diesen auf, und erst als er die Nachricht von dessen Tode erhalten, ging er nach Rom, den Thron einzunehmen, den die Prätorianer ihm anboken. Bald indeß bestätigte sich, was schon in der letzten Zeit seiner Statthalterschaft sich gezeigt hatte, daß er die frühere Tüchtigkeit nicht mehr besaß. Nachsicht gegen habgierige Günstlinge, unzeitige Härte, vor Allem aber der Geiz, der ihn antrieb, den Soldaten die üblichen Geschenke nicht zu gewähren, machten ihn verhaßt. Die Legionen in Obergermanien foderten die Prätorianer auf, einen andern Kaiser zu wählen; G. hoffte sie dadurch zu beschwichtigen, daß er den Piso adoptirte und zum Mitregenten und Nachfolger erklärte, beleidigte aber damit den Otho (s. d.), der als Statthalter von Lusitanien sich an G. angeschloffen hatte und nun von ihm den Dank erwartete. Otho erregte die Prätorianer, denen auch bei Piso's Adoption kein Geschenk g erworben, leicht zum Aufstande und ließ den Kaiser, als er am 15. Jan. 69, diesen zu sti^en, sich über das Forum begab, niederhaucn. Gale (Thom. von), ein bekannter engl. Philvlog und Geschichtschreiber, geb. in der Grafschaft Jork 1642, gest. als Mitglied der königlichen Gesellschaft und Dechant zu Aork am 8. Apr. 1709, machte sich besonders verdient durch seine „Opusoils w^tbologrcs, etiiica et z,li)-sicu" (Cambr. 1671; Amst. 1688), welche eine Sammlung der griech. Mythogra- phcn enthalten, und durch seine Ausgabe der „RKetores Frusci" (Orf. 1676), sowie der Schrift des Jamblichus „l>e mMeriis ile^ptiorum" (Opf. 1678, Fol.); auch verdankt Eonv.-Lex. Neunte Aufl. V. 44 690 Galeasse Galen man ihni die Fortsetzung der von Fullmann und Fell begonnenen Sammlung der engl. Chronisten, unter dem Titel „llistorme snglicsnae scriptc,re8 «juinque" (Lond. 1687), UNd „llistoris« britaanicse, saxomcse etc 8criptore8 ^iiinclecim" (Land. 1691). Galeaffe war der Name für die größten Kriegsschiffe der Republik Venedig zur Zeit ihrer höchsten Blüte. Eine Ealeaffe war 166—17» F. lang, hatte drei Masten, war Ruder- und Segelschiff zugleich, führte 80»—1260 M. am Bord und war auf dem Vorder- und Hintcrcheil mit Geschütz auf zwei Decken versehen. — Auch belegt man mit diesem Namen kleine in der Ostsee gebräuchliche Fahrzeuge. Galeeren hießen sonst die der Galeasse (s. d.) ähnlichen, nur etwas kleinern Rudersahrzeuge. Sie hatten 136—146 F. Länge, 16—26 F. Breite und aufjeder Seite 22 —26 Ruder, deren jedes von der Ruderbank aus durch fünf Ruderknechte in Bewegung gesetzt wurde. Gewöhnlich führten sie nur zwei niedrige Maste mit dreispitzigcn Segeln und wenig Tauwerk. Auf dem Vordertheile, welches in einen langen Schnabel auslief, war ein Verdeck für die Kriegsmannschaft, unter demselben aber standen ein Vierundzwanzigpsünder und ein oder zwei kleinere Geschütze zu dessen Seiten; auf dem Hintertheile hatten sie ge- wöhnlich zwei Sechspfünder. Kleinere Galeeren nannte man Ealeoten (s. d.). Die Galeeren waren schon im Alterthum, namentlich bei den Griechen bekannt und im Mittelalter die einzigen Kriegsschiffe. Früher nur im Mittelländischen Meere, so insbesondere während der Kreuzzüge im Gebrauche, kamen sie im 16. Jahrh. auch in die Ostsee, bis sie seit der Mitte des 17. Jahrh. durch geeignetere Schiffe mehr und mehr verdrängt wurden. Die Ruderknechte auf den Galeeren wurden Galeeren sklav^n genannt. Die Türken und die Barbareskenstaaten verwendeten dazu meist gefangene Christen; die Staaten am Mittelländischen Meere, namentlich Frankreich und Italien, Verbrecher. Die Galeerenstrafe, eine der härtesten Strafen in Frankreich und andern am Meere gelegenen Staaten, entspricht der Festungsbaustrafe der Binnenländer. Sie ist entweder eine zeitige oder eine lebenslängliche, welche letztere den bürgerlichen Tod zur Folge hat. Die Sträflinge (galeriel>8) werden gebranntmarkt, glatt geschoren, in grobe Tuchröcke mit dem Zeichen eingekleidet und zu Zweien aneinander geschmiedet. Die geringsten Vergehen werden mit den härtesten Strafen, und Selbstverstümmelungen, welche sie zur Arbeit unfähig machen, mit dem Tode bestraft. Seit der Abschaffung der Galeeren verwendet man sie zu andern schweren Arbeiten, zu Festungsbauen, Hafcnar beiten u. s. w. Früher in alten, sür den Dienst unbrauchbar gewordenen Kriegsschiffen deren Oberdeck mit einem hölzernen Hause versehen wurde, untergebracht, hat man seit der Mitte des 17. Jahrh. für ihre Aufbewahrung besondere Gebäude, die Bagnos, errichtet, für deren zweckmäßigere Einrichtung in der neuern Zeit, wo man auch an eine humanere Behandlung der Galeerensträflinge dachte, Mehres geschehen ist. Frankreich hat Bagnos zu Brest, Rochefort und Toulon. Galen, s. Kelten. Galen (Christoph Beruh, von), Bischof von Münster, ein Mann von seltenem Unternehmungsgeiste, einer der größten Heerführer seiner Zeit, war am l ö.Oct. 1660 auf dem seiner Familie zugehörigen Gute Bispink in Westfalen geboren und erhielt bereits in seinem siebenten Jahre ein Kanonikat bei der Domkirche zu Münster. Nachdem er im dasigen Jesuitencollegium und auf den Universitäten zu Köln, Mainz, Löwen und Bordeaux seine Studien gemacht hatte, nahm er in der Folge theils durch Gesandtschaften, theils bei der inner» Verwaltung an der Leitung der vaterländischen Angelegenheiten Theil. Als nach dem Tode des Kurfürsten Ferdinand's von Köln, der zugleich Bischof von Münster war, in Münster eine Sedisvacanz entstand und das Domcapitel sich dahin geeignet hatte, eine Wahl aus der Mitte des Capitels stattfinden zu lassen, wurde, aller Gegenbemühungen des Domdcchanten Mallingkrott ungeachtet, der inzwischen im Capitel zum Thesaurarius aufgerückte G. am 14. Nov. 1650 zum Bischof gewählt. Mit Energie ergriff er sogleich die Zügel der Regierung. Nachdem er für Wiederherstellung der verfallenen Kirchenzucht, Beseitigung der herrschenden Hungersnoth und Förderung des Handels und Verkehrs gesorgt, suchte er sein Land von den fremden Truppen, die einige Tlstile desselben noch beseht hielten, zu befreien. Kaum aber war ihm dieses gelungen, so wurde er durch innere Streitigkeiten, zu welchen der mis- ttzergnügte und mir seinen Reklamationen gegen G.'s Wahl überall abgewiesene Dechant Aalen 6lU Mallingkrott und die Stadt Münster Veranlassung gaben, nicht wenig beunruhigt. Al« er indeß sich anschickte, die Stadt förmlich einzuschließen, schickte dieselbe Gesandte ab, mit denen auch G. >655 einen Vergleich abschloß; der Dechant Mallingkrott aber wurde nach einge- holtem auswärtigen Erkenntnisse seiner Würde im Capitel völlig verlustig, und als er später bei den Streitigkeiten der Stadt mit dem Bischöfe wegen ihrer Reichsfreiheit in das Stift zurückgekehrt war, gefangen genommen und nach Ottenstein abgeführt, wo er 1664 starb Die Erbitterung der Stadt gegen den Bischof steigerte sich indeß so sehr, daß der Agent der Stadt, van Aitzema (s. d.), im Haag in Gegenwart des kaiserlichen Residenten ausrief: „Die Stadt wolle lieber den Türken, ja dem Teufel, als dem Bischöfe unterworfen sein, und die Religion bekümmere sie dabei nicht." Holland unterstützte die Stadt mit einer Anleihe von 25006 Fl.; der Kaiser bedrohte sie 1660 mit der Reichsacht und ließ 1200 M. Reiter in das Stift einrücken. Doch erst am 25. März 1661 kam der Vertrag wegen Übergabe der Stadt zu Stande, deren Besitz sich nun G. für immer durch kräftige Niederhaltung des unruhigen Geistes der Bürger zu sichern suchte, zu welchem Zwecke er namentlich auch eine Citadelle anlegen ließ. Nachdem er 1662 von dem Convente des Stifts Korvci zum Administrator der Abtei erwählt worden war, wurde er 1664 auf dem Reichstage zu Regensburg nebst dem Markgrafen Friedrich von Baden zum Director des Kriegswesens der rhein. Allianz ernannt, stellte nun sofort den größten Theil seiner Truppen mit gegen die Türken und eilte sodann selbst auf den Kriegsschauplatz. Nach seiner baldigen Rückkehr suchte er sich an den Vereinigten Niederlanden, von denen er kurz vorher empfindliche Beleidigungen noth- gezwungen hatte erdulden müssen, zu rächen. Hierzu bot sich ihm die Gelegenheit in dem zwischen König Karl II. von England mit der niederländ. Republik ausgebrochenen Kriege. Er schloß mit England 1665 einen Vertrag, in welchem er sich verpflichtete, gegen ansehnliche Subsidiengelder sein Heer auf 15000 M. zu erhöhen und griff nun die Niederlande zu Lande an, während England dieselben zur See bekriegte. In dem durch Ludwig XIV. am 18. Apr. 1666 vermittelten Frieden versprachen zwar die Generalstaaten alle im Gebiete des Bischofs noch besetzte Orte zu räumen; allein in der Herrschaft Borkelo mußte der Bischof dem Hoheitsrechte entsagen, und so hatte er doch seine Absicht nicht völlig erreicht. Nachdem er einen Streit mit dem Hause Braunschweig in Betreff der Abtei Korvei im Z. 1671 glücklich beendet, trat er 1672 dem stanz. Bündnisse gegen die ihm verhaßten Niederlande bei. Er hatte bereits in denselben mit bedeutendem Erfolge gekämpft, als er durch die Überrumpelung in Coevorden am 20. Dec. 1672, wo er großen Verlust erlitt, und durch das Bündniß zwischen dem Kaiser und Kurbrandenburg, das sein eigenes Land bedrohte, sich zur Rückkehr nach Westfalen genöthigt sah, wo er sogleich die Offensive ergriff und in die Mark Brandenburg eindrang und mehre Orte besetzte. Der Kaiser hatte inzwischen, ihn als einen Feind des Reichs betrachtend, eine Auffoderung an dessen Heer erlassen, sich zur kaiserlichen Armee zu begeben, die zwar im Ganzen erfolglos blieb, aber eine Verschwörung in Münster hervorrief, welche den Zweck hatte, das Stift in die Hände der Kaiserlichen zu spielen, von dem Bischof jedoch, zeitig genug entdeckt, mit großer Strenge bestraft wurde. Vereint mitdcm stanz. Feldherrn Turenne gelang es nun G., einen großen Theil der westfälischen Besitzungen des Kurfürsten von Brandenburg in seine Gewalt zu bringen, als er aber die Belagerung von Coevorden in Folge eines gewaltigen Sturms, der sein Lager unter Wasser setzte, mit bedeutendem Verluste hatte aufgeben müssen, war er um so mehr geneigt, 1674 mit den Verbündeten einen Friedensvertrag abzuschließen, in welchem er alle in den Niederlanden eroberte Orte, mit Einschluß von Borkelo und Lingen, herauszugeben versprach. Hierauf trat er 1675 dem Bunde des Kaisers gegen Frankreich bei und war nun ebenso eiftig auf Seiten des Reichs wie vorher auf Seiten Frankreichs. Im Aug. 1675 schloß er mit dem Könige von Dänemark und dem Kurfürsten von Brandenburg ein Bündniß gegen Schweden, wobei ihm vorzüglich der Angriff auf die damals Schweden gehörigen Herzogthümer Bremen und Verden zu Theil wurde. Nachdem im Aug. >676 auch Stade, die Hauptstadt des Herzogthums Bremen, gefallen, schlossen nun der Bischof und dieHerzoge von Braunschweig einen förmlichen Theilungsvertrag über die eroberten Herzogthümer, zufolge dessen ersterer das ganze Herzogthum Bremen nebst andern Orten erhielt. Hierauf ver- 692 Galenus Galeote stärkte er durch einen Theil seiner Truppen das kaiserliche Heer am Rhein und an der Mosel, einen andern schickte er nach Ostfriesland in die Winterquartiere. Im I. 1677 stellte er zu« folge Vertrags 90«»» M. dem Könige von Spanien gegen Frankreich und 50«»» M. dem Könige von Dänemark gegen Schweden. Auch gerieth er mit Ostfriesland in Krieg, das er nur gegen bedeutende Geldzahlungen 1678 wieder räumte. Während der Friedcnsunler- handlungen zu Nimwegen, an denen er durch zwei Gesandte Theil nahm, erkrankte er zu Ahaus, wo er, um dem Schauplatz der Verhandlungen näher zu sein, seinen Aufenthalt genommen hatte, und starb daselbst am I9. Sept. 1678. Sein Leichnam wurde zuerst nach Kösfeld gebracht und dann im Dom zu Münster beigesetzt, wo ein prächtiges Denkmal seine Thaten verkündet. Seinen allzu militairischen und politischen Eifer suchte er dadurch zu verdecken, daß er jeder Zeit auch den Angelegenheiten der Kirche große Aufmerksamkeit widmete, und, wenn er daheim war, seine bischöflichen Functionen sorgfältig verrichtete und durch kirchliche Stiftungen ebenso sehr wie durch Kriegsthaten für seines Namens Gedächt- niß besorgt war. Obschon er für einen gelehrten Fürsten galt, so fanden doch Wissenschaften und Künste, wenn man davon absieht, daß er Jesuiten begünstigte, wenig Unterstützung. Galenus (Claudius), nach Hippokrates der berühmteste Arzt des Alterthums, geb. 131 n. CH. zu Pergamus, war der Sohn des Nikon, eines Architekten, welcher auf seine Erziehung große Sorgfalt verwendete. Nachdem G. die Philosophie in ihrem ganzen Umfange, besonders aber die Aristotelische, studirt hatte, wendete er sich in seinem 17. Lebensjahre der Heilkunde zu, in der er in seiner Vaterstadt, in Smyrna und Korinth von verschiedenen berühmten Ärzten unterrichtet wurde. Hierauf reiste er, um seine Kenntnisse zu erweitern, nach Lycien und Palästina und hielt sich dann längere Zeit in Alexandrien auf, um in diesem Centralpunkte der damaligen gelehrten Well sich in der Anatomie zu vervollkommnen. Im 28. Lebensjahre nach PergamuS zurückgekehrt, wurde er als Arzt der Gladiatoren angestellt, in Folge eines Aufruhrs aber wendete er sich 164 nach Rom, wo er durch glückliche Euren und physiologische Vorlesungen sich bald großen Ruhm erwarb; mit seinen Standesgenossen dagegen, wie es scheint, nicht ohne eigene Schuld, in keinem guten Vernehmen stand. Als im I. 169 eine Pest in Rom ausbrach, kehrte er eiligst nach Pergamus zurück. Schon im folgenden Jahre wurde er indeß von den Kaisern Marcus Äurelius und Lucius Verus nach Aquileja gerufen und nach dem Tode des letzter» vom erstem ausgefodert, ihn nach Germanien zu begleiten, was er jedoch ausschlug, um in Noin als Leibarzt des Commodus zu leben. Hier benutzte er seine Muße zur Ausarbeitung zahlreicher Schriften, von denen viele durch den Brand des Friedenstempels verloren gingen. Noch unter den Kaisern Pertinax und Septimius Severus lebte er in Rom und starb ums 1.200, ob in Nom oder in Pergamus, ist ungewiß. Nur der kleinere Theil seiner Schriften ist auf die Nachwelt gekommen; von den bis setzt in Druck erschienenen und ihm zugeschriebenen sind 10» unzweifelhaft echt; gegen 8«> noch ungcdruckt in den Bibliotheken zerstreut. Sein Hauptverdienst besteht in der Bearbeitung der Anatomie und Physiologie, wodurch er einen sichern Grund für die Pathologie gewann und so mächtig auf die nachfolgende Zeit wirkte, daß er bis auf Paracelsus als unantastbare Äutorität für alle medicinische Schulen galt. Die erste Ausgabe seiner gesammelten Schriften erschien in Venedig bei Aldus (5 Bde., 1525, Fol.), eine andere zu Basel (5 Bde., 1538, Fol.); mit einer lat. Übersetzung gab seine Werke zuerst heraus Char- tier (zugleich mit dem Hippokrates, 13 Bde., Par. 1679, Fol.) und nachher Kühn (20 Bde-, Lpz. > 821 —30). Deutscheübersetzungen einzelner Schriften lieferten Sprengel und Nöldecke. Galenisten, die Anhänger des Galenus (s.d.); auch eine Partei der Taufge- sinnlen (s. d.), so genannt nach Galenus de Haen. Galeöne oder Gallone hießen sonst bei den Spaniern und Portugiesen große Kriegsschiffe mit drei Masten und drei bis vier Verdecke übereinander. Sie dienten besonders zur Überfahrt der Schätze aus Amerika und waren zum Schutze gegen die Seeräuber, mit schwerem Geschütz und Soldaten ausgerüstet. In weiterer Bedeutung verstand man unter Galeone jedes Schiff, welches nach Amerika ging, und daher unter Galeonisten die Kaufleute, welche mit Amerika Handel trieben. Galeote oder G alio te nannte man eigentlich die kleinern Galeeren mit 16—20 Rudern, deren jedes aber nur von einem Ruderknechle in Bewegung gesetzt wurde. Später Galerie Galicien 693 bezeichnet« man mit diesem Namen auch schon mittlere Fahrzeuge, deren man sich, weil sie sehr schnell segelten, öfter im Seekriege bediente. Die Ruderknechte waren zugleich Soldaten und mit einerMuskete bewaffnet; auch waren die Fahrzeuge zuweilen mit einigen Geschützen versehen. Bombardiergaliotc hieß ein solches Fahrzeug, wenn es zum Bombardement von Seeplätzen gebraucht wurde. Galerie nennt man in der Baukunst ein langes, schmales Zimmer, welches dadurch vom Saale sich unterscheidet, daß es wenigstens dreimal so lang als breit ist. Da man die Galerien meist mit Gemälden, Bildhauerarbeit und andern Kunstwerken zu verzieren pflegt, so nennt man auch Sammlungen von Gemälden, Werken der bildenden Künste u. s. w. Galerien, wenn sie auch nicht in einen sondern in mehren aneinanderstoßenden-Zim- mern sich befinden. (S. Museum.) Bisweilen gebraucht man Galerie auch für Korridor (s.d.). In den Theatern nannte man Galerie sonst die obersten, der Decke nächsten Plätze, gegenwärtig führen diesen Manien auch die vor den Logen ringsum laufenden Reihen derPlätze. — JmAllgemeincn heißen auch die beim Minenbau vorkommenden unterirdischen Gänge Galerien, während die aus der Hauptgalcrie sich abzweigenden kleinern Gänge Nameaux genannt werden. Außerdem nennt man die unter dem Wall einer Festung oder eines detachirtcn Werks laufenden gemauerten, mit Gewehrscharten versehenen und zur Vertheidigung des Gkabens dienenden Gänge Galerien, oder auch zum Unterschied von den vorigen Vertheidigungsgalericn. Galiäni (Fernando), geb. am 2. Dec. 1728 zu Chieti in der ncapolit. Provinz Abruzzo citeriore, studirtc die Rechte und zeichnete sich später als Staatsmann im Dienste seines Vaterlands und als Schriftsteller aus, besonders durch scharfgedachte und mit lebhaftem Witz geschriebene nationalökonomische Abhandlungen. Eine seiner frühesten Arbeiten in diesem Fache ist die über das Geld, welche 17-19 anonym erschien; bedeutender die 175-t unter dem Namen seines Freundes Jnthieri von ihm herausgegebene Abhandlung „Velin persettu coirservuLinne «iei Arano"; oben an aber stehen die „vialoßues 8>ir le commerce de8 bleds" (Lond. >770), von denen in Bezug auf die Schreibart Voltaire sagte, daß sich Platon und Moliere vereinigt zu haben schienen, um sie abzufassen. G. erkannte in der Welt nichts als den Kampf der persönlichen Überlegenheit mit der persönlichen Schwäche. Am stärksten zeigte sich seine kaustische Schärfe in der Verspottung Derer, welche für Ideen, für Wahrheit und für Freiheit in die Schranken traten. Man lernt ihn in dieser Hinsicht gut kennen aus der überhaupt für die Zustände der Zeit interessanten „<7nrrespondance inedite 783 avec 51. d'Lpina)-, Is Oarnn d'volbacli, <7rlmm, Diderot" (2 Bde., Par. 1818; auch herausgegeben von Barbier, 1819). Mit den betreffenden Personen war er als Legationssecretair in Paris (1768) bekannt geworden. Auch beschäftigte er sich mit Naturwissenschaften und Alterthümern; er schrieb über den Vesuv (1755) und über die Malerei der Alten (1756) und hatte viel Anthcil an der Unternehmung der Herausgabe von Monumenten, welche die herkulanischc Akademie besorgte. Er starb am 36. Oct. 1786. Galicien, der nordwestlichste Theil Spaniens, mit dem Titel eines Königreichs, der auf 738 UM. 1,500066 E. zählt und gegenwärtig die Provinzen Coruna, Lugo, Orense und Pontevedra bildet, hat meist ein rauhes, feuchtes Klima, ist bergig und in der Mitte unfruchtbar; gegen die See zu aber hat es schöne Weiden und guten Weinbau. DieBcwohner, Gallegos genannt, sind starke, kräftige Leute und arbeitsam. In ganz Spanien ziehen sie herum und suchen durch die beschwerlichsten Arbeiten, namentlich in Madrid durch Wassertragen, sich etwas zu verdienen, um dann daheim davon leben zu können. Als Soldaten halten sie vortreffliche Mannszucht; durch Strapatzen abgehärtet, ertragen sie geduldig Hunger und Durst und passen ganz vorzüglich zum Dienste der Infanterie. Oft hat man sie die Gascogner Spaniens genannt, und in der That ist eine auffallende Ähnlichkeit zwischen beiden Volksstämmen nicht zu verkennen. Fischerei und Schiffahrt sind ihre Hauptbeschäftigung ; erst in neuern Zeiten entstanden Leinwandfabriken. Wichtig sind insbesondere die beiden stark befestigten Hafenstädte Cvruna (s. d.) und Ferrol, mit mehren bedeutenden militairischen Gebäuden, dem schönsten Arsenal in Spanien, einem der besten Kriegshäfen in Europa, mehren nautischen Anstalten und Werften. Andere berühmte Städte sind San- Jago di Compostella (s. d.), Lugo mit 5006 E-, Orense mit 2000 E., heißen Bäder« Galiläa Galilei und einer schonen Brücke über den Minho, Pontevedra mit 3606 E., einem Hafen und einer Brücke über den Lerez, Tuy mit 4999 E. und einer starken Citadelle, Mondonedo mit 5999 E. und Vigo mit 2500 E. und einem Hafen. Galiläa, d. i. eigentlich Kreis, Landstrich, hieß anfangs ein kleiner District im jüd. Stamme Naphtali, in welchem sich viele Heiden angesiedelt hatten, dann aber die gesammte Provinz im Norden Palästinas, welche gegen Osten von dem Jordan, gegen Süden von Samaria, gegen Westen von dem Mittelländischen Meere und Phönizien und gegen Norden von Syrien und dem Gebirge Libanon begrenzt und meist von armen Fischern bewohnt wurde. Als die Wiege des Christenthums hat dies kleine Land allgemeines Interesse. Merk- würdig sind besonders die Städte Nazareth, Kana, Kapernaum am See Liberias und Nain, der Fluß Jordan und der Berg Tabor. Die Bewohner G.s unterschieden sich von denen Judäas durch ihre breite ungebildete Aussprache und waren wegen ihres freiem Sinnes, der sich vielleicht aus ihrem Verkehr mit Heiden erklären läßt, und wegen des mehrfachen Kriegsunglücks, das sie als Grenznachbärn der Syrer traf, von den Judäcrn verachtet. Daher wurden auch die Christen, deren Religion von G. ausgegangen war, von den Juden spottwcise Galiläer genannt, und später wollte Kaiser Julian diese Bezeichnung der Christen sogar gesetzlich einführen. Gegenwärtig gehört G. zum Paschalik von Damask in der türk. Provinz Sy. rien oder Soristan, und nur wenige Christen haben daselbst ihren Aufenthalt. Galilei (Galileo), ein um die Naturlehre durch seine Entdeckungen unsterblich verdienter Mann, wurde am l 8. Febr. 15 6 4 zu Pisa geboren. Sein Vater, VincenzoG., ein florentin. Edelmann, ließ ihn in den alten Sprachen, im Zeichnen und in der Musik unterrichten, wobei er schon früh eine lebhafte Neigung zu mechanischen Arbeiten zeigte. Seit 1581 besuchte er die Universität zu Pisa, um die Arzneiwissenschaft und die Aristotelische Philosophie zu studiren. Letztere, durch den Wust der Scholastik entstellt, erregte schon damals in ihm den Widerwillen, der ihn später zu ihrem erklärtesten Widersacher machte. Früh entwickelte erjenenseltencnBcobachtungsgeist, der ihn auszeichnete; kaum lSJahre alt, leiteten ihn die Schwingungen einer im Dom zu Pisa vom Gewölbe herabhängendcn Lampe auf die Gesetze des Pendels (s. d.), die er zuerst bestimmte und zur Abmessung der Zeit benutzte, wiewol die Idee von dieser Anwendung des Pendels von ihm nur unvollkommen gefaßt und erst später von seinem Sohne V in een zo G. und besonders von Huyghens (s. d.) vervollkommnet wurde. Hierauf studirte er unter Ostilio Ricci die Mathematik, erschöpfte bald den Euklides und Archimedes und wurde durch Letztem l 586 auf die Erfindung der hydrostatischen Wage oder des Aräometers (s. d.) geführt. Im I. I58S wurde er Professor der Mathematik zu Pisa, doch die Verfolgungen der Aristoteliker, deren Haß er durch seine Letz- ren erregt hatte, veranlaßten ihn, nach zwei Jahren sein Lehramt niederzulegen, worauf ihn der Senat von Venedig >592 als Lehrer der Mathematik nach Padua berief. Hier las er mit außerordentlichem Beifall, und aus den entferntesten Gegenden Europas strömten ihm Schüler zu. Er hielt seine Vorträge in ital. Sprache, die er zuerst für die Philosophie bildete. Jm J. 1597 erfand er den Proportionalcirkel (s. Cirkel); doch von ungleich größerer Wichtigkeit waren die physikalischen Entdeckungen, die er seit >602 machte, z.B. daß die Räume, durch welche sich ein fallender Körper in gleichen Zeittheilen bewegt, wie die ungeraden Zahlen l, 3, 5, 7.. wachsen, sodaß Verfallende Körper, nachdem er in der erstenSecunde 15 Fuß durchlaufen hat, in der zweiten 45, in der dritten 75 u.s. w. zurücklegt. Ob wir ihm die Erfindung des Thermometers (s. d.) zu verdanken haben, ist schwer zu bestimmen; vielleicht hat er dasselbe nur zweckmäßiger eingerichtet. Das Fernrohr (s. d.), das in Holland nicht blos unvollkommen sondern auch unfruchtbar blieb, wendete er gen Himmel und machte damit in kurzer Zeit eine Reihe der wichtigsten Entdeckungen. Er fand, daß der Mond, wie die Erde, eine unebene Oberfläche habe, und lehrte die Höhen seiner Berge aus ihren Schatten messen. Den Nebelfleck, welcher die Krippe heißt, löste er in seine einzelnen Sterne auf und ahnete, daß sich die ganze Milchstraße mit schärfern Fernröhrcn ebenso werde auflösen lassen. Am merkwürdigsten aber war seine Entdeckung der Jupiterstrabanten, am 7. Jan. 1619. Auch das Dasein des Rings des Saturn bemerkte er, ohne jedoch von demselben eine richtige Vorstellung zu fassen. Die Sonnenflecken sah er etwas später und schloß gus ihrem gemeinschaftlichen Fortrücken von Osten gegen Westen aus eine Rotation des Galilei 695 Sonnenkorpers und auf die Neigung seiner Achse gegen die Ebene der Erdbahn. Sein Name war indeß so berühmt geworden, daß ihn der Großherzog Cosmo II. 1610 als ersten Lehrer der Mathematik zu Pisa, wo er jedoch zu wohnen nicht verpflichtet war, zu sich berief. Er hielt sich theils zu Florenz, thcjls aufdem Lustschloffe seines Freundes Salviati auf. Hier verschaffte er 1610 durch die Entdeckung der abwechselnden Lichtgestalten (Phasen) des Mer- cur, der Venus und des Mars dem Kopcrnicanischen Systeme, dessen erster Verfechter er war, den vollständigen Sieg, da durch dieselbe die Bewegung dieser Planeten um die Sonne und ihre Erleuchtung durch dieselbe außer Zweifel gesetzt wurde. Darauf schrieb er über das Schwimmen und Untersinken der festen Körper im Wasser ein Werk, in welchem er, w>e in allen seinen übrigen Schriften, den Samen vieler neuen Lehren ausstreute. Während er sich so bemühte, die Grenzen der Naturlehre zu erweitern, zog sich ein Ungewitter über ihm zusammen. G. hatte sich in seinem Werke über die Sonnenflecken für die Kopernicanische Weltordnung erklärt und wurde deshalb von seinen Feinden verketzert. Die Mönche predigten wider ihn, und G. sah sich genöthigt, im I. 1615, in welchem die zur Büchcrcensur ver- ordnete Congregation der Cardinäle das neue System für schriftwidrig und ketzerisch erklärt hatte, nach Rom zu gehen, wo es ihm gelang, durch die Erklärung, daß er sein System weder mündlich noch schriftlich weiter behaupten wolle, seine Feinde zu beschwichtigen; er suchte bei dieser Gelegenheit eine größere Freiheit im Denken und Schreiben zu bewirken, würde aber dem Znquisitivnsgerichte schwerlich entgangen sein, wenn nicht der Großherzog, die Gefahr ahnend, ihn zurückberufen hätte. Die Erscheinung dreier Kometen, im I. 1618, gab ihm Veranlassung, allgemeine Betrachtungen über diese Körper mitzutheilcn. Sein Schüler, Mario Guiducci, machte dieselben zum Gegenstände einer Schrift, worin er den Jesuiten Grassi scharf beurtheilte; dieser, welcher G. für den Verfasser hielt, griff denselben an. G- antwortete in seinem „8sMi»tc>re", einem Meisterstücke von Beredtsamkeit; zog sich aber dadurch die Feindschaft der Jesuiten zu. Geraume Zeit nachher arbeitete er sein berühmtestes Werk aus, worin er, seiner Rechtfertigung halber, drei Personen redend cinführt, von denen eine das Kopernicanische, die zweite das Ptolemäische System vertheidigt, die dritte aber Beider Gründe dergestalt abwägt, daß die Sache dem Anscheine nach unentschieden bleibt, so wenig auch das Übergewicht der für das Kopernicanische System aufgestellten Beweise zu verkennen ist. Mit diesem Werke, in welchem die größte Eleganz des Stils mit dem strengsten und zugleich faßlichsten Vortrage gepaart sind, begab sich G. im 1. 1630 nach Rom, und es gelang ihm, das Imprimatur zu erlangen. Nachdem er eine gleiche Erlaubniß in Florenz ausgewirkt hatte, ließ er es daselbst unter dem Titel „vislogo <1i Llalileo t-»I>Iei, ckove ne' congrsssi cki qusttro giornste si ckiscorre eie' eine massimi sisteini, Tolemaico e 6operoicsno" (1632) erscheinen. Kaum war dasselbe erschienen, als es von den Aristote- likern, am heftigsten aber von Scipione Chiaramonti in Pisa angegriffen wurde. Papst Urban VIII., der als Cardinal G.'s Freund gewesen, wurde dessen grausamster Verfolger, da man ihn zu überreden wußte, G. habe in der Person des Simplicio seiner Einfalt spotten wollen, daß er den Druck eines so anstößigen Buchs erlaubt habe. So konnte es G.'s Widersachern nicht schwer werden, ihn den schimpflichsten Mishandlungen preiszugeben, zumal da sein Gönner Cosmo 11. gestorben und die Regierung zu Florenz in den schwachen Händen des jungen Fernando 11. war. Eine Congregation von Cardinälen, Mönchen und Mathematikern, inSgesammt geschworene Feinde G.'s, untersuchte sein Werk, verdammte es als höchst gefährlich und foderte ihn 1632 vor das Jnquisitionsgericht. Im Winter 1633 mußte er sich nach Rom begeben, und nachdem er einige Monate im Gesängniß geschmachtet, wurde er endlich verdammt, die großen Wahrheiten, die er behauptet hatte, am 20. Juni 1633, knieend, die Hand aufs Evangelium gestützt, förmlich abzuschwören. In dem Augenblicke, da er wieder aufstand, soll er, beschämt, seiner Überzeugung zum Trotz geschworen zu haben, mit dem Fuße gestampft und mit verbissener Wuth gesagt haben: „L pur si muove !" (Und sie bewegt sich doch!) Hierauf wurde er auf unbestimmte Zeit zum Kerker der Inquisition verurtheilt, sein „viala;;»" aber verboten und sein System, als der Bibel zuwider, verdammt. Später wurde die Kerkerstrafc in eine Verweisung in den bischöflichen Palast zu Siena und bald nachher in das Kirchspiel Arcetri unweit Florenz verwandelt. Hier lebte er auf seinem Landsitze, seine letzten Jahre hauptsächlich dem Studium der Mechanik und Ballistik wid- 696 GalmthiaS Galizien mend; Früchte davon waren zwei wichtige Werke über die Gesetze der Bewegung. Zugleich bemühte er sich, die Jupiterstrabantcn zu Längcnbcstimmungen zu benutzen, und wie- wol er damit nicht zu Stande kam, so war er doch der Erste, der systematisch über ein solches Mittel zur Bestimmung der geographischen Länge nachdachte. In seinen letzten Jahren wurden seine Augen vom Staar befallen; schon war das eine völlig blind und das andere fast unbrauchbar, als er noch 1637 die sogenannte Vibration des Mondes entdeckte. Blindheit, Taubheit, Schlaflosigkeit und Gliederschmerzen vereinigten sich, dem großen Manne seine letzten Lebensjahre zu verbittern; doch brachte er sie nicht müßig zu, und die Gesellschaft zahlreicher Schüler und Freunde erheiterte ihn. Er starb am 8. Jan. 1642 in den Armen seines jüngsten und dankbarsten Schülers, Vincenzo Viviani. Sein Körper wurde in der Kirche Santa-Croce zu Florenz bcigcsctzt und ihm hier l737 neben Michel Angelo ein prächtiges Denkmal errichtet. G. war klein von Gestalt, sein Körper aber gesund und fest; seine Gesichtsbildung war einnehmend und sein Umgang munter. Er liebte die Künste, namentlich Musik, Zeichenkunst und Poesie; den Ariosto konnte er auswendig; in seinen „6<,us>- äersrioni gl l'asso", die erst 1793 in Druck erschienen, zeigte er die Vorzüge desselben vor Tassd, den er oft mit Bitterkeit tadelt. Er besaß wenig Bücher und erklärte die Natur für das beste Buch. Sein Stil ist bündig, natürlich und fließend. Die vollständigste Ausgabe seiner Werke erschien zu Mailand (l 3 Bde., 1868). Galinthias oder Galanthias, eine Tochter des Prötus, die Dienerin und Freundin der Alkmene. Als sie die Parcen und Lucina oder die Juno mit verschränkten Händen vor der Wohnung der Alkmene sitzen sah, um die Entbindung derselben vom Hercules zu verhindern, täuschte sie dieselben durch die Meldung, daß Alkmene soeben von einem Knaben entbunden worden sei, worauf jene vor Schreck die Hände auseinanderschlugen, in dessen Folge die Niederkunst glücklich von statten ging. Zur Strafe für diesen Betrug wurde sie in eine Katze oder in ein Wiesel verwandelt. Hercules aber errichtete ihr aus Dankbarkeit einen Tempel, und die Thebaner begingen ihr zu Ehren ein Fest, Ealinthiadia genannt, welches, stets dem des Hercules »oranging. Galizien, ein zur östr. Monarchie gehöriges Königreich, im Westen vom östr. Schlesien, im Norden und Osten von Polen und im Süden von Ungarn begrenzt, zählt auf >576 IHM. gegen 4,600600 E. Das Land ist, trotz vieler sandiger und morastiger Gegenden, im Ganzen genommen sehr fruchtbar und liefert zur Ausfuhr Getreide, obschon der Feldbau noch nicht zweckmäßig genug betrieben wird. Der Obstbau fängt erst an, sich zu heben. Wilde und zahme Bienen geben Honig und Wachs als Gegenstände des Handels. Rindvieh wird in Menge gezogen und in andere Gegenden verhandelt. Die galizischen Pferde zeichnen sich durch ihre Leichtigkeit und Abhärtung aus und sind namentlich in der Bukowina von vorzüglicher Schönheit. An wilden Thieren findet man Wölfe, von denen in neuester Zeit jährlich im Durchschnitte 1500 erlegt wurden, Bären und Wildpret aller Act, vorzüglich viele Hasen; auch ist der Biber, doch nur in geringer Anzahl, einheimisch und lebt nomadisch in der Gegend von Grudeck und am Bugflusse. Eine Art Schildläuse liefert die sogenannte polnische zum Scharlachfärben benutzte Cochenille. Unter den Mineralien ist das Salz von großer Wichtigkeit, welches, durch alle bergige Theile des Landes verbreitet, als Steinsalz gegraben, oder auch aus Quellen ohne Gradirhäuser versotten wird. Berühmt sind besonders die Salzwerke von Bochnia und Wieliczka (s. d.). Eisen findet sich in de» meisten Gebirgen, das Erz ist aber nicht sehr ergiebig; Gold wäscht man aus der Bistriza; Flintensteine von vorzüglicher Güte werden besonders im bochnianer und stanisiawower Kreise gebrochen. Auch gibt es viele Alaunschieferbrüche, die aber wenig benutzt werden. Bei einigen mineralischen Quellen sind Badeanstalten errichtet. Die Einwohner sind Polen (2,300000), Rußniaken (1,800000), Machen (300000), Juden, Deutsche und in cinzel- nen südlich gelegenen Theilen Armenier; Zigeuner trifft man häufig nomadisirend. Das ganze Königreich ist in 19 Kreise getheilt; die Regierung wird von der galizischen Hofkanzlci in Wien geleitet; in der Hauptstadt Lem berg (s. d.) aber ist der Sitz des Laudesguber- niums, welches alle Landesangelegenheiten besorgt, und des Appellationsgerichts, das die Justiz verwaltet. G. hat, die Bukowina (s. d.) ausgenommen, seit >776 gemeinsame Landstände, aus dem Herrendem Rittersiand und den wichtigsten Städten gebildet; die Galizin Gall 697 Geistlichkeit macht keinen besondern Stand aus, sondern Bischöfe und Äbte sind unter dem Hcrrenstande mit inbegriffen, zu dem die Fürsten, Grafen und Freiherren gehören. Die Stande versammeln sich jährlich einmal und haben das Recht, über die Herbeischaffung, Vcrtheilung u. s. w. der vom Hofe gemachten Federungen zu berathen, auch, wenn es nöthig ist, Vorstellungen an das Landesgubernium zu machen. Für den höhern Adel hat man > 7 Erzämter errichtet, die aber nicht erblich sind. Die Kunsterzeugniffe des Landes sind nicht erheblich; doch gibt cs Tabacksfabriken, Leinwand- und Tuchmanufacturen, auck viele i Glashütten; zur Beförderung des Handels, der größtenteils in den Händen der Juden ist, hat man gute Straßen angelegt. Die herrschende Religion des Landes ist die katholische; ein Erzbischof hat zu Lemberg seinen Sih. Doch gibt es auch viele unirte und nicht unirte Griechen und Armenier, welche unter eigenen Bischöfen stehen, sowie zahlreiche Juden unter einem Oberrabbiner. Die Angelegenheiten der Protestanten besorgt der Superintendent zu Lemberg. Für gelehrte Bildung wirken die Universität zu Lemberg und sechs Gymnasien in den wichtigsten Städten des Landes. G-, dessen Name aus dem slaw. Halicz entstanden ist, gehörte seit dem Ende des 9. Jahrh. zu Rußland; im 19. Jahrh. wurde es von den Polen erobert, kurze Zeit nachher aber ihnen durch Rußland wieder entrissen. Seit dem 1 2. Jahrh. ! als Fürstcnthum in einer gewissen Abhängigkeit von Ungarn, wurde es zu Ende dieses Jahrhunderts mit Wladimir vereinigt, zu Anfänge des 13. Jahrh. zum Königreich erhoben, um die Mitte dieses Jahrhunderts mit Lithauen verbunden und l3l1 nebst Wladimir zu Moskwa geschlagen, t 3-19 aber vom Könige Kasimir lll. von Polen in Besitz genommen, dem der König von Ungarn seine Ansprüche auf G. abtrat, während Lithauen durch die Überlassung Wladimirs abgesunden wurde. Durch den König Ludwig dm Großen von Ungarn von neuem erobert, kam G. nebst Lemberg durch die Vermählung Hedwig's, der Tochter Ludwig's, 1382 wieder an Polen, bei dem es nun bis zur Theilung dieses Landes im I. 1773 verblieb. Bei dieser ersten Theilung Polens kam G. mit Einschluß einiger Stücke, die bisher zu Kleinpolen gehört hatten, unter dem Titel des Königreichs Galizien und Ludomerien oder Lodomericn, den die Kaiserin Maria Theresia schon 1769 angenommen hatte, an Ostreich, das 1786 die Bukowina, die schon seit 1777 Lstreichisch war, damit vereinigte. Als Ostreich bei der letzten Theilung Polens im J. 1795 neue Erwerbungen (869 IHM. mit 1,397909 E.) in Polen machte, erhielten diese den Namen West-oder Neugalizien, die alten aber wurden nun Ost-oder Altgalizien genannt. Seitdem schwand in der Lstr. Kanzleisprache der Name Galizien und Ludomerien, an den nur noch der Titel und das Wappen des Kaisers von Ostreich erinnern. Westgalizien nebst Krakau und den, Bezirke um die Stadt auf dem rechten Weichseluftr, sowie den jamoscer Kreis in Ostgalizien (957 OlM- mit 1,-179990 E.) mußte Ostreich im wiener Frieden von 1899 an Napoleon abtreten, um mit dem Herzogthume Warschau vereinigt zu werden; an Rußland trat es von Ostgalizien 16-1 OlM. mit-190990 E. ab. Im pariser Frieden blieb Westgalizicn bei Polen, während der an Rußland abgetretene Theil von Ostgalizien an Ostreich zurückgegeben wurde. Ein Theil des von Ostgalizien an Polen abgetretenen Terrains aber wurde zur Republik Krakau erhoben. Galizin oder Gallizin, s. Galyzin. Gall (Franz Jos.) wurde am 9. März 1758 zuTiesenbrunn in Würtemberg geboren. Er studirte in Strasburg und Wien Mcdicin und machte sich an letzterm Orte als praktischer Arzt und durch seine „Philosophisch-medicinischen Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen" (Bd. 1, Wien 1792) vortheilhaft bekannt. Eine weit größere Berühmtheit erlangte er jedoch durch seine Vorlesungen über die S ch ä - dellehre (s. d.), die ihm aber in Wien erst gänzlich untersagt und dann nur in beschränktem Maße gestattet wurden. Später wiederholte er diese Vorlesungen während einer Reise durch Deutschland auf mehren Universitäten und in großen Städten, wobei er ebenso viele Anhänger als Gegner fand. Nachdem er sich hierauf nach Paris gewendet, suchte er seine Lehre theils durch Vorträge, theils im Verein mit seinem Freunde Spurzheim (s. d.) durch das große Werk „Anatomie et pli);iologie <1u Systeme nerveux en ßpneral et ciu cervesu ev pmticulier, etc." (-1 Bde., Par. 1819—29; 2. Aust., 6 Bde, 1822—25, nebst einem Atlas mit 199 Kpftaf. in Fol.) weiter zu verbreiten. Gegen mehre ihm besonders von pari- kN8 GallaiS Gallapfel scr Gelehrten gemachten Einwürfe vertheidigte er sich in der Schrift „Des d>8po8,tion8 inner, de I'üme et de I'e8prit, on du m»terislisme, liberte morale" (Par. >812), deren Inhalt später in das Hauptwerk überging. Nebenbei als praktischer Arzt ziemlich beschäftigt, lebte er seinen Studien auf seinem Landsitze zu Montrouge bei Paris. Er starb am-22. Aug. 1828. Wenn auch sein System meist auf vorgefaßten Meinungen beruht, deren Unhaltbarkeit durch Erfahrung und Beobachtung hinlänglich dargethan ist, so hat er sich doch durch seine Entdeckungen in der Anatomie und Physiologie des Gehirns in der Geschichte der Medicin einen bleibenden Namen, sowie durch Anregung