Erregungstheorie 75
Züge von Treibeis, ja selbst von Treibholz versucht hat. Durch Brongniart's und Sefström'sUntersuchungen in Schweden ist cs sehr wahrscheinlich geworden, daß auch die nordischenBlöcke durch eine ungeheure Flut in die südlicher» Gegenden geführt und zerstreut wurden.Durch A gassi z (s. d.) wurde neuerdings auf die Wichtigkeit der Gletscher- und Eisbildungfür Erklärung des Transports solcher Massen aufmcrksani gemacht. (S. Gletscher.)
Errcgungstheorie nennt man gewöhnlich das System der Heilkunde, welches I.Brown (s. d.) aufstellte. Znfolge desselben entsteht das Leben durch die Thätigkeit der Er-regbarkeit (iuoitaliilitas), deren jeder Organismus ein gewisses Quantum besitzt. Sie ist vonunergründlicher Natur, hat ihren Sitz im Nervenmarke und den Muskelfasern und ist inallen Theilcn dieselbe, obwol in dem einen Theile stärker als in dem andern. Diese Erreg-barkeit wird zu ihrer Thätigkeit (der Erregung, incit-eti«) veranlaßt durch Reize (potestntesüicitimtes), welche theils allgemein, thcils örtlich wirken und in äußere (Luft, Wärme, Nah-rungsmittel, Arzneien, Blut, andere aus dem Blute abgesonderte Säfte, Gifte) und innere(Bewegung, Empfindung, Thätigkeit der Denkkrast, Gemüthsbewegungen) cingcthcilt wer-den. Die Einwirkung der Reize auf die Erregbarkeit gestaltet sich in ihren Folgen so, daßjeder Reiz die Erregbarkeit vermindert, jede Verminderung des Reizes die Erregbarkeit ver-mehrt, daß desto weniger Reiz ertragen wird, je größer das Maß der Erregbarkeit ist, undumgekehrt, daß ein längere Zeit wirkender geringerer Reiz einem kürzere Zeit wirkendengrößer» gleich kommt, daß die Erregung, wenn sie durch einen Reiz gemindert ist, durch ei-nen stärkern Reiz wieder gehoben wird, daß der nämliche Reiz in Theilcn, wo sich mehr Er-regbarkeit findet, sowie in denen, aus die er unmittelbar wirkt, eine größere Erregung hcrvor-bringt als in andern, und daß endlich jeder zu heftige Reiz die Erregbarkeit tilgt. DasVer-hältniß der Erregbarkeit zu den cinwirkenden Reizen kann verschieden sein. Das ganz rich-tige Verhältniß mit etwas mehr oder weniger auf der einen oder der andern Seite ist Ge-sundheit; ist jedoch die Erregung etwas zu stark vermehrt, so entsteht sthcnische Krankheits-anlage, ist sie etwas zu stark vermindert, asthenische Krankyeitsanlage, tritt ein noch stärkeresMisverhältniß zwischen den beiden Lebcnsfactorcn, der Erregbarkeit und den Reizen, ein, soerfolgt Krankheit. Diese ist entweder örtlich, durch krankhafte Erregung oder einen örtlichenReiz, oder sie ist allgemein, durch eine krankhafte Erregung, die den ganzen Körper afficirt,entstanden. Die allgemeine Krankheit ist sthcnisch, wenn sie durch zu starke Erregung mittelszu starker Reize veranlaßt wird, asthenisch, wenn die Erregung zu schwach ist, was entwederdurch Mangel an Reizen und dadurch angchäufte Erregbarkeit (c1ebiliti»s llireotu) oderdurch ein solches die Ursache der sthcnischen Krankheit noch übersteigendes Übermaß der Reize,daß zu viel Erregbarkeit entzogen wird (clelnliti»« inrlireet-,), cintritt. Die Ursachen der all-gemeinen Krankheiten sind die schon angeführten Reize, welche entweder zu stark oder zuschwach wirken. Die Verschiedenheit der Krankheiten wird durch die verschiedenen Grade derErregung und durch die Theile, die vorzüglich angegriffen sind, bedingt. Die Beurtheilungdes Todes ergibt sich aus dem Vorhergehenden von selbst. Die Federungen an die praktischeMedicin sind nun folgende. Um die Gesundheit zu erhalten, suche man das angemesseneVerhältniß zwischen der Zulassung der Reize und der vorhandenen Erregbarkeit zu bewah-ren, überhaupt aber gebrauche man so wenig Reiz als möglich, wobei durch Gewöhnungviel gethan werden kann. Bei der Krankheit selbst ist auf die Heilkraft der Natur gar nichtszu geben, man suche vielmehr die Ursachen zu erforschen, um zu erkennen, ob die Krankheitenstheuischer oder asthenischer Natur sind. Bei sthcnischen Krankheiten suche man die zu starkeErregung durch Entziehung der Reize zu mindern, bei asthenischen mit dirccter Schwächewende man zuerst schwächere, dann stärkere, mit indirekter Schwäche zuerst solche, die demkraukmachenden Reize an Stärke nahe kommen, dann nach und nach schwächere Reize an.Die beiden Extreme in der Reihe der Arzneimittel sind Aderlaß als stärkstes reizminderndesund Opium als stärkstes reizmachcndes Mittel. Übrigens richtet sich die Wahl und Gabeder Mittel nach dem Grade der Scheine oder Asthenie der vorliegenden Krankheit. Dies diereine Theorie, wie sie Brown aufstellte. Wenig Anhänger gewann dieselbe in England,rnehr in Italien, die meisten in Deutschland. Hier wurde sic l 799 bekannt und zuerst 1797von Weikard ausführlich dargestellt, von Röschlaub aber 1798 geistvoll bearbeitet und be-sonders gegen Hufeland's, Cappel s und Slicgiitz's Angriffe aufrecht erhalten. Unter ihren