Epistel Epithalamium 23
sogar jede Abschweifung von dem Hauptgegenstande im Denken und Sprechen; daher epi-so di sch so viel ist als abschweifend.
Epistel nennt man in der Poetik den poetischen Brief, der keiner besondern Dichtungs-art beigezählt werden kann, indem er bald erzählend (episch), bald lyrisch, und gewöhnlichdidaktisch ist, wie schon die bekannte „kpistnls sck kisoues" des Horaz. Der Ton, welcherin der Epistel vorherrschen soll, läßt sich im Allgemeinen nicht angcben, weil er sich jederzeitnach dem Inhalte und nach dem Verhältnisse des Schreibenden zum Empfänger richtet.So grenzen Ovid's „bipistolse ex l'onto" durchgehend an die Elegie; die Horazi>chen„Lpistolse" an die Satire; mehre von Voltaire, Gückingk, Jacobi, Gleim, Klamer Schmidtu. A. sind lyrische Ergüsse einer scherzhaften Laune, und bei den Römern gehört selbst dieHeroide (s. d.) hierher. Die Epistel muß durch und durch eine Beziehung auf die Personhaben, welche schreibt, und auf die, an welche geschrieben wird, denn durch die Richtung aneine bestimmte Person gewinnt ein solches Gedicht an Wahrheit, Individualität und Leben-digkeit. (S. Brief.) In der christlichen Kirche versteht man unter Episteln vorzugsweisedie in dem Neuen Testamente enthaltenen Briefe der Apostel und dann die aus denselben zuPredigttexten von Alters her ausgcwählten Abschnitte. (S. Perikopcn.)
kp>8lol»e ohseuroruin virnnii», Briese von Dunkelmännern, ist der Titel jenerSammlung satirischer Briefe zu Anfänge des >6. Jahrh., die in barbarischem, sogenanntemKüchenlatein, unter dem Namen von damals bekannten Geistlichen und Professoren in derRheingegend, namentlich aus Köln geschrieben, die Obscurantenpartei der Scholastiker undMönche in Beziehung auf ihre Lehren, Schriften, Sitten und Redeweise, ihre Lebensverhält-nisse, Thorheiten und Ausschweifungen mit schonungslosem Spotte geißelten und so nichtwenig der Reformation vorarbeiteten. Die erste Veranlassung dazu scheinen Reuchlin'sStreitigkeiten mit dem getauften Juden Pfefferkorn über die hebr. Jnterpunction gegebenzu haben und den Titel selbst haben vielleicht die „kpistolae darorum virorum sck Ileudi-linuni ?lioreel,s«,il" (1 5 1-1) veranlaßt. Gerichtet sind sämmtliche Briefe an Octuin Gratiusin Deventer, der zwar keineswegs ein so vollständiger Ignorant war, wie es hiernach scheinenmöchte, der aber wegen seiner dünkelvollcn Anmaßung und seines entschiedenen Auftretensgegen den Zeitgeist gleichsam zum Stichblatt gewählt wurde. Beim ersten Erscheinen desBuchs hielt man Reuchlin für den alleinigen Verfasser, dann schrieb man es Reuchlin, Eras-mus und Hutten zu. Durch neuere Untersuchungen hat sich jedoch herausgcstcllt, daß daserste Buch, das zu Hagenau 1515, angeblich aber zu Venedig bei MinutiuL (absichtlich stattMauritius) erschien, von Wolfgang Angst, einem gelehrten und witzigen Buchdrucker in Ha-genau, herrühre, was indeß von andern Seiten auch schon wieder bezweifelt worden ist, unddaß am zweiten Buche, welches 1519 erschien, nächst Ulrich von Hutten, Crotus Nubeanusden bedeutendsten Antheil habe. Der Umstand, daß das Buch schon 1517 durch eine päpst-liche Bulle in das Verzeichniß der verbotenen Bücher ausgenommen wurde, trug nicht wenigzu dessen Verbreitung bei. Unter den zahlreichen Ausgaben sind die zu Frankfurt (163 3,12.),die londoner Duodezausgabe ohne Jahreszahl, die von Maittaire (Lond. 1719, 12.), Münch(Lpz. 1827) und Notermund (2 Bde., Hannov. 1827) als die vorzüglichsten anzuführen.
Epitaphtvs hieß bei den Griechen die feierliche Trauer- oder Leichenrede, die amSchlüsse eines Kriegsjahres zum Ruhm der im Kampfe für das Vaterland Gefallenen voneinem gewöhnlich vom Staate dazu aufgefoderten Redner gehalten wurde, wie von Lysias,JsokrateS und Demosthenes. Berühmt ist besonders die Leichenrede des Perikles, welchePlaton und Thucydidcs anführen. Auch bei den alten Römern finden wir schon aus frühe-ster Zeit dergleichen I.suckstiones tunebres. Vgl. Döring, „Ile Isuckstione kuuebrsli spuckveteres" in dessen von Wüstemann herausgegebenen „Opusculs" (Nürnb. 1839). — MitEpitaphium bezeichnet man eine Grabschrift oder ein Grabmal, lS. Dcnkmale.)
Epithalamium hieß bei den Griechen und Römern das Hochzeitslied, welches ge-wöhnlich chorweise vor oder bei dem Brautgemache (tkslsmus) Neuvermählter abgcsungenwurde, wie der Hymen aus (s. d.) bei der Heimführung der Braut. Dergleichen Epitha-lamien verfaßten, obgleich die Sitte selbst bis in das heroische Zeitalter hinaufrcicht, na-mentlich Sappho, Anakreon, Stesichorus und Pindar, doch sind nur spärliche Überreste vondenselben auf uns gekommen; aus der röm. Poesie verdient das „kpitkslswium ?dei et