mancher wichtigen philosophischen und psychologischen Fragen ein großes Verdienst erworben. ' Gallais (Jean Pierre), sranz. Geschichtschreiber und Journalist, geb. zu Doue am l8. Jan. 1756, war beim Ausbruche der Revolution, gegen deren Principien er sein ganzes Leben hindurch beharrlich ankämpfte, Professor der Philosophie an einem Benedic- tinercollegium und wurde hierauf Mitarbeiter an dem unter des Abbe de Fontenai Leitung erscheinenden Journal general", in welchem er seine royalistischen Grundsätze mit vieler Kühnheit verfocht. Nach Ludwig's XVI. Hinrichtung ließ er seinen „^ppsl »la postente sur lesugement du roi, 18 janv. 1793" (4. Aust., Par. 1814) erscheinen, der dem Verleger Weber, weil er den Verfasser nicht nennen wollte, den Tod unter der Guillotine, ihm selbst aber eine Zeit lang Gefängniß brachte. Nach dem 18. Fructidor proscribirt, mußte er flüchten. Wieder nach Paris zurückgekehrt, redigirte er nacheinander den „Kece88sire »» rourrier du corp8 Ieg>8latik", den „Iudi8pen8<»ids", das „Hulletin politie;ue", den „kubli- riste" und zehn Jahre hindurch, bis 1811, das „äournal de karm". Nach der Restauration schrieb er auch für die „Huotidienne". Im I. 1820 wurde er Professor der Beredtsamkeit und Philosophie an der Rechtsschule zu Paris, starb aber noch in demselben Jahre am 26. Oct. Von seinen größer« historischen, aber freilich sehr parteiischen Werken sind die „Uwtoire de lu revolutiou du 18 fructidor", die „iimtoire de Is revolutiou du 18 brumsire et de Ilonaparte" Bde., Par. 1814 — 15) und die „blmtoire de la revolutiou du 20 mars", welche den fünften Band des vorigen Werks bildet, sowie die „llwtoire dekrance depuisl» inort de I^ou>8 XVI su8igu' au traite de psix du 20 nov. 1815" (2 Bde., Par. 1820, 3 Bde., 1821) die bedeutendsten. Scharf beurtheilt er seine Zeit in den „üloeuro et csrscte- re8 du I9ieine oiecle" (2 Bde., Par. 1817). Galland (Ant.), Orientalist und Numismatiker, geb. 1646 zuRollot bei Montdidier in der Picardie, begleitete 1670 den sranz. Gesandten Nointel nach Konstantinopel und dann nach Jerusalem. Später machte er noch zwei Reisen nach dem Orient. Nach der Rückkehr von der dritten, die er 1670 unternahm und bei der er von Colbert und dann von Louvois unterstützt wurde, lebte er, in seine Arbeiten vertieft, erst in Paris und hierauf zu Caen. Er wurde 1701 Mitglied der Akademie der Inschriften, 1709 Professor der arab. Sprache am College de France und starb am 17. Febr. 1715. Der größte Thcil seiner Schriften betrifft die Numismatik und den Orient; den allgemeinsten Ruf aber verschaffte ihm seine Übersetzung der ,MiIle et uns nuit8, couteo sruboo" (12 Bde., Par. 1704 — 8; zuletzt Par. 1840). Außerdem sind zu bemerken seine „I?arole8 reiusryuable8, bou8 iuot8 et umximes de8 Orieutuux" (Par. 1694 und öfter) und „l.es coute8 et lables iudieone8 de Lidpsi et de Ukuisn" (2 Bde., Par. 1724; zuletzt Par. 1840). Gallapfel. Eine nicht unbedeutende Zahl Insekten sehr verschiedener Ordnungen, hauptsächlich aber die Gallwespen, von welchen man viele Arten kennt, legen ihre Eier in angebohrte Blätter, Blattstiele und Knospen gewisser Pflanzen, welche sie selten oder nie mit andern verwechseln. Die Verwundung der Pflanzentheile ist nicht allein mechanisch, indem wahrscheinlich während des Stichs ein sehr reizendes Gift in die angcbohrte Stelle fließt, welches ein Zuströmen der Säfte und hierdurch einen ungewöhnlichen weichen, gefärbten, später verhärteten oder wollig werdenden Auswuchs veranlaßt. In diesem mit der Zeit wachsenden Neste werden nicht allein die Eier ausgebrütet, sondern es finden auch die ausgekrochenen Jungen dort anfangs ihre Nahrung. Haben sie sich durch die Wandungen dieses Auswuchses hindurchgefressen, so vertrocknet dieser und nimmt eine mehr faserige oder lederartige Textur an. Zwar werden die meisten Pflanzen durch oft mikroskopisch kleine G allinfekten heimgesucht, indeß haben nur die Auswüchse der Eiche (auf welcher an 20 Arten von Gall- Galla» (Volk) Galla» (Matthias, Graf von) 699 insekte» Vorkommen) unter dem Namen Galläpfel für technische Zwecke Anwendung ge- ^ funden. In denselben herrscht eine eigenthümliche Säure (Gallussäure) so stark vor, daß sie für Zwecke d§r Färberei und zur Bereitung der Tinte kaum entbehrlich sind. Die beste Sorte von Galläpfeln (Knoppern, levantische Galläpfel) kommt von tzuorcus inkecto- ria, einer in Syrien und Mesopotamien wachsenden Eichenart; schlechter sind die südeuro- xäischen, am wenigsten zu gebrauchen die norddeutschen. ! Gallas, ein Negervolk, dessen Heimat der nordöstliche Theil des großen Tafellandes ! der Südhälste von Afrika, südlich von Abyssinicn ist, tragen, obschon im Allgemeinen zur Negerrace gehörig, doch nicht den reinen Typus derselben, sondern bilden mit denFulahs (s. d.), Mandingos und Nubas den Übergang zur kaukasischen Race und gehören, wie es scheint, der großen Völkerfamilie an, welche das östliche Afrika von der Grenze des Kap- landes bis nach Abyssinien hinauf bewohnt und gewöhnlich mit dem Namen der kaffrischen bezeichnet wird. Ihrer körperlichen Beschaffenheit nach sind die Gallas ein schönes, kräftiges Geschlecht; nicht minder zeichnen sie sich vor den andern Negerstämmen durch Energie und kriegerischen Geist wie durch geistige Fähigkeiten aus. Sie erscheinen in der Geschichte zuerst I im 16. Jahrh. als ein aus dem Innern Afrikas erobernd hervorbrechendes Barbarcnvolk, - das seitdem durch fortwährende Einfälle die Länder des ostaftik. Gebirgsgebiets bis zu den Hochgebirgen Abyssiniens überschwemmend heimsuchte und furchtbar verwüstete, die ursprünglichen Bewohner derselben nach und nach unterjochte oder verdrängte, einen großen Theil Abyssiniens besetzte und bis zum Rothen Meer und dem Meerbusen von Aden vordrang. Erst in neuester Zeit scheinen ihre Macht in Abyssinien und ihre Einfälle dahjn ab- genommcn zu haben, besonders in Folge der kräftigen Regierung des Königs von Schoa, der nnige Gallasstämme unterworfen und zur Annahme des Christenthums bewogen hat'; doch ^ halten sie noch immer viele Landstriche Abyssiniens besetzt und erstrecken ihre Herrschaft weit- » hin in unbestimmbaren Grenzen über die südlich und südwestlich von Abyssinien gelegenen Landstrecken, wohin jetzt auch vorzüglich ihre Raubzüge zu gehen scheinen. Die Gallas bil- ! den keine politische Einheit, sondern zerfallen in eine Menge größerer und kleinerer Stämme,. die-besondere Gemeinwesen bilden und sich häufig untereinander bekriegen. Die meisten Gallasstämme sindHirtenvälker geblieben und bewahren nebst der diesen Völkern eigenthüm- lichen Lebensweise noch ganz die alte Wildheit ihrer Vorfahren; einige aber, die neben und unter abyss. Völkern wohnen, sind Ackerbauer geworden und haben sich etwas civilisirt. (S. A byssinien.) Die wilden, nicht seßhaften Gallasstämme beschäftigen sich neben dem Hirtenleben auch viel mit der Jagd und dem Sklavenhandel. Der Mehrzahl nach sind sie noch Heiden, doch hat der Islam unter den um Kassa und Narca und nach der Meersküste ! zu Wohnenden, die viel mit mohammed. Völkern in Berührung kommen, große Fortschritte gemacht. Nur wenige Gallasstämme, so unter andern einer im Innern Abyssiniens, haben sich zum Christenthume bekehrt. Galla» (Matthias, Graf von), kaiserlicher General im Dreißigjährigen Kriege, gcb. >589 aus einer im Tridentinischen angesessenen Familie, machte mit einem lothringischen Edelmanne, dem er zuvor als Page gedient hatte, 1616 seinen ersten Feldzug in dem span. Kriege gegen Savoyen, trat aber bald darauf in die Dienste des Kaisers und der Ligue und wurde zu Anfänge des Dreißigjährigen Kriegs zum Obersten befördert. Besonders zeichnete ! er sich in dem Feldzuge gegen die Dänen aus, commandirte dann nach dem Frieden von Lübeck im I. 1629, als General, ein kaiserliche- Truppencorps in Italien und eroberte Mantua, wobei er reiche Beute machte. Darauf zum Reichsgrafen erhoben, übernahm er 1631 das Commando eines Theils des bei B r e i t e n f e l d (s. d.) von den Schweden geschlagenen Heers, deckte Böhmen und focht dann gegen Gustav Adolf bei Nürnberg und Lützen. Da er es vorzüglich war, welcher Wallenstein an den Kaiser vcrrieth, so erhielt er nach dessen Tode nicht nurdieHerrschaft Fried l and (s.d.) sondern auch den Oberbefehl und errang bei Nördliugen über den Herzog Bernhard von Weimar den Sieg, in Folge dessen das südwestlich! Deutschland wieder in die Gewalt des Kaisers kam. Im 1.1637 focht er gegen Bane'r und Wrangel in Pommern, mußte aber zu Ende des 1.1638 mit seinem geschwächten Heere sich nach Böhmen zurückziehcn und das Commando niederlegen. Trotz seines Unglücks und seines erprobten Mangels an Feldherrntalent wurde er >643 abermals an die Spitze des Heer- 7D0 Galle Hallego gegen Torstcnson gestellt. Vergebens suchte er denselben in Holstein, bis wohin er ihm au- Schlesien gefolgt war, einzuschließen; vielmehr wurde er durch eine geschickte Wendung Tor- stcnson's genöthigt, sich mit großem Verluste wieder an der Elbe hinaufzuzirhen, worauf er den Commandostab an Hatzfeld (s. d.) abgeben mußte. Nochmals übernahm er UU; den Befehl über die bei Jankowitz geschlagenen kaiserlichen Truppen und starb 16-17 m Wien. Seine ncuerworbcneHerrschaft Friedland vergrößerte er durch Ankauf mehrer böhm. Güter, und seine Nachkommen breiteten sich auch in Schlesien aus, doch erlosch sein Manns- stamm schon in der Mitte des 18. Zahrh., worauf der Erbe von Friedland, Graf Clam, den Beinamen Gallas annahm. Galle (lrilis, kel) heißt die Flüssigkeit, welche in der Leber aus dem Blute ausgeschieden und in den Darmkanal übergeführt wird, wo sie bei der Verdauung mitwirkt. Sie wird aus den unzähligen kleinen Gallengängen (cluetus biliterl) theils in den Lebergang (»luctus iiepsticus), theils indie G allenb. ase (cMis S6U vesics keile»), einen birnförmi- gen, an der untern hintern Fläche der Leber angehefteten häutigen Sack, geleitet, aus welcher wieder ein Kanal (cknctus cMious) hervorgeht, der sich mit dem Lebergang zum gemeinschaftlichen Eallengang (lluctus clwleckoclms) vereinigt, durch welchen endlich die Galle in den Zwölffingerdarm Übertritt. Sie ist eine der zusammengesetztesten Flüssigkeiten, grünlich- oder bräunlich-gelb, in den kleinern Gallengängen Heller und flüssiger, in der Gallenblase dunkler und weniger flüssig, von bitterm Geschmack und fadem, süßlichem Geruch. Über die die Galle bildenden Stoffe haben die Analysen der berühmtesten Chemiker noch kein ganz übereinstimmendes Resultat geliefert. Die Gallensecretion ist eine der wichtigsten thierischen Functionen und selbst bei sehr niedern Thierclafsen zu finden. Ihrer verschiedenartigen Br- standtheile wegen ist die Galle vielen krankhaften Veränderungen ausgesehr, die einen be> deutenden'Einfluß auf den ganzen Organismus ausüben. Dahin gehören namentlich die Gallensteine (csleuli ksllei, cbolelitki), harte, in ihrer chemischen Zusammensetzung der Galle mehr oder weniger gleiche Concrcmente von verschiedener Größe und Gestalt, die sich bald einzeln, bald in größerer Anzahl in der Gallenblase, den Gallengängen, der Leber, dem Magen oder Darmkanale finden. Ihre Entstehung ist sehrschwer zu erklären und ihre Gegen- wartoft nicht leichtzu erkennen, da sie zuweilen gar keine oder nur geringe, in andern Fällenje- dvch sehr heftige Beschwerden herbeiführcn, die selbst den Tod verursachen können, besonders wenn sie die Gallengänge verstopfen und so den Übertritt der Galle in den Darmkanal verhindern. Ihre Entfernung stößt oft auf unüberwindliche Hindernisse. (S. auch G a llcn- fi e b e r.) — Die Ochsengalle (lei t»»rim,m) wird häufig als Arzneimittel bei Gallenkrankheiten angewendet. Gallego (Don Juan Nicasio), span. Dichter, geb. 1777 zu Zamora, erhielt auf der Universität zu Salamanca seine Bildung. Nachdem er im I. l 800 seine Studien vollendet und die Priesterweihen erhalten hatte, begab er sich nach Madrid, wo er die Bekanntschaft Quintana'- und Cienfuego's machte und mit dem Erstem einen alle Stürme ihres wechselvollen Lebens überdauernden Freundschaftsbund schloß. Im Mai 1805 wurde er königlicher Hoskapellan und im Oct. desselben Jahrs geistlicher Director der Erziehungsanstalt für die Edelknaben des Königs, welches Amt er bis zum Einzuge der Franzosen in Ätadrid bekleidete. Als Dichter erregte er zuerst die allgemeinere Aufmerksamkeit durch seine „Oll» » Buenos ^res" (1807), der die „Liegt» »l Dos Oe iVls^n" (1808) und die „Oüs s lam- tiuencis ciel entusinsmo püblico en Iss srtes" (1808) folgten, die aber erst nach 1832 im Druck erschien. Als die Franzosen zum zweiten Male in Madrid einzogen, flüchtete er mit der legitimen Regierung nach Sevilla, später nach Cadiz und kehrte erst mit derselben wieder nach der Residenz zurück. In dieser Zwischenzeit hatte er eine Präbende in Murcia erhalten; auch war er von der ersten Regentschaft zum Dom-Chormcister auf der Insel San-Domingo ernannt worden, welche Würde er jedoch nie wirklich antrat. Als Deputirter nahm er drei Jahre hindurch an den Sitzungen und Arbeiten der Cortes von Cadiz Theil. Unter den patriotischen Liedern, die er während dieses Zeitraums verfaßte, zeichnet sich das Sonett an den Lord Wellington nach der Einnahme von Badajoz aus. Nach der ersten Restauration wurde er nach 18monatlicher Einkerkerung in ein Karthäuserkloster Andalusiens verwiesen. Während dieser unfreiwilligen Muße schrieb er die beiden Elegien auf den Tod des Herzogs von Gallegos Galletti 701 Fernandina und den Tod der Königin Jsabella, welche letztere 1819 zu Madrid im Druck erschien. Nächstdem übersetzte er aus dem Französischen des Arnault die Tragödie „Oscar Kijo >lc Osisn" (Madr. 1818), die in Madrid zur Aufführung kam. Beim Ausbruche der Revolution im I. 1820 erlangte auch er seine Freiheit wieder und wurde zum Kanonicus der Metropolitankirche von Sevilla ernannt. Im I. 1830 schrieb er eine Elegie aus den Tod der Herzogin von Frias, die in der ihrem Andenken geweihten Sammlung „Oorona luilebre" abgedruckt ist; sein letztes größeres Gedicht ist eine Ode auf die Geburt der Königin JsabellaII. Gegenwärtig ist er königlicherRath, Mitglied der Generaldirection der Studien und beständiger Secretair der königlichen Akademie. Seine vorzüglichsten Gedichte finden sich in Wolfs „klarest-e cle rimas wockernas csstellanas". Alle seine Gedichte zeichnen sich durch reine, gefeilte Sprache, harmonischen Versbau und männlich vollen Stil aus. Gallegos, s. Galicien. Gallen heißen auf Äckern die sandigen (Sandgallen) und nassen Stellen (Naß- gallcn). Bei den Pferden nennt man Gallen kleine Geschwülste oder Blasen, die entweder als Folge einer Erkältung, oder durch Mishandlung, zu große Anstrengung oder schlechte Behandlung beim Reiten oder Fahren an verschiedenen Stellen der Extremitäten entstehen und eine in ihrer ganzen Ausdehnung weiche, meist nicht schmerzhafte Geschwulst bilden. Sowol die über dem Fcsselgelenk befindlichen sogenannten Flußgallen, wie die Kniegallen verursachen Hinken. Gallenfkeber (kcbris bilwsa) ist eine fieberhafte Krankheit, die hauptsächlich in vermehrter Absonderung einer krankhaft veränderten G alle (s. d.) besteht. Ursachen derselben sind Congesiionen des Bluts nach der Leber oder der gallige Zustand (status biliosus, p«I> - cliolis), ein krankhaftes Übergewicht der Galle im Körper, welches bei gehöriger Lebensart auch lange mit relativer Gesundheit bestehen kann. Bei dem Gallenfieber treten zuerst allerlei Verdauungsstörungen mit Zeichen der G elbsucht (s. d.) ein, denen sich bald deutliche Zeichen eines nachlassenden Fiebers (s. d.) zugesellen. Verläuft die Krankheit regelmäßig, so wird die fehlerhafte Galle früher oder später durch Erbrechen oder durch kritische Stühle ausgelcert, worauf auch das Fieber unter den kritischen Erscheinungen im Urin, Schweiß u. s. w. sich verliert. Nicht selten aber nimmt das Fieber den entzündlichen oder fauligen Charakter an oder geht in Gehirn- oder Leberentzündung über. Am meisten kommt das Gallenficber vor bei Menschen von cholerischem Temperamente, endemisch in heißen Küstenländern und epidemisch nach heißen und zugleich feuchten Sommern. Es ist stets eine nicht unbedeutende Krankheit, die auch in der Behandlung manche Schwierigkeiten darbietet und manchmal theils beschwerliche, theils gefährliche Nachkrankheiten hinterläßt, z. B. Leberverhärtungen, Verdauungsbcschwerden, Gelbsucht, Wassersucht, Durchfälle u. s. w. Gallert, ftanz. gelee, heißt die aus Muskeln, Sehnen, Knorpeln, Haut, Knochen, Hirschgeweihen u.s.w. ausgezogene, durchsichtige, zähe, geschmack- und geruchlose, in Wasser lösliche Flüssigkeit. Früher gewann man sie durch Zermalmen und Auskochen der Substanzen; besser aber ist das von D'Arcet (s. d.) angegebene Verfahren, nach welchem durch verdünnte Schwefelsäure der phosphorsaure Kalk ausgezogen und die Substanz erst kurze Zeit in heißes und dann in kaltes Wasser gebracht wird. Erkaltet erhält diese Masse auch den Namen Sülze. Wird aber das Einkochen oder Abdunsten der geklärten Gallert bei gelinder Wärme bis zur rechten Consistenz fortgesetzt, so erhält man beim Erkalten getrocknete Gallert, die in Tafeln geformt unter dem Namen Suppen- oder Bouillontafeln zum Verkauf kommt und sich, wenn ihr Gewürz zugesetzt wird, vortrefflich zur Bereitung von Fleischbrühen eignet, auch, statt der Hausenblase, zum Klären des Weins und Kaffees, zum Schlicht der Weber u. s. w. dient und gegenwärtig zu einem solchen Grade der Vollkommenheit gelangt ist, daß sie ausschließend zur Abklärung der geistigen Getränke angcwendet wird. Gelee nennt man übrigens auch den mit Zucker eingekochten Saft mehrcr Früchte. (S. Marmelade.) Galletti (Joh. Georg Aug.), ein bekannter deutscher Geschichtschreiber, geb. zu Altenburg am 19. Aug. 17SO, studirte seit >705 zu Göttingen unter Pütter und Schlözer die Rechte und Geschichte. Als Hauslehrer des nachmaligen Geheimcnraths und Kammerpräsidenten von Schlotheim zu Gotha schrieb er für seinen Zögling mehre kleine Handbücher, die er mittels einer Handpresse selbst druckte. Im 1. 1772 wurde er Collaborator, 1783 708 «M Gallteanifche Kirche Professor am Gymnasium zu Gotha; auch 1816 vom Herzoge von Gotha zum Hoftath, Historiographen und Geographen ernannt. Nachdem er 1819 seine Professur nicdergelegi hatte, starb er am 16. März 1828. G. war ein ungemein fleißiger Sammler, und die Zahl seiner Schriften ist sehr bedeutend. Obschon er durch mehre derselben dieGeschichtc wesentlich bereicherte, so möchte doch das Verdienst, welches er sich um den Jugendunterricht durch Abfassung mehrer Lehrbücher erwarb, überwiegend sein. Unter seinen größer» Werken sind zu erwähnen „Geschichte und Beschreibung des Herzogthums Gotha" (4 Bde., Gotha 177S- 81); „Geschichte Thüringens" (6 Bde., Gotha 1782—85); „Lehrbuch der alten Staaten- . geschichte" (Gotha 1783; 3.Ausl., 1818); „GeschichteDeutschlands" (19 Bde., Halle >785 1 —96, -1.), ein Theil der großen höllischen „Weltgeschichte"; „Kleine Weltgeschichte" (27 Bde., Gotha 1787 — 1819); „Geographisches Taschenwörterbuch" (Lpz. 1867; 3. Ausl., Pesth 1821); „Allgemeine Weltkunde" (Lpz. 1807; 9.Aufl. von Cannabich undMeynert, Pesth 1830, 3.); „Geschichte der franz. Revolution" (3 Bde., Gotha 1809—10); „Allgc- meine Kulturgeschichte der drei letzten Jahrhunderte" (2 Bde., Gotha 1813); „Geschichte der Staaten und Völker der alten Welt" (Bd. 1—3, Berl. 1825—26) und „Geschichte der . Fürstenthümer derHerzoge von Sachsen von der gothaischen Linie des Ernestinischen Hauses" (Gotha 1825). In die unter seiner Mitwirkung und Leitung von Hahn herausgegebene „Cabineksbibliothek der Geschichte" lieferte er die „Geschichte von Griechenland" (2 Bde., Gotha 1826) und die „Geschichte des osman. Staats" (Gotha 1826). Seine Lehrbücher wurden sehr oft aufgelegt, namentlich das „Elementarbuch für den ersten Unterricht in der Geschichtskunde", das „Lehrbuch für den Schulunterricht in der Geschichtskunde" und die „Allgemeine Weltgeschichte". Galli (Fernando), s. Bi die na. Gallicanische Kirche ist der lat. Name, mit welchem die katholische Kirche des franz. Reichs bezeichnet wird. Das Unterscheidende dieser Kirche besteht weder in der Lehre noch in den Gebräuchen, welche mit den im ganzen Umfange der katholischen Kirche emgc- ! führten Übereinkommen, sondern darin, daß sie von jeher eine größere Unabhängigkeit von I dem päpstlichen Stuhle behauptete, indem sie an alle nach Karl des Großen Zeit erlassene Dccretalen sich nicht gebunden hält und allen Einfluß des Papstes auf die weltliche Gerichtsbarkeit und die Majestätsrechte ablehnt. Gesetzlich wurde diese Freiheit zum Theil schon durch diePragmatische Sanction vom 1.1269, die unter Ludwig IX. zu Stande kam, in weiterer Ausdehnung aber durch die 1338 zwischen dem Papste und Karl VII. geschlossene pragmatische Sanction, welche die Beschlüsse des Concils zu Basel (s. d.) für die stanz Kirche mit einigen Modifikationen bestätigte. Eine abermalige Bestätigung und Erweiterung der franz. Kirchenfreiheiten erfolgte im 1.1682 durch die „Hustiinr propositiones , cleri gallicsui". Es entstand nämlich zwischen Ludwig XIV. und Jnnoccnz XI. ein Streit , über das bisher von den Königen von Frankreich ausgeübte Recht, la regal«: genannt, zu- folge dessen sie während der Erledigung eines Bisthums die niederer geistlichen Stellen in ' demselben besetzten. Dieser Streit gab die Veranlassung, daß der König 1681 die stanz. Geistlichkeit zu Paris versammelte, welche folgende vier Artikel beschloß: 1) Der Papst hat in weltlichen Angelegenheiten kein Recht über Fürsten und Könige, darf auch deren Unter- thanen nicht vom Gehorsam gegen dieselben lossprechen; 2) er ist den Beschlüssen eines all- - gemeinen Conciliums unterworfen; 3) seine Macht bestimmen die in Frankreich allgemein angenommenen Canones und geltenden Satzungen des Reichs und der Kirche, und 3) auch ! im Glauben ist sein Urtheil nicht unabänderlich (irrslormskile). Obschon diese Artikel nicht die gehörige Anwendung fanden, so blieben sie doch als Reichs- und Kirchengesetz für die Könige Frankreichs eine zweckdienliche Waffe gegen die Anmaßungen der röm. Curie. Dü Revolution stürzte die kirchliche Verfassung Frankreichs gänzlich um; den Geistlichen wm- i den ihre Güter und Einkünfte genommen, die Schulen und Seminaricn zur Bildung der Geistlichen zerstört, ja die Religion selbst aufgehoben. (S. kretres iosermentes.) , Bonapartc stellte, als erster Consul der Republik, durch das mit dem Papste Pius VII. geschlossene Concordat 1801 die kirchlichen Verhältnisse wieder fest. Auch wurden von neuem Bildungsanstalten für die Geistlichkeit errichtet. Doch als Kaiser zerfiel er sehr bald wegen neuer Organisation der Kirche mit demPapste, nahm ihn gefangen und suchte durch Gewalt ! Gallieismus Gallien 702 zu erzwingen, wa§er vorher nicht erreicht hatte. Pius Vll. aber weigerte sich beharrlich, die vom Kaiser ernannten Bischöfe kanonisch einzusetzen, und so sah sich derselbe genöthigt, seit 1809 die franz. Geistlichkeit zu Berathungen zu versammeln. Da diese die Bestätigung der Bischöfe durch den Papst für unerläßlich erklärten, wurden neue Unterhandlungen mit dem Papste eingeleitet, der im Drange der Umstände 18 ll die vom Kaiser eingesetzten Bischöfe bestätigte und 1813 zu Fontainebleau ein Concordat mit Napoleon abschloß, das er jedoch, sobald er 1814 nach Rom zurückgekehrt war, als abgedrungen für nichtig erklärte. AM der Rückkehr der Bourbons kamen auch die vertriebenen Bischöfe zurück, woraufLudwig lli. j mit Papst Pius Vll. 1817 ein neues Concordat abschloß, welches in mehren Beziehungen die Misbilligung des Volks fand. (S. Con cordat.) Als die Jesuiten, welche immer mehr um sich griffen, die Freiheiten der gallicanischen Kirche vollends zu untergraben suchten, entstanden unruhige Bewegungen im Volke. Diesen zu begegnen, ließ die Regierung im I. 1824 alle Obern und Professoren der bischöflichen Seminarien und 1826 alle Bischöfe feierlich erklären, daß sie an den Satzungen von >682 festhielten. Die Julirevolution von >839 stürzte den Jesuitismus in Frankreich, und die modificirte tüimrts eooslitutionnellk vom 7. Aug. 1836 gewährte Freiheit des Cultus: „Omcuil prol'esse sa religston uvec uns egslo liberte, et obtieut ponr soll eilte In memo protection." Nur vorübergehenden Abbruch lhaten der gallicanischen Kirche der Saint - Simonismus (s. d.) und Chatel's Französisch-katholische Kirche (s. d.). Dagegen hat in neuerer Zeit der hohe Klerus, der zum größten Theil ultramontanen Tendenzen huldigt, den gallicanischen Kirchenfreiheiteu offenen Krieg erklärt, die er dadurch zu vernichten gedenkt, daß er der Universität die Oberleitung des Unterrichtswesens zu entwinden und sich anzueignen strebt. Gallieismus nennt man die in einer fremden Sprache fehlerhafte Nachbildung von solchen Ausdrücken, Wortstellungen und Wortfügungen, welche nur der franz. Sprache ei- genthümlich sind. Namentlich hat die spätere Latinität viele dergleichen Eallicismen ausgenommen, wie scientiue, d. i. Wissenschaften, nach dem franz. los Sciences u. s. w. Gallien (6»IIis) nannten die Römer sowol das Land zwischen den Pyrenäen und ^ dem Rhein, das Stammland der Gallier (6uI1i), von Rom aus jenseit der Alpen gelegen, daher 6ulliu trsnsulpinu, als auch den nördlichen Theil von Italien, Gallien diesseit der Alpen, 6slliu cisslpina. Mit dem letzternNamen wurde zunächst nur der Strich, in welchem eingewanderte Gallier sich niedergelassen hatten, bezeichnet, und hiernach erstreckte sich das eigentliche Cisalpinische Gallien von den Cottischen und Grajischen Alpen im Westen bis zur Etsch (^tkesis) gegen Osten, die es von dem illyrischen Volke, der Veneter trennte; im Norden begrenzten es diePenninischen und Rhätischen Alpen, im Süden bildete gegen die li- gurischen Ananen der Po (kuckus) die Grenze etwa bis dahin, wo er die Trebia aufnimmt; von da aus reichte Gallien südlich über den Po bis zu dem Kamm der Apenninen gegen ! Etrurien, und am Adriatischen Meere gegen Umbrien anfangs bis zum Flusse Aesis bei An- , cona, später nur bis zum Rubico zwischen Ravenna und Ariminum (jetzt Rimini). Als aber Ligurien, Venetien und Istrien mit dem cisalpinischen Gallien zusammen Eine röm. Provinz bildeten, wurde der Name des lehtern zur Bezeichnung derselben gebraucht und so auf ganz Oberitalien ausgedehnt. In den angegebenen Grenzen des eigentlichen cisalpini- ^ schen Galliens wohnten jenseit des Po, in der Oluiliu ti uuspsdunu, am weitesten nach Nordwest die Salasscr, wo Eporedia (jetzt Jvrea), ungefähr vom Fluß Sessitcs (jetzt Sesia) bis Brixia (jetzt Brescia) die Jnsubrer, welche Mediolanum (jetzt Mailand) gegründet hatten, und südlich vom Mens Lenucus (jetzt Gardasee) die Cenomanen, wo die alten Städte Verona und Mantua; neben diesen gallischen Stämmen hatten sich am obern Po noch ligu- rische, namentlich die Tauriner in der Gegend des jetzigen Turin (^uAustu Dsurinoruw) erhalten; in der nördlichen Alpenkette saßen keltische und rhätische Völkerschaften, wie die Lepontier nordwestlich vom I-ucus Vertmnns (jetzt I-sgo iVluMore), Camuner nordöstlich vom I-ucus I.uiäus (Comersee), und am I-ucus 8el>imis (Jseosee) die Eugancer. Diesseit des Po, ^ in der 6ulliu cispackunu, hatten die Bojcr, denen auch jenseit der Strich an der untern Addua (jetzt Adda) gehörte, im heutigen Parma und Modena bis über Bologna (ö<>- iwmu) hinaus, nordöstlich von ihnen an der Pomündung die Lingoner, südöstlich die Scno- nen Sitze gefunden. Die allmälige Einwanderung dieser Stämme, durch welche im Westen 704 Gallien Ligurer, im Osten Etrusker (s. Etrurien) und Umbrer verdrängt wurden, soll der Sage ' nach schon zur Zeit des altern Tarquinius, um 600 v. Ehr., durch die Jnsubrer, welche Bel- lovesus, der Sohn eines Königs der Biturigcr, aus dem Stammlande geführt habe, begonnen und erst nach dem Verlauf von zwei Jahrhunderten durch die Scnonen geschloffen worden sein. Historisch richtiger scheint, daß sie in rascher Folge überhaupt erst um das I. IW v. Ehr. geschah. Die spätesten Einwanderer, die Senoncn, drangen am weitesten südlich vor; im I. 396 zerstörten sie die umbrische Stadt Melpum, zogen dann über den Apennin vor das etruscische Clusium, und von dessen Belagerung, 70000 Mann stark, unter Brenn us (s- d.) gegen Nom, das sie nach der Niederlage der Römer an der Allia (-lies ^Iliensis, >8. Juli) im I. 390 bis auf das Capitol einnahmen und verbrannten. M. Furius Camillus (s. d.) schlug eine ihrer Scharen und vertrieb das Hauptheer mit Gewalt aus Rom, wo es sechs Monate gelagert haben soll; nach andern Nachrichten zogen die Gallier mit dem Golde, das sie für die Aufhebung der Belagerung deS Capitols erhalten hatten, ungestört ab, und gewiß wurden sie zunächst mehr durch innere Kriege als durch des Camillus Sieg von der , Erneuerung ihrer Züge abgehalten. Im 1.367 erst sollen wieder Gallier in Latium erschienen und von dem greisen Camillus geschlagen worden sein; in denJ. 361 (s.Manlius), 360 und 358 griffen sie Rom mit solcher Gewalt an, daß sich dieses nur durch die äußersten ^ Anstrengungen ihrer erwehren konnte, bis im I. 3-19 (s. Valerius) der Sieg des L. Furiers Camillus, des Sohns, welchem Vertrag und Friede folgte, ihren Zügen, die nicht blos gegen Nom sondern auch in das südlichere Italien gerichtet waren, ein Ende machte. Als Bundesgenossen der Samnitcn standen die cispadanischen Gallier wieder gegen die Römer im dritten samnitischen Kriege, wo die Niederlage bei Sentinum (s. Fabius und Decius) im I. 295 auch sie traf. Die Senonen unterwarf hieraus 283, da sie den Etruskern Hülfe geleistet, der Konsul Dolabella; im südlichsten Theile ihres Landes wurde die Colonie Sem (jetzt Sinigaglia) angelegt; die Bojer, die im selben Jahre mit den Etruskern am Vadimo- § irischen See besiegt wurden, erlangten Frieden. Ein neuer, vorzugsweise sogenannter G al- , lischer Krieg brach im I. 225 aus; durch die Vertheilung scnonischen Landes an Römer (s. Flaminius) gereizt, fielen die Bojer und Jnsubrer, durch Gäsaten (Krieger, von Epp, der Speer) aus dem transalpinischen Gallien verstärkt in Etrurien ein; Rom bot seine ganze Macht gegen sie auf und der Schlacht am Vorgebirge Telamvn im 1.225, in welcher lovuu Gallier fielen, folgte 22-1 die Unterwerfung der Bojer, und 223 und 222 die der Jnsubrer. Kaum waren die Colonien Cremona und Placentia (jetzt Piacenza), welche die Ruhe sichern sollten, im I. 219 angelegt, als Hannibal in Italien erschien. Zu ihm fielen nach der ^ Schlacht an der Trebia im I. 218 die Gallier ab, und auch nach dem zweiten punischen Kriege leisteten sie den Römern noch eine Zeit lang Widerstand, der endlich durch die Besiegung und theilweise Vertreibung der Bojer im I. 191 gebrochen wurde. Namentlich durch Ansiedelung von Colonien zu Bononia, Parma und Mutina wurde der cispadanische Theil i nun bald völlig romanisirt und daher nach der röm. Tracht der Toga mit dem Namen 6al- ! lia togsts belegt, welcher dann auch auf den transpadanischen Theil überging. In diesem ^ wurden zuletzt die Salasser im 1.113 zu einer doch nur scheinbaren Unterwerfung gebracht; ihre Räubereien beunruhigten dieStraße, die über den Kleinen Bernhard ins transalpinische Gallien nach dem Thal der Jsere (Isars) führte; daher ließ sie Augustus im I. 25 fast vernichten und in ihrem Gebiet die Militaircolonie Augusta Prätoria (jetzt Aosta) anlegem Auch die Völker der nördlichen Grenzalpen, über welche von Comum eine Straße ins rhä- lische Rheinthal führte, wurden unter Augustus im I. 15 unterworfen. Den Cispadanern war schon im I. 89 röm. Bürgerrecht, den Transpadanern lat. Recht gegeben und dies im 1.19 durch Julius Cäsar in Bürgerrecht verwandelt worden; dennoch blieb das cisalpinische Gallien mit Ligurien und Venetien röm. Provinz und als solche von einem Proconsul verwaltet. Erst unter den Triumvirn hörte dies auf im 1.13, und nun wurde das Land auch im politischen Sinne zu Italien, dessen Name schon vorher auf dasselbe ausgedehnt ward gerechnet, und die Rechtspflege darin durch ein uns zum Theil erhaltenes Gesetz (>ex L»- > Irris tlo 6s!1is cisslpüt») geregelt. Als Augustus Italien in elf Regionen theiltc, wurde Las Gebiet der Cenomanen zur zehnten, Venetia, geschlagen, das übrige transpadanische Gallien bildete die elfte, das cispadanische die achte, Ligurien die neunte Region Durch Gallien 705 blühenden Zustand des Gewerbes, namentlich in Wollen- und Linnenweberei, des Handels und des durch Fruchtbarkeit des Bodens begünstigten Ackerbaus, sowie durch dichte Bevölkerung zeichnete sich das Land damals vor dem übrigen Italien aus. Die Grenze des transalpinischen Galliens gegen Italien bildeten die Alpen und zunächst gegen Ligurien der kleine Fluß Varus (Var), der von den Seealpen her bei Mc»e» (jetzt Nizza) in das Mittelmeer fließt. An der Küste dieses Meers gründeten um das Z. 600 die griech. Phokäer, die vor Krösus aus Kleinasten flohen, Nassili» (Marseille), dessen Handel bald emporblühtc und das ein Sitz griech. Cultur in dieser Gegend war. Den 1 Römern schon früh befreundet, wurde es von ihnen im I. 151 gegen ligurische Völker, die von den Secalpen her ihre Pflanzstädtc 4ntchol,s und Kic»s» angegriffen, unterstützt. Die eigentlichen Eroberungen der Römer aber im transalpinischen Gallien begannen durch die Unterwerfung der keltisch-ligurischen Salyer oder Salluvier, gegen welche M. Fulvius (s.d.) den Massiliern im I. >25 zu Hülfe gesandt wurde und in deren Land C. Sextius 123 ä-pme Sextiae (jetzt Aix), die erste räm. Colonie im transalpinischen Gallien, gründete. Die Unterwerfung der Allobroger (s. d.) folgte 122 und 121 durch Cn. Domitius und Q-Fa- bius. Das Land wurde zur röm. Provinz und trug vorzugsweise den Namen krovinoi» r»- ! wuna (Provence); im Gegensatz gegen die (--»Ilia togst» wurde es auch, vondenlangen, weiten Hosen (brsccae), welche die galt. Bewohner trugen, 6»I!>» brsecsts, und dann das übrige transalpinische Gallien von der Sitte der Gallier, das Haupthaar (eows) lang am Scheitel zusammengebunden zu tragen, 6»l!i» comsta genannt. Die Grenzen der Provinz reichten nördlich über die Durance (vruentis), in deren Thal eine Straße über den Mont-Genevre führte, und die Jsere (ls»r») bis zur Rhone (Uliockanus) und dem Genfersee (D»cus De- wanus); nach Westen wurden sie bald über die Rhone, an deren östlichem Ufer die Ca- vares um Arles (dreiste) und Avignon (^venio) und nördlich von ihnen die Vocontier > wohnten, erweitert bis zu den Cevennen (8ebenns), deren Abhang dke Helvier inne hatten, und weiter südlich, wo durch die Volcä Arecomici um Nimes (I>iemsusus) und durch die Volcä ! Tectosages um Carcassonne (6src»so), Toulouse (Dolos») und Roussillon (Ruscino) die frü- > Hern iberischen Bewohner verdrängt worden waren, bis zu den Pyrenäen und der Garonne (6»rumns). Hier gründete im I. 118 Q. Marcius Rex die röm. Colonie Idlsrbo Nsrtius (Narbonne). Nachdem der Sturm der Ci mb ern (s. d.) und Teuton en (s.d.) durch Marius glücklich bestanden war, hatten die Römer ruhigen Besitz. Im Laufe von acht Jahren , (58—51) unterwarf Julius Cäsar (s. d.) das ganze übrige transalpinische Gallien, d. h. das Land, das im Süden von den penninischen Alpen und der Provinz und den Pyrenäen, im Westen durch den Occan begrenzt, im Osten durch die breite Alpenkette des obernNhein- thals von Rhätien, dann durch den Rhein und den Vodensce (DacusDri^Äntinns) von Vin- delicien, weiterhin durch den Rhein bis zu seinen Mündungen von den Germanen geschieden wurde. Nach den drei durch Sprache, Sitten und Einrichtungen verschiedenen Völ- kermafsen, die Cäsar in diesem Lande vorfand, scheidet er dasselbe in seinen „Commenta- rien über den gall. Krieg" in drei Theile. Der südlichste, Aquitanien (s. d.), zwischen Pyrenäen und Garonne, war von mehr als 20 kleinen Völkerschaften bewohnt, die dem Volks- stamm der Iberer (s.d.) angehorten, gänzlich verschieden von dem der Kelten (s.d.). Dem letztem, in dem Sinne, in welchem wir das Wort brauchen, gehörte die Bewohnerschaft , der beiden übrigen Theile an: die eigentlichen Gallier oder, wie sie nach Cäsar sich selbst mit einem nur der Form nach verschiedenen Namen nannten, Kelten, desselben Stamms wie die Gallier der Provinz und des cisalpinischen Gallien, und die Beigen (I3elg»e), ih- neu stammverwandt, aber doch mit hinlänglicher Eigenheit, auch der Sprache, um von dem Römer von jenen abgesondert zu werden. Die Beigen sowol als die eigentlichen Gallier zerfielen in viele Völkerschaften, die ebenso viele Staaten bildeten, nur daß häufig kleinere unter der Schutzherrschaft eines größer« standen. Gallier und Belgen waren groß und stark, von Heller Farbe und blondem Haar, beide tapfer, diese noch mehr als jene; Fußvolk und Rei- ! terei, die trefflich war, kämpften häufig untermischt; auch Streitwagen (essockae) hatten sie im Gebrauch. Aufgeweckten Geistes und rührig werden sie zugleich als stolz, veränderlich und immer zu Neuerungen geneigt geschildert. Bei beiden Stämmen übte die Priesterschaft der Conv.-Lex. NeunteÄufl. V. 45 706 Gallien Druiden (s. d.) einen großen Einfluß den sie bei den Galliern mit dem Stand der Nit- * ter, dem Adel, aus welchem sich einzelne Häuptlinge häufig erhoben, thcilte, sodaß die übrige Masse des Volks unter ihrer ziemlich drückenden Herrschaft stand, während bei den Bel- gen das Volk seine Freiheit besser bewahrt hatte und die Verfassung einen mehr demokratischen Charakter trug. Auch hielten die Belgen gegen den gemeinsamen Feind besser zusammen, während die gall. Staaten sich nur selten fest vereinigten, meist vereinzelt handelten, zum Theil sich feindselig gegcnüberstanden und so dem Römer die Besiegung erleichterten. Das keltische Gallien (tteltics) reichte von der Garonne über die Loire (läge) bis zur Seine (8e), die Ambianer (8-rmsrolrriva jetzt Amiens) in der Picardie, die Atrebaten IN Artois, die Vclocasser um Rouen (Rotomsgus) wohnten; an der Küste nördlich von der Seine die Caleten und die Moriner mit dem Itiu» kortus (Boulogne); zwischen 8ubis (Sanrbre), 8cukli8 (Schelde), I-ego (Lys) bis ans Meer die Nervier; südlich von ihnen die Veromanduer (um St.-Qucn- tin); weiter die Suefsioner mit ^oviockunum, später ^ug„8t» 8nes8ionum (Soissous), die Nemer mit Durocorturum sRheims), die Leuker mit 1'n!I»u, (Toul) und Mcdiomatriker mit vivockurnm, später Nettis (Metz), in Lothringen an der obern Maas (klosii) und Mosel (Fossils), und an dem weitern Lauf der letzterer die Trevirer (ängu-t:, 'l'reviro, um, jetzt Trier); nördlich von dem Arduennischen Walde, mit welchem Namen man außer den Ardennen auch die Veen und Eifel bezeichnete, die Eburonen zwischen Rhein und Maas, von Cäsar vertilgt, an deren Stelle später die 1'nngri (Tongern), die Aduatikerwestlich derMaas und die Menapier zwischen der untern Maas, Schelde und Rhein traten. Germanischen ^ Stainms waren vielleicht die Tribokker, Nemeter und Vangionen (mit Borbetomagiis, jetzt Worms), die am Rhein im untern Elsaß und nördlich bis Bingen (Bing,,,,,,) wohnten, auch weiter hinab wurden unter Augustus Germanen angesicdelt; die Ubier und ein Theil der Sigambern, der unter dem Namen Guberner nördlich von jenen wohnte. Cäsar hatte den besiegten Galliern Tribut auferlegt und Besatzung zurückgelassen; die eigentliche Provinzialform erhielt das Land aber erst durch Augustus' im I. 27, der es in drei Provinzen unter kaiserlichen Statthaltern theilte: I) ^ <,'» itsnia, das über den alten i Umfang hinaus vergrößert nun alles Land-zwischenPyrenäen, Loire und Cevenne» umfaßte; 2) kalliu L>ng<1unen»i5, zwischen Loire, Seine, Marne, Saone bis Lugdunum, und Gallien 707 3)6al!!a Belgien, zu welchem die Sequancr und Helvetier geschlagen wurden. Die alte Provinz, jetzt gewöhnlich 6 ulI > n i^nrbonensis genannt, wurde im I. 22 der Verwaltung des Senats zurückgegeben. Am Rhein wurde der von den Germanen bewohnte Strich seit Tiberius als cisrhcnanisches Germanien in zwei Theilen (Oermsnin I oder siljierior und ll oder inl'erior), zwischen denen die Mosel die Scheide bildete, von Gallien abgesondert betrachtet, ohne eine eigene Provinz zu bilden; acht Legionen lagen hier gegen das jenseitige Germanien vertheilt in festen Orten und Lagern, aus denen selbst Ortschaften wurden, wie ^rgentorutum (Strasburg), ülogontincum (Mainz), (lonüuentes (Koblenz), L»nns (Bonn), 6,»Io»ia Hgrij>;»irm (Köln), im Lande der Ubier Lasten Vetra (Lauten). Z,n 3. Jahrh. n. Chr. wurde jede einzelne Provinz in mehre Theile getheilt, sodaß gegen Ende des 4. Jahrh. 