6 Entwickelung
das Nahe, ihm Vorliegende und die Sorge, die den Jüngling zur Verzweiflung trieb, ist demManne eine Gewohnheit geworden, die mit seinem Dasein eng verknüpft seine Thätigkeitansiwrnt und ihn den Lohn derselben inniger empfinden läßt. Die Gatten- und Vaterfreu-den, die nach dem Begriffe der idealen Entwickelung nun eintreten, sind an die Stelle dergestaltlosen Träume getreten, die des Jünglings Brust schwellten. Dasselbe findet beimWeibe statt. Eine erfolgreichere Thätigkeit, befriedigender als die der Jungfrau, hat dieStelle der früher« eingenommen; das innere Haus zu regieren, die Pflichten der Gattin undMutter zu erfüllen, ist die hohe Aufgabe des Weibs, bei deren Lösung ihm das angeborenetiefere Gefühl und der gewöhnlich feiner als bei dem Manne ausgebildete Verstand zu Hülfekommen, während auch der Wille weniger durch seine Äußerungen im Schaffen als durchConsolidirung in sich selbst durch Festigkeit und Charakter die Vollendung seiner Entwicke-lung erkennen läßt. Der Ernst des Lebens läßt dem Weibe die Freuden, die es so oft mitSchmerzen und körperlichen Anstrengungen erkaufen muß, doppelt empfinden, und körper-lich und geistig zu der Stelle befähigt, die es einnimmt, blickt eS auch in manchen Zuständen,welche vermehrte Sorge, ja selbst Gefahr verkünden, der Zukunft muthig und getrost entgegen.Schon die letzten Stadien dieser Periode lassen ein Zurückgehen der Kraft nicht verkennen undmit dem Aushören der Zeugungsfähigkcit ist auch das Alter gekommen und die sogenannteJnvolutionsperiode beginnt. Ebenso allmälig, wie der Gipfel der Ausbildung erstiegenwurde, schreitet der Organismus wieder zurück. Die Fülle in den Muskeln, Knochen, Ner-ven, Blutgefäßen u.s. w. schwindet, indem die Aufsaugung über die Reproduktion die Ober-Hand gewinnt. Sowie der Körper bei den sonst gewohnten Anstrengungen bald ermüdet, soläßt auch der Geist in seiner Thätigkeit und Schärfe nach und, erhält sich das Leben nochlange, so tritt ein Zustand ein, der in körperlicher und geistiger Hinsicht dem des Kindesaltersnicht unähnlich ist. Endlich, wenn der Tod aus Alterschwäche erfolgt, hört das Leben auf,und der Mensch sinkt zur Erde nieder, wie die überreife Frucht von selbst abfällt, wenn sienicht gebrochen wird. Der Körper löst sich in seine Elemente auf und der Geist eilt einemandern Dasein entgegen.
Dies ist der^Vcxjauf-d" menschlichen Entwickelungen im Ideal, aber nur selten, vielleichtnie gelingt es der Natur, einen Sterblichen aus einer Entwickelungsperiode in die anderedurch so sanfte Übergänge ohne Abweichungen von dieser Cirkelbahn hindurchzuleiten. DieEntwickelungen des eingeborenen Menschen sind ebenso besondern krankhaften Abweichungenunterworfen als die später folgenden, und ein jedes Lebensalter hat seine besondern Krank-heiten, die mit den Veränderungen, die die fortschreitende Ausbildung des Organismus be-dingt, im genauesten Zusammenhänge stehen. Die drei Wohnungen der edelsten Organedes Körpers, die Schädel-, die Brust-, und die Unterleibshöhle, werden auch der Reihe nachdie hauptsächlichsten Sitze der Krankheiten und die einzelnen Veränderungen des Körperssind häufig von Störungen begleitet, die den Namen Entwickelungskrankheitenführen. Daß die Entwickelung des ungeborcnen Menschen verschiedenen Krankheiten unter-worfen sei, zeigt deutlich die Beschaffenheit mancher Neugeborenen. Die gänzliche Verschie-denheit der Lebensart des neugeborenen Kindes von der im mütterlichen Körper, die neueForm des Blutumlaufs und der Respiration, die neue viel kräftigere Nahrung und die da-mit verbundene Veränderung in der Verdauung, die veränderte Thätigkeit der Haut, dasZurücktreten der Function der Leber und die anhebendc, vorher noch gar nicht cristirende Be-schäftigung der Sinne machen das Erscheinen der vielen sogenannten Kinderkrankhei-ten (s. d.) vollkommen erklärlich. Vorzüglich aber ist das Gehirn dasjenige Organ, welchesallen andern im Streben nach Ausbildung voraneilend, auch den heftigsten Angriffen aus-gesetzt ist und bei jeder Störung der andern Functionen am leichtesten in Mitleidenschaft ge-zogen wird. Eine im weitern Verlaufe als besonders wichtig sich darstellende Periode ist diedes Hervorbrechens der ersten Zähne (s. Zahn), welche oft zu mancherlei Störungen imOrganismus Anlaß gibt. Beim Eintritt in das Juqendalter sind die Entwickelungen imSexualsystem beider Geschlechter häufig Ursachen zu Krankheiten, hauptsächlich aber bringtdie zu schnell oder zu langsam fortschreitende Veränderung im Bau der Brusthöhle eineAnlage zu Brustkrankheiten, welche durch diese ganze Periode dauert, gewöhnlich bis in dienächste hinübcrragt und dem Leben sehr oft ein frühes Ziel setzt. Das gcsündeste von allen