Fabriken 173
ein mangelhaftes Innere unter gleißendem Äußern zu verbergen. Übrigens können Fabri-ken, wenigstens in größerer Anzahl, nur an Orten gedeihen, wo sich eine gedrängte Bevölke-rung vorfindet; denn nur da ist die gehörige Anzahl von Arbeitern und zu verhältnißmäßigniedrigen Arbeitslöhnen zu finden. Wenn es auch am natürlichsten ist, Fabriken da anzu-legen, wo man das Material und nach Umständen Brennstoff, Elementarkraft u. s. w. ambesten zur Hand, wo man zugleich Straßen, Kanäle und dergleichen Communicationsmittelin der Nähe hat, so nöthigt doch oft erstere Rücksicht von der letzter» abzugehen. Schon inso-fern also hängt der Fabrikant von den Arbeitern ab. Aber auch der gute Wille der Arbeiterkommt in Betracht, den sich der Fabrikant erhalten muß, wenn er nicht in große momentaneVerlegenheiten gerathen will. Zwar haben Koalitionen der Arbeiter, um höhere Löhne zuerzwingen, wie wir sie in England so häufig sehen, mit wenigen Ausnahmen den größtenNachtheil für die Arbeiter selbst. Denn zwingt nicht irgend ein zufälliger Umstand, z. B.übernommene große Bestellungen u. s. w., den Fabrikherrn zum augenblicklichen Nachgeben,so wird er allemal die Störung länger aushaltcn als die Arbeiter, welche nach Erschöpfungder Mittel ihrer Vereinskaffen von selbst wiederkommen. Oft hat dann der Fabrikherr inder Zwischenzeit durch Einführung von Maschinen, verbesserten Werkzeugen und dergleicheneinen großen Theil seiner Ärbeiter ganz überflüssig gemacht, und die Folge ist noch größereHerabsetzung des Lohns. Die Arbeitercoalitionen haben noch den Nachtheil, daß sie den Fa-brikherrn nöthigen, die Größe der Bestellungen zu verheimlichen, sodaß die Arbeiter nie wis-sen, auf wie lange Zeit sie voll beschäftigt sein werden. Umgekehrt sind auch die Arbeiter vomFabrikherrn abhängig; doch ist hier beiweitem keine so große Befürchtung bedeutender Herab-setzung des Lohns. Nur in solchen Zweigen, wo eine große Concurrenz stattfindet und gleich-zeitig eine übergroße Anzahl Arbeiter vorhanden ist, wird es möglich sein, durch Herabdrü-ckung des Lohns die Fabrikationskosten zu vermindern; in der Regel muß der Fabrikherrdiesen letzter» Zweck durch Maschinen, verbesserte Ökonomie des Verfahrens u. s. w. zu er-reichen suchen. Die Fälle der erster» Art sind nicht so sehr häufig, und die Herabsetzung derLöhne würde dann meist auch ohne unmittelbare,Schuld der Fabrikanten in Folge der über-handnchmcnden Arbeiterzahl eingetretcn sein. Übrigens ist diese gegenseitige Abhängigkeitder Arbeiter und der Herren keineswegs auf den eigentlichen Fabrikbetrieb beschränkt, dawir in neuerer Zeit auch Gesellencoalitionen in zünftigen Handwerken gesehen haben, nurdaß hier wegen der Zersplitterung in kleinere Massen übereinstimmende Maßregeln seltenerVorkommen. Man hat daher wol hieraus mit Unrecht einen Tadel der Fabriken hergeleitet,denn Herabdrückung der Löhne ist überall zu befürchten, wo ein großes Hindrängen der Mas-sen zu gewissen Beschäftigungen vorkommt. Daß ein solches Hindrängen zu den Fabrikenin der Regel sich zeigt, ist wol eher daraus abzuleiten, daß hier dem Arbeiter eine weit größereAussicht auf dauernde und lohnende Beschäftigung dargeboten wird, eine Aussicht, die sichauch für gute und solide Arbeiter allemal bestätigt, wenn nicht plötzlich eintretende ungün-stige Conjuncturen die Fabriken in ihrem Betriebe hemmen. ES fragt sich aber dann, ob sichdiese Verhältnisse nicht auch überall fühlbar machen würden. Und wie häufig sind die Bei-spiele, daß tüchtige Fabrikanten selbst in solchen Zeiten zu eigenem Nachtheile ihre Arbeiterbeibehalten haben, um sich derselben für bessere Zeiten zu versichern. Ebenso wenig wird mandem Fabrikbetriebe an sich den Vorwurf machen können, daß er demoralisirend wirke. Indemer einestheils Gelegenheit zum Zusammendrängen vieler Menschen an einem Punkte gibt,indem er in gewisser Hinsicht den ledigen Stand vorzugsweise begünstigt, gibt er ohne Zwei-fel ebenso Gelegenheit zu moralischer Entartung, namentlich in geschlechtlicher Hinsicht, wiediese in allen großen Städten, Garnisonsorten u. s. w. geboten wird; aber gewiß nicht mehr.Im Gegentheil wird es bei der steten Beschäftigung und bei der Abhängigkeit von den Fa-brikherren von Seite der letztem weit eher möglich sein, in dieser Hinsicht günstig cinzuwir-ken, als in vielen andern Verhältnissen. Endlich hat man aus der Anwendung von Kinderneinen Vorwurf für die Fabriken hergeleitet, aber hier ebenfalls nur den Misbrauch im Augegehabt. Wer wird leugnen, daß Anwendung von Kindern in zu zartem Alter, zu unpassen-den Arbeiten, vielleicht auch in der Nacht, eine zu unausbleiblicher Entncrvung der ganzenGeneration führende Barbarei sei? Wer aber kann auch verkenne», wie sehr eine zweck-mäßige Beschäftigung der Kinder einerseits dem müßigen Umherlaufen und Betteln ent-