17 Provinzen in G. bestanden; aus der Narb onen fischen Provinz wurden: I) I>lgrtinnsnsis I, mit dcrHauptstadt Narbo, unter den Westgothen erweitert, 8cptiinnnin mit l'olosa, 2) ^lurbonensis ll mit ^l mit kotomsgiis, 11 )I.„g5) Lermnnin I mit (,'oloiiin ^giippina, 16) Oermsnis ll mit iVlogontincum und I7)i>lnxims8ec>usnorum mit Vesontiu (Besancon). Unter Konstantin bildete Gallien eineDiöces (s. d.) der Brnelecturn Lnllisrum. Unruhen, die in Folge der von Augustus geregelten Steuereinrichtung im I. 13 v. Chr. in Gallien ausbrachen, wurden durch des Drusuö Klugheitund Milde schnell unterdrückt; auch der Aufstand des Trevirer Julius Florus und des Äduer Sacrovir unter Tiberius 21 n. Chr. hatte keinen Erfolg, und als zur Zeit des Streits zwischen Vitellins und Vespafian im I. 69 Claudius Civilis mit seinen Batavern und andern Germanen die Waffen am»untern Rhein siegreich gegen die Römer erhob, schlossen sich ihm fast allein die Trevirer unter Classicus und Tutor und die Lingoner unter Julius Sabinus an, die übrigen Gallier vereinten sich auf einer von den Remern gehaltenen Versammlung, in der Treue gegen Rom zu verharren; Civilis aber mußte 70 n. Chr. dem Römer Pctilius Corialis weichen. Das röm. Bürgerrecht war durch die Kaiser Claudius, Galba und Otho den Galliern gegeben worden, die öffentliche Übung des Druidencultus wurde durch Claudius aufgehoben, röm. Bildung fand auch außer der alten Provinz, besonders in dem südlichsrn Theile des Landes, Eingang ; namentlich Massilia, Nemausus, Arelate, Vienna waren in jener, Lug- dunum, Augustodunum, Burdigala in diesem ebenso Sitze des Handels wie der geistigen Cultur, für die hier auch Lehranstalten entstanden. Die röm. Sprache verbreitete sich von den Städten aus, die unter den Römern ansehnlicher, zum Theil neu gegründet wurden, und gestaltete sich zu einer eigenen provinzialen Sprachweise (lingnn romunn rusticn), durch welche jedoch, wie historische Zeugnisse beweisen, das Keltische noch im 3.—5. Jahrh. nicht ganz verdrängt war. Das Christenthuin faßte zuerst in der Mitte des 2.Jahrh'. Wurzel und gedieh; zu Anfang des i. Jahrh. waren Bischöfe zu Bordeaux,.Rouen, Rheims, Köln. Bis gegen das Ende des 2. Jahrh. war die Lage des Volks unter der röm. Herrschaft bei geordneten und damals noch mäßigen Steuern leichter, als sie es früher unter dem Druck des heimischen Adels gewesen war, und der Zustand des an Salz und Eisen, an Getreide, Wiesen und Wald, an Pferden, Schafen und Rindern reichen Landes, in welchem durch die Römer der Wein- und Obstbau sowie der Ölbaum weit verbreitet und die Betriebsamkeit der Einwohner geweckt worden waren, bei ungestörtem Frieden ein blühender. Mit dem Kampfe des Septimius Severus (s. d.) gegen Albinus, der in G. ausgefochten wurde, beginnt der Verfall, der schon im 3. Jahrh. rasch und gewaltig zunahm. Die Einfälle der Alcmanä nen(s.d.)undFrankenfs. d.), die in der ersten Halste dieses Jahrh., sowie gegen dessen Ende 45* 8 ^' Ä 708 GaMenus Gallo dieRaubzügc der S achsen (s. d.) an den Küsten beginnen, trafen zwar nur die Grenzen und noch gelang es, eine geraume Zeit sie zurückzuweisen, dagegen stiegen die Verwirrung und das Elend durch die innern Kämpfe in der Zeit der sogenannten dreißig Tyrannen, deren einer Tctricus im I. 27-1 durch Aurelianus (s.d.) in G. besiegt wurde. Durch die Empörung des Bonosus und Proculus, die Probus (s. d.) im I. 28l unterwarf, sowie durch den Druck der Statthalter und die jetzt über alles Maß vergrößerte Steuerlast, durch welche die Städte verarmten, das Land verödete und zur Zeit Diocletian's den Bund der Ba- gauda, indem sichdie niedere und verarmteMassedesVolks zum Aufstand vereinte, hervorrief, der durch Maximian's grausame Härte nicht vertilgt werden konnte und noch im S.Zahrh. gewaltsam hervortrat. Im-1. Jahrh. war Julianus (s.d.), den Konstantius 355 als Cäsar nach G. schickte, bemüht, den Zustand des Landes zu verbessern; auch gegen die Franken und Alemannen kämpfte er glücklich, und die letzter» wurden nach ihm noch von Valen- tinian l. 366 und von Gratia» 377 geschlagen, aber durch die immer wiederholten Einbrüche beider Völker wurde doch das Land am Rhein verheert, und noch im Laufe desJahrhundcrks nahmen die Franken im Norden, die Alenmnnen im Osten (bis zu den Vogesen) Besitz von röm.-gall. Boden. Unter HonoriuS wurde G. zu Ende des I. 366 von den Scharen der Da ndalen (s. d.), Sueven (s. d.), Alancn (s. d.) überschwemmt, nur Neste von ihnen, namentlich Alanen, blieben zurück, der größere Theil drang nach Spanien (306). Dagegen faßten die Burgunder festen Fuß, breiteten sich von den ihnen am obern Rhein cingeräuntte» Sitzen weiter bis zur Rhone und Durance aus und gründeten dort das Burgundische Reich. (S. Burgund.) Auch denWestgothen(s. Gothen), dieaufihrem Zuge nach Spanierin 3 das südliche G. verheerten, wurde noch diesseit der Pyrenäen ein Theil Aquitaniens überlassen, wo ihr König Ataulf zu Tolosa seinem Sitz nahm. Mit ihrer Hülfe überwand Aetius, Valcntinian's >l>. Feldherr, der noch einmal kräftig für die röm. Herrschaft in G. wirkte und die Empörung von Armorica unterdrückte, im I. 35 l den Attila (s.d.), durch welchen ein großer Theil des Landes verwüstet worden war, auf den Catalau irischen Feldern (s.d.). Valentinian, der ihn 353 tödten ließ, wurde selbst 355 ermordet; bei der Verwirrung, in die nun das Reich gerieth, machte sich der Arverncr Avitus in G. zum Kaiser, wurde aber schon 356 durch Ricimer abgesctzt. Majorianus, den dieser erhob, beruhigte noch einmal G.; nach seinem Sturze im I. 361 wurde das Neich derWestgothenan der Küste bis zur Rhone und bald darauf nördlich bis zur Loire erweitert; die westlichste Spitze G.s erhielt von Britannien her Zuwachs keltischer Bevölkerung und war unabhängig ((.Bretagne); den schwachen Überrest röm. Herrschaft endlich, der zwischen der Somme und Loire das west- röm. Reich unter Syagrius »och stberdauertc, vernichtete im I. 386 der Franke Chlodwig. Durch ihn rurd seine Nachfolger wurde aus G. ein Reich der Franken (s. d^. — Vgl. Vglckenaer, „keogrupliie Üe8 6k»,Ies cisulpine et trunsulpine" und Thierry, „Uistttire lle I» 6-riiIe 8VN5 IHmiuigtration romaiiie" (3 Bde., Par, 1828). Gallienils (Publ. Licinius), röm. Kaiser vom I. 259, wo sein Vater Valerianus, der ihn schon vorher zum Mitregenten ernannt hatte, in pers. Gefangenschaft gerieth, bis , zum I. 268 n. Chr. Er war fast blos auf Italien beschränkt, da in den Provinzen die Legionen ihre Anführer zu Kaisern erhoben (die Zeit der sogenannten 30 Tyrannen); im Orient ernannte er selbst den Odenathus zum Casar und überließ ihm und seiner Gemahlin Zenobi a (s. d.) den Krieg gegen die Perser, die hier das Reich bedrohten, während im Occident german. Völkerschaften sein? Grenzen angriffen. Gegen Postumius in Gallien und gegen Aureolns in Jllyricum zog er selbst zu Felde, ohne entscheidenden Erfolg; als der Letztere in Italien einbrach, belagerte ihn G. in Mediolanum, siclaberselbst durch eine Verschwörung seiner Offiziere. Claudius (s.d.) und nach ihm Aurelianus (s.d.) waren seine Nachfolger. Gallimathias, worunter man jedes unverständliche, verworrene Geschwätz, jeden sinnlosen Vortrag versteht, soll seinen Namen daher haben, daß in Frankreich einst ein Sachwalter bei dem Rechtsstreite über einen Hahn, der einem gewissen Matthias gehörte, vor Gericht, wo man sich nach damaliger Sitte der lat. Sprache bediente, zu wiederholten Malen die Worte gallii« Uuttlüue, d. h. der Hahn des Matthias, in gulli Illattlüas, d. h. der Matthias des Hahns, verdrehte. Gallo (Marzio Mastrizzi, Marquis von), ein gewandter ital. Staatsmann, der Gallomanie Gallus (Caj. Sulpicius) 709 mit großer Umsicht den wichtigsten Sendungen sich unterzog, war ein geborener Neapolitaner. Den Weg zu höher» Staatsämtern bahnte er sich durch die Unterhandlungen während des Ncvolutionskriegs, mit denen ihn Ferdinand IV. von Sicilien beauftragte. Im I. 1765 an A cton's (s. d.) Stelle zum Premierminister ernannt, lehnte er diesen Posten ab. Er wohnte den Conferenzcn zu Udine bei, Unterzeichnete 1797 den Frieden zu Campo-Formio und leitete fortwährend die wichtigsten Verhandlungen mit Frankreich, wobei er mehrmals mit Acton in harten Kampf gerieth, dessen System der Strenge er sich widersetzte. Gegen Ende des 1.1802 ging er als Botschafter des Königs beider Sicilien zur ital. Republik und von da nach Frankreich. Er wohnte der Krönung Napoleon's zum König von Italien bei und Unterzeichnete 1805 in Mailand den Vertrag mit Frankreich wegen Räumung des nea- politan. Gebiets von den franz. Truppen, der aber in dem Augenblicke der Unterzeichnung schon gebrochen wurde. Nach der Landung der Russen und Engländer in Neapel nahm er seinen Abschied. Als Joseph Bonaparte den Thron von Neapel bestieg, wurde er von demselben zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannt und behielt auch unter Mu- rat dieses Ministerium. Er Unterzeichnete am 11. Jan. 181-1 das Bündniß mit Ostreich und am S. Febr. das mit England, blieb Murat bis zu dessen Sturz getreu und lebte hierauf als Privatmann. Nach der Revolution in Neapel von 1820 wurde er wieder Minister der auswärtigen Angelegenheiten und übernahm dann eine Sendung nach Wien, um dem dortigen Hofe über die Revolution Neapels und deren Folgen Aufklärung zu geben; doch in Klagenfurt fand er eine Anweisung deS Fürsten Metternich, nicht weiter zu reisen, da der Kaiser ihm keine Audienz ertheilen könne. Hierauf begleitete er den König beider Sicilien zum Congresse nach Laibach, wo er sich vergebens bemühte, eine Abänderung der über Neapel gefaßten Beschlüsse herbeizuführen, und trat dann ins Privatleben zurück. Er starb zu Neapel im Febr. 1833. Gallomänie (lat. und griech.) nennt man die übertriebene Vorliebe für Alles, was französisch ist, wie diese namentlich seit den Zeiten Friedrich des Großen in Deutschland hervortrat, besonders in den höhern Elasten, die nicht nur durchgehend französisch sprachen, sondern überhaupt Alles nach franz. Mustern eingerichtet haben wollten, und bei diesem Nachahmungseifer selbst das Bessere dem Schlechter« häufig opferten. In gleichem Grade zeigte sich diese Sucht unter den Deutschen während der Herrschaft Napoleon's. Gallon ist ein engl. Hohlmaß sowol für trockene als flüssige Gegenstände. Nach der neuesten gesetzlichen Bestimmung muß der Imperial gallo» 10 Pf. destillirten Wassers, bei einem Wärmegrad von 13'/" R. gewogen, oder 277,273 Kubikzoll enthalten. Der alte engl. Weingallon enthält nur 231, der alte engl. Biergallon aber 282 Kubikzoll. Nur der erste ist beim Zollwesen gültig. Vier Quart oder acht Pinten bilden diesen Gallon; zwei Gallons sind gleich einem keck und acht Gallons gleich einem kiiskel oder engl. Scheffel. Gallopägos oder Schildkröten in seln heißen die zur südamerik. Republik Ecuador gehörigen Inseln an der Küste von Quito, die in bis jetzt unbestimmter Zahl (etwa 30) zusammen einen Flächenraum von >20 lüM. haben. Sie sind vulkanischen Ursprungs und unbewohnt, aber merkwürdig durch eine besondere Art Landschildkröten, die 50—300 Pf. schwer und äußerst wohlschmeckend, hier in großer Anzahl leben. Galloway (Henri, Marquis von Numigny, Graf von), geb. 1637, wurde als Generalagent des zur Zeit des widerrufenen Edicts von Nantes nach England geflüchteten franz. protestantische» Adels mit dem Titel eines Grafen von G. daselbst nationalisirt und in Folge seines tapfer» Benehmens bei Neerwindcn als Oberst des aus franz. Flüchtlingen gebildeten Reiterregiments von Wilhelm III. im I. 1696 zum Generalmajor und Befehlshaber der engl. Truppen in Piemont befördert. Beim Ausbruch des span. Erbfolgekriegs ernannte ihn die Königin Anna 1703 zum Generalissimus in Portugal. Vor Badajoz im 1. 1705 verwundet, bei Almanza im I. 1707 und auf der Ebene von Gudina im I. >709 geschlagen, wurde er hierauf nach England zurückberufen und 1715 Lord Oberrichter von Irland. Er starb auf seinem Landhause in Hampshire am 13. Sept. 1720. Gallus (Cajus Sulpicius), einer der wenigen Römer, welche die Astronomie zum Gegenstände ihrer Studien machten, lebte gegen 170 v. Ehr. Er beschäftigte sich besonders 71v Gallus <8. Cornelius) Galuppi mit Berechnung der Sonnen- und Mondfinsternisse und soll einige astronomische Schriften verfaßt haben, von denen sich aber keine erhalten hat. Gallus (L. Cornelius), ein röm. Feldherr und Dichter, Freund des Virgil und Ovid, wurde durch Augustus aus seiner Niedrigkeit emporgehobcn. Er befehligte eine HcerSab- theilung in der Schlacht bei Actium, focht dann in Ägypten glücklich gegen Antonius und erhielt zuletzt die Statthalterschaft des eroberten Landes. Übermüthig gemacht durch sein Glück, ließ er sich hier Bildsäulen errichten und seine Thaten sogar an den Pyramiden verewigen, zog sich aber sehr bald Unzufriedenheit und Mistrauen in der Verwaltung zu. Anfangs von einem seiner Freunde bei Augustus, später von vielen Andern bei dem Senat an- gcklagt, wurde er seiner Ämter entsetzt, des Vermögens beraubt und geächtet, kam aber dieser Schmach durch Selbstmord zuvor. Seine Gedichte, an denen die Alten selbst eine gewisse Härte rügten, sind sämmtlich untcrgegangen, denn die unter seinem Namen zuerst von Pon- pon. Gauricus (Ven. »591, 4.) bckamrt gemachten sechs Elegien sind ein späteres Machwerk, sowie die ihm zugeschriebenen Epigramme in der „^ntkolagia lat." und das den Werken Virgil's gewöhnlich beigefügte kleinere Gedicht „ 838). Gallus, s. Hänel (Jakob). Galmei nennt man zwei verschiedene Mineralhoccies, den Zinkspath oder kohlensauren Zink und den eigentlichen Galmei oder kieselhaltigen Zink (s. d.). Galt (John), einer der berühmtesten humoristischen Schriftsteller Englands, geb. am 2. Mai 1779 zu Jrvine in Ayrshire, verlebte einen Theil seiner Jugend zu Greenwich, wo der Umgang mit den Mittlern und untern Ständen seine Beobachtungsgabe und die derbe Drolligkeit seines Humors ausprägte. Nachdem er ein'mit einem gewissen M'Lachlan begonnenes Handelsgeschäft hatte aufgebcn müssen und auch vergebens bemüht gewesen war, sich dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit zu widmen, begab er sich l899 auf Reisen, besuchte Italien und die Türkei und ließ nach seiner Rückkehr seine an statistischen Notizen und Handelsvorschlägcn reichen „Voz-AAos and travels in tim ^sars >899 — I l"(Lond. »812,4.) erscheinen. Auch legte er dem Gouvernement den Plan vor, die Waarcn der Levante über die Türkei zu beziehen, den er in seinen „Retlections on political and eominer- cinl subsects" (»812) und in den „Retters tiom tim ImvAnt" (»813) ausführlicher entwickelte. Da er aber hiermit weder beim Ministerium noch bei der Handelswelt Gehör fand, ging er als Handelsagent nach Gibraltar, dann als Agent für die canadischcn Federungen nach Amerika. Nach seiner Rückkehr wendete er sich ausschließcnd zur Schriftstellerei. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er in Greenock zu, wo er am 11. Apr. 1839 starb. Unter seinen historisch-romantischen Erzählungen verdienen Erwähnung „Soiitlmniian", „8ir »Inllrsrv VVviw", „8tanle^ Uuxton", „Ringsn «ilksi-e", „kotiml-m", Is <7»r!et" und „l^sircks <>k 6rij»x>)-". Schon früher hatte er in der „Idle and tim -rdministratio» «f csrdimd (Lond. »8» 2, 4.), noch mehr aber in der „Idke And 8t,-dies »Uly. >Ve8t" sich als tüchtigen Biographen bewährt. Seine „Idle ok L^ron" erntete wie die von Leigh Hunt Lob und Tadel. In seiner Autobiographie (2 Bde., Lond. > 833 ) verwebte er Wahrheit und Dichtung in der ihm eigenthümlichen humoristischen Weise. Den »812 von ihm herausgcgebencn vier Tragödien schließt sich die Sammlung seiner „l'oemo" (Lond. » 833) an. Sein Ruhm indeß als origineller Humorist gründet sich auf die Erzählungen „ »de ainnds ot tim Urtnsb", ,,.-1)re8llireImgatees", „Hm?revo5t" und „l.avvrieHld", worin er das Stillleben der Mittlern und untern Stände Schottlands mit solcher Meisterschaft geschildert hat, daß ihm in dieser Beziehung sogar Walter Scott nachsteht. Gulupfti (Baldassaro), auch Buranello genannt, ein seiner Zeit sehr berühmter Operncomponist, geb. >793 auf der Insel Burana bei Venedig, war ein Schüler des berühmte» Lotti. Nachdem er schon »722 in Venedig mit einer Oper aufgetreten, die indeß wenig gefiel, wußte er sehr bald die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er wurde Kapellmeister bei St.-Marcus und Lehrer am Conscrvatorio degli'Jncurabili; folgte zwar »766 ei- nem Rufe als Kapellmeister nach Petersburg, kehrte jedoch schon nach zwei Jahren in seine Galvani Galvanismus 7H alten Ämter nach Venedig zurück, wo er 1785 starb. Besonders glücklich war er im Fach komischer Opern, deren er gegen 50 schrieb. Galväni (Aloisio), geb. zu Bologna am 9. Sept. 1737, studirte anfangs Theologie, widmete sich aber später dem Studium der Anatomie und Physiologie und wurde 1762 Professor der Anatomie zu Bologna. Der Beifall, welchen seine Abhandlung über die Uringc- fäße der Vögel fand, führte ihn zu dem Entschluß, die Physiologie der Vögel vollständig zu bearbeiten; doch beschränkte er sich später auf die Untersuchung ihrer Gehörwerkzeuge. Der Zufall führte ihn zu der Entdeckung des nach ihm benannten Galvanismus (s. d.). Auf einer Reise, die er nach Sinigaglia und Nimini machte, war er so glücklich, der Ursache der bei dem Krampfsische sich zeigenden elektrischen Erscheinungen auf die Spur zu kommen. Als er während der Revolution den Beamteneid zu leisten sich nicht entschließen konnte, verlor er sein Amt, lebte hierauf in der Zurückgezogenheit auf dem Lande und starb am ä. Dec. I 798. Er schrieb „De viribus eleetricitatis in motu musculsri" (2. Aust., Bologna 1792). Galvanismus ist Elek tricität ss. d.), die sich nur durch die eigenthümliche Art ihrer Erregung von der gewöhnlichen Elcktricität unterscheidet, indem sie durch bloße Berührung ungleichartiger Leiter, namentlich ungleichartiger Metalle, entsteht. Wenn sich z. B. ein Stück Zink und ein Stück Kupfer wechselseitig berühren, so wird das Zink positiv, das Kupfer ebenso stark negativ elektrisch, welche Elcktricität durch empfindliche Elektroskope (s. Elektrometer) zur Wahrnehmung gebracht werden kann. Verbindet man die beiden ungleicharugcn Metalle, während sie sich an einem oder mehren Punkten metallisch berühren, an andern Stellen durch eine Flüssigkeit, was man z. B. bewirken kann, indem man zwischen zwei aufeinander liegende Platten eine feuchte Tuch - oder Pappscheibe einschicbt, so jedoch, daß sich die Platten noch an einem Rande berühren, oder indem man beide Platten in ein Gefäß mit Flüssigkeit taucht und mit ihren obern Rändern zusammenneigt oder durch einen Draht verbindet, so erhält man die Anordnung der sogenannten geschlossenen galvanischen Kette. In einer solchen finden die entgegengesetzten Elektricitäten einen Weg durch die Flüssigkeit und den Draht hindurch, sich zu vereinigen; aber in dem Maße als ihre Vereinigung erfolgt, entwickeln sich auch durch die fortdauernde Berührung neue Quantitäten entgegengesetzter Elcktricität, die sich wiederum durch die Flüssigkeit vereinigen u. s. w., sodaß auf diese Weise eine continuirliche Strömung entgegengesetzter Elektricitäten nach entgegengesetzten Richtungen entsteht, die sich in jedem Augenblicke vereinigen und von neuem wieder erzeugen. Dieser Vorgang ist cs, den man mit dem Namen des el ek irischen oder galvanischen Stroms bezeichnet. Die Wirkungen, welche die geschlossene galvanische Kette auf Leiter, die sich in ihrem Kreise befinden, zu äußern vermag, lassen sich in vier Elasten bringen, von denen jedoch manche nur dann in deutlichem Grade erscheinen, weim man, statt ein einziges Paar metallischer Platten anzuwenden, deren mehre mit Zwischeneinbringung feuchter Leiter auf eine der nachher anzugebenden Arten verbindet. Diese vier Elasten von Wirkungen sind: l)Die physiologischen Wirkungen. Das einfachste Beispiel derselben ist, wenn man ein kupfernes Geldstück über, ein silbernes unter die Zunge legt, und beide Geldstücke sich vorn vor der Zungenspitze berühren läßt. Indem hier die entgegengesetzten Elektricitäten sich durch die Zunge hindurch vereinigen oder, wie man sagt, der Strom durch sie hindurchgeht, empfindet dieselbe einen eigenthümlichcn Geschmack. Leitet man galvanische Ströme durch Theile des Körpers, so treten nach Maßgabe der Stärke des Stroms schmerzhafte Empfindungen und krampfhafte Contractionen der Muskeln ein. Die Sinne empfangen dadurch eigenthümliche Eindrücke, je nach ihrer Natur. 2) Die eh e - mischen Wirkungen. Sie zeigen sich am einfachsten darin, daß, wenn man zwei, mit den Polen einer galvanischen Säule in Verbindung stehende Metalldrähte in eine Röhre voll Wasser leitet, södaß die Spitzen derselben in geringem Abstande voneinander bleiben, der zwischen ihnen durch das Wasser hindurchgchendc Strom eine Zersetzung desselben in der Art bewirkt, daß sich Sauerstoff an dem mit dem positiven Pole (Zinkpole), Wasserstoff an dem mit dem negativen Pole (Kupfcrpole) in Verbindung stehenden Drahte entwickelt. Auch alle andere chemisch zusammengesetzte Körper lassen sich solchergestalt durch hinlänglich kräftige Säulen in ihre Bestandthcile zersetzen. Dabei scheidet sich stets der eine Bestand- theil, bei Metollsalzlosungen das Metall, am negativen, der andere am positiven Pol aus. <12 Galvairographie i (S. Elektrochemie.) 3) DieHihewirkun gen. Wenn man die Schließung emer kräf- , tigen Kette durch einen dünnen und nicht zu langen Metalldraht bewirkt, so bringt der elek- i irische Strom, indem er sich in dem Drahte znsammendrängcn muß, eine solche Hitze hervor, ! daß der Draht ins Glühen kommt. Bcmcrkenswerth ist, daß Metalldrähtc um so leichter ins Glühen gerathcn, je schlechter ihr elektrisches Leitungsvcrmögcn ist. -1) Die elektromagnetischen Wirkungen. (S. Elektromagnetismus.) Von den Gesetzen der galvanischen Kette sind folgende zu merken: Auf die Menge der Berührungspunkte der Metalle untereinander kommt in Bezug auf die Wirkung nichts an, dagegen nimmt die Wirkung im Allgemeinen sehr beträchtlich zu mit Vergrößerung der sogenannten erregenden ^ Oberfläche, d. h. der Oberfläche, in welcher die Platten von der Flüssigkeit genetzt werden ; namentlich ist die Größe der erregenden Oberfläche vom auffallendsten Einfluß, wenn man eine galvanische Kette auf gute Leiter, z. B. Metalldrähtc, die nicht zu lang und dünn sind, wirken läßt, in welchem Falle die Vermehrung der Plattenanzahl (Anwendung einer Säule) von keinem sonderlichen Nutzen ist; während die Vervielfältigung der Plattenpaare ^ in denjenigen Fällen erfvdert wird, wo man die Kette auf schlechte Leiter, z. B. Röhren voll Flüssigkeit, den menschlichen Körper u. s. w-, wirken lasten will, wo hinwiederum sich die Größe der erregenden Oberfläche von wenig Einfluß zeigt. Ferner ist es für alle Wirkungen gleichgültig, ob zwei Metalle sich direct berühren oder ob ein Zwischenmetall, z. B. ein Draht, ihre Verbindung bewirkt; blos wenn die Elcktricität einen langen Weg darin zu durchlaufen hat, erfährt sie hierdurch eine Schwächung. Die zu Erzeugung eines galvanischen Stroms angewendeten Apparate sind entweder einfache Elemente, d. h. Zusammenstellungen zweier Metallplatten miteinander, zwei, gewöhnlich flüssigen Halbleitern, odcrCombinationennieh- rcr Elemente, sogenannte galvanische Säulen oder Batterien. Es kann außerordentlich verschiedene Voltasche Elemente geben, die üblichsten bestehen aus Kupfer und Zink (oberflächlich amalgamirtes) und dazwischen verdünnte Schwefelsäure, Platin und Zinkmit Schwefelsäure. Um die Fläche der Platten ohne großen Naumverlust vergrößern zu können, biegt man wol die Platten zu Cylindern, die man ineinander stellt, oder spiralförmig in gewissem Abstande umeinander windet (Haro's Deflagrator). Alle solche Elemente haben, da sie stets von einer Zersetzung des Wassers und der Auflösung einer der Quantität entwickelter Elcktricität entsprechenden Menge von Zink in der Säure begleitet sind, den Ubel- stand, daß die Stärke der Wirkung schnell nachläßt, wovon die Ursache in dem sich an dem Kupfer oder Platin entwickelnden Wafserstoffgase liegt. Um dies zu vermeiden, ist es gut, das negative Metall in eine Flüssigkeit zu stellen, weiche das Wasserstoffgas unschädlich macht oder vernichtet, während das Zink in verdünnter Schwefelsäure stehen bleibt. Man trennt dann die beiden Flüssigkeiten durch eine poröse Scheidewand von Blase, Pergament, unglasirtem Porzellan oder Thon u. s. w., welche ihre unmittelbare Vermischung hindert, aber dem elektrischen Srrome den Durchgang «erstattet. Solche Elemente nennt man dann constante. Von dieser Art Elemente, die inimer aus concentrisch sich umgebenden Cylindern bestehen, sind vorzüglich drei in Anwendung gekommen: das Dauiell'sche, Kupfcr in Kupfer- vitriolauflösung und Zink in verdünnter Schwefelsäure; das Grovc'sche, Platin in Salpetersäure und Zink in verdünnter Schwefelsäure, und das Bunscn'sche, Kohle (aus Steinkohlen und Coaks durch Glühen bereitet) in Salpetersäure und Zink in verdünnter Schwefelsäure. Diese Apparate sind es, welche sich allein zu dauernden und technischen Anwendungen eignen. Bei dem Danicll'schcn schlägt sich fortwährend Kupfer aus der Auflösung ans die Kupferplatte nieder. Die Combination mehrcr Elemente zu Batterien geschieht nun darin so, daß man durch Drähte entweder alle Zink- und alle negative Platten in Verbindung bringt, oder so, daß man die positive Platte des einen mit der negativen des folgenden verbindet. Jene Vcrbindungsweisc wirkt nur wie Ein großes Plattenpaar, diese dagegen steigert die Intensität nach einem ganz andern Gesetze. Aus dem Obigen geht hervor,worin der Unterschied der Wirkung liegt. Veraltete Einrichtungen sind die sogenannte Vslta'sche Säule, aus Kupferplatte», Zinkplatten und mit Salzlösung getränkte Pappscheiben erbaut, und die aus geraden Platten zusammengesetzten Trogapparate. Für chemische Versuche stellt man die Elemente in kleine Becher und verbindet sie. Galvanographie ist eigentlich die Benutzung des galvanischen Stroms zum Ätzen Galvanometer Galyzin 713 von Platten. Bedeckt man nämlich eine Kupscrplattc mit Ähgrund, gravirt in denselben die Zeichnung und macht die Platte zum positiven Pol, so wird umgekehrt das Kupfer aus den Strichen aufgelöst und diese dadurch geätzt. Man nennt aber auch so dieKobell'scheMc- thode, auf Platten mit einer etwas körperlichen und erhaben stehenden Farbe zu malen und dann die Platte galvanoplastisch zu copiren, wodurch man eine Platte erhält, welche die Zeichnung vertieft enthält, also weiter abgedruckt werden kann. Vgl. Werner, „Die Galvanoplastik in ihrer technischen Anwendung" (Petersb. >844 mit 12 Kupftaf.). Galvanometer heißt ein Instrument zu Messung der Stärke eines galvanischen Stroms. Dasselbe beruht auf der Ablenkung, welche eine Magnetnadel durch einen über oder unter ihr weggchenden Strom erfährt, und besteht daher aus einer Art von Compaß, welcher in die Kette eingeschaltet wird. Galvanoplastik nennt man die Benutzung der Eigenschaft galvanischer Ströme, welche durch constante Elemente oder Batterien erzeugt sind (s. Galvanismu §) und auch der durch die magnetoclektrische Rotationsmaschine hcrvorgebrachten, Metallsalzlösungen dergestalt zu zersetzen, daß sich das Metall an dem negativen Pole oder einer damit verbundenen leitenden Fläche fest und zusammenhängend absctzt, zu technischen Zwecken. Dian kann dabei entweder die Absicht haben, das abgcsetzte Metall wieder abzulösen und dadurch einen Abdruck oder eine umgekehrte Nachbildung des mit dem negativen Pole verbundenen Originals zu erhalten, oder man läßt den Metallüberzug auf der Unterlage. Jenes gibt die eigentliche Galvanoplastik, dieses die galvanische Vergoldung, Versilberung u. s. w. Die eigcnt- liche Galvanoplastik wurde um 1836 von Jak. Jacobi (s. d.) erfunden und ist schon zu oiner bedeutenden Ausbildung gelangt. Man wendet bei ihr stets Kupfervitriol an, da sich das Kupfer am besten in größern zusammenhängenden Massen niederschlägt. Man verschafft sich auf diese Weise theils von metallenen Gegenständen, wie Kupfcrstichplatten, Medaillen, Münzen, Schriftstempel u. s. w., theils von nichtmetaUischcn Modellen und Formen aus Gyps, Wachs, Stearin u. s. w., deren Oberfläche man aber durch Einrciben von feinem Graphitpulvcr leitend macht, Copicn oder Abgüsse, die aber, wofern nicht die als Unterlage gebrauchte Form schon selbst ein Abguß des Originals war, stets nochmals copirt werden müssen, um das Original treu wiederzugcben, da bei der Ablagerung den Erhöhungen Vertiefungen und umgekehrt entsprechen. Zuweilen, wie bei Verfertigung der Matrizen über Schriftstempel, soll aber der galvanoplastische Abguß unmittelbar als Form für weitere Ver- viclfältigung dienen. Bei gehöriger Ausführung sind die Copicn den Originalen absolut gleich. Bei der Ausführung wird entweder das Original unmittelbar in Kupfcrvitriollösung gebracht, von dieser durch eine poröse Scheidewand im Raum getrennt, welcher Zink und verdünnte Schwefelsäure enthält und dann Zink und Original leitend verbunden. Man hat so ein Daniell'sches Clement, in welchem aber das Original selbst die Kupferplatte vorstellt; oder, was für Ausführung im Großen besser ist, man hat eine besondere constante Batterie oder eine magnetoelektrische Maschine, mit deren Polen man einerseits das Original, andererseits eine Kupferplatte verbindet, die dann einander gegenüber in Kupfervitriolauflösung gestellt werden. Nach einigen Tagen ist in der Regel der Kupferüberzug dick genug, um abgelöst werden zu können. Bei der galvanischen Vergoldung, Versilberung u. s. w. ist Alles im Wesentlichen ebenso cinzurichten, aber die zu vergoldenden und zu versilbernden Gegenstände werden nicht von Kupfervitriol sondern von einer Gold- oder Silbcrauflösung umgeben. Diese Auflösung muß das edle Metall in einer möglichst leicht zersetzbaren Verbindung erhalten. Gegenwärtig wendet man stets die Cyanverbindungen dieser Metalle an. Auch dieser Zweig hat bereits eine große und allgemeine Anwendung gefunden und die Feuervergoldung größtentheils verdrängt. Galyzin oder auch Golyzin, eine der ausgebreitetstcn fürstlichen Familien in Rußland und eine der ausgezeichnetsten in der Geschichte der nordischen Reiche überhaupt, leitet ihren Ursprung von dem lithauischen Fürsten Gedimin, dem Stammvater der Jagel- lonen ss.d.) ab. Die Fürsten Michail und Dmitri G. waren russ. Heerführer unter dem Großfürsten von Warschau Wassili IV. und wurden von den Polen in der großen Schlacht bei Orscha 1514 gefangen genommen; Dmitri starb in der Gefangenschaft, Michail wurde erst nach 38jähriger Haft freigegeben, woraus er, an den Hof seines Monarchen "14 Galyzin zurückkehrcnd, demselben als ein vorzüglicher Günstling zur Seite stand. — Der Urenkel Michail's, WassiliG-, gehörte, nachdem der falsche Demetrius umgekvmmcn war, zu den vier ruff. Kronprätendenten. Im I. 161» nach Polen entsendet, um dem poln. Prinzen Wladyslaw seine Erhebung zum Zar zu verkünden, wurde er durch Kabalen, des Verrakhs bei der Belagerung von Smolensk durch die Polen überwiesen, zurückgchalten und schmachtete bis an seinen Tod neun Jahre lang im Kerker. — Des Letztem Ucgroßncffe, Wassili G-, mit dem Beinamen der große Galyzin, war Rathgeber und.Günstling der Zarin Sophia (s. d.), der ränkesüchtige» Schwester Peter's I. Wie Peter des Großen Sinn auf die Civilisativn seines noch uncultivirtcn, in tiefe Barbarei versunkenen Volks war, so hatte auch Wassili G. sein Streben dahin gerichtet, sein Vaterland in Berührung mit dem Westen Europas zu bringen, wo der einzige Sitz der Cultur war, und Wissenschaften und Künste in die heimischen Schulen und an den Hof selbst zu verpflanzen. Als seine Absicht, sich mit der Zarin Sophia zu verheirathc» und den russ.Thron zu theilen, mißglückte und Peterseine Schwester in ein Kloster brachte, wurde G- nach dem Eismeere verbannt, wo er an Eist starb. — Von des Letzter» Vettern war der eine, Boris G., Peter's Lehrer und einer der Neichsverweser während Peter's erster Reise ins Ausland; der andere, Dmitri G., ein ausgezeichneter Staatsmann, Gesandter in Konstantinopcl, dann Direktor der Finanzen des Reichs und zuletzt Haupt der Partei der Galyzin's und Do lg oruki's (s. d.), die bei dem Tode Peter's II. der kaiserlichen Macht Schranken setzen wollte. Vgl. Peter Dolgoruki, „IXotice rur les prinoizrsles tamilles 866 zu Angelmode bei Münster. Ihre Kinder erzog sie nach dem Rousseau - scheu Natürlichkeitssystem. Ihren Sohn Dmitri G. bewog sie, als katholischer Missionar nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu gehen, wo er 181-6 starb. Vgl. Katerkamp, „Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin Amalie von G." (Münst. 1828). — 715 Gama (BaSco -e) In der neuern und neuesten Zeit zeichnete sich aus Dmitri Wladimirowicz G., der, nachdem er früher im rufs. Heere mit Auszeichnung befehligt hatte, seit 1820 als General- kriegsgouverncur von Moskau zur Zeit der Cholera bei dem Brande im I. >83l und in hundert andern Fallen, wo es das Interesse der Stadt galt, sich rühmlichst hervorthat, starb im Apr. 1833 zu Paris. Einer der bedeutendsten Männer des Staats und ein Gegenstand allgemeiner Verehrung, wurde er mit fast kaiserlicher Pracht in der Gruft seiner Ahnen in Moskau beigeseht. — Endlich ist noch zu nennen Serg ei G., der sich schon durch seine Waffenthaten unter der Kaiserin Katharina auszeichnetc und gegenwärtig als Mitglied des Reichsraths und als einer der ersten Würdenträger des Reichs all seinen Einfluß aufbietet, um Cultur und Glan; seiner Nation zu erhöhen. Ein unermeßliches Vermögen kommt seinen edeln Absichten zu statten; auf seinem Landsitze Kusminski oder Mclniza in der Nähe von Moskau residirt er mit fürstlicher Pracht und inmitten einer durch Kunst zu einem prächtigen Musensitzc umgeschaffcnen Natur. Gama (Vasco de). Die in der zweiten Hälfte des 1 5. Iahrh. von den portug. Koni- gen beförderten oder angeordneten Entdeckungsreisen hatten gradweis die Westküste Afrikas kennen gelehrt; Bart. Diaz war sogar bis 60 Meilen jenseit des Caps der guten Hoffnung gelangt, während andere portug. in Abyssinien ausgerüstete Expeditionen die Südküste von Arabien besuchten, aber noch fehlte die Verbindung zwischen diesen Entdeckungen. Überzeugt, daß sie zu finden und daher ein ununterbrochener Seeweg nach Indien zu eröffnen möglich sein werde, rüstete König Emanucl der Große von Portugal vier mit >60 Soldaten und Seeleuten bemannte Schiffe aus, deren Oberbefehl er an G. übertrug, einen durch Muth und Klugheit bekannten, zu Sines, einer kleinen Seestadt der Provinz Alemtcjo in Portugal, geborenen und aus alter Familie stammenden Scemanne. Die kleine Flotte verließ Lissabon am 0. Juli 1-197 und gelangte, durch Gegenwinde aufgehalten, erst am >6. Nov. nach dem jetzt als Tafelbay bekannten Hafen, wo sie für einige Tage ankerte. Schon am 20. Nov. umschiffte G. die Südspihe Afrikas und wendete sich nach Nordosten, nachdem es ihm gelungen, seine auf Rückkehr nach Portugal bestehende Mannschaft zu beruhigen. Die großen Beschwerden dieser Fahrt vergaß er, als ihm endlich günstige Winde nach So- fala führten, wo er das alte Ophic gefunden zu haben meinte, und wo ihm zuerst halbcivi- lisirte Menschen entgegcntraten, die mit Asien Seeverkehr unterhielten und arabisch sprachen. Anfang Mär; >598 berührte die Flotte Mozambique und lief später in Mombaza an der Küste von Zangucbar ein. Die dort lebenden Mauren erkannten in den Portugiesen !bald dasselbe Volk, welches seit vielen Jahren am entgegengesetzten Ende Afrikas gegen die Mohammedaner einen rücksichtslosen Krieg führte. Sie reizten von jetzt an alle eingeborene Fürsten gegen die Fremden auf, die mehrfach in große Gefahr gcriethen und welchen es nur in Melinda, unterm 3° südl. B., gelang, freundschaftliche Verbindung auf die Dauer anzuknüpfen und einen aus Guzerat stammenden Pilote» zu erhalten. Unter seiner Leitung gelangte G. am 20. Mai nach Kalikut an der Malabarküste, einer blühenden Stadt, wo der Handel der ganzen Ostküste Afrikas, Arabiens, des pers. Golfs und der Halbinsel Indiens seinen Mittelpunkt fand. Auch hier traten die Mauren den Portugiesen wieder entgegen; indeß gelang es dennoch G., dem Fürsten des Landes, dem Zamorin, Achtung cinzuflößen. Zufrieden mit den gemachten Entdeckungen trat G. den Rückweg an, berührte mehre der vorher besuchten Häfen und ankerte im Sept. 1399 in Lissabon, wo ihm viele Auszeichnungen, Titel und Einkünfte und das Versprechen von künftigem noch großem Gewinne zu Theil wurde. Der König Emanucl sendete sogleich unter Pedro Alvarez Cabral (s. d.) ein Geschwader nach Indien, um dort portug. Niederlassungen zu begründen. Nur an wenigen Orten gelang dieses; tu Kalikut wurden sogar 30 zurückgclassene Portugiesen ermordet. Um diese Unbill zu rächen, vorzüglich aber um sich den ind. Scehandel zu sichern, der Lissabon auf einmal eine früher nicht geahnte Wichtigkeit verliehen hatte, rüstete der König ein neues Geschwader von 20 Schiffen aus, welches unter G.'s Oberbefehl im I. >502 abging. G. gelangte glücklich an die Ostküste von Afrika, begründete dort die noch bestehenden portug. Colonien Mozambique und Sofala, segelte zuerst nach Travancore, nahm oder versenkte unterwegs alle dem Zamorin gehörende Schiffe und zwang diesen durch Beschießung der Hauptstadt Kalikut und Vernichtung einer Kriegsflotte von 29 Schiffen zum Friedens- 716 Gamaliel Gamba (Bartol.) ) schlusse und zu Entschädigungen. Hatte dieser mit Entschlossenheit und Klugheit durchgc- i führte Act der Rache oder doch der Bestrafung Furcht vor der Macht der Portugiesen ein- geflößt, so wurde sie auf der andern Seite durch manche mit einheimischen Fürsten vortheil- hast geschlossene Bündnisse befestigt. So schnell war G. zu Werke gegangen, daß er schon am 20. Dec. l 503 mit l 3 reichbcladenen Schiffen wieder in Portugal eintraf. Während G- in seinem Vaterlands die wohlverdiente Ruhe genoß, regierten nach und »ach fünf Vice- könige über die portug. Besitzungen in Indien. Der letzte derselben, Eduard de Menezes, halte so viel Unglück, daß der König Johann lll. sich entschloß, G. nach dem Schauplatze ^ seiner frühem Heldenthaten abzusenden. Bereitwillig übernahm der edle Greis das Amt 1 eines Vicekönigs; er segelte mit 14 Schissen >524 ab, entwickelte die gewohnte Festigkeit > und Klugheit und stellte das portug. Ansehen in Indien wieder her; aber mitten in diesen ! großen Erfolgen wurde er am 24. Dec. >524 zu Cochin vom Tode ereilt. Seine Reste wur- ^ den nach Portugal gebracht und dort unter dem Anthcile eines ganzen Volks, dem er einen Wclttheil geschenkt hatte, auf das feierlichste bestattet. Im Charakter G.'s fanden sich Entschlossenheit mit Vorsicht und großer Geistesgegenwart gepaart. Durch Gerechtigkeit, Treue, Ehrenhaftigkeit und echte Religiosität ragt er über die Mehrzahl der großen Entdecker und Eroberer hervor, an welche» seine Zeit so reich war. Seine Entdeckung eines Seewegs nach Indien steht der fast gleichzeitigen Auffindung der Neuen Welt durch Colombo an Wichtigkeit nicht nach und übertrifft diese vielleicht sogar durch ihr politisches Gewicht. Gamaliel, ein Pharisäer zur Zeit Jesu und Mitglied des Synedriums, ein Mann von mildem, besonnenem Geiste, war der Lehrer des Paulus und bewirkte durch seine weisen Gegenvorstellungen, daß der jüdische Hoherath von einem blutigen Entschlüsse gegen die Apostel zurückkam. Nach einer nicht unwahrscheinlichen Annahme ist er Derselbe, welcher im Talmud als der Enkel Hillel's und SvhnSimevn's angeführt und hochgcfeiert wird. Wenn die spätere Sage ihn zu einem geheimen Christen macht und nebst seinem Sohne und Nikodemus von Johannes und Petrus getauft werden läßt, so ist dies ebenso willkürlich als die Behauptung Neuerer, daß G. entweder nur aus Parteiinteresse gegen die Sadducäer oder, um die Christen für seine selbstsüchtigen Zwecke zu gewinne», für die Apostel gesprochen habe. Gamba (Ritter von), bekannt durch seine Reisen in Rußland, stammt aus jener alten Familie, mit deren Haupte, dem Grafen Pct. von Gamba (s. d.), Lord Byron während seines Aufenthalts in Italien und in Griechenland innig verbunden war. Nachdem er in denI. >8 >7 und 1818 verschiedene Provinzen Südrußlands durchforscht hatte, veranlaß» ihn der General Aermolow, dem er vom Herzoge von Richelieu empfohlen war, sein besonderes Augenmerk auf Georgien zu richten, das dieser einsichtsvolle Staatsmann zu einem Hauptpunkte des europ. - asiat. Binnenhandels zu erheben beabsichtigte. G. bereiste dieses Gebiet nach allen Richtungen, begab sich hierauf nach Paris, kehrte indessen bald nach Geor-. gien zurück und ließ sich dann, nachdem er die transkaukasischen Provinzen, die Uferländer des Schwarzen und Kaspischen Meers durchforscht und sich ein Jahr in Petersburg aufgehalten hatte, in Tiflis nieder, wo ihm der Posten eines franz. Consuls von Georgien übertragen wurde. Im I. 1824 berief ihn die franz. Regierung auf einige Zeit nach Paris, wo er Aufschluß geben mußte über Handelsverbindungen, die man mit Georgien anzuknüpfcn beabsichtigte. Außerdem benutzte er diesen Aufenthalt in Europa zur Herausgabe seiner „VozraAv cisun ln liussie mernlionsie et psrtieulierement clnns los jirovinces situses au Uelü 6. Mai >706 zu Bassano, kam zehn Jahre alt als Gehülfe in die Buch- und Kupfcrdruckerei des Grafen Remondini, wo er Gelegenheit und Muße fand, sich zu bilden und besonders bibliographische Studien zu treiben. Nachdem er der Filialhandlung dieses HauseS in Venedig bis zum Tode Ncmondini'S vorgestanden, errichtete er eine Buchhandlung in Padua. Jm J. >8>I, wo er Censor für die adriatischen Provinzen wurde, erwarb er die von Mocenigo gegründete Buchdruckcrei di Alvisopoli in Venedig, und wurde wenige Jahre nachher Vicebibliothekar an der Bibliothek von San-Marco daselbst. Er starb während eines Vortrags in Athenäum vom Schlage getroffen, am 3. Mai 181 l. Snir erstes Werk von Bedeutung war die „Serie clei testi ü> liogus. urati a stsmpa uel vocsbulariv ,teils crnsca" (Bassanv 1805, 4.; neu umgrarbeitetk Gamba (Pietro, Graf von) Ganerben 717 Aufl-, Ven. 1818), ein Werk, das dem Literarhistoriker wie dem Sprachforscher unentbehr- lich ist. Daran reihen sich die „8erie <1ex;Ii scritti impressi »ei cliulett» venemono" (Ven. >832), der „(7at»Iogo lielle pi» importsnti eüirioni e clegli illustratori «lellii llivinu 6om- nieNis (lali'snno 1472 »I 1832" (Padua 1833) und die „kililiogralm Nelle Novelle ita- liime in Prosa" (2. Aufl., Flor. 1835). Auch lieferte er viele biographische Aufsätze, wie die „XarrnLione Ns'ljasssnesi illnstri, con un cstaloAO Negli scrittori >Ii kossano Nel see. XVIII" (Bassano 1807); im Verein mit Ncgri und Zendrini die „6<,llerm Ne! Iciterati e821); ferner „b.Iogi N'illnstri ItiNiani" (Ven. 1829), sowie einzelne Biographien, z. B. des Fco Bclcari, Gio. Boccaccio, Guido BenNvoglio, L. Cornaro, Gasp. Gozzi, G. A. Molin, Costanzo Tavcrna, Apostolo Zeno u. A. theils einzeln, theils in größer» Werken. Gamba (Pietro, Graf von), geb. zu Navenna 1801, der Bruder der durch ihre Verbindung mit Lord Byron bekannten Gräfin Guiccioli, folgte Letzterm nach Griechenland und wurde hier von einem türk. Kaper gefangen, jedoch nachher freigcgebcn, weil er unter engl.