Bach (Familie) 701
Lohnes genug gewährt an Genuß und bildendem, förderndem Einfluß, Allein wo D. nichtgeradezu und allein auf einen instrucliven Zweck ausgeht, und nur in verhältnismäßig sehrwenigen seiner Compositionen ist dies der Fall, da ist ihm jene Kunst stets nur Mittel, nieZweck. Darum hascht er auch gar nicht nach jenen herausgesuchten contrapunklischen Künst-lichkeiten. Zur rechten Zeit, am rechten Ort finden sie sich ein, ungesucht und mit überzcu-gender Folgerichtigkeit, nicht um ihrer selbst willen, um Aufsehen zu erregen, sondern ausinnerer Nothwendigkeit. Wie viele von den -18 Fugen des „Wohltempcrirten Klaviers" ent-behren aller so oft als Deckmantel der Erfindungslofigkeil gebrauchten Umkehrungen, Aug.mentationen und dergleichen. Freilich macht diese ganze Weise an den Vortragenden so gutwie an den Hörenden Ansprüche, ohne welche ein Genuß, ja nur ein nothdürftiges Erkennendes eigentlichen Gehalts nicht möglich wird. Es darf der Hörer sich nicht in passiver Erwar-tung dem bloßen sinnlichen Eindruck überlassen; es wird von ihm ein williges Eingehen undFolgen in der Gedanken- und Formenentwickclung verlangt, keineswegs jedoch eigeneKenntnis oder gar Fertigkeit in der Handhabung dieser künstlichen Satzweise. Er darfnicht Eine vorherrschende Stimme (Melodie im gewöhnlichen Sinne) suchen und sie alleinverfolgen, sondern muß auf alle achten, und allmälig wird ihm ein Schatz sich erschließenvon kaum geahnetcm Glanz und Neichthum. Was hier zunächst von B.'s Claviersachengesagt ist, das gilt in weiterer Ausdehnung auch von seinen größern Werken, von den Or-chester- und Kirchencompositionen, von den Suiten für Orchester, die alle Keime der jetzigenSymphonie enthalten, von den achtstimmigen Motetten, den Passionsmusiken nach denvier Evangelien. Viele seiner Werke sind gedruckt, eine Gesammtausgabe fehlt indeß noch;Vieles befindet sich in Privatsammlungen, nicht Weniges scheint verloren. Sammlungenseiner Clavier- und Orgelsachen begannen Peters in Leipzig und Haßlinger in Wien.Seine „Vierstimmigen Choralgesänge" wurden von seinem Sohn Karl Phil. Emanuel her-ausgegeben (2 Bde., Berl.und Lpz. 1765—69), dann von diesem und Kirnberger (4Bdc.,Lpz. 1781 — 87; neuer Abdr. 1832) und zuletzt von Becker (Lp;. 18-13). Wie B.'SKompositionen fortwährend bis in die neueste Zeit herab viele Theilnahme gefunden hat-ten , so geschah cs auch durch Mendclssohn-Bartholdy's Veranstaltung, daß ihm hier imZ. 1812 an der Thomasschule ein schönes Denkmal errichtet wurde. — Von seinen elfSöhnen haben folgende die meiste kunstgeschichtliche Bedeutung: Wilh. FriedemannB., geb. 1710 zu Weimar, vielleicht der begabteste von allen, aber auch der unglücklichste.Er war erst Organist in Dresden an der Sophienkirche, hierauf in Halle; dann lebte erabwechselnd in Leipzig, Braunschweig, Güttingen und Berlin, wo er 1781 kümmerlich seinLeben beschloß. Von seinem störrischen, zanksüchtigen, zerstreuten, ordnungsloscn Wesenwird viel und wol manches Unerweisliche und Übertriebene erzählt. Seine nicht zahlreichenCompositionen, Sonaten und Concerte für Clavier, Orgelstücke und Kirchenmusik sind sehrselten geworden. Eine neue Ausgabe derselben zum Besten der Wiederherstellung der Nikolai-vrgel in Hamburg veranstaltete 1812 Wiedemann. — Karl Phil. Emanuel B-, geb.zu Weimar l l. März 1711, studirte in Leipzig die Rechte und ging dann nach Frankfurtund nach Berlin, wo er 1710 Kammermusikus und Begleiter Friedrich des Großenbeim Flötcnspicl ward. Im I. 1767 kam er als Musikdirector nach Hamburg, wo er am15. Sept. 1788 starb. Eine Lebensbeschreibung von ihm selbst verfaßt, findet man inBurney's „Tagebuch einer musikalischen Reise" (3 Bde., Lpz. 1772). Sein Hauptverdienstbesteht in seinem Einfluß auf das Clavierspiel durch seinen „Versuch über die wahre Art dasClavier zu spielen" (2 Bde., Lpz. 1787—97, 1.), sowie durch seine eigene hohe Meister-schaft und seine Compositionen. Die letztem, bestehend in Phantasien, Sonaten und Rondos,haben durch Originalität und Frische in Stoffund Form einen vor dem Veralten gesichertenWerth, und sind heute noch als fördernd und ergötzend zu empfehlen. Von gleich hohemWerth, wenngleich von minder entscheidendem Einfluß auf den allgemeinen Bildungsgangsind seine kirchlichen Compositionen, worunter namentlich ein zweichöriges „Heilig" und einOratorium „Die Israeliten in der Wüste" Berühmtheit erlangten. — Joh. ChristianB., der Mailänder oder englische B. genannt, geb. 1735, schrieb hauptsächlich Opernund andere sogenannte galante Gesang- und Claviercompositionen. Er war seit 1751 Or-ganist in Mailand, seit 1759 Kapellmeister in London, wo er 1792 starb. ----- Joh. Ehri-