Freimaurerei 575
seit in so unnatürliche, unbeugsame Fesseln der Convenienz geschlagen, war doch der Zart-st,in aus der Sitte, die Milde aus dem Berkehr, das Gemüth aus der Kirche, das Lied ausden Volkskrciscn so weit geflohen, cs waren die Stände so schroff geschieden, es standen sichdie Konfessionen so feindlich gegenüber, daß die Freimaurerei mit ihrer versöhnenden Handund mit ihrem reinmenschlichen Odem eine freudig begrüßte Erscheinung werden mußte.Dazu kam, daß die schon im I. 1738 erfolgte Aufnahme des damaligen Kronprinzen vonPreußen, nachmaligen Königs Friedrich's II., in die Brüderschaft, der sogleich nach seinerThronbesteigung die Errichtung der jetzt noch so blühenden Loge zu den drei Weltkugeln inBerlin anordnete und selbst Meister vom Stuhle ward, derselben eine kräftige äußere Stützegewährte und zu ihrer Empfehlung gewiß nicht wenig beitrug. Vorzüglich waren es dieböhern Stände der bürgerlichen Gesellschaft, welche sich in den ersten Jahrzehnden demBunde zuwendeten, Militairs, Beamtete und Kaufleute, später erst folgten diesen auch Ge-lehrte; selbst Kaiser und Könige verschmähten nicht, den Maurerschurz anzulegen, wie, außerdem schon genannten Könige von Preußen, Kaiser Franz l., König Stanislaus Lesczinski,der damalige Prinz von Wales mit seinen Brüdern, nächst manchem Andern, der unge-nannt zu bleiben wünschte.
Wie alle menschliche Einrichtungen, so blieb jedoch auch der Maurerbund nicht unent-weiht, und der Geist der Zeit spiegelte sich auch innerhalb der verschlossenen Werkstätten inihren Söhnen ab. Um so leichter fand der Misbrauch in dem Bunde ein ihm günstiges Ge-biet, als sich die Brüderschaft der Öffentlichkeit entzog, und als sich zumal in Deutschlandund Frankreich an die Stelle des einfachen Namens der Brüderschaft der Name und Begriffeines Ordens gedrängt hatte, und die Ordensbrüder anfingen, sich in Obere und Untergebeneimd verschiedene Stufen oder Grade zu vertheilen, da hatte Thorheit und Sünde ein leichtesSpiel. Zuerst war cs, während man in England der ursprünglichen Einfachheit und demreinmenschlichen Streben sich treu erhielt, die Alchemie, welche mit den Verheißungen ihrerReichthümer die deutschen Freimaurer verblendete und mit ihrem Schottengrade bereicherteund entwürdigte, indem diese Thorheit für schot. Weisheit angepriesen wurde. In Folge derBekanntschaft, die man im Siebenjährigen Kriege mit Franzosen und den von ihnen erfun-denen sogenannten höher» Graden machte, schlich sich das Ritterwesen in die Brüderschaftein, das sich 1763 in die sogenannte stricte Observanz auflöste, welche die Wiederherstellungdes Templcrordens zu ihrem Geheimniß hatte und die namhaftesten Männer in ein possen-haftes Spiel mit Ritterlichkeit verwickelte, bis hierarchische Bestrebungen ihr Heil an demirregeleiteten Bunde versuchten. Mehr als ihnen gelang es der Magie, sich der Brüderschaftzu bemeistern, und man bannte und schaute Geister, statt den Menschengeist zu erbauen undsich im Anschauen reiner Menschenwürde zu erheben. Sogar der Jesuitismus warf, als ihmdie Außenwelt durch den Papst verschlossen ward, sein Netz über die Brüderschaft und ver-suchte sich derselben durch Pietismus sowie durch Gold- und Rosenkreuzer als willigerDiener zu versichern. Somit war der eigentliche schöne Zweck der Freimaurerei in seinenäußersten Gegensatz umgeschlagen, und Umkehr oder Untergang war die Wahl geworden.Allein auf zu nvthwendigcn Bedürfnissen der Menschheit beruht der Grund dieser Anstalt,als daß sich nicht hätte der menschliche Geist für das Rechte entscheiden sollen. Man wurdeder Thorheit müde und sing an, zu der altengl. Freimaurerei sich mehr und mehr zurückzu-wendcn. Joh. Joach. Christoph Bode (s. d.), Feßler (s. d.), K. Chr. Fr. Krause (s. d.),Moßdorf, Schröder und Wedekind richteten ihre freien, Hellen Blicke auf die Maurerei undscheuten keine Mühe, dieselbe vom wuchernden Unkraute zu reinigen. In Frankfurt am Main,in Hamburg und Berlin, in Sachsen und Hannover schloß man sich dem Principe der Re-formen vielfach an, und so ist für die Mehrzahl der deutschen Logen ein neuer Morgen an-gebrochen und verheißt für das zweite Jahrhundert der deutschen Brüderschaft einen Hellern,segensvollern Tag.
In dem ersten Jahrhundert seines Bestehens hat der Freimaurerbund, wie cs ein Über-blicken seiner Geschichte, namentlich auf dem Kontinente Eurovas, zu ergeben scheint, vorAllen mit der Begründung seines Daseins zu chun gehabt, und die jugendliche Uncrfahrcn-heit gab ihm natürlich den Verführungen schlauer Köpfe preis. In England und dessen Ko-lonien, wo sich ungefähr 700 Logen befinden, blieb das Leben derselben ungefährdet und an-