- iouischer Flagge gesegelt war. In Miffolunghi von Byron für seine Legion zum Offizier ernannt, pflegt.' er den kranken Freund bis zum Tode und reiste dann nach London, wo er „X nariotive of kor«I Kreons Isstjouraex to 6reece" (1825) herausgab. Bald darauf kehrte er nach Griechenland zurück, wo er nun unter Fabvier als Freiwilliger diente und durch Muth und Beharrlichkeit sich auszeichnete, bis er gegen Ende des I. 1826 den Beschwerden des Kl cph tenkriegs erlag und von allen Philhellenen schmerzlich bedauert im Dorfe Dara starb. Gambe, ital. Viola 787, genannt. — Auch ein Orgelregister führt den Namen Gambe. — Ein Tasteninstrument unter dem Namen Gamben werk oder Geigenclavicymbel wurde um 1600 von Hans Hayde in Nürnberg erfunden. Gambia, einer der größten Ströme Westafrikas, entspringt in Senegambicn, bewässert Tenda, Bondu, Jani, Salum, Badibu und Barra und fällt nach einem Laufe, der in gerader Linie gegen >00, mit seinen Krümmungen aber fast 180 M. beträgt, fast zwei Grad südlich vom Grünen Vorgebirge beim Cap St.-Mary in mehren Armen ins Atlantische Meer. Er bildet mehre Inseln und Wasserfälle, welche die Schiffahrt aufihm sehr erschweren. Gamma wurde das alte Guidonische Tonsystem genannt, weil es mit G, im griech. Gamma, anfing, und noch gegenwärtig heißt in der franz. Musik die Tonleiter 6umme. Gandersheim, eine ehemalige reichsfürstliche Abtei im jetzigen Herzogthum Braunschweig, wurde in der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. von Herzog Ludolf von Sachsen gegründet und zu einem Damenstift für die kurz zuvor in das nahe, aber allzu beschränkte Kloster Brunshausen eingezogenen Nonnen bestimmt. Sie erwarb nach und nach durch mächtige Gönner, besonders in der Zeit der Ottonen, viele Güter, Einkünfte, Freiheiten und Privilegien und behauptete kraft derselben in der Folge ihre Reichsunmittelbarkeit. Auch nachdem 1568 die Abtei protestantisch geworden, blieb sie ein Reichsfürstcnthum; zu Äbtissinnen wurden meist Prinzessinnen aus angesehenen deutschen Fürstenhäusern berufen. Die Äbtissin hatte Sitz und Stimme auf der rheinischen Prälatenbank, einen bedeutenden Hofstaat mit eigenen Erbämtern und einen großen Lehnhof, an welchen selbst der Kurfürst von Hannover wegen des Amts Elbingerode, der König von Preußen wegen der Herrschaft Dern- burg und viele andere Fürsten und Edelleute gewiesen waren. Vgl. Harenberg, „üistoria ecclesiiie (rMitlerslieiinens. lliploinutica" (Hann. >734). Im I. 1803 zog der Herzog von Braunschweig, als Landesherr, das Fürstenthum ein, welches seitdem einenDistrict desHer- zogthums bildet. Die altehrwürdige Stadt G. an der Gande, einem Ncbenflüßchen der Leine, hat 2300 E. und ein nunmehr landesherrliches Schloß. Ganerben, abgeleitet von dem alten Worte Gan, d. i. gemein, und Erben, d. i. Herren, hießen in dem Mittlern Zeitalter, besonders in den Zeiten des Faustrechts, diejenigen Fa- 718 ' Ganganelli Ganflliensystem ^ milien, welche sich zur gemeinschaftlichen Vertheidigung ihrer Güter in einem gemeinschaft- " lichcn Schlosse, das deshalb Gan erben schloß genannt wurde, in einem sogenannten Burgfrieden (s. d.) vereinigten. In der Folge, als nach und nach das Faustrecht aufhörte, erloschen auch allmälig die Ganerbschaften, und nur in einigen Gegenden bezeichnet der Name Gancrbe einen Miterben oder Mitbesitzer, der mit Andern an einem Gute An- theil hat. Die ansehnlichste Ganerbschaft war in der letzten Zeit des Deutschen Reichs Burgfriedberg (s. Friedberg) in der Wetterau. Ganganelli (Giov. Bincenzo Antonio), s. Clemens XIV. Gangarten (sllures) nennt man das Tempo der Geschwindigkeit bei der Bewegung -i der Reiterei. Feldmäßig gepackt legt die Reiterei in einer Minute im Schritt 120, im Trabe ^ 240, im starken Trabe 300, im Galop 333, in der Fanfare 500 und in der Carriere 600 Schritte zurück. Die Gangarten sind dabei nach der mittleren Kraft der Pferde geregelt, damit auch die schwachen nicht Zurückbleiben. Gänge heißen in der Geologie die plattcnförmigen Lagerstätten der Mineralien. Ganges, der Hauptstrom Vorderindiens in der südlichen Vorkette des Himalaja entsteht aus der Vereinigung des Bhagirctti mit dem Alaknanda bei Dcobrag, wo einer der heiligsten Hindutempel sich befindet. Nachdem er anfangs ein reißender Bergstrom gewesen, tritt er bei Hurdwar aus demHimalaja in die große Gangesebe»e, die sich von den Wüsten der Jnduszuflüsse zwischen dem Vindhyagebirge und dem Himalaja bis zum Bengalischen Meerbusen erstreckt. Er durchströmt die Provinzen Delhi, Agra, Audh, Allahabad, Berar und Bengalen, ergießt sich nach einem Laufe, der in gerader Linie 200, mit seinen Krümmungen aber 420 M. beträgt, in vielen Armen in den Bengalischen Meerbusen und bildet so mit dem Brahmaputra (s. d.), dessen Mündung mit der seinigen im Osten zusammenfällt, ein Delta, welches das größte auf der Erde ist, indem es 44 M. vom Meere seinen Anfang nimmt und längs des Meers 45 M. breit ist. Der westliche Hauptarm dieses Deltas ist der Hugli, an dem Kalkutta liegt, der mittlere der Huringolta und der östliche der Padna. Zwischen ihnen breitet sich ein von einer Menge von Kanälen durchzogenes, meist durch Deiche gegen Überschwemmungen geschütztes, im Norden znm Thcil sorgfältig angebautes, weiter herunter aber von einer üppigen, wilden Vegetation bedecktes Schwemmland aus, die Heimat der Cholera, die sich hier aus den Miasmen der Sumpfluft und der verfaulenden Thier- und Pflanzenreste, welche der Ganges anschwemmt, zuerst erzeugte. Hier im Süden des Deltas, längs dem Meere hin, bildet der Kampf zwischen den Gewässern des Flusses und des Meers die furchtbar ungesunden Sunderbunds, ein Labyrinth von wandelbaren Sümpfen, Kanäle, Schlamm- und Sandinseln. Bei dem Ganges finden jährliche periodische Überschwemmungen wir beim Nil statt, wenn auch nicht mit derselben Regelmäßigkeit. Der Ganges ist seiner Größe nach der zwölfte Strom in der Reihe der Flüsse der Erde; sein Flußgebiet beträgt über 27000 mM. und seine Wassermasse ist so groß, daß er bei Allahabad, 140 M. von seiner Mündung, eine Tiefe von 34—45 F. hat und von da an seiner Breite nach einem Landsee gleicht. Er ist der heilige Strom der Hindus. Nach dem Namajana entstand er dadurch, daß in Folge des Gebets k>es frommen Bhagirathas die , Nymphe Ganga, die älteste Tochter des Himawan oder Himalaja, bewogen wurde, sich von dem Himmel auf die Erde zu stürzen. Deshalb wird sein Wasser für heilig gehalten, und ^ ^ seine Anwohner sind verpflichtet, sich an bestimmten Tagen in ihm zu baden. Darum ge- ! schehen auch häufige Wallfahrten zu ihm, besonders zu seinen Quellen. Wer an seinem Ufer stirbt oder vor seinem Tode sein Wasser trinkt, braucht nicht zur Scelenwanderung auf die Erde zurückzukehren. Deshalb trägt man Sterbende zu ihm, flößt ihnen von seinem Wasser ein, taucht sie in dasselbe und übergibt nach dem Tode den Leichnam seinen Wellen. Die, welche entfernt von ihm wohnen, bewahren sein Wasser, das in Indien einen bedeutenden Handelsartikel abgibt, in kupfernen Flaschen, um es in der Todesstunde zu trinken, und lassen, wenn sie reich sind, nach dem Tode sich verbrennen und ihre übrigbleibenden Reste in den Ganges werfen. GtUlflliensystem oder sympathisches Nervensystem (sz-stemu nsrvorum gsngliosuw, Nervus sxmputliicus muximus) nennt man einen Theil desNervensystems, der von manchen, namentlich den neuern Anatomen, als ein für sich bestehendes System betrachtet wird, da» ^ Ganglion Gans /IS ' nur mit den Gehirn- und Rückenmarksnervcn in Verbindung gesehbist. Sein Name rührt von den vielen Ganglien her, die theils von ihm allein, thcils in Verbindung mit andern Nerven gebildet werden. Der Centraltheil des Gangliensystems besteht aus zwei Nervensträngen, die an beiden Seiten der Wirbelsäule innerhalb des Halses, der Brust und der Unterleibs- Höhle verlaufen, deren obere Enden sich im Gehirn verlieren, während die untern im Becken sich in dem 0!>»j-li»n c«cc)'ge»m vereinigen. Nur fünf Gehirnncrven stehen mit diesem Nervensystem nicht,'» nachweisbarer Verbindung, außer diesen aber vereinige» sich samnitlicbe Nerven bald nach ihrem Austritt aus dem Gehirn oder Nückenmarke mit ihm in den Gang- ^ iic», deren es im ganzen Körper kein einziges gibt, welches nicht auch einen Nervenfaden von dem sympathischen Nerven bekäme. Die Hauptnerven des Gangliensystems verbreiten sick ! in netzartigen Geflechten über die zur Erhaltung des Körpers dienenden Organe der Brust und Unterleibshöhle. Das größte dieser Geflechte ist das Sonnengeflecht (plexus solaris), j welches unter dem Zwerchfell hinter dem Magen liegt. Ebenso begleiten dieGangliennerven netzförmig die Arterien bis in ihre feinsten Verzweigungen im Haargefäßnetze der Peripherie. des Körpers. Hieraus erhellt, daß das Gangliensystem den Verrichtungen des Körpers vorsteht, die der Willkür nicht unterworfen sind. Die Bildung der Gangliennerven weicht von der der andern darin ab, daß sie weicher und dunkler gefärbt sind als jene und nicht so symmetrisch verlaufen. (S. Ganglion und Nerven.) Ganglion oder Nervenknoten ist der anatomische Name für größere oder kleinere Körper von verschiedener Gestalt, welche durch den Zusammentritt mehrer Nerven gebildet werden und von denen wiederum Nerven auslaufen. Die Ganglien dienen wahrscheinlich dazu, zwischen den Organe», aus deren Nerven sie gebildet werden und zu denen sie Nerven senden, einen Zusammenhang des Gefühls (consensus) herzustcllen. Sie scheinen daher für einzelne Organe Das zu sein, was das Gehirn für den ganzen Körper ist; eineAnnahme, die auch durch den Bau derselben ziemlich gerechtfertigt wird. Man hat die einzelnen Ganglien thcils nach , ihrer Gestalt, theils nach den Orten, an denen sie liegen, benannt. In der Chirurgie heißt Ganglion ein Überbein (s. d.). Gangrän«, s. Brand. Ganilh (Charl.), ein berühmter franz. Staatswirthschaftslehrer, geb. im Juli 1760 in den Gebirgen von Auvergne, war beim Ausbruche der Revolution Advocat in Paris und wurde zum Wähler ernannt. Er hat in der Revolution keine wichtige Nolle gespielt, sich aber stets als einen Freund des Rechts und der Freiheit gezeigt. Nach der Restauration kam er I8l5 in die Deputirtenkammer, in derer bis l823 saß, und war einer der furchtlosesten Sprecher gegen die damals zu fanatisch - übermüthige Majorität. Seine Einsichten wie sein redlicher Patriotismus erwarben ihm die Achtung aller Wohlgesinnten, und mehre seiner Gelegenheitsschriftcn hatten großen Einfluß auf die öffentliche Meinung.. Er starb in ziemlich beschränkten Verhältnissen am 4. Mai >836. Als seine Hauptwerke sind zu erwähnen ,,l>es svstemes «'economic politi parsit Io plus iovoroble sux progrcs ricliesse" (Par. l 800; 2. vcrm. Aufl., 2 Bde., I82ll), „'lllieorie cis I'ecouninie pnliticziie, toinlee snr los l»!ts" (Par. 1815; 2. Aufl., 2 Bde., >822), „blssai politi^ue »in le revenn fmbliljue «es peuplss «e I'onti- gmte, «u mozen »ge et «es siecles mo«e>nes" (Par. l806; 2. Aufl., 2 Bde., >823) und „Dictionuaire »»slzNiljue «'economic politigue" (Par. 1 826). Gans (scnser). Die Gans gehört zur Gattung der natürlichen Familie der Gänsevögel, und es kommen von ihr verschiedene Arten vor. Die gemeine Gans (^n»s) unterscheidet sich wieder in die wilde und die zahme Gans. Die wilde Gans ist ein Zugvogel und hält sich i» den stehenden Gewässern und Sümpfen des nördliche» Deutschlands auf. Da sie meist von grünen Saaten und reifem Getreide lebt, so thut sie den Feldern großen Schaden. Die wilden Gänse sind sehr scheu, listig und behutsam; sie gehören zur »ledern Jagd und ihr Fleisch ist eßbar. Die zahme Gans unterscheidet sich von jener durch ihre Größe und ihr weißeres Gefieder. Sie bildet einen Bestandthcil einer jeden Landwirthschaft und wird hauptsächlich ihrer Federn und ihres Fleisches wegen gehalten und in besonders dazu eingerichteten Stellagen gemästet; doch bringt eine ausgedehnte Gänsezucht nur selten Vor- theil. (S. Federvieh.) Die gewöhnlichsten Krankheiten der zahmen Gans sind die Gäu« 720 Gans (Eduard) Gans (Salom. Phil») seseuche, Läuse, Würmer in den Nasenlöchern und der Pips. Andere Arten sind die Schnee- gans, mit weißem und schwarzem Gefieder, rochen Füßen und orangengelbem Schnabel, die im Norden wohnt, im Winter aber nach dem Süden zieht; die Rothhalsgans, mit schwarzem, nur an der Brust, dem Halse und zwischen Augen und Schnabel weißem Gefieder, braunrochcm Hals und Brust und dunkelbraunem Schnabel; und die N in gelgans, ebenfalls im Norden heimisch. Bei den Alten war die Gans der Persephone und dem Pria- pus heilig; auch opferte man der Here Gänse. Gans (Eduard), der Vertreter der philosophischen Schule der Jurisprudenz, geb. in Berlin am 22. Mär; 1798, wurde in dem Gymnasium zum Grauen Kloster und auf der Universität daselbst, in Göttingen und Heidelberg, unter Thibaut's und Hegel's unmittelbaren Einflüssen vorgebildet. Als Doctor der Rechte begann er in Berlin seit 1829 die entschiedene Opposition gegen die daselbst herrschende historische Schule der Jurisprudenz, an deren Spitze Savigny stand, und gewann um so mehr Anhänger und Bewunderer, je bedeutender damals der Einfluß Hegel's, mit welchem er im genauesten freundschaftlichen Verhältnisse stand, aus die Universitätsjugend wie auch außerhalb dieses engcrn Kreises sich gestaltet hatte. War auch die allgemeine Berufung auf ihn bei Vielen nur Sache der Mode, so bildete doch seine Opposition gegen die historische Schule ein nothwendiges Gegengewicht; sie brachte Flüssigkeit in die Starrheit, und durch Reibung in die Forschungen der Rechtsgclehr- ten Leben und Feuer. Nachdem G. l 825 eine Reise nach Frankreich und England unternommen, erhielt er in Berlin eine außerordentliche Professur. Auf wiederholten Reisen nach München und Wien, >899 nach Paris, 1831 nach England und 1835 wieder nach Paris, erwarb ersich eine genauere Kenntniß der nicht preußischen Verhältnisse. Bereits 1820 hatteer seine „Scholien zum Gajus" herausgegcben, in denen er seine Stellung zur historischen Schule so scharf abzeichnete, daß diese Arbeit allgemeines Aufsehen erregte. Sein eigenthümlichsies Werk aber ist „Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwickelung" (Bd. I—3, Berl., nachher Stuttg. 1823 — 35), worin ersich auf die Höhe der Spekulation erhob und seine Opposition gegen die historische Schule eine festere Basis gewann. Weiter erschienen von ihm das „System des rom. Civilrechts" (Berl. >827) und die „Beiträge zur Revision der preuß. Gesetzgebung", eine Zeitschrift (Berl. 1830—32). Seine eigentliche Popularität gewann er jedoch durch seine Vorlesungen, besonders durch seine Vorträge über die Geschichte der neuern Zeit, worin er mit Freimuth, Wärme, geistreichem Witz und scharfsinniger Auffassung der historischen Dinge sein Publicum, das sich aus allen Ständen und Kreisen der Gesellschaft sammelte, zu elektrisiren und mit sich fortzureißcn wußte, die aber ihres bedenklichen Charakters wegen plötzlich unterbrochen wurden. Einen andern Charakter hatte der wissenschaftliche Streit, den er an der Spitze der philosophischen Schule gegen die historische unter Savigny führte. G. antwortete auf Savigny's gelegentliche Angriffe in dessen Werke „Das Recht des Besitzes" (6. Ausl., Gieß. >837) durch seine Duplik „Über die Grundlage dcö Besitzes" (Berl. 1839), worin er in geistreicher, schneidender Weise die kritische Manier ^ Savigny's bekämpfte, dessen Ansicht von dem Besitze als einem Factum zu widerlege» suchte, die Angriffslinie überhaupt auf die Anhänger der historischen Schule ausdchntc, und sodann seine Ansicht von dem Besitze als einem Recht aus philosophischen Principien zu vertheidigen versuchte. Von G.'s übrigen Schriften sind zu erwähnen seine „Rückblicke auf ' Personen und Zustände" (Berl. 1836), die „Vorlesungen über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre", in Naumer's „Historischem Taschenbuch" (1833 und 1833), und die „Vermischten Schriften, juristischen, historischen, staatswisscnschaftlichcn Und ästhetischen Inhalts" (2 Bde., Berl. 1833). Besonderes Verdienst erwarb er sich auch als Herausgeber der Vorlesungen Hegel's über „Philosophie der Geschichte". In Verbindung mit einigen Freunden von gleicher Gesinnung, und nicht ohne Hegel's Einwirkung, gründete er das Institut der „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik". Er starb als ordentlicher Professor der Rechte zu BerlMÄM 5. Mai 1839. Gans (Salom. Phil.), einer der ausgezeichnetsten Advocatcn Deutschlands, mosaischen Glaubens, wurde im Febr. 1788 zu Celle geboren. In Halle und Göttingen vorgebildet, bestand er, nachdem seine Studien durch eine schwere Krankheit unterbrochen worden waren, I8ii das juristische Examen und trat nun als Advocat in Celle auf, wo ihn, kurze Gant Garat (Dominique Jos., Graf) 721 Zeit darauf die Procuratur bei der Justizkanzlei übertragen wurde. Seine Kenntnisse, die glücklichen Erfolge seiner Anwaltschaft und vorAllem seine unerschütterliche Rechtlichkeit begründeten ihm in kurzer Zeit eine ausgedehnte Praxis. In seiner Schrift „Von dem Amte der Fürsprecher vor Gericht" (Hann. 1820; 2. Ausl., 1827) bezeichnete er vornehmlich Öffentlichkeit der Gerichte und innere Reorganisation, hauptsächlich durch eine zeitgemäße Ad- vocatenordnung, als die Mittel, welche den Advocakenstand wieder zu der ihm gebührenden Würde bringen könnten. Nächstdem gab er die „Zeitschrift für Civil- und Criminalrechts- pflege im Königreiche Hannover" (1826—27) heraus, sowie eine „Kritische Beleuchtung des Entwurfs eines Strafgesetzbuchs für das Königreich Hannover" (2 Bde., Hann. 1827 —28) und den „Entwurf einer Criminalproccßordnung für das Königreich Hannover, nebst Einleitung und Bemerkungen" (Gött. >836), die beide sehr beifällig aufgenommen wurden. Auch als politischer Schriftsteller trat er 1831, zunächst in der Broschüre „Über die Verarmung der Städte und des Landmanns, besonders im Königreiche Hannover" auf, in welcher er nächst den Mitteln zur Beseitigung der Gründe der Verarmung auch freie Volksrexrä- sentation und freie Presse empfahl, und zu deren Vertheidigung er dann die Broschüre „Über Steuerzahlungen, Gemeinheitstheilungen und Verkoppelung" (Braunschw. 1831) erscheinen ließ. Die osteroder und göttinger Gefangenen fanden an ihm einen geschickten, aufopfernden Vertheidiger. Wegen beleidigender Schreibart gegen das Untersuchungsgericht und das Ministerium in einem direct an den König gerichteten Amnestiegesuche für die Göttinger, Osteroder und Bovcnder, welche letztere durch einen andern Advocaten vertheidigt wurden, verurtheilte die Justizkanzlei zu Celle in erster Instanz G- zu sechsmonatlichcr Zuchthausstrafe und Rcmovirung von der Praxis; in zweiter Instanz aber wurde dieses Urthcil von der Justizkanzlei zu Stade auf drei Wochen Gefängnißstrafe herabgesetzt. Gant oder Vergantung, entstanden aus dem lat. qusnti, d. i. wie theuer, heißt im südlichen Deutschland der öffentliche Verkauf der Güter eines verschuldeten Unterthanen durch die Obrigkeit, auch der Concurs des Schuldners selbst; Ganthaus das Versteigerungs- ! Haus; Gantmeister der Auktionator; Gantregister der Auetionskatalog; Gantmann der Concursschuldner; Gantproceß der Concursproceß, und Gantrecht das Recht, nach welchem der Concurs eröffnet und geleitet wird. Ganymedes, der Mundschenk und Geliebte des Jupiter, ein Sohn desTros und der Kalirrhoe, Bruder des Jlus und Affarakus, wurde seiner Schönheit wegen von den Göttern in den Olymp erhoben, um des Jupiter Becher zu füllen. Sein Vater erhielt dafür ein treffli- - ches Gespann. Nach spätem Sagen wurde er durch Jupiter's Adler oder von Jupiter selbst, in der Gestalt eines Adlers, entführt. Als Ort, wo der Raub geschah, wird das Jda-Gebirge angegeben. Die Astronomen versetzten G. unter dem Bilde des Wassermanns unter die Sterne. Sein Raub ist von den Künstlern vielfach dargestellt worden; namentlich ist das Kunstwerk des Bildhauers Leochares, welches den G. darstellt, wie er vom Adler empor- gctragen wird, zu erwähnen. Gar oder gahr kömmr fast nur in Zusammensetzungen vor und deutet alsdann auf die Beendigung irgend eines chemischen oder mechanischen Proceffcs. So nennt man z. B. Felle, wenn sie durch Bearbeitung mit Lohe ihre gehörige Weichheit erhalten haben, lohgar. Erze, welche durch Schmelzen und Abtreiben vollständig gereinigt und zur weitern Verarbeitung geschickt gemacht sind, heißen Garerze. — Mit dem Begriffe der Vollendung oder Beendung hängt dann auch wol der östr. Provincialismus gar, z. B. meine Geduld ist nun gar, zusammen. Garantie bezeichnet so viel als Bürgschaft, Sicherstellung. Die zwischen den Staaten eingcgangenen Verträge werden zuweilen von Dritten, z. B. den Landständen, einer andern Macht u. s. w-, garantirt. Auch die Constitutionen faßte man lange Zeit besonders von der Seite auf, daß sie eine Garantie für bestimmte Rechte des Volks gewähren sollten, während auf der andern Seite für ihre eigenen Garantien zu sorgen war. Garat (Dominique Jos., Graf), Philosoph, Staatsmann und einer der besten franz. Prosaisten, geh. zu Ustariz bei Bayonne 1758, hatte sich durch Elogien auf den Kanzler L'Höpital, den Abt Suger, Fontenelle u. A. bereits sehr vortheilhast bekannt gekracht, und Eonv. - Lex. Neunte Au fl. V. 46 722 Garat (Jean Pierre) Gareia war Redacteur des „äonrnsl i, sur d ses ecrits, etc., sur Is clix-buitieme siede" (2 Bde., Par. 1820). r Garat (Jean Pierre), einer der berühmtesten sranz. Sänger, ein Verwandter des d Vorigen, geb. zu Ustariz am 25. Apr. 1763, kam >782 nach Paris, wo er >795 als Lehrer ; am Conservatorium angcstellt wurde. Seine Stimme war an Klang und Umfang vielleicht d die bewunderungswürdigste, welche je die Natur gebildet hat, und seine Fertigkeit außeror- u dentlich. Er machte mehre Kunstreisen durch Spanien, Italien und Deutschland, 1802 nach z Petersburg und starb in Paris am 3. März 1823. — Auch sein Bruder, Jos. Domini- I que Fabry-Garat, geb. zu Bordeaux 1775, erwarb sich als Sänger und Componisi l si ausgebreiteten Ruf. I ll Garcla (Manuel), ein beliebter Sänger, Componist und Gesanglehrcr, geb. am 22. o Jan. 17 7 5 zu Sevilla, kam, nachdem er in Cadiz und Madrid als Sänger einen bedeuten- g den Nus erlangt, > 808 nach Paris, wo er in der Italien. Oper mit großem Glücke auftrat, , ft und ging 1811 nach Italien, wo «r in Turin, Nom und Neapel nicht minder günstige Auf- i d nähme fand und die Gesangskunst theoretisch studirte. Von 1816—23 war er abwechselnd li in Paris und London als Sänger und Gesanglehrcr thätig; dann ging er mit einer auser- u lesenen Opergesellschaft, zum Theil aus Mitgliedern seiner Familie bestehend, nach Neu- dl york und später nach Mexico. Im Begriff nach Europa zurückzukehren, wurde er auf dem st Wege nach Veracruz durch Räuber seines ganzen ersparten Vermögens beraubt, das er in 6 Ruhe genießen wollte. So sah er sich genöthigt, in Paris wieder seine Singcurse zu eröff- ! L nen. Einige Versuche, auch als Sänger wieder thätig zu werden, überzeugten ihn jedoch von ' r« der eingetretenen Unzulänglichkeit seiner Stimme, und fortan widmete er sich nur der Com- i gl Position und der Bildung seiner Schüler. Unter den lehtern erlangten namentlich Nourrit ^ und die Meric-Lalande, vor Allen aber seine älteste Tochter Marie (s. Malibran) den i d! ausgebreitetsten Ruf. Minder bedeutend war G. als Componist, obgleich mehre seiner dra- ! bi matischen Arbeiten, namentlich „Ll poeta cslculistu" und „U csliko <1i Ragiiml" sich einer le günstigen Aufnahme erfreuten. — Seine zweite Tochter, PaulineViardot-Garcia, > x geb. 1821 zu Paris, kam zwar mit ihren Altern nach London, Neuyork und Mexico, erhielt j ft aber erst später in Paris und Brüssel ihre eigentliche Ausbildung. Nach dem Plane ihres i si Vaters sollte sie Clavierspielerin werden, und erlangte auch bald eine bedeutende Fertigkeit. j L Allein gleich ihrer großen Schwester zeigte sie eine so mannichfaltige Kunstbegabung, daß es ! schwer schien, ihre eigentliche Richtung zu bestimmen. Nicht nur zeigte sie ein ungemeines ! 5 Sprachtalent sondern auch eine überraschende Leichtigkeit und Auffassungsgabe im Zeich- , g nen, sodaß sie die Züge von Personen, die sie oft nur einmal gesehen, nach längerer Zeit noch li charakteristisch darzustellen vermochte. Später erst entwickelte sich entschieden und schnell zur bi Reife gedeihend ihr Gesangstalcnt. Im I. 1838 machte sie mit ihrem Schwager Beriot (s. d.) eine Kunstreise, auch nach Deutschland. Im folgenden Jahre ging sie nach London, Garcilaso de la Bega Gardelegen 723 wo fic so lebhafte Sensation erregte, daß sie, vielfachen Auffoderungen und Anerbietungen nachgebend, ihren Entschluß, Concertsängerin ;u bleiben, aufgab und zuerst als Desdemona ^ die Bühne betrat. Der Erfolg war der entschiedenste. Seitdem gehört ihr Name den ersten der heutigen italien. Oper zu, und ihre neuesten Erfolge in Petersburg erinnern an die glänzendsten Zeiten ihrer Schwester. — Ein älterer Bruder, Manuel G-, geb. 18 l 3 zu Neapel, machte sich gleich dem Pater als, Sänger und Gesanglehrer in Paris bekannt. Garcilaso de la Bega, s. Vega. Gard, einer der rechten Nebenflüsse der Rhone, gibt dem Departement des Gard den Namen, das aus den früher« obcrlanguedocschcn Landschaften Nemosez, Alaiz und Usagais gebildet, im Westen durch die Departements des He'rault und Aveyron, im Norden durch die Departements des Lozere und Ardeche, im Osten durch die Rhone und im . Süden durch die Departements der Rhonemündungen und durch das Mittelmeer begrenzt wird. Es zählt auf 109 lUM. gegen 370000 E., darunter fast ein Drittheil Reformirte. Es ist im Nordwesten durch einen Zweig der Cevennen, Gevaudan genannt, gebirgig; gegen die Rhone hin abgedacht, im Süden aber niedrig und morastig; im Allgemeinen reich an Producten, besonders Wein (Tavel), Oliven, Kastanien und Seide. Auch der schon zu den Zeiten der Römer vortheilhast ausgezeichnete Gcwerbfleiß der Bewohner hat sich nach den Verwüstungen, welche hier die Einfälle der Germanen, der Sarazenen und Normänner und später die Religionskriege der Albigenser und Hugenotten anrichtetcn, wieder gehoben; den Handelsverkehr fördert die hier alljährlich in den letzten Tagen des Juli abgehaltcne Messe zu Deaucaire (s. d.). Die Hauptstadt ist Nim cs (s. d.). Das Land gehörte zu dem alten narbonnesischen Gallien, in welchem das Nömerthum am frühesten Eingang fand und am meisten sich befestigte. Eins der großartigsten Römerwerke ist der vier Stunden nordöstlich von Nimcs entfernte sogenannte Pont du Gard. Dieser Riesenbau bildet einen ^ Theil jener röm. Wasserleitung, welche dazu bestimmt war, die Quellen aus dem Thale von Uzes, neun Stunden weit, über das wilde, enge, geklüftete Thal des Gard nach Nimes zu leiten. Er besteht aus drei übereinandcrgesehten Reihen von Pfeilerbogen, von denen die oberste die eigentliche Wasserleitung trägt. Die erste Reihe, unter welcher der Fluß durchgeht, hat sechs Bogen von 58 F. Durchmesser, die mittlere elf Bogen von 56 F. Durchmesser und 67 F. Höhe, und zwar sind hier die Pfeiler dergestalt kunstvoll durchbrochen, daß diese Reihe zugleich zur Passage für Fußgänger und Reiter eingerichtet war; die dritte endlich zählt 35 Bogen von 17 F. Durchmesser. Das Ganze ist 580'/r F. lang, 182 F. hoch und 23 F. dick. Die Barbaren zerstörten einen Theil der Wasserleitung, ohne sich jedoch an dem Riesenwerk selbst zu vergreifen; in den Hugcnottenkriegen aber ließ ein Rohan, um seine Artillerie hinüberzuschaffen, mehre Pfeiler der Mittlern Galerie aushanen, sodaß dem Ganzen ein baldiger Einsturz drohte. Die Stände von Languedoc sorgten indeß für die Wiederherstellung des Schadens, und 1743 wurde in gleicher Höhe mit der ersten Pfeilerreihe und in gleichem Stile eine Brücke angebaut, die, obschon ein großartiger Bau, doch gegen daS röm. Riesenwerk schwindet. Gardasee (I-ago üi 6urds), bei den Römern I,acus Henacus, einer der merkwürdiger« Alpenseen in der lombard.-venetian. Delegation Verona, acht M. lang und eine bis drei M. breit, hat seinen gegenwärtigen Namen von dem an der Ostseite desselben gelegenen Städtchen Garda. Die auf demselben periodisch herrschenden Winde, Sover und > Ora, begünstigen die Schiffahrt, und regelmäßig wird er jetzt mit Dampfbooten befahren. . Unterirdische Schwefelquellen hinderten schon früher die Fischerei, die durch Einführung der ! Dampfboote auf demselben noch mehr gestört wurde. Die Ufer des Sees bei den Städtchen ! Desenzrno und Salo sind reizend. Vgl. Volta, „vescririone 6e1 di.6." fl 828). ! Gardelegen, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Magdeburg, an der Milde, mit 5000 E. und einem Schullehrerscminar, soll im Alterthume Isenburg (Ostellum lsidis) geheißen.haben, nach der Isis, die hier verehrt wurde, und durch die Franken nebst dem Hei- ligthume der Göttin zerstört worden sein. Vom König Heinrich neubegründct, war es dann bis in das letzte Vierkheil de« 15. Zahrh. eine freie Stadt. Seit der Mitte des 18. Zahrh. 46* 724 Garden und noch mehr durch die Schweden im Dreißigjährigen Kriege wurde cs befestigt; Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg ließ 1638 die Festungswerke schleifen. Garden, anfangs mehr zur Eerechtigkeitspflege als zur Sicherheit des Fürsten bestimmt, machten später einen Theil des höfischen Gepränges aus und sind als der Anfang der stehenden Heere zu betrachten. Im Frieden wie im Kriege umgaben sie die Person des Herrschers, und in der Schlacht fochten sie an seiner Seite. So hatte Alexander der Große 56 junge Männer, Söhne der vornehmsten Macedonier, die ihm bei Tische auswarteten, ihn auf der Jagd begleiteten, ihm im Treffen die Pferde verführten und den Eingang seines Zeltes bewachten. Diese Garde war die Pflanzschule der künftigen Heerführer und Statt- ^ Halter. Über ihr standen sieben besondere Leibwächter, die aus den vorzüglichsten Anführern gewählt waren. Die pcrs. Könige hatten weit zahlreichere Leibwachen. Als Lerxes über den Hellespont ging, bestand, nach Herodot, seine Garde aus 12666 Reitern und 16006 Fußkncchten, in prächtigen Rüstungen und mit Lanzen, deren Spitzen mit goldenen und silbernen Granatäpfeln verziert waren. In der röm. Re p ublik hatte die cokors prseto- r'm die Person des Feldherrn zu schützen; hieraus entstand unter Augustus die kaiser- licheLeibwache (prsetori-ioi), die in neun Cohorten, etwa 5006 M., getheilt war; außerdem gab es eine Stadtwache von 1665 M. Die Prätorianer wohnten in dem prsetorium außerhalb der Stadt und standen unter zwei praekectis ziraetorio. Oft hatten sie großen Einfluß auf Besetzung des Throns und die Regierung. Unter KonstanMr hießen jene Cohorten 8cl>ol»e tlomesticormn oder protertorum. Die europ. Regenten hatten bis zum 16. Jahrh. herab mit Hellebarten bewaffnete Trabanten, nach dem Muster der Schweizer, zu Bewachung ihrer Personen und ihrer Schlösser. Ludwig XI. von Frankreich hielt schot. Armbrustschützen (s.Armbrust), die unter Heinrich IV. zu Lbevitiix le^ers tle la g-lrüe wurden. Franzi.hatte neben ihnen zugleich eine Compagnie Eardcs du Corps, anfangs blos Lancicrs, seit 1535 aber schon wenigstens zum Theil mit Feuergewchren bewaffnet. Heinrich IV. gab ihnen I5S8 Pistolen und leichte Spieße; dann erhielten sie 1666 Streitkolben, später aber, wie die ganze Reiterei, Carabiner, Degen und Pistolen. Ludwig XIll. mehrte diese reitenden Garden um drei Compagnien, zu denen Ludwig XIV. 1676 noch eine fügte, und es bilden nun diese reitenden Garden das in der Geschichte dieses prachtliebenden und kriegslustigen Königs bekannte Königliche Haus (iVlsison 6» r»i). Dieses bestand aus vier Compagnien Gar- des du Corps, einer Compagnie Gensdarmcs, deren Capitain der König war, einer Compagnie Chevauxlegers und zwei Compagnien adeliger Mousquetiers. Hierzu kamen noch die schweizer und franz. Garden. Die Schweizer-Garden, 1493 von Karl VIII., 100 M. stark, als Schloßwache errichtet und mit Hellebarken bewehrt, wuchsen in der Folge zu einem Regimente von zwölf Compagnien, die Ludwig XIV. in das Feld begleiteten und sich im Treffen, wie nachher bei dem Ausbruche der Revolution, durch unerschütterlichen Muth und Treue auszeichneten, während die 1563 errichteten franz. Garden sogleich zur Partei des Volks übertraten. Der ungeheure Aufwand, welchen das Königliche Haus herbeiführte, wurde in der Folge Ursache, daß es bei der Umformung des Heers durch den Grafen von Saint-Germain, mit Ausnahme der Gardes du Corps und der Fußgarde, aufgehoben wurde. Indem andere Fürsten jener Zeit Frankreich nicht nachstehen wollten, umgaben sie sich ebenfalls mit prächtig gekleideten und ausgerüsteten Garde», die entweder blos Schloß- und Leibwache waren oder unter kriegerischen Fürsten gleich andern Truppen mit in der Linie fochten. So namentlich Preußen. Stets wurden die Garden als Kerntruppcn und letzte § Reserven betrachtet. So z. B. focht die Weiße Garde des Markgrafen von Baden in der Schlacht bei Wimpfen am 7. Mai 1622 mit dem größten Heldenmuth und wurde gänzlich aufgerieben. Der nachmalige König Friedrich I. von Preußen hatte 1680 bei der Belage- ^ rung von Bonn drei Compagnien Trabantengarde und vier Compagnien Grandmousque- ^ taire zu Pferde und 26 Compagnien Leibgarde zu Fuß. Später, 1692, kommen auch zwei Compagnien Gensdarmes und ebenso viel Grenadiere zu Pferde vor. Außerdem gab es zwei Bgtaillons kurmärkischer Garde und ein Bataillon preuß. Garde am Rhein. König Friedrich Wilhclm's I. sogenannte Potsdamer Garde, welche sich durch die ungeheure Größe der Leute auszeichnete, sodaß ein Mann, der sich lange als ein Riese hatte sehen lassen, der vierte vom rechten Flügel wurde, erlangte allgemeine Berühmtheit. Friedrich der Große Garden 725 hatte eine Escadron Gardes du Corps, fünf Escadrons Gensdarmes und ebenso viel Cara- biniers zu Pferde, ein Bataillon Grenadiergarde und zwei Bataillons Garde zu Fuß. Am stärksten war stets die russ. Garde; ursprünglich zum persönlichen Schutze des Monarchen bestimmt, hatte sie stets großen Antheil an den Regierungsveränderungen. (S. Stre- litzen.) Die große Anzahl Garden, welche von Seiten Rußlands an dem Kriege von I8l3 Theil nahmen, veranlaßte auch andere Regenten, insbesondere die Könige von Preußen und England, ihre Garden zu vermehren. Ostreich besitzt nur Leibgarden, und zwar zunächst die erste Arcicrcn-Leibgarde, aus Offizieren bestehend, die nicht mehr ganz felddienst- sähig, aber von tadelloser Aufführung sind, jedoch nicht von Adel zu sein brauchen. Zum Etat dieser Leibgarde gehören außer dem Chef (Gardecapitain) >3 Offiziere, 56 Garden und ein angemessener Unterstab. Diese Garde steht so hoch im Range, daß die Unterlieutenants den Rang eines Generals in der Armee, die Wachtmeister den eines Stabsoffiziers und die Garden den eines Hauptmanns oder Lieutenants haben. Die königlich untzar. adelige Leibgarde, welche beritten ist, besteht aus einem Gardecapitain, elf Offizieren (vom Range eines Generals bis zum Lieutenant herunter), 65 Garden (adelige junge Ungarn mit Unterlieutenantsrang) und einem Unterstabe. Die königlich lombard.-venet. Leibgarde hat denselben Etat wie die ungarische und ist gleich dieser eine militairischc Bildungsanstalt für junge Adelige aus dem lombard.-venet. Königreich. Die Trabanten-Leibgarde besteht aus einem Gardecapitain (General in der Armee), einem Gardecapitain-Lieutenant, zwei Lieutenants (Stabsoffiziere), sechs Wachtmeister (Offiziere), vier Vice-Wachtmeister, 86 Trabanten für Wien, 36 für Mailand, und einem Unterstabc. Außerdem gibt cs eine Hofburgwache in den kaiserlichen Residenzen, von sechs Offizieren, 23 Unteroffizieren (Feldwebel und Führern) und 256 Gemeine mit einem Unterstabe. Für Ofen endlich besteht eine eigene Kronwache von drei Offizieren, fünf Unteroffizieren und 66 Grenadieren (Halbinvaliden der ungar. Grenadierbataillone). Die Leibwache des Sultans wurde aus denIanitscharen (s. d.) gewählt. In Ägypten waren dieMamluken (s. d.) ursprünglich zu einer Art Garde bestimmt gewesen. Die größte Berühmtheit erlangte Napoleon's Kaisergarde, bekannt unter dem Namen der Alten Garde. Äls in der Schlacht bei Marengo gegen die Östreicher schon der ganze linke Flügel, der franz. Armee in wilder Flucht zurückgewichen war und der Sieg auf der Seite der Ostreicher zu sein schien, waren es zwei Bataillons der Consulargarde, welche durchaus nicht wichen und auf diese Weise bewirkten, daß Castel Ceriolo besetzt werden und den sich wieder sammelnden Truppen einen Anlchnungspunkt gewähren konnte, wodurch sich endlich der Sieg für Bonaparte entschied. Diese Consulargarde, damals drei Bataillons, 866 M. stark, und zwei Schwadronen zu 366 Pferden, vermehrte Napoleon als Kaiser nach und nach auf 68 Bataillons, 3l Escadrons und 86 Geschütze. Aus dem ganzen Heere auSgewählt, war sie ihres Werthes sich bewußt und verdiente in jeder Hinsicht das höchste Zutrauen des Kaisers, der sie gewöhnlich nur als Reserve gebrauchte. Die Junge Garde war gleichsam die Vorbereitung; denn nur die bessern Soldaten derselben wurden unter die zwölf Bataillons, der Alten Garde ausgenommen, die ihresgleichen nicht fanden. Bei dem Marsche nach Rußland war die Napoleon'sche Garde folgendermaßen cingetheilt: l) Die Division der Alten Garde, sechs Bataillons Grenadiere und vier Bataillons Jäger; 2) die Divisionen der Jungen Garde, acht Bataillons Voltigeurs, acht Bataillons Tirailleurs, zwei Bataillons Chasseurs Füsiliers, zwei Bataillons Grenadiers Füsiliers, und zwei Bataillons Flanqueurs; 3) die Division der Fremden, ein Bataillon Neufchateller, zwei'Bataillons hcssen-darmstädter Leibgarde und zwei Bataillons Gardefüsiliere, zwei Bataillons hessen- darmstädtcr Linieninfanterie und drei Escadrons portug. Jäger; 3) die Gardecavalerie, zwei Regimenter Grenadiere zu Pferde, zwei Regimenter Dragoner, drei Regimenter Lan- ciers, eine Escadron Mamluken, größtentheils Pariser, und zwei Escadrons Gendarmerie-Eliten, zusammen 36 Escadrons. Sie führte 126 Geschütze mit der zugehörigen Bedienung, einer Compagnie Train und einem Bataillon Ouvriers de la Marine. Außerdem gehörten dazu ein Bataillon Velitengarde des Prinzen Borghese, ein Bataillon Velitengavde der Großherzogin von Toscana, ein Bataillon span. Pionniere und eine Escadron Ehren- garde. Von allen diesen schönen Truppen kamen nur etwa 860 M. zurück, die aber am l. W Ä 726 Garderobe Gardiner Mai 1 813 schon wieder auf sechs Bataillons Grenadiere der Alten Garde und 16 Bataillons der Jungen Garde sowie 5000 M. Cavalerie und 56 Geschütze gebracht waren. Zn der Schlacht bei Dresden bestanden die Garden aus 29600 M. Infanterie, 7000 M. Cavalerie und 60 Geschützen. Während der Hundert Tage bestand die Alte Garde aus fünf Bataillons Grenadieren, fünf Bataillons Chasseurs, drei Bataillons Tirailleurs, einem Bataillon von der Insel Elba und zwei Bataillons alter Gendarmerie; die Junge Garde aus 12 Bataillons Voltigeurs und Tirailleurs, und die Reiterei aus 12 Escadrons Grenadieren zu Pferde, Dragonern, Chasseurs und Lancicrs, zusammen 26160 M., die mit dem Kaiser standen und fielen. Mit dem Ausrufe „I.a Partie meurt, mais ns ss rem! 7 wies die Alte Garde bei Waterloo jede Auffoderung, sich zu ergeben, zurück. Die nach der Restauration der Bourbons in Frankreich errichteten Garden wurden in Folge der Julirevolution von 1830 aufgehoben. Garderobe nennt man das Ganze des Theatercostüms (s. Costüm), dessen Auf, bewahrungsorte, auch die Ankleidezimmer der Schauspieler. Die Garderobe ist Eigenthum der Direktion und wird dem Schauspieler zu jeder darzustellenden Rolle geliefert; dagegen muß die moderne, elegante Kleidung meist vom Schauspieler selbst besorgt werden,jedoch gegen eine Entschädigungssumme, G arderobcngeld genannt. Auch die Federn und sonstigen Verzierungen werden gewöhnlich vom Schauspieler besorgt. Das Garderobepersonal besteht bei großen Bühnen aus einem Direktor, Jnspector oder Costümier, den Garderobiers und Garderobieren, dem Friseur, Requisiteur, Schuhmacher u. s. w. Gardie (Grafen d e la) sind ein languedocsches Geschlecht, welches seit derMitte des 1 6. Jahrh. sich in Liefland niederließ. Unter den Gliedern desselben zeichneten sich besonders aus Pontus Baron de laG., der aus franz. in schweb. Dienste trat, als Feldmarschall 1580 siegreich gegen Rußland focht und 1585 starb. — Sein Sohn, JakobGrafdela G., geb. 1583, erfocht ebenfalls mehre Siege gegen die Russen und starb als Präsident des Kriegsdepartements 1652. — Nicht minder zeichnete sich Jakob's Sohn, Magnus Ga- > brielErafdelaG. aus, geb. zu Reval 1 622. Er studirte zu Upsala, bildete sich dann ! aqf seinen Reisen in Frankreich und gefiel der Königin Christine nach seiner Rückkehr so wohl, daß sie ihn zu ihrem Gesandten in Paris ernannte. Obschon er viel über sic vermochte, so bemühte er sich doch vergebens, sic andern Sinnes zu machen, als sie entschlossen war, die Krone niederzulegen. Unter dem König Karl X. Gustav übernahm er den Oberbefehl des Heers, welches unter ihm gegen Rußland sehr glücklich focht. Nach des Königs Tode hatte er Theil an der Regentschaft während der Minderjährigkeit Karl's XI. Obschon mit diesem durch seine Gemahlin, die Prinzessin Euphrosyne von Pfalz-Zweibrücken nahe verwandt, wurde er doch bei der Einziehung der adeligen Güter sehr hart behandelt und fast aller seiner Besitzungen verlustig, sodaß er 1685 in großer Armuth starb. Ihm verdankt Upsala den sogenannten Mbernen Codex desUlfila (s. d.), den die Schweden in Prag erbeutet hatten, der aber für verloren erachtet wurde, bis ihn E. in Flandern auffand und für 600 Fl. kaufte. Gegenwärtig besitzt die Familie das Landgut Löberod in Schonen, wo sich die reichste Handschristcnsammlung in Schweden befindet, aus der der Propst Wieselgrcn das „vo la 6^r529 zum Staatsrathe erhoben. Darr sich im Scheidungsprocesse und in der Herstellung der königlichen Suprematie in Kirchensachen sehr willfährig bewiesen, so ernannte ihn 1511 der König zum Bischof von Winchester. Nächstdem hatte er sich die königliche Gunst durch eine 1535 gegen den Papst gerichtete Schrift „I>e vera obschentis" (Franks. 1621) in hohem Grade erworben. Dessenungeachtet war G. im Geheimen ein heftiger Gegner derKirchenresormation; er arbeitete darin Garigliano Garnerin 727 aus allen Kräften den Absichten Cranmer's (s. d.) entgegen, half den Staatssecretair Cromwell stürzen, Hintertrieb die Vereinigung mit den deutschen Protestanten und brachte es dahin, daß die engl. Protestanten mit Feuer und Schwert verfolgt wurden. Indessen erregte seine Verbindung mit der als Bastard erklärten Prinzessin Maria den Verdacht des Königs. Als E. überdies die Gemahlin Heinrich's VIII., Katharina Parr, der Ketzerei beschuldigte, diese aber vor dem Tyrannen sich zu reinigen wußte, fiel er gänzlich in Ungnade und wurde aus dem Staatsrath gestoßen. Unter der Regierung Eduard's VI. ließ ihn die protestantische Partei mehre Jahre im Gefängnisse schmachten, und als er, wieder in Freiheit gesetzt, seinen Widerstand gegen die Reformation dennoch nicht aufgab, wurde er 1551 abgesctzt und nochmals eingekerkert. Mit dem Regierungsantritt der Königin Maria erhielt er endlich die Freiheit und seinen Bischofssitz zurück. Später trat er als Staatskanzler an die Spitze der Negierung. Er rieth nun der Königin mit Beibehaltung der Suprematie den katholischen Cultus allmälig wieder einzuführen, und zugleich begann er, von zahlreichen Spionen unterstützt, die blutigste Verfolgung der Protestanten. Obgleich er selbst das Gelübde der Keuschheit nicht gewissenhaft hielt, behandelte er besonders die verheiratheten Geistlichen und ihre Familien mit ausgesuchter Grausamkeit. Als er endlich sah, daß die gcwalt- sqpne Vertilgung der Ketzer unmöglich sei, zog er sich einigermaßen von dem blutigen Geschäfte zurück. „Ich habe mit Petrus geirrt, aber nicht mit Petrus geweint," soll er oft in seinen letzten Tagen gesagt haben. Er starb am 12. Nov. 1555, nachdem er noch die Bö schüfe Nidlcis und Latimer auf den Scheiterhaufen befördert. Wesentliches Verdienst hatte er sich um England erivorben, daß er in dem Ehevertrage der Königin mit dem span. Pein zcn Philipp die Selbständigkeit seines Vaterlandes zu wahren wußte. Außer der erwähnten Schrift gab er noch „iVeeessar^ ckoctrine of » cbristian man" (> 513) heraus. Garigliano, ein Fluß, der Liris der Alten, entspringt auf den Apenninen und ergießt sich, nachdem er die neapolit. Provinz Terra di Lavoro durchströmt, in den Meerbusen von Gaeta. Sein schmuziges Wasser fließt sehr langsam, ist aber sehr fischreich, namentlich auch an Aalen. In dem Schilfe desselben, unweit der Stadt Minturnä, versteckte sich Marius vor seinen Verfolgern. Die Brücke über denselben auf der Straße von Rom nach Neapel vertheidigte Bayard gegen die Übermacht der Genueser und Venetianer, wodurch allein die Rettung des franz. Heers möglich wurde. Garizim ist der alttestamentliche Name einer Bergspitze des Gebirgs Ephraim, der wahrscheinlich von dem anwohnenden Stamme der Gerissiter herkommt. Auf dem Garizim wurde zur Zeit des Nehemia, unter der Regierung des pers. Königs Darms Nothus, das Nationalheiligthum der Samaritaner (s. d.) errichtet und dadurch das kirchliche Schisma zwischen diesen und den Juden vollendet. Veranlassung dazu gab, daß Manasse, der Sohn des Hohenpriesters Jaddu, wegen seiner Verhcirathung mit der Tochter des pers. Satrapen von Samarien, des Saneballat, excommunicirt und verjagt worden war. Den von Manasse erbauten Tempel auf dem Garizim zerstörte im 1.129 v. Ehr. Johannes Hyrkanus, allein der Berg selbst blieb den Samaritanern heilig und hieß bei ihnen stets der gesegnete Berg. Garnkrin, eine berühmte Aeronautenfamilie, deren ältestes Glied Jean Bapr. Olivier E., geb. 1766 zu Paris, ein Schüler des berühmten Physikers Charles (s. d.) war. Während der Revolutionszeit hatte er mehren Administrationsgeschäften vorgestanden und war unter Anderm Kommissar bei der Rhein- und Moselarmee gewesen. Sein jüngerer Bruder Andre Jacq. G., geb. 1769, der einen ähnlichen Posten bei der Nordarmec bekleidete, war gefangen und nach Ofen gebracht worden. Nachdem derselbe seine Freiheit wieder erhalten hatte, vereinigten sich die beiden Brüder zu einer gemeinschaftlichen Lösung des Problems der Luftschiffahrt. Als ein erster Versuch am 16. Juni 1797 verunglückt war und ihnen gerichtliche Verfolgungen zugezogen hatte, stieg Andre Jacq. noch im Oct. desselben Jahrs von einer Höhe von I2VV F. mit einem von ihm vervollkommnten Fallschirme herab. Später wiederholte er sowie seine Frau dieses Experiment noch öfter und ließ sich besonders im Norden Europas unter Anderm in Petersburg sehen, weshalb er sich das Prädicat eines kremier aeronsute cku i^orck beilegte. Wegen der Priorität der Erfindung des Fallschirms gerieth er mit seinem älter» Bruder in Streit und schrieb in dieser Angelegenheit ein Pamphlet unter dem Titel „Usurpation «I'etat et 813). Andre Jacq. starb am I8.Aug. >823 in Paris. Des altern Bruders Tochter Elisa G., gcb. 17 91, ließ sich nach der zweiten Einnahme von Paris am 2l. Sept. 1815 in Gegenwart des Königs von Preußen aus einer Höhe von 1800 Klaftern mit dem Fallschirme herab. Garnier (Rob.), franz. Trauerspieldichter, der ausgezeichnetste unter den Vorgän- gern Corneille's, geb. 1534 zu Ferte-Bernard, studirte die Rechte und wurde später Paria- mentsadvocat in Paris und unter Heinrich IV. Staatsrath. Er starb I59V. Von Zugend aus der Poesie leidenschaftlich ergeben und 1565 von dem College deräeux kiars u x(s.d.) gekrönt, war er einer Derjenigen, welche mit und nach Iodelle (s. d.) die Reform des franz. Theaters durch Übersetzung und Nachahmung griech. Stücke statt der nationalen Mysterien und Farcen begannen und durchführten. Seine Tragödien verrathen ein glückliches Studium der Griechen und Römer und ein seltenes oratorisches Talent; zu einer derselben wählte er den Stoff aus Ariosto; auch gab er darin den griech. Chor auf, den er in allen seinen übrigen Stücken streng beibehielt. Am berühmtesten wurden seine Tragödien „kraäamante" (1582) und „Antigone"(158V). Unter den Von158v—1618 erschienenen Ausgaben seiner Stücke sind die zu Paris >607 und Rouen 1618 die besten. Garnier (Jean Jacq.), franz. Historiograph, geb.zu Goron, einem Flecken in Maine, am 18. März 1729, kam ohne alle Mittel nach Paris, brachte es aber durch angestrengte» Fleiß in wenigen Jahren bis zum Professor der hebr. Sprache am College de France, um das er sich, später als Jnspector desselben, nebst seinem Freunde Lalande große Verdienste erwarb. Im I. 1761 wurde er Mitglied der Akademie dcrJnschriften, und seine zahlreichen Arbeiten in den Abhandlungen derselben zeugen von seiner ausgebreiteten, soliden Gelehrsamkeit und noch mehr von seinem außerordentlichen Fleiße. Beauftragt, die von Velly an- gefangcne und von Villaret fortgeführte „Histoire <1e Vrsnce" weiter fortzusetzen, lieferte er zu diesem weitläufigen Werke die Geschichte der Regierungen von Ludwig XI. bis auf Karl IX. Er hatte auch die Negierungsgeschichte des Letztem bereits im Manuscripte vollendet und beim Ausbruche der Revolution den Druck beginnen lassen; vernichtete aber seine Arbeit, indem er fürchtete, durch die Erzählung der Fehler einer frühem Regierung die ungünstige Stimmung gegen Ludwig XVI. noch zu vermehren. Seine historischen Arbeiten fanden wegen seltener Gründlichkeit der Forschung allgemeine Anerkennung; dagegen machten sein „I/bomme 6«-toi (s. d.) angeklagt, bei dem republikanischen Aufstande am 28. Juli 1832 betheiligt gewesen zu sein, fand er für gut, sich verborgen zu halten; nach Aufhebung des Belagerungsstandes der Stadt stellte er sich jedoch unaufgefodert dem gesetzlichen Richter, der ihn freisprach. Ausgezeichnet benahm er sich 1834 in der Kammer Als man im ersten Schreiben über die Macht der republikanischen Vereine der Regierung Garnison Garofalo 729 ' jede begehrte Concession zu machen bereit war, suchte er zu retten, was zu retten war. Bei den wüthenden Angriffen, die zumal von einigen ehemaligen Mitgliedern der demokratischen Vereine jetzt auf diese gemacht wurden, ließ er nicht unbemerkt, daß der Minister Guizvt (s. d.) wenige Jahre vorher selbst Mitglied des Vereins ^»lo-toi gewesen, und daß der Siegelbewahrer Bart he (s. d.) der Verfasser des der Kammer vorgelegten Gesetzentwurfs gegen die politischen Vereine, der Verbindung der Carbonari angehört habe. Für das Volk allgemeines Stimmrecht in Anspruch zu nehmen, hat er in keiner Kammer versäumt. Bei ^ den Debatten über die geheimen Fonds in der Kammer von I837, unterwarf er Guizot's Leben als Staatsmann einer scharfen und beißenden Kritik. Noch im I. 1841 unterstützte er lebhaft den erfolglos gebliebenen Antrag von Mauguin und Pages de l'Arriege zur Beschränkung der Wählbarkeit öffentlicher Beamten. Schon längere Zeit von unheilbarer Schwindsucht befallen, starb er am 23. Juni 1841. Seine Beerdigung fand unter einem so außerordentlichen Zusammenflüsse der Bevölkerung statt, wie man seit Lasayette's Bestattung nicht bemerkt hatte. Arago, der Abgeordnete Jolly und Bastide, der Haupt- redacteur des „Kutioniil", hielten ihm die Leichenreden. Garnison heißt die in einem Orte stehende Truppenbesatzung oder auch dieser Ort selbst, doch ist im erstem Fall das Friedensverhältniß vorherrschend gemeint, während man für das Kriegsvcrhältniß gewöhnlich den Ausdruck Besatzung gebraucht. In der Garnison befinden sich die Truppen entweder in Kasernen (kasernirt) oder bei den Bürgern untergebracht (cinquartirt), in beiden Fällen werden sic auf Staatskosten verpflegt. Was der Bürger dem Soldaten im Quartier zu verabreichen hat, wird durch ein Garnison- oder Servis-Reglement festgestellt. So große Nachtheile es auch für den Dienst hat, die Truppen in viele kleine Garnisonen zu verlegen, so große Vortheile erwachsen den kleinen Städten, besonders den ackerbautreibenden, wenn sic im Frieden mit Garnison belegt sind, theils weil , dadurch eine Menge Geld in Umlauf gesetzt wird, theils weil die Soldaten den Bürgern in manchen Handreichungen zu Hülfe kommen. Unter Garnison dien st wird derjenige Dienst verstanden, der keinen rein militairischcn, sondern mehr einen policeilichcn Zweck hat. Dahin gehören der Wachtdicnst und der Patrouillcndicnst. Die Earnisonwachcn stellen die benöthigten Schildwachen an öffentlichen Gebäuden, wo sich Kassen u. s. w. befinden, oder an den Thoren, oder auf öffentlichen Plätzen, zuweilen auch blos des Nachts (Nachtposicn), um den Dienst weniger beschwerlich zu machen. Die Patrouillen durchstreifen des Nachts die Straßen, visitiren verdächtige Häuser, verhindern oder stören Aufläufe u. s. w., kurz, da Garnisondicnst bezweckt auf alle Weise die Sicherheit des friedliebenden Bürgers. Größer« Garnisonen erhalten einen eigenen Com Mandanten, große Festungen deren sogar zwei; in kleinen Garnisonen versieht der jedesmalige älteste Offizier diesen Dienst. Residenzen erhalten außer dem Commandanten gewöhnlich auch einen G onv er» eur. Der den Garnisondienst als Adjutant des Commandanten regulirende Offizier heißt Platzmajor, ohne daß er dabei den Rang eines Stabsoffiziers zu bekleiden braucht. Größere Garnisonen haben einen eigenen Garnison-Auditeur (Jurist), Garnisonprediger u. s. w. Garnitur nennt man im Allgemeinen diejenigen Thcile irgend eines Fabrikats, welche, zur Vollendung des Ganzen gehörig, außerdem noch bestimmt sind, demselben als Zierath zu dienen. So gehört z. B. der ganze Besatz eines Kleides zur Garnitur, oder Gar- , nirung des Kleides. Bei den Gewehren nennt man Garnitur alle diejenigen Thcile, ^ welche dazu dienen, den Lauf und das Schloß mit dem Schafte zu verbinden, überhaupt die einzelnen Thcile zu einem brauchbaren Ganzen zu vereinigen. Bei Luxus- und Jagdgewehren ist die Garnitur einfacher und von weißem Kupfer, schwarzgcbeiztem Stahl, Hol; oder ^ Horn (Kapuzinergarnitur), bei Militairgewehren ist dieselbe von Eisen oder Messing. > — Außerdem nennt man noch insbesondere Garnitur eine Anzahl gleichartiger zusam- mengehörender Gegenstände, z. B. eine Garnitur Gläser, Pfeifen u. s. w. Garofalo (Bcnvenuto), eigentlich Benvenuto Tisio da G-, ein berühmter ital.Hi- storienmaler, geb. 1481 zu Garofalo unweit Ferrara, bildete sich in seiner Vaterstadt unter Domenico Panetti und seit 1498 in Cremona unter Boccaccino Boccacci zum Maler und begab sich-dann nach Rom, wo er die Werke der besten Meister studirte. Nachdem er sich hierauf einige Zeit in Mantua aufgehalten hatte, kehrte er wieder nach Rom zurück, wo er 730 Garonne Garrick sich ganz an Rafael anschloß, der sich oft bei seinen größern Arbeiten von ihm unterstützen ließ. Von Alfons I. von Ferrara nebst andern Malern mit vielen Arbeiten im Schlosse desselben beauftragt, wendete er sich spater ganz nach seiner Vaterstadt und starb daselbst 1559, nachdem er einigeJahre zuvor erblindet war. Seine Werke verrathen dieEinwirkung aller Schulen, besonders der lombardischen und noch mehr der Schule Rafael's. Doch ist die den Ferraresen cigenthümliche Richtung auf derbe, leuchtende Farbe und breite Darstellung auch in ihm nicht zu verkennen. Vor seinen altern Schulgenossen Lorenzo Costa und L. Maz- zolino zeichnet er sich meist durch größere Anmuth und tiefere Charakteristik der Köpfe aus, welche bisweilen so sehr an Rafael erinnern, daß mehre Bilder bald diesem, bald G. zuge- 1 schrieben werden. Von Rafael nahm er eine gewisse liebliche Klarheit an, ein Gefühl von Anmuth und einen Typus von Schönheit, die ihn nebst Dem, was ihm selbst eigen ist, recht liebenswürdig machten. Einige seiner Madonnen und Engelgestalten sind voll Seele und von ungemeiner Anmuth. Die meisten seiner Werke finden sich in Rom; doch besitzen auch die dresdener, berliner und wiener Galerie mehre derselben. Garonne, der breiteste aller franz. Flüsse, entspringt im Thale Arran auf der span. Seite der Pyrenäen, nimmt, während seines 94 M. langen Laufs, gegen 30 Flüsse auf und ergießt sich nach seiner Vereinigung mit der Dordogne, eine Stunde breit, unter dem Namen der Gironde in das Atlantische Meer. Sein Gebiet beträgt gegen l 900 IHM. Er wird bei Muret schiffbar, trägt von der Mündung herein die größten Seeschiffe, ist aber mehrer Inseln halber an diesen Stellen sehr schwer zu beschissen. Das nach ihm benannte franz. Departement der ober» Garonne mit 455000 E. auf 112 LIM. ist aus den Landschaften Toulousaie und Comminges gebildet und grenzt im Norden an das Departement Tarn und Garonne, im Osten an Tarn, Aude und Arriege, im Westen an die Departements der Oberpyrenäcn und des Gers, im Süden aber wird es durch die Pyrenäen von Spanien getrennt. Dieser letztere Landstrich ist durchaus gebirgig und hat mehre bedeutende Schnecgipfel, wie den Maladetta, 10548 F. hoch, den Perdighcro, Maupas und Quairot. Zugleich ist der Süden reich an Nacurschönhciten, darunter die berühmten Grotten von Eargas und mehre Seen, sowie an mineralischen Erzeugnissen, wie Eisen, welches in großer Menge zu Tage gefördert wird, Steinkohlen, die noch unausgebeutet liegen, Marmor, Goldsand in der Garonne und andern Flüssen, und Heilquellen, unter denen die von Bagneres de Luchon vorzüglichen Ruf haben. Der ebenere und besser cultivirte Norden erzeugt Getreide weit über den Bedarf, viel Obst und Honig, viel Geflügel und Vieh, wogegen in dem rauhcrn Süden Adler, Wölfe, Bären, Eber und alle Arten Wild in großer Menge Hausen. Das Klima ist fast durchgehend mild und gesund, so lange sich nicht der für Thierc und Feldfrüchte schädliche Westwind, 6ers genannt, gegen welchen eine eigene Affecuran; errichtet ist, erhebt. In industrieller Hinsicht steht das Departement, im Vergleich zu andern Theilen Frankreichs, noch zurück, und auch der Handelsverkehr, zu welchem die sckiffbare Garonne und der Kanal von Languedoc eine treffliche Gelegenheit bieten, ist noch vcrhältniß- mäßig schwach. Die Volksbildung ist sehr verschiedenartig; denn während die Akademie von Toulouse (s. d.) die schwierigsten Probleme löst, die wiederbelebten 2 eux klora » x (s. d.) ihren Ruf über Europa verbreiten, die dort noch zahlreich vorhandenen Resormirten sich durch Aufklärung auszcichnen, ist die katholische Bevölkerung, welche die Mehrzahl bildet, noch im nässesten Aberglauben befangen. Das Departement zerfällt in vier Bezirke, mit den Hauptorten Toulouse, Muret, St.-Gaudens und Villefranche- ! Garrick (David), vielleicht der größte Schauspieler, dessen sich je die Bühne zu er- freuen gehabt hat, wurde am 20. Febr. 1716 in einer Schenke zu Heresford in England, wo sein Vater, ein engl. Capitain, auf Werbung lag, geboren. Seine aus der Normandie stammende Familie, welche la Garrique hieß, hatte sich nach dem Widerrufe des Edicts von Nantes nach England geflüchtet. Schon in seinem zwölften Jahre zeigte G. sein vorzügliches Talent in Farquhar's Lustspiel, „Der Werbeoffizier", das er mit seinen Mitschülern aufführte. Später arbeitete er auf dem Comtoir seines Oheims, eines reichen Weinhändlcrs zu Lissabon, kehrte jedoch, dieses Geschäfts überdrüssig, nach einem Jahre zurück und hörte nun in der Schule zu Lightfield Sam. Johnson's Vorlesungen über die lat. und griech. Classiker. Hierauf studirte er in London die Rechte, dann Logik und Mathematik. Nichtsdestoweniger Garrow «öffnete er mit seinem Bruder ein Weingeschäft, das er indeß wieder aufgab, um sich der Laufbahn zu widmen, für welche die Natur ihn bestimmt hatte. Nachdem er zuerst unter dem Namen Lyddal mit Erfolg in Ipswich gastirt hatte und einen Sommer lang mit einer wandernden Schauspielertruppe umhergezogen war, begab er sich nach London, wo er von Gifford, dem Eigenthümer des Goodmanssicldtheaters engagirt, im Oct. 1741 als Richard III. mit einem solchen Erfolge auftrat, daß die großen Nationaltheater leer standen und Alles sich in das kleine Theater drängte. Sein von der herkömmlichen Art ganz verschiedener natürlicher Vortrag machte einen außerordentlichen Eindruck. Im I. 1742 spielte er in Irland, 1745 im Drurylane-Thcater zu London, dann wieder in Dublin, bis er 1747, in Verbindung mit Lacy das Drurylane-Theater, an dem Flettwood bankrott geworden war, mit erneuertem Privilegium kaufte und die Direktion desselben übernahm. Unter seiner Truppe, mit welcher er das Theater «öffnete, glänzten bedeutende Talente, wie Barry, Prithard und Cibber. Er verbannte die Unanständigkeiten der ältern engl. Lustspieldichter, brachte Shakspcare's Dichtungen, an denen er indeß dem damaligen Zeitgeschmack gemäß Vieles änderte, bei dem Publicum wieder in Ansehen und begründete so die glänzendste Periode der engl. Bühne. Nachdem er am I V. Aug. 1776 zum letzten Male aufgetreten, begab er sich auf sein reizendes Landhaus bei London, wo er, von heftigen Steinschmerzen befallen, am 20. Jan. 1770 starb. Sein Leichnam wurde in die Westminsterabtei gebracht und am Fuße eines Denkmals, dem Andenken Shakspcare's gewidmet, beigesctzt. Sein bedeutendes Vermögen, die Frucht seiner Talente und seiner an Geiz grenzenden Sparsamkeit, fiel theils seiner Witwe, theils seinen Verwandten zu. G. war klein von Person, aber wohlgebaut und gut gebildet, hatte schwarze, lebhafte Augen und eine reine melodische Stimme. Seine Gestalt, seine Mienen hatte er auf das Bewundernswürdigste in der Gewalt; jede Leidenschaft stand ihm zu Gebote, Alles war an ihm voller, treffender Ausdruck derselben. Daher war er gleich groß im Tragischen wie im Komischen, wiewol das letztere sein höchster Triumph war. Von seinen 27 Lustspielen haben sich einige, wie „Hie hüiF vslet", „-Vliss in der teens", „üigch like beiow stuirs", und das gemeinschaftlich mit Colman bearbeitete Stück „Hw clunllestüw murrisgs" noch gegenwärtig auf dem Repertoire gehalten. Sie sind sowol in den Supplcmentbänden zu Bell's „Uritisk tlwatre" (Edinb. >786) als auch besonders (3 Bde., Lond. 17 98,12.) gesammelt. Eine, jedoch unvollständige Sammlung seiner zum Theil trefflichen Prologe, Episteln und Gedichte enthalten die „koeticai cvorics okvav. 6." (2 Bde., Lond. 1785). Vgl. ,,'I'lw ^oii-os^unilsiweoklliiv. 6. evitbttwinost celebroteil jwrsons okbis time" (2 Bde., Lond. 1832, 4.), Davics „blemoirs osDsv. 6." (2 Bde., Lond. 1780; deutsch, Lpz. 1782) und Murphy, „Hw like ok 6." (Lond. 1799). — G.'s Gattin, Eva Maria Veigel, gcb. am 29. Febr. 1724 zu Wien, wo sie unter dem Namen Violette als Tänzerin auftrat und großen Beifall fand, wurde 1744 bei der Oper in London angestellt. G. heirathece sie 1749 und begleitete sie 1763 auf das Festland. Nach seinem Tode lehnte sie die Heirathsanträge mehrer vornehmer Engländer, unter Andern des gelehrten Lords Monboddo, ab, da sie nach G.'s letztem Willen auf den Fall ihrer Wieder- verheirathung einen Theil des ihr ausgesetzten ansehnlichen Erbtheils verlieren sollte, und starb am 16. Oct. 1822 zu London. Garrow, ein Volk in Hinterindien, das zwar wenig Cultur, aber eine eigene Religion hat, und dessen Sprache (Gaura) die Gelchrtensprache der heutigen Indier ist, worin viele Sanskritschriften übersetzt sind und fast aller Unterricht ertheilt wird. Garten. Obschon man früh gestrebt haben mag, die Gärten zu verschönern, so bedurfte es doch eines sehr langen Zeitraums, che sich die Gartenkunst zur schönen Kunst erhob. Die Hebräer cultivirten in ihren Gärten nur den Weinstock, den wilden Feigen- und Ol- baum, die Palme, Granate und den Johannisbrotbaum. Die alten Anwohner des Indus und Ganges hatten zwar Blumengärten; dieselben lassen sich aber weder als kunstvoll noch als schön annehmen. Die sogenannten schwebenden Gärten der Semiramis konnten gewiß nur in damaliger Zeit den Wunderwerken der Welt beigezählt werden. Auch die Gär- ten der Perser, Paradiese genannt, scheinen mehr natürlich angenehme Plätze, voll wild wachsender Fruchtbäume, Pflanzen und Blumen, als mit Absicht und nach einer Regel angelegte Gärten gewesen zu sein. Die Griechen hatten anfangs nur Obstgärten mit vielen Grotten, L- Ä 732 Garten Lauben, Statuen und Gebäuden. Erst im 3. Jahrh. v. Ehr. singen sie an, auch Blumen zu cultiviren. Selbst die Beschreibungen der Gärten bei den spätem griech- Romanschriftstellern verrathen noch nichts von schöner Gartenkunst. Die gepriesenen Gärten des Alci- nous waren doch nichts Anderes als gut angelegte, angenehme Obst- und Weinpflanzungen mit einigen Blumen. Romantischer mag allerdings die Grotte der Kalypso gewesen sein, aber wol nur als Natur-, nicht als Kunstanlage gedacht. Daß es den Römern an schönen Gärten mangelte, beweisen mehre Stellen ihrer Schriftsteller und die Nachrichten, die uns von ihren Gärten selbst übrig sind. Denn wenn auch dieselben, an schwelgerischen Luxus gewöhnt, dahin strebten, sich voreinander auszuzcichnen und deshalb keine Kosten scheuten, die seltensten Obstarten aus dem Orient einzuführen und in ihren Gärten zu bauen, und obschon Lucullus, durch die Pracht der Gärten Asiens verführt, diese neue Gattung von Luxus in sein Vaterland cinzuführen beschloß und jene berühmten Gärten anlegen ließ, welche Plinius beschrieben hat, so bezieht sich doch alles Lob, welches denselben gespendet wird, ledig- lich auf die Gebäude, nicht auf die Gärten, die mit ihren Legionen von Buchsfiguren und in der ganzen Behandlung geschmacklos waren. Die Zeiten, welche dem Untergange des west- röm. Reichs folgten, waren nun vollends nicht geeignet, der Gartenkunst einen Platz in der Reihe der schönen Künste zu verschaffen. Karl der Große richtete zwar seine Aufmerksamkeit auch auf den Gartenbau; seine Anordnungen erstreckten sich aber nicht über einen Nutzgartcn- hinaus. Am wenigsten war die Gartenkunst in Spanien ausgebildet. Blumen kannte man daselbst erst seit dem 8. Jahrh., wo sie von den Arabern dahin verpflanzt wurden. In Konstantinopel zierten nur die Vornehmen die Gärten ihrer Serails mit Blumen. Bei den Galliern lag der Gartenbau gänzlich darnieder. Erst im l 3. Jahrh. schenkte man in Europa dem Gartenbau größere Aufmerksamkeit; doch fand er in diesen kriegerischen Zeiten nur in den Klöstern eine freundliche Aufnahme. Die Troubadours im Mittelalter sprechen allerdings schon von symmetrischen Gärten. In Italien fing man zur Zeit der Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften auch wieder an, Lustgärten anzulegen. König Ferdinand I. von Neapel zog herrliche Früchte in seinen Gärten, und auch Herzog Ludwig von Mailand unterhielt sehr schöne Fruchtgärten. Zu Anfänge des 16. Jahrh. wurden in Italien, Holland, Deutschland und Frankreich auch größere Gärten angelegt, aber ssreilich noch keine Kunstgärten. Besonders war es die Blumenliebhaberei, derman huldigte; gleichzeitig nahm die Tulpen - und Hyacinthenmanie der Holländer ihren Anfang. Erst in der Mitte des >6. Jahrh. bildete sich in Frankreich ein neuer Geschmack in Gartenanlagen. Die Symmetrie aufs äußerste getrieben, wurde nebst den nach der Schnur beschnittenen Heckengängen und Baumpflanzungen Mode, selbst in der Anlegung der Blumenbeete herrschte dies: Rücksicht. Andre Lenötre (s. d.) wurde der Schöpfer der franz. Gartenkunst, welche seine Nachfolger noch mehr verunzierten. Die Holländer ahmten die Franzosen nach, gingen aber in der geschmacklosen Ausstattung ihrer Gärten mit verschnittenen Bäumen und bemalten hölzerne» Figuren noch weiter. In holländ. Gärten sah man gar Gartenbeete mit farbigen Steinen und Muscheln in höchst symmetrischen Formen ausgelegt, statt mit Blumen besetzt. In England hatte nach der Restauration unter Karl II. die franz. Gartenkunst Eingang gefunden; seit Wilhelm III. wurde der holländ. Geschmack vorherrschend. Während Addison in dem „Spectiltor" seinen berühmten Versuch über die Gartenkunst mittheilte, Pope in seinen kritischen Briefen unter Andern auch die Schnörkelwerke der herrschenden Gartenkunst lächerlich machte, und der geistreiche Horace Walpvle in seiner „Geschichte der neuen Gartenkunst" neue Ansichten verbreitete, eilte die Praxis der Theorie voraus. Will. Kent (s. d.) war der Erste, der in seinen Gartcnanlagen der herrschenden Ausartung entgcgentrat. Die alten Ziergärten verschwanden und Lustanlagen (pleasure grouncks) kamen auf. Aber obgleich Kent von der Idee ausging, im Garten die Landschaft nachzubilden, so kam er doch derselben in der Ausführung nicht nach.' Sein Stil war nicht Einfachheit sondern Geziertheit, die einfach zu scheinen sich bemühte. Die Lustanlagen wurden mit Tempeln, Obelisken, Ruinen und andern Ungehörigkeiten überladen. Dies war besonders der Fall, seit man mit der oriental-, eigentlich chines. Gartenkunst durch Chambers („Über die oriental. Gartenkunst"; deutsch von Ewald, Gotha 1775) bekannt geworden war. Browne folgte Kent's Fußtapfen, doch waren seine Ideen großartiger, wie man besonders aus seinen Anlagen in Gartenbau 733 Blenheim (s. d.) sieht. Neue Geschmacksausartungen traten immer mehr hervor. Stifter einer bessern Schule waren Payne Knight und Sir Uvedale Price. Besonders kämpfte Letzterer in seinen „Lssa)'8 Ol, tiie picturesgue" gegen den herrschenden Gartengeschmack, und ihm folgte der talentvolle Repton. Ihren Bemühungen verdanken die Lustanlagen der Engländer bedeutende Verbesserungen. Die Spielereien der Tempel und Obelisken verschwanden immer mehr, und Thäler, Gehölze und Anhöhen wurden nicht mehr entstellt. Seit der Mitte des l 8. Jahrh. verbreitete sich die engl. Gartenkunst (I^ancksespe gsrckening) in Frankreich und Deutschland, und auch hier traten in der Nachbildung die Verirrungen des Vorbilds schroff genug hervor. Vgl. Hirschfeld, „Theorie der Gartenkunst" (5 Dde., Lpz. >779, 4., mit Kups.), Dietrich, „Handbuch der schönen Gartenkunst" (Gieß. 1815) und Laborde, „llescrstition cies nouveaux sareiinz >ie Ir> krsiice, etc." (Par. l8l>8—14). Gartenbau. Seitdem der Gartenbau, durch Klima und Boden begünstigt, bereits im 16 . Jahrh. durch holländ. Gärtner in England sich verbreitet und seit dem Anfänge des 18 . Jahrh. sich weiter ausgebildet hatte, wurde die Neigung zur Gartenpflege immer mehr ein vorherrschender Nationalzug der Engländer. Sie zeigte sich in den Nutz - und Blumengärten durch sorgfältigen Anbau und neue Culturversuche, und als die Gartenkunst ein Volks- thümliches Gepräge erhalten hatte, in den Lustanlagcn vorzüglich durch Anpflanzung überseeischer Gewächse, auch in andern Ländern. Die vielfachen Versuche, welche allenthalben durch Gartenfreunde gemacht wurden, erweckten immer mehr das Bcdürfniß, Vereine für gegenseitige Mittheilung und Aufmunterung zu bilden, und so entstanden die Gartend äuge feilsch asten. In England gab >805 den ersten Anlaß zurStiftung der Lorticultursl Society, die 1869 einen königlichen Freibrief erhielt, seit 1812 „Uraiisactioas oktbe borti- cultural Society ok Imnlion" hcrausgab, 1817 einen kleinen Garten bei Hammersmith erwarb und später einen großen Garten zu Chiswick anlegte. In Edinburg bildete sich 1809 unter der Leitung Duncan's die Lsleciunian borticultuiiil 8ocietz', welche aus der 1863 begründeten klorist's Society mit erweitertem Plane hervorging, gleichen Zweck mit der londoner Gesellschaft verfolgt, aber mehr auf das Praktische gerichtet, meist praktische Gärtner zu Mitgliedern hat, und seit 1826 „Nemvirs ot tks caielloiiiaii borticoltural societ)" herausgab. Nach dem Muster dieser Gesellschaften bildeten sich bald ähnliche Vereine in mehren Städten Englands, namentlich in Hereford, Bedford, Durham, Gloueester, Suffolk, Manchester, Aork, Leicester, Essex u.s.w., und auch jenseit des Oceans, in Philadelphia, Neuyork und in dem Staate Massachusetts (1831). Die Kriegsunruhen hinderten die Entstehung ähnlicher Gesellschaften auf dem Festlande, und nur einige landwirthschaftliche Vereine machten vereinzelte Culturversuche, welche besonders die von den Regierungen unterstützte und von Gesellschaften wissenschaftlich betriebene Obstzucht betrafen. In Frankreich begünstigte der Minister Chaptal die Pomologie, indem er im I. 1866 den während der Revolution nach Sceaux verlegten Obstbaumgarlen der Karthäuser zu Paris aus seinen ehemaligen Platz (?ej>iniers c>6 Luxembourg) zurückverlegte und später damit eine Schule für Obst- züchter verband. Als die franz. Kammern die dieser Schule gewährte jährliche Unterstützung von 16066 Francs von 1828 an nicht mehr bewilligten, sodaß dieselbe eingehen mußte, hatte sich bereits 1827 die Socicts cl'korticulture nach einem sehr umfassenden Plane gebildet, aus der 1828die 8ocivte ck'ggronomie practigue hervorging, welche „Zonales ck'korticul- ture" herausgibt. Mit der 8ociete ck'borticulture ist die 1829 von Soulange-Bodin gegründete, zur Bildung von Gärtnern bestimmte Gartenanstalt in Fromont verbunden, die von Karl X. zu einem Roznl institut bortieole erhoben wurde und seit 1836 „Xonsles" herausgibt. Nach dem Frieden fand auch in Deutschland der Gartenbau Förderer und Unterstützung. Bereits 1863 wurde in Altenburg die pomologische Gesellschaft gegründet, die seit 1822 „Annalen" herausgibt und seit 1832 ihre Wirksamkeit auch aufGartenbau und Blumenzucht ausgedehnt hat. Demnächst ist die praktische Gartenbaugcfellschaft zu Frauendorf in Baiern zu erwähnen, welche zugleich durch die seit 1823 von ibr herausgegebcne „Allgemeine deutsche Gartenzcitung" wirkt. Nach dem Vorbild des londoner Vereins entstand 1822 auch in Berlin eine Gartcnbaugesellschaft für den preuß. Staat, die ihre „Verhandlungen" herauSgibt, jährlich Preise aussetzt und mit der eine Eärtnerlehranstalt und eine Landesbaumschule zu Schöneberg und Potsdam in Verbindung stehen. In Dresden bildete 734 Gärtner (Friedr. von) Gärtner (Karl Christian) sich 1828 ein Gartenbauvcrein unter dem Namen Flora; in Weimar 182!) ein Verein für Blumistik und Gartenbau; in demselben Jahre ein thüring. Gartenbauverein zu Erfurt, und 1831 ein ähnlicher zu Braunschweig; später entstanden die Obstbaugcsellschaft in Zittau, welche die Zeitschrift „Für Freunde des Obstbaus" herauszibt, und der Verein der deutschen Wein- und Obstproducenten, der jährlich in einer süddeutschen Stadt zusammcnkommt und seine Verhandlungen in Druck erscheinen läßt. Berühmt sind außerdem dieGartenbau- gescllschaften zu Brüssel, Gent, Antwerpen und Haarlem, besonders durch ihre Ausstellungen von Zierpflanzen. Der wesentliche Zweck aller dieser Vereine ist die Beförderung der Pflanzencultur, vorzugsweise in Bezug auf das vaterländische Gartenbauwesen in allen seinen Zweigen. Diesen Zweck suchen sie zu erreichen durch Versammlungen, in denen Vorträge und Besprechungen stattfinden, ferner durch die Bebauung eigener von ihnen erworbener oder von der Regierung ihnen überlassener Grundstücke, durch Blumen - und Früchteausstellungen, durch Anlegung dem Zwecke entsprechender Bibliotheken, durch Pflanzensamm- lungcn, Herbarien, Samen- undObstcabinette, sowie durch die Herausgabe von Zeitschriften und Correspondenz mit verwandten Vereinen. Gärtner (Friedr. von), Oberbaurath und Director der königlichen Akademie der bildenden Künste zu München, geb. zu Koblenz 1792, machte seine Studien in München, Paris, England und Italien. Seit 1829 als Professor der Architektur an der münchencr Akademie angestellt, trat er doch erst geraume Zeit nach Beginn der Negierung König Lud- wig's als ausübender Künstler auf, nachdem er seit 1822 auch als Director der königlichen Porzellanmanufactur thäkjg gewesen war. Dagegen hatte er seit 1829 an den namhaftesten Bauten in München Theil, wo er seit Klenzc's Rücktritt unter den dortigen Architekten den ersten Rang einnimmt. Schon die Ludwigskirche, die er 1829 entwarf, bezeichnet seine Richtung sehr deutlich, nämlich eine erneute, auf der Construction beruhende Anwendung des Nundbogenstils mit völlig frei behandelten Ornamenten. Nur ist dabei eine gewisse Schwere und Zerfahrenheit der Composition zu bedauern, was auch von seinem Blindeninstitut und dem neuen Universitätsgebäude gilt, obwol ein reicher, malerischer Effect diesen Gebäuden keineswegs fehlt. Beiweitcm das bedeutendste Werk G.'s ist jedoch das neue Bibliothekgebäude, welches, wenn auch nicht an Zweckmäßigkeit der Disposition, doch an einfachekGroßarligkeit der Facade eines der bedeutendsten modernen Gebäude ist. Von ihm rührt auch der Entwurf des neuen Königspalastes zu Athen her, wohin er 1836 den König Ludwig begleitete und wo er die seit Hadrian vergessenen Marmorbrüche des Pente- likon wieder eröffnete. Von den kleinern Arbeiten G.'s sind zu nennen die Restauration dcS Jsarthors, die Arkaden zu Kissingen und die Loggia bei der Theatinerkirche zu München. Auch die Herstellung der Dome zuRegensburg und Bamberg ist unter seiner undHeideloff's Leitung ausgeführt worden. Nach Cornelius' Abgänge von München wurde er auch Director der Akademie der Künste. Gärtner (Karl Christian), ein treuer Pfleger der deutschen Poesie, wenn er auch die Literatur durch keine größer» Werke bereicherte, geb. am 24. Nov. 1712 zu Freiberg im sächs. Erzgebirge, wo sein Vater Postmeister und Kaufmann war, bildete sich auf der Für- sicnschule zu Meißen und studirte in Leipzig, wo ihn gemeinschaftliche Liebe zu den schönen Wissenschaften mit Geliert und Rabencr verband. In seines Freundes Schwabe Zeitschrift, „Belustigungen des Verstandes und Witzes", ließ er die Erstlinge seiner Muse drucken, die zu den besten Gedichten dieser Sammlung gehören. Unter der Aufsicht Gottsched's arbeitete er an der Übersetzung des Bayle'schen „Wörterbuchs" (4 Bde., Lpz. 1741—44, Fol.), auch übersetzte er einige Bände vonRollin's „Geschichte" (13 Bde., Dresd. 1738—48). Später trennte er sich von Gottsched und dessen Richtung und vereinigte sich mit Cramer, Schlegel und Rabener, denen später noch Ebcrt, Giseke) Zachariä, Gellcrt, K. A. Schmid, Klopstock u. A. beitraten, zur Herausgabe der auch „Bremische Beiträge" genannten „Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" (Brem. 1745—48), welche allgemeines Aufsehen erregten. Wenn G. von den meisten seiner Freunde in der Folge an schriftstellerischem Ruhm übertroffen wurde, so hatte er in jener Bildungsperiode das Verdienst, durch Urtheil und Rath mehre derselben geleitet und ermuntert zu haben. Im 1.1745 ging er als Führer zweier jungen Grafen nach Braunschweig, wo er 1747 als Professor der Beredt- Garde Gas 735 samkelt und Sittenlehre am Collegium Carolinum angestcllt wurde. Unablässig mit seinen Berufsarbeiten beschäftigt, zumal bei seiner Strenge gegen sich selbst, war cs nicht möglich, daß er ein fruchtbarer Schriftsteller werden konnte. Er starb zu Braunschweig am II.Febr. 1761. Einige seiner Theaterstücke, z. B. „Die geprüfte Treue" (Braunschw. 1768) und „Die schöne Rosette" (Lpz. 1782) sind nicht ohne Verdienst. Garde (Christian), einer der würdigsten Denker und Schriftsteller des 18. Jahrh., geb. zu Breslau am 7. Jan. 1742, der Sohn eines Färbers, wurde nach dem frühen Tode seines Vaters von seiner trefflichen Mutter auf das gewissenhafteste erzogen und für die Theologie bestimmt, der er jedoch wegen Körperschwäche entsagte, um auf der Universität zu Frankfurt an der Oder unter Baumgarten Philosophie zu studiren. Da aber Letzterer bald starb, so ging er nach Halle, befleißigte sich hier der Mathematik und studirte dann noch eine geraume Zeit in Leipzig, wo namentlich Geliert und Weiße seine Freunde wurden. Nach Gellert's Tode wurde er 1766 an dessen Stelle außerordentlicher Professor der Philosophie zu Leipzig; allein seine schwächliche Gesundheit bewog ihn, >772 dieses Amt niedcrzulegen, worauf er wieder in seine Vaterstadt zurückkehrte. Da er sich theils durch seine mit Anmerkungen bereicherten Übersetzungen von Ferguson's „Moralphilosophie" (Lpz. 1772), Burkc's Schrift „Über den Ursprung unserer Begriffe über das Erhabene und Schöne" (Riga 1773) u. s. w., theils durch eigene Abhandlungen in der philosophischen Welt immer bekannter gemacht hatte, wurde er durch Friedrich kl., der ihn zu sich kommen ließ und sich mit ihm unterhielt, zu einer Übersetzung Cicero's „Von den Pflichten" (4 Bde., 6. Ausl., Brest. 1818) aufgefodert, die er >776 in Charlottenburg begann, aber durch Kränklichkeit abgehalten, erst 1783 vollendete. In den letzten Jahren seines Lebens litt er viel an Hypochondrie und Nervenschwäche, wurde endlich vom Gesichtskrebs befallen und starb am >. Dec. 1788. G. war ein Mann von sehr liebenswürdigem Charakter, gestimmt für den Genuß der Freundschaft und Geselligkeit. Als Philosoph hat er sich nicht durch tiefsinnige Untersuchungen und neue Entdeckungen oder Umgestaltungen, wol aber durch feine Bemerkungen und wohlgefällige Darstellung ausgezeichnet. Seine Philosophie war mehr Lebensphilosophie, aber im edlern Sinne des Worts; seine Schreibart klar, einfach und edel. Unter seinen Schriften sind besonders auszuzcichnen seine Abhandlungen „Über die Verbindung der Moral mit der Politik" (Brest. 1788), „Über den Charakter der Bauern und ihr Verhältniß gegen den Gutsherrn und die Regierung" (Brest. 1786; 2. Ausl., 1766), „Über Gesellschaft und Einsamkeit" (2 Bde., Brest., >767—1800), die „Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, Literatur und dem gesellschaftlichen Leben" (5 Bde., 1762—1802) und die „Fragmente zur Schilderung des Geistes, Charakters und der Regierung Friedrich's >l." (2 Bde., Brest. 1768); verdienstvoll sind nicht minder seine Übersetzung von Payley's „Grundsätze der Moral und Politik" (2 Bde., Lpz. 1787) und Smith's „Untersuchungen über die Natur und Ursache des Nationalreichthums" (4 Bde., Bresl. 1764—86; 2. Ausl., 1788) und die nach seinem Tode erschienene Übersetzung der „Ethik des Aristoteles" (2 Bde., Bresl. 1786—1801) und der „Politik des Aristoteles" (2 Bde., Bresl. 1798—1802). Seine Briefe an Weiße und Zollikofer gaben Manso und Schneider (2 Bde., Bresl. 1803 —4) und die Briefe an seine Mutter K. A. Menzel (Bresl. > 830) heraus Gas nennt man alle bleibend-elastische Flüssigkeiten, d. h. jede Flüssigkeit, welche, unter einen größer» Druck versetzt, ohne tropfbar-flüssig zu werden, sich in einen kleinern Raum zusammenzieht, bei Verminderung dieses Drucks sich wieder in einen größer» Raum ausdehnt, und durch keinen bekannten Grad von Kälte in tropfbare Gestalt gebracht werden kann, folglich luflförmige Körper, welche in jeder Kälte luftförmig bleiben, wodurch sie sich von dem gleichfalls elastisch-flüssigen Dampf(s. d.) unterscheiden. Alle Luft, glaubte man früher, sei von einerlei Art und Natur; erst seit der Mitte des 18 . Jahrh. fing man an, sich zu überzeugen, daß es unter den luftförmigcn Flüssigkeiten ebenso wesentlich verschiedene gebe als unter den tropfbaren Flüssigkeiten. Jedes Gas hat ein ihm eigenes Gewicht, und es sind die Gase hinsichtlich ihres Gewichts sehr verschieden, jedoch insgesammt mehre hundertmal leichter als Wasser. Alle Gasartcn sind durchsichtig, die mehrsten auch farblos und daher nicht anders sichtbar, als wenn sie in Llasengestalt durch tropfbar« Flüssigkeiten entweichen. Die Dichtigkeit eines jeden Gase« ist dem Drucke, unter welchem <« steht, bei übrigens glei» 736 Gasbeleuchtung chen Umständen, angemessen, und jedes Eas wird bei einerlei Erwärmung, unter übrigens gleichen Umständen, um gleiche Theile seines anfänglichen Raums ausgedehnt, und zwar bei Erwärmung von dem Frostpunkte bis zum Siedepunkte des Wassers um 0,375 desjenigen Raums, den es bei der Temperatur des Frostpunkts cinnahm. Sehr viele Gas arten werden vom Wasser verschluckt und durch Wasser in die tropfbar-flüssige Gestalt gebracht; manche halten den größtcnDruck aus, ohne flüssig zuwerdenspermanente Gase), andere dagegen werden durch großen Druck und große Kälte flüssig (c o m p ressib l e oder c o e r cib l e Gase). Letztere geben dann zum Thcil Flüssigkeiten von sehr interessanten Eigenschaften. (S.CHlor und Kohlensäure.) Die hauptsächlichsten Easarten sind Sauerstoffgas, Stickstoffgas, die aus beiden gemengte atmosphärische Luft, Wasserstoffgas, Chlor gas, Kohle nsäure gas, Kohlen w assersi offgas u. s. w. Gasbeleuchtung nennt man die Art, Straßen und Gebäude mittels der brennbaren Gase, hauptsächlich des Kohlenwasscrstoffgases, zu beleuchten, welche aus Zersetzung von Steinkohlen oder andern brennbaren Körpern durch Hitze entstehen. Schon seit Ende des 18. Jahrh. machten die Chemiker darauf aufmerksam, daß es vortheilhaft sein müsse, das bei der Verkohlung der Brennmaterialien verloren gehende gekohlte Wafferstoffgas noch weiter zu benutzen. Nachdem Murdoch 1798 versucht hatte, aus Torf und Steinkohlen brennbares Gas zu bereiten, machte zunächst Lampadius (s. d.) seine desfallsigen Ideen in seiner „Hüttenkunde" (Gott. 1801) bekannt, und ihm folgt-e in Frankreich Lcbon. Letzterer entwickelte das Gas für die von ihm erfundene Thcrmolampe aus Holz. Da aber hierzu eine große Masse Holz nöthig war, so kam das Lcbon'sche Verfahren zu keiner Anwendung. Seit 1810 fing man in England an, sich der Steinkohlen zu dieser Gasentwickelung zu bedienen, und schon im folgenden Jahre wurden in London einzelne Kaufläden und Straßen mittels Gas erleuchtet; gleichzeitig machte Lampadius in Freiberg Versuche in der Straßenbeleuchtung mit Gas. Im Großen wurde die Gasbeleuchtung in England zuerst von einem Deutschen angewendet, Namens Winzer, der sich aber dort A. Winsor nannte. Er stiftete die Gas- und Coakgesellschast in London, und in Frankreich die erste Gascompagnie und starb zu Paris am 11. Mai 1830. Der große Fortschritt der Engländer in Vergleichung mit der Verfahrungsart von Lampadius und Lebon bestand darin, daß sie das entwickelte Gas, ehe es verbrannt wurde, in eigenen großen Behältern sammelten und es von diesen aus allmälig ableiteten, statt daß die Letzter» dieses Eas, sowie es allmälig entwickelt wurde, sogleich zu verbrauchen beabsichtigten. Schon >815 war ein großer Theil der Straßen und vorzüglichsten Gebäude Londons und anderer engl. Städte mit dem Stcinkohlengase erleuchtet, worauf 1816 in dem königlichen Amalgamirwerke bei Freiberg durch Lampadius, und 1817 im Polytechnischen Institut in Wien durch Prechtl die Gasbeleuchtung eingeführt wurde, welche nachher auch in den meisten größer» Städten Frankreichs und Deutschlands Eingang fand. Seit der ersten Erfindung hat man indeß nicht allein die Methoden der Erzeugung, Reinigung und Fortleitung des Leuchtgases mannichfach verbessert, sondern auch eine Menge anderer Materialien zur Erzeugung des Gases in Gebrauch gezogen. Die Hauptmaterialien zur Leuchtgaserzeugung sind gegenwärtig Steinkohlen, namentlich durch Murdoch und Accum eingeführt, und in England und Deutschland fast ausschließlich angewendet; Öl oder Thran, durch Tailor und Martineau eingeführt und nur an einzelnen Orten in Anwendung, z. B. in Liverpool und Köln; Harz, entweder für sich, oder in Kicnöl gelöst, und Pechöl, durch Chaussenot, Mathieu, Danre und Boscary in Paris, durch Schwarz in Schweden, durch Daniel! in England und durch Brocchi in Antwerpen praktisch angewendet; Torf, früher schon von Murdoch gebraucht, neuerdings durch Mollerat wieder versucht. Hieran schließt sich die neueste Erfindung von Selligues, welche bereits in Antwerpen und Dijon das Harzgas und in einem Theile von Lyon und Paris das Kohlengas verdrängt hat. Die Gasfabrikation selbst zerfällt in drei Abschnitte, in die Erzeugung des Gases, die Reinigung und die Fortleitung zu den Brennern. Nicht aber alle Steinkohlen sind zur Gasfabrikation gleich geeignet; am geeignetsten sind die sogenannten Backkohlen, und unter diesen die möglichst schwefelfreicn. Die zweckdienlichste aller bekannten Kohlensorten ist die engl. 6sn- iu-1 -6osl, die auch in Berlin ausschlicßcnd gebraucht wird, während Dresden und Leipzig mit sächs. Steinkohlen versorgt werden. Man zersetzt die Steinkohlen in liegenden eisernen Gasbeleuchtung 737 Cylindern (Gasretorten), welche Hinte» und vorn durch Deckel luftdicht geschloffen sind, durch die Hintere Öffnung gefüllt werden, an der vordem aber mit einer senkrecht aufwärts steigenden Abführungsröhre versehen und, zu drei oder fünf, über einer gemeinschaftlichen Feuerung in den Gasofen so eingelagerk sind, daß das auf dem Roste angezündete Feuer sie allseitig umspülen und in Rothglühhitze versetzen kann. Ein ganz anderes ist das Verfahren, um aus Dl Gas zu bereiten, da man dieses nicht unmittelbar in den Retorten erhitzen kann. Auch hier wendet man Retorten an, bringt aber in dieselben nur klcingcschla- gene Coaks und läßt nun, während diese glühend sind, das Öl aus einem Reservoir, dessen Ausfluß genau regulirt werden kann, fortwährend in dünnem Strahle in die Retorte fließen, wo cs zersetzt wird. Anwendbar sind übrigens alle fette Öle von hinreichend niedrigem Preise, selbst solche, welche sich wegen ihres widrigen Geruchs nicht in Lampen brennen lassen. Auf fast gleiche Art wird mit dem Harze verfahren, welches man in einem besondern Reservoir entweder in Kienöl auflöst, oder auch für sich in einem Kessel schmilzt und dann allmälig auf eine in der Retorte befindliche Lage glühender Coaks oder Blechstücke fließen läßt. Torf wird behandelt wie Steinkohlen; Pechöl, Theeröl und Erdöl wie Öl. Die Producte dieser Processe zerfallen in den festen Rückstand, welcher in der Retorte bleibt, und in die entweichenden Dämpfe und Gase. Nur bei der Kohlengasfabrikation ist der Rückstand brauchbar; erbesteht in Coaks von einem nicht viel geringem Wcrthe als die angewendeten Steinkohlen, und hierin liegt ein nicht unbedeutender Vorthcihder Steinkohlen als Erleuchtungsmaterial. Was dagegen die dampf- und gasförmigen Producte anlangt, so sind diese bei den Steinkohlen, welche stets Schwefel und Stickstoff enthalten, am complicirtcsten; sie bestehen außer Kohlenwasserstoff, dessen Menge gegen Ende der Zersetzung abnimmt und im Mittel ungefähr 16 Procent der Kohlen beträgt, aus Kohlenoxyd- gas, Wasserstoffgas und Stickstoffgas z ferner aus Kohlensäure, Schwefelwafferstoffgas, Wafferdampf, Ammoniak und Theeröl. Diese letzter» Bestandtheile abzuscheiden, läßt man das Gas zunächst in einen cylindrischen, oberhalb der Gasretorten befindlichen horizontalen Behälter von oben eintrcten; hier condcnsirt sich bereits viel Theer; dieser fließt durch unterhalb angebrachte Röhren in die sogenannte Cisteme ab und bildet ein nutzbares Nebenprodukt, das Gas aber tritt nun in einen den Kühlapparatcn der Branntweinbrennereien ähnlichen Apparat, den sogenannten Condcnsator, wo es die öligen und rußigen Theile vollends abseht, auch mit ihnen einen Theil des Ammoniaks. Um aber die Kohlensäure, welche nicht brennt, und das Schwefelwafferstoffgas, welches übel riecht, auch beim Verbrennen Metall angreifendc Producte entwickelt, zu entfernen, läßt man das Gas noch durch den Reinigungsapparat, einen mit Kalkmilch, welche durch einen Mechanismus stets umgerührt wird, gefüllten Kasten, streichen. Aus diesem tritt nun endlich ein Gas aus, welches 66—70 Procent eigentliches Leuchtgas, im übrigen die drei andern noch erwähnten Gase und wol stets noch Antheile von Ammoniak und Schwefelwasserstoff enthält. Die mit Ammoniah geschwängerten Flüssigkeiten der Reinigungsapparate sind ebenfalls ein nutzbares Nebenprodukt. Das gewaschene Gas beträgt im Mittel ungefähr >466 Kubikfuß per Tonne (4 Scheffel) Kohlen, und eine Gasflamme verzehrt davon in der Stunde 5'/- Kubikfuß. Das Ölgas ist bedeutend reiner von Schwefelwasserstoff und Ammoniak als das Kohlengas und wird, mit Weglassung des Kalkapparats, welcher hier nicht nöthig erscheint, im Allgemeinen ebenso gereinigt. Ein hier erscheinendes Product sind flüchtige Fettsäuren, dagegen sind die > Nebenvroducte hier nicht so,nutzbar als bei Steinkohlen. Ein Pfund Rüböl liefert ungefähr 32 Kubikfuß TaS. Das Ölgas entwickelt bei seiner Verbrennung nach Umständen t— 3 mal so viel Licht als das Kohlengas. Bei Anwendung von Harz gewinnt man als Nebenprodukte bei der vorläufigen Schmelzung des Harzes einige technisch zu Firniß u. s. w. anwendbare Öle. Das GaS ist außerordentlich rein, bedarf eigentlich nur der Abwaschung mit Wasser und seht bei der Condensation nur etwas Brenzöl und Naphthalin ab. Ein Pfund gewöhnliches Fichtenharz liefert 26 Kubikfuß. Pechöl, welches auch ein sehr reine» Gas liefert, gibt aufs Pfund ungefähr 46 Kubikfuß, und das Pechölgas leuchtet I '/-> mal so stark als Steinkohlengas. Die oben erwähnte Selligues'sche Methode besteht darin, daß man Wasserdämpfe durch eiserne, mit Holzkohlen gefüllte rothglühendc Röhren streichen 8. Nov. 1752, studirte in Jena, wo er auch, nachdem er zu Hamburg, Erfurt, Weimar privatisirt hatte, 1795 außerordentlicher Professor wurde. Im I. 1797 erhielt er eine Anstellung am Gymnasium zu Oldenburg, die er aber 1799 wieder aufgab, um in Wandsbeck bei Hamburg zu privatisiren, und >893 folgte er dem Rufe als Professor der Geschichte, Geographie und Statistik nach Dorpat. Im I. 181V übernahm er dieselbe Professur an der Universität zu Königsberg, wo er am 27. Mai 1830 starb. Von seinen geographischen Werken sind besonders bekannt das „Lehrbuch der Erdbeschreibung" (I. Cursiis, 1792; 19. Aust., Wenn. 18-10; 2. Cursus, 1793; II. Ausl., 1826), das „Handbuch der neuesten Erdbeschreibung" (3 Bde., Weim. 1797—1805) und das mit Cannabich u. A. herausgegebene „Vollständige Handbuch der neuesten Erdbeschreibung" (Weim. 1819 fg.). Gassendi (Petrus), eigentlich Pierre Gassend, einer der ausgezeichnetem franz. Physiker, Mathematiker und Philosophen, geb. am 22. Jan. 1592 zu Chantersier,,einem Dorfe bei Digne im Departement der Niederalpen, von armen, gottesfürchtigen Altern, entwickelte seine ungewöhnliche Geisteskraft sehr früh und wurde schon im 16. Jahre als 47 * 74st Gaßuer Gastrin Lehrer der Rhetorik zu Digne angcstellt. Nachdem er dieses Amt wieder aufgegeben und zu Aix Theologie studirt hatte, wurde er Propst des Kapitels zu Avignon und schon 1613 Pro- fessor der Theologie zu Aix. Abgeneigt der damals allein gültigen Aristotelischen Philosophie, beschäftigte er sich neben der Philosophie der Allen, namentlich des Epikur, zugleich mit den Naturwissenschaften, vorzüglich mit Astronomie und Anatomie. Jm J. 1623 entsagte er seinem theologischen Lohramte und kehrte nach Digne zurück, wo er ein Kanonikat besaß, um sich ungestört seinen Studien widmen zu können. Hier schrieb er unter Andern, die „L»er- eitatinnes parmloxicss sckversus Xristotelem" (Grenoble 162-1), welche ihm ebenso viele Freunde als Feinde erwarben; doch versuchten Letztere vergebens, seine Rechtgläubigkeit zu ver- dächtigen. Auf Empfehlung des Erzbischofs von Lyon, eines Bruders des Cardinals Richelieu, erhielt er sodann die Professur der Mathematik am College rozsl clvkrsnce zu Paris, wo er an, > 4. Oct. 1655 starb. Als Philosoph hatte er sich für Epikur entschieden, dessen Lehrsätze mit seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen am leichtesten in Übereinstimmung zu bringen waren. Seine Philosophie erlangte einen solchen Ruf, daß sich die Philosophen damaliger Zeit in Cartesianer und Gassendisten theiltcn. Kepler und Galilei waren seine Freunde; Moliere sein Schüler. In seinem Hauptwerke „He vits, moribus et ckoetrins Lpicuri" (Lyon 1617 ; Amst. 1681, 1.), wozu das „8)-nti,gma z,b>lo8oz»bise Cpidiri" (Lyon 16-19, Fol.; Haag 1656,1.) gehört, stellte er Epikur's System vollständig dar und würdigte es mit musterhafter Unbefangenheit. Seine „Institutio sstronomics" stellt den damaligen Zustand der Wissenschaft klar und bündig dar; in dem Werke „Txelioms 8rs- tiaei, Coziernici, ?e»rb»ckii et Regiomontani vitse" (Par. 1651) hat er nicht nur das Leben dieser Männer meisterhaft beschrieben, sondern eine vollständige Geschichte der Astrono- mie bis auf seine Zeit geliefert; ebenso sind seine Schriften zur Logik klar und werthvoll. Seine sämmtlichen Werke wurden gesammelt von Montmort und Sorbiere (6 Bde., Lyon 1658, Fol.) und von Averrani (6 Bde., Flor. 1728, Fol.). — Zu seiner Familie gehörte Jean Jacq. Basilicn Graf G., geb. am 18. Dec. 1718. Er war beim Ausbruch der Revolution Artillerieoffizier und wohnte dann allen Feldzügen der Republik bei. Im I. 1806 wurde er von Bouaparte zum Commandanten de§ bei Dijon versammelten Artillerie- rescrveparks und 1805 zum Divisionschef im KricgSministerium ernannt, bald darauf Staatsrath und Reichsgraf und 1813 Senator. Ludwig XVIII. verlieh ihm die Pairs- würdc und Frankreich schätzte ihn als einen aufgeklärte» Patrioten. Er starb am l l. Dec. 1828 zu Nuits im Departement Cöte d'Or. Geschätzt ist sein „Visömoir«, L I'nsage ckes ottlciers cl'srtilleris cke bVsnce" (Metz 1789; 5. Aust., 2 Bde., Par. 1819). Gaßner (Joh. Jos.), der im 18. Jahrh. als Teufelsbanner Aufsehen machte, geb. am 20. Äug. 1727 zu Bratz bei Pludenz in Tirol, war katholischer Pfarrer zu Klösterle im Bisthum Chur, als er durch die Erzählungen von den Besessenen in der Bibel und durch sein Forschen in den Schriften berühmter Magiker die Überzeugung gewann, daß die meisten Krankheiten von bösen Geistern hcrrührten, deren Macht blos durch Scgensprechungen und Gebete vertilgt werden könnte. Er sing an, einige seiner Pfarrkinder zu heilen, und erreichte wenigstens so viel, daß er Aufsehen machte. Der Bischof von Konstanz berief ihn in seine Residenz, überzeugte sich aber sehr bald von der Charlakanerie G.'s und rieth ihm, nach seiner Pfarre zurückzukehren. Allein G. begab sich zu andern Reichsprälaten, deren mehre in ihm einen Wunderkhäter zu erkennen glaubten, und erhielt sogar 1771 einen Ruf von dem Bischof zu Negensburg nach Ellwangen, wo er angeblich Lahme und Blinde, vorzüglich aber mit Krämpfen und Epilepsie behaftete Personen, welche alle vom Teufel besessen sein sollten, durch den bloßen Machtspruch: cesget! (fahr aus!) heilte. Obscho» ein Beamter über seine Euren ein fortlaufendes Protokoll führte, in welchem die außerordentlichste» Dinge bezeugt werden, so fand cs sich doch nur zu bald, daß G. gesunde Personen sehr oft die Rolle Kranker spielen ließ, und daß seine Euren bei wirklich Leidenden nur so lange anschlu- geu, als deren Einbildungskraft von den Überredungen des Beschwörers erhitzt blieb. Aufgeklärte Männer erhoben ihre Stimme gegen ihn, und G. hatte sei» ganzes Ansehen verloren, als er im März 1779 starb. Einige Jahre vorher hatte ihn der Bischof zu Negensburg, sein beständiger Gönner, in den Besitz der einträglichen Dechanei Benndorf gesetzt. Gastrin oder Wildbad Gastein, einer der berühmtesten Badeorte Deutschlands, Gastfreundschaft 741 im Salzachkreise Oberöstreichs, im Herzogthume Salzburg, war schon den Römern bekannt und wurde bereits 1 436 vom Herzoge Friedrich von Ostreich, dem nachmaligen Kaiser, gebraucht. Es liegt 2939 F. über dem Meere in einem von der Ache, die unmittelbar am Bade einen prächtigen Wasserfall bildet, durchströmten und von hohen bewaldeten Bergen, über welche die Gletscher emporragen, eingeschlosscnen Thale der Norischen Alpen, welches ein vollständiges Bild der großartigen Alpennatur gibt. Die örtlichen Verhältnisse sind allerdings für die Kurgäste nicht günstig. Das Klima ist wegen der hohen Berge kalt und rauh; selbst im hohen Sommer, wo der Sonnenschein kaum acht Stunden in das Thal fällt, sind die Morgen und Abende empfindlich kalt und noch am Mittage bei der drückendsten Hitze ist die Luft feucht. Außerdem sind wegen der Enge und Abhängigkeit des Thals die Wohnungen nicht zahlreich und die Badeeinrichtungen noch in mancher Hinsicht mangelhaft. Die gewöhnlichen Anstalten zur Zerstreuung der Badegäste fehlen ganz und diese sind allein an die Natur und an Exkursionen zu Fuß und zu Pferdegewiesen. Medicinisch werden sechs Quellen benutzt, unter denen die Fürstenquelle, die Doctors-, die Kaiser Franzens- und die untere oder Hauptquclle die vorzüglichsten sind. Sie sind sämmtlich in ihren Mischungsverhältnissen gleich und haben eine Temperatur von 36"—38°R. Der Wirkung nach rechnet man das Mineralwasser von G. zu den alkalisch-salinischen, obgleich der Grund dieser Wirkung nicht klar ist, da die chemische Analyse die gasteiner Wasser von gewöhnlichem Quellwaffer nur wenig verschieden findet. (S. Mineralwasser.) Sie wirken gelind reizend, belebend und stärkend, dabei besänftigend, beruhigend und auflösend. Daher wendet man sie besonders an bei chronischen Nervenkrankheiten und Leiden der Geschlechtsorgane, die in Schwäche verschiedener Art bestehen, bei veralteten gichtischen und rheumatischen Beschwerden, manchen übel» Folgen von Verwundungen, Leiden der Schleimhäute und chronischen Hautkrankheiten. Bei Kongestionen des Bluts nach dem Kopfe und der Brust und sogenannten Unterleibsplethora ist ihr Gebrauch zu widerrathcn. Benutzt wird das Wasser theilS als Getränk, thoils als Bad in jeder Art. Auch der Badeschlamm hat seine Anwendung gefunden. Die neuesten Untersuchungen sind von Hünefeld, Trommsdorf, Mayer und Eble. Obschon die ungünstige Lage des Wildbads längst eine andere Einrichtung als wünschcnswerth erscheinen ließ, so wurde diese doch erst 1836 mittels einer Wasserleitung hcrbeigeführt, Sie aus 2235 hölzernen Röhren besteht, in welchen das Quellwaffer des Wildbads nach Hosgastcin, einem drei Stunden von Wildbad viel tiefer an der breitesten Stelle des Thals liegenden Marktflecken, geführt wird, wo cs in solcher Temperatur anlangt, daß es gewöhnlich noch abgckühlt werden muß, ehe es zum Bade benutzt werden kann. Vgl. Eble, „Die Bäder zu G." (Wien 1 834), Vi- venot, „Andeutungen über G. und dessen Anstalten zu Wildbad und Hosgastcin" (Wien 1 839) und „Briefe über G." (Lpz. l 838). Gastfreundschaft war im höchsten Allcrlhume die schönste und edelste, durch Religion und Sitte begründete Einrichtung, die gepricsenste Tugend, die von dem kaum aus dem Stande der Wildhcitgetretcnen Menschengeschlechte mit bewundernswcrthcr Treue und Aufrichtigkeit geübt wurde. Im Allgemeinen war das Reisen Einzelner in den frühesten Zeiten selten, denn der Handelsverkehr führte die Menschen noch nicht zueinander und beschränkte sich fast lediglich auf das Meer; der Trieb aber, in die fremde Welt sich hinauszuwagcn, um sich zu unterrichten, erwachte erst in den nachfolgenden Jahrhunderten unter den Weisen und Geschichtschreibern. Wenn daher ein Einzelner seine Heimat verließ, so konnte dies nur in Folge einer wichtigen Auffoderung oder harten Bcdrängniß, z. B. um wegen eines unvorsätzlichen Mordes derBlutrache zu entgehe», geschehen. Da cs nun zur Aufnahme solcher Fremdlinge eigene Häuser (s. Gasthäuser) nicht gab, so genxihrte die Gastfreundschaft einen trefflichen Ersatz dafür. Schon die Stimme des Herzens gebot, den Fremdling, der ein fernes Land durchwandernd hülfsbedürftig unter ein fremdes Obdach einkehrte, freundlich aufzunehmen, zu bewirthcn und zu beschützen, aber fast bei den meisten Völkern des Alterthums wurde die Tugend der Gastlichkeit auch noch durch die Religion empfohlen, wie wir dies bereits in den mosaischen Urkunden, bei den religiösen Bestimmungen der Griechen, Araber und Germanen finden, wozu wol der fromme Glaube, daß die Unsterblichen selbst zuweilen in menschlicher Gestalt auf Erden erschienen, wie die sinnige Erzählung von Philemon und Baucis zeigt, mit beitragen mochte. Wol keine Nation übertraf darin die Araber, die noch jetzt diese 742 Gasthäuser Gastmähler Sitte streng beobachten, indem bei ihnen der Einkehrcnde nicht nur brüderlich ausgenommen und mit dem Besten, was der Hauswirth zu gewähren vermochte, bewirthet, sondern auch, wenn der Vorrath aufgczehrt war, zum Nachbar geführt wurde, der dann Beide mit gleicher Freigebigkeit bcwirthete. Die schönsten Beweise und Beispiele von Gastfreundschaft bietet uns das heroische Zeitalter Griechenlands; auf zarte Weise werden sie in den homerischen Gesängen geschildert. Zeus, der deshalb den Namen des Gastlichen führte (L'enios), umfaßte mit seinem Schutze alle Fremdlinge ohne Ausnahme, und Alle fanden Aufnahme und Pflege an dem gastlichen Herde. Wenn Glieder befreundeter Familien sich trafen, so geschah -f dies mit so größerer Liebe und Sorgfalt, und wahrhaft rührend ist die Aufnahme des jungen Tclemachus bei Menelaus im vierten Buche der „Odyssee"; aber auch ganz unbekannte Fremdlinge wurden mit Menschenfreundlichkeit und Güte behandelt, wie Odysseus auf seinen Irrfahrten von den harmlosen und lebenslustigen Phäakcn. Jeder Einkehrende wurde gebadet, umgekleidet, bewirthet, und man erfreute sich seiner Erzählung. Erst nach neun oder zehn Tagen, wenn der Fremde nicht eher schon freiwillig sich zu erkennen gegeben hatte, forschte man nach dessen Namen, Abkunft und Heimat und war dann doppelt erfreut, wenn man in ihm einen Gastfreund aus früherer Zeit entdeckte. Schon frühzeitig entstanden im griech. Alterthum besondere Verträge der Gastfreundschaft. Einzelne nämlich, die bei dem zunehmenden Verkehre zu häufigen Reisen sich genöthigt sahen, gelobten einander gegenseitige Bewirthung und Aufnahme, so oft ein Geschäft sie zueinander führen würde, und zwar nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder und weitern Nachkommen. Als Wiedererken- nungszeichen bediente man sich hierbei der Hälfte eines von den Vätern gebrochenen Rings, und Jeder, der sich so als Gastfrcund bewährte, wurde nicht nur mit der größten Zuvorkommenheit verpflegt, sondern auch beim Weggange mit Gastgeschenken geehrt, welche dann in der Familie des Empfängers als Gegenstände von besonderin Werthe sortcrbten. Mit dem Verfalle der Einfachheit der Sitten verfiel auch bei den Griechen wie bei den Römern diese schöne Sitte. Unter andern Umständen und in ganz anderer Weise erneuerte sich die Hoch- Haltung der Gastfreundschaft im Mittelalter, indem sic hier nur von gewissen Classen, wie von Einsiedlern und Mönchen geübt wurde, oder auf das Ritterwescn sich beschränkte und dann nur zu häufig in ein leidiges Ceremoniel ausartete, welchen Charakter sie bis auf die neuesten Zeiten bei der nachmaligen gänzlichen Umgestaltung der socialen und politischen Verhältnisse größtenthcils bchaltm hat. Gasthäuser zur Aufnahme und zum übernachten für Fremde gab cs im Alter- thumc weder in der Art noch in der Ausdehnung, wie gegenwärtig, da der Reisende gewöhnlich das Recht der Gastfreundschaft (s. d.) in Anspruch nahm. Die ersten öffentlichen Anstalten in Griechenland, vorzüglich in Athen und Sparta, welche damit verglichen werden können, waren die sogenannten Leschen, Gebäude mit offenen Hallen, in denen man zusammenkam, üm'zii plaudern; etwas später entstanden in den größern Städten die häufig mit Kramläden verbundenen Pandocheen, d. h. Allhcrbergcn, in denen allerdings angesehene Fremde, die mit einem Gastfreunde keine Verbindung hatten, übernachteten, obgleich auch hier, wie noch gegenwärtig im Orient und in den südlicher» Ländern, für Bequemlichkeit nicht sehr gesorgt war, wie bei den Griechen, so wurden auch bei den Römern die Gasthäuser gering geachtet und hatten nur für die niedere Volksclasse als Unterhaltungsörter Bedeutung; doch finden wir bei ihnen schon in früher Zeit öffentliche Herbergen für fremde Gäste (ckeversoria), welche in einem höhern Ansehen standen als die für einen ähnlichen Zweck, aber meist sehr dürftig eingerichteten Schcnkhäuscr (oa»;,<,nao und tabernae), in denen ein Reisender aus dem bessern Stande nur nothgedrungen einkehrte, und die Speisehäuscr oder Garküchen (po;>i>me), in denen man vorzugsweise zubcreitcte Speisen verkaufte und wo sich nur Leute aus der niedersten Volksclasse aufhielten. Übrigens läßt sich die Sitte, den Gasthäusern besondere Namen und Bilder zu geben, ebenfalls auf die früheste Zeit zurückführen. Gastmähler gehörten schon im heroischen Zeitalter Griechenlands zu den reinsten und edelsten Vergnügungen und Erheiterungen des geselligen Lebens, wie wir aus den Schilderungen in den homerischen Gesängen sehen. In den Häusern der Könige und Vornehmen wurden hier festliche Mahlzeiten veranstaltet und nach dem Mahle eilte die lebensfrohe und rüstige Jugend zu Kampfspielen, während dieÄltern zusahen und den Kampfpreis bestimm- Gastmähler 743 ten, oder es begann auch ein Tanz von Jünglingen in Waffenfchmuck und von Mädchen. Solche Gastmähler wurden aber nicht blos von einzelnen Personen häufig gegeben, sondern man ordnete auch nicht selten durch gemeinschaftliche Beiträge der Theilnehmenden ein Gelag (Eranos) an. In der folgenden Zeit wurden bei den Alten mit der Ausdehnung der Tafel« frcuden auch die dabei stattfindcndcn Gebräuche mehr und mehr erweitert und festgesetzt. Die wirklichen Gäste wurden durch Diener oder Sklaven feierlich cingeladcn; die Gäste, welche ohne Wissen des Gastgebers mitgebracht wurden, nannte man bei den Griechen und Römern Schatten fee-««/, uinkrae); außerdem aber gesellten sich ungeladen hinzu allerhand Lustigmachcc oder Parasiten. Bei den Griechen erschienen beim Gastmahle nur Männer, bei den Römern auch Frauen. Die Zahl der Gäste war unbestimmt; ehe sie zu Tische sich begaben, wurden ihnen die Füße gewaschen und gesalbt. In der ältesten Zeit säß man bei Tische, in der spätem Zeit nahm man während des Essens eine schräge Lage an, auf folgende Weise. Um die Tafel waren mehre Ruhepolster gestellt, die häufig aus Cedernholz verfertigt, mit Elfenbein ausgelegt, mit Gold und Silber verziert und mit kostbaren Decken belegt waren. Der Liegende hatte den obmn Thcil des Körpers auf den linken Ellbogen gestützt, den Unterleib gerade ausgcstrcckt oder etwas gebogen, im Rücken lagen zu größerer Bequemlichkeit bisweilen noch kleine Kissen. Der Erste am ober» Thcile des Ruhepolstcrs streckte seine Füße hinter dem Rücken des neben ihm Liegenden aus, der Zweite lag mit dem Kopfe nahe an dem Schoost des Erstem und streckte seine Füße hinter dem Rücken des Dritten wieder aus u. s. w. Daß unter den Plätzen ein gewisser Rang beobachtet wurde, liegt außer Zweifel, obwol die Rangordnung selbst sich nicht näher Nachweisen läßt. Die Tische wurden nicht, wie gegenwärtig, mit Tüchern bedeckt, sondern nach jedem Gange der Reinlichkeit wegen mit Schwämmen abgcwischt und so auch jedesmal für die Gäste Wasser zum Waschen der Hände umhcrgegebcn. Ein Handtuch brachte jeder Gast mit. Da man sich nicht der Messer, Gabel und Löffel bediente, so wurden die Speisen von eigens dazu bestellten Vor- schneidern in kleine Stücke zerlegt und zum sofortigen Genüsse aufgetragen. Drei Gänge fanden bei feierlichen Mahlzeiten in der Regel statt, das Vormahl, wobei man blos solche Speisen auftrug, die zur Eßlust reizten, dann das Hauplmahl, welches aus mehren und seiner zubereiteten Speisen bestand, endlich der Nachtisch mit Näschereien. Während des Mahls trugen die Gäste häufig weiße Gewänder, schmückten sich mit Kränzen und salbten Haupt und Bart mit duftenden Ölen. Das Speisezimmer selbst wurde ebenfalls mit Kränzen geziert, und die Rosen, die als Sinnbild des Schweigens über dem Tische aufgehängt waren, haben das noch jetzt übliche Sprüchwort veranlaßt: Einem etwas suk rosa, d. h. unter der Rose, mitthcilcn. Der Symposiarch oder Tafclfürst, entweder der Wirth selbst oder eine von ihm dazu ernannte Persoy, sorgte für alles zum Gastmahle Nöthigc; ein Anderer, der Schmauskönig, führte die Aufsicht über das Trinken; der Austhciler theiltc Jedem seine Portion zu, und Wcinschcnkcn, meist schöne Knaben, reichten die gefüllten Becher dar. Den Wein trank man stets mit Wasser vermischt. Das eigens für diese» Zweck bestimmte Mischgcfäß hieß Krater, aus welchem mit einem Schöpfkrüglein (o^atlius) in die Trinkbecher (pooila), die oft aus kostbaren Stoffen bereitet, prachtvoll verziert und bekränzt waren, cingeschenkt wurde. Gewöhnlich brachte man einen Becher dem rettenden Zeus (Soter), einen der Göttin der Gesundheit (Hygiea) und den letzten dem guten Schutzgeistc oder Genius. Nur die Mäßigen aber begnügten sich mit dieser Zahl, Andere gingen weil über dieselbe hinaus, denn man trank nicht blos in die Runde (Encykloposic), sondern auch auf das Wohl abwesender Freunde und Geliebten, und dann so viele Becher, als der Name Buchstaben enthielt, ja man stellte förmliche Trinkkämpfe mit ausgesctztcn Preisen an. Außer der Unterhaltung durch Gespräche, die oft, wie wir aus Platon's und Plutarch'S Symposien sehen, sehr ernst und philosophisch war, öfter aber im Scherz und Witz sich erging, wobei die Näthsel und Griphcn (s. Logo« griph) eine große Rolle spielten, hatte man noch die durch Gesang, und dasSkolion stimmte bald zu heiterer Freude, bald zu erhabenem Ernst. (S. Deipnon, Symposion und Skolicn.) Nach beendigtem Mahle erschienen zur Belustigung der Gäste häufig Flötenspieler, Sängerinnen, Tänzerinnen und Possenreißer aller Art, oder die Gäste trieben selbst allerhand Spiele, unter denen derKottabos (s. d.) das beliebteste war. Bei feierlichen und prächtigen Gastmahlen thcilte der Wirth wol auch noch Geschenke an seine Gäste ans, welche 744 Gaston de Foix Gatterex Tenia oder Apophorela hießen und zu größerer Belustigung zuweilen noch verloost wurden. Veranlassung zu solchen Gastmähler« gaben frohe Familienereignisse; Siege bei den Wettkämpfen n. s. w.; die Römer hielten in der frühesten Zeit sogar feierliche Leichenmahle (sili- cernis). Außerdem finden wir im Alterthume auch schon öffentliche Gastmähler, wie namentlich bei den Spartanern die sogenannten Phiditien oder Sysfitien, die mehr einen politischen Zweck hatten, indem man sich hier vorläufig über Gegenstände des Staatswohls unterhielt, che dieselben zur allgemeinen Berathung kamen. Übrigens arteten bei den Alten mit der Zunahme des Luxus, wie unter den Römern, besonders in der Kaiserzeit, die Gastmähler in schwelgerische und üppige Gelage aus. Vgl. Böttiger, „Der Salurnalienschmaus", und 's „Ein antiker Küchenzettel aus Rom", im dritten Bande der „Kleinen Schriften", herausgegeben von Billig (Drcsd. und Lpz. >838). Gaston de Foix, s. Foix. Gastrisch (griech.) nennt man Alles, was auf die Verdauung Bezug hat; daher gastrisches System die Organe, durch welche die Verdauung vermittelt wird, undga- st rische Krankheiten solche, in denen die Verdauung gestört ist. Diese Krankheiten sind wegen unserer naturwidrigen Lebensart in Hinsicht aus Nahrung und Bekleidung sehr häufig und sprechen sich durch Mangel an Eßlust, verdorbenen Geschmack, belegte Zunge, Ekel u. s. w. aus, was in leichteren Fällen durch Enthaltung der Nahrung vorübergehr, in bedeutender« oft von Fieber begleitet wird, oder so störend auf den ganzen Organismus wirkt, daß die gastri sch e Heilmethode nüthig wird, welche in der Anwendung besonderer Arzneien, die die Unregelmäßigkeiten in der Verdauung zu heben vermögen, besonders der auflösenden, Brcch- und Abführmittel und einer strenger» länger» Diät besteht. Gastromänie (griech.) bezeichnet die übertriebene Leckerei und Schwelgerei im Essen und Trinken, wie wir sie bereits bei den Griechen und Römern finden. Gastromantie hieß bei den Griechen das Wahrsagen aus den Figuren weitbauchiger, mit klarem Wasser angefüllter und mit Lichtern umstellter Gläser. Nachdem Der, welcher Aufhellung über die Zukunft zu haben wünschte, mit leiser Stimme gebetet und seinen Wunsch zu erkennen gegeben hatte, gab der Dämon seine Antwort durch Bilder in den Gläsern; doch konnten diese nur von einem unschuldigen Kinde oder von einer schwängern Frau wahrgenommen werden. Gastronomie, auch Eastrolögie (griech.), nannten die Alten den Inbegriff aller Regeln der Hähern Kochkunst, wie wir sie bei der Zunahme des Luxus in dem eigentlichen Griechenland, auf den Inseln Sicilien und Chios, zu Sybaris in Unteritalien, später namentlich bei den Römern bis zur höchsten Üppigkeit und Schwelgerei ausgcbildet finden. Unter diesem Namen gab es selbst mehre Schriften, wie von Archestratus aus Sicilien u. A. Gataker (Thom.), ein namhafter engl. Kritiker und Theolvg, geb. am ä.Sept. I 573 zu London, gest. daselbst am 27. Juni >653, stammte aus einer alten Familie, studirte zu Cambridge und war hierauf einige Zeit Lehrer und zuletzt seit 16 lI Pfarrer zu Rothcrhikh. Außer seinen gelehrten Commentaren über mehre alt- und neutestameittliche Schriften und dem Bliche „üe 5t),I<> !X»vi 'Uestuinenti" erwähnen wir besonders seine Ausgabe des An- toninus (Cambr. 1652; Lond. >697 und 1797,3.), durch welche er zur Aufhellung der stoifchen Moralphilosophie wesentlich beitrug; ferner die ersann »nscellunea" von seinem Sohne KarlG. (Cambr. 1659) und die „Opera critics ownis" von Witfius (Utr. 1698, Fol.) herauegcgcben. Vgl. „H » 1 ' 6." (Lond. > 655, 3.). § Gath war^ eine der fünf Hauptstädte im Lande der Philistäcr, die im Alten Testamente mehrfach erwähnt wird. Aus ihr stammte Goliath, und in ihr suchte David Zuflucht, als Saul ihn verfolgte. Obschon die Israeliten G. später mehrmals, z. B. unter David, eroberten, so konnten sic cs doch nur vorübergehend behaupten. — Eine Stadt gleiches Namens, aus welcher der Prophei Jonas gebürtig war, lag im Stamme Sebulon, und eine dritte im Stamme Dan. Gatterer (Joh. Christoph), ein berühmter deutscher Historiker, geb. zu Lichkenau bei Nürnberg am 13. Juli 1 727, studirte zu Nürnberg und Altdorf, wurde 1755 Lehrer an dem Gymnasium zu Nürnberg und 1759 ordenklicherProfessor der Geschichte zu Güttingen, wo er am 5. Apr. 1799 starb. Er beherrschte das ganze Gebiet der Geschichte und ihrer 745 Gau Hülfswissenschaften, namentlich der Genealogie, Heraldik, Diplomatik und Chronologie, hellte theils das Ganze, theils einzelne Theile derselben durch wichtige Werke und Abhandlungen auf und führte in das Studium der allgemeinen Weltgeschichte und in die akademischen Borträge derselben die bessere Methode ein, welche die Erzählung nach der Zcitfolge mit Synchronismus verbindet. Vor Allem hatte sich die alte Geschichte der wichtigsten Aufklärungen durch seinen Fleiß, seine gründliche Gelehrsamkeit und seinen historischen Forschungsgeist zu erfreuen. Zu beklagen ist cs, daß viele seiner Werke unvollendet geblieben sind. Die königliche Societät der Wissenschaften in Göttingen hatte an ihm eins ihrer thä- tigsten Mitglieder; er selbst stiftete 176-1 das historische Institut, dessen Director er seit 1 767 war. Außer seinen theils einzeln erschienenen, theils in Journalen abgedrucklen historischen Abhandlungen sind besonders zu erwähnen seine „Weltgeschichte in ihrem ganzen Umfange" (Bd. I und 2, Gött. 1785—87), „Versuch einer allgemeinen Weltgeschichte bis zur Entdeckung von Amerika" (Nürnb. 1792), „bllsmsnta artis «liplomaticae univer-alis" (Gült. 1765),„Abriß derDiplomatik" (Gött. 1798), „Praktische Diplomatik" (Gött. 1799), „Handbuch der neuesten Genealogie und Heraldik" (Nürnb. 1761—72), „Abriß der Genealogie" (Gött. 1788), „Abriß der Heraldik" (Nürnb. 177-1; 2. Ausl., Gött. 1792), „Praktische Heraldik" (Nürnb. 179l), „Abriß der Chronologie" (Gott. 1775), „Abriß der Geographie" (Gött. 1775) und „Kurzer Begriff der Geographie" (Gött. 1788; 2. Auss, 1793). Auch gab er die „Allgemeine historische Bibliothek" (16 Bde., Halle >767 —7i)und das „Historische Journal"(l 6 Bde., Gött. 1772—8I)heraus.— Seine Tochter, MagdalcnePhilippineG.,geb. zu Göttingen am 2. Oct. 1756, die Gattin des 1818 verstorbenen Geh. Rath und Director des Kriegscollegiums zu Kassel, Joh. Phil. Engelhard, machte sich als lyrische Dichterin vortheilhaft bekannt und starb zu Blankenburg am 28. Sept. 1831. Der ersten Sammlung ihrer „Gedichte" (Gött. 1778) folgten außer mehren Gclegenheitspoesien eine zweite Sammlung (Gött. 1782) und eine dritte (Nürnb. 1821). — Ihr Bruder, Christoph Will). Jak. G., geb. am 2. Dec. 1759, wurde >787 Professor der Kameralwissenschaftcn und Technologie zu Heidelberg, >795 auch Professor der Diplomatik, 1895 zum Oberforstrath ernanist, und starb am 11. Sept. 1838. Er schrieb unter Anderm eine „Anleitung, den Harz und andere Bergwerke zu bereisen" (3 Bde-, Gött. 1785—99), der sich die „Beschreibung des Harzes" (2 Bde., Nürnb. 1792—93)alsFort- sttzung anschließt, setzte W. G. von Moser s „Forstarchiv" unter dem Titel „Neues Forstarchiv" (l I Bde-, Ulm 1796— 1891) fort, gab mit Laurop die „Annalen der Forst - und Jagdwisscnschaft" (Bd. 1, Darmst. >811) heraus und lieferte zuletzt eine „Literatur deS Weinbaus aller Nationen" (Heidclb. >832). Gau, entstanden aus dem altdeutschen Gowc oder Go, im Lateinischen gewöhnlich auch > egiu oder provincm genannt, war der von den Franken auch nach Deutschland und in die unterworfenen slaw. Länder übergegangene Name für die Bezirke, in welche das Land der Verwaltung, Rechtspflege und Kriegsverfassung wegen gctheilt war. Die Gau- verfassung kam bei den Franken bereits im 7. Jahrh. auf. Meist hatten die Gaue natürliche Grenzen, gebildet durch Gebirge, Thälcr, Flüsse und Wälder; erst in späterer Zeit machte sich auch bei Bestimmung ihrer Grenzen, namentlich in Deutschland, die Politik geltend. Die Negierung in den Gauen war im Namen des Königs einem oder mehren Grafen über- rragcn, die darnach Gaugrafen hießen, im Lateinischen überhaupt co,»',t«8 genannt, daher nun auch wieder der Gau cowitatus, d. i. Grafschaft, genannt wurde. Schon im > 2. Jahrh., als die königlichen Lchnsträger und Beamten ihre Ämter zu erblichen gemacht hatten, kan, die Gauverfassung wieder außer Brauch, und es hat deshalb die Bestimmung der Lage und der Grenzen vieler Gauen gegenwärtig große Schwierigkeiten, zumal da in den größer« Gaue» auch wieder kleinere Vorkommen. Nur in den Namen einiger Gegenden, wie Brcis- gau, Rheingau, Sundgau, Algan, Aargau, Wasgau u. s. w. hat sich eine Erinnerung an sie bis aus unsere Zeit erhalten; auch erinnern daran die Endungen einiger Orte. Vgl., außer den altern Schriften von Sagittarius, Meibom, Juncker u. A., Leutsch, „Markgraf Gero, nebst einer Gaugevgraphie" (Lpz. 1828, nebst zwciKarten), Werscbe, „Beschreibung der Gaue zwischen Elbe, Saale, Unstrut, Weser und Werra im II. und 12. Jahrh." Hann. 1829, ä., nebst Karte), Ritter von Lang, „Baierns Gaue nach den drei Aolksstam- 746 Gau (Karl Franz) GauchoS men der Alemannen, Franken und Bojoaren aus den alten Bisthumssprengeln nachgewiesen" (Nürnb. >830) und Desselben „Baierns alte Grafschaften und Gebiete" (Nürnb. 183 >). Gau (Karl Franz), bekannt durch seine Reisen und Forschungen in Nubien, wurde zu Köln am 15. Juni 1790 geboren und in der Kunstakademie zu Paris gebildet. In Rom, wohin er sich 1817 begeben hatte, faßte er den Entschluß, durch eine Reise nach Nubien die Arbeiten des ägypt. Instituts zu vervollständigen. Als er, von Nicbuhr dabei berathcn, seinen Plan auszuführcn im Begriff war, schien das Zusammentreffen mit einem reichen Reisenden, der G. sich zu verbinden wünschte, sein Wagniß zu begünstigen. Aber schon bei der Ankunft in Ägypten mußte er sich von seinem Reisegefährten, auf den sein Unternehmen zum Theil berechnet war, trennen. Äuf seine wenigen eigenen Mittel von nun an beschränkt, blieb er doch unerschütterlich in seinem Vorhaben. Ohne Diener und Führer, selbst ohne. Gepäck und Mundvorrath, unbekannt mit der Landessprache, folgte er von Älexandricn aus zu Fuße einer kleinen Karavane mitten durch die Wüste, im Vertrauen auf die Gastfreundschaft der Araber, worin er sich auch nicht täuschte. Nach den größten Entbehrungen und Anstrengungen erblickte er endlich die Pyramiden. Kleinliche Eifersucht widersetzte sich in Kairo der Verfolgung seiner Zwecke. Der engl. Consul Salt suchte die Ausfertigung des Fermans zu seiner weitern Reise zu Hintertreiben. G.'s Baarschaft ging aus, und auch sein Muth wich dem Andrange so vieler Widerwärtigkeiten. Da nahm ein deutscher in Kairo lebender Arzt, Namens Dankert, sich seiner an und empfahl ihn dem franz. Consul Drovetti (s. d.), der für den Fcrman sorgte und ihm nach Theben vorauseilte, wo G. nach einer Nilschiffahr! von 32 Tagen eintraf. Drovetti verschaffte ihm hier Araber zu seiner Begleitung, eine Barke, Lebensmittel für die Reise, vier Matrosen, einen Lootsen und einen franz. Mamlu- kcn, der als Dolmetscher dienen sollte. Glücklich langte G. nach 13 Tagen in Essuan an. Man hatte ihm gestattet, die Nilfälle zu überschreiten und, gegen sonstige Sitte, die von Theben mitgebrachten Matrosen zu behalten; nur einen nubischen Lootsen nahm er in Essuan mit sich und einen Dolmetscher für die in Nubien einheimische Sprache. Unter günstigem Winde erreichte er schnell und glücklich den Zielpunkt seines Strebens. Herr seiner Barke, hing cs ganz von ihm ab, anzuhalten, wo er wollte, und in Muße zu zeichnen und zu messen. Er fand 21 Denkmäler, zwischen der zweiten Katarakte undPhilä, die bisher völlig »»gekannt gewesen waren, und sowol seine Wahl als seine Darstellung hat überall die gerechteste Anerkennung erhalten. Die Treue und Wahrheit seiner Zeichnungen, die auch im Stiche nicht verloren gegangen ist, und die Genauigkeit seiner Maße und anderer Angabe» hat seinen „.^utignitös Oe la l>iul>ie" (13 Lieferungen, Par. 1821—28; deutsch, Stuttg. 1821 —28, Fol.) das einstimmige Zcugniß der franz. Beurtheiler verschafft, daß sich dieselben alS nothwendige Fortsetzung dem großen Prachtwerkc über Ägypten anschließe, welches das Nilland nur bis Philä umfaßt. Den Text dazu besorgte größtentheils Niebuhr, in dessen Hände G. die zahlreichen Inschriften mederlegtc, die er in Nubien gesammelt hatte. Proben davon gab Nicbuhr in den „Inscichitiones n»l>ien5es" (Rom 1820, 4.). Nach seiner Rückkehr hielt sich G. einige Zeit in Nom auf und kehrte dann nach Paris zurück, wo er naturali- sirt und 1826 als königlicher Architekt angestellt wurde. Gauchos nennt man in den Platastaatcn die mit Viehzucht beschäftigten, die Pampas bewohnenden Landleutc. Obgleich sie sich als Weiße betrachten und aus diesen Titel stolz sind, so gehören sie doch meist der Kaste der Mestizen an, und tragen durch Zusammenleben mit Jndianerweibern bei, die Bevölkerung der inner» Provinzen immer mehr dem Vorbilde der Ureinwohner zu nähern, welchen sic ohnehin an Sitten und Denkungsart ungemein gleichen. Wie diese rohen Naturkinder, so haben auch die Gauchos nur wenige Bedürfnisse. In einem Klima lebend, wo die Sorge für ivarme Kleidung und Wohnung weg- fällt, begnügen sie sich mit niedrigen Hütten, die aus Rohr und Lehm erbaut, wenige oder keine hölzerne Geräkhschaften enthalten, indem in jenem baumlosen Lande Ochscnhäute vielmals die Stelle der Breter vertreten müssen, und statt eiserner Befestigungen Streifen von frischen Häuten mit großer Kunst angewcndct werden. Leicht genug ist dieser Hausrath nach andern Orten zu bringen, oder, wenn er verloren ging, aus den Erzeugnissen des Landes selbst wiederherzustcllen, denn was der Gaucho an unersetzlichen, in den Städten oder jenscit des M^rs verfertigten Gegenständen besitzt, ist so Weniges, daß er cs ohne Schw rigkeit Gandin Gaudy 747 auf seinem Pferde mit sich führt. Eine Hütte in der Weise des Landes ist aller Orten bald wieder errichtet; mit einem Pferde, der Wurfschlinge (Lasso) und den Wurfkugeln (Bolas) versehen, vermag der Gaucho andere Pferde und das halbwilde Rindvieh zur Nahrung einzufangen, und da er von Jugend auf gewöhnt ist, Fleischnahrung fast ausschließend zu genießen, und Salz in den Pampas häufig den Boden anschwängcrt, so vermag er selbst als Geächteter und Verfolgter in der wüstesten Gegend seiner Ebenen sich heimisch zu machen, wenn sie nur Wasser darbietet. Von Kindheit an mit Pferden vertraut und daher ebenso kühne als unermüdliche Reiter, sind die Gauchos jeder andern Ortsbewcgung als derjenigen zu Pferde abgeneigt, halten vor der Kirchthüre, um die Messe zu hören und schauen aus dem Sattel dem Tanze in den schmuzigen Schenken zu, die an den großen Handelsstraßen durch die Pampas die Poststationen bilden. Weiber und Kinder theilen aus Gewöhnung mit den Männern die meisten der Beschwerden eines nach europ. Begriffen überaus rohen Lebens. Lesen können Wenige, Schreiben gilt ihnen aber für große Kunst, denn zur Erlangung der gewöhnlichsten Erziehung bietet sich ihnen keine Gelegenheit. Katholiken sind sie nur in der äußern Form, da ihnen jedes Verstälidniß religiöser Lehren abgeht und vieler von den Indiern ausgegangener Aberglaube bei ihnen volle Geltung empfängt. Dennoch legen sie auf ein kirchliches Begräbniß großen Werth und pflegen ihre Tobten in Friedenszeiten aus großen Fernen bis zur Wohnung eines Pfarrers zu schaffen. Jovial, heiter, gutmüthig und gastfrei, sind sie doch im gereizten Zustande der größten Barbareien fähig und verfolgen mit dem Scharfsinne und der Unermüdlichkeit der Indier ihren Feind, dessen Blut allein ihre Rache sättigen kann. Theils sind sie selbst Besitzer kleiner Heerden, theils stehen sic in Diensten der Besitzer größerer Viehhöfe, die sich nicht selten über viele Quadratmellen ausdehnen. Schon durch ihren Beruf abgehärtet und jedem ruhigen Leben abgeneigt, sind sie zu allen Zeiten bereit, einer Partei sich anzuschließen und einen Raubzug auszuführen. Der seit 3V Jahren in den Platastaaten dauernde Bürgerkrieg hat ihnen zur Befriedigung dieser Neigung stets Gelegenheit geboten, aber auch eine solche Demoralisation unter ihnen verbreitet, daß cs zweifelhaft bleibt, ob nach dem einstigen Falle des Präsidenten Rosas von Bucnos-Ayrcs, der selbst ein Gaucho war, und nach Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt es einer bessern Negierung möglich sein werde, jene halbwilde Bevölkerung des Innern im Zügel zu halten und gradweis zu civilisiren. Gandin, s. Gaeta (Mart. Mich. Charl. Gaudin, Herzog von). Gaudy (Franz Beruh. Hcinr. Wilh., Freiherr von), bekannter deutscher Dichter aus einer schot. Familie, war am IS. Apr. 1800 zu Frankfurt an der Oder geboren und »er Sohn eines preuß. Generallieutenants. Seine wissenschaftliche Bildung erhielt er im College francais zu Paris, dann auf der Landesschulc Pforta. Im I. 1818 trat er in das preuß. Heer und avancirte sehr bald zum Offizier. Des einförmigen Friedcnsdienstes in den kleinen poln. Garnisonen überdrüssig, nahm er 1833 seine» Abschied lmd privatisirte hierauf, mit literarischen Arbeiten beschäftigt, in Berlin. Eine gewisse Unruhe, eine Zcrfal- lcnheit mit der Welt, trieb ihn in seinen letzten Jahren mehrmals nach Italien. In Berlin starb er am O.Febr. 1840. In seinen früher» Liedern zeigte er sich als Nachahmer derHeine'- schen Liederform; später erhob er sich zu selbständigem Äußerungen seines Talents nnd war zuletzt besonders glücklich in Chansons, worin er die Thorheitcn der Zeit mit ergötzlichem Humor persiflirte und durch Leichtigkeit des Tons, Behendigkeit und populaire Schlagkraft deS Witzes an die Art Beranger's erinnerte. Der Liberalismus fand an ihm in jüngster Zeit einen wacker» Partisan, indem er zwar schmerzlich fühlte, daß die Autorität des Adels mit seinem Rcichthum gebrochen war, jedoch einmal hierüber zum Bewußtsein gelangt, alle feudalistischen Träume aufgab und nur noch von den liberalen Ideen der neuern Zeit, die er mit Eifer und Feuer ergriff, das Heil der Zukunft erwartete. Zu seinen früher», zum Thcil noch unreifen Arbeiten gehören „Erato" (Glogau 1829; 2. Ausl., >838), „Gedanken- sprünge eines der Cholera Entronnenen" (2. Aust., Glogau 183,2), „Schildsagcn" (Glogav 1834) und „Korallen" (Glogau >834). Schon üppiger rauschten die Quellen seines Talents in der Novelle „Dcsangano" (Lpz. 1834) und in den „Kaiserliedcrn" (Lpz. 1835), worin er, bereits formell durchgebildet, Napoleon feierte. Früchte seiner ersten 1835 nach Italien gemachten Reise waren die zum Thcil sehr anmuthig geschriebene Neisedarstellung 743 Gaugamela Gempp „Mein Römcrzug" (9 Bde., Berl. 1836 ) und die recht launige Novellette „Aus dem Tage« buche eines wandernden Schncidergesellen" (Lpz. > 836 ). Auch die „Venetianischen Novellen" (2 Bde., Bunzlau 1838 ) verdanken den Einflüssen des ital. Lebens und Himmels ihre Entstehung. Seiner letzten Periode gehören noch die „Novelletten" (Berl. 1837 ) und die ..Lieder und Romanzen" (Lp;. 1837 ) an. Eine Sammlung seiner „Sämmtlichen Werke" besorgt sein Freund Arthur Mueller (Bd. I und 2 , Berl. 18 - 15 ). Nach Schwab's Rück- tritt war G. mit Chamisso Rcdacteur des „Deutschen Musenalmanachs"; auch übersetzte er Einiges aus Niemcewicz und Mickiewicz, aus dem Altfranzösischen die Gedichte der „Clo- tilde von Wallon-Chaly's" (Berl. 1837 ) und mit Chamisso Beranger's „Lieder." Gaugamela, eine Ortschaft in Assyrien, >2 — 15 M. von Arbelr (s. d.) entfernt. Auf der Ebene, wo cs lag, lieferte A lex and er (s. d.) dem Darius Codoman- n u s (s. d.) im Oct. 331 die Schlacht, in welcher der Letztere besiegt und zu der Flucht, auf der er seinen Tod fand, gcnöthigt wurde. Alexander hatte ein Heer von 30000 M. zu Fuß und 7060 Reitern, Darius soll nach Einigen 300000 M. zu Fuß und >00000 Reiter, nach Andern das Doppelte dieser Zahl gehabt haben, dazu 200 Sichelwagen und 15 Elefanten. Die Angabe, daß 300000 Perser gefallen seien, ist gewiß übertrieben; nach Cur- tius waren es nur 30000 , der Verlust der Maccdonicr wird von diesem zu 300 , von Diodor zu 500 , von Arrian nur zu 100 angegeben. Gaumen (palatnm) heißt die horizontale Scheidewand zwischen Mund- und Nasenhöhle, welche von den beiden Oberkiefer - und Gaumenknochen (osss palstwu) gebildet wird, die von der Schleimhaut überzogen sind. Von dem hintern Ende des Gaumens hängt vertical eine bewegliche, häutige und muskulöse Platte herab, welche die Mundhöhle vom Schlunde trennt und den Namen GaumenvorhangoderGaumensegcl (veluin zmlirtinum) er- halten hat. Das Gaumensegel endet in der Mitte nach unten mit einem kegelförmigen An- hange, darr sogenannten Zäpfchen (uvulu), und geht nach beiden Seiten in eine Art Bogen, und von diesen wieder jeder in zwei Falten über, eine vordere und eine Hintere, die Gau- m endogen oder Gaumen faulen (arcus palatini) genannt, zwischen denen unten die Mandeln (tnusillae) liegen. Die verschiedenen Theile des Gaumens sind sowol zum Sprechen als zum Schlingen mehr oder weniger unentbehrlich. Dies bemerkt man besonders dann, wenn diese Theile ganz oder stellenweise zerstört oder durch eine ursprüngliche Misbil- dung fehlerhaft beschaffen sind. Letzteres findet bei dem sogenannten Wolfsrachen und der Hasen sch arte (s. d.) statt. Gaunersprache, s. Rothwälsch. Gaupp (Ernst Theod.), ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Bres- lau, geb. am 31 . Mai 1796 zu Kleingaffron bei Räuden in Niederschlesicn, besuchte die Nit- terakademie zu Liegnitz, als der Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk auch ihn in die Reihen der freiwilligen Kampfer führte, in denen er 1813—15 zuerst als freiwilliger Jäger, später als Offizier diente. In die Heimat zurückgekehrt, studirte er seit 1816 zu Bres- lau, Berlin und Göttingen. Im I. 1820 trat er in Breslau als Privatdocent auf, wo er 1821 eine außerordentliche Professur erhielt. Mit königlicher Unterstützung machte er 1822 eine wissenschaftliche Reise, als deren Resultat er die Schrift „Huittuor folia sntiguissimi »licujus vigestorum coliicis rescriptit" (Bresl. 1823 ) herausgab. Später wendete er sich vorzugsweise dem schon früher von ihm mit vorherrschender Neigung gepflegten germanischen Rechte zu, für welches er 1826 zum ordentlichen Professor ernannt wurde, und in dessen Bereich fast Alles gehört, was er seitdem geschrieben hat, so namentlich „Über deutsche Städtegründung, Stadtverfassung und Weichbild im Mittelalter" (Jena 1823 ), „Das alte mag- dcburgische und hallische Recht" (Bresl. 1826 ), „Das schles. Landrecht" (Lpz. 1828 ), „Mis- cellen des deutschen Rechts" (Bresl. 1830 ), „l.ex bH»m»n" (Bresl. > 832 ), „Das alte Gesetz der Thüringer" (Bresl. 1833 ) und „Recht und Verfassung der alten Sachsen" (Bresl. 1837 ). Namentlich ist er in dem Gebiete, welchem die drei letzten Schriften angehören, ganz heimisch. In dem unter den preuß. Juristen entstandenen Streite über die Provinzialgcsetz- bücher und den Particularismus des Rechts gab er seine Stimme in der pseudonym erschienenen Schrift „Uber die Redaction der Provinzialgesetzbücher in der preuß. Monarchie; ein Volum von Eremit» Constans" (Lpz. 1338 ) ab. 749 Gauß Gay Gauß (Karl Friedr.), Hofrath und ordentlicher Professor der Astronomie zu Güttingen, einer der größten Mathematiker, geb. am 23. Apr. 1777 in Braunschwelg, gab schon auf der Schule so deutliche Beweise großer Talente, daß er die Aufmerksamkeit des Herzogs Karl Wilh. Ferdinand von Braunschweig auf sich zog, der seine fernere wissenschaftliche Ausbildung auf alle Weise unterstützte. Nachdem er seit 17 99 zu Braunschweig privatisirt hatte, ward er 1807 zum Professor in Göttingen und 1816 zum Hosrath ernannt. Bereits in seiner Doctordisputation 1799 zeigte er seinen Scharfsinn dadurch, daß er die früher« Bemühungen, den Hauptsatz der Algebra zu beweisen, einer scharfen Kritik unterwarf und selbst einen neuen, strengen Beweis desselben lieferte. Noch glänzender entwickelte er feine Kräfte in den „Ilisguisiliones aritlnneticae" (Lpz. 1801, 4.), einem Werke voll der feinsten mathematischen Speculation, durch welches die höhere Arithmetik mit den schönsten Entdeckungen bereichert worden ist. Als zu Anfänge des 19. Jahrh. die neuen Planeten entdeckt wurden, fand G. neue Methoden zur Berechnung ihrer Bahnen, unter denen namentlich die Methode der kleinsten Quadratsummen berühmt geworden und einer sehr allgemeinen Anwendung fähig ist. Er veröffentlichte dieselbe in seiner „l'lreoria motus corporum coelestium" (Hamb. 1809, 4.), die viel dazu beigetragen hat, dem um diese Zeit erwachenden Sinne für genauere und folgerichtigere Benutzung der astronomischen Beobachtungen die rechte Richtung zu geben. Auch seine „l'lieoria combinstionis obserrationum erroribus minimis kib- norias" (Gott. 1823, 3.) war eine wesentliche Bereicherung der Wissenschaft. Seil der Vollendung der neuen göttinger Sternwarte widmete er sich auch astronomischen Beobachtungen. Im Aufträge der Negierung setzte er die dän. Gradmessung im Königreiche Hannover fort, bei welcher Gelegenheit er die Entdeckung machte, die entferntesten Stationen durch reflectirtes Sonnenlicht mittels des von ihm erfundenen Heliotrops (s. d.) sichtbarzu machen. Später war er eifrig mit Beobachtungen über den Erdmagnetismus beschäftigt, und die Regierung hat ihm zu diesem Bchufe ei» kleines Gebäude nahe an der Sternwarte als magnetisches Observatorium erbauen lassen. Durch seine und Wilh. Weber's Arbeiten auf diesem Felde, namentlich durch die von ihm gelieferte Theorie des Erdmagnetismus, ist dieser schwierigen Lehre eine ganz neue Gestalt gegeben und alles früher Geleistete ganz in den Schatten gestellt worden. Dieselben sind enthalten in den von beiden Forschern seit 1837 jährlich herausgegebenen „Resultaten aus den Beobachtungen des magnetischen Vereins", sowie in dem „Atlas des Erdmagnetismus" (Lpz. > 830). Gegenwärtig beschäftigt sich G. vorzugsweise mit der Theorie der Geodäsie, über welche er eine Reihe einzelner Abhandlungen zu liefern gedenkt, deren erste er bereits im J. 1833 in der göttinger Societät der Wissenschaften vorgelescn hat, wie denn die Commentarien dieser Societät eine große Zahl tiefsinniger Abhandlungen von G. enthalten, die eine wahre Zierde derselben bilden und auch in sprachlicher Hinsicht als Muster aufgestellt werden können. Gavotte hieß ein altes, zum Tanz angewandtes Tonstück von munterm Charakter, das seinen Namen von einem franz. Gebirgsvölkchen, den Gavots, erhalten hat. Es be- stand aus zwei Reprisen, fing im Auftakt an und stand im Allabrevctakt. Die Gavotten waren ehemals gleich der Menuett auch in Sonaten, Suiten u. s. w. eingeführt, da man sich nicht genau an die äußere Form band, die sie als Tanzstücke hatten. Gay (John), geb. 1688 zu Barnstaple in Devonshire und in der Schule seiner Heimat gebildet, machte seinen ersten dichterischen Versuch in „Rural Sports" (Lond. >711), einer anziehenden Schilderung ländlicher Ergötzlichkeitcn und einer seiner besten Leistungen, die ihm Pope's Freundschaft erwarb. Im I. 1712 trat er als Secretair in die Dienste der Herzogin von Montmouth, und 1713 begleitete er den Grafen von Clarendon als Gesandt- schastssecretair nach Hannover. Er starb in London am 3. Dec. 17 32 und wurde in der Westminsterabtei begraben, wo der Herzog von Queensberry ihm ein Denkmal setzen ließ, zu welchem Pope die Aufschrift fertigte. Sein zweites literarisches Product war die Posse „Drivia »r ttie art <>t' rvallcinA tke Streets ok I^onelon" (Lond. 1712). Seine Parodie der Idyllen vom Ambrose Philips in „Dbe slieplrerü's rveek" (Lond. 1713) ist ebenso reich an Witz als an naturtreuen ländlichen Schilderungen, die er jedoch absichtlich bis zur Plattheit getrieben hat. Auch seine ,,'lHvn eclogues" sind Parodien. Die beiden dramatischen Ver- suche„1Vtiat t?" und „Hirse cla) s alter marriage" (171-7) blieben ohne Beifall? 750 Gay-Lussae Gaza (Theodoras) desto glücklicher war er mit der 1720 veranstalteten Sammlung seiner Gedichte. Das Trauerspiel,,1'tis cazuives" (172-1) wurde zwar günstig ausgenommen, aber größer» Beifall erwarben ihm seine Fabeln (>726), die er zum Unterricht des Herzogs von Cumber- land schrieb und die alle frühere Versuche engl. Dichter in dieser Gattung verdunkelten. Noch mehr stieg sein literarischer Ruhm durch seine „kej-gar's operu" (1727), die 63 mal nach einander aufgeführt wurde und fortwährend auf der Bühne lebt. Eine Fortsetzung derselben, „koll)", durfte nicht aufgeführt werden; seine Freunde ließen sie jedoch drucken. Auch G.'s Episteln sind reich an schönen Einzelheiten, aber zu seinen besten Leistungen gehören doch seine Lieder. Seine Dichtungen erschienen unter dem Titel „Uoetical vvorles" (3 Bde., Lond. >707; 2Bde., 1806) und eine Sammlung seiner dramatischen Werke zu London 1760. Gay-Lussac (Nie. Franc.), Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professor am nrturhistorischen Museum zu Paris, gleich berühmt als Chemiker und als Physiker, geb. zu Saint-Leonard im Departement Obervienne am 6. Dcc. 1778, wurde >816 Professor an der Polytechnischen Schule und 1832 am Naturhistorischen Museum. Seit 1830 war er zu wiederholten Malen Mitglied der Deputirtenkammer, und 1839 erhielt er die Pairs- würde. Wir verdanken ihm eine Menge der wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Physik und Chemie, unter denen wir hier nur seiner Versuche über Ausdehnung der Gase und Dämpfe durch Wärme, über das spccisische Gewicht und die Wärmecapacität der Gasarten, über die Metalle der Alkalien, den Blaustoff, das Jod, Chlor, der Versuche mit der Volta'schen Säule u. s. w. gedenken. Einen großen Thcil seiner früher» chemischen Versuche hat er in Verbindung mit The'nard angestellt und in den „Leclisrclies pli^sico-clnmi- 351 von Papst Nikolaus V. nebst andern Gelehrten nach Nom gerufen, wo der Cardinal Bessarion ihn in sein Gefolge aufnahm. Nach Nikolaus' Tode lebte er zu Neapel am Hofe des Königs Alfons; später begab er sich nach Nom, hierauf nach Ferrara, zuletzt nach Calabrien, wo er I378starb. Zur Verbreitung des Studiums der griech. Sprache und Literatur im Abendlande hat er nicht blos durch seinen mündlichen Unterricht sondern auch durch seine lat. Übersetzungen griech. Schriftsteller, besonders des Aristoteles, sowie durch griech. Übersetzung einiger Schriften des Cicero, wie „Oe scnectute", des „8omu!um 8ci- piouis", ganz besonders aber durch eine griech. Grammatik in vier Büchern (Den. 1395, Fol.; zuletzt l 803) gewirkt. Gaze Gebern 7ü1 ^ Gaze ist der Name einer Art von Geweben, deren Eigenthumlichkeit darin besieht, daß die Faden in einer gewissen Entfernung voneinander gehalten werden, also vierseitige Maschen zwischen sich lassen. Bei näherer Betrachtung bemerkt man, daß die einfach schei» »enden Kettenfäden allemal zu zwei dicht beieinander liegen und sich zwischen jeden Schußfaden einmal kreuzen, wodurch jener Efftct entsteht. Die Stühle zum Weben der Gaze sind oon den für einfache leinwandartige Zeuge nur durch den die erwähnte Kreuzung erzeugenden Theil, den sogenannte» Perlkopf, verschieden. Gazelen, s. Ghazelen. ^ Gazelle, s. Antilope. Geäße, s. Äßung. Gebern , vom pers. Worte Ghebr, das, vom arab. Kasir abzuleiten, gleich diesem und dem türk. Ghiaur einen Ungläubigen bedeutet, werden von den Mohammedanern die noch in Asien übrigen Bekenner der Religion Zoroaster's (s. Persische Religion) genannt, die auch Atesch-Porest oder Feueranbeter und Parsen undMadschus heißen, jenes wegen ihrer Abstammung von den alten Persern, dieses wegen ihres Zusammenhangs mit den alten Magiern (s. d.). Diese Religion, die nach Alexander dem Großen während der Herrschaft der Seleuciden und der Arsaciden in Persien aufgehört hatte, die herrschende zu sein, wurde vom Gründer der sassanidischen Dynastie, Ardeschir-Babekan, um 22', n. Chr. wiederhergesiellt, jedoch schon wieder um die Mitte des 7. Zahrh. nach der Eroberung Persiens durch die Araber gestürzt. Letztere führten den Islam mit Gewalt ein und verfolgten die Feueranbeter aufs grausamste, die sich größtentheils zum Islam bekehren mußten. Nur einem kleinen Theil gelang es, in den höchsten Gebirgen von Farsistan, wohin er sich geflüchtet, seinen alten Glauben zu bewahren; ein anderer Theil flüchtete sich auf Schiffen nach Guzurate in Indien, wo er, von den Hindus freundlich ausgenommen, sich niederließ und bis auf den heutigen Tag eine bedeutende Gemeinde bildet; ein dritter Theil hielt sich mehre Jahrhunderte lang in den gebirgigen Provinzen südlich und südöstlich vom Kaspischen Meer unter eigenen Fürsten b>s ins l 5. Jachrh. auf, und in Herat und Ghur gestatteten ihnen die dortigen Fürsten freie Religionsübung. Allein Mahmud und der Ghas- nevide und Tamerlan verfolgten die Feueranbeter aufs schrecklichste, rotteten eine große Anzahl derselben in Persien und Indien aus und zerstörten ihre heiligen Bücher und Feuerherde, Atesch-Kah genannt. Schah Abbas der Große vertrieb sie im Anfänge des > 7.Jahrh. aus ihren Sitzen am ElburSberg in Aserbeidschan und aus ihren Dörfern um Jspahan. Die Umwälzungen, denen Persien im 18. Jahrh. unterlag, zogen neue Verfolgungen auf sie herab und bewogen sic zu neuen Auswanderungen. So kommt es, daß in Persien nur noch wenige Gebern, und zwar in einem höchst gedrückten Zustande, leben, die meisten im Gebiet von Uezd, wo man ihre Zahl auf 8000 angibt. Da sie hier der Regierung einen starken Tribut entrichten, so werden sie auch ein wenig besser als anderwärts behandelt und stehen unter einem eigenen, aus ihrer Mitte gewählten Oberhaupt, das die Geschäfte eines Oberpriesters und Richters vereinigt und in letzterer Beziehung nach ihren alten Gesetzen Recht spricht. Auch um die Naphthaquellen von Baku, die eines ihrer größten Heiligthümer sind, wohnen noch einige Gebern; in Jspahan und Teheran gibt es nur einige Familien. Zahlreicher als in Persien sind sie gegenwärtig in Indien, wohin sic sich aus ihrer alten Heimat geflüchtet. Es gibt deren daselbst an den Ufern des Indus, in Multan und in Guzurate, ja , selbst auf der Insel Pulo-Pinang. Am zahlreichsten sind sie in den Städten Bombay, wo man ihre Zahl auflOOOO, und in Surate, wo man sie auf 1 5000 Seelen angibt; in beiden Städten bilden sie unter dem Schutz der Engländer eine eigene Körperschaft und neben den wenigen Europäern den reichsten und angesehensten Theil der Einwohnerschaft. Der größte Theil des Grundeigenthums und des Handels ist daselbst in ihren Händen, und ihre Tätigkeit, Intelligenz und Rechtlichkeit, ihr wohlthätiger Sinn und ihre Neichthümer haben ihnen einen großen Einfluß verschafft. Bei Sonnenaufgang siebt man sie in weißen wollenen Gewändern herbeiströmen, um durch ihren Freudenruf die ersten Strahlen des heiligen Gestirns zu begrüßen, sowie sic am Abend zusammenkommen und sich demüthig niederwerfen, wenn es untergeht. Die gegenwärtige Religion der Gebern entfernt sich ein wenig von der echten Zoroaster's, was sich aus der Unterbrechung ihres unmittelbaren Zusammenhang 752 Gebct mit dieser durch Verfolgung und Unterdrückung, aus dem Verluste des größten Theils ihrer heiligen Bücher (s. Zendavesta) und dem Vergessen ihrer alten Sprache und Traditionen erklärt. Sie dürfen nur Eine Frau, und zwar nur ihres Glaubens, hcirathen und kenne» weder Vielweiberei noch Scheidung. Obgleich ihre Frauen sich nicht verschleiern, so genießen dieselben doch des Rufs strenger Keuschheit. Ebenso unterscheiden sie sich von den Muselmännern, daß sie alle Arten geistiger Getränke und Speisen essen dürfen. Ihre Tobten sehen sie auf besonders angelegten Todtenäckern, horizontal mit dem Kopf nach Osten auf eigene Gestelle gelegt, so lange der Luft aus, bis sie entweder von den Naben verzehrt oder von der Sonne ausgetrocknet sind. Dann erst beerdigen sie die Überreste in einer gemeinschaftlichen Grube. Sonst zeigen sich die Gebern durch ihre Sanftmuth, religiöse Entsagung, Unterwerfung unter die Gesetze des Landes, Wohlthätigkcit und Rechtschaffenheit aus. Überall sprechen sie die Sprache des Landes, und nur bei ihrem Gottesdienst brauchen sie die Zend- sprache, die von ihnen als heilige Sprache verehrt, aber nebst dem Pehlcwi ebenso, wie von den Juden das Hebräische, von ihre» Priestern erlernt werden muß. Diese, welche ziemlich zahlreich sind, zerfallen in drei Grade, in Hcrbed, Mobed und Destur, von denen die ersinn den niedrigsten, die letzter» den höchsten bilden. Sie sind im Ganzen durchaus nicht fanatisch, obschon sie sehr empfindlich gegen alle Einmischung in ihren Cultus und noch mehr gegen Proselytenmacherei sind. Vgl. Rhode, „Die heilige Sage der alten Baktricr, Meder und Perser u. s. w." (Franks. 1820 ). Gebet kann der Wortbedeutung nach eigentlich nur von Bitten, an Gott gerichtet, gebraucht werden. Da aber die Bitten häufig auch mit Dank für schon empfangene Wohl- thaten und mit Preis der Güte Gottes verbunden sind (Lob- und Dank ge bete), so hat der Sprachgebrauch den Begriff erweitert, und man nennt Gebet jede Anrede an Gott, welche Gott um etwas bittet oder ihm für etwas dankt oder seine Güte preist. Es kann innerlich in blos gedachten oder auch äußerlich in ausgesprochenen Worten (stilleS und lautes Gebet) bestehen, und es kann die Anrede von dem Betende» selbst gebildet sein (HerzenS- gebet), oder nach einer von Andern ausgesprochenen Formel (Formulargebet) geschehen. Der Betende, indem er Erhörung, d. i. Gewährung seiner Bitte, hofft, setzt nothwen- dig voraus, das Gott allgegenwärtig, allwissend und allmächtig sei. Da diese Eigenschaften allen Geschöpfen fehlen, so können und dürfen die Gebete nur an Gott gerichtet werden, und bilden daher einen Theil der Anbetung, die Gott allein zukommt. Aus diesem Grunde und weil uns die heilige Schrift mit unfern Gebeten überall an Gott selbst verweist, halten cs die Protestanten nicht für erlaubt, zu einem Andern als zu Gott zu beten, während die Katholiken auch die Engel und die Heiligen anruscn, daß sie bei Gott als Fürsprecher auftreten sollen. Das Gebet, wenn es rechter Art sein soll, muß andächtig sein (s. Andacht), würdigen Inhalts, nämlich daß wir uns von Gott nur erbitten, "was wir glauben, daß eS seiner Weisheit und Güte gemäß sei, und endlich ergeben und bescheiden, d. h. daß wir Gott die Erhörung heimstellen. Abergläubisch wird das Gebct, wenn man der Gebetsformel selbst eine zauberische Wirksamkeit auf Gott, oder der oftmaligen Wiederholung derselben eine bc-> sondere Wirkung zuschreibt oder Gott durch das Versprechen gewisser freiwilliger Dienstleistungen (s. Gelübde) zur Erhörung bewegen zu können glaubt. Die Erhörung des Gebets ist die Gewährung des Gebetenen von Seiten Gottes. Manche haben an der Erhörung gezweifelt und daher alles Bitten zu Gott für überflüssig gehalten. Sie meinten, wie z. B. Rousseau, Gott habe den Weltlauf von Ewigkeit unabänderlich geordnet, daher er ihn um dcrBitte derMenschen willen nicht abändern könne, und es müßte dann derNaturlauf durch ein Wunder unterbrochen werden. Doch die ganze Vorstellung von einem geordneten mechanischen Naturlaufe ist völlig grundlos. Wäre sie aber auch gegründet, so könnte man immer noch sagen, Gott habe das Gebet von Ewigkeit vorhergesehen und den Naturlauf zu dessen Erfüllung eingerichtet. Andere meinten, da Gott unveränderlich und allweise sei, so könne sich sein Wille um unseres Gebets willen nicht ändern, und er könne nur Eins thun, nämlich das Beste, was er auch thuc, ohne gebeten zu werden. Doch die Vorstellung, daß Gott nur Eins thun könne und nur Eins das Beste sei, ist ohne Grund, indem Gottes Wille auf verschiedenen, oft selbst entgegengesetzten Wegen zur Vollführung kommt. Gott kann daher Gebete erhören ohne dadurch veränderlich zu werden. Das Gebet ist auch von allen gebildeter Gebhard Gebirgskrieg 753 Völkern, namentlich den Griechen und Römern, für religiöse Pflicht angesehen worden. Dem Christen ist es in der heiligen Schrift und durch das Beispiel Christi ausdrücklich ge. boten und darf daher nicht unterlassen werden. Auch ist es eine natürliche Folge des kindlichen Vertrauens, das wir Gott bezeigen sollen, daß wir ihn um Alles bitten, obgleich wir wissen, daß er uns dasselbe auch ohne unser Bitten gewähren will, und daß wir ihn für das Empfangene danken, obgleich wir wissen, daß er es uns nicht um dieses Danks wegen gegeben hat. Das Gebet ist daher eine Pflicht des kindlichen Sinns gegen Gott, als unfern Vater. Es ist aber auch für uns Bedürfniß, denn es erhebt, heiligt, tröstet und stärket die Seele, wenn es inbrünstig und andächtig ist. Nur darf man nicht glauben, daß man Gott eine Ehre erweise, oder ihn zur Erhörung nöthigen könne, wenn man recht viel und anhaltend bete, oder daß er, wie ein Mensch, nachgeben müsse, wenn man ihn mit Bitten bestürme. Gebhard, Kurfürst und Erzbischof von Köln, aus dem gräflichen Hause der Truchsesse von Waldburg, geb. am 10. Nov. 1547, wurde bei dem geringen Güterbesitze seiner Familie zum geistlichen Stande bestimmt und erwarb sich eine gründliche Bildung und gute Kenntnisse. Er machte seine Studien zu Ingolstadt, Dillingen, Bourges, Bologna und Rom. Schon 1562 wurde er Domherr in Augsburg, 15H7 in Strasburg und 1570 in Köln, 1574 Dechant in Strasburg, 1576 Dompropst in Augsburg und 1577, obschon der Herzog Ernst von Baiern sein Mitbewerber war, zum Erzbischof von Köln erwählt. Arglistige Gegner, denen er schon seiner zum Protestantismus sich hinneigenden Gesinnungen wegen verdächtig erschien, brachten ihn sehr bald in übelnRuf, den seine Liebe zur schönen Gräfin Agnes von Mansfeld nur vermehre» konnte. Nach vielfachen Kämpfen mit dem Capitel kam er zu dem Entschlüsse, zur protestantischen Kirche überzutreten, worauf er sich 1582 mit der Gräfin Agnes vermählte. Er suchte nun die protestantische Lehre in seinem Lande cinzuführen und dasselbe als weltliches Kurfürstenthum zu behalten, wurde jedoch, da das Capitel sich deshalb beim päpstlichen Stuhle beschwerte, abgesetzt. Noch hielt er sich, von einigen protestantischen Fürsten unterstützt, eine Zeit lang gegen seinen Nachfolger, den Erzbi- schofErnst vonDiiern. Nachdem er aber 1584 seine letzteFeste, Bonn, hatteräumen müssen, zog er sich nach Holland zurück, wo er am 21. Mai 1601 unbeerbt starb. Seine Lebensgeschichte lieferte Barthold im „Historischen Taschenbuch" (NeueFolge, Jahrg. I, Lpz. 1840). Gebirge, s. Berge. Gebirgsartillerie nennt man eine solche, welche nur auf den Krieg im hohen Gebirge eingerichtet ist und deshalb von der gewöhnlichen Feldartillerie bedeutend abweicht. Die Geschütze sind von ganz leichtem Kaliber und bestehen gegenwärtig fast ausschließend in zwölspsündigcn Haubitzen (Berghaubitzen, obusiers äe mootagns). Sie sind zum Aus- einandernehmen eingerichtet und werden dann in ihren einzelnen Theilen auf Maulthieren fvrtgebracht. Da indes der Transport auf Maulthieren stets viele Unbequemlichkeiten hat, so ist jedes Geschütz auch noch mit einer kleinen Protze, mit niedrigen Rädern und Gabeldeichsel versehen, um es auf günstigem Terrain durch dieMaulthiere ziehen lassen zu können. Die franz. Gebirgsartillerie in Afrika hat sich gegen die Araber und Kabylen außerordentlich nützlich bewiesen, besonders im Anfänge des Kriegs, wo die Eingeborenen mit der Wirkung der Granaten noch unbekannt waren. Gebirgskrieg. DerKrieg im Gebirge unterliegt besondern Regeln, weil er mit eigen- thümlichen Umständen und Schwierigkeiten verbunden ist, die beim Kriege in der Ebene nicht Vorkommen. Aus diesem Grunde bedarf er auch eines eigenen sorgfältigen Studiums. Man hat lange Zeit die Meinung gehabt, daß große Gebirge der Vertheidigung eines Landes Vorschub leisteten, und daß man sie nur zu besehen brauche, um dem Feinde das Eindrin, gen zu erschweren, bis die neuere Kriegsgeschichte das Falsche einer solchen Theorie dargethan hat. Der Erzherzog Karl von Ostreich war der Erste, dem wir über die Führung des Ge- birgskriegs richtige Grundsätze verdanken. Das wirkliche Gebirge oder das Hochgebirge macht nicht nur andere strategische Einleitungen nothwendig, sondern verändert auch theil- weise die Taktik und Fechtart der Truppen. Früher hielt man die Besetzung des Hauptrückens und aller über denselben führenden Wege für unerläßlich, wodurch man seine Kräfte zersplit- terte und in den so verderblichen Cordonkrieg gerieth. (S. Cordon.) Gegenwärtig ist man Conv. -Lex. Neunte Ausl. V. 48 754 Gebläse davon zurückgekommen, behält den Hauptrücken nur mit leichten Truppen als Beobachtungs- Posten besetzt und stellt sich mit den Massen rückwärts an geeigneten Punkten (Straßenknoten) auf, um dem Feinde, wenn er auf einer oder der andern Straße in das Gebirge eingedrungen ist, entgegenzugehen, von allen Seiten anzugreifen und zu vernichten. So einfach dies zu sein scheint, so lehrt doch die Erfahrung, daßim Gebirge der Angreifende im Vortheil ist. Eelkngt cs ihm, den Vertheidigcr zu täuschen, ihn durch verstellte Angriffe irgendwo in das Gebirge hineinzulocken, während man auf Seitenstraßen ihn umgeht und ihm in den Rücken zu kommen sucht, so ist der Erfolg kaum zweifelhaft. Nächstdem, daß der Gebirgskrieg mehr als jeder andere eine genaue und vollständige Terrainkenntniß, große Besonnenheit und schnellen Entschluß der Anführer verlangt, müssen auch die Truppen einen mehr als gcwöhn- lickcn Grad der taktischen Ausbildung, vor Allem aber eine große Hingebung und Ausdauer besitzen, weil sie im Gebirge mit Schwierigkeiten, Mühseligkeiten und Entbehrungen zu kämpfen haben, die man in der Ebene kaum dem Namen nach kennt. Gebläse heißen diejenigen Vorrichtungen, in denen atmosphärische Luft aufgefangen, gesammelt, zusammengedrückt und durch längere oder kürzere Röhrenleitungen in die Form der Schmelzöfen, Herde u. s. w. geführt wird. Die Röhre, in welcher sich die Windleitung endigt und durch welche der Wind in die Form und durch diese in den Schmelzraum geleitet wird, heißt die Düse. Häufig werden mehre Gebläse miteinander verbunden, indem der Wind zuvörderst in einen Windkasten und aus diesem erst in den Schmelzraum geführt wird. Bei allen Gebläsen liegt der Mechanismus zum Grunde, die in einem Behältniß aufgefangene Luft auszupressen und es gleich wieder mit atmosphärischer Luft zu füllen. Jedes Gebläse muß daher zwei Öffnungen (Ventile) haben; die eine, um die atmosphärische Luft einzulassen, und eine andere, um die zusammengepreßte Luft abzuleiten; beide aber müssen sich wechsels- weiss öffnen und schließen. Man unterscheidet: l) Gebläse mit biegsamen Wänden, wohin die Blasebälge an den Orgeln und in Schmieden gehören; 2) hölzerne Bälge, bei denen sich der pyramidale Oberkasten um den unbeweglichen Unterkasten auf- und nieder- bewegt und dadurch einenRaum von veränderlicher Größe abgrenzt, welcher bei der höchsten Erhebung des Oberkastens sich mit atmosphärischer Luft ansüllt, die beim Niederdrücken desselben ausgepreßt wird; 3) Kasten- und Cy lindergeb läse, von denen die erstem, meist von Holz, in parallelepipedischen, die letztem, meist von Gußeisen, in cylinderförmigen, entweder an einer oder an beiden Seiten verschlossenen Räumen bestehen, in welchen sich ein Kolben auf- und niederbewegt; 4) Tonnengebläse, aus rotireuden, innen mit Scheidewänden und Ventilen versehenen, zum Theil mit Wasser gefüllten Tonnen bestehend; 5) Kettengcbläse, erfunden vom kurhcfs. Oberbergrath Henschel, bestehend in gußeisernen, unten nach der Kettcnlinie gebogenen und in einem Wasserkasten hängenden, oben offenen Röhren, durch die sich, oben über Räder hängend, mittels des Drucks des darauf fallenden Wassers, Scheiben bewegen, welche die atmosphärische Luft mit fort- und in den unten befindlichen Sammclkasten führen; 6) Wassertrommelgebläse, bestehend in verschlossenen, über eine Wasserfläche gestellten, unten offenen Kasten oder Tonnen, welche mit Röhren in Verbindung gesetzt sind, durch die Wasser herabfällt, welches die in den Röhren befindliche Luft in die Kasten treibt, aus denen sie in die Öfen oder Herde geführt wird; . 7)Wassersäulengebläsc, ebenfalls von Henschelerfunden, und 8) Windradgebläse. Verzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. Sette Entführung. 1 Entgegengesetzte Grüßen.. — Enthusiasmus, s. Begeisterung . — Enthymema.— Entomologie.— Entozoen. 2 Entresol. 3 Entschluß...... — Entsetzung. — Entsetzungsrecht, s. Lbmeie- rungSrecht. — Entwässerung. — Entwickelung. — Entwöhnen, s. Säugen ... 7 Entzündung. — Envelovpe. 8 Envoyes, s. Gesandte.— Enyalios. — Enyo. — Enzian. — Enzio. — Eon de Beaumont (Charl. Genevieve Louis Aug. Andre Limothe'e d').... 9 Eos. — Epakten. — Epaminondas. 19 Epaphos. Il Epee (Charl. Mich., Abbe del'). — Epeios. — Epenthesis. 12 Eperies. — Epernay. — Epernon (Jean Louis von Nogaret de Caumont, Herzog von —Bern, de Foix und de la Valette, Herzog von). — Epheben. 13 Ephemeren -. — Ephemeriden.— Ephesus. — Epheten . — Epheu. 14 Ephialtes, s. Aloiden. — Ephorus (Titel).— E. Seite Ephorus. 14 Ephraem Syrus. — Ephraim. — Ephraimiten. 15 Ephyra. — Epicedium.— Epicharmus. — Epicheirema.— Epicykel. — Epicykloide. 16 Epidaurus. 17 Epidemie. — Epidermis oder Oberhaut, s. Haut. 18 Epigenesie, s. Zeugung.... — Epiglottis. — Epigonen . — Epigramm.— Epigraphe.— Epikaste, s. Jokaste. 19 Epikrisis. — Epiktet. — Epikur . 29 Epilepsie. — Epilog . 21 Epimenides.— Epimetheus. 22 Epinay(Louise Florence Pe- tronille d') ...— Epiphania.— Epiphanius.— Epiphonema. 23 Epiphora oder Epistrophe, s. Anaphora.— Epipole. — Epirus. — Episcenium. — Epische Poesie.— Episcopius (Sim.).24 Episkopalsystem.— Episode. — Epistel..-. 25 Lpistols« odscurvruia vi- rorum. — Epitaphios . — Epithalamium. — Epitheton.26 Epitome. — Seite EpizeuxiS. 26 Epizoen.— Epizootie.— Epoche .— Epode. 27 Epopeus. — Epopöe, s. Epos.— Epopten. — Epos. — Equipage.28 Erasistratus.— Erasmus (Desiderius).... — Erato. 29 Eratosthenes. — Erbach (Grafengeschlecht— Albrecht von Erbach-Fürstenau—Graf Ludwig — Graf Eberhard).39 Erbämter. — Erbauung.— Erbe. 31 Erbeinigungen.— Erbeinsetzung.— Erbfähigkeit..— Erbfolge. 32 Erbfolgekrieg, der bair. — tstr. — span.— Erbgraf, Erbgroßherzog und Erbprinz. 33 Erblasser.^.— Erblehn .— Erbleihe. — Erbliche Krankheiten.— Erblichkeit. 39 Erblosung. 49 Erbpacht. — Erbrechen. — Erbrecht. 41 Erbschaft. 42 Erbse. — Erbstände. 43 Erbsünde. — Erbtochter. — Erbunterthänigkeit, s. Leibeigenschaft . 44 Erbverbrüderungen.— Erbvertrag. — Erbzins. 4L 48 * 756 Verzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. Seite Ercilla y Zuniga (Don Alon- 45 so de). — Erdapfel. — Erdarten, s. Erden. 46 Erdbeben. — Erdbeerbaum.— Erdbeere. — Erdbohrer. 4? Erdbrand. — Erde. — Erden und Erd arten.51 Erdferne, s. Apogäum .... — Erdharz oder Erdpech, s. Asphalt.— Erdmannsdorf (F. Wilh., Freiherr von).— Erdnähe, s. Perigäum.... 52 Erdsteine. — Erdstrich od. Gürtel, f Zone — Erdwärme .— Erebus. — Erechtheus undErichthonius — Eremiten, s. Anachoretcn.. 53 Eresburg. — Eresichthon, s. Erysichthon — Eretria. — Eretrische Schule, s. Eli- sche Schule. — Erfahrung. — Erfindungen und Entdeckungen. 54 Erfindungspatente. 56 Erfrieren .57 Erfrischungsinseln.— Erfurt.— Ergane. 59 Erainos .— Erhaben. — Erhard (Christian Dan.) . — Erhard (Heinr. Aug.).... Erich — Erich VIII. — Erich XIV.61 Erichthonius, s. Erechtheus — Eridanus .— Erigena (Joh.) Scotus .. — Erigone. 62 Erinna. — Erinnyen, s. Eumeniden .. — Eriopis. — Eriphyle. — Eris. — Eriwan. — Erkältung. — Erkennen. 63 Erklärung.— Erlach (Ulrich von — Rud. von — Joh. Ludw. von— Hieran.von—Karl Ludw. von — Rud. Ludw. von) — Erlangen . 64 Erle. 65 Erlkönig. — Erlösung. — Seite Erman (Paul Adolf Georg) 65 Ermeland . 66 Ermenonville.— Ernährung. — Ernesti (Joh. Aug. — Lug. Wilh. — Joh. Christian Gottlob — Joh. Heinr. Mart.). 67 Ernst (Kurfürst v. Sachsen) — Ernstl., Herzog zu Sachsen- Gotha und Lltenburg.. 68 Ernst 11., Herzog zu Sachsen-Gotha und Altenburg 69 Ernst III., Herzog zu Sach- sen-Koburg und Gotha. — Ernst August, König von Hannover. 7V Ernst Kasimir (Graf von Nassau). 71 Ernstfeuer, s. Kunstfeuer.. 72 Ernte.— Eroberung.— Eros, s. Amor und Anteros 73 Erotiker. — Erotisch.— Erotomanie. — Erpenius (Thom.).— Erpressung. 74 Erratische Felsblöcke.— Erregungstheorie.75 Ersch (Joh. Sam.). 76 Erscheinung. — Erfische Sprache.77 Erskine (Thom., Lord—David Monlagu— Henry) — Erstgeburt.78 Ersticken.— Ertrag, s. Einkommen, Rente und Arbeitslohn.. — Ertrinken.— Erweichung..... 79 ErwerbM. — Erwin (Joh. — Sabina — Winhing).— Erycina.86 Erymanthus.— Erysichthon. — Erythrä. — Erz.- Erzählung .81 Erzämter.— Erzbischof....,.82 Erzerum.83 Erzgebirge..z.— Erzpuß. 84 Erziehung.— Erzmünzen.88 Esau. 89 Escadre, s. Geschwader... — EScadron .. — Escalade. — Escarpe . — Esche. - Seite Eschenbach (Wolfram von) 89 Eschenburg (Joh. Joach.). 99 Eschenmayer (Christoph Adolf von).— Escher von der Linth (Joh. Konr.). 91 Escherny (Franx. Louis, Grafd').— Eschke (Ernst Rud.).82 Eschscholtz (Joh. Friedr.).. — Eschwege(Wilh.Ludw.von) — Escoiquiz (Don Juan).. 83 Escorte. 94 Escurial. — Eselsbrücken. — Eselsfeste... 95 Eskimos.'. — Esling. Esmenard (Jos. Alphonse) Esoterisch. Espagnolet (Jos. Ribeira), s. Spagnoleto. Esparsette. Espartero (Don Balda- mero). Espe oder Zitterpappel, s. Pappeln. Espen (Aeger Beruh, van) Espignolle. Espinaffe (Julie Jeanne Eleonore de l'). Espinel (Vicente). Esplanade. Esponton. Lsprit. Espronceda (Jose de). -. Esquilache (Don Francisco de Borja y Aragon, Principe de). Esquire. ESquirol (Jean Etienne Dominique). Esra. Eß (Karl van — Leander van). Effäer. Essen. Essen (Hans Henrik, Graf von) . Essenz. Essequibo. Esser.- Essex (Rob.Devereux,Graf von). Essig. Eßlair (Ferd.). Eßlingen. 8-t, «ot, s«t, s. Monte- fiascone . Estacade. Estaing (Charl. Hector, Graf von). 96 98 99 M 191 192 193 195 M Verzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. 757 Seite Estampes (Anna von Pis- seleu, Herzogin von).. 107 Este (Fürstenhaus). — Este (Hannover-). 109 Esterhazy von Galantha. — Esther. 110 Esthland. — Estrees (Jean Marquis d' —Antoine—Frany.An- nibal, Herzog—Jean, Graf d' — Cäsar d' — Jean d'—Victor Marie, Herzog d' — Louis Cäsar Letellier, Herzog d') 111 Estrees (Gabrielle t?)... 112 Estremadura. 113 Estrich. — Etampes. — Etape. 114 Etat. — Ltat» genäraux. — Eteokles. 115 Eteoklos. — Eteostichon, s. Chrono- gramm. — Ethik. — Ethikotheologir. 117 Ethnographie. — Etienne (Andrä). — Etienne (Chart. Guill.) - - — Etienne (Rob. und Henri), s. Stephanus. 118 Etikette. — Ltoile mobile. 119 Eton. — Etrurien. — Etsch. 121 Etschmiadzin. — Ettenheim. — Ettlingen. — Etüden. 122 Etymologie.. — Eu. — Euböa. 123 Eucharistie. — Euchenor. — Eudämonismus. — Eudiometer. 124 Eudoras . — Eudoxos. — Eugen (Franz). — Eugen (Friedr. Heinr.).. 126 Eugen (Friedr- Karl Paul Ludw.) . — Eugubinische Tafeln.... — EuhemeroS. 127 Euklides. — Euklides aus Megara ... — Eule. — Eulenspiegel (Tyll). — Euler(Leonh.—Joh.Alb.) 128 Eulogie. 129 Eumelus. — Sumenes.... - Seite Eumeniden. 130 EumolpuS. — Eunomia. — Eunostus. — Eunuch. — Eupen. 131 Euphemismus.^ — Euphemus. — Euphön. — Euphonie. — Euphorbus. — Euphorie. — Euphrat. — Euphrosyne. 132 Eurhythmie. — EuripideS. — Europa. 133 Europa..,. — Eurotas... 137 Euryale. — Euryalus. — Eurybia. — Eurydice. — Eurylochus. — Eurymachus. — Eurymedon. — Eurynome.'.. 138 Eurypylus. — Eurysaces. — Eurystheus. — Eurytus. — Eusebia. — Eusebius von Emesa .... — Eusebius (Pamphili).... 139 Eusebius v»n Rikomedien — Eustachis (Bartolomeo).. — Eustachius. — Eustachius. 140 Eustachius. — Euterpe. — Euthanasia. — Euthymius Zigabenus... — Eutin........... — Eutropius (Flavius).... 141 Eutyches. — Eva, s. Adam. — Evagrius. — Evalvation. 142 Evander. — Evangelium . — Evans de Lacy. — Evection. — Everdingen (Aldert van— Cäsar van—Jan van). 143 Everett (Alex- Henry — Edward). — Evergeten. — Evertson (Cornel. — Jan — Cornel. — Gelin — Cornel.). — Evidenz. 144 Evolute. — Evolutionen. 145 Seite Evolutionstheorie, s. Zeugung . 145 Evora. — Evreux. — Ewald (Georg Heinr. Aug. von). — Ewald (Joh.). 146 Ewald (Joh. von). 147 Ewald (Joh. Ludw.) .... 148 Ewig. — Ewiger Friede. — Ewiger Jude. I4S Exact. — Exaltation. — Exanthem. 150 Exarch. — Excellcnz. — Excentricität. — Excentrisch. — Exceptionen. 151 Exceß. — Exchequer. — Exclusiv. — Exclusive. — Exkommunikation, s. Kirchenbann und Jnterdict 152 ExcurS. — Excussion.— Execution — Executor... — Exegese. — ExelmanS (Remy Jos. Isidore, Graf).. . 153 Exemtionen. — Exequien. — Exeter. — Exhaustion. — Exil. 154 Eximirter 'Gerichtsstand, s. Gerichtsstand. —' Exmission. — Exmvuth (Edw. Pellew, Viscount). — ExorcismuS.I — Exoterisch. 155 Exotische Gewächse..— Expanfibel. — Expansion. — Expensen, s. Losten. —^ Experimentalphysik,s.Phy- sik. - Exploration. — Explosion. — Exponent. 156 Expromission, s. Bürgschaft. — Expropriation. — Expulsion, s. Abmeierungsrecht. 157 Exstirpation.. — Extemporirte Komödie.. — Extensiv». — Extersteine. 153 Extract. — Extravaganten. — 1 758 Verzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. Seite Extremitäten. 158 Eyck (Joh. van —Hub. van — Margaretha van).. — Eylau. 160 EyIert(RulemannFricdr.) 162 Eynard. — Ezechiel. 16Z Ezelin. 161 F. s. Ton und Tonarten. 165 Fabel. — Faber (Ant. — Claude Favre de Baugclas — Pct. -Nie.). >66 Faber (Basilius). — Kaber(Tanaquil),s.Lefebre — Faber (Theod. von). — Fabius (Geschlecht — Q. Fabius Maximus Cun- ctator). 167 Fableor. 168 Fabre d'Eglantine (Phil. Frans. Nazaire). — Fabre (MarieJos.Bictorin — Jean Raym. Lug.— Jean Pierre — Frans. Lavier). 169 Fabretti (Rafael). — FabrisJoh.ErnstEhregott) 170 FabriciusLuscinus(Cajus) — Fabricius (Georg). — Fabricius (Hieronymus). — Fabricius (Joh. Alb. — Joh.Lndr.). 171 Fabricius (Joh. Christian) — Fabriken. — Fabrikpflanzen. 171 Fabrikschulen.... Fabroni (Angela). - .... 175 Fabrot (Charl. Annib.).. — Fabvier (Charl. Nie., Baron). — Fayade. 176 Facciolati (Giacl). — Facetten. — Fach. - Fächer. 177 Fachingen. — Fächser. — Fachsystem. — Fachwerk. 178 kncio ut äs». — Fackeln. — Facsimile. — Faktisch. 179 Factor. — Facultätrn, s.Universitäten — Faden, s. Maße und Gewichte . — Faenza..... — Seite Fagcl (Kaspar—Franz— 179 Franz Nikol.—Franz— Heinr. —Jak. — Rob., Freiherr von). — Fagott. 180 Fahlcrantz (Karl Joh. — Axel Magnus). — Fahlun, s. Falun.> — Fahne. — Fahne des Propheten.... 182 Fahnenberg (Karl Heinr., Freiherr von). — Fahnenjunker. 183 Fahnenlehn. — Fa^nentrupp. — Fahnenwache..... — Fahnenweihe. 181 Fähnrich. — Fahr. - Fahren. — Fahrende Artillerie. 185 Fahrende Habe. — Fahrenheit (Gabr. Dan.) — Fahrt. — Fährte, s. Ansprechen.... — Fain (Agathon Jean Fri- deric, Baron). — Fairfax (Thom., Lord)... 186 Fakir. — Falck (Ant. Reinh.). — Falck (Mtls Nik.). 187 Falconer (Will.). 188 Falconet (Gtienne Mau« rice)... — Falerii. — Falerner Gefilde. — Falieri (Marino). — Falk (Joh. Dan.). 189 Falke. IW Falken. — FalkensMn.... — Falklandsinseln. — Falknerei. 191 Falkonet. 192 Fall. — Fallgatter. 193 Fällig. — Falliment, s.Bankrott.. — Falllehn. — Fallschirm. 191 Falopia (Gabriel). — Falsch. - Fälschung. — Falsen (Christian MagnuS —Karl). — Falset,s. Fistel. 195 Falsirechnung. — ksl»o boräone. — Falstaff (John). — Falster. — Faltenwurf. 196 Falun. — Fama. — Seite 196 Famcs. Familie. — Familienmünzen. — Familicnpact. 197 Familienrath. — Familienrecht. — Familicnwappen. — Fanal. 198 ^ Fanarioten. — Fanatismus. — Fandango . — Fanfare. — Fangschnur. — Faraday (Michael). — Farbe. 199 Färbekniterich. — Färben. — Farbendruck.200 Farbengebung.201 Farbenlehre. — Farbepflanzen.203 Färberrbthe, f. Krapp... — Farbige. — Farbstoffe, (.Pigmente.. — Farce. — FareKWilh.). - Karia y Sousa (Manoel— Manoel Severin de).. 201 > Farinelli (Carlo Broschi) — Farnese (Pietro — Pietro Luigi— Ottavio—Ales- sandro—Ranuzio I. — Odoardo—Ranuzio II. —Francesco— Antonio —Elisabeth).205 Farnesischer Stier.206 Färöer. — Farquhar (George). — Farrn oder Farrnkräuter. — Farsistan. 207 Fasan.....208 Fasces. — Fasch (Karl Friedr. Christian). — Faschinen. — Fasten. 209 k°L»Ü. — Fastnacht. 2,0 Fastnachtspiele. 211 Faß, s. Maße und Gewichte — Fatalismus, s. Fatum ... ^ > Fata Morgan». — Fatimiden. — Fatum. 212 Fauche-Borel (Louis) ... — FaujaS de Saint-Fond (Barthelemy). 213 Faulsieber. 211 j Fäulniß. — 7 Faulthier. ", Fauna. 215 Fauntleroy (Henry) ---- " Faunus . " Fauriel (Claude Charl.). — Seit« Fauffe-Braye. 215 Faust (Joh.). - Faust (Doctor Johann)... — Faust (Beruh. Christoph). 216 Faustina.217 Faustkampf. — Faustpfand. — Faustrecht. — Favart (Charl. Sim. — Charl. Nie.).218 Favorit. 219 Favras (T-Hom. Mary, Marquis von). — Favre, s. Faber. — Fawkes. — Farardo, s. Saavedra y - Faxardo. — Fayence. — Fea (Carlo). 226 Fearn (John). — Febris. — Febronius (Just.), s. Hontheim (Joh. Nik. von).. — Februar. — Februus . 221 Fechner (Gust. Theod.).. — Fechtart. — Fechtkunst. 222 Feder (Joh. Georg Hcinr.) — Federharz, s. Gummi. -. 223 Federici (Camillo). — Federn. — Federvieh. 221 Federwildpret. — Feen. — Feenmärchen. 225 Fegfeuer.....'.. — Fehde. - Fehmgerichte, s.Femgerichte — Fehrbellin. 226 Fehrentheil. ..... — Feige - - -.. — Fcijo (Diogo Antonio) ... — Feilmoser (Andr. Bened.) 227 Feimen . — Feio (Jose Victorino Bar- reto). — Feith (Rhijnvis).228 Felatahs, s. Fulahs. — Felbiger (Joh. Ignaz von) — Feldbausch (Fel. Sebastian) — Feldequipage.229 Feldgrschrei. — Feldgeschütz. — Feldjäger. — Feldküche». 230 Feldlazareth. — Feldmanoeuvres. — Feldmarschall. — Feldmessen. — Fcldmühlen. — Feldpost. 231 Feldprediger. — Fldschanzen. — Feldschmiede.... Feldspath. Feldverpflegung Feldwachen.. . Feldzeichen. Feldzug... Fellenberg (Phil. Erna- nuel von). Fellows. Felonie. Felsartcn, s. Geologie... Felton(John) . Keltre (Herzog von), s. Clarke (Jacq Gutll.).. Felucke .. Femern .. Femgerichte. Fenchel. Senelon (Frans, de Sa» Fenster. Fenton (Elijah). Fco (Francesco)». Feodor I, II., 111. Feodor Jwanowitsch.. Ferdinand I. (röm.» deutscher Kaiser) . Ferdinand II. Ferdinand III. Ferdinand 1. (Karl Leop. Franz Marcellin) Kai- Ferdinand I.—VI., Könige von Spanien.212 Ferdinand VII., König von Spanien.213 Ferdinand I., König beider Sicilien. 215 Ferdinand II., König beider Sicilien. 216 Ferdinand III. (Jos. Joh. Bapt.), Großherzog von Toscana.217 Ferdinand (KarlJos.) von Este, Erzherzog von Ostreich. — Ferdinand, Herzog von Braunschweig. 218 Ferdinande«. — Ferdusi, s. Fkrdusi. — Feretrius. 219 Ferguson (Adam). — Ferguson (James). — Fergusson (Rob.). — Ferien. — Fermän. 250 Fermat (Pierre de). — Fermate. — mthaltenen Artikel. 7L9 Seite Seite 231 Fermo. 250 — Fermor(Wilh., Grafvon) — — Fernambukholz, s. Brasi- — lienholz. — — Fernando Po. — 232 Ferney. 251 — Fernow (Karl Ludw.) - - - — — Fernrohr . 252 233 Feronia . Ferrand (Ant. Frans. — Claude, Graf). 253 231 Ferrara . — — Ferrari (Gaudenzio) .... 251 — Ferrari (Bartolomeo — — Luigi) . — Ferraris (Jos-, Graf von) 255 — Ferreira (Antonio). — Ferrer (Don Joaquin Ma- — ria de). -- 235 Ferreras (Juan de). 256 236 Ferro . — Fersen (Axel, Graf). — — Fesca (Friedr. Ernst) ... 257 237 Fescenninen. — — 8-sch (Jos ). — 238 Feßler (Jgn. Aurelius) .. — — Festigkeit. 258 — Festland, s. Continent... 259 — Fest-und Feiertage. — — Feston. 260 239 Festspiel. 261 Festung . — — Kestungsbau . 262 — Festungsstrafe. 261 210 Fcstns (Sextus Pompejus) — Fetiales. Fetis (Frans. Jos.). 265 211 Fetischismus. — Fett. Fetus. 266 Fetwa, s. Mufti. 267 Feud.ilrecht und Feudalsystem, s. Lehen. — Feuer, s. Wärme. — Feucrbach (Paul Joh. Ans. von — Friedr. Heinr.). — Feuerdienst.269 Feuerkugeln. — Feuerland. — Feuerlinie. 270 Feuerlöschanstalten. — Feuerprobe, s. Ordalien.. — Feuerspritzen. — Feuersteine . 271 Feuervergoldung, s- Vergoldung . — Feuerversicherung. — Feuerwerk. 275 Feuerzeuge, s. Kunstfeuer 276 Feuillants.. — Feuillee (Louis).277 Feuquieres (Manasses de Pas, Marquis von — 760 Berzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. Seite Antoine de Pas, Marquis von). 277 Feyjoö y Montenegro (Fr. Benito Jerönimoi.... — Fez. 278 Zezzan. 279 Fiacres . — Fiamingo. — Fiasco. 280 Fibeln, s. A-b-c-bücher... — Fibern.. — Fichte. — Fichte (Joh. Gottlieb)... — Fichte (Jmm. Herm.) ... 282 Fichtelgebirge. 283 Ficinus (Marsilius). — Fiction. — Fidalgo, s. Hidalgo.284 Fideicommiß. — Fidenä. — Fides... — Fieber. — Field (John). 285 Fielding (Henry). — Fiesco (Giovanni Luigi). 286 Fiesole (Fra Giovanni da) — Fiev-e (Jos.). 287 Fife (James Duff, Gras Figaro. 288 Figueras. — Figuero (Francisco de — Bartolome Cairasco de —CristövalSuarezde) — Figur. — Figuralgesang.289 Figuranten. — Figurirte Zahlen.290 Filangieri (Gaetano).... 291 Filet. — Filiationsprobe. — Fklicaja (Bincenz von)... — Filigranarbeit.292 Filomena. — Filtriren. — Wz. — Finale. — Finanzwiffenschast. — Findelhäuser.293 Findlatcr and Seafield (James Earl of).295 Fingal (Fin Mac Coul).. — Fingalshöhle. — Fingersetzung. — Finiguerra (Maso). 296 Finisterre. — Fink (Friedr. Aug. von).. — Finke (Joh. Heinr.).297 Finnen. — Finnischer Golf.299 Finnland. 300 Fioravanti (Balentino).. 301 Fiorillo (Joh. Dominicu«) — Firdüsi. — Seite Fircnzuola, s Nannini (Agnolo). 302 Firmian (Karl Jos, Gras, von—Leop. Ant., Graf von—Karl Leop. Max, Graf von). — Firmung. — Firnen, s. Gletscher. 303 Firniß. — Fischart (Joh.). - Fischbein. 304 Fische. - Fischer (Christian Aug.). 306 Fischer (Friedr. Christoph Jonath.). — Fischer von Erlach (Joh. Beruh.—Jos. Emanuel) — Fischer von Waldheim (Gotthelf). 307 Fischerei. — Fischerring. 308 Fischotter . — Fiscus . — Fistel. — M. SW Fitzgerald (Lady). — Fitzherbert (Lady). — Fitziames (Edouard. Her- zog von). — Fiume. 310 Fix. — Fixe Idee. — Fixmillner (Placidos)... — Fixsterne. — Fläche. 313 Flachs. — Flacius (Matthias). 314 Fladenkrieg. — Flagellanten.. 315 Flageolet. — Flagge.---rrx.. — Flahault (Aug.Charl. Jos, Graf von). — k3sm»n. 316 Flamingo, s Sumpfvögel — Flaminius. — Flämisch« Colonien. 317 Flämische Sprache. — Flamsteed (John). 318 Flandern . -- Flanell. 320 Flanke — Flanqueurs... — Flaschenzug. ^2L Flaffan(GaetanRaxis de) 322 Flatterminen, s. Minen.. — Flavius. — Klaxman (John). — Flechier (Esprit). 323 Flechsen, s. Muskeln. — Flechte. — Flechten. 324 Fleck (Joh. Friedr. Ferd.) — Flecken. 325 Seite Fledermäuse. 325 Fleetwood (Charl.). — Fleisch. — Fleischer (Heinr. Leber.). — Fleischliche Bergehen.... — Fleiß. 326 Flemming (Paul). — Flemming (Jak. Heinr., Graf von). — Flensburg. 327 Flesche. - Fletcher (John), s Beaumont und Fletcher .... — Fleuret. — Fleurieu (Charl. Pierre Claret, Graf von) .... — Fleurus. 328 Fleury (Claude). Fleury (Andre Hercule de) 323 Fleury de Chaboulvn (P. A. Edouard, Baron) .. — Flibustier. 330 Fliegen, s. Insekten. 331 Wegen. — Flinders (Mathew). 332 Flinsberg. — Flinten. — Flintenschloß.333 Flintglas. — Flinz. 334 Flitter». — Fligel (Karl Friedr.).... — Floh. - Flor. - Flora. — Floren. 335 Florentiner Arbeit. — Florentiner Lack. — Florenz. — Floret. 337 Morez (Heurique). — Florez Estrada (Don Al- varo).338 Florian (Jean Pierre Claris de) . — Florida. 339 Florida-Blanca (Don Josef» Mokiino, Graf von) — Floris (Franz — Cornelius). 340 FloruS (Lucius AnnäuS).. — Fldße. 341 Flöte. — Flott. 342 Flotte. — Flöhe und Flötzgebirge, s. Geologie. — Flüe (Nikol, von der).... — Flügel. 343 Flügel (Gust. Leber.) .... — Flügel (Joh. Gvttfr.).... 344 Flugsand. — Flurbuch, s. Kataster.... — Fluß. - Berzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. 761 Seite Flußgebiet. 344 Flußgötter. — Flußpferd, s. Nilpferd ... 345 Flußspath. Flüssigkeit. Flut, s. Ebbe. Fo,s. Buddha. FocuS. Föderation und Föderativ- F°hr. Föhn. Föhr oderFihrde- Foix (Roger — Raym. Bern. — Rog. Bern. — Gaston III. — Mathieu — Jean, Graf von — Gaston IV., Graf von —Frans. PhebuS, Graf von). Folard (Jean Charl. de — Folge. Folie. Fallen (Aug. später Adolf Ludw. — Karl). Fonds . Fonsrede (Henri) Fontaine, s. Springbrunnen. Fontainebleau. Fontana (Domenico — Giulio Cesare— Carlo — ProSpero — Lavinia — Orazio). Fontana (Felice— Grego« Fontana (Francesco).... Fontanelle... Fontanes (Louis Marquis de). FontangeS (Marie Ange'li- que de Scoraille de Rous- sille, Herzogin von)... Fontenai. Fontenelle (Bern, le Bo- vier). Kontevraud. Fontinalien. Foote(Sam-). Forbin (Louis Nic. Phil. Forcellini (Egidio). Förderung, s. Grubenbau. Forellen. Forenser. Forkel (Joh.Nik.). Fvrli. Seite Form. 358 Formalitäten.359 Formeln.' — _ Formey(Joh.Heinr.Sam.) — — Formosa.-... 360 — Formschneidekunst, s. Holz- — schneidekunst. — Forsell (Karl af) .. — — Forseti . 361 — Forskäl (Peter). — — Forst. — — Forst. 363 — Förster (Joh. Reinhold).. — 346 Förster(Joh. Georg).... 364 Förster (George). — Förster (Ernst Joachim). 365 Förster (Friedr.). — Förster (Karl). 366 Forstfrevel. — Korstrecht. 367 — Forstwesen und Forstwis» senschast, s. Forst. — 347 Fort. — 348 Forteguerri(Niccolo).... — — Fortepiano, s. Pianoforte — Forth. — — Fortisication, s. Festungs- 349 bau. — — Fortuna. — — Forum. 368 350 FoScolo (Niccolo Ugo)... 369 Fosite. 370 353 Foß (Heinr. Herm.). — — Foffano . — Fossilien. — Foffombrone. — Fothergill (John). — — Fotheringay. 371 Fötus, s. Fetus. — 354 Fouche (Jos.), Herzog von Otranto. — Fougöres.. 373 FouliS (Rob. — Andr.).. — — Foulon (Ric.). — Fouqut (Heinr. Lug., Frei- Herr de la Motte). 374 355 Fouque (Friedr. Heinr. — Karl, Freiherr de la Motte). — — Fouquet (Charl. Loui» 356 Aug.), s. BelleiSle (Graf — von). 375 — Fvuquier - Tinville (Ant. — Quentin) . — Fourcroy (Ant. Frans., 357 Grasbe). 376 — Fourier. 377 358 Fourier (Charl.). — — Fourier (Jean Bapt. Jos., — Baron). 379 — Fourmont(Etienne). — — Fourniren. 380 — Fourragiren. Seite For (Charl. James) .... 380 For (George). 382 Soy (Maxim. Sebastian) 393 Foyer. 384 Fra Bartolommeo di S.- Marco, s. Baccio della Porta. — Fracastoro(Girolamo)... — Fracht. — Fractur.385 FraDiavolo. — Frage. — Fragmente. — Frähn (Christian Mart.). 388 Fraisen. — Fraiß. — Framea. — Franc. 387 Franya (Ricardo JoseRo- drigues). — Fransais (Antoine, Graf) — Franche-Comte. 388 Francia (vr. Jose GaSpar Rvdriguoz).389 Francien, s. Franken.... 390 FranciScaner. Francke (Aug. Herm.) ... Francke (Heinr. Gottlob). Franco von Köln. FranyoiS (Nicolai Louis, Graf). Franeker. Frank (Joh.Pet.) .... Frank (Jos. — Franz) Frank (Othmar). — Frank (Sebastian). — Franken. 39? Frankenhausen. 490 Frankenweine. — Frankfurt am Main .... — Frankfurter Attentat.... 402 Frankfurt an der Oder... 403 Fränkischer Kreis.404 Fränkisches Recht. — Franklin (Benjamin).... 405 Frankreich.406 Französische Akademie, s. Institut.470 FranzösischeKirche, s. Gal- licanische Kirche. — Franz.-katholische Kirche. — Französische Kunst.471 Französische Literatur - 484 Französische Musik.535 Französische Philosophie . 537 Französisches Recht.540 Französisches Theater ... 544 Franz von Assist.. 546 Franz von Paula.547 Franz Stephan.— Franz!., Kaiser von Ostreich . 548 Franz I., König v. Frankreich. 549 392 394 395 39« 762 Verzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. Seite Franz II., König v. Frankreich ........ . Franz IV., Herzog v. Modena . Franzbranntwein. Franzc'n (Frans Michael) Franzensbrunnen, s. Eger Franziskaner, s. Francis- 55« 551 552 caner Franzweine. Fratricellen, s. Beguinen - Frauen . Frauenglas, s. Gyps .... Frauenlob. Frauensommer ., Frauenvereine. Fraunhofer (Jos. von)... Fraustadt. Frayssinous (Denis, Graf von). Fredegar. Fredegunde.-. Frederiksoord. Fredman, s. Belman .... Fredriksham. Freeholder, s. England -. Fregatte . Freher (Marquard). Freibataillone. Freiberg. Freibeuter. Freibriefe, s. Licenzcn ... Freiburg im Breisgau .. Freiburg (Canton). Freiburg an der llnstrut.. Freicorps, s. Freibataillone . Freidank. Freidenker. Freie oder Frilinze. Freie Künste. Freienwalde. Freieslcben (Joh. Karl — Karl Friedr. Gottlob) -- Freie Städte. Freigeister, s. Freidenker - Freigerichte und Freigrafen, s. Femgerichte.... Freigut. Freihafen . Freiheit. Freiheitsbäume. Freiheitskrieg. Freiheitsmütze. Freiherr, s. Baron. Freilassung. Freiligrath (Ferd.). Freimaurerei. Freinsheim (Joh.). Frei« (Agostinho Jore) .. Freireiß (Georg Wilh.). - Freisasse . Freischütz. Freischützen.. 556 557 558 55» 56« 562 563 565 566 567 56» 57« 571 578 57» Seite 580 58« Freising oder Freisingen. Freisprechung. — Freistätte, s. Asyl. — Freitag. — Freiwaldau. — Freiwillige. — Freizügigkeit. — Frejus. 581 Fremde. — Fremdenbill. — Fremdenlegion. 582 Frcret(Nic-).583 Freron (Elie Catherine) . — Frescomalerei. 584 Frett oder Frettchen.589 Freundschaftsinseln. — Freyberg.(Max. Prokop, Freiherr von). — Freycinet (Claude Louis Desaulsesde). —' Freyja und Frigga. 59« Freyr. — Freyrc (Don Manuel)... — Freytag (Georg Wilh. Friedr.). — Friant (Louis, Graf — JeanFrany.). — Frias (Don Bernardin Fernande; de Belasco, Marquis von Villena, Herzog von-- . 592 Friaul. 593 Frickthal. 5S4 Friktion, s. Reibung. — Fridericia . — Friedberg. — Friedemann (Fr. Traug.) — Friedensgerichte.595 Friedensschluß. 596 Friedland (HerzogthuM) . 597 Friedland (Schlacht bei) . — Friedland (Valentin)... -. 599 Friedläuder (David) .... n«« "Friedländer (Mich.) .... — Friedländer (Ludw.Herm.) — Friedrich I. (röm-deutscher Kaiser). — Friedrich II. (röm.-deutscher Kaiser. 603 Friedrich III. (deutscher König). 666 Friedrich IV. (deutscher König) . 668 Friedrich V. von der Pfalz 61« Friedrich VI., König von Dänemark. — Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg 611 Friedrich I., König von Preußen.615 Friedrich Wilhelm I-, König von Preußen .... 617 Friedrich II., König von Preußen . 619 Seite Friedrich Wilhelm II., König von Preußen .624 Friedrich Wilhelmill., König von Preußen .626 Friedrich WilhelmIV.^KL- nig von Preußen.631 Friedrich der Gebissene -- 632 Friedrich I. (der Streit- ' bare). 633 Friedrich II. (der Sanst- nrüthige). — Friedrich HI. (der Weise) 634 Friedrich August I., König von Sachsen. — Friedrich AugustII., König von Sachsen.635 Friedrich I., König von Würtemberg.636 Friedrich!., Kurfürst von der Pfalz.637 Friedrich Wilhelm, Herzog von Braunschweig .... 638 Friedrich Franz, Großherzog von Mecklenburg- Schwerin.639 Friedrich Günther, Fürst zu Schwarzburg-Rudolstadt . — Friedrich (Wilh. Konstantin), Fürst von Hohen- zollern-Hechingen .... Friedrich Wilhelm, Kurprinz und Mitregent von Hessen. Friedrich (Wilh. Karl), Prinz der Niederlande. Friedrich (Kasp. Dav.) Fries. Fries (Elias). Fries (Jqk. Friedr.).. - Friesel. Friesen . — Friesisches Recht. 644 Frigga, s. Freyja. — Frimont (Joh. Phil., Graf von). — Frischen.645 Frisches Haff, s. Haff.... — Frifchlin (Nikodemus)... — Frist-.... 646 Frithjofssage. — Fritzlar.647 Fritzsche (Karl Fr. Aug.). — Froben (Joh.). — Frobisher (Sir Martin) - 648 Frodoar. — Frohnen . — Froiffart (Jean). 649 Fronde-.. 6o« Fronleichnam .651 Fronte. " Frontinus (Sextus Jul.)> " Frontispice. 652 Fronto (M. Cornelius) - - — F' F' F' F' 641 F> 8' 'F' F> F' F> F' F> F' F> F> F> F' F' F> 64V F 642 F F F F 643 F F F F F -8 2 te !1 rs zi 32 33 31 35 36 !37 i38 >36 ;io Z11 612 613 611 615 616 617 618 619 65 » 651 652 Lerzeichniß der im fünften Bande enthaltenen Artikel. 763 Seite Fronten, s. Giebel.652 Froriep (Friede. Ludw. v.) — Frösche, s. Batrachier ... 653 Froschmäuseler, s. Rollenhagen (Georg). — Frost. — Frostableiter. — Frucht. — Fruchtbarkeit . — Fruchtbringende Gesellschaft . — Fruchtfolge oder Fruchtwechsel, s. Ackerbau -.. 651 Fruchtknoten. — Frachtstück. — Fruchtwein, s. Cider .... — Fructidor. — Frugoni(CarloJnnocenzv) — Frühling. 655 Frühlingscur. — Frühlingsnachtgleiche... — Frühreife. — Frundsberg (Georg von). 656 Fry (Elisabeth). — Fryxell (Anders). — FualdeS. 657 Fuchs . 659 Fuchsinseln. 660 Fuder, s. Maße und Gewichte. — Fuentes (Don Pedro Hen- riquez d'Azevedo, Graf von) . — Fueros. — Fuge. 663 Füger (Friedr. Heinr.)... — Fugger (Joh. — Andr. — Jak.—Ulr.— Georg— Jak.— Raimund—Ant. —Hans—Hieronymus —Joh. Jak.—Georg— Marx-Hans-Jak.— Gras Anselm Maria Fugger-Babenhausen— Fürst Leop. Karl Maria) .661 Fühler. 665 Führich (Jos.). — Fulahs. 666 Fulda. — Fulda (Friedr. Karl).... 667 Fulgurit, s. Blitzröhren.. — Füllhorn. — -Füllen (Rob.). - Fulvius (Quint. F. Flac- cus—M. F. Flaccus— Fulvia).668 Funck (Joh. Friedr.).... — Funck (Karl Wilh. Ferd. von).669 Fundamentalbaß .670 Hünen. — Fünfhäfen, s. Oinguekvrt« — Fungiren. — Seite Funk(G°ttfr.Bened.)... 670 Funke (Karl Phil.). — Furca, s. Sanct-Gotthard 671 Furcht. — Furia. — Furien, s. Eumeniden.... — Furina. — Furioso. — Furius. — Furlanetto (Gius.) . — Fürst. 672 Fürst (Walter). — Fürstenberg (Friedrich Hl. — Christoph — Joachim—Joh. Wilh. Ernst — Egon, Graf von — Wilh. Egon von—Ant. Egon von — Karl Egon von — Friedr. von).. - Fürstenberg (Friedr. Wilh. Franz, Freiherr von).. 673 Fürstenbund.671 Fürstenrecht. — Fürstenschulen.675 Fürth. - Furunkel,s.Blutschwär.. 676 Fusel. - Füsiliere. — Füsiliren. — Fuß. - Fußangeln.677 Fußkuß. - Füßli (Joh. Kasp.).678 Fußton . — Fußwaschen. 679 Fustage. Fusty. Futtermauern Futterpflanzen Futurum.... Fyt(J°h.)... G. 6 , s. Ton und Tonarten; G-Schlüssel, s. Violinschlüssel .680 GLa. — Gabalir (Graf von), s. Vil- lars. — Gabel. — Gabel. — Gabeldeichsel. — Gabelentz (Hans Konon von der). 681 Tabelle. — Gabii . — Gabinius (Aulus). — Gabler (Joh. Phil.).682 Gabler (Georg Andr.)... — Gabriel. 683 Gabrielli (Catharina)... — Seite Gayon (Frans.).683 Gadebusch. — Gacta. — Gaeta (Mart. Michel Charl. Gaudin, Herzog von). 681 Gagarin (Mathias) .... —, Gagat, s. Braunkohle ... — Gagern (Hans Christoph Ernst, Freiherr von) - - — Gagern (Heinr. Wilh. 7 Aug., Freiherr von). -. 685 Gähnen. — Gährung. 686 Gaibach.'. — Gail (Jean Bapt. — So- — phie Garre). — Gaillard (Gabr. Henri).. 687 Gainsborough (Thom.).. — Gajus. — Galaktometer. 688 Galanterie . — Galatea. — Galatien . — Galatsch . 689 Galba (Servius Sulpi- ciuS). — Gale (Thom. von). — Galeaffe .690 Galeeren. — Galen, s. Kelten. — Galen (Christoph Beruh. von). — Galenus (Claudius) .... 692 Galenisten. — Galeone. — Galeote. — Galerie. 693 Galiani (Fernando). — Galicien . — Galiläa.691 Galilei (Galileo). — Galinthias .696 Galizien . — Galizin oder Gallizin, s. Galyzin.697 Gall (Franz Jos.). — Gallais (Jean Pierre)... 698 Galland (Ant.). — Gallapfel. — Gallas. 699 GallaS (Matthias, Graf von). — Galle. 7»0 Gallego (Don Juan Nica- sio) . — GallegoS, s. Galicien... - 701 Gallen. — Gallenfieber. — Gallert. — Galletti (Joh. Georg Lug.) — Galli (Fernando), s. Bi- biena. 702 Gallicanische Kirche. — 764 Verzeichnis der im fünften Baude enthaltenen Artikel. Sette Gallicismut.703 Gallien. — Gallicnus (Publ. Licinius) 708 Gallimathias .. — Gallo (Marzio Mastrizzi, Marquis von). — Gallvmanir.709 Gallon. — Gallopagos.. — Galloway (Henri, Marquis von Rumigny, Graf von). — Gallus (CajuS Sulpicius) — Gallus (L. Cornelius)... 710 Gallus, s. HLnel (Jakob). Galmei. Galt (John) .. Galuppi (Baldaffaro)... Galvanismus. 72» Galvanoplastik. Galyzin (Michail—Dmi- tri—Wassili—Boris— Dmitri — Michail — Michail—Alexander— Dmitri -Alexander— Amalie, Fürstin—Dmitri Wladimirowicz — Sergei). — Gama (Vasco de).715 Gamaliel.716 Gamba (Ritter von) .... — Gamba (Bartolommeo). - — Gamba (Pietro, Grafvon) 717 Gambe . — Gambia. — Gamma. — Gandersheim . — Ganerben. — Gangamlli (Gisv. Bincen» zo Antonio), s. Clemens XIV.!.. 718 Gangarten. — Gänge. — Ganges. — Ganglirnsystem. — Ganglion .719 Gangräns, s. Brand ... - — Tanilh (Eyarl.). — Seite Gans. 719 Gans (Eduard).720 Gans (Salom. Phil.).... Gant. GanymedeS. Gar. Garantie. Garat (Dominique Jos., Graf).... Garat (Jean Pierre — Jos. Dominique Fabry- Garat) Garcia (Manuel—Marie Pauline-Viardot- Garcia — Manuel). 722 Seit! Gasmesser und Gasometer, s. Gasbeleuchtung .... 7A Gaspari (Adam Christian) — Gaffendi (Petrus — Jean Jacq. Basilien, Graf). — Gaßner (Joh. Jos.).71« Gastein. — Gastfreundschaft. 711 Gasthäuser. 712 Gastmähler. — Gaston de Foix, s. Foix... 711 Gastrisch. — Gastromanie. — Gastromantie.- Gastronomie — Garcilaso de,la Bega, s. Gataker (Lhom.). — Vega. 723 Gath. — — Gard. Gatterer (Joh. Christoph 711 Gardasee....... — — Wagdal. Philippine — Gardelegen. —Christoph Wilh.Jak.) — 7L2 Garden. 724 Gau. 71S 713 Garderobe. 726 Gau (Karl Franz). 71« — Gardie (Grasen de la — Gauchos . — Pontus Baron de la — Gaudin, s. Gaeta (Mart. Jakob Graf de la — Mich. Charl. Gaudin, Magnus Gabriel Graf Herzog von). 711 de la). Gardiner (Stephan).... — Garigliano.727 Garizim. — Garnerin (Jean Bapt.Oli- vier — Andre Jacq. — Elisa). — Garnier (Rob.).728 Garnier (Jean Jacq.).. - — Garnier (Pages). — Garnison. 729 Garnitur. — Garofalo(Benvenuto)... — Garonne.730 Garrick (David — Eva Maria). —. Garrow . - . i...... 731 Garten. — Gartenbau .733 Gärtner (Friedr. von)... 734 Gärtner (Karl Christian) — Garv« (Christian).733 Gas. — Gasbeleuchtung.736 Gascogne.739 Gaudy (Franz Beruh. Heinr. Wilh., Freiherr von) . — Gaugamela.74k Gaumen. — Gaunersprache, s. Rvth- wälsch. — Gaupp (Ernst Thevd.). . — Gauß (Karl Friedr.).... 7lH Gavotte . — Gay (John). —! Gay-Luffac (Nic. Frans.) - 751! Gaza. — Gaza (Lhevdvrus). - Gaze.. - Gazeten, ^s.^GhazÄen Gazelle, (. Antilope . Geaße, s. Lßung.... Gebern. Gebet . Gebhard. Gebirge, s. Berge -.. Gebirgsartillerie... Gebirtzskrieg. Gebläse. 75, ü / _/ Q- W .p". 7. M /i,' > ' ". / / ^ dH ^'7' > ' >. /./> '/ WWM: