Allgemeine deutsche ^ Real - EncgklopLdie für die gebildeten Stände. Converfations - Lexikon Neunte Originataullage.v In fünfzehn Bänden. Erster Gand ks,ea. A bis Balbuena. New Uork, bei Wilhelm Radde, 322, Broadway. Leipzig, bei F. A. Brockhaus. A "v s. Ton und Tonarten. Aa, gleichbedeutend mit Ahha, Ach oder Aach, verwandt mit dem lat. aqus, dem an- gelsächs. ea und dem franz. eem, bezeichnet im Altdeutschen ein fließendes Wasser und erscheint noch jetzt selbständig in der einfachen Stammform als Flußname in Nordfrankreich, Holland, Deutschland, der Schweiz und in Kurland, oder auch als Endsylbe ach mehren Ortsnamen angehängt, wie z. B. Biberach, Stockach u. s. w. Die bedeutendsten Flüsse dieses Namens sind: I) die Aa im franz. Departement Pas-de-Calais, welche bei Ru- milly-le-Comte entspringt, bei St.-Omer schiffbar wird und sich in zwei Arme theilt, deren einer als Colme bei Dünkirchen, der andere als Aa bei Gravelines in den Kanal mündet; 2) die zur alten Assel in Holland bei Deutichen einfließende und Bredevoort berührende Aa oder Ahe; 3) in der russ. Ostseeprovinz Liefland einmal die Treider-Aa, welche nordwestlich von Dünamündeund dann die BuldLLÄL die süd westlicher in den rigaischen Meerbusen mündet ; 3) die Aa, die im Canton Uri entspringt, Unterwaloen durchstiegt unv vci St,-Antom in den Vierwaldstädtersec fällt. Unter dem Namen Aach fließen dem Bodensee nördlich drei ^ Flüsse aus dem Badischen zu, die rudolfszeller, stockacher und seefelder Aach, und einer aus dem Würtembergischen; südlich einer unweit Bregenz aus Tirol. Aachen, als Negierungsbezirkdie westliche Mitte der Nh einpro vinz (s. d..), ist bei der Größe vonnur 76 OM. einer derkleinsten Regierungsbezirke des preuß. Staats, umschloss - sen einerseits von den Regierungsbezirken Düsseldorf, Köln, Koblenz und Trier, andererseits von der belg. Provinz Lüttich und den niederländ. Provinzen Luxemburg und Limburg. Der Hauptfluß desselben ist die Roer oder Ruhr, welche die Jnde, Merz, Wurm und Urft auss nimmt und fast den ganzen RegiermrgSbeilrk'mkk nSrbttOer lMV'NvtbMNMrr Abdachung dem Maasgebiete einverleibt, während im Südwesten Kill und Our der Mosel zufließen und südwestlich die obern Erft- und Ahrthäler zum unmittelbaren Rheingebiete gehören. Der Süden wird von den kahlen und rauhen Plateauflächen der Eifel erfüllt, an welche zwischen Malmedy und Eupen die nebelbedeckten Hochmoore der hohen Veen stoßen, die sich nordwärts zu den fruchtbaren Hügellandschaften des niederrheinischen Tieflandes verflachen. Die Hauptnahrungszweige der Bewohner sind im Südosten Bergbau, südwestlich Lederfabrikation, besonders in Malmedy, St.-Vith und Eupen, im Norden reicher Ackerbau und in der Mitte nächst guter Viehzucht die vielfach belebte, durch Steinkohlen und Eisen unterstützte Industrie, berühmt durch ihre Metallwaaren und Tücher. Nächst Erfurt ist A. der einzige Regierungsbezirk des Staats ohne Binnenschiffahrt und doch einer der ersten Handels- districte. Er hat 380000 E-, folglich im Durchschnitt über 3900 und um die Stadt A. herum sogar 8500 Menschen auf einer OM. In die deutsche Bevölkerung mischen sich westlich Franzosen und Wallonen, wie denn auch die deutsche Mundart sich zum Holländischen hinneigt. Mit Ausnahme von '/zi Evangelischen und ungefähr 2000 Juden bekennen sich die Bewohner zur katholischen Kirche. In administrativer Hinsicht zerfällt der Regierungsbezirk in die 11 Kreise: Stadtkreis A., Landkreis A., Eupen, Montjoie, Malmedy, Geilenkirchen, Heinsberg, Erkelenz, Jülich, Düren und Schleiden, t Der Sitz der Regierung ist zu Aachen, das unter 50" 37' nördl. B. und 23° 35' f östl. L., bei einer Seehöhe von 500 F. in einem fruchtbaren Kesselthale liegt, welches ' von der Wurm bewässert und von den Vorhöhen der hohen Veen umkränzt wird. Die Stadt ss Conv.-Lex. Neunte Ausl. I. ^ z Aachen hak ungefähr 40000 E-, darunter nur 1200 Evangelische und 200 Juden. Sie ist in Mi üppigen Feld- und Gartenbaus der Centralpunkt blühender Industrie, die sich besonders Fabrikation feiner Tücher und Nadeln auszeichnet; als eine Hauptstation der belgisch-rheü schen Eisenbahn bildet sic ein wichtiges Emporium des preuß. Handels; sie ist weltberüh« durch ihre Heilquellen und reich an historischen Erinnerungen. Der Name deutet aus röm. k sprung, da das deutsche Ahha mit dem lat. -»qua urverwandt ist und ohne Zweifel die Qu len den Namen bestimmten. Der erst im 8. Jahrh. erscheinende Name ^cjiiisgrsmiw m von xrsnuL abgeleitet sein, einem Beinamen des Apollo, den die Römer bei Thermalqu len verehrten; der franz. Name Aix-la-Chapelle rührt her von der Kapelle des Palastes, r. schon Pipin 765 das Wnhnachtssest beging. Seit Pipin's Zeit tritt die Stadt ai ihrem geschichtlichen Dunkel; Karl der Große gründete ihren Weltruf. Ob sie seine Wie gewesen, ist zweifelhaft; sein Grab ward sie im I. 8l 4. Als ein Erbtheil Karl des Groß, genoß die Stadt viele Freiheiten; ihre Bürger waren im ganzen Reiche frei von Hand- m Kriegsdiensten, Gefängniß und allen Abgaben. Sie war freie Reichsstadt des wesisäl. Kn scs; aachener Lust machte einen Jeden, selbst den Neichsgeächteten, frei. Nachdem die Fra zosen 1704 die Stadt besetzt hatten, wurde sie durch den Frieden zu Luneville 1801 m Frankreich als Hauptort des Departements der Roer vereinigt und 1815 an Preußen a getreten. Vgl. Quix, „Beiträge zur Geschichte der Stadt A. und ihrer Umgebunger (3 Bde., Aachen 1837—38), Desselben „Geschichte der Stadt A., nach Quellen bea beitet" (2 Bde., Aachen 1840 — 41). Karl der Große ließ um 706 Palast und K pelle von Grund aus neu bauen; beide wurden durch einen Säulcngang verbunden, d aber kurz vor Karl des Großen Tode, wahrscheinlich durch ein Erdbeben, wieder in Trün mer sank. Während später die Ruinen des Palastes dem Nachhause zum Grunde diente: bildet die Kapelle noch jetzt den Kern de» Munsters. Dasselbe hak die Form eines Achteci und einen Umgang von zwei Geschossen, mit welchem es nach außen ein Sechzehneck bilde In Mitte des Achtecks bezeichnet ein Stein mit der Inschrift „<7uroll> maglw" das Gra Karl des Großen. Otto lll. ließ dasselbe im I. 1000 öffnen; er fand den Kaiser no, wohlcrhalten im Ornate, mit dem Scepter in den Händen, das Evangelium auf de Knien, ein Stück des heiligen Kreuzes auf dem Haupte und die Pilgertasche um die Hüfte, ar einem Marmorstuhle sitzen, und ließ nach Ausbesserung des schadhaft Gewordenen das G> wölbe wieder vermauern. Nachdem Kaiser Friedrich I. im I. 1165 das Grab Wiederur hatte öffnen lassen, wurden die Gebeine in einen Sargkasten von Gold und Silber bcigesej und zum Gedächtnisse eine aroke. schön acarbeitete Krone ühcr dem Grabe aufgehangen. Di später mit Goldplatten belegte weiße Marmorstuhl diente bis zum J. 1558 bei Kaiserkri nungen dem Neugekrönten zum Sessel während der Begrüßung der fremden Fürsten; di Reichsinsignien wurden 1705 nach Wien gebracht. Dem im byzant. Geschmack errichtete Achteck wurde gegen Osten während des 14. Jahrh. im gokh. Stile ein Chor angebaut, wäh rend sich ihm westlich ein viereckiger Glockenthurm anschließt, neben dem zwei runde Treppen thürmchen zur Heiligthumskammer führen. Diese verwahrt die sogenannten großen Reli quien, welche noch jetzt alle sieben Jahre von der Thurmgalerie dem Volke gezeigt wer den und imJuliviele Tausende Fremder nach A. rufen. Wenn auch angebaute Häuschen un Buden den imposanten Anblick des Münsters verdunkeln, so zeigt doch sein ehrwürdiges Äußer und ein Reichthum alter Zierathen, wie sie z. B. am Wolfsportale zusammengedrängt sind von einer sagenvollen, merkwürdigen Vorzeit. Vgl. Nolten, „Archäologische Beschreibun; der Münster - oder Krönungskirche zu A." (Aachen 1818). Den Marktplatz ziert, dar Rathhaus, rechts mit dem an die Römerzeit erinnernden Eranusthurm und links mit den Glocken- oder Marktthurm. Im Innern ist der Krönungssaal mit den Bildnissen der Kaisei und vielen köstlichen Überbleibseln altdeutscher Kunst. Auch finden sich hier die Brustbilde! Napolcon's und seiner ersten Gemahlin, gemalt von David. Vor dem Rathhause steht eir schöner Springbrunnen mit der Bronzestatue Karl des Großen. In der Franciscaner kirche ist eine herrliche Kreuzabnahme von Rubens- Aus den freundlichen, zum Theil park artigen Umgebungen erhebt sich der Lousberg, d. i. Lugberg, zu 781 F. Sechöhe, mii herrlicher Aussicht, einem trigonometrischen Signale und dem reizenden Belvedere. Ein« Viertelstunde von A. sind die wasserumspülten Trümmer von Frankenberg, einem Lieblings- Aachen 3 aufcnthalte Karl des Großen. Ganz in der Nähe liegt Burtscheid (s. d.). Bgl.Quix, „A. und seine Umgebungen" (Köln 1829). In A. entspringen sechs warme und zwei kalte mineralische Quellen. Die war« men Quellen gehören zu den alkalisch-muriatischcn Schwefelthcrmen und werden nach ihrer Lage in die obern und untern getheilt, von denen jene eine höhere Temperatur und reichlichere Entwickelung von Schwefelwasscrstoffgas zeigen als diese. Sie wirken hauptsächlich auf das Pfoctadersystem und die Schleimhäute, daher sie gegen Gicht, Hämorrhoiden, schlecht behandelte Syphilis und Blennorrhöen, besonders mit dem Charakter des Torpor, wirksam sind. Unter den obern Quellen ist die vorzüglichste die Kaiserquelle, die mitten im Gasthause zum Kaiserbade entspringt und deren eingeschlossener Dunst den sogenannten Bandschwefel absctzt ; ferner eine kleine Quelle vor dem Kaiserbade und die Quirinusquelle. Zu den untern Quellen gehören die alte Trinkquelle und der seit 1827 eingerichtete neue Trinkbrunnen, der Elisenbrunncn, die Nosenbadquelle und die Corneliusquelle. Die Bader selbst sind 4—5 F. tief, ganz massiv und nach altrömischer Art gebaut. Die eisenhaltigen Sauer brunnen sind kalte Quellen von geringem Gehalte; am stärksten ist noch, die Leuchtenrader-- quelle, geringer die auf der Draitschstraße gelegene, welche wegen der Ähnlichkeit mit dem Pouchonwaffer in Spaa, der Spaabrunnen genannt wird. Vgl. Reumont, „A. und seine Heilquellen" (Aachen 1828) und Zitterland, „A.s heiße Quellen" (Aachen 1836). Zwei Friedensschlüsse und ein Kongreß haben A. in neuerer Zeit ein besonderes historisches Interesse verliehen. Der erste Friedensschluß endigte den Devolutionskrieg, den Ludwig XIV. 1667 mit Spanien führte, weil er nach dem Tode Philipps I V., seines Schwiegervaters, im Namen seiner Gemahlin, der Infantin Maria Theresia, auf das unter Privatpersonen in Braban t und Namur geltende deutsche Recht der Devolution (s. d.) sich berufend, einen großen Theil vcr span. Nieveriankw in Anspruch nahm. Das siegreiche Vorschreiten Ludwig's XIV. wurde durch die Tripelallianz zwischen England, Holland und Schweden gehemmt, welche Spanien vorschrieb, Ludwig XIV. entweder die Franche-Comte oder den bereits eroberten Theil von Flandern, namentlich Charlcroi, Ath, Oudcnarde, Douai, Tournay und Lille abzutreten, und dem sich Weigernden den Krieg erklärte. Nachdem Ludwig XIV. zu St.-Germain-en-Laye die Bedingungen angenommen, auch Spanien gegen Zurücknahme der Franche-Comte die Abtretung des flandrischen Gebiets gewährt hatte, bewirkte die Tripelallianz zu A. am 2. Mai 1668 den förmlichen Frieden, zu dessen Aufrechthaltung sie sich 1669 noch in einen besondern Vertrage vereinigte. Der zweite aachner Friede beendete dm öür. Erbko lg ek rl eg n "w rkkm Mrch die Ansprüche des Kurfürsten Karl Albrecht von Baiern auf den von Maria Theresia 17-10 besetzten östr. Thron angefacht war, acht Jahre lang mit wechselndem Glücke durchgekämpft wurde und am Ende auf der einen Seite für bair. Interesse Frankreich, Spanien, Modena und Genua, auf der andern für Ostreich Sardinien, Großbritannien, Sachsen und Holland in den Krieg verwebt hatte. Das Waffenunglück Ostreichs und seiner Verbündeten veranlaßte das Heranziehen eines russ. HülfSheers unter Fürst Nepnin, auf Rechnung, der Seemächte, dessen Ankunft in den Rheingegenden den Präliminarvertrag zu A. am 30 Apr. 1747 zwischen Frankreich und den zwei Seemächten beschleunigte. Am 18. Oct. 1748 wurde derselbe in einen förmlichen Frieden verwandelt, welchem sodann auch Spanien, Ostreich, Genua und Sardinien beitraten, während Sachsen und Baiern schon früher vom Kampfplätze abgetreten waren. Es wurden in demselben alle frühem Friedensschlüsse und die Garantie der pragmatischen Sanction bestätigt, und der Besitzstand der Mächte, wie er vor ausgebrochenem Kriege war, im Allgemeinen zur Grundlage des Friedens bestimmt. Sardinien behielt die während des Krieges abgetretenen mailändischen Plätze; Parma, Piacenza und Guastalla wurden an den span. Infanten Philipp, Elisabeth's zweiten Sohn, unter gewissem Vorbehalte des Rückfalls an Ostreich, abgetreten; Preußen ward der Besitz von Schlesien und der Grafschaft Elatz garantirt, England der Assientotractat für vier Jahre von neuem bestätigt und Dünkirchens Befestigung von der Landseite gewährt, dagegen der Prätendent Eduard aus Frankreich verwiesen. Vorzugsweise durch die Bemühungen des Ministers Kaunitz kam Ostreich mit sehr geringen Opfern weg, 1 * 4 Äakus Aal während England trotz seiner glänzenden Seesiege ohne sonderlichen Gewinn mit einer zu 8« Will. Pf. St. gesteigerten Schuldenlast aus dem Kriege schied. Der aachner Congreß der drei Regenten Rußlands, Ostreichs und Preußens im Oct. 1818 ward zunächst veranlaßt, um durch den Beschluß der Zurückziehung des noch in Frankreich stationirten Bundesheers das Vertrauen auf den allgemeinen Frieden zu documentiren. Das öffentliche Signal der Versöhnung mit Frankreich war die Einladung, welche Metternich, Castlercagh, Wellington, Hardenberg, Bernstorff, Nesselrode und Kapodistrias am l.Nvv. im Namen ihrer Monarchen an den Herzog von Richelieu richteten, um seine Bemühungen mit den ihrigen zu vereinen für die Sicherstellung des europäischen Friedens. Nachdem diese Einladung angenommen war, wurde am 15. Nov. von Ostreich, Frankreich, Rußland, Großbritannien und Preußen das Protokoll unterzeichnet, welches die Grundsätze der heiligen Allianz befestigte. Allen Höfen Europas ward der Inhalt desselben in einer Declaration mitgetheilt und noch besonders hcr- vorgehoben, daß das neue Bündniß keine Veränderungen der durch die bestehenden Verträge geheiligten Verhältnisse bezwecke, sondern daß die Souveraine vielmehr den Entschluß gefaßt hätten, sich nie, weder in ihren Verhältnissen unter sich noch zu andern Staaten, von der genauesten Befolgung der Grundsätze des Völkerrechts zu entfernen. Ääkus,„ein Sohn des Jeus und der Ägina, einer Tochter des Flusses Asopus, wurde auf der Insel Önonc geboren, die man seitdem Ägina nannte. Ganz allein auf der entweder von Natur menschenleeren oder durch eine Pest entvölkerten Insel verwandelte Zeus auf seine Bitten Ameisen in Menschen (Myrmidonen), über die er nun als König herrschte. Als der gottesfürchtigste Mann feiner Zeit stand er bei den Göttern in hohen Ehren, die auch aufseine Fürbitte Griechenland von der Hungersnoth, von welcher es damals heimgesucht war, befreiten. Mit der Endels, der Tochter des Skiron, zeugte er Telamon und Peleus, mit der Psamathe, der Tochter des Nereus, den Phokus.' Nach seinem Tode wurde er seiner Gerechtigkeit wegen einer der Richter in der Unterwelt. Als besonderes Kennzeichen hat er den Schlüssel zur Unterwelt. Äuf Ägina wurde er als Halbgott verehrt. — Äacide heißt nach ihm Achilles, der Sohn des Peleus. Aal. Die Äale bilden eine besondere Gruppe unter den Fischen und wurden ehedem irrigerweise zu den Amphibien gerechnet, indem sie, durch eigcnthümlichen Bau ihrer Kiemen begünstigt, längere Zeit außer dem Wasser ohne Lebensgefahr bleiben können und gelegentlich auf das Land gehen. Sie sind von langer, schlanker Gestalt, ohne Bauchflossen, haben Schuppen, die in der dicken Haut verhüllt sind, Kiemendeckel, die sich weit hinten durch ein Loch öffnen, scharfe und spitzige Hahn«. Die Gattungen dieser über die Erde vereinzelten Familie sind nicht zahlreich; sie bewohnen theils nur das Meer oder nur süße Gewässer, thcils kommen sie zugleich in beiden vor. Zu den erstern gehören von den Aalen im strengen Sinne die Muräne der Alten, welche bei den Römern als so große Leckerei angesehen wurde, daß man sie in besondern mit dem Meere in Verbindung stehenden Behältern erzog, und daß, nach des Plinius Erzählung, ein reicher Ritter, Vedius Pollio, welcher auf dem Pausilipp wohnte und im verdorbenen Zeitalter des Augustus lebte, die seinigen mit nutzlos gewordenen Sklaven fütterte. Der gemeine Aal findet sich von Rußland bis Portugal in den meisten Gewässern, aber auch im Meere bis Madeira, und ist ein durch Bissigkeit bekannter Raubfisch von sehr zähem Leben, den man lange für einen Zwitter hielt, der aber wie andere Fische laicht und zu diesem Zwecke aus dem Meere in die Flüsse geht. Er gelangt oft zu sehr bedeutender Größe und wird theils geangelt, theils in Neusen oder Netzen gefangen. In Norddeutschland geräuchert oder marinirt macht er einen nicht unbedeutenden Handelsartikel aus, und ist im frischen Zustande keineswegs so unverdaulich, wie wol geglaubt wird. Seine Haut dient zu manchen technischen Zwecken. Eine physikalisch merkwürdige Gattung dieser Familie stellt deramcrikanische Zitt eraal (s. d.) dar. — Die Aalmutter ist ein Fisch aus der Abthcilung der Stachelflosser und Familie der Schleimfische, von Fußlänge, braungelber, mit schwärzlichen Flecken wechselnder Farbe, schleimiger Oberfläche und wenig angenehmem Flesiche. Sie ist gemein in der Nordsee und an den franz. Küsten und merkwürdig durch das Gebären ausgebildeter, von Eihäuten nicht umhüllter Zungen. — Die Aalraupc ist ein Fisch aus der Abtheilung der Weichflosser und Familie der Schellfische, von cylindrischem Körper mit glatter, gelb und braun marmvrirter Haut und zwei Rückenflossen und Bart- Aalborg Aargau 5 fäden. Sie stellt die einzige im Süßwasser vorkommende Art der Familie dar, ist gemein im nördlichen Europa und soll, nach Bloch, im Oderbruche einst so häufig gewesen sein, daß man die getrockneten als Brennmaterial benutzte. Ihr Fleisch ist zart und angenehm schmeckend; das Weibchen enthält über 100000 Eier. Aalborg, das nördlichste Stift der jütländischen Halbinsel im Königreiche Dänemark, welches im Norden mit Skagens-Horn ausläust, durch den Lymfiord und den 1825 erfolgten Meeresdurchbruch bei Agger von der übrigen Halbinsel getrennt ist und im Innern von Haide und Moor erfüllt wird. Es umfaßt 13l L7M. mit 120000 E. Am südlichen Ufer des Lymfiord liegt die Hauptstadt Aalborg mit dem Schlosse Aalborghuus und 7500 E., der Hauptort des gleichnamigen Amtes und Sitz eines Bischofs. Die Stadt gehört zu den ersten Handelsplätzen Dänemarks, hat einen guten, sehr belebten Hafen, beschäftigt über 100 Schiffe in einträglicher Fischerei und ist ausgezeichnet durch Seide-, Handschuh-, Zucker- und Waffenfabriken, Thran- und Seifensiedereien. Sic ist im Besitz einer Bibliothek, auch besteht daselbst eine Navigationsschule. Aar, ein linker Nebenfluß des Rhein, entspringt aus drei Hauptquellen am Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletscher. Die Aar bildet das romantische Haslithal zwischen den Vierwaldstädter und berner Alpen, füllt die Becken des Brienzer- und Thunersees und wird alsdann schiffbar. Sie fließt bei Bern vorüber, ändert hierauf ihren Lauf von Westnordwest nach Nordostnord, berührt Solothurn, Aarburg, Aarau und Brugg und mündet in den Rhein, Waldshut gegenüber, beim Dorfe Koblenz. Rechts fließen ihr zu Emmen, Reup und Limmat, links dagegen Simmen, Sanc und Thiele. — Aar ist der alte Name der Raubvögel im Allgemeinen, insbesondere des Adlers. Aarau- die freundliche^ woblgebaute und gewerbfleißige Hauptstadt des Canlons Aargau, Sitz des Großen Raths, Kleinen Raths und des Obcrgerichts, mit etwas über -1000, meist evangelischen E-, liegt an der Aar, dem fischreichen Sußbache und den Abhängen des Jura, etwa 1100 F. über der Meercsfläche. Sie hat Fabriken in Eisen, Seide und Baumwolle, ein blühendes Gymnasium und eine nicht unbedeutende Cantonsbiblio- thek mit der Sammlung des Generals Zurlauben und zahlreichen, für die schweiz. Geschichte merkwürdigen Manuscripten. Um die im 11. Jahrh. vom Grafen Rohr erbaute Burg erhob sich allmälig die Stadt, die später an die Grafen von Habsburg kam und bis zur Eroberung durch die Berner im I. 1315 bei Ostreich blieb. Am 9. und 11. Aug. 1712 wurde daselbst der den toggenburger Krieg endende Friede geschlossen., Während der franz. Herrschaft war A. für kurze Zeit der HauptorUr Eidgenossenschaft'. (S. Schweiz.) Aargau, der sechzehnte Canton der schweiz. Eidgenossenschaft, ein fruchtbares und waldreiches, von den Ausläufern der Alpen und des Jura gebildetes Hügelland, von Aar, Reuß und Limmat, die sich hier mit dem Rhein vereinigen, durchströmt, vom Großherzogthume Baden (durch den Rhein) und den Cantonen Basel-Land, Solothurn, Bern, Luzern, Zug und Zürich begrenzt, hat einen Flächenraum von etwas über 25 wM. und eineBevölkcrung von 18-1000 E-, deren größere Hälfte sich zu der reformirten Kirche bekennt. In zwei Dörfern, Endingen und Langnau, wohnen etwa 2100 Juden, im Genüsse freier Religionsübung und der bürgerlichen Rechte in ihren Heimatsgemeinden, jedoch auf diese Ortschaften beschränkt und ohne Theilnahme an den staatsbürgerlichen Befugnissen. Acker-, Wein- und Obstbau, Wiesenbau und Viehzucht werden mit großer Thätigkeit betrieben; industrielle Beschäftigungen verschiedener Art, besonders Fabrikation in Baumwolle und Seide, sind nicht blos in den elf Städten und Städtchen des Cantons, sondern auch auf dem Lande verbreitet. Wohlstand und Volksbildung haben seit -10 Jahren, besonders seit 1830, in weitern Kreisen zugenommen. Es fehlt nicht an wissenschaftlichen Vereinen, und selbst viele Dörfer haben ihre eigenen Lesegesellschaften, Sängerchöre, sowie Sparkassen u. s. w. Am weitesten stehen noch die katholischen Bezirke zurück, wo bis zum I. 1811 sieben Klöster, die im Besitze eines Vermögens von etwa 5 Mill. Gulden waren, einen sichtlich hemmenden Einfluß äußerten. Nach der revidirten Verfassung von 1811 übt das Volk seine souveraineGewalt durch einen alle drei Jahre zur Hälfte zu erneuenden Großen Rath aus, dessen austretende Mitglieder wieder wählbar sind. Zur Bildung desselben ernennt jeder der 50 Kreise auf je 180 seiner stimmfähigen Bürger einen Abgeordneten. Aktives und passives Wahlrecht haben regelmäßig alle 6 Aargau Cantonsbürger vom 2-1. Jahre an. Der Große Rath stimmt über die vom Kleinen Rathe kinzureichcnden Gesctzvorschläge ab; auch hat er die Finanzgewalt und das Begnadigungsrecht in peinlichen Fällen. Die Vollstreckung der Gesetze ist einem vom Großen Rathe aus seiner Mitte gewählten Kleinen Rathe von neun Mitgliedern, von denen wenigstens vier Katholiken und vier Reformirte sein müssen, übertragen. Die richterliche Gewalt wird in jedem Kreise von einem Friedens - und einem Kreisgerichte, in jedem der elf Bezirke von einem Bezirksgerichte, endlich von einem Obergerichte, thcils nach einem neuen bürgerlichen Gesetzbuche, theils nach besonder« Verordnungen und Gewohnheitsrechten ausgeübt. Ein reformirter und ein katholischer Kirchenrath besorgen unter Aufsicht des Kleinen Raths die besonder« confessionellen Angelegenheiten. Das Staatsvermögen betrug (vor Einziehung der Klöster) etwa I v Mill. schweiz. Fr.; das jährliche Einkommen 700000, die Staatsschuld im 1.1832 noch 400000 Fr. Der Canton ist aus drei Hauptbestandtheilen gebildet: dem eigentlichen Aargau, mit einigen Municipalstädten, der früher unter der Botmäßigkeit der bcrner Aristokratie stand; dem katholischen Baden und den Freienämtern, die gemeinschaftliche Un- terthanengebiete mehrer Cantone waren; endlich aus dem bis zum luneviller Frieden unter östr. Hoheit gebliebenen Frickthale. Der Einbruch der Franzosen in die Schweiz (1798) befreite den A. aus seiner Unterthanschast und durch Napoleon's Vermittelung ward er 1803 ein selbständiger Canton. In der Mediationszeit blühte der neue Staat, unter einer repräsentativ-demokratischen Verfassung, sichtlich auf, und die ungleichartigen Landestheile schienen in jeder reinpolitischen Beziehung fest zusammenzu- wachsen, während freilich die confessionellen Gegensätze nur zeitweise beschwichtigt, aber nicht dauernd versöhnt und verschmolzen werden konnten. Nach Napoleon's Sturz begann die Neaction auch im A., der unter einem Kleinen Rathe von 13 Mitgliedern allen Sünden und Fehlern der Oligarchie anheimfiel. Die wachsende Unzufriedenheit trieb nach der Julirevolution am 6. Dec. 1830 das von seinen Behörden getäuschte Volk zum bewaffneten Aufstand, in dessen Folge am 15. Apr. 1831 durch einen von sämmtlichen Staatsbürgern unmittelbar gewählten Verfassungsrath eine neue Constitution entworfen wurde, die bald darauf von der großen Mehrheit der Urversammlungen angenommen ward. An dieser Bewegung hatte ein großer Theil der katholischen Bevölkerung besonders lebhaften Antheil genommen, und obgleich letztere nur die kleinere Hälfte der Bewohner bildet, nahm man doch, sogar für die Repräsentation der beiden Confefsionen in der höchsten politischen Cantonalbehörde, den Grundsatz der Parität in die Verfassung auf. Dieses politische Privilegium stellte einen Theil der Katholiken nichr dauernd zufrieden, und als die neue Regierung an den vom Papste verdammten Beschlüssen der badener Conferen; (s. Schwei;) theilgenommen hatte und diese gegen einige widerspenstige Geistliche durchzusetzen suchte, kam es im Nov. 1835 zu Unruhen in den katholischen Bezirken Muri und Bremgarten, die jedoch leicht und ohne Blutvergießen unterdrückt wurden. Nachdem einmal der Hader wieder angefacht, wollten fortan auch die Reformirten von der Parität nichts mehr wissen, sondern foderten eine Vertretung nach Verhältniß der Bevölkerung. Am 5. Jan. 1841 wurde der Constitutionsentwurf, der den Grundsatz der Repräsentation nach der Kopfzahl feststellte, bei einer Gesammtzahl von 33629 stimmfähigen Bürgern von 16050 gegen 11484 angenommen. Fast alle Katholiken hatten gegen denselben gestimmt, und die Gährung in den katholischen Freienämtern, die besonders von den Klöstern aus geführt wurde und mit ähnlichen Bewegungen in Solothurn im Zusammenhänge stand, nahm bald einen bedrohenden Charakter an. Einige von der Regierung angeordnete Verhaftungen in Muri und Bremgarten gaben das Zeichen zum Ausbruche. Am I I. Jan. setzten sich die Aufrührer gegen Aarau in Marsch, wurden aber nach kurzem Gesuchte bei Vilmergen von den Regierungstruppen zersprengt, welche alsbald die insurgirten Bezirke besetzten. Unter dem Eindrücke dieser Ereignisse und zur Sicherstellung gegen künftige Unordnungen beschloß der Große Rath am 13 Febr. 1841 mit 115 Stimmen die Aufhebung sämmtlicher Klöster; doch ein Theil der Stände glaubte darin eine Verletzung der Bundesacte zu entdecken, wodurch denn die aargauische Klostersache zur eidgenössischen Frage wurde. (S. Schweiz.) Vgl. Zschokke, „Umriß der Landesbeschreibung des A." (Aarau 1817). Aarhuus Abälardus 7 Aarhuus, ein östliches Stift der jütländ. Halbinsel im Königreiche Dänemark an den Ufern des Kattegat, umfaßt 86 OM. mit 137000 E. und hat vorherrschend fruchte baren Boden. Die Hauptstadt des Stifts wie des gleichnamigen Amtes und Bischofssitz ist Aarhuus am Kattegat, das durch den Ausfluß des Braband- oder Aabyesees in zwei Theile geschieden wird, 6000 E. zählt, durch Handel, Fischerei und Schiffahrt mit 56 eigenen Schiffen wie durch einen guten Hafen belebt ist, und Zuckerraffinericn, Tabacks-, Hut- und Handschuhfabrikcn, auch Baumwollen- und Tuchmanufacturen besitzt. Aaron , der Bruder des Moses, war ein Sohn Amram's und der Jochebed, aus dem Stamme Levi, und um 157 8 v. Chr. in Ägypten geboren. Als Moses den göttlichen Auftrag zur Befreiung seines Volkes erhielt, ward A. zu seinem Beistände und Redner bestimmt, und bei Errichtung der Stiftshütte erhielt er für sich und seine Nachkommen das Priesterthum. In der arabischen Wüste fertigte er den Israeliten, die über MoseS' Abwesenheit ungeduldig wurden, auf ihr Verlangen ein goldenes Kalb, ohne zu ahnen, daß das Volk ein Götzenbild darin verehren werde. Von seinen vier Söhnen starben zwei noch bei seinem Leben. Er unterstützte seinen Bruder in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten und starb 123 Jahre alt auf dem Berge Hör, unweit Sela in Jdumäa (1456). Sein dritter Schn Elasar folgte ihm in der Würde eines obersten Priesters. Die spätere Tradition rühmt A. als einen nach Kräften Frieden stiftenden Volksfteund. Abäcus nannte man das sonst gebräuchliche Rechenbret zu arithmetischen Berechnungen; dann im Allgemeinen eine Zahlentabelle, daher Xtrscus kxtbsgoriciz das Einmaleins; in der Baukunst bezeichnet es die Platte, womit der Knauf der Säule bedeckt ist. Abaddon, so viel wie Abgrund, nennen rabbinische Sagen die tiefste Stelle der Hölle. So heißt auch der Engel des Verderbens , und in die ser Beziehung ist es von Klop- stock in seinem „Abaddona" gebraucht; in der Offenvarung Joyrnmi» (0, I I) führt der König der Heuschrecken diesen Namen. Abadir heißt in der griech. und röm. Mythologie der Stein, welcher dem Saturn in ein Fell gewickelt statt des neugeborenen Jupiter dargereicht und von ihm verschlungen wurde; bei den Karthagern war A. die höchste Gottheit. Abälardus (Petrus), ursprünglich Abeillard, scholastischer Philosoph und Theolog, war 1079 unweit Nantes in dem Flecken Palais, der seinem Vater Verenger gehörte, geboren. Angeborene Neigung für die Wissenschaften veranlaßte ihn, seinen Brüdern das Recht der Erstgeburt zu überlassen. Ganz vorzüglich beschäftigte er sich mit scholastischer Dialektik. Um Wilhelm von Chämveaur zu Horen; ging er ans Bretagne nach Paris; doch bald zog er sich durch seinen Scharfsinn, der seinen Meister in Verlegenheit brachte, dessen Haß zu. Er floh nach Melun, von da nach Corbeil, überall bewundert, aber auch verfolgt. Um seine Gesundheit herzustellen, ging er in die Heimat; neu gestärkt kehrte er nach Paris zurück, versöhnte sich mit seinen Feinden und bildete die ausgezeichnetsten Männer, unter ihnen den nachmaligen Papst Cölestin II., Petrus Lombardus, Berengar, seinen nachheri- gen Apologeten, und Arnold von Brescia. Um diese Zeit lebte zu Paris Heloise, die Nichte des Kanonikus Fulbert, damals 17 Jahre alt, ausgezeichnet an Schönheit, Geist und Kenntnissen. A., obgleich schon 38 Jahre alt, entbrannte für sie von so heftiger Liebe, daß er darüber Alles vergaß. Heloise war für seine Neigung nicht weniger empfänglich. Durch Fulbert selbst ward A. Lehrer und Hausgenosse Heloisens, und beide Liebende genossen ihr Glück, bis A.'S feurige Lieder auch Fulbert's Ohr erreichten. Er suchte die Liebenden zu trennen; doch zu spät, namentlich fürHeloise. A. entführte nun die Geliebte nach der Bretagne, wo sie einen Sohn gebar, und vermählte sich heimlich mit ihr, wozu Fulbert seine Einwilligung gab; allein bald kehrte Heloise in das Haus ihres Oheims zurück und leugnete die Ehe, um A. an der Erlangung kirchlicher Würden nicht hinderlich zu werden. Darüber und über eine zweite Entführung entrüstet, ließ Fulbert A. entmannen, um ihn zur Erhaltung kirchlicher Ehrenstellen kanonisch unfähig zu machen. Tief gebeugt durch die an ihm verübte Schandthat trat A. als Mönch in die Abtei St.-Denis und bewog seine Geliebte, zu Argenteuil den Schleier zu nehmen. Neue Verfolgungen zogen ihm die Vorlesungen zu, die er nach einiger Zeit begann. Auf der Kirchenversammlung zu Soissons imJ. 1121 wurden seine Ansichten über die Dreieinigkeit für ketzerisch erklärt. Er verließ St.-DemS, Abano Abarca X-/ erbaute unweit Nogent an der Seine eine Kapelle, Paraklet genannt, die er, nach seiner Ernennung zum Abt von St.-Gildas-de-Nuits, Heloisen und ihren Religiösen zur Wohnung überließ. Traurig war sein Aufenthalt zu St.-Gildas und ein steter Kampf mit seiner Liebe und mit dem Hasse der Mönche, die cs endlich so weit brachten, daß seine Lehre I > -10 vom Papste verdammt und ihm Einkerkerung zuerkannl wurde. Doch Peter der Ehrwürdige, Abt zu Clugny, söhnte ihn aus mit seinen Feinden, und als Muster klösterlicher Zucht starb er am 21. Apr. 1142 in der Abtei St.-Marcel unweit Chalons an der Saonc. Heloist, die ihn 20 Jahre überlebte, erbat sich den Leichnam und ließ ihn zu Paraklet begraben, um einst an seiner Seite zu ruhen. Beider Asche wurde 1808 in das Museum der franz. Denkmäler nach Paris gebracht, 1817 zu Monamy in einer besonder» Kapelle und 1828 in einem eigens erbauten Grabmale auf dem Kirchhofe des Pere Lachaisc in Paris beigesetzt. Im Streite mit dem heil. Bernhard sprach sich A.'s Lehre als vollständiger Rationalismus aus, und man kann ihn und den früher» Erigena (s. d.) als die ältesten offenen Vertreter dieses Systems ansehcn. A. stellte nämlich das Princip auf: Nichts sei zu glauben als was man zuvor eingesehen habe, während die herrschende Kirche annahm, daß man glauben müsse, um einzusehen, und Bernhard das Forschen vom Gebiete der Religion gänzlich entfernt wissen wollte. Vgl. Goldhorn, „De summis prinoipiis tlleologius .4l>»elarl1eae" (Leipz. 1838). Um das Verdienst A.'s zu würdigen, muß man ihn nicht nach seinen Schriften beurtheilen, sondern erwägen, welchen Einfluß er durch mündliche Dialektik auf seine Zeit übte. Wie seine Lehre, so gab auch sein Charakter manchen Anstoß. Übrigens ist A unstreitig der kühnste Denker des 12. Jahrh., bei der Nachwelt indcß mehr durch sein Liebes- verhältniß bekannt. Seine lat. Schriften und Briefe hat Franz Amboise gesammelt, und Duchesne (Par. 1616, 4.) herausgegeben. Vgl. Berington, „Ilistor) ok sn ere I. ehr rch rke me ein ein bis lge, >nd -v ine rde zu ^ lzu ch- nd- 'gte INN letzt den zur bei nst, >är- rie- itik rtei ern cht- ade >lls irst icht md l37 Ns' pr e)i. ^ ue- ich- als Abeliten Abend 19 Werkzeuge eines höchsten Willens schilderte, möglichst in den Hintergrund zu stellen und bei jeder Gelegenheit hervorzuheben, daß Baiern nur eine ständische, aber keine repräsentative Verfassung habe. Die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni 1832 wurden von ihm, den „mit Übereilung gegebenen süddeutschen Verfassungen" gegenüber, dadurch auf die höchste Spitze ihrer Konsequenz getrieben, daß er, unter steter Verwahrung gegen jede Absicht, den Landtag zu einem bloßen Postulatenlandtag zu machen, gleichwol dessen Steuerbewilligungsrecht auf das Minimum seiner Bedeutung zurückzuführen suchte. Auf diesem Standpunkte sprach er denn auch am Schlüsse der ständischen Sitzung (9. Apr. 1840) über den bisherigen „Usus und dessen Urheber" den förmlichsten Fluch aus und verstärkte noch am folgenden Tage die beleidigenden Worte, in die er gegen seinen Vorgänger im Ministerium ausgebrochen war. Die Folge dieses in den parlamentarischen „Annalen unerhörten Vorfalls war ein Zweikampf zwischen ihm und dem Fürsten von Öttingen-Wallerstein. Die Duellanten schossen sich; zwar fehlten die Kugeln, doch entspann sich aus diesem Zwiste eine für beide Theile wol gleich unangenehme öffentliche Verhandlung über den Ehrenpnnkt. Vgl. „A. und Wallerstein" (Stuttg. 1840). Daß A. zahlreiche Gegner finden mußte, ist bei seiner Stellung und seiner Hingebung an den Ultramontanismus und das möglichst unbeschränkte Monarchenthum leicht erklärlich; allein auch sie verkennen nicht sein ausgezeichnetes administratives Geschick und seine rastlose Thätigkeit. Jedenfalls ist er, als suc- cessiver Repräsentant zweier politischen Principien, einer der merkwürdigsten Staatsmänner in der Entwickelungsperiode des konstitutionellen Deutschlands. Abeliten, Abelianer oder Abelonicr, eine von Augustin erwähnte christliche Sekte in Nordafrika zu Ende des 4. Jahrh. Die Abeliten entlehnten ihren Namen vielleicht von Abel, dem Sohne N5sim's)1>er rrnöerehlicht starb, und enthielten sich, um die Erbsünde nicht forrzupflanzen, der Ehe. Nach neuerer Vermuthung dagegen ist der Name auf Eljon, den ältesten und einfachsten Gottesnamen, zurückzuführen. Dieser war nämlich im 4. und 5. Jahrh. das Schiboleth mancher Parteien, die aus Misbehagen an dem Bestehenden einen allgemeinen Gottesglauben bekannten, die ältesten Deisten. (S. Hypsistaricr.) Abenceragen, eine der vornehmsten und mächtigsten Familien Spaniens zur Zeit der Araber in Granada, und zwar in der Zeit, als von Seiten der christlichen Bevölkerung Spaniens dem Maurenthum der Untergang bereits geschworen war, und innere Unruhen den Untergang des maurischen Staats von Granada beschleunigten. Die A. erschienen dabei als heimliche Feinde ihres Königs, fanden aber endlich einen schmachvollen Untergang, wozu vorzüglich die Familie der Zegris behülflich war, welche zu derselben Zeit am Hofe der Könige von Granada alle wichtigen Stellen inne hatte und den A. aufs feindlichste gegenüberstand. Die Veranlassung zu ihrem Untergange war die Liebe eines A. zu einer Schwester des Königs Abu Hassan, der seit 1465 regierte. In nächtlicher Stille erstieg dieser A. das königliche Schloß Alhambra, um die letzte Gunst seiner Angebeteten zu genießen. Allein der Kühne ward verrathen. Aus Rache lockte der König das ganze Geschlecht der A. in die Alhambra und ließ sie hier sämmtlich niedermetzeln. Nur Wenige entkamen dem gräßlichen Blutbade und leisteten später dem Boabdil hnlfreiche Hand, als derselbe gegen Abu Hassan die Fahne des Aufruhrs erhob. Am ausführlichsten ist die übrigens auch vielfach zu Dichtungen benutzte Geschichte der A. erzählt von Conde, „Historis cm ßcn scr, Im die Zilt, iff- zen, län- clbe »er, >the, ikn» ank- nu- nach änei »mg ,IS anct my- itge- enen cten. >nter ttmg ch es id er was arcn schen fth- ver- ) ge- aung Das ;des ver- c für wel- ab« war, aber inem- cden, n die s-d.) Abendmahl 21 angeschlossen, aber auch nach Abschaffung der Liebesmahle als besonderer Ritus beim Gottesdienste beibehaltcn wurde. Nach Justin dem Märtyrer (2. Jahrh.) nahm am Ende des Gottesdienstes der Vorsteher Brot und mit Wasser gemischten Wein, sprach darüber ein feierliches Dankgebet und ließ dann das so geweihte Brot und den Wein durch die Diakonen unter die Anwesenden verlheilen. Den Abwesenden wurde es zugeschickt. Ein Lehrtypus über die Natur und Kraft des Abendmahls war aber nicht festgesetzt, und die Meinungen in der Kirche waren darüber bis zum 9. Jahrh. herab frei und daher verschieden. Doch schon im 2. Jahrh. singen die Kirchenlehrer aus der alexandrinischen Schule an, das Abendmahl als ein Mysterium zu betrachten, d. i. als eine Feier, wodurch man auf eine geheimnißvolle Weise des Göttlichen in Christo, des Logos, theilhaft und dadurch zur Unverweslichkeit vorbereitet werde, eine Meinung, die auch in die afrikanische Kirche überging. Ebenso frühzeitig wurde das Abendmahl als ein Opfer angesehen, das man Gott darbringe, und die afrikanische Kirche erstreckte die Wirksamkeit dieses Opfers auch auf Verstorbene, besonders auf die Märtyrer. Die Vorstellungen, daß das Abendmahl ein Opfer sei, daß eine wirkliche Vereinigung des Leibes Christi mit den Zeichen stattsinde, und daß wir durch Brot und Wein in eine wesentliche Verbindung mit dem verherrlichten Christus kommen, waren zwar immer in der Kirche die herrschenden, aber in der nähern Bestimmung dieser Vorstellungen herrschte große Verschiedenheit. Erst im 9. Jahrh. kam cs darüber zur Entscheidung. Der Abt des Klosters zu Korvei, Paschasius Nadbert, lehrte in seiner Schrift „1)c corpore et sanAiiiue 115 machte die Entziehung des Kelchs gesetzlich; die griech. Kirche aber ist hierin dem Beispiele der röm. nicht gefolgt. Auch unterließ man in der röm. Kirche das Brotbrechen, damit nichts von dem Leibe Christi verloren gehe. Früher hatte man runde Brotkuchen, die man brach, und von denen man die Stücke den Communicanten gab, die sie selbst zum Munde führten. Im 11. Jahrh. wurde dies abgeschafft und die nun aufkommenden Oblaten wurden dem Communicanten von dem Priester ungebrochen in den Mund gegeben. Die ganze Lehre und alle die Gebräuche, die sich bis zur Reformation in der abendländischen Kirche gebildet hatten, wurden von der röm.-kathol. auf dem Concilium zu Trident für immer bestätigt. Luther behielt anfangs die kathol. Lehre vom Äbmdmahle bei und verwarf nur die Entziehung des Kelchs (daher er diesen den Laien reichte), die Kauf- und Seelmessen und das Dogma, daß in der Messe Gott der Leib Christi als ein Opfer dargebracht werde. Denn nicht nur die Augsburgische Confessio» drückte sich der Lehre von der Transsubstantiation gemäß aus, sondern noch mehr geschah dieses in der Apologie der Confessio», in welcher die kathol. Vorstellung ganz entschieden enthalten ist. Erst später in dcn Schmalkaldischen Artikeln im I. 1597 erklärte Luther die Transsubstantiation für eine spitzige Sophisterei und sprach aus: „Brot und Wein se i der wahrhaftige Leib und Blut Christi" und werde ebenso wol von bösen als von frommen Christen empfangen. Da Mclanchtho» und seine Schule sich zu Calviu's 22 Abendmahl Theorie vom Abendmahle hinneigten, so wurde von den luther. Zeloten die protestantische Lehre in der Concordienformel nach Äußerungen in Luther's Schriften dahin bestimmt: Leib und Vlut Christi sei bei der Austheilung des Brotes und Weins mit diesem auf eine unbegreifliche Weise (»MO sscramenkulis) verbunden und werde in, mit und unter dem Brote und Weine von dem Communicanten, sowol dem bösen als dem frommen, durch den Mund empfangen. Bon den Wirkungen des Abendmahls lehrten die Protestanten, es wirke objecti» Vergebung der Sünde kraft des Wortes der Verheißung, und subjectiv befestige es die Wiedergeburt. Bei den Neformirten gestaltete sich der Lehrbegriff anders. Zwingli faßte das Abendmahl blos als Gedächtnißmahl des Todes Christi auf, bei welchem Brot und Wein den abwesenden, für uns gestorbenen Christus für den Glauben versinnliche. Man verließ aber seine Vorstellung bald und folgte der Theorie Calvin's, welcher lehrte: in dem Augcn- genblicke des Empfangs von Brot und Wein gehe aus der Substanz des verherrlichten (im Himmel bleibenden) Leibes Christi eine übernatürliche Kraft aus in die Seele des Gläubigen, diese zu nähren, zu stärken und zu beleben, wovon aber der Ungläubige nichts empfinde und blos Brot und Wein empfange. Diese Vorstellung ging auch in die öffentlichen Bekenntnisse der reformicten Kirche über. Die Protestanten nahmen daher mit der röm.- und griech.-kathol. Kirche eine substantielle Gegenwart des Leibes und Blutes Christi und einen Genuß dieser Substanz an, nämlich die Katholiken durch eine Verwandlung des Brotes und Weins in die Substanz des Leibes Christi, die Protestanten durch eine unbegreifliche Vereinigung beider; die Neformirten aber lassen blos eine dynamische Gegenwart des im Himmel verbleibenden Leibes Christi, und nur einen geistigen Genuß desselben mittels des Glaubens gelten. Die röm.- und griech.-kathol. Kirche lehrt, der Priester bringe bei der Feier des Abendmahls Gott ein wahres, aber unblutiges Opfer zur Sühnung der Sünden; die Protestanten aber lehren, daß nur eine Anwendung des einmal für immer dargebrachten Opfers für den Gläubigen zur Vergebung seiner Sünde und Bekräftigung seiner Wiedergeburt liattfinde. Den Gebrauch der Oblaten und das Nichtbrechen derselben behielten die Protestanten bei; die Neformirten aber brauchen Brot und brechen cs. Die Socinianer, Arminianer und Mennoniten betrachten das Abendmahl blos als einen von Christo eingesetzten Ritus zur symbolischen Feier der Erinnerung an dessen Tod und zur Danksagung für die durch Christum empfangene» Wohlthaten. So viel ist gewiß, daß die Ausdrücke bei der Einsetzung: „für euch gegeben, vergossen zur Vergebung der Sünde", sich nicht auf die einzusetzende Handlung, sondern auf das Sterben Christi beziehen, und also nicht eine Wirkung des Ritus und dessen Wiederholung, sondern eine Wirkung des Sterbens Jesv bezeichnen, daß mithin die Behauptung, daß der Communicant dadurch Vergebung seiner Sünden erlange, in den Worten der Einsetzung nicht liegt. Dieses würde nur der Fall sein, wenn Jesus gesagt hätte: solches thut, so oft ihrs thut, zur Vergebung eurer Sünden. Ebenso ist gewiß, daß die kathol. und die protestantische Lehre die Behauptung vorausseht, es komme dem Leibe und Blute Christi Allgegenwart und Unendlichkeit zu, um an so vielen Orten genossen und dadurch nicht consumirt zu werden, und die protestantische Concordienformcl stellte deshalb den Satz auf, daß jene Eigenschaften dem Leibe Christi durch Mittheilung der göttlichen Natur Christi zu Theil würden. Doch die Grundlosigkeit dieser Hypothese, sowie überhaupt die Erkenntniß, daß die Schrift die Handlung des Abendmahls als eine symbolische darstelle, und daß man nicht angeben könne, was nun eigentlich der Genuß des wirklichen Leibes Jesu für besondere Wirkungen haben solle oder könne, führte schon im vorigen Jahrh. die protestantischen Theologen, wie Zachariä, Reinhard, Storr, Knapp u. A., mehr zu der reformirten Meinung hin, daß nur eine dynamische Gegenwart und Wirkung des Leibes Christi anzunehmcn sei (praesentm operative), oder sic betrachteten das Abendmahl blos als eine symbolische Eedächtnißfeicr des Todes Jesu, wobei sic aber in Hinsicht der Wirkungen des Abendmahls und der Erklärung des Sinnbildlichen verschiedenen Ansichten folgten. Nach der Hcgel'schen Ansicht (bei Marheineke) ist das Abendmahl das Sinnbild des in seiner Schöpfung sich wiederfindenden Gottes. Nach der Einsetzung aber soll es offenbar nm das Sinnbild des für die Seinen sich opfernden Christus sein, daher die Wirkung der Abendmahlsfeier auch nur eine subjektive und moralische sein kann. Über das Ritual bei den verschiedenen christlichen Parteien vgl. Brenner, „Geschichtliche Darstellung der Eucharistie" Abendmahlsgerichte Abensberg 23 (Bamb. 1824) und Scheibe!, „Kurze Nachricht von der Feier des Abendmahls bei den verschiedenen Religionspartcien" (Bresl. 1824). Abendmahlsgerichte, s. Ordalien. Abendschulen oder Nachtschnlen sind solche Schulen, in welchen der Unterricht während der Abendstunden ertheilt wird. Sie sind zur Bildung solcher Kinder und jungen Leute bestimmt, welche durch Geschäfte und Arbeiten abgehalten werden, am Tage den Unterricht zu besuchen, und haben Nachhülfc oder Fortbildung, oder Elementarbildung überhaupt zum Zweck. Als Schulen für elcmentarische Bildung sollen sie die gewöhnliche Volksschule für solche Kinder ersetzen, welche den Tag über in Fabriken arbeiten müsse»; sie sind aber dann nichts als Nothbehelfc und nur in den dringendsten Fällen zulässig, denn die Kürze der Unterrichtszeit und die durch die Tagesarbeit herbeigcführte körperliche und geistige Erschöpfung und Abspannung der Kinder macht einen gedeihlichen Unterricht unmög- lieh. Daher sind auch im Königreiche Sachsen solche Abendschulen im Allgemeinen für unzulässig erklärt; vielmehr ist bestimmt worden, daß der Unterricht auch der in Fabriken arbeitenden Kinder in der Regel am Tage stattfinden soll- Nur als Nachhülfe- und Fortbildungsschulen für schon consirmirte Knaben sind Abendschulen im Allgemeinen zu empfehlen, wenn durch gehörige Aussicht von Seiten der Altern, Lehrmeister und der Police! verhütet wird, daß die Schüler bei nächtlicher Weile Unfug und Unsittlichkeiten auf der Straße sich gestatten. Aden Esra, eigentlich Abraham-ben-Meir-ibn-Esra, geb. um 1099 in Spanien, gest. 1174 in Rom, war einer der begabtesten Geister unter den Juden des > 2. Jahrh., ein kenntniß- und geistvoller Denker, scharfsinnig und sprachgewandt. Er verstand Hebräisch, Arabisch, Aramäisch, Mathematik, Astronomie und Heilkunde, war ein scharfer Beobachter, im Ausdrucke der Rede klar und kurz) nicht selten epigrammatisch witzig. Besonders hat er sich um hebräische Grammatik und Poesie, um Theologie und biblische Exegese und um die Astronomie bleibendes Verdienst erworben. Ohne Vermögen und vielleicht in Folge von Bedrückungen verließ er etwa um 1140—42 sein Vaterland, wohin er nie wieder zurückkehrte. Wir finden ihn später in der Lombardei, der Provence, Frankreich, Ägypten, Rhodus (1156) und England (1159); vielleicht hat er auch Palästina und selbst Indien besucht. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er in Rom zu. Fast an jedem Orte seines Aufenthalts hat er, bald aus eigenem Bedürfniß, bald nach dem Wunsche der ihm zuströmenden Schüler, grammatische, theologische, exegetische und astronomische Abhandlungen, oder im Aufträge von Gemeinden Synagogalgebete verfaßt. Auch hat er mehre arab. Werke ins Hebräische übertragen und Einzelnes selbst arabisch verfaßt. Er war mit seinen berühmten Zeitgenossen Jehuda Halevi aus Castilien und Jakob Tam aus Frankreich persönlich bekannt; Maimonides zog seine exegetischen Schriften denen seiner Zeitgenossen vor. Unter seinen Werken stehen die Commentarien zu einem großen Theile des Alten Testaments oben an; zum Pentateuch hat er später noch einen kürzer» Kommentar ausgearbeitet. Einzelne Theile dieser Arbeiten sind auch in lat. Übersetzung gedruckt. Von seinen astrologischen Werken, die er zum Theil aus dem Arabischen übertragen hat, sind einzelne Abtheilungen, wie „Ile oativitatibus" (Ven. 1485), „Opera nstrologica" (Ven. 1507), „ve Oisbus critieis" (Lyon I486), lateinisch erschienen. Mit Recht gilt A. mit Jehuda Halevi und Moses-ben-Esra als der Dritte in dem glänzenden Triumvirat der jüdischen Poesie seines Jahrhunderts. Bei den christlichen Schriftstellern des später« Mittelalters kommt er unter dem Namen Abenare oder Ävcnara vor. Abensberg , Landgericht und Stadt ssl der Provinz Nicderbaiern an der Abens, einem Nebenflüsse der Donau, hat 1200 E-, ein Mkneralbad mit schönem Garten und nicht unbeträchtliche Brauerei und Wollweberei. Man hält es für das Abasina oder Abasinum der Römer und bemerkt daselbst noch die Spuren eines röm. Lagers. A. ist Geburtsort des bair. Geschichtschreibers Thurnmayr, der sich darnach Aventin us (s. d.) nannte. Hier schlug am 20. Apr. 1809 Napoleon an der Spitze der Baiern und Würtemberger im Verein mit der großen Armee unter Davoust, Lannes und St.-Sulpice den linken Flügel der östr. Armee des Erzherzogs Karl unter Erzherzog Ludwig und General Hiller. Die Östreicher verloren dabei 88 Offiziere, 202:r Todse und Verwundete und 40oo Gefangene; 24 Abenteuerlich Abereromby mußten am 21. Apr. Landshut räumen, wurden über die Isar geworfen, gegen den Inn gedrängt und von dem rechten Flügel getrennt, der unter Erzherzog Karl am 22. Apr. bei Eckmühl (s. d.) geschlagen ward, am 23. Apr. Regensburg vergeblich vertheidigte und hierauf seinen Rückzug nach Böhmen verfolgte. Abenteuerlich (von dem lat. evontum, franz. »venture, ital. »Ventura, deutsch Ebcnteuer, später Abenteuer) nennt man bald das unnatürlich oder ungereimt Große, bald das falsch Wunderbare, dem es selbst an poetischer Wahrscheinlichkeit fehlt, bald das seltsam Thörichte, bald das auf Gerathewohl Unternommene. Das Wort kommt zuerst in den alten Nitterbüchern vor. Doch sind schon die klassischen und altnordischen Sagen, besonders aber die morgenländischen Märchen voll der abenteuerlichsten Erzählungen. Überall begegnet uns jener kriegerische Muth, der in Stolz auf seine Kraft der Gefahr als seinem Vergnügen nachgeht, kein Recht kennt als sein Schwert, und glühend ist in Haß wie in Liebe, der also Thaten verrichtet, die bald Staunen, bald Grausen erregen — ein Bild des wilden Heldengeistes im Jünglingsalter der Völker. Nach der zwiefachen Gattung solcher Erzählungen müssen wir auch ein zwiefaches Abenteuerliches unterscheiden: wahre Begebenheiten, nur phantastisch ausgeschmückt, und anderntheils fabelhafte Dichtungen voll ungeheurer Thaten, die das Gebiet des Möglichen übersteigen. Eine Eigenthümlichkeit der Ritterzeit war die Galanterie (s. d.), und diese brachte, verbunden mit dem Fehdegeiste, auffallende Erscheinungen hervor. Pflicht foderte zum Schutze des weiblichen Geschlechts «uf, und Liebe war der Preis der Tapferkeit. Liebesabenteuer kann man daher mit Reche die Thaten nennen, auf welche der Ritter für die Dame seiner Gedanken auszieht, und sti nem schwärmerischen Heldenmuthe, der Alles zu wagen bereit ist, kann es an sonderbaren Ereignissen, seltsamen Verwickelungen, kühnen Wagstücken nicht fehlen. Hierdurch erscheint das Abenteuerliche in neuer Gestalt als glücksritterliches Wagen, besonders in Beziehung auf Liebe. Soll sich das Abenteuerliche zum Stoff der schönen Künste, namentlich der Poesie, eignen, so muß cs frei und mit Bewußtsein als abenteuerlich behandelt werden, wie von Cervantes, Ariosto und Wieland geschehen ist. Alsdann erweckt es in uns das angenehme Gefühl des Komischen oder jenes eigene Vergnügen, welche das Romantische gewährt. Fehlerhaft aber ist das Abenteuerliche, wenn cs an sich als groß und erhaben gelten soll, sei es im Stoff, in der Zusammenstellung oder im Ausdruck. Abereromby (James), Baron von Dunferline, der frühere Sprecher des brit. Unterhauses, geb. 7. Nov. 1776, ist der dritte Sohn des brit. Generals Sir Ralph A., geb. > 7::8, der seine heldenmüthige Laufbahn in Folge der in der Schlacht bei Alexandria in Ägypten am 2l. März 180t erhaltenen Wunden am 28. März auf dem Schiffe beschloß, das ihn nach Malta bringen sollte, wo er in St.-Elmo begraben wurde. Seine Familie stammt aus einem alten Geschlechte Schottlands, und Humphery de A. wird bereits unter dem Könige Robert Bruce erwähnt. A. kam 1832 als einer der Vertreter der Stadt Edinburg in das Parlament und 1833 wurde er Münzmeistcr und Mitglied des ersten Melbourne'schen Ministeriums. Durch seine Erhebung zum Sprecher des Unterhauses im I. 1835 erlangte er eine Berühmtheit, wozu die Natur ihn gar nicht bestimmt zu haben scheint. Denn bis dahin, obgleich in allen Verhältnissen des Lebens ein redlicher Mann, hatte er sich eigentlich durch nichts bemerkbar gemacht, als daß er dem Grundsatz fortschreitender Verbesserung huldigte, und daß er die Abschaffung einer kostspieligen, nutzlos gewordenen richterlichen Würde, die er in Schottland bekleidete, selbst empfahl, und sich mit einem geringem Jahrgehalte von 2600 Pf. St. begnügte. Es war aber gerade die Achtung, die er sich durch seine geräuschlosen Tugenden erworben hatte, welche ihm bei de?Sprecherwahl, wo man so ungern Parteirück- stchten zu folgen pflegt, unter 622 Stimmenden 1V Stimmen mehr als seinem Gegner Sir Charles Manners Sutton, jetzigem Viscount Canterbury, verschaffte. Da die Tories keine Möglichkeit sahen, ihre Gegner zu überstimmen, so wurde A. auch vom Untcrhause, welches 1837 nach dem Regierungsantritte der Königin Victoria berufen wurde, ohne allen Widerstand aufs neue zum Sprecher gewählt. Im I. 1839 legte er seine Stelle als Sprecher nieder und wurde zum Baron von Dunformline ernannt, wodurch er einen Platz im Oberhause erhielt. — Sein Sohn Ralph A. ist außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister Großbritanniens am Hofe zu Florenz. Aberdeen Aberglaube 25 Aberdeen, eine mit dem Cap Kinnaird nordöstlich in die Nordsee vorspringende Grafschaft des Mittlern Schottlands, zwischen Banff und Jnverncß im Nordwesten und Perth, Angus (Forfar) und Kincardine im Süden, umfaßt 92 IHM. mit 17165» E. Der südwestliche Theil wird vom Grampiangebirge und nordöstlichen Verzweigungen zu einem rauhen, in Hochmooren, dichten Waldringen und wilden Felspartien wechselnden Bcrglande gemacht, in welchem derBen-na-Muic-Duh (-1320 F.), der Cairntoul (-1245 F.), der Cairn- gorm (4095 F.) und der Benavon (3964 F.) die ausgezeichnetsten Gipfel sind, und welches nordöstlich zu einem wellenförmigen, größtentheils ebenen Hügellande übergeht. Doch sind die Küsten felsig, von Riffen umgeben und zum Theil ausgehöhlt, wie z. B. die Bullers von Buchan einen vom Meere durchbrochenen Felsbogen von 50 F. Weite zeigen. Zu den Hauptflüffen gehört der banffer Grenzfluß Deveron, der Ugie, der MH an, in welchem Perlenfischerei betrieben wird, der Don mit dem Urie und der Dee. Das Klima ist trotz der durch herrschende Winde erzeugten Veränderlichkeit bei der offenen Lage am Meere ein mildes. Die Bewohner betreiben Bergbau, Viehzucht, Fischerei und beträchtlichen Handel; auch hoben sich in neuerer Zeit der Ackerbau und die Industrie auf Baumwollen- und Leinenzcuge, Seiler- waaren und Strumpfstrickerei. Die Haupstadt der Grafschaft ist Aberdeen, gcthcilt durch den Dee in Neu-und Alt-Aberdeen, welche beide Stadttheile durch eine schöne, aus einem einzigen Bogen von 132 F. bestehende Brücke miteinander verbunden werden und zusammen 58000 E. haben. Die Collegien beider Orte bilden eine Universität mit reichen Hülfsmitteln, aber untergeordneter Wirksamkeit. Die ansehnlichen Manufacturen in Wollen-, Baumwollen- und Leinenwaaren, mehre Eisengießereien, Schiffbau, Ausfuhr von Granitplatten und Mühlsteinen, Grönlandssischerei und Lachsfang im Don und Dee sind Hauprhebel eines sehr bedeutenden Handels. Der sonst gefährliche Hafen ist jetzt geschützt durch einen 1200 F. langen Granitdamm und vertheidigt durch zwei Batterien. Aberdeen (George Gordon, Graf von), brit. Staatssecretair des Äußern, aus einem alten schvtt. Geschlechte, machte sich, nachdem er den Kontinent bereist und sich längere Zeit in Griechenland aufgehalten hatte, zuerst 1804 durch die Stiftung der ^tllenisn 8ociet)- in London bekannt, in welche Niemand ausgenommen wurde, der nicht eine Reise nach Griechenland gemacht. Zm I. 1813 erhielt er eine wichtige Sendung an den östr. Hof, den er zum Eintritt in den Bund gegen Napoleon bewog, und mit dem er am 3. Oct. 1813 zu Teplitz die vorläufigen Bedingungen dazu abschloß. Zum außerordentlichen Botschafter am östr. Hofe ernannt, leitete er die Vereinbarungen zwischen Murat, dem König von Neapel, und Ostreich ein, sah jedoch seine Bemühungen durch den Schritt Murat's im I. 1815 vereitelt. Seit 1814 zum schott. Pair ernannt, zeigte er sich im Obcrhause fortwährend als entschiedener Tory. Im J. 1828 ward er Minister der auswärtigen Angelegenheiten im Ministerium Wellington's. In dieser Stellung ging er ganz von dem zeither befolgten politischen Systeme Canning's ab, indem er, als Freund Metternich's, so viel als möglich im Sinne der östr. Politik handelte. So mißbilligte er die Schlacht bei Navarin, obschon er mit Frankreich und Rußland die ersten Protokolle in Betreff Griechenlands unterzeichnet, und handelte zu Gunsten Dom Miguel s, den er erst kurz zuvor im Parlamente ein „Scheusal neuer Art" genannt hatte. Bei der durch die Reformaufregung herbeigeführten Auflösung des gesummten Wellington'schen Ministeriums am 16. Nov. 1830 legte auch er seine Stelle nieder. Seit dieser Zeit war er im Parlamente einer der entschiedensten Gegner aller liberalen Maßregeln der nun folgenden Whigministerien und ein eifriger Freund der Sache Dom Miguel's und des Don Carlos, für welchen Letzter» er sich auch außerhalb des Parlaments, im Gegensatz zur Politik der Whigs, auf mannichfache Art thätig zeigte. Zn dem kurzen torystischen Zwischenministerium Peel- Wellington vom 14. Nov. 1834 bis 8. Apr. 1835 bekleidete er die Stelle eines Colonialministers, und in dem nach Melbournes Sturz 1841 gebildeten Peel'schen Ministerium ward er wieder Minister des Auswärtigen, doch suchte er jetzt, indem er im Geiste seines Vorgängers Palmerston handelte, weit weniger wie früher, seinen ultratorystischen Tendenzen und Neigungen Geltung zu verschaffen. Aberglaube ist so viel als Afterglaubc, d. h. falscher Glaube, 8,i,>k-i-8titio. Es drücken diese Worte eine gewisse Schwäche und Befangenheit in Beziehung auf den Glauben an das Göttliche aus. In dieser Beschränkung gehören Zrrthümer, Fehlschlüsse, Thorheiten auf 26 Aberli Abführen dem sinnlichen Lebensgebietc nicht zum Aberglauben. Abergläubige Meinungen sind vielmehr vornehmlich solche, welche Das als Wirkungen aus der Geisterwclt anschen, was auf naturgemäße Weise erklärt werden muß, z. B. Glaube an Hexerei, Schutzkraft der Amulett, Heilkraft geweihten Wassers und priesterlicher Segenssprüche u. s. w. Mit Recht hat man daher gesagt, das Wesen des Aberglaubens bestehe in einer falschen Anwendung des Causalitäts- gcsetzes, wie denn auch die Fortschritte der Naturwissenschaften sich als das kräftigste Mittel gegen den Aberglauben bewährt haben. Die Verwandtschaft zwischen Aberglauben und Unglauben legt ein Zeugniß theils dafür ab, wie unabweislich das religiöse Gefühl im Gemüthe des Menschen liege, theils dafür, daß, wo die religiöse Anlage unentwickelt ist, es auch mit Sinn und Verstand nicht besser stehe. Der Aberglaube wirkt in Rücksicht auf das bürgerliche Leben noch viel verderblicher als der Unglaube; über die Pflicht, ihm entgegen zu arbeiten, ist daher kein Zweifel, wie sehr es auch im Interesse einer engherzigen Politik liegen mag, das Volk im Dunkel religiöser Unklarheit zu erhalten. Aberli (Joh. Ludw.), ein durch seine Schwcizeransichten berühmter Zeichner, gcb. 1723 zu Winterthur, war ein Schüler Joh. Grimm's in Bern und malte anfangs Por- traits. Als jedoch die Neigung für Landschaftsmalerei bei ihm die Oberhand gewann, ging er 1759 mit seinem SchülerZingg nachParis. Später kehrte er nach Bern zurück, wo er nun große Achtung genoß und 178V starb. Er kann als der Erfinder und zugleich als einer der ausgezeichneten Meister des sehr ausgebreiteten Zweiges der Kunstindustrie in illuminirten Schweizerlandschaften und Volkstrachten genannt werden; Rieder, Bidermann u. A. m. sind ihm hierin gefolgt. Abernethy (John), ein ausgezeichneter Chirurg, wurde 1763 zuDerby in Irland geboren, erhielt aber seine Erziehung zu London, wohin seine Altern bald nach seiner Geburt gezogen waren. Ein Schüler I. Huntcr's, suchte er besonders vom anatomischen Standpunkte aus die Chirurgie zu cultiviren, und zwar mit so glänzendem Erfolge, daß er nicht nur bald als Lehrer der Anatomie und Chirurgie am Collegium der Wundärzte angestcllt, sondern auch mit der Stelle eines Directors am Bartholomew-Hospital, bekleidet ward, dessen Schule und vortreffliches pathologisches Museum seinen Bemühungen ihr Dasein verdanken. Wenngleich sein schroffes Benehmen ihn seinen Collegen immer mehr entfremdete, so wurden ihm doch zahlreiche Auszeichnungen zu Theil. Er starb, in England wie im Auslande seines Wissens und seiner Kunst wegen geachtet, am 26. Apr. 1831 zu London. Unter seinen Schriften haben die Classification der Geschwülste und die Werke über Pseudosyphilis, worin, er die Mehrheit der Contagicn vertheidigte, die meiste Anerkennung gefunden; sie erschienen unter dem Titel: „8„rgic»I sn<> ptl)-si»loßßcnl Morles" (4 Bde., Lvnd. 1831). Aberration, s. Abirrung des Lichts. Aberwitz bedeutet, je nachdem man es von Afterwih, Überwitz oder Ohnewitz ableitet, entweder ein falsches, übertriebenes oder durchaus mangelhaftes Wissen, vorzugsweise ein falsches, aber eingebildet höheres Wissen bei Mangel an Beurtheilungskraft. Nimmt man Witz im gewöhnlichen Sinne, so bedeutet Aberwitz jene zum Unwitz, ja zum Unsinn übertriebene Abart desselben. In diesen Fehler verfallen Schriftsteller, die, um witzig zu scheinen, dem Auffallenden nachjagen. Sie machen Zusammenstellungen, die ein gesunder Verstand nicht belachcnswerth finden kann, sondern verwerflich erachten muß. Dasselbe ist auch beim Wahnwitz der Fall, nur mit dem Unterschiede, daß dieser von eingebildeter Ähnlichkeit verglichener Gegenstände verführt wird, während jener auf eine ungereimte Weise Ähnlichkeiten mit Bewußtsein macht, daß also dort das Falsche in der irrigen Vorstellung von dem Gegenstände, hier in dem Witze selbst liegt. Der Aberwitz als Seelcnkrankheit betrachtet, entsteht aus Überspannung des Verstandes und ist mit Stolz auf ein tieferes Wissen verbunden, das der Kranke als Geheimniß verwahrt, z. B. Ergründung der Quadratur des Kreises. Abführen nennt man in der Heilkunde die kunstgerechte Beförderung der excreticllen Function des Darmkanals oder die absichtlich herbeigeführte verstärkte Darmausleerung. Die Abführmittel (täatkartica, se meckicainina) theilt man nach dem Grade der Stärke ihrer Wirkung in Laxantia, Purgantia und Drastica. Zu den erster« gehören die milden fetten Öle und die Manna, ferner die Neutralsalze, Cremortartari, Glaubersalz, schwefelsaure Magnesia in mäßigen Dosen, welche die eigentlichen Laxantia bilden, und da sie zugleich die Abgaben Abgüsse 27 Plasticität des Blutes vermindern, den Beinamen der antiphlogistischen Abführmittel erhalten haben; in stärkern Dosen bilden sie mit dem Kalomel, Schwefel, Rhabarber, der Zalape und den ranzigen Ölen die Classe der Purgantia; als Drastica endlich werden angewendet Jalapenharz, Aloe, Gummigutti, Coloquinthen und Crotonöl. Die geeignetste Zeit für die Anwendung sämmtlicher Abführmittel ist der Morgen, wo überhaupt der Verflüssigungsproceß und mit ihm die Ercretionen vorherrschen; die Laxantia eignen sich am besten für das kindliche Alter und weibliche Geschlecht, sowie für schwächliche, reizbare Personen; die Purgantia für die Blütenjahre und da, wo eine übermäßige Plastik zu mindern, eine üppige Vegetation herabzusehen und ein zu gewaltiger Sturm in der Reaction des Gefäßsystems zu brechen ist, daher sie auch die Hauptmittel bei Entzündungen und entzündlichen Fiebern bilden. Der Arzt bedient sich ihrer nämlich überall da, wo er die Aufgabe hat, eine kräftige Krise durch den Darm herbeizuführen; da dies nun zu bestimmten Zeiten unter Vermittlung der epidemischen Constitution, welche deshalb auch die gastrische heißt, bei der Mehrzahl der Krankheiten der Fall ist, so wurde das Abführen überhaupt zu einer be- sondern Heilmethode erhoben, diese sogenannte abführende Methode, welche von Alters her schon mit der Schwitzmethode um den Vorrang stritt und diese seit den Zeiten des dreißigjährigen Krieges verdrängte, machte sich vorzüglich zu den Zeiten M. Stoll's geltend, wo sie selbst unter dem Volke so heimisch wurde, daß in jeder Hauswirthschaft besonders die Kinder alle vier Wochen ihre Dosis Rhabarber bekamen. Zwar wurde sie durch den Austritt der nervösen Constitution zu Ende des vorigen Jahrh., welche in Brown ihren therapeutischen Repräsentanten fand, verdrängt, doch gelang es ihr, wie zu Sydenham's Zeit, seit demJ. >811, wenn auch nicht als Methode, doch als Curverfahren sich wieder Geltung zu verschaffen. Die Drastica eignen sich besonders für das männliche Geschlecht, namentlich wenn cs gilt, eine kräftige Resorption und wässerige Ausscheidungen durch den Darm herbeizuführen, daher sie auch als sogenannte Hydragoga bekannt sind. Abgaben s. Steuern. Abgar mit dem Beinamen Uchomo, d. i. der Schwarze, Beherrscher des osrhoeni- schen Reichs zu Edessa in Mesopotamien, war ein Zeitgenosse des Augustus und Tiberius Die Unechtheit seines seine Heilung betreffenden Briefwechsels mit Christus, der zuerst im Anfänge des 4. Jahrh. von Eusebius erwähnt wird, erhellt unter Anderen schon daraus, daß in dem Schreiben Jesu Stellen aus dem Evangelium citirt sind. Im Bilderstreite kam auch ein Bild Christi zur Sprache, welches dieser an A. gesendet haben sollte; der Besitz desselben ist jetzt zwischen Rom und Genua streitig. Abgott wird am meisten im uneigentlichen Sinne gebraucht von Dingen, bieder Mensch als sein höchstes Gut achtet; in diesem Sinne sagt man von einem Geizigen: das Geld ist sein Abgott, oder von einem Verliebten: er betet seine Geliebte an. Es verrückt demnach diese Art der Abgötterei das sittliche Lebensziel des Menschen, indem ein sinnlicher Gegenstand ihn dermaßen beschäftigt, daß er an seine höhere Bestimmung gar nicht zu denken vermag. Als religiöse Denkart betrachtet, ist Abgötterei die göttliche Verehrung eines Wesens, das nicht Gott ist; sie fällt meist mit I d o l o l a t r i e (s. d.) zusammen und wird zum Polytheismus (si d.). Zu schwach an Vernunft, um das höchste Wesen in seiner Einheit und als etwas Übersinnliches zu denken, stellt der Mensch hier die Kräfte der Natur rmd Alles, was ihm besonders wichtig ist, unter Bildern dar, denen er die höchste Ehrfurcht beweist. Diese Wahrnehmung können wir bei allen auf einer noch nieder» Stufe der geistigen Ausbildung stehenden Völkern machen. . Ein solcher Abgott war das goldene Kalb der Israeliten in der Wüste, der Apis bei den Ägyptern, sowie in erzkatholischen Ländern die Monstranz, welche der gemeine Haufe den Herrgott nennt. Die unterste Stufe ist der Fetischismus (s. d.). Abgüsse nennt man die Nachformungen von Werken der bildenden Kunst durch Ausgießung einer weichen, nach und nach sich verhärtenden Masse. Behufs des Abgusses überzieht man zunächst das Original, und zwar wenn es ein vollkommen rundes Bild ist, mit Gyps oder Thon, halbrunde auch mit Wachs, Schwefel, Glas oder Metall, und nimmt die Masse, wenn sie erhärtet ist, mit Sorgfalt ab. Auf diese Weise erhält man einen Abklatsch (s. d.), d. i. eine Form, welche, was im Original vertieft ist, erhaben, und was dort erhaben 28 Abhärtung Abildgaard ist, vertieft darstellt. Wird nun diese Form wieder mit einer weichen fügsamen Masse aus- gcgossen, so gewinnt man ein das Original treu darstellendes Abbild, welches Abguß genannt wird. Ganze Körper können natürlich nicht auf einmal, sondern nur stückweise abgeformt werden. Dadurch entstehen auf den Abgüssen feine erhöhte Streifen, sogenannte Nähte, , welche dann oerschnitten und polirt werden, wodurch aber allerdings zuweilen ein zarter Übergang verloren geht, weshalb Kenner den Abgüssen mit Nähten vor den polirten den Vorzug geben. Unter den Sammlungen von Gypsabgüsscn ist die Mengs'sche Sammlung in Dresden vorzüglich berühmt. Abgüsse aus bloßer Töpfererde werden ungleich und verschwinden aus ihren Verhältnissen- sie verkürzen sich um mehr als den sechsten Theil. Abhärtung nennt man gewöhnlich dasjenige diätetische Verfahren, wodurch der Körper gegen nachtheilige äußere Einwirkungen unempfindlich gemacht und die Muskelkraft möglichst erhöht wird. Im Allgemeinen dienen dazu einfache, aber kräftige Kost, Mäßigkeit in allen Genüssen, Aufenthalt in freier, reiner Luft, starke Bewegung und Stärkung des in- nern Lebens. Kälte stärkt und Wärme schwächt den Körper in der Regel; aber auch jene wirkt in höhern Graden schwächend, und diese im mäßigen Grade stärkend. Die Abhärtung ist besonders Gegenstand der Erziehung und wird in der Regel bewirkt ohne absichtliche Veranstaltungen durch die ganze Lebensweise des Kindes und das Beispiel der Erwachsenen. Oft aber, und namentlich bei weniger cultivirten Völkern, z. B. Russen, Tataren, Irokesen u. s.w., wird die Abhärtung der Kinder durch Eintauchen der Neugeborenen in kaltes Wasser, leichte Bekleidung, Entziehung der Nahrung für einige Zech Tattowiren und andere Mittel absichtlich herbeigcführt. Auf der höchsten Stufe erscheint diese abhärtcndc Erziehung bei den Spartanern, auch bei den Kretern, überhaupt in den dorischen Staaten Altgriechenlands. Bei den Römern findet sich eine solche abhärtende Erziehung nicht; aber sie gewöhnten die Jugend früh an Mäßigkeit und Enthaltsamkeit, und nur in der spätem Zeit versanken sie in Weichlichkeit. Während des Mittelalters wurde namentlich bei den germanischen Stämmen der Körper abgehärtet, jedoch ohne künstliche Mittel; aber nach dem Untergange des Ritterthums und mit dem Emporkommen größerer geistigen Cultur wurde die Erziehung weichlich. Das Verkehrte daran sah man zuerst in England ein, von wo aus sich gegen das Ende des 18. Jahrh. auch nach Deutschland eine streng abhärtende Erziehung verbreitete, die in arge Übertreibung verfallend, schon aus Knaben Herculcsse machen wollte. Durch Baden kleiner Kinder in kaltem Wasser, hartes Nachtlager, leichte Bekleidung, Hungernlassen, durch eine Menge körperlicher Übungen suchte man die Abhärtung zu bewirken. Eine solche Übertreibung schadet aber weit mehr als sie nützt. Denn sie ist unfern Culturverhältnissen nicht angemessen und der Natur entgegen, die für das jüngere Lebensalter einen gewissen Wärmegrad, Weichheit und Bequemlichkeit fodert. Sie wirkt eher nachtheilig und zerstörend auf den Organismus ein, besonders bei schwächlichen Kindern; sie bringt die zarten Wesen um die Weichheit und Süßigkeit ihres Kindesalters; sie ertödtet die Zartheit und Sanftheit des Gemüthes und macht unempfindlich wie gegen den Schmerz, so gegen die Freude; sie raubt selbst dem Körper Biegsamkeit, Geschmeidigkeit und Gewandtheit. Die. Erziehung muß der Verweichlichung hauptsächlich dadurch entgegenwirken, daß sie der Jugend alle nicht noth- wendigen Bedürfnisse so viel als möglich entbehrlich zu machen sucht, wobei aber die Cultur- verhältnisse, körperliche Constitution, Alter, Geschlecht und selbst der Stand zu berücksichtigen sind. Dadurch, sowie durch angemessenekörperliche Thätigkeit und Kräftigung des innern Lebens, erhält der Körper Energie, um nachtheiligen Einflüssen zu widerstehen. Die gewöhnlichen gymnastischen Übungen sind zur Abhärtung nur mit größter Vorsicht zu gebrauchen , kleine Fußreisen aber besonders zu empfehlen. Die Abhärtung einzelner Theile und Glieder des Körpers, wozu hin und wieder Vorschriften und künstliche Mittel angegeben werden, ist ohne Werth, jameist mehr nachtheilig. Vgl. Hoppe, „Wie härtet man die Haut ab? Mit Darlegung der gesammten Abhärtungslehren beantwortet" (Berl. 1839). Abildgaard ist der Name einer in Dänemark berühmten Familie. Sören A., gest. 1791, lieferte genaue Zeichnungen verschiedener Denkmäler des nordischen Alterthums, indem er in dieser Hinsicht auf öffentliche Kosten Dänemark bereiste. — Sein ältester Sohn, Peter Christian A., gest. 1891, war Stifter der Veterinairschule zu Kopenhagen, sowie der Na- turhistorischen Gesellschaft daselbst. Mehre seiner Schriften finden sich in den Sammlun- 29 intestato Ablaß ge» dieser Gesellschaft, und in den der Königl. dän. Gesellschaft der Wissenschaften. — Sein jüngerer Bruder, Nicolai Abraham A., geb. zu Kopenhagen 1744, gcst. daselbst 4. Juni ISO!» als Dircctor und Professor der Kunstakademie, war ein Maler von seltenen Gcistes- gaben und besonderer Kraft in der Ausführung seiner phantasicrcichen, originellen Ideen. Ein fünfjähriger Aufenthalt in Italien vollendete seine künstlerische Bildung. In den Schöpfungen seiner fruchtbaren Phantasie spricht sich oft eine düstere, wiewol immer große und feierliche Natur aus, doch zeigt sich in seinen zahlreichen historischen Gemälden ein heiter erhabener Stil; vorzüglich ausgezeichnet war er im Colorit. Von der bedeutenden Zahl seiner großen historischen Gemälde im Residenzschlosse Christiansburg wurden beim Brande im I. l7!>4 nur wenige gerettet, doch sind von ihm in und außer Kopenhagen noch viele zum Theil größere Bilder vorhanden. Seine Bibliothek wurde für die königl. Kunstakademie angekauft. Unter seinen Schülern steht Thorwaldsen oben an. Li» intestato, s. Erbfolge. Abipöner, ein berittener Kriegerstamm der Indianer von etwa 5000 Köpfen, zwischen 28" und 30" südl. B.,am Ufer des Plata. Die Männer sind hoher Statur, gute Schwimmer und lieben das Tattowircn.. Ihr Anführer im Kriege ist auch Richter im Frieden. Jagd und Fischfang geben ihnen Nahrung; lange Lanzen und Pfeile mit eisernen Spitzen sind ihre Waffen. Während der Regenmonate zieht der ganze Stamm entweder nach den Inseln des Platastroms oder baut sich Hütten in den Baumgipfeln. Abirrung des Lichts oder Aberration nennt man den Abstand des Orts, an welchem wir einen Stern am Himmel erblicken, von demjenigen, an welchem er uns erscheinen würde, wenn entweder die Erde still stände oder das Licht zu seiner Fortpflanzung von einem Punkte zum andern gar keine Zeit brauchte. Beide Ursachen, die Bewegung der Erde um die Sonne und die Fortpflanzung des Lichtes, bewirken vereint, daß wir, um einen Stern im Fernrohre zu sehen, das letztere in eine Lage bringen müssen, welche mit der nach dem wahren Orte des Sterns gehenden Richtung einen kleinen Winkel bildet, und zwar müssen wir es in derselben Richtung, in welcher die Erde sich bewegt, weiter vorwärts neigen. Jener Winkel aber ist desto kleiner, je größer die Geschwindigkeit des Lichts, das in einer Secunde 42000 M. zurücklegt, im Vergleiche zur Geschwindigkeit der Erde ist, welche sich ungefähr l OOOO mal langsamer bewegt, und beträgt höchstens 20 Secunden. Daraus folgt, daß der scheinbare Ort eines Sterns um den wahren einen kleinen Kreis oder vielmehr eine Ellipse beschreibt, deren große Achse 40 Secunden beträgt; diese scheinbare Bewegung dauert so lange als die Bewegung der Erde um die Sonne, d. h. gerade ein Jahr; nach Ablauf desselben erscheint der Stern genau wieder an demselben Orte als zu Anfang des Jahres. Die Abirrung des Lichts wurde 1727 von dem engl. Astronomen Bradley entdeckt, der bei dem Versuche, die Parallaxe mehrer Fixsterne zu bestimmen, scheinbare Ortsveränderungen bemerkte, die auf keine andere als die eben angegebene Art erklärt werden konnten. Übrigens liefert die Abirrung des Lichts einen neuen Beweis für die Bewegung der Erde um die Sonne und bestätigt zugleich die von dem dän. Astronomen Römer aufgefundene Geschwindigkeit des Lichts. Eine erschöpfende Theorie der Abirrung des Lichts lieferte Bessel in Königsberg; auch lieferte er und vor ihm Zach die besten Tafeln. Abklatsch nennt man eine vertiefte Copie eines erhabenen Gegenstandes, z. B. eines Holzschnittes, durch Abdrücken des letzter« in einem plastischen Material, zu dem Behufe erzeugt, um dann mittels dieser Form durch Abguß eine dem Original gleiche, ebenfalls erhabene Copie zu erhalten. (S. Clichiren.) Ablactiren nennt man eine Baumveredelungsart, die nur unter gewissen Umständen anwendbar ist und darin besteht, daß man einen jungen Wildling neben einen jungen Zweig eines edeln Baums pflanzt oder in die Nähe desselben in ein Gefäß mit Wasser bringt und beide so miteinander zu vereinigen sucht, bis letzterer in erstcrm festgewachsen ist. Zu diesem Zweck schneidet man die Krone des Wildlings glatt ab, spaltet den Stamm oben, biegt das Edelreis herab, schneidet es etwas keilförmig und fügt es in den Wildling ein. Die Stelle, wo das Edelreis cingefügt ist, wird mit Bast verbunden und mit Banmwachs verklebt, sobald das Reis zu wachsen anfängt, wird es von dem Mutterstammc losgetrennt. Ablaß oder Jndulgenz. An die Bußbcstimmungen der alten Kirche (s. Buße) ZÜ Ablaß war man nie so streng gebunden, daß die Kirchenvorsteher aus Rücksichten, oder wenn sie glaubten, den Zweck auf eine leichtere Art erreichen zu können, nicht auch in einem besondern Falle etwas davon nachgelassen hätten. Aber es geschah dies immer blos in einzelnen Fällen und nachdem man die genauesten Erkundigungen über Den sich verschafft hat, der eines solches Nach - oder Ablasses thcilhaftig werden sollte, und nie ward die ganze Kirchenbußc, sondern nur ein Thcil derselben nachgelassen. In den meisten Fällen war es nicht Erlaß, sondern nur Vertauschung der Büßungen. Gerade diese Vertauschung aber wurde der Grund des später» Unfugs. Schon im 8. und 9. Jahrh. gestatteten die Bußbücher mit Anbequemung an die Rcchtsvcrfassung der abendländischen Völker, sich von Kirchenstrafen durch eine bestimmte Geldbuße loszukaufen. Seit dem Concil von Clermont (l995—96) galt Teilnahme an oder Geldbewilligung zu einem Kreuzzuge statt der Buße und verschaffte den päpstlichen Bullen zufolge entweder gänzlichen oder theilweisen Erlaß der kanonischen und selbst göttlichen Strafen (vollkommenen oder unvollkommenen Ablaß). Denselben ver- willigken die Päpste allmälig auch Denen, die ein Almosen zu kirchlichen Bauten gaben oder eine gewisse Kirche an bestimmten Tagen besuchten; ja endlich ging es so weit, daß man durch dergleichen stamme Werke auch Ablaß für zukünftige Sünden sowie für die im Fegefeuer Leidenden erwerben konnte. Die öffentliche Kirchenbuße siel dadurch gänzlich. Es schlichen sich immer mehr bedeutende Misbräuche ein, und der Greuel war groß. Unter dem Vorwände des Almosens zu guten Werken ward der Ablaß zu einer indirecten Besteuerung der Christenheit. Man schlug ihn selbst auf mehren deutschen Reichstagen vor, z. B. I t<>6 zu Nürnberg, um Geld zum Türkenkriege aufzubringen. In der Regel theiltcn der Papst, die Bischöfe und weltlichen Regenten; aber zuweilen griffen die Letzter» auch von selbst zu, wie 1599, wo das Neichsregiment das für den Papst beim Jubiläum cingesam- melte Geld wegnahm und dem päpstlichen Legaten zu seinem Unterhalte nur ein Drittel zukommen ließ. Unter solchen Umständen, wo das Heilige zu schnödem Gewinne gemisbraucht wurde, mußten nothwendig verkehrte Begriffe über den Ablaß und dessen Kraft unter dem Volke entstehen, wozu auch die Ablaßprediger nach besten Kräften beitrugen (S. Tezcl.) Der von Leo X. ausgeschriebene Ablaß war die erste Veranlassung zur Reformation gewesen, und fortwährend wurde während der deutschen Reformation über die Misbräuche des Ablasses die bitterste Klage geführt. Es war daher die Aufgabe der zu Trient versammelten Kirchenväter, diese Misbräuche öffentlich zu misbilligcn, damit nicht als Dogma der Kirche erscheine, was nur durch Einzelne eingerissen war. Das Concilium foderre zuvörderst die Herstellung der öffentlichen Buße für öffentliche Sünden mit folgenden Worten: „Der Apostel (Paulus an den Timotheus) verordnet, daß man Jeden, der öffentlich gesündigt hat, öffentlich mit Verweisen belege. Wenn also von Jemand ein Verbreche» im Angesichte Vieler begangen ist, von dem nicht zu zweifeln, daß dadurch Andern ein böses Beispiel gegeben worden, so soll Diesem eine seinem Vergehen angemessene öffentliche Buße aufgelegt werde,:, damit er Diejenigen, welche er durch sein böses Beispiel zu böser Gesittung aufgefodert hat, durch das Zeugniß seiner Besserung auf den rechten Weg zurückrufe. Der Bischof kann aber diese öffentliche Buße in eine geheime verwandeln, wenn er dies zweckmäßiger findet." Über den Ablaß selbst erließ das Concilium in seiner letzten Sitzung den Beschluß: „Da die Macht, Ablässe zu crtheilen, der Kirche von Christus verliehen ist, und sie diese ihr göttlich crtheilte Gewalt schon zu den ältesten Zeiten ausgeübt hat, so lehrt und verordnet die heilige Synode, daß der dem christlichen Volke sehr heilsame und durch das Ansehen heiliger Concilicn bestätigte Gebrauch der Ablässe in der Kirche beizubehalten sei, und belegt Solche mit dem Anathema, welche sie entweder für unnütz erklären, oder, daß selbe zu crtheilen in der Kirche die Gewalt sei, bestreiten. Sie will jedoch, daß in Ertheilung der Ablässe, nach der alten und in der Kirche bewährten Gewohnheit, Ziel und Maß gehalten werde, damit die kirchliche Disciplin durch zu große Leichtfertigkeit nicht entkräftet werde. Da die Kirche aber will, daß die hier cingeschlichenen Misbräuche, durch deren Gelegenheit dieser erhabene Name der Ablässe von den Jrrlehrern beschimpft wird, abgestcllt und verbessert werden, so verordnet sie durch gegenwärtiges Decret allgemein, daß alle die schändlichen, hier vorkommenden Geldgewinnste, aus denen beim christlichen Volke die mehr- sten Ursachen der Misbräuche entstanden sind, gänzlich aufgehoben werden. Da aber die Ableger Ableitende Methode 31 übrigen Misbräuchc, welche aus Aberglauben, Unwissenheit, Unehrerbictigkeit, oder wo sonst immer her entstanden sind, wegen der verschiedenartigen Verderbnisse der Orte und Provinzen, wobei sie Vorkommen, nicht füglich spcciell hier verboten werden können, befiehlt die Sy- node allen Bischöfen, daß sie, ein jeder, dergleichen Misbräuchc ihrer Kirche fleißig sammeln und in der ersten Provinzialsynodc Vorbringen, damit sie auch durch der andern Bischöfe Ur- theil für Misbräuchc anerkannt, sofort dem obersten Bischöfe zu Nom vorgetragcn werden, nach dessen Ansehen und Weisheit, was der allgemeinen Kirche angemessen ist, bestimmt werden soll, sodaß das Amt der heiligen Ablässe fromm, heilig und unverdorben für alle Gläubige verwaltet werde." Ein großer.Thcil der katholischen Kirche legt aber Dem, was von dem Concilium nur disciplinarisch aufgestellt worden ist, keine bindende Kraft bei. In keinem Falle ist die Lehre vom Ablaß als ein Dogma der katholischen Kirche, sondern blos als Hosthcologic anzusehen. Begründet ward dieses Dogma zuerst von den Scholastikern Alexander von Hales und Thomas von Aquino durch die Lehre von überfließenden Verdiensten und vom Schatze guter Werke, den die Kirche besitze, welche später durch Papst Clemens VI. 1 Ü 42 bestätigt wurde. Man nahm nämlich an, daß Christus mehr gelitten als zur Erlösung nöthig gewesen sei, daß Maria und alle Heiligen mehr Gutes, als von ihnen verlangt worden, auf Erden gestiftet hätten. Das, was Jene zu viel gethan, gehe der Kirche zugute, und diese könne nun nach Umständen Denen aushelfen, die, statt Tugend zu üben, Sünden begangen hätten, wodurch der Schuldbeladene ein Gerechter und von den künftigen Strafen befreit werde. Soll der Ablaß in der Kirche bestehen, so kann dies nur in der ältesten Art und Form geschehen, sodaß er Milderung oder Erlaß der kirchlichen Bußen ist. In jeder andern Bedeutung, welche ihm spätere Jahrhunderte gaben, ist er, wie auch in der dcutsch- karhol. Kirche schon längst geschah/-durchaus tzu verwerfen. Ableger bedeutet in der Kunstsprache des Bienenzüchters das Aushcben von Brut- tafcln aus sehr vollen Stöcken und das Einfügen jener in neue leere; in der Kunstsprache des Forstmanns, Gärtners und Weinbauers das Einlegen von Zweigen eines Wurzelstocks in die Erde und das Abschneiden und Verpflanzen derselben, wenn sie Wurzeln getrieben. Ableitende Methode oder Ableitung. Die regen sympathischen und antagonistischen Beziehungen, welche zwischen den verschiedenen Organen und Theilen des thierischen Körpers stattfinden, mußten nothwendig schon frühzeitig von den Ärzten erkannt und demgemäß zu therapeutischen Zwecken benutzt werden. Sowie nämlich im gesunden Zustande nicht alle Organe und Theile gleichzeitig denselben Grad von Thätigkeit oder Energie entwickeln, sondern nur eine bestimmte Gruppe derselben, welche zur Hervorbringung eines bestimmten Actes direct nothwendig sind, während die übrigen auf einem gewissen Minimum ihrer Thätig- keik verharren und nur dann erst wieder thätiger erscheinen, wenn die Energie ein gewisses Maß erreicht hat, so sehen wir dieses Wechselvcrhältniß der Thätigkeit auch in Krankheiten austreten, um die abnormen Thätigkeitsvcrhältnisse zur Norm zurückzuführen, was die Ärzte, da cs ohne Vermittelung der Kunsthülfc auftritt, als Äußerungen der Natur- Heilkraft aufzufassen Pflegen, und daher mit Recht als Fingerzeige für ihr eigenes Handeln betrachten. Während z. B. Durchfall vorhanden ist, ist die Secretionsthätigkeit der Haut gering, in dem Maße aber als die Hautthätigkcit wieder erwacht und Schweiß ein- tritt, verschwindet auch der Durchfall, denn mit dem Eintritt des Schweißes sinkt die Se- ccetionsthätigkeit der Darmschleimhautfläche auf ein gewisses Minimum herab. Ähnliches beobachtet man zwischen allen Secretionsorganen und Secretionsflächen. (S. Antagonismus.) Da mit jeder erhöhten Secrction oder Absonderung ein verstärkter Sästczufluß nach dem absondernden Organe verbunden ist, so wird nothwendig der Säftezufluß nach andern Organen vermindert sein. Durch das Zustandekommen der Secretion in einem derselben wird diesem ebenso wieder der Säftestrom zugeleitet; da aber auf längere Zeit niemals nach zwei verschiedenen Seiten gleichzeitig der Säftestrom hingeleitet werden kann, so muß er nothwendig von dem einen Organ abgeleitet werden. Die Mittel, welche Letzteres bezwecken, nennt man ab leiten de Mittel (llsrivuntiu), und es ist die ableitende Methode, welche zugleich eine metaschematisirendc Methode wird, wenn sie ein dem Grund- leiden ähnliches in dem zur Ableitung benutzten Organe, also einen künstlichen Meta sche- matismus (s. d.) zu erregen sucht, eine der am häufigsten in Anwendung kommenden 32 Ablösung Bbo Heilmethoden, weil der größere Theil der Krankheiten mit einem vermehrten Sästezufluß zu irgend einem Organe verbunden ist. Die Ableitungsmittel sind entweder solche, welche direct den Blutstrom ableitcn ohne eine anderweitige Thätigkeit zu steigern, oder solche, welche in- direct durch Steigerung der Thätigkeit eines Organs die Ableitung Hervorrufen. Beide sind entweder mit oder ohne Ausleerungen verbunden. Die direct den Blutstrom ableitenden Mittel, welche ohne Ausleerungen wirken, sind die trockenen Schröpfköpfe odcrVentosen und das Binden der Glieder, die mit Ausleerungen oder Verminderung der Blutmasse verbundenen die blutigen Schröpfköpfe, die Blutegel und die Aderlässe. Werden letztere in der Nähe des kranken Theils angewendet, so hat man dies Ableitung genannt, während man den Ausdruck Rcvulsion im engern Sinne gebraucht, wenn sie an einem entfernt liegenden Theile applicirt werden. Zu den indircct wirkenden Ableitungsmitteln ohne Ausleerung gehören die Rubefacientia, die reizenden, spirituösen Einreibungen, Umschläge, Senfpflaster u. s. w.; zu den mit Ausleerungen verbundenen alle diejenigen, welche als specifische Reize für die einzelnen Secretionsorgane bekannt sind; für die Darmfläche die Abführmittel (s. Abführen), für die Lungenschlcimhaut die Erpcctorantia, für die Speicheldrüsen die Sialagoga, für die Nieren die Diurctica, für die Uterinsecretion die Emmcniagoga und für die Hautdrüsen die Vesicantia. Ablösung, s. Grundeigenthum. Abmeierungsrccht, auch Recht der Entsetzung oder die Expulsion, ist des einem Gutsherrn zustehende Recht, den Besitzer eines Bauernguts wegen Vernachlässigung der ihm hinsichtlich des letztem obliegenden Pflichten von demselben zu vertreiben. Das gemeine deutsche Recht kennt als Veranlassungsgründe dazu folgende, welche durch Particularrechte noch genauer bestimmt werden: schlechte Bewirrhschaflung, wodurch das Gut zugrunde gerichtet wird, oder unterlassene Entrichtung der gucsherrlichen Zinsen, Beides jedoch erst nach gewissen Fristen, ferner Verlaffung des Gutes oder Veräußerung desselben ohne gutshcrrliche Bewilligung, endlich, wenigstens nach manchen Rechten, Unrer- laffung der Contractserneuerung u. s. w. Der wirklichen Abmeierung muß ein in der Regel summarisches Verfahren vorhergehen, welches man früher den Ausholungsprvceß zu nennen pflegte. Abnorm (ab norma) heißt das von der Regel (norm») , besonders von der Natur Abweichende; daher soviel als krankhaft. — Abnormitäten der organischen Bildung selbst heißen auch Misgeburten (s. d.). Abo , finnisch Turku, Hauptstadt des finnischen Gouvernements und Läns gleiches Namens zu beiden Seiten des Aurajocki, der sich nicht weit davon in den Bottnischen Meer busen ergießt und den Hafen der Stadt bildet, wurde! 157 von den Schweden gegründet und war bis 1819 die Hauptstadt Finnlands. Das hier im 13. Jahrh. errichtete Bisthum erhob die russ. Regierung im I. 1817 zu einem protestantischen Erzbisthum. Ein gewaltiger Brand im Herbste 1827 zerstörte nicht allein den größten Theil der Stadt, sondern ward auch Ursache, daß Ä. seine schönste Zierde, die im 1.16-19 durch die Königin von Schweden, Christine, gestiftete Universität cinbüßte, indem er außer den Universitätsgebäuden auch die 39999 Bände zählende Bibliothek einäscherte, zu welcher nicht lange vorher' die bedeutende juristische Büchersammlung des Professors Haubold in Leipzig gekommen war. Die Universität wurde in die neue Hauptstadt Finnlands, nach Helsingfors, verlegt. Das neuerbaute Ä. ist nach einem regelmäßigen Plane angelegt und mit breiten, gut gepflasterten Straßen ausgestattet. Der schönste Platz ist der um die alte, 1827 im Hauptbau gerettete und dann wiederhergcstellte Kathedrale. Der durch eine Bank unterstützte Handel der Stadt, die jetzt gegen I39V9 E- zählt, ist nicht unbedeutend, und auf den hiesigen Wersten werden viel Schiffe gebaut. Ä. hat ein Gymnasium, eine Navigationsschule sin dem ehemaligen Observatorium) und ein Theater, auch ist daselbst der Appellationshof für Südfinnland. — Der zu Ä. am 17. Aug. 1733 zwischen Schweden und Rußland abgeschlossene Friede endigte den aus Frankreichs Betrieb, um Rußland von der Theil- ^ nähme am östr. Erbfolgekriege abzuhalten, zwischen Rußland und Schweden 1731 ausgebrochenen Krieg, in welchem die Russen, nach Lacy's Siege bei Wilmanstrand, durch die Fehler der schwod. Generale Löwenhaupt und Buddenbrock am 3. Sept. 1731 ganz Abolition Abracadabra 3Z Finnland eroberten. Beide Generale wurden deshalb enthauptet; die Aktenstücke ihrer Ver- urthcilung aber versiegelt und erst 1829 vom Adelstande eröffnet. Die Kaiserin Elisabeth versprach einen großen Theil ihrer Eroberungen zurückzugcben, wenn Schweden statt des Kronprinzen von Dänemark den Prinzen Adolf Friedrich von Holstein-Gottorp, Bischof von Lübeck, zum Thronfolger erwählte, was am 4. Juli 1743 geschah. Nach jener Wahl ward der Schlußfriede zu A. unterzeichnet, in welchem Schweden an Rußland die finnische Provinz Kymenegärd mit den Städten und Festungen Fricdrichshamm und Wilmanstrand, sowie Stadt und Festung Nyslot abtrat. Hierauf schloffen Schweden und Rußland zu Petersburg am 25. Juni 4745 ein Bündniß, und der Kymenefluß blieb zwischen beiden Staaten die Grenze, bis 1809 Rußland ganz Finnland erhielt. Abolition, s. Begnadigungsrecht. Aboriginer, eine der vorhistorischen Zeit angchörige mittelitalische Völkerschaft, die, wie es scheint, auch durch die Namen Casci und Sacrani bezeichnet ward. Aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen um Rcate, dem heutigen Rieti, wurden sie durch die Sabiner verdrängt, und vertrieben hierauf selbst in Verbindung mit Pelasgern die Siculer, die an der untern Tiber wohnten. Die Römer leiteten von ihnen die Latiner und also sich selbst ab, wodurch der Name (al> - »riFo) veranlaßt worden sein mag, der als Appcllativum in dem Sinne „Stammvolk" bei den Alten nur von Plinius in der „Oi-tten-ia nstnralis", bei den Neuern bisweilen in der Bedeutung „Urvolk" wie das griech. Autochthonen gebraucht wird. Abplattung der Erde oder Ellipticität. Unmittelbare Messungen der Gestalt und Größe der Erde oder sogenannte Gradmeffungcn haben gezeigt, daß die Erde keine vollkommene Kugel, sondern an ihren beiden Polen eingedrückt oder abgeplattet sei. Diese Abplattung der Erde an ihren Polen ist eine Folge der Rotation der anfangs weichen Erde um ihre Achse. Durch die aus dieser Rotation entstehende Schwungkraft (s...d.) wurden die Elemente der Erde desto mehr von ihrer Achse entfernt, je näher sie dem Äquator lagen, weil am Äquator die Umdrehungsgeschwindigkeit am größten ist und von da nach den Polen zu abnimmt. Man pflegt die Abplattung durch den Unterschied zwischen dem größten und kleinsten Durchmesser der Erde auszudrücken, indem man angibt, der wievielste Theil die ser Unterschied von dem größten Erddurchmesser ist. Hiernach beträgt die Abplattung ungefähr '/so»; sic ist indeß noch nicht mit absoluter Genauigkeit ausgcmittelt und als die äußersten Grenzen, zwischen welche sie fällt, sind und anzusehen. Der erstere Werth ergibt sich aus genauen Pendelvcrsuchen des Engländers Sabine, welche das beste Mittel zur Bestimmung der Gestalt der Erde sind; -eine etwas geringere Abplattung ergibt sich aus den Brcitegradmessungen, aus denen im Mittel, wenn dabei die weniger zuverlässigen ausgeschlossen werden, ungefähr '/-„r folgt. Ohne Zweifel rührt die Verschiedenheit der auf verschiedenen Wegen und durch verschiedene Messungen gefundenen Resultate nicht nur von den unvermeidlichen Bcobachtungssehlern, sondern auch von Unregelmäßigkeiten in der Gestalt der Erde her, die kein genauer geometrischer Körper ist. Abraeadabra ist ein magisches Wort, mit welchem man ehedem das Fieber, besonders das viertägige Wechselfieber und den Hemikritäus, ein meist tödtlichcs Fieber, vertreiben zu können glaubte. Jetzt wird es nur im Scherz gebraucht und ist, wie Hokuspokus , eine nichtssagende Zauberformel. Um die vermeinten Wirkungen hervorznbringen, schrieb man es im Dreieck, nämlich: 4SL464 0 4 «L4 SK46 4 0 48K ii 4 < ' 4 4) .4 ii 4 6 4 0 4 6 4 0 4 i< r kl c kl ei k» l> r kl 4 b r a e kl ,l u >, r oder also: 4 b i- » «-. n ci .i >, 4 b r kl r kl ei !l 4 l, r kl e kl ei »«NirdSclxe,! 4 8 r a c 4 l, r » 4 k r » 4 t, r 4 I- 4 s. Conv.-Lex. Neunte Ausl. I. 3 34 Abraham Abrahamiten .-.z 1.7 So kann man das Wort nach mehren verschiedenen Richtungen lesen. Gebildet vom heiligen Namen Abrasax oder Abra, bedeutet es wahrscheinlich göttlicher Ausspruch. (S. Abrarassteine.) Abraham, der Sohn Therach's (Thara), von Sem, dem Sohne Noah's, stammend , ist der Stammvater der Israeliten und der Jsmaeliten (Araber). An ihn knüpft sich die Geschichte des Volks Israel und mit ihm beginnt der mit demselben geschlossene göttliche Bund. Geboren 20-10 v. Chr., wußte er, von Götzendienst umgeben, sich davor zu bewahren. Er erkannte den wahren Gott und führte ein sittliches Leben. Auf einen ihm offenbarten Befehl Gottes verließ er seine Heimat Ur in Chaldäa und zog nach Haran in Mesopotamien, von da aber nach Kanaan (Palästina), wohin er sein Weib, Sara, und seinen Brudcrssohn, Lot, mitnahm, um sich daselbst niederzulassen. Erlebte mit seinen Heer- dcn in der Gegend von Betel und Gerar (im südlichen Judäa), später in dem Haine Mamre. In Folge der Streitigkeiten zwischen seinen und Lot's Hirten, ließ der Letztere sich in Sodom nieder. Als die Einwohner dieser Stadt von ihren Feinden geschlagen wurden, und diese auch Lot und seine Familie gefangen wegführten, verfolgte sie A. mit seinen Knechten, und befreite nicht nur Lot, sondern auch den König von Sodom, ohne jedoch etwas von der Beute anzurühren. Im hohen Alter ward ihm Isaak geboren, den zu opfern er auf den Befehl Gottes bereit war. Nach dem Tode Sara's heirathete er Kethura. Er starb, 175 Jahre alt, und wurde in Hebron begraben. Die Juden haben sein Andenken stets verehrt; er gilt ihnen als der erste Rechtgläubige, als Kenner der Weisheit, selbst der Geheimlehre, und wird der Freund Gottes genannt. So heißt er auch bei den Arabern, und einigen ihrer Schriftsteller zufolge hat A. sogar dieKaabain der heiligen StadtMekka erbaut. Abraham a Sancta Clara hieß mit seinem Klosternamen der vielgenannte Kanzelredner Ulrich Megcrle, geb. 1. Juli 1642 zu Krähenheimstätten unweit Mös- kirch in Würtcmberg. Er trat 1660 in den Augustinerorden, studirte zu Wien, kam dann als Prediger nach Kloster Taxa in Oberbaiern, wurde 1669 als Hofprediger nach Wien berufen, 1689 Provincial seines Ordens und starb zu Wie» am I. Dec. 1709. Nie verließ ihn ein heiterer Sinn; ohne alle Furcht besuchte er, wie es sein Beruf mit sich brachte, bei der Pest 1679 die Kranken. Er war von der Natur zu einem Volksrcdner berufen; seine barocke Außenseite barg einen tüchtigen Verstand, tiefe Menschenkunde und große Wahrheitsliebe. Weit entfernt von allem Mysticismus und der Spitzfindigkeit der Kanzel- redner seiner Zeit, rügte er freimüthig jedes Gebrechen; allein um Eindruck zu machen, kümmerten ihn wenig die Mittel, weshalb seine Predigten voll der seltsamsten Einfälle und beißend witzig sind. In der Thal erreichte er auch seinen Zweck, indem er sehr bald einer der beliebtesten und besuchtesten Prediger wurde und seine Vorträge nicht ohne Wirkung blieben. Schon die Titel seiner Schriften charakterisieren den darin herrschenden Ton, z. B- „Gack Gack d. i. Wollfarth Maria Stern in Taxa"; „Huy und Pfuy der Welt"; „Öst- reichisches Deo Gratias"; „Heilsames Gemisch-Gemasch" und „Wohl angefüllter Weinkeller , in welchem manche durstige Seel sich mit einem geistlichen Gesegn - Gott erquicken kann" (Würzb. 1710, 4.), die letzte Schrift von ihm, deren Druck er bereits auf dem Todtenbette vorbereitete. Viele Schriften sind ihm gleichzeitig und später untergeschoben worden. In neuester Zeit wurde eine Auswahl seiner Werke (2 Bde., Wien 1826 — 34), eine Ausgabe seiner „Sämmtlichen Werke" (Passau 1834 ff.) und „Das Gediegenste aus seinen Werken" (4 Bde., Blaubeuren 1840 — 42) herausgegebcn. Abrahamiten oder böhmische Deisten nannte man eine Anzahl Landleute in ver Herrschaft Pardubitz in Böhmen, die, dem Toleranzedict Joseph's II. vertrauend, 1782 aus ihrer Dunkelheit hervortrat und sich zu dem Glauben bekannte, den Abraham vor der Beschneidung gehabt habe. Sie leitete sich von den Hussiten ab und nahm außer der Lehre von dem einigen Gott und dem Vater Unser nichts aus der Bibel an. Weil sie weder den Juden noch einer der anerkannten christlichen Confessionen angehören wollte, wurde ihr Gesuch um Religionsfreiheit nicht nur abgewiesen, sondern es ließ der Kaiser diese sonst unbescholtenen Leute, da sie allen Bekehrungsversuchen widerstanden, 1783 aus ihrem Eigenthum vertreiben und durch militairische Gewalt vereinzelt nach verschiedenen Grenzoxten Ungarns, Siebenbürgens und Slawoniens bringen, wo Männer Abrahamfon AbrarrteS 3b wie Weiber zum katholischen Glauben gebracht wurden, mehre aber auch als Märtyrer ihres Glaubens starben. Vgl. „Geschichte der böhmischen Deisten" (Lpz. 1785) und Dohm „Denkwürdigkeiten" (Bd. 2). Abrahamsoll (Werner Hans Fried.), ein Däne, bekannt als ästhetischer Kritiker und als Forscher der nordischen Alterthümer, geb. 1744, gest. >812. Nachdem er zum Range eines Capitains in der dän. Artillerie avancirt war, nahm er >787 seinen Abschied aus dem activcn Dienst, um mit ganzer Kraft wissenschaftlich für eine höhere Bildung, besonders der jüngern Krieger wirken und für die Literatur unabhängig leben zu können. Wie als Schriftsteller um die Literatur überhaupt, so erwarb er sich um den Militairstand als Lehrer verschiedener Militairinstitute, sowie durch seine Schriften und sein Beispiel unleugbare Verdienste. Neben zahlreichen andern Schriften gab er mit Nye- rup und Rahbek das schätzbare Werk: „Udvalgtc danske Viser fra Mittelalderen" (5 Bde., 1812—14) heraus. Einige seiner Schriften sind in deutscher Sprache verfaßt, z. B- eine vollständige dänische Sprachlehre für Deutsche (1812). Als Dichter schrieb er unter Andern: einige treffliche dän. Volks- und Kriegsgesänge. — Sein Sohn, Ios. Nicolai Benj. A., dän. Oberstlieutenant und wirklicher Generalkriegscommissar für Dänemark, geb. 6. Dec- 1789, hat sich besonders durch die Einführung des wechselseitigen Unterrichts in Dänemark in weitern Kreisen bekannt gemacht. Als Capitain bei dem Eeneralftabe des dän. Hülfscorps in Frankreich hatte er dort Gelegenheit genommen, sich mit dieser Unterrichtsweise genau bekannt zu machen, die er nun nach der Rückkehr eifrigst bemüht war, seinem Vaterlande anzucignen; doch läßt sich nicht leugnen, daß er hierbei etwas zu weit gegangen, weshalb er auch, nachdem ihm eine Zeit lang eine bedeutende Mitwirkung bei der Einführung des wechselseitigen Unterrichts in die Schulen des Landes anvertraut gewesen war, 1832 gänzlich von der Leitung dieser Angelegenheit enthoben wurde. Mehre seiner Schriften betreffen diese Unterrichtsmethode; die Hauptschrist ist „Om indbyrdcs Underviisnings Väsen og Värd" (3 Bde., Kopenh. 1822 — 27), die er im Verein mit demnachmaligen Propst Münster in Aarhuus herausgab. Viele Jahre hindurch Director der militairischcn Hochschule zu Kopenhagen, wurde er 1836 dieser Function enthoben. Äbramson (Abraham), bekannt als Stempelschneider, war zu Potsdam 1754 geboren. Den ersten Unterricht im Technischen erhielt er durch seinen Vater Jakob A., der von jüdischen Altern zu Strelitz 1722 geboren, als prcuß. Medailleur zu Berlin am 17. Juni 1780 starb. Zur Bildung seines Geschmacks trug wesentlich eine Kunstreise bei, die er von l 788 — 92 machte. Nach seiner Rückkehr wurde er sofort vom Könige von Preußen zum Medailleur und Stempelschneider ernannt. Er starb als Münzmeister zu Berlin am 23. Juli 1811. Durch die Ausführung seiner Medaillen hat er den einfachen, reinen Geschmack in der Stempelschneidekunst, namentlich in Berlin, sehr gefördert und das Vollkommenere vorbereitet. Den meisten Ruhm erwarb ihm eine Folge von Denkmünzen auf berühmte Gelehrte. Abrantes (Andoche Junot, Herzog von), franz. Marschall, geb. zu Bussy-les- Forges im Departement Cote-d'Or am 23. Oct. 1771, studirte beim Ausbruche der Revolution die Rechte und trat 1792 als Grenadier in das Heer. Seine Unerschrockenheit während der Belagerung von Toulon im I. 1796, wo er im Feuer des engl. Geschützes ruhig nachschrieb, was ihm der Artilleriecommandant Bonaparte dictirte, und als eine einschlagende Bombe Beide mit Erde überschüttete, dje lakonischen Worte äußerte: „So brauche ich keinen Streusand", wendete ihm Bonaparte's Aufmerksamkeit zu, der ihn später zu seinem Adjutanten erwählte. Er begleitete Bonaparte auf seinen Zügen in Italien und nach Ägypten und wurde nach dem 18. Brumaire Commandant und nachher Gouverneur von Paris. Im I. 1805 sendete ihn Napoleon als Gesandten nach Lissabon, doch kehrte er noch in demselben Jahre von dort zurück und nahm hierauf an der Schlacht von Austerlitz Theil. Im I. 1807 erhielt er den Befehl über das Corps, welches unter Mit- ^ Wirkung der Spanier Portugal besetzte, rückte am 10. Nov. 1807 in Lissabon ein, indem er weder das Volk noch die Regierung erst zur Besinnung kommen ließ, und erklärte sich am 1. Febr. 1808 im Namen des Kaisers zum Generalgouvcrneur von Portugal. Da bei 3* 36 Abrantes Abravanel der Villa Abrantes, am Ufer des Tajo in der portugiesischen Provinz Estremadura der höchst gefährliche und entbehrungsvollc Marsch endete, den er mit seinem Heere zu machen hatte, so ernannte ihn Napoleon znm Herzoge von Abrantes. Nachdem man aber in Portugal von dem ersten Schrecken sich wieder erholt hatte, sowie in Folge der Landung der Engländer im Aug. 1808 wurde seine Lage in Portugal, zumal da er sich auf alle Weise zu bereichern suchke, und sich dabei viele Bedrückungen erlaubte, immer bedenklicher, sodaß er sich endlich zur Capirulation von Cintra genölhigt sah, die, so vortheilhaft sic auch war, ihm Napoleon's Ungnade zuzog. Im östr. Kriege von 1809 führte er ein Armeecvrps und wurde dann Gouverneur der illyrischen Provinzen. Zm ruff. Kriege handelte er ohne alle Energie, zog sich endlich Napoleon's ganze Unzufriedenheit zu und wurde wieder nach den illyrischen Provinzen zurückgesendet. Geisteskrank kehrte er nach Frankreich zurück und lebte im Städtchen Montbard, wo er in Folge eines Sturzes von der Gartenmauer am 28. Juli 1813 starb. — Seinem ältesten Sohne, N apoleon, bestätigte Ludwig XVIII. im Jan. 1815 den Titel eines Herzogs von A. Er ist der Verfasser eines Romans „I)e»x coeurs de kemme" (Par. 1833). Abrantes (Josephine Juno t, Herzogin von) , die Gattin des Vorigen , als Verfasserin wichtiger Memoiren bekannt, ist am 0. Nov. 178-1 zu Montpellier geboren. Sie stammte mütterlicherseits vom Geschlechte der Komncnen ab, das, nachdem es den Thron des oström. Reichs besessen, im 17. Jahrh. in Corsica eine gastliche Ausnahme suchen mußte. Nach dem Tode ihres Mannes lebte Madame de Permon, die Mutter der Herzogin, in Paris und wußte Bonaparte, mit dessen Familie sie bereits in Corsiea befreundet gewesen war, an ihr Haus zu fesseln. Junot, vom Geist und von der Bildung ihrer Tochter angczogen, wählte dieselbe zur Gattin, obgleich der erste Consul seinem Lieblinge eine glänzendere Partie zugedacht hatte. Der vertraute Umgang ihres Gemahls mit Napoleon sehte die Herzogin in den Stand, den außerordentlichen Mann in der Nähe zu beobachten. Indessen fühlte sie sich erst spät veranlaßt, aus dem reichen Schatze Dessen, was sie gesehen und erfahren hatte, Mittheilungen zu machen. Die beschränkte Lage, in die der Tod ihres Gemahls (1813) und der Sturz des Kaisers sie gesetzt hatten, nöthigte sie, um auf einem einigermaßen glänzenden Fuße zu leben, zu schriftstellerischem Erwerb zu schreiten. Das erstl Werk, das sie herausgab, waren die „Hlämoires, „» Souvenirs bistorigues sur Xspolenn, I» revolution, le directoire, le consulat, I'empire et Irr restnuration" (18Bde., Par, 1831 — 35; 2. Aufl., 12 Bde.,Par. 1835). Eine Fülle interessanter Anekdoten und gelungener Charakteristiken, sowie eine leichte, unterhaltende Darstellung, die freilich nicht selten an Geschwätzigkeit streift, zogen die Aufmerksamkeit des Publicums auf dieses Werk. Die Herzogin sah sich dadurch aufgefvdert, es fortzusetzen und so erschienen die „Nemoires sur Io restiluration, ou Souvenirs lüstoricjnss snr rette epoepre, la revolution de 1830 eile» premieres annees du reZne de I.ouis - kbilippe" (6 Bde., Par. 1836). Die „Souvenirs d'une smbassade et d'un schour en Lspu^ne" (2Bde., Par. 1837) verrathen eine ungetrübte Beobachtungsgabe fremder Zustände. Die Herzogin, in den aristokratischen Cir- kein heimisch, hat diese Sphäre der pariser Welt in ihrer „Histoire des sslons de karis" (2 Bde., Par. 1837) und in „I7ne soiree cb «2 Alad. Keotlrio" (Par. 1837) mit Glück geschildert. Was sie indessen als Roman- und Geschichtschreiberin geleistet hat, ragt nicht über die Linie der Mittelmäßigkeit hinaus. Ihre „Lstberine II" (Par. 1835) hat keinen historischen Werth, und ihre Halbromane „I/Xmirsnte de ('»stille" (2 Bde., Par. 1632) und die „Scenes de la vie espaxnole" (2 Bde., Par. 1836) zeigen, daß ihre Verfasserin weder Erfindungsgabe noch wahrhaft poetische Darstellung besaß. In den letzten Jahren ihres vielbewcgten Lebens hat sie sich mit der Herausgabe von Jugendschriftcn befaßt. Sie starb am 7. Juni 1838 in einem der Dürftigkeit nahen Zustande. Abravanel (Jsaak-ben-Jehuda) oder Abarbanel, geb. 1-137 in Lissabon auS einer alten und vornehmen jüdischen Familie, erhielt eine gute Erziehung und widmete sich in der ersten Lebenshälfte mehr den weltlichen Angelegenheiten als theologischen Studien. Er bekleidete an dem Hofe Alfons' V. einen Posten und war bei diesem Könige in Ansehen." Aber kaum war Alfons V. tobt, so fiel A. in Ungnade; sein Vermögen ward eingezogen, und er mußte, um sein Leben zu retten, 1-182 nach Castilien fliehen. Dort beschäftigte er AbraxaSsteine Abruzzen 37 sich mit biblischen Studien, trat aber schon 1484 wieder in Ferdinand's Dienste, bis die allgemeine Austreibung der Juden aus Spanien ihn 1492 auszuwandern nöthigte. Er begab sich nach Neapel, und nach der Eroberung dieser Stadt durch den König von Frankreich >495 mit Alfons II. nach Messina, bald darauf nach Korfu, und 1496 nach Mono- poli in Apulien. Hier verweilte er bis 1503, wo er in Aufträgen der porkug. Regierung nach Venedig reiste. In Venedig starb er 1508 und wurde in Padua begraben. A. war ein gewandter Geschäftsmann, gelehrt und beredt; sein Stil ist fließend und elegant. Seine Liebe zu den Juden war ebenso feurig wie sein Haß gegen das christliche Rom. Seine in mancher Beziehung sehr schätzbaren Schriften bestehen in theologischen Exegesen des Pentateuchs, der Propheten und des Daniel, in Commentarien zu der Mischna Abot, zur Pe- sach-Hagada und zu Maimonides, und in mehren Schriften philosophischen oder theologischen Inhalts. — Der berühmteste unter seinen drei Söhnen war Je hu da (Leone), der 1502 „Dialog!,! lli amore" (Rom 1535 u. öfter) hcrausgab, ein einst viel gelesenes, in verschiedene Sprachen übersetztes philosophisches Werk in Platonischem Geiste. Im 16. und 17. Jahrh. waren A.'s Nachkommen in Italien, Holland und der Türkei sehr angesehen. Abraxassteine oder Abraxasgcmmen ist der Name einer Art geschnittener Steine von sehr verschiedener Form, auf welchen sich neben abenteuerlichen Bildern, meist Zusammensetzungen aus menschlichem Rumpf und Armen, Hahnenkopf und Schlangenleib, oder auch andern Symbolen von vieldeutigem Sinne das griech. Wort Abraxas oder Abrasax findet. Diese Gemmen stammen angeblich aus Syrien, Ägypten und Spanien, und sind in allen Sammlungen in großer Menge vorhanden. Indessen hat man ihnen wol zu viel Werth und Bedeutung beigelegt. Gewiß ist es, daß die gnostische Sekte der Basiti« dianer den Namen Abraxas zuerst und allein gebraucht habe, und es bezeichnet wahrscheinlich dieses Wort nach der Zahlbedeutung der griechischen Buchstaben die Zahl 365, sodaß man weder die altpersische noch die ägyptische Sprache dabei zu Hülfe zu nehmen braucht, wie man oft gethan hat. Aber nicht der höchste Gott, sondern die Eesammtheit der Weltgeister führte diesen Namen bei den Basilidianern. Später ging die Lehre und Sitte dieser Partei durch die Priscillianisten nach Spanien über, von wo aus man namentlich viele solche Steine erhalten hat. Die gnostischen Symbole wurden nachher von allen magischen und alchymistischcn Sekten und Tendenzen angenommen, und so find auch ohne Zweifel diese Steine zum allergrößten Theile, diejenigen ausgenommen, welche geradezu betrügerische Erfindungen gewesen sein mögen, in den Zeiten des Mittelalters als Talismane gefertigt worden. Schon die bunte, wunderliche Zusammensetzung ihrer Bilder kann als Beweis gelten, daß die Urheber selbst von vielen unter ihnen nichts Bestimmtes dabei gedacht , vielmehr nur aus bekannten Symbolen aller Art, oder auch aus eigener Phantasie Bilder und Aufschrift auf ihnen zusammengesetzt haben. Äuf ähnliche Weise hak auch Äöpp in der „kalaeogrspliia critic-t" (Bd. 3) über diese Gemmen geurtheilt. Vgl. Dellcrmann, „Über die Gemmen der Alten mit dem Abraxasbilde" (3 Stücke, Berl. 1817 — 19), vervollständigt durch Matter in der „Histoire criti^ue clu giiosticisine" (2 Bde., Par. 1828). Abruzzen heißt der nördliche Theil des Königreichs Neapel, welcher im Nordwcsten und Westen an den Kirchenstaat, nordöstlich an das Adriatische Meer, südöstlich an Apulien und südlich an Terra di Lavoro grenzt, auf 236 IHM. 788000 E. hat und in Abruzw ulteriore 1 und 11, den nordwestlichen, und Abruzzo citeriore, den südöstlichen Theil zerfällt. Das Hochland der Abruzzen bildet den wildesten und höchsten Theil des apenninischen Gebirgssystems. Der lang gestreckte hohe Gebirgskessel wird bewässert von dem Alterno und Gizio, die sich zur Pescara vereinen; die gespaltene Apenninkettc umfaßt ihn in pittoresken Formen, trägt östlich den höchsten Gipfel der italischen Halbinsel im Gran Saffo d'Jtalia (8882 F. hoch) und auf der westlichen Kette den Monte Velino (7684 F. hoch), während Aquila auf der Scheitelfläche 2252 F. über dem Meere liegt. Das Gebirgsland fällt steil zu allen Seiten ab, am steilsten aber zum Adriatischen Meere, zerrissen durch riefe Schluchten reißender Gebirgswasser, während sich östlich der Subapennin in terrassenförmiger Absteigung anlegt. Das Klima der Abruzzen ist rauh; Schnee bedeckt die Gipfel der Berge vom Oct. bis Apr., dichte Wälder krönen die Höhen; nm die Thäler sind fruchtbar. Mandel-, Nuß- und andere Obstbäume gedeihen überall, Ölbäume in den liefern 38 Absalon Abseeß Gegenden. Die schönsten Vichhccrden weiden auf den Höhen und in den Thälern. Die bedeutendsten Städte sind die Festungen Aguika und Pescara, dann Chieti (das alte Tcate) und Sulmona. Die größte Wichtigkeit der Abrufen besteht in ihrer militairischen Lage. Als ein strategisches Bollwerk 15 geogr. Meilen weit in den Kirchenstaat vorspringcnd, werden sie besonders dadurch bedeutend, daß in ihnen nur eine, jedoch für eine Armee äußerst beschwerliche Heerstraße in das Königreich, und gar keine ähnliche über das Gebirge vom Ufer des Mittelländischen Meeres nach dem des Adriatischen führt. Das Königreich Neapel kann daher, gut vertheidigt, nur auf zwei Straßen, nämlich auf der, die längs des Mittelländischen Meeres und der Pontimschen Sümpfe von Nom über Lerracina und Capua nach Neapel, oder auf der, die längs des Adriatischen Meeres von Ancona über Atri, Pescara u. s. w. ins Innere führt, mit Erfolg angegriffen werden. Der Besitz der Abrufen ist daher zum Angriff Neapels unumgänglich nothwcndig, ihn zu erzwingen jedoch ebenso schwierig als zu behaupten, da die dichten Wälder mit tiefen Schluchten sich trefflich zu einem Kriege nach Art der Guerrillas oder der Tiroler im Rücken des Feindes eignen. Allein das Volk ist ohne Muth und Kraft, obgleich ein tüchtiger Menschenschlag, der sich trefflich zum Kriegsdienste, namentlich zu Pferde, brauchen läßt. In frühem Zeiten waren die Abruzzesen als Banditen berüchtigt, jetzt hört man indessen selten von Räubereien derselben. Sie sind ein Hirtenvolk von patriarchalischer Einfachheit und Roheit, den heimatlichen Gebirgen treu anhänglich, abergläubisch, musikalisch und gastfrei. Die alten Samnitcn, Marsen und Sabiner, welche den Römern so furchtbar wurden, erkennt man freilich in ihnen nicht wieder. Sie haben weder die Deutschen noch die Franzosen oder Spanier gehindert, in Neapel einzudringen. Nur einmal, 1798, erhoben sie sich gegen die siegreich vorrückenden Franzosen; sie tödteten damals den General Hilarion-Point, nahmen den General Rusca gefangen und schadeten den Eroberern, besonders der Colonne des Generals Duhesme, bedeutend. Da indessen das neapol. Heer schon im Kirchenstaate geschlagen war und, wo sich nur die Franzosen zeigten, auf das feigste benahm, so halfen diese augenblicklichen Aufwallungen in den Abruzzen nur wenig, und spätere kleine Aufstände, wie 1806, trugen den Charakter gemeiner Räuberstreiche. Als 1815 Murat gegen Ostreich zog und nach der Schlacht von Tolentino einen Volkskrieg zu erregen gedachte, mislang nicht nur dies, sondern feig zerstreuten sich selbst die aus den Abruzzen gebürtigen Soldaten, als sie beim Rückzuge ihrer Heimat sich nahten, und Ostreichs schnelles Vorrücken bewirkte bald die gänzliche Auflösung der neapol. Armee. Beim Ausstande im J. 1821 hoffte die revolutionäre Pgrtef zu Neapel, daß die Abruzzen die größten Vortheile beim Vertheidigungskriege darbieten würden, und die Verbrüderungen der Carbonari, die Volksversammlungen, ja selbst die franz. Deputirtenkammer hallten von dem Lobe des dortigen vortheilhaftcn Terrains und des Geistes, der die Einwohner als würdige Nachkommen ihrer tapfer» Vorfahren beseele, wieder; der Erfolg indeß täuschte die Erwartung gänzlich Absalon, Erzbischof, s. Axel. Absceß (^P05tema), Eiterge schwulst oder Eitcrhöhle nennt man in der Me- dicin die circumscriptc Ansammlung von Eiter in einer höhlenartigen Trennung des normalen Zusammenhangs des Gewebes eines Theils oder Organs mit der Tendenz der Wandungen, fortwährend Eiter abzusondcrn. Der Absceß ist jedesmal Folge des Eindringens eines fremden Körpers, z. B. von Blut in das Gewebe, dessen Maschen dadurch zerrissen werden, daher gewöhnlich auch die Zeichen der Entzündung vorhergehen (heißer Absceß), jedoch zuweilen in einemso geringen Grade, daß sie kaum bemerkt werden (kalter Absceß). Die Eiterbildung selbst hat den Zweck, den fremden Körper entweder aufzulösen, um ihn zur Reiorption fähig zu machen, oder wenn dies nicht möglich, ihn wenigstens einzuhüllen, seine fernere nachtheilige Einwirkung aufzuheben und ihm einen Weg nach außen zu bahnen. Die Behandlung hat die Aufgabe, den fremden Körper zu entfernen entweder direct auf mechanischem Wege durch Ausziehen oder Schnitt, oder indirect mittels Anregung der Aufsaugungsthätigkeit durch zertheilende Mittel, und wenn dies nicht gelingt, den Absceß durch erweichende Mittel zur Reife zu bringen, worauf dann entweder natürliche Eröffnung erfolgt oder eine künstliche mittels Messer, Haarseil, Glüheisen oder durch Ätzmittel herbei- geführt wird. Vgl. Hancke, „Über die Eröffnung der Eitergeschwülste" (Bresl. 1829). AbschaH Abschoß 33 AbschaH (Hans Aßmann, Freiherr von), einer der bessern Dichter des 17. Jahrh., geb. am 4. Febr. 16-16 zu Würbitz in Schlesien, wurde zu Liegnitz, Strasburg und Leyden gebildet, worauf er drei Jahre lang Holland, die Niederlande, Frankreich und Italien bereiste. In seinem 21. Jahre kehrte er in die Heimat zurück, wo er sich der Bcwirthschaf- tung der bedeutenden väterlichen Güter unterzog. Nach des letzten Plasten, dcS Herzogs Georg Wilhelm von Bricg, Wohlau und Liegnitz, Tode im I. 1675, leistete A. als Landcsbestallter des Fürstenthums Liegnitz, als Abgeordneter bei den Fürstentagen zu Breslau und als schlesischer Gesandter am kaiserlichen Hofe zu Wien seinem Vaterlande die wichtigsten Dienste. Später zog er sich auf seine Güter zurück und starb am 22. Apr. 1699. Sein poetischer Nachlaß ward nach seinem Tode, wie es scheint, von Christian GryphiuS (Bresl. 179-1) herausgegeben. Das Verdammungsurtheil, daS mau über die Lohenstcin'- sche Schule aussprach (s. Lohenstein), traf auch ihn, und höchstens ward seiner als des Übersetzers des „Lsstoi- 6stus sbsolvit te, wurde nun verändert in ego sbsolvo ts und damit dem Priester das Recht zugesprochen, die Sünden vor Gott zu vergeben. Dies ist die noch jetzt in der röm.-kathol. Kirche herrschende, durch das tridentiner Concilium bestätigte Theorie, die man auf den Ausspruch Ehristi bei Joh. 29, 21 — 24 stützt, der aber blos die Apostel, nicht die folgenden Kirchendiener angeht. Protestanten und Nefor mirte schreiben der Absolution des Geistlichen nur decla- rative, nicht exhibitive Kraft zu, d. h. sie bestimmten, der absolvircnde Geistliche kündige den Beichtenden die Vergebung bei Gott an, sichere sie zu, könne sie aber nicht selbst ertheilen. Zn der reformirtcn Kirche wurde die Privatbeichte und die Privatabsolution gleich anfangs Absolutismus Abstand 41 abgeschafft, in der protestantischen Kirche aber bis ins vorige Jahrh. allgemein beibehalten, wo sie dann aber auch in den meisten Orten in eine allgemeine verwandelt worden ist. Absolutismus nennt man in politischer Hinsicht die Unbcschränktheit einer Herrschergewalt im Gegensatz der durch staatsgrundgesehliche Einrichtungen gebundenen Obergewalt. Während der absolute Herrscher auch Das vermag, was weder ihm noch dem Volke frommt, ist namentlich der constitutionclle Monarch, besonders bei Ausübung der gcjetzge- benden Gewalt, an die Mitwirkung der Vertreter des Volks gebunden. Von der despotijchen Gewalt unterscheidet sich die absolute dadurch, daß jene lediglich für die Zwecke des Gebieters und nach dessen Laune geübt wird, während die absolute, wenigstens der Idee nach, das Beste des Volks zur Richtschnur nehmen und sich an die selbstgegebenen Gesetze binden soll. Da aber kür Beides keine sichere Bürgschaft gewonnen ist, so hat man mit Recht gejagt, daß absolute Gewalt für die Fürsten gefährlich, für das Volk herabwürdigend sei. — Der Name Ab so lutist en wurde zuerst in Spanien der Parteiname der Verfechter der unbeschränkten Fürstengewalt. — In der Dogmatik bezeichnet man mit Absolutismus die Behauptung unbedingter Prädestination (s.d.). Adsorbentia heißen die Heilmittel, welche, indem sie mit der krankhaft erzeugten Säure im Magen eine chemische Verbindung eingehen, dieselbe sättigen oder wenigstens ab- stumpfen, z. B. Magnesia, Natron u. s. w. Abspannung nennt man das Nachlassen der Kräfte, welches bei übrigens bestehender Gesundheit zuweilen auf einige Zeit eintritt. Sie ist theils in dem Leben selbst gegründet, theils wird sie durch besondere Anstrengung herbeigeführt. Das Leben bedarf eines in sich zurückkehrenden Umlaufs, der am Tage stärker und in der Nacht schwächer, im Frühling mehr nach außen, im Winter im Innern bemerkbar ist. Nach einem Zeitraum kräftigern Wirkens ermattet das Leben, um dann verjüngt sich wieder hoher zu heben. In der Abspannungsfrist ist die Thätigkeit geringer, man arbeitet langsamer, mühevoller, schlechter als sonst und fühlt sich ermattet. Selbst die Freude ist dann minder lebhaft, die Gemüthsbewegung selbstsüchtiger, reizbarer, leicht ungerecht, selbst hart gegen Andere; die Absonderungen vermindern sich, die Verdauung ist träger, die Haut- und Lungenausdünstung geringer und letztere bisweilen übelriechend, die Haut rauh, trocken, das Auge matter, das Haar starrer und die Nägel haben weniger Glanz. Aber diese Abspannung ist der Weg zu erhöhter Thätigkeit des Lebens; während der Krise wird der Schlaf erquickender, die Ausleerung reichlicher; die Ausdünstung vermehrt sich, und der Harn ist gesättigter. Dieser Umlauf findet von Zeit zu Zeit im Menschen statt. Je ruhiger man die Krise abwartef, desto schneller hört die Abspannung auf. Während derselben wähle man leichtere Arbeit und verdaulichere Kost. Verschieden von dieser periodisch von selbst eintrctendcn Abspannung ist diejenige, welche Folge einer übertriebenen Anstrengung ist, solche mag nun geistiger oder körperlicher Art gewesen sein. Hier bedarf die Natur mehr Hülfe als bei jener. Man lasse dann die erschöpften Kräfte feiern und übe mehr die entgegengesetzten. Auf zu starkes Nachdenken folge daher mechanische Anstrengung. „Abstand. In der Sternkunde nennt man Abstand vom Mittage den Bogen des Äquators von dem Mittagskreise bis zu dem Punkte, in welchem der Abweichungskreis eines Sternes den Äquator schneidet; Abstand der.Nachtgleichc vom Mittage den in Graden oder Stunden ausgedrückten Bogen des Äquators, welchen der Frühlingspunkt von dem Augenblicke des wahren Mittags an noch zu durchlaufen hat, ehe er in den Mittagskreis kommt, d. h. 360° weniger der jedesmaligen geraden Aufsteigung der Sonne, was leicht in Stunden ausgedrückt werden kann, da in einer Stunde 15 Grade durch den Meridian gehen; Abstand vom Scheitel oder Zenith (dieZenithdistanz) den Bogen eines Scheitelkreises vom Scheitelpunkt an gerechnet bis zu einem beliebigen Punkte, z. B. einem Sterne, alio 90° weniger der Höhe dieses Punktes über dem Horizonte. — In der Geometrie ist Abstand eines Punktes von einer geraden Linie oder von einer Ebene die senkrechte Linie, welche von diesem Punkte auf die (nöthigenfalls verlängerte oder erweiterte) Linie oder Ebene gezogen ist; ferner der Abstand einer Linie von einer ihr parallelen Linie oder Ebene, ebenso der einer Ebene von einer ihr parallelen Ebene eine senkrechte Linie, 42 Absteignng Abstraet welche von irgend einem Punkte der erstem auf die letztere (nötigenfalls zu verlängernde oder zu erweiternde) gefällt oder gezogen ist. Abfteigung, s. Aufsteigung. Abstimmung ist die Handlung, wodurch eine Versammlung, in der Regel nach vorheriger Berathung, den definitiven Willen ihrer Mitglieder über den von ihr zu fassenden Beschluß ermittelt. Es hängt von der Verfassung des betreffenden Instituts ab, ob Stim- meneinhelligkeit, oder nur Stimmenmehrheit erfoderlich ist, um den Beschluß zu Stande zu bringen. Nur ausnahmsweise steht zuweilen schon einer bestimmten Minderzahl einer Vcr- sammlung das Recht zu, die Gesammtheit zu einer Handlung zu nöthigen, z. B. zur Verwandlung einer öffentlichen Sitzung in eine geheime, zur Vornahme einer Eemeinheitsthci- lung und dergleichen. Jndirect kann da, wo, wie bei der englischen Jury, Stimmeneinhelligkeit, oder eine sehr starke Majorität, oder umgekehrt nur relative Mehrzahl erfodert wird, der Wille einer Minderzahl für die Mehrzahl verpflichtend werden. Ferner kommt es bei der Abstimmung darauf an, ob absolute Majorität, d. h. eine Stimme mehr als die Halste, oder eine noch stärkere, etwa oder '/< der Mitglieder, oder ob nur relative Majorität, d. h. daß für eine Meinung sich mehr Mitglieder entscheiden als für irgend eine andere, wenn auch weniger als für alle andern zusammengenommen, nöthig ist. Es muß bestimmt sein, wie cs im Fall der Stimmengleichheit zu halten sei, ob da der Präsident oder das Loos den Ausschlag zu geben, ob der mildern Meinung, oder dem Bestehenden der Vorzug zu geben, oder ob die Sache zu vertagen sei. Auch ist es wichtig, ob die Abstimmung öffentlich, durch Ja und Nein, Aufstehen oder Sitzenbleiben, Händeaufheben u. dergl., oder obste geheim, z. B. durch Ballottage, Kugelung u. s. w., erfolgen soll. Ersteres hat etwas Offenes, Biederes und vermittelt mehre Controle, Letzteres sichert größere Unabhängigkeit der Abstimmung. Jede Entscheidung nach Stimmenmehrheit ist allerdings in den meisten Fällen nur ein freilich häufig unvermeidliches, aber immer unvollkommenes Auskunftsmittel, da Weisheit und Tugend nicht nach der Kopfzahl gleichmäßig unter die Menschen vcrtheilt sind. Das erkennt schon der alte Spruch an: „Vota 8unt poncierancla, non numeranlls." (Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.) Die Entscheidung nach Stimmenmehrheit ist eigentlich nur in dem Falle jedem Bedenken enthoben, wo die Stimmenden lediglich für sich selbst, nicht für Andere, nicht für die Zukunft, und wo sie zudem nur über eine Frage des Vortheils, nicht über eine Frage der Pflicht entscheiden, kurz wo sie rein das Thun und Lassen haben. In allen andern Fällen bleibt es höchstens eine Wahrscheinlichkeitssache, daß die Meinung der Mehrzahl auch die gerechteste und weiseste sei, und auf die Verstärkung dieser Wahrscheinlichkeit sind die Einrichtungen zu berechnen. Besondere Schwierigkeit entsteht durch den Con- flict der Interessen, ferner wenn die Frage, über welche abgestimmt werden soll, aus vielen Theilen besteht, die doch in harmonischem Geiste behandelt werden sollen, oder wenn sie sehr verschiedenen Ansichten unterliegt. Der Erfolg der Abstimmung wird zweifelhafter, je zahlreicher die Versammlung ist, während doch auch wieder eine gewisse Zahl und Vielseitigkeit derselben häufig wünschenswert!) ist. Sehr viel kommt auf die Art der Fragstellung an. Abstrakt und Abstraktion. Unser Erkenntnis beginnt mit den unbestimmten Gc- sammteindrücken einzelner Dinge. Um etwas bestimmt zu denken, fodert die Natur unserer geistigen Thätigkeit die Abziehung (allstrsctio) unserer Gedanken von andern Dingen. Jeder durch seinen eigenen Inhalt bestimmte Begriff kann daher als ein durch Abstraktion zu Stande gekommenes Erzeugnis des Geistes betrachtet werden. Aber noch mehr tritt das Verfahren der Abstraktion da hervor, wo wir von dem in der Erfährung gegebenen Besonder« das Allgemeine absondern. Hier redet man im engern Sinne von abstrahirten Begriffen. Aber das Abstrahiren ist willkürlich und führt deshalb allein nicht zum wahren Er- kenntniß der Dinge, und ein wahrer Begriff ist daher keine bloße Abstraktion. So lange wir uns nämlich der Verbindung bewußt bleiben, in welcher das abgesonderte Allgemeine mit dem Besonder«, von welchem wir es abgesondert haben, steht, so lange ist unser Denken noch lebendig und wahr, und unsere Begriffe sind nicht bloße abstrakte, sondern Begriffe im wahren Sinne; fortgesetztes Abstrahiren führt zur inhaltsleeren Allgemeinheit, einseitiges Festhalten des Abgesonderten zur Unwahrheit, und das Betrachten des Allgemeinen ohne Verbindung mit dem Besonder» erzeugt eine leblose Ansicht der Dinge, die man tadelnd ab- Absurd Abt 43 stract nennt, denn der lebendige Begriff halt in dem Allgemeinen das darin enthaltene Besondere fest. Im letztern Sinne ist jeder wahre Begriff auch concret (s. d.). Absurd, der Ableitung nach, von ab und smulus, eigentlich Das, was von einem Tauben kommt. Da der Taube sehr leicht in Gefahr kommt, etwas zu sagen, was gar nicht zur Sache paßt, so nennt man das Ungereimte und Lächerliche absurd odereine Absurdität. Im strengen, wissenschaftlichen Sprachgebrauch der Philosophie und der Mathematik heißt aber nur Das absurd, was einen Widerspruch in sich selbst enthält (s. Paradox) oder einer anerkannten Wahrheit zuwiderläuft. — ^<1 ubsurclmn führen heißt daher eigentlich eine Wahrheit dadurch beweisen, daß man das Entgegengesetzte in seiner Ungereimtheit dar- stellt, im gewöhnlichen Leben aber überhaupt, lächerlich machen. (S. Beweis.) Absyrtus, s- Argonauten. Abt, d. i. Vater, hieß anfangs jeder alte Mönch, seit dem 5. Jahrh. aber nur der Vorsteher eines Klosters , der über die Beobachtung der Ordensregel wachte, die Klostergüter verwaltete und dem die Mönche unbedingten Gehorsam (Obedien;) zu leisten hatten. Schon seit dem 6. Jahrh. gehörten die Äbte zum geistlichen Stande, und seit der zweiten Kirchenversammlung zu Nicäa (787) waren sie zur Ertheilung der kleinern Weihen an ihre Mönche berechtigt, doch im Wesentlichen der Gerichtsbarkeit ihrer Diöcesanbischöfe noch bis ins 11 . Jahrh. überall unterworfen. Mit den Reichthümern der Klöster wuchs das Ansehen der Äbte; mehre erhielten bischöfliche Titel und Rechte, alle, als Prälaten der Kirche, den Rang gleich nach den Bischöfen und das Stimmrecht auf Kirchenversammlungen. Gleiche Vorzüge und Rechte suchten auch die Äbtissinnen zu erhalten; doch sind ihnen die Letzter« wol nie ganz zugestanden worden. Häufig kamen im 8. und noch mehr im ü. Jahrh. durch die Könige, namentlich für Kriegsdienste, Abteien in Laienhände. So stand im 10. Jahrh. eine Menge der ansehnlichsten Klöster in dem Gebiete der röm. Kirche unter Laienäbten oder Abtgrafen (^bdstss inilites, .4bba-com>te8), für die regulirte Unteräbte, Dekane oder Prioren die geistliche Aufsicht führten. Den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses wurden Abteien als Tafelgüter geschenkt; die reichsten behielten sich die Könige selbst vor, wie denn Hugo Capet Äbt von St. - Denis bei Paris war; bisweilen fielen Nonnen- klöster auch Männern zu und Mönchsklöster vornehmen Frauen. Dem Eifer, der im Anfänge des 10. Jahrh. die Reform des Klosterlebens betrieb, gelang allmälig die Abstellung solcher Schenkungen an Laien, und man sah nun seltener kriegerische Äbte, die in Person die Heeresfolge leisteten, obwol die unter königlichem Patronat stehenden Klöster noch lange gehalten blieben, ihre Vasallenpflicht im Kriege durch Beiträge an Geld und Leuten abzu- tragen. Übrigens wurde der Abtsname im Mittelalter häufig nicht nur zur Bezeichnung gewisser Ämter des nicht regulirten Klerus und obrigkeitlicher Würden gebraucht, sondern auch für die Vorsteher religiöser und selbst lustiger Brüderschaften; z. B. corililräoimn oder tatuorum, d. i. Narrenabt, in England ^bbot ok missale. In Folge der von Clugny ausgegangenen Reform des Denedictinerordens entstanden Klöster ohne Äbte; abhängig von dem Stammkloster zu Clugny, erhielten die Klöster desselben nur Prioren oder krosbbutes, auch Losbliittez zu Vorstehern. Außer den Benedictinern nennen nur die Grauen Mönche von Vallombrosa, die Cistercienser, Bernhardiner, FeuillantS, Trappisten, Grandmontaner, Prämonstratenser und einige Congregationen der regulirten Chorherren die Vorsteher ihrer Klöster Äbte; bei den übrigen Orden heißen sie iVlajoi-e.-, Ninistri, Prioren oder Rectoren. Äbtissinnen haben, außer den weiblichen Zweigen der genannten Orden, auch die Nonnen von Fontcvraud und die weltlichen Chorfrauen. Die Äbtissinnen sind stets unter der Gerichtsbarkeit ihrer Diöcesanbischöfe geblieben, während die Äbte der befreiten oder unmittelbaren Klöster keinen andern Herrn als den Papst anerkennen. Die infulirten Äbte genießen das im Mittelalter häufig durch päpstliche Legaten an Benedictineräbte verliehene Recht, sich bischöflicher Titel und Insignien zu bedienen., Die bischöfliche Gewalt mit eigenen Diöcesen hatten aber nur wenige derselben, z. B- die Äbte zu Fulda und Korvei in Deutschland, zu Montecassino bei Neapel, zu Catanea und Monreale in Sicilien; in Frankreich keiner. Vor der Periode der Secularisation gab es in Deutschland und in der Schwei; auch gefürstete Äbte, z.B. zu Fulda,. Kempten, St.-Emmeran in Regensburg, Einsicdcln, St.-Gallen u. s. w-, und gefürstete Äbtissinnen, 44 Mubekr Abn?!r z. B- zu Gandersheim, Quedlinburg, Herford, Ober' und Niedermünstcr zu Regensburg. Die Wahl der Äbte steht in der Regel den Capiteln der Klöster zu; bei den unmittelbaren folgt darauf die päpstliche, bei den mittelbaren die bischöfliche Bestätigung; doch wurden von Alters her viele Abteien in Italien vom Papst und in Frankreich, vermöge des Concordats von 1516, vom Könige vergeben. Weltgeistliche, die dergleichen Pfründen genießen, ohne die Ordensregeln zu beobachten, heißen Secularäbte; ihre Vicarien dagegen in den Klöstern, gleich allen den Äbten, die dem Mönchsstande angehören, Regularäbte. Com - mendaturäbte (ubbes commenclutsires) wurden in Frankreich die Secularäbte genanm, weil die Form der Schenkung eine Empfehlung der Klöster unter ihrem Schuh war. (S. ^bi>e.) Bei Einführung der Reformation wurden die meisten Klöster zu den fürstlichen Domainen gezogen, und nur einige in Hannover, Braunschweig und Würtemberg als Schulen und Seminarien oder als Versorgungsanstalten für unverheirathete Frauen erhalten, deren Vorsteher und Vorsteherinnen den Namen Äbte und Äbtissinnen behielten und die landständischen Rechte der Klöster vertreten. Die Vorsteher der Klöster in der griech. Kirche heißen higumenen oder Mandriten, und die Generaläbte Archimandriten. Abubekr, d. h. Vater der Jungfrau, eigentlich Abdallah-ben-Othman-al-Koraisch, war der Schwiegervater Mohammed's und bei dessen Tode im I. 632 erster Khalif oder Nachfolger des Propheten. Glücklich im Kampfe gegen die wider ihn sich auflehnenden Araber, gegen Babylonien und Syrien, auch gegen den byzantinischen Kaiser Heraklius, starb er schon 635 und wurde neben seiner Tochter Äidscha und dem Propheten beigeseht. Abukir (franz. kegniere) , das alte Kanopus, gegenwärtig ein unbedeutendes Dorf an der ägypt. Küste, 1 St. östlich von Alexandrien, mit einem festen Schlosse an der West- feite des geräumigen, durch eine Landspitze und mehre kleine Inseln gedeckten Meerbusens, ist in der neuern Geschichte besonders durch die Seeschlacht vom I.—3. Aug. 1598 berühmt, in welcher der engl. Admiral Nelson die franz. Flotte vernichtete. Nachdem nämlich am 19. Mai 17-98 die franz. Flotte, auf welcher sich die nach Ägypten bestimmte Armee befand, in Toulon ausgelaufen, schickte der vor Cadiz kreuzende engl. Ädmiral St.-Vinccnt, sobald er Nachricht davon erhalten, den Contreadmiral Nelson mit 15 Linienschiffen nach dem Mittelländischen Meere, mit dem Befehl, die feindliche Flotte aufzusuchen und anzugreifen. Als Nelson am I. Aug. die feindlichen Schiffe auf der Rhede von A. erblickte, so gab er das Zeichen zur Schlacht. Obschon sich die stanz. Flotte, in eine krumme Linie gestellt, so nahe als möglich an eine kleine Insel anschloß, die durch eine Batterie gedeckt war, so ließ dennoch Nelson plötzlich, mit einer unerhörten Verwegenheit, die Hälfte seiner Flotte zwischen der Insel und der stanz. Schlachtlinie durchbrechen und an der Landseite, im Rücken der letzter«, hinunterfegeln, während die andere Hälfte sich auf deren Fronte zog und einen Pistolenschuß weit davon-vor Anker legte, sodaß die franz. Schiffe sowol von beiden Bords als vom Spiegel her angegriffen wurden. Äbends halb 7 Uhr mit Sonnenuntergang hatte die Schlacht begonnen, und nach einer Stunde schon waren fünf stanz. Schiffe entmastet und genommen. Der franz. Admiral de Brueys ward durch eine Kanonenkugel getödtet; sein Schiff l'Orient setzte das Feuer mit großer Lebhaftigkeit fort, bis es plötzlich vom Brand ergriffen ward. Um 10 Uhr flog das prächtige Gebäude von 120 Kanonen in die Luft; von 1000 Menschen konnten kaum 60—70 gerettet werden. Am nächsten Morgen war die völlige Niederlage der franz. Flotte entschieden. Nur zwei Linienschiffe und zwei Fregatten entkamen nach Malta und Korfu; neun Linienschiffe waren genommen, eins in die Luft geflogen, ein anderes nebst einer Fregatte von den Franzosen selbst verbrannt und eine Fregatte in den Grund gebohrt worden. Etwas später erfolgte die Kriegserklärung der Pforte, und Ibrahim Bei rückte mit Achmed Dghezzar, Pascha von Akko in Syrien, gegen Bonaparte vor. Bonaparte ging ihnen im Febr. 1799 entgegen, eroberte El-Ärisch, Gaza und Jaffa; doch brach sich seine Macht an der tapfern Vertheidigung von Akko, daher er sich nach Kairo zurückzog. Kaum hier angelangt, erhielt er die Nachricht, daß eine türk. Flotte bei A. gelandet und daß dieser Ort von den Türken genommen sei. Bonaparle brach am 11. Juli mit 6000 Mann von Kairo wieder auf, und schon am 25. Juli 1799 nahm er A. mit Sturm. Hier war es, wo Bonaparte wieder Nachrichten von dem Zustande Frankreichs, von dem Siege der Verbündeten, von dem Verluste Italiens und von der Ungeheuern Verwirrung Abulfeda Abuschahr 45 im Innern Frankreichs erhielt, wodurch er sich bestimmen ließ, Ägypten zu verlassen und nach Frankreich zurückzukehren. Am 7. März 1801 ward sodann A. wieder den Engländern übergeben, die mit weit überlegener Macht gelandet. Abulfeda (Ismail), ein als Schriftsteller berühmter moslemischer Fürst, aus dem kurdischen Geschlechte der Ejjubiden entsprossen, dem auch der große Saladin angehörte, ward zu Damaskus im I. der Hedschra 672 (1273 n. Ehr.) geboren und zeichnete sich schon als Jüngling durch Tapferkeit in mehren Feldzügen gegen die Kreuzfahrer aus. Seine Abstammung gab ihm Erbansprüche an das Fürstenthum Hamat in Syrien, welches unter der Oberhoheit der ägypt. Sultane stand. Nach mancherlei Hindernissen empfing er 1310 vom Sultan Malek-en-nasser das Fürstenthum Hamat und behielt es bis an seinen Tod. Er blieb fortwährend ein treuer Bundesgenosse des Sultans, besuchte diesen oft in Ägypten, erweiterte seine Kenntnisse durch Reisen und starb 1331. Er war ein großer Freund der Wissenschaften und hat mehre wichtige Wecke in arab. Sprache hinterlassen, darunter namentlich Annalen, die bis 1328 reichen, und von denen Fleischer die „llistoria suteisl-imica" (Lpz. 1831), Gagnier „De vita et rebus gestis Uuksmineckis" (Ors- 1723), Noel mit Vergcres „Vis I.). Abulie oder Willenlosigkeit nennt man denjenigen Zustand, in welchem der Mensch die Selbstbestimmbarkeit seiner Handlungen verloren hat und gewissermaßen zur Maschine Anderer herabgesunken ist. Nicht selten liegen der Abulie organische Fehler, besonders Atrophie des Gehirns, zum Grunde. Die Charakterlosigkeit kann man als einen geringer» Grad der Willenlosigkeit bezeichnen. Abllschähr, Bender Buschehr, Abusch oder Buschir, eine Hafenstadt an der Nordküste des Persischen Meerbusens in der pers. Provinz Farsistan, unter 29° nördl. Br. und 68° Lstl. L., liegt auf der nördlichen Spitze einer Halbinsel, welche der alte Geograph Nearch Mesambria nennt. Trotzdem daß die Gegend von Erdbeben, dem Samum und , Heuschrecken geplagt wird und das Trinkwasser mangelt, erhob sich die Stadt durch ihre Lage zu einem Haupthandelsort von 12—15000 E-, in welchem die Engl.-ostind. Com» 46 Abwechselung Abydos pagnie eine Factorei errichtet hat. Die nahe liegende Insel Kharak wurde 1837 von den Engländern besetzt, um bei den Unternehmungen Persiens gegen Hcrat durch eine Landung in A. interveniren zu können; gegenwärtig aber ist sie wieder von ihnen geräumt worden. Sollte dereinst der Euphrat ein Communicationsweg nach Indien werden, wie das 1836 und 1837 durch eine Expedition des Oberst Chesney untersucht und für ausführbar befunden ward, so könnte A. vielleicht zu dem Glanze emporsteigen, den ihm der ostind. Waarcn- weg um das Cap der guten Hoffnung geraubt. Abwechselung ist ein mächtiger Hebel im Leben des Menschen; in den Gegenständen geistiger Thätigkeit und des Genusses bewahrt sie den Verstand vor Einseitigkeit und die Phantasie vor Erschlaffung, sowie der Wechsel zwischen Sinnengenuß und Entbehrung Reizmittel zu erhöhter Thätigkeit ist. Dagegen macht aber steter Wechsel einestheils den Geist unstät und schwächt Aufmerksamkeit und Urtheil; anderntheils überreizt er den Körper, macht schwächlich und launenhaft. Daher muß auch im Wechsel Regel und Ordnung herrschen, um Leib und Seele zur Erfüllung ihrer Bestimmung geschickt zu erhalten. Bei geregelter Lebensweise finden seltener Erkrankungen statt und im Falle ihres Eintretens sind sie weniger gefährlich. Abweichung. Astronomische Abweichung, Abweichung eines Gestirns oder D eclination nennt man den Abstand des Gestirns vom Äquator, gemessen auf einem durch das Gestirn und die Pole gelegten, also gegen den Äquator senkrechten Kreise, welcher Abweichungs- oder Declinationskreis heißt; sie ist nördlich oder südlich, je nachdem der Stern nördlich oder südlich vom Äquator steht. — Optische Abweichung, bei Gläsern und Spiegeln auch Abirrung genannt, ist die Abweichung der von einem Punkte ausgehenden Lichtstrahlen, welche durch Linsengläser gebrochen oder durch Hohlspiegel zurückgeworfen werden, an demjenigen Punkte, in welchem sie sich eigentlich sämmtlich vereinigen sollen, um ein deutliches Bild zu geben oder überhaupt die beabsichtigten Zwecke zu erreichen; sie rührt bei Linsengläsern theils von der Gestalt derselben, theils von der ungleichen Brechbarkeit der verschiedenfarbigen Strahlen her, und die letztere Art der Abweichung ist noch weit beträchtlicher und nachtheiliger als die erstere. (S. Licht.) Über die Abweichung der M ag > netnadel s. d. Art. Abweiser nennt man diejenige Vorrichtung an Grundstücken, die an Flüssen liegen, wodurch die Gewalt des Wassers gebrochen und das Ufer geschützt wird. Man legt sie stets in schräger Richtung gegen den Strom an und fertigt sie entweder aus Faschinen oder Pfählen, welche letztere man mit Ruthen verbindet. Zn diesem Fall füllt man den hinter diesem Zaune befindlichen Zwischenraum mit Erde aus und bepflanzt ihn mit Weiden. Abwesenheit. In Bezug auf Rechtsverhältnisse kommt die Abwesenheit mehrfach in Betrachtung, insofern die Gesetze der Unfähigkeit des Abwesenden, seine Rechte gehörig wahren zu können, mehrfach zu Hülfe kommen. Das röm. Recht gestattete dem aus gewissen triftigen Gründen Abwesenden, wobei der in Staatsgeschäften Abwesende noch begünstigt war, Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen Rechtsnachtheile, die ihn betroffen hatten, insbesondere gegen versäumte Fristen; auch hinsichtlich der Verjährung, der negotiorum gestio u. s. w., galten für ihn mildere Grundsätze. Der Umfang des Begriffes der Abwesenheit war nach röm. Rechte verschieden, wurde jedoch in der Regel auf die Nichtanwesenheit an dem Orte, wo eine Klage gegen den Betreffenden angestellt werden sollte, beschränkt. Das Institut einer besonder» Vormundschaft für Abwesende (curs nbsen- tinin) ist aus dem röm. Rechte in die meisten deutschen Particnlarrechte übergegangen und hat verschiedene Modifikationen erlitten. An den Begriff der Abwesenheit knüpft sich der des Verschollenseins an. (S. Verschollene.) Abydos , eine Stadt am engsten Theile des Hellespont, Systos gegenüber, ist das jetzige Dardanellenschloß Avido, ursprünglich einem trojanischen Fürsten gehörig, später von Thraziern und Milesiern bewohnt, bekannt durch des ikerxes Heerschau und mächtigen Brückenbau, durch den tapfern Widerstand der Einwohner gegen Philipp den Jüngern von Macedonien, sowie durch die Liebe des Leander zur Hero (s. d.) in Testes. — Abydos, Stadt in Oberägypten (Thebais), ain westlichen Ufer des Nil, auf dem großen Handelswege nach Libyen, schon seit Strabo's Zeit verfallen, ist noch jetzt durch seine Ruinen merkwürdig, Abyssinien 47 namentlich durch das Memnonium und einen großen Tempel des Osiris nebst dessen Grab. In dem erstem entdeckte W. I. Bankes im I. 1818 die berühmte, gegenwärtig in Paris befindliche Stammtafel, auf welcher die Namen der Pharaonen aus der 18. Dynastie eingehauen find. Abzeichnungen hiervon haben Mehre, zuerst Wilkinson und Caillaud, geliefert. Abyssinien oder Habesch begreift im weitern Sinne das Gebiet des großen östlichen Hochlandes von Mittelafrika, das, terrassenwcise im Nordost vom Rothen Meere nach Südwest aufsteigend, im Norden zu den sumpfigen und waldigen Niederungen der Kolla oder Ma- zaga und im Westen in die Ebenen von Sennaar und Kordofan abfällt, im Osten von dem sandigen Küstenstrich der Samhara am Rothen Meer und dem Lande Adel am Meerbusen von Aden begrenzt wird, im Süden aber noch zum Theil ziemlich unbekannt ist. Das Land besteht in Hochebenen mit tiefen Schluchten, steil aufsteigenden Sandsteinterraffen (Ambas genannt). Die Hochebenen werden von vielen Bergketten, meist vulkanischen Ursprungs, durchzogen, die in ihrem höchsten Punkte in den Provinzen Simen und Godschem bis zu 14000 F. aufstcigen. A. ist das Ouellenland des Nil (s. d.). Zn Süden fließt der ziemlich unbekannte Hawasch; auch enthält das Gebirge mehre Seen, von denen der Tzanasee, welchen der Blaue Nil durchströmt, der bedeutendste ist. Das Klima ist im Hochgebirge gemäßigt und gesund, in dem sandigen Küstenstrich im Osten und in den sumpfigen Niederungen im Norden und Nocdwest glühend heiß und ungesund. Wie im Klima, so macht auch in Bezug auf das Pflanzen - und Thierrcich der Gegensatz von Hochland und Niederung einen durchgehenden Unterschied. Die Hauptmasse der Bewohner bilden die Abyssinier, die Nachkömmlinge der alten Äthiopier, die über Meroe den Nil entlang Ägypten bevölkerten. Obgleich ein altes afrik. Stammvolk, gehören sie doch nicht zur Negerrace; denn wenn sie auch braun in verschiedenen Abstufungen sind, so zeigt doch ihr langes Haar, ihre der arabischen ähnliche Eesichtsbildung, ihr schöner Körperbau, ihre mit den semitischen verwandte Sprache, daß sie zu der kaukasischen Race und speciell zu dem semitischen Stamme derselben gehören, von dem sie den Übergang zur afrik. Race der Neger bilden. Wenn auch die Berichte über die älteste Geschichte A.s voller Fabeln sind, so beweisen sie doch, daß seine Bewohner zu den ältesten Kulturvölkern der Erde gehören. In der Geschichte erscheinen die Abyssinier zuerst in dem Reich von Axum (s. d.). Das Christenthum ward in der Mitte des 4. Jahrh. unter ihnen eingcführt und breitete sich bald über ganz A. aus. Unter den axumitischen Herrschern erreichte das abyssinische Reich seinen größten Glanz, der jedoch bald durch das Umsichgreifen des Islams sein Ende fand. Seitdem begannen die bis in die neueste Zeit dauernden Kämpfe zwischen den Abyssiniern und dem Islam, welche A. immer mehr beschränkten; so ging namentlich der Küstenstrich der Samhara und des Landes Adel an den Mohammedanismus verloren. Noch nachtheiliger wurden für das damals schon auf das Hochland beschränkte abyssinische Reich die im 16. Jahrh. beginnenden Einfälle der Gallas, eines wilden, negerartigen Volkes, das, von Süden her kommend, ein Stück nach dem andern von A. abriß, es furchtbar verwüstete und dadurch in immer größere Barbarei zurückwarf. Mit Europa hatten die abyssinischen Herrscher, welche den Titel Negus führten, im Mittelalter, seit den Kreuzzügen immer in einiger Verbindung gestanden; in nähere Berührung kamen sie seit dem Ende des 15. Jahrh. vorzüglich mit Portugal. Hierdurch ward der röm. Hof auf den Gedanken gebracht, die Abyssinier zum Katholicismus zu bekehren. Der vereinigten Thätigkcit der Portugiesen und der Jesuiten, welche erstere dem abyssinischen Reiche große Dienste in den Kriegen mit den Mohammedanern und Gallas leisteten, gelang es auch wirklich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. großen Einfluß in A. zu erhalten, 1603 die Königsfamilie zum Katholicismus zu bekehren und eine Union der alten Landeskirche mit der röm. zu Stande zu bringen. Innere Kämpfe waren die Folge davon, da das Volk seinem alten christlichen Glauben treu blieb, und erst als der König SociniuS vom röm. Glauben wieder sich abgewandt hatte und die kathol. Priester 1632 vertrieben oder hingerichtet waren, kam das Land zur Ruhe. Seit dieser Zeit hat der röm. Hof nicht unterlassen, immer von neuem Versuche zu machen, wieder Einfluß zu gewinnen, besonders in der neuesten Zeit, wo deutsche und englische Missionare die Abyssinier für den Protestantismus zu gewinnen suchten. Mit diesen religiösen Bestrebungen verbanden sich rivalisirende politische Absichten der Kabinette von Paris und London, sodaß gegenwärtig ein offener 48 Abyssinien Kampf zwischen stanz.-kathol. und engl.-protestantischen Emissären und Missionaren, mit denen das Land überschwemmt ist, besteht. In Folge der durch die Verwüstungen der Gallas und die religiösen Zerwürfnisse cingetrctenen innern Auflösung ist der König oder Negus zu einem bloßen Schattenbild herabgesunken, dagegen haben sich die Nas oder Statthalter der einzelnen Provinzen zu factisch unabhängigen Herrschern gemacht. Sv zerfällt A. jetzt in drei unabhängige Hauptstaaten: den von Tigre, welcher den nordöstlichen Theil des Hochlandes, zwischen demTacazze und dem Gebirge Simen einerseits und dcr Samhara andererseits, mit den Städten Antalow und Adaua umfaßt; ferner den von Gondar oder Amhara, das Land westlich vom Tacazze und dem Gebirge Simen, mit der Hauptstadt Eon- dar umfassend; und endlich den von Schoa und Efat, südlich von jenen beiden gelegen, mit der Hauptstadt Ankober. Außerdem gibt cs noch mehre kleine halbunabhängige abys- sinische Fürsten. Wichtiger als diese sind die Gallastämme, welche, unter eigenen Häuptlingen, sich mitten unter die abyssinischen Provinzen hincingcdrängt und viele derselben unterworfen haben. Sie sind vorzüglich im Süden des Hochlandes vorherrschend, wo sic das Reich von Schoa und Efat, das in der neuern Zeit jedoch viele Landstriche ihnen wieder abgenommen, ziemlich ganz umgeben. Die Lebensweise der einzelnen Gallastämme ist je nach dem Standpunkt ihrer Bildung sehr verschieden; manche sind seßhaft und gesitteter geworden und haben der günstigen Rückwirkung der abyssinischen Civilifation nickt entgehen können, so besonders die, welche im Innern mit Abyssinicrn vermischt wohnen, von denen sogar einer zum Christenthume übergegangen ist; andere dagegen bewahren noch völlig ihre alte Wildheit und Grausamkeit, doch scheint ihre Macht in der neuern Zeit abgenommcn zu haben. Außer den Abyssinicrn und den Gallas, wird das abyssinische Hochland noch bewohnt von den jüdischen Falaschas in der Provinz Simen, die wahrscheinlich von Juden, welche nach der Zerstörung Jerusalems durch TituS ausgewandert, herstammen, und vondenNegcrsiäm- men, welche unter dem Namen der Schangallas den westlichen Theil des Gebirges, das Dar- el-Vertat und das Fassokl, sowie die sumpfigen Niederungen im Norden bevölkern. Der Küstenstrich der Samhara wird von den nomadischen Stämmen der Danakil bewohnt, Mohammedanern, die, gleichwie die meisten Schangallas, Höhlenbewohner sind, und von denen die im Norden dcrSamhara lebenden, von einem die Souverainctät der Pforte anerkennenden Naib regiert werden, dessen Residenz die Hafenstadt Arkiko ist, gegenüber der Insel Maf- sauah, welche der Pascha von Ägypten besitzt. Noch sind die beiden, nur ans altern Berichten bekannten merkwürdigen Länder Kassa und Narea, auf einer im Süden von einer Gebirgskette umgebenen Hochebene gelegen, zu erwähnen. Tie bilden, die südlichsten Punkte des abyssinischen Hochlandes, die Wasserscheide zwischen dem Nil und dem in den indischen Ocean mündenden Cebc, der in ihnen entspringt, und werden südlich wahrscheinlich von den Flächen Jnnerafrikas und östlich vom Tieflande Dschindschiro begrenzt. Rings von Gallashorden umgeben, haben ihre Einwohner, ein in körperlicher wie geistiger Hinsicht ausgezeichnetes Volk mit eigener Sprache, das, eben so treu als tapfer, keine dunklere Gesichtsfarbe hat als die Südeuropäer, ihre Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Der gegenwärtige Zustand des eigentlichen A. ist in Folge der innern Streitigkeiten und der Kriege mit den Gallas ein höchst zerrütteter, der die alte Civilifation des Volks immer mehr untergraben und das an sich intelligente und geistig wie körperlich begabte Volk der Abyssinier sehr demoralisirt hat, sodaß cs allgemein als betrügerisch und hinterlistig geschildert wird. Am vortheilhaftesten ist noch der Zustand des Reiches Schoa und Efat, das besser bebaut, zahlreicher bevölkert und innerlich beruhigter ist, als die übrigen abyssinischen Länder. Zwar sind die Abyssinier Christen, doch besteht ihr Christenkhum fast nur in der strengen Beobachtung der Ceremonialgefttze, und obgleich ihre zahlreiche Geistlichkeit sich viel mit den dogmatischen Spitzfindigkeiten beschäftigt, so sind sie ihrer Gesinnung nach doch nur sehr laue Christen. Sie bilden eine eigene Kirche, deren nominelles Haupt der Negus, deren eigcntli- liches Oberhaupt aber Abuna, d. h. „unser Vater" ist. Diesen empfängt sie gewöhnlich vom koptischen Patriarchen in Alexandrien, da die abyssinische Kirche mit der koptischen einerlei Lehrbegriff hat, nämlich den monophysitischen (s. Monophysiten), während sie in Ritus und Disciplin im Allgemeinen der orthodoren orientalischen gleicht. Doch hat sie auch viele Eigenthümlichkeiten, die mW alten orientalischen Gewohnheiten herrühren; so die Beschnei- Abzugsgeld Acapuleo ' ' 49 düng bei beiden Geschlechtern, die Beobachtung der mosaischen Gesetze in Betreff der Speisen und der Reinigung, die Feier des Sonnabends u. s. w. Aus den ersten christlichen Zeiten haben sie die Agapen und die Taufe der Erwachsenen behalten, welcher die Communion zu folgen pflegt, zu der Niemand vor dem 25. Jahre zugclasseu wird, da der Glaube herrscht, daß ein Gläubiger vor diesem Jahre keine eigentliche Sünde begehen könne. Kirchen haben sie viele; die ältesten sind in Felsen gehauen, die spätem meist klein, rund und kegelförmig mit Strohdächern, aus Hügeln in der Nähe eines fließenden Wassers, behufs der Taufe, gelegen und von Cedern umgeben. Im Sanctuarium steht der Altar in Form der alttestamentlichen Bundeslade. Statuen und Basreliefs dulden sie nicht darin, wol aber viele Gemälde. Der Gottesdienst besteht hauptsächlich im Vorlesen von Stellen aus der Bibel, wobei sie auch die apokryphischen Bücher brauchen, und der Ertheilung der Sacramente. Die Geistlichen sind im Ganzen sehr unwissend, dürfen sich verheirathen und werden inKomosars oder Wcltgeist- liche, Abbas oder Schriftgelehrte und Mönche cingetheilt. Letztere, zur Kongregation deS heil. Antonius gehörend, zerfallen in zwei Classen, von denen die eine unverheirathet ist und, in ordentlichen Klöstern lebend, einer strenger» Regel folgt, die andere dagegen sich dem Ackerbau und Gewerbe widmet und sich vcrheirathet. Merkwürdig ist, daß die Kirche dem König die Vielweiberei erlaubt. Die Abyssinier besitzen eine eigene alte Literatur, aus kirchlichen Schriften und Chroniken bestehend, unter denen die Übersetzung der Bibel und des „Ta- reck Negushti", oder Chronik der Könige, die wichtigsten sind. Alle diese Schriften sind in der zum semitischen Sprachstamm gehörenden, aber von der Linken zur Rechte» in eigenthümli- chen Charakteren geschriebenen Geezsprache, dem alten Äthiopischen, abgefaßt, die jetzt nicht mehr gesprochen wird und zur bloßen Schriftsprache geworden ist. Gegenwärtig sind in A. hauptsächlich zwei Sprachen in Gebrauch: die Tigreesprache, in dem Reiche gleiches Namens, aus der alten Geezsprache entstanden, und die Amharasprache, in dem Reiche gleiches Namens und im südl. A., welche zwar auch zum semitischen Sprachstamme gehört, aber von jenen beiden doch ziemlich verschieden ist und zu beweisen scheint, daß die Abyssinier aus zwer verschiedenen, wenn auch verwandte» Volksstämmen bestehen. Die Juden in Simen haben ihre eigene Sprache, ebenso die andern A. bewohnenden Völkerschaften. Der Handelsverkehr mit A. beschränkt sich jetzt noch auf die Ausfuhr von Gold, Elfenbein, Rhinoceros- hörnern und Sklaven und wird hauptsächlich über Arkiko und Massauah mit Tigree, und über Zeila mit Schoa und Efat betrieben. Die Industrie der Abyssinier besteht hauptsächlich in der Verarbeitung der Baumwolle, des Leders und desEisens. Vgl. Ludolfs verschiedene auf Äthiopien und äthiopische Sprache bezügliche Werke; dann des Pater Telle; „lkistnrin xe- rnl 787 die wahre Ursache dieser Accelera- tisn des Mondes in der veränderlichen Excentricität der Erdbahn, welche ungefähr seit 12000 v. Ehr. im Abnehmcn ist. Seit dieser Zeit rückt der Mond der Erde immer näher, und dieses wird etwa bis zum I. 36900 n. Ehr. dauern, wo die Excentricität der Erde wieder zunehmen wird. — Acceleration der Fixsterne nennt man den Unterschied zwischen dem Sterntage und dem Mittlern Sonnentage, welcher ungefähr 3 Min. 56'/r Sec. Sternzeit beträgt, um welche der Sonnentag länger ist. Accent ist die dem Ausdrucke des geistigen Lebens entsprechende Auszeichnung der Töne und Sprachlaute durch ihre verschiedene Höhe, Länge, Stärke und Aussprache. Musik und Sprache sind die Hauptmittel zum Ausdruck der Empfindungen und nehmen dabei die bald schnelle, bald langsame Bewegung an, welche wir an diesen wahrnehmen. Dadurch werden sie einem Zeitmaß unterworfen, und wir unterscheiden an den Tönen Längen und Kürzen. Um nun eine Empfindung ganz bestimmt und deutlich auszudrücken, ist ein Organismus der Töne erfoderlich, welcher dadurch hervorgebracht wird, daß in der nach den Zeitver- hältniffen abgemessenen und nach einem Grundton gestimmten Reihe von Tönen auch eine solche Verbindung und Zusammensetzung sich finde, welche die Empfindung in ihren verschiedenen Beziehungen und Abstufungen darstellt, Haupt- und Nebensachen richtig unterscheidet, das Minderwichtige dem Wichtigen unterordnet und das Bedeutende stets gehörig hcr- aushebt. Dadurch wird eine Folge von Tönen zum musikalischen Satze, der einen bestimmten Sinn in sich schließt, und um diesen auszudrücken, auf die Wichtigkeit und Bedeutung einzelner Töne in ihrem Zusammenhänge besondere Rücksicht nimmt. Die Auszeichnung der Töne aber nach dem Grad ihrer Wichtigkeit ist es, was man Accent, Betonung im weitesten Sinne nennt. Der musikalische Accent ist ein dreifacher. Der natürliche, grammatikalc Accent fällt stets auf die ersteNote jeden TactgliedeschTactzeit), überhaupt jeder Einen Tacttheil bildenden Notengruppe. Von mehren Accenten Eines größer» rhythmischen Gliedes, z. B. Tactes, hat wiederum der erste das Übergewicht (schwere — leichte Accente). Der grannnatikale Accent darf sich nicht stärker bemerkbar machen, als dasVcrständ- niß des musikalischen Gedankens und seines rhythmischen Geschlechts crfodert. Hierin unterscheidet sich von ihm der rhythmische Accent, welcher einzelne Noten stärker und von jener Unterordnung unabhängiger hervorhebt. Er hat jedoch mit dem grammatikalen die Consc- quenz und Regelmäßigkeit gemein, und er ist cs, der z. B. den Nationalmelodien der slawischen Völker, der Spanier und Anderer das charakteristische Gepräge aufdrückt. Ganz frei von den Foderungen des Tactes und Rhythmus steht der declam atorische (künstliche, rhetorische) Accent nur im Dienste des Gedankens, sowie der momentanen Eingebung oder der Berechnung, überhaupt des Gefühls und der Laune des Vortragende», und ist ein Haupthebel des höher», geistigen Vortrags. Die Auszeichnung beim Sprachaccent geschieht durch stärkere Aussprache oder längeres Verweilen oder durch Beides, bald durch Erhöhung oder Vertiefung der Stimme, bald durch weniger offene Aussprache der Vocale einer Sylbe. Man unterscheidet den geschärften oder steigenden Accent, acutus (ch, den schweren oder sinkenden, gravis (y) und den gedehnten, circiimtlexus (^ oder "). Der gedehnte Accent trifft einen an und für sich schon langen Ton der Sylbe; der schwere zeigt eigentlich nur Mangel an Betonung an; und so bleibt als Auszeichnung im Ton nur der geschärfte übrig, indem er auch einem gedehnten Tone Auszeichnung geben oder nehmen kann. Daher belegt man ihn vorzugsweise mit dem Namen Accent. Die Ursachen aber, einen Sprechlaut durch den Accent auszuzeichnen und länger bei ihn: zu verweilen, als seine bestimmte Zeitdauer zu fo- dcrn berechtigt ist, sind entweder der mechanische Bau (positio) oder der Rhythmus oder die rednerische Bezeichnung. Demgemäß unterscheidet man drei Arten, den grammatischen, rhythmischen und rhetorischen oder oratorischen Accent. Die bei jedem obwaltenden Gesetze sind folgende: Den grammatischen oder Sylbenaccent bekommt eine Sylbe oder ein Ton von natürlicher Länge, also entweder vermöge ihrer Bildnng oder ihrer Bedeutung, z. B- in „prächtig" muß die Stimme aus mechanischen Ursachen auf der ersten Sylbe länger verweilen als auf der zweiten, und mithin wird jene Sylbe mehr hervorgehoben. In Wörtern mit Voroder Rach-, Ableitungs- oder Beugungssylhen fällt in unserer Sprache der Hauptton alle- 52 Leeentus eeelesiastiel Accession mal auf die Stammsylbe; es entscheidet mithin nicht das Maß oder die Quantität, sondern die Bedeutung der Sylbe. Der rhythmische, den der Sprach- oder Wortacccnt rnit der Musik theilt, hebt ein Hauptmoment der Bcwegungsreihe, welche die Sylben bilden, hervor. Man bezeichnet denselben mit einem schrägen Striche von der Rechten zur Linken, z. B. Sei der Gr > sang viel j td'nig im > wechselnden I Tanz der Ein j psindung. Der oratorische oder Nedeaccent soll dem Vortrage seine Bestimmtheit, Klarheit und innere Bedeutsamkeit geben; er hebt daher in der Rede das für das Verständnis oder für das bezeichnte Gefühl bedeutendste Wort und in dem Worte selbst die für die Absicht des Sprechenden ^bedeutendste Sylbe heraus. Ohne sich in der Sprache an die Quantität des Worts zu binden, verweilt er mit Nachdruck bei dem Bedeutenden und eilt, um diesen Nachdruck desto mehr zu verstärken, an dem, wenn auch sonst Bedeutenden, doch gerade in diesem Falle Unbedeutenden schnell vorüber; z. B. er ist nicht e r trunken, sondern b e trunken. Hiermit wird noch der Sahacccnt in Verbindung gesetzt, welcher in richtiger Hebung und Senkung der Stimme beim Vortrage größerer Satzreihen oder Perioden besteht und dadurch dem Hörenden das logische Verhältnis der miteinander verknüpften Sätze darstellt. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Wort - und der Redeaccent zusammcnfallen oder getrennt werden könne. Fragt man nun, ob der Nedeaccent den Wortaccent gar aufhcbe, ob nicht durch ihn die Quantität, Sylbenzeit und Zeitmessung verloren gehe, und ob ebendarum nicht der Wohllaut unter dem Nedeaccent leide, so kommen bei Beantwortung dieser Fragen, in welcher das Eeheimniß der Prosodie (s. d.) überhaupt und der Unterschied zwischen der deutschen und der Prosodie der Alten insbesondere liegt, folgende Punkte in Betracht: l) Wenn der Accent mit einer aus mechanischen Ursachen langen Sylbe zusammentrifft, so hebt er diese Sylbe noch und gibt ihr zu ihrer Dehnung auch Höhe; 2) der Accent macht eine unveränderliche lange Sylbe nicht zur kurzen, raubt ihr aber, wenn sie unmittelbar auf die Accentsylbe folgt, etwas von dcr Länge, und es kann daher die Quantität, wenn sie nicht mit dem Accent zusammenfällt, durch diesen etwas verdunkelt werden; 3) der Accent, wenn er schon eine unveränderliche Länge nicht zur Kürze machen kann, macht doch verhältnißmäßige Kürzen und Längen; und -l) auf unveränderliche Kürzen kann der Accent nie fallen. ^eeenlus eee!e8M8ti«:i hießen die früher den Priestern beim Absingen dcr cvange- lischcn und Epistelabschnitte vorgeschriebenen Weisen, die sich nur durch die Biegungen der letzten Sylben eines Satzes bei gleichförmigem Absingen der übrigen auf einem und demselben Tone voneinander unterschieden. Man hatte deren sieben, und sie unterschieden sich von dem Vortrage der'Collecten und Intonationen in der protestantischen Kirche nur durch größere Mannichfaltigkeit der Schlußwcndungen. Accept, s. Wechsel und Wechsclrecht. Accession , das Hinzukommcn einer Sache zu einer andern, ist eine der Arten des Eigenthumserwerbs, welche auf dem Grundsätze beruht: Wem die Hauptsache gehört, dem gehört auch die Nebensache dieser Hauptsache. Die Hauptfälle dcr Accession lassen sich unter folgende Kategorien bringen: Etwas Unbewegliches wird mir etwas andern: Unbeweglichen vereinigt, wie bei der Anschwemmung eines Stückes Land, bei dcr Bildung einer Insel im Flusse und bei der Austrocknung des Flußbettes; oder etwas Bewegliches tritt zu etwas Unbeweglichem, wie durch Einpflanzen, Einsäcn, Aufbauen in oder auf fremdem Boden; oder etwas Bewegliches tritt zu"etwas Beweglichem hinzu, wie beim Schreiben oder Malen auf fremdem Material, bei dcr Verbindung einer fremden Sache mit einer eigenen durch An- schmicden, Anlöthen, Einfassen, Stücken u. s. w. In dem zuerst angeführten Falle werden die Grundbesitzer der adjacirenden User Eigcnthümer des Landes, der Insel, des leeren Flußbettes, wovon jedoch neuere Landesgesetze zum Theil eine Ausnahme zu machen pflegen und das neugebildctc Land dem Fiscus zuthcilen; in dem andern Falle wird der Herr des Bodens Herr des Hinzugekommcnen; im letzten gelten verschiedene Grundsätze. In einigen der obigen Fälle wird das Eigcnthum widerruflich, in andern unwiderruflich, in den meisten jedoch so erworben, daß der Erwerber zum Ersah verbindlich wird; das römische Recht, das in den Staaten des gemeinen Rechts hierüber noch mit wenigen Ausnahmen gilt, enthält sehr detaillirte Bestimmungen deshalb. Im weitern Sinne nehmen mehre Rechtslchrer di« Accesflt Akklimatisation 53 Accession, indem sic ihr noch die Specification oder das Umbildcn einer Sache in eine andere, ferner die Confusion und die Commixtion, die Vermischung flüssiger oder trockener Sachen verschiedener Eigcnthümer, beizählen: drei Rechtsbcgriffc, die jedoch richtiger als besondere Eigenthumserwcrbungsarten betrachtet werden, und von denen die letzte noch dazu nur in den wenigsten Fällen wirklich eine solche ist. Auch über den Erwerb der Früchte ins Eigcn- thum gelten verschiedene Grundsätze. Accessit nennt man den zweiten Preis, welchen bei Prcisaufgaben diejenige Arbeit erhält, die nach der, welche den Sieg davon getragen, für die beste erklärt wird. Accidens bezeichnet eine zufällige, nicht wesentliche Eigenschaft einer Person oder Sache; accidentell, zufällig, im Gegensätze des Essentiellen, Wesentlichen. Daher wird Accidens bei den Philosophen der Substanz (s.d.) entgegengesetzt und bezeichnet die Art und Weise des Seins der Substanz, die Eigenschaften, Bestimmungen, die nicht zum Wesen eines Dinges gehören, und ihm deshalb auch fehlen oder sich verändern können, ohne daß das Ding aufhörc zu sein, was es ist. Inwiefern aber diese Unterscheidung zwischen Substanz und Accidens auch nur für das vergleichende und abstrahircnde Denken gültig ist, bedarf weiterer Untersuchungen. — Accidenzien, s. Stolgebühren. Accise, Excise, Ziese oder Zeiße, ist eine sehr alte und in ihrer Entstehung örtliche Abgabe von gewissen in die Stadt verkauften Gegenständen nach dem Verhältnis des Preises. In dieser Art kommt sie in den deutschen und franz. Städten schon im 12. Jahrh. vor und war vcrmuthlich schon damals etwas Altes; die Gegenstände aber, von welchen sie genom- men wurde, waren sehr verschieden; bald nur einige, bald Alles, was von Fremden eingc- bracht und in der Stadt verkauft wurde. Als die Landesherren Häufigere-Stcuerbewilligun- gen verlangten, wurde ihnen nicht selten von den Städten die Einnahme der Accise überlassen, die früher meist in die Gemeindckasse geflossen war; allein hier und da sind dergleichen Abgaben auch zum Vortheil der Städte selbst beibehaltcn worden. Der bessern Ordnung wegen erhob man die Accise bei dem Einbringen an den Thoren. Später wurde sic auch aus das Land ausgedehnt (Landaccisc) und dadurch zu einer allgemeinen Verbrauchssteuer (Generalconsumtionsaccisc), die aber mit einer Menge anderer Abgaben, Zöllen, Jmpost, Trankstcuer concurrirte und nach Provinzen und Orten verschieden war. Als ziemlich allgemein zutreffende Perioden ihres Fortschreitens kann man annehmen, daß sie im 15 Jahrh. in die Hände der Landesherren kam (in Sachsen 14-1»,- in Brandenburg 1467), im 17. Jahrh., gegen Ende des dreißigjährigen Kriegs, auf das Land ausgedehnt (in Sachsen 1640, Brandenburg 1641) und dann immer weiter ausgebildet wurde, in Preußen durch Kurfürst Friedrich Wilhelm 1684 und König Friedrich l>. 1787 , in Sachsen 1707, 1822 und 1824. In Frankreich hatte jede Provinz ihr eigenes Abgabesystcm, daher auch eigene Grenzzöllc, und die Menge dieser Binnenzölle war kein geringes Hinderniß des bürgerlichen Verkehrs. In der Revolution wurden sie abgeschafft, auch durch das Gesetz vom 10. Febr 1701 die Localabgabcn aufgehoben; da aber hierdurch die städtischen Verwaltungen in die größte Verlegenheit kamen, schon unter der Directorialverfassung 1708 wiederhcrgestcllt In England ist die Accise nicht eigentlich eine Abgabe, die bei dem Übergang der Waaren ans einem Orte in den andern erhoben wird, sondern sie umfaßt, außer gewissen Zöllen hauptsächlich indirecte Abgaben, die von den Producenten gewisser, in größer» Fabrikanlagen gefertigter Consumtionsartikcl entrichtet werden. Auch in Deutschland hat man in neuerer Zeit die innere Accise meist aufgehoben, dnrch Grenzzölle, dirccte Steuern (Gewerbs- und Claffensteuer) und indirecte Abgaben (z. B. die Branntweinsteuer) ersetzt und damit der Freiheit des inner» Verkehrs große Dienste geleistet. (S. Zollvereine.) Akklimatisation nennt man die Gewöhnung der Organismen an ein anderes Klima als dasjenige ist, in welchem sie sich seit ihrer Entstehung oder Geburt befanden, und Acclimatisationsvermögcn die Fähigkeit zu dieser Gewöhnung. Letzteres steht in geradem Verhältniß mit der Fähigkeit, sich der nachtheiligcn Einwirkung der äußern Medien zu entziehen und die möglichste Selbständigkeit besonders auch in Bezug auf den organischen Tempcraturgrad zu bewahren. Da nun von allen Organismen der menschliche diese Fähigkeit in» höchsten Maße besitzt, so ist es auch natürlich, daß er sich am leichtesten acclimati- sirt, zumal da er hierbei von dem Willen wie von seiner geistigen Thätigkeit und ErfindungS- 54 Aecommodatiort gäbe bedeutend unterstützt wirb, welche ihm die künstlichen Mittel darbieken, wo die natürli- chen nicht mehr ausreichen. Indessen auch hier finden gewisse Grenzen statt, da jedes Klima einem jeden, mithin auch dem menschlichen, Organismus seinen Stempel aufdrückt, wie dies die Racenverschiedenheiten auf das unzweideutigste Nachweisen. Diese Besonderheit muß der sich acclimatisircndc Organismus nun mit einer andern vertauschen, welche die Stelle der er- stcrn alsdann einnimmt, wozu nothwcndig eine theilweise Umänderung in der bisherigen Richtung seiner Thätigkeit erfodcrt wird. Diese Umwandlung mit den dabei sich kundgebcn- den Erscheinungen nennt man den Äcclimatisationsproceß; er wird um so leichter vonstattcn gehen, je ähnlicher die Klimatc find und je weniger das bisherige den Thätig- keitsäußerungen eine einseitige Richtung aufdrückt, umgekehrt aber um so schwerer, je differenter die zu vertauschenden Klimate sind; daher besitzen die in der gemäßigten Zone lebenden Organismen das größte Acclimatisationsvcrmögen und übcrstehen de» Acclimatisations- proceß am leichtesten, während die Polarorganismen sich am wenigsten und nur sehr schwer zu acclimatisiren vermögen, zumal wenn der Übergang aus dem einen Klima in das andere schnell erfolgt; denn hier ist eine ruhige allmäligc Ausgleichung der Differenzen nicht mehr möglich, es kommt zu abnormen Thätigkcitsäüßerungcn, welche man mit dem Namen Acclimatisationskrankheiten belegt, die uns aber nur in Bezug auf den Menschen und auch hier nur in den Hauptzügen genauer bekannt sind. Da das Klima vorzugsweise durch die Atmosphäre auf den Menschen wirkt, so werden die Respirationsvrgane (Lungen und Haut) auch die nächsten und auffallendsten Veränderungen bei der Acclimatisation darbieten ; der Nordländer mit seinem vorherrschenden arteriellen Brustlebcn, bei dem die Lungen fast allein die Respiration, d. h. die Entkohlung des Blutes, besorgen, da die Lust im Norden reich an Sauerstoff ist, muß plötzlich die wenig thätige Hautrespirakion in Gang bringen, wenn er nach dem Süden kommt; dies ist aber kaum möglich, daher die Leber den überschüssigen Kohlenstoff in der Gallenbildung zu entfernen sucht, was ihr aber gleichfalls nicht gelingt, und so erkrankt sie an Entzündungen, Abscessen und Degenerationen, oder die scharfe Galle erregt Ruhr und andere Darmleiden. Der Südländer dagegen mit seinem vorherrschenden venösen Bauchleben soll plötzlich die rege Hautrespiration mit erhöhter Lebens- thätigkeit aufgcbcn, wenn er nach dem Norden kömmt und den Lungen, welche der reichen Menge Sauerstoffs ungewohnt sind, die Entkohlung des Blutes allein überlassen, was er noch weniger vermag, daher geht er leicht an Blutungen, Entzündung und Phthisis der Lunge zugrunde, und kein Mittel der Kunst vermag hier zu schützen, während dem nach dem Süden wandernden Nordländer so vielerlei zu Gebote steht. Vgl. Haspcr, „Über die Krankheiten der Tropenländer" (2 Bdc., Lpz. 1831), Foifsac, „Über den Einfluß des Klima auf den Menschen" (aus d. Franz, von A. Westrumb, Götting. 1810)- — Im Allgemeinen acclimatisiren sich Pflanzen leichter als Menschen und Thicre. Bei ihrer Acclimatisation hat man vorzüglich Boden, Nahrung und Klima zu berücksichtigen; Boden und Klima insofern, als jede Pflanze, die aus einem leichten und unfruchtbaren Boden in einen schweren und fruchtbaren oder aus einer rauhen Gegend in eine warme versetzt wird, sich leichter acclimatisiren läßt als im entgegengesetzten Falle, wo sie meist verkümmert; Klima und Nahrung kommt, nächst den Menschen, bei den zu acclimatisireNden Thicrcn besonders deshalb in Betracht, weil sich das Thier nur sehr schwer an ein dem bisherigen Klima entgegengesetztes gewöhnt und weil das an seinem bisherigen Standorte sich im besten Gedeihen befindliche und großen Nutzen gebende Thier in seinen guten Eigenschaften und Nutzungen sehr zurückgehcn wird, sobald es in fremden Klimaten nicht das gewohnte Futter findet. Man muß deshalb bei der Acclimatisation alle Extreme möglichst zu verhüten suchen, damit die zu acclimatisirenden Gegenstände nicht ausarten, was besonders bei allen aus einem halbwilden Zustande in den Stand der Hausthiere übergegangenen Thieren der Fall ist, indem diese, bei vernachlässigter Pflege, sehr geneigt sind, wieder in jenen zurückzukchren, und sich dann diese' - Rückkehr schneller als die frühere Veredlung ausbildet. Während die Acclimatisation bei manchen Pflanzen und Thieren sehr leicht ist, gelingt sie bei andern gar nicht; manche Thiere, z. B. Hund und Katze, gewöhnen sich an jedes Klima. Um die Acclimatisirung ausländischer Pflanzen hat sich der Baron von Kottwitz in Schlesien verdient gemacht. (S. Samen.) Äccommodation heißt die Anbequemung an Anderer Meinungen, Wünsche, Schwach- Accornpagnement Accord 55 hciten. Die Accommodation eines Lehrers zu den Fähigkeiten und Vorstellungen der zu Belehrenden kann eine doppelte sein; zuerst in der Form des Vortrags, wenn er eine Lehrmethode, eine Art zu erläutern und zu beweisen wählt, welche nicht an sich die vollkommenste, sondern der Beschaffenheit, d. i. der Fassungskraft und den Meinungen der zu Belehrenden, angemessen ist. Besonders gehört dahin der Gebrauch solcher Beweise für die vorzutragende Wahrheit, die aus Sätzen, welche die zu Belehrenden schon glauben und festhaltcn, mögen sie auch ungegründet sein, hergelcitct werden (urgiimelit^allbominem, tlispiUciti» ex couce?«!.«), sowie der Gebrauch solcher sprachlicher Formen, welche zwar der reinen Idee, die man geben will, nicht genau entsprechen, aber den zu Belehrenden schon bekannt und geläufig sind, und daher bei ihnen den Übergang von der Form zur reinen Idee vorbereiten und vermitteln. Diese Accommodation gehört zur Lehrweisheit, selbst für einen göttlichen Lehrer, weil der Fortschritt zur Wahrheit nie ein abgerissener Sprung sein kann, sondern aus dem Vorhandenen heraus sich entwickeln und an das Vorhandene anknüpfcn muß. Darum fanden cs schon die ältesten Kirchenväter unbedenklich zu behaupten, daß auch Gott bei der Offenbarung sich nach den Fähigkeiten der Menschen in seinem Reden, Thun und seinen Anordnungen gerichtet habe. Sie nannten dieses k7N)Xl,.r«/!tuoic, die Lateiner conckssceiisio oder ckomissio. Die Accommodation kann aber auch zweitens geschehen in der Materie, die derLehrer vorträgt, und findet statt, wenn der Lehrer die irrigen Vorstellungen der zu Belehrenden selbst zu billigen scheint, indem er entweder (negativ) diese Jrrthümer nicht bestreitet, sondern stehen läßt, oder(positiv) diese Jrrthümer selbst, ungeachtet er sie als irrig erkennt, mit in seinen Unterricht aufnimmt und als wahre Sätze verträgt, um dadurch die zu Belehrenden für andere Wahrheiten zu gewinnen, oder doch ihnen nicht geradezu anstößig zu werden. Der Unterschied, ob der Lehrer sich seines Accommodirens durch Reflexion bewußt werde oder nicht, ist hier nicht anwendbar, da eine unbewußte Accommodation keine Accommodation mehr, sondern ein Theilnehmen an dem Jrrthum ist. Die Accommodation in der Form ließen auch die Supcrnaturalisten stets gelten, aber nicht in der Materie. Diese aber nahm man im vorigen Jahrh. bei Jesu an, nachdem man die Vorstellungen von den Dämonischen des Neuen Testaments für eine bloße jüdische Zcitvorstellung erkannt hatte und Grund zu haben glaubte, auch die Vorstellungen vom Teufel, den Engeln, dem Messiasreiche, dem Gericht, der Auferstehung u. s. w. als jüdische Zeitvorstellungen ansehen zu müssen. Man behauptete daher, Jesus habe aus Schonung seiner Zeitgenossen, und um sie für die höhere Wahrheit zu gewinnen, diese Vorstellungen theils nicht bestritte», theils in seine Vorträge cingewebt, ohne jedoch damit bestimmen zu wollen, daß sie für alle Zeiten Wahrheit sein sollten. Vielmehr habe man diese unter den Juden gangbaren Vorstellungen von der reinen Lehre Jesu zu scheiden. So der ältere Rationalismus in der letzten Hälfte des vorigen Jahrh., der auf diese Art den gestörten Frieden zwischen Vernunft und Erfahrung mit dem herkömmlichen theologischen System wiederherstcllcn zu können vermeinte. In neuerer Zeit ist der Streit über die Accommodation ziemlich entschlafen, indem die neuere Philosophie (Schelling, Hegel) die kirchlichen und biblischen Sähe in ihrem historischen Sinne unangefochten ließ, aber die kirchlichen Wörter und Formeln zu eine»! ganz heterogenen philosophischen Sinne umdentcte, der neuere Rationalismus aber, das Unhaltbare der altern Accom- modationshypothese erkennend, der Frage, ob Jesus sich accommodirt habe oder nicht, sich ganz cntschlagen koiintc, weil er (besonders Bretschncidcr und Ammon) nachwies, daß die religiösen Ideen selbst nur allein das Wesentliche in jeder Offenbarung sein können, daß aber ihre Bekanntmachung und ihre Form, oder ihre Auffassung in dem menschlichen Gcmüthe dem allgemeinen Gesetze der allmäligen Entwickelung und Fortbildung unterworfen und durch den Reflex der Weltanschauung jedes Zeitalters bedingt sei, sodaß jede Offenbarung sich nvthwendig an die Kulturstufe ihrer Zeit anschließen, in dcn Vorstcllungskrcis ihres Zeitalters cintretcn und aus diesem heraus, als historischer Übergangsstufe, sich entwickeln müsse, wenn sie nur verstanden, geschweige denn angenommen oder geglaubt werden wolle. Accompagnement, s. Begleitung. Arcord (vom ital. uccorUare, und dieses vom lat. clioiclü, d. i. Saite) bezeichnet in der Musik eine auf die natürlichen Tonverhältnisse gegründete Verbindung gleichzeitig erklingender Töne. Auf diesen Zusammenklängcn und ihrer Folge und Verknüpfung beruht die 56 Acereditiren Harmonie, weshalb man auch öfters einzelne Accorde Harmonien (Dominantharmonie) nennt. Nach der Zahl der verbundenen Klänge heißen die Accorde auch Dreiklänge, Vier- und Fünfklänge, wobei jedoch die bloßen Octavenverdoppelunge» nicht zu zählen sind, oder drei-, vier- und fünfstimmige Accorde. Die einfachste, befriedigendste Klangverbindung ist die in den Verhältnissen einer großen und einer kleinen Terzie, oder von Grundton (Tonika), Tcrzie (Mediante) und Quinte (Dominante). Ist die untere Terzie die große, so heißt der Accord ein harter (Dur-), ist sie die kleine, ein weicher (Moll-) Dreiklang. Weitere Gestaltungen des Dreiklangs sind der aus zwei kleinen Terzien bestehende verminderte (weichver- minderte, kleine) Dreiklang, der, in der Molltonart einheimisch, in der Durtonart als unvollständiger Vicrklang dem Gehör sich darstellt; ferner der aus einer großen und einer verminderten Terzie gebildete hart verminderte, der selten anders als in seiner dritten Lage angewendet wird, und der aus zwei großen Terzien bestehende übermäßige Dreiklang, ein Verhältnis, das, durch die Stimmenführung erzeugt, als selbständiges, primitives vom Gehör abgelehnt wird. Durch Verlegung des Grundtons in die höhere, oder der Quinte in die tiefere Octave entstehen die Versetzungen, oder die zweite und dritte Lage des Dreiklangs, der aus Tcrzie und Sexte bestehende Sextaccord, und der von seinen Bestandtheilen benannte Quartscxt- accord. Durch Hinzufügen einer dritten Terzie erhält man die Vierklänge (vierstimmige Accorde). Unter ihnen ist der bedeutsamste der aus einer großen und zwei kleinen Terzien bestehende Haupt - (Dominant-) Septimenaccord (Leitaccord). In ihm spricht sich das jedem Vierklang inwohnende Streben nach Verbindung mit einem Dreiklange (Dissonanz-Auflösung) am klarsten aus. Er hat auf der fünften Stufe jeder (Dur- und Moll-) Tonleiter (Dominante) seinen Sitz und leitet mit der überzeugenden Kraft eines logischen Schlusses in den Accord der ersten (Tonika, daher tonischer Dreiklang, auch Haupt- oder Grundaccord der Tonart). Zn den auf den übrigen Stufen sich bildenden Vierklängen ist dieses Streben nach Auflösung noch stärker, letztere aber theils weniger voll abschließend, theils weniger entschieden einen bestimmten Accord heischend, weil die Selbständigkeit dieser Accorde oft nur scheinbar ist und Vorhalt- oder Durchgangsnoten in ihnen die Richtung der Auflösung bestimmen. Zuweilen erscheinen sie als Leitaccorde zu Leitaccorden und folgen sich in Ketten von zwei, drei, vier und mehr Gliedern, z. B. die Vierklänge der dritten, sechsten, zweiten, fünften Stufe, der letztere den Schluß herbeiführend. Am stärksten, aber unbestimmtesten, d. h. vieldeutigsten , äußert sich der Drang nach Auflösung in dem aus drei kleinen Terzien bestehenden verminderten Septimenaccord. Die aus seiner Vieldeutigkeit hervorgehcnde Wichtigkeit für die Harmonieführung hat ihm in der Harmonik eine selbständige Bedeutung gegeben, die ihm, seiner Natur eines abgeleiteten (durch Auslassung oder Vorhalte entstandenen) Accordes nach, an sich nicht zukommt. Eine hinzugesügte vierte Tcrzie gestaltet den Vierklang zum Fünfklang (Nonenaccord), der aus der Dominante der Tonart stehend am bedeutungsvollsten erscheint und hier die vollständige (große) Dominantharmonie bildet. Er kann die große oder die kleine None haben; im letztem Falle gibt er durch Verlust des Grundtons dem verminderten Septimenaccord das Dasein, dessen eine Behandlungsweise hierdurch bestimmt wird. Gebrochene Accorde heißen diejenigen, deren Töne nicht zugleich, sondern in mehr oder minder schneller Folge nacheinander zu Gehör kommen. Eins der ersten Systeme der Accorde hat Ramcau aufgestellt; es wurde von d'Alembert, nachher in Marburg's System, dem sich das Vogler'sche annähert, und von Türk erläutert; ein anderes Tartini, das man in Rousseau's „victionnsire" dargestellt findet. Dem Kirnberger'schen Accordsysteme, in dessen „Kunst des reinen Satzes", schließt sich das am umfassendsten und planvollsten entwickelte von Gottfc. Weber an. — Von der Musik wird der Ausdruck Accord auch auf die Farbenverhältnisse übergetragen, sowie man auch im Deutschen von einer Zusammenstimmung der Farben redet; entgegengesetzt dem Grellen, Harten und dem schreienden Kontrast der Farben, welcher durch Mittelfarben vermieden wird. — In juristischer Beziehung heißt Accord soviel als Vergleich (s. d.) und Falliment (s. d.). Acereditiren heißt Jemanden bei einem Andern als bevollmächtigt beglaubigen und die Gewährleistung seiner Handlungen in dem Umfange seiner Vollmachten übernehmen; so accreditirt der Staat oder Regent desselben mittels eines Accreditivs einen Gesandten oder - Agenten; so der Kaufmann einen Commissionär; so der Banquier durch einen Kreditbrief Accusationsproceß Achaja 57 einen Reisenden, gewöhnlich auf bestimmte Summen, damit derselbe entweder an bestimm» tcn Orten oder überall das benöthigte Geld erheben kann. Accusationsproceß, s. Anklage. Acerbi (Giuseppe), ein bekannter ital. Reisender, gcb. zu Castel-Goffredo in der Lombardei, verlebte einen Theil seiner Jugend in Mantua. Jm J. 1798 verließ er sein Vaterland, ging nach Deutschland, später nach Dänemark und Schweden, und 1799 nach Finnland. Mit dem Obersten Skiöldebrand, einem geschickten Landschaftsmaler, den er in Torncä traf, machte er die Reise bis zum Nordcap, als der erste Italiener, der bis dorthin vordrang. Nach seiner Rückkehr ging er nach England, wo er seine Reise beschrieb (2 Bde., Lond. 1892, 4.)', die unter seinen Augen zu Paris von Petit-Radel übersetzt und von ihm selbst hier und da berichtigt wurde (3 Bde., Par. 1803). Im I. 1818 begründete er in Mailand die „Libünteca itt,!ü>„a"; als er 1826 zum üstr. Gcneralconsul in Ägypten er» nannt wurde, übergab er dieselbe an Gironi, Bibliothekar der Brera, den Astronomen Car- lini und Fumagalli; doch lieferte er ihr auch später noch Mittheilungen über Ägypten. Mit der reichen Ausbeute an Naturalien, welche er auf seinen Ausflügen nach Fayum, durch Mittel- und Unterägypten und nach dem Rothen Meere machte, bereicherte er nicht nur sein Privatmuseum, sondern bewies auch durch werthvolle Geschenke an die wissenschaftlichen Sammlungen zu Wien, Pavia, Mailand und Padua (1836), wie sehr er das Gemeinnützige fürs Vaterland noch immer im Auge habe. — Enrico A., der sich als Lehrer der Klinik und als medicinischer Schriftsteller einen Namen erworben, war zu Castano im Mailändischen am 27. Oct. 1785 geboren und starb am 5. Dec. 1827 als Hospitalarzt in Mai- and. Sein klarer Blick am Krankenbette und sein beredter Vortrag voll origineller Funken und geistreicher Bemerkungen, sowie seine liebenswürdige Persönlichkeit zog die Studicen- dcn dergestalt an, daß seine Krankcnsäle ganz von selbst zu einer Schule der Klinik wurden. Sein Hauptwerk ist die „Vottrina teorico-pratica ckel morbt) peteccüiaie e 691 starb. Während der Kriege zwischen den Türken und Persern in Mitte und zu Ende des 16. Jahrh. war A. oft Schauplatz der schrecklichsten Verwüstungen. Ungeachtet der tapfern Gegenwehr der beiden Söhne des Atabeg Kächosrow, Kuarkuare und Manutschar, wurde cs 1579 von den Türken in Besitz genommen; jedoch Manutschar mit dem Titel eines Pascha von Sa-atabago als Regem eingesetzt. Jm J. >625 befestigten die Türken ihre Herrschaft noch mehr durch gänzliche Verdrängung des alten Fürstengeschlcchts, indem Amurath l V. A. durch Saphar Pascha (Hassan Pascha) besetzen ließ, dessen Nachkommen von nun ab regierten. Das unter der Türkcnherrschaft immer mehr verödende Land wurde in Sandschakc getheilt, von denen durch den Frieden zu Adrianopcl 1829 den Russen die fünf: Achaltsiche, Atskwer, Aspindsc, Chertwis und Achalkalaki zerfielen. Die Volkszahl verminderte sich durch die russ. Besitzergreifung von 79999 auf ungefähr -15999 E., weil ein großer Theil der muselmännische» Bevölkerung auswanderte und die Russen in die vier Festungen nur ein Regiment verrheil- rcn, während die Türken stets eine bedeutende Truppcnzahl unterhielten. — DieHauptstadt des Landes ist Achaltsiche, eine durch eine Citadelle verthcidigte Festung am Poskho (Dalka oder Dalzi) mit 11999 E- Die Stadt wurde am 27. Aug. 1828 vom Fcldmar- schall Fürsten Paskewitsch eingenommen und von einem russ. Bataillon besetzt. Als die Paschas von Kars und Erzerum den Fall A.s erfuhren, versuchten sie an der Spitze eines Corps von 18999 Mann die Stadt, als den nördlichen Schlüssel zu Anatolien, wieder;n erobern; die tapfere Gegenwehr der Russen vereitelte jedoch ihr Unternehmen. Die wenig geschützte Lage der fast ganz zerstörten Stadt vcranlaßte den Plan zu einer neuen Stadt am rechten Poskhoufer, woselbst bereits ein neues Stadtviertel erbaut und von armenischen Cs- onistcn bewohnt ist. Seitdem die russ. Mauthlinie den Verkehr mit Anatolien abgeschnit- tcn hat und A. nicht mehr der gesuchte Sklavcnmarkt oder der belebte Sammelplatz der Les- Achard Achclöus 59 ghier ist, hat die Stadt, deren Bewohner fast nur Kauflcute und Handwerker sind, ihre Bedeutung verloren. A. hat acht größtentheils armenische Kirchen, eine Synagoge und unter den meist zertrümmerten Moscheen eine sehr schön erhaltene in der Festung, welche der Kaiser in eine rufs. Kirche umzuwandeln befohlen hat. Achard (Franz Karl), ein verdienstvoller Naturforscher und Chemiker, geb. 28. Apr. 17 3 l zu Berlin, erwarb sich insbesondere große Verdienste um die Vervollkommnung der Runkelrübenzuckersabrikation, indem er die Versuche Marggrass wiederaufnahm und crwei- terte und später eine vollständige Nübenzuckerfabrik und eine Lehranstalt errichtete. In seinen desfallsigen Bemühungen wurde er durch das persönliche Interesse, das der König von Preußen an diesem Industriezweige nahm, wesentlich unterstützt, indem ihm das Laboratorium der Akademie zu weitern Versuchen überwiesen wurde. Obgleich die Resultate seiner Forschungen 179» und 1800 von dem Ministerium öffentlich bekannt gemacht wurden, so fanden sie doch keine Anwendung in der Praxis, weshalb ihm der König das Gut Cunern in der Niedcrlausitz unter der Bedingung verlieh, daselbst eine Musterfabrik zu errichten. Den Untersuchungen aller Forschungen mußte sich der Kreisphysikus Neubeck unterziehen, und so geschah cs, daß durch die Vermittelung des Königs A. in Verbindung mit Neubeck nach sechs mühevollen Jahren den richtigen Weg zur Abscheidung des Zuckers fand, und daß dieA.'sche Rübenzuckcrfabrikation nun überall Anklang und Nacheiferung fand. Im I. 1812 wurde auf Befehl des Königs, da die Fabrik in Cunern, namentlich während der Continentalsperre, glänzende Geschäfte machte, daselbst eine Lehranstalt für Runkelrübenzuckersabrikation errichtet. Als Director der physikalischen Classe der Akademie der Wissenschaften nach Berlin berufen, starb A. daselbst am 20. Apr. 1821. Unter seinen Schriften, die sich zumeist auf Runkelrüben und deren industrielle Anwendung erstrecken, heben wir hervor: „Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben, in Verbindung mit der des Branntweins, Essigs und Kaffecsurrogats aus-ihren Abfällen" (3 Bde., Lpz. 1809; neue Aust. >812). Acharius (Erik), schwedischer Naturforscher, geb. 10. Oct. 1737 in Geste, gest. am 13. Aug. 1819 zu Wadstena, studirte von >773 an in Upsala, wo er Linne zum Lehrer hatte, von dem er seines Talentes wegen nicht unbeachtet blieb. Nachher begab er sich nach Stockholm, wo er die Zeichnungen naturwissenschaftlicher Gegenstände für die Akademie der Wissenschaften besorgte; im I. 1782 ward er in Lund Doctor der Mcdicin, prakticirte hierauf als Arzt in Schonen, bis er 1789 als Provinzialarzt eine Anstellung in Wadstena bekam, welches Amt mit dem Titel eines Professors er bis zu seinem Tode bekleidete. In der Naturgeschichte erwählte er sich die Flechten >u seinem Häuptstndium, und gleich seine ersten daraus bezüglichen Schriften („lüctionograpliiae suocicae prnckromiis", Linköp. 1798, und „lVIettioclus, oinnes ciotootns l.ieiwnos illustrere toutavit",Stockh.1803) fanden allgemeinen Beifall. Aus allen Theilen der Welt kamen ihm reiche Flechtensendungen zur Bestimmung und Aufnahme in seinem Systeme zu. Hierauf ließ er seine „bächenn^ropliia Mliversslis" (Gött. 1810) und die „8M0PSIS meilioclica IHreuiim" (Lund 1813) erscheinen; doch die Masse der ihm vorliegenden Materialien, vielleicht auch die häufige Unterbrechung seiner Studien ducch Amtsgeschäfte schadete dem Ganzen und brachte ein gewisses Schwanken in sein System. Sehr bald trat Flöcke als entschiedener Gegner dieses Systems auf, das er und seine Schule ununterbrochen mit großer Bitterkeit, selbst noch nach des A. Tode, der aber nie eine Gegenschrift erscheinen ließ, bekämpfte. Mußten auch in Folge an- derwciter Forschungen die größcrn systematischen Arbeiten des A. sehr schnell veralten, so gebührt ihm doch die Ehre, die Bahn gebrochen zu haben. Sein Name wurde mehren Gewächsen, wie dem 6enus .Vcliorio, Conierva.^cbririi, blrceoloria.-^cbarii, IlhiLvinorpha ^cksrii und dem Insekt lortrix ^cbarians, beigelegt. Er hinterließ eine aus 11000 Specks bestehende Gewächssammlung, deren wichtigster Theil, die Lichcnen, an die Universität zu Helsingfors verkauft wurde. Kleinere Aufsätze und Monographien von ihm befinden sich in den Verhandlungen mehrer in- und ausländischer Akademien und Gesellschaften. Achat, s. Quarz. Achelöus, früher Thoas, jetzt Aspropotamo, der größte Fluß Griechenlands, entspringt auf dem Pindus, strömt durch das Land der Doloper, trennt dann Ätolien von Akarnanien, die Ursitze der Hellenen, und fällt in das Jonische Meer, da, wo man den Korin- 60 Achenwall Achilles Ihischen Meerbusen zu rechnen anfing. Die Ufer dieses Flusses find die einzige Gegend Eric- . chenlands und Europas, die einst Löwen zur Wohnung diente. — In der griech. Mythe erscheint Achelous als berühmter Flußgott, der nach Hesiod ein Sohn des Oceanus und der Thetys, nach Andern des Helios und der Gäa war. Er kämpfte mit Hercules um die De- janira (s. d.), verwandelte sich bei diesem Kampfe zuerst in eine fürchterliche Schlange, zuletzt in einen Stier und flüchtete, nachdem ihm Hercules ein Horn abgebrochen, beschämt in die Wellen seines Flusses. Aus dem abgebrochenen Hörne, erzählt man, machten die Nymphen das Horn des Überflusses. Achenwall (Gottfr.), der Begründer der Statistik, geb. zu Elbing in Preußen am , 20. Oct. 1719, studirte in Jena, Halle und Leipzig und habilitirte sich 17 46 in Marburg, , wo er unter Anderm auch Statistik (s. d.) las, von der er sich jedoch erst einen bestimmten > Begriff zu bilden anfing. Im I. 1748 begab er sich nach Göttingen, wo er sehr bald außer- < ordentlicher, 1753 ordentlicher Professor der Philosophie und 1761 ordentlicher Professor ; der Rechte wurde. Mit königlicher Unterstützung bereiste er 1751 und 17 5 9 die Schweiz, j Frankreich, Holland und England. Er starb am I. Mai 1772. Von seinen Werken über i die Geschichte der europäischen Staaten, Natur- und Staatsrccht, Staatswirthschast u. s. w. , haben die meisten mehre mit großem Fleiße verbesserte Auflagen erlebt. Sein Hauptver- i dienst bleibt, daß er die Statistik zuerst in eine bestimmte und feste Form brachte und aus , einem lichtvollen Gesichtspunkte betrachtete. Sein vornehmster Schüler, der auch sein Nach- i folger im Amte ward, war Schlözer. — Seine Gattin, Sophia Eleonora, geb. z Walther, war eine sehr gelehrte Frau. Ihre 1750 ohne ihr Vorwissen im Druck erschie- j nenen Gedichte veranlaßten ihre Aufnahme in die Deutschen Gesellschaften zu Jena, Helm- j stäkt und Göttingen. Vielen Antheil hatte sic auch an den „Meisterstücken moralischer Ab- j Handlungen englischer und deutscher Sittcnlehrer" (5 Bde., Gütt. 17 51). j Achkrvn, der Name mehrer Flüsse der alten Welt, wie in Thcsprotia, Elis und > Eräcia Magna, der jedoch stets mit gewissen Natureigenthümlichkeiten in Verbindung zu - , sein scheint. Mehre Flüsse dieses Namens hatten wenigstens schwarzes bitteres Wasser, , welches wol die Meinung veranlassen konnte, es komme unmittelbar aus dem Reiche der l Hades. Vom thesprotischen A. entlehnte, nach Pausanias, Homer den Namen für seinen ' ! Strom der Unterwelt, in welchen sich der Pyriphlegeton und Kocytos ergießen, und spätere l Dichter umgaben den A. mit allerlei Grausen. Auch Ägypten hatte solche zur Unterwelt l führende Flüsse. — Acherusia ist der Name mehrer Seen und Sümpfe, wie in Theo- ! protia, in Argolis, Campanien und bei Memphis in Ägypten, die sämmtlich in Verbindung t mit der Unterwelt gedacht werden. > ^-efleval-Stellungell sind solche Truppenstellungen, welche quer über eine Land- ! straße oder über einen Fluß genommen werden, sodaß die Straße (der Fluß) in der Mitte der i Stellung, und zwar senkrecht auf die Front derselben sich befindet. Eine solche Stellung hatte z. B- Wellington bei Bclle-Älliance 1815 eingenommen, indem er seine Ärmee quer i über die Chaussee von Charleroi nach Brüssel stellte. Dergleichen Stellungen haben zwar ! den Vortheil, daß sic das hinter sich liegende Operationssubject am sichersten decken; wird l aber das Centrum durchbrochen, so geht mit der Schlacht auch gewöhnlich die Communica- tion mit dem Subject verloren. Äußerdem haben L-cbeval-Stellungen den Nachthcil, daß, wenn die Flügel nicht an Terrainhindernisse gelehnt find, also in der Luft sich befinden, alsdann besondere Corps zu deren Deckung nothwendig werden, wodurch die Häuptstellung an Truppen geschwächt wird. Wer sich ü-cüeval eines Flusses stellt, muß im sichern Besitz einer Brücke sich befinden (am besten durch einen doppelten Brückenkopf gedeckt), weil er sonst Gefahr läuft, daß die eine Hälfte seiner Streitmacht geschlagen wird, während die andere den Zuschauer abgibt. Achilles, ein Sohn des Peleus, Königs der Myrmidonen in Thessalien, und der Thetis, einer Tochter des Nereus, der Enkel des Äakus (s. d.), und somit aus des Zeus Geschlecht, erscheint bei Homer als Haupthcld der Jliade, auf dessen Verherrlichung in jeder Beziehung Alles mehr oder weniger hinausläuft. Von seinem Leben vor dem Zuge nach Troja erzählt Homer nichts, sondern ist blos mit seinen Thaten vor Troja beschäftigt. Nach der Erzählung späterer Schriftsteller tauchte ihn seine Mutter in den Styx, wodurch er bis Achilles Tatius 61 auf die Ferse, an der sie ihn hielt, unverwundbar wurde, während er bei Homer verwundet werden kann. Gleich nach seiner Geburt war ihm ein kurzes Leben prophezeit worden. Um ihn diesem Verhängniß zu entreißen, ließ seine Mutter kein Mittel unversucht. Als daher der Seher Kalchas den Griechen verkündete, Trojas Eroberung sei ohne A. unmöglich, verbarg sie ihn als Mädchen verkleidet bei dem Könige Lykomedes auf Skyros, wo er mit dessen Tochter Deidamia den Pyrrhus zeugte. Aber dem listigen Odysseus blieb sein Aufenthalt daselbst nicht verborgen, und von ihm wurde er dort weggeholt. Zum Lehrer und Führer hatte ihm sein Vater den Phönix, den Sohn des Amyntor, gegeben; außerdem erhielt er vom Chiron Unterricht in der Arzneikunde. Von eigentlicher Erziehung des A. bei Chiron und dessen Gattin Chariklo erzählen erst spätere Schriftsteller; Homer erwähnt davon nichts. Mit dem Phönix und seinem Freunde Patroklus nimmt er an der Spitze von 50 Schiffen am Auge gegen Troja Theil und zerstört zwölf Städte an der Küste und elf mitten im trojan. Gebiete, unter diesen Lyrnessus, wo er die Briseis, die Tochter des Brises, erbeutete, welche ihm Agamemnon entriß, da dieser die Chryscis, die Tochter des Chryses, eines Priesters des Apollon, dem Vater znrückgcben mußte, um die Pest, welche Apollon über das griech. Heer geschickt hatte, wieder abzuwenden. Dieser Streit mit Agamemnon eröffnet die Jliade. Von da an nahm A. am Kampfe, sogar als die Griechen in der größten Noch waren, nicht mehr Theil, mrd selbst die glänzendsten Anerbietungen des Agamemnon waren fruchtlos. Als aber Patroklus, dem er am Kampfe Theil zu nehmen erlaubt hatte, durch denHektor (s. d.) gefallen und somit auch des A. Rüstung, die Jener trug, verloren gegangen war, konnte er nicht umhin, von neuem gegen die Trojaner zu kämpfen, um den Leichnam seines Freundes zu retten. Seine Mutter selbst gab ihm neue, von Hephästos kunstvoll gearbeitete Waffen, von denen besonders der Schild ein Meisterstück der Kunst war. Auch söhnte er sich wieder mit Agamemnon aus und erhielt die Briseis zurück. Weil er gelobt, ehe Patroklus gerächt sei, keine Speise zu sich nehmen zu wollen, wurde er von der Pallas mit Nektar und Ambrosia gestärkt. Im Kampfe erlegte er viele trojan. Helden, unter ihnen den Lykaon, einen Sohn des Priamus. Über sein Morden unter den Trojanern geräth der Flußgott Tanchus in solche Wuth, daß er seine Fluten gegen ihn austhürmte und ihn zu vernichten drohte; allein Poseidon, Athene und Hephäst us standen ihm bei. Nachdem er die trojan. Scharen sämmtlich in die Stadt zurückgedrängt, war es nur Hektor, der vor dem skäischen Thoce Stand hielt; allein zuletzt ward auch er erlegt und von A. an den Streitwagen gebunden ins Lager geschleift. Erst jetzt bestattete A. den Patroklus, und nachdem er noch den Leichnam des Hektor um den Grabhügel desselben geschleift, gab er denselben dem PriamuS auf dessen Bitten zurück. Zuletzt fand auch A. seinen Tod, den jedoch Homer nicht näher bestimmt, im trojan. Gebiete, und seine Asche ward mit der des Patroklus in einer Urne vereinigt. Um seine Waffen stritten sich Odysseus und Ajax (s. d.). Hiermit schließt bei Homer die Erzählung. Seinen Tod erzählen die Spätern auf verschiedene Weise. Nach Einigen wurde er im Tempel des thymbräischen Apollon, wohin er gegangen, um milden Trojanern einen Vertrag wegen der Polyxena, des Priamus Tochter, in die er sich verliebt hatte, abznschließen, vom Paris durch einen Stich in die Ferse hinterlistigermordet; nach Andern ist er von Apollon, der des Paris Gestalt.annahm, mit einem Pfeile gcködtet worden. — Berühmt ist der in der Dialektik kurzweg „Achilles" genannte Trugschluß des Eleaten Zeno (nach Andern des Parmenides), womit dieser die Gültigkeit des Begriffs dex Bewegung bestritt. Er behauptete nämlich, daß der langsamste Körper, z. B- die Schildkröte, von dem geschwindesten, z. B. dem Achilles, nie würde eingeholt werden, wenn jener diesem auch nur um ein Weniges voraus wäre, weil dieser immer erst dahin kommen müsse, wo jener schon gewesen wäre. — Achillessehne nennt man in der Anatomie die starke gemeinschaftliche Sehne der die Waden bildenden Muskeln, welche sich an das Hintere Ende des Hackenknochens (calesneus) anseht. Den Grund zu dieser Benennung nahm man wahrscheinlich daher, daß die Verwundbarkeit des A. sich auf jene Stelle beschränkte und man bis auf die neuere Zeit Trennung der Achillessehne für unheilbar hielt. Achilles Tatius, ein griech. erotischer Schriftsteller (Romandichtcr) im Anfänge des ä., nach Andern in der Mitte des 5. Jahrh. n. Chr., war aus Alexandria gebürtig, und soll nach einer »«sichern Angabe im spätern Alter zu dem Christenthumc übergegangen und 62 Achmed!. Achromatisch selbst Bischof geworden sein. Seinen Namen in der Literatur verdankt er einem Roma« in ^ acht Büchern: „Geschichte der Lcukippe und des Klitophon", dem besten unter den griech. ^ nach dem des Heliodoros. Er ist reich an Schilderungen der Natur-, künstlerischer Gegen- h stände und der Äußerungen der Empfindung und der Leidenschaft, aber mangelhaft i» der „ Anlage, Anordnung und Entwickelung der Geschichte. Der Stil ist der eines Rhetor, mit ^ Wortspielen, Gegensätzen und gesuchten Ausschmückungen überhäuft. In Hinsicht der sitt- ^ lichen Reinheit steht er weit unter Heliodoros, dessen Nachahmer er sonst ist. Die besmi g Ausgaben lieferten Salmasius (Lcyd. >650) und Fr. Jacobs (Lp;. >821), die beste deutsche ^ Übersetzung Ast und Güldenapfcl (Lpz. l 802). si Achmed I , Sultan der Osmanen, war erst l-1 Jahre alt, als er l603 seinem Vater p Mohammed III. folgte. Er ist bemerkenswerth wegen seiner Kriege in Ungarn und Persien, ,, noch mehr aber wegen des Friedens zu Sitvatorek (I >. Nov. 1600), der für Ostreich so ^ günstig aussiel und der erste Vertrag war, den die Pforte mit einer europäischen Macht un- ^ tcr völliger Gleichstellung derselben abschloß, indem sie früher gewohnt war, nur Zugeständ- r nisse und Bewilligungen zu erhalten.. In diesem Frieden, der für 20 Jahre abgeschlossen „ ward, kam übrigens nicht nur der Streit wegen des Kaisertitels zur Erledigung; es wurde p auch Ostreich gegm eine ein für alle Mal zu zahlende Summe der zeitherigc Tribut erlassen. j> Den Frieden mit Persien, der die langjährigen Grenzstreitigkeiten beider Staaten beilegte, „ schloß A. 1612. Er hatte bei seiner Thronbesteigung zu vielen Hoffnungen berechtigt; doch fi hatte man sich in ihm getäuscht, da er sich bald gänzlich dem Einflüsse seiner Lehrer und Wei- g bcr hingab. Er starb am 22. Nov. 1617. — Achmed II., Sultan von 1601—05, d hatte fortwährende Kampfe im Innern und nach außen zu bestehen; war übrigens vv» sehr beschränkte» Fähigkeiten und ohne alle Kraft und Energie. — Achmed llI., Stilt.ii! » von 1703 — 30, war der Sohn Mohammed s VI. und der Nachfolger des entthronten Mu- 0 stapha >1. Bei ihm suchte Karl XII. nach der Schlacht bei Pultawa Schutz, den er auch p fand, und durch diesen wurde er mit dem Zar Peter l. in Krieg verwickelt, der für Letzter» Z ohne die Klugheit seiner damaligen Geliebten und nachherigen Gemahlin, Katharina, eine« 8 sehr unglücklichen Ausgang genommen haben würde. (S. Peter i.) Ein Jauüschami- ei aufstand brachte ihn 1730 in dasselbe Gefängniß, in welchem er bisher seinen Nachfolger. b Mahmud I., gefangen gehalten hatte. Er starb 1736. d Achmed, Pascha von Saint-Jean-d'Acre, s. Djezz ar. ij Achromatisch (farbenlos) heißen diejenigen Linsengläser und Fernröhre, durch welchk d man die Gegenstände ohne falsche Farben und farbige Ränder erblickt, welche jene entstellen 3 und der Deutlichkeit großen Eintrag thun. Dieser Fehler, an welchem die gewöhnlichen Z Fernröhre der älter» Art mit einfachen Ocülar- und Objectivgläsern leiden, rührt daher, das § der wcißfarbigc oder richtiger farblose Lichtstrahl aus mehren buntfarbigen Lichtstrahlen von § verschiedener Brechbarkeit (s. Brechu ng der Lichtstrahlen) zusammengesetzt ist; wenn b daher ein weißsarbiger Lichtstrahl gebrochen wird, so wird er in die verschiedenen Farben- li strahlen zerlegt, welche von dem geradlinigen Wege des ursprünglichen Lichtstrahls in un- d gleichem Grade abgelenkt werden. So geschieht es, daß die durch ein convexes Objectivglas d gehenden und in demselben gebrochenen Lichtstrahlen nicht einen einzigen Vercinigungspunkt t im Brennpunkte des Glases haben, wie es bei einfarbigen Lichtstrahlen der Fall sein würde, d sondern mehre, wenn auch nicht sehr voneinander entfernte Vereinigungspunkte, in denen v rothe, blaue, gelbe und andere Bilder entstehen, bei deren Betrachtung nur in der Mim f durch Vereinigung aller Farben ein weißes Bild, am Rande desselben aber verschiedene Far- e l^n zum Vorschein kommen. Der sonst so scharfsinnige Newton hielt, durch unvollkommene l Experimente verleitet, eine Aufhebung der Farbenzerstreuung für unmöglich; erst Euler i äußerte 1 7 17 den Gedanken, daß sie doch wol möglich sei, was durch die genauen Untersn- l chuugen des schweb. Mathematikers Klingensticrna bestimmter nachgewicsen und durch die s seit 1757 angcstelltcn Versuche des Engländers John Dollond bestätigt wurde, der zuerst chromatische Fernröhre verfertigt hat. Stack Einigen wurde die Erfindung schon 1720 von - dem Engländer Chester More Hall gemacht, damals aber nicht weiter beachtet. Dollond « erreichte seinen Zweck dadurch, daß er das Objectivglas aus zwei Glasarten, Flint- und < Crownglas, zusammensetzte, welche nicht nur das Licht ungleich stark brechen, sondern auch ! Achse Acht ' 63 hinsichtlich der Zerstreuung der Farben verschiedene Gesetze befolgen. Wenn man nun eine convexe Crownglas- und eine coucavc Flintglaslinse miteinander zu einer einzigen Linse verbindet und diese als Objectivglas nimmt, so kann bei einer gewissen Auswahl der Dimensionen beider Gläser auf eine hier nicht näher anzugebcnde Weise eine Wiedervereinigung der getrennten Farben bewirkt werden, indem zwei Bilder, deren Farben sogenannte Complemen- kär- oder Ergänzungsfarben sind, auf dieselbe Stelle treffen und vereinigt ein weißes Bild geben Dreifache Objective, die man kurz nach Erfindung der achromatischen Gläser häufiger anwandte, bestehend aus zwei convexen Crownglaslinscn und einer zwischen ihnen befindlichen concaven Flintglaslinse, sind wenig mehr in Gebrauch und haben den Nachtheil, daß sie mehr Licht verlieren als die doppelten. Die Verfertigung der achromatischen Gläser und Fernröhre ist theils durch den Erfinder selbst, theils durch dessen Sohn, Peter Dollond, ferner durch den engl. Optiker Ramsden, namentlich aber in neuerer Zeit durch den früh verstorbenen Fraunhofer, der eine Methode erfand, um die Glasarten vollkommen rein darzustellen, was namentlich bei dem Flintglase große Schwierigkeiten hat, nach und nach zu großer Vollkommenheit echoben worden. Fernröhre dieser Art leisten bei weit geringerer Länge weit mehr als die ältern, nicht achromatischen. Eine wichtige Verbesserung der achromatischen Fernröhre verdanken wir dem Optiker Plößl in Wien, welcher in der neuesten Zeit die dialytischen Fernröhre erfand, bei denen die das Objectivglas bildenden Linsen verschiedener Glasarten nicht mehr wie bisher dicht hintereinander, sondern in einem angemessenen größer» Abstande voneinander angebracht sind, was abermals eine Verkürzung der Nöhre möglich gemacht hat. Achse. Inder Geometrie ist Achse einer krummen Linie diejenige gerade Linie, welche die krumme in zwei gleiche, ähnliche und symmetrische, d. h. ähnlich liegende Thcile theilt, z. B. in der Parabel, Ellipse und Hyperbel. Achse eines geometrischen Körpers ist diejenige gerade Linie, welche durch die Mittelpunkte aller ähnlichen parallelen Durchschnitte des Körpers geht; in diesem Sinne haben Cylinder, Kegel, Sphäroid eine Achse. Insbesondere versteht man unter der Achse (auch Umdrehungsachse) eines Körpers eine gerade Linie, um welche der ganze Körper sich bewegt, sodaß nur jene Linie in Ruhe bleibt. — In der Physik ist die Achse eines Linsenglases die durch den Mittelvunkt beider Kugelflächen oder beider Seiten des Glases gehende Linie. Die Achse eines Fernrohrs ist die verlängerte Achse aller darin enthaltenen Gläser. Die Achse des Auges ist eine durch die Mitte der Pupille und der Krystalllinse gehende gerade Linie. — Die Achsen an den Wagen hat man in neuerer Zeit ganz von Eisen gemacht. Sie erleichtern, da sie wegen der Dünne weniger Reibung geben, das Fahren, und sind für lange Zeit dauerhaft. Über ihre Zweckmäßigkeit bei schweren Fahrzeugen ist man einverstanden, weshalb sie auch in mehren Staaten bei der Artillerie eingesührt sind. Um das Springen, namentlich in der Kälte, nicht befürchten zu dürfen, bedient man sich damascirter eiserner Achsen. Die Achsen mit beweglichen Schenkeln, eine engl. Erfindung, zeichnen sich dadurch aus, daß die Schenkel ganz von der Mittelachse getrennt sind. Durch die Enden der letztem gehen eiserne Bolzen, an denen die Schenkel befestigt sind, und um die sich die Schenkel, wie bei gewöhnlicher Einrichtung der Vorderachse, horizontal bewegen, sodaß auf diese Weise das Lenken erleichtert und das aus andern Rücksichten verwerfliche sogenannte Unterkricchen der Vorderräder erspart w>rd. Doch sind diese beweglichen Schenkel nur bei leichtem Fuhrwerk anwendbar. Die fran;., pr.uß. und fast alle deutsche Artillerien bedienen sich der Achsen ganz von Eisen, die engl, ist die einzige, bei der zwar die Achsschenkel von Eisen sind, die Mittelachse aber aus Holz besteht. Die russ. Artillerie hat noch hölzerne Achsen, weil sie den Krieg häufig in un- wirthbaren Gegenden führt, wo der Ersatz eiserner Achsen schwierig sein würde; auch ist cs bei ihr ein Grundsatz, daß alles Material so viel als möglich von den Artilleristen selbst gefertigt und ausgebessert wird, was auf eiserne Achsen sich nicht ausdehnen lassen würde. Acht oder Bann (bsnmim) heißt die Erklärung der Gerichte gegen ungehorsam «usbleibende Parteien, wodurch sie des Schutzes der Gesetze für verlustig erklärt werden. In ältern Zeiten kam die Acht auch wegen bloß bürgerlicher Rechtssachen (bsnimm contmns- ciae) in Anwendung, so auch in England seit der normännischen Eroberung, wo sie noch jetzt üblich ist, insoweit besondere Gesetze es bestimmen. In Deutschland ist die Acht als blos 64 Acker bürgerliches Zwangsmittel langst außer Gebrauch gekommen, besonders seitdem durch die Gründung des Rcichskammcrgerichts der Anfang zu einer allgemeinen Reform der Ge- richtsverfassung gemacht worden war. Hier blieb nur das Achlsvcrfahrcn gegen flüchtige und abwesende Verbrecher, und auch bei diesen in gewöhnlichen Straffällcn nur ausnahmsweise in einigen deutschen Landern (Landacht) und bei Vergehen gegen Kaiser und Reich, vornehmlich durch Land- und Religionsfriedensbruch oder Auflehnung gegen den Kaiser (Reich sacht). Den Anfang des Achtsprocesses, vornehmlich bei der Landacht, machte eine öffentliche, gewöhnlich dreimalige, Vorladung des Angeklagten, sich zur Verantwortung zu stellen, bei Strafe, für geständig und überführt geachtet zu werden. Blieb derselbe aus, so wurde die erste einfache Acht (irrig Unteracht) gegen ihn erkannt, deren Folge schon war, daß er für einen präsumtiven Verbrecher galt, im Bezirk des erkennenden Gerichts kein Recht ausüben konnte und keinen Schuh hatte, auch im Äetretungsfalle sogleich verhaftet werden mußte und zur Tortur gebracht werden konnte. Hatte er nicht binnen Jahr und Tag seine Unschuld bewiesen und sich aus der Acht gezogen, so wurde auf neuen Antrag des Anklägers die zweite strenge oder vollständige Acht (baunum rsitsrstiun, re-l>snn»m, die Aberacht auch Oberacht genannt) gegen ihn ausgesprochen, welche in gänzlicher Schuh-und Rechtlosigkeit bestand, bürgerlichen Tod, Eröffnung der Lehen, Auflösung der Ehe und Vogelfrci- heit nach sich zog. „Wir theilen", heißt cs in einer alten Formel, „deine Wirthin zu einer wifscnhaften Witwen und deine Kinder zu ehehaftigen Waisen; deine Lehen dem Herrn, von dem sie zu Lehn rühren; dein Erb und Eigen deinen Kindern; deinen Leib und dein Fleisch den Thieren in den Wäldern, den Vögeln in den Lüften. Wir erlauben dich männig- lichen auf allen Straßen, und wo ein jeglicher Mann Fried und Geleit hat, sollst du keines haben, und wir weisen dich in die vier Straßen der Welt in dem Namen des Teufels." Damit war aber nach neueren Rechte keineswegs das Recht, den Geächteten zu tödten, gegeben; vielmehr wurde nur so die Verfolgung desselben über den Gerichtsbezirk hinaus erstreckt und sein Ergreifen einem Jeden gestattet. Wer einem Geächteten Aufenthalt und Schuh gah' fiel selbst in die Acht, wie dies dem Herzog Johann Friedrich von Sachsen >566 geschah, weil er sich des geächteten Wilhelm von Grumbach annahm. Die Neichsacht (>m»i»„e imperii) war nur dadurch ausgezeichnet, daß sich ihre Folgen über das ganze Reich erstreckten, und daß sie häufig mächtige Fürsten und Große des Reichs traf, wie 976 den Herzog Heinrich von Baiern, 1186 den Herzog Heinrich den Löwen von Sachsen und Baiern, 1208 den Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, 1547 den Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, 1619 den Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz mit seinen Bundesgenossen, 1766 die Kurfürsten Maximilian Emanuel von Baiern und dessen Bruder Joseph Clemens, Kurfürst von Köln. Noch 1758 wurde eine Achtserklärung gegen den König Friedrich >1. von Preußen als Kurfürsten von Brandenburg eingeleitet, aber durch die evangelischen Neichs- stände abgewendet. Schon der ältesten Verfassung war es gemäß, daß solche Achtserklärungen nicht vom Kaiser allein, sondern von einem Gerichte aus Standesgenosscn des Angeklagten ausgesprochen werden konnten. Karl V. mußte 1519 in der Wahlcapitulation (Art. 22) versprechen, keine Achtserklarung ohne ordentlichen Proceß und Zustimmung der Reichsstände vorzunchmen. Dessenungeachtet ließ er den Kurfürst Johann Friedrich von. Sachsen, den Landgraf Philipp von Hessen u. A. einseitig und ohne gesetzliche Form ächten, wie dies auch Kaiser Ferdinand lk. 1619 gegen den Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, den Markgraf Johann Georg von Brandenburg, den Fürst Christian von Anhalt u. A. thak. Daher wurde im westfäl. Frieden und nachher in den Wahlcapitulationen seit 1711 (Art. 20) das Verfahren bei Achtserklärungen genauer geordnet und bestimmt, daß sie nur aus dem Reichstage erkannt werden könnten. Mit der Aufhebung der Neichsverfassung fiel die Achtserklärung ganz weg, nachdem die mittelalterliche Barbarei schon längst dabei nicht mehr in Ausübung gekommen war. Nach den Gesehen des deutschen Bundes werden entwichene Verbrecher ihrer Obrigkeit ausgelicfert. Acker heißt ein Flächenmaß, das eigentlich die Fläche, welche ein Pflug in einem ganzen oder halben Tage umackern kann, andeuten soll, aber durch Gesetze und Herkommen aus ° sehr verschiedene Weife bestimmt worden ist. So hält z. B. im Königreiche Sachsen der die Zeige is- >ser hte lNg us, -ar, ch den ine .ers cht cht- rei- iner crn, rein mg- »>es Oa- >e»! und zak' hch IMV reck- c;°g crn, ach- i die ssur- von ^chs- cun< nge- Lrt. der von. >ten, den hat. Lrr. aus ldie üchl ent- ;an- aus" der Ackerbau 65 Acker 300 mR.--2,1675 preuß. Morgen, im Großherzogthum Sachsen-Weimar dagegen I-10 mR.---1,1161 preuß. Morgen. Ackerbau heißt in der weitesten Bedeutung das ganze landwirthschaftliche Gewerbe, im engern Sinne der Theil der Landwirthschastßlehre, der sich mit dem Boden, der Natur und den Eigenschaften der Pflanzen und der richtigen Art, sie zu behandeln und zu benutzen, befaßt. Die Bestellung des Ackers war in der frühesten Zeit, wo die Bevölkerung noch gering war und die Menschen nur wenige Lebensbedürfnisse hatten, weder so nothwendig noch wurde sic so rationell betrieben, wie dies jetzt der Fall ist, wo die immer steigende Vermehrung der Menschen dem Boden durch Arbeit und Kunst mehr Früchte abzugewinncn suchen und darauf bedacht sein muß, dem erschöpften Boden neue Fruchtbarkeit zuzuführen und ihn pfleglich zu behandeln. Diese Kunst stieg in der neuesten Zeit immer höher und wurde in Deutschland durch denkende Männer zu einer so großen Vollkommenheit gebracht, daß jetzt der Ackerbau, der früher nur als ein mechanisches Gewerbe betrieben und mit Geringschätzung betrachtet wurde, zur Ackerbauwissenschaft erhoben worden ist. So einfach auch der Ackerbau zu sein scheint, so ist doch zu einem rationellen Betriebe desselben eine genaue Bekanntschaft mit der Natur und vielen andern Wissenschaften eine nothwendige Bedingung. Für jeden cultivirten Staat ist der Ackerbau der Grundpfeiler, auf dem er ruht; daher sind auch ackerbautreibende Staaten auf die Dauer der Zeit immer die glücklichsten und wohlhabendsten, während in solchen Ländern, in denen der Ackerbau dem Fabrik- und Manu- facturenwesen untergeordnet ist, wo Ackerbau und Fabriken sich nicht gegenseitig unterstützen, nur ein erkünstelter Wohlstand herrscht, der sich bei Übervölkerung in die bitterste Noch verwandelt. In Anerkenntniß der Wichtigkeit des Ackerbaus zollte guch das Alterthum den Begründern und Förderern desselben göttliche Verehrung, so die Ägypter dem Osiris, die Griechen der Ceres, die Römer dem Saturnus, und in China genießt der Stand der Ackerbauer noch bis auf den heutigen Tag die ehrenvollste Auszeichnung, sodaß selbst der Kaiser in Begleitung der Großen des Reichs an einem bestimmten Tage eines jeden Jahres einige Furchen pflügt. Der wichtigste Theil des Ackerbaus ist die Pflanzenbaukunde, deren allgemeiner Theil die Bedingungen des besten Gedeihens der landwirthschaftlichen Pflanzen kennen lehrt und die Lehre vom Klima, Boden, von der Urbarmachung und bleibenden Bodenverbesserung, der Düngung und Bearbeitung des Bodens enthält, während sich der besondere Theil desselben mit den Regeln des Anbaus der gewöhnlichsten landwirthschaftlichen Pflanzen beschäftigt. Um den Ackerbau mit Vortheil zu betreiben, muß man ausreichende Kenntnisse von dem Einflüsse der atmosphärischen Lust, des Lichts, der Wärme, des Wassers, des Klimas, von den Bestandtheilen des Ackerbodens, den verschiedenen Bodenarten und den Eigenschaften der Bodenbestandtheile (s. Bodenkunde), von der Tiefe der Ackerkrume, dem Untergründe, der Lage des Bodens, der Bestimmung des Bodcnwerths, der Verbesserung und Mischung der Ackerkrume, der Düngung oder Befruchtung des Bodens, der Bodenkrafterschöpfung (s. Statik), der Bearbeitung des Ackers mit den verschiedenen Ackergeräthen, und zwar von der Tiefe, Breite, Richtung, Zeit, Wiederholung und besondcrn Arten des PflügenS, von der Bearbeitung des Bodens mit den Handgeräthcn, der Vertilgung des Unkrauts, der Saatbestellung, und zwar der Beschaffenheit des Samens, des Samenwechsels, der Vorbereitung und der Menge des Samens, der Zeit der Saat, der Art des Säcns und der Bedeckung des Samens, von der Versetzung der Pflanzen, dem Jäten, Schröpfen, Behacken und Behäufeln, der Abhaltung und Verminderung schädlicher Thiere, der Verhütung der gewöhnlichsten Pflanzenkrankheiten, von der Wahl des Zeitpunktes der Ernte und der Erntearbciten, vom Anbau der verschiedenen Feldgewächse, von den verschiedenen Gattungen der Weiden, der Verbesserung und Pflege derselben und von der Beschaffenheit, Verbesserung, Düngung und Pflege der Wiesen haben. Der Ackerbau beginnt mildem Urbarmachen, welches entweder durch Wegräumen der Bäume, Sträucher und anderer Pflanzen, oder durch Wcgschaffen, Sprengen und Versenken der großen Steine, oder durch Entwässern oder Trockenlegen tiefliegender nasser Stellen bewirkt wird, und man nennt einen auf diese Weise hergestellten Acker Neubruch. Doch nicht überall finden sich diese Conv.-Lex. Neunte Ausl, I. 5 .-»üSSLL-^S-oSkS «6 Ackerbau Hindernisse, und so ist es auch möglich, neue Äcker durch bloßes Aufbrechen mit Ackerwerk- zeugen herzustellen. Auf dem Neubruche muß, ehe er bepflanzt oder besäet werden kann, durch wiederholtes Anwenden des Pfluges und anderer Ackerwerkzeuge eine gleich tiefe und wohl gemengte Erdschicht erzeugt werden, welche Ackcrkrum e (s. d.) genannt wird, und die noch rohr Erde (das Erdreich, welches verdeckt gelegen hat) durch sorgfältiges Aufrühren und Durcharbeiten mit der Luft in Berührung gebracht und fruchtbar gemacht werden. Weil das Anlegen neuer Äcker sehr umständlich ist und oft mehr Kosten als der Ankauf schon urbaren Landes verursacht, so hat der Landwirlh zuvor wohl zu überlegen, ob ihm solches Vortheil bringen werde. Es werden daher gewöhnlich auch nur da Äcker urbar gemacht, wo diese überhaupt in einem hohen Preise stehen oder der Nutzen augenfällig ist. Ein urbar gemachter Acker bedarf, nach Maßgabe der darauf zu erzielenden Pflanzen und in Betracht der vorliegenden Verhältnisse, bei jeder neuen Pflanzung oder Saat neue Bestellung. Sic besteht sowol in der mechanischen Bearbeitung des Ackers (mechanischen Agricultur), wozu nicht nur die bloße Bodenbearbeitung, sondern auch die verschiedenen Saat- und Erntegeschäfte gehören, als in der Erhaltung seiner nöthigen Fruchtbarkeit (chemischen Agrikultur), welche die Lehre in sich begreift, daß man nur solche Pflanzen anbaut, die des Ackers Kraft nicht erschöpfen, und daß man ihm solche Stoffe zuführt, die ihn wieder mit so vül fruchtbaren Theilen bereichern, als ihm die erzielten Pflanzen zu ihrer Nahrung entzogen haben. (S. Düngung.) Da die Ernten von der Triebkraft des Ackers abhängen, so ist es von großer Wichtigkeit, diese nicht nur zu erhalten, sondern auch wo möglich zu erhöhen. Von nicht geringem Einflüsse ist hierbei die Reihenfolge (Umlauf, Turnus, Rotation), in welcher die verschiedenen landwirthschaftlichen Gewächse nacheinander angebaut werden. Durch dieselbe werden die verschiedenen Ackcrbausysteme begründet. Die wichtigsten sind: l) die Dreifelder- wirthschaft, beider das Ackerland in drei Felder abgetheilt ist, nämlich in das Brachfeld, in das Winterfeld und in das Sommerfeld. Der Futterbedarf wird hierauf bleibenden' Wiesen und Weiden gewonnen. In ihrem Urzustände trifft man jetzt die Dreifelderwirtschaft, die überhaupt nur für Wirthschaften mit feuchten und fruchtbaren Wiesen, oderm die Äckerzahl so groß ist, daß aus zwei Drittheile derselben der Bedarf an Stroh und Markl- früchten erzielt wird, oder wo überhaupt daran liegt, mehr durch geringen Aufwand an Arbeit und Dünger, als durch möglichst große Production den Ertragsüberschuß zu erwerben, paßt, nur selten an; vielmehr benutzt man jetzt den größten Theil des Brachfeldes da, wo dies 5er Triftzwang nicht verbietet, zum Anbau der sogenannten Brachfrüchte: Klee, Kartoffeln, Kohl, Rüben, Hülsenfrüchte, Ol- und Gespinnstpflanzen, Taback, Spargel u. s. w. Man nennt diese Früchte, da sie in einem Sommer, gleichsam als eingeschoben, erzielt werden, Besömmerungsfrüchte, und den Anbau derselben Besömmerung oder Stimmern. Dies! verbesserte Dreifelderwirthschaft, verbunden mit Stallfütterung des Rindviehs, ist das üblichste Feldsystem in Deutschland. Grundbedingung bleibt bei ihr immer noch, daß zwei Jahre hintereinander auf demselben Felde Halmfrüchte gebaut werden. Diese Wirtschaftsweise, mit Einsicht betrieben, führt gewiß zu einem hohen Ertrage und kann zuweilen die zweckmäßigste sein. Wird die Brache nicht bestimme«, sondern zum Werdegang des Rind-' Viehs benutzt, so nennt man das System reineDreifelderwirthschaft, diemit angebauter Brache und Stallfükterung hingegen verbessert eDreifelderwirthscha ft. 2) Die Graswirthschaft oder Eggartenwirthschaft, bei welcher der Boden zum Anbau von Marktfrüchten im Wechsel mit der natürlichen Futterproduction benutzt wird, wie dies z. B. häufig bei den Alp cnwirth sch asten (s. d.) geschieht, wo zuerst von dem Gebirge weg Sommergetreide und dann weiter gegen das Flachland herab auch Wintergetreide in der Art cultivirt wird, daß dasselbe Feld auf eine Reihe von Jahren mit Getreide und Hackfrüchten, und dann auch eine Reihe von Jahren als Wiese oder Weide benutzt wird, weil die Feuchtigkeit der Atmosphäre noch so groß ist, daß unmittelbar nach der Getreideernte der Boden sich von selbst mit Gräsern überzieht und zur Weide oder Wiese wird. Die Zahl ^ der Schläge der Marktfrüchte bei diesem Feldsysteme ist gegen jene der Futterschläge bald größer, bald kleiner, bald gleich groß, je nachdem Klima und Boden dem Getreide oder dem Oraswuchsc mehr zusagen. Nach dem Aufbruche der Wiesen oder Weiden wird gewöhnlich Ackerbau 07 Hafer ohne Düngung gebaut, im zweiten Jahre stark bearbeitet, reine Brache gehalten, dann im dritten Jahre nach voller Düngung Wintergctreide, im vierten Sommergetreide gebaut und dann bis zum achten Jahre das Land als Wiese oder Weide benutzt. Meist werden die entferntem Felder zur Weide, die näher gelegenen als Wiese benutzt und letztere mit Gülle gedüngt. Dieses Wirthschaftssystem hat große Ähnlichkeit mit der 3) Schlag- oder Kop- pelwirthschast, welche darin besteht, daß dasselbe Land wcchselsweise zum Fruchtbau und zur Weide oder zum Futtcrbau benutzt wird. Unerläßliche Bedingung bei diesem Systeme ist, daß sammtliches zu einem Gute gehöriges Ackerland entweder in einer Fläche oder doch wenigstens in großen Flächen beisammen liege und völlig privativ sei. Die Koppcl- wirthschaft zerfällt wieder in die holsteinische und mecklenburgische. Die holstein- sche betrachtet die Rindviehnutzung als die Hauptsache, den Ackerbau nur aus dieser hcrvorge- hend. Die Zahl der Koppeln wechselt gewöhnlich zwischen 10 und 11, wobei die gewöhnlichste Fruchtfolgeordnung folgende ist: r>) Brache gedüngt; b) Wintergetrcide; e) Sommergetreide; <>) Winter- und Sommergetreide; e) Sommergetreide; 1—le) Weide (Dreesch). Die mecklenburgische unterscheidet sich von dieser dadurch, daß sie den Getreidebau mehr begünstigt und die Viehzucht nur als ein nothwcndiges Übel betrachtet. Was der Holsteiner Koppel nennt, nennt der Mecklenburger Schlag, weil er seine Feldabtheilung nicht wie jener mit Hecken umgibt. Die Zahl der Schläge ist gewöhnlich 6—12, wobei folgende Fruchtfolgeordnung stattfindet: ») Brache, gedüngt; b) Wintergctreide; c) Sommergetreide; 0—1) Weide; oder: ») Drceschbrache; l>) Wintergetreide; e) Sommergetreide; ) Weide. Zu den Nebenkoppeln wählt man das dem Hofe am nächsten gelegene und deshalb beste Land, und baut auf ihm Kartoffeln, Lein, Kohl, Mäheklee und Wickfuttcr. Obgleich dieses, von dem Landdrost von der Lühe zuerst in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. in Mecklenburg eingeführte Wirthschaftssystem vor der Dreifelderwirthschast große Vorzüge hat, so hat es doch auch wesentliche Fehler, namentlich den, daß es blos den Anbau reinen Korns erlaubt und zu wenig Rücksicht auf Futterbau nimmt, was, wenn es an den nöthigen Wiesen fehlt, von großem Nachtheile auf den Viehstand und die Düngerproduction ist. 1)DieFrucht- wechselwirthschaft, welche darin besteht, daß die verschiedenen Marktfrüchte und Futterpflanzen in der Art miteinander abwechseln, daß diese stets nur nach dcr Verschiedenarkig- keit ihrer Natur, nie zwei Halmfrüchte einer und derselben Art aufeinander folgen und dabei die eine der andern zur Vorbereitung dient, indem jede die Bedingungen ihres Gedeihens in der hinsichtlich der Vorfrucht, Nachfrucht und Düngung angemessensten Stellung finoet, damit sowol die Natur- als die Kunstkräftc zur vollkommensten Entwickelung gelangen können. Nothwendige Bedingungen dieses Systems sind: eine hinreichende Düngermasse, ein ticfgelockcrter, reiner, fruchtbarer Boden, große Auswahl der Zwischenfrüchte und Befreiung von dem Triftzwange. Die Fruchtwechselwirthschaft ist das System, um dessen Verbreitung sichThaer (s. d.) besonders verdient gemacht hat. Die bei ihr stattsindenden Fruchtfolgen sind sehr verschieden und richten sich nach den obwaltenden Verhältnissen. Beispielsweise folgt hier eine zwölfschlägige: s) Dreeschbrache; l>) Wintergctreide; o) Sommergetreide; >t) Kartoffeln, gedüngt; e) Gerste; 1) Erbsen; g) Roggen; b) Brache, gedüngt; >) Roggen; Ir) Sommergetreide; I) Mäheklee; m) Weide. 5) Das von Schmalz aufgeführte neue Ackerbausystem, das er das die Atmosphäre und den Untergrund möglichst benutzende Pslanzenbausystem nennt. Hauptgrundsatz dieses neuen Systems ist: Bestimme so viel Fläche für den Anbau der tiefwurzclnden und blätterreichen Gewächse, als nur unter den stattsindenden Verhältnissen gut zu benutzen sind, denn nur mit diesen ist der Untergrund und die Ätmosphäre möglichst hoch zu benutzen, die Bodenkrume zu schonen und der möglich höchste Ertrag aus einer gegebenen Fläche zu ziehen. Motivirt Wird dieses System durch folgende Sätze: 1) Pflanzen mit fl«, ^gehenden Wurzeln können 68 Ackergeräthe nur dir in der Ackerkrume befindlichen Nahrungsstoffe aufnehmen; Wanzen mit tiefgehen, den Wurzeln dagegen holen auch Nahrung aus dem Untergründe; 2) die Pflanzen ziehen mit ihren Blättern viele Nahrung aus der Atmosphäre und schonen deshalb die Bodenkraft: 3) blattreiche und tiefwurzelndc Pflanzen lassen dem Boden durch ihre Blätter und Wurzeln Nahrung zurück; -1) üppig und dichtstchcnde Gewächse, die ein großes Blattvermögen besitzen, verhindern das Verdunsten der Bodenfeuchtigkeit und das Verdunsten pflanzcnnäh- render Stoffe; 5) die gute Bearbeitung, die den Hackfrüchten zu Theil wird, ist eine gute Vorbereitung für die nachfolgenden Früchte. Das ganze System charakterisiert sich dadurch, daß es Einschränkung des Getreidebaus und vermehrten Anbau der Futterkräuter, Hack- und Schotenfrüchte will. Vgl. Schmalz, „Anleitung zur Kenntniß und Anwendung eines neuen Ackerbausystems" (Lpz. 1842). Als bemerkenswerth ist noch aufzuführcn das Acker- bausystcm des engl. Generalmajors Beatson (Beatson'sches System), ohne Dünger, Pflug und Brache, das anfangs in Deutschland großes Aufsehen machte, bald aber in gänzliche Vergessenheit gerieth. Hauptbedingungen bei der Anwendung dieses Systems sind guter Wille, Geduld und Beharrlichkeit Desjenigen, der mit dem Scarificator, dem größten Fundament des Systems, arbeitet; völlig reines Feld; Beachtung der andern Regeln, die eine gute Ackerbestellung erfodern, und Beharrlichkeit, wenn nicht gleich beider ersten Anwendung glänzende Resultate erfolgen. Außer dem Reißpflug ist noch die Anwendung der gebrannten Erde statt der Düngung das zweite Fundament des Systems. Vgl. Beatson, „Neues Ackerbausystem ohne Dünger, Pflug und Brache" (aus dem Franz, von Haumann, 2. Aufl., Ilmenau 1829, und Nachtrag dazu von Mayer, Wien 1839). Ackergeräthe heißen alle die Werkzeuge, welche zur Bearbeitung des Feldes dienen und von Zugvieh fortbewegt werden. Auf ihre Construction kommt sehr viel an, indem von der Zweckmäßigkeit derselben das Gelingen eurer tüchtigen Bearbeitung des Bodens, sowie eine verhältnißmäßige Minderung der Zugkraft hauptsächlich abhängt. Sämmtliche Ackergeräthe lassen sich unter folgende Hauptclassen bringen: Pflug (s. d.), Eg ge(s. d.), Walze (s. d.) und Säemaschine (s. d.). Was die Entstehung und Ausbildung der Ackergeräthe anbelangt, so gründet sie sich auf die Bemerkung der Ackerbauer, daß das Pflanzenwachsthum weit größer sei, sobald der Boden bearbeitet werde. Die erste Veranlassung, die aus dieser Bemerkung hervorging, war die Umwühlung des Ackerbodens mit einem zugerichketen Pfahle, dem man später noch einen dergleichen zufügte, wie dies noch jetzt bei den Indianern in Südamerika üblich ist. Im Laufe der Zeit verbesserte man dieses rohe Ackerinstrumenc dahin, daß man an seine Stelle einen Baumzweig nahm, der in der Form einer Hacke gewachsen war, wie solche auf einer Münze von Syrakus abgebildek ist. Diese Haue wurde später von einer steinernen oder knöchernen Keilhaue verdrängt, wie sie in den etrurischen Gräbern und bei den Indianern Nordamerikas angetroffen wird. Rach und nach lernte man einsehen, daß durch Anwendung eines breitern und plattern Ackerge- räths die Bearbeitung des Feldes besser und schneller vonsiatten gehen müsse; diese Einsicht veranlaßt- die Erfindung des Spatens, der aus der Haue und Keilhaue cvnstruirt wurde und dessen unternTheil man mit einer halbmondförmigen eisernen Platte versah, wiesle noch bei den Negern in Guinea gefunden wird. Hatten bisher die Menschen diese Ackergeräthe selbst fortbewegt, so sing man nun an, sich dazu der Hausthiere, der Pferde und Ochsen, zu bedienen. Dies machte aber eine veränderte Construction des Pfluges nöthig, welche darin bestand, daß man ihn aus einem ungekrümmten Baumzweige verfertigte; erst lange Zeit darauf versah man ihn auch mitHandhaben, wie dies aus Abbildungen auf röm. Münzen hervorgeht. Dieses Pfluges, der eine Keilhaue darstcllt, an die man eine Handhabe mit einem pflugbaumartigen Verlängerungsstücke angebracht hatte, bedienten sich außer den Römern auch die Perser, Araber und Ägypter; die spanischen Pflüge waren fast ebenso geformt, nur daß sie eine rückwärts gebogene Handhabe hatten. In Italien findet man noch gegenwärtig Pflüge in solcher ursprünglichen Einfachheit. Namentlich ist dies in der Gegend von Pestum und Rom der Fall. Die chinesischen Pflüge verrathen deutlich, daß sie aus dem Spaten hervorgegangen sind, und auch Plinius «zählt, daß sich die alten Gallier, welche die Gegend von Verona bewohnten, eines Pfluges bedient hätten, der die Form eines Grabscheites gehabt habe. Den Übergang des Grabscheites zum Pfluge bemerkt man ferner sehr AckergeseHe Ackermann (Konr. Ernst) 69 deutlich an einem Ackerinstrumente, dessen sich die Landlcute einiger Departement-an der Garonnc zum Behäufeln des Maises bedienen, indem das Eisen die Forin eines Grabscheits hat. Lange Zeit behielt man den Pflug in seiner ursprünglichen Unvollkommenheit bei; die erste Verbesserung, die man an ihm anbrachtc, war die Anfügung von Streichbrctern, die anfangs nur aus zwei hölzernen Pflückern bestanden, später aber von den Römern mit wirklichen Bretern vertauscht wurden. Erst zu des Plinius Zeiten wurde der Pflug von den Bewohnern des cisalpinischen Galliens auch mir Rädern versehen, sowie sich auch die Griechen hier und da der Näderpflüge bedienten. Bemcrkenswerth von diesen griech. Räderpflü- gcn ist ein Pflug mit zwei Sterzen, an dem statt des Pflugbaums Seile angebracht waren, an welchen das Joch der Ochsen angespannt wurde. Das Pflugschar war an der Achse der Näder befestigt und konnte, je nachdem tiefer oder seichter gepflügt werden sollte, höher oder niedriger gestellt werden. An den griech. Pflügen war auch ein Sech befindlich, welches die Römer nicht kannten, denn das Wort cnlter, das Plinius oft gebraucht, hat unfehlbar eine andere Bedeutung, indem es als Eigenwort bei Darstellung der verschiedenen röm. Pflugschare benutzt wird. An den Pflügen der Alten kam noch die Ouris vor, der gekrümmte Hin- tertheil des Pflugs, von dem schon Virgil sagt, daß er von dem Scharfsinne der Römer zeige. Das Ende dieses Pflugthcils wurde in geringer Entfernung von dem Pflugschar und in gerader Richtung mit der Zuglinie gestellt, wodurch die Friktion gemindert und die Arbeit den Zugthiercn erleichtert wurde. Vgl. des Grafen von Lastcyric-Dusaillant „<7»IIectii,u <>c muclime«, il'intsnnnents, etc. oi»pl»)e8 «laus I'ecoiinmie rnr.ile, «lttmesttigiie et in- <>»striel!e" (2 Bde., Par. 1820—25). Die größte Vervollkommnung der Ackergeräthe ging von den Deutschen, Belgiern und Engländern aus, wo auch jetzt noch die Ackerwerk- zcuge in ihrer höchsten Vollkommenheit angetroffen werden. Namentlich im 18. Jahrh., nach Beendigung des siebenjährigen Krieges, wurden nicht nur bedeutende Verbesserungen an dem bis dahin gewöhnlichsten Pfluge angebracht, sondern man erfand auch verschiedene Arten von Pflügen, die man zu verschiedenen Arbeiten anwendetc. Auch die Erfindung der meisten eggenartigen Ackergeräthe, sowie der Walzen fällt in das 18. Jahrh. Inder neuesten Zeit ist die Consiruction der Ackergeräthe, die nicht selten in besondern Ackcrgeräthe- sabrikcn, wie in Sachsen, Würtemberg und Pommern, angefertigt werden, zur größten Vollkommenheit gediehen, sodaß die Zahl der verschiedenen Ercmplarc eine sehr bedeutende ist und durch ihre zeit- und zweckgemäße Anwendung der Ackerbau einen großen Aufschwung erhalten hat. AckergeseHe, s. Agrarische Gesetze. Ackerkrume heißt der oberste, eigentlich fruchtbare, aus Dammerde bestehende Thcil des bebauten Feldes (Ackers). Ihre größere oder geringere Mächtigkeit (Tiefe) bestimmt, nächst ihrer Beschaffenheit, den Werth des Bodens. Ackermann (Konr. Ernst), ein berühmter Schauspieler, den die Deutschen neben Eckhvf und Schönemann als einen der Schöpfer ihrer Schaubühne ansehen können, wurde 1710 in Schwerin geboren. Er ging 1740 zu der Schönemann'schen Gesellschaft und wurde 1753 Director einer eigenen Gesellschaft. Vielfach sind die Verbesserungen, welche dem deutschen Schauspielwesen durch Hhn zu Theil wurden. Sein edles Bestreben war, dem verdorbenen Geschmacke des Publicums nach und nach entgegenzuarbeiten und die bessern Erscheinungen der damaligen, freilich noch dürftigen, dramatischen Literatur der Deutschen auf der Bühne zur Darstellung zu bringen. Wohin er kam, gewann die Bühne sogleich ein würdigeres Ansehen, einen edlern Charakter, so 1755 in Königsberg, wo er ein Theater auf eigene Kosten erbaute, in Mainz, wo er von 1760—63 spielte, endlich 1765 in Hamburg, wo er ein neues Theater errichtete und aus den vorzüglichsten Talenten eine Gesellschaft bildete, die alsbald durch Lessing, der an ihre Leistungen seine berühmten dramaturgischen Abhandlungen knüpfte, in Deutschland Epoche machte. Nach einiger Unterbrechung übernahm er das Hamburger Theater 1760 abermals, zog dann, von seinem unruhigen Geiste getrieben, an verschiedenen Orten umher und starb zu Hamburg 1771. A., der in seiner Jugend nur tragische Helden spielen wollte, welche nicht sein Fach waren, und in den letzten Lebensjahren sich fast in allen Rollenfächern abmühte, war in seiner besten Zeit als Komiker ausgezeichnet und glänzte besonders in launigen Vätern, Charakterrollen und 7V Ackermann (Rud.) Acosta Len sogenannten Mantelrollen. In Moskau hcirathete er 1749 Sophie Charlotte, geb. Biereiche l, die Witwe des Organisten Schröder in Berlin und Mutter des großen Schröder. Geboren zu Berlin, trat sie 1749 zuerst beider Schönemamchchen Gesellschaft in Lüneburg auf, fand später besonders in Hamburg einen glänzenden Schauplatz für ihr außerordentliches Talent, spielte dort bereits 1742—43 im Opernhause und übernahm mit ihrem zweiten Manne >767 die Direction des neuerrichteten Hamburger Theaters. Im I. 4771 trat sic gänzlich von der Bühne zurück, beschäftigte sich jedoch mit der Bildung junger Schauspielerinnen und starb 1792. In den ersten Rollen des Trauerspiels wie des Lustspiels war sie gleich meisterhaft, indem sie dieselben mit seltenem Geiste und durchdringender Feinheit auffaßte und durchführte. — Ihre Tochter Charlotte A., geb. 1758, gleich ausgezeichnet durch Liebenswürdigkeit, hohe geistige Bildung und mimisches Talent, starb in der Blüte der Jugend 1775, von den Bewohnern Hamburgs so innig betrauert, daß der allgemeine Schmerz an ihrem Bcgräbnißtage fast an Schwärmerei grenzte. Ackermann (Rud.), geb. 29. Apr. 1764 zu Stollberg im sächs. Erzgebirge, wo sein Water Sattler war, erhielt seinen Unterricht in der lat. Schule der Vaterstadt, erlernte das Gewerbe des Vaters und ging als Geselle auf die Wanderschaft. Nachdem er in Paris und Brüssel gearbeitet und sich auch in geschmackvoller Erfindung und Zeichnung von Verschönerungen in Bezug auf Wagenbau und andere Modeartikel Fertigkeit erworben hatte, ging er nach London. Hier mußte er sich anfangs ärmlich behelfen,- bis ihn die Bekanntschaft mit einem Deutschen, der ein Modejournal hcrausgab, dazu verhalf, durch seine Mustcr- blätter Aufmerksamkeit zu erregen. Die Verbindung mit Künstlern, in die er dadurch kam, veranlaßt ihn, ein Kunstmagazin auf dem Strande zu errichten, welches durch seinen unermüdlichen Eifer, seine Kcnntniß und seinen Unternehmungsgeist, verbunden mit der größten Biederkeit, das blühendste in der engl. Hauptstadt wurde und seinen Ruf im In- und Auslande verbreitete. Ihm verdankt England die Einführung der Lithographie ; er war der Water der engl, ^onusls, dieser zierlichen Taschenbücher nach dem Muster der deutschen Almanachs, deren Reihen er mit seinem „borget me not" für 1823 erüsfnete. Sein elegantes Modejournal „Repositnr^ ok srts, literature, tusliions" erstattete seit 1814 Bericht von Allem, was neu war. Zugleich unternahm er eine Folge topographischer, mit trefflichen Aquatintablättern ausgestatteter Werke, zuerst den „Mcrocosm ns I.nndoil", dann die „llistoring ns VVestininstor ^1,1,6)-", die „läniver.-ities of Oxford und Ottmbridge" und die „?>iblic 8clino1s". Auch der engl. Holzschneidekunst, die seitdem die größten Fortschritte gemacht hat, gab er Gelegenheit, sich zu zeigen. Darauf beschränkten sich aber seine industriellen Bemühungen nicht. Zu Anfänge dieses Jahrh. war er einer der Ersten, welchen cs gelang, wollene und gefilzte Stoffe, Lederwcrk und Papier wasserdicht zu machen, was eine Zeit lang einen bedeutenden Handelsartikel ausmachte. Er war es, der zuerst die Gas- ' beleuchtung in seinem Magazin einführte und sie in und außer London zu verbreiten suchte. Durch ausgewanderte Spanier, besonders durch Blanco White, ließ er lehrreiche engl. Werke in das Spanische übersetzen und sendete sie nach Amerika, wo sein ältester Sohn in Mexico eine Buch- und Kunsthandlung angelegt hatte. Er blieb fortwährend ein unermü- deter Wohlthäter seiner unbemittelten Verwandten kn Sachsen und zeigte sich als Mitglied des 1813 gebildeten Vereins zur Unterstützung der durch den Krieg Verunglückten i» Deutschland, insbesondere auch gegen sein Vaterland, als einen der thätigsten Menschenfreunde. Er wurde bei der Vcrtheilung der vom Parlamente vcrwilligten 199999 Ps. St. zur Unterstützung der Kriegsbeschädigten vorzüglich gebraucht und unterzog sich zu dem Ende beinahe zwei Jahre hindurch den mühsamsten Arbeiten. Der König von Sachsen verlieh ihm dafür das Ritterkreuz des sächs. Verdienstordens und beschenkte ihn mit prächtigen Porzellanvasen. Er starb am 39. März 1834, nachdem er einige Jahre vorher die von ihm gegründete Anstalt seinen jüngern Söhnen übergeben hatte. Acosta (Gabriel), portug. Edelmann, aus einem vormals jüdischen Geschlechts, wurde 1587 zu Porto geboren und sorgfältig in den Lehren der katholischen Kirche unterrichtet. Nachdem er sich forschend und unruhig, wie er war, immer tiefer in Zweifel an der Göttlichkeit deS Christenthums verstrickt, floh er aus seinem Vaterlandc und trat zu Amsterdam zum Zudenthume über, bei welcher Gelegenheit er den Namen Uriel annahm. Doch gar bald Acre ^ct 71 fühlte er sich auch in dieser neuen Gemeinschaft unbefriedigt. Er schrieb gegen die mosaischen Schriften und die Unsterblichkeit der Seele, gericth deshalb mit den Rabbinern in Streitigkeiten, und als er zur Vertheidigung seiner Meinungen daß „Lxamen üe trsäiyoens kdariseas conkeritlas con ä le)r escripta" (162-1) herausgegebcn hatte, wurde er von den Juden bei der christlichen Obrigkeit des Atheismus angeklagt. In Folge davon seines Vermögens verlustig und mit einem siebenjährigen Banne belegt, fühlte er sich spater veranlaßt, sich wieder mit der Synagoge auszusöhnen. Er unterwarf sich selbst schimpflichen Züchtigungen, die ihm von derselben zur Sühne auferlegt wurden und bei seinen fortwährend von neuem auftauchenden atheistischen Meinungen wiederholten, bis innere Zerrüttung ihn dahin brachte, sich 16-10 (nach Andern 1647) mit einem Pistolenschuß das Leben zu nehmen. Gutzkow hat A. neuerdings zum Helden einer Novelle „Der Sadducäer von Amsterdam" (186-1) gewählt. Acre (St.-Jean d'), s. Acca. Act ist im Schauspiele derjenige Hauptabschnitt, mit welchem die Handlung des Stücks entweder ganz zu Ende geht oder für den Zuschauer einen Stillstand macht, damit dieser den empfangenen Eindruck verarbeiten und sich für eine mit der vorangegangenen zusammenhängende und daraus hervorgehende Handlung sammeln könne, auch damit der Schauspieler zu Umkleidungen, zur Echolung, zum Überdenken des Folgenden Zeit gewinne. Früher nannte man auch wol die Acte Handlungen, Tagewerke (wie Jornada früher bei den Spaniern), Abtheilungen u. s. w. Will man einen den technischen Begriff des Acts erschöpfenden und aus der Bühneneinrichtung sich leicht erklärenden deutschen Ausdruck gebrauchen, so bedient man sich des Wortes Aufzug. Jndeß fallt nicht überall der Vorhang bei dem Schluffe eines Acts , vielmehr spielt z.B. noch gegenwärtig das Theätre francais in Paris bei offener Gardine, sodaß nur das Einfallen der Musik den Zwischenact bezeichnet. Zn ästhetischer Hinsicht sind die Foderungen hauptsächlich folgende: der Schluß eines Acts darf nicht willkürlich herbeigeführt werden, er muß vielmehr niotivirt sein und eine innere Nothwendigkeit haben; der Act soll für sich möglichst ein Ganzes bilden, aber ein Ganzes wie ein einzelnes Glied, welches erst in Verbindung mit den übrigen Gliedern einen lebendigen Organismus ausmacht; er soll zugleich, in nur scheinbarem Widerspruche, an und für sich selbst den Zuschauer befriedigen und ihn doch eine Fortentwickelung erwarten lassen und daraus gespannt machen; nur in der Oper, die ja überhaupt alle ästhetischen Gesetze umzustoßen oder bis zum Monströsen auszudehnen liebt, mag cs erlaubt sein, weniger auf die innere Nothwendigkeit eines Actschlusses und des Anfangs eines neuen Acts, als auf prächtige Tableaux, schöne Gruppirungen, überraschende Effecte, massenhafte Ensembles Bedacht zu nehmen. Sofern jede Handlung selbst in drei Abschnitte, Beginn, Fortgang und Schluß, zerfällt, würde sich daraus für das Drama die Einthcilung in drei Acte als die natürlichste ergeben; da jedoch bei umfangreicher« Handlungen diese Zahl nicht ausreicht, so ist für solche die Sonderung in fünf Hauptabschnitte die gewöhnlichere, sodaß, während der erste Act die Erpositionssccncn enthält, der dritte die Handlung bis zu ihrem Höhenpunkte steigert und der fünfte die Katastrophe behandelt, dcr zweite die Exposition fortseht und den dritten motivirt, und der vierte die Katastrophe vorbereitet und gleichsam nach dem dramatischen Gipfelpunkte im dritten Act eine Art epischer Ruhe eintreten läßt. Die Einthcilung in zwei und vier Acte wird von den Meisten verworfen. Stücke dagegen, deren Handlung wenig ausgebreitet ist, besonders kleine Lustspiele, können recht wohl in einen Act gepaßt werden. Durch einen Stillstand entsteht Das, was nicht ganz zweckmäßig Zwischenact, Entreact genannt und durch die Musik ausgefüllt wird. — Act nennt der Maler auch daS zum Nachzeichncn aufgestellte Modell und die nach demselben verfertigte Zeichnung, die in den Kunstakademien als Studium des Nackten benutzt wird. ^ek, Ftste und Acte. In Frankreich heißt acte eine Urkunde; äoimer acte bedeu- tet, eine Urkunde über etwas Geschehenes ausstellen. Man unterscheidet a) Privaturkunden (actes »aus seing pries), welche die Anerkennung dcr Parteien bedürfen, um eine rechtliche Wirkung (Beweis und Vollstreckung) hervorzubringen; b) öffentlich beglaubigte Urkunden (»ctes sutkentigues), welche auch ohne Anerkennung Beweiskraft haben, bis sie für unecht oder verfälscht erklärt werden; c) vollstreckbare Urkunden (»cte» exscatoire»), auf welche, s» 72 L,vtk Lruüitorim 8s»otomm lange nicht der Beweis ihrer Unechtheit unternommen wird (inscrst>tinn a ta»x), ohne Anerkennung und Proceß die Erccution erfolgen und ein Pfandrecht auf den Gütern des Schuldners erwirkt werden kann. Zu den letztem gehören besonders die Notariatsinstrumente (acte» notsries) und die von franz. Gerichten ausgefertigten Erkenntnisse, wogegen ausländische Urkunden und Erkenntnisse blos Beweiskraft, nicht Vollstreckbarkeit haben. ä>lc <>e. toi nennt man die öffentliche Strafvollziehung oder Lossprechung des Angeschuldigten bei den Jnquisitionsgerichten. — In der engl. Rechtssprache bezeichnet act einen Beschluß und kommt vorzüglich in dem Ausdrucke act ok parliament vor, wo es einen vom Parlament gefaßten und vom Könige genehmigten Beschluß bedeutet. Diese Parlamentsschlüffe werden nach beendigter Sitzung desselben, deren regelmäßig eine im Jahre mit Unterbrechungen , (Prorogationen) gehalten wird, in eine Urkunde zusammengefaßt, welche das Statut heißt, und von welchem die einzelnen Schlüsse die besondern Capitel ausmachen. Citirt werden sie nach dem Regierungsjahre des Königs und dem Capitel, daher z. B- die Habcascorpusacte als das zweite Capitel des Statuts vom I. 1680, dem 31. Regicrungsjahre Karl's II. (das Jahr der Thronbesteigung wird hierbei für voll gerechnet), so citirt wird: 31. Lbarles II., cbap. 2. — In dem vorstehend erläuterten Sinne wird das Wort Acte im Deutschen NM selten, und zwar nur zur Bezeichnung der Urkunden gebraucht, in welchen das staatsrechtliche Resultat diplomatischer Conferenzen concenlrirt wird, wie z. B- Wiener Schlußacte, Deutsche Bundesacte. ^vta, Hruäitvrum ist der Titel der ersten in Deutschland erschienenen gelehrten Zeitschrift, welche lange Zeit eine der gelesensten und verbreitetsten war. Zunächst das Beispiel des „ckournal ckos ssvsnts" (1665) und des „6iornaIe <1e' letterati" (1668), zugleich aber hie damals sich hebende Thätigkeit des deutschen Buchhandels, veranlaßtcn den leipziger Professor OttoMencke 1680 zur Begründung dieses kritischen Instituts. Nachdem er durch eine Reise nach Holland und England die nothwendigen Verbindungen eingcleitet hatte, begann er in Gesellschaft der ausgezeichnetsten deutschen Gelehrten 1682 die Herausgabe des ' Journals, welches mit jedem Jahre sich einen größer» Kreis von Lesern zu verschaffen wußte. Zu den Mitarbeitern gehörten Fr. Bened. Carpzov, Leibnitz, Thomasius, H. v. Bünau u. A. Der Zweck desselben beschränkte sich auf treue und vollständige Relationen, und es blieb dieser Tendenz auch dann noch treu, als durch die in Holland erscheinenden franz. Journale größere Lebendigkeit und Selbständigkeit in die öffentlichen literarischen Verhandlungen gekommen war. Von 1732 an führte es den Titel „i>iova acta eruciitoriim". In Folge der zu geringen Beachtung der Foderungen der Zeit, dann der Unruhen des siebenjährigen Kriegs, vorzugsweise aber der Nachlässigkeit der Redaction, die seit 175-1 der Professor Bel besorgte, verlor das Journal von Jahr zu Jahr mehr an innerm Gehalt und äußerer Verbreitung. Der Jahrgang 1776, mit welchem cs schloß, wurde erst 1782 ausgegeben. Mit allen Supplementen und Registerbänden umfaßt es 117 Quartbändc. kttnelonim ist nicht nur die Benennung für die Sammlungen älterer Nachrichten über die Märtyrer und Heiligen der griech. und lat. Kirche, sondern auch der Titel eines alle jene Nachrichten umfassenden Werkes, welches auf Veranstaltung des Jesuitenordens von Bolland 16-13 begonnen und nach dessen Tode von andern Mitgliedern dieses Ordens, die nach dem Begründer des Werkes gewöhnlich Bollandisten (s. d.) genannt werden, bis 1704 fortgesetzt wurden. Dasselbe umfaßt 53 Foliobände, die zu Antwerpen, Brüssel und Tongerlov gedruckt sind, und reicht, nach den Kalendertagen geordnet, bis znm 15. Oct. 1704. Bereits im 2. und 3. Jahrh. finden sich Spuren von Aufzeichnung einzelner Nachrichten über Personen, welche sich durch einenHeiligen Lebenswandel oder durch Beständigkeit bei den Christenverfolgungen ausgezeichnet hatten; ausführlichere Biographien begannen mit dem 4. Jahrh. und mehrten sich bis zu Ende des Mittelalters in unübersehbarer Anzahl. Seit ungefähr dem 6. Jahrh. sing man an, aus diesen einzelnen Lebensbeschreibungen allgemeinere, auf Erbauung berechnete Werke zusammenzusetzen; die erste kritische Sammlung von Originallegenden lieferte 1474 Boninus Mombrikius (gedruckt zu Mailand um 1470, 2 Bde., Fol.). Über alle derartige Sammlungen ragt aber die erwähnte antwerpener durch ihre Vollständigkeit, Treue und Unparteilichkeit, sowie durch gesunde Kritik und treffliche Erläuterungen hervor, welche sie auf immer zu einer köstlichen Acten Actenversendung 73 Schatzkammer für die Geschichte machen werden. Die neuere Zeit hat diese ganz im Geiste und Bedürfnisse des Mittelalters begründete Gattung der Geschichtschreibung nicht richtig aufgefaßt und bald die Form, bald den Gehalt jener meist von Zeitgenossen aufgesetzten Nachrichten zu streng beurthcilt. Geht man aber mit Unbefangenheit an das Studium jener Denkmale der Vorzeit, bringt man tiefere Kcnntniß der Ansichten, Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche jener Zeit mit, wendet man eine auf dieser Kenntniß begründete vorsichtige und behutsame Kritik an, weiß man endlich das weniger Wesentliche in jenen Biographien von dem Wesentlichem geschickt zu sondern, so wird man in diesen Nachrichten einen herrlichen Schatz zur Specialgeschichte des Mittelalters finden, welcher, obschon mit Vorsicht, desto sicherer zu brauchen ist, je weniger die Verfasser Das, was temporelle oder individuelle Ansicht und Meinung war, künstlich einzuwebcn verstanden. Acten heißen in Deutschland die in Bezug auf irgend eine Verhandlung, eine geführte Verwaltung oder einen Proceß gesammelten Schriften. Man Pflegt sie nach der Behörde, bei welcher sie geführt worden, oder, wie man es nennt, ergangen sind, und auch nach ihrem Gegenstände zu bezeichnen, sodaß diese beiden Punkte nebst der Angabe des Jahres die Aufschrift oder das rubrum (so genannt, weil es früher mit rothen Buchstaben gemalt wurde) der Acten bilden, im Gegensätze zu dem Inhalte oder dem nigrum derselben. Dieser letztere besteht theils aus den von der Behörde oder Person, welche die Acten führt, vorgenommenen Aufzeichnungen oder Protokollen, theils aus den Concepten der von derselben an Andere ergangenen Schreiben, theils aus den von Andern an dieselbe bewirkten Eingaben, welche in der Regel im Originale, und nur dafern dies nicht gestattet war, in wenigstens bei Gc- richtsacten beglaubigter Abschrift zu den Acten zu nehmen sind. Auch hier ist allenthalben genaue Angabe der Zeit crfodcrlich, zu welcher die einzelnen aus den Acten ersichtlichen Verhandlungen vorgenommen worden sind; insbesondere bedarf es auch der Bemerkung des Tages, nach Befinden, z. B. bei bevorstehendem Ablaufe einer Frist, der Stunde, zu welcher ein Interessent eine Eingabe bewirkt hat, was man das Präsentat nennt. Dem entsprechend ist bei dem Coucepte der von dem Acteninhaber ausgehenden Schriften der Tag des Abgangs zu bemerken. In den meisten deutschen Ländern werden die so gesammelten Acten in chronologischer Folge in Folio zusammengeordnet and geheftet, desgleichen die Blät> ter mit Zahlen versehen (foliirt) und ein Jnhaltsverzeichniß (Repertorium) vorangestellt. Minder sicher und zuverlässig ist die in einigen Ländern vorkommende Art, die Acten in Quart, sodaß das obere Ende mit dem untern rusammcnstöfit (Quadrangel),- oder in Octav- form zusammenzulegen (ein Stock Acten). Übrigens ist das Ordnen und in Standhalten der bei öffentlichen Behörden ergangenen Acten ein Hauptgeschäft der Actuarien (s. d.), und bei manchen verwickeltem Rechtsstreirigkeiten kann die zweckmäßigste und übersichtlichste Anordnungsweisc wol verdienen, ein Gegenstand besonderer Erörterungen zu sein, wie dies z. B. hinsichtlich der Concursacten der Fall gewesen ist. — Wenn man von der Acten - Mäßigkeit des deutschen gerichtlichen Verfahrens spricht, so versteht man darunter diejenige Grundmaxime desselben, wornach alle in einem Rechtsstreite vorkommenden Verhandlungen, Verfügungen und Erklärungen schriftlich bewirkt oder ausgezeichnet und zu den Acten gebracht werden müssen, dergestalt, daß nur der Inhalt der letzter» dem erkennenden Richter den Stoff zu seiner Entscheidung bieten darf, daher der Nechtsspruch: Huod non est IN ueti«, non o.-t in innndo, d. h.: Was nicht in den Acten steht, ist nicht in der Welt (existirt nicht für den Richter). Diese Maxime ist namentlich in der Kammergerichtsordnung von 1555 p. II. lit. 31 ausgesprochen, und ebenso ist durch ein deutsches Reichsgesetz (Neichsabschied von 165-1, tz. 65) vorgeschrieben, daß die Sachwalter der Parteien die Con- cepte ihrer Vorträge, sowie die Ausfertigungen der gerichtlichen Verfügungen sorgfältig aufbewahren sollen. Diese letztem Acten heißen, im Gegensätze zu den Gerichtsacten, Manualacten, und dienen verkommenden Falls zur Actenredintegration, d. h. wenn die Gerichtsactcn ganz oder zum Theil vor beendigtem Processe verloren gegangen sind, so wird das Verlorengegangene in einem dazu anzuberaumenden Termine aus den Manualacten der beiderseitigen Sachwalter wiederhergestellt. Über die Beweiskraft der Acten (.Urkunde. Acten Versendung. Im prägnanten Sinne bezeichnet Actcnversendung die Verschickung der in einem Civil- oder Criminalproceß geführten Acten zum Verspruch an einen 74 Actie rmd Actienwesen Schöppenstuhl oder eine Juristenfacultät, im Gegensätze zu der Fällung eines Erkenntnisses durch den den Proceß führenden Richter oder das gesetzlich geordnete Obcrgericht. Es hängt dieses in Deutschland am eigcnthümlichsten ausgebildete Rechtsinstitut in seinen Anfängen mit dem Verhältnisse zusammen, in welchem die Schöppenstühle (s. d.) zueinander und namentlich zu den sogenannten Oberhofen standen. Die Sitte, von solchen angesehenem Gerichten sich Rechtsbelchrungcn ertheilen zu lassen, dauerte auch, nachdem die Aufnahme des röm. Rechts und die Errichtung der Universitäten viele Eigenthümlichkeitcn des altern deutschen Protestes verdrängt hatte, in der Art fort, daß an die Stelle der Schöppenstühle die Jucistenfacultäten traten. Hierzu gab die Gewohnheit, bei einzelnen berühmten Rechtsgelehrten Gutachten einzuholen, neue Veranlassung, und manche Gerichte, wie z. B. das kaiserliche Landgericht in Ober-und Niederschwaben, sendeten in dcr That auch ihre Acten nie an Facultäten, sondern nur an einzelne Rcchtsgelehrte zum Versprach. „Je fühlbarer die Übelstände in der Rechtspflege wurden, welche aus der Unwissenheit und Übereilung rechts- unkundiger Richter hervorgingcn, desto mehr hielt man an diesem Gegenmittel gegen dieselben fest, und in diesem Sinne schrieb auch die Criminalgerichtsordnung Karl's V., die sogenannte Carolina, im I. 1532 die Actenversendung in Criminalsachcn für alle zweifelhaften Fälle vor. In Civilsachcn kam sie dadurch in immer größere Aufnahme, daß die einzelnen deutschen Staaten sich unabhängiger von der Kompetenz der obersten Reichsgerichte zu machen bestrebten, ohne daß sie gleichwol, namentlich die kleinern Staaten, den nöthigenJn- stanzcnzug durch eigene Gerichte Herstellen konnten. Hierdurch und noch mehr durch die hier und da sich bildende Ansicht von der Nothwendigkeit dreier gleichlautender Ürtheile waren sie veranlaßt, die Actenversendung eintretcn zu lassen. Der Deputationsabschied von 1600 verstattete die Revision mit Versendung der Acten an eine auswärtige Juristenfacul- tät oder Schöppenstuhl als Rechtsmittel in den Fällen, in welchen keine Berufung an die Reichsgerichte stattfinden konnte. Auf diese Weise kam die Actenversendung in solche Aufnahme, daß die Anzahl der von den genannten Kollegien gesprochenen Ürthel vom l O.Jahrh. an überaus bedeutend ward. Unverkennbar ist der wohlthätige Einfluß, der hieraus ebenso für die Unabhängigkeit der Rechtspflege als für die Verbindung zwischen Theorie und Praxis hcrvorging und ebenso das Erstarren der erstem wie das Erschlaffen der letztem verhinderte. Diese Gründe sind cs auch, welche mit Recht der in neuester Zeit eingetrekenen Beschränkung und thcilweisen Aufhebung der Actenversendung entgegengesetzt worden sind. Dagegen ist nicht zu verkennen, daß, wie schon der Wechsel der verschiedenen Erkenntnisse verschiedener Spruchbchörden das organische Hcranbilden einer Praxis verhinderte und das ganze Institut auch die Bequemlichkeit der Unterrichter begünstigte, so namentlich die immer größer werdende Sonderung der deutschen Particularrechte und die Justizreformen in den großem Staaten das Fortbestehen des Instituts der Actenversendung nicht wohl mehr zuließen. Sie wurde in Preußen, Baiern, Ostreich schon im 18. Jahrh. verboten; ein Bundesbeschluß vom Nov. 1835 untersagte die Actenversendung an auswärtige Spruchcollcgien in Kriminal- und Policeisachen. Nachtheilig möchte dieses Verbot namentlich auf die Rechtspflege in kleinern Staaten, welche keine Landesuniversität besitzen, wirken, und die immer bedenklicher werdende Trennung der Theorie von der Praxis kann es nur begünstigen. Aktie und Actienwesen. Auf Actien begründete Unternehmungen unterscheiden sich von der gewöhnlichen kaufmännischen Societät zunächst durch die größere Zahl der Teilnehmer, welches Kriterium schon in der ältesten deutschen Ackienunternehmung, dem Bergbaue, dadurch anerkannt wurde, daß man eine bestimmte Zahl festsehte, von welcher an erst der gewerkschaftliche Betrieb beginnt. Der hauptsächlichste Ünterschied aber ist, daß die Theilnehmer an Actienunternehmungen in der Regel nur bis zu einer bestimmten Summe verhaftet sind, oder doch zu jeder Zeit, durch Übertragung ihrer Rechte auf Andere, oder durch Verzichtleistung auf ihre Ansprüche an das Unternehmen sich von dem Verhältnisse losmachen können, und daß sie durch ihren Zusammentritt ein Ünternehmen Hervorrufen, welches nun, und nicht die einzelnen Theilnehmer, das eigentliche Rechtssubject wird. Auch sic stellen eine Vereinigung von Kräften dar, berechnet auf die Erzielung eines Vortheils, meist eines materiellen Gewinns, welchen die vereinzelte Kraft nicht erwirken konnte, und geben ihren Theilnehmern zunächst den Anspruch auf anrheilsweise Beziehung des Gewinns. 75 Actie und Actienwesm Die Actie ist nach dem Antheil berechnet, der von den Kosten des Unternehmens auf sie kommt, repräsentirt aber für ihren Inhaber in den meisten Fällen ihren Curspreis, welcher wieder in der Regel und auf die Dauer, besonders wenn die Unternehmung ausgeführt und consolidirt ist, sich dem Capital der Rente anschließt, die man auf die Actie aus der Unternehmung zu beziehen hat. Da diese Rente sich nach dem Ertrage der Unternehmung richtet, so kann von einer Verzinsung eigentlich nicht die Rede sein, sondern Gewinn und Verlust vcrtheilt sich auf die Actien, und der erstere wird in Form einer Dividende geleistet. Wenn aber der Curspreis der Actie dem durchschnittlichen Capitalwerthc dieser Dividende ungefähr glcichsteht, so wird der Ertrag der Actie für den Inhaber, der sie um diesen Curspreis erwarb, nur dem gewöhnlichen Zinsbetrag gleichstehen, während ein höherer für den gewonnen wird, der sie gegen Einzahlung einer geringem Summe oder für einen niedriger» Curspreis an sich brachte. In der Regel gibt aber die Actie auch gewisse Rechte in der Beschlußfassung der Mitglieder über die Unternehmung. Das Ackicnrecht liegt noch sehr im Argen und leidet an manchen Orten besonders unter der unpassenden Anwendung der Grundsätze über die Societät auf die Actienunternehmungen. Am passendsten scheint es, daß, wie in England, der Actienverein erst dann in vollständiges Leben tritt, wenn er von der Staatsgewalt sin England durch Parlamentsstatut) die Rechte einer Corporation erlangt hat, und daß nun der ihm ertheilte Verfassungsbrief (Charter, Statuten) das ganze innere und äußere Vercinswesen, den jedesmaligen Verhältnissen gemäß, ordnet. — Schon in früher» Zeiten kamen kleine Actienunternehmungen vor, bei denen die Teilnehmer nicht blos Geld, sondern auch sonstige Kräfte zusammenschossen, die ganze Unternehmung gemeinschaftlich ausführ- tcn und, nach Maßgabe des Antheils an Kosten und Arbeit, den Gewinn vertheilten. In einigen nordischen Küstenländern erhält sich diese, unter cigenthümlichen Formen auch der deutschen Bergbauverfaffung angehörige Einrichtung noch fortwährend, besonders bei Ausrüstung von Schiffen zum Fischfang. Sic ist es eigentlich, an welche man hauptsächlich denkt, wenn -man von der Association und dem Actienwesen die Abstellung mancher die industrielle Entwickelung begleitenden Schattenseiten erwartet. (S. Association.) Denn es liegt in ihr zuvörderst eine sehr gerechte und verhältnißmäßige Vertheilung des Gewinns ; sie macht cs auch Solchen, die kein baares Capital besitzen, möglich, sich bei gewinnreichen Unternehmungen zu bctheiligen, und sie verflechtet das Interesse aller bei dem Unternehmen Beschäftigten so innig in die Erfolge des Geschäfts, daß sich die größtmögliche Anstrengung , das sorgfältigste Zurathehalten, die wirksamste Controle und ebendeshalb auch die günstigsten Erfolge hoffen lassen. Für jetzt aber haben sich dergleichen Organisationen, die sich, wie Alles im Güterleben, nicht künstlich einrichten lassen, sondern für welche sich Formen und Wirkungskreis im freien Gange des Lebens durch den Zug der Verhältnisse bilden müssen, noch nicht über weitere Kreise und vielartige Unternehmungen verbreiten wollen. Anderer Art sind die großen Actienunternehmungen, bei denen die Thcilnehmer nur Geldmittel zusammenschicßen und die Anwendung derselben einer von ihnen eingesetzten und mehr oder weniger von den Beschlüssen der Mehrzahl abhängigen Verwaltung überlassen. Die engl. äoint-stoclc-l-rinIciiiA-coinpiinios stehen dem Begriff der gewöhnlichen kaufmännischen Societät noch zu nahe, als daß man sie schon hier als treffende Beispiele anführen könnte. Wol aber gehören hierher die großen, besonders im Laufe des 17. und 18. Jahrh. entstandenen Handelscompagnicn, wiewol auch hier viele Thcilnehmer noch weiter in das Geschäft verflochten waren, als durch die bloße Herschießung einer Summe. Es handelte sich dabei um Unternehmungen, deren Charakter nur die Wenigsten mit einiger Sicherheit beurtheilen konnten, wo man sich in ein gefahrvolles unbekanntes Feld hinaus begab, die Leitung in die Hände Weniger geben und stets besorgen mußte, daß ein einziger von diesen verschuldeter Misgriff, aus dem man ihnen bei der Natur der Sache nicht einmal einen großen Vorwurf machen konnte, unberechenbare Verluste für das Ganze nach sich zog. Die meisten dieser Unternehmungen sind wieder untergegangen. Einzelne erhielten sich kümmerlich durch vom Staate verliehene Unterstützungen und Privilegien. Die bedeutendste, die Brit.-vstind. Handelscompagnie, liefert ihren Theilnehmern zwar eine beträchtliche, aber doch dem Umfange des Geschäfts nicht entsprechende Dividende. Wenn einige ruff. Handelsgesellschaften gute Geschäfte machen, so haben sic es auch mit nähern und sicherer» Gegenstän- 76 Action den zu thun, und in einem Lande, wo die Industrie in der Kraft des ersten Aufblühens ist, muß das Capital stets seinen reichen Lohn finden. Nützlicher wurden die Acticnuntcrneh- mungen, als sie sich dem innern Verkehre und seinen Beförderungsmitteln zuwcndelcn, namentlich in England die Privatkräfte zu Leistungen vereinigend, welche anderwärts von aufgeklärten Regierungen, aber in weit geringerm Maße, übernommen wurden. Mit gewaltigem Eifer warf man sich auf die Errichtung von Kanälen, Landstraßen und (seit l"58) Eisenbahnen. England ist in diesen innern Vcrbindungsmitteln allen Staaten der alten Welt weit voraus, und dieses große Netz ineinandcrgrcifendcr Riesenwerke beruht fast lediglich auf der Privatkraft, während die Regierung nur solche Unternehmungen durchzuführcn braucht, die wegen der ungünstigen finanziellen Aussichten die Privaten nicht anlockcn, glcichwol aber für den künftigen Aufschwung ärmerer Gegenden, oder aus politischen, oder militairischc» Gründen wünschenswerth scheinen. Der mercantilische Erfolg der Actienunternchmungm ist ein sehr verschiedener gewesen, und im Ganzen hat der Credit derselben etwas höhm Zinsen bedingt als der gesicherte Staats- oder Privatcrcdit. Wenn in'England der Staat besonders die Rechte dritter Personen gegen die Acrienvereine wahrnimmt, sonst aber denselben freiere Bewegung läßt, so mischt er sich in Frankreich, dem allgemeinen Charaktci dortiger Gesetzgebung gemäß, auch in ihr Inneres ungleich mehr bevormundend ein. G hat hier auch erst in neuester Zeit die Privatkraft angcfangcn, sich Aufgaben zu unterziehen, die bis dahin allein auf den Schultern des Staats lagen. In Deutschland fing man »lil überseeischen Handels- und Bcrgwerksunternchmungen und mit großen Jndustriegcschrsten an, und der üble Erfolg verleidete eine Zeit lang die Sache. Einen neuen Aufschwung bc- kam aber das Actienwesen, als cs auf die Eisenbahnen gelenkt ward. Die großen Hoffnungen, die man auf diese neuen Vehikel des Verkehrs richtete und dazu die reichen Gewinne, dic ini Börsenspiel mit den Actien gemacht worden waren, riefen ein gewaltiges Gedränge in Actien hervor, sodaß bald für die verschiedenartigsten Zwecke dergleichen Unternehmungen entstanden. Im Allgemeinen hat sich gezeigt, daß Geschäfte, denen schon die Privatkraft gcwaib-' sen ist und bei denen vielleicht gar die Actienunternehmung mit Privaten concurrircn muk sich nicht für diese großen Actienvereinc, welche ihre Geschäfte durch Beauftragte verricht«! lassen müssen, eignen, und daß sie dabei eher noch ungünstiger gestellt sind als der cStcui. Dagegen wirken sie wohlthätig und arbeiten auch für sich mit größerer Aussicht des Gc- winns, wo der Zweck an sich wichtig, seine Ausführung aber von einem solchen Kraftbcßp abhängig ist, wie er in den Händen Einzelner nicht wohl erwartet werden kann, sodaß dir Unternehmung selbst unterbleiben müßte, sobald nicht der Staat oder ein Actienverein sich derselben annähme. Auch dann noch kann es sich in manchen Fällen fragen, ob cs nicht gut wäre, daß der Staat die Ausführung des Unternehmens auf Rechnung des Vereins besorgt« Doch sind in der Regel diese Geschäfte auch in ihrem Wesen einfach und für den controlireu- dcn Einfluß der Actionäre, des Publicums und des Staats geignet. Auch haben sie in dn Regel wenig oder keine Concurrcn; zu bekämpfen. Übrigens sind demgemäß in den letzt«! Jahren die meisten deutschen Actienunternehmungen, die sich in das Gebiet der Privai- industric gewagt hatten, wieder cingcgangen oder auf dem Punkte des Eingehens. Dagegen arbeiten die Eisenbahnunternehmungen wenigstens mit leidlichem Erfolge fort. Doch ha-' ben auch hier zum Theil die Negierungen nöthig gefunden, ihre Garantie zur Hülfe zu geben, wie bei derSächs.-bair. Eisenbahn, oder das Geschäft ganz auf eigene Schultern zu nehmen, wie in Ostreich. Es mag übrigens wol sein, daß das jetzige übergroße Mistrauen ebenso wenig sichern Grund hat wie der frühere übergroße Eifer. Aktion bezeichnet in den redenden Künsten die Darstellung Dessen, was in den Bewegungen des menschlichen Körpers Bedeutsames, der Rede selbst Analoges liegt, und« würde sonach eine rednerische und eine theatralische Action geben. In neuerer Zeit gebraucht man aber den Ausdruck fast nur in der letztern Beziehung, sofern der Darstellende auch >« seinen Bewegungen den Charakter des Dargestellten auszudrücken hat. Zu theatralischer Action gehört die pantomimische und die schauspielerische im engern Sinne, die sich dadurch von-. einander unterscheiden, daß bei der letzter» sich die sichtbare Darstellung mit der hörbaren, der Declamation oder dem Gesang, verbindet, daher man wieder die Action im recitirten Schauspiel (s. Schauspielkunst) von der Action des Opernsängers unterscheiden kann, de«» 77 Actium Acton Eigenthinnlichkeit durch die Natur der Musik bestimmt ist. Bei der pantomimischen Darstellung drangt sich Alles auf den sichtbaren Ausdruck zusammen. (S. Pantomime.) Die Action umfaßt das Tragen, die Haltung und Stellung des Körpers überhaupt, insofern dadurch gewisse geistige Eigenschaften und Zustände einer Person zu bezeichnen sind, die Geberdung im weitern Sinne, wozu auch die Attitude (s. d.) gehört; ferner die Bewegungen des Kopfes, der Arme und der Füße, und endlich insbesondere Bewegung der ausdruckvollsten Glieder dieser Körpertheile, der Augen und GesichtSmuskeln oder Hände und Finger. Der Fußbewegung gibt die Tanzkunst besondere Ausbildung und Bedeutung. (S. auch M i - mik.) — Äction,s. Schlacht? Actinm (jetzt Azio), Stadt und Vorgebirge an der Westküste Griechenlands, die nördlichste Spitze von Akarnanien, am Eingang des Ambracischen Meerbusens, ist wegen der am 2. Sept. 31 v. Ehr. gelieferten Seeschlacht berühmt, wo OctavianusAugustus und Marcus Antonius um die Alleinherrschaft kämpften, nachdem sie bis dahin das Reich gemeinschaftlich, Octavian im Abendlande, Antonius im Morgenlande, beherrscht hatten. Beider Heere hatten sich an den entgegengesetzten Usern des Meerbusens gelagert. Octavian hatte 80000 M. zu Fuß, 12000 Reiter und 200 Kriegsschiffe; Antonius 100000 Fußsoldaten, 12000 Reiter und 220 Schiffe. Groß, mit Wurfmaschinen versehen, aber schwerfällig, waren des Antonius Schiffe; kleiner, aber deshalb gewandter die des Octavian. Den Antonius verstärkte mit 00 Schiffen Kleopatra, auf deren Antrieb er sich gegen den Rath seiner erfahrensten Feldherren zur Seeschlacht entschlossen hatte. Als das Gefecht einige Stunden ohne Entscheidung gedauert hatte, gelang es dem Agrippa, der die Flotte des Octavian befehligte, durch eine geschickte Bewegung den Antonius zu nvthigen, die cnggeschlossene Linie seiner Schiffe, welche die Feinde vergeblich zu durchbrechen suchten, auszudehnen; da ergriff Kleopatra mit ihren Schiffen, die hinter der Schlachtlinie des Antonius lagen, die Flucht; unbesonnen folgte ihr Antonius mit wenigen Schiffen. Die zurückgelassene Flotte ward nach der tapfersten Gegenwehr, erst als Agrippa Feuer auf sie werfen ließ, überwunden, und das Landheer ergab sich dem Sieger erst, nachdem es sieben Tage auf des Antonius Rückkehr vergebens gewartet. Zum Gedächtniß seines Sieges und aus Dank gegen die Götter ließ Octavian den Tempel des Apollon zu A. erweitern, die eroberten Siegeszeichen aufhängen und alle fünf Jahre das Andenken dieser Schlacht durch Spiele feiern. Auch baute er A. gegenüber, wo sein Heer gelagert und jetzt Prevesa liegt, die prächtige Stadt Nikopolis. Actio und passiv bezeichnet rhätig und leidend,, d. h. eine Wirksamkeit äußernd oder die Äußerung fremder Wirksamkeit empfangend und sich nach ihr richtend. In der Sprachlehre wird das Zeitwort nach diesen beiden Begriffen betrachtet, indem es entweder die Thätigkeit eines Subjects und die Wirkung desselben auf einen äußern Gegenstand (acti- ves, transitives Zeitwort), oder das Erleiden einer außer ihm liegenden Thätigkeit bezeichnet (passives Zeitwort). Von dem Activum ist wieder unterschieden das Jntransitivum oder Neutrum, welches eine Thätigkeit oder einen Zustand bezeichnet, der in dem Subjecte bleibt, ohne auf ein anderes einzuwirken. Die griechische Sprache hat eine besondere Form auch für ein drittes Verhältnis in welchem das Subject die Handlung auf sich selbst richtet, und also mit, durch und gegen sich selbst thätig ist (Medium). — In der Kriegssprache bezeichnet activ die Anwesenheit eines Militairs im wirklichen (activen) Dienste, als Gegensatz eines auSgeschiedenen oder inactiven Militairs. Ferner wird unter activcr Vertheidigung diejenige verstanden, wobei man aus der Defensive hervortritt und zum Selbstangriffe (gewöhnlich mit der Reiterei oder mit der blanken Waffe überhaupt) übergeht, als Gegensatz der passiven Vertheidigung, welche sich auf ein bloßes Abwehren des feindlichen Angriffs beschränkt. Die active Vertheidigung wird von einigen Schriftstellern auch die relative, die passive dagegen die absolute genannt. Jede gute Vertheidigung muß in letzter Instanz in einen Selbstangriff übergehen. Acton (Joseph, Fürst), neapol. Premierminister, geb. 1737 in Besancon, der Sohn eines dort angesiedelten irländ. Arztes, diente nach vollendeten Studien in der sranz. Marine, trat dann als Frcgattencapitain in toscanische Dienste und zeichnete sich als Führer der von Spanien und Toscana gegen die Barbaresken unternommenen Erpe- düion aus. Weil er in Algier einigen Tausend Spaniern das Leben rettete, wurde er in 79 Actor Acupunctur neapol. Dienste berufen, und erwarb sich am dortigen Hofe sehr bald die Gunst der Königin Karoline. Er wurde zum Marine-, Kriegs-, Finanz- und 1784 zum dingircndc»Premierminister ernannt. Im engen Bündnisse mit der Königin und dem engl. GeMdtcn Hamilton regierte er ganz allein, jedoch keineswegs zum Segen des Landes. Seinem Hasse gegen abweichende politische Meinungen fielen viele Opfer aus allen Ständen. Sein zur Leidenschaft gesteigerter Haß gegen Frankreich verleitete ihn während der Dauer der ital. Kriege zu den ausschweifendsten Maßregeln, die am Ende stets nachtheilig für die königliche Familie zurückwirkten und die franz. Partei, aus der später die der Carbonari sich bildete, verstärkten. Als er 1804 auf Betrieb Frankreichs von der Leitung der öffentlichen Geschäfte entfernt werden mußte, ward er in den Fürstenstand erhoben und nach Sicilien gesandt, > kehrte jedoch sehr bald in seine frühere Stellung zurück, um 1805 wieder gegen Napoleon thätig zu sein. Nach Beseitigung des engl. Einflusses fiel auch er, und gehaßt und verachtet von allen Parteien starb er 1808. Actor ist nach dem eigentlichen Wortsinne so viel als Kläger, doch schon im röm. Rechte wurde es theilweise in der abweichenden Bedeutung angewendct, welche dieses Wort in der neuern Rechtssprache durchweg erhalten hat. Es bezeichnet darnach Denjenigen, der als Sachwalter für eine Person, ein Individuum oder eine Corporation auftritt, welche nicht im eigenen Namen, sondern nur unter Mitwirkung von Vormündern, wie Minderjährige, Geisteskranke, Frauen (letztere nur in den deutschen Staaten, wo noch die Geschlechtsvor- mundschaft gilt), oder nur durch Beamte handeln kann, wie Gemeinden, Stiftungen, öffcm- liche Behörden, welche nicht einen beständigen Anwalt für ihre Angelegenheiten bestellt heben. — Ac toriu m nennt man die Vollmacht eines solchen Actor. Actuarius, auch Gerichtsschreiber, Sccretair, oder (bei manchen höher» Gerichte» nach dem Vorgänge des ehemaligen Reichskammergerichts) Protonotar genannt, ist derjenige Beamte, welcher die gerichtlichen Handlungen niederzuschreibcn und die daraus sich ergebenden Acten zu besorgen hat. Bei größer» Gerichten ist das letztere, namentlich die Instand-' Haltung, Sammlung und Aufbewahrung der Acten, das Geschäft besonderer Registratoren und Archivare. Das Hauptgeschäft des Actuarius bleibt immer das erstgenannte, und er ist insofern eine wesentliche Person des Gerichts, indem er zugleich für die Treue der Aufzeichnung zu stehen und gewissermaßen eine Controle den richterlichen Handlungen zu geben hat. Er darf daher mit dem Richter, weil er dessen Handlungen beurkunden soll, nicht in einem solchen Verwandtschaftsverhältnisse stehen, daß er von ihm abhängig ist und nicht gültig für ihn zeugen kann, und ebensowenig kann er durch Befehle desselben genöthigt werden, untrem Niederschreibungen oder Beglaubigungen vorzunehmen; noch kann ihm ein solcher Befehl, wenn er gehorcht hat, gegen eigene Verantwortung und Strafe sichern. Selbst da, wo, wie in Preußen, die Protokolle dem Actuar laut in die Feder dictirt werden, hat derselbe die Pflicht, den Richter, wenn er von der Wahrheit abweicht, „zu erinnern, und darf sich zu einer Verfälschung nicht brauchen lassen. (S. Protokoll.) Überhaupt ist möglichste Unabhängigkeit des Actuarius vom Richter in dem Maße wünschenswerth, als man die in einigen Ländern, namentlich bei Patrimonialgerichten, vorkommende Vereinigung der Functionen beider misbilligen muß, in welchem letztem Falle wenigstens bei Criminalsachen in der- Regel noch Schöppen herbeigezogen werden. Gewöhnlich ist dem Actuarius auch das Advo- ciren verboten. Dem deutschen Actuarius entspricht der franz. ^reMer und der engl, rlerlc nur bis zu einem gewissen Grade, und Namentlich ist der erstcre weit einflußreicher und selbständiger. Acupunctur, abgeleitet von scus, d. i. Nadel, und pnnctliri,, d. i. Stich, heißt da« Heilverfahren, bei welchem man durch Einstechen oder Einklopfen metallener Nadeln m weiche Theile des Körpers lähmungsartige, krampfhafte, rheumatische Krankheiten und namentlich mehre Augenübelzu heilen versucht. Die Operation ist, gut ausgeführt, nicht sehr schmerzhaft, von keiner Blutung und Geschwulst begleitet, und in der Hand des rationellen Arztes von großer, zum Theil überraschender Wirksamkeit. Man wählt dazu stählerne, silberne und goldene Nadeln, und es scheint allerdings etwas auf das Metall anzukommen, aus ^ welchem die Nadel besteht; Die Erfindung der Acupunctur wird den Chinesen und Japanesen zugeschrieben, deren Ärzte sie noch jetzt mit großer Geschicklichkeit ausführcn, welche sie sich durch Übungen an einem mit den Einstichsstellen bezeichneten Phantome von Holz odec Acutus Adalbert (der Heil.) 79 Pappe, Tsoe-Bosi genannt, erwerben. Zn Europa wurde sie zuerst durch Engelbert Kämpfer und Wilh. ten Nhy.ne im >7. Jahrh. bekannt, aber gänzlich wieder vergessen, bis in neuerer Zeit einige franz. Arzte die Operation wieder versuchten, anpriesen und dabei Nachahmer und Nachbeter fanden. Jetzt ist man zu einer gemäßigtem und richtigem Würdigung dcS Mittels zurückgekehrt und hat dasselbe durch seine Verbindung mit der Elektricität und dem Galvanismus (Elektro- und Galvanopunctur) wesentlich in seiner Wirkung erhöht. Dagegen mangelt es noch immer an einer richtigen und ausreichenden Erklärung der Wirkungsweise der Acupunctur. Vgl. Churchill, „On acn;,»nctnre" (deutsch mit Anmerkungen von Friedreich, Bamb. 1824); Sarlandiere, „^lämoires sur I'eIec1ron»»cture" (Par. 1825); Pclletan, „Xotice sur I'acupnncture" (Par. 1825); Cloquet, „Draitö tle I'iicNjiiincturk-" (Par. 1825) und Beck, „Über die Acupunctur" (Münch. 1828). Acutus, s- Accent. Adagio (langsam) ist von den Hauptgraden der musikalischen Bewegungen der zweite (s. Tempo); auch erhalten diesen Namen ganze musikalische Sätze von diesem Grade der Bewegung. Der Vortrag des Adagio crfodcrt eine klangreiche, allen Abstufungen eines starken Gefühlsergusses zugängliche Cantilene und eine großartige Auffassung, die nicht blos im Manciren und Ausputz des Einzelnen (sogenannten gefühlvollen Vortrag) sich erschöpft, sondern auch, und vor Allem, in einer aus den innern dichterischen, sowie auf den formellen Charakter (Stil und Formenbau) der Composition gegründeten Gruppirung, Färbung und Unterordnung der größern Verhältnisse sich ausspricht, ohne welche ein noch so wahr empfundenes, noch so fein behandeltes Detail der Monotonie nicht entgeht. Mit Xckagissiino, Nolto ntlnMn, -päagin ns-ni bezeichnet man ein noch langsameres, mit^ckilßiett«, poco kxIgFio ein weniger langsames Zeitmaß mit dem Charakter des Adagio. Adalbert oder Ad elbert, auchAldebert, ein Gallier, der um 744 in den Maingegenden das Christcnthum lehrte. Er war der Erste, der sich der Einführung röm. Kir- chensahungen und Gebräuche in Deutschland widersetzte. Als er auch die Verehrung derHei- ligen und Reliquien und die röm. Beichtpraxis angriff, wurde er deshalb von Bonifacius in Rom als Ketzer angeklagt, aus den Synoden zu Soiffons 744 und zu Rom 745 als solcher verdammt und hierauf im Kloster zu Fulda gefangen gehalten. Später entkam er und soll am Ufer der Fulda von Hirten erschlagen worden sein. Seine Anhänger, die ihn wegen eines angeblich vom Himmel gefallenen Briefes, auf den er sich berief, gleich einem Apostel achteten und seinen Haaren und Nägeln die tiefste Verehrung widmeten, nannten sich Aldebertiner. Adalbert der Heilige, von Prag, Apostel der Preußen, der Sohn eines vornehmen Böhmen Slawnik, erhielt in der Schule des Moritzklosters zu Magdeburg unter der Leitung des berühmten Olherich seine Bildung, kehrte 981 nach Böhmen zurück und wurde nach dem Tode Dietmars 983 zum Bischof von Prag erwählt. Seine allzugroße und unzeitige Strenge gegen die neubekchrten Böhmen erzeugte bei diesen Haß und Erbitterung, und im I. 988 verließ A. über den schlechten Erfolg seiner Bemühungen entrüstet seinen Sprengel, be- > gab sich in das Kloster Montecassino und von da in das des heil. Alexius zu Rom, wo er in stiller Zurückgezogenheit bis 993 lebte. In diesem Jahre riefen ihn die Böhmen in sein Bis- rhum zurück; allein der Ärger über ihre heidnische Wildheit trieb ihn schon nach zwei Jahren wieder fort. Auf dem Rückwege nach seinem Kloster durch Ungarn taufte er 995 zu Gran in Gegenwart des Kaisers Otto 111. den Prinzen und nachherigen König Stephan den Heiligen. Im I. 996 begab er sich von Rom zum Kaiser nach Main;, besuchte die Klöster zu Tours und Fleury und ging dann nach Polen zum Herzog Boleslav, wo er den bereits früher gefaßten Entschluß, den heidnischen Völkern und zunächst den Preußen das Christcnthum zu predigen, in Ausführung brachte. Mit seinen treuen Begleitern, Eaudentius und Benedict, fuhr er die Weichsel hinab nach Danzig, predigte und taufte hier und setzte dann seine Reise nach Preußen fort. Er landete auf einer kleinen Insel, wahrscheinlich am Ausflusse des Pregel.Sein erster Versuch, den heidnischen Preußen zu predigen, misglückte und den zweiten bezahlte er sogar mit seinem Leben; ein heidnischer Priestxr stieß ihm den Wurfspieß durch die Brust, aller Vermuthung nach in der Gegend, wo jetzt Fischhausen liegt, am 23 Apr. 997. Den Leichnam löste Herzog Boleslav für eine große Summe Geldes ein -- . 80 Adalbert (Erzbischof) Adam und brachte ihn nach Gnesen. Unter Denen, die wegen der Wunder, die er hier wirkte, zu ihm wallfahrteten, war im I. 1000 auch Kaiser Otto UI. Nach der Einnahme von Gnesen im I. l0:;8 entführte den Körper des Heiligen Herzog Brzetislaw nach Prag. Adalbert, Erzbischof von Bremen und Hamburg, aus dem Hause der Pfalzgrafcn von Sachsen, erhielt die erzbischöfliche Würde 1043 durch seinen Verwandten Kaiser Heinrich UI., den er auf seinen Heereszügen begleitet hatte. Ihm folgte er auch 1046 nach Nom, wo er nahe daran war, zum Papst gewählt zu werden. Papst Leo IX., für den er 1049 aus der Synode zu Mainz gesprochen, machte ihn 1050 zu seinem Legaten im Norden. Sein Sprengel erstreckte sich über Dänemark, Norwegen und Schweden; vergebens war sein Streben, sich zur Würde eines Patriarchen des Nordens zu erheben; viel hat er gethan für den Glanz seiner beiden Kathedralen. Während der Minderjährigkeit Kaiser Heinrich's I V. riß er in Gemeinschaft mit dem ErzbischofHanno von Köln die Vormundschaft und Neichsverwal- tung an sich, wußte dann durch Nachsicht gegen die Leidenschaften des jungen Königs auch diesen Nebenbuhler zu entfernen und bemächtigte sich, nachdem er den vierzehnjährigen König 1065 hatte wehrhaft machen lassen, im Namen desselben der unumschränkten Negierung. Sein Stolz und die Willkür, mit der er regierte, empörte die deutschen Fürsten, sodaß sie ihn 1086 gewaltsam von Heinrich entfernten. Doch nach kurzem Kampf gegen die sächsischen Großen, die nun verwüstend in sein Gebiet eingefallen waren, stand er 1069 schon wieder im vollen Besitze der vorigen Macht an Heinrich's Seite. Die Ausführung seiner weitern ehrgeizigen Entwürfe unterbrach sein Tod, zu Goslar am 17. Mär; 1072. Bei fürstlichen Eigenschaften und unbczweifeltcr Überlegenheit des Geistes und der Charakterkraft über seine Zeitgenossen fehlten ihm nur weise Mäßigung und Edelmuth, um den Namen des Großen zu verdienen, den blinde Bewunderung ihm beigelegt hat. Eewaltthaten und Ungerechtigkeiten befleckten das Andenken seiner Verwaltung Deutschlands und verschuldeten das Unglück und die Verwirrung, worein das Reich unter Heinrich IV. gerieth. Adam, d. h. der Mensch, und Eva, d. h. die Lebendige, sind das erste Menschenpaar aufErden, über welches die ersten Capitel der Genesis das Nähere melden. A. starb in einem Aller von 930 Jahren und liegt, einer alten jüdischen Sage zufolge, in Hebron neben den Patriarchen begraben. Man glaubte nach einer falsch verstandenen Stelle, Josua 14,15, in der Vulgata, dieses in der Bibel bestätigt zu finden, während eine andere christliche Sage ihn aus dem Berge Golgatha ruhen läßt. Nach dichterischen Erzählungen der Juden hat Gott den A. aus dem Staub der gesammten Erde als Mannweib geschaffen; sein Haupt reichte bis zum Himmel, und der Glanz seines Angesichts übertraf die Sonne. Ihn fürchteten selbst die Engel des Himmels, und alle Geschöpfe eilten, ihn anzubetcn. Da ließ der Herr, um vor den Engeln seine Macht zu beweisen, auf A. einen Schlaf fallen und nahm von allen Gliedern desselben etwas hinweg und befahl beim Erwachen dem A., die abgenommenen Theile auf dem Erdboden zu zerstreuen, damit die ganze Erde von seinem Samen bewohnt werde. A. verlor dadurch seine Größe; allein seine Vollkommenheit blieb. Und Gott schuf dem A. ein Weih, die Lilith; doch sie entfloh durch die Luft, und derHerr schuf ihm aus seiner Rippe die Eva. Im schönsten Schmucke führte Gott sie dem A. zu, und Engel stiegen vom Himmel herab, spielten auf himmlischen Instrumenten, und Sonne, Mond und alle Sterne tanzten den Reihen. Gott selbst segnete daS Paar und gab ihnen ein Mahl auf einem Tische von Edelgestcin, wobei Engel die köstlichsten Speisen bereiteten. Die Herrlichkeit des A. reizte zum Neid, und dem Seraph Sammael gelang die Verführung. Das glückliche Paar ward aus dem Paradiese in den Ort der Finsterniß verstoßen und wandertc nach und nach durch die Erden bis zür siebenten, Tebhel, die wir jetzt bewohnen. Nach dem Koran bereitete Gott den Körper seines Statthalters auf Erden aus trockenem Thon und den Geist aus reinem Feuer. Nach den pers. Sagenschreibern schuf Gott den ersten Menschen aus einem Teige der sieben Erdschichten und begabte den Körper mit wundergleichen Vollkommenheiten. Alle Engel bezeugten dem neuen Geschöpfe ihre Ehrfurcht, nur Eblis nicht, der deshalb aus dem Paradiese verstoßen wurde, das nun A. erhielt. Im Paradiese ward Eva geschaffen. Aus Rache verführte Eblis die Menschen, und sie wurden auf die Erde herabgestürzt. Des reuigen A. erbarmte sich Gott und ließ ihn in einem Gezeltc an der Stelle, wo dann der Tempel zu Mekka stand, durch den Erzengel Gabriel die göttlichen Gebote lehren, die A. treu befolgte, woraus > Adam von Bremen Adam (Charles Adolphe) 81 er auf dem Gebirge Arafat nach 200 Jahren die Gattin wiederfand. Er starb und wurde auf dem Berge Aburais bei Mekka, nach Andern zuvörderst von Noah in die Arche genommen und erst von Melchisedek da, wo nachher Jerusalem stand, begraben. Die spätern Sagen der Juden und M.chommedaner finden sich am ausführlichsten in Eisenmengcr's Werke: „Entdecktes Judenthum" (Franks. 17 00). Adam, von Bremen, Domherr und Lcbolaskicus oder iblsgister sckolsrum daselbst, kam wahrscheinlich von Erzbischof Adalbert, aus Obersachsen berufen, 1067 nach Bremen, wo er um das I. 1076 starb. Er schrieb hier unter dem Namen „Ossta Nammenbur- geiisis scclssino pnntilicmn", sonst „klistoris occlosiastica" genannt, meist nach Urkunden und alten Aufzeichnungen eine Geschichte des Erzbisthums Hamburg vom I. 788 bis zum Tode des Erzbischofs Adalbert im I. 1072, die zugleich wcrthvolle Beiträge zur Geschichte der nordischen Reiche und besonders der nordslawischen Völker enthält, welche der Verfasser den mündlichen Belehrungen des dänischen Königs Svend Estrithson verdankte, den er gleich nach seiner Ankunft in Bremen besuchte. A.'s Werk, dem Erzbischöfe Liemar (1072—1101) gewidmet, ist die einzige bedeutende Quelle aus jener Zeit für die Geschichte des Nordens und schon deshalb für den Historiker von äußerster Wichtigkeit; außerdem empfiehlt es sich auch durch richtige Auffassung und Wiedcrgebung der geschriebenen und mündlichen Berichte, durch lichtvolle Darstellung und durch eine den Alten nicht ohne Glück nachgebildetc Sprache. Nach einer von Bartholin, im Kloster Soroe aufgefundenen Handschrift wurde A.'s Werk zuerst von Andr. Sever. Vellejus, d. i. Vedel, (Kopenh. 1579,4.) herausgegeben; seitdem hat man andere alte und werthvolle Handschriften zu Kopenhagen, Leyden und Wien entdeckt, nach denen ein berichtigter Text in Pertz's „iVlonumsnka" nächstens erwartet wird. Adam (Albrecht), einer der ausgezeichnetsten Thier - und Schlachtenmaler der neuesten Zeit, zu Nördlingen 1786 geboren. Von seinem Vater, einem Conditor, zu gleichem Gewerbe bestimmt, entwickelte er schon früh große Neigung und ein bedeutendes Talent für die Kunst. Im I. 1803 kam er nach Nürnberg, wo er sich völlig für den künstlerischen Beruf entschied, und 1807 nach München, wo er fortan seinen Aufenthalt nahm und einflußreiche Gönner fand. Im I. 1809 begleitete er den Grafen von Frohberg- Montjois auf den Feldzügen gegen Ostreich. Die militairischen Darstellungen, zu denen ihm dieses Verhältniß reichlichen Stoff gab, fanden allgemeinen Beifall und veranlaßten den Vicekönig von Italien, A. in seine Dienste zu nehmen. Er lebte nun einige Jahre in Italien den Studien und dem Genüsse der Kunst, bis er 1812 dem Vicekönig auf dem Feldzuge nach Rußland folgte, von wo er gegen Ende des Jahres, unter großen Beschwernissen und Gefahren, zurückkehrte, woraufer bis zum Sommer 1815 wieder in Italien verweilte. Der russ. Feldzug gab ihm den Stoff zu einem großen lithographischen Pracht- Werke, welches aus 100 Blättern bestehend, unter dem Titel „Vo^n^e pittore? Bühne, auf der sic schon Liebe und Bewunderung sich erworben hatte, und verehelichte sich.' ^ Adamianer war der Spottname einer christlichen Sekte des 2. Jahrh., welche den ä Grundsätzen des Karpokrates und Prodikus huldigte. Ihre Lehre von der Macht des Bösen ^ im sinnlichen Menschen führte sie dahin, daß sie das Laster für unvermeidlich, aber auch für . > unbedeutend erklärten. Bei ihren Versammlungen sollen sie unbekleidet erschienen sein. ^ Adamiten oder Picarden (böhmische Aussprache für Begharden) hieß eine : schwärmerische Partei des 15. Jahrh., die, von den Taboriten wegen der Lehre, daß Brot ^ und Wein im Abendmahle bloße Zeichen seien, ausgcstoßen zum Jrrthume der Sekte des freien Geistes sich verirrte und auf einer Insel des Flusses Lusinih in völliger Weibergcmem- schaft lebte. Dort überfiel sic 1321 Ziska; denn von den Hussitcn waren sie, weil sie die ^ Transsubstantiationslehre verwarfen, nicht minder gehaßt als von den Katholiken. Er . ließ Tausende verbrennen, ohne jedoch die Sekte auszurotten. Von den Gegnern wurden . oft auch die Taboriten Picarden genannt. — Adamiten nannte man auch die Anhänger der beiden Wiedertäufer Schneider und Schuster zu Amsterdam im 16. Jahrh., welche . gleich Adam unbekleidet zu gehen versuchten. . Adams (John), zweiter Präsident der Vereinigten Staaten Nordamerikas und § einer der ersten Staatsmänner seines Vaterlandes, aus einer angesehenen ehemaligen Pu> 7 ritanerfamilir, die 1630 aus England geflohen war und zu den ersten Ansiedlern in Mas- ' sachusettsbai gehörte, wurde dort zu Braintrcc am 19. Oct. 1735 geboren. Vor der Re- * volution, die sein Vaterland in die Reihe unabhängiger Staaten erhob, reichnetcersich ! als Rechtsgclehrter aus. Massachusetts hatte seit langer Zeit mit der engl. Negierung über wichtige Gegenstände in Streit gelegen, und um so leichter mußte sich hier, besonders in der Hauptstadt Boston, eine kräftige Opposition bilden. A., der das Bedürfniß seines ' Vaterlandes erkannte, war eifrig bedacht, die Volksrechte zu vertheidigen und in dem Volk- , den Freiheitssinn zu beleben. Schon 1765 schrieb er in der bostoncr Zeitung einen Versucb ! über das kanonische Recht und das Feudalrecht, der 1768 in London wieder abgedruckt und 17 83 mit seinem Namen in Philadelphia herausgcgeben ward. Es schien bei der Abfassung , des Werkes ihm vorzüglich darum zu thun gewesen, die fast abergläubige Verehrung seiner § ette die ihre leue au" >iese gen der elbr ' w. neu, üter ttiß, und zkcit die am- nah innere, die M.' den ose» fm . eine 8rst des ltin- e die Cr rden ngcr eiche und Pu- flas- Re- sich über s in ines ' iolke such und üng in« Adams (John) 83 Landsleute für des Mutterlandes Staatscinrichtungen zu schwächen, indem er ihnen die abstoßenden Grundsätze der alten, in England noch gültigen Rechte darlcgte, und es läßt sich nicht leugnen, daß diese Schrift ganz geeignet war, das Volk zu dem Entschlüsse aufzurufen, jeder Verletzung seiner Rechte Widerstand zu leisten. Hatte er aber selber beigetragen, das Volk in eine Aufregung zu bringen, die gefährlich werden konnte, so ergriff er auch gern die Gelegenheit, ihr cntgegenzuwirken, und als 1770 ein Volkshaufen in Boston eine Abtheilung der Besatzung angriff, die aus Nothwehr feuerte und mehre ihrer Gegner rödtetc, vertheidigte er den Offizier und die Soldaten so gründlich vor dem Gerichte, daß die Gerechtigkeit, trotz der Volkserbittcrung, siegte und die Freisprechung erfolgte. Im I. 1774 wurde er von Massachusetts für die Versammlung gewählt, die in demselben Jahre in Philadelphia ihre Sitzungen eröffnete, um über die gemeinsamen Angelegenheiten der Colonicn zu bcrathen. Er sah zu jener Zeit, wo der Gedanke der Trennung vom Mutterlande der Volksmassc noch fremd war, daß der Bruch erfolgen mußte. „Ich weiß", sprach er bei der Warnung eines besorgten Freundes, „daß England entschlossen ist, sein System zu behaupten, und dieser Entschluß bestimmt den »reinigen. Der Würfel liegt. Sinken oder schwimmen, leben oder untergehen mit meinem Vaterlande, ist niein unerschütterlicher Entschluß." Er nahm an den Berathungen der Versammlung den thätigsten Anthcil, und als er im folgenden Jahre, wo der Krieg bereits begonnen hatte, wieder im Congreß er- schien, war er es, der Washingtons Wahl zum Oberbefehlshaber gegen allen Widerspruch durch seine kräftige Entschiedenheit mit beförderte. Er wußte, daß nur durch die Wahl eines Südländers zum Anführer der damals mächtigste Staat Virginien der Revolution sich anzuschließen veranlaßt werden konnte; daß nur dadurch Patrick Henry, Lee und andere Patrioten dieses Staats zufriedengcstellt werden konnten. Vereint mit Lee und Thomas Jeffer- son gelang es ihm, dem Gedanken einer Trennung vom Mutterlande immer mehr Eingang zu verschaffen, und schon im Mai 1776 machte er den Antrag, eine Regierungsform einzuführen , die nach der Meinung der Volksvertreter das Glück und die Sicherheit Amerikas am besten fördern könnte. Nur Pennsylvanicn zögerte damals, indem Dickerson, der einflußreichste Abgeordnete dieses Staats, noch immer an eine Versöhnung mit England glaubte. So wurde dem Anträge Lee's auf Unabhängigskeitserklärung Bahn gemacht, dessen Annahme am 4. Juli 1776 die Eeburtsstunde der Freiheit Amerikas war. A. und Jeffcr- son waren von den übrigen Mitgliedern des ernannten Ausschusses gewählt worden, die Unabhängigkeitserklärung zu entwerfen; doch, wie jetzt erwiesen, ist Thomas Zefferson allein der Verfasser derselben. Schon der Stil und die Worte, ganz im Sinne dieses Staatsmanns, womit die Erklärung anfängt: „Wir halten cs für eine selbst evidente Wahrheit, daß alle Menschen frei und gleich geboren sind", bürgten für diese Autorschaft, wenn auch das Brouillon derselben in der Handschrift Thomas Jefferson's sich nicht vorgefunden und die von den Föderalisten reclamirte Autorschaft John A.'s vernichtet hätte. Jm J. 1777 wurde Letzterer nach Frankreich gesendet, wo bei seiner Ankunft das Bündniß durch Franklin, mit dem er übrigens, wie Franklin's „6orresponclencs", herauSgegebcn von Jared Sparks, beweist, nicht auf dem besten Fuße stand, bereits abgeschlossen war. Nach seiner Rückkehr in das Vaterland ward er vom Staate Massachusetts zum Mitgliede des Ausschusses erwählt, der das neue Grundgesetz entwerfen mußte, das großenthcils sein Werk war. Bald nachher ward er vom Congreß wieder nach Europa gesendet, um Friedens- Unterhandlungen mit Großbritannien anzuknüpfen, und kam 1780 in Paris an, wo aber die Eifersucht des franz. Cabinets und seine wohlbekannte Abneigung gegen Frankreich, sowie seine Eifersucht auf Franklin, der ihm dort den Rang abgelaufcn, ihm viele Schwierigkeiten in den Weg legten. In demselben Jahre ging er als Gesandter nach Holland und wußte sowol durch geschickte Unterhandlungen als durch geistreiche Aussätze, welche die Ansichten des Publicums über Amerika berichtigten, die Regierung und die öffentliche Meinung für sein Vaterland zu gewinnen. Er blieb in Holland bis 1782, wo er nach Paris zurückkehrte, um in Verbindung mit Franklin, Jay, Jefferson und Laurens den Frieden mit England abzuschließcn. Als der erste Gesandte des neuen Staats kam er 1785 nach London. Georg 111., welcher wußte, daß A. keine Vorliebe für Frankreich hegte und der neuen 84 Adams (John Quincy) Doctrin seiner Philosophen von Herzen abgeneigt war, sagte ihm bei der feierlichen Einführung, er freue sich, einen Gesandten zu empfangen, der kein Vorurtheil für Frankreich, den natürlichen Feind seiner Krone, habe. „Ich habe nur für mein Vaterland ein Vorurtheil", erwiderte A. In London gab er die „vekence oktlrs constitntion »ml j-overmuciu oltlie vniteli 8wtes" (3 Bde., 1787) heraus. Als er 1787 nach Amerika zuruckgekehtt war, beförderte er mit Alex. Hamilton und andern Anhängern der föderalisihchen Partei die Veränderungen der Verfassung, welche das Ansehen des Congresses, den einzelnen Staaten der Union gegenüber, befestigten. Nach der Einführung des neuen Staatsgrundgesetzes ward er zum Vicepräsidentm erwählt, und als Washington sich 170, zurückzog, zum Präsidenten. Hatte er sich schon früher unter der demokratischen Partei Feinde gemacht, so ward er durch die Maßregeln, die er zur Erhaltung der Nationalwürde gegen die Anmaßungen Frankreichs ergriff, mehr aber noch durch seine entschiedene Vorliebe für einen erblichen Adel, den er auch in Gestalt des Cincinnatusvrdcns in Amerika einzufüh- ren sich bemühte, sowie überhaupt durch seine Hinneigung zu einer selbständigen, erblichen Aristokratie, die er keinen Anstand nahm in dein zuletzt angeführten Werke auszusprechen, noch unbeliebter, ja verhaßter zu einer Zeit, wo die sranz. Republik so viele Bewundern unter den Amerikanern batte. Er war, während er an der Spitze der Verwaltung stand, für die Gründung einer amerik. Seemacht, da man früher kaum ein amerik. Kriegsschiff auf dem Ocean sah. Als 1801 die Zeit seiner Amtsdauer vcrsioffen war , siegte Jefferson bei der Wahl durch die Entscheidung einer Stimme. A. hatte keiner der beiden großen Parteien gefallen; seine Maßregeln hatten die Demokraten zu aristokratisch, die Föderalisten noch immer zu liberal gefunden. Er zog sich auf sein Landgut Quincy zurück, wo er sich eifrig mit literarischen Arbeiten beschäftigte. Seitdem erhielt er manche ehrenvolle Beweise des Vertrauens seiner Landsleute, die ihn bei verschiedenen Gelegenheiten zur Thcilnahme an öffentlichen Verhandlungen beriefen. Schon 85 Jahre alt, arbeitete er 1820 als Mitglied des Ausschusses, welcher zur Durchsicht der Verfassung des Staats - Massachusetts erwählt wurde. Am 4. Juli 1826, dem fünfzigsten Jahresfeste des Tages, wo er im Saale des Congresses ausgerufen hatte: Es lebe die Unabhängigkeit! erweckte ihn in Neuyork das feierliche Glockengeläut«: und der Donner des Geschützes, und als sein Diner ihn fragte, ob er wisse, was für ein Tag sei, gab er zur Antwort: „O ja, es ist der herrliche vierte Julius. Gott segne ihn! Gott segne euch Alle!" Noch am selben Abend verschied er. Kurz vor seinem Tode jprach er noch einmal: „Es ist ein großer herrlicher Tag — Jefferson überlebt ihn." Aber Jefferson, sein großer glücklicher Nebenbuhler, war an demselben Tage zu seinen Vätern hcimgegangen. Belehrende Parallelen zwischen diesen beiden ersten Staatsmännern der Union haben Daniel Webster und Edward Everetk bei Gelegenheit ihrer gleichzeitigen Leichenfeier gezogen Und durch den Druck veröffentlicht. Adams (John Quincy), der sechste Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, 1825 — 20, der Sohn des Vorigen, wurde in Massachusetts am II. Juli 176" geboren. Er begleitete schon im Knabenalter seinen Vater nach Europa, wohin dieser kurz nach dem Ausbruche der amerik. Revolution mit wichtigen diplomatischen Aufträgen gesendet worden war, und brachte einen großen Theil seiner Jugend zuerst in Paris, dann, im Haag und zuletzt in England zu, wo sein Vater Gesandter war, weshalb er mehr eine diplomatische als republikanische Erziehung erhielt. Noch jetzt gilt er allgemein für dasjenige Glied des Congresses, welches mit den europäischen Zustanden am meisten vertrant ist, daher er auch auf die Entscheidung aller wichtigen Angelegenheiten mit fremden Nationen einen mehr als gewöhnlichen Einfluß übt. Zur Zeit der Präsidentschaft seines Vaters wurde er als Gesandter nach Berlin geschickt. Als solcher bereiste er Schlesien und gab im „knrtlolio", einer Zeitschrift von Philadelphia, die Beschreibung dieses Landes in Briefen heraus, die in Amerika wenig Glück inachten, obgleich sic 180^ in Amerika besonders erschienen, von Friese 1805 ins Deutsche und von Dupaty 1807 ins Französische überseht wurden. A theilte ganz die Ansichten seines Vaters, dem die Franzosen und die franc Republik verhaßt waren, der den Frieden mit England um jeden Preis aufrecht erhalte» ^ wissen wollte und n, der amerik. Verfassung mit Schrecken die vielen demokratischen Elemente erblickte, denen er nur durch eine kräftige Aristokratie einen Damm setzen zu kön- 85 än- ich, an- ent chtt rlei ncn md- lvg, aide, -gni für füh- chcn hm, erer and, egs- legte iden die rück, ,ren- eitt» niete aats- rges, e ihn Melder bend icher war iesen t bei t. kord- 'S7 kurz ägen )ann, eine das- raut atio- aters b im iefen s cr- rsthl rann alten - Ele- kön- Adams (John Quincy) ncn vermeinte. Sobald daher Thomas Jeffcrson, der an der Spitze der demokratischen Partei stand, 1801 zum Präsidenten der Vereinigte» Staaten gewählt war, rief er A. ans Berlin zurück. Dieser wurde nun Professor der Bcrcdtsamkeit an der Universität Harvard in Massachusetts, dem Hauptsitz der föderalistischen Partei; vertauschte aber bald diese Laufbahn mit der politischen und wurde später als Senator dieses Staats nach Washington gesandt. Hier war er ein eifriger Vorkämpfer der föderalistischen Partei, obgleich er mit vieler Gewandtheit nach dem Ausbruche des Kriegs die Nolle zu wechseln und sich zur Partei James Madison's hinzuneigcn schien. Dies thatcn indcß auch andere Anhänger des Föderalismus, wie z. B. der berühmte Knig von Ncuyork, nach dem Überfalle und der Verbrennung des Capitols zu Washington durch die Engländer. Ausgemacht ist indeß, daß A. von den Umtrieben der sogenannten Hartford-Convention, deren Glieder cs auf nichts Geringeres als einen Privatfricdcn mit England und der Lossagung der sechs Neucnglandftaatcn Maine, Massachusetts, Vermont, Neuhampshire, Rhode-Jsland und Connecticut von der Union abgesehen haben sollen, wußte, und von diesem Gchcimniß doch nicht zum Besten der Union Gebrauch machte, obgleich er dasselbe später zu seinen eigenen Gunsten auszubrciten sich bemühte. Madison sandte ihn als bevollmächtigten Minister nach Rußland, sodann nach England, in welcher Eigenschaft er im J. 1811 mit den nach Gent gesandten Commissaricn der amerik. Negierung an den Friedensuntcrhandlungen mit England Theil nahm. Monroe, der den Parteigeist so zu bannen wußte, daß er nach Verlauf der ersten vier Jahre seiner Präsidentschaft ohne Opposition zum zweiten Mal gewählt wurde, rief A. nach Washington zurück und ernannte ihn zum Staatssecretair der Vereinigten Staaten. In dieser Eigenschaft knüpfte A. mit Castlcrcagh und später mit Canning die ersten Unterhandlungen über das gegenseitige Untersuchungsrccht an, denen auch ein Tractat gefolgt wäre, der den Engländern sogar das Untersuchungsrccht in den amerik. Gewässern längs der Küste der Union ertheilt hätte, wenn der Senat nicht die Ratification desselben verweigert und neue Bcdingnissc hinzugcfügt hätte, welchen England unmöglich seine Zustimmung geben konnte. Nach Monroe waren Crawford, Clay, Adams und Jackson Kandidaten für die Präsidentschaft. Jackson hatte die meisten Stimmen; da er aber keine absolute Majorität über seine Mitbewerber hatte, so kam die Wahl nach der Constitution der Vereinigten Staaten in das Repräsentantenhaus, woselbst Henry Clay und A.sich dahin verstanden, daß Erstcrer Letzterm keine und Crawford's Stimmen verschaffe, dagegen aber von A. zum Staatssecretair mit Aussicht auf die Nachfolge ernannt werden sollte. Durch dieses Manocuvre wurde A. Präsident; doch schon in den ersten Jahren seiner Verwaltung brach das künstlich aufgebaute Gebäude zusammen. A. hatte während seiner vierjährigen Verwaltung beständig gegen demokratische Majoritäten anzukämpfcn, und schon im sechsten Monat seiner Präsidentschaft war jede Hoffnung seiner Wicdcrcrwählung verschwunden. Da entschloß er sich zuletzt, seine Freunde, die ihn bis jetzt unterstützt hatten, der aufstrebenden Demokratie zum Opfer zu bringen: er veröffentlichte als Zeichen seiner Aufrichtigkeit gegen das Volk die Namen der Mitglieder der erwähnten Hartford-Convcnkion, indem er zugleich auf ihre hochvcrrätheri- schen Absichten hindeutctc und hierdurch die ersten Familien Bostons compromittirte. Dies machte ihn der Achtung von Freund und Feind verlustig, und General Jackson wurde mit einer Ungeheuern Majorität zum Präsidenten gewählt. A. zog sich nun aus sein Landgut Ouincy in der Nähe von Boston zurück, war aber schon im Laufe der nächsten zwei Jahre Candidat für die Rcpräsentantenstclle seines Districts. Die Partei, die er damals gegen alle geheimen Gesellschaften, insbesondere aber gegen die Freimaurer ergriffen, sowie seine Abo- litionstheoricn, die er in seiner zweijährigen Zurückgezogenheit von den öffentlichen Angelegenheiten entwickelt hatte, machten, daß er gewählt wurde. Seitdem erscheint er jedes Jahr im Congrcß, ohne Thcilnahmc, ohne Freund, ohne Partei, eine Abolitionspetirion in seiner zitternden Hand haltend, und dieselbe, nicht etwa in der Hoffnung, die Aushebung der Sklaverei durchzusetzcn, sondern einzig und allein behufs der Aufrechthaltung des Petitionsrcchts der Berücksichtigung des Hauses empfehlend. Als das Haus der Repräsentanten imJ. 181 I ein für allemal den Beschluß faßte, alle dergleichen Petitionen ungelesen auf den Tijch zu legen, ging A. 1812 so weit, eine Petition um Aushebung der Union cinzurcichcn, welche sicherlich seine Ausstoßung aus der gesetzgebenden Versammlung zur Folge gehabt haben würde, 86 Adams (Samuel) Adana wenn er sich nicht dahin erklärt hätte, daß er selbst gegen die Petition sei und überhaupt nur das Petitionsrecht in -rbktrscto gesichert wissen wolle, und wenn es der Nation selbst nicht zur Unchre gereicht hätte, einen Mann, der die höchste Staatswürde begleitet, im Angesichte der Welt hochverräterischer Absichten zu beschuldigen. A. ist noch im Congreß, wo er an allen Debatten, obgleich auf sich allein dastehend, den lebhaftesten Antheil nimmt. Adams (Samuel), geb. 27 . Sept. 1722 zu Boston, studirte Theologie, sing aber bann einen kleinen Handel an und wurde Steuereinnehmer. Schon auf der Harvard-Universität hatte er zur Erlangung einer akademischen Würde den Satz vertheidigt: „Es ist erlaubt, der höchsten Gewalt Widerstand zu leisten, wenn der Staat nicht anders gerettet werden kann", der das Thema seines ganzen politischen Lebens ward. Im I. 1765 zum Mitgliede der gesetzgebenden Versammlung von Massachusetts erwählt, deren Sccretair er nachmals wurde, war er bis zu Ende des Nevolutionskrieges einer der eifrigsten Verfechter der Volks- sache, der sich lebhaft den Bedrückungen widersetzte, die von dem Mutterlande ausgingen. Er gab zuerst die Idee an, Volksgesellschaftcn zu errichten, die miteinander corrcspondirten und ihren Vereinigungspunkt in Boston hatten, wodurch der Revolution ein mächtiger Vorschub geleistet ward. Als Abgeordneter der Colonien zum Congreß gesandt, konnte er den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen dem Mutterlande und den Colonien nicht erwarten und wollte schon Unabhängigkeit, als die wärmsten Parteigänger nur Abstellung der Beschwerden beabsichtigten. Der glorreiche Tag von Lexington erfüllte seine Wünsche und rct- tete ihm zugleich die Freiheit. Er hatte im Congresse den bedeutendsten Antheil an der Unab- hängigkeitserklärung und leitete dann die Berathungen über die Verfassung von Massachusetts. Washington liebte er nicht, denn sein hitziger und unruhiger Kopf war zu verschieden von der Klugheit und ruhigen Besonnenheit dieses Feldherr«; ja er stimmte selbst zu dem Plane, ihm 1778 den Oberbefehl der Truppen zu nehmen und Gates zu übergeben. Im I. 1794 wurde er Gouverneur von Massachusetts; 1797 trat er aus dem öffentlichen Leben zurück; arm wie er gelebt hatte, starb er zu Boston am 2 . Oct. 1892 . Sein kümmerliches Äußere schien mit der Kühnheit des Geistes im Widerspruche. Adamsapfel oder Paradiesapfel nennt man eine Art Pomeranzen mit narbiger Schale, nur etwas größer und dunkler als die gewöhnlichen Pomeranzen. Nach der Meinung der Juden war dies die Frucht, von welcher Adam im Paradiese, durch Eva verführt, kostete. Noch jetzt bedienen sich die Juden der Paradiesäpfel zur Ausschmückung der Laubhütten, die sie, zumal wenn sie von mittler Größe und ganz fleckenlos sind, oft sehr theuer bezahlen. — Adamsapfel wird auch der obere und vordere Theil des Kehlkopfs genannt, welcher besonders bei Männern sehr hervortritt, weil man glaubte, daß beim Sündenfall ein Theil des genossenen Apfels dem Adam im Halse stecken geblieben und als Wahrzeichen auf alle seine männlichen Nachkommen vererbt sei. Adamspik oder Adamsberg, von den Eingeborenen Hemaleh, d. i. Wohnung des Schnees, genannt, ist der höchste Berg auf der Insel Ceylon. Seine Höhe beträgt 6689 F. und an manchen Stellen ist er sehr steil. Oben auf der Fläche zeigt man in einem flachen Steine den Abdruck eines kolossalen Fußes, den Buddha (s. d.), der Stifter der Lehre der Singalesen, zurückgelassen haben soll, als er in den Himmel stieg. Die Mohammedaner nennen statt Buddha Adam, und daher hat der Berg seinen Namen. Der Abdruck des Fußes hat ringsherum eine kupferne Einfassung, die mit vier Reihen angeblicher Edelsteine besetzt ist. Ehrwürdige alte Bäume, besonders Rhododendron, umgeben den heiligen Platz. Buddha's Anhänger erklimmen ihn mittels eiserner Ketten, die in den Felsen befestigt sind. Hier werden die Bande der Liebe bekräftigt, Freundschaften geknüpft und Feinde versöhnt durch den Segen des Priesters. — Adams spitze heißt ein Vor- gebirge am Ausfluß des Columbia an der Westküste Nordamerikas in Neu -Albion. Adäna heißt ein Ejalet im Südosten Kleinasiens an der Nordwestgrenze Syriens, im Bereiche des alten Ciliciens nach der Hauptstadt Adana, die am Scihan liegt und ungefähr 39999 E- hat. Dieselbe beherrscht die Pässe des nördlich sich steil erhebenden Taurusgebirgcs, wird südlich von einer weilen Küstenebene des Busens von Skanderum umschlossen und treibt als ein Verbindungspostcn zwischen Syrien und Kleinasien beträchtlichen Handel. Pompejus bevölkerte den Ort mit Seeräubern; die syrischen Könige erhoben Adanfou Adeitation 87 ihn, unter dein Namen Antiochia-ad-Sarum, zu einer Stadt. Die Lage eine-nordwestlichen Schlüssels zu Syrien gab ihr in den neuesten Differenzen zwischen Mehemcd Ali und der Pforte eine Bedeutung. Nach dem Siege Ibrahim Pascha's am 21. Dec. 1832 bei Konieh dehnte Mehemcd Ali seine unumschränkte Gewalt auch über A. aus, der Julitractat von 1846 aber gebot dessen Räumung, welche den Fall der syrischen Küstcnftädte beschleunigte , worauf die türkische Armee die Taurusposten Orfa und Adana wieder besetzte. Adanson (Michel), berühmter franz. Botaniker, gcb. zu Air 7. Apr. 1727, ent- sagte dem geistlichen Stande, für den er bestimmt war, um sich dem Studium der Naturgeschichte zu widmen. Vorzüglich war es das Linncssche System, welches ihn zur Nacheiferung anrcizte. Kaum 21 Jahre alt, ging er 1748 an den Senegal, weil er glaubte, daß die Ungesundheit dieser Gegend noch lange die Naturforscher abhalten würde, sie zu untersuchen. Er sammelte daselbst mit dem glühendsten Eifer unermeßliche Schätze in allen Naturreichen. Da er bald das Mangelhafte der bisherigen Einthcilungsmethoden fühlte, bemühte er sich, sie durch eine allumfassende zu ersetzen. Nack einem fünfjährigen Aufenthalte kehrte er in sein Vaterland zurück und legte der Franz. - ostind. Compagnie 1753 den Plan vor, auf der Küste Afrikas eine Ansiedelung anzulcgcn, in welcher alle Colonialerzcugnisse angebaut werden sollten, ohne Negersklaven zur Arbeit zu gebrauchen. Der Vorschlag blieb damals unbeachtet; als aber 1760 die Engländer die Niederlassung am Senegal besetzten, suchten sie ihn durch glänzende Anerbietungen zur Mittheilung seines Plans zu bewegen, die er jedoch patriotisch ausschlug. Die erste Frucht seiner naturhistorischen Forschungen war die „üistoire naturelle <1u 8eneg:>!" (Par. 1757, 4.). Durch das Werk „Camilles «Iss plante?" (2 Bde., Par. 1763) wollte er der Botanik eine neue Gestalt geben ; allein gegen Linne vermochte er nicht aufzukommcn. Er hatte bereits große Vorbereitungen zu einer neuen Ausgabe dieses Werkes gen,acht, als er den Plan zu einer vollständigen Encyklopädie faßte. In der Hoffnung, daß Ludwig XV. dieses Unternehmen unterstützen werde, sammelte er die Materialien und legte 1775 der Akademie den Plan vor, der zwar durch seinen Umfang allgemeines Staunen erregte, bei näherer Prüfung aber nicht nach des Verfassers Erwartungen begutachtet wurde. A.'s Plan war allerdings trefflich; aber er hatte Unrecht, ihn nicht theilweise, sondern auf einmal ausführen zu wollen, und dieser Eigensinn war Ursache, daß derselbe unausgeführt blieb. A. fuhr in- deß mit ungeschwächtem Eifer fort, seine Materialien zu vermehren. Außer einigen schätzbaren Memoiren, die er der Akademie vorlegtc, gab er jedoch nichts weiter heraus; die Idee, seinen großen Plan anszuführen, beschäftigte ibn allein; alle seine Mittel wendete er auf, um die Ausführung zu beschleunigen. Aber die Revolution versetzte ihn in die traurigste Lage; als das Nationalinstitut bei seiner Gründung ihn cinlud, einen Platz unter seinen Mitgliedern einzunehmcn, antwortete er, daß er der Einladung nicht folgen könne, weil er keine Schuhe habe, worauf ihm eine Pension bewilligt ward. Bis an seinen Tod, am 3. Aug. 1866, war er unablässig für die Ausführung jenes großen Entwurfs beschäftigt und hinterließ ungeheuere handschriftliche Sammlungen. Nach ihm ward eine Pflanzengattung Adansonia benannt. (S. Afsenbrotbaum.) Adäquat (vollkommen angemessen) heißt eine Vorstellung in Beziehung auf ihren Gegenstand, wenn seine wesentlichen Merkmale in ihr zusammengcfaßc sind. Ei» Begriff ist adäquat, wenn er das Wesen Dessen, was er bezeichnet, vollständig enthält. Eine Definition oder Erklärung eines Gattungsbegriffs ist adäquat, wenn sic diesen Begriff nach seinen wesentlichen Merkmalen bestimmt. (S. Definition.) Eine Erkenntniß ist adäquat , wenn sie der Beschaffenheit ihres Gegenstandes genau und vollständig entspricht. So ist z. B. die Mathematik die einzige Wissenschaft, in der ein adäq uatcs Wissen möglich ist. Adeitation, die Vorladung eines Dritten zu einem bisher Unter zwei Andern geführten Proceß, um darin als mitstreitcnder Theil aufzutreten. Eine selbständige Befug- niß des Richters zur Adeitation gewährt das gemeine Recht nicht, wol aber B. das preuß. Recht; in der Regel wird sie aber nur auf Antrag einer Partei erfolgen. Bald wird der Adcitat als Streitgenossc, bald zur Vertheidigung eines selbständige» Rechts vorgeladen. Sv zweckmäßig auch die Adeitation bisweilen sein mag, einen Proceß abzukmzen, 88 Adda Adel so ist es doch sehr bedenklich, gegen den Adcitatcn, wenn er nicht freiwillig erscheint, ein Contumazverfahrcn cintretcn zu lassen. Adda (die), ein linker Nebenfluß des Po, entspringt unweit Bormio und bildet im ober» Laufe das alpinische Langenthal des Veltelin. In reißendem Laufe geht er bei Sem drio vorüber, wird im Norden von den steilen Abfällen des Wcstflügels der Nhätischeu Ab pen, im Süden von den Drtelalpen begleitet, wendet sich dann nach einer Laufentwickelung von 82 ital. Meilen scharf nach Süden und erfüllt das Becken des Sees von Como, wir dessen Südostarm, den See von Lecco. Denselben verläßt er mit der Bildung des Lago di Olginate als ein schissbarer beruhigter Strom der lombardischen Ebene, speist mehre Kanäle derselben, bespült Lodi und Pizzighctone und mündet oberhalb Cremona in den Po, nach einem Laufe von 160 ital. Meilen. Addington (Henry), s. Sidmouth. Addison (Jos.), bekannt als Dichter, Gelehrter und Staatsmann, verdankt semm großen Ruf der von ihm und seinem Jugendfreunde Steele (s. d.) begründeten Wochenschrift „'Lire >pectl,t<),", der ersten ihrer Art in England, die noch heute das Ansehen der Elassicität genießt und auf die Bildung der Nation von bedeutendem Einflüsse war. Er stellte darin eie Gemälde der Sitten seiner Zeit auf, indem er, Charakterbilder entwerfend, die herrschenden Lächerlichkeiten und Verkehrtheiten aufdeckte und dabei abwechselnd den Ernst des Verstandes und den Ton des Spottes und der Ironie anwandte, durchweg mit ausgezeichnetem Talente, geläutertem Geschmack und einem gesunden, aber nicht in die Tiefe eindringendcn Blick zu Werke gehend. Geb. am 1. Mai 1672 in Wiltshire, studirte er in Orford, wo er, 13 Jahre alt, durch seine lat. Gedichte schon Bewunderung erregte. Die Gönnerschaft hoher Staatsmänner weckte seinen Ehrgeiz, nach Ehrenstellen zu streben, für die sein Talent nicht ausreichte. Durch ein Lobgedicht auf König Wilhelm (1695) erhieltet ein Neisestipendium, um nach Frankreich und Italien zu gehen; verlor dasselbe aber wieder bei dem Regierungswechsel, und mußte sich erst durch ein im Aufträge des Lord Godolphin» gefertigtes neues Nationalgcdicht zum Ruhm der Schlacht von Blenhein, (1704) wieder s eine Stelle »schreiben. Kaum in großer Dürftigkeit nach London zurückgekehrt, erhielt er dafür das Amt, das Locke vor ihm bekleidet hatte. Nachdem er Lord Halifax nach Hannover begleitet, 1700 Untcrstaatssecretair geworden und auch nach Irland geschickt worden war, begann seine publicistische Thätigkeit, die seinen Ruhm, nach damaligen Zeitverhältniffcn, begründen konnte. Seine frostige classische Tragödie „Onto" (1713), an der er lange Jahre gearbeitet, und die ihrer politischen Bezüglichkeiten wegen Glück machte, beweist, daß er kein Dichter war. Noch mehrmals brauchte man ihn in Irland und Schottland als Beamten rind Regicrungspublicisten. Im I. 1716 hcirathete er eine Gräfin von Warwick, und 1717 wurde er Minister. Die Ehe mit der eigensinnigen Frau verbitterte sein Leben, und den Ministerposten mußte er niederlcgen, weil seine Unfähigkeit, besonders als Redner im Parlamente, zu deutlich wurde. Er starb 1719 und ruht in der Westminstcrabtei. England hielt ihn lange für einen Dichter und sehte ihn Pope und Dryden an die Seite. Fern von der Stufe der Überlegenheit, welche das Genie auszeichnct, hat er sich doch i» Allem weit über die Mittelmäßigkeit erhoben. Seine Prosa ist musterhaft. Wichtig für die , Zeit war seine Schrift „bividenes ok tlle eliristiAn roliAion." Als Mensch war er untadelhast, religiös, ernst und zurückhaltend, in Gesellschaft verlegen. Lord Chesterfield sagte von ihm, er habe nie einen bescheiden»« und linkischer» Menschen gesehen. Adel. Die Geschichte und der politische Werth eines erblichen Adels, d. h. eines Standes, welcher vorzügliche bürgerliche Ehre und mehr oder weniger Vorrechte vor den übrigen Angehörigen des Staats blos durch die Geburt, nicht durch eigene Verdienste besitzt, ^ ö^r wichtigsten und bcstrittensten Punkte in den BetrachtungUr über die bür- gerl,che Gesellschaft, thcils auch, ungeachtet einer zahllosen Menge Schriften, noch nicht einmal historisch hinreichend aufgeklärt. Der Adel erscheint dabei mit einer solchen Mannich- faltigkeit seiner Formen und Verhältnisse zu andern Classen der Gesellschaft, und selbst die Grundlagen seines Daseins sind von so großer Verschiedenheit, daß ein allgemeines Urtheil ' darüber nicht möglich ist, und man nur die beiden äußersten Sätze als gleich unrichtig verwerfen muß daß nämlich ein solcher erblicher Standesunterschied jedem Volke oder doch der 89 Adel Monarchie stets unentbehrlich, oder daß er niemals.nützlich, ja sogar unter allen Verhältnissen schädlich gewesen sei. In der bisherigen Geschichte der Völker ist fast bei allen eine Periode bemerklich, in welcher die einigen wahren Güter der Menschheit, echte Aufklärung, Gerechtigkeit und Sittenreinheit, Begeisterung für das Schöne und Gute, nur durch eine auscrwählte Clafsc gepflegt und erhalten wurden; aber auch eine andere, in welcher eben diese Güter, ohne welche der Staat gar keinen Werth noch vernünftigen Zweck hat, von derselben Clafse mit Füßen getreten worden sind. Namentlich die Geschichte der Monarchie, von den ältesten Zeiten bis auf die neuesten, zeigt klar, daß die Staatsregierungcn in Handhabung der Gerechtigkeit, der Ordnung und des Friedens am meisten vom Adel gehindert wurden, welcher sich nur sehr schwer zum bürgerlichen Gehorsam gewöhnte, so leichter auch der Macht zu schmeicheln lernte, wenn er selbst seinen Theil an derselben hatte. War dies Letztere nicht der Fall, so haben oft die edelsten Monarchen und größten Staatsmänner ihre Kräfte vergebens versucht gegen das Übergewicht, welches dem Adel sein großer Ländcr- besitz und eine zahlreiche Clientel gaben, und wodurch die Monarchie nicht selten ohnmächtiger wurde als in irgend einer constitutioncllen Verfassung der neuern Zeit. Ja die meisten Staatsrevolutioncn sind durch die Unzufriedenheit der Großen angestiftet worden, und wählend Einem Fürsten Krone und Leben durch Empörungen des Volks entrissen wurden, haben Hunderte Beides durch Meutereien und Facrionen der Vornehmen verloren. Es kommt in einem solchen Kampfe gar leicht dahin, daß die Monarchie sich der That nach zu einer Magnatenrcpublik auflöst, und von dieser ist der Schritt zu einer solchen auch dem Namen nach, d. i. zur Einführung eines herrschenden Senats der bevorrechteten Geschlechter, nicht sehr groß. Was früher den Patriziern in Rom und in Venedig gelang, war auch in Polen und Schweden in neuerer Zeit dem Ziele sehr nahe und ist selbst in England, insoweit es die Beherrschung Irlands betrifft, sehr weit gediehen. Montesquieu's berühmtes Wort „knint de irinnargns, point de Noblesse; point de Noblesse, jioiilt de monsrepie" ist einer der größten Jrrthümer jenes großem Staatsmannes. Kant bezeichnete den Erbadel als einen Rang, der vor dem Verdienste vorhergeht und dieses nicht zur nvthwcndigen, ja nicht einmal zur gewöhnlichen, Folge hat. Die Vernunft gebietet keinen höhern, ja überhaupt keinen andern Werth im Menschen anzuerkennen als den moralischen reiner Menschlichkeit , Tugend und sittlicher Schönheit; die Gerechtigkeit verlangt, daß der Staat seine Wohlthaten allen Bürgern ohne Unterschied zukommen lasse, daß er allen rechtliche Sicherheit mit gleichem Erfolge gewähre, und daß er nicht einem kleinen Theile gestatte, sich die Übrigen dienstbar zu machen. Allein aus diesem Allen folgt nicht, daß der Erbadel schlechterdings mit der Bestimmung der Staaten unverträglich sei. Wo er einmal historisch begründet ist, kann zwar der gesetzgebenden Macht nicht verwehrt werden, ihn aufzuhebcn, und sie begeht, wenn sie cs thut, keinen Eingriff in erworbene Rechte, denn sie nimmt ja dadurch nichts, sondern sie gibt Allen das Recht, das bisher nur Wenige hatten; allein es ist doch keine unbedingte Nothwendigkeit zu dieser Aufhebung vorhanden, wenn nur die Vorrechte des Adels so weit beschränkt sind, als die Gerechtigkeit gegen die Andern es verlangt. Von der historischen Seite betrachtet, findet man allerdings Erbadel fast überall in der Kindheit der Völker, bei den alten wie bei den neuern Völkern, und sein Ürsprung, welcher sehr verschiedene Ursachen gehabt zu haben scheint, bald die Ünterwerfung durch Waffengewalt, bald eine höhere Cultur oder Bewahrung religiöser Geheimnisse, verliert sich in das Dunkel der vorhistorischen Zeit. Der Priesteradel der Urwelt hat aber überall dem Kriegeradel weichen müssen; die Kaste der Brahminen in Indien hat die Gewalt an die Kaste der Ketri oder Krieger verloren, obgleich die Häuptlinge auf den Inseln des Indischen Meeres noch jetzt den Abkömmlingen des altern Adels, über welche sie unbeschränkte Gewalt üben, die größte Ehrerbietung beweisen müssen. Bei den germanischen Stämmen, welche dem neuern Europa seine jetzige Gestalt gaben, finden sich in den altern Zeiten nur schwache Spuren des Erbadels, welcher sich später als allgemeines europäisches Institut ausgebildet hat. Zwar scheinen viele von ihnen ein regierendes Geschlecht anerkannt zu haben, wie die Sachsen, Dänen und Normannen das Geschlecht Odins in ihren Asm, die Westgothcn ihre Balthcn, die Osigothen ihre Amalen, die Baiern ihre Agilolfinger: Geschlechter, welche zu ihren Völkern in demselben Verhältnisse gestanden zu haben scheinen, wie die Inkas bei 90 Adel den Peruaner», indem ihre Stifter mit so überlegener Bildung unter das Volk traten und ihm so große Wohlthatcn mitbrachten, daß man ihnen göttliche Abkunft zuschrieb und diese noch lange Zeit hindurch in ihren Nachkommen ehrte. Aber sonst haben Franken, Sachsen, Danen, Normannen, Schweden und die meisten andern Völker des Nordens keinen Erbadel gehabt; die Äthelinge der Sachsen sind ausschließlich Mitglieder des herrschenden Geschlechts , und häufig werden nur die Thronfolger mit diesem Namen bezeichnet. Die An- trustioncn und Lende (liti, leiule») der Franken, die Degene (tbaini, tlnmi, tlmgnas u. s. w.) der Sachsen, die Hirdmänner und Dingmannen der Dänen und Normannen sind keine Edelleute im modernen Verstände, sondern eine Fortsetzung des alten Gefolges, wie solches schon Tacitus beschreibt, und welches sich erst durch den später hinzugekommcnen lehnbaren Landbesitz allerdings allmälig zum Erbadel umbildete. Die Grafen der Franken, die Aldcr- männer und großern Thane der Engländer, sowie die Jarls (in England Earls) der Dänen sind Ämter, zu welchen Jeder gelangen konnte, den Verdienst und Glück cmporhoben. Der eigentliche Erbadel entstand erst in Frankreich und Deutschland mit dem Fall der Karolingischen Dynastie, in England mit der normännischen Eroberung im 10. und 11. Jahrh,, d. h. mit der Erblichkeit der Lehen, und dieses Institut verbreitete sich nachher durch das ganze Europa; denn von jener Zeit an befestigte sich die Erblichkeit theils der Würden, theils des Landbesitzes. So ist z. B. in England das Grafenamt niemals allgemein erblich geworden, wolaber die Würde des Earl, welcher Name bald den allgemeinem auch Stadt- und Gemeindevorstehern zukommenden der Aldcrmänner verdrängte; der Grafentitel hingegen (goroks, Gräve, d. i juelex, exactor ksculis) ist dort den untern Beamten als »Ilire ßeref-l (»Iierili), j>«,t gersks ausschließlich geblieben. Unter mannichfaltigen Formen und Combinationen schied sich nach und nach der Stand der Vornehmen (der Fürsten, Grafen und Herren), oder der hohe Adel, und der Stand der Kriegsmannschaft oder der zu Kriegsund Hofdienstcn verpflichteten Ritterschaft, welcher nicht immer für vollkommen frei angesehen wurde, sondern die Ministerialen (s. d. und Lehen) in seinen Reihen zählte, von dem Stande der zu gemeinen Diensten verbundenen Bauern und Städtebewohner. Die weitere Ausbildung dieser Standesunterschiede nahm nun in den verschiedenen Ländern Europas einen sehr abweichenden Gang. In England, Schottland und Spanien, auch zum Theil in Italien wurde der höhere Adel, der Stand der Herren oder Barone, nm Majoratsadcl, d. h. die Titel desselben erben nur auf den ältesten Sohn fort, die jungem Söhne treten, wenn sie auch im gemeinen Leben einige Auszeichnung genießen (ihr Rang in England ist gesetzlich), doch dem Wesentlichen nach in die Masse des Volks zurück. Sie ergreifen alle andere Ärten Geschäfte; sie widmen sich nicht blos der Kirche und dem Kriegsdienste, sondern werden Advocaten, Richter, Kauflcute und Fabrikherren. In England ist die Vererbung des hohen Adels mehr persönlich geblieben; es gibt zwar titulirte Lehen, auf denen auch gewisse Ehrendienste und Gerechtigkeiten haften, deren Ausübung jedem Besitzer zusteht; allein zum hohen Adel (Nobilit;-) darf sich der Besitzer derselben nicht rechnen, wenn er nicht besonders dazu erhoben worden ist. In Spanien und Italien hingegen geschieht die Vererbung des höhern Adels (der titulackos, Fürsten, Herzoge, Marquis und Grafen) auf eine mehr dingliche Weise, indem diese Titel, abgerechnet, daß sie auch vom Monarchen creirt werden, auf Gütern und zum Theil auf sehr kleinen Lehnschasten ruhen. Daher die Menge Grafen im obern Italien, die ehemaligen 6onti cki terra lerma von Venedig. Die großen span. Familien bringen auf diese Weise eine sehr große Menge solcher Titel (Hüte genannt), zuweilen 4 — 500, zusammen und setzen ihren Stolz in diese Zahlen. In Frankreich ist der Adel an sich ein gemeinschaftliches Recht der ganzen Familie, auch der jünger» Söhne. Nur die Pairie und die Lehngüter wurden schon vor der Revolution nur nach dem Rechte der Erstgeburt vererbt; die jüngern Söhne mußten ihr Glück in der Armee und in der Kirche suchen; jedes bürgerliche Gewerbe, selbst die Kaufmannschaft, zog den Verlust des Adels nach sich. In England brachte eS auch der hohe Adel nie zur Landesherrlichkeit; nur einige Provinzen, welche früher Apanagen königlicher Prinzen waren (Lancaster und Cornwallis) und einige Bisthümcr (Durham, Chester," die sogenannte Insel Ely und vorzüglich die dem Herzoge von Athol gehörige Insel Man) hatten als Pfalzgrafschaften (counties palatiue) untergeordnete Regierungsrechte. In Frankreich bildet« Adel 91 sich die Landeshoheit der alten großen oder fürstlichen Lehen, der Herzogtümer Normandie, Bretagne, Euicnne und Burgund, der Grafschaften Toulouse, Champagne, Flandern, und der zum Königreich Nicdcrburgund oder Arelat gehörigen Lander Dauphine, Provence, Franche-Comtc, Venaissin u. s. w. sehr früh aus,da die letzten schwachen Karoli n g er(s. d.) ihre Besitzungen und Macht an die Großen des Reichs größtenteils verloren hatten; vollendet wurde sie durch die Thronbesteigung Hugo Capet's. Aber die Krone Frankreich hatte das Glück, alle diese großen Lehen nach und nach mit den Königslandcn zu vereinigen, so- daß nur wenige kleine Souverainetäten, z. B. die Fürstcnthümcr Bouillon, Dombes, Orange, Avignon und Venaissin u. a., sich bis in die neuere Zeit erhielten. Von Ludwig IX. an wurden die Appellationen von den Baroniegerichtcn an die königlichen Ober» ämtcr und Parlamcnter gebracht und in Folge davon nach und nach die Ausübung aller Souverainetätsrechte dem Throne Vorbehalten, endlich aber die Magnatcnaristokratie unter Ludwig XIll. von Richelieu gänzlich unterdrückt. Anders war, was den hohen Adel betrifft, der Gang der Dinge in Deutschland. Hier erlangten die alten großen Herzoge von Sachsen, Baiern, Franken, Schwaben, Lothringen, und nach ihnen die Markgrafen im Osten und Norden des Reichs um dieselbe Zeit, wie in Frankreich, dieselben landesherrlichen Rechte, und das Grafenamt wurde theils erblich, theils ein Zubehör der geistlichen Stifter. Den Kaisern gelang cs zwar, diese alten Fürstenthümer aufzulösen, sie selbst aber gewannen wenig dabei, denn an die Stelle der alten Herzogthümer traten neue Souverainetäten, kleiner zwar dem Umfange und der Macht nach, aber mit gleichen Rechten der Landeshcrrlichkeit und Hoheit als die vorigen. Selbst die meisten Grafschaften erlangten die Souverainetätsrechte, und so bildete sich in Deutschland ein hoher Adel in engcrm Sinne, ein wirklich regierender Fürsten- und Grafen- lland aus, welcher nicht nur, was die Vererbung des persönlichen Standes betrifft, sondern vom 12. und 13. Jahrh. an auch in Beziehung auf den Länderbesitz ein gemeinschaftliches Recht der Familie wurde. Zugleich aber kam in Deutschland ein Grundsatz auf, welcher in keinem andern europäischen Lande geltend wurde, daß, um den Kindern den vollen Stand des Vaters zu verschaffen, auch die Mutter von gleichem Stande sein muffe, nach dem alten Grundsätze: „Das Kind folgt der ärgern Hand." Viele, auch fürstliche Familien, z. B. Baden, Anhalt und andere, haben dies nicht beobachtet; andere dagegen desto strenger nur den aus standesmäßiger Ehe geborenen Kindern die Succcssionssähigkeit zugestanden. (S. Mishe irath und Morganatische Ehe.) Man hat dies zwar nicht in Ansehung des adeligen Standes an sich, auch nicht in Beziehung auf Lehns - amd Erbfähigkeit, wol aber in Hinsicht auf gewisse gemeinschaftliche Rechte des Adels, Stiftsfähigkeit, Turnier- und Hoffähigkeit, selbst auf den niedern Adel ausgedehnt, wodurch sich hier der niedere Adel mehr als in andern Ländern von dem Stande der gemeinen Freien zu scheiden gesucht hat. Von dem erwähnten alten Grundsätze weiß man im übrigen Europa nicht einmal bei dem hohen Adel etwas; in Frankreich ist nur in der königlicher Familie kein Beispiel einer Ehe mit Personen aus einem geringem Stande vorgekommen; das Gesetz wäre nicht dagegen gewesen. Die sogenannten legitimirten Zweige der königlichen Familie, die Prinzen von Vendöme, Verneuil, Vermandois, Maine, Toulouse, Penthievrc u. s. w., sind ausgestorben; es war aber trotz ihrer Abstammung, nicht einmal ans ungleicher Ehe, sondern sogar aus einer gesetzwidrigen Verbindung mit Maitreffen, doch nach dem Testamente Ludwig'S XlV. sehr die Rede davon, sie als successionsfähig auf dem ftanz. Throne anzuerkennen. Kindern aus einer gesetzmäßigen, wenn auch nicht standes- mäßigen Ehe würde gewiß Niemand diese Fähigkeit bestritten haben. Auch bei den adeligen Familien Frankreichs wurde auf den Stand-der Mutter gesetzlich nicht gesehen; die Ahnen- probe galt nur der väterlichen Linie. Dasselbe gilt in England, wo man diese Sitte ebenfalls nie gekannt hat und angesehene Bürgerfamilien, Kaufleute, Banquiers, Advocaten u. dg!., mit den vornehmsten adeligen verschwägert sind. Die Gattin des berühmten Parlaments- rcdners Whitbread, Brauers in London, war die Schwester des Grafen Grey. Jakob's ll. erste Gemahlin war die Tochter des Kanzlers Hyde, nachherigcn Grafen von Clarendon, und ihre Töchter, Marie und Anna, saßen nacheinander auf dem Throne von England, ihre Großmutter war die Tochter eines Kanzleiraths, nach Andern ein bloßes Landmädchcn. 92 Adel So ist es auch in andern Ländern gegangen, nnr in Deutschland hat das Interesse der fürstlichen Agnaten, sowie das ausschließcndc Recht des Adels auf die Stifter und die Probenden der geistlichen Ritterorden, jene strengen Grundsätze erzeugt. Auch nur in Deuljch- land konnte cs, wie erwähnt, einen hohen Adel in jenem cngcrn Sinne geben, in welchem blos regierende Familien und Herren dam gerechnet wurden, und zwar nur Diejenigen, welche außer dem Besitze landesherrlicher Rechte (wenn auch nur Gcsammtbcsitz der Familie) auch noch Sitz und Stimme auf dem Reichstage hatten oder doch einen Anthcil an einer Curiatstimme der Prälaten und vier Grafencuricn. Denn landesherrliche Rechte hatte auch die Reichsritterschaft, ohne doch zum hohen Adel gerechnet zu werden. Noch machte man in Deutschland einen strengen Unterschied zwischen den alten Fürsten, welche vor 1580 , diese Würde erlangt hatten, und den neuen, die erst seit dieser Zeit dazu gelangt. Die Grenzen dieses hohen Adels waren außerordentlich schwankend und streitig, und doch ihre Bestimmung sehr wichtig, weil davon der Begriff der Mishcirathcn abhing. Der hohe Adel war theils ein blos persönlicher, theils ein erblicher. Jenen hatten die geistlichen Fürsten, Bischöfe und Äbte, wovon viele zugleich regierende Herren eines Ncichslandcs waren, viele aber auch nur die Würde der Reichsfürsten ohne Souverainetätsrechtc hatten, wie die Erzbischöfe von Prag, Olmütz, Gnescn, die Bischöfe von Chiemsee, Gurk, La- vant, Lausanne, die Äbte von Einsiedeln, Mury, Pfeffers u. s. w. In den meisten dieser Stifter hatte dcr deutsche Erbadel nach und »ach de» gelehrten Stand verdrängt, obgleich der Papst immer dagegen eiferte, und noch im westfäl. Frieden verordnet wurde (Art. V, §. 17), daß die Gekehrten nicht aus den Stiftern ausgeschlossen wurden. Dcr erbliche hohe Ädel kam den reichsständischen fürstlichen und gräflichen Familien, und zwar jedem Mikglicde derselben, zu. Dergleichen gab es außer Deutschland nicht. Zwar führten viele franz., ital., span, und engl. Familien den Titel Fürsten, Herzoge und Marquis; auch erhielten die engl. Herzoge und Marquis in amtlichen Urkunden oft-, mals den Titel Fürst; aber der deutsche Fürstenstand achtete nur wenige von ihnen eben-' bürtig. Dahin gehörten in Frankreich diejenigen sechs Familien, welchen man, ihrer Land-, sässigkcit ungeachtet, wegen ihrer Verwandtschaft mit souveraincn Familien oder wegen ihrer Abstammung von ehemaligen bretannischen und aquitanischcn Herrschern am srain. Hofe die Rechte dcr Uriuccs otr-mgers beigelegt hatte, nämlich die Familien Lothringen, Savoyen, Grimaldi (Fürsten von Monaco), Rohan, Tremouillc und Latvin- d'Auvergne (Herzoge von Bouillon). Auch einige polnische Familien, wie Radzivill und Czartoryski, gehörten hierher. In Schweden und Dänemark gab cs gar keinen hohen Adcl dieser Art. Den vielen deutschen ehemals reichsunmittelbaren Familien, welche nach der Aufhebung des deutschen Reichs nicht zur Souverainetät gelangt, hat demungeachtet du deutsche Bundesacte den hohen Adelstand und die Ebenbürtigkeit mit den souverainen Häusern Vorbehalten. Der engl, reichsständischc hohe Adel, das Hans dcr Lords, hat fnn> Elasten: Herzoge, Marquis, Grafen (Lai-iH, Viscounts und Barons (s. England); der franz. reichsständische Adel führt als solcher blos den Titel kaiis <>e kranee, den» - die alten und neuen Ädelstitcl: üi'iiice, I)„o, Vlniqiüs, t'omte, Vicomte, klurnii, kommen auch ohne die Pairschaft vor. Neuerdings ist aber die Pairschaft eine blos lcbem-. längliche Würde geworden. Der niedere Adel oder die Ritterschaft (in England die Centn) hat sich erst spät als eigener Stand ausgcbildet. In England gehört Jeder dazu, welcher nicht von gemeiner Handarbeit lebt und daher ein Wappen ünd den Titel Lsquire anzunch- men berechtigt ist. In Spanien kann sich Jeder für einen ItüluI-;» erklären, besten Älter» ohne ein gemeines Gewerbe gelebt haben, und auch in Frankreich war dcr Adel mit einer großen Zahl selbst unbedeutender Stellen verknüpft. Dort hielt man aber desto strenger auf alten Adel, d. h. auf einen solchen, dessen Anfang gar nicht nachgewiescn werden konnte. Zur Präsentation bei Hofe federte man vierhundertjährigen Adel. Der Briefadel ist so alt als der Erbadel überhaupt, denn sobald dieser sich staatsrechtlich als festes Institut ausgebildet hatte, machten auch die Monarchen von dem noth- wendigen Rechte Gebrauch, Standeserhöhungen zu erthcilen, und hielten den sehr richtigen' Grundsatz fest, daß in der Monarchie kein Vorrecht älter sein oder einen andern Ursprung haben könne als das monarchische Recht selbst. In Frankreich fing daher Philipp HI. 12'" 93 Adel an, Adelsbriefe zu ertheilcn, und in Deutschland folgte man bald nach. Die Stufen des nieder» Adels in Deutschland waren: I) einfacher Adel mit dem Prädicat: „von", 2) Edler von, 3) Ritter, 4) Bannerherr, 5) Freiherr und 6) Graf. Die Rechte desselben waren im Allgemeinen nicht sehr bedeutend; aber in einzelnen Ländern hatte er theils durch wirkliche Gesetze, theils durch Sitte und Gewohnheit sehr beträchtliche Vorrechte, wie Steuerfreiheit und ausschließendes Recht zu Hähern Staatsgütern, besonders den Ofsiziers- stellen, erhalten, wovon man die meisten und wichtigsten in der neuern Zeit, weil sie sowol der Gerechtigkeit zuwider, als der kräftigen und gesunden Entwickelung des Staats hinderlich sind, wieder beschränkt oder ganz aufgehoben hat. In der franz. Revolution wurden zuerst durch die berühmten Decrete vom 3. Aug. 1789 die drückenden Vorrechte des Adels und die meisten gutshcrrlichen Rechte (Gerichtsbarkeit u. s. w.) aufgehoben, und nachdem das Lehnwesen durch eine Reihe von Gesetzen vernichtet worden war, ward durch ein Gesetz vom 19. Juni 179» der Erbadel gänzlich abgeschafft. Napoleon stiftete durch den Senatsschluß vom 1-1. Aug. 1896 und das Decret vom I. März 1898 einen neuen Erbadel, mit den Titeln Fürsten, Herzoge, Grafen, Barone und Ritter, der aber nur Majorats- adcl war und nur nach Stiftung eines Majorats mit diesem auf die ältesten Söhne nach dem Rechte der Erstgeburt fortcrbte. Nach der Restauration trat auch der ältere Adel wieder in seine persönlichen Rechte ein. So ist der Adel wieder zum allgemeinen europäischen Institut geworden; nur in Norwegen, wo er ohnehin fast eingegangen war, ist er durch dreimal nacheinander, 1815, 1818 und 1821, wiederholte Beschlüsse des Storthings aufgehoben worden. Der König, der nun seine Einwilligung nicht mehr versagen konnte, schlug zwar, weil sich Norwegen in harmonischer Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Organisation der Nachbarstaaten erhalten müsse, die Errichtung eines neuen Erbadels vor, welcher zur Belohnung großer Verdienste um das Vaterland vom Könige vergeben werden und nach dem Rechte der Erstgeburt forterben sollte; allein in der Vcrsassungsurkunde von 1813 (Art. 25) ist verordnet, daß keinem Norweger erbliche persönliche Vorrechte ertheilt werden könnten, und so lehnte das Storthing den königlichen Antrag ab. Während die im Eingänge des Vorhergehenden entwickelten Ansichten im Allgemeinen die gegenwärtig in dem Bürgerthume über den Adel herrschenden sind, so hat er selbst natürlich eine andere Ansicht über sich; auch hat sich bei einzelnen Negierungen ein Interesse für ihn gezeigt, was nur auf einer ihm beigelegten größern politischen Bedeutung beruhen kann. Freilich rechnet man nicht mehr darauf, daß der Adel den Thron mit den Waffen vertheidige, wie er in der engl. Revolution vergebens that und in der franz. kaum versuchte. Aber man betrachtet ihn als einen eifrigen Träger des conservativen Elements; die Fürsten lieben ihn in ihren persönlichen Umgebungen; man hält ihn für die Diplomatie und für Alles, was zur äußern Repräsentation gehört, vorzüglich geeignet, und man denkt wol auch, daß das erbliche Königthum zu isolirt stehen würde, wenn es gar nichts Analoges im Volke hätte. Abstand ist auch wol der einzige Sinn, in welchem Montesquieu's obiger Satz einige Vertheidigung zuläßt. Da man nun aber gleichwol nicht anerkennen konnte, daß die Grundlagen des Adels in den meisten Ländern gänzlich unterwaschen seien, so suchte man nach neuen und richtete seine Blicke besonders nach England, wo der Adel noch immer, in einem überhaupt aristokratisch-corporativ organisirtcn Volksleben, in hoher Macht und Sicherheit steht. In England beruht aber diese Stellung des Adels hauptsächlich auf drei Momenten: I) daß er keine Vorrechte hat, um deren willen sich Andere schlechter befinden; er har keine Abgabenbefreiungen, keinen Vorzug in Staatsämtern, keinen privilegirten Gerichtsstand (mit Ausnahme der Peers), keine Gerichtsbarkeit und keine Frohnrechtc; 2) daß er Alle in sich aufnimmk, die aus den niedern Lebensstellungen cmpordringen, im Wesentlichen Alle, die wir zu den sogenannten Honoratioren zählen; 3) daß die Rechte und Ehren der hohen Aristokratie aus großen fidcicommissarischen Besitz fundirt, nur allemal einem Mitglieds der Familie zu Theil werden, wodurch der Adel stets die Unterlage großen Vermögens bewahrt, und zugleich durchseine jünger» Sühne, die doch immer die Erbansprüche behalten, sich mit dem nieder» Adel und dem Bürgerstande verstechtet. Das erste Moment ist in vielen festländischen Staaten, wenigstens theilweise, auch erreicht, wiewol nicht durch den Adel selbst, sondern aus Verlangen des Bütgerstandes. Das zweite 94 Adelheidsquelle Adelung (Ioh. Christoph) hat man aus beiden Seiten außer Acht gelassen und der Verdicnstadel in Rußland und Würremberg ist nur ein sehr unvollkommener Versuch dazu. Das Meiste erwarten die Freunde des Adels von dem dritten Momente und namentlich von Majoratseinrichtungcn, welche den Adel reich erhalten sollen, sowie von einem mehren korporativen Aneinanderschließen des Adels. Hierher gehören die Statuten der kurhessischen Ritterschaft, welche 1836 dem Landtage vorgelcgt wurden; die Stiftungen rheinpreußischer Adeligen, in Folge der Cabinctsordre vom 16. Jan. 1835, sowie der vom Könige von Preußen bei seiner Huldigung 18 a» begründete Majoratsadel. Auch ist neuerdings das Programm einer schlesischen Adelsreunion bekannt geworden, die Mittel zusammenstcllend, durch welche man dort den Adel bei Kraft zu halten hofft. Etwas Ähnliches beabsichtigte früher dieÄdels- kettc (s. d.). Doch ist allen diesen Maßregeln schwerlich ein großer Erfolg zu versprechen. Adelheidsquelle heißt ein erst in neuerer Zeit in Aufnahme gekommener Mineralbrunnen im Dorfe Hcilbrunn, acht Meilen von München. Die Quelle war allerdings schon im Alterthume bekannt; wurde aber 955 von den Ungarn zerstört. Im I. 1059 ließen sie die Klostcrherren von Benedict-Beuern wieder aufsuchen; ihren Namen wie Ruf verdankt sie der Gemahlin des Kurfürsten Ferdinand von Baiern. Adelskette nannte sich die Verbindung, welche zur Zeit des wiener Congresses geschlossen wurde, bei welchem sich eine große Anzahl Individuen aus der Classe des höher» Adels und der sogenannten Mediatisirten zur Wahrnehmung ihrer Ansprüche oder Rechte eingefunden hatte, zu dem Zwecke, den Adel, dessen Bestimmung es sei, der erste und gebildetste Stand in Deutschland zu sein, sittlich und wissenschaftlich zu heben und in ihm den alterthümlichen ritterlichen Sinn wieder zu wecken, wo dann ein fröhliches Gedeihen und kräftiges Wachsthum erhofft wurde. Es scheint indeß diese merkwürdige Frucht, welche vier Jahrhunderte zu spät kam, nicht zur Reife gediehen zu sein. Adeluna (Joh. Christoph), ein um die vaterländische Literatur und Sprache hochverdienter Gelehrter, geb. am 8. Aug. 1732 zu Spantekow in Pommern, wo sein Vater Prediger war, gest. in Dresden am 10. Sept. 1806, erhielt den ersten Unterricht zu Anklam, dann zu Klosterbergen bei Magdeburg und studirte hierauf in Halle. Im I. 1759 wurde er Professor an dem evangelischen Gymnasium zu Erfurt; ging aber zwei Jahre darauf, durch kirchliche Streitigkeiten veranlaßt, nach Leipzig, wo er sich mit unermüdlicher Thätigkeit den weitläufigen Arbeiten widmete, durch die er sich um die deutsche Sprache und Literatur so verdient gemacht hat. Im I. 1787 folgte er dem Rufe als Oberbibliothekar an die kurfürstliche Bibliothek zu Dresden und bekleidete diese Stelle bis zu seinem Tode. A. hat für die deutsche Sprache allein geleistet, was für andere Sprachen nur ganze Akademien leisteten. Sein „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart" (Bd. 1 — 5, Abthl. I, Lpz. 1774 — 86. 4.; 2. Ausl., 1793— 1801) übertrifft das engl. Werk von Johnson in Allem, was Begriffsbestimmung, Abstammung, Anordnung der Bedeutungen und hauptsächlich Wortforschung betrifft; aber cs steht ihm nach in der Wahl der classischen Schriftsteller, welche für die Bedeutungen angeführt werden, weil A.'s Vorliebe für die obersächsischen und meißnischen Schriftsteller ihn zu der Ungerechtigkeit verleitete, Diejenigen zu vernachlässigen, deren Vaterland oder Stil ihm kein Vertrauen einflößte, und weil sein Geschmack sich in enge Grenzen cingezäunt hatte, um das Classische anders als nach stilistischen Normen zu würdigen. A.'s methodischer Geist erschrak über die Gesetzlosigkeit und über die Flut neuer Wörter, womit er die deutsche Sprache bis ins Unbegrenzte bedroht sah, und darüber verkannte er ihre bewundernswürdige Beugsamkeit und Bildsamkeit, die sie allein mit der griechischen gemein hat. Voß und Campe haben mit vollem Rechte, aber vielleicht mit zu wenig Schonung, diese Mängel gerügt. In der zweiten Auflage lieferte er eine Menge Zusätze, die an sich schätz- bar sind, aber mit den inzwischen erfolgten Fortschritten der Sprache durchaus in keinem Verhältniß stehen und nur zu deutlich beweisen, daß auch ein unermüdlicher Fleiß die schon in den ursprünglichen Plan eines Werks verwebten Fehler hinwegzuschaffen nicht vermag. Von seinen übrigen Werken nennen Wir sein „«loüsarium meckise ct inlimae iatinitatis" (6Bde., Halle 1772—84); das „Umständliche Lehrgebäude der deutschen Sprache" <2 Bde., Verl. 1781 — 82); „Deutsche Sprachlehre" (Berl. 1781); „Anweisung zur 95 Adelung (Friedr. von) Aden Orthographie" (Lpz. 1788; 5. Aufl., 1835) nebst „Wörterbuch" (6. Aufl., von Schade, Lpz. 1835); „Über den deutschen Styl" (3 Bde., Lpz. 1785 — 86; 3. Aufl., 2 Bde., I8VÜ); „Magazin für die deutsche Sprache" (2 Bde., Lpz. 1782 — 83); das „Krit. Verzeichniß der Landkarten der sächsischen Lande" (Meiß. 1796), das für die Quellenkunde dersüd-sächs. Geschickte wichtige „llireetorüim" (Meiß. 1802, 3.), die „Älteste Geschichte der Deutschen" (Lpz. 1806), und den „Mithridates" (Bd. I, Berl. 1806), in welchem er die Ausbeute seiner gcsammtcn Sprachforschungen niedcrzulcgen gedachte. Der Tod hinderte ihn an der Fortsetzung dieses Werks, die dann Vater in Halle besorgte. Seine Landkartensammlung und seine zahlreichen handschriftlichen Sammlungen für die sächsische Geschichte wurden 1829 für die königliche Bibliothek zu Dresden erworben. AdelNNg (Friedr. von), russ. Wirklicher Staatsrath und Präsident der Asiatischen Akademie zu Petersburg, ein Neffe des Vorigen, geb. zu Stettin 1768, hat sich als Linguist und Geschichtsforscher einen Namen erworben. Nachdem er früher in Nom mit den Schätzen der vaticanischen Bibliothek sich vertraut gemacht und interessante Untersuchungen über die daselbst befindlichen altdeutschen Gedichte mitgetheilt hatte („Nachrickt von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelb. Bibl. in die vatikanische gekommen sind", Königsb. 1796 u. 1799), kam er nach Petersburg, wo er an der Direction des deutschen Theaters Theil nahm. Zm I. 1803 wurde er zum Lehrer der Großfürsten Nikolaus und Michael ernannt, und als Collegienasseffor des Standesadels theilhaftig, und nach manchen andern Auszeichnungen 1825 Präsident der Asiatischen Akademie. Bei seinen Forschungen über die Sprachkunde waren ihm die Sammlungen des Bibliothekars Backmeistcr sehr nützlich. Von seinen Schriften erwähnen wir „R«;>;inrts entrs la lang»« kimscrit« et I» longiis rnsse" (Petersb. 1815); die Biographie des Freiherrn Siegmund von Hcrbcrstein (Petersb. 1817), den vierten Band zu dem von seinem Oheim begonnenen und von Vater vollendeten „Mithridates" als Supplement (Ber-l. 1817); ferner die auf Veranlassung seines Gönners, des Reichskanzlers Grafen Numjanzow, gelieferte Beschreibung der merkwürdigen korßunschen (chersonschen) metallenen Thüren an der Sophienkirche in Nowgorod, die im 11. Jahrh. in Magdeburg gegossen worden sein sollen und von denen der Graf die genauesten Zeichnungen verfertigen ließ (Berl. 1823), des „Freiherrn von Meyerberg Reise (1661 fg.) nach Rußland" (Petersb. 1827) und den „Versuch einer Literatur der Sanskrirsprache" (Petersb. 1830; 2. Aufl. unter dem Titel „Hibliotlwcu sanscnttt", 1837), eine zwar fleißige,aber unkritsche Compilation.Er stmb imJan-1833. Aden ist ein Staat an der Südwestküste der arab. Halbinsel, unter der Oberherr- sckaft des Jmamvon Jemen. Die gleichnamige Stadt Aden, unter 12° 33^ nördl. B. und 62° 52' östl. L-, ungefähr 30 Meisen östlich der Straße Bab-el-Mandeb auf der Westseite des hohen felsigen Vorgebirges Aden, hat in solcher Lage einen vor den Ostmonsoons geschützten vortrefflichen Hafen und nimmt die beste Wasserstelle der ganzen Umgegend ein. Im 16. Jahrh. erhob der Handel mit Indien und Abyssinien die Stadt zu hoher Blüte; sie widerstand 1513 der Belagerung des Albuquerque, sank aber durch den neuen Handelsweg um das Cap der guten Hoffnung so herab, daß sie neuerdings nur noch 800 E. zählte, darunter eine uralte Gemeinde von 250 — 300 Juden. Ihre Bewohner sind jetzt fast ausschließlich auf den Handel mit Gummi und Kaffee beschränkt. Der bisherige Besitzer von Aden, Mohammed Hussein, Sultan der Abdalis, residirte gewöhnlich in Lahadsch, 6 Meilen nordöstlich von Ä. Mit ihm trat 1837 die Brit. - ostind. Compagnie in Unterhandlung, zunächst wegen Ersatzes für Plünderung eines dort gestrandeten engl. Schiffes, und knüpfte daran die Auffoderung zur Abtretung der Stadt. Die Unterhandlungen im Laufe des I. 1838 führten zu keinem friedlichen Resultat, nahmen vielmehr einen so feindseligen Charakter an, daß die Compagnie den Hafen blockiren ließ und am 19. Jan. 1839 die Stadt mit Sturm nahm. Hierauf willigte der Sultan die Abtretung der Stadt gegen jährliche Zahlung von 8700 Pf. St.; die Besatzung wurde indeß wiederholt von den Arabern angegriffen, wiewol vergeblich, da die äußerst feste Lage eine energische Vertheidigung begünstigt. In der Conccntration arab. und abyssin. Handels auf Kaffee, Gummi, Gold, Elfenbein, Indigo und Thierhäute wird A. in den Händen der Engländer sich bald wieder 66 Adept Adiaphöra heben, und seine Bedeutung würde gesteigert werden mit der Eröffnung des indischen Han- dclswegs durch das Rothe Meer und über die Landenge von Suez. Adept, s. Alchemie. Aderlaß, s-Blutentziehungen. Adern, in der anatomischen Kunstsprache Gefäße, nennt man die häutigen Kanäle, welche eine Flüssigkeit im thierischen und menschlichen Körper enthalten und sortlcitcn. (S. Gefäßsystem.) — Im Bergbau heißen.Adern die schmalen Gänge. Adersbacher Gebirge heißt ein merkwürdiges Quadersandsteingebilde, das sich mit einigen Unterbrechungen von dem böhm. Dorfe Adersbach bis nach der Herst cheuer in der Grafschaft Glatz erstreckt. Kleinere oder größere Klüfte trennen die einzelnen Felsen, die f bis ION F. und darüber hoch sind und aus einem eisenschüssigen oder mit Eisenkalk gemischten Sandstein bestehen. Feuchtigkeit und Frost sprengen die Felsen; jeder Regenguß, jede Schnecschmelze wühlt neue Bahnen und Klüfte, und diese große Empfindlichkeit der lockern . Sandmafsc gegen den Einfluß der Witterung schafft jährlich neue pittoreske Formen. Adhäsion, unstreitig mit der Cohäsion (s. d.) dem Wesen nach übereinkommcnd, heißt die Anziehung, welche zwei verschiedene oder getrennte Körper aufeinander äußern, wenn ihre Oberflächen in hinreichend vielen Punkten miteinander in Berührung gebracht werden. Sie äußert sich schon bei festen Körpern, wenn diese mit ganz glatt geschliffenen Flächen übereinander gelegt werden, noch wirksamer aber wegen der innigen Berührung zwischen festen und flüssigen Körpern, und es sind Beispiele hiervon das Hängenblciben einer Schicht Flüssigkeit an einem in Wasser getauchten Finger oder Stab, oder überhaupt das Netzen der Körper, das Herablaufen des Wassers an der äußern Gefäßwand bei Neigung des Gefäßes u. s. w. Bemerkenswerth ist, daß nicht alleIlüssigkeiten gegen alle festen Körper Adhäsion zeigen. So werden von Quecksilber zwar blanke Metalle, aber nicht Glas oder Holz, und von Wasser zwar diese sämmtlichen Körper, aber nicht Fett oder Hexenmehl genetzt. Mit der Adhäsion hängen auch die Erscheinungen der sogenannten Kapillarität - (s. d.)zusammen. — In der Medicin bezeichnet man mit dem Namen Adhäsion den Zustand der widernatürlichen Verwachsung ursprünglich getrennter Thcile, besonders der sich nur berührenden Membranflächen, namentlich der serösen Häute, mittels Ausschwitzung plastischer Lymphe, welche man gewöhnlich als eine Folge der adhäsiven Entzündung (s. d.) betrachtet. — Im Civilprocesse heißt Adhäsion der Beitritt der einen von zwei streitenden Parteien zu einem von dem Gegner eingewendeten Rechtsmittel (Läuterung, Appellation). Man pflegt scliisesio prinohialis und acklisesio uccessoria zu unterscheiden, sodaß jene, innerhalb der geordneten Frist eingewendctc, als selbständiges Rechtsmittel zu betrachten, diese aber, die erst nach dem Verlaufe der Frist eingewcndet wird, mit dem Rechtsmittel des Gegners fällt und nur auf einen mit dem des Gegners gemeinsamen Beschwerdegrund gestützt sein kann. Manche Rechtslehrer wollen jede Adhäsion als accWsoria behandelt wissen. — Adh äsionsproceß heißt die mit einer Criminaluntersuchung verbundene Erörterung eines Anspruchs wegen eines durch ein Verbrechen verletzten Vermögensrechts, also z. B- über Bezahlung von Kurkosten, über Ausantwortung einer entwendeten Sache. In der Regel wird der Jmpetrant, wenn sein Anspruch nicht sofort liquid ist, zur Anstellung . ordentlicher Klage verwiesen. Adiaphöra, d. i. an sich gleichgültige Dinge, hat man in alter und neuer Zeit in sehr verschiedener Bedeutung genommen und besprochen. Die Frage: ob es Adiaphöra gebe, und welches sie seien? hat vornehmlich in dreifacher Beziehung eine Bedeutung: nämlich in religiöser, moralischer und kirchlicher. In der ersten Beziehung sie zu betrachten, gab der Jndifferentismus Veranlassung, dem der ganze Umfang des religiösen Glaubens und Denkens gleichgültig erscheint neben dem sittlichen Interesse, welches diese Denkart als das allein Nothwendige anerkennt. In moralischer Beziehung scheint die Frage über die Adiaphöra sehr schwierig zu sein. Es fragt sich nämlich, ob Alles im Leben durch das Sittengcsetz bestimmt und geordnet; Alles also, was der Mensch thun könne, entweder geboten oder verboten, gut oder böse, oder ob nicht auch Einiges weder recht noch unrecht und folglich erlaubt ' nach beiden Seiten sei. Diese Frage beschäftigte schon die alten Sittenlehrer, namentlich dir Stoiker, ebenso unter dem Einflüsse einer äußern kirchlich gesoderten Werkheiligkeit die Scho- Ädilett Adjndication 97 lastiker vielfach. Die Entscheidung der Frage richtet sich natürlich nach dem Umfange, für welchen die sittlichen Ideen gelten; die Vergleichung der verschiedenen Moralsysteme lehrt aber auch, daß das Gebiet der sogenannten gleichgültigen Handlungen um so enger wird, je strenger man die sittliche Gesammtaufgabe im Auge behält. Im Allgemeinen gilt die Regel, nichts schlechthin, d.h. unter allen Umständen und Verhältnissen, gleichmäßig für erlaubt zu halten. Vgl. Reinhard, „Über den Kleinigkeitsgeist in der Sittenlehre" (Meiß. 1801) und Schmid, „Adiaphora, wissenschaftlich und historisch untersucht" (Lpz. I8NN). — In kirchlicher Beziehung endlich wurde die Sache der Adiaphora im Jahrhunderte der Reformation streitig. Durch die Vereinigungsversuche, welche unter den Protestanten und Katholiken von Zeit zu Zeit hervortraten, kam es zur Sprache, inwieweit die protestantische Kirche die Äußerlichkeiten der römischen und ihren Kultus als Adiaphora achten und sich daher gefallen lassen dürfe, wenn nur der Unterschied in Dogma und Verfassung festgehalten werde. Die Jnterimsformeln, besonders die von Augsburg und Leipzig, regten die Frage zwar am meisten auf; allein sie blieb unerledigt, auch nachdem die Streitigkeit über das Interim selbst durch den Religionsfrieden beseitigt worden war. Darum sprach sich noch die Concordicn- focmcl„(Art. I l) darüber aus, jedoch nicht im Sinne der Adiaphoristen. Adilen, obrigkeitliche Personen in Rom, denen die öffentlichen Gebäude, besonders die Tempel, die verschiedenen öffentlichen Spiele, das Urtheil über die Baustreitigkeiten und die Marktpolicei, sowie die Aufsicht über ,die Bäder, Lustdirnen und Wirthshäuser anvcr- traut waren. Anfangs gab es nur zwei Ädilen, gewählt aus dem Volke (^sckile8 plel-is); ihnen wurden zu Ende des 4. Zahrh. nach Erbauung Roms die curulischen Ädilen hinzugefügt, welche bei Gerichten und andern Amtshandlungen, auch sonst auf der sell-c curnlis, einem elfenbeinernen Stuhle, saßen, der außerdem nur den andern höhern Magistraten zukam. Julius Cäsar schuf eine dritte Gattung, denen die öffentlichen Magazine anvertraut wurden (^eIe8 cerc-lles). Auch die Municipien hatten Ädilen, die in einigen Städten die Stelle der Magistrate versahen, im Allgemeinen aber denselben Wirkungskreis wie in Nom hatten. Vgl. Schubert, „!)«: Romanorum seckilibns" (Königsb. 1828). Adjectiv, Beschreibungswort oder Beiwort, wird dem Substantiv bei- gcseht, um den Begriff, welchen das Substantiv im Allgemeinen darstellt, durch Angabe einer zufälligen Beschaffenheit oder eines dem genannten Gegenstände eigenen Merkmals (Eigenschaft) genauer zu beschreiben. Es wird entweder mit dem Hauptworte unmittelbar verbunden, z. B. guter Mensch, der gute Mensch; oder es steht als Prädicat in dem ausgesprochenen Ürtheilc, z. B. der Mensch ist gut; oder zwei Ädjective in zwei miteinander verbundenen Sähen bilden ein neues Ürtheil, z. B. der gute Mensch ist frei. Eine besondere Kürze und Lebhaftigkeit in der Rede erreicht die deutsche wie die griech. und lat. Sprache durch denjenigen Gebrauch des Adjectivs (krolep^), nach welchem das dadurch ausgedrückte Ättribut noch nicht an dem Substantiv haftet, sondern erst durch das Zeitwort des Satzes als eine Folge hervorgerufen wird, wie in dem Morgenliede von Voß: Wie herrlich strahlt die Sonn' empor Und weckt des Lebens lauten Chor. Die Beugung der Ädjective in den ältern Mundarten der deutschen Sprache war mannich- faltiger als in der neuern Schriftsprache. DaS Adjectiv wird auch als Substantiv gebraucht, z. B. der Gute, der Weise, das Gute, Treffliches, Wahres u. s. w. Adjoint heißen die jüngern, dem Generalquartiermeisterstabe attachirten, aus den Regimentern dahin abcommandirten Offiziere, welche, wenn sie sich bewähren, später in den Generalquartiermeisterstab einrangirt werden. Sie müssen außer den Eigenschaften eines Adjutanten auch noch gute wissenschaftliche und Sprachkenntniffe besitzen und geübte Aufnehmer und Zeichner sein. Adjndication heißt die gerichtliche Zuerkennung einer Sache. Hauptsächlich kommt diese Handlung bei Subhastationen vor, wo durch die Adjudication und Lehnsreichung Seiten des Gerichts der der Subhastation zu Grunde liegende Kaufcontract erfüllt wird, der durch den vorher erfolgten Zuschlag (Addiction) abgeschlossen war. In den meisten Ländern, auch in Sachsen, ist ein besonderer Termin hierzu bestimmt, in welchem zugleich ein gewisser Theil der Kaussumme, wenigstens bei nothwendigen Subhastationen, gezahlt werden muß. Conv.-Lex, Neunte Aust. I. 7 »8 Adjnnctils Adler Eine höhere Bedeutung hat die Adjudication dann, wenn sie in Folge eines Antrags auf Theilung einer Mehren gemeinschaftlich angehörenden Sache cintritt; ist nämlich die Eache untheilbar, so spricht sie der Richter einem der bisherigen Miteigenthümer ganz zu und legt ihm die,Pflicht auf, die Andern zu entschädigen. In diesem Falle geht durch die richterliche Zuerken- nung das alleinige Eigcnkhum der Sache auf den bisherigen theilweiscn Eigenthümer über. Adjunctlls, im Allgemeinen der Gehülfe eines Beamten, ist im sächs. Kirchcnwe- scn ein besonderer Titel für die Gchülfcn der Superintendenten, die einen Theil der Epho- calgeschäste zu verwalten haben, auch wol mit besondern Aufträgen von den Konsistorien versehen sind. Der Adjuncte wird zuerst in der Kirchcnordnung des Kurfürsten August von t58<> gedacht. Ädj'ustiren heißt im Handel und Wandel Etwas in völlige Richtigkeit bringen, ab- machcn; ferner wird cs vom Abzug messingener und eiserner Gewichte gebraucht, um sie mit dem geschlichen Land- oder Stadtgewichte in vollkommene Übereinstimmung zu sehen; endlich versteht man unter Adjustiren oder Justircn im Münzwesen das Bereiten und Beschneiden der Metallstücke behufs der Ausprägung zu Münzen. Letzteres geschieht mittels der erst in neuerer Zeit erfundenen Justirmaschine; die Nichtigkeit zu prüfen, dient eine kleine Wage, die sogenannte Adjustirwage. Adjutant (^ch'omt) ist ein den Hähern Truppenbefehlshabcrn zur Führung aller schriftlichen Dienstangelegenheiten und zur Überbringung von Befehlen aller Art im ausübenden Dienste zugetheilter Offizier, und deshalb beritten. Derselbe muß mit den Bestimmungen und Verordnungen, mit dem Reglement und dem inner» Dienste völlig vertrau! und dabei ei» gewandter Geschäftsmann sein, der nicht nur Fleiß und Eifer, sondern auch eine von aller Persönlichkeit sich frei haltende Rechtschaffenheit besitzt, da seine Stellung nicht ohne Einfluß auf die persönlichen Angelegenheiten der Offiziere und Chargen bleibt. Man unterscheidet Personal-, Truppen- und Localadjutantcn. Zu den Erstem gehören die General- und Flngcladjutanten des Monarchen oder Feldherr« und der Prinzen des Hauses, im Range eines Generals oder höher« Stabsoffiziers; zu den Adjutanten der Trustpe» gehören die Corps-, Divisions-, Brigade-, Regiments- und Bataillonsadjutanten, im Range von Stabsoffizieren, Hauptleuken oder Subalternen; endlich in den Festungen und großen Garnisonen die Platzadjutanten. Bei den Franzosen und einigen nach deren Vorbild orga- nisirtcn deutschen Armeen gibt es auch Untcradjutanten bei den Regimentern im Range von Sergeanten. Das ganze Listen- und Napportwesen, alle schriftlichen Eingaben, sowie die Führung der Journale, auch das Cominandiren der Offiziere und Chargen zum Dienst gehören zum Geschäftskreise eines Adjutanten. Derselbe gibt, als Truppenadjutant, die tägliche Parole aus und leitet die Übungen der Musik und der Spielleute; beim Exerciren stell! er die Richtpunkte aus. Im Allgemeinen sind die Adjutanten die Dienst- und Ehrenbeglci- tcr ihrer Chefs. (S. Adjoint.) Adler sind Raubvögel, welche von den altern Ornithologen zu der alle Tagraubvögel (s- Raubvögel) umfassenden Gattung llulca gerechnet wurden, jetzt aber als besondere Gattung ausgestellt werden. Ihr unterscheidender Charakter liegt in Folgendem: der Schädel ist oben platt, befiedert; die Augen groß, unter vorstehenden Braunenknochen; der Schnabel stark, nur an der Spitze gekrümmt, ohne Seitenausschnitt, Auftreibung und Borsten, mit nackter von den Nasenlöchern durchbohrter Wachshaut; die erste Schwungfeder sebr kurz, die vierte die längste; die Läufe stark, die Zehen nackt, die beiden äußern an der Basis durch kurze Membran verbunden; die Krallen oder Fänge sehr stark, gekrümmt und die hinterste länger. Die Adler repräsentiren unter den Vögeln die reißenden Säugthiere; sie fressen nur frischen Raub, seltener Fische als andere Thiere, leben in Monogamie, bauen große, aber unkünstliche Nester, legen zwei bis drei Eier, brüten gegen 30 Tage und zeichnen sich aus durch Stärke, Flugkraft, Muth und scharfe Sinne. Ihre Gewohnheiten sind diejenigen der Raubthiere; manche sind absichtlich grausam. Verbreitet sind sic über die ganze Erde, häufig in warmen Ländern, seltener auf Inseln als Continenten. Die Arten sind zahlreich. Deutschland besitzt sieben bis acht derselben, unter welchen der Kaiseradler der größte. Ein wirklich furchtbares Thier ist der Harpyenadler Brasiliens. — Z» den bildenden Künsten hat man den Adler vielfach allegorisch benutzt. Als König der Vögel Adterspurve W war rr der Vogel des Zeus, Überbringer des Blitzes, und drückt darum auch die Ober- oder Alleinherrschaft aus. In diesem Sinne finden wir ihn als Sinnbild und Symbol der Völker, Fürsten und Heere. Er war das hieroglyphische Zeichen der Städte Heliopolis, Eme- sus, Antiochien und Tyrus. Unter den Attributen des Königthums, welche die Hetruricr den Römern einst zum Zeichen der Freundschaft schickten, war auch ein Scepter mit einem Adler von Elfenbein, und von dieser Zeit an blieb der Adler eins der ersten Attribute der Republik, welches später auch die Kaiser beibehieltcn. Als Heereszeichcn kommt der Adler zuerst bei den Persern vor. Ein goldener Adler mit ausgebrcitcten Flügeln, das Symbol der pers. Könige, wurde dem Heere vorgctragcn. Bei den Römern waren die Adler anfangs von Holz, dann von Silber mit goldenem Blitzstrahl, unter Eäsar und seinen Nachfolgern aber ganz von Gold, doch ohne Blitzstrahl. Sie wurden als Legionszeichcn auf einer langen Lanze getragen und als eigenthümliche Gottheit der Legion verehrt. Auch Napoleon gab 18» 1 seinen Heeren vergoldete Adler mit hebenden Flügeln als Feldzeichen. Der doppelköpfige Adler ward zuerst bei den Kaisern des Orients üblich, die damit ihren Anspruch zugleich auf das abendländ. Reich bezeichneten. Vom Orient kam er nachher auf die occi- dental. Kaiser. Der deutsche Kaiser Otto IV. hakte ihn zuerst aus Siegeln; König Philipp brachte ihn dann auf den Schildern der Münzen an. Ostreich behielt dieses Sinnbild äus der Erbschaft des Orients bei. Außerdem ward der Adler von den Königen von Preußen, Polen, Sicilien, Spanien und Sardinien, vom russ. Kaiser und von vielen Fürsten, Grafen und Baronen des deutschen Reichs ins Wappen gezogen. Auch ist der Adler das Zeichen mehrer Ritterorden. — Adler (engl. heißen ferner goldene Zehndollarsstücke, die Hauptgoldmünze der Vereinigten Staaten Nordamerikas. Nach ihrer früher» Aus- münzung, bis 31. Juli >831, entsprachen sie einem Werthe von >5 Thlr. D/, Sgr., jetzt sind sie aber nur 14 Thlr. 6 Sgr. preuß. Cour. Werth. Es gibt auch halbe und Viertel-Eagles. Adlersparre (Georg, Graf), geb. 170« in der Provinz Jämtland in Schweden, verfolgte anfangs eine wissenschaftliche Laufbahn und war bereits auf der Universität zu Upsala, als er 1775 in Militairdienste trat. Nach dem Feldzuge gegen Rußland soll er I7!N vom Könige Gustav Ul. den geheimen Auftrag erhalten haben, die Norweger gegen ihre Negierung zu erheben. Als Gustav III. gestorben, nahm er, unzufrieden mit der neuen Negierung, als Rittmeister seine Entlassung, widmete sich den Wissenschaften und gab >797 — >8«« eine Zeitschrift, „ImsninF i blonilaclo Finnen", heraus, die, in liberalem Geiste verfaßt, nicht wenig dazu beitrug, das Mistrauen der Regierung, die ihm jakobinische Grundsätze beimaß, gegen ihn zu erhöhen. Er lebte in tiefer Zurückgezogenheit, als er 18«8 ganz unerwartet den Befehl über eine Abtheilung der sogenannten Westarmec erhielt, worauf er sehr bald zum Oberstlieutenant befördert wurde, da er nicht ohne Glück sein Heer führte. In dieser Zeit hatte bei mehren Großen die Überzeugung Platz gegriffen, daß das Vaterland nur durch den Sturz des Königs gerettet werden könne. Auch A. ward in die Anschläge eingewciht; doch gab er nur unter den ihn hochehrcndcn Bedingungen seine Beistimmung: „daß kein Blut vergossen, kein Volksaufstand erregt werde, und daß das Heer nichts als die Berufung des Reichstags verlange." Er näherte sich mit der Armee der Hauptstadt; der König war beinahe der Letzte, der, als das Heer nur noch ein paar Tagereisen von der Hauptstadt entfernt war, dieses kühne Vorrücken erfuhr. Allein selbst jetzt noch würde cs ihm, hätte er nur gewöhnliche Entschlossenheit gehabt, nicht schwer geworden sein, die ganze Verschwörung zu unterdrücken. Der Adel, die Hauptstadt, der größte Thcil des Mittelstandes haßten ihn freilich, und zwar schon darum, weil er sich vor Napoleon nicht beugen wollte; aber das Volk war ihm ergeben, ungeachtet seines Unverstandes, den es nicht kannte, ungeachtet seiner schlechten Anstalten, die es der Vcrrätherei der Großen zuschrieb, und aus dem echt schwedischen Grundsätze, daß er doch der König sei. Aber bei aller Rechtschaffenheit war Gustav Adolf so kleinlich, daß er den von einer Recognoscirung zurückkehrenden Skölde- brand, der über die Fortschritte der Westarmec Bericht erstatten sollte, mit dem Vorwurf empfing: „Sköldebrand, Sie sind nicht in voller Uniform, Sie haben die Epauletts vergessen." In seiner Verblendung ließ er sogar die ersten Verbreiter des noch dunkeln Gerüchts verhaften. Als er endlich durch einen Beamten in Örebro die sichere Nachricht über das Anrücken der Empörer erhielt,' wollte er nach Ostgothland zu dem ihm ganz ergebenen Ge- 7 * 100 ^<1 libitum Admetus ncral Toll eilen, der die Südarmce befehligte, und dann den Empörern entgegenzichen. Un- ter diesen Umständen mußte der Anschlag gegen ihn, am 13. März 1809, schnell ausgeführt werden. Die Verhaftung des Königs geschah ohne Mitwirkung der Armee, durch die Entschlossenheit des Generals Adlercreutz und die Körperstärke des Zeugmeisters Greifs. Alles war betäubt und still, durch die Nähe der Westarmee eingeschüchtcrt. Ohne Beifallszeichen, ohne Gemurmel hörte das Volk zu, als der Herzog von Södermanland zum Könige ausgerufen wurde. Nur einen betrunkenen Matrosen sah man auf dem Markte ans dem Krehe der Zuschauer hervortrcten und, so lange der Herold das Schuldregister des ehemaligen Königs ablas, beifällig nicken; aber sobald der Name des neuen Beherrschers genannt wurde, rief er: „Diesen Lumpenkerl kenne ich von alten Zeiten her", trat zurück und entfernte sich unwillig. Jetzt, da Alles so gut gelungen war, wurde der Befehlshaber der Westarmee von dem Herzog aufgefodert, allein nach der Hauptstadt zu kommen; er aber rückte am 22. mit seinem Heere wie im Triumph ein, ließ eine Wache mit einigen Kanonen vor seiner Wohnung aufziehen und nahm einen Platz im Staatsrath ein. Von nun an geschah nichts ohne seine Zustimmung, und alle Entwürfe zur Führung des Kriegs, alle diplomatischen Verhandlungen wurden von den Ministern oder von dem Herzoge selbst ihm zur Entscheidung vorgelegt. Am l. Mai wurde der Reichstag eröffnet. Der Herzog, der bis dahin die Regierung nur einstweilig geführt hatte, wurde zum König erwählt und konnte nun die Retter des Vaterlandes, wie man sie nannte, belohnen. Auf A. ergoß sich ein Vtrom von Gnadenbezeigungen; er wurde schnell nacheinander Staatsrath, Oberst, Ge- ncraladjutant, Comthur des Schwcrtordens und endlich in den Freiherrnstand erhoben, zugleich erhielt er den Auftrag, dem Prinzen Christian August die auf ihm gefallene Wahl zur Thronfolge zu verkünden und den Befehl über die Armee zu übernehmen, sowie er auch insgeheim veranlaßt wurde, die Norweger gegen Dänemark aufzurcgen, was ihm jedoch nicht gelang. Ungeachtet aller dieser Auszeichnungen warA. verstimmt, wahrscheinlich Weiler nicht einen so ausschließcnden Einfluß bekam, wie er gehofft hatte, und als dieser nach dem plötzlichen Tode des Kronprinzen sich noch mehr verminderte, trat er aus dem Staatsrathe und zog sich als Landeshauptmann des Skaraborg-Län in eine entfernte Provinz zurück. Fortwährend indcß überhäufte ihn der König mit Gunstbezeigungen; er erhielt 18H das große Kreuz des Schwertordens, ward in den Grafenstand erhoben, 1817 einer der Herren des Reichs und bald darauf Excellenz und Seraphincnordensritter. Bei der Verwaltung seiner Provinz erwarb er sich großes Verdienst; doch gab er auch diese Stelle später auf. Die von ihm herausgegebenen „Actcnstücke zur ältcrn, neuern und neuesten Geschichte Schwedens" verwickelten ihn 1831 in eine Untersuchung wegen Preßvergehen; er ward zu einer Geldstrafe verurtheilt, bezahlte sic und ließ, nachdem er öffentlich den richterlichen Spruch für moralisch ungerecht erklärt hatte, die Fortsetzung erscheinen. Er starb auf seinem Landgute Gustafsrik in Wermland am 23. Sept. 1835». — Der ältere seiner Söhne, Karl August, hat sich als Dichter bemerkbar gemacht. libitum (ital. s piseers), d. i. nach Belieben, wird in musikalischen Werken über Stellen geschrieben, die einen nicht an die Regeln des Taktes gebundenen Vortrag verlangen oder gestatten. Den begleitenden Stimmen wird durch die Worte 6olls psrte, d. i. mit der Hauptstimme, angedcutet, daß sie sich dieser anzubequemcn haben. Von mehren Stimmen muß die Abweichung von der Strenge des Zeitmaßes nach Übereinkunft in gemeinschaftlichem Maße geschehen. Eine besondere Gestaltung des sä libitum ist das 'lewpo rubsto. Auch wird in Partituren und auf Titeln von Musikalien mit sä libitum eine Stimme als nicht wesentlich nothwcndig bezeichnet. Admetus , der Sohn des Pheres, Königs zu Pherä in Thessalien, und Theilnehmer an der kalydom,chen Eberjagd und am Zuge der Argonauten nach Kolchis, bewarb sich, als er nach seines Vaters Tode König geworden, um die Tochter des Pelias, Alcestis (s. d.). Pelias vcrjprach sie ihm zu geben, wenn er im Stande wäre, einen Löwen und einen Eber vor einen Wagen zu spannen. Unterstützt von Apollon, der gerade bei ihm als Hirt diente, vollbrachte er Dieses. Bei dem Hochzeitopfer vergaß er der Diana; um sich zu rächen, sandte diese eine Masse Schlangen in das Brautgemach; allein auch hier unterstützte ihn Apollon und versöhnte die Göttin mit ihm. Apollon hatte die Parzen vermocht, den Lebens- Administration Adolf von Nassau ISI faden seines Freundes, der zu Ende war, zu verlängern, falls Einer der Angehörigen desselben für ihn den Tod zu übernehmen geneigt wäre. Hierzu war seine treue Gattin bereit und starb für ihn, während weder Vater noch Mutter sich dazu entschlossen; Hercules jedoch kämpfte Jene dem Hades wieder ab und gab sie dem Gatten zurück. Nach Andern schickte sie Proserpina freiwillig zurück, um ihre Aufopferung zu belohnen. Administration oder Verwaltung wird im öffentlichen Rechte der Rechtspflege entgegengesetzt. Jene umfaßt Alles, wobei die Thätigkeit der Regierung nicht zunächst auf Handhabung der Gerechtigkeit, sondern auf den zweckmäßigen Gebrauch, die Vermehrung und Erhaltung der Staatskräfte gerichtet ist. Zum Administrativen gehört daher außer den rein kirchlichen Angelegenheiten Alles, was nicht die bürgerliche und criminelle Justiz angeht. Man setzt daher den Adniinistrations- und den Gerichtsbeamten einander entgegen, und cs liegen in ihrer Stellung sehr wesentliche und wichtige Verschiedenheiten. Der Letztere bedarf einer ganz andern Art Unabhängigkeit von den obersten Negierungsbeamten als der Erstere; daher die Unabsetzbarkcit (Jnamovibilität) der Richter ohne Urtel und Recht auch von einer unbedingtem Nothwcndigkcit ist. Bei dem Verwaltungsbeamten kommt es auf Zweckmäßigkeit, also auf Eigenschaften an, welche sich nicht so bestimmt äußerlich beurthei- len lassen wie die historische Kenntniß der Rechte und die Legalität des Richters. Daher muß auch die Regierung bei der Entlassung der Verwaltungsbeamten freiere Hand haben. Da bei juridischer Beurthcilung administrativer Gegenstände oft specielle technische Kenntnisse nöthig sein können, so hat man häufig eigene Gerichte für dergleichen Sachen bestellt, z. B- Berg-, Salinen-, Fabriken-, Handelsgerichte u. s. w., oder auch den Verwaltungsbehörden, z. B. der Pvlicei, den Zollämtern, der Salz- und Tabacksregie, der Post u. s. w., richterliche Gewalt übertragen. Da aber dabei das Recht gar leicht dem speciellen Zwecke des Verwaltungszweigs untergeordnet wird, so ist wenigstens stets zu wünschen, daß der Re- curs an eigentliche Justizstellen in der höhern Instanz offen stehe, und überhaupt diese administrative Justiz nicht zu weit ausgedehnt werde. In Frankreich ist die Justizadministration von der übrigen Gerichtsorganisation ganz getrennt und für jene der Staatsrath die oberste Instanz; doch fühlt man auch dort die großen Nachtheile dieser Einrichtung gar sehr. Admiral, ein Wort arab. Ursprungs, wird gewöhnlich von Emir, d. i. Herr, abgeleitet. Im 12. Jahrh. gaben zuerst die Sicilianer und Genueser den Befehlshabern zur See diesen Titel, und ihnen sind später alle Nationen Europas hierin gefolgt, mit Ausnahme der Türken, welche hen obersten Anführer einer Flotte Kapudan-Pascha nennen. Über dem Admiral steht im Range der Großadmiral, in England auch der Admiral von der rothen Flagge genannt; unter dem Admiral stehen der Viceadmiral, der die zweite Flottcnabtheilung, und der Contreadmiral, der die dritte befehligt. Letzterer heißt bei den Holländern Schont by Nacht, weil er bei Nacht das Commando führt, und bei den Engländern Lear-culmirsI, weil er die Nachhut (rear) befehligt. Jeder Admiral, der von 2V, und jeder Vice- und Contre- admiral, der von 12 Schiffen begleitet wird, kann die Admiralsflagge führen. Das Schiff, auf welchem sie weht, heißt dann ein Admiralschiff. Wenn zwei Kriegsschiffe von gleicher Flagge in einem Hafen zusammenkommen, so hat das zuerst eingelaufcne die Vorzüge und Würde eines Admiralschiffs; das andere, und wenn es auch größer und stärker sein sollte, hat nur den nächstenRang. — Admiralität oder Admiralitätscollegium heißt die gewöhnlich aus einem Admiral, verschiedenen Vite- und Contreadmiralen, Schiffscapitains, Räthen und Beisitzern bestehende Behörde, welche die Aufsicht über die Seeangelegenheiten hat. Sämmtliche Kriegs - und Handelsschiffe, sowie das ganze dabei angestellte Personal, stehen unter der Aufsicht und Gerichtsbarkeit des Admiralitätscollegiums, das über den Schleichhandel zur See, über die Gültigkeit der gemachten Prisen u. s. w. zu entscheiden hat. — Admiralschaft heißt der Bund, den eine Anzahl Kauffahrteischiffe zum Widerstande gegen einen zu fürchtenden Feind schließt. — Die Admiralschnecke, auch orientalischer Viceadmiral genannt, ist eine Art Kegclschnecke (Om,-), orangenfarbig mit milchweißen Flecken und gelben zackigen Binden, welche aus den indischen Meeren kommt. Sie ist selten, und merkwürdig durch die ausschweifenden Preise, welche man ehedem für sie bezahlte, ungeachtet sie kaum zwei Zoll lang ist- Adolf von Nassau, deutscher König von 1292—08, gcb. zwilchen 1250 und 1255, 102 Adonai Adonis war der zweite Sohn des Grafen Walram von Nassau. Nachdem er einstimmig am 10. Mai 1292 zum König erwählt worden, ward er zu Aachen am 21. Juni gekrönt. Ein bloßer Dynast, wenn auch aus einer erlauchten Familie und von erprobter Tapferkeit, hatte er doch kein anderes Erbtheil als sein Schwert; auch fehlten ihm jene großen Eigenschaften, die seinen Vorgänger, Rudolf von Habsburg, auf den Thron erhoben und darauf erhalten hatten. A. verdankte seine Wahl thcils dem anmaßenden Betragen Albrccht's von Ostreich (s. d.), theils den eigennützigen Absichten der Kurfürsten von Köln und Mainz, die durch ihn sich Städte und Ländcrgebictc versprechen ließen, die ihm gar nicht gehörten. Da er aber als Kaiser nicht erfüllen wollte und konnte, was er als Graf versprochen, sah er sich bald von seinen Freunden verlassen und gehaßt. Aus Geldmangel nahm er von Eduard I. von England 190U09 Pf. St. an und versprach dafür, ihm gegen Philipp den Schönen beizustehen; sah es aber nicht ungern, als ihm der Papst die Theilnahme an dem Kriege untersagte. Machte er sich schon dadurch in den Augen der deutschen Fürsten verächtlich, so wurde er cs noch mehr, als er 1293, des Landgrafen Albrecht des Unartigen Haß gegen seine Söhne benutzend, von Diesem Thüringen kaufte und mit bewaffneter Hand sich in den Besitz des erkauften Landes zu sehen versuchte, was ihm jedoch nie ganz gelang. Wegen dieses Kaufs zum Nachthcil rechter Erben, der allerdings wider alles Recht und Herkommen im Reiche war, und aufgereizt durch Albrecht von Ostreich und den ihm feindlich gewordenen Erzbischof Gerhard von Mainz, wurde er endlich, ohne daß jedoch Trier, Köln und Pfalz ihre Zustimmung gegeben, vor das Kurfürstencvllegium geladen, und da er nicht erschien, am 23. Juni 1298 seine Absetzung ausgesprochen und Albrecht von Ostreich gewählt. Bereits zu dieser Zeit war es zwischen ihm und Albrecht zum Kriege gekommen. A. schien das Übergewicht zu gewinnen; jedoch überlistet von seinem Gegner, fand er sich zwischen Gellheim und Nosenthal bei Worms umstrickt und fiel nach heldenmüthiger Gegenwehr am 2. Juli 1298, man sagt, durch Albrccht's eigene Hand. Sein Feind, der Erzbischof Gerhard, gab » ihm das Zeugniß: „Heut' ist der tapferste deutsche Mann gefallen!" Seine Leiche ward von Heinrich VII. in der kaiserlichen Gruft zu Speicr, zugleich mit Albrccht's Leichnam, beigeseht. Adonäi, d. h. Herr, ist die hcbr. Pluralform, welche die Bedeutung des Wortes verstärkend ausschließlich von Gott gebraucht wird. Um den vierbuchstabigcn Namen Gottes (Jehovah) nicht auszusprcchen, lesen die Juden in allen den Stellen, wo derselbe verkommt, Adonai. Adöllts ist eine ursprünglich ägyptische, mit dem Osiris identische Gottheit, deren Mythus sich nach den verschiedenen Ländern, in die er kam, verschieden gestaltete. Nach Apollodor war A. der Sohn des Cinyras, der aus Cilicicn nach Cyprus wanderte, und der Metharme, der Tochter des cyprischen Königs Pygmalion; nach Hcsiod des Phönix, des Bruders des Kadmus, und der Alphcsiböa; nach dem cyklischen Dichter Pomyasis des assy- rijchen Königs Thias und dessen Tochter Myrrha oder Smyrna. Diese nämlich, ein Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, hatte sich auf Anstisten der Venus, welche durch den Stolz Jener auf ihre Schönheit sich beleidigt fühlte, in ihren Vater verliebt. Als der Vater das Verbrechen entdeckte und im Begriffe stand, die Tochter zu tödtcn und sie, die vor ihm floh, einholte, erhörten die Götter ihr Gebet, sie unsichtbar zu machen, und verwandelten sic ' in einen Baum. Dieser aber platzte nach einiger Zeit, und es ging aus ihm der neugeborene A. hervor, den Venus, von seiner Schönheit angezogen, sogleich liebgcwann und insgeheim der Proserpina übergab. Da Letztere ihn später nicht zurückgcbcn wollte, wendete sich Venus deshalb an den Jupiter, der den Streit dahin entschied, daß A. den einen Thcil des Jahres bei der Venus, den zweiten bei der Proserpina und den dritten, den jedoch A. der Venus abtrat, sich selbst leben solle, sodaß er acht Monate auf der Oberwelt und vier in der Unterwelt verweilte. Später starb A. an einer Wunde, die er von einem Eber auf der Jagd erhielt. Dieses ist die älteste und einfachste griech. Erzählung, welche in der Folge durch verschiedenartige Zusätze ausgeschmückt wurde, unter Andern, daß Venus nach der Verwundung sogleich hcr- bcigeeilt, um ihn zu retten, aber zu spät gekommen sei und sein Blut in Anemonen vcrwan- » delt habe. Ihm zu Ehren wurde jährlich ein Fest gefeiert, das aus zwei Theilcn bestand, einem Traucrfestc, das sich auf sein Verschwinden bezog, und einem Freudenfeste in Rücksicht auf sein Wiedersinden. Besonders feierlich und mit ungemeiner Pracht wurde dieses Adouisch Adoption 103 Fest, welches in Afrika, Asien und Griechenland, zumal dem Peloponnes, verbreitet war, zu Alexandria begangen. Merkwürdig sind bei diesem Feste noch die sogenannten Adonis- gärten, die in Athen und Alexandria vorkomme». In irdene, auch wol silberne Gefäße säete man nämlich kurz vor der Feier Weizen, Fenchel und Lattich, die durch starke Wärme schnell hervorgetrieben wurden; da dieselben natürlich auch bald wieder verwelkten, so entstand bei den Griechen die sprüchwörtliche Redensart „in die Gärten des Adonis säen", womit man eine kurz dauernde Freude bczcichnctc. Allen Erzählungen vom A., der eigentlich dem Orient angchört, liegt ein tieferer Sinn zu Grunde, der auch in der griechischen nicht ganz verwischt worden ist. So viel ist jedenfalls gewiß, daß der Mythus in einer Verbindung der Naturrcligion mit einem astronomischen Cultus besteht, und daß A. selbst der Gott des Sonncnjahres ist. Im Namen schon kann die Ähnlichkeit mit dem phönizischcn Ado n, welches Herr bedeutet, nicht verkannt werden, und dieser Name wurde vorzugsweise vom Könige des Himmels, der Sonne, gebraucht. Vgl. Fickenscher, „Erklärung des Mythus Adonis" (Gotha 1800). — Adonis heißt nach Linnc auch eine Pflanzengattung'aus der Familie der Nanunculacccn, von welcher einige Arten in Deutschland wild wachsen. In Gärten kommt häufig die Sommcradonis vor. Zur Anpflanzung empfiehlt sich durch zeitige und schöne Blüte die Frühlingsadouis, welche im Mittlern und südlichen Deutschland auf Verbergen an etwas lehmigen Orlen wild vorkommt und keine sorgfältige Cultur bedarf. Adöllisch nennt man eine Versart, welche aus einem Daktylus und einem Spon- dcus oder Trochäus besteht (__^^^-.), z. B. liebliche Rose. Sie eignet sich wegen ihres lebhaften Ganges zu muntern und scherzhaften Lieder». Längere Gedichte würden jedoch eine zu große Einförmigkeit durch so kurze, ohne alle Abwechselung wicdcrkchrcnde Verse erhalten, deshalb verbindet man sic gewöhnlich mit andern Versärtcn; dies thatcn auch die Ältcn, wie wir bei den Sapphischcn Strophen sehen, worin nur der letzte Vers advnisch ist. Adoptianischer Streit, der einzige, den die frühere Kirche des Abendlandes über die Person Christi führte. In Spanien fand man cs im 8. Jahrh. anstößig, daß Christus auch nach seiner menschlichen Natur ein Sohn Gottes sein solle, und behauptete, als Gott sei er der wahre Gottessohn, als Mensch nur Gottes Adoptivsohn. Dieses hatten schon die Mozarabische Liturgie (s. Mozaraber) und ältere orthodoxe Lehrer gebraucht. Allein Elipandus, Erzbischof von Toledo, fing um 785 an, den Ausdruck so zu deute», daß er sich dem Nestorianismus (s. d.), der Annahme eines zwiefachen Christus, zu nähern schien. Die span. Gemeinden trennten sich zwar; doch ließ die Herrschaft der Sarazenen, die nach dem Koran alles Zanken über religiöse Dinge hassen mußten, den S reit nicht öffentlich ausbrechcn, der sich nun ins fränkische Reich zog. Auch Felix, Bischof von Urgclla in Cata- lonien, hing der Meinung des Elipandus an. Vor die Synode zu Ncgcnsburg 702 geladen, ward er zwar verdammt und nach Rom gewiesen, floh indessen und setzte die Ausbreitung seiner Lehre in Spanien fort. In Frankfurt ließ Karl der Große 7 94 auf des Elipandus eigenen Antrag seine Lehre abermals untersuchen und, nachdem sie verdammt worden war, durch Alcuinus widerlegen; Felix aber, der 799 in Aachen mit Alcuin disputirtc, ward zum Widerruf bewogen. Den Adoptianern war gleich von vorn herein der Umstand nachthcilig, daß schon die Arianer, vbwvl in andern! Sinne, von einer Adoption Christi geredet hatten. Adoption oder Annahme an Kindcsstatt ist cm bemalten deutschen Rechte, und daher auch jetzt noch in den Ländern, wo sich dic Gruudzügc desselben rein erhalten haben, z.V. in England, unbekanntes NechtSinstitut, das mit dem röm. Rechte zu uns gekommen ist. Die Adoption ist eine der Arte», wie väterliche Gewalt erworben wird, und unterscheidet sich hauptsächlich in den Formen, je nachdem der zu Adoptirendc noch in väterlicher Gewalt steht, sodaß der leibliche Vater dieselbe dein Adoptivvater abtritt (Adoption im enger» Sinne), oder selbständig ist, d. h. nicht mehr in väterlicher Gewalt (Arrogation). Die früher aus mehren beschränkenden Bestimmungen des röm. Rechts, z. B. daß Kastraten nicht adoptiren können, daß der Adoptivvater mindestens 18 Jahre älter fein muß als der Adoptivsohn, abstrahirtc Regel, die Adoption soll Nachahmung der Natur sein, ist neuerlich als nicht ganz richtig erkannt worden, da nach demselben Rechte auch Zeugungsunfähige und < ^r>- » 104 Adrastea Adresse Unverheirathete adoptiren können. Frauen erhalten durch Adoption die gewöhnlichen Rechte der Mütter über ihre Kinder. Das neuere, auch bei uns gemeinrechtlich geltende röm. Recht hat, indem es einige Mängel des altern verbessern wollte (namentlich den völligen Übergang des Adoptivkindes in die Familie des Adoptirenden), mehre ungeeignete Distinctionen in dieses Rechtsverhaltniß gebracht, welche jedoch theils auf die wirklich vorkommenden Fälle der Adoption wenig Bezug haben, theils in Betreff des Erbrechts durch Landesgesetze, wie z. B. in Sachsen, modisicirt zu sein pflegen. Wie im alten Nom die Adoption nicht ohne Weiteres erfolgen durfte, sondern die Gründe und Zulässigkeit derselben erst durch das Priestercollegium untersucht werden mußten, so ist auch in Deutschland die landesherrliche oder doch gerichtliche Bestätigung derselben ein Erfoderniß. Das neuere franz. Recht („6ocle civil", Art. 313) läßt die Adoption nur nach erlangter Großjährigkeit des zu Adoptirenden, und nur dann zu, wenn derselbe von den Adoptivältern schon als Kind sechs Jahre verpflegt worden ist oder eins der Altern aus Lebensgefahr gerettet hat; auch ist die Bestätigung des Kreisgerichts und des Appellationsgerichts nothwendig. Adrastea, d. i. die Unentflichbare, ist ein Beiname der Nemesis (s. d.), welchen sie von dem Tempel, den ihr zu Ehren der König Adrastus in der Nähe von Theben errichtete, erhalten haben mag. Mehre haben sie als Dienerin der ewigen Gerechtigkeit und Rächerin alles Unrechts, der kein Sterblicher entgeht, zu einer besondern Göttin erhoben; allein alle diese Eigenschaften kommen auch der Nemesis zu. Herder wählte den Namen Adrastea für eine Zeitschrift, in der man auch, sowie in seinen „Zerstreuten Blättern", geistvolle Erörterungen über die A. findet. — Adrastea hieß auch eine Nymphe, des Königs Mc- liffeus in Kreta Tochter, welche mit ihrer Schwester Jda den Zeus erzog. Adrastus, der Sohn des Talaus und der Lysimache nach Apollodor, nach Hygin der Eurynome und nach Pausanias der Lystanassa, war König von Argos, wurde aber von Amphiaraus vertrieben und floh zu seinem mütterlichen Großvater, Polybus, nach Sicyon, wo er nach dem Tode desselben den Thron bestieg und die nemeischen Spiele einführte. Später söhnte er sich mit dem Amphiaraus wieder aus, gab diesem seine Schwester Eriphyle zur Gattin und kehrte sogar, Ww Pausanias erzählt, nach Argos zurück. Seine Gemahlin war Amphithea, mit der er den Ägialcus und Eyanippus, die Argia, De'r'phyle und Ägialca erzeugte. Von den beiden ältesten Töchtern vermählte er, um einem Orakel nachzukommen, welches ihm verkündet hatte, daß er sie einem Eber und Löwen geben würde, die Deiphyle andenTydeus (s. d.), die Argia an denPolynices (s-d.). Letzterer war von seinem Bruder Eteo kles (s. d.) aus Theben vertrieben worden, und A., um ihn in sein väterliches Erbe wiedercinzusetzcn, unternahm den Zug gegen Theben, der bekannt ist unter dem Namen der Sieben Legen Theben; denn sieben Helden zogen aus. Jedoch bemerkt Pau- sanias, daß sie erst Afchylus auf sieben gesetzt, da ihrer mehr gewesen. Don diesen Helden war A. der Einzige, der mit Hülfe seines Pferdes Arion davonkam. Zehn Jahre darauf unternahm er den zweiten Feldzug mit den Nachkommen der erschlagenen Helden, den sogenannten Epigonen (s. d.), und eroberte auch die Stadt, verlor aber dabei seinen Sohn Ägialeus. Aus Gram darüber starb er auf dem Rückwege in Megara, wo er begraben wurde. Nach seinem Tode ward er an vielen Orten als Heros verehrt. Adresse nennt man die Zuschrift einer Corporation an die Staatsbehörden, worin sie Gesinnungen des Dankes und der Zufriedenheit ausspricht, Aufklärungen mittheilt, Maßregeln rechtfertigt u. dcrgl., ohne eine Anordnung, gesetzliche Vorschrift oder irgend ein Handeln in Antrag zu bringen, durch welches Letztere sie sich von der Petition (s. d.) unterscheidet. Die Sache ist von England gekommen, wo das Parlament gewohnt ist, die Eröffnungsrede des Königs mit einer Dankadresse zu beantworten, auch große Verdienste mit einer öffentlichen Dankjagung zu belohnen. Der nordamerik. Congreß hat diesen Gebrauch angenommen, ebenso Frankreich, wo das Recht der Adresse nach echt constitutioneller Weise einer jeden Corporation zusteht. Die alte deutsche Reichsverfassung gewährte den Unterthanen dasselbe unter gewissen Bedingungen. In den deutschen Verfassungen aber gestattet man es gegenwärtig den Landständen nur in sehr eingeschränkter Art. In Würtemberg wurde es für verfassungswidrig erklärt, als die Ständeversammlung der Armee ihren Dank bezeigen wollte. In Baicrn haben die Stände nur das Recht der Petition an den König Adrianopel Adriatisches Meer 105 (Verf.-Urk. von 1818, Tit. VII, §. 19—21) und der Anklage gegen die Minister (Tit. X, tz. 5, 6); ebenso in Baden (Verf.-Urk. v. 1818, §.67) und in Sachsen (Verf.-Urk. v. 1831, §. 199). In diese Form kann jedoch Alles gebracht werden. Das Recht der Unterthanen, in Gemeinden oder in Volksversammlungen gemeinschaftlich Adressen zu beschließen, hängt zusammen mit dem Rechte der öffentlichen Beschwerdeführung und der Vorbedingung zu ' diesem Rechte, nämlich der Befugniß, sich zu versammeln oder gemeinschaftlich zu unterschreiben, was durch den Bundestagsbeschluß vom 5. Juli 1832 für unerlaubt und strafbar erklärt wird. (S. Petition.) Von England und Frankreich ist auch auf die deutschen konstitutionellen Staaten der Gebrauch übergegangen, daß die Kammern die Thronrede des Regenten durch eine Adresse beantworten, welche, dort mehr als hier, zum ersten Probirstein des Standes der Parteien dient. Das Königreich Sachsen macht jedoch zur Zeit eine Ausnahme von diesem Gebrauche. Adrianöpel, türk. Edreneh, die zweite Hauptstadt des osman. Reichs, im alten Thrazien, jetzt Rumelien, 48 Stunden von Konstantinopcl, ward vom Kaiser Hadrian am rechten Ufer des schiffbaren Hebrus, jetzt Maritza, in der Gegend, wo früher Uskadamah lag, angelegt, nach ihm benannt und zur Hauptstadt der hämimontanischen Provinz erhoben. Um ihr den Schein altgriech. Ursprungs zu geben, nennen sie die byzant. Schriftsteller Orestea oder Orestias. Wie Rom, auf sieben sanften Hügeln erbaut, hat sie einen nicht viel geringem Umfang als Konstantinopel. Unter ihren I99V0V E. zählt sie 30900 Griechen unter einem Erzbischof. Sie enthält zwei Serais (Paläste), 40 Moscheen, unter denen die Se- iim's II. und Murad's II. die prächtigsten sind, 24 Mcdreffcs (hohe Schulen), eine Wasserleitung und 22 Bäder. An der Maritza liegen 450 schöne Gärten, und das nahe Dorf Hisekel ist ein wahrer Rosengarten. Die Stadt hat bedeutende Webereien, Seiden- und andere Fabriken und treibt vorzüglich Handel mit Rosenöl, das in der Nähe am besten verfertigt wird, und Opium. Im 4. Jahrh. widerstand sie, künstlich befestigt, dem Anstürmen > der Gothen. Nach ihrer Eroberung durch den Sultan Murad I., 1360, war sie bis zur Eroberung Konstantinopels, 1453, Residenz der türk. Herrscher. Im ruff.-türk. Kriege ward sie, obschon gut befestigt und stark besetzt, am 20. Aug. 1829 vom General Diebitsch ohne allen Widerstand eingenommen. Dieses siegreiche Vordringen bewog endlich den Sultan, auf Friedensunterhandlungen einzugehen, die denn durch Anrathen der übrigen Mächte und vorzugsweise auch durch Versicherungen der friedlichen Gesinnungen des Kaisers von Rußland, welche der König von Preußen durch den preuß. Eenerallieutenant von Müffling überbringen ließ, zum Abschluß eines förmlichen Friedens am 14. Sept. 1829 führten, welchem die bukareschter und akjermaner Convention zur Grundlage dienten. Durch die 16 Artikel erhielt die Pforte die Walachei und Moldau, wie alle Eroberungen in Bulgarien und Rumelien wieder zurück; der Pruth und von seiner Mündung an das rechte Donauufer wurden Grenzlinie gegen Rußland in Europa, während auch die Grenze zwischen den asiat. Ländern genau bestimmt wurde. Für die Russen wurde Handelsfreiheit im ganzen türk. Reiche, sowie Handelsschiffahrt auf der Donau, im Schwarzen und Mittelländischen Meere, wie auch für alle übrigen, der Pforte befreundeten Mächte freier Durchzug durch die Dardanellen festgestellt. Die Verfassungen Serbiens, der Walachei und Moldau ' erhielten ihren selbständigen Charakter und das politische Dasein Griechenlands wurde von der Pforte anerkannt. Rußland erhielt 1,500000 Dukaten für die seit 1806 erlittenen Verluste, während die Summe der Kriegsentschädigungskosten von 10 Mill. später auf 7 Mill. Dukaten herabgesetzt wurde. Der Friede von A. hat wesentlich dazu beigetragen, dm Einfluß Rußlands auf den Divan in Konstantinopel, wie sein Übergewicht im Osten Europas und in Mittelasien zu befestigen. Adriatisches Meer, der mittelste und am weitesten nach Norden eingreifende Busen des Mittelmeers, welcher durch den Kanal von Otranto mit dem Jonischen Meere verbunden ist und von den Küsten Italiens, Jllyriens, Dalmatiens und Albaniens (Epirus) eingeschloffen wird. Die Vorgebirgsmaffe des Mont-Gargano, Istrien und die Felsenzunge . Savioncello sind die Halbinseln; die Tremitischen Inseln an der ital., die unzähligen Felsenriffe der dalmatischen Inseln an der dalmat. Seite die bedeutendsten Inseln, während unter den Einbuchtungen die Golfe von Manfredonia, Tremiti, Ravenna, Venedig, Triest, Fiume 106 Adular Advocat und unter den engen Kanälen der zerrissenen Nordostküste die Strassen von Quarnero und von Farisina zu bemerken sind. Das gegen <0,n> mM. umfassende Becken sammelt die I kurzen Küstcnflüsse des östlichen Apennincnabfalls, die Gewässer der Alpen, welche die > lombard. Ebene umfassen, worunter Po und Etsch am bedeutendsten, die Gebirgsflüssc der > dalmat. Alpen und die dem Westabfall des Bvra-Dagh und Pindus entquellenden alban. ! Gewässer, wie Drino und Vvjuffa. Der wichtigen vermittelnden Lage des Adriakischm > Meeres verdanken die Hafenstädte Ancona und Ravenna im Kirchenstaate, Cattars, Nie- i gusa, Spalatro und Zara an der dalmat. Küste, das kroat. Fiume und das illyr. Triest ihr > Ansehen, vor Allem aber Venedig seinen Wcltruhm. ' Adular, auch Fischauge, Wasseropal, Girasol genannt, ist eure vorzüglich. i am St.-Gotthard vorkommcndc Varietät des Fcldspaths, welche zuweilen als Schmuckstem > verwendet wird. Die so verwendeten Stücke sind dann farblos, von Perlmutterglanz, we- s Niger hart als Quarz und durch lebhaftes Opalisircn ausgezeichnet. > Adttle , Seestadt im Lande der Troglvdytcn, der Bewohner der heutigen Samhrm t in Äthiopien, am Rothen Meere, der Stapelplatz von Axum (s. d.), nach Salt's 8m- S dccknngen das heutige Zulla oder Thulla, ein kleiner Ort mit vielen Ruinen in der Nähr, - am Ostende der Annesleybai, ist vorzüglich bekannt durch die von Kosmas JndikopleusteS im 6. Jahrh. in seiner cliristiana" zuerst veröffentlichte Inschrift, die gl- ^ wöhnlich das lVlomimentun, ^clulitunum genannt wird. Vgl. Buttmann s „Museum dkl n Alterthumswisscnschast" (Bd. 2). ^ Advent oder Advcntszcit (ckomiuicae ackveutus) nennt die christliche Kirche dii ' Vorbercitungszcit auf das Fest der Geburt Jesu. Sie ist in der gricch. Kirche von länger» ^ Dauer als in der römischen. Wann die Advcntszcit zuerst kirchlich gefeiert worden sei, läßt D ' nicht mit Sicherheit Nachweisen. Die Homilien des Maximus von Turin (HiiueiM s auf den Advent aus dem 5. Jahrh. beweisen nichts, da sie sich auf den Gegenstand, nicht am ^ die Feier beziehen. Die erste Erwähnung einer kirchlichen Feier der Advcntszcit findet M 521, wo die Synode zu Lerida von der Advcntszcit bis zum Feste der Erscheinung Christ ! die Hochzeiten verbot. Die vier Sonntage des Advents, welche der lat. Kirche eigen M l hat wahrscheinlich Gregor der Grosse eingcführt. Es liegt dieser Einrichtung eine alte Lck- ^ form, und dieser wieder ein biblischer Sprachgebrauch zum Grunde. Man sprach näuM ? von einer vierfachen Ankunft Christi: in das Fleisch, zum Tode (der Seinen nämlich, sie y ^ sich nehmend, wie im Evangelium Johannis vom Wicderkommcn Jesu gesprochen wordei , war), zur Zerstörung Jerusalems und zum Weltgerichte, und demgemäß wurden dann amt ' die Evangelicnabschnitte der vier Sonntage bestimmt, was durch das Homiliarium Kat i des Großen für die abcndlLnd. Kirche befestigt wurde. Ganz zweckmäßig erscheint ck ' daß man mit dem Advent das Kirchenjahr, d. i. den Cyklus der kirchlichen Festtage, begann. Adverbmm, Neben-oder Umstandswort, von Einigen auch Beschaffenheit ' wort genannt, ist derjenige Nedcthcil, welcher den Zweck hat, das Prädicat eines Sähet genauer zu bestimmen, und sich also auf das Eigcnschasts- oder Zeitwort zunächst kt zieht. (S. Adjectiv) Es gibt Adverbien der Zeit und der Zeitdauer (heute, immer), des ! Orts (hier, dort), des Umfangs und der Zahl (theils, einzeln), des Grades (sehr, überaus),, ) der Bejahung und der Verneinung (ja, nein). Adjcctiva werden zu Adverbien, so oft sie zue ' nähern Bezeichnung des Prädicats gebraucht werden (gut schreiben, redlich handeln). ' Auch daö Adverbium kann wieder durch ein anderes ihm beigefügtes Ädverbium genaim bestimmt werden, wie in: „sehr hoch springen". Adversarla heißen in der röm. Kaufmannssprache diejenigen Bücher, in welche die vorkommendcn Geschäfte vorläufig eingetragen wurden, was man jetzt Strazzc, Brouillsn nennt. Später bezeichnetc man unter diesem Titel solche Schriften, in denen man ursprünglich nur gelegentlich hingeworfcnc Bemerkungen und Notizen über einzelne Gegenstände du Grammatik, Kritik, Philosophie, Geschichte u. s. w. nicderlcgte und durch den Druck veröffentlichte. Dahin gehören die bekannten „.^ckversaria" von Barth, Wopkcns, Porson und Dobrcc, die meist auf Erklärung der alten Schriftsteller sich beziehen und zum Thcil erf!" nach dem Tode der Verfasser hcrausgcgebcn worden sind. (S. Miscellanea.) Advocat, Sachwalter oder, wie es in einigen Schwcizcrcantonen heißt, Für- Advocat 107 sprecher, ist im Allgemeinen die Standesbezeichnung derjenigen Nechtsgclehrten, welche vom Staate die Berechtigung zur Führung fremder Nechtsstreitigkciten vor Gericht erhalten haben. Der Name ist jünger als das Amt. In den Zeiten der röm. Republik befand sich der Advocatcnstand auf einem solchen Höhepunkte, wie er als solcher ihn seitdem nicht wieder erreicht hat. Denn die hohe und zum Theil noch einflußreichere politische Stellung der Advocaten in England und Frankreich ist nicht blos aus der Wirksamkeit derselben als Rechtsvcrtheidiger, sondern aus dem Zusammenflüsse verschiedener anderer Verhältnisse hervorgegangen und von der Verfassung jener Länder, wie auch von dem geringen Bildungs- zusiande der Masse des Volkes begünstigt worden. In Nom hießen die Advocaten Gerichts- redner (oratores turenses) und erst später aclvocati, d. h. Hcrbcigerufenc. Bei den Deutschen kommen sie schon im frühen Mittelalter als prolncutores, d. i. Fürsprecher, vor und wurden meist aus den Gerichtsbeisitzern oder Schöffen von den Parteien erwählt. Erst mit der Einführung des schriftlichen Verfahrens wurde die Qualification als Rochtsgelchrter zum Eintritt in den Advocatcnstand nöthig. Zumeist hat, wenigstens in Deutschland, der Advocat auch das Amt eines Anwalts oder Procurators auf sich, das namentlich bei den Römern ganz gesondert von demselben war. Der Pröcurator ist allein der wirkliche Stellvertreter der Partei, der Advocat nur der rcchtsvcrständige Nathgcbcr derselben. Jener hat die Besorgung der rechtlichen Geschäfte außerhalb des Gerichts und die formelle Vertretung der Parteien vor Gericht, Dieser die Ausarbeitung der Ncchtsausführungen und die Wahrnehmung der Gerechtsame seiner Clienten. bei den Gerichtsverhandlungen über sich- In Hannover und Mecklenburg waren beide Ämter noch in neuester Zeit getrennt. Als allgemeine, in den Particulargcsctzgcbnngen zum Theil noch näher bestimmte Pflichten des Äd- vocaten sind anzusehcn, daß er keine völlig ungerechte Sache übernehme, daß er sich gehörig instruirc, besonders auch die Beweismittel genau angeben lasse und nach Befinden für deren Hcrbcischaffung Sorge trage, daß er den übernommenen Proceß auf das schnellste und sicherste leite, daß er endlich überhaupt seinem Clienten Treue bewahre, daher nie die Gegenpartei durch Handlungen oder Unterlassungen begünstige, was, wenn es absichtlich geschieht, das Verbrechen der Prävarication (s. d.) bildet. Die Gesetze verpflichten ihn außerdem zur richtigen Führung der Manual- oder Privatactcn. Macht sich ein Advocat eines Jrr- thums in Beziehung auf Thatsachcn schuldig, so kann die Partei denselben, wenn ihn der Ädvocat in Abwesenheit des Clienten beging, bis zum Eintritt der Rechtskraft des nächsten Urtels, wenn er ihn aber in Gegenwart des Clienten, oder in einer von demselben Unterzeichneten Schrift, beging, nur binnen drei Tagen widerrufen. Den Nechtsirrthum des Advocaten hat der Richter vermöge des ihm obliegenden sogenannten otllcium nobile zu verbessern. Versäumnisse des Advocaten, z. B. in Beziehung auf Fristen, berechtigen die Parteien blos zur Entschädigungsklage gegen den Advocaten. Die soeben angeführten Grundsätze gehören dem gemeinen Rechte an und sind, namentlich was den letztgedachtcn anlangt, durch neuere Particulargesetzgcbung thcilwcisc modificirt. Der Advocat kann für seine Müh- waltung ein Honorar von dem Clienten fodern, dessen Höhe in den meisten deutschen Ländern durch besondere Taxordnungcn bestimmt ist, wobei der Ansatz im einzelnen Falle noch der Feststellung und nach Befinden der Moderation durch das Gericht unterworfen ist. Noch aus dem röm. Rechte schreibt sich das Verbot des partum cke c>»»ta litis, d. h. des Versprechens eines Thcils von Dem, was der Client durchDcn Proceß gewinnen würde, und des palma- >'»>»>, d. h. eines gewissen Vorthcils außer den Gebühren im Falle des gewonnenen Streites, her. Die Beschränkungen der Zahl der Advocaten in den einzelnen Staaten, die Bedingungen ihrer Jmmatriculation, ferner die Modalität, unter welcher dieselben bei gewissen höhern Gerichten oder bei solchen, deren Beisitzer mit ihnen verwandt sind, nicht prakticircn dürfen, sind particularrechtlich verschieden scstgcstcllt. Ganz anders ist die Stellung und Verfassung des Advocatcnstandes in England und Frankreich. In England unterscheidet man zwischen burristers und attornezs. Die erster» sind vscpiires, was etwa dem deutschen Bacon glcichkommt, und gehören den vornehmsten Ständen an, andererseits werden aus ihnen wieder die höchsten Staatsbeamten, namentlich der Generalsiscal (-Vttornez- general) und der Gcneralprocurator (Solicitor general), nicht minder die königlichen Sachwalter (Sergeant» at la«) und die Richter gewählt, selbst Lord- 108 Advoeat kanzler kann nur Der werden, der Karrister gewesen ist. Ihr Amt unterscheidet sich dadurch von dem des sttorne)', daß nur sie das Recht haben, eine Vorstellung oder ein Gesuch an ein Ge- richt oder eine Jury zu richten, wogegen der -»ttorney allein cs ist, der mit dem Clienten selbst verhandelt oder, und zwar nur in wenigen Fällen, in seinem Beisein denselben mir dem bsrristsr sprechen läßt. Daher handelt der imrrister fast lediglich nach der schriftlichen, ihm vom sttnrriex gegebenen Instruction, und der Attorney gibt den Vermittler zwischen dem Clienten und dem barrister ab. So groß das Ansehen der lmrristsrs in England ist, und so vorzügliche Talente sich diesem Stande widmen, so ist doch dieses Ansehen mehr durch die hervorragende Individualität einzelner Männer und durch die freie und würdige Stellung der Advocatcn gegenüber den Richtern, welche fast alle gleichfalls vorher Advocatcn waren, > gerechtfertigt, als durch Einrichtungen, in welchen eine Garantie für die Ncchtskenntniß oder auch für die Wirksamkeit der bsrristers läge. Denn erst im 1.1836 wurde eine Commis- - sion niedergesetzt, welche jeden Candidaten zur Advocatur prüfen und über dessen Aufnahme entscheiden sollte; früher bedurfte es blos Dessen, daß er in einem Zeiträume von fünf Jahren während zwölf ll?erms (einer Gerichtszeit von ungefähr drei Wochen) je viermal mit dm Mitgliedern des Nechtscollegiums, dem er angehörte (Inn ok court), zu Mittag in der Halle des Collegiums gespeist hatte. Nach 38 solchen Mittagsessen konnte er sich zur Aufnahme ' zum bsrrister Vorschlägen lassen. Ebenso wenig fehst es aus früherer und neuerer Zeit an Klagen über den schlechten Zustand des Advocatenwescns in England. Übrigens hat der Advoeat in England keine Klage auf Honorar, und der bsrrister darf sogar nicht unter einer Guinee annehmen; letzteres Herkommen hat dazu geführt, daß sich eine besondere Classe Solcher gebildet hat, die den sttornez-s in geringern Fällen an die Hand gehen und dadurch sich . für die b-»r vorbilden (8pscisl plemiers). ' Eine ähnliche Trennung der Advocatengeschäfte wie zwischen sttornez- und b-»rnste> in England findet in Frankreich zwischen -rvoue» und »vocsts statt, von denen die erster» mit den processualischen Formen und der Fertigung der Schriften beschäftigt sind, die letzter») die Parteien in den Sitzungen vertreten und plaidiren. Zum Amte eines avouä wird ei» Alter von 25 Jahren, Rechtsstudium und eine fünfjährige Übungszeit erfodert; ist derselbe Licentiat, so hat er auch ein beschränktes Recht zu plaidiren. Wer uvocst werden will, muß Licentiat sein und nach erhaltener Erlaubniß der Disciplinarkammer eine dreijährige Übungszeit (stsge) bestehen, während welcher er die Sitzungen, sowie die Confercnzcn der Advou- ten zu besuchen hat; darnach wird er in die Matrikel (s»r Is t-»I>Ier»u) eingetragen. Mt Stellen der svoues und auch manche der avoasts sind käuflich, ein Umstand, der nicht blos die geringe Achtung, in welcher die -»vonäs stehen, veranlaßt, sondern auch zur Beeinträchtigung des Ansehens des ganzen Advocatenstandes viel beiträgt. Für die -rvouäs existirt eine Taxordnung von 1807, welche auch die von dem unterliegenden Theile dem avocst zu resii- tuirenden Honorare, nicht aber die ihm von seiner Partei zukommenden bestimmt; diese letzter« können von der Disciplinarkammer festgestellt werden. Allein die Honorare einzuklr- gen, ist nicht Sitte, woraus freilich der fernere Gebrauch sich gebildet hat, ohne Vorausbe- § zahlung nichts für die Partei zu thun. — Der franz. Einrichtung ist, jedoch mit wesentlichen Verbesserungen, das Gesetz inGenf über Advocatcn vom I. 1833 nachgebildet; m-» mentlich ist hier die Trennung zwischen -»vocs.1 und avouä aufgehoben, und die Aufnahme als avocat durch strenge Prüfung bedingt. — In Nordamerika stehen die Advocatcn in noch größerm Ansehen als in England, obwol die sie betreffenden Einrichtungen noch viel mangelhafter sind als anderswo. Vom legislativ-politischen Standpunkte aus ist, und mit Grund, neuerlich viel über den , deutschen Ädvocatenstand gesprochen worden. Nicht zu verkennen ist, daß Misbräuche früherer Zeiten, fortdauernde Verschuldungen einzelner Mitglieder dieses Standes und Bedenklichkeiten mancher Negierungen dazu beigetragen haben, den deutschen Advocatcn in einer Stellung zu lassen, die weder an sich und in Rücksicht auf die Würde seines Amtes und die Tüchtigkeit der großen Mehrzahl der Advocatcn, noch und besonders im Vergleiche mit der in andern Ländern als eine geeignete und edle bezeichnet werden kann. Daß bei der " Kundgebung von hierauf bezüglichen Wünschen auch Manches übertrieben worden ist, daß man namentlich sich von dem Glanze, den die Advocatur in England und zum Theil auch Advocatenvereine 109 o» in Frankreich umgibt, hat blenden lassen und dabei die eigenthümlichen Verfassungs- und ?e< Culturverhältnisse jener Länder zu wenig in Anschlag gebracht, ja den wahren Kern der bst Frage, den nach der innern Gediegenheit des dortigen Advocatenstandes, nur oberflächlich en, berührt hat, daß endlich es zumeist unerwogen geblieben ist, wie die ausgedehntere Beziehung sin advocatorischer Wirksamkeit auf das Politische und Publicistische schwerlich bei der nothwcn- cm digen Einseitigkeit aller advocatorischen Dialektik diese Elcniente'fördcrn könne, das liegt in > so vielen Verhandlungen dieser Fragen zu Tage. Neducirt man nach diesem Maßstabe die an die die Gesetzgebung gestellten Anfoderungen, so wird hauptsächlich zweierlei als dringend wün- ing schenswerth erscheinen: eine Befreiung der Advocaten von den drückenden und unbilligen e„, > Doppelfefseln der Taxordnungcn und der Moderationen Seiten des Gerichts, von denen der jene wegen der Unbcstimmbarkeit des so höchst relativen Werthes der Bemühungen eines us- Advocaten, diese wegen der nicht zu verbannenden Willkür und der die Wirksamkeit des Ad- mr vocaten beeinträchtigenden Abhängigkeit von dem Gerichte sich als unpassend zeigt, und so- ah. dann die Errichtung von Disciplinarkammern (s. Advocatenvereine), womit zugleich den die cbengedachte Unterordnung des Advocaten unter das Gericht, dem er in der That zur alle Seite stehen sollte, aufhören wird. )M ' Advocatenvereine. Während in Frankreich die Advocaten Corporationen bilden, an welche nicht nur gesetzlichen Schutz genießen, sondern von welchen auch eine Disciplinarauf- dn sicht über die einzelnen Mitglieder ausgeht, haben vielfache Versuche, auch nur bloße Advo- inei catenvereine hervorzurufcn, in Deutschland wenig Erfolg gehabt und sind noch viel weniger kol- von den Regierungen nachhaltig begünstigt worden. In Frankreich bildeten schon lange sich . vor der Revolution die bei einem und demselben Parlamente prakticircnden Advocaten eine ' Gesellschaft, zwar ohne Corporationsrechte, aber mit Statuten und zum Zwecke einer censo- ste> rischen Aufsicht über ihre Mitglieder. Zur Zeit des Consulats (den 13. Frimaire des I. IX sm der Republik) wurden durch ein Arrete besondere Anwaltskammern (Lksmbres clos avoues) kern 1 beim Cassationshofe, sowie bei jedem Appellations- und erstinstanzlichen Gerichte organisirt >ein Seitdem hat dieses Institut, das sich übrigens auch in den deutschen Ländern links des eibk Rhein von jener Zeit her erhalten hat, mehrfache Modifikationen erlitten. Das Wesentliche miß desselben besteht gegenwärtig in Folgendem: Die Advocaten jedes Gerichtshofs sind in Co- igS> lonnen (höchstens sieben, wenigstens zwei) abgetheilt, an deren Spitze ein Vorsteher (VL- ou- tollliier) und ein Sccretair steht, welche Beide nur aus den altern Advocaten gewählt kver- M , den. Die übrigen Mitglieder der Disciplinarkammer, außer diesen beiden, werden aus den blos ältesten Mitgliedern jeder Colonne gewählt; sind aber bei einem Gerichte weniger als 20 chtj- Advocaten immatriculirt, so bildet das Gericht (wenn es ein Appellhof ist, das erstem instanzliche Gericht derselben Stadt) die Disciplinarkammer. Im letztem Falle muß je- esii- doch vor dem Ausspruche einer Strafe das schriftliche Gutachten des Mtolliüer eingeholt letz. werden. Die Disciplinarkammer hat, nächst der Entscheidung über Honoraransprüche und lklr- über Bedenken gegen die Immatrikulation die Disciplinaraufsicht über die Mitglieder der §be- j Kammer, die sie theils von Amtswegen, theils auf ergangene Beschwerde übt. Sie straft Uli- durch Verweis, Suspension von höchstens einem Jahre und Ausstrcichung aus der Matrikel; m-» Segen die beiden letzter» Strafen kann von dem Betroffenen sowol als von dem Gcneral- hme procurator an den Appellhof Berufung eingelegt werden, und dieser darf die erkannte Um Strafe selbst erhöhen. Die Disciplinarstrafen hindern nicht die strengere Ahndung, wenn viel die fragliche Handlung in ein Verbrechen übergeht. Ein lange empfundener Übelstand bei diesem Institute ist, daß die Disciplinarkammern nur aus den ältern Mitgliedern des Advo- dm , catenstandes bestehen. —, In England gibt es keine eigentlichen Advocatencorporationen; acht ^ch bestehen schon lange die sogenannten Inas ok court, welche eine Vereinigung der Nechts- Be- gelehrten bewirken; in London wurden die drei dort vorhandenen Inns im I. t 829 combi- i jn nirt. Der Weg zur Bar geht nur durch eine solche Inn; sie sind aber in der neuesten Zeit nies immer mehr zur bloßen Förmlichkeit geworden. — Auch in Belgien und in Genf beuche sichen 6ollssiIs kie (liscipline in ähnlicher Weise wie in Frankreich; desgleichen hat ein päpst- der ^ehes Edict im Kirchenstaate ein Oonsizlio cki «lisciplina angeordnet. — JnDeutsch- daß land wurde zu zwei verschiedenen Zeiten unter politischen Einflüssen der Sinn für Bildung nich Advocatenvereine« rege, zuerst in Folge der Ertheilung von Constitutionen in den I. NO lttlvocküi ecelt'Nktt' Aedoit 1810 und 1820, und dann in Folge der Julirevolution. Vor Allem geschah dies im Großhcrzogthume Hessen. Hier entwarfen >821 die Anwälte in Gießen Statuten eines Vereins der Hofgerichtsadvocatcn der Provinz Obcrhessen, mit dem Zwecke der Wahrung - der Standcsinteressen, der Disciplinaraufslcht innerhalb gewisser Grenzen und der Beobachtung und Förderung der Rechtspflege; doch die landesherrliche Bestätigung ward dcnstl» den versagt. Ein im I. 1832 neu gebildeter Verein daselbst, der die Beförderung der Be- rufsinteresscn der Advocatcn bezwecken sollte, fand nach wenigen Jahren nur noch geringen Anklang und scheint sich aufgelöst zu haben. In Darmstadt bildete sich > 831 eine „Gesellschaft der öffentlichen Anwälte", in welcher insbesondere über den Plan einer Anwaltskammer lebhaft dcbattirt wurde, jedoch ohne daß man zu einem Beschlüsse kam, sodaß seit 1833 auch dieser Verein für erloschen gelten kann. Dem Aufkommen des gedachten neuern gieße- ' ncr und des darmstädtischcn Vereins stellte wenigstens die Negierung keine Hindernisse entgegen. Die in Kurhessen an mehren Orten gestifteten Advocatenvereine, von welchen namentlich der kasseler im Oct. 1831 „Vorschläge zu einer Advocatenordnung in Kürhessen" veröffentlichte, sind gleichfalls wegen Mangels an Theilnahme cingegangen. In Sachsen waren 1831 bereits Einleitungen zur Stiftung eines Advocatenvereins getroffen worden, und 1810 regte derAdvocat Beschorner in Dresden diesen Gedanken wiederum in einer, die neuere Gesetzgebung über Advocatcn sehr gut darstellenden Schrift („Die Reform des Advocaten- standes u. s. w.", Dresd. 1810) an; jedoch zur Zeit ohne Erfolg. In Hannover trat 1831 ein Advocatenverein zusammen, welcher auch „Annalen" veröffentlicht hat (0 Hefte, 183-1 — 36); fortdauernde Conflicte mit der Negierung veranlaßten ihn indes, seit 1831 seine Be- rathungen mehr auf rein juristische Gegenstände zu beschränken. In ZHaden hatte die Staats- cegierung selbst eine Denkschrift von fünf manheimer Oberhofgcrichtsadvocaten 1832 veranlaßt, und von beiden Seiten war man über die Errichtung von Anwaltskammcrn einverstanden ; doch ist bis jetzt dieselbe nicht ins Leben getreten. In Baiern beantragte die zweite Kammer 1837 die Vorlegung einer Advocatenordnung; der Landtagsabschied fand jedoch den An-^ trag wegen der Disciplin der Advocatcn zu dem Geschäftskreise der Kammern nicht geeignet' In Schleswig-Holstein hielt der bereits 1835 angeregte Advocatenverein am 26.Sept. 1811 seine erste Zusammenkunft. In Würtcmberg trat eine Anzahl Advocatcn im Sept. >811 zu einem Vereine zusammen. ^ ^ckvoeati eeelköiiie, s. Schirm Vögte. ^«Irüt'Lttly lliudyli heißt bei dem Untersuchungsprocesse über den Lebenslauf eines l zur Kanonisation vorgeschlagcnen Heiligen der zur Bestreitung der Kanonisationswürdig keit aufgestellte Ankläger, im Gegensätze zu dem ^clvocatus 11 ci, der den zu Kanonisirendc» zu verthcidigen hat. (S. Kanonisation.) Aeriancr heißen die Anhänger des Aerius, eines Presbyter zu Sebaste in Arme- nien, der um 350 Urheber einer Spaltung wurde, weil er den Unterschied der Amtsgewalt der Bischöfe und Presbyter leugnete, Fürbitten und Opfer für Verstorbene für unwirksam und schädlich, die Vorschrift zu fasten für unzulässig und die hier und da noch übliche Passah- mahlzeit für einen jüdischen Gebrauch erklärte. Als Ketzer verurtheilt, verloren sich die Acrianer sehr bald. Weil die Protestanten ähnliche Behauptungen aufbrachten, wurden sic ^ von den Katholiken des Aerianismus beschuldigt. Aedon, die Tochter des Pandareus, war die Gemahlin des Zethus und Mutter des Jtylus. Aus Neid gegen Niobe, die Gemahlin ihres Schwagers Amphion, wegen deren Fruchtbarkeit, wollte sie den ältesten Sohn derselben ermorden, tödtete aber aus Jrrthum ihren eigenen. Auf ihre Bitten von Zeus in eine Nachtigall verwandelt, beklagte sie diesen auf den Zweigen der Bäume. Später erlitt die Sage eine Umgestaltung. A. wurde nun zur Gemahlin eines Künstlers, Polytechnus, mit dem sie in einer so glücklichen Ehe lebte, daß sich Beide in dieser Hinsicht über Jupiter und Juno stellten. Letztere, darüber erzürnt, erregte unter den beiden Gatten einen Wettstreit. Wer nämlich von ihnen zuerst mit einem Kunstwerke, er mit einem Stuhle, sie mit einem Gewebe, fertig würde, dem sollte der andere Theil eine Sklavin geben. Die A. gewann, und Polytechnus holte die Schwester 7 . seiner Gattin, Chelidonis. Unterwegs schändete er dieselbe, legte ihr Sklavenkleider an wie drohte ihr mit dem Tode, sobald sie etwas sagen würde- Einstmals aber hörte die A. die Acr Aerostat Hl Klagen ihrer Schwester, die sich allein glaubte, und erfuhr so die Schandthat ihres Gatten. Nun verschworen sich Beide, an Polytechnus Rache zu nehmen. Die A. tüdtele ihren eigenen Sohn Jtylus und setzte ihn dem Gatten vor. Als dieser merkte, was er gegessen, verfolgte er die beiden Schwestern bis zu ihrem Vater, zu dem sie flohen. Letzterer ließ den Po- lytechnus ergreifen und fesseln, ihn mit Honig, bestreichen und so aussehcn. Jetzt erbarmte sich wieder die A. ihres Gatten und befreite ihn. Als deshalb der A. Bruder sic morden wollte, nahmen sich die Götter der unglücklichen Familie an und verwandelten Polytechnus in einen Pelikan, der A. Bruder in einen Wiedehopf, Pandareus in einen Mceradlcr, sic selbst in eine Nachtigall und Chelidonis in eine Schwalbe. Aer heißt im Lateinischen die Luft, wodurch sich eine Menge damit zusammengesetzter Worte von selbst erklären. — Aerodynamik heißt der Thcil der höhern Mechanik, welcher von den Kräften und der Bewegung flüssiger elastischer Materien handelt. — A ero- lithen nennt man die Meteorsteine (s. d.). — Acromantie hieß im Alterthume die vorgebliche Kunst, aus den Lufterscheinungen zukünftige Dinge zn prophezeien. — Acrometric wird die Lehre von den Eigenschaften der Luft, ihrer Schwere, Feuchtigkeit u. s. w. genannt und im allgemeine» Sinne die Wissenschaft von der Bestimmung der Größe in den Wirkungen der Luft. — Aerostatik ist eigentlich die Lehre vom Gleichgewichte und Drucke der Luft sowol für sich als in Berührung mit andern Körpern; seit der Erfindung des Aerostat (s. d.) haben indcß Einige in einem beschränktem Sinne blos die Lehre von den Aerostatcn so genannt, die man passender mit Aeronantik bezeichnet. Aerostat oder Luftballon nennt man eine Maschine, bestimmt, sich in der Luft zu erheben, die im Wesentlichen aus einer leichten, luftdichten Hülle bestehe, welche ein Gas einschließt, das leichter ist als atmosphärische Luft. Wie ein Körper im Wasser nur dann scbwimmt, wenn er an Gewicht leichter ist als die Wassermasse, welche mit ihm gleichen Raum einnimmt, so muß auch das Gesammtgewicht des Luftballs und alles Dessen, was er mit sich führen soll, weniger betragen als das Gewicht der Luftmafse, die er nebst seinem Zubehör aus der Stelle treibt. Ist dies der Fall, so erhebt er sich bis zu der Luftschicht, welche durch ihre Dünne in Hinsicht der Raumgröße und des Gewichts ihm gleichkommt. Als Datum für die Berechnung kann man hikrbei zu Grunde legen, daß ein Kubiksuß trockene atmosphärische Luft (bei dem mittler» Barometerstände von 28 Zoll Quecksilber- Höhe und 0" Wärme) von der Erdoberfläche 3'/r» preuß. Loth wiegt. Zum Füllen des Balls ist am geeignetsten das Wasserstoffgas, die leichteste Lustart, die man kennt. Sie ist im reinen Zustande I -4ch, mal leichter, und in dem unreinen Zustande, wenn sie durch das Übergießen von Eisen oder Zink mit verdünnter Schwefel- oder Salzsäure gewonnen wird, 7—IN mal leichter als die atmosphärische Luft. Auch kann man den Ball dadurch zum Steigen bringen, daß die in ihm enthaltene gewöhnliche Lust durch Erwärmung verdünnt wird. Zu diesem Bchufe macht man unter der Öffnung des Balls leichtes Feuer. Bei einer Erhitzung von 0"—80" N. dehnt sich die Luft um 0,375 des Raums, den sic bei 0" einnahm, aus und nimmt mit gleichmäßiger Dichtigkeit ab, sodaß sich eine Dichtigkcitsvermin- derung derselben um ein Drittel erlangen läßt. Auf die letztere Art versuchten cs zuerst die Brüder Montgolsicr, und »ach ihnen nennt man diese Art Ballons Montgolfieren, während man die mit Wasscrstoffgas gefüllten zuweilen nach ihrem Erfinder Charles Char lieren nennt. Um an einem einfachen Beispiele zu zeigen, wie viel ein mit Wasscrstoffgas gefüllter Ballon mit sich emporzuheben vermag, nehme man z. B einen kugelförmigen Ball an von 20 F. Durchmesser, dessen Inhalt 4100 Kubiksuß beträgt. Die darin enthaltene atmosphärische Luft wiegt ungefähr 400 Pf., eine an Umfang gleiche Masse unreines Wasserstoffgas, seine Dichtigkeit zu '/,»angenommen, nur 40 Pf., mithin wird die Hülle nebst Zubehör des Balls noch 360 Pf. betragen können, che sein Gewicht dem einer gleichen Masse atmosphärischer Luft gleichkommt. Schon bei etwas geringer!» Gewichte steigt der Ball; das Steigen desselben aber erfolgt mit um so größerer Kraft und Schnelligkeit, je mehr das Gesammtgewicht des Balls hinter dem Gewicht einer ihm gleichen Luftmafse zurücksteht. Daher sieht man auch die Differenz des Gewichts als Maß der Stcigkraft des Balls an und sagt, ein Ballon gehe mit 10 oder 20 Pf. Stcigkraft in die Höhe, wenn sein Gesammtgewicht um 10 oder 20 Pf. geringer ist als das der Luftwaffe, welche er aus der 112 Aerostat Stelle drückt. Als Hülle zum Luftball gebraucht man Goldschlagerhäutchen, Wachstaffet, Lasset mit aufgelöstem elastischen Gummi überzogen, und überhaupt Stoffe, welche die Be- > dingungen großer Leichtigkeit, Festigkeit und Lustdichthcit in größter Vollkommenheit vereinigen. Auch hat man Flaschen von Gummi elasticum aufgeblasen und sie als kleine Luftballons gebraucht. An den größern Ballons wird eine Gondel befestigt, deren Größe sich nach Dem richtet, was der Ballon mit sich in die Höhe führen soll. Um theils die Schnelligkeit des Aufsteigens zu mindern, theils die Höhe, zu der der Ballon sich erheben will, in der Gewalt zu haben, befinden sich in der Gondel als Ballast einige Säcke voll Sand. Will der Lustschiffer höher steigen, so erleichtert er den Ballon durch Auswerfen eines Theils dieses Sandes; will , er sich senken, so läßt er mittels einer Klappe, die er durch ein Seil regiert, einen kleinen ' Thcil des im Ballon enthaltenen Gases heraus. Es ist nicht nur nutzlos, sondern selbst gefährlich, den Ballon so weit anzufüllen, daß er in dem Augenblicke, wo man sich erhebt, ganz angeschwollen ist; denn je nachdem sich in der Atmosphäre der Druck der verdünnten Luft auf den Ball mindert, dehnt sich das darin enthaltene Gas aus, sodaß die Hülle leicht platzen kann, wenn sie vom Anfänge ganz gefüllt ist. Die erste Ahnung der Luftschiffahrt hatte Black in Edinburg, indem er die Vcrmu- ihung aussprach, daß leichte Hüllen mit Wasserstoffgas gefüllt, dessen Leichtigkeit 1766 Cavendish entdeckt hatte, von selbst in die Lust steigen müßten. Cavallo machte 1782 den ersten Versuch, kleine Attestaten von Papier und Schweinsblase steigen zu lassen, jedoch vergebens, weil die erstere Substanz zu porös, letztere zu schwer war; nur Seifenblasen vermochte er mittels Wasserstoffgases zum Aufsteigcn zu bringen. Noch im Nov. desselben Jahres gelang es dagegen dem Etienne Montgolfier in Avignon, einen Ballon von Taffst 40 Kuoikfuß haltend, durch Erhitzung der darin befindlichen Lust bis zum Aufsteigen an die! Decke des Zimmers zu bringen. In Verbindung mit seinem Bruder Joseph wiederholte er ^ dann diesen Versuch in größerm Maßstabe in freier Atmosphäre, und er gelang. Die erste. Charlitte, den mit Gas gefüllten Ballon von 12 F. Durchmesser, ließ der Professor den Physik zu Paris, Charles, 1783 auf dem Marsfelde steigen. Selbst in einer Montgolfier! in die Lust zu steigen, wagte zuerst Pilatre deRozier am 15. Oct. 1783. Bei dem ersten Versuche wurde der Ballon noch an Stricken gehalten; bei spätem ließ man ihn sich frei bewegen. Die sanguinischen Hoffnungen, die man anfangs auf die Erfindung des Luftballons gründete, haben sich bis jetzt nicht verwirklicht, weil die Füllung zu kostbar und umständlich, die Gefahr bei Anwendung zu Luftfahrten noch nicht genug beseitigt ist und will-; kürliche Lenkung nicht möglich scheint. Die Erforschung mehrer physikalischen Verhältnisse der obern Luftregionen haben sie wesentlich fördern helfen. Während der stanz. Nevolmion wurde zu Meudon, unweit Paris, ein acrostatisches Institut zur Bildung eines Aeronautencorps angelegt, welches von Montgolfieren aus den Feind beobachten sollte. Doch die Sache gerieth sehr bald ins Stocken. Die meisten Luftreifen haben unter den Franzosen Blan- chard und Dem. Garnerin unternommen. Ersterer erwarb sich überdies ein wesentliches Verdienst um die Aeronautik durch die Erfindung des Fallschirms, dessen sich der Luftschiff« bedient, um im Nothfall ohne Gefahr aus der Lust sich herabzulassen. Unter den Deutscher haben sich, nachdem der Professor Jungius in Berlin 1805 den ersten Versuch gemacht, der ' Professor Neichard und dessen Frau als Lustschiffer einen Namen erworben. Als die berühmtesten Luftfahrten erwähnen wir die Überfahrt von Dover in England über den Kanal nach Calais, die Blanchard mit dem Amerikaner Jefferies am 7. Jan. 1785 in einer Char- liere vollbrachte, welchen glücklichen Versuch der König von Frankreich mit einem Geschenke von 12000 Fr. und einer jährlichen Pension von 1200 Fr. belohnte; den verunglückten Versuch derselben Überfahrt von Pilatre de Rozier und Romain, am 14. Juni 1785, mittels Verbindung einer Charliere mit einer Mvntgolfiere, wobei die Maschine Feuer fing und beide Lustschiffer herabstürzten und ihr Leben einbüßten; die Luftfahrt von Bist und Arago in einer Charliere am 24. Aug. 1804; die gleich darauf von Gay-Luffac allein unternommene am 16. Sept. desselben Jahres, wobei er bis zu einer Höhe von etwa 22000 F-, ». also über 2000 F. höher als die Spitze des Chimborasso, aufstieg; ferner mehre Fahrten des Grafen Zambeccari, der sich 1812 zu Bologna zu Tode fiel, und endlich in neuerer Zeit die Fahrt des Engländers Green von London aus über den Kanal, ganz Holland und 113 Aesoit Affe Belgien bis in das Nassauische, wobei er fast -18 Stunden in der Luft blieb. Die längere Dauer der Luftfahrt hat Letzterer dadurch bewirkt, daß er das zwar schwerere und daher größere Ballons bedingende, aber-viel langsamer durch die Wände des Ballons entweichende und billiger zu erzeugende Kohlenwasserstoffgas anwendete. Während er jedoch auf ganz gutem Wege zu sein scheint, von dieser Seite her die Anwendung der Aerostaten als wirkliches Ncisemittel zu ermöglichen, ist es bisher, so viel bekannt geworden, noch nicht gelungen, eine praktisch anwendbare und genügende Vorrichtung zu beliebiger Steuerung des Ballons zu erdenken. Das einzige Mittel des Lustschiffers, die Richtung der Bewegung zu bestimmen, war bisher das in der Anwendung sehr beschränkte Mittel, durch Heben und Senken des Ballons eine Luftschicht aufzusuchen, deren Strömung die gewünschte Richtung hatte. An abenteuerlichen Vorschlägen hat cs nicht gefehlt; wenn man indessen neuern Nachrichten trauen darf, so ist man von der Lösung des Problems nicht weit entfernt. Namentlich arbeitet der Mechaniker Leinberger in Nürnberg an einem großen Luftschiffe, welches, seinen Angaben nach, an Tragkraft alle bisher bekannte Luftballons übertreffen, die größte Sicherheit gewähren und mit Leichtigkeit sich regieren und lenken lassen wird. Vgl. Zachariä, „Elemente der Lustschwimmkunst" (Lpz. 1823 ). Aeson, der Sohn des Kretheus und der Tyro, Stiefbruder des Pelias, und obgleich der älteste Sohn, durch diesen von der Regierung Thessaliens verdrängt, war der Vater des Jason, welchen Pelias nach Kolchis schickte, um nach dessen Entfernung im unbestrittenen Besitze der Herrschaft zu bleiben. Nach Diodor nöthigte Pelias bei dem Gerüchte, die Argonauten seien sämmtlich umgekommen, den A., Ochsenblut zu trinken, wovon er starb. Nach Ovid hingegen lebte A. noch bei der Zurückkunst der Argonauten und wurde durch Zaubermittel von der Medea verjüngt. Seine Gemahlin wird verschieden angegeben; bei Apollodor heißt sie Polymede, bei Diodor Amphinome, bei Andern Alkimede. Äetcs war der Sohn des Helius und der Persels oder der Antiope, Bruder der Circe und Pasiphae, und Gemahl der Jdyia, mit der er die Medea zeugte. Als Phrixus das goldene Vließ nach Kolchis brachte, war er König daselbst. Von seinem Bruder Perses ward er dcrHerrschast beraubt, aber durch seineTochter Medea wieder eingesetzt. (S. Argonauten.) Affaire oder Treffen, s. Schlacht. Affe. Die Affen bilden eine sehr charakteristische Familie in derjenigen Abtheilung der Säugthiere, die man die Vierhänder darum genannt hat, weil sie auch an den untern Gliedern wirkliche Hände besitzen. Ihre Körpergestalt nähert sich der menschlichen; sie haben dreierlei Zähne, entweder in derselben Zahl wie der Mensch oder vier Backenzähne mehr als dieser, und zwei Brüste. Ihr Knochenbau macht sie wenig geschickt zum senkrechten Gange, begünstigt aber, zumal durch Länge der Glieder und Hintere greifende Hände, das Klettern, sowie denn auch alle wahre Baumthiere sind. Bei allen ist der Rücken stark behaart, doch das Gesicht und Gesäß bei vielen, zumal den afrikanischen, nackt und dann oft sehr abenteuerlich gefärbt. Der Schwanz fehlt nur wenigen, ist aber von verschiedener Länge und bei gewissen Arten zu einem Ereiforgan (Wickelschwanz), gleichsam zu einer fünften Hand umgebildet. Nur eine Art wird gegen fünf Fuß hoch, während viele kaum größer als Eichhörner sind; alle besitzen aber ansehnliche Muskelkraft und daher auch schnelle und sichere Bewegungen. Aus der Form der Backenzähne ergibt sich, daß die Affen von vegetabilischer Nahrung zu leben bestimmt sind; die Eckzähne erinnern zwar an das fleischfressende Naub- thier, sind aber nur Waffen, indem kein Affe im natürlichen Stande Fleisch frißt. Die Mehrzahl lebt in Polygamie und in kleine Gesellschaften vereint; wenige, wie die Gibbons, sind monogamisch; Zwillingsgeburten scheinen bei ihnen ebenso wie im Menschengeschlechte selten zu sein. Die Jungen werden von den Müttern mit vieler Liebe gepflegt und zeitig abgerichtct, auf geschickte Weise zu stehlen. Die Sitten sind je nach den Gattungen verschieden, indessen kommen alle Affen durch große Unstätheit und Heftigkeit ihrer Affecte, durch Neugierde, Nachahmungssucht, Lüsternheit und List überein. Sie besitzen eine gewisse Intelligenz, die aber nicht höher steht als beim Hunde und der menschlichen nicht verglichen werden darf. Abrichtbar sind die meisten, jedoch nur in der Jugend. Wild und gefährlich bleiben immer die Paviane Afrikas. Ihr natürliches Vaterland ist die Palmenzone, denn Conv.-Lex. Neunte Aust. I. b> 114 Affeet Affenbrotbaum außerhalb der Wendekreise kommen wenige vor, und Europa hat nur einige verwilderte, so- genannte Meerkatzen, aus den Felsen von Gibraltar aufzuweisen, die dort von Mauren zurückgelassen, durch das Gesetz gegen Ausrottung geschützt sind. Das südliche Asien, besonders die großen Inseln Borneo und Sumatra (wo der Orang-Utang allein vorkommt), das tropische Afrika (wo die häßlichen Mandrill und ähnliche sich aufhalten) und das tropische Südamerika sind die eigentlichen Heimaten dieser Familie, von welcher man gegenwärtig über 150 Arten kennt. In Europa sind sie nicht zu akklimatisiren, sondern sterben jung an Lungenkrankheiten; den Orang-Utang hat man erst einigemal lebend nach England und Holland gebracht, ohne ihn lange erhalten zu können. Abgesehen von dem für Laien noch brauchbaren Bussen, haben Audebert, Cuvier, Spix u. A. allgemeinere Werke über die As- >. fen, Müller und Schlegel Abhandlungen über die indischen Affen geliefert. Ihre Anatomie ist von Camper, d'Alton, Sandifort u. A. genau gemacht worden und hat die beträchtlichen körperlichen Unterschiede zwischen ihnen und dem Menschen nachgewiesen. Affect ist das Gegentheil der Gemüthsruhe und bezeichnet daher jede Abweichung von dem Gleichgewichte des besonnenen Denkens und Wollens. Starke und heftige, vorzüglich unvorhergesehene Eindrücke, insofern sie in ihren Folgen den Gemüthszustand des Menschen afsicircn und plötzlich verändern, sind daher die gewöhnlichen Ursachen der Affecte, diese mannichfaltig sein können, wie die Art und Weise ist, in welcher das innere Gleichgewicht, die Haltung des Menschen, gestört werden kann. Die ältere Psychologie rechnete die Affecte zum Eefühlsvermögcn, während man die Leidenschaften dem Begehrungsvermögen ;u- schrieb. Mit der Lehre von den verschiedenen Seelenvermögen ist aber auch diese Unterscheidung weggefallen. Dennoch sind die Affecte von den Leidenschaften verschieden, indem die letztem vielmehr bleibende, in dem Innern festgewurzelte Dispositionen zu Affecten sind, gleichsam ein vulkanischer Boden, aus welchem oft bei der leisesten Berührung die Flammen eines affectvollen Fühlens und Handelns hcrvorbrcchen. Daher sind die Leidenschaften auch » beharrlich, die Affecte vorübergehend. Die letztem haben verschiedene Grade. Im höchsten ' Grade können sie betäubend, sogar tödtend wirken, wie z. B. Schreck vor Freude oder vor Furcht. Die Gefühle, welche den Affect vielmehr begleiten als ihn ausmachen, sind bald angenehm, bald unangenehm, bald aus Vergnügen und Schmer; gemischt, wie z. B. bei der Überraschung. In Beziehung auf die Art, wie die Gemüthsruhe gestört wird, gilt die Einthei- lung der Affecte in excitirende oder aufregende, wie Zorn, Rache, Freude, und deprimirende oder niederschlagende, wie Gram, Betrübniß u. s. w. Bei der engen Verbindung zwischen geistigen und körperlichen Zuständen pflanzt sich die im Affecte sich darstellende Erschütterung auch auf den Körper fort, wie sich in den Gefühlen der Erleichterung, der Beklemmung, in der Schamröthe, der Bläffe des Zornigen u. s. w. verräth. Umgekehrt unterstützt aber auch der Körper rückwärts die Fortdauer der Affecte. Für die höhern Grade des Affects schein! die Natur z. B. in den Thränen und im Lachen für eine Art Ablcitungsmittel gesorgt zu haben. Zu behaupten, daß nur der Mensch der Affecte fähig sei, ist kein Grund vorhanden, da sich bei den Thieren offenbar ähnliche Phänomene zeigen; wol aber ist der Mensch vermöge seiner höhern geistigen Ausbildung allein fähig, die Affecte zu bändigen. (S. Ge- müth.) Vgl. I. Geb. Ehr. Maaß, „Versuch über die Gefühle, besonders die Affecte" > (2 Bde., Halle I8H) und Alibert, „Ub^sioloßste deo pssoions" (Par. 1836). Affectation oder Ziererei im Betragen ist dem Natürlichen und der edeln Einfalt der Sitten entgegengesetzt. Die Affectation will etwas nicht Vorhandenes ersetzen und die Meinung erregen, daß es vorhanden und eigenthümlich sei. Das Mittel, wodurch sie dies gewöhnlich zu bewerkstelligen sucht, ist Nachahmung eines ihr fremdartigen Musters. Aber diese Nachahmung verräth etwas Gezwungenes, insofern Derjenige, der etwas affectirt, die entgegengesetzte Natur und Beschaffenheit von jener, die er affectirt, besitzt. Affection nennt man das leidentliche Verhalten einer Sache sammt den durch fremde Einwirkungen hervorgebrachten Zuständen und Veränderungen derselben, und spc- ciell gebraucht man es von Gemüthsbewegungen. Auch bedeutet es so viel als Zuneigung, insofern diese ein durch den geliebten Gegenstand abhängiger Gemüthszustand ist. — Affec- tion s p r e i s ist der Preis, den man auf eine Sache wegen besonderer Liebe zu derselben seht. Affensirotbaum, auch Baobab, ist ein von Linne dem Botaniker Adanson Affiliirte Afghanistan 115 ss. d.) gewidmeter, ^ daß A. seine natürlichen Blicke dem Occidcnt zuwendet, daß es ein wichtiges Passageland zwischen Oft- und Westasien und ein schützendes Bollwerk einer ind. Macht ist, welche sich gegen Angriffe von Westen her zu sichern hat. Wenn im Allgemeinen auch das Klima A.s als , ein echt continentales charakterisiert ist, so kann es bei den, verschiedenen Wasserreichthum, der wechselnden Bodenerhebung u. s. w. doch kein gleichmäßiges sein. Die Oasen der südwestlichen Sandwüstc werden noch von der Dattelpalme geziert und die ind. Natur zieht mit der Cultur des Zuckerrohrs und der Baumwolle in die tiefen geschützten Thäler des Osten ei»; doch die 8—9livü F. hohen Terrassen von Kabul und Ghasni werden durch einen strengen, von Ungeheuern Schneestürmen begleiteten Winter heimgesucht. Dennoch beträgt die mittlere Temperatur dieser Plateaus ungefähr 7° N., und die Sommerhitze sst groß genug, um die köstlichsten Neben zu reifen. Der Wein gedeiht neben Aprikosen, Äpfeln und Pflaumen, zwischen fruchtbaren Feldern europ. Getreides, dem sehr verbreiteten Taback, dem herrlichsten Tulpenflor, den aromatischsten Kräutern, der Asa fötida und dem Rhabarber der Berggegcndcn, wogegen Granaten und Orangen in den wasserreichen Thälcrn mü ^ duftenden Nosenwaldungen wechseln und in ind. Üppigkeit paradiesisches Klima Verkünder » Mit solchem Wechsel des Klimas und der Vegetation steigert sich auch der animalische Reich ' thum. In den rauhern Berggegenden findet sich der Bär, Wolf und Fuchs, in den tropischen Thälern Löwe, Tieger, Leopard, Schakal und Hyäne; die schönsten Weide» begünsu gen Schaf-, Rindvieh- und Pferdezucht, und das Kamcel durchzieht die Wüste. Wenn Ä. an und für sich reiche Naturschätze besitzt, so ist seine Bedeutung für den Continentalhaudci cine erhöhte, weil cs die Straße des ind. Verkehrs umschließt, eine Karavanenstraße von den Ost- zu den Westgrenzen des Reichs, auf welcher seit undenkliche» Zeiten fremde Völker und Sitten, Sprachen und Religionen ein- und auswandcrten. Dieser Straße, der söge nannten Königsstraße, verdanken die vier Hauptorte des Landes, Kabul (s. d.f, Ghasni Ligungsheer die Flucht ergriffen hatte. Mit freudigen Armen ward Schah Schudschah em- ^ pfangen und ihm am 8. Mai vom Volke gehuldigt. Nach einiger Erholung der Truppen richtete Sir John Keane seinen Marsch aufGhasni, welches gut vcrtheidigt, nur durch kräftige Entschlossenheit genommen werden konnte. Am 30. Juli marschirte das engl. Corps gegen Kabul das Dost Mohammed zu vertheidigen beabsichtigte; doch, vom Heere verlassen, flüchtete er nach den Hindu-Kuh-Gcgenden. Am 7. Aug. 1839 hielt Schah Schudschah seinen Einzug in Kabul, begleitet von Sir I. Keane, dem Gesandten Mac Naghten, dem gesammtcn Gencralstabe und einigen Abtheilungen der engl. Truppen. Ein Sohn Dost Mohammed's, HeydcrKhan, wurde als Staatsgefangener festgenommcn; die einen > Thronwechsel bisher immer begleitenden Grausamkeiten aber wurden von den engl. Generalen verhindert. Während Dost Mohammed als Flüchtling umherirrte, wurde Sir Alexander Burnes als Resident in Kandahar eingesetzt und Major Todd nach Herat gesandt, das Monate lang gegen die Perser sich heldenmüthig vertheidigt hatte, um dort die zerstörten Festungswerke wiederherzustellen. Da die Ruhe in A. hergestellt war, trat gegen Ende des 1839 das Hauptcorps den Rückmarsch an und nur in Dschcllalabad wurde zu Schah Schudschah s Verfügung eine Truppenabthcilung zurückgelasscn. Den Heimweg bezeichnen die glan^nde Waffenthat der Einnahme der Festung Kelat, der Residenz eines biludschista- nlschen Grenzstaats, und es schien mit dieser neuen wichtigen Einwirkung auf das Küstengebiet Mekran der brit. Einfluß an den nordwestlichen Grenzbollwerkcn Indiens immer ft- . ftern Fuß zu fassen. Wiederholte Empörungen gegen Schudschah zogen indcß bald wieder neue Verstärkungen brit. Truppen nach A. Dost Mohammed hatte der Khan von Bukhara in treuloser Gefangenschaft gehalten; nachdem er ihr entflohen, sammelte er in A. seine An- Afra Afranius 119 Hänger zum Kampfe gegen die Engländer, wurde aber bei Bamian am 18. Sept. und bei Purwur am 2. Nov. 1840 geschlagen. Hierauf suchte er Schutz bei dem brit. Gesandten Mac Naghtcn in Kabul, der ihm erst Ludiana, später aber Kurnul zum Aufenthaltsorte anwies. Die Ruhe in A. war aber nur scheinbar hergestellt; denn die östlichen Gebirgsvölker, und unter ihnen der mächtige Stamm der Gildschihs an der Spitze, beunruhigten fortwährend die Straße nach Indien und selbst die nächste Umgebung von Kabul, um die geschmälerten Rechte ihres freien Betriebs zu verthcidigcn. Unter solchen Umständen wurde der Friede den einzelnen Stämmen nur abgckauft, und das brit. Geld gewährte den Karavanen mehr Schutz als die Gewalt der Waffen. Als Mac Naghten den östlichen Gildschihs in den Khciberpässcn imOct. 1841 eine kleinere Summe überschickte als vertragsmäßig bestimmt war, gab dies die Losung zu neuem Aufstande. General Sir Robert Sale konnte nur mit Mühe und unter unaufhörlichen Scharmützeln Dschellalabad erreichen, während auch in Kabul am 2. Nov. die Empörung so plötzlich ausbrach, daß Schah Schudschah und die brit. Truppen unter General Elphinstone kaum die Citadclle Bala-Hissar und die verschanzten Lager zu erreichen vermochten. Alex. Burnes wurde gleich beim Ausbruche der Revolte erschossen; viele andere Offiziere fanden denselben Tod; auch in Kohistan und den umliegenden Bergdistricten erlitten die Engländer Verluste; die Truppen in Ghasni und Kandahar waren eingeschloffcn, der tiefliegende Schnee verhinderte jede offensive Occupatio» und überall drohte die Zahl und Energie der Afghanen eine gänzliche Aufreibung der engl. Truppen. Ihre Lage in Kabul ward mit jedem Tage bedenklicher, da alle Unterhandlungen mit den Afghanen, an deren Spitze ein Sohn Dost Mohammed'S, Mbar Khan, sich gestellt hatte, vergeblich waren. Ein neues Zeichen der sich steigernden Erbitterung war die Ermordung Mac Naghtcn's gegen Ende des Dec. bei Gelegenheit einer Konferenz mit Mbar Khan über den Abzug der Truppen. Endlich bewirkte doch der Major Pöttinger, der Nachfolger Mac Naghtcn's, den Abschluß eines Vertrags, welcher den Truppen von Kabul unter Zurücklassung von Geiseln freien Abzug versprach. Mbar Khan escortirte persönlich die am 6. Jan. 1842 aufbrechende Armee, deren Ziel das 90 engl. Meilen entfernte Dschellalabad war. Allein trotz des Vertrags war sic beim Betreten der Gebirgs- paffagen fortwährenden Angriffen ausgesetzt, sodaß in Folge dieser und der Anstrengungen des Marsches die kabulistanischc Armee zu Anfang des J.1842 als vernichtet betrachtet werden mußte. (S. O stindien.) Der Afghane hat von neuem das Gefühl der Unabhängigkeit gezeigt; sein Freiheitskampf verkündet, daß er ebenso wenig ruff. Unterthan sein will wie brit., und vielleicht lehrt er die engl. Politik andere Mittel kennen, den eifersüchtigen Besorgnissen vor dem Übergewichte anderer Großmächte zu begegnen, als die der Unterdrückung eines Volkes und der unberufenen Bevormundung seiner Herrscher. Afra , die Heilige, nach der die Landesschule zu Meißen noch jetzt den Namen führt, soll die Tochter eines Königs von Cypern gewesen, und nachdem sie nebst ihrer Mutter und ihren Brüdern in die Gewalt der Römer und namentlich nach Augsburg gekommen, hier nebst Jener und drei andern Mädchen ein öffentliches Freudenhaus unterhalten haben, später aber bekehrt worden sein. Im I. 303 zum Scheiterhaufen verdammt, ward sie zur Märtyrerin und 1064 heilig gesprochen. Afrancesados, s. Iosefinos. Afranius (Lucius), ein Anhänger des Pompejus, den er in den Kriegen mit Serto- rius und Mithridates als Legat begleitete und dessen Einfluß er im I. 60 v. Ehr. die Erhebung zum Consulat mit Q. Metellus Celcr verdankte. In dem Kriege des Cäsar und Pompejus suchte er sich mit M. Petrejus vergeblich in Spanien gegen den Erstem zu halten; sie mußten sich im Aug. 40 an ihn ergeben und wurden unter der Bedingung, nicht mehr gegen ihn zu fechten, begnadigt. Dennoch ging er 48 nach Epirus zu Pompejus; nach der Niederlage bei Pharsalus entfloh er nach Afrika, ward nach der Schlacht bei Thapsus im I. 46 an Cäsar ausgeliefert und von dessen Soldaten in einem Auflauf getödtet. Afranius (Lucius), röm. Komödiendichter, blühte um das I. 95 v. Ehr. Er ist der eigentliche Schöpfer des röm. Nationallustspiels oder der babula togat», und in der Schilderung des Lebens und der Sitten seines Volkes ließ er sich selbst bis auf die' niedrigsten Classen herab, wodurch die kabula tabernsria (das Kneipenlustspiel) entstand. Von den 120 Afrika Griechen, besonders von Mcnander, entlehnte er nur den äußern Bau, um ihn dem röm. Volksleben anzupassen. Seine Derbheit und Ausgelassenheit wurden von einigen altern Kunstlichtern getadelt; aber anerkannt sind sein reicher Witz und seine beredte Lebendigkeit. Er war ein sehr ftuchtbarer Dichter, aber von seinen 40 Lustspielen haben sich nur wenige Fragmente erhalten, die in Bothe's ,,1'oet. scen. Int." (Bd. 5, Th. 2) stehen. Afrika, dieser merkwürdige Erdtheil, von alten Zeiten her das Land der Verschlossenheit und der Näthsel, hat doch in neuester Zeit dem Eifer der Forscher und Glaubensboten und der Beharrlichkeit der Handelsspeculanten einige Pforten aufgethan, durch welche tief in sein gehciistnißvolles Innere einzudringcn es nicht an Hoffnung fehlt. Jene äußersten nördlichen und nordöstlichen Ränder des über dem Äquator der Osthalbe aufgeführten Erd- , kolosses, welche in den Zeiten der ältesten Cultur, indes der Nest in Nacht begraben lag, zu den ersten und reichsten Sitzen menschlicher Entwickelung gehörten, dann in die Bande einer tiefen Barbarei fielen, sind endlich durch die Wichtigkeit, welche Ägypten neuerdings wieder für die curop. Politik gewonnen hat, und durch die Niederlassung der Franzosen in Algier abermals in den Kreis der Weltinteressen hineingezogen worden, und cs würde in Zukunft noch mehr der Fall sein, wenn der Zug des engl.-ind. Handels, begünstigt durch die gehobene Kraft der Transportmittel, sich entschiedener auf die ursprüngliche Straße des Verkehrs mit Indien zurücklenkte. Ein anderer Theil der Ostküste, der von Habesch, scheint für Frankreich, das vornehmlich dort wirksame Missionen unterhält und kühne Reisende tief ins Innere sendet, eine unerwartete Bedeutung zu gewinnen. Von der südlichsten Spitze, von der Capcolonie aus, sind in der Forschung des nach innen aufsteigenden Landes Und im Verkehre mit den wilden Eingeborenen Fortschritte, die man glänzend nennen muß, durch Deutsche, Engländer und Franzosen gemacht worden. Englands Bemühungen, der schlimmsten ^ Pest, die A. verheert, dem Sklavenhandel entgegenzuarbeitcn, und Englands Bedürfnis, seiner Industrie neue Abzugskanäle zu eröffnen, werden, ungeachtet des ungünstigen Äus- falls mancher bisherigen Versuche, dennoch, wie zu hoffen ist, mit der Zeit den Zustand der s westlichen Küsten sehr umgestalten und von diesen aus, vorzüglich auch mit Hülfe des Quor- rastromsystems, den Zugang zu dem massenhaften Mittelkürper Ä.s erleichtern. Die hauptsächlichsten Hindernisse, welche dem Eindringen der Weißen sich überall entgegenstellen, sind die verhältnißmäßig kleine Anzahl zugänglicher Küstenpunkte, das pcstilcntialische Klima der sumpfigen Küstenstrecken, die Terraffenbildung der alsbald dahinter sich erhebenden Plateaus, wodurch der Vortheil ausgedehnter schiffbarer Ströme geraubt ist, die Sterilität ungeheurer Wüsteneien, die sich nur in Eile auf wenigen Straßen durchschneiden lassen, die Barbarei und der Blutdurst vieler einheimischen Stämme. Dagegen ist die Stellung A.s zu Europa den Unternehmungen nicht ungünstig. Es ist ihm mit seinen entlegensten Häfen ebenso nahe wie Nordamerika, näher als Brasilien, weit näher als Indien. Man braucht ungefähr von Bristol nach dem Kongoflusse 5V, nach Benin oder Fernando-Po 40—45, nach Cap-Coast35, nach Sierra-Lcone 30, nach der Gambia 25, nach dem Senegal gar nur 20 Tage ; heimwärts freilich wegen der Westpassage drei oder vier Wochen mehr. Das Nilthal war unter demselben Namen, den es noch führt, schon in den frühesten Zeiten der Geschichte die Wiege des Handels, der Künste und Wissenschaften. Aber selbst > in den Jahrhunderten, da Ägypten am höchsten blühte, scheint tiefe Nacht seine Umgebungen bedeckt zu haben, und Alles, was nicht ihm angchörte, unter dem Namen Ncgerland begriffen gewesen zu sein. Später lernten Griechen und Römer die Küsten am Mittelländischen Meere näher kennen und drangen im Binnenlande vielleicht bis zum Niger (Djoliba) vor, doch hat sich ihre Kunde kaum über die Grenzen Numidiens hinaus erstreckt; die südlichen Theile A.s kannten sie gar nicht. In das Gebiet der Sage gehört es, daß nach hcbr. Nachrichten schon im hohen Altcrthnme jüd. und lyrische Kauffahrer bei ihren Fahrten nach Ophir auch die Ostküste von A. erforscht haben sollen. Über die Geschichte der Entdeckungsreisen in A., seit die Phönizier unter Nechos, König von Ägypten (600 v. Ehr.), aus dem Dothen Meere, um A. herum und durch die Säulen des Hercules zurückgesegelt . sem sollten, bis auf die Unternehmungen in der neuesten Zeit, s. Leyden's „ttistorical ac- ' connt ok tliscoveries !Mloi> j,I„s ultra), Diaz und Vasco da Gama fanden das Vorgebirge der guten Hoffnung, und sowol die westlichen als die östlichen Küsten wurden von curop. Seefahrern untersucht. Vgl. Külb, „Geschichte der Reisen und Entdeckungen in A. vom Ende des 15. Jahrh. bis auf die Gegenwart" (Bd. I, Mainz 18-11). Die altern Unternehmungen und Reisen sind der Reihe nach etwa folgende: Im 14. Jahrh. die Wanderungen des Arabers Ebn Batuta, so weit sie den Nordrand A.s betreffen. Im>5. Jahrh. die Entdeckungen der Portugiesen und Vcnetiancr (Madeira, Cap- Blanco, Senegal, Guinea, Benin, Cap der guten Hoffnung u. s. w.) und die Beschiffung der ostafrik. Küsten durch den Portugiesen Covilham, der zuerst Habcsch bereiste und sich in Gondar niederließ. Im 16. Jahrh. die Wanderung des Leo Africanus durch die Berbcrei und Sahara bis Abyssinien und des Deutschen Rauwolf nordasrik. Wanderung; Wind- ham's Fahrt nach Guinea, dem >55-1 Lock und Townson und 1562 Rüttler, Bäcker, Carlct und Hawkins folgten; die Züge der Portugiesen 1576 und 1660 nach Monomo- tapa, einem damals mächtigen Reiche nächst der Zambescküste. Im 17. Jahrh. Jobson's und Tompson's auf Anlaß einer Handelsgesellschaft im J. 1626 unternommene Reise nach Timbuktu, womit die ununterbrochene Reihe der brit. Spekulationen auf A., zunächst ausschließlich im Menschenhandel, beginnt; die Niederlassung der Franzosen imJ. 1622 am Senegal und ihre zahlreichen Entdeckungszüge in das innere Land (Rcnouard u. A.); sodann des Jesuiten Lobo Versuch, imJ. 162-1 vom, Äquator aus durchs Binnenland »ach Abyssinien vorzudringcn; Äihevenot's Reise nach Ägypten im I. 1652; die engl. Besitznahme von Cap-Coast im I. 166-1; die Reisen Bcuc's nach Sencgambicn, und Lemaire's, Merolla's und Loyardiere's Reisen nach den westlichen Küsten, sämmtlich gegen Ende des 17. Jahrh.; und des franz. Arztes Poncet Aufenthalt in Habesch (vgl. die „lielation a!.-- rögee cl'un vo)-a^e, etc. 1668—1766" in den „Tsttres eellliaiites", Bd. 4, Par. >713). Auch ein Deutscher, I. M. Wansleben, bereiste und beschrieb damals dieses Land, und ein anderer Deutscher, von Grüben, gründete auf Befehl des Kurfürsten von Brandenburg 1683 in Oberguinea die Niederlassung Friedrichsburg, die später an Holland kam und jetzt verlassen ist. Aufschlüsse von ungleichem Werthe und zum Theil nur mit Vorsicht nutzbar, wurden im Verlaufe des 18. Jahrh. nach und nach über die verschiedenen Küstentheilc und einige ins Innere greifende Striche gegeben, namentlich von Barbot, Casseneuve, Loyer (Congo- und Goldküste), Pct. Kolbe (Hottentotten), Paul Lucas (Ägypten), Compagnon (dem Ersten in Bambuk), Snelgravc (Guinea, Dahomeh, Jnida), Shaw (Berberei, vgl. dessen „'1'ravols sml observations", 2. Ausg., Lond. 1757), Stuart (Nordafrika, Robert, Smith u. A.; vom Eapitain Norden und Pococke (Ägypten), Laroque und den Franzosen Pomme- gorgc, Demanct, Pernetti, Adanson (Sencgambicn) und Lacaille (Cap), ferner von Marsh, Thomann und Bouquoi (Ostafrika), Höst (Marokko und Fez 1766, vgl. dessen „Nachrichten", aus dem Dänischen, Kopenh. 1781) und dem Holländer Haringmann, Bruce (Ägypten, Nubien, Abyssinien, Nilquellen, 1768—73), Norris (Ahomey 1772), Sonnini und Irwin (Ägypten); von dem schweb. Naturforscher Thunberg und Sparrmann; von dem Oberst Gordon, in holländ. Diensten, der 1777 den Oranje-River entdeckte und benannte; von Paterson, der 1778 diesen Fluß nächst der Mündung passirtc („Ksrration ot 1o»rjou>- ne)s", Lond. 1789)und vanReenen („äouiiiulllt a journc)-otc.", Land. 1762); vonLcvail- lant, dem großen Menger von Dichtung und Wahrheit; von dem gewissenhaften und gründlichen John Narrow; ferner von Römer („Nachrichten von der Küste Guinea", 1764); P. Erdm.Isert(Nordguinca, 1783—87); Golbcrry (Senegambien), Grandpre (Südguinea); von Poirct („Vovn^e on Ilarberie", 2 Bde., Par. 1789); Boufflers, Palissot und noch mehren Franzosen; von Matthew (Sierra-Leone) und Lcmpricre („Tour trom 6>braltae to !1lai»eco", 2. Außg., Land. 1763). Im I. 1788 wurde die Äfrikanische Association (s. Afrikanische Gesellschaften) gestiftet und von ihr zuerst Lcdyard und Lucas, dann Major Houghton auSgcsendet, um dem Niger nachzuspürcn; auch ist hier der um 1766 gegründeten Colonie Sierra-Leone zu gedenken, die noch immer einen der wenigen Stützpunkte Englands im westlichen A. bildet. Weiter sind zu nennen: van Roonen (Cap), Brown« (Sudan, vgl. dessen „Travol8 in -X. etc. krnm 1792 to 1768", Lond. 1796), Fayrgc (Dahomeh) und Eapitain Beaver („,-Vkrican memorainla re-lation to a I-ritiK, settlemete 122 Afrika VN Ille Island ltt vulsmaetc.", Lond. 1805), Watt und Winterbottom (vgl. des Lehtern „Account ok tkie nations .4kricsns in tlle iieigiilionill. ok Sierra-Teone", Lond. 1803), Mungo Park, Hornemann und Durand (Sencgambien). Auch die Aufsuchung des verunglückten Lapeyrouse ward für die Kunde A.s ergiebig (vgl. Labiüardiere's „Vo>sge en re- clierclle, etc.", 2 Bde., Par. 1799). Von der größten Wichtigkeit aber war gegen das Ende des 18. Jahrh. die sranz. Expedition nach Ägypten, welche dem Interesse für A. einen neuen Aufschwung gab. Im 10. Jahrh. wirkten die verschiedenartigsten Triebfedern neben- und miteinander, um Europa näher mit A. bekannt zu machen und zu immer kühner» Versuchen zu spornen. Manche Nachrichten verdankt die brit. Negierung den Capitainen der Kreuzer, welche zur Bekämpfung des Sklavenhandels an den westlichen Küsten A.s stationirt find, und den Gouverneurs von Cap-Coast u. s. w. (vgl. Buxton, „Tbc akricau slave trade etc.", Lond. 1840, deutsch, Lpz. 1841); andere liefern die Privatbriefe der in A. handelnden Kaufleute. Auch wißbegierige und kühne Reisende drangen von allen Seiten in das Innere vor; so in Südafrika im I. 1801 zuerst Truter und Sommerville (vgl. „Account ok a journcy to I.ata- koo" in Barrow's „Vo^age to klockincliina", Lond. 1806). Lichtenstein bereiste 1802—5 die Districte oberhalb der Capcolonie und gab die ersten Aufschlüsse über die Betschua- nen. Mungo Park drang von oben, von Timbuktu im 1. 1805 bis an den Niger bei Bussa vor. Röntgen aus Neuwied ward 1811 auf dem Wege nach Timbuktu getödtct. Salt machte 1800 mit Lord Valentia und 1809 im Aufträge seiner Regierung Reisen nach Ha- besch, die viel Ausbeute gaben, wie auch später seine Nachgrabungen in Ägypten, als er dort Consul war. Spätere Nachrichten über Habesch gaben der brit.„Schiffer Pearce, der 18lv daselbst lebte, und um 1830 der deutsche Missionar Gobat. Über den Seestaat Muskat, dessen Imam auch gegenüber am Persischen Meerbusen Land besitzt, berichtete Wellsted (vgl dessen „Travels in ^rsbia"). Von der Afrikanischen Gesellschaft wurde 1809 I. L. Burck- Hardt ausgesendet, dessen resultatreiche Wanderungen zwischen 1812— 16 fallen. Dü, Nordküste besuchte Jackson („Account ok Narocco", 2. Ausg., Lond. 1811), dann 1815 der Spanier Badia y Leblich (Ali Bey), der ebenfalls Marokko durchzog und der Arzt della Cella, der 1817 von Tripolis nach Ägypten reiste; besser aber hat Pacho diese Gegenden beschrieben (1819—26); Capitain Beechey untersuchte diese Küste 1821, dann Washington, Bcauclerc, Rozet, Gräberg de Hemsö, Sir Granville Temple, Duvernay, Discoudray, Hanegger und Roscoe. Ägypten bereisten 1820— 21 Minutoli und Ehrenberg und dei Franzose Caillaud. Ferner sind noch Drovetti, Frediani, Belzoni, Brocchi, Acerbi zu er-, wähnen, sowie Prokesch von Osten, Seetzen, Sieber, Rüppcll, dann die Briten Capitain Fitz-Clarcnce, Waddington und Hanburry, Legh, Light, O'Beyrne, Welford, Hoskins, Burton (1825); endlich Cbampollion und dessen Begleiter Rosellini. Die Colonisationsversuche des 19.Jahrh.hatten meist einen andern Charakter als die früher« ; ihr Zweck war, befreite Sklaven unterzubringen, die Neger zu civilisiren und Ackerbau, sowie Handel mit Landesproducten ins Leben zu rufen. Die Engländer gründeten 1814 an der Gambia dieHandelscolonie St.-Mary; die Amerikanische Colonisationsgesellschaft 1821 die Colonie Liberia; seit 1826 fingen die brit. Niederlassungen an der Goldküstc an wichtig, zu werden. Auch auf diesen Punkten drangen Reisende vor. Major Gray machte 1820 — 21 einen Zug an der Gambia hin und hinauf ins Galamland (vgl. dessen „Travels in Western .4. etc.", Lond. 1825). Capitain Fawker schildert seine Gefangenschaft im 1. 1825 in Benin und das Volk und Land; Guinea überhaupt beschreibt der dän. Missionar Momad in seinen „Beiträgen zur Schilderung u. s. w." (Kopenh. 1822). Eine ganze Reihe frain. Reisender untersuchte vornehmlich Senegambien, so Olivier, Vincent, Fressangc, Colli», Ledru, Tombe, Guillot u. A. Moüien („Vozagc davs I'intcrienr de I'Xkrigue aux sour- ces du Senegal et de la Oamkia", 2 Bde., Par. 1820) erreichte 1818 die nicht weit voneinander entfernten Quellen des Senegal, der Gambia und des Rio-Grandc, in der Nähe von Timbo. Bis zu den Quellen des Niger konnte er nicht Vordringen; auch fehlte, cs ihm an Instrumenten, um seine Beobachtungen mit Genauigkeit anzustellen. Doch k hat er, in der Verbindung jener beiden Ströme durch den Neriko, den Stromweg gezeigt, ans welchem einst die Handelskaravanen aus dem Innern längs dem Senegal bis nach Fort !N ), N> s- de en M he m- er> ' Vi ,ch äd> t»- -5 aa- >ffa :alt ?a- >orl UV kr!, „gl. irck- Dil s ;i5 >ellr >dm mg- ray, bei > er-, tain !ins, ftü- bru, 1 an 821 cht'g, 82» >»io 825 mad -anr. rlli», our- weit r der 8°^ zeig» Zart Afrika 123 St.-Louis gelangen können. Fassen wir hier gleich die ferner» Unternehmungen zusammen, welche den Niger betreffen. Capitain Tuckey unternahm l8I6 eine Expedition nachdem Congo, um zu ermitteln, ob dieser irgendwie mit dem Niger in Verbindung sei (vgl. dessen „Ksrrutive ns SN expeäition", Lond. 1818). Im Sept. 1821 gingen die drei Briten, Oudncy, Clapperton und Denham, vom damaligen Colonieminister Lord Bathurst unterstützt, nach Tripolis, um von hier über Murzuk nach Bornu zu reisen und den Lauf des Niger zu erforschen. Oudncy starb zu Murmur am 12. Jan. 1824 an den Folgen der Erkältung; seine Gefährten Clapperton setzten die Reise nach Kano, der jetzigen Hauptstadt von Haussa fort, und erreichten Sakkatu, die Residenz des Beherrschers von Sudan. Sie entdeckten den Süßwassersee Tsad (Tschad), in den sich zwei große Flüsse, der Shary von Süden und der Uaou von Westen her, ausmünden. Vgl. „Narrative os travels unck ciisco- veries io nortbern uixl central ^srics, b^Venbain, Llappertoo and Oucloev, io tbs ^ssrs 1822 — 24" (Lond. 1826, 4., mit Kupf.). Im I. 1824 unternahm der brit. Major Gordon Laing von Tripolis aus die Reise nach Timbuktu. Clapperton trat 1825 eine neue Reise ins Innere an von Benin aus über Sakkatu nach dem Tsad, um über Timbuktu, von wo Laing nach Benin reisen sollte, bis Abyssinien vorzudringen. Ihn begleiteten der Naturforscher Dickson, Capitain Robert Pearce und Morrison. Laing erreichte zwar den Zielpunkt seines Strebens im Aug. 1826, mußte aber, nachdem er sich mehre Monate daselbst aufgehalten hatte, fliehen und ward ermordet. Clapperton starb am 13. Apr. 1827 an der Ruhr zu Sakkatu, in den Armen seines treuen Lander. Auch Denham wurde im Juni 1828 auf Sierra-Leone plötzlich hingerafft, als er dem durch seine Entdeckungsreise an der Ostküste von A. und treffliche hydrographische Arbeiten bekannten Capitain Owen als Statthalter der Colonie Fernando-Po gefolgt war. Gleiches Schicksal theilten die übrigen Gefährten. Nachdem Lander den Reisebericht bekannt gemacht, erhielt er den Auftrag zu einer neuen Untersuchung des Stroms und war so glücklich, dessen Ausmündung in die Bai von Benin zu entdecken. Laird fuhr 1832 den Strom hinauf; im folgenden Jahre wiederholte er in Gesellschaft Oldfield's mittels eines Dampfboots die Fahrt. Oldsield gelangte auf einem kleinern Fahrzeuge nach Rabba, fuhr sodann eine Strecke weit den Nebenfluß Tschadda hinauf und entwarf eine Karte desselben bis Addakudda. Vgl. Laird und Oldsield, „I>!arrsiiveoksnexps<1itioi>iu 1832 — 34" (2 Bde., Lond. 1837). Gegenwärtig fahren drei Handelsdampfboote Jamieson's aus Liverpool jährlich den Niger hinauf, bis wol 5«> engl. Meilen oberhalb der Stadt Rabba. Über Aschanti (s. d.) haben wir die neuesten Nachrichten vom Missionar Frecman, der dort 1839 einen Besuch machte und gute Aussichten für die Mission gewann, in dem Werke Buxton's „8Iave traäs etc." Eine ausführliche Schilderung der Colonie Sicrra - Leone (s. d.) gibt Rankin, d er sich daselbst 1833 auflstelt („^ visit tc, 8ierra-I^e»ne etc.", 2 Bde., Lond. 1836). Mit dem Volke von Dahomeh (s. d.) hatunsLcod's „Vo>»ge to.^Lics" (Lond. 1821) genauer bekannt gemacht. Capitain Lyon besuchte mit seinem Freunde Ritchie in Begleitung des franz. Naturforschers Dupont und des Briten Belford von Tripolis aus die Troglodytenhöhlen der Gha- rianstämme und kam über Murzuk bis Tcgarry, der südlichsten Stadt des Königreichs Fezzan (vgl. dessen „Narrative «k travels (1818—26) in uortlleru Lond. 1821). Ein Franzose, Douville, drang 1828—36 aufeigcne Kosten mit einem Gefolge von 306, oft 500 Menschen durch die Reiche Angola und Bengucla weiter als je ein Europäer vor ihm im Innern von A. vor, wenn nichtseine -u> Omxo, etc." (Par. 1832), obwol sie wegen vieler neuen Aufschlüsse, welche sie gibt, einen Preis der Geographischen Gesellschaft erhielt, die Erfindung eines schlauen Sklavenhändlers ist, der Mittheilungcn seiner Neger geschickt zu einem Reisc- roman zusammenzuflechten wußte; wenigstens scheint das Buch im Interesse des Sklavenhandels geschrieben. Über diesen Thcil der Westküste (Congo, Angola und Bengucla) belehrt uns in neuerer Zeit besonders Commodore Owen in seiner „Voxage" (2 Bde., Lond. 1833). Einer der letzten Reisenden aber in Angola ist Bartholomon (1835). Die Briten Paddin und Campbell, deren Entdeckungsreise sich ein Sachse, Adolf Kummer, angcschlossen hatte, nahmen ihren Weg über Rio-Nunez, um nach dem Binnenlande vorzudringen; doch alle Drei wurden Märtyrer für die Wissenschaft und sanken als Opfer des Klimas. Was aber seit Jahrhunderten der Neugierde, Politik und dem wissenschaftlichen Streben'Europas 124 Afrika nicht geglückt war, ein Unternehmen, das zugleich die Aussicht auf weitere Forschung in dem bis jetzt gänzlich verschlossenen Binnenlande A.s crösfnetc, ist durch einen einzelnen kühnen Mann ausgeführt worden. Es war Rene Caillic, der 1824—28 durch das Innere von A. zog und die vermeinte Wundcrstadt Timbnktu fand; doch schenkt man seinen Berichten nicht volles Vertrauen. Die nähere Bekanntschaft mit dem südlichsten Thcilc von A. vermittelten seit etwa 20 Jahren vorzugsweise die engl, und franz. Missionare, besonders John Campbell, der vom Cap aus 1819 Lattaku und 1820 Oldlattaku erreichte und den ganzen Lauf des Oranjcstroms bis hinab zur Mündung verfolgte; ferner Philipp, Moffat, Hamilton und Kay, der nebst Tompson bis 1833 noch am weitesten vorgedrungen war und uns besonders drei Kafferstämme, die Amakosa, Amatenbu und Amazuba, schildert. Auch Burchell, , der 1828—29 reiste, ist sehr zu beachten; ferner Cowper s „Lom->esrs in soutllern (Lond. > 829). Junge Franzosen machten zwischen 1830 und 1833 Reisen ins Bctschua- nenland, in welchem seit 1833 die evangelische Mission unter Arbousset und Cajalis zu schöner Blüte gediehen ist. Englische Handclsspeculanten passircn jedes Jahr den Oranjefluß und dringen weit ins Innere vor. Diese Thatsache führte in der Capstadt zur Bildung einet Societät, die 1834 eine Expedition unter I). Andr. Smith zur Erforschung des Innern aussendete. Die Reisenden, selbst von den gefürchteten Matabilis gastlich ausgenommen, pas- sirten deren jenseitige Grenze und hörten von einem weit nach Norden liegenden Süßwasscr- > see, erreichten aber nicht einmal die Bakaberge, die ein Kaufmann, Hume, früher schon überschritten hatte, sondern mußten Mangels wegen bei 23° 28^ umkehrcn. Bald darauf schlug Capitain Alexander einen andern Weg ins Innere ein. Er bereiste 1836 die noch äußerst ! unbekannten Länder der Namaquas und Buschmänner. Vgl. „4n expeckition «5 «liscove- I'ivs into tilg iuteriour ok.4.. etc." (2 Bde., Lond. 1838). In demselben Jahre machte der Offizier im ostind. Dienste, Capitain Harris, in Gesellschaft des Civilbeamten Richardson eine Jagdexcursion ins Land der Matabili, mit der Absicht, wo möglich bis an den Sec vorzudringen. Die literarische Frucht dieses Unternehmens ist sein „Narrative <>t au expelli- f tion etc." (Lond. 1839). Die neuesten und interessantesten Aufschlüsse über die Betschua- nas und insbesondere den Zweig der Bassutos verdanken wir dem Missionar Eugene Casalis , (vgl. dessen „bitmles sur lu langue 8eclmr>na", Par. 1841). Abyssinien (s. d.) ist in de» ^ letzten Jahren fast ununterbrochen bereist worden, so von Rüppell, Schimpcr, der sich noch in Tigrce aufhält, wo auch der belg. Generalconsul Blondel und einige Franzosen und katholische Missionare leben, und mehren Andern. Nur die südlichen Theile dieses Landes, perru- ! fcn wegen der Unsicherheit des Zugangs, waren noch immer gemieden und von Combcs uud , Tamisier nur berührt worden. Die Erforschung derselben unternahmen 1839 von verschiedenen Punkten aus, doch gleichzeitig der Chemiker Röchet d'Hericourt und Dufey. Von Letzten» sind nur kurze Notizen erhalten; von Ersterm ist ein ausführliches Tagebuch vorhanden. Über Scnnaar und Kordofan sind uns bei Gelegenheit der Sudanexpcdition Mehemed Ali s 1838 Nachrichten zugekommcn in dem türkisch geschriebenen Berichte, der der wichtigsten Partie nach in Buxton's „8Iavs tracke etc." mitgctheilt ist, und in dem Reiseberichte eines Beamten des Vicckönigs, Scheich Mohammed Eltumisi, der von Perron ins Französische übersetzt zu Kahira (2 Bde.) erschien; ferner durch die Berichte, welche der ital. Reisende Zer- » lini aus Bologna, der 1833 in diesen Gegenden Ausgrabungen anstclltc, in seinem „t 7 c,»w «ngch 8c»VI vjiei'ilti uclla Nubiit" (Bologna 1837; franz., Rom 1838) gegeben hat. So dringt man von allen Seiten, von Tripolis, von Ägypten, von Habcsch, vom Cap der guten Hoffnung, vom Congo, von der Bai vonBenin, von derGambia und vom Senegal in das verschlossene Binnenland vor. Noch aber fehlt der Zusammenhang zwischen den Hauptlinien, welche den Weg der Reisenden bezeichnen. Man schätzt den von ihnen bereits erforschten Raum in A. auf 10600 OM., was ungefähr den 50. Theil dieses Ungeheuern Festlandes ausmacht.- Vgl. Jomard, ,,8ur les clecouvertss clsns?>i>t«ll icur Oe I'^lrchue" (Par, 1827) und Larenaudierc, „Lssrii sur les progrcs de I» ge'oArspIne ile l'interieure ts rivers, lulees, j Mountains, j.rocluctions etc." (Lond. 1840), Ritter, „Vergleichende Erdkunde" (Bd. I), " Falkenstcin, „Geschichte der wichtigsten Entdeckungsreisen" (5 Bdchn., Dresd. 1828 fg.) und die Karten von Bcrghaus, Ritter und Bruc. 125 Afrika A-, eine große, einförmige Erbmasse, der (gestalt nach ungefähr ein Trapez von mehr als 85V M. Grundlinie (etwa l 0" nördlich vom Äquator, zwischen dem westlichsten Punkt Cap Verde, der fast in den Meridian von Ferro fällt, und dem östlichsten, Cap-Guardafui, bei 60" östl. L.) und 400 M. Höhe (bis zu Cap-Blanco, 37" nördl. B.), nebst einem an dieses Trapez angesetzten, doch gegen Osten darüber hinausreichenden Dreieck von 65V M. Grundlinie und 6VV M. Höhe, dessen nach Süden gekehrte Spitze das Nadelcap (35° südl. B.) ist, hat einen Flächeninhalt von ungefähr 363VVV OM. nördlich und I71VV0 OM. südlich vom Äquator, zusammen also 534000 und mit den Inseln etwa 6VVV0V (nach Andern 63VVVV) OM. Die Küstcnperiphcrie, von deren 35VV M. gegen vier Zehntel auf den Atlantischen Ocean, drei auf den Indischen, zwei auf das Mittelländische und eins auf das Rothe Meer kommen (denn nur die Suezenge macht den Landzusammenhang mit Asten), bietet, ungeachtet dieser Umzirkung von lauter Meer, doch wegen ihrer ungegliederten, buscn- und buchtenlosen Bildung erstaunlich wenig Berührung mit der See dar und begünstigt so die Verschlossenheit des Erdtheils. Nicht minder einförmig ist das an Wechsel der Aus- und Absteigung arme Profil. Drei Massen unterscheiden sich: I) Hochafrika, das ungeheure Plateau (ungefähr 341000 OM.) des erwähnten Dreiecks, mit zwei Vorbauen, dem Hochsudan im Westen und dem Alpenlande Habesch im Osten, zwischen denen der flache Sudanstrich; 2) nördlich hieranstoßend die Sahara (ungefähr IIVVOV OM.), westlich bis ans Meer und im Osten von dem Meere nur durch das schmale Stufenland des Nil getrennt; 3) am nördlichsten zwei durch den Ausläufer der Wüste, die große Syrte, voneinander geschiedene Massen, das Hochland der Berberei (ungefähr 2 I VVV) und das Plateau von Barka ( 2 VVV . OM.). Ungefähr zwei Drittheile des ganzen Erdtheils find Gebirgsland. Die Hochländer A.s, ihrer Scheitelfläche nach fast durchaus uns unbekannt, zeigen überall ähnliche Construc- tion; sie steigen in großartigen Terrassen, deren breite Stufen meist durch Randgebirge (d. h. den Rand der höher» Stufen überragende Gebirge) abgesetzt sind, zum Meere nieder, indem siezwischen diesem und ihrem Fuße nur schmale sandige oder sumpfige Küstensäume übriglassen. So der Südrand des untern Theils von Hochafrika (des südafrik. Hochlandes) eine dreistufige Terrasse, deren oberster Absatz die Ebene des Oranjeriver, während die Küstenebene nur fünf bis sieben Meilen breit ist; ähnlich, wie es scheint, der Ostrand, doch in vier Absätzen, so weit wir davon ungefähre Kenntnis haben, d. h. so weit die Küsten Natal (Kafferland) und Sofalareichen; denn nördlicher sind kaum die Küstenränder bekannt (die von Mozambique, Zanguebar, Äjan und Aden). Der Westrand dreistufig (zuoberst das Demboplateau), nämlich so weit Südguinea (Bengnela und Angola, Congo, Loango) reicht; nördlicher wahrscheinlich ebenso, wo das an hohen Gipfeln reiche Ämboserland; unterhalb Südguineas ist bis zu dcnNamaquas hin eine unzugängliche, ganz unbekannte Küste. Auch der wenig bekannte Nordrand verrath Terrassenbildung; das Hochland Adamova senkt sich in Absätzen gegen Osten nach Cap-Guardafui, gegen Norden vielleicht durch das Bergland Mandara (südlich vom Tschadsee) nach dem flachen Sudan und gegen Westen durch die Vorstufen von Jacoba und Hauffa zu dem Nigerthale hinab. Auch Habesch, mit dessen Bergen Ädamova nordwärts verzweigt scheint, zeigt Stufenbildung, über schmalem, sandigem Küstenstrich erhoben die Bcrgländer Schoa und Evat, im Norden davon und höher das Plateau von Amhara und Gondar, und das Bergland Tigree, dessen Vorstufe nach dem Rothen Meere hin Baharnagasch. Nicht anders der Hochsudan. Uber niedriger Küstenlandschaft zeigt sich hier die Kongkette, die um die Mitte ein breites Bergland bildet, wo der öliger entspringt und folgende Vorstufen hat: nach Norden hin die von den FulaS und Mandingos eingenommenen Berglandschaften, welche die Gambia durchbricht, Sulimana, Timbu, Jallonkadu, Ten- da, Bambuk, Kaarta u.s.w., nach Süden hin die Berglandschaften Aguapim, Aschanti, Da- homeh und Jabu; die dort vorliegenden Küsten sind von der Bai von Benin oder von Osten gegen Westen die Benin-, Sklaven-, Gold-, Zahn-, Körnerküste; dann auf dem Westrands die Sierra-Leoneküste, an die sich im Norden die senegambische schließt. Abweichende Bildung haben die Bergmassen der Berberei, wo die Atlas- und Haruschberge in vielen parallelen Ketten und nieder» Höhenzügen nach verschiedenen Richtungen streichen, und das Bar- kaplateau mit seinen steilen Hängen. Die höchsten Gipfel A.s, welche die Schnceregion erreichen (also wol 14000 F. hoch), hat der hohe Atlas aufzuweisen. 126 Afrika Hieraus schon folgt, wie eigenthümlich die Bewässerung des Erdtheils sein müsse. Von den obern Flußläufen wissen wir freilich wenig, so auch von den Seen, die etwa im Innern sich finden mögen. Auch abgesehen von diesen unbekannten Partien und von der wasserloscn Sahara, erscheint der ganze Erdtheil verhältuißmäßig arm an Wasser und an mannichfach entwickelten Flußnetzcn. Südafrikas Flüsse, meist dem Hochland angehörig, haben kurzen, hastigen Lauf und wol vorzugsweise nur im Qucllcngebiete eine ausgebilde- terc Natur. Den Mündungen, welche in A. die Deltaform lieben, liegen beträchtliche Bar- cen vor; der Oranjestuß, einer der südlichsten und ansehnlichsten, stellenweise zwischen >7 — 180» F. breit, versandet bei seiner Mündung ganz. Eigenthümlich sind die Flüsse des Hochsudan, der Niger und der Nil. Senegambiens Hauptflüsse (Senegal, Gambia und Rio- > grande) brechen durchs Gcbirg mit vielen Katarakten und Schnellen und schleichen dann durch die Küstenebene. Der Niger stürzt sich mit zahlreichen Fällen bei Bamaku aus dem Hochsudan ins Flache, wendet sich sodann nordwärts gen Timbuktu (bis wohin er bereist ist), um in Ungeheuern Bogen über Jauri (von wo wir ihn wieder bis zu seiner Mündung kennen) und Baussa, unter dem Namen Quorra, nachdem er dann einen starken Zufluß, den Tschadda, ausgenommen, die Küste von Benin zu erreichen und dort sein vielarmiges Mün- dungsdclta zu bilden. Der Nil entsteht bei Kartoum aus zwei Flüssen, dem mächtigen Weißen Nil (Baher-Abiad), der theilwcise durch Kordofan fließt, und dem Blauen Nil (Baher- Asrak), der heftig die Ausläufer des abyssin. Gebirgs durchbricht und Sennaar durchströmt, nimmt dann noch den Atbara auf und beschreibt einen Bogen durch sein mittleres Stufen- , land, das nördliche Nubien, viele Katarakten bildend (zehn allein im Mittlern Theilc), bis er bei Syene in das untere Stufenland, Ägypten, eintritt. Der Mangel an schiffbaren Flüssen ist die zweite Ursache, die den Zugang in A. erschwert. ' Das Klima wird gewöhnlich für ebenso eintönig wie der allgemeine topische Charakter des Erdtheils gehalten, allein mit Unrecht. Da A. von der 800 M. langen Linie, die der ^ ganze Äquator an Festland durchmißt, über 500 M. für sich allein nimmt, da vier Fünf- s theilc des Continents innerhalb der Tropen liegen und seine äußersten Enden im Süden und Norden beiwcitem nicht die Grenzen der Negenzone, wo es nie im Niveau des Meers schneit, erreichen, da der Erdtheil eine compacte, glicdcrlose, continentale Masse ist, in so geringer ! Berührung mit dem temperirenden Meere, da er weit ausgedehnte Sandwüsten und kahle Scheitelflächen enthält, so ist es allerdings der heißeste Erdtheil und bringt Temperaturcon- traste wie kein anderer hervor, Dürre und Regenzeit als einzigen Wechsel des Jahres, Glut- ! Hitze am Tage und verhältuißmäßig harte Kälte, die Wasser in kleinen Gefäßen gefrieren macht, bei der Nacht, lange Windstillen und wüthende Stürme. Aber Alles gilt nur für das Meeresniveau und geringe Erhebung darüber, keineswegs für die Terraffenlandschaftcn, die in A. eine so wichtige Rolle spielen. Die Sahara, ein Wasser- und vegetationsloses Stufenland, theils von Flugsand (Wüste Sahel), theils von losem Geröll bedeckt und mit Schluchten und Klippenreihen durchzogen, theils unermeßliche Felsplatten bildend, wechselt stets verzehrende Sonnenglut der Tage und Kälte der Nächte. Für das übrige Land muß man in Bezug auf Temperatur und Klima unterscheiden die Küsten, die Mittcltcrrassen und die Scheitelflächen der Plateaus oder die Alpcnlandschaften. Die flachen Küstensäume, meist - aiigeschwemmte, überflutete, versumpfte Striche, bieten natürlich geringere Cvntraste, haben feuchtere Atmosphäre, stärkere Niederschläge, aber erzeugen aus den Morästen der Flußmündungen die für Leben und Gesundheit der Europäer höchst gefährliche Malaria; indessen reicht die Region der giftigen Luft nicht leicht weiter als 400 F. über der Meeresfläche hinauf; der Breite nach etwa >ooo Miles ins Land hinein und 4» Miles in die See. Nach I). Daniell soll die afrik. Malaria aus der Erzeugung häufigen Schwefelwasserstoffes durch die Berührung vegetabilischer faulender Substanzen, welche die Flüsse besonders von den dichten Mangrovienwäldern der Küste herführen und bei ihrer Mündung absetzen, mit dem Mcerjalzc herrühren. Schon in den beiden subtropischen Klimagürteln A.s treten neben dem Sommer und (regnichten) Winter die beiden andern Jahreszeiten Frühling und Herbst hervor; überall aber auf den Mittelterraffen der Hochländer, die sich eines wahrhaft gemäßigten Klimas erfreuen. So passen in Kongo die Nachrichten der Missionare von fürchterlicher Hitze, Sumpfluft, Schlangen, wilden Bestien u. dergl. nur auf die flache, sandige, von zahl- Afrika 127 losen Flüssen durchschnittene Küstengegend; die Mittelterrassc aber, die angenehm tempe- rirt, äußerst volkreich und trefflich angebaut ist, heißt bei den Kongoern selbst „das Paradies der Welt". Ebenso ist auf der Terrasse von Timbu, hinter der Sicrra-Leoneküste, das Klima sehr gesund und mild. Hinter der Sklavenküste, auf der Vortcrrasse Aguapim, findet man, sobald der Sandboden aufhört und die Wohnsitze der Bergneger beginnen, eine reizende Berglandschaft, reiche Quellen, eine neue Vegetation (Öl' und Weinpalmen u. s. w.), mildes ital. Klima und reine, gesunde Luft. Und so überall auf den Terrassen nach den sichersten altern und neuen, Nachrichten. Die Beschaffenheit derjenigen Gegenden, die wir, mit Ritter, Alpenlandschaften genannt, ist durch diesen Namen hinlänglich bezeichnet. Der Productenreichthum A.s ist weit größer als er gewöhnlich vorgestellt wird, schon in denjenigen Districten, von denen wir es genau wissen, und zum Theil, der Sage nach, sehr tief ins innere Land hinein, z. B. auf dem Hochsudan. Ärmer ist das tropische Ä. als das tropische Amerika an Pflanzenarten, aber nicht arm; auch weist es zum Theil neue Geschlechter und abweichende Ärten auf. Mit den Ansteigungen geht natürlich die tropische Natur allmälig ganz in die der gemäßigten Zonen über, deren Erzeugnisse auch alle in A. gedeihen. So ungeheure Waldungen wie Amerika hat A. nicht, aber doch einen unendlich reichen Schatz an Holz der mannichfaltigsten Art, besonders an harten und mächtigen Nutzhölzern, zum Theil unschätzbar für den Schiffsbau. Charakteristisch sind der Baobab (die kolossale Ädansonia), das Ebenholz, der Drachenbaum; es hat einen Reichthum an Tikholz und Podhol; (lignmn Vitae), Mahagoni- und Nosenholz und noch 4«—5V zum Theil wenig bekannte Arten, die zu allerlei Nutz dienen; auch schöne Färbehölzer, wie das Cam-und Barholz, und Aloearten in Menge. „Die Akazien decken weite Flächen. An Palmen gibt es Fächer-, Dattel-, Dum-, Wein-, Öl- und Cocospalmen, dazu die Schi- oder Butternußbäume, deren Butter sehr wohlschmeckend sein soll. Außer den Palm-, Schi- und Cocos- nüssen kommen Guru-, Kola-, Ground-, Castor- und Nettanüsse in den Handel. Kaffee gibt es in Menge, häufig wild und zum Theil sehr preiswürdig, desgleichen Indigo und Taback. Baumwolle ist cingeführt und gedeiht an verschiedenen Orten herrlich. Die subtropischen Klimagürtel, vorzüglich der südliche, bringen alle europ. Culturgewächse, die man einführt, zum höchsten Gedeihen: Agrumi, Wein und Obstartcn trefflich und reich; Ananas, Guavas, Pinienäpfel, Papaws, Pisang, Bananen u. s. w. in Üppigkeit; Zuckerrohr kräftig und in Fülle. Weizen wird mit bestem Erfolg gebaut, daneben Reis, Mais, süße Bataten, Guineakorn (Hirse) und die A.eigenthümliche Durrahirse. Es hat herrliche Gewürze, Manioka, Arrowroot, Jgnamc, Ingwer, Cassia, Senna, Weihrauch u. s. w.; Harze der verschiedensten Art, Kautschuk in Menge, Färbekräuter in allerlei Tönen. Das Thierreich bringt nicht allzu mannichfaltige Geschöpfe, doch die üppigsten und kräftigsten Exemplare hervor. Von wilden Thieren erwähnen wir die schönen afrik. Löwen, die Hyänen, Tiger, Schakals, Rhinocerosse, Flußpferde, Affen und Antilopen, deren Jagd dem Handel die schönsten Felle liefert. Vor Allem ist des Kameels zu gedenken. Die Giraffe, das Zebra, Quagga und Gnu sollen A. eigen sein. Außer dem Gnu gedeihen viele Hausthiere aufs beste, z. B. in Bornu Pferde, Büffel, Rinder, Schafe, Ziegen u. s. w. Schafe, Ziegen und Rinder finden sich den ganzen Niger entlang und so auch anderwärts; Pferd, Esel und Kameel sind wol seit uralten Zeiten einheimisch. Mit Hühnervögeln ist Alles überschwemmt. Ausnehmend reich ist der Erdtheil an schöngefiedertem Gevögel, namentlich Papageien und Straußen. Gefürchtet sind die Krokodile des Nil und die gefährlichen Schlangen der heißesten Küsten. An Mineralien ist Gold das vornehmste und häufigste Product, auch Silber fehlt nicht; herrliches Eisenerz bieten die Sierra-Leoneküste, der obere Senegal, die Gegend von Timbuktu und die Kette der Congoberge. Kupfer gibt es zu Ma- jomba in Überfluß, Salmiak in Dagrumba; an verschiedenen Orten Schmergel, Ammoniak, Salpeter u. s. w. Höchst interessant ist für den Beobachter der afrik. Menschenstam m. Der größte Theil der Äftikaner ist nicht nur durch die schwarze Hautfarbe und das krause Haar, sondern auch durch die Eigenthümlichkeiten des Knochenbaues am Kopfe und selbst des Nervenbaucs von den übrigen Erdbewohnern sehr unterschieden. Dies seht ein Jsolirtsein ihres UrstammS voraus, wodurch die physische Beschaffenheit der eigentlichen Neg er(s. d.) so von Grund I2S Afrika »us anders werden konnte. Noch glaubt man Neste jenes Urstammes hier und dort zu crkcn> mn, wie die der Urägypter in den Kopten und die der Guanchen, der Ureimvohncr der Cana- ricn, in den Berbern. Die Zahl der Einwohner mag zwischen 100—105 Mill. schweben; viel bevölkerter als die Küstenländer ist das Innere A,s,'obschon Marokko und die Berberei nebst Ägypten sehr bedeutend bevölkert sind. Die gestimmten Bewohner gehören zwei Stämmen des Menschengeschlechts an, dem äthiopischen oder Negerstamme, der vom Djoliba abwärts sich bis zur Südspitze erstreckt und zu dem auch die Hottentotten gehören, und dem kaukasischen Stamme, dem die Berbern, Kopten, sowie die Mauren, die Habescher und die Völker Nubiens beizuzählcn sind. Die Araber kann man zwar nur als Einwanderer betrachten, doch sind sie jetzt über den größten Theil des Nordens und über den Osten verbreitet und ganz einheimisch geworden. Auf den Inseln und an den Küsten findet man Portugiesen, Spanier, Franzosen, Holländer, Briten und selbst Juden. Die Hauptsprache im ganzen Norden und bis zum Djoliba herunter, wenigstens unter den Völkern, die sich zum Mohammedanismus bekennen, ist die arabische; die Berber-und die Shelluhiprachcn mit ihren Dialekten herrschen in der Berberei und am Atlas. Der Sprache nach unterscheiden sich die Bewohner von Nordasrika als Berbern und Guanchen, welche letztere hauptsächlich die Inseln bevölkert habcu. Die Mandingosprache ist vom Senegal bis zum Djoliba die gewöhnliche; an der Westküste spricht man zum Theil ein verdorbenes Portugiesisch, in de» Habeschländern die Tigrce- und Amharasprache. Vor allen den 150 Sprachen der afrik. Völker, welche Seetzen anninunt nnd von denen wir bis jetzt siebzig und einig! kennen, zeichnet sich die Fulasprache, die im Suladialektc auf der Sierra-Lcone gesprochen Wird, durch ihre Lieblichkeit aus. (S. Sprachenkunde.) Wie die Sprachen, so verschieden ist auch die Art der Eottesvcrchrung. Im ganzen Norden und bis tief in das Innere ist der Islam verbreitet, der längs der ganzen Linie des Abfalls der afrik. Hochlande mit den Negcrvölkern im Kampfe, unaufhaltsam fortschreitet; zum Christenthume bekennen sich die Einwohner von Tigree und Amhara, die Kopten, die Nubier und die curop. Fremdlinge, doch nach sehr verschiedenem Ritus. Bei den meisten Negervölkern herrscht du abenteuerlichste Fetischismus, der bei manchen sogar Menschenopfer fodert. Wissenschaftliche Bildung darf man in A. nicht suchen; was -ie Pharaonen, die Ptolemäer geschaffen hatten, ging im Mittelalter völlig unter. Schulen unterhalten die Mohammedaner in den Städten der Bcrberei, die Marabuts und hier und da auch die Kopten und Mono- physitcn in Tigree und Amhara. Kunstsieiß trifft man in A. blos auf der nördlichen Küste unter den Mauren. Wie viel Producte A. in den Handel zu liefern hätte, wenn man ihm Gelegenheit zu andern: Handel als dem Menschenhandel gäbe, so ist leider bis jetzt der Sklavenhandel (s. d.) fast die einzige Art des Verkehrs für den ganzen Erd- thcil sowol an allen Küsten als auf den Karavanenstraßen durch die Wüste. Dem Menschen ist in A. von je an das größte Unrecht widerfahren, nicht blos durch die unmenschliche, verdammungswürdige Mishandlung Derer, die man zu Sklaven machte, sondern auch durch daS Vorurthcil, daß die schwarze Race nicht bildungsfähig sei. Das Gegentheil hat der Neger schon unzählige Male bewiesen, und wenn es auch richtig ist, daß der Mensch unter den klimatischen und überhaupt topischen Einflüssen steht, so ist der Mensch doch Mensch, d. h. vernünftiges Geschöpf, das sich von allen Banden der zufälligen Verhältnisse frei machen kann. Den Negertypus stellt man sich gewöhnlich viel zu einförmig vor. Er durchläuft alle Abstufungen der Schädel- und Profilbildung, von der eigentlichen dickköpfigen, scharfgeschnittenen Negerbildung bis zur kaukasischen und curop. Form, und alle Farben, vom glänzendsten Schwarz bis zum bräunlichen Jncarnat nach südeuropäischer Art, oft das tiefste Schwarz gerade mit der reinsten curop. Gesichtsbildung vereinigend, wie bei den Jaloffcn und Somaulis. Einige Stämme haben ganz aus sich eine eigene, wenn auch beschränkte Cultur entwickelt, vor allen die edeln Fulas und Mandingos aus dem Hochsudan. Dem Afrikaner hat noch jede Berührung mit der Weltcultur gefehlt. Bringen wir die Cultur an ihn, steigern wir sein Interesse für den Verkehr mit der civilisirten Welr durch Nutzbarmachung der afrik. Hülfsquellen, wecken wir seine intellectuellen Kräfte, die sehr groß sind, wicwol jetzt durch jähe Leidenschaft und schnell verloderndes Feuer gebro- I> !- cl st i- b- m >d t- ^ > e- m ch m a- re m u- a- g- e» en > >cr ^ c» ich ^ t )c> stell in ! w- >cn »n )is cd- m- ch- ich at sch >ch s ll- ' or. ck- nd ,er ,d^ ne, a-s >»- ien . 'tt, ' ro- Afrikauische Gesellschaftett 129 chen, so wird es sich ohne Zweifel bestätigen, daß der Neger Mensch ist, und daß der Mensch über alle Gewalt der beschränkenden und ihn in Fesseln schlagenden Natur triumphirt. Hinsichtlich seiner staatlichen Eintheilung zerfällt das afrik. Festland in einheimische Staaten und europ. Besitzungen. Einheimische Staaten sind: I) Aschanti (s. d.), 2) Barka (s. d.), 3) Bornu, 4) Darfur, 5) Guinea (s. d.), ti) Habesch oder Abyssi- nien (s. d.), 7) Marokko (s. d.), 8) Senegambicn (s. d.), 9) Sennaar (s. d.), 19) Sudan mit der Sahara (s. Fulahs), II) Tunis (s. d.) und 12) das innere und östliche A. Die Briten besitzen in A. das Cap der guten Hoffnung (s. d.), Gambia, Sierra - Leone (s. d.), Mauritius, Eap-Coast, Fernando-Po, Accra, Sanct - Helcna (s. d.), Ascension (s. d.) und Sechellcn (s. d.); die Franzosen Niederlassungen am Senegal, nebst den Inseln San-Louis und Eore'e, Jsle-de-Bourbon, St.-Maria und A l- gierss.d.); dieOsmancn Ägypten (s. d.) und Tripolis (s. d.); die Dänen, Niederländer und Nordamerikaner Colonien und Fort in Guinea; die Portugiesen die Azoren (s. d.), Madera und Porto-Santo, die Inseln des Grünen Vorgebirges, St.-Thomas, Angola und Benzuela, Mozambique (s. d.) u. s. w.; die Spanier die kanarischen Inseln (s. d.) und Tanger u. s. w. Die Inseln Madagaskar (s. d.), die Komoren, Tristan d'Äcunha u. s. w. stehen unter einheimischen Fürsten. Afrikanische Gesellschaften nennen wir die Vereine, die sich in Nordamerika und England zu verschiedenen Zeiten gebildet haben, theils zu commerciellem, theils zu philanthropischem Zwecke, theils um in Afrika selbst zu wirken, theils um sich der ihrem Vaterlande entrissenen Neger auswärts anzunehmen. Schon im 16. Zahrh. entstand in England eine aftik. Handelsgesellschaft, die hauptsächlich den Sklavenhandel betrieb, jedoch auch Manches zur Bereicherung der afrik. Geographie leistete. Wichtiger ist die 1759 durch eine Parlamentsacte errichtete stricken Company. Sie sorgt vorzüglich für die Unterhaltung und Verpflegung der Forts und Besatzungen auf der Westküste Afrikas, zu welchem Zwecke ihr das Parlament einen jährlichen Beitrag von 13990 Pf. St. gewährt. Ihre Handcls- unternehmungen selbst beruhen auf besondern Privatvereinen, die nach jeder Unternehmung gewöhnlich sich auflösen. Für diese ist hauptsächlich der auf Waarenumtausch berechnete Landhandel im Innern von Afrika ein Gegenstand der Spekulation. Als die amerik. Quäker auf die Leiden der Negersklaven ihre Aufmerksamkeit richteten, bildete sich die Pcnn- sylvanische Gesellschaft zu Philadelphia, 1774 gestiftet durch Rush und Pemberton, um für Abschaffung (abolition) der Sklaverei zu wirken und sich hülfloser und ungerecht behandelter Neger anzunehmen, Nach einiger Unterbrechung ihrer Thätigkeit im I. 1787 wurde sie unter Frankliws Präsidium mit erweitertem Wirkungskreise erneuert, obschon 1785 unter John Jay eine andere Abolitionsgescllschaft sich gebildet hakte. Nach ihrem Muster organisirten sich die von Ncuyork, Connecticut, Maryland und andern Staaten der Union und traten untereinander in Verbindung. Gleichzeitig stifteten engl. Quäker, die sich schon 1783 zur Bekämpfung des Sklavenhandels und Befreiung der Neger auf den westind. Colonien vereinigt hatten, 1786 die Sierra-Leonegesellschaft, die sreige- lassene Neger nach einem Plane Sharp's anzusiedeln unternahm, 1791 gesetzliche Sanktion erhielt und die Niederlassung auf der Sierra-Leoneküste mit 1131 Schwarzen begann, 1808 aber ihre Rechte an die engl. Regierung abtrat. (S. Sierra-Leonc.) Ebenfalls um dieselbe Zeit entstand die ^krican sssociatimi, ein Verein von 95 Briten, der am 9. Juni 1788 in London seine erste Versammlung hielt. Der Zweck desselben war auf die Erforschung des Innern von Afrika, auf die Civilisation der Neger und aus die Beförderung der brit. Handelsinteressen in Afrika gerichtet. Die Seele dieses Vereins war der berühmte Banks (s. d.). Ledyard und Lucas waren die ersten Briten, welche auf Kosten dieser Gesellschaft in das Innere von Afrika eindrangen; später wurden von ihr dahin entsendet der Major Houghton, Mungo Park und die beiden Deutschen Hornemann und Burckhardk. Die Resultate ihrer Unternehmungen sind niedergelegt in den „Urocesclings ok tke sssociutions tor promotinA tbe «liscover)' os Atrien" (1790 sg.) Die ^sriesn institu- twn, deren Stiftung besonders Thom. Clarkson veranlaßt?, hatte einen rein philanthropischen Zweck. Das Comite, welches 1787 zusammentrat (Clarkson, Sharp, Sansom und Conv.-Lex. Neunte Aufl. 1. 9 130 Afrikanischer Krieg sechs Quäker), beschloß, gegen den Sklavenhandel zü opcriren durch Einsammlung und Der- breitung authentischer Nachrichten über die Greuel desselben, durch Beschaffung von Petitionen aus allen Theilen Englands an das Parlament und ähnliche Mittel. Clarkson, der sein Leben ganz dieser Sache widmete, bereiste England und Frankreich, besuchte viele hundert Sklavenschiffe, um ein sicheres Urtheil über den Stand der Sache zu gewinnen, und verfaßte eine Reihe Schriften, für deren Verbreitung die Gesellschaft sorgte. Die Gesellschaft constituirte sich am 25. März 1808 fest unter dem Vorsitze des Herzogs von Glvu- rester und beschloß, fortan auch Verbindungen mit den Eingeborenen anzuknüpfcn, Primair - und Ackerbauschulen unter ihnen anzulegen, ihnen Geräthschaften, Sämereien u. dergl. zu liefern, kur; auf alle Weise für ihre Civilisirung zu sorgen. Die Einnahmen des Vereins waren aber zu gering, um etwas Bedeutendes auszuführen. In den Südstaaten der nordamerik. Union, wo man längst der verabscheuten freien Farbigen gern entledigt sein wollte, bat schon > 802 Virginien die engl. Regierung, diesen Farbigen die Ansiedelung zu Sierra-Leone zu verstatten, jedoch vergebens. Im I. >816 beschloß die Legislatur dieses Staats, auf die Erwerbung eines passenden Territoriums, wo möglich aus der afrik. Küste, ernstlich zu dringen, und nach vielen Verhandlungen errichtete ein Kongreßmitglied, General Mercer, 1817 die Amerikanische Colonisationsgesellschast (American eolnni- -istinn sociot)-), welche sich lediglich den Zweck setzte, freie Farbige nach Liberia (s. d.), der zuerst von dem Quäker Hopkins aus Baltimore >796 gegründeten, nun aber von der genannten Gesellschaft restituirten Colonie zu übersiedeln. Außer Virginien boten Connecticut und Delaware die Ausführung ihrer sämmtlichen freien Farbigen an. Dagegen ist die amerik. Sklavenbefreiungsgesellschaft (^nti-slaver;- soc!st>-) ein entschieden philanthropischer und deshalb, besonders in den Südstaaten, sehr verhaßter und verfolgter Verein. Sie trat 1833 in Neuyork auf, nachdem die Colonisationsgesellschast, um mehr Beiträge für sich zu gewinnen, den altern Abolitionsvereinen geradezu den Krieg erklärt und die Volks- wuth gegen dieselben gereizt und seit 1829 zu Gewaltthätigkeit und Blutvergießen gesteigert hatte. Abschaffung der Sklaverei und Unterdrückung des Sklavenhandels, koch ohne Anwendung physischer Gewalt, vielmehr besonders durch Civilisirung der Neger, sind die Tendenzen dieser Gesellschaft. Vgl. Jay, ingnirz- >nto tlis clmraeter et tcn- ') saciet)- mit 10 Stationen in Westafrika und einer in Südafrika, die London Missionen^ socikt)- mit 19 Stationen in Südafrika, und die Wesley'sche Missionsgesellschaft mit 17 Stationen in Nordasrika und vier in Westafrika. Endlich trat zu London 1839 die Gesellschaft zur Vernichtung des Sklavenhandels und zur Civilisirung Afrikas (8ocist) fm tlle extinctinn ok tlle slave trade and kor tlle civiliaation ok ^krica) zusammen, deren erste öffentliche Sitzung am 1. Juni 1840 unter Prinz Albert's Präsidium stattfand. Sie adoptirte Buxton's Plan, dem Sklavenhandel durch Civilisirung der afrik. Stämme in Afrika selbst entgegenzuarbeiten (vgl. dessen ,,'1'lle akrican slave trade", Lond. 1840), beschloß aber, nur mit Aufsuchung und Anempfehlung der dazu geeignetsten Mittel und Wege sich zu beschäftigen, ohne selbst auf Unternehmungen und Missionen sich einzulassen. Aus ihren Antrag ist die verunglückte Nigerexpedition des I. 1841 unternommen worden. Zur Unterstützung der Hauptgcsellschaft, deren Organ die Monatsschrift „Um kriend ok .äinca" (seit Jan. >841) ist, haben sich bereits verschiedene Hülfsgesellschaften gebildet. Afrikanischer Krieg heißt der Krieg, den Julius Cäsar gegen die Anhänger des Pompejus führte, welche nach der Schlacht bei Pharsalus sich unter Q. Metcllus Scipio in der von dem Pompejancr P. Attus Varus besetzten Provinz Afrika gesammelt hatten, wo sie an Juba, König von Numidien, einen Bundesgenossen fanden. Cäsar landete, da seine Flotte bei der Überfahrt von Sicilicn durch den Sturm zerstreut worden war, nur mit wem- After AfzelinS 131 gen Truppen südlich vom Borgebirge des Mercurius (jetzt Cap-Bon), in der Nähe von Leptis, gegen das Ende des I. 47 v. Chr. Das ungünstige Zeichen, daß er beim Aussteigcn zur Erde fiel, wandelte er für seine Soldaten durch die bekannten Worte: „Ich halte dich, Afrika", in ein glückliches um. Erst allmälig gelang es ihm, seine ganze Macht zu vereinigen, welcher aber die der Feinde besonders durch eine große Anzahl numidischer Reiter und durch 120 Elefanten überlegen war. Anfänglich eng von ihnen cingeschlossen und von der Zufuhr abgeschnitten, wußte er sie durch einen plötzlichen Angriff auf die Stadt Thapsus zur Schlacht (am 6 . Apr. 46 ) zu nöthigcn, die mit der Vernichtung des größten Theils des feindlichen Heers endete. Von den Häuptern der Pompejanischen Partei entkamen Einige nach der l Schlacht nach Spanien; Scipio, Petrejus und Juba tödteten sich selbst. Ebenso endete Cato in Utica, als Cäsar dieser Stadt, in der er befehligte, sich näherte. Eine Geschichte des Kriegs besitzen wir in dem Buche „ve bello stricano", welches den Ausgaben des Cäsar angehängt ist und voll dem schon Sueton ungewiß war, ob es dem Hirtius oder Oppius, beide Freunde des Cäsar, zuzuschreiben sei. Aster nennt man die untere ausführende Mündung des Darmkanals. Besonders häufig kommt das Wort in Zusammensetzungen vor und bedeutet theils Das, was nach Zeit, Ort oder Ordnung nachfolgt, z. B. in den Urkunden Aftersabbath, d. i. Sonntag; A f- tersonntag, d. i. Montag; Aftermiethe u. s. w.; theils im uneigentlichen Sinne Dasjenige, was in Werth, Gehalt und Form schlechter ist als das Vorhergehende, z. B. Afterbier, so viel wie Nachbier, Covent; Afterbildungen die Producte abnormer Vegetation organischer Gewebe, wobei der normale Charakter der Gewebe verloren geht; Afterkorn die kleinen unreifen Getreidekörner; Aftermehl das Mehl, welches nach Beutelung des feinern übrigbleibt; After sch lag das Holz, welches vom guten abgcht (Abraum), oder das durch Sturmwind oder häufigen Schnee gefällt wird (Wind - und i Schneebruch); Afterglaube oder Aberglaube undsehr viele andere Zusammensetzungen, vorzüglich beim Bergwesen, wo Alles After heißt, was von gepochten und gewaschenen Erzen übrigblcibt und wenig Metall mehr hält. — In der Mennigbrennerei bezeichnet man mit After die in der Mennige befindlichen Bleikörner. Asterlehen oder Achterlehen (subkeiickuw, srriere-liek) heißt ein Lehen, dessen Lehnsherr der Vasall eines andern Lehnsherrn über dasselbe ist, oder dessen beliehener Inhaber sein Nutzungsrecht daran wieder einem Andern in Lehen gereicht hat. Je nachdem also nach oben oder nach unten eine dritte Person in den Lehnsnexus eintritt, bleibt der bisherige Vasall entweder in der unmittelbaren Verbindung mit seinem Lehnsherrn oder tritt aus derselben heraus und bekommt noch einen andern obern Lehnsherrn, dem er auf gewisse Art pflichtig wird. ES schreibt sich dieses Rechtsverhältniß aus einer Zeit her, wo man die Formen der Belehnung auf sehr Vieles ausdehnte; cs wurde also sowol die Lchnsherrlich- kcit häufig lehnbar gemacht, als auch das Nutzungsrecht in Lehen gegeben. In Deutschland waren selbst Neichslande vielfältig böhmische, sächsische und andere Afterlehen. Afzclius ist der Name eines berühmten schweb. Gelehrtengeschlcchts. — Adam > A., gcb. zu Larf in Westgothland am 8. Oct. 1750 , gest. am 30 . Jan. 1837 als der letzte > Schüler Linne"s, wurde 1777 Docent der oriental. Literatur und 1785 Demonstrator der Botanik an der Universität zu Upsala. Im I. 1702 ging er als Naturforscher nach der engl. Colonie Sierra-Lcone in Afrika; nach der Rückkehr im 1. 1794 wurde er 1796 Ee- sandtschaftsstcrctair in London, 1799 wieder akademischer Lehrer in Upsala und 1812 zum Professor der Diätetik ernannt. Als Schriftsteller ist er bekannt durch mehre naturhistorische Werke und durch die Herausgabe der Selbstbiographie Linne's (deutsch, Berl. 1826 ). Nach ihm sind das Pflanzengeschlecht ^lrelis, ^moinni» ^fuelii, Hosa ^krelü, die Moosart Oal)Meeres ^brelii und die Insekten kturlsena tortrix und blxlktbris ^ü-elii benannt. Seine Pflanzensammlung wurde für die Universität zu Upsala angekauft. — Sein Bruder, Johan A., geb. 1753 , seit 1784 Professor der Chemie an dcrUniversi- - tat zu Upsala, gest. am 20 . Mai 1837 , nachdem er seit 1820 im Ruhestande gewesen, hat, ohne als Schriftsteller aufzutreten, sehr viel zur Ausbildung der Chemie beigetragen. — Beider Bruder, Pehr von A., geb. 1760 , seit 1801 Professor der Arz- 132 Aga Aganrppe neikunde zu Upsala, 1812 zum königlichen Leibarzt ernannt und 1816 in den Adel- stand erhoben, seit 1820 ebenfalls in den Ruhestand versetzt, war früher für seine Wisse»- schaft wie für die Universität sehr thätig und lange Zeit einer der berühmtesten praktischen Ärzte Schwedens. — Anders Erik A-, ein Verwandter der Vorigen, war 1818—21 Lehrer der Rechtswissenschaft zu Äbo. Der russ. Negierung wegen seiner politischen Gesinnungen verdächtig, erhielt er im 2- 1831 den Befehl, das Land zu verlassen, und wurde, als er seine Abreise verzögerte, nach Wiatka verwiesen, erhielt jedoch 1835 dieEr- laubniß, zu Willmanstrand in Finnland seinen Aufenthalt zu nehmen. — Arvid Aug. A., geb. 1785, seit 1821 Pfarrer zu Enkäping, ist durch seine Forschungen im Gebiete alt- nordischer Literatur sowie als Dichter rühmlichst bekannt. Schon frühzeitig hatte er seine » Aufmerksamkeit insbesondere den alten Volksliedern seines Vaterlandes zugewendet und auch in eigenen Dichtungen im alten Volkstone sich versucht. Mit Geijer gab er die schweb. Volkslieder, „Svenska Loikvisor" (3 Bde.), mit den alten Melodien heraus, die theils von Häffner in Upsala, theils von Grönland in Kopenhagen bearbeitet wurden. Trefflich übersetzte er die „Sümuullsr Llllla"; in seinem Trauerspiele „von sistakoUcungen" kann nun, indeß blos den lyrischen Thcil gelungen nennen. Seit 18-tv beschäftigt er sich mit einer Geschichte Schwedens, gegründet auf Volksübcrlicfcrungen, „Sveuska lolkets sagolmülei", von der 1842 drei Hefte erschienen waren. Aga oder Agha, d. i. Herr, ein Wort tatarischen Ursprungs, ist bei den Türken der Titel der Militairbefehlshaber und obersten Hofbeanitcn > so gibt es einen Janitscharen Aga, einen Topdschilar Aga (Oberbefehlshaber der Artillerie), einen Silihdar Aga (Generalissimus des Fußvolks und der Reiterei), einen Kißlar Aga (Aufseher des Harems) u. s. w. Agadrsche oder auch ägatische Inseln nennt man eine Inselgruppe des Mittel- meers an der Nordwcstspitze Sicilicns, welche aus einer Menge Felsen, vielen kleinern und j folgenden sechs größern Inseln besteht: Fävignano, Cerdinisi, Borrone, Levanso, Licosia und Maretimo, welches kahle felsige Eiland, mit einem Castell versehen, als Staatsgefäng- ' niß dient. In der Nähe der ägadischen Inseln erfochten die Römer einen berühmten Seesieg über die Karthager im ersten punischen Kriege. Agamemnon war nach Homer und Euripides der Sohn, nach Apollodor der Enkel des Atrcus, Königs von Mykene, von dessen Sohne Plisthenes und der Aerope oder, nach Andern, der Eriphyle, ein Bruder des Menelaus. Herr des mykenischen Reichs wurde er nach seines Vaters Tode, nachdem er den Thyestes entweder daraus vertrieben oder es von diesem geerbt hatte. Seine Gemahlin war Klytämnestra, mit welcher er die Iphigenie, Elektra und den Orestes, nach Andern auch noch die Chrysothemis, Laodike und den HalesuS zeugte. Als die Gemahlin seines Bruders, Helena, von dem Paris, dem Sohne des Pria- mus, Königs von Troja, entführt worden war, zog er mit Jenem in ganz Griechenland umher, um die Fürsten zum Kriege gegen Troja zu bewegen. Er erreichte seine Absicht und ward selbst zu Argos zum Oberfcldherrn der verbündeten Griechen gewählt. Das Heer derselben versammelte sich in Aulis in Böotien, und nachdem es dort lange Zeit durch die Diana, welcher A. eine geweihte Hirschkuh gctödtet, an der Abfahrt verhindert worden (s. Jp h ige n ia), kam cs endlich vor Troja an. Hier erscheint A. stets während der langwie- 7 rigen Belagerung als einer der edelsten Helden und als wahrhaft königlicher Herrscher. (S. Achilles.) Nach der Eroberung Trojas kehrte er eirdlich, nachdem er einige Male von widrigen Winden verschlagen worden war, mit der Kassandra, welche er als Beute erhalten, glücklich in seineHeimat zurück, wurde aber da vom Ägisthus, dem er bei seiner Abreise seine Gemahlin und Kinder anvertraut hatte, und der Klytämnestra, nach Homer bei einem Mahle, nach den Tragikern im Bade, nebst der Kassandra ermordet. Vom Tantalus an, dem Ahnherrn des Geschlechts, bis auf A. und dessen Kinder herab verfolgte stets ein feind- liches Geschick diese Familie und stürzte sie ins Verderben. (S. Tantalus, Pelops,j Atreus, Thyestes und Ägisthus.) Einen Thcil der Geschichte des A. behandele zwei Tragödien, die eine von Aschylus und die andere von Seneca. Aganrppe, die Tochter des Flußgottes Tekmessus am Helikon in Böotien, war die Nymphe der Quelle Aganippe, welche die Eigenschaft hatte, daß sie Den zum Dichter begeisterte, der aus ihr trank. (S. Heliko n.) i Ägäon Agassi; 133 Agäon, der Sohn des Uranus und der Gäa, war ein Riese mit hundert Händen und fünfzig Köpfen, den nach Homer die Götter Briarcus, d. i. den Furchtbaren, nannten. Als einst Juno, Neptun und Minerva den Jupiter fesseln wollten, rief ihn Thetis zu Hülfe, worauf Jene von ihrem Vorhaben abstandcn. Nach Hcsiod hatte ihn Uranus nebst seinen Brüdern, Kottus und Gyges, gleich nach der Geburt, weil sie feindlich gegen ihn gesinnt waren, in das Innere der Erde verborgen. Als aber Jupiter in Kampf mit den Titanen gerieth, rief sie dieser auf den Nach der Gaa zu Hülfe und erhielt durch ihren Beistand den Sieg. Die Titanen wurden in den Tartarus gestürzt und von Jenen, die ihrer Abkunft wegen auch Uraniden heißen, daselbst bewacht. Nach andern Erzählungen war A. ein Sohn der Gäa und des Pontus, und auch Ovid nennt ihn einen Mccrgott. Bei Virgil ist er ein Gigantc, und als solcher wird er von Kallimachus unter den Ätna versetzt. Agapen, s. Licbcsmahlc. Agardh (Karl Adolf), Bischof zu Karlsbad in Schweden, der berühmteste Forscher im Gebiete der Algenkundc, gcb. 23. Jan. 1785 zu Bästad in Schonen, wo sein Vater als Kaufmann lebte, studirte von 1799 a„ auf der Universität zu Lund und trat daselbst 1807 als Lehrer der Mathematik auf. Bald aber kehrte er zu seinem frühern Lieblingsstudium, dem der Naturgeschichte, zurück und warf sich mit ganz besonder»: Flcißc auf die Erforschung der kryptogamischcn Gewächse. Zwar war in diesem Fache schon durch Turner, Dillwyn, Vaucher u. Ä. viel geleistet worden; doch noch immer fehlte die wissenschaftliche Anordnung. A. gab zunächst seine „Dispositio algsrinn 8c->nclmsviae" heraus, worin er fast ganz noch dem Linncsschen Systeme folgte, dann die „8>nopsis alKgrum8csu- «linaviae" (Lund 1817), wobei er das Werk von Lamouroux über die Algen benutzte, die er nun milder größten Genauigkeit ordnete, und hierauf seine „8>,ecies slgnrnm" (Bd. > ! und 2, Abth. I , Lund 1820 — 28), denen die „lconss iügarum" (Lund 1820 — 2g) und endlich sein Hauptwerk, das„8)8tc,rm algurum" (Lund 182-1) folgten, in welchem l er alle Entdeckungen seiner Vorgänger im Gebiete der Algenkunde, so namentlich auch dcS Dänen Lyngbye, selbständig verarbeitete und das er durch eine Masse eigener Beobachtungen und origineller Ansichten bereicherte. Hierzu kamen noch seine „lconcs ulgarum europ." (4 Lieft., Lpj. 1828 — 35), „krssui (>L recluire In vegötule 5 «las principes toixllnnentaux" (Lund 1828), „bissm sur le cleveloypeuient Interieur «Ie-> piautes" (Lund 1829) und endlich das „lKrolmll i liotsnillen" (2Bdc-, Malmoe 1830— 31), dessen erste Abtheilung, die „Organographie der Pflanzen", vonL.vonMeycr (Kopenh. 1831) und die zweite, „VViixtcrnas Ilinlngie", unter dem Titel „Allgemeine Biologie der Pflanzen" von Crcplin (Greifsw. 1832) ins Deutsche übersetzt wurde. Außerdem hat A. Verschiedenes über Mathematik, öffentliche Erziehung und theologische Bildung, sowie auch eine Kritik der Grundlehrcn der Staatsäkonomic geschrieben. Seine Darstellung ist lebhaft, anziehend und oft glänzend; seine Ideen sind blendend, doch bestehen sie, wo er das kryptogamische Gebiet verläßt, nicht immer die strengere Prüfung, namentlich hat er in dem „Lehrbuch der Botanik" manche Misgriffc gethan. Nachdem er von 1812 an als Professor der Botanik und praktischen Ökonomie an der Universität zu Lund gelehrt, em- » pfing er 1816 die priestcrliche Weihe und zugleich eine Präbende. Als-Abgeordnctcr seines Stiftes wohnte er den Reichstagen von 1817, 1823 und 1834 bei. Dreimal, zu verschiedenen Zeiten, hat er einen großen Thcil Europas durchreist. Er ist Mitglied vieler Akademien und gelehrten Gesellschaften, auch der Äkademie der Wissenschaften zu Stockholm und Einer der Achtzehn der schweb. Akademie. Im I. 1834 wurde er zum Bischof zu Karlstad befördert. Seitdem hat er sich mit Theologie und orientalischer Literatur beschäftigt. Auch wohnte er dem Reichstage von 1833 — 40 bei, auf welchem er sich sehr thätig bewies und besonders durch fein treffliches Dictamcn gegen die Aufhebung der Standesrepräsentation sich auszeichnctc. — Sein Sohn, Jak. Georg A., der Herausgeber der „8z-nop8is geiieris Iniftni" (Lund I 835) und der „lieronsin 8p6eiermn jpenoris Ltori- > ckis" (Lund 1839), tritt mit vielem Erfolg in des Vaters Fußtapfen. " Agassi; (Louis), einer der ausgezeichnetsten Naturforscher, geb. 1807 zu Orbc im Waadtlande, wo sein Vater Prediger war, kam 1818 auf das Gymnasium zu Biel und erhielt schon 1822 auf der Akademie zu Lausanne die übliche Beförderung in den schönen 134 Agasfiz Wissenschaften. Hierauf studirte er zu Zürich, Heidelberg und zuletzt zu München Me- dicin, wo er 183» Doctor wurde. Von Jugend an hatte das Studium der Natur einen besondern Reiz für ihn gehabt. In Heidelberg und München beschäftigte er sich besonders mit vergleichender Anatomie, und an lctzterm Orte ward er mit Martius und Spix bekannt. Nachdem Spix 1826 gestorben, übertrug ihm Martius die Herausgabe der 116 Arten von Fischen, die, von Jenem in Brasilien gesammelt, aus vielen bekannten, aber auch manchen unbeschriebenen Arten bestanden. A. machte hier zum ersten Male seine Ansichten über die Classification der Fische geltend, welchen er später treu geblieben. Das Werk erschien unter dem Titel „Uisces «tc., s,uns collegit et pingendos cursvit 8pix, descripsil^." (Neufchatcl 182» — 31, mit 91 lithogr. Taf. in Fol.). Durch diese Arbeit überhaupt auf Jchthyo- . logie geführt, unternahm er nun die systematische Bearbeitung der Süßwasserfische Mittel- europas. In seiner „llistoire naturelle des poissons d'esii douce de I'Lurozie centrale" (2 Lieft., Neufch. 1839—12, Fol., mit 31 lithogr. Taf. und deutscher, franz. u. engl. Erklä- rung) behandelte er den Gegenstand mit monographischer Vollständigkeit, vieles Neue bringend aus der Lebensgeschichte, Verbrcitungslehre und der Anatomie der Fische, welche die Alpensccn und die mittclcurop. Flüsse bis zu ihren Mündungen in die Meere bewohnen. Immer weiter geführt durch den Umfang des Gegenstandes, ließ er hierauf sein Weck über die Fische der Vorwelt, „Recllerclies sur les poissons fossiles" (11 Lieft., Neufch. 1833 —12, 1., mit 311 lithogr. Taf. in Fol.) erscheinen, welches sich auf ein überaus reiches Material gründete, das Privat- und öffentliche Sammlungen, namentlich die in Paris, wo A. 1831 und 1832 arbeitete, geliefert hatten und, insofern es ein bis dahin wenig erörtertes Gebiet der Zoologie umfaßte, eine große Lücke ausfüllte. Der Umgang mit vor- ^ weltlichen Resten der Fische brachte A. zunächst auf andere fossile Thiere, zuerst auf die ^ Echinodcrmcn („Description des Lcliiuodermes fossiles de >s 8uisse", 3 Lieft., Neufch. 1839— 12 ,1., mit 35 lithogr. Taf.), deren Untersuchung ihn wiederum zu einem allgemeinem, auch die lebenden Echinodcrmcn umfassenden, aber noch unvollendeten Werke ) (,Mc>noz;rsz,liies d'Lcliinodermes vivsnts et fossiles", iLiefr., Neufch. 1838—12, 1., mit 62 lithogr. Taf.) vcranlaßte, und dann auf die fossilen Mollusken („Ltndes critchnes snr les l>lnlliis(j»es fossiles", Lieft. I, Neufch. 181», 1., mit 11 lithogr. Taf., und „51emoire s»r les mnnles de lllollusgues vivsnts et fossiles", Neufch. 181», 1., mit 12 lithogr. Taf). Das größte Aufsehen machte aber sein Werk „Lindes snr les glsciers" (Neufch. 181», mit 32 lithogr. Taf. in Fol.; deutsch, cbcnd. 1811), indem es der Geologie eine kheil- weise Umgestaltung brachte. Die ungeheuren Massen zerstreuter Gesteine, die durch innere Zusammensetzung sich als Fremdlinge auf dem Boden auswciscn, welchen sie ovn den Nordküstcn Deutschlands bis an den Fuß der Alpen bedecke», die sogenannten Findlinge (dlocs errsnts), hatten frühzeitig die Aufmerksamkeit der Geologen und Physiker auf sich gezogen. Die in den norddeutschen Ebenen bemerkten hielt man für hcrbci- geschwcmmt auf Eisschollen des Nordens, und die merkwürdigen Anhäufungen im Rhone- thale und am Fuße des Jura erklärte L. von Buch durch eine sehr ausgearbeitcte Theorie, welche lange Zeit den allgemeinsten Beifall fand, indem er Ströme von einer in der ruhigen Jehtwelt ungeheuren Macht annahm, welche auf einmal von allen Punkten und aus allen » Thälern der Alpen losbrachen, jene Blöcke von riesiger Größe mit sich forttrugen und, kaum zertrümmert, am Fuße der Gebirge ablagerten. Das durch ihr bedenkliches Vorrücken nothwendig gewordene Studium der Gletscher der Schweiz hatte von neuem auf die wichtige Thatsachc aufmerksam gemacht, daß diese Eismasscn stets große Anhäufungen von Steinblöcken mit sich forttragen und vor sich herschieben. Benetz und Charpentier deuteten zuerst die große Kette von Findlingsblöcken, welche in wallartigen Hügelreihen aufgcthürmt liegen bis in die Ebenen der Schweiz, indem sie einen sehr großen Localgletscher für das Rhonethal annahmcn, der einst bis dort hinabreichte und bei dem Wegschmelzcn jene Trümmer zurückließ. A. dehnte diese beschränkte Ansicht, abgesehen von den Unterschieden der ^"ftassungsweisc, in eine allgemeine Vercisimgstheorie aus und beschränkte sich nicht allein auf die Schweiz, sondern wies ihre Richtigkeit auch für Schottland, England und Irland " "a«)- ^ ""hm an, daß auf die wärmere Periode, welche der Erschaffung unscrs Ge- schlechts voranging, eine andere, durch Eintritt plötzlicher und hoher Kälte bezeichne», Agathias Aflathokles 185 gefolgt sei, Welche alles organische Leben austilgte, indem eine Eiskruste von ungeheurer Mächtigkeit die ganze Erdoberfläche überzog. Mit der Wiederkehr einer mildern Temperatur singen jene Eismasscn an in den Thälern zu schmelzen, und endlich setzten auch diejenigen der Berge sich in Bewegung, wie noch jetzt die Gletscher, schoben Felsen vor sich her und ließen sie als Halbkreise um den Fuß der Gebirge liegen. Als letzte Neste dieses Ureises würden die noch bestehenden Gletscher der höchsten Gebirge anzuschcn sein. Nachgewiesen wurde dieses Verrücken von oben herab durch die glattpolirten Fclstnflächen, welche Gletscher zurücklaffen, durch Form und Stellung der Findlingsblöckc. Die Bewegung jener Eismassen erklärte A. aus Infiltration der feinen Haarspalten der Gletscher mit Wasser und wies nicht allein durch mühsame Bohrvcrsuchc auf dem Aarglctscher diese Beschaffenheit des Eises noch bei 140 F. Tiefe nach, sondern auch die überraschende Thatsache, daß die Gletscher im Innern nie kälter sind als — s/? N., daß also das Wasser »»gefroren bis auf große Tiefen gelangen könne und dann, im Gefrieren sich ausdehncnd, die Masse der Gletscher in Bewegung setzen müsse. Dieser letztere Theil der Frage ist physikalisch und von geringerer Erheblichkeit, insofern es sich nicht darum handelt, die Gründe des allbekannten Vorrückens der Gletscher, als vielmehr die Richtung desselben nachzuweisen. Mit seltenem Scharfsinne ist A. bei diesen ebenso beschwerlichen als kostspieligen, mit großen Strapazen verbundenen, mit Feuereifer unternommenen, mit Beständigkeit und umsichtiger Ruhe durchgeführten Untersuchungen zu Werke gegangen. Agathias, mit dem Beinamen Scholasiicus, den er sich durch seine ausgezeichneten Kenntnisse in der Jurisprudenz erwarb, aus Myrina in Atollen gebürtig, blühte in der Mitte des 6. Jahrh. n. Ehr. Seine erste Bildung erhielt er zu Alexandria, kam dann um 554 nach Konstantinopel und machte sich später als Dichter, noch mehr aber als Geschichtschreiber bekannt. Von seinen Gedichten besitzen wir nur noch 00 und einige Epigramme, die in der griech. Anthologie stehen; die reiche Sammlung von Gedichten ans den fechs ersten Jahrh., die er veranstaltet hatte („XMos" genannt), ist verloren gegangen. Dagegen ist vollständig auf unL gekommen sein Eeschichtswerk in fünf Büchern, welches die I. 553 — 550 aus Justinian's Negierung behandelt und als eine Fortsetzungdcs Procopius betrachtet werden kann. Der Stil in demselben ist incorrcct, die Darstellung schwülstig und überladen mit dichterischen Ausdrücken. Die erste Ausgabe dieses Werkes besorgte Vulcamus (Lcyd. 1504, 4.), die letzte mit vielfach verbessertem Texte Niebuhr (Bonn 4828). Agathodämon, s. Dämonen. Aqathöklcs, einer der kühnsten Abenteurer des Alterthums, dessen Geschichte vorzüglich Diodor von Sicilicn und Justin erzählen, geb. 35l v. Ehr., war der Sohn des Karkinos, der, aus Nhcgium vertrieben, sich zu Therma in Sicilicn aufhielt. Wegen eines bedenklichen Orakelspruchs gleich nach der Geburt ausgesetzt, wurdd er von der Mutter heimlich erzogen und im siebenten Jahre vom Vater wieder angenommen, worauf er zu Syrakus, wo sein Vater durch Timolcon Bürger geworden war, als Töpfer lernte. Durch einen vornehmen Syrakusancr, Damas, den ihm seine Schönheit geneigt machte, aus der Dunkelheit hervorgczogcn, ward er bald an die Spitze eines Heers gegen Agrigcnt gestellt. Er hcirathete des Damas Witwe und wurde einer der reichsten Männer in Syrakus. Zwar mußte er unter der Herrschaft des Sosistratus nach Unteritalicn fliehen, wo er die Misver- gnügten um sich sammelte, doch kehrte er nach dessen Tode zurück, bemächtigte sich der Oberherrschaft, befestigte seinen Thron durch die Ermordung»mehrer Tausend vornehmer Bürger und eroberte den größten Theil Sicilicns (3 4 7 v. Ehr.). Um seine Macht im Vaterlande zu befestigen und das Volk zu beschäftigen, verfolgte er den Plan der Dionyse, dieKarthager aus Sicilicn zu vertreiben. Als er, von ihnen geschlagen, in Syrakus belagert wurde, faßte er den kühnen Entschluß, mit einem Theil des Heers nach Afrika übcrzugchcn. Hier führte er vier Jahre (bis 307) den Krieg mit so großem Erfolg, daß die Karthager zuletzt fast allein auf ihre Stadt beschränkt waren. Unruhen in Sicilicn nöthigten ihn indcß, das Heer zu verlassen; bei seiner zweiten Rückkehr nach Afrika fand er das Heer in Aufstand gegen seinen Sohn Archagathus. Er beruhigte cs durch die verheißene Beute des Siegs. Als er geschlagen war, bedachte er sich nicht im geringsten, die eigenen Söhne der Rache der erbitterten Krieger und diese ohne Führer den Feinden prciszugcben. Seine Söhne wurden 136 Agathon Agenor getödtet; daS Heer ergab sich an die Karthager. Er selbst entkam nach Sicilien, wo er durch List und unerhörte Grausamkeit sich wieder der Herrschaft bemächtigte, und schloß 308 v. Ehr. einen Frieden, der den vorigen Besitzstand wiedcrherstellte. Jetzt verwendete er seine Kräfte zu seindlichen Einsällen in Italien, wo er die Bruttier besiegte und Crown plünderte. Er hatte die Absicht, den Thron auf seinen letzten Sohn, Agathokles, zu vererben, da empörte sich sein Enkel Archagathus, tödtcte den Erben der Krone und vermochte denMänon, einen Liebling des greisen Tyrannen, diesen mit Gift wegzuräumcn. Dies geschah durch einen Zahnstocher (289 v. Ehr.), nachdem A. 28 Jahre den Thron behauptet hatte; das Gift ergriff zuerst den Mund und nach und nach andere Theile des Körpers, und halb lebend legte man ihn auf den Scheiterhaufen., Noch vor seinem Ende rettete sich seine ? Gemahlin Texcne mit ihren beiden Söhnen nach Ägypten; der Erbe seines Einflusses auf die Angelegenheiten Siciliens und Untcritaliens ward sein Eidam Pyrrhus, König von Epirus. A. besaß alle Eigenschaften eines großen Feldherrn und Fürsten; allein Grausamkeit, Wollust und Ehrgeiz wurden die Werkzeuge der Nemesis, um ihn zum Beispiel des schmählichen Falls der Tyrannen zu machen. Agäthon, ein Athener, Zeitgenosse und Freund des Platon und Euripides, ausgezeichnet durch Schönheit, Rcichthum, Feinheit der Sitten und Dichtertalent. Er schrieb Tragödien, in denen er einen von den ftühern Tragikern abweichenden Weg eingcschlagen haben soll, die aber untergegangen sind. Als tragischer Dichter wurde er einst bei den olympischen Spielen gekrönt. Won dem Feste, das A. bei dieser Gelegenheit feierte- nahm Platon die äußere Einkleidung seines Dialogs „Symposion" (das Gastmahl). Wieland hat A. zu dem ersten Helden eines philosophischen Romans gemacht und in der Einleitung über das Historische in demselben die nöthigen Nachmessungen gegeben. Vgl. Nitschl, „I)e tbonis vita, srte et religuiis" (Halle 1829). Agave ist eine Pflanzcngattung von besonderer Schönheit und im gemeinen Leben häufig mit Aloe verwechselt. Die Agaven haben keinen oder einen sehr kurzen Wurzelstamm, > der nach oben einen gedrängten Schopf großer, .fleischiger, am Rande dorniger Blätter trägt. Aus der Mitte desselben schießt der vergängliche, 6 — 20 F. hohe Schaft empor, der eine mächtige Traube weißer, gelber oder grünlicher Glockenblumen trägt. Alle sind im warmen Amerika heimisch, zwar häufig in unfern Gewächshäusern, aber selten zur Blüte gelangend. Die gemeinste ist die smsric-uis, welche 1561 zuerst nach Europa gebracht wurde und durch Wurzelschößlinge sich leicht vervielfältigen läßt, in der ital. Schweiz zu Einfriedigungen angewendet wird und in Neapel, Sicilien und Nordafrika verwildert vorkommt. Durch Maceration der 5 — 7 F. langen Blätter erhält man grobe Fasern, die im span. Amerika zur Verfertigung von Zwirn, Bindfaden, Seilen, Hangematten u. s. w. unter dem Namen Maguey verwendet werden, den alten Mexicanern zur Herstellung eines groben Papiers dienten und von den Indiern statt Werg benutzt werden. Eine andere Art, cukensis, wird in Mexico in Menge cultivirt; von Raynal schon gerühmt, ist sie von Humboldt wegen ihres Nutzens umständlich erörtert worden. Der nach Abreißung der innersten Blätter 1-1/- Jahr lang hervorträufelnde Saft gibt, eingedickt, Zucker, mit Wasser verdünnt und einer vier- bis fünftägigen Gährung unterworfen, ein angenehmes, aber berauschendes Getränk, Pulque genannt, welchem die mexican. Indier Glück und Leben nicht selten zum Opfer bringen. Agelaus war der Sohn deBHerculcs und der Omphale, von dem nach Apollodor Kröfus abstammte. Bei Diodor heißt jedoch der Sohn des Hercules und der Omphale La- mus. — Agelaus, der Sohn des Oneus und der Althäa, der Bruder des Meleager, fand seinen Tod in der Schlacht, welche die Kalydonier und Kureten wegen des Kopfes und Felles vom kalydonischen Eber einander lieferten. — Agelaus, der Sohn des Damastor, war einer der Freier der Penelope und wurde, gleich den übrigen, von Odysseus getödtet. — Age- laus hieß auch der Diener des Priamus, der den Paris auf dem Jda aussetzte, ihn aber, als er nach fünf Tagen eine Bärin bei dem Kinde traf, die cs säugte, bei sich aufzog. Agende, s. Kirchenagende. Agenor war der Sohn des Neptun und der Libya, König von Phönizier,, Bruder des Belus und Gemahl der Tclcphassa, mit der er den K-rdmus, Phönir, Cilix und die Agent Ägeus 137 Europa zeugte, die aber nach Homer die Tochter des Phönix ist. Als letztere vom Jupiter in Stiersgestalt entführt worden, sandte A. alle seine Söhne, um sic aufzusuchcn, aus, mit dem Befehle, nicht eher zurückzukchrcn als bis sie von ihnen aufgefunden. Da aber ihre Nachforschungen vergeblich waren, so kehrten sie nie zurück, sondern ließen sich in verschiedenen Ländern nieder. Außerdem gibt es bei den Alten noch verschiedene Angaben über das Geschlecht des A. Nach Buttmann im „Mythologus" (Bd. l) ist A. der Kanaan des Moses oder das Symbol der Phönizier in Asien, da Chnas der eigentliche phöniz. Name des A., dieser Chnas aber mit Kanaan identisch ist. — Agenor, der Sohn des Trojaners Antcnor und der Theano, war einer der tapfersten Trojaner, der sich sogar, vom f Apollon angefruert, mit dem Achilles in Kampf einließ und ihn verwundete. Als er aber endlich daran war, überwunden zu werden, errettete ihn Apollon dadurch, daß er seine Gestalt annahm. Nach Pausanias ward er vom Sohne des Achilles, Ncoptolemus, ge- tödtet.— Agenor, der Sohn des Pleuron und der ikantippe, des Dorus Tochter, und Enkel des Ätolus, zeugte mit Epikaste, der Tochter des Kalydon, dcn Porthaon und die Demonice.— Agenor, der Sohn des Phegeus, Königs von Psophis in Arkadien, Bru- der des Pronous und der Arsinoe, der Gattin des Alkmäon, tödtete im Vereine mit seinem Bruder den Letzter», als er seine Gattin verstieß und die Kallirrhoe zur Gattin nahm, auf Anstiften des Phegeus. Er und sein Bruder wurden dann wieder von den Söhnen der Kallirrhoe, Amphoterus und Akarnan, ermordet. Agent, s- Gesandte. Agesilaus , ein spartan. König ISS — 36N v. Chr., der durch Lysander zum Thron erhoben, als er von diesem gestürzt werden sollte, den Plan entdeckte und vereitelte. Von den Ioniern gegen Artaxcrxcs zu Hülfe gerufen, eröffne« er seine ruhmvolle Laufbahn in Asien, schlug die Perser, ward aber durch den Krieg, den die verbündeten Athener, Böotier, Korinthicr, Argiver und Euböer gegen Sparta begannen (der sogenannte korinthische > Krieg), genöthigt, seinen Plan, das Perscrrcich zu stürzen, aufzugeben und nach Griechenland zurückzukchrcn. Bei Koronea siegte er 394 v. Chr. über die Verbündeten; doch ward der Krieg erst 378 durch den berüchtigten Frieden des Antalkidas zum Vortheil für Sparta beendet. In dem thcban. Kriege konnte er zwar die Erfolge, die Pelopidas und namentlich Epaminondas erfochten, nicht verhindern; doch erhielt er durch kluge Maßregeln den Staat aufrecht, bewahrte die Stadt 36S, als Epaminondas in Lakonien eingefallen war, vor dessen Angriff und rettete sie, als derselbe kurz vor der Schlacht bei Mantinea (362) schon in dje Gaffen eingcdrungen war. Um für sein Vaterland Freunde und Reich- thümer zu gewinnen, unterstützte er hierauf anfangs den Tachos von Ägypten im Kriege gegen Persien, sodann aber Nektambis II., der sich gegen Tachos selbst empört hatte. Als Sieger starb er auf der Rückkehr an der afrik. Küste, vom Sturme verschlagen, im 84. Jahre. Obgleich von Körper klein und unansehnlich, sprach sich in seinem ganzen Wesen Erhabenheit aus. Von seinen Kriegern ward er fast angebetet; in seinen Sitten war er tadellos, und im Allgemeinen gerecht, insoweit sich diese Tugend mit dem Bestreben, dem Staate und seinen Freunden nützlich zu sein, vereinigen ließ. Aus dem Alterthume haben » wir Biographien von ihm durch ckenophon, Plutarch und Cornelius Nepos. Ägeu6 war der Sohn des Pandion und der Pylia, der Tochter des Königs Pylas in Megara, wohin sich Pandion, von den Mctionidcn aus Athen vertrieben, geflüchtet hatte. Nach dem Tode seines Vaters eroberte er mit Hülfe seiner Brüder, Pallas, Nisus und Lykus, Athen wieder und erhielt die Oberherrschaft davon. Von seinen beiden ersten Gattinnen, der Meta und Chalkiope, erhielt er keine Kinder; später aber von dcr Äthra, der Tochter des Pitthcus, Königs von Trözene, den Thcscus, welchen er heimlich bei jenem erziehen ließ, um die Söhne seines Bruders Pallas, die nach der Herrschaft strebten, mit der Hoffnung zu täuschen, daß ihnen selbige durch Erbschaft zufallcn würde. Diese stürzten jedoch A. vom Throne und blieben so lange im Besitz desselben, bis sie Theseus vertrieb und seinen Vater wieder einsehtc. Hierauf blieb A. Herrscher von Athen bis an seinen Tod, welcher folgendermaßen herbcigeführt wurde. Um Athen von dem Tribut, den es jährlich an Kreta zu liefern hatte, zu befreien, schiffte Theseus dorthin und tödtete den Minotaurus, dem jener Tribut, bestehend aus sieben Jünglingen und sieben Jungfrauen, gebracht wurde. Bei 138 Aggregat Ägina der Abfahrt hatte er seinem Vater versprochen, im Fall daß er das Unternehmen glücklich zu Stande brächte, bei seiner Rückkehr ein weißes Segel statt des schwarzen, welches das Schiff führte, aufzuziehen. Dieses hatte er vergessen, und sein Vater beim Anblick des schwarzen Segels in der Meinung, sein Sohn sei bei dem Unternehmen umgekommcn, stürzte sich von einem Felsen in das Meer, welches von da an den Namen des ägcischen erhielt. (S. Th e- seus, Minos und Ariadne.) Aggregat, d. i. Anhäufung, bezeichnet jedes Ganze, welches durch eine zufällige, aber noch unterscheidbare Verbindung der einzelnen Theile, die man deshalb auch Aggregat- kheile nennt, entsteht. Alles menschliche Erkenntniß ist anfangs ein Aggregat, und man kann es einem Haufen Baumaterialien vergleichen, die erst verarbeitet werden und dadurch eine , innere Verbindung erhalten sollen. — Auf gleiche Weise nennt man in der Naturwissenschaft Aggregatein durch Ansetzung von außen entstandenes Ganze. Das Gegentheil der bloßen Aggregation ist die chemische Durchdringung der Stoffe, sowie die Verbindung derselben, wrlche sich in den organischen Körpern darstellt. Agilolfmger ist der Gefchlcchtsname der frühesten Herzoge der Bojoarier oder Baiern, von Agilolf, welcher der Stammvater dieser Dynastie gewesen sein soll. Die historisch beglaubigte Reihenfolge der Agilolfmger beginnt aber erst in den letzten Jahren des K. Jahrh. und reicht bis an das Ende des 8. Jahrh. Die Nennenswerthesten unter den Agilol- fingern sind: Garibald I., der zu Ncgensburg residirte und durch die Freundschaft für seinen Schwiegervater, den Longobardcnkönig Autharich, mit dem Könige Childcbert von Austra- sien in einen Krieg verwickelt ward. Nach ihm bestieg Thassilo I. den Thron, den er, trotz seiner zahlreichen Kriege mit den Slawen und Avarcn, glücklich bis um 609 behauptete. Weniger glücklich gegen diese Feinde war dessen Sohn und Nachfolger Garibald II., gcst. 640 (nach Andern 628), obgleich derselbe als einer der ausgezeichnetsten Agilolfmger genannt werden muß, denn er war es, der seinen Unterthanen das erste Gesetzbuch gab. Unter seines Sohnes Theodo I. Regierung (bis um 680) fand das Christenthum f in Baiern Eingang, wobei namentlich der heilige Emmcran thätig war, welcher seit 649 das Evangelium in Ncgensburg predigte. Gleich thätig für weitere Verbreitung des Christcnthums war auch der auf Theodo I. folgende Theodo II-, gest. 717, der durch die Theilung seiner Länder (702) unter seine drei Söhne, Theodebert, Grimoald und Theobald, den Grund zum Untergang seines Stammes und seines Reiches legte, indem in Folge dieses die Franken einen immer überwiegendem Einfluß gewannen. Zwar vereinigte Hugibert, der Sohn Thcodebert's, noch einmal das ganze Land unter seinem Sceptcr; allein schon 725 mußte er den ganzen Nordgau an Karl Martell abtreten und die Frankcnherrschast aner- ^ kennen. Auch Hugibert's Nachfolger, Odilo, suchte sich noch von den Franken wieder loszu- machcn und schien im Anfänge des Kampfes vom Glück begünstigt, ward aber doch endlich (743) gcnöthigt, die fränk. Oberhoheit ferner anzuerkennen. Unter Odilo's Nachfolger, Thassilo II., erfolgte endlich, was schon längst vorbereitet war. Auch er suchte abermals Unabhängigkeit von den Franken wiedcrzuerlangen, ward aber aufs Haupt geschlagen, darauf (788) zu Ingelheim zum Tode verurtheilt, von Karl dem Großen aber begnadigt und mit feiner Familie ins Kloster gesperrt. Das Land ward nun fortan fränk. Provinz und , von Grafen regiert. (S. Baier n.) Agincourt (Jean Baptiste Louis Georges Seroux d'), s. Seroux d'Agincourt. Ägide hieß der mit Nacht, Donner und Blitz schreckende Schild des Zeus, welchen ihm Hephästos geschmiedet hatte. Denselben führen zuweilen auch Athene und Apollon. Ausführlich beschreibt ihn Homer in der Jliadc (V, 738 fg.). Erst später wurde die Ableitung von Ziege gangbar, woran bei Homer noch nicht zu denken, und die Ägide selbst die cigenthümliche Waffe der Athene. Auf den Kunstdenkmälcr.n erscheint sic als ein über Brust, Schultern und Rücken geworfenes Fell, bald auch als Panzer mit dem Eorgoncnhaupte in der Witte auf der Brust der Göttin. — Bildlich bedeutet Ägide so viel als Schutzmittel. Aglna (später Ägma gesprochen), jetzt Egina oder Engia, eine der Sporadischen , Inseln im Saronischen Meerbusen (2 OM.), zwischen Attika und Argolis , mit der Haupt- " stadt gleiches Namens. Der älteste Name war Önönc, wurde aber mit Ägina vertauscht, als die gleichnamige Tochter des Asopus dem Zeus hier den Äakus geboren hatte. In den Ägina 13» zahlreichen Klüften und Höhlen der Insel wohnten einst, der Sage nach, die Myrmidoncn. In frühester Zeit hatte sic mit der gegenüberliegenden Küstenstadt Epidaurus gemeinschaftliche Herrscher, riß sich aber schon 54» v. Chr. los, gab sich eine aristokratische Verfassung nach Art der dorischen Staaten und gelangte bald durch Schiffahrt und Handel zu einer politischen Bedeutsamkeit, sodaß ihre Flotte in den Perscrkriegen selbst die athenicnsische übertraf und namentlich zur Rettung der Griechen bei Salamis beitrug. Der blühende Handel, der sich vorzüglich auf Arbeiten aus Erz und Thon, sowie auf Gegenstände des Luxus erstreckte, erregte jedoch den Neid der Athener, welche um 457 v. Chr. die Insel sich zinsbar machten und 28 Jahre darauf die Einwohner gewaltsam vertrieben. Später wurde sie abwechselnd eine Beute der Maccdonier, Ätolier, des Attalus, bis sie zuletzt an die Römer kam. In A. wurden um 75» v. Chr. die ersten griech. Münzen unter Phidon geschlagen, deren Typus gewöhnlich eine Schildkröte oder ein Widdcrkopf war. Vgl. Müller, ,,^e- Niaeticoriim über" (Berl. 1817). Bei dem außerordentlichen Wohlstände der Insel zur Zeit ihrer Blüte entwickelte sich frühzeitig die Kunst (äginetische Kunst), als deren eigenthümlichen Charakter man ein ganz getreues Nachbilden der Natur bezeichnet. Als Vater und Stifter derselben wird von Pausanias ein gewisser Smilis angeführt, ein Zeitgenosse des Dädalus, Verfertiger von Bildern aus Holz. Wie Sprache und Sitte, so ist auch die Bildhauerkunst der Äginetcn dorisch. Sie bildet das Mittelglied zwischen dem alten strengen und dem schönen Stil. Jede Spur der äginct. Kunst verschwindet seit des Phidias Schöpfungen; aber man nannte später in Griechenland jedes alterthümliche Bildwerk ohne allen Unterschied äginctisch. Nächst Smilis ist Kallon, der 54»— 5V» v. Chr. lebte, der älteste äginet. Künstler. Zur Zeit des Phidias werden erwähnt: Anaxagoras, von dessen Hand der Jupiter war, der auf gemeinschaftliche Kosten aller Griechen, die bei Platää(479 v. Chr.) siegreich gestritten hatten, in Olympia aufgestellt wurde; Simon, Verfertiger der Weihgeschcnke eines gewissen Phormis zu Olympia, der unter Gelon und Hieron in Syrakus glückliche Thaten vollbrachte; Glaukias und Onatas, die in der 78. Olympiade im vollsten Ruhme blühten. Um den Tempel des Jupiter auf Ägina, welcher zu den schönsten Ruinen gehört, architektonisch aufzunehmen und andere alterthümliche Forschungen anzustcllen, vereinigte sich 1811 eine Gesellschaft deutscher, dän. und engl. Künstler und Kunstfreunde, Brönsted, Stackclberg, Cockerill, Linkh und Haller von Hallerstein. Die Ausgrabungen wurden durch einen herrlichen Fund unschätzbarer Bildwerke belohnt, welche einst den östlichen und westlichen Giebel jenes Tempels geziert hatten. Jm J. 1812 kaufte sie der jetzige König von Baiern und ließ durch Thorwaldsen das Nöthigc restauriren. Jetzt sind sic im Aginetensaale der Glyptothek zu München (Nr. 55 — 78) aufgestellt. Jedes Mitglied der Reisegesellschaft aber erhielt einen Gypsabguß sämmtlicher Figuren. Die größte unter den 17 äginet. Figuren, deren ursprünglich gewiß 3» waren, ist die Minerva; sie ist ein wenig über Lebensgröße; die übrigen sind alle unter diesem Maße. Wenn man den Stil dieser Werke betrachtet, so herrscht in allen Theilen der Körper, die Köpfe ausgenommen, jene schon erwähnte treue Nachahmung der Natur bis auf alle Zufälligkeiten der Haut, ohne die geringste Spur vom Idealen; doch ist die Nachahmung nicht mager oder unwissenschaftlich, sondern cs ist wohlverstandene Nachbildung schöner Natur mit vollkommenster Kenntniß der Knochen und Muskeln. In Hinsicht auf das Verhältnis! sind diese Figuren schlank, etwas schmal von Hüften und die Beine auffallend lang. Es herrscht viel Leben in den Bewegungen, obschon sie nicht frei von einer gewissen Steifheit sind, wie man dies auch in den Malereien von Giotto, Masaccio, Perugino findet. Die Köpfe scheinen auf eine frühere Kunstepoche zu deuten; die Äugen sind sehr hcrvorliegend, ein wenig auf chinesische Art in die Länge gezogen. Der Mund hat stark hervorspringendc Lippen, mit scharfen Rändern; die Mundwinkel sind an einigen etwas in die Höhe gezogen. Die Nasen sind klein, die Ohren mit dem höchsten Fleiß ausgeführt. Das Kinn ist stark und voll und meist etwas zu groß. Sie sehen sich alle ähnlich, ohne den geringsten Ausdruck der Leidenschaft zu haben; zwischen Siegern und Besiegten, Göttern und Menschen ist nicht der mindeste Unterschied. Die Haare sind ganz conventionell und zierlich steif. Die Arme sind etwas kurz, die Hände täuschend wahr; kein Ansatz der Nägel, keine Runzel der Haut ist vergessen. Die Beine sind wohlgestaltet, die Kniee meisterhaft, die Füße zierlich, die etwas langen Zehen laufen ganz 140 Agio Agnano parallel. Die Gewänder sind ebenso convenüonell wie die Haare, sehr eng anliegend, mit künstlich gepreßten Falten. So steif sie in ihrer Anlage sind, sogeschmackvoll sind siebe- handelt und mit unglaublichem Fleiß ausgeführt. Sämmtliche Figuren scheinen zu Einer Zeit, wahrscheinlich zwischen 53 »— 450 v. Ehr., aber nicht von Einer Hand gefertigt. Der Marmor, aus welchem sie gebildet sind, ist der von Paros, den man Grccchetto nennt. Man findet bei keiner irgend eine Stütze, und sie sind von allen Seiten gleich ausgearbcitct. Die an den Figuren noch hier und da bemerkbaren Farben sind Zinnoberroth und Himmelblau. Auch am Tempel waren alle Verzierungen und Laubwerke, die man sonst auszuhauen pflegt, gemalt. Da, der Sage nach, Äakus den Tempel, in dessen Giebeln die Figuren symmetrisch aufgestellt waren,, dem Jupiter aller Griechen erbaute, so ist es wahrscheinlich, » daß die Gebilde Gefechte der Äaciden unter Mincrva's Schutz darstcllten. Vgl. Wagner, „Bericht über die aginetischcn Bildwerke, herausgeg. und mit kunstgeschichtlichcn Anmerkungen begleitet von Schelling" (Tübing. 1811); Hirt, der für Erklärung und Zeitbestimmung das Meiste gethan hat, in Wolfs „Analekten" (Heft 3); Otft. Müller, „Handbuch der Archäologie der Kunst" und Lyon, „Outlines ok tlle Lssime in.-»!,!«»" (Liverp. 1829). Agio ist ein aus dem Italienischen stammendes Wort, welches zu deutsch Bequemlichkeit heißt. Ursprünglich bezeichnet« man damit die Vergütung, welche sich in Italien die Geldwechsler geben ließen, wenn sie Goldmünzen gegen Silbcrmünzen gaben, da crstere größere Bequemlichkeit für den Transport darboten als letztere. Jetzt versteht man unter Agio den Unterschied zwischen dem wirklichen und dem blos nominellen Werthe der Münzen und nennt es auch Aufgeld; cs wird gewöhnlich nach Procenten angegeben. — Agiotage heißt das Benutzen der Differenzen im Geld- und Papicrcurs zu einem Gewinn, welchen das natürliche Verhältniß übersteigt, und die Anwendung künstlicher, zuweilen selbst (z. B. das Verbreiten falscher Nachrichten) unredlicher Mittel, um das Aufgeld über oder untei seine natürliche Höhe zu steigern oder herabzudrücken; auch in einem etwas andern Sinne das Fortschaffen der bessernMünzsortcn und das Überschwemmen eines Landes mit geringcrn. ' Gesetze gegen die Agiotage sind oft versucht worden, z. B. durch einen gesetzlich bestimmten Curs des Geldes; aber sie sind fast immer ohne Erfolg gewesen. Selbst der Name und der damit verbundene Tadel der Agiotage ist in dem unschuldigem des Geldhandels, des Verkehrs mit Staatspapieren und, wenn es hoch kommt, des Börsenspiels untergcgangen. Doch gilt noch jetzt Verlust im Agiotiren für keine Entschuldigung beim Bankrott. — Agivtirer nennt man einen Mann, der das Agiotiren zu seinem Erwerb macht. Agisthlls , der Sohn des Thyestes, Bruders des Atreus, und dessen eigener Tochte« Pelopia, wurde, von seiner Mutter ausgcsetzt, von Hirten gefunden und von diesen einet Ziege untcrgelegt; daher sein Name. Pelopia ermordete sich später, als sie die Schandthat erfuhr, zu der sic, ohne zu wissen von wem, verführt worden war. Den Atreus tödtcte A., weil dieser ihm, der ihn für seinen Sohn hielt, aufgetragen hatte, den Thyestes zu ermorden, und setzte sich mit seinem Vater in Besitz des mykcnischen Reichs. Bei Homer, der diese Erzählungen nicht erwähnt, gelangt er nach seines Vaters Tode zur Herrschaft von Mykene, in deren Besitz er sieben Jahre blieb, .bis im achten Orestes erschien und sich am Mörder seines Vaters rächte. (S. Agamcmnon und Oreste s.). > Agitator heißt im Lateinischen Einer, der Etwas in Bewegung setzt, dann so viel als Unruhstifter. Daher wurden in England die unruhigen Soldaten unter Cromwell Agitatoren genannt. Vorzugsweise heißt jetzt O'Conn cll (s. d.) der Agitator. Aglaia, eine der drei Grazien (s. d.), des Zeus und der Eurynomc Tochter, war nach Hesiod der Grazien oder Charitinnen Mutter und Vulcan's Gattin. Aglaophämos war ein Zeitgenosse des Pythagoras, den er in den Gcheimlehrcn unterrichtet haben soll. Der Name dieses Mannes, den der einzige Jamblichus in seinem „Leben des Pythagoras" der gänzlichen Vergessenheit entrissen hat, ist erst bekannter geworden, seitdem Lobe ck (s. d.) seinem umfassenden, gegen die Symbololatric Crenzer's und Anderer gerichteten mythologischen Werke den Titel „Aglaophamus" gegeben hat. Agnäno, ein kleiner, lieblicher Sec, westlich von Neapel, drei Meilen im Umfange, auf vulkanischem Boden, hat oben süßes, in der Tiefe salziges Wasser. In der Nähe sind die 1198 erloschenen Vulkane, die bekannte Hundsgrotte (s. d.) und die Schwefeldunst- Agnaten Agnefl 141 bäder von S.-Gcrmano, welche letztere namentlich gegen Syphilis, Gicht, Podagra u. s. w. angewendct werden, besonders merkwürdig. Agnaten heißen solche Personen, die durch Abstammung in männlicher Linie von einem gemeinschaftlichen Stammvater miteinander verwandt sind, im Gegensatz der Co- gnaten (s. d.). Im alten deutschen Rechte hießen sie Sch Wertmagen. Sowol bei den Römern als bei den Germanen war dieser Unterschied, namentlich im Erbrechte, von großer Bedeutung, und noch jetzt kommt er insofern in Betracht, als bei Beifügungen über Familien- guter der Konsens der Agnaten in vielen Fällen nöthig ist. Agnes, die Heilige, war, der Legende nach, ein Mädchen von ausgezeichneter Schönheit. Da sic den Wünschen des röm. Prätors zu entsprechen sich weigerte, ward sie während der Christenverfolgung unter dem Kaiser Dioclctian in ein öffentliches Haus gebracht, wo der Erste, der sie berühren wollte, ein gewisser Symphronius, das Gesicht verlor, das sie ihm jedoch auf Bitten seiner Freunde wicdcrgab. Zum Feuertode verurtheilt, umspielten sie die Flammen, ohne ihr wehe zu thun, weshalb sie enthauptet werden mußte und so als Märtyrer starb. Domenichino hat ihr idealisches Bild im Augenblicke ihrer Hinrichtung dargestellt, und Tintoretto faßte in einem Gemälde den Moment trefflich auf, wo sie dem SymphroniuS das Gesicht wiederherstcllt. Ihr Sinnbild ist ein Lamm. Agnes von Ostreich, die Tochter Kaiser Albrecht's 1-, geb. 1280, Gemahlin des Königs Andreas III. von Ungarn, mit dem der arpadische Mannsstamm 1301 erlosch, hat ihren Namen ha-uptsächlich durch Leidenschaftlichkeit und Grausamkeit, mit welcher sie nach der Ermordung ihres Vaters (am 1. Mai 1308) gegen Diejenigen verfuhr, welche mit den Mördern desselben nur in irgend einer, wenn auch noch so entfernten Beziehung gestanden hatten, auf die Nachwelt gebracht. An 1000 Menschen wurden, blos weil sie Verwandte oer Mörder waren, von A. und Albrecht's Witwe, Elisabeth, dem Tode übergeben. Eine edlere Gesinnung legte A. übrigens dadurch an den Tag, daß sie auf der Stelle, wo ihr Vater den Todesstoß erhalten hatte, das Kloster Königsfelden gründete, obschon ein alter Kriegsmann, der als Einsiedler in der Gegend lebte und von A. in das Kloster eingeladen wurde, zu ihr sprach: „Frau, es ist ein schlechter Gottesdienst, wer unschuldig Blut vergießt und »us dem Raube Klöster stiftet; Gott hat Gefallen an Güte und Erbarmen." Sie starb 135-1, nach Andern 1364. Agnes, Gräfin vonOrlamünde, von derdie Sage geht, daß sie noch jetzt als weiße Frau erscheinend, einem deutschen Königshause bedeutende Ereignisse in demselben andeute, stammte aus dem 1248 erloschenen herzoglichen Geschlechte von Meran. Sie war die Gemahlin des Grafen Otto von Orlamünde, mit dem sie zwei Kinder zeugte. Nach dem Tode desselben, im 1.1293, entspann sich zwischen ihr und dem Burggrafen von Nürnberg, Albrecht dem Schönen, ein Liebesverhältniß, welches die traurigsten Folgen hatte. Da nämlich ihr Anbeter geäußert, nur vier Augen seien Schuld, daß eine Verhcirathung zwischen ihm und ihr nicht stattfinden könne, ermordete sie ihre eigenen Kinder, ward aber ob dieser Frevelthat von Albrecht verlassen und starb zu Hof im Gefängniß. Agnesen-Rollen sind eine von der Agnes in Moliere's „l.'äcole äes temmas", nicht von Agnus, d. h. Schaf oder Lamm, abzuleitende Bezeichnung für die weiblichen naiven Rollen, das Rollenfach der weltnnerfahrenen Landmädchen und die sogenannten weiblichen Dümmlinge. In Deutschland ist der Ausdruck seit Kotzebue's „Indianer in England" veraltet und der Name Gurlfi - Rollen an seine Stelle getreten. Agnesi (Maria Gaekana), eine seltene Zierde ihres Geschlechts, geb. zu Mailand am 16. Mai 1718, war die Tochter des Don Pedro di A., eines Lehnsvasallen zu Monteveglia. Schon in ihrem neunten Jahre sprach sie fertig lateinisch und hielt eine Rede in dieser Sprache (gcdr. Mail. 1727), worin sie zu beweisen suchte, daß das Studium der alten Sprachen den Frauen nicht fremd sein dürfe. In ihrem elften Jahre soll sie griechisch wie ihre Muttersprache geredet haben. Mil gleicher Liebe betrieb sie die morgenländ. Sprachen, auch die ftanz., span, und deutsche; ferner Geometrie und speculative Philosophie. Scherzweise ward sie die wandelnde Polyglotte genannt. Der Vater begünstigte den Trieb der Tochter zur Gelehrsamkeit noch dadurch, daß er in seinem Hause gelehrte Ge>ell- schaften versammelte, bei denen die Tochter, reich an Schönheit wie an Talenten, die 142 Agnition Agram Unterhaltung leitete, indem sie philosophische Sähe vortrug und vertheidigte, die ihr Vater lheilweise in den „?ro;>n»itiones zriiilosvpliirae" (Mail. 1738, 4.) im Druck erscheinen ließ. Seit ihrem 20. Jahre widmete sie sich insbesondere eisrig der Mathematik, schrieb eine ausgezeichnete Abhandlung über die Kegelschnitte, die aber nicht im Druck erschienen ist, und gab dann die„I»stit„ 2 ioni u»al>ticlle"(2 Bde., Mail. 17-18, 1.; franz. von d'Antelmy, Par. 1775; engl, von Colson, Lond. I60I)heraus, die ihren Ruf so sehr vermehrten, daß sie in ihrem 32. Jahre vom Papst Benedict XlV. an der Stelle ihres erkrankten Vaters zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Universität zu Bologna ernannt wurde. Ihre heitere Lebensansicht ging aber in dem liefern Studium der Mathematik unter; sie entsagte allem Umgänge, trat in den strengen Orden der Blauen Nonnen, widmete sich ganz der Armen- und Krankenpflege und starb in hohem Alter 1709. — Ihre Schwester, Maria Theresia, sehte mehre Cantaten und die drei Opern „SokoniZbe", „6iro in Xrmenia"und „^iitocri" in Musik. Agnitioy oder agnosciren sagt man in der Rechtswissenschaft von dem Anerkennen eines Verhältnisses, einer Schuld u. s. w.; Necognition (si d.) oderrecogno- sciren dagegen von dem Anerkennen einer Schrift, Sache und Person als Individuum. Agnoeten, s. Monophysiten. AgMls Dei, d. i. Lamm Gottes, heißt in der röm. Liturgie der mit diesen Worten (Joh. 1,20) anfangende Theil der musikalischen Messe, welche, nach des Papstes Sergius I. Verordnung von 688 bei der Administrirung der Hostie aufgeführt wird. — Agnus Dei nennt man dann auch länglichrunde, Medaillen ähnliche Plättchen aus Wachs von gewei- heten Osterkerzen, aus Oblatcnteig, oder auch von Silber, die auf der einen Seite das Lamm mit der Siegesfahne oder den heiligen Johannes, auf der andern das Bild eines Heiligen zeigen. Sie kamen im II.Jahrh. auf, während ursprünglich in den Kirchen Roms der Rest der Osterkerzen in kleinen Stücken sofort unter das Volk vertheilt wurde, welches dieselben daheim als ein Mittel wider alle Arten von Unglück anzündcte. Sie werden vom Papste in dem Jahre, wo er den päpstlichen Stuhl bestiegen, vom Osterdienstage bis zum Freitage und dann alle sieben Jahre feierlich geweiht und von ihm als Geschenke vertheilt. Agon heißt jeder Kampf, worin Einer dem Andern es zuvorzuthun sucht; daher Agonie so viel als Todcskampfss.d.) oder auch Zustand gelähmter Thätigkeit. Besonders wurden Agonesdie Kampfspiele der Griechen genannt, welche man bei gewissen Feierlichkeiten im Ringen, Kämpfen, in der Musik, in der Dicht-, Tanzkunst u. s. w. veranstaltete und wobei Kampfrichter, Agonotheten genannt, auf Gesetze und Herkommen halten, vorfallende Zwistigkeiten schlichten, den Sieg zuerkennen und den Preis vertheilen mußten. Die berühmtesten dieser Kampfspiele waren die olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen. — Agonistiker wurden in der afrik. Kirche zu der Zeit des Augustinus Schwärmerhaufen genannt, welche sich in fortwährenden Kämpfen mit Geistern abquälten. Ägos-Potämos, d. h. Ziegenfluß, im Thrazischen Chersones, ist berühmt durch die Seeschlacht im 1.105 v. Chr., in welcher Lysander mit 150 die Flotte der Athener mit 180 Schiffen vernichtete. Agra, eine Provinz der brit. Präsidentschaft Allahabad in Vorderindien von 165 OM., begrenzt von Allahabad, Aude, Delhi, den Djautstaaten und dem Gebiete des Radjah von Dholpur. — Die Hauptstadt Agra, am größten rechten Nebenflüsse des Ganges, dem Djumna, war dereinst als Residenz des mächtigen Großmogul Akbar eine der glänzendsten Städte Asiens mit 60000» E., während sic jetzt nur 6000» (nach Andern 160000) hak. Im I. 1828 zählte man daselbst fast 30000 Häuser, darunter 153 Tempel der Hindus, 107 Moscheen und zwei christliche Kirchen; Industrie auf Baumwollen-und Seidenwaaren und der Handel ist in lebhaftem Schwünge. Aus den kolossalen Trümmer. Haufen der prächtigen Bauten ragt das Fort Akberabad mit der Muti-Medschid oder Perlen- Moschee (eine der schönsten Moscheen ganz Asiens) und unweit A. das berühmte Mausoleum Taasche-Mahal (auch Tadsche-Mahel) hervor, welches, vom Kaiser Schah Dschehan der Sultanin Nurjehan zu Ehren erbaut, zu den reichsten und schönsten Denkmälern der Erde gerechnet werden muß. Agram, die südwestlichste Gespanschaft (Comitat) Kroatiens, welche von den kroat. Agrarische Gesetze Agricola (Joh.) 143 Comitaten Warasdiu und Kreutz, vom kroat. Litorale und von der Militairgrenze umschlossen wird, im Süden mit theils sehr fruchtbaren, theils morastigen Ebenen an das linke Ufer der Sau stößt und nördlich von den Südabfällen und Verzweigungen des Warasdincr Gebirges erfüllt wird. — An der Südseite eines solchen niedcrn, stark bewaldeten Gcbirgs- armes, dem Szelma-Ecbirge, liegt die Hauptstadt des Comitats, Agram oder Zagrad, unter 45"35Mördl.B. und 33°45^östl. L. unweit der Sau. Die Stadt besteht aus drei abgesonderten Theilcn, von denen einer die Rechte einer königlichen Freistadt besitzt, zählt gegen 11300 meist kroat. Bewohner, die einen bedeutenden Handel mit Korn undTaback treiben, und hat mehre schöne Gebäude, unter andern die Domkirche, das Comitats- und Rathhaus und den Ständepalast. A. ist Sitz des Banus (Statthalters) von Kroatien, der Banattafel, der Gerichtstafel für Kroatien und Slawonien u. s. w., des Militair-Generalcommandos von Kroatien und eines katholischen Bischofs; auch besitzt es eine königliche Akademie mit öffentlicher Bibliothek, ein Seminar und mehre andere Kollegien. Agrarische Gesetze oder Ackergesetze. Die röm. Republik besaß durch die Eroberungen von ihren Nachbarn große Staatsländereien, welche unter die Bürger ausge- theilt werden sollten, aber fast nur in die Hände der Vornehmen und Neichen kamen, und für diese ein Mittel mehr wurden, sich in ihrer Herrschaft zu behaupten. Alle Staatsreformen waren daher nothwendig mit Vorschlägen verbunden, eine gleichere und gesetzmäßigere Verkeilung der Staatsländereien zu veranstalten, was aber allemal den heftigsten Widerstand der herrschenden Aristokratie erregte und z.B. den beiden Gracchen das Leben kostete. (S. Gracchus.) Auch die neuere Zeit fodert ihre agrarischen Gesetze. Die Erklärung derKirchen- gütcr für Nationalgüter und der Verkauf derselben in kleinen Theilcn, die Aufhebung aller Beschränkungen und Belastungen des Grundeigenthums, der Untheilbarkeit der Lehngüter, der Fideicommisse und Majorate, die Ablösung der Zehnten sind ebenfalls agrarische Gesetze, die die fortschreitende Civilisation überall nothwendig machen wird. (S. Grundeigenthum.) Agricöla (Cnejus Julius), ausgezeichnet als Staatsmann und Feldherr, geb. 40 n. Chr., war im J. 77 unter dem Kaiser Vespasian röm. Consul und hierauf Statthalter in Britannien, das er zuerst umschiffen ließ. Er befestigte die röm. Herrschaft in Britannien und erweiterte sie bis an das caledonische Hochland, das er zu unterwerfen im Begriff war, als er von dem argwöhnischen Domitian abgerufen ward. Er starb 93 n. Chr. Seine „Vita" von Tacitus, seinem Eidam, das Muster einer Biographie, hat Walch mit Übers., Anm. und einer Abhandlung über die Kunstform der alten Biographie herausgcg. (Berl. 1828). Agricöla (Georg), eigentlich Bauer, geb. zu Glauchau 24. März 1490, gest. in Chemnitz 21. Nov. 1555, war der erste denkende Mineralog der Deutschen. Mit Glück ging er bei dieser praktischen Wissenschaft nicht von der Praxis zur Theorie, sondern von der Theorie zur Praxis über. Großes hat er für dieselbe geleistet; allein freilich über die Vom» theile seiner Zeit vermochte auch er sich nicht zu erheben, wie er denn offen zu dem Glauben an ein feindliches Einwirken der Gnomen unter der Erde sich bekennt. Nachdem er 1518 — 22 Rector der Schule zu Zwickau gewesen, ging er nach Leipzig, um Mcdicin zu studiren, und dann nach Italien. Nach seiner Rückkehr wendete er sich 1527 als praktischer Arzt nach Joachimsthal in Böhmen und 1531 nach Chemnitz, wo er sich nun ganz der Bergbaukunde widmete. Überzeugt von den großen Schätzen, die Sachsen in seinem Innern bewahre, bemühte er sich jedoch vergebens, die sächs. Fürsten davon zu überzeugen. Kurfürst Moritz gab ihm für seine Bemühungen eine Pension und freie Wohnung in Chemnitz, wo er später Stadtphysikus und Bürgermeister ward. Durch seine Rückkehr zur katholischen Kirche machte er sich so verhaßt, daß ihm bei seinem Tode die Beerdigung verweigert ward und sein Leichnam »ach Zeitz abgeführt werden mußte. Unter seinen Schriften sind die wichtigsten: „De ortu et ca»8ir 8ubterrancoru,n etc." (Bas. 1546 und 1558, Fol.), „Oe re Metallica"(Bas. 1561, Fol.) und „De nien8iiris et poncleril>»8 Rom. atgue 6raec." (Bas. 1533 und 1550, Fol.). Seine „Mineralogischen Schriften" übersetzte Lehmann (4 Bde., Freib. 1806— 13) und den „Bergmannus, oder Gespräche über den Bergbau" Schmidt (Freib. 1806). Vgl. Becher, „Die Mineralogen Georg A. und A. G. Werner" (Freib. 1820). Agricola (Joh.), eigentlich Schnitter oder Schneider, nach seiner Vaterstadt auch der Asagister von Eislcben (öla§>8tcx lslcbüis) und Ioh. Eisleben genannt, 144 Agricöla (Zoh. Frtedr.) Ägrlcola (Nud.) gcb. am 20. Apr. 1422, gehört zu den thätigstcn und um die Einführung der protestantischen Lehre und Kirche verdientesten Theologen. Er studirte zu Wittenberg und Leipzig, wurde im I. 1525 von Luther nach Frankfurt a. M. geschickt, um auf den Wunsch des dortigen Magistrats den protestantischen Gottesdienst daselbst einzurichten, und lebte nach seiner Rück- kehr als Lehrer und Pfarrer zu Eisleben bis zum 1.1536. Im 1.1537 war er akademischer Lehrer zu Wittenberg, wo der schon früher von ihm angefangcne antinomistische Streit mit Luther und Melanchthon laut ausbrach. (S. Antinomismu s.) Die daraus entspringenden Händel trieben ihn 1538 nach Berlin, wo er, sich in die Zeitumstände fügend, einen Wider- ruf schrieb und an dem Kurfürsten Joachim von Brandenburg einen Beschützer fand, der ihn zum Hofprediger und Generalsuperintendcnten ernannte. Er starb zu Berlin am 22. ^ Sept. 1566, nachdem er für die Verbreitung der protestantischen Lehre in den brandenbucg. ! Landen vielfach thätig gewesen war. Nächst sehr vielen theologischen Schriften besitzen wir von ihm ein echtes Nationalwerk: „Die gemeinen deutschen Sprüchwörter mit ihrer Aus- . legung" (Hagenau 1528; vollständigste, aber etwas veränderte Ausgabe Wittenb. 1582). Patriotischer Sinn, kräftige Moral und eine kernhafte Sprache weisen neben Luther's Bibel- Übersetzung diesem Buche eine der ersten Stellen unter den deutschen Prosaikern seiner Zeit an. A.'s Schriften sind sehr selten; Kordes hat sie (Altona 1817) möglichst vollständig verzeichnet. Agricöla (Joh. Fricdr.), einer der größten Orgelspieler und gewandtesten musikalischen Schriftsteller des 18. Jahrh., gcb. zu Dobitschen im Altenburgischen am 4. Jan. 1720, studirte in Leipzig anfangs die Rechte, dann unter Seb. Bach die Musik. Sein Intermezzo „IkiIo8o1o couvinto" veranlaßte 1750 seine Anstellung am Theater zu Potsdam, > wo er sich mit der berühmten Sängerin Benedetta Emilia Molteni vermählte. Nach Grau» s ! Tode wurde er 17 59 Direktor der Kapelle Friedrich's II., welche ehrenvolle, aber sehr schwie- ' rige Stellung er bis zu seinem Tode 17 74 behauptete. Er hat mehre Opern geschrieben; ge- ^ druckt in Partitur ist der 21. Psalm. Seine Übersetzung der „Anleitung zur Singkunsi"' von Tosi (Berl. 1757, 4.), die durch seine Anmerkungen sehr viel gewann, ist ein gründ- j liches und ziemlich umfassendes Werk, das eine deutliche Erklärung der alten Solmisation liefert. Auch Adelung's „Llusics mecbanica" verdankt ihm gute Zusätze. Agricöla (Martin), einer der Ersten, welche in Deutschland die Tabulatur mit den jetzt üblichen Noten vertauschten, geb. zu Sorau um I486, gest. am 10. Juni 1556, war nach der Reformation der erste Cantor und Musikdirektor in Magdeburg. Er hatte sich nicht nur in der Musik, sondern auch in den alten Sprachen treffliche Kenntnisse erworben. Wie überhaupt seine Schriften zur Kenntniß der damaligen Musik sehr schätzbar sind, so ist es , vorzüglich für die Geschichte der Instrumente seine „Alusics iostrumentsl^" (Wittenb. 1529; ^ 2. Ausl. 1545), da die Zeichnungen in derselben viel besser sind als im Werke dcsPrätorius. Agricöla (Rud.), eigentlich Rolef Huysmann, d. i. Hausmann, welchen Na- ^ men er selbst nach der Sitte der damaligen Zeit latinisirte, nach seinem Vaterlande Frisius auchNudolfa Groningen und nach dem Augustinerkloster Silo, wo er sich einige Zeit aufhielt, Rudolf vonZiloha genannt, war imAug. I443 in dem Dorfe Baflon bei > Groningen geboren. Zuerst Zögling des Thomas von Kempen zu Zwoll, ging er dann nach Löwen, hierauf nach Paris und von da nach Italien, wo er 1476 und 1477 zu Ferrara ^ Und Pavia die berühmtesten Gelehrten jener Zeit-Härte. Hier schloß er den engen Freundschaftsbund mit Dalberg, dem nachherigen Bischöfe von Worms. Er war der erste Deutsche, der in Italien in öffentlichen Reden und Vorlesungen sich nicht allein durch Gelehrsamkeit, sondern auch durch Schönheit des Ausdrucks und Feinheit der Aussprache auszeichnete und allgemeine Bewunderung erregte. Zugleich erwarb er sich den Ruf eines gründlichen Kenners der Musik, und seine Lieder wurden in ganz Italien gern gehört und gesungen. Nach Deutschland zurückgekehrt, suchte er mit Hülfe seiner ehemaligen Mitschüler und gelehrten Freunde, von denen Rud. Lange und Alex. Hcgius besonders zu nennen sind, Deutschland in Beredsamkeit und Gelehrsamkeit zu heben. Mehre Städte in Holland wetteiferte» vergebens miteinander, ihn durch Übertragung eines öffentlichen Amtes zu gewinnen, und auch die glänzenden Anträge, die am Hofe des Kaisers Maximilian I., wohin er in Ange- - lcgenheiten der Stadt Gröningen ging, ihm gemacht wurden, konnten ihn nicht bestimmen, seiner Unabhängigkeit zu entsagen. Endlich folgte er 1483 der Einladung Dalberg s, der Agricutturchemie Agrigent 145 jetzt Kanzler des Kurfürsten von derPfalz und Bischof von Worms war, und ging nach der Pfalz, wo er abwechselnd in Heidelberg und Worms thcils seinen Studien lebte, theils öffentliche Vorlesungen hielt und die allgemeinste Achtung genoß. Er zeichnete sich auch als Maler aus, und um Theologie zu studiren, erlernte er noch 1484 mit großem Eifer die hebr. Sprache. Noch einmal ging er >484 mit Dalberg nach Italien und starb am 28. Oct. >485 kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Sein Ruhm gründete sich bei seinem Leben mehr auf sein persönliches Wirken. Seine Schriften in lat. Sprache, die weder so zahlreich noch von so großer Bedeutung sind als die mehrer seiner gelehrten Zeitgenossen, wurden erst durch Alard (2 Bde., Köln >539, 4.) ziemlich vollständig herausgegeben. Vgl. Tresling, „Vita ot ineritu Lud. .V" (Gröning. >830). Agriculturchemie nennt man den Theil der angewandten Chemie, welcher sich besonders mit den für den Ackerbau wichtigen Sätzen beschäftigt und im weitern Sinne überhaupt den Jnbegriffsteller für den Landwirth wichtigen Lehren der Chemie, wozu also auch die chemischen Principien der sogenannten landwirthschastlichen Gewerbe, z. B. der Bierbrauerei , Branntweinbrennerei, Essigbercitung, Zuckerfabrikation u. s. w., gehören. In diesem weitern Sinne ist die Agriculturchemie besonders von Schübler in dem „Lehrbuch der Agriculturchemie" (2 Bde., 2. Aust., von Krutzsch, Erlang. 1838) genommen worden. Im engem Sinne hat es die Agriculturchemie besonders mit der Kcnntniß des Bodens und seiner Zusammensetzung (Bodenkunde), den Verbesserungsmitteln desselben (Düngerlehre), mit der Untersuchung der Ackcrbaugewächse und Futtcrgewächse inBezug auf ihreZusammen- setzung, ihre Ernährungsart und die sonstigen Bedingungen ihrer Existenz, endlich mit dem hieraus abzuleitenden Verhältnisse zwischen dem Boden (sammt den demselben zugeführten Bestandtheilen) und den Gewächsen zu thun. Die Bodenkunde ist besonders durch Schübler, Zierl und Sprengel; die Düngerlchre durch Einhof, Hermbstädt, Davy, Bousstngault und Payen; die Lehre von der Zusammensetzung der Getreidearten und Futterkräuter durch Einhof und Bousstngault gefördert worden. Der zuletzt erwähnte Zweig, die eigentliche Theorie der Agricultur enthaltend, wurde neuerdings unter dem Namen der Statik des Landbaus Gegenstand der Bearbeitung. Indessen sind die analytischen Grundlagen und Erfahrungen jeder Art noch nicht zahlreich genug, um hier bereits etwas Genügendes bieten zu können. Daher mag auch die Abneigung der Praktiker gegen die Theoretiker rühren; erstere fühlen in der Anwendung noch zu häufig die Unzulänglichkeit der von letztem aufgestellten Sätze. In der neuesten Zeit hat Liebig in der Schrift „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie" (Braunschw. >840) den eigentlichen Ernährungsproceß der Pflanzen und den Antheil, welchen dabei die Bodenbestandtheile und die Atmosphäre haben, folglich die Sätze, aus denen sich allein eine rationelle Düngerlehre herausbilden kann, zum Gegenstands der Untersuchung gemacht. Er hat die Unrichtigkeit mancher frühem Annahme nachgewiesen, ist aber zuweilen in absoluter Verwerfung des Frühem zu weit gegangen, daher denn auch mannichfache Gegenschriften erschienen, die aber bis auf Hlu- beck's Schrift, „Die Ernährung der Pflanzen und die Statik des Landbaues" (Prag 1841), unbedeutend sind. Auf rein experimentellem Wege behandelt dieselben Fragen Bousstngault und gelangt dabei zu ziemlich denselben Resultaten, die Liebig gefunden. Es scheint sonach gewiß, daß wir jetzt auf dem besten Wege sind, über den wahren Antheil der Bodenbestandtheile und der Atmosphäre an der Ernährung der Pflanzen ins Reine zu kommen und dadurch Grundlagen zu einer auch dem Praktiker genügenden Theorie zu gewinnen. Agricultursystem, s. Physiokratisches System. Agrlgent, griech. Akrägas, jetzt Girgenti, auf der südlichen Küste Siciliens, von einer Colonie aus Rhodus gegründet, war in den frühesten Zeiten eine der bedeutensten Städte Siciliens. Erst frei, dann unter Tyrannen, soll sie in ihrer Blütezeit 800000 E. gezählt haben. Von den Karthagern gänzlich zerstört und unterjocht, hob sich die Stadt doch sehr bald wieder. In den punischen Kriegen mußte sie sich den Römern unterwerfen, und 825—1086 war sie im Besitz der Sarazenen, worauf sie von Graf Roger erobert wurde. A., das jetzt etwa 15000 E. zählt, hat die meisten und großartigsten Ruinen aufzuweisen, die in ihrer prächtigen Beleuchtung einen unerschöpflichen Stoff zu malerischer Darstellung Eonv. - Lex. Neunte Ausl. 1. I 0 146 Agrlonia Agrippa bieten. Am besten erhalten ist der Tempel der Concordia, dem nur das Dach und na Theil des Frontons fehlen, am großartigsten der Tempel des Jupiter, der 340 F. lang, I2U F. hoch und 60 F. breit, zur Zeit der Zerstörung noch nicht vollendet gewesen zu sein scheint Auch von den Tempeln der Inno Lucina, des Hercules und Äskulap finden fich noch ansehnliche Ruinen. Vgl. Klcnze, „Tempel des olympischen Jupiter" (Stuttg. 1321). Agrioillk hieß ein Fest zu Ehren des Bacchus, welches zu Orchomcnos in Bövtien von Frauen und den Priestern des Gottes bei Nacht gefeiert wurde. Es bestand darin, daß man den Bacchus als einen Entflohenen lange Zeit suchte, das Suchen aber endlich aufgab, da er zu den Musen entflohen sei und sich bei ihnen versteckt habe. Hierauf versammelte man sich zu einem Mahle und unterhielt sich am Schluffe desselben mit Lösen von Nätlffeln, daher Agrionicn eine Sammlung von Räthseln, Charaden u. s. w. Noch zu erwähnen ist, daß bei diesem Feste die Jungfrauen, welche aus dem Gcschlechte der Minyer stammten, von einem Priester mit gezogenem Schwerte verfolgt wurden, und dieser Diejenige tödten durfte, welche er einholte. Geschah dies, so war stets die Folge, daß dieser Priester in eine Krankheit verfiel und die Minyer mannichfaches Unglück betraf; dem Eeschlechte des Priesters wurde außerdem noch das Priesterthum genommen. Agrippa (Marcus Vipsanius), geb. 63 und gest. 12 v. Ehr., bekleidete dreimal das Consulat, zweimal in den I. 28 und 27 mit Octavian. Obgleich nicht von vornehmer Geburt, schwang er sich durch Talente schnell empor. Er heirathete zuerst Marcella, die Nichte, dann Julia, die Tochter Octavian's. Als Feldherr begründete er die Alleinherrschaft Octavian's und befehligte die Flotte des Augustus in der Schlacht bei Actium (31 v. Ehr.). Ausgezeichnet im Kriege und Frieden, machte er sich als Feldherr, Nathgeber und Freund des Imperators um diesen und um den röm. Staat verdient. (S. Augustus.) Er war ein uneigennütziger, rechtschaffener Mann und Freund der Künste, den Rom außer andern Verschönerungen die Wiederherstellung und den Neubau mehrer Wasserleitungen und das Pantheon verdankte. Vgl. Frandsen, „M. Vipsanius A." (Altona 1836). Agrippa (Cornelius Heinr.) von Nettesheim, ein als Schriftsteller, Arzt und Philosoph merkwürdiger Gelehrter, der große Talente und ausgezeichnete Kenntnisse mit Eroß- sprecherei, Ruhmsucht und Gehcimnißkrämerei vereinigte, war zu Köln 1-186 geboren. Ganz im Geiste seiner Zeit führte er ein abenteuerliches und unstetes Leben. Seit 1509 als Lehrer der Theologie zu Dole in Burgund angestellt, erregte er durch seine Vorlesungen großes Aufsehen, reizte indeß durch seine derbe Satire die Mönche gegen sich auf und mußte, der Ketzerei beschuldigt, Dole verlassen. Hierauf lehrte er einige Zeit in Köln Theologie, beschäftigte sich aber gleichzeitig mit Alchemie und machte dann eine Reise nach Italien, wo er unter Maximilian I. Kriegsdienste nahm und als Hauptmann zum Ritter geschlagen wurde. Nachher ward er Doctor der Rechte und der Medicin und hielt zu Pavia Vorträge, bis er, mit Schulden belastet, nach Casale flüchtete. Nach einiger Zeit nahm er die Stelle als Syndikus zu Metz an; doch schon 1520 war er wieder in Köln, weil er durch die Vertheidigung einer Hexe die Inquisition und die Mönche in Metz gegen sich aufgeregt hatte, und als ihn die Letztem auch in Köln verfolgten, ging er nach Freiburg in der Schweiz, wo er nun als Arzt prakticirte. Jm J. 1524 wendete er sich wieder nach Metz und gewann hier einen solchen Ruf, daß ihn die Mutter König Franz's 1. zu ihrem Leibarzt wählte. Da er den Ausgang des Feldzugs, welchen Franz 1.1525 nach Italien unternahm, nicht prophezeien wollte, wurde er seiner Stelle entlassen und ging nach den Niederlanden. Hier schrieb er sein berühmtes Buch ,,l>e incertitulline et vsnitste scieuti-erum" (Köln 1527), eine beißende Satire aufdcn damaligen Zustand der Wissenschaften. Deshalb bei Karl V. angeklagt, wurde er wieder flüchtig und kehrte nach Lyon zurück. In Folge des in Frankreich noch nicht erloschenen Haffes gegen ihn hier verhaftet, gelang es doch seinen Freunden, ihn frei zu machen, worauf er nach Grenoble ging, wo er 1535 starb. Er war ein Heller Kopf und hat das Verdienst, manches Vor- urtheil seiner Zeit glücklich bekämpft zu haben. Mit der oben erwähnten Schrift steht sein Buch „Ile occults pkiiosopiiia" (Köln 1533), welches das folgerechteste System der Kabbala enthält, in directem Widerspruche. Die vollständigste Sammlung seiner Schriften erschien zu Lyon in zwei Bänden ohne Angabe des Jahres (um 1550). Agrippina Aguado 147 Aflripptna hieß die Gemahlin des Kaisers Tibcrius, der sich von ihr trennen mußte, um des Äugustus Tochter, Julia, nach dem Tode ihres ersten Gemahls Agrippa zu hei- rathen. Da er sic indeß wirklich liebte, so wollte er sie auch nach der Trennung nicht in dem Besitze eines Andern wissen, weshalb er den Asinius Gallus, mit dem sie sich vermahlt, zu ewigem Gefängniß verdammte. — Agrippina, die Tochter des M. Vipsanius Agrippa und der Julia, die Gemahlin des Cäsar Eermanicus, war eine kühne und mit hohen Tugenden geschmückte Frau. Auf allen Feldzügen begleitete sie ihren Gemahl und öffentlich verklagte sie vor Gericht den vomTiberius gedungenen Mörder desselben. Doch derTyrann, der sie wegen ihrer Tugend und ihres Anhanges unter dem Volke haßte, verwies sie auf die Insel Pandataria bei Neapel, wo sie 33 n. Chr. eines freiwilligen Hungertodes starb. Von ihr finden sich im dresdener Antikencabincte vier treffliche Portraitstatuen. — Dagegen war Agrippina, die Tochter der Vorigen, eine der greuelhaftesten Frauen, deren die Weltgeschichte gedenkt. Bereits zum zweiten Male Witwe, drang sie sich dem Kaiser Claudius, ihrem Oheim, zur Gemahlin auf und gab dessen schon mit einem Andern verlobte Tochter ihrem Sohne Nero zur Ehe. Um denselben auf den Thron zu bringen, stürzte sie viele vornehme und reiche Römer, verdrängte den Sohn des Claudius und der Messalina, Britanniens , und vergiftete ihren Gemahl. Ihre fortwährende Anmaßung brachte indeß Nero dahin, daß er sie 59 n. Chr. von seinen Kriegsknechten erschlagen ließ. Ihre Geburtsstadt Köln ward durch sie erweitert und erhielt von ihr den Namen Lolonis Agrippina. Agronomisch heißt Alles, was in unmittelbarer Beziehung auf den Ackerbau steht, daher agronomisch e Gesetze, agronomische Wissenschaften, Agronomie (s. Bodenkunde) und Agronomometrie (s. Statik). Agrypnie bezeichnet die Schlaflosigkeit bei vorhandener großer Neigung zum Schlafe. Agteleker Höhle, ungarisch Harsdln, d. h. dampfender Ort, eine der größten und merkwürdigsten Tropfsteinhöhlen der Erde, liegt nahe beim Dorfe Agtelek, einem Grenzorte des gömörer Comitats unweit der von Ofen nach Kaschau führenden Straße, und geht am Fuße eines Berges mit einer kaum 3'/- F. hohen und 5 F. breiten Öffnung zu Tage. Sie besteht aus vielen labyrinthisch ineinander laufenden Höhlen und Klüften, von welchen viele mühselig und gefährlich, ja bei hohem Stande der darin vorkommendcn fließenden Gewässer gar nicht zu besuchen sind. In jeder Höhlung finden sich oben, unten und an den Seiten mannichfache Tropfsteingebilde, welche durch ihre seltsamen Gestalten den Anlaß zu verschiedenen Benennungen, als große Kirche, mosaischer Altar, Muttergottesbild u. dgl. gegeben haben. Die größte und imposanteste, etwa 29V Schritte vom Eingänge entfernte Höhle ist der Blumengarten, daher so genannt, weil der Fußboden zum größten Theil mit zarten säulenförmigen, künstlichen Gartcnzierathen ähnelnden Tropfsteinen gerändert ist. Sie ist l 6 Klaftern hoch, 15 Klaftern breit und läuft beinahe 150 Klaftern (90V F.) gerade fort. Die Wölbung dieser großartigen Halle ist ganz von Tropfstein, und der beinahe wage- rechte Boden, durch welchen sich ein Bach schlängelt, von angeschwemmtem weichen Thon überdeckt. Auf Veranlassung der londoner Akademie der Wissenschaften ward sie ums I. 17 85 von einigen Naturforschern zuerst genau untersucht. Aguädo (Alexandre Maria), einer der reichsten Banquiers der neuesten Zeit, geb. zu Sevilla 178-1, gest. am 14. Apr. 18-12, stammte aus einer jüdischen Familie in Portugal, war früher Soldat und bekleidete sowol in span, wie in stanz. Diensten hohe militai- rische Würden, wie er denn zur Zeit der Occupation Spaniens durch die Franzosen Adjutant bei Marschall Soult ward; nahm aber 1815 seinen Abschied. Von dieser Zeit an trieb er ein Commissionsgeschäft und erwarb sich hierbei, da er es an Thätigkeit nicht fehlen ließ und eine ausgebreitete Bekanntschaft in den Colonien ihm höchst förderlich war, in kurzer Zeit ein nicht unbedeutendes Vermögen, welches ihn veranlaßte, sein ursprüngliches Commissionsgeschäft in ein Banquiergeschäft zu verwandeln. Fast stets vom Glück begünstigt, wuchs sein Vermögen von Jahr zu Jahr, und bald konnte er sich auch auf größere Finanzoperationen einlassen. Die wichtigsten darunter und zugleich auch diejenigen, wodurch A.'s Name ein politischer geworden ist, sind seine Anleihcgeschäfte mit Spanien. Jm J. 1823, bei der Wiederherstellung der absoluten Monarchie, half er zum ersten Male, und zwar mit 148 Ägypten 599999 schweren Piastern zu dem Preise von 69 '/- Procent und 2 '/- Procent Commission. Als darauf imJ. 1828 England und Frankreich auf die Bezahlung ihrer großen Zoderungen bestanden und namentlich Frankreich drohte, Spanien nicht gänzlich zu räumen, bis die Gesammtfoderung von 92 Mill. Fr. berichtigt sei, Spanien dagegen Gegenfodcrungen erhob, in Folge deren es zwischen beiden Cabinetcn zu den heftigsten Demonstrationen kam, half A. durch Vermittelung des span. Finanzministers Ballesteros abermals. Die neue Anleihe betrug 69 Mill. Fr. zu 5 Procent, konnte aber nur in der Art zu Stande gebracht werden, daß 59 Fr. baar Geld für 199 auf Papier galten. Wie A. hier geholfen, so half er 1839 und 1831 wieder, sodaß aus seinem ursprünglich kleinen Geschäfte eines der größten in Paris wurde. Alle von ihm ausgegangencn Papiere führen den Namen Aguados, sind aber bei den unglücklichen Verhältnissen, in welche Spanien im Verlaufe des lehten Jahrzehnds gerathen ist, in bedeutenden Miscredit gekommen, zumal in der Zeit, wo A. für die span. Finanzverhältnisse so überaus thätig war, das ziemlich laute Gerücht sich verbreitete, daß, um die bedeutenden Zinsabgaben zu decken, immer neue Aguados fabricirt würden, daher es denn auch gekommen sein mag, daß bei den bedeutenden Finanzoperationen der pariser Banquiers A.'s Name fast nie genannt ward. Durch jene Geschäfte aber erwarb sich A. nicht nur ein ungeheures Vermögen und von Ferdinand VII. den Ehrentitel eines Hofban- quiers, sondern er ward auch von demselben zum Marquis de las Marismas de Guadalquivir ernannt, nicht minder wurden ihm mehre Bergwerke und der Kanalbau in Castilien übertragen. Seine Bemühungen für die Anleihe von Griechenland wurden 1833 mit dem Erlöserorden belohnt. Seit 1828 in Frankreich naturalisirt, erwarb er sich hier sehr ausge- breitetc Güter, namentlich das durch seinen Wein berühmte Schloß Chätcau-Margaux, und hinterließ ein Vermögen von mehr als 69 Mill. Fr. Seine ausgezeichnete Gemäldegalerie veranlaßte Gavard zur Herausgabe der „duleris ^guacl»" (Par. 1837 — 42 , Fol.), wovon 1<1 Hefte zu 3 Blatt erschienen sind. Ägypten, koptisch Chemi (von Cham, dem Noachiden), arabisch Misr (das hebr. Mizraim, das eigentlich nur Unterägypten bedeutete), türkisch Kibt, grenzt im Süden an Nubien, im Westen an die große libysche Wüste, im Osten an das Nothe Meer und die Landenge von Suez, im Norden an das Mittelländische Meer und erstreckt sich seiner Länge nach vom 24 ° — 31 ° nördl. B. Die Größe des Landes ist schwer anzugcben, da es weder im Osten noch im Westen feste Grenzen hat; nur vom anbaufähigen Theil desselben, der allein auch in Betracht kommen kann, läßt sie sich bestimmen. Dieser, den man jetzt auf 759 OM. oder, nach genauer» Angaben, auf 2,199999 Hektaren schätzt, ist lediglich ein Product des Nil und besteht nur au« der Sohle des Flußthals desselben, das durch zwei von Süden nach Norden parallelstreichcnde Bergketten gebildet wird. Beide aus Nubien kommend und gleich steril und wüste, bilden in Obcrägypten nur ein enges Flußthal, erweitern sich in Mittelägypten bis zu einer Breite von zwei bis drei Meilen und verlieren sich zu beiden Seiten Unterägyptens in niedrige Hügel, die das zwischen ihnen liegende Flußdelta begrenzen. Die östliche Kette, der Mokattam, zwischen dem Nil und dem Rothen Meere fällt schroff und steil in das Thal herab; die östliche, der Dschibbel-Silsili, steigt vom Nil aus sanfter an, nur eine Art Damm gegen die Sandwehen der Wüste bildend. In ihren nordwestlichen hügeligen Enden bildet die letztere mehre parallele Zwischenthäler, in denen die Natronsecn liegen. Der Nil (s. d.), der einzige Fluß des Landes, tritt oberhalb Syene bei der Insel Philä in A. ein, durchsträmt dasselbe seiner Länge nach und thcilt sich unterhalb Kahira in zwei Hauptarme, die von Damiette und von Rosette nebst mehren Nebenarmen, welche bis zu ihrer Mündung ins Meer das Nildelta bilden. Er ist durch seine Überschwemmungen die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landes; deshalb hat man auch zu allen Zeiten Sorge getragen, durch Kanäle, Dämme, Schöpfräder u. s. w. seine Flut weiter zu verbreiten und zu regeln. Am vollkommensten waren diese Anstalten in der Blütezeit Altägyptens; unter der Herrschaft des Islam sind sie dagegen immer mehr und mehr verfallen. Vom Nil erhalten auch ihr Wasser der See Möris (s.d.) im Thale von Fayum und die Sümpfe und Seen Unterägyptens, von denen Mareotis, Burlos undMenzaleh die größten sind. Obgleich die südliche Grenze Ä.s noch gegen zehn Meilen vom Wendekreise entfernt liegt, so ist doch das Klima fast ein tropisches zu nennen, besonders im südlichem Theile des Ägypten 149 Nilthals, wo die fast acht Monate im Jahre wehenden kühlenden Nordwinde nicht mehr so wirksam sind wie in Unter- und auch Mittelägypten. Sonst ist das Klima schön und regelmäßig, aber einförmig; denn nur selten regnet es in den untern Theilen des Landes, in den obern so gut wie gar nicht. Der Wechsel der Jahreszeiten ist, da er vom Austreten des Nil bedingt wird, ein cigcnthümlicher, der weder dem der tropischen, noch dem der gemäßigten Klimate gleicht. Es gibt daher im Grunde auch nur drei Jahreszeiten, die der Überschwemmung vom Juli bis Oct., die des grünen, lauen, völlig frühlingsartigen Winters vom Oct. bis Febr. und die des glühendheißen Sommers, wo Alles vertrocknet und der Wüstenwind, hier Chamsin (s. Samu m) genannt, weht. Das Klima ist, wenn man zwei gefährliche Krankheiten, welche hier endemisch sind, die Pest (s. d.) und die Ägyptische Augenentzündung (s. d.), abrcchnct, sehr gesund. Obwol die Fruchtbarkeit Ä.s sprüchwörtlich geworden, so ist seine Flora doch keine sehr mannichfaltige, da der größte Thcil der Vegetation des anbaufähigen Landes erst ein Erzeugniß menschlicher Cultur ist, die dasselbe umgebende Wüste aber nur sehr wenige Pflanzen nährt. Daher kommt es, daß die Kulturpflanzen beiweitcm die vorherrschenden sind und daß man wildwachsende Bäume gar nicht und der angepflanzten im Ganzen nicht viele findet. Am häufigsten sind die Dattelpalmen, dann die Sykomoren, Tamarinden, Akazien und Maulbeerbäume; die Südfrüchte geralhen vortrefflich; Oliven und die europ. Obstartcn dagegen schlecht. Wein wird nur der Trauben wegen gezogen; die ind. Feige dient zu Einzäunungen. Sonst hat das Land einen großen Neichthum an Weizen, Reis, Durra, Mais, Hirse, Linsen, Erbsen, Bohnen, Flachs, Hanf und vor Allem an Baumwolle. Ferner erbaut man Gemüse aller Art, besonders vortreffliche Zwiebeln, Melonen, Sesam, Mohn, Senf, Taback, Sennesblätter, Coloquinthen, Henna, Safflor, Indigo, Pfeffer und Zucker. Rosen werden in Fayum in Menge gezogen, um Rosenöl und Noscnwasser daraus zu bereiten. Eigenthümlich ist dem Lande die Papyrusstaude; auch der Lotus kommt hier vor. An Bau- und Brennholz fehlt es; die häufig wachsenden Lupinen, Stroh und selbst Mist müssen für letzteres als Surrogate dienen. Was das Thierreich betrifft, so ist auch hier zwischen den eingeführten Hausthicren und den ursprünglichen einheimischen zu unterscheiden. Diese sind fast ganz dieselben wie in Nordafrika, insbesondere in der Wüstenregion, als Löwen, Leoparden, Karakals, Hyänen, Schakals, Füchse, Wölfe, Gazellen, Giraffen, Geier, viele Schlangen, Eidechsen,.und Skorpione; nur das Krokodil, der Ibis, der Ichneumon und das Flußpferd sind für Ä. charakteristisch. Die Hausthiere bestehen in schönen Pferde», vielen Eseln, Maulthieren und Kameelen; in Rindern, Büffeln und Schafen; sehr vielen Tauben und Hühnern, welche letztere in eigenS dazu eingerichteten Öfen künstlich ausgebrütet werden; in Enten und Gänsen. Die Gebirge Ä.s bestehen von Philä bis Syene, wo sie in den malerischsten und großartigsten Formen schroff aufsteigen, aus Granit von verschiedenen Varietäten, aus welchem die allen Ägypter die ungeheuren Monolithen ihrer Obelisken, Kolosse u. s. w. brachen, weiter nördlich bis Esne aus Sandstein, welcher den alten Ägyptern das Material zu ihren Tempelbauten lieferte, und noch nördlicher aus Kalk mit vielen Versteinerungen, welcher unter Anderm zu dem Kern der Pyramiden das Material hergab. Der Bergbau, der in dem Altcrthume in dem Gebirge zwischen dem Rothen Meere und dem Nil, das auch schönen Porphyr, Serpentin, Basalt und Jaspis enthält, auf Gold, Kupfer und Smaragde betrieben ward, liefert jetzt nicht- als Natron, Salpeter und Salmiak. Die Bcvölkerung Ä.s, die gegenwärtig nur noch auf höchstens zwei Mill. anzuschlagen ist, wird von mehren Nülkerstämmcn, die nach und nach durch Einwanderung und Eroberung ins Land kamen, gebildet. Der älteste sind die Kopten (s. d.), die Nachkommen der Alt- ägypter, jetzt nur noch etwa 200N00. Nach ihnen sind die Juden zu nennen, deren schon viele im Zeitalter der Ptolemäer, die meisten aber nach der Zerstörung Jerusalems einwan- derten. Den Hauptbestandtheil der Bevölkerung bilden die Araber, die bald nach der Eroberung des Landes durch den Khalifen Omar in großer Anzahl ins Land kamen und die eingeborene Bevölkerung verdrängten. Aus ihnen besteht die ganze ackerbauende Elaste, Fellahs genannt, und in den Städten die mohammedanisckc Geistlichkeit, die nieder» Richter und Schreiber, sowie die meisten Handwerker. Diese seßhaften Araber unterscheiden sich bedeutend von ihren in den benachbarten Wüsten umherschweifenden Stammcsgenossen, den . . 82 ^kki»tz Knrfl? i lUtiillrbyekOkHi ^ Ltt,o ^ »» »Mt! 15,0 Ägypten Beduinen. Obwol sie im Ganzen noch denselben physischen Typen >, so hat doch jahr- hundcrtlange Knechtschaft und veränderte Lebensweise sie in körperlicher und noch mehr in geistiger Hinsicht weit unter diese herabgebracht. Im Allgemeinen sind sie wohlgebildet, gewandt, heiter, mäßig; allein auch faul, feig, unfähig zu geistiger wie physischer Anstren- gung und häufig verkümmert und schwächlich. Ihre Lage, besonders die der Fellahs, die jetzt nichts Anderes als Ackerbausklaven sind, ist überaus elend. Die Türken, welche die letzte Eroberung zu Herren des Landes machte und die stch nur durch fortwährende Einwanderung als besonderer Volksstamm erhalten, sind nur in geringer Anzahl vorhanden, da sie sich nicht mit der Betreibung von Gewerben, sondern nur mit der Verwaltung des Landes, bei der sie die höchsten Civil- und Militairstellen einnehmen, beschäftigen. Außer diesen Völkern finden sich noch zahlreiche, meist schwarze Sklaven; ferner Armenier, Griechen und Franken, welche drei letztem, ebenso wie die Juden, sich sämmtlich fast nur mit dem Handel abgeben. Landessprache ist das Arabische, Regierungs-und Hofsprache dagegen das Türkische. Herrschende Religion ist der Islam, „zu dem sich Araber, Türken und die meisten Sklaven bekennen; die übrigen Bewohner Ä.s sind, mit Ausnahme der Juden, Christen. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner ist, wie dies die ganze Natur des Landes mit sich bringt und es zu allen Zeiten der Fall war, der Ackerbau, der jedoch gegen das Alterthum sehr gesunken ist und nur noch auf eine sehr rohe und mühelose Weise getrieben wird. Neben ihm sind die dem Lande eigenthümliche künstliche Hühner- und die Bienenzucht zu nennen. Heruntergekommen sind auch die übrigen Gewerbe in Verarbeitung des Thons, Leders, Flachses, Hanfes, der Seide und Baumwolle; nur in Bereitung des Rosenwassers und Rosenöls und des Salmiaks zeichnet sich Ä. noch aus. Der Aus- und Einfuhrhandel ist als Monopol gänzlich in den Händen des Pascha. Blühender ist noch der Zwischenhandel, der über Alexandrien, Kahira und Suez durch Karavanen nach dem Innern Afrikas und Syriens und zur See zwischen Europa und Ostindien betrieben wird, und cs verspricht dieser letzte Handelsweg immer bedeutender zu werden, wozu der neue Kanal von Alexandrien nach Kahira und die auf dem Rothen Meere eingerichtete Dampfsckiffahrt nicht wenig beitragen. Trotzdem daß Ä. noch immer eine große Menge Naturprodukte aussührt, ist sein Zustand doch ein höchst beklagenswerther, denn nur die ungemeine Fruchtbarkeit des Bodens, verbunden mit dem tyrannischsten Druck, nicht aber der gedeihliche Zustand des Landes machen jenes Resultat möglich. Noch immer unterscheidet man, obgleich der Pascha in administrativer Hinsicht das Land mit seinen 2500 Ortschaften in 24 Provinzen getheilt hat, Ober-, Mittel-und Unterägypten, arabisch Said, Wvstani und Bahari; im Altcr- thume Thebais, Heptanomis und Delta. Unterägypten enthält die Städte Alexandrien, Rosette und Damiette; Mittelägypten: Kahira, die Ruinen von Memphis und die Pyramiden (die vonDschizeunddie von Memphis); Oberägypten: die Stadt Siut und die größten nnd besterhaltenen Tempelruinen, so die von ChemmiS, bei der heutigen Stadt Akmim; die von Abydos, bei dem heutigen Dschirdscheh; die von Tentyris, beim heutigen Dorfe Dendeca; die von Theben, bei den heutigen Dörfern Luxor und Karnak; die von Apollinopolis, beim heutigen Dorfe Edfu; endlich die von Elephantine und Philä. Außerdem werden noch zu A. die am Rothen Meere liegenden Hafenorte Suez und Kosseir gerechnet. Alle historische Nachrichten, Denkmäler und noch bestehende geographische und ethnographische Verhältnisse ergeben als Resultate zwei Thatsachen: einmal, daß das alteÄ. den größten Theil seiner Bevölkerung vom obern Nil herab, aus dem alten Äthiopien, empfing; dann, daß diese aus zwei verschiedenen Grundbestandtheilcn bestand. Sowol auf den altägypt. Bildwerken als in den Mumien tritt dieser Unterschied auffallend hervor; auf der einen Seite dunklere, mehr oder weniger negerartige Physiognomien, mit welchen auf den Bildwerken die dienende Claffe dargestellt wird, und aus der andern Seite edlere Gesichtsbildung von kaukasischem Typus und hellerer Hautfarbe, womit die Herrschenden bezeichnet werden. In den Erstem ist die Ähnlichkeit mit den heutigen Anwohnern des obern Nil unverkennbar, und die Annahme, daß die älteste Bevölkerung Ä.s von dort herabgekommcn sei, erhält schon dadurch große Wahrscheinlichkeit. Daß auch der andere, edlere, offenbar später zu dem erster» erst hinzugekommene Erundbestandtheil nicht von Norden hergekommcn sein könne, geht aus der physischen Gestaltung Ä.s hervor, das in Ägypten 1'>1 seinen ältesten Zeiten vom Norden her keine Einwanderung wahrscheinlich erscheinen läßt> da es hier noch einen großen Morast bildete. Hierzu kommt der Umstand, daß man, von Unterägypten den Nil hinaufstcigend, bis nach Shcndy (dem alten Meroe) und Sennaar auf immer ältere Denkmäler trifft, sodaß cs offenbar wird, daß die Cultur von Nubien nach Ä.h rabgestiegen ist. Nimmt man hierzu noch die positiven Nachrichten vonPriestercvlonien, die von Meroe nach Theben und dem Ammonium ausgingen, so erhält die Hypothese die höchste Evidenz, daß in vorhistorischen Zeiten ein Volksstamm kaukasischer Nace und von höherer Blldung, wahrscheinlich aus Arabien über die Meerenge von Bab-el-Mandeb kommend, in Äthiopien, d. i. in den Ländern des obern Nil, ein Reich, das in dem Priesterstaate von Meroe wahrscheinlich seinen Mittelpunkt hatte, gegründet habe, indem er die Eingeborenen unterwarf und von der Hochebene von Sennaar aus sich nördlich in das Nilthal hinabverbreitete. Aus diesem Reiche, einem der frühesten Sitze menschlicher Cultur, erhielt A. seine Bevölkerung und seine Bildung, und hieraus erklärt es sich, warum es schon in seinen frühesten Zeiten gleich als civilisirtcs Land in der Geschichte auftritt. Die wichtigste Einrichtung, auf der diese Civilisation beruhte, war die Einthcilung des Volks in Kasten, ein Institut, welches die ersten Einwanderer in seinen Erundzügen zweifelsohne schon auS Äthiopien mitgebracht hatten, und dessen Ursprung sich leicht aus dem Verhältniß der erobernden Einwanderer edlerer Race zu den verschiedenen unterworfenen eingeborenen Völkerschaften erklärt. Nächstdcm mag die Verschiedenheit der Lebensart die weitere Entwickelung der Kasteneintheilung in Ä. bedingt haben. Solcher Kasten oder erblichen Stände gab eS nach Herodot sieben: zwei edlere, die der Priester und Krieger, die von dem eingedrungcnsn und zur Herrschaft gelangten Volke abstammten, und fünf niedere, die der Gewerbsleute,die der Schiffer, die zwei der Hirten und die später hinzugekvmmene der Dolmetscher, sämmtlich die Nachkommen der unterworfenen eingeborenen Stämme. Die geehrteste und einflußreichste, die der Priester, hatte in jeder der großen Städte einen der vornehmsten Localgottheit gewidmeten Haupttempel, je mit einem Priestercollegium und einem Oberpriester (Piromis, d. h . der Edle, Gute), und war im steuerfreien Besitze der schönsten Ländereien. Die zweite Kaste, die der Krieger, Eines Ursprungs mit der der Priester, hat sich wahrscheinlich erst im Laufe der Zeiten, als das herrschende Volk seine Eroberungen immer weiter ausdehnte und daS Bedürfniß des Kriegshandwerks fühlte, von dieser getrennt. Sie zerfiel in zwei Stämme, die Hermotybier und Kalasiricr, von denen die Erstem I6N0V0, dieAndern 24üv0l)Mann stark gewesen sein sollen. Tausend Mann von jedem dieser Stämure dienten alle Jahr als Wache der Könige. Auch sic waren mit steuerfreiem Landbesitz ausgestattet, den sie jedoch, da ihnen wie den Priestern jede rein mechanische oder mercantile Beschäftigung untersagt war, wahrscheinlich wie diese verpachteten. Aus ihnen wurden die Könige oder Pharaonen (s. d.) genommen, die jedoch, sobald sie den Thron bestiegen hatten, von da an zur Pricstcrkaste gerechnet wurden, wie denn auch in den ältesten Zeiten die Königswürde mit der höchsten priesterlichen identisch war. Die Thronfolge ging nach dem Rechte der Erstgeburt auf die Sühne und in deren Ermangelung auf die Töchter über; fehlten Beide, so kamen die Brüder und selbst die Schwestern an die Reihe. Die Kaste der Gewcrbslcute (Handwerker, Künstler und Kaufleute) scheint ebenfalls erblich und in mehre Zünfte gctheilt gewesen zu sein. Hierzu gehörte wol auch der zahlreichste Stand, der der Ackerleute, welcher von Diodor als eine eigene Kaste aufgeführt wird. Die Schiffcrkasie begriff die Nilschiffer, ursprünglich die vom Fischfang lebenden ältesten Anwohner des Nil. Die Kaste der Dolmetscher verdankt ihre Entstehung der Aufnahme zahlreicher Fremdlinge unter Psammetich und begriff auch diejenigen Ägypter, welche als Kaufleute und Mäkler die Vermittler mit den Fremden machten. Der Hirtenkasten gibt Herodot zwei an, die der Nindcrhirtcn und der Sauhirtcn, welche letztere als unrein angesehen wurden und gleich den ind. Parias verachtet waren. Sie bewohnten vorzüglich die sumpfigen Gegenden des Delta und den Fuß der östlichen Gebirgskette. Daß übrigens die Zahl der Kasten in Folge innerer Streitigkeiten, Äuswandcrungen, Unterjochungen, Aufstände, Vermischungen u. s. w. nicht zu allen Zeiten dieselbe war, ist natürlich. Daher auch die verschiedenartigen Angaben darüber bei den verschiedenen Schriftstellern. Die gesammte Bevölkerung des alten Ä.s scheint sieben bis acht Mill. Menschen betragen zu haben. Während das Volk nach Kasten, war 152 Ägypten das Land nach Nomen oder Diftricten cingctheilt, eine Einthcilung, die, der Sage nach von Sesostriö herrührend, bis zur Römerzeit fortdaucrte. Ursprünglich waren die Nomen wahrscheinlich nichts Anderes als die verschiedenen einzelnen Stämme oder Priestcrcolonien, aus deren nachheriger Vereinigung der ägypt. Staat sich bildete. Was nun die Stufe der Cultur betrifft, aufwclcher das alte Ägypten in seiner Blütezeit stand, so ist sie in Vergleich mit der der übrigen gleichzeitigen Völker zwar sehr hoch zu stellen; doch ist es nicht zu leugnen, daß man ihre Höhe sehr übertrieben hat. Vor Allem ist zu beachten, daß sic vollkommen stationär und handwerksmäßig blieb, indem sie fast gar keine innere Entwickelung und freies, geistiges Leben zeigt: eine Erscheinung, die ihre natürliche Erklärung in dem Wesen der Kasteneinrichtung findet, die jede freie Thätigkeit verbannt. Die Quellen aller Cultur, und somit der ganze social-politische Zustand des Landes, waren in den Händen der Priester. Sie waren die Inhaber aller wissenschaftlichen Kenntnisse und der höhern Technik; sic allein waren im Besitz der alten Überlieferungen und der heiligen Schriften; sic waren die Gesetzgeber, die Verwalter aller Staatsämter, insbesondere der richterlichen, und zu ihnen gehörten auch die Ärzte, Zeichendeuter und Baumeister; sie endlich übten das furchtbare Amt der Todtenrichter und hatten dadurch nicht allein das bürgerliche, sondern auch das moralische Leben des Volks in ihrer Gewalt. Auch unter ihnen gab es verschiedene Grade, und nur wenige Eingeweihte waren im Besitz der Kenntniß aller Zeichen nnd Symbole einer als Volksreligion höchst unvernünftigen, als Priesterwcishcit für den Eingeweihten höchst einfachen Lehre. Eine im höchsten Grad ausgcbildete Hierarchie durchdrang verknöchernd das ganze Leben A.s und gab seiner Cultur ihren eigenthümlichen Charakter: Alles ward auf die Religion bezogen; daS ganze Leben war durch strenge Gesetze göttlichen Ursprungs geregelt, alle freie Entwickelung verbannt, alle Thätigkeit typisch und handwerksmäßig, aber in ihrem Kreis sehr ausgebildet; und dieser ganze Zustand ward von den Priestern zur Niederhaltung des Volks benutzt. Dies zeigt sich in allen bürgerlichen und häuslichen Einrichtungen und Schöpfungen, die sämmtlich ihre Erklärung in der Religion finden. (S. Ägyptische Mythologie.) Die Erziehung war ganz in den Händen der Priester; die Kinder wurden streng zu dem Gewerbe des Vaters angehalten. Lesen konnten von den Laien nur Wenige, und schreiben, doch nur in beschränktem Maße, blos die Kaufleute, was bei den verschiedenartigen Schriftsystemen (s. H i c r o g l y p h e n) sich gar nicht anders erwarten ließ. Doch waren schon in den frühesten Zeiten die Schreibkunst und die Kunst, aus der Papyrusstaude Papier zu machen, in Ä. bekannt. Alle Berufsarten und Lebensweisen, vom König bis zu dem Geringsten des Volks, waren streng geordnet. Der Herrscher und seine Umgebungen, die ihre Wohnungen, wie die Priester, in den Tempeln hatten, schimmerten zwar in oriental. Pracht, allein ihr Leben war deshalb kein genußvolles. Ihre Gewalt ward durch die Priester und ihre Gesetze vielfach beschränkt. Eine strenge Etikette regelte alle ihre Verrichtungen; selbst die Küchenzettel des Herrschers und die Verborgenheiten seines Schlafgemachs wurden von den Priestern beaufsichtigt. Das Volk ward bis auf Psammetich herab durch göttliche Gesetze in strenger Absonderung von den Fremden erhalten und in seinen Sitten und seiner Thätigkeit, bei welcher das Princip der fabrikmäßigen Thcilung der Arbeit aufs strengste festgehalten war, genau beaufsichtigt und zur Arbeitsamkeit angehalten. Eine strenge Policei wachte über die Befolgung des Gesetzes, und das uralte Vorhandensein von Münzen, Maß und Gewicht zeugt für die frühe Policirung des Landes. Nur auf diese Weise ist die Entstehung der Ungeheuern Bauten, die wir noch heute in Ä. bewundern, erklärlich; eine ungeheure Volksmenge, die ein willenloses Werkzeug in der Hand der Priester war und durch ausschließliche Erziehung für eine ganz specielle Beschäftigung zu dieser ganz besonders geschickt gemacht wurde, ist die Lösung dieses Räthsels. Ändererseits ward das schon an sich genügsame unterwürfige Volk durch eine Menge diätetischer und medicinischer Vorschriften und durch Policei- nnd Ritualgesetze B. die Beschneidung, das Verbot Schweinefleisch und Bohnen zu essen und die geheiligten Thiere zu verletzen) in allen natürlichen Regungen aufs vollkommenste gebändigt. Dabei ward cs durch scheusliche Gebräuche, wollüstige Greuel, Proccssiönen, Feste, Schaugeprängc und Bilder an den Götzendienst geknüpft. Die religiösen Bauten gaben ihm Brot und Beschäftigung. Durch den Glauben an die Seelenwanderung (s. d.), durch die Theorie der Erbsünde, durch das Todtengericht, den Gebrauch des Einbal- Ägypten 153 samirens der Tobten (s. Mumie n) und die Aufbewahrung derselben in großen Begräbniß- ' statten ward der Gedanke des Volks fortwährend auf den Tod gerichtet und dasselbe dadurch cingeschüchtert und ihm der ernste, abgeschlossene und düstere Charakter aufgedrückt, den die Alten ihm beilegen. Daher kann auch von Philosophie und ethischen Wissenschaften bei den Ägyptern keine Rede sein; selbst die Weisheit ihrer eingeweihten Priester war wol keine spcculativc, sondern nur die Kenntniß der einfachen,Wahrheiten, die ihren religiösen Symbolen zum Grunde lagen. Von allen Werken der Ägypter stehen keine in näherm Bezüge auf die Religion als ihre ungeheuren Bauten mit ihren Sculpturen und Malereien, denen ! alleKenntniß der Perspective und der Anatomie abgeht, und die sich nie zur freien Schönheit ^ erheben. (S. B a u k u n st.) Diese Bauwerke bestanden vorzüglich in Tempeln oder Tempcl- palästen (Wohnungen der Könige) mit O bcliskcn (s. d.) und Sphingen (s. Sphinx), theils in Begräbnißstättcn, wie die Pyramiden (s. d.) und die unermeßlichen, meist in Fels gehauenen Todtenstättcn. Auch die ägypt. Musik, aus der die der Hebräer, Griechen und Römer hervvrging, war eine rein religiöse Kunst, die blos bei Leichenbegängnissen und dem Gottesdienst geübt ward. DieHarmonie derTöne gehörte zu den Geheimnissen der Priester. Selbst ihre mathematischen, astronomischen, medicinischen und übrigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse standen mit der Religion in Verbindung, oder machten gar einen Theil ihrer Theologie aus. Deshalb blieben sie auch hier stationär, und man hat Unrecht, wenn man den ägypt. Priestern hierin ein tiefes Gcheimwiffen zuschreibt. Das Sonnenjahr hatten sie zwar fast herausgebracht, auch kannten sie die Elemente der Geometrie; allein in der Astronomie im Ganzen waren ihnen die Babylonier überlegen, und in der Hydrostatik und in der Mechanik waren sie nicht über die ersten Anfänge hinausgekommen, wie ihre Be- wässcrungsmaschinen und die auf Bauwerken abgebildete Art, große Lasten fortzubewegen, beweisen. Letzteres geschah durch eine höchst einfache Maschinerie und mitHülfe einer großen Menschenmenge. Ihre Medici» bestand meist in Charlatanerie; jede Krankheit ward von j eigenen Ärzten behandelt. Das Beste war noch ihre Diätetik, bei der die Sorge für die Haut durch Bader, Schwitzen u. s. w. einen wichtigen Rang einnahm. Chemie und Änato- nne kannten sie nicht. Am weitesten hatten sie es in mechanischen Gewerben gebracht; vor Allem im Ackerbau, wo sie ihrem Fleiß durch bewundernswerthe Kanäle zu Hülfe kamen. Weit vorgerückt waren sie ferner in der Verarbeitung der Metalle, edler Steine, des Thons, des Leders, der Baumwolle und des Leines, überhaupt in allen Webereien; auch Glas und Email wußten sie zu fertigen. Die älteste Geschichte Ä.s bietet fast nur chronologische Probleme und Resultate; doch ergeben sich aus dem Gewirrc dürrer und widersprechender Herrscherverzeichnisse, aus den Sagen und aus den wenigen Überlieferungen von Thaten und Ereignissen mit ziemlicher Gewißheit einige Thatsachen von historischer Wichtigkeit, welche einen Schluß auf den Entwickelungsgang der Geschichte des Landes erlauben. Ohne Zweifel bildeten die verschiedenen aus Nubien auf dem Nil herabgekommenen Pricstcrcolonien, die sich auf Philä,Elephantine, in Theben, This und Heraklea u. s. w. niedcrließcn, anfangs vereinzelte Staaten,„ die sich erst später zu einem Ganzen vereinigten. Wann dies geschehen sei, ist ungewiß. Übereinstim- > mend wird aber von den verschiedenen Hcrrschervcrzcichnissen Menes als erster König von A. und Gründer von Memphis und von Nilkanälen genannt. Vor ihm nennt die Sage nur Götter und Halbgötter als Regenten. Von ihm bis zu Alexander dem Großen werden 3 l Dynastien ägypt. Könige gezählt, und Herodot gibt die Zahl der ägypt. Könige von Menes bis auf Möris (ungefähr 14»» v- Chr.) auf 33» an. Nimmt man noch dazu, daß zu Abra- ham's Zeit (2»»» v. Chr.) Unterägypten als völlig civilisirt und wohlangebaut erscheint, daß Memphis in einer Zeit gegründet wurde, als Unterägypten noch nicht bewohnt, vielleicht nicht bewohnbar war, daß die vberägypt. Städte aber beiweitcm vor Memphis gegründet sein müssen, wie die vberägypt. Bauwerke beweisen, so gewinnen die Resultate der neuesten auf Entzifferung der ägypt. Inschriften und andere Monumente gegründeten Forschungen, nach welchen die älteste Geschichte A.s weit über die gewöhnliche vorchristliche Zeitrechnung hinausreichk, große Wahrscheinlichkeit, und als Gewißheit ergibt sich, das Ä. zu den ältesten Culturländern der Erde gehört. Daß der Gang der ägypt. Geschichte in diesem ältesten vorhistorischen Zeitraum nicht so stationär gewesen ist wie später, daß vielmehr auch 154 Ägypten eine Entwickelung stattgefunden, läßt sich aus den allgemeinen Nachrichten von Kämpfen mit den Äthiopiern und Libyern, und von weitern Kricgszügen des Osymandyas gegen die z Baktrier schließen. Jene Kämpfe sind nichts Anderes als die nothwendigen Conflicte zwischen c den verschiedenen Volkselementen, welche in Ä. miteinander in Berührung kamen, und aus c denen, nachdem sic sich in ein bestimmtes Verhaltniß gesetzt, die Kastcneintheilung Herr- orging. z Aber auch später muß diese Kasteneinrichtung in Folge verschiedenartiger Änderungen, die in i ihren Grundlagen vorgingen, zu verschiedenen Zeiten woleine verschiedene gewesen sein. Der -i Zug nach Baktrien beweist, daß Ä. damals schon nicht mehr reiner Priestcrstaat war, sondern ^ daß die Kriegerkaste bereits sich entwickelt und das Königthum aus einem priesterlichen zu - einem kriegerischen Amt sich umgestaltet haben mußte. Noch mehr mußte dieser Charakter ' des Königthums durch den Einsall und die Herrschaft der Hyksos, zwischen 2000 und lSOV * < v. Ehr., hervortrelen. Dieselben, ein von Nordostcn herkommendes Nomadenvolk (Scythen, ^ wie Champollion, auf Monumente gestützt, behauptet), traten als culturvcrnichtende Bar- > baren auf, vermochten jedoch ihre Herrschaft nur über Unter- und Mittelägypten auszu- > dehnen. Unter mannichfaltigen Kämpfen mit der in Oberägyptcn sich haltenden rechtmäßigen ! Dynastie, behaupteten sie sich mehre hundert Jahre (nach Josephus 500 Jahre) in der i Herrschaft, wurden aber von dem Könige Alisphragmuthosis so in die Enge getrieben, daß > sie unter dessen Sohn Thutmosis durch Vertrag das Land wieder verließen. Die Folge da- > von war die vollkommene Vereinigung Ä.s zu einem Reich und die Consolidirung seiner > innern Zustände, die bis dahin von verschiedenartigen innern Kämpfen bewegt worden 1 waren. Noch, ist hier zu erwähnen, daß in die Periode der Hyksos auch der Aufenthalt der ' Israeliten in A. fällt, die man deshalb, jedoch mit Unrecht, für identisch mit Jenen gehalten hat. ' In der nun folgenden Periode erreichte das ägypt. Reich den Höhenpunkt seiner Macht ^ und seines Glanzes und die eigenthümliche Ausbildung seiner socialen und politischen Ver- ^ hältnisse; riesenhafte Werke entstanden für den Cultus und zur Beförderung der Landeswohlfahrt, und der Nationalheld Ä.s, Sesostris ss. d.) oder Ramses VI. unternahm in > derselben seine Eroberungszüge. Seitdem wurde Ä. immer mehr in die vorderasiatischen Begebenheiten verwickelt. Der hierdurch beförderte Despotismus der Könige, sowie der ^ Druck, den die ungeheuer» Pyramiden- und Tempelbauten verursachten, brachten am Ende Unruhen im Innern hervor, die es dem äthiop. König (wol von Meroe) Sabako möglich machten, Ä. sich zu unterwerfen und die äthiop. Herrschaft ein halbes Jahrhundert daselbst aufrecht zu erhalten. Als nach Wiedereinsetzung der alten Dynastie der Priester j Sctho sich des Throns bemächtigte (715 v. Ehr.), entstand dadurch ein Zwiespalt zwischen ! der Priester- und der Kriegerkaste, der das Land bei dem Angriff des Assyrers Sanherib in große Gefahr brachte und nach Setho's Tode das Reich in zwölf voneinander unabhängige , Staaten zerfallen ließ, welche ein jeder von einem Fürsten aus der Kriegerkaste (Dodekarchie) regiert wurde. Zwar bildeten dieselben einen Bund und suchten denselben durch Erbauung eines gemeinsamen Bundespalastes, des Lab y rinth S (s.d.), zu befestigen; dessenungeachtet aber erhob sich unter ihnen bald ein Kampf, in welchem einer von ihnen, Psammetich aus Sais,mitHülfegriech.undkarischerSöldnerdieAllcinherrschaft(656v.Chr.)ansichriß. Mit ! Psammetich tritt Ä. in cinen/egern Verkehr mit dem Äuslande, besonders mit Griechenland. > Selbst die bis jetzt von den Ägyptern gar nicht cultivirte, ihrer Eigenthümlichkeit widerstre- ' bende Seeschiffahrt fing nun an aufzublühen. Griechische Söldner schützten den König, und griech. Kaufleute siedelten sich an. Hierdurch ward die Kriegerkaste so erbittert, daß 200000 Mann von derselben nach Äthiopien auswandcrten. Alle diese Veränderungen wirkten zersetzend auf die starre ägypt. Nationalität ein. So kam cs, daß trotz der Eroberungen der Könige Neko, Psammis und Apries die Macht des Landes sank und ein Bürgerkrieg ausbrach, welcher den Usurpator Amasis an die Regierung brachte, mit dessen Sohn Psammenit schon die Reihe der Pharaonen durch den Sieg des pers. Königs Kambyscs, (525 v. Ehr.) ihr Ende fand. Ä. ward nun pers. Provinz und blieb es trotz verschiedener Empörungen, welche die von den Persern vorzüglich verfolgte Priesterkaste veranlaßte, bis zur Ankunft Alexander des Großen, 332 v. Ehr., der die alte Verfassung wiederherstellte h- und Alexandrien, von nun an die Hauptstadt Ä.s, gründete. Nach seinem Tode kam Ä. an diePtolemLer (s. d. undAlexandrinischeSchule), unter denen sich Ä. zu einer kur- 155 Ägypten zen Nachblüte erhob, bis Octavian's Sieg bei Actium (30 v. Chr.) das Land zu einer cöm. Provinz machte, die eine von den übrigen Provinzen abweichende Organisation erhielt und unter einem Präfectus Augustalis stand. Noch einige Mal während der Kaiser- zcit versuchten die Ägypter ihre Unabhängigkeit wiederzuerringen, mußten jedoch immer diese Empörungen mit harter Buße bezahlen. Wie früher unter den Ptolemäern griech. Kunst und Wissenschaft, so drang unter den Römern das Christcnthum früh nach Ä., und Alexandrien ward noch einmal ein Sih der Wissenschaft, nämlich der christlich-theologischen. Allein dem finstern, zum Aberglauben geneigten Charakter der Ägypter gemäß ward das Land ein fruchtbarer Boden für Schwärmer und Sekten und gab den ersten christlichen Einsiedlern und Mönchen das Dasein. Nirgend fand eine stärkere Reaction gegen heidnische Wissenschaft und Kunst statt als in Alexandrien. Bei der Theilung des röm. Reichs im I. 395 fiel Ä. dem morgenländ. Reiche zu, dessen Verfall es bis 640 theilte, in welchem Jahre es von Amru, dem Feldherrn des Khalifcn Omar, erobert wurde. In Folge dieser Eroberung ward Ä. eine Provinz des großen Reichs der ersten Khalifen. Mit ihr drang der arab. Mohammedanismus und arab. Bevölkerung ins Land und erhielten in kurzer Zeit das Übergewicht über das Christenthum und die Eingeborenen, die Kopten, welche beide durch fortgesetzte,Gewaltsamkeiten fitst vernichtet wurden. Im I. 808 machte sich Achmet, der Statthalter Ä.s, von dem Khalifcn unabhängig und gründete die Dynastie derTuluniden; doch schon 905 ging die Herrschaft wieder auf die Khalifen von Bagdad über, um Diesen 935 von neuem durch Mohammed den Jchschiden entrissen zu werden. Im I. 969 eroberte Moes, der fatimitische Khalif, das Land und gründete die Stadt Al-Kahira (die Siegreiche), das heutige Kairo (s. d.). Die glanzvolle Herrschaft der Fatimitcn in Ä. ward schon 1171 durch Saladdin (s. d.) vernichtet, dessen Dynastie, die dcrAjubiden, bis in die Mitte des 13. Jahrh. herrschte. Unter ihm ward das Land, das die ersten Khalifen an arab. Pflanzer verpachtet hatten, an seine aus erkauften Sklaven bestehenden Krie- gerscharen, die Mamlukcn, als Lehen vertheilt, von denen die Bauern nach und nach völlig zu Leibeigenen herabgcdrückt wurden. Bald nach der Niederlage, die Ludwig der Heilige in Ä. erlitt, empörte sich die Miliz des Sultans, die Mamluken (s-d.), ermordete Diesen 1250 und machte sich zu Herrn des Landes. Die Mamlukcn herrschten nun unter selbst erwählten Sultanen, eine der Janitscharenrepublik in Algier ähnliche, wilde und blutige Prätorianerdespotie bildend, bis 1517, wo der osmanische Sultan Selim 1. (s. d.) A. eroberte und cs zu einem Theile seines Reichs machte. Von da an ward es durch Paschas, deren Macht aber sehr durch die Mamlukcn, ^die Selim bestehen ließ, beschränkt wurde, regiert. Unter der rohen Herrschaft der Türken und der Mamlukenbeis, die sich fortwährend untereinander selbst bekämpften, kam Ä., das seit der pers. Eroberung, stufenweise, bei jeder neuen einen Theil seines alten Glanzes und Wohlstandes verloren hatte, wenn auch einzelne Perioden kurzen Wiederaufblühens dazwischen gefallen waren, immer mehr herab, sodaß von der alten Herrlichkeit im Leben keine Spur mehr anzutreffen ist. Das wichtigste Ereigniß in dieser Periode ist der Einfall der Franzosen unter Bonaparte 1798. (S. Frankreich.) Die schnelle Eroberung Alexandriens, die Niederlage der 23 Mamlukenbeis unter ihrem Anführer Ibrahim bei den Pyramiden, die unmittelbar darauf folgende Einnahme Kairos und die bald vollendete Unterwerfung des ganzen Landes offenbarte ebenso sehr die innere Schwäche und Zerfallcnheit osmanischer Staatsverwaltung, wie die kurze Wirksamkeit der Franzosen für Einführung einer geordneten Landesverwaltung und nähern Untersuchung des Landes dazu beitrug, einerseits das Land aus einem jahrhundertlangen Oarniederliegen emporzurütteln und den Samen europ. Civilisation auszustreuen, andererseits aber eine genauere Kenntniß desselben zu verbreiten. Zwar vermochten die Franzosen nach Bonaparte's plötzlicher Abreise und des nach ihm mit dem Oberbefehl betrauten Generals Kleber Ermordung nicht, sich zu halten; die Generale Bclliard und Mcnou, von allen Seiten von Türken, Mamlukcn und Engländern angegriffen und von aller Hülfe aus dem Muttcrlande abgeschnitten, sahen sich genöthigt, im Aug. 1801 einen Vertrag abzuschlicfien, vermöge dessen sie das Land räumten; allein der Anstoß war gegeben und Ä. von nun an Wieder in den Kreis der politischen Weltbewegung gezogen und ein neues Leben in ihm geweckt- In noch höherm Grade sollte dies mit der Einsetzung von Mehemed Ali (s. d.) 156 Ägypten zum Statthalter von Ä. 1806 , mit dem eine neue Periode in der Geschichte dieses Landes beginnt, der Fall werden. Seine erste erfolgreiche That war die Vernichtung der Mamluken; seine zweite die Organisation eines regelmäßigen Heers und einer Flotte zur Durchsetzung seiner ehrgeizigen Plane. Die erste gab ihm die Möglichkeit und die zweite versetzte ihn in die Nothwendigkeit, das Land auf eine Weise zu behandeln, die ihm die höchstmöglichen Einkünfte brächte. Hieraus entwickelte sich das doppelte System des Pascha, einerseits den Ackerbau und die materielle Civilisation des Landes auf alle mögliche Weise zu heben, andererseits das Land auf die gräßlichste Weise auszusaugen, Grund und Boden als sein Privateigenthum an sich zu reißen und die Bauern zu völligen Sklaven zu machen. Das Erste, was er nach Vernichtung der Mamluken that, war die Einziehung des Grundei- ) genthums sämmtlicher Moscheen und frommen Stiftungen der Wakufs, sowie der Besitzt«, gen sämmtlicher Erbpächter oder Multezims. Ferner wurde ein raffinirt-fiscalisches System der Besteuerung eingeführt, welches den Fellah aller Früchte seines Fleißes beraubte, indem cs neben Erhöhung des Steuersatzes ihn zwang, den ganzen Ertrag seines Feldes dem Pascha zu willkürlich festgesetzten Preisen zu verkaufen und seine Bedürfnisse ebenso von Diesem einzukaufen, dabei aber die Gesammtheit für die Erfüllung der Verbindlichkeit jedes Einzelnen solidarisch haftbar machte. Endlich führte er auch behufs seines Heers die Con- scription ein, die auf die grausamste Weise gehandhabt wird. Andererseits suchte Mehe- med Ali durch Grabung von Kanälen u. s. w., das unter der Mamlukenherrschast ganz verfallene Bewässerungssystem zu verbessern und die Menge des anbaufähigen Landes zu vermehren, sodaß das urbare Land, das von den zehn Mill. Feddans (Morgen), die es noch 1517 betrug, 1812 bis auf 2,500000 herabgekommcn war, jetzt gegen fünf bis sechs Mill. Feddans wieder zählt. Dabei führte der Pascha mehre höchst wichtige Culturen, insbesondere die der Baumwolle, deren Ertrag er bis auf 260000 Ctr. steigerte, ein. Dessenungeachtet minderte sich durch die Bedrückungen und besonders die unaufhörlichen Kriege die Bevölkerung, die zur Zeit der stanz. Expedition noch drei Mill. Menschen zählte, bis auf zwei l Mill., sodaß also nur dem Zwange, nicht der steigenden Wohlfahrt des Einzelnen, die Vermehrung des urbaren Landes zuzuschreiben ist. Ebenso wenig wurde dem Wohl des Landes durch Einführung einer für den Zustand desselben unnatürlichen Fabrikindustrie, deren einziger Inhaber der Pascha ist, während die Eingeborenen ihm nur als Fabriksklaven dienen, und durch die Maßregeln zur Beförderung des Handels genützt, die ebenfalls nur dem Pascha zugute kamen. Im Gegentheil wurde der Handel mit Arabien und Ostindien durch die monopolistischen Maßregeln des Pascha aus Ä. verscheucht. Auch die Lehranstalten, welche der Pascha gründete, und die Sendung junger Ägypter behufs ihrer Studien nach Europa brachten dem Lande nur wenig Gewinn, da nicht die Bildung des Volks, . , sondern lediglich die Bildung von Anführern und Ärzten für das Heerwesen damit bezweckt wurde. Ebenso waren die übrigen Maßregeln des Pascha, wie die Errichtung einer Telegraphenlinie und einer Druckerei, die Herausgabe einer Zeitung, die neue Eintheilung des Landes und die Einführung von Provinzialvcrsammlungen, die Zusammenberufung einer Ccntralversammlung, die Äusarbeitung eines neuen Civilgcsetzbuches nach dem Muster des französischen, die Einführung der Kuhpockenimpfung und der Quarantaineanstalten und so » viele andere Unternehmungen, von denen der größte Theil misrathen und längst wieder auf- gegeben oder gar nicht ordentlich zur Ausführung gekommen ist, lediglich nur darauf berechnet, entweder das Äusland zu täuschen, oder den persönlichen despotischen Zwecken des Pascha zu dienen. Am erfolgreichsten und heilsamsten waren noch die Anstrengungen des Pascha zur Policirung des Landes; hierin liegt aber auch das einzige wahre Verdienst desselben, sonst läuft seine ganze Regierungsthätigkeit nur darauf hinaus, den an sich schon abscheulichen oriental. Despotismus durch Anwendung der Mittel, welche europ. Negierungskünste bieten, nur noch unheilvoller zu machen. So war denn das Resultat alles seines Wirkens, daß er das Land trotz aller Maßregeln zur Hebung seiner Cultur, nur noch mehr herunterbrachte und trotz eines Heers von mehr als 100000 Mann regulairer Truppen und ^ einer Seemacht von acht Linienschiffen, fünf Fregatten und mehr als 16 kleinern Schiffen im I. 1810 alle seine Eroberungen in Asien verlor und nur eine für seinen Stamm höchst precaire Erblichkeit im Besitz von A. erhielt. Nach dem Schlag von 18-10 hat sich die Sorge d li a ii u z> o d Z li § ft st er w b> ül A I'i ki R ft ni p' C ei m a> gl A T (8 N so v, vi de er di S di S> in äi d> Ä ft te u ses ng litt üc >st- !>a, zu rls en. >ei- ) m> em em em M res >n> he- er> zu sch ill. m< ch- öl< vei l ch- >es m- m, M en n- en , re e- es er es . s° » f- l- n s >r d ii st ^e Ägyptische Augenentzündung Ägyptische Mythologie 157 des Pascha und seines Sohnes Ibrahim zwar mehr auf die eigentliche Hebung der innern Hüissquellen des Landes gewandt, doch nicht, um dem Lande zu einem gedeihlicher», glücklichem Zustande zu verhelfen, sondern immer nur um die Mittel zur Ausführung noch nicht aufgegebencr ehrgeiziger Plane zu gewähren. Alle Thätigkeit Mehemed Ali's war daher in den letzten zwei Zähren darauf gerichtet, den ganzen Grund und Boden des Landes als unmittelbares Eigenthum in seine Hände zu bekommen und die ganze Bevölkerung factisch zu Ackerbausklaven zu machen. Dies ist ihm denn durch allerhand Mittel juristischer List, offener und versteckter Gewalt, so gut gelungen, daß ganzÄ. jetzt für eine einzige, ihm und den Gliedern seiner Familie zugehörige große Domaine angesehen werden kann. Diesem Ziele hatte er durch seine mannichfachen Bedrückungen, die cs den meisten Fellahs ersprießlicher erscheinen ließen, alles steuerbare Eigenthum aufzugeben und sich zu unentbehrlichen Handarbeitern zu machen, als die drückende Last eines nur scheinbaren eigenen Besitzes fortzubehalten, aufs beste vorgearbcitek. Dies ist die letzte große Phase in dem innern Zustande des Landes, welches jetzt aus einem scheinbar unmittelbaren Besitzthum der Pforte ein erbliches Paschalik unter der bloßen Suzerainetät dieser letztem geworden ist, bei dem nach wie vor der seit der Unterwerfung der Mamluken unter den türk. Sultan eingeführte Tribut den einzigen Vortheil bildet, welchen die Pforte aus dem Lande zieht. Unter den Werken über Ä. sind zu nennen die verschiedenen auf das alte Ä. bezüglichen Schriften von Prosper Alpin, Joh. Bapt. Cafselius, Marsham, PerizoniuS, und Zoega, die „llescription lle I'LMpte", Hamilton's„.4eA>i>tiaca", Champollion's, Rosellini's, Caillaud's Werke, Wil- kinson's „^ncient LgHpt", Lane's „IVlsnners null customs ok tlle möllern Lg^ptiaiw", Rifaud's ,,1'sbleim lle l'Lgvpte"- Planat's „ llistnire lle In regener-etion lle I'Lgxpte"; ferner dieNeisewerkevonPococke, Norden, Niebuhr, Volney, Olivier, Hornemann, Son- nini, Denon, Browne, Scetzcn, Burckhardt, Belzoni, Drovetti, Gau, Minutoli, Hem- prich und Ehrenberg, Parthey, Prokesch, Nüppell, Michaud und Poujoulat, Marmont, Cadalvene und Brcuvery. Ägyptische Augenentzündung nannte man eine eigenthümliche ansteckende Form einer schnell das Auge zerstörenden mit profuser Eiterung verbundenen Entzündung, welche man zuerst unter den franz. Truppen bald nach der Landung in Ägypten im I. 1798, dann auch 1891 bei der engl. Armee beobachtete und von hier aus irrigerweise nach Europa gebracht glaubte, wo sie 1891 —13 in Italien herrschte und seit 1813 die meisten Heere heimsuchte. Noch in den Z. 1833 und 1834 wüthete sie so arg unter den belg. Truppen, daß mehre Tausend Soldaten auf einem Auge oder gar auf beiden erblindeten. Vgl. Rust, „Die ägypt. Augcnentzündung" (Berl. 1829), Gräfe, „Die epidemisch-contagiöse Augenentzündung Ägyptens" (Berl. 1823), Eble, „Über die in der belg. Armee herrschende Augenentzündung" (Wien. 1836, 4.) und Gobe'c, „Die ägypt.-contagiöse Augenentzündung" (Lpz. 1841). Ägyptische Mythologie. Die altägypt. Religion erscheint durchgängig als Naturreligion, d. h. als eine Religion, welche in der Gottheit nicht ein geistiges freies Wesen, sondern blos eine Naturkraft verehrt, und deshalb die Natur und ihre Erscheinungen selbst vergöttert. Ihr eigenthümlicher Charakter besteht in der vorwaltenden Auffassung der Natur von Seiten des animalischen Lebens, in der Vorstellung der Götter in Thiergestalt und der daraus entstandenen Thierverehrung. Von dem animalischen Leben macht sich aber wieder eine specielle Seite ganz besonders geltend, nämlich die Zeugung und Ernährung; daher die überaus reichen und mannichfaltigen Symbole und Mythen, welche diese räthselhasteste Seite des Naturlebens zum Gegenstände haben, so die Phallusmythen nebst dem Phallusdienst und die Verehrung des Bocks und des Stiers als des Bildes des männlichen Zeugungstriebes , neben der Kuh als der gebärenden und nährenden Kraft. Dieser Thierdienst in seiner reinsten Gestalt, als Fetischismus, ist wahrscheinlich die ursprüngliche Form der ägypt. Religion, wie sic von den äthiop. Einwanderern mitgebracht wurde. Darauf deuteten auch noch in späterer Zeit die Sagen von dem Mitbringen gewisser Thiergötter aus Äthiopien, wie z. B. des Ammon. Ein jeder der einwandernden äthiop. Stämme halte seinen Stammfetisch, dessen Cultus sie immer fortbewahrten, obschon nach und nach die weitere Entwickelung des religiösen Bewußtseins des Volks andere religiöse Elemente erfaßte und den alten rohen Thierglauben zu höhern Gestaltungen fortbildete. Neben dem anima- 158 Ägyptische Mythologie lischen Elemente machte ein astronomisches und astrologisches, sowie ein physisches sich gel tcnd, von denen jenes möglicherweise aus dem ausgebildetern Sterndienst der Asiaten nach Ägypten herübergckommen sein kann, dieses aber leicht sich aus der Bestimmtheit und Augenfälligkeit erklären läßt, mit der alle Naturerscheinungen, besonders die, welche sich an den Nil knüpfen, in Ägypten austretcn. Daß diese beiden Elemente anfangs nicht als abstracte Naturkräfte unter symbolischen Verhüllungen verehrt wurden, vielmehr in concreten Gestalten von Naturkörpern, wie der Sonne, des Mondes, des Nil u. s. w., dies ergibt sich aus den Resten des Sabäismus und des Elcmentardienstes, die sich auch in den spätem Gestaltungen der ägypt. Nakurreligion finden. Bei dem vorherrschenden Princip des Thiercultus konnte es aber nicht fehlen, daß diese astronomischen und physischen Fetische bald mit den thierischen - in Verbindung gesetzt und gewisse heilige Thiere auch Repräsentanten verschiedener anderer Naturkräfte wurden. So ward der Skier der Repräsentant der Sonne und des Nil, die Kuh die Repräsentantin des Mondes und der Erde. Hiermit war der Übergang zu ein« höher» Gestaltung des Naturdienstes gemacht, denn jedes Thier bekam neben seiner alten Bedeutung als Fetisch auch noch den Charakter eines Symbols von Naturerscheinungen und Naturkräften, die nothwendig nur ideell in ihm gedacht werden konnten. Diese Jdealisirmig konnte aber nur durch Personisication geschehen, da der Volksglaube sich nie mit etwas bloS Gedachtem, Abstractem begnügen kann. So erwuchsen aus den alten Thier- und Elemen- tengöttern ideelle persönliche Gottheiten. Nachdem man die Naturkräfte als Personen zu denken sich gewöhnt hatte, war auch die epische Ausbildung des Mythus gegeben. Die fortgesetzte Naturbeobachtung ließ die Gesetzmäßigkeit der Naturerscheinungen erkennen, die hinwiederum als Eigenschaft und That der hypostasirten Naturkräste erscheinen mußte. ES konnte daher nicht fehlen, daß das Volk, dessen religiöses Bewußtsein bei der fortschreitenden Cultur nicht mehr allein mit der rohen Anschauung des Göttlichen in der sinnlichen Erscheinung selbst zufrieden war, eine Vermittelung desselben durch die Phantasie verlangte. To war der Schritt zur sagenhaften Ausbildung des alten rohen Volksglaubens ein ganz natiir- > licher. Noch mehr wurde diese Entwickelung durch das Bestehen einer Priesterkaste befördert, die ebenso ihren Beruf wie ihren Vortheil in der Ausbildung der Mythologie finden mußte. ^ Jndeß gelang es der ägypt. Mythologie nicht, sich, wie die griech. in ihrer höchsten Ausbildung, von dem Principe der Naturnothwcndigkeit loszureißen und zu dem der geistigen Freiheit und somit dem rein Menschlichen überzugehen. Sie blieb immer noch Naturreligion und i konnte es deshalb in der Gestaltung ihrer Mythen nur zur Allegorie bringen, nicht aber zur ! freigestaltenden Poesie sich aufschwingen, welche den tobten Stoff ganz menschlich vergri- stigt. Daher haben alle ihre Mythen, selbst die kosmogonischen Allegorien, welche den Gipfelpunkt derreligiösenPhantasieder Ägypter bilden, noch jene panthcistische Unbestimmtheit, jene sinnliche Roheit und jene ungeistige Beziehung auf den Naturstoff, wie sie uns in allen Naturreligionen entgegcntreten; daher fehlt ihr auch, wie Herodot ausdrücklich versichert, aller Heroendienst. So stellt sich denn die ägypt. Religion in ihrer Blütezeit in folgendem . Bilde dar. Der alte Thierdienst bildet noch immer die Basis derselben. Jeder Nomos mit seiner Hauptstadt, d. h. jeder der Stämme, aus deren Vereinigung Ägypten erwachsen, hat sein Thier, das er mehr oder weniger ausschließlich verehrt: Theben den Widder und den Ad- > ler; Memphis, Heliopolis, Hermonthis, Onuphis den Stier; Aphroditopolis die Kuh; Ky- nopolis den Hund; Bubaflos die Katze; Lykopolis den Wolf; Mendes den Bock; KopioS die Hirschkuh und die Krähe; Herakläopolis den Ichneumon; der athribitische NomoS die Spitzmaus; Leontopolis den Löwen; der papremitische Nomos das Nilpferd; Apolli- nopolis und Philä den Habicht; die Stadt der Eileithyia den Geier; Hermopolis den Ibis; die Nomen von Arsinoe, Ombos und Koptos das Krokodil. Auch galten mehre Schlangenarten, von denen einige in jedem ägypt. Tempel ein unterirdisches, ihnen gewidmet-S Gemach inne hatten, Insekten, Fische und auch ein Phantasiegcbild, der Vogel Phönix, als heilig. Stier, Hund, Katze, Habicht, Ibis, sowie die Fische Oryrhynchos und Lepidotos, genossen indeß einer allgemeiner» Verehrung; dagegen wurde z. B- das Krokodil außerhalb^, seines Nomos feindlich verfolgt. Alle jene Thiere galten nicht etwa blos als den Göttern ge-' weiht und als bloße Symbole derselben, sondern als göttlicher Natur an sich theilhastig, als Jncarnationen der Gottheit. Dies erhellt insbesondere aus der göttlichen Verehrung, die, 159 g-l ach !lu- den Me ial- den gen mte hen > an- Siil, iner lken und ung bloS nen> nzu ört- die Es idm chei- Ts ,tür>! deck, Ot. ! sbil- ;rei- und! : zur > rgri- Ei- heit, ^ Mm herk, i idem! ^ mit! ,Ad-> Ay- >pros > !ino§ -olli- Zbis; )lan- netts ,al§ >otos, chalbl^ »ge>' , als tzdie, Ägyptische Mythologie man einzelnen Thi'crindividucn zu Thcil werden ließ. Doch ist hierbei wol der Unterschied zu machen, daß mir die in den Tempeln die Stelle eines Götzenbildes vertretenden Thicrindivi- duc», nicht aber alle Exemplare einer Gattung als Götter, sondern letztere nur im Allgemeinen als heilig betrachtet wurden, ebenso wie auch verschiedene Pflanzen, wie der Lotus, die Zwiebel, die Laucharteu, die Akazie, der Lorber u. s. w., und sogar gewisse Steine, die der Sonne und dem Mond glichen, heilig waren. Sonst zeigte sich die den Thieren gezollte Verehrung auch in der Sitte, mehre derselben, z. B. Katzen, Habichte, Ibis u. s. w., einzu- balsamircn und in Grüften beizusetzen; ferner in der großen Trauer um den Tod eines Hundes oder einer Katze und in der Sorgfalt, mit der viele einzelne Thiere gepflegt und durch fromme Gaben erhalten wurden; endlich in der Todesstrafe, mit welcher der Mord jedes heiligen Thieres gestraft, sowie in dem Umstand, daß nur wenige Thiere zum Essen geschlachtet wurden, und daß selbst der Thieropfer nur wenige waren. Neben den Thieren genossen auch mehre astronomische und physikalische Erscheinungen, wie die Sonne, die unter dem Symbol des geflügelten Diskus dargcstellt wurde, der Mond, mehre Sternbilder und der Nil göttlicher Verehrung; doch nicht mehr als Fetische, sondern als göttliche Naturkräste, in denen man eine höhere Macht ahnete. Selbst der Thierdicnst, obschon die heiligen Stiere Apis (s. d.) und Mnevis in Memphis und Heliopolis und derAmmon (s. d.) in Theben noch immer nicht viel Anderes als Fetische waren, hatte doch im Ganzen seinen ursprünglichen Charakter als Fetischismus verloren, denn die Thiergötter sowol wie die Elementargötter waren mit den Gottheiten, in welchen die höhern Ideen über das Naturleben zur Form des Individuums personificirt waren, in Verbindung gebracht, sodaß die einzelnen in den Tempeln göttlich verehrten Thierexemplare, sowie die vergötterten Naturerscheinungen, mehr als dieJncar- nationen und Repräsentanten jener höhern persönlichen Gottheiten denn als reine Fetische verehrt wurden. Diese persönlichen Gottheiten nun bilden den Gipfelpunkt in der Entwickelung der ägypt. Naturreligion. Zwar blieben sie wegen ihres Zusammenhanges mit den localen Thier- und Elementargöttern, aus denen sie sich entwickelt, zum Theil noch localer Natur; doch gelangten Diejenigen zu allgemeinerer Verehrung und zur Ehre wahrer Nationalgottheiten, in welchen das religiöse Volksbewußtsein seine höchsten naturreligiösen Ideen verkörperte und deshalb zu eigentlichen Mythen ausarbeitete. Es sind dies Osiris (s. d.) und Isis (s. d.), und ihr Mythus bildet den Mittelpunkt der ganzen ägypt. Mythologie. In ihm stellt Osiris die active Naturkrast, den zeugenden Einfluß der Elemente, Isis aber die passive Ursache oder die hervorbringende Kraft der Natur dar. Vereint bilden Beide das universelle Wesen, den Pantheos, und sind zusammen die Personification der sich selbst zeugenden Natur in ihrer höchsten Potenz. Ihnen stehenTyphon (s. d.) und N e p h- th y s(s. d.), welche das zerstörende Princip in der Natur darstellen, als nothwendige Gegensätze gegenüber. Zu diesen vier kommen, um die männliche und die weibliche Trias voll zu machen, noch Arueris (s. Horus) und Bubastis (s. d.), welche nach der Zerstörung die Wiederherstellung repräsentiren. Ganz natürlich ist es, daß diese sechs Götter wegen ihrer ideellen Verwandtschaft von dem Mythus auch in eine natürliche gebracht, und bald als Geschwister, bald theilweise als Kinder voneinander dargestellt werden. Andere Modificatto- nm und Emanationen dieser Hauptgötter bilden Thot (s. d.), Serapis (s. d.), Ammon (s. d.), Mendes (s. d.), Horus (s. d.), Harpokrates (s. d.), Anubis (s. d.) und Pa- premis, sowie Tithrambo, Athor (s. d.) und Buto; während Kneph, Phtha und Neith die Naturseele, die letzte Ursache alles Seins darstellen und deshalb nebst der Athor eine große Rolle in den ägypt. Kosmogonien spielen. Der Grundcharakter der ägypt. Religionen ist, wie bei allen Naturreligivnen, der Pantheismus; alle ihre Götter sind ihrem Wesen nach nur Eins, nur allgemeinere oder spcciellcre Modifikationen und Emanationen des Einen Panthcos, der Natur; im Grunde sind sie deshalb auch gar keine wahren Personen wie die griech., sondern Naturkräfte in der Maske der Persönlichkeit. Nimmt man noch dazu, daß di- ägypt. mythologischen Götter fortwährend auch noch die alten Fetische mit umfaßten, so dari bei ihrem panrheistischen Grundzug das Verschwimmende und Unbestimmte in dem Charakter ihrer mythischen Persönlichkeit, wonach der eine Gott bald der Vater, bald der Bruder, bald der Sohn des andern je nach ihrer verschiedenen Bedeutung ist, und bald in einem Naturgegenstand, bald in einer Naturkrast aufgeht, nicht Wunder nehmen 160 Ägyptische Mythologie Dies gilt jedoch nur von der ägypt. Religion, wie sie sich praktisch als Volksglaube gestaltete, denn theoretisch wurde sie schon frühzeitig von der ägypt. Priesterschaft in ein sehr bestimmtes dogmatisches, in den heiligen Schriften niedergelegtes System gebracht, das freilich beiwci- tem mehr das Ergebniß des ordnenden hierarchischen Geistes und des willkürlich ausklügelnden Verstandes als das Resultat historischen Sinnes und natürlich treuer Auffassung war. Dieser f heiligen Schriften, die nach dem ägypt. Hermes, Thot, dem man ihre Abfassung zuschrieb, Her- metischeBücher genannt wurden, soll es nach Jamblichus 36524 gegeben haben. Sie ent- ^ hielten ebenso wol die astronomische, astrologische, ärztliche, mathematische, physikalische, geographische, historische und literarische Weisheit der ägypt. Priester, wie ihre religiöse Dogmatik und Liturgik, Hymnen, religiöse und politische Gesetzgebung; sind jedoch sämmtlich verloren ge- f gangen. Da die Nachrichten über das System der ägypt. Priester so widersprechend und verwirrt sind, daß es der Kritik noch nicht gelungen ist, eine genügende Lösung dieser Widersprüche zu finden, so übergehen wir alle dogmatischen Versionen der ägypt. Mythologie, uns lediglich an Das haltend, was aus derselben historisch erkennbar ist. Ganz falsch ist die Annahme, daß jene Bücher eine speculative Weisheit enthalten haben, und daß die philosophische Bedeutung der Mythen der Inhalt der ägypt. Priestermystcricn in der Blütezeit des ägypt. Staats gewesen sei. Erst später, in der letzten Periode des ägypt. Volkslebens, bildete sich in Folge des Eindringens griech. Philosophie und vorderasiatischer Theosophie im Gegensatz zu dem gemeinen religiösen Glauben ein höheres Wissen von den göttlichen Dingen aus, das, da es für die große Menge unfaßbar blieb, zu einer nur den besonders Eingeweihten zugänglichen Geheimlehre ward. Hierher gehören wol auch die meisten der uns überlieferten ägypt. Theogonien und Kosmogonien, sowie verschiedene mystische anthropologische Philoso- pheme, welche dem ursprünglichen materiellen Charakter der ägypt. Religion ganz fremd sind. Die Verwaltung des Gottesdienstes hatte die Priesterkaste zu besorgen, die in verschiedene hierarchische, größtenthcils erbliche Abstufungen zerfiel. Den obersten Rang nahmen . die Propheten ein; dann folgten Stolisten, Hierogrammaten, Horoskopen oder Horologen, ' Sänger, Pastophoren und Neokoren. Sie bildeten verschiedene, zu je einem Tempel gehö- rige Collegien. Außer der Verwaltung des Gottesdienstes und dem Studium der heiligen Schriften lag ihnen auch die Verwaltung des Landes, die Gesetzgebung, das Geschäft der Weissagung und Zeichendeutcrei, deren eigentliche Heimat Ägypten war, und die ärztliche Praxis ob. Sie durften nur eine Frau nehmen, nie einen Todten berühren, nur linnene Kleider und Schuhe aus Byblos tragen, gar kein Fleisch essen, oder doch nur unter großen Beschränkungen, mußten beschnitten sein, sich den ganzen Körper scheeren und mehrmals des Tags waschen, und vor den Festen sich langen Reinigungen und Fasten unterziehen. Der Gottesdienst bestand in Gebeten, Räucherungen und Sühnopfern, zu denen, obschon nicht häufig, Menschen und Thiere, jedoch unter vielen Beschränkungen, geschlachtet wurden. Insbesondere zur Zeit des Neu- oder Vollmondes wurden viele Feste gefeiert, die meist mit astronomischen und physischen Erscheinungen in Verbindung standen oder auf ein mythologisches Ereigniß sich bezogen, und durch viele sonderbare Gebräuche, zum Theil sehr obscöner, ja scheuslicher Natur, auszeichneten. Der Einfluß der Religion aufs Volk war sehr groß, einmal durch eine Menge socialer, policeilicher, diätetischer und kirchlicher Vorschriften, die alle für gött- ' liche Gesetze galten und das ganze Leben jedes Einzelnen, von der Wiege bis zum Grabe, vom Morgen bis zum Abend, regelten und mit religiösen Schranken umgaben. Selbst noch über das Grab hinaus erstreckte sich ihr Einfluß durch das Todtengericht (s. d.) und die Lehre von der Unterwelt (s. Amenth es) und der S eelen Wanderung (s. d.). Sehr schwer mit der Lehre von der Fortdauer der Seele nach dem Tode ist dem Principe nach die Sitte des Einbalsamirens (s. Mumie) zu vereinigen, die wesentlich auf der materialistischen Ansicht von der leiblichen Fortdauer des Menschen nach dem Tode beruht. Wahrscheinlich ist diese Ansicht die ältere, und jene von der Seelenwanderung u. s. w-, die vielleicht aus Indien oder Phönizien später hinzugekommene. Die Hauptquellen der ägypt. Mythologie sind neben den noch bestehenden Monumenten in den Schriften des Herodot, Diodor l. von Sicilien und Plutarch zu suchen; nächst diesen in vielen einzelnen Nachrichten griech. und röm. Schriftsteller, wie des Porphyrius, Jamblichus, der Kirchenväter Origenes, Clemens von Alexandrien und Augustinus, des Tacitus und Ammianus Marcellinus. Ahasverus Ahnung 161 Unter den Neuern, die sich mit ägypt. Mythologie beschäftigt haben, sind hervorzuheben, der Jesuit Kircher, Jablonsky, Zocga, Crcuzcr, Hug, Hirt, Champollion, Scyffarth, Jdelcr, von Bohlen, Prichard und Wilkinson. Ahasverus, s. Ewiger Jude. Ahlwardt (Christian Will).), einer der vielseitigsten und gelehrtesten Philologen der neuesten Zeit, geb. zu Greifswald am 23. Nov. 1760, gcst. am 12. Apr. 1830, wurde, nachdem er sich vicleJahre durch Privatunterricht seinen Unterhalt hatte verschaffen müssen, endlich auf Empfehlung seines Freundes I. H. Voß zum Nector am Gymnasium in Oldenburg ernannt. Später übernahm er das Rektorat in seiner Vaterstadt und vertauschte zuletzt dasselbe mit der Professur der alten Literatur an der Universität daselbst, die er bis an seinen Tod bekleidete. In allen diesen Ämtern zeichnete sich A. durch Eifer für seinen Beruf, sowie durch Wohlthätigkeitssinn aus und war stets ein offener Feind aller Schmeichelei. Än Körper und Geist herrlich von der Natur ausgestattet, hatte er sich nicht nur von den klassischen , sondern von allen neuern europ. Sprachen, mit Ausnahme der nordischen, eine genaue Kenntniß erworben, wie auch seine zahlreichen Schriften beweisen. Unter diesen erwähnen wir die Übersetzungen des Kallimachus (Berl. 1794) und von Catull's „Attis" (Oldenb. 1808), sowie Ossian's aus dem Galischen nach dem Sylbenmaße (8 Bde., Lpz. 1811) und mehre einzelne Stücke aus Shakspeare, Ariosio und Camoens, ferner seine Schrift „Zur Erklärung der Idyllen Theokrit's" (Rost. 1792) und „Bemerkungen über einige Stellen griech. Dichter" (5 Progr., Oldenb. 1798 — 1807). Die in einem dieser Programme vom J. 1801 aufgestellte Behauptung, daß die Versbrechungcn im Pindar von spätcrn Grammatikern erfunden seien, veranlaßt«: einen mit vieler Bitterkeit geführten Streit zwischen ihm und Böckh, der sich jene Entdeckung sieben Jahre später anmaßte, daher die gereizte Stimmung A.'s in seiner Ausgabe des Pindar (Lpz. 1820) zu erklären ist. Ahnen heißen die adelig geborenen Vorfahren väterlicher und mütterlicher Seite. Sie werden so gezählt, daß Vater und Mutter zwei Ähnen, die Großältern väterlicher und mütterlicher Seite vier Ahnen, die Urgroßältern acht Ahnen bilden u. s. f. Es kann daher stets nur von 3,8, 16,32, 63 Ahnen u. s. w. die Rede sein. Das Fortzählen der Ahnen hört auf, sobald eines der Glieder nicht von Geburt adelig ist. — Ahnenprobe wird der Beweis genannt, daß man eine bestimmte Zahl adeliger Ahnen habe. Zur Ahnenprobe gehört l) die Ahnentafel, ein Stammbaum von väterlicher und mütterlicher Seite, 2) der Beweis der Filiation, d. h., daß alle in der Ahnentafel begriffene Personen in der angegebenen Weise aus rechtmäßiger Ehe abstammen, und 3) der Nachweis der Ritterbürtigkcit, d. h., daß die oberste Reihe der Ahnen (die vier Großältern, acht Urgroßältern, oder 16 Ururgroßältern) von adeliger Geburt gewesen sind. Die Ahnenprobe kam vorzüglich im 15. und 16. Jahrh. aus und ward für nöthig erachtet bei Turnieren, Domcapiteln, Ritterorden, Ganerbschaften, zum Eintritt in die landständischen Versammlungen und zur Hoffähigkcit. Von dem hohen Adel (Reichsgrafen und Fürsten) wurde in der Regel die Ahnenprobe nicht gefodert. Durch die Aufhebung der deutschen geistlichen Staaten, des deutschen Ordens und der deutschen Zunge des Johanniterordens ist sie fast außer Gebrauch gekommen und wird jetzt auch bei den Orden, deren Statuten sie sonst erfoderten, z. B. dem preuß. Schwarzen Adlerorden, längst nicht mehr verlangt. Als Bedingung der persönlichen Landstandschaft in der ritterschaft- lichen Curie war sie bis zur Einführung der neuen Verfassung, im I. 1831, im Königreiche Sachsen noch üblich. Ahnung bezeichnet die Erwartung künftiger Ereignisse, bei welcher mehr die begleitenden Gefühle als die Schlüsse, auf welche sie sich gründet, zum Bewußtsein kommen. Ahnungen im cngern Sinne oder Divination nennen wir dergleichen Erwartungen, wenn wir uns bei ihnen der Gründe gar nicht bewußt sind und daher in ihnen das Künftige vorher zu empfinden scheinen. Man unterscheidet I) bestimmte Ahnungen, bei welchen man sich Dessen, was man ahnet, nicht blos im Ällgemeinen bewußt ist, z. B. die Ahnung eines Todesfalles, bei dem Bewußtsein, daß man ihn erwartet; 2) unbestimmte Ahnungen, welche stattfinden, wenn man iin Allgemeinen einem angenehmen oder unangenehmen Ereignisse entgegcnsieht; und 3) bloße meist beängstigende Vorgefühle, ohne Bewußtsein Csnv.-Lex. Neunte Aust. I. 11 162 Ahorn Ahumada eines Grunde- dafür, bis cinErcigniß cintritt, dessen Ahnung gehabt zu haben, wir uns nach, her leicht überreden. Obgleich alle Ahnungen lwchst unsicher sind, und ohne zufällige,; Zusammentreffen gewisser Ereignisse mit Vorgefühlen Niemand leicht von einem Ah- nungsvermögen würde gesprochen haben, so mag doch oft ein solches zuversichtliches Erwarten auf unbekannten Einwirkungen der Dinge auf uns, sowie mannichfaltigcn Com- binationcn beruhen, die nur nicht in unser Bewußtsein treten. Mancherlei Beispiele richtiger Ahnungen enthalten z. B. Schubcrt'ö „Ansichten von der Nachtseite der Natur- Wissenschaft" (-1. Auch, Dresd. 18-1»), sowie dessen „Geschichte der Seele" (2. Ausl., Stuttg. 1833). Auch gehören hierher die Schriften über den animalischen MagnetiS- m u s (s. d.) und S o »> nambulis m u s (s. d.). , Ahorn, ein Baum der gemäßigten Zone, ist in Europa, Asien und Amerika heinüsrl'. Fast alle baumartigen Spccies des AhorngcschlcchkS geben beim Anbohrcn im März und Nov. einen süßen Saft, der reich an krystallisirbarcm, mit dem Rohrzucker überein- kommendem Zucker ist. Vorzüglich gilt dies von mehren nordamerik. Arte», von denen eine auch den Namen Zuckcrahorn (Vcor sncclmri,»»,,) trägt. In Nordamerika wird dieser Saft sehr häufig zu Darstellung von Zucker benutzt, und allerdings ist er unter günstigen Verhältnissen so rein und zuckcrreich, dafi für den Hausgebrauch eine einfache Klärung durch Kochen und Abdampfen hinrcicht. Aber auch feiner Zucker ist mit viel geringer» Schwierigkeiten als aus dem Nübcnsast daraus herzustcllcn. Man hat daher vor einigen Jahren im Ernste daran gedacht, in Deutschland die Ahornzuckcrfabrikatio» cinzuführen. Da indessen die hier acclimatisirtcn und einheimischen Ahornartcn einen zu armen Saft geben, so müßte dazu Zuckerahorn besonders angepflanzt und nicht allein vielt Jahre gewartet werden, bis die Bäume stark genug wären, die jährliche Anzapfung längen Zeit zu ertragen, sondern man müßte auch wegen schwieriger Acclimatisirung des Bäumet mannichsachen Fchlschlages gewärtig sein. Aus diesen Rücksichten ist es nur bei einigen Versuchen im Kleinen geblieben. Indessen verdienen doch, wenn man nämlich überhaupt von l der continentalcn Zuckerfabrikation nicht ganz wieder zurückkommen sollte, die über Benutzung des Ahorns zur Zuckerfabrikation von Wilbrand, Liebig, Schrödter und von Neumann in der Schrift „Vergleichung der Zuckcrfabrikation u. s. w." (Prag 1837) gemachten Bemerkungen Berücksichtigung. Ahriman, s. Dämon. Ahumada (Don Pedro Giron, Marquis de las Amarillas, Herzog von), aus einem der ältesten span. Geschlechter, an dessen Spitze die Herzoge von Ossuna stehen, trat früh als Offizier in die königliche Garde. Im Unabhängigkeitskriege leistete er als Chef des Gcneralstabs des span. Heers die wichtigsten Dienste, obgleich sein Stolz sich ungern unter den Befehl des Herzogs von Wellington beugte. Nach Ferdinand's VI l. Rückkehr hielt er sich zwar fern vom Hofe und dessen Jntriguen, erregte aber durch seine Hinneigung für ein gemäßigtes Nepräsentativsystem das Mißfallen des Königs. In Folge der Revolution von 1820 erhielt er das Ministerium des Krieges, entsprach jedoch nichtden Erwartungen und wurde nach dem misglückten Aufstande der Garde in die Provinz verwiesen. Während der Neaction machte sein Oheim, der Bischof von Tarazona, einen vergeblichen Versuch, ihn wieder ins Ministerium zu bringen; der König erwiderte: „Ich will keinen Minister Giron, denn er würde König und ich Minister sein." Eleichwol faßte Ferdinand VII. wieder Zutrauen und ernannte ihn in seinem Testament zum Mitglieds des Ncgentschaftsraths während der Minderjährigkeit seiner Tochter Isabelle. In dieser Eigenschaft protestirte er gegen die vom Ministerium Martine; de la Rosa wegen der insurgirten Provinzen ergriffenen Maßregeln. Durch Geburt und Gesinnung Aristokrat, widcrscßte er sich doch der Zulassung der Granden als solcher in die Kammer der Proceres, bis ihn der franz. Botschafter, Graf Nayneval, zum eifrigen Verkheidiger einer ersten Kammer mit erb- lichen Mitgliedern umflimmte. Fortan galt er als Vertreter der franz. Politik und während er als Präsident der Proceres bei diesen großen Einfluß hatte und ihn die Negcntin zum Herzog von Ahumada ernannte, verlor er die Gunst der übrigen Classen. Als 1SZ5 Toreno an die Spitze der Geschäfte trat, übernahm A. das Kriegsministerium. Seine projectirten Verbesserungen im Heerwesen und seine Versuche zur Aussöhnung der Basken ch. >cS .h. fr- m- ch. lir- fl. Ä. är, m- >c„ ird >t« che e!el her io» !u iele M nei gen vm > mg > in S-- aus § ,en, als sich ück- nei- , der den oer< oer- » will zer- des geirrten e er der erb- rend >um. ;z5 ' eine sken Alchen Aignillon 163 blieben indesi ohne Erfolg, und der Vorwurf des Nepotismus, der auf ihm lastete, machte ihn noch nnpopulaircr. Noch vor der Erhebung der Junten gegen Torcno gab er seine Entlassung und trat bei den Proccrcs (1835 — 3«',) als entschiedener Opponent gegen Mcn- dizabal auf. Unter dem MinisteriumJsiuriz und nach dessen Sturz hielt er sich zurückgezogen; im Herbst > 837 fand er sich jedoch veranlaßt, Spanien zu verlassen und nach Frankreich zu gehen. Eine reiche und gewählte Lccturc haben A. mit vielseitigen Kenntnissen ausgerüstet. Alchen oder eichen heißt das Vergleichen und Regeln der im Handel angewandten Maße und Gewichte nach den in den Händen der Obrigkeit befindlichen Normalmaßcn. Durch einen bcsondcrn Stempel, derbem gcaichtcn Maße aufgedrückt wird, erhält dasselbe erst Gültigkeit. — Unter dem Archen der Schiffe versteht man die Bestimmung ihrer Lastigkeit nach dem gebräuchlichen Landcsmaßc (Tonnen oder Lasten). Die hierbei angewandte Methode ist fast bei allen seefahrenden Nationen verschieden. Histe «ie eump heißen im Französischen diejenigen Offiziere aller Grade, welche an die Person der höhern Militairbcsthlshabcr atkachirt sind; die Truppcnadjutanten werden «iljiulant^ oder iütlos-miijors genannt. Hitie-ivi et iv eiel s'iUiienl. Mit diesem Wahlspruche bildete sich zu Paris 1823, nach Versammlung der ultraroyalistischcn Kammer, die ihre siebenjährige Dauer und die Jntegralcrnencrnng beschloß, eine Gesellschaft für gesetzmäßigen Widerstand. Sie wurde von einigen Dvctrinaires, meist Ncdactcuren des „OI»!>e", gegründet, und viele Mitglieder der geheimen politischen Vereine schlossen sich ihr an. Ein Zwiespalt in ihrer Mitte im I. 1828 hatte nur den Austritt einzelner Thcilnchmer zur Folge; sie verstärkte sich bald wieder durch die Notabcln aller Elemente der Opposition. Eine besondere Thätigkeit entwickelte sic in den letzten Jahren der Restauration, als sich Guizot (s. d.) ihr angeschlosscn hatte und zu ihrem Präsidenten erhoben worden war. Damals sah man in ihrem Centralcomite die später an allen Zweigen der Verwaltung theilnchmenden jungen Schriftsteller des „Ololie": Nemusat, Dnchatel, Duvcrgicr de Hanranne, Dcjean, Dubois, Montalivet u. A.; neben Thiers, Mignct und den Republikanern Carrel, Cavaignac, Bastide, Thomas, Marchais u. A. Als der „6Iol,e" eingegangen war, wurde der „National" ihr Organ. Unter dem Einflüsse dieses Vereins wurden Wahlschrcibcn verbreitet, um freisinnige und unabhängige Wahlen zu erwirken, zahlreiche Petitionen gegen die bestehenden Misbränche veranlaßt, zur Aufklärung der Bürger über ihre Rechte Flugschriften verfaßt und in Hunderttausenden von Exemplaren vcrtheilt, sowie Associationen zur Verweigerung der von den Abgeordneten nicht bewilligten Steuern gestiftet. Unter solchen Umständen kam die von der Gesellschaft gestierte und vielfach unterstützte vcrhängnißvolle Opposition der 221 Abgeordneten zu Stande. Nach dem Ausbruche der Julirevolution, als schon eine große Zahl der angesehensten Theilnehmcr des Vereins in die Administration eingetreten und die Erhaltung des curop. Friedens noch zweifelhaft war, dachte man in Frankreich daran, sich propagandistisch mit einer belg. und span. Revolution zu umgeben. So bildete sich aus Mitgliedern der Gesellschaft namentlich ein span. Comite, welchem Garnier-Pages, Löwe- Weimars, Arago u. A. angehörten, und das in den Provinzen seine Correspondenten hatte. In diesen Bestrebungen wurde cs von den damaligen Ministern, unter denen sich Guizot besonders thätig zeigte, in jeder Weise, namentlich durch bedeutende Geldbeiträge, eifrig unterstützt. Da aber die neuen Gewalthaber die Sache der span. Ausgewanderten dem Frieden um jeden Preis bald aufopferten, so trat die Gesellschaft, die fortan einen mehr demokratischen Charakter annahm, in Opposition gegen die Regierung und damit zugleich gegen einen Theil ihrer frühem Mitglieder. Sie nahm jedoch niemals die Form einer geheimen Verbindung an und löste sich 1832 freiwillig auf, nachdem der Club der Volksfreunde, unter Berufung auf das Verbot der nicht autorisirten Vereine von mehr als 20 Personen, geschlossen worden war. AtgmÜon (Armand Vignerot Duplessis Richelieu, Herzog von), Minister der auswärtigen Angelegenheiten unter Ludwig XV., als Höfling durch Witz und Geist ausgezeich- net, aber sonst auch aller Eigenschaften entbehrend, welche zum Staatsmann gehören, war 172t) geboren undwurde, da ihm bald nach seinem Auftreten bei Hokc dieHerzogin von Cha- II « 164 Altzemä Aix tcauroux, die Geliebte des Königs, ihre Gunst zuwendcte, sehr jung bei der Armee metallen angestellt. Nachdem er durch die Launen der Gräfin Dubarri einen mannichfachen Wechsel der königlichen Gunst und Ungunst erfahren , trat er nach Choiseul s Sturz mit dem Abbe Tcrrai und dem Kanzler Maupeou ins Ministerium. Während seiner Verwaltung der auswärtigen Angelegenheiten verließ Frankreich die bis dahin befolgte großartige Politik und wurde in diplomatischer Hinsicht tief herabgedrückt. Die Theilung Polens, welche während seines Ministeriums erfolgte, dieses Attentat gegen alles Völkerrecht, kam erst zu seiner Kenntniß, als schon Alles vollzogen war. Selbst Ludwig XV. rief aus, als er Kunde davon erhielt: „Wäre Choiseul noch da gewesen, diese Theilung hätte nicht stattgefunden." Auch die schweb. Revolution von 1772 wird ihm zur Last gelegt. Bei der Thronbesteigung , Ludwig's XVI., 1774, wurde er im Ministerium durch den Grafen von Vergenncs erseht. Von der Königin gehaßt, ward er 1775 exilirt und starb 1783 während des Exils. — Sein Sohn, Armand Vignerot Duplessis, Herzog von A., war 1789 Abgeordneter des Adels zu Agen bei den Generalstaaten. Nachdem er sich am 25. Juni für den dritten Stand erklärt, war er einer der ersten Adeligen, die auf ihre Privilegien verzichteten; doch auch er mußte 1792 auswandecn und starb am 4. Mai 1890 zu Hamburg Aireph, s. Sabbath. Aitzema (Lieuwe van), Holland. Geschichtschreiber, geb. 1690 zu Dokkum, gest. 1669 zu Haag, stammte aus einer adeligen Familie in Friesland, trat schon in seinem 17. Jahre nicht ohne vieles Lob als lateinischer Dichter auf, entsagte aber bald dem Umgänge mit den Musen, legte sich mit allem Eifer auf die Politik und die Staatswissenschaften und ward Agent der Hansestädte im Haag. Mit Eifer und Umsicht sammelte er alle wichtigen Urkunden,und Actenstücke zur Geschichte seiner Zeit, reihete sie im Originale und in einer holländ. Übersetzung aneinander und schuf erzählend und jene Actenstücke erläuternd ein Geschichtswerk, das zwar für den Dilettanten wenig Anziehendes hat, aber dem Geschichtsforscher unentbehrlich ist, und ohne welches uns die glänzendste Periode der niederländ. Ec- « schichte, vom Ende des Waffenstillstandes (1621) bis zum aachener Frieden (1668), bci- weitem nicht so bekannt sein würde, als sie es jetzt ist. Dieses Werk führt den Titel: „8alce>> vsn staut «n oorlogb in enclo ointreat eie vereenigele IXeckerlanclen" (14 Bde., Haag, 1657 — 71 , Fol.). In der zweiten, hin und wieder erweiterten Ausgabe (7 Bde., Haag 1669 — 72, Fol.) ist Manches ausgelassen, was die erste enthält. Air, in der Provence, Stadt im franz. Departement der Rhonemündungen, er- , Laut durch den Römer Cnejus Sextius 122 n. Chr. wegen der dasigen Mineralbrunnen, ' und deshalb Xguae 8extiae genannt, hat 24999 E-, eine Akademie für Theologie und Jurisprudenz, ein College, eine ansehnliche Bibliothek, ein Museum und ist der Sitz eines Erzbisthums, eines Appellhofes und Handelsgerichts. Vorzügliche Gebäude sind die alte herrliche Kathedrale und das Stadthaus. Wie die Bäder, so sind auch die Fabriken , vornehmlich in Baumwolle, in Verfall gerathen; doch sucht sich die Stadt zu heben durch Gewinnen und Verarbeiten der Seide, durch sorgsame Behandlung des Ölbaums und j durch Acclimatifirung südlicher Gartenfrüchte, die der Luxus des nördlichen Frankreichs gut ! bezahlt. In der Minoritenkirche hat Friedrich der Große dem Marquis d'Argens, der in A. ^ geboren war, ein Denkmal errichtet. Auf der Ebene zwischen A. und Arles breitet sich da§ Schlachtfeld aus, wo Marius die Teutonen schlug. Die Bäder gehören zu den Schwefelthermen, sind aber arm an kräftigen Bcstandthcilcn; das Wasser hat eine Temperatur von 280-34", ist klar und durchsichtig, wie das reinste Quellwasser, fast ganz geruchlos, hat aber einen bitterlichen Geschmack und ist bis in den Ort Mayne oder Mayennc geleitet, wo sich das Badehaus mit marmornen Wannen und Einrichtungen zu Douchen befindet. Das Bad sicht in dem Ruf, die Schönheit der Haut zu erhalten und wird deshalb besonders von den franz. Damen besucht. Vgl. Robert, „N-sai zur les esux dermales -l'Xix" (Aix 1812). — Aix (Vqime VliobroFiim, (Zratioae oder Voinitianae), eine kleine Stadt Savoyens im Königreich Sardinien in der Nähe des Sees Bourguet mit 2938 E., war seiner Bäder wegen ebenfalls schon den Römern bekannt, aus deren Zeit es noch viele Alterthümer aufzn-> weisen hat. Es sind Schwefelthermen, und man unterscheidet die Schwefelquelle oder Quelle von St.-Paul mit einer Temperatur von etwa 43" und die (keinen Alaun enthaltende) t cm des md uch est- lem nge md gen ner ein hts- Ee- « beiden mg, rag er- ^ ren, ! und Titz sind Faden und gut A-. dar efel- von hat wo Oas von L2). >ens we> ,f;u-> uelle nde) Ajaccio Akademie ^65 Alaunquclle von mehr denn 45". Das Wasser von beiden ist klar und hat einen schwach hepatischen Geschmack und Geruch; Socquct, Thibaud und Gimbernat lieferten chemische Analysen davon; es wird zum Baden und Trinken, besonders gegen Pfortadcrstockungcn, Blennorrhöen und Rheumatismus, auch in Form von Gasbädern und Douchen benutzt. Vgl. Despine, „ Lisssi sur I-l to^ogrspliis msclicsle ll'^ix en 8i»vv)-e" (Montpellier 1802). Ajaccio, die Hauptstadt der Insel Corstca, an einer Bucht der Nordwestküste, der Geburtsort Napoleon Bonaparte's, ist der Sitz eines Bischofs, hat einen guten durch eine Citadelle beschützten Hafen und zählt 9000 E., welche sich von Weinbau, Productenhandel und Fischerei, besonders Sardellen- und Korallenfischerei nähren. Cardinal Fesch vermachte der Stadt > 00000 Francs zum Ankauf ehemaliger Bcsitzthümer der Familie Bonaparte im Gebiete von A., und 1000 seiner Gemälde zur Begründung eines Museums. Ajax, im Griechischen Alias, hießen zwei der gricch. Heerführer vor Troja. Der Eine war Ajax, der Sohn des Oilcus, Königs der Lokrer, und der Eriopis, auch der Lokrer oder Kleinere genannt. Als Freier der Helena, wie Spätere erzählen, zog er an der Spitze von 40 lokrischen Schiffen mit vor Troja, wo er als einer der tapfersten Helden erscheint, dem zumal an Schnelligkeit mit Ausnahme des Achilles Keiner gleichkommt. Als nach der Eroberung Trojas, wie spätere Schriftsteller berichten, Kassandra sich in den Tempel der Pallas flüchtete, ward sie von ihm mit Gewalt herausgerissen und fortgcschleppt; noch Andere lassen ihn sogar die Prophetin im Tempel der Göttin schänden. Obschon er sich von diesem Frevel, dessen Odysseus ihn beschuldigte, durch einen Eid reinigte, so traf ihn doch die Rache der Göttin, welche ihn in den Fluten des Meeres umkommen ließ. — Der andere Ajax war der Sohn des Telamon, Königs von Salamis, und der Periböa oder Eriböa, von mütterlicher Seite ein Enkel des Äakus. Auch er war, nach Apollodor und Hygin, unter den Freiern der Helena gewesen und zog deswegen mit zwölf Schiffen gen Troja, wo Homer ihn als den tapfersten und schönsten Griechen neben Achilles preist. Als nach des Achilles Tode die Waffen desselben, auf welche er wegen seiner Verwandtschaft und Tapferkeit Ansprüche hatte, dem Odysseus zugesprochen wurden, bemächtigte sich Zorn und Wuth seiner Seele, und in der Verzweiflung stürzte er sich in sein Schwert. Akademie nennt man in seiner gewöhnlichsten Bedeutung einen Verein von Gelehrten oder Künstlern, die gemeinschaftlich die höhere Ausbildung der Wissenschaft und Kunst sich zum Zweck gesetzt haben. Weder Besoldung von Seiten des Staats noch Unterricht der Jugend sind wesentliche Erfodernisse einer Akademie. Zwar sind die Akademien zu Paris, Stockholm und Berlin jetzt zum Thcil Lehranstalten, wie man denn auch in Deutschland die Universitäten Akademien nennt; allein sie waren es früher nicht. Die Mitglieder der Akademie, die sich gewöhnlich in ordentliche, Ehren-und correspondirendc Mitglieder sondern, wählen sich entweder selbst ein Fach der Wissenschaft oder der Kunst zur Bearbeitung, oder es wird ihnen ein solches von der Regierung übertragen. Die betreffenden Arbeiten werden in regelmäßigen Versammlungen vorgelesen und in den Denkschriften der Akademie abgedruckt; auch stellen dieMitglieder über schwierige wissenschaftliche Gegenstände Preisaufgabcn, für die gewisse Summen ausgeseht sind. Der Name rührt von der Akademie außerhalb Athens her, der Besitzung eines gewissen Akademus, welche dieser dem Sraate zum Behufs eines Gymnasiums schenkte. Hier lehrte Platon, weshalb seine Schule und die ihm in Athen nachfolgenden akademische genannt wurden. Die erste Anstalt im Alterthum, welche den Namen Akademie nach unfern Begriffen verdient, war die in Alexandrien. Nach ihrem Muster stifteten seit dem Ende des I. Jahrh. die Juden und später die Khalifen der Araber, Al-Manzur, Harun-al-Raschid und Al-Mamun mehre Akademien. Die auf Al- cuin's Rath von Karl dem Großen gegründete Akademie ging nach des Erster» Tode wieder ein, worauf sich bis ins 15. Jahrh. nicht die geringste Spur einer eigentlichen Akademie findet. Erst nach Konstantinopels Eroberung, als mehre gelehrte Griechen nach Unteritalicn flüchteten, stiftete wieder Lorenzo de' Medici eine griechische und dann Cosmo de' Medici eine Platonische Akademie; auch sie gcriethcn zwar sehr bald wieder in Verfall, allein an ihre Stelle traten umfass senderc Akademien, die zunächst von Italien aus sich dann durch alle Staaten Europas verbreiteten. Die Akademien lassen sich eintheilen in allgemeine und in solche für besondereZwecke; überhaupt zählt man jetzt gegen 350. Unter den allgemeinen wissenschaftlichen 166 Akademie Akademien erwähnen wir folgende: >) Die Akademie der Künste und Wissenschaften zu Berlin ward vom Könige Friedrich l. 1700 gestiftet und zerfallt in eine physikalische, mathematische, philosophische und historisch-philologische Clafse. Jede derselben wählte auf Lebens- . zeit früher einen Präsidenten und gegenwärtig statt dessen einen Secretair. Der erste Präsident war Leibnitz. Erst unter Friedrich > l., der Maupertuis zum Präsidenten ernannte, stieg ihr Ansehen. Zweimal im Jahre hält sic öffentliche Sitzungen; Dem, der die Pceisaufgabe am besten beantwortet, wird eine Medaille von 50 Dukaten zu Thcil. Ihre Verhandlungen („lklemoires") erscheinen seit I8ll regelmäßig, früher in fran;., jetzt in deutscher Sprache. 2) Die Akademie zu Bologna, gestiftet im 1.1690, erneuert 1829 vonPius VIII., gab von 1731—91 „eommentnrii" (7 Thle. in 1 1 Bden.), später 1834 — 39 „Novicommeutarii" (4 Bdc.) heraus. 3) Die Akademie zu D u b l i n bildete sich 1782 größtentheils aus den Mit- k gliedern der Universität und läßt regelmäßig seit 1788 ihre Abhandlungen erscheinen. Schon 1683 bestand in Dublin eine Akademie und seit 1740 eine physikalisch-historische Gesellschaft, allein beide gingen wieder ein. 4) Die Akademie zuKopcnhagen verdankt ihren Ursprung sechs Gelehrten, denen Christian VI. 1742 das Ordnen des Münzcabinets übertrug. Unter ihnen war der Graf von Holstein, auf dessen Antrieb der König 1743 die Akademie unter seinen Schutz nahm, ihr ein bestimmtes Einkommen anwieS und sie ermächtigte, ihre Tätigkeit weiter auszudehnen. Ihre Schriften erscheinen in dän. Sprache, sind aber zum Thcil ins Lateinische übersetzt. 5) Die Akademie zu Lissabon, gestiftet 1779, besteht aus drei Claffen und zählt 60 Mitglieder. Seit 1797 läßt sie ihre sehr umfangsreichen ,Memo- ,'iss" erscheinen. 6) Die Akademie der Wissenschaften zuMünchen wurde 1759 gestiftet, 1805 ansehnlich erweitert, und F. H. Jacobi Präsident derselben. Von ihren „Denkschriften" erschienen bis zum I. 1842 18 Ouartbändc. 7) Die Xcackemis i»z-uls »>c» Sciences zuParis wurde 1666 von Colbert gestiftet, 1699 durch den König bestätigt, 1793 , aufgehoben und durch das Nationalinstitut erseht, bis Ludwig XVIII. 1814 sie wiedcrher- ' stellte. Sie besteht jetzt aus acht Claffen. Ihre Schriften, von denen mit Unterbrechungen § jährlich ein Band erschien, füllen über 150 Bände. (S. I n st i k u t.) 8) Die Akademie zuPc > lersburg, zu der unter Wolfs und Leibnitz's Beirath schon Peter der Große den Plan entworfen hatte, wurde 1725 von der Kaiserin Katharina I. gegründet. Unter Peter II. gerieth s die Akademie sehr in Verfall, erhob sich aber unter der Kaiserin Anna, sank dann wieder . herab, bis sie durch Elisabeth von neuem gehoben ward. Ihre Schriften führen von 1725 —47 den Titel „Oommentarii", von 1748—77 „Novi cominentarii", von 1778—1826 . ,,^cta", später „Nova acta". 9) Die Akademie der Wissenschaften zu St o ckholm, 1739 als Privatverein von sechs Gelehrten, unter denen Linne war, gestiftet, ward 1741 als Königliche Akademie anerkannt, ist seit 1799 in sieben Claffen getheilt. Ihre seit 1739 jährlich erscheinenden Schriften bilden seit 17 80 eine neue Folge. Die Akademie der schönen Wissenschaften und des Alterthums zu Stockholm wurde 1753 und 1786 erneuert. Ihre Memoiren erscheinen seit 1755 und seit 1800 in einer neuen Folge. Unter den Akademien für besondere Fächer der Wissenschaften erwähnen wir folgende: 1) Für Sprachen. Die Xccslleinia cleila crusca oder Vcatlsinia kurkuratorum ! zu Florenz wurde 1582 gegründet und machte zuerst durch ihre Angriffe auf Tasso Auf- ! sehen. Ihr Hauptverdienst besteht in der Abfassung eines trefflichen Wörterbuchs und in der Besorgung correctcr Ausgaben älterer Dichter. — Die Xcatlömis tranyaise in Paris ent- stand 1629 als ein Privatvercin und wurde sechs Jahre nachher von Richelieu tu einer Akademie für franz. Sprache, Grammatik, Poesie und Beredtsamkeit erhoben. Ihr verdienstlichstes Werk ist das Wörterbuch der franz. Sprache, welches zuerst 1694 erschien. - Die zu Madrid vom Herzoge von Escalona 1714 gestiftete und im folgenden Jahre bestätigte Akademie hat sich große Verdienste um die Reinheit und Vervollkommnung der Sprache, besonders durch Ausarbeitung eines Wörterbuchs, erworben. — In Petersburg ward 1783 für die ruff. Sprache eine Akademie gegründet und mit der Akademie der Wissenschaften verbunden. — Auch in Stockholm ward 1789 eine Akademie für die schwed. und zu Pesth 1830 eine für die Ungar. Sprache gestiftet. 2) Für Alterthumskunde. Oben an steht hier die ,V alle- p mic lik-s iliscriptinns zu Paris, gestiftet von Colbert 1663, für das Studium alter Denkmäler und für die Verewigung merkwürdiger vaterländischer Ereignisse durch Münzen, Akalephen 167 u Bildwerke, Inschriften u. s. w. Sie hatte anfangs nur vier Mitglieder, die aus den Mit- > gliedern der .^caOöiiiik! ü gewählt waren; aber 1701 wurde das Personal auf zehn '' . Ehrenmitglieder, zehn Associe's, zehn Pcnsionnairs und zehn Zöglinge festgesetzt. JmJ. >t 1793 aufgehoben, wurde sie von LudwigXVIll. 1813 wiederhcrgestcllt. — Für das Studium ^ der etrurischen Alterthümer wurde 1727 zu Cortona in Italien, und für die Aufhellung der n nvrd. Sprachen und der Alterthümer 1710 zu Upsala in Schweden eine Akademie errichtet; n beide haben sehr schätzbare Arbeiten geliefert. — Um die in Herculanum und Pompeji aufge- sundcnen alten Denkmäler zu erklären, ward 1755 zu Neapel von dem Minister Tanucci u dicHcrculanische Akademie gestiftet. — Im 1.1807 wurde zu Florenz für die Erklärung tos- can. Alterthümer und zu Paris eine Keltische Akademie errichtet, deren Zweck es ist, die o ' Geschichte, Sitten, Alterthümer und Denkmäler der Kelten, vornehmlich in Frankreich n aufzuklärcn. 3) FürGes chichte. Zur Erforschung der kirchlichen und politischen Geschichte h Portugals stiftete König Johann V. 1720 zu Lissabon eine Akademie. — In Madrid bildete >S sich um 1730 ein Eelehrtenvercin zur Erklärung und Aufsuchung der historischen Dcukmä- er ler Spaniens, welchen König Philipp V. 1738 zu einer Akademie erhob. Sie hat mehre fr ältere Geschichtswcrkc thcils zum ersten Mal, thcils in neuen Ausgaben bekannt gemacht, ä' 3) Für Mcdicin. Die Lcopoldinische Akademie der Naturforscher ward 1652 vonJ.L. >u Banschius zu Wien unter dem Namen .^cstlemia naturae curiosorum gestiftet, nahm >s dann zu Ehren Leopold'« I., der sic ganz vorzüglich begünstigte, den Namen Laesarco-Iwo- > polciilia natiirae curiosorum ucstlomia an und hat seit 1831 ihren Mittelpunkt zu Brest, st Ihre schätzbaren Schriften erschienen erst unter dem Titel: „Lliscellanea" (1705 fg.), isi dann als „K;>I>emericles" (1722 fg.), später als „L,cta" und seit 1791 als „iXova acta." a- — Bieleandere gelehrte Gesellschaften sind nur dem Namen nach von den Aka- >3 > dcmien verschieden, so die Königliche Societät der Wissenschaften zu Eöttingen, gestiftet :r< ' 1750, die jährlich ihre „6omn>entationes" und „Göttinger gelehrte Anzeigen" erscheinen en , läßt; die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu London, gestiftet 1053, von der seit c> 1606 „kbilosopkicai transactions" herausgegebcnwerden; die Gesellschaft der Alterthums- an forscher zu London, gestiftet 1751, deren Arbeiten unter dem Titel „.^rcliaeologiu" bis 'ch j jetzt 28 Quartbände umfassen; die Literarische und philosophische Gesellschaft zu Manchester, >cr gestiftet 1781 u. s. w., die Asiatisch en Gesellschaften (s. d.) und mehre der Histo- 35 ^ rischen Vereine (s. d.). 36 ^ Akademien oder Akademiestücke nennt man die Zeichnungen auf den Kunstschuld len, dann auch die Theile des Körpers, welche zum Vorbilde dienen. lls ^ Akalephen, auch Quallen oder Medusen genannt, bilden eine besondere Classe ld der Pflanzenthiere oder Zoophyten, welche wegen großer Einfachheit ihrer Organisation, en i undeutlicher Spuren eines Nervensystems und Mangel von Sinneswerkzeugen als die nie- >re drigsten aller Thicre betrachtet werde« müssen. Die Akalephen haben einen gallertartig durchscheinenden Körper, der meist scheiben- oder schirmförmig gestaltet, bisweilen fast kuge- ol> lig ist, weder Haut noch Muskeln bemerken läßt, am Rande oder im Mittelpunkte vcrschie- »n den gestaltete Fangarme oder Fäden trägt, sonst aber mit Bewegungsorganen nicht versehen st ^ ist und nicht selten in prachtvollen Farben glänzt. Die.Nahrung wird theils in eine Art in Magenhöhle ausgenommen, theils durch Saugröhren in den Körper gebracht und besteht in nl- kleinen Seethieren; von Zähnen u. s. w. ist keine Spur vorhanden. Die Fortpflanzung ia> geschieht bei wenigen durch pflanzenartige Keime, bei den meisten durch Eier, doch sind die st Geschlechter häufig in denselben Individuen vereint. Junge Individuen sehen ganz anders zu aus als die altern. Ihre Bewegungen sind beschränkt; doch steigen sie willkürlich im Meere ka- auf und ab, wo alle, und zwar bis in hohen Breiten, ausschließlich leben und nur schwim- »u mcnd angetroffen werden. Die größten messen bis zwei F. im Durchmesser, indessen gibt die cs auch mikroskopisch kleine, von welchen die stellenweise blutrothe Färbung der südlichen m- Meere, und zumal das nächtliche Phosphoresciren des Oceans abzulcitcn ist. Im Süßwas- ür ser und selbst im Weingeist zerfließen sie, sind daher in Sammlungen selten, aber in ncue- lö- p stcn Zeiten viel studirt und genau beschrieben worden durch Eschscholtz in dem „System der uk- Akalephen" (Berl. 1829), Göde in den „Beiträgen zur Anatomie der Medusen" (Berl. en, 1816), Chamisso, Tilesius, Mertens, Lesson, M. Edwards, Quoy und Gaymard, Peron, 168 Akarnanien Akazie Brandt und zumal den Norweger Sars. Sie heißen auch Scenesscln, weil sie auf der Haut schmerzhafte Nöthe Hervorbringen, und sind dem Menschen ungenießbar, dienen aber vielen Seethieren und Seevögcln zum Futter. Akarnanien, eine Hauptprovinz Griechenlands, die durch den Ambracischcn Meerbusen nördlich von Epirus, durch den Fluß Achclous östlich von Atollen getrennt und durch das Jonische Meer im besten und Süden begrenzt wurde. Der Boden war, mit Ausnahme der Niederungen am Achclous und dessen Nebenflüsse Anapus, meist unergiebig. Seinen Namen erhielt das Land von Akarnan, einem Sohne des Alkmäon, welcher zu dm frühem Bewohnern, den Taphiern, Toleboern, Lclegern und Kureten, zur Zeit des troja». Kriegs Kolonisten aus Argos führte, zu denen später Korinther kamen. Diese verschiedenen Völkerschaften waren unter dem Vorsitze eines Strategen in Kriegszeiten fest unter sich verbündet und hatten einen gemeinschaftlichen Gerichtshof zu Olpae. Häufige Kämpfe aber mit den benachbarten Ätolern hatten das Land bereits gänzlich verödet, als die Römer dasselbe nach der Einnahme von Korinth mit Epirus vereinigten. Die Akarnanen werden übrigens von den Alten als entschlossen und festhaltend an der angestammten Freiheit geschildert. — Gegenwärtig bildet A. das nordwestlichste livadische Gouvernement des Königreichs Griechenland, begrenzt im Osten von Atollen und Eurytancs, im Norden von der türk. Provinz Albanien und im Westen bespült vom Busen von Arta und dem Ionischen Meere. Der Aspropotamos oder Achclous bildet als bedeutendster Fluß die natürliche Ostgrenze. Der östliche Hintergrund des Golfs von Arta oder des Ambracischcn Golfs wird von den wilden Bergketten des ambracischcn oder athamanischcn Pindus ausgefüllt, welche vom Achclous in enger Spalte durchbrochen werden, und die sich südwestlich zu einer Ebene absenken, in welcher die abflußlosen Seen von Ambracia und Oseros liegen. Südwestlich dieser Seen, von den südlichen Mündungsmorästen des Achclous bis zum Ambracischcn Golf im Norden, treten aus den zersplitterten Meeresküsten die steilen Felsterrassen des akarnani- schcn Olymp, eines dichtbewaldeten Berghaufens, der sich endlich zum Gipfel des Berganki austhürmt, nordwestlich mit dem Cap Aktium endet und nur durch den 1500 Schritte breiten Kanal von Prevesa von den epirotischen Gestaden getrennt wird. Das Land gleicht jetzt einem großen Küstern Walde, in welchem man viele Ruinen und einige kleine Dörfer, nirgend aber blühende Städte erblickt; denn selbst die Hauptstadt Amphilochikon oder Argos und der Hafen Vonitza (das alte Anaktorion) sind von untergeordneter Bedeutung. Akastus, der Sohn des Pelias und der Anaxibia oder Philomache, war Theilneh- mer an der kalydonischen Jagd und einer der Argonauten. Als nach der Rückkehr vom Argonautenzuge die Töchter des Pelias(s. d.) ihren Vater getödtet hatten, verjagte erden Jason und die Medea (s. d.) aus Jolkus, ward König und errichtete seinem Vater zu Ehren die so berühmten Leichenspiele. Akatholiken werden im Allgemeinen alle Diejenigen genannt, welche nicht zur katholischen Kirche gehören. In einigen katholischen Ländern, besonders in Ostreich, nennt man die Protestanten Akatholiken, um ihnen einen weniger gehässigen Namen zu geben. Akazie nennt man im gewöhnlichen Leben den aus Nordamerika stammenden Baum (kobiniu kseuäscscia O.) aus der Familie der Leguminosen, welcher unter Heinrich IV., gegen 1666 , von Jean Robin zuerst in Frankreich aus Samen gezogen wurde, seitdem aber gradweise über das ganze mittlere Europa und selbst bis in das südliche Sibirien verbreitet worden ist. Wegen seines schnellen Wachslhums, seiner Bewaffnung mit Dornen und seiner Eigenschaft, sich durch Beschneiden in jede Form ziehen zu lassen, empfiehlt er sich zu Hecken. Man hat häufig versucht, ihn als Forstbaum im Großen zu erziehen, ist aber hiervon abgckommen, indem er in sehr kalten Wintern, wenigstens in Deutschland, leicht erfriert und windbrüchig ist. Sein Holz ist dicht, schwer, nimmt eine schöne Politur an und zeigt auf gelbem Grunde grünlichbraune Streifen. In Amerika wird cs viel verbraucht, doch ist es zu spröde für manche Zwecke; im Wasser steht cs, ohne zu faulen, daher es auch zu kleinern Seefahrzeugen verwendet wird. Über die Kultur der Akazie haben geschrieben Saint Jean Creve-Coeur ( 1786 ), Francois de Neufchateau ( 1863 ), Desfontaines und G. C. A. Rückert („Chemisch ökonomische Abhandlungen über Bestandtheile, Anbau und Nutzen der Akazie", Wien 1806 ). Die rochen Akazien der Gärten gehören derselben Gat> Mar Akcrblad 169 tung an, sind aber mehr strauchartig; sie werden nach Arten unterschieden und stammen gleichfalls aus Nordamerika. — Im botanischen Sinne bezeichnet ^cacia eine von der vori- gen ganz verschiedene, jedoch derselben Familie angehörcnde Pflanzengattung, die in den Gewächshäusern besonders durch sehr eigenthümlich gebildete, aus Neuholland stammende Arten repräsentirt wird. Manche derselben sind jetzt sehr gemein geworden und erheischen keine sehr sorgfältige Cultur, doch sind sic gegen Feuchtigkeit und Kälte sehr empfindlich. Akbar, d. i. der sehr Große, eigentlich Dschelal-eddin-Mohammed, mongol. Kaiser von Hindostan (Großmogul), der größte Fürst, den Asien in der neuern Zeit gehabt hat, war zu Amerkot im Jahre derHedschra 949 (1542 n. Chr.) geboren und ein Nachkomme Timur's. Dreizehn Jahre alt, bestieg er 1556, nach seines Vaters Homajun Tode, unter der Vormundschaft Bciram's, seines Veziers, den Thron. Sehr schnell entwickelten sich seine ausgezeichneten Talente. Ungeachtet unaufhörliche Unruhen und zuerst eine Verschwörung, in welche Bekam selbst mit verwickelt war, ihn fast immer an der Spitze seiner Heere zu sein nöthigtcn, so widmete er doch der innern Verwaltung seines Reichs die größte Aufmerksamkeit. Ein Freund der Wissenschaften, namentlich der Geschichte, verordnetc er Untersuchungen über die Bevölkerung, die Natur- und Gcwerbcrzcugnisse der einzelnen Provinzen seines Reichs. Die Geschichte seiner Negierung, sowie das Ergebniß aller auf seine Anregung unternommenen Forschungen sowol in statistischer als in andern wissenschaftlichen Beziehungen faßte sein Vezier Abul-Fazl, gest. 1602, in einem Werke zusammen, das den Namen führt immell", und dessen dritter Theil unter dem Titel „^jiiii ^Klmri" vonGladwin ins Englische.übersetzt wurde (3 Bde., Kalk. 1783—86 und Lond. 1800). A. starb nach 49jähriger Negierung 1605, und ihm folgte in der Regierung sein Sohn Sc- lim, bekannter unter seinem Ehrennamen Dschehangir. Ein prächtiges Grabmal wurde ihm unweit Agra, das er zu seiner Residenz erhoben hatte, errichtet. Akenstde (Marc), Verfasser des seiner Zeit berühmten didaktischen Gedichts „1ll>a pleasures ok iirmginstinn" und einiger ausgezeichneten medicinischen Schriften, war am 2. Nov. 1721 zu Newcastle am Tyne geboren, der Sohn eines Schlächters. Er studirte erst Theologie zu Edinburg, später die Arzneiwissenschaft, prakticirte, nachdem er i 744 in Leyden promovirt, in Northampton und Hampstead, zuletzt in London, wo ihm endlich nach vielfachen Widerwärtigkeiten, zum Theil durch seinen Stolz, seine reizbare Heftigkeit und seine Pedanterie verursacht, das Glück lächelte. Ec starb zu London am.23. Juni 1770 als Mitglied mehrer gelehrten Corporationcn und Leibarzt der Königin, was er durch den Einfluß seines Freundes Dyson geworden war. Einige seiner medicinischen Schriften, z. B. über die Lymphgefäße (17 57) und über die Ruhr (l < 64), waren recht verdienstlich. Seine spätem Poesien, mit Ausnahme einer frcihcitachmendcn politischen Satire, „Epistel an Curio", erreichten nicht den Ruf jenes ersten Gedichts, das er schon im 23. Jahre schrieb, das aber außer den Vorzügen der Correclhcit wenig aufweist, was ihn zu seinem errungenen Dichterruhm berechtigte. Er prunkt gern mit seiner Kenntniß der Classiker. Seine poetischen Werke gab Dyson (Lond. 1772, 4.; neue Ausl. 1807) heraus. Im „Percgrine Pickte" hat uns Smollct in dem Pedanten, der ein Gastmahl nach antiker Weise gibt, ein satirisches Conlerfei von A. hinterlassen. Akephälen, s. Mollusken. Akcphäli, d. i. Hauptlose, nannte man ursprünglich die monophysitischen Mönche und Priester in Ägypten, welche den Patriarchen Petrus Mongus nicht anerkannten, weil er 482 das Henotikon des Kaisers Zeno angenommen hatte. Non ihren Gegnern wurden dann alle Monophysiten so genannt. Wenn man in neuern Zeiten diesen Namen den Nationalisten beilegte, wie in der Schrift, „Die Akephaler unserer Zeit" (Lpz. 1825), so war dies ein bloßes Wortspiel, das mit Hinblick auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ebenso. gut den Nichtrationalisten entgegnet werden könnte. Akerblad (Joh. Dav.), ein bekannter schweb. Sprachkenner und Alterthumsforscher, war seit 17 83 in der königlichen Kanzlei angestellt, bei der er 1789 türk. Dolmetscher wurde. Im 1.1795 ging er als Gesandtschastssecretair nach Konstantinopcl, von wo er 1797 wieder abberufen wurde. Hierauf lebte er, um 1800, eine Zeit lang in Göttingen; 1802 kam er als Gesandtschastssecretair nach dem Haag und im folgenden Jahre nach Paris, von wo 176 Akiba Mjcrman er jedoch schon 1804 wieder zurückgerufen wurde. Unzufriedenheit mit den Veränderungen in seinem Vatcrlande bestimmte ihn, wie es scheint, alle Verhältnisse mit Schweden aufzu- geben und sich nach Rom-zu wenden, wo er bei der Herzogin von Dcvonshire und andern Li- tcraturfreunden Unterstützung für seine literarische Muße fand, der wir namentlich die für die Paläographie wie für die Epigraphik gleich wichtige Schrift „lnscririons giecu snpia n»a Ismina Ui piombo trovutu in nn sepolcro nelle vieinanLe cl'^tsne" (3iom 1813, 4.) verdanken. In der letzten Zeit seines Lebens diente er in Nom, wo er am 8. Febr. 181!» starb, den Fremden als Cicerone, gab sich für einen Dänen aus und schrieb sich Akerblad. Seine Schriften zeugen von großer Kenntniß der oriental, und occidental. Sprachen, die er nicht blos verstand, sondern auch sprach. Aklba, der Sohn Joseph's, ei» berühmter jüdischer Gesetz - und Mischnalehrer in Judäa, lebte ums 1.100 n. Chr. Obwol er sich erst im Mannesalter dem Studium zuge- wandt, übertraf er bald sowol in der Summe des Wissens als in scharfsinniger Einsicht alle seine Zeitgenossen, und die Gründer der Mischna sind sämmtlich seine Schüler. Er machte große Reisen in allen drei Welttheilen und bemühte sich überall, die Lage der Juden zu verbessern Wegen seiner Thcilnahmc an dem Aufstande des B ar Co ch ba (s. d.) ließ ihn Nufus 135 hinrichten. Die ihm beigelcgten kabbalistischen Schriften sind sämmtlich untergeschoben. Akiurgie, Operationslehre oder operative Chirurgie hat man in der neuern Zeit denjenigen Theil des chirurgischen Heilverfahrens genannt, welcher sich mit der Handhabung der auf Form und Zusammenhang des Organismus wirkenden Instrumente beschäftigt, d. h. die Lehre von der Anwendung und Ausführung der blutigen Operationen. Sie ist allgemein, insofern sie die Darstellung derjenigen Bedingungen gibt, welche bei allen oder den meisten Operationen zu erfüllen sind, specicll aber, insofern sie bestimmte Operationen zur Beseitigung bestimmter Krankheitszustände und an bestimmten Theilcn mit bestimmten Instrumenten verrichten lehrt. Der große Umfang, welchen die Akiurgie besonders seit dem Ende des vorigen Jahrh. genommen hat, rechtfertigt ihre besondere Darstellung, wenngleich eS nicht zu verkennen ist, daß derselben eine Menge unbrauchbaren Materials ihre Entstehung verdankt. Die Geschichte der Akiurgie fällt mit der der Chirurgie (s. d.) zusammen, ja sie macht sogar den bedeutendem Theil derselben aus. Die ausführlichem Schriften über Akiurgie sind: Schreger, „Grundriß der chirurgischen Operationen" (2 Bde.; 3. Aust., Nürnb. 1825 — 26), Zang, „Darstellung blutiger heilkünstlerischer Operationen" (4 Bde.; 3. Aust., Wien 1823), Großheim, „Lehrbuch der operativen Chirurgie" (3 Bde., Berl. 1830—35), Blasius, „Handbuch der Akiurgie" (3 Bde.; 2. Aufl-, Halle 183S—42), Dessen „Akiurgische Abbildungen" (2. Aufl., Berl. 1841, Fol.), Velpeau, „l^onveaux Elements Oe msOscine operatmrs" (3 Bde., Par. 1832) und Colombat de l'Jsere, „Dütionusirs Instorigus et icollNFrs;>bic;»e Oe toutes les opärations et Oes in- struments, liunOsAes et appsreils Oe la cbirurgie sncienns et moOerne" (Par. 1836). Akjerman, Stadt von 14—20000 E-, im türk. Bessarabien, an der Mündung des Dnjester und am Schwarzen Meere, mit Citadelle und Hafen, ist das Alba-Julia der Römer, das in der Völkerwanderung fast ganz unterging und erst von den Genuesen wieder gehoben, später eine Beute der Türken wurde. Die hier zwischen Rußland und der Pforte, für elfteres durch Graf Woronzow und Marquis von Ribeaupierre, am 6. Oct. 1826 abgeschlossene Convention sollte die seit dem Frieden vonBukarescht immer verwickelter gewordene russ.-türk. Frage zur Erledigung bringen. Die hier Unterzeichnete Zusatzconvention zum Frieden vonBukarescht in acht Artikeln nebst den beiden Zusatzacten wegen der Moldau und Serbien sicherten Rußland die freie Schiffahrt für seine Flagge auf dem Schwarzen Meere und Sicherheit gegen die Korsaren der Barbaresken, die Errichtung von Divans in der Moldau und Walachei, die Wiederwählbarkeit der dortigen Hospodare nach ihrer siebenjährigen Regierungsverwaltung, die Herstellung der Privilegien Serbiens, in welcher Provinz die türk. Truppen blos die Festungen besetzt halten sollten, und die Anerkennung der durch eine gemischte Commission zu liquidirenden Privatfoderungen der russ. Unterthancn. Die Grenzen in Asien sollten bleiben, wie sie damals bestanden; mithin behielt Rußland die von ihm in Asien besetzten türk. Festungen. Die Nichterfüllung der akjermaner Convention Akoemeten Aktinieu NI von Seiten der Pforte hatte den Krieg im Z. 1828 zur Folge, den der Friede zu Adri a- nopel (s. d.) endigte. Akoemöten, d. i. Schlaflose, auch Studitcn, hießen die Mönche strengerer Observanz, welche in Konstantinopel entstanden und für die daselbst der Römer Studius im I. 460 das berühmt gewordene Kloster Studium errichtete. Im 6. Jahrh. wurden die Akoemeten nestorianischer Ansichten halber mit dem Bann belegt. In drei Abtheilungen hielten sie, einander ablösend, Tag und Nacht ununterbrochen Gottesdienst. Akolüthen oder Akolyth en wurden die nieder» Kirchendiener genannt, die in der röm. Kirche schon im 3., in der griech. jedoch nicht vor dem 5. Jahrh. aufkamen und zum Anzünden der Lichter (daher ^ecensorss), Vortragen der Kerzen bei festlichen Umzügen (daher Oeroierarii), Darreichen des Weins und Wassers beim Abendmahle, überhaupt zur Bedienung der Bischöfe und Priester bei Amtshandlungen bestellt waren. Sie hatten den Rang nach den Subdiakonen. Noch jetzt ist bei der Ordinat ion (s. d.) in der röm. Kirche die Weihe zum Akolüthen, wobei der Ordinand Leuchter und Weinkännchen als Zeichen seiner alten Bestimmung empfängt, unter den vier kleinern Weihen die höchste; das in der alten Kirche dadurch übertragene geistliche Amt aber ist abgcschafft, da die Dienste der Akolüthen schon seit dem 7. Jahrh. von Aufwärtern und Knaben aus dem Laienstande verrichtet werden, die in den liturgischen Büchern der röm. Kirche nur uneigentlich Akolüthen heißen. Die neuere griech. Kirche hat auch den Namen dieses Amtes nicht mehr. Akotyledönen, s. Kryptogamen. Akridophägen heißen die Völker, die nach ältern Berichten Heuschrecken fraßen. Akrisius , König von Argos, war der Sohn des Abas und der Okalea, Zwillingsbruder des Prötus, Gemahl der Eurydice, der Tochter des Königs Lacedämon, von der er eine Tochter, die Danae, erhielt. In Delphi bat er um einen Sohn und empfing die Weissagung, daß seine Tochter einen Sohn gebären würde, durch den zu sterben vom Schicksal ihm bestimmt sei. Deshalb sperrte er die Jungfrau in ein unterirdisches ehernes Gemach. Prötus aber fand dennoch durch Bestechungen den Weg zu ihr, oder wie es nach einer andern Mythe heißt, Jupiter drang als flüssiges Gold durch das Dach herein, worauf sie schwanger wurde und den Perseus gebar. Als das Kind einige Jahre alt war, hörte A. dessen Stimme, führte die Danae nebst ihrem Sohne heraus, und als diese auf sein Befragen den Gott als Vater nannte, übergab er sie, weil er es nicht glaubte, nebst dem Kinde in einem Kasten dem Meere. Dieser schwamm bei der Insel Seriphus an, woselbst sie Beide Diktys, der Bruder des Königs Polydektes, aufnahm und den Perseus erzog. Als später A. nach Thessalien gereist war, um den Leichenspielen, welche dem Könige von Larissa gegeben wurden, beizuwohnen, erschien daselbst auch Perseus. Hierbei tödtete er unversehens seinen Großvater, indem der von Jenem geworfene Diskus Diesem auf den Fuß fiel, wovon er starb. Nach Strabo ist A. der Stifter der Amphiktyonenversammlung. (S. Am- phiktyonengericht.) Akrostichon ist der griech. Name für ein Gedicht, dessen Anfangs- oder Endbuchstaben der einzelnen Verse einen besonder» Namen oder Sinn enthalten. Aktäon , der Sohn des Aristäus und der Autonoe, einer Tochter des Kadmus, wurde von dem Chiron zum Jäger gebildet und von seinen eigenen Hunden auf dem Berge Citha- ron zerrissen. Der Grund hierzu wird sehr verschiedenartig angegeben. Nach Einigen hatte es Jupiter befohlen, der gegen A. au'gebracht war, weil er sich um Semele beworben; nach der Erzählung Anderer hatte er die Diana, als sie sich in einer Quelle im gargaphischcn Thale badete, gesehen, worüber die Güttin erzürnt, ihn in einen Hirsch verwandelte, den dann die Hunde, welche ihren Herrn nicht erkannten, zerrissen. Nach Euripides war die Diana eifersüchtig, weil er sich gerühmt, sie in der Jagdkunst zu übertreffen. Das Schicksal des A. erscheint als die Strafe menschlicher Überhebung und unzeitigen Vorwitzes. Aktmien, Meer- oder Seeancrstonen, sind Secthicre, welche in völliger Ausbreitung einigermaßen den gefüllten Blüten der Astern gleichen. Sie werden zu den Polypen gerechnet, unterscheiden sich aber durch einen fleischigern Körper und die mit vielen Fühlfäden, die sie mehr oder weniger einziehen können, umgebene Mundöffnung. Sie sitzen zwar >n der Regel fest auf andern Körpern auf, können sich aber auch lösen und kriechen dann auf 172 Akustik der Mundseite mit Hülfe der Fühlfädcn; manchmal rücken sie auch mit der Fußschcibe fort. Ihre Nahrung besteht aus andern Seethieren, namentlich kleinen Fischen, Crustacecn und Mollusken. Sie gebären lebendige Junge, welche aus der Mundöffnung hcrvorkommcn; auch vervielfältigen sic sich, in Stücke geschnitten, mittels ihrer crstaunungswürdigen Reproduktion. Sic leben im Meere weit verbreitet, im Norden und Süden, und sterben im süßen Wasser. Eine der bekanntesten im Mittelländischen Meere verkommende Art ist grüngrau und hat rothe Spitzen an den sehr langen Fühlfäden, die sie nicht ganz cinzichcn kann. Gleich dcn Akaleph en ss. d.) erregt diese Art auf der Haut Brennen, doch wird sie, gleich allen übrigen, gegessen. Vgl. Rapp, „Über die Polypen im Allgemeinen und die Aktinien insbesondere" (Weim. l 829, -l.). Akustik , die Lehre vom Schall (s. d.), ein Theil der Physik, wurde sonst gewöhnlich zugleich mit der Lehre von der Luft abgehandclt, was aber unzweckmäßig erscheint, da die Lust nur der gewöhnliche Leiter des Schalls ist, und jede feste oder flüssige Materie ebenso- wol als die Lust thcils selbst schallen, theils den Schall anderer Körper sortleiten kann. Die Akustik ist vielmehr ein Theil der Lehre von der Bewegung; jede mögliche Bewegung ist nämlich entweder fortschreitend (gerade), oder drehend (kreisförmig), oder schwingend (zitternd), und die letztere Art der Bewegung, wenn sie stark und schnell genug ist, um auf die ! Gehörwerkzcugc zu wirken, wozu wenigstens 39 Schwingungen in einer Secunde erfvdert werden, heißt Schall. Einen bestimmbaren Schall nennt man Klang, einen unbestimmbaren Geräusch und die Geschwindigkeit der Schwingungen Ton. Die Hauptgegcnstände der Akustik sind: l) Die Tonlehre, in welcher blos von den absoluten und relativen Geschwindigkeiten der Schwingungen die Rede ist, und zwar zuerst von deren ursprünglichen Verhältnissen, dann von den zur praktischen Ausübung nothwendigcn kleinen Abänderungen dieser Verhältnisse oder von der Temperatur. 2) Die Lehre von der Entstehung des Schalls, von den Gesetzen, nach welchen sich die klingenden Körper bei ihren Schwingungen richten, und welche sich bei jeder Art von klingenden Körpern durch verschiedene Erscheinungen äußern. § Bei allen klingenden Körpern ist die Elasticität als die bewegende Kraft anzusehen. Ein klingender Körper kann elastisch sein durch Spannung, wie die Saiten (s. d.), Pauken- und Trommelfelle; durch Luftdruck, wie die Blasinstrumente , und durch innere Steifigkeit, wie alle Arten gerader und gekrümmter Stäbe, Scheiben, Glocken und Gefäße. 3) Die Lehre von der Fortleitung des Schalls, sowol durch die Luft und andere luftförmige - Flüssigkeiten als auch durch feste oder tropfbarflüssige Materien, und vom Widerschall oder i dem Echo. Alle elastische Körper pflanzen den Schall fort, mehre viel stärker als die Lust; im Wasser ist er -1, im Zinn 7, im Silber 9, im Eisen t O und im Glase nahe an 17 mal größer als in der Luft. 3) Die Lehre von der Empfindung des Schalls oder von dem Bau und den Verrichtungen der Gehörwerkzeuge bei Menschen und bei Thieren. Schon die Alten suchten die Akustik, so weit sie es vermochten, auszubilden. Pythagoras und Aristoteles kannten die Art, wie der Schall durch die Luft fortgepflanzt wird; aber als eigentliche Wissenschaft, unabhängig von ihrer Anwendung auf die Tonkunst, gehört sie beinahe ganz den neuern Zeiten an. Bacon und Galilei legten den ersten Grund zu dieser jetzt mathematischen Wissenschaft, und Newton zeigte durch Rechnung, auf welche Weise die Fortpflanzung des ,, Schalls von der Elasticität der Luft oder leitender Körper abhänge. Er bemerkte, daß die ' Wirkung eines schallenden Körpers in der Verdichtung derjenigen Lufttheilchen bestehe, welche diesen Körper zunächst umgeben und welche in der Richtung des erhaltenen Impulses liegen. Diese Lufttheilchen, durch den Impuls des schallenden Körpers vorwärts getrieben, springen durch ihre Elasticität wieder rückwärts und treiben zugleich die vorwärts liegenden Lufttheilchen von dem schallenden Körper weg, sodaß jedes Lufttheilchen durch den Schall zugleich vor- und rückwärts getrieben wird, oder daß rings um den schallenden Körper eine abwechselnde Verdichtung und Verdünnung der Luft entsteht, oder daß sich eigentliche Schallwellen bilden. Über die Bestimmung der Geschwindigkeit des Schalls, bei der Newton, La- grange und Euler sich verrechnet hatten, verdanken wir Laplacc die besten Untersuchungen. Zu einer selbständigen Missenschaft erhob Chladni (s. d.) die Akustik. In neuerer Zeit ist ^ verhältnißmäßig wenig in diesem Gebiete der Physik geschehen. Savart hat die Anzahl der Schwingungen, welche nothwendig zu Erzeugung eines noch hörbaren Tones gehören, näher Akute Krankheiten Alabama 173 lestimmt, auch über die Schwingungen ausgespanntcr Häute Versuche angestellt. Cagniard de Latour gab die sogenannte Syrene an und erörterte manche Bedingungen näher, unter denen flüssige und feste Körper tönen. Das Tönen erhitzter Metalle, wenn man sie auf kalte Metallunterlagen bringt, erörterten Trevelyan, Leslie und Faraday. Über Klangfiguren stellten Faraday und Marx, über das Mittöncn Wheatstone, über die Bildung der Vocale laute der menschlichen Stimme Willis Versuche an. Die Theorie des Schalls wurde durch W. Weber, Pellisov, Ampere und Strehlke mehr entwickelt. Akute Krankheiten oder hitzige, hat man diejenigen genannt, welche sich mit dem 2l. Tage endigen, und unter ihnen wieder unterschieden die gemcinhitzigen, welche bis zum 14. Tage, die sehr hitzigen, welche bis zum 7. Tage anhalten, endlich die höchst hitzigen, welche keine längere Dauer als vier Tage haben oder wie der Schlagfluß auf der Stelle tödten. Jrrthümlich hat man fieberhafte Krankheiten und akute häufig für identisch gehalten, denn nicht jede akute Krankheit ist mit Fieber verbunden, und manche Fieber, wie das hektische, ziehen sich Monate lang hin. Alabama, seit 181!» einer der souverainen Staaten der nordamerik. Union, grcntt nördlich an den Staat Tennessee, östlich an Georgien, südlich an Wesiflvrida und den Mexikanischen Meerbusen und erstreckt sich genau von 30" IO — 35" nürdl. B. und von 8" O — II" 30 westl. L. von Washington. Seine mittlere Länge beträgt 336 engl. Meilen, seine Breite ungefähr 200, der Flächeninhalt 52900 engl. iüM. oder 33,856000 Acker;die Bevölkerung betrug im 1.1810 noch nicht 10000; im I. 1820 127901; 1830 309527; 1840 590756 Individuen, darunter 2039 freie Farbige und 253532 Sklaven. Die Anzahl der letztem hat sich in jüngster Zeit beinahe verfünffacht, denn wo das Klima naßhciß und der Boden üppig ist, da vermehren sich die Schwarzen schneller als die Weißen. Auf die Einfuhr von Negern aus Afrika oder Westindien steht die Todesstrafe. Der Staat wird in Nord-, Mittel- und Südalabama getheilt. Die südwestlichste Spitze der Alleghany- gebirge trennt Nordalabama vom Mittlern und südlichen Thcil des Landes. Nordalabama ist gebirgig und der Boden zum Getreidebau geeignet, der aber durchaus vernachlässigt wird. Mittelalabama bildet den fruchtbarsten Theil; Hauptstapelartikel der Production ist hier Baumwolle (jährlich ungefähr 100000 Ballen), außerdem Zucker und Indigo; Reis gedeiht auf dem Alluvialboden in der Nähe des Golfs von Mexico. Südalabama ist eine unübersehbare Ebene, großentheils mit Rohr, den sogenannten Laues breulls, bedeckt; die Waldungen im nördlichen Theile liefern das beste Schiffsbauholz, die sogenannte Lebenseiche und andere werthvolle Baumgattungen; im Mittlern und südlichen Theile kommen Nadelhölzer vor. In ihrer Nähe ist das Klima gesund, dagegen der Boden steril und fast werthlos. Dorthin fliehen die Einwohner während der Zeit des gelben Fiebers. Im nordöstlichen Theile des Staats sind ziemlich ergiebige Goldminen. Die Überreste der Cherokescn, die Creeks, Chacktaws und Chikasaws, welche nebst andern Zndianerstämmen einst die Urwälder dieses Staats bewohnten, sind bis aus wenige ausgcstorben oder haben ihr Land verkauft und sind mit ihren Brüdern aus dem benachbarten Florida nach dem Westen von Mississippi ausgc- wandert. A. taugt durchaus nicht für europ. Einwanderer. Das Klima in dem südlichen und Mittlern Theile des Staats ist vom Monat Mai bis Oct. ungesund, und die Feldarbeit tödtlich für die Weißen. Hauptflüsse sind der großentheils schiffbare Alabama, von welchem zwei große Arme das Land bewässern. Den östlichen Arm bildet der Zusammenfluß des Tallapoosa, Coosa und Cahacoba, den westlichen bilden die Flüsse Tombigbee und Black- Warrior. Außerdem fließt der Tennesseefluß durch den nördlichen Theil des Staats; der durch den Zusammenfluß des Chattahooche und Hint-Niver gebildete Appalachicola und die Ströme Uellow-Water, Escambia und Perdido ergießen sich in den Mexicanischcn Meerbusen. Das commercielle Emporium des Staats ist Mobile mit 5000 E-, am Alabamaflusse, 32 engl. Meilen von seiner Mündung in den Mexikanischen Meerbusen. Der Fluß ist hier 1 2 engl. Meilen breit und tief genug für die größten Seeschiffe. Tuscaloosa, om südlichen Ufer des Black-Warrior, 858 Meilen von Washington, mit etwa 2000 E. ist die Hauptstadt des Staats, Sitz der Negierung und Landesuniversität. Weitere bemer- kcnswerthe Städte sind Blakely (Mobile gegenüber), Montgomcry, Florrncc, Tuscumbia, Cahacoba und Huntsville. Der Staat hat bei der Präsidentenwahl sieben Eleckoralstimmen. Alabaster Alanen ^. Alabaster heißt die weiße, körnige Varietät des Gypses (s. d.), von welcher man sonst noch eine feine weiße Varietät des Kalksinters und Tropfsteins als Kalkalabaster unterschied. Der reine weiße, sehr feinkörnige, durchscheinende Alabaster wird an mehren Orten und ganz besonders in den großen Fabriken von Floren; zu allerhand kleinern Bildhauerarbeiten, Vasen, Uhrgehäusen u. s. w-, verarbeitet. Er läßt sich seiner Weichheit wegen fast gan; wie Hol;, auch auf der Drehbank, bearbeiten. Da er in Wasser nicht ganz unauflöslich ist, so darf man Alabasterarbeiten nicht der Witterung aussehen, überhaupt wird ihre Oberfläche leicht rauh und blind. Indessen benutzt man eben diese Eigenschaft sehr sinnreich, um durch lange Einwirkung des Wassers vertieft geätzte Zeichnungen auf Alabaster zu erzeugen. Alamanni (Luigi), ein berühmter ital. Dichter, geb. zu Floren; am 28. Oct. I-1S5, stammte aus einer der edelsten und ausgezeichnetsten Familien der Republik. Seine Mutter war Ginevra Pignatelli; sein Vater, Francesco, der Partei der Medici eifrig zugethan; er selbst stand in hoher Gunst bei dem Cardinal Julius, der im Namen des Papstes Leo X. regierte, doch trat er 1521, als er eine Ungerechtigkeit erlitten zu haben glaubte, einer Verschwörung gegen das Leben desselben bei. Als diese entdeckt ward, floh er nach Venedig, wo er andern Senator Carlo Cappella einen Beschützer fand, und als der Cardinal unter dem Namen Clemens Vll. den päpstlichen Stuhl bestieg, von dort nach Frankreich. Nachdem die Unfälle, welche diesen Papst trafen, Floren; Gelegenheit gegeben, sich frei zu machen, kehrte A. 1527 dahin zurück. Er rieth der Republik, sich freiwillig unter den Schutz Karl's V. zu stellen und bot dazu die Vermittelung seines Gönners Andreas Doria an. Die eifrigen Republikaner erklärten-indeß diesen Vorschlag für Verrath, und A. blieb nun bei Doria, der ihn auf seiner Flotte mit nach Spanien nahm. Mit derselben Flotte kam er bald darauf wieder nach Florenz, und von neuem geächtet ging er nach Frankreich, wo ihnFran; l. bald so hoch schätzen lernte, daß er ihn nach dem Frieden von Crespy 15-1-1 als Gesandten an Karl V. abschickte. In gleichem Ansehen stand A. bei Heinrich II., der ihn zu mehren Unterhandlungen gebrauchte. Er starb zu Ambosse 1556. Den meisten Ruhm unter seuten Werken brachte ihm das Lehrgedicht „H coltivarione" (Par. 1516; zuletzt Flor. 1836); sein Heldengedicht in 2-1 Gesängen „(Arons i> Oortese" ist nach einem altfranz. Gedichte gearbeitet. In einem andern Epos, gleichfalls in 2-1 Gesängen, „I.'Xvurc!,i selgruppe von Schweden an Rußland abgetreten. Die nach Schweden zu liegende Klippe Signilskar hat einen Telegraphen. Die befestigten Häfen der Alandsinseln sind eine günstige Hauptstation der russ. Scheerenflotte. Alanen, ein Volk, das in der Völkerwanderung häufig neben german. Völkerschaften vorkommt, das aber eher dem skythischen als dem german. Stamme anzugehören scheint. Die ursprünglichen Wohnsitze der Alanen waren am Kaukasus, von wo sie, ausgezeichnete Reiter und Bogenschützen, sich theils nach Norden bis zum Don ausbreiteten, theilS Raubzüge nach Armenien und Kleinasien unternahmen, gegen die schon Vologesus, König der Parther, bei Vespasian Hülfe juchte. Arrian (s. d.) führte unter Hadrian als Statthalter von Kappadocien Krieg niit ihnen; von seiner Schrift über diesen Krieg ist ein Bruchstück erhalten. Zu Aurclian's Zeit sielen sie mit den Gothen vereint in Kleinasien t Alarich Alarm 175 ein, wurden aber um 280 n. Chr. vom Kaiser Probus in ihre Sitze zurückgetrieben. Fast 100 Jahre später (375) zerstörten sie in Verbindung mit den Hunnen das Reich Ermanc- l rich's, des Königs der Gothen, verdrängten diese aus den Ländern zwischen Don und Donau und schlossen sich der großen Bewegung der Völker gegen Südwcsten an. Mit den Suevcn und Vandalen brachen sie 306 in Gallien verheerend ein; ein Theil von ihnen blieb südlich von der Loire, erschien 35 l unter den Bundesgenossen des Aetius gegen Attila und ward später, wie es scheint durch Franken und Westgothen, aufgerieben; ein anderer zog 309 nrit nach Spanien, ward durch den westgoth. König Wallia 318 für Honorius besiegt und nach Lusitanien gedrängt, wo nachher ihr Name verschwindet. In Oberitalien brach noch , 3 6 3 ein Schwarm Alanen ein, der durch Nicimer besiegt ward. In der spätem byzant. Zeit ^ werden auch im Kaukasus noch Alanen erwähnt, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß unter ^ den Stämmen, die jetzt den Kaukasus bewohnen, die Osseten an dem Flusse Tcrek Nachkommen der alten Alanen sind. Alarich , König der Westgothen, hob die Verbindung, welche die Gothen unter Theo- dosius mit den Römern cingegangen waren, auf und brach im 1.395 verwüstend in Thrazien, Macedonicn, Thessalien und Jllyrien ein. Stili cho (s. d.), der Hülfe leisten wollte, ward durch die Eifersucht des Nufinus, des Neichsverwesers bei Arcadius, davon abgehalten, und erst als A. durch Griechenland, wo er Athen einnahm, in den Peloponnes gezogen war, suchte ihn Stilicho hier auf; aber A. entging ihm nach Jllyrien, zu dessen Oberbefehlshaber er 390 von Arcadius ernannt ward. Von hier aus brach er 302 in Oberitalien ein, und Honorius floh aus Nom nach dem besser befestigten Ravenna. Auf dem Wege nach Gallien ward A. bei Pollentia am Tanaro von Stilicho besiegt, aber erst im Herbst durch die Schlacht bei Verona zur Rückkehr nach Jllyrien genöthigt. Schon 303 fand er einen Vorwand, Italien wieder anzugreifen, als er auf Stilicho's Vermittelung mit Honorius einen Vertrag abgeschlossen hatte, in Folge dessen er in Epirus einrücken und von dort aus mit den Truppen f des Stilicho den Arcadius angreifen sollte. Dieser Krieg unterblieb zwar, doch A. verlangte eine Entschädigung für den unternommenen Zug, und Honorius versprach ihm, auf den Rath des Stilicho, 3000 Pf. Gold. Als nach der Hinrichtung des Letzter» im I. 308 Jener sein Versprechen nicht erfüllte, kam A. mit einem Heere nach Italien und schloß Nom ein, sodaß cs sich durch das Versprechen von 5000 Pf. Gold und 30000 Pf. Silber loskaufen mußte. Da inzwischen auch diese Friedensunterhandlung fruchtlos blieb, so belagerte A. Rom zum zweiten Male. Hungersnoth in der Stadt bewirkte einen Vergleich, zufolge dessen der Senat den Befehlshaber der Stadt, Attalus, statt des Honorius zum Kaiser erklärte. Allein Attalus bewies so wenig Klugheit, daß A. ihm öffentlich abzudanken befahl. Die erneuerten Unterhandlungen mit Honorius hatten keinen Erfolg, und ein hinterlistiger Angriff, der bei Ravenna auf A. gemacht ward, reizte diesen so, daß er Nom zum dritten Male belagerte. Seine Heere drangen am 23. Aug. 310 in die Stadt, plünderten sie drei Tage lang und verbrannten einen Theil derselben. Doch wird A.'s Mäßigung gerühmt, weil er die Kirchen und die dahin Geflüchteten zu schonen befohlen hatte; auch scheint die Zerstörung alter Gebäude und Kunstwerke nicht so bedeutend gewesen , zu sein, als sie von Neuern geschildert worden ist. A. verließ Nom, um Sicilien zu erobern; ' doch die Gebrechlichkeit seiner Fahrzeuge verhinderte ihn, seine Absicht auszuführcn, und ihn selbst überraschte noch in demselben Jahre (310) zu Cosenza in Calabricn der Tod. ! Man begrub ihn in dem Flußbette des Busento, damit seine Asche von den Römern nicht aufgcfunden werden möchte, und ermordete die bei dieser Arbeit gebrauchten Gefangenen. - Nom und Italien feierten öffentliche Feste, und die Welt genoß eines Augenblicks der Ruhe. ' Aber der Weg nach Nom war den Barbaren durch A. gezeigt, durch ihn hatten sie die Ohnmacht der ehemaligen Königin der Welt kennen gelernt. Alarm heißt der Ruf zu den Waffen, sei es durch Trommelschlag, Trompeten- ' und Hörnerruf oder durch Signalschüsse. Der Alarm kann durch das unerwartete Er- scbeinen deS Feindes herbeigeführt werden, daher der Ausdruck alarmiren, d.h. den f Gegner aus seiner Ruhestellung unter die Waffen bringen, was, wenn es sich oft und namentlich des Nachts wiederholt, ermüdender und anstrengender für die Truppen werden kann als Gefechte selbst. Auch um den Feind sicher zu machen, pflegt man dessen Vor- 176 Alaun Alava Posten täglich zu alarmiren, ohne etwas Ernstliches zu unternehmen, und wenn man ihn dadurch eingeschläfert hat, desto sicherer über ihn hcrzufallen. Im Frieden werden die Truppen alarmirt, um sie in der Fertigkeit im schnellen Ausrückcn zu üben oder als Vorbereitung für den Krieg sie an stete Wachsamkeit zu gewöhnen. Sobald ein Alarm erfolgt, ist jede Truppe verpflichtet, mit Wehr und Waffen, Sack und Pack so schnell als möglich auf ihren Sammelplätzen zu erscheinen, welche deshalb auch Alarmplätze heißen. Um im Kriege desto schneller streitfertig zu sein, werden die Truppen auch wol in Alarmhäuser bei Einbruch der Nacht zusammengczogcn. Dies sind Gebäude, Kirchen oder Scheunen in der Nähe der Ausgänge der Städte und Dörfer oder an sonst geeigneten Punkten belegen, von wo aus man auf den ersten Ruf dem Feinde sogleich cntgegentretcn und die angegriffenen Vorposten unterstützen kann. Nur die Hälfte der Mannschaft darf sich in den Alarmhäusern abwechselnd des Schlafs überlassen. Auch in aufrührerischen Städten pflegt man einen Thett der Besatzung während der Nacht in Alarmhäuser zu legen, um jeden Augenblick bereit zu sein, falls eine Empörung ausbrechen sollte. Die geschickte Wahl der Alarmplätze , und Alarmhäuscr ist eine Aufgabe für den Gcneralstab. Alarmkanonen werden in der Nähe der Cantonnirungen auf beherrschenden Punkten aufgestellt, um durch Alarm- oder Signalschüsse die cantonnirenden Truppen unter die Waffen zu rufen. Alaun nennt man ein Doppclsalz, in welchem schwefelsaure Thonerde entweder mit schwefelsaurem Kali oder mit schwefelsaurem Ammoniak verbunden ist, wornach man Kalialaun und Ammoniakalaun unterscheidet. Beide Arten Alaun stimmen in ihren physischen und meisten chemischen Eigenschaften überein, beide kommen in der Natur vor oder werden künstlich bereitet; der Kalialaun ist aber der gewöhnlichere. Er krystallisirt bald in Oktaedern, bald in Würfeln mit abgestumpften Ecken, kommt auch tropfsteinartig und derb, häufig von faseriger Structur vor. Er ist durchsichtig, weiß, glasglänzend, besitzt einen süßlich zusammenziehenden Geschmack und saure Neaction. Er löst sich bei l 0" N. in ungefähr dem 13fachen Gewichte Wasser, verwittert in der Luft an der Oberfläche, schmilzt in der Wärme unter Wasserverlust und schäumt auf, wobei zuletzt ein schwammartiger Rückstand bleibt, der in der Medicin unter dem Namen gebrannter Alaun als Ätzmittel angewendct wird. Man findet den Alaun im natürlichen Zustande ausblühend am Thon- und Alaunschiefcr, auf schmalen Lagern im Braunkohlengebirge, z. B- bei Tschermig in Böhmen, und in der Nähe von Vulkanen, z. B. in Italien. Der levantische Alaun, Roch- glaun, der sonst aus Noccha (Edessa) über Smyrna nach Europa eingeführt wurde, hat eine blaßrpthe Farbe. Der beste ist der römische, geringer der in Sachsen, noch geringer der in England verfertigte. Vielfach wird Alaun benutzt in der Medicin, Weißgerberei, Färberei, beim Leimen des Papiers u. s. w.; auch überstreicht man Körper mit Alaunauflösung, um sie gegen Entzündung zu schützen. — Der Chemiker nennt alle dem genannten analog zusammengesetzten Salze Alaune; cs kann also die Thonerde durch Eisenoxyd, Manganoxyd und Chromoxyd, das Alkali durch eine Erde oder ein einfaches Metalloxyd ersetzt sein. Man hat daher Eisenalaun, Manganalaun und Chromalaun. Mehre dieser Verbindungen kommen in Afrika natürlich, jedoch selten, vor; einige werden schon technisch benutzt. Aktiva, die südlichste der drei baskischen Provinzen im Norden der hespcrischcn Halbinsel, begrenzt in, Norden von Guipuzcoa und Biscaya, im Südwesten von Altcastilien und südwestlich von Navarra, 51 >HM. groß mit 92800 E., bildet eine zum obern Ebro herantretende südliche Terrasse des cantabrischen Küstengebirges, welches hier unter den Specialnamen der Sierra-Alta, der Montes de Altube und Sierra de Aranzazu die Nordgrenzen der Provinz umsäumt. Der Ebro berührt theilweise die Südgrenze und erhält die Zadorra als linken Nebenfluß. Zwei Hauptstraßen, welche von Burgos kommen und sich bei Pon- corbo spalten, durchziehen das Land und überschreiten das ungefähr bis zu 4000 F. sich erhebende Gebirge einerseits bei Orduna zur Verbindung mit Bilbao, andererseits bei Salinas zur Verbindung nach Tolosa und Bayonne, sodaß A. also ein wichtiges Passageland zwischen Castilien und Frankreich oder den beiden nördlichen baskischen Provinzen bildet. Der Gebirg-weichthum des Landes mildert die dürre Hitze der span. Plateaus zu einem gemäßigten, glücklichen Klima, das den Schnee selten in den unteren Thälcrn zeigt, im Aug. den Weizen, im Oct. den Mais reifen läßt, fast überall den Weinstock und selbst den Ölbaum in seinem > > i < < 1 t ^ ä r d i n k 8 c d 2 ! a L b § » Z h k ß ß s d Alava (Don Miguel Ricardo de) Alba (Ferd. Alvarez, Herz, von) 177 Gedeihen begünstigt. Die herrlichsten Eichenwälder, Hornvieh-, Schaf- und Ziegenzucht, Hanf-, Flachs- und Getreidebau, Weincultur, reiche Eisen- und Kupferminen, wie unerschöpfliche Salzquellen bieten dem Bewohner nicht allein in einem üppigen Reichthum Überfluß zur Ausfuhr roher Products, sondern fodern ihn auch zu einer höhern Thätigkeit auf, als sie anderswo in Spanien angetroffen wird. Wie des Landes gesegnete Naturver- hältniffe den Wohlstand eines glücklichen, freien und kräftigen baskischen Volksstammes (s. Basken) begründet haben, so verleiht ihm der durch Anbau, Thäler, Wälder und Gebirge durchschnittene Terraincharaktcr auch eine erhöhete kriegerische Bedeutung, die sich oft bekundet und noch in neuester Zeit bestätigt hat, als die baskischen Provinzen der natürliche Herd der kurlistischcn Unruhen wurden. ' Aläva (Don Miguel Ricardo de), span. General, geb. zu Viktoria 1771, stammt aus einer in der Provinz Alava begüterten adeligen Familie. Er trat früh in den Seedienst, wurde bald Fregattencapitain und ging dann in die Landarmee über. Nach Ferdinand's VII. Abdankung unterschrieb er, als Mitglied der Versammlung :u Bayonne, die neue von Frankreich gegebene Verfassungsurkunde und zeigte sich als eifriger Äfrancesado. Im I. 1811 verließ er jedoch das schwankende Glück Joseph's und als span. Commiffar dem Generalstabe Wellington's beigegebcn, gewann er dessen Vertrauen, sowie große Vorliebe für England und engl. Einrichtungen. Er zeichnete sich im Unabhängigkeitskriege bei mehren Gelegenheiten aus und ward schwer verwundet. Nach Rückkehr des Königs wurde er, liberaler Grundsätze verdächtig, verhaftet; jedoch durch den Einfluß seines Oheims, des Inquisitors Ethenard, sowie denjenigen Wellington's bald freigclaffen und zum Gesandten im Haag ernannt. Beim Ausbruch der Revolution von 1820 kam er nach Spanien zurück, wurde Gcneralcapitain von Aragonien, hielt sich zu den Exaltados und stand beim Aufstand der Garde in Madrid, am 7. Juli 1822, in den Reihen der Miliz. Als Abgeordneter seiner Provinz in den Cortes, stimmte er zu Sevilla (1823) für Suspension der königlichen Gewalt > und nahm von Cadix aus an den mit dem Herzoge von Angouleme angeknüpften Unterhandlungen Theil. Die Herstellung der absoluten Gewalt führte ihn als politischen Flüchtling nach Brüssel und England, bis ihn nach Fcrdinand's Tode die Regentin zurückrief und zum Pro- cer ernannte. Obgleich in seinen politischen Ansichten hcrabgespannt, hielt er gleichwol in der Kammer der Proccres jene Rede, welche die tumultuarische Ausschließung des frühern Ministers Burgos zur Folge hatte. Als sich jedoch dieser später rechtfertigte, trug A. selbK ! auf dessen Restitution an. Martine; de la Rosa ernannte ihn 183-1 zum Gesandten in London, wo er der Sache der Regent!» nützliche Dienste that, aber durch unbedingte Hingebung unter das damalige Ministerium Wellington die Gunst der Exaltados verscherzte. Seine Empfehlung verhalf dem gerade in London anwesenden Mcndizabal zum Finanzministerium , der ihn seinerseits zum Minister des Auswärtigen und Conseilspräsidenkcn vorschlug. A. lehnte dies ab, übernahm jedoch auf Mendizabal's Antrieb zu Ende des I. 1835 eine Sendung nach Paris. Unter dem Ministerium Jsturiz zeigte er sich ebenso eifrig für das modrantistische System als früher für das seines Vorgängers und bemühte sich um die sranz. Intervention, der er sich als Gesandter in London fortwährend widerfttzl hatte. . Nach dem Aufruhr von La Granja verweigerte er den Schwur auf die Constitution von 1812, - da er cs „überdrüssig sei, immer neueEide zu leisten", gab seine Entlassung und blieb seitdem in Frankreich. Fügsam, gewandt und,ein heiterer Weltmann, wußte sich A. leicht persönlich in Gunst zu setzen; aber ohne tiefere Überzeugung gehört er den Staatsmännern des neuern Spaniens an, die im Schwanken der Ereignisse, die sie nicht zu übersehen und nicht zu beherrschen vermochten, auch in Ansichten und Grundsätzen schwankten und wechselten. > Alba oderPriesterhcmd heißt das weiße, leinene Gewand, welches der gesammte katholische Klerus ohne Unterschied des Ranges bei heiligen Handlungen trägt. Wie die besondere geistliche Kleidung überhaupt, stammt es aus dem -1. Jahrhundert. Alba (Ferd. Alvarez von Toledo, Herzog von), Staatsminister und General der span. Armeen unter Karl V. und Philipp I I., geb. 1508, stammte aus einem der vornehmsten i Geschlechter Spaniens. Erzogen unter den Augen seines Großvaters, Friedrich von Toledo, der ihn in Kriegs- und Staatswisscnschaften unterrichtete, focht er als Jüngling schon in der Conv.-bex. Neunte ltufl. I. 12 178 Alba (Fcrd. Alvarez, Herzog von) Schlacht bei Pavia und hatte dann den gefangenen König Franz 1. zu bewachen. Unter Karl V. befehligte er in Ungarn, war bei der Belagerung von Tunis, bei dem Zuge gegen Algier, vertheidigte Perpignan gegen den Dauphin und zeichnete sich in Navarra und Cat> lonien aus, worauf er zum Herzog von Alba ernannt wurde. Sein bedächtiger Charakter und seine Neigung zur Politik gaben indeß keine hohe Idee von seinen militairischen Talenten, und selbst Karl V., dem er in Ungarn riech, den Türken lieber eine goldene Brücke zu bauen als eine entscheidende Schlacht zu liefern, übertrug ihm den Oberbefehl mehr aus Gunst als in Anerkennung seiner Talente. Hierdurch in seinem natürlichen Stolze beleidigt, nahm nun sein Genie einen gewaltigen Aufschwung. Durch seine umsichtige Anführung ge- wann Karl >5-17 die Schlacht bei Mühlberg gegen den Kurfürsten von Sachsen Johann Friedricb. Unter seinem Einflüsse und Vorsitze verurtheilte der Kriegsrath den gefangenen Kurfürsten zum Tode, und ganz gegen seinen Willen war es, daß der Kaiser dieses Urtheil milderte. Unter dem Kaiser nahm er Theil an dem Zuge gegen den König von Frankreich, Heinrich II., der Metz, Toul und Verdun weggenommen hatte; allein alle seine, wie des Kaisers Anstrengungen, hier etwas auszurichten, waren vergebens. Glücklicher war er in Italien gegen die vereinigte päpstliche und sranz. Armee, die er 1555 wiederholt besiegte. Auch nach der Abdankung Kaiser Karl's V., 1556, behielt er den Oberbefehl der Heere, eroberte den Kirchenstaat, der nach dem Abzüge des sranz. Heeres, 1557, vollends ganz ihm preisgegcben war, mußte jedoch aufPhilipp's II., seines neuen Herrschers Befehl, mit dem Papste Paul IV. Frieden schließen und alles Eroberte zurückgeben. Aus Italien abgerufen, erschien A. 1559 am sranz. Hofe, mit dem Spanien im Frieden zuChäteau-Cambresis, am 3. Apr. 1559, sich ausgesöhnt hatte, und ließ sich Elisabeth, die Tochter Heinrich's II., für seinen König anlrauen, die anfangs für den Kronprinzen Don Carlos bestimmt war. Als sich die an Freiheit und Recht gewöhnten niederländ. Provinzen gegen die Gewaltherrschaft und Inquisition Spaniens erhoben, rieth A. dem Könige, den Aufstand mit Härte und Gewalt zu unterdrücken. Der König ging darauf ein und sendete A. 1567 an die Stelle seiner Schwester Margarethe als Statthalter mit unumschränkter Gewalt und einer bedeutenden Macht nach den Niederlanden. Kaum war er 1566 in Flandern angelangt, als er den sogenannten Blutrath cinsetzte, in welchem er anfangs selbst präsidirte, dann aber den blutgierigen Don Juan de Bargas präsidiren ließ. Ohne Unterschied wurden von diesem Tribunal Alle verurtheilt, deren Meinungen verdächtig waren oder deren Neichthum zur Habsucht reizte. Gegenwärtigen und Abwesenden, Lebenden und Tobten machte man den Proccß und zog ihre Güter ein. Viele Kaufleute und Fabrikanten wandcrten nach England aus, mehr als Hunderttausend verließen ihr Vaterland, viele Andere begaben sich unter die Fahnen der geächteten Prinzen Ludwig und Wilhelm von Orauien. Noch trotziger gemacht durch die Niederlage seines Stellvertreters, deS Herzogs von Aremberg, ließ er die Grafe» von Egmont und von Hoorn auf dem Blutgerüste sterben. Nachdem er den Prinzen Ludwig geschlagen und den Prinzen Wilhelm gcnöthigt hatte, sich nach Deutschland zurückzuziehen, zog er im größten Triumphe am 22. Dec. 1568 in Brüssel ein. Vom Papste als Vcrthei- diger des katholischen Glaubens mit einem geweihten Hute und Degen beschenkt, womit früher nur gekrönte Häupter ausgezeichnet wurden, stieg sein Übermuth aufs höchste. Er ließ eine Bildsäule gießen, ihn darstellend, wie er zwei Menschenfiguren, angeblich Sinnbilder des niederländ. Adels und Volks, mit dem Fuße niedertritt, und dieselbe in Antwerpen aufrichten. Seine Henker vergossen mehr Blut als seine Soldaten. Noch widerstanden nur Holland und Seeland seinen Waffen. Da ward eine Flotte, die auf seinen Befehl ausgelaufen war, vernichtet, und überall erhob sich das Volk von neuem. Dies und noch mehr vielleicht die Furcht, die Gunst des Königs zu verlieren, bewogen ihn, um seine Zurückberufung zu bitten. Gern gewährte sie ihm Philipp, der, als er sah, daß durch diese Grausamkeiten nur der Widerstand der Rebellen wuchs, gelindere Mittel versuchen wollte. A. übergab die Anführung der Truppen dem edeln Don Luis de Requesens und verließ am 18 . Dec. 1573 ein Land, in dem er 18N00 Menschen, wie er sich rühmte, hatte hinrichten lassen, und einen Krieg entzündet hatte, der 68 Jahre wüthete, Spanien 8V» Mill. Thaler, seine schönsten Truppen und dessenungeachtet sieben der reichsten niederländ. Provinzen kostete. A. wurde Albalonga Albani (Familie) 179 n » il h, cs in 0- m m n, m en sie nd alt »er >en ge. ;ie- »al icht ceß uS, ah> irch son j aiig >en, hei- mit ließ, lim ' pcn ^ nur. lau-1 siel- ung! ikei- :gab Oec. und esteni urdc mit Auszeichnung in Madrid ausgenommen, genoß aber nicht lange sein altes Ansehen. Einer seiner'Söhne, Don Friedrich, hatte eine Ehrendame der Königin unter dem Versprechen, sie zu heirathen, versührt, und wurde deswegen verhaftet; der Vater unterstützte dessen Entweichung und verhcirathetc ihn, gegen den Willen des Königs, an eine seiner Verwandten. Deshalb vom Hofe auf sein Schloß Uzeda verwiesen, lebte er dort zwei Jahre, als die Angelegenheiten in Portugal, auf das Philipp I>. nach demTode König Heinrich's II., 1580, von mütterlicher Seite her Erbansprüche machen zu können glaubte, den König veranlaßten, von neuem zu A. seine Zuflucht zu nehmen. A. führte ein Heer nach Portugal, vertrieb den Dom Antonio, welchen die Portugiesen als einen Enkel König Johann's III. sich zum Herrscher erwählt hakten, und eroberte 1581 das ganze Land. Nach seiner gewohnten Raubsucht und Grausamkeit bemächtigte er sich der Schätze der Hauptstadt und erlaubte seinen Soldaten, die Vorstädte und ihre Umgebungen zu plündern. Philipp, darüber unwillig, wollte das Betragen des Herzogs untersuchen lassen; allein das trotzige Benehmen desselben und die Furcht vor einer Empörung verhinderten cs. A. starb zu Lissabon am 1 l. Dec. 1582. Er hatte eine stolze Haltung, ein edles Ansehen und einen starken Körper, schlief wenig, arbeitete und schrieb viel. Man behauptet von ihm, daß er während OOjähri- ger Kriegsdienste nie eine Schlacht verloren habe und nie überfallen worden sei. Vgl. Meursius, „Xlbsnus s. eis relins ejus in Lel^io Aestis" (Amst. 1618). Albalonga, die älteste Stadt in Latium, südlich von Rom, ward der Sage nach erbaut von Ascanius, des Äneas Sohne, auf dem Felsenrande, der sich zwischen dem Albanersee und dem 5lons Xlbsnus hinzieht, und nach dessen Tode von Äneas Sylvius, seinem zweiten Sohne, beherrscht. Die Stammmutter Noms, mit dem es anfangs eng verbunden war, wurde es schon von Tullius Hostilius, Noms drittem Könige, zerstört. (S. Albano.) Albäni (Francesco), einer der ausgezeichnetsten Maler, welche für den neuen Auf- schwung der ital. Kunst in, 17. Jahrh. wirksam waren, wurde 1578 zu Bologna geboren, wo er 1660 starb. Nachdem er die Schule des Niederländers Calvacrt besucht, trat er in die der Caracci ein, welche Letztere gegen das oberflächliche Wesen der sogenannten Markiertsten siegreich in die Schranken zetteten war. A. hat treffliche Altarbilder gemalt, in denen der allgemeine Charakter der Schule der Caracci sich in tüchtigen Zügen ausspricht. Seine innere Eigenthümlichkeit aber zog ihn zu der Darstellung idyllischer Gegenstände, denen bci- weitcm die Mehrzahl seiner Werke gewidmet ist; es sind die anmuthigsten Spiele der antiken Mythe, welche er in solchen Bildern vorführt. Seine Richtung entspricht hierin ganz der gleichzeitigen Schäferpoesie, wie diese in den Gedichten des Tasso und Guarini ausgeprägt ist. Mit großer Grazie und Lieblichkeit behandelte er die Gestalten der Venus und ihrer Genossinnen, der Galathea, dcr Amorincn, die seine idyllischen Sccnen bevölkern; auch die Landschaften, die oft einen wesentlichen Theil seiner Bilder ausmachen, sind voll Heiterkeit und Anmuth. Dagegen fehlt ihn», mehr oder weniger, die eigentliche, unmittelbare Lebenskräftigkeit; cs ist fast immer ein conventionelles Element in seinen Bildern, und sie ermüden, wenn man mehre hintereinander sieht, durch Monotonie. Albäni ist der Name einer reichen und berühmten Familie Roms, die aus Albanien, woher sie stammt, im 16. Jahrh. vor den Türken nach Italien flüchtete. Hier theilte sie sich in zwei Linien, von denen die eine den Adel von Bergamo, die andere von Urbino bekam. Die Familie verdankt ihren Glanz dem glücklichen Zufalle, daß es ein A. war, der Papst Urban VIII. die Nachricht von der Erwerbung Urbinos übcrbrachtc. Einflußreicher wurde die Familie, als Giovanni Francesco A. unter dem Namen Clemens XI. 1700 den Stuhl Petri bestieg. — Annibale A., geb. zu Urbino am 15. Aug. 1682, ging 1709 als Gesandter Clemens' XI. nach Wien, um mit diesem den Kaiser auszusöhnen, was ihm auch gelang. Er erhielt 1719 die wichtige Stelle eines Kämmerlings der rüm. Kirche, zog sich aber 1747 unter Benedict XIII. , um den Wissenschaften zu leben, nach seinem Bisthum Urbino zurück und starb am 21. Sept. 1751. Eine prächtige Bibliothek, eine Kunstsammlung, ein Münzcabinet, beschrieben von Rud. Venuti (2 Vde., Rom 1739, Fol.), das spater in das vatikanische überging, dessen vorzüglichsten Theil cs ausmacht, sowie eigene gelehrte Arbeiten, z. B- „blemorie concerneati la cittn Herzogthum Soriano erkauft hatte, 1721 von Jnnocenz Xllk. zum Principe ernannt und starb 172-1. — Giovanni Francesco A., der Sohn des Vorigen, geb. 26. Febr. 1729, wurde sehr jung Bischof von Ostia und Vellctri und schon im 27. Jahre Cardinal; doch vernachlässigte er, dem eine sehr einnehmende Gestalt, Geist und Kenntnisse überall Zutritt verschafften, anfangs als lebensfroher Jüngling die geistlichen Angelegenheiten. Den Bemühungen der Jesuiten, für deren Zwecke er eifrig arbeitete, verdankte er fortwährend bedeutenden Einfluß. Als Gegner der Franzosen entfloh er vor ihrer Ankunft in Nom und kehrte . erst, nachdem vorzüglich durch seinen Einfluß Pius VII. den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, dorthin zurück. Er starb im Sept. 1893. — Fürst Giuseppe A., der Neffe des Vorhergehenden, geb. zu Nom 13. Sept. 1759, erhielt durch Pius VI l. am 23. Febr. 1891 den Cardinalshut. Seine Jugend hatte er im Müßiggänge zugebracht, die Musik jeder andern Beschäftigung vorziehend. Doch entwickelte er glänzende Anlagen, als die Noch ihn zwang, sich um Geschäfte zu bekümmern. Im Sinne seiner Familie schloß er sich Ostreich gegen Frankreich an. Aufgefangenc Briefe von ihm aus Wien, wo er sich 1796 im Zn- > teresse des päpstlichen Stuhls aufhielt, gaben den Franzosen einen Vorwand, den Waffenstillstand zu brechen und Nom zu besetzen. Er verlor nun seine beträchtlichen Pfründen in Oberitalien; sein Palast ward geplündert, und er lebte zurückgezogen in Wien, bis er 1811 wieder nachRom zurückkehrte. Leo X I I. ernannte ihn zum Legaten in Bologna, und Pius VIII., zu dessen Wahl er wesentlich beigetragen hatte, 1829 zum Staatssecretair. Während der Unruhen in den Legationen im I. 1831 ward er, um die Ordnung wiederherzustellen, als apostolischer Commissar der vier Lcgationen mit Truppen nach Bologna geschickt, vermochte aber nichts auszurichten. Er rief Ostreich um Schutz an und kehrte, ohne die neue Organisation in Bologna befestigt zu haben, nach Rom zurück. Bald nachher legte er seine Ämter nieder und zog sich nach Pesaro zurück, wo er am 3. Dec. 1831 starb. . Albania hieß bei den Alten eine Landschaft Asiens, die östlich vom Kaspischen Meere, nördlich von den Ceraunischen Gebirgen, westlich von Jberien und südlich von den Flüssen Cyrusund Araxes begrenzt wurde und das heutige Lesghistan, Daghestan und Schirwan umfaßte. Das Land brachte Getreide und Wein in Menge hervor, daher die Bewohner desselben ^ träge, dabei aber kriegliebend waren. Später wurde es von röm. Statthaltern beherrscht. , Albanien , das türkische Arnaut, bildet die südwestlichste Provinz der europ. Tür- ' kei von ungefähr 799 H>M., begrenzt im Norden von Montenegro, Bosnien und Serbien, östlich von Makedonien und Thessalien, südlich vom Königreiche Griechenland und westlich vom Jonischen und Adriatischen Meere. Man unterscheidet Obcralbanien. das röm. Jllyrien, das Land der Taulanticr im Norden von dem südlichen Niederalbanien, dem Epirus der Alten. An der Ostgrenze erhebt sich auf der Wasserscheide der südlichen osman.-griech. Halbinsel der Bora-Dagh und Pindus. Der ersiere löst sich aus den wilden Massen des Tschar-Dagh und Argentarogebirges ab und liegen ihm westliche Parallelketten, wie z.B. das Kandavischc Gebirge vor, die einerseits langgestreckte Hochthäler umschließen, andererseits terrassenförmig zu ebenen Küstenstrichen abfallen, die einen täglich wachsenden Saum ungesunder und uucultivirter Sümpfe und Lagunen bilden. Den südlichen Pindus umgeben auch einzelne Ge- ^ birgsbecken; ihre Westränder aber gehen in das vielfach zertrümmerte und dichtbewaldcte wilde cpirotische Eebirgsland über, das mit steilen Felswänden an die Küste tritt und im ! Albano 181 akroccraunischen, dem heutigen Khimeragebirge (was mit dem Cap Linguetta weit in das Meer vorspringt) die Höhe von -t — 5000 F. erreicht. Die bedeutendsten Flüsse sind Bo- jana, Drino mit den Qucllarmcn des Schwarzen und Weißen Drino, Skombi, Ergent, Vvjuffa, der Acheron, welcher einen unterirdischen Kanal durchströmt und bei seinem Wiedererscheinen Mauropotamos heißt, die Arta und der obere Lauf des Aspropotamos, während unter den Seen die von Bojana, Ochri und Janina am wichtigsten sind. Ein schönes Klima, dessen Hitze gemildert wird entweder durch die höhcrn Gebirge oder die Nähe der See, ladet den Bewohner zu einträglicher Bodencultur ein, aber fast überall vergebens. Im Norden beschränkt sie sich fast allein auf Mais und nur in den feuchten Thalgründen aus Reis und Gerstenbau zwischen den von zahlreichen Rinder- und Schafheerden benutzten Weiden der Bergtcrrafsen; in Epirus aber zeigt sich eine größere Mannichfaltigkeit. Hier sind die untern Thalgehänge mit Öl-, Frucht- und Maulbeerbäumen, mit Neben- und Maispflanzungen bedeckt, während die dicht bewaldeten Gebirgsrücken großen Holzreichthum bergen. Wenn auf dem gctreidereichcn Plateau von Janina Südfrüchte fehlen, so gedeihen sie üppig in den nach Süden geöffneten Thälcrn neben Feldern von Mais, Weizen und Ncis; selbst Baumwolle und Indigo würden in den feuchten Thälern mit Vortheil gepflegt werden können; doch der verwilderte Zustand des Landes ernährt kaum seine spärlichen Bewohner. Die auf 1,600000 geschätzten Einwohner A.s bilden ein eigenthümlichee Volk, die Alba- neser oder Arnauten, in der Landessprache Skypetarcn genannt, welche mit Griechen und Slawen vermischte Nachkommen der alten Illyrier, vielleicht auch die Nachkommen von Nationen sind, die im grauen Alterthume vom Kaukasus kamen. Sie zerfallen in mehre originell charakterisirtc große Stämme, sind ein halbwildes Gebirgsvolk, voll Thatkraft, offen gegen den Freund, rachsüchtig gegen den Feind. Beständig unter den Waffen, legen sic sich mehr auf Diebstahl, Straßen- und Sceraub als auf die Viehzucht; sie leben in beständiger Anarchie, bekriegen sich von Dorf zu Dorf, ja in der nämlichen Stadt von Quartier zu Quartier, wandern als Söldner in die Fremde und bilden den besten Theil der türk Heere. Ehemals waren sie sämmtlich Christen, jedoch nach dem Tode ihres letzten Fürsten, des Helden Sk an derb eg (s. d.), und ihrer Unterwerfung durch die Türken, wurde ein großer Theil mohammedanisch, der sich durch Grausamkeit und Treulosigkeit vor den ihrem Glauben treu gebliebenen Stämmen auszcichnct. Im Süden, in den steilen Thälern des Acheron, wird die Landschaft Suli, der Schlüssel von EpiruS, von den Stilisten bewohnt, einem kräftigen Stamme, der seine Felder bestellt mit dem Schwert in der Hand, seine Ernten im Schoße der Erde versteckt und der sich durch seinen langen heroischen Wider stand gegen Ali Pascha (s. d.) berühmt gemacht hat. Im Norden, zwischen dem Schwarzen Drino und dem Meere, liegt die Landschaft der Mirditen, welche mit stets bewaffneter Hand ihr noch bewahrtes Christcnthum (katholisches) und ihre Freiheit zu vertheidigen bereit sind. A. zerfällt in die Paschaliks Janina, Jlbessan und Skutari und in die Sandschakschaf- ten Delvino und Avlona; die bedeutendsten Städte sind die drei Hafenorte Durazzo, Avlona und Parga, entfernter von der Küste Skutari, Akliffar, Jlbessan, Berat, Ergir- Kastri und Arta und in den östlichen Gebirgsrcvicren Perserin, Ochri und Janina. Albäno. An der Stelle des der Sage nach frühzeitig zerstörten Albalonga (s. d.) entstand später aus den prächtigen und großen Landhäusern röm. Großen, namentlich des Pompejus, Domitian, Clodius u. A., die Muncipalstadk Albannm, jetzt Albano. Sic liegt am äußersten Abhange des den See von CastebGandolfo umgebenden Lavawalles In der Nähe der Stadt an der Appischen Straße finden sich Überreste eines Amphitheaters und eines Grabmals in etruskisökem Stile. Der Albanersec, jetzt Lago di Castcllo, ist der Krater eines ausgebrannten Vulkans. Während des Kriegs mit Veji, 395 v. Chr., wuchs dieser See in einem heißen Sommer, ohne sichtbare Ursache, zu ungewöhnlicher Höhe. Durch etrusk. Wahrsager verbreitete sich das Gerücht, daß von dem Ablassen dieses Wassers das Schicksal von Veji abhänge, und die Römer vollendeten den Bau eines Kanals. Sie lernten bei dieser Arbeit von Etruskern die Kunst, unterirdische Kanäle zu führen, die sie bald zur Untergrabung der Befestigungen von Veji und dadurch zur Eroberung der Stadt anwcn- deten. Der ablasscnde Kanal (lllmissurium) des Albanersees hat eine Länge von 3700 Schritten, ist 6 F. hoch, 3F. breit und erfüllt noch jetzt, ohne jemals reparirt worden zu Albatros 182 Albany sein, seinen Zweck vollkommen. Auf dem östlich vom Albanersee, 250V F. über dem tyrrhenischen Meeresspiegel gelegenen Albaner Berge, jetzt Monte Cavo, dessen Gipfel die herrlichste Aussicht gewährt, stand der prachtvolle Tempel des Jupiter Latiaris, zu welchem sich ein noch jetzt zum Theil erhaltener gepflasterter Weg für die Festzüge bei den latinischen Mundesfesten (bei-irre latinas) und für die Ovationen der röm. Feldherren cmporwand. — Berühmt ist der Albaner Stein, jetzt Peperino, eine Art vulkanischen Tuffs von «schob ec grünlichgrauer Farbe, der häufig bei A. gebrochen wird. Albäny, Hauptstadt und Sitz der Negierung des Staats Neuyork am rechten Ufer des Hudson, meiner überaus fruchtbaren, wohl angebauteu Gegend, ist der Mittelpunkt der politischen Umtriebe des Staats Neuyork und durch den Einfluß dieses größten und reichsten Staats, sowie durch die Straßen, welche von hier nach Westen führen, der ganzen Union. Bis hierher ist der Hudson für Seeschiffe von 150 Tonnen und für die größten Dampfboote schiffbar, deren täglich vier bis sechs nach Neuyork fahren und von dort an- kvmmen. Nördlich von der Stadt vereinigen sich die Kanäle Erie und Champlain, und seit einem Jahr ist die Stadt auch mittels einer Eisenbahn mit Boston verbunden. Zwei große Straßen führen, die 298 engl. Meilen lange Fahrstraße und der 363 engl. Meilen lange Eriekanal, von hier nach Buffalo, dem Schlüssel der ganzen westlichen Binnenschiffahrt, und nach der Straße nach Kanada. Dahin geht der Zug nicht nur des größten Theils der europ. Einwanderer, sondern auch der Auswanderer aus den östlichen Staaten der Union. Die Stadt ist nach Jamestown in Virginicn die älteste in der Union und wurde schon 1613 von den Holländern gegründet. Sie zählte imJ. 1790:3398, 1800:5339, 1810:9356, 1 20:12630, 1830:23238 und 1830: 33721 E. Zu den merkwürdigsten Gebäuden gehören das Capitol, der aus weißem Marmor erbaute Regierungspalast, nach dem Capitol zu Washington das schönste Gebäude in der Union, das Theater und das Museum. — DieGrasschaft Albany zählte im 1.1830 68593E. und außer der Hauptstadwgleiches Namens noch mehre-bedeutende Landstädte, unter denen Bethlehem mit 3230, Berne mit 3730, Guildcrland mit 2790, Nensselaerville mit 3700, Westerlo mit 3000 und Water- vüel mit 10130 E- die wichtigsten sind. In dieser Grafschaft bestehen noch zum Theil die aus Holland hinübergebrachten Feudalrechte, welche in neuester Zeit zu blutigen Fehden zwischen Landcigenthümern und Pächtern Veranlassung gaben. Albäny (Luise Marie Karoline, oder Aloysia, Gräfin), die Gemahlin des engl. Prätendenten Karl Eduard (s. d.), des Enkels Jakob's II., war 1753 geboren und die Tochter des Prinzen Gustav Adolf von Stolberg-Gedern, der 1757 in der Schlacht bei Leuchen blieb. Durch ihre Vermählung im I. 1772 erhielt sie den Namen einer Gräfin von A. Ihre fthc war kinderlos und unglücklich. Um sich vor den Ausbrüchen der Roheit ihres Gemahls :u retten, der in einem Zustande fortwährender Trunkenheit lebte, suchte sie 1780 eine Freist Ute im Kloster. Als ihr Gemahl 1788 gestorben war, ließ ihr der franz. Hof ein Jahrgeld v -n 60000 Livres auszahlcn. Sie überlebte das Haus Stuart (s.d.), welches mit dem "sode ihres Schwagers, des Cardinals Uork, 1807 erlosch, und starb zu Florenz, ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, am 29. Jan. 1823. Ihr Name und ihr trauriges Schicksal sind durch die Werke und die eigene Lebensbeschreibung Alfieri's (s. d.) auf die Nachwelt übergcgangen. Sie entschied Alfieri's Schicksal; sie war die Muse, die ihn begeisterte, und ohne ihre Freundschaft hätte er, wie er selbst gesteht, nie etwas Tüchtiges gethan. Ihre und Alfieri's Asche ruht jetzt unter einem gemeinschaftlichen Grabmale in der Kreuzkirche zu Florenz zwischen Macchiavelli und Michel Angela. Albatros , ein Schwimmvogel aus der Familie der Sturmvögel oder Röhrennasen, ist charakterisiert durch seitliche Nasenlöcher und vollkommenen Mangel einer Hinterzehe. Die Albatros gehören zu den größten der bekannten Seevögel, sind plumpen Ansehens, aber zum Flug sehr geschickt. Sie kommen daher oft mehre hundert Stunden entfernt vom Lande vor, schwimmen schnell, nähren sich nur von Seethieren und bewohnen allein die südliche Hemisphäre. Der gemeine Albatros ist sehr häufig in den Meeren um Cap-Horn und w der guten Hoffnung, und daher feit altenZeiten bekannt (Vloutnixieeop, Enpe sime;, im Englischen). Ec klaftert über zwölf Fuß, verfolgt schwimmend segelnde Schiffe und läßt sich dann mit Angeln sangen. Er hat ein lhraniges, ungenießbares Fleisch, weißes Gefieder, Albemarle Alberont 183 schwarze Flügel, rothe Füße, bauet ein rohes Nest auf wüsten Klippen und legt zahlreiche längliche, eßbare Eier. Albemarle (Herzog von), s. Monk (George). Albergati Capacelli (Francesco), ital. Lustspieldichtcr, Freund und Nacheiferer Goldoni's, geb. zu Bologna 1728, gest. am 16. März 1804, stammte aus einer alten bo- stognesischen Patrizierfamilie und genoß einer seinem Stande angemessenen Erziehung. Nachdem eine Ehe, die er auf Antrieb seiner Familie geschlossen, für ungültig erklärt worden war, zog er sich auf seinen Landsitz Zola zurück und lebte dort bis 1766 seinen Studien und geselligen Freuden. Er ließ sich ein Privattheater einrichten, welches für 300 Zuschauer Raum hatte und schrieb eine Anzahl Lustspiele für dasselbe, welche bald in weitern Kreisen bekannt und beliebt wurden. Unannehmlichkeiten im Vaterlande bewogen ihn, nach Verona zu ziehen; einige Zeit hielt er sich dann in Venedig auf und kehrte endlich nach Zola zurück, wo er weniger glänzend als früher, aber friedlich und glücklich bis an sein Ende lebte. Große Milde und Liebenswürdigkeit machten ihn des seltenen Glückes werth, das er im Freundeskreise fast ungetrübt genoß. Mit den Berühmtheiten seiner Zeit stand er in Briefwechsel; Voltaire huldigte ihm durch Widmung eines seiner Trauerspiele. Seine dramatischen Arbeiten, die gesammelt (12 Bde.) erschienen, stehen an Erfindung und Charakteristik den Gol- doni'schen nach, zeichnen sich aber durch präcisere Anordnung und größere Reinheit der Sprache aus. Sein ,,8aggi» amico" und sein „(Varistor malckicents" werden noib immer mit Beifall auf den ital. Bühnen gegeben. Ins Deutsche übersetzt sind „Der Gefangene" ein Schauspiel (Dresd. 1777) und „Moralische Novellen" (Wittenb. und Zerbst 1782). Ein „Liogio" A.'s ist von seinem Freunde Franc. Zacchiroli geschrieben, mit dem gemeinschaftlich er „lottere cspriccinse" (Ven. 1780) herausgegeben hatte. Alberöni (Giulio), Cardinal und span. Staatsminister, war der Sohn eines armen Weingartners, geb. 31. Mai 1664 zu Firenzuola in Parma. Zuerst Kirchensänger zu Piacenza, wurde er, durch große Klugheit ausgezeichnet, bald Chorherr, Kapellan und ein Günstling des Grafen Roncovieri, Bischofs zu St.-Donino. Später vom Herzog von Parma als Geschäftsträger nach Madrid gesendet, erwarb er sich die Zuneigung Philipp's V. von Spanien und wurde hier in Folge dessen zum ersten Minister, Cardinal und Grande erhoben, in welcher hohen Stellung er sich auch um Spanien große Verdienste erwarb. Seinen Bemühungen gelang es nicht nur, die mächtige und einflußreiche, damals den ganzen Hof beherrschende Familie Orsini vom Hofe zu entfernen und Philipp's V. zweite Ehe mit Elisabeth Farnese, Prinzessin von Parma, zu Stande zu bringen; er war cs auch, durch welchen damals in Spanien ein völlig neues Leben geschaffen wurde, sodaß das Land die Drangsale bald vergessen lernte, die es im span. Successionskrieg erduldet hatte. Freilich war es auch sein Werk, daß zu Gunsten der Autokratie die letzten Freiheiten und Rechte des Volks zu Grabe getragen wurden, indem auf seine Veranlassung Philipp V. 1715, selbst im treuen Castilien, die Cortes zum letzten Male zusammenrief, damit sie die von ihm gcge- bene Successionsordnung, nach welcher allen männlichen Abkömmlingen der Vorzug vor den weiblichen zugestandcn wurde, durch ihre Anerkennung bestätigten. Hätte er blos nach innen, nicht auch nach außen seine Blicke gerichtet, namentlich nicht der habsüchtigen Elisabeth Bitten, Einflüsterungen und Bestürmungen geneigtes Ohr geliehen, Spanien würde ihm vielleicht noch in der spätesten Zeit zu Dank verpflichtet gewesen sein. Allein sein grenzenloser Ehrgeiz und seine Nachgiebigkeit gegen die Fodcrungen Elisabeth's, die für die Sohne ihrer Ehe, denen die span. Krone nicht werden konnte, gern anderwärts Länder und Throne zu erhalten wünschte, verleiteten ihn zu Operationen, die nothwcndig seinen Sturz herbeiführen mußten. Er gedachte die Monarchie Karl's V. und Philipp's II. wiederherzustellen und Spanien alle in Italien verlorenen Länder wicderzugeben und fing bei Sardinien und Sicilien an. Auch als der Herzog von Orleans, Regent von Frankreich, die Allianz mit Spanien aufhob, um sich mit England zu vereinigen, änderte er sein System nicht. Ergriff denKaiser an, nahm ihm Sardinien und Sicilien, und als im Mittelländischen Meere die span. Flotte von einer engl, vernichtet ward, beabsichtigte er einen Landkrieg, suchte Peter den Großen und Karl XII. mit sich zu verbinden, Ostreich in einen Krieg mit den Türken zu verwickeln und in Ungarn einen Aufstand zu erregen, den Herzog von Orleans aber durck 184 Albert (der Große) Albert (Herzog von Sachsen-Teschen) eine Partei am Hofe festnchmen zu lassen. Allein sein Plan ward entdeckt; der Herzog von Orleans, im Bunde mit England, erklärte Spanien den Krieg und setzte in einem Manifeste die Ranke des Cardinals auseinander. Ein stanz. Heer brach in Spanien ein, und obgleich A. durch innere Unruhen die Unternehmungen Frankreichs zu hemmen suchte, so verlor doch der König den Muth und schloß einen Frieden, in .welchem es eine der Hauptbedingungen war, daß der Cardinal entlassen werde. A. erhielt am 20. Dec. 1721) den Befehl, binnen 21 Stunden Madrid und in fünfTagen das Königreich zu räumen. Der Rache aller Mächte preisgegeben, deren Haß er sich zugezogen hatte, sah er kein Land, wo er sich aufhaltcn konnte; selbst nach Nom durfte er sich nicht wagen, weil er den Papst Clemens XI. hinter- gangen hatte, um den Cardinalshut zu erhalten. Noch war er nicht über die Pyrenäen, als sein Wagen angefallen, einer seiner Bedienten getödtet wurde, und er selbst, um mit dem Leben zu entkommen, verkleidet seine Reise zu Fuße fortsctzcn mußte. Lange irrte er unter fremdem Namen umher. Zm genues. Gebiete ward er, auf Ansuchen des Papstes und des Königs von Spanien, festgesetzt; doch bald erhielt er seine Freiheit wieder. Der Tod Clemens' XI. machte seiner Verfolgung ein Ende, und Jnnocenz XIII. setzte ihn 1723 in alle Rechte und Würden eines Cardinals wieder ein. Als solcher starb er am 26. Juni 1752. Seine Güter in der Lombardei vermachte er Philipp V.; seinem Vetter, CäsarA., eine Million Dukaten. Albert, Graf von Ballstädt, gewöhnlich XIKertns^lsAnus, der Große, auchl'eu- lonicus genannt, ein im 13. Jahrh. durch ausgcbreitete Kenntnisse ausgezeichneter Mann, geb. 1205, nach Andern II93, zu Lauingen inSchwaben. Nach beendeten Studien zu Padua trat er 1223 auf Zureden des Dominicaners Jordanus in den Orden der Dominicaner, lehrte in den Schulen zu Hildesheim, Regensburg und Köln, wo Thomas von Aquino sein Schüler wurde, und wendete sich um 1239 nach Paris, wo er gegen das Gebot der Kirche öffentlich den Aristoteles erklärte. Er wurde 1219 Rector der Schule zu Köln und 1251 Provinzial seines Ordens; 1260 erhielt er vom Papst Alexander IV. das Bisthum zu Negensburg. Allein schon 1262 ging er in sein Kloster nach Köln zurück, wo er ganz den Wissenschaften lebte und sehr viele Schriften, namentlich Erklärungen des Aristoteles, wobei er auch die Araber benutzte, ausarbeitete. Viele der ihm beigclegtcn Schriften jedoch, wie das im Mittelalter sehr verbreitete Werk „Ilv serrstis iiiiiliormn", scheinen untergeschoben zu sein. A. starb am 15. Nov. 1280, nachdem er schon einige Jahre vorher in gänzlichen Stumpfsinn verfallen war. Die vollständigste, aber keineswegs alle Schriften enthaltende Ausgabe seiner Werke lieferte Peter Jammy (21 Bde., Lcyd. 1651, Fol.). Seine für die damalige Zeit großen chemischen und mechanischen Kenntnisse brachten ihn in den Verdacht der Zauberei; sonderbare Dinge erzählte man von seiner schwarzen Kunst, weshalb er auch in den deutschen Sagen sehr zweideutig erwähnt wird. So soll er im Winter des I. 1210 zu Köln den röm. König, Wilhelm von Holland, in seinem bei dem Prcdigerkloster gelegenen Garten zu Gaste geladen und durch seine Kunst bewirkt haben, daß während des Mahles Alles ringsum wie im Sommer blühte. Man deutet diese Sage nicht ohne Wahrscheinlichkeit auf ein von A. unterhaltenes Gewächshaus. Auch stellte er schon Hypothesen auf, welche zum Thcil erst in den neuesten Zeiten Aufsehen machten, wie die von Organen des Gehirns. — Albcrtisten nannten sich nach damaliger Sitte die Scholastiker, die A.'s Meinung folgten. Albert (Kasimir), gewöhnlich Herzog von Sachsen-Teschen genannt, der Sohn des Königs August III. von Polen, wurde zu Morihburg bei Dresden am I I. Juli 1738 geboren. Bei seiner Vermählung im I. 1766 mit der Erzherzogin Christine, der Tochter Kaisers Franz I. und der Maria Theresia, gab ihm Letztere das Fürstenthum Teschcn im üstr Schlesien, das er gemeinschaftlich mit seiner Gemahlin, die Oberstatthalterin in den östr. Niederlanden war, verwaltete. Für gewöhnlich lebte er in Brüssel; der Aufstand im J. 1789 nöthigte ihn , nach Wien zu gehen; doch bald nach der Unterdrückung desselben kehrte er dorthin zurück. In dem Kriege mit Frankreich im I. 1792 commandirte er das Belagerungsheer vor Lille (21. Sept. bis 10. Oct.), mußte aber die Belagerung aucheben und bald darauf, nachdem er und Beaulieu bei Jemappcs am 6. Nov. geschlagen worden waren, Belgien räumen, wo Dumouriez sich behauptete. In dem folgenden Feldzüge verließ er seines hohen Alters wegen die Armee und lebte seitdem fortwährend am wicnerHofe. Seiner Albert (W. I. K. von - L. von) Alberti 185 Gemahlin, die am 24. Juni 1798 kinderlos starb, verdankt die wiener Vorstadt Maria Hilf eine prächtige Wasserleitung, zu deren Vollendung er durch ihr Testament verpflichtet wurde. Von seinen ansehnlichen Einkünften machte er den besten Gebrauch. Große Summen verwendete er aus seine insbesondere an Kupferstichen, auch vielen Originalzeichnungen der ersten Meister der ital., deutschen und niederländ. Schule, sehr reiche Kunstsammlung, die er zum Fideicommiß machte, und in deren Besitz jetzt der Erzherzog Karl von Ostreich ist. A. starb zu Wien am 1>. Fcbr. 1822. Seine Sammlung von Originalzeichnungen gab L. Förster Veranlassung zur Herausgabe der „Lithographischen Copicn von Originalhandzeichnungen berühmter alter Meister aus der Sammlung des Erzherzogs Karl", wovon (Wien 183Ü — 42, Royalfol.) 38 Hefte zu 4 Blatt erschienen sind. Albert (Wilh. Jonathan Karl von), praktischer Landwirth, geb. zu Neinsdorf 1777, gest. 1836, früher Pachter der Domaine Lindau bei Zerbst, dann des Ritterguts Beuchlitz bei Merseburg, seit 1811 köthenscher Finanzrath zu Roßlau und Rcntbeamtcr, machte zu Anfänge dieses Jahrhunderts die sehr wichtige Entdeckung hinsichtlich der Kartoffeln, daß dieselben in einen völlig trockenen Zustand zu versetzen und fast ganz in reines Stärkemehl umzuwandeln seien, und zwar ohne Anwendung von Feuerung und mit so geringen Kosten und so weniger Arbeit, daß der Wispel, nach seinen im Großen angestcllten Versuchen, höchstens einen Thaler zu bereiten kostete. — Sein Bruder Ludwig von A., geb. 1783 zu Reinsdorf, ebenfalls praktischer Landwirth, machte sich zuerst 1824, in einer Zeit, wo durch das bedeutende Sinken der Preise landwirthschaftlicher Producte der Landwirth sehr zurückgekommcn war, durch ein von ihm neuerfundenes Wirtschaftssystem (Anthcilswirthschast) bekannt, welches, von Adam Müller sehr empfohlen, aber von Koppe, Wulffen, Zimmermann, Noa, Jakob u. A. heftig bekämpft wurde. Der A.'sche Wirthschaftsplan gründet sich daraus, die Mißverhältnisse, die in der Landwirthschaft obwalten, namentlich die Trägheit der Lohnarbeiter, die übergroßen Handwerkslöhne und die zu große Consumtion an Getreide und Futter von Seiten des Gesindes und derHausthiere dadurch zu heben, daß die Bestellungs- und Arbcitskosten nicht mehr durch baares Geld, sondern durch einen verhältnißmäßigen Antheil an der gewonnenen Ernte vergütet werden, daß mithin die Arbeiter an Gewinn und Verlust der Wirthschast Theil nehmen, aber stets ihr genügendes Auskommen haben. Auf der Domaine Dornburg wurde dieser Plan in Ausführung gebracht, und auch der Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen interessirte sich so dafür, daß er ihn bei der Verpachtung seiner Domainen in Anwendung bringen ließ, wiewol er später wieder aufgegeben werden mußte. Vgl. „Bericht über den A'.schcn Wirthschaftsplan" (Lpz. 1825). Im I. 1827 wurde A. mit dem Geheimen Finanzrath von Behr nach dem südlichen Rußland geschickt, um daselbst für die köthensche Negierung große Länderstrccken zum Ankauf auszuwählcn und eine Übereinkunft wegen Anlegung einer anhaltischen Colonie zu treffen. A. führte die Sendung so glücklich aus, daß die russ. Regierung der anhaltischen acht Quadratmeilen an freien Kronländereien im dnieperschcn Kreise und in Taurien zum erblichen Besitz überließ, und schon 1828 gingen 3000 Stück Schafe dahin ab. Im I. 1828 unterhandelte A. in Berlin den Anschluß Köthens an das preuß. Zollsystem und wurde nach der Rückkehr in den Adelstand erhoben. In der Literatur hat sich A. durch seine gekrönte Prcisschrist „Praktische Mittheilungen aus dem Gebiete der Landwirthschaft" (Lpz. 1839) bekannt gemacht. Alberti (Leo Battista), ein vielseitig gebildeter Mann, vorzüglich ausgezeichnet und berühmt im Fache der Architektur, geb. zu Florenz 1398, gest. um das I. 1472, stammte aus einer alten und sehr angesehenen Familie, erhielt früh umfassenden wissenschaftlichen Unterricht und widmete sich zunächst mit Eifer dem Studium der Rechtswissenschaft. Das Studium der alten Sprachen trieb er mit so glücklichem Erfolge, daß eine von ihm verfaßte Komödie „Lkilnclnxins" durch Aldus Manntius den Jüngern als ein Werk des alten Komikers Lepidus herausgegebcn ward (1588), das jedoch von Andern, und zwar mit größerer Wahrscheinlichkeit, dem C. Aretinns (gest. 1453) zugeschricbcn wird. Auch schrieb er manche andere Werke, zumeist wissenschaftlichen Inhalts, thcils in lat., thcils in ital. Sprache. In der Musik brachte er es schon früh dahin, daß er zu den besten Organisten seiner Zeit gezählt wurde. Ebenso ausgezeichnet war er im Fache der Malerei; seine Erfindung perspektivisch-optischer Gemälde machte das größte Aufsehen. Ein von ihm geschrie- 186 Albertrandy Albertusthaler bener Tractat über die Malerei ist später mehrfach aufgelegt worden. Seinen vorzüglichsten Beruf aber fand er in der Architektur. Indem er sich mit größtem Eifer dem Studium der antiken Bauwerke hingab, bestrebte er sich, die classische Consegucnz derselben wieder in das Leben einzuführcn. In der That gehören seine Bauwerke zu denjenigen, welche das reinste Gepräge des zu seiner Zeit wiedererwachten antiken Baustils tragen. Florenz besitzt mehre Gebäude, welche er aufführen ließ, die wichtigsten aber sind die Kirchen San-Andrea in Mantua und San-Franccsco in Rimini. Ebenso bedeutend wie seine ausgeführten Damen ist sein theoretisches Werk über dieses Fach der Kunst „De re soiillcatorm" (Ulor. 1185, Kol.; Strrsb. 1511,1.), das ins Italienische, Französische, Spanische und Englische übersetzt wurde. Albertrandy (Jan Baptist), einer derjenigen Männer, welche in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. am meisten dazu bcigetragen haben, Wissenschaft und Gelehrsamkeit in Po- len wieder zu wecken, gest. am 10. Aug. 1808, wurde 15 31 zu Warschau geboren. Sein Vater, der aus Italien nach Polen cingewandert war, ließ ihm in den Jesuitcnschulen eine sorgfältige Erziehung crtheilen; hier zeichnete er sich durch Fleiß und Talent so aus, daß er schon in seinem 10. Jahre zum Professor an dem Collegium zu Pultusk, später zu Plock und zu Wilna ernannt wurde. Joseph Zaluski erwählte ihn bei Eröffnung seiner großen Bibliothek zu Warschau zum Ordner derselben, welchem Amte er Vorstand, bis ihn 1761 der Primas Lubienski zum Erzieher seines Enkels, Felix Lubienski, der nachher zur Zeit des Herzogthums Warschau Justizminister war, berief, indem er ihn zugleich zu Staatsgeschäften benutzte. Nach dem Tode des Primas begab er sich mit seinem Zöglinge nach Siena, wo er von dem General der Jesuiten die Erlaubnis; erhielt, aus dem Orden zu treten. Er wurde Weltgeist' licher, besuchte Rom und kehrte mit reichen Sammlungen in Begleitung seines Zöglings nach Polen zurück. Stanislaus Augustus fand an ihm so großes Gefallen, daß er ihn zu feinem Lectvr ernannte und ihm die Aufsicht über seine Privatbibliothek übertrug. Die Lücken in dieser Sammlung in Beziehung auf poln. Geschichte auszufüllen, ging er nach Rom, um aus der vaticanischen und andern Bibliotheken und Archiven zu excerpiren, was auf Polen Bezug haben könnte. Drei Jahre lang, von 1782 an, arbeitete er dort mit größtem Fleiße und brachte mehr als hundert eigenhändig geschriebene Volumina voller Ex- ccrptc mit nach Polen, wofür ihm der König unter Andern; dadurch belohnte, daß er seine Ernennung zum Titularbischof von Zenopol veranlaßt. Die erwähnte Sammlung zu vervollständigen ward er später nach Stockholm und Upsala gesandt, da während der Schwedenkriege mehre wichtige Bibliotheken aus Polen dahin gekommen waren. Aber weder der König noch er selbst konnten diese Materialien benutzen, weil bald darauf der Untergang des poln. Staats erfolgte. Nach dem Tode des Königs war A. fast dem Mangel preisgegeben; doch schloffen sich ihm jetzt Alle an, die durch Anbau der Wissenschaft und Sprache den gefahrdrohenden Einfluß des Fremden zu hemmen gedachten. Durch seine Bemühungen entstanden Gelehrtcnvcreine, und 1801 trat mit Bewilligung des Königs von Preußen auch die „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften " zusammen. A. wurde einstimmig zum ersten Präsidenten derselben erwählt und blieb es bis an seinen Tod. Seine Handschriften kamen in Czacki's und dann in die Bibliothek zu Pulawy. A. besaß eine umfassende Gelehrsamkeit, ein treffliches Gedächtniß, eine rasche Bcurtheilungskraft und eine klare, kräftige Sprache. Seine hauptsächlichen Schriften sind Abhandlungen und Reden, die in den Jahrbüchern der genannten Gesellschaft und in Zeitschriften zerstreut sind; außerdem hat man von ihm ein Compendium der poln. und röm. Geschichte, auch hat der Professor Onacewicz aus A.'s Nachlasse eine „Geschichte der Regierung des Heinrich und Stefan Batory" ( 2 Bdc., Marsch, l 823) und eine „Geschichte der Regierung der Jagellonen Kazmiarz, Jan Olbrachl und Alexander" (2 Bde., Marsch. 1826) herausgegeben. Albertusthaler oder Albertiner, auch Kreuz-, brabanter oder burgunder Thaler genannt, eine seit 1588 gangbareMünzsortc, die vom Statthalter der südlichen Niederlande, dem Erzherzog Albert, den Namen erhielt. Es waren Thaler von 13 Loth 8 Grän, deren Os) auf eine feine Mark gingen, und die darum so allgemein verbreitet waren, weil von den Niederlanden aus die zahlreichen span. Anleihen, Subsidien, Zinsen u. s. w. in dieser, meist aus amerik. Silber geprägten Münzsorte bezahlt wurden. Später gingen die Albertiner stark nach Rußland, Polen und der Türkei für rohe von dorther bezogene Maaren und Albigenser Albini 187 wurden dadurch die im Handel mit diesen Völkern fast einzig gangbare Münze. Deshalb prägten auch andere curop. Staaten, die dahin große Zahlungen zu schicken hatten, Alber- tusthaler; zuerst Braunschweig >7-17, dann die Kaiserin Maria Theresia mit dem Andreaskreuz >752, der Herzog von Holstein, Großfürst Peter von Rußland, >755, König Friedrich I>. von Preußen >767, und sein Nachfolger, König Fricdrick Wilhelm ll. >797. Die Herzoge von Kurland prägten solche von >752—8» als Landesmünze. — Auch gab cs Albertusgulden, deren drei, und als Nechnungsmünze in Kurland, Semgallen und Liefland, Albertusgroschen, deren 36 einen Albertusthaler bildeten. Albigenser hießen anfangs alle Gegner des Kreuzheers, das Papst Jnnocenz III. 1209 gegen die kirchcnfeindlichen Sektirer im südlichen Frankreich aufrief, und das zuerst in den District Albigeois einrückte. Dann nannte man vorzugsweise die Katharer (s. d.) so und oft auch mißbräuchlich die Waldenser. Veranlassung zu jenem Kriege gab die Ermordung des mit Ausrottung der Ketzer beauftragten päpstlichen Legaten und Inquisitors, Peter's von Castelnau, im Gebiete des Grafen Raimund VI. von Toulouse; die wahre Absicht aber war, den wegen seiner Duldung gegen die Ketzer gehaßten Grafen von Toulouse um seine Länder zu bringen. Vergebens hatte dieser von dem Legaten Milo die schimpflichste Buße und Geißelung erduldet und mit großen Opfern die päpstliche Absolution erlangt. Die Legaten Arnold, Abt von Citeaux, und Milo nahmen Beziers, die Hauptstadt seines Neffen Roger, mit Sturm, und ließen gegen 20000 E. ohne Unterschied des Glaubens nicdcrmachen. Nicht glimpflicher verfuhr Simon von Montfort, Graf von Leicester, her das Kreuzheer unter den Legaten befehligte, mit andern Orten im Gebiete Naimund's und seiner Bundesgenossen, unter denen Roger von Beziers im Gefängniß, und der König Peter I. von Aragon >2 >3 in einem Gefechte vor Murct umkam. Die eroberten Lande schenkte die Kirche, zur Belohnung seiner Dienste, dem Grafen von Montfort, welcher jedoch bei dem wechselnden Kricgsglück nie in den ruhigen Besitz dieser Schenkung kam. Bei der Belagerung von Toulouse 1218 ward er durch einen Steinwurf getödtet, und seinen Sohn zwangen Raimund VI. und, als dieser 1222 starb, dessen Sohn Raimund Vll. zur Herausgabe des eroberten Landes. Allein der päpstliche Ablaß lockte aus allen Provinzen Frankreichs neue Kreuzfahrer herbei, die den Krieg fortsetzten. Mit vielem Muthe verthei- digte Raimund Vll. daö väterliche Erbe gegen die Legaten und Ludwig VIII. von Frankreich, der im Kampfe gegen die Ketzer 1226 den Tod fand. Nachdem Hunderttausende von beiden Seiten gefallen und die schönsten Gegenden in der Provence und in Oberlanguedoc verwüstet worden waren, kam es 1229 zum Frieden, worin Raimund die Lossprechung vom Kirchenbannc mit Ungeheuern Geldsummen erkaufen, Narbonne mit mehren Herrschaften an Ludwig IX. überlassen und seinen Eidam, einen Bruder Ludwig's, zum Erben seiner übrigen Lande cinsetzen mußte. Der Papst ließ diese Provinzen dem Könige von Frankreich zufallen, um ihn desto fester an seinen Stuhl zu ketten und desto geneigter zur Aufnahme seiner Inquisitoren zu machen. Die Ketzer waren nun dem Bekchrungscifer des Dominikanerordens und den Blutgerichten der Inquisition preisgegeben, die beide ihre ganze Kraft anwendeten, die bei ihren Ansichten beharrenden Albigenser auf den Scheiterhaufen zu bringen, und auch den Bekehrten durch schwere Strafen den unversöhnlichen Grimm der Kirche fühlbar machten. Seit der Mitte des 13. Jahrh. verschwand der Name der Albigenser all- mälig; ihre Neste suchten den Osten und ließen namentlich in Bosnien sich nieder. Albini (Franz Jos., Freiherr von), ein sehr verdienter Staatsmann, geb. zu St.- Goar 1748, begann seine politische Laufbahn als Hof- und Negierungsrath des Fürstbischofs von Würzburg. Erwarb 1774 Kammergerichtsassessor und 1787 GeheimerRcichs- referendar des Kurfürsten von Mainz, wodurch er mit Kaiser Joseph II. in unmittelbare Geschäftsberührung kam, der ihn mit seinem Vertrauen beehrte und ihn 1789 mit außerordentlichen Aufträgen an mehre deutsche Höfe sandte. Nach Joseph's Tode trat er als Hvf- kanzler und Minister in kurmainzische Staatsdienste. Seine Verwaltung war von den Wohlthätigstcn Folgen für diesen Staat, die jedoch durch den Krieg von 1792 gestört wurden. Im I. 1798 war cö auf dem Friedcnscongrcsse zu Nastadt. Er entwarf den Plan, durch einen allgemeinen organisirten Landsturm die Franzosen von deutschem Boden abzuhaltcn, Und stellte sich 1799 an die Spitze des Mainzer Landsturms. Während er 1802 die Reichs- 188 Albinos Alboin dcputation wegen der Entschädigungen leitete, starb am 25. Juli 1802 der Kurfürst Friedrich Karl Joseph. A. nahm sogleich dem Militair und den Landesbehördcn den Eid der Treue für den neuen Kurfürsten von Dalberg ab, und da er dessen volles Vertrauen genoß, so gingen alle Staatsgeschäfte, wie bisher, durch seine Hand. Auch als der Kurfürst Fürst Primas von Ncgensburg wurde, blieb er in dessen Dienste, und als derjclbe Großhcrzog von Frankfurt ward, erhielt er das Präsidium im Ministerium. Durchgehends bewährte er seinen cchtdeutschen Charakter. Die verbündeten Mächte gaben ihm, als sic im Ott. 1813 daS Großherzogthum Frankfurt eroberten, einen Beweis der Anerkennung seines Vcr- dienstes dadurch, daß sie ihm den Vorsitz in dem Ministerialrathe des von ihnen unter Verwaltung genommenen Landes übertrugen; doch verlor er freilich alle seine Stellen. Daher trat ec 1815 in östr. Dienste und erhielt die Stelle eines bevollmächtigten Ministers am Bundestage; aber noch che er sie angetrcten hatte, starb er zu Dieburg am 8. Jan. 1816. Albinos, s. Kakerlaken. Albinovänus (C.Pedo), ein Zeitgenosse und Freund des Ovid, berauch einen Brief aus dem Pontus an ihn richtete, zeichnete sich in der epischen Dichtkunst aus; doch sind von seinem größer« Werke, worin er die Thaten des Germanicus beschrieben hatte, nur wenige Verse auf uns gekommen, die bei Wernsdorf, im. min." (Bd. 4), stehen. Auch wird ihm eine Elegie beigelegt, die nicht ohne dichterischen Werth ist, „Ocmsolutio all IHmn ^uAustsm 697 zu Frankfurt a. d. O. geboren, wo sein VaterBernh. Albinus, eigentlich Weiß, der dann Professor der Medicin in Leyden wurde, damals angestellt war. Nachdem er den Unterricht seines Vaters, Nau's, Bidloo's und Boerhaave's genossen, studirte er zu Paris unter Winslow, Senac und Vaillant Anatomie und Botanik. Schon 1 7 19 wurde er alsLcctor der Anatomie zu Leyden angestellt. Nach seines Vaters Tode (1721) rückte er in dessen Stelle als Professor der Medicin und Anatomie ein und war nicht nur als Docent und Schriftsteller, sondern auch als Praktiker eine Zierde der leydener Akademie. Er galt für ein beinahe ebenso großes medicinisches Orakel als Boerhaavc, dessen einfachen Principien auch er huldigte. Sein Lehrsaal wurde nicht blos von Studirenden, sondern auch von promovirten Ärzten aus fast allen Ländern Europas besucht; von allen Seiten strömten Kranke zu ihm oder wandten sich brieflich um ärzt- liche Hülfe an ihn. Seine Verdienste als Anatom sind allgemein anerkannt, und seine zahlreichen Werke werden immer einen ehrenvollen Platz behaupten, da er in jeder Hinsicht die gewissenhafteste, ja oft fast übertrieben ängstliche Sorgfalt darauf verwandte und keine Kosten scheute, um ihnen die möglichst erreichbare Vollendung zu geben. Vorzugsweise zu erwähnen sind seine „l'-tt-iiioe «ceikti et »»isculnliii» coijxuis Immsiii" (Leyd. 1747, Fol.) mit herrlichen, von Wandelaar gestochenen Kupfertafeln, deren Herausgabe ihm einen Kostenaufwand von nicht weniger als 39999 Gulden verursachte. Unermüdet setzte er fast bis zum letzten Augenblicke seines Lebens seine literarische und amtliche Wirksamkeit fort. Er starb am 9. Sept. 1779. — Sein Bruder Fried. Bcrnh. A., der ihm im Amte nach- folgte und 1778 starb, war zwar auch ein anerkannt tüchtiger Anatom und Physiolog, konnte ihn aber beiweitcm nicht erreichen. Albion oder lliitsnnio inojor, bei den Römern das heutige England und Schottland, von welchem sie liritsmii» ininnc, die sranr. Provinz Bretagne, unterschieden, ist so genannt von der weißen Farbe der Kreidefelsen an der Südküste Englands. Albion, Heerführer der Sachsen gegen Karl den Großen, s. Wittekind. Aldo (Jos.), ein gelehrter Jude zu Soria in Castilien, der 143» starb, ist der Ver- fasser eines berühmten dogmatischen Werkes „Jkkarim" (deutsch von W. und L. Schlesinger, Franks. 1838—41), das von den drei Grundwahrheiten des Judenthums handelt. Alböin, König der Langobarden, folgte 561 n. Ehr. seinem Vater Audoin. Er herrschte in Noricum und Pannonien, während Kunimund, der König der Gcpiden, Dacien und Syrmien beherrschte, und Bajan oder Kagan, der König der Avaren, die Eroberung der Moldau und Walachei vollendete. Narscs, Justinian's Feldherr, suchte sein Bündniß und er- hielt von ihm Beistand im Kriege gegen Totilas, den König der Ostgothen. In Verbindung 189 Albrecht I. mit den Avaren bekriegte er die Gepiden und erlegte in einer großen Schlacht (566) ihren König Kummund mit eigener Hand. Nach dem Tode seiner Gemahlin Klodoswinda vermählte er sich mit Nosamunde, Kunimund's Tochter, welche sich unter den Gefangenen befand. Er unternahm 568 mit seinem Volke und 20000 Sachsen die Eroberung Italiens, wo in ihm Narses, der demJustinian dieses Land unterworfen hatte, von einem undankbaren Hofe beleidigt, einen Rächer fand. Bon Jahr zu Jahr machte er in Italien weitere Fortschritte, indem nur einzelne Städte ihm Widerstand leisteten; Pavia fiel 570 nach dreijähriger Belagerung in seine Hände. Als er im Rausche eines Festes zu Verona seiner Gattin den Schädel ihres Vaters, mit Wein gefüllt, überreicht hatte, ließ sie ihn 574 durch Helmichis, ihren Buhlen, und Peredeus tödten. Rosamunde entfloh mit Helmichis nach Ravenna zu dem griech. Exarchen Longinus ; da dieser um sie warb, reichte sie Helmichis Gift, ward aber von diesem, der den Verrath erkannte, gezwungen, selbst den Rest des Bechers zu leeren. Albrecht!., Herzog von Ostreich, deutscher König, 1208—1308, geb. 1248, war der älteste Sohn Kaiser Rudolf'sI. (s. d.), der kurz vor seinem Tode den vergeblichen Versuch gemacht hatte, die Krone auf des Sohnes Haupt zu setzen, indem die Kurfürsten, seiner Gewalt müde und durch die Schwäche seines Alters ermuthigt, die Königswahl verschoben. Nach dem Tode des Vaters sah A> seine Erbstaaten Ostreich und Steiermark gegen sich ausstehen; da er jedoch den durch seinen Geiz und seine Härte erregten Aufruhr mit Kraft unterdrückte, so stieg seine Kühnheit, und ohne die Entscheidung des Reichstags abzuwartcn, bemächtigte er sich der Reichsinsignien. Dieser Gewaltschritt bewog die Kurfürsten, nicht ihn, sondern Adolf von Nassau (s. d.) zu erwählen. Unruhen, die gegen ihn in der Schweiz ausgebrochen waren, und eine Krankheit, die ihm ein Auge raubte, bestimmten ihn indeß zur Nachgiebigkeit; er lieferte die Reichsinsignien aus und leistete dem neuen König den Lehnscid. Kaum hatte er den Aufstand in der Schweiz gestillt, als sich neue Streitigkeiten in Ostreich und Steiermark erhoben, besonders mit dem Bischof von Salzburg, der auf das falsche Gerücht von A.'s Tode in dessen Staaten eingefallen war. Unterdessen hatte Adolf nach einer sechsjährigen Regierung die Liebe aller Reichsfürsten verscherzt. A. wußte durch erheuchelte Milde die Kurfürsten so zu täuschen, daß sie, als Adolf auf dem Reichstage 1298 abgesctzt ward, ihn zum König erwählten. Zur Vollziehung dieses Beschlusses bedurfte es aber der Entscheidung der Waffen. Beide Nebenbuhler trafen mit ihren Heeren zwischen Eelheim und Rosenthal bei Worms aufeinander. A. zog sich scheinbar zurück und verführte dadurch Adolf, ihm blos mit der Reiterei zu folgen. „Du verlierst Krone und Leben!" rief Adolf seinem Gegner zu. „Das wird der Himmel entscheiden!" antwortete A., indem er ihn mit der Lanze ins Gesicht traf. Adolf sank vom Pferde, und A.'s Begleiter tödteten ihn. A. fühlte, daß er sich jetzt großmüthig zeigen konnte. Freiwillig entsagte er der ihm durch die letzte Wahl übertragenen Krone, und, wie er vorausgesehen hatte, aufs neue gewählt, ward er zu Aachen im Aug. >298 gekrönt. Allein Papst Bonifaz VIII. sprach den Kurfürsten das Recht ab, den Kaiser zu wählen, indem er den Papst für den wahren Kaiser und gesetzlichen K.ünig der Römer erklärte. Er lud daher A. vor sich, um Vergebung zu erbitten und die Buße zu thun, die er ihm auferlegen würde; den deutschen Fürsten aber verbot er, ihn anzuerkenncn, und entband sie ihres Eides gegen ihn. Selbst sein treuer Freund, der Erzbischof von Mainz, verband sich mit dem Papste. Dagegen vereinigte sich A. mit Philipp dem Schönen von Frankreich, versicherte sich der Neutralität Sachsens und Brandenburgs und zwang den Kurfürsten von Main;, nicht nur das Bünd- niß mit dem Papste zu brechen, sondern auch für die nächsten fünf Jahre sich mit ihm zn verbinden. Bonifaz knüpfte nun Unterhandlungen niit A. an, in welchen dieser aufs nerrc die Falschheit seines Charakters zeigte. Er brach sein Bündniß mit Philipp, gestand zu, daß das abendländ. Kaiserthum den Kaisern von dem Papste verliehen sei, daß das Wahlrecht der Kurfürsten sich von dem heiligen Stuhle herschreibe, und versprach mit einem Eide, die Rechte des röm. Hofes auf des Papstes Verlangen gegen Jedermann mit den Waffen zu vertheidigen. Zur Belohnung dafür sprach Bonifaz gegen Philipp den Bann aus, erklärte ihn der Krone verlustig und gab A. das Königreich Frankreich; doch Philipp wußte den Papst zu züchtigen. Die folgenden Jahre füllen unglückliche Kriege, die A. gegen Holland, Seeland und Friesland, gegen Ungarn, Böhmen und Thüringen führte. Im Begriff, die IW Albrecht N. AlLrecht der Stolze bei Lucca 1307 durch den Markgrafen Friedrich erlittene Niederlage zu rächen, bekam er die Kunde von dem Aufstande der Schweizer und sah sich gcnöthigt, dorthin seine Kräfte zu richten. Am 1. Jan. i308 war der Aufruhr in Unterwalden, Schwyz und Uri ausgc< brachen. A. hatte diese Folge seiner Bedrückungen nicht nur vorausgesehen, sondern sogar gewünscht, um einen Vorwand zu finden,"sich die Schwei; ganz unterwerfen zu können. Doch eine neue Ungerechtigkeit veranlagte ein Verbrechen, das seiner Ehrjucht und seinem Leben ein Ziel setzte. Dem Herzoge Johann, dem Sohne seines jünger« Bruders Rudolf, gebührte Schwaben als Erbe; doch vergebens fodcrte er dessen Herausgabe. Als A. gegen die Schwei; auszog, erneuerte Johann seine Federung > aber Jener fügte noch Spott zu Ungerechtigkeit und sprach, indem er ihm einen Blumenkranz reichte: „Dies gebührt deinem Alter; die Sorge der Regierung überlaß mir!" Da verschwor sich Johann mit Walther von Eschenbach, seinem Lehrer und Führer, mit Rudolf von der Wart, Rudolf von Palm, Konrad von Tegernfeld und Walther von Casielen gegen A.'s Leben. Den Augenblick, als A. auf einem Ritt nach Rhcinfelden durch die Rcuß von seinem übrigen Gefolge ge- trennt war, benutzten die Verschworenen, und, Johann selbst führte den ersten Hieb; nur Walther von Castelen, von Grauen bei dieser Übclthat ergriffen, floh davon. (S. Iohan- nrS Parricida.) In den Armen einer am Wege sitzenden Bettlerin verschied A. am t. Mai! 308. Furchtbar rächte ihres Vaters Tod A gn e s von Ostreich (s. d.). Albrecht n., deutscher König, als Herzog von Ostreich A. V., ein Sohn Herzog A.'S IV., geb. 1399, vermählte sich 1422 mit Elisabeth, der Tochter Kaiser Sigismund's, dem er am 19. Dec. 1437 in Ungarn und 1438 trotz des Gcgenkönigs Kasimir auch in Böhmen in der Negierung folgte. In Ungarn hatte er geloben müssen, die deutsche Krone nicht ohne Bewilligung der Stände anzunehmen; diese erhielt er aber, und wurde so 1438 als deutscher König gekrönt, in welcher Stellung er eine um so ehrendere Anerkennung verdient, als die Umstände und Verhältnisse, in welche er als Sigismund's Nachfolger cintrat, höchst schwierige waren. Wohl wissend, was dem zerrütteten Reiche noth thue, war er auf dem Reichstage von 1438 vor Allen thätig für die Abschaffung des Faustrechks, für die Errichtung eines festen Landfriedens, sowie für die Einteilung des Reichs in Kreise und die Verbesserung der Rechtspflege. Leider riß ihn mitten aus diesen wohlthätigen Entwürfen ein schneller Tod, am 27. Oct. 1439 zwischen Gran und Wien, den ihm eine ansteckende Krankheit auf einem Feldzuge gegen die Türken brachte. Seit ihm ist die deutsche Krone ununterbrochen bei den HabSburgern geblieben. Albrecht II-, Herzog von Ostreich, der Sohn König Albrecht's I., geb. 1298, war minderjährig, als sein Vater ermordet ward. Nach dem Lode seines Bruders Otto, mit dem er einige Zeit gemeinschaftlich regierte, war er der einzige übrige Sprvßling seiner Familie. Gift, welches man ihm beigebracht, zog ihm im 32. Jahre eine Lähmung zu, die ihn jedoch nicht abhielt, persönlich am Kriege Theil zu nehmen; er ließ sich bald in einer Sänfte tragen, bald auf seinem Pferde befestigen. Der Papst Johann XXI I. trug ihm die Kaiserkrone an; allein er schlug sie aus. Er war der Erste, der in den Erbstaaten des Hauses Ostreich das Recht der Erstgeburt cinzuführen versuchte, was aber erst Maximilian >. gelang. Unglücklich waren seine Unternehmungen gegen die Schweiz, und nur durch Bestechung gelang es ihm, nach langer Belagerung sich in den Besitz von Zürich zu setzen. Da aber die Eidgenossen sich bedrohtsahen, die Früchte ihres fünfzigjährigen Kampfes zu verlieren, so griffen die Bergbewohner von Schwyz zu den Waffen. Vor ihnen wehte die durch den Sieg bei Morgarten berühmte Fahne, und A.'s Heer mußte überall weichen. Das gemeinsame Bündniß wurde erneuert und A. genvthigt, nach Wien zurückzukchren, wo er, von Kummer verzehrt, am 10. Aug. 1358 starb. Er war thätig, kcnntnißreich, haushälterisch, duldsam, vorsichtig, und die Geschichte hat ihn den Weisen genannt. Albrecht der Stolze, Markgraf von Meißen 1190—95, der erstgeborene Sohn Markgraf Otto des Reichen (s. d.), ist von den Mönchen, seinen Feinden, den einzigen Geschichtschreibern jener Zeit, unstreitig sehr parteiisch geschildert uns überliefert worden. Von seinem Later, der nach dem Willen seiner Gemahlin Hedwig gegen die deutsche Lehns- vecfaffung seinem zweiten Sohne Dietrich die Markgrafschaft Meißen als Erbe bestimmte, gereizt, lehnte er sich im offenen Kämpfe gegen denselben auf. Er nahm 1188 den Vatttz Albrecht der Unartige Albrecht der Beherzte 19! gefangen und brachte ihn nach dem festen Schloße Döden bei Grimma. Zwar mußte er denselben auf Befehl Kaiser Friedrichs l. freigcbcn; auch wurde der zwischen Beiden von neuem ausbrcchende Kampf im Aug. 1189 durch einen Vergleich zu Würzburg geschlichtet; allein vollständig ward das Misverständniß nur durch den Tod des Vaters gehoben, der am 18. Febr. 1I9U erfolgte. Sofort nach dem Regierungsantritt nöthigte er die Mönche zu Altenzelle, eine große Summe Geldes, die sein Vater daselbst niedergelegt, herauszugeben , was sie ihm nie vergessen konnten. Seinen Bruder Dietrich, der Weißenfels besaß, suchte er auf alle Weise zu bedrücken, bis sich dieser durch seine Vermählung mit der häßlichen Tulta, der Tochter des Landgrafen Hermann l. von Thüringen, nachdrückliche > Hülfe und Ruhe verschaffte. Von seinem Bruder geschlagen, entstand ihm ein neuer Feind ^ durch den nach dem reich und blühend gewordenen Meißen lüsternen Kaiser Heinrich VI. ! Um sich mit ihm zu verständigen, ging A. nach Italien, fand aber seine persönliche Sicherheit hier so gefährdet, daß er eiligst in sein Land zurückkehrtc, das er möglichst zu befestigen suchte. Hier starb er am 21. Juni 1195 auf dem Wege zwischen Meißen und Freiberg plötzlich an Gift, das ihm durch einen seiner Vertrauten, Hunold, entweder die Mönche von Altenzelle oder, was wahrscheinlicher ist, der Kaiser selbst hatte beibringen lassen. Wenige Wochen nachher starb auch seine Witwe Sophia an Gift. Ihm folgte in der Negierung sein Bruder Dietrich der Bedrängte, 1195 — 1221 , und diesem sein Sohn Heinrich der Erlauchte (s. d.). Albrecht der Unartige, Landgraf von Thüringen seit 1265, Markgraf zu Meißen 1288—93, der Sohn Heinrich des Erlauchten (s.d.), scheint sehr rauhen Charakters gewesen zu sein und lebte in fast ununterbrochenem Kampfe mit seinem Vater, seinem Bruder und seinen Söhnen erster Ehe. Die erste Veranlassung dazu gab die Ländertheilung, welche Heinrich der Erlauchte 1265 vornahm und zufolge deren A. Thüringen und die sächs. Pfalz erhielt, während seinem Bruder Dietrich dasOstcrland zu Theil wurde, und der Vater s selbst die Markgrafschaft Meißen und Niederlausitz behielt. A. regierte löblich, bis er, gefesselt von den Reizen der Kunigunde von Eisenberg, mit der er sich nach dem Tode seiner Gemahlin Margarethe, der Tochter Kaiser Friedrich's II., 1272 vermählte, sich überreden ließ, dem mit ihr gezeugten Sohn Apitz die Nachfolge in Thüringen zuzuwenden, seine Söhne erster Ehe aber, deren in ihrer Verlassenheit der Markgraf Dietrich sich angenommen hatte, mit dem Plcißncrlande abzufinden. Ein blutiger, mit abwechselndem Glücke geführter Kampf > der Söhne gegen den Vater war die Folge davon, und cs entbrannte derselbe um so heftiger nach Heinrich des Erlauchten Tode. Wie früher der Vater den Sohn, Friedrich den Gebissenen, gefangen genommen und hart gehalten hatte, so geschah es jetzt von Seiten des Sohnes mit dem Vater, der nur unter sehr harten Bedingungen 1289 seine Freiheit > wiedererlangte. Gegen das ausdrückliche Versprechen verkaufte A. aus Haß gegen seine ! Söhne 1291 die Mark Landsbcrg an Brandenburg und die Landgrafschast Thüringen nebst ^ dem Osterlande an den deutschen König Adolf von Nassau, der sich aber ebenso wenig wie > dessen Nachfolger Albrecht I. in den Besitz dieser Erwerbungen zu setzen vermochte. Viel- § mehr gelangte Friedrich der Gebissene (s. d.), nachdem sein Bruder Diezmann 1307 . plötzlich in Leipzig verstorben und der deutsche König Albrecht 1308 ermordet worden war, > zum alleinigen und ruhigen Besitze von Thüringen, Meißen und dem Osterlande. A. starb zu Erfurt 131-1, und noch vor ihm sein Sohn Apitz. ! Albrecht der Beherzte, Herzog von Sachsen, der Stifter der albertinischen, gegenwärtig königlich-sächs. Linie, geb. 1-1-13, der jüngere Sohn des Kurfürsten Friedrich des Sanftmüthigen, wurde 1-155 nebst seinem Bruder Ernst durch Kunz von Kaufun- gcn geraubt. (S. Prinzenraub.) Er vermählte sich 1-164 mit Zedena, der Tochter Königs Georg Podiebrad von Böhmen, die 1510 starb, und regierte, nachdem in demselben 3ahre sein Vater verstorben, mit seinem Bruder Ernst bis 1485 gemeinschaftlich in den , rneißnsichen und thüringischen Stammlandern, welche letztere sie aber erst 1482, nach dem Tode ihres Oheims Wilhelm III., vollständig ererbten. Nach der Theilung ihrer Länder ging ^ nach den Niederlanden, wo er den Befehl über das kaiserliche Heer übernahm und 1488 Titels als Statthalter erhielt.- worauf ihn Kaiser Maximilian I. 1498 zum Erbsiatthal- von Fricsland ernannte. Doch A. hatte sich bei den Friesen keine Liebe erworben, daher W 192 Albrecht der Bär Albrecht (Hochmeister) empörten sie sich in seiner Abwesenheit gegen seinen als Vice-Erbstatthalter eingesetzten Sohn Heinrich, den sie in Franeker belagerten. A. befreite denselben und eroberte die noch jetzt in Dresden aufbewahrte Kette, an welcher sic den Sohn hatten hängen wollen, starb aber bald darauf zu Emden am 12. Sept. 1500. In seinem Testamente bestimmte er seinem altern Sohne Georg die Negierung in den meißnischen Landen, dem jüngern die Erb- statthalterwürde von Friesland und begründete auf diese Weise in der albertinischen Linie die Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt. Albrecht der Bär, Markgrafvon Brandenburg, einer der ausgezeichnetsten Fürsten seiner Zeit, geb. 1106, war der Sohn und Nachfolger Otto des Reichen, Grafen von Bal- lenstädt und Aschersleben, der 1123 starb, und der Eilika, der ältesten Tochter des Herzogs Magnus von Sachsen, des letzten Billungers. Vom Kaiser Lothar, dem er treu ergeben war, erhielt er 1125 die Lausitz als Reichslehn; dagegen wurde das Hcrzogthum Sachsen, auf welches er als Sohn der ältesten Tochter des letzten Herzogs Ansprüche hatte, 1127 dem Sohne der jüngern Tochter, dem Herzoge Heinrich dem Stolzen von Baiern, zu Theil. Dafür wurde er 1133 zum Markgrafen der nördlichen Mark (Salzwedel) ernannt. Erst 1138, nachdem Konrad zum deutschen König erwählt und Heinrich in die Acht erklärt worden war, kam das Herzogthum Sachsen an A., der sich nun Herzog von Sachsen nannte. Doch sehr bald gewann Heinrich wieder die Oberhand; A. wurde flüchtig und mußte sich mit der Markgrafschast Nordsachsen und dem schwäbischen Erzkämmcreramt, das er zur Entschädigung erhielt, begnügen. Zurückgekehrt in sein Land, ließ er sich mit den den Wenden abgenommenen Länderstrecken als mit einem erblichen Lehen vom Reiche belehnen und wurde so der Stifter des neuen Staats Brandenburg und der erste brandcn- burgische Markgraf. Ein Aufstand der Wenden, dessen er 1157 Meisterwürde, veran- laßte ihn zu den härtesten Maßregeln gegen die Besiegten. Die in Folge dieses entvölkerten Gegenden besetzte er durch Flamänder oder Fläminger. Mit seiner Gemahlin unternahm er einen Zug nach Palästina, von dem er 1159 zurückkehrte. Nachdem er sich in den letzten Jahren noch viel mit Ausrottung der wendischen Sprache und Einführung des Christenthums beschäftigt hatte, starb er 1170 zu Ballenstädt, wo er auch begraben wurde. Albrecht, Erzbischof von Magdeburg und Kurfürst von Mainz, gewöhnlich A. von Brandenburg genannt, geb. 1489 als jüngster Sohn des Kurfürsten Johannes Cicero von Brandenburg, wurde 1513 Erzbischof von Magdeburg, noch in demselben Jahre Administrator des Bisthums Halberstadt und im folgenden Erzbischof und Kurfürst von Mainz. Nachdem er bald nachher vom Papste die Erlaubniß erhalten hatte, in seinem Sprengel Ablaß zu verkaufen, unter der Bedingung, daß er die Hälfte des Gewinnes an die päpstliche Kammer ablieferke, bestellte er den Dominicaner Tezel (s. d.) zum Ablaßprediger, der durch die Unverschämtheit, mit der er auftrak, zuerst Luther dermaßen aufregte, daß er seine bekannten 95 Thesen anschlug. Nichtsdestoweniger fand noch unter ihm in seinem Erzstifte Luther's Lehre nicht wenige Anhänger, sodaß er auf dem Reichstage zu Augsburg sich veranlaßt sah, den Friedensvermittler zu machen. Als er dann dem gegen den schmalkaldischen gerichteten Heiligen Bunde beitrat, ließ Luther eine sehr heftige Schriü gegen ihn ausgehen. Er war der Erste unter allen deutschen Fürsten, der die Jesuiten in seinem Staate ausnahm, und als er 1541 seinen Unterthancn freie Neligionsübung gestattete, unter der Bedingung, daß sie seine auf 500000 Gulden sich belaufenden Schulden bezahlten, geschah dies, wenn nicht lediglich in der letzter» Rücksicht, ohne Zweifel aus Furcht vor gewaltsamem Zwange. Die letzten Jahre lebte er in Aschaffenburg, wo er 1545 starb. Albrecht, letzter Hochmeister der deutschen Ritter und erster Herzog in Preußen, geb. 1490, war der Sohn des Markgrafen Friedrich von Anspach und Baiceuth, der, da er noch mehre Söhne zu versorgen hatte, ihn veranlaßte, in den geistlichen Stand zu treten. Von dem Erzbischof Hermann von Köln erzogen, wurde er Domherr zu Köln, versäumte aber auch die ritterlichen Übungen nicht; er begleitete mit seinem Vater den Kaiser Maximilian l auf seinem Zuge gegen Venedig und wohnte der Belagerung von Pavia bei. Nach dem Tode des Hochmeisters Friedrich von Meißen 1511 wählten die deutschen Ritter den kaum 20jährigcn A. zum Hochmeister, indem sie bei der nahen Verwandtschaft A.'s mit dem Könige von Polen Sigismund 1., dessen Schwester Sophia A.'s Mutter war, hofften, durch ihn^ Albrecht (Wilh. Eduard) 193 ihre Lehnsverbindung mit Polen gelöst zu sehen, und dann auch aus Rücksicht aufA.'s Verwandte in Deutschland, bei denen der Orden Schuh gegen Polen zu sinken erwartete. Es erschien eine feierliche Gesandtschaft an dem Hofe des Vaters, der nach einigen Bedenken, die die üblen Verhältnisse des Ordens erregten, seine Zustimmung gab, worauf A. in Mergentheim die Weihe des Ordens erhielt und die Urkunde, die ihn zum Hochmeister erhob. Auch von Polen anerkannt, zog er l 512 in Königsberg ein; doch weigerte er sich, den Polen den Lehnscid, den schon der vorige Hochmeister zu umgehen gewußt, zu leisten und rüstete sich zum förmlichen Widerstande. Erst l 520 versuchten die Polen durch einen Einfall in das Ordensland, A. zur Anerkennung der Abhängigkeit zu zwingen, doch ohne Erfolg, und !52l kam es zu Thorn zu einem vierjährigen Waffenstillstände. Hierauf unternahm A. eine Reise nach Deutschland, um auf dem Reichstage zu Nürnberg als deutscher Reichsfürst die übrigen Neichsfürstcn zum Beistand gegen Polen aufzufodcrn. Aber Deutschland konnte damals keine Hülfe gewähren. In seinen Hoffnungen getäuscht, ward A. für die Reformation gewonnen, die inzwischen auch in Preußen raschen Eingang fand und die letzte Kraft des hiusterbcnden Ordens brach, dessen Land nun als eine sichere Beute Polens erschien. Da A. jetzt sein Ordensgclübdc für etwas Irriges auschen musste, so hoffte er Rettung und einen dauernden Frieden für das Ordensland darin zu finden, daß er auf Luthcr's Rath sich für einen weltlichen Herzog von Preußen erklärte und sein Land unter Polens Oberhoheit stellte. Leicht waren König Sigismund und die meisten Ordensritter in Preußen für A.'s Absichten gewonnen, und so legte er, doch ohne des Papstes Einwilligung, am 8. Apr. 1525 zu Krakau unter großen Feierlichkeiten den Lehnseid als Herzog ab. Jubelnd empfingen ihn seine Unterthanen. Mit Eifer suchte er seines Landes Wohl zu fördern; er ordnete die Landesverwaltung und das Kirchenwesen, legte 1540 die herzogliche Bibliothek au, stiftete 1545 die Universität zu Königsberg, zog viele deutsche und poln. Gelehrte ins Land, ließ deren Werke drucken und schrieb selbst ein Werk über die Kriegskunst. Im I. 1527 vermählte er sich mit Dorothea, der Tochter des Königs Friedrich von Dänemark. Aber den gehofften Frieden fand weder A. noch sein Land. Fortwährende Kämpfe mit dem übermächtigen Adel, dem zu widerstehen cs A. an kräftigem Willen und durchgreifendem Muthc fehlte, lang genährte Furcht vor Einfällen der Anhänger des Ordens in Deutschland und vor der Ncichsacht, die 1532 von Karl V. über A. ausgesprochen wurde, ei» Ausstand der Bauern, das heftige Gezänk der kqnigsbergcr Theologen, die Osiander'schen Streitigkeiten und zuletzt die Hinopferung der Näthe des Herzogs trübten A.'s 43jährige Regierung. Von Gram darniedergebeugt, starb er 1508 und hinterließ von seiner zweiten Gemahlin, der lüncburgischen Prinzessin Anna Maria, einen Sohn, Albrecht Friedlich. Albrecht (Wilh. Eduard), Professor der Rechte an der Universität zu Leipzig, gcb. 1800 zu Elbing in Westpreußeu, besuchte das dasige Gymnasium und bezog 1818 die Universität zu Königsberg. Später ging er nach Berlin und dann nach Göttingen, wo er durch Eichhorn vorzugsweise den germanistischen Studien zugeführt und daselbst 1822 zum Doctor der Rechte promovirt ward. Im I. 1823 trat er als Privatdoccnt im Fache des deutschen Rechts zu Königsberg auf, wurde daselbst 1827 außerordentlicher, >829 ordentlicher Professor, folgte jedoch 1830 an die Stelle des nach Berlin berufenen Eichhorn einem Rufe nach Göttingen, wo er den Titel eines Hofraths erhielt und bis >837 in den Lehrfächern des deutschen Privatrechts und der deutschen Rechtsgeschäfte, des Handelsrechts, des deutschen Staatsrcchts und später auch des Kirchcnrechts wirkte. Seine schriftstellerische Thätigkeit, welche er durch seine „Onmmentatio juris germanici »n- ligui, «loctrinam eie j>rnbutionib»s adumbr.ans " (Königsb. 1825 und 1827) und noch mehr durch seine an Scharfsinn und Gelehrsamkeit von keiner neuern Leistung in diesem Fache übertroffenc Schrift, „Die Gewcrc als Grundlage des ältern deutschen Sachenrechts" (Königsb. 1828), glanzvoll cröffncte, hat seitdem geruht. Im I. 1837 wurde seine Wirksamkeit durch die in Hannover ciugctretencn politischen Verhältnisse eine Zeit lang gehemmt ; seine Theilnahme an der Protcstation gegen die durch das Patent vom 1. Nov- 1837 ausgesprochene Aufhebung des Staatsgrundgesehcs vom I. > 833 unterwarf ihn, wie sechs seiner College«, der Amtsentlassung durch die Cabinetsordrc vom 14. Dcc. 1837. Cono -Lex. Neunte Aust. 1. 13 19 T Albrechtsberger Albuqnerque Im I. 1838 wendete er sich nach Leipzig, wo er seit 1830 Vorlesungen über deutsches Staats- und Privatrecht, über deutsche Rechtsgeschichtc und über Kirchcnrechc mit großem Bcifalle hält. In den Lcctionsverzcichnisscn stand er anfangs an der Spitze der Privatdocen- tcn; l836 wurde er aber zum ordentlichen Professor mit dem Titel eines Hofraths ernannt. Albrechtsberger (Joh. Georg), einer der gelehrtesten Contrapunktisten der neuem Zeit, wurde am 3. Febr. 1729 zu Kloster-Neuburg bei Wien geboren und hatte im Accom- pagnement und in der Composition den Hoforganisten Mann zum Lehrer. Nachdem er Organist in Naab, nachher in Maria-Taserl und später zu Molk gewesen, wurde er 1772 Hof- vrganist und Mitglied der musikalischen Akademie und 1792 Kapellmeister an der Stc- phanskirchczuWien, woer am 7.Mai 1869 starb. Unter seine Schüler im Contrav unkte ge- f hörten auch Beethoven und der Ritter von Seyfried. Seine zahlreichen Kirchenmusiken und Fugen, von denen aber nur 27 im Druck erschienen sind, wie seine „Gründliche Anweisung zur Composition" (Lpz. ! 799; 3 . Ausl. 1821 , 7.) werden immer im Werthe bleiben. Seine theoretischen Schriften über Generalbaß, Harmonielehre u. s. w. wurden vom Ritter von Seyfried (3 Bde., Wien l 828) hcrausgcgeben. i Albuera, ein Dorf in der span. Landschaft Estremadura, ist bekannt durch die I Schlacht am 16. Mai 1811 zwischen Marschall Beressord mit etwa 36060 Briten, Spaniern und Portugiesen, und dem franz. Marschall Soult, mit ungefähr 2560t» Mann, aber sehr zahlreichem Geschütz. Der Zweck des Kainpfes war, das von den Engländern belagerte Badajoz zu entsetzen. Soult mußte sich mit einem Verluste von 9660 M. aus Sevilla zurückziehen; die Verbündeten verloren gegen 7 066 M. Albufera, ein drei OM. großer Landsee bei Valencia in Spanien, der durch eine ! Mündung, die aber leicht verschlossen werden kann, mit dem Meere verbunden ist, veran- ' laßte für den franz. General Suchet (s. d.) den Titel eines Herzogs von Albufera, nachdem derselbe den span. General Blake in Valencia eingeschlvssen und gefangen hatte. Album hieß bei den Römern die mit Gyps überzogene weiße Tafel, die als Namen- ^ liste für verschiedene Zwecke diente; besonders nannte man so die Tafel des Pontifex und Prätor, auf welche jener die Merkwürdigkeiten dcS Jahres, dieser die Edicte schrieb, die bei der Rednerbühne aufgchangen wurden. Jetzt pflegt man auch die Matrikeln und schwarzen Brete der Universitäten, sowie die Stamm- und Denkbücher mit Albumzu bezeichnen. Albuguergue (Alfonso von), der Große, Vicekönig von Indien, auch der portug. Mars genannt, geb. zu Lissabon 1363, stammte aus einer Familie, die ihren Ursvrung von den Königen ableitete. Hcldensinn und Entdcckungsgcist zeichneten in diesem Zeitalter die portug. Nation aus. Einen großen Thcil der Westküste Afrikas hatte sie kennen gelernt und sich unterworfen; sie fing an, ihre Herrschaft auch über die Meere und Völker Indiens auszudehnen. A., zum Vicekönig der neuen Besitzungen ernannt, landete am 26. Sept. 3 503 mit einer Flotte und einigen Truppen auf der Küste Malabar, eroberte Goa, das er zum Sitz des portug. Gouvernements und zum Mittelpunkte des portug. Handels in Asien machte, und dann ganz Malabar, Ceylon, die Sundainseln und die Halbinsel Malakka und l 507 die Insel Ormus, am Eingänge des Persischen Meerbttsens. Als der König von Persien den Tribut verlangte, den sonst die Fürsten dieser Insel an ihn entrichtet hatten, legte l A. den Gesandten Kugel und Säbel vor und sagte: „Das ist die Münze, womit Portugal seinen Tribut zahlt." Der portug. Name stand durch ihn bei allen ind. Völkern und Fürsten ^ in hohem Ansehen, und mehre, namentlich die Könige von Siam und Pegu, warben um > seine Freundschaft und seinen Schutz. Alle seine Unternehmungen trugen den Stempel des Außerordentlichen. Er hielt strenge Kriegszucht, war thätig, vorsichtig, weise, menschlich und gerecht, geachtet und gefürchtet von scinen Nachbarn, geliebt von seinen Untergebenen. Seine Tugenden machten einen solchen Eindruck auf die Indier, daß sie lange nach seinem § Tode zu seinein Grabe wallfahrteten und bei ihm um Schuh vor den Mishandlungen seiner i Nachfolger flehten. Ungeachtet seiner großen Verdienste entging er doch nicht dem Neide der > Hofleute und dem Argwohne des Königs Emanucl, der den Lopez Soarcz, einen persönli- !. ch-n Feind A.'s, an seiner Stelle zum Vicekönig ernannte. Mit tiefem Schmerze ertrug A. ^ diesen Undank, einpfahl dem Könige in einem kurzen Priese seinen einzigen Sohn, starb einige Tage darauf, am 16. Sept. 1515, und wurde in Goa begraben. Emanuel ehrte sein Albus Alchemie 195 » Andenken durch lange Neue und erhob A.'s Sohn zu den ersten Würden des Reichs. Sein ' Leben ist trefflich erzählt in den von seinem Sohne herausgcgebenen „Omineiw.rio« «Io gründe Bisons« de eldb>iguergne" (Lissabon 1576, Fol.; neue Aust., -1 Bde., List 1774) Albus oder Weißpfcnnig, eine Silbcrschcidemünze, die seit 1666 unter Kaiser Karl! V. geprägt wurde und besonders im Kurkölnischen und in Hessenkassel im Umlauf war. Sie hat den Werth von neun Pfennigen, ist aber jetzt außer Curs. Alcäla de Henäres, eine Stadt Ncucastiliens, drei Meilen östlich von Madrid, am Hcnarcs, einem rechten Zufluß des Tajo, mit 566» E-, ist der Sitz der vormals weltberühmten vom Cardinal ckimenes 1496 gestifteten Universität, deren Bibliothek das Origi- ^ na! der hier gedruckten complutcnsischcn Bibel aufbewahrl, und der Geburtsort des Miguel de Cervantes. Die Leder-und Pulverfabrikation A.s sind sehr bedeutend. — Den Namen AIcala führen noch viele span. Städte, so unter andern A. de Chisbcrt, de los Eazulcs, Partido, la Real, dcl Rio, de Selva und del Balle. Alcalde ist ein von den Mauren her noch jetzt in Spanien üblicher ziemlich allgemeiner ! Titel obrigkeitlicher Personen, Richter, der erst durch einen Zusatz eine bestimmte Bedeutung > erhält; so heißt der Dorfrichter ^Ic-dds de ^Ide:>, und dcrOberhofrichtcr^le-dd«- «Io 6„ite. Alcantära, eine alte, von den Mauren angelegte Stadt und Grenzsestung in der span. Landschaft Estremadura, mit 6666 E-, am Tajo, über den eine von den Römern gebaut?676 F. lange und 28 F. breite Brücke führt, auf welcher sich der Triumphbogen des Trajan erhebt. — Der Ordcnvon A., einer der drei alten geistlichen Ritterorden Spaniens, leitet seinen Ursprung von den Brüdern von St.-Julian del Payrcro (vom Birnbaum) im 12. Jahrh. her. In Folge des heldcnmüthigen Kampfes gegen die Mauren erhielt er um 1217 von dem Orden von Calatrava die Stadt A., nach der er sich nun nannte. Nachdem ihn l 496 der Großmeister Don Juan de Zuniga an Ferdinand den Katholischen als Administrator übergeben hatte, wurde er mit der span. Krone vereinigt. Die Ritter haben außer ^ den gewöhnlichen Gelübden noch das, die unbefleckte Empfängniß der Maria zu verthcidigen; doch dürfen sie seit 1546 heirathen. Das Zeichen des Ordens ist ein goldenes grünes Lilicn- kreuz; im Wappen führt er einen Birnbaum mit zwei Balken. Alcäus oder Alkäos,Mer der größten lyrischen Dichter Griechenlands, aus Mity- lene auf Lesbos, blühte gegen Ende des 7. und zu Anfänge des 6. Jahrh. v. Chr. Seine Oden, in äolischer Mundart, sind während der Parteiungen und Kämpfe, die Griechenland zerrissen und cs mehrmals der Herrschaft siegender Emporkömmlinge unterwarfen, gedichtet und singen die Begeisterung zur Schlacht, den Preis der Tapferkeit, den Haß gegen Tyrannenthum, die Herrlichkeit der Freiheit und das Elend der Verbannung; andere die Freuden der Liebe und des Weins. A. nahm selbst an jenen Bürgerkriegen Theil, erst als Waffengenosse des Pittakus, dann, als dieser die Alleinherrschaft an sich riß, gegen ihn. Als er, aus Mity- lcne vertrieben, an der Spitze der Ausgewanderten die Rückkehr in das Vaterland erzwingen wollte, fiel er dem Pittakus in die Hände, der ihm jedoch Leben und Freiheit schenkte. Besonders bildete A. die Form des Srrophenbaucs aus, und von ihm hatdiealcäischeStrophe — ^7 l — ^ L-L. - ^ ^ I ihren Namen, die Horaz, sein glücklichster Nachahmer, in die röm. Sprache übertrug. Unter den Deutschen hat sie zuerst Klopstock in den Oden, z. B. „An Fanny", „Der Erlöser", nachgebildet. Die neueste Ausgabe der Bruchstücke des A. ist von Matlhiä (Lpz. 1827). Alcestis oder Älteste, die Tochter des Pclias und der Anaxitia, war die Gemahlin des Admetus, Königs zu Pherä in Thessalien. An dem Morde, den ihre Schwestern am ! Vater verübten, nahm sie keinen Theil. (S. Pelias.) Für ihren Gatten ging sie in den j Tod. (S. Admetus.) Euripides hat in dem Trauerspiel „Alcestis" ihre Aufopferung ! und Befreiung aus der Unterwelt durch den Hercules geschildert. !. Alchemie oder Alchymiehat man die Kunst genannt, mittels geheimnißvvller che- - Mischer Arbeiten unedle oder geringere Metalle in edlere zu verwandeln. Die Wahrnch- ! »inng, daß beim Zusammenschmelzen verschiedenartiger Metalle ganz anders gefärbte Mas- 106 Alchemie stn erscheinen, verbunden mit dem Wunsche, Gold und Silber zu gewinnen, führte früh schon ,»is p!,ilnsopll»rinn, das große Magisterium, die rothe Tinctur oder das große Elixir genannt; das Mittel, Silber darzustcllcn, hieß der Stein zweiter Ordnung, das kleine Magisterium oder die weiße Tinctur. Die Inhaber der Wissenschaft nannte man Weise; die dem Lichte Nachstrebenden Philosophen; die Meister der Kunst Adepten; die Jünger derselben aber Alchemisten. Je weniger die Alchemisten selbst deutliche Begriffe von den bei ihren Arbeiten sich zeigenden Erscheinungen hatten, desto mehr suchten sie in Bildern und Gleichnissen sich auszudrücken, die sie später auch deshalb beibe- hicltcn, um ihre Geheimnisse vor den Ungcweihten zu verhüllen. Aach dem ägypt. Hermes Tris m e g i st u s (s. d.), wurde diese Kunst auch die hermetische genannt. Gewiß ist es, daß die alten Ägypter besondere chemische und metallurgische Kenntnisse besaßen, doch ist damit noch nicht erwiesen, daß der Ursprung der Alchemie bei ihnen zu suchen sei. Die Griechen wurden durch die Ägypter mit der Alchemie bekannt. Auch unter den Römern verbreitete sich in der später» Zeit die Lust zur Magie, zu thcosophischen Schwärmereien und besonders zur Alchemie, welche ihnen Gold unmittelbar und in Menge verhieß. Schon Caligula stellte Versuche an, aus Operment Gold zu machen. Diocletian dagegen befahl, alle ägypt. Bücher, die von der Chemie des Goldes und Silbers handelten, zu verbrennen. Namentlich in dieser Zeit wurden von ägypt., alexandrinischcn Mönchen und sophistischen Einsiedlern vielt Bücher über Alchemie verfertigt und fälschlich mit berühmten Namen des Alterthums, z. B. Demokrit, Pythagoras und Hermes, übcrschricben. Später kamen Chemie und Älchcmie bei den Arabern in Aufnahme. Im 8. Jahrh. lebte unter ihnen Geber, in dessen Werke von der Alchemie schon die Anweisung zu Quecksilberbereitungen vorkommt. Im Mittelalter bcsseißigten sich namentlich die Mönche der Alchemie. Obgleich sie später von den Päpsten verboten wurde, so fand doch Johann XXIl. an ihr vielen Geschmack. Im lll. und 1t. Jahrh. war Raimund Lully oder Lullius einer der berühmtesten Älchemisten, der bei seiner Anwesenheit in London für den König Eduard l. eine Masse von 50080 Pf. Quecksilber in Gold verwandelt haben soll, woraus man die ersten Nvsenobles geprägt. Auch Paracelsus, Roger Bacon und Basilius Valentinus waren berühmte Alchemisten. Erst als geläuterte Chemie und Phiosophie mehr Aufschluß über die Erscheinungen bei chemischen Arbeiten zu geben anfingen, nahm die Wuth zu alchemistischcn Versuchen allmälig ab, obgleich im Stillen noch Viele, namentlich Vornehme, damit sich beschäftigten. Übrigens ist die Alchemie der Chemie und selbst der Heilkunst förderlich gewesen. Die erste und sorgfältigste Bearbeitung der Chemie hat in der Alchemie ihren Ürsprung, wie wir denn auch de» Arbeiten und der Geduld der Alchemisten manche nützliche Erfindung, z. B. mchrcr Qucck- silbcrpräparate, des Porzellans u. s. w., verdanken. Über die Möglichkeit der Verwandlung der Metalle läßt sich nichts mit Gewißheit entscheiden. Zwar hat die neuere Chcmie die Metalle unter die einfachen Stoffe gesetzt und dadurch die Möglichkeit geleugnet, dass ein Stoff in den andern, folglich ein geringeres Metall in Gold verwandelt werden könne. Auch mögen die meisten Erzählungen von wirklich geschehener Umwandelung eines Metalls in Gold aufBctrug oder Selbsttäuschung beruhen, obgleich manche mit Aufführung von glaubwürdigen Zeuge» chcglcitet sind. Da indessen in der Chcmie immer mehr ausfallende Entdeckungen gemacht werden, und viele sonst als einfache erkannte Stoffe jetzt als zusammengesetzte erwiesen sind, so kann man die Möglichkeit, Metall aus andern Substanzen, welche die Stoffe dazu enthalten , hervorzubringen und ein Metall in das andere umzuwandeln oder vielmehr zu veredeln , nicht unbedingt in Abrede stellen. Auch darf man nicht alle Alchemisten als Betrüger ansehe»; denn Viele unter ihnen arbeitete,, in wirklicher Überzeugung der Möglichkeit, zu ihrem Zweck zu gelangen. Vgl. Schmicder, „Geschichte der Alchemie" (Halle 18ll2). Alciati Alcibindes 197 Alciäti (Andrea), ital. Rcchtsgclehrter, geb. am 8. Mai >402 in dem Flecken Alzate, stammte aus einer alten Mailand. Familie. Von seinem Vater, Ambrogio A., für das Rcchtsfach bestimmt, verfolgte er diese Laufbahn mit Enthusiasmus und Erfolg, wiewol ec durch eine lebhafte Phantasie lind frühe Neigung der schönen Literatur zugeführt schien. Die Rechte waren damals eine trockene, wüste, dornenvolle Wissenschaft; die Juristen, ohne Erkenntnis! des alten röm. Rechts, wußten nur maßlose Eitatc aufzustapeln und ihre Abhandlungen mit scholastischen Disputationen in barbarischem Latein auszustaffircn. A., antiquarisch und humanistisch gebildet, brachte zuerst Kritik und Methode in diesen Wust und lehrte, wie man von ihm gesagt, die Jurisprudenz lateinisch reden. Als er 151 -1 in Bologna Doctor geworden, kehrte er nach Mailand zurück und beschäftigte sich, in das Collegium der Juris- consultcn ausgenommen, einige Jahre mit der Rcchtspraxis. Seine Schriften, namentlich seine „Civilrechtlichen Paradoxen", obgleich von vielen Fachgelehrten alsbald angegriffen, erwarben ihm einen Nus an die Ncchtsschule von Avignon. In kurzem war er der berühmteste Ncchtslchrcr seiner Zeit. Er lehrte abwechselnd zu Bourges, Bologna, dreimal (u Pavia, zu Ferrara und noch einmal in Avignon; auch arbeitete er wieder mehre Jahre als Advocat in Mailand. Nirgend hielt er lange ans; Eitelkeit, Geldgier und unruhiges Temperament trieben ihn von Ort zu Ort. Von Leo X. erhielt er den Rang eines Cavalicrs (tilomos Laliltimis l^itormikmsis), von Paul UI. die Würde eines apostolischen Protonotars, vom Herzoge von Mailand den Senatortitcl. Seine übermäßige Liebe zur Tafel zog ihm 1550 den Tod zu. Die Universität zu Pavia, wo er starb, errichtete ihm ein Denkmal in ihrem Porticus. Seine Rcchtsschriftcn füllen fast vier Foliobändc seiner Werke (Bas. 1558). Er schrieb aber auch antiquarische Abhandlungen, z. B. über die Civil- und Militairbeamtcn des alten Nom, über Maße und Gewichte der Alten u. s. w., sammelte mailänd. Jnscriptionen und gab eine aus den Quellen geschöpfte Geschichte Mailands bis zur Zeit Justinian's in vier Büchern heraus. Unter seinen poetischen Sachen waren die „Embleme" (Epigramme zu Symbolen der Tugenden und Laster) ihrer Zeit überaus beliebt. Alcibiftdes, ein Sohn des Klimas und der Dinomachc, geb. zu Athen gegen 450 v. Ehr., verlor seinen Vater in der Schlacht bei Koronca 447 und ward darauf in dem Hause des Perikles, seines Verwandten, erzogen. Er vcrricth von Jugend auf, was er einst sein werde; in allen Studien, in allen Körpcrübungcn versuchte er sich mit Glück. Seine Schönheit, seine Geburt und das Ansehen des Perikles verschafften ihm eine Menge Freunde und Verehrer. Sokrates schenkte ihm seine Freundschaft und gewann großen Einfluß auf ihn, allein seiner Liebe zum Luxus und zur Verschwendung, die in dem großcn-Neichthume, den ihm seine Verbindung mit Hipparctc, des Hipponicus Tochter, Nahrung fand, vermochte ec keine Grenzen zu sehen. Die ersten Waffen trug A. 432 bei der Unternehmung auf Po- tidäa, wo er verwundet wurde. Erst nach dem Tode des Demagogen Kleon, 422, als Nicias zwischen den Athenern und Laccdämonicrn einen Frieden auf 50 Jahre zu Stande gebracht hatte, mischte er sich, eifersüchtig auf des Nicias Ansehen, in die öffentlichen Angelegenheiten, bewog die Athener, sich mit den Argivcrn, Elicrn und Mantinäern zu verbinden, und wußte ihre feindselige Gesinnung gegen Sparta von neuem aufzurcgcn. Auf seinen Vorschlag machten die Athener 415 die berühmte Unternehmung gegen Sicilicn, um den Egcstäcrn Hülfe gegen Selinus und Syrakus zu gewähren, nnd ernannten ihn nebst Nicias und Lamachus zum Oberbefehlshaber. Aber während man die Zurüstungen betrieb, geschah cs, daß in einer Nacht alle Herme» verstümmelt wurden. A.'s Feinde warfen den Verdacht dieses Frevels auf ihn, verschoben jedoch die Anklage; kaum aber hatte er sich cingeschifft, als sic das Volk dergestalt wider ihn auftciztcn, daß er zurückbcrufen ward, um gerichtet zu werden. A. hatte bereits auf Sicilicn glänzende Vorkhcilc erfochten, als er zurückberufen und zum Tode vcrurthcilt ward. Er entfloh aber auf dem Rückwege bei einer Landung in Thurii und begab sich nach Sparta, wo er durch strenges Halten der Landcssitte bald des Volks Liebling wurde. Durch ihn wurden die Laccdämonicr dazu bestimmt, den Syraku- scrn Hülfe zu senden und sich in Attika selbst durch die Besetzung von Decelca einen festen Platz zu verschaffen. Auch vermochte er sie zu einem Bündnisse mit dem Pcrscrkönig und, nach dem unglücklichen Ausgange der athc». Unternehmung auf Sicilie», zur Unterstützung der Einwohner von Ehios, um Letztere vom Joche Athens zu befreien. Er ging 198 Alcides Alciphron selbst dahin und brachte ganz Jonicn gegen die Athener in Aufstand. Agis aber und die vornehmsten Spartaner wurden wegen dieses Erfolgs eifersüchtig auf ihn und befahlen ihren Feldherren in Asien, ihn umbringcnzu lassen. A. crvieth ihren Plan und ging zu Tissaphcr- ncs, einem pcrs. Satrapen, der Befehl hatte, mit den Lacedämonicrn gemeinschaftlich zu handeln. Schnell änderte er wieder seine Sitten, stürzte sich ganz in den asiat. Luxus und machte sich bald dem Tiffaphcrnes unentbehrlich. Als er Letztem überredet hatte, daß es dem Interesse der Perser entgegen sei, die Athener ganz zu entkräften, ließ er den Befehlshabern der athen. Macht auf Samos eröffnen, daß er bereit sei, sie mit Tiffaphcrnes zu befteundcn, wenn sie die Ausgelassenheit des Volks in Athen zügeln und die Negierung in die Hände der Vornehmen geben wellten. Man nahm dieses Anerbieten an und schickte den Piiandcr nach r Athen, der die Herrschaft einem aus 40» Personen gebildeten Nathe übertrug. Als dicje j aber nicht daran dachten, A. zurückzuberufen, übertrug ihm das Heer von Samos den Oberbefehl mit der Auffoderung, sogleich nach Athen zu gehen und die Tyrannen zu stürzen. Er wollte jedoch nicht in sein Vaterland zurückkehbcn, bevor er ihm nicht einige Dienste geleistet. Er schlug die Lacedämonier zu Wasser und zu Lande. Als er hierauf zu Tiffaphcrnes zurückgckchrt war, ließ dieser ihn, um vor seinem Könige nicht als Thcilnehmcr au jener Unternehmung zu erscheinen, in Sardes verhaften. A. aber fand Mittel zu entkommen, stellte sich an die Spitze des Heers, schlug die Lacedämonier und Perser bciCyzikus, 4M, nahm Cyzikus, Chalcedon und Byzanz, gab den Athenern die Herrschaft des Meeres wieder und kehrte jetzt in sein Vaterland zurück, wohin man ihn auf des Krilias Vorschlag zurück- berufen hakte, -hier ward er mit allgemeinem Enthusiasmus empfangen, da die Athener I seine Verbannung als die Ursache aller bisherigen Unglücksfälle ansahen. Doch >cinTriumph l war von kurzer Dauer. Sehr bald sandte man ihn mit 100 Schiffen wieder nach Asien. » Da man ihn aber ohne Sold für die Mannschaft ließ, so sah er sich genöthigt, Hülfe in Karicu zu suchen, und übergab das Commando inzwischen dem Antiochus, der vom LysanLcr bei Notion in einen Hinterhalt gelockt, 407, das Leben und einen Theil der Schiffe verlor. ,s Diesen Vorfall benutzten des A. Feinde, um ihn anzuklagcn und andere Anführer ernennen zu lassen. A. ging nach Thrazien, wo er in Paktyä, einem der Kastelle, die er sich von der früher gemachten Beute gebaut hatte, in freiwilliger Verbannung lebte. Da er indcß auch hier die Macht der Lacedämonier zu fürchten hatte, so begab er sich nach Bithynicn, in der Absicht, von da zum Artaxcrxes zu gehen, um ihn für sein Vaterland zu gewinnen. Auf ' Ansuchen der 30 Tyrannen in Athen ward mit Bewilligung Spartas die Ermordung des ; A. dem Pharnabazus übertragen. A. war damals auf einem Schlosse in Phrygien. Phar- nabazus ließ dieses bei Nacht anzünden, und da A. sich glücklich aus dem Feuer rettete, ihn mit Pfeilen erschießen. So endigte A. 404 v. Ehr., ungefähr 45 Jahre alt. Von der Natur mit den ausgezeichnetsten Eigenschaften, mit einem seltenen Talent, die Menschen zu gewinnen und zu beherrschen, ausgestattct und von hinreißender Beredsamkeit, obgleich er das R nicht aussprechen konnte und mit der Zunge anstieß, ließ er sich bei allen seinen Handlungen nur von äußern Umständen bestimmen. Es fehlte ihm Seelcnhoheit; dagegen besaß er jene ^ Kühnheit, welche das Bewußtsein der Überlegenheit einflößt, und welche vor keinem Hindernisse zurückbebt, da sie über die Mittel, zum Zweck zu gelangen, nie zweifelhaft ist. Unter den Alten haben Plutarch und Cornelius Nepos sein Leben beschrieben. Alcides, s. Hercules. Alcinöus , der Sohn des Nausithous und Enkel des Neptun, war Herrscher auf der Insel der Phäakcn (Corcyra und Korfu), unter dem noch zwölf andere Fürsten standen. Mit Arcte, der Tochter seines Bruders Nhcxcnor, zeugte er fünf Söhne und eine Tochter, Nau- sikaa. Er wird vielfach verherrlicht wegen der guten Aufnahme der Argonauten bei ihrer Rückfahrt von Kolchis und noch mehr wegen der, welche Odysseus auf der Rückkehr von Troja bei ihm fand. Homer schildert die Pracht, welche an seinem Hofe herrschte, und seine herrlichen Gärten. Vgl. Bast, „ I)e.-w,ft>ti<»l .1» jm-üi» tl'äloi»»,, " (Par. l80I). Alciphron , der vorzüglichste unter den griech. Nomanschreibern, lebte wahrscheinlich im 2. Jahrh. n. Chr., wird aber von Ewigen bis ins 5. Jahrh. herabgesetzt. Wir haben von j ihm I l 6 erdichtete Briefe in drei Büchern, d--en Schauplatz Athen und dessen Umgegend ist, und in welchen Fischer, Landleute, Parasite». Hetären, diese am besten und am witzigsten, Alcudia 199 sich aussprechen. Sie zeichnen sich durch Reinheit der Sprache, Einfachheit der Darstellung und Wahrheit der Charaktere aus. Der Einfluß der neuern attischen Komödie auf die Form und den Inhalt dieser Briese ist unverkennbar. Sie sind am vollständigsten herausgegeben von Wagner (2 Bde., Lpz. 1798) und ins Deutsche übersetzt von Herel (Altcnb. >767). Alcudia (Manuel de Godoy, -verzog von), der Fricdenssürst genannt, war zu Badajoz am >2. Mai >767 geboren. Als ein armer Edelmann, der gut sang, die Guitarre spielte und durch eine schöne hohe Gestalt sich auszeichnete, kam er mit seinem altern Bruder Luis Godoy nach Madrid, wo er >787 in die Leibgarde trat. ^Durch eine Kammerfrau der Königin empfohlen, gefiel er mit seinem Gesang und Spiel nicht nur der Königin, sondern auch dem König. In schneller Folge wurde er >788 zum Adjutanten der Compagnie, >7V> zum Generaladjukanten der Leibgarden und zum Großkreuz des Ordens Karl's >»., >792 zum Eenerallieutenant, Herzog von Alcudia, Major der Leibgarde, ersten Minister an Aranda's Stelle und Ritter des Ordens vom goldenen Vließe, >795 endlich, zur Belohnung seiner beim Abschluß des Friedens mit Frankreich vermeintlich bewiesenen Sorgfalt, zum Grande der ersten Classe ernannt und noch außerdem mit einer Domaine beschenkt, die 59969 große Piaster eintrug. Er Unterzeichnete >796 zu S.-Jldefonso das Schuh-und Trutzbündniß mit der franz. Republik, vermählte sich >797 mit Maria Theresia von Bourbon, einer in nicht ebenbürtiger Ehe erzeugten Tochter des Infamen Luis, eines Bruders Karl's !>!., und legte 1798 das Ministerium nieder. Noch in demselben Jahre ward er zum Eencralcapitain ernannt. Im I. 1891 befehligte er die Armee gegen Portugal und Unterzeichnete den Vertrag von Badajoz, welcher ihm die Hälfte der von dem Prinzen von Brasilien zu zahlenden 69 Mill. Fr. cinbrachte. Ei» Dccrct vom I. Oct. >80-1 erhob ihn zum Generalissimus- der span. Land- und Seemacht; 1897 legte ihm ein anderes den Titel Durchlaucht bei und ertheilte ihm eine unumschränkte Gewalt in der ganzen Monarchie. Aber' plötzlich stürzte er von dieser Höhe herab, wozu Ursachen von außen und innen zusammenwirkten. Wegen der Allianz Spaniens mit Frankreich, in Folge deren cs, ungeachtet aller Geldzahlungen an Frankreich, um in dessen Krieg mit England neutral bleiben zu können, dennoch mit England in Krieg gericth, hatte sich A. den Haß des Volks in hohem Grade zugezogcn. Die Niederlage bei Trafalgar, die bald darauf ins Leben tretende Handelssperre, sowie mehre andere geringfügigere Umstände machten die Stimmung gegen ihn nur noch ungünstiger und bald bildete sich selbst am Hofe in der Umgebung des Prinzen von Asturien gegen ihn eine förmliche Gegenpartei. Es konnte ihm dies nicht unbekannt bleiben, und da er wohl cinsah, daß an Allem, worüber man klagte, einzig und allein Spaniens Verbindung mit Frankreich Schuld sei, so reiste in ihm der Entschluß, sich vön diesem Bündnisse loszusagen. Er rief die Nation zu den Waffen, ließ 69999 M. auf den Kriegsfuß stellen und trat in geheime Unterhandlungen mit dem Hofe von Lissabon. Aber wiewol er Schutzan- sialten gegen die Raubstaaten als Zweck seiner Rüstungen angab, so erkannte doch Napoleon, der die erste Nachricht von diesen Dingen auf dem Schlachtfeldc von Jena erhielt, A.'s Absicht und faßte von dem Augenblick an den Plan, die Bourbons in Spanien zu entthronen. Unterdessen wurde der Haß des Volks gegen den übcrmüthigcn Günstling aufs äußerste gereizt durch den Proceß vom Escurial, der anf Anstisten des Fürsten gegen den Prinzen von Asturien geführt wurde. Zu spät sah A. den Abgrund unter seinen Füßen sich öffnen. Seinen Plan, mit der königlichen Familie nach Amerika zu flüchten, vereitelte der Aufstand von Aranjucz am >8. März 1898. Nur das Versprechen deS Königs, daß Gericht über ihn gehalten werden solle, rettete ihm das Leben. Das Gericht verhinderten indeß die Ereignisse von Bayonne. Napoleon, der A.'s Einfluß auf Karl IV. kannte, bewirkte die Entlassung A.'s aus den« Gefängniß und rief ihn nach Bayonne, wo er nun die Triebfeder alles Dessen war, was der König und die Königin von Spanien thaten, deren Gunst er bis zu Beider Lode genoß. Nach seinem Sturze lebte er in Frankreich, dann in Rom, wo er eine röm. Herrschaft kaufte, nach welcher er den Titel Prinz von Passerano führt. Im I. > 869 ging er wieder nach Paris, wo er in bescheidener Zurückgezogenheit vom Könige Ludwig Philipp eine Pension genießt. Er besaß die reichste Gemäldegalerie in ganz Spanien; seine Wohnung war die geschmackvollste in Madrid; seit > 896 hielt er seine eigene Leibwache. Im I. >898 schätzte man sein jährliches Einkommen auf fünf Mill. Piaster; bei seinem Falle 200 Alcuinus Aldegrever verlor er alle seine Schätze, «uch das Fürstcnkhum de la Paz. Mit seiner Gemahlin, die 1808 bei ihrer Mutter in Toledo blieb, dann unter dem Namen einer Herzogin von Chinchon in Paris lebte, wo sie >827 aus den cingczogcnen Gütern ihres Gemahls eine Pension von 2500» Fr. erhielt und an,23. Nov. 1828 starb, zeugte er eine Tochter, die seit 1820 mit dem röm> Prinzen Camillus Nuspoli vermählt ist. Übrigens hatte A. zur Zeit seines großen Einflusses über die kirchlichen Verhältnisse des Staats sich ost weggesetzt und manche gute Idee, z. B. die der Pcstalozzi'schcn Schulen, auszuführcn gesucht. Er hat mehren Gefangenen des heiligen Gerichts die Freiheit wiedcrgegcbcn und ihre Vcrhörsacten ins Feuer geworfen. Sein Privatleben mag durch den Haß der Spanier wol manchen entstellten Zusatz erhalten haben. So erzählt man, daß er mit der Tochter eines alten Offiziers, Namens Tudo, insgeheim sich vermählt, daß die Königin davon gewußt habe und daß aus Eifersucht seine Vermahlung mit der Tochter des Znfantcn Luis betrieben worden sei; daß er sich, als diese zu spät von dieser zweiten Vermahlung unterrichtet wurde, mit ihr ausgesöhnt, indem er sie überredet, er habe den Befehlen des Königs gehorchen müssen, und daß er sie zur Gräfin von Castello Fiel habe ernennen lassen. Allerdings war selbige Mutter zweier Söhne, und nach dem Tode der Herzogin von Chinchon begab sic sich nach Rom, wo A. im Febr. 1820 seine Vermählung mit ihr erklärte. Seine Memoiren erschienen unter dem Titel: ,Memoires cku priuce . März >793, mit welcher der Feldzug von 17!»:; eröffnet k ward. Die Östrcichcr hatten nach der Schlacht von Jcmappcs, 6. Nov. >792, Belgien, I Luxemburg und Mastricht räumen und sich hinter die Roer ziehe» muffen, und Dumonric; bedrohte nun 17'.»:; Holland mit einem Einfall. Dieses zu hindern und das belagerte Ma- ' stricht zu befreie», vereinigte der Prinz von Koburg sein ans 10000 Ostreichen; bestehendes > Heer hinter der Roer, mit dein er am I. März diesen Fluß bei Düren und Jülich überschritt. Die Avantgarde commandirte der Erzherzog Karl, den linken Flügel der Fcldniarschalllicu- tenant Prinz von Würtcmberg. Die Franzosen wurden vollständig geschlagen und verloren gegen 6000 Aodte und Verwundete und 1000 Gefangene. Am folgenden Tage wurden Aachen und Lüttich genommen, Mastricht entsetzt und die Franzosen lebhaft verfolgt. Zwar setzten sic sich, verstärkt durch das Corps, welches in Holland einfallen sollte, bei Ncerwindcn; doch auch hier wurden sie am 19. März geschlagen. Alderman , im Angclsächs. Lalclornmu, d. i. Ältester, bezeichnet einen Adelsgrad, sodann aber auch ein obrigkeitliches Amt. Den Namen Äldcrman führte» in der angclsächs. . Verfassung die Vorsteher einer jeden Genossenschaft und besonders die Obcxbeamten der Kreise oder Grafschaften (8Kiro5-), sowie die Ältesten (iöoiiature») des ganzen Reichs, die in den Volksversammlungen (VVitennA6in«to)stimmten und in Kriegszeiken an der Spitze der Kricgsvölkcr ihrer Grafschaften standen. Anfänglich wurden sic von den Königen ernannt, später von dcn Freigutsbesitzcrn erwählt. Nach der dän. Eroberung wurde dieser Name durch die dän. Jarls (bl-irl-ss verdrängt. — In England und zum Theil auch in den Vereinigten i Staaten von Nordamerika werden die Municipalpcrsoncn in den Städten Alderman genannt, k welche zusammen den Stadtrath bilden, und an deren Spitze der Mayor (in London Lord Mayor genannt) steht. Letzterer wird aus den Äldermcn auf ein Jahr gewählt, während diese selbst die Wahlberechtigten (VVarcls) jedes Stadtviertels wählen. Das Amt der A ldermen besteht hauptsächlich in der policeilichcn Oberaufsicht über den einzelnen District, den sic im Rathc rcprä- sentiren; die drei ältesten unter ihncn und die, welche die Würde eines Mayor bereits bekleidet haben, sind zugleich Friedensrichter. i Aldmeil nennt man die Drucke, welche aus den Osficincn der Buchdruckerfamilie Manutius (s. d.), besonders des Aldus Manutius, hervorgcgangen sind. Durch inner» ^. Werth wie durch äußere Ausstattung sich gleichmäßig empfehlend, haben sic sowol die Ach- ! tung der Gelehrten als die Aufmerksamkeit der sammelnden Bücherfreunde sich erworben. - Viele von ihnen sind die ersten Ausgaben (mliliones principes) griech. und röm. Classiker; ' andere enthalten einen aus Manuscriptcn kritisch berichtigten Text neuerer klassischer Schrifl- j Keller, z. B Pctrarca's, Dante's, Boccaccios u. A. Alle zeichnen sich in der Regel durch ! eine besondere Correcthcit des Druckes aus; doch stehen die gricch, den lat. und ital. etwas I nach. Zugleich machen namentlich die Drucke von Äldus dem Vater in mchrcr Einsicht s Epoche in der Geschichte der Buchdruckerkunst, indem sich derselbe großes Verdienst um die I Verschönerung der Typcnartcn erwarb. Von griech. Typen, mit welchen vor ihm noch Nic- . mand so viel und so schön gedruckt hatte, ließ er nach und nach 0, von den lat. I 1 Arten fertigen. Er, oder vielmehr der Stcmpelschncider Francesco aus -Bologna, ist der Vater der ital. Cursivtype, deren er sich zu seiner Sammlung von Handausgaben älterer und neuerer Classiker in Octav, zuerst im Virgil (U>01) bediente. Selbst von hebr. Schriften besaß er drei verschiedene Ärtcn. Holzschnitte haben seine Octavausgabcn nicht; auch sonst sind sie selten bei ihm, nur die „bl>puervt»m<»ckiskolipbi>i" (1ä!»9,Fol.) macht davon eine bewundernswürdige Ausnahme. Seine Pergamcntdrucke sind unübertrefflich schön; er war der erste Drucker, welcher einige Exemplare auf besseres, feineres oder stärkeres Papier abzog, so zuerst bei den „blpistolao j-raecao" (I -190). Auch lieferte er seit 1äo> in der Ausgabe , des Philostratus einzelne Exemplare auf Großpapicr und > 511 die ersten Drucke auf blauem Papier; cs waren einige Exemplare der „I-i>iri 515, hatte die Druckerei an seinem Schwiegervater, Andreas Asulanus, einen Borstand, der ihn zu ersetzen wußte. Des Aldus Sohn, Paul, besaß denselben Enthusiasmus für die röm., ww sein Vater für die griech. " Classiker. Mit dem Enkel, Aldus, der zu Nom >597 starb, hörte die Ofsicin, die zuletzt ihren alten Vorrang unter den ital. Nebenbuhlern nicht mehr, behaupten konnte, auf, nachdem sie wahrend ihrer hundertjährigen Dauer 908 Drucke geliefert hatte. Da die Drucke dieser Ofsicin, vorzüglich aus der altern Periode, schon seit früher Zeit mit Eifer gesucht wurden, sp fanden die lyonec Drucker und die Giunti zu Florenz seit 1502 ihren Vortheil durch trügerische und schlechte Nachdrucke. Häufig wurden selbst noch zu Anfänge des ! l 9. Jahrh. die Aldinen gesammelt; allein gegenwärtig hat sich die Aldomanie, namentlich , unter den Deutschen, sehr verloren. Besonders selten sind die „llnrue b. Alaiiue vir^inis" von 1-197 , der Virgil von 1591 und die „ktbctnres ^r-reei", der höchst seltenen Drucke aus den I. 1-191—97 nicht zu gedenken. Die vollständigsten Sammlungen besitzen der Buchhändler Nenouard in Paris und der Troßherzog von Toscana. Von Nenouard's trefflicher Monographie über diese Ofsicin unter dem Titel „äimales d« I'i»g»'üneri« des ^Ides, »u distoire lies trois iVluuuce et de leurs eriitioiis, etc." erschien die dritte Auflage in einem einzigen Bande (Par. 1831), während die zweite drei zählte. Ein Verzeichniß aller echten Aldinen lieferte Ebcrt im Anhänge zum ersten Bande seines „Bibliographischen Lexikon". Vgl. Hain, „Heportoriiim bi>,I!-igr»pkicnin" (1 Bde., Stuttg. und Tüb. 1829 — 38). Äldrni (Antonio, Graf von), gcb. 1759 zu Bologna, war Professor der Rechte in seiner Vaterstadt, als diese in Folge der sranz. Revolution sich vom Kirchenstaate trennte, und wurde hierauf als Abgeordneter nach Paris geschickt. Nachher kam er in den Rath der Alten der cisalpini chen Republik; 1891 wurde er Mitglied der Consulta von Lyon, später Präsident des StaatsrathS, aus welchem er aber bald wieder ausschied, und >895 ! von Napoleon zum Grafen Minister-Staatssecretair des Königreichs Italien ernannt. Mil > außerordentlichem Aufwande baute er im Park von Montmorency bei Paris eines der schön- s sten Schlösser, das 1815 zerstört ward. Nach der Auflösung des Königreichs Italien lebts er in der Zurückgezogenheit in Mailand, wo er sich seit 1819 auch das Zutrauen der östr. Negierung erwarb, und starb zuPavia am 5.Oct. 1829. Kurz vor seinem Tode überbrachte ihm Antommarchi den Abschiedsgruß von Napoleon, der sich seiner bis zum letzten Augenblicke mit Achtung erinnert hatte. — Sein Bruder, GiovanniA., der sich insbcsonden durch seine Erfindung feuersicherer Anzüge einen Namen erworben hat, war zu Bologna 1792 geboren, und später daselbst als Professor der Physik bei der Universität angestellk. Durch den Einfluß des Bruders wurde er I8II zum Staatsrath erhoben, und mit ihm wendete er sich später nach Mailand, wo er am 17. Jan. 1831 starb. Seine physikalischen ' Leistungen sind nicht bedeutend. Er schrieb „Uröcis d'cxpvriences gulvsmgues" (Par. > 893), „ lessiii bislang»« et expermienu,! sur le gulvnnisine" (Par. 1891), „bixperieuces sur io levier I>)druulic,»s" (Mail. 1811) und „Uecbc-nbes sur lupplicutioii )ltt»ri> colittüt'iiita sntto il nome llelle N 022 L ^llloüiuinliii«" (Rom 1815, -1.) und Böttigcr, „Kleine archäologische Schriften" von Sillig (Bd. 2, Dresd. 1838). Ale, ein in England beliebtes starkes Helles, hopfenbitteres Tafelbicr, ist das stärkste aller bekannten Biere. Es enthält beinahe sieben Procent Alkohol und wird aus einer Würze von 26 Procent Extractgehalt gebraut. Man braut cs aus blassem Gerstenmalz und leitet die Gährung so,-daß zwar die Hefe vollständig abgeschieden wird, aber viel Zucker unzcrseht bleibt, was die große Haltbarkeit dieses Bieres und seinen cigenthümlichcn Geschmack veranlaßt. Das Ale läßt sich sehr gut ausführen und wird auch auf dem Continent gegenwärtig nicht unbedeutend consumirt. Da das Verfahren der engl. Brauereien vollständig bekannt ist, hat man cs an verschiedenen Orten mit Glück nachgcahmt. Alekto, s. Eumeniden. Alemannen oder Alamannen, d. i. alle Mannen, nannte sich ein Kriegsbund meh- rcr deutschen Stämme, unter denen die Tcncterer und Usipier die bedeutendsten waren, der zu Anfang des 3. Jahrh. n. Chr. am untern und Mittlern Main zuerst erscheint. Caracalla focht mit den Alemannen zuerst am Main 2II n. Ehr., ohne sie zu besiegen, dann Alexander Severus. Erst Maximinus überwand sie 236 und trieb sie über den Rhein, den sie überschritten hatten, zurück. Als sie aber nach dessen Tode wieder in Gallien entfielen, schlug sie Posthumius, verfolgte sie bis in Deutschland und befestigte hier die Grenze des röm. Gebiets, der ^ri üsrmnntes, mit Wällen und Gräben, wovon die Schanzen bei Pföring ander Donau, der durch das Fürstenthum Hohenlohe bis nach Jaxthausen sich hinziehende Wall und dcr Psahlgrabcn auf der Nordseite des Main Überbleibsel sind. (S. Teufels mau er.) Die Alemannen ließen aber von ihren kriegerischen Streifzügcn nicht ab, obwol sie von Lollianus, des Posthumius Nachfolger, und vom Kaiser Probus 282 zurückgeschlagen wurden. Nach des Letztem Tode nahmen sie, von Nordosten her durch die Burgunder gedrängt, bleibende Sitze innerhalb dcsRömerwallcs und wohnten vom Mainz bis zum Bodcn- sce, auf beiden Seiten des Odenwaldes und des Schwarzwaldcs. Endlich wurde 357 Julian als Cäsar nach Gallien geschickt, das im Westen ebenso wie im Osten Noricum unter ihren Einfällen zu leiden hatte. Er siegte über die Alemannen und zwang acht ihrer Fürsten, um Frieden zu bitten. Ihre gesammte Kriegsmacht betrug in dem Haupttccffen gegen Julian 35666 Mann. Bald darauf verbanden sich mit ihnen an der ober» Donau die Juthungen, deren Name im 5. Jahrh. verschwindet. Statt dessen heißt in der Folge das verbündete Volk Suevcn oder Suavcn, und Alemannen und Schwaben, die Namen der beiden vereinten Völker werden von da an als Gesammtname für beide gebraucht. Noch im Laufe des 4. Jahrh. waren sie über den Rhein gegangen, wo sie im Westen bis an die Vogesen, im Süden bis an die helvetischen Alpen sich ausdehnten. Der Frankeukönig Chlodwig endlich brach ihre Macht 466, und unterwarf sic der fränkischen Oberherrschaft, vor der jedoch viele zu Theodorich, König der Ostgothen, nach Italien und in die hohen Alpen flüchteten. Der nördlichste Theil des alemannischen Landes ward Kammerland der fränkischen Könige; der übrige größere Theil bildete das Herzogthum Alemannien, das sich im Süden bis zum Gotthard, im Westen bis zum nördlichen Jura (später nur bis zur Neuß) und zu den Vogesen, im Norden am Rhein bis zur Sur und Murg, am Neckar bis zur Enz, gegen Osten bis an die Wernitz und den Lech erstreckte. Der Elsaß, eine Zeit lang abgetrennt, ward unter König Heinrich I. wieder damit vereint und blieb es bis ins 13. Jahrh. Seit Heinrich I V. wird der Name Schwaben für den ostrheinischen Theil der gebräuchliche, wo das Lehen der Hohenstaufen, während die südlichen Gauen in der Schweiz, das Lehen der Zähringcr, davon gesondert wurden. Alembcrt (Jean le Nond d'), einer der berühmtesten Mathematiker und ausgezeichnetsten Literatoren des 18. Jahrh., gbb. zu Paris am H6. Nov. 1717, wurde von seinen Altern, der Frau von Tencin und dem Dichter Destouches ausgesetzt. Das Kind schien so schwach, daß es der Policeicommissar, der es aufhob, nicht in das Findelhaus schickte, sondern 204 Alemliert der Sorgfalt einer armen Glascrfran übergab. Doch allmälig erstarkte A.; schon als Knabe ^ zeigte er viele Anlagen, und als er im zwölften Jahre in das College Mazarin ausgenommen wurde, erregte er bereits Aufsehen. Er schweifte auf den verschiedensten Feldern des Wissens umher, kehrte aber stets zur Mathematik zurück, zu der er schon >rüh eine entschiedene Nci- ^ gung in sich spürte. So zog er, nachdem er sich der Rechtswissenschaft, dann eine Zeit lang der Mcdicin gewidmet hatte, durch zwei malhcmatisch-physikalischc Arbeiten zuerst die öffentliche Meinung auf sich. Die von ihm der Akademie der Wissenschaften überreichten beiden Abhandlungen über die Bewegung fester Körper in einer Flüssigkeit und über die Integralrechnung schienen derselben so bedeutend, daß er 17-11 zum Mitgliede erwählt ward, j Hierauf schrieb er den,,'1'rcüte <>e clMiunchiie" (Par. >743; beste Ausg., Par. 1753) und - den „Di-aite ckes tlnicles" (Par. 1741). Durch seine „liöllLxious sur lit causo eles vculs" (Par. >7 17) gewann er den von der Akademie in Berlin ausgcsetztcn Preis; auch wurde er in Folge davon zum Mitgliede derselben ernannt. Unter den übrigen Denkschriften, welche er dieser Akademie übergab, zeichnen sich die beiden über die reine Analysis (1716 und > 749) und die über die Schwingungen der Saiten aus (1748). Er nahm Thcil an den Untersuchungen , welche Ncwton's Entdeckungen über die Bewegung der Himmelskörper vervollständigten. Bereits 1747 übergab er der Akademie der Wissenschaften eine Auflösung des Problems, wodurch bestimmt werden soll, welche Störungen die gegenseitigen Anziehun- gen der Planeten in ihrer elliptischen Bewegung um die Sonne verursachen, und wie diese Bewegung beschaffen sein würde, wenn sie nur ihrer Schwere gegen dieses Gestirn folgten. Mehre Jahre setzte er diese Arbeit fort; auch schrieb er nach und nach eine Menge anderer Abhandlungen über verschiedene wichtige Punkte des Weltsystems, z. B. über das Borrücken der Nachtglcichcn, über den Widerstand flüssiger Körper u. s. w., die sich in seinen „Oj>»seulvs Miitlipmilticpioz" (8 Bde., Par. 1761 —86, 4.) gesammelt finden. A. hatte sich dem Studium der Mathematik ergeben, weil ihm die Philosophie seines Jahrhunderts ! nichts Genügendes bot. Als aber sein Geist in den sogenannten cxactcn Wissenschaften ? keine Befriedigung fand, versuchte er mit'seinem durchdringenden Verstände auch andere Wiffenskrcisc zu bewältigen. In diesem Sinne unternahm er die Herausgabe der„kiw)- clopmlw", in der er die ganze Summe der vorhandenen Kenntnisse zusanimcnfasscn, zugleich aber den verschiedenen Wissenschaften eine neue Bahn brechen wollte. Er selbst verfaßte in diesem riesigen Werke den mathematischen Thcil und die Einleitung, die ein unvergängliches Muster wissenschaftlicher Darstellung bleiben wird. Es hat die „Encyklo- pädie"'cinc unberechenbare Wirkung gehabt, obschon die philosophische Richtung, die in ihr herrscht und die am besten von Con dillac(s. d.) rcpräsentirt wird, nichts weiter als eine Entwickelung Locke'schcr Principicn ist. A. ward durch das Unternehmen in mannich- fachc Händel verwickelt und veranlaßt, in der Folge sich immer mehr niit rein literarischen Fragen zu befassen. So schrieb er „blskchssurlesgensckelettres", „I7mt ,l«> Iracluü e", „iiellaxioii.8 SUI- !e stvla" u. si w., in denen dieselbe Feinheit und Klarheit herrscht, die den Grundton aller seiner Schriften ausmacht. Diesen Werken verdankt er seinen eigentlich literarischen Ruf und seine Aufnahme in die ^caclemie lruny-nse, deren Sccrctair er 1772 ward und in der er verschiedene gelungene Lobreden gehalten hat („1-ll<»^os", Par. 1779). Ob- s wol er wegen der „Encyklopädie" Verfolgungen und von der Regierung seines Vaterlandes Zurücksetzung erfuhr, so folgte er doch weder den Einladungen Friedrich s >1., sich in Berlin j nicdcrzulassen, noch den Anerbietungen der russ. Kaiserin, die ihm die Erziehung ihres Sohnes antrug. Von den Ausländern lernte sein Vaterland seinen Werth kennen, und der ! König von Preußen, der ihn 1763 gesehen hatte und mit ihm in Briefwechsel stand, gab chm cin Jahrgeld, als ihm die par. Akademie der Wissenschaften den Gehalt verweigerte. Bei einer immer nur mäßigen Einnahme war er doch überaus wohlthätig. Länger als 46 Jahre lebte er höchst einfach bei der Frau, die ihn erzogen hatte, und er verließ diese Wohnung nur, als seine Gesundheit ihn dazu nöthigtc. Sei» ebenso zartes als dauerndes , Verhältniß zur l'Espinasse (s d.) beweist, daß er ein gefühlvolles Herz hatte. Er starb am Stein, weil er sich der Operation nicht unterwerfen wollte, am 29. Oct. 1783. Condorcct hat ihm in ftincm „bilo^e" ein schönes Denkmal gesetzt. Eine vollständige Sammlung seiner mathematischen Werke ist nicht erschienen; dagegen sind seine vermischten Schriften zusam- Aleucon Alesia S05 mcngestellt in den „Oeuvre» plnlnznplich»,:.?, bistarignes et litte'rsiro»" (herausgcgeben von Basticn, 18 Bde., Par. 1805 und bei Didot, 16 Thle. in 5 Bden., Par. 1821). Alenpon, die Hauptstadt des franz. Departements der Orne, anderSarthe, mit 1-1000 E., hat bedeutenden Jndustriefleiß auf baumwollene, wollene und leinene Zeuge, Handschuhe und Posumentierwaarcn, sowie Pferde-, Mastvieh- und Fabrikatcnhandel; doch sind die früher berühmten Spitzen (>x>int-> ckVIenyo») und die Strohhutfabrikation, wie die Schleifereien der falschen Diamanten aus Quarzkrystallen sehr herabgekommen. Unter den Gebäuden zeichnen sich aus das Präfccturhotcl, die Gctreidehalle und das Gymnasium. Unter dem Titel eines Herzogthums wurde A. in früherer Zeit öfter königlichen Prinzen verliehen, zuletzt noch durch Ludwig XVI. 15 7-1 an seinen Bruder, den Grafen von Provence. Aleutejo oder Alemtcjo, eine 183 cuM. große und nur von 380000 Seelen bewohnte portug. Provinz, begrenzt im Osten von Spanien, im Norden von Beira-baixa und Estremadura, westlich vom Atlantischen Meere und südlich von Algarvc. An den Ostgrenzen deS Landes erheben sich eine Menge niedriger Bergzüge, wie die Sierras de Mamed, de Portalegrc, de Ossa, de Evora und der Mont Muro in unzusammenhängender Gruppirung, durch schroffe Felswände, zahlreiche Ruinen und neuere Festungswerke auf ihrem Scheitel einen malerischen Effect machend. Westlich gehen die Berghänge in breite Ebenen, Campos, über, welche vor ihrer Verflachung zur sandigen Küste noch einmal durch isolirte Felskämme unterbrochen werden. Auf der südlichen Grenze steigt das algarbische Gebirge zur beträchtlichen Höhe von fast 1000 F. an. Die Provinz wird bewässert im Osten durch die Guadiana mir dem Wasserfall Salto del Lobo, unweit Serpa, durch den Tajo nur kleinen Theils im Norden und im Südwestcn den Sudo oder Caldas. Im Süden und Westen ist das Klima heiß und trocken; hier sind die Ebenen von brauner Haide überzogen, ohne Baum und Strauch, von Sumpfstrecken unterbrochen und mit spärlichem Anbau versehen; im Osten dagegen sind die Thäler äußerst fruchtbar und auf Bergen schöne Holzungen. Die Producte des Landes bieten einen mannichfachen Reichthum; nächst Weizen und Gerste baut man Reis und Mais; der Wein gedeiht fast überall; unter den edlen Früchten sind alle Agrumi- artcn, vorzugsweise schön die Citronen und Limonien von Vidigneira, Feigen und Granaten berühmt; in den Wäldern findet sich die Eiche mit eßbaren Früchten, die immergrüne und die Korkeiche, Kastanien, Scntanne und Fichte, in den Ebenen Lavendel, Rosmarin, Wachholder, Myrthe und ein feines Gras zur Schaffüttcrung. Die Schafzucht ist sehr bedeutend, nächstdem die Schweine-und Ziegenzucht, weniger die des Rindviehs, der Esel und Maulesel. Bei der geringen Bevölkerung ist es natürlich, daß man noch Getreide zur Ausfuhr übrig hat, daß aber die Industrie fast gar nicht geweckt ist, nur in einigen Städten sich auf Tuchwevcrci emo wie in Estremez auf Töpferei beschränkt und trotz der Anzeigen eines nicht unbedeutenden Erzreichthums der Bergbau darniederliegt. Die wichtigsten Städte der Provinz sind: Portalegre, Elvas, Estremez, Evora, Beja und Mertola. Aleppo oderHaleb, die Hauptstadt des gleichnamigen nördlichen Ejalets von Syrien, liegt zwischen Orontes und Euphrat am Steppenflussc Krcik, gewöhnlich Nacher - cl - Haleb genannt, und am nördwejtlichen Eingang in die große syrisch-arabische Wüste. Die fruchtbaren und durch ausgezeichnete Pistazienpflanzungen berühmten Gärten zu beiden Seiten des kleinen Flusses bilden die einzige belebte Unterbrechung in der öden Umgebung der Stadt, welche in ihrer Bauart zu den schönsten des Orients gehört, noch vor 60 Jahren gegen 30000» E. zählte und einen schönen Bazar besitzt, der mehre Straßen umfaßt, durchaus gewölbt ist und von oben durch zum Thcil in eigenen Kuppeln angebrachte Fenster das nö- thige Licht erhält. Das Erdbeben am 13. Aug. 1822 begrub zwei Drittheile der Bewohner, und verwandelte die mitten in der Stadt gelegene Citadclle in einen Schutthaufen. Seitdem hat sich die Zahl der Einwohner, welche sich gegenwärtig auf kaum 80000 beläuft, nicht wieder zu der vorigen Höhe emporgeschwungen; die neue Citadelle liegt nordwestlich vor der Stadt und schließt eine sehr große Kaserne in sich. A. bildet ein wichtiges Handclsemporium zwischen Europa, Indien und Persien, Arabien und Armenien; es besorgt den Austausch europäischer und orientalischer Waarcn, treibt auch eigenen Handel mit Baumwollen- und Scidcnwaaren, Häuten, Taback, Wein u. s. w., und trägt rein arab. Charakter. Alesia, die Hauptstadt derMandubier, einer kleinen Völkerschaft im keltischen Gallien, 2N6 Alcssaudri Alessi dem heutigen Burgund, der Sage nach von Hercules gegründet, war eine bedeutende Festung deren Belagerung und Bezwingung Cäsar's größte Waffenthat ist. Cäsar hatte die Gallien unter Vercingctorix geschlagen und schloß sie nun 80000 M. an der Zahl, mit 60«»«»» M. in A. ein. Um sie auszuhungern, legte er schnell eine Contravallationslinie gegen die Fe- stung an. Vergebens versuchte Vercingctorix wiederholte Ausfälle und entbot darauf alle Gallier zu den Waffen. Bald erschienen denn auch 250000 M. vor dem Lager. Cäiar hakte indessen seine Circumvallationslinie fertig, um sich durch Brustwehr, einen starken Paliffg- dengraben und eine mehrfache Reihe Wolfsgruben gegen die Anfälle von außen zu schuhen und der Angriff der 330000 Gallier in Front und im Rücken der Römer war ohne Er'olg. Nirgend gelang es ihnen, die Linien der Römer zu übersteigen. Nachdem die Stadt von den Galliern genommen, mußte sich Vercingetorir ergeben. Später kam A. wieder in einen blühenden Zustand, ward jedoch 861 von den Normannen zerstört. Spuren von Brunnen, Wasserleitungen, zerbrochene Ziegel, Münzen u. dgl. auf den Feldern beim Flecken Ali e, westlich von Dijon im Departement Cotc-bOr, sind noch die einzigen Zeugen von dem ehemaligen Dasein der Stadt. Älessundri (Alcssandrv) oder Alessandri d'Alessandro, in Neapel um 1360 geboren und eine Zeit lang Advvcat daselbst, ergab sich, durch Filclfo's und Caldcrino's phr lologilche Arbeiten angereizt, der Beschäftigung mit dem klassischen Alterthume. Ein eigentlicher Philolog war er indeß nie, doch hat sein Hauptwerk (Rom 1522 und öfters), in welchem er die „Dias Leninles" nach dem Beispiel des Gellius in den „ IVnetos tausend Dinge, meist aus dem klassischen Alterthume, in der Form von Unterhaltungen mit gelehrten Freunden behandelt, bei Vielen Beifall gefunden. In Nom, wo A. eine Zeit lang als neapolitan. Protonotar thLtig war, starb er am 2. Oct. 1523. Alessandria , mit dem Beinamen eloll» pogliu, piemontesische Festung und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz des Königreichs Sardinien, am Einfluß der Bormida in den Tanaro, in einer sumpfigen Gegend gelegen, ward 1178 von den Cremonesern und Mailändern gegen Kaiser Friedrich I. erbaut und anfangs Cäwrca genannt, erhielt aber später, dem Papst Alexander III. zu Ehren, der ein Bisthum dahin verlegte, den jetzigen Namen. Sie zählt über 30000 E., welche bedeutende Manufacturcn auf leinene, wollene und seidene Zeuge, Strümpfe und Hüte unterhalten, berühmten Gartenbau und lebhaften Handel betreiben, hat jährlich zwei sehr besuchte Messen und bildet den Mittelpunkt des Verkehrs zwischen Genua, Turin und Mailand. Schon bei ihrer Erbauung zur Festung bestimmt, als Übergang über den Tanaro und die Bormida und als wichtiger Einigungspunkt mchrcr Straßen in gutem Stand erhalten, war sie oft ein Gegenstand des Kampfes; sie wurde >522 vom Herzog Sforza erobert und geplündert, 1657 von den Franzosen unter Prinz Conti vergeblich belagert und 1707 von Prinz Eugen nach hartnäckiger Gegenwehr eingenommen. Kaiser Joseph l. überließ die Stadt erblich an den Herzog von Savoyen. Seit 1706 gehörte sie den Franzosen und war die Hauptstadt des Departements Marcngo. Nach der Schlacht bei Marengo schloß hier am l 6. Juni l 800 der östr. General Mclas mit Bonaparte einen Waffenstillstand, zufolge dessen Oberitalicn bis an den Mincio und zwölf Festungen den Franzosen eingeräumt wurden. Jetzt bestehen die Befestigungen A.s SliS einer bastionirten Umfassung der Stadt, aus einer in sechs Bastions und vielen Außenwerken bestehenden regulairen Citadelle am linken Ufer des Tanaro und aus einem Brückenkopf am rechten Ufer der Bormida. Eine steinerne Brücke-verbindek Stadt und Citadelle. Alessi (Galeazzo), ein ausgezeichneter Baumeister, geb. zu Perugia 1500, gest. daselbst 1572. Die Ausbildung dieses Künstlers gehört Nom an, wo er sich namentlich an Michel Angelo eng anschloß. Später ging er nach Genua, welche Stadt als der eigentliche Schauplatz seiner Thätigkeit zu bezeichnen ist. Er war es, der über diese Stadt den Glan; der modernen Architektur ausbrcitcte; zahlreiche Paläste, Villen, auch Kirchen wurden hier unter seiner Leitung aufgeführt. Man bewundert an diesen Werken den Ncichthum einer Phantasie, die sich aber nicht, wie es zu seincrZeit und besonders durch Michel Angelo bereits geschah, zu Willkürlichkciten hiureißen ließ. Die äußern Bedingnisse, namentlich das so fthr unregelmäßige Terrain von Genua, gaben ihm den Anlaß, sich stets neu und eigen- Aleute» Alcxand der Große A>7 thümlich zu zeigen; die innern Thcile seiner Paläste, die Vestibüle, Trcppcnhallcn, Höfe u. s. w. sind stets auf eine cigcnkhümlich anziehende malerische Wirkung angelegt. Aleüten oder Katharinen-Ar.chipcl heißt eine aus mehr als ISO Inseln und ungefähr -180 OM. bedeckende, zum russ. Amerika gehörige Jnsclrcihe, welche als insu- lare Fortsetzung der nordamcrik. Halbinsel Aliaska einen bis nahe an Kamtschatka hcrantretcnden Bogen bildet, der im Norden des 50. Grades nördl. B. das Meer von Kamtschatka oder das Beringsmeer von dem offenen großen Occan abschncidct. Die Haupttheile der Kette sind folgende: Die nähern Alcuten oder Sasignaninseln mit Bcrin- gero, wo Bering 1741 starb, Mednoi oder Kupferinscl und Atta, die Natzcninseln mit Amtschitka, die Andreanowschen Inseln mit Tanaga, AtchaundAmlä, Tschekücssopoksch- nüja und die Fuchsinseln mit Umnak, Unalaschka, Akun und Unimak, der größten aller Aleuten. Die Inseln sind alle felsig, tragen die Spuren gewaltsamer Zerrüttungen und zeigen noch jetzt durch periodisch oder immer rauchende Vulkane und heiße Quellen vulkanische Thätigkcit. Bei einem Klima, das nur auf ganz kurze Zeit durch ein nebeliges Frühjahr und einen heißen Sommer im Hauptcharakter eines langen strengen Winters gestört wird, vermag die karge Erddecke der Eilande nur niedriges Gestrüpp, zahlreiche Gräser, Moose und Flechten, nicht aber kräftigen Baumwuchs zu begünstigen; dagegen findet man Überfluß an Fischen, Füchsen, Hunden, Ncnnthieren, Robben und Seeottcrn. Die Bewohner sind, mit Ausnahme einiger Schamanen, die demKamtschadalcn ganz ähnlichen Aleuten; ihre Zahl schätzt man auf fast 6000; ihre Beschäftigung ist Jagd und Fischfang, und ihre Gesittung steht auf sehr niederer Stufe, um so mehr als die Beamten der russ. Handelscompagnic einen tyrannischen Druck ausüben und der übermäßige Genuß des Branntweins sich eingeschlichen hat. Für den Pelz- und Fischhandel, dessen Hauptniederlage in Alexandria auf der Insel Kodjak gegenüber der Südostküste Aliaskas ist, bilden die A. eine wichtige Station. Alexander der Große, der Sohn Philipp's von Macedonien und der Olympia, einer Tochter des Neoptolemus von Epirus, war zu Pella 356 v. Ehr. geboren. Von der Natur mit glücklichen Anlagen ausgestattet, kündigte er früh einen großen Charakter an. Die Siege Philipp's betrübten ihn. „Mein Vater", rief er einst aus, „wird mir nichts zu thun übrig lassen!" Der Vater gab ihm den Leonidas, einen Verwandten von mütterlicher Seite, und den Lysimachus, später den Aristoteles zum Erzieher und Lehrer. Dieser große Philosoph unterrichtete ihn, vom Hofe entfernt, in allen menschlichen Kenntnissen, besonders in den einem Herrscher nöihigen Wissenschaften. Da Macedonien von gefährlichen Nachbarn umgeben war, so suchte er seinem Zögling auch kriegerische Tugenden einzuflößen. Er empfahl ihm daher das Lesen der „Ilias" und besorgte selbst eine Durchsicht derselben. Zugleich bildete er seinen Körper durch gymnastische Übungen aus. A. war 16 Jahre alt, als Philipp, der gegen Byzanz auSzog, ihm wahrend seiner Abwesenheit die Negierung übertrug. Große Tapferkeit zeigte er schon in der Schlacht bei Chäronea 338, wo er die heilige Schar der Thebaner schlug. „Mein Sohn", sagte Philipp, als er ihn nach der Schlacht umarmte, „suche dir ein anderes Reich; denn das, welches ich dir hinterlasse, ist für dich nicht groß genug." Vater und Sohn entzweiten sich, als ersterer die Olympia verstieß. A., der seine Mutter in Schutz nahm, floh, um der Rache des Vaters zu entgehen, nach Epirus; bald aber erhielt er Verzeihung und kehrte zurück. Darauf begleitete er seinen Vater gegen die Triballer und rettete ihm hier im Kampfe das Leben. Philipp, zum Oberanführer der Griechen ernannt, rüstete sich;« einem Kriege gcgenPersicn, als er 336 ermordet wurde. A., noch nicht 20 Jahre alt, bestieg den Thron, bestrafte die Schuldigen, ging nach dem Peloponnes und ließ sich in der allgemeinen Versammlung der Griechen den Oberbefehl in dem Kriege gegen Persien ertheilen. Nach seiner Rückkehr fand er die Illyrier und Triballer feindlich gerüstet; er zog wider sie, erzwang den Durchzug durch Thrazien und war allenthalben siegreich. Auf das Gerücht von seinem Tode hatten auch die Thebaner zu den Waffen gegriffen, und, von Demosthenes aufgereizt, waren die Athener bereit, sich mit ihnen zu vereinigen. Schnell rückte A., um diese Vereinigung zu hindern, vor Theben, das er, da es sich nicht unterwarf, eroberte und von Grund aus zerstörte. Er ließ von den Einwohnern 6000 niederhauen und 30000 als Sklaven verkaufen. Nur das Haus und die Familie des Pindar M8 Alexander der Große blicbcn verschont. Diese Strenge erschreckte ganz Griechenland. Die Athener erfuhren ein minder hartes Schicksal; A. begnügte sich, die Verbannung des Charidcmns, der am erbittertsten gegen ihn gesprochen hatte, von ihnen zu fodern. Nachdem er Antipater zu seinem Stellvertreter in Europa ernannt und sich in einer allgemeinen Versammlung der griech. Völker als obersten Befehlshaber hatte bestätigen lassen, überschritt er im Frühling 333 ini, 30000 M. zu Fuß und 5000 Reitern den Hcllespont. Als er dem Granikus sich näherte, vernahm er, daß mehre pcrs. Satrapen ihn jcnscit des Flusses mit 20000 M. Fußvolk und einer gleichen Anzahl Reiter erwarteten. Ohne Verzug führte A. sein Heer durch den Fluß und errang, nachdem er mit seiner Lanze des Daraus Eidam, Mithridates, nicdergcstoßcn und sich allen Gefahren prcisgegcbcn, einen vollständigen Sieg. Die Maccdonier, durch , sein Beispiel ermuntert, warfen Alles vor sich nieder. Noch widerstanden die in Phalangen ( ausgestellten griech. Hülfsvölkcr der Perser unter dem Nhodier Mcmnon; doch auch sie wurde» bis auf 2000 M-, welche in Gefangenschaft fielen, nicdcrgchauen. Den gefallenen Kriegern hielt A. eine prächtige Todtenfeier und bewilligte ihren Vätern und Kindern mehre Vorrechte. Die meisten Städte Klcinasiens, selbst Sardes, öffneten dem Sieger die Thorc, nur Milet und Halikarnaß widerstanden länger. In allen griech. Städten stellte er die Demokratie wieder her, löste bei seinem Durchzuge durch Gordium (s. d.) den gor- ^ bischen Knoten mit dem Schwerte und eroberte Lycien, Jonien, Karien, Pamphilicn und Kappadocicn. Doch eine gefährliche Krankheit, die er sich durch ein Bad im Kydnos zuzog, hemmte seinen Lauf. Bei dieser Gelegenheit zeigte er die ganze Hoheit seines Charakters. Während sein Arzt, Philippus, ihm einen Trank reichte, empfing er einen Bricfvom Parmenio, der ihm meldete, daß Jener von Darms bestochen sei, ihn zu vergiften. A. reichte dem Philippus den Brief und nahm in demselben Augenblicke den Trank. Kaum hergcstcllt, rückte er gegen die Engpässe Ciliciens vor, wohin sich Darius, statt seinen ^ Gegner in den Ebenen Assyriens zu erwarten, unvorsichtig mit einem Ungeheuern Heere ' (über 500000 M.) begeben hatte. Bei Jssus an der syrischen Grenze zwischen dem Meere s und den Gebirgen kam es im Nov. 333 zur zweiten Schlacht. Die unentwickelten Strcit- massen der Perser wurden von den cinbrechenden Macedoniern in Unordnung gebracht und flohen in Verwirrung. Nur aufdcm linken Flügel leisteten 30000 Griechen, im Solde des Perscrkänigs, länger» Widerstand; aber auch sie mußten endlich weichen, und in die Hand des Siegers fielen alle Schätze und die Familie des Darius, die jedoch von ihm auf das edel- müthjgste behandelt wurde. Den König, welcher gegen den Euphrat floh, verfolgte er nicht, sondern zog, um ihn vom Meere abzuschneidcn, nach Syrien und Phönizien. Hier bekam er von Darius Briefe, worin dieser auf Frieden antrug. A. antwortete: Er kämc als Anführer der Griechen um die alte Schuld der Perser, als Sohn Philipp's um die Beleidigungen des Artaxcrxes, der die Feinde seines Vaters unterstützt habe, zu rächen; Darius möge ihn als den König Asiens und den Herrn alles des Seinigen betrachten. Ebenso vergeblich war ein zweiter Friedensantrag. Als Darius für seine Familie ein großes Lösegcld und Asien bis an den Euphrat für den Frieden anbot, sagte der Feldherr Parmenio: „Ich thäte es, wenn ich Alexander wäre." „Ich auch", erwiderte A-, „wenn ich Parmenio wäre." Der Sieg bei Jssus öffnete den Macedoniern alle Pforten. A. besetzte Damaskus, wo sich der königliche . Schatz befand, und versicherte sich aller Städte längs des Mittelländischen Meeres. Tyrus, > durch seine feste Lage kühn gemacht, widerstand ihm, ward aber nach sieben Monaten un- > glaublicher Anstrengungen erobert und zerstört. Siegreich durchzog er darauf Palästina, I >xo sich ihm alle Städte bis auf Gaza, das mit Tyrus gleiches Schicksal theilte, unterwarfen. Ägypten, des Jochs der Perser müde, empfing ihn als Befreier. Er stellte, um seine Herrschaft zu befestigen, die alten Sitten und Neligionsgcbräuche wieder her und gründete Alexandrien, das eine der ersten Städte der alten Welt wurde. Von da zog er durch Libyens Wüsten, um das Orakel des Jupiter Ammon, dessen Priester ihn als Sohn des Zeus begrüßte , um Rath zu fragen, und mit der Rückkehr des Frühlings gegen Darius, der in Assyrien ein Heer versammelt hatte und A.'s Friedcnsvorschlägc verwarf. Bci Gaugamcla unweit Arbcla kam es im Oct. 331 zur Schlacht. Ungeachtet der Ungeheuern Überlegenheit seines Gegners, der von neuem ein Heer von 500000 M. gesammelt hatte, war A. keinen Augenblick über den Sieg zweifelhaft. An der Spitze der Reiterei griff er die Perser an und '.»--'S«« - ^ Alexander der Große ,eycug sie in die Flucht; erst nachdem er sie völlig zerstreut hatte, kam er seinem linken Flügel zu Hülfe, der unterdeß hart bedrängt worden war. Sein Wunsch war, den Perserkönig selbst gefangen zu nehmen, und in der That rettete sich dieser nur, indem er sein Heer, Gepäck und alle Schätze dem Sieger preisgab, durch die Geschwindigkeit seines Rosses. Babylon und Susa, wo die Neichthümer des Orients aufgehäuft waren, öffneten ihre Thorc dem Sieger, der nun gegen Persepolis, Persiens Hauptstadt, zog. Der einzige Paß dahin, Pylä Persidis, wurde noch von 30000 M. unter Ariobarzanes verthcidigt. A. griff sie an, sprengte sie auseinander und zog triumphirend in Persepolis ein. Hiermit endigen A.'s ruhmreichste Tage. .Herr des größten Reichs der Erde, wurde er der Sklave seiner Leidenschaften, überließ sich dem Übcrmuth und der Ausschweifung, zeigte sich undankbar und grausam. Persepolis, dieses Wunder derWelt, ward in der Trunkenheit von ihm in Brand gesteckt und in einen Aschenhaufcn verwandelt. Beschämt über diese Schandthat, brach er mit seiner Reiterei auf, um Darms zu verfolgen. Auf die Nachricht, daß Bessus, Satrap von Baktriana, den König gefangen halte, beschleunigte er seinen Marsch, in der Hoffnung, ihn zu retten, allein er fand ihn tödtlich verwundet (330) an der Grenze von Baktriana und beweinte ihn. Nachdem er mit allen bei den Persern üblichen Gebräuchen den Leichnam seines unglücklichen Feindes hatte bestatten lassen, verfolgte er den Bessus, der sich selbst die Krone aufgesetzt hatte, durch Hyrkanien, Aria, Baktriana, über den Oxus (Amu) nach Sogdiana (das jetzige Bokhara), dessen Satrap Spitamenes ihm den Bessus ausliefertc. In Griechenland hatte indeß Antipater den Aufstand des Agis von Sparta durch den Sieg bei Ägä in Arkadien unterdrückt. A. war mit noch riesenhaftem Planen beschäftigt, als eine Verschwörung in seinem eigenen Lager ausbrach, in welche Philotas, dcs Parmenio Sohn, verwickelt war. Nicht zufrieden mit dem Blute des Sohns, ließ A. auch den Vater umbringen, doch diese Ungerechtigkeit erregte allgemeines Misvergnügen. Als Spitamenes selbst sich empörte, drang A. bis in den äußersten Norden des damals bekannten Asiens, bis über den Jaxartcs (Sir-Derja), wo er die Scythen schlug (329). Bei seiner Rückkehr nach Baktriana versuchte er vergebens durch angenommene pers. Tracht und Sitten die Perser zu gewinnen. Im Jähzorn tödtete er hier, als sich im Heere Unzufriedenheit zeigte, bei einem Trinkgelage den Klitus, einen seiner tapfersten Feldherren, was er nachher bitter bereuetc Im folgenden Jahre unterwarf er sich ganz Sogdiana und vermählte sich hier mit Roxane, der Tochter des feindlichen Anführers Oxyantes, einer der schönsten Jungfrauen Asiens, die er zu seiner Gefangenen gemacht. Eine neue Verschwörung gegen A., an deren Spitze Her- molaus und Kallisthcnes standen, hatte den Tod vieler Schuldigen zur Folge; Kallisthencs aber wurde verstümmelt in einem eisernen Käfig dem Heere nachgeführt, bis er durch Gift seine Martern endigte. Im I. 327 zog A. zur Eroberung des nur dem Namen nach bekannten Indiens aus. Er ging über den Indus und ein Bündniß mit Taxilcs, dem dortigen Fürsten, verschaffte ihm Hülfstruppen und 130 Elefanten. Von Taxiles geführt, wendete er sich gegen den Fluß Hydaspes, dessen Übergang ihm Porus, ein anderer König, mit seinem Heere streitig machte. A. besiegte ihn in einer blutigen Schlacht, nahm ihn gefangen, setzte ihn jedoch in sein Reich wieder ein. Darauf durchzog er den Theil Indiens, der jetzt das Pend- schab heißt, als Herr des Landes, legte griech. Kolonien an und erbaute, nach Plutarch, 70 Städte, von denen er eine, seinem am Hydaspes gefallenen Pferde Bucephalus zu Ehren , Bucephalia nannte. Siegtrunken wollte er bis an den Ganges Vordringen, als das allgemeine Murren des Heers ihn am Hyphasis zur Rückkehr zwang, die er unter großen Gefahren bewerkstelligte. Als er den Hydaspes wieder erreicht hatte, ließ er eine Flotte bauen und schiffte mit einem Theil seines Heers den Fluß hinab, während der andere an beiden Ufern folgte. Auf diesem Zuge hatte er mehre ind. Fürsten zu bekämpfen, und bei der Belagerung einer Stadt der Mallier wurde er schwer verwundet. Nach seiner Genesung zog er weiter, segelte den Indus hinab und kam zu dem Weltmeere. Nearch, der Führer der Flotte, jegelte h erauf nach dem Persischen Meerbusen, während A. zu Lande durch Gedrosien (Be- tudschistan) den Rückweg mit einem Theile des Heers einschlug. Hier hatte er ungeheure Wüsten zu durchziehen, wo sein Heer, ohne Wasser und Lebensmittel, größtcntheils im Conv.-Lex. Rennte Aust. I. >4 0 Alexander Severus Sande begraben wurde. Der andere Theil des Heers ging durch Arachosten und Dran- giana (Afghanistan) unter Krateros; inKarmanien vereinigten sich beide. Nur den vierten Theil der Krieger, mit welchen er ausgezogen war, brachte er nach Persien zurück. In Susa Vermähltcer sich mit Statira, des Darius Tochter, und beschenkte diejenigen Macedonier, die Perserinnen geheirathet hatten, weil seine Absicht war, beide Völker zu vereinen. Auch theilte er ansehnliche Belohnungen unter sein Heer aus. Zu Opis am Tigris erklärte er seine Absicht, die Untüchtigen reichlich belohnt nach Hause zu schicken; dies geschah, nachdem er die darüber entstandene Empörung nicht ohne Mühe gestillt hatte. Bald darauf verlor er seinen Liebling Hephästion durch den Tod. Sein Schmerz war grenzenlos; er ließ den Gestorbenen mit königlicher Pracht bestatten. Als er nun von Ekbatana nach Babylon zurückkehrte, sollen die Magier ihm vorhergcsagt haben, daß diese Stadt ihm verderblich sein würde. Er aber verachtete, auf die Vorstellungen seiner Freunde, ihre Warnungen, ging nach Babylon, wo eine Menge fremder Gesandten aus Libyen, Italien, Karthago, Griechenland, von den Scythen, Kelten und Iberern ihn erwarteten, und war mir neuen Niescnpla- nen für die Zukunft beschäftigt, als er plötzlich nach einem Gastmahle erkrankte und wenig Tage darauf, nachdem er zwölf Jahre und acht Monate regiert hatte, in seinem 32. Lebensjahre am 11. oder 13. Juni 323 v. Ehr. starb. Sein Leichnam wurde vom Ptolemäus zu Alexandria in einem goldenen Sarge beigesetzt, und nicht nur in Ägypten, sondern auch in andern Ländern wurde ihm göttliche Ehre erwiesen. Sein Sarkophag befindet sich seit 18»2 im Britischen Museum. A. hatte keinen Erben seines Ungeheuern Reichs bestimmt, sondern auf die Frage seiner Freunde: Wem er cs hinterlasse, geantwortet: Dem Würdigsten. Nach vielen Unruhen erkannten seine Feldherren den blödsinnigen Arrhidäus, einen Sohn Philipp's und der Tänzerin Philinna, und A.'s von Noxane nachgeborenen Sohn Alexander als Könige an, und theiltcn sich in die Provinzen unter dem Namen von Satrapien. Perdikkas, dem A. sterbend seinen Ring gegeben hatte, ward Vormund des unmündigen Königs. Ar- rian, Diodor, Plutarch und Curtius sind die Quellen für die Geschichte A.'s. Unter de» neuern Werken ist besonders Droysen's „Geschichte A. des Großen von Maceköuien" (2 Bde., Berl. 1833 — 34) auszuzeichnen als kritische Untersuchung und geistvolle, lebendige Schilderung. Die Erzählungen von A„ wie sie das Mittelalter hat, sind aus pers. und arab. Schriften geschöpft und mit fabelhaften Zügen ausgeschmückt. Vgl. St.-Croix, „Lxsmen eritchns <1es luZtorwus 0'^." (Par. 1804, 4.) und van der Lhys, ,,'1'nbnlu geo Frg^bics imperiiZlsßiü" (Lcyd. 1828, 4.). Alexander Severus, röm. Kaiser, 222—235 n. Ehr., geb. 208, war Vetter, Adoptivsohn (vorher hieß er Alexianus) und Nachfolger des Heliogabalus. Die sorgfältigste Erziehung, die er von seiner Mutter Julia Mammäa erhalten hatte, machte ihn zu einem der besten Fürsten in einem Zeitalter und auf einem Throne, wo Tugenden für den Regenten gefährlicher waren als Laster. Sein Negentenleben füllt eins der schönsten Blätter in der Geschichte einer verderbten Zeit. Er suchte den Umgang der Gelehrten; zwei wackere Männer, Paulus und Ulpian, waren seine Nathgeber. Platon („Von der Republik") und Cicero („Von den Pflichten") waren nebst Horaz und Virgil seine Lieblingsschriftsteller. Sorgfältig sah er darauf, daß Ämter nicht dem listigen Bewerber, sondern allein dem Verdienste crtheilt wurden. Obgleich Heide, kannte er den schönen Spruch Christi „Was du willst, das dir die Leute thun sollen, das thue ihnen auch!" so gut, daß er ihn nicht nur, so oft Übcl- thäter auf den Richtplatz geführt wurden, durch den Herold ausrufen, sondern ihn sogar zur Inschrift öffentlicher Gebäude und seines Palastes wählte. Originell und charakteristisch in mehr als einer Hinsicht ist die Art, wie er einen Hochverräter behandelte. Der röm. Senator, Ovinius Camillus, reich und aus einer der angesehensten Familien, aber ein Weichling der ersten Classe, wollte sich auf den Thron schwingen. Kaum erfuhr dies A., so ließ er den Ovinius zu sich rufen, dankte ihm, daß er sich entschlossen habe, die schwere Bürde der Regierung freiwillig zu übernehmen, ging darauf mit ihm in den Senat und erklärte ihn zu seinem Rcichsgenossen. Ovinius, anfangs voll Todesangst, ließ sich die Wohnung im Palast, den kaiserlichen Schmuck und die äußern Ehrenbezeigungen Wohlgefallen. Aber bald überhäufte ihn A. so mit Geschäften aller Art, daß der Neichsgchülfe kaum zu Athem kommen konnte. Da brach ein Krieg aus mit Artaxerxes, dem Stammvater der Dynastie der Sassaniden und Alexander (Päpste) Alerander NewKkoi 211 Stifter des neupcrs. Reichs in Parthien. Ovinius begleitete das Heer im Wagen und ihm folgte eine Menge Gepäck. A., der meist zu Fuß marschirte, bat ihn, als guter Soldat Andern zum Beispiel sich dieser kleinen Unbequemlichkeit doch auch zu unterziehen. Ovinius wollte dem A. nicht nachstehen und that es. Doch schon nach wenig Stunden war er so erschöpft, daß A. ihn zu Pferde steigen, und da er auch dies nicht lange aushalten konnte, wieder in den Wagen setzen ließ. Aber auch hier gab cs keine Ruhe bei Tag und bei Nacht. Berichte kamen von allen Gegenden, und Befehle mußten nach allen Seiten gegeben werden. Der Feind war in der Nähe; A. immer voran, und mit ihm mußte es Ovinius sein. Da ward diesem die Furcht vor dem Feinde peinlicher als der Tod selbst, sodaß er endlich erklärte, lieber sterben als länger aufdem Throne bleiben zu wollen. A. lachte und erlaubte ihm abzudanken. Unter guter Bedeckung schickte er ihn nach Italien zurück, wo Ovinius als Privatmann auf seinen Landgütern und auf seinen weichen Polstern der Kaisernoth vergaß. Leider ward der treffliche A., als er zum Schutze der Grenzen gegen die Deutschen an den Rhein zog, von den über die strenge Mannszucht durch Maximinus, seinen Nachfolger, aufgereizten Soldaten in seinem Zelte unweit Mainz mit seiner Mutter 235 ermordet. Mit seinem Tode erhob sich der militairische Despotismus, und Roms Macht sank in Trümmern. Alexander ist der Name von acht Päpsten. — A. I., 109 — 119, soll das Weihwasser cingeführt haben. — A. II., 1061—73, war der erste durch das Cardinalcollegium gewählte Papst, welcher unter Hildebrand's Einflüsse, der damals die Seele der päpstlichen Regierung war, den Kampf gegen den jungen Kaiser Heinrich IV. begann. — A. III., 1159 — 81 , wirkte beharrlich im Geiste Gregor's VII.; er ist es, der bei der Aussöhnung mit Kaiser Friedrich,!, diesem den Fuß auf den Nacken gesetzt haben soll. — A. IV., 1254 — 61, war ein gutgesinnter Mann, der im Kampfe gegen die letzten Hohenstaufen viel Ungemach zu dulden hatte. — A. V., 1409 — 10, der, aus dem Concil zu Pisa erwählt, dieses auflöste, che es zu reformatorischen Beschlüssen kam, starb wahrscheinlich an Gift. — A. VI., regierte von 1492 — 1503. — A. VII., 1655 — 67, welcher die übergetretene Christine von Schweden confirmirte, mußte in den Händeln mit Ludwig XIV. große Demü- thigungcn erfahren. — A. VIII., 1689 — 91, setzte den Streit seines Vorgängers Jn- noeenz' XI. über die bekannten vier Propositionen des gallicanischen Klerus fort und wußte Ludwig XIV. zur Herausgabe von Avignon und Venaissin zu bewegen. — Der berühmteste unter ihnen, aber zugleich der berüchtigste aller Päpste war A. VI. Er hieß eigentlich No- drigo Lcnzuoli, war zu Valencia in Spanien >430 geboren, hatte aber den alten uikd berühmten Familiennamen seiner Mutter Borgia angenommen. Seine Jugend bezeichnet« er mit Ausschweifungen; doch mangelte es ihm nicht an Talenten. Mit einer wegen ihrer Schönheit berühmten Frau, Rosa Vanozza, hatte er fünf Kinder gezeugt, die er als Papst zu erheben suchte. Am bekanntesten unter ihnen sind Ccsare Borgia (s. d.) und Lucrezia, mit der er, neben ihren Brüdern, in blutschänderischer Verbindung gelebt zu haben beschuldigt wird. Die Cardinalswürde erhielt er vom Papst Calixtus III-, seinem Oheim. Durch Bestechung der Cardinäle Sforza, Niario'und Cibo bahnte er sich nach Jnnocenz'VIIl. Tode den Weg zum päpstlichen Stuhle. Der lange Aufenthalt der Päpste in Avignon hatte das Ansehen und die Einkünfte derselben sehr vermindert. Um diesen Verlust zu ersetzen, suchte er die Macht der ital. Fürsten zu vermindern, sich ihrer Besitzungen zur Bereicherung seiner Familie zu bemächtigen und wand« dazu die abscheulichsten Mittel an. Auch auf andern Wegen wußte er unermeßliche Summen Geld aus den christlichen Staaten zu ziehen. Er schlichtete die Streitigkeiten, die zwischen den Königen von Portugal und Spanien wegen Amerika entstanden waren, und schied ihre Eroberungen 1494 durch die Demarcationslinie, die er 360 Meilen westlich von den Azoren durch das Weltmeer ;og. Er starb, 73 Jahre alt, 1503 an dem Gifte, das von ihm und seinem Sohne ihren Gästen bestimmt, sie selbst durch Verwechselung erhielten. Alerander Netvskoi, ein moskowit. Held und Heiliger, geb. 1219, war der Sohn des Großfürsten Jaroslaw von Nowgorod. Um das von allen Seiten, besonders aber von de» Mongolen bedrängte Reich besser verthcidigen zu können, zog sein Vater von Nowgorod aus und ließ die Söhne, Fedor und Alexander, von denen der Erstere bald starb, als Statt- 14 * 212 Alexander I. Halter zurück. Obschon A.mit Macht sich den andringendcn Feinden entgcgenstclltc, so mußte sich dennoch Rußland 1238 unter mongol. Hoheit beugen. Darauf kämpfte A. zur Ver- theidigung der westlichen Grenzen des Landes gegen die Danen, Schweden und die Ritter des Deutschen Ordens. Wegen des glänzenden Sieges, den er 123 l an der Newa über die Schweden erfocht, erhielt er den Beinamen Ncwskoi. Auf dem mit Eis bedeckten Pcipussee schlug er 1212 die Schwertritter. Nach seines Vaters Lode, 1247, wurde er Großfürst zu Wladimir und starb 1263. A. ist namentlich auch darum in der ruff. Geschichte von Wichtigkeit, weil in seiner Zeit ein Versuch des Papstes Jnnoccnz I V. fällt, cinlhVercinigung der griech. und röm. Kirche zu Stande zu bringen. Jnnoccnz sandte in dieser Absicht an A. eine Gesandtschaft; doch dieser wies jeden Antrag auf das bestimmteste zurück, indem er dem Papste die schriftliche Erklärung gab: „Wir kennen die wahre Lehre der Kirche, die Eurige aber wollen wir nicht annehmen und von ihr auch nichts wissen." Die Dankbarkeit seiner Landsleute feierte denHelden in Volksliedern und erhob ihn zum Heiligen; Peter der Große ehrte sein Andenken durch Erbauung eines prächtigen Klosters zu Petersburg an der Stelle, wo A. seinen Sieg erfochten hatte, und durch die Stiftung des Alexander-Newskiordens, den Katharina zuerst 1725 verlieh. Alexander I-, Pawlowitsch, Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen, 1861 — 25, ward am 23. Dec. >777 geboren. Seine Erziehung, an der sein Vater Kaiser Pauli, durchaus keinen Theil nahm, leiteten die Kaiserin^Katharina II-, seine Großmutter, und der Oberst La- harpe. Mit großer Liebe war er stets seiner Mutter Marie zugethan, einer Tochter des Herzogs Eugen von Würtemberg. Laharpe erzog ihn ohne politische und religiöse Vorurthcile in den Grundsätzen eines aufgeklärten Zeitalters. Milde und Menschenliebe veredelten das Herz des „nordischen Telemach". Professor Kraft unterrichtete ihn in der Experimentalphysik, und Pallas kurze Zeit in der Botanik. In Poesie und Musik durfte er zufolge eines ausdrücklichen Befehls der Kaiserin Katharina an seinen Oberhofmeister, Graf Nik. Soltikoff, nicht unterrichtet werden, weil zu viel Zen darauf verwendet werden müßte, um darin einige Geschicklichkeit zu erlangen. Nachdem er sich 1793 mit Elisabeth (zuvor Luise Marie Auguste), der Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden, vermählt hatte, folgte er am 2-1. März 1861 seinem Vater auf dem Throne und wurde am 27. Sept. zu Moskau gekrönt. Seine Thronbesteigung feierte Klopstock durch die Ode „An die Humanität". Das Wichtigste, was sein Regentenleben auszeichnet, läßt sich auf Folgendes zurückführen. Er hat die Nationalbildung und das Volkserziehungswcsen planmäßig begründet und entwickelt, die innere Verwaltung zweckmäßiger geordnet, den Gewcrbfleiß der Nation entfesselt und Rußlands Welthandel erhoben, das Heerwesen auf eine Höhe der Vollkommenheit gebracht, auf welcher man es zuvor noch nie gesehen, in seinem Volke das Gefühl der Einheit, des Muthcs und der Vaterlandsliebe entwickelt und überall den Menschen als solchen geachtet; er hat endlich Rußland in den Mittelpunkt der politischen Ordnung von Europa und zum Theil auch von Asien erhoben. Seine nächste Umgebung bildeten theils geborene Russen, unter ihnen General Jermoloff, später Wblchonsky, Araktschejeff u. A., theils Deutsche, so namentlich Diebitsch, früher auch einige Griechen, und 1867—>2 der ftanz. Gesandte Graf von Caulaincourt. Unter dem Einzelnen, was A. gethan oder veranlaßt hat, müssen zuerst seine Bemühungen um die Ausbildung, Sprache und Literatur der slawischen Völkerschaften erwähnt werden, wodurch eine eigene originale slawische Bildung vorbereitet worden ist. Er hat sieben Universitäten zu Dorpat, Kasan, Charkow, Moskau, Wilna, Warschau und Petersburg theils errichtet, theils neu gestaltet, 26-1 Gymnasien und Lehrersemi- narien und über 2666 niedere Bezirks-und Volksschulen, zum Theil nach Lancaster's Lehr- aR, gestiftet, sowie überhaupt durch erweiterte Thätigkeit für alle öffentliche Unterrichtsund Bildungsanstalten, namentlich der höher» wissenschaftlichen Institute in Petersburg und Moskau, dem wissenschaftlichen Streben der Russen ein neues Leben gegeben; er hat zur Verbreitung der Bibel in beinahe allen Gouvernements durch die Unterstützung der Bibelgesellschaften, die nach seinem Tode 1826 wieder aufgehoben wurden, mehr beigetragen als irgend ein Souvcrain in Europa; er brachte 1826 die Ernennung eines Bischofs für die evangelisch-lutherische Kirche zu Stande, sowie die Einrichtung eines Neichsgcneralconsistoriums zu Petersburg. Zum Druck wichtiger Werke, wie Krusenstern's „Reise", Karamsin's „Ge- 213 Alexander l- schichte Rußlands" u. s. w., hat er große Summen angewiesen; wissenschaftliches Verdienst hat er im Zn- und Auslände geschätzt und belohnt. Er kaufte seltene Sammlungen, wie Lo- der's anatomische Sammlung, Forstcr's mineralogische Schätze, der Fürstin Jablonowska Cabinet, Haubold's juristische Bibliothek u. s. w.; auch berief er 1818 zwei Orientalisten aus Paris, Demange und Charmoy, nach Petersburg, um durch Unterricht das Studium der arab., armen., pers. und türk. Sprache zu befördern. Vorzüglich unterstützte er die Bildung junger talentvoller Männer, die er auf seine Kosten im Auslande reisen ließ. Überall suchte er seine Unlerthanen der Geisel ihrer Zwingherren, der Adeligen, Bojaren und Sta- rostcn, zu entziehen, ohne jedoch mit Gewalt das Recht zu erzwingen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft ward von ihm vor und nach dem Ukas vom 6. Mai 1816, der den Leibeigenen in Esthland einen Rechtsstand zufichcrte, in Esthland, Licfland und Kurland vorbereitet. Auch erklärte er, daß er auf den Krongütern keine Bauern mehr verschenken wolle. Schon 18«! schaffte er das sogenannte heimliche Gericht ab, vor welches insbesondere politische Verbrecher gezogen und durch Hunger und Durst zum Bekcnntniß gezwungen worden sein sollen. Das bei der Knutstrafe ohne Freilassung übliche Ausreißen der Nasenwände und Brandmarken hob er 1817 auf. Auch hat er den Misbräuchen der Gewalt der Statthalter durch vorbeugende Gesetze Einhalt gcthan. Das Vorrecht der Adeligen, daß ihre Erbgüter in keinem Falle als Strafe eines Verbrechens eingezogen werden konnten, erhob er zum allgemeinen Recht für alle Umcrthanen. Ernstlich ließ er an einem bürgerlichen Gesetzbuche arbeiten. Viel hat er insbesondere für die Manufacturen und den Handel in seinem Reiche gethan, z. B. durch die verbesserte Einrichtung des Schuldenwesens und der Amorlisationskasse, durch die 1817 gestiftete Reichskammerbank, durch die Stiftung einer neuen Messe zu Warschau im J. ! 817, durch'Straßen- und Kanalbau, durch die Bewilligung eines Freihafens und anderer Vortheile für Odessa und namentlich auch dadurch, daß durch den Ukas vom 28. Dec. 1818 allen Bauern im Reiche das Recht zugestanden ward, Fabriken und Manufacturen,zu errichten, was früher nur dem Adel und den Kauflcuten erster und zweiter Gilde zustand. Überhaupt bewiesen die ganze auswärtige Staatskunst, mehre Reisen um die Welt, die Gesandtschaft im I. 1817 nach Persien, bei welcher sich der mit allen Planen Napolcon's in Hinsicht auf Indien und Persien bekannte Franzose Eardanne befand, die Sendung nach Kochinchina und nach Khiwa, die Verbindung mit den Vereinigten Staaten, mit Brasilien und Spanien, die Handels- und Schiffahrtsvertrage mit der Pforte, die Niederlassungen endlich auf der Westküste von Nordamerika den richtigen Blick des russ. Cabinets in Hinsicht auf Rußlands Stellung im Welthandel. Daß der Kaiser solche Ideen anregen konnte, dazu haben seine Reisen im Auslande, selbst sein kurzer Aufenthalt in England, sein Umgang mit unterrichteten und geistvollen Männern und Frauen, vorzüglich aber seine öftern Reisen in den Provinzen seines Reichs, ihm Stoff gegeben. In der Geschichte des russ. Heerwesens unter A. macht der Friede zu Tilsit 1807 Epoche, -indem er nicht blos den Weg zur Eroberung Finnlands imJ. 1800 und zweier Donaumündungen im I. 1812 cröffnete, sondern auch A. Zeit gewahrte, die Unvollkommenheiten des bisherigen Militairsystems zu heben. In der Politik A.'s ist der friedliche und religiöse Charakter derselben eine bcmerkenswerthe Seite. Folgenreich war seine persönliche Freundschaft für den König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., die 1805 am Sarge Friedrichs II. feierlich besiegelt wurde. A.'s Herz war von der reinsten Achtung für das Vortreffliche erfüllt, ohne daß sein Geist darum den Staatszweck Rußlands aus dem Auge verloren hätte. Bewunderung für Napolcon's glänzende Eigenschaften zog ihn auf dessen Seite hin; auch glaubte er, mit dem Kaiser der Franzosen gemeinschaftlich das Schicksal Europas ordnen zu können. Deshalb hielt er mit thm die Zusammenkunft in Erfurt zu Ende des Sept. 1808. Allein als er sah, daß Napoleon ihm Gesetze vorschreiben wollte, die der Wohlfahrt seines Reichs nachthcilig waren, behauptete er entschlossen seine Selbständigkeit. Durch die Zusammenkunft mit dem Kronprinzen von Schweden zu Abo im Aug. 1812 gelang es ihm, Schweden mit sich zu verbinden, nachdem er im Mai d. I. die Pforte zum Frieden von Bukarescht bewogen hatte. Durch den Krieg im I. 1812 erhob sich seine Staatskunst zu jenem höher», frommen Charakter, der auch seine Staatsschriften bezeichnet. Sie umfaßte bald mit ihrem Blicke ganz Europa. Merkwürdig ist in diesem Sinne die Erklärung, welche er zu Warschau den 10. (22.) Fcbr. 181Z an die ' ' 214 Alexander t. Völker Europas richtete. Sie bewies, daß man in Rußland damals den Zeitgeist wohl verstand und mit den Völkern offen, deutlich und kräftig zu sprechen wußte. Noch feierlicher verhieß der aus Kalisch am 25. März 18t 3 im Namen A.'s und seiner Verbündeten an die Deutschen erlassene Ausruf einen neuen, rechtlichen, auf Freiheit, Sicherheit, Wohlfahrt mittels einer angemessenen Verfassung abzweckenden Zustand. Überhaupt vereinigte A.'s Regierungssprache in sich den erhabenen Stil des Orients mit europ.-christlicher Bildung. Dahin gehört namentlich das Manifest vom 27. Jan. 1816, welches die politischen Grundsätze des Kaisers enthielt. Zn oem europ. Befreiungskriege (s. Russisch, deutscher Krieg) setzte sich A. wiederholt persönlich der Gefahr aus, um den Muth seiner Truppen zu befeuern, undunstreitig hat seine Persönlichkeit auch auf den Gang des Krieges in Frankreich eingewirkt, indem er durch seine anmuthvolle Offenheit das Vertrauen der Franzosen gewann. Die Groß- muth, mit welcher er Paris nach der ersten Einnahme und die Franzosen überhaupt behandelte, die strenge Mannszucht seiner Truppen und die Zusicherungen, welche die Verbündeten auf A.'s Fürwort der Nation erlheilten, erleichterten nicht nur die Rückkehr der Bour- bons, sondern auch das Friedensgeschäft selbst. Er verwandte sich für den Prinzen Eugen Beauharnois und besuchte den Marschall Ney. Die Begeisterung der Pariser für ihn war grenzenlos. Auch in England, wohin er am I. Juni 1814 ging, ward er mit großem Jubel empfangen; doch scheint Manches hier einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Den vom Senat bei der Rückkehr nach Petersburg am 25. Juli 1814 ihm angetragenen Titel des „Eebenedeiten" lehnte er ab. Dieselbe Gesinnung sprach später der Ukas vom 27. Nov. 1817 aus, nach welchem den Geistlichen alles Lobpreisen des Monarchen untersagt wurde. Seine Anwesenheit in Wien während des Congresses war allerdings der Eintracht der Fürsten und den freisinnigen Grundsätzen günstig, die man in die Congreßacte aufnahm; sic vollendete aber auch das politische Übergewicht Rußlands durch die Behauptung des Königreichs Polen. Die poln. VerfassungSurknndc, welche A. von einigen Polen. j und seinen Staatsmännern in Wien entwerfen ließ, war die erste, welche dem Worte der Monarchen und den Erwartungen der Völker entsprach. Die Beharrlichkeit, mit welcher er seinen politischen Grundsätzen treu blieb, bewies sich nicht allein gegen die Schweiz, die hauptsächlich ihm ihre Neutralität verdankt, und gegen die Jonische Republik, sondern auch bei der Rückkehr Napoleon's von Elba in der Erfüllung des Tractats von Chaumont. A. kam jetzt zum zweiten Male, am I I. Juli 1815, in die Hauptstadt Frankreichs. Die strenge Mannszucht, welche seine Truppen beobachteten, erweckte neues Vertrauen zu Rußlands Politik, deren Einfluß auf das franz. Cabinet sichtbar den britischen verdrängte, vorzüglich seit Richelieu, der bisher in ruff. Diensten gewesen war, an die Spitze des Ministeriums Lud- wig's XVIII. trat. Von jetzt an zeigte sich Rußlands politisches Gewicht nicht blos im franz. sondern auch im span. Cabinete. Selbst der Hof von Rio Janeiro näherte sich Rußland, und das Königreich der Niederlande verband sich, wie Preußen, Würtemberg und andere Staaten, enger mit dem ruff. Hofe. Vermittelnd nahm A. gemeinschaftlich mit den Mäch- ^ tcn, die den Tractat von Chaumont geschlossen, Theil an den europ. Gesammtangelcgen- ^ Hellen, z. B. an den Verhandlrmgen über den Abfall der span. Colonien und dem Zwiste ^ Spaniens mit Portugal wegen Montevideo. Auch ergriff er Maßregeln gegen die Seeräuberei der afrik. Staaten. Durch die Stiftung der Heiligen Allianz (s. d.), als eines religiösen Ruhesystems der Staaten und Völker, stellte er sich mit an die Spitze der europ. ^ Negentenfamilie; eine christliche Gesinnung sollte fortan die Seele der Staarskunst und das > Band zwischen der Negierung und dem Volke sein. In dem Geiste dieses Bundes suchte A., ohne jedoch in die innern Angelegenheiten anderer Staaten sich zu mischen, allen revolutionären Bewegungen der Völker, vorzüglich den durch Heere bewirkten Staatsveränderungen, Einhalt zu thun. In diesem Geiste nahm A. 1826 an den wegen ixr ital. Angelegenheiten zu Tropp au (s. d.) und Laibach (s. d.) gehaltenen Kongressen Theil und befahl seinem Heere, nach Italien vorzurücken, um dort den Aufruhr der Carbonari zu bekämpfen, was jedoch schon ohne dieses geschehen war. Auch bei Gelegenheit des Aufstandes in Griechenland erklärte sich A. gegen jede aufrührerische Volksbewegung; er misbilligte das Umer- nehmen des Fürsten Alexander Upsilankis (s. d.) öffentlich, nahm jedoch die Sache der 215 s < ! Alexander l. Menschheit und des Christenthums bei der Pforte in Schuh und foderte in, Winter 1823 seine Verbündeten zur Dazwischcnkunst im griech.-türk. Kampfe ausdrücklich auf. Wie sehr übrigens A. die freisinnige Richtung des Zeitalters erkannte, bewies er in Wien, Aachen und Warschau bei mehren Gelegenheiten. Sein Brief an den Vicekönig von Polen, den Fürsten Zajonczeck, aus Aachen, 7. (19.) Oct. 1818, ist ein schönes Denkmal dieser Gesinnung. Zu einer Deputation des liefländ. Adels, welche ihn 1819 um Bestätigung der neuen, zum Vortheil des Bauernstandes entworfenen Verfassung bat, sagte er die denkwürdigen Worte: „Sie haben im Geiste unsers Jahrhunderts gehandelt, in welchem nur liberale Gesinnungen das Glück der Völker begründen können "; gegen Frau von Stael machte er die Bemerkung: „Die Leibeigenschaft wird Ihr Auge hier zu Lande beleidigen. Das ist nicht meine Schuld. Ich habe das Beispiel gegeben. Aber ich kann nicht Gewalt brauchen; ich muß die Rechte Anderer achten, als ob es eine Constitution gäbe, die unglücklicherweise nicht vorhanden ist." A. war Menschenfreund, und als er einst persönlich einen in der Wilna verunglückten Bauer ins Leben zurückgerufen, übersandte ihm die brit. Humanitätsgesellschaft die goldene Medaille. Schon beim Antritte seiner Regierung hatte er die geheime Staatspolicei und Bücherccnsur aufgehoben, welche lehtere er jedoch später wieder einführte. Die Jesuiten ließ er am 1. Jan. 1816 aus Petersburg und Moskau und am 28. Mär; >820 aus dem ganzen Reiche verweisen, weil sic sich in Negicrungsangelegenheiten zu mischen wagten und den Frieden im Innern der Familien störten. Streng ward das Prosely- tenmachen verboten, den Duchoborzen (s. d.) dagegen 1817 freie Religionsübung zugesichert. Wie die innere Kraft, so entfaltete A. auch die äußere Macht seines Reichs. Die Erwerbung Grusiniens, Bialystocks, Finnlands, Warschaus, Schirwans und Beffara- bicns hat die Ncichsgrcnzen bedeutend erweitert und die Volksmenge von 36 Mill. auf mehr als 43 Mill. — meist Europäer — vermehrt. Das schnelle Aufblühen Moskaus aus seiner Asche, die wachsende Cultur in Sibirien und der Krim, die um 866006 Menschen vermehrte Volkszahl in den Gouvernements Tobolsk, Tomsk und Jrkutzk und ähnliche Zeichen der zunehmenden Wohlfahrt des Reichs werden A.'s Negierung verewigen. Der Rie- scnplan, die Grundsäulen der russ. Staatsmacht, den Bauern- und den Kriegerstand, in- nigst zu verschmelzen, scheint in der Ausführung auf zu große Hindernisse zu stoßen. (S. Militairco lonicn.) Überhaupt wollte A. die ganze Verwaltung nach einfache» Grundsätzen ordnen, zugleich aber auch Allem, was die sittliche Ordnung stören konnte, dem Unglauben, dem Leichtsinn, der politischen Schwärmerei geheimer Verbindungen und andern Verirrungen des Zeitgeistes durch alle ihm zu Gebote stehende Mittel entgegenarbeiten. Bei mehren AnläffAr, z. B. bei der Sturmflut in Petersburg am 19. Nov. 1824, und auf seinen vielen Reisen, griffÄ. sehr wohlthätig ein. Nie hatte ein Souverain, selbst Peter der Große nicht, so lange und so häufige Reisen gemacht. Allein freilich dauerten noch viele Misbräuche fort, ja es entstanden auch neue; das Verdienst der Frömmigkeit vermehrte die Zahl der Heuchler. Zuletzt bildete sich gegen ihn, ungeachtet aller Maßregeln der Policei, eine weitverbreitete Verschwörung, deren Bestrafung seinem Nachfolger Vorbehalten war. Vielleicht schon von dem Dasein dieser Umtriebe unterrichtet, folgte A. am 13. Scpt. 1828 seiner kranken Gemahlin in das südliche Rußland, besuchte die Krim und wählte daselbst^ine Gegend sich aus, wo er einst, von der Negierung zurückgezogen, seine Tage ruhig verleben wollte. Allein diese Reise brachte ihm den Tod, welcher zu Taganrog am I. Dec. (19. Nov) 1823 erfolgte. Kaum war die Nachricht am 26. Dec. in Petersburg eingetroffen, so wurde A.'s ältester Bruder, Konstantin Cesarewitsch, der sich in Warschau befand, zum Kaiser ausgerufcn. Allein der Großfürst nahm die Krone nicht an, indem er schon bei Lebzeiten A.'s durch ein Schreiben an den Kaiser (Petersburg, 14. Jan. 1822) auf die Thronfolge Verzicht geleistet und von diesem, sowie von der Kaiserin Mutter, durch A.'s. Antwort vom 2. Febr. 1822, die Genehmigung seiner Verzichtleistung erhalten hatte. Ehe noch des Großfürsten Erklärung von Warschau, worin er seiner Mutter und seinem Bruder, dem Großfürsten Nikolaus, anzcigte, daß er Letztem als Kaiser anerkenne, in Petersburg anlangte, halte der Senat das Testament A.'s eröffnet und darin die Urkunde der Verzichtleistung des Großfürsten Konstantin nebst einem Manifeste des Kaisers (Zarskoje Selo, 16 . Aug. 1823) gesunden, worin derselbe seinen zweiten Bruder, den Großfürsten Nikolaus 216 Alexander aus Aphrodisias Alexandria (s. d.), zu seinem Nachfolger erklärte, der nun am 24. Dcc. > 825 den Thron bestieg, indem , er zugleich verkündete, daß der Todestag A.'s der Anfang seiner Negierung sei. Vgl. (Em- . peytaz) „I^otics sur empereur llo Russie" (Genf > 828). — A. zu Ehren ward am Alexander-Newskoi-Tage 1832 auf dem Jsaaksplatze vor dem kaiserlichen Winterpalaste in Petersburg die Alexanderssäule aufgerichtet. Dieses Riesenwerk der neuesten Mechanik, vom kaiserlichen Oberarchitektcn Montferrant, ruht auf einem haushohen Pie- destal. Die Säule selbst ist aus einem einzigen Eranitstück aus Finnland gearbeitet, hat 84 F. Höhe und 14 F. im Durchmesser. Der Säulenschaft kostete 202500 Rubel, die Kosten des Gerüstes und der Hebungsmaterialicn betrugen 603000 Rubel. Binnen 50 Minuten erfolgte durch die vereinte Kraft von 60 Winden, 400 Arbeitern und 2000 Soldaten, ^ die alle unter A. gedient, die Aufrichtung. Zu A.'s Gedächtniß hat man unter Anderm auch > die vielleicht prachtvollste und zweckmäßigste Schaubühne in Europa, welche 1832 in Petersburg erbaut wurde, Alexagderstheater genannt. Alexander aus Aphrodisias in Karicn, lebte und lehrte zu Ende des 2. und zu Anfänge des 3. Jahrh. n. Ehr. zu Athen und Alexandria. Er war ein so fruchtbarer und geschätzter Ausleger des Aristoteles, daß er vorzugsweise der Ex eg et, seine Schüler i Alcxandreer, später auch Alexandristen genannt wurden. Außer seinen Commenta- ren zu Aristoteles besitzen wir von ihm noch eine Schrift „Über Willensfreiheit und Selbstbe- yimmung", ferner „Fragen aus der Physik" (Ven. 1536), endlich zwei Abhandlungen „Über fl das Schicksal" und „Über die Seele", beide herausgegeben von Orelli (Zürich 1824). In ersterer erklärte er die Lehre der Stoiker vom Fatum als unverträglich mit der Moralität, in letzterer suchte 'er abweichend von Aristoteles darzuthun, daß die Seele, da sie keine besondere Substanz, sondern nur die Form des organischen Körpers sei, auch nicht unsterblich sein könne. Alexander von Hales, Franciscaner aus dem Kloster Hales in der Grafschaft Glocester, studirte zu Oxford und Paris und lehrte an letzterer Universität seit 1222 sshsla- ^ stische Theologie mit entschiedenerer Anwendung Aristotelischer Formen, als es seither geschehen war. Er starb 1245. Wegen seines Scharfsinnes erhielt er den Ehrennamen, lloetoi irretr-iAabilis, d. i. der Unwiderlegbare. An Eifer, den kirchlichen Lehrbegriff philosophisch zu begründen, übertraf er noch den Thomas von Aquino, freilich aber auch an einem oft lächer- ' lichen Klcinigkeitsgeistc. So erörtert und bejaht er z. B. die Frage, ob eine Maus, die eine Hostie benage, den Leib Christi verzehre. Den wichtigsten Dienst hat er der röm. Kirche dadurch geleistet, daß er Erfinder der Lehre von einem Schatze überschüssiger Verdienste Christi und der Heiligen wurde. Sein Hauptwerk, das von seinen Schülern vollendet wurde führt den Titel: „8»mma universue tlleologise" (beste Ausg., 4 Bde., Vened. 1576. Fol.). Alexandersbad liegt unweit des bair. Städtchens Wunsiedel in einer herrlichen Gegend des Fichtelgebirgsplateaus am Fuße der 2862 F. hohen Köffeine. Die in überwiegendem Maße Kohlensäure und Eisen führende Ouelle wurde 1737 von dem Bauer Brod- merkel entdeckt, 1741 ordentlich eingefaßt, 1783'vom Markgraf Alexander von Anspach und Baireuth durch Errichtung eines schönen Curhauses und passender Anlagen förmlich als Bad eingerichtet, seitdem vielfach besucht und erweitert und im I. 1838 durch eine Kalt- ^ Wasserheilanstalt vermehrt. Nicht allein zu den schönsten Anlagen in der Nähe von A., sondern auch zu den romantischsten Partien ganz Deutschlands gehört die Luisenburg mit ihrer reizenden Umgebung. Aus den dunkeln Schatten eines waldigen Bergrückens ragt sie als ein merkwürdiges Felslabyrinth kolossaler durcheinander geworfener und aufeinander gethürmter Granitmassen hervor. Den Namen Luisenburg erhielt sie erst 1805 zum Andenken des Aufenthalts der Königin Luise von Preußen; früher wurde die ganze Felspartic nach den Ruinen einer alten Raubburg Luchs-, Lugs- oder Loosburg benannt. Die neueste Analyse der Quelle lieferte Vogel. Man braucht das Wasser, welches auch versendet wird, l vorzüglich zum Trinken, doch auch zu Bädern, besonders gegen chronische Blennorrhöcn, j passive Blutflüsse und Chlorosis mit dem Charakter des Torpor. Vgl. Lagarde-Messcngc, „<7oup ck'osil sur I'^l. et I-ouisenboiirA" (Münch. 18 > 0). Alexandria, von Türken und Arabern Jskandcrieh oder Skanderieh genannt, 331 v. Chr. von Alexander dem Großen gegründet, lag ursprünglich auf dein nie Alexandria 217 drigcn Landstriche, welcher den See Mareotis vom Mittelmccre trennt, ungefähr eine deutsche Meile westlich von Kanopus. Vor ihm, im Mittelmeere, lag die Insel Pharus, die auf ihrem Nordostcnde den berühmten Leuchtthurm (s. Pharus) trug und, durch einen Damm, das Heptastadium, mit dem Lande verbunden, die beiden Haupthäfen der Sradt bildete; außerdem gab es im See Marcstis einen Sumpfhafen, am Ausflusse des Nilkanals den Hafen Kibotos und zwei kleinere Häfen im nordöstlichen Winkel des östlichen großen Hafens. A., dessen Plan vom Architekten Dinochares entworfen worden, lag in einer Länge von dreiviertcl und mit einem Umfange von drei deutschen Meilen nordöstlich und südöstlich um seine beiden Haupthäfen herum. Es ward von zwei ganz geraden, in der Mitte der Stadt sich in rechten Winkeln durchkreuzenden, 166 F. breiten Hauptstraßen, die ihrer ganzen Länge nach mit Säulengängen geschmückt waren, durchschnitten und war überhaupt ganz regelmäßig gebaut. Der glänzendste Theil der Stadt war das am östlichen Hafen gelegene Stadtviertel Bruchium. Hier lagen die Paläste der Ptolemäer mit dem Museum und der Bibliothek, das Soma oder Sema, die Begräbnißstätte Alexander des Großen und der Ptolemäer, das Posidonium mit dem Timonium und das große Theater; weiter westwärts befanden sich das Emporium und die Schiffslager, auf dem kleinen Landvorsprunge, der nebst dem davon auslaufenden Heptastadium die beiden Häfen trennte, wo in ältern Zeiten das Dorf Rhakotis gestanden hatte, das Serapeum mit einer reichen Bibliothek und das Gymnasium. Im Westen der Stadt lag die große Nekropolis (Todtenstadt) mit ihren Grüften und im Osten die Rennbahn und die Nikopolis. Fast den ganzen unterirdischen Raum der Stadt nahmen die in den Kalksteinfelscn gearbeiteten Cisternen ein, welche auf ein Jahr für die ganze Bevölkerung Wasser enthielten. A. bildete von seiner Gründung an die gricch. Hauptstadt Ägyptens. Seine Bevölkerung, die in der Blütezeit auf 366666 Freie angegeben wird, also mit Sklaven und Fremden auf mehr als das Doppelte anzufchlagen ist, bestand hauptsächlich aus griech. Kolonisten, eigentlichen Ägyptern und Juden, die zeitig dorthin gezogen wurden und bald sich gräcisirten. Nach dem Tode Alexander des Großen fiel A. an die -Ptolemäer, die es zu ihrer Residenz und neben Rom und Antiochia zur prächtigsten Stadt des Alterthums, sowie zum damaligen Hauptsttze gricch. Gelehrsamkeit und Geistesbildung machten, die sich von hier aus über einen großen Theil Asiens und Afrikas verbreitete. (S. Alexandrinische Schule und Alcxandrinische Bibliothek.) Die glückliche Lage der Stadt am Ubcrgangspunkte zwischen Occident und Orient machte es zum Mittelpunkte des Welthandels, der sic aus den höchsten Grad materiellen Reichthums erhob. Den höchsten Glan; hatte A. erreicht, als es 29 v. Ehr. den Römern anheimficl. Von nun an begann sein Fall, der anfangs unmerklich, später aber, in Folge der Wegführung der Kunstwerke nach Rom, der Metzeleien Caracalla's, der Verwüstung des Bruchiums durch Aurelian, der Belagerung und Plünderung durch Diocletian und endlich des Aufblühens Konstantinopels reißend schnell vonstattcn ging, sodaß der Serapistempel im 4. Jahrh. das einzige noch übrige Baudenkmal von Bedeutung war. Der Kampf des cindringendcn Christenthums mit dem Heidenthume gab in A. zu blutigen Kämpfen Veranlassung. Die Erstürmung des Scrapeums, des letzten Sitzes heidnischer Theologie und Gelehrsamkeit, im I. 389 durch die Christen und seine Verwandlung in eine Kirche des heiligen Arkadius machten dem Heidenthume ein Ende. A. ward hierauf der Hauptsitz christlicher Theologie und blieb es bis zur Eroberung durch die Araber im I. 642. Diese und noch mehr die türk. Eroberung im 1.868 vollendete dieZerstörung der Stadt. Zwar erhob sie sich wieder unter den ägypt. Khalifen und blieb das ganze Mittelalter hindurch der wichtigste Stapelplatz zwischen Orient und Occident. Allein die Entdeckung Amerikas und des Wegs um das Cap der guten Hoffnung nach Ostindien zerstörte ihren Handel gänzlich, und die Mamlukcnhcrr- schast und die Eroberung durch die Osmanen vernichteten auch Das, was die Araber wieder gegründet hatten. So kam es dahin, daß A. 1778 nur 5606 E. zählte. Mit der franz. Eroberung am Ende des 18. Jahrh. fing es an sich wieder zu heben, und unter Mehemed- Ali, der einen Theil des Jahres hier residirt, hat cs sich so gehoben, daß es zu den ersten Handelsplätzen des Mittelmeers gehört. Äuch der Verkehr mit Ostindien u. s. w. fängt an, wieder seinen alten Weg über A. zu nehmen. Das gegenwärtige A. liegt nicht aus der Stelle des alten, sondern aus dem durch Anschwemmungen zu einer breiten Landzunge 218 Alexandriner Alexandrinische Bibliothek gewordenen Hcptastadium zwischen den beiden Haupthäfen, die noch vorhanden sind, von denen jedoch der nordöstliche, große, auch der neue genannt, versandet ist. Es wird durch den 1820 beendigten Kanas von Ramanich mit Kairo verbunden, von der Sceseite durch verschiedene Festungswerke verthcidigt und ist auf oriental. Weise schmuzig und schlecht gebaut. Die bessern Gebäude, wie der neue Palast, das Zollhaus, das Marincarsenal, sind sämmtlich Werke des Mehemed Ali. A. zählt gegenwärtig ungefähr 30000 E- (Araber, Türken, Juden, Kopten, Griechen und Franken), ist der Sitz der europ. Konsuln für Ägypten, eines koptischen Patriarchen, der Marine- und Handelsanstaltcn des Pascha, sowie der von ihm gegründeten Marine- und Militairschulen. Von alten Denkmälern vermag das gegenwärtige A. nichts aufzuweisen als die sogenannte Pompejussäule mit einem Schafte von 03 F. Länge aus einem Stücke, von griech. Arbeit, die ursprünglich wahrscheinlich im Serapeum stand, später umgcstürzt und zuletzt von einem Statthalter Diocletian's wicderaufgerichtet und mit der Bildsäule dieses Kaisers geziert ward, die jedoch längst her- abgerissen ist; ferner die sogenannten Nadeln der Kleopatra, zwei Obelisken, von denen der eine halbvcrschüttct darniederliegt, der andere aber, ein Monolith von 60 F. Höhe, noch steht; endlich mehre Grüfte der alten Tvdtenstadt und die meist verschütteten Cisternen. Alexandriner heißen sechsfüßige jambische, in der Regel gereimte Verse, welche als charakteristische Eigenschaft in der Mitte einen Einschnitt haben, z. B. ollsnte ce twros ! gui räxnn sur In I-Vnuc»- , oder Steigt man denn blos zum Ruhm, kann man nicht in ihn sinken? Läßt sich's zur Ewigkeit blos gehn, und nicht auch hinken? Hinauf, hinab, gleich viel; die Nachwelt sieht es doch, Preist Cäsar» auf dem Thron, wie Curtius im Loch. wodurch sie sich von dem wcchselreichen, harmonischen und erhabenen jambischen Trimeter unterscheiden, z. B. Das Recht des Herrschers üb' ich aus zum letzten Mal, Dem Grab zu übergeben diesen theuern Leib, Denn dieses ist der Tobten letzte Herrlichkeit. Den Namen hat jene Versart von einer alten franz. Reimchronik auf Alexander den Großen aus der Mitte des 12. oder dem Anfänge des 13. Jahrh., in welchem diese Versart zuerst gebraucht wurde, oder nach Andern von einem der Verfasser dieses Gedichts, Alexander von Bernay, oder von Paris. Die Franzosen sind für das Epos und das Drama auf diesen Vers beschränkt, der bei ihnen auch der heroische heißt. Die Eintönigkeit desselben wird von ihnen durch den Reim, durch das Blitzspiel der Gegensätze und rhythmisch auch durch die Freiheit gemildert, mit welcher sie Anapästen für Jamben und kürzere jambische Füße einmischen. Die Deutschen hatten, nachdem sie den Hexameter und den jambischen Trimeter für ihre Dichtkunst gewonnen, den Alexandriner völlig verworfen, oder seit Lessing den fünffüßigen Jamben an dessen Stelle gesetzt. Seit Goethe wurde derselbe besonders für das Komische wiederanerkannt und vorzugsweise von Müllner und Contessa glücklich benutzt. Alexandrinische Bibliothek. Dieselbe soll vorzüglich durch die Freigebigkeit der Ptolemäer ausgcstattet worden sein und in -100000 Bänden oderRollcn die gesammte röm., griech., ind. und ägypt. Literatur, von der wir nur noch einzelne Trümmer besitzen, enthalten habe». Der größere Theil war in dem schönsten Theile Alexandrias, im Bruchium, ausgestellt und verbrannte während der Belagerung der Stadt durch Julius Cäsar, wurde aber nachher durch die pcrgamischc Bibliothek, welche Antonius der Kleopatra zum Geschenk machte, wieder ersetzt. Der übrige Theil der Bibliothek befand sich im Serapeum, dem Tempel des Jupiter Scrapis, und erhielt sich bis auf die Zeiten Theodosius des Großen. Als aber dieser alle heidnischen Tempel des röm. Reichs zerstören ließ, ward auch der herrliche Tempel des Jupiter Scrapis nicht verschont. Ein wüthender Haufe fanatischer Christen unter Anführung des Erzbischofs Theophilus stürmte und verheerte ihn. Bei diesem Sturme, sagt man, ward die Bibliothek theils verbrannt, rheils zerstört, und der Geschichtschreiber Orvsius sah nur noch die leeren Schränke. Mithin waren es christliche Barbaren und nicht die Araber unter Omar, wie gewöhnlich angenommen wird, welche den Wissen- Alexaudrimscher Codex Alexandriuische Schule 21V schäften diesen unersetzlichen Verlust zusügten. Vgl. Rirschl, „Die alexandrinischen Bibliotheken" (Berl. >838). Alexaudrimscher Codex heißt die für die Kritik sehr wichtige Handschrift der ganzen heiligen Schrift in griech. Sprache, welche sich im Britischen Museum zu London befindet. Sie ist auf Pergament mit Uncialschrift ohne Spiritus und Accente, aller Wahrscheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte des 6. Zahrh., geschrieben und enthält die ganze griech. Bibel (das Alte Testament nach der Übersetzung der Septuaginta) nebst den Briefen des Clemens Romanus, hat aber im Neuen Testament drei Lücken. Am wichtigsten ist der Text, den sie bietet, für die Kritik der Briefe des Neuen Testaments, da offenbar die Urschrift, welche der Copist bei den Evangelien vor sich hatte, weit schlechter war. Diese berühmte Handschrift gehörte schon seit 1698 zu dem Bücherschatze des Patriarchen von Alexandria. Der Patriarch zu Konstantinopel, Cyrillus Lucaris, welcher dieselbe.1628 dem Könige Karl I. von England als Geschenk übersendete, versicherte, selbige aus Ägypten erhalten zu haben, und daß sie daselbst wirklich geschrieben worden sei, ergibt sich auch aus andern innern und äußern Merkmalen. Grabe legte sie bei seiner Ausgabe der Septuaginta (4 Bde., Oxf. 1707—26, Fol.) zum Grunde. Einen vollständigen und diplomatisch treuen Abdruck des Neuen Testaments lieferte Woide (Lond. 1786, Fol.); ein Gleiches in Hinsicht des Alten Testaments hat Baker (Lond. 1816—18, Fol.) begonnen. Alexaudrimscher Dialekt heißt derjenige Dialekt der griech. Sprache, der vorzugsweise zu Alexandria, nachdem dort griech. Cultur und Wissenschaft verbreitet worden war, in der Umgangs- und Schriftsprache sich nach und nach ausbildete und von dem ältern attischen namentlich durch Beimischung von macedonisch-dorischen Formen und Ausdrücken sich unterschied. Vgl. Sturz, „De ckialscto mscetlnnica et alexumlrina" (Lpz. 1808 ). Alexandrinischer Krieg heißt der Krieg, in welchen Cäsar im Oct. 38 v. Chr. bald nach der Schlacht bei Pharsalus verwickelt ward, als er bei der Verfolgung des flüchtigen Pompejus nach Älexandria kam und durch seine Entscheidung der Erbstreitigkeiten zwischen den König Ptolemäus Dionysus und seiner Schwester Kleopatra zu Gunsten der Letzter», die Empörung der Ägypter veranlaßte, die durch Pothinus und Achillas, die Führer der Partei des Ptolemäus, zum Ausbruche kam. Cäsar, det nur 3600 Mann bei sich hatte, wurde in einem Stadttheile Alexandrias von den Bürgern und einem Heere von 20600 Mann, das erst Achillas und nach dessen Tode Ganymedes befehligte, belagert, auf das äußerste bedrängt und konnte bei dem Versuche, sich der Insel Pharos zu bemächtigen, kaum sein Leben retten. Erst im März 37, als es dem Pergamener Mithridates gelungen war, ihm Hülfs- völker aus Asien zuzuführen, gelang es ihm, der Gefahr Meister zu werden. Der König Ptolemäus blieb in der Schlacht, Alexandria ergab sich, und Kleopatra, die Cäsar's Liebe gewonnen hatte, ward mit ihrem jünger» Bruder Ptolemäus in die Herrschaft eingesetzt. Die Geschichte des afrik. Krieges, die den Commentaricn des Cäsar angchängt ist, hat ver- muthlich den Legaten desselben, A. Hirrius, zum Verfasser. Alexandrinische Schule. Als die schöne Blüte der griech. Dichtkunst, welche die Milde des Himmels hervorgerufen hatte, dahingewelkt war, suchte man durch Kunst zu ersetzen , was die Natur nicht mehr freiwillig darbot. Alexandria in Ägypten, schon durch seine günstige Lage zum Sitz der Cultur bestimmt, ward von den kunstliebenden Ptolemäern zum Sitze der Gelehrsamkeit gemacht; von hier aus ging jetzt eine ganz neue, gelehrte Richtung in Poesie und Wissenschaft, und es erhielt deshalb dieses Zeitalter der Künste und Wissenschaften den Namen des alexandrinischen. Es läßt sich dasselbe in zwei Hauptperioden scheiden, von denen die erstere, die Dynastie der Ptolemäer umfassend, von 323 — 30 v. Chr., die letztere von 30 v. Chr. — 636 n. Chr. oder vom Untergange der Ptole- mäischcn Dynastie bis zum Einfall der Araber sich erstreckt. Der erste unter den griech. Fürsten, der in Alexandria griech. Wissenschaft und Bildung Eingang zu verschaffen suchte, war Ptolemäus Soter, der viele Gelehrte dahin zog. Weit mehr noch förderte diese Studien sein Nachfolger Ptolemäus Philadelphus, der nicht nur jene berühmte Bibliothek aulegte, sondern auch das schon von seinem Vorgänger gegründete Museum erweiterte. Der alexandrinischen Schule gehörten Ägypter, Griechen, Juden und später auch Römer an. Die größte Bedeutung erlangten die Grammatiker und Dichter. Jene waren nicht 220 Alexattdrinische Schule bloße Sprachlehrer oder Sprachforscher, sondern Philologen und Literatoren, die cbensowol Sachen als Worte erklärten, also eine Art Encyklopädisten; so Zenodotus der Ephcsier, der die erste grammatische Schule zu Alexandria bildete, Eratosthenes, dcrCyrener, Aristo- phanes von Byzanz, Aristarch von Samothrake, Kratcs von Mallus, Dionysius der Thrazier, Apollonius der Sophist und Zoilus. Ihr Verdienst ist, mit vereinter Kraft die vorhandenen Denkmäler der Cultur und Literatur gesammelt, geprüft, beurtheilt und für die folgenden Geschlechter aufbcwahrt zu baben. Die berühmtesten unter den Dichter» waren Apollonius der Rhodier, Lykophron, Arakus, Nikander, Euphorien, Kallimachus, Theo- krit, Philctas, Phanoklcs, Timon der Phliasicr, Skymnos, Dionysius und die sieben Tragiker, welche man das alexandrinischc Siebengestirn (Plcjaden) nannte. Das alexandrinische Zeitalter hat einen von dem frühern durchaus verschiedenen Geist und Charakter. Bei der Aufmerksamkeit, welche man dem Studium der Sprache widmete, war es natürlich, das; Richtigkeit, Reinheit und Zierlichkeit derselben zum besonder» Augenmerk gemacht wurden, und wirklich zeichnen sich in diesen Eigenschaften mehre Alexandriner vortheilhaft aus. Was aber kein Studium gibt und was durch keine Mühe errungen wird der Geist, welcher die frühere Poesie der Griechen beseelte, mangelte den meisten dieser Werke. An dessen Stelle trat größere Kunst in der Composition; Kritik sollte leisten, was vorher das Genie geleistet hatte. Aber nur in Einigen regte sich der Genius, und diese ragen darum auch groß für ihre Zeit hervor. Die Andern leisteten, was sich durch Kritik und Studium leisten läßt; ihre vielleicht fehlerfreien Werke sind nüchtern, ohne Seele und Leben. Denkt man sich nun eine Dichtcrschule, deren Vorbilder solche Meister waren, so begreift es sich leicht, daß die Schüler noch nüchterner und mühsamer dichten^mußten. Den Mangel der Eigenthümlichkeit fühlend, den Werth derselben aber erkennend und darnach ringend, kamen sie um so schneller zu dem Punkte, wo alle Poesie erstarrt. Ihre Kritik artete in Krittelei, ihre Kunst in Künstelei aus. Man haschte nach dem Seltsamen, Neuen und suchte durch Gelehrsamkeit aufzuputzen. Daher sind die Alexandriner, meist Dichter und Grammatiker tuglcich, dem größer» Theile nach steife, genielose und mühselige Verskünstler, wie die Meistersänger am Ende des 16. Jahrh. Aber nicht blos in Hinsicht der Dichter redet man von einer alexandrinischen Schule, sondern auch in Hinsicht der Philosophen, welche in das alexandrinische Zeitalter gehörten und in Alexandria lebten, wiewot jener Ausdruck nicht allzu streng zu nehmen ist. Das Charakteristische ist dieses, daß sich in Alexandria oriental, und occidental. Philosophie berührten, und daß hier im Ganzen ein Bestreben nach Vereinigung widerstreitender Philoso- pheme herrschend ward, weshalb man die alexandrinische« Philosophen, die jenem Triebe des Sammelns und Vereinigens folgten, auch oft eklektische Philosophen oder Synkretisten genannt hat. Jndeß gilt dieser Titel doch nicht von allen, und cs traten hier auch den Dogmatikern gegenüber Skeptiker auf. Am berühmtesten aber wurden die alexandrinische» Neuplatoniker (s. d.), welche den skeptischen Weg der neuern Akademie aufgebend, Platon mit den oriental. Ansichten in engere Verbindung zu setzen suchten. Oriental. Theosophie mit griech. Dialektik verbindend, gewann ihre Philosophie bedeutenden Einfluß auf die Art, wie das Christenthum in Ägypten aufgefaßt und gelehrt wurde. Einige der vorzüglichsten gnostischen Systeme waren zu Alexandria ausgebildct worden (s. Gn osis), die angesehensten Lehrer an der daselbst entstandenen und blühenden christlichcn Kate ch eten- sch ule ss. d.) hatten den Geist dieser Philosophie cingesogen, die heftigsten Ncugionsstrei- tigkeiten bewegten die alexandrinische Kirche, bis von ihr im Kampfe mit dem Arianismus durch Athanasius das Princip der Stabilität orthodoxer Glaubcnsbestimmungen ausging. Vorzüglich zeichnete sich die alexandrinische Schule durch die Cultur der mathematischen Wissenschaften aus; sie schlug zuerst den wahren Weg ein, die Naturwissenschaften zu heben. Gegen vier Jahrhunderte erhielt sie sich auf einer Höhe, die sic zum Mittelpunkte der Gelehrsamkeit der damals bekannten Welt machte, und ihr Name erlosch erst volle tausend Jahre nach ihrer Entstehung. Die Astronomen dibser Schule unterschieden sich gleich anfangs sehr vortheilhaft von allen ihren Vorgängern dadurch, daß sie alle eitel» hyperphysischen Spekulationen bei Seite stellten und sich ganz den eigentlichen Beobachtungen Hingaben. Als solche zeichneten sich aus im 6. Jahrh. v. Chr. Aristill und Timocharis, dann Är- cdimedes, Eratosthenes, Aristarch von Samos,Ptolemäus u. A. Vgl. Manso, „Vermischte Alrxculdrinische Übersetzung Alsieri 221 l s Schriften" (Bd. I, Lp;. 1801) und Matter, „lrssai kistorique SM I'äc»Ie ll'Kloxunclrie" (2 Bde., Par. 1820).' „ Alexandrinische Übersetzung, s Septuaginta. Alexei Petrowitsch , der älteste Sohn Peter des Großen und der Eudoxia La- puchin, geb. ;u Moskau am >8. Febr. 1690, zeigte sich den Neuerungen seines Vaters so abgeneigt, daß dieser beschloß, ihn von der Thronfolge auszuschließen. A. stellte sich auch ganz zufrieden damit, leistete willig aus die Krone Verzicht und erklärte, daß er Mönch werden wolle. Nachdem aber Peter der Große seine zweite Reise ins nördliche Europa angetreten, entfloh er 1717 unter dem Vorwände, seinem Vater nachzureisen, der ihn zu sich be- schieden habe, nach Wien und von da nach Neapel. Auf des Vaters Befehl und überredet durch den Gardehauptmann Rumjanzow und den Geheimrath Tolstoi, die deshalb an den wiener Hof geschickt worden waren, kehrte er zwar zurück, allein der erzürnte Kaiser betrachtete jenen Schritt als ein Majestätsvcrbrcchen, enterbte den Sohn durch den Utas vom 2. Febr. 1718, und da bei näherer Untersuchung dessen geheimer Plan, dennoch die Thronfolge zu erlangen, entdeckt wurde, so ließ er nicht nur alle Theilnehmer desselben hinrichten oder sonst strafen, sondern auch A. zum Tode verurtheilen und ihm das von 14-1 Richtern einstimmig gesprochene Todesurtheil vorlesen. Obgleich dem Unglücklichen bald nachher die Begnadigung angekündigt wurde, so hatte doch die erlittene Angst und Gemüthsbewegung so üble Folgen, daß er schon wenige Tage darauf, am 7. Juli (26. Juni) 1718, starb. Nach Andern soll er unter hauptsächlicher Mitwirkung des Generals Adam Weid, eines Deutschen, im Gefängnisse enthauptet worden sein. Um jeden Schein der Ungerechtigkeit zu vermeiden, ließ Peter der Große die Acten des Processes veröffentlichen. Von seiner Gemahlin, Charlotte Christine Sophie, Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, die von ihm sehe viel zu erdulden hatte und schon 1715 starb, hinterlicß er eine Tochter, gest. 1728, und einen Sohn, den nachmaligen Kaiser Peter II. Alexianer, s. Lollharden. Alexipharmäka nannten die ältern Arzte diejenigen Gegengifte, welche durch Verstärkung der Ausleerungen das im Körper, namentlich im Blute befindliche Gift entfernten; später gebrauchte man das Wort überhaupt für jedes Gegengift. Alexisbad, einer der reichhaltigsten Eisenbrunnen Deutschlands, im reizenden Thale der Selke im anhalt-bernburg. Anthcile des Harzes, wurde 1810 auf Kosten des Herzogs Alerius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg als Bad eingerichtet. Die Umgebung ist zu den schönsten Anlagen benutzt, und die nahen Ausflüchte nach der Nictorshöhe (Ram- berg), der Roßtrappe, Stubenbcrg, nach Ballenstedt, dem Falkcnstcin, Mägdesprung, Harz- gerode und der Josephshöhe (Auerberg bei Stolberg) erhöhen den Reiz des zur Heilung wie zum Vergnügen vielfach besuchten Bades. Der drei Viertelstunden von A. gelegene Mägde sp r u » g gehört zu den bedeutendsten Hüttenwerken des Harzes und ist außer seinen herrlichen Umgebungen berühmt durch einen 58 F. 6 Zoll hohen Gußeisenobelisk, welcher am 3. Aug. 1812 zu Ehren des Gründers der Eisenwerke, des 1796 verstorbenen Fürsten Friedrich Alberr, errichtet wurde. Zwei fußähnliche Eindrücke in einem Felsen haben einer jener Volkssagen des Harzes den Stoff und dadurch dem Eisenwerke den Namen gegeben. Das Wasser in A. wird selten getrunken, sondern meist nur zum Baden benutzt, und im letztern Falle sehr zweckmäßig mit der Soole des drei Stunden entfernten Beringerbades bei Sude- rode vermischt, wodurch es besonders gegen Skrofeln und Nhachitis wirksam'wird. Man unterscheidet den Selkcbrunncn, den Alexisbrunnen und den drei Viertelstunden entfernten Ernabrunnen. Die erste Analyse des Wassers lieferte Gräfe in der Schrift „Über die sali- uische Eisenquelle im Sclrcnthale am Harze" (Lpz. 1809). Vgl. Gottschalk und Cuttze, „Das Alcxisbad" (Halle 1819). Alexius Komnenus, s. Komnenen. Alfieri (Vittorio, Graf), geb. zu Asti in Piemont am 17. Jan. 1719 von reichen und vornehmen Ältern, genoß im väterlichen Hause eine sehr mangelhafte Erziehung, wie sic damals unter den höher» Ständen gewöhnlich war. Die turiucr Akademie verließ er ebenso ungebildet, als er sie bezogen hatte, um sich bei einem Provinzialregimente anstelle» zu lassen. Die Begierde, fremde Länder zu sehen, führte ihn in rascher Wanderung durch 222 Alfkeri Italien, Frankreich, England und Holland, spater durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Rußland und wieder nach London, wo er die Zeit in verliebter Thorhcit verbrachte, dann abermals Holland und Frankreich, Spanien und Portugal durchflog, und endlich 1772 durch Spanien und Frankreich nach Turin zurückcilte. Hierauf trat er aus dem Militärdienste und lebte in Unthätigkeit, bis ihn der mühsam errungene Sieg über eine seiner unwürdige Liebe den Wissenschaften zuführte. Sein erster dramatischer Versuch wurde mit Beifall ausgenommen; entschlossen, Alles aufzubieten, um als dramatischer Dichter einen Ruf zu gewinnen, trat ihm seine Unwissenheit klar vor die Augen. Im reifen Alter begann er die Elemente der lat. Sprache und den reinen toscan. Dialekt zu erlernen, weshalb er nach Toscana ging. Auf der Reise dahin lernte er die Gräfin von Albany (s. d.) kennen, an die ihn bald die.cdelste Liebe kettete. Ihrer wollte er sich würdig machen. Mit rastlosem Eifer rang er von nun an nach dem dichterischen Lorber. Um völlig frei und unabhängig auf der betretenen Bahn fortgehen zu können, zerbrach er auch die letzten Bande, die ihn an sein Vaterland knüpften, und schenkte zu dem Ende sein ganzes Vermögen gegen eine mäßige Rente seiner Schwester. Jetzt lebte er abwechselnd in Floren; und in Rom. Die widerwärtigen Schicksale seiner Freundin störten indeß oft seine Ruhe, bis der Tod ihres Gemahls denselben ein Ende »nachte. Beide lebten von nun an in dem innigsten und unzertrennlichsten Verhältnisse, abwechselnd im Elsaß und in Paris, wo A. sich unablässig mit der Dichtkunst und der Ausfeilung und Herausgabe seiner Werke beschäftigte. Beim Ausbruche der Revolution ging er nach England ; das Fallen der Assignaten veranlaßte ihn zwar, wieder nach Paris zurückzukehren, doch schon im Aug. 1792 nahm er aufs nerse die Flucht. Seitdem lebte er mit seiner Freundin in Florenz. Er war eifrigst bemüht, die griech. Sprache zu erlernen, als er am 8 . Oct. 1803 starb. In der Kreuzkirche zu Florenz, wo Michel Angelds Grabmal den in ihm schlummernden Geist einst so plötzlich und »nächtig geweckt Hane, daß er unter heißen Thränen den Stein mit seinen Armen umschloß, zwischen diesem Marmorgrabe und dem des Maechiavelli deckt seine Asche ein schönes Denkmal von Canovg.^ A. hat sich als dramatischer Dichter in drei verschiedenen Gattungen versucht; »vir besitzen von ihm 21 Tragödien, 6 Komödien und eine sogenannte Tramclvgödie. Alle seine Werke in dieser Gattung verrathen jedoch Mangel an frischer Productivität und jene Hartnäckigkeit, mit welcher A. sich und der Kunst Gewalt anthat. Er hatte es sich vorgesetzt, »vie er selbst in seinem Leben erzählt, keine Dichter zu lesen, um die Keuschheit seiner Muse sich zu bewahren. Er war mehr politisch als poetisch begeistert; Freiheitssinn wollte er den erschlaff len Gemüthern einhauchen und sah das Theater als eine Schule an, in welcher das Volk lernen sollte, „frei, stark und edel" zu sein. Den Charakter dieser Freiheitstrunkcnheit, in welcher erlebte, bezeichnet Goethe treffend, indem er sagt: ,jA.'s Stücke erklären sich durch sein Leben. Er peinigt Leser und Hörer, wie er sich als Autor peinigte. Seine Natur war stockaristokratisch. Er haßte die Tyrannen, »veil er in sich selbst eine Tyrannenader fühlte. Eben diese seine innere Adels- und Hofnatur tritt zum Schluffe recht lustig hervor, da er sich selber für seine Verdienste nicht besser zu belohnen weiß, als daß er sich einen Orden verfertigen läßt" (den Homcrsorden). A. wollte nur mit den einfachsten Mitteln wirken. Er entsagte allem Schmuck, indem er durch männlichen Ernst gefallen wollte. Seine Tragödien sind kalt und starr, die Anlage bis zur Dürftigkeit einfach, der Vers hart und ungefällig; die Sprache entbehrt durchaus jenes zauberischen Farbenglanzes, wodurch allein der Dichter das innerste Gemüth aufregt. Dennoch ist A.'s Verdienst um die itul. Tragödie außerordentlich groß und von seinern Volke mit Recht, wenn auch eine Zeit lang unmäßig, gepriesen worden. Es gelang ihm, den herrschenden weichlichen Geschmack und die Pedanterie einer Classicität nach attischen Mustern zu verdrängen. Seine Kraft und Einfachheit suchten die folgenden Dichter nachzuahmen. Auch in der Komödie hat er eine durchaus ernste, meist politische Richtung; die Erfindung ist leer, die Verwickelung ohne alles Interesse; die Charaktere sind, wie in der Tragödie, nur allgemeine Umrisse, ohne Individualität; so stehen die Komödien noch »veit unter den Tragödien. Das gelungenste unter allen seinen dramatischen Werken scheint „Abel" zu sein, das er, um ihin einen seiner Seltsamkeit angemessenen seltsamen Namen zu geben, eine Tramelogödie nannte. A., der zuerst diese Zivittcr- gattung zwischen der Tragödie und der Oper erfand, hatte sich vorgenommcn, sechs Stücke 223 Alfons III. Alfons X. in derselben zu liefern. Außer diesen dramatischen Originalwerken besitzen wir von ihm ein episches Gedicht in vier Gesängen, mehre lyrische Gedichte, 16 Satiren und poetische Übersetzungen von Terenz, Virgil und einigen Stücken des Äschylus, Sophokles, Euripides und Aristophancs. Nach seinem Tode erschienen der „UisogAlln", ein Denkmal seines Franzosenhasses, seine sämmtlichen Werke (37 Bde., Padua und Brescia 180S—16) und seine Selbstbiographie (deutsch von Hain, 2 Bde., Lpz. 1812), die uns die ganze Eigcnthüm- lichkeit dieses Mannes vor Augen legt. Alfons III. oder der Große, König von Leon, Asturien und Galicien, gcb. 838, folgte 866, nach Andern 862, seinem Vater Ordono I. in der Regierung, konnte aber erst nach Ermordung seines Mitbewerbers Froila's, Grafen von Galicien, in Besitz der Krone gelangen. Nachdem er den mächtigen Adel seines Reichs, der mit Eifersucht die königliche Würde in einer Familie erblich werden sah, mit Gewalt unterworfen hatte, richtete er seine Waffen gegen die äußern Feinde des Reichs und verherrlichte seine Regierung durch mehr als 3» Feldzüge und zahlreiche über die Mauren erfochtene Siege. Er setzte über den Douro, brach Coimbras Mauern, drang bis an den Tajo und in Estremadura vor, vergrößerte seine Staaten mit einem Theile Portugals und Altcastiliens und bevölkerte aufs neue das verheerte Burgos. Doch die Kriege veranlaßten große Ausgaben und folglich großen Druck des Volks, das durch A.'s Großthaten nicht zufriedener wurde. Im I. 888 hatte er sogar den Schmerz, seinen eigenen Sohn Garcias an der Spitze der Aufrührer zu sehen, um unter dem Scheine des gemeinen Wohls die Krone an sich zu reißen. A. besiegte zwar denselben, nahm ihn gefangen und hielt ihn in strenger Haft. Doch sehr bald erregte die leidenschaftliche Mutter zu Gunsten des Sohnes, unterstützt von mehren Großen des Reichs, eine neue, mächtige Verschwörung gegen den Gatten, für die sie auch die beiden andern Söhne gewann. Ein blutiger Krieg zerrüttete nun das Reich, bis A., von seinen eigenen Söhnen besiegt, der Krone entsagte und sie auf das Haupt Garcias' setzte. Um dem Vaterlande zu nützen, zog er hierauf, als seines eigenen Sohnes Feldherr, gegen die Mauren, wodurch allein er sich den Beinamen des Großen verdient hätte. Als er siegreich und mit Beute beladen aus diesem Kampfe zurückkehrte, starb er zu Zamora 910. Alfons X., genannt der Astronom, der Philosoph oder der Weise (ei 8ul>io), König von Leon und Castilicn, geb. 1221, folgte seinem Vater Ferdinand, der im I. 1671 heilig gesprochen wurde, 1252 auf dem Throne. Früh schon hatte er, namentlich bei der Eroberung von Sevilla 1238, Beweise seines Muthes gegeben. Seine Liebe für die Wissenschaften und das Recht gaben Hoffnung auf eine glückliche Regierung; aber diese Erwartung ward sehr getäuscht. Statt auf die Vertreibung der Mauren und die Zähmung des Adels bedacht zu sein, verschwendete er die Kräfte des Landes, um sich 1257 von einem Theile der deutschen Fürsten zum Kaiser erwählen zu lassen. Allein seine Bemühungen, gegen Rudolf von Habsburg aufzukommen, waren vergeblich, und Papst Gregor X. weigerte sich ebenso sehr ihm die Kaiserkrone als Schwaben zuzuerkennen, auf das er von Seiten seiner Mutter Beatrix, einer Tochter Philipp's I., Herzogs von Schwaben, Ansprüche hatte. Gleichzeitig sah er bald nachher seinen Thron von den heimlichen Anschlägen der Großen und den Waffen der Mauren bedroht. Letztere schlug er in einem blutigen Treffen im I. 1263, entriß ihnen ikcres, Medina-Sidonia, San-Lucar und einen Theil Algarbiens und vereinigte Murcia mit Castilien. Dem Aufstande im Innern seines Reichs, an dessen Spitze 1271 sein eigener Sohn, Philipp, sich stellte, vermochte er erst nach dreijährigem Bürgerkriege ein Ende zu machen. In der Milde, mit der er den Aufrührern verzieh, sah man nur den Beweis seiner Schwäche, und da er später mit Strenge gegen seine Familie zu verfahren beschloß, empörte sich aufs neue sein Sohn Sancho und raubte ihm 1282 die Krone. Hülfe bei den Mauren suchend, starb er, nach vergeblichen Anstrengungen zur Wiedererlangung des Throns, unausgesöhnt mit seinem Sohne, zu Sevilla am 3. Apr. 1283. A. war der unterrichtetste Fürst seines Jahrhunderts; bleibenden Ruhm erwarb er sich durch Vollendung der von Ferdinand 111. begonnenen Gesetzsammlung ,,.l.e^ns <1e Ins pur- welche 1501 als allgemeines Landrecht bestätigt ward. Darinnen finden sich die für jene Zeit gewiß merkwürdigen Worte: „Der Despot reißt den Baum aus, der weise Herrscher beschneidet nur die Auswüchse." Er war es, der die Verordnung gab, daß bei --24 ÄlforL Alfred allen öffentlichen Angelegenheiten des Landes Berather zugczogen werden mußten. Vor ihm sind noch vorhanden mehre größere Gedichte, ein chemisches und ein philosophisches Werk; auch legt man ihm eine Kirchengeschichtc und eine Geschichte der Krcuzzüge bei. Er ließ die erste allgemeine Geschichte Spaniens abfasscn und die Bibel ins Spanische übersetzen. Viel trug er ;ur Wiederbelebung der Wissenschaften bei und vermehrte zu dem Zwecke auch die Gerechtsame und Lehrstellen der Universität zu Salamanca. Ein vorzügliches Verdienst wollte sich A. um die Sternkunde dadurch erwerben, daß er die Ptolemäischen Plane- lentafcln, deren Abweichung von den Beobachtungen man schon seit längerer Zeit erkannte, zu verbessern suchte, für welchen Zweck er 1240 über 50 der berühmtesten Astronomen seiner Zeit nach Toledo berief. Diese Tafeln, noch jetzt unter der Benennung der Alfons! nischen Tafeln bekannt, wurden >252 vollendet, kostetetcn aber auch die für jene Zeit unerhört? Summe von 40000 Dukaten. Die Beobachtungen wurden durch sie nicht genauer als durch die frühcrn Tafeln, da sic auf dieselbe ganz unzulässige Hypothese der Ep i cykel (s. d.) gebaut waren, welche schon Ptolemäus als Gerüst zu seinem Gebäude gebraucht hatte. Aus einer für einen Regenten zu weit getriebenen Liebe zu den Wissenschaften vernachlässigte A. die Geschäfte der Regierung und verlor in Folge dieses die Krone. Ihm entschlüpfte, wie der Geschichtschreiber Mariana sagte, die Erde, während er den Himmel festhalten wollte. Er war weder von seiner Familie noch von seinen Unterthanen und den benachbarten Fürsten geliebt; dagegen hatte seine Gelehrsamkeit ihm einen solchen Ruf erworben, daß mehre deutsche Fürsten seine Bewerbungen um die Kaiserkrone unterstützten. Seine „Opusculos logul^s" wurden von der Königlichen Akademie der Geschichte herausgegeben (Madr. >856, 4.). Alfort, Schloß im Departement der Seine, zwei Stunden von Paris, bekannt durch die 1767 für die Thierarzneikundc und für die Landwirthschaft nach Bourgelot's Plan angelegte Schule mit einem botanischen Garten und reicher Naturaliensammlung, zootomischem Theater, Bibliothek, einem Cabinet der vergleichenden Anatomie und der Pathologie. Noch finden sich hier außer andern landwirthschaftlichen Anstalten eine Merinos- und eine Ka schemirziegenhecrde. Alfred, König von England, der Sohn des Königs Athelwolf und der Enkel Egbert's, der die einzelnen angelsächs. Reiche vereinigt hatte, wurde nach dem Tode seines altern Bruders Athelred 871 von dem Volke zum Herrscher erhoben, das in dem 22jährigcn Jünglinge die geistige Kraft und den Muth erkannte, welche das bedrängte Vaterland in dem Kampfe mit dek räuberischen Normäuneru oder Dänen brauchte, die nach vielen verheerenden Angriffen endlich in Nordengland feste Ansiedelungen gegründet hatten. Schon früher war er im Kampfe gegen die Fremdlinge des Krieges kundig, geworden; zum Throne gelangt, verdoppelte er seine Anstrengungen, die Unabhängigkeit des Landes zu retten, doch anfänglich ohne glücklichen Erfolg, da die Dänen immer neue Scharen auf die Küste warfen, und die Angelsachsen unter das fremde Joch sich beugten oder die Heimat verließen. Endlich mußte auch er verkleidet flüchten und lebte einige Zeit in der Hütte eines Hirten, worauf er, als das Volk wieder gegen die Dänen sich rüstete, in einem einsamen Moor eine Burg anlegte, wohin er seine Getreuen berief. Die spätere Sage hat die kriegerischen Abenteuer A.'s man- nichfaltig ausgeschmückt; so erzählt sie auch, wie er, als die Seinen sich gesammelt hatten, in Harfnertracht ins Lager der Feinde gegangen und ihre Stellung erforscht, ehe er an die Spitze des Heers getreten. Nachdem er sich die Dänen unterworfen, gestattete er ihnen zwar, ihre Ansiedelungen zu behalten, doch mußten sic ihn als König anerkennen und das Christenthum annehmen. Dann war er bedacht, das verödete Land wiederzuerheben und gegen künftige Angriffe zu schützen. Er legte Festungen an und übte das Volk in den Waffen, während er zu gleicher Zeit den Ackerbau ermunterte. Der Verwilderung des Volks steuerte er durch Gesetze und Sorge für den Unterricht, und strenge Gerechtigkeit übend gegen Engländer und Dänen, war er ein unerbittlicher Richter, doch nie grausam. Die spätere Zeit hat ihm, der, ein Mann, hoch erhaben über seine Zeit, in der dunkeln Geschichte des Landes hervorglänzt, manche wohlthätige Einrichtung beigelegt, die entweder nur ihre Anränge ihm verdankte und erst später sich entwickelte, oder, was noch häufiger stattfindcl, die bereits von älterer Zeit her ihrem Grunde nach bei den Angelsachsen bestand und durch ihn nur erneuert, befestigt und weiter ausgcbildct ward. So ist cs auch nur eine zuerst im >4- > s Algarbien Akgarotti 225 Jahrh. entstandene Sage, daß A. eine Schule in Oxford gestiftet oder gar den Grund zur Universität gelegt habe. Er war jedoch ein eifriger Freund und Beförderer wissenschaftlicher Bildung; in seiner früher» Erziehung vernachlässigt, war er im reifer« Alter bemüht, sich Kenntnisse zu erwerben. Auch ging er mit seinem Beispiele voran, indem er mehre Schriften aus dem Lateinischen, das er selbst erst im 36. Jahre gelernt, in das Angelsächsische übertragen ließ oder selbst übersetzte, wie des Boethius Werk „De consolstions piiilosopbise" und die Geschichte des Orosius, welcher er Anmerkungen über verschiedene Reisen in die Nordsee und das Baltische Meer und eine freilich sehr mangelhafte Beschreibung der slawischen Länder hinzufügte. Er veranstaltete selbst Entdeckungsreisen durch die Normänner Other, der von Norwegen aus das Weiße Meer besuchte, und Wulfstan, der von Schleswig bis in den Finnischen Meerbusen fuhr. Um solche Unternehmungen zu fördern, besonders aber zum Schutze gegen die Normänner, welche Englands Küsten beunruhigten, verstärkte er seine Seemacht und baute Galeeren von 6V Rudern statt der frühern kleinern Fahrzeuge. Er starb am 28. Oct. 901. Die wichtigste Quelle für die Geschichte seines Lebens ist die durch Einfachheit der Darstellung anziehende „Vita ^ilrecli", welche sein Freund Asser aus Wales, später Bischof von Sherburn, geschrieben (am besten herausgegeben von Wise, Oxf. 1722). Vgl. Briknell, „I-ike «5 streck" (Lond. 1777)-, Sharon Turner, „Ulistor^ ok tI,L Vnglo-Saxons" und Slolberg, „Leben A. des Großen" (Münst. 1815). Beiweitem die sorgfältigsten und besten Untersuchungen aber über A. finden sich in dem ersten Theile von Lappenberg's „Geschichte von England" (Hamb. 1834). - Algarbien oder Algarve, die kleinste und südlichste Provinz Portugals von 130 UM. mit 127600 E-, liegt zwischen Alentejo, Spanien und dem Atlantischen Meere. An der Nordgrenze erhebt sich das algarb. Gebirge unter den Namen der Sierra-de-Caldeirao und Sierra-Monchique, welche mit dem Cap St.-Vincent, als dem südwestlichsten Punkte Europas, in das Meer taucht, zu einer Mittlern Höhe von fast 4000 F. Der kahle, fast vegetationslose Hauptkamm des spärlich angebauten Gebirgs fällt südwärts in vielfach zerrissenen Terrassen und Vorbergen, darunter der Mont-Figo (1876 F. hoch) zu einer wenige Meilen breiten Küstenebene ab, deren Boden nicht fruchtbar genug ist, um den Getreidebau besonders zu begünstigen, wo aber die schönsten Südfrüchte, selbst Pisang und Datteln, Wein in trefflicher Güte und die Aloe und Zwergpalme ein afrik. Klima verkünden, dessen versengende Hitze die frischen Seewinde mildern. Der einzige Fluß von Bedeutung ist die Guadiana an der span. Grenze. Hauptnahrungszweige der Bewohner bilden Fischerei, besonders auf Thunfische und Sardellen, Gewinnung des Baisalzes und die Cultur der Südfrüchte.. Der Algarbier gilt in Portugal für den besten Seemann und den treuesten Freund. Die Hauptstädte sind Lagos, Albufeira, Faro und Tavira, in deren Häfen ziemlich bedeutender Handel betrieben wird. A. hatte im Alterthume eine größere Ausdehnung; es reichte an den span. Küsten bis nach Almeria und griff auf Afrika über; seinen Namen erhielt cs von den Arabern, in deren Sprache eS ein gegen Abend belegenes Land bedeutet. Um das 1.1212 eroberte Sancho 1. in der damals maurischen Provinz A. die feste Stadt Silo es und nahm darauf den Titel eines Königs von A. an. Alfons M. vereinigte um 1253 das Land als ein besonderes Königreich mit der Krone Portugals. Algardi (Alcssandro), Bildhauer, geb. zu Bologna 1602 , gest. 1654, ist neben Lor. Bernini der berühmteste ital. Bildhauer des 17. Jahrh. und durch eine gründliche Behandlung des Nackten allerdings ausgezeichnet; doch krankt auch er an denjenigen Übeln, welche der ital. Sculptur der genannten Periode eigen sind, an einem absichtlichen Streben nach Pathos und zugleich nach jener malerischen Wirkung, welche den Gesetzen der Plastik zuwider ist. Der Hauptplah seiner Thätigkeit war Rom, wo er zahlreiche Gönner und Aufträge fand. Als sein bedeutendstes Werk gilt das kolossale Relief des Attila in der PeterS- kirche. Eine von ihm gearbeitete Statue des Schlafgottes von Nero antico in der Villa Borghese hat öfters als eine Antike gegolten. Algarotti (Francesco, Graf), ein ital. Schriftsteller, der das Studium der ernster» Wissenschaften mit der Ausübung der Künste verband, geb. zu Venedig am 11. Dec. 1712, studirte zu Rom, Venedig und Bologna mit Vorliebe Physik und Anatomie und wandte. Cvnv.-Lex. Neunte Ausl. I. 15 226 Algebra vertraut mir der lat. und griech. Sprache, großen Fleiß auf die toscan. Mund- und Schreibart. Nachdem er Frankreich, England, Rußland, Deutschland, die Schweiz und alle bedeu- ^ tcnden Städte Italiens besucht hatte, verlebte er die letzten zehn Jahre seines Lebens in seinem Batcrlande. Als 2ljährigcr Jüngling schrieb er zu Paris den größten Theil seines „^eutoiüsnismo per >e tlvmie" (1737) und legte dadurch den Grund zu seinem Ruhm. Bis 1739 war er abwechselnd bald in Paris, bald in Circy bei der Marquise du Chätelet, bald in London; dann machte er mit Lord Baltimore eine Reise nach Petersburg. Auf dem Rückwege besuchte er den nachmaligen König von Preußen, Friedrich II., in Rheinsberg. Dieser Prinz fand so viel Gefallen an ihm, daß er ihn nach seiner Thronbesteigung zu sich rief und in den Gcafcnstand erhob, welche Ernennung von dem venetianischen Senat bestätigt wurde. Nicht minder schätzte ihn König August I II. von Polen, welcher ihm den Charakter eines Geheimraths beilegte. A. lebte nun abwechselnd zu Berlin und Dresden, besonders am erster» Orte, nachdem er 17-17 von Friedrich II. den Kammerherrnschlüssel erhalten hatte. Im I. 1754 kehrte er in sein Vaterland zurück, wo er anfangs zu Venedig, nachher zu Bologna und seit 1762 zu Pisa wohnte. Hier starb er 1764. Den Entwurf zu seinem Grabmal, welches Friedrich 11. iu dem Campo santo zu Pisa errichten ließ, hatte er selbst gemacht. Seine Kenntnisse waren weit umfassend und in mehren Fächern gründlich. In der Malerei und Baukunst gaben seine Zeitgenossen viel auf sein Urtheil, und mehre Gemälde > in der dresdener Galerie, deren Ankauf er veranlaßte, beweisen für seine Einsicht. Er zeichnete und ätzte mit großer Geschicklichkeit. In seinen Werken, welche von dem mannichfaltig- sten Inhalte sind, zeigt sich Witz mit Scharfsinn gepaart; seine Poesien haben wenig Dich- terfcucr, aber viel Anmuth, und seine Briefe gehören zu den schönsten in der ital. Sprache. Unter seinen snpra Ic belle arti" (deutsch von Raspe, Kassel 1769) sind die Versuche über die Malerei die wichtigsten. Die neueste Sammlung seiner Werke erschien in 17 Bänden zu Venedig 1791 — 94 ; seine „Nettere ülologictis" zu Venedig 1 826. Algebra , ein Theil der reinen Mathematik, ist die Lehre von den Gleichungen, d. tz. f denjenigen symbolischen Formeln, wodurch die Verbindungen mchrer Größen ausgcdrückr , werden. Sie lehrt unbekannte Größen aus gegebenen Eigenschaften derselben oder aus bekannten Größen durch Gleichungen finden und kann daher auch als die Methode, Aufgaben durch Gleichungen aufzulösen, erklärt werden. Nicht selten wird die Buchstabenrechnung, welche die Anwendung der arithmetischen Operationen auf allgemeine, durch Buchstaben ausgedrückte Größen lehrt, auch mit zur Algebra gerechnet, wicwol sie eigentlich nur als Vorbereitung für diese und die Analysis dient. Zuweilen braucht man auch das Wort Algebra gleichbedeutend mit Analysis, gewöhnlicher aber und besser ist es, den Begriff desselben auf die Lehre von den Gleichungen zu beschränken, sodaß die letztere nur alö erster Theil i der Analysis, im weitesten Sinne genommen, erscheint. Die Algebra selbst zerfällt wieder in zwei Hauptthcilc; in dem ersten werden solche Gleichungen behandelt, deren unbekannte Größen bestimmte Werthe haben, die aufzufinden das Ziel ist, nach welchem bei Berechnung der Gleichungen gestrebt wird, in dem zweiten, welcher auch die unbestimmte Analytik genannt wird, werden diejenigen Gleichungen betrachtet, durch welche die Werthe der unbekannten Größen selbst nicht genau bestimmt werden, sondern zum Theil willkürlicher An- s nähme überlassen bleiben. Hinsichtlich der Methode unterscheidet man zuweilen numerijche und symbolische Algebra; in der erster» werden die bekannten Größen durch Zahlen und unr die unbekannten durch Buchstaben, in der letztern, von Newton allgemeine Arithmetik genannt, werden sämmtliche Größen durch Buchstaben ausgedrückt. Während jene immer nur einen bestimmten Fall, eine Aufgabe auf einmal behandeln kann, ist diese völlig allgemein und löst jede Aufgabe gleich für alle möglichen Fälle und Werthe der bekannten Größen auf, kann auch auf alle Arten von Größen angewandt werden. Das Wort Algebra stammt aus der arab. Sprache. Bei den Arabern heißt nämlich die Wissenschaft /A gebe rvul »„'Külmla, d. i. Ergänzung und Vergleichung. Diese Ausdrücke beziehen sich aufTrans- position und Neduction der positiven und negativen Größen in Gleichungen. Bei den Italienern hieß die Algebra in frühem Zeiten ärt« weil sie mit Hähern Rechnun- ^ gen zu thun hat, noch häufiger Logols st« Ir» indem man die unbekannte Größe Md zwar deren erste Potenz <7osa, d. i. Ding, nannte, woraus die bei den alten deutschen I Algebraische Gleichung Algier 22? Algcbraisten übliche Benennung, Regel Coß oder dieCoß, entstanden ist. DaS älteste Werk über Algebra, welches sich durch nicht geringen Scharfsinn auszcichncl, ist das von Diophantuö (s. d.) aus Alexandria, im 4. Jahrh. n. Chr.; doch sind von den ursprünglichen 13 Büchern seines in griech. Sprache abgefaßten und arithmetische Aufgaben enthaltenden Werkes nur noch sechs vorhanden. Die Europäer lernten die Algebra nicht durch die Griechen, sondern gleich den meisten andern Kenntnissen durch die Araber kennen, besonders durch Mohammed den Musa. Vgl. dessen Werk ,,'1'ke (aus dem Arabischen von Rosen, Lond. l83l). Durch den ital. Kaufmann Leonardo da Pisa, der ums Jahr 120V den Orient bereiste und dort sich viele Kenntnisse der Algebra erwarb, fand nach seiner Rückkehr diese Wissenschaft eine weitere Verbreitung in seinem Vaterlande; auch hat er ein noch ungedrucktes Werk über Algebra hinterlassen. Das erste Werk über Algebra nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften ist das des Minoritenmönchs Pacioli oder Luca Borgo (Vcn. 1494, Fol.). Scipio Ferreo in Bologna fand zuerst um 1505 die Auflösung eines Falles der cubischen Gleichungen; Tartalea aus Brescia, gest. 1557, bildete sie weiter aus und Cardanus aus Mailand machte die von Tartalea ihm als Eeheimniß mit- gctheilte Auflösung der cubischen Gleichungen 1545 zuerst bekannt und erweiterte sie durch eigene Erfindungen. Ferrari und Bombelli (1579) gaben die Auflösung der biquadratischen Gleichungen. In Deutschland wurde die Algebra schon im Anfänge des 16. Jahrh. sorgfältig ausgebildet. Einer ihrer ersten Bearbeiter war Christian Rudolf, dessen Werk, die erste algebraische Schrift in Deutschland, 1524 gedruckt und 1571 von Mich. Stifel neu herausgegeben wurde. Letzterer, gest. in Jena 1567, muß als einer der eifrigsten Beförderer der Algebra angesehen werden, wie er durch sein Werk „^ritkmetica Integra" (Nürnb. 1544) bewiesen hat. Ihm zunächst steht Joh. Scheybl, Professor in Tübingen, dessen Werk über Algebra in Paris 1552 herauskam. In England ist Nob. Necorde, in Frankreich Jak. Peletarius zu bemerken, welche Beide bald nach 1550 schrieben. Von Simon Stevin aus Brügge erschien >585 eine Arithmetik und bald nachher eine Algebra. Große Fortschritte verdankt die Algebra dem Franzosen Franz Vieta, geb. 1540, gest. 1603, dessen Werke von Schooten in Leyden 1656 herausgegeben wurden. Vieta führte zuerst die allgemeine Rechnungsart in der Algebra ein und bezcichnete die bekannten Größen durch die Consonantcn, die unbekannten durch die Vocale des großen lat. Alphabets, wofür man später die ersten und letzten Buchstaben des kleinen Alphabets genommen hat. Mit ebenso glücklichem Erfolge bearbeitete diese Wissenschaft der Engländer Thomas Harriot in seiner „^I'tis !m:>I)-tiei:6 Praxis" (Lond. 1631) und der zu wenig bekannte Niederländer Alb. Gi- rard, gest. um 1633, in der „Invention nonvelie e» ^Igebrs" (Amst. 1629). Descarkes erwarb sich glänzende Verdienste besonders dadurch, daß er die Algebra auf die Geometrie anwendete. Seine „6eoinetrie", die 1637 erschien, ist reich an neuen Untersuchungen. Er stellte zuerst die Natur der krummen Linien durch Gleichungen dar, wodurch später der Weg zur Anwendung der Analysis des Unendlichen auf die Geometrie gebahnt wurde. Auch Fermat, der sich mehr mit der Analysis beschäftigte, bereicherte die Algebra durch mehre Entdeckungen. Als glückliche Nachfolger der beiden letzten sind Beaune in BloiS und Hudde in Amsterdam, gest. 1704, zu betrachten. Newton gab in seiner „4rit!>metica „ni- versalis" viele wichtige Beiträge; ein Gleiches gilt von Maclaurin, Campbell, de Gua, Tschirnhausen, Moivre, Lagny, Taylor und Fontaine. In der neuern Zeit sind als die vorzüglichsten Beförderer der Algebra zu nennen: Leonh. Euler, Lambert, Lagrange, Gauß, Fourier u. A. Auch auf die höhern Gleichungen waren die neuesten Untersuchungen gerichtet. Algebraische Gleichung ist eine solche Gleichung, die keine sogenannten transzendenten Größen, wie Kreisbogen, Logarithmen u. s. w., enthält, und in diesem Sinne dem Begriffe einer transcendenten Gleichung entgegengesetzt. — Eine algcbraische krumme Linie ist eine solche, die durch eine algebraische Gleichung zwischen ihren Coordinaten dargestellt werden kann. Algen, s. Kryptogamen. Algier oder Algerien, Regentschaft und Stadt, bis 1830 ein türk. Vasallenstaat, jetzt eine franz. Colonie. Das Gebiet der Regentschaft liegt zwischen Marokko und Tunis, 15 * 228 Algier zwischen 15° 32^— 26° 12^ Lstl. L. und wird im Norden von dem Mittelländischen Meere, im Süden von der Sahara begrenzt. Die Breite wird sehr verschieden angege» i bcn, im schmälsten Theile, der Provinz Oran, von -16 — 16, und im breitesten, der i Provinz Konstantine, von 66—24 geogr. Meilen, ebenso der Flächeninhalt zwischen 6666 ! und 4666 mM., je nachdem man das südliche Blad-el-dscherid dazu rechnet oder nicht. Die physische und ethnographische Beschaffenheit des Landes ist die der Berberei (s. d.) über- > Haupt. Der Atlas durchzieht die Regentschaft ihrer ganzen Länge und Breite nach in einer Mittlern Höhe von 3666 F. Seine höchsten Gipfel sind hier der Dschurschura (gegen 7 66V F. hoch), der Auraß und der Zickar. Die Flüsse, welche der Atlas entsendet, vereinigen sich zu keinem größer» und sind fast sämmrlich nicht zu beschissen. Der westlichste Fluß der Regentschaft ist die Tafna, dann folgen ostwärts der Nio-Salado, die Makta, der Sche- ' liff (der größte Fluß der Regensschaft), der Massaftan, der Suminam, der sich mit dem Ued- Adschebbi vereinigt, der Rummel, der Konstantine berührt, der Scibuß und Mafragg. Nach Süden verlieren sich in die Wüste: der Ued-el-Dschedi, der Ued-el-Abiad und der Ued-el- Kantara. Klima und Productc theilt das Land mit der Berberei im Allgemeinen. Die Zahl der Einwohner, aus denselben Völkerschaften wie in der übrigen Berberei gebildet und nur erst in der neuesten Zeit durch europ. Einwanderer vermehrt, wird auf ungefähr 2 Mill. geschätzt. Zur Zeit der türk. Herrschaft war A. in vier Provinzen getheilt: die Provinz A. mit der Stadt gleiches Namens in der Mitte der Küste; Konstantine im Osten, die größte und bevölkertste; Titten, im Süden, die unfruchtbarste und ärmste; und Oran oder Maskara im Westen, die fruchtbarste und streitbarste. Jetzt ist das ganze von den franz. Truppen besetzte Gebiet in vier Militairgouvernements cingetheilt, nämlich in die von A-, Oran (s. d.), Bona (s. d.) und Konstantine (s. d.). Jedes derselben besitzt einen Gerichtshof erster Instanz und zerfällt in mehre von Civilcommissaren verwaltete Bezirke. Das Gouvernement A. umfaßt die ehemaligen Provinzen A. und Tittcri. In der ersten liegt die Stadt A. selbst, hart am Mittelmeer am Abhange des nur durch ein schma- s les flaches Gestade vom Meere getrennten Hügellandes, das in der nächsten Umgebung der ! Stadt in einer Länge von acht und in einer Breite von sechs Stunden Massif oder Sahel genannt wird und eine der reizendsten Gegenden der Erde bildet, besonders früher, wo es besser bebaut war als jetzt. Hinter demselben südlich und südöstlich zieht sich in einem Halbkreise die fruchtbare, aber jetzt öde Ebene Metidscha hin, die im Süden wieder vom Atlas begrenzt wird. Die Lage der Stadt, die sich vom Meer aus amphitheatralisch in einem von der Kas- - bah oder Citadelle gekrönten Dreieck erhebt, ist sehr schön; sie selbst indeß nimmt sich bei der monotonen oriental. Bauart ihrer weiß angestrichencn Häuser nicht sehr pittoresk aus. In neuerer Zeit erhält sie jedoch immer mehr einen europ. Anstrich, und schon erheben sich viele im europ. Geschmack gebaute Häuser. Der Hafen, wenngleich einer der bessern der Berberei, doch nicht ganz sicher, wird von einer vor der Stadt sich hinstreckenden Insel gebildet, die durch einen Damm mit dem Lande verbunden ist. Die Zahl der Einwohner wurde früher ungeheuer übertrieben, bis auf 16VVVV angegeben; die wahrscheinlichere Annahme lautet aus 35666, die auch wol jetzt noch gilt, da die einheimischen Auswanderer durch die europ. Einwanderer ersetzt worden sind. Die bedeutendsten Städte in der ehemaligen Provinz A. sind Blida, mit einer europ. Colonie in einer der schönsten und fruchtbarsten Gegenden, und Koleah; am Cap-Matifu sicht man noch die Trümmer Rusgonias. In der ehemaligen Provinz Titten liegt Medeah, erst in neuester Zeit von den Franzosen ständig besetzt und colonisirt. In den ältesten historischen Zeiten finden wir im östlichen Theile der Regentschaft dieNu- midier, im westlichen die Mauren im Besitz des Landes. Nach der Eroberung durch die Römer bildere der östliche Theil zwischen den Flüssen Rummel und Zaine (damals Ampsaga und Tusca) erst einen Theil der Provinz Afrika, später von Konstantin demGroßenandie eigene Provinz Numidia; der westlicheLheil dagegen ist die Provinz Mauritania Cäsariensis, später die beiden Provinzen Mauritania Cäsariensis und Mauritania Sitifcnsis. Wie ganz Nord- aftika, befand sich auch A. zur Zeit der Römer in seiner höchsten Blüte, eine Menge Städte ^ (man nennt 33), besonders röm. Colonien, erhoben sich daselbst. Das Land war trefflich > angkbaut und bildete eine der fruchtbarsten Provinzen des röm. Reichs. Allein die Ero- 329 Algier berung der Vandalen und später die der Araber stürzten es im Laufe von drittehalb Jahrhunderten wieder in den Zustand der Barbarei zurück. Zwar erhob sich, nachdem die eingewanderten Araber in der Herrschaft des Landes sich befestigt, das Land von neuem, doch bei- weitcm nicht zu der Blüte wie unter den Römern. Um 935 wurde von dem arab. Fürsten Zeiri die Stadt Al-Dschesair, d. i. die Siegreiche, das heutige Algier, erbaut, nach Shaw auf der Stelle der röm. Vcteranencolonie Jcosium, nach Andern auf den Trümmern des röm. Municipiums Jomnium. Die Nachkommen Zeiri's herrschten über A. bis 1148, nach ihnen die Almohaden bis 1269, dann zerfiel cs in mehre kleine Gebiete. Im Tlcmezen bildete sich ein eigenes Königreich unter den Zianiden, und die Städte A., Oran, Budschia, Tcncz erhoben sich zu unabhängigen Staaten, die jedoch in der Folge dem Königreiche Tlcmezen zinspflichtig wurden. Die aus Spanien 1492 vertriebenen Mauren und Juden ließen sich auch in A. nieder und nahmen durch Seeräuberei Rache an ihren Verfolgern. Ferdinand der Katholische griff sie deshalb an, eroberte 1596 Oran und Budschia, und 1599 die Stadt A. selbst, wo er auf der Insel, welche den Hafen bildet, Befestigungen anlegen ließ. Als die Spanier von hier aus selbst den Emir der Mekidscha, Selim Eutemi, ernstlich bedrohten, lud dieser den griech. Renegaten Horuk (richtiger Harudj) Barbarossa, der sich als türk. Piratcnhäuptling schon einen Namen gemacht, ein, ihn von der Macht der Spanier zu befreien. Hiermit begründete sich die türk. Herrschaft über A., das von nun an immer tiefer sank. Horuk kam 1516 nach A., wandte sich aber verrätherischcrwcise mit seinem Corsaren- haufcn bald gegen Selim Eutemi selbst, ermordete ihn mit eigener Hand und machte sich dann zum Sultan von A. Dann schlug er die Sultane von Tenez und Tlcmezen und bemächtigte sich ihrer Reiche, wo er mit seinen Corsaren ebenso grcuclvoll wüthete wie in A. Unter diesen Umständen brach 1517 ein span. Heer unter dem Marquis Gomarez von Oran auf, schlug Horuk in mehren Gefechten, schloß ihn in Tlcmezen eng ein, und als er von hier zu entfliehen versuchte, ward er von den Spaniern cingeholt und 1518 enthauptet. Die in A. zurückgebliebenen türk. Corsaren riefen nun dessen Bruder, Chaireddin Barbarossa, zum Sultan aus. Dieser, für sich nicht stark genug, um den Spaniern zu widerstehen, stellte 1529 sein Reich unter die Oberherrschaft des Sultans Selim, der ihn zum Pascha ernannte und bedeutende Verstärkung schickte, mit deren Hülfe er die Spanier wieder aus dem Lande vertrieb, ihnen die Insel vor A. abnahm und dieselbe durch die gefangenen Christensklavcn mittels eines Dammes mit dem festen Lande verbinden ließ. Chaireddin war es vorzüglich, der durch Tapferkeit, List, Grausamkeit und Beharrlichkeit das System der Militairdespotie und des Sccraubcs gründete, das bis 1839 in A. seinen Mittelpunkt hatte. Nachdem er sehr bald als Kapudan-Pascha nach Konstantinopel berufen Wörden war, ward Hassan Aga sein Nachfolger im Paschalik. Dem immer mehr überhandnchmcnden Secraub der Algierer wollte Kaiser Karl V. ein Ende machen. Er unternahm eine große Expedition gegen A. und landete am 29. Oct. 1541 mit einer Flotte von 379 Segeln und 39999 M.; allein am 28. Oct. zerstörte ein von Erdbeben und Regengüssen begleiteter fürchterlicher Sturm den größten Theil der Flotte und des Lagers. Das Landhccr mußte ohne Lebensmittel, Obdach und Verschanzungen mehre Tage an der feindlichen Küste lagern und konnte nur mit der äußersten Anstrengung sich der fanatischen Muselmänner erwehren. Mit einem Verlust von 15 Kriegs- und 149 Transportschiffen und von 8999 Menschen gelang es endlich dem Kaiser, am Cap-Matifu sich wiedcreinzuschiffen. Unter den Nachfolgern Hassan's bietetA. nur wenige merkwürdige Episoden. Im Mittelmeere führten die Algierer einen beständigen Raubkrieg mit den christlichen Mächten und landeten von Zeit zu Zeit an den ital. und span. Küsten. Auch zu Land waren sie in beständigem Krieg mit ihren Nachbarstaaten. Sie dehnten ihre Macht weit nach dem Innern aus. Schon vor Ende des 16 . Jahrh. hatten sich die Paschas von A. das ganze westliche Land bis zur Grenze von Marokko, mit Ausnahme des den Spaniern verbliebenen Oran, unterwor- fen. Budschia im Osten, welches die Spanier 35 Jahre besessen, wurde 1554 ebenfalls von ihnen erobert, und im Süden dehnten sie ihr Gebiet bis an die Wüste aus. Wiederholte Versuche der Spanier gegen die westlichen Provinzen des Raubstaats fielen durchgehends unglücklich aus. Im I. 1561 wurde ein ganzes span. Heer unter der Anführung des Grafen de Acaudate bei Mostaganem vernichtet, wobei 12999 Gefangene in die Hände der 230 Algier Algierer fielen. So kam cs, daß sich die Naubzüge der Letzter» immer weiter erstreckten» sogar über die Meerenge von Gibraltar hinaus. Im I. >60» erwirkte sich die türk. Janik- scharen-Miliz von A- in Konstanrinovel das Recht aus, einen Dei (s. d.) aus ihrer Mitte zu erwählen, der mit dem Pascha die Gewalt thcilen und insbesondere ihr Befehlshaber sein sollte. Die Folge dieser Doppclgcwall waren häufige innere Kämpfe. Als die Algierer selbst die Küsten der Provence ansiclcn, unternahm cs Ludwig XIV. dreimal, sic dafür zu züchtigen. Zuerst 1682, wo Admiral Duqucsne am 25. Juli mit 25 Kriegsschiffen A. bombardiere, und wo der Dei als Antwort den zurückgebliebenen franz. Consul Bacher aus einem Geschütz nach der stanz. Flotte schießen ließ. Ein zweites Bombardement, das die Franzosen am 28. Juni 1683 mit 23 Schiffen unternahmen, zerstörte zwar die ganze untcre^Stadt und befreite die gefangenen Christensklaven, hatte aber ebenfalls keine nachhaltigen Folgen, so- baß schon 1687 die franz. Regierung für nöthig fand, eine neue franz. Flotte gegen den Nanbstaat zu entsenden. Unter den Befehlen des Marschalls d'Estrees bombardirte dieselbe A. am 26. Juni und verbrannte sechs Kriegsschiffe des Dei. Wie wenig indeß die Züchtigung, welche fast ganz A. in Asche legte, half, ergibt sich aus einem Gespräch des stanz. Consuls mit dem Dei, worin der Letztere jenen höhnisch ftagte, wieviel wol der Brand A.s seinem Herrn koste? und auf die Angabe des Belaufs der Kosten antwortete: „Für die Hälfte des Geldes hätte ich es selbst gethan und dem König die weitere Bemühung erspart." Mich der Angriff des engl. Admirals Blake im I. 1655, sowie 166» und 167» das Beschießen durch eine engl, und Holland. Flotte hatten kein entschiedenes Resultat; doch waren die Engländer die ersten Europäer, welche seit 1662 mitA. Verträge schloffen. Jm J. 17 »8 bemächtigte sich der Dei Ibrahim Orans, das die Spanier bis dahin im Besitz behalten. Sein Nachfolger, Baba Ali, ein wilder Mensch, der, um seine Macht zu befestigen, gleich im ersten Monat seiner Negierung 170» Personen morden ließ, führte die Emancipation von der Herrschaft der türk. Pforte factisch durch. Er schickte den türk. Pascha, der bis dahin die höchste Autorität mit dem Dei getheilt hatte, fort und bewog die Pforte, dem Dei die alleinige Gewalt zu lassen. Baba-Ali war von dieser Zeit an so gut wie unabhängig; er führte Krieg und schloß Frieden nach Belieben und entrichtete der Pforte keinen Tribut mehr, sondern schickte ihr bei seinem Regierungsantritt nur einige Geschenke als Anerkennung ihrer lediglich nominellen Oberhcrrlichkcit. A. bildete nun eine Art Soldatenrepublik, an deren Spitze der von den Janistcharen gewählte Dei stand. Die herrschende türk. Miliz ergänzte ihren Bestand durch Anwerbungen aus dem Pöbel von Konstantinopcl und Smyrna, da die mit eingeborenen Frauen erzeugten Nachkömmlinge von Türken nicht die Rechte ihrer Väter genossen. Dem Dei zur Seite stand ein Divan oder Staatsrath, aus den 60 vornehmsten Beamten bestehend. Die innere Geschichte A.s unter den Dcis bietet außer den häufigen von den zuchtlosen Janitscharen ausge- führtcn blutigen Scrailsrcvolutioncn, die nur wenige Dcis eines natürlichen Todes sterben ließen, nichts Bcmcrkenswcrthes dar. Die Spanier nahmen >732 Oran und Mers-el-Ke- dir wieder und behielten cs bis > 7 91, wo sie es dem Dei abtraten. Im I. 1775 unternahm Spanien die letzte große Expedition gegen A., eine Flotte von 44 Kriegs- und 34» Transportschiffen unter Admiral Castejon und landete am 4. Juli mit 25»»» M. Landtruppen unter General Oreilly. Allein die schlechten Maßregeln, die man hierbei getroffen, machten bas Unternehmen scheitern, sodaß die Spanier sich gcnöthigt sahen, mit Zurücklassung von 180» Verwundeten und ihres sämnttlichen Geschützes aufS eiligste sich wiedereinzuschiffen. So trotzte A. fortwährend den christlichen Mächten und machte sich die mindermächtigcn tributbar. Nur in Folge der Anwesenheit großer Kriegsflotten im Mittelmeerc während der stanz. Nevolutions- und Kaiserzeit nahmen die Seeränbereien der Barbaresken bedeutend ab; allein als nach Wiederherstellung des europ. Friedens jene Flotten entwaffnet wurden, vermehrten sie sich wieder dergestalt, daß die christlichen Mächte zu Gewaltmaßre- geln gezwungen wurden. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika gingen hierin voran. Ihre Flotte unter Kommodore Dccatur griff am 20. Juni 1815 die algierische bei Cartagena an, schlug sie und nöthigtc den Dei im Juli zum Frieden, in welchem dieser die Flagge der Vereinigten Staaten als unverletzlich anerkannte. Um dieselbe Zeit erzwang der engl- Admiral, Lord Exmouth, von den übrigen Barbareskenstaaten die Anerkennung eines völ» 231 Algier kerrcchtlichen Verhältnisses in Betreff der Kriegsgefangenen. Nur die Regentschaft A. wei- gerte sich, dies zu thu», weil diese Federung ihren Staats- und Religionsgrundsätzen wider- spreche. Auf diese Ausflüchte bewilligte der engl. Admiral dem damals regierenden Der Omar, einem wilden, trotzigen Menschen, eine Frist von sechs Wochen zur Einholung der Willensmcinung des Großsultans, da ohne dessen Zustimmung der Dei eine Verbindlichkeit der Art nicht cingchen zu können vorgab. Während dieser Zeit ließ der Dei am 23. Mai durch algier. Truppen die Mannschaft von 350 ital. Schiffen, welche die Erlaubniß zum Korallenfischer: regelmäßig gelöst hatten und unter engl. Flagge in Bona lagen, überfallen und ein schreckliches Blutbad unter ihnen entrichten. Sofort sendete England eine aus 22 Kriegsschiffen mit 7 02 Kanonen bestehende Flotte, zu der auch sechs nieder!. Fregatten unter Admiral van der Capellen stießen, gegen A., vor dem sie am 27. Aug. 1816 erschien. Lord Exmouth, welcher den Oberbefehl über die vereinigte Flotte führte, verlangte nun unverzüglich vom Dei unentgeltliche Freilassung aller Christensklaven, Zurückerstattung der bereits für ital. Gefangene entrichteten Lösegelder und das Versprechen, künftighin alle Kriegsgefangenen nach europ. Völkerrecht zu behandeln. Da keine Antwort erfolgte, segelte die Flotte dicht vor die Stadt und das Admiralsschiff des Lord Exmouth legte sich unmittelbar vor dem Hafendamm vor Anker. Als die wiederholten Auffodcrungen des Admirals vom Dei mit Kanonenschüssen erwidert wurden, begann die engl. - holländ. Flotte das Bombardement. Bald waren die algierischen Batterien dcmontirt, und um 8 Uhr war fast halb A. und die ganze algierische Seemacht nebst ihren Magazinen zerstört. Der Dei wollte zwar den Kampf noch fortsetzen, allein die Miliz zwang ihn zur Nachgiebigkeit. Am folgenden Tage, dem 28. Aug., kam der Friede auf obige Bedingungen zu Stande: 1211 Christensklaven wurden dadurch befreit, die verlangten Summen ausgezahlt und Seeraub sowie die Christcnskla- verei für immer aufzugcbcn versprochen. Von Seiten der Algierer waren in dieser Schlacht 5000 türk. Janitscharcn und 6000 Mauren, die umgekomMcncn Weiber und Kinder nicht gerechnet, geblieben. Die vereinigte Flotte zählte 141 Todte und 743 Verwundete. Doch auch diese Demüthigung beugte den Trotz der Algierer nicht. Schon 1817 wagten sich algie- rische Seeräuber bis in die Nordsee und nahmen alle Schiffe weg, die nicht einer Macht gehörten, welche ihnen Tribut und Geschenke schickte, wie dies Schweden, Dänemark, Portugal, Spanien, Neapel, Toscana und Sardinien thaten, oder mit denen sie Verträge geschlossen. Ja selbst die Verträge schützten nicht immer, und noch l 826 liefen aus A. Raubschiffe aus, um span, und päpstl. Schiffe wegzunehmen; insbesondere litt die deutsche Schifffahrt. Ebenso wenig kehrte sich der Dei an die Beschlüsse des aachener Kongresses gegen die Seeräubcrei; denn als dieselben ihm mitgctheilt wurden, antwortete er, er müsse sich daS Recht Vorbehalten, die Untcrthancn aller Mächte, die ihm keinen Tribut bezahlten, zu Sklaven zu machen. Der innere Zustand A.s bot fortwährend das Bild einer grausamen Prätorianerdespotie. Omar Dei ward 1817 von der Janitscharenmiliz ermordet. Sein Nachfolger Ali faßte daher den Plan, sich von dieser unabhängig zu machen; er versetzte deshalb die Residenz vom zeitherigen offenen Deipalast nach der Citadcllc, der Kasbah, bemächtigte sich daselbst des heiligen Schatzes und erkaufte damit die Anhänglichkeit der Mauren und Neger, die er gegen die türk. Miliz bewaffnet hatte. So gelang cS ihm, mit 50 Kanonen von der Kasbah aus die Stadt und die Janitscharen im Zaum zu halten. Allein schon im Febr. 1818 starb er an der Pest. An seine Stelle wurde Hussein gewählt, unter dem das muselmännische Regiment in A. durch einen Conflict mit Frankreich sein Ende erreichte. Dieser hatte mehrfache Veranlassung: schon >818 war eine ftanz. Handelsbrigg in Bona geplündert, 1823 die Wohnung des sranz. Consularagenten daselbst verletzt worden; röm. Schiffe, die unter dem Schutz von Frankreichs Flagge segelten, waren von algierer Seeräubern wcggenommcn, ja selbst sranz. Schiffe gegen alle Verträge angehalten und beraubt worden; dieHauptver- anlaffung entstand jedoch aus einem Handel wegen einer Schuldfoderung. Zwei algierer jüdische Kauflcute, Bacri und Busnach, haktbn der ftanz. Regierung zur Expedition nach Ägypten eine große Getreidelieferung gemacht, die unberichtigt geblieben war. Durch einen Vergleich wurden die Ansprüche jener Handelshäuser 1810 aus 7 Mill. Fr. festgesetzt. Hiervon wurden ihnen 4'/, Mill. sogleich zugcschricbcn, der Rest aber, als der Bettag der Ee- 232 Algier genfodcrungen franz. Gläubiger, deren Ansprüche übrigens nicht alle die gegründetsten gewesen sein sollen, zurückbehalten, bis die ftanz. Gerichte über die Gültigkeit dieser Gegen- soderungcn entschieden haben würden. Dieser Rechtsstreit, der 1824 begann, war im Oct. 1827 noch nicht beendigt, da wurde der Del, der seinerseits selbst ein Hauptgläubiger des Hauses Bacri war und die Schuld Frankreichs als eine Garantie für seine Federungen betrachtete, endlich, als er diese Garantie immer mehr schwinden sah, ungeduldig und wandte sich in einem Brief an den König von Frankreich selbst, worin er ohne Weiteres die Bezahlung der ganzen Summe verlangte, indem er den Grundsatz aufstellte, die franz. Gläubiger hätten ihre Ansprüche nicht vor franz. Gerichten, sondern vor ihm geltend zu machen. Dieser Brief blieb ohne Antwort. Als nun bei dem Beiramsfeste 1827 der Dei die Konsuln, wie gebräuchlich, öffentlich empfing, fragte er den franz. Konsul Deval über die Ursache dieses Stillschweigens. Der Konsul antwortete in verletzenden Ausdrücken, der König von Frankreich könne sich nicht herablassen, mit einem Dei von A. zu correspondiren. Hierüber gerieth der Dei in eine solche Wuth, daß er dem Konsul mit einem Fliegenwedel ins Gesicht schlug und in Schmähreden gegen den König von Frankreich ausbrach. Zn Folge dieser Beschimpfung ward eine franz. Schiffsabtheilung vor A. gesandt, welche den Konsul Deval aufnahm und, da der Dei das franz. Ultimatum anzunehmen sich weigerte, die Blockade A.s am 12. Juni 1827 begann. Aus Rache ließ der Dei die franz. Niederlassungen behufs der Korallenfischer« an der Küste von Bona am 18. Juni 1827 zerstören. Da die von den Franzosen mehre Jahre hindurch geführte Blockade zu keinem Er- gebniß führte, so beschloß die franz. Regierung endlich, durch einen Hauptschlag die Sache zu beendigen. So kam es unter dem Ministerium Polignac zur Expedition gegen A. Nachdem am 20. Apr. 1830 das Kriegsmanifest erschienen, lichtete am 25. Mai die aus 100 Kriegsschiffen, darunter 11 Linienschiffe und 24 Fregatten, und 357 Transportschiffes bestehende Flotte, mit einem Landungsheer von 37000 M., 4000 Pferden und verhältnißmä- ßiger Artillerie an Bord, die Anker. Das Landungsheer stand unter den Befehlen des Gc- nerallieutenants Bourmont (s. d.), die Flotte unter dem Viccadmiral Duperre. Viele Freiwillige hatten sich der Expedition angeschloffen. Am 13. Juni kam die Flotte ander afrik. Küste bei Sidi-Ferruch (von den Spaniern Torre-Chica genannt), fünf Stunden westlich von A., an, und Tags darauf begann die Landung, die ohne bedeutenden Widerstand vor sich ging, indem der eine halbe Stunde vom Ufer auf einem Hügel mit drei Batterien aufgestellte Feind vor den andringcnden Franzosen nach kurzem Feuern die Flucht ergriff und seine Geschütze im Stich ließ. Dagegen dauerte der kleine Krieg mit den unregelmäßigen Truppen des Dei ununterbrochen fort. Unterdessen nahm das ftanz. Heer eine befestigte Stellring an der Küste ein, da der General Bourmont nicht wagte, vor der Ausschiffung des gesamm- tcn Belagerungsgeschützes A. selbst anzugreiftn. In dieser unsicher« Lage ward es von dem feindlichen, das, ungefähr 30000 M. stark, unter dem Befehle des Aga Ibrahim stand, am 19. Juni angegriffen, behauptete aber trotz dem Ungestüm des Angriffs den Sieg. Alles Geschütz, das Lager und Gepäck des fliehenden Feindes siel in die Hände der Franzosen. Den Verlust der Algierer schätzt man auf 3—4000, den der Franzosen auf 600 M. Ein anderer Angriff des Bei von Konstantine am 24. Juni, vorwärts Sidi-Kalef, hatte kein besseres Schicksal. Endlich war am 25. Juni das schwere Geschütz gelandet worden, und am 29. brach das Heer gegen A. auf. Am 4. Juli «öffneten die ftanz. Batterien das Feuer gegen das südöstlich von der Stadt gelegene Kaiserfort (von Karl V. angelegt) und die Kasbah, während dessen die Tags zuvor auf der Rhede angckommene Flotte die Festungswerke auf der Seeseite beschoß. Nach siebenstündigem hartnäckigem Widerstande wurde das Kaiserfort von den Türken geräumt und in die Luft gesprengt. Dazu kam noch, daß das Volk in der Stadt mit Geschrei vom Dei verlangte, daß er capitulire. So entschloß sich denn der Dei hierzu, und die Kapitulation kam am 5. Juli zu Stande. Der Dei übergab die Stadt unter der Bedingung freien Abzugs für sich und die türk. Miliz mit Familie und Privatvermögen und der Sicherheit für freie Ausübung der Religion, persönliche Freiheit, Eigenthum, Handel und Industrie der Einwohner. Noch am selbigen Tage besetzten die Franzosen sämmtliche Festungswerke der Stadt, mit welcher 1500 Kanonen, 17 Kriegsschiffe und der auf 50 Mill. Fr. sich belaufende Schatz in der Kasbah als Beute ihnen in die Hände fielen. Lei- 23S Algier der wurde dabei Vieles, besonders eine Menge in der Kasbah angehäufter alter Kostbarkeiten und Kunstwerke, von den höhern und höchsten stanz. Offizieren unterschlagen und von den gemeinen Soldaten die schönen Landsitze und Gärten um A. verwüstet, zum Theil lediglich in der Absicht, um Schätze zu entdecken. Dies war der Anfang jenes heillosen Verfahrens, mit dem Einzelne die Herrschaft der Franzosen in Afrika so sehr befleckt und ihr so viel Schaden gethan haben. Der Dei schiffte sich am I t. Juli mit seinem Privatvermögen und einem Gefolge von 118 Personen nach Mahon ein, und die türk. Miliz ward zum größten Theile nach Kleinasien transvortirt. Noch hatte der unterdeß zum Marschall ernannte Graf von Bourmont weiter nichts als einige nutzlose Ausflüge unternehmen können, als die Julirevolution dazwischen kam und ihn nöthigte, den Oberbefehl aufzugeben. Er schiffte sich am 2. Sept. nach Spanien ein, an demselben Tage, wo der zu seinem Nachfolger berufene General Clauzel (s. d.) in A. ankam. Am -1. Sept. kehrte der zum Pair ernannte Admiral Duperre mit der Flotte nach Frankreich zurück. Bis zu diesem Tage hatten die Franzosen an Tobten, Verwundeten und Kranken nicht weniger als l 5000 M. verloren. Vor Allem galt es nun, das Land völlig zu unterwerfen und ihm eine geordnete Verwaltung zu geben. In beiden Beziehungen hatte man den großen Fehler begangen, die Türken, die zeitherigen Herren des Landes, welche cs kannten und zu behandeln wußten, zu vertreiben, statt mit ihrer Hülfe das Land wenigstens für den Anfang in Unterwürfigkeit zu erhalten. Durch ihre Vertreibung hatte man bewirkt, daß Beduinen und Kabylen sich jeder Oberherrschaft entledigt glaubten und mit Fanatismus gegen die neuen Eroberer des Landes erhoben, die sie nicht zu behandeln verstanden. Ein fortwährender kleiner Krieg mit den Eingeborenen, sowie die Nothwendigkeit, jeden Schritt breit Landes außerhalb der Stadt A/besonders zu erobern, war die Folge davon. Hierzu kam noch der andere Fehler, daß man das Land, nachdem man es durch Vernichtung der meisten türk. Einrichtungen desorganisirt hatte, durch Einführung stanz. Formen wiederzuorganisiren suchte. Außerdem wurden die Eingeborenen durch viele andere Misgriffe, z. B. durch die Zerstörung vieler Moscheen und Gottesäcker, sowie durch das ganze, fremde Nationalitäten verletzende Benehmen der Franzosen, im Innersten angegriffen. Das Schlimmste aber war, daß man sich offenbare Ungerechtigkeiten zu Schulden kommen ließ, wie denn Clauzel ganz gegen den Wortlaut der Kapitulation alle liegenden Güter des Dei, der Beis, derausgc- wanderken Türken, der Gemeinden, Moscheen und frommen Stiftungen confiscirte, der andern unregelmäßigen Erpressungen zu geschweigcn. Zunächst zeigten sich die schlimmen Folgen dieses Verfahrens in der Unsicherheit, die selbst in der nächsten Umgebung von A. herrschte, sowie in der Widerspenstigkeit, in der sämmtliche Provinzen verharrten. Der Bei von Titteri, der sich schon dem Marschall Bourmont unterworfen hatte, ergriff von neuem die Waffen gegen die Franzosen, und der Zug, den General Clauzel im Nov. 1830 gegen Medeah, seine Residenz, unternahm, hatte kein anderes Resultat, als die Einsetzung eines neuen Weis in Medeah, der bald gezwungen war, diesen Posten wiederaufzugeben. Noch weniger war dem Bei von Konstantine, Achmet, welcher diese ganze Provinz in Aufruhr gegen die Franzosen erhielt, beizukommen. In der.Provinz Oran hatte zwar der dortige Bei die Stadt gleiches Namens den Franzosen ohne-,Schwertstreich ausgeliefert, und in Tlcmezen hatten sich die zurückgebliebenen Türken, die sich in der Citadelle hielten, für die Franzosen erklärt; dafür erhoben sich aber die kriegerischen Araber- und Kabylenstämme dieser Provinz um so energischer und machten sie zum Hauptherd des Widerstandes gegen die stanz. Herrschaft; denn bereits damals trat der bis dahin noch unbekannte junge Emir Ab d-el-Kader (s. d.) dort auf, um der Mittelpunkt des Dschad (des heiligen Kriegs), den die Mara- buts zu predigen anfingen, zu werden. Unter diesen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, daß die Kolonisation, die vorzüglich vom General Clauzel eifrig betrieben wurde, nicht gedeihen wollte. Statt ihrer tauchte eine ungemessene Speculation mit Ländereien auf, welche jeder wahren Kolonisation positiv hinderlich ward. Um wenigstens dem Lande Sicherheit zw geben, schloß General Clauzel, welcher bei seinem durch Krankheiten und Zurücksendung von Truppen nach Frankreich geschwächten Heere die Unmöglichkeit einsah, mit Gewalt etwas auszurichtcn, einen Vertrag mit dem Bei von Tunis, vermöge dessen dem Bruder dieses Bei die Provinzen Konstantine und Oran unter stanz. Hoheit abgetreten werden 234 Algier sollten, wogegen sich der neue Vasall verpflichtete, unter Caution seines Bruders, jährlich , einen Tribut von I Mill. Fr. zu bezahlen und die Handelsniederlassungen der Franzosen im Innern des Landes zu begünstigen. Allein die franz. Negierung ratificirte nicht nur nicht - diesen Vertrag, sondern berief auch den energischen Clauzel deshalb zurück. Das Regiment seines Nachfolgers, des Generals Berth ezen c, ward nur durch die Niederlage berühmt, welche er auf dem Rückzuge von seiner trotz aller dabei verübten Greuel ^ verfehlten Expedition nach Medeah am 2. Juli erlitt. Da er das Ansehen Frankreichs im- mer mehr sinken und viele Misgriffe sich zu Schulden kommen ließ, so rief auch ihn die franz. Negierung gegen Ende des I. 1831 zurück und ersetzte ihn durch den Gcnerallicute- nant Herzog von Rovigo, der am 25. Dec. l 831 in A. ankam. Dieser ergriff ge- ^ rade das dem unthätigen Gehenlassen des Generals Berthezcne entgegengesetzte System. Leider scheute er sich nicht, die größten Härten, Willkürlichkciten, ja Grausamkeiten und Treulosigkeiten zu begehen. Selbst die nützliche, vom Ministerium Pe'rier vorgenommene Trennung der Civil- von der Militairverwaltung konnte kein Gegengewicht hiergegen bilden , weil der mit jener beauftragte Civilintendant immer dem Oberbefehlshaber untergeord- > net blieb. Die zwei bemerkenswerthesten Thaten des Herzogs von Rovigo waren die von ihm s wegen einer Räuberei vollzogene Vertilgung des arab. Stammes El-Uffia, wobei selbst die Greise, Weiber und Säuglinge zur Nachtzeit niedergemetzelt wurden, und die Hinrichtung zweier feindlichen Araberhäuptlinge, die er treulos durch das schriftliche Versprechen sichern Geleits in die Stadt hatte locken lassen. Durch ein solches Verfahren wurden auch die Stämme, die sich bisher noch ruhig verhalten, zum Kriege bewegt, und bald waren die Franzosen in allen Theilen der Regentschaft angegriffen. Die Expeditionen, welche der Herzog im Oct. 1832 unternahm, änderten hierin nichts, und nur in der Provinz Konstantine errang sich der General Monk d'Uzer, mit Hülfe des türk. Renegaten Jussuf, der sich der Kasbah von Bona wieder bemächtigt hatte, eine vorkheilhafte Stellung. Am schlimmsten ging es in der Provinz Oran, auf welche der Sultan von Marokko anfangs Absichten hegte, ? und wo mit seiner Hülfe Abd-el-Kader bereits eine solche Macht erlangt hatte, daß er die Franzosen in einem unaufhörlichen kleinen Krieg beunruhigen und es wagen durfte, die , Stadt Oran selbst am 3. und 4. Mai 1832 mit mehren tausend Arabern, wiewol erfolglos, anzugreifcn. Mitten unter dieser Aufregung der Eingeborenen nöthigte seine schwankende Gesundheit den Herzog, sich im März 1833 nach Frankreich zu begeben. In der Zwischenzeit war die Verwaltung der Besitzung provisorisch dem General Avizard anvertraut, der sich ein großes Verdienst durch die Einsetzung des kuresu arabe, dem die Unterhandlungen und der politische Verkehr mit den Araberstämmen ausschließlich anvertraut wurden, erwarb. Nach dem Tode des Herzogs von Rovigo wurde der General Voirol, ein Mann, der gerade das Gegcntheil seines Vorgängers war, zum interimistischen Oberbefehlshaber ernannt. Die Verwaltung desselben war mehr der Hebung der materiellen Interessen der Colonie als der Ausbreitung von Frankreichs Macht gewidmet. Mit Ausnahme einiger Züge zur Züchtigung des räuberischen Stammes derHadschuten und der Einnahme Budschias am Ende des Sept. 1833, fiel in der Provinz A. und im Osten nichts von Bedeutung vor, und in der Um- s gegend der Hauptstadt schienen sich die Zustände ziemlich friedlich gestalten zu wollen, da mehre' ' ^ der dortigen Stämme sich unterwarfen. Um so heftiger entbrannte dagegen der Krieg in den westlichen Landestheilen, wo Abd-el-Kader bereits sämmtliche Stämme zwischen Maskara und dem Meere gewonnen oder sich unterworfen hatte, sodaß an einen Frieden mit diesen Stämmen nicht zu denken war, ohne den Emir selbst unterworfen, oder sich gütlich mit ihm vereinigt zu haben. Die Erfolglosigkeit aller Gefechte, welche der in der Provinz Oran befehligende General Desmichels dem Emir im Laufe des I. 1833 lieferte, bewog denselben, den Weg der Unterhandlung einzuschlagen. So kam ein Vertrag zwischen beiden Befehlshabern zu Stande, in welchem sich Abd-el-Kader zum Frieden und zur Auslieferung der Gefangenen verpflichtete, gegen Bewilligung des Kornmonopols und des Rechts, in den franz. Häfen Waffen und Kriegsbedarf einzukaufen. General Desmichels hatte diese letztem Bedingungen seiner Re- .. gicrung verschwiegen; erst später wurden sie bekannt und der General deshalb zurückbcrufen. Gegen das Ende des 1.1834 erhielt die Verwaltung der Regentschaft, zu deren Beibehaltung sich die Regierung in Folge derBerichte zweier Untersuchungscommissionen entschlossen 235 Algier , hatte, eine neue Organisation. Der Oberbefehl über das Heer und die oberste Verwaltung des Landes, das durch eine Ordonnanz als „franz. Besitzungen im Norden von Afrika" I bezeichnet ward, wurden einem vom Kriegsminister reffortirenden Generalgouverneur übertragen und der Generallieutenant Graf Drouet d'Erlon zu diesem Posten berufen. Unter ihm standen ein Commandant der Truppen, ein Commandant der Marinestation, ein ^ Militairintendant, ein Civilintendant und ein Finanzdirector. Auch die Rechtspflege ward durch Errichtung mehrer Tribunale geordnet. Für Franzosen und Fremde ward das franz., für die Eingeborenen das einheimische Recht in Anwendung gebracht. Die einheimischen Gerichte für die Eingeborenen wurden beibehaltcn. Der Zustand, in welchem der neue ^ Gouverneur, der am 28. Sept. in A. ankam, die Besitzung vom General Voirol übernahm, war, mit Ausnahme der noch nicht unterworfenen Provinzen Konstantine und Oran, im Ganzen ein sehr befriedigender. Unter Drouet d'Erlon erhielt das kriegerische System nach und nach wieder das Übergewicht, obschon er sich anfangs mehr mit der innern Verwaltung beschäftigen zu wollen schien und durch Einführung der franz. Municipalverfaffung und > Ordnung des Unterrichts und der Policei sich in der Thal ein Verdienst erwarb. So begann ^ um A. wieder der kleine Krieg mit den Hadschuten, während der in der Provinz Oran befeh- ' ligcnde General Trezel, um das immer weitere Umsichgreifen Abd-el-Kader's unter dem ^ Schutze des mit seinem Vorgänger Desmichels geschlossenen Friedens zu verhindern, genä- thigt war, diesen Frieden zu brechen und am 16. Juni einen Zug gegen den Emir zu unternehmen. Dieses nicht mit der gehörigen Umsicht begonnene und geleitete Unternehmen endete mir der schmählichen Niederlage der Franzosen an der Makta, in den letzten Tagen des Juni, welche die Zurückbcrufung des Generals Trezel zur Folge hatte. Auch der Generalgouverneur Drouet d Erlon, dessen Schwäche vorzüglich das Umsichgreifen Abd-el-Kader's zuzuschrciben war, ward zurückbernfen und der unterdeß zum Marschall ernannte Clauzel wieder nach A. gesendet. Die erste Sorge des neuen, am s IAug. 1835 in A. ««gekommenen Eeneralgouverneurs war, die an der Makta erlittene Schmach zu tilgen. Zu dem Ende setzte er sich am 26. Nov. 1835 mit 11660 M. zu einem , Zuge nach Maskara, dem Mittelpunkt von Abd-el-Kader's Macht, in Bewegung. Nach mehren glücklichen Gefechten gelangte man am 6. Dec. nach Maskara; ein Resultat, das den Abfall fast sämmtlicher Stämme vom Emir zur Folge hatte. Doch da der Eeneral- gouverneur nicht für gut befand, Maskara zu behaupten, so wurde, nachdem man es angczündet hatte, der Rückzug schon am 9. Dec. wiederangetreten, der durch das schlechte Wetter und die immerwährenden Neckereien den Franzosen sehr verderblich ward. Bald nahm Abd-cl-Kader wieder Besitz von der nur wenig vom Feuer zerstörten Stadt, und nicht lange dauerte cs, so war er mächtiger als zuvor, denn der verfehlte Zug, den Marschall Clauzel, von Tlcmezcn aus (wohin er zur Entsetzung der im dortigen Meschuar belagerten Türken, die es mit den Franzosen hielten, marschirt war) nach der Mündung der Tafna im Jan. 1836 unternahm, trieb die dortigen Kabylen in des Emirs Arme, und die Niederlage, die General d'Arlanges, des Marschalls Untcrbefehlshaber, an eben diesem Fluß bald § nachher erlitt, brachte des Emirs Ansehen auf den höchsten Punkt. Zwar errang der im Juni . 1836 speciell zur Wiedergutmachung dieser Unglücksfälle von Frankreich mit Verstärkung - in die Provinz Oran gesendete General Bugeaud im Laufe desselben Jahres verschiedene resultatlose Siege über den Emir; allein zu bändigen vermochte er ihn nicht, vielmehr breitete sich dessen Macht auch über die Provinz Oran hinaus, über die Stämme der Provinzen Titteri und A. selbst aus, in welchen sich ein ebenso hartnäckiger kleiner Krieg entspann, wie in der Provinz Oran. Unterdeß war Clauzel's Zug nach Konstantine völlig gescheitert. Man zog es daher, um bei dem bevorstehenden zweiten Zuge nach Konstantine ans dieser Seite Ruhe zu haben, vor, im Guten mit Abd-el-Kader fertig zu werden, und so kam cs zu dem Frieden an der Tafna, der am 30. Mai 1837 zwischen dem Emir und dem General Bugeaud abgeschlossen ward. Seine Hauptbcstimmungen waren folgende: Abd-el-Kader erkennt die Souvcrainetät Frankreichs über die Regentschaft an; er erhält dagegen die Verwaltung der Provinzen Oran, Titteri und Algier mit Ausimhme der Städte Oran, Arzew, Masagran, Mostagancm, Algier, Belida und Kolcah, des Sahels und der Ebene Metid- scha, darf aber in keinen andern Thcil dec Regentschaft eindringen; er überliefert dem franz. 236 Algier Heer 60000 Säcke Getreide und 5000 Ochsen, wogegen ihm die Stadt Tlemezen mit dem , Meschuar (Schloß) überliefert und ihm gestattet wird, Waffen und Kriegsbedarf in Frankreich cinzukaufen. Während dies im Westen der Regentschaft sich zutrug, hatten sich im Mittelpunkt und im Osten andere Dinge im Lause des J. l836 und den ersten Monaten von 1837 ereignet. Mit Ausnahme einiger räuberischen Einfälle der Hadschuten in der Metidscha und einiger von den Kabylen südlich von Budschia unternommenen kühnen Angriffe war hier in der ersten Hälfte von 1836 nichts von Bedeutung vorgefallen. Der widerspenstige Achmet Bei, ein Kulugli, herrschte mit Ausnahme von Bona ganz unumschränkt über die Provinz Konstantine. Unterdeß hatte der Marschall Clauzel einen Plan entworfen, die Regentschaft völlig zu unterwerfen; alle strategischen Punkte sollten beseht r» und die Verbindung zwischen diesen Posten durch mobile Kolonnen erhalten werden, um so den beiden feindlichen Häuptlingen Achmet und Abd-el-Kader alle Stützpunkte sowie die Möglichkeit, irgend bedeutende Massen zu vereinigen, zu entziehen: ein Plan, der bereits durch die Anlegung verschiedener befestigter Lager und Blockhäuser an wichtigen Punkten, wie sie seit der Verwaltung des Herzogs von Rovigo fortwährend stattgefunden, wesentlich j vorbereitet war. Obgleich zur Ausführung desselben nicht weniger als 80—l ooooo M. > crfoderlich und weder Regierung noch Kammern zur Bewilligung derselben geneigt waren, unternahm es der Marschall doch, mit den unzulänglichsten Mitteln sein Project ins Werk zu setzen. Mit der Provinz Konstantine ward der Anfang gemacht. Am 7. Nov. l83K marschirte ein Expeditionsheer, nicht stärker als 7000 M., unter des Marschalls eigener Leitung von Bona nach der Stadt gleiches Namens ab. Die Jahreszeit war so schlecht dazu gewählt, daß der Zug lediglich in Folge des schlimmen Wetters scheiterte. Man kam zwar vor der Stadt Konstantine an, und trotz des elenden Zustandes, in dem sich das Heer ü> Folge der entsetzlichsten, durch unaufhörliche Regengüsse verursachten Strapazen befand, wurden zwei Sturmangriffe unternommen; allein da beide wegen Mangels an schwerem Geschütz erfolglos blieben, man auch nicht länger warten konnte, indem es an Lebensmitteln fehlte, so sah sich der Marschall zum Rückzuge genöthigt, der schon auf dem Marsch und noch mehr nach der Rückkunft nach Bona außerordentlich viel Mannschaft durch Erschöpfung > und Krankheiten hinraffte. Marschall Clauzel ward in Folge dieses mislungencn Unternehmens im Febr. 1837 nach Frankreich zurückberufen. Durch seine fehlerhafte Verwaltung hatte Clauzel die Colonie in einen Zustand gebracht, der nach dem verfehlten Zuge nach Konstantine wahrhaft trostloS zu nennen war. Unter diesen Umständen erhielt nun Generallieutenant Dam rem ont die Stelle als General- gouverneur, mit der Aufgabe, die Fehler des Marschalls Clauzel wieder gut zu machen. Seine erste Thätigkeit nach seiner Ankunft am3.Apr. 1837 wandte sich gegen die von Abd-el-Kader aufgewiegelten Kabylenstämme in der Provinz A., die auch so ziemlich gezüchtigt wurden. Das hauptsächlichste Ziel seiner Sendung blieb jedoch Konstantine, dessen Einnahme für Frankreich zu einer moralischen Nothwendigkeit geworden war. Der Friede an derTafna gab ihm freie Hand, und nachdem die nöthigen Verstärkungen eingetroffen, ward die neue Expedition nach Konstantine von Bona aus mit ungefähr 12000 M. kampffähiger Truppen bcgon- ! nen. Sämmtliche sogenannte afrik. Corps nahmen am Zuge Theil. So dieZ u a v en (s. d.), f ein leichtes Jnfanteriecorps, das schon 1830 unter Clauzel aus Eingeborenen errichtet worden war, die Fremdenlegion, die Bataillons d'Afrique (Strafbataillone, in welche die franz. Militairsträflinge gesendet wurden), die Tirailleurs d'Afrique und die reitenden Chasseurs d'Afrique aus Freiwilligen gebildet, und die Späh is (s. d.), ein aus Eingeborenen gebildetes, aber von franz. Offizieren commandirtes Reitercorps. Am I. Oct. brach das Expeditionsheer aus dem Lager von Medschez-Ammar, 27 Stunden oberhalb Bonas am Sei- buß, unter dem Oberbefehle des Generals Damre'mont auf und kam am 6. nach einem fast ganz gefechtlosen Marsch vor Konstantine an, das von 6—7000 Bewaffneten, meist Kabylen, vertheidigt wurde. Den Befehl in der Stadt führte Ben Aissa, der Khalifa Achmet Bei's, da dieser wohlweislich mit einem kleinen Heer außerhalb der Stadt geblieben war. - Unter dem furchtbarsten Wetter und den größten Mühseligkeiten ward die Belagerung begonnen uyd am 13. durch die Erstürmung der Stadt, die sich tapfer vcrtheidigte, beendigt. Der Generalgouverneur Damre'mont war schon zuvor, noch während des Brescheschießens Algier W7 am >2. gefallen. An seiner Stelle hatte der General Vale'e den Oberbefehl übernommen. Mit dieser glänzenden Waffenthat war der Fall Achmet Bei's entschieden; denn obwol er noch eine Zeit lang den Kampf fortzusetzen suchte, so ward er doch bald genöthigt, bei den Stämmen an der Grenze von Tunis ein Versteck zu suchen. Nachdem die Ordnung in der Stadt wiederhergestellt und mehre der benachbarten Stamme unterworfen waren, trat das Expeditionsheer, mit Hinterlassung von Besatzungen in Konstantine und den diese Stadt mit Bona verbindenden Lagern, den Rückweg an, und am 3. Nov. war es bereits wieder in Bona. Hiermit war der Grund zur völligen Unterwerfung der Provinz Konstantine gelegt, die in den beiden folgenden Zuhren ohne große Anstrengungen vollendet ward, sodaß dieselbe seitdem nie wieder der Schauplatz bedeutender kriegerischer Ereignisse geworden ist. Der zur Belohnung für die von ihm vollendete Einnahme Konstantines zum Marschall erhobene General Vale'e wurde am I. Dec. 1837 auch zum Generalgouverneur ernannt. Vor Allem galt es nun, nachdem der Osten der Regentschaft unterworfen war, die der unmittelbaren Herrschaft Frankreichs vorbehaltenen Theile der Regentschaft zu einem gesicherten Besitz zu machen, indem man dem Umsichgreifen Abd-el-Kader's entgegentrat. Allein der Marschall täuschte sich vollkommen über denselben, indem er an die Möglichkeit der Bewahrung des mit ihm geschlossenen Friedens glaubte. Zwar wurden die Differenzen wegen.'einiger Bestimmungen des Tafna-Friedens durch den am 3. Juli 1838 Unterzeichneten Zusatzvertrag beseitigt, aber der Ausbruch der Feindseligkeiten ward dadurch nur hinausgeschoben, nicht aufgehoben. Auch in den übrigen Beziehungen machte die sranz. Herrschaft keine großen Fortschritte; weder gelang es, die unabhängigen Stämme zu gewinnen oder sie dauerhaft zu unterwerfen und so die öffentliche Sicherheit zu begründen, noch ging es mit der Colonisation und der Bodencultur vorwärts. Am günstigsten gestaltete sich noch der Zustand in der Provinz Konstantine, die durch Anlegung von Straßen und Städten sich mannichfach hob. So verging die Zeit bis in die zweite Hälfte des I. 1839 in einem zweifelhaften Frieden, während dessen Abd-el-Kader seine Macht zu einer nicht geahneten Höhe steigerte, indem er alle Stämme südlich von seinem Gebiet bis an die Wüste unterwarf und sogar einen langen, obwol erfolglosen Krieg mit dem Wüstenfürsten Tedschini von Ain-Maadi 1838 und 1839 führte. Endlich nachdem in der Mitte Oct. 1839 der Marschall Vale'e mit dem Herzog von Orleans den Streifzug von Konstantine nach dem Engpaß des Eisernen Thores unternommen hatte, sollte der Friede ein Ende haben. Abd-el-Kader behauptete, sein Gebiet sei dabei verletzt worden, und brach nun, da er seine Zeit gekommen sah, mit überlegener Macht gegen die unvorbereiteten Franzosen noch im Nov. desselben Jahrs los. Die Niederlassungen der Europäer auf dem offenen Lande wurden überfallen und verwüstet, die auf dem Marsch befindlichen sranz. Truppen, die kleinen Außenposten und Lager überrumpelt, und schon am 23. Nov. war die Herrschaft der Franzosen auf die befestigten Städte und Lager beschränkt. Selbst die Niederlassungen auf der Metidscha-Ebene waren verloren, und 30000 Araber lagerten auf derselben und streiften bis vor die Thore A.s. Dieser Zustand verlangte energische Abhülfe; denn wenn auch die Araber im Laufe des Winters mehre einzelne Niederlagen erlitten, so war doch damit nichts gewonnen, da die Franzosen nicht im Stande waren, einen strategischen Vortheil aus diesen Siegen zu ziehen. In der Thal wurde auch das franz.-afrik.Heer im Laufe des Winters bis auf 60000 M. gebracht. So ward denn der Frühlingsfeldzug von 1830 von beiden Thei- len mit erneuten Kräften und verdoppeltem Nachdruck begonnen. Die heldenmüthige Verthei- digung des nur von 123 M. besetzten Forts Masagran, unweit von Mostaganem, gegen 12— 15000 Araber, die es vom 2. — 5. Febr. unaufhörlich mit der größten Wuth bestürmten, bildete den glänzenden Anfang der Waffenthaten dieses Feldzugs, in welchem die Franzosen zwar militairische Lorbern, jedoch keine bedeutenden dauerhaften Resultate ernteten. Die Besetzung der beiden Städte Medeah und Miliana, deren Garnisonen lediglich auf die Städte selbst und die Lebensmittel, die sie mitgebracht, beschränkt waren und nicht daran denken konnten, die Umgegend in Unterwerfung zu halten, war der einzige Erfolg einer Menge hitziger Gefechte. Aber auch hiermit war nur wenig ausgerichtet, denn während die Franzosen im Engpaß von Muzaia und anderwärts blutige Siege errangen, war Niemand vor den Thoren A.s seines Lebens sicher. Dieser Zustand dauerte das ganze Jahr 238 Algier hindurch fort, und auch der Herbstfeldzug, dessen einziges Resultat die Verproviantirung von Medeah und Miliana war, änderte hierin nur wenig. Kein einziger Stamm unterwarf ' sich den Franzosen. Das Einzige von Bedeutung, was dieses Jahr noch geschah, war der . Beginn der Umwallung, durch welche die fruchtbare Ebene Metidscha gegen die Einfälle l der Araber gesichert werden sollte. Sonst hatte sich das kriegerische System des Marschalls ^ Valee sehr wenig bewährt. Sein Eigensinn schonte dabei seine Truppen nicht im geringsten, > sodaß oft nach Expeditionen, die im unpassendsten Wetter mit der äußersten Anstrengung ^ unternommen wurden, ein Drittel der Soldaten in den Spitälern lag. Am Ende sah I Valee selbst das Fehlerhafte seines Systems ein und wollte cs ändern; allein schon hatte ihm die Regierung den Generallieutenant Bugeaud (s. d.) zum Nachfolger gegeben, der am 22.Febr. 1841 in A. anlangte. Das neue System, welches er befolgte, bestand nun , darin, einestheils durch unaufhörliche Razzias (Beutezüge) gegen die einzelnen Stämme ^ und andere kleine Unternehmungen, verbunden mit den bei den Arabern immer anwendbaren Künsten der Bestechung, dieselben zu ermüden; anderntheils in großem Expeditionen die regelmäßige Macht des Emirs aufzureibcn und durch Besetzung und Zerstörung seiner ^ festen Stützpunkte im Innern sein Ansehen zu untergraben und seine Hülssqucllen zu ver- ^ Nichten. Das Heer, das schon in der letzten Zeit Valc'e's auf 65000 M. gebracht worden > war, wurde unter ihm bis auf mehr als 80000 M. vermehrt. Mit ihm operirte er von drei Stützpunkten, von A. über Medeah und Miliana, von Mostaganem und von Oran, auf das Centrum von Abd-el-Kader's Macht. Seine beiden ersten Hauptzüge zu Anfang März und Ende Aprils galten der Verproviantirung von Medeah und Miliana und der Einschüchterung der umwohnenden Stämme. Dann setzte er sich am 18. Mai mit l > 000 M. von Mostaganem aus nach Tckedempt, dem festen Hauptsitze Abd-el-Kader's, in Bewegung und erreichte nach mehren kleinen Gefechten am 25. Mai diese Stadt, die, nachdem ihre Einwohner sie zuvor sammt ihren Habseligkciten geräumt, eingeäschert und ihre Kasbah, die erst vom Abd-el-Kader erbaut war, gesprengt wurde. Von da ging es nach Maskara, der f Wiege der Macht Abd-el-Kader's, welches am 30. Mai eingenommen wurde. DiOFolge davon war, daß mehre Stämme wankend wurden, und die Medschehers sich sogar unterwarfen. Zwar suchte Abd-el-Kader durch List den General Bugeaud von der Verfolgung f seines Ziels abzuzichen; aber umsonst. Selbst der heiße Theil des Sommers wurde zu unaufhörlichen kleinen Streifzügen gegen die Araber benutzt, ebenso zu Aufwiegelung und Bestechung der Stämme, die am meisten von Abd-el-Kader bedrückt worden waren. Noch entscheidender sollte jedoch der Herbstfeldzug werden. Am 5.Oct. brach Bugeauh nach Maskara auf, um es zu verproviantiren, und am 17. zog er nach Abd-el-Kader's letzter noch nicht eingenommener Festung, Saida , vier Tagemärsche südlich von Maskara. Der Ott war geräumt und die von christlichen Überläufern auf den Ruinen einer alten röm. Niederlassung angelegten Mauern wurden zerstört. Die Zerstörung dieser Stadt wirkte wie ein Zauberschlag auf die Stämme der Umgegend, deren Zwingfeste sie gewesen. Alle hielten sich ruhig gegen die Franzosen und einige schlossen sich denselben sogar an. Bugeaud befolgte hierbei die doppelte Politik, einmal sich mit Versprechungen und Bestechungen an die Stämme zu wenden, und dann alle unterworfene Stämme nach Kräften gegen die Rache Abd-cl-Ka- > der's zu schützen. Wie der hohe Sommer, so ward auch der tiefe Winter nach Kräften von ' Bugeaud benutzt, das begonnene Werk zu vollenden. Im Jan. 1842 schon wurde ein Zug nach der einzigen noch Widerstand leistenden Gegend an der marokkanischen Grenze unternommen und dabei am 30. Jan. die Stadt Tlemezcn, sowie das zwei Tagemärsche südlich davon, nicht weit von der Wüstengrcnze gelegene Schloß Tafrua, ein Waffenplatz Abd-el- Kader's, am 9. Febr. eingenommen und das letztere auch zerstört. Hiermit schien die Macht Abd-el-Kader's, dessen regelmäßige Truppen in so vielen Gefechten fast gänzlich aufgerieben waren, gebrochen, und er war gezwungen, auf das marokkanische Gebiet sich zurückzuziehen. Die meisten der ihm unterworfenen Stämme unterwarfen sich nun förmlich oder hielten sich doch wenigstens ruhig. Zwar kam am 21. März Abd-el-Kader plötzlich mit einem im ^ Marokkanischen und aus dem Stamm der Beni - Snussen angeworbenen Kriegshaufen wieder bei Tlemezcn zum Vorschein, überfiel den dort befehligenden General Bedeau, ward aber ohne Schwierigkeit zurückgeschlagcn, worauf er sich nach einigen vergeblichen Hin- , Alhambra 239 und Herzügen wieder ins Marokkanische zog. Außerdem unternahm Bugeaud im Apr. mehre Züge gegen widerspenstige Stämme und zwang sie sämmtlich zur Unterwerfung. Selbst die Haschems mit den Brüdern und Oheimen Abd-el-KadcrH baten um Gnade und Frieden. Sä schien es, als sei die Unterwerfung des Landes völlig beendigt; da erschien im - Sommer 1842 der vernichtet geglaubte Abd-el-Kader urplötzlich von neuem im Süden der Regentschaft. Viele der abgesallenen Stämme fielen ihm wieder zu, und an Hülssmitteln unerschöpflich, wußte er sich eine neue Macht zu bilden. Die Generale Lamoriciere, d'Arbou- ville und Changarnier, die seiner nicht gewärtig waren, erlitten Ende Aug. und im Laufe des Sept. bei Tekedempt, am obern Scheliff und bei Maskara Niederlagen, und es bedurfte eines combinirten Operationsplans, um ihn wieder zurückzudrängen und die abge- sallcncn Stämme wieder zu unterwerfen; denn alle, besonders die Kabylen, bis nach Konstantine hin, regten sich von neuem, und 5000 der letztem griffen sogar Setiff an. Es bedurfte der größten Anstrengungen und gefährlicher Streifzüge am Rande der Wüste hin vom Dschurdschura bis zur marokkanischen Grenze, in Gegenden, die noch nie ein Franzose betreten, um Abd-el-Kader auf einen engen Raum am obern Scheliff zu beschränken, denn ihn ganz zu vertreiben, gelang nicht. Es bedurfte endlich einer besonder» Expedition ins Innere des östlichen Theils der Regentschaft, die im Laufe des Oct. unter der persönlichen Anführung des Generalgouverneurs stattfand, um die dortigen widerspenstigen wilden Kabylenstämme zur Unterwerfung zu zwingen. So hat der Herbstfeldzug von 1842 kein anderes Resultat gehabt als ungefähr Das wieder zu erlangen, was man nach dem Früh- lingsseldzuge schon besaß. Und dies Ergebniß ward nur um den Preis eines großen Verlustes an Menschenleben errungen, denn die unaufhörlichen Streifzüge, die selbst in der heißesten Jahreszeit unternommen wurden, um die feindlichen Stämme nie ;u?Ruhe kommen zu lassen, hatten bewirkt, daß von den 80000 M. des gcsammkcn afrik. Heers im Laufe des Sept. über 24000 M. in den Spitälern lagen. Dessenungeachtet hat der Zustand der Colonie eine bessere Gestalt angenommen. Die Sicherheit im Reisen und mit ihr der Verkehr mit den Eingeborenen sind bedeutend gestiegen; nur selten hört man noch von Überfällen; Handel und Wandel haben außerordentlich zugenommen, wie denn besonders durch die Zölle die Staatseinkünfte von 1831—41 von einer Million sich bis fast auf neun Millionen erhoben haben; die Kolonisation, wie die Gründung der Militaircolonie Ain-Fuka und mehrer anderer beweist, wird ernster und gedeihlicher betrieben, und wenn 1831 die europ. Bevölkerung in der Regentschaft 3000 Seelen betrug, so belief sie sich 1841 bereits auf fast 36000; die Küstenstädte blühen immer mehr auf, mehr und mehr kann die franz. Regierung ihr Augenmerk materiellen Verbesserungen zuwenden, und zum völligen Gedeihen der Colonie fehlt nichts als ihre vollkommene Beruhigung, die freilich nicht eher eintreten kann, als bis Abd-el-Kader, dessen bloße Anwesenheit hinreichend ist, die Stämme in Aufregung zu erhalten, völlig Vernichtet ist. Vgl. Shaw, „Irsvels soll observstioos relstiox to severs! j>srts »ILsrbsrz" (2. Ausg-, Lond. 1757 ; deutsch Lpz. 1765); Pananti, „Narrative oks resi- llence in Algiers ete", herausgegeben von Blaquierc (Lond. 1818); Rehbinder, „Nachrichten und Bemerkungen über den algierschen Staat" (Altona 1798—1800); Renaudot, ,,'lsblesu «In rozmiime etc. ll'^Iger" (Par. 1831); Ferne!, „OampsAne ll'^trigue ea 1830" (2. Aufl., Par. 1832); Juchereau de Sk.-Dcnys, „6oosiller-»tionz etc. sur I« lexence ll',5Iger" (Par. 1831); Charpcntier, „^Ixer tzt le lluc (le kvvigo" (Par. 1832); Pellissier, „Zonales aigerieimes" (Par. 1836); Desjobert, „Im Hnestion ll'^Iger" (Par. 1837) und Rud. Wagner's „Reisen in der Regentschaft Algier" (3 Bdc., Lpz. 1841). Alhambra ist der durch 18 F. dicke Mauern und eine besondere Befestigung abgeschlossene nördliche Stadtkheil der span. Provinzhauptstadt Granada (s. d.), bestehend aus einem Kirchspiele von 200 Häusern, gleichsam die Citadclle der Stadt bildend. A. war einst die Residenz der maurischen Könige von Granada und har einen Umfang von mehr als drei Viertelstunden. Auf dem erhabensten Punkte in A. bewundert man noch jetzt die Pracht des vormaligen, nun verfallenen maurischen Palastes, der einen großen Hof, den sogenannten Löwenhof, in einem regelmäßigen Viereck umschließt und 1213—1338 erbaut wurde; ferner einen von Karl V. in der Absicht, nach A. seine bleibende Residenz zu verlegen, angc- fangenen, aber nicht vollendeten Palast und am Ende der denselben umgebenden Gärten 240 Ali ben Abi Taleb Mi ein zweites schönes maurisches Lustschloß, Generalis», mit herrlicher Aussicht. Seit dem Anfang des > 8. Jahrh. nicht mehr bewohnt, verfiel und verfällt A. immer mehr. Der kastell- arüge Thurm Comares dient jetzt zum Staatsgefängnisse. Ali ben Abi Taleb , erster Moslem und vierter Khalif, war der treueste und tapferste Gefährte des Propheten, dessen Tochter Fatima er heirathete. Nach Othman's Ermordung an dessen Stelle zum Khalifen ernannt, war er in SO Treffen siegreich gegen die Rebellen. In der Schlacht des Kameels, so genannt, weil in derselben Mohammed's Witwe Asscha auf einem Kameele ritt, nahm er sogar diese gefangen, die seine größte Feindin war. Ein Fanatiker ermordete ihn im I. 660. Er liegt bei Kufa begraben, wo ihm später ein Denkmal errichtet wurde, zu dem seine Verehrer noch jetzt pilgern und das das Anlegen der Stadt Medjed-Ali veranlaßte. Seine Neligionspartei, die man Schiiten (s. d.) nennt, hat sich namentlich in Persien und in der Tatarei sehr ausgebreitet. Von den Ommaijaden vielfach verfolgt, haben seine und der Fatima Nachkommen, die Fatimiten, am Nil und am Tajo, in Westafrika und in Syrien geherrscht. Die ihm zugeschriebenen Sprüche hat am besten Fleischer („A.'s hundert Sprüche, arab. und pers.", Lpz. 1837) herausgegeben; sein „Divan", die vollständige Sammlung seiner lyrischen Gedichte, größtentheils religiösen Zn Halts, erschien neuerdings in Bulak bei Kairo. Ali, Pascha von Janina, der kühnste und verschlagenste Rebell gegen die Pforte und einer der gefürchtetsten Menschen unter seiner Umgebung, war zu Tepeleni in Albanien 1734, aus dem Geschlechts der Häuptlinge eines unabhängigen mohammedanischen Stammes, der Tocziden, geboren, der Enkel eines von der Pforte ernannten Bei und der Sohn eines Pascha von zwei Roßschweifen. Nach dem Tode seines Vaters, dem Kurt Pascha und die andern benachbarten Paschas fast alle Besitzungen entrissen hatten, stellte die Mutter den 16jährigen A. an die Spitze ihrer Anhänger. Er wurde geschlagen und gefangen, aber seine Schönheit und Lebhaftigkeit rührten Kurd Pascha so, daß er ihn nach einer Züchtigung entließ. Bald griff A. aufs neue zu den Waffen, war aber so unglücklich, daß er in die Gebirge fliehen mußte, wo er, um nicht zu verhungern, seinen Säbel verpfändete. In diesem Zustande rieth ihm seine Mutter mit stolzer Verachtung, er solle einen Weiberrock anziehen und im Harem dienen. Noch einmal zog er auf Krieg und Beute aus; doch auch diesmal gänzlich geschlagen, suchte er sich in einem eingefallenen Gebäude zu verbergen. Hier über sein Schicksal brütend, ohne zu wissen, was er that, die Erde mit einem Stocke aufwühlend, fand er ein Kiflchen mit Gold. Mit diesem Schatze warb er 2000 Mann, erfocht hierauf seinen ersten Sieg und kehrte im Triumph nach Tepeleni zurück. Seitdem war er andauernd vom Glück begünstigt, aber auch ebenso treulos und grausam. Am Tage seiner Rückkehr ermordete er seinen Bruder, dem er Verrätherei Schuld gab, und sperrte dann seine Mutter, als ob sie den Ermordeten vergiftet habe, ins Harem, wo sie bald starb. Mit der Pforte versöhnte er sich dadurch, daß er den rebellischen Vezier von Skutari besiegen half, und bemächtigte sich nicht nur aller seinem Vater entrissenen Ländereien, sondern auch einiger griech. Städte. Er überfiel den der Pforte verhaßten Pascha Selim von Delvino, ließ ihn enthaupten und ward dessen Nachfolger. Vom Divan, den er bestochen hatte, zum Stellvertreter des Dervendgi Pascha, der für die Sicherheit der Landstraßen zu sorgen hat, ernannt, stempelte er für Geld die reichsten Räuberhauptleute durch Diplome zu rechtmäßigen Eroberern. Zwar entsetzte die Pforte ihn seines Amtes; allein sehr bald hatte er die Gunst des Divans aufs neue erkauft. Obgleich er mit dem Fürsten Potemkin in geheimem Briefwechsel stand, so leistete er doch der Pforte im Kriege mit Rußland und Ostreich seit 1787 so wesentliche Dienste, daß man ihn zum Pascha von Trikala in Thessalien ernannte. Damals bemächtigte er sich auch der Stadt Janina, indem er einen untergeschobenen Ferman vorzeigte, worauf er die Einwohner zwang, vom Sultan ihn als Statthalter sich zu erbitten, während er gleichzeitig durch das von ihnen erpreßte Geld den Divan bestach. Später trat er mit Bvnaparte in Verbindung, der ihm Ingenieurs schickte; als aber dieser in Ägypten abgeschnitten war, nahm er 1798 die von den Franzosen besetzten Plätze auf der Küste Albaniens, indem nur Parga glücklichen Widerstand leistete, das aber dann zufolge des Vertrags zwischen Rußland und der Pforte im I. 1800 gleich allen venetian. Plätzen auf dem festen Lande der Pforte überlassen werden mußte. Nach drei- Älianus (der Taktiker) Älianus (Claudius) 241 jährigem Kampfe unterwurf er 1803 die Sulioten, worauf ihn die Pforte zum Oberstatthalter von'Nomanien erhob. Damals rächte er an den Einwohnern von Gardiki eine seiner Mutter vor 40 Jahren zugefügtc Beleidigung durch die Ermordung von 730 männlichen Nachkommen der schon verstorbenen Thäter. Außerdem sah er aber im Innern seines Landes streng auf Recht und Ordnung. Es herrschte Sicherheit und Ruhe; Landstraßen wurden gebaut und das Gewerbe blühte auf, sodaß die europ. Reisenden, mit denen er sich gern unterhielt, in ihm einen thätigen und einsichtsvollen Regenten erkannten. Seit 1807, wo er abermals mit Napoleon, der Pouqueville als Generalconsul zu ihm schickte, in Verbindung trat, war seine Abhängigkeit von der Pforte nur scheinbar. Da er indeß seinen eigentlichen Zweck, durch Napoleon im Frieden zu Tilsit Parga und die Jonischen Inseln zu erhalten, nicht erreichte, so trat er mit den Engländern in Verbindungen und machte denselben mehre vorthcilhafte Zugeständnisse, wofür diese der Pforte, eigentlich aber ihm, die Rückgabe von Parga zugestanden. Weil er sich jetzt in seiner Macht befestigt glaubte, so ließ er nun die Kapitanis der griech. Armatolen (s. d.), die bisher ihm Beistand geleistet, nach und nach meuchlings ermorden, die Meuchelmörder aber ebenfalls umbringen, um nicht als Anstifter verdächtig zu werden. Endlich beschloß die Pforte, der Macht des trotzigen Emporkömmlings ein Ende zu machen, und 1820 sprach Sultan Mahmud seine Entsetzung aus. Zur Vollstreckung des großherrlichen Ausspruchs rückte Ismail Pascha mit 5000 Türken gegen den Rebellen an. Durch die griech. Kapitanis verstärkt, zwang er A. sich in die Burg von Janina zu werfen, von wo aus er die Stadt selbst in Brand schoß, während Veli, A.'s Sohn, Arta und die Umgegend besetzt hielt. Als aber Ismail Pascha, der Pforte verdächtig, zurückgerufen und der tapfere Beba Pascha, der Arta nahm, plötzlich starb und den allen Griechen verhaßten Khurschid Pascha zum Nachfolger erhielt, so zogen sich die Griechen zurück und A. schien gerettet, indem ihn die Kapitanis wieder unterstützten, während zu gleicher Zeit die Hetairia (s. d.) ganz Griechenland zu den Waffen rief. Jin Aug. 1821 zog sich Khurschid Pascha mit dem Reste seines Heers aus Epirus nach Makedonien zurück; allein treulos, wie er war, suchte A. die Albanesen mit den Versprechungen, die er ihnen gegeben, hinzuhalten. Kaum war der Abfall der Griechen von A. dem Khurschid Pascha bekannt geworden, so schloß er mit einem neuen Heere Janina ein. A. ließ sich auf Unterhandlungen mit Khurschid ein, und nachdem dieser ihm Gut und Leben eidlich zugesichert, übergab er am 1. Febr. 1822 sein Schloß und bezog seinen Sommcr- palast im See von Janina. Hier ward ihm am 5. Febr. das vom Großherrn ausgesprochene Todesurtheil angekündigt. A. setzte sich zwar zur Wehre, wurde aber niedergehauen und sein Kopf nach Konstuntinopel geschickt. Seine Söhne, Veli und Muchtar Pascha, waren 1820 in die Gewalt der Türken gekommen und nach Kleinasien ins Exil verwiesen, weil man aber eine Verbindung mit der Partei ihres Vaters entdeckt, im Aug. 1821 hingerichtet worden. Unstreitig besaß A. außerordentliche Naturgaben, den kühnsten Unternehmungsgeist und den sichersten Scharfblick; er vereinigte eine ungewöhnliche Kenntniß der Menschen und der Verhältnisse mit Entschlossenheit und Muth, und Beharrlichkeit mit zeitgemäßem Nachgeben; er fand selbst in verzweifelten Lagen Hülfsquellen und Auswege. Aber ebenso gehaßt als gefürchtet, war er falsch, mistrauisch, unversöhnlich, dabei aus Herrschsucht und Habsucht blutdürstig, und jedes Mittel galt ihm gleich, wenn es nur schnell und sicher zum Ziele führte. So ließ er einst eine Griechin, Euphrosine, mit l 5 andern Frauen ins Meer werfen, weil sie ihm zu viel Einfluß aufseinen Sohn Veli auszuüben schien. Älianus, der Taktiker genannt, wahrscheinlich ein geborener Grieche, der sich aber zu Nom aufhielt, lebte um 98—138 n. Chr. und schrieb über die griech. Schlachtordnung und über Aufstellung in Seeschlachten, herausgegeben von Arcerius (Lcyd. 1613; deutsch.in Baumgärtner's „Sammlung aller Kriegsschriststeller der Griechen", Manh. 1779). Älianus (Claudius), aus Präneste bei Rom, um 221 n. Chr., schrieb zwei Werke in griech. Sprache, deren er völlig kundig war, nämlich „Vermischte Erzählungen", ein buntes Gemisch von Auszügen aus allerlei Werken, Anekdoten, geschichtliche, biographische Notizen u. s. w. enthaltend, und „Über die Natur der Thiere". Nach Andern stamme,» die beiden Werke von verschiedenen Verfassern her. Ihres Stils wegen erhielt er den Ehrennamen „der Sophist". Das erste wurde am besten herausgegeben von Gronov (2 Bde^ Conv. - Lex. Neunte Ausl. I. 16 242 Alibaud Alimente Leyd. >73>, 4.), Kühn (2Bde., Lpz. >780) undKoray (Par. >805), das letzte von Gronov (2 Bde., Land. >744, 4.), Schneider (2 Bdc., Lpz. >784) und Jacobs (2 Bde., Jena >832). Alibaud (Louis), einer Derer, die den König der Franzosen, Ludwig Philipp, zu morden versuchten, war zu Nimes >8>0 geboren. Hier und zu Narbonne hatte er einigen Unterricht erhalten und sich dann als Copist in seinen Mußestunden mit geschichtlicher Lec- ture beschäftigt, die ihn von Ruhm und Schlachten träumen ließ. Im >8. Jahre trat er als Freiwilliger in das > 5. Linienregiment, ward Corporal und später Fourier des ersten und zweiten Grades. Zur Zeit der Julirevolution in Paris ging er zum Volke über, nahm jedoch keinen thätigen Theil am Kampfe und wurde am 29. Juli an einer Barrikade schwer verwundet. Wegen eines zufällig entstandenen Raufhandels in Strasburg degradirt, nahm er >834 seinen Abschied, lebte zu Perpignan und Barcelona, von wo er mit dem Entschlüsse des Königmords nach Paris zurückkehrte. Zugleich hatte ihn wenigstens zeitweiser Überdruß am Leben erfaßt, und er dachte an Selbstmord. In Paris traf er mit großer Überlegung die Vorbereitungen zu seinem Unternehmen und schritt mit äußerster Kaltblütigkeit zur That. Es war am 25. Juni >836, als er in dem Augenblicke, wo der König durch die Pforten der Tuilerien fahrend, sich vor der in das Gewehr getretenen Nationalgarde verbeugte, die wohlgezielte Kugel abfeuerte, die dicht an dem Haupte des Königs vorbeiging. Sogleich verhaftet, beklagte er nur das Mißlingen seines Unternehmens. Nach kurzer Verhandlung ward er als Königsmörder zum Tode verurtheilt und am > >. Juli guillotinirt. Er starb mit unbeugsamer Standhaftigkeit. Aus seiner Jugend erzählt man von ihm zwei Thaten kühner Aufopferung, und mehrfache gerichtliche Zeugnisse haben ihn als gutmüthig und sanft im geselligen Umgänge geschildert, als willenskräftig in hohem Grade, aber auch als zugänglich für den Stolz des Fanatismus. Alibi, d-h. anderswo. Beweis des Alibi heißt im Criminalprocesse derjenige direkte Entschuldigungsbeweis, bei welchem dargethan wird, daß der Angeschuldigte zu der Zeit, wo ein Verbrechen an einem gewissen Orte begangen wurde, an einen, andern Orte sich befunden habe, von wo aus er es nicht verübt haben kann. In diesem Falle wird derselbe wenigstens von der Anschuldigung der Täterschaft unbedingt freizusprechen sein, wenn er auch nach Befinden als Rathgeber, Begünstiger oder entfernter Theilnehmer strafbar erscheinen kann. Da dies einer der stringentesten und leichtesten Beweise der Unschuld ist, so sorgen bisweilen listige Verbrecher dafür, daß sie sich auf das Alibi berufen können, z. B. durch Zurückstellen der Uhr, nach welcher Diejenigen sich richteten, in deren Gegenwart sie sich befanden und auf deren Zeugniß sie diesen Entschuldigungsbeweis stützen wollten. Auch müssen gewisse Voraussetzungen, z. B. ob nicht der Angeschuldigte durch schnelles Laufen sich an einen andern Ort begeben konnte, bei der Prüfung dieses Beweises erwogen werden. Alicante , Hafenstadt am Mittelländischen Meere, im span. Königreiche Valencia, mit 25000 E. und einem ehemals starken, seit dem span. Erbfolgekriege verfallenen Kastell, ist der Stapelplatz für Valencianische Producte, vorzugsweise baumwollene und leinene Zeuge, Ankertaue, Getreide, Öl, Seide und Fische, und eine Hauptniederlage für den Handel zwischen Spanien und Italien. Auch gibt es hier mehre wissenschaftliche Anstalten für die Schiffahrt. Der vorzüglichste Ausfuhrartikel ist der süße Wein, welcher Alicante, auch seiner dunkeln Farbe wegen Vino Tinto genannt wird und größtentheils nach England geht. Karl V. pflanzte ihn zuerst an, indem er Neben vom Rhein hierher bringen ließ. A. wurde >33> durch die Mauren belagert; doch berühmter ist die Belagerung im I. >709 durch die Franzosen unter Asfeld. Nachdem damals die Stadt übergeben war, trieben die Belagerer einen Minengang unter die von Engländern besetzte Citadelle. Ehe die Mine geladen ward, ließ der franz. Befehlshaber dem engl. Commandanten, Oberst Richard, es anzeigen, worauf dieser einige Offiziere zur Besichtigung abschickte. Doch weit entfernt, sich schrecken zu lassen, stellte er sich vielmehr an dem zum Zünden bestimmten Tage mit seinem Generalstabe auf die Stelle der mit >20000 Pf. geladenen Mine, und in wenig Minuten war er nebst > 50 Mann nicht mehr. Dennoch ward die Citadelle erst nach neuntägigcm Beschießen übergeben. Alighieri, s. Dante. Alimente nennt man im Allgemeinen den Unterhalt, im juristischen Sinne insbe- Aliquot Alkaloide 243 sondere denjenigen Unterhalt, welchen Jemand einem Andern, ohne dafür eine Gegenleistung zu empfangen, zu verabreichen verbunden ist. Eine solche Verbindlichkeit kann theils aus Testamenten oder Verträgen, z. B. bei dem Leibgedinge (s. d.) oder bei Lehns- und Majoratsverhältnissen, herrührcn,, theils ist sie durch Gesetze auferlcgt. Das Letztere findet statt hauptsächlich in Hinsicht der Altern und Kinder; insbesondere ist der Vater, nach ihm die Mutter und dann deren beiderseitige Ascendenten zur standesmäßigen Alimentation der ehelichen Kinder verpflichtet; in Betreff der unehelichen Kinder sind gewisse Bestimmungen des kanonischen Rechts durch den Gerichtsbrauch dahin ausgedehnt worden, daß auch hier eine Alimentationsverbindlichkeit des Vaters eintritt, während nach röm. Rechte blos die Mutter dazu verbunden war. In letzterer Beziehung werden aber blos aiimenta nstu- rsli-,, der nothdürstige Lebensunterhalt, verabreicht. Auch Ehegatten sind zur gegenseitigen Alimentation verpflichtet, wie auch die Kinder zu der ihrer Altern; ob Geschwister untereinander zu Alimenten verbunden seien, ist gemeinrechtlich bestritten und dürste nach der richtigem Ansicht zu verneinen sein. (S. Competenz.) Aliquot oder Aliquo tisch nennt man in der Arithmetik denjenigen Theil einer Größe oder Zahl, durch welchen sich dieselbe ohne Rest dividiren läßt. So sind I, 2 und 5 von 10; ferner I, 2, 3, 4 und 6 von 12 aliquote Theile. Alkali ist der arab. Name einer Pflanze, aus deren Asche eine Art der alkalischen Substanzen gewonnen wird. — Unter dem Namen Alkalien begreift man in der Chemie die vier Körper: Kali, Natron, Lithion und Ammoniak, von welchen die drei ersten Metalloxyde sind, das letztere aber eine Verbindung aus Wasser- und Stickstoff ist. Ihre charakteristischen Eigenschaften, zugleich die Merkmale der Alkalinität, sind, daß sie durch Verbindung mit Säuren neutrale Salze liefern und sogenannte alkalische Reaction äußern, nämlich das Blau des durch Säuren gcrötheten Lackmuspapiers wiederherstellen, gelbe Pflanzenfarben braun und blaue, mit Ausnahme des Lackmus und des Jndigs, welche gar nicht verändert werden, grün färben, weshalb man auch dergleichen Pflanzenfarben zur Erforschung vorhandener Alkalien anwendet. Außer diesen Grundcharaktcren der Alkalinität haben die Alkalien die gemeinschaftlichen Eigenschaften, daß sic ätzend auf organische Theile wirken, sich leicht in Wasser auflösen und aus der Luft mit Begierde Feuchtigkeit und Kohlensäure anzichen. Durch die Verbindung mit Kohlensäure büßen sic ihre Atzkrast ein, ohne jedoch ihre Leichtlöslichkeit und alkalische Reaction zu verlieren, weshalb sie in diesem Zustande auch häufig als milde Alkalien den ätzenden oder kaustischen Alkalien, wie man sie im reinen Zustande nennt, entgegengesetzt werden. Das Ammoniak setzt man wegen seiner Leichtflüchtigkeit öfters unter dem Namen flüchtiges Alkali den übrigen, als fixen Alkalien, entgegen. Mehre rechnen zu den Alkalien auch Kalk, Baryt, Strontian und Magnesia. In der That theilen diese mit den vorgenannten die Charaktere der Alkalinität; allein da sie, sowol im reinen als kohlensauren Zustande, im Wasser sich schwerer lösen und dann keine alkalische Reaction mehr äußern, so hat man sie von den eigentlichen Alkalien abgesondert und alkalische Erden benannt. — Die Körper aus dem Pflanzenreiche, welche die Charaktere der Alkalinität besitzen, werden zwar öfters organische Alkalien zum Unterschiede von diesen, als den unorganischen, genannt; allein da sie sich in den meisten übrigen Beziehungen sehr von ihnen unterscheiden, so ist für sie der besondere Name Alkaloide (s. d.) geeigneter. Alkalimeter heißt ein Instrument, mittels dessen man die Menge des in der Soda oder Pottasche befindlichen Natrons oder Kalis bestimmt. Unter den verschiedenen Alkalimetern sind die von Gay-Lussac und Descroizilles die vorzüglichsten, deren Anwendung im Princip auf Folgendes zurückkommt. Man gießt in die Auflösung eines gegebenen Gewichts der zu prüfenden Soda oder Pottasche so lange verdünnte Schwefelsäure aus einer damit gefüllten graduirten Röhre, bis die alkalischen Eigenschaften verschwunden sind und schließt dann von der Qualität der hierzu verwendeten Schwefelsäure auf die Quantität des Alkali in der Pottasche oder Soda. Die Grade an der Röhre lassen die Quantität der verbrauchten Schwefelsäure leicht ersehen und Zusatz von Lackmustinctur zu der geprüften Auflösung leicht erkennen, wenn Neutralisation der Alkalinität cingetreten ist. Alkaloide oder organische Basen nennt man die in mehren, namentlich giftigen 16* Alkuwar Alrmene und mcdicinisch-kräftigen Pflanzen vorkommendcn Stoffe, welche ihren letzten Bestand- thcilcn nach aus Wasser-, Sauer-, Kohlen- und Stickstoff bestehen und sich durch ihre Eigen- schaff, alkalisch auf Pflanzcnfarben zu reagircn, sowie durch ihre Fähigkeit, Säuren zu neutra- lisiren und mit ihnen zu Salzen zusammenzutrcten, den eigentlichen Alkalien nähern. Außer diesen charakteristischen Eigenschaften der Alkaloide haben sie gewöhnlich, doch nicht immer, noch gemein: Krystallisirbarkeit, weiße Farbe in reinem Zustande, bittcrn Geschmack, Schwer- löslichkcit in Wasser, Leichtlöslichkeit in Alkohol und Fällbarkeit ihrer Salzauflösungcn durch Galläpfelaufguß. Neuerdings hat man in mehren narkotischen Pflanzen Alkaloide (Coniin, Atropin, Daturin und Hyoscyamin) gefunden, die sich durch ihre ölartige Consistenz, Flüchtigkeit und Leichtlöslichkeit in Wasser von den übrigen sehr auffallend unterscheiden. Durch Liebig ward er-si in der neuesten Zeit das sehr wichtige Gesetz aufgestellt, daß die Quantität Säure, welche durch die verschiedenen Alkaloide neutralisier zu werden vermag, mit wenigen Ausnahmen im Verhältnis ihres Stickstoffgehalts steht. Die Kenntniß und Darstellung der Alkaloide ist von großer Wichtigkeit geworden, da sie das wirksame Princip mehrer in der Medicin häufig angewandten Pflanzen sind, das man nun in ihnen rein und frei von den Nebenbcsiandthcilcn, welche der beabsichtigten Wirkung fremd sein könnten, darzustellcn vermag , und namentlich sind es die Alkaloide der Chinarinden und des Opiums, die in dieser Hinsicht eine häufige Anwendung erfahren. Die Aufstellung der Elaste der Alkaloide geschah 1816, wo zuerst Sertürner das Morphin für einen den Alkalien sich anschließenden Stoff erklärte. Seitdem hat man die Existenz von Alkaloiden in vielen Pflanzen nachgewiesen. Alkmaar, eine Stadt in Nordholland, vier Meilen nördlich von Amsterdam, mit 9460 E-, nährt sich insbesondere durch Fabrikation von Pergament, Segeltuch und Seesalz, sowie durch bedeutenden Handel mit Getreide und Käse, von welchem letztem jährlich mehre Millionen Pfund versendet werden. Ein Kanal verbindet die Stadt südlich mit dem U- Sie ist berühmt als Geburtsort des Heinrich von Alkmaar (s. Reineke Fuchs) und durch die Capitulation, welche der Herzog vonPork und Albany (s. d.) am 18. Oct. 1799 mit den Holländern abschließen mußte, nachdem er an der Spitze eines brit.-ruff. Heers wiederholt von der holländ.-franz. Armee unter Brune geschlagen worden war. Alkman, attisch Alkmäon, geb. zu Sardes in Lydien, der Sohn einer lydischen Sklavin, später in Sparta eingebürgert, nach Andern hier geboren, blühte um 670—640 v. Ehr. Er dichtete in dorischer Mundart, jedoch in auffallender Vermischung mit dem weichem und zartem äolischen Elemente Loblieder auf Jungfrauen, Päane und Hymnen, die mit denen des Terpander bei Gastmahlen gesungen wurden. Man nennt ihn den Vater der erotisch- mclischen Dichtart. Seinen Namen führt noch eine Vcrsart. Die Sage beschreibt ihn als unmäßig im Genuß des Weins und der Liebe. Die Bruchstücke seiner Gesänge haben am vollständigsten Wclckcr (Gieß. 1815, 4.) und Schneidewin im „vclect. post. eleg. graec." (Gött. 1838) herausgcgebcn. Alkmäon war der Sohn des Amphiaraus (s. d.) und der Eriphyle (s. d.), der Bruder des Amphilochus. Als er den Tod seines Vaters, der auf Zureden seiner Gattin am Zuge gegen Theben Theil nahm, wo es ihm vom Schicksal bestimmt war, umzukommen, durch Ermordung seiner Mutter, wie er Jenem versprochen, gerächt hatte, verfolgten ihn die Furien. Ihnen konnte er, nach dem Aussprüche des Orakels, erst dann entgehen, wenn er in einem Lande sich niederließ, das erst nach der Zeit dieses Mordes sich gebildet hätte, da seine Mutter jedes Land, welches ihn aufnchmen würde, verflucht hatte. Endlich fand er Ruhe auf einer jüngst im Flusse Achelous entstandenen Insel, wo er die Kallirrhoe, die Tochter dieses Flußgottes, nach Verstoßung seiner Gemahlin Arsinoe, heirathete. Allein nicht lange genoß er diese Ruhe, denn als er, den Wunsch seiner Gemahlin zu befriedigen, das Halsband der Eriphyle von seinem ersten Schwiegervater Phcgeus listigerweisc zurückgeholt hatte, ließ dieser ihn durch seine ihm nachgesendeten Söhne ermorden. Seine letzten Schicksale haben Sophokles, Stesichorus und Euripides verherrlicht. Alkmene war die Tochter des Elektryon, Königs von Mycene, und Gemahlin des Amphitruo, dem sie den Jphikles und aus Jupiter's Umarmung, welcher sie liebte und, um sie zu täuschen, des Amphitruo Gestalt angenommen hatte, den Hercules gebar. Nach dem Tode ihres Gemahls heirathete sie den Sohn des Jupiter Nhadamanthus, der in Okalia in Alkohol Allah 245 Döoticn lebte. Nach Andern ließ Jupiter ihren Leichnam durch Mercur nach den Inseln der Seligen führen, wo sie mit dem Nhadamanthus vermählt ward. Als Mutter des Hercules und Stammfrau der Herakliden ward sic vielfach von den griech. Dichtern besungen. Alkohol heißt der geistige Antheil in jeder Art des Branntweins, Weins und Bieres. Er bildet sich durch den Proceß der Währung aus dem Zucker, bleibt aber in den genannten Getränken natürlich mit dem Wasser und den andern Stoffen, die neben dem Zucker in der Würze, der Maische und dem Moste vorhanden waren, verbunden. Durch seine Flüchtigkeit läßt er sich zum großen Theil aus diesen Flüssigkeiten trennen. Wenn reiner Branntwein einer Destillation unterworfen und bis zur Hälfte abgezogen wird, so erhält man ordinai- rcu Weingeist (spiritus vi„i) oder einmal gereinigten, sogenannten rectificirten Weingeist. Wird dieser aufs neue bis zur Hälfte abgezogen, so entsteht zweimal gereinigter oder höchst- rectificirter Weingeist. Durch nochmalige Destillation dieses und Abzug zur Hälfte wird alkoholisirter Weingeist gewonnen. Ein ganz wasserfreier Weingeist, welcher im eigentlichsten Sinne gar nicht hcrzustellen ist, wird reiner oder absoluter Alkohol oder alkoholisirtester Weingeist genannt. Um den Alkohol im reinsten Zustande zu erhalten, ist eine oft wiederholte Destillation desselben allein nicht hinreichend, weil, wenn solche auch bei der gelindesten Wärme veranstaltet wird, dennoch mit dem Alkohol ein geringer Theil Wasser sich verflüchtigt; sondern cs ist nöthig, daß dem alkoholisirten Weingciste vor der Destillation irgend eine hygroskopische, d. i. Wasser einsaugende, Substanz zugeseßt wird, um die noch darin befindlichen Wassertheile bei der Destillation znrückzuhalten. Zn solchen hygroskopischen Substanzen können gerechnet werden: reine, bis zum Nachglühen ausgetrockuete und pul- verisirte Pottasche; trockener, im Feuer geschmolzener und gepulverter salzsaurer Kalk; in gelinder Hitze geschmolzenes und gepulvertes cssigsaures Kali; an der Luft zerfallenes und hierauf im Feuer bei der Weißglühhitze geschmolzenes und gepulvertes schwefelsaures Natron und reiner, geschlämmter, im Feuer stark ausgetrockneter und gepulverter Porzcllan- oder Fayencethon. Die Destillation geschieht in einem gläsernen, mit einem dergleichen Helme versehenen Kolben. Man setzt dem alkoholisirten Weingciste eine dem Gewichte nach gleiche Masse gepulverter und noch warmer hygroskopischer Substanzen zu, läßt das Ganze 48 Stunden stehen und zieht dann bei sehr gelindem Kohlenfeuer die Hälfte in die Vorlage über, welches der sogenannte absolute Alkohol ist, der nun ein höchst durchsichtiges, ganz farbloses, nicht gefrierendes, äußerst stark riechendes und scharf schmeckendes, leicht verdunstendes und schnell entzündliches Fluidum darstellt. Zur Prüfung der Stärke des Weingeistes oder Alkohols bedient man sich am zuverlässigsten des Alkoholometers, welches im absoluten Alkohol bis auf die Zahl IW, bei einer Vermengung mit Wasser bis zu der Zahl einsinkt, welche die Procente des Alkohols andeutct. (S. Aräometer.) Alkoran, s. Koran. Hill sireve bezeichnet als Überschrift eines Tonstücks eine raschere Tonbewegung, von der Art, daß dasselbe in einer doppelt geschwinder» Bewegung, als sonst bei Noten derselben Gattung stattfindet, vorgetragen werden soll; daher redet man auch von Allabrevetakt, der durcheine 2 oder auch mit einem durchstrichenen Cirkel s^ bezeichnet wird. Gleichbedeutend mit ^11» breve, als Bezeichnung der Zeitbewcgung, bedient man sich auch des Ausdrucks ^I!a cspella, durch welche Benennung man andeutet, daß zwar die Notenfigurcn ihrer Größe nach dieselben sind wie beim Choralgesang, daß sie aber gleichwol nicht choral- mäßig, sondern lebhafter ausgeführt werden sollen. Allah, zusammengezogen aus dem arab. sl und iiLli, d. h.das Verehrungswürdige, ist als Name des Einen Gcttes, zu dessen Verehrung Mohammed die Gläubigen verpflichtete, in alle Sprachen übcrgegangen, soweit der Islam reicht. Die Vorstellungen Moham- med's von diesem Gott im Koran sind rein, würdig und über nationalen Aberglauben und orient. Leidenschaftlichkeit erhaben. Vor Allem schärfte er im Gegensatz zu dem Götzendienst und zu gewissen jüdischen und christlichen Dogmen auf das strengste dessen Einheit ein, so namentlich in denGlaubensformcn: „Es ist kein Gott als d er Gott (Allah). Dieser allein- w^hre, große und höchste Gott hat sein Wesen durch sich selbst, ist ewig, nicht gezeugt und zeugt nicht, genügt sich selbst, erfüllt das Universum mit seiner Unendlichkeit, ist der Mittelpunkt, in dem Alles sich vereint, offenbar und verborgen, Herr der Körper-und Geister» 346 Allahabad Allard Welt, Schöpfer und Regierer, allmächtig, allweise, allgütig, barmherzig, und seine Beschlüsse sind unwiderruflich." Alle diese Eigenschaften, deren Statthaftigkeit als Prädicat des göttlichen Wesens spätere religiöse Sekten leugnen, hat Mohammed durch populairc Darstellung oft auch in sehr kühnen Bildern veranschaulicht, wie in der Stelle des Koran, wo es heißt: „Wenn alle Bäume, die auf Erden sind, Schreibfedern wären, und sieben Oceane voll Tinte, so würden sie doch nicht zureichcn, die Wunder des Allmächtigen zu beschreiben." Die verschiedenen Eigenschaften Gottes, in 99 Namen desselben vertheilt, bilden in einer bestimmten Reihenfolge zu einer Litanei verbunden den Rosenkranz der Mohammedaner, der mit dem Namen Allah, als dem hundertsten, welcher alle früher« Epitheta in lich faßt, beschlossen wird. Allahabad, eine in neuerer Zeit erst gebildete Präsidentschaft des indo -brit. Reichs, welche früher nur eine Provinz der Präsidentschaft Kalkutta oder Bengalen ausmachte, umfaßt in einem Areal von 4186 IHM. mit 32 Mill. Menschen größtenteils die neuern Eroberungen im nordwestlichen Theile des bengal. Tieflandes. Die Präsidentschaft dehnt sich über das vereinigte Tiefland des Ganges und Dschumna aus, steigt im Nordwestcn mit Serinagur bis zu den höchsten Himalayakctten auf und wird begrenzt im Westen von den brit. Schutzstaaten Sirmur und denen von Radschputana, im Süden von den unabhängigen Staaten Dholpur und Scindia, den Schutzländern der Djathsstaaten, den Bundelah- fiaaten, von Bhopal, Nagpur und Hyderabad, östlich von der Präsidentschaft Kalkutta und nördlich von dem Schutzstaate Audh, dem unabhängigen Nepal und von Tübet. A. ist gut angebaut und gehört zu den fruchtbarsten und productivsten Theilen Ostindiens. Der Sitz der Präsidentschaft ist zu Kurrah; bisher aber stand immer noch der Generalgouverneur Ostindiens und gleichzeitige Gouverneur von Bengalen unmittelbar der Verwaltung vor; es scheint daher die politische Existenz A.s noch nicht entschieden, ja selbst noch nicht be- stimmt zu sein, ob die neue Präsidentschaft Allahabad oder Agra heißen soll. — Die Hauptstadt des Landes Allahabad liegt am Zusammenfluß der geheiligten Geschwisterströme Ganges und Dschumna und wird deshalb selbst für heilig gehalten und alljährlich von vielen Pilgern besucht, die hier baden und das Wasser zum Tcmpeldienst in weite Ferne tragen. Das auf oer Landspitze vom Kaiser Akbar aus rothen Quadern prachtvoll erbaute Fort beherrscht die Schiffahrt beider Ströme, wie die Hauptcommunication zwischen Kalkutta und Delhi und gehört mit zu den größten Bauwerken der Erde. Die Stadt ist theilweis von den Ruinen früherer Größe umgeben und zählt jetzt nur 2VVV0 (nach Andern 100999) E- Berühmt >st sie durch Fabrikation seidener und baumwollener Zeuge und vortrefflicher Töpferwaaren. Allard, Generalissimus der Armee in Lahore, geb. 1783, bildete sich frühzeitig zum Militair und ward unter Napoleon Adjutant des Marschalls Brune. Nach der Ermordung desselben verließ er 1815 Frankreich und begab sich nach Livorno, von wo er sich nach Amerika einzuschiffen gedachte. Auf den Rath eines Freundes aber gab er diesen Plan auf, ging nach Ägypten und von da zu Abbas Mirza nach Persien, der ihn den Titel und Sold eines Oberst verlieh. Da er jedoch kein Regiment erhielt, gab er auch diese Stellung wieder auf und wendete sich nach Afghanistan und I82V nach Lahore, wo er in die Dienste des kühnen Häuptlings Rund schit Singh (s. d.) trat, dessen Zutrauen er sich in kurzer Zeit in so großem Maße zu erwerben wußte, daß ihm die namhaftesten Auszeichnungen zu Theil wurden. Als es ihm darauf gelungen war, seinen militairischen Kenntnissen hier namentlich dadurch Geltung zu verschaffen, daß er den kriegerischen Stamm, bei dem er sich aufhielt, mit der europäischen Kriegskunst bekannt zu machen und das Heer nach Napoleonischer Art zu organistren wußte, ward er Generalissimus und heirathete dann eine Eingeborene. Indeß war doch in ihm die Liebe zum Vaterlande nicht erstorben, und ein Ereigniß wie die Julirevolution konnte nur dazu beitragen, den Plan, in das Vaterland zurückzukehren, in ihm zu befestigen. Mit dem Versprechen, zu Rundschit Singh zurückzukehren, reiste er 1835 nebst Gemahlin und Kindern nach Frankreich zum Besuch, wo er vom Hof mit der größten Auszeichnung empfangen und zum ftanz. 6lmr^tz6'-»gairos in Lahore ernannt ward. So erhielt diese ursprünglich b^ss im Privatinteresse unternommene Reise eine politische Bedeutsamkeit; für die Wissenschaft aber ward dieselbe dadurch wichtig-, daß A. der königlichen Bibliothek jn Paris seine reiche und prächtige Münzsammlung schenkte. Versehen mit Regierungs, Alle für Eine» Allegorische Auslegung 247 qcschenkcn und einem Diplom der Asiatischen Gesellschaft sür Rundschit Singh ging A. 1836, obschon ohne die Seinen, welche in Frankreich zurückbliebcn, nach Lahorc zurück, um sein gegebenes Versprechen zu erfüllen, zeichnete sich in den darauffolgenden Jahren als Chef der Heere des Rundschit Singh in den Kämpfen mit den Afghanen zu wiederholten Malen aus und beschloß sein vielbewegtes Leben zu Pischaur am 2 3. Jan. 1839. Wie er es gewünscht, ward er nach Lahorc gebracht und hier mit allen militairischen Ehren begraben. Alle für Einen und Einer für Alle, s. Solidarisch. Alleghany, s. Apalachen. Allegorie bezeichnet zunächst als rhetorische Figur die veranschaulichende Darstellung eines ganzen bis zu Ende durchgeführten Gedankens durch ähnliche sinnlichere Begriffe. Sie gehört sonach zu den Tropen, indem auch hier eine Vertauschung vorgenommen wird, ist jedoch wohl zu unterscheiden von der Metapher (s. d.), da diese nur die Sphäre eines Satz- theiles einnimmt. Für die allegorische Versinnlichung eignen sich nicht nur geistige und abstructe Begriffe und Vorstellungen, sondern auch Personen können allegorisch sein, mögen dieselben wirkliche Personen repräsentiren oder personificirte Begriffe, wie von Tugend und Laster, darstellen; doch müssen die Personen mit ihren Attributen und Thätigkeiten scharf ausgeprägt sein, damit nicht unklare Vorstellungen erzeugt werden. Wir finden die Allegorie von den frühesten Zeiten an bei den orient. Nationen, bei den Griechen und Römern ebenso wie in den neuern Sprachen vielfach angewcndet und ausgebildet, und sie erscheint hier theils in kurzen, miteinander zusammengestellten allegorischen Ausdrücken, theils als ein völlig abgeschlossenes Ganze, als eigene Dichtungsgattung. Um nur einige Beispiele von gelungenen Allegorien aus den verschiedensten Zeiten anzuführen, erwähnen wir hier die Vergleichung Israels mit einem Weinstocke im 80. Psalm; die schöne Stelle in Platon's „Phädrus", wo die Seele als Wagenlenker mit zwei Nossen, einem weißen und einem schwarzen, dargestellt wird; die meisterhafte Beschreibung der Fama bei Virgil im 3. Buch der „Aneide" und die des Schlafes im lI. Buch der „Verwandlungen" des Ovid. Besonders häufig wird uns der Staat und sein Zustand unter dem Bilde eines auf dem Meere umhertrcibenden Schiffes vorgeführt, wie beiHoraz in der 13. Ode des I. Buchs und bei Pfeffel in dem Gedichte: „Ein Schiff, das lang im Ocean" u. s. w., womit Frankreich zur Zeit der Revolution gemeint war. Noch unübertroffen ist die Allegorie Schiller's: „Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gefolget, schreitet das Unglück — lauernd umschleicht es die Häuser der Men sehen, heute an dieser Pforte pocht es, morgen an jener, u. s. w." Für die Einführung allegorischer Personen nach den oben beschriebenen Gesehen kann als schlagender Beleg der „Thcucrdank" gelten, ein Heldengedicht aus dem 16. Jahrh., in welchem die Geschichte Kaiser Maximilian'S I. und seines Vaters Friedrich allegorisch beschrieben wird. Da ferner die Allegorie auch durch Zeichnung, besonders in der Malerei und in den plastischen Künsten, und dramatisch, wie im Ballet und in der Pantomime, sich darstellen läßt, so hat sie zu allen Zeiten auch in der Geschichte der schönen Künste einen wichtigen Platz behauptet. Allegorische Figuren verfehlen, wenn sie geschickt erfunden, geschmackvoll ausgeführt und am rechten Orte angebracht sind, ihre Wirkung nicht; doch müssen auch hier die Personen besondere Attribute (s. d.), nicht allgemeine Symbole (s. d.) haben, damit sich aus dem Individuellen die bezweckte Beziehung hcrausfinden läßt. Aber hierin gerade hat man in früherer und neuerer Zeit den Fehler häufig bedangen, daß man die Handlung, wodurch eine allegorische Figur sich selbst «ussprechen soll, vernachlässigte und diesen Mangel durch Anhäufung von bloßen Symbolen zu ersetzen suchte, die willkürlich gewählt oder vieldeutig waren und deshalb nicht selten unverständlich blieben, wie dies zum Theil bei den von Rode erfundenen und von Ramler erläuterten Allegorien der Fall ist. Allegorische Auslegung heißt diejenige Auslegung einer schriftlichen Urkunde, bei welcher vorausgesetzt wird, daß der Urheber derselben etwas Anderes, gewöhnlich etwas Geistigeres, gedacht und angedcutet habe, als Worte und Form seiner Rede unmittelbar aussprechen. Im eigentlichen und durchgeführtcn Sinne findet sich diese Auslegung immer nur Lei heiligen Schriften angewcndet. Sie ist uralt, schon Lei den Indiern und demnach keineswegs zuerst von den Alexanvrincrn angewcndet worden. Von Letztem aber ging sic zu dm Juden in Palästina über, unter denen nach Joscphus die Pharisäer, nach Philo auch 248 Allegri Mezro die Essener und verwandte Judenpartcien ihr zugethan waren. Selbst Paulus wendet sie gelegentlich an und hat das Wort allegorisch im „Briefe an die Galater" (4, 24) gebraucht. Philo hat sie in seinen Schriften am weitesten getrieben, und von ihm nahmen sie die alexan- drinischen Theologen der christlichen Kirche an. Ohne feste Principien, wenn der Sinn des Originals oder Unkenntniß der Sprache Schwierigkeiten erzeugte, war sie schon immer ln der ! Kirche gebraucht worden. Es liegt allerdings ein merkwürdiger Selbstwiderspruch in dieser Auslcgungsmethode. Denn auf der einen Seite setzt man bei ihr die Inspiration der heiligen Bücher in der Maße voraus, daß der höhere Sinn von den Schriftstellern selbst nicht gewußt und beabsichtigt ist, sondern nur von dem göttlichen Wesen, welches sie angetrieben und belehrt hat; andcrnlheils geht die allegorische Auslegung immer aus einem rationalistischen Interesse hervor, in welchem man die heiligen Schriftsteller durchaus im Sinne der Zeitphi- ^ losophie denken und sprechen lassen will. Die Neuplatoniker, anfangs der allegorischen Aus- ' legunss abgeneigt, nahmen sie allmälig von den Juden und Christen an und wendeten sie I sowol auf die gangbaren alten Mythen als auf die Homerischen Gesänge an. Die „Homerischen Allegorien", angeblich von Heraklides Ponticus, stammen aus diesen Schulen und Tendenzen ab. Man unterschied unter Juden und Christen gewöhnlich vier Arten der allegorischen Auslegung, die mystische, die anagogische, die moralische oder tropologische und s die typische, nach den Gegenständen, welche man in den Schriften angedeutet fand (Gött- liches, Himmlisches, Innerliches und äußerlich Entferntes). Die antiochenische Schule setzte . an die Stelle der allegorischen Auslegung die sogenannte Theorie, d. i. die Anwendung des ! Schriftsinnes für erbauliche Betrachtung. Von der allegorischen Auslegung ist übrigens ! sowol das Auslegungsprincip der Coccejaner als die moralische Schriftauslegung Kant's zu unterscheiden. Jene behaupteten, daß die heilige Schrift überall so viel bedeuten müsse, ! als sie bedeuten könne; allein die Allegorie hat immer neben dem buchstäblichen nur Einen , Sinn. Kant's Schriftauslegung aber ist gar keine eigentliche Interpretation zu nennen, da er unter der Voraussetzung, daß die heilige Schrift der Codex der positiven Religion, diese ' aber nur Vehikel der Vernunftreligion sei, Alles in derselben, unbekümmert um den ursprünglichen und eigentlichen Sinn, der moralischen Religion gemäß anzuwenden bemüht ist. Olchauscn's Erklärungsmethodc dagegen, der zwar keinen Sinn neben dem Wortsinne der heiligen Schrift, aber einen tieferliegenden unter demselben annimmt, ist von der allegorischen nicht verschieden. Allegri (Antonio), s. Correggio. Allegri (Gregorio), einer der geachtetsten Gesangcomponisten Italiens im! 7. Jahrh., ein Schüler Nanino's und Sänger in der päpstlichen Kapelle, war zu Rom 1590 geboren und starb daselbst 1652. Besonders berühmt hat ihn das Miserere gemacht, welches jährlich in der heiligen Woche, Mittwochs Nachmittags in zwei Chören, von denen der erste Chor fünfstimmig, der zweite vierstimmig ist, in der Sixtinischen Kapelle zu Rom mit außerordentlicher, durch sie Umgebung noch erhöhter Wirkung gesungen zu werden pflegt. Diese Composition wurde sonst so heilig gehalten, daß Derjenige den Bann befürchten mußte, der sie abzuschreiben gewagt hätte. Mozart umging jedoch das Verbot, indem er nach zweimal!- gem Hören dieselbe aufzeichnete, worauf er sie in London l77 l in Druck gab. In Folge dieses machte Papst Clemens Xlll. 1773 dem Könige von England eine Abschrift des Originals zum Geschenk. Nach der Behauptung Baini's soll das Miserere von A. nicht vollständig in Stimmen gesetzt worden sein, sondern nur die Baßstimme der ersten 18 oder 2» Takte; alles Übrige soll allmälig im Vortrage der Sänger sich gestaltet haben, und erst zu Anfänge des l 8. Jahrh. die damalige Singweise auf päpstlichen Befehl als Norm festgesetzt worden, nie aber eine Partitur vorhanden gewesen sein. (ital., abgekürzt all»), d. h. munter, hurtig, ist der vierte von den Hauptgraden der musikalischen Bewegung und der Name für ein Stück, das in einer mäßig geschwinden Bewegung vorgetragen werden soll. ^Ilegretto bezeichnet eine etwas langsamere Bewegung als allegro, ohne in anllantino überzugehen, und zugleich ein Stück in dieser Bewegung. Durch Zusätze bezeichnet man noch genauer die Art der Schnelligkeit, z. B. Allegro maestoso, d. i. würdevolles Allegro; ^.Uegrissimo für kresto assai ist nicht mehr gewöhnlich. Allemande Allianz 249 Allemande ist der Name eines ursprünglich deutschen, fröhlichen Tanzes in '/-Takt, der in Frankreich unter Ludwig XI V. sehr beliebt war und auch unter Napoleon wieder auf den Theatern in Aufnahme kam. Früher und noch im l 7. Jahrh. bezeichnet! man mit Allemande ein harmoniereiches Tonstück in */4, das zur Einleitung einer sogenannten Suite für das Clavecin u. s. w. diente. Allerchristlichste Majestät (8a mase5te tres-cbretienoo) war der Titel der Könige von Frankreich, den der Papst zuerst Ludwig XI. 1469 beilegte. Wie zur Zeit des Kaiserreichs, so ist auch seit der Revolution von 1839 dieser Titel außer Gebrauch gekommen. Allergetreuester Sohn der Kirche nannte zuerst Papst Benedict XIV. 1748 den König Johann V. von Portugal wegen seiner treuen Anhänglichkeit an die röm. Kirche, j und es ward dies nachher der päpstliche Titel der Könige von Portugal. ' Allerheiligen, ein Fest der katholischen Kirche. Als die Christenverfolgungen im ! röm. Reiche im 4. Jahrh. aufgehört hatten, wurde in der griech. Kirche der Sonntag I nach Pfingsten bestimmt, um das Andenken der Märtyrer zu feiern. Chrysostomus hat uns ^ in einer seiner Homilien ein Muster einer solchen Rede hinterlaffen, woraus man zugleich sieht, wieweit man um 389 noch von der Anrufung der Märtyrer entfernt war. In der röm. Kirche ward ein ähnliches Fest um 619 eingeführt, als der Kaiser Phokas dem Papste j- Bonifacius IV. das Pantheon in Rom schenkte, welches dieser in eine Kirche, die jetzige üc>- ' toncla oder Santa Llaria wo also eintretenden Falls nur die eine der verbündeten Mächte als Hauptmacht, die andere 250 Alligationsrechnung Alliteration aber als hülslcistende Ncbenmacht erscheint; und 3) Subsidicntractate, wenn die eine Macht sich nur gegen ihr gezahlte Subsidicn oder Hülfsgelder anheischig macht, Truppen zu stellen " oder sie der andern Macht in Sold zu geben, ohne selbst unmittelbar an dem Kriege Theil zu nehmen, oder wenn die geleistete Hülfe nur in Geldbeiträgen besteht. (S. Coalitio n.) Alligationsrechnung oder Vermischungsrechnung heißt die Rechnung, welche lehrt, wieviel man von je zwei (oder mehren) Substanzen nehmen muß, um eine Mischung von bestimmtem Werthe zu erhalten. Um z. B. aus IN- und 15löthigem Silber I3löthiges zu mischen, muß man drei Theile 15lüthiges und zwei Theile lOlöthiges Silber nehmen. Sind mehr als zwei Substanzen zu mischen, so ist die Aufgabe unbestimmt, d. h. man kann dann eine oder mehre willkürliche Bestimmungen hinzufügen, und cs gibt dann > statt einer Auflösung eine Menge verschiedener Auflösungen. Alligator, s. Krokodil. Alliöli (Jos. Franz), Professor an der Universität und Mitglied der Akademie der Wissenichaftcn zu München, geb. am 10. Aug. 1703 zu Sulzbach, erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium daselbst, dann arff den zu München und Amberg und auf der Universität zu Landshut. Seit 18 >5 im bischöflichen Seminar zu Regensburg, wurde er 1816 zum Priester geweiht und in Landshnt Doctor der Theologie. Im I. >818 ging er mit Unterstützung der bair. Regierung auf zwei Jahre nach Wien, um sich den orient. Sprachen zu widmen, dann nach Nom und Paris. Seit 1821 Privatdocent, wurde er >823 außerordentlicher, 1825 ordentlicher Professor des Bibelstudiums in Landshut. Seit > 826 mit dem Titel eines Geistlichen Raths nach München versetzt, bekleidete er hier 1836 das Rcc- torat der Universität. Einen ausgebreiteten Ruferwarb er sich durch seine „Übersetzung des Alten und Neuen Testaments, nach der Vulgata" (Nürnb. 183«; -1. Aust., 6 Bde. 1830— ^ 30), die vorzüglich darauf berechnet war, die van Eß'sche Übersetzung, welcher der Urtext > zu Grunde liegt, zu verdrängen. Außerdem haben wir von ihm „Biblische Alterthümer" (Bd. I, Landshut 1825) und ein „Handbuch der biblischenAlterthumskunde" (Nürnb. 1831). > Alliteration, Buchstabenreim oder Stabreim, vertrat in der ältbkltschen und skandinav. Poesie den jetzt üblichen Reim und beruht in ihrer strenger» Form darauf, daß in zwei zueinander gehörigen Versen drei Wörter mit gleichen Anfangsbuchstaben Vorkommen. Diese Buchstaben heißen in der altisländ. Verslehre Reimstaben (Ljodstafir). Der das dritte Wort beginnende Buchstabe heißt Hauptstab (Höfudstafir) und findet seine Stelle jedesmal in der zweiten Zeile des Verspaars; von ihm sind die andern in der vorhergehenden Zeile befindlichen, die Nebenstaben, abhängig. Regel dabei ist, daß neben ihnen in dem Verspaare keine andern mit ihnen alliterirendcn Wörter Vorkommen. Noch jetzt ist die Alliteration aus der isländ. Poesie nicht ganz verschwunden, während sic in den übrigen deutschen Mundarten schon früh, im Althochdeutschen seit Otfried, um 876, dem gewöhnlichen Reime gewichen ist. Vgl. Rask's „Verslehre der Isländer" (deutsch von Mohnikc, Berl. 1830). An der rechten Stelle gebraucht, verfehlt die Alliteration auch jetzt noch ihre Wirkung nicht. Fouque hat in dem Heldenspiele „Sigurd, der Schlangentödter" und in dem Vorspiele „Sigurd's Rache" die Assonanz der strengem wie der freiem Form mit Glück gebraucht. — In einem andern Sinne bezeichnet der Name Alliteration eine s- Figur der Rede, die in dem Zusammentreffen mehrer Wörter mit gleichen Anfangscon- ^ sonanten besteht und zunächst in der Bedeutsamkeit gewisser Buchstaben ihren Grund hat. (S. auch Assonanz und Annomination.) Schon die gewöhnliche Sprachweise erkennt diese Bedeutsamkeit an, wie in den Redensarten: Lust und Liebe, Mann und Maus, Land und Leute, Haus und Hof. Auch haben sie die Dichter hier und da mit Vortheil benutzt , wie Klopstock im Messias: „Und er floh und fluchte im Fliehn", Bürger in seinem „Hohen Liede", und A. W. Schlegel in dem durchaus alliterirten Sonett „Die Deutung", > das sich schließt: „Wo Liebe lebt und labt, ist lieb das Leben." Ein treffliche Vereinigung j des Reimes und der Alliteration bietet sich in dem Liede Bürger's dar: „Wonne weht von Thal und Hügel, Weht von Flur und Wicsenplan, Weht vom glatten Wasserspiegel, Wonne weht mit weichem Flügel Des Piloten Wange an." Allix Allodium 251 , Allix (Jacq. Alex. Frany.), ftanz. General der Artillerie, geb. zu Percy in der Normandie am 27. Sept. 1776, gest. am 26. Jan. 1836, war der Sohn eines Professors der Mathematik. Er diente zuerst bei der Artillerie in der Nordarmee, zeichnete sich bei der Belagerung von Luxemburg aus und wurde bereits im 26. Jahre zum Obersten befördert. Bei dem Übergänge über den S.-Bernhard, bei der Erstürmung von Verona und wahrend des Feldzugs in St.-Domingo zeigte er ebenso viel Talent als Muth; weil er aber am 18. Bru? maire wenig Theilnahme bewiesen, so fand er keine weitere Beförderung. Jm Oct. 1868 trat er als Brigadegeneral in die Dienste des Königs von Westfalen und wurde 1812 Divisionsgeneral. A. zeichnete sich unter den Franzosen) die damals auf deutschem Boden ihr r Glück suchten, durch Kenntniffe und Thätigkeit aus, betrug sich aber oft mit Ubermuth. Nach dem Rückzüge aus Rußland that er, was erkannte, um Westfalen und Kassel im Sept. 1813 gegen Czernitscheff zu vertheidigen; auch führte er den schon entflohenen König nach Kassel zurück, wofür ihm dieser ein Jahrgeld von 6600 Fr. anwies und ihn zum Grafen vonFreudenthal ernannte, welchen Titel er jedoch ablehnte. Die harten Maßregeln in- deß, durch welche er und Malchus die Auflösung des Staats zu hemmen suchten, machten Beide dem Volke verhaßt. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich stellte ihn Napoleon als Brigadegeneral an und ernannte ihn 1814 wegen der tapfern Vertheidigung des Waldes von Fontainebleau und der Stadt Sens zum Divisionsgeneral. Nach des Kaisers Abdankung lebte er im Schoost seiner Familie ; im I. 1815 übernahm er das Kommando im Departement der Aonne, zur Zeit der Schlacht von Waterloo befand er sich als Präsident einer Militaircommission zu Lille. Nach der zweiten Restauration nahm er seinen Aufenthalt in Deutschland, der ihm aber im Kurfürstenthum Hessen, wie er anfangs beabsichtigte, nicht gestattet wurde. Im Exil schrieb er sein Werk gegen Newton's Eravitationsgesetz, j worin er alle Bewegungen der Weltkörper aus der Entbindung der Gasarten in den verschie- ' denen Atmosphären zu erklären suchte; doch fand dasselbe wenig Beifall, obschon es ins ^ Englische, von Murhard ins Deutsche und von Compagnoni ins Italienische übersetzt wurde. Jm J. 1819 erhielt er die Erlaubniß, nach Frankreich zurückzukehren, wurde als Gcne- rallieutenant in die Listen eingetragen und war bei dem Generalstabe in Thätigkeit. In einer Denkschrift, die er 1826 beiden Kammern übergab, schilderte er die Gefahren, welche dem Hause Bourbon durch Villele's Ministerium und die Jesuiten drohten. Hierauf schrieb er sein „8Meme cke I'artillerie cke cawpagns" (Par. 1827). Tapfer focht er im Juli 1836 mit der Volkspartei und in einer besondern Schrift „Lalaille cle Laris etc.,j>iil. 1836" wies er strategetisch die Fehler in Marmont's Angriffsplane nach. Allmanden, Allmenden (von all und mann) oder Gemeinde gut heißt dasjenige Vermögen einer ganzen Gemeinde, das entweder von derselben unvertheilt benutzt oder dessen Ertrag unter die einzelnen Glieder vertheilt wird. Die Allmanden sind theils Überreste der ältesten Ansiedelungen, theils aus Verleihungen der Gutsherren, bisweilen auch aus Zerstückelungen der Feldmarken entstanden. Allobröger, ein keltisches Volk im narbonnesischen Gallien zwischen der Rhone und Jsire in der nördlichen Dauphine und einem Theilc Savoyens. Sie unterwarfen sich 8 den Römern, nachdem sie von Q. Fabius, der daher den Beinamen Allobrogicus er- " hielt, im I. 122 v. Ehr. besiegt worden waren. Unter ihren Ortschaften waren Geneva (Genf) und Vienna (Vienne), welches letztere unter Augustus Hauptstadt des Volks ward, die bedeutendsten. Zur Entdeckung der Catilinarischen Verschwörung trug die Anzeige der damals in Rom anwesenden allobrogischen Gesandten, daß Catilina durch sie ihr Volk habe zu Verbündeten gewinnen wollen, wesentlich bei. Alloeution nennt der röm. Curialstil die Anrede des Papstes an das Cardinalscol- legium über irgend einen kirchlichen und politischen Gegenstand. Die Allocution vertritt bei Streitigkeiten mit fremden Regierungen die Stelle des Manifestes. Großes Aufsehen er- regten in neuester Zeit die Allocutionen in Beziehung auf die Differenzen der preuß. Regierung mit den Erzbischöfen von Köln und von Posen. Allodium ist ein Wort, das in den german. Rcchtsbüchern in verschiedener Bedeutung vorkommt. Es heißt dort Alod (von Ood, d. i. Gut) und bezeichnet bald das gesammte, von allen Lasten freie Vermögen einer Person, bald das Erbgut im Gegensatz zu dem ei" 252 Allopathie Almeida worbenen Vermögen. Später ward es hauptsächlich im Gegensätze zum Feod, dem nicht , vererblichen Lehen, gebraucht, woraus sich der neuere Sinn des Wortes Allodium als des von der Lehnsverbindung freien Vermögens entwickelt hat, sodaß alles Vermögen einer Person jetzt entweder -lllollium oder t'eutlum (Lehen) sein muß. Der Beweis der Allodialeigen- schaft oder Lehnfreiheit einzelner Vermögenstheile liegt, je nach der Verfassung eines Startes , dem einen oder dem andern Theile ob; in England ist alles Grundeigenthum lehnbar, und der Beweis der Lehnfreiheit gegen den König unzulässig; in Frankreich wurde vor der Revolution die Lehnbarkeit wenigstens präsumirt (nulle terre ssns seignour), und die Lehn- freihcit mußte erwiesen werden; in Deutschland findet das umgekehrte Verhältniß statt, und es wird die Lehnfreiheit als Regel vorausgesetzt. Wichtig ist dieser Unterschied wegen der mannichfachen Beschränkungen, denen der Vasall in der Verfügung über das Lehen ausgesetzt ist, und wegen der abweichenden Grundsätze, die bei der Vererbung des Lehens eintrcten. Bei einem Heimfall des Lehens, sowie wenn Lehns- und Allodialerben des vorigen Besitzers verschiedene Personen sind, kommt es zu einer Absonderung des Lehens vom Erbe. — Allo- dificiren heißt die Lehnbarkeit aufheben und ein Gut zu freiem Erbe machen, wobei dem Lehnsherrn ein Theil des Werths zur Entschädigung gegeben oder eine jährliche feste Abgabe (Kanon) auf das Gut gelegt wird. Diese Operation wird gegenwärtig in verschiedenen Staaten sehr begünstigt. > Allopathie nannte Hahnemunn die seiner Homöopathie (s. d.) entgegenstehende Medicin (s. d.), indem sie seiner Ansicht nach nur solche Heilmittel in Anwendung ziehe, welche ein der vorhandenen Krankheit entgegengesetztes Leiden hervorzurufen im Stande sind und als ihren Hauptgrundsatz das Hippokratische „Ovntrsris rontrsrüs" anerkenne. Allöri (Alessandro), auch Bronzino genannt, ein Maler, geb. zu Floren; I SSL, gest. 16V7, war der Neffe und Schüler des Angela Bronzino. Er ist den minder erfreulichen Nachfolgern des Michel Angelo zuzuzählen und zumeist nur in Bildnissen von einiger Be- . deutung. — Sein Sohn Cristoforo A., geb. zu Florenz 1577, gest. 1621, hatamgleich höhere künstlerische Verdienste; er steht an der Spitze des neuen Aufschwunges der Malerei, welcher zu seiner Zeit in Florenz stattfand, und zeichnet sich durch eine edle Originalität, durch den Ausdruck eines lebenvollen Gefühls und durch einen weichen Schmelz des Colo- rits aus. Sein Meisterwerk ist das Gemälde der Judith (im Palast Pitti zu Florenz), die schönste, mit der wahrsten Poesie durchgesührte Darstellung dieses Gegenstandes. Man sagt, der Künstler habe in der Judith das Bildniß seiner stolzen Geliebten, in dem Leichenhaupte des Holofernes sein eigenes gemalt. Alluvionsrecht, s. Accession. Almäden, mit dem Beinamen de Azogue, die südwestlichste Stadt der span. Provinz La Manch« unweit der Grenze von Estremadura', mit 10000 E., ist berühmt durch Berg bau und die reichsten Quecksilbergruben von ganz Europa. In einem Zeiträume von 279 Jahren, von 1524—1803, wurden 1,430000 Ctr., im 1.1827 allein 22000 Ctr. Queck- silber hier gewonnen. Almänach , eigentlich ein aus einem einzelnen Blatte bestehender Kalender (s. d.), dann als Titel für jährlich erscheinende Taschenbücher gebraucht, wird gewöhnlich von dem » arab. ,,^I abgeleitet, welches Zählung oder Berechnung bedeuten soll. H MLrev, d. h. nach dem Markgewicht, wird der Preis von Münzen auf den Curs- zetteln in dem Falle bestimmt, wenn dieselben nicht vollwichtig oder nur selten cursirend sind. So werden z. B. die leichten Dukaten »I wsrco verkauft. Ferner wird das Gold al msrco (per Mark von 4 864 As) notirt. I Almeida, eine der stärksten portug. Festungen gegen Spanien in der Provinz Beira an der Coa, mit 3000 E-, siel 1762 nach großem Verluste in die Hände der Spanier, wurde aber im Frieden wieder zurückgegeben. Als die Franzosen unter Ney am 24. Juli 1810 über die Coa in Portugal eindringen wollten, vertheidigte sich der engl. General Eoco in A. wider den Marschall Masse'na bis zum 27. Aug., an welchem Tage erst er in Folge der von einer ä Bombe bewirkten Entzündung eines der grüßten Pulvermagazine sich zur Kapitulation entschloß. Bei dem Rückzüge der Franzosen aus Portugal sprengte nach dem mörderischen Kampfe Massena's mit Wellington am 3. und 4. Mai 1811 bei Fuentes d'Onoro der franz. Almendingen Almosen 253 Befehlshaber von A., General Bremer, den größten Thcil der Festungswerke in die Lust, die jedoch von den Engländern bald wieder in Stand gesetzt wurden. Almendittgen (Ludw. Harscher von), deutscher Nechtsgelehrter, geb. am 25. März 1766 zu Paris, wo sein Vater als hcssen-darmstädtischer Gesandter lebte, kam erst im 23. Jahre auf die Universität zu Göttingen, wo er bis 1792 die Rechte studirte. Zwei Jahre nachher ward er Lehrer der Rechtswissenschaft zu Herborn und machte sich bald durch schriftstellerische Leistungen bekannt. Mit Fcuerbach und Grolman wirkte er thätig für die Umgestaltung der Criminalrechtswissenschaft. Er ward 1863 Oberappellationsgerichtsrath in Hadamar, 1811 Geheimrath und Vicedircctor des Hofgerichts in Wiesbaden und nahm 1809 an den Verhandlungen mit Hessen und Frankfurt Theil, die zu Gießen über die Einführung des stanz. Civilgesetzbuchs gepflogen wurden, welches er nur mit Veränderungen, zugleich aber mit seinen organischen Umgebungen, dem öffentlichen Verfahren und dem Notariat, eingeführt wissen wollte. Nach der Auflösung des Rheinbundes suchte er in der geistreichen aber unvollendet gebliebenen Schrift „Politische Ansichten über Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" (Wiesbaden 1814) das Benehmen der kleinern Nhein- bundesstaatcn zu vcrthcidigen. Im I. 1816 wurde er als Vicepräsident des neuerrichteten Hofgerichts nach Dillenburg versetzt, doch blieb er zugleich Mitglied der Gesetzgcbungscom- mission in Wiesbaden. Als seine Bemühungen, die Entscheidung in einer Rechtssache der verwitweten Fürstin von Anhalt-Schaumburg, die er zu führen hatte, dem Revisionshofe für die Rheinprovinzen und nicht dem Geheimen Obertribunal zu Berlin zugcwiescn zu sehen, erfolglos waren, ließ er, auf das Urtheil der öffentlichen Meinung sich berufend, die Geschichte dieses Rechtsstreites (Braunschw. 1820—21) drucken, deren Titel zugleich „Betrachtungen über Buchstaben-Justiz, geheime Rechtspflege und bureaukratische Proceßlci- tung" ankündigte. Die preuß. Behörde fand Form und Inhalt seiner Druckschrift und des in dieser Rechtssache verfaßten Schreiben so anstößig, daß man ihn 1822 einer Criminal- untersuchung unterwarf, in Folge deren er vom Kammergericht zu einjähriger Festungsstrafe verurthcilt wurde. Das naffauische Hofgericht zu Dillenburg lehnte zwar die ihr angesonnene Bekanntmachung des Strafurtheils ab; doch die Regierung versetzte ihn in Ruhestand. Er starb zu Dillenburg am 16. Jan. 1827) Seine „Juridischen Schriften" umfassen 10 Bände (Gieß. 1803 — 19). Unter ihnen hat die „Metaphysik des Civilprocesses" auch noch jetzt wissenschaftliche Bedeutung. Almodövar (Don Jldefonso Diez de Ribera, Graf von), span. Minister, aus Valencia, auf der Artillerieschule zu Segovia erzogen, war beim Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges Artillerielieutenant und wurde bei Vertheidigung von Olivenza schwer verwundet. Nach der Rückkehr Ferdinand's VII. der Freimaurerei verdächtig, kam er in den Kerker der Inquisition zu Valencia, woraus ihn erst die Revolution von 1820 befreite. Im 1.1823 wanderte er nach Frankreich aus, kehrte nach Ferdinand's VII. Tvde zurück, wurde Präsident der von Martine; de la Rosa berufenen Cortes und 1834 Mare'chal de Camp. Als Gcncralcapitain von Valencia unter dem Ministerium Toreno, mit dem er früher einen heftigen persönlichen Streit gehabt, zwang ihn ein Volkstumult, sich an die Spitze der Junta dieser Stadt zu stellen. Da er in der Regel mit der Opposition gestimmt, ließ ihn später Mendizabal zum Kriegsminister ernennen; doch gab er wegen Kränklichkeit sehr bald diese Stelle auf. Nach den Vorfällen von La Granja, im Aug. 1836, ward er Deputirtcr bei den constituirenden Cortes, unter Calatrava nochmals Kriegsministcr und für kurze Zeit interimistischer Conseilspräsidcnt. Als er wegen zerrütteter Gesundheit seine Entlassung gegeben, trat er wieder in die Cortes. Später ward er von der Regentin zum Senator, unter Es- partero gegen Ende des 1.1841 abermals zum Präsidenten der Cortes ernannt und im Juni 1842 Minister der auswärtigen Angelegenheiten. A. ist von empfehlendem Äußern, feinen Sitten, versöhnlichem Charakter; doch ohne höhere Eigenschaften des Staatsmannes. Almosen, entstanden aus dem aus der griech. Sprache in die deutsche Kirchensprache übergangenen Worte Eleemosyne, d. i. Barmherzigkeit, nennt man die den Armen und Hülfsbedürftigen gereichten Gaben. Sie waren ursprünglich freiwillig, wie sie es auch noch hier und da sind; doch werden sie überall zur Abgabe, wo die freie Gabe dem Bedürfen nicht mehr entspricht. (S. Armenwesen.) 254 Almosenier Alp Almosenier heißt ursprünglich der Ordensgeistliche, der die zu Almosen bestimmten Gelder und Gegenstände zu verwalten hat, wozu nach kanonischem Rechte wenigstens ein Zehntel der Einkünfte verwendet werden soll; dann ein Geistlicher, welcher zu gleichem Zwecke von einem Fürsten bestellt ist. Der Großalmosenier von Frankreich war einer der ersten Beamten des Reichs und Hofs, gewöhnlich ein Cardinal, von Rechtswegen Com- mandeur aller Orden und Obervorsteher des großen Hospitals der Blinden. Auch die Königin , die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses hatten ihre Almoseniere, wozu Bischöfe erwählt wurden. Alöe heißt eine Pflanzengattung aus der sechsten Classe Linne's, nach Jussieu zu den Asphodelen gehörig, die eine einfache, regelmäßige, sechstheilige, cylindrische Blumenhülle unter dem Fruchtknoten hat, eine dreifächerige Kapsel trägt und bei der die Staubfäden auf dem Fruchtboden stehen. Zahlreiche Arten von wenigen Zollen bis zu 30 F. Höhe sind in Ost- und Westindien und auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung einheimisch, von denen nur die vuiAsris in Europa fortkommt. Der aus den Blättern gezogene und eingedickte Saft (Aloetinctur) wird in der Medicin als Reizmittel bei Unterleibskrankheiten, Hämorrhoiden, Kachexie, Hypochondrie, nicht gehöriger Menstruation u. s. w. gebraucht. Am gewöhnlichsten unter den vier im Handel vorkommenden Sorten ist der Saft der lucicks. In warmen Himmelsgegenden ist die A. eine vielfach nützliche Pflanze. Die Neger auf der Westküste Aftikas machen aus den Fasern der Blätter Stricke und Netze, und in Jamaica gibt cs eine Art, aus deren Fasern Strümpfe gewebt werden. Über die mexican. Aloe s. Agav e. Das sehrtheuere und im Oriente als Arzneimittel und Rauchwerk sehr geschätzte Aloeholz, welches aus China und den ostind. Inseln kommt, ursprünglich gelblich ist, durch Eingraben aber sehr dunkelt, wird jetzt nur selten nach Europa gebracht und häufig mit dem Ageloche- holz und mit dem Adlerholz verwechselt. Alöger wurden vom Häresiologen Epiphanius im 3. Jahrh. Diejenigen genannt, welche, wahrscheinlich im Widerspruche gegen den Montanismus, das Evangelium und die ^ Briefe des Johannes verwarfen, weil sich die Erwartung des Paraklet besonders auf diese stützte. Auch scheinen sie zugleich Gegner der Johanneischen Lehre vom Logos, d. i. der höher» Natur Christi, gewesen zu sein. Unentschieden ist es, ob es eine Sekte oder nur Einzelne gewesen seien. Der Name kann sowol Solche bezeichnen, welche den Logos verwerfen, als auch Solche, denen es am Logos, d. i. an der gesunden oder christlichen Vernunft, fehlt. Alprden heißen die Söhne derJphimediu und des Neptun, Otus und Ephialtes, nach Aloeus, dem Gemahl ihrer Mutter. Sie waren Riesen von außerordentlicher Größe und Kraft. Als Jünglinge versuchten sie den Himmel zu stürmen, wurden aber bei diesem Unternehmen von Apollon getödtet. Zur Strafe waren sie im Tartarus an eine Säule gebunden, wo Geier ihre Eingeweide zernagten und eine über der Säule sitzende Eule sie Tag und Nacht durch ihr Geschrei quälte. Nach Andern tödteten sie sich auf der Insel Naxos durch die List der Diana gegenseitig. Otfr. Müller hat zu erweisen gesucht, daß, wo die A. auf- trcten, Spuren thrazischer Bildung erweisbar sind, die mit der frühesten Cultur Griechenlands zusammenhängen. Alopecie nennt man in der Medicin das Ausfallen der Haare, und insofern dasselbe t am häufigsten am Kopfe vorkommt, ist Alopecie gleichbedeutend mit Kahlköpfigkeit. Der ' Grund liegt theils in einer krankhaften Affection der das Haar producirenden Haardrüsen in Folge von Lustseuche und Quecksilbervergiftung, theils in Krankheiten der zur Einölung des ' Haars bestimmten Hautdrüsen. Die Beseitigung dieserZustände macht die Hauptaufgabe der Behandlung aus; auch die meisten sogenannten haarmachenden Mittel (Kantharidentinctur, > Jod, Dupuytren's Pomade, Willer'sches Kräuteröl u. s. w.) haben keine andere Wirkung. > Vgl. Redelich, „Anleitung zur Heilung von Kahlköpfigkeit" (2. Aufl., Hanau 1837). Alp oder Alb, auch unter dem Specialnamen Rauhe oder SchwäbischeAlpbe- kannt, ist eine Abtheilung des deutschen Iura (s. d.), zwischen dem obern Neckar- und Do- l naugebiet, von den: Thale der Lauchart bis zum Aalbuch. Die A. bildet eine von Süd- ' west nach Nordost streichende Bergplatte von 2300-2000 F. Höhe, deren breiter Scheitel ^ mit seinen der Schafzucht günstigen Weiden südöstlich sanft zur Donau abfällt, aber nordwestlich in den zerrissensten steilsten Bergformen zur schwäbischen Terrasse absteigt. Hier liegen 255 Alp Alpen abgesprengte Bcrgkegel oder vorgcbirgsartig cinragcnde Bergzacken - zahlreich besetzt mit den Ruinen der Stammschlösser alter Negentenfamilien, z. B- der Hohenstaufen. Zn geogno- stischer Rücksicht gewährt die A. mit ihrem Höhlen- und Versteinerungsreichthum dasselbe Interesse, wie das ganze System des Jurakalksteins von der Rhone bis zum Main. Alp oder Alpdrücken (incubns) ist eine im Ganzen seltene Krankheit, welche nur im Schlafe eintritt. Der davon Befallene glaubt unter einer auf ihm licgenven Last ersticken zu müssen, und die durch dieses beängstigende Gefühl aufgcreizte Einbildungskraft, desselben sieht einen mißgestalteten Unhold (Alp), der den Schlafenden auf diese Weise quält; er vermag selbst unter den heftigsten Anstrengungen nicht sich zu bewegen und um Hülfe zu rufen, gelingt es ihm aber, einen Schrei auszustoßen, so ist auch der Anfall vorüber, und der Kranke erwacht unter dem Gefühl der Angst und meist im Schweiße gebadet. Ursachen des Alpdrückens sind, Vollblütigkeit, Unterdrückung periodischer Ausleerungen, Schlafen auf dem Rücken, Überladung des Magens kurz vor dem Schlafengehen, ungewohnte Lagerstätte, schwere Bedeckung u. s. w. In der Vermeidung dieser schädlichen Einflüsse besteht auch der größere Theil der Behandlung, so lange noch keine organische Veränderungen namentlich im Herzen und in den Lungen eingetreten sind. Vgl. Waller, „Von dem Alpdrücken" (Franks. 1820) und Strahl, „Der Alp, sein Wesen und seine Heilung" (Berl. 1833). Alpacas heißt die edelste Art der pcruan. Schafe in Australien In den Anden Südamerikas kommen nämlich verschiedene Arten der Gattung Lama unter den Namen Guanaco, Huexur, Vicunna und Paco vor; letzteres (al paco) liefert die Alpaca-Wolle, von der schon im I. 1830 3 Mill. Pf. aus Peru nach England eingeführt wurden und welche außerordentlich lang, seidenartig und frei von Fett ist. Es gibt sowol braune als weiße Pacos; das Thier ist vier F. hoch, und auch das braune hat am Bauche lange und weiße Wolle, welche sich sehr gut färben läßt. Gleich dem eigentlichen Lama wird cs sich wol auch als Lastthier gebrauchen lassen, und sein Fleisch soll einen angenehmen Wildpretgeschmack haben. Die Pacos leben in den Anden bis hart an der Schneegrenze, gewöhnen sich leicht an die Menschen und sind nicht so boshaft wie die Lamas zu sein pflegen. Sie können lange Durst ertragen und bedürfen zu ihrer Nahrung sehr wenig schlechtes Futter. Dies hat den Engländer Danson auf den Gedanken gebracht, die Pacos nach den schott. Hochlanden zu verpflanzen. lVI MN, d.h. gleich, ist ein aus dem Italienischen in die deutsche Handelssprache übergegangener Ausdruck. Eine Geldsorte steht mit der andern, Papiergeld, Staatspapiere und Wechsel stehen dem Gelde ul pari, wenn sie untereinander gleichen Werth haben; sie stehen über pari, wenn sie mit Gewinn, sie stehen unter puri, wenn sie mit Verlust verkauft werden; daher die Redensart: Der Pari, gewöhnlich Wechselpari, verliert oder gewinnt so und so viel Procent. Alpen, das ausgedehnteste Hochgebirge Europas, entfaltet seine riesigen Massen auf einer Basis von 3500 IHM. zwischen 23" und 33" östl. L., zu Seiten des 36. Parallels, in einer von Westsüdwest nach Ostnordost vorherrschenden Kettenrichtung, einer Länge von mehr als 100 M. und einer Breite, westlich von 20 und östlich von 30 M. In der keltischen Sprache bedeutet das Wort Alb oder Alp so viel als weiß; weil sich die höchsten Ketten dieses Gebirgs stets mit Schnee bedeckt darstcllten, so wurden sie von den alten Völkern die Alpen genannt, eine Bezeichnung, welche auf alle Gebirge der Erde übergegangen ist, die gleicheHöhe erreichen oder ähnliche Naturverhältnisse zeigen. Die natürlichen Grenzen des europäischen (des eigentlichen) Alpengcbirges bilden im Norden die schweizer, und obere Donauebene, östlich die Ungar. Tiefebenen, südlich das Adriatische Meer, das lombard. Tiefland und das Ligurische Meer und im Westen die provenzal. Ebene und das Nhsnethal. Den Nord- wie Südfuß umgürtet eine Reihe von Flußsecn, dort auf einer Basis von 1200 — 2000 F., hier von 6 — 700 F. ruhend. Jtal., franz., gcrman. und Ungar. Natur haben in den Alpen ein gemeinsames hohes Vereinigungsland; nach allen Weltgegenden öffnen sich die Thäler, den geschmolzenen Schnee der Gebirge hier der Nordsee, da dem Schwarzen Meere und dort dem Mittelländischen Meere zusendend, sei es durch das Gebiet von Rhein, Donau, Po und Rhone oder ligurischcr und adriatischcr Küstenflüffe. Die wichtigsten alpinischcn Gewässer dieser Gebiete sind folgende: >) Im Rheinge- bict der Rhein, welcher de» Bodensec bildet, rechts Lanquart und Jll, links Thur und Aar aufnimmt, welche letztere die Becken des Brienzer- und Thunersees aussüllt und nächst der 256 Alpen Sane links aus den Alpen noch an Zuflüssen rechts erhält Emmen, Rcuß mit Vierwaldstädtersee und Limmat mit Zürichersce, Linth und Wallenstädtersee. 2) Im Donaugebiel ' die rechten Nebenflüsse der Donau: Iller, Lech, Isar mit dem Abfluß von Würm- und Ammersee, Inn mit Salzach und Alz aus dem Chiemsee, Traun mit dem Abfluß aus dem Attcrsee, Enns, Leytha und Raab von den östlichsten Massen, Drau mit Mur und die Sau mit der Kulpa. 3) JmPogebiet der Po und seine linken Zuflüsse: Dora, Dorea-baltea, Sesia, Tessin mit dem Lago Maggiore, Adda mit dem Lago di Como, Oglio mit dem Lago Jseo, Mincio mit dem Lago de Earda und Etsch mit Eisach und Rienz. -1) Im Rhoncgebiet der den Genfcrsce bildende Rhonefluß mit den linken Zuflüssen: Arve, Jsere, Drome und Durance. 5) Unter den ligurischen Küstenflüssen ist der Var der bedeutendste, und 6) unter > den adriatischen: Bachiglione, Brenta, Piave, Tagliamento und Jsonzo. Um sich in der mannichfachcn Felsgliederung des Gebirgslandes zu orientiren, unterscheidet man im Allgemeinen die Ost- und Westalpen von den Mittelalpen, die sich von den Quellen der Salzach bis zu den der Arve und Dorea-baltea ausdehnen, und in denen man die Centralkette wieder von den nördlich und südlich vorliegenden Alpen trennt, während ^ man zwischen genannten Flußthälern folgende Hauptalpengruppen vertheilt: l. West - alpen. 1. Die See- oder Meeralpen, von der mittler« Durance und Poquelle südwärts bis zu den ligurischen Küsten mit dem Col-Noburent (9120 F.); 2) die CottischenAlpen, zwischen der mittler« Jsere, dem Are, der Rhone und Durance mit dem Monte-Viso (118VV F.), Mont-Genevre (11058 F.), Monte-Pelvoux (12612 F.) und Monte-Ventoux (6000 F.); 3) die Grajischen Alpen nord- und nordostwärts der vorigen bis zum Thal der Arve und Dorea-baltea, mit dem Mont-Cenis(I0752 F.), Mont-Jseran (12-156 F.) und Kleinen Bernhard (9000F.). II. Mittelalpen: .4) Centralkette: 4) Penninische Alpen zwischen lombardischer Ebene und dem Nhonethale mit dem Montblanc (14764 F.), Großen Bernhard (10390 F.),Monte-Rosa (14220 F.),Flctschhorn(8970F.) und Simplon (10800 F.); 5) Lepontinische oder Adular Alpen, die Mitte des Alpenlandes, von der Simplonsenke und f dem Tosathale bis zur Splügensenke und dem Hinterrhein, mit der Plateaumasse oes St.- Gotthard (8—10000 F.), dem Piz-Val-Nhein (10280 F.) und Moschclhorn (9610 F.); 6) Rhätische Alpen, zwischen Inn, Adda und obern Etsch, mit dem Scptimer (9200 F.), Julier (8300 F.), Bernina (7182 F.), Brenner (6400 F.) und Dreiherrnspitz (9600 F.); L) Nördlich vorliegende Gruppen: 7) Berner Alpen, zwischen Rhone und Aar, mit Finsteraarhorn (13698 F.), Jungfrau (12870 F.) und Schreckhorn (12558 F.); 8) Vierwaldstädter Alpen, zwischen Aar und Neuß, mit Sürennen Alp (10300 F.) und Titlis (10700 ^ F.); 9) Glarner und Schwyzer Alpen, zwischen Rhein, Neuß, Züricher- und Wallenstädtersee, mit Dädi (11040 F.), Crispalt (9500 F.), Clariden-Alp (9000 F.), Mythenbcrg (5868 F.) und Rigi (5355 F.); 10) ThurAlpen, zwischen Züricher- und Bodensee, mit dem hohen Säntis (7760 F.); II) Algauer Alpen, zwischen Jll, Inn und der bair. Hochebene, mit,dem Arlberg (9400 F.) und Hochvogel (7 950 F.); 6) Südlich vorliegende Gruppen: 12) Örtler Alpen,zwischen Adda und Etsch,mit derÖrtelsspitze(I2020 F.); I3)Trien- tinische Alpen, zwischen Etsch und Piave, mit der Vedretta-marmolatta (10830 F.). III. Ostalpen: 14) Norische Alpen, zwischen der Drau und Donaucbene, unter verschie- denen Specialnamen, z. B. Salzburger, Steiersche Alpen u. s. w. mit dem hohen Tauern ^ (8300 F.), dem Großglockner (11669 F.), Wiesbachhorn (II013 F.), Watzman» (8348 F.), Dachstein (9222 F.), Stangalp (7100 F.), Schneeberg (6380 F.) und Ötscher Berg (5809 F.); 15) Karnische Alpen, zwischen Drau und Sau, mit dem Dobrac (7328 F.) und dem Kolschnagebirge (8000 F.), einem Theil des Karawankengebirgs; 16) Julische Alpen, zwischen Sau, Kulpa und dem Adriatisch^n Meere, uneigentlich so genannt und viel richtiger mit dem Namen des illyr. Karstplateaus bezeichnet, in dessen Nordwesten am höchsten der Terglu (8794 F.). Wie sich der westlichsten Alpengruppc, durch die Masse des Col di Tenda verknüpft, der Apennin anlegt und in südöstlicher Fortsetzung das Haupr- gebirge Italiens wird, so legt sich im Osten an das Karstplateau das Dalmatische Alpen- > land, welches im Nordwest mit dem Capella- und Vellebitgebirge anhebt und sich südöstlich zu dem Kettensystem der Dinarischen Alpen verzweigt, in engem Anschluß an das Gebirgs- system der griech.-osman. Halbinsel. Je weiter westlich, desto mehr streichen die GebirgSket- Alpen 257 ten von Südwest nach Nordost, wahrend sie sich bei Zunahme der östlichen Lage immer der bereits angedeutcten Hauptrichtung nähern. In Rücksicht der Höhenverhältnisse spricht sich im Allgemeinen das Gesetz aus, daß die Alpen da am niedrigsten sind, wo sie am breitesten (also im Osten) und am höchsten, wo sie am schmälsten sind (also im Westen). Unterscheidet man mittlere Kamm-, Gipfel- und Paßhöhe, so sind die Hauptgruppen in folgender Art charakterisirt. Die Kammhöhe steigt in den Westalpen von Süd gegen Nord von 5 —10000 F., in den Mittelalpen ist sie selten unter 8000, häufig sogar 12000 F. und in den Ostalpen sinkt sie von 8000 auf 3000 F. hinab. Die Gipfelhöhe steigt in den Westalpcn auch von Süd nach Nord von 7000 zu I3000F., in den Mittelalpen sinkt sie von West nach Ost von 14800 zu 8000 F. und ebenso in den Ostalpen von 11000 auf 5000 F. Die Paßhöhe beträgt in den Westalpcn 3 — 7000 F., in den Mittelalpcn östlich abnehmend 10000 — 0000 F. und in den Ostalpcn 5000—3000 F. Eine übersichtliche Classificirung der Erhebungen gewährt die Eintheilung in die drei Regionen: 1) Die nieder» Vorberge, von 2 — 5000 F., d. h. bis zur obern Grenze des Holzwuchses; 2) die mittlere Alpenrcgion, von 5 — 8000 F., bis zur Schneegrenze und 3) die Hochalpen, von 8 — 14000 F. und darüber. Die mittlere Region bildet die Region der Bcrgweiden, der kräuterrcichen Matten, die in der Schweiz, zuweilen auch in Tirol Alpen, im übrigen deutschen Alpmantheil Almen genannt werden und den Schauplatz der charakteristischen Alpcnwirthschaft bilden. Diese dreifache Höhenabtheilung fällt aber nicht überall mit denselben Naturerscheinungen zusammen, vielmehr folgen der Senkung der Schneegrenze im Norden und, wie natürlich, ebenfalls im Osten auch die übrigen bezeichnenden Marken in nachstehender Weise: I) Die untere Grenze des ewigen SchnecS und zugleich die obere der Region der Moose und Alpenpflanzen am Nord- abhange 7800—8000 F., am Südabhange 8200—9500 F.; 2) die obere Grenze der Region des Baumwuchscs (Nadelhölzer) im Norden 5600 F., im Süden 6300 F.; 3) die höchste Grenze der Region des Getreides, der Buche und Eiche, nördlich 3400 F., südlich 4400 F. und 4) in den Thälern die Region des Weinstocks (auch Mais und Kastanien) am Nordhange 1500 F. und am Südhange 2000 F. DieVoralpcn umgürten das Hochgebirge auf seiner Nordseite; sie strecken sich auf seiner Ostscitc zungcnartig in die Ungar. Tiefebene (Leyrhabcrge, Bakonywald, Warasdiner Gebirge) und bilden an den ligurischen Gestaden eine breite Zone, sind aber beschränkt im Westen der Westalpcn und am östlichen Südfuß der Mittelalpcn und fehlen ganz dem lombard. Abhange der westlichen Mittelalpcn-. und der Westalpcn. In steilem Felswänden steigen also die Alpen aus dem oft wagcrcchtcn Niveau der Pocbene, während sie sanfter zu den nördlichen Ebenen abfallcn, wenigstens in niedrigem Mauern, daher zeigt ihr Anblick von Süden aus die Massen mächtiger, zusam- mcngedrängter und mehr fruchtbar; von Norden her ausgebreitctcr, mannichfalriger, mehr bezaubernd und entzückend als schreckend. Der Gebirgsbau der Alpen ist im Allgemeinen ein kettenartiger, am ausgeprägtesten im Osten, weniger im Westen, wo noch deutlicher wildere und großartigere Zerklüftungen das Werk gewaltiger Revolutionen vcrrathcn. Die Kämme sind tausendfach zersägt durch tiefe Spalten, ihre epochgipfel tragen scharfgczacktc Felskronen und erscheinen als isolirtc weiße Schnee- und Felshörncr zwischen breiten, grünen, mit Wald und Kräutern bedeckten Massen, oder die Einschnitte sind weniger tief und bilden zwischen den zahn-und nadelförmigcn Bergspißen nur geringe Unterbrechungen in den schneebedeckten Ecbirgskolossen, die aüf ihren Rücken Eismeere und Gletscher tragen, deren Arme oft in die Thalrcgioncn hinabragcn in die Nähe blühender Bäume und reifender Saaten. In den Ost- und Mittelalpcn haben die vorliegenden Gruppen oft zerrissenere Formen als ihre Centralkctten. Mit der großartigen Mannichfaltigkeit der Erhebungen geht Hand in Hand die der Alpenthäler, in ihrer Bildung und Aneinanderreihung die Alpen vor allen andern Hochgebirgen charakterisircnd. Vor Allem wichtig erscheint die ausgeprägte Form weiter Längcnthälcr am Fuße der hohen Centralkctten, besonders an der Ostseite, wo sie sich unmittelbar zur Ebene öffnen, und an der Nordsci-le, wo sie mittels enger Qucrthäler zur Ebene münden und bei den Mittelalpen ihre Pforten durch Sccbeckcn verschließen. Vorherrschend Cons.-Lex. Neunte Aust. I. 17 258 Alpen ist die Bildung der Querthäler auf der Südseite der Alpen, östlich und westlich in steilen Felsgasscn zur lombard. Ebene tretend, in der Mitte ihre Thalsohlen wieder mit lang ge« streckten 'Seen erfüllend. Die vielfach gewundenen offenen Thalgründe der Westseite der Westalpen zeigen Längen- und Querthäler, letztere jedoch beschränkt und wie im Osten keine Seespiegel am Fuße des Eebirgs. Den tief eingeschnittenen Hauptthälern liegen die höher» Nebenthäler in Form kleiner aneinandergcreiheter Kesselbecken benachbart, im Besitze des eigentlichen Alpenlebens. Wenn schon steile Felsspalten voni Haupt- zum Neben- thale führen, so sind es noch engere von Cascadcn durchbrauste Felsthore, die zu den cisum- krönten Einschnitten des Hauptkammes, zu den Hochthülern, führen. Viele Thallandschaften der Alpen führen noch andere Namen wie den des betreffenden Flusses; unter solchen sind am wichtigsten: Rhone — Ober- und Unterwallis, Aar — Ober- und Unterhasli, Neuß — Urserenthal, Vorderrhein — Tavetscherthal, Mittelrhein — Medelserthal, Hinterrhein — Rhcinwaldthal, Lanquart — Pretigau, Jll — Montofon, Inn — Ober- und Unterengadin, Salzach — Pinzgau und Pongau, Mur — Lungau, Rienz und obere Drau — Pusterthal, obere Etsch — Vintschgau, Adda — Veltlin, Tessin — Livinerthal, Arve— Chamouny. Die Lhäler des Hochgebirgs bilden zugleich seine natürlichen Communicationcn; ihre Natur stempelt sie in vielfacher Beziehung dazu, wenn auch in einem sehr verschiedenen Grad der Gangbarkeit. Während der Eintritt in ein Längenthal fast durchgängig bequem ist, so hat oft die Kunst den Eingang in ein Querthal zu erzwingen gewußt; während die Hauptthäler die Communications- und Culturcentra des Hochgebirgs bilden, so.sind die Nebenthäler die vermittelnden Glieder der verschiedensten Thalsysteme. Schon der Übergang Vom Hauptthal zum Nebenthale hat oft mit viel Schwierigkeiten zu kämpfen, dieselben steigern und mehren sich aber beim Aufsteigen zum Hoch- und Quellthale und endlich beim Überschreiten des Gebirgskammes, sei es nun, daß der Alpenpaß tief in die Waldregion cin- schneidet, oder daß er gar über der Schneelinie liegt. Die fahrbaren Kunststraßcn machen ausgedehnte Felssprengungen, hoch aufgemauerte Terrassen, steinerne Brücken, lange Felsgalerien zum Schutz gegen Lavinen und Steinschurren und sichere ZufluchkShäuser (Hospize) bei Unwettem nöthig; ihre Anlage gehört oft zu den kühnsten Menschenwerken. Die Alpenpassagen durchziehen gewöhnlich sieben Engpässe, denn zu dem eigentlichen Alpenpaß im Hauptkamm gesellen sich zu beiden Seiten die Engen der Hochthäler, die Mündungspforten der Nebenthäler und die der Hauptthäler; oft aber, wie in dem reichern Parallel- kcttenfystem der Ostalpen, häuft sich die Zahl dieser Engen und Pässe bedeutend, wo dann gewöhnlich die sich wiederholenden Kammeinschnilte viel bequemer zu passiren sind als die kurzen Passagen von einem Querthale zum andern. Je nach der Beschaffenheit oder nach provinziellem Ausdruck bezeichnet man einen Alpenpaß mit dem Namen Paß, Sattel, Joch, Scheideck, Klause, Col, Chiusa u. s. w. In kurzer Zeit wird der Wanderer auf den schönsten Kunststraßen durch die Erscheinungen aller Jahreszeiten geführt, schnell durcheilt er verschiedenes Klima, anderes Volk und andere Sitte, ja kein Hochgebirge der Erde kann sich einer gleichen Gangbarkeit rühmen, wie das curop. Alpengebirge. Die Anführung der wichtigsten Passagen bekundet das und stellt die Zugänglichkeit der oberital. Ebene von franz., deutscher und Ungar. Seite aus in ein Licht, wie cs die Geschichte dieses Alpenvorlandes zum Verständniß seiner Schicksale fodert. I) Die Hauptpassagen der Westalpen sind: I)Die Heer- und Kunststraße, La Corniche, eine Küstenstraße am Alpenfuße von Marseille über Nizza nach Genua; 2) der chaussirte Weg über den Col di Tenda zwischen Nizza und Coni, der 1778 angelegt worden und sich fast 5600 F. über das Meer erhebt; 3) die im Alterthume vielbenutzte defile'ereiche Kunststraße über den Mont-Genevre, 6258 F. hoch, zur Verbindung der Provence mittels des Durancethales und der Dauphine mit Turin; 1) die von Napoleon l805 angelegte Kunststraße über den Mont-Cenis, 6351 F. hoch, von Cham- Lery nach Turin, Savoyen mit Piemont verbindend; 5) der 670» F. hohe Paß des Kleinen St.-Bernhard, der das Arvcthal von Genf oder das Jserethal von Montmeillan an mit dem Dorea-balteathale, also Savoyen und Genf mit Piemont verbindet, auf dem Hannibal nach Italien kam, der aber jetzt weniger benutzt wird. Neben diesen Hauptpassagen bilde» »och mehre Seitenverzweigungen ein ziemlich reiches Straßennetz, das in einem westlichen Bogen die große Rhonestraße umfaßt. II) Die Hauptpassagen der Mittelalpen sind: 1) Der Alpen 259 nur theilweis fahrbare aber als Saumpfad vielfach benutzte Übergang über den Großen St.- Bernhard 75-18 F. hoch, vom Rhonethal bei Martinach nach dem Dorea-balteathale bei Aosta, Wallis mit Italien verbindend; 2) die prächtige Simplonstraßc, die von 1801—6 auf Napoleon's Befehl erbaut, von Wallis bei Brieg'über den 6174 F. hohen Simplonpaß, durch die Thalengen der Tosa nach Domo d'Ofsola zum Lago Maggiore und weiter nach Mailand führt; 3) der den Römern unbekannte Paß des St.-Gotthard, 6650 F. hoch, über welche die zum Thcil sehr beengte Kunststraße vom Vierwaldstädtersee und dem Urseren- thal nach Airolo und in das Livinerthal zum Lago Maggiore führt, und durch den im Mittel- alter die meisten Waarcn der Levante geführt wurden; 4) der Vernhardinpaß, in der Höhe von 6584 F., eine von 1810—23 von Graubündten und Sardinien angelegte Verbindung zwischen dem Hinterrheinthale und mittels des Misoccerthales Bellinzona unweit der Tessinmündung in den Lago Maggiore; 5) die seit 1822 erneuerte 6513 F. hohe Splügenstraße, zur Communication zwischen dem Thal des Hinterrhein und über Chiavenna der Straße am Ostufer des Comersees, also zwischen Rhein und Adda, schon von den Römern zum Verkehr mit Donau und Rhein und von den im Mittelalter nach Italien ziehenden deutschen Heeren benutzt; 6) die sehr alte Fahrstraße aus dem Ober-Engadin über denMa- loyapaß, 5800 F. hoch, durch das Bergellthal nach Chiavenna zum Comersee; 7) das Stilsser- oder Wormser-Zoch, auch Ortelespaß genannt, von der höchsten fahrbaren 1824 von Ostreich geöffneten Alpenstraße in Höhe von 8911 F. überschritten, zur Verbindung desEtschthales beiGlurns mitdemVeltlin bei Bormio; 8) die Neschen-Scheideck, 4300 F. hoch, über welche die Kunststraße aus dem Engadin bei Finstermünz nach dem Etschthale bei Glurns führt, um von da einerseits in das Veltlin mittels des Stilfser-Jochs, andererseits im Etschthale abwärts durch die Klause nach Verona zur lombard. Ebene zu gehen; 9) der Brennerpaß, eine 4350 F. hohe Kunststraße, zu verschon von den Römern gekannten Verbindung des Jnnthales bei Innsbruck mit dem Eisachthale bei Brixen und weitern Communication in das Etschthal. Nächst diesen neun die Ccntralkette der Mittelalpen überschreitenden Hauptpassagen bestehen in den nördlich vorliegenden Gruppen noch wichtige Verbindungen, unter denen folgende hervorzuheben sind: I) Der Saumpfad zwischen dem Rhone- und Aarthal, welcher die Berneralpen imGrimselpaß (6170 F. hoch) und im Gemmipaß (6985 F. hoch) überschreitet; 2) eine Fahrstraße durchs Gadencnthal zwischen dem Oberhasli- und Renß-- thale über den 6981 F. hohen Süsteftpaß; 3) die Kunststraße des Wallis vom Genfersce aufwärts bis Brieg und als Fahrweg noch bis Obcrgestelen, welche bei St.-Maurice einen verschanzten Engpaß durchzieht; 4) Saum- und Fußpfade vom obern Nhoncthale bei Obcrgestelen aus in das Urseren- und Tavätscher Thal nach Dissentis amVorderrhein über das Gebirgsplateau des St.-Gotthard mittels des Furkapasses, 7716 F. hoch, und des Oberalppaffes, 6174 F. hoch; 5) die vom Bodensee aus bis Malans auf beiden Rheinufern hinziehende, die Defil(en der Hohen Wand und des befestigten Luzienstieges passirende und bis Dissentis einfach geführte Nheinstraße; 6) zwischen Rhein und Inn über den 4800 F. hohen Arlbergpaß, außer mehren Saumpfaden, eine Kunststraße von Feldkirch nach Landeck; 7) die Lechsstraße, welche von Füssen (am Lech) aus die Algauer Alpen in den verschanzten Felsengassen des Kniebis und der Ehrenberger Klause durchschneidet, um im Jnn- thale doppelt verzweigt-zu münden; 8) die Jsarstraße, eine Kunststraße von Mittcnwald an der Isar durch den verschanzten Scharnitzpaß und über den tiefen Seefclder Sattel nach Zirl am Inn; 9) der Achenpaß, zur Verbindung der münchener Straße bei Tegernsee mit Schwatz amJnn. III) Die Hauptpassagen der Ostalpen sind: I)DerToblacher Feldpaß führt 3902 F. hoch die Kunststraßc des Drauthales in das Pusterthal der Rienz und verbindet zunächst Lienz an der Drau mit Brixen an der Eisach u. s. w.; 2) der Kristallinpaß, 4600 F. hoch, eine neuere Kunststraße aus dem obern Pusterthale bei Toblach südlich über die Cado- rischen Alpen zum Piavethal und aus diesem zweifach gespalten zur Ebene nach Conegliano oder Bassano; 3) die von der Salzach zur Drau führende mittels folgender Pässe die Norischen Alpenketten überschreitende Kunststraße: ») Zwischen Salzach und Enns oder zwischen Werfen und Radstadt das untere Fritzthal und thalabwärts nach Ließen der verschanzte Mandlingpaß; 6) von Nadstadt nach St.-Michael, zwischen Enns und MurderRad- 17 * 260 Alpe» ftädter Taucrnpaß, 485V F. hoch; e) zwischen Mur und Drau, von St.-Michael über Gemünd nach Spital und dann weiter nach Villach u. s. w., der 2800 F. hohe Hochfeldpaßz 4) die Villacher Paffe zur Verbindung Jnneröstreichs mit dem Küstenlande von Venedig und Friaul einerseits und des Drau- und obern Sauthales andererseits. Südwestlich von Villach an der Drau geht eine Straße über die Karnischen Alpen, die sich dreifach spaltet, und zwar bei Rigersdorf südöstlich durch die Wurzenpässe, 4000 F. hoch, zur Saustraße nach Laibach, Agram oder Karlstadt u. s. w., und bei Tarvis südlich durch den 3600 F. hohen Pedrilpaß und die Flitscher Klause in das Zsonzothal nach Görz u. s. w. und südwestlich durch die Thalpässe von Ponteba (Pontafel), 2400 F. hoch, und die verschanzte Chiusa-ve- neta in das Thal des Tagliamento zur Ebene ; 5) die Straße von der Donau bei Linz bis - nach Laibach an der Sau durchschneidet die Norischen Alpenketten und die Karnischen Alpen, l und zwar: -,) Zwischen Traun und Enns von Wels nach Liehen in der Pyrn-Klause; 6) zwischen Enns und Mur, von Liehen nach Judcnburg 5000 F. hoch, den Rottcnmanner Tauernpaß; c) zwischen Mur und Drau von Judenburg über Schefling durch das Gurkthal nach Klagenfurt mehre niedrige Sättel und 6) zwischen Drau und Sau über das Kara- wankengebirge nach Krainburg und Laibach den Loiblpaß, 4243 F. hoch. 6) Von der Do-, nau bei Linz, Mautern und Wien ziehen drei große Straßen nach Bruck am Mur: s) Im Ennsthale aufwärts bis Hieflau durch den Paß von Eisenärz nach Leoben und Bruck; 6) von Mautern über St.-Pölten die Treisam aufwärts über die niedrigen Joche von Josephsbcrg, Mariazell, 2867 F. hoch, und von Seewiesen, 2600 F. hoch, nach Bruck und c) von Wiener Neustadt durch den 3122 F. hohen Semringpaß. Von Bruck führt die vereinigte Heerstraße südlich im Murthale über Gräh nach Marburg an der Drau, südwestlich nach Laibach und über das illyr. Karstplateau bei Adelsberg, 1800 F. hoch, nach Triest. 7) Von Fiume nach Karlstadt gehen zwei hohe Straßen in mehr oder minderer Entfernung von den Krümmungen des Kulpathales, und zwar die Karolinenstraße und die neuere Maria Luisenstraße. > Außer diesen Hauptpaffagen der Ostalpen sind noch viele Ncbcnverzweigungen wichtig, wie - z. B. I) die Salzachstraße, welche bis zum Wildbad Gastein fahrbar, über den HohenTÄuern, 6800 F. hoch, Saumweg und bei Malnih schon wieder Fahrstraße nach Spital und Villach ist; 2) die Straße aus dem Innthal in das obere Pinzgau durch das Ziller-und Eerloßthal und den Gcrloßpaß; 3) von Wörgl im obern Pinzgau durch mehre Thalpässe, z. B. den Strubpaß bei Loser nach Salzburg; 4) zwischen dem Salzach-, Traun- und Ennsthal Kunststraßen von Salzburg über Ischl nach Steinach. Fast die meisten Län- genthäler werden von Straßenzügen verfolgt und stehen in vielfacher Verbindung untereinander. Dem ganzen Straßennetze schließt sich noch die große Communication der östlichen nieder» Voralpen an, um die Steigerung der alpinischen Gangbarkeit von West nach Ost zu bekunden. In geognostischer Beziehung bieten die Alpen einen äußerst reichhaltigen Stoff von Beobachtungen, welche bis jetzt zu folgendem Übersichtsbilde geführt haben. Die höchsten, centralen Massen, die sogenannten Uralpen, setzen die primären Gebilde Glimmerschiefer, Gneis und in viel geringerm Antheil Granit zusammen, in einem mächtigen Bogen südwestlich von Turin aus der Ebene aufsteigend bis an den Neusiedlersee. Zwischen oder >. anliegend erscheinen im Westen vom Apenninanschluß bis zu den Ber-reralpen Jura- und Lias- ^ gebilde; in den Grajischen und Penninischen Alpen kalkiger Glimmerschiefer und große Ser- pentin- und Gabbromassen; im Osten liegen nördlich und südlich mächtige Gruppen von Thonschiefer und Grauwacke zu Tage mit eingesprengten Urkalkmasscn und im obern Elsch- thale hat sich das pyrogene Gebilde des Ouarzporphyrs in ungeheurer Mächtigkeit eingekeilt. Im Allgemeinen den vorliegenden Gruppen der Centralkette folgend, liegt ein mächtiger Gürtel sedimentärer Bildung zu beiden Seiten der Uralpen, jedoch nur halb so breit wie diese, im Norden und Westen aber von den ligur. Gestaden an bis in die Nähe von Wien, im Sü- den vom Lago Maggiore bis in die Gegend von Marburg und Agram; es sind das die Kalk- alpen, aus einem Kalk der Juraformation zusammengesetzt, insofern man ihm nicht die ei- , gene Gruppe des Alpenkalkes einräumt. Wie sich ein solcher und ähnlicher Kalk innerhalb «» der Uralpen hier und da vorfindet, wie ;. B. zwischen Inn, Etsch und Adda, so keilen sich auch wieder fremde Massen in seine Zone ein, unter andern zwischen Toulon und Nizz 261 Alpe« Muschelkalk, bunter Sandstein, Porphyr und Gneis, bei Sargans Rothliegendes und im Nordostcn Quadersandstcin. In einem weiten Mantel umlagern die Mittlern Schichten der Molasscgruppe den Nordwesten und Osten, von der Provence bis nach Ungarn, westlich des Bodensees unmittelbar an den Kalk stoßend, östlich desselben bis nach Wien durch schmale Bänder der Quadcrsandsteinformation von ihm getrennt. Südöstlich erfüllt den Bereich der sogenannten Julischen Alpen die Krcidegruppe, welche in ihrem zertrümmerten und höhlen- rcichen Charakter zum System der Dalmatischen und Dinarischen Alpen hinüberzieht. An schönen Mineralien sind besonders die primären und Trappgebirge reich, ausgezeichnete Fundorte sind das Gotthardgebirge und Fassathal mit den nächsten Umgebungen, wo fast jedes Jahr neue Mineralien entdeckt werden; die Bergkrystalle des Gotthard sind weltberühmt. Bergbau und Hüttenbetrieb bietet eine immer reichere Production mit zunehmender östlicher Lage, da die Schweiz eigentlich arm an nutzbaren Erzen ist. Gold- und Silbergewinn ist nur noch in Tirol, Salzburg und Kärnten, und Silber allein in Frankreich auf dem einzigen Silberbergwerk zu Allemont unweit Grenoble, in Savoyen, Jllyrien und Steiermark von einiger Bedeutung; ebenso der des Kupfers in Frankreich, Tirol, Jllyrien und Steiermark. Der Blcicrtrag erscheint gering in Frankreich, Tirol, Salzburg und Steiermark und kaum zu rechnen in der Schweiz gegen die Ausbeute des Bleiberges im Kärntenschen, zwei Meilen westlich von Villach, von jährlich 34 — 35000 Ctr. Arzch die Eisenproduction ist unbedeutend in der Schweiz, selbst nicht erheblich in Savoyen, sowie in Tirol und Salzburg gegen Kärnten, das jährlich 260000 Ctr. und zumal gegen Steiermark, das 450000 Ctr. liefert. Quecksilber wird fast nur zu Jdria in Krain gewonnen und zwar jährlich 1000 —1500 Ctr. Der Salzrcichthum der Alpen ist kehr bedeutend; am großartigsten aber bei Hall in Tirol , Berchtesgaden in Baiern, Hallein in Salzburg, überhaupt im Salzkammcrgute; Hallein producirt allein jährlich 450000 Ctr. Steinkohlenlager finden sich zwar in der Schweiz, in Frankreich und Savoyen, am ergiebigsten aber wiederum im östreich. Antheile, und zwar in Steiermark, Krain und Kärnten, doch fördert man jährlich nur etwa 500000 Ctr. zu Tage. Die wichtigsten Mineralquellen sind folgende: I) Eisen- und Stahlwasser: Blumenstein im Canton Bern und Mohitsch in Steiermark; 2) Schwefelwasscr: Aix in Frankreich, Chambery und Air in Savoyen, Schinznach und Baden im Canton Aargau, Gurnigel in Bern, Leuk in Wallis und Stackelberg im Canton Glarus; 3) alkalische oder Laugenwasser: Rosenlauibad in Bern, Gastein im Salzburgischen, Tobel oder Dobbelbad und das Römerbad zu Tyffer in Steiermark, Töplitz oder Töplitza in Krain; 4) Glaubersalzwasscr: Pfcffers im Canton St.-Gallen; 5) Soolbäder: Ischl im Salzkammcrgut, Ncichcnhall in Baiern; 6) Säuerlinge: La Motte in Frankreich, die Quellen im Fellathale und zu Gießhübel in Kärnten; 7) heiße und warme Quellen: Aix, Digne,Greour, Montdauphin in Frankreich, Aix, Chambery, Evian in Savoyen, die schon genannten Gastein, Leuk, Baden, Töplitz, Schinznach, Pfcffers und Tyffer. Wie die Alpenpflanzen (s. d.), so bietet auch das Thicrr eich des AlpengebirgeS manches Eigenthümliche dar. Auf den sonnigen Höhen ist die Zahl der Insekten sehr groß, und besonders der Schmetterlinge, die hier auffallend fast alle einfarbig braun sind; Fische gibt es wenig, wenn man auch Forellen noch 6000 F. über dem Meere in Teichen antrifft. Zwar bewohnen Adler-, Geier- und Eulenarten das Hochgebirge, doch ist die Zahl der Vögel im Vergleich zum Flachlande sehr gering und meist auf die großen Thäler beschränkt. Unter den Vierfüßlern wird nur noch sehr selten der Steinbock getroffen, häufig und zwar am meisten im Osten die Gemse; das Murmelthier lebt in den obcrn Alpenregionen; Wölfe finden sich im Westen öfter als im Osten', dagegen hier noch Bären, Luchse und wilde Katzen, wenn auch in immer mehr sich vermindernder Zahl. Von den Hausthiercn sind Ziegen und Rinder überall in größter Menge verbreitet; weniger Schafe und Pferde und beide nicht von edler Abkunft; Maulthiere und Esel, mehr im Süden als im Norden, vorzüglich zum Lasttragen; Schweine und Hunde nicht häufig, letztere fast nur bei den Heerden oder in den Hospizen zum Aufsuchen der Verunglückten. Reich ist das Alpengebirge an besonder» Naturerscheinun gen, von denen der Flachländer keine Ahnung hat. Von der Region des Firns, jener körnigen, sich um das Gebirge lagernden ewigen Schnecmasse, bis zu den Muhren, jenen kegelförmigen Erdhügeln, 262 Alpenpflanzen welche die Gewalt des Wassers heranspült und quer in die Thalmündungen baut, ändert die Alpennatur ihre Scenen im mannichfaltigsten Wechsel. Hier bedecken die erstarrten Massen eisiger Gletscher das nackte Gestein, Lavincn stürzen in unabsehbare Tiefen, Bergstürze oder Bergschlipfe verschütten den Anbau friedlicher Thäler oder im Osten peitscht die Bora mit ihrer Orkankraft die aufgewühlten Schncemassen vor sich her; dort spiegelt sich die Sonne in den zerstiebten Silberfäden eines tosenden Gießbaches, in den ruhigen Fluten eines krystall- Hellen Sees, oder ihr Schwinden wie ihr Kommen wird dem erwartungsvollen Fremdling durch das Glühen der beschneiten Gipfel verkündet. Der Alpenbewohner, von allen Seiten mit Alpen umgarnt, muß sich ihrer Natur hingeben, ohne ausweichen zu können; ihre Gefahren fesseln ihn ebenso wie ihre Reize; man- nichfaltigste Thätigkeit nimmt all seine Zeit, seine Gedanken in Anspruch; in dem Gebirge erkennt er seinen Despoten, den einzigen Herrscher, dem er sich willig beugt, der aber auch seine Seele ergreift und ihn zu lenken versteht. Im Kampfe mit den Elementen stählt der Alpener seine Kraft an Geist und Körper, er öffnet sein Herz dem poetischen und erhabenen Eindruck der Natur, .er gibt im einfachen Gesänge kindlichen Frohsinn kund, er vertheidigt aber auch mit aufopfernder Hingebung seine Bergveste gegen fremde Gewalt. In dm großen Thalweitungen zieht mit dem Staube der belebten Heerstraße Sitte und Geist der benachbarten Ebene rin, da wird ein eigenes alpinisches Leben immer mehr verwischt; seine Einfachheit, das charakteristische Treiben der Alpenwirthschaftenss. d.), findet man noch erhalten in den höher» Seitenthälern. Sechs Staaten haben an den AlpenTheil. Zn die Westalpen theiltsich Frankreich und Sardinien, jenes, mit der Provence und Dauphine, dieses mit Savoyen und Piemont, dort in zu natürlicher Öffnung nach den anliegenden Landschaften, hier in zu großer Beschränkung auf eine kärgliche Hochgebirgsnatur, als daß selbständige Losreißungen von den Nachbarländern natürlich erschienen. Den Mittelalpen entspricht fast ausschließlich die Schweiz, nach allen Seiten fremdem Einfluß unterworfen, in denNaturspcndcn oft so karg bedachttdaß der Schweizer fremde Kriegsdienste suchte, um sich zu nähren, und doch ein abgeschlossenes Revier, dessen Verfassung die verschiedensten Elemente gemeinsam umschließt, basirt auf die Grundsätze einer bürgerlichen Freiheit, nach dem Beispiele der unbezwungenen Natur ihrer Berge. Baiern hat nur einen geringen Antheil an den Algauer- und Salzburgeralpen. Das Fürstenthum Liechtenstein aber den untergeordnetsten, zwischen den Einmündungen von Lan- quärt und Zll. Den größten Alpenantheil hat Ostreich mit der Lombardei, Tirol, Jllyrien, Steiermark und dem Erzherzogthum. Die östlich geöffneten weiten Mulden ließen den Einfluß der Ebene leicht einziehen; die Erzausbeuten, der reichere Fruchtbodcn läßt Bergbau, Fabrikwesen und Ackerbau festen Fuß fassen und in lebhaftem Handelsverkehr große Städte an die Stelle rein alpinischer Dörfer treten. Westlicher liegt Tirol, wo das Inn- und Etsch- thal deutschen und ital. Einfluß nahe aneinander führen, und das Land eher zu einem Vermittelungsland zwischen Deutschland und Italien machen als die Schweiz. Schon greisen zwischen das Hirtenleben vielfach ein die Beschäftigung der Salz- und Erzausbeuten und die mannichfachsten Industriezweige ganzer Thäler, deren Söhne als Handelsleute in Nah und Fern ziehen, und wie Lage upd Bau der Gebirge, so hält auch Tirol in seinen bürgerlichen Verhältnissen eine glückliche Mitte zwischen der zersplitterten, egoistischen Unabhängigkeit der schweizer. Cantone und den gebundenen passiven Zuständen der östlichem Alpenrevierc. Alpenpflanzen heißen im strengem Sinne des Worts diejenigen Pflanzen, deren natürlicher Standort auf Bergen sich befindet, die zum Theil mit Schnee bedeckt sind, der auch unter der Einwirkung der Sommerwärme nicht ganz wcgschmilzt, und welche sich sonach bis über die Linie des ewigen Schnees erheben. Da nun aber, je nach der geographischen Breite und je nach örtlichen beschränktem Verhältnissen diese Linie in verschiedenen Ländern auf sehr verschiedenen Höhen verläuft, so ergibt sich, daß der Begriff Alpenpflanzen nicht sowol auf der relativen Erhöhung des Standorts als vielmehr auf den an diesem herrschenden Mittlern Temperaturverhältniffen beruht. Auf dem äquatorischen Theile der Cordillcra der Anden findet man bei 12 —150VN F. Erhöhung über den, Meere noch sehr viele, wenn auch niedrige Gewächse, die im allgemeinen Ansehen an die Pflanzen erinnern, welche in Deutschland und der Schweiz auf 6voo F. Höhe Vorkommen, und Alpenstich Alphen 26 S diese gleichen wiederum solchen oder sind sogar identisch mit Arten, welche in Lappland auf Bergen von geringer Höhe Vorkommen oder im nördlichen Sibirien fast auf dem Niveau des Meeres wachsen. Die Gesetze dieser natürlichen Verbreitung der Pflanzen sind erst in neuesten Zeiten durch Humboldt, Wahlenberg, Schouw, Decandolle u. A. ausgesucht und erläutert worden und bilden den wesentlichsten Theil der noch jugendlichen und daher fernerer Forschungen sehr bedürftigen Wissenschaft der Pflanzengeographie. Wenn man von Alpenpflanzen des Mittlern Eu wpa spricht, so meint man damit jene Formen, welche auf einer Mittlern Höhe von 6000 §. wachsen und eine Zone im Sinne der Pflanzengeographie bilden, die an ihrer nördlichen Grenze, dem Riesengebirge, auf 4000 F. herabsinkt, in den , Alpen und Pyrenäen bis 9000 F. und hin und wieder noch etwas höher hinaufreicht, an eigenthümlichen Formen zwar sehr reich ist, allein auch manche Pflanzen enthält, die auf viel niedrigem Bergen, zum Theil sogar in den Ebenen noch Vorkommen. Die letztem mischen sich jedoch um so weniger ein, je höher das Gebirge sich erhebt, und daher besitzen die kleinen schneefreien Räumr der obersten Region eine sehr charakteristische Flora, deren Gewächse durch sehr niedrigen, gedrungenen Wuchs, die Neigung, dichte Rasen zu bilden, wollige Behaarung, halb oder ganz holzigen Stengel und verhältnißmäßig große und schöngefärbte, oft sehr wohlriechende Blumen sich auszcichncn und als solche den Bewohnern der Ebene ungewöhnlich erscheinen und gefallen. In den Alpen Mitteleuropas fesseln das Auge zumal die Gcntianen, Steinbreche, Alpenrosen (kkoäoäenllron), verschiedene Primeln u. s. w. Manche Alpenpflanzen haben einen sehr beschränkten Verbreitungsbezirk; einzelne sind bis jetzt nur an einem Orte gesunden worden, z. B. die kärntener Walfenie. Die Verpflanzung der Alpenpflanzen in Gärten hat große Schwierigkeiten und mislingt bei der Mehrzahl. Die Zierlichkeit derselben auch im getrockneten Zustande macht sie zu Lieblingen , der Dilettanten unter Pflanzensammlern; man bietet daher in der Schweiz überall kleine ' Herbarien derselben aus. Sieber, Hoppe, Schleicher u. A. haben große Sammlungen gemacht und unter das Publicum gebracht. Alpenstich nennen die Schweizer die besonders durch den Föhnwind oft epidemisch hervorgcrusene rothlaufartige, sich leicht mit typhösem Fieber verbindende Lungenentzündung, auf deren Existenz zuerst Haller aufmerksam machte und die in Guggenbühl („Der Alpenstich, endemisch im Hochgebirge der Schweiz und seine Verbreitungen", Zür. 1838) einen trefflichen Monographen gefunden hat. Alpenwirthschaften heißen die reinen Viehwirthschaften in den hohem Gebirgsgegenden, wo der Futterbau des kalten und feuchten Klimas und der kurzen VegetationszeiL halber die Hauptsache, Getreidebau aber der untergeordnete Theil des WirthschaftsbetriebS ist. Je nach der örtlichen Beschaffenheit unterscheidet man Eggartcn und Weidewirthschaft. Erstcre wird vorzugsweise auf den Gcbirgsstrichen betrieben, die sich mehr dem Flachlands nähern, und woselbst man Sommer- und Wintergetreide in der Art baut, daß dasselbe Feld auf eine Reihe von Jahren mit Getreide bestellt und dann längere Zeit als Wiese oder Weide benutzt wird. Die Weidewirthschaft wird dagegen auf den hohen Gebirgen der Schweiz, Tirols u. s. w. in Ausübung gebracht, wo die Örtlichkeit den Anbau von Feldfrüchten nicht f gestattet. Die felsigsten und schroffsten Alpen (Schafalpen) werden nur mit Schafen und Ziegen, minder hohe und steile mit Kühen beweibet, während besondere Reviere, in welche keinerlei Vieh Zutritt hat, zu Heugewinnung benutzt werden. Die Weidezeit dauert gewöhnlich fünf Monate und beginnt auf den untern Theilcn der Alpen zu Anfang des Juni, auf den obern gegen Ende des Juli, sobald der Schnee geschmolzen ist. Das Heu wird entweder in Tücher oder Netze gestopft und auf dem Kopfe nach Hause getragen oder über die Felsen herabgeworfen. Die Alpenweiden sind in den demokratischen Cantonen gewöhnlich Gemeingut, in den aristokratischen hingegen Privatcigenthum; im erstem Falle werden sie häufig verpachtet, im letztem gehören sic gewöhnlich mehren Familien, deren Rechte dann in der Regel verschieden sind. Auf die Alpenwirthschaft stützt sich die Viehzucht, hauptsächlich Rindviehzucht und das Mclkereiwcsen, Butter- und Käsefabrikation, welche letztere indeß schwunghafter als erstcre betrieben wird. (S. Senn er ei.) Vgl. Steinmüller, „Beschreibung der schweiz. Alpen- und Landwirthschaft" (2 Bdc., Winterthur 1802). Alpheu Hieronymus van), Holland. Dichter, geb. am 8. Aug. 1746 zu Gouda, 264 Alpheus Alt gest. am 2. Upr. 1893. Von der Natur mit den glücklichsten Anlagen begabt, widmete er sich mit großem Eifer dem Studium der Wissenschaften und zeichnete sich, ohne daß die Viclseitigkeir der Gründlichkeit Eintrag gethan hatte, als Theolog, Jurist und Historiker, besonders aber als Ästhetiker und Dichter aufs rühmlichste aus. Unter seinen Gedichten ragt vorzüglich seine einfach erhabene Cantate „Der Sternenhimmel" hervor. Im Allgemeinen ist in ihnen eine gewisse religiöse Richtung vorherrschend, ohne daß er sich einer malten Mystik hingibt, und viele seiner religiösen Lieder sind mit vollem Rechte in gottesdienstliche Liedersammlungen, namentlich in die bei den reformirten Gemeinden > cingcführtcn „Lvgi,-;e!iscli6 lieeloren" übergcgangen. Seine in antikem Versmaße ge- I dichteten Oden haben weniger Beifall gefunden, als sie verdienten. Unübertrefflich aber / sind seine kleinen „Gedichte für Kinder", in denen er die Denkweise des zarten Kindes- altere in naiver Darstellung und kindlich einfacher Sprache bei einem leichtfließenden Versbau sehr glücklich getroffen hat. Auch mag es für einen Beweis ihres hohen Werthes gelten, daß sie sammtlich ins Deutsche, Französische und Englische übersetzt worden sind. Da A-, gleich seinen Vorfahren, ein unerschütterlicher Anhänger der »ramschen Partei war, wurde er 1795 seines Amtes als Generalschatzmeister der nicderländ. Union entsetzt und lebte dann bis zu seinem Tode im Haag als Privatmann. Alphells, der Hauptfluß des Peloponnes, jetzt Alfeo,Rofco oder Ryfo, dessen Quellen sich nach der Sage im Gebirge bei Pegä in Arkadien befinden, südöstlich von Mecjalopolis, fließt aus Arkadien nach Elis und oberhalb Olympia in das Jonische Meer. Die Mythologie macht A. zum Sohne des Oceanus und der Thetis ünd zum Gott des gleichnamigen Flusses. Nach Pausanias verfolgte A., der ein eifriger Jäger war, die Nymphe Arethusa (s. d.) mit seiner Liebe, und als diese, um ihm zu entgehen, auf die Insel Ortygia bei Syrakus floh und sich dort in eine Quelle verwandelte, wurde er ein Fluß, der unter dem Meere hinfloß und sich endlich mit Jener vereinigte. Nach Andern badete sich Arethusa im Flusse , A., und als sie dabei vom Gotte des Flusses überfallen ward, verwandelte selbigv-DiäN»' alis Erbarmen in eine Quelle, die durch die gespaltene Erde nach Ortygia floß. Nach noch Andern war Diana selbst Gegenstand der Liebe, die sich nur dadurch rettete, daß sie sich und ihrer Begleitung das Gesicht mit Schlamm bestrich. Otfr. Müller in den „Prolcgomenen einer wissenschaftlichen Mythologie" erklärt den Mythus aus geschichtlichen Ereignissen. Alraunen, bei Jordanes in seiner „Historir» Kotborum" .4Iiorime« oder .^lia- eumnae genannt, waren weise Frauen, die sich mit Wahrsagen beschäftigten und vielleicht l auch bei den Opfern thätig sein mochten. Der Gothenkönig Filimir vertrieb sie als Hexen ^ aus seinem Heere. Eine solche weise Frau war ohne Zweifel auch die von den Deutschen ! nach„dcs Tacitus Berichte göttlich verehrte Aurinia, deren Name mit dem obigen identisch ' ist. Über die Bedeutung des Wortes Aliorunaist man nicht ganz im Klaren, doch ist es wie mehre andere deutsche Namen, mit runs, d. i. Geheimniß, zusammengesetzt. Das Wort hat sich bis auf unsere Zeit erhalten; der Aberglaube bezeichnet mit Alraun einen aus der ^ Wurzel Mandragora, die denn auch selbst so genannt wird, geschnitzten teuflischen Geist, der seinem Besitzer zwar alle zeitlichen Glücksgütcr, die er wünscht, verschafft, ihm zuletzt aber ewigen Untergang bringt. k , Alt (ital. ^Vlto und Oontralto, franz. dsute-contro) heißt die tiefere weibliche oder die Knabenstimme. Der Alt ist die zweite der vier Hauptclaffcn der menschlichen Stimme und kommt, wie jede der drei übrigen, in verschiedenen Abstufungen vor. Man unterscheidet hauptsächlich einen liefern und höhern Alt. Der Umfang des erstem reicht ungefähr vom kleinen s bis zum zweigestrichenen k oder F, während die Grenzen des letztem um einen bis zwei Töne höher zu setzen sind. Dem Umfange nach fällt der höhere Alt mit dem Mezzosopran zusammen, und beide Stimmen werden oft miteinander verwechselt. Soll nicht alle feste Grundlage bei der Grcnzbestimmung schwinden, so kann nicht die oft von zufälligen Einwirkungen, einseitiger Ausbildung bedingte Klangfarbe, sondern nur die natürliche Structur der Stimme, das Negistcrvcrhältniß de» Unterscheidungsgrund abgebcn. Der Alt besteht aus zwei Registern (s. Stimme), deren Scheide ungefähr beim eingestrichenen l>, beim Knaben-Alt meist einige Stufen tiefer, liegt, während die Tonleiter des Mezzosopran sich in drei Register scheidet, deren mittleres durch vorzugsweise« oder ausschließendeu 265 Altai Altar > Gebrauch dem tiefsten an Klangmasse nahe oder gleich gebracht, und beide mit Vernachlässigung des dritten (Kopfstimme) zu ungewöhnlicher Fülle verdichtet sein können, sowie das obere Register des Alts, auf Kosten der Fülle und des Umfangs des tiefen, eine sopranähnliche Farbe und Leichtigkeit der Ansprache erhalten kann. Daß sich diese und ähnliche Einseitigkeiten und die Mißachtung der Fingerzeige der Natur durch frühen Ruin der Stimme rächen müssen, dem auch eine, oft zu späte, Umkehr nicht immer cntgegenarbeiten kann, liegt auf der Hand. — In der Tonsatzlehre, vorzugsweise im vierstimmigen Satze, nennt man die 1 zweite Oberstimme Alt. In der Instrumentalmusik werden die die zweite Oberstimme vertretenden Instrumente durch das Vorgesetzte Alt bezeichnet, z. B. Altviole, Altpo- / saune u.s.w. Altschlüssel oder Altzeichen heißt die dem Umfange des Alt entsprechende Anwendung des c-Schlüssels auf der dritten Linie des Notensystems. Altai, d. h. Goldberg, ist ein noch in der verschiedensten Ausdehnung gebrauchter Name für die hohen nördlichen Gebirgsränder des östlichen Hochasien auf der russ.-chines. Grenze. Nächst der Bearbeitung der mongol. und chines. Quellen durch Schmidt, Abel Ne- musat und Klaproth verdanken wir den Reiseberichten von Ledebour, Bunge, Meyer, Alex, von Humboldt, Heß und Ad. Erman die wcrthvollsten Nachrichten über den A., der noch auf den meisten Karten in falscher Darstellung und Benennung erscheint. Nächst dem System des Thian Schau umfaßt das Altaisystcm im ausgedehnten Sinne den ganzen vielfach gruppirten nördlichen Gebirgsrand Hintcrasicns, von 98°— 160° östl. L., von den Dsungarischen Ebenen des Saisansees im Westen bis zu den Küsten des Ochotzkischen Meeres im Osten. Durch die Thalcinschnitte des Jrtysch, Jcnisei, der Selcnga und des Amur werden in der Ordnung von West nach Ost drei Hauptgruppen voneinander gegliedert, der Altai im eigentlichen Sinne, Khang-gai und Kentec-Khan oder Khin-gan, welcher in das bäurische Gebirgsland übergeht, dessen nordöstlichste Verzweigungen vom Zablonoi-, ^ Stanowoi- und Aldan-Chrebet gebildet werden. Auch in der bczeichneten westlichsten Gruppe , müssen der Tangnu-Oola und Ulan-gum von dem A. im cngern Sinne unterschieden werden, dessen einzelne Ketten thcils auf chines., thcils auf russ. Boden liegen. Der chines. A. besteht zunächst der rechten Thalebcne des obern Jrtysch aus dem Ektagh- oder Großen A., . dessen Gipfel mit einer Höhe von 8—10000 F. weit in die Schnecregivn einragen und dessen Ostverzwcigung des Altai-alin-tube, d. h. das Ende des A., zu den Felsklippcn der Züge der schwarzen Wolken übergehen, die in der Steppe der Gobi sich verflachen. Der ^ russ. A., zwischen Semipalatinsk und den Quellen des Ob, noch nicht volle zwei Jahrhunderte bekannt, von den Russen colonisirt und, in seinem Erzreichthume mit dem Ural wctt- j eifernd, schon so bald zu einem der wichtigsten Gebiete des weiten russ. Reichs geworden, besteht zunächst der chines. Ercnzgcgendcn aus einem brcitrückigen Alpengebirge, dem Altai-Djelki, d. i. Schncegcbirge, dessen Gipfel 9000, sogar l iooo F. erreichen sollen, dessen vielfache Gebirgsplateaus schon bei 6000 F. Höhe in der nördlichen Lage unter 50° i B. von ewigem Schnee bedeckt sind und dem nordwärts die breite Zone der Alkäischen Erz- gcbirgslandschaften (kolywanscher Hüttcnbezirk u. s. w.) anliegt, deren thätiges Treiben in dem nördlich liegenden Barnaul einen wichtigen Concentrationspunkt besitzt. Mährend russ. f Colomfien die nördlichen und nordwestlichen Bergrevicre als Bauern und Bergleute bewohnen und an der südlichen eine Reihe kleiner Festungen strenge Wache hält, so bevölkern den Südosten die Bergkalmückcn, ein mongol. Volkssiamm heidnischer Religion, die in patriarchalischer Negierung unter Dcmetschas und diese wieder unter Saissans stehend, bei rein nomadischer Lebensweise ihre Jurten im Sommer auf den weidereichcn Bergterrassen und offenen Ebenen, im Winter in den geschützten Waldschluchten aufschlagen. Altar heißt überhaupt ein erhöhter Platz, dann, weil man sich seiner zum Opfer bediente , ein Opfervlatz.oder Opfcrhcrd. Anfangs waren die Altäre aus Erde oder Asche, später, als man Tempel errichtete, aus Stein, Erz und in schöner Form mit mannichfalti- gen Verzierungen. Sie standen gegen Morgen vor dem erhabener aufgestellten Bildnisse . der Gottheit. Sehr verschieden von diesen Altären des Hcidenthums sind die der christlichen Kirche. Hier war der Altar ursprünglich der Tisch, an welchem das Liebcsmahl gehalten wurde. Auch später blieb der Altar ein in den Chor der Kirche gestellter Tisch, woran das Abendmahl ausgcthcilt und andere Kirchcngcbräuche vorgcnommcn wurden. Die gcmauer« 266 Altdorf Alten tcn Altäre bei den Christen kamen wahrscheinlich erst unter Konstantin dem Großen auf. jed Die Verordnung, sie allezeit gegen Morgen zu stellen, soll vom Papste Sixtus 6. sein, und bei sie mit einem Crucisix zu zieren, ward erst im 6. Jahrh. gebräuchlich. Mehre Altäre aufzu- ljg stellen, ward in der röm. Kirche seit Gregor VI. üblich. Der vorzüglichste, der Hochaltar, vo behielt seinen Platz im Chor der Kirche, erhaben und mit Stufen versehen; die andern wur- er den an Pfeilern, im Osten der Abseiten, an den Seitcnmauern, in Kapellen oder in den ter Krypten angebracht. Auch in den größer» protestantischen Kirchen finden sich zuweilen ein er großer und ein kleiner Altar. Haben die Altäre bei den Protestanten den Glanz verloren, gu welchen ihnen insbesondere der Messe wegen die katholische Kirche gibt, so sind sie bei den Ne- j sch sormirten ganz zum einfachen, nur mit dem Crucisix versehenen Tische geworden. , ha Altdorf, auch Altorf, eine früher zum Gebiete der Reichsstadt Nürnberg gehö- ftr rige kleine bair. Stadt an der Schwarzach in Mittelfranken, 2'ch Meile südöstlich von sie Nürnberg, mit 2100 E. und einem Rentamt, war früher der Sitz einer Universität, die wi 1622 gestiftet, I80S aufgehoben und daNürnberg seit 1806 an Baicrn gekommen war, mit in der zu Erlangen vereinigt wurde. Es wird starker Hopfenbau daselbst getrieben, auch werden viele Steinkohlen gewonnen; weit und breit berühmt sind die daselbst gefertigten Hölzer- A nen Maaren. Die Geschichte der Universität (Altd. 1795) und die Stadt (Altd. 1796) hat feg Will beschrieben. dei Altdorfer (Albrccht), Maler und Kupferstecher, geb. zu Altdorf in Baiern 1188, G> gest. 1538 zu Rcgensburg. Man rechnet diesen Künstler zu den Schülern Albrccht Dü- «eii rer's, obschon dies nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist. Jedenfalls gehört er zu den geist- vo vollsten und eigenthümlichstcn Meistern, welche die Dürer'sche Richtung befolgt haben. In sie seinen Bildern waltet eine blühende romantische Poesie, welche, soweit man überhaupt die eir Bcdingnisse der altdeutschen Kunst zugibt, den größten Reiz ausübt. Sie sind insgesammt gei von einem reichen, vielgestaltigen Leben erfüllt, die Landschaft ist mit gleicher Sinnigkeit und 18 Liebe behandelt wie das Figürliche, und Alles mit größter Sauberkeit ausgeführt. Llls sei« ' ha Hauptbild ist der Sieg Alexanders über Darms zu nennen, ein Gemälde (in München), 18 das dem Beschauer wie ein romantisches Heldengedicht gcgenübersteht. Als Kupferstecher Vi wird A. gleich Aldegrever (s. d.) zu den sogenannten kleinen Meistern gerechnet, auch wo>' gc< der kleine Dürer genannt. sta Alten (Karl Aug., Graf von), einer der ausgezeichnetsten hannov. Generale während sta des franz.-deutschcn Kriegs und zuletzt hannov. Kriegsminister, war am 2ü.Oct. 1761 gcbo- di« ren. Er nahm 1781 Militairdienste, wurde 1789 Exercierofsizier des Regiments und das Jahr Al darauf Oberadjutant des Feldmarschalls von Reden. In gleicher Eigenschaft stand er 1793 soi beim Ausbruche des franz. Revolutionskricgs bei dem die hannov. Truppen befehligenden gu Feldmarschall von Freitag. Bei der Belagerung von Valenciennes focht er als Tranchc'e- wl Major mit Auszeichnung und ebenso in der das Schicksal der östr. Niederlande entscheiden- tr> den Schlacht bei Hondschooten. In dem Jahre darauf finden wir ihn als Hauptmann un- cs ter der sich durchschlagenden Besatzung von Menin, worauf er 17 9 5 zum Major und 1800 I« zum Oberstlieutenant befördert ward. In Folge der unglücklichen Capitulation der hannov. g i Armee zu Lauenburg sah er sich veranlaßt, Deutschland zu verlassen und nach England zu ; m gehen. Hier ward er noch 1803 Oberstlieutenant und Commandeur des ersten leichten Ba- ne taillons der Deutschen Legion, führte 1805—6 als Oberst die leichte Brigade und das Avant- , de corps nach Norddcutschland und zeichnete sich in gleicher Eigenschaft auch bei den Expeditiv- B nen nach Rügen und Kopenhagen aus. Im 1.1808 ging er als General der leichten Bri- di gäbe nach Portugal, bekam im Dec. dieses Jahres noch eine Brigade untergeordnet und A konnte so glücklich den schwierigen Rückzug des Generals Moore nach Coruna decken. Bei V der 1809 stattfindenden Expedition aus Walcheren und vor Vlissingen befehligte er die leichte . H Brigade wiederum, und nach England zurückgekehrt commandirte er die Truppen, die in der g> Grafschaft Sussex standen. Allein schon 1811 ging er mit der leichten Brigade abermals 3 unter Segel nach Portugal, um unter General Beresford bei der Belagerung von Badajoz . A and in der Schlacht von Albuera sich neue Lorbern zu erkämpfen. In Folge dessen ernannte ihn 1812 der Herzog von Wellington zum Commandeur der leichten Division, und welche ft entscheidende Kämpfe auch von nun an der span. Befreiungskrieg bringen mochte, fast in u Altenburg Altenstein 267 jedem begegnen wir A.'s Namen. So focht er nicht nur in den Schlachten bei Salamanca, bei Viktoria, an den Pyrenäen, bei Nivclle, Nive, Orthez, Toulouse u. s. w-, sondern befehligte auch vom Aug. bis Oct. 1812 ein combinirtes Corps von etwa 30000 M. in der Nähe von Madrid. Als er darauf 1814 zum Generallieutenant ernannt worden war, befehligte er die hannov. Truppen in den Niederlanden und zugleich die dritte Wellingtonse Infanteriedivision, und hier war es, wo er seine glänzendsten Waffenthaten verrichtete. Wie er bei Quatrcbas tapfer gefachten, so war bei Waterloo auch er es, durch dessen Anstrengung hauptsächlich eine Entscheidung des Kampfes hcrbeigeführk ward, obschon er dabei j sehr schwer verwundet wurde. Nach seiner Wiederherstellung blieb er als Commandeur des , hannov. Contingents in Frankreich bis zum I. 18 l 8, nachdem er bereits 1815 in den Grafenstand erhoben worden war. Nach seinem Vaterlande zurückgekehrt, ward er Kriegsminister, Minister des Auswärtigen und Gencralinspcctor der Armee, behielt aber, wie er gewünscht, nach der Thronbesteigung Ernst August s nur seine Stellung als Kricgsministcr, in welcher Würde er auf einer Nesse zu Botzen in Tirol am 20. Apr. 1340 starb. Altenburg, die gutgebaute Haupt-und Residenzstadt des Herzogthums Sachsen- Alte »bürg (s- d.), unweit der Pleiße, 5'/, Meile von Leipzig, liegt in einer überaus gesegneten Gegend und hat 15000 E. Das auf einem mächtigen, zum Theil senkrecht aus dem Thale aufsteigenden Porphyrfelsen sich erhebende herzogliche Schloß, das in seinen Grundmauern vielleicht aus dem l >. Jahrh. herstammen mag, im 18. Zahrh. aber bedeutend vergrößert seine jetzige Gestalt erhalten hat, ist historisch merkwürdig durch den 1455 von Kunz von Kaufungen hier verübten Prinz enraub (s. d.) und eine der schönsten Fürstenresidenzen in Deutschland. Zu besonderer Zierde gereichen demselben die schöne Kirche, ein großer Waffensaal und vortreffliche Plafonds von Kranach, sowie herrliche Gartenanlagen, welche die östliche Seite des Berges bedecken. Vgl. Lüders, „Das Schloß zu A." (Altenb. 1820, mit Abb.). Die Stadt ist der Sitz der obersten Landes- und anderer Behörden; sie ' hat ein Gymnasium in einem schönen neuen Gebäude, ein Schullehrerseminar, mit dem 1838 eine Taubstummen-Lehranstalt in Verbindung gesetzt wurde, eine Erziehungs- und Versorgungsanst alt für adelige Fräulein protestantischer Confcssion (das Magdalenenstift, gegründet 1705), eine Bürgerschule, eine höhere Töchterschule, eine Kleinkinderbewahranstalt (Amalienstiftung) und mehre andere wohlthätige Unterrichts- und Vcrsorgungsan- sialten; auch bestehen daselbst eine öffentliche Bibliothek, ein Kunst- und Handwerksvercin, die Pomologische und die Naturforschende Gesellschaft des Osterlandes, die Geschicht- und Alterthumsforschende Gesellschaft des Ostcrlandes und der Verein osterländischer Ärzte. Besonders thätig sind die Fabriken für wollene Zeuge, Bänder, Bürsten, Handschuhe, Steingut u. s. w. Der Buchhandel ist besonders belebt durch das Piercr'schc Verlagsgeschäft, mit welchem eine große Druckerei in Verbindung steht, und der Handel, vorzugsweise in Getreide und Wolle, bedeutend. Eine Eisenbahn verbindet A. seit 1842 mit Leipzig und wird es in nicht allzu ferner Zeit mit Nürnberg verbinden. Die Stadt A. wird zuerst im 11. Zahrh. erwähnt und wurde 1134 zur Reichsstadt, worauf nun im dasigen Schlosse die Burggraf« a von A., welche das Plcißner Land regierten, ihren Sitz hatten, gleichwie später s mehre Markgrafen von Meißen. Im Kriege des Landgrafen Friedrichs 1. oder des Gebissenen nut dem deutschen Könige Albrecht eignete sich Ersterer 1308 Schloß und Stadt nebst dem ganzen Pleißner Lande als Kriegsentschädigung an, worauf nach dem Aussterben der Burggrafen von A. im Z. 1329 Landgraf Friedrich II. vom Kaiser die Lehen erhielt. Durch die Hussiten wurde es 1430 eingenommen und fast ganz nicdergebrannt. Zm I. 1440 kam A. durch Erbtheilung an die Kurfürsten von Sachsen, die einige Zeit daselbst Hof hielten. Von 1603 — 72 war es Residenz der sogenannten altenburger Linie des Ernestinischen Hauses, dann ohne Hof, bis es 1826 bei der Theilung in Folge des Aussterbens der sachscn- gothaischen Linie wieder zur Residenz wurde. Vgl. Huth, „Geschichte der Residenz A. zur Zeit ihrer Reichsunmittelbarkeit" (Ältenb. 1829) und (Löbe) „Beschreibung der Residenz . A." (Altenb. 1841). Altenstein , ein Schloß des Herzogs von Sachsen-Meiningen, auf einer Höhe am südwestlichen Abhange des Thüringerwaldgcbirgcs, mit Kammergut, Stuterei, Försterei und schönem Park, wurde 1739 neben den Ruinen der alten 1733 abgebrannten Burg er» 868 Altenstein (Freiherr von) Altenzelle baut und zu Ende des 18. Jahrh., als die herzogliche Familie cs zum Sommeraufenthall, wählte, verschönert. Hier und zu Altenberga imFürstcnthumeGotha predigte 7 24—727Bo- nifacius, der Apostel der Deutschen, auch soll hier er für die Ncubckehrten eine Kapelle erbaut haben. Ganz in der Nähe, etwa 699 Schritte hinter dem Schlosse, ließ der Kurfürst Friedrich der Weise am 4. Mai 1521 Luther, um ihn zu retten, auffangen und nach der Wartburg bringen. Das Andenken an die Stelle, wo Luther unter einer alten Buche ausruhet! und sich am Brunnen labte, wurde durch dieNamen Luthersbuche und Luthersbrumren aufbewahrt; als jedoch am 18. Juli 1841 ein heftiger Sturm die erstere knickte, brachte man die Überreste in die Kirche zu Steinbach und bezeichnte den Platz durch eine neue Anlage. ^ Zwischen A. und Liebenstein bei Glücksbrunn wurde 1799 bei Gelegenheit des Chaussee- ! baues eine Höhle im alten Flötzkalkstein (Zcchstein) aufgeschlossen, die zu den merkwürdigsten Höhlen Deutschlands gehört und unter dem Namen der Altensteiner oder Glücksbrunner Höhle bekannt ist. Sie enthielt zwar fossile Knochen des Höhlenbärs, nicht aber die so viele Höhlen auszeichnende Stalaktitenbildung; dagegen ist sie merkwürdig durch ihre ungeheuren Weitungen und ein durchrauschendcs kahnbares Wasser, was beim Austre- tcn zu Tage eine Mühle treibt. Der Genuß des sehr bequemen Besuchs der Höhle ist durch Kunst, z. B. einen am Wasser stehenden Tempel, Treppen und Altane, erhöht und der imposante Eindruck besonders während der Badezeit durch Illumination, Musik u. dgl. gesteigert. Altcnstein (Karl, Freiherr von Stein zum), preuß. Geheimer Staatsministcr, geb. zu Anspach am 7. Oct. 1779, gest. am 14. Mai 1849, genoß unter der Leitung seiner Mutter, einer geborenen Frciin von Adelsheim, eine sehr sorgfältige Erziehung, bei der sie insbesondere durch die Professoren des Gymnasiums zu Anspach unterstützt ward. Er studirte zu Erlangen und Göttingen, trat dann zunächst als Referendar bei der preuß. Kriegsund Domainenkammer zu Anspach ein und wurde ziemlich schnell zum Kriegs- und Domai- nenrath befördert. Eine höhere Laufbahn eröffnete sich ihm 17 99, wo er, von dem Minister von Hardenberg nach Berlin gezogen, Vortragender Ministcrialrath wurde und esnige Jahre daraus als Geheimer Oberfinanzrath in das Eeneraldirectorium überging. Die Katastro phe von 1896 führte auch ihn nach Königsberg, wo er an den Arbeiten sür die Neugestaltung des preuß. Staats Theil nahm, und nach dem Abgänge des Freiherrn von Stein kam er an die Spitze der Finanzverwaltung, die um diese Zeit mehr als gewöhnliche Talente und Tugenden fodcrte. Sehr thätig wirkte er für die Neugestaltung der obersten Staats - und Provinzialbehördcn, bei dem ersten Schritte zur Veränderung der grundherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse, zu Gunsten der Verwaltung der Domainen für Staatsbcdürfnissg kurz für die Einführung eines ganz andern Geistes in die gesammte Staatsregierung. Auch hatte er bedeutenden Einfluß bei der Gründung der Universität zu Berlin. Nach dem Wiedereintritt des Freiherrn von Hardenberg in den Staatsdienst, trat er 1812 aus dem Ministerium und wurde 1813 Civilgouverneur von Schlesien. Nebst Wilh. von Humboldt besorgte er >815 das Neclamationsgeschäft gegen Frankreich, das wegen Erfolglosigkeit nach dem Frieden von 1814 gleichsam schon aufgcgeben war, mit richtigem Blicke und wichtigen Erfolgen. Nach der Rückkehr aus Frankreich unterzog er sich mehren sehr umfangsreichen Arbeiten, die jedoch erst in ihren Resultaten sichtbar wurden. Gegen Ende des Z. i 1817 trat er an die Spitze des ncugegründeten Ministeriums sür die geistlichen, Unterrichtsund Medicinalangelcgcnheiten, in welchem er für die Universitäten, die er gleich im Anfänge durch die Gründung der Universität zu Bonn vermehrte, die Gymnasien und den Volksunterricht sich ein bleibendes Verdienst erworben hat. Auch in Bezug auf die Ncligionsoer- hältnisse hat er Schwieriges geleistet; den Zwiespalt jedoch mit der röm. Kirche, welcher in den letzten Jahren seines Lebens sich immer schärfer gestaltete, vermochte er nicht in genügender Weise zu beseitigen. A. war ein Mann von den umfassendsten Kenntnissen, rastloser Thätigkeit, unerschütterlichem Glcichmuth, großer Charakterfestigkeit und seltener Bescheidenheit. Zur richtigen Würdigung seiner Verdienste ist indeß nicht zu übersehen, daß er das Glück hatte, mit seiner Wirksamkeit in eine Epoche zu fallen, welche die Gründung und Aus- . sührung vieler neuen Institutionen federte, und einem Monarchen zu dienen, der Sinn und Kraft für Ausführung selbst des Schwierigsten besaß. Altenzelle, ehemaliges Cistcrcienscrkloster an der frcibcrger Mulde, in der Näht halt Bo- >aut cied- !art- lhete auf- mar« dig. cks> nicht urch stre- urch im- M. isur, nner r sik Er gs- RLl- ister ah« ' stro stal- kam und und und "ffe> luch Wie- iini- oldt zkeit oich- ngs- 5 t hts> mge un- eer- cher nu- oftr chei- das lus- iind rähs Litera pars ketri Alternative 2fl9 von Nossen im Königreich Sachsen, wurde I 162 von Markgraf Otto dem Neichen von Meißen gestiftet, reich begabt und 1173 mit Mönchen aus dem Kloster Pforta besetzt. Es zeichnete sich vornehmlich im 13. und 15. Jahrh. durch einen lebendigen Sinn für Wissenschaft und Literatur aus, und seine schon im 14. Jahrh. blühendeKlosterschule ist als die erste bedeutende sachs. Bildungsanstalt zu betrachten. Mehre Mönche dieses Klosters haben sich durch literarische Thätigkeit bekannt gemacht; so als Verfasser von lat. Predigten die Äbte Liudiger im Anfänge des 13. Jahrh., Antonius von Mitivcide und Leonhard, Beide gegen Ende des 15. Jahrh.; als fleißige Abschreiber von Werken Anderer der Abt Eberhard in der Mitte des 13. und der Prior Melchior Schmelzer am Ende des 15. Jahrh. Mit vorzüglicher Achtung sind noch die beiden Äbte, Vincentius Grüner 1411—42, ein gelehrter und durch zweckmäßige Bauten um das Kloster verdienter Mann, und Abt Martin von Lochau 1493—1522 zu nennen, welcher nicht nur ein Seminar für die sachs. Cistercienser- klöster im Bernhardinercollegium zu Leipzig stiftete, sondern auch die Bibliothek des Klosters durch Ankäufe zum Range der ersten damals in ganz Sachsen vorhandenen erhob. Besondere vaterländische Bedeutsamkeit erhielt das Kloster durch die 1347 von Markgraf Friedrich dem Ernsten im Bezirk der Klostermauern erbaute Fürstenkapelle, in welcher die irdischen Überreste der landesherrlichen Familie von Markgraf Otto demNeichen an bis aus Friedrich den Strengen und dessen Gemahlin Katharina von Henneberg (gest. 1397) beigesetzt wur» den. Die in diesem Kloster abgefaßtcn, unter dem Namen „(Krvmcou Vetero-Oilenss inchus" und „tKroincon minus" bei Mencken in den „8cri;,t. rer. gerili." (Bd. 2) abgedruckten Annalen sind für die sachs. Geschichte nicht ohne Werth. Bei der Secularisation des Klosters 1544 wurden die Altäre und heiligen Gesäße an mehre sächs. Kirchen verschenkt; die Glocken kamen in die Frauenkirche nach Dresden, die Bibliothek, an Manuskripten über 596 Bände stark, an die leipziger Universität und das Archiv nach Dresden. Die Kirche und die anstoßende Fürstenkapelle wurden fortwährend in baulichem Wesen erhalten, bis 1599 vom Blitzstrahl entzündet, beide in Trümmer fielen. Der schon von Johann Georg 11. beabsichtigte Wiederaufbau der Fürstenkapelle wurde 1787 von Friedrich August 111. in Ausführung gebracht. In der von schönen Gartenanlagen umgebenen Todten- halle erhebt sich ein Monument aus Marmor mit lat. Inschriften, welche die Namen und Todesjahre der fürstlichen Personen anzeigen, deren Gebeine daselbst in fünf steinernen Sarkophagen gesammelt und beigesetzt sind. Neben mehren merkwürdigen Lcichensteinen finden sich auch noch Ruinen. Die Geschichte des Klosters beschrieben Schlegel (1793) und Knauth (1721). Vgl. Martius, „Altenzelle" (2 Vde., Freib. 1822—23). Litera par8ketri, auch 8ec»n«is psrsvotri oder Kami, wird zur Bezeichnung der Urtheilskraft und vornehmlich der Hähern Grade derselben, des Witzes, Scharfsinns u. s. w. gebraucht. Den Mangel derselben bei Jemandem auszudrücken, sagt man, cs fehle ihm alters pars ketri. Diese Redensart soll das Lehrbuch der Logik des Petr. Ramus (s. d.) veranlaßt haben. Sein System der Logik bestand nämlich aus zwei Thcilcn. Der zweite handelte >iej«i«l!ci<>, und sonach war die Urtheilskraft buchstäblich alters ;>arr k«iui. Andere leiten diese Redensart aus deS Ramus Grabschrift her: „Uic jseet Uetrus Llsmus (hier ruht P. Ä.), vir insxose memoriae (ein Mann von großem Gedächtnisse, d. I. ein Mann, der viel wußte), exspectsns juüicüun" (harrend des Gerichts oder der Vergeltung). Da jedoch das Wort juclicium ebensvwol die Urtheilskraft bezeichnet, so könnte der Sinn dieser Worte auch sein: dem bei vielem Wissen die Urtheilskraft fehlte, eine Amphibolie, welche Ramus, falls er diese Erabschrift überhaupt erhalten hat (denn man legt sie auch dem Philologen Josua Barnesius bei) wenigstens nicht verdiente. Liter SK9 ist eine besonders in dem Kanzleistil des Königreichs beider Sicilien gebräuchliche staatsrechtliche Formel, durch welche der König einem von ihm ernannten Stellvertreter des Reichs die Ausübung aller Rechte der königlichen Gewalt, ohne Ausnahme und Einschränkung überträgt, sodaß der Reichsverweser gleichsam das zweite Ich des Königs ist. So wurde z. B. in Neapel in Folge des Aufstandes von 1829 der nachmalige König Franz I. als Kronprinz von seinem Vater, Ferdinand IV., zum VIter ego ernannt. Etwas Ähnliches hat in Frankreich der Hutensnt geoorsl «1a rozsume zu bedeuten. Alternative nennt man das Eintreten und die Wahl von zwei Fällen, unter denen 270 Alterniren Alterthum der eine gewählt werden muß, wenn der andere nicht stattfinden soll; z. B. dem Heere ist die Alternative gestellt, sich durchzuschlagcn oder die Waffen zu strecken. Alterniren heißt im Allgemeinen das Ab- und Umwechseln Zweier (oder Mehrer), die Einer um den Andern ein und dasselbe thun, z.B.ein gewisses Amt verrichten, eine Stelle vergeben u. s. w. Ebenso alternirten Ostreich und Salzburg im Direktorium des Reichsfürstenraths und die sechs Fürstenhäuser Pommern, Mecklenburg, Würtemberg, Hessen, Baden und Holstein nach einer zehnfachen Reihe (Strophe) im Reichsfürstenrathe, weshalb sie alter- nirendeHäuser hießen. — In der Theatersprache bezeichnet man mit alterniren das wechselsweise Spielen einer Rolle von zwei Schauspielern, welches in derRegel nur dann statt- findct, wenn ein Schauspieler bei einem Theater, wo eine oder die andere Rolle seines Reper- toirs bereits besetzt ist, angestcllt wird, häufig jedoch auch als Mittel dient, einen alternden oder in der Gunst des Publicums gesunkenen Schauspieler zum Aufgeben der betreffenden.Rolle zu veranlassen. Für das Publicum kann es von hohem ästhetischen Interesse sein, zwei Schauspieler nebeneinander in einer und derselben Rolle wirksam, d. h. alterniren, zu sehen und an ihrer verschiedenen Auffassung die Verschiedenheit ihres Talentes zu prüfen und die Rolle selbst von den entgegengesetzten Seiten zu studircn; für die Schauspieler dagegen ist das Altemiren meist ein Zankapfel des Streits und der Mißgunst. Man verwechsele jedoch das Alterniren nicht mit dem all interim spielen, welches dann Eintritt, wenn ein Mitglied krank oder auf Reisen ist, noch mit dem Doubliren, d. h. der durchgehenden doppelten Rollenbesetzung in einem gerngesehenen Stücke, wie es z.B. im l'beLtre krsiwuis eingeführt ist. Altersfolge der Gebirgsarten nennen die Geologen die nach einer muthmaßlich richtigen Annahme stattfindende chronologische Reihenfolge der verschiedenen Gesteinsschichten (und der dieser parallelen ungeschichteten Bildungen), welche die Erdrinde bilden, in Bezug auf ihre Entstehung. Daß die Aufstellung einer solchen Reihe stets in hohem Grade auf hypothetischen Voraussetzungen beruht, und daß daher auch eine Übereinstimmung in dieser Beziehung, besonders was die ungeschichteten Massen betrifft, nicht unter allen Geologen zu erwarten steht, ist leicht einzusehen. Ein Haupthülfsmittel bei Bestimmung der Altersfolge bildet die Beobachtung der jeder Gruppe von Gesteinsschichten eigenthümlichen organischen Überreste. In dieser ist auch zuweilen der einzige Anhalt bei dem schwierigen Geschäfte der Parallelisirung scheinbar sehr heterogener Schichtengruppen in verschiedenen Gegenden der Erde zu finden. Schichtengruppen, die offenbar in dieselbe Bildungsepvche fallen, werden mit dem Namen der Formationen belegt. Die Formation ist also etwas vom mineralogischen Charakter der Gesteine ganz Unabhängiges. Aus jeder Periode finden sich Sandsteine, Kalke u. s. w. von sehr ähnlichem Ansehen, aber ihre Stellung in der Altersfolge kann sehr verschieden sein. Alter Stil heißt die Zeitrechnung nach dem Zulianischen oder alten Kalender (s. d.), im Gegensätze des neuen Stils oder der Zeitrechnung nach dem vom Papst Gregor XIII. eingeführten Kalender, den allmälig alle christliche Nationen angenommen haben. Nur die Bekenner der griech. Kirche, namentlich die Russen, welche im Wesentlichen den Julkanischen Kalender beibehalten haben, ließen die Tage, um welche der alte und neue Stil voneinander abweichen, nicht aus und sind deshalb gegenwärtig um > 2 Tage in der Zeitrechnung hinter den übrigen Nationen Europas zurück. Häufig aber schreiben sie das Datum nach beiden Stilen auf folgende Weise: Jan., wo dann die obere Zahl auf die russische, die untere auf die allgemein angenommene Zeitrechnung sich bezieht. Vo» den Jahren 1900—210V wird ihr Kalender um 13 Tage zurücksein, sowie er von 1700— 1800 um 11 Tage zurückgewesen ist. Alterthum. Der Ausdruck Alterthum oder alte Zeit, im Gegensatz einer neuen, ist an und für sich unbestimmt und wird im Allgemeinen gewöhnlich für das ganze Zeitalter bis zur Völkerwanderung gebraucht, die in Verbindung mit der weitern Ausbreitung des Chrrstenthums einen Abschnitt und Wendepunkt in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit bildet. (S. Antik.) Im engern Sinne beschränkt man ihn entweder auf die beiden Hauptvölker der alten Welt, Griechen und Römer, oder auf die Vorzeit irgend eines einzelnen Volks. Alterthümer sind im Allgemeinen die aus dem Alterthum, je nach dem Sinn, welchen man damit verbindet, herstammenden Denkmäler aller Art. Alterthum 271 DieAlterthum §kund e, welche man häufig im Allgemeinen Antiquitäten nennt, umfaßt Das, was zur Kenntniß des politischen, häuslichen, gottesdienstlichen, literarischen und artistischen Zustandes der alten Völker gehört, oder auch der neuen, insofern sie ihren Zustand längst verändert und sich ausgebildet haben. Während die Archäologie (s. d.) oder die Kunde von den noch vorhandenen alten Kunstdenkmälern nur einen Theil der Alterthumskunde ausmacht, bildet dieAlterthumswissenschaftdas System der gesummten zum Verständniß des Alterthums und alles Dessen, was aus demselben auf uns gekommen ist, erfodcrlichcn Kenntnisse. Nach ihrem ganzen Umfange müßte die Alterthumskunde ein Gemälde aller Nationen, aller Zeiten und Welttheile liefern bis auf den Zeitpunkt, wo bei jeder der neue Zustand der Dinge eintritt, mit dessen Darstellung sich die Statistik beschäftigt. Ein solches allgemeines Völker- und Staatengemälde besitzen wir noch nicht; wir haben nur Darstellungen hcbr., gricch., röm., etrur., gall., deutscher Altcrthümer u. s. w. Überhaupt fühlte man das Bedürfniß einer solchen Wissenschaft erst im 15. Zahrh., als der Eifer für die elastische Literatur der Griechen und Römer erwachte. Man betrachtete sie vorerst alsein Hülssmittcl, die alten Schriftsteller besser zu verstehen, und daher kam es, daß man sie auch blos auf einzelne Gegenstände der Verfassung dieser Völker beschränkte. In den frühem Werken dieser Art findet man eine große Belesenheit, aber keinen festen Plan, keine kritische Unterscheidung der Zeiten und Umstände. Erst im l 8. Jahrh. fing man an, die reichen Materialiensammlungen der vorigen Zeiten kritisch zu sichten und systematisch und zweckmäßig zu verarbeiten. Die ausführlichste Nachricht hierüber gibt Fabricius in der „Lib!n»Friij>Iiiu uiltiqnuria" (Hamb. 171!!), vorzüglich in der neuern Ausgabe (Schaffh. 1740). Hauptsammlungen für die Altcrthümer der Griechen und Römer sind Gronov's „Hiesaiims autiquil. grase." (13 Bde., Lcyd. 1697 — 1703, Fol.), Gräve's ,,1'lles. Ullti- «jilit. rnin." (12 Bde., Utrecht 1694 — 99, Fol.) und die Fortsetzung, der „Novus Utes, an- liqiiit. rnm." von Sallengre (3 Bde., Haag 1716 — 19, Fol.), sowie „koleni utriusqus Ibes. nnvu 8i,j,jilei»." (5 Bde., Ven. 1737, Fol.). Burmann lieferte einen „patslogu« iibroriiiii, qui in tdes. roui., grase., itsl. et siciilo eontinsntur" (Leyd. 1725). Wenn man auf der einen Seite den Fleiß und die Gelehrsamkeit jener Männer bewundern muß, so ist auf der andern Seite der fast gänzliche Mangel an selbständigem Urthcil und Geschmack desto fühlbarer, und selbst die spätem Humanisten, die jene angehäuften Sammlungen nach einem bestimmten Plane zu verarbeiten suchten, vermochten noch nicht die Massen zu bewältigen, wie Potter, Rambach, Dempster und Maternus von Cilano, oder geben nur geistlose Compilationen, wie die Verfasser der Handbücher über die griech. und röm. Altcrthümer im vorigen Jahrh. ohne Ausnahme. Erst in neuester Zeit hat man durch Ausscheidung alles Ungehörigen und dadurch, daß man die Gesammtmasse in Staats - und Privatalterthümer zertheilte und einzelne Partien einer genauem Untersuchung unterwarf, die Alterthumskunde selbst ihrer höhern Idee näher gebracht. Die große Zahl von Einzelschriften zu übergehen, führen wir hier nur an: Wachsmuth's „Hellenische Alterthumskunde" (4 Bde., Halle 1826—30), Hermann's „Lehrbuch der griech. Antiquitäten" (3. Ausl., Heidclb. 1841), Schömann's „Antiquität«« juris ;»iblici 6raecorum" (Greifsw. 1838), Becker's „Cha- rikles" (2 Bde., Lpz. 1840), und für die röm. Alterthumskunde: Becker's „Gallus" (2 Bde., Lpz. 1838) und Rupcrtb's „Handbuch der röm. Altcrthümer" (Bd. I, Hannov. 1841 —12). Der offenbare Nutzen, der aus der Kenntniß der Altcrthümer zugleich für das richtige Verständniß der Schriftsteller erwächst, leuchtete frühzeitig auch den Orientalisten so deutlich ein, daß sie den übrigen Humanisten nicht länger hierin nachstehen wollten. Ihre Aufmerksamkeit war wegen des Zusammenhanges der hebr. Literatur mit den Urkunden des Christcnthums vornehmlich auf die hcbr. Altcrthümer gerichtet, über welche Jken, Faber, Warnekros, Bellermann, Jahn u. A. brauchbare Handbücher geliefert haben. Für die Altcrthümer der andern oriental. Völker ist in den „^sialic researcbss" vielfältig vorgearbeitet. Treffliches in Beziehung auf indische Altcrthümer haben Jones, Colebrooke, Anquetil du Perron, A.W.V. Schlegel u.A., über ägyptische Zoega, Denon u. A., über persische Hammer, Rhode und Görres geliefert. Auch die Altcrthümer der neueurop. Völker fanden der Bearbeiter mehre. Die Italiener haben höchst schätzbare Sammlungen von Muratori, Donati, Maffei u. A., die Franzosen von Mvntfaucon, Millin, die Englän- 272 Althäa Altranstädt der eine eigene noch immer fortgesetzte „XrctmeolvAi-c drilannic»". Deutsche Alterthümer bearbeiteten Grupen, Heineccius, Büsching, Kruse, Stieglitz, Klemm und ganz besonders ! die Brüder Grimm. (S. auch H ist or i sch e V e r e i n e.) Althäa, die Tochter des Königs Thestios und der Eurythemis, war die Gemahlin st des Öneus, Königs von Kalydon, und die Mutter des Toxcus, Thyreus, Klymenos, Me- leager, die sie nach Einigen mit dem Mars gezeugt, und der Gorge und Dejanira. Aus Betrübniß über das Schicksal ihres Sohnes Meleager (s.d.) nahm sie sich selbst das Leben. ^ Althaldensleben, ein preuß. Dorf, drei Meilen nordwestlich von Magdeburg, . mit 2066 E., früher Cistercienserkloster, ist jetzt ein bedeutender Fabrikort, dessen Ruf ! Nathusius (s. d.) durch seine Schöpfungen gegründet hat. Unter seinen Anlagen sind vorzüglich zu nennen die großartige Ökonomie nächst Baumschulen, Brauereien und Bren- s nereien für Bier, Branntwein, feine Liqueure und Essig, eine Zuckcrraffinerie, Fabriken für Porzellan, Glasurziegel, Steingut und Bouteillen, die verschiedensten Mühlenwerke u. dgl. ' Althorp (Viscount), s. Spencer (George John, Graf). Altöna, die größte und volkreichste Stadt im Herzogthume Holstein, an der Elbe und so nahe bei Hamburg, daß beide Städte nur durch die Landesgrenze geschieden werden, hat 28106 E., darunter über 2166 deutsche und portug. Juden, sechs Kirchen, ein Gymnasium, eine Sternwarte und eine königliche Münze, die auch für das benachbarte Ausland bedeutende Summen ausmünzt. Die Stadt liegt höher als Hamburg und darum viel gesünder; dagegen entbehrt sie der zum Transport der Waaren so nöthigen Kanäle, mit denen Hamburg reichlich versehen ist. In commerzieller Hinsicht bildet sic mit Hamburg Eine Stadt. Ihr Handel breitet sich nach England, Frankreich, dem Mittelländischen Meere und Westindicn aus. Wichtig sind der Walfischfang, die Heringssischerei und der Schiffs bau. Sie genießt in Hinsicht des Handels und der bürgerlichen Freiheit viele Privilegien, namentlich haben daselbst alle Sekten freie Neligionsübung. Eine Eisenbahn verbindet die ^ Stadt mit Kiel. Ums I. 1566 standen an der Stelle A.s blos einige kleine Dörfer; schon , 1602 war es ein Flecken und 1664 wurde es zur Stadt erhoben. Im I. 171» wM es von dem schweb. General Steenbock zum großen Theile eingcäschert, erhob sich indeß sehr ^ bald aus den Schutthaufen nach einem zweckmäßigen Bauplane. Während des franz. ! Ncvolutionskriegs hielt sich hier und in Hamburg eine große Menge Ausgewanderter auf. - In den I. 181 :j und 1814 war es bei der Belagerung Hamburgs, zumal als Davoust die Vorstadt, den sogenannten Hainburgerberg, anzündcn ließ, in nicht geringer Gefahr. Die Bewohner A.s nahmen die während der Belagerung geflüchteten und vertriebenen Hamburger sehr gastfrei auf und bewiesen schon damals die großherzigen Gesinnungen nachbarlichen Mitgefühls, welche sie Gelegenheit hatten, beim Hamburger Brandunglück im Mai >842 von neuem zu -eigen. — In dem Congreß zu A. 1687 wurden durch den deutschen Kaiser und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg die Streitigkeiten Dänemarks mit dem Hause Holstein-Gottorp vermittelt, und nachdem auch Großbritannien und die Generalstaaten hinzugctreten, >689 der förmliche Friede bewirkt, durch welchen der Herzog von Holstein sein Land mit voller Souverainetät wieder erhielt. Altranstädt, ein Pfarrdorf in der preuß. Provinz Sachsen, zwischen Leipzig und ' Merseburg, ist berühmt durch den Frieden, welchen im dasigen alten Schlosse König Karl XII. von Schweden, der 1766 — 7 sein Hauptquartier daselbst hatte, mit August II., König von Polen und Kurfürsten von Sachsen, am 24. Sept. 1766 abschloß. Im Nordischen Kriege (s.d.) hatte Karl XII. die Sachsen in Polen, wo August II. Liefland erobern wollte, mehrmals geschlagen; Letzterer war sodann auf dem Reichstage zu Warschau abgesctzt und Stanislaus Lesczinski > 764 zum König erwählt worden. Weil aber August II., von seinem Bundesgenossen, dem Zar Peter von Rußland, unterstützt, den Krieg gegen die Schweden in Polen fortsehre, so drang Karl XII., Nachdem sein General Nensköld den sächs. General Schulenburg bei Fraustadt am I4.Febr. >766 geschlagen hatte, durch Schlesien in Sachsen ein, besetzte es und nahm in A. am 26. Sept. sein Hauptquartier. Während dies geschah, unterhandelten August's II. Bevollmächtigte, der Geh. Rath Freiherr von Jmhof und der Geh. Referendar Pfingsten, ^u Bischofswerda am 12. Sept. über den Frieden, dessen Altwasser Alvarez 2/3 harte Bedingungen sie am 24.zuA. Unterzeichneten. August II. verzichtete zufolge desselben auf Polen und Lithauen, behielt aber den Titel König; er entsagte dem Bunde wider Schweden, insbesondere dem mit dem Zar, er lieferte den Liefländer Patkul (s. d.) an Schweden aus, gestattete den Schweden Winterquartiere in Sachsen und verpflichtete sich, nichts in dem Kirchenwesen zum Nachtheil der evangelischen Kirche abzuändern. August II. wollte diese Bedingungen nicht genehmigen; in der Hoffnung, daß eine Milderung erlangt werden würde, händigte er dem Geh. Referendar Pfingsten ein Blanket aus. Allein Karl Xll. bestand fest auf jenen Bedingungen, und Pfingsten schrieb nun die Ratification der Friedensurkunde auf das Blanket. Erst am 26. Nov. ward der Friede publicirt, weil August in Polen von den Russen noch abhängig war und sogar, nach bereits abgeschlossenem Frieden, einen Angriff der Russen auf den schweb. General Mardefeld bei Kalisch am 29. Oct. 1706 unterstützen mußte. Karl XII. behandelte Sachsen sehr hart und verließ es erst im Sept. 1707, nachdem er zu A. am 16. Aug. 1707 mit Preußen ein Bündniß und mit dem Kaiser Joseph I. am 22. Aug. und I. Sept. 1707 eine Convention geschlossen hatte, wodurch er den Protestanten in Schlesien freie Religionsübung sicherte und die Zurückgabe der cingezogenen 118 Kirchen und Schulen bewirkte. Nach Karl's XII. Niederlage bei Pultawa erklärte August II. am 8. Aug. 1709 den Frieden zu A. für ungültig, weil Jm- hof und Pfingsten das Blanket gemisbraucht und ihre Vollmacht überschritten hätten. Jener wurde zu lebenslänglichem Gefängnisse, dieser zum Tode verurtheilt, jedoch mit dem Leben begnadigt und gleich jenem auf den Königstein gesetzt. August II. aber zog auf die Einladung einiger poln. Großen nach Polen, nahm von dem Throne wieder Besitz und erneuerte sein Bündniß mit dem Zar. Altwasser, ein Dorf in Schlesien, zwischen Freiburg und Waldenburg, in der Nähe von Salzbrunn, ist seiner mildern erdig alkalischen Eisenwasserquellen wegen bekannt. Der Ort kommt schon 1357 als Besitzung des Herzogs Bolko von Schweidnitz unter dem Namen Xguu antigua vor, und es läßt sich aus diesem Namen schließen, daß die Quelle in sehr früher Zeit bekannt gewesen sei. Gefaßt wurde sie zuerst 1689 und 1751 zu größerer Bequemlichkeit eingerichtet. Jetzt bestehen drei Badehäuser, das alte, welches 1796, das kleine, welches 1802, und das neue, welches 1833 erbaut wurde. Die einzelnen Quellen sind der Ober- oder Mühlbrunnen, der Georgsbrunnen (1830 entdeckt), der Mittelbrunnen (1824 gefunden) und die beiden Wiesenquellen, von denen die eine 1798, die andere 1801 entdeckt wurde. Die Temperatur des Wassers ist 70°; es ist klar und rein, hat einen säuerlichen, zusammenziehenden Geschmack und hepatischen Geruch. Die neuesten Analysen gab Fischer. Das Wasser wird sowol getrunken als zum Baden benutzt und zuweilen mit dem zu Salzbrunnen zusammen gebraucht. Vgl. Rau, „Über die Heilquellen zu A." (Bresl. 1835)und Bürkner, „Der waldenburger Kreis und seine Heilquellen, Altwasser, Charlottenbrunn und Salzbrunn" (Bresl. 1840). Alvarez (Don Jose), span. Bildhauer, wurde am 23. Apr. 1768 zu Priego in der Provinz Cordova geboren. Von früher Jugend an mußte er seinem Vater, einem Steinmetzen, bei der Arbeit helfen. In seinem 20. Jahre begab er sich nach Granada, wo re in der dortigen Akademie im Zeichnen sich weiter ausbildete, auch seine Versuche im Bildhauen und Modelliren fortsetzte. Als er einige Zeit darnach in seine Vaterstadt zurück- kehrtc, gewann er sich durch eine Sculptur die Gunst und Unterstützung des dasigen Bischofs, Don Caballero y Gongova. Nach zwei Jahren begab er sich nach Madrid, wo er 1794 in die Akademie von San-Fernando ausgenommen wurde. Im 1. 1799 erhielt er den ersten Preis der ersten Classe, und in Folge dessen vom König den Auftrag, sich nach Paris und Nom zu begeben, um sich in seiner Kunst zu vervollkommnen. Auch in Paris erhielt er bei der bald nach seiner Ankunft von dem Institute von Frankreich ausgeschriebenen Preisbewerbung den zweiten Preis in der Bildhauerkunst, da ihm der erste als Ausländer nicht zuerkannt werden konnte. Noch größer» Ruf erwarb er sich durch die 1804 ausgestellte Gypsstatue des Ganymed, die dann in der Akademie von San-Fernando zu Madrid aufgestellt wurde. War A. durch diese Statue als würdiger Nebenbuhler Canova's im leichten und anmuthigen Stile ausgetreten, so wollte er sich nun auch im strengen und kühnen ver- Conv.-Lex. Neunte Ausl. I. 18 274 Alvensleben suchen. Er wählte den auf den Tod verwundeten Achilles zum Gegenstände, uud schon hatte er das Modell davon, in welchem er, nach David's Ausspruche, kaum zu lösende Schwierig, keiten überwunden, angefcrtigt, als dieses durch einen unglücklichen Zufall zerbrach. In Nom, wohin er bald nach diesem Unfall sich wendete, ließ auch ihn, gleich den berühmtesten der andern dort lebenden Künstler, Napoleon aufsodcrn, Basreliefs zur Ausschmückung des Quirinalischcn Palastes auf dem Montc-Cavallo zu fertigen. Wurden auch die vier von ihm gelieferten Basreliefs wegen der nachher eingetrctencn politischen Veränderungen nicht an dem Orte aufgestellt, für den sie bestimmt waren, so erregten sie doch allgemeine Bewunderung und verschafften A. die Achtung und Freundschaft Canova's und Thorwald- sen's und die Aufnahme als Mitglied und Rath in die Akademie von San-Luca. In Nom arbeitete er die meisten seiner Werke, und trotzdem daß er viele derselben, in der Absicht, nur möglichst Vollendetes zu hinterlassen, noch vor ihrer Bekanntwerdung vernichtete, sind ihrer dennoch aus allen Gattungen genug geblieben, um seinen außerordentlichen Fleiß zu bewähren und seinem Namen Unsterblichkeit zuzusichern. Zu Letztcrm hätte allein sein sogenannter „6r,ij>o oolvsai tie 2 ursFi> 2 u" (im Königlichen Museum der bildenden Künste zu Madrid) hingcrcicht, welcher, in Marmor ausgeführt, eine Scene aus der Vertheidigung Saragossas in den I. >808—9 darstellt. Auch gibt es von ihm mehre ausgezeichnete Büsten-Portraits. A.'s Arbeiten zeichnen sich durch Klarheit des Gedankens, großartige Einfachheit der Ausführung, naturtreue Wahrheit und tiefes Gefühl aus. Nebst dem Studium der Natur und der Meisterwerke des elastischen Alterthums bildete er sich vorzüglich uach Michel Angelo. Im I. 1816 wurde er von Ferdinand VII. zum Hofbildhauer ernannt. Erst im Mai 1826 kehrte er nach Madrid zurück, wo er am 26. Nov. 1827 starb. Ein Theilseiner ansehnlichen Pension ging aufseine beiden Söhne über, von denen der ältere, ebenfalls Bildhauer und von des Vaters Genius beseelt, im Aug. 1830 zu Burgos starb. Der jüngere, DonAni- balA., lebt als königlicher Pensionair in Rom und widmet sich mit vielem Erfolge dem Studium der Architektur. Alvensleben (Albrecht, Graf von), preuß. Staatsminister, geb. zu Halberstadral» 23. März 1793, ist der älteste Sohn des Grafen Zoh. Aug. Ernst vonA., welcher bis 1823 erster Minister von Braunschweig, später aber Landtagsmarschall der Provinz Brandenburg und Mitglied des preuß. Staatsraths war und 1827 starb. A. studirte seit 1811 in Berlin, trat dann als Freiwilliger in die preuß. Gardecavalerie, ward sehr bald Offizier und blieb im Kriegsdienste bis zum Abschluß des zweiten pariser Friedens. Mit neuem Eifer wendeteer sich darauf wieder dem Nechtsstudium zu, ward 1817 Referendar am Stadt-, hierauf beim Kämmergericht in Berlin, 1822 Assessor, 1826 Kammergerichtsrath, wenige Monate nachher Hülfsarbeiter beim Geh. Obertribunal und dann Mitglied des Revi sionsgcrichts der Provinz Brandenburg. Diesem Wirkungskreise entriß ihn der plötzliche Tod seines Vaters. Beschäftigt theils mit der Bewirthschaftung der ererbten väterlichen Güter, theils mit den Angelegenheiten der Magdeburgischen Landfeuersocietät, zu deren Ge- neraldirector man ihn erhoben hatte, lebte er einige Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit. Allein durch seine frühere Thätigkeit als Staatsbeamter, wo er neben richtigem Takt und großer Gewandtheit auch die vielseitigste Bildung und namentlich die vertrauteste Bekanntschaft mit den Landesverhältnissen an den Tag gelegt hatte, war die höhere und allgemeinere Aufmerksamkeit zu entscheidend auf ihn gelenkt worden, als daß er für immer dem Staatsdienste hätte entzogen bleiben können. Zum Geh. Justizrath ernannt, ward er 1823 Mitglied des Staatsraths. Im I. 1833 war er zweiter Abgeordneter bei der Ministerial- eonferenz zu Wien und erhielt dann, da er auch hier wieder so große Gewandtheit und Umsicht zeigte, daß er sich nicht nur die Zufriedenheit seines Monarchen, sondern auch die allgemeine Anerkennung aller mit ihm unterhandelnden Minister erwarb, nach Maaßen's Tode, am 2. Nov. 1833, die provisorische Verwaltung des Finanzministeriums. Hierauf ward er 1836 Wirklicher Staatsministcr und im Apr. 1837 auch noch mit der Leitung des Bau-, Fabrik- und Handelswesens beauftragt. Zwei Dinge sind cs insbesondere, welche A. als ein bleibendes Verdienst angerechnet werden müssen, seine Thätigkeit für den deutschen Zoll- vcrband und sein rastloses, wenn auch größtentheils fruchtloses Streben gegen die Absperrungsmußregeln der russ Regierung zum Nachtheil des Handels in den östlichen Provinzen «ei Alxinger Amadis 275 der preuß. Monarchie. Auf seinen Wunsch wurde er mit dem >. Mai 1842 von der Leitung des Finanzministeriums entbunden, ihm dagegen ein Theil der Jmmediatvorträge in allgemeinen Landcsangelegenheiten übertragen. Die Leitung des Finanzministeriums übernahm der zum Staatsminister ernannte Wirkliche Eeheimrath von Bodelschwingh. Alxinger (Joh. Baptist von), deutscher Dichter, geb. zu Wien am 24. Jan. 1755, wurde durch den berühmten Numismatiker Eckhel frühzeitig in das Studium der Alten ein- gcweiht. Er studirte die Rechte und erlangte die Doctorwürde und den Titel eines Hofagenten, deren er sich aber, durch den frühen Tod seiner Altern in den Besitz eines beträchtlichen Vermö- gens gesetzt, nur bediente, um die Proccsse Armer unentgeltlich zu führen. Seine „Gedichte", d,e 178» zu Halle, 1784 zum Besten des Armeninstituts seiner Vaterstadt in Leipzig (her- ausgeg. von Riedel) und 1788 zu Klagenfurt erschienen, erwarben ihm einen Namen durch den Ausdruck feinen Gefühls und durch gefällige Leichtigkeit. Sie entstanden unter dem Einflüsse der freiem Geistesbewegung, welche unter Joseph's Regierung in Wien sich zeigte; ihre Tendenz ist, eine reinere Lebensphilosophie auf dem Wege der Poesie zur Geltung zu bringen. Mehr Aufnahme noch fanden die Rittergcdichte „Doolin von Mainz" (1787) und „Bliomberis" (>79l), in welchen er als Nachahmer Wicland's erscheint und so viel leistete, als ein von allen hohem Dichtergaben entblößtes Talent mit ausdauerndem Flciße, der sich namentlich der Form sehr zuwcndete, leisten kann. Den Anfoderungcn der neuern Kritik können sie nicht genügen; eine spätere Gedichtsammlung von ihm (1794) fand schon bei den Zeitgenossen wenig Beifall. Auch Florian's „Numa Pompilius" übersetzte er (2 Bde., Lp;. 1792). A. war als Mensch sehr geachtet, als Gesellschafter beliebt, als Freund geschäht; er lebte in sehr glücklichen Verhältnissen und beschäftigte sich viel mit dem Studium älterer und neuerer Literatur. Die Stelle eines Sccretairs am kaiserlichen Hoftheater unter Braun's Direktion, die er 1793 erhielt, bekleidete er nur kurze Zeit; 1794 ward er in den Reichsrittcrstand erhoben, starb aber schon am I. Mai 1797. Seine „Sämmtlichen Schriften" erschienen in 10 Bänden (Wien 1810). Ainadeisten, s. Franciscaner. Amädls ist ein in der Ritterpoesie berühmter Name. — A. von Gallien, nach seinem Schildzeichen der Lüwcnritter, in der Einöde aber „Dunkelschön" (Beltenebros) genannt, ist ein Sohn König Perion's von Frankreich und der Elisena, der Tochter des Königs Eavinter von Bretagne. — A. von Griechenland ist ein Urenkel des gallischen A und Sohn Lisuart's und den-Onoleria, Tochter des Kaisers von Trapezunt. — A. vom Gestirn ist ein Urenkel des gricch. A., Sohn des Agesilaus, Königs in Kolchis, abstammend von Alastraxerea, einem Kinde der Liebe des griech. A. mit der Königin Zahara vom Kaukasus. Die Mutter dieses dritten A. ist Diana, ein Kind der Liebe von Sidonia, Königin von Guindaga, mit Floriscl, dem Ritter von der schönen Schäferin, rechtmäßigem Sohne des griech. A. — A. von Trapezunt, abstammend von Roger aus Griechenland, dem Vielgeliebten, einem Sohne Florisel's und der Helene, Prinzessin von Apollonien, ist der Urenkel Florisel's, Sohn der Polixana und Liscaron's, Prinzen von Catai. — A. von Gallien ist also der Stammvater vieler Amadisse und unzählbarer Nachkommenschaft, und der von ihm handelnde Roman ist nicht nur der älteste und das Vorbild aller übrigen, sondern auch der beste, ja der einzige, der selbst bei Cervantes, der sich gerade durch Zerstörung der lange usurpirten Herrschaft dieser „üblen Sekte" unsterblichen Ruhm erwarb, Gnade gefunden und nicht blvs durch ihn als literarische Kuriosität, sondern auch durch sich selbst als genuines Product schöpferischer Phantasie bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat. Aber schon der früh erregte und noch nicht mit apodiktischer Gewißheit zu entscheidende Streit, ob dieser A. ein ursprünglich portug., span, oder gar franz. Product sei, beweist den Abgang aller nationalen Grundlage dieses Romans, den gänzlichen Mangel an denselben stützenden, irgendwo heimischen Sagen, und daher an einem lebendigen, historischen Hintergrund, reflectirt durch rein epische Auffassung, wie dies doch selbst noch in den spätern prosaischen Überarbeitungen der Epen der brctoni- schcn, ftänkisch-kerlingischen, deutschen oder überhaupt jedes echt volksrhümlichen Sagenkreises erkennbar blieb. Vielmehr läßt sich aus innern und äußern Gründen mit Bestimmtheit 276 Amadis behaupten, daß dieser Roman das rein subjective Gebilde der Phantasie eines Einzelnen ist daß er in einer Zeit verfaßt wurde, in welcher die ursprünglich epische Richtung bereits durch andere, besonders die allegorisch-didaktische, verdrängt und das Ritterthum bereits einkünst- lich-rafsinirtes, ideell potenzirtes, also bereits seinem Verfalle nahe war, folglich frühestens im 14. Jahrh.; daß er also gleich anfänglich in Prosa nicdergcschriebcn wurde, nicht um gehört, sondern um gelesen zu werden; und daß endlich der Verfasser desselben wol die Gedichte der altern Sagenkreise gekannt, ja vielfach nachgeahmt, aber eine ganz neue Bahn in entgegengesetzter Richtung cingeschlagen hat, die seine weniger begabten Nachtreter natürlich in den bodenlosen Abgrund leiten mußte und den Untergang der ganzen Gattung ver- anlaßte; denn dadurch bekamen diese Ritterromane, allerdings gegen ihre Absicht, immer mehr eine ironische Färbung, und es bedurfte nur eines Genies, wie Cervantes, um, dieses komische Element zum Grundton machend und den Gegensatz auf die Spitze treibend, diese ganze Gattung Umschlagen und sich durch sich selbst vernichten zu machen. Die spanischen Amadisromane bestehen aus 14 Büchern, wovon die vier ersten den eigentlichen A. von Gallien enthalten; doch ist nach den neuesten Forschungen des ge- lehrten Clemencin, in dessen Commentar zum „Don Quixote" (Madr. 1833), kaum mehr zu zweifeln, daß dieser älteste Theil ursprünglich in portug. Sprache von dem Ritter Vasco de Lobeira, von Oporto (gest. 1403), und zwar zwischen den I. 1342 und 1307 abgefaßt wurde, dessen Originalhandschrift sich im Besitze des Jnfanten Alfons von Portugal, Sohns Jo- hann's 1-, des Stifters des Hauses Braganza (geb. 1370, gest. 1461), und zuletzt in dem der Herzoge von Aveiro befunden haben und wahrscheinlich bei dem Erdbeben im I. 1755 juLissabon zu Grunde gegangen sein soll; wenigstens haben sich diese ersten vier Bücher nur in der span. Übersetzung erhalten, die von Garci Ordonez de Montalvo um 1460 überarbeitet und zwischen den I. 1492 und 1505 zuerst im Druck herausgegeben wurde. Derselbe Montalvo fügte das fünfte Buch hinzu: „Üss sergss (ergas, d. i. Thatcn) e !a tadle roulie", Par. 1813) und William Stewart Rose („^. cke Saul, a puein in tliree dunles", Land. 1803) in epischen Gedichten. Dagegen hat Wieland s „Neuer Amadis" mit jenen äl- Ämalsi Amalia (Herzogin von Sachsen-Weimar) 277 tern Amadissen nichts gemein als den Titel und etwa die Fülle der von dem Helden zu bestehenden Abenteuer. Amalsi, eine Seestadt am Golf von Salerno im Königreich Neapel, mit 3000 E., der Sitz eines Erzbischofs, soll unter Konstantin dem Großen gegründet worden sein und hatte im Mittelalter eine viel größere Bedeutung als jetzt. Unter der Oberhoheit von Konstantinopel allmälig zum ziemlich selbständigen Staate erwachsen, unterlag es 825 dem Andringen des Fürsten von Bencvent und Salerno, erholte stch indeß sehr bald und stand nun, sein Gebiet mehr und mehr erweiternd, erst als Republik, dann unter eigenen Herzogen in höchster Blüte, bis es gegen Ende des 1 l. Jahrh. dem Normannenreiche untergeben, dann durch die Plünderungen der Pisaner in den Z. 1135 und 1137 die Bedeutung, welche eS durch Handel, Schiffahrt, Neichthum und Macht erlangt, verlor. Unter der Beute der Pi- saner befand sich auch die Handschrift der Pandekten, welche später nach Florenz kam. Später wurde A. zwar als selbständiges Hcrzogthum wiederhergestellt und damit der Fürst Or- sini von Salerno, dann Antonio Piccolomini, der Neffe Papst Pius' H., und gegen 1650 durch den König von Spanien Ottavio Piccolomini beliehen; allein zu neuem Glanze vermochte es sich nicht zu erheben. Der Amalfitaner, Flavio Gioja, soll zu Anfänge des 14. Jahrh. den Compaß erfunden haben. — Die Prinzessin von A., eine Dichterin, war die Gemahlin des Alfons Piccolomini und starb zu Neapel 1560. Amalgam nennt man eine Verbindung des Quecksilbers mit andern Metallen, daher amalgamiren, metallische Substanzen mit Quecksilber verbinden. Es geschieht dies besonders auf den Hütten zur Ausscheidung der Metalle aus den Erzen, wobei die Metalltheilr derselben sich mit dem Quecksilber, das sich sehr leicht dann von dem gewonnenen Metall trennen läßt, verbinden, die erdigen und steinichten Theile aber Zurückbleiben. Durch die Ama l- gamation, auch Anquickung genannt, die schon 1557 in Mexico von Bartholome de Medina erfunden, 1640 aber durch Alonso Barba und 1780 durch von Born wesentlich verbessert wurde, ist namentlich das Silberhüttenwesen wesentlich gefördert worden. Indeß nicht alle silberhaltige Erze eignen sich zur Amalgamation, sondern nur die fein eingesprengten und mit Kies vermengten, in dessen Ermangelung man Schwefelkies zusetzt. Auch bei der Gewinnung des Goldes wird, namentlich in Südamerika, die Amalgamation angewendek. Ebenso werden silberhaltiger Rohstein und Kupferstein und silberhaltiges Kupfer u. s. w. amalgamirt, letzteres z. B. zu Schmöllnitz in Oberungarn und bei Hettstädt in der prcuß. Provinz Sachsen. Kalt heißt die Amalgamation, wenn sie in der gewöhnlichen Lufttemperatur, warm, wenn sie in erhöhter Temperatur geschieht. — Amalgamirwerk nennt man eine Anstalt, welche die zum Amalgamiren erfodcrlichen Vorrichtungen und Maschinerien enthält. Die vorzüglichsten Werke dieser Art sind das an der Halsbrücke bei Frciberg in Sachsen, das in der neuesten Zeit wesentliche Verbesserungen erhalten hat und das neuerdings ebenfalls vergrößerte gewerkschaftliche Kupfcrstein-Amalgamirwerk Gottcs- belvhnungshütte zwischen Limbach und Hettstädt im Mansfeldischen. Amalia (Anna), Herzogin von Sachsen-Weimar, geb. 24. Oct. 1739, eine Tochter des Herzogs Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel, war während der letzten Hälfte des 18. Jahrh. der Mittelpunkt und die Seele des Hofes zu Weimar, der in mehr als einer Beziehung dem Hofe des kunstliebenden Herzogs von Ferrara glich, an welchem Tasso und Ariosto lebten. Schon im 19. Jahre, am 28. Mai 1758, Witwe vom Herzog Ernst August Konstantin, den sie nach zweijähriger Ehe verlor, wußte sic, als Vormund ihres noch nicht einjährigen Sohnes Karl August (s. d.), durch gute Verwaltung nicht nur die traurigen Folgen des siebenjährigen Kriegs zu tilgen, sondern auch bedeutende Summen, ohne Bedrückung ihrer Unterthanen, zu ersparen, und die Hungersnoth, welche 1773 Sachsen heimsuchte, von ihnen abzuwenden. Nicht minder sorgte sie für die geistige Bildung des Volks, theils durch die Begründung mehrer neuer Anstalten, theils durch die Verbesserung der bereits vorhandenen. Sie ernannte Wieland zum Erzieher ihres Sohnes und zog Männer von den glänzendsten Talenten, wie Herder, Goethe, Seckendorf, Knebel, Böttiger, Bode, Musäus und viele Andere nach Weimar, denen sich in den letztem Jahren auch Schiller bci- gesellte. Gewiß nur durch die Vereinigung seltener Eigenschaften des Geistes und Herzens konnte es der Fürstin eines so kleinen Staats gelingen, mehr ausgezeichnete Männer als 278 Amalie (Herzogin von Sachsen) Amaranth irgend ein gleichzeitiger Hof um sich zu versammeln. Daß dazu ihr persönlicher Charakter das Meiste beitrug, beweist der Umstand, daß ihr dieselbe Umgebung blieb, nachdem sicl 7 7 5 die Regierung in die Hände ihres Sohnes gegeben hatte. Ihr Schloß in Weimar, ihre Lustschlösser in Tieffurt und Ettersburg blieben fortwährend der Versammlungsort aller ausgezeichneten Gelehrten und Reisenden, und es bleibt ihr der Ruhm, die berühmtesten Schriftsteller Deutschlands geehrt und vielfach aufgemuntert zu haben. Die Schlacht bei Jena am 14. Oct. 1806 hatte ihr das Herz gebrochen; sie starb am >0. Apr. 1807. Amalie (Marie Friederike Auguste), Herzogin von Sachsen, die älteste Schwester des Königs Friedrich August ll. und des Prinzen Johann, geb. um 10. Aug. 1704, begleitete, nachdem sie mit ihren Geschwistern die feinste und trefflichste Bildung erhalten, ihren Oheim, ^ den nachherigen König Anton, sowie ihren Vater, den Herzog Maximilian, auf mehren Reisen nach Italien, Frankreich und Spanien und schrieb bereits 1820 unter dem Namen Amalie Heiter ein Schauspiel „DerKrönungstag" und 1800 ein zweites „Mesru", die beide, im Morgenlande spielend, dem Gebiete der reinen Phantasie angehörend und metrisch gehalten, auf dem dresdener Hoftheater mit Beifall aufgeführt wurden. Im I. 1830 sandte sie das Lustspiel „Lüge und Wahrheit" an das berliner Hoftheater, ohne daß man von dem Namen und Stande der Verfasserin auch nur eine Ahnung gehabt hätte. Im folgenden Jghre kam dieses Stück bei Gelegenheit der Gcburtstagfeier einer hohen Person auf dem Theater im Prinzessinncnpalais zur Aufführung, erfreute sich der allgemeinsten Zustim- mung und wurde auch bei der Aufführung auf dem königlichen Hofthcater von dem größer« Publicum gleich beifällig ausgenommen. Noch glänzender» Erfolg hatte ihr Lust- spiel „Der Oheim", welches bald die Runde über alle deutschen Bühnen machte; auch die Dramen und Lustspiele „Die Fürstenbraut", „Die Braut aus der Residenz", „Der Land- wirth", „Der Verlobungsring", „Vetter Heinrich", „Der Pflegevater", „Das Fräulein vom Lande", „Der Majoratserbe" und andere fanden durchgehend vielen Beifall. Die Verfasserin hat in ihren Dramen und Lustspielen, welche mit wenigen Ausnahmen bür- ^ yerlichen Charakters sind und in denen das eigentlich komische Element nur wenig vorwal- trt, eine große Kcnntniß der Bühne wie des menschlichen Herzens, eine durchaus sittliche Richtung, eine feine Durchführung, eine tüchtige Charakteristik und viel Gemüth und Herzenswärme bewährt. Anlage und Erfindung sind sinnig, aber einfach; meist ist darin der Triumph dargestellt, welchen die unverbildete, reine, oft sogar etwas derbe und rauhe Natur über die Verbildung, die capriciöse Cultur, die weltmännische Abgeschliffcnheit und die Anmaßungen des aristokratischen Hochmuths feiert. Ihre Stücke sind durchaus wohlthuend, so wenig sie sich auch in ein höheres poetisches Gebiet erheben, oder darauf Anspruch machen, durch Darstellung starker Leidenschaften, gewaltiger Ereignisse und machtvoller Situationen den Zuschauer oder Leser zu erschüttern und im Sturme mit sich fortzureißen. Die sittliche Tendenz, welche eines Anfluges von Sentimentalität nicht ganz entbehrt, verleiht diesen Stücken um so höher» Werth, je mehr sie in den Charakteren und nicht in bloßen Declama- tionen zur Erscheinung kommt. Ihre dramatischen Arbeiten, von denen einige auch in stanz. Umguß in Paris zur Aufführung gekommen sind, erschienen zum Besten des Fraucnvereins in Dresden unter dem Titel „Originalbeiträge zur deutschen Schaubühne" (6 Bde., Dresd. 1 1837—42). Auch mehre Kirchenstücke und Opern sollen von ihr componirt und im Kreise uer königlichen Familie aufgeführt worden sein. Amalthea hieß die Ziege, welche den Jupiter auf Kreta, als ihn seine Mutter Rhca (s. d.) aus Furcht vor dem Saturn daselbst verbarg, säugte und zum Lohne dafür unter die Sterne verseht ward. Das curnn ^maltlieae gab Jupiter, nachdem er es der Ziege oder diese es sich selbst abgebrochen hatte, den Töchtern des Melisseus, die der Rhea beigcstanden, mit dem Segen, daß sie alles zu ihrem Unterhalte Nöthigc daraus sollten nehmen können. Daher bezeichnet cornn ^in-iltlieae so viel als Horn des Überflusses, Ei», cossue oder Füllhorn. Nach Andern ist A. eine Nymphe, welche mkt der Milch einer Ziege den jungen Jupiter säugte. Auch führte die Sibylle zu Cumä diesen Namen. Unter dem Titel „Amalthea" gab Böttiger eine archäologische Zeitschrift (3 Bde., Lp;. 1822—23) heraus, in deren Ein- f leitung er die Mythe der A. behandelt. Amäranth, "'.chtiger Amarant nennt man eine Art unverwelklicher Blumen, die Amarillas Amberg 279 abgepflückt und trocken ihre frische Farbe behalten und deshalb den Dichtern als ein Sinnbild der Unsterblichkeit dienen. Die Botaniker bezeichnen mit diesem Namen eine Pflanzengattung der Dikotyledonen, welche mit verwandten Gewächsen die Familie der Amaran- taceen bildet. Die meisten Arten wachsen zwischen den Wendekreisen. Amarillas (Herzog de las), s. Ahumada (Don Pedro Eiron, Marquis de). Amäthvs oder Amath unt, vormals eine Stadt auf der Südküste von Cypern, mit reichen Metallgruben, war berühmt durch den Tempel und den Dienst der Venus, welche von ihrAmathusia hieß, und des Adonis. Die Ruinen jenes Tempels fand Hammcr-Purgstall in einem nahen Dorfe. Nach Tacitus soll der mythische Amathos, ein Sohn der Aphrodite, durch Erbauung eines seiner Mutter geweihten Tempels der Stadt diesen Namen gegeben haben; nach Pausanias wurde ste von den Phöniziern erbaut. Amäti , eine ital. Künstlerfamilie, welche die ausgezeichnetsten Geigeninstrumente, die mit sehr hohen Preisen bezahlt werden, in großer Anzahl verfertigte. Die Fabrik bestand zu Cremona, daher die Instrumente gewöhnlich blos Cremonescr genannt werden, und wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh., wie es scheint, durch Andrea und NicoloA. begründet. Gut fortgeführt wurde sie durch des Letztem Söhne, Antonio und Gero- nimoA.; dagegen kam sie schon unter Giuseppe A. im 17.Iahrh. ins Sinken.' Amaurösis, s. Staar. Amazonen (^mu 2 ooes) nennt eine uralte Sage, der etwas Geschichtliches zum Grunde zu liegen scheint, ein Weibervolk, das keine Männer unter sich duldete, unter der Anführung seiner Königin bewaffnet in den Krieg zog und lange einen furchtbaren Staat bildete. Mit den Männern benachbarter Völkerschaften pflogen sie Gemeinschaft blos der Fortpflanzung wegen. Diesen sandten sie auch die Knaben zu, welche sie gebaren, wenn sie dieselben nicht tödtetcn. Die Mädchen aber erzogen sie zum Kriege und brannten ihnen die rechte Brust aus, damit ihnen diese beim Spannen des Bogens nicht hinderlich sei. Von der weggebrannten Brust erhielten sie den Namen Amazonen, d. i. Brustlose. Dies ist die gewöhnliche Erzählung. Neuere bringen das Wort mildem tscherkefsischen msrs, das Mond bedeuten soll, in Verbindung, und allerdings ist wol auch der Mythus von den Amazonen auf den Mondcultus, der in Borderasien herrschend war, zurückzuführen. Bei den Alten werden drei Amazonenvölker erwähnt: I)Die asiat. Amazonen, von denen die übrigen ausgehen. Sie wohnten an den Küsten des Schwarzen Meeres und in den Gebirgsgegenden des Kaukasus, besonders in der Nähe des heutigen Terbisonde, an dem Fluß Thermodon (jetzt Termeh). Sie sollen einst ganz Asien mit Krieg überzogen und Smyrna, Ephesus und andere Städte erbaut haben. Ihre Königin Hippolyte, nach Andern Antiope, ward vom Hercules getödtet, unter dessen ihm von dem Eurystheus auferlcgten Arbeiten die neunte darin bestand, jener das Wehrgehänge, welches sie vom Mars erhalten, abzunehmen. Auf ihren Zügen kamen sie zur Zeit des Theseus nach Attika. Auch zogen sie unter ihrer Königin Penthesilea gegen die Griechen dem Priamus zu Hülfe. Selbst zur Zeit Alexander des Großen treten sie noch auf, indem ihre Königin Thalestris ihm einen Besuch macht, um durch ihn Mutter zu werden. 2) Die scythischen Amazonen, die sich später mit den benachbarten Scythen verheiratheten und tiefer nach Sarmatien hineinzogcn. 3) Die afrik. Amazonen, welche unter ihrer Königin Myrina die Gorgonen und Atlanten besiegten, Ägypten und Arabien durchzogen und am See Tritonis ihre Hauptstadt anlcgten, dann aber vom Hercules vertilgt wurden. Vgl. Nagel, „Geschichte der Ämazonen" (Stuttg. 1838). — Als Orelhan, der erste Befahrcr desMaranon (s. d.) in Südamerika, diesen Fluß hinaufschiffte, traf er an den Ufern eine Menge bewaffneter Weiber, was ihm Veranlassung gab, den Fluß Amazoncnstrom und das Land Ämazonenland zu benennen. Durch die neuern Untersuchungen ist aber dieses fabelhafte Land verschwunden und findet sich nur noch auf den ältcrn Landkarten als ein Theil von Brasilien und Peru. Ambassadeur, s. Gesandter. Amberg, die ehemalige Hauptstadt der Oberpfalz, liegt im bair. Kreise Oberpfalz und Neg'ensburg an der Vils, in der Mitte des hier 1115 F. hohen Plateaus uni» zählt 6590 E., welche theils Hopfenbau und Viehzucht betreiben, theils durch Wollcnma- nufacturen, Fayencefabriken, Tabackfabrikation, Brauereien, die umliegenden Eisenwerk« 480 Amberger Ambrosi und eine bedeutende Gewehrfabri? beschäftigt werden. A. ist Sitz des Appellationsgerichts für den Kreis, hat ein Rentamt, Lyccum, Gymnasium, Schullchrerseminar, eine Bibliothek , und eine Hebammermnstalt. Am 24. Aug. 1796 lieferte bei A. Erzherzog Karl der Nachhut Jourdan's ein hitziges Treffen, in welchem zwei sranz. Bataillone nach zweimal zurückgewiesenem Angriffe der Ostreicher bis auf den letzten Mann zusammengchauen wurden. In der Nähe von A. steht auf einem einzelnen Berge die Wallfahrtskirche Mariahülfe. Amberger (Christoph), ein deutscher Maler des 16. Jahrh-, der, aus Nürnberg gebürtig, sich später in Augsburg niederließ und nach 1568 starb, ist besonders im Fache der Portraitmulerei von Bedeutung, in welchem er sich der Richtung des jüngern Holbein > mit Glück anschloß. Die vorzüglichsten Galerien in Deutschland enthalten wcrthvolle Bilder l von seiner Hand. Amboina, eine nahe dem Äquator unterm 146° östl. L. gelegene ostind. Insel, welche zu dem Molukkenarchipel gehört, eine holländ. Colonie ist und aus den zwei nur durch eine schmale Halbinsel verbundenen Theile Hitore und Leytcmore besteht. Sie ist besonders'wichtig als Hauptsitz des Gewürznelkenbaues, behufs dessen dieselbe in Districte und Cantons getheilt ist, deren jeder unter einem Aufseher steht, welcher den Anbau, die Unterhaltung und Ernte der Pflanzungen beaufsichtigt. Der jährliche Ertrag beläuft sich auf 250—300000 Pfund. — Die gleichnamige Hauptstadt, auch Ämbon genannt, ist Sitz des Generalgouverneurs der Molukken, hat 7 000 E., mehre ausgezeichnete Gebäude und treibt ansehnlichen Handel. Nach der Insel wird die ganze Inselgruppe Ambo inen benannt, welche nächst A. aus den zwei größern Büro und Ceram und acht kleinern Eilanden besteht, und eine holländ. Statthalterschaft von 27 LlM. mit 45000 E. bildet. Amboise, eine Stadt am linken Ufer der Loire im franz. Departement der Jndre und Loire, mit einem Schlosse, in welchem mehre Könige residirt haben, hat 5300 E. und Stahl-, Gewehr- und Bijouteriefabriken. Sie ist der Geburts- und Sterbeort Karl's Vlll. » von Frankreich und auf eine traurige Weise berühmt geworden als erster Herd der Wli- p gions- und Bürgerkriege in Frankreich durch die im I. 1560 Hierselbst ausgebrochene Verschwörung der Protestanten (Hugenotten) gegen die Guisen (s. d.) und den Katholicismus. Ambra oder grauer Amber, ist eine fettwachsartige, äußerlich graue, innerlich gelb, roth oder schwarzgefleckte, zuweilen Heller gestreifte, leicht mit einer dünnen Rinde überzogene Substanz von benzoeartigem Gerüche. Er galt Blumenbach für verhärteten Darm- koth des Kaschelot oder Pottfisches, weil er oft unverdaute Theile von Seethieren enthält; Oken sah ihn an für verhärtete Galle; Blainville nimmt ihn für Erzeugnis eigenthümli- cher, den Beuteln des Moschusthiers vergleichbarer Behälter, die nach Dudley über den Hoden liegen. Der Ambra findet sich an das Land gespült in mehren tropischen Ländern, aber auch in Japan; selten in Stücken von mehren Pfund Gewicht. Er wurde von Swediaur analysirt, dient jetzt nur noch als Parfüm, galt ehedem für ein magenstärkendes, krampfwidriges Mittel und wurde damals wegen Seltenheit und hohen Preises viel verfälscht. — Durch Behandlung mit Salpetersäure gibt der Ambra eine eigcnthümliche Säure, die Ambrafettsäure oderAmbrasäure. Ambras oder Amras, ein landesfürstliches, jetzt als Kaserne benutztes Schloß in ' Tirol, nahe bei Innsbruck, am Inn, das sonst den Erzherzogen von Ostreich häufig zum Sommeraufenthalt diente, verdankt seine Berühmtheit der Bibliothek und dem Museum, die hier von dem Erzherzoge Ferdinand, dem Gemahl der Philippine Welser, im 16. Jahrh. begründet wurden. Die Bibliothek schenkte die Kaiserin Maria Theresia der Universität zu Innsbruck; die Handschriften, 69 an der Zahl, und die Münzen kamen in die kaiserliche Bibliothek und das Münzcabinet zu Wien; die Kunstkammer wurde, als 1805 Tirol an Baiern fiel, unter dem Namen der k. k. Ambraser Sammlung in dem untern Schlosse des Belvedere in Wien aufgestellt. Letztere enthält viele altdeutsche Bilder, namentlich 48 Por- traits sächs. Fürsten in Öl von Lukas Kranach dem Sohne; die wichtigsten derselben sind in Abbildungen bekannt gemacht und eine Beschreibung der ganzen Sammlung hat ^ der Custos derselben, Primisser (Wien 1819), gegeben. Auch in A. selbst finden sich noch Kunstsachen, Waffen und Bilder, insbesondere einige Andenken von Philivpine Welser. Ambrosi (Podobjadow), ein um die Bildung und Erstellung der russ. Geistlichkeit ! Ambrosia Ambrosius 28 ! höchst verdienter Mann, geb. 1742 im Gouvernement Wladimir, erhielt seine Erziehung in der geistlichen Schule des troicker Klosters, an der er im 22. Jahre als Lehrer angestellr wurde. Im 1.1768 nahm er das Ordenskleid, wurde zum Hieromonach geweiht und an die geistliche Akademie in Moskua als Prediger berufen. Als solcher hielt er 1771 seine berühmte Leichenrede auf die Ermordung des Erzbischofs von Moskua und Kaluga, Ambrosi, die bis auf den heutigen Tag als einMuster erschütternder Kraft und glanzvoller Darstellung betrachtet wird. Bald nachher zum Präfect der genannten Akademie und Archimandrit des zaikonospaskcr Klosters erwählt, hielt er 1775 vor der Kaiserin eine Predigt, welche ihm deren ganze Gunst zuwandte. Als Bischof von Zjawsk, was er kurz darauf wurde, war er cifrigst bemüht, die geistlichen Lehranstalten seiner Diöcese aus ihrem beklagenswer- thcn Zustande herauszureißcn. Im I. 1785 übernahm er die Eparchie von Kasan, wo er mit gleichem Eifer wirkte, und 1765 ward er in den heiligen Synod einberufen, wo nun ein erweiterter Wirkungskreis sich ihm eröffnete. 'Schon 1799 wurde er zum Erzbischof von Petersburg, von Esthland und Finnland und das Jahr darauf auch zum Erzbischof von Nowgorod und zum Metropoliten ernannt. Er war eines der thätigsten und einflußreichsten Mitglieder des Comike zur Vervollkommnung des geistlichen Unterrichts- und Erziehungswesens. Sein hohes Alter und die mannichfaltigen Verhältnisse, welche in dieser Zeit die höchsten Regionen in Petersburg beunruhigten und die später» großen Ereignisse vorbereiteten, brachten es dahin, daß er 1818, wie es hieß auf sein eigenes Ansuchen, von der Verwaltung der Petersburger Diöcese entbunden wurde und Nowgorod zu seinem Aufenthalte wählte. Hier starb er noch im Sommer desselben Jahres. Seine Schriften, darunter seine „Erbauungsreden" (3 Bde., Mosk. 1819), zeichnen sich durch Gründlichkeit und durch die vorherrschend praktische Richtung sehr vortheilhaft aus und wurden meist in mehren Auflagen gedruckt. Ambrosia, s. Götterspeise. Ambrosianische Bibliothek nannte zu Ehren des h. Ambrosius, des Schutzpatrons von Mailand, der kunstliebende Cardinal und Erzbischof Fcderico Borromeo die von ihm 1609 in einem eigens dazu erbauten und sehr zweckmäßig eingerichteten Locale aufgestellte und dem öffentlichen Gebrauche geöffnete Bibliothek zu Mailand, welche er durch Gelehrte, die er durch Europa, ja selbst nach Asien aussandte, hatte auflaufen lassen. Später gewann dieselbe besonders durch die Erwerbung der Pinelli'schen Handschriften. Borromeo beabsichtigte, damit ein Collegium von 16 Gelehrten zu verbinden, die, jeder in einem bestimmten Fache, für die Bekanntmachung der dahin einschlagenden Werke Sorge trügen und den Fremden berathcnd zur Seite stünden. Doch der Mangel an Fonds beschränkte dieses Collegium auf zwei Mitglieder, die den Titel Voctore8 bibliotbecae ^mdrosmose führen. Die Bibliothek enthält über 60009 gedruckte Bücher und 15000 Handschriften. Zu den vielen Seltenheiten derselben gehört, außer den von Mai, Castiglionc und Mazzucchelli bekannt gemachten Pa limpsesten (s. d.) und bisher unedirten Handschriften, ein Virgil, in welchen Petrarca die Notiz über das erste Begegnen Laura's einschrieb. Mit ihr steht eine Galerie von Kunstsachen in Verbindung, welche neben Gemälden von Breughel, Ba- rocci, Luini und Albrecht Dürer den Carton von Rafael's Schule zu Athen und die Studien vonLesnardo da Vinci, sowie die frühen Copien von dieses großen Künstlers Abendmahl bewahrt. Von den zwölf Bänden mit Schriften von der Hand des Leonardo da Vinci, die der patriotische Galeazzo Arconato hierher schenkte, ist nur noch ein einziger, aber in Hinsicht der Zeichnungen der interessanteste vorhanden; die andern befinden sich in Paris. Ambrosius, ein berühmter Kirchenvater, geb. gegen 340, wahrscheinlich zu Trier, wo sein Vater als Statthalter von Gallien sich aufzuhalten Pflegte. Schon in der Wiege empfing er ein glückliches Vorzeichen. Ein Bienenschwarm bedeckte das Gesicht des im Hofe des Schlosses schlummernden Knaben, und als die Amme herbeieilte, sah sie erstaunt, wie an seinem Munde die Bienen ein- und ausgingen, ohne ihm ein Leid zu thun, und sich endlich wieder in die Lüfte erhoben. Sein Vater, vielleicht eingedenk des ähnlichen Wunders, das vom Platon erzählt wird, schloß daraus aus eine hohe Bestimmung. Seine Erziehung war standesmäßig; die geschicktesten Lehrer zu Rom bildeten seinen Geist und sein Herz. Mit seinem Bruder Satvrus ging er nach Beendigung seiner Studien nach Mailand, Ws 282 Ambulante Ameisen Beide in die juristische Laufbahn traten. Hier zeichnete er sich so aus, daß Valentinian ihn um 370 zum Statthalter der Provinzen zwischen den Alpen, dem Mittelländischen Meere, Toscana, der Etsch und dem Adriatischen Meere ernannte. Sanftmuth und Weisheit gewannen ihm die Achtung und die Liebe der Volker, deren Wohlstand durch die Unruhen des Arianismus zerrüttet war; daher wurde er auch 374 einstimmig von den Arianern und Katholiken in der Kirche zum Bischof von Mailand ausgerufen. Lange weigerte er sich, diese Würde, die ihm eine drückende Bürde schien, anzunehmcn; er entfloh bei Nacht, glaubte sich aus dem Wege nach Pavia, war aber unerwartet wieder vor Mailands Thoren. Dieses für ein Zeichen des Himmels annehmend, ließ er sich taufen, da er bisher nur Katechumen gewesen war, und empfing acht Tage darauf die Priesterweihe. Das Gedächtnis dieser Begebenheit feiert die katholische Kirche noch gegenwärtig am 7. Dec. Auch als Bischof erwarb er sich durch seinen sanften, aber gegen Bedrückungen von Seiten der Negierung unbeugsamen und strengen Charakter allgemeine Verehrung. Er starb 307. Zn seinen Schriften, von denen die Bcnedictiner die beste Ausgabe (2 Bde., Par. 1686—00, Fol.) besorgten, ist Vieles aus griech. Kirchenschriftstcllern entlehnt. Ihm wird gewöhnlich der sogenannte Ambrosianische Lobgcsang oder das „Uveinn lauclamn?" zugeschrieben; allein eine gründliche Kritik hat dargethan, daß derselbe von einem unbekannten Verfasser und um 100 Jahre jünger sei. Der sogenannte Ambrosia nische Ritus, über welchen Mazzucchelü und Fumagalli geschrieben haben, erhielt von A. wahrscheinlich nur einiger von ihm getroffener Veränderungen wegen den Namen. Zur Zeit der Verfolgungen der rechtgläubigen Kirche, 375, floh nämlich A. mit seiner Gemeinde in die Lasilica I'oiv.mn» (jetzt Pfarrkirche des h. Victor) und führte dort zur Erbauung der Bedrängten den Gesang der Psalmen, der Antiphonicn und der Hymnen ein, die abwechselnd vom Volke und von den Geistlichen gesungen wurden. Auch brachte er diesen Gesang in eine regelmäßige Form, die sich wahrscheinlich bis auf den heutigen Tag in jener Gemeinde erhalten hat, und führte die Vigilien ein, die schon in der morgenländ. Kirche gebräuchlich waren. Der wichtige lat. Commentar zu den Briefen des Paulus ist nicht von ihm, sondern wahrscheinlich vom Diakon Hilarius in Nom verfaßt und wird daher als der Commentar des Ambrosiaster citirt. Ambulance nennt man in der Kriegssprache das bewegliche oder fliegende Feld- laz areth (s. d.); auch versteht man unter Ambulance eine in Federn hängende, bequem eingerichtete Art Wagen zur Fortschaffung Schwerverwundeter oder Erkrankter. In einigen Armeen werden Ambulancen sogar bei Friedensmanoeuvren mitgenommen, um Verunglückte darin fortzuschassen. Ameisen heißen Insekten, welche in der Ordnung der Hautflügler eine besondere, zahlreiche Familie bilden. Die Männchen sind kleiner als die Weibchen; beide haben nur zur Zeit der Begattung, welche in der Luft geschieht, Flügel; die Geschlechtslosen (Weibchen mit verkümmerten Eicrstöcken) erhalten nie Flügel und verrichten alle auf Pflege der Jungen bezügliche Arbeiten. Die Ameisen sind vorzugsweise gesellige Thiere, deren Ökonomie viel Merkwürdiges hat; sie wohnen in selbstgegrabenen Höhlen, in Baumstämmen oder in ellenhohen, aus Lehm errichteten kegelförmigen Bauten, legen geebnete Pfade um diese Wohnungen herum an, arbeiten auch des Nachts, jedoch nicht bei Rcgenwettcr, und besitzen erstaunliche Muskclstärke. Sie sind sehr nutthig und vermögen auf noch unerforschte Weise sich Nachrichten mitzuthcilcn. Ihre Nahrung ist je nach den Gattungen thierisch oder pflanzlich, und sie können durch ihre Gefräßigkeit und Menge Landplagen werden, wie zumal in tropischen Ländern, wo sie Baume entblättern, Fruchternten zerstören, den Boden untergraben und junge oder kranke Hausthiere lödten. Ihre Puppen, die sogenannten Ameiseneier, pflegen sic mit Sorgfalt und vermehren sich daher so, daß sie kaum auszurotten sind, wo sie sich einmal eingebürgert. Deutschland besitzt mehre, durch ihre gegenseitige Bekäm-. pfung merkwürdige Arten; unendlich artenreich sind sie in tropischen Ländern, wo gewisse Species regelmäßig wandern und manches schädliche Thier erlegen. Die Ameisen haben in einem Säckchen am Hinterleibe eine eigenthümliche Säure (Ameisensäure), welche gegen gichtische Leiden angewendet wird, aber Vorsicht im Gebrauche erheischt. Durch Destillation mit Weingeist gewinnt man aus den zerquetschen Ameisen den Ameisenspiritus, welcher ein scharfes ätherisches Reizmittel ist und äußerlich gegen Lähmungen Anwendung Ameisenbär Amerigo Vespucci 283 findet. Zu gleichem Zweck benutzt man die Am eisen bä der, welche darin bestehen, daß nian zerquetschte Ameisen oder auch ganze Ameisenhaufen mit siedendem Wasser übergießt und den Körper oder das kranke Glied in den aufsteigenden Dämpfen badet, oder auch wol, daß man das kranke Glied in einen Ameisenhaufen steckt. Vgl. Huber, „Lieclwrcties sur los sl»>rmis inciigenes" (Par. 1810), Latrcille, „kUstoirs naturelle <1es foiirmissf (Par. 1812), Kirby und Spcnce, „blntumolngie" (deutsch von Oken, Stuttg. 1823). Über die sogenannten weißen Ameisen (.Termiten. Ameisenbär (L1>rmeco;,Img!,) heißt ein Säugthier aus der Ordnung der Zahnlo. scn, die eine sehr verlängerte Schnauze und ein ganz kleines Maul ohne Zähne haben. Er hat zum Graben große Klauen, die er in der Ruhe einschlägt, und eine sehr lange Zunge, mit welcher er Ameisen und Termiten, womit ec sich nährt, dadurch fängt, daß er sie in die Wohnungen derselben einsenkt und, wenn sic sich angehängt, sie wieder einzieht. Sein Vaterland ist Südamerika, wo er gewöhnlich auf den Bäumen lebt. Er zeugt ein Junges, welches die Mutter auf dem Rücken mit sich führt. Die bekannteste Art ist der Aurumi, ein sehr friedliches Thier, sieben Fuß lang mit Einschluß des drei Fuß langen, stark behaarten Schwanzes, graubraun und mit schwarzem und weißem Streif auf der Schulter. Ameisenlöwe (A>rmelek,l>) nennt man dieLarve eines den Libellen ähnlichen, zu den Netzflüglern gehörigen Insekts, das durch keulenförmige Fühlhörner von jenen unterschiede» ist. Er war schon den älkcrn Naturforschern bekannt und erhielt seinen Namen von der Nahrung, die meist in Ameisen besteht. Seine Größe beträgt kaum einen Zoll, wovon die zwei zroßen vorstehenden Kinnladen fast ebenso viel wcgnchmen als der ovale, etwas platte Leib. Gleich den Krebsen geht er meist rückwärts. Um Beute zu machen, wühlt er sich an sonnigen Stellen in sandigen oder staubigen Boden, wodurch eine Art Trichter entsteht, auf dessen Grunde er mit aufgcsperrten Kinnladen den sich nähernden Insekten auflauert, welche sehr leicht in diese Falle rutschen. Amelungen heißen genau genommen die Abkömmlinge der Ameler. Die Am el er waren ein berühmtes Geschlecht der Gothen, von dem Ermanrich und Theodorich der Große (Dietrich von Bern) ihren Ursprung herleiteten. Im Nibelungenliede werden zunächst die Helden Dietrich's von Bern (Verona), dann überhaupt die Mannen desselben so genannt; Dietrich selbst heißt aber Voit der Amelunge, d. i. Beherrscher der Amelungen. Amen, ein hebr. Wort, mit welchem man etwas versichert (Ja gewiß! wahrlich!), ist aus der Neligionssprache der Juden in die der Christen übergcgangen. Der in den jüdischen Synagogen am Schlüsse der Versammlung crtheilte Segen ward von den Anwesenden mit einem Amen bekräftigt. Auch in den religiösen Versammlungen der ersten Christen ward das Gebet, welches der Älteste der Gemeinde oder ein Lehrer sprach, von der Gemeinde mit einem Amen beschlossen. So ist cs das Schlußwort des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Noch jetzt wird jede Predigt mit diesem Worte geendigt, welches aber nur dann an seinem Ort ist, wenn der Schluß der Predigt eine allgemeine Wahrheit, eine Ermahnung oder einen Wunsch ausspricht. Amendements heißen Zusätze und Veränderungen, welche durch die Verhandlungen an einem Gesctzvorschlage, einer Bill (s. d.), entstehen. Amenorrhoe bezeichnet in der Medicin den Zustand des Fehlens der dem mannbaren Weibe eigenthümlichen Menstruation (s. d.). Amenthes,. analog dem griech. Hades, bezeichnet das ägyp. Todtenreich, wohin nach der Meinung der Ägypter die Seelen nach dem Tode, von Anubis geführt, kommen. Der Eingang des Amenthes wird von Wölfen bewacht; im Innern desselben thronen Osiris and Isis als Herrscher. Um zu ihm zu gelangen, müssen die Seelen über einen See, über den sie ein Fährmann brachte. Amerighi, s. Caravaggio (Michel Angelo da). Amerigo Vespucci, gcb. v. März 1351 zu Florenz aus einer alten Familie, machte frühzeitig große Fortschritte in der Physik, Astronomie und Erdbeschreibung, die damals, wegen ihrer Beziehung auf den Handel, zu Florenz die Hauptgegenstände des Unterrichts ausmachten. Als Kaufmann begab er sich nach Spanien und befand sich in Sevilla, als Colombo Anstalten zu seiner zweiten Reise traf. Das Gelingen der Unternehmungen Co- 284 Amerika lombo's reizte ihn, sein Geschäft aufzugcbcn, um den ncuentdcckten Erdtheil kennen zu lernen. Am 10. Mai 1497 trat er in Cadix seine erste Reise unter dem Admiral Ojcda an und gelangte nach einer Fahrt von 37 Tagen an das feste Land von Amerika. Er unter- ' suchte den Meerbusen von Paria und die Küsten mehre hundert Meilen lang, kam nach einer Seereise von 13 Monaten nach Spanien zurück und wurde am Hofe zu Sevilla mit Auszeichnung empfangen. Die Angabe A.'s von einer zweiten Reise nach Amerika, deren Ergcbniß die Entdeckung einer Menge kleiner Znseln gewesen sein soll, hat sich als unrichtig erwiesen, und cs ist unter derselben die erwähnte erste Reise zu verstehen. Durch Versprechungen gereizt, unternahm er sodann in Diensten des Königs Emanuel von Portugal auf portug. Schiffen zwei Reisen nach dem neuen Festlande, die erste am 10. Mai 1501 und , die zweite am 10. Mai 1503. Nach dem Tode des Colombo trat er 1506 wieder in span. Dienste und besuchte mehre Male den neuen Erdtheil, der von seht an nach ihm benannt wurde. Keine seiner Reisen machte er als Befehlshaber, sondern nur als Geograph und Steuermann. Er starb zu Sevilla 1512. König Emanuel ließ in der Kathedralkirche zu Lissabon die Reste des Schiffes Victoria aufhängen, an dessen Bord A. im Dienste der Portugiesen die letzte Fahrt nach Amerika machte, und Florenz überhäufte seine Familie mit Ehrenbezeigungen. Noch sind indeß nicht alle Lebensumstände dieses merkwürdigen Mannes ganz aufgeklärt und ohne Widerspruch. Wir haben von ihm eine Karte von Amerika, ein Tagebuch über vier seiner Reisen, das 1532 zu Paris in lat. Sprache im Druck erschien, und Briefe, auf 22 Blättern in 4., die gleich nach seinem Tode in Florenz bei Giov. Stef. di Carlo da Pavia erschienen. Während Einige behaupten, daß die Ehre, den neuen Erdtheil nach sich benannt zu sehen, dem A. wegen seines bescheidenen, friedliebenden und von aller Anmaßung weit entfernten Charakters zu Theil geworden sei, hat Alex, von Humboldt in seinen „Kritischen Untersuchungen über die historische Entwickelung der geographischen Kenntnisse der neuen Welt" die höchst interessante Mittheilung gemacht, daß , A. seinen Namen von Deutschland aus erhalten habe. Der Auszug nämlich von A.'s aus- s führlicher Geschichte seiner amerikan. Reisen war zufällig auch nach Deutschland gekommen. Martin Waldseemüller aus Freiburg im Breisgau übersetzte denselben unter dem Namen Zjlacomylus für einen Buchhändler zu St.-Dicy in Lothringen. Als die erste Nachricht von der neuen Welt wurde das Werk verschlungen, Auflagen auf Auflagen drängten, und Waldseemüller war es, der nun den Vorschlag machte, dem Verfasser zu Ehren das neue Land Amerika zu nennen. Schon auf einer Karte zu einer 1522 in Metz veranstalteten Ausgabe des Ptolemäus ist dieser Name eingetragen, den bald alle Gelehrten annahmen, sodaß die Spanier selbst Nachfolgen mußten. Vgl. Blandini, „Vita e ietteie lli V. Vegpucci" (Flor. 1745, 4.) und Irving, „Ille lits Sllil V 0 )^SA 6 S nk (lolumbus" (Bd. 3, Land. 1828). Amerika, das Festland der westlichen Hemisphäre, die neue Welt, der Occident un- sers Erdballs im scharfen Gegensätze zu dem Orient, der dreifach gegliederten alten Welt, wird umspült westlich von dem Großen oder Stillen Weltmeere, östlich vom Atlantischen Ocean und im Norden von den Gewässern des Arktischen Polarmeeres. Es nähert sich nordwestlich durch die vorgestreckte Tschuktschenhalbinsel in der Beringsstraße dem Con- i tinente Asiens bis auf sieben Meilen und nordöstlich durch vorgelagerte Inseln (Grönland und Island) der europ. Insel Island auf 80 M., mit dem Cap-Charles der Südwestspitze Englands auf 400 M-, wogegen im Süden eine ununterbrochene 400 M. weite Wasserstrecke es vom westlichsten Punkte Afrikas trennt und um das Sechs- bis Achtfache die Südostküsten Asiens und NcuhollandS zurücktreten. Die äußersten Punkte des Festlandes sind: im Norden die Elsonsspitze, 71/z°nördl. B. und 138°/-° westl. L.; im Süden Cap- Forward, 53° 55'südl.B. und 53 ° 26' westl. L.z westlich Cap-Prinz-Wales, 65V-° nördl. B. und 150°/z° westl. L.; östlich Cap-St.-Roque 5° südl. B. und 17 -/ 2 ° westl. L. Diese Lage ergibt für A. eine charakteristische Meridianerstreckung durch alle Zonen, ja selbst einen Antheil an der südlich kalten, wenn man den antarktischen Archipel in Patagoniens , Verlängerung dem Welttheile zurechnet. Der Atlantische Ocean hat mit der gliedernden ! Kraft seiner Strömungen in der Mitte der Ostküste A.s die tiefen Buchten des Mexicani- schen und Karaibischen Golfes ausgewühlt, wodurch das Festland in die beiden dreieckge- Amerika 285 statteten Theile Nordamerika und Südamerika zerlegt ist, nur durch den sechs Meilen breiten Felsdamm der Landenge von Panama im Westen zusammengehalten, während im Osten die Eilandsflur der Antillen oder Wcstindien eine insulare Brücke zwischen den beiden Massen bildet. Der ganze Continent hat eine Längenausdehnung von ungefähr 2000 M., eine größte Breite von 805 M. (zwischen Cap-Prinz-Wales und Cap-Charles) und eine Küstenentfaltung von 9300 M., welche ein Areal von 663000 OM. umschließt, während die benachbarten Archipele die Große des Welttheils bis zu mehr als 700000 OM. steigern. Die Ostküsten A.s zeigen ein Spiegelbild ihrer transmarinen Ostnachbarn, indem Südamerika Afrikas arrondirtes Littorale wiederholt, Nordamerika aber der curop. Gliederung in Melville, Labrador, Neuschottland oder Akadia, Maryland, Florida und weiter südwärts in Aucatan ebenfalls reichhaltige Küstenzersplitterung entgegenstellt. Da auch Südamerikas Westküsten nur flache Biegungen zeigen, und Nordamerika durch Kalifornien, die Tschugatschenhrlbinsel und Aliaska auch im Westen eine Gliederung repräsen- tirt, so besteht in der Küstenconfiguration beider Theile ein eigentlicher Gegensatz, den die archipelagische Bcnachbarung thcilt. Südamerikas Ost- und Westküsten liegen nur einzelne Inseln in größer» Entfernungen vor, wie im Westen die Gallopagosinseln (unterm Äquator), S.-Ambrosia, S.-Felix und Juan-Fernandez, im Atlantischen Meere Fernando- de-Noronho, Trinidad und Columbus; die patagonische Südspitze aber ist in einen vielglievc- rigcn Felsarchipcl zersplittert. Hier liegen Chiloe, die Chonasinseln, Campana, Madre-de- Dios u. s. w. an der Westküste als patagvnischer Archipel und im Süden, getrennt durch die Magelhaensstraße vom Festlands, der Feuerlandsarchipel mit König-Karls-Südland, Staatenland, Navarin,Hoste, Desolation und den Hermiten, deren südlichste das Cap-Horn hat, und etwas entfernter im Osten die Falklandsinseln oder Maluinen mit Maideuland und Conti oder Soledad. Wenige Grade südlich und südöstlich tauchen schon die insularen Vorlagerungen eines noch nicht in festen Umrissen bekannten, wol aber in mehrfachen Entdeckungen angedeuteten antarktischen Polarlandes auf. Einen mannichfaltigern Jnselreich- thum zeigt Nordamerika von den üppigen Eilande» Westindiens im Süden bis zu den eisigen Bergen des Nordens. Westindien zerfällt in die drei Hauptgruppen der Großen und der Kleinen Antillen und der Bahamainseln oder Lucaycn, einen Handelshafen für alle Flaggen der Welt, ein Colonialland für alle bedeutende Seemächte Europas bietend. Unter den Kleinen Antillen sind am wichtigsten Curaqao und Margarita als Inseln unter dem Winde, Trini- dad, Tabago, Granada, St.-Vincenk, Sta.-Lucia, Barbados, Martinique, Dominica, Guadeloupe, Antigua, St.-Barthelemy und die virginischen Inseln St.-Croix und St.-Thomas als Inseln über dem Winde. Die großen Antillen zerfallen in Jamaica, Cuba, Haiti oder S.-Domingo und Portorico, getrennt vom Festlande durch die Straße von Pucatan einerund die Straße von Florida andererseits, und unter den dünenbesehten Lucayen erscheinen am größten Jnagua, Aklin, Guanahani oder S.-Salvador, Eleuthera und Abaco. Dem reichen Antillenarchipel der Ofiküste Centroamerikas stehen die sparsamen Inseln der Ne- villa-Gigedogruppe an der Westküste, den lang gestreckten Flachinseln, Bänken und Dünen an Floridas Küste die Felsinseln und Nisse des Purpurmeers und der Westküste Altca- liforniens gegenüber, während sich weiter von der Ostküste die Bermudasinseln entfernen. Wie im Osten Neufundland, Antikasti, Prinz-Eduardinsel und Cap-Breton theils im, theils vor dem Lorenzbusen als abgerissene Stücke einer Felsplatte erscheinen, so als vorliegende Felsriffe dicht an der Westküste Quadra-Vancouvers, die Königin-Charlotteninsel, Prinz-Wales, Sitka und Kodjak; wie im Osten Southampton und Mansfield die tief einschneidende Hudsonsbai im Norden verschließen, so umgürtet südlich an der Westküste das Beringsmeer der Aleutenarchipel, als eine lange zerrissene Fels- und Vulkanreihe in all- mäligem Übergange zu Asien, während innerhalb des Beringsmecrs der Pribiloffsarchi- pel, Nuniwak, die St.-Mathäusgruppe und St.-Lorenz liegt. Wenn auch die Entdeckungen von Dease und Simpson im 1.1839 endlich die Nordküsten A.s in festere Formen gebracht, wie bis dahin die Gestade des Meers der nördlichen Durchfahrten auf den Karten erschienen, so konnte doch der Muth so vieler Helden berühmter Polarcxpcditionen noch nicht den arktischen Archipel aus den eisigen Terrassen mit Bestimmtheit entwirren; denn dieKü- stenconfigurationen der die Baffinsbai umlagernden Inseln Grönland, Nord-Devon und 286 Amerika Baffinsland sind ebenso gut nur theilwcise bekannt, wie die von Cockburn, Dothia-Felix, Nord-Somerset, den nördlichsten Georgsinseln (Bathurst und Melville), von Banksland und Victoriasland. In unmittelbarem Zusammenhänge mit den Gegensätzen des Gliederungsreichthums zwischen Nord- und Südamerika steht auch die gleiche Verschiedenheit in Zahl und Bedeutung der Meereseinbuchtungen, denn die Hudsonsbai, Lorenzbusen, Fundybai, Nortonsund, Bristolbai, Purpurmeer, Campeche-, Honduras- und Guatimalabucht Nordamerikas sind nicht zu vergleichen mit den flachen oder kleinen Buchten Südamerikas, unter denen noch der Golf von Darien, von Maracaybo, die Allerheiligenbai, die Mathias- und Gcorgsbai, der Golfvon Guaiteca, Guayaquil, von Choco und Panama am bedeu- i tendsten erscheinen. (S.Nordamerika und Südamerika.) ^ Im Gegensätze zu Afrika herrscht in A. die Form der Ebene in fast zwei Drittheilcn l des Areals vor; doch zeigt sich auch hier eine einförmige Vertheilung zwischen hoch und tief, insofern das Hochgebirgssystem der Cordillcras de los Andcs auf einer von den Nord- zu den Südenden des Welttheils reichenden Basis von 216000 mM. sich an die Westgestade lagert, östlich zu unabsehbaren Ebenen übergehend, aus denen nur hier und da isolirte Ge- birgsgrupp cn hervortauchen. Die zu 5—600 F. absteigende Einsenkung auf der Landenge von Panama bildet auch eine natürliche Trennung zwischen dem nördlichen und südlichen Cordillerensysteme. Wenn im Süden (Patagonien und Chile) die Schnee- und Vulkanpiks den gleichen Gipfeln Guatemalas im Norden entsprechen, wenn hier wie dort in der Mittlern Gruppe die größte Höhe erreicht wird und bei nördlichem Weiterstreichen eine fächerartige Ausbreitung stattsindet und vorherrschender Äettengebirgsbau die Plateaubildung im höchsten Grade beschränkt, so unterscheiden sich die südlichen und nördlichen Anbei' doch in mehren charakteristischen Zügen voneinander. Die Kordilleren Südamerikas fallen in steilen, kürzer» Terrassen zu den Meeresufern und schmalen Küstenebenen, zeigen eine reichhaltigere Kettengliederung, tragen die höchsten Massen ganz A.s und senden nur kurz^ Verzweigungen zum östlichen Flachlande; dagegen legen sich den nordamerik. Cordil- j leren im Westen weitere Hochplatten an, um größere Stromentwickelungen zu begünstigen, wie sic überhaupt weniger vertical gegliedert, dann aber auch niedriger sind und nach Osten ausgedehntere Verflachungen senden. Die Namen der einzelnen Gruppen der süd- amerik. Anden richten sich nach den betheiligten Ländern im Allgemeinen, denn von Süd nach Nord verfolgt man die Kordilleren von Patagonien, Chile, Peru, Quito und Neugranada. Drei Hochländer, die von Peru, Quito und Santa-Fe-de-Bogota, stützen ihre Basis auf die Grundpfeiler des Hochgebirgs und himmelanstrebende Gipfel, wie der Pic von Sorate, als höchster ganz A.s, Jllimanni, Chimborazo, Cotopaxi, Pic von Tolima u. s. w., thürmen sich über die schneebedeckten Hochketten in zahlloser Menge auf. Nördlich der Einsenkung auf der Landenge von Panama erheben sich die nordamerik. Kordilleren unter den einzelnen Namen der Kordilleren von Guatemala, Mexico, Sonora, der westlichen , Central- und östlichen Kordilleren, das Plateau von Anahuac, Neumexico und die Oreganplatten umschließend, von schneebedeckten Gipfeln überragt, wie z. B. den Popoca- tepetl, Orizaba, Jamespic u. s. w. Die nicht mit dem Cordillerensystem in unmittelbarem Zusammenhänge flehenden isolirten Gebirgsgruppen, welche sich im Allgemeinen nicht über ^ Mittelgebirgsgrenze erheben und sich mit einer einzigen Ausnahme in kettenartiger Gliede- ' rung parallel an die betreffenden Küsten legen, sind in Nordamerika das System der Apa- lachen oder des Meghanigebirgs, in Südamerika das Bergland von Brasilien, Hochland von Guiana, Knstengebirge von Venezuela und das Massengebirge der Sierra-Nevada-de Santa-Marta. Wie die Cordilleren eine westliche Gebirgserfüllung bildeten, so liegt mit wenig Unterbrechungen das große amerik. Tiefland ihrem Ostfuße an, von den arktischen Küsten bis zu Patagoniens Südspitze. Wie die Anden durch die panamaschc Erniedrigung in zwei Systeme getheilt wurden, so die Ebene durch die Einsenkung im Mexicanischen und Karaibischen Golfe. Wenn die südamerik. Ebenen drei Viertel ihres Kontinents bedecken, so nehmen die nordamerik. ungefähr die Hälfte ihres Festlandes ein; bei beiden läßt sich jedoch eine Ähnlichkeit in horizontaler Gruppirung nicht verkennen. Man muß die schmalen j mexicanischen Küstenebenen den patagonischen Steppen, die Savannen des Missisippi den Pampas des Parana, Paraguay und Rio-de-la-Plata gleichstellen, hier die Apala- Amerika 287 chm, dort die brasil. Ketten als ähnlich liegende Unterbrechungen betrachten und findet hier wie dort im Norden die größten Flächen, nördlich die auf l 00000 OM. zu schätzende arktische Fels- und Sccplatte, südlich die Llanos des Amazoncnstroms und Orinoco in Ausdehnung von l45t>0(> OM. Diese Nebcneinanderstellungen können sich aber nur auf die Lage, nicht auf die Natur der Ebenen beziehen, da z. B. die arktischen und Maranoncbc- nen im größten Kontraste zueinander stehen; wie denn überhaupt die unabsehbaren Grasfluren amcrik. Flächen auch mit allen Ebenen der andern Welttheile in scharfem Gegensätze stehen und den Schauplatz eines cigenthümlich charakterisieren Lebens bilden. In so vielfach oceanischer Berührung, in jeder Zone die nie versiegenden Quellen der Andenfirste, im Besitz vegetativ belebter, großer dem Meere geöffneter Ebenen, gehört die großartige Entwickelung der hydrographischen Verhältnisse A.szudessenHauptcharaktcr- zügen. Die vollständige Stromentwickelung muß jedoch fehlen, da Höhe und Tiefe in engem Kontrast zueinander stehen und sich imMangel an Übergangsformen mittlereStufenlandschaf- ten gar nicht oder nur sehr theilweise entfalten können. Entweder liegt der kurze obere Lauf in hohen Gebirgsrevieren, und es stürzen die Wasseradern in wilden und grotesken Störungen ihres ruhigen Laufes zu den weiten Ebenen, oder es tritt an ihre Stelle das Meer, um oft selbst ohne schmalen ebenen Küstensaum die Flüsse der anliegenden Bergzone zu emvkan- gen. A. ist das Land der Bifurcationen, die zur Regenzeit noch bedeutend vervielfältigt werden: der Cassiquiari repräsentirt sie am mächtigsten als natürliche Stromverbindung zwischen dem Orinoco und dem Rio-negro des Amazonenstroms. Südamerika entwickelt die größten Stromverhältnisse der Erde, da der Maranon bei einem 730 M. langen Lauf ein Gebiet von 88400 mM., der La-Plata bis zur Paranaquelle bei 470 M. Stromentwickelung ein Gebiet von 72000 mM. hat, wogegen Nordamerikas größter Strom, der Mis- sisippi von der Missouriquelle an, zwar auch eine Entwickelung von 730 M., aber nur ein Gebiet von 54000 mM. zeigt, während der Lorenzstrom 62300 OM. in sein Gebiet faßt, aber nur 460 M. Stromentwickelung besitzt. Dagegen hat Nordamerika die größte See- gruppirung der Erde (nicht aber den größten See); denn schon die fünf Quellseen des Lorenzstroms umfassen in ihrem Gesammtareal 4600 OM., und ungemessene Flächen nehmen die unzähligen Seen der arktischen Ebenen ein. Im Norden wie im Süden, in den Pampas wie in den Savannen, in den Llanos und Selvas wie in den arktischen Platten übernehmen die reichhaltigen Wasseradern eine gleich wichtige Rolle als einzige Communi- cationsmittel in den weiten Flächen; ohne sie wären es große unwirthbare Gebiete, dort in eisiger Polarsphäre, hier in glühendem Tropengürtel. Nirgend zeigt A. so weit ausgedehnte sterile Flächen wie Afrika, selbst da nicht, wo die Bodennatur darauf schließen lassen möchte; denn sogar in den patagonischen Tiefsteppen wie den Oregansteppen nordamerik. Hochplatten erblickt man Fluß- und Seegebiete, wenn auch weniger ausgebildet, zum Theil aber auch noch nicht ganz bekannt. Unbedeutend ist die Westabdachung gegen die Ostabdachung; in Südamerika ganz beschränkt, in Nordamerika bedeutender, wegen verschiedener Entfernung der höchsten Ketten von den Küsten. Wo die Grundlage der Mündungsflächen eine feste ist, da zeigt sich Liman- oder einfache Busenform; wo der minder feste Alluvialbodcn in wagerechtem Niveau die Ebene erfüllt, da zeigt sich Delta- und Lagunenbildung. Die Hauptströme A.s sind folgende: der Mackenzie im Norden; die Hudsonsbaigewässer, als Churchill, Nelson, Severn und Albany, der Lorenzstrom, Missisippi, Rio-del-Norte, Mag- dalenenfluß, Orinoco, Amazoncnstrom oder Maranon, Paranahyba, San-Francesco, Nio- de-la-Plata, Colorado und Cusu-Leuwu im Osten und in Nordamerikas Westen der Frasers-, Caledonia-, Columbia- und Coloradofluß. Nur '/i, des Äquators berührt A., und selbst da, wo die mathematische Lage das Bestehen asrik. Hitze denken ließe, ist das Klima als ein verhältnißmäßig kühleres und feuchtes charakterisirt, hervorgerufen durch die vielfache oceanische Berührung, inncrn Gewässer- reichthum, dessen Folge in den großartigen Vegetationsverhältnissen, Konfiguration und Beschaffenheit des Bodens, den Besitz arktischer Polargestade und die herrschenden Winde. Die Grenzen der Negenzone.erweirern sich in Ä. unverhältnismäßig, wenn auch nicht immer tropische Hitze zur Seite steht, und der Antheil an allen Zonen zeigt die verschiedensten Vc- getationsgürtel, vom niedrigen Moose des Nordens bis zur üppigen Banane der Lroupe. 288 Amerika Das riesige Küstengebirge der Kordilleren steigt in allen Zonen über die Schneelinie; man , schaut von den kahlen wüsten peruanischen Küsten unter brennender Tropenhitze zu Gipfeln « auf, ewig in Schnee und Eis gehüllt; man steigt aus den riesenhaften Vegetationsräumen , des äquatorialen Quitos zu Höhen auf, wo einzig noch der Condor organisches Leben vcr- ° kündet und seine Schwingen über Gletscher und Schneefelder ausbreitet, aber man verläßt den Getreidebau in Peru in der Höhe von 12000 F., in Quito bei 9000 F. Der Norden und Süden A.s hat gleiche Tageszeiten, aber den entgegengesetzten Eintritt analoger Iah- , reszeiten, wenn auch hierin vorherrschende Winde, verschiedener oceanischer Einfluß und die ^ Lage der Kordilleren als eine großartige Wetterscheide solche Unregelmäßigkeiten erzeugi, ! daß z. B. die Ostküste Brasiliens die Regenzeit vom März zum Sept. und Peru unter glei- j cher Breite vom Nov. zum März hat. In der Tropenzone berühren sich die Zeiten des Ne- t gens und der Trockenheit in den schärfsten Extremen, allmäliger werden die Übergänge zwischen den Jahreszeiten jenseit der Wendekreise, bis die eisige Natur der Polarzone in kurzem . Erwachen aus langem Winterschlafe nur flüchtige Lebcnsexistenzen gewährt. Durchwandert man A. von Norden nach Süden in seinen verschiedenen Klimagürteln, so treten folgende Erscheinungen charakterisirend auf. Von den pflanzenleercn Nordgestaden bis zu einer die Westküsten unterm 60° nördl. B. und der Ostküste unter 5»' nördl. B. schneidenden Linie, auf welcher der wärmste Monat -s- 13° R. und der kälteste — 8° N. mittlere Temperatur erreicht, geht man aus den mit niedern Moosen und Flechten bedeckten Ebenen zu den strauchartigen und meist beerentragenden Gewächsen über, um anfangs vereinzelt und in verkrüppelter Form, dann in kleinen Gehölzen gruppirt Kiefern, Fichten, Tannen und Birken als Verkünder des Baumwuchses anzutreffen, der seine kräftigem Formen entwickelt in einer südlichem Zone, welche ungefähr bis zum 40° nördl. B. reicht und auf Vieser Äquatorialgrenze im wärmsten Monat st- 20°R.und im kältesten-!-1° R. mittlere Temperatur zeigt. Hier bilden die Bäume mit periodischem Laubfall, wie Eiche, Buche, Ahorn, Linde, Ulme, Kastanie u. s.w., ungeheure Waldungen, hier bedecken statt der . Haidekräuter der alten Welt, die verschiedensten Gräser die unabsehbaren Ebenen, Besonders im Westen des Missisippi, während im Osten desselben die europ. Getreidearten und Nahrungspflanzen ihre Stelle in den cultivirten Gegenden vertreten, europ. Obstbäumt > gedeihen und im Süden sogar , der Weinstock gepflegt wird. Beim Eintritt in die Regenzone durchschreitet man das Übergangsrevier zum echt tropischen Charakter bis zum 25" nördl. B., woselbst die geringe Jahresdifferenz zwischen dem wärmsten Monat mit-s-21" und kältesten mit st- 15" R. eine üppige Vegetation hervorruft. Schon zeigen sich immer- - grüne Laubhölzer, wie Orangen-, Lorber- und Ölbäume, schon treten neue Formen aus in den Magnolien, den Tulpenbäumen, Platanen und Zwergpalmen; neben Weizen werden Mais und Reis, in den Plantagen Zuckerrohr, Baumwolle und Taback cultivirt, während Batate und Manihot ihre mehlreichen Wurzeln zur Nahrung bieten. Vom 25° nördl. B. bis zum südlichen Wendekreis bedeckt der Gürtel der Bananen und des tropischen Getreides eine Zone, die unterm Äquator eine mittlere Temperatur von st- 24° R. im wärmsten und ' st- 19° R. im kältesten Monat erreicht, und in welcher die Pflanzenwelt in den üppigsten ' und riesenhaftesten Formen schwelgt. Zuckerrohr, Baumwolle und Kaffee steigen schon in > die untern Gebirgsregionen und an ihrer Stelle im Mecresniveau zeigen sich Aamswurzeln, s Ananas, Bananen, Melonen-, Brotfrucht- und Kuhbäume, Cocospalmen u. dgl.; die un- I durchdringlichen Waldungen enthalten mannichsaltige, zum Theil riesenhafte Baumformen der feinsten Holztextur, wie Mahagoni, Guajac, Campesche-, Gutti-, Brasilienholz u. s. w-, ' besonders in Südamerika repräsentiren die schönsten Palmenarten, als Mauritia-, Wein- beer-, Schirm-, Kohl-und Ölpalme die tropische Üppigkeit; die dichten Wälder des Chinarindenbaums beschatten Quitos Gebirgsterrassen; der Cactus entwickelt seine bizarrsten Formen aus den mexicanischen Plateaus und statt der Aloe Afrikas als vegetabilische Quelle für die verschmachtenden Thiere in den glühenden verdorrten Steppen ; die Farrnkräuter > werden baumartig; die Gräser erreichen unglaubliche Höhe und an die Stelle des Rasens tritt I ein undurchdringliches Gewebe von Schlingpflanzen, als Zeugnisse einer großartigen wilden Natur, die noch unzählige reiche Spenden bietet, unter denen Vanille, Cacao und Ingwer ^ als geschätzte Gewürzpflanzen bekanntsind. Die südliche bis zum 40°südl. B. reichende Zone l Amerika 289 der Edelfrüchte und tropischen Proteacecn hat an der Polargrcnze noch eine mittlere Temperatur des wärmsten Monats von -s- 17" R. und des kältesten von -j- 9° R.; noch gedeiht die Palme am untern La-Platastrom nächst Maulbeerbaum und Indigopflanze, während baumartige Disteln die Ebenen der Pampas bedecken, während die chileschcn Westküsten durch schöne Araucarias und andere Proteacecn, durch Buche und Eiche, Kartoffel und Arum charakterisier sind und als eingeführte Culturgewächse Wein, Oliven, Orangen,Hanf,Flachs- Taback, Mais, Gerste und Weizen an Europa erinnern. Das südliche Grenzrevier der Regenzeit rückt bis zum -18° südl. B. vor, wo die günstigen Tempcraturverhältnisse von -s- 12° N. für den wärmsten und Z- 3° R. für den kältesten Monat noch europ. Getreidearten, antarktische Proteacecn und an geschützten Stellen der Westküste selbst noch Wein und feinere Obstarten gedeihen lassen. In die südliche Zone des veränderlichen Niederschlags taucht die Südspitze A.s mit zwar geringen Temperaturdifferenzcn des wärmsten Monats von ff- ä" N. und des kältesten von — 3° N.; die geringe Sommcrwärme aber rcdu- cirt in schnellem Wechsel das Vcgekationsbild auf die einfache Form weniger Baumarten (Buche und Birke) und auf die untergeordnete Bildung der Moose und Farrn. Wie man von den äquatorialen Gürteln des Wclttheils bis zu seinen Polarcnden die üppige Riesenkraft der Pflanzenwelt immer mehr schwinden sieht, so auch im Ansteigen von den tropischen Küsteugestaden zu den cisbedccktcn GebirgShöhen, beim Durchwandern der einzelnen Regionen, die man in die drei Hauptgruppen der 1'ierr-t csliente, tein^Iscka und t'rls zu zerlegen pflegt, und die mittlere Gruppe als jene Gegenden bezeichnet, wo im Gewände eines fast ewigen Frühlings grüne Wiesen und kräftige Laubhölzcr sich einen mit den phantastischen und gigantischen Formen der Tcopcnwelt, um die gesündesten und angenehmsten Gegenden ganz A.s mit verschwenderischer Freigebigkeit zu beglücken. Wenn A. in Folge seines Klimas durch die großartigste Entwickelung vegetabilischen Lebens allen Weltthcilcn voranstcht und Afrika in der Production eines riesigen äquatorialen Treibhauses überragt, so kann cs nicht gleichen Anspruch machen in Beziehung auf seine Thierwelt, obwol ihm individuelle Physiognomie nicht abzusprechen ist. Erreichtauch der amcrik. Jaguar und Kuguar nicht die Majestät des afrik. Löwen und Tigers, erinnert der Tapir nur entfernter an den Elefanten oder das Nilpferd, und kommt das Lama dem Kamcele nicht gleich, so besitzt A. noch viele andere eigenthümliche Thiergattungen. Eigene Bären- und Nennthierarten, Bison- und Moschusochsen, Eichhörnchen und Zobel bewohnen die arktische Fels- und Seeplatte; der virginische Hirsch, das wilde Schaf Kaliforniens, der ncufundländischc Hund gehören Nordamerika an. Charakteristisch für Mittel- und Südamerika sind Faulthiere, Ameisenfresser, Gürtel- und Panzerthiere, der Condor in den Höhen der Anden, die schönsten Papageien wie eigene Affenarten in den Wäldern, der Kolibri mit prächtig metallisirendem Gefieder, der Brillantkäfer Brasiliens, die Busch- und Vogelspinne Guianas, die Klapperschlangen an den Ufern, die Zitteraale in den äquatorialen Gewässern und die Muskitenschwärme der weiten Ebenen. Ganze Heerden wilder Pferde, Esel und Maulthiere, des Rindviehs, der Hühner und Truthühner durchwandern die Ebenen, von Europäern eingeführt und verwildert. Betrachtet man die bekannte amerik. Thierwelt in sich, so erscheinen die Classen der niedernEntwickelungsgrade im Vergleich mit andern Welttheilen in einer verhältnißmäßig sehr überwiegenden Zahl; so z. B. belehrt ein Blick auf die oft 600 F. mächtigen, kleinen, Küstcngebirgen ähnlichen Randschichten an den chileschcn Küsten und benachbarten Inseln über die Existenz unzähliger Seevügel, denn jene Massen sind weiter nichts wie der unter dem Namen Guano bekannte verhärtete Koth solcher Schwärme, die man gar oft in einer Breite von sechs Faden, ununterbrochen drei Stunden lang vorüberziehen sieht. Was sich so unter den Classen der Thicrwelt bekundet, Dasselbe stellt sich heraus für das gegenseitige Verhältniß der drei Naturreiche; denn schon reicher und großartiger zeigte sich die Pflanzenwelt, am verschwenderischsten aber scheinen die Schätze des Miner a lrehchs ausgetheilt zu sein. Keine andere Gegend der Erde hat den Silberreichthum, nur wenige das Gold der äquatorialen Gebirgsgegenden, die Diamanten und andern Edelsteine Brasiliens, Neugranadas, Chiles und Perus, und nur der Ural wetteifert mit dem Platin A.s. Von dem Gesammtertrage aus den Bergwerken A.s, Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. ^ 290 Amerika Europas und des nördlichen Asiens lieferte zu Anfänge des l 9. Jahrh. A. allein 80 Proc. ; des Goldes, 9l des Silbers: doch hat sich seit dieser Zeit jenes Verhältnis freilich betracht, lieh geändert durch den Verfall der amerik. Gruben. Das seit drei Jahrhunderten i» A. zu Lage geförderte Silber würde eine Kugel von 85 F. im Durchmesser bilden. Den Ausspruch, daß in A. Ncichthum und Menge in den höhern Stufen der physischen Entwickelungsformen immer mehr abnimmt, bestätigtauch der einheimische Mensch; er bleibt in Zahl und Kraft noch hinter der Thierwelt zurück. Ob A. als ein abgeschlos- jenes Erdindividuum aus eigenen! Schosse ein Menschengeschlecht entwickelt hat, mag zu bezweifeln stehen, weniger weil aus den charakteristischen Ausprägungen der Nace asiatische Grundzügr hervorleuchten, sondern weil die Natur des Welttheils in ihrem milden Typus einerseits und den unkräftigcn Stützen andererseits nicht geeignet er- : scheint, ein unmündiges Geschlecht zu erziehen, dagegen den echten Stempel eines Colo- niallandcs trägt. Gleichviel, gebe man A. seinen kupferfarbenen Adam, oder lasse man in einer unbestimmten Vorzeit asiat. Stämme als erste Bevölkerer entziehen: als die Europäer A. kennen lernten, stand eigens charakteristrt neben den mongolischen Völkern ! der Polargegcnden das Geschlecht der Amerikaner da. Diese Ureinwohner, wie man sie viel- 1 leicht nneigentlich nennt, zeigten schlichtes, straffes, schwarzes Haar, dünnen Bartwuchs, nie- drige zurücktretende Stirn, hervorstehende Backenknochen wie der Mongole und eine kupfer- farbigeHaut; seineausgeprägte Physiognomie, die Adlernase und der ebenmäßige nicht selten hohe Körperwuchs erinnert aber an die kaukasische Bildung. Seit Colombo sind Europäer aller Natiouen in Menge eingewandcrt; der Hauch ihrer Thätigkeit hat die Eingeborenen niedergedrückt, und das um so schneller, als die Schwäche des amerik. Naturells das Be- dürfniß hervorrief, zur Arbeit in den Kolonien den kräftigen Neger nach A. zu brin- gen, und somit neben der kupferfarbigen und weißen auch die schwarze Menschcnrace in die neue Welt zu verpflanzen. Aus den Ehen dieser dreierlei Geschlechter entstehen je nach der verschiedenen Vereinigung sogenannte Mischlinge, unter denen die Spanier folgende elf jp Abstufungen unterscheiden: Mestizos, Kinder eines Europäers und einer Indianerin; Quarternos, Kinder eines Europäers und einer Mestize; Ochavones, Kinder eines Europäers und einer Quarterana; Pulchuelches, Kinder eines Enropäers und einer Ochavonasdie Kinder eines Europäers und einer Pulchuelchagleichen schon den Spaniern); Mulatos,Kinder eines Europäers und einer Negerin; Quintcroncs, Kinder eines Europäers und einer Mulattin; Saltatras, Kinder eines Quarteron und einer Europäerin; Calpanmulatos, Kinder eines Mulatten und einer Indianerin; Chinas, Kinder eines Calpanmulatten und einer Indianerin; Zambos, die von Schwarzen und Indianerinnen erzeugten Kinder; die von europ. Altern in gesetzmäßiger Ehe abstammcnden Bewohner der neuen Welt nennt man Creolen. Die Bevölkerung A.s kann'man zu 49 Mill. annehmen, ungefähr'/>» derGe- sammtbevölkerung der Erde, während seine Größe ungefähr aller Landflächen beträgt. Diese geringe Volksdichtigkeit von 70 Menschen auf einer OM. überragt nur die Australiens fast sechsfach, dagegen verhält sie sich zu der von Afrika wie l zu 3, zn Asten wie I zu 7 und zu Europa wie l zu 19'/-. Im Unterschied der Varietät werden die 49 Mill. zusammengesetzt von 18 Mill. Kaukasiern, 8 Mill. Negern, 13'/- Mill. Amerikanern und 9'/, Mill. Mischlingen, während die Religionsverschiedenheit 39 Mill. Christen ^ von 10 Mill. Heiden trennt. In ein geheimnißvolles Dunkel ist die Geschichte des amerik. Urvolks gehüllt; nur einzelne Lichtpunkte werfen die Forschungen der neuern Zeit in jene Epoche vor der Herrschaft der Europäer. In der alten Welt entwickelte sich die Civilisation zwischen der heißen und kalten Zone der nördlichen Halbkugel, sie ließ sich aufden nieder» Hochebenen und in den Tiefebenen nieder, die von den Hochländern ersten Ranges, wo die barbarischen Völker wohnten, beherrscht wurden, und ihr Weg ging von Ost nach West. Anders in der neuen Welt; hier entstand die einheimische Cultur auf den Hochebenen ersten Ran- t ges, die Wilden wohnen in den Tiefebenen und auf den nieder» Hochländern; die einzi- j gen Einfälle, deren die Geschichte erwähnt, geschehen durch die civilisirenden Völker, , die von Nord nach Süd durch die Hochebenen der Anden vorrücken. Die einheimische Gestt- ^ tung ging von drei gleichzeitigen Mittelpunkten aus; die Hochebenen von Peru, Cundina- marca und Mexico bildeten die Culturmittelpunkte des Welttheils. Die Peruaner wurden Amerika 291 ^ unter den Inkas, den Söhnen der Sonne, ihren Fürsten und Obcrpriestern, durch die For- men der sanften Religion des Manko-Kapak zu einer friedlichen aber tatkräftigen Nation ' gefesselt; die Tolteken und Azteken des Hochlandes von Anahuac wurden mehr politisch und kriegerisch von den Kaziken beherrscht, während in der Mitte zwischen Peru und Mexico die Muyscas auf Cundinamarca cin geistliches und ein weltliches Oberhaupt hatten; alle, vom Titicacasee bis Mexico, trieben den Ackerbau, Handwerke und Künste und haben die Spuren einer eigenen Civilisation hinterlassen, sie kannten aber nicht die Pflege der Heerde». In der Landenge von Panama unterbrechen wilde und kriegerische Völkerschaften den Schauplatz der civilisirten Nationen, während sich in den gemäßigten Zonen der Anden an / den Nord- und Südcndcn der hohen Cultursphären Völker finden im allmäligcm Übergange ^ zu den wilden Horden der Tiefebenen. Südlich ist es das kriegerische, gastfreie Volk der Ackerbau und Viehzucht treibenden Araucaner in den Alpenthälcrn Chiles, nördlich, auf den Hochebenen des Oregan, sind es halbmongolische Völker, wie die Wakaschen aufVan- couver, die zwar nur von Jagd und Fischerei leben, aber unter geordneten Negierungsver- l Haltnissen eine sehr entwickelte Sprache haben, in Kupfer und Eisen arbeiten und viel eigen- thümliche Civilisationsspuren zeigen. Die düstere, kalte, schweigsame und unempfindliche Nacc der Indianer (deshalb so genannt, weil man bei der Entdeckung A.s glaubte Indien ans nähcrm Wege erreicht zu haben) bewohnt die Tiefebene und die niedern Hochländer als eingeborene Wilde, die als Jäger und Fischer die weiten Räume durchstreifen, wol die Idee von Gott und der Unsterblichkeit der Seele habe», aber durch heidnische Gebräuche verschiedenster Art die Anklänge einer reinen Gottesverehrung verdrängen, und deren äußer« Sinne eine beinahe unglaubliche Schärfe erlangen, weil ihr Leben fast nur aus einer Reihe körperlicher Beschäftigungen besteht. Da die Resultate der Sprachforschungen noch keineswegs hinreichen für die Gruppi- rung der Völker nach Familien, Familienzweigen und Gliedern, so erscheint vorläufig noch ^ das geographische Ordnen der einzelnen V ölkcrschaften am natürlichsten, wo dann sich folgende Übersicht Herausstellen würde. I) Die Gruppe der Polarvölkcr: Eskimo von Grönland bis zurBeringsstraße und imNordwestcn Tschukkschcn,Alcutcn,Konägcn, Kenaizen, Ugatsch- miutcn und Tschugatschen. 2) Die nordwestliche oder columbifche Gruppe, zwischen den Wüstenplatten Kaliforniens, dem Felscngebirgc und großen Ocean: Koljuschen, Flachköpfe, Schopunisch, Slouacous, Schoschones oder Schlangenindianer u. s. w. 3) Die östliche, große atlantische Gruppe Nordamerikas, dereinst in dem großen Raume zwischen Felsengebirge und Atlantischem Ocean, dem Mexikanischen Golf und arktischen Küstenländern, jetzt durch die Einwanderung der Europäer in ihrer Verbreitung beschränkt und zersplittert. In ihr unterscheidet man neun Völkerschaften, und zwar: s) Athapeskow, im Norden einer Linie von der Athapescowguelle zur Nelsonmündung, worunter Hasen-, Kupfer-, Hundsribben-, Bogen-Indianer u. s. w.; ll) Algonkin-Lenape, vom Athapescow bis zur Lorenzmündung, worunter Knistinos, Algonkins, Chippcways, die Lenape, selbst noch die Dclawarcn und die erlöschenden Mohikaner im Südostcn u. a. m.; c) Irokesen und Huronen, in der Umgebung vom Ontario- und Ericsee; <>) Sioux, zwischen dem Missisippi, Missouri und Felsengebirge, _ ' worunter Assiniboins, Mandans und Osagcn; e) Cchicasas und Cchoctas, im Osten des un- > tern Missisippi; k) Cchcrokces, am obcrn Tennessee,; g) Natchez, am untern Missisippi; I>) Creek und Seminolcn, von der Südspitzc Floridas bis zu den Apalachen; i) Schwarzsüße, Pawnees u. s. w., im Westen zwischen Arkansas und Aellow-Stone, und K) Cu- manches, im Süden des Arkansas, -t) Die neumexicanisch-californische Gruppe auf den neumcxicanischen Plateaus und den westlichen Platten bis zur californischen Küste: Apachen u. s. w. !>) Die mittelamerikanische Gruppe: a) die eigentlichen Mexikaner oder Azteken auf dem Plateau von Anahuar (Azteken, Tolteken, Cchichimcken, Akolhuen u. s. w.) t mit aztekischcr und dem verwandter Sprache, und b) nicht aztekische Völker, nördlich und j südlich neben, aber auch zwischen den vorigen, z. B. Othomi, Tarasken, Totonaken, Mis- i teken, Guichcn u. s. w. 6) Die nördliche Gruppe von Südamerika, im Norden des Amazo- ^ ncnstroms: s) Karaibcn, als vorherrschendes Volk (die antillischen Karaiben sind ausge- ' storben), ihnen verwandt die Guaraunos, Cchaymas, Pariagoten, Cumanagoten, EuayanoS, 292 Amerika Tamanaken, Arawaken u. s. w.; >>) Ottomakcn; c) Saliva am Orinoco; 0) Parura im Nordendes untern Meta; <-) Maypurcs, am obcrn Orinoco und noch an l 22 Nationen mit ebenso vielerlei Sprachen und vielfachen Dialekten. 7) Die peruanische Gruppe:») das Volk der Inkas mit der herrschenden Sprache Quichua und fünf Hauptdialekten; l>) Nationen am Ucayalc, z. B. die Panos; c) Cchiquitos- und Moxos-Zndiancr am obcrn und Mittlern Madeira; <1) Völker von Cchaco, westlich des Paraguay (Guaycures, Abiponer u. s. w. 8) Die brasilische Gruppe von der La-Platamündung bis zum Amazonenstrom: s) Guaranis, als Hauptgruppe in vielen Unterabthcilungen mit den verschiedensten Sprachen (südliche, westliche, östliche Guaranis, letztere auch Tupis; Omaguas und Tocantins, Muras, Bororos, Xavantes, Lcrentes, Guayapos, Botocudos u. s. w.); 0) Ccharrua, am Urugay; c) Guayanas, am Parana, und noch 51 Nationen mit mannichfachen aber fast ganz unbekannten Sprachen. 9) Die südliche Grupp! Südamerikas, ungefähr vom 30° südl. B. südwärts, sehr verschiedene Stämme: Gauchos, Puelches, Araucaner oder M»lachen, Tehuelhets oder Patagoncn, Huiliches und Pescheräh oder Yakanakus. Wenn auch die Kenntniß über die Jndiancrstämme noch keineswegs vollständig ist, so kann man doch dcr verschiedenen Sprachen 450 und der Dialekte 2000 annchmen; man kann im Allgemeine» die nordamerik. Jägervölker ihrer geistigen Erweckung nach den Fischervölkern Südamerikas voranstellen und mit Recht erwarten, daß der curop. Forschergeist die über ganz A, verstreuten Spuren einer dunklen Vorzeit, von den Städtcruinen des Ohio bis zu den Bild- zeichen in den Felswänden des Parimcgebirgs verfolgen und A. eine eigene Geschichte g: ben werde, die nicht durch Europäer angegeben worden. Seit 350 Jahren ist das ethnographische Bild A.s anders gefärbt; Europäer zogen ein, entweder als Eroberer oder Colonistcn, Neger als Sklaven. Spanier und Portugiesen bemächtigten sich Südamerikas und Mexicos; Franzosen und Engländer Nordamerikas, wie- wol die Franzosen den Briten bald das Feld räumten; Russen haben sich im äußersten Nord- westen festgesetzt; die Antillen wurden der gemeinschaftliche Boden für sechs curop. Nationen und ein Negervolk und Guiana ein Colonialland für Frankreich, England und Holland. Hesperien und Britannien wurden die Organe, aus A. ein neues Europa zu machen, es zu unterwerfen, zu civilisiren und zum Christcnthum zu bekehren. Die Spanier eroberten und besetzten die Hochländer der Anden und die schon civilistrtcn Gegenden A.s, sie konnten die Vorgefundene Bevölkerung weder vertreiben noch vernichten, sie ließen sich unter ihr nieder und machten die Einheimischen zu ihren Arbeitern und Unterthanen. Die Portugiesen im Süden und Engländer im Norden colonisirtcn die Ostküstcn, verdrängten die Eingeborenen und bildeten neue Gemeinwesen, in die südlich mehr, nördlich weniger amerik. Element überging, in welchen aber zwei verschiedene Entwickelungswege verfolgt wurden. Die einen bewohnten ein Land in Klima und Boden ihrem Vaterlande ähnlich und konnten europäisch bleiben; die andern wählten die Aquinoctialgcgenden zu neuer ungewohnter Heimat und nahmen Negersklaven. Auf solche Weise gestaltete sich eine natürliche Vertheilung der verschiedenen Elemente auf amerik. Boden: in Nordamerika wurde der Südosten europäisch, die Jndiancrstämme zogen sich nach dem Nordwesten zurück; in Südamerika dagegen wurden dieselben von allen Seiten umschlossen, sie berühren nur im Orinoco - und» Amazonen - Delta und in Patagonien den offenen Occan; Mittelamerika und das westliche Südamerika wurden Vcrcinigungsländer von Europäern und Eingeborenen; die östlichen Gestadcländer zwischen dem 35° nördl. und dem 35" südl. B. wurden europ. Länder mit Sklaven und jenseit dieser Parallelen solche ohne Sklaven. Das europäisirte A. bietet daher drei Kasten dar, die Europäer, die Eingeborenen und Sklaven; ihre Farbe sondert sic scharf, die sie trennenden Schranken aber sind nicht überall von gleicher Festigkeit, denn dcr Spanier und Portugiese verschmilzt leicht mit dem Eingeborenen, der Angloamerikaner aber scheidet sich streng von ihm und auf den Antillen sind Weiße und Schwarze verbunden, aber nicht vermischt. Der Einfluß des Weißen steht zwar entscheidend für die Entwickelung dcr gesellschaftlichen Zustände da, denn er beherrscht durch seine Geistesüberlegenheit den fühllosen Eingeborenen, den sinnlichen und gedrückten Neger, den unternehmenden und thätigen Mulatten und erhebt diese bunte Menge allmälig auf seine Gesittungsstufe; aber die Weißen Jberiens haben eine andere Civilisation wie die Weißen Englands, und das hat zwei ganz Amerika 293 verschiedene Elemente hervorgcrufcn für die Gestaltung des Schicksals der Amerikaner. Spanier und Portugiesen kamen aus dem romanischen, katholischen, von unumschränkten Fürsten beherrschten Südeuropa; sic verließen ihr Vaterland, verlockt durch die Schatze der neuen Welt; sie bezogen einen ungewohnten Himmelsstrich, der Viele tödtete, Andere geistig entkräftete oder berauschte; ein breiter Ocean bot der Rückkehr nach Europa durch widerwärtige Strömungen Hindernisse und isolirte den Colonistcn von der Heimat; Gewalt drängte dem Einheimischen den Katholicismus auf, ohne sein Herz zu bekehren; die ans heimischem Boden selbst kränkelnde Civilisation faßte nicht feste Wurzel in fremdem Lande; ) das Volk wurde absichtlich unwissend gelassen und selbstsüchtige Gesetze hemmten den Verkehr, Gewerbflciß und Handel. So ging der Colonist mit dem Eingeborenen, der Eingeborene mit dem Colonisten unter, aus den Kolonien wurden selbständige Staaten, die meisten Republiken, einige Monarchien; aber nichts zeigte sich, was ein Volk der Freiheit würdig machte, die Dumpfheit einer entkräfteten Existenz ward blos gestört durch unaufhörliche Kriege. Anders gestaltete sich Alles in Angloamcrika. Der brit. Ansiedler kam als Stellvertreter des german., gemäßigten, protestantischen, gewerbsamen, freien und sittlichen Europas in einen Erdstrich, seiner Heimat ähnlich; er fand weder Gold noch Edelsteine, wol aber einen Boden, der auf die arbeitende Hand wartete, um zu belohnen; er bildete freie Gemeinden , gründete alle Einrichtungen auf die Religion und blieb »»vermischt mit dem Eingeborenen oder Neger; der Verkehr mit dem Mutterlande war leicht und geistig wie commcrciell bald belebt und innig; das Mitgebrachte wurzelte tief in amerik. Boden, verbreitete sich schnell und ging unter freiem, verständigem Schutze selbst in die Gegenden über, wo eine andere Natur neue Gesetze des Lebens vorschricb. Der größte Theil der engl. Ansiedler wurde eine freie Nation; ein großer Bund republikanischer Staaten bildete sich, gestützt auf den Grundsatz der Gleichheit der Stände; nicht blos Metalle und Colo- , nialwaaren wandcrten von A. nach der alten Welt, sondern auch die geistige Frische neuer politischer Theorien wirkte mächtig zurück. So steht ein romanisches und ein germanisches A. in mächtigem Gegensätze einander gegenüber; in einem wichtigen Punkte des gesellschaftlichen Zustandes aber treffen sie doch zusammen, nämlich im Fehlen privilcgirtcr Stände; denn ein neues Vaterland, eine neue Natur löste jede Vergangenheit und federte eine gemeinsame Gegenwart zur Erreichung einer einigen Zukunft. Dieser Grundcharakter der amerik. Civilisation greift wesentlich ein in die Staatengeschichte der neuen Welt, die eine cigenthümliche Entfaltung erhalten mußte, abkr noch nicht als ausgebildct zu betrachten ist. Zur Zeit ihrer Befreiung hatten die Colonisten weder fürstliche Familien zur Besetzung von Thronen, noch Aristokraten unter sich, die die Gewalt an sich rissen; demokratische Republiken mußten sich also bilden, und zwar Repräsentativrcpubliken, denn die europ. Königreiche an Grüße weit übertreffenden Gebiete waren so ausgedehnt, daß nur durch Abgeordnete die Souverainctätsrcchte ausgeübt werden konnten. Nach zweierlei Richtungen strebten die Republiken; entweder wurden sie Bundesrepubliken da, wo es galt, die verschiedensten Völker mit divergirenden Bedürfnissen unv Interessen, aber im Besitze aufgeklärter Männer, aneinander zu fesseln, wie in Nordamerika, oder es entstanden Centralrepubliken unter den span. Völkern, die gleichartiger waren und in ihrem Vaterlande keine politische Freiheit besessen hatten. Das Beispiel der Vereinigten Staaten verführte die südlichen Nachbarn (Mexico und Guatemala), indem sie die tobten Formen annahmen, aber das Wesen nicht erfassen konnten, was Bürgerkriege und Parteiungen erzeugte, und in A. den Föderalismus ebenso feindselig gegen den Unitarismus stellt, wie in Europa Königthum und Volkssouvcrainetät sich bekämpfen. Die erste Stütze der Republik ist die Tugend des Volks, wo es also so sittenlos, unwissend und dem politischen Leben fremd ist wie der Spanier A.s, da wird die öffentliche Ruhe gestört, die Freiheit artet in Zügellosigkeit aus, Bürgerkriege zerrütten Central- und Föderativrepubliken und beide gcrathcn unter das Joch des Militairdespotismus. Solche Kämpfe eines politischen Lebens haben entweder die amerik. » Staaten schon ergriffen, sie wüthen noch jetzt, sie schlummern unter der schwachen Decke des ' Monarchenthums, oder sie warten des leichten Anstoßes, um hervorzubrechen; aber noch ist die amerik. Staatcngeschichtc zu jung, um das Leben des Jünglings überschauen zu könnet!, 294 Amethyst Amici dem die monarchische alte Welt zu eng wurde, i» dessen Adern republikanisches Element ' pulsirt und dessen Ideal die freie Entwickelung des Individuums verheißt. Die selbständigen Staaten A.s sind folgende: I) Die Vereinigten Staaten Nord- amerikas, 2) Texas (noch nicht ganz in seiner Existenz befestigt), 3) Mexico, -1) Central- amcrika, 5) die Republiken Venezuela, 6) Ncugranada, 7) Ecuador, 8) Peru, 9) Do- livia, 19) Chile, l I) das freie Land der Araucaner, 12) die Platastaatcn oder die Republik Argcntina, 19) die Republik Uruguay, I-l) das Dictatorat Paraguay, 15) das Kaiser- thum Brasilien, 16) die Republik Haiti und 17) Patagonien, ein Land ohne feste stati- stische Form. (S. die betreffenden Artikel.) Die Colonien der Europäer sind folgende: . I) Russisch sind der äußerste Nordwcsien mit der Tschuktschcn-, der Tschupakschen-Halbinsel, ? Aliaska, den Alcuten und einigen benachbarten Inseln; 2) britisch das polare A., die hudsonsbailänder, Ober- und Niedcrcanada, Neubraunschwcig, Neuschottland (zusammen auch Cabotia), Neufundland, Bermudasinseln, Lucayen, mehre kleine Antillen, z. B. Trinidad, Tabago, Granada, St.-Vincent u. s. w., Jamaica, der Holzdistrict Ba- lize (auf Uucata»), die Mosquitoküste (neuerdings freiwillig unter brit..Schutz), Englisch- Guiana und die Falklandsinseln; 3) dänisch Grönland und die virginischen Inseln unter den kleinen Antillen; - 1 ) holländisch die antilliühen Inseln unter dem Winde (Cura- eao u. s. w.) und Holländisch-Guiana; 5) französisch Guadeloupe und Martinique in den Antillen und Französisch-Euiana; 6) spanisch Cuba und Portorico und 7) schwedisch ist St.-Barthe'lemy unter de» kleinen Antillen. Das Verdienst, A. zuerst entdeckt zu haben, gebührt dem Genuesen Cristoforo Colombo (s. d.), der nach vielen Gefahren am 7. Oct. 1-192 Guanahani, eine der Bahama- inseln, fand, die er San-Salvador nannte. Die erste Auffindung aber fällt schon in die Zeit des Mittelalters, da Normänncr schon 395 von Island aus das Nordpolarland Grönland entdeckten, unter Erich dem Rothen 982 Isländer das Christenthum auf den östlichen ^ Küstenrand verpflanzten und nun Entdeckungen auf Entdeckungen folgten. Der Isländer Biörn fand 1001 in südwestlicher Richtung Vinland. Vgl. Wilhelm!, „Island, Hvitra- manaland, Grönland und Vinland" (Heidelb. 18-12). In der Folge übernahmen die Brüder Niccolo und Antonio Zeni 1388 und 1390 eine Fahrt in den nordatlantischen Ocean, wurden an das räthsclhafte Frieslanda (wahrscheinlich die Färöer) verschlagen und sahen oarauf einen Theil von Nordostamerika, welches sie Drogno nannten (Neuschottland). Diese Entdeckungen übten aber keinen Einfluß auf die Entdeckung Colombo's von 1-192; denn sie waren vergessen und den Südländern unbekannt. Dessenungeachtet wurde der neue Erdtheil nicht nach Colombo, sondern nach Amerigo Vespucci (s. d.) genannt, welcher 1501 seine erste Reise unternahm. Über die fernern Entdeckungen A.s s. Reisen und Nordpolexpeditionen. Das Verdienst, den Naturcharakter der neuen Welt am wissenschaftlichsten und geistreichsten untersucht zu haben, bleibt Alex, von Humboldt (s. d.); seine Vorarbeiten werden es leicht machen, sein Geist wird dazu anspornen, die Bruchstücke und noch unvollständigen Forschungen in nicht mehr zu ferner Zeit zu einem Ganzen verschmolzen zu sehen und einen tiefer« Blick in A.s Natur und Geschichte thun zu können. Amethyst heißt die violette Abänderung des krystallisirten Quarz es (s. d.). ^ Amianth heißt die biegsam-faserige Abänderung des Asbests (s. d.). Amici (Giovanni Battista), Director der Sternwarte zu Florenz und Astronom des Großherzogs, geb. am 25. März 1786 zu Modena, studirte, nachdem er in seiner Vaterstadt die erste Erziehung erhalten, zu Bologna Mathematik und Naturwissenschaften. Seit 1807 diente er einige Zeit als Jngenieurarchitekt und wurde dann Lehrer am Lyceum zu Modena. Nachher an der Universität angestellt, ward er seit 1825 der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten, enthoben, dagegen beauftragt, jährlich einen Bericht über die Fortschritte auf dem Gebiete der Physik und Astronomie zu liefern, und 1831 inseine gegenwärtige Stellung berufen. Er verbindet gründliche Kenntnisse und sinnigen Ersindungsgeist mit großer mccha- . nischer Fertigkeit. Seine Teleskope und Mikroskope, seine Sextanten und die von ihm verbes- sertc Oamera lucicka haben allgemeine Anerkennung gefunden. Ganz besonderes Verdienst erwarb er sich um die Vervollkommnung des Spiegelmikroskops. Mit Hülfe seines Instruments machte er unter Andcrm höchst interessante Beobachtungen über den Bau und die Amiens Amilius 295 Saftbcwcgung In verschiedenen Pflanzen. Seine Abhandlungen sind in den „lllomaiie <1e!In 8t-cle!s italmiia" (Vd. 1 8 und l 9) enthalten und von den schönsten und naturgetreuesten Abbildungen begleitet. Auch lieferte er ausgezeichnete dioptrische Mikroskope, darunter eines, welches die pariser Facultät der Wissenschaften von ihm erhalten hak, mit sechs Ocularen und drei Objcctivcn, mittels deren man bei verschiedenen Combinationen verschiedene Vergrößerungen erhält. Die geringste Vergrößerung dieses Instruments imDurchmesscr ist 89-, in der Fläche 7921-, die bedeutendste im Durchmesser 4135-, in der Fläche 17,998225fach. Amiens, die Hauptstadt des franz. Departements der Somme im Flachlande der Picardie, mit 48999 E-, der Sitz eines Bischofs und königlichen Gerichtshofes, ist befestigt und durch eine Citadclle vertheidigt. Sie besitzt eine Universitäts -Akademie, ein College, theologisches Seminar, eine medicinische Schule, Gcwcrbschule, Akademie der Wissenschaften und Künste, Bibliothek, Bildergalerie und einen botanischen Garten. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnet sich aus die Kathedrale mit 124 glockenähnlich tönenden Pfeilern als ein Meisterstück goth. Baukunst und als Krönungskirche Ludwig's XIV.; außerdem sind das Nath- haus, das sogenannte Wasserschloß und diePromcnade derHautayezu bemerken. Die großen Fabriken in Sammet, Gilets, Teppichen,Band u. s.w. verarbeiten für 5—6 Mill. Fr. Seide, Wolle und Baumwolle und tragen viel zu dem bedeutenden Handelsverkehr der Stadt bei. In A.ward P c te r ss. d.), dcr Prediger des ersten Kreuzzuges, geboren. — Am 27. März 1802 Unterzeichneten daselbst Jos. Bonaparte, der Marquis von Cornwallis, von Azara und Schimmelpeunink den Frieden von A., der die Streitigkeiten zwischen England, Frankreich,Spanien und dcr batav. Republik schlichten sollte. Als sich nämlich 1809 England von allen continen- talen Bundesgenossen verlassen sah, und der russ. Kaiser Paul, unzufrieden, daß Malta dem Orden, dessen Großmeister er war, nicht zurückgegcbeu wurde, Preußen, Dänemark und Schweden zur Herstellung der nordischen bewaffneten Neutralität bestimmte, so legte Pitt auf die Schiffe der drei letzter» Flaggen Beschlag. Dagegen ward dem engl. Handel dcr curop. Con- rinent gesperrt, und dieser Umstand gab der Opposition im Parlamente gegen das Ministerium das Übergewicht. An die Stelle Pitt's trat der Sprecher Addington als erster Lord dcr Schatzkammer, während Lord Hawkesbury die auswärtigen Angelegenheiten übernahm, und sofort leitete das neue Ministerium Friedcnsuntcrhandlungcn ein. Ein Präliminarfriedc wurde zu London am I. Oct. 1891 unterzeichnet, zufolge des Desinitivfriedcns zu A. behielt England von seinen Eroberungen die Inseln Ceylon und Trinidad; auch blieben ihm die Häfen des VorgcbirgS der guten Hoffnung geöffnet. Frankreich erhielt seine Colonicn zurück und gcg-u Brasilien in Guiana den Araowari zur Grenze; die Republik der sieben Inseln wurde anerkannt und Malta wieder ein Ordcnsstaat; Spanien und die batav. Republik erhielten, bis auf Ceylon und Trinidad, ihre Colonicn wieder; die Franzosen sollten Rom, Neapel und Elba räumen; das Haus Oranien sollte entschädigt werden; die Integrität dcr Pforte ward ili dem Zustande vor dem Kriege anerkannt, weshalb dcr Sultan Selim am 13. Mai 1892 dem Frieden vor, A. förmlich beitrat. Allein dieser Friede fand in England bald allgc- gemeinc Mißbilligung, da der erste Cvnsul Bonaparte eine große Expedition nach S.-Do- mingo ausrüstete und in allen irländ. Häfen franz. Consulatc errichten wollte. Großbritannien weigerte sich daher, Ägypten und Malt-, zu räumen, weil es behauptete, Frankreich bedrohe ersteres. Das am 19. Mai > 893 von Seiten Großbritanniens zur Ausgleichung aller neuen Differenzen beider Staaten übergebene Ultimatum verlangte Entschädigung für den vom Cvutincnt vertriebenen König von Sardinien, Einräumung der Insel Lampedusa und daß die franz. Truppen das Gebiet dcr batav. und der helvet. Republik räumen sollten. Als dies dir franz. Negierung abschlug, erklärte Großbritannien derselben von neuem den Krieg. Amilius (Paulus), ein tapfererNömer, aus dem vornehmen Gcschlechte der Ämilier, fiel als Cvnsul im zweiten pun. Kriege bei Cannä 2I6v. Chr.— Sein Sohn Amilius Paulus Macedonicus, dem Vater an Tapferkeit und Edelmnth ähnlich, überwand in der Schlacht bei Pydna 168 v. Chr. den Perseus, König in Makedonien, und hielt deswegen einen großen Triumph, bei welchem er so viel Beute in den Staatsschatz brachte, daß die regelmäßige Steuer, das Tributum, seitdem für die Bürger aufhörke. Wahrend des Krieges starben zwei seiner Söhne, deren Tod er hochherzig ertrug und den Göttern dankte, daß sie 296 Amiot Ammianus Marcellinus dieselben zum Opfer gewählt, den Wechsel des röm. Glücks abzuwenden. Er war der Vater . des jüngcrn Scipio Africanu § (s. d.). Amiot oder Ain yot (Jacques), gcb. >513, gcst. 1593, ist durch seine franz. Uber- ' sctzungen gricch. Classiker bekannt, rücksichtlich derer das Urtheil N.acine's, der ihnen ihrer schmucklosen Sprache und ihres naiven Stils wegen unter allen Übersetzungen den ersten Platz anwies, noch jetzt gültig ist. Besonders cmpfchlungswcrth ist seine Bearbeitung desPlutarch, die mehre Auflagen (die beste von Brottier und Vauvilliers, 22 Bde., Par. 1783 — 87; neu von Cussac bearbeitet, 25 Bde., Par. I8U1 fg.) erlebt hat- — Berühmt ist auch der Jesuit Amiot, gcb. 1718 zu Toulon, der als Missionar in Peking viel zur genauer,, Kenntniß Chinas beitrug. Ihm verdanken wir die ausgebreitckstcn Belehr,»,- ^ gen über Altcrthümer, Geschichte, Sprache und Künste in China, wo er sich von 1759 bis zu seinem Tode im I. 1794 aufhiclt. Mit der chincs. und tatar. Sprache vertraut, konnte er China unmittelbar aus den Quellen kennen lernen. Die meisten seiner schätzbaren Arbeiten befinden sich in den „blcmoiros concernsnt l'kistvn e, >es Sciences et les iirts tles tlliinnis" (15 Bde., Par. 1776—91,4.); seine „Llogo ele la viIIe«Is Al»uIcclen" wurden von de Gui- gnes und sein „Dictionnairc tntnr-insntclienii-srnn^nis" vonLanglcs (3 Bde., Par. 1789, 4.) hcrausgegeben. Der Minister Berlin, selbst Kenner der oriental. Sprachen, hatte zu letzter,,, die nöthigen Typen auf eigene Kosten anfertigen lassen. Amman wird in der Schwei; und in Oberdeutschland für Amtmann oder Schultheiß gebraucht. Landamman heißt in der Schweiz der Obervoigt eines größer,, Bezirks. Amman (Joh. Konr.), geb. 1669 zuSchaffhauscn in der Schweiz, wo sein Vater Arzt war, studirte zu Basel die Arzncikunde und ging, nachdem er daselbst 1687 die medici- nische Doctorwürde erlangt, nach Holland. Hier hielt er sich eine Zeit lang zu Amsterdam auf, wo er sich auch verheirathcte. Später privatisirte er auf seinem bei Leyden gelegenen Landgute Warmund und schlug sogar aus Liebe zum Privatleben die nach dem Tode seines j jünger» Bruders ihm 1714 angetragene Professur der Naturgeschichte zuSchaffhauscn aus. * Er starb kur; nach der Rückkehr von einer zu botanischen Zwecken in sein Vaterland unternommenen Reise auf seinem Landsitze 1724. Am bekanntesten machte er sich durch seine glücklichen Versuche im Unterrichte der Taubstummen, überden er auch zwei lat. Abhandlungen schrieb (Anist. 1692 und Amst. 1769; 7. Ausl., 1749; deutsch von Graßhoff, 1828). Spätere Taubstummenlehrer, namentlich Heinicke (s. d.), haben aus A.'s Schriften geschöpft und auf seinen Grundsätzen weiter gebaut. Außerdem übersetzte er einige Dialogen des Platon ins Holländische und gab den Cölius Aurelianus (Amst. l 7 99, neue Ausl. 1755, 4.) mit Anmerkungen heraus. Amme. Die Natur legt eigentlich der Mutter die Pflicht auf, dem Neugeborenen ihre Brust nicht zu versagen, und wie jede naturgemäße Handlung mit Vergnügen und Lust verknüpft ist, so auch das Säugen, was die während der Schwangerschaft so innige Vcrbin- oung zwischen Mutter und Kind fortsetzt und den Einrichtungen der Natur gemäß nicht plötzlich gelöst werden soll. Bei der naturwidrigen Lebensweise aber, welche manche Frauen führen, gibt es, abgesehen davon, daß sich sehr oft gar keine Milchabsonderung einstellt, eine Menge Fälle, in welchen das Stillen weder der Mutter noch dem Kinde heilsam sein würde, indem entweder die Milch keine guten Eigenschaften hat oder die Brustwarzen ^ durch frühzeitiges Schnüren so verkrüppelt sind, daß weder die Kunst noch das Saugen des schwachen Kindes sie hcrvorziehen kann; oder aber es besitzt die Mutter eine Krankhcitsanlage, welche leicht auf das Kind übertragen wird, sie ist kachektisch, skrofulös, schwindsüchtig u.s.w. Unter solchen Umständen ist allerdings eine Amme der einzige naturgemäße Ersatz, welchen das Kind erhalten kann. Bei der Wahl derselben aber ist große Vorsicht nöthig; abgesehen von allen andern Bedingnissen, muß sie gesund sein; da dieses aber der Laie weniger zu beur- theilen versteht, so ist Jedem anzuempfchlen, bei der Wahl einer Amme den Rath eines Arztes einzuholen. In größer« Städten, z. B. in Paris, Wien u. s. w., hat man Ammenbu- reaur angelegt, die aber nicht immer die nöthigc Sicherheit gewähren sollen. Vgl. Maigne, , „Der Nathgeber bei der Wahl der Amme" (Quedlinb. 1838). p Ammianus Marcellllttls, ein röm. Geschichtschreiber des 4. Jahrh. n. Chr., aus Nnsiochia in Syrien, wohnte mehren Feldzügen im Orient und Occident, später auch IN Ätllinou Ammon (Christoph Friede, von) 297 , Gallien und Germanien bei und lebte zuletzt zu Nom den Wissenschaften. Er schrieb, obwol von Geburt ein Grieche, in lat. Sprache die Geschichte des röm. Staats von 91 — 37 8 n. Ehr. in 31 Büchern, von denen die 13 ersten, die Geschichte der Jahre 91—352, verloren gegangen sind. Man kann dieses Werk, welches mit Nerva anhebt, eine Fortsetzung des Tacitus nennen, den der Verfasser nachzuahmen suchte. Wenngleich Stil und Sprache die Flecken des Jahrhunderts tragen, so ist das Werk doch wegen der Wahrheitsliebe des Verfassers, wegen der genauen Beschreibungen der Länder und der Begebenheiten nach eigener Anschauung und insbesondere wegen der Bemerkungen über Deutschland sehr schätzbar. Die beste mit den Commcntaren der früher» Interpreten, besonders Gronov's, versehene Ausgabe ist von Wag- ^ »er und Erfurdt (3 Bde., Lpz. 1898), welcher Erstcre auch eine deutsche Übersetzung lieferte (3 Bde., Franks. 1792—93). Ammon, ein ägypt. und libyscher Gott, von den Ägyptern selbst Amun, oder, wie Champollion auf den Inschriften gelesen, Amon genannt, ward vorzüglich im oberägypt. Theben verehrt, das darum bei den alten Hebräern No-Amun oder Hamon-No, d. i. Ort des A., bei den Griechen aber Diospolis hieß. Hierher war der Dienst des A. aus dem äthiop. Mcroe gekommen, wie Theben selbst eine Colonie von Mcroe war; weiter verbreitete er sich von hier aus durch Libyen, insbesondere ins A m m oniu m (s. d.). Überall ward er unter dem Bilde eines Widders und in Theben wahrscheinlich auch in einem lebendigen Widder verehrt. Von den Mythen, welche die klassischen Schriftsteller »ns über ihn überliefert haben, erwähnen wir blos folgende: A. habe dem Liber das Vieh zugeführt, weshalb ihm ei» Tempel gebaut und er mit einem Widderkopfe dargcstellt worden; ferner, Jupiter habe dem Bacchus, oder Hercules, auf ihrem Zuge nach Indien, als sie von Durst erschöpft ihn anriefen, einen Widder gesendet, welcher durch das Scharren mit dem Fuße eine Quelle eröffnet, weshalb dem Jupiter, für den Ändere den orakelgebenden Widder selbst halten, ein Tempel cr- s richtet und er darin in Widdcrgcstalt verehrt worden; endlich, Herakles habe den Zeus sehen >. schon einmal bestätigte Adel auch aus ihn über. Nach wiederholten auswärtigen Berufungen zur höchsten geistlichen Würde wurde er 1831 zum Mitgliedc des Staatsraths und des Ministeriums des Cultus und öffentlichen Unterrichts, sowie zum Geh. Kirchcnrath und später zum Vicepräsidenten des Oberconst. storiums ernannt. In seinen frühem exegetischen Schriften folgte er den Grundsätzen Hcyne's, l Eichhorn's und Koppe's, welche die Auslcgungskundc in eine Philosophie der Auslegung verwandelt hatten, die nach und nach immer skeptischer und negativer wurde und von dem Bibeltcxte nichts ließ als den Ausleger und die Individualität seiner Ansicht. A. verband deshalb mit seinen Forschungen als Lehrer und Prediger die Grundsätze der Kant'schen Philosophie, als das kräftigste Mittel gegen die cinreißende Bibelskeptik, und eS sind sowol seine Moral als seine Dogmatik auf das Princip der praktischen Vernunft gebaut. Im Ganzen ist cr auch den Grundsätzen dieser Philosophie treu geblieben, die mehr als irgend ein anderes System die höchste Aufgabe der echten Theologie, nämlich Vereinigung des Wissens und Glaubens, befördert. Seine religiösen Ansichten und Forschungen gehen von dem Princip aus, daß die Wahrheit sich weder im Gefühl, noch in der Formel, noch in irgend einem Buchstaben findet, sondern in der den Gesehen des Gemüths angemessenen Erkenntniß des leben- ' digen Seins. Er bekennt sich daher in der natürlichen Theologie zum Theismus, in der christlichen zur innigsten Gemeinschaft Gottes mit Jesu, in der Moral zur Ableitung des höchsten Guts aus Gott und seiner Gnade, als Normalideen seiner Wissenschaft. Indem der Supernaturalismus als Glaube an die Offenbarung ohne Wissenschaft austritt,der Nationalismus als Wissenschaft ohne Glauben, so erklärt sich A., beide Systeme verwerfend, : für den rationalen Supernaturalismus, in welchem der Glaube da beginnt, wo die Wissenschaft aufhört. In diesem Sinne nahm er 1817 das Wort im Streite über Harms' Thesen, ward aber deshalb von Schleiermacher eines klugen Wechselns und Wendens der Meinung, za sogar eines gewissen Jesuitismus beschuldigt. Bei der beabsichtigten Vereinigung der protestantischen Kirchen, über die cr vor Andern 181.8 sein öffentliches Urtheil aussprechcn mußte, war cs nicht die Vereinigung selbst, die cr misbilligte, sondern das politische Zusam- menwcrfcn beider Kirchen in eine gährende Masse, von dem er Erschütterung der Basis eines freien evangelischen Kirchenvereins, Beförderung des Mysticismus durch Jndifferentismus, und Zerspaltung der protestantischen Kirche in neue Sekten befürchtete. Scharfsinniges Forschen und demüthiges Erkennen der menschlichen Grenzen, das zum Glauben führt, leuchtet aus allen seinen Reden und Schriften hervor. Daß er aber von der christlichen Liebe durchdrungen ist, beweist seine Humanität und die Gesinnung, welche er gegen Andersdenkende zeigt. Herr nicht allein der classischcn Sprachen des Alterthums, der oriental, und zwar meh- rcr Zweige derselben, sondern auch der neuern, besitzt cr Kenntnisse auf dem unermeßlichen Gebiete des Wissens, die durch seinen Scharfsinn für ihn zu einem unerschöpflichen Schatze werden. Mit seltener Gewandtheit und Leichtigkeit weiß er aufzufassen, zu unterscheiden und ? darzustellen und auf diese Weise den Verstand zu überzeugen und das Herz zu erwärmen. Sein Hauptwerk ist seine „Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion" (3 Bde., Lp;., 1833—36; 2. Ausl., Bd. I —3, 1836), in welchem er zeigt, daß es die höchste Aufgabe der Theologie (die er hier selbst zu lösen versucht) sei, die stufenweise Fortbildung der christlichen Glaubenslehre und ihre immer neue Verbindung mit der fortschreitenden Wissenschaft zu vermitteln. In diesem Werke, sowie in seinem „Handbuch der christlichen Sittenlchre" (3 Vde., Lpz. 1823 fg.; 2. Aufl. 1838) hat er den Rcichthum seiner Kenntnisse und die Tiefe seines Ürtheils am meisten entfaltet. Unter der großen Zahl seiner andern S chriften erwähnen wir: „Entwurf einer rein biblischen Theologie" (2. Aufl., 3 Bde.,Gött. 1801 — 2 ); „Christliche Neligionsvorträge über die wichtigsten Gegenstände des Glaubens und der Sit- ( tcnlehre" (6 Bde., Erl. 1703 — 06); „Wissenschaftlicher Entwurf der christlichen Sitten- lehre" (1. Aufl., Erl. 1807); „Anleitung zur Kainelbcredtsamkeit" (3. Aufl., Erl. 1826 ); Ammon (Friede. Ang. von) Ammon (Kurl Wilh.) 299 „8ii,nmi> tlieolox. cln-ist." (I. Aufl., Lpz. 1830); „Rcligionsvorträge im Geiste Jesu" (3 Dde., Erl. 1803—9); „Predigten im I. 1813 und 1813" (2 Bdc., Nürnb. 1813 fg.); „Predigten über Jesum und seine Lehre" (2 Bde., Dresd. 1819); „Predigten zur Beförderung christlicher Erbauung" (2 Bde., 2. Aust., Lpz. 1832); „Die gemischten Ehen, namentlich der Katholiken und Protestanten" (2. Aust., Dresd. und Lp;. 1839). Ausdrücklich dazu aufgefodert schrieb er: „Die Einführung der berliner Hofkirchenagende geschichtlich und kirchlich beleuchtet" (Dresd. 1825). Unter seinen sehr zahlreichen Gelegenheitspredigtcn i zeichnen sich mehre Vorträge am Rcformationsfeste, sowie „Zwei Predigten unter den Re- j gungen einer unfriedlichen und argwöhnischen Zeit" (Lpz. 1825) mit einem Vorworte über k den äußern Ncligionswcchsel und besonders die Landtagsprcdigtcn im I. 1830 und 1831 aus, die außer ihren homiletischen Vorzügen als Muster der Behandlung politischer Gegenstände ans der Kanzel und als bedeutende Urkunden für die Geschichte und das innere Staats- lebcn in Sachsen zu betrachten sind. — Sein ältester Sohn, Fr iedr. Wilh. Phil, von A., Professor der Theologie zu Erlangen, Stadtprcdigcr und Decan, hat sich durch einige populaire theologische Schriften, z. B. „Rudolfs und Jda's Briefe über die Unterscheidungs- lehren der protestantischen und katholischen Kirche"(Dresd. 1827) und „Galerie denkwürdiger Personen, welche im 16., 17. und 18. Jahrh. von der protestantischen zur katholischen Kirche übcrgetreten sind" (Erl. 1833), bekannt gemacht. Geb. zu Erlangen am 7. Fcbr. 1791, erhielt er seine Schulbildung zu Göttingen und studirte zu Erlangen und Jena. Seit > 1813 Schloßprediger zu Buttenheim bei Bamberg, später Prediger zu Merzbach, seit 1820 Archidiakonus zu Erlangen, rückte er nachher in die Ämter ein, welche er gegenwärtig bekleidet. Ammon (Friede. Aug. von), Hofrath und Leibarzt des Königs von Sachsen, der jüngere Sohn des Vorigen, wurde am 10. Sept. 1799 zu Göttingen geboren und erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium zu Erlangen und in Schulpfortc. Hierauf besuchte er 1818 die Universität zu Leipzig und 1819 Göttingen, wo seine akademische Schrift „Uber den krankhaften Schlaf" den Preis gewann. Nachdem er hier 1820 die mcdicinische Doctor- würde erworben, ging er 1821 nach Paris und bereiste dann das südliche Deutschland. Von seiner Anstellung als Arzt am Blindeninstitute in Dresden (1823), in welcher seiner neuen Vaterstadt er sich 1822 als ausübender Arzt niedergelassen hatte, datirt sich seine Vorliebe für die Augenheilkunde, die er bis in die neueste Zeit vorzugsweise bearbeitet hat. Von seinen frühern Schriften erwähnen wir: „Brunnendiätetik" (3. Ausl., Lpz. 1831); „Die ersten Mutterpflichten und die erste Kinderpflege" (3.Aust., Lpz. 1839); „De xencsi et „su ma- culoe Inteae in retins oculi luimsni obviss" (Weim. 1830, 3.); „8)'mdlepl>aron und die Heilung dieser Krankheit durch eine neue Opecationsweise" (2. Aufl., Dresd. 1833) und seine leider eingegangene „Zeitschriftfür Ophthalmologie" (Bd. I—6, Heidelb. 1830—37). Besonders sind cs seine „Klinischen Darstellungen der Krankheiten und Bildungsfehler des menschlichen Auges, der Augenlider und der Thräncnwcrkzeugc nach eigenen Beobachtungen und Untersuchungen" (3 Bde., Bcrl. 1838—31, Fol., mit 36 Kupfert.), sowie „Die angeborenen chirurgischen Krankheiten des Menschen in Abbildungen" (Berl. 1839—30), welche ihm einen dauernden Namen sichern. , Ammon (Karl Wilh.), als Pferdezüchter und hippologischer Schriftsteller bekannt, gcb. 1777 zu Trakehnen im preuß. Lithauen, studirte in Berlin Thierarzneikundc. Seit 1796 bei dem Hauptgestüte zu Friesdorf bei Ansbach, 1802 Kreisthicrarzt in Ansbach und 1813 erster Hofgestütmeister zu Rohrenfeld bei Neuburg an der Donau wurde er 1839 in Ruhestand verseht. Seine Schriften zeigen von Scharfsinn, Vertrautheit mit der Wissenschaft und seltner Kenntniß und Erfahrung. Bemerkcnswerth davon sind: „Praktische Abhandlungen über die Krankheiten der Pferde und des Rindviehs" (Nürnb. 1803; 2. Aufl. unter dem Titel: „Hausvieharzneibuch", Ansb. 1821); „Vollständiges Handbuch der praktischen Vieharzncikunst" (2 Bde., Heilbronn 1803—7); „Abhandlung über die Natur und Hci- lung der Augencnt^ündung bei Pferden" (Ansb. 1807); „Unterricht über den Milzbrand" i (Ansb. 1808); „Über Verbesserung und Veredelung der Landeöpserdczucht durch Landcs- gestüteanstalten" (3 Bde., Nürnb. 1829—31); „Bemerkungen über den Nutzen der landesherrlichen Hof- und Stammgestüte und der Wettrennen nach englischer Art" (Nürnb. 1830). Außerdem gab er heraus Reihenstcin's „Vollkommener Pterdekenncr" (3. Aufl., Aiiuuoilius 300 Ammoniak 2Bdc., Nürnb. >805); Sebald's „Geschichte des Pferdes" (Nürnb. 1812) und Desselben „Vollständige Naturgeschichte des Pferdes" (Ansb. 1815). — Sein Bruder GeorgGott- liebA., gcb. 17 80 zu Trakehnen, preuß. Gestütiirspcctor zu Vcsra, hat sich als praktischer und wissenschaftlich gebildeter Pftrdezüchter einen Namen erworben. Von seinen Schriften führen wir an: „Von der Zucht und Veredelung der Pferde durch öffentliche,und Privatgcstüte" (Berl. 1818); „Magazin für Pferdezucht" (Hildburgh. 182») und „Über die Eigenschaften des Soldatenpferdes und die Mittel, die Zucht desselben zu befördern" (Berl. 1828). Ammoniak oder das flüchtige Alkali besteht aus einer Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, im Volumenvcrhältniß wie I zu 3,welchc gasförmig ist, sich aber in Wasser auflöst ^ (!ili elet- tricita animale" (Mail. 1816). Noch gibt es von ihm eine Schrift über den Kartoffelbau (Flor. 1817) und einige reichhaltige Neisebüchcr, sowie einen bei Gelegenheit der Krönung Napoleon s zum König von Italien getriebenen „(-lnicko ponr les etrangers llans Wlan et «lans les environs (Is la ville". — Maria Pell egri na A., geb. 1756, die Nichte des Vorigen und von ihm ausgebildet, trat schon in ihrem 16. Jahre als Vertheidigerin philosophischer Sätze auf, stndirte dann Rechtswissenschaften. ward 1777 zu Pavia Doctor der Rechte und starb zu Oneglia am 12. Nov. 1787. Amortisation Ampere stttst Amortisation, von umnrtir, d. i. tilge», heißt derjenige Act der Staatsgewalt oder des Gerichts, durch welchen eine im Verkehr befindliche Sache demselben entzogen wird, und es wird dieser Ausdruck hauptsächlich von den Grundstücken und Capitalicn gebraucht, welche an die Kirche übergehen (in die todte Hand kommen), da nach kanonischen Grundsätzen alles Gut derselben für den Verkehr abstirbt. Schon aus dem 13. Jahrh. sind Verfügungen vorhanden, welche der Kirche den Erwerb von Grundstücken versagen, und im heutigen Kirchcnrecht ist cs anerkannt, daß dem Staate aus nationaläkonomischcn Rücksichten das Recht zustehe, den gedachten Übergang von Immobilien oder bedeutenden Capitalien an die Kirche von seiner Genehmigung abhängig zu machen. In den neuern Landesrechten sind Bestimmungen hierüber (Amortisatiousgcsetze) verschieden, gewöhnlich pflegt der Erwerb von Grundstücken unbedingt, dcrvon Capitalicn in quantitativer Beschränkung von der Genehmigung des Staats abhängig gemacht zu sein. In Würtcmberg gibt cs schon aus dem I. 152-1 ein Amortisationsgesctz; das neueste Landesgesetz dieser Art ist das preuß. Gesetz vom 13. Mai 1833. — Nächstdem gebraucht man das Wort Amortisation auch von der Ungültigkeitserklärung einer Urkunde, welcher in der Regel eine öffentliche Auf- fodcrung der dabei interessirten Personen vorhergehen muß. (S. Citation.) Staatsschuld- scheine werden amortisirt, indem sic für Rechnung des Staats aus dem Verkehr zurück- gckauft werden, um nicht wieder in Gang zu kommen. (S. Tilgun gsfonds.) Amos, der Prophet, ein Hirt aus der Gegend von Bethel, trat unter den Königen Usia von Juda und Jerobeam II. von Israel um 800 v. Chr. als Eiferer g-cgcn die in Israel herrschende Abgötterei aus. Sein im Alten Testament enthaltenes prophetisches Buch kündigt in den sechs ersten Capiteln verschiedenen damaligen Staaten und vorzüglich dem Reiche Israel wegen der Hartherzigkeit der Vornehmen und wegen der Einführung des fremden Gottesdienstes schwere göttliche Strafen an. Die drei übrigen Capitel enthalten symbolische Visionen, welche den nahenden Sturz des Reichs Israel bezeichnen. Zuletzt aber wird die Wiederherstellung des israelitischen Staats verheißen. Eigen sind A. ländliche Bilder, Rundung und Klarheit im Bau seiner Reden und Ausführlichkeit in seinen Schilderungen. Er gehört unter die besten Schriftsteller der Hebräer. Ampel, entstanden aus dem lat. Ampulla (s. d.), nennt man in der katholischen Kirche das zum Aufbcwahren des Salböles dienende Gefäß (ampulla cl>risu,alis). Ampelms (Lucius), wahrscheinlich im -1. Jahrh. n. Chr., ist Verfasser eines „Uiber memnrialis", welches in einer einfachen, bisweilen aber incörrectcn Sprache die wichtigsten geschichtlichen Begebenheiten erzählt. Seit der ersten Ausgabe vonSalmasius (Lcyd. 1638) ist es von den folgenden Herausgebern gewöhnlich dem Florus (s. d) bcigefügt worden; besonders erschien es (von Tzschukke) Leipzig 1703 und von F. A. Beck (Lp;. 1826). Ampere (Andre Marie), ein ausgezeichneter Mathematiker und Naturforscher, war zu Lyon am 20. Jan. 1775 geboren. Der Tod seines Vaters, der Kaufmann war und 1793 unter dem Beile der Guillotine fiel, machte auf sein jugendliches Gemüth einen tiefen Eindruck. Er suchte Linderung seines Schmerzes in ernsten Studien der Natur und des Alterthums. Jm J. 1805 folgte er einem Rufe als Repetitor an der Polytechnischen Schule, nachdem er zuerst in Lyon mathematischen Privatunterricht gegeben, in Ain aber eine Professur der Physik bekleidet hatte. In dieser neuen Stellung entwickelte er eine große Tätigkeit , sowol in seinem Wirkungskreise als Lehrer wie auch m der schriftstellerischen Laufbahn, die er mit seinem „blssai «„r I» tkeorie matbematiqne clu jou" (Lyon 1802, -1.) eröffnet hatte. Die Akademie der Wissenschaften ernannte ihn 1813 zu ihrem Mitgliedc und im I. >823 wurde ihm die Professur der Experimentalphysik am College de France übertragen. Er starb am 10. Juni 1836 auf einer Geschäftsreise in Marseille. Die Wissenschaften haben A. wichtige Untersuchungen zu danken, namentlich sichert seine elektrodynamische Theorie ihm dauernden Ruhm. Seine originelle Ansicht über die ursprüngliche Einheit der Elek- tricität und des Magnetismus hat er vorzüglich in dem „Uecneil ll'oli8ervations electro- clzmsmiqnss" (Par. 1822) und in der „Uceorie lies pbenoinenes electro-ll^nsmiqnes" (Par. 1830) nicdcrgelegt. Auch die,,.^nncl!os cle püvsique et cls cbimis^ enthalten werthvolle Aufsätze von ihm. Ampere (Jean Jacques), Professor der neuern Literatur in Paris, der Sohn des 304 Amphiaraus Amphibien Vorigen, gcb. zu Lyon im I. 180», hat sich ein großes Verdienst um die franz. Literatur durch sein vergleichendes Studium der verschiedensten Literaturen erworben. Seine ganze Bildung war hierauf gerichtet, denn nachdem er in Paris die Grundlagen wahrer Wissenschaftlichkeit gelegt hatte, hielt er sich in Italien und Deutschland auf und drang selbst bis hoch in den Norden. Vgl. seines Reisebegleiters W. Häring „Hcrbstceise durch Skandinavien" (2 Vde., Berl. 1828). Überall erfaßte er das Wesen der Nationallitcraturen mit großem Ernst. Dessenungeachtet ward, als er 182» in sein Vaterland zurückkehrte, seinem Wunsche, eine Professur in Paris zu finden, nicht gewillfahrt, daher er sich nach Marseille begab, wo er literarhistorische Vorträge hielt. Nach der Iulirevolution ward er Nachfolger von Andricux (s. d.) am College de France und Stellvertreter Villemain's an der Nor- malschule. A. ist ein gewissenhafter Lehrer, und seine Schriften haben eine hohe Bedeutung. Er hat das Gebiet der Sprachforschung nach allen Richtungen durchstreift und seine einzelnen Aufsähe, meist in den verschiedenen Revuen mitgetheilt, berechtigen zu großen Erwartungen. Einen Theil seiner Journalartikel hat er unter dem Titel „bitterst»,-«: et voz-uges" (2 Bde., Par. 183-1) gesammelt. Ganz vorzüglich ist A. mit den germanischen Literaturen vertraut; doch hat er, wie sein Aufsatz „De I» Oüns et »es truvanx cr den Fischen nähern. Sie legen Eier, die mit lederartiger Haut oder bei den Fröschen mit >r- : Schleim umhüllt sind; nur einige Giftschlangen gebären nackte Zunge; alle sind gegen ihre >g- Nachkommen gleichgültig und überlassen ihre Ausbrütung den Natureinflüsscn. Physiolo- el- gisch merkwürdig sind sie durch Zähigkeit des Lebens und die besonders an Salamandern >r- nachgewiescne Fähigkeit, verlorene Glieder wicderzuersetzen. Sowol in kalten als warmen s" Ländern verfallen sie in periodische Erstarrung, die in den erstem zum todtgleichen Winteren schlaf wird. Ihre natürliche Verbreitung beschränkt sich auf die warmen und gemäßigten ist, Breiten; besonders zahlreich in den erster«, fehlen sie ganz in den Polarzonen. Zu einer >s- riesigen Größe gelangen sie in den Tropcngegenden, wo allein die furchtbaren Krokodile on und Riesenschlangen wohnen. Den Menschen sind sie zwar zuwider durch ihre Körperen kälte, das Abenteuerliche ihres Ansehens, das Unheimliche ihrer Wohnorte unter Moder, ch im Schlamme oder im Dunkel; allein nur das Vorurtheil kann sie ohne Unterschied als I) schädliche oder verdächtige Geschöpfe bezeichnen, da sie in größter Mehrzahl harmlos und durch Vertilgung anderer kleiner Thiere nützlich sind. Nur gewisse Schlangen sind giftig; -e- jedoch machen diese von der ganzen Ordnung blos den sechsten, von allen Amphibien zusam- ch- men den dreizehnten Theil aus. Von directer Nützlichkeit für die Menschen sind nur die ßre Schildkröten. Keine Classe von Thiercn hat seit uralten Zeiten zu einer so großen Menge cs- abergläubischer Sagen Veranlassung gegeben als diese. Ersonnene Schreckwesen sind der l e Drache und Basilisk des Orients, der Lindwurm des germanischen Mittelalters, der Mecken resdrache Skandinaviens; richtige Naturanschauung verbirgt sich jedoch unter den classi- ;cn schen Mythen von P y l h o n (s. d.) und von dem Kampfe des Achelous (s. d.). Die Schlan- cht gen gaben schöne Gleichnisse als Haar der Eumeniden; sie sind Symbole der Verführung, len der Zeitenschnelle und der Ewigkeit. Die Zahl der genau bekannten Amphibien übersteigt pn jetzt tausend Arten, von welchen das pariser Museum im 1.1 834 schon 846 besaß. Die Lehre !in von den Amphibien heißt Herpetologie und ist erst in sehr neuen Zeiten wohlbegründet er worden. Man theilt die Amphibien nach anatomischen und physiologischen Grundsätzen in der die deutlich geschiedenen Gruppen der Schildkröten (Chelonier), Eidechsen (Saurier), Schlangen (Ophidier) und Frösche (Balrachier). Das vollständigste und neueste Werk (vollendet eni bis auf die Schlangen) ist Dume'ril's und Bibron's „Lr^ätolvFis gänersle" (8 Bde., Par. ei» 1834 — 42 ). — Die Vorwelt besaß kolossale Amphibien, deren versteinerte Neste man ehc- al- dem unter dem allgemeinen Namen Amphibiolithen unkritisch zusammenwarf, die aber in in neuerer Zeit genau gesondert durch Bronn, Cuvier, Wagler, Münster u. A. die Erkennt- len niß einer sehr wunderbaren, wenn auch untergegangenen Schöpfung vergrößerten. ,ur Amphibölie heißt die Zweideutigkeit, Doppelsinnigkeit, welche durch Stellung oder in, vielfache Bedeutung der Worte bald mit Absicht hervorgcbracht wird, bald unwillkürlich m- entsteht. In der Philosophie versteht man darunter die Verwechselung der Begriffe; so as- spricht z. B. Kant von einer Amphibolie der Reflexionsbegriffe und versteht darunter eine °cn Verwechselung des logischen und metaphysischen Gebrauchs der Verhältnißbegriffe von Ei- rch nerleiheit und Verschiedenheit, Einstimmung und Widerstreit u. s. w. er- Arnphibrächys, s. Rhythmus. >en Amphiktyonenbund-Gericht hieß das religiös-politische Bundesgericht Griechen- m- lands, das der Sage nach von dem König Amphiktyon, des Deukalion und der Pyrrha in- Sohn, um 1522 v. Ehr., nach Strabo aber von dem argivischen König Akrisius gestiftet die wurde, als ein Vereinigungspunkt für die einzelnen griech. Staaten, und zwar für einen Pit doppelten Zweck, einmal zur gegenseitigen Verwahrung der völkerrechtlichen Verhältnisse, pa- Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. 20 306 AmphilochuS Amphitrite sodann zur gemeinsamen Bewachung religiöser Gebräuche. Anfangs war Delphi der Be» sammlungsort, später aber auch der nahe bei Lhcnnopylä gelegene Flecken Anthela. Zwölf gricch. Völkerschaften schickten jede zwei Abgeordnete dahin, welche sich mit großer Feierlich, kcit versammelten, die öffentlichen Streitigkeiten schlichteten, die Zwistigkeiten einzelner Städte beilegten und bürgerliche und peinliche Verbrechen, besonders Verletzungen des Völkerrechts und Verschuldungen gegen den Tempel zu Delphi, bestraften. Wenn die einem für schuldig erkannten Volke auferlcgte Geldbuße binnen einer bestimmten Frist nicht bezahlt war, so wurde sie verdoppelt und eine neue Frist bestimmt. Erfolgte auch in dieser keine Zahlung, so wurde der Bund gegen dasselbe aufgefodcrt, um es mit den Waffen zum Echo» sam zu zwingen. Ein Beispiel davon liefert der zehnjährige phocische oder heilige Krieg. Auch hatte die Versammlung das Recht, Einzelne und ganze Staaten vom Bunde auszu- schließen. Noch unter den röm. Kaisern bis auf die Antonine wird des Amphiktyonenbund- Gerichts gedacht, an welchem zuletzt 3V Staaten Anthcil hatten. Seine Endschaft erreichte es erst mit dem Verfall des delphischen Orakels. Vgl. Tittmann, „Über den Bund der Am- phiktyonen" (Berl. 1812) und Heinsberg, „De consilio Xmpliict^ouum" (Lcobsch. 1828). Amphilöchus , der Sohn des Amphiaraus und der Eriphyle, der Bruder des Alk- mäon, dem er bei dem Muttermorde hilft (s. Alkmäon und Eriphyle), erscheint als einer der Epigonen und als Thcilnehmer am Zuge gegen Troja. Als er von da zurückge- kchrt war, ließ er sich mit MopsuS, der gleich ihm mit Scherkraft begabt war, in Cilicien nieder, ging aber dann nach Argos, wo er Argos Amphilochium gründete. Hierauf kehrte er nach Cilicien zurück, doch Mopsus wollte ihn von dem von ihnen gegründeten Heilig- khume ausschließen. Daher kam es zum Kampf, in welchem Beide fielen. Bei Magarsa, am Flusse Pyramus, wurden auch Beide begraben. A. ward nach seinem Tode göttlich verehrt, hatte in Athen einen Altar und in Mallus das bis auf die spätesten Zeiten berühmte Orakel. Amphimäcer, s. Rhythmus. Amphion, der älteste griech. Tonkünstler, war der Sohn des Jupiter und der An- tiope und der Bruder des Zethus. Er umgab Theben mit einer Mauer, zu der sich, nach der Sage, die Steine bei seinem Spiel der Leier von selbst verbanden. Seine Gemahlin war die Tochter des lydischcn Königs Tantalus, Niobe (s. d.), von der er viele Söhne und Töchter erhielt. Aus Betrübniß über den Verlust seiner Kinder erstach er sich selbst oder wurde, weil er den Tempel des Apollon stürmen wollte, von diesem getödtct. Mit seinem Bruder rächte er seine Mutter am Lykos und dessen Gemahlin Dirce (s. Antiope); Letztere band er an einen Stier und ließ sie von diesem zu Tode schleifen. Die an der Dirce vollzogene Strafe stellt das 1540 aufgefundene und im Palast Farnese ausbewahrte ausgezeichnete Kunstwerk „Der Farnesische Stier" dar. — Am pH ion heißt auch eine eisenhaltige Mineralquelle, welche in der Nähe von St.-Evian in der Provinz Chablais in Savoyen entspringt und zuerst 1747 von Fantoni näher untersucht wurde. Amphitheater, d. i. ringsumlaufender Schauplatz, hieß bei den Römern das zu den Kampfspielen der Fechter und wilden Thiere bestimmte Gebäude ohne Dach, in runder oder ovaler Form. In seiner Mitte befand sich die Arena, ein großer, mit Sand bestreuter Platz, auf welchem die Kampfspiele vorgestellt wurden. Ringsherum waren die zur Aufbewahrung der Thiere bestimmten Gewölbe; über diesen die Galerie, und von dieser an erhoben sich immer höher und weiter entfernt die Sitze, von denen die ersten 14 für die Senatoren und Ritter, die ober« aber für das Volk bestimmt waren. Julius Cäsar ließ 44 v. Chr. das erste größere Amphitheater zu Rom für seine Fechterspiele errichten; es war von Holz und wurde nach beendeten Spielen abgetragen. Statilius Taurus erbaute 20 Jahre später das erste von Stein und mit größerm Prunk. Das Colosseum (s. d.) zu Nom ist das größte aller Amphitheater des Alterthums. Diesem an Bauart gleich, von ovaler Form und in seinem sorgfältig unterhaltenen Innern noch immer den Zerstörungen der Zeit trotzend, ist das Amphitheater zu Verona, dort Arena genannt. Amphitrite, die Tochter des Meergottes Nereus und der Doris, nach Apollodor eine Tochter des Oceanus, war die Gemahlin des Neptun. Als dieser sie zur Gemahlin begehrte, entfloh sie zum Atlas, wo ein vom Neptun ausgeschickter Delphin sie auffand und dem Neptun zuführte. Als die Göttin und Königin des Meers wird sie auf einem Muschelwa- Amphttruo Ampulla 307 gen von Triloncn gezogen, oder auch auf einem Delphin, vor den, ein Amor schwimmt, reitend, mit Neptun's Dreizack in der Hand, abgebildet. Amphitrüo oderAmphitryon, König von Tiryns, war ein Sohn des Alcäus und der Hipponome, der Enkel des Perseus und Gemahl der Alkmene. Als seines Vaters Bruder Elektry on (s. d.) von den Teleboern unter Anführung der Söhne des Pterelaos seiner Rinder beraubt worden war, verschaffte er ihm selbige wieder, wofür er sein Königreich und seine Tochter Alkmene zur Gattin erhielt. Später erschlug er den Elektryon, und deswegen erhob sich Sthenelos, sein anderer Vetter, gegen ihn und vertrieb ihn nebst seiner Gattin Alkmene aus Tiryns. Er floh nach Theben zu dem Kreon, dem Bruder seiner Mutter, mit dessen Hülse er das Königreich des Pterelaos eroberte. Dieses geschah jedoch nicht eher, als bis die Tochter des lchtern, Komätho, aus Liebe zu dem A. ihrem Vater im Schlafe das goldene Haar, an dem die Erhaltung seines Lebens hing, abschnitt. Die verrätherische Komätho ließ er tödten, die Eroberung selbst aber schenkte er dem Kephalos, welcher an dem Zuge Theil genommen hatte. Während A.'s Abwesenheit von Theben zeugte Jupiter mit der Alkmene (s. d.) den Hercules. A. siel in einer Schlacht gegen die Minyer, welche er mit Hercules, um Theben von einem schändlichen Tribut zu befreien, bekriegte, und ward in Theben begraben. Plautus und nach ihm Moliere, Falk und Kleist haben die Geschichte des A. und seiner Gattin zu Lustspielen benutzt- Wahrscheinlich nach dem Moliere'schen Stück hat A. in der neuern Zeit die Bedeutung eines Mannes erhalten, der gern Gäste bei sich sieht und den gefälligen Wirth macht. Amphöra, bei den Griechen und Römern ein großes, gewöhnlich aus Thon bereitetes Gefäß, in Gestalt unserer Krüge, mit einem engen Halse und zwei Henkeln zum Tragen, unten aber spitz ausgehend, um es in der Erde befestigen zu können. Man bediente sich der Amphora zur Aufbewahrung verschiedener Flüssigkeiten, besonders des Weins, wobei die Römer das Jahr der Füllung durch angeheftete Täfelchen angaben, später aber auch dazu, die Überreste von Verstorbenen hineinzulegcn und so der Erde zu übergeben, wie eine im I. l 82 5 zu Salona in Dalmatien veranstaltete Ausgrabung bestätigt. Amplifikation, d. i. Erweiterung, findet statt, wenn eine Vorstellung, ein Urtheil oder Schluß nach ihren Bestandtheilen ausführlicher dargcstellt werden. In einem engern Sinne bildet die Amplisication den Theil der rednerischen Ausführung, bei welchem man über den unmittelbaren und wesentlichen Inhalt eines Satzes hinausgeht und den Gegenstand durch sein Verhältniß zu andern Dingen erläutert, ohne einen Gedanken in die Breite zu ziehen oder zu verwässern. Ihr Zweck ist Kräftigung der Darstellung durch Veranschaulichung und Gedankenfülle. Die Rhetorik nimmt gewöhnlich vier Arten der rednerischen Amplisication an: I) Erläuterung eines Satzes durch Ähnliches, wohin das Gleichniß gehört, 2) Erläuterung durch das Entgegengesetzte, 3) Veranschaulichung des Allgemeinen durch ein Besonderes und 4) Bestätigung durch Zeugnisse. Die griech. und röm. Rhetoren verstanden unter rednerischer Erweiterung die Vergrößerung oder Verkleinerung eines Gegenstandes durch Gedanken und Ausdruck. Da eine Ausführung, wie die oben angegebene, zunächst die Absicht hat, den Leser und Hörer zu überzeugen und seinen Willen zu bestimmen, so ist leicht zu erklären, warum Cicero und andere alte Redner sie nebst der Zusammenfassung des Ge- sammtinhalts (enumeratio) zu einem wesentlichen Theilc des Redeschlusses machten; jedoch wird dann unter Amplisication (auch exsgFer-ttio genannt) nur die letzte Bekräftigung des Inhalts, vorzüglich mittels eines allgemeinen Satzes, verstanden. Ampulla hieß bei den Römern ein zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten dienendes Gefäß. Die Ampulla war von Thon oder auch aus Glas, bauchig und mit zwei Henkeln versehen zum Aufhängen. Namentlich diente sie zur Aufbewahrung des Salböls in den Bädern. Berühmt ist die Vinpulln Remensis (la sainte mnpoule), die bei der Salbung des Königs der Franken, Chlodwig I., zu Rheims im J. 496 eine Taube vom Himmel gebracht haben soll und mit deren unversiegbarem Öle die Könige von Frankreich bis aus Ludwig XVI. gesalbt wurden. Während der Revolution wurde dieses Gefäß zerbrochen; doch ein Gläubiger rettete ein Bruchstück davon, das er nach der Restauration der Bourbons dem Erzbischof von Rheims aushändigte und in welchem sich auch noch ein Nest Öls vorge- 20 * 3V8 Amputation AmSler funden haben soll, der in eine neue Ampulla gebracht, bei der Krönung Karl's X. im I. 1825 zu dessen Salbung gebraucht wurde. Amputation heißt im Allgemeinen die kunstgcmäße Ablösung einzelner, nicht wesentlich zum Leben nothwendiger Glieder mittels chirurgischer Instrumente; sic wird zurEx- stirpation, sobald sic ganze Organe entfernt. Die Amputation muß unternommen werden, wenn das Leben durch ein örtliches Leiden gefährdet ist, durch Schußwunden in den Gelenken, gänzliche Zerschmetterung des Gliedes, welche dessen Erhaltung unmöglich ma- chen; bei langwierigen Eiterungen und Hohlgeschwüren mit Gängen, sogenannten Fisteln; bei Pulsadergeschwulst, Knochengeschwüren und Knochenentzündungen, beim kalten Brande, bei krebsartigen Geschwüren und Geschwülsten, deren Exstirpation Verletzung beträchtlicher Pulsadern befürchten ließe. Die Instrumente, die zur Amputation gebraucht werden, sind hauptsächlich das Messer, die Säge, das Turniket zur Zusammenpressung der Arterien, die Scheere und Feile. Zur Ablösung der Finger und Zehen bedient man sich auch des Meißels, und es wird diese Operation insbesondereDaktylosmileusis genannt. Die Amputation selbst geschieht auf folgende Weise. Nachdem die Hauptarterien zusammengeprcßt sind, um allzu heftige Blutung zu verhindern, werden die Haut und die Muskeln durchschnitten, etwas zurückgcdrängt, der Knochen hoch oben durchsägt oder durchschnitten, hierauf die Blutgefäße einzeln aufgesucht und unterbunden, und die Haut und Muskeln über dem Knochen zusammengezogcn. Schon im 1-1. Jahrh. versuchte man eine unblutige Amputation, gewöhnlich Abbindung genannt, die dann wieder durch Wrabez 1782 und Ploucquet 17 86 empfohlen, von den Neuern aber als unstatthaft verworfen wurde. Unter Denen, welche bestimmte Methoden der Amputation aufstcllten, haben Ravaton, dann Petit und Cheselden und vorzüglich Alanson, dem auch Gräfe beistimmte, Rust und Scoutetten in Metz die meisten Anhänger gefunden, sodaß jetzt drei Hauptmethoden in Gebrauch sind, welche nach der Richtung des Schnitts ihren Namen erhalten, nämlich die Cirkelamputativn, die Lappenamputation und die Amputation mittels des Schrägschnitts (Ovalairmethode). Amsdorf (Nik. von), ein wohlmeinender, nicht ungelehrter Theolog, der Gehülfe Luther's bei der Durchführung der Reformation, war am 3. Dec. 1-183 zu Zschepa bei Wurzen geboren. Er studirte zu Wittenberg, ward hier I5II Professor der Theologie, 1521 Prediger und ging dann 1524 als Superintendent nach Magdeburg. Im I. 1519 wohnte er der leipziger Disputation bei, war 1521 auf dem Reichstage zu Worms und begleitete Luther nach der Wartburg; auch war er 1527 auf dem Convente zu Schmalkalden und 15-11 beim Colloquium zu Regensburg. Durch den Kurfürsten Johann Friedrich den Großmüthigen von Sachsen, der auch einmal ohne Nom einen Bischof machen wollte, und mit Zustimmung Luther's ward er 1512 erster protestantischer Bischof zu Naumburg, nachdem die Wahl des Domcapitels, welche auf Julius von Pflug gefallen, für ungültig erklärt worden war, 1517 aber von den Kaiserlichen vertrieben und Julius von Pflug als Bischof eingesetzt. Hierauf wendete er sich wieder nach Magdeburg, wurde 1552 Superintendent zu Eisenach und starb daselbst am 11. Mai 1565. A. war einer der eifrigsten Gegner der mildern Melanchthon'schen Partei und ein Freund des Flacius. Es hat ihm hier und da zwar einen Übeln Ruf gemacht, daß er in der Hitze des Streites mit Georg Major gegen dessen Princip: „daß die guten Werke nothwendig zur Seligkeit wären", den Satz aufstellte und hartnäckig vertheidigte: „die guten Werke seien verderblich zum Heile"; doch hatte er, wie er den Satz genommen wissen wollte, auch recht. Sehr richtig entschied diesen Wortstreit die Concordienformel. Die Zahl seiner Schriften, darunter viele polemische, ist sehr groß. Amsler (Samuel), Professor der Kupferstecherkunst an der Akademie der Künste zu München, geb. 1793 zu Schinznach in der Schweiz, der Sohn eines Arztes, erhielt seinen ersten Unterricht in der Kupferstecherkunst durch Lips in Zürich und studirte später unter Karl Heß in München. Eine Magdalena nach Carlo Dolce war seine erste größere Arbeit. Im I. 1816 ging er nach Rom, wo er sich der dort auflebcnden neudeutschen Schule anschloß. In mehren Blättern nach Statuen von Thorwaldsen suchte er mit dem glücklichsten Erfolge die einfache Weise des Marc Antonio mit charaktervoller Auffassung des Originals zu verbinden. Gemeinschaftlich mit Barth aus Hildburghausen stach er das Titelblatt zu den Nibelungen, «ach einer Zeichnung vou Cornelius. Während seines zweiten Aufenthalts in Rom (1820 Amsterdam 309 —24) fertigte er daselbst viele Zeichnungen zu spaterer Ausführung und begann sein großes Werk, den Triumphzug Alexander's nach Thorwaldsen (herausg. mit Erläuterungen von L. Schorn, Münch. 1835). Nachdem er 1828 an die Stelle des verstorbenen Heß bei der Akademie in München eingetreten, stach er seine kleine Madonna mit drei Kindern nach Rafael und vollendete 1831 sein großes Blatt nach der Grablegung von Rafael im Palast Borghese, durch das er ebenso wie durch den Christus nach Dannecker's Statue in Eründ- lichkeit der Zeichnung und freie, kräftige, dem Original angemessene Behandlung des Grabstichels sich den ausgezeichnetsten Meistern der Kupferstecherkunst an die Seite stellt. Au den bedeutendsten Blättern, die er in neuerer Zeit geliefert, gehören zwei Stiche nach Bildern Nafael's in der Pinakothek zu München, die heilige Familie und die Madonna Tempi. Amsterdam , die Hauptstadt des Königreichs der Niederlande und der Provinz Nordholland, am Ausflusse des U, von zwei Armen der Amstel und von mehren Kanälen (Grachten) in i>v durch 290 Brücken verbundene Inseln getheilt und in Gestalt eines halben Mondes meist aufeingerammtcn Pfählen erbaut, war noch zu Anfänge des l3.Jahrh. ein Fischerdorf im Besitz der Herren van Amstel. Nachdem es sich gegen die Mitte dieses Jahrhunderts zu einem Städtchen erhoben und städtische Rechte erhalten, wurde es 1296 von den benachbarten Kennemers wegen der Thcilnahme Gysbrecht's van Amstel an dem Morde des Grafen Floris von Holland überfallen, verwüstet und der Besitzer selbst vertrieben. Hierauf kam cs mit Amstelland (der Uferlandschaft der Amstel) an die Grafen von Holland , welche die Stadt mit vielen Vorrechten beschenkten. Der Übergang aus der gutsherrlichen Hörigkeit unter die gräfliche Landeshoheit begründete ihr erstes Glück, ihr ferneres die Befreiung von der Herrschaft SpunicnS. Bald schwang sie'sich zur ersten Handelsstadt der Vereinigten Niederlande empor. Schon 1585, nachdem Antwerpen wieder spanisch geworden war, worauf dessen Welthandel sich nach A. zog, mußte die Stadt westlich bedeutend erweitert werden (neue Stadt), und 1622 zählte sie bereits 100000 E. Doch diese anwachsende Größe erweckte die Misgunst derNachbarn; Leicester suchte sich derselben 1587 durch Verrath, Prinz Wilhelm II. 1650 durch Überrumpelung zu bemeistcrn. Beide Versuche mislangen durch die Klugheit der beiden Bürgermeister Hooft und Bicker. In Folge des Kriegs mit England im 17. Jahrh. sank indeß der Handel so sehr, daß im I. 1653 gegen äOOO Häuser in A. unbewohnt waren; allein sehr bald hob es sich auch wieder. In der Versammlung der Generalstaaten genossen die Bürgermeister der Stadt eines solche» Ansehens, daß sie sich fast das ganze 18. Jahrh. hindurch mit dem Erbstatthalter messen konnten. Sie hatte aber auch in dieser glänzenden Zeit einen Neichthum sich erworben, daß keine andere Stadt in Europa ihr sich gleichstellen konnte. Der Ruf holländ. Redlichkeit und Sparsamkeit beförderte die Blüte ihres Handels. Sic war der große Markt aller Producte im Osten und Westen und ihr Hafen stets voller Schiffe. Großen Nachtheil brachten A. die Kriegsjahrc mit England von 1781 und 1782; doch erholte es sich auch von diesen. Seit der Ncgierungsverän- derung von 1795 aber verfielen Handel und Wohlstand immer mehr; am nachtheiligsten Wirkte die gezwungene Verbindung Hollands mit Frankreich, da ersteres der franz. Politik gegen die mit Frankreich kämpfenden Mächte folgen mußte. Der König Ludwig suchte zwar den holländ. Handel durch manche Begünstigungen zu heben, auch verlegte er 1808 seine Residenz und den Sitz der Regierung nach A.; allein jenes reizte Napoleon nur um so mchr gegen Holland auf, und dieses führte, obschon sich einige neue Nahrungsquellen dadurch eröff- ncten, doch auch mancherlei Nachthcile herbei. Die Vereinigung Hollands mit Frankreich im I. 1810 vernichtete vollends den auswärtigen Handel A.s, während zugleich die Einführung der Tabacksregie, der sogenannten clroits reunis, und manche andere Maßregeln sehr nachtheilig auf den inländischen Verkehr wirkten. Erst seit 1813 hat der Handel in A. wieder bedeutend zugenommen, da die unermeßlichen Capitale der alten großen Handels- und Commissionshäuser und die solide Art des Verkehrs im Maaren- und Wechselhandel, die kundige» Waarenmäkler und eine Menge den Handel erleichternder und sichernder Einrichtungen A. den Vorzug vor andern Handelsstädten geben. Die Stadt nimmt sich von der Hafenseitc wegen der vielen Kirchthürme prachtvoll aus; auch ist die Übersicht von der hohen, 660 F. langen Amstclbrücke und von der östlichen Einfahrt von Muiden aus, durch die sogenannte Plantage, sehr angenehm. In früherer Zeit war 310 Amsterdam A. eine starke Festung mit 26 Bollwerken, die durch willkürliche Überschwemmungen geschuht werden konnte, jodaß selbst Ludwig XIV.es bedenklich fand, sie anzugreifen; allein 1787 mußte sie, nach Übergabe der verschanzten nahen Dörfer, von einem mäßigen preuß. Heere bedroht, sich ergeben. Bei der jetzigen Kriegskunst kann sie indeß nur durch Überschwemmung der Umgegend behauptet werden, wenn nicht ein Winter, wie der von 1794 auf 1795, auch dieses Vcrthcidigungsmittel wirkungslos macht; denn nur die Eisdecke der Überschwemm»» gen machte cs möglich, daß Pichegru am 19. Jan. 1795 seinen Einzug in A. halten konnte. Von der Seite von Hartem deckt die Stadt die Schleuse von Halfwegen, und von der Ostseite die Festung Naarden. Im Halbcirkcl, den die Grerrze der Stadt von der Landseite beschreibt, bilden die Prinzen-, Kaiser- und Herrcngrachten mit dem Cingel viele kleinere Halbkreise, die alle auf den Amstelfluß oder auf den Meerbusen A außlaufen. Unter den öffentlichen Gebäuden ist das vormalige Stadthaus berühmt, das unter Leitung des Baumeisters Jakob van Kämpen 1648 — 55 erbaut ward. Unter demselben liegt im gewölbten Kellergeschoß der Schah der Bank. Das prächtige Gebäude steht auf 13659 cingerammten Pfählen, ist 282 F. lang, 235 F. breit und 116.F.hoch; 211 F. über die letztere Höhe erhebt sich der runde Thurm. Das Innere desselben schmückten mehre ausgezeichnete niederländ. Bildhauer und Maler des l 7. Jahrh. Den patriotischen Niederländern misfiel es daher höchlich, daß der König Ludwig 1808 das Stadthaus, in welches das früher im Hause zum Busch beim Haag aufgestellte Museum verlegt war, zu seiner Residenz erkor, und daß Kammerdiener die ehemaligen Berathungssäle der verehrten Väter der Gemeinde entnahmen; doch ist cs nicht zu leugnen, daß der bei dieser Gelegenheit eingerichtete Thronsaal wol der schönste Saal in Europa ist; auch hat das Gebäude dadurch sehr gewonnen, daß damals die alte Stadtwage abgebrochen und verlegt wurde. Auch jetzt wohnt der König, wenn er sich in A. aufhält, im Stadthause; die Stadtbehörden halten ihre Sitzungen in dem früher» Prinzenhause; das Museum befindet sich im Trippenhause. Die alte von 1608 —13 gebaute Börse, ünter der die Amstcl in das Damrackgewäffer fließt, wurde neuerdings abgebrochen und eine neue gebaut. Das Ostindische Haus, das Staatsschiffswerft und das Magazin auf der Katlenburg am N dienen jetzt dem Handel und der Seefahrt. Die Zahl der Einwohner betrug 1820 nur 180000, gegenwärtig 215000, worunter sich 44000 Katholiken, 32000 Lutheraner, 2000 Anabaptisten, 20000 deutsche und 2500 portug.Juden, 800Renwnstranten u. s. w. befinden. Zu den wichtigsten und eigenthümlichsten Anstalten, die A.s Welthandel unterstützen, gehören insbesondere eine große Zahl Schiffswerfte, Segel-, Tau- und Tabacksfabriken, die Diamantschleifereicn, Manufacturen in Tuch, Plüsch und seidenen Zeugen, Fabriken für Gold- und Silberwaaren, Tafelblei, Farbewaaren und chemische Präparate, Zuckerraffinericn, Brauereien, Genever-Brennereien und die Ausfuhr von Getreide und Colonialproducten. Das schöne Trippenhaus, wo sich auch die Akademie der Künste und Missenschasten versammelt, die vom Handelsstandc gestiftete Gesellschaft Velix meritis, die Gesellschaft Voctrina et amicit,Iastsl»eselirisvinFeler Stacks." (1 Bde., Amst. 1820) und Geisbeck, „IHeau statistigna et kirtoricpie <>'^." (Amst. 1821). Amt der Schlüssel nennt die Kirche die Macht der Sündenvergebung und Sündcn- behaltung, auf welcher dic Absolution (s. d.) beruht. Das sechste Hauptstück des lutherischen Katechismus, welches von dem Amte der Schlüssel handelt, ward erst später, nach der gewöhnlichen Annahme 1551, von dem Generalsuperintendenten Knipstrov zu Stralsund oemselben beigefügt, rührt jedoch von Luther selbst her. Die Antwort auf die Frage: „WaS ist das Amt der Schlüssel?" lautet: „Es ist die sonderbare Kirchengewalt, dic Christus seiner Kirche auf Erden hat gegeben, den bußfertigen Sündern die Sünde zu vergeben, den unbußfertigen aber die Sünde zu behalten, so lange sie nicht Buße thun." Man beruft sich hierbei auf Joh. 20, 21 — 23, und nach Matth. 16,19 unterschied man im Amte der Schlüssel dm sogenannten Löse- und Bindeschlüffel. Unter dem Bilde von Schlüsseln des Himmelreichs nämlich gibt Christus in der erwähnten Stelle den Aposteln die Vollmacht, in das Messiasreich aufzunehmen oder von demselben auszuschließcn. Vgl. Mohnike, „Das sechste Haupt- stück des lutherischen Katechismus" (Strals. 1830). Amu, s. Aralsee. Amulet nennt man einen mit gewissen Figuren, Charakteren oder einer Inschrift vcr- sehencn Körper, z. B- Stein, Metall u. s. w., welchen man bei sich, gewöhnlich am Halse trägt, um gegen Krankheiten und Bezauberung geschützt zu sein. Der Name stammt, wie die Sache, aus dem Orient. Die ältesten Amulete finden sich bei den Ägyptern, wo sie dic Form des Käfers hatten. (S. Scarabäus.) Bei den Griechen hieß ein solches sympathisches Schutzmittel im Allgemeinen Phylakterion, bei den Römern ^muletum. Die Juden betrachteten die Perga- mentstrcifcn mit den Gesctztafeln, die sie bei sich tragen mußten, als Abwehr aller Übel und der bösen Geister, und cs gibt wol kein Volk, bei welchem nicht irgend eine Art Amulete im Gebrauche gewesen wäre. Von den Heiden ging der Gebrauch der Amulete in die christliche Kirche über. Man gab ihnen die Inschrift d. h. Fisch, indem dieses Wort die Anfangsbuchstaben der gricch. Worte „Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland" enthält. Eine eigene Art Amulete waren die Abraxas steine (s. d.) der Basilidianer und anderer gno- stischen Sekten im 2. Jahrh. n. Chr. In der spatern Zeit trug man die Amulete so häufig, daß im 1. Jahrh. die Verfertigung derselben den christlichen Geistlichen bei Verlust ihres Amtes untersagt werden mußte und die Amulete selbst 721 zu Rom feierlich verdammt wurden. Im christlichen Europa geschah ihre Verbreitung vorzüglich durch Juden. Bei den Türken und vielen Völkern des mittler» Asiens glaubt sich Jeder durch ein Amulet schützen zu müssen. Mit der Verbreitung arab. Wissenschaft und Astrologie verbreiteten sich auch die astrologischen Amulete der Araber, die Talismane (s. d.), im Abendlandc. Die kleinen Heiligenbilder, welche die neapol. Schiffer bei sich tragen, sind ebenfalls nichts Anderes als Ämulete. Über Amulete und das Lesen der Inschriften auf denselben vgl. Kopp's „?->Iao<,- grspiua critica", Bd. 3 und 1 (Manh. 1829); außerdem Emele, „über Ämulete und was darauf Bezug hat" (Mainz 1827). Neuerdings hat der Magnetismus die Amulete wieder in Aufnahme gebracht, jedoch aus natürlichen Gründen, weil nämlich gewisse Substanzen eine Heilkraft durch äußere Berührung haben und die Einbildungskraft deren Wirksamkeit befördert. Amusetten heißen die leichten cinpfüudigen, mit einer kleinen Näderprotze versehenen Kanonen, welche ehemals den leichten Truppen mitgegeben wurden und besonders für den Gebirgskricg bestimmt waren. Außer den Amusetten deS Marschalls von Sachsen, des 312 Amyklä Anachoreten Grafen Rostaing und den in Dänemark üblich gewesenen, sind besonders die des Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg zu bemerken, der sie so einrichtete, daß sie von fünf Menschen gezogen und bedient werden konnten. Auch der Herzog von Weimar gab 1798 seinen Jagern Amu- fetten. Seitdem jedoch die Feldartillerie beweglicher geworden, sind sie abgeschafft worden. Anchklä , eine Stadt in Lakonien, am Ufer des Eurotas, 20 Stadien südöstlich von Sparta, woTyndarus rcsidirte und seine Gattin Lcda den Kastor, Pollux und die Helena von Jupiter gebar. In frühem Zeiten wurde A. der Sage nach so häufig von den Überfällen der Spartaner in Schrecken gesetzt, daß sich unter den Bewohnern wiederholt das leere Gerücht verbreitete, der Feind sei im Anrücken, und daß man endlich ein förmliches Gesetz gab, man solle von den Überfällen der Spartaner gar nicht mehr sprechen. Die Stadt wurde daher, als die Spartaner einst wirklich einficlen und Niemand eine Kunde zu geben wagte, in Brand gesteckt und zerstört, daher das Sprüchwort entstand: „Durch Schweigen ging A. unter." Ana, als Endung mit einem Eigennamen verbunden, bezeichnet eine Sammlung von auf Letztem oder dessen Führer bezüglichen Anekdoten, historischen Zügen und Einfällen aller Art. Die Idee dieser Benennung, von den Gebrüdern Dupuys zuerst in den „Scaligerema" (Haag 1666) in Anwendung gebracht, fano zunächst in Frankreich vielen Beifall und Nachahmung. Ihm folgte Holland, England („vaconisna", 1679), Deutschland („Tsubma- niana", 1702), Dänemark („l^clloniana", 1770) und Amerika („VVüsdingstoniiina", 1800), doch nur zum kleinsten Theile mit gutem Erfolg. In neuester Zeit hat nur England gute Ana geliefert. Wissenschaftlich wichtig sind die „IV1oiu>L>una", „tüolomesiana", „b'nre- terisna", „OnnüIinFisna", „kerronisna" und „Ikuaua". Ein ziemlich vollständiges Verzeichniß der Ana gibt die Schrift (von Ludewig) „I.e livret «los essm de catslozue insnuei" (Dresd. 1837), nachgedruckt, jedoch vermehrt in der „vidlioAroxliis der ouvrsAes xubliös sous le vom d'^os", von Namur (Brüss. 1839). Anabaptisten, s. Taufgesinnte. Anacharsts, ein Scythe und Bruder des Königs SaulioS, kam von der Begierde nach Kenntnissen und Bildung getrieben, mit seinem Freunde Toxaris zu Svlon's Zeiten nach Athen, von wo aus er auch andere Länder besuchte. Wegen seines Hellen Verstandes rechnete man ihn später sogar zu den sieben Weisen und legte ihm viele sinnige Aussprüche und Erfindungen bei. Die Briefe, welche seinen Namen tragen, sind viel spätem Ursprungs. Nach seiner Rückkehr in das Vaterland ließ ihn der König umbringen, um der von A. versuchten Einführung der Mysterien der Griechen vorznbcugen. — Unter dem Titel: „Reise des jüngem A. nach Griechenland" verwebte Barthe'lemy (s. d.), der seinen A. einige Jahre vor der Geburt Alexander des Großen nach Griechenland kommen läßt, die ungleichartigsten Theile der Geschichte Griechenlands mit vielem Geschmacke in ein Ganzes. Anachoreten. Unter den Mönchen der ersten christlichen Jahrhunderte hießen zum Unterschiede von den Cönobitcn, d. i. den in Gemeinschaft Lebenden, Diejenigen, die für sich allein in einsamen, verlassenen Gegenden lebten, Anachoreten, Eremiten oder Einsiedler. In Ägypten, Palästina und Syrien, wo die heißen Köpfe sich am leichtesten verirrten, wurden die übrigens immer isolirten Hütten der Anachoreten in wüsten Gegenden und in der Form eines großen Kreises errichtet. Jede dieser Hütten wurde nur von einem Anachoreten bewohnt, der von aller Gemeinschaft mit den andern entfernt lebte. Die tägliche Beschäftigung der Anachoreten bestand in Beten und zwecklosen Quälereien. Hier sah man sie schwere Kreuze schleppen, dort unter der Last von Ketten erliegen und ihre abgezehrten Körper mit eisernen Halsringen, schweren Arm-und Beinschienen beschweren. Jedes nicht unumgänglich nöthige Kleidungsstück wurde abgelegt. Viele Anachoreten beiderlei Geschlechts gingen ganz nackt. Auch suchten mehre von ihnen, auf allen Vieren gehend, ihre Nahrung auf der Weide. Andere warfen die zottige Haut irgend eines wilden Thiers über sich, dem sie in Geschrei und Betragen ähnlich zu werden suchten; andere lebten in dunkeln Höhlen, aus welchen sie nur der Nahrung wegen hcrvorkrochen. Die eifrigsten unter ihnen brachten mehre Tage ohne Nahrung und Schlaf in den peinlichsten Stellungen zu. (S. Styliten.) Dafür wurden sie denn auch von den Völkern und Fürsten höher als alle andere Heiligen gehalten, und aus den fernsten Gegenden kamen Processionen, sich ihre Gnade bei dem Himmel, oder Gesandtschaften von Kaisern und Königen, sich ihren Rath bei wichtigen Unternehmungen zu erbit- Anachronismus Anakreon 313 te». Ihre Frömmigkeit war einmal im Geschmacke der Zeit, und noch jetzt findet man in ganz katholischen Ländern hier und da Einfiedler. Sie verschwinden, sobald der Glaube an ihr Verdienst schwindet. Hervorgerufen wurden sie durch die Meinung, esse! etwas Verdienstliches, sich von der sündigen Welt zurückzuziehen und durch Peinigung des Körpers dessen Begierden auszurokten. Äußere Veranlassung wurden in den ersten Jahrhunderten der Kirche die Christenverfolgungen. Einer der berühmtesten Anachoreten war A n t o n i u s (s. d.). Anachronismus heißt ein Jrrthum wider die Chronologie oder Zeitrechnung, indem man eine Begebenheit aus Unkunde in einen falschen Zeitraum versetzt. Bei den Alten, wie bei Platon und Lucian, finden wir Anachronismen bisweilen wissentlich angewendet, um gewisse Personen oder Begebenheiten für ihren Zweck in der Darstellung benutzen zu können. Häufig sind die Anachronismen bei den frühem Malern, z. B. wenn die Maria den Rosenkranz betend dargestellt wird. Anadyomkne, d. h. die Auftauchende, ist ein auch häufig bei deutschen Dichtern der Venus in Bezug auf ihren Ursprung aus dem Meere gegebener Beiname. Der größte Maler des Alterthums, Apelles, stellte die Göttin in dem Augenblicke dar, als sie dem Meere entstieg und ihre Haare mit den Händen trocknete. Sie war nach Einigen nach der Pankaste, nach Andern nach der Phryne (s. d.) gemalt. Dieses Gemälde, das Meisterstück jenes Künstlers, kauften die Einwohner der Insel Kos und stellten es im Tempel des Äskulap auf. Von ihnen kaufte es gegen Erlaß von 100 Talenten Steuern Augustus, der es nach Rom schaffen und in dem Tempel der Venus Genitrix aufstellen ließ. Zu Nero's Zeit war es ziemlich verwischt und wurde durch ein Werk des Dorotheus ersetzt. In der griech. Antho- loAe haben Ankipater aus Sidon, Archias, Demokritos, Julianus und Leonidas aus Tarent die A. in fünf Epigrammen zu schildern versucht. Anagogische Auslegung heißt diejenige Ärt allegorischer Bibelerklärung, welche den Worten eine himmlische Beziehung gibt, sie als Symbole der triumphirenden Kirche und des ewigen Lebens überhaupt faßt. So z. B. wurden die Worte „Es werde Licht" anagogisch von der einstigen Verklärung verstanden. Namentlich Origen es (s. d.) hat diese Ausle- gungswcise auf die Bahn gebracht. Anagramm heißt eigentlich das Rückwärtslesen der Buchstaben eines oder mehrer Worte. So ist „Sarg" ein Anagramm von „GraS" und „Nebel" von „Leben". Im weitern Sinne versteht man darunter eine Buchstabenversetzung, um dadurch ein oder mehre neue Wörter zu bilden, wie ;. B. „Dame" und „Made". Calvinus nannte sich auf dem Titel seiner Institutionen, vermöge eines Anagramms, „Alcuinus". Auf ähnliche Weise geben die Worte: „Revolution trany-rise", das Anagramm: „IIn Oorse I» knirs" und das bedeutungsvolle „Veto". Vorzüglich liebten die mystischen Ausleger der heiligen Schrift bei den Juden, die Kabbalisten, diese Spielereien. Sonst war cs sehr gewöhnlich, auf Inschriften und in Gedichten auf irgend eine Begebenheit mittels des Anagramms die Jahrszahl der Begebenheit u. dgl. anzugeben. Es gibt große Sammlungen solcher Anagramme. Anakephaläösis , s. Rekapitulation. Anakolüthon oder Anakoluthie heißt in der Grammatik und Rhetorik der Mangel an Folgerichtigkeit der grammatischen Construction, wobei jedoch stets eine Absicht des Schreibenden zum Grunde liegt. Anakoluthen entstehen durch plötzliche Veränderung oder Unterbrechung der Construction, vorzüglich nach länger» Zwischensätzen, worüber der Hörer den Anfang der Construction außer Acht gelassen haben kann, oder durch Weglassung von Wörtern, die aus dem frühem Zusammenhänge wiederholt oder ergänzt werden müssen. Gute Schriftsteller, besonders der Griechen, bringen dem Nachdrucke, mit welchem ein oder mehre Wörter betont werden sollen, oder der Deutlichkeit, wegen welcher ein Wort oder ein Satz herausgehoben wird, oder dem Ebenmaße bisweilen die streng logische oder grammatische Ordnung zum Opfer. Ost ist cs die leichte Natürlichkeit der Rede, welche zumal bei Völkern, die mehr sprachen als schrieben, Anakoluthie» erzeugte. Zum Fehler werden sic, wenn sie Folge der Unachtsamkeit unv des Mangels an Gedankenordnung, oder wenn sie, wie bei später» Rhetoren der Griechen, gesucht und erkünstelt sind. Anakrkon, den das griech. Alterthum unter die neun grüßten Lyriker zählte, war zu Teos in Jonien geboren, wurde in Abdcra erzogen und blühte von 530 v. Chr. an. Poly- 314 Auakrufis Analogie krates, Beherrscher von Samos, berief ihn an seinenHof und schenkte ihm seine Freundschaft. Hier sang A., von Wein und Liebe begeistert, seine leichten gefälligen Lieder. Nach dem Tode seines Beschützers ging er 521 v. Chr. nach Athen, wo er bei Hipparch die ausge- zeichnetste Aufnahme fand. Der Sturz desselben vertrieb ihn von hier, und wahrscheinlich begab er sich nach Teos zurück. Als indeß Ismen gegen den Darius aufstand, floh er nach Abdera, wo er ein heiteres und glückliches Alter durchlebte und 85 Jahre alt flarb. Der Sage nach erstickte er, wie Sophokles, an einer getrockneten Weinbeere. Sein Freund Si- nionides verfertigte auf ihn eine doppelte Grabschrift, die Stadt Teos setzte sein Bild auf ihre Münzen, auf der Burg von Athen stand seine Bildsäule, und ganz Griechenland nannte seinen Namen mit gebührenden Lobsprüchen. Nur ein kleiner Theil seiner Gedichte ist auf , unS gekommen. Bon fünf Büchern sind 68 Gedichte unter A.'s Namen übrig, von denen > jedoch die Kritik nur wenige als echt anerkennt. Die neuesten Ausgaben des A. sind von Mehlhorn (Glog. 1825), Bergk (Lpz. I83ä) und Schneidewin in„velect. poe«. groec". (Gotting, l 838). Deutsche zum Theil gereimte Übersetzungen lieferten Gleim, Göh, Ram- ler, Degen, Overbeck, Kannegießer, Jordan, Möbius und Rettig (2. Aust., Hannov. 1835). AnakrüsiS (griech.), Aufschlag oder Auftakt heißt in der Metrik und Musik die Vorschlagssylbe. Auch nannten die Griechen so das Anschlägen oder Anstimmen eines Instruments, als Anhaltepunkt für den Sänger, was aber ein Vorspielen in dem gegenwärtigen Sinne, wie man bisweilen angenommen, nicht sein konnte. Analekten nennt man zunächst eine Sammlung auserlesener Stellen oder Sentenzen aus griech. und röm. Schriftstellern, besonders aus Dichtern (Blumenlese), wie denn Brunck seiner Sammlung der kleinern griech. Gedichte, die jetzt den größten Theil der griech. Anthologie ausmachcn, den Titel „Lnalectn" gab. Im weitern Sinne versteht man darunter eine Sammlung vermischter Aufsätze und Abhandlungen, mögen dieselben Einem Verfasser oder mehren angehören, wie die „Analekten" von F. A. Wolf. (S. Collectanea.) Analeptika nennt man in der Medicin diejenigen flüchtigen Reizmittel, welche in t kleinen Quantitäten die gefunkene Lebensthätigkeit schnell wieder zu wecken und zu erheben im Stande sind. Sie wirken entweder vorzugsweise und allein auf die Nervcncentra, wie die Ätherarten und ätherischen Öle (Belebungsmittel), oder gleichzeitig auch auf das Blut und die Faser, wie der Wein und der mit dem Grundstoff balsamischer, aromatischer und bitterer Pflanzen geschwängerte Alkohol (herzstärkende Mittel, 6->räisca). Es wurde früher von Ärzten und Laien großer Unfug mit diesen Mitteln getrieben; namentlich spielen bei Hypochondern und hysterischen Frauen noch jetzt Hoffmann'sche Tropfen und Baldrians- tinctur eine große Nolle. Analögie bezeichnet ursprünglich Verhältnißmäßigkcit, Ähnlichkeit oder Gleichheit eines Dinges in gewissen Beziehungen mit einem andern. Die Erkenntniß eines Dinges, die blos auf einem solchen Verhältnisse beruht, heißt analogischeErkenntniß. Der Schluß aber, welcher von dieser Ähnlichkeit zweier Dinge, oder Gleichheit in gewissen bekannten Beziehungen, auf die Ähnlichkeit in andern oder auf ihre noch größere Übereinstimmung gemacht wird, heißt in der Logik ein analogischerSchluß und ist nur ein Wahr- schcinlichkeitsschluß, dessen man sich aber auf dem unendlichen Gebiete der Erfahrung sehr . häufig bedienen muß. Dieser Schluß wird angewendet bei der Erklärung der Schriftsteller und insbesondere bei der Auslegung der heiligen Schrift (Analogie der Interpretation, oder hermeneu tische Analo gie), in der praktischen Heilkunde beiÄnwcndung der Heilmittel u. s. w., und auch ein großer Theil der Sätze, welche die empirische Naturlehre aufstellt, beruht darauf, indem man desto größere Übereinstimmung unter Erscheinungen voraussetzt, je mehr man deren schon wahrgenommen hat. — AnalogiedesGlaube ns bezeichnet in der Theologie das Verhältniß unbestimmter und undeutlicher Aussprüche der Schrift zu den bestimmten und deutlichen und das Recht, jene aus diesen zu erklären. Dieser in der altkirchlichen protestantischen Theologie sehr bedeutende Begriff wurde aus dem Grundtexte von Röm. l 2, 6., wiewol unrichtig, entlehnt. Im Gegensätze nämlich zu den katholischen Princi- f pien, daß das Unbestimmte oder Zweifelhafte der in der heiligen Schrift enthaltenen Aus- " spräche aus der Tradition und durch die Autorität der Kirche zu bestimmen und zu erklären sei, behaupteten die Protestanten, daß, wie die Schrift aus sich selbst zu erklären sei, auch ihre Lehren Analysis 315 . da, wo keine deutlichen Aussprüche vorlägen, aus dem Zusammenhänge der deutlichen Aus- ii sprüche und diesem angemessen aufgefaßt und bestimmt werden müßten. Derselbe Begriff - wurde vornehmlich durch Herder mit dem Ausdrucke: Geist der Schrift und des ChristcnthumS, h und in der neuesten Zeit von Germar mit dem Namen der panharmonischen Schriftausle- h gung bezeichnet. Es liegt der Analogie des Glaubens der richtige Gedanke zu Grunde, daß r ein und derselbe Schriftsteller sich nicht selbst widerspreche» wolle. Das Recht aber, diese Analogie auf alle biblische Bücher untereinander, die doch so verschiedenen Zeitaltern und Ver- f faffern angehörcn, anzuwendcn, kann nur anerkannt werden, wenn man der alten Jnspira- e tionstheorie folgt, nach welcher der heilige Geist der Verfasser aller biblischen Bücher ist. — f . In der Sprachlehre versteht man unter Analogiedie Übereinstimmung in der Bildung der n ^ Worte. Sie beruht auf der Vergleichung ähnlicher Formen, indem man annimmt, was in n dem einen Falle regelmäßig sei, müsse es auch in dem ähnlichen Falle sein. Sie ist daher der <. Grund aller grammatischen Regeln, welche, nachdem die Sprache längst in ihrer Freiheit i- bestand, von gelehrten Forschern durch Beobachtung und Vergleichung fcstgestellt wurden. Analogie bezeichnet Cicero durch proportio oder com^aratio, während die übrigen Gramst matiker die griech. Benennung beibchielten; der Gegensatz davon ist Anomalie. — Zn der >. Mathematik heißtAnalogie die Übereinstimmung gewisser Erößenverhältnisse; auch die n Formeln der Gleichheit zweier Verhältnisse (die Proportionen) werden nach dem Vorgänge des Euklides Analogien genannt. — Analogie des Gesetzes und desNechts. Da, „ wo die Gesetze zur Entscheidung eines concretcn Falles nicht ausrcichen, ist eine Ergänzung ck derselben zu suchen, zu der wir durch die Voraussetzung der innern Consequcnz der Gesetze gc- i>. langen; das Verhältniß der auf diese Weise gefundenen Nechtssähe zu den gegebenen Gesehen heißt Analogie. Sie ist wesentlich von der Auslegung der Gesetze verschieden, bei welcher die c- Absicht des Gesetzgebers entscheidet, während bei der Analogie nach dem Grunde des Gesetzes .) entschieden wird. Die letztere führt zunächst zu einer Ausdehnung desselben wegen Glcich- in heit (nicht blos wegen Ähnlichkeit) des Grundes, wobei von der vielfach bestätigten Voraus- n setzung ausgcgangen wird, daß der Gesetzgeber unmöglich alle denkbaren Fälle umfassen kann, je sodaß also die sich ergebenden Lücken in der Art ausgefüllt werden, daß der Richter so cnt- U scheidet, wie der Gesetzgeber vorgeschrieben haben würde, wenn er den betreffenden Fall in ,d Conscquenz seiner andern Vorschriften beurtheilt hätte. Man hat die Anwendung der Ana- ',< logie auf Strafgesetze, während sie für das gemeine deutsche Civilrecht feststeht, mehrfach bc- ei stritten-; in den neuern Strafgesetzbüchern pflegt die Gesetzcsanalogie statuirt, die Nechts- s- analogie dagegen ausgeschlossen zu werden, d. h. die Analogie ist nur zulässig, wenn sie nicht blos dem Geiste des Gesetzbuchs im Allgemeinen, sondern auch und hauptsächlich dem Sinne üt derjenigen einzelnen Bestimmung entspricht, um deren Anwendung eS sich handelt. Die s, Analogie kann aber auch zu einer Beschränkung führen; nur ist hierbei nicht so weit zu er gehen, daß man, wie namentlich früher oft behauptet worden ist, schließe, weil der Grund ie> eines Gesetzes wcgfällt, falle auch die Anwendbarkeit desselben hinweg. Vielmehr tritt in einem solchen Falle nur erst das Bedürfniß einer Reform auf dem Wege der Gesetzgebung r- ein, ohne daß der Richter das Gesetz darum schon unbeachtet lassen darf. Übrigens bezieht hr . sich die Analogie niemals auf solche Gesetze, welche die Natur einer Ausnahme von der Roer ^ gcl haben (Privilegien und jur-r sinAuIari»), wogegen allerdings umgekehrt Sätze des jui, I. commune auch bei Singularrechten eine Analogie herbciführcn können, ig Analysis oder Analyse, d. i. Auflösung, Zergliederung. In der Philosophie ncn- re nen wir Analysis im Gegensätze der Sy nthesis (s. d.) diejenige logische Behandlung eines r> gegebenen Begriffs, vermöge welcher wir ihn, um ihm seine vollständige Deutlichkeit zu e- geben, in seine Bestandtheile, die man Merkmale nennt, auflösen. Ein Begriff aber, der durch ist Analyse eines andern, in dem er enthalten ist, gewonnen wird, heißt insofern analytischer lt- Begriff. So heißt auch die Erklärung, die durch Zergliederung eines gegebenen Begriffs >n gewonnen wird, analytische Erklärung. Auf dieselbe Weise kann man auch ein ei- ^ Urtheil oder einen Schluß zergliedern. Kant nannte analytisches oder zergliederndes Urtheil z> - ein solches, dessen Prädicat schon im Begriffe liegt, folglich durch Zergliederung daraus gewon- ei, nen werden kann, während das synthetische oder erweiternde Urtheil mit einem Subjecte ein cn Prädicat verknüpft, welches nicht schon in dem Subjecte liegt. So ist z. B. der Sah: Jeder 316 Analysis Körper ist ausgedehnt, ein analytisches, der Satz: Dieser Körper ist elastisch, ein synthetisches Urtheil. Bei Beweisen, m welchen wir Schlüsse und Schlußreihen anwenden, bezeichnet das Analytische, gleichbedeutend mit dem Regressiven, den Fortgang von dem Bedingten zu dem Bedingenden oder zu den Principien, während bei dem synthetischen Beweise der umgekehrte Gang stattfindct, und man nennt dieses Verfahren in der Wissenschaft analytische Methode im Gegensätze der synthetischen. Beide Richtungen ergänzen sich. Bei Beobachtungen geht man analytisch zu Werke, wenn man von dem Erfolge der Erfahrung anfängt, und die Umstände, unter welchen sie gemacht werden muß, die Vorbereitung dazu, oder den Versuch so zu bestimmen sucht, daß der verlangte Begriff oder Satz auf eine bestimmte und sichere Art gewonnen wird. Der synthetische Weg hingegen besteht darin, daß man von gewissen Vor- , aussehungen als Vordersätzen ausgeht und die daraus hervorgehenden Folgerungen entwickelt, um zu sehen, inwiefern sie sich in der Natur bestätigt finden oder nicht. Über die Analysis in der Philosophie sind die Darstellungen der formalen Logik (s. d.) zu vergleichen. Die mathematische Analysis als wissenschaftliches System ist die Buchstabenrechnung im weitesten Sinne des Worts, welche alle Größen als unbekannte Zahlen behandelt und mit Buchstaben als allgemeinen Zahlzeichen rechnet. Zuweilen braucht man in derselben Bedeutung das Wort Algebra, gewöhnlich aber und besser schränkt man es ans die Lehre von den Gleichungen ein, sodaß die Algebra nur als erster Theil der Analysis erscheint. Der zweite Theil derselben, die eigentliche Analysis, zerfällt dann wieder in die Analysis der endlichen und die der unendlichen Größen. Jene, zuweilen auch Theorie der Functionen genannt, ist dieWisscnschast von den Formen der Größen und umfaßt die Lehren von den Reihen, Kombinationen, Logarithmen, die Analysis der krummen Linien u. s. w. Die Analysis der unendlichen Größen besteht aus drei Haupttheilen, der Differential-, der Integral-, und der Variationsrechnung. Die Analysis ist ohne Zweifel der interessanteste, den Scharf- sinn im höchsten Grade in Anspruch nehmende Theil der Mathematik; ihr allein verdankt die Mathematik, sowol die reine als die angewandte, die riesenmäßigcn Fortschritte,- die sie in den letzten zwei Jahrhunderten gemacht hat und die ihrem Gebiete eine Ausdehnung gegeben haben, die ein Beherrschen und Umfassen desselben so ungemein schwer, um nicht zu sagen unmöglich macht Zu den wichtigsten Schriftstellern über Analysis gehören Euler, Lagrange, Lacroix, Fourier, Cauchy und Eytelwein. Ganz verschieden von der Analysis der Neuern war die der Alten, dir sich nur auf die Geometrie bezog und in nichts Anderm bestand, als in einer Anwendung der analytischen Methode, welche der synthetischen entgegengesetzt ist, bei der Auflösung geometrischer Aufgaben. Das Wesen der analytischen Methode aber besteht darin, daß man das Gesuchte als gefunden betrachtet, untersucht, wodurch cs bestimmt wird, und nach und nach durch Anwendung angemessener Kunstgriffe, deren Auswahl dem Scharfsinn eines Jeden überlassen bleibt, bis zu dem Gegebenen fortschreitct. Die Umkehrung des Ganges, den man genommen hat, und aller einzelnen dazu gehörigen Schritte, gibt dann die synthetische Auflösung, d. h. die Anweisung, aus dem Gegebenen das Gesuchte durch eine bestimmte Construction zu finden. Daß auch durch diese Art mathematischer Untersuchungen der Scharfsinn in hohem Grade geübt wird, obschon in ganz anderer Weise als bei der Analysis der Neuern, mit welcher man dieselben geometrischen Aufgaben in der Regel viel schnei- s ler und leichter auflösen kann, ist keinem Zweifel unterworfen, und das Vergnügen, welches die als Endresultat sich ergebende Verbindung des Gesuchten mit dem Gegebenen gewährt, macht diese Behandlung geometrischer Aufgaben, bei welcher der Erfindungsgeist in Thätig- krit gesetzt wird, ganz besonders interessant. Die Erfindung der geometrischen Analysis der Alten schreiben Diogenes LaertiuS und Proklus dem Platon zu, von dem wir jedoch keine mathematische Schrift besitzen; bis auf einige Schriften von Euklidcs, Apollonius von Pergä zum Theil in arab. Übersetzung und Archimedes sind alle Schriften der Alten über geometrische Analysis verloren gegangen. Im 17. Jahrh. vor der Erfindung der Analysis des Unendlichen wurde die geometrische Analysis fleißig cultivirt; jetzt beschäftigen sich fast nur noch die Engländer, bei denen sie sehr beliebt ist und die darin dem Beispiele ih- ^ res großen Newton folgen, mit derselben, sowie sie es sind, welche die geometrischen Schriften der Alten am eifrigsten studirt und die verlorenen herzustellen gesucht haben. Die arithmetische oder algebraische Analysis verfährt bei Auflösung geomc- Analytik Anam 317 irischer oder anderer Aufgaben so, daß sie die Verbindung zwischen den gegebenen und gesuchten Größen, welche ganz auf gleichem Fuße behandelt werden, durch eine Gleichung auszudrücken sucht, wozu oft ein hoher Grad von Scharfsinn ecfodert wird. Ist diese einmal gefunden, so ist die Auflösung derselben nur noch Sache der Rechnung und erfolgt nach den Vorschriften der Algebra, also mehr oder weniger mechanisch, ohne daß die Bedeutung der Größen (bei geometrischen Aufgaben die Beziehung auf die Figur) in Betracht kommt. Um diese bekümmert man sich nicht eher wieder als am Schluffe der Rechnung nach Auffindung des Resultats, das man nun auf eine der besonder» Natur der Aufgabe angemessene Art auszulcgen, gleichsam aus der Zeichensprache in gewöhnliche Sprache zu übersetzen hat. Die chcmischc Anal yse ist die Zerlegung chemisch verbundener Körper in ihre Be- standthcile durch absichtliche Verbindung mit andern Körpern nach den Regeln der chemischen Verwandtschaft. Sie ist qualitativ, insofern sie die Natur der Bestandtheile kennen lehrt; quantitativ, insofern sie die proporkionellen Verhältnisse derselben bestimmt. Analytik nennt man die Wissenschaft, welche die Analysis zum Gegenstand hat. So nannte schon Aristoteles zwei seiner wichtigsten logischen Schriften „Analytika", weil sie die Operationen des logischen Denkens in ihre einfachsten Elemente zerlegen und von diesen zu den zusammengesetzter» Formen fortschreiten. Kant nannte in demselben Sinne die Elementarlehre seiner Logik Analytik. — Unbestimmte Analytik heißt in der Mathematik nach dem Vorgänge Eulcr's der Theil der Algebra, der von Auflösung der unbestimmten algebraischen Aufgaben handelt, bei denen weniger Gleichungen als unbekannte Größen gegeben sind. Für ihren Erfinder gilt der Alexandriner Diophantus(s. d.), nach welchem sie früher häufig benannt wurde; von den Neuern haben sie hauptsächlich Victa, Fermat, Euler, Lagrange, Legendrc und Gauß gefördert. Anam , ein Reich an der Ostküste der hinterind. Halbinsel, welches sich in der Mitte des l 8. Jahrh. aus den früher gesondert gewesenen und größentheils China unterworfenen Königreichen Tonkin und Cochin - China, wie aus Theilen des alten Königreichs Kambodja, aus Champa und dem Lande der Moi gebildet hat. In der Größe von 9700 IHM. wird eS im Norden von den chines. Provinzen Kuantung, Kuangsi und Jünam, westlich vom Lande der Laos, von Siam und einem Überreste von Kambodja, im Süden und Osten vom südchincs. Meere begrenzt. Der Maykaung durchströmt es von Norden nach Süden und bildet bei seiner Mündung ein großes Delta; außer ihm ist im Nordosten der Sangkoi der wichtigste Fluß. Eine der malayischcn Bergketten streicht in der nördlichen Hälfte auf der Westgrcnze des Landes und erfüllt im Süden dessen Inneres, nur hier und da Scitenäste an die fast durchgängig ebene Meeresküste entsendend. Die Hitze, welche die tropische Lage vom Wendekreis bis zum neunten Parallel für A.s Klima erzeugen müßte, wird durch den mildernden Einfluß der See auf eine angenehme und der herrlichsten Production günstige Weise gemäßigt. Das ganze Land liegt im Bereiche derMouffone, deren südwestliche, vom Apr. zum Oct. wehend, Regen, die nordöstlichen, vom Oct. zum Apr., Trockenheit bringen; der nördliche Theil desselben ist jedoch auch den fürchterlichen Verheerungen der Teifune, jener Orkane des chinesischen Meeres, ausgcsetzt. Das Mineralreich bietet nächst edeln Metallen Kupfer, Eisen und Zinn. Unter den Producten der Pflanzenwelt sind zu erwähnen Reis, Mais, Aamswurzeln, Erdnüsse, viele Hülsen- und Baumfrüchte, auch Südfrüchte, und im Handel werden gesucht Zimmt, Pfeffer, Zuckerrohr, Baumwolle, wegen des Parfüms das Agila- holz (Adler- oder Aloeholz), schöne Zimmerhölzer, wie im Innern des Landes der Teakbaum, der Firniß- und Gummiguttbaum. Im Thierreiche zeichnen sich aus Elefanten in schöner Vollkommenheit, ferner Tiger, Nhinocerosse, Bisamthiere und Büffel, während die Pferde von kleiner Race sind. Die Seidenzucht steht in hohem Flor. Die Bewohner, im Allgemeinen Anamiten oder Anamesen genannt, sind zum größten Theile mongolischer Abkunft, nur südwärts mit malayischer Race gemischt; sie zeichnen sich aber durch untersetzte Kleinheit ihres Wuchses, schöne Formen und runde Kopfbildung vor allen andern asiat. Völkern aus. Der Charakter des Volks wird als freundlich, gutmüthig und munter geschildert. Die meisten Stämme bekennen sich zum Buddhismus, einige zur Religion des Confucius; die Priester (Talapoinen) bilden eine niedere und wenig geachtete Classe. Über die katholischen Christen, etwa 400000, ergingen im J. 1334 heftige Verfolgungen. Die Sprache der Anamiten 318 Anämie Anasarka ist eine einsylbige und in Bau und Charakter der chines. ähnlich; eine eigene Literatur besitzen str nicht. In industrieller Ausbildung findet man überall chines. Richtung und ähnliche, doch nicht erreichte Kunstfertigkeit, wie denn auch lebhafte Handelsthätigkeit trotz des reichen Materials fehlt und sich nur auf den Verkehr mit China, Siam und die brit. Häfen in der Malakkaflraße beschränkt. Die Haupthandclsplätze sind Kangkao, Saigun, Nathrang, Phuyen, Quiuhone, Faifo, Hue und Kecho, worunter Saigun für Kambodja, Hue'für Cochin-China und Kecho für Tonkin zugleich die Hauptstädte sind. Anämie, Blutlosigkeit oder Blutmangel nennt man in derMedicindenjenigen Zustand, wo ein einzelnes Organ oder der ganze Körper entweder eine zu geringe Quantität Blut besitzt (Oligämie) oder bei normaler Quantität das Blut eine zu geringe Menge , fester Bestandtheile, namentlich rother Blutkügelchen im Verhältnis zu dem Serum dar- ! bietet (Hydrämie), wie dies z. B. bei der Bleichsucht stattfindet. Die franz. Arzte ver- stehen unter Anämie vorzugsweise den von Hale zuerst genauer beschriebenen kachektischen Zu- stand, in welchem die Arbeiter in den Kohlenbergwerken zu Anzain verfallen. Anamorphöse heißt die absichtlich verzerrte oder entstellte Abbildung eines Gegenstandes, die aber aus einem gewissen Punkte aus oder durch gewisse Gläser betrachtet, nach den Gesetzen der Perspective in richtigen Verhältnissen erscheint. Man kann dreierlei Ana- morphosen unterscheiden: optische, katoptrische und dioptrische. Die erstern fodern nur, daß man sie aus einem gewissen Standpunkte sehe; katoptrische sind Bilder, die in Cylinder-, Kegel- oder Pyramidalspiegeln eine richtige, aber mit bloßem Auge betrachtet eine verzerrte Gestalt darstellen; dioptrische sind solche, die durch ein vieleckig geschliffenes (polyedrischeS) Glas regelmäßige Figuren oder ganz andere als ohne Anwendung eines solchen Glases zu sehen sind, zeigen. Ananas ist der Name vonPflanzen aus der Familie der Bromeliaceen, unter welchen besonders eine Art, die gemeine Ananas, bekannt ist. Sie stammt aus dem tropischen Amerika, wächst z. B. in den sandigen Küstenstrichen Nordbraliliens wild, ist aber durch Cultur sehr verändert, nach und nach über das warme Asien und Afrika und selbst durch Europa verbreitet worden. In Europa erhielt man zuerst ausführlichere Nachrichten über sie in der „Naturgeschichte Indiens" von Oviedo (1535). Die Frucht der Ananas, welche aus verwachsenen Beeren besteht, erreicht in Amerika oft die Schwere von sechs bis acht Pfund und erscheint in mehren Spielarten. Sie gilt in Westindien, wenigstens den nicht acclimatisirten Fremden, als gefährlich, wird in Brasilien, wo sie, ohne Cultur zu Einfriedigungen vonBeeten verwendet, sortwuchcrt, zur Bereitung von Branntwein benutzt und ist seit etwa 2 5 Jahren in Europa Gegenstand der Treibhausgärtnerei im Großen geworden. In England besonders hat man vielen Fleiß auf ihre Cultur gewendet und eigenthümliche Verfahrungsarten entdeckt. In Deutschland sind die Ananashäuser des Schlosses Tetschen in Böhmen berühmt. Ohne sorgfältige Vorkehrungen und in gewöhnlichen Glashäusern erreichen die Ananas nie Vollkommenheit. Über die Cultur derselben vgl. Dumont de Courset im „votsniste cultivateur"; das englische Verfahren ist beschrieben in „Das Ganze der Ananaszucht" (Jlmen. 1835). Anäpäst, s. Rhythmus. Anaphöra oder Anapher heißt eine rhetorische Figur, welche in der nachdrucksvol- len Wiederholung desselben Worts oder derselben Wortverbindung zu Anfänge mehrer auf- ' einandcrfolgender Sätze besteht, während man die Wiederholung am Ende solcher Sätze Epiphora oder Epistrophe nennt. Einige sehen die Anapher für den Gattungsbegriff an und nennen die erstcrc Art Epanaphora. Eine solche Anapher ist es, wenn es heißt: „Rührt dich nicht das Schicksal deines Vaterlandes) rührt dich nicht der Zustand deiner Familie"; oder „Nicht deine Freunde, nicht deine Beschützer, selbst nicht deine Unschuld wird dich retten." Anarchie ist der Zustand nicht söwol der Gesetzlosigkeit, sondern vielmehr des Mangels einer mit Erfolg befehlenden Macht. Ein solcher Zustand kann bei jeder Staatsforni eintreten, wenn die Regierung, sei es aus Schwäche, sei es wegen Widerspenstigkeit des Volks oder einzelner Classen desselben, wie der Geistlichkeit, des Adels, der Gemeinden u. s. w- , nicht im Stande ist, ihren Befehlen Gehorsam zu verschaffen. > Anasarka oder Hau twasser sucht nennt man denjenigen Krankheitszustand, wo Anastufl Anatomie 319 sich der seröse Hauch in dem in und unter der Haut gelegenen Zellgewebe in tropfbarflüssiger Gestalt übermäßig ansammelt. (S. Wassersucht.) Anastasi (Bratanowski), einer der ausgezeichnetsten Kanzelredner Rußlands des 18. Jahrh., geb. 1761 in einem Dorfe nahe bei Kiew von niedern Altern, machte seine Studien in der geistlichen Schule zu Perejaslawl und ward sehr bald als Lehrer der Poesie und der Rhetorik an einer solchen Schule angestellt. Im 1.1790 trat er in den Mönchsstand, ward darauf Acchimandrit mehrer größer» Klöster, wie des Selenec-, des Sergius- und 1798 des nowospasker Klosters in Moskwa. In diese Zeit fällt der Glanzpunkt seiner Laufbahn. Den Ruf eines der größten Kanzelredner verdient er durch den glänzenden Stil und den lebendigen Vortrag seiner geistreichen Reden. Nachdem er auch Mitglied der Akademie geworden, ward er 1797 Bischofvon Weißrußland, 1801 Erzbischofund 1805 Beisitzer in dem heiligen Synod. In dieser Würde starb er in Astrachan 1816 . Unter seinen Schriften sind die wichtigsten seine „Erbauungsreden" (4 Bde., Petersb. 1796 und Mosk. 1799 — 1807), die noch jetzt das Muster für die Prediger Rußlands bilden, und der ebenfalls sehr gebrauchte „Irsctstus gemeinsamen Grundsätze der Physiker: „AusNichtswirdNichts", nahm cr eine ursprüngliche Verbindung der Urstoffe an. Als diese Urstoffe betrachtete er aber nicht die sogenannten Elemente, sondern Grundkörpcrchcn, welche durch eigenthümliche Qualitäten voneinander verschieden und den Körpern, welche durch sie gebildet werden, gleichartig seien. Die Urstoffe, an und für sich ohneBcwegung, waren, nach seincrMeinung, im Anfänge durch ein anderes, gleichfalls ewiges, von der Materie verschiedenes, geistiges Urwcscn (,'oüp, d. i. Intelligenz) in Bewegung gesetzt, und durch diese Bewegung und Scheidung des Ungleichartigen und die Verbindung des Gleichartigen hatte sich die Welt gebildet. Er nahm an, in jedem Dinge befinde sich ein Anthcil von Alten, und ein Ding unterscheide sich daher nur durch das Vorherrschen eines Grundstoffes ; die Intelligenz aber bleibe rein und unvcrmischt mit dem Materiellen und bestimme und durchdringe alle Dinge als das Princip des Lebens. Wegen der Annahme jenes geistigen Princips haben ihn Viele mit Unrecht für den ersten Theisten unter den Philosophen angesehen, da sein System vielmehr dualistisch ist und die Naturerscheinungen mehr mechanisch erklärt. Die Fragmente seiner Schriften haben Schaubach (Lpz. 1827) und Schorn (Bonn 1828) gesammelt; auch haben früher Earus (Lpz. 1797) und neuerdings Dreier (Berl. 1848) dankcnSwcrthe Beiträge zur Erklärung seiner Lehre gegeben. Änaximander, griech. Mathematiker und Philosoph, geb. zu Milet 610 v. Ehr., des Praxiades Sohn, gest. 516. Sein Hauptstudium war die Mathematik. Er entdeckte die Schiefe der Ekliptik (wenigstens ward sie von ihm gelehrt) und bestimmte die Sonnenwenden und Nachtgleichen mittels eines Sonnenzeigers. Auch soll cr zuerst die Umrisse der Länder und Meere Griechenlands in einer Karte zu entwerfen versucht und, um sein Weltsystem zu erläutern, eine Himmelskugel verfertigt haben. Als Philosoph st^culirte er über das Urprincip der sinnlichen Erscheinungswelt, welches er als das durchaus Unbestimmte auffaßte. Aus ihm scheiden sich die Gegensätze durch ewige Bewegung ab und kehren in dasselbe zurück. Uber die Art, wie cr sich diesen Ausscheidungsproccß dachte und, durch Hervorhebung der Gegensätze des Warmen und Kalten, des Flüssigen und Trockenen, zu Hypothesen über die Entstehung der Himmelskörper u. s. w. benutzte, haben wir nur unvollständige Nachrichten. So lehrte er, die Sonne befinde sich in der höchsten Himmelsregion, habe einen 28 mal größer» Umkreis als die,Erde und gleiche einer Walze, aus welcher Feucrströme sich ergießen; verstopfe sich die Öffnung, so erscheine sie verfinstert. Ebenso ist ihm der Mond eine Walze, 19 mal so groß als die Erde; ihre Schiefe erzeugt die Phasen, ihre gänzliche Umkehrung die Finsternisse. Die Erde hat nach ihm die Gestalt eines Cylin- derS, befindet sich schwebend in der Mitte des Weltalls; sie bildete sich durch das Austrocknen mittels der Sonne, und die Thicrc sind aus Feuchtigkeit erzeugt. Anapimilncs, der Philosoph, aus Milet, blühte um 556 v. Ehr. Abweichend von de» Lehren des Anaximandcr, war ihm nicht das schlechthin Unbestimmte, sondern ein Bestimmtes, die Luft, der unendliche, göttliche, stets sich bewegende Urstoff aller Dinge. Durch Verdichtung und Verdünnung entstehen, nach seiner Ansicht, ans Luft alle Dinge. Auch die Seele ist nur Luft und Hauch. Er behauptete, der äußere Umkreis des Himmels bestehe aus Erde und Krystall; die Sterne seien Erdkörper, mit Feuermaterie umgossen; die Sonne, deren Lauf allein die Jahreszeiten bestimme, sei flach wie eine Scheibe, so auch die in der Luft schwebende Erde, um welche sich Alles bewege. Ancelot (Jacq. Arsene Polycarpe Franc.), franz. Dichter, geb. am 9. Fcbr. 1791 zu Havre, wo sein Vater Greffier am Handelsgerichte war. Nachdem er hier und in Rouen feine Studien beendigt und zuerst einige Vaudevilles ohne besonder» Erfolg zur Aufführung gebracht hatte, gründete cr1819 seinen Ruf durch die Tragödie „Uns IX", die 50 mal hintereinander gespielt wurde und ihrem Verfasser ein Jahrgeld vom Könige verschaffte. Das Stück „I-e mrrirs «in palsk", das I82Z mit nicht geringerm Beifall ausgenommen wurde, zog A. nach der siebenten Vorstellung zurück. In seinem „kiosgue" (1821) zeigte cr eine große Geschicklichkeit, ein ausländisches Meisterwerk der franz. Bühne anzupassen. Auch seine Dramen „Olga" (1828) und „flü-niketb O'XnAleterre" erfreuten sich gleichfalls einer günstigen Aufnahme. In seiner „Narie i88>e" Ancrps Ancillou 325 enthalten die Schilderung einer Reise, die er 1826 in Gesellschaft des Herzogs von Ragusa machte. Von seinen Romanen erwähnen wir „I^'komms rui>ts uux salons de kuris" (Par. 1834). Die Julirevolution nahm ihm nicht nur seine Pension, sondern auch die einträgliche Stelle als Bibliothekar am Arsenal, die ihm die Gunst Karl's X. verliehen. Verheirathet und Familienvater, sah er sich genöthigt, seine Kunst nach Brot gehen zu lassen und von der Höhe des Parnasses herabzusteigen, um das dankbarere Feld der Vaudevillistik zu bebauen. Wennschon einige seiner Vaudevilles nicht ohne Werth sind, so hat er doch damit für seinen Dichterruhm nichts ge- than, und wenn ihn die Akademie 1841 als Nachfolger Bonald's gewählt hat, so geschah es nur im Andenken seiner frühern Leistungen. Seine „Oeuvres comziletes" erschienen 1837. Gegenwärtig gibt er einen poetischen Sittenspicgel unter dem Titel „kaiinlieres" in einzelnen Heftchen heraus. — Seine Frau, Virginie A., oder wie sie eigentlich heißt, Marguerite Chardon, geb. zuDijon am l'5. März 1792, hat sich gleichfalls im Vaudeville, und zwar mit mehr Glück als ihr Mann, versucht, und ist auch als Verfasserin mch- rer gehaltreicher Romane, z. B. „Oabrielle", ,Marie" und „Lmerance", bekannt, die sich durch stilistische Gewandtheit auszeichnen. Anceps, d. i. mittelzeikig, wird von den lat. Grammatikern in der Prosodik diejenige Sylbe genannt, die je nach dem Bedürfnisse bald lang, bald kurz gebraucht werden kann oder <^>), wie dies z.B. im Deutschen bei allen einsilbigen Fürwörtern, Präposi tionen u. s.w. vermöge ihrer Stellung zwischen lange und kurze Sylben der Fall ist. Anchlses, der Sohn des Kapys und der Themis und Urenkel des Tros, war mit dem trojan. Königsgeschlechte verwandt und Herrscher in Dardanus. Venus, von seiner Schönheit hingerissen, erschien ihm einst auf dem Jda, nach Andern am Simois, in Gestalt einer phrygischen Hirtin, gab sich seiner Umarmung hin und gebar ihm den Äneas. Dieser rettete später den greisen Vater auf den Schultern aus dem Brande von Troja und nahm ihn mit sich zu Schiffe. A. starb während der Reise auf Sicilien. Nach andern Sagen wurde er vom Blitze des Jupiter gctödtet, weil er, vom Weine trunken, das Geheimniß seiner Vertraulichkeit mit Venus vcrrathen hatte. Anciennetät heißt beim Militair das Dienstalter, welches gewisse Rechte und dadurch einen bestimmten Rang gewährt. In der Regel gibt die Anciennetät die Basis zur Beförderung ab, ohne jedoch ein schnelleres Aufrücken auszuschließen, wenn verschiedene Verdienste es bedingen, oder andere Gründe eine Veranlassung dazu geben. Unfähigkeit, sie bestehe, worin sie wolle, hebt alle Rechte der Anciennetät auf. Ancillon, eine angesehene Familie aus Metz, die nach der Aushebung des Edicts von Nantes nach Preußen auswandcrte, und hier sich durch einzelne Glieder zu großer Bedeutung cmporschwang.— David A., geb. 1617 zu Metz, wo sein Vater Jurist war, erhielt seinen ersten Unterricht durch Jesuiten, die Alles aufboten, ihn von der reformirten zur katholischen Kirche überzuführen. Er studirte Theologie zu Genf und lehrte dann dieselbe in Cha- renton, in Mcaux und zuletzt in seiner Vaterstadt. Nach der Aufhebung des Edicts von Nantes begab er sich zunächst nach Frankfurt, wurde hierauf Prediger bei dcr Colonic in Hanau und von hierin gleicher Eigenschaft 1686 nach Berlin berufen, wo er 1692 starb. — Sein Sohn Charles A., geb. 28. Juli 1659 zu Metz, gcst. zu Berlin 5. Juli 1715, war zur Zeit des Widerrufs des Edicts von Nantes Advocat in seiner Vaterstadt und stand hier in solchem Ansehen, daß er in dieser Angelegenheit als Abgeordneter an den Hof nach Versailles gesandt wurde, wo er aber weiter nichts zu bewirken vermochte, als daß die Metzer etwas milder denn die andern Hugenotten behandelt wurden. Deshalb unzufrieden, wendete er sich nach Berlin, wo ihn der Kurfürst sehr bald zum Richter und Director der sogenannten lietiigiös ernannte. Später ward er Gesandter in der Schweiz, war dann 1695 — 99 in Diensten des Markgrafen von Baden-Durlach; kehrte jedoch hierauf nach Berlin zurück, wo er Historiograph des Königs wurde und die Direction der Policci erhielt. Von seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir: „I^irrävocabilite 796). — Ludwig Friedrich A., der sich ebenfalls durch mehre historische, politische und philoso- 326 Anchovis phische Schriften bekannt gemacht hat, ein Enkel des Vorigen, geb. zu Berlin 1740, starb daselbst 18 li als Prediger der franz. Gemeinde und als Rath des Oberconsistoriums. — Sein Sohn, Friedrich A., eigentlich Jean Pierre Fre'de'ric, geb. zuBerlin am 30. Apr. 1767, gest.als preuß. Staatsminister der auswärtigen Angelegenheiten am IS. Apr. 1837, begann, nachdem er seine theologischen Studien in Genf beendet und kurze Zeit in Paris sich anfgchalten hatte, 1790 als Prediger bei der franz. Kirche zu Berlin seine Laufbahn. Unausgesetzt galten ihm indeß die historischen Studien als eine Hauptbeschäftigung, an welche sich die alte und neuere classische Literatur anknüpfte. Im I. 1792 wurde er zugleich Professor der Geschichte an der Militairakademie zu Berlin, dann Mitglied der Akademie der Wissenschaften, deren philosophische Classe er 1810—11 als gcschäftführender Secrc- tair leitete, und königlicher Historiograph. Die letztere Ernennung verdankte er dem entschiedenen Rufe als Historiker, welche ihm seine lichtvolle und gediegene Darstellung der neuern Zeit bis zur Beendigung des span. Erbsolgekricgs in dem „l'alrlean cles revvlutions wiesen, „weil er zu mager sei". Nachdem der Musikprofessor Siboni eine schöne Stimme er bei ihm entdeckte, nahmen er, der Componist Weyse und Baggesen sich des Knaben an. Allein n, nach einem halben Jahre verlor A. die Stimme und hätte nun wieder völlig verlassen da- l., gestanden, wenn nicht der edle Guldberg zugleich mit Weyse und Kuhlau ihm hülfteiche s> Hand geleistet. Der Conferenzrath Collin erwirkte sodann beim König die Erlaubniß, ihn auf Staatskosten in eim gelehrte Schule schicken zu dürfen, worauf A. 1828 seine akademischen Studien begann. Seine dichterischen Erstlingsversuche (eine Posse „Fußreise nach Ama- g- ger", ein Vaudeville „Die Liebe auf dem Nikolaithurme", und zwei Sammlungen lyrischer s- Gedichte) erwarben ihm mehre Gönner. Durch Öhlenschläger's,Örsted's, Jngcmann's u. A. :r, Empfehlungen erhielt er ein königliches Reisestipendium und besuchte in den I. 1833—31 in einen Theil Deutschlands, Frankreichs, der Schweiz und Italiens. Italien begeisterte ihn er zu dem Dichterwerke, das unter allen seinen Producten den ungetheiltesten Beifall fand, >hi „Improvisatoren" (deutsch von L. Kruse: „Jugendleben und Träume eines ital. Dichters", 's, 2 Bde., Hamb. 1835), eine Reihe von Lebensbildern voll Wahrheit, poetischen Jnteresses cn und in einem echt ital. Kolorit, obwol die frischesten und lieblichsten Erinnerungen aus nor- lch bischen Zuständen entlehnt sind. Sei» Roman „O. T." (l836; deutsch von Christians 302 Audocides Andorra 2 Bdc., Lp;- 1837) liefert treue Bilder aus dem abgeschlossenen, ernsten Stillleben des j Nordens. Dem letztem folgte ein dritter Roman „Kun an Spillemand" (1837; deutsch .. vonJenssen: „Nur ein Geiger", 3Bde., Braunschw. 1838), der durch tief individuelle Züge und eine wahre Volksthümlichkeit auf die Grundlage des eigenen Lebens des Dichters hiuweist. Besonders geschätzt und im Volke beliebt wurden seine „Märchen für Kinder" (6 Hefte, 1837 — 40 ; deutsch vonJenssen, Braunschw. 1838 fg.), in welchen der Zaubcrschci» dieser Gattung mit dem herzlich - anspruchslosen Tone aufs glücklichste gepaart ist. Das neue Drama A.'s „Mulatten", womit das Theater unter Christian VIII. eröffnet wurde, fand allgemeinen Beifall, nicht so das darauf folgende „Maurcrpigcn". Persönliche Anfeindungen, die er in dieser Zeit erfuhr, machten ihm viel bittere Stunden. Halb krank ent lk schloß er sich im Oct. 1840 zu einer Reise nach Italien und ging im Febr. 1841 von Malta aus nach Griechenland und von da über Smyrna nach Konstantinopcl. Sein „Bilderbuch ohne Bilder" (deutsch, Berl. 1841) hat vielen poetischen Werth, und auch sein „Skandina visches Lied", worin jede der drei nordischen Nationen ihre Strophe hat, fand sowol in Dänemark als in Schweden großen Beifall. Andocldcs, einer der berühmtesten attischen Redner im 5. Jahrh. v. Chr., stammte aus einem edlen Geschlechte zu Athen und befehligte anfangs die athcnicnsischc Flotte gegen Korinth, mußte aber dann, in einen Proceß gegen Alcibiades verwickelt, flüchtig werden Nach dem Sturze der dreißig Tyrannen kehrte er zurück, verließ aber später wegen des Fchl- schlagens einer Gesandtschaft nach Laccdämon, der er sich angcschlossen hatte, sein Vaterland für immer. Man hat von ihm noch vier vollständige Reden, die für die Geschichte des Peloponnes. Kriegs und Athens sehr wichtig sind. Sie stehen in den Sammlungen der attischen Redner von Neiskc (Bd. 4) und von Bckker (Bd. 1) und sind besonders hcrauSgegcbcn von Schiller (Lp;. 1835), übersetzt und erläutert von Becker (Quedlinb. 1832). Andorra oder And orrc'e, ein zwischen dem franz. Departement Arricgc und Ca- _ talonien gelegener Gebirgskessel der Ostpyrenäen, der von deren schneebedeckter HäflsstketU und zwei südwärts abgehendcn Querjochcn gebildet und von der Balira bewässert wird, welche südlich einen engen Felsspalt durchstürzt, um bei Urgel in den Scgre zu münden und auch von dieser Seite die Unzugänglichkeit zu behaupten, welche die Thalbewohncr in eine natürliche Unabhängigkeit sowol Frankreich als Spanien gegenübcrfiellt. Das Thal A. bildet eine merkwürdig organisirtc Republik von 9 OM. mit 17800 E. und wird in sechs Civilgemeinden oder Pfarrsprengel gctheilt: Alt-Andorra, Canillo, Emcamp, La-Mas- sane, Ordino und St.-Julin, wozu 34 Dörfer und Weiler gehören. Die dichten Wälder liefern Holz im Überfluß, die Alpwciden und schönen Bergwicsen reiches Material für bedeutende Viehzucht, die liefern Terrassen bieten Terrain für Wein- und Obstbau, der Schoos der Berge enthält reiche Eisenminen und starke warme Mineralquellen, der Ackerbau aber ist so beschränkt, daß über die jährliche Getreideeinfuhr mit Frankreich ein Vertrag besteht. Schon Karl der Große erklärte A. für ein neutrales Land, und als solches wurde es bis auf den heutigen Tag von Frankreich und Spanien betrachtet, unter dem Vorbehalt, dem Bischof von Urgel die Besetzung aller Pfarreien und einen jährlichen Zins von 45V Livres, dagegen Frankreich das oberste Schuhrecht und unter Zusicherung zollfreier Gctrei- ^ deeinfuhr eine jährliche Abgabe von 960 Fr. zuzugestchen. Die Republik erhält ihren ersten Viguier (Lundvogt oder Statthalter), als eingeborenen Franzosen, von Frankreich, ihren zweiten, einen eingeborenen Andorraner, vom Bischof von Urgel, erstem auf beliebige Zeit, diesen auf drei Jahre. Die auf Grundlage eines unbeschränkten Wahlsystems gestützte Verwaltung des Staats liegt einem souverainen Rath von 24 Mitgliedern ob, aus deren Mitte ein Syndicus auf Lebenszeit zur vollstrcckenden Gewalt und Leitung der auswärtigen Angelegenheiten gewählt wird, während das Gemeindewesen und dic Ausfübruug der Nathsbeschlüsse von Consuln besorgt wird. Die Gerichtsordnung ist höchst einfach, und ! cS bildet ihre Handhabung die einzige Function der Viguicrs, die den Titel „Erlauchte" (illurtres) haben. Jedem Viguier steht ein Baile, d.h. Richter, mit dem Prädicat „Ehr- s sam" (konnorable) zur Seite, welcher in allen bürgerlichen Streitsachen entscheidet und dessen Ausspruch der Appellation an einen Viguier und weiter an den Cassationshof zu Paris oder das bischöfliche Collegium zu Urgel unterworfen ist. Bei Zuchtpoliccivcrgehen ent- >cS ! sch - :lle ers :r" ein >a§ de, ln- »t- ^ lta ach ia- )ä- cus iko- en. chl- lcr- des tti- bcn ette ^ ird, i»d ine A, ch§ las- der be- dcr -au be- c es alt, !5V rei- ^ reu ich, lie- ms ru§ us- ,»g wd .te" i hr- ind pa- nil- Andover Andrada 333 scheiden die Viguiers unmittelbar und in Criminalfällen, unter dem Präsidium des sranz. Viguier, ein Gericht, zusammengesetzt aus den beiden Viguiers, dem Oberrichter, einem Advocatcn als Beisitzer, dem Notargerichtsschrciber des Landes und zwei Mitgliedern des souveraincn Raths. Dieses Gericht spricht über Leben und Tod, es bestimmt die Vertheidi- gung des Angeklagten durch einen Advocaten, läßt aber keine Appellation zu. Die Verpachtung der Gcmcindcweiden, eine unbedeutende Pcrsoncnsteuer und eine geringe Abgabe des Boden- und Vichstandcrtrages bilden die Einnahmen des Landes. Das Leben der Andorraner ist einfach und kräftig, und ihre Gemeindeverfassung eine kriegerische; denn jeder Mann vom 16. bis 60. Jahre ist militairpflichtig und daher bewaffnet; jede Gemeinde hat einen Hauptmann und zwei Lieutenants, um in den Waffen geübt zu werden. Zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung und des Friedens können die Landvögte zu den Waffen rufen, nie aber zum Angriffe; über diesen hat das Volk zu entscheiden, und es erscheint dann jedes Familienhaupt alsbald an der Spitze seiner bewaffneten Söhne, Verwandten oder Knechte. — Die Hauptstadt Andorra, mit 2000 E-, liegt an der Balira. Andover, eine Stadt im Staate Massachusetts mit etwa 4000 E., ist besonders bekannt durch die von Franklin 1778 gestiftete Philippsakademie und besonders durch das 1807 gestiftete und freigebig ausgestattetc theologische Seminar, in welchem 120 Zöglinge drei Jahre lang unentgeltlich Wohnung und durch vier Lehrer Unterricht erhalten. Andrädll ist der Name eines alten, in der portug. Literatur und in der neuern Geschichte Brasiliens berühmten Geschlechts. — DiegodePayvad'A., geb. zu Coimbra am 26. Juli 1528, gcst. zu Lissabon am 1. Dec. 1575, glänzte auf der Kirchenversammlung zu Trient und schrieb unter Andern: gegen Martin Chemnitz eine „vekensio trillenti nse kllei catllolicse" (Jngolst. 1580 und Lissab. 1595,1.). — Sein Bruder, Francesco d' A., Historiograph König Philipp's III. von Portugal, gest. 1614, ist der Verfasser oer „Olironicrc lle rex !> äoav" (Lisiab. 1613, Fol.) und dessen Sohn, Diego d' A., gest. 1660, bekannt als Forscher in; Gebiete portug. Alterthümer durch sein„Lxsms <>:, -mti- guillolles" (Lissab. 1616, 4.). — Von Pedro d' A.-Caminha, gest. 1589, haben wir kalt-correctc, in schöner Sprache geschriebene Eklogen, Episteln, Elegien und Epigramme, die in seinen „Obras" (Lissab. 1791) gesammelt wurden. — Der Jesuit Antonio d'A., geb. zu Oleiros 1580, reiste als Missionar durch den nördlichen Theil des von ihm entdeckten Tibet nach China, gründete in Tibet eine Mission und beschrieb das Land („Kovo ciescubrimento ilos re>nos lle 'Libet", Lissab. 1626, 4.; neueste Bearbeitung unter dem Titel: „Va^sge au I'ibet kait en 1625 et 1626 par le per« ll'X., etc.", Par. 1795). Er starb als Provinzial seines Ordens, man sagt durch Gift, zu Goa am 19. März 1634. — JacintoFreyred'A., geb. zu Beja um 1597, gest. am 13. Mai 1657, ist berühmt als geistreicher Schriftsteller und Patriot, insbesondere durch seine elastische, in mehre Sprachen übersetzte „Vitia lle llou äoao lle Oastro" (Lissab. 1651, Fol. und 1736, 4.; neu herausgegeben von Barbosa Machado, Par. 1759 und Madr. 1802; im Auszuge in Lindau's „Heldengemälden aus der Vorzeit", Lpz. 1817). — In der neuern Geschichte Brasiliens haben sich besonders drei Brüder dieses Namens, die Söhne Jgnacio d'A.'s, der ebenfalls noch für die Unabhängigkeit Brasiliens mitwirkte, berühmt gemacht. Alle drei sirdzu San- tos in der Provinz Paolo geboren, studirtcn zu Coimbra und erwarben sich hier denDoctor- grad. Der älteste, Jose Bonifacio d'A.-Silva, einer der einsichtigsten und rechtschaffensten Männer Brasiliens, reiste als Jüngling auf Staatskosten zu-seiner weitern Ausbildung in bergmännischen Wissenschaften ins Ausland und benutzte mehre Jahre den Unterricht Werncr's in Freiberg. Im I. 1801 kam er nach Portugal zurück und bekleidete dann die Stelle eines Oberberghauptmanns. Er zeichnete sich im Unabhängigkeitskriege aus, ging aber 1819, mancherlei Chikancn ausweichend, wieder nach Brasilien, um der Wissenschaft zu leben. Als 1821 das Decrct der Cortes zu Lissabon vom 29. Sept., welches Dom Pedro nach Europa zurückberufend, in Brasilien das Signal zum allgemeinen Aufstande gab, stellte er sich nebst seinem jüngsten Bruder, Francesco, in San-Paolo an die Spitze der Bewegung und verfaßte als Vicepräsident der Municipalität die Dom Pedro überreichte Auffoderung, Brasilien nicht zu verlassen. Um den Umtrieben der portug. Partei kräftiger zu begegnen, sprach Dom Pedro die Hülfe des brasil. Volks an und 334 Andre stellte am 16. Jan. 1822 d A. als Minister des Innern an die Spitze der neuen Vermal tung. Die Unbeugsamkeit, mit der er sich bei Entwerfung der neuen Verfassung für eine der brit. nachgebildete interessirte und die strengen Maßregeln und zahlreichen Verhaftun- '' gen, die er gegen seine republikanisch gesinnten Gegner eintretcn ließ, erleichterten es seinen Feinden, ihm die Gunst des jungen Herrschers zu entziehen. Er erhielt am 25. Oct. 1822 seine Entlassung, war aber nach fünf Tagen in Folge einer Manifestation des Volks zu seinen Gunsten wieder am Ruder. Schon am 17. Juli 1823 nahm er zum zweiten Male seine Entlassung, trat nun in die Opposition gegen das neue Ministerium und wurde als Führer derselben verhaftet und nach Europa eingeschifft. Mit wissenschaftlichen Stu- dien beschäftigt, blieb er mehre Jahre in Bordeaux, bis er die Erlaubniß zur Rückkehr er § hielt. Aufs neue im Vertrauen des Kaisers ward er, als derselbe am 7. Apr. 1831 zu Gunsten seines Sohnes, Dom Pedro's II-, abdankte, zu dessen Vormund ernannt und unterzog sich aufs gewissenhafteste der Erziehung seines Mündels. Später kam er jedoch in den durch nichts gerechtfertigten Verdacht, die Rückkehr des Exkaisers zu begünstigen, und wurde 1834 in Folge eines Volkstumults durch die Regentschaft der Vormundschaft enthoben. Er lebte seitdem zurückgezogen auf einer kleinen reizenden Insel bei Rio, wo er am 5. Apr. 1838 starb und von staatswegen mit großem Gepränge beerdigt wurde. — Sein Bruder, AntonioCarlod'A., verwaltete ein obrigkeitliches Amt zu Olinda bei Pernam- buco, als er in die Revolution von 1817 verwickelt wurde. In Folge dieses verhaftet, kam er erst 1820 wieder in Freiheit. Sofort für die Cortes in Lissabon erwählt, sprach er sich lebhaft für die Unabhängigkeit Brasiliens aus und galt allgemein für den ausgezeichnetsten Redner. Da ihm die neue portug. Constitution den Interessen Brasiliens zuwider schien, verweigerte erdenSchwur auf dieselbe und fvderte seinePässe. Aufdie Nachricht vom Ausbruche der Revolution in Brasilien, entwich er heimlich nach Rio, wo er zum Mitglied der constituirendcn Versammlung gewählt, in deren Auftrag den Eid entwarf, der Dom Pedro und dessen Dynastie die Krone Brasiliens sicherte. Mit seinen Brüdern im gemein- e samen Streben und die Gunst und Ungunst des jungen Kaisers und des Volks mit jenen theilend, wurde er von dem im Juli 1840 für großjährig erklärten Kaiser zum Minister der Finanzen ernannt, was er aber kaum ein Jahr blieb. — Der dritte Bruder, Fr an- ' cesco d'A-, stüher in Portugal, war in Brasilien als Lehrer der Mineralogie angestellt und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannt, als er sich mir seinem ältesten Bruder 1821 der Bewegung in San-Paolo anschloß. Mit Letzterm wurde er 1822 Finanzminister, mit ihm entlassen, wieder ausgenommen, 1823 von neuem entlassen, aus Brasilien verbannt und später wieder zurückbcrufen. Neben seinem Bruder Antonio Carlo übernahm er 1840 das Ministerium des Innern, das er gleich Jenem 1841 wieder abgeben mußte. Andre (Christian Karl), einsehr verdienter Mann um die Pädagogik wie um die Landwirthschaft, geb. zu Hildburghausen am 20. März 1763, gest. zu Stuttgart am 18. Juli 1831. Er war eine Reihe von Jahren eine Hauptstütze des Salzmann'schen Instituts in Schnepfenthal, das er 1785, als der Muth des Stifters zu wanken anfing, zu erhalten wußte. Unter den Schriften aus dieser seiner frühesten Periode sind vorzüglich geschätzt die anfangs mit Bechstein, später mit Blasche herausgegebenen „Gemeinnützigen Spazier- gänge aus alle Tage im Jahre" (IO Bde., Braunschw. 1794—98) und die „Compendiösi Bibliothek der gemeinnützigsten Kenntnisse" (120 Hefte, Gott. 1790—95). Mit Becker in Gotha unternahm er 1797 die Herausgabe des „Allgemeinen Reichsanzeiger" (jetzt „Allgemeiner Anzeiger der Deutschen"); überließ aber diesem die Ausführung ganz allein, als er 1798 dem Rufe als Director der protestantischen Schule zu Brünn folgte, wo er 1812 zum fürstlich Salm'schen Wirthschaftsrath und dann zum Secretair der Mährischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaus ernannt wurde. Später wurde er Mitinhaber der Calve'schen Buchhandlung in Prag und 1817 Assessor des Georgicons zu Keszthely in Ungarn. In Ostreich von der Censur bedrückt, wirkte er dessenungeachtet viel Gutes durch sein „Patriotisches Tageblatt" (10 Bde., Brünn 1800—5), welches das erste und! lange Zeit einzige Nationalblatt dieser Art war. Durch die Herausgabe des „ABC oder ersten Lehrbuchs der Mineralogie" (Wien 1804) und durch die Verbreitung mehrer Hunderte von Mineraliencabincten trug er viel zur Gemeinnützigkeit dieser Wissenschaft bei. Andrea (Jak.) Andrea (Joh. Balent.) 335 Nachdem er 1806 von der östr. Regierung veranlaßt worden war, von neuem als gemeinnütziger Schriftsteller zu wirken, indem man ihm zugleich, insbesondere auf Vermittelung des damaligen böhmisch-galizischen Kanzlers Grafen Lazansky eine liberale Censur und den ungehinderten Gebrauch der auswärtigen literarischen Hülssmittel gewährte, richtete er nun seine schriftstellerische Thätigkeit theils auf die gebildetere Classe im Allgemeinen, theils auf die Landwirthe insbesondere. Für jene bestimmte er den „Hes- perus" (Prag 1809—20 und Stuttg. 1821—31), für diese die „Ökonomischen Neuigkeiten" (Prag 1811—31). Die Auffoderung, einen Kalender zu schreiben, gab ihm Gelegenheit, auch auf die Kultur des Mittelstandes in Ostreich einzuwirken, wie die 14 Jahrgänge seines „Nationalkalender" (Prag 1810—24) beweisen, von denen die ersten unter dem Titel „ Hausbuch für Familien" in einer neuen Auflage (Prag 1821) erschienen. Mit Beifall wurde auch sein „Östreichischer Kaiserstaat", der den 15. Band der„Ländcr- und Völkerkunde" (Wien 1814) bildet, ausgenommen. Nächstdem schrieb er noch „Anleitung über die rechte Behandlung des rothen Klees" (Prag 1814); „Geographie des östr. Kaiserthums" (Prag 1814) und „Kurze Belehrung über den Gyps" (Prag 1818). Als er später die ihm 1806 bewilligten Vergünstigungen verlor, ging er 1821, nachdem der König von Würtemberg ihm jede angemessene Unterstützung in seinem Streben für gemeinnützige Zwecke zugesichert, auch den Titel als Hofrath verliehen hatte, nach Stuttgart, wo ihm das wissenschaftliche Secretariat bei der Centralstelle des landwirthschaft- lichen Vereins und mit diesem die Redaction der landwirthschaftlichen Zeitschrift übertragen wurde. Seinen Kalender wandelte er hier in ein „Volksbuch für die gesammten deutschen Bundesstaaten" um. — Sein zweiter Sohn, RudolfA., gcb. zu Gotha 1793, gest. 1825 als Administrator der fürstlich Salm-Reifferscheid'schen Herrschaften in Mähren, erwarb sich vorzüglich als wissenschaftlicher Schafzüchter einen Ruf, indem er zuerst das Veredelungsgeschäft der Schafzucht in seinem ganzen Umfange betrieb. Von ihm erschienen „Darstellung der vorzüglichsten landwirthschaftlichen Verhältnisse" (Prag 1815; 3. Ausl, mit Anmerkungen von Rieger, 1831); „Ideen über die Verwaltung landtäflicher Güter in Böhmen, Mähren und Ostreich" (Prag 1820) und „Anleitung zur Veredelung des Schafviehes" (Prag 1816' 2. Ausl, von Elsner, 1826). — Der jüngere Bruder des Letztern, Emil A-, geb. 1795, gegenwärtig Forst- und Wirthschaftsrath in Ungarn, hat sich durch seine Forstwirthschafts- methode, die in Böhmen und Mähren allgemein in Anwendung gebracht worden ist, große Verdienste erworben. Seit dem Tode des Vaters, in der ersten Zeit gemeinschaftlich mit Elsner, setzte er die „Ökonomischen Neuigkeiten" fort. Außerdem schrieb er den „Versuch einer zeitgemäßen Forstorganisation" (Prag 1823), der in der zweiten Auflage den Titel „Einfachste, den höchsten Ertrag und die Nachhaltigkeit ganz sicherstellende Frostwirthschafts- methode" (Prag 1832) erhielt, und „Die vorzüglichsten Mittel, den Wäldern einen höhern Ertrag abzugewinncn" (Prag 1826). Andrea (Jakob), einer der thätigsten, berühmtesten und einflußreichsten Theologen der protestantischen Kirche in der ersten Periode ihrer Ausbildung, war zu Waiblingen in Würtemberg am 25. März 1528 geboren, der Sohn eines Schmieds, daher er spottweise auch Schmidlin oder Fabricius genannt wurde. Er studirte zu Stuttgart und Tübingen, erhielt am I. Oct. 1546 eine Anstellung als Geistlicher, die er aber nach zwei Jahren, weil er das Interim nicht annehmen wollte, wieder aufgeben mußte. Jm J. 1549 in Tübingen wieder als Geistlicher angestellt, wurde er sehr bald Superintendent in Göppingen, 1557 Hofprediger des Herzogs Christoph von Würtemberg, den er auf die Reichstage zu Regensburg und zu Frankfurt am Main begleitete, und 1562 Professor der Theologie, Kanzler der Universität und Propst an der St.-Georgenkirche zu Tübingen. Seit dieser Zeit bis zu seinem Tode, am 7. Jan. 1590, hatte er fast an allen wichtiger« Streitigkeiten, Gesprächen und Verhandlungen der protestantischen Kirche den entschiedensten Antheil. Durch ihn besonders kam 1577 im Kloster Bergen der Pacificationsversuch der streitenden protestantischen Parteien, die „kormnls, coneorckias", zu Stande, deren bindende Autorität durchzusetzen und ihr Ancrkenntniß zu erlangen, er sich unsägliche Mühe gab. Seine Schriften, über 150 an der Zahl, haben für unsere Zeiten nur noch historische Bedeutung. Andrea (Joh. Valent.), einer der originellsten deutschen Schriftsteller, den Herder 336 Andreas Andre'offy einen Mann nannte, der in seinem Jahrhunderte wie die Rose lmter den Dornen blühte, ein Enkel des Vorigen, geh. am 17. Aug. 1586 zu Hcrrenbcrg, einer Oberamtsstadt zwei Stunden von Tübingen, studirte zu Tübingen und bereiste dann einen Theil Deutschlands, die ' Schweiz, Italien und Frankreich. Jm J. 1615 ward er Diakonus zu Vaihingen, 1626 Superintendent zu Kalw, 1636 Hofprediger in Stuttgart, später auch Abt zu Bebenhausen und starb zu Stuttgart am 27. Juni 1654. Tief bekümmert, die Grundsätze der christlichen Religion leeren Streitigkeiten preisgegeben und die Wissenschaften von Eitelkeit und Neugierde gemisbraucht zu sehen, war er unablässig bemüht, sowol jener als diesen ihre moralische und wohlthätige Richtung wiederzugebcn. Lange hat man ihn für den Stifter oder, wenigstens Erneuerer des Ordens derRosenkreuzer (s. d.) gehalten. Drei Schriften ^ scheinen diese Meinung zu unterstützen. Zu der„Chymischcn Hochzeit Christian! Rosenkreuz" (1616) bekannte er sich selbst als Verfasser, und die beiden andern: „Lnma fraternitatir, 14. 6. (i. e. 10862 « crucis)" (1614) und „öontessio trsternitstis 14. 6." (1615), sind jener in Denkweise und Darstellung zu nahe verwandt, daß nicht auch sie von ihm herrühren soll- ren. Doch wollte er durch sie keineswegs eine geheime Gesellschaft von Schwärmern und Wunderthätern begründen, vielmehr sollten sie, wie er von der erstem Schrift selbst eingesteht, gerade das Gegentheil, ein Spiel mit den Thorheiten der Zeit, eine Verspottung der Geheimnißsüchtigen sein; daß sie von den Zeitgenossen, insbesondere von Denen, die der mystisch-thcosophischen Richtung der Zeit zugerhan waren, falsch verstanden wurden und zu geheimen Verbrüderungen die Veranlassung gaben, war nicht A.'s Schuld. Er selbst benutzte jede Gelegenheit, das Unwesen der Rosenkreuzerei in seiner Blöße darzustellen, und mehre seiner spätem Schriften waren gegen dieselbe gerichtet. Die Richtung seines Geistes war durchaus praktisch. Kenntnißreich, scharfsichtig, witzig und sittlich-kräftig gebrauchte er die Waffen, die ihm, wie Wenigen, zu Gebote standen, gegen jede Verkehrtheit in Religion, Wissenschaft, Sitte, Politik und Erziehung, vor Allem gegen die Hauptvcrirrungen seiner Zeit, die dürre Schulgelehrsamkeit und die falsche durch jene hervorgerufene Mystik. ' Von seinen zahlreichen, meist aus kleinem Aufsätzen höchst männichfaltigen Inhalts bestehenden Schriften gehört der „Älenippiis s. sat^rieorum llislo^oruin eenturia" (1617), eine Sammlung von hundert Gesprächen voll fruchtbarer, körnig und epigrammatisch ausgesprochener Wahrheiten, zu den vorzüglichsten. Aus seiner „Nztllologin cbristisim" (1618) haben Herder in den „Zerstreuten Blättern" (Bd. 5) und Sonntag in „A.'s Dichtungen" (hcrausgcgcben von Herder, Lpz. 17 86) Einiges übersetzt. Was A. deutsch schrieb und dich- tete, war leicht, heiter und ohne sorgsame Feile. Einzelne Proben gab er schon in der„Chy- mischen Hochzeit" und in dem selten gewordenen „Christlich Gemäl" (Tüb. 1612,4.). Bekannter ist die „Geistliche Kurzweil" (Strasb. 1619,12.) aus Herder's Mittheilungen und die allegorisch-epische Dichtung „Die Christcnburg", welche neuerdings von Grüneisen (Stuttg. 1836) herausgegcben wurde. Spätere Versuche sind von minderm Belang, wie denn überhaupt seine schriftstellerische Wirksamkeit seit 1620 einer mehr auf das äußere Leben gerichteten Thätigkeit Platz machte, zu der ihm die geistlichen Ämter, die er bekleidete, volle Gelegenheit boten. Vgl. „A.'s Selbstbiographic" (Winterthur 1799) und Hoßbach, „Joh. Valent. A. und sein Zeitalter" (Berl. 1819). . Andreas, der Heilige, ist der Bruder des Petrus und der erste Schüler Christi, der aus der Jüngerschaft Johannes des Täufers zu ihm überging. Er war, wie sein Bruder, Fischer; Beide aber entsagten diesem Gewerbe und folgten Christus. A.'s Thätigkeit und Schicksale nach Christus Tode sind ungewiß; die gewöhnliche Meinung ist, daß er das Evangelium in Scythien, dann in Nordgriechenland und Epirus gepredigt habe und am 36. Nov. 83 zu Paträ in Achaja gekreuzigt worden sei. Da er an einem Kreuze in Form eines X gekreuzigt worden sein soll, so hat man solche Kreuze Andreaskreuze genannt. In den ersten Zeiten der Kirche war ein ihm untergeschobenes Evangelium in Umlauf; auch die sogenannten,,^cta", die seinen Namen führen, sind nicht von ihm. Die Schotten verehren ihn als den Schutzheiligen ihres Landes, die Russen als den Apostel, der ihnen das s Evangelium gebracht und ihre Kirche gestiftet hat. Ihm zu Ehren stiftete Peter der Große 1698 den Andreasordcn, den vornehmsten des russ. Reichs. Andrcossy (Antoine Francois, Graf), gcb. 6. Mär; 1761 zu Castelnauvary, von Andrieux Andromache 337 ital. Abstammung, war der Urenkel des 1688 gestorbenen Francois A., der mit Niquct den Kanal von Languedoc baute. Er trat 1781 als Artillerielicutcnant in Kriegsdienste, kämpfte 1787 in Holland gegen die Preußen, wo er gefangen wurde, und schwang sich nach dem Ausbruche des Revolutionskricges schnell empor. Im ital. Feldzüge zeichnete er sich bei mehren Gelegenheiten aus tmd begleitete Bonaparte nach Ägypten, wo er als Mitglied des zuKairo gestifteten Instituts vieleBeweise seiner wissenschaftlichen Kcntnisse gab, vorzüglich durch seine Untersuchungen des Sees Menzalch. Mit Bonaparte nach Frankreich zurück- gekehrt, half er die Entscheidung am >8. Brumaire herbeiführen, wurde Kriegsminister und nach dem Frieden von Ämiens Gesandter in London. Später ward er Botschafter in Wien und zuletzt Gesandter in Konstantinopel, wo er sich nicht nur durch thätige Beförderung der Interessen Frankreichs, sondern auch durch wissenschaftliche Forschungen auszeichnetc. In Folge der Restauration ward er zurückgcrufen und nach Napolcon's Rückkehr von Elba erhielt erdie Pairswürdc. Nach der Schlacht bei Waterloo war er einer der Commissarc, die den fremden Heeren cntgcgengesandt wurden, aber nicht bis zu Blücher's Hauptquartier reisen durften. Er sprach sich offen für die Zurückberufung der Bourbons aus, stand aber als Deputirter vom Äudedepartement meist auf der Seite der Opposition. Er starb zu Montauban am 10. Sept. 1828. Eine seiner ersten Schriften ist die „Üistoirs generale du ca- nsl du klidi" (Par. 1800; neue Aust., 2 Bdc., 1805), worin er die lange verkannten Ansprüche seines Ahnherrn gegen Niquet rettete. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen in Ägypten bilden einen Theil der „klemoires de l'Lig)pte". Von vorzüglichem Werthe ist sein „kleinoire sur I'irruption du koat-Luxiu dans lu Klediterranee", gleichwie sein „kle- inoire sur le Systeme des eaux qui all, euveilt (lonstantinnple" zu den schätzbarsten Bereicherungen der Hydrostatik gehört. Für die Kriegsgeschichte ist die „Relation de la cumpagno sur le klein et lg, Rednitr de I'arinse gallo-batave" (Par. 1802) , und für die physische Geographie das Werk „Oonstantiaopie et IsLospIiors de Ikracependant lesannees 1812 — 14 et pendgut I'snnes 1820" (Par. 1828; deutsch, Lpz. 1828) von Wichtigkeit. Andrieux (Franc. Guillaume Jean Stanislas), ein geachteter franz. Komiker, geb. 6, Mai 1759 zu Melun, war beim Ausbruch der Revolution Advocak. Während derselben zeichnete er sich durch seine Freiheitsliebe aus und trat 1798 als Deputirter des Seinedepartements in das gesetzgebende Corps, wo er durch seine Reden und Vorschläge über die Einrichtung der Primairschulen, die Freiheit der Presse und über die Ermordung der Gesandten zu Rastadt viel Aufsehen erregte. Zu gleicher Zeit machte er sich als Verfasser beliebter Lustspiele, z. B. „Res etourdis" (1787), bekannt. Nach dem 18. Brumaire wurde er Tribun, 1800 Sccretair und bald nachher Präsident des Tribunals. Bonaparte, dessen Planen A. ein Hinderniß war, sagte: „1l ) a dansX. sutre cllose ^us des comedies" und wußte ihn 1802 von seinen Stellen zu entfernen. Seitdem wendete sich A. ganz der Literatur zu, um hier seinem Namen als Professor an der Polytechnischen Schule (seit 1803), welche Stelle er 1815 verlor, und als Professor am College de France (seit 1814), sowie durch schriftstellerische Leistungen einen neuen Glanz zu verleihen. Ludwig XVIIl. nahm ihn 1816 in die Akademie auf, deren beständiger Secretair er 1829 ward. In dieser Stelle war er so thätig für die Bearbeitung des „Rictionnaire de l'Xcadeinie", daß er sagen konnte: „de mourrai du dictionnaire."- A war einer der Gründer der „Recadss pbilosopbiques st litteraires" (1794—1807) und hat eine ziemliche Anzahl dramatischer Stücke geschrieben. Besondern Beifalls erfreuten sich seine Lustspiele „kloliere avee ses gmis", „L.S vieux lat" und seine 1830 aufgeführte Tragödie „Rrutus". Ausgezeichnet war er als Erzähler. Er starb am 10. Mai 1833. Seine Werke sind gesammelt in zwei Ausgaben (4 Bdc., Par. 1817—23; 6 Bde., Par. 1828). Eine Zusammenstellung seiner ästhetischen Vorlesungen ist unter dem Titel „1.» pliilosopbis des Keiles lettrss" (4 Bde., Par. 1828) erschienen. Thiers, der in der Äkademie sein Nachfolger ward, hat ihn mit wenigen Strichen meisterhaft gezeichnet. Andromäche, die Tochter des Königs Eetion von Theben in Cilicicn und Gemahlin des Hektar, war ausgezeichnet durch Schönheit und weibliche Trefflichkeit. Ihren Abschied von Hektar, als er zum letzten Kampfe eilte, haben Homer und Schiller in rührender Wehe Conv.-Lex. Neunte Aufl. 1. ^'2 338 Aildromachus Llneas besungen. Skack Trojas Eroberung ward sie Pyrrhus, dem Sohn des Achilles, zu Thcil, wel- chcr sie nach Epirus führte, und drei Söhne, den Moluffus, Pilcus und Pcrgamus, mit ihr . zeugte, nachher aber sie Helenus, dem Bruder Hektor's, überließ, dem sie noch einen Sohn, k Ccsirinus, gebar. Euripides hat sie zur Hauptperson einer Tragödie gemacht. Andromächus, aus Kreta, Leibarzt des Nero, zeichnete sich sowol in der Theorie als Praxis aus und wird besonders wegen Erfindung eines Heilmittels gegen thierische Gifte gepriesen, welches er selbst in griech. Versen beschrieben hat (hcrausgeg. Nürnb. 1754, -1.). Andromeda, des äthiop. Königs Kcpheus und der Kassiopeia Tochter, war, gleich ihrer Mutter, von seltener Schönheit. Als Kassiopeia einst prahlerisch rühmte, daß ihre Tochter die Nereiden an Schönheit übertreffe, flehten die beleidigten Göttinnen um Rache , bei Neptun, der nicht nur des Kepheus Gebiet überschwemmte, sondern auch ein fürchte» liches Meerungchcuer sandte, welches dem Lande allgemeines Verderben drohte. Das Am- „ionische Orakel that den Ausspruch, Neptun's Zorn könne nur besänftigt werden, wenn Kcpheus seine Tochter dem Ungeheuer zur Beute brächte. Kaum hatten Solches die Äthiopier vernommen, so zwangen sie den Kepheus zur Befolgung des Spruchs. An einen Felsen geschmiedet ward die unschuldige A. dem Ungeheuer preisgcgeben. Hier erblickte sie Per- seus (s.d.), gerade als er, das versteinernde Gorgoncnhaupt in derHand, von Besiegung der Medusa auf dem Pegasus zurückkam. Gerührt von der Schönheit der Jungfrau, versprach der Held, das Ungeheuer zu erlegen, wofern man ihm dieselbe vermählen wolle. Gern versprach es der Vater, und Perseus bestand das Abenteuer. Von der Minerva ward A. unter die Sterne versetzt; ihr Sternbild in der Gestalt einer mit ausgcbreiteten Armen an einen Felsen gefesselten Jungfrau befindet sich zwischen dem 18° und -18° nördl. Abweichung in der Nähe des Pegasus, Perseus, Kepheus und Kassiopeia. Andronicus, s. Livius Andronicus. Androphagen, s. Anthropophagen. Andres oder Andro, die nördlichste Insel der zu Griechenland gehörigen Cykladen, ? durch den Kanal von Silota von der Südküstc Euböas getrennt, ist - 1/2 OM. groß und von einem Gebirge erfüllt, dessen Abfälle zu äußerst fruchtbaren Ebenen sich ausbreitcn. Sie umschließt 4V Dörfer und hat 120V0 E-, welche sonst häufig nach Konstantinopel und > Smyrna als Diener der dortigen Christen auswandcrten. — Die gleichnamige Hauptstadt ! an der Ostküste, der Sitz eines gricch. Bischofs, mit 5000 E-, die lebhaften Handel treiben, hat zwar einen kleinen Hafen aber eine gute Rhede. Aneas, nach Homer des Anchises und der Venus Sohu, war unter Trojas Helden nach Hektar der tapferste bei der Vertheidigung der Stadt. Doch sind die Erzählungen der Alten über sein Schicksal vor und nach der Eroberung Trojas, »sowie über seine spätcrn Wanderungen sehr abweichend. Wir folgen hier der Darstellung Virgil's. Ungeachtet der Mahnung des Prianrus, in der Nacht, als die Stadt von den Griechen genommen wurde, mit den Götterbildern zu entfliehen, stürzte er sich in den Kampf und wich nicht eher, bis Pria- mus gefallen und die Mutter ihn rief, zum Vater zurückzukehren. Er rettete die Götter und die Seinen und verließ das brennende Jlium, wo nichts mehr zu retten; doch im Getümmel verlor er seine Gattin Krensa (s. d.). Mit 20 Schiffen segelte er nach Thrazien, wo er die ^ Stadt Anos zu bauen begann, allein ein Wunder erschreckte ihn, und er unterließ den An- > bau. Um das Orakel zu befragen, wendete er sich nach Delphi; die Misdeutung des Orakelspruchs führte ihn nach Kreta, von wo ihn eine Pest vertrieb. Er zog nach dem Vorgebirge Äctium, wo er zu Ehren Apollon's Spiele feierte, und fand dann in Epirus Helenus und Andromache. Von hier ging seine Fahrt an Italien hin, die Meerenge vorbei, zu den Cy< klopen am Ätna, dann um Sicilien nach dem Vorgebirge Drepanum auf der Westseite, wo Anchijes starb. Ein Sturm verschlug ihn nach Afrika, wo Dido ihn in Karthago freundlich aufnahm und an eine Vermählung mit ihm dachte. Jupiter aber, des waltenden Schicksals eingedenk, sendete durch Mercur Befehl an Ä., nach Italien abzugehen. Während die ! verlassene Dido ihr Leben auf dem Scheiterhaufen endigte, segelte Ä. mit seinen Genossen ab j und ward durch Sturm nach Sicilien zum trojan. Gastsreunde Acestes verschlagen, wo er dem abgeschiedenen Vater Todtenspicle feierte. Die Weiber der Genossen, müde der Seefahrt und von Juno gereizt, steckten die Schiffe in Brand, worauf er beschloß, die Weiber und 'l- hr u>, ' rie fte >. ich hre che , er- m- ikc- ier ftn :r- der ach cr- Uer icn in >en, e md tcn. >nd l -adt >en, ach tcn ldc- ah- mit ria- und mel die . lln- ' kel- >rge and Ly- wo nd- ick- die ! ab ^ er »» hrt md Äueas (der Taktiker) Anemoskop 339 Schwachen zurückzulaffcn. In diesem Entschluß bestärkte ihn Anchises, der ihn im Traum ermahnte, in Italien durch Hülfe der Sibylla in die Unterwelt zu steigen. Nach Erbauung der Stadt Acesta schiffte Ä. nach Italien, wo er bei Cumä die Sibylla aufsuchte, die ihm seine Zukunft weissagte und seinen Gang zur Unterwelt beförderte. Nach seiner Rückkehr aus dieser gelangte er nach einer neuen Schiffahrt in den Tibcris, wo er am östlichen Ufer, im Lande des laurentinischen Königs Latinus, ausstieg. Dessen Tochter Lavinia war von dem Schicksal einem Fremdlinge bestimmt, aber von der Mutter Amata dem Könige der Rutuler, Turnus, verheißen. Dies veranlaßte einen Krieg, nach dessen Beendigung sich Ä. mit der Lavinia vermählte. So erzählt Virgil in der „Äneide", abweichend in manchem Stücke von den Angaben älterer Quellen, z. B. den cyklischen Dichtern, des Ä. Geschichte. — Sein mit der Lavinia. erzeugter Sohn, Äneas Sylvius, wurde der Stammvater der Könige von Albalonga und zuleht durch Nomulus und Rcmus der Gründer Roms. Von seiner ersten Gemahlin hatte er einen Sohn, Ascanius, der Albalonga erbaute, und von dessen Sohne Julus die Römer das Julische Geschlecht ableitetcn. Äneas, der Taktiker genannt, lebte um 3-10 v. Ehr. und schrieb ein vollständiges Werk über die Kriegskunst, von welchem wir aber nur noch ein größeres Bruchstück über die Belagerungskunst besitzen, besonders herausgcgebcn von Örelli (Lpz. 1818). Äneas Sylvius, s. Piccolomini. Anekdöta nannten die Alten Alles, was schriftlich noch nicht bekannt gemacht worden war,»- in welchem Sinne der Geschichtschreiber Procopius im 6. Jahrh. n. Ehr. seine „Geheimen Geschichten" aus den RegicrungSjahren Justinian's und Belisar's zugleich mit dem Namen „^nscclotu" bezeichnet«:. Seit Erfindung der Buchdruckerkunst aber versteht man darunter alte Schriften oder auch nur Bruchstücke daraus, die, vorher meist für verloren gehalten, durch den Druck zum ersten Male der Öffentlichkeit übergeben werden, dergleichen wir jetzt unter diesem Titel von Muratori, Wolff, Villoison, Siebenkees, Bekker, Bachmann, Boiffonade, Heimbach, Cramer, Delitzsch aus der griech-, rvm. und arab. Literatur besitzen. — An ekd oton heißt eine einzelne solche Schrift. Anekdote, abgeleitet von dem griech. Anekdoten, dient im Deutschen gewöhnlich zur Bezeichnung eines kleinen, aus dem Leben gegriffenen oder witzig erfundenen Geschichtchens, einer merkwürdigen oder witzigen Äußerung, eines außerordentlichen oder lächerlichen Vorfalls. Oft aber gebraucht man das Wort auch gleichbedeutend mit Ana (s. d.). — Anek- dotenkrämer nennt man spottweise Personen, die bei jeder Gelegenheit ihren Vorrath an Geschichtchen ausschütten, und Anekdotenjäger besonders Reisebeschreiber, die ihre Berichte mit fabelhaften Erzählungen ausputzen. Anemone, eine Pflanzengattung aus der Familie der Nanunculaceen, ist reich an Arten, die fast alle durch schöne Formen sich auszeichnen und meist im ersten Frühjahre blühen. Cultivirt wird besonders die Eartcnanemone (^. coronaris), welche in Kleinasien, Persien und andern Ländern des Orients wild wächst und von den Ärabecn Anahamen genannt wird. Sie macht so zahlreiche Spielarten, daß besondere Werke über sie und ihre Cultur vorhanden sind, wird zumal in Holland sehr im Großen gezogen und ist auch in Deutschland eine beliebte, jedoch etwas sorgfältige Behandlung erfodcrnde Gartenblume, welche einen leichten Boden verlangt. Die aus bündelförmigen Knollen bestehende Wurzel muß nach dem Verblühen herausgenommen werden. Die Blumen vertragen weder Regen noch heftigen Wind. Die Vermehrung geschieht durch Wurzeltheilung, oder auch durch Samen. Auf letzterm Wege erhält man zwar neue Spielarten, allein erst im zweiten Jahre blühende Exemplare. — Das sogenannte Leberblümchen (^. Kspslicu) gehört derselben Gattung an; es wächst wild in den meisten Gegenden Deutschlands und ist im gefüllten Zu- stände, als erste Frühlingsblume, in unfern Gärten gewöhnlich. Anemoskop kann man jede die Richtung des Windes angebende Windfahne nennen; sie wird zum Anemograph en, wenn sie zugleich die Änderungen der Windrichtung nicht allein mittels eines an einer im Innern des Gebäudes befindlichen Windrose angebrachten Zeigers marquirt, sondern wirklich registrirt und auf einem Papier durch Curven graphisch darstellt. Solche Vorrichtungen sind mehrfach angegeben worden; sie sind jedoch erst dann - 1 ^ * 34V Änefidemus Anfossi wissenschaftlich ganz brauchbar, wenn sie nicht blos schreibende Ancmoskope, sondern schrei- bende Anemometer oder Anemomctrographcn sind, d.h. nicht nur die Veränderung der Richtung, sondern auch die Stärke des Windes registriren, wie z. B. der Frank'sche Ane- ' mograph aufdcr Saline Dürrenbcrg. Solcher Instrumente zur Messung der Windgeschwin- digkcit gibt es sehr viele, die theils die Stärke des Stoßes messen, den der Wind auf eine ihm dargebotene Fläche ausübt, wie z. B. die altern Instrumente von Bouguer, Leupoldt, Valz, Lind, Nobison, Wollaston u. A., theils die Ablenkung, welche frei fallende Körper durch den Wind erfahren, wie z. B. das Instrument von Forbcs, theils endlich die Um- drchungen eines kleinen Windrades. Letztere Instrumente sind die praktisch brauchbar- stcn und besonders die Abänderungen des sogenannten Woltmann'schcn Flügels durch Hülffe ^ und Combes zu empfehlen. Änefidemus, ein skeptischer Philosoph, aus Knossus in Kreta gebürtig, der in der zweiten Hälfte des I.Jahrh. v. Chr.in Alexandrien lehrte und den Skepticismus (s.d.) unter den Alten von neuem belebte und weiter ausdchnte, als dies bis dahin geschehen war. Zn seinem Werke „Pyrrhonische Betrachtungen" setzte er die früher von Pyrrho (s. d.) angedeuteten Gründe gegen die Erkennbarkeit der uns umgebenden Sinnenwelt und für die Zurückhaltung jedes entscheidenden Urtheils auseinander und schärfte sie thcilweisc. Die skeptische, an Allem zweifelnde Denkart bczcichncte er als eine vergleichende Reflexion über die Erscheinungen und Vorstellungen, mittels welcher man in denselben die größte Ver- Wirrung finde und zur Zurückhaltung des Beifalls bestimmt werde. Gottlob Ernst Schulze (s. d.) gab unter dem Titel „Änefidemus" eine Schrift heraus (Helmst. 1792), in weicherer Kant's Kritik mit den Waffen des Skepticismus bekämpfte. Anerbe, auch Häupterb e, ist dasjenige unter mehren Kindern des Besitzers eines Bauernguts , auf welches der Besitz dieses untheilbarcn Gutes nach dem Tode des Vaters übergeht. Nicht immer entscheidet hier Erstgeburt, sondern bei Colonatgütcrn, oder wo sonst gutsherrliche Rechte sich geltend machen, auch die Rücksicht auf die Tüchtigkeit des Anerben ? und das Interesse des Gutsherrn. Particularrechtliche, auch statutarische Bestimmungen hierüber sind ebenso häufig als verschieden, vorzüglich in Westfalen. Aneurysma oder Pulsadergeschwulst. Man unterscheidet vier Arten von Aneurysmen: I) Das echte, die Erweiterung und Ausdehnung irgend einer Stelle einer Pulsader; 2) das unechte, wenn die Haut einer Arterie geöffnet ist und ein Austritt von Blut in das benachbarte Zellgewebe erfolgt; 3) das zusammengesetzte, wenn die äußern Häute der Arterie verletzt sind, und die innere Haut derselben durch die entstandene Öffnung sich aus- dehnt, herausdrängt und einen Sack bildet, und -1) das variköse, wenn bei einem Aderlaß die Vene ganz durchschlagen und zugleich die obere Seite einer unter derselben liegenden Arterie durchschnitten wird, wodurch nun das Blut aus derselben in die Vene dringt. Manche Ärzte nennen jede Gcfäßerweiterung Aneurysma und belegen mit diesem Namen selbst die Erweiterung des Herzens (äußere Aneurysmen). Die Aneurysmen sind häufig an großen Arterienstämmen, besonders in der Nähe des Herzens, an dem Bogen der Aorta (innere Aneurysmen) und an den äußern Gliedern, z. B. in der Kniekehle und an den Nippen, wo die Arterien durch Ausdehnung und heftige Bewegungen, Anstrengungen des Körpers, Stoßen, Fallen und Quetschungen öfter« Verletzungen ausgesctzt sind. Es können aber auch k Krankheiten der Arterienhäute, namentlich angeborene Schwäche und Schlaffheit derselben, heftiger Blutandrang und heftige Blutwallungen, Genuß hitziger Getränke, heftige Leidenschaften und Gemüthsbewegungen, Affecten, besonders Zorn, Veranlassung geben, was je- doch seltener bei den äußern als bei den innern Aneurysmen, welche überhaupt sehr schwer zu erkennen sind, zu befürchten steht. Durch den fortwährenden Druck, welchen die Aneurysmen auf die umgebenden Theile ausüben, veranlassen sie Entzündung, Verschwärung und selbst Brand derselben. Die äußerlichen Äneurysmen werden entweder durch lang anhaltenden Druck auf die Geschwulst geheilt oder durch Operationen weggeschafft, wofür Hunter, Scarpa u. A. mehrfache Methoden angegeben haben. i Anfosfi (Pasquale), ein geschickter Componist, geb. zu Neapel 1729, ein Schüler Saechini's und Piccini's, hielt sich die meiste Zeit seines Lebens in Paris und in London, wo er von 1783 an Director der ital. Oper war, auf und kehrte erst >787 nach Italien zurück. Angeboren Angeln 341 Er starb zu Nom 1795. Sein „ ^vsro ", „II curioso intliscreto" und „I viaggistori kelici^ gehören zu den besten komischen Opern. Sein Geschmack, Ausdruck und seine Kunst der Steigerung und Entwickelung sind ausgezeichnet. Mehre seiner Finales sind Muster in dieser Art. Auch hat er mehre Oratorien und Psalmen componirt. Angeboren. Was der Mensch mit seiner Geburt oder seiner ersten wahrnehmbaren Erscheinung im Leben empfangen hat, und was mithin auch nicht Werk seines Willens und seines Verdienstes ist, sind diejenigen besondern, ollen übrigen zum Grunde liegenden Bestimmungen und Verhältnisse seines individuellen Wesens, in deren Ausbildung und Anwendung seine srcie Thätigkeit sich zeigen soll. Angeboren, sagt man daher, ist dem Menschen sein Körper und die an die Erscheinung des Körpers sich anknüpfende Regel der Äußerung und Entwickelung des Geistes oder die geistige Anlage. Ob aber auch gewisse Ideen und Begriffe dem Menschen angeboren sind, darüber hat man viel gestritten, namentlich seit den Zeiten Locke's und Leibnitz's. Obgleich nämlich der Mensch Begriffe und Ideen nicht von Geburt an hat, d. h. sich deren bewußt ist, weil das Bewußtsein erst selbst entsteht, so sind sie doch der geistigen Natur nach ursprünglich, d. i. nicht von den Einzelnen als solchen willkürlich hervorgebracht, sondern von ewigem, nothwendigem Inhalt und das Resultat einer gesetzmäßigen Ausbildung unsers geistigen Wesens, und nach dieser Ursprünglichkeit, die jedoch den äußern Einfluß auf unsere Ausbildung nicht überhaupt ausschließt, sind sie oft auf unpassende Weise angeboren genannt worden. Man könnte vielmehr sagen, alle Ideen sind auch erworben; nur gibt cs solche, zu deren Erwerbung jeder Mensch die Bedingungen von Natur besitzt, indem sie im Laufe der geistigen Entwickelung unwillkürlich und noth- wendig entstehen. Körperliche Gebrechen und Krankheiten sind angeboren, sobald sie sich bereits im Mutterleibe zu entwickeln begannen; wurden sic beim Act der Zeugung von den Ältern auf die Frucht übertragen, so nennt man sie angezeugt, und geschieht dies mehre Generationen hindurch, so werden sie erbliche genannt. Angelstschcrei. Der Fischfang, hauptsächlich in Flüssen, mit Angeln, an deren äußerstem Ende natürliche oder künstliche Köder befestigt sind, ist nirgend so allgemein unter allen Ständen verbreitet als in England, wo selbst die Frauen sich damit belustigen. Es soll hier das Angeln zur Zeit der Reformation in Aufnahme gekommen sein, besonders durch die Geistlichkeit, welcher Jagd und Falkenbaize verboten waren. Durch eine lange Reihe Verordnungen ward es in England seitEduard's l. Zeit geschützt, und die engl. Literatur ist reich an Schriften in Prosa und Versen über diese Belustigung. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wohin diese altengl. Sitte verpflanzt wurde, ist das Angeln wie die Jagd für Jedermann frei, doch nehmen hier die Frauen keinen Theil daran. Die älteste Schrift über das Angeln ist das 1496 gedruckte seltene „Look, ok St.-^Ibans" unter dem Titel ,,'17reut)8s ok l^sliingo ve) tb SN angle", von Juliana Barnes, Priorin eines Nonnenklosters bei St.- Albans, ausgezeichnet durch unerreichbare Einfachheit. Vollständiger ist Isaak Walton's in dialogischer Form abgefaßtes Buch, ,,1'ke coinplete angier" (1653), das später von anderer Hand fortgesetzt wurde. Letzteres nahm sich der Chemiker Humphry Davy, der ein eifriger Angler war, zum Muster in seiner anonym erschienenen „Salmonia, er cka^s ok il^lisliing" (2. Ausl., Lond. 1828; deutsch vonNcubert, Lpz. 1846), worin die kunstgerechte Anleitung zur Angelsischerei durch geistreiche Behandlung des Gegenstandes ein erhöhtes Interesse erhielt. Angellco (Fra Giovanni), s. Fiesole. Angeln, ein deutsches Volk, dessen eigentlicher Stammsitz die Gegenden an der untern Saale längs der Elbe hinab bis über die Ohre gewesen zu sein scheinen. Vermuthlich zogen sie von da nach Norden in das heutige Schleswig, wo sie zwischen den Jüten und Sachsen wohnten. Im Verein mit den letztem eroberten sie im 5. Jahrh. England (s. Gr oßbritan- nien), wo sie das Land zu beiden Seiten des Flusses Humbcr, in die drei Königreiche Nort- humbrien, Ostanglien (Norfolk und Suffolk) und Mercia (am Flusse Trent) gethcilt, inne hatten. Der Name^ngli und^ngli» (daher England) wurde für das ganze angelsächsische Volk und Land der herrschende durch eine Verordnung des westsächsischen Königs Egbert im I 827 während bei den keltischen Nachkommen der alten Britten der Name Sachsen in Ge- brasich blieb. Von einem zurückgebliebenen Theil der Angeln führt wahrscheinlich im östlichen 3-l2 Angelsachsen Schleswig zwischen Flensburg und der Schlei ein Landstrich von >4 UM., mit 22stvo Einwohnern, noch jetzt den Namen Angeln. Angelsachsen ist der Name, mit welchem die Geschichtschreiber die deutschen Volksstämme Sachsen und Angeln, zu denen sich auch Jüten gesellten, umfassen, die von der Nie- dcrelbe im 5. Jahrh. n. Ehr., der Sage nach zuerst -1-19 unter Hcngist und Horsa, in wiederholten Auswanderungen nach Britannien übersetzten und sich das jetzige England unterwarfen. (S. Großbritannien.) Am gründlichsten ist die Geschichte der Angelsachsen wie ihr gesellschaftlicher Zustand in Lappenbcrg's „Geschichte von England" (Bd. 1) dargestellt. Die sieben Königreiche oder die angelsächsische Heptarchie, nämlich das aus der Vereinigung vonBernicia und Deira entstandene Northumbrien, Kent, Sussex, Wessex, Essex, Ostangcln und Mercia, vereinte Egbert 827 unter seiner Herrschaft zu Einem Reiche ^ngli-r oder England; den Titel eines Bretwalda, mit dem früher derjenige König genannt worden war, dem namentlich bei gemeinsamen Kriegen von allen oder doch mehren der übrigen Reiche die oberste Leitung der Angelegenheiten anvertraut ward, schaffte er ab. Die Verfassung der Angelsachsen, welche Alfred (s. d.), ihr größter König, nicht schuf, sondern nur theils wiederherstellte, thcils weiter ausbildcte, beruhte auf denselben Grundlagen wie die der andern german. Völker. Doch entwickelte sie sich bei den Angelsachsen, die überhaupt ihr german. Wesen in großer Reinheit erhielten, selbständiger als bei denjenigen deutschen Stämmen, die mit den Römern in engere Berührung kamen. An der Spitze stand der an die Stelle des german. Herzogs getretene, König, dessen Söhne und nächste Verwandte allein einen eigentlichen Geburtsadel, die Äthelinge, bildeten. Ein allmälig erblich werdender Dienst- und Lehnadcl gestaltete sich aus dem Gefolge deS Königs in zwei Elasten: der Hähern seiner Gefährten, der Ealdorman sEarl, aus Ealdor, d.i. der ältere, zusammengezogen), aus denen der König die Hofämter besetzte und die Vorsteher der größcrn Districte wählte, und der niedcrn, dem Gesinde (Gesith), oft mit dem, eigentlich allgemeinem, Namen Thegen oder Thane bezeichnet, die mit bestimmtem Landbesitz zum Kriegsdienst verpflichtet waren. Die Gemeinfreien, unter denen freigebliebene Britten einen niederem Rang einnahmen, hießen Ceorle und stellten sich meist unter den Schutz eines angesehenen Mannes (Hlaford, d. i. Brotherr, daher Lord); die Zahl der Unfreien (Theow) war nicht sehr groß. Alle diese Elasten waren durch Abstufungen der Rechte, namentlich des Wehrgelds, geschieden. Zn den großen Districtcn, den Shircs oder Grafschaften, bestanden kleinere Gemeindckreise, die Zehende, eine Vereinigung zehn freier Hausväter, deren Glieder vor Gericht für einander hafteten; zehn gehende bildeten eine Hundrede, über deren Gericht noch das Grafschaftsgericht unter dem Ealdorman stand. In wichtigen Angelegenheiten entschied der Letztere nur mit Zustimmung einer Versammlung (Gemote) der Wütigsten (d. i. der Weisesten, der Thane und der Vertreter der Ortschaften, Tunscipes) seiner Grafschaft, die halbjährlich an der Stelle der frühem Volksversammlung gehalten ward, und auch der König berief ein solches Witcnagemote oder Micelgemote, d.i. große Versammlung, der angesehensten Bischöfe und Laien. Vgl. Schmid, „Die Gesetze der A.", in der Ursprache müÜbcrsetznng (Lpz. 1832). Das Christenthum, das Augustinus (s. d.), der erste Erzbischof von Canter- bury, von Gregor l. gesendet, zuerst bei Äthelbert, König von Kent und Gemahl der christlichen fränkischen Königstochter Bertha, zu Ende des 6. Jahrh. predigte, verbreitete sich bei dm Angelsachsen schnell. Die angelsächsische Geistlichkeit zeichnete sich nicht minder als die statische, durch Bildung und durch Pflege der Wissenschaften aus; vor Allem ist BedaVenera- bilis (s. d.) berühmt; und angelsächsische wie statische Priester machten sich bald um die Verbreitung der christlichen Lehre bei den Völkern des eigentlichen Deutschlands verdient. Die angelsächsische Sprache, die als Kirchensprache nicht durch das Latein verdrängt ward, ist ein Zweig des german. Sprachstamms und als solcher in I. Grimm's „Deutscher Grammatik" eigen behandelt. Ein gutes Lesebuch hat Leo unter dem Titel „Altsächsische und angelsächsische Sprachproben" (Halle 1838) herausgegeben. Der eifrigste Förderer aber und gründlichste Kenner der angelsächsischen Sprache ist Benj. Th o rp e (s. d.). Sie bildet das deutsche Element der heutigen engl. Sprache, welches das durch die Normannen später zugeführte romanische bedeutend überwiegt, sodaß wenigstens vier Fünftel dcö WörtcrvorrathS ihm angehören. Unter den zahlreichen, zum großen Thcil noch ungedruckten Überresten der Angelus Silefius Angenehm 343 angelsächsischen Literatur zeichnen sich als Denkmäler ihrer Poesie, die wie die nordische und älteste deutsche stabreimend oder alliterirend war, namentlich folgende aus: Ceadmon's „Paraphrase der Genesis" (hcrausgegcben von Thorpe, Lond. 1832), das älteste, wahrscheinlich aus dem 7. Jahrh.; ferner „Der Beowulf", ein altnationales Epos (herausgegebcn von Kemble, Lond. 1833, 2. Aust. 1837; ins Deutsche übersetzt von Ettmüller, Zur. 1830), aus dem 8. Jahrh., und endlich aus derselben Zeit zwei auf der Legende beruhende Gedichte, „Andreas und Elene" (heransgcgeben von I. Grimm, Kassel 1830). Angelus Silesius , eigentlich Joh. Scheffler, ein geistlicher Dichter des 17. Jahrh., war zu Breslau oder zu Glatz 1623 geboren und neigte sich frühzeitig zur Schwärmerei hin, die in dem Studium der Schriften Tauler's, Jakob Böhme's u. A. noch mehr Nahrung fand. Nachdem er sich dem medicinischen Studium gewidmet und Reisen durch Holland gemacht hatte, ward er Leibarzt beim Herzog von Würtemberg-Öls. Unzufrieden mit den Satzungen seiner Kirche trat er 1653 zur katholischen Kirche über, und aus dem kaiserlichen Hofmedicus und Leibarzt Kaiser Ferdinand's III., an dessen Hof ihn sein wechselvolles Leben geführt hatte, ward ein Priester und Rath des Bischofs zu Breslau. Gegen das Ende seines Lebens zog er sich in ein dasiges Kloster zurück, wo er >677 starb. Seine friedlichen, gefühlvollen, oft in das Tändelnde übergehenden geistlichen Poesien con- trastiren auffallend mit seinen fanatisch heftigen prosaischen Streitschriften, welche letztere meist pseudonym erschienen. Sein „Cherubinisches Wanderbnch" (Glogau 1673) war fast ein ganzes Jahrhundert lang ein in zahlreichen Ausgaben verbreitetes Erbauungsbuch. Außerdem gibt es noch von ihm „Geistliche Hirtenlieder", „Die betrübte Psyche" u. s. w. In neuerer Zeit ist sein Andenken mehrfach erneuert worden; Haid (1815) und Franz Horn (1818) gaben Sammlungen seiner Sprüche heraus ; Barnhagen von Ense eine „Sammlung geistlicher Sprüche aus dem cherubinischen Wandersmann" (Bcrl. 1820) und auch W. Müller Einiges in der „Bibliothek deutscher Dichter u. s. w." (Bd. 9, Lpz. 1826). Angely (Louis), geb. um 1788 in Berlin, der franz. Kolonie daselbst angehörend, ging sehr früh zum Theater und lebte lange Zeit als Schauspieler und mit wechselndem Glücke in den Städten der cuss.-deutschen Ostseeprovinzcn. Spater war er Mitglied des deutschen Theaters in Petersburg, wo er im Fache der nieder» Komik großes Glück machte, und 1828 wurde er bei dem ncugcgründeten königsstädtischen Theater in Berlin als Schauspielerund Regisseur angestellt. Jm J. 1830 zog er sich von der Bühne ganz zurück, kaufte einen Gasthof in Berlin und starb daselbst am 16. Nov. 1835. Als Schauspieler war er nicht bedeutend, als Regisseur dagegen tüchtig; als Verfasser von Bühnenstücken verdankt vr sein Glück dem gesunkenen Geschmack, der Bewußtlosigkeit des Publicums und der Geschicklichkeit, womit er auf diese Geschmacksverderbtheit speculirte. Er gehörte jener Periode des berliner Theaters an, wo man, ohne daß ein eigentlicher Volksboden vorhanden gewesen wäre, das Theater in der Königsstadt zu einer Volksbühne machen wollte. In dieser Absicht schrieb er auch seine zahlreichen Possen, Vaudevilles und Singspiele. An eigener Erfindung, auch in seinen sogenannten Originalstücken, war er arm, aber, mit den Bühnenzuständen und dem Geschmacke des Publicums innig vertraut, wußte er franz. Stücke mit vieler Gewandtheit zu localisiren. Die „Schneidermamsells", „Schülerschwänke", „Die beiden Hofmeister", „Die Reise auf gemeinschaftliche Kosten", „Wohnungen zu vermiethen", und besonders „Die sieben Mädchen in Uniform" und „Das Fest der Handwerker" machten unter seinen Possen und Singspielen das meiste, selbst ein unerhörtes Glück. Seine dramatischen Arbeiten sind gesammelt in den „Vaudevilles und Lustspiele" (3 Bde., Bert. 1828—33 und Bd. I—3, 1832) und „Neuestes komisches Theater" (Hamb. 1836). Angenehm heißt zwar im Allgemeinen ein Gegenstand, insofern er ein Gefühl der Lust erweckt; dennoch unterscheidet sich das eigentlich Angenehme von Dem, was blos die Begierde befriedigt. Die Lust in der Befriedigung der Begierde hängt nämlich davon ab, daß erst eine Begierde vorhanden war; der gleichgültigste Gegenstand kann dem Menschen Lust verschaffen, weil er ihn gerade begehrt, z. B- bei Liebhabereien. Der Eindruck des eigentlich Angenehmen ist dagegen von der vorausgegangenen Begierde unabhängig.; ja das Begehren des Angenehmen und das Verabscheuen des Unangenehmen kann sogar mit andern Bekehrungen in Streit gerathen, wie in dem letztem Falle, wenn ein Kranker eine an sich 3Z4 Angerona Angora unangenehme Operation dennoch begehrt. Durch diese Unmittelbarkeit, mit welcher die Empfindung des Angenehmen oder Unangenehmen sich uns aufdringt, grenzt es nahe mit dem Schönen zusammen, und für viele Menschen hat der Genuß des Schönen auch nur die Bedeutung des Angenehmen. Dennoch unterscheidet sich das Schöne, auch schon da, wo cs die höchsten Interessen des geistigen Lebens nicht zugleich in sich schließt, von dem Angenehmen durch die Möglichkeit, über Das, was eigentlich gefällt, sich Rechenschaft zu geben, während daS Angenehme immer nur subjektives Gefühl bleibt, daher auch der Streit über das Angenehme sich nicht durch allgemeine Principicn entscheiden läßt, während die Untersuchung des Schönen sich in der Ästhetik (s. d.) zu einer Wissenschaft ausgebildet hat. Psychologisch betrachtet, gehört das Angenehme zu den dunkelsten Erscheinungen des geistigen Lebens. Allgeröna, die Göttin der Angst und Besorgniß, welche diese Eemüthszustände erregte, aber auch davon befreite, oder nur Letzteres that, wurde mit verbundenem Munde oder mit an den Mund gelegtem Finger dargestellt. Ihre Bildsäule stand in Rom auf dem Altäre in dem Tempel der Volupia. Zn diesem wurde auch das Fest derselben, welches ^ngeronuliii hieß, am 21. Dec. gefeiert. Angers (äuIiomagiiZ oder ^ncksguvum), die Hauptstadt des alten Herzogthums Anjou (s.d.) und jetzt des franz. Dcpartemints Maine und Loire, liegt an der Mayenne unweit ihrer Mündung in die Loire, ist der Sitz eines Bischofs, eines königlichen Gerichtshofes und hat 35900 E. Zu A. ist eine Universitätsakademie und königliche Gewerbschule, ein College, theologisches Seminar und Taubstummeninstitut, eine ökonomische Gesellschaft, ein botanischer Garten, eine große Bildergalerie und eine öffentliche Bibliothek. Lebhaften Gewerbsbetrieb zeigen besonders die königliche Segeltuchfabrik, die Baumwollenspinncreien, Zwirnstrumpfmanusacturen und in derNähe die an 3000 Arbeiter beschäftigenden Schiefer- brüchc. A. hat ein großes Gestüt und treibt einen ansehnlichen Handel, besonders mit Getreide, Wein, Branntwein, Essig, Senf und Baumwollenwaaren. Angivlogie heißt die Lehre von den Gefäßen (s. d.) des thierischen Körpers. Auglaise, engl. <>,<>, ist ein Tanz von lebhaftem Charakter und leichter Bewegung, bald in bald in '/, Takt. Er verdankt sein Entstehen dem franz. rigamlvn, ist aber allmälig einfacher geworden und beschränkt sich jetzt gemeiniglich auf vier Touren. Anglesey (HcnryWilliam Pag et, Graf von Uxbridge, Marquis von), geb. 17. Mai 1768, ist der älteste Sohn des Obersten Grafen von Uxbridge, der sich im nordamerik. Kriege auszeichnete. In Oxford gebildet, trat er zu Anfänge der franz. Revolution in das brit. Heer, focht 1793—04 an der Spitze eines selbstgeworbenen Infanterieregiments in Flandern und erwarb sich (damals Lord Paget) im Krieg auf der pyrcnäischen Halbinsel als Anführer der Reiterei großen Ruhm, besonders bei der Deckung des Rückzugs des Generals Moore und im Treffen bei Benavente, wo er den General Lefebre-Dcsnouettes gefangen nahm. Nach dem Tode seines Vaters erbte er den Titel eines Grafen von Uxbridge. In der Schlacht von Waterloo, wo er die ganze brit. Cavalcrie commandirte, verlor er ein Bein. Nach der Rückkehr nach England wurde ihm nebst dem Titel eines Marquis von Anglefty der einstimmige Dank des Parlaments zu Theil. Unter Canning war er Mitglied des Ministeriums und 1828 wurde er Statthalter in Irland, zu einer Zeit, als sich gerade die Parteien wieder in gereizterer Stimmung gegcnüberstandcn. Früher ein Gegner der Emancipation, erkannte er bald, daß die Ruhe des Landes nur durch Befriedigung der Ansprüche der Katholiken gesichert werden könne, und nach dieser Überzeugung führte er die Verwaltung. Von Wellington wurde er 1829 zurückberufen; unter Grey's Ministerium 1831 wieder an die Spitze der Verwaltung Irlands gestellt, wo indessen die falsche Politik der Tories alle Verhältnisse in solche Verwirrung gebracht hatte, daß die Entschiedenheit und Redlichkeit seines Benehmens den Sturm kaum zu beschwören vermochte. Daher wurde er im 1.1833 durch den Marquis von Normanby (s. d.) ersetzt. An Lord Hill's Stelle ward er gegen Ende des I. 1842 Oberst und Chef der reitenden Grcnadiergardc. Anglikanische Kirche, s. Hochkirche. Angora, das Ancyra der Alten, eine der östlichsten Städte des türk. Ejalcts Anabol!, auf de» inncrn gebirgigen Hochflächen Klcinasiens, zehn Meilen vom westlichsten Bogen des Kisil-Jrmak gelegen, ist eine uralte, schon im pers. Zeitalter blühende Stadt, welche von .AngoulSme (Herzog von) 345 Midas, dem Sohn des phrygischen Gordios, erbaut sein soll, und dann von den gallischen Tccto- sagen, die sich in Kleinasien niederließen, zum Hauptsihe erwählt wurde. Unter den Römern war die Stadt Hauptstapelplaß für den ganzen morgenländ. Handel. Der Kaiser Augustus verschönerte die Metropolis A. sehr, weshalb ihm die dankbaren Bewohner einen Tempel von Marmor errichteten und auf mehren Tafeln und Säulen eines Altars seine Kriegsthaten auf. zeichnen ließen. Diese Inschriften sind unter dem Namen Älonumentiiin Xnc^rsnuin bekannt und für die alte Geschichte besonders wichtig. Durch Busbecq im 1. 1553 entdeckt, dann durch spätere Reisende, namentlich durch Tournefort und Chishul, mehrfach berichtigt, findet sich das Alonuinentum ^ncvrgnum nach der Copie Busbecq's zuerst in der Ausgabe des Aurelius Victor von Schott (Antw. 1579 ), in neuerer Zeit aber am sorgfältigsten in der Ausgabe des Suetonius von Wolf (Bd. 2) abgcdruckt. Gegenwärtig sind nur noch wenig Reste des altenA. vorhanden; einen Weltruf hat aber das heutige A., was an 40000E- zählen soll, noch durch die Zucht der angorischcn Ziege und die zahlreichen Kämelottefabriken. Die Ziegen werden in A. selbst Kämelzicgcn genannt, von dem arab. Worte Chamal, d. i. zart, fein, weich, weil sie sich durch ein schönes seidenartiges Haar auszeichnen, das in acht Zoll langen Locken bis auf die Hälfte der Beine herabhängt und jährlich zweimal geschoren wird. Jedenfalls trägt die Beschaffenheit der Luft viel zu dieser Erscheinung bei; denn Kaninchen, selbst Kahm haben dort ein sehr feines Haar, während in Europa das Haar der eingeführten Angoraziegen viel an seiner Schönheit verliert. Das Haar der Kämelziege gibt das Kämelgarn (nicht, wie oft falsch gesagt wird, Kameelgarn) und kommt entweder als sogenanntes türk. Garn, oder bereits verwebt, als Kämelottezeug in den Handel. Das zarte Fell der Ziegen liefert den schönen morgenländ. Saffian und Corduan. Es sollen von A. jährlich 300 » Ballen Kämelgarn nach Europa verschickt werden. Im 1. 1402 wurde bei A. auf der Ebene Tschibükabad eine entscheidende Völkerschlacht zwischen Türken und Tataren geliefert, in welcher Timur den Sultan Bajazet I. schlug und gefangen nahm. Angoultme (Louis Antoine de Bourbon, Herzog von), ältester Sohn des Grafen Artois und der Marie Thcresie von Savoyen, und nachdem der Vater als Karl X. den Thron von Frankreich bestiegen, bis zur Julirevolution Dauphin, geb. zu Versailles 6. Aug. 1775 , wanderte 1789 mit seinem Vater aus und beschäftigte sich bei seinem Großvater in Turiv nebst dem Herzoge von Berri, seinem Bruder, vorzüglich mit dem Studium der Artilleriewissenschaft. Im Aug. 1792 trat er in Deutschland an die Spitze eines Corps der Emigranten. Doch die ungünstigen Erfolge des Kriegs veranlaßten ihn, sich mit seinem Vater zu Edinburg niederzulaffen; einige Zeit darauf ging er jedoch nach Blankenburg im Herzogthum Braunschweig und nachher nach Mitau, wo er sich am 10 . Juni 1799 mit der einzigen Tochter Ludwig's XVl. vermählte. Später begab er sich mit seiner Gemahlin und Ludwig XVIll. unter preuß. Schutze nach Warschau, 1805 nach Rußland und endlich nach England. Als 1814 die verbündeten Heere Frankreichs Boden betreten, erschien er am 2 . Fcbr. 1814 in dem brit.-span. Hauptquartier zu St.-Jean-de-Luz und erließ von hier eine Proclama- tion an die franz. Armee. Unter dem Schutze der Engländer hielt er am 12. März seinen Einzug in Bordeaux, verhieß hier Vergessenheit alles Vergangenen und erließ drei Tage nachher die Proclamation, worin er im Namen des Königs Abschaffung der Conscription und alle gehässigen Abgaben, Erhebung des Handels und völlige Religionsfreiheit versprach. Nachdem er im Mai in Paris eingetroffen, wo schon die königliche Familie angelangt war, ward er zum General der Kürassiere und Dragoner und zum Admiral von Frankreich ernannt. Im Febr. 1815 machte er mit seiner Gemahlin eine Reise in die südlichen Provinzen, wo er mit Enthusiasmus empfangen wurde. In Bordeaux erhielt er am 9 . März aus Paris die Nachricht von der Landung Napoleon's und zugleich mit der ausgedehntesten Vollmacht die Ernennung zum Generallieutenant des Königreichs. Sofort errichtete er in Toulon ein eigenes Gouvernement, an dessen Spitze er den Grafen Dumas und den Baron de Vitrolles stellte, und zog dann mit einigen Linientruppen und Nationalgarden gegen den rückkehrcnden Kaiser. Er erkämpfte einige Vortheile bei Montelimart und Loriol, ward aber am 0. Apr. bei St.-Jacques zurückgedrängt und von seinen Truppen verlassen,beiPont-St.-Esprit angehalten und sechs Tage gefangen gesetzt, endlich jedoch freigegeben und mit seinen Getreuen ruf dem schweb. Fahrzeug Scandinavia zu Cette nach Barcelona eingeschifft. Nachdem er 346 AngoulLme (Herzogin von) Angriff bei Ferdinand VII. in Madrid sich Raths erholt, eilte er wieder an die franz. Grenze, wo er . die geflüchteten Royalisten sammelte, und war in Begriff, mit ihnen die Grenze zu über- ! schreiten, als die Schlacht von Waterloo Ludwig XVIII. die Thore der Hauptstadt wieder s öffnete. Hierauf besetzte A. Toulouse, wo er in kurzer Zeit mehre Bataillone Freiwilliger errichtete, und ging dann nach Paris. Später sendete ihn Ludwig XVIII. in die südlichen Provinzen, um dort die religiösen und politischen Bewegungen zu bewältigen. An der Politik nahm A. wenig Antheil; nur im Geheimen war er ein Werkzeug der Ultraroyalisten und Pfaffen. Jm J. 1823 als Generalissimus an die Spitze der constitutioucllen franz. Armee gestellt, machte er den Feldzug nach Spanien (s. d.), um dort die Constitution zu vertilgen, ^ und erntete damit den Titel eines Fürsten von Trocadcro. Auch unter seines Vaters Re» , gierung nahm er, obgleich Großadmiral von Frankreich, an der Verwaltung keinen Theil, desto mehr aber an den Umtrieben der der Freiheit Frankreichs feindlichen Parteien. In Folge der Julirevolution Unterzeichnete er zugleich mit seinem Vater die Abdankungsacte vom 2. Aug. 1830 zu Gunsten seines Neffen, des Herzogs von Bordeaux, Heinrich V. Nachdem die Kammern Karl X. und seine Familie des Throns für verlustig erklärt, folgte er seinem Vater nach Holyrood 1832 nach Prag und 1836 nach Görz. Seit Karl's X. Tode ist A. das Haupt des ältern Zweigs der Bourbons, und seine Umgebungen erweisen ihm als Ludwig XIX. königliche Ehre. Angouleme (Marie Therese Charlotte, Herzogin von), die Gemahlin des Vorigen, die Tochter Ludwig's XVI., geb. lO.Dec. 1778 zuVersaillcs, zeigte schon früh einen scharfen, durchdringenden Verstand, einen kräftigen Willen und die zarteste Empfindung für das Unglück Anderer. Nachdem die Revolution ihr alle Schrecknisse und eine lange Gefangenschaft gebracht, wurde sic am 25. Dec. 1795 gegen die Deputaten Camus, Quinettc, Bancal, Lamarque, den Kriegsminäster Beurnonville, welche Dumouricz den Östreichern überliefert hatte, und gegen Se'monville und Marct, zu Basel ausgcwechselt, worauf sie bis zu ihrer Vermählung in Wien lebte, dann folgte sie ihrem Gemahl. Mit dem Könige hielt sie-»m l 4. Mai 1814 den Einzug in Paris. Bei der Rückkehr Napolcon's befand sie sich mit ihrem Gemahl in Bordeaux, schiffte sich dann nach England ein und ging hierauf nach Gent. Bei ^ Ausbruch der Julircvolution war sie in den südöstlichen Departements; verkleidet kehrte sie ^ über Dijon nach St.-Cloud zurück, folgte Karl X. nach England und ging später nach Wien, i Im Oct. 1832 vereinigte sie sich in Prag mit ihrer Familie, der sie dann nach Görz folgte. Angriff. Im Allgemeinen versteht man darunter eine Vorwärtsbewegung gegen den Feind, um denselben aus seiner Stellung, oder ans einem Posten, oder auch nur von einem gewissen Terrain, das er besetzt hält, durch Waffengewalt zu vertreiben. Man unterscheidet den Angriff im freien Felde von dem Angriff der Festungen; beide müssen nach gewissen Principien geschehen, wenn ein Gelingen erfolgen soll. Beim Angriff im freien Felde kommt es zuvörderst auf eine geschickte Wahl des Angriffspunktes an. Man recognoscirt daher i»es Feindes Stärke und Stellung, oder sucht Beides durch Kundschafter zu erfahren, erforscht alsdann die schwächsten Punkte zum Angriff, während die übrigen Theile der feindlichen Stellung blos beschäftigt werden, und hieraus entwickeln sich die Begriffe von Schcin- und wirklichem Angriff oder falschem und wahrem von selbst. Da ferner die Front der feindlichen Stellung der stärkste Theil derselben zu sein pflegt, so vermeidet man gern einen An- ' griff darauf, weil er stets mit großen Opfern verbunden ist, und richtet ihn vielmehr auf eine der feindlichen Flanken, wo man weniger Widerstand erwarten darf, dafern sonst die übrigen Verhältnisse es gestatten. Noch schwächer wäre allerdings der feindliche Rücken, allein ein Angriff in dieser Richtung hat den Nachtheil, daß man dabei die eigene Gemeinschaft mit den rückwärts stehenden Verbindungen, die sogenannte Communication, preisgeben muß. Das Gelingen des Angriffs hängt aber auch noch von einer geschickten Wahl und Anordnung der eigenen Streitmittel ab, und cs kommt vor Allem darauf an, daß man eine Überlegenheit an Strcitkräften auf den entscheidenden Punkt zu bringen weiß. Entweder man ist dem Feinde überhaupt überlegen, oder man sucht durch geschickte Führung der Trup- ^ pcn auf dem entscheidenden Punkt eine örtliche Überlegenheit herbcizuführcn, wodurch oft >> schon selbst dem Schwachem der Sieg zugefallen ist, z. B- dem Prinzen Eugen bei Zenka und Friedrich II. bei Leuthen. Auch die Form des Angriffs ist nicht gleichgültig. Rückt man Angriff 347 parallel gegen den Feind, so entsteht der sogenannte Frontalangriff; geht man mit einem Flügel vor und hält dabei den andern zurück, so entsteht der sogenannte schiefe Angriff, als dessen Erfinder Epaminondas genannt wird, und für welche Form Friedrich II. sehr eingenommen war, indem er durch den schiefen Angriff vermeiden wollte, Alles zugleich ins Gefecht zu bringen; endlich pflegt man das feindliche Centrum mit starken Colonnen zu durchbrechen, eine Licblingsform Napolcon's, die er fast in allen seinen Schlachten mit vielem Glück angewendet hat. Nächstdem ist die Zeit des Angriffs nicht gleichgültig. Angriffe am frühen Morgen haben Vorzüge vor den in späterer Tageszeit unternommenen, weil alsdann der Sieg nachdrücklicher benutzt werden kann als in Dämmerung und Nacht; nächtliche Angriffe crfodern dagegen eine sehr genaue Kenntniß des Terrains, damit die Truppen sich nicht verirren; auch hält es schwer, in der Nacht die Truppen zu leiten. Grundsätze für den Angriff gibt es eigentlich nur zwei, nämlich daß vorher Alles genau erwogen, dann aber der Angriff mit allem nur möglichen Nachdruck durchgeführl wird, und zweitens, daß man keinen Angriff ohne eine tüchtige Reserve unternimmt. Die neuere Taktik stellt für jede Waffe mehre Angriffsformen auf. Die Infanterie leitet fast alle ihre Angriffe mit Tirailleurs ein, wobei in der Regel der vierte oder dritte Theil sich in eine Schützenlinie auflöst, der übrige Theil aber in gebundener Ordnung, gewöhnlich in Colonne, nachfolgt. Bedarf man größere Schützenmassen, wie z. B. beim Angriff gegen Wälder, so werden auch wol ganze Bataillone (Füsilier- oder Voltigeurbataillone) als Tirailleurs aufgelöst. Der Angriff in gebundener Linie ist die schlechteste Form von allen für die Infanterie und darf nur da Vorkommen, wo man durch ein geschlossenes Feuer (Bataillonssalven) den Feind zu vertreiben hofft. Dagegen ist das Vorgehen in Colonnen die beste und jetzt allgemein übliche Angriffsform der Infanterie, weil sie in allen Terrains brauchbar,ist; der letzte Act dieser Angriffsart besteht dann in der sogenannten Bayonnetattaque. Übrigens hat jede dieser drei Angriffsformen ihre eigenthümlichen Vortheile und Nachtheile, und die größte Geschicklichkeit eines Taktikers besteht darin, sic zur rechten Zeit und am rechten Ort anzuwenden. Auch die Cavalerie hat gewisse Angriffsformen, deren General Graf Bismark fünferlei annimmt. Als die beste Form ist die Attaque in gebundener Linie (en muruille) zu betrachten, weil sie die meisten Schwerter zu gleicher Zeit ins Gefecht bringt, und mit dieser Angriffsform hat Seidlih seine glänzendsten Siege erfochten; doch ist es dabei ein Grundsatz, daß der attaquirenden Linie ein zweites Treffen zur Unterstützung folgt, oder daß man wenigstens hinter jedem Flügel eine kleine Abtheilung folgen läßt, um die Flanken zu sichern, welche bei der Cavalerie ihre schwächsten Theile sind. Die zweite Angriffsform ist die schachförmige (en ecbiguier), wobei die Schwadronen unter sich große Abstände haben (taut plein gne vicke) und die des zweiten Treffens hinter den Zwischenräumen des ersten folgen, eine Form, die da zur Anwendung kommt, wenn man nicht Alles aufs Spiel setzen will. Wenn man aber die Absicht hat, den Feind zu täuschen oder über den wahren Angriffspunkt eine Zeit lang in Ungewißheit zu lassen, so bedient man sich des staffelförmigen Angriffs (en äcbelon), wobei die einzelnen Staffeln neben und zugleich rückwärts den vorder» folgen. Als eine moderne Lieblingsform muß die Colonnen- attaque genannt werden, den Franzosen nachgebildet, wenn eine große Cavaleriemasse, wie z. B. bei Ligny 1815, irgendwo die feindliche Schlachtlinie durchbrechen will. Wird diese Form gegen feindliche Reiterei angewend et, so pflegt man die Attaque durch reitende Artillerie vorzu- bereiten. Endlich ist noch die Schwärmattaque (en k>ursZeur» oder auch ü I» tlebsnclacltz) zu erwähnen, als eine nationale Angriffsform aller irregulairen Reitereien; eine regulaire Cava- lerie wendet sie nur gegen bereits in Ünordnung gebrachte feindliche Truppen oder beim Angriff von Batterien, oder beim Verfolgen des Feindes an; allein auch dann nur mit leichter Cavalerie und niemals mit Kürassieren. Als ein Grundsatz für alle Cavalerieangriffe gilt, daß dieselben niemals ohne Reserve geschehen müssen, und daß man niemals dabei Alles zugleich aus der Hand geben darf. In ältern Zeiten war es Gebrauch, vor dem Zusammentreffen mit dem Feinde ein Pistol oder den Karabiner abzufeuern, allein schon Karl XII. eiferte, und mit vollem Recht, gegen ein solches dem Geist der Cavalerie völlig widerstrebendes Verfahren. Bei der Artillerie geschieht der Angriff nur in geöffneter Linie und niemals in Colonne, entweder mit ganzen Batterien oder mit einzelnen Thcilcn derselben (Zügen oder Scctionen); 348 Angriff das Lchtere jedoch nur in besonder« Fällen, wo cs nicht auf Entscheidung ankommt. Vereinigt man 20, 3» und mehr Geschütze zu einer großen Batterie, wie denn General Lauri- ston in der Schlacht bei Wagram 100 Geschütze in eine Batterie vereinigt hatte, so ist dies die einzige Art, mit der Artillerie etwas Entscheidendes zu bewirken. Diese Angriffsform ist sehr alt und kommt schon im Siebenjährigen Kriege beinahe in jeder Schlacht vor; sie ist aber in neuerer Zeit von den Deutschen sehr vernachlässigt worden. Auf den größer» Schuß- weiten wendet die angreifende Artillerie die Vollkugeln (Paßkugeln) und Granaten an, in größerer Nähe an den Feind gelangt, bedient sie sich der Kartätschen, und gegen die feindlichen Reserven wird sie künftig derShrapnels (s. d.) sich bedienen, wenn erst alle Artille, rien mit diesem merkwürdigen Geschoß ausgerüstet sein werden. Als Grundsatz für jeden Artillerieangriff gilt, daß man sich auf den größern Distanzen nicht mit langen Kanonaden aufhält, sondern dem Feinde rasch und mit Energie auf den Leib rückt und dabei aller vereinzelten Angriffe und Zersplitterungen der Geschützkräste sich enthält. Gegen Festungen besteht der Zweck aller Angriffe darin, sich in den Besitz der feindlichen Festung zu setzen; allein die Mittel dazu sind sehr verschieden und hängen von der Zeit, den eigenen Kräften und von vielen Nebenumständen ab. Die Ingenieurs nehmen in der Regel fünf verschiedene Angriffsarten an, die Blockade, das Bombardement, der gewaltsame Angriff, der Überfall und die förmliche Belagerung. Bei der Blockade umstellt man die Festung schnell und unerwartet, am besten des Nachts, mit Truppen, schneidet ihr alle Gemeinschaft mit der Außenwelt ab und sucht sie durch Hunger zur Übergabe zu zwingen. Doch diese Methode ist langwierig und nur gegen übel verproviantirte Plätze anwendbar. Je größer der Platz, desto schwieriger ist das Unternehmen, besonders wenn die Festungen an großen schiffbaren Strömen oder gar an der See liegen und dem Feinde die Zufuhr nicht abgeschnitten werden kann. Je weniger Zugänge dagegen eine Festung hat, wie z. B. Mantua, desto leichter ist sie zu blockiren. Im 1.1813 wurden die starken franz. Besatzungen in den Festungen Danzig, Dresden, Magdeburg, Hamburg u. s. w. durch Hunger zur Übergäbe gezwungen. Ferner sucht man durch Anwendung schwerer Geschosse aus der Ferne, durch ein sogenanntes Bombardement, die Stadt einzuschüchtern und den Commandantcn zur Übergabe zu bringen. Die Artillerie überschüttet dabei die Stadt mit Bomben und Brandge- schossen aller Art, mit Granaten, Glühkugcln, Brandraketen u. s. w. Kleine Plätze ohne bombenfeste Räume erliegen am häufigsten dieser Angriffsweise. Hat ein Platz schwache Stellen oder läßt sich ein Einverständniß mit den Bürgern anknüpfen, so darf man hoffen, durch bloßen Überfall zu reussiren, besonders wenn die Einwohner durch Öffnen der Thore hülfteiche Hand bieten, oder auch wenn die Besatzung nur schwach und obenein nachlässig ist. Zur Überrumpelung einer Festung gehört aber vor Allem eine sehr genaue Localkenntniß, wenn das Unternehmen nicht scheitern soll. Zu den Beispielen gelungener Überfälle gehören die Leiterersteigung von Prag (1741) durch die Franzosen und Sachsen, in demselben Jahrcder Überfall von Glogau durch die Preußen, sowie die Überrumpelung von Glah durch die Östreicher am Hellen Mittage deS 26. Juli 1760. Mislungen sind der Überfall von Cremona(I704) durch Eugen, die nächtliche Unternehmung der Preußen aufBitsch(1794), der Überfall von Bergen-op-Zoom durch die Engländer im März 1814 u. s. w. Gegen Plätze von schwachem Profil und unzulänglichen Vertheidigungsmitteln wendet man auch wol den gewaltsamen Angriff an, wobei man den Platz nach vorangegangener Beschießung ohne Weiteres stürmt. Entweder man schießt eine Bresche in den Wall oder ein Thor ein und führt sodann den Sturm mittels einer Leiterersteigung (Escaladirung) durch die Infanterie aus. Daß diese Angriffsart überhaupt nur gegen schwache und solche feste Plätze, welche keine Wassergräben haben, ausführbar ist, leuchtet ein. Kleine oder muthlose Besatzungen warten häufig den Sturm nicht einmal ab, sondern capituliren bei den bloßen Anstalten dazu. Endlich ist der förmliche oder regelmäßige Angriff, also die Belagerung (s. d.), das sicherste, aber freilich langwierigste und den meisten Aufwand erfodcrnde Mittel, sich in den Besitz einer feindlichen Festung zu setzen. Dabei nähert man sich vorsichtig auf in die Erde gegrabenen Wegen (Laufgräben) der Festung, stellt Batterien darin auf, zerstört zuerst das feindliche Geschütz, bewirkt alsdann eine Bresche durch Kanonenkugeln oder Minen, überbrückt den Graben und führt zuletzt den Sturm mit offener Gewalt aus. Der Angriff von Feld- Angst Anhalt 349 schanzen hat viel Ähnlichkeit mit dem der Festungen, nur in abgekürzter Weise. Man sucht die Schanzen entweder zu überfallen oder umstellt sie mit einer zahlreichen Artillerie, beschießt sie in großer Nähe mit Kugeln, Granaten und Kartätschen und lockert dadurch die Erdbrustwchr auf, deren herabgefallene Erde den Graben füllen hilft, worauf die Infanterie den Sturm unternimmt, während die Cavalcrie der fliehenden Besatzung den Rückzug abschneidet. Angst wird oft als ein höherer Grad der Furcht betrachtet. Andere bestimmen es, wie es scheint, richtiger als eine Furcht, die mit dem Gefühle der Beengung der Brust und des Unvermögens sich zu helfen vereinigt ist; jedoch ist bei der Furcht die Ursache stets in der Ferne, bei der Angst aber in der Nähe, wenn auch häufig unbewußt; auch fehlt der Furcht die Beengung der Brust. Die Angst ist stets ein psychischer Zustand, aber häufig durch krankhafte Zustände des Körpers, Herzfehler, Hypochondrie u. s. w-, bedingt. Im lehtern Falle redet man von körperlicher Angst, wofür man auch wol den Ausdruck Beängstigung gebraucht. Wie aber die Angst das Symptom gewisser Krankheiten ist, so ist sie,von andern der Vorläufer; auch warnt sie oft vor gewissen schädlichen Einwirkungen. — Ängstlichkeit nennt man bald einen der Angst sich annähernden Zustand, bald die allgemeine Geneigtheit einer Person, in Angst zu gerathcn. Anhalt, eines der ältesten deutschen Fürstenhäuser, besteht gegenwärtig aus den drei Herzogthümern Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen, die zusammen über 46 ÜM.mit 148000 E. in einem solchen Verhältnisse besitzen, daß auf das crstere I6'/rlI!M. mit 62000 , auf das andere 15 '/- UlM. mit 44000 und auf das letzte 14 IHM. mit 38000 E. kommen. Das anhaltinische Land liegt im norddeutschen Tieflandc zu Seiten der Mittlern Elbe und an und auf den Höhen des östlichen Untcrharzcs. Mit Ausnahme einer schmalen braunschweig. Begrenzung im Westen ist cS ganz von preuß. Gebiet, den Provinzen Brandenburg und Sachsen, umschlossen. Der preuß. Kreis Äscherslcben trennt A. in einen westlichen kleinern und östlichen größcrn Hauptthcil, neben mehren kleinen Parccllcn, während die Gebiete der einzelnen Hcrzogthümcr wieder in sich getrennt untereinander liegen. Als die drei Hauptflüsse erscheinen die Elbe Mulde und Saale, welche die Wipper und Bode mit der Selke aufnimmt. Der größte Theil besteht aus Flachland, nur der westliche kleinere Theil des Oberherzogthums Bernburg wird größtcntheils vom Untcrharze erfüllt, der hier im Ramberge oder der Victorshähe in 1 832 F. die größte Höhe erreicht und im Besitze des Sclkethals zu den freundlichsten und romantischsten Partien des Harzes gehört. (S. Alexisbad.) An der nordöstlichen Grenze erhebt sich der niedrige Hügclzug des Fläming aus einer meist sandigen und häufig mit Kicfcrwaldung bedeckten Ebene. Mit Ausnahme des nordöstlichem Gebiets bietet die Ebene den reichsten Fruchtboden, von schönen Lustgärten durchschnitten, und das Bergland die kräftigsten Waldungen. Getreide, besonders Weizen, wird im Überfluß gewonnen, der Flachsbau ist ausgebreitet, Raps-, Futter- und Kartoffclbau ergiebig; daneben wird Taback, Hopfen, auch etwas Krapp gezogen; Obstpflanzungcn werden mit Vortheil gepflegt und >m Saalthale sogar Wein cultivirt. Die Viehzucht ist gut und bedeutend, besonders die Schafzucht, deren Stückzahl die der Rindviehzucht um das Siebenfache übertrifft. Mineralien liefert fast ausschließlich das Obcrhcrzogthuni Bernburg, woselbst jährlich an Silber 4550 Mark, Kupfer 60 , Blciglätte 4250 , Eisen 10000 , Spießglanz 400 , Vitriole aller Art 1250 Ctr., auch Steinkohlen gefördert werden. Mit Ausnahme des Betriebs der Hütten- und Hammerwerke im Bernburgischcn hat die technische Cnltur in den anhaltinische» Landen einen geringer»Umfang, wiedieLandwirthschaft; doch gibt cs unter den Kunsterzeugnissen einige nicht unwichtige Industriezweige, so z. B. Gußwaaren und Werkzeuge aller Art aus den Eisenhütten, wollene Zeuge, Flanell und Tuch, Leinwand, Garn, Leder, Taback, Zucker, gebleichtes Wachs, Seife und Lichte, Steingut, Wagen aus Zerbst u. s. w. Der Handel mit Roh- und Kunstwaaren ist beträchtlich und hat neuerdings in der in Köthen sich vereinenden Magdeburg-leipziger und Anhalt-berliner Eisenbahn vortheilhafte Erleichterungen erhalten. Die Bewohner bekennen sich zumeist zur evangelischen Kirche und sind durch zweckmäßige Unterrichtsanstalten in Förderung geistiger Cultur begünstigt. Die Verfassung der Herzogthümer ist rein monarchisch, und nur in Betreff der Besteuerung durch die alten Landstände etwas beschränkt, die, für die Eesammtheit geltend, den Namen Änhal- tische Landschaft führen und deren Senior jedesmal der älteste der regierenden Herzoge ist. 350 Anhalt Was die Verwaltung anöelangt, so hat das Gesammthaus A. einen sogenannten Gesammr- > rath, einen Gesammtarchivar und einen Gesammtadjuncten. Mit den beiden fürstlich l schwarzburgrschen Häusern haben die Herzogthümer ein gemeinschaftliches Oberappellations- ! gcricht zu Zerbst, in welchem der älteste der fünf Räche stets das Präsidium führt, während die Aufsicht über dasselbe jährlich wechselt. Der diplomatische Verkehr des Hauses A. wird ebenfalls gemeinschaftlich unterhalten, und zwar mit Ostreich, Preußen und dem Bundes- tage, in dessen engerer Berathung es mit Oldenburg und Schwarzburg eine Stimme hat. Mit Ausnahme der genannten gemeinschaftlichen Verwaltungszweige hat jedes der Herzog- thümer eine selbständige Verwaltung. Die bedeutendsten Ortschaften des Landes sind in An- ^ Halt-Dessau: Dessau (s. d.), Zerbst (s. d.), Jeßnitz und Oranienbaum; in Anhalt-Bern- ^ bürg: Bernburg (s. d.), Koswig, Harzgerode, Gernrodc, Hoym und B a l l e n st e d t (s. d.); in Anhalt-Köthen: Köthen (s. d.), Nienburg, Güsten und Roslau. Die ursprüngliche Besitzung des Hauses A. war Ballenstedt und die dazu gehörige Gegend, daher denn auch bereits ums I. 940 in dem Esico von Ballenstedt der geschichtlich beglaubigte Ahnherr des A.'schcn Geschlechts und der Stammvater der Askanier erscheint. (S. Askanien.) Dieser ErafEsico erbte von seiner aus dem Geschlcchtc der östlichen Markgrafen entsprossenen Mutter Hilda 1031 sehr ansehnliche Allodien zwischen der Elbe und Saale und soll einer der reichsten Fürsten seiner Zeit gewesen sein. Einer seiner Nachkommen, Graf Otto, der Vater Albrecht des Bären, der selbst auf kurze Zeit unter dem Kaiser Heinrich V. Herzog von Sachsen gewesen war, verband mit seinen Manischen Stammbesitzungen Aschersleben und Ballenstedt, einen Theil der billungischen Familienländer, als Erbtheil seiner Gemahlin Elike, der ältesten Tochter des Herzogs Magnus von Sachsen aus der billungischen Dynastie, mit welchem 1106 der Mannsstamm seines Hauses erlosch. Diese Erwerbung legte zugleich den Grund zu den langen Zwisten und Kämpfen zwischen dem aS- kanischen und dem guelfischen Hause, da Wulfilde, die jüngere Tochter des Herzogs Magnus, ihrem Gemahl, dem Herzog Heinrich dem Schwarzen von Baiern, den andern und zwar l größern Theil der billungischen Allodialbesitzungen zugebracht hatte. Dieser Otto nannte sich zuerst Graf von Askanien und Aschersleben. Der Sohn desselben, der schon erwähnte AlbrechtderBär (s. d.), der 1134 die Lausitz und die Mark Soltwedel erhielt, durch glückliche Kriege mit den Wenden dieselbe mit der Mittelmark vermehrte und der erste Markgraf von Brandenburg wurde, erwarb dazu noch Orlamünde, Plätzkau und ansehnliche Güter in Thüringen. Albrecht der Bär, jedenfalls einer der ersten Helden im ganzen Mittelalter, starb am 18. Nov. 1170. Von seinen sieben Söhnen wählten zwei, Siegfried und Heinrich, den geistlichen Stand. Der älteste Sohn dagegen, Otto, folgte seinem Vater in der Mark Brandenburg und in der Mark Nordsachsen; Hermann erhielt als Erbtheil seiner Großmutter, einer geborenen Gräfin von Orlamünde, die Grafschaft Orlamünde; Albrecht gelangte zu dem Besitze der Familienländer Aschersleben und Ballenstedt, starb aber ohne Erben; Dietrich bekam aus den billungischen Allodien die Grafschaft Werben, und Bernhard ward Erbe von A. und von dem Lande an der Mittelelbe, das sein Vater den Slawen entrissen, als deutsche Provinz gestaltet und zu seinen Stammbesitzungen geschlagen hatte. Da aber nun auch Otto's und Hermann's Stamm ausstarb, so ward Bernhard der nähere , Stammvater der jetzigen Herzoge von A. Er war ein thätiger Feind Heinrich des Löwen, daher er auch, als dessen Land gctheilt ward, 1180 ein Stück davon zugesprochen erhielt und in Folge dessen sich Herzog von Sachsen nannte. Bernhard starb 1212; sein Land ward unter seine Söhne so gctheilt, daß der ältere, Heinrich, der sich zuerst Fürst nannte, Aschersleben und die anhalt. Besitzungen, der jüngere dagegen, Albrecht, Sachsen bekam. Mit Heinrich beginnt die eigentliche Geschichte A.s, da erst seit dieser Zeit A. als ein für sich bestehender, selbständiger Staat hervortritt. Heinrich hinterließ bei seinem Tode 1251 drei Söhne: 1) Heinrich II. oder den Fetten, welcher Ascherslebcn, den Harz und die thüring. Güter erhielt und dadurch Stammvater der bis zum I. 1315 ! blühenden ascherslebenschen Linie ward; 2) Bernhard, welcher Bernburg und Ballenstedt j bekam und hierdurch Stifter der bis zum I. 1468 blühenden alten bernburger Linie wurde, und 3) Siegfried, welcher Dessau, Köthen, Koswig und Noslau erhielt, und so der Stifter einer dritten Linie ward, welche 1307 die Herrschaft Zerbst, >370 die Grafschaft Lin- Anhalt 351 dau an sich brachte, und 1396 sich abermals in zwei Zweige theilte: s)in die Linie Zerbst, welche 1526 erlosch und b) in die Linie Dessau, in welcher der Stamm fortblühte. Die vorzüglichsten Fürsten aber aus diesen Linien sind: I) Aus der ascherslebenschen Linie der. schon erwähnte Heinrich II. oder der Fette, bemerkenswerth wegen seines Kampfes mit dem Herzog von Braunschweig gegen Meißen; ferner dessen Söhne, Heinrich lil. und Otto I-, von denen sich namentlich der Letztere durch seine Kämpfe mit Brandenburg und Braunschweig auszeichnete; 2) aus der alten bernburger Linie vor Allen Bernhard VI., welcher 1426 gegen die Hussiten mit der Stadt Magdeburg kämpfte, und mit welchem zugleich diese Linie erlosch; 3) aus der ältern zcrbster Linie ganz vorzüglich der Stifter der- ' selben Siegfried I., bekannt wegen seiner Frömmigkeit, dann dessen Sohn Albrecht I., gest. 1316, der in Zerbst die wendischeSprache vor Gericht abschaffte, ferner dessen Söhne Albrecht II. und Waldemar I.; 4) in den Seitenlinien Wolfgang (s. d.) und Georg, geb. 1507, gest. 1553, den Luther zum evangelischen Coadjutor von Merseburg weihte. Die Wiedervereinigung sämmtlicheranhalt.Länder erfolgte 1570 und zwar untcrJoachim Ernst, gest. 1586. Derselbe gab zuerst eine neue Landesordnung und legte dadurch den Grund zu der nachherigcn Verfassung dieser Länder, wie er denn auch der Erste war, der die Landstände regelmäßig berief. Er hatte sieben Sühne, von denen jedoch zwei ihm im Tode vorangingen. Die übrigen fünf theilten 1603 das väterliche Erbe dergestalt, daß der ältere, Johann Georg, Dessau; der zweite, Christian, Bernburg; der vierte, Rudolph, Zerbst; der fünfte, Ludwig, Köthen erhielt; wogegen der dritte, August, gegen die Vergütung von 300000 Thlr. und unter dem Vorbehalt, daß bei dem Abgänge einer der vier Linien er oder seine Nachkommen in deren Antheile folgen sollten, auf seine Ansprüche verzichtete. Solches erfolgte 1605, worauf August's Söhne den damals erledigten köthenschen Antheil bekamen. So blühten in dem Hause A. vier fürstliche Linien: 1) eine dcssauer, 2) eine bernburger, 3) eine zerbster, die 1793 mit Friedrich August ausstarb, worauf dessen Land an die drei übrigen Linien ' fiel, welche es 1797 theilten, während die Herrschaft Zevcr zunächst an die Kaiserin Katharina II. von Rußland, Friedrich August's Schwester, später aber an die holstein-got- korpsche Dynastie des Hauses Oldenburg kam, und 4) eine köthensche. Zu Ende des 16 . Jahrh. traten die anhaltinischen Fürsten zur reformirten Kirche über und 1600 der Union bei. Unter den wirklich regierende»Fürsten besteht ein Seniorat, worüber 1635 der erste und 1669 der zweite erneute Senioratsreceß abgeschlossen ward. Vergebens suchte A., als 1689 das Negentenhaus in Sachsen-Lauenburg ausstarb, seine Successionsansprüche geltend zu machen. Um fernere Landestheilungcn zu verhüten, führten seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. nach und nach die einzelnen Linien das Erstgeburtsrccht ein. Im I. 1806 erhielt noch durch Kaiser Franz am 18. Apr. das Haus Bernburg die Herzogswürde; im I. 1807 traten alle drei Häuser als souveraine Fürsten dem Rheinbünde bei, worauf auch Dessau mit Beibehaltung des Fürstentitels, und Köthen den Herzogstitcl annahmcn, und 1814 wurden sie i Glieder des Deutschen Bundes. Nach dem Vorgänge von Bernburg im I. 1823 für das Ober- und im I. 1826 für das gesammte Hcrzogthum schlossen sich 1828 auch Köthen und Dessau dem deutschen Zollverein an. Im I. 1836 stifteten die drei Herzoge den Hausoc- den Albrecht des Bären, welcher aus drei Classen besteht und dessen Großmeister der jedesmalige Senior ist. Vgl. Beckmann, „Historie des Fürstcnthums A." (Zerbst 1710, Fol.); Bertram, „Geschichte des Hauses und Fürstenthums A.", fortgesetzt von Krause (2 Bde-, Halle 1780—82); Stcnzel, „Handbuch der anhaltinischen Geschichte" (Dessau 1820); Lindner, „Geschichte und Beschreibung des Landes A." (Dessau 1833) und Desselben „Mit- thcilungen aus der anhaltinischen Geschichte" (Dessau 1830). In der Linie Anhalt-Dessau hatte Johann Georg I., der 1618 starb, seinen ältesten Sohn, Johann Kasimir, gest. 1660, zum Nachfolger, während der jüngere, Georg Ari- bcrt, Wörlitz erhielt, das aber nach dessen Tode, 1643, wieder an Dessau siel. Unter Johann I Kasimir hatte das Land unendlich viel zu leiden in Folge des Dreißigjährigen Kriegs. Sein > Sohn und Nachfolger Johann Georg ll., ein braver General und guter Fürst, gest. 1693, e- baute das Schloß zu Nischwitz, das er, gleich wie das dabei entstandene Städtchen, nach seiner Gemahlin einer Prinzessin von Oranieu, Oranienbaum nannte. Ihm folgte sein berühmter Sohn Leopold (s. d.), genannt „der alte Dessauer". Der erstgeborene Sohn Leopold s, 352 Anhalt Wilhelm Gustav, der durch seine heimliche Ehe mit einer Brauerslochtcr der Ahnherr der i Grasen von Anhalt ward, starb vor des Vaters Tode, daher diesem 1747 dessen zweiter j Sohn, Leopold Maximilian, in der Negierung folgte, der gleich seinen Brüdern Dietrich, gcst. 17öS, Moritz und Eugen in prcuß. Militairdicnstcn während des siebenjährigen Kriegs sich auszeichnete, aber schon 1751 starb. Sein Nachfolger ward sein Sohn Leopold Friedrich Franz (s. d.), dem sein erstgeborener Sohn, der Erbprinz Friedrich 1814 im Tode voraus- > ging. Ihm folgte 1817 sein Enkel Leopold Friedrich, gcb. I. Oct. 17S4, seit 1818 mit der Prinzessin Friederike, der Tochter des Prinzen Ludwig von Preußen, vermählt. Der Erb- Prinz und einzige Sohn des Herzogs, Leopold Franz Nikolaus Friedrich, ist 1831 geboren; ^ von des Herzogs drei Brüdern, Georg Bernhard, geb. 1796, Friedrich August, geb. 1799, und ' Waldemar Wilhelm, geb. 1807, ist der erste in morganatischer Ehe mit der Gräfin Ncina, geb. Erdmannsdorf, der andere mit der Tochter des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel vermählt; doch hat keiner von beiden einen Sohn. Der Herzog hat fortwährend den Anfo- dcrungen der Zeit zu entsprechen verstanden, vorzugsweise das Schulwesen, die Musik und den Gartenbau begünstigt und in neuester Zeit durch seine Betheiligung an der Berlin - an- haltcr Eisenbahn sich ein bleibendes Verdienst um sein Land erworben. Der Stifter der Linie Anhalt-Bernb urg, Christian l., gest. 1630, konnte für sein Land sehr wenig wirken, da er nur selten daheim war. Als ein Anhänger Friedrich'S von Pfalz, unter dem er Statthalter von Prag war, mußte er 1620 flüchtig werden, bis cs Sachsen und Brandenburg gelang, ihn mit dem Kaiser auszusöhnen. Ihm folgten in der Regierung seine Söhne Christian II., gest. 1656, und Friedrich, gest. 1670, die 1635 das Land theilten und die Linien Bcrnburg und Harzgerode stifteten. Letztere erlosch schon mit des Stifters Sohn, Wilhelm, 1709 in MannSstamm, worauf das Land wieder vereinigt ward. Auf Christian II. folgte in Bcrnburg Victor Amadeus, gcst. 1718, der 1677 das Erstgeburtsrecht einführte, jedoch bei seinem Tode seinem zweiten Sohne Leberccht das Amt Hoym und einige andere Güter, obschon unter der Landeshoheit von Bernburg überMd. ' In Bernburg folgte ihm sein ältester Sohn Karl Friedrich, gest. 1721, der sich in zweiter > Ehe mit einer Tochter des Kanzleiraths Nüßler verheirathete, die zwar vom Kaiser zur ^ Gräfin von Ballenstedt erhoben wurde, ohne daß jedoch die mit ihr erzeugten Söhne, die nach > des Vaters Tode 1723 zu Grafen von Bärenfeld ernannt wurden, die Successionsfähigkeil erlangten. Ihm folgte sein Sohn aus erster Ehe, Victor Friedrich, der 1765 starb, und diesem sein ältester Sohn, Friedrich Albrecht, der seine Residenz nach Ballenstedt verlegte und 1796 starb. Zum Nachfolger hatte er seinen Sohn Alexius Friedrich Christian, der sich 1817 von seiner Gemahlin, der Prinzessin Marie Friederike von Hessen, scheiden ließ, 1818 mit einem Fräulein von Sonncnbcrg, die den Namen Frau von Hoym führte, und als diese in demselben Jahre starb, mit deren Schwester, die ebenfalls den Namen einer Frau von Hoym annahm, in morganatischer Ehe verband und 1834 starb. Ihm folgte sein einziger Sohn, Alexander Karl, geb. 2. März 1805, der seit 1834 mit der Prinzessin Friederike von Holstein-Sonderburg-Glücksburg in kinderloser Ehe lebt, sodaß diese Linie im Erlöschungsfalle steht. Unter seiner Regierung, an deren Spitze ein Geh. , Confercnzrath steht, ist besonders viel in Sachen des Schulwesens und der Separations- s angelegenheitcn geschehen. Die Nebenlinie Anhalt-Bernburg-Hoym-Schaum- bürg erhielt diesen Namen dadurch, daß sich der Stifter derselben, Leberccht, 1692 mit der Erbtochter des Grafen von Nassau-Schaumburg vermählte. Sie erlosch im Mannsstamme im I. 1812, worauf das Amt Hoym und die andern anhaltin. Güter wieder an Bernburg fielen, Schaumburg aber als Allodium auf die Töchter überging. Der einzige noch lebende Sprößling dieser Linie ist die Prinzessin Emma, seit 1823 mit dem regierenden Fürsten Georg von Waldeck vermählt. Die Linie Anhalt-Köthen hatte Ludwig, den Mitstifter der Fruchtbringenden Gesellschaft, zum Begründer. Ihm folgte bei seinem Tode im I. 1650 sein unmündiger Sohn Wilhelm Ludwig, der aber schon 1665 ohne Nachkommen verstarb, worauf Köthen an die > Söhne des bei der Theilung abgefundcncn dritten Sohnes des Joachim Ernst, des Prinzen ^ August, Leberecht und Emanuel fiel, die von ihrem Vater das Amt Plötzkau ererbt hatten, welches diesem sein Bruder Christian von Bernburg abgetreten hatte und das nun wieder Animismus Anjon 353 an Bernburg zurücksiel. Leberecht starb >669 kinderlos, Emanucl 1670, und Letzten» ^ folgte sein nachgeborener Sohn Emanuel Leberecht, der erst 1692 die Negierung antreten ' konnte. Weil er den Protestanten freie Neligionsübung gestattete, und wegen seiner Vermählung mit Gisela Agnes von Nach sah er sich in viele Streitigkeiten verwickelt. Er starb schon 170-1, und ihm folgte sein Sohn Leopold, der 1728 starb und seinen Bruder August Ludwig, gest. 1755, zum Erben hatte. Des Letztem Sohn und Nachfolger, Karl Georg Leberecht, Feldmarschall in kaiserlichen Diensten, starb im Kriege gegen die Türken zu Senilin 1789. Ihm folgte sein Sohn August Christian Friedrich, der 1797 als Feldmarschall seinen Abschied aus kaiserlichen Diensten nahm. Ein großer Verehrer Napoleon'S , wollte er 1810 auch in seinem kleinen Lande Alles nach franz. Fuße cinrichten. Er theilte dasselbe in zwei Departements, die dann in eins verschmolzen wurden, bildete einen Staatsrath, führteden Oockeidlupoleon ein und stiftete 1811 einen Verdienstorden. Doch alle diese Einrichtungen kamen sofort nach seinem Tode im 1.1812 als Lächerlichkeiten wieder in Wegfall. Zum Nachfolger hatte er seines Bruders Ludwig unmündigen Sohn, Ludwig, mit dem 1818 die Linie erlosch. Das Land fiel nun an Ferdinand aus der Linie Anhalt-Köthen- Pleß. Diese hatte der Vater des Vorerwähnten, Friedrich Erdmann, gest. 1797, der zweite Sohn des Herzogs August Ludwig, als Secundogenitur gestiftet, nachdem er 1765 die Herrschaft Pleß in Oberschlesien von dem Grafen von Promnitz geschenkt erhalten. Ferdinand, der als General in preuß. Diensten stand, trat 1825 nebst seiner Gemahlin in Paris zum Ka- tholicismus über, was damals großes Aufsehen erregte und viel Redens machte. Er erbaute in Köthen eine katholische Kirche, stiftete ein Kloster für barmherzige Brüder und machte manche andere merkwürdige Einrichtungen, die aber insgesammt, da er 1830 kinderlos verstarb, ihre Bedeutung verloren. Ihm folgte sein Bruder Heinrich, geb. 30. Juli 1778, der bisher die Secundogenitur Anhalt-Köthen-Pleß gehabt hatte, die nun wieder auf den jünger« Bruder Ludwig überging, welcher aber selbst 18-12 kinderlos verstorben ist. Der , Herzog Heinrich hat sich durch seine große Theilnahme für die Leipzig-magdeburger und die , Berlin-anhalter Eisenbahn großes Verdienst erworben, dasselbe aber durch die Errichtung einer öffentlichen Spielbank auf dem prachtvollen Bahnhofe zu Köthen wieder geschmälert. ! Da der Herzog Heinrich der einzige lebende Sprößling des Hauses Anhalt-Köthen ist und in ^ kinderloser Ehe lebt, so steht gleich Bernburg auch Köthen im Erlöschungsfalle. Animismus ist das von G. E. Stahl (s. d.) aufgestellte System in der Mcdicin genannt worden, wornach die vernünftige Seele (snima) als das Princip des Lebens betrachtet wird. Der Körper befinde sich, lehrt Stahl, in passivem Zustande, sei eine der Selbstbewegung unfähige Materie und werde von der Seele nicht nur erst geschaffen, sondern auch durch Einwirkung auf seine Spannkraft in Bewegung gesetzt. Demnach könne auch der Grund der Krankheit nicht in dem Körper, sondern müsse stets in der Seele gesucht werden, und die ärztliche Thätigkeit könne sich daher blos darauf beschränken, die der Einwirkung der Seele entgegenstehenden Hindernisse wegzuräumen. Es ist dies nur eine Anwendung der Lehren des Hippokrates von der Naturheilkraft, entspricht van Helmont's Archäus und der Lebenskraft von Bichat. Die Anhänger Stahl's wurden Animisten genannt, und sein j entschiedenster Gegner war sein College F. Hoffmann (s. d.). ' Anis, kimpinslla Sinsum, eine einjährige Pflanze, die im Juli blüht und gegen Ende Aug. reist, verlangt zum Gedeihen ein warmes, trockenes Klima und lockern, kraftreichen Boden. Die vorzüglichsten Feinde des Anis sind der Pfeifer und die Lohe. Am ausge- breitctsten ist der Anisbau in Thüringen, namentlich in der Umgegend von Erfurt, wo man jährlich an 2000 Ctr. gewinnt. Aus der Spreu bereitet man das bekannte Anisöl, das vorzüglich stark in Erfurt fabricirt wird. Die Samen des Anis braucht man in der Arzneikunst, zu Speisen, Liqueuren, als Gewürz und zur Seidenfärberei. Anjou, eine von Maine, Bretagne, Poitou und Touraine umgebene Provinz des nordwestlichen Frankreichs mit mehr denn 300000 E. auf 130 OM., welche nach heutiger Ein- theilung das Departement Maine und Loire ganz und zu kleinen Theilcn die Departements Jndre und Loire, Mayenne und das der Sarthe bildet. Die Landschaft wird von der Loire durchströmt, welche hier die Mayenne mit dem Lvir und der Sarthe, den Thouet, Layon Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. 23 354 Ankarström Anker und die Evre aufnimmt. Sic bildet größtenthcils eine leicht hügelige, nur im westliche» Thcil durch die Verflachungen der bretagnisch-normannischen Platten und Anlagerungen der ' Vergebene Gatine mehr bergige Ebene, deren Boden im Allgemeinen sehr fruchtbar ist, wenn auch im Nordostcn ziemlich ausgedehnte Haidestrccken vergeblich der Cultur warten und einzelne Sumpfgegenden an die Vcndc'e erinnern. Der Ackerbau liefert noch Getreide zur Ausfuhr, der Flachsbau unterstützt lebhafte Lcinenmanufactur, die Wiesen begünstigen gute Rindvieh- und Schafzucht; das reichliche Obst wird getrocknet ausgeführt oder zu Cider benutzt, aus den Wallnüssen bereitet man Öl, und guter Wein wird in Menge gewonnen. Die große» Waldungen liefern Hol; zur Genüge, und der Bergbau wird besonders ergiebig auf Eisen, Steinkohlen und in großen Brüchen auf Schiefer betrieben. Die alten Bewohner A.s, die Andegaver, widerstanden den Römern lange und vereinigten sich im 5. Jahrh. mit den Bre- ' ragnern. Wahrend A.s Bewohner früher zu den berühmtesten Völkerschaften Galliens gehörten, so stellt sie ihr sorgloser, der Ruhe und Sinnlichkeit ergebener Charakter jetzt in die Reihe der uncultivirtestcn Franzosen. Im Mittelalter hatte A. einheimische Herzoge, die unter dcn Capctingcrn sehr mächtig waren und deren Familien Frankreich, England, Spanien und Neapel, selbst Ungarn und Polen Könige gaben. In der neuern Zeit lieferten die durch Tapferkeit und einen gewissen Unabhängigkeitssinn charakterisieren Bewohner den Heeren der Vendee viele Krieger, und früher gehörte ihr Land mit zu den Schauplätzen der Chouan- ncrie. Die Hauptstadt des Landes ist AngerS (s. d.)> die wichtigsten Städte neben ihr sind Saumur, Chollet, Beaufort, Chalonncs und Douc. Ankarström (Joh. Jak.), der Mörder König E u sta v's III. von Schweden (s. d.), gcb. 1761, der Sohn eines Oberstlieutcnants, kam sehr jung als Page an den Hof und trat dann in die Armee, nahm aber schon i 783 als Hauptmann seinen Abschied, worauf er sich aufs Land begab und heirathcte. Er war von Natur wilden Sinnes, rauher Sitten und ein Feind aller Maßregeln des Königs, zumal als dieser die Macht des Senats und der Großen beschränkte. In Umtriebe auf der Insel Gothland verwickelt, ward er 1796 als Majestätsver- brcchcr angcklagt, aber wieder frcigelasscn, da er in nichts überführt werden konnte. Wkkr er schon früher dem König feind gewesen, so war er cs jetzt noch mehr, da er während decUntersn- chung harte Behandlung hatte erfahren müssen. Noch im 1.1790 ging er nach Stockholm, und im Einvcrständniß mit dem General Pcchlin, den Grafen Horn und Ribbing, dem Freiherr» Bjelkc, dem Obcrstlieutcnant Liljehorn u. A., ward der Tod des Königs beschlossen. A. bat, ihm die Ausführung zu überlassen, allein Ribbing und Horn stritten mit ihm darum; sie loostcn, und das Loos entschied für A. Als der König 1792 den Reichstag nach Geste berufen hatte, gingen die Verschworenen zur Ausführung ihres Vorhabens dahin, fanden aber keine Gelegenheit dazu. Man mußte nun bis zum 15. Mär; warten, wo man wußte, dast der König den Maskenball besuchen werde. Hier schoß A. auf den König, den er tödtlich verwundete, ward entdeckt, festgesetzt und gestand sein Verbrechen, weigerte sich jedoch standhaft, die Mitverschworcnen zu verrathen. Am 29. Apr. 1792 zum Tode verurtheilt, ward er mehre Tage mit Ruthen gepeitscht und endlich auf einem Karren nach dem Schaffst gebracht. Durchweg bewies er die größte Ruhe und rühmte sich bis zum letzten Augenblicke seinerThat. Anker heißt das Werkzeug zum Festhalten der Schiffe, welches in die Tiefe herabge- j lassen, wo es sich vermöge seiner Gestalt und Schwere in den Grund einhakt, das durch ein f Tau oder eine Kette mit ihm verbundene Schiff fcsthält. Der Anker besteht aus dem Anke rhclm oder der Ankerst angc, den davon ausgehenden, wieder etwas nach innen gebogenen, in Schaufeln sich endenden Armen, dem Vierecke oder Hintertheile, woran der gewöhnlich hölzerne Anker stock mit einem Ringe befestigt ist, durch den das Tau oder die Kette geschlungen wird. Die Größe des Schiffes bestimmt die Größe des Ankers; cs gibt deren, welche 7066 Pf. wiegen. Jedes Seeschiff bedarf mehrer Arten Anker, die übrigens alle in» Vordcrtheile, auf der Reise auch an der Außenseite des Schiffes hängend, ihren Platz haben. Der größte ist der Pflichtanker; auch derRaumanker, der Buganker, der Flut- ankcr, Nothankcr u. s. w. unterscheiden sich weniger in äußerer Form, da alle nur zwei Acmc haben, als durch ihre Größe und den Platz auf dem Schiffe, wo sie liegen. Nur die kleinern Anker, für Flußschiffe und Boote bestimmt, haben drei und vier Arme. In frühe- ' Anker (Bernhard) Anklage 355 >en ster Zeit gebrauchte man, wie noch jetzt zuweilen, statt der Anker Säcke mit Sand und Steider ' neu u. s. w-, doch schon sehr alt ist die Erfindung der jetzigen Anker, die aus dein besten Eisen nn , geschmiedet und erst nach mehren Proben ihrer Tüchtigkeit gebraucht werden. — Ankern, in- > vorAnkergehen oder Anker werfen heißt den Anker auswerfen, überhaupt aber in as- dem Hafen ankommen und das Schiff, wenn auch nicht durch Anker, festmachen; Anker ad- lichten heißt den Anker wieder losmachen, was mittels des Ankerhakens, d. i. eines an tzt, ein Tau befestigten Hakens, geschieht, und durch die Ankerwinde wieder an das Schiff Hinseil aufbringen. Ist zum Ankerlichten nicht die nöthige Zeit vorhanden, so wird, um das Schiff en, loszumachen,das Ankertau durchgehauen,was man Anker kappen nennt. EinSchiff die treibt vor Anker, wenn der Anker sich nicht in den Grund festgesetzt hat, sodaßWindund irc- ' Wellen dasselbe treiben und der Anker nachgeschleppt wird. Zum Anker grün d ist Sand- gc- und Muschelboden am geeignetsten; Steingrund eignet sich sehr schlecht dazu; im Schlick- die gründe werden die Ankerschaufeln noch mit Brctcrn versehen, um das Festhalten zu befördern, die Die Anker- oder Kabeltaue sind gewöhnlich von Hanf, meist 120 Klafter lang, nach licn Größe des Ankers von verschiedener Stärke und oft F. im Durchmesser. In neuester >rch Zeit haben die Engländer von Eisendraht geflochtene Ankertaue mit gutem Erfolge ange- rcn wandt. Um sich gegen das Durchschneiden der Taue zu schützen, hat man dieselben für den an- Theil, welcher über das Wasser zu liegen kömmt, durch Ankerketten ersetzt. Anker- ihr Wächter oder Ankerboje nennt man das Holz oder die auf dem Wasser schwimmende Tonne, welche die Lage des Ankers auf dem Grunde anzeigt. Ankergeld heißt die Abgabe, d.), welche jedes Schiff für die Erlaubniß, auf einer Rhede oder in einem Hafen Anker zu werfen, trat geben muß; Ankerrecht die Befreiung von diesem Ankergelde. — Zn der Baukunst ufs heißen Anker die eisernen Klammern und Haken, um Mauern und Gewölben mehr innere :ind Festigkeit zu geben; sie werden vorzüglich bei Hängewerken erfodert; hölzerne kommen auch be- beim Hütten- und Grubenbau in Anwendung, und cs heißen solche in einigen Gegenden )er- Schlauder oder Schließe. — In der Uhrmacherkunst ist Anker der Theil, welcher bei der r er ' sogenannten Ankerhcmmung (edisppoment ü ancrs) in das Hemmungsrad einfällt und rsu- dadurch regulirend wirkt. und Anker ist eine sehr berühmte norwegische Familie. Als das berühmteste Glied dersel- :rrn ben nennen wir Bernhard A., geb. 1746,gest. 1805. Erstudirteauf der Universität zu bat, Kopenhagen und betrat erst die diplomatische Bahn, verließ aber dieselbe dann, um die be- sie deutenden Besitzungen zu verwalten und das Geschäft zu übernehmen, welches nach dem mi- Tode des Vaters auf die Mutter übergegangen war. Auch nach ihrem Tode, und nachdem >dcn ' das Vermögen unter ihn und zwei Brüder getheilt worden war, widmete er sich fortwährend ißtt, dem Handel, wobei er jedoch stets die Förderung der Industrie seines Vaterlandes im Auge tljch behielt. Nach und nach ward er einer der reichsten und berühmtesten Kaufleute des Nordens, md- Mit nicht weniger als 40 meist größer« Schiffen, die alle sein Eigenthum waren, trieb er ,ard einen ausgebrciteten Handel; auch rüstete er einen Ostindienfahrcr aus. Er machte sich um icht. die Aufnahme der Bergwerke Norwegens verdient, verbesserte die Kanonengießerei auf hi«, - Moß, stiftete in Christiania ein Waisenhaus und war auf vielfach andere Weise der Wohl- bge- > thäter seiner Mitbürger, namentlich auch durch die Einrichtung eines Fideicommisses, wozu , ein , nach seinem Tode sein Vermögen verwendet werden sollte. Zugleich mit seinen Brüdern und zln- Vettern wurde er in den dänischen Adelstand erhoben; auch ernannte ihn der König zum ogc- Kammerherrn und Großkreuz des Danebrogordens. )h„, Anklage und Anklageproceß. Anklage (accusatio) ist der an den Richter ge- tettc stellte Antrag auf Einleitung eines Strafverfahrens gegen eine gewisse Person, wobei der re,i, Antragsteller (Ankläger) zugleich die Führung des Schuldbeweises zu übernehmen hat. e im Hiervon unterscheidet sich die Anzeige (ckenuncistio) insofern, als bei der letzter« der Anzeigen. gende (Denunciant) nur seine Verdachtsgründe dem Richter angibt und diesem die Einlei- lut- tung des Strafverfahrens überläßt, auch keinen Schuldbcweis zu führen hat. Auf die An- zwci klage gründet sich der nach ihr benannte Proceß, die eine der beiden Hauptformen jedes Cri- edie minalprocesses, welcher der Jnquisiti onspro ceß (s. d.) gegenübersteht. Der Ank laiche- >" geproceß war bei den Römern und bei den alten german. Völkern beinahe ausschließlich in 23 * 356 Ankylofis Anlage Anwendung; erst später kam in Deutschland das sogenannte Klagen von Amtswegen auf, hauptsächlich in Folge der Besorgnis, cs möchten viele Verbrechen in Ermangelung eines Anklägers straflos bleiben, und in Verbindung mit einer sich immer mehr geltend machen- den strengem Ansicht von den Pflichten des Staats in Bezug auf Gewährung des Rechts- schutzes. Daraus und unter Begünstigung des kanonischen Rechts entwickelte sich der In- guisitionsproccß; noch Kaiser Karl's V. Peinliche Halsgerichtsordnung kennt letztem mehr nur als Ausnahme, als Surrogat des Anklageprocesses. Im Laufe der letzten Jahrhunderte ist dieser aber in der Praxis immer mehr verschwunden, wenngleich er nur in den wenigsten Staaten, wie z. B. in Preußen, gesetzlich ausdrücklich aufgehoben ist. Wo er noch vorkom- men sollte, da werden die Grundsätze der erwähnten Gerichtsordnung Karl's V. Anwendung leiden müssen, wornach dem Ankläger nächst der Führung des Schuldbeweises auch die Pflicht zur Sicherheitsleistung obliegt. Im Wesentlichen treten für den fernem Verlauf die Formen des Civilproceffes ein hinsichtlich der Ladung, der Antwort des Beklagten, des Be- wcisverfahrens; doch ist das letztere an keine percmtorische Frist gebunden. Die Stellung des Angeklagten kann nicht gegen den Jnquisitionsproceß verschlimmert sein. Gegen das Erkenntnis steht auch dem Ankläger die Einwendung eines Rechtsmittels frei. Verschieden von diesen Privatanklägcrn sind die öffentlichen Ankläger oder, wie sie jetzt heißen, Staatsanwalte. Das Anklageverfahren mit Staatsanwaltschaft besteht z. B. in Rhein- Preußen und Nheinbaiern; hier ist die Einleitung eine Untersuchung von Gerichtswegen ohne Anklage die Ausnahme. Der Staatsanwalt, ein dazu vom Staate bestellter Nechts- gelehrter, hat im Interesse der Rechtssicherheit dieselbe zu beantragen, die Anklagcurkunde zu entwerfen, für die Herbeischaffung der Beweise mitzuwirken und über die Vollziehung des erfolgten Erkenntnisses zu wachen. Auch in Frankreich und in Schottland besteht eine solche Staatsbehörde (Ministers public), welche die Anklagen im Namen des Staats erhebt. In England ist diese Form des Anklageprocesses (sppesl) 1829 abgeschafft (s.Appellation), und es werden jetzt die Criminalprocesse dort durch gewisse Beamte, die im Interesse der Bewahrung des Nechtsfriedens auftreten, jedoch mit Zuziehung des beschädigten Thcils ^pro- seeutor), betrieben. In einigen norddeutschen Staaten hat sich lange Zeit eine Abart des Anklageprocesses, der sogenannte fiscalische Proceß, erhalten, wo nach geschlossener Voruntersuchung ein besonders bestellter Fiscal die Anklageartikel entwirft; hierbei ist jedoch die Jnquisitionsmaxime immer vorherrschend. Über die legislativ-politische Würdigung des An- klagcprocesses im Verhältnis zu dem Jnquisitionsprocesse s. Criminalproceß. Ankylösis heißt so viel als Steifigkeit der Gelenke des thierischen Körpers. Sie ist . wahr, sobald eine wirkliche Verwachsung der Gelenkflächen stattfindct, falsch aber, sobald sie durch Verwachsung, Contractur u. s. w. der benachbarten Sehnen und Muskeln bedingt wird. Ist die Beweglichkeit des Gelenks ganz aufgehoben, so ist die Ankylösis vollkommen; im entgegengesetzten Falle aber nur unvollkommen. Gewöhnlich kommt die Ankylösis nur an den Charnicrgelenken und zwar an einem einzelnen vor, doch können alle bewegliche Gelenke und zwar selbst, wiewol sehr selten, dem größern Theil nach davon ergriffen werden. Die Ursachen sind Wunden, Geschwüre, Entzündungen und Ablagerung von kalkartiger Gichtmaterie; zuweilen geht auch Knochenerweichung durch Rhachitis vorher, worauf denn später zu ausgedehnte Verknöcherung stattfindet. Hiervon hängt es auch ab, ob das Gelenk gleichzeitig entstellt und ob die Ankylösis heilbar ist oder nicht. Nur die falsche und unvollkommene Ankylösis läßt eine Heilung zu, die vollkommene wahre ist gewöhnlich unheilbar, doch hat man in der neuesten Zeit nicht ohne Erfolg die Bildung von künstlichen Gelenken versucht. Das Beste bleibt immer, die Ankylösis durch sorgfältige Behandlung des ursprünglichen Leidens zu verhüten, wenn nicht Knochenfraß vorhanden ist, welchem oft nur durch Herbeiführung der Ankylösis Grenzen gesetzt werden kann. Anlage, Disposition oder Diath c se nennt man in der Medicin sowol die Fähigkeit als auch die Neigung des organischen Körpers, Störungen seiner Gesundheit zu erleiden, d. h. krank zu werdxn. Die Fähigkeit des Erkrankens, welche man auch die absolute Anlage nennen kann, ist allen Organismen gemein, sie liegt sowol in der Endlichkeit der Materie überhaupt und der Unmöglichkeit, allen äußern Einflüssen auf die Dauer so entgegenzuwirken, daß ihre Einwirkung spurlos vorübergeht, als auch in der zum Leben nothwendigen Anländung Anleihen 357 > Abwechselung der organischen Thatigkeiten. Da die Zahl der letztem mit der durch die höhere Ausbildung bedingten großem Zahl und Ausbildung der Organe zunimmt, so ist es auch erklärlich, daß die absolute Krankheitsanlage in geradem Verhältniß mit der Bit- dungsstufe steht, welche die Organismen erreichen, und daß wir sie deshalb beim Men schen am größten finden; ebenso wie cultivirte Völker und Menschen leichter erkranken als uncultivirte, Hausthierc leichter als wilde. In Bezug auf die Widerstandsfähigkeit und Abhängigkeit von den äußern Einflüssen gilt dasselbe Gesetz, daher ist die Fähigkeit zum Erkranken großer in der Jugend als im Mittlern Alter, größer beim Weibe als beim Manne. Wie der ganze Organismus, so haben auch die einzelnen Organe und Theile ihre eigene ab- ' solute Anlage zum Erkranken, welche aber im umgekehrten Verhältniß zu ihrer Dignität zu stehen scheint; so erkrankt das Zellgewebe am leichtesten, weil es am wenigsten Widerstandskraft gegen die äußern Einflüsse besitzt. Diese Anlage der Organe ist aber keineswegs zu allen Zeiten gleich groß; sie ist am größten zu der Zeit, wo das Organ seinen Evolutions- proceß beginnt; daher erkrankt der Uterus des Weibes am leichtesten zur Zeit der Menstruation, die Lungen im Winter und im Jünglingsalter, die Leber im Sommer, und aus demselben Grunde sind Haut und Leber in den Tropen, die Lunge im Norden am meisten gefährdet. Da die epidemischen Constitutionen stets mit Steigerung der Lebensthatigkcit und krankhafter Reizung irgend eines Systems oder Organs verbunden sind, so wird durch sie gleichfalls eine zeitliche Änderung in der Krankheitsanlage der Organe hcrvorgebracht Die relative Krankheitsanlage schließt nicht nur die Fähigkeit, sondern auch die Neigung zu einer bestimmten Krankheitsform in sich, daher man sie auch die spccifische genannt hat; sie ist stets mit, wenn auch nicht immer sichtbaren, materiellen Veränderungen der Organisation verbunden, daher es denn auch nur begünstigender Außenverhältnisse bedarf, um die wirkliche Krankheit selbst sich ausbildcn zu lassen, und entweder angeboren oder erworben. Die angeborene spccifische Krankheitsanlage spricht sich in den nieder» Graden durch ' die Temperamente (s. d.) und Körperconstitution, in den höhern durch den Habitus aus; daher neigen Menschen mit cholerischem Temperament zu Gallcnkrankheiten, mit phlegmatischem zu Blutstockungen; Menschen mit athletischer Constitution zu Entzündungen, mit nervöser zu Krämpfen. Dicker Kopf und kurzer Hals, wobei zuweilen selbst ein Halswirbel fehlt, charakterisiren die Anlage zu Schlagfluß; flache Brust, flügelartig cmporste- hende Schulterblätter, dabei lange Finger deuten auf Anlage zur Lungenschwindsucht. Erworben wird die spccifische Anlage durch Einfluß des Klima; feuchtes und warmes Klima erzeugt Disposition zu Lebercntzündung und Gallenfieber, feuchtes und kaltes zu Wassersucht, dumpfe Thäler zu Skrofeln und Nhachitis, Aufenthalt auf den Bergen zu Lungenentzündungen. Nicht weniger groß ist der Einfluß der Lebensweise; übermäßiger und zu frühzeitiger Genuß von Mehlspeisen bei Mangel an Bewegung im Freien, Aufenthalt in dumpfen, feuchten Wohnungen bringen Anlage zu Skrofeln und diese selbst. Auch die Beschäftigungen und Gewerbe sind hierbei wirksam; so bekommen Gelehrte Anlage zu Unterleibs fehlern, Hämorrhoiden und Gicht; Schneider, Müller, Friseure zu Lungenleiden - Einmal überstandene Krankheit läßt nicht selten Disposition zu derselben zurück. Vgl. Scheu, , „Über Krankheitsanlagen der Menschen" (Wien 1821 ). Anländung, Alluvion oder Anwachs, eine merkwürdige Erscheinung längs der deutschen Küste der Nordsee, nennt man das an der schrägen Fläche des Ufers anfangs als fetter Schlamm oder Schlick angesetzte neue Land, welches, nachdem es mit Gras bewachsen ist, zuerst Vorland genannt und zur Weide oder zum Heugewinn benutzt wird. In Oldenburg, Holstein und Bremen ist der Landesherr im Besitz alles Vorlandes, sobald er es bedeichen will, um es zu benutzen, anderwärts ist das Herkommen verschieden. Anleihen (öffentliche) sind eines der Mittel, durch welche die Staaten sich Geld verschaffen, um Ausgaben zu bestreiten, die aus den übrigen ordentlichen und außerordentlichen Einkünften nicht gedeckt werden können. Sie sind ihrer Grundlage nach von dem Darlehns- i vertrage unter Privatpersonen nicht unterschieden, d. h. die Regierung empfängt Geld und < verspricht dasselbe zu verzinsen und auch das Capital selbst zurückzuzahlen. Denn selbst in den Fällen, wo das Capital nicht gekündigt werden kann, kann die Rückzahlung doch rechtlich nvthwendig werden. Durch die Verschiedenheit der Verhältnisse werden aber mancherlei Ei- 358 Anleihen genthümlichkciten der Staatsanleihen begründet, svwol was ihre Form, als auch was die j rechtlichen Grundsätze betrifft, nach welchen sie bcurtheilt werden müssen. Mit diesen letztem ' stehen die staatswirthschaftlichen in genauen, Zusammenhänge, und je mehr sich das constitu- tionellc Leben der Völker ausbildet, desto bestimmtere Regeln entwickeln sich auch für diesen unendlich wichtigen Gegenstand. Nur ihrer Form nach gehören hierher diejenigen Anleihen, welche die Staatsverwaltung blos vorübergehend macht, ohne dadurch das Sraatsvermögen zu vermindern, oder mehr auszngeben als sie einzunehmen hat. So z. B. wenn eine Einnahme für den Augenblick zurückbleibt und, um dringende Ausgaben zu bestreiten, Geld ausgenommen, aber aus der später eingehenden Einnahme zurückgezahlt wird; oder wen» eine Ausgabe früher gemacht wird, zu welcher in der nächsten Zeit die Summen aus der e ordentlichen Einnahme bereits bestimmt sind; denn in diesen Fällen wird das Staatsver- mögen nicht mehr belastet als vorher und nicht vermindert. Aber allerdings versteckt sich in solchen Anleihen, welche von der Regierung ohne Zuthun der Land-und Reichsstände gemacht zu werden pflegen, oft ein wahres Vorausverzehren der Staatseinkünfte und eine wirkliche Überschreitung derselben. Eigentliche Staatsanleihen sind Anticipationen künftiger Einnahmen; sie vertheilen eine Last, welche für den gegenwärtigen Augenblick zu groß gefunden wird, als daß sie durch Beiträge der Bürger, zumal in ohnehin bedrängten Zeiten, z. B. während eines Krieges, aufgebracht werden könnte, auf künftige Geschlechter, und zwar mit der Zugabe der Zinsen, welche zuweilen sehr viel größer sind als die unter Privatpersonen üblichen oder gesetzlich erlaubten. Man könnte nach dem Rechtsgrunde fragen, welcher die Nachkommen verbände, diese von den Vorfahren aufgelegte Verbindlichkeit anzuerkennen, für die Fehler einer früher,, Zeit, für ungerechte Kriege und unsinnige Verschwendung des frühem Geschlechts zu büßen. Aber der Rechtsgrund liegt in der Ewigkeit des Staats, welcher bei dem Gehen und Kommen der Geschlechter doch immer derselbe bleibt, wenn auch alle einzelne Mitglieder sich hundert und tausend mal verändert haben. Die einmal gültige Schuld bleibt daher gültig für alle Zeiten; sie haftet auf dem Volke und auf dem Lande dessMren; ' wenn der Staat auseinandergeht, bleiben die bisherigen Theile desselben dennoch dafür verbindlich. Daher sind auch die Schulden des Deutschen Reichs nicht durch die Auflösung desselben erloschen, und obgleich der Deutsche Bund nicht Erbe des Reichs ist, so ist cs doch für alle ehemaligen Mitglieder des Deutschen Reichs keine bloße Ehrensache, sondern eine strenge Rechtspflicht, die Schulden desselben zu bezahlen. Was einmal gültig ist, bleibt gültig, wie sich auch die Form des Staats verändern möge; die Republik in England wie die in Frankreich mußte die Anleihen der vorangegangenen Negierungen, und die Restaurationen von 1660 und 1814 die Schulden der Republik anerkennen. Auch die Handlungen einer usurpirten Regierung sind und bleiben verbindlich, wenn sie einmal in der gesetzlichen Form vorgenommen worden sind; denn das Volk ist berechtigt, der einmal bestehenden Gewalt Gehorsam zu leisten. Aber die staatswirthschaftlichen Nachtheile der Staatsanleihen bestehen nicht blos in der größer,, Last von Abgaben, welche sie bei bedeutenden, Anwachs dem Volke auflegen, wodurch Je dasselbe hindern, seine Kräfte für höhere Zwecke zu gebrauchen; sondern das schlimmere Übel ist die Erschaffung eines Geldreichthums, eines blos idealenVermögens ohne reale , Grundlage. Das Geld bringt an und für sich nichts hervor; die Zinsen sind Dienste, welche der Borger dem Darleiher neben der vollen Wiedererstattung leisten muß. Es war freilich ein großer Misverstand, als im Mittelalter die Kirche und das weltliche Gesetz alle Zinsen für unrecht erklärten, weil es nicht unbillig ist, daß der Empfänger eines Darlehns dafür einige Dienste leiste. Aber dennoch ist das ganze in zinstragenden Capitalien bestehende Vermögen eines Volks kein wahres Vermögen, weil dem Gesammtbetrage der Gesammt- betrag der Schuld gegenübersteht, und durch das System der Staatsanleihen wird ein Stand von Capitalisten (Rentiers) erschaffen, welcher nur von der Dienstbarkeit des Volks lebt, ohne selbst durch Arbeit etwas zu produciren. Diese Art Gcldreichthum häuft sich schneller als irgend ein anderes Besitzthum in großen Massen, und treibt das Misvcrhältniß zwischen , Armen und Neichen bis zu einer Höhe, auf welcher es sich nicht erhalten und von welcher es f doch auch nicht ohne große Gefahren und gewaltsame Erschütterungen herabsteigen kann. Wenn dieses Misvcrhältniß im Privatverkehr zu groß wird, so löst es sich von selbst, die Anleihe« 359 Schuld des einzelnen Verarmten erlischt; aber die Gcsammtschuld des verarmten Volks erlischt nie, außer in Skaatsbankrotten undNevolutionen. Daher ist cs ein großer Fortschritt der Civilisation, daß die Völker angefangcn haben, die öffentlichen Anleihen und deren Gültigkeit von der Zustimmung der Land- und Neichsstände abhängig zu machen. In der altern Zeit war die Aufnahme von Darlchncn eine bloße Rcgierungssache, und die Stände wurden nur zu Nathc gezogen, wenn sie schon gemacht waren. In den deutschen Staaten entstand aber doch der Unterschied zwischen Kammer- und Landesschulden, indem für jene, welche ohne Zustimmung der Stände gemacht waren, nur das fürstliche Kammervcrmögen hastete. Allein wenn dieses überschuldet war, mußte doch zuletzt das Land wieder cintreten und die Schulden übernehmen. In den größern curop. Staaten handelte die Negierung ohne die Reichsständc und selbst in England rührt die erste Creirung eigentlicher Staatsschulden durch das Parlament aus den ZeitenKarl's >l. her. Aber auch dabei hat erst die ncuestcZeit den Völker» die Lehre gegeben, welche unselige Folgen der Misbrauch des Nationalcrcdits hat, und wie dringend die Nothwcndigkeit ist, nicht nur jede Vermehrung der Nationalschuld zu vermeiden, sondern auch ernstlich an ihrer Verminderung zu arbeiten, theils um die Lasten der Nation zu erleichtern, theils aber und noch mehr, um die Herrschaft des Geldes zu mäßigen. Denn wenn die Staatskasse nicht mehr den Capitalien offen steht, um sie gegen Renten, d. h. gegen einen großen Thcil der Arbeit des Volks, anzunchmc», so werden ihre Inhaber gezwungen sein, sie in nutzenbringendcn Unternehmungen des Landbaus, Handels u.s.w. anzulegen und zugleich im Allgemeinen sich mit geringcrn Zinsen zu begnügen. Die staatswirthschaftlichc Frage, zu welchen Zwecken vernünftigerweise Anleihen ge- machtwerdcnkönnen, hat an sich wenig Schwierigkeiten. Sie sind nützlich und gerecht, wenn sie den Nachkommen, denen sie aufgelegt werden, dafür einen bleibenden Vortheil verschaffen; sic sind ungerecht, obschon formell verbindlich, wenn sie nur gemacht werden, um die Genüsse dcs lebenden Geschlechts, seine Vorurthcilc und Leidenschaften, seine Eitelkeit und Herrschsucht zu befriedigen. Anleihen zu einem ungerechten Kriege sind Hochverrats; an dem Volke. Die Formen der öffentlichen Anleihen hat der menschliche Witz ins Unendliche vervielfältigt, um die Capitalisten durch ungewöhnliche Vorthcilc, übermäßige Zinsen, die unter mancherlei Prämien und Gewinnstcn versteckt werden, durch Bequemlichkeiten in der Erhebung der Zinsen und in der Übertragung des Kapitals anzulocken, um dem Hange zu Glücksspielen und Wetten, welchen die Gesetzgebung im Privatverkehr zu unterdrücken sucht, einen Spielraum zu eröffnen, und für die mannichfaltigen Formen dieses Spiels, welches leicht zum unmoralischen wird, hat man die verschiedensten Namen erfunden. (S. Staatspapier c.) Die wesentlichsten Verschiedenheiten der Anleihen sind folgende: 1) Einfache Darlehnsverträge, wie zwischen Privatpersonen, wodurch der Staat von einem Bestimmten eine Summe empfängt, welche er zu verzinsen und nach einer gewissen Zeit oder nach Belieben beider Theile zurückzuzahlcn verspricht. Darüber werden zuweilen neben der Hauptobligation auch Schuldscheine auf kleinere Summen ohne Namen eines Gläubigers auf den Inhaber ausgestellt. Hat die Negierung wenig Credit, so muß sie dabei schon Provisionen geben, sich auch wol gefallen lassen, daß die Hauptunternehmcr des Darlchns für Hundert des verschriebenen Kapitals etwas und zuweilen sogar bedeutend weniger geben, besonders wenn die politische Existenz der borgenden Negierung unsicher ist, und daß sie alsdann die Partialobligationen so hoch als sie können unterzubringen suchen. Da aber die Verzinsung und Rückzahlung doch nach dem vollen Nominalwerthe erfolgt oder doch versprochen ist, so übernimmt die Nation dadurch noch eine weit größere Last, als der Werth des Empfangenen beträgt. 2) Darlehnsverträgc mit beschränktem Rechte der Aufkündigung auf Seiten des Gläubigers, aber ins Unendliche fortgehender Verzinsung. Hierbei ist bald die Zurückzahlung blos dem Staate Vorbehalten, bald wird jährlich durch das Loos eine Reihe Obligationen bestimmt, welche zurückgezahlt werden sollen, und man verbindet, um die Spieler recht anzulocken, damit eine Lotterie von Prämien und Gewinnstcn. Dadurch wird der Verlust, welchen der Staat selbst erleidet, zuweilen wirklich gemildert, indem diese Prämien etwas geringer sind als die sonst gegebene Provision; aber oft wird auch derselbe nur dem ersten Blicke des Publicums entzogen, und den Hauptgewinn ziehen doch nur die Untcxnchmcr, welche die Staatspapiere dieser Art in Umlauf bringen. Sie suchen daher so viel als möglich neue 360 Anna (die Heilige) Formen auf, und besonders solche, bei welchen nicht so leicht ins Auge fällt, wie hoch derglei- i chcn Papiere im Curs stehen müssen, wenn sie ul pari stehen sollen, d. h. wieviel der eigentliche wahre Werth eines Staatspapiers betragt. 3) Darlehnsverträge mit völliger Unauf. l kündlichkeit des Capitals, aber immer fortgehender gleicher Rente oder immerwährender Annuität. Dies ist eigentlich ein Nentenkauf der Staatsgläubiger, wobei die Bestimmung eines Zinsfußes in der Thal etwas ganz Jmaginaires ist. Der Staat bietet eine gewisse Summe jährlicher Renten aus und gibt sie Dem, welcher das größte Capital dafür bezahlt. Da das Capital nie zurückgefodert werden kann, so ist es nur ein leeres Wort, daß diese Renten als drei-, vier- oder fünfprocentige behandelt werden, denn das Geschäft regulirt sich bei dem Abschlüsse doch nach einem höher« Zinsfüße, und wenn dreiprocentige Renten zu , 75 stehen, so stehen sie mit vierproccntigen zu 100 ul pari. Dieser Rentenverkauf ist in Frankreich jetzt die übliche Form der Staatsanleihen. Dabei wird immer ein benannter Gläubiger in das Hauptbuch des Staats eingetragen, und die Übertragung fodert gewisse Formalitäten. 4) Darlehne, bei welchen die jährliche Verzinsung so hoch gestellt ist, daß sie in einer bestimmten Zeit zugleich das Capital mit tilgt (Zeitrenten, Annuitäten). Je nachdem dies auf weniger oder mehr Jahre berechnet wird, nennt man sie kurze oder lange Annuitäten (s. d.). 5) Darlchne gegen jährliche Zahlungen auf Lebenszeit. (S. Leibrenten.) Das Capital trägt höhere als die gewöhnlichen Zinsen, erlischt aber mit dem Tode Desjenigen, auf dessen Leben die Rente versichert ist, oder wenn die Rente auf das Leben Mehrer gesetzt ist, nach dem Tode des Letzten von ihnen, Wenn eine Gesellschaft sich in der Art vereinigt, daß der Antheil der Absterbenden den Überlebenden so lange zuwächst, bis auch der letzte gestorben ist, so nennt man dies Tontine (s. d.). Anleihen auf Leibrenten werden in der neuern Zeit von den Staaten seltener geschlossen, sind aber öfter Gegenstand von Privatverträgen, zu welchem Zwecke sich auch Gesellschaften vereinigen. Einmal geschlossene Verträge soll der Staat gewissenhafter als Privatpersonen erfüllen und daher auch gemachte Anleihen nach den Bedingungen ihres Empfangs verzinsen und - zurückzahlen. Selbst wenn dabei übermäßiger und unredlicher Gewinn der Darleiher stattfand, haben die Staaten es bisher immer vorgezogcn, von einer solchen Einwendung keinen Gebrauch zu machen, um nicht ihren Credit zu untergraben; allein desto öfter haben sie Zinsenreductioncn vorgenommen, und gegen die Rechtmäßigkcit dieser Operation läßt sich nichts einwenden, sobald dem Gläubiger die freie Wahl gelassen wird, ob er sein Capital zu- rückempfangen oder den geringer» Zinsfuß annehmen will. Anders verhält sich jedoch die Sache bei erkauften Renten, es mögen nun immerwährende oder Zeitrentcn sein, indem der Gläubiger auf den unverkürzten Bezug derselben ein festes Recht erworben hat. Wollte man ihm aber das Capital, oder bei Zeitrenten den Nest desselben voll zurückzahlen, so würde der Staat dabei in der Regel nichts gewinnen. Die Tilgung der Anleihen geschieht auf eine doppelte Weise, entweder indem dem Darleiher oder dem Inhaber des Staatsschuldscheins der Nennwerth desselben zurückgezahlt wird, oder indem die Negierung selbst den Schuldschein an sich kauft. Denn da der Curs der Schuldscheine theils vermöge der ursprüngliche» Natur des Geschäfts, theils in Folge eines eingetretenen Mistrauens, einer Stockung in der Auszahlung der Zinsen und einer übermäßigen Vermehrung der Schuldscheine häufig unter ^ den Nennwerth herabgegangen ist, so läßt die Regierung sie theilweise nach und nach zurück- s kaufen und erreicht so den Zweck, nicht mehr dafür zurückzuzahlen, oder auch wol weniger, als sie selbst wirklich empfangen hat, ohne wortbrüchig zu werden. Zugleich hält sie dadurch den Curs der Staatspapiere ln einer angemessenen Höhe, was ihr bei neuen Anleihen bessere Bedingungen schafft. (S. Tilgungssonds.) Anna , die Heilige, in der katholischen Kirche als die Mutter der Jungfrau Maria verehrt, wird zuerst bei Epiphanias im -1. Jahrh. erwähnt; schon im 8. Jahrh. aber war ihre - Verehrung ziemlich allgemein verbreitet. Die röm. Kirche feiert ihr Fest (den Annentag) am 26.Juli, die griechische am 9. Dec. Ihre Verehrung gabzu derSt.-Annenbrüder I schaft oder den Annenbrüdern Veranlassung, die bereits im 1 3.Jahrh., wie es scheint, j vorhanden, zur Zeit der Reformation neu organisirt wurden; auch im Meißnischen, wo über- f Haupt die A. in hohem Ansehen stand, Eingang gefunden hatten, an mehren Orten Deutschlands noch das 19. Jahrh. sahen und in Baiern neuerdings wieder ins Leben gerufen wur- Anna (Königin von Großbritannien) Anna Bolepn 361 den. Nur beim Gottesdienst tragen die Annenbrüder öffentliche Abzeichen. Vgl. Wilisch, „Von der ehemaligen St.-Annenbrüderschaft" (Annab. 1723). Anna, Königin von Großbritannien und Irland 1702—14, der letzte zur Regierung gelangte Zweig des Hauses Stuart, wurde zu Twickenham bei London 1664 geboren. Sie war die zweite Tochter erster Ehe Jakob's II., damals Herzogs von York, mit Anna Hyde, der Tochter des berühmten Clarendon. Ihr Vater war damals noch nicht zur röm. Kirche übergetreten, und so wurde sie nach den Grundsätzen der anglikanischen Kirche erzogen und 1683 mit dem Prinzen Georg, dem Bruder König Christian'- V. von Dänemark, vermählt. Als 1688 die Partei, welche den Prinzen Wilhelm von Oranien auffoderte, seinen Schwiegervater zu entthronen, die Oberhand behielt, wäre sie, die Lieblingstocher Jakob's II., gern bei ihrem Vater geblieben; sie wurde aber vom Lord Churchill, nachmaligem Grafen von Marlborough, gewissermaßen gezwungen, der Partei des Siegers beizutreten. Nachdem 1604 ihre Schwester Maria, und 1702 deren Gemahl Wilhelm III. kinderlos verstorben, bestieg sie den Thron, wurde aber, bei ihren nur mäßigen Geistesgaben, fast während ihrer ganzen, an Ereignissen so reichen Regierung von Marlborough und dessen Gemahlin be> herrscht. Treu der Tripelallianz, stellte sie sich der Herrschaft Ludwig's XIV. entgegen, um die Freiheit Europas zu vertheidigen und die Vereinigung der franz. und span. Krone in Einem Hause zu verhindern. Aus diesem Grunde nahm sie Theil an dem span. Erbfolgekriege, in welchem England Gibraltar eroberte, die einzige wichtige Erwerbung dieses elfjährigen Kriegs. Der Kampf der Parteien war während ihrer Negierung äußerst heftig, da die Jakobiten hofften, daß die kinderlose Königin ihrem Bruder Jakob, dem Prätendenten, die Thronfolge zuwenden werde; aber so sehr sie auch die Wiedereinsetzung ihrer Familie, besonders nach ihres Gemahls Tode (1708), wünschte, wurde doch die Nachfolge dem Hause Hannover gesichert. Vergebens versuchte Jakob eine Landung in Schottland und brachte A. in die Verlegenheit, eine Bekanntmachung zu unterzeichnen, wodurch ein Preis auf seinen Kopf gesetzt wurde. Von 17 Kindern, die sie geboren hatte, war keins am Leben geblieben; obschon erst 44 Jahre alt, gab sie doch den Bitten des Parlaments, eine neue Heirath zu schließen, kein Gehör. Sie dachte jetzt nur darauf, die ganze Staatsgewalt in die Hände der Tories zu legen, welche die Stimmung aller drei Königreiche für sich hatten. Die Herzogin von Marlborough verlor ihren Einfluß, Godolphin, Sunderland, SomerS, Dcvon- shirc, Walpole und Camper wurden durch Harley (nachmals Grasen von Oxford), Boling- broke, Rochcstcr, Buckingham und andere Tories ersetzt und das Parlament aufgelöst. Marlborough wurde angeklagt, entsetzt und verwiesen. Ihrem vielleicht geheimen Plan, dem Bruder doch noch zum Nachfolger auf den Thron zu erhalten, stellte die unversöhnliche Feindschaft Oxford's und Bolingbroke's, von denen Ersterer den Letztem anklagte, daß er den Prätendenten begünstige, ein unübersteigliches Hinderniß entgegen. Sie starb aml2.Aug. 1714. Unter A.'s Negierung wurden England und Schottland unter dem Namen Großbritannien miteinander vereinigt. Anna, die Gemahlin des Kurfürsten August (s. d.) von Sachsen. Anna BoleyN, die Gemahlin Heinrich'S VIII. von Englands wahrscheinlich 1507 geboren, war die Tochter des Sir Thomas Bolcyn, der von seinem Könige zweimal als Gesandter nach Frankreich gesandt wurde. Als A. sieben Jahre alt war, wurde sie mit Maria, des Königs Schwester, die ihre Ehe mit Ludwig XII. zu Abbcville vollzog, nach Frankreich geschickt, wo sie auch blieb, als sich die Königin mehre Monate nachher mit Suffolk vermählte und nach England zurückkehrte. Die Königin Claudia war von der Schönheit und Lebhaftigkeit A.'s schon damals so angezogen, daß sie dieselbe bis an ihren Tod, 1524, wahrscheinlich bei sich behalten hat; nach diesem soll A. einige Zeit in den Diensten der Herzogin von Alencon, der Schwester Franz's I-, gestanden haben. Dieser Umstand, der freilich bezweifelt wird, ist sehr wichtig, denn wäre A., wie man vorgibt, schon 1521 nach England zurückgekehrt, so wäre es nicht unmöglich, daß der König, in Folge der Bekanntschaft mit ihr, den Entschluß sich von seiner Gemahlin zu trennen, hätte fassen können. Indessen suchen Napin und Cambden, sowie Burnet durch Gründe darzuthun, daß A. erst 1527 in Begleitung ihres Vaters nach England, an den Hof der Königin Katharine, jurückgckommcn sei, zu einer Zeit, als der König aus geistlichen Bedenken schon längst da- 362 Anna Iwanow,in (Kaiserin von Rußland) mit umging, sich von seiner Gemahlin, der Witwe seines Bruders, mit der er 18 Jahre in der Ehe gelebt, und aus der Maria Stuart entsprang, zu trennen; das Gcgcntheil erklären diese Schriftsteller für eine Erfindung der katholischen Partei, um der engl. Nefor- mation ein unwesentliches und niedriges Motiv, nämlich die Leidenschaft des Königs zu A., beizulegen. Die Schönheit, Anmuth und die freie Bildung, die A. am franz. Hofe erlangt hatte, nahmen das Herz des leidenschaftlichen Königs so gefangen, daß diese Liebe wenigstens seine Plane in der Scheidung von Katharine von Aragonien beschleunigten. Er heira- thete A. heimlich im Jan. 1533, ehe der Papst noch die Ehescheidung ausgesprochen hatte, und ließ dieselbe dann feierlich als Königin krönen; im Sept. dieses Jahres ward Elisabeth, nachherige Königin von England, aus dieser Ehe geboren. Die Königin brachte die franz. Sitte an ihren Hof und verkehrte ganz gegen die Gewohnheit der steifen Etikette mit alle» Denen, welche ihrem Wesen und ihrer Bildung gefielen; sie war im Verkehr mit den Dichtern ihrer Zeit, mit Wyatt, Bryan und Lord Rocheford, ihrem geistreichen und galanten Bruder; sic begünstigte ferner, wie sehr natürlich, die Reformation und ermunterte auch den König zu einer Verbindung mit den Protestanten in Deutschland. Schon nach einigen Jahren wurde der König gleichgültig gegen A., vielleicht deshalb, weil sie ihm nicht den erwünschten Prinzen gebar, und diese Gleichgültigkeit ging in Kälte über, als er eine neue heftige Leidenschaft zu der schönen Johanna Seymour faßte. Die Feinde der Königin, die es ihr nicht verzeihen konnten, daß sie wenigstens die Veranlassung zum Abfalle Englands von der röm. Kirche gewesen, wußten des Königs Abneigung zu nähren und einen Argwohn in ihm zu erwecken, wozu das freie, unvorsichtige, für die Gemahlin eines Tyrannen doppelt gefährliche Benehmen derschonen A. leicht Anlaß geben konnte. Besonders war es der Herzog von Norfolk, das Haupt der papistischen Partei, der die Königin bei ihrem Gemahle zu verdächtigen suchte, und es gelang ihm auch, denselben in eine wahre eifersüchtige Raserei zu setzen. Der Tyrann schien in dem Vergehen seiner Gemahlin die Entschuldigung seines eigenen zu suchen. A. wurde in den Tower gesetzt und eines strafbaren Umgangs mit mehren ihrer Hausbcdienten, auch mit ihrem Bruder geziehen. Sie gestand zwar ihr unvorsichtiges Betragen gegen diese Personen ein, leugnete aber standhaft einen Bruch ihrer ehelichen Treue; alle Angeklagten leugneten bis auf Einen, der wahrscheinlich bestochen war, das Verbrechen, und erklärten die Königin für unschuldig. Der Proccß wurde so eilig und unrechtmäßig geführt, daß die Königin ihren Anklägern nie gegcnübergcstellt ward. Das vom Könige nicdcrgcsetzte Gericht vcrurthcilte hierauf A. zum Tode des Feuers oder des Schwerts, wie es dem Könige belieben würde. Der Lord Rocheford, ihr Bruder, wurde zum Tode verurtheilt, weil gegen ihn ausgesagt war, daß er sich auf das Bett seiner Schwester gelehnt; auch die übrigen, vier an der Zahl, empfingen das Todcsurtheil. Die unglückliche Gefangene wurde überdies gezwungen, ihr früheres Verlöbniß mit dem Lord Percy einzugestchen, und der Erzbischof Crainner (s. d.) suchte vergeblich dieses Geständ- niß zu benutzen, um die Gültigkeit der Ehe mit dem Könige anzufechten und die Anklage des Ehebruchs abzuwerfen. Nachdem die Angeschuldigten am 12. Mai 1536 waren hingerich- tet worden, wurde auch A. am IS. nach dem unbeugsamen Willen des Königs, der sie wol für schuldig halten mochte, enthauptet. Sie erlitt den Tod mit vieler Standhaftigkeit und hielt vorher an die Umstehenden eine Rede, in welcher sie das angeschuldigte Verbrechen weder zugab noch leugnete. Sie begnügte sich, die Verbindlichkeit zu erkennen, die' sic habe, für den König zu Gott zu beten, und man glaubte, daß sie die Furcht um das Schicksal ihrer Tochter abgehalten, den König durch eine letzte Betheuerung ihrer Unschuld zu erzürnen. Anna Jtvanowna, Kaiserin von Rußland, 1730 — 40, geb. 1693, die Tochter Jwan's, des altern Bruders Peter des Großen, vermählte sich mit dem Herzog von Kurland, ward Witwe und bestieg 1730 den Thron der Zaren auf folgende Weise. Peter H., des unglücklichen Alexis Sohn, war in seinem 16. Jahre gestorben; die mächtigen Prinzen Iwan und Basil Dolgorucky hatten unter der Leitung des alten Kanzlers Ostermann die Regierung geführt. Da dieser sich schmeichelte, unter einer Fürstin, der er den ersten Unterricht gegeben hatte, sein Ansehen zu behalten, so bediente er sich seines ganzen Einflusses, um der Herzogin von Kurland die Krone zu verschaffen. Er gewann den Senat und die in Moskau versammelten Großen, und so ward A. den beiden Töchtern Peter des Großen ' Anna Komnena Annaberg 363 vorgezogen und der Fürst Basil Dolgorucky beauftragt, ihr die Wahl der Nation bekannt zu ^ machen. Als er bei ihr eintrat, fand er einen schlecht gekleideten Mann im Zimmer, dem er ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Dieser aber war nicht geneigt zu gehorchen, und als Dolgorucky ihn bei dem Arm nahm, um ihn zur Thürc zu führen, hinderte ihn A.; es war Ernst Zoh. von Biron (s.d.), der bald im Schutze seiner Gebieterin Rußland beherrschte. A., die anfangs versprochen hatte, ihren Günstling zu entfernen und die unumschränkte Gewalt der Zaren cinzuschränkcn, war kaum auf den Thron gestiegen, als sie Beides zu erfüllen verweigerte und sich als Selbstherrschern aller Reußen ankündigte. Biron setzte jetzt seiner Ehrsucht keine Grenzen, und die Dolgorucky wurden die ersten Opfer derselben. Die Kur- t ländcr mußten Biron 1737 zu ihrem Herzog erwählen, und sterbend ernannte ihn A. zum Regenten während der Minderjährigkeit des Prinzen Iwan. Sic starb am 28. Oct. 174». Anna Komnena, s. Komnenen. Anna Karlowna, Negentin von Rußland während der Minderjährigkeit ihres Sohns Iwan, die Tochter des Herzogs Karl Leopold von Mecklenburg und Katharina's, der Schwester der ruff. Kaiserin Anna Jwanowna, vermählte sich 1739 mit Anton Ulrich, Herzog von Braunschwcig-Wolfenbüttel, dem sie am 20. Aug. 174» den erwähnten Sohn Iwan gebar, welchen die Kaiserin Anna Jwanowna zu ihrem Nachfolger bestimmte. Es ^ geschah dies namentlich auf Betrieb des ehrgeizigen Biron (s. d.), der sich hierdurch die Regentschaft zu sichern suchte. Er hatte, damit es scheinen solle, als sei Das, was er beabsichtigte, der Wille des Volks, dafür gesorgt, daß eine Bittschrift verfaßt ward, worin man ihn ersuchte, bis zur Volljährigkeit des jungen Prinzen, die man auf das 17. Jahr festseßte, die Regierung zu führen. Die Kaiserin Anna Jwanowna Unterzeichnete diese Schrift auf ihrem Sterbebette, und so sah sich Biron, als die Kaiserin am 28. Oct. 1740 starb, wirklich auf der Höhe, nach der er gestrebt hatte. Allein nur eine kurze Zeit vermochte er sich auf derselben zu halten; schon am 18. Nov. ward er gestürzt. A. erklärte sich zur Großfürstin von Rußland und Regentin während der Minderjährigkeit ihres Sohns, führte jedoch die Regentschaft nur bis zum 6. Dec. 1741. Sie liebte Ruhe und Gemächlichkeit und ermangelte der angestrengten Thätigkeit, welche zur Beherrschung eines so großen Reichs unerläßlich ist, gänzlich. In der stillen Einsamkeit ihres Gemachs »erstattete sie, in bequemer Morgenkleidung, höchstens einigen Vertrauten oder Verwandten, oder dem Gesandten eines auswärtigen Hofes Zutritt, während die wichtigsten Geschäfte unbefördert liegen blieben und die Vornehmen sich mit Unwillen vom Hofe entfernt sahen. Ihre unbegrenzte Gunst besaß eine ihrer Damen, Julie von Mengden, welche denn auch während ihrer kurzen Regentschaft eine nicht unbedeutende Rolle spielte. A.'s Regentschaft endete eine Verschwörung, welche Elisabeth, die Tochter Peter des Großen, auf den Thron hob. Während man den jungen Iwan in Schlüssclburg behielt, wurde A. nebst ihrem Gemahl nach Chol- mogory, einer Stadt auf einer Insel der Dwina am Weißen Meere, gebracht und zu einer lebenslänglichen Gefangenschaft verurthcilt. Hier ward sie noch zweimal Mutter und starb 17 4 5 an den Folgen einer Niederkunft. Ihre Leiche ward nach Petersburg geführt und unter den gewöhnlichen Feierlichkeiten öffentlich beerdigt. Ihr Gemahl starb erst 178» nach . einer 39jährigen Gefangenschaft. Annaberg, im sächs. Erzgebirge, mit 7600 E-, war früher als Bergstadt bedeutend und ist gegenwärtig eine der wichtigsten Manufacturstädtc. Als zu Ende des 15. Jahrh. der Bergbau in dasiger Gegend, besonders am Schrecken- und Schottenberge, außerordentlich ergiebig wurde, sodaß man die Anlegung einer neuen Stadt für nöthig hielt, um der anwachscnden Menschenmenge Unterkommen zu verschaffen, wurde 1496 im Namen des Herzogs Albert der Grundstein dieser Stadt gelegt, welche in wenig Jahren durch den Hebel des reichen Bergbaus vollendet dastand. Anfangs nur die Neue Stadt am Schreckenberge genannt, erhielt sic 1501 ihren gegenwärtigen Namen durch Kaiser Maximilian. Ihre Verfassung war ursprünglich nach der Mehrzahl der Einwohner rein bergmännisch. Auf den Landtagen führte sie bis zum I. 1830 im weitern Ausschüsse der Mittlern Städte den Vorsitz. Als der Berg- x bau an Ergiebigkeit verlor, traten Gewerbe an die Stelle desselben. Barbara Uttmann (s. d.) machte, wenn sie cs nicht erfand, das Spitzenklöppeln hier einheimisch. Alba's Tyrannei gegen die protestantischen Belgier bewirkte, daß namentlich auch viele Posamcntirer 364 Annaburg A«uateu von dort auswanderten (1589—Sl), die sich zuerst in Buchholz, später in A. niederließen, und neben der Spihenmanufactur trat nun die jetzt so bedeutende Bandfabrikation auf. Auch liefert A. gemusterte Bänder und franz. Gaze- und Florbänder, sowie seidene Stoffe. Die Stadtkirche in A. enthält mehre gute Gemälde und ein interessantes Basrelief von gebrannter Erde; eine Erziehungsanstalt für arme Kinder wurde zu Ehren Ehr. Felix Wei- ßc's (s. d.) 1826 gestiftet. Annaburg, ein Städtchen im Kreise Torgau des Regierungsbezirks Merseburg der preuß. Provinz Sachsen, liegt unweit der Schwarzen Elster am Neuen Graben, der im 16. Jahrh. zum Holzflößen gegraben wurde, in der größtentheils sandigen, moorigen und dicht bewaldeten Annaburger sonst Lochauer Haide. Der Ort hat einschließlich des zugehörigen ' Zschernick (Pechhütte und Haidcmühle) 1500 E., dicht benachbart dieColonie der sogenannten Neuhäuser mit 400 E. und ein Schloß mit einem Militair-Knaben-Erziehungsinstitut. Das Schloß wurde durch Anna, der Gemahlin des Kurfürsten August, von 1572—75 erbaut, 1762 für das bezeichncte Institut, welches August III. am 21. Nov. 1738 zu Dresden stiftete, eingerichtet und 1815 von Preußen übernommen. Es werden hier mit I einem jährlichen Aufwande von 30000 Thlr. 400 evangelische Zöglinge, die Söhne im preuß. Heere Gedienter, vom 11. bis zu Ende des 18. Jahres, in größter Fürsorge erzogen und zu Unteroffizieren und Hautboisten der Armee vorgebildct. Außer dem Schulunterricht in sieben Classen werden diejüngern Knaben mit Stricken, Gartenbau und häusli- ^ chcn Arbeiten beschäftigt; die ältern erlernen entweder in den Werkstätten das Schneider- und Schuhmacherhandwcrk oder in der Musikschule die Musik, und einzelne ausgezeichnete Zöglinge widmen sich als sogenannte Militairschüler wissenschaftlichen Privatbeschäftigungen. Director der Anstalt ist ein Offizier, und außer einem zweiten Offizier, mehren Unteroffizieren und Gefreiten, welche zur Anstalt commandirt werden, sind ein Prediger und Schulinspector, neun Lehrer, ein Arzt und ein Chirurgus, vier Verwaltungsbcamte und ein zahlreiches Unterpersonal angestellt. Zum Turnen, Schwimmen und Exerciren sind alle Vorrichtungen vorhanden, und der ganze Erziehungsgeist rein militairisch. Annalen heißen geschichtliche Jahrbücher, welche die Hauptbegebenheiten einesJahres, oder auch mehrer Jahre in chronologischer Folge enthalten, ohne Ursachen und Folgen zu entwickeln oder sonst aufhistorische Kunst Anspruch zu machen. Der Name kommt von den ältesten Jahrbüchern der Römer her, welche Xnnales pontiticum oder maximi hießen, weil deren Abfassung dem kontikex msximns oblag, die aber bereits bei der Einäscherung Roms durch die Gallier untergegangen sind. Nach dem zweiten punischen Kriege wurden dergleichen Annalen nicht mehr von den Priestern allein, sondern auch von andern gebildeten Männern angefertigt, wie Fabius Pictor, Calpurnius Piso, Sisenna u. A., und es wurde daher der Name später auf alle Geschichtswerke ausgedehnt, in denen der Stoff mit vorzüglicher Berücksichtigung der Chronologie nach den einzelnen Jahren behandelt wird, wie dies in den Annalen des Tacitus, im Gegensätze zu dessen Geschichtsbüchern, der Fall ist. Im 4. und 5. Jahrh. n. Ehr. endlich verschmolz die Benennung Annalen gänzlich mit der der Chronik. Annalen heißen die für die Verleihung einer Kirchcnpfründe an den päpstlichen Stuhl zu zahlenden, nach besonder» Taxen normirten Abgaben. Früher nur außerordentlich, oder transitorisch, wurden sie seit Bonifaz IX. in der zweiten Hälfte des 14. Jahrh., seit welcher Zeit auch erst der Name Annaten aufkam, zu einer regelmäßigen, theils in dem ganzen Jahresertrage einer Pfründe (daher der Name), theils in der Hälfte desselben bestehenden Steuer. So bildete sich im Gegensätze zu dem früher allgemein anerkannten kirchlichen Grundsätze, daß das Sacrameirt der Weihe unentgeltlich ertheilt werden müsse, ein förmliches Besteuerungssystem, wonach von den vom Papste im Consistorium präconisirten Erzbischöfen, Bischöfen und Akten die im einjährigen Ertrage bestehenden servitia commum-, und daneben noch als Kanzleigebühren die servitia miiiuta, von den nieder», jedoch über 24 Goldgulden angesehten Pfründen die Annaten im eigentlichen Sinne, und endlich von allen für immer unirten Pfründen alle 15 Jahre die ^uinäenma gegeben werden sollten. In Deutschland sind die beiden letzten Artender Annaten nie sehr praktisch geworden, und über die -ervitia gab es fortdauernde Streitigkeiten bis zur Auflösung der deutschen Kirchenv er- Anneliden Annuität 365 fassung in Folge des Reichsdeputationshauptschlusses. In den neuern Concordaten einzelner deutscher Länder mit dem päpstlichen Stuhle sind, zum Theil in Widerspruch mit an- derweilen Vereinbarungen, die Annaten für höhere Kirchenämter wiederhcrgestellt und zwar meist in einer rcgulirten Averstonalsumme. Anneliden, auchAnnulata oder Ringel Würmer, bilden eine kleine Classe der gegliederten Thicre, die sich von den übrigen durch gelenklose Bewegungsorgane und rotheS, selten gelbes Blut unterscheiden. Ihr Körper ist gemeiniglich sehr verlängert, weich und durch Querfalten in eine Menge Ringe getheilt; der Kopf fehlt einigen; die Glieder, wenn sic vorhanden sind, bestehen aus reihenweis gestellten Borsten und Fäden, die auch als Waffen dienen, und an einigen vertritt ein Saugnapf die Bewegungsorgane. Das Nervensystem ist einfach; viele haben kleine Augen und Tastwerkzeuge, nicht selten eine rüsselförmige Schnauze, häufig auch kleine Zähne. Sie athmen der Mehrzahl nach durch Kiemen, die äußerlich angebracht, von sehr verschiedener Gestalt sind. Alle sind Zwitter, die sich gegenseitig befruchten und in der Regel durch Eier sich fortpflanzen. Die meisten sind räuberisch, leben von andern Thiercn, oder saugen ihr Blut, sie kommen am zahlreichsten im Meere vor, selten auf dem Lande, werden bisweilen 6—8 F. lang und wohnen theilweise in Röhren, die durch Ausschwitzung der Hautfläche entstanden, nach außen mit Seesand u. s. w. bedeckt, oft in gesellige Büschel verwachsen sind. Man theilt sie in Borstenfüßler und Fußlose und nach anderweitigen Kennzeichen in Unterordnungen. Genaue Kenntniß ihres Baues hat man in neuern Zeiten durch Savigny, Milne Edwards und Audouin und Leuckardt erhalten. Anno, der Heilige, Erzbischof von Köln, war aus niedrigem Stande geboren und starb 1075. Seine politische Bedeutung als Kanzler Kaiser Heinrich's III. und nachher als Reichsverweser während der Minderjährigkeit des Kaisers Heinrich's IV., sein kühner Herr- schcrsinn, sowie die Würde seines geistlichen Wandels, die väterliche Sorge für sein Erzbis- thum und der Eifer, mit dem er die Reformation der Klöster betrieb und neue Klöster und Kirchen stiftete, machten ihn zum Heiligen. Er eröffnet die Geschichte des erzbischöflichen Stuhls und der Stadt Köln am Rhein. Der in Sprache und Inhalt sehr merkwürdige „Lobgesang auf den heiligen Anno" wurde, wie Lachmann erwiesen hat, erst um das I 1185 gedichtet. Er ist ein merkwürdiges Denkmal der historischen Anschauung jener Zeit im Volke und zeugt am deutlichsten, in wie kurzer Zeit Geschichte der Sage anheimfallen könne. Das Leben A.'s ist allerdings Kern des Gedichts, allein es wird dieses in seinem Zusammenhänge mit der allgemeinen Geschichte entwickelt; die Darstellung ist dabei lebendig, oft großartig und hat durch ihren naiven Ton viel Anziehendes. Das Gedicht gab zuerst aus einer Handschrift, die indessen verloren gegangen ist, Mart. Opitz (Dan;. 1639) heraus. An einer neuen kritischen Bearbeitung fehlt es noch, denn die Ausgaben von Hegewisch (1791) und Goldmann (1816) sind in dieser Beziehung ohne Werth. Annomination, auch Paronomasie, ist eine Redefigur, welche in einer Wiederholung wenn nicht derselben Wörter, doch von Wörtern desselben Stammes besteht und dadurch Bedeutung erhält, daß sie durch verwandte Klänge die Aufmerksamkeit auf einen gemeinsamen Hauptbegriff hinlenkt. Sie begreift die Alliteration und Assonanz in sich. So bei Tieck: Wenn ich still die Augen lenke Auf die abendliche Stille, Und nur denke, daß ich denke. Will nicht ruhen mir der Wille, Bis ich sie in Ruhe senke. Annuität (annuit^) nennt man das Abtragen einer Schuld oder Verzinsung derselben in jährlichen Zahlungen. Eine solche Abzahlung kommt in vielen Privatverträgen vor, und zwar in allen vier Hauptformen derselben: 1) als bloße stückweise Abzahlung einer unverzinslichen Schuld; 2) als gleichblcibende Verzinsung eines unablöslichen oder eisernen Kapitals (immerwährende Annuität oder Rente, s. d.); 3) als Abzahlung der Zinsen und des Kapitals zusammen, in gleich großen jährlichen Summen (Zeitrenten) und -i) als Leibrente (s. d.), Zahlungen, die so lange fortgesetzt werden, als der Gläubiger oder Diejenigen, auf deren Leben die Rente versichert ist, leben. Durch diese beiden letztem Arten wird bei dem Ablaufe der Zeit und dem Tode Dessen, auf dessen Leben die Rente bedungen ist, auch das Capital getilgt. Man hat dieses Geschäft auch bei Staatsanleihen angewcndet 360 Annunciaten Anordnung und besonders in England Gelder erborgt, welche in 19 Jahren durch jährliche Zahlungen abgetragen (kurze Annuitäten); andere, welche in gleicher Art in 99 Jahren getilgt werden , sollten (lange Annuitäten). Zu den Leibrcntenverträgen gehören auch die Tontincn (s. d.). Annunciaten, s. Franc iscan er. Alwdyna, anodynischc oder schmerzstillende Mittel. Da der Schmerz (s.d.) aus sehr verschiedenen Ursachen entsteht, so sind auch die Mittel dagegen verschieden. Ist eine Entzündung die Ursache des Schmerzes, so sind Antiphlogistica, rief ein fremder Körper ihn hervor, so ist Entfernung desselben u. s. w. schmerzstillend. Im engern Sinne versteht man daher unter den Anvdynis nur solche Mittel, welche durch ihre unmittelbare Wirkung auf das Nervensystem die Empfänglichkeit für den schinerzhaften Eindruck zu vcr- ringern vermögen. Sie wirken entlveder dadurch, daß sie das Leitungsvermögen der Ner- ' ven aufhcben (Druck, Durchschneidung des Nervenstammes u. s. w.), oder dadurch, daß sie das Gehirn für den Eindruck unempfänglich machen, wie die Narcotica (s. d.), namentlich das Opium, dessen Präparate vorzüglich als Anodyna betrachtet wurden. Anomalie nennt man die Abweichung von der Regel; Anomalen, anomal, anomalisch oder auch abnorm das Abweichende. In der Grammatik ist die Anomalie dcrAnalogie (s.d.) entgegengesetzt; in derAstronomie bezeichnet man mitAnomalie den von der ungleichen Geschwindigkeit der Planeten abhängigen Abstand derselben in ihrer Bahn vom Punkte der Sonnenferne oder Sonnennähe, daher anomalistisches I ah r (s. d.). Anomalien in dem Gebiete der Natur machen uns auf das mannichfaltige Leben in derselben aufmerksam, welches sich uns beim Anblick des Geregelten verbirgt. Darum aber ist das Anomalische nicht gesetzlos; eine genauere Einsicht in die Naturgesetze hat immer in scheinbaren Anomalien doch wieder den Ausdruck der allgemeinen Gesetzmäßigkeit erkennen lassen. Auch ist das Anomale noch nicht krankhaft oder misgestaltct. Für die Vernunftgesetze kann eine Anomalie nur in der praktischen Anwendung stattsinden; theoretisch betrachtet, oder in Hinsicht ihrer Gültigkeit, sind die Vernunftgesetze ohne Ausnahme. Änomver, s. Arianer. Anonym, d. i. namenlos, nennt man svwol eine Schrift, deren Verfasser sich nicht genannt hat, als auch diesen selbst. Den anonymen sind die pseudonymen Schriftsteller sehr nahe verwandt. (S. Pseudonym.) Vgl. Barbier, „victiomi-dre des ouvrsAes kmonx- mes et pseudonymes, c»mposes, tesdiiits ou publies eu tran^ms et en Ist'm", mit historisch- kritischen Anmerkungen (2. Aust.; 4 Bde., Par. 1822—27), und de Manne, „Nouveau recueil d'ouvrriAes Anonymes st pseudonymes" (Par. 183-1). Allgemeiner, aber unbefriedigender ist Placcius ,,1'keatrum snooxmorum et pseudoo^morum" (Hamb. 1708; mit MyliuS' Supplementen, 1740). Anordnung nennt man im Allgemeinen die bei jedem menschlichen Werke zum Behufs der Übersicht und Faßlichkeit nothwendige Bestimmung der Ordnung des Mannichfal- tigen, welche dasselbe begreift. Ordnung aber ist die Regelmäßigkeit Dessen, was nebeneinander ist oder aufeinander folgt. Wo das Anzuordnende in das Gebiet des geistigen Lebens gehört, da ist die Anordnung entweder eine blos logische, nach den logischen Verhältnissen der Überordnung u. s. w., oder eine wissenschaftliche, nach dem Verhältnisse des inner« Zu- > sammcnhangs, oder eine künstlerische, nach der Absicht des Kunstwerks im Ganzen. Ein- / heit in der Mannichfaltigkeit ist also das Charakteristische der Anordnung. Alles Mannich- saltigc in einer Einheit steht aber zueinander in einem dreifachen Verhältnis entweder als Grund zur Folge (subjectiv) und Ursache zur Wirkung (objcctiv), oder als Mittel zum Zweck, oder als Theil zum Theil und zum Ganzen. Die Gesetze also, welche alle Anordnung bestimmen, sind die Gesetze der Causalität, der Zweckmäßigkeit und der Proportion; daher muß z. B. nothwendig in jedem schönen Kunstwerke ein Hauptgedanke herrschen, und diesem alles Andere untergeordnet sein, und in dieser Unterordnung gibt sich das Gesetz der Causalität zu erkennen. Insofern fällt die Anordnung in der Kunst größtentheils zusammen mit dem Motiviren; denn motiviren heißt, Alles so anlegcn, daß immer Eins als aus dem An- . dern folgend erscheint. Aber auch die Bedingungen der Zeit und des Raums muff en berücksichtigt werden. Im zeitlichen und räumlichen Verhältnis erscheinen Gegenstände nicht blos durch Grund und Folge, Ürsache und Wirkung verbunden, sondern auch als Theile neben- Anorexie Anquetil Duperron 367 einander und aufeinander folgend oder im Verhältnisse;»», Ganzen. Dadurch wird ein Kunstwerk dem Gesetze der quantitativen und qualitativen Proportion unterworfen. Endlich ist aber auch ein Gesammtausdruck hervorzubringen, und hierzu wird wieder eine eigene Art der Anordnung erfodert, daß sich nämlich Alles verhalte wie Mittel zum künstlerischen Zweck. Dieses ist das Motivircn im höhern Sinne. — In der Rhetorik wird die A nordnung von der Erfindung sowie von dem Ausdrucke und dem Vortrage unterschieden. Die Anordnung in diesem Sinne (Disposition) besteht in der nach gewissen Gesetzen und zum Behuse weiterer Ausführung erfolgenden Zusammenstellung dcsRedestoffs zu einem übersichtlichen Ganzen. Sie beruht zunächst auf dem logischen Gesetze der Unterordnung der Begriffe, indem sie den auszuführenden Grundgedanken (Thema) als den Gattungsbegriff behandelt und entweder von dem Allgemeinen zu dessen Unterarten und Merkmalen, als dem Speciellcn, in synthetischer Folge fortschreitet (Division), oder auf analytischem und heuristischem Wege von dem Besonder» zu dem Allgemeinen, von dem Concreten zu dem Abstracten, als dem Ziele der Darstellung, zu gelangen sucht (Partition). In beiden Fällen sind Vollständigkeit und logische Schärfe die Eigenschaften, auf die es vor Allem ankommt. Anorexie heißt so viel als Mangel an Eßlust ohne Widerwillen gegen Nahrungsmittel, Appetitlosigkeit. Anorganisch ist der Gegensatz von organisch, s. Organ. Anquetil (Louis Pierre), franz. Historiker, geb. zu Paris am 21. Jan. 1723, gest. daselbst am ü. Scpt. 1808, hat sich durch umfassende Werke bekannt gemacht, die mit mehr Fleiß als Geist geschrieben sind. Er machte seine Studien auf dem College Mazarin und trat 17 I. alt in die Kongregation von St.-Genevievc. In Rheims, wo er die Stelle eines Directors des Seminars bekleidete, faßte er den Plan, die Geschichte dieser Stadt zu schreiben; sein sorgfältig gearbeitetes Werk (3 Bde., 1756—57) reicht indeß nur bis auf das I. 1657. Im I. 1757 ward er zum Prieur an der Abtei Noe in Anjou ernannt und in der Folge Director des College von Senlis. Hier verfaßte er seinen farblosen und stachen „Lsprit (1s la ligiis" (3 Bde., Par. 1767, 12 . ; zuletzt 4 Bde., Par. 1823). Während der Schreckenszeit der Revolution in St.-Lazare cingeschlosscn, schrieb er seinen „Krecis is. jnsqn'L In lin de In inongrcliie" (l-1 Bde., Par. 1805; neue Aust., >5 Bde., 1820), die häufig aufgelegt und von Gallois fortgesetzt wurde, die meiste Verbreitung gefunden; doch auch in diesem Werke, wie in fast allen, die aus seiner Feder geflossen sind, erhebt er sich nicht über eine chronikenartige Erzählung der Vorgänge. Anquetil Duperron (Abraham Hyacinthe), Orientalist, der Bruder des Vorigen, geb. am 7. Dec. 1731 zu Paris, studirtc daselbst, zu Auxerre und zu Amersfort Theologie und ging dann, da er sich beiweitcm mehr von oriental. Studien angezogen fand, wieder nach Paris, wo der Abbe Sallier, Aufseher der Manuscripte der königlichen Bibliothek, ihm eine Unterstützung auswirkte. Als ihm hier einige nach einem Zend-Manuscripte copirte Blätter in die Hände fielen, ward Indien das Ziel seines Strebens, um dort die heiligen Bücher der Parsen zu entdecken. Da er in anderer Weise seinen Plan nicht ausführen konnte, nahm er 1755 als gemeiner Soldat auf einem nach Indien bestimmten Schiffe Dienste, worauf die Regierung in gerechter Bewunderung eines so seltenen Eifers für die Wissenschaften ihm die nöthige Unterstützung gewährte. Zu Pondichery angckommcn, lernte er das Neuperfischc, dann ging er nach Chandernagor, um das Sanskrit zu studiren. Eine Krankheit und der Krieg zwischen Frankreich und England störten indeß seine Hoffnung. Nach der Einnahme Chandernagors kehrte er zu Fuße nach Pondichery zurück, wo er sich nach Suratc einschiffte; doch entschloß er sich dann anders; stieg zu Mähe an der malabarischen Küste ans Land und reiste zu Fuße nach Surate. Hier gelang es ihm, durch Beharrlichkeit und Untcrwür- 368 Anquicken Anschauung figkeit die Bedenklichkeiten einiger parsischen Priester (Destur) zu besiegen, die ihm in neuper- sischcr Sprache den Inhalt ihrer im Zend und Pchlewi abgefaßten heiligen Bücher dictirten. Er hatte beschlossen, die Sprachen, die Altcrthümcr und heiligen Gesetze der Hindus in Benares zu studircn, als die Einnahme von Pondichery ihn zur Rückkehr nach Europa nö- thigte. Über England kam er 1762 in Paris an, mit einem Schatze von 180 Manuskripten und andern Seltenheiten. Auf Verwenden des Abbe Barthe'lemy und anderer Freunde erhielt er das Amt eines Dolmetschers der morgenländ. Sprachen bei der königlichen Bibliothek. Jetzt fing er an, die mühsam eingesammelten Materialien zu verarbeiten; es erschienen nach und nach die Übersetzung des Zend-Avesta (Par. 17 71), die „l.cgidation orientale" (Amst. 1778, 4.), die „Ilecliercbe? liistoriynes et geograpbitjnes sur l'lnde" (2 Bdc., Bcrl. und Par. 1786, 4.) und „I.a rlignite du commerce et de t'etat du commeryanl" ' (Par. 1780). Um den Greueln der Revolution sich zu entziehen, brach er alle seine Verbindungen ab, verschloß sich in sein Zimmer und hatte keinen andern Freund als seine Bücher, keine Erholungen als die Erinnerungen an seine theuern Brahminen und Parsen. Die Frückte dieser Zurückgezogenheit waren die Werke: „I/lude en rapport avec I'Lurope" (2 Bde.,.2. Ausl. Hamb. 1798) und „Oupueb.' bst" (2 Bde., Par. 1802—4, 4.), letzteres die lat. Übersetzung eines pers. Auszugs aus den Upanishats, d. i. theologischen Abhandlungen der Vedas. Nach Errichtung des Nationalinstituts ward er zum Mitglieds ernannt. Durch anhaltende Arbeiten und eine höchst karge Diät erschöpft, starb er am 17. Jan. 1805 zu Paris. Umfassende Gelehrsamkeit, genaue Kenntniß der asiat. Sprachen und eine rastlose Thätigkeit waren bei A. mit der lautersten Wahrheitsliebe, einer gesunden Philosophie, einer seltenen Uneigennützigkeit und dem trefflichsten Herzen verbunden. Anquicken heißt in den Hüttenwerken die zu Schliech gemachten Gold- und Silbererze mit Quecksilber vermischen. (S. Amalgamation.) — Bei den Metallarbeitern werden behufs der Versilberung oder Vergoldung die Metalle (Kupfer, Bronze, Messing) vorher angequickt, d. h. mit einem Häutchen Quecksilber überzogen, welches dadurch geschieht, daß man jene Metalle mitQuickwasser, d. i. einer Auflösung von salpctersäüwm Quecksilberoxyd benetzt, wodurch Quecksilber metallisch auf dem Kupfer niedergeschlagen wird. Anrüchigkeit hieß der Zustand geschmälerter persönlicher Ehrenhaftigkeit, die nach deutschem Rechte bei manchen Personen bald wegen ihres Gewerbes, wie beim Abdecker (s. d.), bald wegen ihrer Geburt, wie bei unehelichen Kindern, eintrat und Ausschließung von Zünften und Handwerken bewirkte. Neuere Particulargesetzgebungcn haben die aus einer unrichtigen Verbindung röm. und altdeutscher Nechtsgrundsäße entstandene Anrüchigkeit in den meisten Fällen aufgehoben. Ansatz, im Allgemeinen Das, was sich an Etwas ansetzt oder angesctzt ist, wird in den verschiedensten Beziehungen gebraucht; so vom angeschwemmten Boden (s. Anlän- dung); von Gewächsen, die sich mittels Absenkung oder Ablegung vermehren (s. Ableger); in der Anatomie (Lpipliz-sis) von den schwammigen Endstücken der langen oder Nöh- > renknochen; bei Blasinstrumenten, z. B. beim Hoboe, von den beim Gebrauch angesetzten Mundstücke, sowie, z. B. bei den Hörnern, von den angesetzten Theilen, mittels deren eine andere Stimmung hervorgebracht wird; ferner von der Bildung der Lippen beim Anblasen der s Blasinstrumente, die von großer Wichtigkeit ist, da sie es bedingt, ob der Ton voll oder matt, ; angenehm oder hart sei; daher die Redensart: Er hat einen guten oder schlechten Ansatz. Anschauung bedeutet im engem und ursprünglichen Sinne eine durch Gesichtscm- pfindung, im weitern Sinne jede durch die Empfindung irgend eines Sinnes unmittelbar erlangte Vorstellung, insofern der Anschauende dabei sich selbst von dem angeschauten Gegenstände unterscheidet; außerdem ist die Wahrnehmung bloße Empfindung. Die Anschauung in diesem Sinne ist verschiedener Grade von Klarheit und Lebendigkeit fähig, theils in Beziehung auf die Unterscheidung zwischen dem Subject und Object, theils in Beziehung auf das Mannichfaltige, was in einem Gesammtbilde vereinigt ist. Dabei ist sie aber immer auf das Einzelne beschränkt, an das Gegebene wie an die Gesetze der Sinnlichkeit gebunden, und unfähig, über die Grenzen der Wahrnehmbarkeit hinauszugchen. Weil wir aber Erscheinungen als äußere und innere wahrnehmen können, so gibt es auch eine äußere uns innere Anschauung. Alles, was im Raum ist, veranlaßt äußere Anschauun- I Auschauungsübungell 369 gen; was hingegen in der Zeit ist, was wir nur als Veränderungen in uns wahrnehmen, Gedanken, Bilder der Einbildungskraft, welche gar nicht räumlich sind, sind der Gegenstand innerer Anschauungen. Da alles Äußere aber Vorstellung, und mithin nothwendig in irgend einer Zeit ist, so folgt, daß alles Äußere auch zugleich ein Inneres sei, und man kann sich daher räumliche Gegenstände im Bilde vorstellen. Umgekehrt ist das Innere, nur in der Zeit Vorstellbare nichtznglcich auch ein Äußeres. Kant unterschied noch von der empi- rischen, d. h. -der auf das Wahrgenommenc, Mannichfaltige gerichteten, Anschauung die reinen Anschauungen und verstand unter letzter» die Änschauungen des Raumes und der Zeit und der von der Erfahrung unabhängigen rein mathematischen Größen. Auch nannte er Raum und Zeit selbst Änschauungsformen, d.h. das Allgemeine, was allen empirischen Anschauungen zum Grunde liege. Die bloße Anschauung ist noch keine Erkenntniß; diese wird erst gewonnen, indem der Geist das Angeschaute denkt, d. h. das in ihm enthaltene Mannichfaltige zergliedert, sich verdeutlicht, den Inhalt der Anschauung zum Begriffe erhebt. Daher findet sich das Denken oft genöthigt, Das wieder zu trennen, was die Anschauung vereinigt hatte. Es gibt endlich auch eingebildete Anschauungen, welche zwar einen weiten Spielraum für das Phantasiren, aber keine haltbare Grundlage für das erkennende Denken darbietcn. Hierher gehören die angeblichen Anschauungen der Mystiker; nach einer andern Seite hin die sogenannte intellectuelle Anschauung einiger neuern Philosophen, durch welche man eine solche Anschauung bezcichnete, deren Gegenstand nicht gegeben, sondern durch die Anschauung selbst hervorgebracht wurde; daher in ihr die Identität des Denkens und des Seins, sowie aller Gegensätze, die in dem Umfange des einen oder des andern fallen, enthalten sein sollte. Eine solche intellectuelle Anschauung, nämlich als ein durch das Denken nicht vermittelter Zustand des Subjects, in welchem man das Äbso- lute in der angeblich ungetrübten Einheit der dennoch in ihm liegenden Gegensätze unmittelbar ergreife, ist eine ganz willkürliche Voraussetzung. Namentlich die ältere Schelling'sche Philosophie ging von einer solchen intellektuellen Anschauung, als einem absoluten und unbedingten Erkenntnißact, in welchem das Subjektive und Objektive zusammenfallen soll, aus; während Hegel die Vermittelung des absoluten Wissens durch nothwendige Gcdanken- bewcgung fodert. (S. Absolut.) Etwas Anderes ist die Anschauung des Künstlers; sie ist eine ideale innere Anschauung der Gegenstände. In seinem reichen Innern rcflectirt sich die Welt eigenthümlich und wird zur höhern Schönheit umgebildct; aber in ihm lebt auch der Drang, das so innerlich Ungeschaute zur äußern Anschauung zu bringen. Der Grad der Klarheit, mit welcher die gedachte und empfundene Welt des Künstlers im Kunstwerke vor die äußere Anschauung tritt, ist seine Änschaulichkeit, und von dieser hängt größ- tentheils auch die Wirkung ab. Sie liegt aber sowol in der Form des Ganzen als in der Darstellung und im Ausdrucke des Einzelnen. Jene besteht darin, daß die Idee in der Form des Ganzen den ihr angemessenen Ausdruck finde, und daß das Mannichfaltige zu einem lc- bendigen Ganzen verbunden erkannt zu werden vermag. Die Darstellung und der Ausdruck im Einzelnen ist diesem Zwecke untergeordnet. In derPoesie insbesondere ist dazu nö- thig Versinnlichung der Gedanken. Anschauurrgsübungen. Alles Erkennen geht zuletzt von der äußern Anschauung aus, und es ist daher von der größten Wichtigkeit, daß die äußern Sinne gesund und geschickt erhalten werden, der Seele richtige, klare und deutliche Anschauungen zuzuführen Hierzu wirkt die physische Erziehung, wenn sie rechter Art ist, auch ohne absichtliche und künstliche Sinnenübungcn, zumal da die Gegenstände im Hause und im Freien ungesucht Stoff und Anlaß zur Änschauung geben. Auf höherer Stufe dienen sodann in der Schule der Änschauungsunterricht, die geometrische Formenlehre, das Zeichnen und Malen zur Übung des Gesichts, die Sprechübungen aber und die Musik zur Übung des Gehörs. Den Grundsatz der Anschaulichkeit des Unterrichts haben besonders hcrvorgchoben und geltend gemacht Rousseau, die Philanthropinisten und Pestalozzi (s. d.), welcher Letztere in seiner Einseitigkeit vorzugsweise die Zahlen- und Maßverhältnisse anschaulich behandelte, was er und seine Schule Änschauung sichre nannte. Eine selbständige Ausführung dieser Idee gab Herbart in der Schrift: „Pestalozzi's Idee eines Abc der Anschauung wissenschast- Cony.-Lex. Neunte Aufl. I. -4 370 Allschlag Ansbach lich ausgeführt" (2. Aufl., Gott. >804). Später wurden Anschauungsübungen in Ver- bindung mit reinen Denkübungen vielfach empfohlen und in die Schulen cingeführt; aber seit geraumer Zeit will man von ihnen, als von einem besonder« Unterrichtsgegcnstande, nichts mehr wissen, und das mit Recht. Denn wenn auch aller Schulunterricht von der Anschauung äußerer Gegenstände ausgchen und der Vorunterricht in Übungen des An- schauungsvermögens, die am besten an den nächsten Umgebungen angestcllt werden, bestehen muß, so sollen doch alle anschaulicher Behandlung fähige Unterrichtsgegenstände,,auch wirk- lich anschaulich behandelt werden, sodaß im eigentlichen Unterrichte dergleichen Übungen in bcsondcrn Stunde» sehr bald unnöthig werden. Die fortgesetzte Beschäftigung mit anschau, lichen Gegenständen vervollkommnet übrigens das Vermögen der äußern Anschauung sehr, wie Maler und Tonkünstlcr beweisen, und uncultivirte Völker zeigen, daß die äußern Sinne um so schärfer sind, je mehr der Mensch in der freien Natur lebt und je weniger die hohem Erkcnutnißkräfteausgebildct sind. Die Zustände in unserm Geiste bringen ebenfalls in der Seele Empfindungen hervor, durch welche sie von dieser wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmungen nennt man innere Anschauungen und schreibt sie dem inner« Sinne zu, der aber von mehren Psychologen, wol nur aus Misvcrständniß und Verwechselung des Sinnes mit den Sinneswerkzeugen, geleugnet wird. Die Bildung des inner» Sinnes, welche für die Sclbstkenntniß und sittliche Vervollkommnung von der größten Wichtigkeit ist, wird dadurch bewirkt, daß man den Zögling, sobald er die nöthige Stärke geistiger Bildung crrcichthat, auf sein Inneres hinweist und ihn veranlaßt, Das zu beobachten, was in seiner Seele vorgeht, wie er nach und nach zu einer Vorstellung, einem Begriffe, einem Gedanken gelangt ist, durch welche Anlässe bestimmte Gefühle, Triebe, Neigungen, Begierden in ihm entstanden sind, wodurch er bestimmt wurde, Etwas und gerade Dieses zu wollen. Anschlag bezeichnet in der Musik die Art, wie die Tasten der Tastaturinstrumente in Bewegung gesetzt werden, um die bestmögliche Schwingung der Saiten und dadurch den rundesten, vollsten und jeder Abstufung fähigen Klang zu erzeugen. Erfodernisse eines kunstgerechten Anschlags sind Leichtigkeit, Gleichheit, Mannichfaltigkeit, und die einzige Bedingung ihrer Erlangung ist, daß der Anschlag zunächst und hauptsächlich von den Fingern, zum Thcil vom Handgelenke, nie vom Arm ausgehe, der nur die Hand zu tragen hat. Lösung der Handgelenke und möglichste Ausgleichung der Kraft und Beweglichkeit der einzelnen Finger ist daher das vor Allem zu erstrebende Ziel beim Studium der Technik des Ju- strumentspiels. — In der Baukunst versteht man unter Ansch lag den Falz an Thür- und Fenstereinfassungen, in welchen Thür- und Fensterflügel genau hineinpaffen müssen. — Nächstdem heißt Anschlag auch die durch specielle Angaben unterstützte Schätzung des Wcr- ihes einer Sache, des Ertrags oder der Kosten derselben, daher Steueranschlag, Pachtau- schlag und Bauanschlag. Ansbach, sonst Onolzbach, vormals die Residenz der Markgrafen von Ansbach- Baireuth, jetzt die Hauptstadt des bair. Kreises Mittelsranken an der fränkischen Nezat, mit >3000 E-, ist der Sitz der Kreisregierung, des mittelfränkischen Appellationsgcrichts, eines protestantischen Consistoriums und eines Wahlgerichts. Sie hat ein Gymnasium, eine höhere Töchterschule, mehre andere öffentliche Anstalten, auf dem Schlosse eine Bibliothek und Gemäldegalerie. Auch bestehen daselbst ein Historischer Verein und eine Gesellschaft für Künste und Gewerbe. Die Fabrikthätigkeit ist hauptsächlich auf baumwollene und halbseidene Zeuge, Taback, Steingut, Pergament, Spielkarten, chirurgische Instrumente und Blei- weiß gerichtet. Das ehemalige Nesidcnzschloß ist ein sehr schönes Gebäude in ital. Ge- schmacke; im Garten desselben befindet sich das Denkmal des Dichters U z (s. d.). Ihre Entstehung verdankt die Stadt dem im 8. Jahrh. gestiftet»« Gumbertusstifte, das >057 in ein Collegiatstist verwandelt und >500 aufgehoben wurde. Die Vögte von Dornburg , die Schutz- und Schirmherren des Stifts, verkauften die Stadt >288 an die Grafen von Öttin- gen und diese >33> au die Burggrafen von Nürnberg. — Das Fürsten th um A., in den frühesten Zeiten ein Theil des Nangaues und zum großen Theil von Slawen bevölkert, gehörte später zum fränkischen Kreise und wurde, nachdem cs >800 an Baicrn gekommen, ein Theil des Rezatkreiscs, der nun Mittclfrankcu heißt. Es umfaßte über 00 L7M. und gegen Anschütz Anselm von Canterbury 371 Ende des !8. Jahrh. gegen 300000 E Nachdem der Burggraf von Nürnberg, Friedrich V., 1362 mit dem Fürstenthum A. belehnt worden war, theilte es derselbe 1398 für seine Söhne in das Land oberhalb des Gebirgs (Ansbach) und das Land unterhalb des Gc- birgs (Kulmbach, nachher Baireuth), welche Theilung indrß schon 1463 wieder aufhörte. Kurfürst Albrccht Achilles von Brandenburg bestimmte 1474 die fränkischen Fürstenthü- mer, wie man A. und Baireuth nannte, seinem zweitgcborenen Sohne Friedrich, der nun der Stifter der fränkischen Linie der Markgrafen von Brandenburg wurde, ck>ie sich wieder in die Linie Ansbach und Baireuth (s. d.) theilten. Die letztere Linie erlosch 1769, worauf die Fürstenlhümer wieder unter einem Regenten vereinigt wurden. Der letzte Markgraf von Ansbach-Baireuth war Karl Friedrich, der Gemahl der Lady Craven (s. d.), der beide Für- stenthümer am 2. Dcc. 1791 freiwillig an seinen Lehnserben, dem König von Preußen, abtrat. Friedrich Wilhelm III. mußte A. 1806 Frankreich überlassen, das dann nebst Bai- ceuth, welches er im Frieden von Tilsit ebenfalls an Frankreich abtrat, 1810 an Baiern kam. Vgl. Lang's „Neuere Geschichte des Fürstenthums Baireuth" (3 Bde., Eött., dann Nürnb. 1798—1811) und (Barth's) „Versuch einer Landes-und Negentengeschichte der beiden Fürstcnthümer Baircuth und A." (Hof 1795). Anschütz, eine bekannte Schauspielerfamilie, besonders berühmt durch Heinrich A.,- der zu Luckau 1787 geboren, seine erste Bildung auf der Fürstenschule zu Grimma erhielt und 1804 die Universität zu Leipzig bezog. Der freundschaftliche Umgang seiner Altern mit dem Schauspieler-Christ, sowie die Gastvorstellungen Jffland's, Eßlair's undWolfss in Leipzig weckten zuerst die Ahnung des dramatischen Talents, welches in ihm schlummerte, und die Neigung, sich für die Bühne auszubilden. Im I. 1807 betrat er zuerst in Bamberg die Bühne; von der Händel-Schüh, als sie I8II die Direktion des königsberger Theaters übernahm, wurde er für dieses engagirt. Von Königsberg ging er 1813 nach Danzig. Hier hatte er das Unglück, bei der Annäherung der Russen, durch das Schließen der Festung ausgeschlossen zu werden, sodaß er sich genöthigt sah, während der Belagerung in Königsberg Gastrollen zu geben. Von 1814 — 21 war er eine Zierde des Theaters in Breslau. Im I. 1821 erhielt er einen seinem Talente angemessenen Wirkungskreis ani Hofburgtheatcr in Wien, wo er noch gegenwärtig als Regisseur angestellt ist. Früher als Darsteller von Heldenrollcn in Deutschland einer der Ersten in seinem Fache, stellt er jetzt mit gleichem Erfolge Heldenväter und Charakterrollen dar. Tiefe und zugleich Wahrheit der Auffassung, die überhaupt der trefflichen Schauspielerschule, welcher A. seinen Principien nach angehörk, oberstes Gesetz war, zeichnen seine Darstellungen vorzüglich aus. Seine Gestalt ist ihm günstig, sein Organ war früher von großer Wirkung und ist es auch jetzt noch in rührenden und ergreifenden Partien. Seine erste Gattin, Josephine, geb. Kette, von der er sich scheiden ließ, war ihrer Zeit in Breslauund Königsberg eine beliebte Sängerin; seine zweite, Emilie, geb. Budenopp, die bei der Truppe ihres Vaters in Schlesien ihre Laufbahn begann, und die er während ihrer Anstellung am breslauer Theater kennen lernte und hcirathete, ist jetzt ebenfalls ein beliebtes Mitglied am Hofburgtheater in Wien. Mit ihrem Gatten unternahm sie 1837 eine Kunstreise, auf welcher ihr überall Anerkennung zu Theil wurde. — Auguste A., A.'s Tochter aus zweiter Ehe, begann ihre theaträlische Laufbahn 1836 am Stadttheatcr zu Leipzig, ging dann nach Dresden und ist jetzt ebenfalls am Hofburgtheater in Wien als jugendliche Liebhaberin angesetzt. — Auch Emilie A. und Alexander A., die Kinder Heinrich A.'s aus erster Ehe, haben sich dem Theater zugewendet. — EduardA., der Bruder des Heinrich A., seit 1831 am Hofburgtheater zu Wien engagirt, ist ein bcachtungs- werther, tüchtiger Schauspieler und hat auch einige Novellen geschrieben. Anselm von Canterbury, scholastischer Philosoph, geb. zu Aosta in Piemont 1033, wurde 1060 Mönch, 1078 Abt des Klosters Bec in der Normandie, wohin ihn der Ruf des berühmten Lanfranc zog, und 1093, als dessen Nachfolger, Erzbischof von Canterbury in England, welche Stelle er bis an seinen Tod, am 12 . Apr. 1 109, bekleidete. Wie seine kirchliche Wirksamkeit ausgezeichnet war, so waren es auch seine Studien und seine Lehrerverdienste. Er steht an der Spitze der scholastischen Neligionsphiloso- phen des Mittelalters; obgleich meist durch Augustin angeregt und unter der Herrschaft des 372 Ansgar Anslo Kirchenglauben-, ist er doch durchgehend eigenkhümlich, tief und sinnvoll. In einem gr». ssern Kreise ward er bekannt durch den Beweis für das Dasein Gottes, den er selbständig und entscheidend in dem nachher sogenannten ontologischen Beweise gefunden zu haben glaubte, und durch den er eine rationale Theologie begründete. Er schloß von dem Begriffe eines hoch- sten und vollkommensten Wesens auf dessen Existenz. Ungeachtet der Unzulänglichkeit dieses Beweises, der schon an Gaunilo (Mönch zu Marmouticr um 1070) einen Gegner fand, ist doch sein Streben, die Neligionslehre sicher zu begründen, ebenso achtbar als die Fein- beit seines Denkens. Diesen Beweis führte er aus in dem „Uroslogium" (Anrede an seinen Geist), nachdem er in dem „Nonologimu" die Religionsphilosophie mehr nach den ganz- baren Begriffen erläutert hatte. Seine Schrift „Vs caucorclia prsescientiae et praeOesti- ^ nstionis" machte Epoche für die Philosopheme der Kirche. Die beste Ausgabe seiner Werke besorgte Gabr. Gerberon (2 Bde., Par. 1675; neue Aust. 1721; auch Ben. 1741, Fol.) Vgl. Frank, „A. von Cantcrbury, eine kirchenhistorische Monographie" (Tüb. 1842). Ansgar oder An schar ius, der Apostel des Nordens genannt, weil er um die Ein- führung des Christenthums in Norddeutschland, Dänemark und Schweden sich vorzügliches > Verdienst erwarb, war in Frankreich in der Picardie ums I. 800 geboren. Seine Bildung erhielt er in dem Kloster Korvei in Westfalen. Auf Anregung Kaiser Ludwig des Fron,- l men ging er im Gefolge des getauften Prinzen Harald aus Südjütland 826 nebst scinrm Gehülfen Audibert unter die wilden Söhne des Nordens, denen er, namentlich im jetzigen Schleswig, unter mannichfachen Verfolgungen, aber mit Erfolg das Christenthum predigte. Erfreut darüber beschloß der Kaiser, mit Einwilligung des Papstes und der Bischöfe, in Nordalbingien, wie die Gegend um den Ausfluß der Elbe hieß, zu Hammaburg (Hamburg) ein Erzbisthum zu gründen, zu dessen erstem Vorsteher A. 832 ernannt wurde. Auch hin hatte er mit vielen Beschwerden zu kämpfen, sodaß er sich kaum zu halten vermochte. Als 845 Normänner und Dänen unter König Erich I. Hamburg überfielen und ausplündertcn, rettete er nur durch dieFlncht seinLeben. In Namslo bei Hamburg, wo erdamalsAufnahme fand, stiftete er ein Kloster; auch brachte er 850 die Gründung der ersten Kirche im cigent- lichen Dänemarkzu Haddeby, dem jetzigen Schleswig, zu Stande. Nach dem Tode des Bischofs von Bremen wurde letzteres 858 unter ihm mit dem Erzbisthume Hamburg vereinigt. Hieraus unternahm ec mehre Missionsreisen nach Dänemark und aufErich's I. Empfehlung nach Schweden. Auch taufte er noch im 1.858 Erich 11., den Nachfolger Erich's l. Er starb zu Bremen, wo sein Andenken durch den Namen einer Kirche verherrlicht, am 3. Febr. 864, mit dem Ruhme, wenn nicht die ersten, doch die folgenreichsten Versuche zur Ausbreitung des Christenthums im Norden unternommen zu haben. Auch wird seine Klugheit, die Lauterkeit und Wärme seines Eifers für die Religion und die Unbescholtenheil seines Wandels von den Zeitgenossen gepriesen. Das Tagebuch seiner Missionsreisen sandte der Abt von Neukorvei 1261 nach Rom, wo es, wie es scheint, verloren gegangen ist. Die katholische Kirche versetzte ihn unter die Heiligen. Wir besitzen von ihm noch eine Lebensbeschreibung des heil. Willehad, sein Leben beschrieb Rembert, der ihm auf dem erzbischöflichen Stuhle folgte; beide Biographien hat Dahlmann in Perh's „Sloimmenta bist. Oermsn." (Bd. 2) herausgegeben und Miesegaes übersetzt (Brem. 1826). Vgl. Kruse, „Lebensbeschreibung des heil-A." (Hannov. 1824). * Ansicht bezeichnet die Art und Weise, wie etwas physisch oder geistig betrachtet wird, oder wie es von einem gewissen Standpunkte a>zs erscheint, daher man auch von Ansicht einer Gegend u.s. w. redet. Immer wird dadurch ein wechselnder, zufälliger, subjectiver Standpunkt bezeichnet, aufwelchem man einen Gegenstand nur von einer Seite, nicht im Ganzen bettachtet. Die Ansicht muß daher von dem Objectiven in der Wissenschaft unterschieden werden. Den Unterschied zwischen philosophischen Ansichten und Systemen hat Herbart in der Schrift „Uber philosophisches Studium" (Gött.1807) scharf hervorgehoben. Anslo (Reinier), einer der vorzüglichsten holländ. Dichter des 17. Jahrh., geb. 1622 zu Amsterdam, gest. am l O.Mai 1669 zu Perugia. Im 1.1649 ging er nach Italien, trat dort zur katholischen Kirche über und wurde für ein lat. Gedicht auf das Jubiläum Papst - Jnnocenz's X. mit einer goldenen Medaille und von der Königin Christine mit einer goldenen Kette beschenkt. Sein Aufenthalt in Italien und in Folge desselben seine genauere Be- Anson Anspielung 373 kanntschaft mit der ital. Literatur läuterten seinen Geschmack, und wenn er auch noch bisweilen von falschem Pathos sich Hinreißen ließ, so sind doch seine sonstigen Vorzüge so über- wiegend, daß er neben den besten Dichtern jener Zeit eine der ersten Stellen auf dem nieder- länd. Parnaß einnimmt. Unter seinen Gedichten, welche I. de Haas 17 i 3 gesammelt herausgab , sind „Die Marterkrone des heil. Stephanus", „Die Pest zu Neapel" und das Trauerspiel „Die pariser Bluthochzeit" als die vorzüglichsten zu erwähnen. Ansoll (George), engl. Admiral, geb. 1697 zu Shuckborough in Staffordshire, widmete sich früh dem Seewesen, diente 1716 als Secondclieutenant unter John Norris in der Ostsee, 1717 und 1718 unter George Byng gegen dieSpanier und wurde, kaum 25 Jahre alt, Capitain. Als.! 739 der Bruch mit Spanien bevorstand, erhielt er den Befehl über eine Flotte in der Südsee, die die Bestimmung hatte, dort den Handel und die Niederlassungen der Spanier zu beunruhigen. Mit fünf größern und drei kleinern Schiffen, welche 1400 Mann führten, verließ er England am 18. Sept. 17-19. Bei dem HerauS- fahren aus der Lemairestraße ward er von fürchterlichen Stürmen befallen, die ihn drei Monate lang hinderten, das Cap-Horn zu umschiffen. Von den übrigen Schiffen getrennt, erreichte er endlich die Insel Juan-Fernandcz, wo später drei seiner Schiffe in dem kläglichsten Zustande wieder zu ihm stießen. Kaum hatte die Mannschaft sich einigermaßen erholt, als er von neuem auslief, mehre Prisen machte und die Stadt Payta eroberte und verbrannte. Nachdem er der reichen Manilla-Galeonc lange vergebens aufgelauert und großen Verlust an Mannschaft gehabt hatte, sah er sich gcnöthigt, einen großen Theil der Beute und die überflüssigen Schiffe zu verbrennen, da er nur noch eins gehörig bemannen konnte, mit dem er nun nach Tinian, einer der Diebsinseln, schiffte. Auf Tinian führte ein Orkan das Schiff mit sich fort. Mit einem kleinen, auf der Insel Vorgefundenen Fahrzeuge segelte er dann nach Macao, wo er den kühnen Plan faßte, die Galeone von Acapulco wegzunehmen. Er verbreitete das Gerücht von seiner Rückkehr nach Europa, während er seinen Lauf nach den Philippinen richtete und bei dem Vorgebirge Spiritu-Santo kreuzte. Endlich erschien die Galeone, die im Vertrauen auf ihre Überlegenheit das Gefecht begann. Die Engländer siegten, und die Galeone, deren Werth sich auf 400000 Pf. St. belief, ward genommen. Mit dieser und der frühem, an 600000 Pf. St. betragenden Beute kam A. nach Macao zurück, verkaufte seine Prise und behauptete mit Kraft gegen die chines. Negierung zu Kanton die Rechte seiner Flagge. Von hier segelte er unentdeckt durch die franz. Flotte im Kanal und langte zu Spithead am 15. Juni 1744 an, nach einer Abwesenheit von drei Jahren und neun Monaten. Diese gefahrvolle Reise war für Erd- und vorzüglich für Schiffahrtskunde durch genauere Untersuchung unbekannter Meere und Küsten sehr ergiebig, und es sind die Ergebnisse derselben in der unter A.'s Leitung von dem Schiffsprediger Walter und den Mathematiker Nubius herausgegebenen Beschreibung (Lond. 1748, 4.; deutsch von Toze, Lpz. 1763) niedergelegt. Zum Lohne ward A. noch 1744 Contreadmiral der blauen und 1746 der weißen Flagge. Im 1.1747 besiegte er bei Cap-Finisterre den franz. Admiral Jonquiere, dem er unter andern die Schiffe I^'inviilcil-Ie undl-s gloire nahm; der Capitain des ersten überreichte ihm den Degen mit den Worten: „Hlonsieur, vons sv«- vsincu I'inv incible et I» ßloire VOIIS suit." Hierauf wurde A. zum Baronet von Soberton und vier Jahre nachher zum ersten Lord der Admiralität erhoben. Im I. 1758 befehligte er die Flotte vor Brest, unterstützte die Landung der Engländer bei St.-Malo und Cherbourg und nahm die zurück- geschlagenen Truppen in seine Schiffe auf. Im I. 1761 führte er die Braut Georg's III. nach England, erlangte 1762 die höchste Würde eines Admirals und Oberbefehlshabers der Flotte und starb bald darauf am 6. Juni auf seinem Landsitze Moor-Park. Anspielung oder Allusion findet in der sprachlichen Darstellung statt, wenn man auf versteckte Weise und gleichsam im Vorübergehen an einen Gegenstand erinnert. Die Anspielung nennt ihren Gegenstand nicht und erweckt die Vorstellung desselben nicht unmittelbar, sondern mittels einer andern, die mit dieser in einem nähern Zusammenhänge steht. Sie muß dem aufmerksamen Hörer oder Leser die Erinnerung leicht machen. Auf diese Leichtigkeit deutet auch das Wort Anspielung. Zugleich bezeichnet es, daß die Anspie, lung flüchtig ist und bei dem Gegenstände nicht verweilt. Sic ist fehlerhaft, wenn sie ausführlicher Erläuterung bedarf, wie dies häufig bei gelehrten Anspielungen der Fall ist, deren 374 Allsprechen Antagonismus Vcrständniß entlegene Notizen erfodcrt. Eine besondere Art der Anspielung ist die bildlich«, welche eine allgemeinere Vorstellung durch einen bekannten individuellen Gegenstand fluch, tig bezeichnet. Sie beruht meist auf einer Metapher oder andern Tropcn (s. d.) und gefällt durch die leicht aufgefaßte Ähnlichkeit der beiden Vorstellungen; z. B. „Der Prometheischs Funke" (das Leben), oder „Du wälzest den Stein des Sisyphus" (du thust vergebliche Ar- beit); „Er ist ein neuer Cato" u. s. w. Eine Anspielung kann auch in der bildenden Kunst Vorkommen, muß aber hier mit großer Vorsicht angcwendct werden. Ansprechen heißt in der Jagdsprache aus der Fährte des Wildes, aus der Körpergröße, dem Gehör, der Zahl der Enden des Geweihes Vas Geschlecht, Alter und die Stärke desselben in den durch Sitte hergebrachten Wcidmannsausdrücken bestimmen und taxircn. Diese Kunst kann fast nur allein in der freien Natur unter der Leitung eines kundigen Leh. rcrs mit Beihülfe des Leithundes erworben werden, zumal die Zeichen im Gebirge und auf der Ebene sich nicht völlig gleichen. Der Rasenfilz ist diesem Eindruck der Fährte sehr hin- dcrlich, desto günstiger der Reif und der Thauschlag, am günstigsten aber eine leichte Schnee- decke. Das Zeichen der Fährte gründet sich thcils auf die Gestaltung (Form) und Stärke (Größe des Tritts), theilsauf die Stellung der Tritte inder Fährte oder Spur. Die Kennt- niß der Eigenthümlichkeiten, die hierbei obwalten, macht den Jäger fährtengerecht. Beim Ansprechen nach dem Alter des Haarwildes und des Federwildes bezeichnet das Beiwort jung bei ersterm durchgängig die früheste Lebenspcriode, bis zu der Zeit, wann diese Wildart zum ersten Male sich begattet, und bei dem Federwilde, wann die Vollwüchsigkcit oder de, Begattungstricb eingetretcn sind. AnArung, s- Milchschorf. Anstand oder Ansih nennt man in der Jagdkunde das Lauern auf Wild an einem dazu schicklichen Orte; auch wol dm Ort, wo der Jäger in der Absicht, Wild zu erlegen, steht oder sitzt. Je nach der Tageszeit unterscheidet man Abend- und Morgenanstand, wo das Wild entweder aus dem Aus- oder Einwechsel ist. Die gelegenste Zeit zum Anstand ist kurze Zeit vor Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, und die passendste Witterung ein heiterer, klarer Himmel und ruhige Luft. Zum glücklichen Erfolg dieser Jagdart sind durchaus nothwcndig : Kcnntniß des Wechsels des Wildes, die sich nur durch fleißiges Abspüren und Vorsuchen erwerben läßt; Beobachtung des Windes oder Windzugs; Verborgenheit, verbunden mit freier Aussicht und Bewegung des Körpers, wozu man bisweilen einer sogo- nannten Kanzel sich bedient; Ausdauer und ein gut abgcrichteter Hund. Ansteckende Krankheiten oder contagiöse sind solche, die sich von dem erkrankten Individuum mittels eines besondern Ansteckungsstoffes (Contagium) aus gesunde Individuen übertragen lassen und hier stets dieselbe Krankheit wieder erzeugen, d. h. anstecken. Den Act der Übertragung einer solchen Krankheit nennt man Ansteckung. Die ansteckenden Krankheiten sind entweder mit Fieber verbunden, wie die Blattern, Masern und Scharlach, oder fieberlos, wie Krätze und Lustseuche. Die fieberhaften müssen von den miasmatischen Krankheiten ebenso unterschieden werden, wie von den epidemischen, vbschon letztere häufig auch ansteckend sind. (S. Contagium, Miasma und Epidemie.) Antagonismus, d. i. Gegenwirkung, nennt man denjenigen Thätigkeitszustand in den organischen Körpern, in welchem, wenn eine Thätigkeit einen bestimmten Grad erreicht hap eine andere sich zu äußern beginnt, damit erstere nicht ein bestimmtes Maß überschreite, oder wenn dies bereits geschehen, zu jenen wieder zurückkehre. Augenscheinlich ist das hierdurch ausgesprochene Gesetz eines der wichtigsten für das organische Leben, indem darauf vorzugsweise die Integrität des ganzen Organismus beruht, daher man wol auch geradezu da§ Leben als das Resultat der Gegen- oder Wechselwirkung definirt, obgleich eine solche Definition eigentlich nur den Begriff der Gesundheit des Organismus gibt. Mit der Zahl der Organe vervielfältigen sich auch die Äußerungen des Antagonismus, daher sie bei den nieder» Organismen sehr einfach, aber deshalb auch sehr dunkel, bei den höher« dagegen sehr mannichfaltig und deutlich sind, indem bei ihnen einzelneOrgane geradezu als Antagonistcn anderer dastehen, wie wir dies am besten bei den Muskeln sehen, wo die Strecker die Antagonisten der Beuger, die Anzieher die Antagonisten der Abzieher sind. Das Nervensystem steht mit dem Blute in Antagonismus, wie dies besonders in Krankheiten sich wahrnehmcn Antallaklasis Antarktisches Polarland 375 läßt, denn heftige Schmerzen rufen Entzündung in dem leidenden Thcile hervor, wodurch jene, wenn auch nicht ganz schwinden, doch bedeutend gemindert werden. Bedeutender noch ist der Antagonismus zwischen den einzelnen Theilen des Nervensystems, obgleich man ihn gewöhnlich nur aus den Actionen anderer Organe erkennt und daher diesen zuzuschrcibcn gewohnt ist, weshalb die neuern Physiologen ihn zum Theil als sogenannte Reflexbewegungen (s. d.^ aufgesaßt haben. So rufen Echirnleidcn erhöhte Thätigkeit des Rückenmarks hervor, welche sich durch Krämpfe ausspricht, und Reizungen der Gesichtsnerven veranlassen Reizungen der Bewegungsnerven, daher wird ein gelähmtes Glied schmerzhaft, und heftige Schmerzen, z. B. bei hysterischen Frauen, hären auf, sobald sich Krämpfe bei ihnen einstcllcn. Am bekanntesten ist endlich der Antagonismus zwischen den Sccrctions- organen, wie er sich besonders in den sogenannten Krisen ausspricht; so wird die profuse Absonderung der Darmfläche (Durchfall) gehemmt durch profuse Absonderung der Schweißdrüsen (Schweiß) und umgekehrt. Leicht erklärlich ist es aus allem Diesen, wie wichtig die Kenntniß der antagonistischen Verhältnisse für die richtige Würdigung der Krankheits- symptomc ist, und wie sehr der Arzt ihrer bei der Behandlung der Krankheiten bedarf, denn die ganze Ableitende Methode (s.d.) beruht auf dem Antagonismus der Organe und ihrem Consensus oder der Sympathie (s.d.), welche jedoch keineswegs mit jenem identisch ist. Ebenso wenig ist der Antagonismus mit der Polarität (s. d.) zu verwechseln, obschon dies von den Ärzten aus der naturphilosophischcn Schule häufig geschehen ist. Antanakläsis oder Dilogie, d. i. Doppelsinn, heißt in der Rhetorik die Wiederholung eines Worts in verschiedener Bedeutung mit Nachdruck, z.B. Dieser Mensch ist kein Mensch. Sie ist zu unterscheiden von der Amph ibolie (s. d.) oder Zweideutigkeit eines Ausdrucks, und von derAllegorie (s. d.) oder dem bildlichen Ausdrucke. Antar oder richtiger Ankara, ein berühmter arab. Häuptling um die Mitte des 6. Jahrh., gehört zu den sieben Prcisdichtern der Araber, deren gekrönte Gedichte, mit Gold in Seide gestickt, an das Thor der Kaaba geheftet und deswegen Mo a ll a ka (s. d.) genannt wurden. In seinem uns erhaltenen Gedichte, das am vollständigsten von Mcnil (Leyd. 1816, 4.) hcrausgcgebcn und nach Jones (Lond. 1783) von Hartmann in den „Hellstrahlenden Plcjaden am arab. poetischen Himmel" (Münst. 1802) ins Deutsche übersetzt wurde, schildert er seine kriegerischen Thaten und seine Liebe zu Abla. Seine Tapferkeit und sein Heldenmuth während des vierzigjährigen Kampfes zweier arab. Stämme, seine Freigebigkeit und seine treue Liebe erhielten sich lange im Gedächtniß seiner Landsleute und scheinen den Stoff zu dem bändereichen, gewöhnlich dem Asmai (s. d.) bcigelcgten Heldcnromane „Antar" gegeben zu haben, der wol schon zur Zeit des Khalifen Harun al Raschid im 8. Jahrh. nicdergcschriebcn wurde, uns aber nur in einer spätem und vielfach verderbten Form, wahrscheinlich aus dem 12. Jahrh., erhalten ist. Das Werk ist ein anziehendes und treues Gemälde des Lebens der Beduinen, reich an wahrhaft epischen Zügen, obgleich zu monoton, um als Ganzes curop Leser zu befriedigen; im Oriente aber bildet es noch jetzt den beliebtesten Stoff für die öffentlichen Erzähler, womit sie in den Kaffeehäusern die Gäste unterhalten. Eine Übersetzung begann Tcrric Hamilton („Untier,» deckoneen romance", 4 Bde., Lond. 1820), einen reichhaltigen Auszug gab Hammer in den wiener „Jahrbüchern der Literatur" (I8I91 und bedeutende Fragmente des Originals Caussin de Pcrccval (Par. 1842). Antarktisches Polarland nennt man die in einzelnen Küstenabschnittcn bereits entdeckte und wahrscheinlich große contincntalc Landmassc innerhalb der Region des antarktischen Polarkreises, der deshalb so genannt wird, weil er dem nördlichen Polarkreise, dem arktischen, entgegengesetzt (mit,) liegt. Im Süden Amerikas waren schon in den verschiedensten Perioden Inseln und einzelne Küstenumriffe, auch im Süden des Indischen OccanS noch in den I. 1831 und 1833 Spuren von Land entdeckt worden, doch die Kenntniß von diesen Südpolarländern (s. d.) war nicht hinreichend, um die schon vor Jahrhunderten gefaßte Meinung der Existenz eines größcrn Südpolarlandes zu befestigen, was erst den letzten Jahren Vorbehalten blieb. Im Aug. 1838 hatte eine Gesellschaft londoner Rheder, an deren Spitze der unternehmende Handelsherr Charles Enderby, zum Fischfang in den antarktischen Gewässern ein kleines Geschwader ausgerüstet, bestehend aus den zwei Schiffen Elisa Scott unter Capitain Balleny und Sabrina unter Capitain Frccman, niit dem Ve Antenor 376 Antäus fehle, nach Neuseeland und von da auf da§ schon 1831 entdeckte Enderbyland zu segeln Die Expedition entdeckte am 9. Febr. >839 unterm 66" südl. B. und 164° östl. L. drei Inseln, die Ballcnyinscln benannt, mit einem zu 12060 F. geschätzten Vulkan und im Hintergründe derselben Land, und am 3. Marz unter 65" südl. B. und von 116°— 118° östl. L. das Sabrinaland. Die amcrik. Erforschungsexpedition unter Lieutenant Wilkes und die franz. des Capitain Dumont d'Urville im I. 1810 hat nuifldas Resultat einer festen Küstcncontour gegeben von 92° — 154'/-° östl. L., bald südlich, bald nördlich des Polarkreises, welche auf einigen Karten als Wilkesland bezeichnet ist; sie hat ferner den Anschluß an Ballcny's Küstcnentdcckungen mit Gewißheit entschieden, also die fortgesetzte Ausdehnung der Landmasse bis zu 180° östl. L. bestimmt, wodurch bereits in dem ganzen , Quadranten südlich von Neuholland von 90°—180° östl. L. zusammenhängende Küsten- contouren sich zeigen. Da nun auch die Fortsetzung von Wilkesland über das schon 1833 entdeckte Kcmpland hin bis nach Enderbyland unter 50° östl. L. mit ziemlicher Gewißheit anzunchmen ist, so wäre bereits eine Küflenstrecke von ungefähr 800 M. als cxistircnd zu betrachten, welche aller Wahrscheinlichkeit nach in Verbindung mit den früher» Entdeckungen steht, vielleicht in nicht ferner Zeit die Verstellung des antarktischen Conlincn- res zur Gewißheit macht und das schon betretene Feld der Robben- und Walfischfängerei in diesen Polarrcgionen vortheilhaft erweitert. Streng genommen gebührt den Amerikanern das Verdienst der ersten Entdeckung und nicht den Franzosen, die gleichzeitig zur Erforschung aussegelten; denn Wilkes erblickte am 19. Jan. 1840 in I54°27^ östl. L. das Land, das er wirklich, während es d'Urville an diesem Tage nur ahnete, es erst am 21 .Jan. erkannte, und zwar bedeutend westlicher in I40°4I^ östl. L. D'Urville, der das Land seiner Gemahlin zu Ehren Ade'lie nannte, hielt nur zehn Tage aus und gelangte bis zum 130° östl. L., während Wilkes volle vier Wochen in den unwirthbaren Gegenden kreuzte und bis zum 97° östl. L. vordrang. Antäus, eigentlich der Widersacher, ein gewaltiger Niese, 60 Ellen lang, der Sokm Neptuns und der Erde (Gäa), wohnte in einer Höhle in Libyen und nährte sich von Löwen. Jeden Fremden, der sich ihm nahte, zwang er zum Kampfe. Von seiner Mutter stets mit neuer Kraft versehen, so lange er selbige berührte, erschlug er Alle, die mit ihm kämpften, und baute aus ihren Schädeln dem Neptun ein Haus. Auch dem Hercules widerstand er lange > Zeit. Als indeß dieser den Zauber seiner Unüberwindlichkeit erkannt hatte, erstickte er ihn, ! indem er ihn schwebend in den Lüften hielt. Nach Creuzer ist der Mythus ursprünglich ägyptisch; A. soll die Parallele mit Typhon, Hercules mit Osiris bilden, und sonach durch sie der Kampf des Guten und Bösen angedeutet sein. Antediluvianisch heißt Das, was vorder Sündflutwar; antedi luvia irisches Zeit alter die Zeit vor der Sündflut und in der altern Theologie antediluvianische Religion die Religion der Patriarchen von Adam bis Noah. — In der Naturwissenschaft spricht man von einer ante di luv ionischen Periode ohne Beziehung auf die Sündflut der mosaischen Geschichte, sondern in Hinsicht auf die letzte, durch Wasser hervor- gebrachte Umgestaltung der Erde. Antejustiaueisches Recht bezeichnet im Allgemeinen Alles, was im röm. Staate ' bis zu den Zeiten der Gesetzgebung des Käisers I u st i n i a n (s. d.) als Recht galt. Vorzugs- - weiß» aber pflegt man die uns aus der genannten Zeit noch erhaltenen Rcchtsquellen so zu l nennen, wobei man dieselben bald wieder in weiterm bald in engcrm Umfange nimmt. In diesem Sinne sammelte dieselben zuerst Schulting in der „äui^,» ,iOei>ti-> antemstimimea" i (neue Ausg., 1737) und später Hugo in dem „3us civils sutchnstmisnsum" (Bcrl. 1815). Man begreift darunter jedenfalls die Schriften des Gajus, Paulus, Ulpianus, die Ollati» moss. et roin., die Consiiltcitio veteris juriscousulti und andere Privatarbeitcn röm. Juristen; Hugo nahm auch den Coclex ll»eotln8ign»8 und die vorjustinianeischcn Novellen, sowie einige andere legislative Arbeiten aus. Ang. Mai s „äuris civili8 sntsjusti- Iiüiime relchiime iueclitrie" (Nom 1823) gehören nur theilweise in diesen Kreis. Antenor, ein edler Trojaner, crschc-int beim Homer als der verständige Greis. Er ^ nahm den Odysseus und Mcnclaus während ihrer Gesandtschaft in Troja in seinem Hause ' aus, begleitete den Priamus in das griech. Lager, um wegen des entscheidenden Zweikampfs zwilchen Paris und Mcnelaus zu unterhandeln, und schlug nach dem Zweikampfe des Ajax Anteros Anthologie 377 und Hektar, miewol vergeblich, Helena's Auslieferung vor. Daraus vermuthlich hat man geschloffen, A. sei ein Freund der Griechen gewesen und darauf die Sage von seinem Vcr- rath begründet. Er soll den Griechen das Palladium verschafft, von der Mauer mit einer Laterne das Zeichen zum Einbruch gegeben, ja das berüchtigte Pferd selbst geöffnet haben. Sein Haus blieb bei der Plünderung verschont. Er selbst wurde wie Äneas gerettet und gleick ihm Stifter einer neuen Dynastie. Die Nachrichten darüber lauten aber verschieden. Am bekanntesten ist die von Virgil angenommene Sage, daß er nebst seinen Söhnen nach Thrazien gewandert, von dort aber mit den Henetern (Venetern) nach Italien gegangen sei, wo er die hcnctische Provinz am Adriatischcn Meere mit Patavium (Padua) gegründet habe. Anteros ist erst in der spätem Fabellehre der Gott der Gegenliebe. Die Mythe nämlich erzählt, daß Eros, der Gott der Liebe, nicht eher gewachsen sei, bis ihm seine Mutter Aphrodite vom Mars in dem A. einen Bruder geboren habe. Der Sinn ist unstreitig, Liebe gedeihet nicht ohne Gegenliebe. Daher setzte man beiden oft zugleich Altäre und stellte sie dar, wie sie miteinander um einen Palmzweig streiten. Nach Böttiger ist die Vorstellung, A. sei die personificirte Gegenliebe, nicht antik, sondern modern; denn den Begriff von Liebe und Gegenliebe stelle die alte Kunst stets durch die Gruppe des Amor und der Psyche dar, der wahre A. räche und bestrafe nur den Eros. Anthologie, d. i. Blnmenlese, wird gewöhnlich als Titel eines aus auserwähltcn Gedanken, Sprüchen und Gedichten bestehenden Werks gebraucht. Schon im Alterthume veranstaltete man dergleichen Blumenlesen oder Sammlungen kleinerer, meist epigrammatischer Gedichte von verschiedenen Verfassern, und bekannt ist in dieser Beziehung besonders diegricchischeAnthologie. Der erste Sammler einer solchen war Melcagcr (s. d.) aus Gadara in Syrien, ungefähr um 00 v. Ehr. Später thaten ein Gleiches Philippus von Thessalonika, wahrscheinlich zur Zeit Trajan's, Diogenianus von Heraklea, Strato aus Sardes, Beide unter Hadrian, und Agathias (s. d.) Aber alle diese ältern Sammlungen sind verloren gegangen. Was wir noch besitzen, sind zwei spätere, die eine von Konstan- tinusKephalas aus dem lO.Jahrh., der bei seiner Arbeit die frühern, besonders die vonAga- thias, sehr benutzte; die andere von Maximus Planudcs, einem Mönche zu Kenstantinopel, im 14. Jahrh., der aber durch seine geschmacklose Auswahl aus der Anthologie des Kcphalas den bisherigen Vorrath mehr verstümmelte als vermehrte. Die letztere Sammlung, die zuerst durch einen gelehrten Griechen, Joh. Laskaris (Flor. 1494) im Druck erschien und dann noch zweimal (Ven. 1509 und Flor. 1519) wiederholt wurde, war lange Zeit die allein bekannte, bis Henr. Stephanus eine vermehrte Ausgabe (Par. 1566) lieferte, die später häufig wieder abgedruckt worden ist. Die neueste Ausgabe mit der lat. metrischen Übersetzung des Hugo Erotius begann de Bosch und endete Lennep (5 Bde., Utrecht 1795 — 1822). Indessen hatte Salmasius auf der Heidelberger Bibliothek 1606 die einzige vorhandene Handschrift der Anthologie des Konstantinus Kephalas aufgefundcn, sie mit der des Planu- des verglichen und die in dieser nicht enthaltenen Gedichte ausgeschrieben. Die von ihm versprochene Ausgabe kam aber nicht in Druck, ebenso wenig als später die von Dorville. Die Heidelberger Handschrift wurde im Dreißigjährigen Kriege nach Rom, von da in den Nevo- lutionskriegen nach Paris entführt und erst 1816 «ach Heidelberg zurückgebracht. Jedoch kamen die aus derselben sowol von Salmasius als früher von Sylburg ausgeschriebenen Gedichte mehrmals unter dem Namen ,,-VntIioInAia ineclitu" ganz oder theilweise in Druck. Den gesammten Vorrath, vermehrt mit den Bruchstücken der ältern Dichter, den Idyllen der bukolischen Dichter, den Hymnen des Kallimachus, und den auf Inschriften und in andern Werken enthaltenen Epigrammen gab Brunck unter dem Titel „^nalecta veterum >,oe- t-n-um gruvc." (3 Vde.;4. Aust., Strasb.1785) heraus und Jacobs in der „^ntbologin gruecit sive poeturum graec. Insns ex ree. Ueuiicleii", mit Commentar (13 Bde., Lpz. 1794 — 1814). Von dem Heidelberger Manuskripte der Anthologie des Kephalas waren zwei vollständige Abschriften vorhanden, die von Joh. Spalletti 1776 zu Rom vollendete, die später nach Gotha kam, und die von Chardon-Larochette in Paris verfertigte. Aus jener besorgte Jacobs eine zweite Ausgabe, die „.^ntliolo^ia gi'ueca all liclem collicis olim palatini nunc pitiisüii ex upn^rupbo Ootknno oclita" (3 Bde., Lpz. 1813' — 17). Zwei Nachträge hierzu gab Welcker in der „8vIInAe epigrummatuin Fracc." (Bonn 1828 — 29). Unter 378 Anthologie dm Auszügen aus de: griech. Anthologie für den Schulgebrauch nennen wir die von Weichert (Meiß. 1823), Jacobs (Gotha 1826) und Geist (Darmst. 1838); unter den Übersetzungen ausgcwähltcr Gedichte neben denen von Sonntag, Stolberg, Boß und Conz die von Herder in den „Zerstreuten Blättern" (Th. 1 u. 2), und von Jacobs in „Leben und Kunst der Alten" (2 Bde., Gotha 1823).'Mit Recht bewundert man die reiche Fülle poetischen Lebens, die in diesen kleinen Gemälden herrscht, die Zartheit schöner Gefühle, die fröhliche Heiterkeit, die reine Größe einer cdeln und wahrhaft humanen Denkungsweise, die aus ihnen hervorlcuchtet. — Nach dem Beispiel der griech. wurde auch eine lat cinischeAntho- logie unter dem Titel „LÄtuIectu veterum poetsrum" von Jos. Scaligcr (Lcyd. 1573) und von Pitthöus (Par. I5S0) herausgegcbcn. Eine größere Sammlung gab Pet. Bur- mann der Jüngere unter dem Titel „^utüologiu vetermn lat. epigr. ei (2 Bdc., Amst. 1759 und 1773, 3.) heraus, besser geordnet, vermehrt und berichtigt von Meyer (2 Bde., Lpz. 1835), neben welcher Wernsdorfs „kostne lut. minores" (6 Bde., Altcnb. 1780 — 93) eine besondere Stelle cinnehmen. Die Literaturen der asiat. Culturvölker sind sehr reich an verschiedenen Arten Anthologien, die theils nach Gegenständen geordnet Auszüge aus den besten Dichtern geben, theils aus Proben der berühmtesten Dichter bestehen, mit Hinzufügung biographischer Notizen, die wiederum entweder nach der Zeitfolge, oder den Ländern, wo die Dichter auftraten, ausgeführt werden. I) Arabische Anthologien. Aus den zahlreichen alten Liedern derAraber kurz vor Mohammed's Auftreten wählte Abu Temam, gest. 835, die besten aus, ordnete sie in zehn Bücher und gab dieser Sammlung nach dem ersten Buche derselben, welches Gedichte der Tapferkeit enthält, den Titel „kkumLsn". Herausgegeben wurde sie von Freitag (Bonn 1828, 3.) und eine deutsche Übersetzung hat F. Nückert versprochen. Abu Temam hatte Lieder aus allen Stämmen ausgenommen; cs gibt aber auch Anthologien der einzelnen Stämme, unter welchen der „Divan" der Hudhailiten, dessen Herausgabe Kosegartcn an- gelündigt hat, am berühmtesten ist. Lieder dieser altern Zeit bis ans die ersten Jahrhunderte des Khalifats herab sammelte Abu 'l Faradsch aus Jspahan, gest. 966, in seinem „Kitüb »I nAllüni", d. i. Buch der Gesänge, herausgegeben von Kosegartcn (Heft I — 3, Grcifsw. 1839). Er begleitete das Werk mit einem sehr ausführlichen Commentar, der das Buch zu einem der interessantesten der ältern arab. Literatur macht. Die reichste aber und ausführlichste Anthologie der spätern arab. Kunstpoesic ist „Utimat al ckallr ", d. h. die Perle der Welt, von Taalcbi, in der die Dichter nach den Provinzen, in denen sie lebten, aufgeführt werden, und die vielfach fortgesetzt und erweitert worden ist. Außer dieser und ähnlichen Anthologien, die die Leistungen aller arab. Dichter berücksichtigen, hat fast jede Proyinz, in welcher arab. Cultur und Sprache herrschte, specielle Anthologien ihrer Dichter aufzuweisen, und namentlich sind die Blumenlescn aus den arab.-span. Dichtern sehr zahlreich, aber noch wenig bekannt. Außer diesen eigentlichen Anthologien ist die arab. Literatur noch sehr reich an Sammlungen von Anekdoten, witzigen Reden und ausgcwählten Stellen der klassischen Schriftsteller, eine Gattung, die wir genügend kennen aus Taalebi's „Vertrautem Gefährten des Einsamen ln schlagfertigen Gegenreden" (herausgegcbcn von Flügel, Wien 1829, 3.). — 2) Persische Anthologien. In der pers, Literatur ist das bekannteste Werk dieser Art ,/Las- karst al sckuurs", d. i. Biographien der Dichter, von Daulakschah, gest. 1395, dessen Inhalt wir fast vollständig in Hammer's „Geschichte der schönen Redekünste Persiens" (Wien >818,3.) wiedcrsinden, und ,,.4tiscll Icucl-rb", d. i. der Feuertcmpel, von Hadschi Lutf Ali Beg, der um 1770 lebte. Beide Werke geben Biographien der pers. Dichter, das erste in chronologischer Folge, das andere nach dem Orte ihrer Geburt, mit Proben aus ihren Werken. Eine Anthologie des Besten der pers. Poesie nach den Gegenständen geordnet, gibt die „lVlell- sclmn kll sclluara", d. i. Sammlung der Dichter, und andere Werke. — 3) Tatarische Anthologien. Von den Dichtern, die in tatar. Sprache, d.i. in dem osttürk, oder dem Tschagatai-Dialekte, gedichtet haben, besitzt man eine Sammlung von 331 Biographien mit Proben aus ihren Dichtungen, „Hlscksclmlis sl nsssi8", d. i. köstliche Gesellschaften, von Mir Alischir, gest. 1500, und die Lebensbeschreibungen tatar. Dichter von Sadiki aus Ghilan, „ 5luelscli,nuu ul clmrvass", d. i. die Versammlung der Besten, die bis auf das 17. Jahrh. hcrabreicht. — 3) Tü rkische A nth ologi en. Aus den Werken der Dichter, Anthropolaträ Anthropologie 379 die im westtürk. Dialekte der Osmanen, den wir vorzugsweise Türkisch nennen, gedichtet haben, gibt es sehr zahlreiche Anthologien. Die berühmtesten sind: „llesclit boliescbt", d. h. die acht Paradiese, von Sehi aus Adrianopel, gest. 1548; „'I'askurut al sclumrs", d. h. Biographien der Dichter von Latisi, gest. 1582, und unter demselben Titel ein ähnliches Werk von Aschik Tschclebi, gest. 1571; die große Blumenlese, „8ubclut ul aseimar", d. h. die Blüte der Gedichte, von Kassade, gest. 1621, und andere mehr. Der wesentliche Inhalt der sämmtlichcn westtürk. Anthologien ist in Hammer's „ Geschichte der osman. Dichtkunst" (4 Bde., Pesch 1836) niedcrgelegt. — 5) Hin du stanische Anthologien. Die Literatur der zum Mohammedanismus bekehrten Hindus, die ganz eine Copie der pers. Literatur ist, hat auch hierin, ihrem Muster folgend, mehre anthologische Werke aufzuweisen. Die bedeutendsten sind „kulrur-i Ibrulüm", von Ali Ibrahim, biographische Notizen über 300 hindustanische Dichter enthaltend, nebst Proben ihrer Dichtungen; dann die Sammlungen „Dbvmli Oscbibim", von Beni Narayan, und „6uI(Iust»-i niscliät", d. h. der Blumenstraus der Lust, von Manu Lal (Kalk. 1836, 4.). Den Kern dieser Werke gibt Garem de Tassy in seiner „Histoire so sind wir nach der Natur unsers Vorstellungsvcrmögens genöthigt, Gott, wenn wir ihn als > Wesen uns vorstellen, als eine Person zu denken nach der Analogie der menschlichen Persönlichkeit, also ihm eine mcnschcnartige Gestalt, einen mcnschenartigen Geist und menschliche Gcmüthszustände zuzuschreibcn. Da nun die Sprache für Vorstellungen, die wir nicht haben, keine Worte hat und haben kann, so kann auch die menschliche Sprache von Gott nicht anders reden als anthropomorphistisch und anthropopathisch. Der Anthropomorphismus und Anthropopathismus war daher sür das nicht durch wissenschaftlicheNeflexion berichtigte Vorstellen ebenso unvermeidlich, als die Vorstellung von der Sonne als einem Feuer und ihrer täglichen Bewegung über die Erde. Wir finden daher auch diese menschlich-analogische Vorstellung von Gott in der Bibel, wo Gott ein Haupt, Augen, Ohren, Nase, Mund, Herz, Eingeweide, Hände, Füße, also die menschliche Gestaltung, aber ebenso auch eine Seele oder Geist, ein Denken, Erkennen, Überlegen, Wollen, Beschließen, Erbarmen, Mit- leidcn, Zorn und Eifer, Liebe und Haß, Neue und Langmuth u. s. w. zugeschrieben werden. Die Kirche daher, indem sie dem Sprachgebrauchs der Schrift und überhaupt der populairen Vorstellung von der Persönlichkeit Gottes folgte, konnte weder den Anthropomorphismus noch den Anthropopathismus anstößig finden. Ja die anthropopathischen Vorstellungen von ^ Zorn, Liebe, Haß, Langmuth, Erbarmen, Gnade u. s. w. har sie in mehre ihrer Dogmen ^ ganz wesentlich verwebt. Den Anthropomorphismus hat sie zwar nicht in die Dogmen ^ ausgenommen, sondern die Geistigkeit Gottes festgehalten, aber sie streifte doch in dem Lehrsatz von der Substanz Gottes, die den drei Personen der Gottheit gemeinschaftlich sei, an den Anthropomorphismus an, und fand cs stets unbedenklich, nach dem Vorgänge der Schrift anthropomorphistisch von Gott zu sprechen. Sie hat daher den Anthropopathismus niemals, den Anthropomorphismus aber nur an Denen als Irrlehre gerügt, welche entweder grobe Vorstellungen von Gottes leiblicher Persönlichkeit äußerten, oder sonst wegen anderer Bestrebungen der Kirche misfällig waren. So wurde im 3. Jahrh. eine syrische Mönchspartei, die Audäaner (s. Audäus), des Anthropomorphismus beschuldigt, weil sie das göttliche Ebenbild in der Gestalt des menschlichen Leibes suchten. So beschuldigte man im 3. und 5. Jahrh. die Anhänger des Origenes und die Anhänger des Manes des Anthropomorphismus, aber wol mit Unrecht. Auch im I v. Jahrh. wollte der Bischof Natherius von Verona in seinem Sprengel Anthropomorphiten gefunden haben, die er bestritt, und selbst den Waldensern im 13. Jahrh. wurde dieser Jrrrhum Schuld gegeben, wahrscheinlich aber , ohne Grund. Von da an ward des Anthropomorphismus in der Kirche nicht mehr erwähnt, bis Kant in seiner Religionsphilosophie desselben zuerst wieder gedachte, aber darunter in weicerm Sinne die Versinnlichung der Ideen der reinen Vernunft verstand, welche er in der Metaphysik für unzulässig erklärte. Sein Schüler Fichte verwarf daher die Vorstellung von Gott als einer Persönlichkeit, die er für Anthropomorphismus hielt, und bezeichnete Gott als die „moralische Weltordnung", sowie auch die neueste Philosophie, namentlich Schelling und Hegel, die objective Persönlichkeit Gottes, d. i. die Zusammenfassung der vollkommensten Eigenschaften und Kräfte in die Einheit des vollkommensten Bewußtseins, in ein subjektives Bewußtwerden Gottes von sich in dem Denken des menschlichen Geistes verwandelten. ! Anthrvpöphllg, d. i. Menschenfresser, auch Androphag, d. i. Männerfrcsser, oder Kannibale. Bei einzelnen Individuen, mitunter auch bei ganzen Völkern findet sich die Begierde, Menschenfleisch zu genießen, eine Eigenthümlichkeit, welche dem natürlichen In- Antibacchius Antichrist 381 stinct entgegen ist. Manche, z. B. Schiffbrüchige und in größerer Ausdehnung die Ägypter in den J. 1200 und 1201 v.Chr., wurden durch den Hunger dazu genöthigt; Andere brachte die Rache dahin; noch Andere scheinen religiöse Vorurtheile dazu veranlaßt zu haben, wenigstens wird erzählt, daß die Mexicaner das Fleisch Derjenigen verzehrten, welche sie ihren Götzen geopfert hatten. Endlich scheint diese Abscheulichkeit bisweilen eine wahre Krankheit zu sein, welche sich an andere Abweichungen des Appetits (s. d.) anschließt und wovon der Menschenfresser aus Berka bei Weimar, welcher 1770 hingcrichtet ward, ein schaudervolles Beispiel darbietct. In der neuern Zeit hat sich in dieser Form auch das Gelüste derSchwan- gern gezeigt, und schon das Alterthum gab eine Andeutung von der Anthropophagie in der Fabel von dem seine eigenen Kinder verschlingenden Saturn. Daß es Völker gibt, die das Fleisch des getödtcten Feindes verzehren, z. B. die Neuseeländer, ist bekannt; aber es gibt keine Völker, zu deren gewöhnlicher Nahrung Menschenfleisch gehört, wenn es nicht die Battos auf Sumatra sind, wie Anderson in seiner „IVlissinn t» tlle coast ok8»ms1i-a" (Lond. 1826) erzählt. Auch soll in dem Königreich Kongo in Afrika Menschenfleisch so gut wie anderes Fleisch auf öffentlichen Märkten verkauft werden. Antibacchius, s. Rhythmus. Anticaglien (imtirsgsto) nennen die Italiener alle Arten griech. und röm. Alterthü- mer geringem Umfangs, bestehend in Waffen, Schmuck, Hausgeräthe u. s. w. Die Be- nennung ist jetzt allgemein gebräuchlich und wird nicht nur für die bezeichncten Alterthümcr griechischen und römischen, sondern auch deutschen und slawischen Ursprungs gebraucht. Antichrese oder antichrctischer Vertrag heißt der zwischen Pfandgeber und Pfandgläubiger abgeschlossene Vertrag, wornach der Letztere die Nutzungen der als Pfand gegebenen Sache statt der Zinsen bezieht. Da das deutsche Recht keinen Zinswucher gestattet, so gilt hier als Grundsatz, daß der Gläubiger Rechnung von den Nutzungen ablegen und, bessern sie nach Abzug der aufgewendeten Kosten das Maß der erlaubten Zinsen überschreiten, den Überschuß dem Schuldner hcrausgeben muß. So bestimmt namentlich das sächs. Recht. Antichrist, in der ältern deutschen Kirche auch Widerchrist, ist ein Name und Begriff aus der vorchristlichen Zeit. Johannes (im 1. und 2. Briese), bei welchem allein der Namen Antichristus, aber auch im Plural vorkömmt, und Paulus (1 Thess. 2, 3. 4) setzen die Erscheinung des Antichrist aus den vorhandenen anerkannten Meinungen voraus. Es mtstand aber diese Meinung unter den Juden ganz natürlich. Denn wie sie nach ihren heiligen Büchern vor den letzten Dingen noch einmal eine mächtige Herrschaft des Bösen, umgeben von falschen Propheten und Volkstäuschern, erwarteten (s. Ezech. 28 und 29, Daniel 11, 21 fg. 12, l., vgl. 2 Thess. 2, 3 fg.) und wie sie Alles gern personificirtcn, so nahmen sie auch neben dem Messias eine vom Satan gesendete, für dessen Sache wirkende Persönlichkeit an, durch deren Überwindung die Sache des Messias erst vollendet werden sollte. Dieses war der Antichrist; aber die Erwartung desselben war, wie alles nicht Mosaische und wie sogar die ganze Lehre vom Messias, kein Glaubensartikel, sondern Meinung und Sage im Volke. Merkwürdig ist, daß die Offenbarung Johannis, wiewol sie den ganzen Sagenkreis über die messianischcn Dinge wiederholt hat, und obschon sich die kirchlichen Meinungen vom Antichrist vornehmlich auf sic gestützt haben, dennoch weder den Namen noch die bestimmte Vorstellung von demselben gegeben hat. Mit Unrecht wurde die darin vorkommende prophetische Darstellung von Nom oder Jerusalem im Bilde eines Ungeheuers und die mystische Bezeichnung 666 (s. Apokalyptische Zahl), im 13. Cap., gewöhnlich auf den Antichrist bezogen. Die Kirche faßte jene jüdische Erwartung zugleich mit den chiliastischcn Vorstellungen (s. Chiliasmns) auf, und in denParteien, welche diesen ergeben waren, bildete sich die Vorstellung am meisten aus; die übrigen und der allgemeine Christenglaube beschränkten sich darauf, die Darstellungen des Neuen Testaments zu wiederholen. Doch ging etwas von jenen Deutungen auch in die Volksmeinungen schon der ältesten Zeiten über, wie dies auch im Mittelalter gewöhnlich geschah. Nur die damalige äußerliche Lage des Christcn- thums und seiner Bekenner verhinderte bedeutendere politische Folgen jener Volksmeinungen. Bis ins 5. Jahrh. hatte sich der Wahn erhalten, daß Nero nicht gestorben sei und als Antichrist wiedcrkehren werde. Diese Vorstellung war aus einer, auch in unfern Zeiten gangbaren Deutung von Offenb. Joh. > 7, 8., als von röm. Imperatoren, hcrgenommen. Seil dem S§-2 Anticyra Antigonus iZ.Jahrh.wurdc es in den Parteien und Sekten, welche sich vom röm. Kirchenthum entftrnt hatten, gebräuchlich, den Antichrist in der röm. Hierarchie und der Person des Papstes zu finden. So Occam, Wiklcf und die Reformatoren; ja der Satz, daß der Papst der Antichrist sei, ging durch die Schmalkaldischcn Artikel sogar über in den symbolischen Lehrbegriff der Lutheraner. Boffuet, welcher sich um die Deutung der Apokalypse ebenso große Ver- dicnste erworben hat wie Hugo Grotius, verbesserte die protestantischen Meinungen auch in dieser Hinsicht. In der griech.-morgcnl. Kirche wurde ganz natürlich und vornehmlich seit dem 15. Jahrh. die sarazenisch-türk. Herrschaft oder auch Mohammed zum Antichrist. ' Selbst in Napoleon glaubte seit l 805 die erschreckte Welt den Antichrist und die Auflösung der apokalyptischen Näthsel zu sehen. Die Deutungen der Offenbarung Johannis, welchen , Bengel und auch Jung-Stilling folgen, haben sich wieder an die altkirchlichen Vorstellungen, ! daß das Papstthnm in diesen Bildern gemeint sei, angcschloffen. Auch die spätern Juden - erwarteten einen Antichrist, d. i. Gegenmessias, dem sie den räthselhaften Namen Armillus gaben. Sie erwarten, er werde in Nom geboren werden, sich für den Messias und einen Gott ausgeben und unter den Römern großen Anhang finden. Der erste Messias, der Sohn Joseph's, werde ihn bekriegen, aber von ihm überwunden und getödtct werden; der zweite Messias aber, der Sohn David's, werde den Armillus schlagen und tödtcn, worauf das Reich der Christen und der Ungläubigen untergehen und das Messiasreich der Juden seinen Anfang nehmen werde. Selbst die Mohammedaner haben die Vorstellung von einem Antichrist, welcher von Jman Mahadi mit Hülfe Christi besiegt werden würde, worauf Christenthum und Islam in Eine Religion vereinigt werden sollten. Anticyra ist der Name zweier Städte des Alterthums, am Berge Öta in Thessalien und in der Landschaft Phocis am Korinthischen Meerbusen. Bei beiden wuchs Nieswurz (s. d.), welches das Gehirn reinigen und die Dummheit heilen sollte; daher die sprüchwört- liehe Redensart: .„Gehe nach Anticyra." Antidikomarianer, s. Maria. 7 Antidötum heißt so viel als Gegenmittel, dann Gegengift und ist auch ein specifisches j Mittel gegen bestimmte Krankheiten. „ , Antigone die Tochter des Königs Ödipus (s. d.), welche er mit seiner eigenen i Mutter Jokaste, ohne dieselbe zu kennen, zeugte, war die Schwester des Etcokl es (s. d.), Polynices und der Jsmene. Sie begleitete ihren Vater bei seinem Exil nach Kolonos in Attika und kehrte nach dessen Tode nach Theben zurück. Hier bestattete sie ihren im Zuge der Sieben gegen Theben gebliebenen Bruder Polynices, welcher auf Kreon's Befehl, der nun nach dem Tode ihrer beiden Brüder Etcokles und Polynices Herrscher von Theben geworden war, nicht bestattet werden durfte, und wurde wegen dieser That durch Kreon verurtheilt, lebendig begraben zu werden. Darüber gerieth Hämon, der Sohn des Kreon, ihr Geliebter, in Verzweiflung und tödtete sich. Nach Hygin tödtete Hämon sie und sich. Als Ideal des reinsten weiblichen Heroismus hat sie Sophokles in seinem Trauerspiele „Antigone" verherrlicht, dasI8-tl in deutscher Übersetzung und mit Musikbegleitung von Mendelssohn-Bartholdy in Berlin und dann auch in Leipzig zur Aufführung kam. — Antigone hieß ferner die Tochter des Eurytion, des Myrmidonenfürsten Aktor Enkelin, die ^ Gemahlin des Peleus (s. d.). Sie erhängte sich, als sie von Astydamia, der Gemahlin s des Akastus, die falsche Nachricht bekam, Peleus habe sich mit der Sterope, der Tochter des Akastus, vermählt. — Antigone hieß auch die Tochter des Laomedon, Schwester des Priamus, deren Haare zur Strafe dafür, daß sie sich wegen ihrer Schönheit der Hera gleichstellte, von dieser Göttin in Schlangen verwandelt wurden, von denen sie so gepeinigt ward, daß die Götter sic aus Mitleid in einen Storch verwandelten. Antigonus, einer der Feldherren Alexander des Großen, behielt, als nach des Letztem Tode die Feldherren desselben seine Eroberungen unter sich theiltcn, Großphrygien, Lykien und Pamphylien, über die ihn schon Alexander zum Statthalter gesetzt hatte. Von Pcrdikkas, der alle Staaten Alexander's unter seine Herrschaft zu vereinigen suchte und die Thätigkeit des ^ A. fürchtete, des Ungehorsams gegen die Befehle des Königs angcklagt, schiffte sich nach Europa ein und begab sich zu Kraterus und Antipater. Im Verein mit ihnen und gemeinschaftlich niitPtolemäuS erklärte er 32 l v. Chr. demPerdikkas den Krieg. Als dieser in demselben ArrligoimS Karystius Antik 38-! Jahre durch seine eigenen Soldaten ermordet worben war, setzte A. den Krieg gegen Eumcnes, demPerdikkas die Statthalterschaft von Kappabocicn und Paphlagonien gegeben hatte, fort, brachte ihn im 1.3 l 5 in seine Gewalt und ließ ihn hinrichten. Auch Seleukus, der in Syrien herrschte und sich des A. Anmaßungen entgegenzustcllcn versucht hatte, ward von ihm überwältigt und suchte Schuh bei Ptolcmäus. Nun bemächtigte sich A. des größten Theils der Schätze Alexanders zu Ekbatana und Susa, wollte aber demPtolemäus, Kassander und Lysimachus nicht Rechnung davon ablegen und erklärte sogar dem Kassander den Krieg, um, wie er sagte, den Tod der Olympias zu rächen und den jungen Alexander, der sich mit seiner Mutter Roxane zu Amphipvlis befand, zu befreien. Durch seinen Ehrgeiz empört, verbanden sich alle Feldherren gegen ihn, und während Kassander Kleinasien angriff, rückten Ptolcmäus und Seleukus in Syrien ein, wo sie des A. Sohn Demetrius Poliorketes schlugen. Indessen nahm Seleukus Babylon wieder ein. Kaum hatte A. diese Vorfälle erfahren, als er zurückkehrte und den Ptolcmäus zum Rückzuge nöthigte. Demetrius aber »ntriß dem Seleukus Babylon aufs neue. Hierauf schlossen im I. 311 A., Ptolcmäus, Lysimachus und Kassander einen Friedensvertrag, nach welchem sic bis zur Volljährigkeit des jungen Alexander, der . den Königstitel führte, die Länder behalten sollten, in deren Besitz sic waren. Als aber Kassander den jungen König sammt seiner Mutter hatte ermorden lassen, entzündete sich der Krieg aufs neue zwischen den Bewerbern, die nun, zuerst A. im I. 306, den Königstitel an- nahmen. Den Plan, Ägypten zu erobern, mußte A. aufgcbcn, da ein Thcil seiner Flotte durch Stürme verloren ging und zu Lande Ptolcmäus jeden Einfall unmöglich machte. Bald darauf vertrieb Demetrius den Kassander aus Griechenland. Dieser aber rief den Lysimachus um Beistand an, welcher mit einem mächtigen Heere nach Asien zog, wo auch Seleukus sich mit ihm verband. Bei IpsuS in Phrygien kam es 30l v. Ehr. zur Schlacht, in welcher der 83jährige A. Reich und Leben verlor. Antigönus Karystius, von Karystos in Euböa, ein Zeitgenosse des Ptolcmäus r Philadelphüs, um 270 v. Ehr., ist der Verfasser einer aus ähnlichen Werken früherer Zeit ! zusammengetragenen Sammlung wunderbarer Erzählungen, herausgegeben von Beckmann (Lpz. 179t) und vielfach berichtigt von Westcrmann in den „8ciiptores rorum mirubilimn j grase," (Braunschw. 1839). ' Antik, Antike und Antiken ist entstanden aus untiguus, d. i. alterthümlich. Seit die Bildung der neuern europ. Völker so weit vorgeschritten war, daß dieselben einen Blick ruhiger Betrachtung auf die Bildung der Vorzeit wenden und den im Alterthume ausgestreuten Samen zu einer neuen geistigen Entwickelung aufnchmcn und sich ancignen konnten, seitdem wurde auch den Denkmälern griech. und röm. Literatur und Kunst vor allen bekannten Überresten anderer Völker der Vorzug zuerkannt. Sie wurden als das Bedeutendste und Dauerndste aus der Vorzeit, was zu ununterbrochener Betrachtung anrcge, vorzugsweise antik oder Alterthümer, während man die Kunde davon Archäologie nannte, und jene Völker selbst die Alten genannt. Sammlungen von Werken der griech. und röm. Bildhauerkunst, welche immer zahlreicher und bedeutender wurden, und der neu belebte Kunstsinn boten sich gegenseitig die Hand, eine reinere Würdigung dieser Denkmale alter Herrlichkeit im 14. und 15. Jahrh. zuerst in Italien zu erwecken und zu verbreiten. So wurde eine die t wichtigsten Werke dieser Art umfassende Wissenschaft möglich, welche dieselben nicht nur von ' andern Gegenständen des Alterthums trennte, sondern auch das gemeinschaftliche Band, das jene Werke selbst zu einem Ganzen verbindet, und das belebende, geistige Princip, welches m ihnen waltet, anerkannte, hiernach das Einzelne würdigte und, durch philologische und historische Kenntniß unterstützt, erklärte. Winckelmann (s. d.), ein Mann von antikem Geiste, war cs, der später auch in Deutschland diese Ansicht geltend machte. Nach jener abgesonderten Betrachtung der plastischen Kunstwerke des griech. und röm. Altcrthums, welche der Archäologie im engern Sinne, als besonderer Wissenschaft, ihren Ursprung gab, wurde der Ausdruck Antike vorzüglich für die Denkmäler der bildenden Kunst der Griechen und Nö- ^ mer gebraucht, und der Begriff desselben von Seiten des Kunstwcrths und der innern Bedeutung dieser Werke immer bestimmter. Auch war cs wiederum erst nach Entwickelung einer umfassenden philosophischen und geschichtlichen Ansicht möglich, bei aller Mannichfal- tigkeit der Erscheinungen doch das Band nachzuwciscn, welches die bildende Kunst mit Poesie 384 Antik und wissenschaftlicher Literatur, sowie mit dem übrigen religiösen und politischen Leben jener Völker verknüpfte und allen diesen Äußerungen des Geistes einen gemeinschaftlichen, Zeit und Volk vor allen andern auszeichnenden Charakter gab. Hierdurch entstand nun der allgemeine Begriff des Antiken, welches man dem Modernen cntgegenzusetzcn anfing und durch Vergleichung der alten und neuern Zeit und ihres verschiedenen Charakters zu bestim- men pflegte. Soll der Begriff des Altcrthums einen bestimmten Abschnitt der allgemeinen Bildungsgeschichte bezeichnen, so muß derselbe auf eine Verschiedenheit der Bildung gegrün- dct sein, durch welche mehre Völker sich von den Völkern einer neuern Zeit absondern, die wir als zweite Hauptperiode dem Alterthume gcgenüberstellen und im Allgemeinen die Zeit der modernen Literatur und Kunst nennen. Wir setzen dabei voraus, daß Völker, so der- - schieden sic in ihren Werken erscheinen, dennoch in Hinsicht eines höhern Gesichtspunkts un> ! ter einen gemeinschaftlichen Begriff gefaßt werden können, da überhaupt die Völker nicht für > sich bestehen, sondern zusammenwirkend ein großes Leben der Menschheit bilden, das in unzählige größere und kleinere, untergeordnete und beigcordnete Kreise, bis zu den Individuen herab, zerfällt und sich nach einem festen Gesetze der Bildung entwickelt, wornach wir man- nichfaltige Perioden dieser Entwickelung anzunehmen berechtigt sind. Jene Verschiedenheit nun findet sich unleugbar in den Werken der vorchristlichen und christlichen, d. i. derjenigen Zeit, welche mit der allgemeiner verbreiteten Herrschaft der christlichen Religionsansicht oder dem mit der Völkerwanderung eintretcnden Verfalle des röm. Reichs beginnt. Nun können zwar Werke der alten und neuern Zeit sich wiederum so ähnlich sein, daß das Alte in die neuere Zeit hinüberspielt, und umgekehrt; auch finden, wie im Reiche der Natur, in den Eeisteswerkcn der Individuen tausendfältige, kaum merkliche Übergänge statt; aber wir reden hier von einem im Allgemeinen herrschenden Charakter, welcher jene Verschiedenheit begründet. Fragen wir nun genauer nach dieser Verschiedenheit, so müssen wir sogleich die Ursachen andeuten, welche jenen bestimmten Charakter herbeigeführt haben, wodurch zugleich der Begriff des Antiken näher bestimmt werden wird. i Wir verstehen aber unter dem Antiken im weitesten Sinne die Beschaffenheit derBil- ' düng der vorchristlichen Völker der Erde, welche sich in den Werken der Wissenschaft und Kunst als herrschender Charakter derselben geäußert hat. Die Bildung des Menschen und damit auch die Cultur der Völker und* des Menschengeschlechts fängt an mit der Bildung ^ des äußern Sinnes; wir können daher den ersten Zeitraum derselben den Zeitraum des Herr- - schenken Sinnes (Sinnespcriode) nennen. Durch die Sinne aber ist der Mensch in die Natur versenkt; sie sind die unmittelbarsten Berührungspunkte des Geistes und der Natur, durch welche auch erstcrcr die Kraft der letztem empfindet, und wir können uns daraus erklären, warum in der ersten Periode das natürliche Princip selbst im menschlichen Geiste gleichsam vorwaltct und eine gewisse Oberhand immer behalten mußte. In dieser Periode lebte der Mensch anfangs, wie das Kind, noch ungetrennt in und mit der Natur. Sobald er aber mit dem Wachsthume desVerstandes sich und seine Zwecke von ihr absonderte, entstand der Kampf zwischen dem Innern und Äußern, und er suchte diesen auszugleichen zunächst in der Religion durch Versöhnung der Natur, durch Naturdienst, welcher, weil die Natur als unermeßliche Fülle und Mannichfaltigkeit der Erscheinungen sich ihm offenbarte, auch noch- l wendig Vielgötterei sein mußte, vielfach gestaltet, je nachdem die äußere und innere Natur i verschieden war und die Welt der Einbildungskraft auf jener sich erbaute; ferner durch die! Wissenschaft, welche sich aus der Naturforschung erhob und lange Zeit nichts weiter als Na- l turforschung war, und wo sie, zur höchsten Einheit Hinsirebend, sich über die vergötterte Na- j tur erhob, größtentheils bei einer bewegenden Kraft, die den Causalzusammenhang schließen sollte, und bei einer höhern Nothwendigkeit, die man als Fatum über die Götter setzte, stehen blieb; endlich durch die Kunst, welche sich als Naturnachahmung auf mannichfaltigen Stufen wirksam äußerte. In dem Leben der Einzelnen galt die männliche Kraft und bildete den Heroen, daher auch die vorzügliche Hochachtung der Freundschaft; das Verhältniß der Geschlechter aber war flüchtig und ungleich, mehr natürlicher als sittlicher Art, aber durch angeborene Deren; hier und da veredelt. Dieses halten wir für die Grundzüge des Antiken überhaupt. Was aber die Kunst insbesondere, zu welcher dieser Zeitraum vorzüglich hin- neigte, und namentlich die bildende, anlangt, welche mit der Natur in noch näherer Beruh- ur eit ,ll- nd inen m- die eit lüi > IN- un IN- ;eil ;en der ncn die den re< be- die zn- 8il- ! und und ung! ikrr- Na- itur, »kreiste node ld er iand. ist in' rals roch- i atur t h die Na- > Niesten ichen Ltu- eden Ge- )an- ltiken ihm- erüh- Antik 385 rung steht, und deren Werke man vorzüglich mit dem Ausdrucke Antiken bezeichnet, so nahm diese besonders den Charakter der Natur in ihrer Fülle und Mannichfaltigkeit, über welcher gleichsam bewußtlos die Einheit waltotc, in sich auf, und die Werke der Alten tragen mithin den Charakter der Naturwerke mehr als die Werke der neuern Zeit. Allein wie verschieden den Menschen die Natur durch den Sinn erschien, so verschieden gestaltete sich auch das Leben der Phantasie, welche auf diesen gegründet ist, und in dieser Hinsicht unterscheidet sich der düstere, räthselhafte Charakter des Ägypters, den wir in seiner Kunst bemerken, und des tiefsinnigen, in sich gekehrten Indiers von dem des heiter um sich blickenden Griechen. Blühend war die Phantasie des Letzter«; in günstigen Umgebungen der Natur, in bürgerlicher Freiheit auferzogen, konnte er nur das Edelste der Natur in seinem Geiste spiegelnd empfangen und nachbilden. Ferner war die Kunst in ihrem Ursprünge zugleich Darstellung des Göttlichen, welches hier in der reinen Gestalt menschlichen Ideals erschien und in freier Begeisterung aufgcfaßt wurde. Die Gestalten und Bilder der gricch. Kunst erhielten daher die edcln Nationalzüge seines Volks, und keine Nation erreichte in Hinsicht auf die sinnige Vollendung äußerer Formen, welche zu dem Wesen des Kunstwerks gehört, diese Höhe, so- daß damit die plastische Darstellung selbst in dieser ersten Culturperiode und bei diesem Volke ihre Blüte erreicht zw haben scheint. Denn während andere Völker noch mit dem Material der Darstellung zu kämpfen hatten und in ihren Werken sich nur zu einer riesenhaften, den Menschen fast erdrückenden Größe, oder zu einer dunkeln, räthselhasten Bedeutsamkeit, welche den Charakter oriental. Symbole ausmacht, erheben konnten, vereinigten sich in der Hand des Griechen alle Vorthcile einer schon geübten, empfangenen Kunst, und das Werk der Kunst stand, wie aus dem Schoose der Natur entsprungen, leicht, aus Einem Gusse, in gediegener Einfachheit und Ruhe, in der Fülle der Gegenwart lebend, wie ein veredeltes Naturwerk, und in abgeschlossener Selbständigkeit, an den Urheber nicht erinnernd, unabhängig von ihm sich selbst erklärend vor dem Auge des Beschauers da. Mit dieser Selbstverleugnung des Künstlers, welche wir in den Werken der griech. Kunst bemerken, verbindet sich eine zarte Bedeutsanikeit, welche sich darin zeigt, daß der Charakter jedes Dinges in bestimmten Umrissen abgebildct, worein man das Plastische der alten Kunstwerke setzt, weil dieses vorzüglich der plastischen Kunst zukommt, daß die hervortretende Leidenschaft aber durch Anmuth oder Grazie gemäßigt ist, und jene reizende Unbefangenheit oder Naivetät, vermöge deren das Werk nicht über sich selbst redet und reflectirt oder als Mittel eines außer ihm liegenden Zweckes erscheint, sondern mit den Zügen heiterer Kindlichkeit und eines ruhigen Ernstes selbst ohne auf Sittlichkeit hinzuwirken, seinen reinsten Zweck in sich selbst, d. i. in der Vollendung seiner Form, trägt, und bis in seine äußersten Glieder und Formen gediegen und den Gesetzen der Anschauung gemäß durchgebildet ist. So ist auch die hellenische Kunst nicht einseitige Nachahmung der Natur im Einzelnen, sondern nach ihrem Geiste; sie erhebt sich über die einzelne Erscheinung der Natur durch das Ideale, womit sie die körpcr- liehe Bildung verklärt, und in ihren plastischen Werken .gleichsam den.Grundtypus der menschlichen Bildung und Gestalt, wie sie dem sinnigen Betrachter ein edles Bild menschlicher Vollendung äußerlich darstellt, ausgefaßt hat oder ihm wenigstens am nächsten gekommen ist. Und hierin besteht die (ideale) Wahrheit sogenannter antiker Formen. Das Jheal in diesen Werken ist der Sinn der Natur; der durchgreifende Charakter derselben Verkörperung des Geistigen, welche die Einbildungskraft harmonisch anregt und bewegt und das Vollendetste der Natur gleichsam für die Ewigkeit festzuhalten strebt. In diesen Zügen glauben wir das Wesen des Antiken in der hellenischen Kunst bezeichnet zu haben. Die röm. Kunst (denn die etruskische scheint nur eine auf der ersten Stufe ihrer Ausbildung stehen gebliebene zu sein) war eine Nachahmung und in ihren bessern Erzeugnissen gleichsam Nachblüte der griechischen, deren bedeutende Werke in Nom zusammen- fiossen, näher bestimmt durch den Charakter dieses kriegerisch strengen, aber weniger bildsamen Volks, und darum wird dieselbe, insofern sic an jener Musterhaftigkeit der Kunst, welche die Form zu etwas Absolutem erhob, wenigstens mittelbar Antheil hat, zugleich mit der Hel» lenischen antike Kunst genannt. Dieser engere Begriff des Antiken wird aber auch dem Begriffe des klassischen gleichgestellt, insofern man vorzüglich auf die Vollendung der Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. 25 l 380 Antiklimax Antilope Form in dcn Werken dieses Alterthums, das man deshalb auch das klassische Alterthum nennt, und den hier allgemeiner verbreiteten Schönheitssinn und reinen Kunstsinn sieht, der sich in der Erfindung und Behandlung der Formen offenbarte. Man versteht unter Antiken insbesondere, im noch engern Sinne, Werke der bildenden Kunst der Griechen und Römer. Vorzüglich aber und im engsten Sinne, thcils weil der Mensch sich überall als Mittelpunkt seiner Darstellungen ansieht und überall zuerst zu dem Lebendigen hingezogen wird, theils wegen ihres hervorragenden Kunstwerthes, werden die umfassenden Darstellungen des Lebendigen, hauptsächlich des Menschen, durch die eigentliche bildende Kunst Antiken genannt, nämlich die Statuen, Basreliefs und Mosaiken. (S. Archäologie.) Übrigens wird der Begriff des Antiken noch deutlicher durch den Gegensah des Modernen (s. d.) erläutert. Antiklimax, s. Gradation. Antilegomena wurden im 4. Jahrh. nach dem Beispiele des Eusebius solche Schriften des Neuen Testaments genannt, deren Echtheit von Einigen bezweifelt wurde, im Gegensätze derHomologumena, d. i. der anerkannten oder entschieden echten. (S. Kanon.) Antillen nennt man die zahlreichste aller bis jetzt bekannten Inselgruppen, zwischen Nord- und Südamerika, von der Straße von Florida bis zum Golf von Paria, das Mexica- nische und Karaibische Meer in weitem Bogen umschließend. Man unterscheidet die zwei Hauptgruppen der Großen und Kleinen Antillen, und trennt letztere wieder in die Inseln über und die unter dem Winde. Der Name stammt entweder von einer eingebildeten Insel Namens Antilia ab oder bedeutet so viel wie Vorinseln, d. i. solche, welche dem amerik. Festlande vvrliegcn. Einschließlich der Lucayen oder Bahamainseln belegt man diese Inselwelt mit dem gemeinsamen Namen Westindien (s. d.). Antilöchus, der Sohn des Nestor und der Eurydice, nach Andern der Anaxibia, war der Jüngste in dem Heere der Griechen vor Troja, tapfer und muthig, schön und gewandt, und deshalb dem Achilles, nächst Patroklus, am meisten lieb und kheuer. Bei dem Wettkampfe zu Ehren des Letzter» empfing er im Wettrennen den zweiten Preis, den rhm Achilles lobend erhöhte. Er fiel durch Mcmnon oder, nach Andern, durch Hektar. Nach Pindar ward er von Memnon getödtet, als er seinem von dem Paris hart bedrängten Vater zu Hülfe eilte, weshalb er auch den Beinamen Philopator erhielt. Beigcsetzt wurde seine Asche neben dem Grabmal des Achilles und Patroklus auf dem sigeischen Hügel. Antilope heißt eine Gattung von Säugthieren aus der Ordnung der Wiederkäuer und der Familie der Hohlhörner, die durch Hörner, welche scheidenartig den Stirnzapfen, d. i. oie knochige Verlängerung des Stirnbeins, umgeben, charakterisirt ist und von der verwandten Gattung der Ziegen durch bartloses Kinn, von dcn Schafen durch nicht eckige Hörner sich unterscheidet. Der Körper ist schlank und hirschähnlich, die Füße sind dünn und zierlich, der kurze Schwanz trägt einen Haarbüschel, die Behaarung ist kurz und die Färbung oft sehr lebhaft Thränenhöhlen wie am Hirsche kommen bei vielen vor. Die Größe ist sehr wechselnd; die Zwergantilope ist an den Schultern nur acht bis neun Zoll hoch, während die größten Arten ebenda fünf bis sechs Fuß messen. Alle sind friedliche, gesellige, furchtsame Thicre und ausgezeichnet durch Schnelligkeit der Bewegungen. Nordamerika besitzt einige Arten; Europa nur zwpi, wovon die Gemse (s. d.) am bekanntesten; Asien eine größere Zahl; die meisten drängen sich im südlichen Afrika zusammen. Den Alten waren mehre Arten bekannt, zumal die in der Berbcrei vorkommende Gazelle vorcas), welche wegen ihrer schwarzen glänzenden Augen den arab. Dichtern zum Gleichniß diente. Das Fleisch aller ist eßbar, daher werden sie viel verfolgt, und namentlich dienen sie auch den großen Raubthieren Afrikas zur Nahrung; doch sind sie so zahlreich, daß im Innern der Capcolonie Hcerden von mehren Tausenden Vorkommen, die von Hunger getrieben über die Felder herfallen und, durch keinen Angriff vcrscheuchbar, sie völlig verwüsten. Die bekannten Arten belaufen sich jetzt auf 05 und werden nach der Form, Richtung, den Kanten und Ringen der Hörner in Abtheilungen gebracht und weiterhin durch Färbung u. s. w. voneinander unterschieden. Lichtenstein, Hamilton Smith, der afrik. Reisende Andr. Smith und der Oberst Hardwycke haben um ihre Classification sich große Verdienste erworben. Unter dcn vielen Arten sind die bemcrkenS- werthesten die Gemse, dic Saiga aus Südrußland und die Gazelle in Südafrika, der Spring Antlrnachus Antinomisrnns 387 bock, Buntebock, Klippspringer, das capische Elenn und der Gnu, in Asien die Tschikarra mit vier Hörnern und der Nylgau. Antilllächus, aus Klaros, der sich aber meist zu Kolophon aufhielt, lebte ungefähr im 5. Jahrh. v. Chr. und ist der Verfasser eines sehr umfangreichen epischen Gedichts „Thebais", welches von den Alexandrinern den Homerischen Gedichten an die Seite gestellt wurde, und einer Elegie auf seine Geliebte oder Gattin, „Lyde" überschrieben, von der uns nichts als das Lob ihrer Vorzüglichkeit übriggeblieben ist. Die Bruchstücke der „Thebais" wurden am vollständigsten gesammelt von Schellenberg (Halle 1786). A. wird auch, obwol mit Unrecht, unter den ältern Sammlern und Anordnern der Homerischen Gedichte genannt. Antimon (antimonium), s. Spießglanz. Antinomie heißt eigentlich Widerstreit der Gesetze; eine besondere Bedeutung hat aber dieser Begriff in dem Kant'schen Systeme. Kantnennt nämlich Antinomie einen Widerstreit der Gesetze der reinen Vernunft und versteht darunter den Widerspruch, in welchen die theoretische Vernunft mit sich selbst gerathen soll, wenn sie die Idee des Unbedingten und ihr Gesetz, welches vom gegebenen Bedingten auf das Unbedingte schließt, auf die Welt, als die Totalität aller Erscheinungen, anwende, indem sie dabei entweder Etwas annehmen müsse, was die grenzenlosen Federungen der Vernunft nicht befriedigt (Weltanfang, Weltendlichkeit und Nothwendigkeit), oder etwas dem Verstände Unerreichbares (als Weltewigkeit und Grenzenlosigkeit, Kausalität aus Freiheit). Solcher Antinomien oder unendlicher Widersprüche stellt Kant vier auf und sucht zu zeigen, daß die in denselben liegenden entgegengesetzten Behauptungen sich mit gleicher Nothwendigkeit behaupten lassen. Daß dieser Widerspruch nicht in den Gesetzen der Vernunft selbst liege, wollte Kant darthun einmal durch den transscendentalen Idealismus, nach welchem die Sinnenwelt kein gegebenes Ganzes ist, und nichts zu ihr gehört, als was wir wirklich erfahren und nach Verstandesgesetzen in einer möglichen Erfahrung denken können; dann durch Berichtigung der Begriffe über die Bestimmung der Vernunft und ihrer Grundsätze, welche nicht das Dasein und die Beschaffen- heitder Gegenstände, sondern nur die Untersuchung derselben bestimmen sollen. Das Resultat ist: der Fehler liegt in der Anwendung der Kategorien, welche nur auf die Erscheinungen zu beziehen seien, auf Begriffe und Gegenstände, welche die Grenzen aller Erscheinung überschreiten. Der eigentliche von Kant selbst nicht deutlich erkannte Grund des Streites war der Gegensatz zwischen dem Absoluten und dem Unendlichen, daher auch die Fragen, deren antinomische Beantwortung Kantversucht hatte, für die spätere Jdentitätsphilosophie, welche das Absolute und das Unendliche gleichsetzten, keine Schwierigkeit machten, während Hegel, der an die Arten der intellektuellen Anschauung (s. d.) den Proceß des dialektischen Denkens setzte, darzuthun suchte, daß, wenn auch der Widerspruch, der vom Vernünftigen durch die Verstandesbestimmungen gesetzt wird, wesentlich und nothwendig ist, diese Widersprüche in der erscheinenden Welt selbst liegen, und daß deren nicht nur vier seien, sondern daß sie in den Gegenständen aller Gattungen, in allen Vorstellungen, Begriffen und Ideen sich finden und sich als Widersprüche in einem Höher» auflüsen. Antinomisnms nannten die Nefor-natoren die Geringschätzung des Sittengeseßes, besonders des mosaischen, welche sich Joh. Agricola (s.d.) erlaubte,um die Wirksamkeit des Evangeliums oder des Glaubens zur Besserung des Menschen desto nachdrücklicher anzuprei- scn. Agricola hatte schon 1527 die Visitationsartikel Melanchthon's wegen der darin enthaltenen Empfehlung fleißiger Vorhaltung des Gesetzes, und besonders der zehn Gebote, zur Erweckung der Buße, als eine mit der Lehre des Evangeliums unvereinbare Überschätzung des Gesetzes verdächtig zu machen gesucht. Zwar sah er sich bei einem zur Beilegung des Streiks im Dec. 1527 zu Torgau veranstalteten Religionsgesprächc genöthigt, seine Meinung zurückzunehmen, brachte sie aber dennoch 1537 in einer Disputation zu Wittenberg mit neuer Heftigkeit wieder auf und behauptete ausdrücklich, weil der Mensch blos durch das Evangelium gerechtfertigt werde, sei das Gesetz zu seiner Rechtfertigung und Heiligung gar nicht nöthig. Diese nur auf Misverstand des Verhältnisses des Glaubens zur Besserung beruhende Meinung widerlegte Luther in seinen Disputationen gegen dicGesehstürmcr oderA n tin ome r, wie er sie nannte, und bewies, wie nöthig Vorhaltung des Gesetzes zur Erkenntniß der Sünde 388 Antinons Antiochia und zur wirklichen Besserung sei. Als darauf Agricola widerrief, machte Luther 1539 diesen Widerruf mit scharfem Tadel der in Ober- und Niedersachsen schon zahlreichen Anhänger Agricola's bekannt. Dieser, hierdurch persönlich gekränkt, protcstirte zwar gegen die ihm von Luther aufgebürdeten Consequenzcn, ließ aber in Berlin, wohin er sich begeben 15-10 einen Luther völlig befriedigenden Widerruf erscheinen, wodurch der sogenannte antino- m ist ische Streit beendigt wurde. — Auch unter den Independenten in England zur Zeit Cromwell's traten Antinomer auf, welche den Gebrauch des Sittengcsehes bei dem Unterrichte der Ungebcsserten ganz entbehrlich fanden und, um die Kraft des Glaubens hervor- zuhcbcn, sogar das Laster zu rechtfertigen suchten. Als strenge Anhänger der Lehre von der unbedingten Gnadenwahl sprachen sie sittlichen Bestrebungen jeden Einfluß auf die künftige Seligkeit ab. Sie waren indeß nie zahlreich und lebten seit dem Ende des vorigen Jahrh. ohne kirchliche Verbindung. Ihre Grundsätze theilten die Antinomian - oder Partien- lar-Baptisten. (S. Taufgesinnte.) Antinöus, ein schöner Jüngling aus Klaudiopolis in Bithynien, den sich Kaiser Hadrian zum Liebling und steten Begleiter auserwählt hatte, stürzte sich, seiner Bestimmung und des Lebens übcrdrüßig, unweit Besä in Ägypten in den Nilstrom. Hadrian fand bei dessen Tode '.kein Maß des Schmerzes. Er versetzte das Bild des A. unter die Sterne, indem er einem neuentdeckten Gestirn in der Milchstraße den Namen desselben beilegte, errichtete ihm mehre Statuen und Ältäre und zu Mantinca in Arkadien einen Tempel, ließ bei Besä die Stadt Antinoopolis erbauen und ihm zu Ehren ein jährliches Fest, Äntinoia, feiern. Die Verehrung des A. war selbst noch im 3. Jahrh. sehr gewöhnlich; heftig eiferten dagegen die christlichen Kirchenväter, doch lange vergebens. Da cs, so lange Hadrian lebte, aus Liebedienerei bei den Wüstlingen beiderlei Geschlechts zum guten Ton gehörte, das Bild des A. aufzustcllen, so ward er durch die Künstler unter allen Formen und Gestalte», bald als Statue bald als Relief, dargestcllt. Mehre dieser angeblichen Abbildungen gehöre» zu den schönsten Werken der Kunst, die wir aus dem Alterthum haben; so namentlichem Statue auf dem Vatican, gefunden in den Bädern Hadrian's, und die auf dem Capitol, gefunden in der Villa Hadrian's zu Tivoli. Einige Ärchäologen wollen indeß in der erster» die Statue des Hermes, in der letztem die des Hermes-Antinous erkennen, und es ist die Entscheidung hier sehr schwer, da die Künstler, welche den A. als Gott bildeten, dazu Güt- tcrideale wählten, denen sie die Individualität des A. gaben, wodurch die charakteristischen Merkmale vermischt wurden. „In allen Abbildungen", sagt Winckelmann vom A-, „hat sein Gesicht etwas Melancholisches, seine Augen sind immer groß mit einen, guten Umrisse, sein Profil ist sanft abwärts gehend, und in seinem Munde und Kinn ist Etwas ausgedrückt, das wahrhaft schön ist." Vgl. Levezow, „Über den A., dargestellt in Kunstdenkmälern des Alterthums" (Berl. 1808) und Otfr. Müller's „Archäologie der Kunst". Antiochia war der Name mehrerbedcutcndcr Städte des Alterthums. — A. inPisi- dien, auf der phrygisch-pisidischen Grenze in der heutigen kleinasiat. Provinz'Karaman gelegen, wurde von Antiochus l. gegründet und zuerst von einer Colonie der ionischen Stadt Magnesia bevölkert. Von den Römern unter die Herrschaft des Eumencs von Pergamos und später unter die des Amyantas von Pamphilien gestellt, ward cs nach dessen Tode zum Sitz einer procon- sularischen Regierung erhoben. A.s-Weltruf gründeten die Apostel Paulus und Barnabas, die hier zuerst den Heiden das Evangelium predigten. Es war daher die Entdeckung seiner heiligen Ruinen ein Hauptziel der Strcifzüge, welche der Prediger des brit. Consulats in Smyrna, Arundell, im I. 1833 in Kleinasien machte. Er fand die alten Überbleibsel auf einer Vergebene zunächst der Stadt Aalobatz (Gialobatsch) in einer Menge noch mit wohler- haltenen Sculpturcn und Inschriften versehener Bruchstücke, bestimmte genau die Dimensionen der Hauptkirche, entdeckte die Ruinen einer zweiten Kirche, eines Bacchustcmpcls, Theaters und Aquäducts und die Spuren eines großen Porticus und einer Akropolis. Durch diese Entdeckung sind die Berichte Strabo's und die Verzeichnungen der Pcutinger'- schen Tafel gerechtfertigt und die noch vielfach herrschende Meinung, als habe A. an der Stelle des heutigen Akscher gelegen, widerlegt, da dieses der Lage des alten Philomelion entspricht. — A. oder Antakia in Syrien, lag in einer schönen fruchtbaren Ebene am Orontes, umgrenzt nördlich von den Gebirgsketten des Aman und Legan und AiltiochuS 389 südlich vom Abfalle des Gebirges CassiuS, in dem nördlichen Ejalct Syriens, Aleppo, westlich von dem heutigen A. oder Antakia, das 10— 12000 E-, enge und unreine Straßen und meist Häuser von einem Erdgeschoß hat, welche die Fenster nicht nach der Straße, sondern nach einem schönen Garten oder wenigstens mit Bäumen besetzten Hof, und, was im Oriente selten, Ziegeldächer mit Giebeln haben. Die kolossalen Ruinen der von den Kreuzfahrern erbauten Festung gewähren einen imposanten Anblick; man sieht auf dem Rücken des Cassius noch eine Stunde lang die zehn Fuß dicke Hauptmauer und viele Thürmc. In den Kalksteinwänden des von der Stadt zur Festung hinaufziehendcn tiefen Graben befinden sich eine Menge künstlich ausgcarbcitetcr Höhlen, jede versehen mit Thür-, Licht- und Luftöffnungen und ein oder zwei in den Fels getriebenen Schlafstellen, die einst entweder GefängnisseoderZufluchtsstättcn bei Belagerungen waren. Inder Nähe dieser Troglodytenbe- hausungen führt eine aus Quadersteinen erbaute Brücke über die Schlucht in mehren Bogen, in denen durch den aufgelösten Mörtel entstandene Stalaktiten als Festons herabhängen und die schöne Ansicht noch erhöhen. Im I. 301 v. Chr. von Seleukus Nikator gegründet und, weil sie bei dem schnellen Wachsthume der Einwohner nach und nach drei neue Anlagen erhielt, Tetrapolis genannt, ward sie dann Residenz der syr. Könige, der Selcuciden, uird später der Sitz eines röm. Statthalters und des Patriarchen der christlichen Kirche von Asien. Seit 1097, nachdem die Kreuzfahrer die Stadt eingenommen hatten, erhielt sie eigene Beherrscher in den Fürsten von Tarent, ward aber 1209 vom ägypt. Sultan erobert und zerstört. Vgl. Otf. Müller's „^otiguitatss sntiockenue" (Gött. 1839, 3.). Antiöchus hießen mehre syr. Könige, die in der röm. Geschichte Epoche gemacht haben. Der Erste, der unter diesem Namen bekannt ist, ein Macedonier und Feldherr des Königs Philipp, erzeugte mit seiner Gemahlin Laodice den berühmten Seleukus (s-d.), nachher König von Syrien. — Den Sohn von diesem, A. I. S o ter, stürzte die Liebe zu seiner Stiefmutter Stratonike, die er vergeblich bekämpfte, in eine gefährliche Krankheit, bis der königliche Leibarzt Erasistratus den Grund derselben wahrnahm und diesen dem Vater entdeckte, welcher darauf, aus Liebe zu dem einzigen Sohne, ihm seine j-mge und schöne Gemahlin abtrat. Als König, 280—262 v. Chr., versuchte A. vergeblich Pergamum, das sich von Syrien getrennt hatte, wicderzuerobern; auch sein Unternehmen, die Gallier, die in Asien eingedrungcn waren, zu vertreiben, mislang. — Unter seinem Sohne A. II., der durch die Milesier zum Dank dafür, daß er sie von ihrem Tyrannen Timarchus befreite, den Beinamen Theos, d. i.Gott, erhielt, fielen dic Parthcr und Baktrier von Syrien ab und bildeten unabhängige Reiche. — Einer seiner Nachkommen war A. III. oder der Große, der seinem Bruder Seleukus Keraunus als König von Syrien 223 v- Chr. in der Negierung folgte. Er züchtigte den Molo, Statthalter von Medien; auch gegen den PtolemäusPhilopator von Ägypten war er anfangs glücklich, ward aber nachher, 217, bei Raphia von ihm geschlagen. Nachdem er den Achäus, der sich in Lydien und Phrygicn unabhängig gemacht, besiegt und einen Zug gegen die Parthcr und Baktrier unternommen hatte, gewann er dem Ptolemäus Epiphanes Cölesyrien, Phönizien und Palästina ab. Als er aber hierauf seine Macht auch nach Europa zu verbreiten beabsichtigte und die von Philipp von Makedonien in Thrazien aufgegcbenen Besitzungen einnahm, gcrieth er hierüber mit den Römern in Streit. Dies ist der berühmte antio chische Krieg, zu dem er, in Vereinigung mitHannibal, große Zurüstungen machte. Äber die Plane und Nathschläge dieses Feldherrn wenig begreifend, schickte er blos nach Griechenland ein Heer, das nach längerer Unthätigkeit zuerst beiThermo- pylä, dann mehre Male zur See geschlagen wurde, wodurch er den Muth so sehr verlor, daß er den Römern nicht einmal den Übergang nach Kleinasien streitig machte, wo sic unter L. Scipio, daher Asiaticus genannt, im I. 190 den Sieg bei Magnesia erfochten und A. zu dem schimpflichsten Frieden, in welchem er ganz Asien dicsseit des Taurus abtrcten mußte, nöthigten. Als er in der Folge aus dem Tempel des Elymäischen Jupiter den Schatz entführen wollte, wurde er 187 v. Chr. mit alle» seinen Leuten erschlagen. — Sein zweiter Sohn A. IV. Epiph anes, der von 176 — 163 v.Chr. König war und dessen Tyrannei und Tempelraub den Aufstand der Juden unter Matthatias und Judas Makkabäers und ihre Befreiung vom syr. Joch zur Folge hatte, griff den ägypt. König Ptolemäus Philometor an und belagerte Alexandrien^ mußte aber, als die Römer sich des Ptolemäus annahmen, Ägypten vcr- 390 Antiope Antiphlogistisch lassen. — Ihm folgten noch mehre syr. Könige unter dem Namen A-, mit verschiedenen Beinamen, bis endlich Syrien (s. d.) zur röm.Provinz gemacht wurde; A.XIIl. Asiaticus, dem rechtmäßigen Erben der Sekunden, ward von Pompcjus die syr. Landschaft Kommagene unter Oberhoheit der Römer überlassen. Antiope, die Tochter des Königs Nykteus von Theben und der Polyxo, nach Homer des Flußgottes Asopus,war wegen ihreraußerordentlichcn Schönheit berühmt. Durch dieUm- armung des Zeus ward sie Mutter des Zethos und Amphion. Sie entfloh, als sie sich schwanger fühlte, nach Sikyon zu dem Epopeus und hcirathete diesen. Nykteus, den der Tod verhinderte, sie von da zurückzuholcn, trug dieses seinem Bruder Lykos auf, der es auch vollbrachte und die A. nach Eroberung Sicyons und Ermordung des Epopeus gefangen zurückführte. In ihrer Gefangenschaft wurde sie von der Gemahlin des Lykos Dirce aufs grausamste behandelt, sodaß sie entfloh, um bei ihren Söhnen Schutz zu suchen. Diese nahmen an der sie verfolgenden Dirce die furchtbarste Rache; die Dirce nämlich ward an einen wilden Stier gebunden und von diesem zu Tode geschleift. (S. Amphion.) Nach Pausanias durchirrte sie im Wahnsinn, in den sie von dem Dionysos wegen der von ihren Söhnen an der Dirce genommenen grausamen Rache verseht wurde, ganz Griechenland, bis sie endlich zum Phokus kam, der ihre Krankheit heilte und sie zur Gattin nahm. Mit diesem erhielt sie zu Tithorea ein gemeinschaftliches Grabmal. — Antiope, eine Amazone, war die Tochter des Mars und der Otrera, die Gemahlin des Theseus und die Mutter des Hippolytos. Sic ward dem Theseus von dem Hercules, als dieser die Amazonen besiegt hatte, geschenkt und kämpfte später an seiner Seite bei dem Einfall der Amazonen in Attika gegen dieselben, wobei sie ihren Tod fand. Nach Hygin ward sie von Theseus in Folge eines Orakelspruchs umgebracht. Antipäros, s. Paros. Antipäter war einer der Feldherrn und ein vertrauter Freund Philipp's von Macc- donien. Alexander ließ ihn, da er nach Asien zog, als Statthalter über Macedonien zurück. A. verwaltete diesen Posten sehr rühmlich, indem er den aufrührerischen Statthalter von Thrazien, Memnon, zum Gehorsam zwang und die unter Agis ll. nach Unabhängigkeit strebenden Spartaner nach einem harten Kampfe bei Ägä in Arkadien 330 v. Ehr. überwand. Dessenungeachtet gelang es der Olympias, der Mutter Alexander's, mit welcher er in Uneinigkeit lebte, ihn ihrem Sohne verdächtig zu machen, sodaß dieser ihn zu sich nach Asien berief und den Kraterus zum Statthalter von Macedonien ernannte. Doch Alexander starb, noch ehe sein Befehl vollzogen worden war, und A. erhielt nun mit Kraterus die Statthalterschaft der europ. Länder Alexander's. Bald darauf hatte er einen Kampf mit dem verbündeten Griechenland zu bestehen; anfangs unglücklich, bis ihm, der in Cannä cingeschloffcn war, ein Heer unter Anführung des Kraterus und Leonatus zu Hülfe kam, worauf sich die Griechen wiederum unterwarfen. Diesem Kriege folgte ein anderer mit Perdikkas, der nicht minder glücklich geendigt wurde. A., der nach des Perdikkas Tode, 321 , zum Vormund der Kinder Alexander's und zum Regenten seines Reichs ernannt worden war, traf zu Triparadisos eine neue Vertheilung der Statthalterschaften und starb 318 v. Ehr. in hohem Alter, nachdem er dem Polysperchon die Vormundschaft anvertraut hatte. Antipathie, im Gegensätze der Sympathie, ist überhaupt die Abneigung eines lebendigen Wesens gegen ein anderes. In der Sphäre des Menschlichen insbesondere nennen wir daher Antipathie den unwillkürlich ,in uns entstehenden Widerwillen gegen eine Person, wobei wir von ihrem uns mißfälligen Äußern auf ihr Inneres schließen. Gewöhnlich ist unser Urtheil dabei dunkel und verworren, und oft sind wir selbst in der Folge nicht im Stande, dasselbe auf deutliche Begriffe zurückzuführen. Die Antipathie gegen Thiere und leblose Gegenstände entsteht theils auf ähnliche Weise und aus ähnlichen Gründen wie gegen Menschen, rheils aber aus gewissen Eigenschaften, z. B. Ausdünstung u. s. w. Überlegung und all- mälige Angewöhnung können in vielen Fällen Antipathien der Art schwächen und überwinden; nicht selten aber bleiben alle Mittel fruchtlos. (S. Idiosynkrasie.) Antiphlogistisch heißt entzündungswidrig. Man glaubte früher, daß das PH logiston (s. d.) die Ursache der Entzündung sei und also bei Behandlung dieser Krankheit vermindert werden müsse; diejenigen Mittel nun, welche die Entzündung bekämpften, wurden Antiphon Antisthenes MI demnach Antiphlogiflka genannt, sowie man Arzte, welche die meisten Krankheiten mit antiphlogistischen Mitteln behandelten, Antiphlogistiker nannte. Antiphon, der erste in der Reihe der attischen Redner, war aus Rhamnus in Attika und um 48 » v. Chr. geboren. Aus seiner Schule in Athen soll auch der Geschichtschreiber Thucydides hervorgegangen sein. Er nahm bedeutenden Anthcil am Peloponnes. Kriege als Anführer, Staatsbeamter und Gesandter; wurde aber der Vcrrätherei angeklagt und 4 l l v. Chr. zum Tode vcrurtheilt. Von seinen Reden haben wir noch siebenzehn. Sie stehen in den Sammlungen der „Orstores gr-esci" von Neiske (Bd. 7), Bekkcr (Bd. I) und von Baitcr und Sauppe (Zür. 1842), und sind besonders hcrausgegeben von Mahner (Berl. 1838). Antiphöllie nannte man in der griech. Kirche den Wechselgesang, welcher von dem Vorsänger des einen Chors angestimmt und von dem andern Chore, oder auch von beiden, beantwortet und geendigt wurde. Die Einrichtung vieler Psalmen beweist, daß solche Wechselgesänge schon beim jüdischen Cultus gebräuchlich waren. Ihre Einführung in die christliche Kirche wirv dem Bischof von Antiochia, Ignatius, zugeschrieben; in die abcndländ. soll sie Ambrosius (s. d.) ctngeführt haben. Die Abkheilung der Ankiphonien in Verse und ein bestimmtes Regulativ über dieselben soll vom Papst Cölestin 1. (422—432) herrührcn. Ein besonderes Antiphonarium oder Antiphonale, d. h. eine Sammlung der Wcch- selgesänge, hat zuerst Gregor 1. (59» — 604) veranstaltet. Vgl. Cuil. vurandi „Rationale tlivinoruin okliciornm" (Mainz 1459; Hagenau 1509, Fol.). Schon früh wurde cs gewöhnlich und seit dem 13. Jahrh. immer allgemeinerer Gebrauch, durch die Anfangsworte der Ankiphonien (Introitus) in Urkunden das Datum und zugleich den Wochentag zu bezeichnen. Vgl. Wedekind, „Die Eingänge der Messen" (Braunschw. 1815). In der evangelischen Kirche kennt man zwei Arten der Antiphonicn. Entweder bestehen sie aus ganzen Liedern, wie die Litanei, oder nur aus wenigen biblischen Worten. Diese letztere Art faßt theils eine Intonation durch den Prediger, theils ein Responsorium des Chors und der Gemeinde in sich. In England nennt man Anthem oder Antiphonen eine Art Kirchenmusik, welche für die Kathcdralkirchen bestimmt ist. Weibliche Stimmen singen zwei Zeilen, und die ganze Gemeinde fällt dann stärker und kräftiger ein. Händel hat deren mehre componirt. Antiphräsis, eine Wortsigur, vermöge welcher man etwas nach Dem benennt, was cs nicht ist. So soll;. B. der Name Parzen von parcere, d. h. schonen, abgeleitet sein, weil sie nicht schonend sind. Gewöhnlich findet dabei ein bloßer Scherz oder eine Ironie statt. Antipoden, s. Gegenfüßler. ,VlllUj»!l> franz. Romain, engl. Rica, heißt die geradstehende Schriftsorte aller Größen, im Gegensätze der Fractur oder deutschen, und der Cursiv oder schiefliegenden Schrift. Antiquare wurden sonst die Gelehrten genannt, welche sich mit dem Studium der Antiquitäten beschäftigten. Jetzt versteht man vorzugsweise Diejenigen darunter, welche ausschließlich mit altern und gebundenen Büchern handeln. Früher trieben in der Regel die Buchhändler zugleich Antiquargeschäste; berühmt waren insbesondere die reichen Lager der Elze- vire und Waesberge zu Leyden und Amsterdam, und die von Fritsch, Gleditsch und Weidmann zu Leipzig. In Deutschland jedoch, wo sich der Buchhandel am regelmäßigsten ausgebildet hat, haben die Buchhändler den Vertrieb älterer Bücher nach und nach ganz den Antiquaren überlassen, unter denen T. O. Weigel in Leipzig, Meusel nnd Sohn in Koburg, Nestler und Melle in Hamburg, G. Fincke in Berlin, I. F. Lippert in Halle, Stahel in Würzburg, Neubronner in Ulm und die Birctt'sche Antiquariatsbuchhandlung in Augsburg die bekanntesten sind. Außerhalb Deutschland finden sich die reichsten Lager in London bei H. G. Bohn, dessen kolossaler Katalog mit Preisen (Land. 1841) 23208 Nummern enthält, in Paris bciJ.Techener,der die Verzeichnisse seit 1834in seinem „Rulletin üubiblio- plüle" bekannt macht, in Madrid bei Sancha, in Nom bei de Romanis, in Florenz bei Gius. Molini, Giov. Silvcstri in Mailand und in Leyden bei S.und J.Luchtmans. In Frankreich werden die Antiquare spottweise öoucpiinistes genannt, von bouquin, d. i. ein altes Buch von geringem Werth. In Italien gebraucht man Antiquar oft mit Cicerone gleichbedeutend. Antiquitäten, s. Alterthümcr. Antispast, s. Rhythmu s. Antisthkneö, der Stifter der Cynikcr(s. d.), war zu Athen um 422 v. Chr. geboren. 392 Antistrophe Antoinette Nachdem er Sokrates gehört hatte, entsagte er dem Geschäft eines Rhetors, um sich ganzer Philosophie zu widmen. Die Lehren des Sokrates erzeugten bei ihm jenen Eifer für die Tugend und den gewaltigen Haß gegen das Laster, wodurch sich die von ihm gestiftete Schule ^ auszeichnete; doch seine rauhe Gcmüthsart verlangte mehr als Sokratische Mäßigkeit und Enthaltsamkeit. Er setzte die Tugend in daS freie Entbehren und in die Unabhängigkeit vom Äußern und verachtete Neichthum, Würden, Genuß, ja selbst die Wissenschaft. Er wollte Geist und Körper auf das strenge Bedürfniß beschränken und trug daher kein Bedenken, öffentlich als Bettler zu erscheinen. Platon, welcher erkannte, daß dieses Absondern von der Sitte nicht frei von Tugcndstolz sei, soll zu ihm gesagt haben: „Ich sehe deine Eitelkeit aus den Löchern des Mantels Hervorscheinen." Die Sonderbarkeit seines Betragens reizte indeß Viele znr Nachahmung. Sein vorzüglichster Schüler war D i o g e n e s (s. d.). Wenn dieser ! sich durch die Festigkeit und Lebhaftigkeit seines Geistes und beißenden Witz auszcichnetc, so wußte A. sich mit mehr Würde zu benehmen. Nach des Sokrates Tode lehrte er im Cyno- sargeS, einem Gymnasium Athens, wovon seine Schule ihren Namen erhalten haben soll. Seine vielen Werke, unter ihnen eine polemische Schrift gegen Platon, sind sämmtlich verloren gegangen; die unter seinem Namen vorhandenen Briefe werden für unecht gehalten. Die Zeit seines Todes ist unbekannt. Das Verdienst des A. und seiner Schule um die Philosophie ist nur ein untergeordnetes, da er selbst die Ethik in höchst einseitiger Richtung verfolgte. Der Gegensatz des A. und seiner Schule waren Aristipp und die Cyrenaiker (s. d.). Antistrophe, s. Strophe. Antithese, d. i. Gegensatz oder entgegengesetzte Behauptung, heißt in der Rhetorik eine Redefigur, vermöge deren man einen Gedanken durch Verbindung mit einer entgegengesetzten Vorstellung hcrvorhebt, wobei aber immer ein Vcreinigungspunkt dasein muß, den der Verstand des Lesers finden kann. Diese Figur crfodert Scharfsinn und ist von großer Wirkung, darf aber nicht zu häufig gebraucht werden, weil man sonst in das Gesuchte fällt und den Leser oder Zuhörer ermüdet. Eine glückliche Antithese ist cs z. B., wenn LeMZ in der Beurtheilung eines Buchs sagt: „Dieses Buch enthält viel Gutes und viel Neue^- nur Schade, daß das Gute nicht neu, und das Neue nicht gut ist!" DasAntitheton setzen Einige blos in die Verbindung contrastirender Vorstellungen. (S. Contra st.) Antitrinitarier ist ein erst unter den Protestanten aufgekommcnes Wort zur Bezeichnung Derer, welche die Gottheit Christi oder des heiligen Geistes, also das kirchliche Dogma von der Dreipcrsönlichkeit des Einen Gottes leugneten und die Einheit Gottes im strengsten Sinne behaupteten, weshalb sie sich selbst am liebsten Unitarier nennen. Dergleichen waren Ludw. Hetzer (1529 zu Kostnitz enthauptet), Mich. Scrvct (1553 zu Genf verbrannt), Valentin Gentilis (1505 zu Bern enthauptet). Man sah sie an als Lästerer der ! Gottheit und bestrafte die Gotteslästerer nach dem mosaischen Gesetze mit dem Tode. Glück- ; licher waren die beiden Florentiner Lälius und Faustus Socinus, welche die unitarischen Ge- ! meinden der Socinian er (s. d.) stifteten. Auch in England stand auf Leugnung der Tri- ! »ität die Todesstrafe. Gleichwol bildeten ein engl. Geistlicher, Thcophilus Lindscy, 1774 zu > London, und ein Kaufmann William Christie zu Montrose in Schottland, später auch der i gelehrte Priestley unitarische Gemeinden in Großbritannien, die sich selbst nach Nord- ^ amerika verbreitet haben. Das Strafgesetz, welches die Unitarier mit der Todesstrafe belegte, s wurde in England erst im I. 1813 vom Parlamente aufgehoben. ! Antoinette, eigentlich Marie Joseph ine Johanne, Königin von Frankreich, Erzherzogin von Ostreich,die Gemahlin Ludwig's XVI., gcb. zu Wien am L Nov. 1755, war die Tochter Kaiser Franz's 1. und der Maria Theresia. Sie empfing eine sorgfältige Erziehung und erwarb sich mannichfaltige Kenntnisse. Die Natur hatte ihr in einem seltenen Grade Amnuth und Schönheit verliehen. Die Abreise von Wien bei ihrer Vermählung mit dem Dauphin von Frankreich erfüllte die Hauptstadt mit Trauer; ihre Ankunft in Stras- ! bürg und ihre Reise bis Comvicgne, wo Ludwig XV. und der Dauphin sie empfingen, und ^ bis Versailles, wo am 16. Mai 1770 die Vermählung stattfand, glich einem Triumphe. ^ Durch Milde und Freigebigkeit gewann sie wie als Dauphine, so auch als Königin die Herzen; besonders unterstützte sie im Winter 1788,die, Nothleidcnden aufs khätigste. Aber um dieselbe Zeit reizte sie gegen sich den Haß der Hospartei, welche nun Astes aufbot, um sie Antoinette 393 beider Nation verhaßt zu machen. Wenn auch von allen ihr gemachten Beschuldigungen keine je erwiesen worden ist, so muß man doch cingcstchcn, daß sic mehrfachen Anlaß dazu gab. Eine große Beweglichkeit der Phantasie erzeugte bei ihr oft den Schein des Leichtsinns und zuweilen der Verstellung; eine angeborene Unruhe verleitete sie zur Veränderung, zu neuen Moden und zu stetem Wechsel der Lustbarkeiten. Große Summen wurden allerdings nützli- chern Zwecken entzogen und verschwendet, und über den Tadel, den man ihr darüber machte, äußerte sie sich mit Empfindlichkeit. So fanden ihre Feinde sehr bald Glauben, wenn sie auch die widersinnigsten Dinge gegen sie in Umlauf brachten. (S. Lamothe und Rotz an.) Allgemein fast erblickte man in ihr eine Feindin der Franzosen. Als Calonne angekündigt hatte, daß in den Finanzen des Staats ein bedeutender Ausfall sei, ward ihr die Schuld ganz allein beigemessen. Am 5.Mai 1789 wohnte sie der Eröffnung derSitzung der Ncichsstande bei, und von diesem Augenblicke an war ihre Heiterkeit verschwunden. Sehr bald indeß sollte ihr Muth noch größere Proben bestehen. Sie war mit ihrem Gemahl bei dem Eastmahl erschienen, daS die Leibgarden zu Versailles am I. Oct. den Offizieren der Linientruppcn gaben, und wo bald, nachdem der Hof sich entfernt hatte, die Nationalcocarde beschimpft worden war. Dies reizte das niedere Volk in Paris noch mehr gegen die Königin auf. Man hielt sie für die Seele der Neactionspartei und glaubte, daß das Heer gegen Paris und gegen die Nationalversammlung zusammengczogen werde. Am 5. Oct. stürmten Haufen Volks nach Versailles, brachen am 6. früh in das Schloß, ermordeten einige Leibgarden und stießen die wüthendstcn Drohungen gegen die Königin aus. Aber selbst die Nachricht, welche sic heimlich in der Nacht erhielt, daß sie am Morgen ermordet werden solle, brachte sie nicht außer Fassung. Man drang am Morgen in ihr Zimmer; sie flüchtete zum König. Um den Mordsccnen Einhalt zu thun, zeigte sie sich mit ihm, ihre beiden Kinder an der Hand, auf dem Balcon. Dieser Anblick machte einen augenblicklichen Eindruck auf die Tumultuanten; bald aber ertönte der allgemeine Ruf: „Nicht die Kinder, die Königin allein!" Sofort führte sie ihren Sohn und ihre Tochter in die Arme des Königs und kehrte auf den Balcon zurück. Dieser unerwartete Muth cntwaffnete den Haufen, und den Drohungen folgte Beifallgeschrei. Noch an demselben Tage mußte sic dem König nebst ihren Kindern nach Paris folgen. Als sie durch Abgeordnete des Gerichts, welches die Schuldigen ermitteln und bestrafen wollte, über das Vorgcfallcne befragt wurde, antwortete sie: „Ich werde nie die Anklägerin eines Unterthanen des Königs sein", und als die Frage wiederholt wurde: „Ich habe Alles gesehen, Alles gehört und Alles vergessen." In den ersten Monaten nach ihrer Ankunft in Paris wandte sie 399999 Livres an, um die von armen Leuten auf dem Leihhause versetzten Pfänder cinzulösen; aber ihre Wohlthaten konnten die erbitterten Gemüther nicht besänftigen. Als Ludwig XVI. 1791 zu fliehen beschloß, folgte sie ihm, obgleich sie das Mislingen voraussah. Von Varennes in die Tuilcricn znrückgc- bracht, antwortete sie den Commiffarien, die ihre Erklärung fodertcn: „Da der König mit seinen Kindern abzureisen wünschte, würde nichts in der Welt mich haben hindern können, ihm zu folgen. Ich habe seit zwei-Jahren genugsam bewiesen, daß ich ihn nie verlassen werde. Was mich noch mehr dazu bestimmte, war die feste Überzeugung, daß der König Frankreich nie verlassen wolle; hätte er es gewünscht, so würde ich Alles angewandt haben, cs zu verhindern." Diesem Sturme folgte ein Augenblick der Ruhe. Indeß kamen der 29. Juni und der 19. Aug. 1792. Auf Alles gefaßt, wandte die Königin an dem letzten dieser Tage das Äußerste an, ihren Gemahl dahin zu bewegen, daß er mit den Waffen in der Hand dem Tode entgegengehe; mit ihm in die Nationalversammlung geführt, hörte sie die Absetzung des Königs aussprechen, seine Richter ernennen und folgte ihm in das Gefängniß. Man hatte keiner von ihren Frauen erlaubt, sie zu begleiten. Im Gefängniß bewohnte sie mit ihrer Tochter und der Prinzessin Elisabeth das einzige heizbare Zimmer. Dichte Eiscngirtcr verwahrten die Fenster, die nur ein mattes Licht hincinfallen ließen. Jetzt zeigte sic die ganze Stärke ihres Charakters. Stets ruhig im Kreise der Ihrigen, flößte sie ihnen Entsagung und Nichtachtung der Kränkungen und Leiden ein. Als Ludwig XVI. ihr sagte, daß er ver- urthcilt sei, wünschte sie ihm Glück zu dem Ende eines so qualvollen Daseins. Nach dem Tode ihres Gemahls hatte sie an den Convent nur die Bitte um Trauerkleidcr, welche sic bis an das Ende ihres Lebens trug. Obschon sie ahnetc, daß cs auf immer sei, so ertrug sie 30-l, Alltouuuarchi Anton (König von Sachsen) doch standhaft die Trennung von ihrem Sohne am 4. Juli 1793. Am 5. Aug. ward sie mitten in der Nacht in die Conciergerie versetzt. Ein dunkles und feuchtes Gemach wurde hier ihr Aufenthalt. Am 3. Oct. verordnete der Convent, daß sie vor Gericht gestellt wer- > den solle. In der Anklage wurde sie beschuldigt, die Finanzen verschwendet, den öffentlichen Schatz erschöpft, Summen daraus den Ostreichern gegeben, mit den auswärtigen Feinden correspondirt und die innern Unruhen begünstigt zu haben. Aber ungeachtet der Menge Zeugen, welche man abhörte, konnte man nicht den geringsten Beweis gegen sie führen, und mit Recht rief ihr Vertheidiger, Chauveau-Lagarde: „Was mich einzig in Verlegenheit setzt, ist nicht, Antworten, sondern nur eine einzige scheinbare Anklage zu finden." Bailly, damals Maire von Paris, und zum Zeugen aufgerufen, hatte den Muth, sie geradezu in Schuß zu nehmen und ihren blutdürstigen Ankläger Fouquier-Tinville wegen seiner offenbar falschen Angaben bitter zu tadeln. Die Königin selbst antwortete auf alle Fragen mit Festigkeit und Bestimmtheit. Auf die Beschuldigung, daß sic ihren eigenen Sohn verführt habe, antwortete sie mit Unwillen: „Wegen der Möglichkeit eines solchen Verbrechens ap- pellire ich an alle Mütter." Sie hörte ihr Todesurtheil mit vollkommener Fassung und schlief, als sie in ihr Gcfängniß zurückgebracht war, bald ruhig ein. Am Morgen des 16. Oct. 1793 um 11 Uhr bestieg sie den Karren, der sie nach dem Schaffst führte. So sehr man auch das Volk anreizte, sic auf dem Wege dahin zu beleidigen, herrschte doch eine tiefe Stille. Sie war nicht mehr die durch Anmuth und Schönheit entzückende Königin; der Gram hatte ihre Züge zerstört, und in dem feuchten ungesunden Kerker hatte sie fast ein Auge verloren. Ihr Anblick schien den wilden Pöbel zu erschüttern. Um 12 Uhr kam der Zug aus dem Platze Ludwig's XV. an. Die Königin bestieg rasch das Blutgerüst, warf sich dort auf die Knieeund sprach: „Gott! erleuchte und rühre meineHenker; lebt wohl auf immer,meine Kinder, ich gehe zu Eurem Vater!" Ihr Briefwechsel mit ihrem Bruder, dem Kaiser Leopold II., mit Burke und andern ausgezeichneten Personen des Auslandes aus dem 1.1791 kurz vor und nach der Flucht der königlichen Familie, wurde 1835 in dem königlichen Ar- ! chive unter einer Menge noch ungeordneter Papiere gufgefunden. Vgl. Robiano de Bors- ! beek, „Claris Antoinettes Is tüonciergerie" (Par. 182-1) undMad. Campan, „Llemoires sur Is vis privee eie Uurie Vntoinette" (1 Bde., Par. 1823). Antommarchi (Francesco), Napoleon's Arzt auf St.-Helena, stammte aus Cor- sica und war seit 1812 Proscctor am Hospitale Sta.-Maria zu Florenz, wo er mit dem berühmten Mascagni in enger Verbindung stand. Im I. 1818 ward er im Namen der Mutter Napoleon's durch den Cardinal Fesch bewogen, nach St.-Helena zu gehen, um Napoleon ärztlichen Beistand zu leisten. Am 13. Scpt. 1819 machte er seinen ersten Besuch bei dem Kaiser, der ihn mit Mistrauen aufnahm; doch wußte A. sehr bald dessen volles Vertrauen zu gewinnen. Nach Napoleon's Tode, der ihm in seinem Testamente lOtiOüv Fr. vermachte, ging er nach Paris, wo er das vielgelesene Werk „lb-es clermers Moments eie Napoleon" (2 Bde., Par. 1825; deutsch, Stuttg. 1825) herausgab. Über seine projec- lirte Herausgabe der großen anatomischen Tafeln, die eine hinterlaffene Arbeit des vcrstor- ^ bcnenMascagni waren, und vonBerlinghicri, Barcelotti und Rossi (Pisa 1823—26, Fol.) ! herausgegeben wurden, gerieth er mit den Erben Mascagni's in einen für ihn nicht rühm- ^ lich beendigten Streit. Die poln. Revolution gab ihm Veranlassung, nach Warschau zu f gehen, wo er die Leitung der ärztlichen Anstalten erhielt. Doch sehr bald kehrte er nach Paris i zurück, welches er aber schon zu Ende des I. 1831 wieder verließ, um nach Italien zu gehen. ^ Er starb zu St.-Jago-de-Cuba 1838. Ein höchst bescheidener und anspruchsloser Mann, war er stolz auf den Besitz einer Gypsmaske Napoleon's, welche die Gesichtszüge des Kaisers jedenfalls am ähnlichsten wiedergeben, weil sie unmittelbar nach dem Tode von dessen ! Gesicht gemacht worden war. ! Anton Clemens Theodor, König von Sachsen 1827—36, geb. am 27.Dec. 1755, gest. am 6. Juni 1836, verbrachte, ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt, die längste Zeit seines Lebens, entfernt von Staatsangelegenheiten, in einem einfachen, ge- ! räuschlosen Leben, beschäftigt mit Musik, in der er selbst als Componist sich versuchte, mit 5 Genealogie, die sein Lieblingsfach war, und mit strengen Andachtsübungen. Der Tod seines Bruders Friedrich August (s. d.) rief ihn am 5. Mai 1817 auf den Thron, siche er- >en >en >ge en, ^ >eit h, in iar hrt np- md 18. ehr iefe der nge auf nuf ine Pool !lr- -rs- res or- beut- po- bei ier- Fr. cle jcc- ior- °l.) > nn- z» uis lai- sen ^ 55, die ge- > mit 5 kod VN, Anton (Karl Gottlob von) Antoucllo von Messina 395 wo er durch sein leutseliges Wesen, durch die Lüftung der Hofetikette und durch die Beschränkung des Jagdwesens sich gleich anfangs viele Liebe gewann, im Übrigen aber an dem Systeme der Regierung nichts änderte, bis die Bewegungen der Zeit sich 1830 gegen dasselbe erhoben und ihn zu dem Entschluß brachten, seinen Neffen, den Prinzen Friedrich August II. (s. d.) zum Mitregenten zu erklären und das Ministerium zu ändern. Hiermit betrat Sachsen eine erste Bahn politischer Reform, und die Negierung des Königs A. bezeichnet die denkwürdige Ära, in welcher Sachsen seine neue Verfassung und alle die wichtigen mitihr zusammenhängenden Gesetze und Umgestaltungen erhielt. Das wohlwollende Herz des greisen Königs wendete sich jeder Maßregel mit eifriger Theilnahmc zu, die er dem Glücke seines Volks ersprießlich glaubte, und so ward ihm auch, kurz vor seinem Tode durch ein improvisirtes Volksfest, das seinen 81. Geburtstag auf die rührendste Weise feierte, der schönste Beweis, wie dankbar das Volk seine Tugenden anerkannte und wie innig Liebe mit Liebe erwidert ward. Er war zweimal vermählt; erst mit der Prinzessin Marie von Sardinien, gest. 1782, dann mit Marie Theresie, der Tochter Kaiser Leopold's, gest. während der Huldigung zu Leipzig am 7. Nov. 1827. Die erste Ehe war kinderlos, und die Kinder der zweiten starben alle in zarter Jugend. Anton (Karl Gottlob von), ein besonders um die Geschichte der Landwirthschaft verdienter Schriftsteller, geb. am 23. Juli 1751 zu Lauban, studirte die Rechtswissenschaft, wurde dann Doctor der Rechte, Senator zu Görlitz und geadelt und starb daselbst 1818 als Oberamtsadvocat. Er war ein sehr gelehrter Mann und interessirte sich lebhaft für die Aufnahme und Emancipation des Landbaus. Seine bedeutende Bibliothek, welche auch viele interessante, ungedruckte Manuscripte von ihm enthält, hinterlicß er der Oberlausttzcr Gesellschaft der Wissenschaften. Sein Hauptwerk ist der „Versuch einer Geschichte der deutschen Landwirthschaft von der ältesten Zeit bis zu Ende des 15. Jahrh." (3 Bde., Görl. 1799—1801). Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch: „Diplomatische Beiträge zu den Geschichten und deutschen Rechten" (Lpz. 1777), „Versuch einer Geschichte des Tempelherrenordens" (Lpz. 1779—81) und „Über die Rechte der Herrschaften auf ihre Unterthanen und deren Besitzungen" (Lpz. 1791). Antonello von Messina, eigentlich Antonello d'Antonio, ein Maler, der in der Entwickelungsgeschichte der ital. Kunst eine cigcnthümlich wichtige Bedeutung hat. Seine Geburt setzt man um das I. 1-113; seine frühere künstlerische Thätigkeit gehört seinem Vaterlande Sicilien an. Damals erfreuten sich die Gemälde der Brüder van Eyck in Flandern, besonders die des Joh. van Eyck, großen Ruhmes. Einige Exemplare derselben kamen nach Italien, namentlich nach Neapel, und erregten wegen der Feinheit der Naturbeobachtung und wegen der illusorischen Wirkung, die in ihnen enthalten war, Aufsehen unter den Künstlern. Die letztere beruhte wesentlich auf der Technik der Ölmalerei, welche von Joh. van Eyck, wenn nicht erfunden, doch für eine eigentlich künstlerische Anwendung ausgebildet war, während die in Italien noch allgemein übliche Technik der trocknern Temperamalerei nicht zu gleichen Erfolgen führen konnte. Auch A. hatte Gelegenheit, ein solches Ölgemälde am Hofe des Königs Älfvns in Neapel zu sehen. Sofort entschloß er sich, zu Joh. van Eyck nach Flandern zu reisen und sich, wo möglich, in dm Besitz dieser neuen Technik zu setzen. Er kam dort ungefähr im I. 1333 an, gewann das Vertrauen des flandr. Meisters, und dieser lehrte ihn das Geheimniß seiner Farbenmischung. Nachmals ließ sich A. in Venedig nieder und verbreitete die Technik der Ölmalerei unter den Künstlern der vcnetian. Schule, welche hierdurch das gediegenste Darstellungsmittel für ihre der Realität des Lebens und dem freudigen Glanze der Farben zugewandte Sinnesrichtung empfingen. In der That war in der später« Zeit des 15. Jahrh. die Ölmalerei bei den Venetianern bereits allgemein verbreitet, während die übrigen ital. Schulen noch im Anfänge des 16. Jahrh. großentheils bei der alten Technik verharrten. Das Todesjahr des A. wird mit Wahrscheinlichkeit in das I. 1393 gesetzt. Seine Bilder sind ziemlich selten geworden. Das berliner Museum besitzt deren drei, die sämmtlich mit dem Namen des Künstlers bezeichnet sind; eins von diesen führt zugleich die Jahreszahl 1335 und trägt, was sehr interessant ist, ganz das Gepräge der flandr. Schule; die beiden andern haben den Charakter der vcnetian. Schule des l 5. Jahrh. und gehören in die spätere Zeit des Künstlers. 396 Antoninus Pius Antoninus (der Philosoph) Antomnus Pius (Titus Aurelius Fulvus), röm. Kaiser 138—161 n. Chc., geb. 86, stammte aus Nemausus in Gallien. Sein Vater Titus Aurelius Fulvus hatte das Consulat bekleidet, und im I. 120 gelangte auch er zu dieser Würde. Er war einer von ' den vier Consularen, unter welche Hadrian die Verwaltung Italiens thcilte; dann ging er als Statthalter (Proconsul) nach Asien. Nach seiner Rückkehr stieg er immer mehr in Hadrian's Vertrauen. Von seiner Gemahlin Faustina, des Anilins Verus Tochter, deren zügelloses Betragen er auf alle Weise den Blicken der Welt zu verbergen suchte, hatte er vier > »Kinder; alle starben, bis auf Faustina, des Marc Aurel nachmalige Gattin. Im 1.138 i ward er von Hadrian an Kindesstatt angenommen, wogegen er wiederum den L. Verus und ^ M. Annius Verus (Marc Aurel) adoptirte. In demselben Jahre bestieg er den Thron. , Unter ihm war das Reich ruhig und glücklich. Mäßig und einfach in seinem Privatleben, den Nothleidcnden hülfreich, ein Verehrer der Tugend und Weisheit, ward er der Vater seines Volks. Seine weise Sparsamkeit setzte ihn in den Stand, die Auflagen zu vermindern. Die Verfolgungen der Christen stellte er ab, so viel er vermochte. Er führte nur wenige Kriege, ausgenommen in Britannien, wo er das röm. Gebiet erweiterte und durch Aufführung eines neuen Walles zwischen dem Fvrth und Clyde den Einfällen der räuberischen Stämme, die damals in den Hochlanden wohnten, steuerte. Benachbarten Königen gal! sein Rath fast wie Befehl, und entfernte Völker erkoren ihn zu ihrem Schiedsrichter. Den Beinamen Pius erhielt er, weil er, als nach dem Tode Hadrian's der Senat die Anordnungen (acta) dieses Kaisers für ungültig erklärten und ihm die übliche Ehre der Vergötterung nicht zugestehen wollte, die Ausführung dieser Absicht verhinderte. A. starb 161. Seine Asche ward in dem Grabmale Hadrian's bcigesetzt. Die Säule, die ihm seine Adoptivsöhne errichteten, wurde im 1.1705 unter dem Schutt liegend gefunden und von Pius VI. zur Restauration der Obelisken verwendet, ihr Fußgestell aber in den, Garten des Vätican gebracht. Die sogenannteAntoninussäule, die noch in Rom die nach ihr benannte Piazza Colonna ziert, ist diejenige, welche vom Senat dem M. Aurelius wegen-seiner Siege über die Markomannen errichtet ward. Mehre Kaiser, wie Caracalla, führten auch den Namen Antoninus. Antoninus (Marcus Annius Verus Aurelius), der Philosoph, am bekanntesten unter dem Namen Marc Aurel, röm. Kaiser 161 —180 n. Ehr., geb. 121, bestieg nach Antoninus Pius, seines Adoptivvaters, Tode imJ. 161 den Thron. Freiwillig theilte er die Negierung mit Lucius Verus, seinem Adoptivbruder, den er zum Cäsar und Augustus ernannte und mit flincr Tochter Lucilla vermählte. Erzogen und unterrichtet von Scxtus von Chäronca, Plutarch's Enkel, dem Redner Herodes aus Athen und dem Juristen L. Volusius Mecianus, hatte er sich zum Gelehrten gebildet und besonders die stoische Philosophie liebgewonnen. Während seine Feldherren, Statius Priscus, Avidius Cassius, Marcius Verus und Fronto, die Paxther schlugen, Armenien, Babylon und Medien eroberten und die große Stadt Seleucia am Tigris zerstörten, richtete A. fein Augenmerk auf Rom und die Deutschen. Jenes wurde von Pest, Hungersnoth und Überschwemmungen heimgesucht, deren Folgen er zu vermindern suchte; diese beunruhigten das röm. Gebiet i durch häufige Einfälle, wurden aber zurückgeschlagen. Zugleich bemühte sich A., die Sitten des Volks und die Eerechtigkeitspflcgc zu verbessern. Nach Beendigung des parthischm Kriegs hielten beide Kaiser einen Triumph und nahmen den Titel Parthicus an; doch die Siegesfreude störte eine bald ausbrechende fürchterliche Pest, womit die morgcnländ. Armee alle Länder angesteckt hatte, durch welche sie gezogen war. Dazu kamen abermals Erdbeben, Überschwemmungen und ein allgemeiner Aufstand der Grenzvölker von Gallien bis an das Schwarze Meer. Hierauf nahm der Krieg gegen die Markomannen, der acht Jahre > lang mit abwechselndem Glück geführt ward und während welches Verus 169 starb, die ! volle Thätigkeit des Kaisers in Anspruch. Das Vordringen der Barbaren bis nach Italien nöthigte 174 den Kaiser, da die Schatzkammer erschöpft war, alles kostbare Geräts) zu vcr- > kaufen. Doch sehr bald wendete sich das Kriegsglück wieder aufseine Seite. Als er I7S ^ bei der Stadt Gran den Quaden gegcnüberstand, gericth er, von den Feinden eingeschloffen, f aus Mangel an Wasser in die äußerste Noth (s. Donnerlegion); da erhob sich ein furchtbarer Sturm; ein Platzregen erfrischte das Heer, die Ouaden wurden geschlagen und ver- Antouillus Liberales Antonius (Marcus) 397 c!nt mit ihnen baten die Markomannen, sowie die üvngen Barbaren um Frieden. Die Empörung des syr. Statthalters Avidius Cassius, der sich Ägypten und die Länder inner- ' halb des Taurus unterworfen hatte, hielt den Kaiser ab, seinen Sieg weiter zu verfolgen; aber noch ehe er Asien erreichte, war der Aufrührer von seinen Anhängern ermordet worden. A. verzieh allen Thcilnchmern, zog im Triumph in Nom ein und beschäftigte sich nun wieder mit den inner» Angelegenheiten, bis neue Angriffe der Markomannen ihn aöthigfen, mit seinem Sohne Commodus, den er im J. 176 zum Mitkaiser ernannt hatte, gegen sic ins Feld zu ziehen. Er besiegte sie, erkrankte aber in Sirmium und starb zu Vindobona > (Wien) >80 n. Ehr. Vom Senat ward ihm zu Ehren eine Säule errichtet. (S. Antoni- i nus Pius.) A. gehört zu den besten Kaisern, welche Rom beherrscht haben, obgleich seine Philosophie und die natürliche Großmuth seines Charakters ihn nicht abgehalten haben, die Verfolgung der Christen (s. Christ enver folg ungen) in Gallien zu befehlen. Wir besitzen von ihm ein Werk in griech. Sprache: „Betrachtungen über sich selbst", in welchem er sich als einen Anhänger der stoischen Philosophie zeigt. Die besten Ausgaben besorgten Casaubovus (Land. 16-13), Gataker (Cambridge 1652), Schulz (Schlesw. 1802) undKa- raes (Par. 1816). Es ist in die meisten lebenden Sprachen der gebildeten Völker übersetzt; ins Deutsche von Schulz (Schlesw. 1799) und ins Persische von Hammer (Wien 1831). Alltomims Liberalis, nach Andern fälschlich Antonius, wahrscheinlich ein Freigelassener des Kaisers Antoninus Pius, um 137 n. Ehr., verfaßte in demGcschmacke seiner Zeit unter dem Titel „Metamorphosen" eine Sammlung fabelhafter Erzählungen, die er größtenthcils aus ionischen Dichtern und Prosaikern entlehnte und die für den Gelehrten deshalb einen besondern Werth haben, weil die Schriften seiner Gewährsmänner, welche er jedesmal anführt, sämmtlich untergegangen sind. Zuerst wurden sie herausgegeben von iky- lander (Bas. 1568) und besser von Verheyk (Leyd. 1773); für die Kritik aber sowol als für die Erklärung des Textes ist am meisten gethan in den Ausgaben von Koch (Lpz. 1832), der über das Leben des A., dessen Schreibart und die von ihm benutzten Schriftsteller genau gehandelt und den Text treuer und vollständiger gegeben hat als die frühern Herausgeber, und von Westcrmann in den „NzNüograpüi ^rasci" (Braunschw. 1832). Antonius (Marcus), der Triumvir, aus einem der ältesten Patricicrgeschlechter, der Sohn des Prätors und Enkel des Redners Antonius, geb. 83 v. Ehr., durch seine Mutter Julia mit Cäsar verwandt, lebte in seiner Jugend höchst ausschweifend. Von seinen Gläubigern gedrängt ging er nach Griechenland, wo er kaum angefangen hatte, die Philosophen und Redner zu hören, als ihn dcr Proconsul Gabinius zum Anführer seiner Reiterei ernannte. Svwol bei dem Feldzuge gegen Aristobulus in Palästina als in Ägypten, wo er den Ptolomäus Auletes einsetzen half, zeigte er viel Muth und Thätigkeit. Die Soldaten, gegen die er sich freigebig, nachsichtig und vertraulich bezeigte, gewannen ihn sehr lieb. Von Cäsar, zu dem er im I. 53 nach Gallien gegangen war, begünstigt, erhielt er 53 die O.uä- stur und war hierauf wieder bei Cäsar bis zum I. 50, wo er nach Nom zurückkehrte. Hier ward er Augur und Volkstribun; als Anhänger Cäsar's ward er mit den Tribunen Curio , und Cassius Longinus am 6. Jan. 39 aus der Curie verwiesen, was Cäsar, in dessen Lager sie , flohen, zum Vorwand des Kriegs gegen Pompcjus nahm. Bei dem Ausbruche desselben ward A.von Cäsar zum Oberbefehlshaber von Italien ernannt; später führte er ihm eine beträcht - licheMacht nach Epirus zuHülfe. In derpharsalischen Schlachtbefehligtc erden linken Flügel ; als Befehlshaber der Reiterei und Statthalter von Italien kehrte er nach Rom zurück, wo ihn aber wegen seiner Lebensweise Cäsaranit Kälte behandelte. Er verheirathete sichmit des Clodius Witwe Fulvia, welche ihn eine Zeit lang despotisch beherrschte. Als Cäsar aus 1 Spanien zurückkam, gewann er dessen Gunst wieder, ward 33 Mitconsul und suchte als solcher, jedoch vergebens, das Volk dazu zu bewegen, Cäsar als König anzuerkeu- nen. Bald darauf fiel Cäsar, und A. würde dasselbe Schicksal gehabt h-ben, wenn nicht > Brutus, der ihn für die Republik zu gewinnen hoffte, sich für ihn verwendet hätte. Allein i A. bemächtigte sich des Schatzes und der Papiere Cäsar's, auch seines Testaments, verband sich mit M. Lepidus, der mit den Truppen in die Stadt gerückt war, hielt dem Cäscr eine Leichenrede und entflammte durch diese, zumal da er dabei dessen blutiges Gewand ausbreitete, das Volk zur Wuth und Rache. Die Mörder mußten flüchten, und A. herrschte einige Zeit mit 998 Antonius (Marcus) unumschränkter Gewalt. Nachdem er sich mehrmals mit dem jungen Octavius, oder wie er sich ii nunmehr nannte, Octavianus (s. A ugust u s), Cäsar's Erben, der nach der Herrschaft strebte ti und aus Politik die Statthalterschaft ihm vom Volke gegen den Willen des Senats zugetheilt, > 9 entzweit und versöhnt hatte, belagerte er Mutina, das Decimus Brutus, der diese Provinz b noch nach Cäsar's Anordnung verwaltete, tapfer vertheidigte. Unterdeß hielt Cicero seine be- § rühmten Reden gegen ihn; der Senat erklärte ihn für einen Feind des Staats, und die bei- t> den Consuln, Hirtius und Pansa, von Octavian begleitet, rückten wider ihn ins Feld. A. L schlug anfangs Pansa in einer mörderischen Schlacht, aber Hirtius eilte herbei, und A. ward 6 im Apr. 43 bei Mutina geschlagen (der sogenannte Mutinen fische Krieg). Allein auch . st beide Consuln waren geblieben, und Octavian trat nun an die Spitze des republikanischen , >r Heers. A. floh unter großen Beschwerden und Entbehrungen über die Alpen. In Gallien com- st mandirkc Lcpidus; A. begab sich in Trauerkleidern nach dessen Lager und gewann schnell dc das Heer für sich, sodaß dies den Anführer nöthigte, sich mit A. zu verbinden und ihm sogar ft seine Stelle zu übergeben. Auch Plancus und Pollio verstärkten seine Partei mit ihren de Heeren, und A., der vor kurzem Italien als Flüchtling verlassen hatte, kehrte an der Spitze w von 17 Legionen (sechs wurden in Gallien zurückgelasse») und 10000 Reitern dahin zurück. in Jetzt ließ Octavian, der bis dahin sich nur zum Schein als Anhänger des Senats und als ri Verfechter der republikanischenFreiheitgezeigthatte, die Maske fallen; erzog A.undLepiduS st entgegen und hatte mit ihnen aufeiner Insel des Reno (nach Andern des Lavino) unweit Bolo- al gna die berüknnte Zusammenkunft, wo sie die röm. Welt unter sich theilten. Hier beschlossen st sie auch die Ächtung ihrer gegenseitigen Feinde. Darauf zogen die Triumvirn nach Rom, und "> mit ihnen kam Mord und Raub über ganz Italien. A. ließ Cicero's Haupt und rechte Hand D auf derselben Nednerbühne zur Schau stellen, auf welcher dessen Beredtsamkcit so oft ge- st siegt hatte. In diesen Verfolgungen kamen, nach Äppian, 30V Senatoren und 2000 Ritter st um. Nachdem die zum Kriege nöthige Summe von 200 Mill. Sesterzien (ungefähr 10 Mill. Thaler) herbeigeschafft war, und die Triumvirn Magistratspersonen auf mehre Jahre er- ! ^ nannt hatten, gingen A. und Octavian im I. 42 nach Macedonien ab, wo die vereinig- ! ten Streitkräfte ihrer Gegner, Brutus und Cassius, ein mächtiges Heer bildeten. Bei Phi- . 4l lippi befehligte A. gegen den Cassius, der sich, als der blutige Kampf unglücklich für ihn ^ ausgefallen war, von einem seiner Sklaven tödten ließ. Auch in der zweiten Schlacht war A. cs vorzüglich, der den Brutus nöthigte, denselben verzwciflungsvollen Entschluß zu >" fassen. Bei dem Anblick des Leichnams zeigte er tiefe Rührung, bedeckte ihn mit seinem st Mantel und ließ ihn ehrenvoll beerdigen. Hierauf ging er nach Griechenland, besuchte zu . de Athen die öffentlichen Schulen und gab dieser noch in ihrem Verfall glänzenden Stadt Be- ^ weisefeinerHochachtung. Von da begab er sich nach Asiens In Cilicien befahl er der Königin st von Ägypten, Kleopatra, sich wegen ihres den Triumvirn missbilligen Betragens zu recht- , 'ft. fertigen. Sie erschien persönlich und wußte ihn zu fesseln. A. folgte ihr nach Alexandrien, Eä wo er in ununterbrochenen Zerstreuungen nicht eher wieder an die Angelegenheiten der Welt is dachte, als bis ihn die Nachricht von den in Italien zwischen seinem Bruder Lucius A., sei- st ner Gemahlin Fulvia und Octavian ausgebrochenen Feindseligkeiten aus seinem Rausche ! st weckten. Es erfolgte ein kurzer Krieg, der noch vor A.'s Ankunft in Italien zu Octavian's ss Gunsten entschieden ward. Der Tod der Fulvia erleichterte die Aussöhnung, welche durch ^ die Vermählung des A. mit Octavia, der Schwester Octavian's, besiegelt ward. Beide machten nun eine neue Theilung des röm. Reichs zu Brundusium im I. 40. A. be- 'ft kam den Orient, Octavian den Occident. Dem schwachen Lepidus wurde zum Schein ^ Afrika zugetheilt und auch dieses ihm im I. 36 genommen. Mit Sextus PompejuS, >" der das Mittelländische Meer beherrschte, ward ein Vertrag geschlossen. Sodann ging A. ^ nach Athen; sein Legat Ventidius war siegreich gegen die Parther. Neue Mishelligkeiten ft zwischen Octavian und A., die diesen im J. 38 bewogen, nach Tarent zu gehen, wurden durch ft,' die Vermittelung der Octavia beigelegt; allein nach seiner Rückkehr nach Äsien ergab er sich 7^ dem schamlosesten Leben, verschwendete, das Interesse des Staats verletzend, Provinzen ! ^ und ganze Reiche an Kleopatra und übte die offenbarsten Ungerechtigkeiten. Nach einem schimpflichen Feldzuge gegen die Parther nahm er im Z. 34 den König von Armenien, Ar- ! tavasdes, den er der Treulosigkeit beschuldigte, durch Verrätherei gefangen und führte ihn Antonius (der Heilige) 399 sich ble ilt, inz be- >ei- A. ard uch m- >ell pr cen itze ick. als )u§ >l0' sen md md ge- 1er ill. er- lig- >hi- ih» var zu em zu öe- gin cht- en, Zelt sei- sch- n's lrch !ide be- ein us, A. ten rch sich zen em »r- ihn im Triumph nach Alexandrien. Octavian versäumte nicht, mit Beziehung auf A.'s Betragen, das Misvergnügen der Römer gegen ihn zu reizen. Der Krieg zwischen beiden Nebenbuhlern ward unvermeidlich, und Bride singen an sich zu rüsten. A. versäumte, unter beständigen Festen, seine wichtigsten Angelegenheiten und füllte die Insel Samos, den Sammelplatz seiner Truppen, mit Musikern, Gauklern und Schwelgern. Von Octavia trennte er sich öffentlich. Dieser Maßregel mußte allgemeine Misbilligung folgen, da der Octavia Edelmuth bekannt und Kleopatra's hochfahrender Sinn allgemein verhaßt war. Endlich erklärte man zu Rom der Königin Ägyptens den Krieg und entsetzte A. seines Con- sulats und seiner Statthalterschaft. Jede Partei sammelte ihre Streitkräfte, und A. verlor im I. 31 in der Seeschlacht bei Actium (s. d.) die Herrschaft der Welt. Er folgte der schimpflich fliehenden Kleopatra. Vergebens harrte seiner das Landheer und unterwarf sich dann dem Sieger. Darauf ging A. nach Libyen, wo ein nicht unbedeutendes, von ihm daselbst zurückgclaffencs Heer seine letzte Hoffnung war. Bei seiner Ankunft mußte er sehen, daß cs die Partei Octavian's ergriffen hatte, und sein Schmerz darüber war so groß, daß man ihn nur mit Mühe am Selbstmord hinderte. Er kehrte nach Ägypten zurück und lebte in der Zurückgezogenheit, bis es der Kleopatra gelang, ihn zu der vorigen Lebensweise zurückzuführen. Ihre Feste wurden durch Octavian's Ankunft unterbrochen, der alle Vorschläge zur Unterwerfung verwarf. Bei seiner Erscheinung vor Alexandrien schien A. den alten Muth wiederzufinden. Er machte einen Ausfall an der Spitze seiner Reiterei und schlug die feindliche zurück; später aber, von der ägypt. Flotte und seinem Heere verlassen, und in dem Argwohne, von Kleopatra selbst verratheu zu sein, verlor er aufs neue den Muth. Er begab sich in den Palast der Königin, um an ihr Rache zu nehmen; sie rettete sich jedoch durch die Flucht und täuschte ihn durch das falsche Gerücht ihres Todes. Entschlossen, ebenfalls zu sterben, stürzte er sich im I. 30 v. Ehr. in sein Schwert. Antonrus, der Heilige oder Große, auch A. von Theben genannt, der Vater des Mönchthums, war um 251 zu Koma bei Heraklea in Oberägypten geboren. Nachdem er sein ganzes Vermögen an die Armen gegeben hatte, ging er 285, uni sich der Andacht zu widmen, als Einsiedler in die ägypt. Wüste. Hier bauten zu Anfänge des 4. Jahrh. mehre der Einsiedler ihre Hütten in die Nähe der seinigen, was man als den Anfang der cönobikischen, d. h. klösterlichen, Lebensart betrachten kann. Im I. 311 kam er nach Alexandrien, um bei der damaligen Christenverfolgung die Ehre des Märtyrerthums zu suchen; da man ihm aber das Leben ließ, kehrte er in die Einsamkeit zurück. Später überließ er die Leitung des bereits mehr und mehr ausgcbildeten Eremitenvereins seinem Schüler Pachomius (s. Klöster) und begab sich mit zwei Freunden in eine noch entlegenere Einöde, wo er 356 starb. Daß er sich nur mit einem härenen Hemde und einem Schaffell bekleidete und seinen Körper niemals reinigte, ist glaublicher als die seltsamen Erzählungen von seinen Teufelskämpfen und Wundern, wie sie Athanasius im Leben desselben beschreibt. Alle seine Schritte zeugen von der Übermacht seiner glühenden Einbildung und seiner dunkeln Gefühle für religiöse Ascetik. Die sieben Briefe und einige andere asketische Schriften, die das Altcrthum ihm beilegt, rühren schwerlich von ihm her. Ebenso wenig ist es erweislich, daß er Mönchsregeln aufgesetzt, und ganz ungegründet, daß er einen Orden gestiftet habe; doch wollen die Mönche der schismatischcn Kirche im Orient, z. B. die Maroniten, Armenier, Jako- biten, Kopten und Abyssinier, dem angeblichen Orden des A. angehören; sie folgen aber nur der Regel des heil. Basilius. In der katholischen Kirche steht A. in sehr hohem Ansehen. Gegen das nach ihm benannte Antonlusfeuer, eine im I I. und 12. Jahrh. wüthende fürchterliche epidemische Krankheit, welche jedes davon befallene Glied dörrte und schwärzte, als wäre es verbrannt, soll das Gebet um seine Fürsprache geholfen haben. Gaston, ein reicher franz. Edelmann, der bei den angeblichen Gebeinen des A. zu St.-Didier-la-Mothc eine solche Cur für seinen Sohn erfleht hatte, stiftete aus Dankbarkeit 1095 zur Pflege der Kranken und Beschützung der Pilger die Hospitalbrüderschaft des heiligen A., deren erster Großmeister er war. Dieser Orden erhielt auf der Kirchenversammlung zu Clermont 1096 die päpstliche Bestätigung, übernahm 1218 die Mönchsgelübde und wurde von Bonifaz VIII. 1298 zu einer Brüderschaft geregelter Chorherren nach der Regel des Augustinus mit der Bestimmung erklärt, daß der Großmeister Abt heißen, zu St.-Didier- . 400 Antonins von Padua Antraigueö la-Mothe scincn Sitz haben und General aller Klöster des Ordens sein sollte. Die Privren der Klöster nannten sich Komthurc, später Präccptorcn und waren dem Abt untergeben. Die Kleidung dieser A n t o n i c r h e r r c n oder A n l o n i a n c r, wie sie nun als Kanonici hießen, war schwarz und mit einem der Form eines 1 sich nähernden Kreuze von blaue», Schmelz auf der Brust ausgezeichnet. Ihre ursprüngliche Bestimmung gaben sie als Chor- Herren auf und widmeten sich dem still beschauenden Andachtslcbcn. Wallfahrten zum Grabe des A. und Schenkungen machten sie reich und verschafften ihrem Orden eine weite Ausbreitung. Ihr Präceptor zu Lichtenburg im sächs. Kurkreise war vor der Kirchcnverbesserung Kanzler der Universität zu Wittenberg. Selbst noch im 18. Jahrh. hatten sic, namentlich in Frankreich, mehre Klöster, von denen aber keins das 19. Jahrh. erlebte. Die St.- Antonsbilder hielt man sonst für Schutzmittel gegen Fcuersbrünste. Antonius von Padua, der Heilige, geb. 15. Aug. 1195 zu Lissabon, von väterlicher Seite verwandt mit Gottfried von Bouillon, war erst Augustiner, wurde dann Schüler des heil. Franz von Assisi und in Folge davon ein thätigerVerbreiter des Franciscaneror- dens, dem er 1220 beigetretcn. Auf einer Bckehrungsreise nach Afrika an die Küsten von Italien verschlagen, predigte er später mit großem Beifall in Montpellier, Toulouse, Bologna und zuPadua, wo er am 13. Juni 1231 starb. DicLegenden über ihn sind voll Märchen; einstimmig rühmen sie sein Talent als Prediger, das so groß gewesen sein soll, dorr selbst die Fische gerührt. Die katholische Kirche, besonders in Portugal und Italien, verehrt ihn als einen ihrer vorzüglichsten Heiligen, unter welche er 1232 von Papst Gregor IX. versetzt wurde. Sein Grabmal befindet sich zu Padua in einer ihm geweihten Kirche und gilt für ein Meisterstück der Bildhauerkunst. Antonomasie ist eine Art von Metonymie (s. d.), vermöge deren man statt der Eigennamen eine bezeichnende Eigenschaft, wie „Der Sohn der Aphrodite" für Amor, „Der Zerstörer Karthagos" für Scipio, oder einen Eigennamen statt eines Gattungsbegriffs seht, z. B. „Ein wahrer Cicero" statt ein Redner. Antraigues (Emanuel Louis HenriDelaunay, Grafd'), ein großer PolitikK, aber sehr zweideutigen Charakters, war in Vivarais im Departement Ardeche um 1765 geboren. Er hatte glänzende Anlagen, die durch seinen Hofmeister, den Abbe Maury, früh ausgebildet wurden. Den ersten Gebrauch seiner Talente machte er in dem „5lemoiro s»r los e'tats-Feiieraux, leurs clroits et la moniere cks les convaguer" (1788), worin der fesselloseste Freiheitssinn, bis zur gänzlichen Verdammung aller monarchischen Staaten und offenbaren Rechtfertigung der Empörung, so kraftvoll ausgesprochen wurde, daß bei der damaligen Gährung der Gcmüther diese Schrift wol mit Recht als einer der ersten Funken betrachtet werden kann, welche die Flamme der franz. Revolution entzündeten. Als er aber 1789 zum Deputaten bei den Rcichsständen ernannt war, vertheidigte er nicht nur die Vorrechte des Erbadels, sondern gehörte auch zu Denjenigen, welche sich der vorgeschlage- nen Vereinigung der drei Stände am heftigsten widersetzten, und erklärte bei den Verhandlungen über eine die Bürgerrechte festsctzende Constitution das Veto des Königs für eine unentbehrliche Stütze der Monarchie. Nachdem er 1790 aus der Versammlung getreten war, übersandte er seinen Bürgereid nur mit Einschränkungen; als Unruhestifter angcklagt, wußte er sich öffentlich zu verthcidigen, ging dann nach Petersburg und Wien mit diplomatischen Aufträgen und wurde nun Vertheidigcr der Monarchie und der Bourbons. Von Rußland 1797 nach Italien gesandt, ward er zu Mailand aufBonaparte's Befehl verhaftet; doch seine Gattin, die berühmte Opernsängerin St.-Huberts, verschaffte ihm Mittel zur Entweichung. Hierauf kehrte er nach Wien, dann nach Rußland zurück, wo ihn Alexander 1803 zumStaatsrath machte und in diplomatischen Angelegenheiten nach Dresden schickte. Hier schrieb er die merkwürdige Schrift gegen Bonapsrte: „broAinent ir le mont Xtllos." Nach Rußland zurückgekehrt, fand er Mittel, Kenntniß von den geheimen Artikeln des tilsiter Friedens zu erhalten, ging damit nach England und thcilte sie dem Ministerium mit, wodurch sein Einfluß so bedeutend wurde, daß Canning in den Frankreich betreffenden Angelegenheiten nichts ohne seine Rath- schläge that. Trotz seiner Anhänglichkeit an die Bourbons gelang es ihm doch nicht, das Vertrauen Ludwig's XVIII. ganz zu gewinnen. Im I. 1812 ward er in einem Dorfe bei Antwerpen 401 London, nebst seiner Gemahlin, durch seinen Bedienten Lorenzo, einen Italiener, ermordet, welcher sich gleich nach der That erschoß. Antwerpen (Antorf, invers), früher die Hauptstadt einer nicderländ. Provinz, die 1814 aus dem vormaligen Marquisat Antwerpen und derHerrschaft Mecheln bestand und während der franz. Herrschaft das Departement der beiden Nethen ausmachte, jetzt die Hauptstadt der gleichnamigen belg. Provinz, welche eine fruchtbare Ebene ohne Berg und Hügel umfassend, 5lVr OM. cinnimmt und 355000 E. hat. Die Stadt liegt am rechten Ufer der Schelde, auf welcher die größten Schiffe mittels acht Hauptkanälen und drei, von Napoleon neu angelegten Bassins bequem an ihre Quais gelangen können. Sie hat 79000 E., eine Akademie der Wissenschaften, eine Maler- und Bildhauerakademie, eine medicinisch-chirurgische Schule, ein Seearsenal und ist der Sitz eines Bischofs. Ihre Fabriken und Manufakturen in Spitzen, Zucker, Bleiweiß, Lackmus, Stöcken, baumwollenen Zeugen, Spitzenzwirn sind sehr ansehnlich, und ihre Nähseide, schwarze Seidenstoffe und Druckerschwärze berühmt. Jährlich werden daselbst drei Messen gehalten; auch hat es seit 1827 eine Disconto-und Zettelbank. Unter den vielen, zum Theil prachtvollen Gebäuden sind besonders merkwürdig der Dom Unser lieben Frauen, dessen Gewölbe auf 125 Säulen ruht, mit dem 390 F. hohen Thurme in der zierlichsten, durchbrochenen goth. Arbeit, mit mehren herrlichen Gemälden, darunter die Kreuzesabnahme und Kreuzeserhöhung, Rubens' größte Meisterstücke; dann die erste und älteste Börse und das Haus der Oosterlingc (die ehemalige Niederlage derHansc). Die Stadt kommt zuerst im 8.Zahrh.vor; doch schon im 11. und 12. Jahrh. zeigen sich Spuren großen Wohlstandes. Vor dem Kriege der Niederländer mit den Spaniern war A. eine bedeutendere Handelsstadt als selbst Amsterdam, dessen Größe im 16. Jahrh. durch den Verfall von A. einen bedeutenden Zuwachs erhielt. Damals war die Schelde stets mit Schiffen aller Nationen bedeckt, und es sollen auf einmal 2500 Schiffe in ihrem Hafen gelegen haben. A. zählte aber auch im 1.1550 über 200000 E. Die Stadt im Zaume zu halten, ließ Alba durch den deutschen Baumeister Franz 1567 die Citadelle anlegen; die Festungswerke hatte die Stadt schon 1540 durch den Italiener Pa- ciotti erhalten. Nach dem Abzüge der Spanier nach Italien kam es 1576 zwischen den deutschen und den ständischen Truppen und den Nachbarn zum Kampfe, in Folge dessen 600 Häuser niedergebrannt und 5000 E.gemordet worden sein sollen; 1577 wurde die Citadelle den empörten Bürgern übergeben, welche die nach der Stadt gerichteten Forts zerstörten, gleichwie sie das in A. aufgestellte Standbild des Herzogs Alba zerschlugen. Das Unternehmen des Herzogs von Alencon im 1.1583, sich der Stadt zu bemächtigen, scheiterte durch den gemeinsamen Widerstand der Bewohner jeden Alters, Standes und Geschlechts und mit Hülfe der in den Straßen vorgezogenen Ketten. Dagegen mußte die Citadelle am l7.Aug. 1585 nach I3monatlicher Belagerung dem Prinzen von Parma, als Statthalter dcr-Niederlande, durch Kapitulation übergeben werden. Durch diese Belagerung bekam verblühende Zustand der Stadt den ersten Stoß; er ward gänzlich vernichtet, als im westfälischen Frieden die Scheldemündungen an Holland kamen. Jm J. 1746 ward die Citadelle durch die Franzosen unter dem Marschall von Sachsen, 1782 durch republikanische Heere Frankreichs, 1793 durch die Ostreicher und im Juli 1794 durch Pichegru erobert. Als die von dem Nationalconvent erklärte Freiheit der Schelde durch den HaagerTractat vom 16. Mai 1795 von der Republik der Niederlande anerkannt-worden war, erhob sich auch A.s Handel aufs neue. Es würde dies noch mehr der Fall gewesen sein, wenn Napoleon nicht den Ort in einen Waffenplatz umgeschaffcn hätte. Lord Chatam's Versuchj im Ang. 1809 A. zu nehmen, die Werke und Schiffe zu zerstören, scheiterte an Bernadotte's Thätigkeit. Im 1.1814 wurde es von Engländern und Sachsen unter Graham blockirt, aber nicht förmlich angegriffen, und dann in Folge des mit dem Grafen von Artois abgeschlossenen Waffenstillstandes von Carnot am 5. Mai übergeben. Die Vereinigung Belgiens mit Holland im 1.1815 war für A.s Handel und Wohlstand von sehr wohlthätigen Folgen. Durch die Revolution im Aug. 1830 ward es an Belgiens Schicksal gefesselt; als die revolutionairc Partei sich der Stadt bemächtigt, zog sich der Commandant General Chusse (s. d.) in die Citadelle zurück. Durch den Mermuth, mit welchem man den Waffenstillstand brach, gereizt, Conv.-Lex. Neunte Äufl. 1. 26 402 AnubiS Anville ließ er am 27. Oct. 1830 die Stadt sieben Stunden bombardiren, wobei das große Lager- Haus nebst 3V andern Häusern und dem Arsenale bis aus den Grund nicdcrbrannten. Glei. ches Unglück bedrohte die Stadt im 1.1632, als Frankreich nnd England zur Erfüllung der 24 Artikel des Tractats vom l 5. Nov. 1831 die Übergabe der von etwa 5000 Holländern be- sehten Citadelle an Belgien mit Gewalt zu bewirken, sich vereinigt hatten, und ein franz. Heer von 50000 Mann unter dem Marschall Gerard in Belgien cinrücktc. Die Belagerung der Citadelle und der davon abhängenden Forts an beiden Scheldeufcrn leitete der General Haxo. In der Nacht vom 29. zum 30. Nov. wurden die Laufgräben eröffnet. Eine zweimalige Auffoderung an den General Chasse, die Citadelle zu übergeben, hatte keinen Erfolg. Auch weigerte sich dieser, die Stadt als neutral mit seinem Feuer zu verschonen, im Fall die Franzosen der Werke der Stadt, namentlich des Forts Montebcllo, sich bedienen sollten, um die Citadelle zu beschießen. Da aber die Franzosen die Außcnwcrke nicht für einen Theil der unmittelbaren Festungswerke der Stadt anerkannten, und von hier ans der Angriff viel leichter war als von der entgegengesetzten Seite, so ward von ihnen beschlossen, die Citadelle vom Fort Montebcllo aus zu beschießen, Chasse aber von der Beschießung der Stadt durch die Drohung abgehalten, daß Holland allen Schaden zu ersetzen habe. Theils aus Unvorsichtigkeit, theils darum, weil der lockere Boden keine sichere Grundlage für das Geschütz darbot, fielen viele Kugeln und Bomben aus den franz. Batterien, die auf der entgegengesetzten Seite errichtet waren, in die Stadt, wodurch nicht nur mehre Häuser beschädigt, sondern auch Menschen getödtet wurden. Nachdem die Franzosen, unter dem fürchterlichsten Feuer aus der Citadelle vorgedrungcn, am 1-1. Dec. das ganz zertrümmerte Fort St.-Laurent genommen und dann durch Breschcbatterien die Citadelle fast zur Ruine zusammengcschosscn hatten, capitulirte Chasse am 23. Dec. Abends zwischen 10 und 11 Uhr, worauf am 24. die Franzosen die Citadelle besetzten. Am 30. Dec. wurde letztere, die Flandrische Schanze und die Forts Burght, Zwyndrecht und Austroweel den belg. Truppen übergeben, die holländ. Truppen aber als Geiseln für die Räumung der Forts Lillo und Liefkcnshoek nach Frankreich abgeführt. (S. Belgie n.) Anübis, ein ägypt. Gott, war ursprünglich nichts als der vergötterte Hund. Anfangs vorzugsweise in Kynopolis und dem kynopolitanischen Nomos verehrt, breitete sich später, als er das astronomische Symbol der Wendekreise oder des Horizonts geworden, und als ihn der Mythus mit den Nationalgottheitcn Osiris und Isis in Verbindung gebracht hatte, seine Verehrung, und mit ihm die des Hundes selbst, über ganz Ägypten aus. Ä. ward nun zum unehelichen Sohne des Osiris und der Nephthys, die er für seine Gemahlin Isis gehalten. Nach dem Tode des Osiris suchte Isis das von seiner Mutter aus Furcht vor dem Typhon ausgesehte Kind auf, erzog es und erhielt an ihm einen Wächter und Begleiter, der die Götter ebenso bewachen soll wie der Hund den Menschen. Daher ward das Bild des A., das theils mit dem goldenen Kopfe des Hundes, theils als völliger Hund dargestellt wurde, in den Tempeln der Isis und des Osiris als Wächter aufgestellt, und Hunde wurden bei Aufzügen zu Ehren der Isis vorausgeführt. Zugleich ward A. auch Führer ins Todtenreich und Wächter der Pforte der Ober- und Unterwelt. Die symbolische Erklärung, daß A. die obere Welt mit der untern, d. h. das Himmlische mit dem Irdischen, verbinde, gehört ebenso wie die Jdentisicirung mit dem griech. Hermes der spätem Zeit des Verfalls der ägypt. Religion an. Der Kultus des Hundes nahm in Ägypten schon früh dadurch sehr ab, daß der Hund zu dem Leichname des Apis, den Kambyses tödten ließ, hinzu trat und davon fraß. Dafür breitete sich mit dem Jsisdienste auch der des A. desto mehr im röm. Reiche aus. Anville (Jean Baptiste Bourguignond'), einer der berühmtesten Geographen und Landkartenzcichner, geb. zu Paris am 11. Juli 1697, hatte sich bereits in einem Älter von 22 Jahren durch seine umfassenden Kenntnisse in der Geographie so vortheilhaft bekannt gemacht, daß er zum königlichen Geographen ernannt wurde. Später erhielt er auch noch die Stelle als Privatsecretair des Herzogs von Orleans, und 1775 ward cr Ädjunct bei derÄka» demie der Wissenschaften. Von Körper sehr zart, erreichte er doch, ungeachtet aller anstrengenden Arbeiten, ein sehr hohes Alter. Er starb am 28. Jan. 1782, nachdem zwei Jahre Anwachsungsrecht Anweisung 403 zuvor seine Kräfte dem Alter gänzlich erlegen. Im Leben sehr einfach und bescheiden, war er beim Tadel doch etwas empfindlich. Von seinen Karten, deren er überhaupt 211 heransgab, erwähnen wir den „^tias general" (Par. 1737—8», gr. Fol-, 46 Karten in 66 Blättern) und den „^tlas »liticiuus Major" (Fol., > 2 Bl.), wozu die „keograpbis ancierme abregee" (3 Bde., Par. 1768) als Text gehört. Ebenso ausgezeichnet, wie die Karten für die alte Zeit, find seine Karten von Gallien, Italien und Griechenland für die mittlere Zeit, und auch seine Karten der neuern Zeit leisten Alles, was die damals vorhandenen Hülfsmittel »erstatteten. Von seinen Schriften führen wir noch die „Ltats tormes ei> Lurvps sprtzs la ckute üe l'empirs roinaiu eil Occiüent" (Par. 1771, 4.; deutsch von Dillinger, Nürnb. 1782 und 1706) und ,,1'raits „6kria .^plitboniana", ein Aufsatz, in welchem eine Sentenz nach einer bestimmten Form s und Eintheilung durchgeführt wird, sonst die gewöhnliche Schulübung für lat. Ausarbeitun- s gen. Seine Schriftfindet sich zuerst in der „6ollectio rbet. xrnec." von Aldus (Ven. 1580), < verbessert in der Sammlung der „Ulietores grseci" von Walz (Bd. I) und ist besonders ) herausgegeben von Peßholdt (Lpz. 1830). i Apiänus (Petrus),eigentlich Bienewitz oder Bennewitz, geb. 1495 in der Gegend von Leißnig in Sachsen, seit 1524 Professor der Mathematik zu Ingolstadt, wo er 1552 , starb, stand als Astronom bei Kaiser Karl V. in hohem Ansehen und ward von diesem nach r manchen andern Gunstbezeigungen nebst seinen Brüdern in den Neichsadelstand erhoben. ; Er wird als ein sehr talentvoller Mann, als vorzüglicher Mechaniker und guter Beobachter ^ in der Astronomie gerühmt. Wir besitzen von ihm eine „Losmogi-splüit" (Landsh. 1524, ^ 4.), ,,.4stronc>inia caesarea" (Jngolst. 1532, Fol.), worin er zuerst die, jedc-ch nicht durch- l weg gültige, Bemerkung gemacht haben soll, daß die Schweife der Kometen der Sonne ent- § gegengesetzt seien, und „Inscriptiooes sscro-ssodae vetustatis" (Jngolst. 1534 mit Holz- ^ schnitten). — Sein Sohn Philipp A., geb. 1531, der ebenfalls als Geograph sich aus- ^ zeichnete, und ihm im Amte zu Ingolstadt folgte, mußte 1568 der Verfolgungen wegen, die ihn als Protestant trafen, flüchten, wurde jedoch dann in Tübingen als Professor der Ma- f thematik wiederangestellt und starb daselbst 1589. Von ihm rühren die berühmten „Bairi- ^ schen Landtafeln" (1566) her, für die ihn der Herzog Albert mit 2500 Dukaten beschenkte. y Apicius (M. Gabius), ein Feinschmecker zu den Zeiten des Augustus und TiberiuS, x führte die leckerste Tafel in Rom und bekundete sein Genie für die Kochkunst durch so bedeutende Erfindungen, daß sein Name zum Sprüchwort wurde, und Schulen von Köchen nach ihm, s sich nannten. Als er sein großes Vermögen bis auf einen Rest von etwa einer halben Million x Gulden erschöpft hatte, nahm er Gift, um nicht, wie er fürchtete, Hungers sterben zu müssen. Außer ihm werden noch zwei Römer dieses Namens als Schlemmer genannt, von denen der ^ eine unter Pompejus, der andere unter Trajan gelebt haben soll. Das Kochbuch in zehn Abtheilungen, „De srts coczuinsriu seu <1s opsoiüis et conllimentis", welches den Namen A.'s trägt, rührt von keinem dieser Drei her, sondern von einem gewissen Cölius, der sich jenen r sprüchwörtlichen Namen beigelegt hat. Es wurde herausgcgeben von Lister (Lond. 1705), c Almeloveen (Amst. 1709) und Bernhold (3. Aufl., Ansb. 1800). Eine „klora^piciuiu^ x schrieb Dierbach (Heidelb. 1831). l Apis, der zu Memphis als Gott verehrte Stier, war ursprünglich ein bloßer Thier- § fetisch, in welchem der Naturdienst der Ägypter später mehre astronomische und physische Erscheinungen symbolisirte. So galt er für einen Repräsentanten der Sonne und auch des ^ < Mondes, sowie des steigenden Nil. Zuletzt wurde er zu einer Jncarnation des befruchtenden ! Osiris. Nach dem Mythus von einer Kuh geboren, die durch einen Strahl vom Himmel, , oder auch vom Mond befruchtet worden war, von schwarzer Farbe, mit einem weißen Viereck ^ ; auf der Stirn, der Figur eines Adlers auf dem Rücken, verschiedenen andern, die Sonne, > > den Mond und den steigenden Nil bezeichnenden Flecken auf andern Theilen des Körpers, mit ^ § zweierlei Haaren am Schweife und einem Knoten in der Gestalt eines Käfers unter der ^ Zunge, ward am Ende Alles an ihm zum Symbol gemacht, scdaß die Ägypter eine ganze - u, n. os ich ;er rlz r-' , ir- -e- ile m m- r§ nd 'i2 ich Ni. ler ch ch- at- lz' is- die te. -S, u- >m on n. >er 'b> ' .'s en >), er- che »es en el, eck ie, nit >er 's- Apobates Apokatastase 411 Astronomie und Physik auf seinem Körper dargestellt fanden. In seinem Tempel zu Memphis ward er aufs kostbarste verpflegt. Hier hatte er unter Anderm zwei Gemächer zur Wohnung, umgeben von Spaziergängen und Tummelplätzen für ihn, sowie von Ställen mit ausgesuchten Kühen, die seinen Harem bildeten, und von einem heiligen Brunnen. Täglich ward er gewaschen, gesalbt und beräuchert. Durch seine Gänge, seine Eßlust, sowie durch Knaben, die um ihn spielten, gab er Orakel. Seine Theophanie, oder das Fest seiner Auffindung, wurde alljährlich mit dem Steigen des Nil sieben Tage lang durch Tänze, Pro- cessioncn u. s. w. gefeiert, und am festlichsten sein Geburtstag begangen. Nur ganz reine Stiere wurden ihm geopfert. Übrigens war ihm eine bestimmte Frist seines Lebens, 25 Jahre (der combinirte Sonnen- und Mondcyklus der Ägypter), gesetzt, nach deren Verlaus er getödtet und in die Tiefe eines geheimen heiligen Brunnens gcsenktward. Starb erzuvor, so ward er öffentlich und feierlich im Tempel des Serapis begraben. Bei seinem Ableben herrschte in ganz Ägypten die größte Trauer, bis der neue Apis gefunden war. War dies geschehen, so ward er in ein gegen Sonnenaufgang gelegenes Haus gebracht, daselbst vier Monate mit Milch genährt, dann zur Zeit des Neumondes in festlichem Zuge nach Nilopvlis geführt, wo er 40 Tage blieb, während welcher Zeit allein Weiber, und zwar nur nackt, ihn sehen durften, und zuletzt in einem prächtigen Schiff unter großen Festlichkeiten nach Memphis gebracht. Apobates, Anabates oder Paräbates hießen im frühesten Alterthume diejenigen Streiter, welche von einem Wagen herab kämpften. Meist waren es nur die Anführer, welche auf diese Weise fochten. Ihre Waffen bestanden in Helm, Brustharnisch, Schild, Lanze, Wurfspieß und Schwert. Zuweilen sprangen sie auch von ihrem Wagen herab und griffen ihren Gegner zu Fuß an. Erst nach dem trojan. Kriege scheint es Sitte geworden zu sein, zu Pferde zu kämpfen. Apocriffarrus hieß am fränkischen Hofe der oberste Geistliche, der zugleich einen großen Theil der früher dem Neferend arius zufallenden Staatsgeschäfte besorgte und die Ober- aufsichtüber die dem Cancellariusuntergeordnete Hoflanzlei führte, gewissermaßen der Minister des geistlichen Departements. Seine Geschäfte gingen nachmals auf den Kanzler über. Apodiktisch heißt eine Erkenntniß, die das Bewußtsein der Nothwendigkeit bei sich führt, das auf der Einsicht in die Unmöglichkeit des Gegentheils beruht. Eine apodiktisch gewisse Erkenntniß kann daher nicht auf Erfahrungsgründen beruhen, da Erfahrung keine Nothwendigkeit begründen kann; sondern sie ist nur im Denken und für das Denken zu erreichen. Ein apodiktischer Beweis heißt ein solcher, welcher das Gegenthcil ausschlicßt. — Apodiktik hat man auch die Wissenschaft von den nothwendigen Grundlagen des Wissens oder von den Bedingungen eines apodiktischen Wissens, die philosophische Grundwissenschaft genannt. Apogäum oder Erdferne heißt im Gegensätze des Perigäum oder der Erdnähe derjenige Punkt der Mondbahn, wo der Mond am weitesten von der Erde entfernt ist. Apokalypse, die Offenbarung desZohannes (s. d.). Apokalyptiker werden in der neuern theologischen Sprache, besonders seit I. A. Bengel (s. d.) und dem Einflüsse seiner Deutungen und Lehren von der Offenbarung des Johannes, diejenigen unter den Theologen und im Volke genannt, welche in diesem Buche die prophetische Enthüllung der zukünftigen Vollendung des Gottesreichs finden. Auch braucht man den Namen zur Bezeichnung neuer und unberufener Propheten und von Schwärmern überhaupt. Apokalyptische Zahl wird die mystische Zahl 666 in der Offenb. Joh. 13, 18. genannt, in welcher die Kirche schon im 2. Jahrh. nach der Zahlbedeutung der griech. oder hebr. Buchstaben den Antichristen angedeutet fand (s. Antichrist), während Andere eine Zeitbestimmung darin ausgedrückt glaubten. Auch verstand man unter der apokalyptischen Zahl die Zahlrcchnung jenes Buches überhaupt, welche von Bengel und seinen Anhängern ganz eigentlich genommen und überaus kunstreich gedeutet, von den freiern Auslegern aber durchgehens für eine runde Zahlbestimmung gehalten wird. Apokatastase, d. i. Wiederherstellung in den vorigen Zustand oder Wiederbringung aller Dinge, ist ein nach Apostelgcsch. 3, 21, in welcher Stelle von dem Glücke der 412 Apokope Apollinaris Gläubigen in dem durch Christi Wiederkehr hergestellten Urzustände, was man damals j in Kurzem erwartete, geredet wird, in die Sprache der Kirche Angeführtes Wort, das aber , in verschiedenem Sinne gebraucht wird. Die älteste Meinung dieser Art war die des Origencs, welcher nur eine allgemeine Läuterung und Wiederherstellung der vernünftigen Wesen an- nahm und dem die Kirche das Dogma von den ewigen Strafen des Satans und der bösen Engel und Menschen entgegensetzte. Wenn Zoh. Wilh. Petersen im Anfänge des 18. Jahrh. eine Wiederherstellung in den Zustand lehrte, den man vor dem Sündenfalle gehabt habe, und der dem ganzen Weltall, der Erde und allen Menschen nach dex Wiederkunft Christi bevorstehe, so lief dies auf Chi liasmus (s. d.) hinaus. Apokope ist eine grammatische Figur, nach welcher am Ende eines Wortes ein Buch. / stabe oder eine Sylbe weggelassen wird, z. B. „ein zitternd Haupt", oder„hätt' er". Apokryphen oderapokryphische Schriften, d.i. verborgene, wurden in der ältesten Kirche nach jüdisch-alexandrin. Sprachgebrauche mehre Schriften, aber in sehr verschiedener Bedeutung genannt. Bald verstand man darunter solche, deren Ursprung und früheste Gestaltunbekannt waren, bald Schriften von geheimem Sinne, bald verwerfliche, bald «berauch nur solche Schriften, welche man nicht im öffentlichen Gebrauche haben zu dürfen meinte. Zn der letzten Bedeutung wurde es seit Hieronymus gewöhnlich, eine Anzahl Schriften so zu nennen, welche durch die alexandrin. Übersetzung unter den Christen verbreitet waren und bald als Anhang des Alten Testaments, bald als eigentlicher Theil desselben gebraucht wurden. Ihnen wurde auch in Luther's Bibelübersetzung dieser Name gelassen und sie dem Alten Testamente beigegeben. Über Anerkenntniß und Gebrauch derselben schwankte die Kirche von jeher; die griech. Kirche schloß sie mit dem Concilium zuLaodicca um 360 aus dem eigentlichen Kanon aus, die lateinische dagegen behielt sie seit dem zu Karthago 397 indem Kanon bei. ZurZeit der Reformation wurden jene Bücher von den Protestanten zum Theil darum verworfen, weil einige Stellen in ihnen für die röm.-katholischc Kirche von besonderm Interesse waren. Das Concilium zu Trient setzte ausdrücklich ihre Anerkenntniß fest und bestätigte die Beschlüsse des zu Karthago. Später fingen indeß auch die Protestanten an, diese Bücher im Cultus und kirchlichen Leben fast ganz den kanonischen gleich zu gebrauchen. In der neuesten Zeit ist die Sache der Apokryphen des Alten Testaments dadurch wieder bedeutend angeregt worden, daß die brit. Bibelgesellschaft die Aufnahme jener Schriften in die zu vcrcheilenden Bibelausgaben mißbilligte und untersagte, während die deutschen Bibelgesellschaften die heil. Schrift nach Luther's Einrichtung zu haben wünschten, der die Apokryphen Bücher nennt, so der heiligen Schrift nicht gleichzuhalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind. Unbefangen erwogen kann man den Apokryphen des Alten Testaments wirklich nicht den Werth und selbst nicht einmal die historische Bedeutung beilegen, welche der Geist der Opposition unter den ^ Protestanten und die ältere katholische Kirche ihnen zuschrieben. Sie sind zum Theil, wie Sirach und Tobias, nach Art der alten Bücher des Kanon, zum Theil aber auch in ganz entgegengesetztem Geiste und Sinne geschrieben, wie das Buch der Weisheit und das erste Buch der Makkabäer, und manche zeigen so viel Spuren einer an Geist und Kraft arm gewordenen ^ Zeit, daß schon Luther mehre gar nicht mit übersetzt hat. Die sogenannten Apokryphen desNeuen Testaments sind theils Schriften, theils Bruchstücke aus den ersten drei Jahrhunderten der Kirche, welche entweder sich den kanonischen des Neuen Testaments an die Seite stellen wollten, oder von Einigen, zum Theil schon in der ältesten Zeit, denselben beigesellt, auch wol vorgezogcn wurden. Am bedeutendsten unter ihnen sind die apokry- phischen Evangelien. Von diesen Apokryphen hat Fabricius eine Sammlung veranstaltet (Hamb. 1719). Eine neue Ausgabe des „6ockex apocr^pllus hat Thilo (Bd. I, Lpz. 1832) begonnen. I Apollinaris der Jüngere, seit 362 Bischof von Laodicea in Syrien, war einer der eifrigsten Gegner des Arianismus. Als Mensch und Gelehrter stand er in großer Achtung und gehörte zu den beliebtesten Schriftstellern seiner Zeit. Nach den alten Kirchenhistorikcrn soll er nebst seinem Vater, A. demAltern, welcher Lehrer der Sprachwissenschaft und Presbyter war, zur Zeit als KaiserJulian den Christen die Erklärung der griech. Klassiker verbot, Nach ahmungen derselben zum Gebrauch für die Christen, z. B. Heldengedichte und Trauerspiele aus historischen Stoffen des Alten Testaments und eine Einkleidung des Neuen Testaments , Apollodor (der Maler) Apollon 413 «als aber ms, an- ngel eine und vor- uch- / esten euer Ge- auch Zn nen- als )ncn lenke die liion Zeit weil Oas des und k die den, ibel- hcil. t,st 'gen elbsr den wie ent- )uch nen hen drei an lben kry- iltet . I, der und ller yter ach kiele nltZ in Platonische Dialogen, verfertigt haben, von denen jedoch nichrs mehr vorhanden ist außer der dichterischen Umschreibung der Psalmen. A. lehrte, daß der Logos in Christo die Stelle der vernünftigen Seele vertreten und demnach Gott sich in ihm mit dem menschlichen Leibe und nur der sinnlichen Seele verbunden habe. Diese Meinung, Apollinarismus genannt, ging davon aus, daß zwei vollständige Naturen sich nicht zu Einem Leben und Bewußtsein vereinigen könnten, und ward seit 375 auf mehren Synoden, unter Anderm auf der allgemeinen Kirchenversammlung zu Konstantinopel im J. 381 , deshalb verworfen, weil Christus nicht erlöst, was er nicht angenommen habe. Inzwischen bildete A. aus seinen Anhängern zu Antiochien eine eigene Gemeinde, zu deren Bischof er Vitalis bestellte; auch verbreiteten sich die Apollinaristen schnell in Syrien und den angrenzenden Ländern, errichteten zu Konstantinopel und anderwärts mehre Gemeinden mit eigenen Bischöfen, zerfielen aber nach des A. Tode, um 382 , in zwei Parteien, deren eine, die Vitalianer, wie sie sich nach ihrem ersten Bischof nannten, den Worten des A. treu blieb, die andere, die Polemianer, die Konsequenz zog, Gott und der Leib Christi sei Eine Substanz geworden und daher das Fleisch göttlich anzubcten, weshalb sie auch Sarkolaträ oder Anthropolaträ, und weil sie eine Vermischung beider Naturen in Christo annahmen, Synusiasten genannt wurden. Verbote des Kaisers schränkten ihre von der katholischen sonst nicht abweichende Neligionsübung 388 und 397 ein, bis sie 428 in den Städten völlig untersagt wurde, worauf sich diese niemals zahlreiche Sekte theils unter die Orthodoxen, theils später unter die Monophysiten verlor. Im Zeitalter der Reformation wurde der Vorwurf des Apollinarismus wechselsweise unter den streitenden Parteien gemacht, den Katholiken wegen ihrer Abendmahlslehre, den Protestanten wegen der Lehre von der Mittheilung der beiden Naturen in Christo. Apollödor, cin gricch. Maler, s. Malerei. Apollödor, ein griech. Grammatiker, etwa um 140 v. Chr., der Sohn des Asklepiades, studirte die Philosophie in Athen unter Panätius, und die Grammatik unter Aristarch. Er hatte ein Werk über die Götter, eine Erdkunde, einen Commentar über Homcr's Schiffsver- zeichniß, Kommentare zu einigen alten Komikern, mehre grammatische Werke und eine Chronik in jambischem Versmaß geschrieben, welcher die nachfolgenden Schriftsteller bei chronologischen Bestimmungen meist folgten. Das mythologische Werk, welches wir unter dem Titel „Bibliothek" angeblich von ihm besitzen, eine Sammlung von Mythen aus Dichtern und Historikern in drei Büchern, ist nach Clavier's Beweisführung wahrscheinlich ein späterer Auszug aus einem größern Werke des A. Auch als solcher ist es für dieKenntniß der griech. Mythologie sehr wichtig, besonders weil viele für uns verloren gegangene Dichter darin be- nutzt sind. Die besten Ausgaben besorgten Heyne (3 Bde., Gött. 1782 — 83 , und 2 Bde. 1803 ), Clavier mit franz. Übers. (2 Bde , Par. 1805 ) und Westermann in den grsplii Araeci" (Braunschw. 1842 ). Apollödor, ein berühmter Baumeister, geb. zu Damaskus, lebte zur Zeit des Kaisers Trajan, der ihm den Bau der Brücke über die Donau in Nicderungarn auftrug. Auch ist er der Erbauer des Forum Trajanum und der darauf befindlichen Säule. Der harte Tadel eines ihm vom Kaiser Hadrian zugesendeten Grundrisses zu einem Tempel der Venus brachte ihm 129 n. Chr. das Todesurtheil. Seine Schrift über Belagerungsmaschinen, „kolinr- ketLu", ist gedruckt in den „Veteres rnutlremuiici" (Par. 1693 , Fol.). Apollon, bei den Römern Apollo, ein griech. Hauvtgott, war der Sohn des Zeus und der Leto (Latona) und Zwillingsbruder der Artemis (Diana). Etwas Näheres über seine Geburt findet man weder bei Homer noch bei Hesiod, sondern erst spätere Schriftsteller erzählen, daß Leto von der eifersüchtigen Here (Juno) umhergetriebcn, ohne gebären zu können, endlich auf der Insel Delos am siebenten Tage des Monats, der deswegen dem Gotte heilig war, den A. zur Welt gebracht habe. Here nämlich hatte alle Länder, welche die schwangere Leto aufnehmen würden, mit Fluch beladen; nur Delos konnte davon nicht betroffen werden, weil cs vor der Geburt des Gottes noch von dem Meere bedeckt war und erst seitdem sichtbar wurde. Bei Homer erscheint A.: I) Als Bogenschütze, der mit seinen Pfeilen rächt und straft. Hieran reihen sich die Erzählungen Späterer, z. B., daß er schon vier Tage nach seiner Geburt den Drachen Python mit seinen Pfeilen erlegt, im Gigantenkriege seinem Vater bcigestanden und mit seiner Schwester Artemis die Kinder der Niobe getödtet habe. 2) Als Gott des Ee- fangs und Saitenspiels. In dieser Eigenschaft unterhielt er die Götter, während sie schmau- stcn, mit seinem Spiel, unterrichtete Andere im Gesang und erfand nach Hesiod und dem Homerischen Hymnus die Phorminx. Auch bestand er als solcher mit Marsyas (s.d.)und Pan (s.d.) Wettkampfe. 3) Als Gott der Weissagung, die er besonders in seinem Orakel zu Delphi (s.d.) übte, und welche Gabe er auch Andern mitzuthcilen vermochte, wie dem Kal- chas (s.d.). 4) AlsHcerdengott (Nomios). Als solcher weidete er im Aufträge des Zeus die Heerdcn des Königs Laomedon am Zda. Besonders aber kommt er in dieser Eigenschaft bei den Später» vor, und hierauf ist auch sein Dienst beiAdmet (s. d.) zu beziehen. Seit den Lyrikern erscheint er 5) als Arzt. Mit ihm als solchem brachte Otfr. Müller das Homerische Work Päeon in Verbindung, da dieTrcnnung dieses besondern Heilgottes von dem A. erst von den Dichtern ausgegangcn sei. Dcr Päan nämlich soll ein uralter Gesang zu Ehren des A. gewesen sein, welchen man vorzugsweise bei dem Aufhören einer Seuche gesungen, und seinen Namen von dem Gott erhalten haben. Als Städtegründer half A. schon bei Homer mit Poseidon Trojas Mauern erbauen, und nach Pausanias unterstützte er den Alkathoos bei der Erbauung von Mcgara. Er selbst gründete unter Anderm Cyrene, Cyzikum und Naxos auf Sicilicn. Diese Eigenschaft des A. hängt mit seiner Weissagungsgabe eng zusammen, indem Gründun- gen neuer Niederlassungen in der Regel in Folge seiner Aussprüche erfolgten. Von spätem Schriftstellern wird A. mit dem Sonnengott oder Helios identificirt, während bei Homer und in der ganzen griech. Volksreligion Helios als besonderer Gott neben ihm besteht, und nach mehren Gelehrten ist die Erscheinung des A. als Sonnengott als die ursprüngliche, aus der sich die übrigen herleiten lassen, anzusehen. Auch das Homerische Phoibos setzt man damit in Verbindung, worin der Begriff des Hellen oder Klaren liegt. Eine Bestätigung davon findet man gewissermaßen in der Mythe von den Hyperboreern und ihrer Verehrung des A. Bei diesen, heißt es, halte er sich auf bis in Griechenland das erste Korn geschnitten werde, dann kehre er mit der vollen, reisen Ähre nach Delphi zurück. Einen noch stärkern Beweis dafür gibt die von mehren Schriftstellern gegebene Erzählung, A. sei mit dem ägyptischen Horus identisch. Jedoch verwirft dieses Otfr. Müller, der überhaupt allen äghpt. Einfluß auf die griech. Götterlehre leugnet, durchaus. Nach ihm ist A. eine rein dorische Gottheit, deren ältester Sitz in Tempe zu suchen, dann kommt Delphi, durch dessen Ansehen er griech. Nationalgotl wird. Die Einführung des Apollo-Cultus in Attika fällt nach demselben mit der Einwanderung der Ionier zusammen. Über die Idee, welche dem ganzen Mythus des Gottes zu Grunde lag, sowie darüber, von wo derselbe ausging, ob von Ägypten oder von dem Norden, läßt sich viel streiten. Letzteres ist allerdings am wahrscheinlichsten. So viel ist gewiß, daß die Griechen den Cultus von andern Völkern erhielten; soll doch nach einer Nachricht bei Pausanias das Orakel zu Delphi selbst von Hyperboreern gegründet worden sein. Äber erst griech. Kunst und Philosophie machten A. zum Ideal vollendeter Humanität. Die berühmtesten Orakelorte desselben waren,-außer Delphi, Abä in Phocis, das Jsmenion in Theben, Delos, Klaras bei Kolophon und Patara in Cilicicn. Auch in Rom fand die Verehrung des A. früh Eingang; schon 430 v. Ehr. wurde ihm ein Tempel errichtet und um 212 v. Ehr. wurden die apollinarischen Spiele eingeführt. Besonders wurde er gefeiert unter den Kaisern. Augustus erbaute ihm nach der Schlacht bei Actium sowol hier als auf dem palatinischen Berge einen Tempel und ordnete die attischen Spiele an. Ihm und seiner Schwester Diana zu Ehren wurden alle hundert Jahre die Imüi seculuras gefeiert. Seine Attribute sind Bogen und Köcher, Kithara und Plectrum, Schlange, Hirtenstab, Greif und Schwan, auf welchem letztem er auch bisweilen reitet, Dreifuß, Lorber und Rabe; seltener Cicade, Hahn, Habicht, Wolf und Ölbaum. Von den Künstlern wird A. in der Regel folgendermaßen dargestellt: Das Gesicht im schönsten Oval, die Stirn hoch, sanft fließender Haarwuchs, auf der Stirn zwei Locken, hinten die Locken aufgebunden, wie bei der Venus und Diana, die Gestalt schlank. Die ältesten Bildsäulen des A. waren aus Holz, und die ersten Verfertiger derselben jedenfalls Kreter. Die schönste unter allen Apollostatuenist der A. von Belvedere in der vatikanischen Sammlung in Nom, als dessen Nachbildung der Apollino von Florenz gilt. Diese Statue ward um das 1.15t>0 zu Nettuno (Äntium) ausgegraben, wohin sie wahrscheinlich Nero aus dem Tempel zu Delphi hatte bringen lassen. Apollonia ist der Name mchrer Städte des Alterthums. Am berühmtesten sind: 8 Apollonius von Perga Apollonius von Tyana 415 I) A. in Jllyricn oder Neu-Epirus, zwei Stunden vom Adriatischen Meere, noch zu den ! Zeiten der Römer wichtig als Sitz der Wissenschaften, jetzt Polonia oder Polina; 2)A. i in Thrazien, an der Küste des Pontus-Euxinus, mit zwei Häfen und einem berühmten Tempel und Koloß des Apollon, das schon unter den Römern in Werfall war und jetzt Si- zeboli heißt; 3) A. in Cyrenaika, das als Hafen von Cyrene diente und zu Pentapolis gehörte, das spätere Sozura und jetzige Marza-Susa, und 4) A. in Palästina, an der Küste des Mittelländischen Meeres, nordwestlich von Sichem, zwischen Joppe und Cäsarea. Apollomus von Perga, in Pamphylien, neben Euklidcs, Archimedes und Dio- phantus einer der Schriftsteller, die wir als die Gründer der mathematischen Wissenschaften betrachten müssen, lebte um 24V v. Chr. und studirte dieMathematik zu Alexan- ' dria unter den Schülern des Euklides. Von seinen vielen mathematischen Schriften, die sich nur in Bruchstücken erhalten haben, ist das Buch „Von den Kegelschnitten" in acht Büchern, von denen nur die vier ersten griech., die übrigen in arab. und lat. Übersetzung erhalten sind, das berühmteste. Es wurde herausgegcben von Gregory und Halley (Oxf. 1710 ) und deutsch bearbeitet von Diesterweg (Lpz. 1822) und Paucker (Lpz. 1837). Apollonius von Rhodus, nach Einigen zu Alexandria, nach Andern zu Naukra- tiS um 230 v. Ehr. geboren, begab sich, da ihn die Eifersucht anderer Gelehrten in seinem Vaterlande unaufhörlich verfolgte, nach Rhodus, wo er die Rhetorik mit so viel Auszeich- . nung lehrte und sich durch seine Schriften so großen Ruhm erwarb, daß die Rhodier ihm ! das Bürgerrecht ertheilten. Später ging er nach Alexandria zurück, um Eratosthenes in der Aufsicht über die Bibliothek dieser Stadt zu ersetzen. Von seinen vielen theils grammatischen, theils episch-historischen Werken besitzen wir blos die „^rAvnanlics", ein Gedicht, das von mehr Gelehrsamkeit und Fleiß als Dichtergenie zeugt, wiewol man einzelnen Stellen > poetische Schönheit nicht absprechen kann. Die Römer bewunderten es; es wurde von P. j Terentius Varro übersetzt, von Virgilius im Einzelnen und von Valerius Flaccus im Ganzen nachgeahmt. Reiche Scholien beweisen, daß es viel gelesen und erklärt wurde. Die Ausgabe von Brunck (Strasb. 1780) ließ von neuem nebst griech. Scholien und eigenen Anmerkungen Schäfer drucken (2 Bde., Lpz. 1810—13). Eine neue Textesrecension besorgte Wellauer (2 Bde., Lpz. 1828), und eine deutsche Übersetzung Willmann (Köln 1832). Vgl. Weichert, „Über das Leben und Gedicht des A." (Meiß. 1821). Apollonius von Tyana, in Kappadocien, gleichzeitig mit Christus lebend und von den Heiden als Wundcrthäter gepriesen, war ein Anhänger der pythagoräiscben Philosophie, im strengem Sinne, die er zu Ägos durch die Priester beim Tempel des Äskulap kennen lernte. Nach des Pythagoras Vorschrift enthielt er sich aller thierischer Nahrung und lebte nur von Früchten und Kräutern, trank keinen Wein, kleidete sich in Zeuge aus Pflan- zenstoffen, ging barfuß und ließ sein Haar wachsen. Nachdem er eine eigene philosophische Schule gebildet, legte er sich ein fünfjähriges Stillschweigen auf. Während dieser Zeit besuchte er auch Pamphylien und Cilicien, später Antiochia und Ephesus. Da seine Schüler sich weigerten, ihm nach Indien zu folgen, wo er die Lehren der Brahminen kennen lernen wollte, machte er sich allein auf; unterwegs jedoch ward ein gewisser Darms aus Ninos oder . Babylon, der ihn für eine Gottheit hielt, sein Begleiter und Neisebeschreiber. Nachdem er sich ! zu Babylon mit den Magiern unterredet hatte, ging er nach Taxclla zu Phraortes, König von Indien, der ihn dem ersten Brahminen empfahl. Nach kurzem Aufenthalte kehrte er »ach Babylon zurück und reiste nach Jonien. Allenthalben ging sein Ruf vor ihm her, und die Einwohner strömten ihm entgegen. Öffentlich warf er dem Volke Trägheit vor und empfahl, nach des Pythagoras Lehre, Gemeinschaft der Güter. Den Ephesern soll er Pest und Erdbeben vorhergesagt haben, was später eintraf. Am Grabe des Achilles brachte er eine Nacht allein zu und gab vor, mit dem Schatten des Helden eine Unterredung gehabt zu haben. Zu Lesbos besprach er sich mit den Priestern des Orpheus, die ihm als einem i Zauberer anfangs die Aufnahme in die heiligen Mysterien verweigerten, einige Jahre spä-- ! ter aber gewährten. Zu Athen empfahl er dem Volke Opfer, Gebete und Sittenverbesserung. Allenthalben, wohin er kam, behauptete er die Zukunft Vorhersagen und Wunder lhun zu können. Endlich kam er auch nach Rom zur Zeit, als auf Befehl des Nero alle Magier aus der Stadt verbannt worden waren. Obschon A. die Überzeugung hatte, daß er um 416 ApollonmS Apologie ter diesen mitbegriffen sei, so hinderte dies ihn doch nicht, mit acht seiner Gefährten dahiu ! zu gehen. Sein Aufenthalt war aber von kurzer Dauer. Er sollte eine junge Frau vom ^ Tode erweckt haben und ward aus der Stadt vertrieben. Hieraus besuchte er Spanien, ging , über Italien nach Griechenland zurück und von da nach Aegypten, wo Vespasian sich seiner zur Befestigung seines Ansehens bediente und ihn wie ein Orakel um Rath fragte, und dann nach Äthiopien. Nach seiner Rückkehr fand er auch bei Titus sehr günstige Aufnahme. Bei Domitian's Thronbesteigung angcklagt, einen Ausstand zu Nerva's Gunsten in Ägypten erregt zu haben, stellte er sich freiwillig vor Gericht und ward freigesprochen. Nachdem er nochmals Griechenland bereist, ließ er sich in Evhcsus nieder, wo er eine Pythagoreische Schule eröffnctc und fast IOV Jahre alt starb. Zu den vielen Wundern, die von ihm erzählt werden, gehört auch, daß er Domitian's Ermordung in dem Augenblicke, als sie ge- ' schah, gewußt und verkündigt habe. Am Ende des 3. Jahrh. wurde er von Hierokles, einem heidnischen Staatsmanne und Christenfeinde, in einer besonder» Schrift Jesu und der evangelischen Geschichte entgegengestellt, wie es auch in neuern Zeiten von Voltaire und Andern geschehen ist. Die Schrift des Hierokles ist verloren gegangen, und wir kennen sie nur aus der Widerlegung des Eusebius. Vgl. Baur, „A. von Tyana und Christus oder das Verhältniß des Pythagoräismus zum Christenthum" (Tüb. 1832). Aus den zerstreuten sehr fabelhasten Nachrichten setzte zu Anfänge des 3. Jahrh. der ältere Philo- st ra tus (s. d.) auf Geheiß der Julia, der Gemahlin des Septimius Severus, das Leben des A. in acht Büchern zusammen, das, so sehr cs auch mit historischen und geographischen Jrrthümern angefüllt ist, doch eine lange Zeit zu Herabsetzung des schon sehr verbreiteten Christenthums dienen mußte. Apollonms hießen auch mehre berühmte griech. Grammatiker und Rhetoren. — A. mit dem Beinamen Dyskolos, d. i. der Murrkopf, aus Alexandria, lebte im 2. Jahrh. n. Chr. Seine Schrift „Über das Pronomen" hat Bckkcr (Berl. 1817) und die „Über die Conjunctionen und Adverbien" derselbe Gelehrte in den „^uscclnt. grsee." (Bd. 2) herMZ- gegeben. — A. der Sophist, aus Alexandria,zurZeitdcsAugustus, ist der Verfasser eines „Lexikon Homerischer Wörter", das Villoison (Par. 1773) und Tollius (Leyd. 1788) Herausgegebenhaben. — A., mit dem Beinamen Molo, Lehrer der Rhetorik zu Nhodus, war von Cicero und Cäsar hochgeschätzt, die ihn zu Rom Härten, wohin er von seinen Mitbürgern geschickt worden war. Apollos oder Apollonms , ein alexandrin. Judenchrist, welcher in der Geschichte des Paulus, ja vielleicht in der ganzen ersten Geschichte der christlichen Kirche eine bedeutende Rolle gespielt hat, trat zuerst zu Ephesus auf (Apostelgesch. 18, 24 fg.) und wird dann vornehmlich im ersten Brief an die Korinther oft genannt. Er scheint die alexan- drinisch-jüdische Philosophie in das apostolische Christenthum verwebt zu haben, und vielleicht hat er zu Ephesus die Logoslehre verkündigt, die sich dann Johannes im Prolog seines Evangeliums aneignete. Zu Korinth nannte sich eine Partei nach ihm, welche ziemlich verächtlich von der Panlinischen Einfachheit gedacht zu haben scheint. Aber nichts davon lag im Sinne des A. selbst; dieser ordnete sich vielmehr durchaus dem Apostel unter, wie er denn Tit. 3, 13. als werther Freund des Paulus erwähnt wird. Apölog, s. Fabel. Apologie, aus dem Griechischen, heißt eine Schutzrede oder Schutzschicht für einer Verleumdeten und Angeschuldigten; so die Apologien des Sokrates (s. d.), welche dem Platon und Lenophon zugeschrieben werden, und die Apologien des Rhetors Libanius, welcher dergleichen zur Übung von seinen Schülern schreiben ließ. Auch wurden solche Schriften Apologien genannt, die Jemand zur Selbstvertheidigung gegen die Angriffe Ändcrer aufsetzle, wohin die bekannte Apologie des Appulejus gehört, in welcher sich derselbe gegen den Vorwurf der Zauberei sicher zu stellen sucht. Besonders wird das Wort gebraucht von den Schutzschriften für das Christenthum in den ersten Jahrhunderten gegen die Einwürfe und ungerechten An- ! schuldigungen seiner Feinde und Gegner; wie die Apologien der sogenannten Apologe- I ten, des Justinus Martyr, des Athenagoras, Tatian, Theophilus, Eusebius, Minucius f Felix, Arnobius, Orosius u. A. N cchdcm das Christenthum durch die röm. Kaiser herrschend geworden war, bedurfte es keiner Schutzschristen mehr. Nur erst als im 15. Jahrh. i Apoueurosen Apostel 417 i ! die Wissenschaften wiedcrcrwachtcn, das Christenthum gegen die Platonische Philosophie > herabgesetzt wurde, und überhaupt, besonders von Italien aus, der Unglaube sich verbrei- ' tete, schrieben Marsilius Ficinus, 1-178, und Joh. Lud. Vives wieder Schriften zur Verthei- digung der Wahrheit der christlichen Religion. Auch als nach der Reformation der Naturalismus und die Freigeisterci, besonders in England, auftauchtcn, erschienen nicht nur viele apologetische Schriften, sondern die Apologie nahm auch die bestimmte Richtung auf den Erweis der Sätze, daß das Christenthum eine göttliche Offenbarung, Christus ein göttlicher Gesandter und seine Kirche ein göttliches Institut sei. Dieses war der Hauptinhalt der damals erscheinenden Apologien. Auch sing man nun erst an, die Vertheidigung des göttlichen ^ Charakters des Christenthums auf wissenschaftliche Grundsätze zurückzuführen, und cs wurde das WortApologetik, besonders durch Planck's und Nösselt's Vorgang, üblich, um die Wissenschaft zu bezeichnen, die Göttlichkeit des Christenthums als übernatürlicher Offenba- rung zu erweisen und gegen Gegner zu verthcidigen. Die Grundlinien einer Apologetik suchte schon der Philosoph Christian von Wolf in den „-4,ct>s ernckitorum" (1707) zu ziehen, und später beschäftigten sich mit der Apologetik, als einer besonder» Wissenschaft, Fabricius, Tzschirner, der eine „Geschichte der Apologetik" (Lpz. 1805) begann, Franke, Sack, Stein,. Strudel und Lechler. Die wichtigsten apologetischen Schriften unter den Protestanten sind die von Grotius, Abbadie, Buttler, Lardner, Leland, Addison, Turretin, Bonnet, Heß, Pfaff, Mosheim, Lilienthak, Nösselt, Leß, Kleuker, Köppcn und mehre der Schriften gegen das „Leben Jesu" von Dav. Fr. Strauß (s. d.); unter den Katholiken verdienen die von Pascal, Hvuteville, Gucne'e, Bergicr, Tob. Mayr und Chateaubriand Erwähnung. Aponeurösen nennt man in der Anatomie Membranen oder Häute, -welche aus fibrösem oder ligamentösem Gewebe gebildet sind und den Muskeln entweder zur Anheftung ! oder zur Umhüllung dienen. Die Umhüllungs-Aponeuroscn, die kiasciae der deutschenAna- I tomie, finden sich vorzüglich an den Extremitäten unmittelbar unter der äußern Haut, haben genau die Form des Gliedes und dienen dazu, die Muskeln, besonders bei ihrer Zusammenziehung, in ihrer Lage zu erhalten. Die Znsertions-Aponcurosen sind eigentlich bandförmige Sehnen, welche sich wie diese an den Enden der Muskeln befinden und dieselben an die Knochen befestigen, oder sie unterbrechen die Kontinuität der Muskelbäuche an verschiedenen Stellen und heften diese zusammen. Das Gewebe der Aponeurosen ist glänzend weiß, ihre Fasern sind bei den Umhüllungs-Aponeuroscn durcheinander verflochten, bei den Jnsertions- Aponeurosen liegen sie dicht nebeneinander, daher diese Häute wenig Ausdehnungsvcrmö- gen besitzen und bei Entzündungen, Anschwellungen u. s. w. bedeutende Schmerzen entstehen. Auch sind sie häufig die Veranlassung von Eitcrsenkungen, da der Eiter sich durch i sie keinen Weg zu bahnen vermag, wenn sie nicht selbst, was allerdings leicht geschieht, bran- ' big und so zerstört werden. > Apophthegma (in der Mehrzahl Apophthegmäta) nennt man einen kurzgefaß- ten kräftigen Sinn- und Denkspruch, so die Sinnsprüche der sogenannten sieben Weisen; da- l her apophthcgmatisch kurz und geistvoll. Apoplexie, s. Schlagfluß. Aporetiker, s. Skeptiker. Aposiopesis, bei den Römern reticentis, heißt in der Poetik und Rhetorik das mit Nachdruck verbundene Abbrechen in der Mitte eines Satzes, wobei man also einen Theil des Gedankens unterdrückt und dem Zuhörer oder Leser zur Ergänzung überläßt. Es geschieht dies, wenn man in der Stärke der Aufwallung den Ausdruck nicht gleich finden kann, oder in dem Augenblicke, wo die Überlegung eintritt und die Besorgniß, etwas Unwürdiges, Anstößiges oder Nachtheiliges zu sagen. Berühmt im Alterthume war die Apo- siopesis in Virgil's Äneide: „Ljuosogo!" entsprechend unscrm „Ich will euch—". Apostasie , d. i. Abtrünnigkeit, nennt man vorzugsweise den Abfall von seinem rcli- ! giösen Glauben, und Apostat Denjenigen, welcher seinen Glauben ändert; doch liegt in ! dem Namen jederzeit etwas Beschimpfendes, weshalb man ihn auch nur in den Fällen gelten i lassen kann, wo niedrig gemeine Rücksichten als Bcwegungsgründe walten. (S. Renegat.) Apostel, d. i. Gesandte, heißen in der christlichen Kirche die zwölf Männer, welch« Conv.-Lex. Neunte Ausl. I. 27 418 Apostel Apostolisch Jesus als seine vertrautesten, in seine Lehre am tiefsten eingeweihten Schüler, zu den vornehm- ^ sten Werkzeugen der Verbreitung des Evangeliums bestimmte. Ihre Namen sind Simon Pe- ! trns, Andreas, Jakobus (der Sohn des Zebedäus), Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus (der Sohn des Alphäus), Lebbäus (Thaddäus), Simon der Kananit und Judas Jschariot. Nur allein Lucas berichtet, daß Jesus selbst, vielleicht mitNück- sicht auf die Schelichin, d. i. die Boten der Synagoge, ihnen den Namen Apostel gegeben habe. Am meisten scheint Paulus in denselben gelegt zu haben. Als wesentliches Merkmal des Apostels galt ihm und dann auch in der christlichen Kirche die unmittelbare Berufung und Einsetzung Christi. Statt des Judas Jschariot wählten die Apostel dann den Matthias, und später kam zu ihnen noch Paulus, als Heidenapostel.,, THeilung der Apostel ^ nennt die Kirche die Trennung derselben, nach welcher sie, der Überlieferung zufolge, sich über die Erde verbreitet haben sollen. Eine Geschichte der Apostel verdanken wir dem Lucas; sie beginnt mit der Himmelfahrt Christi und reicht bis zum I. 62, handelt aber fast nur von den Reisen und Schicksalen des Paulus, weniger des Petrus und Johannes, und läßt die meisten Andern unerwähnt. Die Lebensumstände der meisten Apostel sind daher unbekannt, und was die Kirchenscribenten von ihren angeblichen Reisen erzählen, sind Legenden, entstanden aus dem Streben der früher» Gemeinden, einen Apostel als Gründer nennen zu können. Vgl. Heß, „Geschichte und Schriften der Apostel Jesu" (2 Bde., Zür. 1809— l 0) ^ und Neander, „Geschichte der Pflanzung der Kirche durch die Apostel" (2 Bde., 2. Aufl., Hamb. 1838). Apostel nennt man in der Rechtswissenschaft die Berichte des Unterrichters an de» Oberrichter über eine bei dem erstem anhängigen Rechtssache. Sie kommen gewöhnlich bei cingewendeten Appellationen gegen ein Erkenntniß der untern Instanz vor und sind entweder .^postoli reverentiules (blos refcrirend), oder Vpostoli liilnissoriules (beifällig begutachtend), oder Vpostoli rettitatorius (gegen den Antrag der Appellanten gerichtet). — Vpostoli ! testünoniules heißt das Protokoll eines Notars über eine bei ihm angebrachte Appellation, welches er dem betreffenden äuckex a quo (s. Appellation) zu überreichen hat. Apostclbrüder oder Apostelorden nannte Gherardo Segarelli aus Parma einen Orden ohne Klosterleben, den er zur Nachahmung der Kleidung, Armuth und unsteten Lebensart der ApostelJesuum I260stistete. Bettelnd, predigend, singend zogen sie barfuß in Italien, der Schweiz und Frankreich umher und verkündigten die Ankunft des Himmelreichs und besserer Zeiten; da sie Weiber in ihrem Gefolge hatten, so kamen sie in den Verdacht unsittlicher Vertraulichkeit mit diesen, und Papst Honorius IV. erklärte 1286 ihren Orden für aufgehoben. Obgleich von Inquisitoren verfolgt, trieben sie ihr Wesen selbst dann fort, als Segarelli 1300 als Ketzer verbrannt worden war, und bald fand sich ein anderer Oberapostel, Dolcino aus Mailand, der seine auf 1400 Glieder «»gewachsene Schar mit apokalyptischen Weissagungen tröstete. Seit 1304 immer härter bedrängt, mußten sie aus verschanzten Lagern einen Ver- theidigungskrieg führen, in welchem sie über nothgedrungenen Räubereien, vornehmlich im Mailändischen, ihre erste Bestimmung ganz vergaßen. Von bischöflichen Truppen auf ihrem festen Berge Zebello bei Vercelli überwältigt, wurden sie 1307 fast ganz ausgerottet. Dolcino starb in den Flammen. Neste dieser Apostelbrüder zeigten sich bis 1368 in der Lom- . bardei und im südlichen Frankreich. Ihre Hauptketzerei bestand in Schmähungen auf den ' Papst und die Geistlichkeit. Vgl. Schlosser, „Abälard und Dolcino, Leben eines Schwärmers und eines Philosophen" (Gotha 1807). ^ P08teriürj, s. ^ priori. Apostoliker nannte sich im 12. Jahrh. cin Theil der Katharer am Niederrhein, mit Beziehunssauf das apostolisch einfache Leben, welches sie führten. Apostolisch heißt alles Das, was von den Aposteln herkommt und auf sie Bezug hat, so die von den Aposteln verfaßten Schriften, die frühere christliche Kirche, weil die Apostel ihr Vorständen, und die Lehre der Apostel im Gegensätze zu Christi eigenen Worten, ! ja selbst die päpstliche Negierung, weil der Tradition zufolge der Apostel Petrus sie gegrün- § det haben soll. In entfernterer Beziehung nennt man in Rom die Behörde, welche die j päpstlichen Einkünfte verwaltet, die apostolische Kammer, den Segen, den der Papst j Apostolische Kanonen Apotheke 418 > als Nachfolger Petri erthcilt, den apostolischen Segen, und die Schreiben, welche der ^ Papst erläßt, apostolische Briefe. Apostolische Kanonen und Constitutionen heißen zwei Sammlungen von Kir- chengesctzen, in denen man eine von den Aposteln ausgehende Rechtstradition zu finden meinte. Beide, von der Sage dem Clemens Romanus zugeschrieben, sind nach neuern Untersuchungen das Werk mehrer Verfasser in der Zeit vom 2. bis 5. Zahrh. Die Constitutionen, für kirchliche Verfaffungsgeschichte wichtig, aber nie zu öffentlicher Anerkennung gelangt, umfassen acht Bücher; von den 85 Kanonen, welche die morgenländische Kirche an- nimmt, haben in derrömischen nur 5V rechtliche Geltung erhalten. Vgl. Drey, „Untersu- , chungcn über die Constitutionen und Kanones der Apostel" (Tüb. 1832). l Apostolischer König nannten sich die Könige von Ungarn in Folge dessen, daß Papst Sylvester ll. dem Herzog Stephan I. von Ungarn im I. 1000 den Titel „Apostolisch" beigelegt hatte, weil derselbe nichtnur die christliche Religion in Ungarn sehr beförderte, sondern auch in Nachahmung der Apostel selbst predigte. Clemens Xlll. erneuerte das Andenken dieser Begebenheit, indem er 1758 der Kaiserin-Königin Marie Therefie und ihren Nachfolgern den Titel apostolische Majestät beilegte. Apostolisches Symbolum heißt die älteste kirchliche Glaubensformel, das sogenannte <7ro«io oder der christliche Glaube. Es entstand aus den Taufsymbolen, welche von den frühesten Zeiten her in der Kirche gebräuchlich gewesen waren, unter späterer Hinzu- fügung von Säßen gegen gewisse ketzerische Meinungen. Apostolisch nannte man es, weil im I.Jahrh. die Sage aufkam, daß es von den Aposteln selbst gemeinschaftlich zusammengesetzt worden sei. Diese Sage wurde von Rnfinus in demselben Jahrhundert wiederholt und für die Kirche sestgestellt in der Schrift „Lxpositio in symbolum", in welcher er das Symbol zuerst in einer bestimmtern Form zusammenstellte, da es bis dahin in verschiedenen Ee- ! stalten gebräuchlich gewesen war. Apostolische Väter nennt man diejenigen unmittelbaren Schüler der Apostel, welche Schriften hinterlassen haben. Mit Recht zählt man dazu: Barnabas, Clemens von Nom, Ignatius von Antiochia und Polykarpus von Smyrna; von Papias von Hierapolis und dem Verfasser des „Hirten" dagegen, der sich für den Röm. 16,14 erwähnten Hermas ausgibt, ist es ungewiß, ob sie Apostelschüler gewesen sind. Die Schriften der Apostolischen Väter können nach Form und Inhalt als Fortsetzungen der apostolischen betrachtet werden, obgleich sie diesen an Geist nachstehen; in dogmatischer Hinsicht unbestimmt und einfach, mahnen sie vorzugsweise zu Glauben und Besserung, bevor Christus wiedererscheine. Die beste Collectivausgabe istvo» Cotelier(2 Bde., Par. 1672 und Amst. 1724). Apostoolen, s. Taufgesinnte. Apöstroph, ein Zeichen im Schreiben ('), um theils die Veränderung, die ein Eigenname oder ein Fremdwort durch Flexion erlitten hat, wie ,Reinhard's", „Tzschirners", theils den Wegfall von Vocalen zu Anfang, in der Mitte oder zu Ende, z. B. „wie 's ist", „ew'ger", „hätt' ich", theils endlich die Entstehung eines Wortes durch Zusammenziehung anzudeuten, wie „vor'm" statt „vordem". Man unterscheidet daher den Flcxions-, Aus- lassungs- und Zusammenziehungsapostroph. Apostrophe oder Metabasis ist eine Redefigur, von den Alten darum so genannt, weil der Redner beim Gebrauch derselben sich von dem Richter weg an den Kläger oder Beklagten wendete und diesen anredete. Sie gehört zu den objektiven Redefigurcn, welche die Gegenstände in einem veränderten Verhältnisse vorstellen, und es wird durch sie die directe Darstellung der Form des Dialogs genähert. Im engern Sinne versteht man darunter eine Anrede an Abwesende, als wären sie anwesend, und dann eine Anrede an Lebloses, Empfindungsloses, als hätte es Leben und Empfindung. Die Apostrophe darf ihrer Natur nach nur in einer erhöhten Stimmung angewendet werden, t Apotheke oder Officin, jenes aus dem Griechischen, dieses aus dem Lateinischen I entlehnt, hieß eigentlich ein Waarenlager und wurde erst seit dem 15. Jahrh. in der jetzigen i Benennung gewöhnlich. Zu einer Apotheke gehört 1) der Verkaufsladen oder die eigentliche Apotheke; 2) das Laboratorium, wo dieArzneimittel zubereitet, besonders die chemi- 27 * 420 Apothekcrkuiist Appellation schen Arbeiten, Destillation u. s. w. vorgenommcn werden; 3) der Trockenboden und die Würmstube, zum Trocknen der Gewächse und zur chemischen Zubereitung der Mittel, und endlich 4) das Waarcnlagcr und die Keller, zur gehörigen Aufbewahrung der Vorräthe. — Das Apothekergewicht, auch Nürnberg er Medieinalgewicht genannt, ist fast in ganz Deutschland einerlei; nur das wiener ist etwas schwerer. Ein Gran (6r.j) des ge- wohnlichen Apothckergewichts ist gleich 17'^«/,^ Richtpfennigstheilen des kölner Markge- Wichts und hat ungefähr die Schwere eines Pfefferkorns; 20 Gran machen einen Scrupcl (); 60 Gran oder 3 Scrupel eine Drachme oder ein Quent (Zs); 4 Drachmen eine halbe Unze(zfl) oder ungefähr ein Loch; 8 Drachmen eine Unze (zj); 12 Unzen einApo- thekerpfund, auch A s genannt, welches demnach um ein Viertel leichter ist als das gewöhn- liehe oder bürgerliche Pfund. — Die Apothekertaxe, d. i. die gesetzliche Bestimmung ' der Preise für die Arzneimittel, wurde zuerst unter Kaiser Friedrich II. im I. 1224 gegeben und seit dem l 6. Jahrh. in Europa immer allgemeiner. Der Apotheker ist hinsichtlich des ihm zu gestattenden Gewinns an den einzelnen Artikeln nicht mit dem Kaufmann in eine Linie zu stellen, weil er eine Menge Arzneimittel vorräthig halten muß, die mit der Zeit verderben, und wieder andere, die ihm selbst oft zu thener zu stehen kommen, um noch etwas daran zu gewinnen. Apothekerkunst, s. Pharmacie. Apotheose, d. i. Vergötterung, hieß bei den Alten die Feierlichkeit, durch welche ein Mensch in den Rang der Götter erhoben ward. Der Gebrauch, Sterbliche unter die Götter zu versehen, hat seinen innern Grund in der Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen höchst verdiente Männer; in späterer Zeit in der Schmeichelei gegen die Mächtigen. Er war bei den Griechen sehr alt; vornehmlich waren es bei ihnen Orakelsprüchc, durch welche verdiente Helden nach ihrem Tode vergöttert wurden. Auf ihren Münzen find die meisten Stifter ihrer Co- lonien und Städte vergöttert, und in der Folge eigneten sich sogar lebende Fürsten auf ihren ! Denkmälern den Göttertitel zu. Eins der berühmtesten Kunstwerke ist die Apotheose des Homer, in erhabener Arbeit auf einen: silbernen Becher, abgebildet in Millin's „Kslerie m; tl,o- loFigne" (Nr. 54S) und erklärt in Böltiger's „Kleine Schriften", herausgegeben von Sillig (Bd. 2). Die Römer, die sich dafür des Ausdrucks Consecration bedienten, hatten mehre Jahrhunderte lang nur den Nomulus vergöttert und ahmten die Griechen in dieser Hinsicht erst seit Cäsar und Augustus nach. Hier geschah die Apotheose in der Regel durch Senatsbeschlüsse und war mit großen Feierlichkeiten verbunden. Eine Menge Denkmäler sind noch vorhanden, welche röm. Apotheosen darstellen. Zuletzt waren sic so gemein, daß sie ein Gegenstand der Verspottung wurden. Der christlich-kirchliche Sprachgebrauch vermied dieses Wort für die kirchlichen Begriffe, doch hat Prudentius im 4. Jahrh. ein Gedicht, in welchem er die göttliche Persönlichkeit Christi vertheidigte, mit diesem Namen übcrschrieben. Appell, d. i. Signalruf, wird mit der Trompete oder dem Signalhorn gegeben, um die vorgesendeten Blänker zurückzurufen, oder zum Zeichen, daß eine kriegerische Übung aufhören soll. Auch beim Parlamentiren mit dem Feinde bedient man sich dieses Rufes als eines Friedenszeichens für die Dauer der angeknüpften Unterhandlung. Derselbe Ruf wird von einer in bedrängter Lage sich befindenden Truppe gebraucht, welche keine andere Rettung weiß, als die Waffen zu strecken und deshalb zu capituliren wünscht. Das Nämliche gilt von einer belagerten Festung, welche sich zur Übergabe geneigt zeigt oder dazu aufgefodcrt wird. — Unter Appell versteht man ferner jene unentbehrliche kriegerische Eigenschaft, wenn eine Truppe Auge, Ohr und Sinn für die Befehle und Anordnungen ihrer Vorgesetzten hat, dagegen verdient eine Truppe, in welcher kein Appell herrscht, die sich schlaff, lässig, unaufmerksam bezeigt, den gerechtesten Tadel und wird unfähig zur Erfüllung ihrer Pflichten, besonders vor dem Feinde. Appellation heißt dasjenige ordentliche Rechtsmittel (s. d.), durch welches Jemand gegen eine Verfügung des Unterrichkers aus die Prüfung und Entscheidung der höher» Instanz ! sich berust. Ihre Wirkung besteht hauptsächlich darin, daß durch sie die Rechtssache vor ein zwei- res und zwar höheres Gericht gebracht wird (Devolutiveffect), und daß die Entscheidung des j Unterrichters ihrer Rechtskraft entbunden und deren Vollziehung gehemmt wird (Suspensiv- j effect), welches letztere jedoch particularrechtlich in manchen Fällen Ausnahme erleidet. Die Appellattousgerichte 421 ! regulaire Appellation orckmaria) hat gemeinrechtlich zwar sowol in Civil- als Cri- ! minalsachen statt, allein was letztere betrifft, so wurde sie durch Neichsgefttze beiden ehemaligen Reichsgerichten untersagt und auch die meisten Territorialgesctzgebungcn erkennen sie nicht an. > An ihrer Stelle findet zumeist eine Verthcidigung statt, worauf die Sache an die höhere Instanz ! gelangt; höchstens könnte die Appellation noch bei dem Anklageprocesse (s. Anklage) Vorkommen. Die Appellation in Civilrcchtssachen setzt als Haupterfoderniß die Existenz und Begründung von Beschwerdepunkten bezüglich des Erkenntnisses voraus, gegen welches sie gerichtet ist (Oravamina appeli-ctionis); nächstdcm ist ihre Einwendung und Fortstellung an gewisse Förmlichkeiten und Fristen geknüpft, von denen gegenwärtig mehre, wie das Gesuch um ^ Ertheilung der sogenannten Apostel (s. d.) und die Frist für dessen Einreichung, die Einführung der Appellation bei dem Obergerichte, die Leistung des Appcllationseides, daß man nicht ohne gerechte Ursache appellire u. s. w., particularrechtlich zumeist abgeschafft sind. Nur die Frist zur Einwendung der Appellation, gewöhnlich eine zehntägige (Oecenclmm intei- jinnenllae sppciiationis), in manchen Ländern eine dreißigtägige, steht fest. Das Verfahren auf eingewcndcte Appellation besteht in einem Wechsel von Schriften der Parteien (Seiten des Appellanten, der Deductionsschrift; Seiten des Appcllaten, der Refutationsschrift) und in einem Berichte des ämlex:»<;>>» (sc. sppsllslui), d. h. des Richters, gegen dessen Er- kenntniß appellirt wird, an den äuckex all tpiem (sc. appsllatur), d. h. an den zuständigen Oberlichter. Hierauf erfolgt entweder ein Abschlagsdccret oder eine sofort abändcrnde Verfügung des Letztem, öderes wird die Appellation zur Justisication angenommen, worauf der eigentliche Appellationsproceß beginnt. Letzteres pflegt nur in wichtigen Angelegenheiten zu geschehen. Gegen die Entscheidung der zweiten Instanz steht noch in vielen Fällen eine zweite Berufung oder Obcrappellation an die dritte Instanz frei; doch ist sie zumeist auf den Fall einander cntgegenstchcnder Urthcl, sowie auf Rechtssachen von einer bestimmten ! Größe des Betrags (Summa sppellsbilis) beschränkt, durch welche letztere, wenngleich natürlich in anderer Maße, auch die erste Appellation bedingt zu sein pflegt. Die nicht richtig sogenannte Extrajudicial-Appellation (^ppellatio extraorllmaris) finde-in Fällen statt, wo es sich nicht um eine Verfügung in Justizsachen, sondern um andere richterliche Decrete, insbesondere in Betreff von Acten der freiwilligen Gerichtsbarkeit handelt, z.B., wenn der Richter die Bestätigung eines Vormundes versagt. Sie ist von manchen der Formen und Bedingungen der regulairen Appellation frei. In der Gerichtssprache Englands hatte das Wort App ellation (Appeal) außer der gewöhnlichen Bedeutung sonst noch eine andere. Das engl. Criminalverfahren ist nämlich ein Anklageproceß, in welchem der Ankläger seine Anschuldigung erweisen muß, und der Angeklagte nicht verbunden ist, über seine Handlungen Rede und Antwort zu geben. Die Anklage wird auf Ansuchen des Beschädigten von der Regierung geführt, und der Beschädigte hat auf die Leitung derselben weiter keinen Einfluß, als daß er dem Kronanwalt die Beweismittel liefert. Nächstdcm gab es sonst noch eine andere Art der Appellation, zufolge deren derBeschädigte oder ein Verwandter desselben den Beschädiger, wenn er von den Ge- ^ schworenen freigesprochcn oder vom Könige begnadigt worden war, um von ihmGenug- , thuung zu erlangen, vor die Schranken des Gerichts fodern konnte. Hierbei hieß der Kläger ^ppellor oder Appellant, der Angeklagte Appelle«. Das Recht dieser Privatanklage dauerte ein Jahr, und cs konnte der Freigesprochene bis zum Ablaufe des Jahres in Verhaft gehalten, oder Bürgschaft gefedert werden. Über die Privatanklage richtete gewöhnlich eine zweite Jury, und es fehlt nicht an Beispielen, daß der Ausspruch derselben auf Schuldig gerichtet war, während die erste Jury den Angeklagten freigesprochen hatte. Auch eine Begnadigung war in solchem Falle nicht mehr statthaft. Ein vieles Aufsehen erregender Fall einer solchen Appellation im I. 1818, wo der Angeklagte den Ankläger zum gerichtlichen Zweikampf foderte, gab die Veranlassung, nicht nur den gerichtlichen Zweikampf, sondern überhaupt daganze Recht der Privatanklage abzuschaffen. Es geschah dies 1819 durch den Parlamentsact 59. Georg III., C. 46; es scheint aber dadurch eine wesentliche Lücke in der engl, c Nechtsverfassung entstanden zu sein. f Appellationsgerichte. Erst unter den röm. Kaisern finden wir die Appellation als ein eigentliches Rechtsmittel, wodurch materielle Abänderung eines Urthels erwirkt wer- 422 Appcllationsgerlchte den konnte, während früher, zu den Zeiten der Republik, nur eine Art Jntcrcession des hö. ! Hern Magistrats die Ausführung des verletzenden Erkenntnisses zu hemmen vermochte. Ei- ! gcntliche Gerichte zweiter Instanz gab cs aber noch nicht, die Appellation erging vielmehr nur an den mit einer Hähern obrigkeitlichen Gewalt bekleideten Magistrat oder an den Kaiser selbst. Die german. Verfassungen kannten ursprünglich nichts von einer Appellation an einen ho- Hern Richter, sondern nur wenn der untere Lehnsherr das Recht gänzlich weigerte, konnte die Sache an das Gericht des Hähern, des Königs, gebracht werden, und wenn die Schöffen falsch urthciltcn, konnte ihr Urtheil gescholten werden, wobei der Appellant es nun mit den vorigen Urthcilern und zwar, dem Rechte nach, auf Leben und Tod zu thun hatte. Es war ein großer Schritt zur bessern Ordnung, daß die regelmäßige Prüfung der Urtheile durch einen hö- j Hern Gerichtshof wieder in Gang kam, was in Frankreich durch Ludwig IX. geschah, in Deutschland aber erst durch Errichtung des Neichskammergerichts von 1495 eine geregelte Basis erhielt. Von den grundherrlichen Gerichten ging nun die Appellation an den Hof der Landesherren, welche dafür Gerichtscollegicn, Hofgerichte, Regierungen und Justizkanzleien cinrichtetcn, und von den Hähern landesherrlichen Gerichten an die Reichsgerichte, dasNeichs- kammergericht und den Reichshofrath. Die Neichsstände suchten sich zwar dieser Unterordnung ihrer Gerichte unter die Reichsgerichte möglichst zu entziehen, Ostreich machte sich gleich vom Anfang an von der gerichtlichen Gewalt des Reichs gänzlich frei, und die Kurfürsten sollten es vermöge alter Vorrechte gleichfalls sein; allein cs waren nun einmal drei Stufen des Rcchtsprechens grundgesetzlich, und Diejenigen, welche nicht Gerichte der dritten Instanz oder Oberappcllationsgerichte anordnen wollten, mußten sich die Appellation an die Reichsgerichte gefallen lassen und konnten nur durch kaiserliches Privilegium (Lrivile^ium <1e non uppel- lanüo) die Appellationsfreiheit erlangen. Solche wurde auch andern Reichsständcn ertheilt, welche eigene oberste Gerichte errichteten, wie Schweden zu Wismar, Hannover zu Celle, Hessen-Kassel u. s. w., oder dafür die Actenversendung an auswärtige Spruchcollegicn einführten. Die langsamen Formen bei den Reichsgerichten und andere Mängel der Reichsjustiz gaben diesen isolircnden Bestrebungen Popularität, obgleich der Grundsatz, daß zu gänzlicher Beendigung eines Rechtsstreits drei gleichlautende Erkenntnisse erfoderlich seien, die Processe ins Unendliche verzögerte, und der Mangel eines einzigen seine Wirksamkeit über alle deutsche Lande verbreitenden höchsten Gerichts der Ausbildung der deutschen Nechtsverfassung höchst nachtheilig war. Die Auflösung des Deutschen Reichs vermehrte in den kleinern Staaten die Verwirrung, und es ist eine der wohltätigsten Bestimmungen der Deutschen Bundesactc, daß die Aufstellung dreier Instanzen zu einem Grundgesetze aller einzelnen Staaten erhoben und zugleich dafür gesorgt worden ist, daß nicht die kleinern Staaten, d. h. solche, welche noch nicht 39V9VV E- zählten, für sich allein unvollständige Einrichtungen machen konnten, sondern daß sie sich die Verpflichtung gefallen ließen, gemeinschaftliche Oberappcllationsgerichte zu errichten. Freilich fanden diese in der Ausführung manche Schwierigkeit, indem man die Unterordnung der bisherigen obern Landesgerichte unter ein wenigstens zum Theil fremdes Gericht und die Neuerungen in der bisherigen Justizverfassung so sehr als möglich zu beschränken suchte. Solche gemeinschaftliche höchste Gerichte sind: l) für Braunschweig, Wal- j deck, Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe zu Wolfenbüttel, eröffnet am 2. Jan. 1816 s (Gerichtsordnung vom 16. Sept. 1835); 2) für Sachsen-Weimar-Eisenach, die übrigen herzoglich sächs. und die fürstlich reußischen Lande zuJena, eröffnet aml.Jan. 1817 (Provisorische Gerichtsordnung vom 8. Oct. 1816); 3) für die herzoglich anhalt. und fürstlich schwarz- burg. Lande zu Zerbst, eröffnet am 14. Oct. 1817 (Gerichtsordnung vom 8. Sept. 1817); 1 ) für Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, eröffnet am l.Oct. 1818 (Gerichts- ordnung vom l. Juli 1818); 5) für die vier freien Städte zu Lübeck, seit 1820, mit wechselndem Direktorium unter den vier Städten (Provisorische Gerichtsordnung vom 7. Juli ! I82V, definitiv vom 29. Aug. 1831). DieFürsteuthümcr Hohenzollern, welche seit 181 8 zu dem großherzoglich Hess. Oberappellationsgericht zu Darmstadt gehörten, haben sich 1825 an ! das würtemberg. Obertribunal zu Stuttgart, und das Fürstcnthum Liechtenstein hat sich an das > Appellativnsgcricht zu Jnnspruck angeschlossen. Merkwürdig ist in der Verfassung dieser ! Gerichte die große Beschränkung oder gänzliche Ausnahme der Criminalsachcn, in welchen I nicht nur wichtigere Rechte der Bürger auf dem Spiele stehen, sondern eine gleichförmige ! Appenzell 423 Rechtspflege nach unveränderliche» Grundsätzen fast noch nothwendigcr ist als in Civil- sachen. Interessant ist auch die Verschiedenheit der Appellationssumme, d. i. des Wcr- khes, welchen ein Proceß betreffen muß, wenn eine Appellation zulässig sein soll. Nur Sachscn-Hildburghausen läßt alle Sachen, ohne auf den Werth zu sehen, an das Ober appellationsgericht zu Jena gelangen; in den übrigen Ländern steigt die AppellationS- summe von 100 bis auf 500 Thlr. So ist, nachdem 1834 auch die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg ein Oberappellationsgericht zu Kiel erhalten haben, abgesehen von einigen Verschiedenheiten in den Benennungen und Proceßformcn, die Ee- i richtsverfassung in ganz Deutschland gleichförmig der Regel nach in drei Instanzen j eingerichtet. AuS dem Großherzogthum Luxemburg gehen die Appellationen nach Lüttich. Ostreich hat Appellationsgerichte zu Wien, Klagenfurt, Fiume, Prag, Brünn, Lcm- berg, Zara, Innsbruck, Mailand, Venedig, und eine oberste Justizstelle zu Wien. Ungarn und Siebenbürgen haben besondere Gerichtsverfassung. In Altpreußen bestehen für die untere Instanz Ämter, Stadtgerichte, Kreisgerichte und Patrimonialgerichte; die zweite Instanz bilden die >5 Oberlandesgerichte zu Königsberg, Insterburg, Marien- werdcr, Frankfurt, Stettin, Köslin, Breslau, Glogau, Nakibor, Magdeburg, Halberstadt, Naumburg, Münster, Paderborn, Kleve und das Kammergericht zu Berlin; für die dritte Instanz ist in der Regel das Geheime Obertribunal zu Berlin, doch wird die Wirksamkeit dieses Gerichts für Erhaltung der Einheit in der Nechtsverwaltung dadurch sehr beeinträchtigt, daß viele Revisionen häufig von einem Oberlandesgericht an das andere gehen. Die preuß. Rheinlande haben noch die franz. Gerichtsverfassung, und für diese ist statt des franz. Cassationsgerichts durch die Verordnung vom 20. Juli 1819 ein Revisionshof zu Berlin eingerichtet worden. Das Großherzogthum Posen erhielt durch Verordnung vom 9. Jan. 1817 eine eigene Gerichtsverfassung. Baiern hat acht Appellationsgerichte zu München, Passau, Amberg, Neuburg, Ansbach, Bamberg, Würzburg und Zweibrücken, welches letztere zugleich die dritte Instanz für die Pfalz bildet, wo franz. Gerichtsverfassung gilt, und ein Oberappellationsgericht zu München. In Sachsen bestehen seit 1835 vier Bezirksappellationsgerichte zu Dresden, Leipzig, Zwickau und Bautzen, und ein Oberappellationsgericht zu Dresden. Würtemberg hat als zweite Instanz vier Kreisgerichtshöfe, als dritte das Obertribunal zu Stuttgart. In Baden urtheilen als zweite Instanz vier Hvfgerichte zu Manheim, Rastadt, Freiburg und Konstanz, und als dritte das Oberhofgericht zu Manheim. In Hannover bestehen als Obergerichte Justizkanzleien zu Hannover, Celle, Güttingen, Osnabrück, Stade und Hildesheim und das Oberappellationsgericht zu Celle. Im Großherzvgthum Hessen bestehen Hofgerichte zu Darmstadt und Gießen und ein Oberappcllations- und Cas- sationsgericht zu Darmstadt. Das Kurfürstenkhum Hessen hat vier Obergcrichte zu Kassel, Fulda, Marburg und Rinteln und ein Oberappellationsgericht zu Kassel. In Nheinhessen mit franz. Gerichtsverfassung geht der Recurs vom Obergericht zu Mainz an das Cassationsgericht zu Darmstadt. Die Oberappellationsgerichte der einzelnen Bundesstaaten vertreten zugleich, nach Wahl der Parteien in jedem einzelnen Falle, die Stelle eines Bundesgerichts für die Streitigkeiten der BundesgGeder untereinander. In Frankreich finden nur zwei eigentliche Instanzen statt, die Tribunale erster Instanz (Kreis- und Landgerichte) und die Appellationsgerichke (Oours roz-sles, d. i. Hofgerichte), welche an die Stelle der alten Parlamente getreten sind. Für das ganze Reich besteht das Cassations-Hofgericht, welches blos über Nichtigkeitsbeschwerden zu urtheilen hat und sehr viel dazu beiträgt, in der Rechtspflege Einheit zu erhalten. Appenzell (^bbstis cells), der 13. Canton der Schweiz, ein ganz von St.-Galle» umgrenztes Eebirgsland, ungefähr 7 OM. groß, mit etwa 51000 E., zerfaRt in den rcfor- mirtenHalbcanton Außerrhoden (5'/-OM., mit etwa 40000 E.) und den katholischen Halb- canton Jnnerrhoden. Hauptorte sind Appenzell, mit 3000 E-, Trogen, mit 2500 E., Herisau (s. d.) undGais, der berühmte Molkencurort, sowie der Weiler Stoß, w» 1405 die Appenzeller die Östreicher schlugen. Die Bewohner treiben Alpcnwirthschaft und eine sehr ausgedehnte Industrie; die letztere jedoch hauptsächlich im reformirten Theile. Im I. >829 ward die Verfassung von Jnnerrhoden und >834 die von Außerrhvdcn revidirt, 424 Appetit Appiani ohne daß in beiden die alten reindemokratischen Grundformen wesentlich verändert worden ! wären. Die höchste Gewalt übt die Landsgemcinde aller ehr- und wehrhaften, über l 8 Jahre ^ alten Landleutc aus. Daran schließt sich als nächste Behörde in Außerrhoden ein zweifacher Landrath, sodann ein Großer Rath, zwei Kleine Näthe u. s. w. „Hauptleut' und Räche" , sind die Gemeindevorsteher, die von den „Kirchhören", d. i. den Versammlungen alter stimmfähigen Gcmeindsgenosscn und Beisassen, gewählt werden. Die „Ehcgäumer", bestehend ans deni Ortspfarrer und den beiden Hauptlcuten, bilden in jeder„Gcmeinde eine Art Sittcngericht, besonders in Ehestrcitigkeitcn, Unsittlichkeiten u. dgl. Ähnlich sind die Verhältnisse in Jnncrrhvdcn. Eigenthümlich ist die völlige Vermischung aller Gewalten, der Zusammenhang und die Verschlingung mehrer Behörden, das Verbot aller Advocatur in Rechtshändeln, die halbjährige Ernenerungswahl der Geistlichen durch die reformierten ' Gemeinden u. s. w. Ä. gehörte zu den Kammergütcrn der fränk. Könige, welche Ziese und Nutzungen an das Stift St.-Gallen vergaben, bis im.14. Jahrh. sämmtliche Bewohner St.- gallische Gottcshausleute wurden. Der Druck der Äbte erzeugte zu Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrh. einen Aufstand, und die Siege der tapfcrn Bergbewohner beim Dorfe Speicher am Stoß, am Häuptlinsberg und an der Wolfshalde gabenA. die Unabhängigkeit. Es verband sich 1452 zuerst mit sieben Cantonen und hierauf 1513 mit der gesammten Eidgenossenschaft. Nach langen Zwistigkeiten in Folge der Reformation, ward A. 1597 durch eidgenössisches Schiedsgericht in die beiden politisch und konfessionell geschiedenen und völlig voneinander unabhängigen Landesthcile getrennt, die jedoch auf der Tagsaßung, nach den Bestimmungen des Staatsvertrags vom Apr. 1817 nur eine gemeinschaftliche Stimme führen. Das Votum des Standes A. ruht, sobald sich die beiden Halbcantone über eine gleichlautende Instruction ihrer Tagsatzungsgesandten nicht vereinigen können, was in con- sessionellen Angelegenheiten, wie neuerdings in der aargauischen Klostersache, nicht selten der Fall ist. Vgl. Hahn, „Beschreibung des Cantvns A." (Hcilbr. 1827), Rüsch, „Der Can- > tonA., historisch, geographisch nnd statistisch" (St.-Gallen 1835) und Zcllwcger, „Geschichte des appenzcllischen Volks nebst Urkunden" (4 Bde., Trogen 1830—34). Appetit, im Deutschen ausschließlich von dem Begehren der Speisen oder der Eßlufl gebraucht, unterscheidet sich von dem Hunger dadurch, daß er stets auf bestimmte, den Geschmacksnerven angenehme Speisen gerichtet ist, während der Hunger nur das Bedürfniß nach eßbaren Dingen überhaupt ohne besondere Wahl und Rücksicht auf den Geschmack ausdrückt. Wie andere Empfindungen, so kann auch der Appetit sich auf krankhafte Weise äußern; häufig wird er gestört und oft gänzlich vernichtet, bisweilen äußert er sich auch durch ungestümes Begehren bestimmter Speisen, oder auch solcher Dinge, welche eigentlich gar nicht genossen werden. Eine ganz besondere Erscheinung sind die Gelüste oder das Sehnen der Frauen während der Schwangerschaft. Es ist aber ein solches scheinbar widernatürliches Begehren, welches man pica, malacis oder cissa nennt,-bisweilen ein ganz natürliches und ein Zeichen des zur Thätigkeit erwachten Jnstincts, des inner» Arztes im Menschen, so z. D. wenn Kinder, welche an Magcnsäure leiden, nach Kreide und Kalk verlangen, oder Leute von galliger Constitution nach sauren Dingen Appetit haben. Appiäni (Andrea), der Maler der Grazien, wie ihn seine Zeit nannte, gcb. zu Mailand am 23. Mai 1754, aus einer alten adeligen Familie, zeigte von früher Jugendan Neigung und Anlage zur Malerei. Seine Armuth zwang ihn bei Dekorationsmalern zu arbeiten, wodurch er jedoch Gelegenheit erhielt, die anatomischen und Zeichenschulen zu besuchen. Die Geschäfte seiner Brotherren führten ihn von Stadt zu Stadt. ZuParma, Bologna und Florenz konnte er längere Zeit die Werke großer Meister studircn und sich einen eigenen Stil bilden. Er besuchte Rom dreimal, um immer tiefer in das beinahe gänzlich verlorene Geheimniß Nafael'schcr Freskomalerei einzudringen, und bald übertraf er in diesem Kunstzwcige alle lebende Maler in Italien. Seine Kunst bewies er vorzüglich in der Kuppel der Kirche Santa-Maria di S.-Celso in Mailand und in den Wand- und Deckengemälden, welche er für den Statthalter Erzherzog Ferdinand in dessen Landhause 1795 ausführte. Napoleon ernannte ihn zu seinem Hofmaler, und A. malte in der Folge beinahe die ganze kaiserliche Familie, sowie mehre franz. Generale, Minister u. s. w. Seine schönsten Werke sind die Deckengemälde im königlichen Palaste zu Mailand, bestellend in Allegorien auS AppianuS Appius 425 ^ und auf Napoleon's Leben, und sein Apollon mit den Musen in der Villa Bonaparte. Fast alle Paläste Mailands haben Frescoarbeiten von ihm. Der Fall Napoleon's wirkte aus A.'s Verhältnisse sehr nachtheilig; er starb am 8. Nov. 1817 in beschränkten Umständen. Man rühmt an seinen Werken die Reinheit der Zeichnung und die Anmuth der Farbe, weniger jedoch die Energie und Tiefe des Ausdrucks. Appiänus, aus Alexandria, anfangs Sachwalter zu Rom, dann Verwalter der kaiserlichen Einkünfte unter Trajan, Hadrian und Antoninus Pius, schrieb in gricch. Sprache eine röm. Geschichte von den ältesten Zeiten an bis aufAugustus, in 24 Büchern, von denen aber nur ein geringer Theil auf uns gekommen ist. Er erzählt die Begebenheiten ethnographisch nach den Kriegen der Römer mit den verschiedenen Ländern bis zu ihrer Vereinigung mit ' Rom, z. B. mit Spanien, mit Hannibal und die übrigen panischen, mit Makedonien u. s. w. Von den Büchern über die Bürgerkriege Roms sind nur die fünf ersten erhalten. Seine Sprache ist ungeschminkt, bisweilen sogar trocken; seine Darstellung der Begebenheiten zeugt im Ganzen von Wahrheitsliebe, obschon im Einzelnen eine gewisse Parteilichkeit für Nom sich nicht verkennen läßt. Die ältesten Ausgaben von Karl und Nob. Stephanus (Par. 1551), Heinr. Stephanus (Par. 1557) enthalten nicht alle vorhandene Bücher. Die besteAusgabe besorgte Schwcighäuser (3 Bde., Lpz. 1785), den man mit Recht den Wiederherstcller dieses Schriftstellers nennen kann, und eine deutsche Übersetzung Dillenius (15 Bdchcn., Stuttg. 1828) und Zeiß (Lpz. 1837). Applsche Straße, die von Nom aus der Porta Capena nach Capua führende älteste und berühmteste Straße der Römer, wurde von Appius Claudius Cäcus angelegt, als er 313 v. Chr. Ccnsor war. Erst weit später ward sie bis Brundusium geführt. Auf einem vortrefflichen Unterbau war sie mit sehr harten, sechseckigen, genau ineinander gefügten Stei ncn (zum großen Theil Lava) gepflastert, und man kann noch gegenwärtig, besonders bei j Terracina, an den bedeutenden Resten derselben ihre treffliche Bauart erkennen. Appius (Claudius Crassus), röm. Decemvir 451 — 449 v. Chr., aus dem angesehenen patrieischcn Geschlecht« der Claudier, wurde, als er im I. 451 v. Chr. zum zweiten Male Consul war, unter die Dccemvirn gewählt, welchen die Ausführung des Gcsetzvorschlags des Tribuns Terentillus Arsa, daß Gesetze über das öffentliche undPri- vatrccht für Rom entworfen würden (s. Zwölftafelgesetz e), übertragen und denen zu- gleich statt der gewöhnlichen Magistrate die höchste Gewalt im Staate auf ein Jahr gegeben ward. Als nach dem ersten Jahre die Gewalt dieser Staatsbehörde noch um ein Jahr verlängert wurde, war A. der Einzige, dem es durch seinen Einfluß auf die Volkshäupter gelang, ; wieder gewählt zu werden. Widergesetzlich führten die Decemvirn dieses Jahres, an deren Spitze A. stand, ihrAmt auch in dem drittenJahre (449) fort. Im gedachten Jahre machten die Aquer und Sabiner einen Raubzug in das röm. Gebiet. Die Decemvirn warben Truppen und zogen den Feinden entgegen; nur A. und Oppius waren mit zwei Legionen in Nom geblieben, um die unrechtmäßigerweise sehr ausgedehnte Macht der Decemvirn aufrecht zu erhalten, als ein unerwartetes Ereigniß sie stürzte. A. hatte die heftigste Leidenschaft zu Virginia, der Tochter des L. Virginius, eines angesehenen Plebejers, gefaßt, di« dem früher» Volkstribun Jcilius verlobt war. Die Abwesenheit ihres Vaters, der sich bei dem Heere be- E fand, benutzte A., seinen verbrecherischen Plan auszuführcn und Virginia in seine Gewalt zu bringen. Einer seiner Clienten, M. Claudius, ward angcstellt, vorzugeben, Virginia sei die Tochter einer ihm eigenen Sklavin und von der kinderlosen Ehefrau des Virginius untergeschoben. Auf dem Wege zur Schule ergriff er sie, und als das Volk sich ihrer annahm, federte er sie sogleich vor A.'s Nichtcrstuhl, welcher entschied, daß die angebliche Sklavin einstweilen ihrem Herrn folgen solle. Darauf enthüllten Numitorius, ihr Oheim, und Jcilius, ihr Verlobter, die verbrecherischen Absichten des A. Da ein Aufruhr auszubrechen drohte, gab der Decemvir nach und ließ Virginia in den Händen ihrer Familie, erklärte aber, daß er am folgenden Tage sein Urthcil sprechen werde. Virginius, von Numitorius und Jcilius herbei- i gerufen, erschien auf dem Forum nebst seiner Tochter in Traucrklcidern. Trotz der Vcrsi- j cherungcn und Bitten des Vaters befahl Ä., im Vertrauen auf die Zahl seiner Bewaffneten, dennoch dem Claudius, sich ihrer als seiner Sklavin zu bemächtigen. Da bat Virginius den Decemvir um die Erlaubnis, nochmals die Wärterin in Virginia's eigener Gegenwart befra- ^26 Appluatur Appropriatiousclausel gen zu dürfen, um sich wenigstens zu seiner Beruhigung, wie er sagte, von dem bisherige,. Jrrlhum zu überzeugen. A. willigte ein. Darauf umarmte der unglückliche Vater seine Tochter zärtlich, ergriff plötzlich das Messer eines in der Nähe befindlichen Fleischersund stieß es der Jungfrau in die Brust. A. befahl ihn zu ergreifen, aber Virginius entfloh ins Lager. Die Senatoren Valerius und Horatius, welche das Decemvirat haßten, riefen das durch den Anblick des Leichnams empörte Volk zur Rache auf, und A. konnte den Aufruhr nur durch Zusammenberufung des Senats stillen. Inzwischen hatte Virginius das Heer zur Rache aufgcrufcn und kehrte mit ihm nach Nom zurück. Die Decemvirn sahen ein, daß sie ihre Macht nicht länger behaupten konnten, und legten sie nieder, und der Senat beschloß 449 v. Chr. die Wiederherstellung des Tribunats und Consulats. A. starb im Gefängniß, wie Livius sagt, durch seine eigene Hand; nach Dionys von Halikarnaß ließen ihn die Tri- bunen erdrosseln. Auch Oppius, der als sein Mitschuldiger angeklagt war, entleibte sich; ihre übrigen Amtsgcnossen entgingen der Anklage durch freiwillige Verbannung. Claudius ward, da er nur als Werkzeug des Tyrannen gedient hatte, nach Tibur verwiesen. Den Tod der Virginia hat Alfieri als Trauerspiel behandelt, und Lessing ist durch die Geschichte desselben zur Dichtung seiner „Emilia Galotti" veranlaßt worden. Applicatur, s. Fingersetzung. äppoKüMo, d. i. angelehnt, bezeichnet in der Musik, namentlich beim Gesang, den tragenden, bindenden Vortrag, der die Töne ohne fühlbare Lücke ineinander verschmelzt. Appogiatnr ist demnach im Wesentlichen gleichbedeutend mit Lortamento; gewöhnlich aber versteht man darunter ein zu gesteigertem Ausdruck stark hervortrctendes Portament. Appretur heißt in der Technologie Alles, was mit den gewebten Maaren nach dem Weben und nach dem Färben im Drucken vorgenommen wird, um ihnen Glanz oder überhaupt das erwünschte Ansehen und den gehörigen Grad der Steifigkeit zu ertheilen. - Es gehören also dahin die Arbeiten des Waschens und Trocknens, das Noppen, Walken, Rauhen, Scheeren, Bürsten und Sengen, das Glätten durch Mangen, Calander, Schlagmühlen und Pressen, das Stärken und Decatiren. Im gewöhnlichen Leben wird häufig unter Appretur allein das Stärken und Glätten des Gewebes verstanden. Zu allen diesen Arbeiten, deren größter Theil blos bei den wollenen Waaren vorkommt, hat die neuere Industrie ganz besondere Maschinen. Durch eine gute Appretur lassen sich viele Mängel der Waare verdecken und einer geringen Waare das Ansehen einer guten geben. In der vorzüglichen Appretur liegt es zum Theil, daß die an sich viel geringere Waare der Engländer gesuchter ist als gute deutsche Waare. Häufig verschwindet der durch Appretur erzeugte Schein beim Gebrauche bald; aber es ist auch gewiß, daß eine richtige Appretur zur Haltbarkeit und besonders zum sogenannten guten Tragen der Zeuge sehr viel beitragen kann. Approchen, s. Laufgräben. Appropriationsclausel wird diejenige Bestimmung in den irischen Kirchenreform- und Zehntenbills genannt, welche das Recht des Staats, den Überschuß im Einkommen der bischöflichen anglicanischen Kirche in Irland zu andern als hochkirchlichen Zwecken zu verwenden, ausspricht, also das Recht der Aneignung (appropristion) des überschüssigen Kir- chencinkommens zu Staatszweckcn. Zuerst kam diese Clausel aufs parlamentarische Feld in der irischen Kirchenreformbill, welche Lord Althorp als Kanzler der Schatzkammer imJum l 833 dem Unterhause vorlegte. Das Unterhaus nahm diese Clausel an, das Oberhaus verwarf sie aber, und die Bill ging am Ende, da das Unterhaus sich diese Verwerfung gefallen ließ, ohne dieselbe durch. Als im Mai 1834 die Mehrheit der Minister, in Folge einer, jedoch beseitigten, Motion des Nadicalen Ward im Untcrhause auf Verminderung der anglicanischen Geistlichkeit, in Irland und Anwendung des Princips der Appropriation auf die sich dabei ergebenden Überschüsse, die Niedersetzung einer Parlamentscommission zur Untersuchung des Kirchen- und Erziehungswesens in Irland guthieß, so bewirkte dieser Umstand den Austritt der damit nicht übereinstimmenden Minorität des Ministerraths, des Herzogs von Richmond, des Grafen Ripon, des Lords Stanley und des Sir James Graham. AlS dann Sir Robert Peel während seines kurzen Zwischenministcriums im März 1835 eine irische Zehntenbill ohne Appropriationsclausel vor das Unterhaus brachte, war es die auf Lord John Nusscll's Antrag geschehene Annahme dieser Clausel durch das Unterhaus, wo- i ! Approximation Appnlejns 427 ^ nach die bei der irischen Zehntenrcform auSzumirtelndcn Überschüsse zur Volkserziehung in Irland ohne Unterschied der Religion angewcndct werden sollten, welche den Sturz des damaligen Toryministeriums bewirkte. Hierauf brachte im Juni desselben Jahres der damalige Staatssecretair fürJrland, Lord Morpeth, wieder eine irischeZehntenbill vor das Unterhaus, in welcher festgesetzt war, daß die Überschüsse des hochkirchlichcn Einkommens in Irland zur Verbesserung des öffentlichen Unterrichts daselbst verwendet werden sollten. Das Ünterhaus nahm diese Klausel an, das Oberhaus verwarf sie jedoch, und das Ministerium ließ deshalb die ganze Bill fallen. Dasselbe Schicksal hatte die Bill mit sammt der Klausel, als sie l836 von Lord Morpeth zum zweiten Male vor das Parlament gebracht wurde. Im Mai kam die > irische Zehntenbill zum dritten Mal vor das Parlament, wiederum mit dem Grundsatz der Appropriation, der jedoch diesmal dahin bestimmt war, daß eine Steuer von zehn Procent vom Ertrage der Zehnten erhoben und zur Verbesserung des Schulwesens in Irland verwendet werden solle. Allein der am 2N. Juni erfolgte Tod König Wilhelm's IV. und die dadurch nöthig gewordene Auflösung desParlaments machten, daß die Bill schon in der Geburt starb, und unter der Negierung der Königin Victoria unterließ es das Whigministerium ganz, sie wieder in Vorschlag zu bringen, da es keine Aussicht hatte, sie mit der Appropriationsclau- > scl, die für das Oberhaus zur Ehrensache geworden war, im demselben durchgehen zu lassen. Approximation , d. h. Annäherung, ein in der Mathematik viel gebrauchter Aus- ! druck, bezeichnet eine solche Angabe des Werthes einer Größe, welche zwar nicht völlig oder absolut genau ist, aber doch dem wahren Werthe mehr oder weniger nahe kommt. Unter den beinahe unübersehbaren Zahlen der logarithmischen und trigonometrischen Tafeln sind sehr wenige ganz richtig oder vollständig bekannt, alle übrigen sind nur genähert richtig, und doch beruhen auf ihnen alle die Berechnungen des Himmels und der Erde. Die Planctentafeln, ^ die Sternkataloge, ja fast alle Zahlenbestimmungen der Astronomie sind nichts als Annä- ^ Herungen. Einer der erhabensten Theile der Sternkunde, die Theorie der gegenseitigen Per- turbationen der Planeten, ist nur aus solchen fragmentarischen Annäherungen zusammenge- setzt. Selbst in der rein theoretischen Mathematik gibt es große Partien, wo wir uns blos mit Annäherungen begnügen müssen. Eine große Anzahl Differentialausdrücke kann man nur durch Reihen oder durch Näherung integriren. Alle sogenannten irrationalen Größen vermögen wir nur annähernd, aber nicht völlig genau anzugeben. Die Auflösung der Gleichungen, dieser wichtige Theil der Mathematik, ist noch in ihrer Kindheit; so viel sich auch die ersten Mathematiker aller Zeiten bemüht haben, sie zu fördern, so können wir schon dis Gleichungen des fünften Grades nicht mehr auflösen, und wir müßten einen großen Theil der mathematischen Üntersuchungen ganz aufgeben, wenn wir uns nicht mit einer genäherten Auflösung der numerischen Gleichungen zufriedenstellen wollten. Appulejus (A. Lucius), fälschlich Apulejus, geb. zu Madaura in Afrika von angesehenen Altern zwischen 126 — 132 n. Ehr, studirte zu Karthago, machte sich daraufzu Athen mit der griech. Literatur, vorzüglich mit der Platonischen Philosophie, vertraut, und ging von da nach Nom, wo er, ohne eines Lehrers Hülfe, mit unendlicher Anstrengung die lat. Sprache erlernte und einige Zeit die Geschäfte eines Sachwalters verrichtete. Die Erb- . schaft nach dem Tode seines Vaters setzte ihn in den Stand, große Reisen zu machen, auf welchen er sich in die verschiedenen Mysterien einweihen ließ. Arm kehrte er in sein Vaterland zurück, wo er eine reiche Witwe heirathete. Von deren Verwandten angeklagt, die Heirath durch Zauberet zu Stande gebracht zu haben, vertheidigte er sich öffentlich gegen diesen Vorwurf in der noch vorhandenen „Vpolog'm" und ward freigesprochen. Er war ein feuriger, rastlos thätigec und mit Witz begabter Mann, den jedoch eine entschiedene Richtung zur Mystik und Magic hinderte, sich vollkommen auszubilden, und erst später lenkte er von diesen Irrwegen ein. Sein „Goldener Esel" ein Roman in elf Büchern, wozu er den Stoff aus dem Lucian schöpfte, ist reich an Poesie, Witz, Laune und satirischem Gehalt, der Jugend aber nicht zu empfehlen. Höchst merkwürdig ist darin die Episode von Amor und Psyche, die Herder den zartesten und vielseitigsten Roman nennt, der je erdacht worden. Durch sie allein würde des l Verfassers Andenken unvergänglich sein, wäre er auch, wie Viele behaupten, nur Übcrlieferer. ' Außerdem schrieb er mehre philosophische und oratorische Werke, deren einige auch auf uns gekommen sind. Seine Schreibart ist nicht rein; er liebt gehäufte Beiwörter, sonderbare 428 April Aqnäduct Zusammenstellungen und fällt zuweilen in Blümelei und Schwulst. Die Hauptausgabcn ! seiner sämmtlichen Werke sind von Oudcndorp und Ruhnken, vollendet von Bosscha (3 Bde. Lcyd. 1786 — t 823) und von Hildcbrand (Lpz. 1832). Eine sehr gute Handausgabe be- ' sorgte Klotz (2 Bde., Altcnb. 1778). Der „Goldene Esel" wurde von Rode ins Deutsche übersetzt (2 Bde., Dess. 17 83). April, nach dem Julianischcn Kalender der vierte, nach dem röm. der zweite Monat, hat, wie nach Ovid angenommen wird, seinen Namen von »porire, d. i. öffnen, weil mit dem zweiten Monate in Italien das Frühjahr begann. Karl der Große nannte ihn Ostermonat; in Holland heißt er Grasmonat. Der noch jetzt nicht untergegangene Scherz des Aprilschicke ns wird gewöhnlich als eine Nachahmung des spottvollen Hin- und Herschickens Christi von Hannas zu Kaiphas, von Pilatus zu Herodcs angesehen, weil im Mittelalter am Osterfeste, welches für gewöhnlich in den April fällt, auch diese Scene aufgeführt wurde, möchte aber wol eher der Rest eines alten heidnischen Festes sein. Bekannt ist die Veränderlichkeit des Aprilwettcrs, daher man auch von Aprillaunen spricht. ^ priüri etwas einschen oder beweisen heißt solches aus innern Gründen thun, da hingegen eine Einsicht oder ein Beweis u posteriori sich blos auf die wahrgenommene Erfahrung gründet. (S. Beweis.) Apsiden nennt man die äußersten Punkte der Bahnen der Planeten und Kometen, l wo sie der Sonne am nächsten (s. Perihelium ) oder von ihr am entferntesten (s. Aphc - lium) sind. Auch in der Bahn eines Mondes oder Nebenplaneten werden diejenigen Punkte, wo er seinem Hauptplaneten am nächsten steht oder von ihm am weitesten absteht, Apsiden genannt, und zwar in der Bahn des Erdmondes insbesondere Perigäum (s. d.) und Apogäum (s. d.). Die gerade Linie, welche die Apsiden verbindet, die große Achse der Ellipse, heißt die Apsidenlinie; sie bewegt sich in der Richtung des Planetcnlaust > oder von Westen nach Osten langsam vorwärts. Wenn die Erde daher irgend einmal vom ^ Punkte des Aphelium ausgegangcn ist, so muß sie eine Minute zwei Secunden mehr als 366 Grade ihrer Bahn machen, um wieder dahin zu gelangen. Die Zeit, die sie dazu gebraucht, heißt ein anomalistisches Jahr (s. d.). Besonders stark ist die Bewegung der Apsiden in der Mondsbahn. Newton erkannte ihren Grund in derAnziehung, welche die Sonne auf den Mond äußert; erst Clairaut, Euler, d'Alcmbert und Laplace haben dies über allen Zweifel erhoben. Apulien, ein Thcil des alten Japygien, nach Japyx, dem Sohne des Dädalus, so genannt, umfaßte den südöstlichen Theil Italiens bis zum Vorgebirge Leuca und zugleich die äußerste Halbinsel Calabrien. Hier wohnten in den ältesten Zeiten drei verschiedene Völker : die Mcfsapier oder Sallentiner, die Peucctier und die Daunier oder Apuler. Die Peucetier wohnten südlich bis an den Aufidus; die Daunier nördlich bis an den Garganus. Altlateinische Sagen erzählten von einem Könige der Apuler, Daunus, der, aus Jllyrien vertrieben, sich in diesem Theile Italiens niedcrließ. Da nach später« Sagen die Helden des trojanischen Krieges auf ihren Irrfahrten auch nach Italien gekommen sein sollten, so ließ man zu ihm den AtolerDiomedcs kommen, der, im Kriege mit den Messapiern von Daunus unterstützt, dann um die Früchte des Siegs betrogen und getödtet wurde. Die alten Namen hat nur die röm. Dichtkunst beibehalten. Die Geschichte der Römer nennt uns keine Könige der Apuler - mehr; als bedeutende Städte aber werden Arpe, Luceria und Canusium erwähnt. Den Fluß Aufidus hat Horaz, der zu Venusia in Apulien geboren war, verherrlicht. Der zweite puni- sche Krieg wurde Jahre lang in Apulien geführt, und Cannä durch die Niederlage der Römer berühmt. Das heutige Apuglia bildet eine Abtheilung des Königreichs Neapel und zerfällt in die Provinzen Molise, Capitanata, Terra di Bari und Terra di Otranto mit den Hauptstädten Tarent, Otranto und Brindisi. Das Land ist sehr entvölkert und bietet einen traurigen Überrest der alten Größe und Herrlichkeit dar, welche durch Geschichte und Dichtkunst verherrlicht wurden. Vgl. Tvmmasini (Westphal's) „Spaziergang durch Calabrien und A." (Konstanz 1828). Aqua Binelli ist eine ngch dem Erfinder benannte blutstillende Flüssigkeit, deren Zusammensetzung noch nicht hinreichend bekannt ist. ! Aqnäduct, d. i. Wasserleitung, nannten die Römer einen Bau, vermöge dessen das Wasser von einem Orte zum andern geleitet wird. Aquäducte bauten schon Sesostris in Aquarell Aquatinta 429 ! Ägypten, Scmiramis in Babylon und Salomo und Hiskia unter den Israeliten. Die groß- ! ten Werke dieser Art aber haben die Römer ausgeführt, und die Überreste derselben gehören ' zum Thcil zu den bewunderungswürdigsten Denkmälern der röm. Baukunst. Mit ungc> heuern Kosten leiteten sie das Wasser oft 30, 40 und mehr deutsche Meilen in gemauerten Kanälen nach den Städten. Diese Kanäle, mit wenigen Ausnahmen, von Backsteinen er- baut, zogen gleich Brücken, aufArcaden und Bogen gespannt, über Thäler, Seen und Flüsse, oder durchbrachen Bergs und Felsen. Noch in ihren Trümmern erregen sie unsere Bewunderung, und keine Nation hat ähnliche Denkmäler des Kunstflcißes und der Liebe zu dem Vatcrlande aufzuwciscn; denn die meisten jener Aquäducte waren das Werk röm. Bürger, ! die dadurch ihrem Vaterlande nützen und ihren Namen auf die Nachwelt bringen wollten. , In Rom allein gab es 20 Aquäducte, die, wie Vigeriuß in seinem Buche „De rsAionilins „r- bis Romas" berichtet, täglich über 100 Mill. Maß Wasser nach der Stadt führten. Der Consul Frontinus, der uns ein Werk über die Aquäducte der Stadt Nom hintcrlassen hat, führte während der Regierung des Kaisers Nerva die Aufsicht über diese Wasserleitungen und ließ neun solcher Aquäducte bauen, welche zusammen 13504 Röhren hatten. Der Aquäduct von Metz, von welchem noch beträchtliche Ruinen übrig sind, der von Scgovia in Spanien und viele andere in den entferntesten Provinzen sind von solcher Ausdehnung, daß , sie, in unfern Zeiten erbaut, den Reichthum eines ganzen Volks erschöpfen würden. — In der Anatomie belegt man mit dem Namen Aquäduct eine Höhle im Gehirn und mehre im Innern des Ohres. Aquarell, s. Wasserfarben. Aquatinta heißt Knpferstechcn in getuschter Manier, wodurch man besonders Zeichnungen in Tusche, Bister, Sepia u. s. w. glücklich nachahmt. Die Ausführung geschieht auf ! verschiedene Weise. Nach der einen Art wird die Platte, nachdem vorher die Umrisse auf ^ derselben radirt und eingeätzt sind, mit feinem gepulverten Mastix oder Kolophonium über- sicbt und dann über Kohlen gewärmt, damit der Mastix auf der Platte anschmelzc. In Folge dieses entstehen zwischen jedem Mastixkörnchen unmcrkliche Zwischenräume, auf welche hernach das Scheidewasser wirken muß. Bei der Arbeit selbst wird wie bei der Schwarzkunst verfahren, nur daß man bei dieser den Schaber, bei jener den Pinsel braucht, und mit einem schwarzgefärbten Deckfirniß, den das Scheidewasser nicht angrcift, alle Lichtparticn deckt. Das höchste Licht wird zuerst gedeckt, und dann die Platte geätzt, so lange es für den schwächsten Ton der Schattenpartien nöthig ist. Alsdann wird durch alle im Originale befindliche Abstufungen so lange fortgefahren, bis am Ende nichts auf der ganzen Platte übrigbleibt als die stärksten Schatten, welche man zuletzt ätzt. Diese Manier ist die beste für historische und architektonische Gegenstände, bei Landschaften hingegen, wo der Baumschlag mehr Freiheit des Pinsels erfodert, ist eine andere Art vortheilhafter anzuwenden. Es wird nämlich die Platte, wie beim Nadiren, mit einem guten Ätzgrund überzogen; dann arbeitet man mittels des Pinsels mit Spik- oderTerpenthinöl, dem etwas Lampenruß zugesetzt wird, auf die grundirte Platte wie auf Papier. Das Ol erweicht den Ätzgrund, welcher sich mit einer seinen Leinwand abwischcn läßt, worauf alle mit dem Pinsel gemachte Striche im Ku- , pfer zum Vorschein kommen. Hierauf wird die Platte, wie bei der ersten Art, mit einem feinen Mastix übersiebt, angeschmolzen und dann geätzt. Dieses Verfahren kann, je nachdem im Original mehr oder weniger Tinten sind, mehrmals wiederholt werden. Durch eine glückliche Vereinigung beider Arten läßt sich die Harmonie in dieser Manier bis zu einem hohen Grade steigern, und vorzüglich bei der Lust, wo oft große Flächen von derselben Tinte Vorkommen, ist die erste neben der zweiten von der besten Wirkung. Zn Frankreich und in der Schweiz bedient man sich hierzu der Roulette, eines stählernen, auf seiner Oberfläche rauhen Rädchens oder Wälzchens mit mehren Erhöhungen, welches, wenn es auf der Platte hin- und hergerollt wird, die Vertiefungen darin hervorbringt. Man hat solche Roulettes von allen Graden der Größe und Feinheit oder Stärke in Hinsicht der Erhöhungen, um bald tiefer, bald flacher in die Platte zu drücken. Von Zeit zu Zeit nimmt man mit einem Schaber i das herausgegrabcnc Korn hinweg. Anders werden die engl. Aquatintablättcr gearbeitet Hier wird die Platte, wie bei der Schwarzkunst, über und über rauh gemacht, die höchste» Lichter mit dem Schaber und Grabstahl herausgehoben und die Platte mit Scheidewasser 430 Aqua Tofana Äquator geätzt, welches man mit einem Elaspinsel rufträgt. Offenbar eignet sich die geätzte Manie, ^ besser zu den tiefsten Schatten und den großen Massen, die Roulette hingegen besser zu den i Halb- und kleinen Schatten und den verkommenden Schrafsirungen. Erst in neuerer Zeit ' ist die Aquatintamanicr in England und Deutschland aufgekommcn. Aqua Tofäna oder Toffana, auch Acquctta di Napoli, di Perugia ode- dellaToffa genannt, heißt ein Gifttrank, der zu Ende des 17. Jahrh. in Neapel außer- ordentliches Aufsehen machte, dessen Geschichte aber nocy ziemlich dunkel ist. Eine Sicili»- nenn Tofana, welche zuerst zu Palermo lebte, nachher, als die Obrigkeit auf sie aufmerksam ward, nach Neapel flüchtete, soll Erfinderin dieses Trankes sein und ihn an junge Frauen verkauft haben, welche gern andere Männer haben wollten. Zur großer» Täuschung nannte , sie denselben Manna v on St.-Nicolas v on Bari, aus dessen Grabe der Aberglaube ein für viele Krankheiten wunderthätiges Öl hervorfließen ließ. Nachdem durch ihren Trank mehre hundert Menschen denTod gefunden hatten, ward sie 1709, ungeachtet es ihr gelang, in ein Kloster zu flüchten, eingezogen, gefoltert und nach Einiger Nachricht erdrosselt. Andere dagegen versichern, daß sie noch 17 30 im Kerker gelebt habe. Gewöhnlich wird die Aqua Tofana als ein klares, färb-, geschmack-und geruchloses Wasser beschrieben, wovon fünf bis sechs Tropft» hinreichend waren, denTod zu geben, der langsam, ohne Schmerzen, Entzündungen, Zuckungen oder Fieber, unter allmäliger Abnahme der Kräfte, Lebensüberdruß, Mangel an Eßlust und beständigem Durst erfolgte. Daß man den Tag des Todes vorher habe bestimmen können, ist unstreitig Fabel. Als neueres Beispiel einer Vergiftung durch Aqua Tofana wird der Tod des Papstes Clemens XIV. angeführt. Von der Bereitung dieses Giftes erzählt man die wunderlichsten Märchen; so soll der Geifer rasender oder gewaltsam, z. B. durch fortgesetzten Kitzel, aufgeregter Menschen ein wesentlicher Bestandtheil sein. Garclli, erster Leibarzt Karl's VI., wollte aus dem Munde des Kaisers selbst, dem die Acten des Protestes der ^ Verbrecherin vorgelegt wurden, gehört haben, daß Tofana nichts Anderes sei, als eine wäs- ! serige Auflösung des krystallisirten Arseniks mit einem Zusatze von Herba tü^mbslsriae; so erzählt wenigstens F. Hoffman», der einen Brief Garelli's über diese Sache erhalten zu haben vorgab. Auf dasselbe Resultat wurden auch Andere bei ihren Untersuchungen geführt. Nach Ozanam, welcher die neuesten Nachforschungen über dieses Gift in Italien selbst anstellte, führte auch eine Bleizuckerauflösung und eine Flüssigkeit, die durch Destillation von Kanthariden mit Wasser und Alkohol entsteht, den Namen Aqua Tofana. Äquator heißt so viel als Gleicher. Der h i m m l i s ch e Ä q u a t o r ober Äquinoktialkreis ist derjenige größte Kreis der Himmelskugel, auf dessen Ebene die Weltachse senkrecht steht, der mithin von den Weltpolen als den Endpunkten der Weltachse überall um 90 Grad absteht. Er theilt die Himmelskugel in die nördliche und südliche Halbkugel, ist zur Hälfte über, zur Hälfte unter dem Horizonte und schneidet den Horizont in zwei entgegengesetzten Punkten, welche Osten oder Morgenpunkt und Westen oder Abendpunkt heißen. Alle im Äquator stehende Sterne, z. B. der westlichste Stern im Gürtel des Orion, beschreiben überall auf der Erde am Himmel einen Halbkreis und verweilen zwölf Stunden über und ebenso lange unter dem Horizonte. Wenn daher die Sonne im Äquator steht, was im Lauft eines Jahres zweimal der Fall ist (s. Äquinoctium), so sind Tag,und Nacht ein- - ander gleich, und zwar, überall auf der ganzen Erd«. Daher der Name Äquator. Der Erdäquatvr, auch Äquinoctiallinie oder von den Schiffern schlechthin die Linie genannt, daher der Ausdruck: die Linie passiren, ist derjenige größte Kreis der Erdkugel, auf dessen Ebene die Erdachse senkrecht steht, und welcher mithin von beiden Endpunkten derselben, den Erdpolen, überall gleichweit, nämlich 90 Grad, absteht. Er theilt die Erdkugel in zwei Halbkugeln, die nördliche und südliche, und durchschneidet das mittlere Afrika, ferner im Süden von Asien die Inseln Sumatra, Borneo, Celebes und die Molukken, in Südamerika die Republik Ecuador und das nördliche Brasilien, außerdem den Indischen, den Stillen und den Atlantischen Ocean. Die Ebene des Erdäquators fällt zusammen mit der des Himmels- äquators, daher geht den Bewohnern derjenigen Orte, die unter dem Äquator liegen, der Himmelsäquator durch das Zenith und steht mithin auf ihrem Horizonte senkrecht, „wie alle mit ihm parallelen Kreise der Himmclskugel (Parallelkreise), welche auch gleich dem Äquator z x r d d n r s. d I » li 8 § c> k, g st dl le hl di S' a U di fl ei hl r li h Z 8 L i> st n Z d st > l, ' ? eit ' )e- er- ia- un MI »te , ibe ml lg, ere ni ro- Zu- ust m, wd die ge- !ib- der ^ >äs- ! st zu >rt. rn- 0N al- cht ad ste rn im en nd im in- - >er it, m en ib- en rie nd is- ier ll- or Aquaviva Äquinoktium 431 zur Hälfte über, zur Hälfte unter dem Horizonte liegen. Hieraus folgt ferner, daß für die Bewohner jener Gegenden im ganzen Jahre Tag und Nacht gleich sind und jeder Stern immer zwölf Stunden über und dann ebenso lange unter dem Horizonte verweilt. Die Kürze der Tage trägt dazu bei, die Hitze, die sonst dort unerträglich sein müßte, weil die Strahlen der Sonne fast immer genau oder beinahe senkrecht auffallen, einigermaßen zu mildern, wie- wol die Kälte der Nächte mit der Tageshitze einen oft unangenehmen Contrast bilden mag. Übrigens sind die unter dem Äquator liegenden Gegenden die einzigen auf der Erde, denen sämmtliche Fixsterne der ganzen Himmelskugel zu Gesicht kommen; die Weltpole erscheinen dort beide am Horizont, während sonst überall auf der Erde nur einer sichtbar ist. Die Äquatorhöheist der Winkel, welchen der Äquator mit dem Horizont bildet und wird gemessen durch denjenigen Bogen des Meridians, der zwischen dem Äquator und dem Horizont liegt; sie ergänzt die Polhöhe, welche der geographischen Breite eines Orts gleich ist, zu 00 Grad oder zu einem rechten Winkel und ist mithin gleich dem Abstande des Pols vom Zenith. Zn Leipzig z. B. ist die Äquatorhöhe ungefähr 38° 10^ und die Polhöhe 51° 20^. Äquavrva, General derIesuiten (s. d.). AstUtla, früher Amiternum, der Geburtsort des Geschichtschreibers Sallustius, die Hauptstadt der neapolitan. Provinz Abruzzo ulteriore II. im Gebirge des Apennin, am PeS- cara, mit 10000 E-, ist als Vereinigungspunkt mehrer Straßen von strategischer Wichtigkeit und hat eine Citadellc, die 1815 und 1821 beim ersten Erscheinen der Östreicher übergeben wurde. (S. Abruzzen.) Aqmla (Ponticus), nebst Symmachus und Theodotion nach den 70 einer der ältesten Übersetzern des Alten Testaments, geb. zu Sinope, erhielt unter Hadrian als Baumeister den Auftrag, Jerusalem wiederherzustellen. Später wurde er Christ und wegen seiner astrologischen Beschäftigung excommunicirt, weshalb er wieder zum Judenthum übertrat. Aquileja oder Aglar, früher Velia oder Aquila, zur Zeit der röm. Kaiser eine blühende Handelsstadt am Adriatischen Meere und am Timavus in Oberitalien, wurde 168 durch Marc Aurel zur ersten Festung des Reichs erhoben. Sie war der Schlüssel Italiens gegen die Barbaren und wurde ihres Reichthums wegen zuweilen Roma 5ecunlls genannt; auch war sie später der Sitz eines Patriarchen, dessen Diöces 1750 in die Erzbisthümer Udine und Görz (später Laibach) getheilt wurde. In A. verlor Kaiser Maximin, und in der Nähe Konstantius im Kampfe mit seinem Bruder Konstans das Leben. Durch Attila ward die Stadt nach der Schlacht auf den Catalaunischen Feldern 152 zerstört. Die Einwohner flüchteten auf die Inseln, wo nachher Venedig erbaut wurde. Später entstand hier wieder eine unbedeutende Stadt, die jetzt zu dem triester Kreise des östr. Königreichs Jllyrien gehört; sie hat etwa 1500 E-, welche sich hauptsächlich von Fischerei nähren. Zu A. wurden 381, 558, 608 und 1181 Kirchenversammlungen gehalten. Äquilibrist ist ein Mensch, welcher seinen Körper auch bei den unnatürlichsten Stellungen und den gewagtesten Bewegungen dennoch im Gleichgewicht (aequilibrium) zu erhalten versteht, der z. B-, obschon er zu stürzen scheint, dennoch sich aufrecht erhält und dm Schwerpunkt nicht verliert. Jeder Seiltänzer muß zugleich Äquilibrist sein. Das eigentliche Vaterland der Äquilibristen ist Indien, wo die äquilibristischen Künste an das Unglaubliche grenzen sollen. Unter den Europäern haben die Franzosen und Italiener die meisten Anlagen zu äquilibristischen Fertigkeiten. Nicht selten nimmt man Äquilibristen mit Gauklern, Taschenspielern und andern Kunststückmachcrn für gleichbedeutend. Äquinoktialstürme heißen die besonders um die Zeit der beiden Nachtgleichen wüthenden Stürme, die das Meer dermaßen aufwühlen, daß selbst die Häfen nicht immer Schutz gewähren. Anfang und Dauer dieser Orkane lassen sich ebenso wenig bestimmen, als die Gründe dieser Erscheinung angcben. Äquinoktium oder Nachtgleiche heißt die Zeit im Jahre, wo Tag und Nacht einander gleich sind, daher die Dauer des Tages zwölf Stunden beträgt, und die Sonne genau um sechs Ühr auf- und um sechs Uhr untergcht. Dieses ist zweimal im Jahre der Fall, im Frühling um den 21. März und im Herbst um den 23. Scpt-, jedes Mal wenn die Sonne im Äquator steht. Die Frühlingsnachtgleiche bezeichnet den Eintritt des Frühlings, die Hcrbst- nachtgleiche den des Herbstes; zu allen andern Zeiten ist die Länge des Tages und der Nacht 432 Äqmpvllenz Äquivalent für alle Orte, die nicht unter dem Äquator liegen, ungleich, dieser Unterschied aber um desto größer, je mehr man sich dem einen oder dem andern Pole nähert, dagegen unter gleichen Breiten, der unter demselben Parallelkrcise allenthalben von gleicher Größe. Unter dem ' Äquator sind während des ganzen Jahres Tag und Nacht einander gleich. Aus der uns entgegengesetzten Halbkugel der Erde nimmt die Ungleichheit der Tage in demselben Verhältnisse wie die Breite zu, nur daß dort die Tage zunehmen, wenn sie bei uns abnehmcn, und umgekehrt. Die beiden Punkte des Himmelsäquators, in denen sich die Sonne zur Zeit der Nacht- gleichen befindet, oder in denen der Äquator an der Ekliptik geschnitten wird, heißen die Äquinoctialpunkte, und zwar unterscheidet man den Punkt der Frühlings-und den der Herbstnachtgleiche oder den Frühlings- und den Herbstpunkt. Die Kenntniß des erster» > ist in der Astronomie darum von großer Wichtigkeit, weil man ihn bei der Bestimmung der Lage der Himmelskörper als Anfangspunkt (für die Länge und gerade Aufsteigung) braucht Beide Punkte sind aber einer beständigen, wicwol langsamen Veränderung unterworfen, indem sie sich von Osten nach Westen bewegen. (S. Frühling, Herbst, Vorrücken der Nachtgleichen.) Äquipollenz bezeichnet in der Logik das Bcrhältniß gleichgeltender Urtheile. Gleich, geltende oder äquipollente Urtheile aber sind solche, welche gleichen Inhalt haben; sie sind auch in logischer Hinsicht äquipollent, wenn die Verschiedenheit derselben nicht blos im Aus- drucke beruht oder grammatisch ist- sondern in der Form des Gedankens. So sind die Sähe: Aristoteles war des Alexander Lehrer, und Alexander war des Aristoteles Schüler, in logischer Hinsicht äquipollente Sätze; ebenso bejahende und doppelt verneinende Sätze. Da nun dieses Verhältniß von der Art ist, daß, wenn man den einen solcher Sätze für wahr erklär!, man auch den andern als wahr annehmen muß, mithin beide füreinander gesetzt werden , können, so beruht auf diesem Verhältnisse die Classe von unmittelbaren Schlüssen, welche ! man Gleichgeltungsschlüsse (ratiocioia per oequipollentiam) nennt. Aquitanien ist der lat. Name eines Theiles von Gallien, welcher ursprünglich das von iberischen Stämmen bewohnte Land zwischen den Pyrenäen und der Garonne umfaßte. Als Augustus Gallien in vier Provinzen theilte, ward zu der Provinz A. noch das Land zwischen der Garonne und Loire geschlagen. Den Westgothen, welche im I. 412 A. erobert hatten, entriß es Chlodwig, der König der Franken, imJ.508 durch die Schlacht beiPoitiers. Unter den spätem fränk. Königen aus merovingischem Stamm machten sich die Herzoge von A. unabhängig. Pipin unterwarf als Hausmeier unter Childerich III. den Herzog Hunold, und als König dessen Sohn Waisar, der sich wider ihn empörte. Karl der Große, nachdem er sich A-, welches Hunold wieder in Besitz genommen hatte, im I. 769 rasch unterworfen, gab es später als Königreich seinem Sohn Ludwig dem Frommen; ebenso dieser im I. 818 seinem Sohn Pipin. Durch den Vertrag von 843 kam es mit dem übrigen Frankreich an Karl den Kahlen. Unter den schwachen karolingischen Königen erlangten, wie die übrigen großen fränk. Kronvasallen so auch die Herzoge von A. eine fast unabhängige Gewalt, die sie auch unter den Capetingern behaupteten. Im I. 1137 brachte Ludwig VIl. durch Verheirathung mit Eleonore, der Erbin von A-, dieses an die Krone, als er aber seine Gemahlin verstieß, kam es durch deren Hand 1152 an Heinrich II. von England. Nach vielen und langwierigen Kriegen, die zwischen den franz. und engl. Königen über den Besth ^ des Landes geführt worden waren, wurde es endlich durch Karl VII. 1451 wieder dauerhaft mit Frankreich vereinigt. Der Name A. hatte sich unterdessen inG uyenne umgewandelt; ^ schon früher hatte der südliche Thcil des alten A., der ein eigenes Herzogthum bildete, den Namen Vasconia erhalten, aus welchem dann Gascognc ward. (S. Armorica.) Äquivalent heißt die Summe, welche als Entschädigung für eine veräußerte, entzogene oder verschlechterte Sache oder auch zur Ablösung eines Anspruchs bezahlt wird. — Eine besondere Bedeutung hat das Wort Äquivalent in der Chemie, wo es das Quantum eines gewissen Stoffs oder Elements bedeutet, welches in den chemischen Verbindungen dem Quantum eines andern Stoffs gleich gilt. — Äquiv alente heißen die sich auS den analytischen Erfahrungen ergebenden Verhältnißzahlen für alle Elemente, in denen allein, j oderderen multiplis, nach ganzen Zahlen, letztere zu chemischen Verbindungen zusammentreten können. Die Äquivalente der Verbindungen erhält man durch einfache Summirung der ^ 433 Ära darin vorhandenen einfachen Äquivalente. Bei Bestimmung der Äquivalente nimmt man die Zahl eines Elements alö I oder I 60 an, und zwar setzt man entweder das häufigste Element der anorganischen Verbindungen, den Sauerstoff ^ 160, oder das Element, dessen Äquivalent das kleinste ist, den Wasserstoff-- l. Erstere Annahme ist jetzt allgemein üblich und von Berzclius eingeführt. Obgleich die Äquivalente in vielen Fällen den Atomgewichten (s. A t o m e) gleich stchd, darf man sie doch, als reines Ergebniß der Erfahrung, nicht mit dielen, ..deren Größe auf hypothetischer Annahme beruht, verwechseln. Ära, Iah rrechnung oder Zeitrechnung ist die Reihenfolge der von einer Epoche, d. i. einem in der Regel durch irgend ein bedeutenderes Ereigniß bestimmten Anfangspunkt, an gezählten Jahre. Das Wort gehört der späkern Latinität an und ist in diesem chronologischen Sinne zuerst von Jsidorus von Sevilla, gest. 635 n. Ehr., gebraucht worden. Von geschichtlicher Wichtigkeit sind vornehmlich folgende Ären: l) Die Ara der Olympiad cn, (S. Olympiade.) Ihre Epoche wird durch den Sieg, den Kocöbus im Wettlauf in den olympischen Spielen gewann, bezeichnet und fällt, da diese Spiele um die Sommerwende gefeiert wurden, in die Mitte (gewöhnlich nimmt man den >. Juli als Anfang des Olym- piadcnjahres) des I. 776 v. Ehr. Um Jahre dieser Ära auf Jahre vor Christi Geburt zurückzuführen, muß man die Zahl der Olympiaden um I vermindern, mit 3 multipli ciren, dazu die Jahreszahl der laufende» Olympiade addiren und die Summe von 777 abziehen, wenn die Begebenheit in die erste Hälfte des Olympiadenjahres, von 776 aber, wenn sie in die zweite Hälfte des Olympiadcnjahres fällt. Der Rest ist das Jahr v. Ehr., mit dessen Sommer das gegebene Olympiadenjahr beginnt. Ist von einer Olympiade die Rede, welche das 4. I. der 194. Olympiade (d. i. das erste Jahr v o r Christus) übersteigt, so hat man von der nach obiger Angabe erhaltenen Summeder Olympiadenjahre776 abzuziehen, der Nest gibt dann das Jahr nach Chr., auf dessen Sommer der Anfang des Olympiadenjahres trifft. Die Olympiadenrechnung wurde bei den griech. Schriftstellern erst nach Timäus von Sicilien (um 306 v. Chr.) üblich, in bürgerlichem Gebrauch war sie nie; die Athener bczeichneten das Jahr durch den Namen des jedesmaligen Archon (s. d.) Eponymos, die Laccdämonicr durch den eines Ephoren. 2) Die Ära von Erbauung d e r S tad t Ro m, p. u. oder p. n. c., d. i. post indem coactitam, oder a. u., d. i. »nni >n- bis. Unter den verschiedenen Ängaben über die Zeit, in welche diese Erbauung zu sehen sei, sind namentlich zwei, als vorzüglich in historischen Gebrauch gekommen, hervorzuhebcn. Die eine wird nach ihrem vermuthlichen Urheber M. Tcrentius Varro die Varro irische genannt, und setzt jenes Ercigniß in das Frühjahr (21. Apr., das Fest der Palilicn) von Olympiade 6, 3, d. i. das1.753 v. Chr.; cs ist demnach 753 u. das erste Jahr vor, 754 p. n. das erste Jahr nach Christi Geburt. Um also ein Jahr der Stadl, deffcnZahl 753 nicht übersteigt, in das Jahr v. Chr. zu verwandeln, oder umgekehrt, muß man die jedesmalige Jahreszahl von 754 abziehen. Sind Jahre der Stadt, die 753 übersteigen, aus Jahre nach Chr. zu reduciren, oder umgekehrt, so muß man von jenen 753 abziehen, wo man die Jahre n. Chr., oder zu diesen 753 addiren, wo man die Jahre der Stadt erhält. Hierbei wird der fast viermonatliche Unterschied, der zwischen dem eigentlichen Anfang der Jahre der Stadt und denen der christlichen Zeitrechnung stattsindet, gewöhnlich nicht weiter beachtet. DieVarronischeÄrawarscit Kaiser Claudius bei den röm. Schriftstellern die vorherrschende und wird auch von den Neuern gewöhnlich gebraucht. Für die zweite Ära sind nach Jdcler die Palilien von Olympiade 6,4 oder 752 v. Chr. (nach Dodwcll Olympiade 7,1 oder 751 v. Chr.) die Epoche, sie hat also ein Jahr weniger v. Chr. als die Varronischc, und es ist bei der Reduction von dergleichen Jahreszahlen von 753 (nach Dodwell von 752) abzuziehen, bei Reduktionen von Jahren n. Chr. oder über 752 p. ». 752 (nach Dodwell 751) entweder abzuziehen oder zu addiren. Sie wird, weil sie auf eine Berechnung des M. Porcius Cato begründet ist, gewöhnlich die Catonis che, oder auch wegen ihrer Anwendung durch Dionysius von Halicarnaß, die Dionys iscye genannt. Im bürgerlichen Gebrauch wurden die Jahre bei den Römern durch die Jahre der Consuln bezeichnet. 3) Die Ära Nabonassar's wird von den Chronologen eigentlich die Reihe von 424 Jahren genannt, die in dem ursprünglich ägypt., in des PtolemäusHand- tafeln enthaltenen Regentenkanon mir dem babylonisch-chaldäischen K-inig Nsbonassar Conv,-Lex, Neunte Aufl, I. 28 risti, domini, salutis oder orbis rodemti aufkam. Diese Ära sin- > det sich in kirchlichem Gebrauch in Rom bald nach der Mitte des 6. Jahrh., im 8. Jahrh. ^ ward sie besonders durch die Schriften des Beda Venerabilis verbreitet; der erste Fürst, der sich ihrer in Urkunden, jedoch sparsam bediente, war Karl der Große; mit dem >9. Jahrh. war sie in Frankreich und Deutschland allgemein verbreitet und wurde die allgemeine Ära der occidcntalischen Christen. Erst in neuerer Zeit ist für die ältere Geschichte die Zählung von Jahren vor Chr. Geb. die allgemein übliche geworden. Die Epoche dieser christlichen Ära ist j nach Dionysius selbst, der unter iinmrnutio nach der Weise der Kirchenväter die Verkündigung Mariä Vorstand und diese mit dem ihr vorangegangenen bürgerlichen Jahresanfang com- binirte, der I.Jan. des Jahres, in welcher die Geburt Christi nach seiner Berechnung fiel, des 754. Jahres der Varronischen Ära, nicht wie man erwarten konnte, der nur durch eine Woche von ihr geschiedene I. Jan. des zunächst auf die Geburt Christi folgenden Jahres. Daß des Dionysius Berechnung nicht mit den Ängabcn der Evangelien zusammenstimme, daß vielmehr nach diesen Christi Geburt mindestens vier, höchst wahrscheinlich sogar sechs Jahre, früher zu setzen sei, hat vorzüglich deutlich Jdeler gezeigt. 6) Die Diocletia irische Ära, die mit dem Regierungsantritt Diocletian's am 29. Aug. 284 beginnt, und wegen der in ihr 19. Jahr fallenden grausamen Christenverfolgung auch die Märtyrerära ! (sera mart^rum) genannt ward, wurde in Ägypten bis auf die Herrschaft der Araber als bürgerliche angewandt und ist noch bei den Kopten und äthiopischen Christen in kirchlichem ' Gebrauch. 7)DieÄravon Erschaffung der Welt. Ihre Epoche ist, da es bei ihrer Berechnung an einer sichern geschichtlichen Basis fehlt, sehr verschieden berechnet worden, in ^ der ,,^rt de vörilier los dates" sind nicht weniger als 198 Berechnungen der Zeit, die von Adam bis Christus verflossen sein soll, zusammengestellt, deren Extreme um mehr als 2999 Jahre auseinander liegen; nach Scaliger und Calvisius ist die Epoche 3959, nach , Petavius 3984, nach Frank 4182 v. Chr. zu setzen. Eben wegen dieser Unsicherheit und Verschiedenheit ist diese Ära, die früher in geschichtlichen Werken, namentlich für die ältere Geschichte, oft angewendet ward, jetzt durch die Ära von Chr. Geb. mit Recht verdrängt. Die Epoche der jüdischen Weltära ist durch den Rabbi Hillel im 4. Jahrh. berechnet worden, auf das I. 3459 vor der Ära der Seleucidcn (oder 3761 v. Chr.), und seit dem 11. Jahrh. ist diese Weltära bei ihnen auch im gewöhnlichen Gebrauch. Die konstant i> nopolitanischeoder byzantinischeWeltära, deren Epochenjahr 5598 v. Chr.ist, hgt lange im byzantin. Reiche und in Rußland bis zum I. 1799, wo Peter der Große die christliche Ara cinföhrte, in bürgerlichem und kirchlichem Gebrauch bestanden. 8) Die Ära derHedschra, lleFirse (arab. taricll el-liedsobra), d. i. der Flucht Mohammed's von Mekka nach Medina, chs deren Epochentag nach den arab. Astronomen der 15., nach dem bürgerlichen Gebrauch der 16. Juli des I. 622 n. Chr. angenommen ist, wurde seit dem j Arabien 435 Arabeske Khalifen Omar bei den Arabern, dann, bei allen mohammedanischen Völkern die übliche und zählt nach Mondjahren. 9) Die Ära der französischen Republik, von der Stiftung derselben am 22.Sept-1792 an gerechnet, ward am 5. Oct. 1793 durch ein Decret des Nationalconvents eingefühu, durch einen von Napoleon veranlaßten Senatsbeschluß mit dem l. Jan. 1896 für aufgehoben erklärt. (S. Kalender.) Vgl. Jdcler, „Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie" (2 Bde., Berl. 1825 — 26) und „Lehr , buch der Chronologie" (Berl. 1831). Arabeske, s. Groteske. Arabici nannte man eine christliche Sekte des 3. Jahrh. in Arabien, deren zuerst Eusebius gedenkt. Nach ihrer Ansicht starb die Seele mit dem Leibe, um mit diesem zugleich am jüngsten Tage wiedererweckt zu werden. Origencs widerlegte sie. Ziemlich zu derselben Ansicht bekannte sich im Mittelalter die Sekte derThnetopsychiten. Es hingen diese Vorstellungen mit der Auferflchungslehre der Kirche zusammen; man fragte nämlich: Ob, wie und wo die vom Leibe getrennte Seele bis zur Erweckung am jüngsten Tage lebe, da man der kirchlichen Lehre von einem doppelten Gerichte ausweichen wollte. Arabien, von den Einwohnern Dschesireth-al-Arab, von Türken und Persern Ara bist an genannt, ist die südwestlichste große Halbinsel Asiens von ungefähr 50096 UM. Areal, welche durch den Persischen Golf, als Theil des Indischen Oceans, von dem Continente Asiens getrennt wird und durch die Tiefebenen der syr.-arab. Wüste mit ihm zusammenhängt. Durch die Landenge und kleine Halbinsel von Suez mit Afrika verbunden, nur durch das schmale, klippenreiche, in der Straße von Bab-el-Mandeb zu fünf Meilen verengte Rothe Meer von ihm getrennt, bietet A. in allen natürlichen Beziehungen ein echtes Ebenbild seines tropischen kolossalen Nachbars, ein Übergangsglied zwischen Afrika und Asien, dazu bestimmt, den Norden Afrikas zu beherrschen und die feindseligen Rückwirkungen auf den alten orientalischen Stamm abzuwehren, Alles aber in eigener selbständiger Individualität, wie es der abgeschlossenen charakteristischen Lage des Landes zukommt. Der Name A. stammt entweder von einem District der Provinz Tehama ab, welcher Araba, d. i. ebene Wüste, heißt, oder kann von Eber abgeleitet werden, da dieses Wort einen Nomaden bedeutet und ursprünglich Araber und Ebräer als ein Volk die älteste und berühmteste Hirtenwelt Asiens ausmachten. Eine wol auch hin und wieder in neuere Schriften übergegangene Eintheilung der Halbinsel inPeträisches (petroeo), Wüstes (lleserts) und Glückliches (kelix) A. rührt von Ptolemäus her, da die ältern griech. Geographen nur ein Glückliches und ein Wüstes A. kannten, sie ist aber keineswegs innerhalb der damals angenommenen Grenzen charakteristisch und noch obendrein oft misvcrstanden worden. Der Name des Glücklichen A. ist in Folge einer falschen Übersetzung des Wortes Jemen entstanden, das nicht glücklich bedeutet, sondern das Land, welches in Rücksicht auf den Orient Mekka zur Rechten liegt, gleichwie Al-Scham (Syrien) das Land zu dessen Linken bezeichnet. Das PeträischeA. hat man irrigerweise auch Steiniges A. genannt; Ptolemäus entlehnte diesen Beinamen von der blühenden Hauptstadt des Reichs der Nabathäer, Petra, eigentlich Thamud genannt, d. h. Fels mit einer Quelle. Noch ist die speciellere Kenntniß des Landes sehr mangelhaft. Im Allgemeinen lassen sich afrik. Charakterismen leicht erkennen. Von den südöstlichen Plateauflächen Soristans trennen A. einzelne nackte Felsketten, wie der Dschebl-Rämli und Schamor, welche in ihrer östlichen Verzweigung den Nordrand der Hochfläche gegen die syr. Wüste bilden, während südlich jener syr. Südplateaus die Ebenen der Westküste mehre Rand- ^ , gebirge, z. B. das Kharrahgebirge umgeben, die nicht allein durch Queräste das Uferland des > , Rothen Meers mehrfach durchschneiden, sondern auch in östlichen Anstcigungen das innere Hochland gliedern. Am meisten coupirt erscheint der Südwesten und Südosten der Halbinsel, indem hier, in Oman, das Gebirgssystem des Dschebl-Akhdar mit dem Thale des Masara ebenso gegen die einfach gewellte innere große Wüste absticht, wie dort das Gebirgsland von Jemen mit dem bei Aden mündenden Meidan gegen den wüsten Küstenstrich Tehama. Die größte Höhe soll A. mit 9000 F. in der Binnenlandschaft Nedschd erreichen. Auch das Klima A.s hat afrik. Charakter; die Berge hindern den mildernden oceanischen Einfluß; heiße Dürre und Vegetationsarmuth sind über Höhen und Tiefen verbreitet, die Dattelpalme 486 Arabien ist oft noch der einzige Verkünder pflanzlichen Lebens, ja c§ gibr Gegenden, die im Laufe dcS Jahres nur durch einen einzigen Regenguß erquickt werden. Ein fast ewig heiterer Himmel schwebt über den sterilen Flächen, die kurze Regenzeit, welche in Folge der auf dem Rothen Meere herrschenden Wechselwinde, auf den Westküsten in unfern Sommermonaten cintritt, erfüllt die Terraineinsenkungen (Wadis) nur periodisch mit Wasser, während auf den Hochflächen im Innern und im Nordosten leichte Froste den Winter bezeichnen. Zur heißen Jahreszeit weht der Samum nur bisweilen in den nördlichen Thcilcn des Landes. Große Wal- düngen fehlen in A., ebenso werden größere Rasenflächen durch steppcnartigc Anger ersetzt, die aber im Besitze aromatischer Kräuter treffliches Weideland den cdeln Pferderacen bieten. Die mildern Terrassenlandschaften zeigen einen größer» Vcgctationsrcichthum; hier ge- deihen die Edelfrucht und Palme, und neben dem das spärlich vorhandene europ. Getreide ersetzenden Durra (Hirseart), neben Taback, Indigo und Baumwolle der schönste Kaffee, ein Haupthandclsartikcl des Landes, und viele Gewürz- und Spezereipflanzen, wie Benzoe, Mastix, Balsam, Aloe, Myrrhe, Weihrauch u. s. w. Auch in der Thierwclt herrscht afrik. Charakter, wie er der Wüstennatur entspricht. Schafe, Ziegen und Rindvieh befriedigen die unmittelbaren häuslichen und persönlichen Bedürfnisse des Menschen; Kameel und Pferd sind die treuen Begleiter desselben aufseinen weiten Wanderungen: die Wüste bewohnen Gazellen und Strauße, die in schnellem Laufe von Oase zu Oase eilen; raubgierig lauern Löwe, Panther, Hyäne und Schakal der flüchtigen Beute aus; Affen, Fasane und Tauben bewohnen friedlich die fruchtbaren Gegenden; Heuschrecken richten oft große Verheerungen an; Fische und Schildkröten gibt es an den Küsten in großer Zahl, Perlmuscheln besonders im Persischen Golfe. Unter den Erzeugnissen des Mineralreichs verdienen Erwähnung Eisen, Kupfer, Blei, Steinkohlen, Erdpcch und einige edle Steine, als Karneol, Achat und Onyx. Die Bewohner A.s, deren Zahl auf 12 Mill. geschätzt wird, stehen bei der Jsolirung des Landes geistig wie körperlich in einer eigenthümlichen charakteristischen Entwickelung da, sowol als Einzelwesen wie als ganze Nation. Der Araber hat eine mittlere Größe, kräftigen Wuchs und bräunliche Hautfarbe; aus seinen Gesichtszügen spricht edler Ernst und Stolz; er ist von Natur gewandt, scharfsinnig und anmuthig; Mäßigkeit, Tapferkeit, Gastfreiheit und Treue, wie Hingebung zur Dichtkunst zieren seinen Charakter, und nur Blutrache und Raub, nach seinen Begriffen erlaubt, verdunkeln diese schönen Züge. Das Weib lebt nur dem Hause, die erste Erziehung der Kinder ist ihm ganz überlassen. Als das größte Glück erachtet es der Araber, wenn ein Kameel geboren wird, wenn eine edle Stute ein Füllen zur Welt bringt und wenn ein Dichter sich Beifall erwirbt. Die einfache Ncligionsform der Anbetung der Gestirne wurde durch Mvhammed's Lehre verdrängt, zu der sich schnell ganz A. bekannte. Gegenwärtig besteht neben den beiden ältern Hauptsekten des Islam, den Sunniten tmd Schiiten, noch eine dritte, die derWahabiten (s. d.), welche in der letzten Hälfte des l 8. Jahrh. entstand. Unter den Arabern leben, besonders des Handels wegen, auch viele Juden und demnächst Banianen und Christen. Die Lebensweise des Arabers ist entweder nomadisch, im Interesse der Viehzucht und der Karavanenwandcrungen durch die Wüste, oder seßhaft, zur Bebauung des Feldes und zum Betrieb des Handels und der Gewerbe. Die nomadisirenden Araber heißen Beduinen (s. d.), die ansässigen Habest und Fellah. Der Handel, theils zu Lande, thcils zur Sec, vorzüglich mit Kaffee, Datteln, Feigen, Gewürz-, Spezerei- und Arzneipflanzen verschiedener Art, ist bedeutend, wenn auch kaum ein Schatten jener Periode vor Einführung des Seeweges um Afrikas Südspitze, und theil- weise in fremden Händen, zumal denen der Banianen, jener indischenKaufleute, die sich nur so lange im Lande aufhalten, bis sie bereichert in ihre Heimat zurückkehren können; er beschränkt sich fast nur auf die Ausfuhr von Rohproducten oder Spedition fremder Fabrikate, weil die he mische Industrie kaum die nothwendigsten Bedürfnisse befriedigt und noch vielfach die Einfuhr fremder Manufactur- und Fabrikwaaren erheischt. Die Glanzperiode der geistigen Bildung des Arabers ist zwar vorüber, doch ist er noch nicht so gesunken, wie wol öfters angenommen wird; selbst das Kind in der Wüste lernt schreiben, lesen und rechnen, und in den Städten suchen Elementar- und höhere Unterrichtsanstalten den Sinn für Wissenschaften zu befriedigen. Der Araber dehnt seine Heimat so weit aus, als seine Heerde» ziehen und seine Horden ihr Gebiet behaupten können; die unzähligen Stämme scheinen die Narionalkraft Arabien 437 zu zersplittern, und doch bedarf cs nur einzelner außerordentlicher Begebenheiten, um das arab. Volk vereint in unwiderstehlicher Kraft auf die Geschicke der Menschen- und Vülkcr- gcschichte wirken zu lassen. Der Grundzug der arab. Verfassung ist patriarchalisch, auf Frci- hcitslicbe gestützt. Die Oberhäupter der Stamme heißen Emir, Scheikh oder Schech, auch Jman; ihre Pflichten scheinen sich auf Hecrführung im Kriege, auf Lributeinziehung und Rechtspflege (durch die Kadi, d. i. Richter) zu beschränken, doch zeigt die Geschichte alter und neuer Zeit auch manches Beispiel eines gewaltsam ausgeübtcn Despotismus. Die Auszählung aller einzelnen Stammgebiete ist selbst nach den genauesten Angaben einheimischer oder fremder Geographen, wie nach Natur des lockern statistischen Verbandes, nicht möglich; die bekanntesten Hauptgruppen bilden: l) Im Westen am Rothen Meere, Hedschas, das nominell unter türk. Hoheit steht und die heiligen Städte Mekka und Medina und die Hafenstädte Jcmbo und Dschidda enthält; 2) im Südwestcn Jemen, das bedeutendste Staat- gc-biet unter Regentschaft eines Jman, der zu Sana residirt, mit den Handelsstädten Mokka und Aden (s. d.), und zur Zeit von den Engländern besetzt; 3) Hadramaut mit Kcschin; -t) Mahrah mit Harmin, an der Küste des Arabischen Meeres; 5) Oman im Südosten, mit Nostak und Maskat, dessenJman nicht allein am mächtigsten in ganz Oman ist, sondern auch über pers. Küstenstriche und die afrik. Insel Socotora herrscht; 6) Hadschar oder Lahsa an der Küste des Persischen Golfs, mit Lahsa, Katif und Koueit, und 7) Ncdschd, die innere höchste Landschaft A.s, wo fast alle Stämme repräsentirt sind, als Stamm- und Hauptsitz der Wahabiten berühmt, deren Oberhaupt zu Derrciyeh residirt. Die Geschichte der Araber vor Mohammed ist dunkel und wegen geringer Verbindung mit der übrigen Welt von wenig Interesse. Die Ureinwohner A.s werden Bajaditen, d. i. die untergegangcnen Stämme, genannt, und stammen theils von Joktan oder Kahtan, einem Abkömmlinge des Sem, theils von Jsmael, dem Sohne Abraham's, ab. Die Nachkommen Jenes werden vorzugsweise Araber, die des Letzter» Mostaraber, d. i. Arabisirte, genannt. Die Fürsten (Tobba) der arab. Landschaften gehörten sämmtlich dem Stamme Kahtan an, aus welchem das Geschlecht der Homciritcn oder Himyariten 2i>«>0 Jahre lang über Jemen herrschte. Die Araber Jemens und eines Theils des Wüsten A.s lebten in »Städten und trieben Ackerbau, auchHandel mit Ostindien, Persien, Syrien undAbyssinien, nach welchem letztem Lande sie viele Kolonien sandten. Der übrige Theil des Volks zog, wie noch jetzt, nomadisch in der Wüste umher. Mannhaft vertheidigtcn die Araber Jahrtausende lang Frei- heit, Glauben und Sitte ihrer Väter gegen alle Angriffe der morgen!. Eroberer. Weder die babylon. und assyr. noch die ägypt. und pers. Könige vermochten sie zu unterjochen. Alexander rüstete sich zu einem Zuge gegen dU Araber, doch hinderte der Tod sein Unternehmen; die hieraus entstandene Verwirrung benutzten die Fürsten im Norden A.s, ihre Herrschaft bis über die Grenze des Landes auszudehnen. Von jeher hatten die arab. Nomaden, besonders zur Winterszeit, tief ins fruchtbare Irak oder Chaldäer gestreift. Jetzt unterwarfen sic sich einen Theil davon gänzlich, der daher noch Jrak-Arabi genannt wird, u d gründeten das Königreich Hira; ein anderer Stamm aus Jemen zog nach Syrien an den Fluß Ghassan und stiftete dort den Staat der Ghassanidcn. Drei Jahrhunderte nach Alexander rückten die Römer an die Grenzen A.s, und Trajan war es, der 107 tief in dasselbe eindrang. Die gctheilten Araber konnten den röm. Heeren nicht überall mit Erfolg widerstehen, und obgleich ihr Land nie völlig zur Provinz gemacht wurde, so blieben doch wenigstens die nördlichen Fürsten in Abhängigkeit von den Kaisern und wurden als deren Statthalter angesehen. Freier erhielten sich die alten Homciritcn in Jemen, gegen die ein Zug zur Zeit des Augustns mislang. Ihre Hauptstadt Saba wurde durch eine Überschwemmung zerstört. Mit der Schwäche der röm. Monarchie vermehrte sich in A. wieder das Streben nach Unabhängigkeit, welche eine Vereinigung der arab. Stämme leicht erlangt haben würde; aber zerstreut und zerspalten, wie sie waren, brachten sic in diesen Kämpfen viele Jahrhunderte zu, während welcher das mittlere Hochland (Ncdschd) der Schauplatz jener ritterlichen, von den arab. Dichtern vielfach besungenen Fehden war, bis ein begeisterter Mann ihnen durch Mittheilung seines Feuereifers Einheit und durch die Einheit Stärke gab. Das Christenthum fand in A., obschon der Sternendienst durch dasselbe nicht ganz verdrängt werden könnte, früh viele Anhänger; es gab selbst mehre Bischöfe, die unter dem Metropoliten zu 438 Arabische Literatur und Sprache Bostra in Palästina standen. Die Stadt Elhira unfern des Euphrat zählte viele arab. , Christen und Klöster, und der dortige König Ennomambcn-el-mondsir nahm nicht lange vor I Mohammed das Christenthum an. Namentlich zog das Ankämpfen der Araber gegen den röm. Despotismus eine Menge der im orthodoxen Morgenlande verfolgten Ketzer zu ihnen, so besonders Monophysiten und Ncstorianer, durch deren Glaubensschwärmerei jene Widerstrebungen nur noch mehr entflammt wurden. Auch die Juden waren seit der Zerstörung Jerusalems in A. sehr zahlreich und machten sogar, vorzüglich in Jemen, Proselyten. Der letzte König der Homeiriten war jüdischen Glaubens, und die Verfolgung der Christen zog ihm 502 mit dem Könige von Äthiopien einen Krieg zu, der ihm Thron und Leben kostete. Die so große Verschiedenheit der religiösen Sekten erregte bei Vielen Gleichgültigkeit, und in dieser lag die Hauptursache, daß die Lehre Mohammed' s (s. d.) so schnellen Eingang fand. Mit ihm beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des arab. Volks; es übernimm Jahrhunderte lang eine bedeutungsvolle Nolle auf der Schaubühne der Weltgeschichte und tritt siegreich aus seinen natürlichen Grenzen, um Reiche in drei Welttheilen zu gründen. (S. Mauren und Khalifen.) Wenn der Glanz der äußern Geschichte der Äraber durch den Sturz des KhalifatS zu Bagdad, 1258, in Asten früher wieder zusammenbricht, als in I Afrika und Europa, das erst um 1492 die letzten Mauren wieder auf afrik. Boden zurück- sthlägt, so wird doch in der Culturgeschichte der alten Welt die Epoche der Arabcrherrschaft stets als bedeutend dastehen. (S. Arabische Literatur und Sprache.) Das Innere A.s bietet während der Zeit der auswärtigen Kämpfe wenig mehr als die bedeutungslose Geschichte einiger Beduinenstämmc und die Schicksale der jährlich nach Mekka strömenden Karavanen und, nach dem Erlöschen des Weltruhms, das Bild der Erschöpfung. In dasselbe bringen einige Abwechselung die Unterwerfungen I emens (s. d.) im 16. Jahrh. durch i die Türken und deren Wiedervcrtreibung im 17. Jahrh., ebenso die Oberherrschaft der Portugiesen von 1508 — 1059 über Maskat, die Eroberungen Omans gegen Indien und Persien, die Herrschaft der Türken über Hedschas und dessen Gefährdung durch die flüchtigen Eroberungen der Perser am Ende des 16. Jahrh., bis dann das Auftreten der Wahabiten (s. d.), 1770, wieder kräftig in die Geschichte der Halbinsel eingreift. Der moralische Einfluß dieses Ereignisses wirkt poch gegenwärtig fort, der politische aber wurde bald beeinträchtigt durch das benachbarte Ägypten. Mehemed Äli unterwarf sich die Küsten von He- djchas, wie mehre Küstenpunkte von Jemen und hemmte im I. 1818 durch eine von Ibrahim Pascha gelieferte Hauptschlacht und Zerstörung der Residenz Dcrreiyeh das vorläufige Weitervorschreiten der Wahabiten. Er verwendete viel Kosten auf die Behauptung der Herrschaft in Arabien, die ihm den Handel im RKHen Meere sicherte, doch die Ereignisse des I. 1840 in Syrien nöthigten ihn, seine Kräfte dort zu concentriren und in Folge des Qua- drupeltractats vom 15. Juli 1840 mußte er alle Änsprüche aufgeben auf das Landjen- seit einer Linie vom Rothen Meere bis zum Golf von Äkaba. Auf solche Weise wurde der Hedschas wieder unmittelbar türk., wenn auch nur nominell, da zur Aufrechthaltung von nur einiger Gewalt eine türk. Flotte im Rothen Meere gehört, wie sie Mehemed Ali hatte, der dadnrch wirklicher Herr von Mekka und Medina war. So selbständig der Großscherif von Mekka Jbn-al-Äun erscheint, so wenig wird er zur Ausführung des großherrlichen Befehles s beitragen können, den Fürsten des südlich angrenzenden Gebirges Asir, Äin-Jbn-Muri, und den Scherif Hussein, welcher Mokka und Hodcida besetzt hält, der Pforte zu unterwerfen; denn zu beiden führt wiederum nur der Seeweg, da das Gebirge Asir zu Lande Mekka und Mokka scharf voneinander sondert. Die Pforte erscheint gegenwärtig ebenso wenig mächtig, die ungeregelten Zustände A.s im Allgemeinen zu ordnen, wie gegen die Parteiungen unter den Wahabiten auftreten zu können, deren Anführer Kholed, der Sohn des berühmten Saud, «» Gefahr ist, durch einen seiner Vettern, Abdallah Jbn Themiyan, gestürzt zu werden. Die Geschichte A.s haben Marigny, Cardonne, Pococke, Sylvestre de Sacy, Johannsen, Rühle von Lilienstern und Flügel („Geschichte der Araber", 2 Bdchcn, Dresd. und Lpz. >832 — 38), die Erdkunde Niebuhr, Seetzen, Burckhardt, Buckingham, Sadlc, Robinson, Laborde, Jomard, Hainmer, Fresnel, Wellsted u A. gefördert. Arabische Literatur und Sprache. Über die erste Cultur und Literatur Arabiens haben wir nur einzelne Angaben. Daß daselbst frühzeitig die Poesie geblüht habe, läßt sich 439 Arabische Literatur und Sprache schon aus den Naturanlagen der Bewohner schließen, die als muthig, tapfer, zu Abenteuern geneigt, stolz und für den Ruhm empfänglich geschildert werden, und bereits das Alte Testament rühmt die kunstreichen Sprüche der Königin von Saba. Die in den fruchtreicheu, paradiesischen Gegenden des Glücklichen A.s unter ihren Scheikhs umherziehenden Nomaden hatten aber auch Alles, was die Naturpoesie begünstigt, lebhafte Empfindung und warme Phantasie; das mit Gefahren und Beschwerden verbundene Leben in dürren Sandwüsten und unter nackten Felsen mußte eine männliche, wilde Dichtkunst Hervorrufen. Schon vor Mohammed hatte Arabien gefeierte Dichter, welche die Fehden des Volks, seine Helden und die Schönen verherrlichten. Als der älteste Dichter wird Mohalhal ben Nebra genannt. Während des großen Markts zu Mekka, und im 5. Jahrh. n. Ehr. zu Okadh, fanden poetische Wettkämpfe statt; die Gedichte aber, denen der Preis zuerkannt ward, wurden mit goldenen Buchstaben auf Byssus geschrieben und in der Kaaba zu Mekka aufgehängt. Man nannte sie Modsabhabät, d.h. vergoldete, oderMoallakat (s. d.). Die Sammlung derselben enthält sieben Gedichte von den sieben Dichtern Amralkeis, Tcharafah, Zoheir, Lebid, Antar, Amr ben Kelthum und Hareth. Tiefe Empfindung, hoher Schwung der Einbildungskraft, Neichthum an Bildern und Sprüchen, Freiheitsgeist, Glut in Rache und Liebe zeichnen sie aus. Andere berühmte Dichter dieser frühem Periode waren Nabegha, Ascha, Schanfara, deren Gedichte Sacy herausgegeben und übersetzt hat. Das Leben und Dichten eines jener altarabischen Wandersängers schildert sehr anschaulich „Vs n ll'^mrullims", herausgegeben von M' Euckin de Slane (Par. 1837; deutsch von Fr. Rücker, Stuttg. 18-13). Die reichste Sammlung der alten Gedichte und Lieder der Araber findet sich in den arab. A n - kh o lo gien (s. d.) der Hamäfa und dem Kitab el aghäni. Vgl. Weil, „Die poetische Lite ratur der Araber vor Mohammed" (Stuttg. 1837). Doch erst mit Mohammed eröffnte sich die glänzendste Zeit der Araber auch für ihre Literatur. Seine Glaubens- und Lebenslehren wurden vonAbubekr, dem ersten Khalifen, in dem Koran (s. d.) gesammelt, den Othman, der dritte Khalif, berichtigte und bekannt machte. Durch den Koran wurden du Schriftsprache, die erste literarische Richtung und der neue Nationalcharakter der Araber bestimmt. In ihrer Lage zwischen zwei Welttheilen, welche für den Handel überaus günstig war, schienen die Araber wenig geeignet, als Eroberer aufzutreten; doch Mohammed gelang es, nachdem er sich ganz Arabien unterworfen und ihm eine religiös-militairischc Verfassung gegeben hatte- den indem Volke schlummernden Geist der Tapferkeit duvch schwärmerischen Neligionseifer zu wecken und zu befeuern. Nach seinem Tode bemächtigte sich ihrer der Geist der Eroberung; wie ein reißender Strom verbreiteten sie sich schnell, und schon 80 Jahre darauf erstreckte sich ihr Reich von Ägypten bis Indien, von Lissabon bis Samarkand. Während dieses Zeitraums beseelte sie allerdings nur kriegerische Schwärmerei, unter deren Herrschaft die zarten Blüten des Geistes nicht gedeihen konnten. Doch die Zeit und der Umgang mit gebildeten Nationen verdrängten allmälig den rohen Sinn, und unter der Regierung der Abbassiden seit 749 fingen auch Wissenschaft und Künste an, sich zu heben. Die erste Unterstützung fanden sie am glänzenden Hofe Al-Manzur's zu Bagdad, 753—775; Harun al Raschid, 786—808, aber war es, der dauernde Liebe zu ihnen den Arabern einflößte. Er rief Gelehrte aus allen Ländern in sein Reich, die er fürstlich belohnte, ließ die Werke der vorzüglichsten griech.', syrischen und altpers. oder Pehlwi-Schriftsteller ins Arabische übersetzen und diese Übersetzungen durch zahlreiche Abschriften verbreiten. Al-Mamun, der 813 — 833 regierte, bot dem griech. Kaiser 100 Ctr. Gold und einen beständigen Frieden an, wenn er ihm den Philosophen Leo nur auf einige Zeit zu seinem Unterricht überlassen wollte Val. Wenrich, „Vs auclorum Araec. vsroinnibiis st enmmenlarüs szr., oral», etc." (Lpz. l 842). Unter Al-Mamun's Negierung wurden treffliche Schulen zu Bagdad, Basra, Bo- khara und Kufa, und große Bibliotheken zu Alexandria, Bagdad undKahira angelegt. Sein Nachfolger, Motasem, gest. 841, wirkte in gleichem Sinne und Geiste, und mit der Dynastie der Abbassiden in Bagdad wetteiferte die Dynastie der Omajjiden in Spanien. Was Bagdad für Asien, das war die hohe Schule zu Cordova für Europa, wo überhaupt im 10. Jahrh. die Araber die Stütze der Literatur wurden. Zu einer Zeit, wo gelehrte Kenntnisse fast nirgend eine bleibende Stätte und Ermunterung fanden, waren cs die Araber, die sich mit Aufsammlung derselben beschäftigten und sie in drei Welttheilen verbreiteten. Aus Frank. 440 Arabische Literatur und Sprache reich und andern curop. Ländern ging man zu Anfänge des > 0. Jahrh. nach Spanien, um ! hier bei den Arabern hauptsächlich Mathematik und Mcdicin zu studircn; so unter Andern ! Ecrbcrt, der später als Sylvester II. den päpstlichen Stuhl bestieg. Außer Cordova begrün- ' beten sic in Spanien noch 14 Akademien, viele Elementar- und höhere Schulen; auch errichteten sic hier fünf öffentliche sehr bedeutende Bibliotheken, wie denn die des Khalifcn Hakem über 60900t» Bände enthalten haben soll. So schnelle Fortschritte hatte diese kaum anderthalb Jahrhunderte vorher auf den Koran, auf Poesie und Beredsamkeit eingeschränkte Nation gemacht, seitdem sie mit der Wissenschaft der Griechen sich befreundet hatte. Ausgezeichnete Verdienste haben sich die Araber um Geographie, Geschichte, Pbilo- sophie, Mcdicin, Physik, Mathematik, namentlich um die Arithmetik, Geometrie und Astro- i norme erworben, und mehre arab. Kunstwörter, z. B. Algebra, Alkohol, Azimuth, Zcnith, s Nadir u.s.w., ja selbst die Zahlzeichen, welche wir von ihnen erhalten haben, obgleich eigentlich indischen Ursprungs, zeugen noch von ihrem Einfluß auf die geistige Bildung Europas. Die Geographie verdankt ihnen im Mittelalter das Meiste. Vorzüglich erweiterten sie in Afrika und Asien die Grenzen der bekannten Welt; in der nördlichen Hälfte von Afrika drangen sie bis an den Niger vor, westlich kamen sie bis an den Senegal, östlich bis zum Cap-Corrientes. Schon sehr früh mußten, aus Befehl der Khalifen, die ausgesandten Feldherren die bezwungenen Länder geographisch verzeichnen. Asien war ihnen größtentheils bekannt; sic erweiterten die Kennkniß von ihrem Vaterlande Arabien, von Syrien und Persien, und vcr- ^ schafften wenigstens einige Aufklärung über die große Tatarei, das südliche Rußland, China und Hindvstan. Als geographische Schriftsteller zeichneten sich aus: Jbn Khordadbeh, El Jstakhri („Inder climatum", herausgegeben von Möller, Gotha 1839), Abu Jshak al Faresi, Jbn Haukal, um 915 (das persische „Irak.", herausgegebcn von Uylcnbrock, Leyd. >822), El Edrisi, 1159 (arab, Noni 1592; Spanien von Conde, Madr. 1199, undHarr- i mann, Mark. 1891; Syrien von Rosenmüller, Lp;. 1823; vollständige Übersetzung von Zaubert, Par. 1836), Omar Jbn al Ward!, Aakuti, gcst. 1249, Al Osyuti, Abulfcda (s. d.), Kaswini u. A., und Vieles, was die bekanntesten unter ihnen, Abulseda und Edrisi, berichten, ist noch jetzt brauchbar und in historisch-geographischer Hinsicht wichtig. Mehr aber als aus den geographischen Lehrbüchern der Vorerwähnten lernt man auS den Beschreibungen, welche Araber von den Ländern, die sie besuchten, lieferten; so Al Hassan bcn Mohammed al Wasan aus Cordova, bekannter unter dem Namen Leo Africanus, der in> 15. Jahrh. Asien und Afrika, Mohammed Jbn Valuta (übersetzt von Jose de S. A. Moura, Lissab. 1849), der im 13. Jahrh. Afrika, Indien, China, Rußland u. s. w., und Jbn Foslan (herausgegebcn von Frähn, Pctersb. 1823), der Rußland durchwanderte. Auch die Geschichte fand seit dem 8. Jahrh. unter den Arabern viele Bearbeiter; doch sind deren Werke noch lange nicht, wie sie es verdienen, benutzt. Der älteste Historiker der Araber, den wir kennen, ist Hcscham den Mohammed al Kelbi, gest. 819. In demselben Jahrhunderte lebte Jbn Kotaiba, Abu Obaida, Al Wakedi, Al Baladsori und Asraki. Seit dem Anfänge des 19. Jahrh. wurde die Geschichte ein Lieblingsstudium der Araber. Masudi („Iliswrieai enc^clopuallia, cmtitiml meaclovvs ok Aolcl anci mines ol gems", englisch von Sprenger, Bd. I, Lond. 1841), Tabari („banales", herausgegeben von Kosegarten, Grcifsw., 1831 : fg.), Hamza aus Jsfahan und der christliche Patriarch Eutychius von Alexandrien (,,.än- milas", herausgegebcn von Pococke, 2 Bde., Oxf. 1658) waren die Ersten, welche Universalgeschichten verfaßten. Hierin folgten ihnen Abulfaradsch („Ilistoria compenclioss , Lond. 1841). Von Kotbed- Arabische Literatur und Sprache 431 ! bin haben wir eine Geschichte von Mekka, von Kcmalcddin eine Chronik von Aleppo (hcraus- ! gegeben von Freytag, Par. 1819); Jbn Khallikan („Vie «le8 Iiommes illu8tro8", hcraus- ' gegeben durch M'G.tckin de Slane, Par. 1838, in engl. Übersetzung von demselben, Bd. I, Lond. 1832), Jbn Abi Osaiba, Dsahcbi („Idber c>r,88in,n virorum, gui Koran! et trrxli- tinniiin cngnitions excdlneriint", hcrausgcg. von Wüstenfcld, Gott. >833), Abu Zakariya > cl Navavi (herausgeg. von Wüstenfeld, Gott. 1832) u. A. verfaßten biographische Wör- j kerbüchcr. Abdellatif („>3i8t»ri-is cnm;>en«Iii>m", hcrausgcg. von White, Oxf. ^ 1890; übersetzt und erläutert von Sacy, Par. 1810), Makrizi („Ilistoirs Oe? 5u!tans 5lmn- > In»Ic8 755) und Emadeddin lieferten Biographien des Sultan Sa- ladin; Jbn A'rabschah beschrieb die Thaten des Timur (hcrausgcg. von Manger, 2 Bdc., Leuwarden 1 767 und Kalkutta 1812); von Jbn Khaldun haben wir außer mehren intercs- sanken Werken eine Einleitung in das Studium der Geschichte und Politik (herausgeg. von Arri, Turin 1831) und eine Geschichte der Berbern (erschienen in Algier 1832); Hadschi Khalfa verfaßte ein encyklopädisch-bibliographisches Werk über die Literatur der Äraber, Perser und Türken (herausgeg. von Flügel, Lpz. 1835 fg.). Der Stil der meisten arab Historiker ist einfach und ungcschmückt. Die Theologie, welche in inniger Verbindung mit der Nechtsgelehrsamkeit steht, weil beide auf Einem Grunde, dem Koran, ruhen, bildet den bedeutendsten Theil des öffentlichen Unterrichts. Erst unter den ommajjadischcn Khalisen fingen die Spekulationen über den Inhalt des Koran an, und als nachher die Aristotelische Philosophie bekannt wurde und man diese auf die Religion anzuwenden anfing, so entstanden bald mehre Sekten, von denen vier als rechtgläubig, 72 aber als ketzerisch angesehen werden, und deren verschiedene Meinungen Scheristani in seinem Werke über die Religionen aus- cinandersctzte. Jene vier orthodoxen Sekten find die Hancfitcn, welche zwar die Tradition nicht verwerfen, aber Vernunftgründe ihr vorzichen; die Schafften, die den Gebrauch der Vernunft und Philosophie ganz verwerfen, die Kambaliten und Malechiten, die den Gebrauch der Philosophie nur dann zulasten, wenn gar keine Tradition vorhanden ist. Die Tradition oder Sunna überliefert die Reden und Thaten des Mohammed und ist, bei aller Pedanterie in einzelnen Bestimmungen, doch ihrem Kerne nach beiweitem dem Koran vorzu- ziehen. Die von Bochari gesammelten Überlieferungen werden am meisten geschätzt; ein ähnliches Werk ist „Mischkat al Masabich", englisch übersetzt von Matthews (Kalk. 1809). Unter den theologisch-juridischen Disciplincn steht die Exegetik des Koran oben an; die berühmtesten Excgeten sind Samakhschari und Baidhawi. Eine sehr berühmte Dogmatik schrieb Omar al Nasafi im >2. Jahrh,, das geschätzteste Gesetzbuch Schaikh Ibrahim aus Aleppo im 16. Jahrh. Beide Werke übersetzte Mouradgea d'Ohston. Das mohammedanische Recht erläutern noch Hedaya (3 Bde., Kalk. 1830; englisch von Hamilton, 3 Bdc., Lond. 1791, 3.) mit den Kommentaren Jnaya und Kafiya, und die Aussprüche oder Fet- j was berühmter Juristen, von denen die „Kataveu .3!omAiri" (6 Bde., Kalk. 1820 , 3.) und » „b'utaeva Uammlum" (2 Bde., Kalk. 1832) im Drucke erschienen sind. Eine Chresto- j mathie juristischer Beweisstellen gab Macnaghten in seinen „?rineiple8 ok inulmincull», l-nv" (Kalk. 1825). Die Philosophie der Araber, welche sich zum Koran wie die christliche Scholastik zur Bibel verhielt, war griech. Ursprungs. Sie hielt sich hauptsächlich an Aristoteles, der durch sie auch in Spanien und von da im ganzen westlichen Europa bekannt wurde; denn ans dem Arabischen übersetzte man ihn in die lat. Sprache. Doch kannten die Araber selbst den Aristoteles, den sic auf ncuplatonische Weise auffaßtcn, » >e aus den unter den Äbbasfidcn gemachten Übersetzungen. Ganz vorzügliche Aufmerksam!eit . wendeten sie auf Dialektik und Metaphysik. Von ihren philosophischen Schriftstellern i sind zu bemerken: Alkendi aus Basra, um 800; Alfarabi, der um 953 über die Prin- s eipien schrieb; Avicenna, gest. 1036, der außer andern philosophischen Schriften, einer Logik, Physik und Metaphysik, einen Commentar zu des Aristoteles Werken verfaßte; Jbn Uahya, der sich als Selbstdenker auszeichnete; Algazeli, gest. IIII, der eine „Niederrei- ßung aller heidnischen philosophischen Systeme" schrieb; Abubckr ebn thovhail, gest. 1190, >12 Arabische Literatur und Sprache der in seinem philosophischen Roman „bl»i ob» Volc<1»n" (herauSgegcben von Poeocke, Oxf. >671) die Entwickelung des Menschen aus der Lhierheit lehrte, und sein Schüler Äverrhoes (s. d.), besonders hochgeachtet als Erklärer des Aristoteles. Viele berühmte Philosophen waren zugleich Ärzte, und unleugbar haben die Araber nächst der Erdkunde in der Medicin das Bedeutendste geleistet, wie ihnen denn auch das Verdienst gebührt die wissenschaftliche Medicin im Mittelalter erhalten und das Studium derselben in Europa wieder belebt zu haben. Zu Dschondisabur, Bagdad, Jspahan, Firuzabad, Be- lhara, Kufa, Basra, Alexandria und Cordova wurden vom 8. bis zum II.Jahrh. me- dicinische Lehranstalten errichtet, und bei dem eifrigen Studium, das man der Medicin wid- mete, konnte es, obschon man im Wesentlichen sich auch hier an die Griechen hielt, an bc- deutenden Fortschritten nicht fehlen. Die Anatomie konnte freilich durch sie nichts gewinnen, weil der Koran Zergliederungen untersagte, desto mehr aber gewann die Arzneimittellehre, da sie eifrig Botanik studirten, wie auch Chemie, die, wenn sie nicht als deren Erfinder be- erachtet werden können, wenigstens vielfach durch sie gefördert wurde. Auch die Nosologie verdankt ihnen manche Fortschritte. Zu ihren berühmtesten medicinischcn Schriftstellern gehören: Aharun, der zunächst die Pocken beschrieb, Jahia den Serapion, Jakob benJshak Alkendi, Johannes Mesve, Rhazes, Ali den Abbas, Ävicenna (s. d.), der Herausgeber des „Kanon der Medicin", der lange Zeit als das einzige Hauptbuch galt, Jshak ben So- leiman, Abulkasts, Jbn Sohar und Äverrhoes, der Verfasser eines dialektischen Systems der ganzen Medicin. Vgl. Sprengel, „Geschichte der Medicin"„(Bd. 2) und Wüstenfeld, „Geschichte der arab. Ärzte und Naturforscher" (Gött. 18-1»). Über Naturgeschichte schrieben Damiri, Jbn Baitar und Kazwini ; über den Ackerbau Abu Zakarya aus Sevilla („I^Kro lie axriciiltnrkr", spanisch von Bangueri, 2 Bde., Madr. l 802, Fol ). Wenn die Physik bei den Arabern weniger gewann, so liegt die Ursache in der Art der Behandlung; denn um die Aristotelischen Principien mit der Vcrhängnißlehre des Koran leichter vereinigen zu können, bearbeitete man die Physik metaphysisch. Desto mehr leisteten sie in der Mathematik, welche von ihnen auf einfachere Grundsätze zurückgeführt, vielfach bereichert und weiter verbreitet wurde. In der Arithmetik führten sie den Gebrauch der Ziffern und das Hinaufstei- gen in zehnfacher Proportion ein, in der Trigonometrie die Sinus statt der Chorden; sie vereinfachten die trigonometrischen Operationen der Griechen und erweiterten die gemeinnützigere Anwendung der Algebra. Um letztere erwarben sich Mohammed ben Musa ^ebis srsb. iMil LUAl.", herausgegeben von Rosen, Lond. 1830) und Thabet benKorrah besondere Verdienste; Alhazen schrieb über die Optik; Nassireddin übersetzte die „Elemente" des Euklides (Nom 1694 und öfter); Dschebcr ben Äfla lieferte einen Commcntar über des Ptolemäus „Trigonometrie". Vorzüglich wurde die Astronomie bearbeitet, für welche zn Bagdad und Cordova berühmte Schulen und Sternwarten errichtet waren. Schon 812 batten Alhazen und Sergius des Ptolemäus „Almagest", dieses erste vollständige Lehrgebäude der Astronomie, ins Arabische übersetzt, woraus Alfargani 833 („blleiiEut» astto- »mnicn", herausgeg. von Golius, Amst. 1669,4.) und später Äverrhoes Auszüge lieferten; Albaten beobachtete im 10. Jahrh. das Fortrückcn der Apsidenlinie der Erdbahn, Mo- bammed ben Dscheber albatani die Schiefe der Ekliptik; Alpetragius schrieb eine Theorie der Planeten. Die Geographie wurde mit Mathematik und Astronomie in Verbindung gebracht und systematisch bearbeitet, so von Abulfeda u. A. Eigenthümlich sind den Arabern die Eintheilung der Erde in sieben Klimate, viele geographische Maße u. dgl. Bei diesen Fortschritten in den strcngeru Wissenschaften wurde der Geist der Araber nicht unempfänglich für Poesi e. Zahlreiche Dichter gab es fortwährend in allen Provinzen des großen arab. Reichs, doch wurden ihre Lieder jetzt künstlicher. Auszeichnung verdienen M o t e n e b b i (s. d.), Abu Jsmael, Vezier zu Bagdad, Abu 'l Ala, Omar ben Faredh u. A. (s. Anthologie), Hamadani als Begründer der Kunstform der Makamen, die H a- riri (>. d.) zur höchsten Vollendung brachte, Jbn Arabschah wegen seiner Erzählungen (her- ausgeg. von Freytag, Bonn 1832). Auch an Romanen und Märchensammlungen, wie die „Tausend und eine Nacht"(s. d.), die „Thaten Antar's" (s. d.), die „Thaten der Kämpfer" („Siret ul woclscliLlicclin"), die „Thaten des Helden" („Siret ei bsliliivvLn") ist oie arab. Literatur reich. Überhaupt findet man, die dramatische ausgenommen, keine Gattung d 9 n A tc p si w m R I w T I! I» T ar i» K tt! D be hi ve in m ar be E C E A T u t> § ?cke, , üler! nite ' »>de lhrt Eu- B°- mc> vid- . bc- neu, hre, bc- ogie lew shak eber So- emS seid, )rie- ikro )yß um köiu ätik, ver- stei- ! si- ^ein- uah ite" des ez» ZI2 rge- ra- ftr- No- orie >ern lber )in- die- !edh )a- her- die der »ist mg Arabische Literatur und Sprache 44L der Poesie, in welcher die Araber sich nicht versucht hätten; daher cs auch als etwas ganz Natürliches erscheinen muß, daß sie mächtig auf die neueuropäischc Poesie cinwirktcn. So sind namentlich die Märchen mit ihren Feen und Zauberern, vielleicht auch der Reim, von den Arabern in die abendländische Poesie übergcgangcn, auch einige der im Mittelalter am weitesten verbreiteten Volksbücher, wie „Die sieben weisen Meister", die „Fabeln des Bid- pai" (.s. d.), sind durch arab. Vermittelung uns zugeführt worden. Die arabischeSprache gehört zu den sogenannten semitischen Mundarten, unter denen sie sich durch Alterthum, Rcichthum und Geschmeidigkeit auszcichnct; sie zerfällt in zwei wesentlich voneinander geschiedene Dialekte, in den nördlichen, der durch den Koran allgemein herrschende Bücher- und Umgangssprache in der gesammten Ausdehnung des arab. Reichs wurde, und in den südlichen oder himyaritischen, der aber bis jetzt nur aus wenigen Inschriften und sonstigen Sprachproben bekannt, wahrscheinlich aber die Quelle der äthiop. Sprache und Schrift ist. Vgl. Gesenius und Rüdiger, „Uber die himyaritische Sprache und Schrift" (Halle >841). Der älteste Grammatiker, der schon unter dem vierten Khalife» Ali blühte, ist Abu 'l Aswad al Duli; unter den nachfolgenden Grammatikern sind zu erwähnen : Sibawaih, Jbn Malek, 818, Fol., und 4 Bde., Kalk. 1840, 4.). Die Kunstausdrücke der Künste und Wissenschaften erklärte alphabetisch Dschordschani; die zahlreichen Sprüchwörter sammelte Meidani (hcrausgeg. von Freytag, 2 Bde., Bonn 1838). Durch den Übergang der Araber nach Sicilien und Spanien ward die arab. Sprache in Europa bekannt. Ungeachtet sic aber manche Spuren ihres Einflusses in den Sprachen jener Länder hintcrlassen hat, so ging doch ihre Kcnntniß nach Vertreibung der Mauren den Europäern meist verloren. Postel w.ckte das gelehrte Studium derselben von neuem in Frankreich und Spe« in Deutschland. Mit großem Eifer ward es seit dem 17. Jahrh. zuerst in den Niederlanden und seitdem auch in Deutschland, Holland und England getrieben. Sprachlehren lieferten, auf die arab. Grammatiker sich stützend, Martelotti (1620) und Guadagnoli (1642); »ack bequemerer Methode van Erpe (1613), besonders aber Sacy (t83I), Lumsden (1813), Ewald (1831), Noorda (1835) und Petermann (1839); Wörterbücher Golius, Giggeji, Castelli, Mcninski, Wilmet und Freytag; Chrestomathien Roscnmüllcr, Jahn, Sacy, Kosegarten, Grangeret de Lagrange, Humbert, Freytag, der Schaich Achmed al Pemini unter dem Titel „i>Mt'Inlt »I Vemen" (Kalk. 1811, Fol.) und „klmlileut »l ^sruli" (Kalk. 1818, Fol.) u. A. Die Metrik bearbeiteten Freytag und Ewald. Die Kcnntniß des Neu- Arabischen, wie cs jetzt in Syrien, Ägypten und der Nordküste von Afrika gesprochen wird, förderten durch Grammatiken Caussin de Perceval und Canes, durch Wörterbücher Donii- nicus Germanicus de Silesia, Canes, Elious Bokhtor, Marcel, Habicht u. A. Die größten Sammlungen arab. Manuscripte finden sich in Madrid, Rom, Paris, Leyden, Oxford, London, Gotha, Wien, Berlin, Kopenhagen und Petersburg, doch fehlt es noch an genügenden Katalogen über alle diese Sammlungen. Eine Geschichte der arab. Literatur nach allen Seiten ihrer Entwickelung bearbeitet Flügel; eine vollständige Übersicht des bis jetzt»» Druck Erschienenen gibt Zenker in seiner „vibliotbecn oi-ientalis" (Bd. 1, Lpz. > 840). Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch die Überreste der arab. Baukunst in Spanien und Afrika. Den Stil derselben studirte der franz. Architekt Cvstc, der sich seit 1818 besonders in Kairo und in Alexandrien aufhielt und die Resultate seiner Forschungen in dem Werke „^rcliitec- tuee nrnbe, o» moimments ei» tüsirs, clessinss et niesures" (Par. 1823, Fol, mit 74 Kpfrn.) nicderlegte. Zur genauer» Kcnntniß der arab.-span. Ärchitektur dienen noch die Prachtwerke von Murphy, „Grobian sntiquities nk8;>ui»" (Lond. 1816), Lozano, tzui-ckttles Niobes lie kspnkin" (Madr. 1804), Gourg und Jones, ,,/^Iiniiibru" (Lond, 444 Arabischer Meerbusen Arachuiden > 836 ) und besonders die Werke von Girault de Prangcy, „Souvenirs de Orenadeetde - I' ^üwmbrs" (Par. 1837 ); ,Monuments arndes et moresgues detliordove" (Par. 18 ) 0 ) I und „bissm snr I'arcditecturo des Grabes et des Llores en LspvFne" (Par. >841). Über l die Musik der Araber schrieb Kiesewetter, „Die Musik der Araber" (Lp;. 1842, 4.). Arabischer Meerbusen, s. Rothes Meer. Aracan, auch Rakhaing, das nordwestlichste Gestadcland der hinterindischen Halbinsel, umfaßt ungefähr 600 lüM. und wird begrenzt im Osten und Norden von Ava, im Süden und Westen vom Bengalischen Meere und der brit. Provinz Bengalen, und zwar zunächst dem bereits 1760 gewonnenen Districte Dschittagong. Die östliche Grenzkette des Aracangebirgcs oder Puma-Dong scheidet das Land vom Jrawaddithale, das Stufe»- land Dschittagong verbindet es mit den Sundcrbunds des bengalischen Tieflairdes; da- I zwischen erscheinen als die größten Flüsse der Staaffluß, Myu und Aracan (in seinen, . ober» Lauf Kula-Deing) und an dessen Westufer als bedeutendste innere Erhebungen ^ die Bcrggruppcn der Blaue Berg (5600 F.), Pyramidenberg (3260 F.) Tyneberg (3000 F.) und der Tafelberg (8340 F.). Der östliche Thcil A.s ist ein wildes, rauhes Ee> ^ birgsland, der westliche eine breite Niederung, bedeckt mit Sumpfen von Schilf und Bambus, mit Busch- und Hochwald, an den Küsten tausendfach vom Meere zerschnitten und umsäumt von zahlreichen Inseln, Klippen und Sandbänken. Die Flußmündungen erweitern sich zu ansehnlichen Buchten und laden zum Landen ein, der Südwestmousson aber macht du Küsten die Hälfte des Jahres unzugänglich. Das Klima ist wegen seiner Wasserfüllc in indischem Tropcnklima ungesund, es hat den Briten viele Opfer abgefodcrt, und A. würde nicht behauptet worden sein, wenn es nicht als ein äußerster Vorposten gegen das mächtig! Birmancnreich, überhaupt gegen den Südosten von hohem Werthe wäre. Die Cultur des Landes ist zwar gering, jedoch seine Vegetation üppig, sie erzeugt Reis, Kaffee, Baumwolle, Zuckerrohr, Taback, Indigo, Pfeffer, Orangen, Ananas, Limonen und Cocosnüsse, wie auch treffliches Teakholz. Dem Elefanten und Tiger sind die Wildnisse des Landes willkommen, der Ocean bietet Austern und Fische, die Klippen eßbare Vogelnester in Menge. Reich sind die Mineralien vertheilk, an der Ostseite der Gebirgskette findet man Goldstaub und Silber in Körnern; die Industrie und der Handelsgewinn aber sind sehr gering. Die Bevölkerung wird auf 120— 200000 Seelen geschätzt, rein birmanischen Stammes, doch in den drei Hauptgruppen der eigentlichen Birmanen, der Mohammedaner und Aracanesen oder Mugs. Letztere, welche mehr denn zwei Drittheile der Eesammtbevölkerung ausmachen, gleichen in ihrer Bildung den Chinesen vielfach und sind ganz verschieden von den benachbarten Benga- lescn. Sie lieben Jagd und Fischerei mehr als den Ackerbau und sind verschmitzte Krämer Ihre Sprache ist mit dem Birmanischen eng verwandt, und die Schreibekunst so verbreitet, daß ein Jeder, selbst die Weiber, mit Eleganz schreiben kann. Jni J. 1061 n. Ehr. trennte sich das östliche Ava von A., was ein selbständiges Königreich bildete bis zum I. 1783, wo es wieder von den Birmanen erobert wurde, da es durch Kämpfe mit seinem nördlichen Nachbar, dem Großmogul von Bengalen, gänzlich in Verfall gcrathen war. Vorzugsweise durch Grenzstreitigkcitcn veranlaßt, entstand 1824 der Birmanenkricg, der für die Briten mit der Eroberung von A. endete, das ihnen der Birmanenkönig im Friedenstractat zu Aan- ^ dabo im I. 1826 förmlich abtrat. Das Land wird in vier Provinzen, A., Sandoway, Tschc- 1 Kuba und Namri, gctheilt. — Die Hauptstadt gleiches Namens, welche am 28. März >825 von den Briten eingenommen wurde, liegt in höchst ungesunder, von vielen taufend Wassergräben durchschnittener Gegend im Delta des Aracanflusses. Acachne, d. i. die Spinne, die Tochter des Purpurfärbcrs Jdmon zu Kolophon in Jonien, hatte von Minerva die Kunst des Webens gelernt und unterfing sich, ihrer Lehrerin selbst eine» Wettstreit anzubietcn. Umsonst warnte sie davor die Göttin in Gestalt einer alten Frau; der , Wettstreit begann, und A. fertigte ein kunstreiches Gewebe, das die Liebesabenteuer der Olym- ^ picr darstclltc. Minerva, darüber erzürnt, zerriß das Gewebe, und als A. in Verzweiflung - darüber sich erhing, gab sic ihr zwar das Leben wieder, verwandelte sie aber in eine Spimu- Das Ganze ist eine neuere Mythe. I Arachlltdcn oder spinnenartige Thiere bilden die zweite Classe der gegliederten Thien, ! und stehen hinsichtlich ihrer Ausbildung zwischen den Classcn der Kruster (Krcbsthierc) und > 1 ") > Iber I hen lva, war ette fe»- da- icm !gr>! )Ng E-. am- um- terr t di! lc i» ürdl )tig! deS >olle, auch nen, sind über :ung drei ugs. n i» nga- nier. :itct, ! :sich ! wo chen oeise n!cn !an- x schc- ' 82', ss-r- lien, inen ;dcr ^ lym- i lung l n»c. sier^ und Arachnologic Arachyde ^5 der Insekten. Mit den erster» haben sie gemein, daß Kopf und Brust in ein Stück (Opka- Intlivrax) verwachsen sind; dagegen unterscheiden sie sich von ihnen durch einfache Augen, Mangel von Fühlern, Lungen oder Luftröhren. Die Insekten sind von ihnen schon äußerlich verschieden durch deutlich getrennten Kopf, Flügel, Fühler u. s. w. Die Arachniden haben Kinnbacken von theilweis sehr complicirtcr Art, in niedriger» Formen nur Säugrüssel. Sie athmcn bloß Luft und Wasser, und obgleich mehre im Wasser sich aufhaltcn, so sind sie denAthmungö- Werkzeugen nach doch Landthicre. Die Geschlechter sind stets getrennt; die Fortpflanzung geschieht durch zahlreiche Eier, welche von der Mutter meist in ein seidenartiges Gespinnsi (Eocon) gehüllt, bisweilen von ihr mit herumgetragen werden bis zur Reife. Ihre Sinne sind sehr scharf und entsprechen der Bestimmung zum Raubthierlcbcn; über Sinn für Musik, den sie geäußert, gibt cs manche, wenn auch unverbürgte Anekdoten. Sie haben einfache, aber in Mehrzahl vorhandene Augen, deren relative Stellung zur systematischen Anordnung der Gattungen eine gute Grundlage darbietet. Ein sechster Sinn scheint sich bei den eigentlichen Spinnen in ihrer sehr großen Empfindlichkeit für atmosphärische Zustände darzulegen, daher sie auch seit alten Zeiten als eine Art Wetterpropheten betrachtet worden sind; Neaumur, Lyonct und in neuern Zeiten Quatreniere Disjonval haben in dieser Beziehung umständliche Untersuchungen angcflellt. Mit Ausnahme der nieder« Abthcilungen, z. B. der Milben und ähnlicher oft fast mikroskopischer Geschöpfe, sind die Arachniden ungesellige, sich anfcindende, meist im Dunkel lebende Thicre, von sehr räuberischen und grausamen Gewohnheiten, vielem Muth und angemessener Stärke. Die Spinnen im strengen Sinne bilden eine besondere Gruppe der Arachniden, die Skorpione eine andere, die Milben die letzte. Die eigentlichen Spinnen sind keineswegs so giftig, wie gemeiniglich angenommcn wird; unter den europäischen ist in solcher Beziehung keine zu fürchten, jedoch beißen die größer» empfindlich. In tropischen Ländern gibt cs allerdings einige, deren vergifteter Biß schlimme Folgen haben kann. Die Geschichten von der Tarantel Neapels, der Malmignatte Corsicas sind Fabeln. Nicht alle Spinnen weben; die webenden befolgen wiederum die verschiedensten Methoden, bleiben aber in jeder Art sich allezeit hierin gleich. Durch Vertilgung einer zahllosen Menge von Insekten sind sie von großem Nutzen. Die Spinnenfäden wie Seide zu verwenden hat man sich, nach dem Vorgänge des Präsidenten Bon in der „Dissertation sur I'araignse" (Par. 17 >»), bis jetzt umsonst bemüht. Neaumur fand die Sache im Großen unausführbar; Naym. Maria dcTrcmeycr, ein Spanier, der sich 1777—78 und 1791 mit gleichen Versuchen beschäftigte, erlangte durch Abwindung der Cocons wenigstens so viel Seide, daß er für Karl'!II von Spanien Handschube u. s. w. weben lassen konnte; der Engländer Nolt wiederholte diese Versuche später, fand aber, daß das Product einer Seidenraupe demjenigen von 6'/i, Spinnen gleich ist, und daß die Zucht der Spinnen im Großen durch Ncbenumstände unmöglich gemacht werde. Das vollständigste Werk über die Arachniden lieferte Walkenaer in seiner „llistoire naturelle «le» insectes apteres" (2 Bde., Par. 1337) ; außerdem Vgl. Hahn und Koch, „Die Arachniden" (Nürnb. 1832 fg.) und Koch und Herrich, „Deutschlands Arach- niden u. s. w." (Nürnb. 1835 fg.). Arachlrölogie oder Araneologie heißt die Kunst, aus dem Verhalten und dem Gewebe der Spinnen auf die Veränderung der Witterung zu schließen. Andeutungen darüber gibt schon Plinius; vollständig verbreitet sich aber über diesen Gegenstand Q u a- rremerc Disjonv al(s. d.) in einer besondcrn Schrift (Par. 1797), welcher während einer achtmonatlichen Gefangenschaft Gelegenheit hatte, die Spinnen zll beobachten und Erfahrungen zu machen, die sich besonders auf das Verhalten der Spinnen zur Temperatur der Lust beziehen. (S. Spinne.) Arachyde (^racbis K)-p0Atza) ist ein zu den Leguminosen gehöriges neues Olgcwächs, das zuerst aus Peru nach Spanien und dann nach Frankreich verpflanzt wurde. Das Aussäen oder Pflanzen geschieht, wenn kein Frost mehr zu erwarten steht. Der Boden kann zwar leicht und sandig, muß aber fruchtbar und der Mittagssonne ausgcsetzt sein. Sobald die Pflanzen verblüht haben, neigen sich die Samenkapseln zur Erde und drängen sich später förmlich in dieselbe ein, um dort zur Reife zu gelangen. Alle Thcile der Pflanze geben ein gutes Vichfutter und der Same ein ganz klares, geruchloses Brenn- und Speiseöl, das in Spanien hauptsächlich zur Fabrikation von Seife, Chocoladc, Brot u. s. w. benutzt wird. « 446 Arago Arago (Dominique Francois), gleich ausgezeichnet als Physiker wie als Deputirter, gcb. am 28.Fcbr. >786 zu Estagel bei Perpignan, kam mit l 8 Jahren in die Polytechnische Schule, die erzwei Jahre lang besuchte. Erwurde >8ü5Sccretairdes6ures>l 869 ward er auf wiederholte Verwendung des franz. Con- suls sreigegeben und gelimgte nun nach Marseille, nachdem er mit genauer Noch einer engl. Fregatte entkommen war. Zum Lohn für diese Mühen wurde er, erst 23 Jahre all, an Lalande's Stelle in die Akademie der Wissenschaften ausgenommen, und vom Kaiser, der viel auf ihn hielt, zum Professor an der Polytechnischen Schule ernannt. Hier ertheiltc cr biS I83> Unterricht in Analysis und Geodäsie; nachher beschäftigte er sich mehr mit Astronomie und Physik, zumal mit Untersuchungen über die Polarisation des Lichts, Galvanismus und Magnetismus. Als Entdecker des durch Notation entwickelten Magnetismus war er der erste Franzose, dem die von Copley gestiftete Medaille zuerkannt wurde, und als er >833 nach Großbritannien kam, creirte ihn nicht nur die Universität zu Edinburg zum Doctor der Rechte, es crtheiltcn ihm auch die Städte Edinburg und Glasgow das Bürgerrecht. Mit Gay-Lussar gründete er die de cliimie et cle ;>ü)8chue". Die Resultate seiner Meridianmessung, die ihn zuerst in der wissenschaftlichen Welt bekannt gemacht, finden sich in der Fortsetzung der früher vom Institut herausgegebenen „6-iso I'obsorvstioii8 geockesiques". In seinem >828 begründeten „^rmiiaire llu Lureau ckos lonFituckes" liefert er populair wissenschaftliche Abhandlungen, wie er denn überhaupt in der faßlichen Darstellung selbst der schwierigsten Probleme der Wissenschaft besonders ausgezeichnet ist. Dieses Talent der Popularität befähigte ihn auch zu einer politischen Rolle. Er nahm lebhaften Anthcil an der Julirevolution. Jm J. > 83 > vom Wahlcollegium zu Perpignan zum erstenMale zum Abgeordneten ernannt, nahm er sofort seine Stelle auf der linken Seite und ist seitdem in fast beständiger Opposition gegen alle Ministerien geblieben. Er gehörte besonders seit dem Compte-rendu, den er mit Unterzeichnete, nebst seinen Freunden Dupontde l'Eurcund Lafsitte zu denHäuptern der entschieden radicalen Partei und steht noch jetzt mit Lamennais an der Spitze des Comite für Wahlreform. Besonderes Aufsehen mach« sein Bericht über das Eisenbahnwesen und seine Rede gegen die zu ausschließlich ihn bedün- kcnde Begünstigung der klassischen Studien. Schon bei der ersten Verhandlung über den Plan einer Befestigung von Paris sprach er stark gegen die detachirten Forts und erklärte sich >83> gleichfalls nur für Errichtung einer höchstens mit Bastionen versehenen Ringmauer. A. hat ein stattliches Ansehen, ein edles, ausdrucksvolles Gesicht und sein reicher, wechselnder Vortrag wird noch durch südlich lebhafte Gestikulation, durch eine reine, wohlklingende Stimme gehoben. Er bekleidet eine Menge Stellen, die er fast alle der Wahl verdankt und zum Theil unentgeltlich versieht. Als der König von Preußen >842 die Friedensclasse des Verdienstordens für Wissenschaft und Kunst stiftete, ward auch A. unter die Ritter desselben ausgenommen. In Wissenschaft und Literatur, in der Politik und auf der Tribüne rastlos khätig, ist er zugleich angenehmer Gesellschafter. Er liebt leidenschaftlich den Ruhm, nicht blos den Nachruhm, sondern auch die Gunst der Gegenwart, und da er in den verschiedensten Richtungen ihr nachstrebt, so wirkt er überallhin fördernd und anregend, zersplittert aber mitunter leine Kräfte. A. hat in Wissenschaft und Politik einen ausgezeichneten Scharfblick für die feinsten Beziehungen des äußern Lebens; aber gleichwol scheint cs diesem Durchforscher der imponderablen Naturstoffe noch nicht gelungen, auch die Tiefen des schaffenden VölkcrgeistcS 7 " I « Aragon yk rak 4-1' ter, >che les, Nid tnd tet, ner ach ge- ila> kn ft, en; ein vn- ncr alt, der bis mie und der rach hte, ssae lan- ort- )em Lire enn )ast hm tim der >en. den wch chke ün> den sich .rer. lder ime heil »st- fge- tig, den ich- nter die der stcS zu ermessen, und in der Nationalität und der Gliederung nach den Hauptsprachen die Grundlage des neuen Völkerrechts zu entdecken. Darum ist A., der Freund A. von Humboldts, in seiner Würdigung der Verhältnisse Frankreichs zu Deutschland nicht ganz frei von den Vorurtheilen, die manche seiner Landsleute mit ihm theilen. Vermöchte er aber dieses einen Jrrthums los zu werden, der seine entstellenden Schatten so weit hinauswirst, so könnte er wol noch mit schöpferischem Lichte ebenso weite Kreise im Gebiete der Politik als in dem der Naturwissenschaften erhellen. Aragon, eine nordöstliche Provinz Spaniens von 603 m>M., wird von Navarra, Alt- und Neucastilien, Valencia, Catalonien und Frankreich begrenzt, von West nach Ost vom Ebro durchflossen, derhier links Gallego und Cinca, rechts ckalon aufnimmt, und zerfällt in die natürlichen Abschnitte der Ebene zu Seiten des Hauptstroms und des nördlichen und südlichen gebirgigen Oberaragoniens. Die mittlere Ebene bietet das Bild einer öden Steppe, dürr, wasserarm und qucllenlos, durchfurcht von tiefen Wasserrissen (burancos) zwischen scharfkantigen Kämmen niederer Kalk-und Gypshöhen oder breiten Bänken, an denen oft das Steinsalz zu Tage tritt. Der Anbau ist spärlich und beschränkt sich auf Weizen, Wein und Oliven, die in lichten Gehölzen mit nicderm Eichengebüsch wechseln. Entgegengesetzt ist der landschaftliche Charakter zu Seiten des Ebro, wo zwischen zahlreichen Wasseradern unabsehbare Neisfluren, Maulbeerbaum-und Weinplantagen prangen, ebenso in denBergter- cassen Oberaragoniens, die eine reiche und kräftige Vegetation tragen. Im südlichen A. bildet die Serrania de Doroca eine Vorterrasse der höhern ncucastilischen und valenciani- schen Berglandschaften, wahrend im Norden die Sierren de Solwarbe und Euara den Pyrenäen vorlicgen und die Sierra de Alcubierre nah an dem Ebro tritt. Das Klima A.s ist in den Bergrevieren kühler als in der Ebene, die oft unter fast unerträglicher Sommerhitze schmachtet, es begünstigt aber gerade durch diese Verschiedenheit einen großen Producten- reichthum, indem neben Hanf und Flachs Weizen und Reis, neben den feinsten Obstsorten Öl'und herrliche Weine gedeihen. Die Viehzucht beschränkt sich fast nur auf Schaf- und Schweinezucht, dagegen zeigt das Mineralreich schätzbare Producte in Kupfer, Blei, Eisen, Salz, Alauncrz, Salpeter, Steinkohlen, Bernstein u. s. w. Wie der Ackerbau, so liegen auch Industrie und Handel darnieder, welcher letztere in Saragossa und Caspe Mittelpunkte hat, aber außer den Rohprodukten nur wenige Leinen- und Wollfabrikate zur Ausfuhr bietet. Die Aragonescn, ungefähr 735000, zeichnen sich durch Stärke und Kraft, aber auch durch Härte, durch Muth, sowie durch Kälte und Stolz aus; sie sind treue Freunde, jedoch auch furchtbare Feinde, und trugen in ihrem Charakter nicht wenig dazu bei, daß A. so oft ein Schauplatz der erbittertsten Kämpfe war. Die Hauptstadt der Provinz ist Saragossa; außer ihr sind wichtig Huesca, Barbastro, Caspe, Teruel, Calatayud, Tarazona u. s. w. A. bildete ursprünglich eines der alten span. Königreiche. Durch die Römer erobert und m eine röm. Provinz verwandelt, kam es dann in Besitz der Westgothen und seit dem 8.Jahrh. in den der Araber, denen es hierauf nebst Castilicn und Navarra durch die Christen entrissen wurde. Immer mächtiger wurden die Herrscher in A. seit der Vereinigung des Landes mit Catalonien im I. 1137; sie eroberten 1213 die Balkarischen Inseln, 1282 Sici- lien, 1326 Sardinien und 1340 Neapel. Durch die Vermählung Ferdinand des Katholischen mit Jsabella, der Erbin von Castilien, im I. 1369, wurden beide Staaten unter einen Herrscher vereinigt und bildeten nun die span. Monarchie. Nach Ferdinand's Tode, 1516, ward A. auf immer mit Castilicn vereinigt; es behielt aber seine alten Vorrechte, Freiheiten und Gesetze, die es erst unter den Bourbons, da es während des Erbfolgekriegs zu standhaft auf östreich. Seite ausgehalten hatte, fast gänzlich verlor. Vgl. Schmidt, „Geschichte A.s" (Lpz. 1828). In dem neuesten span. Kampfe hat auch A. sehr gelitten; während Oberaragonien entschieden der Königin anhing, war Unteraragonicn meist auf Seiten des Don Carlos. Arak oder Arrak, ein starkes geistiges Getränk, wird in Indien aus den Fruchtsäften der Arekapalme und Reis, oder aus Palmzucker und Reis, oder auch aus dem Safte der Cocosnuß und andern indischen Pflanzenproducten durch Gährung und Destillation bereiter. Dir vorzüglichsten Sorten des ostind.Araks kommen von Goa, Batavia und von der Küste L18 Arakatscha Aranda Korvmandcl, Der Hauptmarkt ist Amsterdam. Der westindische Arak, der dem Handel ! mit jenem großen Eintrag thut, liefern besonders Jamaica, Guadeloupe und Domingo, j ArakaLfcha ist ein zu den Doldengewächsen gehöriges, von Humboldt fälschlich der l Gattung Loiiium untergeordnetes, der Kartoffel ähnliches Gewächs, das in Santa-Fc und ! Caracas in Südamerika einheimisch ist, in neuerer Zeit aber auch in Frankreich und Eng- ^ land cultivirt wurde. Die Pflanze liebt ein gemäßigtes Klima und einen tiefen, lockern, > aber nicht fetten Boden. Die lichtgelben, 8—9 Zoll langen, 2-2'/- Zoll dicken Knollen ' vertreten ganz die Stelle der Kartoffeln. Außer der eßbaren Arakatscha (^rncnclm eseu- lonts) gibt es auch noch eine wildwachsende Art (ä. mosctmtn). Aralsee, bei einer Fläche von 110«! OM. nächst dem Kaspischen Meere der größte - Stcppensee Asiens, umlagert von den Steppen Khiwas, des Kirgisenlandes und des Truchmanen-Jsthmus, welcher beide Seen voneinander trennt. Die beiden größten Zu- flüfse des A. sind im Nordosten der Sir-Sihon oder Jaxartes der Alten, und im Süden der Amu-Ehihon oder Oxus der Alten, dessen Quellen der britische Lieutenant Wood, ans der Begleitung des Alexander Burnes, im I. 1838 im südöstlichen Theile Turkestans auf i einer Höhe von 15690 F. im See Serikol ganz unter solchen Verhältnissen wieder auffand, wie es schon im l 3. Jahrh. Marco Polo beschrieben. Die Behauptung, daß der Oxus früher zum Kaspischen Meere geflossen, ihm mindestens einen Arm zugescndet, ermangelt »och immer gütiger Beweise. Das nicht sehr salzhaltige Wasser des Sees enthält viele Störe, Hausen und Seehunde und ist Centralpunkt der Fischerei der nomadisirenden Küstenbcwoh- »er, wie Araber im Süden und Karakalpaken im Osten. Die südlichen Gegenden sind de- , sonders reich an kleinen Inseln. Aramäa, von dem hebr. Aram, d. h. das Hochland, im Gegensätze zu Kanaan, dem Tieflande, begreift das Ganze in zum Theil natürliche, aber historisch schwankend! Grenzen eingeschlvssene Land im Nordosten Palästinas, zwischen Phönizicn, dem Libanon, , Arabien, dem Tigris und Taurus, Länder, die von den Griechen Syrien, Babylonien und l Mesopotamien genannt wurden. Die gemeinsame Sprache der dort herrschenden Völker, dik ;u dem semitischen Stamme gehörten, wird die aramäische genannt und zerfällt in zwei Hauptdialekte: t) das Wcstaramäische oder Syrische (s.d.) und 2) das Ostaramäische oder Chaldäischess. d.). Außerdem haben wir noch mehr oder weniger zahlreiche Dokumente in den Dialekten der Samaritaner (s. d.), Zabier (s. d.) und Palm yren er (s. d.), die diesem Sprachzweigc sich auschließen. Auch die Sprache des Ta l m u d (s. d.), namentlich der babylonischen Ecmara, ist stark mit aramäischen Elementen gemischt. Die aramäischen Sprachen sind im Allgemeinen die härteste, ärmste und am wenigsten ausgcbildete Form des semitischen Sprachstammes, der jetzt fast ganz ausgesiorben ist und dem Arabischen und Persischen hat weichen müssen; nur in einigen entlegenen Schluchten der kurdischen Gebirge lebt noch ein aramäischer Dialekt als Volkssprache. Aranda (Petro Pablo Abaraca de Bolea, Grafvon), aus einer vornehmen Familie in Aragonicn, geb. 21. Dcc. 1718, widmete sich anfangs dem Militairdimste, daerindeß viel Beobachtungsgcist zeigte, so ernannte ihn Karl III. zu seinem Gesandten bei August 1»., ! König von Polen, welche Stelle er sieben Jahre lang bekleidete. Nach seiner Rückkehr ward er Generalstatthalter von Valencia; wegen des Aufstandes in Madrid 1765 zurückberufc», wurde er nun Präsident des Raths von Castilien. A. stellte nicht nur die Ordnung wicdc: her, sondern beschränkte auch die Inquisition und bewirkte die Vertreibung der Jesuiten auS dem Königreiche. Doch sah er die Früchte dieses heilsamen Verfahrens, sowie anderer ebenfalls von ihm ins Leben gerufenen Staatsreformen, wozu namentlich die verbesserte NechtS- rflege sowie die Hebung des Handels und Ackerbaus gehörten, nicht. Schon 1773 ward er ourch den Einfluß der Geistlichen, besonders der Dominikanermönche, von der Verwal- , !uug entfernt und erhielt die Gesandtschaft in Frankreich. An seine Stelle trat bis >778 Grimaldi, und von da ab führte der Graf von Florida Blanca die Geschäfte. Erst >792, als der Letztere ein Opfer heilloser Hosintriguen geworden war, trat A. wieder in seine stü- Here Stellung ein, wurde jedoch schon einige Monate später, nicht ohne den bittersten Spott > des Hofes und der Nation, durch Godoy, Herzog von Alcudia (s. d.) ersetzt. A. blieb zwar Präsident des Staatsraths, den er in Thärigkeit gesetzt hatte, ward aber, als ec einsi > dcl ! >cr ^ »d >K- M, ! rn u- ßte >es !»- >e» .»s mf ! nd, rusch irr, oh- be- 2N> Nd! >°>I, ) und s dir wci >dcr nite d>), :»t- läi- dtte ibi- rdi- >ilic ard ^ sc», chci 2U§ ^ un- 2ld oal- , I'ü ^ fr», poil! ilieb i ins. Aranjnez Aratus von Sicyon 449 seine Meinung über den Krieg gegen Frankreich ausgesprochen hatte, nach Aragonien ver- wiesen, wo er 1799 starb. Madrid verdankt ihm die Abstellung vieler Misbräuche. Aranjnez, Stadt und Lustschloß (sitio) in der span. Provinz Toledo, am Tajo, der hicrden Lamara aufnimmt, fünfMcilen von Madrid. Die Stadt ist im Holland. Geschmack gebaut, hat breite und gerade Straßen, die sich rechtwinklig durchschneiden, und gegen 2500 E- Das Schloß, welches sonst regelmäßig während des Frühlings der königlichen Familie zum Aufenthalte diente, zeigt von großer Pracht; ungeheure Summen wurden auf dessen Herstellung und Ausschmückung verwendet. Unter den vielen Gartenhäusern ist die Casa-del-Labrador das berühmteste. Die herrlichen Wasserkünste fangen an ungangbar zu werden. Die Hauptzicrde des Gartens sind die hohen Ulmenalleen, welche ihn sechs- und achtfach umgeben und von einem runden Platze nach zwölf Punkten hin auslaufen. Sonst waren auch die hiesige königliche Stuterei, die Maulesel- und die Büffelzucht sehr in Aufnahme; doch die traurigen Schicksale Spaniens nach Ferdinand's VII. Tode haben sie ebenso herabgebracht, wie sie den ganzen Glanz des reizenden A. um Vieles sinken ließen. Schon Karl I.(V.) hatte die Absicht, das Lustschloß anzulegen z doch geschah solches erst durch Philipp II.; zur Vergrößerung und Verschönerung trugen namentlich bei Ferdinand VI., Karl III. und Karl IV. Bekannt ist A. insbesondere auch durch den am 12. Apr. 1772 zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Vertrag, in welchem dieses jenem gegen England beizustehen versprach, und durch die Revolution am 18. März 1808. Aräometer nennt man eine Senk- oder hydrostatische Wage, mittels deren Einsenkung in Flüssigkeiten, z. B. Wasser, Bier oder Branntwein, man die Verhältnisse der Dichtigkeit oder spccifischen Schwere und dadurch ihre Güte bestimmen kann. Es gibt Aräometer mit Gradcintheilungen und mit Gewichten, von denen die letztem den Vorzug verdienen. Die im gewöhnlichen Leben üblichen^Senkwagen zur Prüfung von Weingeist, Bier, Öl u. s. w., daher auch Spiritus-, Bier-, Ölwagen u. s. w. genannt, mit verschiedenen von Beaume, Becker, Stoppkni, Richter, Tralles u.A. herrührenden Scalen, gehören der erstem Elaste an. Vgl. Meißner, „Aräometrie" (Wien 1816) und Rudrauff, „Beiträge zur Hydrostatik und Aräometrie" (Bern 1831, 4.). - Ararat, berühmter Berg am Nordrande des armenischen Hochlandes, wo die russ., türk, und pers. Grenzen Zusammentreffen, sechs Meilen südlich von Eriwan. Gewöhnlich unterscheidet man den großen A., dessen doppelhörnigcr Gipfel sich 16254 F., und den kleinern A., der sich 12284 F. über das Meer erhebt. Bei den Armeniern heißt der Bcrg Massis, bei den Türken Aghridagh, d. h. steiler Berg. Jm J. 1829 bestieg Parrot dcn A.; er beschreibt dessen Umgebung als äußerst kahl, nimmt die Grenze des ewigen Schnees bei 13300 F. an und schildert sein Gestein als rein vulkanisch, bald festeste Lava, bald losere Schlacke oder Trachyt. Im Aug. 1840 zeigte der A. vulkanische Thätigkeit, wenigstens mittelbar durch den Einsturz eines Gipfeltheils, der die Umgebung weit und breit in Schrecken setzte und mehre armen, Dörfer verschüttete. Bei den armen. Christen steht der Berg in großem Rufe der Heiligkeit, weil sic, wie auch alle Nachbarvölker, glauben, daß auf ihm die Arche Noah's ihren Nuhepunkt gefunden und sich davon noch jetzt Überreste auf ihm befänden. An einem der mächtigsten Spalten des Berges liegt das Dorf Aguri, wo Noah den ersten Weinstock gepflanzt haben soll, und an seinem Fuße befinden sich mehre Klöster, darunter auch das alte Etschmiadzin (s. d.), das wol die älteste Kirche der Christenheit aufzuweisen hat, da sie bereits im I. 303 erbaut worden. Die Armenier geben im Übrigen den Namen A. nicht blos dem Berge, sondern auch der weitern Umgegend.! Aratus von Sicyon, ein weiser, ausgezeichneter griech. Staatsmann, war um 272 v. Chr. geboren. Seine Zugend fiel in die Partcikämpfe von Sicyon, in denen sein Vater Klimas den Tod fand. Er flüchtete nach Argos und kehrte im 20. Lebensjahre zurück, sein Vaterland von den Tyrannen zu befreien. Nachdem er, unterstützt von Ptolemäus Phila- delphus, die republikanische Verfassung wiederhergestcllt hatte, bewirkte er den Beitritt Si- cyons zum achäischen Bunde, dem er durch die Eroberung der Burg von Korinth, deren sich Antigonus Gonatas von Makedonien bemächtigt hatte, und die Verbindung anderer griech Staaten erst innere Kraft und Leben gab, und mehre Jahre hindurch als Strateg (Anfüh- Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. 29 430 AratuS aus Soli Arbeit rer) Vorstand. Als er jedoch 224 den Ankigonus Doson zum Schuh gegen den König von Sparta, Kleomenes lll., herbcirief, lieferte er dadurch den achäischcn Bund unter die Herr- schaft der Macedonier. Er starb an Gift, das ihm Philipp V. von Makedonien hatte bei- bringcn lassen, 213 v. Ehr. Sein Leben hat Plutarch in den Biographien beschrieben. Aratus aus Soli (jetzt Pompejopo-lis) in Cilicien, um 27v v. Chr., bearbeitete, obgleich selbst nicht Astronom, das astronomische System, wie es damals durch Eudoxos von Knidos feststand, in einem griech. Lehrgedicht „kimeuomena", dem er die Witterungs- regcln nach dem Stande der Gestirne, „viosemsa", beifügte. Beide Gedichte zeichnen sich durch eine reine Sprache und guten Vers aus. Wir besitzen von den vielen griech. Kommentaren, die darüber geschrieben wurden, noch vier; von alten lat. Übersetzungen sind die von Cicero und von Cäsar Germanicus in Bruchstücken, die von Nufus Festus Avicnus ganz er- halten. Die umfassendste Ausgabe ist dievonBuhle(2 Bdc.,Lpz. 1793 —1801); Tcxtrecen- sionen gaben Matthäi (Franks. 1817), Buttmann (Berl. 1826) und Bekker(Berl. 1828); eine deutsche Übersetzung lieferte Voß (Heidelb. 1824), eine franz. Halma iPar. 1823). Araücos oder Araucanos,ein kriegerischer Jndianerstamm im südlichen Thcilc von Chile in Südamerika zwischen demFlußBiobio im Norden und dem Chiloc-Archipel im Süden, den Andes im Osten und dem großen Ocean im Westen. Durch Tapferkeit und Frei- heitssinn ausgezeichnet, konnte er nie von den Spaniern überwältigt werden und hat auch jetzt noch seine Unabhängigkeit behauptet. Nach Poppig, der diesen Stamm aufsuchte, hat man Indios Costinos, d. i. Küstenbewohner, und Moluches, d. i. Bewohner der Ebenen am Fuße der Anden, zu unterscheiden. Derselbe Reisende verweist Das, was man bisher von der politischen Bildung und Civilisation der A. erzählt, in das Gebiet der Fabeln und führt zum Beweise an, daß sie nicht einmal die ersten Versuche zur Erfindung einer geschriebenen Sprache gemacht haben. Sie sind theils Nomaden, thcils in Dörfern an den zahlreichen Flüssen des Landes wohnhaft, stehen untereinander in einer Art Föderation und Oberhäuptern, zu welchen sie die Erfahrensten und Ältesten wählen. Sie sind stark und kraftvoll gebaut, mittelmäßig groß, haben kupferfarbige Haut, ein flaches Gesicht von sinsterm, mistraui- schcm Ausdruck; ihr Haar ist schwarz, lang, struppig und hängt wild um den Kopf und bis aus die Schultern hinab. Während die Männer von Jugend auf im Reiten der Pferde und im Handhaben ihrer langen Lanzen, des Lasso oder der Fangschlinge und der Bolas (Eisenku- geln, die an langen Riemen geschleudert werden) sich üben, müssen die Weiber alle Last und Arbeit tragen und werden sklavisch gehalten. — Araucana, ein episches Gedicht von Ercilla (s. d.). Arbeit heißt die Wirksamkeit oder Thätigkeit zu einem gewissen Zwecke. Hcrvorbrin- gen kann der Mensch im eigentlichen Sinne nicht, sondern nur die Natur durch Arbeit nö- thigcn, etwas hervorzubringen, ihre Erzeugnisse aufsuchen, aus den Tiefen der Erde hervorholen, ihnen die Form geben, welche sie für seine Bedürfnisse brauchbar macht, und sie Dem zuführen, welchem sie brauchbar sind. Aber das ist nicht die einzige productive Arbeit. Auch die ist productiv, welche die geistigen Kräfte anregt, Vorstellungen erweckt, das Gefühl für Wahrheit und Recht, für Schönheit und Religion erregt und befriedigt. Man kann zwar die Arbeit nach mehren Eintheilungsgründen classificiren, und es ist merkwürdig, daß den Massen, welche nach dem objektiven Werlhe bestimmt werden, die alten Einrichtungen der Urvölker entsprechen. Denn wenn man unterscheidet 1) Arbeit, welche nur in Anwendung roher physischer Kraft besteht, bloße Handarbeit; S) Arbeit, welche schon Fertigkeit und Kenntnisse vvraussetzt, aber doch bei der Idee des Zweckmäßigen stehen bleibt; 3) Arbeit, auf welche die Idee des Schönen einzuwirkcn anfängt; und 4) rein geistige Arbeit im Denken und Darstellen (Wissenschaft und Kunst), so kommen wir ziemlich nahe der Schätzung, welche in den indischen Kasten ursprünglich zum Grunde liegt. Aber das Geistige ist weder an Stände noch an das Objektive der Arbeit gebunden; die Idee des Harmonischen, Zweckmäßigen und Schönen kann auch sin die niedern Verhältnisse des Lebens ein- dringen und sie beherrschen. Keine Arbeit ist oder macht verächtlich; nur Derjenige, welcher gar nichts durch Arbeit irgend einer Art zu dem Wohle des Ganzen beiträgt, verdient Verach- lung. Auf den ersten Stufen der bürgerlichen Gesellschaft muß ein Jeder alle Arten Arbeit Arbeit 431 verrichten, weil Jeder nur für sich und nur selten Einer für den Andern arbeitet. Es ist ein großer Fortschritt der Civilisation, wenn man anfängt, die Arbeit zu thcilen und dadurch theils in größerer Vollkommenheit zu verrichten, theils Vorräthe zu sammeln. Die menschlichen Anlagen treten in ihrer Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit hervor, und man wird gewahr, daß der Mensch zu dem Einen ungeschickt sein kann, während ihm ein Anderes vortrefflich gelingt. In der alten Zeit, wie beiden meisten Völkern, welchen eine freigebige Natur es möglich macht, viele Menschen zu ernähren, ist die Sklaverei ein sehr bedeutendes Mittel gewesen, die Theilung der Arbeit zu befördern. Denn obgleich auch durch sie den großen Gutsbesitzern die Möglichkeit gegeben wurde, Alles, was man brauchte im Innern des Hauses, von Sklaven bereiten zu lassen, so wurde doch zu jeder Art Arbeit der passendste Sklav ausgewählt, und die lange Reihe der besondern von den einzelnen Beschäftigungen hcrgenommenen Benennungen beweist, wie weit die reichen Römer die Theilung der Arbeit trieben. Auch war dies der Weg zu Fabriken, welche in den Häusern und auf den Gütern der Reichen angelegt wurden. Indem die Arbeit sich immer weiter spaltet, sodaß der Kreis, in welchem der Einzelne thätig wird, sich immer mehr verengert, und zuletzt der Fabrikarbeiter sein Lebenlang nur ein einziges kleines Geschäft verrichtet, z. B. das Durchbohren der Nähnadeln, wird die Vollkommenheit der Arbeit an sich und die Fertigkeit des Arbeiters freilich bis zum Unbegreiflichen gesteigert, aber auch die Fähigkeiten desselben auf diesen einzigen Punkt gerichtet und einseitig. Ein Mensch, welcher viele Jahre mit einer und derselben mechanischen Arbeit zubringt, wird zuletzt zu allen andern untauglich, und cs sollte daher wol in Fabrikorten darauf Bedacht genommen werden, diesen Fehler zn verbessern, welcher, wenn eine Fabrik, die bisher Hunderte und Tausende beschäftigte, plötzlich in Stocken geräth, was gar zu vielfache Ursachen veranlassen können, größer» Schaden bringt, als sie bisher dem Ganzen genützt hat. Das Maschinenwesen, wobei häufig dem Menschen nur Aufsicht und kleine Nachhülfen mit der Hand übrig bleiben, bringt jene nachtheiligen Wirkungen in noch höhcrm Grade hervor, und zwar um so mehr, je mehr, zumal bei Kindern, die Arbeitszeit verlängert und den Stunden des geistigen Unterrichts und der Freiheit abgebrochen wird. Es wäre wol zu wünschen, daß in dieser Hinsicht Gesetzgebung und Policei den Fabriken gewisse Vorschriften machen könnten, und es ist dieser Gegenstand in dem engl. Parlamente vielfach zur Sprache gebracht worden. Aber die Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie jetzt bestehen, setzen hier noch zur Zeit fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Sowie die Arbeit um so größern innern objectiven Werth hat, je mehr das Geistige darin vorherrscht, so steigt auch ihr subjectiver (moralischer) Werth mit demMaße der Freiheit, womit sie geleistet wird. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Arbeit als regelmäßige ununterbrochene Beschäftigung für einen bestimmten dauernden Zweck des Lebens von einer blos vorübergehenden Anstrengung. Zu dieser letztem sind alle Menschen zuweilen geneigt, und die sogenannten wilden Völker, wie der einzelne Verwilderte, wissen außerordentliche Beschwerden und Entbehrungen zu ertragen. Aber darin liegt die Scheidewand, welche sie von wahrer Civilisation ausschließt, daß eine regelmäßige Thätigkeit, welche nicht durch augenblickliches Bedürfniß, durch Rache, Jagd- und Kriegslust geboten ist, ihnen verhaßt ist. Es dauert sehr lange, bis ein noch auf der ersten Stufe der Kindheit stehendes Volk sich auf diese zweite, der Arbeitsamkeit, erhebt, mit welcher aber auch sehr viel gewonnen ist. Zwang richtet hier wenig aus, und am kräftigsten wirken religiöse Aufklärung und Erziehung. Aber der Schritt zur freien Arbeitsamkeit ist so schwer, daß Sklaverei in alter und neuer Zeit und Zwangsarbeit den Übergang bildete. Schon materiell ist diese beiweitem weniger werth, d. h. sie bringt weniger hervor, und dies unvollkommener als die Erzeugnisse freier Arbeit. Die Verwandlung der Sklavenarbeit in freie Lohnarbeit ist eine der großen Tendenzen der Zeit. (S. Sklaverei.) Das Höchste aber ist die Arbeit für eigene Rechnung und zum eigenen Vortheil. Das ist es, wonach jetzt, ohne sich dessen immer deutlich bewußt zu sein, die Völker Europas ringen. Das treibt sie nach Amerika und an die Nordküste von Afrika, und in hundertfacher Gestalt tritt aus allen Zuckungen der bürgerlichen Gesellschaft immer wieder ein und dasselbe hervor: Arbeit, aber freie Arbeit und für eigene Rechnung! Darin liegen die Anfoderungen, daß die Gelegenheit zur Arbeit nicht durch künstliche Einrichtung der ril) * t - 452 Arbeitshäuser Arbeitslohn Staaten abgeschnitten werde; daß die Arbeiter so viel als möglich in den Stand gesetzt wer den, fürsich selbst, vornehmlich als Eigenthümer ihres Bodens, zu arbeiten, also daß das Grundeigcnthum mehr vertheilt und von den darauf ruhenden Lasten befreit werde; endlich daß durch Verminderung der Staatsschulden der am weitesten ausgedehnte Zwang, für Andere arbeiten zu müssen, wieder beschränkt werde. Arbeit zu geben, wo kein Bedarfvorhanden ist, z. B. Magazine für Rechnung des Staats anlcgcn zu lassen, kann als augenblickliche Hülfe in seltenen Fällen rathsam sein, aber nie für die Dauer. Arbeitshäuser, als Anstalten, um freiwillige Arbeiter zu beschäftigen, denen es nur an Arbeit fehlt, sind ebenso unnöthig als selten. Zwar gibt es hier und da dem Namen nach Arbeitshäuser, cs sind aber Häuser, worin Arme'cin Obdach und Gelegenheit zur Arbeit erhalten, also Armenhäuser. Nothwendiger aber sind Arbeitshäuser als Besserungsanstalten für Diejenigen, welche wegen unordentlichen und arbeitsscheuen Lebens der Gesellschaft zur Last fallen. Sic sind noch nicht eigentliche Strafanstalten, Werkhäuser oder Zuchthäuser, in welche verurtheilte Verbrecher zur Strafe gebracht werden; aber auch die bloßen Zwangs- arbeitshäuscr haben doch schon die Bestimmung des Zwanges sowol zur Arbeit als zu Entwöhnung von Trunk und andern Unordnungen. Daher ist ihre innere Einrichtung der der Gefängnisse nicht unähnlich, nur etwas weniger streng. Viel besser erfüllen den Zweck dieAr - mencolonicn (s. d.). Arbeitslohn. Wer zu einem gewissen Zwecke thätig ist, findet seine Belohnung in Dem, was er durch die Arbeit sich verschafft oder hervorbringt; so der Landbaucr in seinen gewonnenen Früchten, der Handwerker in seinem Erwerbe, der Künstler in seinem Ruhme. Dieser natürliche Lohn ist häufig sehr ungleich und unsicher; zuweilen sehr groß, oft aber muß der Arbeiter desselben auch ganz entbehren. Es gehört'zu den großen Wohlthatcn de? bürgerlichen Gesellschaft, daß sie durch die Theilung der Arbeit und den Austausch derselben einem jeden Einzelnen die Sicherheit gewährt, daß er für jede nützliche Arbeit von Andern werde belohnt werden, wenn er sie nicht für sich selbst gebrauchen kann. Aber doch ist de« Preis der Arbeit nicht immer ihrem wahren Werthe angemessen, bald größer, wenn die Zahl Derer, welche Arbeit einer gewissen Art (die Producte derselben) verlangen, größer ist als die Zahl der Arbeiter und ihre Vorräthe; bald geringer, wenn die Arbeit in größcrm Vorrathe vorhanden ist als das Verlangen nach derselben, und der Arbeiter sie also wohlfeiler wcggebcn muß, als sie ihm selbst gekostet hat. Er wird dazu gezwungen, theils weil er den Lohn seiner Arbeit zum fernem Leben braucht, theils weil das Product durch längeres Liegen sich in den Zinsen immer mehr verzehrt, oder auch wol dem Verderben ausgesetzt ist und zuletzt ganz aufhört, von Andern verlangt zu werden. Der Lohn jeder Art Arbeit muß die Lebensbedürfnisse des Arbeiters überhaupt und seine Auslagen für die besondere Art der Arbeit decken, wenn er angemessen sein soll, und cs lassen sich darin also mit Adam Smith I) der Aufwand für den Platz, aufwelchcm der Arbeiter lebt (Grundrente), 2) die Auslagen für Werkzeug und Material (Capitalrcnte) und 3) der Ersatz für Das, was der Arbeiter während der Arbeit verzehrt, unterscheiden. Allein damit ist wenig gewonnen; denn außerdem liegen auf dem Arbeitslohn noch alle öffentlichen Abgaben, und nicht blos der eigene Lebcnsbedarf des Arbeiters, sondern auch die Ernährung seiner Familie und dasEr- sparniß für Nothfälle und,Alter. Wenn der Arbeitslohn seine naturgemäße Höhe habe» soll, so muß er also einen Überschuß über den täglichen Bedarf gewähren. Allein hier sicht man recht deutlich, daß von jeher nicht die Arbeiter, sondern die Reichen die gesetzgebende Gewalt in der Hand hatten. An Gesetzen fehlt es nirgend, welche für den Arbeitslohn ein Maximum festsetzen; aber selten möchten Gesetze zu finden sein, welche sich des Arbeiters annehmcn. Fast in allen Staaten bestehen nachdrückliche Strafgesetze gegen die Arbeiter, welche sich .verabreden, ihren Meistern und Fabrikhcrren nicht unter einem gewissen Lohne zu arbeiten (das Austreiben der Handwerker), aber den Herren wird das Herabsetzcn des Lohns und den Grundcigenthümcrn das Steigern der Grundrente nirgend untersagt. Es kann dies auch nicht geschehen; darum aber haben die Staaten geradezu um so mehr Ursache, die Belastungen, welche zuletzt immer den Arbeiter treffen, durch jedes ihnen zu Gebote stehende Mittel zu mildern. ' Es versteht sich dabei von selbst, daß es bei der Frage, ob der Lohn seine naturgemäße Höhe habe, nicht auf die Summe des baarcn Taglohns oder wo- Arbela Areana 45Z chentlichcn Erwerbs, sondern blos darauf ankommt, in welchem Maße der Arbeiter mit die» I sein Lohne seine Bedürfnisse bestreiten könne. Darin, daß die Arbeiter gut genährt, gesund, ' kräftig, unabhängig von der Willkür der Besteller, gut erzogen, ehrliebend sind, ihrem Va- rerlande und ihrer Negierung anhangen, besteht die Stärke und der Reichthum der Staaten. Arbela, vermuthlich das jetzige Erbil, östlich von Mossul, eine kleine Stadt des östlichen Assyriens, jenseit des Tigris, am Fuß der Kurastanischen Gebirge, ist berühmt durch die entscheidende Schlacht, die in ihrer Nähe bei Gaugamela, 331 v. Ehr., Alexander der Große (s. d.) dem Darius lieferte. Arbiter, im röm. Rechte der Schiedsrichter, welcher nach dem Compromiß der Parteien eine unter ihnen obwaltende Streitigkeit durch s ein Urtheil (srbitrium, bei den Neuern !suäuin)zu entscheiden übernommen hat. Das röm. Recht enthält sehr genaue Bestimmungen über die Bedingungen, unter welchen Jemand zur Übernahme eines solchen srbitrium gcnöthigt, und unter welchen sein Urtelspruch (ssntentis) an die Civilgerichte zur Vollstreckung abgegeben werden kann. Die große Ausdehnung, in welcher die Römer solche Schiedsrichtersprüche zuließen, steht in Verbindung mit der Gewohnheit, die Bestimmung gewisser Punkte abgeschlossener Geschäfte oder testamentarischer Verfügungen drittenPersonen, welche außer dem Obligationsnexus sich befinden, anheim zu geben. Diese Personen sind entweder bestimmt namhaft gemacht, ober nicht; im letzter« Falle tritt ein boni viri srbitrstus ein, und der Entscheidende heißt nicht arbiter, sondern srbitrstor. Von den Schiedsrichtern der neuern Zeit, s. Schiedsrichter. Arbitrage, d.i. Entscheidung, und Arbitragerechnung. Hatder Kaufmann Zahlungen nach einem fremden Orte zu machen oder Geld von dort zu empfangen, so stehen ihm zur Ausgleichung seiner Schuld oder Federung in der Regel verschiedene Wege offen, von denen der eine mehr Vortheile bietet als der andere. Die in solchem Falle angestellte Verglei- chung und Berechnung wird Arbitrage oder Arbitragerechnung genannt. Hat z. B. ein Kaufmann in Leipzig eine Zahlung nach Frankfurt am Main zu machen und der leipziger Curs auf Frankfurt steht gerade ungewöhnlich hoch, ein anderer, z. B. der auf Paris, sehr niedrig und in Frankfurt hoch, so wird er, statt daß er frankfurter Wechsel in Leipzig kaust und nach Frankfurt zur Deckung seiner Schuld schickt, lieber pariser Wechsel kaufen und diese seinem frankfurter Gläubiger remittiren, der dieselben dort verhältnißmäßig höher verwcrthen kann, als sie hier eingekaust sind. Are (Jeanne d'), s. Jeanne d'Arc. Arcäde oder Bogen stell ung nennt man in der Baukunst eine Reihe von Bogen, die von Säulen oder Pfeilern getragen werden. In der antiken Baukunst ist die Anwendung von Säulen zu diesem Zwecke nicht »erstattet, da ihre Form ausschließlich nur auf ein gerades Gebälk berechnet ist. Anders ist es in den Bauweisen des Mittelalters, wo überhaupt erst der Bogen- und Gewölbebau zu seiner höhern Ausbildung gediehen ist. Arcadius, Kaiser des Orients 395—498, geb. in Spanien 377, der Sohn des Kaisers Theodosius l., ward bei der Theilung des röm. Reichs nach seines Vaters Tode erster Kaiser des Orients, während sein Bruder, Honorius, das occidcntalische Reich erhielt. Der Pomp, den A. in seinem Palaste einführte, war dem der Perserkönige gleich. Seine Herr- ' schast erstreckte sich von dem Adriatischen Meere bis zu dem Tigris und von Scythicn bis Äthiopien. Der eigentliche Beherrscher dieses großen Staats aber war anfangs der Gallier Rufinus, dann der Eunuch Eutropius. Zwar hatten die Eunuchen schon früher im Gehei- ^ men auf die Regierung thätigen Einfluß gewonnen; Eutropius aber trat offen auf als erste Gerichtsperson und als Änführer der Heere. JmJ. 399 ward er durch Gainas gestürzt, der bald bei dem Versuche, sich selbst zum Herrscher zu machen, umkam. Eudoxia, die Gemahlin des A., übernahm nun dessen und des Staats Leitung. Die Regierung des A. war besonders durch Einfälle der Barbaren, Erdbeben und Hungersnoth ausgezeichnet, die fast in allen Theilen des Reichs wüthetcn. A. schien gleichgültig bei allen diesen Ereignissen zu bleiben. Er starb 498, unbetrauert selbst von seinen nächsten Umgebungen. I Arcäna oderGeheimmittelnenntmaninderArzneikundesolcheangeblichmitvor- züglicher Wirksamkeit ausgestattcte Arzneimittel und Mischungen, deren Form, Formel und Dosis weder in den gesetzlichen Pharmakopoen angeführt, noch den Ärzten anderlvcilig be- 454 Hrermi «lisch»!!»» kaimt geworden sind, und die vielmehr ihre Erfinder oder Entdecker gehcimhaltcn, thciis weil sie eine von Sachkennern unternommene Untersuchung ihres Mittels scheuen, theils weil sie gerade mit dem Geheimniß um so sicherer speeulircn wollen. Der Glaube an Gcheimmittel ist so alt wie die Arzneikunst, die mit Arcanis ansing. Denn die auf gehcimnißvolle Weise entstandene innere Krankheit schwand ja auf gehcimnißvolle Weise; sic war von einer Gottheit gesandt und konnte nur durch deren Vermittelung wieder entfernt worden sein. So über- trug man auf die selbst bekannte Wurzel, auf das zwar bekannte Kraut, welches der dieGott- heit vertretende Priester reichte, mit der Weihe die gcheimnißvolle Kraft in den Zeiten der Kindheit der Völker, und auch später erhielt sich der Glaube, daß einzelnen Menschen ein höheres Wissen inne wohne, daß die Kcnntniß der Kräfte der Natur ihnen offenbarer seien; vermag sich doch selbst der Gebildetste nicht von allem Aberglauben loszusagen. Nimmt man hierzu noch die Hoffnung, die der Mensch selbst auf dem Todtenbette hegt, daß ihm noch Genesung werden könne, durch ein bisher vielleicht unbekanntes Mittel, so erklärt sich nicht nur waruin Schwererkrankte eine größere Zahl von Ärzten wünschen, sondern auch die von der Kunst Aufgegebenen überhaupt, da das Bekannte sie verläßt, zu dem Unbekannten ihre Zuflucht nehmen, welches dann gar nicht selten durch die Aufregung der Phantasie und des Willens eine wunderbare Heilkraft entfaltet, die ihm an und für sich ebenso fremd wie dem Fetisch der Seele des Indianers. Von jeher waren es besonders die langwierigen, schwer oder gar nicht heilbaren Krankheiten, wogegen die Arcana sich geltend zu machen suchten, wie z. B. Schwindsucht, Hundswuth, fallende Sucht, Krebs, die Unfruchtbarkeit u. s. w. Ein wichtiges Argument kommt allerdings dem einfachen Volksverstande bei seiner Vorliebe für Arcana zu statten. Die Kunst der Medicin ist aus der Erfahrung hervorgegangen. Woher wißt ihr Ärzte, fragt man, daß dies und jenes Mittel diese und jene Krankheit heilt? Weil ihr es tausendmal probirt und es tausendmal probat gefunden habt. Gut denn! Auch mein Arcanum, gegen die Krankheit, die ihr mir mit euren Mitteln noch nicht habt heilen können, ist tausendmal probirt und tausendmal probat gefunden worden. Diese Logik wäre vollkommen richtig, wenn die Heilkunst in nichts Anderm bestände, als im Probiren von Mitteln, und wenn die Erfahrung in derselben nichts weiter wäre, als das grobe Auffassen der Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung. Man vergißt bei dieser Folgerung, daß zu einer einzigen, wirklichen Erfahrung in der Medicin wissenschaftliche Kenntnisse, Schärfe des Wahrnehmungsvermögens, Treue der Beobachtung, hinreichende Zeit und Combinations- vermögen gehören, und daß, weil z. B. ein Geschwür heilte, nachdem der Kranke ein gewisses Mittel gebraucht, neunundneunzigmal unter hundert Fällen noch gar nicht gefolgert werden kann, daß dieses Mittel die Krankheit beseitigt habe. Es können aber derartige irrige Ansichten von den Regierungen um so weniger unberücksichtigt bleiben, als nur zu oft dem Volke, unter dem Deckmantel des Geheimnisses, die positiv schädlichsten Substanzen und Mischungen als Arcana dargeboten, oder in andern Fällen ihm zwar unschädliche, ja selbst wol zweckmäßige Arzneien, aber zu einem Preise angerühmt werden, der ebenso sehr von der Klugheit der Besitzer der Geheimmittel und ihrer Kenntniß des Menschen, als von ihrer Geldgier zeugt, gegen welche die Regierungen ihre Unterthanen nothwendig schützen müssen. Daher bestehen in allen wohleingerichteten Staaten, und in manchen schon seit mehr als einem Jahrhundert, Verordnungen gegen den Verkauf der Arcana, die auch die medicinal-policciliche Verwaltung mit größtem Rechte streng aufrecht zu halten sucht. In Preußen ist der Debit aller und jeder Arcana untersagt. In manchen andern Ländern, z. B. in Baiern, sind einzelne, von deren Zweckmäßigkeit man sich überzeugt zu haben glaubt, concessionirt. Fast in allen deutschen Ländern, auch in Preußen, bleibt es aber den Erfindern oder Besitzern von Arcanis unbenommen, unter der Bedingung, daß sie die Vorschrift dazu der betreffenden höchsten Behörde mittheilen, damit diese sie prüfe und beurtheile, eine specielle Erlaubniß zum Verkauf ihres Mittels nachzusuchen, welches dann, wenigstens der Regierung gegenüber, aufhört ein geheimes Mittel zu sein. Auf diese Weise haben die Negierungen den Nach- theil.cn des Verkaufs von Geheimmitteln begegnet, ohne möglichen Bereicherungen der Heilkunde auf diesem Wege die Thür zu schließen, die aber nur in seltenen Fällen daraus her- vorgcgangen sind. ^kc»m «iiselplin» oder Geh eimlehre ist ein Begriff der rom.-katholischen Theolo- Arcesslaus Archangelsk 455 gie, welcher neuerlichst wieder oft gebraucht worden ist, um das Alter und die Echtheit gewisser Dogmen und Institutionen mindestens wahrscheinlich zu machen. Zwar ist der Name erst im 17. Jahrh. aufgckommen, der Gedanke aber sehr alt. Man wußte nämlich, daß die älteste Kirche aus dem Heidenthume in Verfassung und Cultus Idee und Form von Mysterien angenommen hatte, sodaß Taufe und Abendmahl als die leuchtendsten Momente derselben galten, und Manches, vornehmlich das kirchliche Symbol und das Gebet des Herrn, erst nach der vollen Weihe oder nach der Theilnahme am Abendmahls mitgetheilt wurde; daher gebrauchten einige Katholiken in den Streitigkeiten mit den Protestanten dieses geschichtliche Datum zum Beweis für eine geheime Lchrart in der alten Kirche, nämlich die rlisciplina urcuni, von deren Inhalte nur die kirchliche Tradition wisse. Zn jene Geheimlehre meinte man dann alle diejenigen Lehren der Kirche sehen zu dürfen, für welche es entweder keinen oder doch keinen genügenden Beweis in der heiligen Schrift gäbe, z. B. die von der Trans- substantiation. Zn dem Streite über diese Beweisführungaus der clisciplina arcsni, welcher zwischen Schelstrateund Tcntzel (s. d.) seit 1685 geführt wurde, ist der Gegenstand völlig erschöpft und von dem Lehtern die Grenze des altkirchlichen Mysterienwesens richtig bezeichnet worden. Arcessläus, der Stifter der zweiten oder Mittlern AkadeINie (s. d.)', geb. zu Pitane in Äolien 3 t 6 v. Ehr., genoß eine sehr sorgfältige Erziehung. Er sollte in Athen sich der Rhetorik widmen; doch von der Philosophie mehr angezogcn, genoß er zunächst den Unterricht des Peripatetikers Theophrast, dann des Krantor. Nach des Krates Tode stand er an der Spitze der akademischen Schule und nahm bedeutende Veränderungen mit den Lehrsätzen derselben vor, indem er die Platonische Dialektik vornehmlich gegen die dogmatischen Behauptungen des Zeno anwendete und in dieser Polemik sich dem Skcpticismus annäherte. Auch setzte er zu diesem Behufs die Methode des DiSputirens an die Stelle des fortlaufenden Lehrvortrags. Er leugnete nicht nur die Bedingungen der Möglichkeit einer begreiflichen Vorstellung, wie sie Zeno behauptete, sondern auch überhaupt das Dasein eines zureichenden Kriteriums der Wahrheit, und empfahl die Zurückhaltung des apodiktischen Urthcils als ein die Gcmüthsruhe förderndes Gut. Zm Praktischen aber, lehrte er, müsse man sich an das Wahrscheinliche halten, was man den Probabilismus (s. d.) nennt. Er genoß wegen der Trefflichkeit seines Charakters hohe Achtung, daher der Stoiker Kleanthes von ihm sagt: Das Sittliche, welches er in seinen Reden aufhcbe, stelle er durch seine Handlungen wieder her. Er starb 241 v. Chr. Archaismus heißt der Gebrauch des Veralteten in der Sprache, sei es ein Wort, ein Ausdruck, eine Form oder eine Wendung. Im Allgemeinen verbietet die Theorie des Stils den Gebrauch der Archaismen; allein in gewissen Gattungen der Schreibart, besonders der poetischen, und hier wieder besonders in der epischen, können sie sogar zur Zierde dienen, da ihnen oft eine eigenthümliche Kraft, Würde und Feierlichkeit inwohnt; z. B. „Zeuch in Frieden, sprach der greise Krieger". Nicht minder können die Archaismen nach dem Gesetze des Contrastes auch etwas ungemein Komisches haben. Archangelsk oder Michaelsstadt, Hauptstadt des russ. Gouvernements Arch- angel, welches auf 16255 mM. 236060 E., und zwar im Nordwcsten Lappen und im Nordosten meist heidnische Samojeden zählt, liegt an der Dwina, welche acht Meilen davon ins Weiße Meer mündet, hatctwa 16566 E., einen Erzbischof, einen Militair- und Civil- gouverneur. Den Namen erhielt die Stadt von dem dort 1584 erbauten Michaelskloster. Lange Zeit war sie der einzige Stapelplatz der russ. Waaren. Als Petersburg gleichen Stapel erhielt, und Riga auch als russ. Hafen benutzt wurde, sank dort der Handel, bis 1762 diesem trefflichen Nordhafen die Kaiserin Elisabeth alle Vorrechte des Petersburger Hafens einräumte. Seitdem hat sich mit der wachsenden Bevölkerung Rußlands der Handel aus der Dwina an Ein-und Ausfuhr immer mehr gehoben, und cs ist A. jetzt für Sibirien der Hauptstapelplatz, der durch Kanäle mit Moskau und Astrachan in Verbindung steht. Gewöhnlich schon im Mai, da das Eis der Dwina im Apr. bricht, kommen die fremden Schiffe an, und die letzten segeln meist im Sept. wieder ab. Während des Sommers ist in A. ein steter Markt; die hauptsächlichsten Handelsgegenstände sind Fische, Fischkhran, Talg, Kron- lcinlaat, Pelzwerk, Häute, Schiffsbauholz, Wachs, Eisen, grobe Linnen, Schweinsborsten, 456 Archäologie chines. und japan. Maaren, Kaviar u. s. w. Ein großes Hinderniß des Handels ist die Sand- bank vor dem sonst sichern Hafen, dessen Einfahrt durch die Festung Nowo-Dwiesk geschützt > wird. Die Admiralitätsgebäude und Casernen der Matrosen liegen auf der Insel Solom- balsk, welche der Fluß Kuscheuida bildet. Von hier gehen jährlich viele Expeditionen im ! Sommer zu Wasser auf den Fischfang, im Winter auf die Jagd nach Spitzbergen und Nowaja-Scmlja bis zur Lenamündung und weiter. Archäologie heißt in der weitern Bedeutung die Alterthumskunde überhaupt (s. Alterthum); in der cngern die Wissenschaft, die uns das geistige Leben der alten Volker durch das Mittel der Kunstdcnkmale aufschließt. Die Archäologie oder die Kunstarchäo- > logie, wie man diese Wissenschaft genauer bezeichnend genannt hat, umfaßt nothwendig jede Art Kunstüberreste, in denen sich die Kunstidee ausspricht, zunächst aber jede Art Überreste, welche dem Gebiete der zeichnenden Künste angehören. Jedes Volk, das Kunstwerke hinterlassen hat, gibt daher Stoff für den Kunstarchäologen; da jedoch im Orient wenig geschichtliche Denkmale sich finden, so ist es gekommen, daß vorzugsweise den Völkern des Occidents sich der gelehrte Fleiß zugewandt hat, und daß man bei Archäologie im engern Sinne gewöhnlich an die Erforschung der Kunstdenkmale der Griechen, Römer, und etwa noch der Etrusker und Ägypter denkt. Eine Betrachtung der alten Kunstwerke unter diesen Beziehungen nimmt nothwendig eine fortgesetzte Anwendung der Regeln der Hermeneutik und der Kritik in Anspruch. Hauptaufgabe der Archäologie im engern Sinne ist daher die Darstellung des Lebens der Alten, soweit cs sich in Denkmalen abbildet, geschichtlich sowol als systematisch nachzuweisen. Der Neichthum an griech. Kunstwerken ist der Grund, daß ihnen vorzügliche Aufmerksamkeit zu Theil wurde, während man eigentlich auf die Kunstwerke der andern erwähnten Völker nur darum Rücksicht nahm, weil sie entweder den Griechen vorgearbcitct oder Einstuß auf sie gehabt oder mit ihnen gcwetteifcrt hatten. Die Kunstwerke, welche hier in Betrachtung gezogen werden, sind die Überreste der Baukunst, der Bildhauerei, der Toreutik (s. d.), der Zeichnen-und Malerkunst, wohin auch die Mosaik gehört, der Bildgraberei und Münzkunst, sowie der archäologischen Gcräthe oder Anticaglien. Diese Überreste sind in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, England, Rußland und Dänemark zerstreut, und nur auf Reisen könnte man sie daher eigentlich selbst anschauend studiren, wenn nicht Nachforschungen und Abbildungen einigen Ersatz gäben. Das Erste, dessen der Archäolog bedarf, ist Kenntniß der Summe des von solchen Kunstwerken noch Vorhandenen, und die Archäologie müßte daher mit einem registrirenden Theile anheben, welcher ein Verzeichniß der Antiken, ihrer Beschreibungen, Abgüsse und Abbildungen, sowie der Museen, Galerien, Cabinete, Paläste und Villen enthielte, worin sie sich befinden, nebst einer Geschichte ihrer Wanderungen und Schicksale. Leider ist dieser nothwendige Theil der Archäologie noch nicht in seinem ganzen Umfange ausgeführt. Diesem Theile würde sich anschließen die Kunstlehre des Antiken, als Kunstgeschichte vorgetragen, worin über Stil, Methode, Kunstpraktik und Technik, Geist und Behandlung der Kunstwerke, nach Maßgabe der Kunstepochen, Belehrung ertheilt wird. Dann folgt die Kunsthermeneutik, welche Aufschlüsse gibt über die Bedeutung der alten Kunst und Künstlerfabel, über die Art, wie bei Erklärung der alten Kunstwerke verfahren werden muß, und die dazu nöthigen Hülfsmittel. Mythologie, Geschichte und Alterthümer dienen hier als Hülfswissenschaften. Die Kunstkritik liefert nachher die Grundsätze, nach denen das Antike, als solches überhaupt, zu prüfen ist oder, als einer gewissen Periode der Kunst angehürig, erkannt wird. Dabei wird von Echtheit und Unechtheit, Ansetzungen, Ergänzungen, Verfälschungen, von Ur- und Nachbildung u. s. w. gehandelt. Die Ästhetik des Antiken endlich macht den Schluß des Studiums der Archäologie. Sie zeigt uns den Götter- und Heroen- cyklus als die Summe der Menschheit, diese Körper als sichtbar gemachte Seele in den man- nichfaltigsten Idealen nach Geschlecht und Alter, von der erhabensten Göttlichkeit eines Zeus bis herab auf den Satyr, wo sich die Menschennatur in das Thicrische verliert. Sie lehrt uns eindringen in die ästhetischen Ideen, die den Kunstschöpfungen zum Grunde liegen, Anordnung, Handlung, Ausdruck derselben bestimmend, und macht aufmerksam auf den reinen Geschmack, die edle Einfalt und die vollkommene Zweckmäßigkeit. Die hierher gehörende Lite- ratur finden wir zusammengestcllt in Böttiger's „Andeutungen über die Archäologie" (Drcsd. Arche Archeus 457 1806). Nach jener höhcrn Idee wurde die Archäologie anfgcfaßt vonThiersch in den„Eps- I chen der bildenden Kunst unter den Griechen" (2. Aust., Münch. 1829) und von Otfr. Müller ! in dem „Handbuch der Archäologie der Kunst" (2. Aust., Brest. 1836). Müller theilt die I neuere Behandlung der alten Kunst seit der wiedererwachtcn Liebe zu dem klassischen Alterthum in drei Perioden ein: 1) die künstlerische, etwa von 1450—1600, dieZeit der Sammlungen und Wiederherstellungen; 2) die antiquarische, von 1600—1750, dieZeit der gelehrten Nachweisungcn und Erläuterungen, mit weniger Rücksicht auf die Kunst (Spohn, Whelcr, Montfaucon, Ernesti und Christ); 3) die wissenschaftliche, die Zeit der Ausgrabungen, seit 1750, der neuen Entdeckungen, der Erweiterung des Gebiets nach allen Seiten, dadurch auch der Kunstgeschichte und der philosophischen und historischen Kritik (Win- ckelmann, Caylus, Lesstng, Heyne, Visconti, Zoega, Millin, Naoul Rochette, Goethe, Wolliger, Hirt, Meyer und Thiersch). Auf Anregung des Archäologen Eduard Gerhard wurde in Rom 1829 das Institut» cori-isponlleimu srdieoloAlca gegründet, dessen Protection der jetzige König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., als Kronprinz übernahm. ! Arche nennt Luther in seiner Bibelübersetzung das Schiff oder das schwimmende Gebäude, in welchem Noah während der Sündflut bewahrt wurde. Gebildet ist das Wort aus dem lateinischen arcs, d. h. der Kasten. — HeiligcArche heißt in den Synagogen der Juden das Schränkchen, in welchem die Gesetzrollc aufbewahrt wird. Archenholz (Joh. Wilh-, Baron von), ein bekannter deutscher Schriftsteller, geb. m Langenfurt, einer Vorstadt Danzigs, am 3. Scpt. 1745, trat 1760 als Offizier in die preuß. Armee ein. Zu Ende des Siebenjährigen Kriegs erhielt er seiner Blessurcn wegen seinen Abschied als Hauptmann und ging nun auf Reisen. Zn einem Zeiträume von 16 Jahren sah er fast ganz Europa. In Italien brach er bei einem unglücklichen Falle vom Pferde ein Bein und blieb am Fuße gelähmt. Nach der Rückkehr nach Deutschland hielt er sich in Dresden, Leipzig und Berlin auf und lebte von Schriftstellerei. Später wurde er Domherr in Magdeburg, lebte zu Hamburg und starb in der Nähe davon auf seinem Landsitze zu Oyendorf im Holsteinischen am 28. Febr. 1812. Den Grund zu sseiner literarischen Laufbahn legte er durch die Zeitschrift „Literatur^ und Völkerkunde", die sich durch Neuheit, Mannichfaltigkeit und gefällige Behandlung der Gegenstände auszcichnetc. Den glänzendsten Erfolg hatte sein fast in alle lebende Sprachen Europas übersetztes Buch „England und Jta- > lien" (5 Bde., 2. Aust., Lpz. 1787), inwelchem er in Hinsicht auf England das Lob und in Beziehung auf Italien den Tadel übertrieb und oft die handgreiflichsten Verdrehungen sich erlaubte. Als Fortsetzung schrieb er die „Annalen der brit. Geschichte" (20Bdc.,Braunschw., Hamb, und Tüb. 1789—98). Auf eine ausgezeichnete Weise zeigte sich sein Talent zu interessanter Darstellung in seiner „Geschichte des Siebenjährigen Kriegs" (2 Bde., Berl. 1793), in der „Geschichte der Königin Elisabeth", welche er zudem „HistorischenKalender für Damen" (Lpz. 1798) lieferte, und in der „Geschichte Gustav Wasa's" (2 Bde., Tüb. 1801). Als politischer Journalist wußte er sich in der „Minerva", die 1792 ihren Anfang nahm und auch nach des Herausgebers Tode fortgesetzt wurde, mit vieler Klugheit der jedesmaligen Lage der Begebenheiten gemäß, das Ansehen der Unparteilichkeit zu geben. So sehr .. auch körperliche Schwäche ihn in den letzten Jahren nicderdrückte, so blieb er doch immer * thätig und voll reger Theilnahmc an den großen Begebenheiten der Zeit. ^ Archi, eine griech. Vorsilbe, welche dem deutschen „Erz" entspricht, wird besonders > Titeln vorgesetzt, um damit einen höhern Grad anzudeuten, z.B. Archiv ux oder Erzherzog; ^ Archicpiscopus oder Erzbischof; Archipresbyter oder Erzpriester; Archidiako- nus oder erster Diakonus; Archi ater oder Oberarzt. ^ Archeus. Dieses Wortes bediente sich zuerst Basilius Valentinus, um das Central- seuerzu bezeichnen, welches nach ihm das Lebensprincip aller Vegctabilien ausmachte, nach ihm wendeten es Paracelsus und besonders Hclmont (s. d.) an, um dadurch die Urkraft, das Princip alles Lebens, vorzugsweise aber im unerschöpflichen Organismus zu bezeichnen. Helmont dachte sich den Archeus als etwas Gesondertes von dem übrigen Körper, gleichsam j ein geistiges Wesen, das im Magen seinen Sitz habe, von hier aus die von ihm geschaffene Körpcrmaschine nach einem im voraus fcstgestelltcn Plane regiere und mittels des Fermentes seine Operationen zur Ausführung bringe. Die Krankheiten sind eine Folge des Zorns, Er- 458 Archias Archigenes schrockenseins, der Trägheit und des tumultuarischen Auftretens des Archeus; sie konnten da- hernur beseitigt werden, wenn man ihn beruhigte, schmeichelte oder zur Thätigkeit reizte. Es ist leicht ersichtlich, daß der Archeus nichts Anderes ist als eine crasse Auffassung der Physis des Hippokratcs, der fühlenden Seele des Platon, welche wenig Anklang finden konnte, daher auch das ganze System bald dem Einfluß der Cartesianifchen Cocpuscularphilosophie und den chemiatrischen Ansichten weichen mußte, bis Stahl die reinere Ansicht der Alten in seinem Animismus (s. d.) wiederaufnahm, welchem die Neuern in ihrer Lehre von der Lebenskraft und Naturheilkraft sich wieder näherten. Archias (Aulus Licinius), ein durch Cicero's Freundschaft und Schutzrede bekannter Dichter ausAntiochia in Syrien, gcb. um 121 v. Ehr. Schon frühzeitig hatte er sich in Griechenland und Asien einen Namen als Dichter erworben und fand daher, als er 102 v. Ehr. nach Rom kam, in dem Hause des reichen und gelehrten Lucullus eine gastliche Auf- nähme. Diesen seinen Gönner begleitete er im I. 91 auf einer Reise in Sicilien und erhielt auf der Rückreise von der mit Nom verbündeten Stadt Heraklea in Untcritalien das Bürgerrecht und somit auch, nach einem bestehenden Gesetze, nach seiner Wiederankunft in Rom das röm. Bürgerrecht. Letzteres suchte ihm aber ein gewisser Gratius streitig zu machen, und hier trat dann Cicero für den Angeklagten auf und hielt die berühmte „Rede für den Dichter A.", in welcher er mit gleicher Wärme und Begeisterung für die Person, wie für die Dichtkunst und Wissenschaften überhaupt sprach. Von sämmtlichen Dichtungen des A.ist keine Spur mehr vorhanden, denn die unter seinem Namen in der griech. Anthologie befindlichen 35 Epigramme gehören einer weit spätern Zeit an. Archidiakönuö. Dieser kirchliche Titel, welcher ursprünglich nur den ersten unter den Diakonen an einer bischöflichen Kirche bezeichnete, erhielt schon im 5. Jahrh. eine vielum- fasstndere Bedeutung, indem die Archidiakonen nicht nur den Rang über den Presbytern erhalten hatten, sondern schon zu Vicarien der Bischöfe in den Diöcescn und auf den Con- cilien geworden waren. An sie kamen nach und nach die Geschäfte der bischöflichen Gerichtsbarkeit, die Aufsicht über die Geistlichkeit, die Kirchen, Klöster und kirchlichen Güter, das Msitationsrecht und in den abendländischen Bisthümern auch das Gericht über die Ketzer. Doch blieben sie bis in das 9 Jahrh. immer nur Stellvertreter der Bischöfe ohne persönliche Amtsgewalt, aber theils die Unwissenheit ihrer Vorgesetzten, theils die seit dem 8. Jahrh. aufgekommene Eintheilung der Diöcesen in mehre kleinere Sprengel oder Archidiakonal- banne, denen sie vorgesctzt wurden, machten sie zu selbständigen Kirchcnbeamten, die mit wenigen Ausnahmen die völlige bischöfliche Gewalt ausübten. Im 11. und 12. Jahrh. waren sie als die einflußreichsten Prälaten der Kirche anerkannt und auf dem Gipfel ihrer Macht. Durch die Errichtung allgemeiner bischöflicher Gerichtshöfe unter eigenen Officialen oder Generalvicarien suchten im 13. Jahrh. die Bischöfe das ihnen lästig gewordene Ansehen der Archidiakonen wieder zu beschränken und im 15. und 16. Jahrh. mußten sie in den meisten Diöcesen die Gerichtsbarkeit an die neuen Gerichtshöfe abtreten. Im 18. Jahrh. findet man sie nur noch als Würdenträger in einigen Domcapiteln. Jetzt ist diese Würde, besonders wegen Rangstreitigkeiten mit den Dechanten und Pröpsten, in der katholischen Kirche fast überall erloschen; auch wurden sie in die durch die Bourbons wieder neueingerichteten Domkapitel nicht ausgenommen. In der griech. Kirche gab es schon seit dem 7. Jahrh. keine Ar- chidiakoncn mehr, außer einem einzigen am griech. Kaiserhofe zu Konstantinopel. In der bischöflichen Kirche Englands sind sie noch jetzt die Stellvertreter der Bischöfe in Beaufsichtigung ihrer Sprengel. In der protestantischen Kirche genießen sie außer dem Vorrange vor den übrigen Diakonen keine besondern Vorrechte; gewöhnlich führen hier diesen Titel die zweiten Geistlichen an den Hauptkirchen der größer» Städte. Archigknes, ein griechischer Arzt, der Sohn des Philippus, war zu Apamea in Syrien geboren, hatte den Agathinus zum Lehrer und übte seine Kunst im 2. Jahrh. n. Chr. unter der Regierung Trajan's in Nom mit solchem Erfolg, daß Juvenalis seinen Namen zur Bezeichnung eines großen Arztes gebrauchte. In Hinsicht auf seine theoretischen Ansichten wird er bald zu den Pneumatikern, bald zu den Methodikern gezählt, während Andere ihn den Stifter der eklektischen Schule nennen. In seinen nur fragmentarisch auf uns gekommenen Schriften zeigt er sich als großer Dialektiker, während er in der Praxis mehr Em- Ärchilochus Archimedes 459 piriker undgroßcr Freund von zusammengesetzten Arzneimitteln gewesen zu sein scheint. Vgl. Harleß, „De meclico et tls ^pollonüs melliei»" (Lpz. 1816, -1.). Archilöchus aus Paros in Lydien, blühte um 688 v. Ehr. zur Zeit des Gyges und gilt dem Range nach für den ersten der griech. Lyriker. Seine Lebensumstände und vorzüglich was von ihm Schlimmes erzählt wird, hat man aus Erwähnungen in seinen eigenen Gedichten zusammengesetzt. Als Jüngling verließ er, in die bürgerlichen Parteiungen verwickelt, sein Vaterland und ging nach Thasös, mit einem Theil seiner Mitbürger dort eine Colonie zu begründen. In einer Schlacht der Thafier gegen die Thraker verlor er, wie er selbst in einigen uns erhaltenen Versen sagt, jedoch nicht aus Feigheit, seinen Schild. Später ward er deshalb von Sparta, wohin er gewandert war, zurückgewiesen. In den olympischen Spielen bekam er für einen Hymnus auf den Herakles den Sicgerkranz. DaS Leben verlor er in einer Schlacht, nach Andern durch Meuchelmord. Sowie A. neu und kühn in der Form war, so wußte er auch dem Tone seiner Dichtungen bei der größten Man- nichfaltigkeit des Stoffs immer den Reiz der Neuheit zu verschaffen. Die Schärfe seiner Gedichte machte „archilochische Bitterkeit" und „parische Verse" zum Sprüchwort des Alterthums. Seine Gegner geiselte er auf die empfindlichste Weise mit seinen Jamben. Lykam- bes, der ihm seine Tochter versprochen, aber nicht Wort gehalten hatte, wurde von seiner Satire so verwundet, daß er und die Tochter, um der Schmach zu entgehen, sich crhen kten. Die Alten stellten ihn dem Homer an die Seite; sie ließen seine Gedichte durch Rhapsoden vortragen, feierten Beider Gedächtniß an Einem Tage und stellten auf Bildwerken seinen Kopf unter den des Homer. Sie nennen ihn auch den Erfinder des Jambus, was jedoch nicht sowol von dem jambischen Vers, der gewiß älter ist, als von der Form und der satirischen Anwendung der ganzen Dichtart zu verstehen sein mag, und schreiben ihm eine Menge Verbesserungen der Musik und der Verskunst zu. In Griechenland waren die drama tischen Dichter, besonders die der alten Komödie, unter den Römern Horatius in den Epoden seine Nachahmer. Der halbe Pentameter —^ dessen er sich häufig bedient, heißt nach ihm der archilochischeVers. Die Bruchstücke seiner Gedichte hat besonders Hera usge- geben LiebelsLpz. 1812 und Wien 1819) und vielfach verbessert Schneidewin in „De iect. poet. graec." (Gött. I8Z9). übersetzt findet man sie durch Herder in den „Zerstreuten Blättern" und bei Paffow im „Pantheon". Archimandriten, Erzäbte oder Generaläbte, heißen in der griech. Kirche die Äbte, welche über mehre Äbte und Klöster die Aufsicht führen, weil in der alten griech. Kirche die Klöster Mandrä genannt wurden. Sie waren aber stets den Diöcesanbischöfen untergeb en. In Sicilien nennen sich einige Äbte so, weil ihre Klöster ursprünglich griech. Stiftung sind und der Regel des heil. Basilius folgen. Auch die Generaläbte der unirten Griechen in Polen, Galizien, Siebenbürgen, Ungarn, Slawonien und Venedig führen diesen Titel. Archimedes, der berühmteste unter den alten Mathematikern, geb. zu Syrakus um 287 v. Ehr., ein Verwandter des Königs Hiero, scheint kein öffentliches Amt bekleidet, sondern sich ganz auf die Wissenschaften beschränkt zu haben. Seine Verdienste um die Mathematik vollkommen zu würdigen, fehlt uns eine genaue Kenntniß von dem Zustande der Wissenschaft vor ihm; doch weiß man, daß er sie mit Entdeckungen von höchster Wichtigkeit bereichert hat, auf welche die Neuern ihre Messungen krummliniger Flächen und Körper gegründet haben. Euklides bewachtet in seinen „Elementen" nur einige Größen in Beziehung aufeinander; aber er vergleicht sie nicht mit geradlinigen Flächen und Körpern. A. hat die zu diesem Übergange nöthigen Sätze in seinen Abhandlungen von der Sphäre und dem Cy- linder, den Sphäroiden und Konoiden, und in seiner Schrift von der Messung des Cirkels entwickelt. Zu noch schwierigern Betrachtungen hat er sich erhoben in seiner Schrift von den Spiralen, die aber selbst für Kenner schwer zu verstehen ist. Er ist der Einzige unter den Alten, der uns etwas Genügendes über die Theorie der Mechanik und über die Hydrostatik überliefert, Er hat zuerst den Satz gelehrt: daß ein in eine Flüssigkeit getauchter Körper so viel an seinem Gewichte verliert, als die Schwere eines gleichen Volumens der Flüssigkeit beträgt, und bestimmte mittels desselben, wie viel Zusatz der Verfertiger einer Krone, die der König Hiero aus reinem Golde verlangt hatte, bctrüglicherweise hinzugefügt habe. Die Auflösung dieses Problems fand er beim Baden und soll so darüber erfreut gewesen sein. 46<> Archipclagus Archiv daß er, wie man erzählt, unbekleidet nach Hause eilte, mit dem Ausruf: „Ich habe es gesunden ! Jchhabe cs gefunden!" Die praktische Mechanik scheint zu A.'s Zeiten ebenfalls ^ eine neue Wissenschaft gewesen zu sein, denn seine Äußerung, daß er die Erde umdrchcn > wolle, wenn man ihm einen Punkt außer derselben gäbe, wo er stehen könne, zeugt von dem Enthusiasmus, den ihm die außerordentlichen Wirkungen seiner Maschinen eingeflößt hatten. Er ist der Erfinder des Flaschenzugs, der Schraube ohne Ende und der Wasserschraube oder der Archimedischen Schnecke, in welcher das Wasser durch seine eigene Schwere auf- steigt. Er wendete sie während seines Aufenthalts in Ägypten zum Austrocknen der vom Nil überschwemmten Gegenden an. Während der Belagerung von Syrakus entwickelte er sein ganzes Talent, um zur Vertheidigung seiner Vaterstadt mitzuwirkcn. Polybius, Livius und Plutarch sprechen ausführlich und mit Bewunderung von den Maschinen, die er den Angriffen der Römer entgegenstelltc. Sie melden jedoch nichts davon, daß er mit Brennspiegeln die feindliche Flotte in Brand gesteckt habe, was auch an sich höchst unwahrscheinlich ist und nur auf den später» Nachrichten des Galen und Lucian beruht. In demselben Äugenblicke, wo die Römer, unter Marcellus, durch Überrumpelung sich 2>2 v. Chr. der Stadt bcmäch- > tigten, saß er, wie die Sage erzählt, in Nachdenken vertieft, auf dem Markte und hatte allerlei Figuren vor sich in den Sand gezeichnet. Einem röm. Soldaten, der auf ihn eindrang, soll er zugcrufen haben: „Bringe mir meine Kreise nicht in Unordnung!" Mein der rohe Krieger stieß ihn nieder. Auf sein Grabmal setzte man einen Cylinder mit einer darin enthaltenen Kugel, um dadurch seine Auffindung ihres gegenseitigen Verhältnisses, worauf er besonder« Werth legte, zu verewigen. Cicero, als Quästor in Sizilien, fand dasselbe in einem Gebüsche wieder auf. Seine noch übrigen Werke sammelte Torelli (Oxford 1792, Fol.); sie wurden übersetzt und erläutert durch Nizze (Strals. 1824); einzelue Schriften sind von Hauber (Tüb. 1798), Hoffmann (Aschaffenb. 1817), Krüger (Quedlinb. und Lpz. I820)und Gutenäcker (Würzb. 1828) übersetzt. Archipclagus nennt man eine große Gruppe Inseln. Die bekannteste ist die vorzugsweise so benannte Inselgruppe des Ägeischen Meeres zwischen den Küsten Griechen- lands und Klcinasiens. Ihrer Lage nach wurden die dazu gehörigen Inseln in die europäischen und asiatischen gethcilt; die erster«, welche gleichsam in einem Kreise bcisammenlie- ! gen, sind aus dieser Ursache von den Griechen dieCykladen (s.d.), sowie die andern, wci- ! ter auseinander liegenden, die Sporaden (s. d.) genannt worden. Im Mittelalter machten diese Inseln ein eigenes Herzogthum aus, das bis 1556 von dem Herzoge von Naxos, dann von dem Juden Michez, dem es Selim II. schenkte, regiert, bald darauf aber mit dem ! «ttom. Reiche vereinigt wurde. Architektonik, Architektur, s. Baukunst. Architrav heißt im antiken Säulenbau der in der Regel aus Stein gebildete Balken, welcher unmittelbar über den Säulen ruht und den übrigen Thcilen des Gebälks zur Unterlage dient. Nach den verschiedenen Gattungen oder Ordnungen des Säulenbaues wird er auf verschiedene Weise gebildet. Archiv nennt man die geordnete Sammlung schriftlicher Urkunden, welche sich aut die Rechts-und andern Verhältnisse einer Familie, Corporation, Gemeinde, Stadt, Provinz ^ oder eines ganzen Staats beziehen. Die Nothwendigkeit der Ärchive ward schon von den Alten erkannt; Griechen und Römer nicht minder, wie die Israeliten, bewahrten solche Urkunden in den Tempeln auf, und auch die Christen folgten diesem Beispiele, bis später, zuerst in Deutschland und Frankreich, eigene Orte dafür bestimmt wurden. Namentlich zeichneten sich die geistlichen Stifter des südlichen Deutschlands hierbei durch Sorgfalt aus. Die Archive der größten deutschen Fürstenhäuser reichen indeß selten über das 13. Jahrh. hinaus, der Anfang der städtischen Archive kann höchstens in das 12. Jahrh. gesetzt werden. Unter den reichsstädtischen Archiven waren die zu Kempten und zu Ulm bedeutend; eines der besten Landesarchive war das des brandenburgischen Hauses zu Plassenburg, jetzt in der Haupt- ' sache mit dem bair. Filialarchivc zu Bamberg vereinigt. Das ehemalige Deutsche Reich besaß sein Archiv an vier Orten, zu Wien, Wetzlar, Regensburg und Mainz, letzteres das I Hauptreichsarchiv genannt. Ein besonders reiches Ärchiv ist das des Deutschen Ordens zu Königsberg; eines der vorzüglichsten, die jetzt vorhanden sind, das Reichsarchiv zu München. Arcole 461 Archon Die Grundsätze über die zweckmäßigste Anordnung der Archive sind erst in neuerer Zeit, namentlich von Ögg (1803) und Österreicher (1806), als Archivwissenschaft besonders behandelt worden. Es kommt hierbei besonders auf die möglichste Erleichterung des Aufstn- dens durch Repertorien, Sach- und Namenregister und auf die sorgfältigste Erhaltung der Archivalien an. In dieser Hinsicht kann, was die Urkunden im cngern Sinne, die Diplome, anlangt, die Urkundensammlung des Klosters St.-Michaelis zu Lüneburg seit ihrer neuen Einrichtung im I. 1798 als musterhaft gelten; tragbare Schränke, die man übereinander setzen kann, mit flachen Schubladen, wo die Urkunden nebeneinander liegen, und auf der Außenseite cntspreckend bezeichnet, empfehlen sich am meisten. Vgl. „Zeitschrift für Archivkunde, Diplomatik und Geschichte" von Hofer, Erhard und Mcdem (2 Bde., Hamb. 1833 fg.). Die in frühem Zeiten häufig unterbliebene Rücksicht aufFeuerfestigkcit des Örts, wo das Archiv aufbcwahrt ward (den man wol auch mit dem Namen Archiv zu belegen pflegt), hat den Verlust mancher wichtigen Sammlung, z.V. des größten Theils der obcrschleüschcn Urkunden durch den Brand des Nathhauscs zu Oppeln im 1.1739, herbeigeführt. Übrigens ist der Begriff des Archivs von den Theoretikern in neuerer Zeit oft viel zu eng gefaßt worden. Wenngleich von dem Archiv die Registratur, welche insbesondere Proceßactcn umfaßt, unterschieden werden muß, so darf man doch nicht, wie Manche wollen, das Archiv auf Urkunden, die ein ganzes Land oder doch einen Landestheil betreffen, beschränken, oder blos aufsolchc, welche eigentlich Rechtsverhältnisse betreffen. Das Archivrecht, welches hauptsächlich aus Kov. -19. c. 2. abgeleitet wird, begründet die rechtliche Vermuthung der Echtheit einer Urkunde darauf, daß dieselbe in einem geordneten Archiv aufbcwahrt ist und nicht die offenbaren Zeichen einer Ünechtheit an sich trägt. Archon hieß in Athen der höchste Magistrat. Nach des Kodrus Tode, 1068 v. Ehr., ward die Macht und Würde des Königs ungeschmälert Einem Archon, zuerst dem Sohne des Kodrus, Medon, auf Lebenszeit übertragen. Ums J. 752 ward die Amtszeit des Archonten auf zehn Jahre eingeschränkt, 713 das Vorrecht der Nachkommen des Medon, ausschließlich diese Stelle zu bekleiden, aufgehoben, und der Zutritt zu,, ihr allen edlen Geschlechtern (Eu- patridcn) eröffnet, bis er endlich zu diesem wie zu allen Ämtern (377) durch Aristides allen Bürgern ohne Unterschied gestattet ward. Schon im I. 683 war die Amtszett auf ein Jahr beschränkt und zugleich die Zahl der Archonten auf neun vermehrt worden, deren Thätigkeit sich seit Solon namentlich auf die Verwaltung der Rechtspflege bezog. Der Name des ersten unter ihnen, Archon schlechthin genannt, diente jedesmal zur Bezeichnung des Jahres, daher er auch Eponymos genannt ward; der zweite führte den Namen Basileus, der dritte von der Leitung des Kriegswesens, die ihm früher übertragen war, Polemarchos; die sechs übrigen hießen Thesmothetcn. Auch in Böotien gab es einen Magistrat unter dem Namen Archonten. Bei den Juden hatte der Name während der Zeit der Römerherrschast sehr verschiedene Bedeutungen, so auch im Neuen Testamente. Am häufigsten heißen so die Beisitzer des Sanhedrin. Bei den Gnostikern wurden die der Welt entsprossenen Äonen oft mit diesem Namen belegt, weshalb auch eine gnostische Sekte, die dem Judenthum sehr feindlich war, Archontikcr hieß. (S.Enosis.) Archytas von Tarent, ein Pythagoräer, berühmt als wahrhafter Weiser, großer Mathematiker, Staatsmann und Feldherr, widmete sich zu Metapont dem Studium der Pythagoreischen Philosophie. Er war ein Zeitgenosse des Platon und lebte noch, als dieser nach Sicilien reiste. Man kann ihn daher nicht als Lehrer des Philolaus betrachten, welcher älter war, noch weniger als des Pythagoras unmittelbaren Schüler. Man schreibt ihm die Erfindung der analytischen Methode in der Mathematik und die Lösung mchrer geometrischen und mechanischen Probleme zu. Auch soll er ein Automat (eine fliegende Taube) verfertigt haben. Horaz besingt ihn als einen an der apulischcn Küste Ertrunkenen. Die meisten unter seinem Namen angeführten Schriften sind unecht. Vgl. Hartenstein, „Vs ^rcliMe Ta- rentiiü iraginentis pliilosoptticis" (Lpz. 1^33) und Gruppe, „über die Fragmente des A. und der ältern Pythagoräer" (Berl. l 830). Arcöle, Dorf am linken Ufer der Etsch, in der Delegation Mantua des lomb.-vcnct. Königreichs, berühmt durch die Schlacht am 15^-17. Nov. 1796, in welcher Bonaparte den Lstr. General Alvinzy, der Mantua entsetzen wollte, besiegte. Augereau, dann Bona- 462 Arxon Ardey parke selbst mit der Fahne voran, führten die Stürmenden gegen die Batterien auf der hol- zernen Brücke dcs Alpon, die am > 5. und >6.Nov. vom General Mitrovsky so tapfer vcr- lhcidigt wurde, daß erst in der Nacht zum 17. Nov. oberhalb des Einflusses des Alpon in die Ersch der Übergang Bsnaparte's erfolgte, worauf das Gefecht bei A. die dreitägige blurige Schlacht zum Nachtheil für die Östreicher entschied. Letztere verloren dabei 18 Kanonen; die Franzosen hatten den Verlust von sieben Generalen zu beklagen. Arcon (Jean Claude Eleonore Lcmicaud d'), der Erfinder der schwimmenden Batterien, mit denen Gibraltar 1782 bezwungen werden sollte, geb. 1733 zu Pontarlier, war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt und konnte erst später von seinem Vater die Erlaubniß erhalten, seinem eigentlichen Berufe zu folgen. Im I. 1754 wurde er in die Militairschule zu Mezieres ausgenommen, im folgenden Jahre Mitglied des Geniccorps. Zm Siebenjährigen Kriege zeichnete er sich mehrfach aus, vorzüglich 1761 bei der Verthei- gung von Kassel. Um sich des Auftrags, eine Karte von dem Jura und den Vogesen aufzunehmen, schneller zu entledigen, erfand er 1774 eine neue Tuschmanier, die vor der gewöhnlichen viele Vortheile gewährt. In allen seinen Schriften, die trotz der fehlerhaften Schreibart sich angenehm lesen lassen, erkennt man Reichthum an Ideen und Züge eines glänzenden Genies. Er war einer der erbittertsten Gegner Montalembert's und scheute sich nicht, empörende Persönlichkeiten in den Streit zu ziehen. Im I. 1780 erfand er die schwimmenden Batterien, die nur darum den Erwartungen nicht völlig entsprachen, weil den franz. und span. Offizieren Einigkeit fehlte; Elliot, der Vertheidiger von Gibraltar, läßt dem Erfinder volle Gerechtigkeit widerfahren. Bei dem Einfalle in Holland unter Du- mouriez nahm er mehre feste Plätze, unter andern Breda. Später zog er sich in die Einsamkeit zurück und schrieb hier sein letztes, aber vorzüglichstes Werk: „eonsickeratioim militai- res et politigues sur les lortilications" (Par. 1795). Der erste Consul berief ihn 1799 in den Senat; er starb am I. Juli 1800. Ardennen, die westlichste Abtheilung des niederrheinischen Schieferplateaus, welche sich als ein stark bewaldetes aus sanftwelligen Bergflächen zusammengesetztes Gebirge an den Nordgrcnzen Frankreichs erhebt, in den Thälern der Mosel, Our, Ourthe, dem Hundsrück, der Eifel und Hohen Veen anlegt und westwärts an den Ufern derSambre allmälig zum flandr. Tieflande verflacht. Der Name A. wird abgeleitet vom Keltischen a r, d. i. bei, und Duann 0, d. i. Brunnen Gottes, und wurde früher dem ganzen Gebirgsraum zwischen Rhein und Sambre beigelegt. Sanft steigt das Gebirge aus dem Norden und Westen zu der geringen Höhe von 14—1800F. mit nur einzelnen bedeutendem Erhebungen an den östlichen Übergängen, z. B- die Höhe von St.-Hubert (21 — 2200 F.); die Flußthäler sind aber tief und scharf eingeschnitten, wovon die große Querspalte der Maas, die das ganze Gebirge von Mezieres bis Namur durchbricht, ein deutlicher Beweis ist. Das Gestein der A. ist Thonschiefcr und Grauwacke mit charakteristisch cingesprengten großen Urkalklagern, während am Nordfuße reiche Kohlen- und Eisenminen einer wichtigen Fabrikzone das Dasein gegeben haben. Nach den A. ist ein nordöstliches Departement Frankreichs benannt, welches zusammengesetzt ist aus Theilen des Hcnnegau, der Picardie und Champagne, 80 OM. mit 290600 E. umfaßt, zu den waldreichsten, aber nicht fruchtbarsten Gegenden des Landes gehört und in die Arrondissements Mezieres, Rethel, Rocroi, Sedan und Vouziers zerfällt. Ardey oder Ardai wird der westlichste Theil des am rechten Ufer dahinstreichendcn Haarstrangs genannt, wie er sich in ber Grafschaft Mark von Fröndenberg bis Wolmarstein südlich von Dortmund lagert und nordwestlich zu dem fruchtbaren Hellweg übergeht, der sanft in das niederrhein. Tiefland abfällt. Der A. ist für Westfalen höchst werthvoll, insofern er einen Haupttheil der Stcinkohlenniedcrlage der Grafschaft Mark bildet, welche südlich von Kohlensandstein und nördlich von Kreide umgeben ist, und aus folgenden drei Mulden besteht: I) die westliche, die Mühlheim-Essensche, 2) in der Mitte, die Werdcn-Bochu- mer und 3) im Osten die Sprökhörel-Hördesche. Noch sindunweitFröndenberg an derRuhr die Trümmer der Burg vorhanden, wo die Grafen von A. gewohnt, deren reichbegütertes Geschlecht schon im 7. Jahrh. erwähnt wird, deren Sitz Scheda an der Ruhr von der Gräfin Wiltrudis in ein Prämonstratenserkloster verwandelt wurde und welches nach dem I. 1318 ausgestorben zu sein scheint. Are Arenbcrg 463 Are heißt die Einheit des neuen franz. Flächen- oder Feldmaßes, ein Quadrat darstel- , lend, von welchem jede Seite 10 Metres oder l Decametre lang ist. 1 Are ist also — 1 Quadrat-Decametre, d. i. 100 lüMetrcs — 947,68 par. OFuß oder — 7,049 rheinländ. ORuthen. Im Großen rechnet man das Feldmaß nach 100 Are oder Hektaren — 3,9166 preuß. Morgen. Arölat oder Arelatische § Neich hieß von seiner Hauptstadt Arles das Hcrzog- ^ thum Burgund (s. d.) mit Provence, das 879—920 den Titel eines Königreichs führte Arenberg, das herzogliche Haus, ein Zweig des Hauses Ligne, auf welches 1547 durch Helrath Titel, Wappen und Besitzungen der Grafen von A. übergingen, war eins der 13 alten deutschen Fürstenhäuser. Die reichsfürstliche Würde erhielt es 1576 vom Kaiser i Maximilian il. und 1582 auch Sitz und Stimme im Reichsrathe. Der Gründer des neuen Hauses A. ward Philipp Karl, der ältere Sohn Johann's von Ligne, Admiral von Flandern, der durch seine Vermählung mit Anna von Croy das Herzogthum Aerschot erhielt und I 1616 starb. Sein ältesterSohn, Philipp Franz, ließA. vom Kaiser Ferdinand lll. 1644 zum Herzogthum erheben. Im luneviller Frieden verlor der Herzog von A., Ludwig Engel- bert, seine unmittelbaren Besitzungen jenseit des Rhein, zusammen 7'/, lUM. mit 14800 E. und erhielt dafür 1803 als Entschädigung das Amt Meppen und die Grafschaft Recklinghausen in Westfalen. Von seiner Gemahlin, des Grasen von Lauraguais Tochter, gest. 1812, erbte er die Besitzungen des Hauses Chalons in Hochburgund. Erblindet starb er zu Brüssel am 7. März 1820. Schon 1803 hatte er seinem ältesten Sohne Prosper Ludwig, geb. 28. Apr. 1785, die Negierung abgetreten. Dieser trat 1806 dem Rheinbünde bei und vermählte sich 1808 mit einer Nichte der Kaiserin Zosephine, Stephanie Tascher de la Pagerie, welche Napoleon zur franz. Prinzessin erhob. Dessenungeachtet verlor er 1810 seine Souverainetät, indem sein Gebiet theils mit Frankreich, theils mit Berg vereinigt wurde. Erst 1813 wurde er dafür von Frankreich mit einer Rente von 240800 Francs entschädigt. Der Friede von 1815 gab ihm seine Besitzungen als Standesherrschaften zurück, Meppen unter hannoverscher, Recklinghausen unter preuß. Hoheit. Seine erste kinderlose Ehe ließ er 1816 für nichtig erklären und vermählte sich 1819 mit der Prinzessin Ludmilla von Lob- kvwih. Der Erbprinz Engelbert ist 1824 geboren und des Herzogs zweite Tochter seit 1842 mit dem Fürsten Aldobrandini, dem Bruder des Fürsten Borghese, vermählt. Sein Bruder Paul ist Ehrendomherr in Namurund lebt in Brüssel. Sein jüngsterBruder,KarlP e te r d'Alcantara, besitzt die vom Vater ihm abgetretenen belg. Güter, ist in Frankreich naturali- sirt, seit 1828 franz. Herzog und Pair und seit 1829 mitAlixe Gräfin von Talleyrand-Peri- gord vermählt. Sein Vaters Bruder, August Maria Raimund, Fürst von A-, der Sohn des Herzogs Karl Maria Raimund von A., des bekannten östreich. Führers im Siebenjährigen Kriege, ward zu Brüssel am 30. Aug. 1753 geboren. Er widmete sich frühzeitig dem Militairstande und erhielt noch ziemlich jung von seinem Großvater mütterlicherseits, dem Grafen Ludwig von der Mark, dem Inhaber eines nach ihm benannten deutschen Infanterieregiments in franz. Diensten, dieses Regiment zu seinem Eigenthume, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dasselbe auch in Zukunft den Namen „von der Mark'' behalten und der Inhaber desselben den Namen eines Grafen von der Mark führen solle, t daher denn auch A. unter dem Namen des „Grafen von Lamark" bekannter geworden ist als unter seinem eigentlichen Familiennamen. Mit diesem Ncgimente ging A. 1780 während des engl.-amerik. Feldzugs nach Ostindien, von wo er erst nach fast zwei Jahren und schwer verwundet zurückkehrte. Bei Ausbruch der Revolution in Brabant im I. 1789 schloß sich A. den Insurgenten an, zog sich jedoch bald aus diesen Verbindungen zurück und huldigte Leopold II. Wichtigerjedoch als alle diese Lebensumständc, war sein Verhältniß zu Mirabeau, mit welchem er nach seiner Ernennung zum correspondircnden Mitgliede der Constituirenden Versammlung in der engsten Freundschaftsverbindung lebte. Durch ihn allein Ward Mirabcau dem Königthum gewonnen und wäre derselbe nicht gerade in dem Moment gestorben, als er erst anfing, seine Thätigkeit für das Königthum zu entwickeln, A. würde vielleicht derjenige - Mann gewesen sein, durch dessen Streben mittelbar die Revolution aufgehalten worden ! wäre. Dieser unerwartete Todesfall war indeß für A. ein entscheidendes Ereigniß. Er wanderte aus, ward 1796 als östr. Unterhändler mit den stanz. Behörden gebraucht und 464 Arena Arcus lebte später entfernt von den öffentlichen Geschäften, nach Errichtung des Königreichs der Niederlande, in Brüssel, wo er, beschäftigt mit literarischen Arbeiten und mit der Bildung I einer Gemäldesammlung, am 26. Scpt. 1833 starb. Seinen Namen und seine Titel vererbte ; er aufseinen Sohn Engelbert Ernst, geb. 17.77. Dem standesherrlichen Gebiete in Hannover oder dem Amte Meppen (35 IHM. mit 39800 E.) wurde vom König Georg IV. 1826 der Name Herzogthum Arenberg-Meppen bcigelcgt. Die Grafschaft Recklinghausen hat auf 15 UM. an 30000 E., beide zusammen enthalten auf 60 OM. 89900 E.in ^ vicrStädtcn, vier Marktflecken und 192 Dörfern. DcrHerzogkann eine Ehrenwache halten, l Seinen Gerichtsstand hat er bei der Justizkanzlci zu Osnabrück, und in peinlichem Falle ist ihm ein Gerichtsstand von Austrägen oder das Recht, von Ebenbürtigen gerichtet zu werden, bewilligt. In den übrigen Straffällen ist das Staats- und Cabinctsministerium die aus- ! schließlichc Behörde für alle Mitglieder des herzoglichen Hauses. Mit Einschluß seiner Besitzungen in den Niederlanden und in Frankreich betragen die Einkünfte des Herzogs, meist aus Waldungen, etwa 750000 Gulden. Die Familie bekennt sich zur katholischen Kirche; ! die gcwöhnlicheNcsidcnz des Fürsten ist das Schloß Klemcnswerth bei Meppen, oder Brüssel. Arena, s. Amphitheater. Arendt (Martin Friede.), berühmt wegen seiner wissenschaftlichen Wanderungen durch einen großen Thcil Europas, war zu Altona 1769 geboren und starb, vom Nervenschlage getroffen, in der Nähe von Venedig 1823. Auf des Grafen vonNcventlow Empfehlung wurde er 1797 beim botanischen Garten zu Kopenhagen als Eleve angestellt; allein seine Vorliebe für Alterthumsforschung führte ihn auf die Universitätsbibliothek, wo er in strenger Kälte stundenlang die Magnäanischen Sammlungen durchsah. Mit landesherrlicher Unterstützung reiste er 17 98 nach Finnmark. Sehr genau durchforschte er Norwegen und kam in Gegenden, die vor ihm kein Fremder betreten hatte. Er sollte lebende Pflanzen und Samen einsammeln; allein er brachte wenig oder nichts zurück und wurde entlassen. Hieraus begann er 1799 seine antiquarischen Sammlungen in Norwegen. Dann hielt er sich längere Zeit in Schweden auf, in Rostock bei Tychsen, in Paris bei Millin und in Venedig. Später durchwanderte er die Schweiz, Spanien, Italien und Ungarn. Er lebte von fremder Unterstützung, schlief oft unter freiem Himmel und kannte keine Bedürfnisse der Be- ! quemlichkeit. Mit E. M. Arndt (s. d.) verwechselt und des Carbonarismus verdächtig, ! mußte er in Neapel die heftigsten Verfolgungen erdulden. Einen Theil seiner Papiere, Zeichnungen und Abhandlungen, antiquarischen Inhalts und den Norden betreffend, die er für gewöhnlich immer bei sich trug, legte er in der Bibliothek zu Kopenhagen nieder. Auch ließ er in Paris und in verschiedenen Städten Schwedens, Deutschlands und Dänemarks einzelne Blätter drucken. Arene, Tochter des Öbalos und der Gorgophone, war die Gemahlin ihres Stiefbruders Aphareus (s. d.), von der eine Stadt und ein Brunnen in Elis den Namen bekommen Arcns (Franz Jos., Freiherr von), erster Präsident des.Oberappellations- und Cas- sationsgcrichts in Darmstadt, sowie auch Präsident des Staatsraths, geb. 7. Juni 1779 zu Arnsberg in Westfalen, der Sohn eines Kaufmanns, widmete sich erst demselben Geschäfte, studirte aber später zu Marburg. Er erhielt 180 3 zu Gießen die juristische Doktorwürde und . ward daselbst 1806 ordentlicher Professor des kanonischen Rechts. Seine weitere Beför- * dcrung zum Negierungscommissar und Kanzler der Universität, zum Präsidenten des Hofgerichts in Gießen, dann des höchsten Tribunals in Darmstadt, sowie seine Erhebung in den erblichen Freiherrnstand und zur Excellenz, verdankte er theils dem Einflüsse seines Schwagers, des Staatsministers von Grolmann, theils seiner besonder» politischen Thätigkcit. Diese begann, als 1817 die politischen Studentenuntersuchungen zu Gießen fast nur in seine Hand gegeben waren, als. er seine moralische Überzeugung für die Richtschnur seiner Entscheidungen erklärte und hiernach die Rolle des Policeibeamten und Anklägers des Geschworenengerichts und politischen GewiffenSraths in seiner Person vielfach zu vereinigen wußte. Diese Cumulation erregte hier und da Anstoß und machte manche Jrrthümer und Täuschungen unvermeidlich, wodurch sich A. 1833 den heftigen Angriffen der zweiten Kammerbloß- j gestellt sah; dagegen fand Hähern Orts sein an den Tag gelegter Eifer um so mehr Anerkennung. Auch als Mitglied der ersten Kammer der Stände seit 1820 zeigte er sich stets als Areopagitische Theologie Arethusa 465 unerschütterlichen Conservativcn mit deutlicher Hinneigung zum monarchischen Absolutismus, und nur da, wo er das augenscheinliche positive Recht nicht in Abrede stellen konnte, schien er einige Mal den liberalen Ansichten zu huldigen. So bczeichnete er namentlich die einseitige Aufhebung des hannoverschen Staatsgrundgesehes als „rechtswidrig" und als „betrübendes Ereigniß"; stimmte aber freilich, eine Jncompeten; behauptend, gegen jede ständische Verwendung in dieser Sache. Als Referent in einem interessanten Processe im I. 1835, sprach er der neuen preuß. Kirchenagende eine bindende und zwingende Natur ab, und wenn einige seiner Gegner meinten, daß darauf seine Confession als Katholik nicht ohne Einfluß gewesen sei, so ist dies wol eine ungegründcte Behauptung. A. war literarisch nie productiv, wie er denn überhaupt kein schöpferischer Staatsmann und kein Heerführer im Kampfe der Ideen, wol aber eine tüchtige Schildwache zur Bewachung eines gerade gegebenen Zustandes ist. Als geübter Jurist, der mit großer Kälte die überlieferten Begriffe darzulegen, sowie eine herkömmliche Ordnung zu erhalten und zu übersehen weiß, steht er übrigens, da er einmal durch die Umstände zu den höchsten Stufen des Staatsdienstes erhoben ist, als Gerichtspräsident an einer Stelle, wo er sich durch Beschleunigung der Arbeiten und durch Überwachung eines ordnungsmäßigen Geschäftsganges große Verdienste erwirbt. An der Stelle des verstorbenen Ministers von Hofmann wurde A. im Sept. 1831 zum Präsidenten des Staats- caths ernannt. Areopagitische Theologie, s. Dionysius Areopagita. Areopägus, der älteste und zugleich wegen seines Ansehens, seiner Unbescholtenheit und Gcrechtigkeitsliebe der berühmteste Gerichtshof nicht nur in Athen, sondern in ganz Hellas und der alten Welt überhaupt, hatte den Namen von dem Versammlungsorte, dem unweit der Akropolis gelegenen Hügel des Ares oder Mars. Die Stiftung dieses Gerichts wird von Einigen bis auf Cekrops zurückgeführt, von Andern dem Solon zugeschrieben; doch scheint er von Letzterm nur eine bessere Einrichtung und wichtigere Vorrechte erhalten zu haben. Aus wie viel Mitgliedern er bestand, läßt sich nicht angeben. Die Stellen waren auf Lebenszeit und wurden mit den abgcgangenen Archonten besetzt, die sich durch redliche und eifrige Amtsführung derselben würdig gemacht hatten. Aristides nannte den Areopag das heiligste Gericht Griechenlands. Die Verbrechen, welche vor dieses Gericht gehörten, waren vorsätzlicher Mord, Vergiftung, Raub, Mordbrennerei, Verrath des Vaterlandes, Sittenlosigkeit und Neuerungen im Staate und in der Religion; zugleich war ihm die Sorge für die Verwaisten aufgetragen. Im Augenblick der Gefahr griff der Areopägus auch eigenmächtig in die Leitung der Staatsangelegenheiten ein, wie dies zur Zeit des Perserkriegs geschah, wo seine Macht den höchsten Gipfel erreicht hatte. Auch andere Staaten Griechenlands unterwarfen ihre Streitigkeiten seinem Ausspruche. Seine Versammlungen hielt der Areopag unter freiem Himmel und im Dunkel der Nacht. Nach Erörterung des Falls wurden die Stimmen gesammelt. Bis auf Perikles behielt dieser Gerichtshof seine ganze Reinheit ; durch diesen aber, der, auch ohne Archont gewesen zu sein, sich zum Areopagiten aufnehmen ließ, wurde er zuerst verletzt; doch behielt er noch lange sein Ansehen, das erst nach und nach mit dem Verfalle Athens sank. Ares, s. Mars. Aretäus, ein berühmter Arzt aus Kappadocien, in der letzten Hälfte des I. und zu Anfang des 2. Jahrh. n. Ehr., galt nächst dem Hippokrates bei den Alten für den besten Beobachter der Krankheiten. Die Resultate seiner langjährigen Erfahrungen legte er in zwei noch jetzt vorhandenen Werken nieder, von denen das eine über die Ursachen und Zeichen der acuten und chronischen Krankheiten, das andere über die Heilung derselben handelt. Die beste Ausgabe lieferte Wigan (Orf. 1723, Fol.), eine deutsche Übersetzung Dewez (2 Bdc-, Wien 179» — 1802). Arete, die Gemahlin des Alcinous (s. d.), welche den Odysseus gut aufnahm. Als die Argonauten aus ihrer Rückfahrt von dem Absyrtus, bei der Insel der Phäaken, eingcholt wurden und Alcinous die Medea ausliefern wollte, wenn sie noch Jungfrau wäre, veranstaltete A. in derselben Nacht die Verbindung des Jason mit der Medea. Arethusa hieß eine derHesperiden (s.d.); dann auch eine der Nereiden, cincToch- Cenv,-Lex Neunte Aufl. 1. 30 466 Aretin ter des Nereus und der Doris, die Nymphe des gleichnamigen Quells auf der Insel Ortygia bei Syrakus, wohin sie, von dem Flußgott Alphcus verfolgt, gekommen und in jenen Quell verwandelt worden sein soll. (S. Alpheus.) Aretin (Adam, Freiherr von), ein bair. Staatsmann, gest. 1822, war zu Ingolstadt 24. Aug. 1769 geboren. Nach vollendeten Studien der Rechtswissenschaft trat er in den Staatsdienst, wo er unter Montgelas bis zum Vorstande der diplomatischen Section sich emporarbcitete. Er hatte bereits an vielen der wichtigsten Staatsgeschäfte Antheil genommen, als er im Fcbr. 1817 an des Grafen Nechberg Stelle Bundcstagsgesandter zu Frank- furt am Main wurde, wo er sich durch Mäßigung, aber auch durch die energische Vertheidigung der bair. Vcrfassungsurkunde allgemeine Achtung erwarb. Was er drucken ließ, erschien nicht unter seinem Namen und bezieht sich meist auf seine Kunstliebhabern, da er eine der größten Kupferstichsammlungcn und eine bedeutende Anzahl von Gemälden besaß, die nach seinem Tode versteigert wurden. Vgl. Brulliot, „6staIoF,ie äs8 estampes 6u cabinet 824 — 27; neue Aust., 3 Bde., Lpz. 1838 — 39). Aretino 467 Aretino (Pietro), einer der berühmtesten ital. Schriftsteller des l6.Jahrh., verdankte den größten Theil seines Ruhms der Ausgelassenheit seiner Feder. Er war der natürliche Sohn des L. Bazzi, eines Edelmanns, geb. 20. März 1-192 zu Arezzo, von welcher Stadt er auch seinen Namen entlehnte, da ihm der Vater nicht erümbte, den scinigen zu führen. Wegen eines Knabenstreichs aus Arezzo verwiesen, ging er nach Perugia und lernte dort die Buchbinderei. Er las die Bücher, die er zu heften hatte, faßte bald den Entschluß berühmt zu werden und entwich nach Nom, wo ihm seine Laune, seine Keckheit und seine Talente Gönner erwarben, vor Allen Agost. Chigi. Aus dem Buchbinderlchrling ward allmälig ein Schriftsteller, der sich die Gunst der Könige zu erwerben wußte. Man nannte ihn die Geisel der Fürsten, und doch trieb er wieder die Schmeichelei bei ihnen bis zur Gemeinheit. Einerseits ein so zügelloser Schriftsteller, daß man mit seinem Namen die Schamlosigkeit und Schlüpfrigkeit bezeichnete, schrieb er auch viele Werke der Andacht und Erbauung und gab letzter» den Vorzug, wenn es sein Vortheil erfoderte. Sein Ruhm erwarb ihm den Beinamen des Göttlichen, und er war anspruchsvoll genug, ihn selbst, wie einen Titel, seinem Namen beizufügen. So ließ er eine Denkmünze auf sich prägen, mit der Inschrift: „vivus ketru, Kretin, > 8 , üsgsllum krincipum", und machte damit mehren Fürsten Geschenke. In Rom eine Zeit lang von Julius H. begünstigt, dann verjagt, später wieder in Nom und hoch geschätzt sowol von Leo X. und besonders dem Cardinal Julius von Medici, dem nachmaligen Papst Clemens VII., als von Hadrian VI., der zwischen Beiden regierte, mußte er doch wegen 16 schändlicher Sonette, die er auf ebenso viel unzüchtige Zeichnungen von Giulio Romano verfertigt hatte, Rom verlassen. Hierauf berief ihn Johann von Medici zu sich und nahm ihn mit sich nach Mailand, wo er Gelegenheit fand, sich Franz I. (1521) gefällig zu machen. Nachdem er abermals Rom besucht, kehrte er zu seinem Beschützer, Johann von Medici, zurück, der ihn immer mehr liebgewann, Zimmer und Bett mit ihm theilte und verwundet in seinen Armen starb. Im I. 1528, nachdem er in Rom in Folge eines Liebesabenteuers von seinem Nebenbuhler Achille della Volta gefährlich verwundet worden war, ließ er sich zu Venedig nieder, wo er sich mächtige Freunde erwarb, unter denen der Bischof von Vicenza ihn sowol mit dem Papst aussöhnte, als auch bei Karl V. so empfahl, daß dieser ihm eine goldene Kette übcrschickte. Franz l., der nicht minder großmüthig sein wollte, schenkte ihm eine ähnliche Kette. Als aber später Karl V. ihm einen Gnadcngehalt von 260 Thalern aussetzte, hinter welchem Franz zurückblicb, empfing Jener allein alle Lobsprüche, die er bis dahin unter Beide gctheilk hatte. Auch der Herzog von Leve setzte ihm einen ansehnlichen Gehalt aus. Außerdem gewann er nach seiner eigenen Angabe durch seine Schriften jährlich 1000 Goldthaler, nebst einem Ries Papier und einer Flasche Tinte. Nicols Franco, ein nicht minder zügelloser, aber ungleich gelehrterer Schriftsteller, half ihm bei seinen Arbeiten. A.'s Ruf verbreitete sich; aus allen Gegenden Italiens schrieb man an ihn und suchte ihn auf. Durch seine Erbauungsschriften söhnte er sich mit dem röm. Hofe aus, und Julius III-, der auch aus Arezzo war, ward durch ein Sonett, das sein Landsmann an ihn richtete, so gerührt, daß er ihm 1000 Goldkronen schickte und ihn zum St.-Petersritter machte. Drei Jahre nachher ward er von dem Herzog von Urbino dem Papste selbst vorgestellt, der ihn sehr ehrenvoll aufnahm Doch konnte er den Cardinalshut, wonach er eifrig strebte, nicht erlangen. Die Art seines Todes, seinem Leben allerdings entsprechend, wird so erzählt: Er hatte Schwestern zu Arezzcp die ebenso zügellos lebten als er selbst. Einst erfuhr er eines ihrer leichtsinnigen Abenteuer und fand es so belustigend, daß er in ein lautes Lachen ausbrach. Darüber verlor er mit dem Stuhle das Gleichgewicht, siel zu Boden und war auf der Stelle todt (1556). Die Natur hatte A. sehr glücklich ausgestattet. Der Geschmack für die Künste war ihm angeboren, und er übte mehre mit Glück. Mehr als Alles aber liebte er das Geld, einen guten Tisch und die Frauen. Seine poetischen Werke bestehen in fünf Lustspielen und einem Trauerspiele, jene voll Witz und echt komischer Züge, dieses nicht ohne Verdienst; in den ausgelassenen „RsFionamsnti" nebst der ,,1'utlans errsnte", in den 16 ruchlosen „8onelti lussuriosi", die nebst den obscöncn Dialogen unter dem schändlichen Titel „Xca- (lemie lies llames" ins Französische übersetzt wurden; ferner in Rime, 8tan/.e, Oapitoli zum Theil Lobpreisungen, zum Theil satirisch und schlüpfrig, und in einigen unvollendeten Epo- 30 * 468 Arezzo Argensola pöen. Die Akademiker dclla Crusca zählen A. unter die klassischen Schriftsteller ihrer ^ Nation; er verdient jedoch diese Ehre weniger wegen der Reinheit als wegen der Kühnheit, ! Gewandtheit und Eigenthümlichkcit seines Stils. - Arezzo, eine der ältesten und wichtigsten Städte des Großhcrzogthums Toscana, auf einer fruchtbaren Hochebene am Westfuße des Apennin gelegen, hieß früher Arctium. Die Stadt besitzt eine Akademie mit gutem Mineralien- und Alterthumscabinet, hat 10000 E., die sich vorzüglich mit Leinen-, Wollen- und Baumwollenmanufactur, wie Töpferei beschäftigen und war im Alterthume berühmt durch Verfertigung schöner Vasen. Von Attila wurde A. fast ganz zerstört. Berühmt ist es auch als Geburtsort des Mäccn, Petrarca, des Satirikers Aretino, des Notenersindcrs Guido, des Papstes Julius Hl. und als langzeitiger Wohnort des Dichters Dante. ^ ^ Argelander (Friedr. Wilh. Aug.), Professor der Astronomie an der Universitas zu Bonn, einer der namhaftesten Astronomen unserer Zeit, geb. am 22. März 1799 zu Memel, studirte auf der Universität zu Königsberg anfangs Kameralwisscnschaften, vertauschte aber dieses Studium, angezogen durch die Vorträge Bcssel's, bald mit dem der Astronomie und beschäftigte sich unter Anleitung des Letzter« mit praktischen Rechnungen und Beobachtungen. Im I. 1820 wurde er Bcssel's Gehülfe an der königsberger Sternwarte und folgte schon im Frühjahre 1823 einen Ruf an die ncuerbaute schöne Sternwarte zu Abo, die ihren ersten Astronomen Walbeck nach kurzer Amtsführung verloren hatte. Hier beschäftigte er sich vorzüglich mit Beobachtung derjenigen Sterne, die eine beträchtliche eigene Bewegung haben, mußte aber schon im I. 1828, als Abo durch eine Feucrsbrunst zerstört worden war, der Universität nach der Hauptstadt Finnlands, Helsingfors, folgen, wo er zunächst den Bau der neuen Sternwarte beaufsichtigte, die 183-1 vollendet wurde. Dem von ihm herausgcge- benen Katalog von 560 Sternen mit beträchtlicher eigener Bewegung, welcher die Resultate seiner in Abo angestellten Beobachtungen enthält, ward von der Akademie zu Petersburg der große Demidosssche Preis zuerkannt. Zu Anfang des I. 1837 folgte er dem Rufe in seinen gegenwärtigen Wirkungskreis. Argens (Jean Baptiste de Boy er, Marquis d'), geb. 2-1. Juni 170-1 zu Aix, war ursprünglich für eine wissenschaftliche Laufbahn bestimmt, nahm aber aus Liebe zu Abenteuern, 15 I. alt, Militärdienste. In eine Schauspielerin verliebt, floh er nach einigen Jahren, um sich in Spanien mit ihr zu verbinden, ward aber verhaftet, nach der Provence zurückgebracht und darauf mit der franz. Gesandtschaft nach Konstantinopel geschickt. Nach seiner Rückkehr trat er wieder in die Armee, wurde 1734 bei der Belagerung von Kehl verwundet und in der Folge vor Philippsburg durch einen Sturz mit dem Pferde zum fernem Dienste unfähig. Enterbt von seinem Vater, ward er Schriftsteller und ging nach Holland, wo er unter demSchutze der Preßfreiheit seine „ü-etcres sinves", „Ü,ettre8 cllinoises" und „ü>ettres cabulistlgues", die mit der Schrift „ü,n pllilosopllie clu bon sens" (Land. 1737) zusammen gedruckt sind, zuerst heraus gab. Friedrich II., damals noch Kronprinz, wünschte den Verfasser kennen zu lernen und bei sich zu sehen; doch A. folgte der Einladung nicht und ließ dem Prinzen sagen, daß er mit fünf Fuß und sieben Zoll bei Friedrich Wilhelm I. in Gefahr sei. Nachdem Friedrich II. die Negierung angetreten, folgte er der von neuem an ihn gerich- . teten Einladung, nach Potsdam zu kommen, wurde Kammerherr, Direktor der Künste bei ' der Akademie und täglicher Gesellschafter des Königs, der ihn seines offenen Charakters wegen liebte, aber auch seine hypochondrischen Launen zum Gegenstände des Spottes machte. Fast ein Sechziger, verliebte er sich in die Schauspielerin Cochois und heirathete sie ohne Vorwissen des Königs, der ihm diesen Schritt nie ganz vergab. Auf einer Reise starb er zu Toulon am 11. Jan. 1771. Friedrich II. ließ ihm in der Minoritenkirche zu Aix in Denkmal errichten. Seine zahlreichen Schriften, vorzüglich seine „Histoiro ettre8 et memo>re8" erschienen zuerst zu London 1748, dann Paris 1807. — Sein Bruder, Cur de Boyer d'A, ist der Verfasser del 4 „Ket1exion8 pc>Iitigue8 8ur I'etat et !es <1evc>ir8 ile cllevalier8 <1e ülslte" (Par. 1739). Argensöla (Lupercio und Bartolome Leonardode) nehmen unter den span. Dich- Argenson 469 tern der goldenen Zeit einen der ersten Plätze ein und gelten nächst Luis de Leon für die correctesten Dichter jener Zeit. Ihr Vater, Iuan Leonardo, aus einem altadeligen Ge- schlechte von Ravenna, das sich in Aragonien angesiedelt hatte, war Secretair des Kaisers Maximilian II. und dann des Prinzen Philipp von Spanien; von ihrer Mutter Dona Al- donza de Argensola, aus einer angesehenen catalonischen Familie, erhielten sie nach span Sitte ihren Beinamen. Beide wurden in der aragonischen Stadt Barbastro, und zwar Lu- percio 1563, Bartolome ein Jahr später geboren, und Beide blieben durch äußere Schicksale und geistige Bestrebungen ihr ganzes Leben hindurch innig verbunden. Sic studirten Beide zu Huesca, doch begab sich Lupercio auf einige Zeit nach Saragossa, während Bartolome , in Huesca fortstudirte. Beide erfreuten sich des besonder« Schutzes Maria's von Ostreich, der Schwester Philipp's II. und Witwe des Kaisers Maximilian II., die sich nach dem Tode des Letzter» nach Madrid zurückgezogen hatte. Von dieser wurde Lupercio zu ihrem Secretair und dessen Bruder, der unterdeß die Priesterweihe erhalten hatte, zu ihrem Kapellan ernannt. Von ihrem Sohne, dem Erzherzoge Albert von Ostreich, wurde dann Lupercio, der sich mit Dona Barbara de Albion vermahlt hatte, zum Kammerherrn, und von dem Könige Philipp III. sowvl, als auch von den Ständen Arogomcns zum Historiographen (Oroniste mayor) dieses Königreichs ernannt, weshalb er sich einige Zeit in Saragossa aufhielt, wohin ihm auch sein Bruder nachfolgte, der nach dem Tode der Kaiserin Maria im 1.1663 mit dem Hofe Philipp's III. zuerst sich nach Valladolid und 160V nach Madrid begeben und dort im Aufträge des Grafen von Lemos, damaligen Präsidenten des Raths von Indien, seine „<7on- guista 6e las kLolucss" herausgegebcn hatte. Als aber I6II der Graf von Lemos zum Vicekönig von Neapel ernannt wurde, folgten ihm beide Brüder dahin, wo der ältere das Amt eines Staats- und Kriegssccretairs bekleidete und darin von dem jünger» unterstützt wurde. Beide hatten damals auch als Dichter schon einen bedeutenden Ruf erworben. Lu- percio starb hier 1613; Bartolome besuchte 1615 Rom und erhielt vom Papste Paul V. ein Kanonicat an der Metropolitankirche zu Saragossa. Nach seiner Rückkehr nach Neapel wurde er von den Ständen Aragoniens an die Stelle seines Bruders zu ihrem Historiogra- phen erwählt, und da bald darauf, 1616, das Vicekönigthum seines Gönners zu Ende ging, kehrte er mit diesem nach Spanien zurück und nahm nun in Saragossa seinen bleibenden Wohnsitz. Zwei Jahre darauf erfolgte seine Ernennung zum königlichen Historiographen der Krone von Aragonien. Er beschäftigte sich nun vorzugsweise mit der Ausarbeitung der Fortsetzung von Zurita's „Annalen von Aragonien", wozu bereits sein Bruder Vorarbeiten gemacht hatte, wovon jedoch nur „?rimera psrts 6s los anales 6s Aragon, Pis prosigns los 6el secrstario (lleroniino Xurita cksscls el ano 1516" (Saragossa 1630, Fol.) erschien, da er den damit verbundenen Anstrengungen und Verdrießlichkeiten erliegend, am 26. Febr. 1631 starb. Erst nach dem Tode beider Brüder veranstaltete der Sohn des ältern eine Sammlung ihrer „Gedichte" (Saragossa 1634, 4.), neu aufgelegt in der „6olsccion 6s v. Rsmon k'ernanclsL" (Madr. 1786, wiederholt 1 804). Beide bildeten sich nach den Lateinern, vorzugsweise nach Horaz, und daher haben auch ihre Gedichte, die aus Episteln, Satiren, Oden, Sonetten und Canzonen bestehen und sich überhaupt mehr durch die sorgsamste äußere Abglättung und durch Geist als durch Originalität der Erfindung und Rcichthum der Phantasie auszeichnen, einen durchaus ähnlichen Grundcharaktcr; doch herrscht bei Lupercio mehr das Gemüth, bei Bartolome mehr der Verstand vor. Lctzterm gebührt übrigens, abgesehen von seinen Verdiensten als Dichter, schon vermöge seiner historischen Werke ein Platz unter den span. Klassikern, und Viele sehen ihn, wenigstens in stilistischer Hinsicht, weit über Zurita und halten ihn überhaupt, was Correctheit und Rundung der Sprache anlangt, für unübertroffen. Argenson (Marc Nene Boy er, Marquis d'), geb. zu Paris 1771, Sohn des Gc- nerallieutenants Marc Rene Voy er d'A., geb. 1722, gest. 1782, und Enkel des Kricgs- ministers Marc Pierre Voyer d'A., geb. 16V6, gest. 1764, stammte aus einer der ausgezeichnetsten Familien Frankreichs. Sein Großohcim, Rene Louis Voyer d'A., i geb. 1694, gest. 1757, war Minister des Auswärtigen, ein Freund Volkaire's, gleich aus- gezeichnet als Philosoph wie als Politiker, und der Verfasser der „<7onsi6sra1ioi>s zur le gouvsrnemsiit 6s lu brailes" und der Sohn des Letzter», der Marquis de Paulmi, 470 Argentan früher Gouverneur des Arsenals, nachher Botschafter in Venedig und Polen, der Begrün- - der der vom Grafen Artois gekauften Ijiblivtbegue cks I'arsenal von 150000 Bauden, und der Herausgeber der schätzbaren „Nebenges tires ck'une Prämie bibliotllegue" in 80 Bänden. ' A. studirte beim Ausbruch der Revolution in Strasburg und trat alsbald in Kriegsdienste. Als Lafayette, dessen Adjutant er war, Frankreich verließ, ging er auf seine Güter, heirathekc die Witwe des Herzogs de Broglie und beschäftigte sich nun mit der Erziehung seiner Kinder, mit der Landwirthschaft in Poitou, wo er Muster des landwirthschaftlichen Betriebs für seine Landsleute war, und mit seinen Eisenhämmern im Oberelsaß. Zum Präfectcn des Departements äes ileur Nötlies ernannt, zeigte er sich gegen Bonaparte als Vertheidiger der verfassungsmäßigen Verwaltung und nahm seinen Abschied, da ihn das Ministerium nicht unterstützte. JmJ. 1814 wurde er nach Verwerfung des vom Senat vorgelcgten Verfassungs- entwnrfs zum Präfecten der Nhonemündungen ernannt, schlug es aber aus, weil Frankreich noch keine Verfassung habe. Als Deputirter Unterzeichnete er 1815 den Protest, als man den Versammlungssaal geschlossen hatte, und leistete bald nachher im Wahlcollcgium zu Vienne seinen Eid, mit Vorbehalt des unveräußerlichen Rechts der Völker, ihre Verfassungen wicderzuändern. Vom Departement des Obcrrhcins 1815 in die Dcputirtenkammcr berufen, sprach er kräftig gegen die Prevotalgerichte und die Verfolgung der Protestanten in Südfrankrcich. Er widersehte sich 1816 und 1817 standhaft allen die Freiheit bedrohenden Maßregeln der Minister; behauptete, daß Localcinrichtungen und die Geistlichkeit von den Gemeinden und nicht vom Staate unterhalten werden müßten; erhob sich gegen die Ausnahmegesetze und gegen die Weigerung der Minister, protestantische Zöglinge in die öffent liehen Lehranstalten zu Paris aufzunehmen; sprach stets im Sinne der Liberalen wider alle Vorrechte und Ausschließungen, namentlich wider die Privilegien des Klerus und für die Nützlichkeit der freien Getreideeinfuhr, deren Gegenthcil er eine Prämie für reiche, unkundige oder müßige Gutsherren nannte. Im Juli 1829 legte er seine Stelle als Mitglied der Wahlkammer nieder, ward aber 1830 wieder gewählt. Im Juni 1832 protestirte er durch einen ' an die „IHllune" gerichteten Brief gegen den Beschluß der Regierung, Paris in Bela- gcrungsstand zu setzen und die Strafbaren des 5. und 6. Juni vor Kriegsgerichte zu stellen, trat dem Rechtfertigungsberichte der Opposition (des Lafsitte'schen Vereins) bei und erschien nochmals in der Session von 1832 auf 1833 als Deputirter des Arrondissements Stras- > bürg. Er war Mitglied und einer der hauptsächlichsten Leiter der nach dcrJulirevolution gegründeten sogenannten diiarbonneris tlemocratigno, und wurde von den Afsiliirten, wenn nicht in ausdrücklichen Worten, doch deutlich genug als Derjenige bezeichnet, der im Falle einer neuen Revolution für die Übernahme der alsdann für nothwendig gehaltenen Dictatur besonders geeignet sein möchte. Argentail oder Neusilber, in China LadAonF, d. i.Weißkupfcr, im Französischen l>li»,IIscllart oder Hlelclüor, im Englischen dermal, silver, nennt man eine Lcgirung von Kupfer, Nickel und Zink, selten auch etwas Eisen, welche ihrem silber-ähnlichen Ansehen Namen und Gebrauch verdankt. Wol nrag es zunächst seiner äußern Ähnlichkeit mit dem Silber und dem Bestreben, auf wohlfeile Art letzteres nachzuahmen, seinen Ursprung verdankt haben ; cs hat aber seine eigenthümlichen Eigenschaften, welche den daraus fabricirten Ge- , gcnständen vor den mit Silber plattirten einen wahren Vorzug verschaffen. Diesem Umstande ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, daß es, obgleich schon seit fast 100 Jahren von den kühler Gewehrfabrikanten zu Sporen, Eewehrgarnituren u. s. w. benutzt, nach seiner neuerlichen Wiedereinführung durch Geitner in Schncebcrg, von Gcrsdorff in Wien und Gebrüder Henniger in Berlin, sich bald einer sehr ausgedehnten Benutzung zu erfreuen hatte. Alles Argentan enthält zwar Kupfer, Zink und Nickel, doch nicht immer alle drei Metalle in denselben Verhältnissen ; fast jede Fabrik pflegt ihre eigenen Verhältnisse zu beobachten, die sie sogar meist geheim hält, und es läßt sich im Allgemeinen nur angeben, daß ungefähr die Hälfte Kupfer darin zu sein pflegt und daß das Nickel noch weniger beträgt als das Zink. Die verschiedenen Verhältnisse der Bestandtheile haben nun zwar einen großen Einfluß auf Härte, Sprödigkeit und dergleichen, auf die Verarbeitung wesentlich einwirreude Eigenschaften der Legirung, weniger aber auf die beim Gebrauch der Argentanfabrikatc im Allgemeinen in Betracht kommenden. Abgesehen von seinem mehr oder weniger silberähnlichen Aus- Argentinische Republik Argonauten 471 schm, welches sich nicht bloß auf die Oberfläche, sondern durch die ganze Masse erstreckt, und von seiner Fähigkeit, sich zu allen möglichen Gerüchen geschmackvoll verarbeiten und Policen zu lassen, hat es zwei große Vorzüge: I) daß es bei der Abnutzung, die wegen seiner großem Härte langsamer stattfindet als bei Silber, stets weiß bleibt, daher denn auch alte Argentan- waaren weit mehr werth sind als abgenutzte plattirte Maaren, und 2) daß es im Haus- und Küchengebrauche gar keinen Grund zu Vergiftungsbefürchtungen bietet, in welcher Beziehung es dem Kupfer und Messing weit, ja selbst dem zwölflöthigen Silber etwas voransteht Durch die Versuche von Liebig und Darcet ist dies überzeugend dargethan, und es sind daher auch die frühem Verbote des Ärgentans überall zurückgenommen worden. Das Argcntan, welches an Festigkeit das Messing übertrifft, hält übrigens seine schöne Politur zwar ziemlich gut, muß aber doch auch geputzt werden; in dieser Hinsicht ist es nun wegen ftiner Härte etwas schwieriger zu behandeln als Silber. Scheuern mit Asche, feinem Sande, Zicgelmehl mit Essig, Lauge oder Wasser, oder noch besser Befeuchtung mit verdünnter Schwefelsäure und nachheriges Abreiben stellen den Glan; vollkommen wieder her. Argentan von Silber zu unterscheiden, reicht der bloße Probirstein nicht aus, indem gutes Argentan einen eben sol- chcn Strich gibt als Silber; man muß daher den Strich mit Scheidewasser befeuchten: rührt er von Argentan her, so wird er ganz ausgelöst, echtes Silber dagegen läßt eine graue Spur zurück. Argentinische Republik, s. Buenos-Ayres. Argiphontes, Argostödter, ein Beiname desHermeS oder Mercur, den er wegen der Ermordung des Argos (s. d.) erhielt. „Argölis, die südöstlichste Halbinsel von Morea, zwischen dem Busen von Nauplia und Ägina, bildet ein Gouvernement des Königreichs Griechenland, dem Spezzia und Hcr- mione als Untergouvernements zugetheilt sind. Die östliche Fortsetzung des nördlichen Gc- birgsrandes des Peloponnes umwallt die zertrümmerten, im Süden unbewohnten Küsten, wie in steilen Felswänden die durch Sümpfe und Reisfelder verpestete Ebene von Argos, und hat in folgenden Berggruppen seine bedeutendsten Erhebungen: der Malevo, bei den Alten Artemision ( 5-134 F.), der Hag-JliaS, der Arachnaion nach alter Benennung (3676 F.), und der Didyma (3300 F.). Die größte Ebene tritt in der Umgebung der Stadt an den Hintergrund der Bucht von Nauplia, durchströmt von der Paniza, dem Jnachus der Alten. Hauptstadt des Gouvernements ist Naup lia (s. d.). Im Alterkhume wurde unter A., gewöhnlicher Arg ol ika genannt, imengern Sinne die von den arkadischen Gebirgen im Westen und durch die Berge von Phlius, Kleonä und Korinth im Norden cingeschlosscnc Küstenebene verstanden; schon unter den Römern aber begriff es die östliche Landschaft des Peloponnes, die gegen Norden an Achaja und Korinth, gegen Nordost an den Saronischen Meerbusen, gegen Westen an Arkadien, gegen Süden an Lakonien und gegen Südwest an den Argolischen Meerbusen grenzt. Nach ihr wurden die Griechen inSgesammt bei den altern Schriftstellern häufig Argiver genannt. Früh war A. schon angebaut; Jnachus um 1800 und Danaus um 1500 v. Ehr. ließen sich der Sage nach hier nieder mit Ansiedlern aus Ägypten. Hier herrschten Pelops, von dem die Halbinsel den Namm erhielt, und seine Nachkommen Atreus und Ägamemnon, Adrast, Eurystheus und Diomedes in einzelnen Staaten; hier ward Hercules geboren; hier am Sumpfe Lerna tödtete er die Hydra, und in der Höhle bei Nemea erdrückte er den Löwen. Seit den ältesten Zeiten zerfiel Ä. in die kleinen König-, reiche Argos, Mycenä, Tirynth, Trözcne, Hcrmione und Epidaurus, welche in der Folge Freistaaten bildeten. Vgl. Schubart, „^rgoiica" (Marb. 1832 ). Nach der Freiwerdung Griechenlands bildete A. bis 1838 eins der sieben Departements der Provinz Morea. Die alte Hauptstadt Argoshat ihren Namen seit den ältesten Zeiten bis jetzt behalten. Ihre Einwohner waren berühmt wegen ihrer Liebe zu den schönen Künsten, besonders zur Musik. Hier und in Delphi wurden den Brüdern Biton und Kleobis, die als ein Opfer der Liebe für ihre Mutter starben, Statuen errichtet. Seit 1825 befinden sich zu Argos eine Gelehrtenschule und eine Schule des wechselseitigen Unterrichts. Argonauten heißen jene Heroen des gricch. Alterthums, welche eine Generation vor dem trvjan. Kriege die erste kühne Seefahrt auf unbekanntem Meere in eine weit entfernte Gegend unternahmen, von dem Schiffe, Ärgo genannt, ivelches ihr Anführer Jason bauen 472 Argonauten ließ. Die erste ausführliche Verherrlichung ihres Zuges liefert Pindar, der besonders die Heldengröße des Jason besingt. Da sich hier nicht alle Nachrichten darüber einzeln auf. zählen lassen (denn mit Ausnahme der Alexandriner benutzen alle Sänger der Argonautenfahrt dieselbe dazu, um ihre geographischen Kenntnisse auszukramen), so ist es am besten, die Sage in der Gestalt hier zu geben, wie sie Apollodor in seiner „Bibliothek" aus den Schriftstellern vor seiner Zeit zusammensetzte. Nach diesem also ist sie folgende: Jason (s. d.), der Sohn des Äson, erhielt von seinem Oheim Pelias (s. d.), der überJolkusin Thessalien herrschte, aufVeranlassung der Hera den Auftrag, das goldene Vließ jenes Widders, aus dem Phrixus und Helle (s. d.) entflohen waren, aus dem Haine des Ares/wo es von dem Phrixus an einer Eiche aufgehängt, von einem schlaflosen Drachen bewacht wurde, zu holen. Zu diesem Ende ließ er von dem Sohne des Phrixus, Argos, die funfzigrudrige Argo bauen und versammelte die größten Helden seiner Zeit zur Theilnahrne an der Fahrt. Zuerst landeten sie auf Lcmnos, wo sie zwei Jahre blieben. Die Weiber daselbst nämlich hatten ihre Väter und Männer in Folge des Zorns der verschmähten Aphrodite getödtet, mit Ausnahme des Thoas, welchen seine Tochter Hypsipyle verbarg, und hielten deshalb die Argonauten zurück. Von da kamen siezu den Dolionen, deren Fürst sie gastfreundlich aufnahm; dasieabervondainder Nacht abfuhren und durch widrige Windezurückgeschlagen wurden, hielt man sie fürPelasger, welche mit den Dolionen in Feindschaft lebten. Es entstand daher ein Kampf, in dem Jason ihren Fürsten tödtetc, welcher dann von den Argonauten mit großer Trauer bestattet wurde. HicrauflandetensieinMysicn, woman den Hercules und Polyphemus zurücklicß, weil diese beim Suchen des von eincrNymphegeraubtcnHylaszulangeausblieben. Das nächste Land, in welches sie kamen, war das der Bcbryken, deren König Amykus die Argonauten zum Faust- kampfherausfoderte und den Polydeukes (Pollux) erschlug. Von da wurden sie an Thraziens Küsten verschlagen und kamen nach Salmydessus, womanden blinden Seher Phi ne u§ (s. d.) traf und wegen der fernem Fahrt, besonders in Bezug auf die gefahrvollen Symple- gaden, um Rath fragte. Bei diesen Felsen, welche stets aneinander prallten und Alles, was dazwischen kam, zerschmetterten, angelangt, entließen sie auf seinen Rath eine Taube, und als diese beim Zusammenschlagen der Felsen blos die Spitze des Schwanzes verlor, ruderten sie mit Hera's Hülfe schnell hindurch, und die Symplegaden blieben von nun an, nachdem sie blos die äußerste Verzierung am Hinterthcil des Schiffes abgeschlagen hatten, auf einem Flecke stehen. Nachdem sie hierauf noch an verschiedenen Ländern vorbeigefahrcn waren, kamen sic endlich bei Nacht an die Mündung des Phasisfluffes im kolchischen Lande. Actes (s. d.), der König des Landes, zuvor schon von der Absicht der Fremdlinge unterrichtet, versprach nun dem Jason das Vließ zu geben, jedoch unter der Bedingung, daß er ganz allein zwei feuerschnaubende Stiere mit ehernen Füßen, welche Äetes vom Hephästos erhalten, vor den Pflug spannte, und dann die von Kadmos in Theben übrig gelassenen Drachenzähne, welche Aetes von der Athene bekommen, aussäete. Jason löste die Aufgabe mit Hülfe der Tochter des Äetes, Medea (s. d.), welche in außerordentlicher Liebe gegen ihn entbrannte. Unter der Bedingung nämlich, daß er sie zu seiner Gattin nehmen wolle, gab sie ihm ein Zauber- mittel gegen Feuer und Stahl und den Rath, wie er durch einen Steinwurf unter die aus den Zähnen cntsprossenden Krieger, die er tödten sollte, diese unter sich entzweien und so tödten könnte. Als dieses geschehen, beschloß Äetes die Argo zu verbrennen und die Bemannung zu tödten; allein Jason, von der Absicht des Königs durch die Medca in Kenntniß gesetzt, kam ihm zuvor, eilte in den Hain, wo das Vließ an einer Eiche aufgehängt way, bemächtigte sich desselben, nachdem der dasselbe bewachende Drache von der Medea durch ein Zaubermittel eingeschläfert worden, bestieg hieraus mit der Medea in Begleitung ihres Bruders Absyrtus zur Nacht das Schiff und segelte eilends davon. Äetes verfolgte sie, wurde aber dadurch an der Verfolgung gehindert, daß Medea ihren Bruder tödtete und ihn in einzelnen Stücken über Bord warf, welche jener aufsammclte und sich so verspätete. Er kehrte daher um, sandte jedoch viele Kolchier zur Verfolgung nach. Indessen fuhren die Argonauten schon auf dem Eridanusstrom, auf dem sie durch einen Sturm, deck Zeus im Zorn über den ermordeten Absyrtus erregte, in die Irre gericthen. Hierbei ertönte in der Gegend der absyrtischenJnseln aus dem Maste der Argo, welcher, aus einer Eiche des Hains zu Dodona gezimmert, die Gabe der Weissagung besaß, der Orakelspruch: Zeus werde nicht eher zu zürnen aufhören, wenn sie > Argos Argout 473 ! nicht nachAusonien schiffend von der Circe (s. d.) gesühnt würden. Demzufolge schifften ! sie bei den Ligyern und Kelten vorbei und kamen endlich, nachdem sie durch das Sardinischc ! Meer an Tyrrheniens Küste hingefahren, zur ääischen Insel, wo Circe sie sühnte. Als dieses geschehen, segelten sie ab, fuhren vor den Sirenen vorbei, von denen sie Orpheus durch einen Gcgengesang abhielt, durch die Scylla und Charybdis mjt Hülfe der Thetis hindurch und kamen nach der Insel Corcyra, wo Alcinous herrschte. Bei der Fahrt von hier übcrsiel sie j während der Nacht ein heftiger Sturm, aber hierbei unterstützte sie Apollon durch Blitze, wobei ' sich ihnen eine Insel zeigte, welche sie deshalb Anaphe (jetzt Nanfi) nannten. Zum Dank errichteten sie hier dem blitzenden Apollon einen Altar. Auf Kreta hinderte sie an der Landung ^ der Niese T a l o § (s. d.), welcher die Insel bewachte, indem er sie dreimal des Tages umlief. Durch Medca kam er um, und die Argonauten landeten, blieben jedoch nur eine Nacht da, fuhren von da nach Ägina und dann zwischen Euböa und Lokris hindurch nach Jolkus zurück, nachdem sie die ganze Fahrt in vier Monaten vollendet hatten. Die Argo weihte Jason auf dem korinth. Isthmus dem Neptun. So Apollodor. Alles aber konnte Apollodor nicht erschöpfen, wenn er nicht in die größten Widersprüche gerathen wollte. Am wenigsten lassen die Erzählungen von der Rückkehr der Argonauten eine Vereinigung untereinander zu. Es gab fast keine Wcltgegcnd, in welche sie nicht gekommen sein sollten; je unbekannter die Länder waren, desto willkommener waren sie dem Erzähler. Wodurch die Sage veranlaßt worden, möchte wol nicht genau zu ermitteln sein, vielleicht ist es der nordische Pelzhandel, welcher zu Grunde liegt. Was die Bemannung der Argo betrifft, welche zu ihrer Verherrlichung von der Athene unter die Sterne versetzt wurde, so bestand dieselbe, da das Schiff ein funfzigrudriges war, aus 50 Mann, und nur der Scholiast des Lykophron zählt deren 100. Aber es herrscht in der Anführung derselben die größte Willkür und Zeitenverwirrung sodaß es eine vergebliche Arbeit ist, selbige genau aufzählen zu wollen. Von den Dichtern, deren Werke wir noch besitzen, haben diese Sage außer dem Pseudo-Orpheus besonders be- ! handelt: Apollonius (s. d.) von Nhodus um 200 v.Chr. und sein Nachahmer der Römer Valerius Flaccus (s.d.), 80 n. Ehr. Argos, der Sohn des Zeus und der Niobe, folgt dem Phoroneus in der Herrschaft über den Peloponnes, der von ihm den Namen Argos erhielt. — Argos, der Sohn des Agenor oder Arestor, mit dem Beinamen Panoptes, d. i. der Allsehende, war mit 100 Äugen begabt, und deshalb von der Juno zum Wächter der in eine Kuh verwandelten I o (s. d.) bestellt. Ihn tödtete Mercur durch Steinwürfe, oder hieb ihm, nachdem er durch sein Flötenspiel eingeschläfert worden, den Kopfab. Mit seinen Augen schmückte hieraufJuno den Pfauenschwanz. Argos, Hauptstadt in Argolis (s.d.). Argoulets, auch Archers oder Crennequins, s. Armbrust. ArgvUt (Apollinaire, Graf d'), aus einer alten und vermögenden Familie in der Gegend von La-Tour-du-Pin, im Departement Jsere, imJ. 1783 geboren, erhielt sehr jung die Stelle eines Gcncraleinnehmers von Antwerpen und kam 1811 als Auditor in den Staatsrath. Unter der Restauration ein eifriger Royalist und Vertheidiger der Bourbons, wurde er 1815 Requetenmeistcr im außerordentlichen Dienste, kurz darauf Präfect des Departements <. der nieder« Pyrenäen, dann des Gard, wo er die als Bonapartisten verfolgten Protestanten ! gegen die Katholiken schützte, und 1819 Pair von Frankreich. Nach den Ereignissen des 27. und 28. Juli 1830 zögerte er, sich offen für die Sache des Volks zu erklären und machte an den beiden folgenden Tagen, gemeinschaftlich mit Se'monville, vergebliche Vermittelungsvcr- suche zwischen den kämpfenden Parteien. Fortan zeigte er sich als warmer Anhänger der neuen Dynastie und bekleidete vom Herbst 1830 bis Frühjahr 1831, theils interimistisch, theils definitiv, die Stellen eines Ministers der Marine, der Justiz, des Handels und der öffentlichen Arbeiten, des Auswärtigen, des Innern und des Cultus. Er unterstützte das von Casimir Perier organisirte Widerstandssystem, vertheidigte vor den Pairs das Gesetz , über Verbannung der Familie Karl's X., bekämpfte 1831 das von Lafayctte vorgcschlagene Amendement für dieUnabhängigkeit Polens und vertheidigte zu Anfänge des I. > 831 auf ^ das lebhafteste das gegen die Associationen gerichtete Gesetz. Am 18. Jan. 1836 wurde er noch einmal Finanzministcr, übernahm aber schon wieder am 6. Scpt. nach Auflösung des Ministeriums Broglie, das schon früher von ihm bekleidete Amt eines Gouverneurs der 474 Arguelles ^rAUweiltimi Bank von Frankreich, in welcher Stellung er sich manche Verdienste erwarb. Als Finanz- ^ minister hatte er sich gegen die Herabsetzung der Renten erklärt und das vielfach angefochtene Gesetz über Besteuerung des inländischen Zuckers vorgelegt. Seitdem ist A., der als Minister j geraume Zeit die Zielscheibe des Witzes der pariser Blätter war, politisch ziemlich verschollen. Nur am >2. Jan. 1842 trat er wieder einmal mit einem wichtigem Vortrage auf, indem er der Pairskammer die Unmöglichkeit eines Handelsbundes mit Belgien statistisch auseinander- setzte. A. hat tüchtige Kenntnisse und großes administratives Geschick; allein ohne hervorragende Fähigkeiten und ohne starke Überzeugung, besitzt er weder die Talente eines Staatsmanns, noch kann man ihn als politischen Charakter gelten lassen. Arguelles (Augustin), gcb. 1775 zu Ribadesella in Asturien, studirte zu Oviedo und zeichnete sich durch glückliche Anlagen und lebhafte Phantasie aus. Nach Vollendung seiner Studien wurde er in Madrid beim Secretariat der Interpretation er der Sicherheitsbeweis entscheidet bei Unzulänglichkeit anderer Beweise für irgend einen Sah nach dem Grundsätze: Wenn cs auch nichts hilft, so schadet es doch gewiß nichts. Seiner bedienten sich oft mit gutem Erfolge z. B. katholische Proselytenmacher, indem sie sagten: DieProtestanten lehren, daß man in jeder Kirche selig werden könne, dies leugnen die Katholiken; darum ist es viel sicherer, der katholischen als der protestantischen Kirche anzugehören, da die protestantische selbst lehrt, daß man auch in der katholischen selig werden könne. Bei dem argumentum r buculo oder buculinum, dem Prügelbeweise, liegen die Gründe in der Faust. Argyle ist der Name einer der berühmtesten herzoglichen Familien Schottlands. — Archiv ald, Graf von A., war einer der bedeutendsten Staatsmänner zur Zeit Cromwell's und dessen Freund. Er wurde 1631 zum Marquis ernannt, war das Hauptder strengen Presbyterianer, ward aber 1661 verdächtig, Karl's l. Tod mit befördert zu haben, und enthauptet.— Sein Sohn gleiches Namens gehörte zu den entschiedensten Royalisten und büßte dafür unter Cromwell im Gefängniß. Von Karl II. erhielt er den beiweitem größten Theil seiner väterlichen Güter zurück und ward selbst Befehlshaber der königlichen Leibgarde. Allein auch er erfuhr den Wechsel der menschlichen Schicksale. Wegen Neligionsrücksichten mit dem Hofe zerfallen, ward er zweimal zur Haft gebracht, aus der er jedoch beide Male glücklich entkam. Als er aber unter Jakob II. mit dem Herzog von Monmouth abermals Unruhen zu erregen suchte, gerieth er zum dritten Male in Gefangenschaft und ward l 685 zu Edinburg enthauptet. Arm, s. Iran. Arm cattlva nennen die Italiener die todesschwangern Ausdünstungen des Bodens in den Marcmmcn u. s. w., welche ungeachtet aller Vorkehrungen von Jahr zu Jahr einen großen Theil Italiens und namentlich auch Rom immer unbewohnbarer machen. Ariadne war des Königs Minos und der Pasiphae Tochter. Nachdem sie dem THefe us (s. d.) bei der Erlegung des Minotaurus das Leben gerettet, flüchtete sie mit ihm, war. aber auf der Insel NaxoS von den Pfeilen der Artemis getödtet und starb plötzlich daselbst. Nach Anderer Erzählung fand Bacchus die von dem Theseus auf Naxos Verlassene, als er von seinem Siegcszuge aus Indien zurückkehrte, und vermählte sich mit ihr. Nach ihrem Tode erhob sie Bacchus unter die Unsterblichen und versetzte die Krön«, welche er ihr bei der Ver- mählung gegeben, unter die Gestirne. Von den bildenden Künstlern ward der Moment, in welchem A. von dem Theseus verlassen auf Naxos sich allein befindet, oftmals dargestellt, so auch die Vermählung mit Bacchus. Arianer wurden die Anhänger des alexandr. Presbyters Arius genannt, der um 318 behauptete, Christus, der Sohn Gottes, sei das edelste aller aus Nichts geschaffenen Dinge, also geringer als Gott und durch dessen freien Willen hcrvorgebracht. Diese Meinung wurde oon den Anhängern des Atha nasius (s. d.), welche dem Sohne Gottes völlige Gleichheit des Wesens mit dem Vater (Homousia, daher Homöusianer genannt) zusprachen und sein Vcrhältniß zum Vater nur durch den Ausdruck ewige Zeugung bezeichnet wissen wollten, aus der Synode zu Alexandria 320 und auf der allgemeinen Kirchcnvcrsammlung zu Nicäa 325 verdammt. Arius wußte inzwischen in der Verbannung seiner Partei mächtige Anhänger zu verschaffen, und Konstantin der Große wollte aus Liebe zum Frieden seine Wiederaufnahme in die Kirchengemeinschaft bewerkstelligen, als Arius 336 plötzlich, man sagt an Gift, starb. Nachseinem Tode gewannen dieArianer bedcutendenZuwachs, zumal als sich Konstantin selbst 337 auf Arianische Weise taufen ließ. Unter Konstantius war der Arianismus die Hoftheo- logic, erhielt seine eigene Liturgie und nahm seit 350, wo Konstantius allein herrschte, auch im Occident überhand, indem Rom den Arianischen Bischof Felix annehmen mußte. Die Trennungen unter den Arianern selbst bereiteten indeß der katholischen Kirche, die jene beständig in Bann hielt, den endlichen Sieg und die Homousia ward zur orthodoxen, katholischen Lehre erhoben. Zuerst hatten sich ihr die Semiarianer oder halben Arianer, als deren Anführer Basilius von Ancyra und GcecgiusvonLaodiceainSyricngclten, durch Behauptung einer Wescnsähnlichkcit des Sohnes mit dem Vater (Homoiusia, daher Homsiusiastcn genannt) genähert und dadurch das Übergewicht am kaiserlichen Hofe bekommen. Noch mehr aber trugen zu dem Siege der Orthodoxen die Übertreibungen der strengen Arianer, Actius und 476 Arie Avion Eunomius aus Kappadxcien, nebst ihren zahlreichen Anhängern bei, die auf oer Synode zu Sirmium 357 durch die Behauptung, daß der Sohn Gottes eines ganz andern Wesens sei als der Vater (daher Heterusianer oder Anomöer genannt), selbst die Semiarianer wider sich aufbrachten und durch Zurückführung der Taufe auf eine einmalige Untertauchung auch beim Volke Anstoß erregten. Den Ausschlag gab Kaiser Julian, dessen Verachtung gegen das Christenthum allen Parteien gleiche Duldung »erstattete und keine Glaubensstreitigkeit aufkommen ließ. Zwar erhob sich der Arianismus durch Valens seit 307 im Orient wieder auf den Thron und durfte selbst bis zu Gewaltthätigkeiten gegen die Katholischen schreiten; Gratian aber stellte die Ruhe und Theodostus die Herrschaft der Athanasianer wieder her, und die Parteiungen unter den Arianern selbst beschleunigten das Ende ihres Einflusses und Ansehens im röm. Reiche. Seit der ersten Hälfte des 5. Jahrh. verlor sich daher der Arianismus in dem Thcile des röm. Reichs, der noch unter den Kaisern stand. Bei den Gothen, die />as Christenthum durch Arianer um 370 kennen gelernt hatten, blieb er im Westen des Reichs herrschend, bis des orthodoxen Franken Chlodwig Siege und die Kirchenverbesserung des westgoth. Königs Neccarcd ihn am Ende des 5. Jahrh. auch hier verdrängten. Um dieselbe Zeit ward er bei den Sueven in Spanien vertilgt, die ihm hundert Jahre lang gehuldigt hatten. Die Burgunder, die ihn 750 angenommen, gaben ihn im Anfänge des 6. Jahrh. auf. Schwerer hielt es, die Vandalen zum Katholicismus zu bekehren. Sie waren seit 73V strenge Arianer und wußten die Herrschaft des Arianismus in Nordafrika selbst mit de» grausamsten Verfolgungen gegen die Katholiken geltend zu machen; erst Belisar's Siege endigten 537 mit ihrem Reiche auch ihre Trennung von der rechtgläubigen Kirche. Am längsten erhielt sich der Arianismus bei den Langobarden, die ihn wieder nach Italien brachten und ihm bis 662 treu blieben. Seitdem machten die Arianer nirgend mehr eine eigene Partei aus, und wenn die Albigenser in Frankreich im 12. und 13. Jahrh. ähnlicher Lehren beschuldigt wurden, und die Sekten, welche seit dem 16. Jahrh. unter dem Namen Antitrinitarier be griffen werden, sich in der Thal zu der Meinung, daß Christus dem Vater untergeordnet sei, bekannten, so mochten doch weder Jene noch Diese für Arianer gelten. Arie bedeutet in der Musik gegenwärtig ein ausgeführtes Eesangstück, in welchem ei« lyrischer Zustand ausgedrückt wird. Die Arie wurde zuerst dem taktlosen Gesang entgegengesetzt, wie er im Necitativ und in dem gehaltenen, langsamen Choral vorkommt. Die Arie gehörte sonach zur Figuralmustk, und man nannte daher das ausgeführte, nicht choralmäßige Lied sonst Arie, gleichviel, ob es von einer oder mehren Stimmen ausgeführt wurde. In der neuern Zeit wird aber vorzugsweise das von einer Stimme vorgetragcne und mit Instrumenten begleitete lyrische Gesangstück Arie genannt, wenn es unter gewissen Formen ausgeführt ist. So kam die Arie in größern, geistlichen und weltlichen, Musikwerken, z. B. Cantaten, Oratorien, Opern, oder auch selbständig in Concerten vor. Da die Arie ein besonders dazu geeignetes lyrisches Gedicht voraussetzt, so wurde auch dieses häufig Arie genannt. Es verlangt wohllautende einfache lyrische Strophen. Seit Gluck und Mozart wich man von der alten strengen Form ab und richtete sich mehr nach dem Inhalte des Textes und der Stimmung des Singenden; doch auch Mozart vermochte den Federungen der Virtuosität seiner Zeit nicht ganz zu widerstehen und ließ sich durch sie zu vielen Bravourarien verleiten. Eine andere Form der Arien sind neuerdings die mehr auf Verzierung des Gesangs berechneten Cava- tinen (s. d.) der neuern Italiener. — Ariette heißt eine kleine, d. i. minder ausgeführte, Arie. — Arioso nennt man einen arienmäßigen kurzen Gesang, der bei einzelnen lyrischen Stellen eintritt und das Necitativ unterbricht. Arimnn, s. Dämon. Arimaspen ist der Name eines fabelhaften Volks. Nach Herodot waren sie Scythcn, einäugig, was auch der (scythische) Name besagt, und wohnten im äußersten Nordosten in stetem Kampfmit den goldhütenden Greifen, denen sie das Gold zu rauben suchten. Neuere glauben, daß dieser Erzählung die unsichere Kunde von goldgrabenden Völkern in Asien, am Altai und der Wüste Kobi, zum Grunde liege. Avion, ein berühmter Zitherspieler aus Mcthymna auf Lesbos, um 620 v. Chr., wird von den Alten der Erfinder des Dithyrambus genannt, d. h. er bildete den Bacchusgesang aus, der früher an dem Altar des Gottes von dem Chor gesungen wurde, und machte so den Ariosto 477 > Übergang von der lyrischen Darstellung zur tragischen Handlung. Einer sinnreichen Sage zufolge, die von Hcrodot zuerst erzählt und dann von griech. und röm. Dichtern weiter aus- ^ geschmückt worden ist, wurde A. von dem Beherrscher Korinths, Pcriander, nach Sicilien und Italien gesandt, und erhielt zu Tarent den Preis in einem dichterischen Wettstreite. Als er mit reichen Schätzen in einem korinlh. Schiffe heimfuhr, beschlossen die Schiffer aus Habsucht seinen Tod. Apollon aber offenbarte ihm in einem Traume die Gefahr. A. bat, noch einmal seine Kunst üben zu dürfen, und als es ihm gestattet wurde, trat er festlich geschmückt, das Saitcnspiel in der Hand, auf das Verdeck und stürzte sich nach dem Gesänge in das Meer. Delphine hatten sich, seinen Tönen horchend, um das Schiff versammelt, und einer nahm 1 den Sänger auf den Rücken und trug ihn bis zum Vorgebirge Tänarus, von wo er nach Korinth zurückkehrte. Die Schiffer, die hier erst später ankamen und auf Befragen versicherten, daß A. gestorben sei, ließ Periander an das Kreuz schlagen. A.'s Leier und der rettende Delphin wurden nachmals unter die Sternbilder versetzt und selbst von Künstlern verherrlicht, denn noch zu den Zeiten des Pausanias stand bei Tänarus ein Weihgeschenk des A. aus Erz, welches einen Mann auf einem Delphin reitend darstellte. Ariosto (Lodovico), geb. zu Reggio am 8. Scpt. 1474 aus einer edeln Familie, zeigte schon als Kind viele poetische Anlagen. Er besuchte die Schule zu Ferrara, widmete sich anfangs, nach dem Wunsche seines Vaters, welcher Mitglied des ersten Gerichtshofes von Ferrara war, dem Studium derNechte,dann aber ganzdenschänen Wissenschaften. Plautus und Terenz gaben den Gedanken zu zwei Lustspielen, der „6assaria" und den „8upposti"; lyrische Gedichte in ital. und lat. Sprache, welche durch Eleganz und Leichtigkeit der Schreibart sich auszeichneten, machten ihn dem Cardinal Hippolyt von Este, dem Sohn des Herzogs Hercules I., bekannt. Hippolyt stellte ihn 1503 bei seinem Hofe an, bediente sich seiner in den wichtigsten Angelegenheiten und ließ sich auch auf einer Reise nach Ungarn von ihm begleiten. An diesem Hofe begann und vollendete A., mitten unter Zerstreuungen aller Art, in ungefähr zehn Jahren sein großes und unsterbliches Gedicht „Orlaocko furioso", dessen Druck 1516 beendigt war. Die Weigerung, den Cardinal auf einer zweiten Reise nach Ungarn zu begleiten, weil er fürchtete, daß das ungesunde Klima aufseine schwache Gesundheit nachtheilig wirken werde, brachte ihn bei demselben in Ungnade, welche in förmlichen Haß überging. Hierauf wurde A. von dem edeln und kunstliebenden Herzog Alfons, einem Bruder des Cardinals, ausgenommen, der zwar vertraut mit ihm umging, ihn aber nur kärglich belohnte und ihm 1521 und 1522 den Auftrag gab, die in der gebirgigen und wilden Garfag- nana ausgcbrochenen Unruhen zu dämpfen, was allerdings mehr einer Strafe als einer Gunstbezeigung ähnlich sah. A. endigte glücklich diese schwierige Unternehmung und kehrte nach drei Jahren nach Ferrara zurück, wo er sich mit der Aufführung seiner Komödien und der letzten Vollendung seines „Orlsucko" beschäftigte und am 6. Juni 1533 starb. Er vereinigte mit den äußern Vorzügen des Wuchses und der Gestalt einen sanften Charakter, feine Sitten und einen liebenswürdigen Geist. Er war reich gewesen und liebte den Glanz, mußte sich indeß später mit einem kleinen, aber angenehmen und bequemen Hause begnügen. Sein „OrliMilo furioso", der sich Bojardo's „Orlsnllo iuamorato" anschließt und ohne diesen nicht < in allen Theilen verstanden werden kann, ist ein vollendetes romantisches Epos von glänzender, l unerschöpflich reicher Anmuth der Erzählung. Eine rege, stets neu und jugendlich aufstrebende Phantasie athmet durch das ganze Werk und schmückt es mit unverwelklichen Reizen; dabei zeigt sich eine bewundernswürdige Kunst in der Verkettung und Verflechtung der Episoden, welche der Dichter oft mit einer nicht zu verkennenden Schalkhaftigkeit abbricht, wieder anknüpft und so durcheinander schlingt, daß es schwer ist, den vollständigen Inhalt des aus 46 Gesängen bestehenden Gedichts anzugeben. Diese Eigenschaften gesellen A. den großen Meistern des Gesangs bei und erwarben ihm unter seinen Landsleuten den Beinamen des Göttlichen, der freilich auch dem niedrigen Aretino (s. d.) zu Thcil ward. Außer diesem Epos besitzen wir von A. einige Lustspiele, Satiren und Sonette, ferner eine Sammlung lat. Gedichte, in denen sämmtlich mehr oder minder sein reiches Genie ausgeprägt ist. Der e „Orlsnclo" wurde ins Deutsche übersetzt von Gries (5 Bde.; 2. Ausl., Jena 1826) und von Streckfuß (6 Bde.,Halle, 1818—26; neue Ausg., unter dem Titel: „Meisterwerke der ital. Dichtkunst" (Halle 1841). Vgl. Fernow, „A. des Göttlichen Lebenslauf" (Zür. 1809). 478 Ariovist Aristarchus (der Grammatiker) Ariovist, einer der ältesten deutschen Heerführer, berühmt durch einen Zug nach ! Gallien und durch einen mörderischen Kampf mit den Römern unter Julius Cäsar. Ums I > 72 v. Chr. nämlich riefen die Sequaner in Gallien die Deutschen am Rhein, um ihnen ^ gegen die übermächtigen Adner, ihre Nachbarn, Hülfe zu leisten. Derjenige, der zunächst diesem Hülferuf Folge leistete, war A., entsprossen aus einem edcln Geschlecht der Markomannen. Mit einer Hecreömacht von I5»00 Deutschen ging er über den Rhein, gewann den Sieg, verlangte und erhielt den dritten Theil des Landes und lud seine Landsleute, die noch in der Heimat waren, ein, daß sie nachkämen und mit ihm des schönen Galliens Meister würden. Also geschah cs, und so stieg die Zahl der Deutschen in Gallien bald aus 120000 Ml Durch so große Überzahl mußten natürlich die gallischen Völkerschaften sich äußerst gedrückt f fühlen und um wieder völlig frei zu werden, wendeten dieselben sich an die unter ihnen stß. haften Römer, die dainals von Julius Cäsar befehligt wurden. Sogleich fodertc dieser den A ^ zu einer Unterredung auf. Als aber dieser nicht erschien, ließ Cäsar an ihn den Befehl er- > gehen, fortan keinen Deutschen mehr ins Gallicrland zu rufen, den Galliern ihre Geiseln zu- l rückzugeben und dieselben in Zukunft nicht mehr als Kinder zu behandeln. Als jedoch hierauf A. dem stolzen Römer zur Antwort sagen ließ: „Die Römer hätten sich um nichts zu bekümmern, was er thäte", zog Cäsar gegen A. zu Felde und nöthigtc denselben bei Vesontium, dem heutigen Besancon, zu einer Schlacht. Die Deutschen, denen ihre Weiber für diesen Tag Unglück verkündet hatten, unterlagen, und nur Wenige retteten sich mit ihrem tapfer» Führer A. durch Schwimmen und in Kähnen über den Rhein in ihr altes Vaterland. Welches das Ende A.'s gewesen und wo dasselbe erfolgte, ist unbekannt. Aristänetus, von Nicäa, Zeitgenosse des berühmten Sophisten Li Kanins (s. d.), obwol von Andern in die zweite Hälfte des 5. Jahrh. gesetzt, kam 358 n. Chr. bei dem Erdbeben in Nikomedia um. Gewöhnlich wird er für den Verfasser einer Sammlung von 50 ^ griech. erotischen Briefen in zwei Büchern gehalten, welche aber nur briefliche Überschriften haben und sehr zierliche und doch kunstlose Erzählungen und Beschreibungen meist üppiger " Gegenstände enthalten. Aus dereinzigenbekannten,jetztzuWienbefindlichen Handschrift gab dieselbe zuerst Sambucus (Antw. 1566), dann Abresch (Zwoll 1739), berauch „I^octinn« ^ri,?tsenet Aristarchus von Samos, ein berühmter Astronom, zwischen 281 und 263 v. Chr., ' vereinigte in sich theoretische und praktische Kenntnisse auf die seltene Weise. Seine Werke sind sämmtlich verloren gegangen, bis auf eine kleine Schrift „Von der Größe und den Entfernungen der Sonne und des Mondes", zuerst lat. herausgegeben von Valla (Vcn. 1388, Fol.), dann griech. von Wallis (Oxf. 1688, 3.). In dieser Schrift zeigt er die Methode, das Verhältniß der Entfernungen der Sonne und des Mondes von der Erde durch den Winkel zu bestimmen, welchen beide Gestirne in dem Auge des Beobachters zu der Zeit bilden, in welcher der Mond genau halb beleuchtet erscheint, und in welcher daher der Winkel an dem Monde ein rechter ist. Nach dem Zeugnisse der Alten bestimmte er den scheinbaren Durchmesser der Sonne auf 30 Minuten, und lehrte mit den Pythagoräern die kreisförmige Be- . wegung der Erde um die Sonne. Vitruvius nennt ihn noch als Erfinder einer concaven Sonnenuhr (scaplünm). Aristarchus aus Samothracc, der berühmte alexandr. Grammatiker, lebte zu Alexandria Aristeas Aristides (der Gerechte) 470 ! um l 50 v. Chr., wo er eine eigene Schule der Grammatik und Kritik stiftete. PtolemäuS Philometor vertraute ihm die Erziehung seiner Kinder an. Er starb, an einer unheilbaren > Wassersucht leidend, den freiwilligen Hungertod, 72 Jahre alt, in Cypern. Sein ganzes Leben war der Kritik griech. Dichter, besonders des Homer, gewidmet, dessen gegenwärtige Gestalt wir neben Aristophanes und seinem Gegner Krates Mallotcs vorzüglich seinem Fleiß und Urthcilverdanken. Vgl. Lehrs, „Vs ^ristarolli stiiciüs vomericis" (Königsb. 1833). Seine kritischen Bemerkungen sind in den Scholien zu Homer, besonders in den von Villoiso» hcrausgegebcnen, zerstreut. Die Strenge der Kritik des A. machte, daß man scharfsinnige und gelehrte, aber strenge Kunstlichter nach ihm Aristarche nannte, f Aristkas ist eine sehr zweifelhafte Erscheinung in der griech. Literatur. Der gewöhnlichen Erzählung nach lebte er im 3. Jahrh. v. Chr. am Hofe des Ptolcmäus Philadelphus und erhielt von diesem den Auftrag, die 70 Männer aus Jerusalem zu holen, die nachher durch die griech. Übersetzung des Alten Testaments bekannt geworden sind. Den Ursprung und die weitere Geschichte dieser Übersetzung finden wir in einer eigenen Schrift mitgetheilt, die bereits im I. Jahrh. n. Chr. bekannt war und von Schard (Bas. 1561,4.) zuerst durch den Druck veröffentlicht wurde. Als den Verfasser derselben bezeichnet,: man früher jenen A.; doch hat die neuere und neueste Kritik dieselbe für das Machwerk eines alexandrin. Juden, der jedoch noch v. Chr. gelebt haben muß, einstimmig erklärt. Aristides, der Gerechte genannt, war des Lystmachus Sohn und stammte aus einer der angesehensten Familien Athens. Ec war einer der zehn Anführer (Strategen) der Athener, als diese mit den Persern bei Marathon, 490 v. Chr. zusammentrafen. Der bestehenden Einrichtung zufolge führte jeder Stratcg in der Reihe einen Tag den Oberbefehl, da aber A. den Nachtheil dieses Wechsels einsah, so bewog er die übrigen Strategen, daß jeder seinen Tag dem Miltiades abtrat, und durch diese Maßregel besonders ward die Schlacht gewonnen. Das Jahr darauf war er Archon und erwarb sich in diesem Amte, wie auch später, die allge- ! meine Achtung. Doch wußte Themistokles (s. d.), dessen politischem Plane, Athen zur Seemacht zu bilden, er entgegen war, es namentlich durch die Verbreitung des Gerüchts, A. strebe nach Alleinherrschaft, dahin zu bringen, daß dieser 483 v. Chr. durch den Ostracis- ni u s (s. d.) verbannt wurde. Man erzählt, daß ein gemeiner Bürger, der in der Versammlung, welche A.'s Verbannung aussprach, neben ihm stand, ohne ihn zu kennen, sich an ihn mit der Bitte wandte, ihm den Namen des A. aufseine Scherbe zu schreiben, wodurch er für dessen Verbannung stimmen wollte. „Hat dich A. beleidigt?" fragte dieser. „Nein", antwortete jener, „aber ich bin es müde, ihn stets den Gerechten nennen zu hören." A. erfüllte seinen Wunsch; er verließ die Stadt, indem er die Götter bat, sie möchten verhüten, daß je sein Vaterland diese Maßregel bereue. Als drei Jahre nachher Ferres mit einem zahllosen Heere Griechenland angriff, eilte A., nur das Wohl des Vaterlandes vor Augen, auf die Nachricht, daß die griech. Flotte bei Salamis von der pers. umzingelt sei, sogleich dahin, um Themistokles die ihm drohende Gefahr anzuzeigen. Gerührt vertraute ihm Themistokles, daß er sich dieses Gerüchts nur als einer Kriegslist bedient habe, um die Trennung der griech. Seemacht zu verhindern. Er ließ ihn Theil an dem Kriegsrathe nehmen, und da man auf den folgenden v Tag zu schlagen beschloß, besetzte A. vorsorgcnd die kleine Insel Psyttalia, wo Diejenigen eine ' Zuflucht fanden, deren Schiffe während der Schlacht zu Grunde gingen. Als im folgendcnJahre 479, Mardonius, der noch mit einem großen Landheer in Griechenland war, den Athenern Fricdcnsanträge durch Alexander, König von Macedonien, machen ließ, verwarfen sie dieselben aufdcn Rath des A. sofort. In der Schlacht beiPlatää befehligte er die Athener und trug viel zu dem Siege bei. Aufseinen Antrag ward im1.47 7 das Gesetz erlassen, welches die Schranken, wodurch ein Theil der Bürger bisher von den öffentlichen Ämtern und Würden fern gehalten worden war, aufhob. Als Themistokles angekündigt hatte, daß er einen für die Republik sehr wichtigen Plan habe, den er aber nicht in öffentlicher Versammlung bekannt machen könne, beauftragte man A., sich mit ihm darüber zu berathen. Der Plan war, die sämmtlichcn in einem benachbarten Hafen versammelten Schiffe der Griechen zu verbrennen, um den Athenern die ' Herrschaft auf dem Meere zu sichern. A. sagte dem Volke, daß nichts vorthcilhafter, aber auch nichts ungerechter sei als des Themistokles Plan, und man vcrwarfihn ohne Weiteres. Da um daß I. 475 der Übermuts, des Pausanias die Bundesgenossen zuderWeigerung, den Sparta- 480 Aristides (Älius) Aristipp nern ferner zu gehorchen, vcranlaßte und demnach Athen die Hegemonie zur See erhielt, ward i dem A. die Ordnung der hierauf bezüglichen Verhältnisse übertragen. Um die Kosten des Kriegs gegen die Perser bestreiten zu können, bewog er die Griechen zu einer Abgabe, die an gemein, schastlich ernannte Beamte entrichtet und zu Delos aufbewahrt werden sollte. Man gab ihm, im vollen Vertrauen aus seine Redlichkeit, den Auftrag, die Verthcilung zu machen, und A. erwarb sich auch bei diesem Geschäft den Beifall Aller. Er starb in hohem Alter -168 v. Ehr., so arm, daß er auf öffentliche Kosten begraben werden mußte, und hinterließ zwei Töchter, welche der Staat, die Verdienste des Vaters in ihnen zu ehren, ausstattete, und einen Sohn, welchem 100 Minen in Silber (etwa 2130 Thlr.) und eine Baumpflanzung geschenkt wurden. Aristides (Älius), aus Mysien, ein Rhetor oder Sophist des 2. Jahrh. n. Chr., ist bc- , rühmt durch seine Reisen in Asien, Griechenland, Italien und Ägypten bis Äthiopien. Als ' 178 ein Erdbeben die Stadt Smyrna zerstört hatte, bewirkte er durch seine Beredtsam- keit beim Kaiser Antoninus eine reichliche Unterstützung zum Wiederaufbau, wofür ihm die Einwohner eine eherne Statue und den Namen eines Erbauers von Smyrna zuerkannten. Als Nedekünstlcr strebte er die alten Muster nachzuahmen. Wiewol er in Erfindung und Ausdruck die Fehler der spätern Sophisten hat, so fehlt es ihm doch nicht an eigenthümlicher Kraft und Schönheit. Das Alterthum bewunderte den Neichthum, die sinnreiche Ausbildung und die Starke seiner Beweisgründe. Wir besitzen von ihm mit der später von Morclli anf- gefundencn Rede gegen den Leptincs und der von Mai entdeckten Rede gegen Demosthenes gegenwärtig 55 Reden und Deklamationen und eine theoretische Schrift über öffentliche und einfache Bercdtsamkeit. Die neueste vollständige Ausgabe ist von W. Dindorf (3 Bde., Lpz. 1829). Die zwei hinzugekommenen Reden gab Erauert (Bonn 1827) besonders heraus. Aristipp, der Stifter einer berühmten philosophischen Schule unter den Griechen, die nach seiner Vaterstadt Cyrene in Afrika die cyrenaische genannt ward, lebte um 380 v. Ehr. Von seinem begüterten Vater nach Olympia geschickt, hörte er von Sokrates erzählen und ward so begierig, sein Schüler zu werden, daß er sogleich nach Athen eilte. Die speculative Philosophie und die mathematischen Wissenschaften achtete er gering; in der ^ Moral aber machte er, seiner heitern Gemüthsart folgend, einen durch Bildung veredelten Genuß zum Gegenstände des Strebens und faßte dabei des Sokrates Lehre nicht nur ein scitig, sondern sogar unrichtig auf. Seine Hauptsätze waren: Alle Empfindungen des Menschen lassen sich auf Vergnügen und Schmerz zurückführen, und sie sind die einzigen Kriterien des Wahren und Falschen, des Guten und Bösen. Das Vergnügen ist eine sanfte, der Schmerz eine heftige Bewegung; alle lebendige Wesen suchen das Erstere und vermeiden das Letztere. Die Glückseligkeit ist nichts Anderes als ein fortdauerndes, aus einzelnen Vergnügungen zusammengesetztes, dabei aber weder eine rüstige Thätigkeit noch ein besonderes Maß ausschließendes Vergnügen, und da es das Ziel aller menschlichen Bestrebungen ist, so soll man sich keiner Art des Vergnügens entziehen. Sokrates, der diese Lehren nicht billigte, stritt mit ihm oft darüber. A. machte mehre Reisen nach Sicilien und fand dort bei Dionys die wohlwollendste Aufnahme. Zu Korinth lockten ihn die Reize der berühmten Lais an, mit der er in große Vertraulichkeit trat. Als man ihm vorwarf, daß er für ein Weib so viel Geld verschwende, das sich dem Diogenes unentgeltlich ergebe, antwortete er: „Ich bezahle sic, daß sie mir ihre Gunst gewähren, nicht, daß sie sie Andern versagen soll." Zu einer andern Zeit ^ sagte er: „Ich besitze sie, sie nicht mich." Es ist nicht wahrscheinlich, daß A., wie Diogenes Lacrtius erzählt, nach seiner Rückkehr zu Athen eine Schule eröffnet habe. Seine Lehre ward blos von seiner Tochter Arete und von seinem Enkel, Aristipp dem Jüngern (Metrodidaktos), fortgepflanzt. Letzterer soll insbesondere das Vergnügen in der Sinncnanregung für das höchste Gut erklärt haben. Er und die folgenden Cyrenaiker bildeten diese Genußlehre aus und wurden daher auch Hedoniker genannt. Wann A. gestorben, ist unbekannt. Seine Schriften sind verloren gegangen. Wieland's historisch-philosophischer Roman: „A. und einige seiner Zeitgenossen", gibt eine höchst anziehende Schilderung des Lebens und der in Ausübung gebrachten Grundsätze des liebenswürdig sinnlichen Philosophen, der durch jenes Ziel und durch die Gewandtheit seiner Bildung im geraden Widerspruche mit Antisthenes und ?- der cynischen Schule stand. Nach dem Geburtsorte des A. nannte man seine Anhängerauch Cy renaiker (s- d.). Vgl. Wendt, „Vs pbilosopliia s^renaicu" (Gött. 1835). Aristosiulus Aristokratie 481 / AristobüluS , ein alexandr. Jude linker Ptolemäus Philometor, um 175 v. Chr., ' der 2 Makk. >, lv vorkommt und zur peripatetischen Schule gerechnet wird. Die Kirchenväter stellen ihn als den eigentlichen Stifter der jüdischen Philosophie zu Alexandria dar. Sein Hauptwerk „llxegetica" in gricch. Sprache, besonders von Clemens von Alexandria und Eusebius oft erwähnt, ist bis auf wenige Bruchstücke untergegangen. In diesen Bruchstücken wurde indeß schon von Cudworth, Mosheim u. A. ein merkwürdiges, geschichtlich auch für die Kirche sehr bedeutsames Falsum gcahnet und später von Valckenaer in der Abhandlung „Vs ^ristobulo äuÜAso", herausgegcben von Luzac (Leyd. 1806) nachgewiesen. Eine Menge theologischer Stellen der ältesten griech. Dichter, des Linus, Musäus, Orpheus, Homer und Hesiod, deren sich auch die Kirchenväter häufig und bedeutungsvoll be- s dient, werden nämlich bald unter den Namen jener Dichter, bald, namentlich bei Eusebius, unter dem deS A. citirt. Da nun die Unechtheit jener Stellen überhaupt und längst schon eingeleuchtet hatte, indem sie zum Theil in Formeln des Alten Testaments und durchaus nicht in antik-griech. Weise von der Gottheit sprechen, so lag es sehr nahe, daß man dem A. eine Fälschung beimaß, dergleichen in der spätem Zeit wiederholt vorkamen. Der Zweck des ganzen Werks war kein anderer als darzuthun, daß die heil. Schriften des Alten Testaments in Hinsicht der Weisheit den Werken der Griechen nicht nur nicht nachstünden, daß sie sogar die eigentliche Quelle derselben seien. Dasselbe suchte, jedoch ohne sich der Zeugnisse des A. zu bedienen, in der Christenheit zuerst Tatian im 2. Jahrh. in seiner „Rede an die Heiden" auszuführen. Aristokratie, aus dem Griechischen abgeleitet, bezeichnet eigentlich dieHcrrschaft oder Regierung der Bessern oder Besten, der Gebildetsten und Tugendhaftesten. In diesem Sinne wurde das Wort von den Alten fast durchgehend genommen, und so nimmt auch Platon den Begriff in seiner „Republik". Später ging die Bedeutung des Wortes „die Bessern" von Denen, welche wirklich die Bessern durch sich selbst sind, auch auf Die über, welche die Einbildung haben, von Geburt besser zu sein als Andere. Es kann sowol die Verfassung aristokratisch sein, was die Aristokratie als eigentliche Staatsform gibt, wie die Verwaltung, die sich i auch in Monarchien und Demokratien vorfindct. Die Aristokratie geht in Oligarchie (s. d.) über, wenn ein kleiner Kreis von Familien der Gewalt sich ausschließlich bemächtigt, und in Timokratie (s.d.), wenn dieReichen dieHcrrschaft an sich reißen oder, wie z.B. in England die Grundbesitzer, ausschlicßenden Einfluß auf die Regierung haben. Vgl. Barante, „8ui- l'aristocratis et Iso cominunes" (2. Ausl., Par. 1829). Aristokratisch im Sinne der Alten ist die Bestimmung und das Wesen des Staats von Grund aus, und die Frage ist nur, wie die Aristokratie geordnet werden könne, um ihren Zweck, Leitung des Volks nach den Bedürfnissen seiner vernünftigen Natur, zu erreichen. In dieser Beziehung müssen wir aber Zweierlei voneinander unterscheiden, welchen sich ein Drittes, das zwar im Staate nicht öffentlich anerkannt ist, aber doch sehr thätig wixkt, beigescllt. Wir müssen nämlich unterscheiden die eigentliche Regierung als Lenkerin oder Inhaberin des Gesammtwillens und die Gesetzgebung als Organ der Volksernsichten, von welchen abhängt, was als vernünftiger Wille des Volks gelten könne. Das Dritte besteht in dem herrschenden Geiste desjenigen Theils der bürgerlichen Gesellschaft, welcher durch seine zufälligen Verhältnisse, Familienverbindungen u. s. w. sowol auf die Grundsätze, nach welchen die Negierung sich bildet und s wirkt, als auf die Meinungen, von welchen die Gesetzgebung sich leiten läßt, den meisten Ein- ' fluß hat. Durch dieses Dritte wird ein anstokratisches Prineip auch in solche Staatsvcr- fassungen gebracht, welche deyr Gesetze nach eine vollkommene Gleichheit aller Bürger aus- sprcchen, und an und für sich ist diese aristokratische Verwaltung einer antiaristokratischcn Verfassung ebenso tief im Wesen des Staats gegründet, ebenso untadelhaft, aber auch ebenso großen Verirrungen und Verderbnissen ausgesetzt als die natürliche Aristokratie, welche die wesentliche Grundlage des Staats überhaupt ausmacht. Diese Aristokratie ist eine ideale, wenn sie die Weisesten und Besten des Volks zu Regierern und Gesetzgebern erwählt. Eine solche würde aber einen Zustand der Völker voraussetzen, welcher in seiner höchsten Vollendung unerreichbar ist. Obgleich die Völker die Annäherung an einen solchen Normalzustand . immer als ihr höchstes Ziel betrachten müssen, so sind doch alle Einrichtungen falsch berechnet, welche denselben als bereits vorhanden voraussetzen. Daher waren alle Versuche der Alten, Eonv.-Lex. Neunte Ausl. 1. 31 48'2 Aristokratie den Staat auf eine solche ideale Aristokratie zu gründen, ebenso vergeblich als die Wieder- i holung derselben in neuern Zeiten, und sie führten desto schneller zum Verderben, je weiter das > Volk von jener unerreichbaren sittlichen Reife entfernt war. Man muß sich viclnichr mit , einer approximativen Aristokratie begnügen, deren Grundprincip darin besteht, gewisse all- ^ gemeine Qualifikationen aufzustellcn, mit welchen, der Erfahrung nach, eine höhere Einficht und ein reinerer Wille verknüpft ist. Nach dem verschiedenen Stande der Volkscultur muß diese Aristokratie auch auf sehr verschiedene Gründe gestützt sein. Sie wird bei dem gewaltsamen Zusammenschmelzen mehrcr Völker sich eine Zeit lang bei dem Stamme der Sieger erhalten; sie wird aus Diejenigen übergehen, welche, aus höher gebildeten Völkern kommend, als Lehrer und Wohlthäter von dem dankbaren Volke wie Wesen höherer Art geehrt werden; sie wird im Fortgange der Volksentwickelung sich mit Amt und Besitz verknüpfen und endlich s wieder dahin zurückkehren, von wo sie ausging, und sich blos an dem Geistigen, an wirklicher besserer Einsicht, an erprobter Tüchtigkeit festhalten lassen. Ein sogenanntes historisches Princip, kraft dessen eine Aristokratie behauptet werden soll, ist naturwidrig. So lange das siegende Volk auch das kräftigere, kricgskundigere ist, so lange die höhern Einsichten und Kenntnisse ein ausschließliches Eigenthum eines erblichen oder sonst geschlossenen Priesterstandes sind, so lange die Nation in Freie und Dienstbare ge- theilt ist, und unter jenen wieder ein Theil sich im alleinigen Besitz vorzüglicher Eigenschaften, aus welchen vorzügliche Rechte von selbst folgen, befindet, so lange besteht auch die Aristokratie. Sobald aber jene Unterscheidungen allmälig verschwinden, und die Natur strebt immer dahin auszugleichen, was ungleich war, und das Besondere der allgemeinen Form anzunähern, so werden auch die darauf gebauten aristokratischen Einrichtungen ihre Haltung verlieren; sic werden den Völkern unerträglich, und je größere Kräfte für ihre Aufrechthaltung aufgcboten werden, desto verheerender, heftiger und verderblicher für beide Theile wird der Kampf, ^ dessen unausbleibliches Resultat doch zuletzt ihr Fall ist. Die Geschichte der Völker besteh« größtentheils aus der Geschichte dieser Verhältnisse, und die neuern Erschütterungen Europas r gehen fast allein aus ihnen hervor. Es ist unmöglich, weil es unnatürlich ist, daß die größere ^ geistige Kraft und Bildung aus die Dauer der geringem unterthan sei, und Alles, was die geistige Bildung fördert und hebt, Wohlstand und Neichthum, selbst die Fertigkeit im Waffen- spicl und Muth, sind nur Folgen einer schon entwickelten geistigen Kraft. Vernunftwidrig wird daher die Aristokratie, oder sie artet in Oligarchie aus, sobald sie die rechtlichen Vorzüge behaupten will, ohne die natürlichen zu haben; sobald sie vererben will, was nurdurch eigene Anstrengung erworben werden kann. Deshalb ist auch der antioligarchische Geist, welcher nicht einem Zeitalter eigen ist, sondern jederzeit in dem Maße hervorbricht, als die Oligarchie sich erheben will, weder ein antimonarchischer noch ein antiaristokratischcr. Er ist vielmehr der Monarchie günstig, indem er in dieser einen viel kräftigem Schutz gegen die Oligarchie zu finden hofft als in der Vielherrschaft, die immer zur Oligarchie führt. Dieses beweist die Erfahrung aller Zeiten, indem sich die Völker sehr oft der unbeschränkten Alleinherrschaft in die Arme geworfen haben, wie in Nom, in England unter Richard !>., in Dänemark l66l, in Schweden 1671 u. s.w., um dem Drucke der Oligarchie zu entgehen. Die Alleinherrschaft muß zu ihren Gehülfen und Dienern Diejenigen wählen, welche zu Erreichung der NegierungSzwecke am tauglichsten sind. Sie muß demnach dem Beamten- f stände eine ideal-aristokratische Zusammensetzung geben und ihn, ohne Rücksicht aufunwesentliche Dinge, aus den Tüchtigsten aller Volksclassen wählen. Sie muß ihrem Willen Kraft, den Vollziehern desselben Ansehen verschaffen, die Dienstaristokratie mit der im Staate vorhandenen natürlichen Aristokratie ins Gleichgewicht setzen und die Hindernisse bekämpfen, welche aus dem eigennützigen Geiste der Oligarchie für die Volksentwickelung entspringen; denn Ungerechtigkeit, Ausschließung von den gemeinschaftlichen Gütern der Natur und des Staaksvereins, Übermuth und Stolz sind allezeit im Gefolge der Oligarchie. Unglücklicherweise aber läßt sich die Monarchie leicht in den Strudel mit hinabziehen, von welchem jede unechte Aristokratie am Ende immer verschlungen wird; sie läßt sich durch die Gesellschaft, in welcher sie lebt (das oben erwähnte dritte leitende Princip), bethören, die echte natürliche Aristokratie mit der Oligarchie zu verwechseln und diese letzte für eine Stütze des Thrones zu halten, welche nur Aristokratie 483 in der ersten zu finden ist. Es geht dies freilich ganz natürlich zu, weil der Monarch sich zum persönlichen Umgänge die Häupter aller vorhandenen Arten der Aristokratie zugesellen muß, und in diesem Verhältnisse der überwiegende Einfluß immer auf deren Seite sein wird, da sie nie in den Fall kommen, die Zwecke der Regierung gegen persönliche Neigungen zu ver- thcidigen, wie die Häupter der Beamtenaristokratie so oft zu thun genöthigt sind, und da sk dagegen häufiger Gelegenheit haben, durch Dienstleistungen eine rein persönliche Anhänglichkeit an den Monarchen zu beweisen. Daher gibt der Hof, da dieses Verhältnis! auch dann noch eine geraume Zeit fortdauert, nachdem die Aristokratie aufgehört hat, eine naturgemäße zu sein, der Oligarchie ein so großes Gewicht und verwickelt sich selbst und die Monarchie in ein gemeinschaftliches Verderben. Aufder andern Seite aber geben auch die Vekämpser der Oligarchie zu diesem unglücklichen Jrrthum oft genug Anlaß, indem sie ihre Angriffe gegen die Monarchie richten, welche sie selbst in der engsten Verbindung mit ihren Gegnern ehren und schonen sollten. Sie gehen aber selbst in die Oligarchie über, indem sie entweder in der Regierung eine Unabhängigkeit von dem vernunftgemäßen Eesammtwillen einzusühren trachten, welche alle Verantwortlichkeit des Beamtenstandes aufzuheben sucht, oder in der Gesetzgebung eine Kraft aufstellen wollen, welche sich von dem monarchischen Elemente frei machen und eine selbständige Entwickelung annehmen will. In diese Verirrung verfallen alle diejenigen Staaten, welche der Negierung das unbedingte Veto entrissen haben, wie in der franz. Verfassung von 1791, in der span, und vorweg, geschehen ist. Die Ursache liegt freilich sehr nahe; sie ist in dem geheimen Widerstande zu suchen, welchen der Hof auch gerechten Wünschen der Nation bisweilen entgegensetzt; aber doch ist die Gefahr, daß einem vernunftgemäßen Beschlusse die Genehmigung der Regierung verweigert werden könne, beiweitem nicht so groß als diejenige, welche aus der Lähmung der Regierungsgewalt selbst entsteht. In welcher Gestalt sich aber das oligarchischc Princip auch zeigen möge, so ist es immer noch viel mehr antimonarchisch als antiliberal oder antipopulair. Es setzt dem allgemeinen Zwecke der Regierung ein besonderes eigennütziges Interesse und der obersten Staatsgewalt eine Macht entgegen, welche nicht dahin gerichtet ist, die Kraft der Regierung in der Bahn des Rechten zu erhalten, sondern sich selbst derselben zu entziehen und sich ihrer zu ihrem alleinigen Vortheil zu bemächtigen. Es benimmt der Negierung alle Freiheit, sowol in der Wahl der Beamten als in der Wahl der Mittel für den Zweck des Staats, und jeder zum Bessern aufstrebende Regent hat immer damit anfangen müssen, die vorhandene unechte Aristokratie zu bekämpfen. Das antioligarchische Princip hingegen sucht die Kraft der Regierung zu verstärken und sie, indem cs hierdurch der Anarchie entgegenwirkt, zugleich vor dem entgegengesetzten Verderben der willkürlichen Herrschaft zu bewahren. Denn indem es die allgemeine Fähigkeit aller Untcrthanen zu den Ämtern und Würden des Staats verlangt, nimmt es hauptsächlich für die Regierung die Freiheit in Anspruch, sich ihre Diener ganz allein nach dem Maßstabe der Brauchbarkeit (echt aristokratisch) zu wählen; durch die Formen, welche es für den Erweis der Brauchbarkeit aufstellt (strenge und wiederholte Prüfungen), sucht es den Einfluß der Familienverbindungen zu vernichten; durch die Hierarchie des Dienstes und die Hoffnung der Beförderung den Geist pünktlicher Ordnung, Subordination und lebendigen Eifers in demselben zu erhalten. Auf der andern Seite macht diese Verfassung des Beamtenstandcs denselben zu einem so kräftig und schnellwirkenden Werkzeuge der Gewalt, daß der Schritt zum Despotismus nur allzu leicht sein würde; daher ist eine Milderung des monarchischen Princips nothwendig, welche auch aus andern Gesichtspunkten, einerseits in dem System der Verantwortlichkeit der Staatsbeamten, andererseits in der Aufstellung einer bcsonderwGesctzgebnngsgewalt, zu den unerläßlichen Bedingungen einer wohlgeordneten Staatsvcrfassung gerechnet werden muß. Auch die Regierung soll sich über alles Willkürliche und Zufällige erheben und nicht einen individuellen, sondern einen rein vernunftmäßigen, sich immer gleich bleibenden unveränderlichen Willen in ihrenHandlungcn befolgen. Durch die Verantwortlichkeit der Beamten wird der blinde, unbedingte Gehorsam, welcher das Wesen der Despotie ausmacht, in den verfassungsmäßigen der echten Monarchie verwandelt; cs versteht sich aber, daß nicht blos die Minister, sondern, wie in England, auch die untergeordneten Beamten wegen offenbarer Gesetzwidrigkeit ihrer Amtshandlungen zur Re- 484 AristophantS chenschaft gezogen werden können. Auch die nothwendige innere Würde und höhere Weihe de« ^ Staatsdienstes, da« echt aristokratische Princip desselben, ist lediglich durch diese Verantwort- > lichkeit auf allen Stufen desselben zu erreichen, und die Kraft der Negierung zum Guten wird dadurch nicht im mindesten geschwächt. In der Gesetzgebung hingegen und ihrer Tren- nung von der Regierung, sodaß die letzte nicht« als Staatseinsicht, die erste aber nicht« als Gesammtwillen aufstellen kann, wks nicht von der andern dafür erkannt wird, und daß also zum geltenden Gesetz die Übereinstimmung beider erfoderlich ist, findet jede natürliche Ari- stokratic, welche sich im Volke vorfindet, ihre eigentliche Stelle, und zugleich das System der Verantwortlichkeit seinen Stützpunkt. Ohne Land- und Reichsstände gibt es keine Festig- kcit für die Beamtenaristokratie und keine Sicherheit gegen die Beamtenoligarchie. Nur ist dafür zu sorgen, daß auch wirklich jede natürliche Aristokratie und nicht etwa eine Art der l Oligarchie einen Platz in dem Gesetzgebungsrathe erhalte, und daß die Zusammensetzung desselben also auch mit den Veränderungen der Zeit gleichen Schritt halte. Ein Theil des gesetzgebenden Senats wird aus diesem Grunde immer den Volkswahlen überlassen und dabei der Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit die weiteste Ausdehnung gegeben werden müssen, um nicht schon von unten herauf eine Oligarchie zu organifiren, welche bei der geringsten Gelegenheit jeder Stand über den andern, der mittlere Landeigenthümer über den kleinen, der große über den Mittlern, das städtische Gewerbe über die Landwirthschaft, der Fabrikant über den Handelsmann und umgekehrt überall ergreift. Allein durch Volkswahlen wird freilich nicht jede natürliche Aristokratie den ihr gebührenden Antheil an den senatorischen Befugnissen erhalten ; am ersten noch die Aristokratie des Reichthums, welche die am wenigsten gegründete ist, am seltensten die der geistigen Bildung, welche man für die unentbehrlichste halten sollte. Ein Zweig dieser letzten muß immer in der Kirche anzutreffen sein; ein anderer wird sich im Stande der großen Grundbesitzer finden; ein dritter wird durch persönliche Eigenschaften in allen Ständen begründet werden können und desto unabhängiger von Standesunterschieden werden, je höher die allgemeine Bildung des Volks steigt. Es ist Sache der obersten Staatsgewalt, diesen Hanptthcil des Gesctzgebungsrathes (der Pairs- ' kammer) immer zweckmäßig zu erneuern; für das allmälige Absterben der Zweige, tvelche im Wechsel der Dinge ihre Kraft und Bedeutung verlieren, sorgt die Natur von selbst. Die Oligarchie wird fortwährend versuchen, der Regierung dieses Recht der Ernennung erblicher PairS und lebenslänglicher Senatoren streitig zu machen, wie dies wiederholt in England geschehen; es ist der Regierung aber gerade darum unentbehrlich, um das approximativverständige System der natürlichen Aristokratie gegen das oligarchische Verderbniß zu sichern und mit den Veränderungen der Zeit im Einklänge zu erhalten. Aristophänes, der einzige Lustspieldichter der Griechen, von dem wir ganze Stücke besitzen, war der Sohn eines gewissen Philippus und von Geburt ein Athener. Als Dichter trat er in dem vierten Jahre des Peloponnes. Kriegs, 427 v. Ehr., auf und wurde, da er sich einige Scherze auf den damals mächtigen Demagogen Klcon erlaubt hatte, von diesem angeklagt, den Titel eines atheniensischen Bürgers unrechtmäßigerweise angenommen zu haben. Er vertheidigte sich vor Gericht blos mit den Versen Homer's: Meine Mutter die sagt'S, er sei mein Vater; doch selber Weiß ich'S nicht; denn von selbst weiß Niemand, wer ihn gezeuget, ^ und wußte, da dieselbe Klage noch zweimal gegen ihn erneuert ward, sie jedes Mal zu ent kräften. An Kleon rächte er sich in der Folge durch sein Lustspiel „Die Ritter", in welchem er selbst die Rolle des Kleon spielte, da kein Schauspieler den Muth dazu hatte. Dieses Wc- nige wird uns von A.'s Leben erzählt, den die Alten vorzugsweise den Komiker, wie Homer den Dichter, nannten. Von 54 Lustspielen, die er schrieb, besitzen wir noch elf: „Die Achar- ner", „Die Ritter", „Die Wolken", „Die Wespen", „Der Friede", „Die Vögel", „Die Weiber am Feste der Thesmophorien", „Lysistrata", „Die Frösche", „Die Weiber in der Volksversammlung" und „Plutus", und in denselben ohne Zweifel die Blüte der alten Komödie, an deren Spitze die Dichter Eupolis, Kratinos und A. stehen, die jedoch in dem letzten ^ Stücke, dem „Plutus", wie wir ihn jetzt in der zweiten Umarbeitung haben, schon in die mittlere übergeht. Um aber diese Stücke in ihrer Fülle zu genießen, um nicht von den Ausgelassenheiten und Urrsittlichkeiten, womit sie reichlich ausgestattet sind, beleidigt zu werden, AristophaneS von Byzanz Aristoteles 485 bedarf es eines mit den Sitten und Ansichten des Altcrthums sehr vertrauten LescrS. Einem solchen werden ihr zierlich reiner AtticiSmus, die Gewandtheit und Sorgfalt in der Anlage und Ausführung und andere Vorzüge der Form, durch welche A. sich den Ruhm der Meisterschaft erworben hat, nicht entgehen. Sein Witz und seine Laune sind ebenso unerschöpflich, wie seine Kühnheit ohne Grenzen. Die Griechen waren von der Feinheit und Akmuth sei- ncr Stücke bezaubert, und der Komiker Plato sagte, die Grazien hätten sich seinen Geist zur Wohnung ausersehen. Die neuere Zeit freilich mit ihren Begriffen von Anständigkeit möchte A. lieber mit Goethe den ungezogenen Liebling der Grazien nennen. Er bediente sich der Allegorie, politische Gegenstände, Laster und Thorheitcn seiner Zeit anzugreifen. In politischem und moralischem Sinne ist er ein strenger Verfechter alter Zucht, Sitte, Lehre und Kunst, daher seine Ausfälle gegen Sokrates oder eigentlich gegen die sophistischen Grübeleien jener Zeit in den „Wolken" und gegen Euripides in den „Fröschen" und andern Komödien. Die Freiheit der alten Komödie erlaubte auf diesem Felde der persönlichen Satire das Unglaubliche, und A.'s Kühnheit und Phantasie machten einen so großartig ausgelassenen Gebrauch von derselben, daß nichts Göttliches und Menschliches, wo es irgend eine Blöße darbot, un- gezüchtigt blieb. Selbst das atheniensische Volk scheute und schonte er so wenig, daß er cs aus eine höchst herabsetzende Weise in seinem alten Demos darstellte. Unaufhörlich wirft er ihm Wankelmüthigkeit, Leichtsinn, Liebe für Schmeicheleien, thörichte Leichtgläubigkeit und Neigung zu überspannten Hoffnungen vor; statt darüber erzürnt zu sein, belohnten ihn die Athener mit einem Kranze von dem heiligen Ölbaum, eine damals außerordentliche Ehrenbezeigung. Diese »«gemessene Freiheit war der Charakter des alten Lustspiels, welches man lange als eine Stütze der Demokratie betrachtete, bis dasselbe nach dem Peloponnes. Kriege mehr eingeschränkt und 388 durch ein Gesetz verboten wurde, Jemand auf der Bühne zu nennen. Damals lieferte A. unter dem Namen seines ältesten Sohnes den „Kokalus" ein Stück, in welchem ein junger Mensch ein Mädchen verführt, und nachdem er ihre Abkunft entdeckt, sie heirathet. Mit diesem Lustspiel beginnt die neuere Komödie. A-, der schon sehr alt war, scheint bald nachher gestorben zu sein. Vgl. Nötscher, „A. und sein Zeitalter" (Berl. 1833). Unter den Ausgaben des A. sind außer de» früher» von Küster und Bergler, vorzüglich zu nennen die von Brunck (3 Bde., Strasb. 1781 — 83), die von Jn- vernizi aus der vorzüglichsten Handschrift zuRavenna unter derAufsicht Beck's (Lpz. 1793) begonnene, vom siebenten Bande an von W. Dindorfmit dein 13. Bande (1826) vollendete, der auch eine kleinere Ausgabe des A. besorgte (2 Bde., Lpz. 1836), und die von Bckker (5 Bde., Lond. I8S9). Unter den einzeln herausgegebencn Stücken nennen wir nur de» „Plutus" von Hcmsterhuis (Harlingen 1734 und Lpz. 1811) und „Die Wolken" von Hermann (Lpz. 1799 und 1836) und von Reisig (Lpz. 1826). Einzelne Stücke sind übersetzt von Wieland im „Attischen Museum", von Welcker (2 Bde., Gieß. 1816); „Die Wolken" von Wolf (Berl. 1812); „Sämmtliche Werke" von J.H.Voß (3 Bde.,Braunschw. 1821) und von Dropsen (3 Bde., Berl. 1835—38). Aristophänes von Byzanz, einer der ausgezeichnetsten Grammatiker und Kritiker unter den Ptolemäern, um 263 v. Ehr., war ein Schüler des Zenodotus, der Lehrer des Ari- starch und Vorsteher der alexandrinischen Bibliothek. Ihm wird die Erfindung der Accente und der Interpunktionszeichen zugeschricben. Er verfertigte mitAristarch den Kanon, d.h.daS Verzeichniß der ausgezeichnetsten griech. Schriftsteller aller Fächer, welche vor den andern gelesen, erklärt und abgeschricbcn werden sollten; ein Hauptverdienst aber erwarb er sich um die Kritik und Erklärung der Homerischen Gedichte. Seine Schriften sind bis auf ein kleines Bruchstück, das Boissonadc (Lond. 1829) herausgab, verloren gegangen. Aristoteles, einer der berühmtesten Philosophen Griechenlands und Stifter der pcri- patetischen Schule, wurde 383 v. Ehr. zu Stagira geboren, einer macedonischen Stadt an der Mündung des Strymon, daher er häufig der Stagirit genannt wird. Nikomachus, sein Vater, rühmte sich, von Machaon, dem Sohne des Äskulap, zu stammen; Phaestis, seine Mutter, war ebenfalls von edler Abkunft. Der Vater, welcher Leibarzt deS Königs Amyntas war, bestimmte dem Sohn für dieselbe Laufbahn und unterrichtete ihn vielleicht selbst in der Arznoikunde und in der mit ihr verbundenen Philosophie. Ohne Zweifel verdankte er seiner ersten Erziehung die Neigung zur Naturgeschichte, als deren Schöpfer er 486 Aristoteles anzusehcn ist, da er zuerst genaue Beobachtungen im größern Umfange machte. Nach dem Tode seiner Altern ging er nach Atarna in Kleinasicn zu einem gewissen Proxenus, der während der kurzen Zeit, in der sich A. bei ihm aufhiclt, viel zu seiner Bildung beitrug. In sei- nem 17. Jahre kam er nach Athen, wo er sich gegen 20 Jahre aufhielt. Hier hörte er den Platon, dessen Schule damals im größten Rufe stand, und studirte rastlos dessen Schriften. Wahrscheinlich verfaßte er auch schon jetzt einige philosophische Werke, deren Ruf bis zu Philipp von Macedonicn drang. Mehre spätere Schriftsteller berichten, daß kurze Zeit vor Platon's Tode A. mit diesem gebrochen und sogar eine Schule errichtet habe, um mit der Platonischen zu wetteifern. Eine gewisse Spannung mag zwischen Beiden cingctrcten sein, aber zu einem offenen Zwiespalt kam es nie. A. spricht überall in seinen Werken mit Hochachtung von Platon, wenn auch als Kritiker. Als nach jenes Tode die Athener Philipp den Krieg erklärt hatten, verließ A. Athen und begab sich nach Atarna, wo sein Freund, der Eunuch Hermias, die Herrschergewalt ausübte. Bald darauf gerieth indiß Hermias durch Verrath in die Gewalt des Artaxerxes, der ihn tödten ließ. A., bekümmert über das unglückliche Schicksal seines Freundes, dichtete auf ihn eine Hymne, heirathete dessen Nichte und scheint hierauf einige Zeit zu Mitylene gelebt zu haben. Um 333 v. Ehr. berief ihn Philipp an seinen Hof, um ihm die Erziehung des damals 13jährigcn Alexander zu übertragen. Nach Andern jedoch soll ihn Alexander erst bei Gelegenheit einer dem A. von den Athenern übertragenen Gesandtschaft kennen gelernt haben. Wenn wir darauf achten, wie Alexander sich in den ersten Jahren seiner Regierung wahrhaft groß bewies, wie er, so lange die Schmeichelei ihn nicht verderbt hatte, seine Leidenschaften beherrschte, wie er stets Künste und Wissenschaften Werth hielt, so gibt dies einen schönen Beweis für des A. Grundsätze, als Erzieher Alexander's. Baker und Sohn belohnten die Verdienste eines solchen Lehrers. Philipp stellte die zerstörte Stadt Stagira wieder her und ließ daselbst eine Schule errichten, Nymphäum genannt, wo A. lehren sollte. Aus Dankbarkeit feierten die Stagiriten jährlich ein Fest, das sie Aristotelia nannten. Es scheint gewiß, daß, nachdem Alexander den Thron bestiegen, A. wenigstens noch ein Jahr bei ihm zugebracht habe, dann soll er sich nach Alben begeben haben. Ammonius jedoch, der Biograph des A., sagt, daß A. seinem Zöglinge auf einem Theile seiner Züge gefolgt sei, und wirklich ist dies nicht unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie viele fremde Thiere er so genau beschreibt, daß er sie selbst zerlegt haben muß. Hierauf mag er einige Zeit im Nymphäum gelehrt haben; erst gegen 33 l kam er nach Athen zurück, bereichert mit den nöthigcn Materialien für seine treffliche „Geschichte der Thiere", wo er nun eine Schule der Philosophie in dem Lyceum, einem Gymnasium unfern der Stadt, errichtete. Zweimal täglich begab er sich dahin. Der Vormittag war seinen vertrautern Schülern gewidmet; Abends ließ er alle Diejenigen zu, welche ihn zu hören wünschten, indem er, für Alle verständlich und faßlich, von solchen Gegenständen sprach, die mehr das Leben selbst berühren. Jene Vorträge wurden esoterische oder akroamatische, d. h. streng wissenschaftliche, diese exoterische genannt, und diese von dem Gegenstände und der Form des Vortrags entlehnte Benennung ist auf die Werke des A. übergegangen. (S. Per! patetische Schule.) Alexander unterstützte übrigens die ausgebreiteten Studien des A. selbst von Asien aus und schenkte ihm 800 Talente (über l Mill.Thlr.) als Belohnung seiner Verdienste. Später nahm er gegen seinen Lehrer eine feindliche Gesinnung an, und als er starb, verbreitete sich die Sage, daß A. zu dessen angeblicher Ermordung mitgewirkt habe. Als die Athener, in der Hoffnung, sich noch einmal an die Spitze Griechenlands zu stellen, dasselbe gegen Macedonicn zu bewaffnen suchten, griffen den A. die Demagogen, welchen er verdächtig erschien, an und wurden dabei von seinen zahlreichen Feinden unterstützt. Um nicht einer Anklage wegen Gottesleugnung zu unterliegen, verließ er Athen mit der auf die Verurthei- lung des Sokrates sich beziehenden Äußerung, daß er den Athenern einen zweiten Frevel an der Philosophie ersparen wolle. Mit seinen meisten Schülern flüchtete er sich nach Chalcis auf Euböa zu mütterlichen Verwandten, wo er 322 v. Ehr. starb. Seine Todesart ist ungewiß. Nach Einigen war sein Tod die natürliche Folge eines Magenleidens, nach Andern nahm er Gift, um sich den Folgen seines Processes in Athen zu entziehen, noch nach Andern stürzte er sich mit den Worten: „Fasse mich, weil ich dich nicht fassen kann", in den Euripus. Sein persönlicher Charakter ist sehr verschieden beurtheilt worden; von einem gewissen eitel» Aristoxenns Arithmetik 487 / Ehrgeiz scheint er nicht ganz srcigesprochen werden zu können. Er hatte bei seinem Leben I seine Schriften nicht bekannt gemacht; sie erbte sein Schüler Theophrastus, in dessen Fa- > milie sie blieben. Die Erben verweigerten den Verkauf derselben dem Ptolemäus Philadel- 1 phus und verbargen sie auch vor dem König von Pergamos in einem Keller, wo sie durch Nässe und Würmer zum Theil zerstört wurden. Endlich kaufte sie Apellikon von Teos, mit dessen Bibliothek sic unter Sulla nach Rom kamen. Hier wurden sie nach einer Copie des Freigelassenen Tyrannion von Andronikus aus Rhodus in Pragmatien geordnet und von neuein durchgesehen. So lautet wenigstens die von mehren Alten, namentlich Strabo, erzählte Sage, aus welcher man sich den verderbten Zustand seiner Schriften begreiflich machen wollte. Neuere, wie Brandts, Kopp und Stahr, haben diese Sage mit Recht bezweifelt. " Die zahlreichen Schriften des A. umfassen beinahe das ganze Gebiet des damals zugänglichen Wissens, welches er namentlich von der empirischen Seite selbst bedeutend erweitert hat. Schöll in der „Geschichte der griech. Literatur" thcilt sie ein in die Classen: Logik („Organon"), Metaphysik, Psychologie und Physiognomik, Rhetorik, Poesie und Poetik, Etkik, Politik, Mathematik, Physik, Naturgeschichte (das Hauptwerk des Alterthums über die Geschichte der Thiere), Ökonomik, geschichtliche Werke und Briefe. Für uns ist ein großer Theil der wichtigsten Werke verloren gegangen; am meisten ist der Verlust der „Politien", d. h. des Werks über 158 alte Staats-und Gesetzverfassungcn, zu beklagen, das man mit der noch vorhandenen „Politik" in acht Büchern nicht verwechseln darf. Eine große Menge anderer Schriften ist dem A. untergeschoben worden. Sämmtliche Werke wurden herausgegeben von Sylburg (5 Bde., Franks. 1587, 4.) und von Casaubonus(Leyd. 1590). Von der zweibrücker Ausgabe, welche von Buhle besorgt wurde, erschienen blos 5 Bände (1791 — 1800). Die Akademie der Wissenschaften zu Berlin veranstaltet eine neue Ausgabe durch Bekker, auf Vergleichung der besten Handschriften begründet, und es sind bis jetzt 5 Bände (Berl. 1831 fg., 4.) Text, lat. Übersetzung und Auszüge aus den alten Commentatoren, die , Brandis besorgt hat, enthaltend, geliefert worden. Üntcr den Ausgaben einzelner Schriften nennen wir außerdem die Rhetorik von Reiz und Garve (Lp;. 1772); die Poetik von Her- mann(Lpz. 1802), Gräfenhan (Lpz. 1821) und Ritter (Köln 1839); die Ethik von Zell (Heidelb. 1820) und Korais (Par. 1822); die Politik von Schneider (Franks. 1809), Korais (Par. 1821) und Göttling (Jena 1824); die Thiergeschichte von Schneider (Lpz. 1811); die Metaphysik von Brandis und Bonitz; die Bücher von der Seele von Trcndelenburg (1835); die Meteorologie von Jdeler (1834), wie sich denn überhaupt in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit auf die Aristotelischen Schriften gesteigert hat. Vgl. Stahr, „^ristotelia" (2 Bde., Halle 1830), Michclct, „isixamen critchne eie 1'ouvrsFS ck'^ristvte intitule 51eto- ;>Ii)si(gus" (Par. 1336), Ravaisson, „bissni snr Is Alstspll^schus ci'^ristots" (Par. 183 7), Jourdain, „Geschichte der A.'scheu Schriften im Mittelalter" (deutsch vonStahr, Hallei 831). Aristoxenns, von Tarent, ein Schüler des Aristoteles und einer der ältesten Schriftsteller über Musik, lebte um 350 v-Chr. Von seinen philosophischen Schriften, z. B- „Über die Gesetze der Erziehung", und von seinen „Biographien der vornehmsten Philosophen" sind nur Bruchstücke bei später» Schriftstellern übrig; von denen über Musik besitzen wir noch seine „Elemente der Harmonie", in drei Büchern, herausgegeben von Meursius (Lcyd. 1616) und mit andern Schriftstellern über Musik von Meibom in lat. Übersetzung in den „.^ntigune mnsicos scrijttores" (2 Bde., Amst. 1652, 4.), und die Bruchstücke eines Werks über den Rhythmus, herausgegeben von Morelli (Ven. 1785). Aristyll, aus Samos, um 290 v. Ehr., war der erste griech. Astronom zu Alexandria, der mit Timocharis den gestirnten Himmel beobachtete. Seine Schrift „Über die Fixsterne" ist verloren gegangen; aber Ptolemäus führt mehre Beobachtungen desselben in seinem „Almagest" an, und Hipparch benutzte sie eifrig bei seinen Untersuchungen. Arithmetik, aus dem Griechischen abgeleitet, deutsch Zahlenlchre, ist derjenige Theil der reinen Mathematik, welcher sich mit den Zahlen und den Formen und Verbindungen derselben beschäftigt. Im engcrn Sinne versteht man darunter nur die Lehre von der Rechnung mit bestimmten, d. h. mit Ziffern geschriebenen, Zahlen, welche wieder in die gemeine und die höhere Arithmetik zerfällt. Jene begreift die bekannten vier Grundoperationen desNcchnens, die sogenannten vier SpecieS, Addition, Subcrackion, Multiplikation und 488 Arius Arkadien Division mit ganzen und mit gebrochenen Zahle», dic L?hre von den Proportionen, da« Aus- / ziehen der Quadrat- und Kubikwurzeln und die Anweisung zum Gebrauch der Logarithmen; s die höhere Arithmetik aber umfaßt iste Untersuchung über die Eigenschaften der Zahlen, die Zerfällung der ganzen Zahlen in Facto.ren, die Kettcnbrüche u. s. w. Noch unterscheidet man die theoretische Arithmetik, welche die Lehrsätze von den Verbindungen und Eigenschaften der ' Zahlen wissenschaftlich darstcllt und streng beweist, von der praktischen, technischen oder bürge» lichcn Arithmetik, die sich damit begnügt, die Regeln und-Vortheile dev Kunst, schnell und sicher zu rechnen, mftzutheilen, schlechthin auch Rechenkunst (s.d.) genannt wird, und von allen Theilcn der praktischen Mathematik ohne Zweifel der allgemein nothwendigste ist. Politische Arithmetik ist die Anwendung der Arithmetik auf die in der Verwaltung eines Staats vor- kommendcn Verhältnisse; man rechnetdahin auch die Berechnung der Mortalitätsverhältniffe, ? der wahrscheinlichen und Mittlern Lebensdauer u. s. w. In demselben Sinne spricht man von einer juristischen Arithmetik, welche die Anwendung der Arithmetik aufNcchtsfälle oder juristische Verhältnisse umfaßt. Instrumentale Arithmetik nennt man die Rechnung mittels gewisser Werkzeuge, wohin namentlich die Rechenmaschinen gehören. Die Arithmetik scheint bei den Indern entstanden zu sein, denen wir unsercHahlzeichcn verdanken; aber auch die Ägypter rühmten sich, die Arithmetik und Geometrie erfunden zu haben. Die Arithmetik der alten Römer und Griechen war von der der Neuern ganz verschieden, da ihre Rechnungen durch ihre unbequeme Bezeichnungsart ungemein erschwert wurden. Nichts scheint einfacher zu sein als Misere von den Indern entlehnte Methode, die Zahlen zu schreiben, nach welcher jedesZahlzeichen oder jede Ziffer außer ihrem absoluten Wcrthe noch einen relativen von ihrer Stelle abhängigen hat, wodurch wir in den Stand gesetzt sind, mit nur neun Ziffern (den sogenannten arab. Zahlen) und einem zehnten Zeichen, der Null, auch die größten Zahlen zu schreiben; gleichwol konnten sich selbst die scharfsinnigsten griech. Mathematiker, wie Archi- medes n. s. w., nicht zur Höhe dieser Bezeichnung aufschwingen und hatten von derselben keine Ahnung. Unter den wenigen auf uns gekommenen Schriften der Alten über Arithmetik sind nur die von Euklides, Diophantus und Archimedcs von Wichtigkeit, die Werke von Nikomachus und Diophantus über praktische Arithmetik sind verloren gegangen. Die indische Rechnungsart wurde nach der gewöhnlichen Meinung durch die Araber nach Spanien gebracht, wo der gelehrte Eerbcrt (nachher Papst Sylvester H.) sie wahrscheinlich schon im IN. Jahrh. von ihnen lernte, aber im 12. Jahrh. war sie selbst unter Kauflcutcn noch nicht ausgcbrcitct. Erst seit dem Ende des 13. Jahrh. wurden die jetzt gebräuchlichen Zahl- zeichen in Europa allgemeiner eingeführt und nun änderte sich allmälig, wiewol langsam, die ganze Gestalt der Arithmetik, die jetzt auf einer so hohen Stufe steht. Arms, s. Arianer. Arkadien, der mittlere und höchste Thcil des Peloponnes, gegen Norden von Achaja und Sicyon, gegen Osten von Argolis, gegen Süden von Messenien und gegen Westen von EliS begrenzt, soll nach Pausanias von Arkas, dem Sohne der Kallisto, seinen Namen erhalten haben. Das Land wird von zahllosen Gebirgen und Waldungen durchschnitten und ist reich an Flüssen, von denen der Eurotas und Alpheus die vorzüglichsten sind, Quellen und Tristen. Man unterschied die Berge Kyllene, Erymanthus, Stymphalus und Manalon. Nach seinen ersten Bewohnern, den Pclasgern, hieß es ursprünglich Pelasgien, nachher ward 7 es unter die 50 Söhne Lykaon's vcrtheilt. In der Folge machten sich die kleinen Reiche frei und vereinigten sich durch einen Bund. Die vornehmsten waren Mantinea, jetzt das Dorf Mondi, wo Epaminondas siegte und ein Grabmal erhielt, Tegea, jetzt Tripolizza, Orcho- menoS, jetzt Kalpacki, Phenkus, jetzt Phonea, Psophis und Megalopolis, jetzt Sinano. Die Hirten und Jager des rauhen Gcbirgslandes blieben lange in dem Zustande der Wildheit; als eine eigenthümliche Krankheit derselben wird die Wolfswuth (Lykanthrophie) erwähnt, indem man in dem Wahne stand, eine Zeit lang in einen Wolf verwandelt zu sein. Als aber die Bewohner nach und nach mildere Sitten angenommen hatten, fingen fie an, ihr Land zu bauen, und fanden Geschmack an Tan; und Musik. Dabei blieben sie stets kriegerisch und , fochten, wenn sie selbst keinen Krieg hatten, als Söldner Anderer. Ihre Hauptgotthciten >- waren Pan und Diana, deren Cultus hier am weitesten verbreitet war; ihre Hauptbeschäftigung bestand in Viehzucht und Ackerbau. Dies gab den Jdyllendichtcrn Anlaß, Arkadien Arkadier Arktisch 489 zum Schauplatz Ihrer Dichtungen zu wählen und eS auszuschmücken; so ward cS in der Poesie ein paradiesisches Land, was es in der Wirklichkeit nicht war. Arkadier. Die Akademie der A. (^.ccselemia tlexli ^rcaeli) in Nom entstand 1690 aus einer Vereinigung von Dichtern und Freunden der schönen Wissenschaften, die schon früher im Palafte Corsini (Residenz der Königin Christine von Schweden) sich zu versammeln pflegten, besonders auf Anregung des Juristen Leonio, und mit dem Zwecke, zur Hebung des gesunkenen Geschmacks vorzüglich in der Dichtkunst beizutragen. Nur Dichter und Dichterinnen wurden ausgenommen, und jedes Mitglied führte in der Gesellschaft einen griech. Schäfernamen. Die Versammlungen wurden im Freien gehalten und waren anfangs sehr zahlreich, da sich Viele beeiferten, in diese Gesellschaft ausgenommen zu werden. Der erste Präsident war Crescimbeni, der auch eine Sammlung von Gedichten der Arkadier und Lebensbeschreibungen verschiedener Mitglieder herausgab. Nach dem Muster der Hauptgcsellschaft wurden auch zu Bologna, Pisa, Siena, Ferrara, Venedig und anderwärts Ncbengesellschaften zu gleichem Zweck und unter gleichem Namen gestiftet. Gegenwärtig (seit 1726) versammelt sich die Gesellschaft an Donnerstagen Sommers auf dem Janiculus im sogenannten Parrhasischen Hain (bo8co parrasio), Winters im Archiv (8er- batojo genannt) in der Straße in Lrcione; an Festtagen auf dem Capitol. Sie gibt eine Monatsschrift, das „6iornaIe arcsclico" (jährlich 4 Bände) heraus, welches oft gute typographische und antiquarische Aufsätze enthält. Arkansas, einer der 26 Staaten der Union von Nordamerika, grenzt nördlich an den Missuri, östlich an den Missisippi, der ihn vom Staate Tennessee trennt, und an diesen Staat selbst, südlich an Luisiana und westlich an verschiedene Jndianerstämme, die ihr Land noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten haben. Die westliche Grenze bildet eine Linie von der südwestlichen Ecke des Staates Missuri nach Fort-Smith am Arkansasfluß, und von da in directer Richtung nach Süden bis zum Red-Niver, durch diesen hindurch bis zum 33" nördl. B. gezogen. Sein Flächeninhalt beträgt über 2oo0 mM. oder 38,8a8000 Morgen. Die Bevölkerung wuchs ungemein geschwind. Dom I. 1819, wo das Territorium A. errichtet wurde, stieg sie so schnell, daß bei der Wahl van Buren's im I. 1836 A. schon als unabhängiger Staat seine Stimme geben konnte. Nach dem letzten Census vom 1.1840 betrug die Bevölkerung 97574 E-, darunter 19935 Sklaven. Die Hauptstadt des Staats und Sitz der Regierung ist Little-Nock, in einer überaus fruchtbaren gesunden Gegend, woselbst sich auch viele Deutsche niedergelassen. Der Gouverneur wird auf vier Jahre gewählt. Die gesetzgebende Versammlung besteht aus einem Senat und einem Hause der Repräsentanten. Erstercr besteht aus 17, letzteres aus 54 Mitgliedern. Die Staatsschuld belief sich 1840 auf 3,660000 Dollars. Bei der Präsidentenwahl hat A. drei Stimmen. Arkebuse oder Hakenbüchse hießen die 2'/r F. langen Feuerröhre mit deutschen oder Nadschlössern, welche im I6.Jahrh. die reitenden Schützen führten. DieArkebusicr, wie man sie noch im Dreißigjährigen Kriege nannte, waren anfangs ein Theil der Leibwachen, nachher aber bildeten sie die leichte Reiterei des Heers, im Gegensatz der vom Kopf bis zum Fuß geharnischten Kürassiere. Sie führten einen Brustharnisch, der bisweilen auf der rechten Schulter einen Ausschnitt hatte, um beim Anschlag nicht zu hindern, eine Pickelhaube und außer der Arkebuse noch zwei Pistolen und ein zweischneidiges Schwert. Wahrscheinlich kamen sie zuerst bei den Franzosen während der ital. Feldzüge Karl's VlII. unter dem Namen Argoulets auf, später erhielten sie den Namen Carabiniers. — Arkebusad e ist ein Schust- und Mundwasser und arkebusiren wird statt erschießen gebraucht. Arkön oder A rk ona, das nordöstliche, 173 F. aus der Ostsex ragende Vorgebirge der Insel Rügen (s. d.), im Kirchspiel Altenkirchen auf der Halbinsel Wittow, besteht aus Kreidefelsen, mit Feuersteinen und Versteinerungen untermischt, und die Ufer sind schroff ab- geschnittcn. Auf A. befand sich die auf der Westseite durch einen hohen Erdwall gedeckte, alte slawische Burg mit dem Haupttempel des Gottes Swantewit, dessen Dienste König Waldemar l. von Dänemark durch Eroberung der Burg 1168 ein Ende machte. Neuerdings wurde neben dem alten Walle ein Leuchtthurm erbaut. ^ Arktisch heißt zum Nordpol gehörig; das Wort kommt von dem griech. Namen desjenigen Sternbildes, zu welchem der Polarstern gehört, nämlich dem kleinen Bären, her, indem 490 Arkwright Arlincourt ! der Bar im Griechischen grittos heißt. Der arktische Kreis oder der Polarkreis ist ein j kleiner, dem Äquator paralleler Kreis des Himmels oder auch der Erde, welcher von dein > Nordpole um 23° 28^ absteht. Man unterscheidet auch hier den nördlichen und südlichen Po- ' larkreis. Der Raum, welchen der arktische Kreis der Erde um den Pol einschließt, heißt die nördliche kalte Zone. Die Bewohner derselben sehen mehre Tage im Jahre die Sonne im Sommer nicht untergehen und im Winter nicht aufgehen, und zwar desto längere Zeit, je näher sie dem Pole wohnen. Arkwright (Sir Richard), der Vervollkommne der Baumwollspinnmaschinen und dadurch der eigentliche Begründer eines Manufacturzweiges, dem Großbritannien eine unermeßliche Ausdehnung seines Waarcnvcrkehrs und dem Millionen Hände Beschäftigung ver- danken, war ursprünglich ein armer Barbier. Im I. 1767 gab er seine Barbierstube auf, ' um sich ganz der Mechanik zu widmen, und ging nach Warrington, wo er eine Art ker- j,stimm mobile herzustellen suchte. Ein Uhrmacher, Namens Kay, der sich mit der Ausführung einer Maschine zum Spinnen der Baumwolle beschäftigte, ohne jedoch bedeutende Erfolge gewonnen zu haben, federte ihn auf, mit ihm gemeinschaftlich diese Idee zu folgen. Da sie Beide ohne hinlängliche Mittel waren, wendeten sie sich um Unterstützung an einen wohlhabenden Mann, Namens Atherton, in Liverpool, der ihnen solche auch gewährte. So kam die Maschine zu Stande, auf die A. 1769 ein Patent nahm. In Verbindung mit Smalley, dann mit cinemSchotten, Dalc, später allein der von ihm in Nottingham begründeten Anstalt vorstehend, wurde er bald einer der reichsten Spinner des Landes, wiewol sein 1775 erneuertes Patent 1785 erlosch. Bei seinem Tode, 3. Aug. 1792 in der von ihm errichteten großen Anstalt Crumbford in Derbyshire, schätzte man sein Vermögen auf 5V0660 Pf. St. A. ist wegen seines Eigenthumsrechts an der wichtigen Erfindung der Spinnmaschinen vielfältig angefochten worden; wenn man indeß auch Kay die erste Idee nicht absprechen kann, so ist doch auch nicht zu verkennen, daß Derjenige, der eine rohe Idee in ihren Zweigen aus- < bildet und sie zu allen den Zwecken anwendet, deren sie fähig ist, dem ersten Erfinder weil äl voranstehe. Seine Entdeckung hat nach ihm wenig Verbesserungen erfahren. ^ Arlay oder Arley, eine Baronie in der vormaligen Grafschaft Burgund (l^ranobe- , 6omte), jetzt im Juradepartement, gehörte früher dem Hause Chalon, von welchem die Prinzen von Dramen abstammen. A. machte einen Theil der durch den Tod Wilhelm's III. von England erledigten manischen Erbschaft aus und ward seitdem, wegen der Ansprüche auf diese Erbschaft, in den Titel der Könige von Preußen ausgenommen, aus dem cs aber seit 1817 wcggeblieben ist, während Oranien und Valengin beibehalten wurden. Arles, eine Stadt des franz. Departements der Rhonemündungen am linkenUfer des Hauptmündungsarms der Rhone, mit 20909 E-, die ziemlich lebhaften Handel und Schiffbau treiben, auch einige Seiden- und Hutfabriken unterhalten, mit einem College, einer Navigationsschule, öffentlichen Bibliothek, einem naturhistorischcn und einem Antiquitätencabinei. Zur Austrocknung der Sümpfe, welche die Gegend ungesund machen, und weil die Schiffahrt auf der Rhone sehr vielen Hindernissen und Gefahren unterliegt, ist ein Kanal bis zur Südküste geführt worden. Über die Rhone führt eine Schiffbrücke nach Trinquetaillc, das gleichsam als Vorstadt von A. an der Spitze der durch bedeutende Viehzucht ausgezeichneten Deltainsel Camargue liegt. A. ist eine der ältesten Städte Frank- ff reichs, deren Glanz noch eine Menge wohlerhaltcner Denkmäler bekunden. Unter ihnen sind bcmerkcnswerth das 1008F. im Umfang habende Amphitheater, dessen Arena jetzt mit armseligen Häusern bedeckt ist, die Reste eines Theaters, eines Palastes Konstantin des Großen (jetzt le cköteau äe 4'ro.mIIe genannt), der vor dem Ttadthause stehende Obelisk von Granit und die Elysäischen Felder. Zur Nömerzeit war A. Sitz eines Pcäsects, später wurde es Hauptstadt des arelatischen oder burgundischen Reichs. Arlincourt (Victor, Vicomte d'), der Verfasser viclgelesener Romane, ist am 1 0. Sept. 1789 auf dem Schlosse Merantris bei Versailles geboren. Sein Vater, der den größten Theil seines Vermögens zu Gunsten der königlichen Familie geopfert hatte, fiel während der ,! Revolution unter dem Beil der Guillotine. Napoleon stellte den Sohn erst im Dienste der F-e Kaiserin Mutter an und ernannte ihn in der Folge zum Intendanten bei der Armee von Ara- gonien. Nach der Rückkehr der Bourbons ward A. mit vieler Rücksicht behandelt und zum Armada Armagnac 491 Nequetenmeister befördert, nach den Hundert Tagen aber seiner Stelle entsetzt. Zurückgezogen auf einem Schlosse in der Normandie, lebte er ganz den Wissenschaften, bis KarlX. ihn durch Ernennung zu seinem Ehrenkammcrherrn wieder an seinen Hof zog. A.'s Name glänzte unter der Restauration, während jetzt sein Stern bereits im Untergehen begriffen ist. Seine bekanntesten Werke sind die epische Dichtung „ tlksrlemsgne o» la (lsroleicke" (2 Bde., Par. 1818; 3. Aust. 1823) und die Romane „V>e solitsire" (Par. 1821), „V,v reneASt" (2 Bde., Par. 1822), „I^strsriger«" (2 Bde., Par. 1825), „I.k!S ecorobeiirs" (2 Bde., Par. 1833) u. s. w. Er verdankt das große Publicum, das er unter der Restauration zählte, weniger dem poetischen Gehalte seiner Werke als der royalistisch-katholisch-ro- mantischcn Richtung, die sich in allen Producten seiner Feder aussprach und der Mode der aristokratischen Stände schmeichelte. Sein Stil ist barbarisch und jeder Schönheit entblößt. Er erlaubt sich Inversionen und Satzbildungen, die aufhören französisch zu sein. Indessen ist ihm eine Erfindungsgabe, die aber stets roh und unkünstlerisch bleibt, nicht abzusprechen. Vor kurzem von einer ausgedehnten Reise durch Holland und Deutschland zurückgekehrt, aus der ihm von Seiten der höchsten Aristokratie die schmeichelhafteste Aufnahme geworden ist, hat er seine Wanderung in dem Werke „I-o pelerin" (Par. 1832) geschildert. Armada heißt in Spanien jede bewaffnete Macht, namentlich jede Kriegsflotte, vorzugsweise aber jene große Seemacht, die sogenannte unüberwindliche Flotte, welchePhilipp II. 1588 gegen Elisabeth von England ausrüstete, um das ihm vom Papste geschenkte England zu erobern. Sie bestand aus 13V großen Kriegsschiffen und 30 kleinern Schiffen, hatte 19295 Seesoldaten, 8360 Matrosen, 2088 Sklaven und 2630 Kanonen nebst dem Großinquisitor und 150 Dominicanern an Bord. Ein schneller Angriff der Engländer aber unter Lord Howard, am 8. Aug. 1588, richtete die größte Verwirrung unter der Armada an; durch Sturm scheiterte, als sie Großbritannien nordwärts umsegeln wollte, ein großer Theil der Schiffe, und mit der Vernichtung dieser Flotte war Spaniens Macht gebrochen, wenn auch Philipp bei der Nachricht von diesem Unfall nichts als die gleichgültigen Worte äußerte: „Ich habe die Flotte nicht gegen die Sturmwinde geschickt und danke Gott, di» Macht zu besitzen, eine neue rüsten zu können." Armadilla heißt ein Geschwader von sechs bis acht kleinen Kriegsschiffen, welche die Spanier zur Verhütung des Schleichhandels in ihren amerik. Besitzungen hielten, aljo eine Gattung von Küstenwache. Armagnac, der Provinzname einer südfranz. Landschaft, welche als ein Theil der Gascogne dem heutigen Departement des Gers entspricht und früher, von den Pyrenäenab- sällcn bis zur Garonne reichend, in Ober- und Niedcrarmagnac getheilt wurde. Der fruchtbare, besonders für Getreide, den ausgezeichnetsten Wein und den Betrieb der Viehzucht günstige Boden ist in außerordentlich viel Güter zerstückelt und unter einem zahlreichen, aber armen Adel verthcilt. Der Hauptindustriezweig besteht in Branntweinbrennereien, deren Product als Lsn U'^rmagnao im Handel mit dem von Saintogne und dem Cognac wetteifert. Die einfachen, kräftigen und muthigen, aber in Aberglauben und Unwissenheit lebenden Bewohner wurden dereinst insbesondere zu Kriegsdiensten gesucht. A. führte den Titel einer Grafschaft und das alte vom König Chlodwig, dem Merovinger, abstammende Geschlecht der Armagnacs hat wiederholt in der Geschichte Frankreichs eine wichtige Rolle gespielt. Die vormalige Hauptstadt A.s ist Lectoure am Gers mit 6350 E-, während südlich davon Auch mit 10360 E- die Hauptstadt des Departements des Gers ist. Die Arne ag na ken bildeten zur Zeit König Karl's VII. von Frankreich den Kern der von dem Grafen von Armagnac und andern Nottenanführcr befehligten Scharen, welche lange in Frankreich Mord und Verheerung übten. Um nach Jvhann's IV. von Armagnac Unterwcr- fung 1333 daS Land von ihnen zu befreien und zugleich, wo möglich, den Rhcinstrom als Grenze zu gewinnen, sandte Karl VII. auf Kaiser Friedrichs III. und der Großen von Elsaß und Schwaben Einladung, welche so die Schweiz zu unterdrücken hofften, zwei Heere dieser Armagnaken, das eine 20000 M. stark, gegenMctz, Toul, Verdun und Elsaß, das andere 30000 M. stark, unter dem Dauphin gegen den Sundgau und Mämpelgard ab. Aber die Schweizer befreiten sich von der Wuth dieses Raubgesindels durch den glorreichen Tag bei St.-Jakob an der Birs am 26. Aug. 1333, wo das kleine Schweizcrheer den Sieg mit 492 Armansperg seinem Untergang erkaufte; aus dem Elsaß aber wurden sie im folgenden Jahre theils durch Waffengewalt, theils durch Vergleiche entfernt, worauf Karl VII. die noch übrigen meist verabschiedete. Dieser sogenannte Armagnakcnkrieg wurde in Deutschland, wo man den Namen Armagnac in „Armer Geck" verstümmelte, Armegeckenkrieg genannt. Vgl. Barthold, „Der Armegeckcnkrieg im I. 1444 und 1445" in Raumer's „Historischen Ta- schenbuchc", Neue Folge, Jahrg. 3 (Lpz. 1842). Armansperg (Jos. Ludw., Graf von), ehemaliger Präsident der Regentschaft in Griechenland, geb. am 28. Febr. 1787 zu Köhting in Niederbaiern, aus einer sehr alten und ausgezeichneten Familie, trat 1808, nachdem er zu Landshut seine Studien beendet, in den Staatsdienst. In den Kriegsjahren 1813 und 1814 war er bair. Armeecommissar, verwaltete einige Monate das Departement derVogesen und war später Mitglied des Verwaltungsraths für das Gebiet zwischen Rhein und Mosel. Er wohnte 1815 dem wiener Kongresse bei, wurde im Feldzuge dieses Jahres Bevollmächtigter im Hauptquartier der Verbündeten und administrirte dann zu Auxerre in Burgund das aus sechs Departements gebildete bair. Generalgouvernement. Von 1816 — 23 bekleidete er mehre wichtige Stellen und machte sich als Dircctor der Regierung des Rheinkreises besonders verdient um die Organisation der dortigen Finanzen und um die Erhaltung der in der Revolution gewonnenen Institute. Als Gutsbesitzer im Unterdonaukreise 1825 zum Abgeordneten gewählt, wurde er zweiter Präsident der zweiten Kammer. Er stand an der Spitze einer gemäßigt liberalen Opposition und^drang auf Einführung der Landräthe. Bei dem Regierungsantritt des Königs Ludwig berief ihn dieser nach München, wo die Vcrordnungsentwürfe über veränderten Organismus des Hähern Verwaltungswesens hauptsächlich von ihm ausgingen. Schnell nacheinander wurde er Staatsrath, lebenslänglicher Rcichsrath, Minister des Innern und der Finanzen und endlich Minister der Finanzen und des Auswärtigen. Er gehört mit zu den Gründern des deutschen Zollvereins, bethätigte sich in der Territorialfragc gegen Baden und in der sponheimischen Surrogatsfrage, regencrirte das lange vernachlässigte Thronlehnswesen und brachte strengere Ordnung und Klarheit in die Finanzen, zumal in das Staatsschuldenwesen. Dagegen beklagte man sich, daß er allzu sehr die fiscalischen Exactionen begünstige und glaubte bei ihm überhaupt eine zu ausschließende Vorliebe für die bloS materiellen Interessen sowie für die sogenannten strengen Wissenschaften zu bemerken. Schon früher hatte er sich durch kräftigen Widerstand gegen die steigenden Anfoderungen Roms den Haß der Kamarilla und Kongregation zugezogen, der noch höher stieg, als er auf dem bewegten Landtage von 1831 mehrfache Versuche machte, sich der entschieden liberalen Partei zu nähern. Die Folge war, daß er beim Schluffe des Landtags vom Ministerium entfernt und zum Gesandten in London bestimmt wurde. Er zog es indeß vor, sich auf seine Familiengüter zurückzuziehen, konnte jedoch nicht auf die Dauer der Versuchung widerstehen, den wiederholten Auffoderungen des Königs zu folgen und an der Spitze der nach dem londoner Vertrag vom 7. Mai 1832 zu bildenden Regentschaft in Griechenland, die Leitung der Angelcgenheiten zu übernehmen. Als Präsident der Regentschaft landete A. mit dem jungen Könige Otto, zu Ende des Jan. 1833,beiNauplia. VomJuni l835bis 14. Febr. 1837 war er Staatskanzler, und in den letzten Monaten, während der Abwesenheit des Königs in Deutschland, schaltete er mit fast unumschränkter Vollmacht. Zwar geschah für Griechenland manches Heilsame unter seiner vierjährigen Verwaltung; allein von tausend Schwierigkeiten .umringt, im Gedränge erhitzter und mit gegenseitigem Mistrauen erfüllter Parteien von den Rivalitäten und Jntrigucn der Gesandten der europ. Großmächte umgeben, im Streite mit den andern Mitgliedern der Regentschaft, schien er nicht mehr dem Vertrauen zu entsprechen, womit ihn anfangs die europ. Diplomatie gehoben und als Den bezeichnet hatte, der allein den Umständen gewachsen sei. Darum ward Nudhart (s. d.) zu seinem Ndchfolger ernannt. Ihm machte man besonders zum Vorwurfe, daß er sich durch die Bildung einer ihm persönlich ergebenen Coterie unentbehrlich zu machen gesucht habe. Gleich- wol mislangen die in den Eparchien für ihn versuchten Adressen und wider eine im Senat mit geringer Wahrheit beschlossene Adresse zu seinen Gunsten erließ der Stadtrath von Athen eine tadelnde Gegenadresse über seine Verwaltung. Vergebens war auch das Bemühe« seines Freunde« und Vertrauten, des engl. Gesandten Lyon's, der dem rückkehrende» S n ' d u g S v 2 d ir re n d ei w le 1 T hl L ni ai >v L ei L g S F L S h ä n li '7 s ii h L d r o b ! r i Armatole» Armbrust 4N ! Monarchen erklärte, daß an die Belastung A.'S im Amte die Ruhe deS Lander und des Königs eigene Sicherheit geknüpft seien. A. erhielt vielmehr sogleich seine Entlassung, als er i dem noch nicht gelandeten Könige am Bord des Schiffs Portland seine Aufwartung machte, und reiste im Anfänge des März 1837 von Griechenland ab. Er hatte zwei Töchter an Eingeborene verheirathet, aber die älteste derselben durch de» Tod verloren. A. war von Keinem gehaßt, da er sich auch seinen Gegnern gefällig und milde zeigte; er ward bald von Denen vermißt, die durch ihn zu Ehren und Wohlstand gekommen, und wenn im Volke vielfacher Tadel über seine Verwaltung und mancher Misgriff laut wurde, so traf ihn nur ein Loos, dem sich kein fremder Staatsmann im neuen Hellas auf die Dauer zu entziehen vermochte. Seit seiner Rückkehr nach Baiern lebt A. zurückgezogen im Kreise seiner Familie. Armatolen und Klephten nennt man jene christlichen Heerführer in den nördlichen Hochländern Griechenlands, welche nebst ihren Scharen seit Gründung des osman. Reichs in Europa ziemlich unabhängig sich zu erhalten wußten. Ursprünglich führten sie, wegen ihrer Naubzüge nach dem platten Lande, den allgemeinen Namen Klephten,der Name Armatolen wurde dann Denen zu Theil, die mit der Pforte in Unterhandlungen traten. Nachdem zuerst die Bewohner des Bergs Agrapha das Vorrecht erhalten, einen Heerführer und eine Schar zur Sicherung der Ordnung in den benachbarten Städten und Dörfern zu bewaffnen, verbreiteten sich die Armatolen bald über das ganze Hellen. Festland. Sie wurden die letzten Freistätten altgriech. Freiheit und Selbständigkeit und namentlich seit Anfänge deS l7. Jahrh. der Pforte immer gefährlicher. Die Paschas, unvermögend, gegen die kühne Verschlagenheit der Armatolenführer, der Kapitanys und ihrer Scharen sich zu schützen, sahen sich gewöhnlich genöthigt, nur mit ihnen zu unterhandeln. Gegen Zusagen friedlichen Verhaltens versprach der Pascha Sold und Lebensmittel und vertraute die Ruhe den schirmenden Waffen der Armatolen. Immer mehr gewannen die Armatolen auf diese Weise an Macht und Kraft, weshalb auch die Hctairia zuerst Armatolen und Klephten für sich gewinnen mußte, wenn mit Erfolg ein Aufstand gegen die Pforte unternommen werden sollte. Den Armatolen konnte aber hinwiederum nichts willkommener sein als die Auffoderung der Hctairia. Ihre Macht betrug um diese Zeit etwa 12000 M., welche theils feste Stellungen eingenommen hatten, theils willkürlich ihren Aufenthalt im nördlichen Hellas wechselten. Die ausgezeichnetsten Armatolenführer waren Eustrates mit 500 M., Gogo, Georg Zon- gas, Saphakas, der 1827 vor Athen fiel, Georg Makry mit 300 M., KaraiskakiS, der gleichfalls 1827 vor Athen blieb, mit 600 M., Mitzo Kondojannis, Johannis PanuryaS, Kaltzodemos, der vor Missolonghi siel, mit-100 M., Odysseus, Georg Karatasso mit 600 M-, Christas Mcstcnopulos und MarkoS Botsaris, der an der Spitze der Sulioten stand. Im Vereine mit mehren Klephten waren sie die Hauptmacht bei dem Anfänge des griech. Frei- heitskampfcs, in welchem sie sich mit wenigen Ausnahmen hohen Ruhm erwarben. Armatur bedeutet in der Kriegssprache W affen (s. d.), Waffenstücke und allerhand Kriegsgeräth. Im Gegensatz zu den Montirungsstücken sagt man, der Soldat sei mit Armatur und Lederzeug versehen, also mit seiyen Waffen und dem Riemenzeuge, dem Bandelier, der Patrontasche u. s. w. Armbrust, oin uraltes Geschoß, dessen erste Erfindung sich nicht genau angeben läßt, ff Nach Plinius haben es die Phönizier erfunden. Im Mittelalter scheinen cs die Kreuzfahrer im Orient kennen gelernt zu haben, denn die Griechin Anna Komncna beschreibt es in ihren historischen Erzählungen unter dem Namen Tzagre als eine noch unbekannte Sache. In Europa wurde es durch die rückkehrenden Kreuzfahrer bekannt und bald einheimisch. Die deutschen Schützen führten diese Waffe von einer solchen Stärke und Kraft, daß nur die nervige Faust eines Deutschen im Stande war, sie zu spannen, und die abgeschossenen Pfeile oder Bolzen drangen selbst durch einen mäßig starken Harnisch. DerBogen wurde nicht wie bei den alten Pfeilbogen von Holz, sondern von Stahl angefertigt, an einem besondern Schaft befestigt und die Sehne mittels einer kleinen Handwinde, die man Spanner nannte, . gespannt. Die Pfeile oder Bolzen waren in der Regel vorn mit Eisen beschlagen, bald ff- rund, bald eckig oder spitz. Auch schleuderte man mit der Armbrust brennende Dinge fort, I um Gebäude und Kriegsmaschinen anzuzünden. Balester wurde die ganz aus Eisen bestehende Armbrust genannt, und Laliatsrii oder .^rcubulistarii hießen Die, welche eine 494 Armee Armencolonien solche führten. Eines Balesters bediente sich unter Andern Göh von Berlichingen im I. 1502. Im I. 1139 ward zu Nom der Bann über den Gebrauch dieses mörderischen Gewehrs ausgesprochen, fünfzig Jahre später durch Papst Jnnocenz lll. erneuert, jedoch beide Male ohne Erfolg. Vorzugsweise waren die Armbrüste unter Richard Löwenherz und Philipp August von Frankreich im Gebrauch. In Deutschland geschieht ihrer 1286 Erwähnung, wo Boleslaus I., Herzog von Schweidnitz, ein Vogelschießen damit abhalten ließ. Im I. 1509 bei der Belagerung von Capua, und 1502 bei der des Schlosses Peineburg bediente man sich der Armbrüste mit vielem Vortheil. Die Waffe erhielt sich selbst noch nach Erfindung des Feuergewehrs bis um 1530 und in England sogar bis 1627. Die Armbrust- schützen, auch Armbruster genannt, bildeten einen Haupttheil des Fußvolks, und die genuesischen und venetianischcn zeichneten sich im I I. und 15. Jahrh. durch ihre Geschicklich- kcit aus, weshalb sie häufig in fremden Sold genommen wurden. In Frankreich veranlaßie die Armbrust die Einrichtung einer vornehmen Kriegsstelle, den 6rc>n schäftsgewandtheit beweisen; doch hat die jahrhundertlange Vernachlässigung, der sie verfallen, sie in große Unwissenheit und in Aberglauben versenkt. Die Armenier sind Christen, und das Christenthum ist es gewesen, das ihnen in den Stürmen, welche der Islam über sie gebracht und unter andersgläubigen Völkern ihre Nationalität hat bewahren helfen. Der größte Theil von ihnen, besonders die in ihrer Heimat verbliebenen, bildet eine eigene Kirche, und nur der kleinere Theil hat sich mit der röm. Kirche vereinigt. (S. Armenische Kirche.) Da A. kein selbständiges politisches Ganze ausmacht, so läßt es sich statistisch auch nur nach den verschiedenen Provinzen der Reiche, unter die cs fällt, bestimmen. Zn dieser Beziehung sind die türk. Ejalets Erzcrum, Wan, Kars, sowie Theile der Ejalcts Ma- rasch, Sivas, Schchresor, Diarbekir, sowie vom russ. Transkaukasien die ehemaligen pers. Provinzen Eriwan und Nachitschcwan, ein Theil von Schirwan und das ehemalige türk. Georgien, endlich der nordwestliche Theil der pers. Provinz Ascrbeidschan ungefähr bis znm Urmiahsce zu rechnen. Die bedeutendsten Orte in dem zu Rußland gehörigen Theile A.s sind: Eriwan mit ungefähr 14000, Achalzik mit 20000 E. und das berühmte Kloster Etschmiadzin (s. d.); in dem türk. A.: Erzerum (s. d.), W a n (s. d.), Bajazid mit 1 5000 und Erzingan mit 30000 E. Armenische Kirche. Schon im 2. Jahrh. kam das Christenthum nach Armenien; denn Dionysius von Korinth bereits schrieb, wie Eusebius berichtet, an armen. Christen, die unter dem Bischof Meruzancs standen. Festem Bestand aber erhielt cs erst im 4. Jahrh. durch den Bischof Gregorius (wegen seiner apostolischen Wirksamkeit Lusaworitsch oder der Er- leuchter genannt), der den König Tiridates für dasselbe gewann, sowie im 5. Jahrh. durch die Bibelübersetzung desMiesrob. (S. Armenif hcLit eratur.) Von da an herrschte ein Armenische Literatur 499 reger Geist in der armen. Kirche, nnd Armenier besuchten häufig die Schulen zu Athen. In dem Kirchcnstreite über die zwei Naturen in Christus hielten es die Armenier mit den Mo- nophysitcn, verwarfen unter Begünstigung des Perserkönigs Khosroes, der das Land gegen 536 erobert hatte, auf einer Synode zu Thiyen das chalcedonensische Concil und lebten seitdem als abgesonderte Partei. Wie in keiner der andern morgen!. Parteien zeigte sich unter ihnen mehre Jahrhunderte hindurch ein reiches, wissenschaftliches Leben, auch in der Theologie; als ihren größten Theologen verehren sie Nerses von Klah, armen. Katholikos ans dem 12. Jahrh., dessen Werke neuerdings (Bd. 1, Vcn. 1833) herausgcgcben worden sind. Aber keine Partei hat auch ihre Abneigung gegen die orthodoxe Kirche so entschieden festgehalten. Zwar haben die Päpste zu verschiedenen Zeiten, z. B. 1145, 1341, 1440, wenn die Armenier die Hülfe des Abendlandes gegen die Mohammedaner in Anspruch nahmen, Unionsversuche gemacht, allein meist gingen nur die Herrscher darauf ein, das Volk beharrte bei seinen eigcnthümlichen Meinungen, wie denn z. B. Papst Benedict Xll. 1341 über 117 Irrlehren der armen. Kirche sich beklagt. Unirte Armenicr gibt es daher nur in Italien, Polen, Galizien, Persien, unter dem Erzbischof zu Nachitschewan gm Don, im russ. Gouvernement Jckaterinoslaw und in Marseille. Sie erkennen die geistliche Oberherrschaft des Papstes an, stimmen in ihren Glaubenssätzen mit den Katholiken überein, haben aber ihre eigene Kirchenordnung. Ebenso verhält es sich mit den unirtcn armen. Klöstern auf dem Berge Libanon in Syrien und auf der Insel S.-La;arobei Venedig. (S. Me ehitar istcn.) Bei dem Einbrüche der Perser in Armenien zu Anfänge des 17. Jahrh. sahen sich Viele genöthigt, Mohammedaner zu werden; aber beiweit. rieh, „ve ruictorum gruecorum versionibus srub. armen. etc." (Lpz. »8-12); eine eigene ' Schrift, die aus 36 Buchstaben besteht, und mit der noch jetzt das Armenische geschrieben wird, wurde durch Micsrob im I. 406 cingeführt. Die eigentliche Blüte der armen. Literatur dauerte vom 4. bis 14. Jahrh.; eine Menge Schriftsteller aus dieser Periode werden genannt, deren größter Theil aus Historikern und Chronisten besteht, die für die Kenntniß der Geschichte des Orients wahrend des Mittelalters von bedeutendem Wcrthe, obgleich noch nicht gehörig benutzt sind. Das Muster, nach welchem die armen. Schriftsteller sich gebildet haben, die später» gricch. Prosaiker, tritt aus allen ihren Schriften hervor; den übrigen oriental. Schriftstellern stehen sie zumeist voran durch verständige Auswahl der Facta und geschmackvolle Darstellung. Mit dem 14. Jahrh. beginnt die armen. Literatur zu sinken, und kaum Ein Werk von Bedeutung tritt mehr hervor; eine lebhafte Theilnahme an der Literatur ihres Vaterlandes aber haben die Armenier stets bewahrt, und wo sie sich auch seit ihrer Zerstreuung niedergelassen haben, überall haben sie Druckereien angelegt, sodaß man armen. Drucke kennt aus Amsterdam, Venedig, Livorno, Lemberg, Moskau, Astrachan, Konstantinopel, Smyrna, Etschmiadzin, Jspahan,, Madras, Kalkutta, Batavia und andern Orten. Die interessanteste Niederlassung der Arinenier ist,die der Mechitaristen (s. d.) auf der Insel S.-Lazaro bei Venedig. Die Bibel, deren Übersetzung von Micsrob und seinen Schülern 4»I begonnen und 5 l» vollendet wurde, und im Alten Testamente dem Texte der Septuaginta folgte, jedoch später aus der Pcschito und Vulgata mannichfach interpolirt wurde, gilt noch jetzt als das höchste Muster der klassischen Sprache (Ven. »733, Fol.; mit Varianten Ven. »805, 4.). Aus derselben Zeit stammen die Übersetzungen anderer griech. Schriftsteller, wodurch Werke theilweise uns erhalten worden sind, deren Originale sich nicht mehr finden. Dahin gehören die Chronik des Eusebius (herausgeg. von Auchcr, 2 Bde-, Den. »8» 8,4.), Redendes Philo (herausgeg. von Auchcr, Ven. »822,4.) und andere Frag- l mente dieses Schriftstellers (Ven. »826,4.), Homilien des Chrysostomus (3 Bde., Ven. »826), des Severianus(Ven. I827),desBasiliusMagnus(Ven. I830)unddes Ephraim Syrus (4 Bde., Ven. 1836). Von den Historikern und Geographen sind zu erwähnen aus dem 5. Jahrh.: Agathangelos zu Anfänge des 4. Jahrh. (Ven. 1835), Zcnob Claghctsi (Ven. 1832), Moses aus Khorcne,„gest. 487, der bedeutendste und interessanteste Historiker seiner Nation (herausgeg. mit lat. Übersetzung von Wiston, Lond. »736, 4.; und Ven. 1827), auch Verfasser einer Geographie (herausgeg. und übersetzt von Saint-Martin in seinen ,Memuires bistorigues ei geogrspbiHues sur l'^rmenie", 2 Bde., Par. 1818), Faustus Byzantiners (Ven. »832), Elisäus (Ven. »828; „Beschreibung der Kriege des Königs Wartan gegen die Perser", englisch von Neumann, Lond. »83») und Lazarus aus Parb (Ven. 1793); aus dem 7. Jahrh. Joannes Mamigoncnsis (Ven. 1832), aus dem 9. Jahrh. Joannes Katholicus (franz. überseht von Saint-Martin, Par. 1842); aus dem 12. u. 13. Jahrh. Matthias Erez aus Edessa, Samuel Anetsi, Vartan, Vahram u. A.; aus der neuern Zeit Michael Tschamtschean, der eine allgemeine Geschichte seines Volks von den ältesten Zeiten an verfaßte (3 Bde., Ven. »784—86,4.; im Auszuge, Ven. »811; engl, von dem Armenier Avdall, 2 Bde., Kalk. 1827) und Lucas Jndschidschea» 's („Beschreibung von Alt-Armenien", Ven. »822, 4., und,„Beschreibung des Thrazischcn Bosphorus", Ven. »794; ital. Ven. 1831). Eine ital. Übersetzung der armen. Geschichtschreiber vom 4. Jahrh. an bis auf die neuesten Schriften von Georg Oghullukian und Joseph über die Revolutionen im türk. Reiche unter Selim III. und der Vernichtung der Janitscharcn wird von den Mechitaristen unter Leitung des Pater Tommaseo in Venedig herausgegeben ; die ganze Sammlung ist auf 24 Bände berechnet, deren erster, das Geschichtswerk des Moses von Khorcne enthaltend, bereits erschienen ist (Ven. 1842). Unter den philosophischen und theologischen Schriftstellern sind besonders zu nennen David, im 5. Jahrh. der Übersetzer und Commcntator des Aristoteles (vgl. Neumann, „blemoire sur I» vie et les ouvrsges Oe Ilsvill", Par. 1829), Esniki aus dem 5. Jahrh. („Widerlegung der Ketzer", Ven. 1826), Elisäus (Ven- 1838; ital. Ven. 1840), Joannes Ozniensis, aus dem 8. Jahrh. (armen, und lat., Ven. Armcnrecht Armenschulen 5VI 1834), Nerfcs Klajensis, aus dem >2. Jahrh.(lat., 2 Bve-, Ben. 1833), Nersrs Lampro- nensis („Synodalrcdc", Vcn. l8l2; deutsch von Neumann Lpz. 1834). Die „Vitae san- ctorum calentlarii srmeniaci" (12 Bde, Ven. 1810—14) enthalten manchen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Landes. Weniger reich und ausgezeichnet ist die armen. Literatur in Werken der Poesie; außer den Hymnen der armen. Kirche sind nur die Gedichte des Nerses Klajensis (Vcn. 1830) bekannt geworden, unter denen sich eine Elegie über die Einnahme von Edcssa auszcichnet (Par. 1828). Erwähnung verdienen noch die Fabeln des Mechitar Kosch (Ven. 1790) und des.Vartan (armen, und franz., Par. 1825), beide aus dem 13. Jahrh. Eine vollständige Übersicht der Literatur gibt Somal in seinem „HuaOro «iella storia litteraris tii ^rmenia" (Ven. 1829), frei bearbeitet von Neumann in dem „Versuch einer Geschichte der armen.Literatur" (Lpz. 1836). — Die armenische Sprache gehört zu den entferntesten Nebenzweigcn des indo-germanischen Sprachstammcs, doch hat sie in Bildung und Form viel Eigenthümliches; dem Ohre aber ist sie rauh und unlieblich. Das Altarmenische, die Sprache der Literatur, ist jetzt als eine tobte Sprache zu betrachten; in das Ncuarmenische, das wieder in vier wenig voneinander abweichende Dialekte zerfällt, sind viele fremde, namentlich türk. Wörter cingedrungcn, und selbst die ganze Constructions- weise der Sätze hat sich nach den Gesetzen der türk. Syntax umgeändert. Grammatiken gibt es von Schröder (Amst. 1711, 4.) und von Petermann (Berl. 1837; im Auszüge nebst Chrestomathie, Berl. 1841). Das beste Wörterbuch ist das ganz armen, geschriebene des Mechitar (2 Bde., Ven. 1836—37, 4.), das armen.-franz. (2 Bde., Vcn. 1812, 4.), das armen.-engl. von Aucher (2 Bde-, Ven. 1821, 4.) und das armen.-ital. von Immanuel Tschaktschak (Ven. 1837, 4.). Armenrecht heißt die Rcchtswohlthat, vermöge welcher die Kosten für Führung eines Civilprocesses der streitenden Partei auf ihr Nachsuchen wegen Armuth crcditirt, bisweilen auch ganz erlassen werden. Aus den Grund der Rcichsgcsehgcbung ist dieses Recht in den meisten deutschen Particularrechtcn anerkannt, meist in der Art, daß der Arme zur Nachzahlung gehalten sei, wenn bessere Vcrmögensumstände ihn dazu in den Stand setzen, obwol der Arme z. B. in Würtemberg wenigstens von den Sporteln völlig frei ist. Die Zulassung zum Armenrecht ist bald blos von der Beibringung eines Armuthszcugnisses, bald von der Ableistung des sogenannten Armencidcs abhängig; manche Gesetzgebungen, wie z. B. die preußische, verlangen Beides. Damit hängt in der Regel die Bestellung eines Ofsicialanwalts für Führung des Processes dcS Armen zusammen. Wegen Misbrauchs des Armenrcchts drohen mehre Gesetzgebungen Gefängnisstrafen an. Einige hierher gehörige Fragen, z. B. die, ob dem Gegner der Armenpartci dieselben Vortheile cingeräumt werden sollen wie jener, sind neuerlich mehrfach angeregt worden. Armenschulen. Die Nothwendigkeit besonderer Unterrichtsanstalten für Kinder unbemittelter Ältern in nicht ganz kleinen Städten ist in der Verschiedenheit der Classen des Bürgerstandes begründet, und eine Vermischung solcher Kinder mit denen aus dem Mittlern und höhern Bürgerstande ist für alle Theile mit den größten Nachtheilen verbunden. Daher ist man auch in allen Staaten auf Errichtung besonderer Armenschulcn da bedacht, wo ein Bedürfnis dafür sich hcrausstellt, und die Vereinigung von dergleichen Unterrichtsanstalten mit den Mittlern Bürgerschulen, wie sie seit 1825 in einigen Städten des Großherzogthums Sachsen-Weimar bewirkt wurde, wird jetzt bereits wiederaufgehoben. Damit jedoch Ar- mcnschulcn nicht Kastenschulen werden, ist Fürsorge zu treffen, daß armen Kindern, die durch Anlagen, Fleiß und besonders durch gute Sitten sich auszeichnen und deshalb einer höhern Schulbildung würdig sind, durch Befreiung von dem üblichen Schulgelde und durch Darreichung der nöthigen Hülfsmittel an Büchern und dergleichen es möglich gemacht wird, auch in die mittler» und höhern Bürgerschulen übergehen zu können. Die Armenschulen sind thcils eigentliche, für die Kinder von Almosenempfängern, gewöhnlich von der Armcn- versorgungsbchörde beaufsichtigte und aus den Armenfonds erhaltene Unterrichtsanstalten für die unentbehrlichen Elementen kenntniffe, und dann häufig mit Industrieschulen für den Unterricht in geeigneten Handarbeiten, die den arbeitenden Kindern bezahlt werden, verbunden; thcils aber Frcischulen, die aus dem Gemcindevmnvgcn oder durch Stiftungen 562 Armeutaxe Armenwesen unterhalten werden und den Unterricht entweder ganz unentgeltlich oder gegen geringes ! Schulgeld crthcilen. § Armentaxe ist der aus England herübcrgeholte Name für eine zum Zwecke der Armen- »siege aufgelegte Steuer. Es hat auch in andern Landern nicht ausblciben können und ist seit längerer Zeit vorgekommen, daß, wenn man einmal die Nothwcndigkeit erkannt hatte, etwas für die Armen zu thun und die freiwillig dargcbotcncn Mittel nicht ausreichten, man zuletzt die Steuerpflichtigen für das unabweisbare Bedürfnis; beiziehcn mußte. Jndeß sträubt man sich so lange als möglich gegen die regelmäßige und allgemeine Begründung einer Armensteuer, wählt lieber indirccke und verdccktcrc Wege und wehrt wenigstens so weit thunlich den Namen ab. Denn man sieht in Englands Beispiel, wo allerdings die Armentaxe von kleinen Anfängen zu einer erschreckenden Höhe hcrangewachsen ist, eine Warnung; man fürch- * tet, mit den sichern Erträgnissen einer vom Staate vorgeschriebenen Armensteuer werde nicht so sparsam umgegangcn werden, wie jetzt, wo die nöthigsten Mittel, auf verschiedenen Wegen, kümmerlich zusammcngesucht werden müssen; man scheut sich, es offen auszusprechen, daß die Armen einen Anspruch auf Unterstützung von Seiten der Gesellschaft haben. Stellte man auch den letzter«, wie doch Manche gethan haben, nicht in Abrede, so fand man es doch bedenklich, ihn im Gesetze auszusprechen. Als ob die Armen ihre Ansicht vom Staate aus Ecsetzparagraphen und nicht vielmehr aus ihren Erfahrungen schöpften! Jedoch kommt zuletzt auf das gesetzliche Aussprechen eines Grundsatzes, den man doch genöthigt ist, praktisch anzuwcndcn, nicht so viel an. Allerdings aber muß es Politik der Armenpflege sein, so viel als möglich auf andcrm Wege als durch die Armensteuer die Kosten zu decken' und dadurch ein reges Interesse für zweckmäßigste Einrichtung der Armenpflege und sorgfältigste Verhütung eines unnökhigen Aufwandes zu erhalten. Indem z. B. die Gemeinde einen Verarmten bei Verwandten unterbringt, oder ihm eine Erwerbsquelle eröffnet, will sic zunächst sich eine Ausgabe ersparen, sorgt aber zugleich für den Armen besser, als wenn sie ihn auf das Budget der Armentaxc gewiesen hätte. Mit dem hohen Betrage der Ar- ^ mentaxe in England, wo sie mit der Eintheilung in Kirchspiele in Verbindung gesetzt ist und schon 1563 begründet, hauptsächlich aber durch das 43. Statut der Königin Elisabeth (1645) organisirt wurde, um sich bis zumJ. 1831 aufdie Summe von 8,286660 Pf. St. jährlich zu erheben, hat cs allerdings seine eigene Dewandtniß. Nicht umsonst hat England die politische Freiheit des antiken Staats mit der persönlichen des germanischen vereinigt und das den Alten unlösbare Problem übernommen, ein freies Staatsleben in einer durch alle, wenn auch noch so verschiedene, Elasten freien Bevölkerung zu erhalten. Es muß dafür durch Unterstützungen bezahlen, mit denen es die ärmer« und rohern Volksclassen beschwichtigt und die uns an die Diäten erinnern, welche die Bürger Athens für das Erscheinen auf dem Marktplatz erhielten. Ferner geben in der Form der Armentaxc die Landeigen- thümer den Armen einen Theil des Gewinnes zurück, den sie durch die Folgen der Kornbill an ihnen und Reichern machen. Und endlich ist die Armentaxc gewissermaßen ein Zuschlag zu dem Arbeitslohn und so eine öffentliche Beihülfe zu Gunsten der Industrie. Aber frei- ! lich liefen auch große Misbräuche mit unter, deren Abstellung hauptsächlich die neue 1834 ^ begründete Organisation des Armenwesens gewidmet war, seit welcher auch die Armcntaxe sich gemindert, dagegen freilich die Unzufriedenheit der untern Elasten sich sehr gemehrt hat. Armenwesen. Die Armuth ist die Mutter der Künste, aber auch der Laster und dadurch^ ein Verderben der Staaten. Ein Staat, in welchem es viel Arme gibt, zumal solche, welche arbeiten könnten, wenn sie nur wollten, oder wenn sie Arbeit fänden, kam; darin den unumstößlichen Beweis sehen, daß seine Einrichtungen und die Elementarverhält- niffe des Volks fehlerhaft sind. Die Armuth ist die größte Versuchung zu allem Schlechten und Nichtswürdigen; sic macht den Menschen käuflich und gleichgültig für Schande und Strafe, und sic seht auch nicht selten den Bessern in eine Wahl zwischen Entbehrung und Verbrechen, von welcher Diejenigen keinen Begriff haben, welche den Nothleidende» nicht in der Nähe beobachteten. Es ist also dringende Pflicht für die Negierungen, der Armuth cntgegenzuarbeiten und zwar zuerst den Ursachen derselben, dann aber auch ihren ü Wirkungen durch Versorgung. Ob die Armuth eine verschuldete oder unverschuldete ist, ' kann für die Arnicnvcrsorgung keinen Unterschied begründen, sondern bei dieser nur darauf 503 Armenwesen ^ gesehen werden, daß die Übeln Gewohnheiten, weiche freilich oft Ursache, oft aber auch nur erst Folge der Armuth sind, durch die Art der Armenpflege mit bekämpft werden. In dieser r- Hinsicht bildet die Armenvcrsorgung einen Übergang von der Volkserzichuug zur Zwangs- policei und der auf Besserung gerichteten Strafgewalt. Es ist aber diese Armenpflege im eigentlichen Sinne des Worts von den Maßregeln zu unterscheiden, welche gegen die Massenarmuth, oder den Pauperismus (s. d.) gerichtet werden. Die Armenpflege kann dabei nur wenig thun; sie hat es nur mit Folgen und Zeichen jenes Übels zu thun, und wenn es selbst in seiner Kraft bleibt und seine Ursachen fortwirken, so liefert es ihr rastlos neue Beschäftigung. Dagegen wird durch seine ^ Beseitigung oder Milderung auch ihre Aufgabe vereinfacht und erleichtert. Einiges kann ^ allerdings auch sie zur Unterstützung des Gegenkampfes gegen jenes Unheil beitragen; und außerdem ist ihre Thätigkeit von höchster Bedeutung, weil sie menschliche Leiden mildert, Schwache und Sinkende hebt und hält, einen unregelmäßigen Zustand ordnet und dadurch ungefährlicher macht. Auch muß sie in Analogie zu jener andern Thätigkeit verfahren; sie muß die Ursachen des Übels aufsuchen und wo thunlich ersticken oder schwächen; aber wenn jene dabei hauptsächlich in allgemeinen Maßregeln vorschrcitct, ist bei ihr die Berücksichtigung des Individuellen erstes Erfoderniß. Hier haben wir cs nur mit der Fürsorge für die thatsächlich Armen zu thun. Die Armcnversorgung ist in der neuern Zeit ein Gegenstand größerer Sorgfalt der Negierungen und wissenschaftlicher Untersuchungen geworden, da man theils das Übcrhand- nehmen der Armuth in den meisten curop. Ländern mit Schrecken gewahr wurde, theils aber auch die große Unvollkommenheit und Unzweckmäßigkeit der bisherigen Einrichtungen erkannte. Reichliche Almosen und große Armensiiftungcn in reich dotirten Armenhäusern und Hospitälern sind die schlechteste Art der Armenversorgung. Sie werden von Müßiggängern und Trunkenbolden in Besitz genommen, vermehren nur die Scharen dreister Bett- ^ lcr, die lieber vor den Thürcn liegen als arbeiten, und gewähren den wahren Armen wenig Vorthcil. So lange die Kirche den vierten Thcil ihrer Einkünfte zu Almosen verwendete, kannte die Zahl der Bettler keine Grenzen, und auch später wurde in einigen Ländern eine zu reichliche Versorgung der Armen eine Anlockung zu Müßiggang und Verschwendung. Es ist daher vor allen Dingen nothwendig, die Armcnversorgung im Ganzen so cinzurich- tcn, daß sie den Armen nicht in eine bessere Lage versetze als den freien Arbeiter. Was auch das Mitleid zuweilen dagegen sagen möge, der erwachsene gesunde Arme mag immer aus das Unentbehrliche der Lebenssristung beschränkt sein; dagegen kennt die Erziehung der Kinder und die Pflege der Kranken eine solche Beschränkung nicht. Denjenigen, welche Kräfte haben zu arbeiten, muß nöthigenfalls Beschäftigung gegeben und nur ein Zuschuß und in besonder» Fällen eine außerordentliche Unterstützung gereicht werden. Für Arbeikscheue und umherziehcnde Bettler tritt der Zwang des Arbeitshauses ein. So läuft also beim Armenwescn Alles auf die drei Fragen hinaus: Wer soll als Armer versorgt werden? Wie soll die Unterstützung geleistet werden? Wer soll die Kosten dazu hcrgeben? Die erste ist im Allgemeinen leicht zu beantworten; schwieriger ist die richtige Classification der Ar- I. , men und die gehörige Vcrtheilung der Individuen in die Elasten, welche natürlicherweise auch nach den Localikätcn verschieden sein müssen. Die Hauptclasscn werden bestimmt werden können durch das Bedürfniß: s) der Erziehung, an welcher am wenigsten gespart wer- den sollte und für welche durch Armenschulen nicht genug gewirkt werden kann; denn hier ist oft am meisten der üble Einfluß der Altern zu bekämpfen. In manchen Ländern ist für die Volkserziehung überhaupt und für die Erziehung der Armen insbesondere noch außerordentlich wenig geschehen, z. B. in England und vornehmlich in Irland, wo zwar Armcn- schulen angelegt worden sind, gegen die aber die Katholiken ein Vorurtheil hatten, weil sie unter den protestantischen Geistlichen standen. In Deutschland haben sich dagegen für die weibliche Erziehung die Fraucnvereine höchst wvhlthätig bewiesen. Das Bedürfniß der i Erziehung hat noch eine speciellere Richtung bei Blinden und Taubstummen, deren ver- vollkommneter Unterricht auch eine Wohlthat der neuesten Zeit ist. l>) Die zweite Classe ^ wird bestimmt durch das Bedürfniß der Pflege und Heilung, vorübergehend in Krankcu- und Entbindungshäuscrn, bleibend für Unheilbare, Verkrüppelte, Altersschwache und bc 501 Armenwesen sonders die Irren in Irrenanstalten u. s. w. Mit einer Art Verschwendung sind manche i Anstalten für verstünnnelte Krieger ausgestaltet, zu reichlich, als daß sie für alle Ver- mundete bestimmt sein könnten, c) Die größte Classe der Zahl nach entsteht aus dem Be- > dürfnisse der Unterstützung und Ernährung, sowol der vorübergehenden als bleibenden, in welcher sich so viel Untcrabtheilungcn ergeben, als Abstufungen in der größer» oder geringer» Fähigkeit liegen, noch durch Arbeit etwas zu verdienen. 824 fg.). Armfett (Gust. Mor., Baron, später Graf), ein Schwede, dessen öffentliches Leben durch seltsamen Wechsel des Glücks ausgezeichnet, in seinen geheimer» Beziehungen der Geschichte des schweb. Hofes angehört und daher nicht völlig aufgeklärt ist, war der älteste Sohn des Generalmajors und Landeshauptmanns Baron A., gcb. I. Apr. 1757. Erzogen in der Kriegsschule zu Karlskrona, kam er dann als Fähnrich zu der Garde in Stockholm. Durch seine schöne Gestalt und Feinheit im Umgänge, sowie durch die Thätig- keit, mit der er für den König der aristokratischen Partei cntgcgenarbcitete, gewann er die Gunst Gufiav's III. Schnell befördert und mit Auszeichnungen überhäuft, bewies er 1788—90 im Kriege gegen Rußland ausgezeichneten Muth, wodurch er immer höher in der Gunst des Königs stieg. Als Gcnerallicutenant schloß er den Frieden zu Werclä am I l. Aug. 1790 ab, wurde von der russ. Kaiserin mit mehren Orden geziert und erhielt selbst noch am Sterbebette seines Monarchen, wo er zum Oberstatthalter von Stockholm ernannt wurde, die schmeichelhaftesten Beweise königlicher Gnade. Durch Heirath verband er sich mit den, alten Gcschlechte der Grafen de la Gardie. Ein Codicill des sterbenden Königs, Gustav's 111., der aber nur noch die Kraft halte, den ersten Buchstaben seines Namens zu unterzeichnen, ernannte ihn zum Mitgliede des Ncgcntschaftsraths während der Minderjährigkeit Gustav's IV.; allein in.Ermangelung vollständiger Unterschrift erkannte der Herzog von Südermanland, welchem vermöge einer frühem testamentarischen Verfügung die Vormundschaft über den jungen König anvertraut war, diese Urkunde nicht an und warf sie ins Feuer. Dieses Codicill gab die Veranlassung zu dem Hasse, mit welchem A. nach Gustav's III. Tode verfolgt wurde. Man enthob ihn am 7. Sept. 1792 der Oberstatthaltcr- würdc und schickte ihn als Gesandten nach Neapel. Nicht ohne Grund wurde zugleich vcr- muthet, daß eine unerwiederte Neigung des Herzogs von Südermanland zu dem Hofftäu- lein von Nudcnsköld, von welcher A. begünstigt war, jenen Haß bis zu unwürdiger Erbitterung gesteigert habe. Gewiß ist, daß A. und die Nudcnsköld durch schmachvolle Gerüchte dem öffentlichen Urtheil preisgegeben, daß die letztere auf die entehrendste Weise ins Arbeitshaus verwiesen wurde, er aber in Italien gedungenen Dolchen und einer förmlichen Requisition der schweb. Regierung nur durch die Flucht entging, jedoch als Landesverrather in contumaciam gebrandmarkt und aller seiner Güter, Würden, ja selbst des Adels, verlustig erklärt wurde. A. begab sich hierauf nach Petersburg, da aber seine Absichten nicht mit den Planen des russ. Cabinets übereinstimmtcn, so wurde er nach Kaluga gewissermaßen ins Exil geschickt, von wo cs ihm jedoch gelang zu entkommen. Nachdem er sich bis 1799 in Deutschland aufgehaltcn hatte, setzte ihn Gustav IV. wieder in den vorigen Stand ein. Es wurde ihm der Gesandtschaftsposten am östr. Hofe übertragen und 1807 die Würde eines Generals der Infanterie ertheilt. Als solcher befehligte er die schwcd. Truppen in Pommern und 1808 die Westarmee gegen Norwegen. Im Herbst desselben Jahres wurde er zum Präsidium des KricgScollegiums nach Stockholm berufen und zu Einem der Herren des Reichs erhoben. Doch schon 1810 bat er um seine Entlassung und lebte hierauf als Privatmann in Stockholm. Eine Verbindung mit der Gräfin Piper verwickelte ihn aufs neue in policeiliche Verfolgung und veranlaßte ihn, Schutz bei dem russ. Gesandten zu suchen und in russ. Dienste überzutretcn. Hier fand er günstige Aufnahme, wurde in den Grafcnstand, zum Kanzler der Universität Äbo, zum Präsidenten der finnischen Angelegenheiten und zum Mitgliede des russ. Senats erhoben. Allgemein von den 50« Arminia Aruauld Finnländern hochgeachtet, starb er zu Zarskoje-Sclo am l 9. Ang. >814. Vgl. A.'s Selbst, biographie in „HancllinFsr rürsnclc LveriAes iüstoriu" (Bd. 2, Stllckh. 1830), übersetzt in den „Zeitgenossen", Dritte Reihe, Nr. 30. Armima ist eine Fraction der Burschenschaft, die sich seit 1822 allmälig bildete und 1829 offen von der zweiten Fraction, der Germania, schied. Die Arminia bewahrte das ursprüngliche, reinere Wesen der Burschenschaft und erstrebte, so weit sic je einen praktisch-politischen Zweck hatte, diesen nur in der Vorbereitung der Gemüther durch sittliche, wissenschaftliche und volksthümliche Ausbildung. Sie war besonders in Jena vorherrschend und erhielt auch in den Formen der Verbindung die alte freiere Weise, während die Germania unter der strengen Führung von Obern stand. Arminiäner, s- Nemonstrantcn. Armimus, s. Hermann. Armiren oder bewaffnen wird besonders von Batterien und Festungen gebraucht. Eine Festung armiren heißt, sie mit allen zur Vertheidigung erfoderlichen Gegenstände» versehen, diese mögen bestehen, worin sie wollen, also mit Geschützen, Schießbedarf, Besatzung, Lebensmitteln u. s. w. Armiren wird jedoch auch von einzelnen Fronten einer Festung, sogar von einzelnen Werken und Batterien gesagt, heißt aber dann blos, sie mit Geschützen bewaffnen, die bis dahin in den Vorrathshäusern oder Parks gestanden haben. Zur Zeit des Friedens werden solche Fronten jährlich einige Male zur Übung armirt, d. h. mit Geschützen und Mannschaften besetzt, und dabei die Zeit beobachtet, in welcher das Geschäft vollendet wurde. Armonca war der keltische Name des westlichen Frankreichs am Ocean, des Landes der Armorici, d. h. Meeranwohner, und zwar vorzugsweise des Strichs zwischen den Mündungen der Seine und Loire. Nachher ward er auf das später Uritsnuiu minor (s. Bretagne) genannte Land beschränkt, dessen Bewohner, der Bund der Armoriker, sich 420 für unabhängig von der röm. Herrschaft erklärten und im I. 497 des Frankenkönigs Chlodwig Oberhoheit anerkannten. Armand (Francois Thomas Marie Baculard d')^ ein fruchtbarer franz. Schriftsteller, geb. zu Paris am 15. Sept. 1718, wo er bei den Jesuiten studirte, gehörte zu den frühreifen Kindern. Fast noch im Knabenalter schrieb er drei Trauerspiele, von denen das eine, „OoliAN)- on Is 8te.-«!>rtlielemi", 1740 gedruckt erschien. Voltaire gewann ihn lieb und unterstützte ihn m it Geld und Rath. Friedrich II. eröffnete einen Briefwechsel mit ihm und berief ihn später zu sich nach Berlin; er nannte ihn seinen Ovid und richtete unter Andern ein Gedicht an ihn, worin er auf das allmälige Sinken des „französischen Apollon" mit Worten deutete, welche Voltaire so empfindlich machten, daß er sich durch Spötteleien über A.'s Person und Verse rächte. Nach einem Jahre verließ A. Berlin, ging nach Dresden, wo er zum Legationsrath ernannt wurde, und kehrte später in sein Vaterland zurück. Während der Schreckenszeit ward er eingckerkert; die letzten Jahre hatte er mit großem Mangel zu kämpfen, vor dem ihn, da er, immer im Besitze großen Einkommens, mit Geld nicht umgehen gelernt hatte, weder die Unteestützung der Negierung noch seine Feder zu schützen vermochten. Er starb zu Paris am 8. Nov. 1805. Seine vorzüglichsten Werke sind: „lb.es e'preuves clu Sentiment", „l.es «lelussements cls l'bomine sensible" und „läes loisirs utiles"; seine Theaterarbeiten haben keinen Werth, und nur der „Oomts Oe Oom- minzes" kam 1790 mit einem augenblicklichen Beifall auf das Theater. Seine „Oeuvres" erschienen in Paris 1770 (neue Ausg., 12 Bde., Par. 1803). Arnauld (Antoine), der größte Sachwalter seiner Zeit in Frankreich, geb. 1560 , stammte aus einer alten auvergnischen Familie, die im Staats - und Kriegsdienste sich vielfach auszcichnete. Als ein eifriger Verfechter der Sache Heinrich's IV., durch mehre politische Flugschriften und durch seine kraftvolle und gründliche Vertheidigung der Universität Paris gegen die Jesuiten imJ. 1594 („I-e traue et veritsble ckiscours etc.", herausgeg. von Goujct, Par. 1762) zog er sich den Haß der Letzter« zu, die ihn bis zu seinem Tode am 29. Dec. 1619 verfolgten. Seine 20 Kinder bildeten den Kern der Jansenisten (s. Jansen) in Frankreich, die Töchter und Enkelinnen als Nonnen in Portroyal, die Söhne als Glieder der gelehrten Gesellschaft, die sich an dieses Kloster anschloß und unter dem Namen der Arnault 507 i Herren von Portroyal bekannt ist. — Sein Sohn, das jüngste seiner Kinder, Antoine A., genannt der große Ar na uld, geb. 6. Fcbr. 1612, widmete sich unter der Leitung des ' Abts von St.-Cyran, Jean Duvergier de Havranne, ersten Oberhaupts der Jansenisten, der Theologie und wurde 1613 unter die Doctorcn der Sorbonne ausgenommen. Nachdem die Jansenisten seit 165» eine bedeutende Partei im Staate geworden, trat A. m allen Händeln derselben mit den Jesuiten, dem Klerus und der Negierung als ihr Wortführer ans. Hofränke bewirkten 1656 seine Ausstoßung aus der Sorbonne und Verfolgungen, die ihn nöthigten sich zu verbergen. Nach Abschluß des sogenannten Friedens zwischen dem Papste Clemens IX. und den Jansenisten trat er in Paris 1668 wieder öffentlich auf und ^ erhielt selbst vom Hose viele Beweise des Wohlwollens. Jetzt griff er nun besonders die s Rcformirten an, so namentlich in dem mit seinem Freunde Nicole gearbeiteten Werke „!.<> ^ jierpetuits eie Ire toi <1e l'egüse cstbolicjus touckunt I'euclisristie" (5 Bde., Par. 1669 — 72, 4.). Vor neuen Verfolgungen der Jesuiten flüchtete er sich 1679 nach den Niederlanden, wo er das Haupt der Jansenisten wurde, viele Streitschriften gegen Rcformirte und Jesuiten erscheinen ließ und besonders mit Mallebranche eine lebhafte Fehde führte, die erst sein Tod, der in einem Dorfe bei Lüttich am 8. Aug. 169-1 erfolgte, endete. Er war ein kräftiger, bis zur äußersten Strenge konsequenter Geist, voll gründlicher Kenntnisse und großer Gedanken, in seinen Schriften kühn und heftig bis zur Bitterkeit, in Gefahren unerschrocken und in seinem Wandel tadellos. Als zehnjähriger Knabe sagte er zum Cardinal de Perron: „Mit dieser Feder will ich wie Sie gegen die Hugenotten schreiben." Sein Genie hätte noch weit mehr für Kirche und Wissenschaft leisten können, wenn er nicht durch seine Stellung und seinen Charakter in eine Menge von Streitigkeiten verwickelt worden wäre, die seine rastlose literarische Thätigkeit großenthcils für die Nachwelt unfruchtbar machten. Seine „Oeuvres" wurden vom Abt vonHautefage(78Thle. in 75 Bdcn., Lausanne 1775 —83, 7.) herausgegeben. — Sein älterer Bruder, Robert Arnauld d'An dilly, geb. ^ 1589, gest. 1677, ist als Verfasser mehrer Erbauungsschriften und durch seine Übersetzungen des Joscphus und des Juan Davila als einer der corrcctcstcn franz. Stilisten bekannt. Arnault (Antoine Vincent), franz. Dichter, geb. zu Paris am 22. Jan. 1766, erwarb sich zuerst einen Namen durch die Tragödien „Nurius L Wnturnes" (1791) und „Imcrvce". Nach den Scptcmberscenen 1792 begab er sich nach England und von da nach Brüssel. Bei seiner Rückkehr im I. 1793 wurde er als Emigrant verhaftet; doch als Verfasser des ,M>rms" entging er der Strenge des Gesetzes. Im I. 1797 übertrug ihm Bonaparte die Organisation der Negierung der Ionischen Inseln. Eine Krankheit hinderte ihn, Bonaparte nach Ägypten zu begleiten. Nach Paris znrückgekehrt, brachte er 1799 sein Trauerspiel „I^es Venitiens" zur Aufführung, das er in Venedig gedichtet. In demselben Jahre ward er Mitglied des Instituts, 1805 Vicepräsident desselben und 1808 bei- sitzcnder Rath und Gcncralsecretair des Universitätsraths. Nach Napoleon's Sturze verlor er seine Stellen, die er während der hundert Tage wieder erhielt. Nach der zweiten Restauration mußte ec flüchten und wählte Brüssel zu seinem Aufenthaltsorte. Sein Trauerspiel „kermaniois", das 1817, in der Absicht, dadurch die Zurückberufung des Verfassers aus der Verbannung zu bewirken, im Hu-Ltre lranesis aufgeführt wurde, erregte große Un- ^ ruhen im Schauspielhause, weshalb es nicht wieder gegeben werden durfte. Erst im Nov. 1819 erhielt er die Erlaubniß nach Frankreich zurückzukehren. Als einer der Redakteurs des „51,r<>>r s Xspnleon" (3 Bde., Par. 1822) bedachte Napoleon ihn in seinem Testamente mit einem Legate von IVOOVV Francs. Im I. 1829 wieder in die Akademie ausgenommen und nach Ändrieux's (s. d.) Tode im I. 1833 zum beständigen Secretair derselben ernannt, zeigte er sich stets als einen der eifrigsten Vcrtheidiger des ab- ^ sterbenden Classicismus. Einen Theil seiner Erinnerungen hat er unter dem Titel „I.e- Souvenirs 837. Außer 508 Arnaut Arndt den Dramen: „I^es Ouelfes et les Oibelins", „IHclirgue" und Ouillsume I." 0826), ausgezeichnet durch die Charakteristik Philipp's II., erwähnen wir noch seiner „bsbles" (Par. 1813; neue Aust. 1826 ), die besondern Werth haben. Seine „Oeuvres" erschie- - ncn zuerst in 4 Bänden (Haag 1818) und in 8 Bänden (Par. 1821). — Von seinen ' Söhnen hat sich der älteste, Lucicn Emile A., Präfect des Mcurthe-Dcpartcments, geb. 1787, der bereits unter Napoleon bei der Organisation der illyrischen Provinzen und dann als Präfect in dem Ardeche-Departement angcstellt war, ebenfalls als Trauerspieldichter bekannt gemacht, besonders durch seinen „Regulus" (1828), weniger durch sein historisches Drama „Osttierine cle >le<1icis sux etats lle Llois" (1829). Auch sein „Oustsve ^ clolpbe" (I832)hatschöneStellcn. Arnaut, s-Albanien. . " Arnd (Joh.), geb. 27. Dcc. 1555 zu Ballenstedt im Fürstenthum Anhalt, studirte ! auf mehren Universitäten und erhielt 1583 das Pfarramt zu Badeborn. Von hier ver- ! trieben, weil er den vom Fürsten verbotenen Exorcismus bei der Taufe nicht aufgeben wollte, wandte er sich nach Quedlinburg, wo er 1590 Pastor wurde. Von 1599 an war er Prediger in Braunschweig, dann 1008—I I zu Eislebcn, zuletzt Superintendent zu Celle, wo er am II. Mai 1621 starb. Seine Vcrmögensumstände waren sehr mittelmäßig; da er indeß fortwährend sich sehr freigebig bewies, so kam er in den Ruf, den Stein der Weisen zu besitzen. Seine asketischen Schriften sind voll Wärme und Salbung. Unter ihnen ist am bekanntesten das „Wahre Christcnthum" (15. Aust. vonFrancke, Halle 1830; neueste, Lpz. 1810), welches fast in alle gebildete Sprachen übersetzt wurde. Doch gerade dieses vortreffliche Erbauungsbuch, dessen lauterer Mysticismus der Andacht eine in jenem Zeitalter des steifsten Dogmatismus und des ärgerlichsten Federkriegs ebenso nöthige als erquickende Nahrung darbot, fanden lutherische Eiferer, wie Corvinus und Osiander, verfänglich, und verketzerten den frommen Mann als einen gefährlichen Mystiker und Jrrlehrer. Ihre Beschuldigungen hat seine durch gewissenhafte Amtstreue, »»geheuchelte Frömmigkeit, Recht- ^ schaffcnheit, standhafte Geduld und Selbstbeherrschung, in seinen Leiden erprobte Tugend und der nicht zu berechnende Segen am besten widerlegt, den dieses Buch seit zwei Jahrhunderten verbreitete. Noch jetzt wird es unter dem Volke häufiger gefunden und fleißiger gebraucht als alle neuern Bücher dieser Art. Er hat Arnold und Spener trefflich vorgcar- bciket und großen Antheil an der Wiedergeburt der evangelischen Kirche, die an die Stelle des tobten Buchstabens ein lebendiges Christenthum setzte. Mit Recht hat man ihn den Fc'nc'lon der protestantischen Kirche genannt. Arndt (Ernst Moritz), Professor an der Universität zu Bonn, geb. 26. Dcc. >769 zu Schoritz auf der Insel Rügen, Sohn eines herrschaftlichen Eütervcrwalters, erhielt in seinem älterlichen Hause eine einfache, in mancher Beziehung strenge Erziehung. Er besuchte das Gymnasium zu Stralsund und studirte 1791—91 Theologie und Philosophie zu Greifswald und Jena. Nachher gab er den geistlichen Beruf auf und machte während anderthalb Jahren Reisen in Schweden, Ostreich, Ungarn, Italien und Frankreich. Seine Beobachtungen auf diesen Wanderungen theilte er von 1797 —1801 in einer Reihe von Schriften mit. Nach seiner Rückkehr hcirathete er zu Greifswald die natürliche Tochter des Professors Quistorp, die aber schon 1801 im Kindbette starb. Er ward 1806 außer- ^ ordentlicher Professor daselbst und hielt geschichtliche Vorlesungen. Zu den wichtigem in Greifswald von ihm herausgcgebenen Schriften gehört seine „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen", um deren willen er von mehren Adeligen förmlich dcnuncirt und angeklagt wurde; sodann sein „Geist der Zeit" (Bd. I, Altenb. 1807), den er später bis zu 1 Bänden (Berl. 1813 — 18) erweiterte. In diesem Werke griff er Napoleon mit kühner Freimüthigkeit an und mußte darum nach der Schlacht von Jena nach Stockholm flüchten, wo er bald Beschäftigung fand. Schon früher hatte ihn sein warmer Eifer für die Ehre des deutschen Vaterlandes in einen Zweikampf mit einem schweb. Offizier verwickelt, worin er schwer verwundet wurde. Im I. 1809 kehrte er, unter dem Namen eines Sprachmeisters Allmann, aus Schweden zurück, trat in demselben Jahre wieder in seine Stelle zu Greifswald ein, ging aber beim Herannahen des Kriegs von >812 nach Ruß- ^ land und kam vorher und nachher in persönlichen Verkehr mit vielen der bedeutendsten Arne Arnheim 509 Männer, die für die Befreiung Deutschlands vom Joche der Fremden zusammenwirkten. Der von ihm hochverehrte Minister Freiherr von Stein, den er nach Frankreich begleitete, beschäftigte ihn im Interesse der Sache, der er sich gewidmet, und A. war unablässig bemüht, besonders durch zahlreiche Flugschriften voll Geist und Feuer den Haß gegen die Unterdrücker zu steigern, den Eifer für Unabhängigkeit und Vaterland zu entflammen. Um diese Zeit erschienen von ihm „Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze"; sein „Soldatcnkatechismus" und die in viel tausend Abdrücken über ganz Deutschland verbreitete Broschüre „Über Landwehr und Landsturm". Auch A.'s beste Gedichte, von denen mehre zum eigentlichen Volkslied geworden, fallen in die Befreiungskriege und in die erste Zeit der nachglühenden Begeisterung („Gedichte", neue Ausg, Lpz. 18-10). Von 1815 an hielt er sich in den Rheinlanden auf und gab 1815—16 in Köln eine Zeitschrift „Der Wächter" heraus. Im 1.1817 siedelte er sich in Bonn an, hcirathete in demselben Jahre eine Schwester des Professors Schleiermacher in Berlin und erhielt 1818 an der neuen Universität zu Bonn die Professur der neuern Geschichte. Aber schon >819 ward er in die Untersuchungen wegen sogenannter demagogischer Umtriebe verwickelt, von seiner Stelle suspendirt, endlich zwar frcigesprochen, aber gleichwol, mit Beibehaltung seines Gehalts, in Ruhestand versetzt. Im I. 183-1 hatte e> das Unglück, seinen hoffnungsvollen jüngsten Sohn beim Baden im Rhein zu verlieren. Erst nach 2vjähriger Suspension vom Amte bekam er 18-10 durch König Friedrich Wilhelm IV. wieder die Erlaubniß zu Vorlesungen, ward für das folgende Jahr zum Rector ernannt und erhielt 1812 den Rothen Adlcrordcn, sowie schon vorher den Verdienstorden der bair. Krone. Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch: „Nebenstunden, eine Beschreibung und Geschichte der schokt- länd. Inseln und der Orkaden" (Lpz. 1826); „Christliches und Türkisches" (Stuttg. 1828); „Die Frage über die Niederlande, 1831, Belgien und was daran hangt" (Lpz. 1831) und Schwedische Geschichten unter Gustav III. und Gustav Adolf IV." (Lpz. 1839). Hauptsächlich aber lernt man den gesinnungsstarken Mann, seine Schicksale und ganze tüchtige Persönlichkeit aus den „Erinnerungen aus dem äußern Leben" (2. Aust-, Lpz. 1810) kennen. Arne (Thomas Augustin), einer der größten Componisten unter den Engländern, geb. zu London I7IV, gest. daselbst 1778, war der Sohn eines Tapezierers und erhielt seine erste Bildung in Eton. Für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt, folgte er, gegen den Willen seines Vaters, der größern Neigung zur Tonkunst. Durch Corelli's Concerte und Händel's Ouvertüren bildete er sein Violinspiel, und sein Eifer für Musik brachte bald auch seine Schwester dahin, sich zur Sängerin zu bilden. Für sie schrieb er auch eine Partie in seiner ersten Oper „kosamoinl", welche zuerst 1733 gegeben wurde und großen Beifall erhielt. Darauf folgte die komische Operette „Tom Tlnunb, or tbe opera os operss". Noch eigcn- thümlicher und ausgebildeter erschien sein Stil im „täomus" (1738). Um 1710 hcirathete er eine in ital. Schule gebildete Sängerin, Cäcilie Äsung; mit ihr ging er 1742 nach Irland, wo Beide sehr ehrenvoll ausgenommen wurden. Nach zwei Jahren ward er als Com- ponist, seine Gattin als Sängerin bei dem Drurylancthcater in London angestellt. Für die Concerte im Vauxhall schrieb er seit 1745 mehre Gesangstücke. Von der Universität zu Oxford erhielt er den Titel als Doctor der Philosophie. Nachdem er noch zwei Oratorien und einige Opern, z. B. „Llira", componirt hatte, versuchte er sich auch mit einer Com- position im ital. Stil, nämlich Mctastasio's „Vrtaserse", und auch diese gefiel. Doch war sein Talent mehr für das Einfache, Liebliche, Sanfte und Idyllische als für das Große und Erhabene. Außerdem componirte er mehre Gesänge in Shakspeare's Dramen und andere Jnstrumentalstücke. Seine Schwester war die berühmte Sängerin Cibber (s. d.). Arnheim, bei den Römern ^reimcum, Hauptstadt der niederl. Provinz Geldern mit 18000 E., Sitz eines Gouverneurs, der Abgeordneten der Provinzialstaatcn und eines Handelsgerichts, liegt am Rhein, über welchen eine Schiffbrücke führt, hat bedeutenden Handel nach Deutschland, ein Gymnasium, eine Kunstschule und mehre andere wissenschaftliche Bildungsanstalten. Die Umgebungen der stark befestigten Stadt sind äußerst anmurhig. Unter den Gebäuden zeichnet sich der Hof, ehemals die Wohnung des Herzogs oon Geldern, und die Eusebiuskirche aus, wo viele Denkmale der gcldernschen Herzoge sich finden. In einem Umkreise von zehn Stunden gibt cs 32 Papiermühlen. ImI. 1813 510 Arnim (Ludw. Achim von) Arnim (Elisabeth von) ward A. durch die Preußen Unter dem General Bülow mit Sturm genommen und dadurch der Occupation Hollands der Weg gebahnt. Arnim (Ludw. Achim von), ein phantasiercichcr und origineller deutscher Erzähler, i geb. 26. Jan. 1781 zu Berlin, widmete sich zunächst den Naturwissenschaften, in deren Gebiete er manche eigcnthümlichc Forschungen angestellt hat, so namentlich in seiner ersten Schrift „Theorie der elektrischen Erscheinungen" (Halle 1799). Schon sein erster Nomau „Aricl's Offenbarungen" ließ es erkennen, daß A., obwol im Allgemeinen den Grund- sähen der neuern poetischen Schule zugethan, dennoch mit voller Freiheit seinen eigenen Weg cinzuschlagen im Begriff stand. Seine Reisen durch Deutschland gaben ihm Gelegenheit, l die Eigcnthümlichkeit des deutschen Volkslebens nach seinen landschaftlichen Verschieden- s hciten aufzufassen; vorzüglich interesfirtc er sich für das lange verkannte Volkslied. Eine wärmere Thcilnahme für die alte Volksliederpoesie regte er unter den Deutschen an durch ' die mit Clemens Brentano (s. d.) herausgegcbenc Sammlung: „Des Knaben Wunder- Horn" (3 Bde., Heldelb. 1896—8z. 2. Aust. 1819). Darauf erschienen sein „Winter- j garten, eine Sammlung von Novellen" (Berl. 1809); der Roman „Armuth, Reich- i thum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores" (2 Bde., Berl. >810), eine der interessantesten Dichtungen dieser Art; „Halle und Jerusalem, Studentenspicl und Pilgerabenteuer" (Hcidclb. I8I I), worin sein Humor eine sehr kecke Wendung nahm; auch die manches Treffliche enthaltende „Schaubühne" (Berl. 1813). Die Unglücksjahre 1806—13 trafen auch ihn, namentlich als Grundbesitzer, mit schwerem Drucke, und lange nahmen Vaterland und Familie seine Sorge fast allein in Anspruch. Erst als die deutsche Volksthüm- lichkeit, der er mit voller Seele anhing, gerettet und aus lange Zeit hinaus gesichert schien, ! trat er mit neuen Gaben hervor. Insbesondere ist sein Roman „Die Kronenwächtcr, oder l Berthold's erstes und zweites Leben" (Berl. 1817) reich au originellen und lebendigen ' Schilderungen. In den letzten Jahren lebte er abwechselnd in Berlin und auf seinem Gute - Wiepersdorf bei Dahme, wo am 21. Jan. 1831 ein Nervenschlag sein Leben plötzlich s endete. Alle seine Schriften bekunden einen ungemeinen Neichthum von Phantasie, Gefühl und Humor, mannichfache Kenntniß, tiefe Beobachtungsgabe, lebendige Charakteristik; aber die große Nachlässigkeit, mit welcher er, besonders in früherer Zeit, sonderbaren Einfällen sich oft gleichsam unwillkürlich hingab, der bedeutende Antheil des Bizarren an seinen Com- positivncn und die Formlosigkeit der innern und äußern Darstellung schaden der genialen Erfindung. Seine „Sämmtlichen Werke" wurden von W. Grimm (12 Bde., Berl. 1839—32) herausgegeben. Arnim (Elisabeth von), gewöhnlich Bettina genannt, die Gemahlin des Vorigen, geb. 1785 zu Frankfurt am Main, Schwester des Dichters Clemens Brentano (s. d.), verlebte ihre Jugend thcils in einem Kloster, theils bei Verwandten in Offenbach und Mar- ^ bürg, theils in Frankfurt selbst, wohin sie immer wieder zurückkehrte. Schon während ihrer ! Kindheit zeigte sie Anlage zu Excentricitäten und poetischen Sonderbarkeiten mancherlei Art; ihr Natursinn ging, besonders nachdem sie mit dem Stiftsfräulein von Günderode bekannt geworden, in eine fast fanatische Anbetung der Natur und endlich in eine wirkliche Krankheit über. Groß und entscheidend war der Eindruck, den die Selbstentleibung ihrer Frenn- din, welche in einer glühenden Neigung zu dem Philologen Creuzer (s. d.) befangen war, auf ihr Gemüth machte. Dieselbe Schwärmerei, womit sie bisher das Universum ersaßt und in das Leben der Natur dichterisch träumend sich eingewühlt hatte, trug sie dann § auf Goethe über, um dessen Liebe sie warb, während er die Liebe des seltsamen Wesens zart duldete, ohne sie zu erwidern. Aus dieser Zeit rührt ihr unter dem Titel „Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde" (3 Bde., Verl. 1835) bekanntes Buch her, welches von ihr selbst ins Englische übersetzt wurde. Später erschien von ihr „Die Günderode" (2 Bde., Grünb. . und Lpz. 1830), Briefe, welche zwischen ihr und dem Stistßfräulein gewechselt worden und in denen ein anmuthig idyllischer Charakter vorwaltet; doch überragen die Briefe der Bettina die der Günderode beiweitem an Originalität. Merkwürdiger indeß bleiben die drei Bände ihres zuerst erwähnten Briefwechsels, von denen die beiden ersten ihre Correspondenz ff' mit Goethe's Mutter, der Frau Rath, und die mit Goethe gewechselten Briefe, der dritte ! ihr Tagebuch enthält. Der Briefwechsel mit Goethe beginnt im März 1807, als der Dich- k Arnolnns Arnold (Georg Daniel) 51 l ter nahe an 60 Jahre alt war. Eine hochlyrische Auffassung, eine naiv kecke, hinreissende, oft ganz unliterarischc, sehr nachlässige, durch die Spuren süddeutschen Dialekts ebenso oft anziehende als abstoßende Schreibart, eine häufig barocke, oft aber überraschende tiefsinnige Reflexion, eine orakelhafte Gnomenweisheit, eine lcbensfrische Oppositionslust gegen bestehende verjährte Verhältnisse und eine liebenswürdige und doch scharfe und treffende Ironie zeichnen ihre Briefe und Tagebuchblättcr aus, die zugleich in hohem Grade interessant sind durch die Personen, welche darin in ebenso kecken als feinen und genauen Umrissen portraitirt werden. Doch darf man sich auch nicht verhehlen, daß ihre Naivctät häufig in Übernaivctät, ihre kindlichen Gcistcsspiele in halb kindische Spielereien, ihre Ungenirt- heit in Unbändigkcit, ihre jugendliche übermüthige Selbstbewußtheit in gefallsüchtige Co- gucttcrie und ihre sonst anmuthige Plauderei in weibische Schwatzhaftigkeit ausartct. Jedenfalls ist es bedenklich, öffentlich seine Subjectivität so bloß zu geben, wie cs von der Verfasserin in nicht seltenen Fällen geschehen ist, Gegen die Wahrheitsliebe derselben sind manche wohlgegründcte Zweifel erhoben und ihr besonders im Buche „Die Günderode" mehre Anachronismen nachgewiesen worden, sodaß nicht wenige Partien dem wirklichen Leben blos untergeschoben, schöne Aktionen zu sein scheinen, welche das poetische Talent der Verfasserin bekunden. Brachte schon Goethe einige Briefe Bettina's in Sonettenform, so stellte Professor Daumer aus ihren Briefen eine ganze Sammlung Poesien unter dem Titel „Bettina's Gedichte aus Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde" (Nürnb. 1837) her. ArilvblUs, der Ältere, um 300 n.Chr., Lehrer der Beredtsamkeit zu Sicca inNumi- dien, deshalb auch oft der Afrika» er genannt, wurde 303 Christ und lebte noch um 325. Er schrieb sieben Bücher „^»lversus Gentes", worin er die Vorwürfe der Heiden gegen da§ Christenthum mit Geist und Belesenheit widerlegte; aber zugleich dem Christenthum Platonische gnostische Ideen beimischte. Dabei ist das Werk reich an Materialien zur Kunde der griech. und röm. Mythologie, weshalb es auch für Philologen einen Werth behauptet. Die neueste und beste Ausgabe besorgte Orelli (2 Bde., Lp;. 1816). ArnoblUs, der Jüngere, war Bischof in Gallien in der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. Von ihm sind nur wenige, minder bedeutende Schriften, besonders ein Commentar über die Psalmen, vorhanden, welche die Grundsätze der Semipelagianer verrathen. Sie wurden herausgegeben Köln 1595. Vielleicht ist Ä. auch der Verfasser des Buches „kraellestina- tns", das gegen die Augustmische Prädestinativnslehre gerichtet war. Arnold von Brescia, einer der ausgezeichnetsten Männer des 12. Jahrh., studirtc zu Paris unter Abälard und kehrte uni 1136 voll neuer Ideen über Religion und Kirche in seine Vaterstadt zurück. Sein hoher, kühner Geist, seine Kenntniß des Alterthums und seine hinreißende Beredtsamkeit als Geistlicher und öffentlicher Lehrer verschafften seinen Strafreden gegen das Unwesen der Pricsterherrschaft große Geltung. So regte er das Volk gegen die Geistlichkeit auf und fand auch in Frankreich, wohin er 1139 flüchten mußte, zahlreiche Anhänger, die sich Arnoldisten nannten; denn die gerechte Unzufriedenheit mit den Sitten und Anmaßungen der Geistlichen hatte ihm allenthalben Bahn gemacht. Das schnell auflodernde Feuer der Empörung konnte der Bann, den Jnnocen; II. über ihn und seine Anhänger aussprach, nicht löschen. Er predigte seine Lehre ungestört zu Zürich in der Schweiz bis l lll, wo er zu Rom als Volksführer auftrat, die Wiederherstellung der röm. Republik ankündigte und durch die Kraft seiner Rede gcwaltthäkige Ausbrüche ver Volkswuth gegen die geistlichen Gewaltherrscher veranlaßte. Die tobende Menge, die er selbst nicht mehr bändigen konnte, verehrte ihn als ihren Vater, und selbst der Senat beschützte ihn, bis Hadrian IV. 1155 die Stadt mit dem Jnterdict belegte. Diese noch nie erhörte Schmach beugte die Römer; sie baten um Gnade, und A. mußte fliehen. In Cam- xanicn ward er aufgegriffen, vom Hohenstaufen Friedrich 1. Barbarossa ausgeliefert, als Ketzer und Rebell 1155 zu Rom verbrannt und seine Asche in die Tiber gestreut. Zwar wurde mit ihm auch sein Anhang unterdrückt; doch der Geist seiner Bestrebungen erbte sich auf die Sekten fort, die in diesem und dem folgenden Jahrhundert entstanden. Vgl. Francke, „A. von Brescia und seine Zeit" (Zür. 1825). Arnold (Georg Daniel), bekannt als juristischer Schriftsteller, verdient als Dichter in elsaßischer Mundart, war zu Strasburg 18. Fcbr. >780 geboren und starb an seinem Ge- 512 Arnold (Joh.) burtstage I8Z0. Durch eifriges Studium in Strasburg, Göttingcn und Paris, durch Reisen und persönliche Anschauungen mannichfachcr Zustände und Verhältnisse in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien entwickelte er auf das vielseitigste seine reichen Anlagen und vereinigte eine glänzend bewährte Dichtcrgabe mit gründlicher Gelehrsamkeit, praktischer Lebensgewandthcit und einem als tüchtig erprobten Charakter. Im I. 1806 Lehrer des Civilrechts an der Nechtsschule zu Koblenz, von 1810 an erst Professor der Geschichte, dann der Jurisprudenz in seiner Vaterstadt, erwarb er sich besonders durch ein größeres lat. Werk über die Elemente des Justiniancischcn Civilrechts, verglichen mit dem Na- poleomschen, ein allgemein anerkanntes Verdienst. Seine lyrischen Gedichte, zum Theil ausgezeichnet, erhoben sich alle über das Gewöhnliche. Die Krone der poetischen Schöpfungen A.'s bleibt indessen sein Lustspiel „Pfingstmontag" (1815), der in den verschiedenen clsaßischen Mundarten die ganze Eigenthümlichkeit dieses Volksstammes zur lebendigsten Anschauung bringt und nach Goethe's treffender Bezeichnung ein lebendiges Idiotikon ist und ein Werk, das an Klarheit und Vollständigkeit des Anschaucns und an geistreicher Darstcl- lung unendlicher Einzelheiten wenige seines Gleichen finden dürfte. A. hat gleichsam mil dem Volke gedichtet und darum ein unmittelbar aus dem Leben gegriffenes, mit der Fülle des reichsten Volkswihes ausgestattetes Werk geschaffen. In diesem clsaßischen Katechismus des Frohsinns sehen wir die freie und zuweilen unbändige, aber auch äußerst reiche, geistig gesunde und kräftige Originalität, sowie die derbe deutsche Gutmüthigkeit und das unver- fälschte Naturgefühl neben dem mühsam sich abquälcnden Halbnarren, in welchen der böse Geist des Franzoscnthums gefahren ist, gegen den sich jedoch die gcrman. Natur fort und fort sträubt. Der „Pfingstmontag" hat nicht blos in dem Elsaß selbst eine Reihe gelungener Erzeugnisse auf demselben Felde eröffnet, sondern dieser kecke Griff in das Leben der untern Classen hat wol auch zuerst wieder auf die Quelle hingcwiesen, in der sich allein das deutsche Lustspiel erfrischen und verjüngen mag. Arnold (Joh.), ein Müller in der Neumark, hat durch einen merkwürdigen Pro- / ceß unter der Negierung Friedrich's II. seinen Namen auf die Nachwelt gebracht. Dem König persönlich bekannt, beschwerte er sich nämlich bei demselben darüber, daß sein Erbvcrpächter, von Gersdorf, durch die Anlegung eines neuen Teichs ihm das zum Mahlen nöthige Wasser entzogen, daß dessenungeachtet er durch die übereinstimmenden Erkennt- nisse der Regierung zu Küstrin und des Kammergerichts zu Berlin zur Zahlung des Pachtzinses verurtheilt und daß, da er solchen nicht zu erschwingen vermocht, die Mühle ihm abgenommen und er mit seiner Familie an den Bettelstab gebracht worden sei. Der König glaubte hierin Ungerechtigkeit und Begünstigung des Höher» gegen den Niedern zu finden und den über die Sache erfoderten Berichten der Gerichtshöfe nicht trauen zu dürfen. Er übertrug daher die nähere Untersuchung der Sache an Ort und Stelle dem Obersten von Heuling. Da diese günstig für den Müller ausfiel, so gab der König nicht nur dem Großkanzler von Fürst unter den heftigsten Vorwürfen wegen einer unter seinen Augen schlecht geführten Justizverwaltung die Entlassung, er ließ auch die mit der Sache beschäftigt gewesenen Kammergerichtsräthe verhaften und ein über das Ganze aufgenommencs Protokoll öffentlich bekannt machen. Obschon der vom Criminalsenat des Kammcrgerichts unter dem Vorsitze des Ministers von Zcdtlitz verlangte, nach abermaliger Untersuchung abgefaßtc Be- < richt die Justizbeamtcn von aller Parteilichkeit freisprach und auch der Minister sich standhaft weigerte, ein anderes Urtheil zu fällen, so bestimmte doch der König eigenmächtig, daß drei Regierungs- und zwei Kammergerichtsräthe und ein Justitiarius ihrer Stellen entsetzt und mit einjähriger Festungsstrafe belegt werden, und daß sic, nebst dem Erbvcrpächter von Gersdorf, den Müller entschädigen sollten. Auch der neumärkische Regierungspräsident von Zinkenstem erhielt den Abschied. Gleich vom Anfänge an sprach sich die öffentliche Meinung sehr vernehmbar zu Gunsten dieser allgemein geschätzten Männer aus. Kaum hatte Friedrich II. die Augen geschlossen, als die Verurthcilten eine Revision ihres Pro- cesses nachsuchtcn, die ihnen Friedrich Wilhelm ll. bewilligte und in Folge deren sie von aller Schuld freigcsprochen wurden. A. wurde indessen aus Staatskosten entschädigt. Vgl. , Dohm, „Denkwürdigkeiten" (Bd. I); Scngebusch, „Historisch-rechtliche Würdigung der s Arnold (Christoph) Arnoldi (Johannes von) 513 Einmischung Friedrich des Großen in die Rechtssache des Müllers A." (Altona 182?) und Reiche, „Friedrich der Große und seine Zeit" (Lpz. 1840). Arnold (Christoph), ein als Astronom berühmter Bauer in Sommerfeld bei Leipzig, geb. 17. Dec. >659, gest. 15. Apr. 1695, verdankte seine astronomischen Kenntnisse grüß- tcntheils seinem fleißigen Selbststudium, worin er erst in späterer Zeit von dem damals bekannten Astronomen Gottfried Kirch in Leipzig unterstützt wurde. Durch seine astronomischen Beobachtungen ward er so bekannt, daß er später mit den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit im Briefwechsel stand. Auf seinem Wohnhause hatte er sich ein Observatorium erbaut, welches das Andenken dieses merkwürdigen Mannes erhielt, bis es 179-1 seiner Baufällig- , keit wegen abgetragen werden mnßte. Unermüdet im Beobachten, entdeckte er mehre Er- I schcinungen früher als andere Astronomen; namentlich machte er zuerst die leipziger Astronomen auf die Kometen von 1682 und 1686 aufmerksam. Noch mehr Berühmtheit erwarb er sich durch die Beobachtung des Durchgangs des Mercur durch die Sonne am 31. Oct. 1699. Der leipziger Magistrat machte ihm bei dieser Gelegenheit nicht nur ein Geschenk an Geld, sondern erließ ihm auch auf Lebenszeit alle Abgaben, welche er an denselben zu entrichten hatte. A.'s Beobachtungen waren so genau, daß viele derselben in die ,,.4cta eruciit.oriim" ausgenommen wurden. Auch ließ er drucken „Göttliche Gnadenzeichcn in einem Sonncnwunder vor Augen gestellt" (Lpz. 1692, 4., mit Kpf.), worin über die Erscheinung zweier Nebensonnen Bericht erstattet wird. Nach ihm benannte der berühmte Astronom Schröter drei Thälcr im Monde. A.'s handschriftlicher, aus fünf astronomischen Aufsätzen bestehender Nachlaß wird auf der Stadtbibliothck zu Leipzig anfbewahrt, wo sich auch sein Bildniß findet. Arnoldi (Ernst Wilh.), Begründer der Feuer- und der Lcbensversichcrungsbank zu Gotha, geb. am 21. Mai 1778, gest. am 27. Mai 1841, widmete sich der kaufmännischen Laufbahn und trat, nach mehrjährigem Aufenthalte in Hamburg, als Theilhaber in das , Handelshaus seines Vaters zu Gotha. Seine Aufmerksamkeit wendete sich hier vorzüglich auf diejenigen Zweige des Handels, durch welche die Ausfuhr der Erzeugnisse des inländischen Gcwerbfleißes gefördert ward; namentlich verschaffte er dem Schuhhandel Gothas neue Auswege. Er errichtete 1894 die unter der Firma „Ernst Arnoldi's Söhne" noch jetzt bestehende Farbenfabrik, und vier Jahre später wurde unter seiner Mitwirkung die elgersburger Steingutfabrik begründet. Als das Verlangen nach Freiheit des Binnenhandels in Deutschland sich seit 1816 laut und mehrseitig ankündigte, war A. eines der thätigsten Organe dieser Meinung; für den damals sich bildenden deutschen Handelsverein wirkte er nicht nur durch seine kaufmännischen Verbindungen, sondern auch durch eine Reihe ideenreicher und kraftvoller Aufsätze. Im I. 1819 übergab er der Bundesversammlung eine von 5951 Fabrikanten und Gewerbtreibenden Unterzeichnete Vorstellung, um die Aufhebung der Hem- mungcn des inner« Verkehrs und eine höhere Besteuerung fremder Erzeugnisse herbeizuführen. Wie richtig A. das Bcdürfniß der Zeit schon damals begriffen, zeigen die später zu Stande gekommenen Handelsverträge und Vereine deutscher Staaten. Zu der 1817 erfolgten Gründung des kaufmännischen Instituts der Jnnungshalle zu Gotha und der damit verbundenen Lehranstalt gab er die erste Veranlassung. Seine Idee, den Grundsatz der Gegenseitigkeit < auf eine Feuerversicherungsanstalt für den deutschen Handelsstand anzuwenden, gedieh 1821 zur Ausführung. Unterstützt von Froriep in Weimar, gründete er 1829 die gegenseitige Lebensversicherungsgesellschaft zu Gotha, die in wenigen Jahren eine beträchtliche Ausdehnung gewann und der er als Director bis zu seinem Tode Vorstand. Als der deutsche Zollverein zum Abschluß gedieh, strebte er die in landwirthschaftlicher und commercieller Beziehung so wichtige Bereitung von Zucker aus Runkelrüben über ganz Deutschland zu verbreiten und seine Empfehlung der Sache war so wirksam, daß 1836 gegen hundert Fabriken in Thätigkeit traten, worunter auch eine von ihm selbst bei Gotha gegründete. Wurde auch die von ihm empfohlene Zier-Hancwald'sche Bereitungsweise später mehrfach ange- ^ fochten, so bleibt ihm doch das Verdienst, durch sein Vortreten eine Menge höchst nützlicher on), gest. als niederl. Geheimralh am 2. Dec. 1827, war zu i Eonv. - Lex. Neunte Ausl- 1. 514 Arnoldisten Arnsberg Herborn am 3V. Dec. 1751 geboren, der Sohn des Obcrconsistorialraths Valentin A. . Er studirte zu Herborn und Göttingen, ward dann Advocat, hierauf 1777 Archivsecretair zu Dillenburg, 1781 Mitglied der Rentkammer und 1792 der Landesregierung. In der >" Zeit der Noch von 1792 besorgte er die Kriegsangelcgcnhciten des Landes, und 1796 erhielt er das Dircctorium des dillenburgcr Landesarchivs. Als in Folge der nieder!. Revolution ! der Erbstatthalter Wilhelm V. seine Domainen in den Niederlanden und im burgund. Kreise verlor, war er eifrigst beschäftigt,, für seinen Landcsherrn eine vortheilhafte Entschädigung zu verlangen, was ihm aber ungeachtet alles Eifers nicht gelingen wollte. Nachdem Wilhelm V. das ihm durch den Neichsdcputationshauptschluß als Entschädigung zucrkannte Fürstenthum Fulda seinem Sohne, dem Erbprinzen Wilhelm Friedrich, dem nachmaligen Könige der Niederlande Wilhelm I-, abgetreten hatte, trat A. 1893 in dessen Dienste und ! wurde später zum Geheimrath ernannt. Sehr thätig war er bei dem 1899 gegen Napoleon ^ beabsichtigten Aufstand in Kurhcssen und in der Nachbarschaft. Im I. 1813 war er mit j der Besitzergreifung der altoranischen Lande beauftragt; auch vollzog er die Vertauschung der altoranischen Erblande Ottonischer Linie an die jüngere Walramische oder herzoglich nassauische. Doch.kam er hierdurch in gespannte Verhältnisse mit dem Ministerium zu Wiesbaden. Als der wiener Congrcß sein Vaterland dem Könige von Preußen zmheilte, der cs ^ jedoch nachher zum größten Theil wieder an Nassau abtrat, war er entschlossen, aus dem Staatsdienste zu scheiden; doch der König der Niederlande, Wilhelm I-, kam ihm in der Ausführung seines Entschlusses dadurch zuvor, daß er ihn zu seinem Gcheimrathe ernannte, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode sehr nützlich wirkte. Von seinen Schriften erwähnen wir „Misccllaneen aus der Diplomatik und Geschichte" (Marb. 1798), „Geschichte der nassau-oranischen Länder und ihrer Regenten" (3 Bde., Hadaknar 1799— > 1819) und „Historische Denkwürdigkeiten" (Lpz. 1317). Arnoldisten, s. Arnold von Brescia. Arnvuld (Sophie), eine in den Annalen der Galanterie und des Witzes berühmte , Schauspielerin, ward am 11. Febr. 1711 zu Paris in demselben Zimmer, wo Coligny ermordet war, geboren. Die Natur hatte sie mit einem sehr empfänglichen Geiste, einem weichen Herzen, einer reizenden Stimme und sehr schönen Augen begabt. Ihr Vater ließ ihr eine glänzende Erziehung geben. Ein Zufall brachte sie aufs Theater. Die Prinzessin von Modena hatte sie im Kloster Val-de-Grace die Abendmesse singen hören und den Intendanten der königlichenKapelle vonihrerschöncn Stimme erzählt. Gegen der Mutter Willen mußte Sophie in die Kapelle treten, wo Frau von Pompadour, als sie dieselbe singen hörte, ausrieft „Aus solchen Talenten kann eine Prinzessin werden." Dies bahnte Sophie den Weg zur pariser Oper, deren Königin sie von 1757—78 war, und wo sie, außer andern Rollen, besonders als Jphigenia in „Jphigenia in Aulis" glänzte. Durch Schönheit, durch natürliches Spiel und ihren Geist bezauberte sie Alle; mit liebenswürdiger Unbefangenheit verschwendete sie ihre Jugend, ihren bisweilen zu freien Witz und die von ihren Verehrern erhaltenen Geschenke. Vornehme und Gelehrte besuchten ihre Cirkel; namentlich auch d'Alembert, Diderot, Helvetius und Rousseau. Sie wurde mit Nimm de l'Enclos und Aspasia verglichen; von Dorat („!.» clecismstiou") , Bernard, Marmontel und Favart besungen. Ihr Witz machte zu ihrer Zeit solches Glück, daß ihre mündlichen Epigramme < unter dem Titel, „^rnollliunu" gesammelt wurden; sie traf Den bisweilen sehr beißend, welchen sie ihre Überlegenheit fühlen lassen wollte und hatte dennoch keine Feinde. Als der Pfarrer von St.-Germain l'Auxerrois ihr die letzte Ölung reichte, sagte sic ihm plötzlich: „3e 8iÜ8 comme iilstlsluisxz, besucoup eie peciies me seront remis, ear j'si besucon;, siwe." Sic starb im I. 1893. Im Anfänge der Revolution kaufte sie zu Luzarche das Pfarrhaus und schuf cs in ein schönes Landhaus um, mit der Aufschrift: „Its missu est". — Ein anderes bedeutendes theatralisches Talent war Arnvuld, der eigentlich Jean Francois Mussot hieß, geb. zu Besancon 1731, gest. zu Paris 1795. Er erfreute sich eines großen Nuss auf der pariser Bühne und war besonders als Pantomime ausgezeichnet. Arnsberg, der südlichste der drei Regierungsbezirke der preuß. Provinz Westfalen, - in Größe von 119'/- IHM. mit 516999 meist katholischen Bewohnern. Nur mit dem Thale ^ Arrchenius Arolsen 515 der Lippe schneidet das niederrh. Tiefland ein, außerdem ist der ganze Regierungsbezirk von den nordöstlichen Massen des niederrh. Berglandes erfüllt, das an der Ostgrenze in den Höhen von Brilon, dem Plateau von Winterberg mit dem 2500 F. hohen Astenberge, dem Rothlagergebirge mit dem 2000 F. hohen Ederkopfe seine bedeutendsten Erhebungen hat, an welche sich zu westlicher Erfüllung anlcgen: der Haarstrang mit dem Ardey, der Arns- bergcr Wald, das Lcnncgcbirge, das Sauerland mit dem Ebbcgebirge und ein Theil des Westerwalds. Nur unbedeutend ist im Osten der Antheil am Wesergebiete durch die obern Laufe von Diemel und Eder; dagegen sammelt der Rhein die zahlreiche Wassermenge der tiefen Gebirgsfurchen in mehren Zuflüssen, an der Nordgrenze die Lippe, dann die Ruhr mit Möne und Lenne und im äußersten Süden den obern Lauf von Lahn und Sieg. Mit Ausnahme einiger südlichen weitern Gebirgsthäler ist nur der geringste nördliche Theil, und hierin besonders im Westen der Hellweg, sehr fruchtbar und der Schauplatz einträglichen Ackerbaus und guter Viehzucht, während das ausgedehnte Bergland in vielen Gegenden nur Kartoffeln und Hafer hervorbringt. Dagegen hat es einen bedeutenden Holzreichthum und als Hebel einer Ersatz bietenden Jndustriethätigkeit unterirdische Schätze in Kohlen, Eisen, Blei, Silber u.s.w.; auch besitzt es ein reiches Wassergefälle zum Betriebe zahlreicher Fabrikanlagen, Mühlen, Hammer- und Hüttenwerke. Der Regierungsbezirk zerfällt in 14 Kreise und enthält die Standesherrschaften Limburg, Wittgenstein-Wittgenstein und Wittgenstein-Berleburg. — Die Hauptstadt des Regierungsbezirks ist das gleichnamige Arnsberg an der Ruhr mit 4100 E-, der Sitz der Negierung, des Oberlandgerichts für das Herzogthum Westfalen und das Fürstenthum Siegen, mit einem Jnquisitoriat, einem Gymnasium und den nahe liegenden Trümmern des alten gräflichen Schlosses. In dem Baumgarten unterm Schlosse wird noch die Stelle angegeben, wo der Hauptfreistuhl des berühmten arnsbcrger Vehmgerichts gestanden haben soll. Die früher mächtige Grafschaft A. verlor 1368 durch Verkauf an Kurköln ihre Selbständigkeit und wurde integrirender Theil des Herzogthums Westfalen. ArnHenius (Jvh.), holländischer Philolog, geb. 1702 zu Wesel, wo sein Vater damals Rector war, studirte zu Utrecht die Rechte und besonders Philologie unter Duker. Er wurde, nachdem er vorher das Nectorat und dann die Professur der Geschichte und Beredt- samkeit zu Nimwegen bekleidet hatte, 1742 Professor der Geschichte, Dichtkunst undBe- rcdtsamkeit zu Utrecht, wo er 1759 starb. Von seiner ungemeinen Gelehrsamkeit und seinem seltenen kritischen Scharfsinn zeugen seine noch immer sehr geschätzten und zum Theil unentbehrlichen Ausgaben des Aurelius Victor (Amst. 1733, 4.), des „kanegz-ricus" des Plinins (Amst. 1738, 4.) und des Pacatus Drepanius (Amst. 1753, 4.). — Sein Sohn Hcinr. Ioh. A., geb. 1734 zu Nimwegen, war zu Gröningen und seit 1774 zu Utrecht Professor der Jurisprudenz und starb 1797. Wichtiger als seine juristischen, zum Theil nicht vollendeten Schriften sind seine höchst verdienstlichen Ausgaben des Sedulius (Leuwarden 1761), des Arator (Zütphen 1769) und besonders der röm. Panegyriker (2 Bde., Utrecht 1790—97, 4.), welche bis jetzt die einzig brauchbare ist. — Otto A., der Bruder des obengenannten Johann, geb. zu Arnheim 1703, war nach und nach Lehrer an den Gymnasien zu Utrecht, Gouda, Delft und zu Amsterdam, wo er 1763 starb. Seine Ausgabe der „visticka" des Dionysius Cato (Utrecht 1735; 2. Ausl., Amst. 1754) ist sehr verdienstlich und bis jetzt noch nicht entbehrlich geworden. — Sein Sohn Peter Nikolaus A-, geb. zu Amsterdam 1746 und gest. daselbst 1799, war als Jurist und Dichter sehr geachtet. Auch hat man von ihm eine sehr schätzbare Biographie des berühmten Johannes Jovius Pontanus, deren Herausgabe in dem „Uggsszm van vretenscbsx, Kunst en smask" (Bd. I) von seinem Sohne, dem beliebten Dichter Nob. Heinr. A., gest. 1824, besorgt wurde. Arolsen, die kleine Haupt- und Residenzstadt des Fürstenthums Waldeck, unfern der Twiste, einem rechten Zuflusse der Diemel, mit 2500 E., dem Sitz der obern Landesbehörden, Woll- und Lederfabriken und einem fürstlichen Schloß mit ausgezeichneter Bibliothek, Antiken- und Münzsammlung. Das Schloß, ehemals Aroldessen, wurde im 12. Jahrh. als Augustiner Nonnenkloster gestiftet, seit 1493 ein Antonitcrhaus und 1526 von dcr 33 * 516 äkjwMo Arrende waldeckschen Landesherrschast cingezogen, befestigt, erneuert und erweitert und zur Residenz gemacht. Von 1710—20 wurde vom Fürst Friedrich Anton Ulrich das neue ansehnliche Schloß an der Stelle des alten erbaut und hierauf die Stadt angelegt. oder gebrochen, auch durch das Zeichen s angegeben, bedeutet in der Musik, daß die Töne eines Accords nicht gleichzeitig, sondern schnell nacheinander und sich verschmelzend angegeben werden sollen. Eine Folge solcher gebrochenen Accorde heißt ^rpegAmtura. Auf diese Weise gebrochene Baßaccorde werden arpeggirte oder Albertische Basse genannt, nach Domenico Alberti, der als Dilettant in den I. 1730—40 durch Gesang und Clavier- spicl in Italien und Spanien großes Aussehen erregte und diese Bässe häufig anwendete. Arpent, s- Maße und Gewichte. Arrangiren heißt in der musikalischen Kunstsprache ein Musikstück zu einer andern Art der Ausführung geschickt machen, als für welche es vom Componisten gesetzt wurde. So können Orchester- und Gesangsstücke zum Vortrag auf dem Pianoforte, und umgekehrt Cla- v icrcompositionen für das Orchester auch, obwol in seltener» Fällen, für den Gesang eingerich- tet werden. Das Arrangiren kann ein bloßes todtes Umsetzen, und die Möglichkeit der mechanischen Ausführung das einzige leitende Princip dabei sein, oder aber der Arrangirende benutzt die eigcnthümlichen Wirkungs- und Ausdrucksmittel der neuen Darstellungsform, um eine dem Original möglichst gleichkommende Wirkung hervorzubringen, und sucht vor Allem den geistigen Kern desselben aufzufassen und wicderzugeben. In erster Art sind leider z. B. die meisten Orchcsterwerke von Mozart, Beethoven u. s. w. für das Pianoforte arran- girt, thcils weil man das Arrangiren als eine Art Lohnarbeit zu betrachten sich gewöhnt hat, theils auch aus einer misverstandenen Ehrfurcht gegen jene Werke. Die andere Weise hat in neuester ZcitFranz Liszt am weitesten und vielseitigsten selbst bis zum Übergreifen der Grenze ausgebildet, wo die Freiheit sich scheidet von der Willkür. Eine andere Gattung des Arrangiren besteht darin, daß nur die hervorstechendsten Gedanken und Effecte eines oder mehrer Tonstncke zu neuer Gestaltung in anderer Form benutzt, oder auch mit mehr oder weniger Geschick ohne alle Form aneinander gereiht werden, wie in den zahllosen Produkten der Potpourris und Fantasien. — Arrangement heißt ein auf die eine oder andere Weise umgestaltetes Musikwerk. Arras, dieHauptstadtdes Departements Pas-de-Calais, an der hier schiffbaren Scarpe, Sitz eines Erzbischofs, hat 23500 E-, ein College, Taubstummeninstitut, theologisches Seminar , eine Ingenieur-, Zeichen- und medicinische Schule, eine ökonomische Gesellschaft, Bibliothek, ein Naturaliencabinet und Museum und einen botanischen Garten; auch besitzt es nächst vielen Tapeten-, Batist- und Spißenfabriken fast alleZweige großartigen Gcwerb- flcißes und technischer Industrie und einen wichtigen Handel. Die Befestigung besteht aus einem unregelmäßigen, mit zehn zum Thcil abgerückten Bastionen versehenen Hauptwall, mehren Ravelins und Lünetten, zwei Hornwerken und der ein Fünfeck bildenden Citadelle mit bombenfesten Casematten. Sämmtliche Befestigungen sind von Vauban verbessert oder ganz neu angelegt. Hier brachte er zuerst seine Tenaillons an. Die Cite (Altstadt) ist von la Ville durch Wall und Graben getrennt. Unter den vielen schönen Gebäuden zeichnen sich besonders aus der Dom mit dem Baptisterium und das Präfecturhotcl und unter den öffentlichen Plätzen die 1200 OF. enthaltende Esplanade. Als A. unter span. Botmäßigkeit stand, bekam eines derThore die Inschrift: „tzuoixl les rat» prerxlrons les cimts, les krsn- <:o>s prcnilrons Lrrss", wie es aber doch 1640 unter den Marschällcn Chaune, Chatillan und Melleraye durch die Franzosen erobert wurde, ließ der Cardinal Richelieu dieselbe dahin ändern: „tznsrxl les rats prendrons lss clists, les kranpois reixlrons ^rras." Der Versuch der Spanier, A. 1654 wiedcrzuerobcrn, wurde durch Turennos Entsatz vereitelt. Arrende oder Arende heißt im mittelalterlichen Latein der Reinertrag, der nach Abzug der Auchaat und der zum Wirthschaftsbetrieb nothwendigen Ausgaben von den sämmtlichen in einer Wirthschaft erbauten Körnern übrig bleibt und dem Pachter zu Geld angeschlagen wird. Die Arrende stand früher in sehr niedrigem Preise, der sich jetzt fast verdoppelt hat. Von 6—7 Ertragskörnern rechnet man I auf die Einsaat und 2auf die Wirthschaft. Ferner heißt Arrendeso viel als Pachtung für einen Grundzins. In Ruß- Arrest Arrhidäus 517 laud versteht man unter Arrend en Krongüter, welche verdienten Personen für einen sehr mäßigen Pacht verliehen werden. Arrest, Hast, Verhaftung, Verkümmerung oder Beschlag heißt die Fcsthaltung eines Menschen (Personalarrest) oder einer Sache, auch einer Federung (Nca karrest). Der Arrest wird verfügt in bürgerlichen Rechtssachen, damit durch Entfernung des Schuldners oder der zur Befriedigung des Gläubigers dienenden Sache das Recht eines Dritten nicht verloren gehe, in Straffachen, damit sich ein Angeschuldigtcr der Strafe nicht entziehe, oder damit er durch den Arrest selbst sein Vergehen büße. In bürgerlichen Rechtssachen heißt Derjenige, welcher zu Sicherheit seinesRechts die Beschlagnahme einer Sache oder Federung oder die persönliche Verhaftung eines Andern verlangt, derArrestant; Derjenige, dessen Person oder Vermögen angehalten wird, der Arrestst. Einem solchen Arrest muß, wo nicht die Bescheinigung einer gegründeten Foderung an den Arrestaten, doch die genaue An gäbe derselben und die Nachweisung vorangehen, daß der Gläubiger in Gefahr siehe, ohne den Arrest sein Recht und die Mittel seiner Befriedigung zu verlieren; und muß der Arrestat, wenn er nicht sogleich alle nöthige Nachweisungen liefern kann, dem Richter dafür Sicherheit bestellen, weil ein ohne hinreichenden Grund angelegter Arrest sowol den Arrestanten als den Richter zur Entschädigung und Genuglhuung verbindet. Auf eine bloße Caution darf der Richter keinen Arrest verhängen. Daß man gegen Fremde übrigens leichter einen Arrest gewährt, liegt in der Natur dieses Verhältnisses. Personalarrest (contrsinte pur corps) ist in bürgerlichen Sachen auch ein Executionsmittcl, und in Fällen, wo Jemand zu einer persönlichen Leistung angchalten werden soll, sogar das einzige, das, wenn Geldstrafen nichts halfen, übrig bleibt. Wegen Wechsel (s. d.) findet fast in allen Ländern persönliche Verhaftung statt. Sonst fängt die öffentliche Meinung an, sich sehr gegen die persönliche Hast als Executionsmittcl zu erklären; in Frankreich ist sie durch das Gesetz vom 17. Apr. I8ä2 schon sehr beschränkt. In Strafsachen hat die Police! allerdings das Recht, persönliche Verhaftungen vorzunehmen, Wennübertreter auf der That ergriffen werden, oder ein Verbrechen erst noch zu verhindern ist; doch der Verhaftete, welcher hier Arrestant heißt, muß alsdann an das competente Gericht abgegeben werden, und die Gesetzgebung dafür sorgen, daß auch in dieser Hinsicht Niemand seiner Freiheit willkürlich, ohne gegründeten Verdacht eines schweren Vergehens, beraubt werde. In England ist dafür als äußerstes Mittel die H a b e a s-C o r p u s- acte (s. d.). Der Cri min ala rr est ist entweder Untersuchungs- oder Strafarrest. Erstcrcr wird nur verhängt zum Zweck der Untersuchung, um einem Angeschuldigten die Flucht unmöglich zu machen oder um Collisionen zu vermeiden. Er soll kein weiteres Übel zufügcn als dieser Zweck erfodcrt, dahin kann aber wol gehören, daß dem Gefangenen mir unter Vorwissen des Richters Verkehr mit Andern, Briefwechsel und Besuche gestattet werden. Der Untersuchungsarrest ist keine Strafe und wird auch bei der Strafe nicht mit angerechnet. Während desselben kann der Gefangene zu einer Arbeit wider seinen Willen nicht angehalten werden ; wol aber geschieht dies im Strafarrest nach den Gesetzen der Anstalt. Bei dem Militair ist der Arrest in neuern Zeiten allgemein an die Stelle der körperlichen Strafen getreten. Er scheidet sich in den weiten, hauptsächlich für die Offiziere bestimmt, wo der Arrctirte blos die Verpflichtung hat, nicht aus seinem Quartiere zu gehen, daher diese Art auch Stubenarr e st heißt, und in den engen, der in einem besvndcrn Behältniß auf der Hauptwache, von der Wachtmannschast abgesondert zu verbüßen ist. Der sogenannte strenge Arrest oder die Lattenstrafe, welche bei allen Heeren civilisirter Nationen abgeschafft ist, bestand darin, daß der dazu Verurtheilte unbekleidet und vorzüglich ohne Schuh in ein besonderes Behältniß gebracht wurde, dessen Fußboden aus dreiseitigen, oben zugeschärften Latten bestand, auf welchen zu stehen oder zu liegen sehr schmerzhaft war Mit dem Arrest ward bisweilen noch Entziehung des Lichts verbunden, was die Franzosen cacüot nannten. Im Scerechte bezeichnet Arrest die von derNcgierung, aber nicht in feindlicher Absicht, verfügte Verhinderung der Abfahrt von Schiffen. Für die daraus entstehenden Schäden haben die Versicherer cin- zustehen. — Im franz. Gerichtsstil heißt urrst das Erkenntniß eines Gerichtshofes in letzter Instanz, im Gegensatz von jux-ement, dem appellabeln Erkenntnisse des Untcrgerichts. Arrhidäus (Philippus Ul.) war der Sohn Philipp s von Macedonien und der Tänzerin Philinna, ein Halbbruder Alexander des Großen, dem er auch dem Namen nach 518 Arria Arriaza y Snperviela in der Negierung folgte. Da er durch Gift, das, wie man glaubte, ihm Olympias, die Mutter Alexander's, hatte bcibringen lassen, in Blödsinn verfallen war, regierte statt seiner Per- dikkas, dann Antipater und nach dessen Tod sein Sohn Kassander. Nach einer Scheinre- gierung von 6'/- Jahren ließ Olympias ihn und seine Gemahlin Eurydice nebst 100 andern vornehmen Macedoniern 317 v- Chr. umbringen. Arria hieß die heldenmüthige Gattin des Cäcina Pätus, der als angeblicher Anstifter einer Verschwörung gegen den Kaiser Claudius 32 n. Chr. zum Tode verurtheilt ward. Als alle Versuche ihres Gatten, sich zu retten, mislangen, als endlich, um rühmlich zu sterben, nur der Tod durch die eigene Hand noch möglich war, da ergriff A., die ihrem Gemahl auf der Flucht gefolgt war, den Dolch, stieß sich denselben in die Brust und reichte ihm dann denselben mit den Worten: „Pätus, cs schmerzt nicht!" Arriänus, mit dem röm. Vornamen Flavius, gcb. zu Nikomedia in Bithynien um 100 n. Chr., erwarb sich 136 n. Chr. unter Hadrian die Stelle eines Präfecten von Kappa- docicn und zeichnete sich als solcher durch Muth und Entschlossenheit im röm. Heere aus, zog sich aber später von öffentlichen Ämtern zurück und lebte in seiner Vaterstadt den Wissenschaften. Dieser Zurückgezogenheit verdanken wir eine Anzahl von Schriften aus dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Geographie und Taktik, in denen er sowol hinsichtlich der Wahl des Stoffes als des Äusdrucks als der glücklichste Nachahmer des ckcnophon erscheint. Als Schüler und Anhänger des Epikt et (s. d.) gab er zunächst dessen „Handbuch der Moral" heraus und schrieb außerdem „Epiktet's Unterredungen", in acht Büchern, von denen wir aber nur noch die ersten vier besitzen, herausgegeben von Schweighäuser in „ktiiloso- pliias Lpictetess monumentn" (3 Bde., Lpz. 1789 fg.) und von Koray (2 Bde., Par. 1827). Anderes hierher Gehörige ist verloren gegangen. Besonders wichtig für die Geschichte ist sein Werk in sieben Büchern „Über die Feldzüge Alexander des Großen", auch blos „Anabasis" genannt, welches aus den zuverlässigsten, für uns jetzt nicht mehr zugänglichen Quellen geschöpft ist und durch treue, unparteiische Darstellung der Begebenheiten unter den Geschichtschreibern Alexander's den ersten Rang behauptet. Nach den früher» Herausgebern Blancard und Eronov wurde es am besten bearbeitet von Schmieder (Lpz. 1798), Ellcndt (2 Bde., Königsb. 1832) und Krüger (Berl. 1835), geographisch erläutert durch van der Chys, in dem „Oommentsrius ^eograpliiciis in^rrismim" (Leyd. 1828, 3., nebst trefflicher Charte), und ins Deutsche übersetzt von Dörner (6 Bdchn., Stuttg. 1829 fg.). In engerm Zusammenhänge mit diesem Werke steht seine „Indische Geschichte", woringlaubwürdige Nachrichten über die Bewohner und Sitten Indiens aus Nearch's Reisebericht mit- getheilt werden, herausgegeben von Schmieder (Halle 1798). Für die alte Geographie nicht unwichtig ist Ä.'s Schreiben an Hadrian „Über die Umschiffung (Periplus) des Pontus Euxinus" und „Die Ümschiffung des Rothen Meers", in „Oeogrspli. graec. min." von Hudson (Bd. I) und Gail (Bd. 3, Par. 18.') I). Von seinem „Lehrbuch der Taktik" und seiner „Schlachtordnung gegen die Alanen" ist nur ein Theil noch vorhanden. Beide Stücke sind hcrausgegeben von Scheffer (Ups. 1663) und Blancard (Amst. 1683). Außerdem gibt es von A. noch eine Abhandlung „Über die Jagd" oder „(lz-negetiens", zuerst griech. und lat. von Holstcnius (Par. 1633, 3.), später abgcdruckt in ckenophon's „Opuscula poiitica" von Zeune (Lpz. 1778) und Sauppe (Lpz. 1830). Arriaza y Superviela (Don Juan Bautista de), einer der ausgezeichnetsten span. Dichter, geb. zu Madrid 1770, begann seine Laufbahn in der königlichen Marine, in der er diente, bis eine schwere Krankheit, die eine unheilbare Kurzsichtigkeit zur Folge hatte, ihn nö- thigte, 1798 den Militairdienst zu verlassen. Schon zwei Jahre früher hatte er sein Dichtertalent durch die Herausgabe eines größer» Gedichts auf den Tod des letzten Herzogs von Alba (Madr. 1796) bewährt, und 1797 war die erste Ausgabe seiner „I^as primiciss, o eoleceion ertad )' la gusrra, 6 ei combste de IrslalAar", seine feurig-kräftige Philippika gegen Bonaparte „krokecia del kirineo en äulio de 1808", seine tiefergrcifende Elegie „LI Do» cke Illaxo de 1808" wahre Prachtstücke voll patriotischen Schwunges, und seine anmuthige Lctrilla „La vespedida" ist im Munde aller gebildeten Spanier. Arrieregarde, der Nachtrab oder die Nachhut eines Heers, ist im Rücken desselben, was die Avantgarde vorn ist. Die Arrieregarde ist eigentlich bestimmt, auf dem Marsche den Rücken der Colonnen und nach einem verlorenen Gefecht den Rückzug des Heers zu decken. Sie ist aus Infanterie mit Geschütz, aus Jägern oder Scharfschützen und aus leichter Cavalerie zusammengesetzt, damit die eine Waffengattung die andere nach Maßgabe der Örtlichkeit unterstütze. Die Cavalerie wirkt in den Ebenen; die Infanterie unterstützt jene, falls sie geworfen werden sollte, und besetzt dir Engpässe; die Jäger oder Scharfschützen aber halten die feindlichen Streifer ab. Die Arrieregarde muß aus den besten oder wenigstens aus solchen Truppen bestehen, welche durch das Gefecht am wenigsten gelitten haben, weil sie den beschwerlichsten, wenn auch zugleich ehrenvollsten Dienst hat. Ihre Stärke Pflegt aus'/, bis des Ganzen zu bestehen. Ihre Entfernung von dem retirirenden Gros richtet sich nach dem Terrain. Die Arrieregarde hat aufZweierlci hauptsächlich Bedacht zu nehmen, erstens, daß sie sich nicht auf das Gros werfen und zweitens sich nicht von demselben abschnei, den läßt. Schöne Beispiele rühmlicher Arrieregardengefechte gaben der Markgraf von Baden nach der Schlacht bei Wimpfen (1622) mit der weißen Garde (300 Bürger aus Pforzheim); der General Stange, der schweb. Leonidas genannt, welcher den Rückzug Banec'S nach Böhmen deckte (1635); der Obcrstlieutcnant Chevardin, welcher Klebcr's Rückzug aus der Vendec deckte (1793) und die Division Claparede ander Bereszina (1812). Die Wahl eines entsprechenden Führers derselben ist eine wichtige Aufgabe für die Feldherren. Arrighi, Herzog von Padua, ein geborener Corse und Verwandter der Bona- parte'schen Familie, war zuerst Adjutant des General Berthier und machte dann den Feldzug in Ägypten mit, wo er 1798 Hauptmann und bei St.-Jean d'Acre so verwundet wurde, daß er für todt auf dem Schlachtfelde liegen blieb. Nach der Schlacht bei Marengo wurde er Escadronchef und nach der bei Austerlitz Brigadcgeneral, doch begnügte er sich mit dem Titel eines Colonels der Gardedragoncr. Auf dem Schlachtfelde von Friedland ernannte ihn Napoleon zum General und bald nachher erhob er ihn zum Herzoge von Padua. Als Divisionsgeneral focht ec 1809 bei Eßlingen und Wagram und beim Ausbruche des Kriegs gegen Rußland wurde ihm der Befehl über die'neuorganisirten Cohorten übertragen. JmJ. i8!3war er inLeipzig, das er in Belagerungszustand erklärte, und wo er eine höchst lä- 520 Arroba Arsenik stige und cbenso unnütze allgemeine Bürgerbcwaffnung in Ausführung brachte. Auf seinen l Antrieb geschah der Überfall des Lützow'schen Corps durch Fournier bei Kitzen am 17. Juni 1813. Während der Schlacht bei Leipzig commandirte er das dritte Cavaleriecorps und vcrtheidigte sehr energisch die Vorstädte. In Frankreich zeichnete er sich 181 -1 bei der Vertheidj- gung des Passes von Nogent aus. Nach seiner Rückkehr von Elba schickte ihn Napoleon als außerordentlichen Kommissar nach Corsica, um dort Alles wieder auf den alten Fuß zu setzen, und crchcilte ihm die Pairswürde. Er war einer der blindesten Anhänger Napoleon's I und vollzog die harten Befehle desselben noch mit verschärfter Strenge und in der drückend- ! sten Form. Nach Napoleon's zweitem Falle wurde A. durch dasDecret vom 24. Juli I8>5 n aus Frankreich verbannt; 1820 erhielt er die Erlaubniß zur Rückkehr, doch lebte er fast - immer in Italien. Arröba, s. Maße und Gewichte. Abrogation, s. A doption. Arrosement nannte man in den Zeiten der Geldnoth von 1805 und 1809 die in Ost. reich vorgenommenc Geldoperation, zufolge deren die Inhaber von Staatsobligationen, um ferner den vollen Zinsbetrag und die ursprüngliche Capitalsumme ungeschmälert zu erhalten, gcnöthigt wurden, einen gewissen vcrhältnißmäßigen Nachschuß zu machen, der aber mit verzinset wurde. Arsacrdeu ist der Name der-Könige des parthischen Reichs, das im I. 256 v. Chr. durch Arsaces I., der die Parther von derHerrschaft der syr.Könige, der Seleuciden, befreite, begründet, durch den Sieg des Arsaces II. über Seleucus Kallinikus 238 v. Chr. befestigt und namentlich durch Arsaces VI. (oder Mithridates I., 174 — 137 v. Chr.), bis an dm Euphrat im Westen, im Osten bis über den Indus erweitert ward. Der letzte Arsacide,Arta- ban IV., ward durch den Perser Artaxerxcs, den Stammvater der Sassaniden, 226 n. Chr. " besiegt, und das parthische Reich, an dessen Stelle nun das neu-pers. tritt, damit vernichtet. Arschin, s. Maße und Gewichte. Arsenal ist im Allgemeinen gleichbedeutend mitZeughaus (s. d.). Die Franzosen verstehen indeß auch darunter die Artillericwerkstättcn und nennen diese arsenuux cke cou- -truction. Wird mit Arsenal ein Gebäude für Kriegsvorräthe bezeichnet, so hat man Land- und Seearsenale zu unterscheiden. Arsenik ist ein Metall von lichtstahlgraucr Farbe und vollkommen metallischem Glanze, der auf der frischen Bruchflächc dem des unpolirten Stahls gleich ist, dessen Farbe und Glanz jedoch sehr schnell sich verlieren. Sein specifisches Gewicht ist 5,70; cs ist härter als das Wismuth und außerordentlich spröde. Unter allen Metallen ist es das flüchtigste, indem man es schon in einer Wärme von 144° R. sublimiren kann; die Dämpfe riechen wie Knoblauch, schmecken süßlich und färben das Kupfer weiß. Bei welcher Temperatur das Arsenik flüssig wird, ist noch nicht gehörig bestimmt. Das Arsenikmetall wird aus den auf- bereiteten Erzen durch eine bloße Destillation aus thönernen Retorten mit gut schließenden Vorlagen gewonnen. Das Metall sammelt sich als ein krystallinischer Körper in den Vorlagen und wird unter dem Namen Fliegenstein, Flicgenkobalt oder Scherbenkobalt gewonnen ; zugleich geht auch sogenanntes graues Arsenik mit über. Am häufigsten gewinnt man das Arsenik im oxydirten Zustande; man bedient sich dazu der Flammöfen, welche ein gro- ^ ßes muffelartiges Gefäß erhitzen, das mit einem Giftfange in Verbindung steht. Dieser ist entweder ein langer, weit fvrtgeführter, gemauerter Kanal, oder ein großes geräumiges Ge- wölbe, über welchem sich noch mehre Kammern befinden. Das verflüchtigte und oxydirte Arsenik sammelt sich als Gift- oder Arsenikmehl in den Giftfängen und gibt durch R affiniren das Arsenikglas oder das weiße Arsenik (arsenigc Säure), wobei sich in den Giftfängcn Sublimat ansetzt. Das gelbeArscnik,künstlicheRau sch gelb oder Auripigment erfolgt durch ein sublimirendes Schmelzen aus schwefelhaltigen Arsenik- erzen oder aus Giftmehl und Schwefel, das rothe Arsenik oder Real gar aus einem Gemenge von Schwefel- und Arsenikkiesen durch Sublimation. Versetzt man eine arsenikhaltige Flüssigkeit mit etwas Zink und Schwefelsäure, so entwickelt sich daraus ein sehr giftiges ^ Gas, das Arsenikwasserstofsgas (dessen Einathmung Gehler den Tod brachte), welches I bei seiner Verbrennung an kalten Körpern einen Überzug von metallischen Arsenik absetzt. Das Arsenikvergistuilg 521 Arsenik ist häufig vorhanden, begleitet viel die Silber-, Zinn- und Kobaltcrze und wird bei deren Röstung, besonders in den Kobaltwerkcn Sachsens, gelegentlich gewonnen. Mit dem Kupfer gibt das metallische Arsenik das sogenannte Weißkupfer; Auripigment und Nealgar werden als Farben benuht. Besonders das weiße Sublimat ist das stärkste mineralische Gift. Arsenikvergiftung. Unter allen, besonders den absichtlichen Vergiftungen ist die durch Arsenik die häufigste. Am gewöhnlichsten wird dazu das weiße Arsenik (arseuige Säure), seltener der Fliegenstein oder Schwefelarsenik benutzt, indem die Ähnlichkeit des Pulvers des erster« mit dem Mehle, Zucker u. s. w. am wenigsten Verdacht erregt und am leichtesten zu unabsichtlichen Verwechslungen Veranlassung gibt; eben deshalb ist auch der Ma- gen der gewöhnlichste Weg seiner Einführung, indem er den Getränken und Speisen, Back- werk u. s. w. beigemischt wird; doch sind auch der After und die Scheide Einführungsstellen, ebenso wie die Haut, wo das Arsenik in Form von Salben, Schminke u. s. w. applicirt wird. Seine örtliche Wirkung ist die der Hervorrufung von Entzündung mit großer Neigung zum Übergange in Brand. Die Zeichen der Vergiftung treten entweder schnell auf, wenn dir Einbringung des Arseniks in größerer Menge auf einmal geschah, oder langsam, wenn kleinere Mengen zu wiederholten Malen eingeführt wurden; sie kommen im Ganzen mit denen überein, welche wir bei Vergiftung durch scharfe metallische Substanzen überhaupt wahrnehmen, daher sich aus ihnen allein keineswegs auf Arsenikvergiftung schließen läßt; hierzu gehört vielmehr durchaus das wirkliche Auffinden des Arseniks in den Äusleerungcn, oder die anderweitig erlangte Kenntniß, daß Arsenik eingebracht sei. Aus diesem Mangel feststehender charakteristischer Kennzeichen der Arscnikvergiftung erklärt cs sich auch, daß dieselbe sogar von Ärzten verkannt oder ganz übersehen worden ist, wie dies z. B. die Geschichte der berüchtigten Gottfried (s. d.) in Bremen zeigt. Besonders ist es die Magenentzündung und die Cholera, mit welchen leicht Verwechselungen der acuten Vergiftung durch Arsenik Vorkommen können. Die gewöhnlichsten Zeichen derselben sind übrigens metallischer Geschmack, reichliche Speichelabsonderung und übler Geruch aus dem Munde, Zusammenschnürung des Schlundkopfes und der Speiseröhre, heftiger Schmerz im Magen; hierzu gesellt sich ungemeine Angst, häufige Ohnmächten, Würgen und Erbrechen einer anfangs schleimigen, grünlichgelblichen, die Zähne stumpfenden, später meist blutigen Masse, welches mit wässerigen, schwärzlichen, blutigen Durchfällen wechselt; der ganze Unterleib, meist bret artig eingezogen, doch auch in andern Fällen wieder aufgetricben, ist gegen jede Berührung äußerst empfindlich, die Gesichtszüge fallen zusammen, die Augenlider sinken ein und zeigen blaue Ringe um die Augen; der Kranke beklagt sich über unauslöschlichen Durst, brich! aber das Getränk sogleich wieder von sich, die Zunge schwillt an, bedeckt sich wie die Lippen mit gangränescirenden Bläschen, in der Haut stellt sich heftiges Jucken, Prickeln ein, und nicht selten erscheinen rothe Flecke, Bläschen, Petcchen unter meist kühlen Schweißen; das Athmen ist erschwert, der Herzschlag zittert; der Puls, anfangs voll, stark und häufig, wird bald zusammengezogen, klein, unregelmäßig, zuletzt meist langsam, die Sprache erlischt, die Kräfte sinken unter den Ohnmächten immer mehr, die Extremitäten werden kalt, empfindungslos, nachdem sich heftige Krämpfe in ihnen gezeigt hatten, cs stellen sich Delirien, Schluchzen ein, und der Kranke stirbt meist zwischen dem ersten und dritten Tag. Zuweilen bemerkt man weder Erbrechen noch Schmerzen und Krämpfe, und der Tod erfolgt unter häufigen Ohnmächten durch gänzliche Erschöpfung in fünf bis sechs Stunden. Die Section ergibt meist Entzündung und Brand derjenigen Theile, womit das Arsenik in Berührung kam. Daß die Leichen der Vergifteten nicht verwesen, ist ein Jrrthum, wenigstens findet dies nur in den Fällen statt, wo bedeutende Mengen des Arseniks resorbirt wurden und in die Gefäße gelangten. Was die Behandlung der Arsenikvergiftung anbetrifft, so ist diese erst durch die Entdeckung des Eisenoxydhydrats als wirkliches Gegengift des Weißen Arseniks , welche wir Bunsen und Berthold in Göttingen verdanken, auf einem rationellen Wege möglich geworden; doch kann dabei auf keine Weise ärztlicher Beistand entbehrt werden. Bis dieser erscheint, kömmt Alles darauf an, die Aufsaugung des Arseniks möglichst zu verhindern, was man am besten durch Trinken von kaltem Wasser erreicht; nur wo die Hülfe lange ausblcibt, kann man kaltes Seifenwasscr, Eiweißwasser, Milch und Öl trinken lasten, welche bei der großen Empfindlichkeit des Magens das Erbrechen, wodurch das Arsenik 522 Arsinoe Artemis zum Thcil ausgeleert wird, meist ausreichend unterhalten. Das Eisenoxydhydrat, von welchem 10 — 20 Theile zur Neutralisirung eines Theils des Arseniks ausreichend sind, wird dann möglichst warm in so großen Quantitäten als möglich getrunken, in den Darm oder > die Scheide gesprüht und nur da, wo das Arsenik in Substanz eingebracht ward, 10 — 20 Tropfen Salmiakspiritus, um seine Auflösung zu befördern, hinzugesetzt. Das Mittel wird so lange fortgebraucht, bis man erwarten kann, daß alles Arsenik neutralisirt ist, worauf dann die zurückblcibenden Störungen, Magen-, Darmentzündungen u. s. w. nach den Regeln der Kunst behandelt werden müssen. Immer aber muß der Kranke noch längere Zeit hindurch eine reizlose, schleimige, aber karge Diät befolgen, welcher erst später roborirende Mittel folgen dürfen. Behufs der Ermittelung der Arscnikvergiftung ist es durchaus nothwen- dig, alles Erbrochene und durch den Stuhl Entleerte bis zur Ankunft des Arztes sorgfältig ' aufzubewahren. Die Ermittlung selbst geschieht auf chemischem Wege, durch Reagentien, wie das Schwefelwasserstoffgas oder das salpetersaure Silber, und indem man das Arsenik aus den erbrochenen Massen u. s. w-, als Metall mittels des von Marsh in Vorschlag gebrachten und von Orfila verbesserten Verfahrens darzustellen sucht. Der Knoblauchsgeruch, der auf glühende Kohlen geworfenen Massen, kann nur den Verdacht, nicht die Gewißheit der erfolgten Vergiftung durch Arsenik begründen. Arssnöe, die Gemahlin dcs Alkmäon (s. d.). Arfts, s- Rhythmus. Artaxerpes ist der Name mehrer pers. Könige. — A. I., mit dem Beinamen Lon- gimanus, der zweite Sohn desikerxes, entging dem Artaban und den andern Verschworenen, die seinen Vater und seinen ältern Bruder Darius ermordeten, und bestieg 465 v. Ehr. den Thron. Unter seiner langen Regierung, bis zum Z. 4 2 5, zeigten sich die ersten Spuren ! des inner» Verfalls des pers. Reichs, indem der Satrap Megabyzus, der für ihn die empörten Baktrier und Ägypter unterworfen hatte, selbst mit solchem Erfolg gegen ihn aufstand, daß A. genöthigt war, in die von dem Satrapen vorgcschriebenen Bedingungen der Aus- ^ svhnung einzugehen. (S. Cimon.) — A. ll., mit dem Beinamen Mnemon, folgte 405 seinem Vater, Darius ll. Nachdem er seinen Bruder Cyr us (s. d.) besiegt, ward er in einen Krieg mit den Spartanern verwickelt, gegen welche er die Athener und andere Staaten Griechenlands aufzureizc» wußte, und den er durch den Frieden des Antalkidas 387 mit Gewinn beendete. (S. Agesilaus und Gricchcnland.) Er starb 3 6 l v. Ehr. — A. I ll-, mit dem Beinamen Ochus, war der Sohn und Nachfolger des Vorigen. Nachdem erPhönizien und Ägypten wieder zum Gehorsam gebracht, große Grausamkeiten in beiden Ländern verübt und aus Übermuth in Ägypten unter Änderm den Apis hatte schlachten und sich zum > Mahle zubereiten lassen, ward er 338 v. Ehr. von seinem Feldherrn Bagoas vergiftet, sein Leichnam den Katzen vorgeworfen und aus seinen Gebeinen Säbelgriffe gemacht. — Auch der Stifter des neupers. Reichs (226 n. Ehr.), der Stammvater der Sassaniden, führte den Namen Artaxerxes. Artemidörus von Ephesus, der Geograph, um 100 v. Ehr., ist besonders berühmt durch seine Reisen im Mittelmeere, im Rothen Meere und dem Atlantischen Ocean. Äus seinem „Periplus" in elf Büchern machte 500 Jahre später Marcianus von Heraklea einen zum Theil noch vorhandenen Auszug. (S. H a n n o.) Die Bruchstücke desselben stehen in den ? Sammlungen der „6eoAr.Ar-tec.mmnr." vonHöschel (Augsb. l604) und Hudson (Bd, I). Artemidörus von Ephesus, Daldianus, von Daldia in Lydien, der Geburts stald seiner Mutter, genannt, lebte in der Mitte des 2. Jahrh. v. Ehr. und bereiste die Küsten Asiens, Griechenland und Italien. Die Früchte seiner Reisen und Studien legte er mit vieler Selbstzufriedenheit in einer Schrift über Traumdeutung und in einem „Traumbuche" nieder, die in einer gewandten Darstellung sowol über Sitten und Gebräuche des Alterthums, als über die Kunst der symbolischen Deutung mannichfache Belehrung geben. Seine Schriften wurden herausgegeben von Nigaltius (Par. 1603) und Reiff (Lpz. 1805). Artemidörus, ein alexandrinischer Grammatiker, Schüler des Aristophanes von Byzanz, wird als Verfass er einer Schrift über den dorischen Dialekt genannt. Äuch schrieb man ihm die Sammlung der bukolischen Dichtungen zu, die Theokrit's Namen trägt. Artemis, s. Diana. Artemisia Artesische Brunnen 523 Artemisia, Königin von Karlen, regierte von 352 — 350 v. Chr. Sie war die Gemahlin des Mausolus, dem sic in der Negierung folgte und dessen Tod sie auf die zärtlichste Weise betrauerte. Ihren Namen hat sie insbesondere durch das ihrem Gatten zu Ehren in ihrer Hauptstadt Halikarnaß erbaute Denkmal, dasMausoleum (s. d.) auf die Nachwelt gebracht. — Eine andere Artemisia, Königin von Halikarnaß, war cs, die densserxes auf seinem Zuge gegen Griechenland begleitete, in der Schlacht bei Salamis 480 v. Chr. durch ihre Entschlossenheit und Klugheit sich auSzeichnete und endlich durch einen Sprung vom leukadischen Felsen ihr Leben endete. Artemon oder Artem as, ein Sektirer, der die Gottheit Christi leugnete und ihn für einen bloßen Menschen von seltener Tugend erklärte, lebte im Anfänge des 3. Jahrh. im Sprengel von Nom. Seine Anhänger, die Artemoniten, welche sich viel mit Eukli- des, Aristoteles und Theophrast beschäftigt haben sollen, fanden indeß wegen ihrer kritisch- dialektischen Richtung in der damaligen Kirche wenig Anklang und verloren sich schon gegen die Mitte des 3. Jahrh. Arterien, s. Gefäßsystem. Artesische Brunnen nennt man die künstlichen Quellbrunnen, die durch Bohren in die Erde erhalten werden. Sie unterscheiden sich von den gewöhnlichen Brunnen dadurch, daß man sie bis auf eine wirkliche unterirdische Wasserader hincinbringt, daher ihr Wässer nie versiegt, auch eine mit der Tiefe des Brunnens zunehmende, stets gleiche Temperatur hat. Nicht überall kann man artesische Brunnen anlegen, sondern nur da, wo die Gebirgsbildung das Vorhandensein weit ziehender, mit Wasser erfüllter Klüfte, die mit einem hö- Hern Punkte dergestalt in Verbindung stehen, daß bei Eröffnung der Flut durch ein Bohrloch der hydrostatische Druck das Wasser bis zur Oberfläche treibt, vermuthen läßt. Dies ist namentlich im Kreide- und Quadersandgebirge und im Jura meist vorauszusetzen. Beweise dazu liefern Wien, Dresden, Paris für die Kreide, Würtemberg und Baiern für den Jura. Früher verfuhr man ganz empirisch; man grub in die Erde, bis man auf ein Thonlager kam, legte dann auf den Boden der Grube einen in der Mitte durchlochtcn Mühlstein und bohrte durch dieses Loch die Thonlage durch, bis das Wasser mit Gewalt aufsiieg und den Brunnen füllte. So verfährt man schon seit Jahrhunderten in Ostreich, um diese Quellbrunnen zu erhalten, die besonders in der Umgebung Wiens viel häufiger sind als die bloS auf Seihwasser gegrabenen Brunnen. Zuweilen dringt das Wasser mit solcher Gewalt herauf, daß es überläuft und die nächste Umgegend bedeckt. Man sichert sich dagegen dadurch, daß man das Quellwasser in einer Nähre bis über die Oberfläche der Erde anhaltend hcrauf- leitet, was zuerst Belghofer in Wien ausführte und jetzt allgemein angenommen ist. Das Verfahren dabei ist folgendes: Man gräbt den Brunnen wie gewöhnlich durch die Damm- crde, Schotten n. s. w-, bis man auf die feste Schicht von Tegel kommt, plumpt hierauf das gesammelte Seihwasser aus und bolzt die Wände des Brunnens. Dann schlägt man in der Mitte des Brunnens eine auf vier Zoll gebohrte hölzerne Brunnenröhre senkrecht in das Tcgellager ein, worauf der Erdbohrer angewendet wird, bis man auf Sandstein oder Thon- mergellagcr kommt, die mit dem Steinbohrer durchbrochen werden, und worunter gewöhnlich die Quelle in einer Sandschicht liegt. Sodann setzt man Brunnenröhren, mit den gewöhnlichen Brunnenbüchsen verbunden, bis über die Oberfläche der Erde auf, stampft sie rings herum gut mit Thon ein und füllt den übrigen Brunnenraum mit Erde oder Schotten aus. Findet sich unter dem ersten Steinlager das Wasser noch nicht, so bohrt man in den Tegel weiter bis zum nächsten Steinlager. Neuerdings hat die Brunncnbobrkunst, besonders durch Anwendung der chinesischen Seilbohrmethode, mannichfache Verbesserungen erfahren. Die artesischen Brunnen haben mit Recht die größte Aufmerksamkeit erregt, da man hoffen kann, daß mittels derselben mancher wegen Dürre unbewohnbare Landesstrich noch für Cultur dürfte gewonnen werden. Allein dies ist nicht der einzige Zweck dieser Brunnen. Weil nämlich das aus großen Tiefen gebohrte Wasser nicht nur meist sehr reichlich hervorquillt, sondern auch im Winter wie im Sommer mittlerer Temperatur (je nach der Tiefe von 6"— 12° und mehr) ist, so benutzt man das Wasser der artesischen Brunnen nicht nur zum Treiben der Maschinen und zum Bewässern von Gärten, Feldern, Wiesen und Gewächshäusern, zum Erwärmen der Fischteiche im Winter, selbst zu Heizung von Fabriklocalcn, sondern 52-1 Arthritisch Artillerie euch für die Fabrikation durch Dampfmaschine». Endlich ist noch der Vortheil zu erwähnen, daß beim Graben oft an Stellen, wo man cs gar nicht vermuthcte, nützliche Mineralien gefunden werden. Den Namen erhielten diese Brunnen von der Grafschaft Artois in Frank- - reich, wo sie von Belidor zuerst puits »rtösicus genannt, vorzüglich „seit der Mitte des l 8. Jahrh. häufig gebohrt wurden; allein sie waren schon früher in Ostreich und Oberitalien und wahrscheinlich noch viel früher in China in Gebrauch. In der letzten Hälfte des 17. Jahrh. lernte sie der Astronom Cassini auf seiner Reife in Ungarn in Ostreich kennen, und äbnliche Brunnen in Modena beschreibt schon Namazzini in seinem Werke: „De mlmirimela lontium scaturigme" (Modena 1691). Gegenwärtig findet man deren in Wien, Dresden, Erlangen, Paris und an vielen Orten Baierns und Würtembergs. Vgl. Bonner, „Vollständiger Unterricht über die Anlage der Bohrbrunnen" (2. Aust., Münst. 1831); Jacquin, „Artesische Brunnen in und um Wien, mit Bemerkungen von Partsch" (Wien 1831); Spetzler, „Anleitung zur Anlage artesischer Brunnen" (Lübeck 1832); Eambihler, „Anweisung des sichersten, einfachsten und wohlfeilsten Verfahrens beim Bohren von artesischen Brunnen" (Nürnb. 1832); Bruckmann, „Praktische Anleitung zur Anlage sogenannter artesischer Brunnen" (Heilbr. 1832); Frommann, „Die Bohrmethode der Chinesen" (Kobl. 1835) und Paulucci, „Das technische Verfahren bei Bohrung artesischer Brunnen" (Wien 1838). Arthritisch so viel als gichtisch, s. Gicht. Artikel heißt das Wort, welches in einigen Sprachen dem Hauptworte vorgeseht zu werden pflegt, und wodurch dieses als selbständig, seiner Art oder Gattung nach, bezeichnet wird. Da ein Einzelnes in seiner Art entweder genau bestimmt oder nicht bestimmt werden kann, so ist auch der Artikel ein bestimmender (der, die, das), oder ein nicht bestimmender (ein, eine, ein). Fälschlich nennt man jenen den bestimmten, diesen den unbestimmten Artikel, l Die lat. und mehre andere Sprachen haben den Artikel nicht und bezeichnen dieses Vcr- hältniß durch die verschiedenen Endungen der Hauptwörter. — Außerdem bedeutet Artikel ^ so viel als Thcil, Glied (->rt>c»I»s) einer Darstellung oder Verhandlung, z. B- Glaubensartikel, Artikel der Deutschen Bundesacte. Artillerie, nach Einigen abgeleitet von urts tollere, d. i. die Kunst zu schießen, kommt zuerst bei den Spaniern und Franzosen vor und deutet im Allgemeinen das grobe Geschütz an. Die Erfindung der Geschütze fällt in die Periode kurz nach den Kreuzzügen, nachdem das Schießpulver die bis dahin in Gebrauch gewesenen Kriegsmaschine» verdrängt und gänzlich außer Kraft gesetzt hatte; jedoch ist zu bemerken, daß auch jene Maschinen zuweilen mit dem Namen Artillerie belegt worden sind. Als neuere Waffe ist die Artillerie das Resultat einer langen Reihe von Entdeckungen im Gebiete der physikalischen und mathematischen Wissenschaften, weshalb auch ihre Ausbildung nur ganz allmälig vor- schreitcn konnte. Für den Festungs- und Bclagerungskrieg führte die Einführung dcrFencr- geschützt ein ganz neues System herbei, weshalb auch die Festungs-und Belagerungsartillerie sich ungleich früher und schneller entwickelt hat als die Feldartillerie. Dafür hat die letztere in der Taktik eine fast noch größere Revolution hcrvorgebracht; man war genöthigt, schon in der Ferne sich zu formircn, wenn man nicht durch das grobe Geschütz allzuviel leiden wollte, und in dem Maße wie die Feldartillerie beweglicher wurde, ward es auch die Taktik. < Statt indessen die praktische Richtung, aufwelche der Krieg hinwies, zu verfolgen, machte man die theoretische zur Hauptaufgabe, und die Artilleristen beschäftigten sich Jahrhunderte hindurch blos mit der Kraft und Wirkung ihrer Geschosse, mit der Größe der Schußweiten, der Geschwindigkeit der Projectile u. s. w., was eine Reihe von Berechnungen und Versuchen hcrbeiführte und auf die Wahl der Kaliber nicht ohne Einfluß bleiben konnte. In dem Bestreben, die Vollkommenheit zu erreichen, gerieth man aus Abwege und sing damit an, Geschütze von dem ungeheuersten Kaliber zu construiren. Den Deutschen gehört zwar die Erfindung des Schießpulvers an, auch sind Nürnberg und Augsburg als die Wiege der deutschen Artillerie zu betrachten, doch waren die Franzosen die Ersten, welche entscheidende Schritte zur Verbesserung des Geschühwesens gcthan haben. Erst in neuerer Zeit sind ihnen zunächst die Engländer und später die Deutschen wieder nachgekommcn, während in Preußen die Taktik s der Technik beiweiteni voraugceilt ist. Im Dreißigjährigen Kriege geschah der erste wichtige Artillerie 525 Schritt, die Artillerie, welche bis dahin eine bloße Zunft war, in die Reihe der Heerswaffcn aufzunehmen, und die schwedische unter Gustav Adolf hat lange Zeit als Vorbild einer musterhaften Artillerie gegolten. Außer Gustav Adolf haben Friedrich II. und Napoleon viel zur Entwickelung der Artillerie beigetragen und Beide verdanken derselben ihre schönsten Siege im freien Felde, während in frühem Zeiten, und namentlich im spanisch-niederländischen Kriege das alte Vorurtheil, als sei der Belagerungskrieg dieHauptbestimmungderArtillerie, die Oberhand behalten hatte. Erst in Folge des französischen Revolutionskriegs und der daran sich knüpfenden, ward die Artillerie förmlich als dritte Hauptwaffe angesehen und als solche cultivirt. Dessenungeachtet ist sie noch vielerVerbesserungen fähig und ihre Ausbildung noch keineswegs als geschlossen zu betrachten. Noch täglich machen neue Erfindungen in ihrem Gebiete sich bemerkbar, und bei noch größer» Fortschritten der Physik und Chemie wird es nicht ausblciben, daß sie manche Kräfte sich dienstbar zu machen wissen wird, welche gegenwärtig noch schlummern, wobei wir nur an die Kraft des Dampfes erinnern, welche auf dem Punkte steht, die uralte des Schießpulvers zu verdrängen. Bei dem umfassenden Gebiete der Artillerie kann es nicht fehlen, daß ihr Name in vielfacher Beziehung gebraucht wird, was das Studium noch verwickelter macht. Bald bedeutet der Name Artillerie das Materielle, bald das Personelle, bald das Scientifische oder die sogenannte Artilleriewissenschaft (s. d.); bald versteht man darunter die Waffe selbst, bald die Corps, welche sie bilden. Wir bleiben hier bei der Grundidee stehen, daß die Artillerie gegenwärtig in allen Armeen die dritte Hauptwaffe des Heers ausmacht, ja einige Staaten räumen ihr sogar den Vorrang vor den andern beiden Waffen ein, wie Rußland und Sardinien. Sie wird in zwei wesentlich verschiedene Hauptclaffen getheilt, nämlich in Land- und in Sce- vder Schiffsartillerie; die Landartillerie wieder in Feld-, Fcstungs-, Küsten-und Belagerungsartillerie, die Feldartillerie außerdem in Fuß-, fahrende und reitende. Geht man aber auf ihre taktische Bestimmung zurück, so theilt sich die Feldartillerie in Divisions-und in Reserve- » artillerie. Endlich wird sie auch noch nach der Größe ihrer Kaliber in schwere und leichte getheilt. Die Feldartillerie pflegt in Regimenter, Bataillone und Brigaden, diese wieder in Batterien oder Compagnien getheilt zu werden; doch findet fast in jedem Staat eine andere Eintheilung statt. Zur ausgerüsteten oder mobilen Feldartillcrie gehören dann auch noch die Munitions- oder Park-, sowie die Laborir- und Handwerkscolonncn. Die Feldbattericn bestehen aus Kanonen und Haubitzen, zuweilen auch aus einer dieser Geschützgattungcn allein; ihre Stärke ist verschieden, doch pflegt man sie nicht gern stärker als zu 8, und nicht schwächer als zu 6 Piecen zu machen, wobei dann die erfoderlichen Wagen noch hinzutreten. Zu der schweren Feldartillcrie gehören die I2pfündigen Kanonen und die özolligen oder l vpfündigcn Haubitzen, zu der leichten die 6 oder 8pfündigen Kanonen und die 5 Özolligen oder 7pfündigcn Haubitzen; bei den Engländern gehören auch noch die Neunpfünder zur Feldartillcrie. Als oberster Grundsatz für eine gute Feldartillerie gilt, daß sie bei entsprechender Wirkung den böchstmöglichcn Grad von Beweglichkeit besitzt. Was die Anzahl betrifft, so rechnet man auflOvu M. Infanterie 2'/- — 3, und auf 1000 M. Reiter 5 — 6 Geschütze, wonach z.B. sich bei einem preuß. Armeecorps von 24 — 3NWN M. 12 Batterien befinden, nämlich 3 schwere, 5 leichte, 3 reitende und l Haubitzbattcrie; dazu 8 Park- und andere Kolonnen, im ^ Ganzen über 490 Fuhrwerke. Bei der Fußartillerie geht Alles zu Fuß und nur die Unteroffiziere sind beritten; bei der fahrenden wird, z. B. wie in Schweden, Baicrn und Ostreich, die Mannschaft auf den Protzen und Wagen, oder auch auf dem Geschütz selbst mit fortgebracht; bei der reitenden Artillerie ist Alles zu Pferde. In geschichtlicher Hinsicht ist zu erwähnen, daß das Bcdürfniß, eine besonders bewegliche Artillerie zu besitzen, schon in den ältesten Zeiten gefühlt ward, weshalb man häufig die Bespannung verdoppelte und die Artilleristen auf dem Geschütz mit fortbrachte, wie der große Kurfürst bei seinem Zuge über das Frische Haff; indessen datirt sich die eigentliche reitende Artillerie von Friedrich II-, der 1 759 die erste reitende Batterie zu Landsberg durch den Prinzen Heinrich errichten ließ; später vermehrte sie der König bis aus 7 Batterien, und seit dieser Zeit macht sie einen integri- ^ renden Theil aller europ. Feldartillericn, mit Ausnahme der östreichischen aus. Bei den I Franzosen wurden die ersten reitenden Batterien I79l errichtet; die Russen hatten deren schon gegen das Ende des Siebenjährigen Kriegs. Außer den genannten rechnet man auch die 526 Artilleriecorps Naketenbatterien zur Feldartillerie, doch ist deren Einführung noch nicht ganz allgemein und etwas Bestimmtes darüber zur Zeit noch nicht bekannt geworden. Die Festungsartillerie hat, wie schon der Name andeutct, die Bestimmung, die Festungen gegen einen be- lagernden Feind vcrtheidigen zu helfen, und besteht aus allenKalibern von Kanonen, Haubitzen und Mörsern. Wieviel von jeder Gattung sich in einer Festung befinden müssen, hängt von der Größe, Bauart und Localität der letztem ab. Außerdem befinden sich noch bespannte leichte Geschütze in jeder Festung, welche man Ausfallbatterien nennt. Für die eigentliche Festungsartillerie gilt als oberster Grundsatz, daß sie die größtmögliche Wirkung äußern muß, dagegen nur einen untergeordneten Grad von Beweglichkeit zu besitzen braucht. Zur Küstenartillerie rechnet man diejenigen Batterien, welche zur Verhinderung einer feindlichen Landung an den Küsten errichtet und gewöhnlich mit Geschützen des schwersten Kalibers armirt werden. Man hofft, auch die Bombenkanonen des Generals Paixhans dabei mit Vortheil anwenden zu können. Große Beweglichkeit verlangt man zwar von den Küstengeschützen nicht; doch müssen sie eine Einrichtung haben, auf vorübersegelnde Schiffe schnell gerichtet werden zu können. Auch bei der Belagerungsartillerie deutet der Name ihre Bestimmung an. Sie besteht aus allen möglichen Kalibern, deren Anzahl, dem jedesmaligen Zweck entsprechend, gewählt wird. Gewöhnlich besteht ein Belagerungstrain zur Hälfte aus Kanonen, zur Hälfte aus Wurfgcschützen. Die Belagerungsurtillerie muß bei der größtmöglichen Wirkung doch einen nicht unbedeutenden Grad von Beweglichkeit besitzen, da sie oft gerade Strecken auf beschwerlichem Terrain zurückzulegen hat, wobei blos aufdie Belagerungen von Antwerpen und Konstantine hinznweisen ist. Die Seeartillerie dient zur Bewaffnung der Kriegsfahrzcuge aller Art, mit Einschluß der Kanonenböte und Hafenschiffe. Sie besteht aus allen Kalibern von Kanonen, Haubitzen und Mörsern und außerdem noch aus Bombenkanonen (s. d.) und Carronaden (s. d.). Jede Seemacht folgt darin andern Grundsätzen; im Allgemeinen unterscheidet sich aber die Seeartillcrie dadurch von der Landartillerie, daß sie meist nur eiserne und wenig metallene Geschütze führt, unddaßihre Geschütze auf eigens construirten Lasteten (Schiffslaffeten) liegen, wie es durch die Bauart der Schiffe bedingt wird. Bei Vertheilung der Geschütze werden die leichtern aufdas obere Verdeck, die schwerem in die untern gestellt, um das Schwanken des Schiffs nicht zu vergrößern und überhaupt ein besseres Gleichgewicht hervorzubringen. Die Seeartillerie bedient sich schwächerer Ladungen als die Landartillerie, Heil gewöhnlich die Schußweiten kleiner sind, auch die Schiffe eine sehr starke Ladung nicht vertragen würden. Gegenwärtig sind fast überall die Secgeschütze zur Percussionsabfeuerung eingerichtet oder mit Flintenschlössern versehen. Eine Eigenthümlichkeit bei der Artillerie überhaupt ist die Art, wie sie ihr Feuer abgibk, was gewöhnlich geschützweise und nur in besondern Fällen in ganzen Salven geschieht, und wobei es ein Grundsatz ist, daß das erste Geschütz einer Batterie nicht früher zumzweitenMal schießen darf, bis ein Theil der übrigen wieder geladen hat. Früher legte man einen großen Werth auf die Schnelligkeit des Schießens, ist aber von diesem Jrrthume zurückgekommen. Eine Kanone kann, wenn sie gut gerichtet werden soll, nicht mehr als zwei Kugel- oder drei Kartätfchschüsse in einer Minute thun; zu jedem.Schuß aus einer Haubitze gehört mindestens eine Minute, zu einem Shrapnelschuß ebenso viel; zu einem Wurfaus einem schweren Mörser gehören 3 — S Minuten Zeit. Nach der Art, wie das Artilleriefeuer gegen den Feind gerichtet ist, erhält cs verschiedene Namen, §. B. Frontel-, Flanken- oder Enfilir-, Schräg- oder Echarpir-, Nückcnfcuer u. s. w. Zuweilen wird das Feuer auch nach den Geschossen benannt, daher sagt man: Kugel-, Kartätsch-, Granat-, Shrapnelfeuer u. s. w. Endlich nennt man dasjenige Feuer, welches den Feind mit Steinen oder eisernen Kugeln von oben überschüttet, dergestalt, daß diese Geschosse aus Mörsern hoch in die Luft geschossen werden, um desto heftiger herabzufallen, Verticalfeuer. Artilleriecorps. Von jeher haben die Artillerien der einzelnen Staaten besondere Corps unter einem eigenen Chef gebildet, der nicht selten ein Prinz von Geblüt oder doch ein General von hohem Range ist und in einigen Staaten den Titel eines Generalfeldzeugmeisters führt. Ungeachtet der mit den übrigen Truppen übereinstimmenden Eintheilung der Artilleriecorps bis zur Compagnie herunter, haben sich doch in denselben mehre Chargenbenennungen von Alters her erhalten, die nur ihnen allein angehören; dies sind die Oberfeuerwerkcr, Artilleriemaßstab Artilleriewissenschaft 527 Feuerwerker, Bombardiere und Kanoniere; ferner beim Zeugwesen die Zeugwarte, Zeugschreiber, Zeugdicner u. s. w.; endlich die mit den Laborirgeschasten beauftragten Feuer- werksmcister (gewöhnlich ein Hauptmann) und Feuerwerkslieutenants. Im Artilleriecorps pflegt die Beförderung zu höhern Chargen an ein strenges Examen geknüpft zu sein, doch sind die Stabsoffiziere davon ausgeschlossen; dagegen pflegen diejenigen Hauptlcute, welche den Dienst in den Festungen versehen und deshalb Artillerieoffiziere „vom Platz" heißen, einem Examen unterworfen zu werden. In einigen Staaten, wie in Rußland, Frankreich, Sardinien u. s. w., werden die höhern Stellen in der Armee vorzugsweise mit Artillerieoffizieren besetzt, in andern Staaten, wie in Ostreich und Preußen, sind diese fast ganz davon ausgeschlossen. Die Artillcriecorps pflegen im Frieden niemals so stark zu sein, als der Kriegsctat es erfodcrt, weshalb sie bei der Mobilmachung eines außerordentlichen Zuwachses an Mannschaften und Pferden bedürfen; doch sollte man wenigstens die Chargen auch im Frieden vollzählig erhalten, weil deren Erneuerung und Ausbildung bei ausbrechcndem Kriege große Schwierigkeiten hat. In einigen Staaten, wie früher in Frankreich, bildete die reitende Artillerie ein besonderes Corps; gegenwärtig ist sie aber fast überall mit der Fußartillerie verschmolzen, was nicht ohne Nachtheil für die crstere Waffe erachtet wird. Die Chargen- und Subalternoffiziere der Artillerie pflegen einen etwas höhern Sold als bei den übrigen Waffen zu haben; die höhern Offiziere dagegen wieder schlechter gestellt zu sein, was darin seinen Grund hat, daß die Artillcriecorps nur allmälig zum Range einer Hauptwaffc erhoben sind und fast überall ihre Emancipation noch zu erwarten haben. Artillcriemaststab, s- Kaliber stab. Artillerieschulen. Das Bcdürfniß, die Artilleristen wissenschaftlich zu unterrichten, hat sich frühzeitig hcrausgesiellt, ist aber häufig bis zur Unfruchtbarkeit übertrieben worden. Die erste Artillerieschule haben die Vcnctianer schon im Anfänge des 16. Jahrh. gehabt, und nach ihrem Muster errichtete Karl V. ähnliche Schulen zu Burgos, in Spanien und in Sicilien; bei den Deutschen wurde aber erst viel später der Übergang vom Handwerksthum zur Wissenschaftlichkeit bewirkt. Zn Frankreich bestand schon 1675 zu Montessen eine praktische Artillerieschule, aus welcher 16 7 9 eine theoretische zu Douay hervorging. Gegenwärtig besitzt Frankreich neun solcher Schulen, wo der theoretische Unterricht mit dem Unterricht im Schießen Hand in Hand geht. Sachsen erhielt schon 1706 eine Artillerieschule, die übrigen deutschen Staaten aber erst viel später. Die meisten deutschen Artillerieschulen kränkeln an einemRest des alten Constablerthums, doch hat man sich im südlichen Deutschland in neuester Zeit fast ganz davon loSzumachen gesucht, und ist zu der Einsicht gekommen, daß es ein falsches Bestreben ist, alle Artillerieoffiziere zu Gelehrten zu machen und darüber die werktätige Kricgspraktik zu versäumen. In Preußen ist das System des Unterrichts zu oft geändert worden, um die rechten Früchte tragen zu können, weshalb die Bestrebungen bis auf den heutigen Tag oscillirend geblieben sind. Als ein Fehler muß es bezeichnet werden, wenn auf den Artillerieschulen die Kcnnkniß des Dienstrcglemcnts keinen Unterrichtsgegcnstand auömacht. In Preußen ist die Artillerie- mit der Ingenieurschule verbunden. Artillerietrain. In einigen Staaten gehören die Bespannungspferde nicht zum Artillcriecorps und bilden ein besonderes Fuhrwesen unter dem Namen Artillerietrain. Die Franzosen haben diese vielfach angefochtene Einrichtung 1826 aufgehoben und ihre Trainsoldatcn in Fahrkaneniere (<7snnoniers contlucte>ir«)nach dem Vorbilde derPreußen Russen, Badenser, Kurhessen u. s. w. umgewandelt. In Sachsen, Baiern, Rheinhessen und Würtemberg hat man den Artillcrietrain noch jetzt beibehalten. Artilleriewissenschaft, auch Waffenlehre genannt, weitste dieKenntniß von den kleinen Feuer- und Handwaffen mit umschließt, theilt sich in die eigentlichen artilleristischen und Hülsswisscnschaften. Zu den erstem wird die Ecschützkunst in subjectivcr und die Anwendung derselben in objectiver gerechnet. Der letztere und offenbar wichtigste Zweig (der Gebrauch der Artillerie vor dem Feinde) ist erst in neuerer Zeit zum Range einer Wissenschaft erhoben worden, mit der die Taktik als Kunst Hand in Hand geht. Der erste Schriftsteller, der systematisch darüber geschrieben hat, ist der jetzige General K. v. Decker, in den Werken „Artillerie für alle Waffen" (1816; 2. Aufl., Berl. 1828), in der „Gefechtslehre der Cavalerie und reitenden Artillerie" (Berl. 1820) und in andern dahin gehörenden 528 Artischocke Artus Schriften. Über die theoretische Artillericwissenschaft ist die Literatur sehr reich; doch verdienen Scharnhorst, „Handbuch der Artillerie" (2 Bde., Lp;. >803—6; neue Aust., Bd. l, 1815); ferner Rouvroy, „Vorlesungen über die Artillerie" (3 Bde., 2. Aust., Dresd. 1821 — 25) und Hoycr, „Wörterbuch der Artillerie" (3 Bde., Tüb. 1804—31) vorzugsweise genannt zu werden. Das Gehcimniß, womit gegenwärtig viele Artillerien sich umgeben, thut der Cultur der Geschühwissenschaft vielen Eintrag, da die neuern Versuche der öffentlichen Kcnntniß dadurch entzogen werden. Zu den Hülfswissenschaften gehören die mathematischen und mechanischen (dynamischen), sowie die Naturlehrc und Chemie, und in neuester Zeit auch die Pferdckcnntniß und Botanik; zu den Kunstfertigkeiten gehört das Zeichnen und Aufnchmcn. Daß endlich die Fortification dem Artillerieoffizier unent- ^ behrlich ist, bedarf keiner Erwähnung. Die Geschützkunst im engern Sinne zerfällt in sehr I viele Unterabtheilungen und beginnt mit der Kcnntniß und Verfertigung des Schießpulvers, I als leitendem Agens; es gehören ferner dahin die Construction und der Guß der Geschütz- röhre, die Erbauung der Lasteten und Wagen; die Maschinen zum Bewegen der Lasten; die ! Munition. Kunst-, Brand- und Signalfeuer; die Einrichtung der Geschirre und desAr- tilleriegcraths; die Theorie vom Schießen mit allen möglichen Geschützen und Geschossen; der Bau der Batterien bei einer Belagerung und die Ausrüstung der Artillerie für den Krieg im freien Felde, der Festungs- und Belagerungskrieg. Hieran schließt sich der praktische und militairische Theil, die Bedienung der Kanonen, Haubitzen und Mörser, das Ererziren mit bespannten Batterien, das Manoeuvriren u. s. w.; endlich die Lehre vom Angriffe und der Vertheidigung der Festungen, insoweit die Artillerie dabei betheiligt ist. Einen besondern Zweig der praktischen Artilleriewissenschaft macht die Lehre von der Aufbewahrung und Versendung allerdenkbaren Artillerie- undKricgsbedürfnissc zu Wasser und zu Lande aus. Artischocke (Oznars), eine im südlichen-Europa wild wachsende, wahrscheinlich ans Asien stammende Pflanzengattung. Sie ist der Gestaltnach distelähnlich, der bauchige Kelch Z besteht aus fleischigen, ausgeschnittenen, in eine Spitze auslaufcnden Schuppen, die dachziegel- LH artig Übereinanderliegen; die Blümchen sind einander gleich, und die Samen länglich viereckig, ^ mit platt aufsihender Haarkrone. Von der gemeinen Artischocke (6. scol^mus), mit theils gefiederten, theils ungetheilten, ziemlich stacheligen Blättern, eirunden Kelchschuppen und blauer oder weißer Blüte, kennt man drei Spielarten: die große englische, die stachelige und die glatte Artischocke, welche alle, vornehmlich aber die letztere, in unfern Gärten als ein gesundes und wohlschmeckendes Gemüse gezogen werden. Der eigentlich eßbare Theil ist der dicke fleischige Blumenboden. Der Eiweiß- und Zuckerstoff der Pflanze macht sie sehr nahrhaft, besonders für Kranke, und ihr flüchtiges Princip befördert ihre Verdaulichkeit. Artois war unter dem Titel einer Grafschaft eine nordwestliche Provinz Frankreichs, welche, von Flandern und der Picardie umschlossen, zum größten Theile den Grenzen des jetzigen Departements Pas-de-Calais entspricht. Die nur von sanften Terrainwellcn und niedern Hügeln unterbrochene Ebene ist eine der gewässerreichsten Gegenden Frankreichs, indem die Authie und Canchc der Westabdachung, Ala, Lys, Scarpe und noch viele kleinere Flüsse der Nord- und Nordostrichtung folgen. Da der südliche Theil höher liegt und ergiebigen Boden nur in den Ebenen und Thälern hat, der Norden aber zu einer der fettesten Marschgegenden gehört, so bildet die Grafschaft ein echtes Übergangsland von Flandern zur Picardie. ^ Sowol das Bedürfniß der Schiffahrt wie das der Entwässerung hat besonders im Nordwesten die Anlage vieler Kanäle herbeigeführt. A. gehört zur Kornkammer Frankreichs; Flachs und Hanf unterstützen die Manufacturthätigkeit; Rübsamen ersetzt die Olive des Süden; Hopfen tritt an die Stelle des Weins; Obst ist selten; schöne Wiesen begünstigen die Rindviehzucht, reiche Hutungen die Schafzucht, und der geringere Waldrcichthum wird ersetzt l durch ausgedehnte Torflager und im Osten durch die von den Ardennen eingreifenden Stein- ! kohlcnlager. Auch die Bewohner bilden einen Übergang von den Picardcn zu den Flamän- dern, ihren Nachbarn; sie sind nicht so lebhaft, heftig und frei wie jene, aber auch nicht so sorglos, langsam und sanft wie diese. Durch den pyrenäischen Frieden von 1659 wurde A. französisch. Karl X. führte bis 1795 und nach seiner Thronentsagung wieder von 1830 an ^ den Titel eines Grafen von A. Die Hauptstadt des Landes ist Arras (s. d.). s Artus oder Arthur, Fürst der Siluren, ein altbrit. Nationalheld, dessen Name in ' Arwidsfon Arzt und ärztlicher Stand 52S der Nitterpoesie glänzt, war nach Gottfried von Monmouth, der wahrscheinlich aus Wistace'S Reimchronik schöpfte, der Sohn der Fürstin Jngarna von Cornwall, gezeugt im Ehebruch , mit Uther, dem Oberfeldherrn der Briten. Er folgte 516 seinem Vater in der Feldherrnwürde und verrichtete gegen die Sachsen, Scoten und Picten jene glänzenden Heldenthatcn, die ihn berühmt gemacht haben; dann vermählte er sich mit der vielbesungenen Ginevra, aus dem Hause der Herzoge von Cornwallis, stiftete den berühmten Ritterorden der T a fe l- runde (s. d.) und herrschte, von einem glänzenden Hofe umgeben, zwölf Jahre in Frieden. Darauf lassen ihn die Dichter Dänemark, Norwegen und Frankreich erobern, die Niesen in Spanien erschlagen und nach Rom ziehen, won dort aber wegen der Treulosigkeit seines Lteffcn Modred und seiner Gemahlin zurückeilen, die Aufrührer besiegen und an seinen s Wunden 5-12 auf der Insel Avalon sterben, wo man unter König Heinrich II. sein Grab j gefunden haben wollte. Hume hält die Sage für historisch gegründet. — Arthurs-Sitz (^rtbui-'s Seat) heißt ein Berg bei Edinburg, von welchem A. nach der Sage das Land überschaut haben soll, ehe er die Sachsen in der Nähe schlug. Auf dem 700 F. hohen Gipfel öffnet sich eine herrliche Aussicht über den angebautesten Thcil Schottlands. Arwidsson (Adolf Zwar), erster Amanuensis der königlichen Biblicthek zu Stockholm, geb. 1791 zu Tavastland in Finnland, wo sein Vater Propst war, studirte zu Äbo und trat daselbst seit 1817 als Docent der Geschichte auf. Zm I. 1821 begründete er das literarischpolitische Blatt,,/t.bo morFnnblaä", das gleich vom Anfänge an seiner freien Sprache wegen der russischen Negierung'misfiel und daher schon im Sept. 1821 verboten wurde. , I Ein Aufsatz, den A. im nächsten Jahre in der „Nnsmosvne" einrücken ließ, war dieUrsache, , ' daß er im Mai 1822 von der Universität und überhaupt aus Finnland für immer verwiesen wurde, worauf er sich nach Schweden wandte. Hier lieferte er eine gründliche Bearbeitung z von Nühs' Werke: „Finnland und dessen Bewohner", ferner eine Ausgabe der „Oper» - ' ninniu" des Matth. Calonius (3 Bde., 1830—33) und endlich aus der Sammlung des ^ ^ Kammerjnnkers Rääf eine vortreffliche Sammlung altschwedischer Volkslieder („Svenslc» sorlisLnger", 2 Bde., Stock!). 1831—37), die sich den von Geijer und Afzelius heraus- ^ gegebenen anschließt. Als Secretair der Buchdruckersocietät gibt er seit mehren Jahren , ein bibliographisches Repertorium heraus, das über alle literarischen Erscheinungen in , Schweden ziemlich vollständig und unparteiisch berichtet. . Arundelianischer Marmor, s. Marmorchronik, r Arzneimittellehre, s. Pharmakologie. Arzt und ärztlicher Stand. Der Familienvater war es bei den Völkern des Alterthums in ihrer ersten Bildungsperiode, der, wie noch jetzt bei den Wilden, den Seinigen mit Nach und That in Krankheitsfällen beistand. So bildete sich eine Medicin z fürs Haus, deren Inhalt vom Vater auf den Sohn erbte. Von Äußerlichkeiten ausgehend, , konnte sie auch nur für äußere Fälle ausreichend sein und für die Ergänzung des Fehlenden wußte man keinen andern Rath, als sich Hülfe flehend der Gottheit und ihren Mittlern auf ^ Erden, den Priestern, zu nahen; war doch die innere Krankheit etwas Dämonisches, von dem ^ man nicht wußte, woher cs kam und wohin es ging; nur ein Gott konnte sie gesandt haben, und ein Gott nur ihr gebieten, sich wieder zu entfernen. Aus den Händen des Familienvaters ging, , ^ ebenso wie die Priesterwürde, die Heilkunst zu der Kaste der Priester über, deren Ansehen hier- ^ durch eine neue und festere Basis erhielt. Nicht ihnen, sondern der Gottheit dankte der Kranke . seine Genesung; doch waren sie die von der Gottheit gesandten rettenden Engel, nahmen daher g' auch Theil an der thätlichen Dankbarkeit der Genesenen, welche sich in freiwilligen Geschenken e - aussprach. Die Heilung war kein Dienst, der des Lohnes wegen geschah; der Geheilte erwies ^ . sich erkenntlich durch ein Weihgeschenk. Äls aber mit der fortschreitenden Cultur das Ansehen der Götter wie der Priester schwand, ging auch die Heilkunst nach und nach wieder in die Hände des Volks zurück; es war die Heilung nicht mehr Offenbarung der Nähe der Gott- -g heit, sondern Beweis menschlicher Geschicklichkeit. Diese vermochte man zu schätzen, und x nicht mehr das Beste ward als Weihgeschenk dargebracht, sondern die aufgewendete Mühe n l nach einem gewissen Preise, jedoch immer noch mit ehrender Anerkennung (Honorar), ^ belohnt. Denn waren Diejenigen, welche den Kranken heilbringend sich nahten, auch nicht Conv.-Lex, Neunte Aufl. I. 34 n 530 Arzt und ärztlicher Stand mehr Priester der Gottheit, so stammten sie doch, aus deren Geschlecht und führten wol selbst ihren Stammbaum auf den heilenden Gott (Äskulap) selbst zurück; immer aber waren es freie Männer. Dem freien Mann jedoch stand es nicht an, um Lohnes willen Jemandem einen Dienst zu leisten; aus irgend einer Beschäftigung ein Gewerbe zu machen, dies setzte sklavische Gesinnung voraus, denn nur Sklaven dienten um Lohn. Daher finden wir beben Griechen wie Römern, und bei letztem am längsten, die Ansicht herrschend, nur dem freien Mann dürfe man Leben und Gesundheit anvertrauen. Dennoch gab es manche Dienstleistungen, welche zur Wiederherstellung der Gesundheit nothwendig, für den freien Mann aber unpassend waren, diese überließ man allerdings den Sklaven, aus denen sich, wenn sie freigelassen wurden, eine Art Hülfsärzte bildete, welche um Lohn ihre Dienste verrichteten, nicht belohnt sondern gelohnt wurden. Die Übernahme der Hcilmig selbst war jedoch nur ein freiwilliger, persönlicher Vertrag, den Jeder eingehcn konnte, der sich dazu befähigt glaubte, wenn man ihm diese Befähigung nämlich zutraute. Man ging dabei auch später noch von dem sehr natürlichen Grundsätze aus, daß die Heilkunst nicht Sache eines Jeden sein könne, wenn er nur wolle und ein gewisses Maß von Kräften besitze; der gesunde Sinn des Volks fühlte es nur zu sehr, daß dazu ein innerer Beruf gehöre, der sich nur bei wenigen Bevorzugten finden könne; ein solcher war aber dann ein Gottähnlichcr, ein Mann trefflich vor Allen, wie Homer sagt. Während daher das Volk den sklavisch gesinnten, nur auf Bereicherung ausgehenden Arzneihändler (pbsriuacopola) verachtete, ehrte es unter allen Verhältnissen den wahren Arzt und gab diesem gern, was er foderte. Als der Sinn für wahre Freiheit unterging, und Alles Allen für Geld feil war, der zunehmende Luxus auch die Bedürfnisse steigerte, verkauften auch die freien Ärzte oft um hohen Preis ihre Dienste, machten aus der Kunst ein Gewerbe, traten dadurch auf gleiche Stufe mit den Sklavenärzten und bildeten nun mit diesen dem Staate gegenüber einen besonder« bürgerlichen Stand. So lange die Ärzte noch Priester waren und ihre Kunst nicht allein des Erwerbs wegen übten, konnte der Staat auch keine Veranlassung haben, sie unter seine Aufsicht zu nehmen, und selbst als sich Priester und Ärzte trennten, bildeten letztere, wenigstens in Griechenland, noch immer als Glieder des Ordens der Pythagoräer und Asklepiaden (s. d.) eine geheiligte Corporation und waren nur von selbstgegebenen Gesetzen abhängig. Mit dem gänzlichen Freiwerden der Kunst verfielen die Künstler zwar den Gesetzen des Staats, aber weder in Griechenland noch in Rom maßte sich dieser einen besonder,: Einfluß aufjeden einzelnen Arzt als solchen an; die Ausübung der Kunst blieb frei, wie die Klage des Plinius zeigt. Nur wer in Athen Gehalt und Anstellung als Staatsarzt suchte, mußte in einer öffentlichen Rede erklären, wo und wie er seine Kunst erlernt und wer sein Lehrmeister gewesen. Mehr wissen wir allerdings von Nom, wo die Quellen aber auch reichlicher fließen und die Verhältnisse um Vieles sich anders gestalteten. Unvermögend, selbst seine Ärzte zu bilden, wurde es den Umtrieben fremder, meistens aus griech. Sklaven bestehender Eindringlinge ausgc- scht, denen es schon deshalb kein großes Zutrauen schenken konnte; dennoch aber ihrer Hülfe bedürftig, blieb ihm nichts Anderes übrig, als diese Fremdlinge, besonders aber diejenigen, welche die Medicin zu lehren in, Stande waren, geradezu als freie Bürger ,'n sich aufzunehmen, um so zugleich den Stolz feiner natürlichen Bürger nicht der Gefahr auszusetzen, das Leben eines Freien der Hand eines Sklaven übergeben zu sehen. Diese Einrichtung, von Julius Cäsar ins Leben gerufen, sicherte zwar Rom vor dem Mangel an Ärzten, vcranlaßte aber, daß der schlechten bald mehr wurden als der guten, und als Augustus selbst noch die Abgaben- freihcit sowie die Freiheit von öffentlichen Lasten hinzufügte, wuchs die Zahl der Ärzte in den Städten bald so sehr,daß deren Haushalt gefährdet ward, und sosah sich Antoninus Pius (138—161 „. Chr.)gezwungen, dieZahl der Arzte in den Städten fcstzusetzen, was fürRom selbst jedoch erst der Kaiser Valentinian 368 anordnete. Als die Bewohner der Städte immer mehr verarmten, der größer« Zahl nach zahlungsunfähig wurden, Krankheiten unter ihnen aber immer häufiger auftralen, reichte die Äbgabenfreiheit der Ärzte nicht mehr aus, um sie zur Behandlung der Armen zu vermögen, und so sahen sich die Commune« wie der Hofselbst gezwungen, die Hof- und Armenärzte (^rdüutri sancti pslatii und populäres) noch außerdem zu besolden, und somit waren nicht nur die eigentlichen Communalärrte ins Leben gerufen, Arzt und ärztlicher Stand 53t sondern ein Theil der Ärzte auch wirkliche Staatsdiener geworden, für welche der Staat nun auch bestimmte Gesetze zu geben gezwungen war. Das Nächste war, daß die bisher bestandene ' freie Wahl der Ärzte von Seiten der Communen aufhörte und eine Medicinalbehörde den Eintritt in den Staatsdienst von einer wissenschaftlichen Prüfung abhängig machte. Die vorhandenen Archiatri mußten nämlich zu einem Collegium zusammentreten, welches das Recht erhielt, sich nach vorausgegangener Prüfung der Candidaten durch freie Wahl zu er- gänzen; nur für Rom behielt sich der Kaiser die Bestätigung vor, damit, wie ausdrücklich bemerkt wird, kein Unwürdiger sich durch Protection u. s. w. einzuschleichen vermöchte. Aber alle diese Einrichtungen galten nurfür die in den Staatsdienst tretenden Ärzte, die nicht ange- , stellten waren keiner Art von Controle unterworfen, wenn nicht Klagen wegen des Honorars ! u. s. w. vor den bürgerlichen Richter gebracht wurden, und der röm. Staat mußte sie um so mehr sich selbst überlassen, als die Verwirrung in seinem Innern bereits zu groß war und gar bald die mühsam zusammengehaltenen Staatsbande sich endlich ganz lösten. War ^ es ein Wunder, daß die allgemeine Demoralisation auch die Ärzte traf und es bald wieder dahin kam, daß Jeder, so viel es nur ging, sich selbst zu Helsen suchte, che er sich Leuten anvcr- trautc, die sich selbst zu Giftmischern dingen ließen? Mit den Künstlern und durch sie sank auch die Kunst. Die von den Menschen geächtete und verlassene suchte Schuh bei der Gottheit, von der sie ausgegangen, und flüchtete sich in die Hallen des Tempels. Was aber konnte die göttliche wol in den Händen von Mönchen werden, deren Tempeldienst ein Gewebe , von Lug und Trug war, und die den Glauben, welchen sie predigten, nur als Mittel betrachteten, ihre teuflischen Zwecke zu verdecken und ungestört verfolgen zu können? Entrüstetfloh die Kunst die geschändeten christlichen Altäre, und unter Juden und Heiden (Mohammedanern) wählte sie sich ihre Jünger. Als die Noch freilich sie für sich selbst und nicht mehr wie bisher ' blos für Andere beten lehrte, da erkannten die Mönche auch den Schah, welcher fast unbewußt in ihre Hände gerathen war, und suchten ihn jetzt um so emsiger aus dem Schutt und den ^ Trümmern, unter denen er bei ihnen verborgen lag, hervorzuziehe». Indessen nicht lange erfreuten sie sich der Wohlthat; die edelste Freundin der Menschheit konnte nur unter Menschen, nicht in den engen Kerkermauern der Klöster gedeihen, und so nahm sie bald die wenigen treuen Diener mit sich, daß sie das Wort von der körperlichen Erlösung der Menschheit im Verein mit Juden und Arabern auch den Laien predigten, welche freudig das neue Evangelium begrüßten! Wie einst der große Meister zu seinen Aposteln sprach: „Welchen ihr löset, der wird gclöset, wen ihr bindet, der wird gebunden > sein", so sprachen auch die „freien Meister der Physika und Erztney" zu ihren Jüngern. Von keiner weltlichen Macht abhängig, galt ihr Meisterbrief, den sie als Creditiv mit sich führten, >m Norden wie im Süden, wo Könige und Fürsten durch Geschenke und Ehrenbezeigungen die freien Meister an ihren Hof zu ziehen und zu fesseln suchten. Keinem Stande angehörig, fanden sie ihren Platz unmittelbar an ,der Seite des höchsten Standes, und nur ein mehr als lockeres Band fesselte die christlichen Ärzte noch äußerlich an den Klerus. Sie traten, als ihre Zahl wie ihr Ansehen zunahm, als eigene Corporation auf, begünstigt von den weltlichen Machthabern, die jede Gelegenheit benutzten, die immer übermüthigcr werdende Geistlichkeit ^ zu schwächen, und bildeten, immer noch unabhängig vom Staate, gewissermaßen eine Republik, deren Archonten die früher» Meister und Lehrer, deren Mittelpunkt und Forum die ärztlichen Schulen und Universitäten ausmachten. Die Ärzte wurden mit der Promotion Mitglieder der Facultät, der sie Treue schwuren und für ihr ganzes Leben, wenigstens in geistiger Beziehung, angehörtcn und die ihnen allein kacultss srtem ckocencki et exercencli mit dem in das Doctordiplom umgewandelten Meisterbrief verlieh. Fürsten wie einzelne Städte und Gemeinden wandten sich an die Facultäten und erbaten sich dort ihre Ärzte, die in dasselbe Verhältniß zu jenen traten, wie es früher in Rom stattfand, da mit der allgemeinen Annahme des röm. Rechts, auch röm. Einrichtungen wieder ins Leben gerufen wurdm. Als sich jedoch die Universitäten mehrten, Italien und Frankreich nicht allein mehr die Musensitze inne hatten, sondern auch Deutschland deren mehre erhielt und die Reformation die letzten ^ Bande, welche das geistige Leben vom Vaticane aus gefangen hielten, zerriß, da wurde zwar auch die Wissenschaft freier und begann ein neues Leben, aber ihre Förderer verloren dadurch 34 * 532 As Asbest auch dm Heiligenschein, der sie bisher noch wenigstens als entfernte Glieder der Curie um- - bullt hatte. A'uf Niemand wirkte dieses verderblicher als auf die Arzte, welche als Schuh, geisterder leiblichen Menschheit ein inniges Vcrhältniß mit der Religion wie mitihren Dienen, am wenigsten entbehren können. Sie waren fortan nicht mehr die rettenden Engel, welche der Herr, durch den sie stark waren, den, leidenden Bruder sandte; mit der Ablegung des letzten Nestes des priesierlichen Gewandes, legten sie auch die letzten Zeichen der höher» Weihe ab, das wirre Treiben des bürgerlichen und alltäglichen Lebens nahm sie auf und machte seine Ansprüche aus sie geltend; für das verlorene geistliche Ansehen mußten sie sich ein weltliches zu erringen suchen und der geistlichen Mittel baar geworden, konnte» nur weltliche Mittel sie zum Ziele führen; sie traten in die Reihe der Erwerbenden und machten die Kunst , zinsbar! Wahrlich nur zu gut rächte sich die Entweihung des Hciligthums, denn es brach > Schmach herein auf die frevelnden Künstler, welche sich an die Fersen aller kommenden Ge- nerationen heftete, die sie vergebens zu tilgen suchten. Von den Einzelnen ging das Vcr- derben aus und verbreitete sich ans das Ganze. Das moralische Element, welches selten , durch den gemeinen Verstand allein, gewöhnlich nur durch den Glauben und das Gefühl gehalten wird, schwankte überall und somit auch in den Facultäten. Die mit freigebiger Hand gestreuten Privilegien und der damit verbundene Mangel an Aufsicht, wurde Veranlassung zur Zügellosigkeit; die Doctorwürde und somit die Licen; zur Praxis wurde käuflich und nicht die Kenntnisse, sondern das Geld entschied die Tüchtigkeit, über Leben und Gesundheit der Brüder zu wachen, „^ccipisiuus >>ec»msm et rsmittsmua asinum in pstrisin" riefen die richtenden Meister sich zu, um sich als echte Repräsentanten der L'seultss grstioss zu zeigen. Was aber war von solchen Ärzten zu erwarten? Das Geld, durch das sie selbst Alles geworden, mußte natürlich der alleinige Gegenstand ihres Strcbens sein, und „Vst 6i>- lenus opes" wurde der ermuthigende Trostspruch bei ihrem handwerksmäßigen Handeln. ' Die Kranken suchten nicht mehr den Arzt, sondern die Ärzte suchten den Kranken, unbekümmert um den Ausspruch des Sencca: „Orsvissims inisiuis e-t ineelici, VPIM lpiaerere." Der t Staat, welcher das Wohl seiner Bürger im Auge haben soll, konnte dieses Treiben unmöglich länger ruhig mit ausehen, er war gezwungen, die Privilegien, welche die Facultäten zu so Schmachvollem benutzt, zurückzunehmen und sich unter seinen Augen durch die Staatsprüfungen von der praktischen Tüchtigkeit Derer, die durch Curiren ihren Lebensunterhalt erwerben wollten, zu überzeugen. So ward nun erst vollständig aus dem freien Meister der Menschenleben errettenden Kunst, ein gewerbtreibender Künstler, welcher, um das Maß der Schmach voll zu machen, eine Zeit lang in Preußen sogar gezwungen ward, sich - einen Gewerbschein zu lösen. As ist ei» kleines Gewicht, welches eine der kleinsten Unterabthcilung des Pfundes und der Mark bildet. Die kölnische Mark wird in -1864 As gctheilt, von denen 76 aufem Quentchen gehen. (S. auch Apotheke.) — As war ferner der Name einer altröm. Münze, die in verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Werth hatte. Vgl. Budäus, „veasse et partibus chus" (Ven. 1522, 4., und öfter). (S. auch Ton und Tonarten. soetiÜL ist ein aus Persien kommendes Gummiharz, welches durch Eintrocknen des aus der durchschnittenen Wurzel von Leruls -ms 5oeti nicht mit der Holzasche vermischten. Tischzeug aus Asbest hatte Kaiser Karl V.; allein cs gehörte zu den Kostbarkeiten. In neuern Zeiten hat man auö Asbest Lampcndochtc und Ascaulus Ascension ül>Z Papier gefertigt; auch wurde er empfohlen zur Anfertigung gegen das Feuer schuhender Gewänder. Die meiste Anwendung findet er gegenwärtig mit Schwefelsäure vermischt zur Füllung der chemischen Feuerzeuge. , Ascamns, der Sage nach dcs Ancas und der Kreusa Sohn, verließ an der Hand seines Vaters das brennende Troja und kam mit ihm nach Italien, wo dieser mit Lavinia, der Tochter des Königs Latinus, sich vermählte und der Erbe seines Reichs ward. Dadurch, daß er hier auS Unvorsichtigkeit einen den Kindern des TyrrhenuS gehörigen Hirsch tödtcte, vcr- wickelte er seinen Vater in einen Krieg, der diesem das Leben kostete. Zwar übernahm er hierauf die Negierung; als aber bald nachher Lavinia von einem Sohne entbunden ward und aus Furcht vor A. in die Wälder floh, ließ er sie zurückführcn, übergab ähr freiwillig das väterliche Reich und ging mit seinen Anhängern tiefer in das Land, wo er die Stadt Alba- longa (s. d.) erbaute und ein eigenes Reich stiftete, welches jedoch nach seinem Tode mit dem lateinischen vereinigt ward, das der Lavinia Sohn, Äncas Sylvins, beherrschte. Ascendenten, aufsteigcnde Linie, s. Dcsccndentcn. Ascension, s-Aufsteigung. Ascension, eine isolirte Insel im südatlantischcn Occan, unter dem 7° 55^südl. B. und 14° 23^ westl. L., welche von St.-Helena 180, vom nächsten Punkte der afrik. Küste (Cap-Palmas) 200 und von demselben des südamerik. Contincntes 300 deutsche Meilen entfernt ist, hat bei einem Umfange von ungefähr 1 Meilen die Größe von OM. Sie Wird auchHi mmel fahrtsinsel genannt, weil bis vor nicht langer Zeit angenommen wurde, daß deren Entdeckung im I. 1508 am Himmelfahrtstagc durch die Portugiesen geschehen sei; doch haben neuere Untersuchungen ergeben, daß sie bereits sieben Jahre früher von denselben entdeckt worden ist. Die unregelmäßige Oberfläche der Jnsel besteht aus nackten Felsrücken, Hügeln von Napilli, d. i. vulkanisch gröblich zcrkleinten Erzeugnissen, und Ebenen, die mit vulkanischer Asche, Sand und Lava bedeckt sind. Der höchste Berg, derGreen-Moun- tain, erhebt sich 2740 F. über das Meer; er ist von vier großen Lavaströmen umgeben, die glasigen Feldspath in Menge enthalten, trägt also noch die unverkennbaren Spuren vulkani- scher Ausbrüche und bildet mit seinen Abfällen wie unmittelbarer Umgebung das beste Culturcentrum derJnsel, da der häufige Regen hier den vulkanischen Boden schneller zersetzt als in den übrigen oft ganz unfruchtbaren Gegenden. Das Klima der Insel ist bei beständig frischem Passat und gänzlichem Mangel an Morästen und Sümpfen sehr gesund; die Temperatur steigt in der heißesten Jahreszeit vom Sept. zum März aus 23°—27°N. im Schatten, und fällt nur auf 1S°—22 R.in dcr entgegengesetzten Jahreszeit, welche im Apr. und März die cigentlicheNegenzcit bildet. Gegenwärtig baut man bereits süße Kartoffeln, Kohl, Portulak, Lattich, Mohrrüben, Kallalu, ein treffliches Ersatzmittel für Spinat, Liebesäpfel und spanischen Pfeffer, während man in den Thälern hier und da einige Bananen, selbst Ananas gewinnt, der Mais mit ziemlichem Erfolge ausgcsäct wird, selbst der Wunderbaum gedeiht und die capischc Stachelbeere in Menge auf dem Green-Mountain wächst. Von Säug- thicren findet man hier in wildem Zustande Ziegen, Ratten und Katzen, welche aber den Sec- vögeln auflauern, statt die Natten zu tödten, die ebenso wie die Ziege» dem Landbau sehr schaden, daher von der Garnison fleißig Jagd auf sie gemacht wird. Aus der Classe der Vögel kommen nur Seevögel vor, z. B. die rußfarbige Seeschwalbe und mehre Pelikanarten, unter denen der Fregattvogel sich durch die 7 F. haltende Flügelspannung besonders auszeich- net. Besonders merkwürdig ist A. wegen seiner Schildkröten, deren man jährlich an 500, wol auch doppelt und dreimal so viel, fängt; jedoch nur Weibchen, die ungefähr 700 Pf. wiegen und ein jungem Rindfleisch ähnliches Fleisch haben, wovon jeder Soldat der Garnison täglich ein Pfunü bekommt. An Fischen ist um die Insel Überfluß und von Insekten gibt es auf ihr Fliegen, Ameisen und Mosquitos in ungeheurer Menge, ferner Skorpione, Tausendfüßc, große Spinnen, Heimchen und eine schöne Schmetterlingsart. A. wurde im 1.1815 von der brit. Regierung in Besitz genommen, um etwaige Versuche zur Befreiung Napoleon's von dort aus zu verhindern. Nach dem Tode des Kaisers hielt man die Insel auch ferner besetzt, damit sie nicht ein Zufluchtsort für Seeräuber werde, und in neuerer Zeit ist ihr Werth gestiegen, einmal als neu erblühetc Station des Admirals der afrik. Capflotte, dann aber auch als Erholungsort für die bei der zur Ankämpfung gegen den Sklavenhandel unter. Asceten Aschaffenburg nommenen Nigerexpedition Erkrankten. Auf der Südseite der Insel sind die Wohnungen , der Garnison, etwa 2V hölzerne Häuser, die man mit dem Namen Georgc-Town beehrt, daneben ein Vorrathshaus, Hospital, eine Schmiede, ein Speisehaus und eine Reihe bescheidener Wohnungen für Offiziere. Auf dem Gipfel Croß-Hill ist ein Signalposten, und dicht dabei bildet ein mit einem Felsen endender Hafendamm den Landungsplatz. Die Garnison besteht aus vier Lieutenants, 110 Seesoldaten, einem Wundarzt nebst Gehülfen, einem Proviantmeister und SU Negern oder Krumen von der afrik. Küste, sämmtlich unter Befehl eines Capitains der königlichen Marine. AmGreen-Mountain liegt 2250 F. hoch ein Wohnhaus, Mountain-House genannt, von dem man eine großartige Aussicht über die Insel hat. Asketen und Ascetik stammt aus dem Griechischen, wo uax^k7,x bei den Profanscri- - benten die Einübung einer Sache bezeichnet und besonders von der Lebensart und den Übungen I der Wettkämpfer oder Athleten gebraucht wurde, welche nicht nur ihren Körper abhärten, sondern sich auch des Beischlafs, starker Getränke und aller erschlaffenden Genüsse enthalten mußten. In den Schulen der Philosophen, besonders derStoiker, hieß Ascese die Einübung - Dessen, was zur Beherrschung der Begierden und Leidenschaften und zu einem vollkommenen reinen Leben gehört. In beiderlei Sinn ging das Wort über in den Sprachgebrauch der ersten Christen, wozu schon Paulus in seinen Briefen Veranlassung gab, indem er die Christen oft mit Wettkämpfern vergleicht, welche mit Satan, derWelt und ihrem eigenen Fleische (Röm.7,16.23.) zu kämpfen haben (I Kor.9, 25. Ephes. 6,16—18. Phil. 3, 12—15. 2 Timoth. 2, 5 und -1, 7). Noch mehr geschah dieses durch die Philosophie jenerZeit, welche entweder die Materie als Buße annahm und daher die Befreiung des Geistes von dem Materiellen für das Mittel der Vereinigung des Geistes mit Gott, oder für den Weg zur Vollkommenheit hielt oder wenigstens die Enthaltung von dem Materiellen, namentlich-vom Beischlaf (Buch der Weisheit 1,1 fg.), von geistigen Getränken und von allen üppigen Lebens- genüssen für ein Mittel ansah, die Seele zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückzuführen. Schon vor Jesus Zeit hatte diese Ascese ihre Anhänger in den Essenern, Therapeuten und , einigen gnostischen Sekten. Auch die ersten Christen verstanden unter Ascese die Übung im Kampfe gegen den Satan, die materielle Welt und die fleischlichen Triebe, wozu sie sich geschickt zu machen suchten durch Gebet, Fasten, Enthaltung aller weltlichen Üppigkeit und Vergnügungen und Entsagung der Ehe. Die, welche sich einer solchen Lebensart befleißigten, hießen Asceten, auch bisweilen Enkratiten, d. i. Enthaltsame. Viele von ihnen lebten in der Einsamkeit und thatcn sich auch da zu einem gemeinschaftlichen Leben zusammen. Dieses war der Ursprung der Mönche, von denen sich aber die Asceten dadurch wesentlich unterschieden, ^ daß ihrer Ascese ganz freiwillig und sie durch keinerlei Gelübde, wie.dic Mönche, zum Verharren in ihrer Lebensweise gebunden waren. Nach Entstehung des Mönchswesens verlor sich die Benennung Asceten. Erst unter den Protestanten ist in neuerer Zeit das Wort Ascetik von dem Theile der Moral gebraucht worden, welcher von der Tugendübung und den Mitteln dazu handelt, und ascctisch, um die Beschaffenheit einer Sache zu bezeichnen, nach welcher sie auf das christliche Leben wirkt, wo dann ascetisch von erbaulich nicht sehr verschieden ist. Aschaffenburg war sonst Vicedomamt oder Oberamt des Erzstifts vom Kurfürstenthum Mainz und etwa 18 mM. groß. Unter Hinzufügung mchrcr mainzischer Ämter und des würzburgischen Amtes Aura im Sinngrunde wurde daraus 1802 das Fürsten- ? thum A. gebildet, das den größten Theil des Spessart und des Odenwalds umfaßte. Dasselbe erhielt der Kurerzkanzler, nachmalige Fürst Primas von Dalberg, dem es auch als Großherzog von Frankfurt verblieb, bises!8I4anBaiern kam. Hierauf wurde es zum Land ge- rich t des Regierungsbezirks Unterfranken und zählt als solches auf etwa 5 lüM. 10000 E. Die Hauptstadt ist Aschaffenburg, am Main und Aschaff, in einer reizenden Gegend, § am westlichen Abhange des Spessart, vielleicht das bereits von den Römern angelegte As- riburgum, das zur decumatischen Landschaft gehörte, in welche die Römer gallische Ansiedler versetzten. Als Stadt wird es wenigstens schon im 8.Jahrh. erwähnt und zählt jetzt ungefähr 7000 katholische und 200 protestantische E. Bonifacius legte hier einBenedictinerkloster an und durch den Herzog Otto von Baiern wurde 974 das Collegiatstift gegründet, dem er die Stadt und Umgegend schenkte. Als Pröpste des Stifts eigneten sich die Erzbischöfe zu Mainz diese Schenkungen zu und so wurde A. die Sommerresidcnz derselben. Hier wurde 1447 der Reichs- Aschanti Aschbach üiK» tag und Convent über Religionssachen, besonders wegen Anerkennung Papst Nikolaus' V. gehalten. Das im Viereck angelegte Schloß Johannisburg, erbaut 1605—14, mit großem Garten im englischen Geschmacke, hat eine herrliche Aussicht in das Bachgau, dasGroß- hcrzogthum Hessen und den Main hinab nach Franksurk. Gustav Adolf von Schweden, der die Stadt 1631 besetzte, gefiel das Schloß so wohl, daß er wünschte, solches mit der Aussicht nach Schweden an den Mälarsee versehen zu können. Bei dieser Gelegenheit wurden nicht nur die Stiftsbibliothek und die des Kapuzinerklosters, sondern auch das alte städtische Archiv nach Schweden gebracht. A. ist gegenwärtig der Sitz eines Landgerichts, Rentamts, Kreisgerichts und Policeicommissariats; es hat ein sehr reich dotirtes Hospital, ein Lyceum und ein Gymnasium, ein Institut der englischen Fräulein für die Erziehung der weiblichen Jugend, ein phelloplastisches Cabinct, eine Zeichen- und Modellirschule, eine Bibliothek mit einer großen Bibelsammlung und vielen Handschriften und eine Gemäldesammlung. Das vom Großherzog von Frankfurt gestiftete Forstlehrinstitut wurde 1832 aufgehoben und verlegt. Hauptnahrungszweige der Stadt sind Gerberei, Fischerei, Schiffbau und Schiffahrt, Tuch-, Papier- und Tabackfabrikation und in der Umgegend Weinbau. Berühmte Vcrgnü- gungsorte sind Schönethal und Schönebusch. Aschanti, ein kriegerisches Negervolk im Norden der Goldküste in der Nähe der brit. Niederlassung Cap-Coast-Castlc. Ihr Land bildet einen Theil von Wangara, das außerdem noch zwei Staaten enthält, nämlich Dahomeh und das mächtige Benin; es umfaßt ungefähr 660 OM. und ist überaus fruchtbar, doch meist sehr vernachlässigt, mit üppiger, wilder Vegetation, auch vieler Waldung von hochwüchsigen Bäumen bedeckt und gut bewässert. Die Zahl der Einwohner rechnet man ungefähr aufeine Million. Cumassi, die Haupt- und Residenzstadt, mit 12 — 15000 E., hat breite regelmäßige Straßen, doch nur leicht aus Holz und Rohr gebaute Häuser, mit Ausnahme eines einzigen steinernen Gebäudes, das dem Könige (Quacn Duah) gehört. Das Reich derA. ward zwischen 1730—40durch einen glücklichen Eroberer auf eine Art lehnherrlicher Verhältnisse gegründet und mehre Ncgerstaaten unter eigenen Fürsten sind von ihm abhängig. Den Küstenstrich nehmen die Länder Fanti und Akim oder Assin ein. Die Ministen bekriegten die Fantineger undAquamboer, die langeZeit die wichtigsten Völkerschaften des Strandes waren und den Handel in Gold und Sklaven zwischen dem Meere und dem Berglande trieben. Die Akimisten selbst, die als ein sehr kluges, redliches und wohlhabendes Volk geschildert wurden, erlagen 1749 den A. und wurden fast gänzlich ausgerottet. Furchtbar wütheten die A. auch gegen die Fantineger, die nur durch brit. Schutz vor dem völligen Untergange bewahrt blieben. Der mörderische Krieg der Briten und A., 1822 — 24, in welchem der damalige Gouverneur von Cap-Coast General M'Carthy fiel, endete damit, daß die Neger 1826 von dem neuen Gouverneur Campbell geschlagen und zu einem Tribute gezwungen wurden. Vgl. Rickett, „^»rratn-e ok Um ^.sbantee war etc." (Land. 1831). Die A. sind berüchtigt als eifrige Sklavenhändler und grausame Menschenschlächtcr; ihre Kriegsgefangenen werden auf barbarische Weise hingerichtet, und die Vornehmen und Krieger trinken, um sich tapfer zu machen, von dem Blute der Erschlagenen ; bei Leichenfeiern werden Sklaven und selbst Freie niedergemetzclt, bannt der Verstorbene viel Dienerschaft und Gefolge mit ins Jenseits nehme. Als des Königs Mutter während des Fantikriegs gestorben war, soll der König 3000 Menschenopfer dargebracht haben. Zu den abergläubigen Sitten gehört auch, daß der König 3333 Weiber halten soll, weil auf dieser Zahl das Wohl des Landes beruhe. Vgl. Bowdich, ,,51is-io» trom C-ij.« (toast-Oastlc t» X." (Lond. 1819), Dupuis, „äourual ok a resilleucc iu (Lond. 1824) und Gray, „Travels io weotern^krica" (Lond. 1825). Im 1.1839 unternahm der Weslcy'sche Missionar Freeman, der schon unter den Fanti erfolgreich gewirkt, eine Reise «ach Cumassi und hatte sich so günstiger Aufnahme zu erfreuen, daß er schrieb : „Ich habe die Überzeugung mitgebracht, daß selbst die blutgierigen A. bereit sind, das Evangelium anzunehmen." Vgl. Buxton, ,,'l.bc atrican slave truckv ctc." (Lond. 1840; deutsch Lpz. 1841). Neuerdings wurden zwei Aschantiprinzen in London erzogen, welche 1841 mit der Nigerexpedition in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Afchbach (Jos.), einer der geschätztesten Historiker der neuesten Zeit, gegenwärtig Professor am Gymnasium zu Frankfurt am Main, geb. am 29. Apr. 1801 zu Höchst, erhielt 536 Asche Äsche seine Schulbildung zu Heidelberg, wo er auch seit 1819 studirte. Er widmete sich anfangs der Theologie und Philosophie, wendete sich aber in der letzten Zeit seines akademischen Lebens, namentlich durch Schlosser's Aufmunterung dazu bestimmt, dem Studium der Geschichte zu, '' dem er bis auf die neueste Zeit treu geblieben ist. In Frankfurt wurde er schon im Sommer 182Z angestellt. Seine Hauptwerke sind seine Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte von Spanien, um deren größere Aufklärung und Vervollständigung er sich ein bleibendes Verdienst erworben hat. Hierher gehören vor allem seine „Geschichte der Westgothen" (Franks. 1827), „GeschichtederOmajjiden in Spanien" (3 Bde., Franks. 1829—3v) und„Geschichte Spaniens und Portugals zur Zeit der Herrschaft der Almoravidcn und Almohaden" (3 Bde., Franks. 1833—37). Anerkennung verdienen außerdem aber auch seine „Geschichte Kaiser ' Sigmund's (3 Bde-, Hamb. 1838—11), seine „Geschichte der Heruler und Gepiden, cm j Beitrag zur Geschichte der german. Völkerwanderung", welche sich in Schlosser's und Bcrcht's „Archiv für Geschichte und Literatur" (Bd. 1) befindet, aber auch besonders abge- druckt ist (Franks. 1835), sowie eine große Anzahl kleinerer Aufsätze in verschiedenen Jour- i nalen, namentlich den Heidelberger und Berliner „Jahrbüchern". Asche heißt der feuerbeständige, mehr oder weniger weißliche oder weißgraue Rückstand, der nach dem völligen Verbrennen organischer Körper übrigbleibt und nicht mehr geschickt ist, das Feuer zu unterhalten. Die Bcstandtheile der Asche sind, besonders in Hinsicht auf Zusammensetzung und Gehalt, nach den verschiedenen Körpern, von denen sie herrührt, verschieden. DiePflanzenasche besteht vornehmlich aus erdigen und salzigen Theilen, welche letztere man durch Auslaugen absondern kann. Dieses sogenannte Pflanzenalkali oder die rohe Pottasche ist hauptsächlich kohlensaures Kali, entstanden durch die Verbrennung der organischsauren Salze in der Pflanze. Daneben finden sich Kieselerde, Thonerde und andere Kalisalze. Nur durch Krystallisation läßt sich das Pflanzenalkali von allen fremdartigen Substanzen ^ völlig reinigen. (S. Pottasche.) Eine andere im Handel vorkommcnde Pflanzenasche, Barille, Kelp und Varec, wird durch Einäscherung von Seegewächsen gewonnen und enthält 4 kohlensaures Natron (Soda) statt des kohlensaurcn Kali. In dieser wurde das Jod zuerst aufgefunden. Seifensieder, Bleicher u. s. w. verbrauchen die Holzasche in Menge; auch ist sie rin treffliches Düngungsmittel. Früher hielt man die die Asche bildenden Bestandtheile der Pflanze für sehr unwesentlich, wenigstens nicht für absolut nöthig zum Bestehen der Pflanze. Die Fortschritte der chemischen Pflanzcnphyfiologie haben aber gelehrt, daß jede Pflanze eines gewissen Gehalts an alkalischen Salzen zu ihrer normalen Entwickelung bedarf. Seitdem sind genaue Analysen der Aschen, welche verschiedene Pflanzen liefern, von großem Interesse geworden. Von ganz abweichender Beschaffenheit ist die thierische Asche, besonders die aus Knochen gewonnene, der ein gewisser innerer Zusammenhang bleibt und die keine Salztheile, sondern neben der Kalkerde noch eine eigenthümliche Säure enthält, die den Namen Phosphorsäure führt. — Die Asche wird aus sehr natürlichen Gründen fast bei allen Völkern als das Symbol der Vergänglichkeit betrachtet. Sich mit Asche zu bestreuen, war i schon bei den Juden ein Zeichen der Trauer, Buße und Reue. Auch in der christlichen Kirche s war es Sitte, in einem Sacke, das Haupt mit Asche bestreut, Kirchenbuße zu thun. Insbesondere war das sogenannte Einäschern oder das Bestreuen des Hauptes mit Asche an der Aschermittwoch, gewöhnlich, um damit sinnbildlich die während der Fastenzeit für den Chri- sten sich ziemende Trauer anzudeutcn. Die hierzu gebrauchte Asche ward von Palm- und andern Zweigen, die im Jahre zuvor geweiht und verbrannt worden waren, gewonnen und unter mannichfachen Ceremonien den Gläubigen am Altäre aufs Haupt gestreut. Zuerst wurde solches von dem Concilium zu Benevent im I. IVSI verordnet. — Das Aschen- bett, d. h. die Einwickelung in heiße Holzasche, benutzt man zur Wiederbelebung schein- todter, besonders ertrunkener Personen- Äsche (8lilmo Hi^mitllus), ein Fisch aus der Ordnung der Bauchweichflosser und Familie der Salinen, erinnert in Rücksicht seiner Gestalt an die Forelle, doch hat er größere Schuppen als diese. Die erste Rückenflosse ist bei ihm lang und hoch, schwarz auch roth gefleckt; der Körper von ein bis zwei F. Länge bräunlich; über jede Schuppenreihe läuft vom Kopfe > bis zum Schwänze eine schwarze Linie. Das Fleisch ist zart und sehr schmackhaft, besonders im Winter. Die Äsche ist in Frankreich und Südeuropa selten, häufig in der Schweiz, Deutsch- Aschermittwoch Äschylus 537 land und Skandinavien; sie lebt nach Art der Forellen und wird wie diese geangelt. Daß das Fleisch der Äsche nach Thymian rieche, wie Virgil und Älian anführen, ist ungegründct, obgleich der Name, den Linne zum Namen der Spccies erhob, von diesem Vorurtheile hcrrührt. Aschermittwoch oder Aschertag heißt der erste Tag der mittägigen oder großen Fasten, welche nach beendetem Carncval die röm. Kirche vor Ostern hält. Der Name findet seine Erklärung durch die an diesem Tage in der Kirche früher übliche Sitte, das Haupt mit Asche zu bestreuen, was an die Buße im Staub und in der Asche erinnern sollte. (S. Asche.) Äschmes, der Philosoph, zum Unterschied von dem folgenden der Sokratiker genannt, war ein Athener und des Sokrates Schüler, nach dessen Tode er eine Zeit lang zu Syrakus am Hofe des Dionysius lebte. Später begab er sich wieder nach Athen, wo ihn seine Armuth nöthigte, Unterricht zu ertheilen und gerichtliche Neben zu fertigen. Sieben seiner Dialoge über philosophische Gegenstände, die das Älterthum erwähnt, sind verloren gegangen ; drei noch vorhandene, die man ihm zuschrieb, „Von der Tugend", „Vom Reichthum" und „Vom Tode", hat die neuere Kritik für unecht erklärt. Die sorgfältigsten Ausgaben besorgten Fischer (Lpz. >753, zuletzt Meiß. >788) und Böckh (Heidelb. >8lv); eine deutsche Übersetzung Pfaff (Stuttg. >827). — Ein anderer Äschines, der Akademiker genannt, von Neapolis, Schüler des Karneades, lebte zu Ende des 2. Jahrh. v. Chr. Äschines, der Redner, war zu Athen 38!», nach Andern 393 v. Chr. geboren, der Sohn eines geringen Mannes, der eine Schule hielt, und einer übelberüchtigtcn Mutter. Seine Jugend verbrachte er in niedrigen Lohndiensten. Später als Schreiber bei den einflußreichen Volksrcdnern Aristophon und Eubulos angestellt, eine Zeit lang auch, obwol mit wenigem Glücke, tragischer Schauspieler, erlangte er solche Kenntniß der öffentlichen Geschäfte und bildete zugleich so die äußern Erfoderniffe der Beredtsamkeit aus, daß er 33 Jahre alt als Staatsredner anftreten konnte. Er focht in der Schlacht von Mantinea gegen die Thebaner und in dem Feldzüge gegen Euböa unter Phocion. Sein öffentlicher Einfluß begann durch Athens Stellung gegen Philipp von Makedonien. Er wurde in den Peloponnes geschickt, Bundesgenossen gegen den König zu gewinnen, und sprach zu Mcgalopolis in > der Versammlung der Arkadier. Dann war er mit Demosthenes und Philokratcs bei der Gesandtschaft, die wegen einer friedlichen Ausgleichung an Philipp nach Larissa geschickt wurde, der ihn und Philokratcs für sich gewann. Bei einer zweiten Gesandtschaft an den König, dem der Eid auf den abgeschlossenen Frieden abgenommen werden sollte, reiste er so langsam, daß jener seine kriegerischen Unternehmungen, die man hatte verhindern wollen, vor dem förmlichen Friedensabschluß vollenden konnte. Als Demosthenes und Timarchos ihn wegen der erster« Gesandtschaft des Hochverrats anklagtcn, besiegte er den Letztem in einer eigenen Anklage, den Demosthenes aber brachte er um den heilsamen Einfluß auf die Rettung des Staats. Hierauf standen er und Demosthenes an der Spitze der Parteien für und gegen Philipp. Auch als Demosthenes 3-13 gegen ihn die öffentliche Anklage wegen Verraths bei der zweiten Gesandtschaft erhob, wußte er sich sehr geschickt zu vcrtheidi- gcn. Der Gefahr glücklich entkommen, hörte er nicht auf, dem Demosthenes entgegen für Philipp zu wirken, bis die Schlacht von Chäronea im I. 338 Athen und Theben den Macedoniern unterwarf. Jetzt in Antipater's Solde suchte er in der „Rede gegen den Ktesi- phon" dem Demosthenes die goldene Krone zu rauben, die demselben auf Ktesiphon's Antrag für seine Verdienste um das Vaterland zucrkannt worden war. Doch er unterlag, und da er die Geldbuße für unbegründete Anklage nicht bezahlen konnte, verließ er Athen, um zu Alexander nach Äsien zu gehen. Nach Alexanders Tode begab er sich 324 nach Rhodus, wo er eine Rednerschüle errichtete, später nach Samos, wo er 314 starb. „ Seine erwähnten drei Reden sind noch vorhanden, wahrscheinlich aus einer schriftlichen Überarbeitung von ihm selbst. Nach Photius wurden sie die drei Grazien genannt. Sie stehen in den Ausgaben der attischen Redner von Reiske (Bd. 3 und 4), Bekker (Bd. 3) und Baiter und Sauppe (Zür. 1842). Besonders wurden sie herausgegeben von Brenn (2 Bde., Zür. l 823 — 24)„ der auch eine deutsche Übersetzung geliefert hat (3 Bdch., Stuttg. 1828). Zwölf Briefe die des A. Namen tragen, hat die Kritik längst als unecht verworfen. Äschylus, der Vater des höhern griechischen Trauerspiels, ward aus edlem Stamme 525 v. Ehr. zu Eleusis in Attika geboren. Von seinen Lebensumständen haben wir nur 538 Asenlehre mangelhafte und unsichere Nachrichten. Er focht in den glorreichen Schlachten von Marathon, Salamis undPlatää; sah die Riesenmacht des Darius und rkerxes untergehen und war begeistert von dem stolzen und freudigen Gefühle der geretteten Freiheit. Mit dieser hohen Begeisterung dichtete er seine Tragödien, in welchen er nach den rohen Anfängen des Th espis (s. d.) zuerst die tragische Kunst zu einer würdigen Gestalt erhob, sodaß er als der wahre Schöpfer derselben zu betrachten ist. Denn durch ihn ward die Handlung zu dem Hauptgcgcnstande der Tragödie gemacht und mit dem allmälig mehr znrücktretenden Chor in eine innere Verbindung gesetzt; er stellte statt des Einen erzählenden Schauspielers, den ! Thespis, Phrynichos und Chörilos von Athen eingeführt hatten, zwei, später auch drei und vier auf und begründete so den dramatischen Dialog; er vervollkommnete und verschö- , nerte die Darstellung durch äußere Ausstattung der Scene und durch Bekleidung mit schö- s nern Masken, Kothurn und langen Gewändern. Die Charaktere entwarf er mit wenigen kühnen und starken Zügen; seine Plane sind äußerst einfach, aber großartig; Verwickelungen und Auflösungen kennt er nicht. Alle seine Dichtungen offenbaren ein hohes und ernstes Gemüth. Nicht die sanftere Rührung, der Schrecken herrscht bei ihm; das Haupt der Medusa wird dem erstarrenden Zuschauer entgcgengehalten. Das Schicksal von ihm äußerst herb dargestellt; in seiner ganzen Küstern Herrlichkeit schwebt cs über den Sterblichen. Sein Kothurn hat gleichsam „ein ehernes Gewicht; lauter riesenhafte Gestalten schreite» darauf einher. Es scheint Ä. fast Überwindung zu kosten, bloße Menschen zu schildern; Götter läßt er häufig auftreten, am liebsten Titanen, jene ältcrn Götter, welche die dunkeln , Urkräfte der Natur bedeuten und vorlängst in den Tartarus unter die heiter geordnete Welt hinabgestoßen sind. Nach dem Maße seiner Personen sucht er die Sprache selbst, die sie führen, riesenmäßig anzuschwellcn. Daraus entstehen schroffe Zusammensetzungen, überladen mit Beiworten, im Lyrischen oft Verschlungcnheit der Wortfügungen und große Dun- . kelheit. In der Abenteuerlichkeit und Großartigkeit seiner Bilder und Ausdrücke gleicht er i dem Dante und Shakspcare. Wir besitzen von seinen Tragödien, deren Gesammtzahl auf s 70, von Andern sogar auf 90 angegeben wird, nur noch sieben; aber unter diesen, nach dem Zeugnisse der Alten, einige seiner vorzüglichsten Werke. Sie sind: „Der gefesselte Prometheus", „Die sieben Heerführer gegen Theben", „Die Perser", „Agamemnon", „Die Koe- phoren", „Die Eumeniden" und „Die Schuhflehenden". Misvergnügt, geringere Stücke den seinigen vorgezogen zu sehen und namentlich über den Sieg des jungen Sophokles, nach Andern aber wahrscheinlicher, weil man ihn der Irreligiosität anklagte, verließ er sein Vaterland, begab sich nach Sicilien, wo ihn der König Hiero sehr ehrenvoll aufnahm, und starb hier 456 v. Ehr. Er wurde bei Gela begraben und erhielt von den Einwohnern der Stadt ein Denkmal. Die wichtigern Ausgaben des Ä. sind von Stanley (Lond. 1663), mit Por- son's Verbesserungen (Glasg. 1795 und Lond. 1806), von Schütz (Halle 1797 —1894; neue Ausl., 5 Bde., 1808 — 21), Wellauer (Lpz. 1825), W. Dindorf in „koetae scen. i-rueci" (Lpz. 1830) und Rothe (2 Bde., Lpz. 1831). Eine große kritische Ausgabe erwartet man noch immer von G. Hermann. Unter den Herausgebern einzelner Stücke sind G. Hermann, Blomfield, Wellauer, W. Dindorf und Clausen zu nennen. Übersetzt sind sämmtliche Tragödien von Fähsc (Lpz.1809), Voß(Heidelb.1826) und Droysen (Berl. 1832; ) 2. Ausl. 1841), einzelne Stücke vorzüglich gut von Süvern („Sieben gegen Theben", Halle k 17 97), W. v. Humboldt („Agamemnon", Lpz. 1816) und Otfr. Müller („Eumeniden", Gött. ! 1833). Unter den Erklärungsschriften vgl. Petersen, „Ilc^escb>I> vitact lsib»lis"(Kopenh. 1814), Blümnrr, „Über die Idee des Schicksals in den Tragödien des Ä." (Lpz. 1814) und Welcker, „Die Äschylische Trilogie u. s. w." (Darmst. 1824, Nachtr. Franks. 1826).^ Asenlehre. Unter den Glaubensformen, in welchen, ehe das Christenthum sein Licht ^ verbreitete, die Völker Europas Befriedigung ihres religiösen Gefühls suchten, nimmt durch innern Gehalt, sowie weite Verbreitung die Asenlehre einen bedeutenden Platz ein. Ihr hingen nicht nur die german. Völkerschaften Skandinaviens, sondern auch, wenigstens nach den Hauptumrissen, sämmtliche deutsche Volksstämme an. Das altnordische Wort Ass, kn der Mehrheit Äsir, bezeichnet das Oberste überhaupt, Gott im Allgemeinen. Dies zeigt auch die Zusammensetzung Landass, d.i. Landesgotthcit. Die Äsir der Etrusker sind wenigstens Namensverwandte. Obwol aber die Äsen die Herrschaft über die Welt führten, waren sie doch nicht Asenlehre 539 Schöpfer derselben, und es liegt diesem Glauben verdunkelt die Idee eines einigen höchsten Gottes zum Grunde, dem der aus Odin übertragene Name Allfadur, d.i. Allvater, gebührt. Als cs Morgen war, heißt es in einem Liede der alten Edda, da war nicht Erde noch Himmel, nur eine gähnende Tiefe (Ginungagap); dieser im Norden lag dunkel und eisstarrend Niflheim, im Süden Muspclheim, glänzendhell und heiß. Aus dem Brunnen Hvergelmer, o. i. der alten Quelle, in Niflheim strömten Giftflüsse Eliwagar, über die, nachdem sie auf ihrem Laufe zu Eis erstarrt, der vom Gifte kommende Thau als Reif sich ergoß und seine Schichten füllten Ginungagap. Funken aus Muspclheim sielen im Süden auf das Eis; es schmolz, in den Tropfen regte sich Leben, und es entstand ein Mann Amer, der böse war wie seine Nachkommen. Während er schlief, entstanden aus seiner linken Hand ein Mann und eine Frau; seine Füße zeugten miteinander einen Sohn. Von Amer stammt das Geschlecht der Rhymthursen oder Neifriesen. Nach ihm entstand aus den Eistropfen noch die Kuh Au- dumbla; die aus ihrem Euter fließenden vier Milchströme gaben Amer Nahrung; sie selbst nährte sich vom Belecken der Salzsteine. Aus diesen leckte sie einen Mann, der hieß Bur, war groß und schön von Ansehen; sein Sohn hieß Bör, was in der altnordischen Dichtersprache, gleich wie Bur, Sohn bedeutet. Bör zeugte mit der Tochter des Niesen Bergthvrir drei Söhne, Odin, Wile und We, die den Riesen Amer erschlugen. Der Fluß, der aus des Riesen Blute entstand, ersäufte das ganze Geschlecht der Rhymthursen; blos einer, Bergel- mer, rettete sich mit seinem Weibe, und von ihm stammen die neuen Riesengeschlcchter. Aus Amer's Fleisch ward die Erde geschaffen, vom Blute das Meer, von den Knochen die Berge, vom Haare die Bäume, vom Hirnschädel der Himmel, aus dem Hirn die schweren Wolken; aus seinen Augenbrauen aber schufen die Götter um Midgard, d. i. die bewohnbare Erde, einen Wall gegen die Riesen, die am äußersten Rande der mcerumflossenen Erde ihren Sitz erhielten. Für sich selbst erbauten die Äsen Asgard mitten in der Welt. Mit der Erde, der Tochter der Nacht, zeugte Odin den Asathor, und so entstand der Äsen schönes und Helles Geschlecht. Durch Funken aus Muspclheim ließen die Götter Himmel und Erde erleuchten > den Kindern des Mundilfari, d. h. des Achsenbewegers, Sol und Maan, übergaben sic dir Leitung der Sonne und des Mondes, die vorher ihre Stätte nicht wußten. Sodann gaben die Götter den Tageszeiten Namen. Eine Riesentochter Nott zeugte in ihrer dritten Ehe mit Delling, d. i. Dämmerung, aus dem Asengeschlcchte, den Dagur, d. i. Tag. Allfadur gab der Nacht und ihren Söhnen Roß und Wagen und setzte sic an den Himmel; die Nacht fuhr vor- aus und der Schaum ihres Hengstes Rymfaxi, d. i. Neifmähne, träufelte als Thau zur Erde; das Tagesroß Skinfaxi erleuchtete mit seiner Mähne Luft und Erde. Unter die vier Ecken des Himmels setzte Allfadur vier Zwerge, Sudri, Austri, Nordri und Vestri; an des Himmels nördlichem Ende saß der Jäkte Hrasvelg in Gestalteincs Adlers; das Wehen seiner Fit- t;ge verursachte den Wind. Noch aber war Midgard unbewohnt, da schufen die Götter aus dem schicksalslosen Wesen Ask, d.i. Esche, und Einbla die Menschen; Seele gab ihnen Odin, Geist Häner und Blut Lodur. Ihre Wohnung hieß Manheim und war der neun Welten viittelste. Auch gab cs neun Himmel, im höchste» sollten die Seligen wohnen, der dritte Himmel, Vidblain, d. i. weithin blau, war die Wohnung der Lichtelfen, in Gladtheim die der Götter; dieZwerge, die einst Würmer in Umer's Fleische waren und von den Göttern Verstand und Menschenverstand erhielten, wohnten in der Tiefe; Schwarzelfcn, Gygien und Volcn in Niflheim. Wie in andern Kosmogonien, so entsteht auch hier die Erde aus den» Kampfe der Elemente, Feuer und Wasser; der Reif gibt den Grundstoff; die durch das Himmelslicht veredelte Zeugekrast der Erde gebiert den die schädlichen Dünste vertreibenden Blitz Mit dem Namen des ersten Menschen, Ask oder Esche, hängt auch die Mythe zusammen von der das Weltall darstellenden Esche Ugdrasil. Ugdrasil breitete ihre Zweige durch die ganze Welt bis in den Himmel; in ihren Zweigen saß ein vielverstehender Adler, und zwischen seinen Augen ein Geier; vier Hirsche sprangen in den Zweigen herum; an ihrer Wurzel, die nach Niflheim ging, nagte der Drache Nidhöggur, und ein am Stamm lau- fendcs Eichhörnchen, Ratastoskur, suchte zwischen dem Adler und dem Drachen, der im Bruimcn Hvergelmer liegt, Unfrieden zu stiften. Eine zweite Wurzel Agdrasil's crüreckle sich zu den Rhymthursen, wo Mimer's Brunnen war; eine dritte ging zu den Äsen und Menschen; unter ihr saßen die drei Nornen, die den Baum begossen. Hier war die Gerichts- 5,-l0 Asenlrhre slätte der Äsen, wohin sie jeden Tag kamen. Diesem daS Weltall darstellenden Baume scheint die bei den Deutschen, namentlich den Sachsen, hochverehrte Jrminsul (s. Jrmensäule) zu entsprechen, welches Wort ebenfalls Weltsäule bezeichnet; ebenso findet sich ein Weltbaum in den Mythen der Inder und Perser. Friede war bisher in der Welt gewesen, da erschiene» bei den Äsen unheilbringend dceiNiescnjungfrauen. In dersehr dunkeln Mythe ist von dem Verluste von Goldtafeln, die erst nach der Götterdämmerung wieder aufgefunden werden, die Rede, der Unglück bringt. Es entstand Krieg, und die Äsen hatten schwere Kämpfe mit den weisen Wanen; Asgard's Wall ward gebrochen und die Äsen geben Häner an die Manen, und nahmen von diesen Niord unter sich auf, mit seinen Kindern Frcyr und Freyja. Endlos waren die Kämpfe mit den Riesen, die Thor mit seinem gewaltigen Hammer niederschlug. Himmlischer Götterburgen, die man durch die Zeichen des Thierkrcises erklärt, gab s es zwölf; doch gehören sie nicht den vorzüglichsten Göttern. Bragi und Thor hatten hier keinen Sitz; dagegen wohnte Skade, des Niesen Thiassi Tochter, in Thrymhcim, und Saucquabck, d. i. Bach der Senkung, von kalten Wassern umrauscht, ward von Saga bewohnt, mit der Odin täglich aus goldenen Bechern trank. Thor's blitzdurchzuckte Burg ^ Thrudwangcr lag tiefer. Die vornehmsten Götter waren: I) Odin (s.d.), der Götter und Menschen Vater, der seinen Wohnsitz in Gladsheini, d. i. Frcndenwelt, hatte, wo auch in Walhalla (s. d.) die im Kampfe gefallenen Helden ein Leben voll Wonne führten. 2) Thor (s. d.), der Gott des Donners, den das Rollen seines von Bücken gezogenen Wagens hervorbrachte, der Riesen gewaltiger Bezwinger. 3) Baldur (s. d.), der schönste und beste aller Äsen, > dessen Wohnung Breidablik weithin glänzte. 3) Niord, der Herrscher des Meers und der Flüsse, der Gewalt hatte über den Wind und das Feuer zu stillen, der auch Reichthum verlieh, besonders von Fischern und Seefahrern angerufen wurde und dem viele Tempel geweiht waren. Seine Wohnung war Noatun, d. i. Neuhos; seine Gattin Skade wohnre getrennt j von ihm, da sie der Berge gewohnt war, während Niord es liebte, am Secgcstade zu weilen < 5) Freyr (s. d.), der über Sonnenschein und Regen gebot, um Fruchtbarkeit und Frieden ! angerufcn wurde und seine Wohnung zu Alsheim hatte. 6) Tyr, Odin's Sohn, der Gott der Krieger und ebenso weise als tapfer. Seine Unerschrockenheit zeigte er bei Fesselung des Fenriswolfes, als er diesem zum Pfände, daß kein Trug unterlaufe, sondern daß man nur im Scherze ihn fesseln wollte, seine Hand in de» Nachen steckte, die ihm Fenris dann abbiß, weshalb er einhändig war. Bei der Götterdämmerung kämpfte er mit dem Höllenhunde Garmer und beide tödteten sich gegenseitig. 7) Bragi (s. d.), der Gott der Dichtkunst. 8) Heimdall, der von neun Jungfrauen am Rande der Erde Geborene, welcher auf seiner Burg Himinbiorg, an der Himmelsbrücke Bifröst, d. i. dem Regenbogen, als Wächter der Äsen saß. Er schlief weniger als ein Vogel, hatte ein so scharfes Auge, daß er bei Nacht wie bei Tage hundert Meilen weit sah, und ein so scharfes Gehör, daß er das Gras j und die Wolle auf den Schafen wachsen hörte. Wenn er in sein Wächterhorn, Giallar- horn genannt, stieß, hörte man es durch alle Welten. S) Widar, der schweigende Gott, ein Sohn Odin's, der stärkste nach Thor, dessen Wohnung Landwidi, d. i. Landweite, war. 10) Mali, der Sohn Odin's und der Ninda, ein tapferer Kämpfer und guter Schütze, der ! in Walaskialf, d. i. Wali's Wartkhurm, wohnte. 11) Ullcr, der Stiefsohn Thor's, ein f trefflicher Bogenschütze und Schlittschuhläufer, der beim Zweikampf angerufen wurde und dessen Ring man bei Eidesleistung faßte. Seine Wohnung war Udalir, d. h. Thäler des Pfeils. I2)Forscti, Baldur's und Nanna's Sohn, der beste aller Rechtsbrecher. Seine Wohnung war Glitnir, d. i. glänzend, mit goldenen Säulen und Silbcrdache. Wahrschein- , lich ist er mit Fosite gleichbedeutend, der von den Friesen auf Helgoland, das nach ihm Fosite's Land hieß, verehrt wurde. Die vornehmsten Göttinnen sind: l) Frigga, Odin's Gemahlin, die den Ehen Vorstand ; 2) Freyja (s. d.), die Göttin der Liebe, die in ihrem Palaste Folkvangr die verstorbenen Frauen aufnahm und der die Hälfte der Tobten gehörte; 3)Jdunns (s. d.), die Bewahrerin der Unsterblichkcitsäpfel und 4) Eira, die der Heilkunst Vorstand. Göttinnen nieder» Ranges, die für Liebende sorgten, waren Löfn, Siöfn ^ und Var; Gna, Hlyn, Fülla waren Dienerinnen der Frigga, deren Botschaften Gna verrichtete. Nicht zu dem Geschlecht» der Äsen gehörend, doch von großem Einfluß auf der 541 Äsen!ehre ! Menschcn Geschicke, waren die N or n en (s. d.), die Vollzieherinnen des Schicksals, die Walkyren (s. d.), die.Schlachtenlcnkcrinnen, und die Fylgicn, die Schutzgeistcr der Menschen Der Meergott Ägir und seine Gattin Nana gehörte nicht zu dem Asenkrcise. Berühmt ist das Gaflmahl, das Agir den Äsen gab, wo sieLoki (s. d.) mit Schmähungen über- hauste. Auch Loki, obwol seit uralter Zeit mit Odin in Blutbrüdcrschaft und unter die Äsen ausgenommen, gehörte einem andern Göttergeschlcchtc an, und bereitete den Äsen feindlich gesinnt, ihnen Verderben. Mit der Niesin Angerbaude hatte er drei greuliche Ungethüme gezeugt, die Hel, den Wolf Fenris und die Midgardsschlange. Die Hel ward von Odin nach Niflheim verwiesen, wo sie über das Schattenreich herrschte, in das Diejenigen kamen, l die so unglücklich waren, nicht in der Schlacht den Tod zu finden, oder sich nicht selbst tödtc- ' ten. Hel war halb nur von menschlichen Farben, schwarzblau die andere Hälfte; ihr Saa! hieß Elvidr, d. i. Eiskälte; Hunger ihre Schüssel, Mangel ihr Messer, Auszehrung ihr Bett. Der Fenriswolf ward von den Äsen in Banden gelegt; die Midgardsschlange aber . versenkte Odin ins Meer, wo sie so wuchs, daß sie sich in ihren Schwanz beißend, die ganze ! Erde umfaßte. War es aber auch den Äsen gelungen, diese Ungethüme unschädlich zu machen, ' so traf sie indeß doch bald schweres Unheil. Baldur ward von schweren Träumen geängst igt, von ihm drohenden Unglück. Nach der Götter Rathschluß wanderte daher die zärtliche Muiccr , Frigga durch die ganze Erde und nahm einen Eid von allen Wesen, von Feuer, Wasser, Eisen und allen Erzen, von Erde, Steinen und Krankheiten, von allen Thieren, Schlangen und i Giften, daß sie Baldur kein Leid zufügen wollten. Als alle Wesen geschworen, freuten sich die ! Äsen des Spiels nach dem in ihre Mitte gestellten Baldur zu schießen und zu werfen, um alle Waffen machtlos an ihm abprallen zn sehen. Da faßte Loki arge Tücke, und nachdem er von Frigga erlauscht, daß sie ein zartes Pflänzchen, Mistiltcin, d.i. Mistel, als zu unbe- c deutend nicht vereidet, holte er den Schößling, und gab ihm den blinden aber starken Hödur, I daß auch er Baldur die Ehre erweise. Der von Loki gerichtete Pfeil traf Baldur zum Tode; 1 die Götter aber faßte so tiefes Weh, daß sie sprachlos standen und spät erst Thronen fanden. Auf Frigga's Bitte übernahm der kecke Hermodc die Botschaft an die Hel, daß sie Baldur gegen Löscgcld aus dem Schattenreiche freigebe. Baldur's Leichnam aber wurde zum Verbrennen auf sein Schiff gebracht und z» ihm seine vor Gram gestorbene Gattin Nanna gelegt und der unfreiwillige Mörder Hödur, den der eine Nacht alte Mali getödtct hatte. Thor weihte den Scheiterhaufen mit seinem Hammer, und Odin legte den Goldring Draupncr darauf; außer allen Äsen waren auch Walkyren und Riesen zugegen. Hcrmode, der auf Odin's achtfüßigen Rosse Sleipncr über Niflheims Gitter sich geschwungen hatte, fand Baldur und Nanna auf dem Hochsitze, die ihm für Odin und Frey>a Geschenke gaben, darunter den Ring Draupner, dcr von nun an die Eigenschaft hatte, daß in jeder neunten Nacht acht i Ringe gleicher Schwere von ihm abfielen. Hel willigte ein, Baldur frei zu lassen, wenn alle Wesen ihn beweinten. Hierauf wurden von den Äsen Boten gesandt durch die ganze Welt, und Alles, Menschen, Thicre, Bäume und Steine, weinten um Baldur; nur eine Riesin Thök, d. i. Tücke, weigerte sich, Baldur zu beweinen, der nun bei Hel bleiben mußte. Die , Äsen vermutheten, daß Loki in Thök's Gestalt gewesen sei, und als er sie nun vollends bei Ägir's Gastmahl, durch das Friedensrecht gesichert, mit Schmähreden verhöhnt hatte, stell- f ten sie ihm nach, und nachdem sie ihn gefangen, banden sie ihn mit den Gedärmen seines Sohnes Nar an einen Felsen; Skade aber befestigte eine Schlange über ihn, sodaß deren Gift ihm ins Antlitz traf. Deshalb hielt Loki's Gattin, Sigyn, eine Schale unter; doch wenn sie die Schale ausgießen mußte, zuckte Loki wegen des auf ihn fallenden Giftes, und ^ dies veranlaßt Erdbeben. Mit Baldur's Tode war das Heil von den Äsen gewichen; sie wußten, daß auch ihrer Herrschaft der Untergang bevorstehe, wenn Ragnorekur, d.i. Götterdämmerung, komme. Vorhergehende Zeichen werden Krieg und Blutvergießen durch die ganze Welt, Beilalter, Schwertalter und Wolfaltcr, und der furchtbare Winter Eymbulvetur, der die Dauer von drei Wintern hat. Der Wolf Fenris wird los und die Midgardsschlange kommt > ans Land, da stößt Heimdall ins Giallarhorn. Odin zieht mit allen Äsen und Einheriern zum Kampfe auf dem Schiffe Naglfar, das aus den Nägeln verstorbener Menschen gebaut war; die Muspellsöhne landen, sie führt Suttur zum Kampfe, dessen Schwert 542 Asenlehre heller leuchtet als die Sonne, und die Brücke Bifröst bricht zusammen. Auch Loki mit > seinen Kindern und alle Jätten kommen zum Kampfe. Die Äsen unterliegen; Odin wird vom Wolfe Fenris verschlungen, und ihn rächt sein Sohn, der starke Widar; Heimdall und Loki tödtcn sich gegenseitig; Thor tödtet zwar die Schlange Jormungan- dur, fällt aber von ihrem Eiste gctödtet; Freyr wird von Surtnr getödtet, der die ganze Welt in Flammen seht. Himmel und Erde verbrennen, doch um schöner wieder zu erstehen. Die Sonne hatte, ehe sie vom Wolfe verschlungen ward, eine schönere geboren; die neue Erde wird Früchte tragen ohne Saat, auch Menschen werden wieder die neue Erde bewohnen. Zwei Menschen Lif, d. i. Leben, und Lifthrastr hatten sich während des Greuels der Zerstörung im Holze Hoddmimir's verborgen und vom Morgenthau genährt; von ihnen stammt das neue Menschengeschlecht. Die Riesen und Ungeheuer haben für immer ihren s Untergang gefunden; die Äsen aber werden wiederkehren, Baldur wird mit Hödur aus Niflheim kommen, die Goldtafeln werden wiedcrgefunden werde», die Äsen wieder auf der Jdawiese zusammenkommen, wie in der Urzeit. Nur Odin wird fehlen und Thor; , Odin's Halle werden Baldur und Hödur bewohnen; Thor wird vertreten durch seine Söhne Mode und Magne, d.i. Muth und Stärke, wie Odin durch seine Söhne Widar undWali. Wal- I halla wird nicht wieder entstehen, neue Wohnungen werden den Seligen bereitet, und nicht mehr wird allein die Art des Todes über den Aufenthaltsort der Abgeschiedenen entscheiden. Die Völuspa sagt, der Reiche, der Starke von oben werden Gericht halten und entscheiden 1 über den Werth, der bleiben wird. Die Guten und Tugendhaften werden in Gimle wohnen, j wo es am besten, und in andern Sälen; die Bösen aber, Meineidige, Verführer sollen nach Nastrond, d. i. Leichenstrand, geworfen werden, wo sie im Schlangensaale in Giftströmcn Waden sollen. Wenn Odin's Herrschaft vergangen, dann kommt ein Anderer, ein Mächtigerer, doch „ihn nicht wag'ich zu nennen", heißt es im Hindluliod. Ihm kommt der Name All- . Vater zu und die jüngere Edda sagt von ihm, daß er lebe durch alle Alter, und herrsche über ! Alles. Er habe Himmel und Erde geschaffen und Alles, was dazu gehöre; das Größte f aber ist, daß er den Menschen geschaffen und ihm einen Geist gegeben, der leben soll und nie vergehen, auch wenn der Leib zu Staube modert oder zu Asche verbrennt. Wenn auch auf diese Ausdrucksweise das Christenthum cingewirkt, die Gedanken ! gehören dem Heidenthume an, ein ehrendes Zeugniß für das Volk, in welchem solche, j wenn auch nur von den Edelsten, aufgefaßt wurden. Allerdings findet sich auch in andern heidnischen Religionen die Lehre vom Vergehen und Wiedercrblühen des Bestehenden nach , gewissen Zeiträumen, so in der indischen und in der griechischen, zufolge deren einst der über- müthige Zeus gestürzt wird, doch nirgend tritt die Lehre von der'Vergänglichkeit der Götter so in den Vordergrund, als in dem Glauben der Äsen von der Götterdämmerung. Auch in den Mythen zeigt sich der tiefe Geist des Volks, bei dem sie entstanden, denn so dunkel immer Vieles bleiben wird und so wenig man Deutungen im Einzelnen vertrauen mag, ! das Zugrundcliegen naturphilosophischer Anschauungen läßt sich nicht weglcugnen. Die Äsen sind die den Wechsel der Natur ordnenden, ihm aber auch selbst unterworfenen Kräfte derselben. Die durch die Himmelslichter bestimmte Abwechselung der Zeit, das Erwachen, Einschlafen und Wiedererwachen der Natur sind deshalb auch dieser Götter und ihrer Schick- ' sale Symbole. Der Zweifel, ob in der Urzeit eine solche naturphilosophische Auffassung zu f erwarten, wird beseitigt, wenn man einerseits nicht von späterer Verwilderung auf frühere noch größere Roheit schließt und andererseits im Auge behält, daß die Naturanschauung eines noch ganz im Naturlebcn begriffenen Volks doch immer etwas von späterer Wissenschaft ganz Verschiedenes ist. Außer diesen physikalischen Beziehungen finden sich auch Klänge aus der Urzeit Leben; so scheint die Aufnahme der Wanengötter eine gewisse Realität zu haben in der Vermischung verschiedener Rcligionssysteme; denn in den drei Wanengöttcrn zeigt sich allerdings ein anderes Elcmmt. Nach der Einteilung der Religionen, in Feueroder Wasserdienst, in welchem erstem das active männliche, während im zweiten das weibliche Element mehr hervortritt, würden die ursprünglichen Äsen einer Feuerreligion angehören. Denn bei der ursprünglichen Identität von Freyja mit Frigga fehlt unter den Äsen ^ das Weibliche fast ganz. Die Göttinnen nehmen nur einen nieder» Rang ein und sind meist Personifikationen ethischer Begriffe, ohne persönlich-lebendiges Vertreten. Odin, der Asenlehre 543 unter seinen Beinamen auch die des Fcucraugigen und Alles Verbrennenden führt, ist ursprünglich die Sonne, ihm zunächst Thor das Blihfeuer, beide sind Kriegsgötter, und der Wcltbrand führt zur Verjüngung. Dagegen ist von den Manischen Göttern Mord der Herrscher des Musters, und er und sein Sohn Freyr, der aus Liebe sein Schwert weggegeben, sind Friedensgötter; Freyja aber ist sehr bedeutend zugleich Liebes- und Todcsgöttin. Wenn man übrigens den Wasserreligionen Wollust und Grausamkeit zuschreibt, so würde sich dies auch hier bestätigen durch die Erwähnung priapeischer Darstellung beim Freyr, und daß dieser die ersten Menschenopfer eingesührt haben soll; die Katzen aber, die Freyja's Wagen ziehen, sind ein für beide Richtungen passendes Symbol. Ebenso finden sich hier Erinnerungen an Kämpfe in uralter Zeit. Wenn auch die Jätten ursprünglich als feindliche Naturkräfte gedacht wurden, so lassen doch manche Schilderungen nicht zweifeln, daß man später feindliche wilde Völker mit diesem Namen bezeichnet habe. Während die Kämpfe mit den Wancn allein nach religiösen Beziehungen aufgefaßt werden können, so fallen die mit den Jätten in eine der Geschichte näher liegende Zeit und nach Nordland. Denn noch zu Adam's von Bremen Zeit lebten in den skandinavischen Gebirgen in höchster Verwilderung finnische Urbewohner, die zuweilen mit furchtbaren Einfällen das Gebiet des gebildeten Volks heimsuchten. Endlich mögen auch Erinnerungen an die Kämpfe der um die Herrschaft streitenden Priester in die Mythen Eingang gefunden haben. Zu diesen beide» Elementen, dem naturphilosophischen und dem sagenhaften, kommt nun noch das ethische. Manche der Götter sind aus dem Gemüth der Menschen hervorgegangen und Bezeichnungen ethischer Begriffe, z. B. der Gerechtigkeit; hierher gehören die meisten Göttinnen, so Snotra, die Höfliche, Kluge; Wara, die auf die Eide der Liebenden achtet und auf Verträge überhaupt. Mit- unter sind es auch ganz dürre Allegorien; endlich ist Manches blos poetische Ausschmückung und Zusatz späterer Zeiten; Vieles aber dunkel. Unter diesen Umständen bedarf cs keiner weitern Erläuterung, wie erfolglos es sein muß, Alles durch ein System erklären zu wollen. Von den beiden hauptsächlichsten Dcutungsweisen, der naturphilosophischen und der historischen, ist letztere, der schon Saxo Grammaticus und Snorro Sturluson folgten,sehr alt und ihre Entstehung leicht erklärlich, indem bei der im Ganzer, friedlichen Einführung des Christenthums im germanischen Norden hier keine solche Erbitterung entstand, die jede Spur des früher» Cultus zu vernichten suchte. Man brauchte die Asenmythologie fortwährend als poetischen Schmuck, und die Hofskalden fuhren fort, der Fürsten Abkunft von Odin zu besingen. So konnte man die alten Götter hier nicht wie anderwärts zu bösen Geistern »rachen, sie wurden zu zauberkundigen Menschen. Aus Äsen wurden Asiaten ; eine Priesterschar sollte vor den Römern fliehend nach Skandinavien eingewandcrt, dort als verkörperte Götter aufgetreten sein, eine neue Religionslehre eingesührt und durch höhere Kenntniß und Zaubertrug sich der Herrschaft bemächtigt haben. Asgard ward von Saxo nach Konstantinopcl (Miklegard) von dem Verfasser der Vorrede der jüngcrn Edda nach Troja gesetzt. Spätere Forscher haben zu beweisen gesucht, und zum Thcil mit großem Scharfsinn, daß diese Angaben nicht blos auf gelehrten Grillen, sondern auf alter Erinnerung des Volks an seine Urheimat beruhen. Man hat auf die Gegenden am Kaspischen Meere oder auf den Kaukasus gewiesen, wo ähnliche Namen von Völkern noch gegenwärtig Vorkommen, wie Abchasen, Osseten (das altnordische Ass wird Os gesprochen) u.s. w. Strabo erwähnt Asien im engern Sinne, östlich vom Mäo- tischen See, ein Volk Aspurgianer, und Paulus Diakonus berichtet, daß Wodan in alter Zeit in Griechenland geherrscht habe. So interessant derartige Forschungen sein können, die zuweilen Blitzen gleich das Dunkel der Vorzeit zu erhellen scheinen, so ist es doch ein ver- gebliches Bestreben, daraus eigentliche Geschichte bilden zu wollen, wie dies von Suhm und nachher von Münter in ihren Schriften versucht worden ist. Für die natursymbolische Deutung hat besonders Finn Magnusen viel geleistet, und es hat dieselbe auch bei Übertreibungen den Vorzug, wenigstens nicht mit Zerstörung der Mythen zugleich die Geschichte zu verfälschen. Fragen wir, was von der Asenlehre wol im Glauben des Volks gelebt, so ist es natürlich, daß weder alle Mythen, noch minder deren Bedeutung, Volkseigenthum sein konnten. Da es keine geschlossene Priesterkaste gab, wenigstens in der später« historischen Zeit, in der die Könige und Jarle in ihren Reichen und 544 Asenlehre Bezirken dem Opferdicnste verstanden, so konnte es auch keine, nur dem Priesterstande zu. gänzliche Gcheimlehre geben. Spuren derselben finden sich, wenn cs heißt, daß Odin durch Liederund Runen den Oberpriestern seine Weisheit mitgetheilt habe, und diese höhere Kennt- niß vom Wesen der Götter nennt das Vasthrudnismal alte Stäbe und Runen der Götter. (S. Runen.) Natürlich werden die Fürsten, die auf die Äsen ihren Stamm zurückführ, ten, von diesen, die sie als Stammväter ehrten, die meiste Kunde gehabt haben und manche Lieder find vielleicht nur bei zauberischen Handlungen gebraucht worden. Die Liefern Lehren von einem höchsten Wese» werden immer nur Eigenthum einzelner Begabter gewesen sein, wie wenn Harald Harfager bei dem Gotte schwört, der ihn geschaffen und der über Alles herrscht, und der Isländer Torkil Mane in der Todesstunde seinen Geist Dem befiehlt, der die Sonne erschaffen. Das Volk aber im Allgemeinen hing an den Äsen. Wie das weibliche s Geschlecht an Frcyja und Frigga seine Gebete richtete, so die Männer an die drei kriegsgcwalti- gen Götter, Odin, Thor und Tyr, und an den Fruchtbarkeit und Reichthum bescherende,! ^ Freyr, sowie die Seefahrer und Fischer an Niord. Ihnen erbaute man zum Theil präch. ^ tige Tempel, schmückte ihre Bildsäulen und ehrte sie mit blutigen Opfern und andern Geschenken, während man dagegen Hülfe und Weissagungen von ihnen foderte. Die zahlreich- > sten Verehrer hatte der kriegsgewaltige Thor. Manche beteten zu besonder» Familicngöttcrn, so der mächtige Jarl Hakon in Norwegen zu den Zauberschwestcrn Thorgerd, Hörgabrud und Arpa, den Töchtern eines Königs Holga von Halogaland (Helgoland), von welchem - Hakon seinen Stamm ableitete. Ihre Bildsäulen standen im Guldbrandsthale in einem j Tempel, wo auch Thor's Bild stand, und im Krieg gegen die Jomsoikinger soll Hakon für ' , den Sieg ihnen seinen Sohn als Opfer geschlachtet haben. Häufig war auch die Naturver- § ehrung von Flüssen, Bergen, Bäume» und Steinen, an die man geistige Wesen gebun- , § den glaubte, und dieser Dienst war cs, der nach Einführung des Christenthums in allen , Verboten heidnischen Wesens am meisten erwähnt wird. Wie tief er im Volke gewurzelt, ' < zeigt sich auch darin, daß, während das Andenken vieler großen Götter ganz verschollen, diese j Naturgeister zum Theil noch heute im Glauben des Volks leben. (S. Elfen.) ' Betrachten wir den sittlichen Einfluß der Asenlehre, so treten freilich die sanftem Ge- , müthsregungen in den Hintergrund; auf Kampf und Krieg war das ganze Leben gestellt. < Unter keinem schönem Bilde kann der Tod gedacht werden als unter dem der in Waffen glän- , zenden Walkyrc; der Glaube an Walhalla trieb die Männer kühn dem Schlachtentode entge- i gen; auch feuerte zu Krieg und Raub der Glaube an, daß Neichthum in jener Welt ehre, daß man aber dorthin nur die auf Beutezügen erworbenen Schätze im Grabhügel mitneh- § men könne. Dagegen gab die Überzeugung von individueller Ünsterblichkcit und einstiger ' > Gemeinschaft mit den Göttern ein Gefühl des eigenen Werths, das vom Niedrigen abhielt. ^ Die Treue war den Göttern geheiligt; sie unverbrüchlich zu halten in Liebe, Freundschaft ! und jeglichem Gelöbniß, war höchste Pflicht. So innig indeß Glauben und Leben vcrbun- ! den erscheinen, so gab cs doch auch Manche, die nichts von den Göttern hielten und nur auf die eigene Kraft trauten, so Hrolf Krake und seine Helden. Solcher Gleichgültigen gab es sehr Viele, als das Christenthum in Norden eindrang, und so sank der Asenglaube ohne schweren Kampf. DicTempel waren, da in denselben auch die Opfermahle gehalten wurden, > zum Theil von bedeutender Größe; so gab es im holzarmen Island einen Tempel von l 2<> . Ellen Länge. Als prachtvoll schildert Adam von Bremen den Haupttempel in Upsala; von andern rcichgeschmückten berichten die Sagen. Die Bildsäulen der Götter waren zum Theil kolossal; dagegen hatte man auch kleine von Metall, um sie bei sich tragen zu können. Olaf Pfau hatte seinen Saal durch Darstellungen aus den Asenmythcn in Schnitzwcrk zieren lassen, doch mag solches, nach dem ganzen damaligen Culturzustande zu urtheilen, von sehr geringem Kunstwerkh gewesen sein. Unter den poetischen Bearbeitungen der Asenmythcn ist Klopstock's Versuch ein mislungener, in Braun's „Hermann der Cherusker" fehlt bei geschickter Anlage und treu sich den Mythen anschließender Behandlung der dichterische Schwung, und in Blochmann's „Gerlha von Stalimene" scheint dieser etwas erzwungen; mit dem meisten poetischen Geiste, aber sehr frei hat sie Henne benutzt im „Divico". Gewiß ^ bietet die Asenlehre ebenso poetische Bilder als tiefe Anschauungen. Die von deutschen Ge- AferSeidschcm Asiatische Gesellschaften und Museen 542 lehrten über Echtheit der Asenlehre geäußerten Zweifel sind jcht nur noch literarhistorisch zu erwähnen. Was die Verehrung der Äsen in Deutschland betrifft, so sind Odin, Thor, Freyja durch sichere Zeugnisse erwiesen, bei Zordanes, Paulus Diakonus, den angelsächs. Chronikenschreibern, den Biographen der Heiligen, Columban, Willibrord und Willihald, den „banales kuläsnses" und durch die bekannte Abschwörungsformel; andere einzelne Spuren in Sprache und Sitte, Volkssagen und Aberglauben hat Jak. Grimm mit umfassendster Kenntniß in seiner „Deutschen Mythologie" zusammengestellt. Neue Forschem- gen sind durch Grimm's Abhandlung „Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deut- schen Heidenthums" (Berl. 18-12, -1.) angeregt worden. Vgl., außer den zahlreichen Schrif- tcn von Suhm (s. d.) und Gr äter (s. d.), Grundtvig, „Nordens Mythologie eller Udsigd over Eddalären" (Kopenh. 1808), Nyerup, „Wörterbuch der nordischen Mythologie^ (deutsch von Sander, Kopenh. 1816), Heiberg, „Nordische Mythologie" (Schlesw. 1817), Stuhr, „Nordische Alterthümer" (Berl. 1817), Geiser, „Schwedische Urgeschichte" (deutsch, Sulzb. 1826), Finn Wagnissen, „Eddalären og densOprindelse" (4 Bde., Kopenh. 1824 — 26), dessen „kriscueveterum IioreuIiiiinin^ttloloFise lexicon" (Kopenh. 1828, 4.), Legis, „Alkuna" (Lpz. 1831) und dessen „Handbuch der altdeutschen und nordischen Göt- terlehre" (2. Aust., Lpz. 1833). Aserbeidschan oder Adecbidjan, ist die erhabene Alpenlandschaft im Quellgebiete der vier großen Stromsysteme des Kisil-Ostn, Araxes, Tigris und Euphrat, begrenzt im Osten von den pers. Provinzen Jrak-Adjem und Ghilan, südlich von Kurdestan, westlich von Armenien und im Norden, im Araxesthale, vom russ. Asien. Einst das Atropatene der Griechen und Römer, war A. die westlichste Provinz des alten Medien, wie gegenwärtig die gleiche von Persien unter dem Namen Aderbagan, d. h. das Land der Feueranbeter. Ganz A. ist ein zwischen Iran, Armenien und Kleinasien vermittelndes Hochland, Hinausgetrieben durch das Zusammentreten des iranischen Nord- und Westrandes und auf das Pit- toreskeste zerklüftet durch vulkanische Gewalten und noch fortwirkende Erdbeben. Die Hauptformen des Landes, die Centralspitze der Cultur repräsentiren die Becken der alpini- schen Höchsten, im Westen des Wan-, im Osten des Urmiasees. Die Gesammterhebung des Plateaus beträgt bei Tauris 4500 F., ebenso viel am Spiegel des Urmiasees und 4700 F. am Wanste, während im Süden desselben die Gipfel des Jidda-Dag 13—15000 F. und die des Savellangebirgs über 12000 F. Höhe erreichen. Den Gegensätzen der Bodenfor- men entsprechen die klimatischen Verhältnisse, bezeichnet durch langen Winter auf den Höhen, reizenden Frühling an den Abhängen und sehr heiße Sommer in den Thaltiefen. Die Producte verrathen schon mehrfach Europas Nähe durch Vorherrschen seiner Getreide- und Obstarten; sie erinnern aber noch an asiat. Tropennähen durch den Reisbau, Baumwollenpflanzungen und ähnliche Culturgewächse. Der Fasan Kaukasiens erscheint schon in A. - Wölfe, Eber, Füchse und Hirsche Hausen in den rauhen Gegenden, aber auch Antilopen und die Raubthiere des Südens ziehen dem tropischen Klima nach. Die Bewohner des Landes sind im Westen und Süden Kurden, übrigens türkischer Abkunft, auch das Türkischl redend, wiewol das Persische die Sprache des Gouvernements, Handels und der Schule ist Die in A. wohnenden Perser unterscheiden sich von den dasigen Türken wesentlich durch ihre verschiedene Neigung, sich europäischem Einfluß zu unterwerfen, indem erstere ihn mit gewissem Enthusiasmus empfangen, letztere ihn kalt zurückweisen. Das Heranrücken der russischen Grenze hat die Bedeutung A.s als ein alpines Vcrmiktelungsland zwischen iranischer und europäischer Welt in hohem Grade vermehrt. Die Hauptstadt des Landes ist Tabriz oder Tauris (s. d.). Asiatische Gesellschaften und Museen. Die erste Asiatische Gesellschaft oder Vereinigung von Gelehrten zur Erforschung der Literatur, Geschichte, Geographie, Religion und Sprachen des Orients wurde von den Holländern in Batavia gegründet; es haben aber deren „Verbunckelingen vsn bet Lutaviasscb genootscksp von Künsten en lveten- scilspen"(l5 Bde., Batavia 1780 — 1833) erst in neuerer Zeit allgemein Interessantes gebracht. Hierauf wurde die „2siatic societx os Lengs!" durch den Engländer William Jones in Kalkutta 1784 gestiftet, die früher die „-4s>utic researckes" (20 Bde., Conv. -Lex. Neunte Ausl. I. 35 546 Asien Kalk. 1788 — I33Z, <1.) herausgab, durch welche namentlich die Kennt!,!ß Indiens bedeutende Fortschritte gemacht hat, und seit 1832 das „äouriml c>s tde ariatic societ> ok Len- erscheinen läßt, in welchem besonders die Arbeiten des Secretairs der Gesellschaft, Ja- mes Prinsep, über indo-baktrische und griech. Numismatik sich auszeichnen. Mit ihr stehen die Medicinische Gesellschaft, welche die „Ir-nisactious ok tke AIe- ok Oaicutta" (7 Bde., Kalk. 1824—32) und die Gesellschaft für Ackerbau, welche die „Iransactious ok tbe Agricultural and Ilorticultural Society ok India" (Bd. 1, Kalk. 1829) herausgegeben hat, in naher Verbindung. Nach dem Vorbilde der Gesellschaft in Kalkutta bildete sich ein ähnlicher Verein in Bombay, der die ,,1'ransactions ok tl,e Idte- rar)s societ^ okSombax" (3 Bde., Lond. 1819—23, 4.), in Madras, der die „'kraus- > actions ok tde läterar^ socist)' okÄlacirss" (Bd.) I, Lond. 1828, 4.) und in neuester Zeit ! ein „äournal ok literature and science" herausgegeben hat, in Benkulen auf der Insel Sumatra, in Malakka und auf Ceylon; doch sind die gelehrten Arbeiten dieser Vereine in Europa sehr wenig bekannt geworden. Sodann entstand 1822 die „Societe asiatique"in Paris unter der Protection des Königs und dem Präsidium Silvestre de Sacy's, die seit 1823 das „äouronl ssiatique" herausgibt und mehre Werke, sowol im Original wie in Übersetzungen, Grammatiken und Wörterbücher, theils auf ihre Kosten drucken ließ, theils durch Subscriptionen unterstützte; auch bereits ein ansehnliches asiat. Museum, bestehend aus Büchern, Handschriften und Alterthümern mancherlei Art, gesammelt hat. Bald nachher ward die „ko)-al asiatic Society ok 6reat-8ritain and Ireland" gestiftet, die Colebrooke am 19. März 1823 eröffnete. Mit ihr ist seit 1828 ein sehr thätig wirkender Oriental trsnslation committee verbunden, der auf seine Kosten engl., lat. und franz. Übersetzungen oriental. Werke, ausnahmsweise auch mit dem Originaltexte, drucken läßt. Ein dritter Zweig dieser Gesellschaft, durch den 1842 verstorbenen Grafen Munster gestiftet, hat sich die Aufgabe gesetzt, nur oriental. Texte zum Druck zu fördern, sodaß sich jetzt diese beiden Zweiggesellschaften zweckmäßig in die Hände arbeiten. An die Stelle der früher von der Gesellschaft f herausgegcbcnen ,,1'ransactions ok tde Ro/sl ssistic sociotz- ok Orest-Lritsin ancl Ireland" (3 Bde., Lond. 1824—34), welche voll schätzbarer Abhandlungen sind, ist seit 1833 ein „Zournal ok tbe asiatic societ^" getreten, wovon bis jetzt 13 Hefte erschienen sind. Auch die Gesellschaft in London hat bereits ein schönes asiat. Museum gesammelt. Ein solches gibt es ebenfalls in Petersburg unter derDirection des Staatsraths vonFrähn, wo indessen eine asiatische Gesellschaft nicht besteht. In neuester Zeit hat sich eine ägyptische Gesellschaft in Kairo gebildet. In Deutschland fehlt ein solcher Verein, doch ist den deutschen Orientalisten ein Vereinigungspunkt gegeben in der „Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" (Bd. I—4, Gött. 1837—42), die jetzt Lassen in Bonn redigirt. Asien, das größte Festland der alten Welt, die Wiege des Menschengeschlechts und der Herd der ältesten historischen Erinnerungen, liegt in der riesigen Größe von 819000 OM. mit seiner continentalen Masse ganz „auf der nördlichen Halbkugel der Osthemisphäre, nur mit seiner südöstlichen Inselwelt den Äquator schneidend und mit unbedeutenden Gliedern auf die Westhalbe übergreifend, auf drei Seiten vom freien Ocean umspült und im Westen theilweise mit Europa und Afrika zusammenhängend. Schon die Auseinanderstellung der äußersten Punkte, des Cap-Sjewerowostoknoi und Büro, vom 78"— 1" nördl. ' B. und des Cap-Baba vom Ostcap, vom 44° östl. — 152" westl. L., deutet auf großartige Dimensionen der direkten Abstände; ihnen schließt sich die Entwickelung einer großartigen Gliederung an, damit A. bei 7700 M. Küstenumfang auch die längsten Landesgrenzen aller Continente besitze. Das Arktische Eismeer, der Große und Indische Ocean umgrenzen A. im Norden, Osten und Süden; im Westen aber bildet das Mittelländische Meer nur theilweise die Wassergrenze, denn im Norden des Rothen Meers besteht durch die 15 M. breite Landenge von Suez eine Verbindung mit Afrika, und auf der 360 M. langen Erstreckung zwischen dem Karischen Golfe und Kaspischen Meer legt sich Europa an, gleichsam wie eine westlich hingestreckte zersplitterte Halbinsel des kolossalen asiat. Stammes, welcher von Amerika durch die 7 M. breite Beringsstraße geschieden ist und eine reiche insulare Brücke zu Australiens Festland besitzt. Dem großen, in Trapezform sich schmiegendem Masscnkörper A.s legt sich ein« großartige Gliederung an, ll- I- a- !N >- ie k. in s- ü 'el in in nt r- ch ts er ke sl en er >ie g- e- !3 4 bk ne ro in 4, id !0 e- m !l- >l. ge m IN n- he ch >r. ra it. ist a- N/ Asien 5^7 welche 155000 IHM-, also fast die Größe Australiens bedeckt und aus folgenden grö- ßern Halbinseln besteht: Im Westen, als Übergang zu Europa und von demselben durch die Straßen von Konstantinopel und der Dardanellen getrennt, Kleinasien oder Natalien, zwischen dem Schwarzen und Levantischeji Meer, mit der zahlreichen Inselgruppe der Spo- raden im Westen und der Insel Cypern unfern der Südküste; im Süden, wie in Europa, eine dreifach gruppirte Gliederung zwischen den Buchten des belebtesten Meers, hier des Indischen, dort des Mittelländischen. Was in Europa Hesperien in einfacher Küstenform, das ist in A. Arabien zwischen dem Nöthen und Persischen Meere; wie dort Italien mit dem benachbarten Sicilien, so liegt hier Vorderindien und die Insel Ceylon zwischen dem Per- f fischen und Bengalischen Meer in der Mitte, und während in Europa die zerrissene griechi- ^ sehe Halbinsel südöstlich durch einen viclgliedrigen Archipel zu A. übergeht, so weist hier die zersplitterte hinderindische Halbinsel zwischen dem Bengalischen und Chinesischen Meer durch den Ostindischen Archipel nach Australiens Festland hinüber. Diese, auch Australasien benannte, Inselwelt zerfällt in die Hauptgruppen der Philippinen mit Mindanao und Lu- zon, Borneo, Celebes, Molukken, der Großen Sundainseln mit Sumatra und Java und der Kleinen Sundainseln mit Timor. Eigenthümlich sind die Ostküsten A.s dadurch charak- terisirt, daß der Große Ocean in weiten Busen in die Küsten des Festlandes einspült, bogenförmig umgrenzt durch südwärts gestreckte Halbinseln und lange Jnselreihen. So buchten in Richtung von Süd nach Nord ein das Süd- und Nordchinesische, Japanische, Ochotskische und Kamtschatka-Meer, umklammert von den Halbinseln Korea und Kamtschatka und den Jnselreihen der chinesischenJnselnmitFormosa, derjapanischenmitJessoundNipon,Saghalin and den Kurilen, während Hainan im Golfe von Tonkin dem Festlande benachbart liegt. Im Norden sind die sibir.Küsten allerdings zersplittert, doch mehr durch die erweiterten Mündungen mächtiger Ströme als durch Meeresbuchten, wie denn auch außer Neusibirien, ferner Wai- gatsch und Nowaja-Semlja, auf der europ. Scheide der arktischen Wassermasse, der größte ' Jnselreichthum aus Limans, d. h. aus Flüssen entstandenen Morästen, an den Küsten besteht. Wie in Allem großartig, so ist es A. auch in Ausprägung seiner Bodenplastik; es hat das größte Tiefland, das ausgedehnteste Hochland, die höchsten Gebirgsketten und höchsten Gipfel der Erde. Die Tiefebenen nehmen wenig über ein Drittheil, die Erhebungen fast zwei Drittheile des Welttheils ein, und zwar erfüllt dessen Mitte ein zusammenhängendes Hochland, dem nördlich ein großes Tiefland, südlich eine reiche Gebirgsglie- derung anliegen. Der innere Hochgürtel, von den Wellen des Großen Oceans im Osten und des Mittelländischen Meers im Westen bespült, wird zwar durch das Eingreifen des Tief- landes von Turan und Hindostan unterm 90" östl. L. in zwei Hauptmassen, das Hoch- land Ost- oder Hinterasiens und das West- oder Vorderasiens, gegliedert, jedoch durch einen wilden schneebedeckten Gebirgsisthmus, das Alpengebirge Hindu-Kuh, zusammengehalten. Das Hochland Ost- oder Hinterasiens, mit dem Umfang von 280000 >nM. das Areal ganz Europas um zwei Drittheile übertreffend, erfüllt den Haupttheil des Con- tinentalkörpers und zeigt sich in seinen Grenzen verschieden charakterisirt. In Rand- und Kettengebirgsform stürzen die steilen Abfälle des Südrandes zu der Sumpf- und waldreichen Hügelzone Tarai des hindostanischen Tieflandes; es sind die Abfälle des 370 M. langen Himalayagebirgs, dessen mittlere Kammhöhen um 15000, dessen Gipfel um 20— 26000 F. das nicht ferne Meer überragen, ja dessen höchster Pik, der Dhawala-Giri, d. i. Weißer Berg, mit 26300 F. alle Gipfel der Erde an Höhe übertrifft. Noch höher scheint im Osten des Himalaya der wild zerklüftete, von reißenden Strömen durchbrochene Sinc- Schan zu sein, doch ist er noch nicht bekannt genug, um über seine Naturverhältnisse ent- scheiden zu können. Die östlichen Grenzwälle, der Jün- Ling und Khinggan-Ola, legen sich als Randgebirge an die hohe Scheitelfläche und gehen südlich zu dem wild verzweigten chines. Alpenland über, in welchem Nan-Ling und Pe-Ling am großartigsten hervorragen, und nördlich zu dem mandschurischenAlpenlande, dessen östlichste Kette, der Tschangpe-Schan, dem Meer 3000 F. hohe Felswände entgegenstellt. Weniger hoch, aber auf breiter Basis ruhen die Berglandschaften des Nordrandcs in allmäligen Übergängen zu dem anliegenden Tiefland und durch die Becken des Baikal- und Saisansees in drei Gruppen geglie- * 546 Asien dcrk. Diese können mit dem allgemeinen Namen des da°urischen Alpenlandes, des Systems des Altai und des dsungarischen Berglandcs belegt werden, welchem letztem südwärts dcrMuz- Tagh, d. i. Eisgcbirge, vorlicgt, in engem Anschluß an den südwärts streichenden Bolor- Tagh, d. i. Nebelgebirge, welcher den Westrand derHochfläche bildet und seine nordwestlichen Abfälle mit den Erhebungen des turkestanischen Alpenlandes vereinigt. Auf solche Weise wird die innere hohe Scheitelfläche von allen Seiten umschlossen, doch auch sie zerfällt wieder in einzelne große Reviere durch aufgesetzte Querkettcn, wie Küen-Lün oder Kulkun und weitere Eebirgseingreifungcn von den Rändern aus, In-Schau und Nan-Schan im Osten und Thian-Schan mit dem fast 20000 F. hohen Bokdo-Ola im Westen. Die großen Abtheilungen derHochfläche werden im Süden durch die 15000 F. hohen Thäler , Tibets, in der Mitte durch die hohe Tatarei und im Norden durch Dsungarei und Mon- s golei gebildet, letztere nur eine 24»» F. hohe Senkung umschließend, in der der Wüste,!- gürtel der alten Welt als Wüste Schamo oder Gobi ein nordöstliches Ende findet. Auf kleinerer Basis, von 71»»» LUM., und niedriger an Höhe schließt sich das Hochland Vor- derasiens an die östlichen Hochmassen, und zwar in den drei Abtheilungen des Plateaus von Iran, des medisch-armcn. Alpenlandes und Hochlandes von Natolien. Die Scheitel- ebene des Plateaus von Iran ist im Osten noch 60»» F., westlich 4000 F. hoch, in der Mitte aber in den Umgebungen des Zarehsees zu 20»» F. eingeseukt; Salz-, Kies- und Sandwüsten bedecken unabsehbare Räume und hohe Gebirgswälle umstehen sie von allen Seiten. Es sind im Osten die steilen und hohen Parallelketten des indisch-pers. Grenzge- birgs mit dem 1200» F. hohen Salomonsthron im Norden, südlich die wilden Terrafsen- landschasten von Beludschistan und Farststan und im Norden der jäh zum Kaspisee abstürzende Elbrus mit dem 12VV» F.hohen Vulkan des Demavend, und weiter östlich das von zugänglichen breiten Einsenkungen unterbrochene Bergland von Khorasan, welches durch die Höhen des ParopamisuS zu dem turkestanischen Alpenlande und dem Hindu-Kuh übergeht. Zusammengesetzter ist die Bodcngestaltung in der medisch-armen. Alpenrand- , schaft. Hier erscheinen in Fortsetzung des Südwestrandes von Iran die kurdistanischen Alpenterrassen als eine wilde und vielfältig zerspaltene Südbegrenzung der Hochebenen um den Urmia- und Wansee, während dieselben nördlich in Fortsetzung des Elbrus bis zu den tiefe» Thalspalten des Araxes und Kur von dem Alpenlande von Aserbeidschan und dem armen. Berglande eingefaßt werden, wo neben Hochebenen, wie die 6»»» F. hohe von Erzerum, steilgezackte Gipfel in die Wolken ragen, so der 16VV» F. hohe Ararat, und vulkanische Gewalten den Boden wild zerklüftet haben. Aus diesen Felslabyrinthen lösen sich mit vorherrschender Westrichtung die Randgebirge ab, welche die kleinasiat. Halbinsel im Norden und Süden begleiten und ihre innern Abfälle zu einem mannichfaltig gestalteten und zerrissenen Plateau vereinen, das im Argäus und Hassan-Dagh 12—13»»» F. hohe Gipfel tragt. Das Randgebirge der Südküste führt den allgemeinen Namen des Taurus und bc- I ginnt östlich mit der absoluten Höhe von l»—I2»»»F. Die übrigen Gebirgsausfüllungen A.s sind als von dem innern Hochlande getrennte Gebirgsgliedcr zu betrachten, die alle, bis auf den KaukasitS und theilweise auch die ostsibirischcn Grenzketten, in Meridianrichtung liegen und, die hinterindischen Ketten ausgenommen, durch Tiefebenen vom continentalen Gebirgskörper getrennt sind. Auf der längsten europ.-asiat. Landgrenze erhebt sich der Ural in - den drei Abtheilungen des nördlichen oder wüsten, des Mittlern erzreichen und des südlichen oder niedrigen Ural, mit Gipfeln bis zu 500» F. Höhe, aber ohne Verbindung mit dem asiat. Hochlande, wie man öfters noch angenommen hat. Auf dem Isthmus zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meere erreichen die Alpenketten desKaukasus eine Höhe von 10— 110V» F. zwischen tiefen Thalspalten und riesigen Berggipfeln, wie dem 17300 F. hohen Elbrus und demI55»0 F. hohen Kasbek. Allmälig erheben sich die Hochebenen des syrischen Gcbirgslandes aus der benachbarten Wüste zu den bis zu 80VV F. aufsteigenden Ketten des Antilibanon und Libanon, welcher steil und terrassenförmig zum schmalen Küstenstriche Phöniziens und Palästinas abfällt, und südwärts einerseits zur sandigen Hochplatte El- Tyh, andererseits zum Plateau von Soristan und durch dieses zum arabischen Hochlande übergeht. Dasselbe trägt echt afrikanischen Charakter in seinem einförmigen Scheitel, von.kahlen Felsketten, Sandwüste« und Steppenlandschaften durchzogen, und in seinen terrasscnartigen Asien 549 Rändern, deren Einende Gebirgsketten an der Westküste bis zu 800» F. aufsteige» sollen. Als Ausfüllung der vorderindischen Halbinsel erhebt sich das Plateau von Dekan, in einer Steigung von West nach Ost und einer Mittlern Höhe von 2000—2400 F., westlich durch die Hähern Randgebirge der West-Ghats von der schmalen Küstcnebene Malabar, östlich durch die gruppenförmigen niedern Ost-Ghats von der breitem ebenen Küste Koromandel geschieden. Während die innere keineswegs einförmige Hochfläche nördlich durch die Ketten des Vindhyagebirgs und die Malwavorberge vom hindostanischen Tieflande gesondert ist, vereinigen sich die Ghats südlich, in der Quellgegend des Cavery, zu der höchsten Gebirgslandschaft der Halbinsel, dem Nil-Gerri, d. i. Blaues Gebirge, mit 8000 F. hohen Gipfeln. Dieses sinkt steil zur schmalen Tiefebene Gap herab, erhebt sich wiederum als Ali-Gerri zu bedeutender Höhe, taucht mit dem Cap-Comorin in das Meer und erscheint auf Ceylon wieder in der Gruppe des Adamspik. Als südliche Ausläufer des Sine-Schan sind die hm- terindischen oder malayischen Bergketten zu betrachten, deren eine die Südspitze A.s erreicht, auf den Sundainseln mit vulkanischer Thätigkeit wieder auftauchend, die aber alle fast ebenso unbekannt sind wie ihr nördlicher Stamm. Wenn das Jünam-Alpenland, der Pe-Ling, Nan-Ling und die Ketten von Korea weniger als getrennte, vielmehr blos als die hervorragendsten Glieder des chines. und mandschurischen Alpenlandes erscheinen, so treten dagegen die aus dem da-urischen Alpenlande sich abzweigenden ostsibir. Grenzketten, der Aldan-, Jablo- noi- und Stanowoi-Cchrebet selbständiger auf. Sie fallen allmälig zum Tieflande, steil zum nahen Meere ab, erstrecken sich bis zum Ostcap und stehen in Verbindung mit den Vulkan- fetten Kamtschatkas, die ihren Charakter auf den ostasiat. Jnselreihen vielfältig wiederholen. Schaut man von den Erhebungen des asiat. Bodens in seine Tiefen, so findet man dem Nordsaume des ostasiat. Hochlandes die sibir. Flächen vorgelagert, in der ganz Europa übertreffenden Größe von 186000 mM. und in uz großem Theil winterlich verödeter Natur. In offenem Zusammenhang steht Sibirien südwestlich mit dem Tieflande von Turan, den einzelnen Sand-, Salz- und Kicssteppen, die den Kaspi- und Aralsee umlagern und hier oaö tiefste Niveau A.s, sogar eine Depression von 75 F. unter dem Spiegel des Schwarzen Meers, darbieten. Während dem Südrande des kontinentalen Gebirgskörpers westlich das weidereiche Mesopotamien und die heiße syrisch-arab. Sandwüstc vorliegt, so bildet Hindo- stan in seinem sandigen sterilen Charakter der westlichen Sindebene und reichbewäfferten Gegenden der östlichen Hindebene oder Bengalens einen scharfen Kontrast zu den nahen Schneegipfeln des Himalaya. Als breite Längcnthäler oder schmale Thalsohlcn werden die hinterindischen Tiefländer durch hohe Bergketten voneinander geschieden, während in Alpenumgrenzung, östlich dem Meere geöffnet, im Südosten A.s die fruchtbaren wohlbebauten chines. Ebenen sich ausbreitcn. Sehr verschieden ist der Charakter derhydrographischen Verhältnisse; hier herrscht in dem ungezügelten Laufe wilder Ströme, in den alpinischen Seereihen der Gebirgslandschaften eine Amerika nahe kommende Wasserfülle, dort lechzet der Wüstenbodcn vergebens nach einer erquickenden Wassermcnge wie in Afrika. Die Charaktere des Wüstengürtels der alten Welt ziehen auch in hydrographischer Rücksicht in die asiat. Tief- und Hochsteppen ein, und zwar in größern Zügen als irgendwo. Die tiefe Steppcnsenke Turans enthalt die größten Steppenseen der Erde, den Kaspi- und Aralsee, den erstem mit einer Oberfläche von 7000, letztem von 700 IHM., diesen durch den Sihon und Gihon, jenen durch Emba, Ural, Wolga, Terek und Kur gespeist. Nur ein Stcppensee von Bedeutung, der Zarehsee mit dem Hilmend, bewässert die Scheitelfläche des hohen Iran, dagegen finden sich zahlreiche Gruppirungen im West- und Südostreviere des hohen Hinter- asicn. Der Balkaschsee mit dem Jli, der Jssi-Kul mit dem Tschui und der Lop-Noor mit dem Tarim sind im Westen, der Khu-Khu-Noor und Tenegriscc im Südvsrcn am wichtigsten. Charakteristisch für A. ist der Besitz großer Doppelströme oder mehrer mächtiger Flüsse, welche Eine Quellgegend und Eine Mündungsgegend haben und gleiche Verhältnisse ihres Laufs entwickeln. Unter solchen Gcschwisterströmen stehen neben Sihon und Gihon oben an: Euphrat und Tigris, Ganges und Brahmaputra, Aantsc-Kiang und Hoang-Ho, dagegen erscheinen isolirt der Amur im Osten und der Indus im Süden. Ein und demselben Systeme gehören an die sibir. Ströme: Ob mit Jrtyfch, Tobvl und Jschim, Ienisci mit oberer 550 Asien und unterer Tunguska und dem 500 H>M. großen Baikalsee, Lena, Jndigirska und Ko- lüma; die hinterindischen Gewässer: May-Kaung oder Kambodja, Menam, Thalayn und Jrawaddy; die vorderindischen Flüsse: Krischna, Godawery, Kavery, Kistnah und Ner- j budda, die Alpensecn Armeniens, der Urmia- und Wansee, und die syrisch-klcinasiat. Flußläufe des Orontes, Mäander und Kisil-Jrmak, denen benachbart noch mehre Fluß- und Seegc- biete ohne Abfluß zum Meere sich anreihen, wie in Palästina das Tobte Meer mit dem Jordan. Wie das östliche große Hochland in A. als eine eigentliche Centrallandschaft dasteht, als ein dominirendcr Kern, dem sich nach allen Richtungen niedere Bergländer, geschützte Tiefländer oder himmelhohe Gebirgsketten anlegen, nach allen Gegenden majestätische Ströme sich entwinden; wie jenes kolossale Hochland als ein charakteristischer Stamm dem . ganzen Oriente erscheint, der die Verhältnisse und Schicksale seiner Umlagerungen vor- ' schreibt, so auch inklimatischerHinsicht. Echt conkinentales Klima, härtere Winter und heißere Sommer, Abnehmen der Wärme von West nach Ost und das Beschränken tropischen Einflusses, jedoch die Mannichfaltigkeiten der verschiedensten Richtungen in einem großen Zusammenhänge umschließend und der organischen Natur alle Grade der Entwickelung, dem Menschen jede Lebensweise verschreibend, das sind wesentliche gemeinsame Klimazüge A.s; eine specicllere Betrachtung aber erfodert bei solch einem Umfange auch naturgemäße Sonderungen. Während in dem meridiangerichteten Amerika nach der mathematischen Lage bei gleichen Tageszeiten auf entgegengesetzte Jahreszeiten und die größte Mannich- faltigkeit der Klimagürtel zu schließen ist, so für A. wegen vorherrschender Ausdehnung in Richtung der Breitengrade bei fast entgegengesetzten Tageszeiten auf größere klimatische Einheit und gleichmäßigere Jahreszeiten; hier wie dort wird aber das mathematisch geregelte Bild vielfach durch natürliche Einflüsse modisicirt, dort vorzugsweise durch ocea- nische Einwirkung, hier durch continentale Lage. A. greift mit seinen Nordspitzen weiter in die Polarregion ein als Amerika und doch erreicht des Kontinents Südende fast den Äquator; es besitzt also auch den reichsten Wechsel der Klimagürtel und die Gegensätze der > belebten Natur von den eiserstarrten tobten sibir. Küsten bis zu den Palmen- und Bananengegenden der übrigen Tropenzone Indiens. Der continentale Einfluß äußert sich jedoch in Vergleich mit Amerika in größer» Extremen, insofern die Klimagürtel in A. eine noch 3"—6" niedrigere Winter- und 2"—3" höhere Sommcrtemperatur aufweisen; es erscheinen mithin größere Temperaturdifferenzen in sich für diesen Erdtheil charakteristisch. In A. ist der eigentliche tropische Klimagürtel, die Region des Regens, der Palme und Banane nur auf die südlichsten Küstengegenden und Tiefländer beschränkt; denn die umfangreichen bedeutender« Erhebungen ziehen einen großen Theil der Tropenzone schon in das kühlere Klima der Edelfrüchte und immer grünen Bäume, und lassen schon in sehr südlichen Breiten den Niederschlag in veränderlicher Form auftrcten. Wenn diese Klimazone als sehr bezeichnend durchschnittlich schon mit dem 30 ° nördl. B. beginnt, also mit dem Parallel von Nordafrika, Texas und Florida, so dehnt sie sich aber auch fast bis zu den Nordgestaden des Polarmeers au-, da, wenn auch auf kurze Zeit, die Sommertemperaturen verhältnißmäßig hoch sind, ja auf Nova-Semlja ein wärmster Monat mit -j- 4 ° R. besteht. Im Norden A.s nimmt der continentale Charakter von West nach Ost zu, im Süden dagegen in derselben Richtung ab; denn Arabien ist noch echt continental, der ostindische Archipel aber echt oceanisch. Es geht aus solchen hier nur thcilweise berührten Eigentümlichkeiten hervor, daß der klimatische Charakter ganz A.s nicht mit einem einzigen Ausspruch bezeichnet werden kann, vielmehr in einzelnen Revieren betrachtet werden muß, die der Übersicht halber sich auf die vier Abteilungen des nördlichen, des mittler» hohen, des südlichen und südöstlichen und des westlichen A. beschränken lassen. I)Das hohe Hinterasien. Wie in Afrika nehmen spärlich bewässerte Ebenen und Steppen ungeheure Räume ein, unter gleichem Einfluß einer continentalcn Dürre und Trockenheit der Atmosphäre. Während aber dort tiefe Lage unter glühendem Himmelstrich diese Verhältnisse begleiten, so ist es hier bedeutende Erhebung, höhere Breite, Umwallung von schneebedeckten allen occanischcn Einfluß abweisenden Gebirgen, welche neben das tro- pstche Bild Afrikas das eisige des Nordens stellen. Den durch trockene Luft nur um so streirgcrn Winter bezeichnen heftige Stürme; sie mischen die dichten Flocken des Schnees Asien K51 mit dem aufgewühlten Sande, begraben alles pflanzliche Leben, verscheuchen Thier und Menschen in die geschützten Nachbarthäler und verwandeln weite Räume in unnahbare Hochwüsten. Die Stürme toben aus, die Würmern Strahlen der Frühlingssonne schmel- zen den Schnee, erweichen und nähren den erstarrten Boden, bekleiden ihn schnell mit grü- nein blühenden Teppich und lassen nur vergebens den gesalzenen und mit Flugsand bedeckten Wüstenboden nach Vegetation schmachten; da ziehen die Heerden der Rinder, Pferde und Schafe herbei, die Gazelle, Bergziege und wilde Esel erscheinen wieder auf den Höhen, ihnen schleichen Beute suchend Bär und Tiger nach, und ein munteres Leben durchtreibt die Steppe. Doch wenn die Sonne höher steigt und die verzehrte Winkerfeuchkigkeit kein Re- . gentropfen erseht, dann verdorrt die dünne Decke kurzhalmiger Gräser ebenso schnell wie > sie emporgeschossen; ohne den Schatten schützender Bäume verwandelt der heiße Sommer die Ebene in einen dürren Anger, in eine von Glutwinden durchwehete Steppe, die der Mensch nur auf flüchtigem Dromedare durcheilt, bis der Winter wieder seine Rechte geltend macht. Anders als auf der breiten ebenen Schcitelfläche gestalten sich die Verhältnisse an den Grenzen, in den wohlbewäfferten Thälcrn der Randgebirgslandschaften Chinas, der Mandschurei, Da-uriens u. s. w. Hier bekunden hochstämmige Waldungen, dauernde Rasenflächen, auf den Schauplätzen der Cultur im Überfluß vorhandene Nahrungspflanzen, eine mannichfaltige und zahlreiche Thierwelt günstigere Naturverhältnisse, die sogar mittels hoher Sommertemperatur unterm 40-—42° nördl. B. bei 4000 F. Höhe noch die Cultur von Wein und Baumwolle und die Pflege der Seidenraupe unterstützen. In den höher aber südlicher gelegenen Thalebcnen von Tibet schlürfen schwammige Moosarten die Feuch- tigkeit des fünf bis sieben Monate liegenden Schnees, um den Mangel reicher Bewässerung und schattiger Waldungen zu ersetzen, zur Zeit des in schnellem Kontraste folgenden heißen Sommers — eines Sommers, dessenHitzenoch bei 8000 F. Wein, bei8800 F. Äpfel, Nüsse und Aprikosen, bei 12—14000 F. noch Roggen und Gerste gedeihen läßt. Solche Ver- > hältnisse sind einzig auf der Erde, nur an eine solche continentale Örtlichkeit gefesselt, und üben auf das heimische Leben der Thiere und Menschen mächtigen Einfluß. EigMhümliche Rinder- und Schweincarten, grunzende Büffel, Pferde und große Hunde, Schafe und Ziegen zeichnen Tibet aus, fast alle mit dem feinsten Haar, im Erklettern der steilen Höhen und im Lasttragen geschickt und zu den Begleitern des Menschen bei seinen Beschwerden in jenen Gegenden bestimmt. 2) In Südostasien unterscheidet sich das Klima der Tiefebenen und Küstenstriche von den inncrn Berggegenden, da diese den Einfluß des nahen Öceans nur auf erstere be- ^ schränken. Eng benachbart den schneebedeckten Himalayaketten und den trockenen heitern Hochebenen, schießt aus dem feuchten von tropischer Sonne erwärmten Boden des bengali- scheu Tieflandes, des Hügellandes Tarai und der Gestade des ostindischen Archipels eine üppige Vegetation zu amerik. Riesenhaftigkeit; denn unter der Schwüle eines nebelbedeckten Himmels erreichen Bäume die Höhewon mehr als 100 F., Farrenkräuter die Größe europ. Waldbäume und Gräser, wie das Bambusrohr, eine Dicke, daß deren Halme, hohlen Baumstämmen gleich, zu Fässern und Eimern benutzt werden. Die tropischen Waldungen bestehen aus Sandel-, Eben-, Teak- und Acajouholz, aus Drachenbäumen, Schirm-, Kohl- und Sagopalmen, welchen beiden letzten sich die Cocospalme, auch Banane und Brotfrucht als allgemein verbreitete Nahrungspflanze anschließen, während in Ostindien und Australasien neben der Saftfülle amerik. Vegetation sich auch das Aroma afrik. Pflanzenwclt zeigt, in den oft ganz ungepflegt wuchernden Gewürzbäumen, wie den Muskat-, Zimmet- und Gewürznelkenbäumen, dem Ingwer, Pfeffer und noch vielen andern Gewürzpflanzen. Auch die Thierwelt entspricht der großartigen Natur; sie überragt die amerik. an Größe und wetteifert mit der afrik. an Kraft. Die ausgedehnten Neisfluren Bengalens, die Sumpfwaldungen der Sunderbunds, des Tarai, der arakanischen, austral-asiat. und vordcrindi- schen Küstcnebenen sind eine wilde Heimat dem Elefanten, dem Königstiger, Löwen, Panther und Nashorn und Ungeheuern Ebern, oder Schlupfwinkel der lauernden Riesenschlange, des Krokodils und noch vieler gefürchteter Amphibien. Neben den tropischen Kulturpflanzen, wie Baumwolle und Zuckerrohr, gedeihen europäische aller Art, wiewol derReis Hauptnahrungsmittel bleibt; neben dem Büffel und Kameel dienen die in Europa ver- 552 Asien breiteten Hausthiere dem Menschen, in beschränkter Zahl jedoch nur das vielleicht erst später - hier eingeführte Pferd. Beim Ansteigen aus den Tiefebenen auf die Plateaus und Gebirge bleibt die tropische Schwüle mit ihren begleitenden Erscheinungen zurück, die Lust wird kühler und trockener, die Gewürzpflanzen verschwinden, die Cocospalme steigt höchstens bis F., die Banane bis 3N0N F. auf, dagegen beschatten dichte Waldungen hoch- und dickstämmiger meist immergrüner Bäume die Gebirgsabfälle, und über den tropischen Hoch, ebenen lagert ein fast ewiger Frühling, in dessen Milde noch der Kaffecbaum, die Baumwollenstaude, Edelfrüchte und feines Obst aller Art gedeihen. Für Südasicns Jahreszeiten und Klima sind die periodisch herrschenden Winde, die Mouffons oder Monsoons, besonders wichtig; indem sie, aus der einen Richtung wehend, tropische Regengüsse, aus der andern kommend, Trockenheit und nicht selten sogar empfindliche Kälte bringen, nicht aber in gleich regelmäßiger Weise üb"r alle Länder und Gewässer des Indischen Oceans, dessen Bereich ein Tummelplatz der heftigsten und verschiedensten Luftströmungen ist. In Vorderindien bilden die hohen West-Ghats eine Wetterscheide, wie die Kordilleren in Südamerika, denn während § die Westküsten und das Innere Hindostans die nasse Jahreszeit zwischen Mai und Sep- tember haben, so fällt sie auf den Ostküsten vom October zum Januar, und so bestehen ähnliche Unregelmäßigkeiten in Australasien, auf Hinterindien und an den chines. Ostküsten, wo die besonders heftigen Orkane unter dem Namen Taifun oder Tüfung gefürchtet werden. Die chines. Tiefebenen werden durch die Nachbarschaft der Schneegebirge in nörd- licherer Breite dem tropischen Klima, durch den nahen Ocean aber auch dem continentalcn Charakter mehr und mehr entrückt. Ihre Niederungen scheinen von der Natur zu den großartigsten Feldern der Cultur geschaffen zu sein, wo Reisfluren mit europ. Gemüsen und Ge- ireidearten wechseln, Edelfrüchte, die wichtigen Maulbeerbäume, Baumwollenstauden, Farbekräuter u. dgl. gezogen werden, wilde Pflanzen ebenso selten sind wie wilde Thiere und unter den Hausthieren das Schwein am verbreitetsten ist. Die Waldungen der Gebirgs- abfälle ähneln in ihren Baumformen mehrfach denen des entsprechenden amerik. Klima- , gürtels; Este haben noch in den untern Regionen durch baumartige Bambus, Palmenarten und zahlreiche Saftpflanzen äußeres tropisches Gepräge, enthalten neben herrlichen Magnolien, Cypcessenarten und andern immer grünen Bäumen mehre für Chinas Cultur und Handel wichtige Gewächse, wie den Stoff-, Talg-, Seifen-, Wachs- und Kamphcrbaum. Noch auf den kahlen Höhen oberhalb der Waldregion gedeiht der Rhabarber, auf den Voralpen der Ölrettig und in den Thallandschaften der Berggegenden der wichtige Theestrauch Auf den chines. Voralpen, wie in den Mittlern Gegenden der benachbarten Tiefebenen besteht nicht mehr der in A. nur Indien und Arabien eigene tropische Jahreszeitwechsel, sondern eine Folge yon zwei nassen und zwei trockenen Jahreszeiten, 'dem Frühling, Sommer, Herbst und Winter nördlicherer Gegenden entsprechend. 3) Nordasien, das sibirische Tiefland, die turanischen Steppen und die Gebirgs- reviere des Nordrandes vom hohen Hinterasien in sich fassend, bildet den größten Theil der arktischen Polarländer der Erde, welche alle in ihrer Natur einander ähnlich sind, von denen aber wiederum A. wegen seines continentalen Charakters durch gesteigerte Verhältnisse mehrfach von Amerikas Polarzone unterschieden ist. An den Grenzen eines weiten Eismeers öffnet Sibirien seine Gestade den rauhen Nordwinden, während es schneebedeckte s Gebirgswälle als Grenzen des größten Hochlandes der Erde vor dem milden Einfluß des Südens verschließen. Die Winter sind lang, die Sommer kurz, der Boden ist beständig gefroren, an riesenmäßigen Strömen ist Überfluß und in der Nähe des Poles gestattet die Räumlichkeit einer unabsehbaren Ebene ungehinderte Ausbreitung des continentalcn Charak- > ters, insgesammt ebenso viel Gründe für eine Steigerung der Kälte wie in Amerika zum Theil entgegengesetzte für deren Milderung. Trotzdem ist der kurze Sommer doch im Stande, nur die äußersten Nordgegenden der Zone des ewigen Schnees, den meisten Theil aber der Zone des veränderlichen Niederschlags zu überlassen und zu bewirken, daß Holzwuchs und Getreidebau noch einige Grad weiter nördlich Vorkommen als in Amerika. Im Süden einer Linie von der Petscharaquclle zum 56° nörnl. B. der Westküste Kamtschatkas breitet sich der Gürtel der nördlichen Waldbäume und des europ. Getreides bis über den Nordrand des hohen Hinterasiens und zu den Usern des Aral- und Kaspisecs aus; doch erreichen die aus 553 Asien periodisch absterbendcn Laubbäumen und Nadelholz zusammengesetzten Wälder und die großen Glasflächen nicht die Kraft des gleichen amerik. Gürtels und neben dem Weizen in den geschützten Gebirgsthälern gedeiht nicht wie dort europ. Obst oder gar Wein; ja sogar die nördliche Zone der Moose und Beeren ist nicht so reich ausgestattct und wechselt oft mit den eisigen Polarwüstcn der Tundras. Die untere Grenze des ewigen Schnees trifft man auf den südlichen Grenzgebirgen Sibiriens bei 6700 F., im südlichen Kamtschatka bei 5000 F Höhe an, wogegen sie die 4000 F. hohen Gipfel der Aldankette und des Ural noch nicht erreichen soll. Dem langen strengen, von den heftigen erstarrenden Winden (Burran) begleiteten Winter folgt schnell ein drückend heißer Sommer, dessen Sonne Blüte und Früchte schnell entwickelt und die Wärme in den schattenarmen Gegenden so unerträglich steigert, daß die meisten Geschäfte des Nachts und am Abend abgemacht werden, und Myriaden von Mosquitosins Leben ruft zu unbeschreiblicher Qual der Menschen undThiere, wie in den tropischen Steppen Amerikas. Doch wird der Boden nur auf wenige Fuß erweicht, der tiefe Untergrund bleibt ewig gefroren, ja man hat ihn in Jakutsk noch bei 30 F. Tiefe in eisiger Erstarrung gefunden. Wie das Klima und die Vegetation Sibiriens mannichfach vom nordischen Amerika abweicht, so auch die Thierwelt. Sie weist nicht die große Menge der Herbivoren auf, nur das Rennthier ist wild und gezähmt überall verbreitet; dagegen wetteifert es mit ihm in Zahl der Pelzthiere und besitzt noch mehr Naubthiere, da neben dem heimischen Wolf, Bär und Fuchs auch in den heißen Sommern Tiger und Panther herübergelockt werden. An Hausthieren ist Nordasien unbedingt reicher als Amerika; denn da ist das Nennthicr im Allgemeinen noch nicht gezähmt, während es hier ebenso wie der Hund das geschätzteste Zugthier ist, dagegen Schaf und Pferd im Südwesten allgemein verbreitet sind und selbst in Nachbarschaft der Wüsten das Kameel nicht fehlt. 4) Westasien verräth in den meisten seiner Naturabschnitte afrik. Benachbarung in mehrfacher Beziehung, ganz besonders aber auch in klimatischer. Am meisten mit Afrika verwandt erscheint Arabien und der benachbarte Theil Syriens. Hier ist Dürre und Vegetationsarmuth über Hoch- und Tiefebenen verbreitet und die Dattelpalme fast der einzige Verkünder pflanzlichen Lebens, während in den bewässerten und oceanisch gelegenen Terraffenlandschaften sich reichere Verhältnisse entfalten, und dort neoenPalmen und Edelfrüchten der Kaffeebaum, Hirsearten, Spezereien und gewürzige Pflanzen gedeihen. Auch die Thierwelt Afrikas ist heimisch auf arab. Boden. Flüchtige Gazellen und Strauße eilen von Oase zu Oase und entfliehen dem Löwen, der Hyäne und dem Schakal; das Kameel ist auch hier an die Wüstennatur gefesselt und auf den steppenartigen, periodisch mit trockenen aromatischen Kräutern bedeckten Angern wird die edelste Pferderacc gepflegt. In Mesopotamien und in den reichwässerten Terrassen- und Thallandschaften des nördlichen Syrien und angrenzenden Nataliens verschwindet mit dem tropischen Klima auch dessen einförmige Wüstennatur; es setzen immergrüne und periodisch absterbende Bäume gemeinsam große Wälder zusammen, Wein, Baumwolle, Kaffee, Maulbeerbäume, Edelfrüchte, Öl- und Feigenbäume und feinere Obstarten gedeihen vortrefflich und an Getreide wird Weizen, Mais und Reis gebaut. Ebenso glückliche und noch üppigere Verhältnisse entfalten sichln den Terrassen der iranischen Randgebirge, wo noch bei 4000 F. der Weizen, bei 3000 F. Höhe die Orange besteht, wo ganze Wälder europ. Obstarten und Myrthcn mit Weingärten, Rosengehölzen und hochstämmigen Edelfrüchtenw echscln. Solche paradiesische Natur sticht grell ab gegen die afrik. charakterisierten wüsten Küstenebenen und gegen die kahle Scheitelfläche, die alle Leiden des continentalen Klimas des hohen Ostasiens theilt. Noch trägt das Tiefland des Kaspi - und Aralsees echt asiat. Charakter in seinen Wüsten und magern Weideländern, die nur das Kameel, Schaf und Pferd ernähren und regelmäßig von harten Wintern getroffen werden. Einen Übergang zu Europa bilden die kaukas., armen, und anatol. Hochländer; denn schon herrschen Hochwaldungen, Nahrungspflanzen und Bodencultur Europas vor, seine Hausthiere erscheinen in reicher Menge und Art, und die continentale Natur des Orients neigt sich immer mehr zu dem oceanischen Einflüssen mehr unterworfenen Occident der alten Welt. Gesellt man zu diesem Überblicke der organischen Natur noch die Anführung mineralischer Schätze, die der asiat. Boden in sich schließt, von den Diamanten Indiens und des Ural, 554 Asien dem Golde Japans, Chinas und Hinterindiens, des Altai und Ural, dem Silber-und Kupfer- reichthum des östlichen, des russ. und türk. A.s bis zu den Eisenminen fast aller Himmelsstriche und dem allgemein verbreiteten Reichthum der verschiedensten Nuhmineralien so steht A. vor der Phantasie des Beschauers als ein Wclttheil da, reich ausgcstattet von der Natur, wohl ge- eignet, dem Menschen eine erste Heimat zu sein, ihn zu ernähren, in seiner Unmündigkeit zu erzie- hen und hinzuführen auf den Schauplatz der Weltgeschichte. Meerumspült und wild durch- wässert, breitet es über den eisigen Gräbern einer untergegangenen Urwelt seine Wälder und Ebenen dem rohen Jäger- und Fischerleben aus; es hat seine Weideländer und Wüsten, von dem lothrechten Sonnenflcahl durchglüht oder von winterlichen Stürmen durchbraust für den Nomaden und Karavanenwanderer; es bietet seine Terrassen und Ebenen willig der Cultur für die arbeitende Hand des Ackerbau und Gewerbe treibenden und an die einmal er- wählte Scholle gefesselten Menschen. Seine Natur verweist auf alle Lebensweisen, entwickelt alle Religionen, alle Staatsformcn; cs stellt den Einzelnen auf alle Stufen des Schicksals, wie es dereinst den Gang der Welthistorie bestimmte. Die Zahl der Bewohner A.s mag nach einer Mittlern Annahme 454 Mill. betragen, also die Hälfte der Erdbewohner, doch aber in solch dünnem Verhältnis daß Europa verhältnißmäßig fast dreimal besser bevölkert erscheint. Von den Varietäten herrschen zwei Gruppen vor, die der Kaukasier in 18l und die der Mongolen in 26V Mill., welche erstere im Westen und Süden, letztere im Norden und Osten vorherrschen. Ihnen schließen sich nächst einigen Spuren äthiopischer Nace im Südosten noch 13 Mill. Malayen an, welche Elemente in unendlich mannichfaltigen Mischungen und Übergängen ausgebreitet sind, sodaß es zweckmäßig erscheint, die nationellen und sprachlichen Verschiedenheiten nicht in detaillirter Einzelanführung erschöpfen zu wollen, sondern sie in folgender Art einfach zu gruppiren: I) Die chinesisch-japanische Gruppe. Ihr gehören zu die Chinesen, Japaner, Koreaner und Jndochinesen, und diese wieder in den zwei Abtheilungen der westlichen Birmanen, Pegua- ner, Laos und Siamesen, und der östlichen Tonkinesen, Cochinchinesen und Kambodjavöl- ker mit sehr verschiedenen Sprachen, unter denen jedoch das Chinesische als Schrift- und Gclehrtensprache vorherrscht, sowol die Begriffsschrift des Altchinesischen, wie die Silbenschrift des Neuchinesischen. 2) Der tatarische oder hochasiatische Stamm in den vier Haupt- familien der Tibetaner, Tataren oder Mongolen, Tungusen und Türken. Zu den Tataren oder Mongolen in engcrm Sinne rechnet man einen ostmongolischen (Scharramongolen, Khalkasmongolen), einen westmongolischen oder kalmükischen und burätischen Zweig; zu den Tungusen die südlichen oder Mandschu und nördlichen eigentlichen Tungusen, und zu der türk. Familie gar zahlreiche Völker, wie die eigentlichen Türken oder Osmanen, Uigurcn und Usbeken, Turkmanen oder Truchmenen, Turktataren, Nogayen und Kunnuken, Baschkiren, Kir- ghisen, Barabinzen, Jakuten u. s. w. Die Sprachen dieser von, den Ost- zu den Westküsten verbreiteten Gruppe zerfallen in unendlich viel Dialekte von den Ähnlichkeiten mit dem Chinesischen im Osten und Südosien bis zu den Einmischungen arabischer Elemente im Westen. 3) Die tschudische Gruppe, welche in den Abtheilungen der Ugrier oder Uralicr, Ostjaken, Samojeden,Jukagiren, Korjäken, Kamtschadalen und Kurilier den größten Theil des sibir. Tieflandes einnehmen und theilweise eine noch sehr unausgebildcte Schriftsprache besitzen. 4) Die malayischcn Völker der westlichen malayischen Familie in engerm Sinne, auf den Inseln und an den Küsten des Indischen Oceans, mit verschiedenen Sprachen, die sich aber zum Theil einer reichen Literatur erfteuen, und die sich unverkennbar auf frühere untergegangene Dialekte gründen. 5) Der indisch-europäische Stamm umfaßt die Nationen der ind., pers., kaukas., die meisten der großen scmit. und einige der griech. Familie. Die erste zerfällt in ungefähr 4V Völkerschaften der vorderindischen Halbinsel; die zweite in die Beludschen, Afghanen, Neuperser und Medoperser oder Kurden; die dritte in die Armenier, Georgier und zahlreiche Bergvölker auf und an dem Kaukasus, und von der semit. Familie besonders Syrer und Araber. Alle diese Völker sind im Besitze der ausgebildetsten Sprachen, die sich theilweise (im Osten) auf nicht mehr vom Volke gebrauchte Sprachen basircn, wie Sanskrit und Pali, die nur noch in der Literatur, Religions- und Gelehrtensprache fortleben, und in den betreffenden Ländern Gegenstände des höhern Unterrichts sind, wie in Europa das Griechische und Lateinische. Das 555 Asien großartige Gemisch dieser verschiedenen Völkergruppen wird noch beträchtlich vermehrt durch Europäer, vorzugsweise aber durch Russen im Norden und Engländer im Süden. Wie die Natur ihre Spenden verschieden vertheilt hat, wie Stamm und Sprache des Volks in sich vielfach gruppirt sind, so auch die Ne ligi on des Asiaten, dessen Geist unter dem Drucke nordischer Fesseln sich wenig über die Roheit thicrischer Natur erhebt, aber unter der Schwüle indischen Himmels die phantastischsten und bizarrsten Bilder treibt. Die polytheistischen Religionen, der Brahmismus, Buddhismus und Lamaismus und die Lehre des Kon-fu-tse nehmen den größten Theil im Osten, Süden und in der Mitte ein; der Islam herrscht im Westen und zum Theil auch im Süden; noch findet man im Norden rohes Heidenthum und nur spärlich hat sich die christliche und mosaische Religion in ihrer Heimat behauptet. In Armenien, Syrien, Kurdistan und Indien zählt man wenig Bekenner urein- heimischer christlicher Sekten, wenig durch Missionare Bekehrte in Indien und auf dem Ost- indischen Archipel, doch in Sibirien immer mehr zur griechischen Kirche Übertretende, während die Anhänger der alten Lehre des Zoroaster auf ganz geringe Zahl geschwunden sind. Unter den drei von der Natur vorgezeichneten Gesittungsstufen charakterisirt A. das bedeutende Überwiegen der gesitteten Völkerschaften über wilde und nvmadisirende, wenn auch die Civilisation asiat. Nationen viel niederer als die europäische bezeichnet werden muß, als eine Bildung, in der das Princip des Verharrens in einem gewissen Eigensinn gegen das Weiterstreben, und Sinnlichkeit und Gefühl gegen Reflexion des geistigen Denkens überwicgen. Alle gesitteten Völker A.s stehen fast auf gleicher Entwickc- lungsstufe; sie haben Gesetze für Staat und Familie, Industrie, Handel, Gelehrtheit und Kunst, Jahrhunderte schon auf demselben Standpunkte stehend, im Verhältnis zu andern Völkern im Zustande gänzlichen Verfalls und dem ganzen Wesen nach in allen Tendenzen religiös, wiewol sich bei den sinischen Völkern die religiöse Natur der Civilisation mehr verloren hat, als bei Indiern, Arabern, Persern und Türken. Nennt man, wie das in Eu ropa .'gebräuchlich, die drei letztgenannten Nationen Orientalen, so lassen sich doch die Gesittungen der Orientalen, Inder und sinischen Völker in mancher Rücksicht voneinander unterscheiden, so haben z. B. blvs die Orientalen Sklaven, die Indier Kasten und die Chinesen eine vollkommene bürgerliche und politische Gleichheit. Die Orientalen haben in ihrem ganzen Benehmen eine Ungezwungenheit, einen Adel, welcher sich bei den schwachen gut- mükhigen Indiern nicht findet und gegen die ceremonielle Pedanterie der Chinesen stark absticht. Die Orientalen sind Fatalisten, der Glaube an ein unabänderliches Schicksal, welches alle Ereignisse vorausbestimmt, verläßt sie in keinem Augenblicke des Lebens und raubt ihnen jedes Gefühl der Freiheit, jede sittliche Thatkraft; die Indier glauben ihren Göttern weit mehr Verantwortlichkeit von ihren Handlungen schuldig zu sein; die Chinesen ermangeln alles echten Glaubens an eine unsichtbare Welt und haben nicht einmal das Wort Gott in ihrer Sprache. Wenn die Bewohner Europas auf einer ziemlich gleich hohen, die Afrikas auf fast gleich niedriger Gesittungsstufe stehen, so sind nicht allein die drei Völkcrclasscn A.s scharf voneinander geschieden, sondern auch in sich bestehen mannichfache Gegensätze, wie z. B. unter den nomadisirenden Völkern, wo der Kirghise als wilder Straßenräubcr dem biedern und leutseligen Mongolen gegcnüberfleht; Alles gewichtige Documente für den mächtigen Einfluß der Natur, die in scharf gesonderten Gebieten, mit einander entgegengesetzten Charakteren, in unüberwindlicher Gewalt den Menschen A.s beherrscht. Die Gewerb- tähtigkeit ist natürlich nur unter den gesitteten Völkern verbreitet und auch da nur bei den Chinesen und Japanern, Indiern, Persern, Bucharen und Osmanen; denn Araber, Indo- chinesen und Tibetaner besitzen keine, und der Armenier treibt nur Handel. Die Industrie steht im Allgemeinen in keinem Verhältniß zur Fülle und Mannichfaltigkeit des rohen Materials, die Gegenstände aber, auf welche sie sich beschränkt, können sich mit Recht einer großen Vollkommenheit rühmen, wie das die Fabrikation der Seiden-, Baumwollen- und Wollenzeuge, des Leders, der Waffen und die Bereitung der Farben beweiset. Indische Musseline, pers., wie türk. Shawls und Teppiche, damascencr Waffen und türk. Saffiane behaupten noch jetzt ihren Werth auf den curop. Märkten; die Porzellan- und Papierfabrikate, die Lackwaarcn und Elfenbeinarbeiten der Chinesen und Japaner werden noch jetzt bewunden, ohne von andern Nationen erreicht zu werden. Der Handel A.s ist ein ausgebreiteter, er 556 Asten ist noch vorherrschend Lanbhändel, zieht noch heute dieselben Straßen wie vor Alters und erhält den Glan; der von ihm berührten Städte, selbst wenn sie umgeben sind von den Ruinen verfallener Macht. Große Karavanen führen ihre Waaren auf Kameelen durch die Wüsten und vereinigen oder begegnen sich in bestimmten Städten, so in Bokhara, Herat, Bagdad, Aleppo, Damaskus u. s. w. China treibt durch die östliche Gobi mit Rußland und durch die westliche mit Turkestan großen Handel; Indien sendet seine Waaren über die iranischen Hochflächen nach Syrien, Armenien und Äleinasien oder über Bokhara nach Orenburg und dem europ. Rußland; Pilgrime und Karavanen reisen von der Türkei und Persien nach Mekka und die Russen führen ihre nordischen Schätze über den Ural nach Europa. Der Land- Handel ist größtentheils in den Händen der Bucharen und Armenier, auch in denen der Juden, Banianen und Europäer; der Seehandel aber wird nur sehr beschränkt von Arabern, Banianen und Chinesen zu den nächstgelcgcnen Ländern, im Großen aber von den Europäern und insbesondere von den Engländern betrieben. Zu den wichtigsten Seeplätzen gehören Smyr- na, Maskate, Bassora, Abuschähr, Bombay, Madras, Kalkutta, Kanton und Nangasaki. Die politischen Zustände A.s bieten in sich schroffe Gegensätze; theilweise sind sie schon angedcutet durch den Überblick der verschiedenen Gesittungsstufen, auf denen die Nationen stehen. Während die wilden Völker keine Oberhäupter kennen, in vereinzelten Familien leben und viele kaum eine Ahnung davon haben, daß sie ein europ. Kaiser seine Unterthanen nennt, während die Nomadenvölker unter ihren Stamm- und Hordenhäuptlingen, ihren Khans oder Scheikhs noch patriarchalische Regierungsformen bewahren, zum Theil aber gleichsam als Lehnsstaatcn mächtiger» Neichen unterthänig sind, so sind die gesitteten Völker in große Staaten gebannt, deren Negierungsformen monarchisch und despotisch sind, in große Reiche, die ihren Stolz nur noch von der Erinnerung früherer Größe nähren und denen es nur zum Theil gelungen ist, ihre egoistische Abgeschlossenheit zu behaupten. A. legte den Grund zu einer Weltgeschichte, seine Kraft strömte früher aus in die Nachbarcontinente, rlnd asiat,, afrik. wie europ. Boden erschütterten entscheidende Kämpfe. A. kriegte gegen das finstere Ägypten und gegen das lichte Hellas; es wurde Hauptstärke des macedon. und Hauptreichthum des röm. Reichs. Durch das Völkerthor im Norden des Kaspischen Meers brachen asiat. Horden; Hunnen ergossen sich über Europa, Dschingis-Khan's und Tamerlan'S Neiterscharen überschwemmten die slawischen Ebenen, während Araber Khalifate in drei Welttheilen gegründet hatten und in den Kreuzzügcn das Blut europ. Heere asiat. Gefilde tränkte. Der Schatten des oström. Reichs sank vor der Schärfe des osman. Schwerts, und noch gegenwärtig beherrscht der Türke einen Theil Europas. Dochmitdem Erstarken Europas, mit dem Erblühen seiner geistigen Kraft wurde nicht blos das asiat. Außenstreben gehemmt, sondern auch der Einfluß auf die in ihren natürlichen Becken ruhenden Massen immer höher. Als ruhende Massen kann man mit Recht die großen Nationen bezeichnen; denn wenn auch gewaltige Empörungen und Kriege in ihrer Geschichte ausgezeichnet sind, so war das Product nie ein geistiger Gewinn. Einmal auf einen gewissen Standpunkt gekommen, kennt A. keine Culturgeschichte mehr, nur eine Staatengeschichte. Seitdem der Seeweg nach Ostindien europ. Schiffen geöffnet war, gewannen die Gestadeländer des Indischen Oceans ein anderes Ansehen; Portugiesen, Spanier, Holländer, Franzosen, Dänen und Briten pflanzten ihre Banner in Indien auf; doch der Sturz Tippo Saib's war das Signal der Obmacht der Briten; sie gründeten ein Reich am Ganges, breiteten schnell ihren Einfluß über den ganzen Süden aus und beschränkten die Colonicn der übrigen Europäer in folgender Weise. Portugiesisch wurden Macao, Diu und Goa; spanisch die Philippinen > holländisch die Molukken, Thcile von Celebes und Borneo, Java, Sumatra zum größten Theil und noch mehre kleine Sundainseln; französisch Pondichery, Carrical und Mähe; dänisch Tranquebar. Während der Süden solchergestalt von europ. Leben ergriffen worden war, erweiterte Rußland seine Macht über Sibirien uud die Kaukasusländer, dort die Schlüssel zu China, hier die Pforten zu Persien beherrschend. Langsam schmilzt allmälig Sibiriens eisige Rinde unter dem wohlthätigen Einflüsse Rußlands; hier erkämpfen nur friedliche Waffen einen unberechenbaren Gewinn, während am Kaukasus die ganze Schwere des Schwerts den sich sträubenden Bergvölkern gewaltsame Unterwerfung droht. Das statistische Bild A.s mußte in der Zeit seine Nationalität schwinden sehen und zeigt gegenwärtig folgende I Asien 557 Gruppirung. ä. Westgruppe: I) das Osmanische Reich (s. d.), 2) die Staaten A ra- bicns (st d.) und seine Nomaden, 3) die iranischen Staaten Persien (st d.), Afgha- ! nistan (st d.) und Beludschistan (st d.), und 3) die Khanate von Turkestan (st d.) I mit ihren Nomaden; v. Ostgruppe: l) Japan (st d.) und 2) China (st d.) mit seinen Schutz- und Vasallenländcrn; 6. Südgruppe: l) in Vorderindien neben dem unmittelbaren brit. Besitz die unabhängigen Staaten Lahore, Nepal, Butan, Scindia und Dholpu und die Schutzländer Sind, Nagpur, Hyderabad, Mysore u. st w., 2) in Hinterindien nächst dem unmittelbaren Besitz der Engländer, die unabhängigen Staaten Lokba,Katschar, Birma, > Siam, Anam (Tonkin, Cochinchina, Kambodja), die Malayenstaaten Malakkas und das / Schutzland Assam, 3) die erwähnten curop. Colonien; und I). Nordgruppe: das asiat. Rußland. Von allen Seiten ist der curop. Fremdling in den asiat. Koloß gedrungen; curop. Mächte schreiben der Pforte jeden Schritt in den oriental. Wirren vor, ihre Schiffe blockirtcn die syr. Küsten und ihre Priester sind ausgcsendet, um dem Christenthume eine sichere Stätte in der Heimat zu bewahren; den pers. Thron umstehen curop. Diplomaten, das wunder- ' same China sieht brit. Dampfschiffe an seinen Küsten, curop. Soldaten in seinen zerstörten Forts, und Engländer kämpfen noch in Afghanistan. Rußland und England, jedes in seiner Weise, dieses vomNorden, jenes vom Süden her, üben den mächtigsten Einfluß auf A. Größer noch als der politische und mercantile Vortheil ist der geistige Gewinn, den die Gegenwart in so reichem Maße aus dem curop. Einfluß in A. zieht. Die Wissenschaft erntet jetzt jährlich mehr, als ehedem ein Jahrhundert lehrte, wo es zu einem großen Wag- ssück gehörte, den Orient zu bereisen und ziemlich unvollständige und zum Thcil fabelhafte Berichte in hohem Werthe standen. Lange waren die Nachrichten eines Herodot, ikenophon, Dionys von Halikarnaß und Arrian die einzigen gewesen, die man von A. hatte, als sich un- Erweiterung der Kenntnisse im 10. und 13. Jahrh. vorzüglich Araber und dann auch Europäer, wie der Dominicaner Ascalinus, der Minorit Plano Carpini und der Venetianer ' Marco Polo, verdient machten. Eine neue Epoche für die Wissenschaften ging mit Vasco de Gama's Umsegelung des Cap der guten Hoffnung und der Landung an der Küste Malabar auf; Entdeckungen folgten auf Entdeckungen, unter denen das 16. Jahrh. verstrich, ohne gerade gleichzeitig tiefere Erforschungen aufweisen zu können, an welchen allerdings das 17. und 18. Jahrh. reicher waren, besonders auch durch Thätigkeit der Jesuiten, wicwol nicht in befriedigendem Maßes denn neben dem Mangel einer der Zeit noch nicht entsprechenden hohen wissenschaftlichen Ausrüstung besaßen auch nicht alle Reisende solche Unermüdlichkeit wie der von 1683—82 fast ganz A. bereisende Deutsche Engelbert Kämpfer, der Japan allein zwei Jahre widmete. Mit der Befestigung und Ausdehnung der politischen Macht am Schluß des 18. und zu Anfänge des 19. Jahrh. hielt die Erweiterung der Kenntnisse von A. gleichen Schritt; da glänzen die Namen Gmelin, Pallas, Litke, Wrangel, Hansteen und Erman für Nordasien; Capell-Brooke, Beechey und Basil Hall für die Ostküsten; Hyacinth, Turner und Frazer für Tibet; Eversmann und Meyendorf für die Bucharei; Siebold für Japan; Bieberstein, GrafPotocki, Bergmann, Nheincggs, Klapproth, Schlatter und Parrot für den Kaukasus; Eichwald und Engelhard für Armenien; Malcolm, Pöttinger, Morier, Kotzebue, Förster, Elphinstone, Moorcroft und Crawfurd für Persien und die Türkei; Anderson, Burney, Richardson, Pemberton, Fin- layson u. A. für Indien; Sechen, Burkhardt u. A. für Arabien und Syrien; Laborde, Violet, Choiseul-Gouffier u. A. für Kleinasien; Tomba und Renouard für die Sunda- inseln, und für das Altaisystem Ledebour, Meyer, Bunge, Hoffmann, Helmerffen und Alex, von Humboldt, welcher in Begleitung von Rose und Ehrenberg im I. 1829 eine in vielfacher Beziehung lehrreiche Reise bis an Chinas Grenzen machte, deren Ergebnisse in den „Lra^uients «1e geologsie ei äe climstologis asiutchues" (2 Bde., Par. 1831) und in Rose's Beschreibung dieser Reise (2 Bde.,Berl. 1837—42) bereits veröffentlicht und in der Herausgabe eines großen Werks über Centralasien noch zu erwarten sind. Unter den Männern, die sich im letzten Dccennium um die Erforschung der einzelnen Gegenden A.s besondere Verdienste erwarben, wollen wir hier nur noch anführen Bruguierc für Korea; Davis und Gützlaff für China; Low, Cosh, Hannay, Leod, Richardson und Pemberton für Hinterindien; George Windsor, Oliver, Müller und Horner für den Ost- 558 Askanien Askelöf ! indischen Archipel; Lambton, Everest, Sykes, Malcolmson, Burncs und Hügel für Vor- derindien; Moresby für die Tschagosinseln und Malediven; Wood für die Lakediven; John- son, Webb und Hügel für Hochasien; Burnes, Pöttinger, Canolly, Morrier, Shiel, Mas- son und Rawlinson für das östliche Iran; Todd, Kempthornc, Whitelock, Montheith, Sutherland, Chesney und Ainsworth für das westliche Iran; Wellsted für Arabien; Robert- son, Moore, Beck, Schubert, Nussegger und Robinson für Syrien und Palästina; Du- bois de Montpereux, Sjögren und Koch für den Kaukasus; und für Kleinasien Arundcll, Brant, Hamilton, Texier, Russegger, Callier, Strickland, Graves und Brock, Warschau Marmont, Fellows, Cohen, die Offiziere des russ. und bei den neuern Expeditionen auch ^ Offiziere des preuß. Generalstabes. Zu welchen schönen Resultaten die Riesenschritte der Ge- ( genwart führen, das beweist schon das unübertroffene Werk eines deutschen Gelehrten „Die Erdkunde von A." von K. Ritter (s. d.), und so wird es uns denn gar bald gelungen sein, A. entschleiert vor uns zu sehen und in seiner Natur und seinen Schicksalen mit unbefangenem Blicke lesen zu können, um für uns die Früchte zu ernten, die die geistige Kraft des gebildeten Europa mit Recht von der Zeit fodern kann. > Askanien, die alte, längst zur Ruine gewordene Burg bei Aschersleben im preuß. Regierungsbezirk Magdeburg, war der Hauptort der Grafschaft Askanien und Ballenstedt, welche schon im 12. Jahrh. zu Anhalt (s. d.) gehörte und bis 1315 von einer Nebenlinie dieses Hauses regiert wurde. Nach der Erlöschung dieser Linie nahmen die Bischöfe von Halberstadt A. in Beschlag, und weder durch Fehde noch durch Reichstagsbcschlüffe und Kaisers Befehl konnte Anhalt das uralte Erbe seines Hauses wiedererlangen. Mit Seculari- fation des Bisthums Halberstadt kam im Westfälischen Frieden A. an das Haus Brandenburg. Vergebens verlangte Anhalt von Seiten des Kaisers und Reichs bei sich eröffnenden Reichslehen für das entzogene A. entschädigt zu werden; vergebens unterstützte selbst das erbverbrüderte Haus Brandenburg die Ansprüche und Hoffnungen des Hauses Anhalt; ein sonderbares Geschick verfolgte dieses Fürstenhaus; es vermochte nicht wiedcrzuerlangen, i was ihm die Kirche entriß, und mußte, obgleich eines Stammes mit den alten Markgrafen von Brandenburg, deren Lehen und Allodium an das Haus Brandenburg-Hohenzollern fallen sehen, sowie das alte Stammland an der Niedcrelbe, Lauenburg und Hadeln, an das glücklichere guelfische Haus. Askariden gehören zu derjenigen Famili der Eingeweidewürmer (Entozoen), welche ihres walzenförmigen Körpers wegen Rundwürmer genannt worden sind. Diebekannteste Art von Askariden ist der gemeine Spulwurm, welcher vorzüglich in dem Darme des Menschen, hin und wieder aber auch im Pferde, Rind und Schweine vorkommt, äußerlich - einem Regenwürme gleicht, spannenlang wird und die Wurmkrankheit der Kinder veranlaßt. ! Er entsteht und vervielfältigt sich nicht immer in Folge schlechter Diät, wie man gewöhnlich annimmt, sondern auch vermöge einer besondern Disposition des Kindeskörpers. Die von den Spulwürmern verursachten Zufälle sind selten so heftig, wie die vom Bandwurme hervorgebrachten; auch gehen diese Parasiten entweder von selbst ab, oder sind doch durch angemessene ärztliche Behandlung leicht zu entfernen. Askelöf (Joh. Christopher), schweb. Journalist, geb. 1787, studirte zu Lund, wo er 1805 Doctor der Philosophie wurde, und erhielt hierauf zu Stockholm eine Anstellung in > der königlichen Kanzlei. Seine publicistischc Bahn eröffnet- er mit dem Wochenblatte „?«>)'- pkem" (1809 — 12), welches, besonders gegen die schweb. Akademie gerichtet, die damals beginnende Umwälzung in der schweb. Literatur einleitete. Im I. 1812 erhielt er eine Ci- vilanstellung im Hauptquartiere des Kronprinzen. Nach Beendigung des Kriegs ward ihm die Liquidation in den Ländern, in welchen das schweb. Heer gewesen war, und später, seit 181S, die Rcgulirung der pommerschen Donationen übertragen. In derselben Zeit gab er das Journal „lälvet ock Docken" (1815 — 16) und mit dem Grafen Schwerin und dem jetzigen Generaldirectvr Livijn die staatswiffenschaftliche Zeitschrift „IKsuioA till ut- Iirecksmcks ak nieckborAerli^a Lunsknper" (1816 — 17) heraus. Im I. 1820 hatte er einen Getreidetransport nach England und 1821 einen nach Italien zu besorgen; die letztere Expedition fiel aber sehr ungünstig aus und ist fortwährend der Punkt, welchen seine Geg- Asklepiaden Äskulap 559 ner zuweilen zu berühren pflegen. Nach der Rückkehr aus Italien, im I. 1824, lebte er nur sich selbst, bis er 1829 mit der Zeitschrift „Den obuclne Lunten" anonym auftrat, welche damals großes Aufsehen erregte und noch jetzt unter dem veränderten Titel „Svenslcs Minerva" fortbcsteht. Sie befaßt sich fast ausschließend mit Politik und öffentlichen Verhältnissen und enthielt bis 1840, daA. bis dahin mit mehren Ministern in vertrautem Umgänge stand, sehr gute Aufschlüsse über die innere Politik der Cabinete und den wirklichen Zusammenhang der Dinge. In seinem Urtheile ist A. nicht selten befangen und launenhaft. Seit 1840, wo ein neues Ministerium an die Spitze kam, dem er bei seinen streng royalistischen Grundsätzen durchaus abgeneigt sein muß, ist er, da er nicht mehr ministeriell sein kann, ein j Opponent der Opposition. Asklepiaden heißen eigentlich, wenn man den Äskulap (s. d.) als eine historische Person nimmt, die Nachkommen desselben, auf welche sich seine medicinischen Kenntnisse forterbten Md als deren Stammsitze vorzüglich Kos undKnidos anzusehen sind. Nimmt man aber den Äskulap als bloßes Göttersymbol, so wird damit ein medicinischer Orden bezeichnet, ! der, weil die Arzneikunst anfänglich als Geheimnis galt und mit der Religion in der engsten Verbindung stand, einer Priesterkaste gleichkam, in der sich die gemachten medicinischen Kenntnisse und Erfahrungen erblich fortpflanzten. Die Mitglieder derselben mußten sich durch einen Eid, bekannt unter dem Namen Hippocrstis jiisjursnüum, verbindlich machen, die Geheimnisse der Kunst geheim zu halten. Äuch nach Rom, welches nach und nach die Verehrung der meisten griech. Gottheiten bei sich einführte, gingen der Dienst des Äskulap und die damit auf das engste verbundenen Geheimnisse über. Als 292 v. Ehr. in Rom die Pest große Verwüstungen anrichtete, befahlen die Sibyllinischen Bücher, den Äskulap von Epidaurus, welches der Hauptsitz des Gottes war, nach Nom zu holen. Man schickte eine Gesandtschaft dahin, und als diese dort angclangt, ihr Gesuch vorbrachte, kroch aus dem Tempel eine Schlange in das Schiff, welche man, da sie für den Äskulap selbst s galt, nach Italien schaffte. Dieselbe sprang beim Einlaufen des Schiffes in die Tiber aus eine Insel des Flusses, auf der dem Äskulap zu Ehren ein Tempel errichtet wurde, in welchem die Priester die mit dem Dienste des Gottes verbundene Heilkunst trieben. Die koi- schen Asklepiaden leiteten ihr Geschlecht mütterlicher Seite von Herakles ab; zu ihnen gehört auch Hippokrates (s. d.). Asklepiädes, aus Samos, der Sohn des Sikelos, daher auch oft Sikelides genannt, ein griech. Dichter, dessen Namen noch 39 meist erotische Epigramme in der Anthologie tragen, die aber zum Theil andern gleichnamigen Dichtern angehörcn mögen, war der Freund und Zeitgenosse des Thevkrit, doch noch etwas älter als dieser. Nach ihm sind die ! AsklepiadeischenVerse benannt, die mit einem Spondeus beginnend und mit einem Jambus schließend, aus zwei oder drei Choriamben bestehen, z. B.: — _ I — — I — — oder _ _ I — _ i! — — ! —- Jenen nennt man den kleinern, diesen den großem Asklepiadeischen VcrS. Bei Hora; kommen fünf verschiedene aus Asklepiadeischen Versen gebildete Versmaße vor. Äskulap, bei den Griechen Asklepios, erscheint beiHomer alstrefflicherArztsterb- < lichen Geschlechts, in den Homerischen Hymnen schon als Gott der Heilkunde. Einige nennen ihn einen Sohn des Apollon und der Arsinoe, der Tochter des Leucippus; Andere des Apollon und der Koronks, der Tochter des thessalischen Fürsten Phlegyas. Verschieden werden auch die Wunder erzählt, welche seine Wiege umringten. Nach Einigen wurde er von seiner Mütter Koronis am Berge Titthion ausgesctzt, von einer Ziege gesäugt, von einem Lichtglanze umstrahlt gefunden und von Hirten ausgenommen. Nach Andern hatte Koronis zugleich Umgang mit demArkadier Jschys gehabt; Apollon, darüber erzürnt, ließ die Ungetreue durch seine Schwester Diana tödten oder tödtete sie selbst nebst dem Jschys, rettete aber das Kind, welches er,zum Chiron brachte, der es in der Heilkunst und Jagd unterrichtete. In der erstem erlangte Ä. einen hohen Grad von Geschicklichkeit, daß er sogar den Ruhm seines Lehrers verdunkelte. Er vermochte nicht nur den Sterblichen das Leben zu erhalten, sondern rief selbst Verstorbene wieder ins Leben zurück. Zeus aber, durch Pluto's bittere Klagen über Beeinträchtigung bewogen, erschlug mit seinen» Blitze den Wohlthäter der Menschen, die 56« Asmai L8MU8 ihm fortan aus Dankbarkeit göttliche Ehre erwiesen. Insbesondere ward er zu Epidaurus an der Küste von Lakonika, dem Stammorte des Gottes, verehrt, wo ihm ein Tempel nebst einem Haine gewidmet war. In den hier sich bildenden Äskulapdienst waren schon frühzeitig orientalische Elemente, namentlich der Schlangendienst, gekommen, daher denn auch die ihn besorgenden Priester, welche nicht mit den Asklcpiaden zu verwechseln sind, die zu ihnen ei- lenden Kranken in orientalischer Weise durch Zauberformeln, Incubationen und Opfer behan- deltcn; nicht jeder konnte sich der heilenden Kraft und Nähe des Gottes erfreuen, sondern nur der Gläubige, welchen die Priester durch ihre phantastischen Künste vorbereiteten. Von Epidaurus verbreitete sich sein.. Dienst über ganz Griechenland und kam endlich auch nach Nom. (S. As kl epiad en.) Ä. hatte nach Homer zwei Söhne, Machaon und Podalirios, welche die Ärzte des griech. Heers waren und von denen die Asklcpiaden stammen. Als Töchter des Gottes werden angeführt: Hygiea, Panacea und Äglc, von denen erstere als Göttin der Gesundheit verehrt ward. Berühmte Tempel hatte er an verschiedenen Orten, zu Trikka in Thessalien, auf der Insel Kos, zu Megalopolis in Arkadien, zu Epidaurus und zu Pergamus in Kleinasien. Seine Tempel standen gewöhnlich außerhalb der Städte in heiligen Hainen, in der Nähe von Quellen und Heilwassern oder auf hohen Bergen. An den Hauptorten seiner Verehrung wurden ihm zu Ehren auch Feste gefeiert, unter denen das berühmteste zu Epidaurus begangen ward und alle fünf Jahre stattfand. Eigenthümlich bei seiner Verehrung ist der Schlangendicnst, wie auch die Schlange als sein beständiges Symbol erscheint. Dieser so allgemein verehrte Gott mußte natürlich auch von den bildenden Künstlern häufig dargestellt werden. Seine Bildsäule zu Epidaurus, welche aus Elfenbein und Gold bestand, hatte Thrasymedes verfertigt. Er saß auf einem Throne mit dem mil einer Schlange umwundenen Stabe in der einen Hand; die andere Hand ruhte aus dem Kopfe einer Schlange, und zu seinen Füßen befand sich als Symbol der Wachsamkeit eie Hund. Die ausgezeichnetsten Künstler, wie Praxiteles u.A., verfertigten seine Statuen unl erhoben den Gott zu einem schönen, männlichen Ideal, während er früher in einer zwergartigen Gestalt erschien, sodaß er inimer mehr dem Jupiter ähnlich wurde. Sein Haar erhebt sich nun wie bei diesem über der Stirn und fällt inLocken auf beiden Seiten herab. DerOber- leib ist nackt; den Unterleib bedeckt ein von den Schultern herabhängender faltenreicher Mantel; in seinem Gesicht sieht man den Ausdruck von Ruhe und Klugheit. Oft hat er noch auf seinem Haupte einen Lorberkranz und zu den Füßen einen Hahn oder eine Eule. Neben ihm findet man oft eine zwergartige Gestalt, Telesphorus genannt. Asttläi, eigentlich Abu Said Äbdolmalak b en Koraib, ein ausgezeichneter arab. Grammatiker und Theolog, geb. 738 , gest. 824 , war der Erzieher der Söhne desKha- lifen Harun al Raschid, der ihn in hohen Ehren hielt. A. scheint zuerst die Sagen und Abenteuer des arab. Beduinenhelden Antar (s. d.) gesammelt und redigirt zu haben; seine Arbeit aber ist verloren gegangen. Asmannshausen, ein Dorf im nassauischen Amte Nüdesheim, verdankt den Ruf seines Namens dem Weine, der in dessen Nähe auf blauem Schiefergebirge wächst. Es gibt sowol rothen als weißen asmannshäuser Wein; doch hat jener vor diesem beiweitem den Vorzug. Elfterer, das Erzeugnis einer kleinen Burgunderrebe, hat eine ihm ganz eigen- thümliche hochrothe Farbe und besitzt, außer einem seltenen gewürzhaften Geschmacke, ungemein viel Stärke und Feuer. Er hält sich aber nur drei bis vier Jahre in seiner höchsten Schönheit; dann geht er von Jahr zu Jahr zurück, indem sein Fakbestoff sich niederschlägt Die edelste Sorte desselben, welche manche Rheinwcinkcnner allen andern am Rhein gezogenen rothen Weinen und selbst dem besten Burgunder vorziehen, wird in den Weinbergen der herzoglichen Kammer zu Wiesbaden erbaut. Asmödi, eigentlich Aschmedai, d. i. der Zerstörer, ein böser Dämon, welcher in den später» jüdischen Schriften erwähnt wird, hat seinen Namen von dem hebr. ocksmaä, d. h. zerstören. A. wird als Urheber von mancherlei Arten des Unheils dargestellt. Im Buche Tobias tödtet er hintereinander die sieben Ehemänner der Sara, und deshalb hat man ihn in neuerer Zeit scherzhaft auch den Eheteufel oder Störer der Ehen genannt. Im Talmud heißt er der Fürst der Dämonen und soll den König Salomo aus seinem Reiche vertrieben haben L8MU8 omnilt seeum MlLU8, s. Claudius (Matthias). Äson, s.Argonauten. Asöpus ist der älteste griech. Fabeldichter, oder wenigstens der Collectivname, auf den die im ganzen Alterthume geübte Kunst, praktische Lehren der Lebensweisheit in sinnbildlichen Erzählungen aus der Natur vorzutragen, zurückgeführt wird, sodaß die Fabel selbst die Äsopische heißt, die auch bei den Römern frühzeitig Eingang fand, wie man aus dem Fabelbuche des Phädrus ersieht, der sich die Äsopische größtentheils zum Muster nahm. Man muß unterscheiden, was über Ä. von altern Schriftstellern, namentlich von Herodot, gesagt wird, und was in einer ärmlichen Sammlung von Märchen steht, die gewöhnlich dem Maximus Planudes, einem byzantinischen Mönche des 14. Jahrh., zugeschrieben wird. ", Nach den historischen Nachrichten lebte Ä. etwa im 6. Jahrh. v. Chr. als ein Zeitgenosse der " sieben Weisen. Er stammte aus Phrygien, diente als Sklav mehren Herren, genoß zuletzt das Vertrauen des Königs Krösus von Lydien, der ihn zu mehren Gesandtschaften brauchte und endlich nach Delphi schickte, wo er von den Priestern, die er durch eine Fabel beleidigt hatte, vomFelsenherabgestürztward. Seine Fabeln werden schon vom Platon im „Phädon" erwähnt, und nach Diogenes von Laerte machte Demetrius Phalereus eine Sammlung derselben. Eine spätere Sammlung war die des Babrius (s. d.), der sie in Choriamben oder Skazonten brachte, die eine spätere Zeit wieder in Prosa auflöste. Denn prosaische Fabeln finden sich in den Schriften des Sophisten Aphthonius von Antiochia, im 2. Jahrh. v.Chr., und des Rhetors Themistius, im 4.Jahrh. Die Ausgaben der Äsopischen Fabeln sind aus verschiedenen handschriftlichen Sammlungen entnommen. Die Samm- lung des Maximus Planudes wurde zuerst vollständig aus einem pariser Manuskripte von Robert Stephanus (Par. 1546) abgedruckt. Aus fünf Heidelberger Handschriften vermehrte diese Sammlung mit 133 Fabeln Nevelet (Franks. 1616). Dieser Ausgabe schließen sich an die von Hudson (Oxf. 1718) und Heusinger (Eisenach 1741); andere 80 Fabeln, welche Rochefort in der pariser Bibliothek fand, nahm nach Gail („I-es trois lubnlistes", s Par. 1796) auch Schäfer in die neuen Auflagen und Umarbeitungen der Heusingcr'schen Ausgabe auf(Lpz. 1810 und 1820). Eine neue Vermehrung der Fabeln wurde endlich aus einer Handschrift der Bibliothek des Klosters von Montecassino und einer vatikanischen geschöpft, herausgegeben von Franc, de Furia (2 Bde., Flor. 1819). Verbesserungen gaben die Äusgaben von Korais (Par. 1810) und von C. Chr. Schneider (Lpz. 1810). Eine andere Sammlung äsopischer Fabeln aus einer augsburger Handschrift gibt die Ausgabe von J.G. Schneider (Brest. 1812). Vgl-Grauert, „11s ettabulis ae8opüs" (Bonn 1825). Asöpus ist der Name mehrer Flüsse, unter denen in der Mythologie der in Sikyonien im Peloponnes strömende berühmt ist. Äls Flußgott ist A. Vater von zwei Söhnen und 20 oder zwölf Töchtern, deren Namen sich fast alle auf geographische Verhältnisse beziehen. Unter seinen Töchtern ist am bekanntesten Ägina, welche Jupiter entführte. Als diese hernach A. überall suchte,' theilte endlich Sisyphus in Korinth ihm das Geschehene mit. Er verfolgte daher den Jupiter und wollte den Olymp mit seinen Wogen erstürmen, allein dieser erschlug ihn mit seinem Blitze, woher seitdem der Fluß Kohlen in seinem Bette führte. Asow, eine alte Festung und Hafenstadt des südlichen Rußlands im Gouvernement Jekaterinoslaw, amDon, unweit dessen Mündung in denÄsowschen Meerbusen. Durch die t Schlammablagerungen des Don ist der Hafen dermaßen versandet, daß der Handel und die Schiffahrt mehr und mehr sinken und derHaupterwerbszweig der 3000 E- nur noch in der Fischerei besteht. Unter dem Namen Tanais warA. im Älterthum eineColonie der Griechen, von denen es an die Polowzer und von diesen an die Genueser, die es T an a nannten, kam. Den ! Letztem entriß es 1392 Timur-Leng; 147 l wurde es von den Türken erobert und war seitdem bald unter russ., bald unter türk. Botmäßigkeit. Peter der Große eroberte die Stadt, mußte sie aber schon 1711 den Türken zurückgeben, die sie 1733 wiederverloren, um sie 1739 wiederzubekommen, bis denn Rußland im 1.1774 in den ruhigen Besitz derselben ge- langte. Nach derStadt ist der nördlichste Meerbusen des Schwarzen Meers das Asowsche Meer benannt, mit dem dieselbe durch die Straße von Kassa in Verbindung steht, während - die taurische Halbinsel sie von ihm trennt. Das Faule Meer ist ein Theil des Äsowschen Meers, das sonst kslus Naeotis, von den Tataren und Türken wegen des Fischreichthums Balik-Denghis, d.i. Fischmeer, genannt wurde, jetzt auch Meer von Zabache heißt. Conv. -Lex. Neunte Aufl. 1. 36 »62 Aspasia Aspekten Aspasra, geb. zu Milet, eine Tochter des Axiochus, scheint sich die Thargelia aus Jonien, welche auf eine seltene Weise politische und wissenschaftliche Talente mit der dem weiblichen Geschlecht- eigenen Anmuth in sich vereinigte, zum Muster genommen zu haben. Der Umstand, daß in Athen alle fremde Frauen gleichsam geächtet waren und ihre Kinder, wenn auch in der Ehe gezeugt, nicht als rechtmäßige betrachtet wurden, hat bewirkt, daß A. öfter in die Reihe der Buhlerinnen gestellt wurde. Sie beschäftigte sich in Athen mit Politik und Beredtsamkeit, den mächtigsten Waffen der Freistaaten. Ihr Haus war der Sammelplatz der angesehensten, geistvollsten und unbescholtensten Männer Griechenlands; Sokrates besuchte sie oft und soll ihr leidenschaftlich gehuldigt haben; ja er legt ihr bei Platon sogar die herrliche Leichenrede, die er dem Menexenus vorträgt, scherzweise in den Mund. Dem Peri- kles, diesem großen Manne, der es verstand, zugleich Bürger und König einer Republik zu sein und dem sie Unterricht in der Beredtsamkeit erthcilt haben soll, wußte sie die reinste und dauerhafteste Liebe einzuflößen. Man nannte ihn den olympischen Zeus und A., seine Begleiterin, die Juno. Endlich trennte er sich von seiner Gemahlin, hcirathete die A. und fühlte stets die größte eheliche Zärtlichkeit für sie. Der muthwillige, aber nicht historisch treue Aristophanes beschuldigt A., den Krieg zwischen Athenern und Samiern wegen Milet, wo üe geboren war, und den zwischen Athenern und Lacedämoniern wegen Megara veranlaßt zu haben. Plutarch rechtfertigt sie wegen dieser Beschuldigung, und Thucydides nennt ihren Namen nicht, obgleich er die Ursachen des peloponncsischen Kriegs mit den kleinsten Nebcn- umständen erzählt. Als die Athener, aufgebracht gegen den Perikles, den sie aber selbst nicht anzugreifen wagten, die A. wegen Verachtung der Götter anklagten, trat Perikles als ihr Vertheidiger auf und entwaffnete die Richter. Nach des Perikles Tode heirathete sie den Viehhändler Lysikles, der aber bald, von ihrem Geiste durchdrungen, in Athen großen Einfluß erlangte, wie sie denn überhaupt dadurch bedeutend auf das ganze Volk wirkte, daß in ihrer Gesellschaft viele von Denen sich bildeten, die das Ruder des Staats führten. Ihr Name war so berühmt, daß der junge Cyrus seine Geliebte Milto nach ihr benannte, um dadurch den Eindruck zu bezeichnen, den sie auf ihn gemacht hatte. Überhaupt bezeichnet man später mit dem Namen A. die liebenswürdigsten Frauen. Vgl. Jacobs, „Beiträge zur Geschichte des weiblichen Geschlechts" in den „Vermischten Schriften" (Bd.4, Lpz. 1840). Aspekten heißen in der Sternkunde die merkwürdigsten unter den verschiedenen Stellungen der Sonne, des Mondes und der Planeten gegeneinander, wie sie uns nämlich von der Erde aus gesehen erscheinen. Man bemerkt gegenwärtig nur noch fünf Aspecten; diese sind die Conjunction oder Zusammenkunft, die Opposition oder der Gegenschein, derGedrilt- oder Trigonalschein, der Geviert- oder Quadralschein, auch Quadratur genannt, und der Gesechst- oder Sextilschein. Die Conjunction, in den Kalendern mit dem Zeichen Z angedeutct, ergibt sich, wenn zwei Gestirne einerlei Länge haben. In diesem Falle sind ihre Orte am Himmel nur um die Differenz oder Summe ihrer Breiten, je nachdem sie nämlich auf einer Seite oder auf entgegengesetzten Seiten der Ekliptik liegen, verschieden, und also, da die Breite der Sonne stets Null, die des Mondes und der meisten Planeten aber, die vier kleinsten zuletzt entdeckten ausgenommen, nie beträchtlich ist, in der Regel wenig voneinander entfernt. Hätten sie bei gleicher Länge auch völlig gleiche Breiten, so würden sie einander bedecken. Die Conjunction des Mondes mit der Sonne verursacht den Neumond; fällt aber ihre Breite fast od'er ganz zusammen, so entsteht eine Sonnensinsterniß. Die Opposition, im Kalender «?, ereignet sich, wenn die Länge zweier Gestirne um 180 Grad verschieden ist, sodaß das eine aufgcht, wenn das andere untergeht. Stehen Sonne und Mond im Gegenschein, so haben wir Vollmond, und fällt zugleich ihre Breite fast oder ganz zusammen, so entsteht eine Mondfinsternis. Für die Astronomie sind die Conjunctionen und Oppositionen, die in früherer Zeit größere wissenschaftliche Wichtigkeit hatten, nur noch von Bedeutung zur Bestimmung der Bahnen der Planeten, für die mathematische Geographie aber zur Bestimmung der geographischen Länge. Conjunction und Opposition heißen wol auch die beiden Syzygien (s. d.); indes wird dieses Wort gegenwärtig gewöhnlich nur beim Monde gebraucht. Der Trigonalschein /X findet statt, wenn sich die Länge» zweier Planeten um den dritten, die Quadratur O, wenn sie sich um den vierten, der Gesechstschein tst, wenn sie sich Asper Asphalt 5(U MN den sechsten Theil von 360 Grad unterscheiden. Für die Wissenschaft sind die drei lehren Aspccten von keinem Werthe; die Astrologen schrieben ihnen einen großen Einfluß auf die Schicksale der Menschen und Staaten zu. Dieser Aberglaube ward auch Ursache, daß die Aspectenin die Kalender ausgenommen wurden, in denen sie noch jetzt, wenigstens zum Theil, in der Regel mit Weglassung des Gedrittscheins und Gesechstscheins, bemerkt werden. Asper oder Aktsche, d. h. Weißpfennig, ist die kleinste türk. Silbermünze und die letzte Unterabtheilung des Piasters, welcher in 40 Para zu 3 Asper eingctheilt wird. Jetzt hat ein Asper kaum den Werth von Pfennig. Aspern und Esling, zwei Dörfer, Wien östlich gegenüber, etwa eine halbe Stunde voneinander entfernt, bekannt durch die Schlacht am 21. und 22. Mai 1809 zwischen Napoleon und den Östceichern unter dem Erzherzog Karl. Nach der Capitulation der Hauptstadt am 13. Mai ließ der Erzherzog einen Theil des feindlichen Heers, welches aus 100000 M. bestand, ungehindert über die Donau gehen, um ihn dann dermaßen anzu- grcifen, daß er, womöglich, in den Fluß zurückgeworfen werde. Zn dieser Absicht nahmen seine Stellung zwischen dem Bisambcrg und Rusdorf, aus welcher er am 21. Mai Mittags, als Napoleon ungefähr mit der Hälfte seiner Armee von der Insel Lobau aus über den letzten Arm derDonau gegangen war, seine Armee, die aus 75000 M. bestand und 288 Geschütze mit sich führte, in fünf Colonnen abmarschiren und in einem Halbkreise das franz. Heer fast gänzlich einschließen ließ. In dem engen und ganz ebenen Raume zwischen A. und E. begann die mörderische Schlacht. Alles hing von dem Besitze der beiden Dörfer ab; A. wurde gleich anfangs von den Östreichern genommen, und obschon es ihnen wiederholt entrissen ward, endlich behauptet; in E. aber vermochten sie sich durchaus nicht zu halten. Wiederholt machte Napoleon den Versuch, das Centrum der Östreicher zu sprengen; allein er vermochte nichts gegen die Standhaftigkeit der Infanterie. Die Nacht machte endlich dem erbitterten Kampfe auf einige Zeit ein Ende. Vorher schon war die Brücke, welche das rechte Donauufcr mit der Insel Lobau verband, durch brennende Fahrzeuge und Schiffmühlen durchbrochen worden, sodaß die franz. Verstärkungen nur langsam und vereinzelt durch Uberschiffungen auf dem Schlachtfelde anlangen konnten und das ganze Corps von Davoust dem Kampfe müßig zusehen mußte. Dessenungeachtet hatte sich, bei Erneuerung der Schlacht am 22., das Verhältniß der Streitkräfte sehr zum Vorthcil der Franzosen geändert, da diese, anfangs viel schwächer, jetzt wenigstens ebenso stark als die Östreicher waren. Die Schlacht hatte auch an diesem Tage fast denselben Gang als am vorhergehenden; um den Besitz der beiden Dörfer wurden Tausende von Streitern geopfert; A. indeß blieb den Östreichern und E. den Franzosen. Letzteres diente diesen, als Napoleon endlich die Hoffnung aufgab, sich durch Sprengung des Centrum der Östreicher den Sieg zu verschaffen, zur Sicherung ihres Rückzugs auf dieJnsel Lobau, den der Erzherzog nur durch Eeschützfeuer beunruhigen ließ. Die Stellung der Franzosen auf derJnselund ihr durch diesen Nückzugkeineswegs geschwächter Muth machten, daß diese hartnäckige Schlacht, in welcher auf beiden Seiten eine außerordentliche Tapferkeit entwickelt wurde, keine bedeutenden Folgen hatte. Die Östreicher verloren nach eigener Angabe 4000 M. und hatten über 16000 Verwundete; französischer Seits sollen 8000 M. geblieben und 30000 M. verwundet worden sein; Gefangene wurden bei der gegenseitigen Erbitterung nur wenige gemacht. Unter den Schwerverwundeten war der Marschall Lan- nes (s. d.), der wenig Tage nachher starb. Kraft's Gemälde der Schlacht bei A., gestochen von Nahl (1825), befindet sich im Jnvalidenhause zu Wien. Asphalt, Erdharz, Erdpech oder Judenpech ist ein an mehren Stellender Erde, besonders in der Gegend des Tobten Meers in Judäa im Wasser vorkommendes, fossiles, dem schwarzen Pech sehr ähnliches Harz, wahrscheinlich Residuum einer Zersetzung von Pflanzenstoffen und in seiner Bildung der Naphtha oder dem Erdöle nahe verwandt. Man bedient sich desselben, besonders in gewissen Verhältniffen mit Steinkohlenthcer und erdigen Substanzen gemengt, als wasserdichter Pflasterung, Dachung, Abputz u.s. w. Da aber der echte natürliche Asphalt nicht billig ist, so hat man statt desselben einerseits das in den Kalksteinen mehrcr Gegenden, z. B. bei Seyssel, Niederbeuen im Elsaß u.s.w., enthaltene und durch Destillation daraus gewonnene Bitumen, andererseits den sogenannten künstlichen * 564 Asphyxie Assam Asphalt, d. h. das bei Einkochung des Steinkohlentheers zurückbleibende schwarze Harz, vielfach in Anwendung gezogen. Die Erfahrung hat indessen gelehrt, daß der künstliche As- phalt, obgleich dem natürlichen sehr ähnlich, in der Sonnenhitze weich wird, was der natürliche nicht thut. Nur letzterer gibt unter allen Umständen zuverlässige Bedeckungen und hat sich vollkommen bewährt. Gewissermaßen kann man die Dorn'schcn, Sachs'schcn und andere Bedachungsarten, welche aus Schichten von Lehm, Pappe u. s. w. bestehen, die man durch Steinkohlcntheer und künstlichen Asphalt wasserdicht macht, als Surrogate des Asphalt bewachten. Asthyxie oder Pulslosigkeit, s. Scheintod. Assam, Asam oder nach der Sprache der Eingeborenen Aham, ein Königreich van 1200 UM. an den Nordostgrenzcn Bengalens im Thale des Mittlern Brahmaputra, welches im Norden von Bhutan durch die Verketten des bhutanischen Himalaya geschieden ist und im Süden von den theils noch sehr unbekannten Theilen des alten nordwestlichen hinterindischen Reichs Kamrup (von den Staaten Munipur, Katschar, Zynthea und dem Lande der Grrrows) durch das Waldgebirge der Garrows, das nördliche Waldgebirge des Kossyah- landes und die Noraberge getrennt wird. Das Land ist durchschnitten von einer Menge kleiner Bergzüge, die durch sehr fruchtbareThäler voneinander geschieden werden, welche alle ihr Wasser dem Brahmaputra (s. d.) zusendcn, der ganz A. von Sodiya im Osten bis Goalpore im Westen in directem Laufe von 7 5 Meilen durchströmt und mit seinem zehn bis zwölf Meilen breiten Thale das Königreich bildet. „Wie in Indien und Ägypten hängt die große Fruchtbarkeit des Thales von den jährlichen Überschwemmungen ab, die im Mai gewöhnlich den höchsten Stand erreichen und schon in frühestcrZeit dieAnlage großer Bunds oderWcg- dämme veranlaßten, die aber jetzt zum größten Theil zerstört sind. Die Ausdünstungen der stehenden Wasser machen das Klima zwar ungesund, aber mit dem Sinken des Wassers beginnt eine frische Vegetation und bei stärkerer Population würde das Land zu den fruchtbarsten und reichsten der Erde gehören. So ist nur ein Achtel des Landes angebaut, das Übrige ist mit undurchdringlichen Zungles, größtentheils Bambuswaldungen, bedeckt. Der größte Theil des Landes ist den Payiks, d. i. den Unterthanen, vom Könige unter der Bedingung verliehen, daß sie ihm oder seinen darauf angewiesenen Beamten jährlich vier Monate umsonst arbeiten oder dafür ein gewisses Abkommen zahlen. Da erst dreier Männer Arbeit ein Jahr füllen, so wird das ein volles Payik genannt, womit die Beamten belehnt und besoldet werden. Der Productenreichthum des Landes ist sehr groß, besonders sind anzn- führen unter den Mineralien Gold, Eisen und Salz; unter den Gewächsen Reis als erstes, Vihar, eine Art Senf, als zweites und Schotengewächse als drittes Hauptproduct, nächstdem Weizen, Gerste, Hirse, Pfeffer, Ingwer, Zwiebelarten, Tamarinden, Taback, Betelnüsse, Opium, Zuckerrohr, das fast durchgehend frisch gegessen wird, Cocosnüffe, Orangen, Baumwolle und in neuester Zeit mit Vortheil in Oberassam cultivirter Thee; unter den Thieren Büffel und gemeine Ochsen, als Ackerstiere, ferner Schafe, Ziegen und Pferde in geringer Anzahl, wilde Büffel und Elefanten in den Bambusdickichten und der von einem Lorber- baume sich nährende Seidenwurm. Die Bewohner von A. sind sehr gemischt und verschieden in mannichfacher Beziehung; mit Bestimmtheit läßt sich weder eine annähernde Volksmenge noch Classificirung angeben. Neben mehren verstreuten Stämmen und Kasten von geringerer Bedeutung scheinen am meisten hervorzutreten die Asams, Asamesen oder Ahams, nicht der Zahl, wol aber dem Range nach als Herrscher des Reichs in Mittelund Oberassam, die Doms oder Nodiyals, der Zahl nach am bedeutendsten, und die Kolitas und Kutch in Mittel» und Unterassam. Seit dem Eindringen der Birmanen sind wol an drei Vierthcile der Bewohner der Hindureligion nach der Lehre des Madhava Acharya ergeben, und nur ein Viertheil ist beim alten Glauben an den Stammgötzen Chung geblieben. Die Bengalisprache ist ziemlich allgemein die herrschende. Roh und wild erscheinen die Einwohner im Gebirge, feig und hinterlistig in den Thälern. Alle Dienende sind Sklaven, ja noch vor kurzem wurden solche als Waare ausgeführt. Die Industrie ist ziemlich beschränkt, jedoch ausgezeichnet in Seidenweberei, da sich fast drei Viertheile der Bewohner in Seide kleiden; demnächst haben Steinschneider, Drechsler, Mattenflechter und Ölbereitec den meisten Ruf; die gewöhnlichen Handwerke der Schlächter, Bäcker und z, s- r- id :n >ie te es < id !r- de h- ei- hr :l- >lf ße ch 3- >er re- as >er killte cit )e- u- es, ft, II- en ^er :r- cn 2- on ^ >er el- ne en va en ild de ist nd nd Assas Assassinen 5LÜ Schneider kennt man nicht, und kaum das der Schuhmacher, da das Schuhetragen eine besondere Gunstbezeigung des Königs ist; selbst Butter- und Käsebereitung soll unbekannt sein. Der Handel ist bei der Geschlossenheit des Landes nicht bedeutend; die Ausfuhr besteht vorzüglich aus Stocklack (vom Insekt 6occ»s Iscca auf der kllcus religioss und andern Baumen gezogen), seidenen Zeugen zweiter Art, roher Seide, Baumwolle mit dem Samen, Senfsamen, Schwarzem Pfeffer, Holz, Elfenbein, gedörrten Fischen und Thee; die Einfuhr erstreckt sich besonders aus Bengalen auf Salz, Kupfer, Juwelen, Perlen und Musselin und aus Bhutan auf Salz, Goldstaub, Wollenzeuge, Moschus, chinesische Seide, Pferde und Kuhschweife. Der natürlichen dreistufigen Eintheilung in Ober-, Mittel- und Unterassam folgt auch die administrative in die entsprechenden Gouvernements Sodiya mit der Residenz gleiches Namens, das eigentliche Assam mit den ältesten und jüngsten Residenzen, Rungpur und Jorhat, und Kamrup mit der Residenz Gohati. Jm J. 1832 eroberten die Birmanen A., 1825 jedoch entrissen es ihnen die Briten wieder und zogen es als einen Schutz- staat enger in das brit.-asiat. Interesse, wodurch denn auch die Kenntnisse über diese früher fast gänzlich unbekannte Gegend in kurzer Zeit bedeutend erweitert worden sind. Assas (Nicolas, Chevalier d'), aus Vigan, Hauptmann bei dem franz. Regimente Auvergne, machte sich durch seine Aufopferung fürs Vaterland der Bewunderung der Nachwelt würdig. Als Befehlshaber einer Feldwache in der Nacht vom 15. zum 16. Oct. 1760 bei Klosterkamp, in der Nähe von Geldern, traf er, als er bei Anbruch des Tags die Posten visitirte, auf eine Abtheilung feindlicher Truppen, welche die Franzosen überfallen wollte, und wurde mit der Drohung ergriffen, daß der erste Laut, den er ausspräche, ihm das Leben kosten würde. Das Wohl des franz. Heers stand auf dem Spiele; ohne sich einen Augenblick zu besinnen, sammelte A. seine ganze Kraft und rief: „Hierher, Auvergne, die Feinde sind da!" Die Drohung ward sogleich vollzogen; doch A. hatte seinen Zweck er-, reicht, denn der Überfall mißlang. Er war nicht verheirathet; seinerFamilie ward für immer ein Jahrgchalt von 1000 Livres ausgesetzt, der zwar während der Revolution in Wegfall kam, später aber wieder ausgezahlt wurde. Affasssnen oder die östlichen Jsmaeliten sind ein Zweig der von Abdallah gegründeten ismaelitischen Geheimsekte, die ihren Mittelpunkt in der Akademie zu Kairo hakte. Wenn die ismaelitische Gehcimlehre nur die Nachkommen Jsmael's, des letzten der sieben sogenannten offenbaren Imams, für berechtigt zum Khalifat erklärte und den Geboten des Islam eine allegorische Deutung gab, aus welcher die Nichtigkeit jeer positiven Religion und die sittliche Gleichgültigkeit jeder Handlung folgte (s. Jsma eliten), so war das blutige Treiben der Assassinen nur die Conscquenz solcher Lehren. Ihr Stifter, Hassan ben Sabbah cl Homairi, der aus dem an freigcistigen Richtungen reichen Persien stammte, hatte um die Mitte des 11. Jahrh. zu Nischapur unter dem berühmten Lehrer Mowafek stu- dirt und später durch ismaelitische Dais oder Werber theils Einsicht in die Gehcimlehre, theils die Weihe zum Dai erhalten. Am Hofe zu Kairo, wohin er sich begab, entzweite er sich bald mit dem Oberfcldherrn und sollte deportirt werden, allein an der syr. Küste gelang es ihm, aus dem Schiffe zu entkommen. Nun ging er nach Persien zurück, um überall Anhänger sammelnd nach dem Muster des ägypt. einen eigenen geheimen Orden und eine Art Staat zu gründen, welcher der Schrecken der mächtigsten Nachbarn wurde. Nachdem Hassan im J. 1000 die Bergveste Alamut in der pers. Landschaft Nudbar durch List erobert hatte, behauptete und vergrößerte er seine politische Macht, indem er Fürsten und Staatsmänner durch Meuchelmorde einschüchterte und eine Reihe fester Schlösser in dem Gebirge südlich vom Kaspischen Meere (Dschebal), in Kuhistan und im syr. Gebirge (hier namentlich Massiat) sammt den nächsten Umgebungen in seine Gewalt bekam. Die innere Einrichtung des Ordens, welche sich zum Theil mit der der christlichen Ritterorden vergleichen läßt, war folgende. An der Spitze als unumschränkter Gebieter stand der Scheikh al Dschc- bal, gewöhnlich der Alte oder der Fürst vom Berge genannt. Seine Statthalter in Dschebal, Kuhistan und Syrien waren die drei Dailkebirs oder Großpriorcn. Auf sie folgten die Dais und Nefiks, welche letztere jedoch nicht wie jenem alle Grade der Gehcimlehre cinge- weiht wurden und keine Lehrbefugniß hatten. Zu den Uneingeweihten gehörten vor Allen die Fedavie oder Fcdais, d. h. sich Opfernde, eine Schar entschlossener Jünglinge, die all- 56U Affecuranz Affemanr zeit fertigen, unbedingt gehorchenden Henker des Alten vom Berge. Ehe er sie auSsandte, setzte er sie jedesmal durch den berauschenden Genuß des Krautes Haschische, d. i. Bilsenkraut, in Erstase; daher hieß der Orden auch Haschisch in, d. i. Krautesser, welches Wort von den Abendländern in Assassinen umgewandelt und unter der Bedeutung Mörder in die abendländ. Sprachen übergetragcn wurde. Die sechste Classe im Orden bildeten die Lassik oder Novizen, die siebente endlich das untergeordnete Land- und Gewcrbvolk, das bei der strengsten Erfüllung der Gebote Mohammed's erhalten wurde, während die Eingeweihten jede positive Religion als nichtig ansahen. Der Ordenskatechismus, den Hassan seinen Dais in die Hände gab, enthielt sieben Thcile und behandelte unter Anderm im zweiten die Kunst, sich in das Vertrauen der Menschen einzuschleichcn. Man kann denken, wie gefürchtet ein i Orden war, der dem Grundsätze Alles zum Opfer brachte; viele Regenten zahlten heimlichen Tribut an den Alken vom Berge, und nuc die Tempelherren fürchteten ihn nicht. Has- san, der 70 Zahr alt II2-1 starb, ernannte den Kia Busurgomid, einen seiner Dailkebris, zum Nachfolger; diesem folgte kl 38 sein Sohn Mohammed, der seine Macht gegen Nu- reddin und Jussuf Salaheddin zu behaupten wußte. Hassan II. war im 1.116 3 so unklug, das Geheimnis des Ordens, die Nichtigkeit der positiven Religion, der untergeordneten Bevölkerung preiszugeben und den Islam im Assassinenstaate aufzuheben, wofür er unter dem Dolche seines Schwagers fiel. Unter seinem Sohne, Mohammed II-, der im Geiste des Vaters handelte, machte sich der syr. Dailkebir unabhängig und wollte mit den Christen wegen seines Übertritts unterhandeln; doch die Templer tödtetcn seine Gesandten, um den jährlichen Tribut, den sie von ihm zogen, nicht einzubüßen. Mohammed wurde vergiftet von seinem Sohne, Hassan III., der den Islam wiederherstellte und deshalb den Beinamen des neuen Muselmannes erhielt. Ihm folgte der neunjährige Mohammed III., welcher durch sein weibisches Regiment den Sturz des Ordens vorbereitete und auf Befehl« seines Sohnes, Nokncddin Charschah's, des siebenten und letzten Alten vom Berge, ermordet wurde. JmJ. 1256 stürmte der Mongolenfürst Hulagumit seinen Hör- > den heran, um alle Bergvesten der Assassinen in Persien zu erobern und zu zerstören; auch in Syrien, wo sie sich länger behaupteten, wurden sie gegen Ende des 13. Jahrh. völlig überwältigt. Überreste der Partei erhielten sich noch lange, namentlich in Kuhistan; in Syrien traten 1312 wieder Assassinen auf, und noch jetzt besteht diese Sekte als ketzerische Partei in beiden Ländern. Die pers. Jsmaeliten haben einen Imam oder Vorsteher in dem Dorfe Chech in der Landschaft Kum und wohnen unter dem Namen Hosseinis auch in der Nähe von Alamut. Die syr. Jsmaeliten wohnen in der Gegend von Massiat, welches Schloß ihnen 1809 durch die Nossairier (s. d.) genommen, auf Verfügung des Großherrnaber zurückgegeben ward. Mit den Assassinen können die Nossairier, deren Ketzerei mehr mystischer Art ist, und andere schiitische Parteien weniger verglichen werden, wol aber jene indischen Raubmörder, dieThugs (s. d.), denn diese morden auch aus Grundsatz. Vgl. Hammer, „Geschichte der Assafsinen aus morgen!. Quellen" (Stuttg. u. Tüb. 1818). Affecuranz, s. Bersicheru «g. Affemäni (Jos. Simon), ein berühmter Orientalist, geb. 1687 in Syrien, stammte aus einer maronitischen, d. h. syrisch-christlichen Familie am Libanon. Auf seinen Reisen im Orient, besonders in Ägypten und Syrien, sammelte er viele oriental. Handschriften für die s väpstliche Bibliothek, als deren Custos er am ii. Jan. 1768 starb. Seine bedeutendsten Werke find: „Lililiotüeca orientalis 6Icmentmo-Vaticana"(1 Bde., Nom 1 7 19—28, Fol.), enthaltenddie syr. Handschriften der vaticanischen Bibliothek, die Ausgabe der „Operakplirae- ini 8)ri, 8)-r. et lat." (6 Bde., Rom l 7 32—16, Fol.), „Lalcuckaria ecclesiac universae" (6 Bde., Rom 1755 — 57, 1.) und „Dililiotlieca juris Orient, canonici et civilis" (1 Bde., ^ Rom, 1762—61, 1.). Von seinem handschriftlichen Nachlasse hat Mai Einiges heraus- ^ gegeben. — Sein Bruder Jos. Aloysius A., der als Professor der oriental. Sprachen zu Rom 1782 starb, gab unter Anderm den „Ooüex liturgicus ecclesiae nniversalis" (13 Bde., Rom 1719 — 66, 1.) und „De catbolicis seu patriarclns Olialclseoruin et l>lestoriano- rum" (5 Bde., Rom 177 5, 1.) heraus. — Si m o n A., ein Verwandter der Vorigen, geb. ^ zuTripolis in Syrien 1719, inNom erzogen, erst Bibliothekar in Wien, seit 1785 Professor der oriental. Sprachen zu Padua, gest. am 8.Apr. 1821, schrieb eine Abhandlung über den Assertorisch Assimilation 567 Zustand der Araber vor Mohammed („SsFgio suII' origine der Assiento noch auf vier Jahre zugestanden, was aber in der madrider Convention von I 1750 aufgehoben wurde, indem man der engl. Compagnie für die noch rückständigen As- sientojahre 100000 Pf. St. und einige Handelsvortheile bewilligte. Assiqnat hieß während der franz. Revolution ein Nationalpapier, welches als Münze galt, und zwar deshalb, weil die ersten 400 Mill. Francs dieses Papiergeldes, welche die constituirende Versammlung mit Genehmigung des Königs am 19. Apr. 1790 creirte, auf den Verkauf der eingezogencn geistlichen Güter assignirt oder angewiesen waren. Schon am 27. Aug. desselben Jahres drang Mirabeau auf die Ausstellung neuer Assignaten, und ' es wurden nun wieder für 800 Mill. Francs ausgegeben. Bis zum 21. Sept. 1792 waren 2200 Mill. in Umlauf, die sich bis zu Ende 1792 ziemlich im Curs hielten, dann aber schnell auf 50 Procent fielen. Nach und nach wurden sie bis auf45578 Mill. vermehrt; dafür standen sie aber auch im Jan. 1795 zu 18 Procent. Im März 1796 jbckam man für einen Louisdor baar 7200 Francs in Assignaten. Hierauf wurden sie gesetzlich außer Curs gesetzt > und durch Mandate (s. d.) zu 1: 30 cingelöst. Assimilation, d. h. Verähnlichung, ist in physiologischer Bedeutung ein Act der Er - nährun g (s. d.), vermöge dessen der durch die Verdauungsorganc der Thiere aus den Nahrungsmitteln bereitete und aus den Gedärmen eingesogene Milchsaft den Stoffen des lebenden thierischen Körpers immer ähnlicher gemacht und belebt oder animalisirt wird. Jm Pflan- zcnreiche findet eine ähnliche Assimilation statt, indem die Pflanzen ihre Nahrung aus der Erde und dem Wasser ziehen, die eingcsogcncn Säfte durch die Saftröhrchen in der Pflanze sich vertheilen, mit den durch die Blätter aufgenommenen Tl,eilen aus der Luft sich 568 Assisen Association der Ideen vermischen und zum Wachsthum dienen. — Assimilation in grammatischer Bedeutung heißt bei dem Zusammentreffen zwei einander widerstrebender Konsonanten die Verwandlung des erstem in den nächstfolgenden oder einen verwandten sich leichter anschließenden, wie in oblenilo für odkenclo, summitto für snbmittn. Leichtigkeit der Aussprache, indem man Buchstaben nebeneinander setzte, die mit demselben Organ, Gaumen, Lippe oder Zunge, vorgebracht werden, Wohlklang und auch Bequemlichkeit für das Schreiben sind der Grund der Assimilation. Daher ist sie in manchen Sprachen zur Regel geworden. Assisen, eigentlich gleichbedeutend mit Sitzungen, hießen im Mittelalter die regelmäßig wiederkehrenden Gerichtstage, welche von den Freien oder auch von den Vasallen unter dem Lehnsherrn abgchalten wurden; gegenwärtig bezeichnet man damit die zu be- > stimmten Zeiten des Jahres, drei- oder viermal stattfindenden Versammlungen der Erschwer c n e n g e ri ch t e (s. d.). Über jene ältcrn Assisen geben merkwürdigen Aufschluß die Statuten, welche Gottfried von Bouillon nach der Eroberung Jerusalems im 1.1099 für seine beiden Gerichtshöfe daselbst entwerfen ließ, herausgegebcn unter dem Titel „ib.es iivres >1es sssises et llss ussges ckou resinne <1e äerusslern" von La Thaumassiere zu Bourges ! (1690, Fol.) und neuerlich von E. H. Kausler (Stuttg. 1839—10, Fol.). Association nennt man eine Verbindung Mehrer zu irgend einem Zwecke. Neuerdings 1 ist besonders die Frage wichtig geworden, ob sich zu Dem, was einem Einzelnen erlaubt ist, z. B. zu Adressen, Petitionen u. s. w., zumalzu politischen Zwecken und zu einer dauernden Wirksamkeit Mehre vereinigen dürfen. (S. Politische Vereine.) Eine große Nolle ^ spielt die Association in gewissen, meist radicalen nationalökonomischen Systemen, z. B. in denen von Owen, Saint-Simon und Fourier. Wenn sie auch hier in übertriebener und unnatürlicher Weise angewendet wird, so dürfte doch die Idee selbst zu den wenigen gehören, in denen sich in jenen Systemen die Anerkennung eines begründeten Bedürfnisses ausspricht und das Mittel, demselben abzuhelfen, im Allgemeinen genannt, wenn auch nicht richtig ausgeprägt ist. So scheint es wichtig, aufdcm Wege der Association die sämmtlichen Ar- > beiter für den Erfolg der Arbeit zu interessiren. In dieser Beziehung hat schon Adam Müller eine Antheilswirthschaft für den Landbau vorgeschlagen; einen praktischen Versuch darin machte Albert (s. d.) in Köthen und neuerdings hat sie Nebbien in der Schrift „Der schuldenfreie Staat" (Berl. 1831) empfohlen. Babbage und Mohl riechen Dasselbe für das Fabrikwesen an. Es scheint ferner wichtig, durch Vereinigung vieler kleinerer Kräfte diesen die Concurrcnz mit dem großen Capital möglich zu machen, dadurch eine größere Vertheilung der Gewinne zu vermitteln und die üble Erscheinung zu beseitigen, daß neben dem im Ganzen steigenden Nationalwohlstande doch die Massenarmuth zunimmt. Esscheintendlich auch wichtig, an die Stelle der untergegangenen Bindemittel der Gesellschaft neue zu setzen, die nicht in Selbstsucht und durch Unterjochung, sondern in Freiheit und Gegenseitigkeit wirken. Aber so etwas läßt sich nicht machen und einrichten; es muß werden, mag sich in vielgc- I staltiger Weise entwickeln, und wenn man in der Association vielleicht eine Idee der Zukunft erkannt hat, so kann doch Niemand das Wie bestimmen. Politische und ökonomische Motive verflochten sich in den in neuerer Zeit besonders in England und Frankreich hervorgetretencn Associationen der Arbeiter gegen die Arbeitsherren. Sie sind so gefährlich für die verleiteten Arbeiter selbst, für die Industrie und die ganze Gesellschaft, daß ihnen energisch entgegen- s getreten werden muß; aber wichtiger noch wird es, daß ihnen durch Beseitigung der Ursachen möglichst vorgcbeugt werde. Association der Ideen nennen wir diejenige Verbindung unserer Vorstellungen, vermöge deren sic sich einander unwillkürlich erwecken und aufeinander führen. Diese Tatsache, daß sich, wenn auch nicht bei allen Individuen und unter allen Ümständen gleichmäßig, die Vorstellungen ohne unser absichtliches Zuthun miteinander verknüpfen, und daß eine neueintretende oft ganze Reihen älterer im Bewußtsein wieder hervorruft, hat die ^ Psychologie schon längst auf die Frage nach den Gesetzen dieser Association geführt. Namentlich bieten sich hier folgende dar: I) Das Gesetz der Zeitfolge und Gleichzeitigkeit. Nach diesem Gesetze erwecken Vorstellungen, welche oft miteinander verbunden waren oder nacheinander folgten, einander wechselseitig in dieser Folge; daher erinnern gewisse Orte an gewisse Ereignisse, welche dort vorgefallen sind, gleichzeitig wahrgenommcne Ereignisse an- Assonanz Assuan 569 einander, so auch die unmittelbar aufeinander folgenden, und zwar erwecken sie sich am leich- testen in der bestimmten einmal dagewcsencn Folge. 2) Das Gesetz der Verwandtschaft, Ähnlichkeit und Entgegensetzung der Vorstellungen. Nach diesem Gesetze erwecken und verbeut- lichen sich Vorstellungen, deren Inhalt sich aufeinander bezieht; ein Individuum erinnert an das andere, wenn es gewisse Züge mit demselben gemein hat, das Portrait an das Original, das Bejahende an das gerade Gegcntheil. In einem solchen Verhältnisse stehen ferner insbesondere Subject und Prädicat, Ursache und Wirkung, Ganzes und Theil, Gattung, Art und Individuum, Nebenumstände und Hauptsachen u. s. w. Diese unwillkürliche Verbindung unserer Vorstellungen ist als unwillkürlicher Gedankenlauf bei Kindern und Ungebildeten vorherrschend, und zeigt sich namentlich in dem Phantasiren. Bei einlretender Bildung des Verstandes wird der nach Absicht und Zweck geleitete Gcdankengang herrschend. Glcichwol wirkt jener immer fort, tritt in unsere Unterhaltungen ein und bestimmt fast durchaus unsere Träume. Jeder einzelne Mensch hat auch seine eigene Jdeenassociation, d. h. gewisse Vorstellungen verbinden sich bei einem Individuum leichter als bei dem andern, werden oft herrschend und bringen manche Eigenheiten, gewisse Meinungen, Vorurtheile, Neigungen und Abneigungen hervor. Dieses ist der Grund, warum man die Kenntniß der Jdeenassociation dem Menschenkenner als einen sehr wichtigen Gegenstand zuschreibt, und warum manche Menschen, welche dieselbe bei andern erforscht haben und benutzen, Überdieselben oft einesehr große Gewalt erlangen; denn sie gehört zu Dem, was die Gewohnheit in dem Menschen befestigt hat. Außerdem aber haben die Erscheinungen der Jdeenassociation auch noch eine besondere wissenschaftliche Bedeutung, indem sie eine Hinweisung auf die wahren Ursachen und den Zusammenhang des geistigen Lebens enthalten. Sie führen nämlich fast unmittelbar darauf, daß die Vorstellungen selbst die sich verbindenden, einander unterstützenden oder hemmenden Kräfte sin-d, auf deren Wirksamkeit das geistige Leben beruht. In dieser Beziehung hat keine andere Psychologie die Phänomene der Association vollständiger zu ergründen und in ihrem Zusammenhänge mit der Totalität des geistigen Lebens besser zu benutzen gewußt als dieHcrbart'sche. (S. Herbart.) Über die ältern, meist nur fragmentarischen Meinungen über diesen Gegenstand vgl. Maaß, „Versuch über die Einbildungskraft"(2. Aust., Halle 1797). Assönanz, d. h. Anklang, ein musikalischer Vocalreim, ist nahe verwandt mit der Alliteration (s. d.); denn wie diese in einer Gleichheit der Consonanten in mehren nahe aufeinander folgenden Wörtern, so besteht jene vorzüglich in einem Gleichklangc der Vocale. Sie ist der span. und portug.Poesie eigenthümlich und harmonirt sehr wohl mit dem Charakter dieser an volltönenden Vocalcn reichen Sprachen. Im Deutschen hebt sie sich nur durch häufige Wiederholung in einer zusammenhängenden Reihe vernehmlich genug hervor, wie bei Geßncr: „Sie weinte Tag und Nacht, horchte stets nach dem Schalle aus dem Walde und richtete ihre nassen Augen unablässig auf die fernen Auen." Die Versuche deutscher Dichter in ihrem Gebrauche haben indessen ihre Anwendbarkeit in dieser Sprache mindestens zweifelhaft gelassen, und immer noch finden sie ihre Gegner. Die zweisylbige Assonanz kann im Deutschen in der zweiten Sylbefast nie anders als in dem stummen e gebildet werden, welches kaum hörbar ist, und auch die einsylbigc wird zu sehr von den Consonanten übcrtönt, als daß sie ganz ihre Bestimmung erfüllte. Dennoch haben sic Einzelne, wie Fr. Schlegel inr „Alarkos" und in seinen Nolandsromanzen und Äpel in seinem „Gespcnsterbuche"mit Glück gebraucht. Nur der Übersetzer aus den oben genannten südeurop. Sprachen kann sie in vielen Fällen nicht entbehren, und Treffliches haben in dieser Beziehung Gries und Malsburg in ihren Übertragungen Calderon'scher Dramen geleistet. Vgl. Bärmann, „Die Assonanzen der deutschen Sprache" (Berl. 1829). Assuan oder Souan,„am rechten Ufer des Nil der Insel Elephantine gegenüber gelegen, ist die südlichste Stadt Ägyptens, das alte Syenc, dessen Ruinen noch südwärts der Stadt vorhanden sind, und bedeutet so viel wie Eröffnung Ägyptens; denn früher bezeichnender Ausdruck „von Nakoti (nachher Alexandria) bis gen Souan" das ganze Ägyptcn- land. Südlich von A. bildet der Nil seinen letzten, den zehnten Katarakt; seine Schiffbarkeit gewinnt also hier erst eine Bedeutung, welche der Stadt frühe und auch im Mittelalter während der Araberherrschaft einen verbreiteten Handelsrufverschaffte. Schon im Alterthum bemerkte man, daß die Sonne am längsten Tage zu Syene keinen Schatten erzeuge, und zog deshalb 570 Assnmptlvn Ast (Friede.) hier den Wendekreis des Krebses, der aber eigentlich einen halben Grad südlicher liegt. Bei A. beginnt die Granitrcgion Ägyptens, die hierunter der modificirten Ärt Syenit (s. d.) varkommt und schon in frühester Zeit zu Bauten und Denkmälern ausgebeutet wurde. Assumption oder A ssu n c i o n, Hauptstadt des südamerik. Staats P a r a g u a y (s.d.) am schiffbaren Flusse gleiches Namens, hat 12000 E-, eine Kathedrale, mehre Klöster, ein Collegium und ansehnlichen Handel mit Leder, Taback, Zucker und Paraguaythee. Assyrien, ein im Alterthum berühmtes asiat. Reich, hatte zu verschiedenen Zeiten auch verschiedene Grenzen. Das eigentliche A., das heutige Kurdistan, grenzte nördlich an den Berg Niphates in Großarmenien, westlich an Mesopotamien, südlich an Susiana und östlich an Me- dien. Die Bewohner gehörten wie die Babylonier dem semitischen oder aramäischen Volks- , stamm an, waren wie jene Sternanbeter, und auch bei ihnen scheint stühzeitig Cultur sich ent- wickelt zu haben. Assur soll A. begründet und ihm den Namen gegeben haben. Unter den Beherrschern A.s sink vorzüglich Ninus (s.d.), der Erbauer dcrHauptstadtNinive, und seine Witwe und Thronfolgern: Semiramis (s. d.) berühmt. Unter Sardanapalss. d.), ungefähr 900 v. Chr., ward Arbaces, der Statthalter von Medien, Herr des assyr. N eichs, und 888 v. Chr. zerfiel es in Babylonien (s.d.) und Neuassyrien. Zwarerhobsich aus neuas- syr. Reich unter Phul, Tiglat Pilesar und Salmanassär von neuem zu ausgedehnter Macht, ja sogar Babylonien mußte wieder die Hoheit desselben anerkennen; allein um 7 00 riß sich Medien ^ los, und nachdem der medische König Kyaxares sich mitNabopolassar, dem Statthalter von Babylonien, verbunden, gingen Beide um 600 v. Chr. auf Ninive los, das sie eroberten und j zerstörten. Dies ist die gewöhnliche Erzählung, doch scheint es ücherer anzunchme n, daß in der That das sogenannte altassyr. Reich, dessen Geschichte Diodor aus dem unzuverlässigen Ktcsias geschöpft hat, und das sogenannte neuassyr. Reich, dessen Regenten wir aus dem Alten Testament kennen, ein und dasselbe gewesen sind, sodaß unter Berücksichtigung der Angabe Herodot's, die Assyrer hätten bis zum Abfall der Meder 520 Jahre über Asien geherrscht, die Stiftung des großen assyr. Reichs, die Diodor zu weit hinaufrü ckt, um das - I. 1250 v. Chr. zu setzen, Sardanapal aber und der letzte sogenannte neuassyr. König für ein und dieselbe Person (um 600) zu halten wäre. Später wurde A. eine medischeProvinz, Babylonien aber durch Nebukadnezar's (s. d.) Eroberungen seit 600 ein mächtiges Reich. Sämmtliche Reiche vereinigte um 550 v. Chr. der pers. Eroberer Cyrus (s.d.). Ast heißt in der Botanik derjenige Theil eines Baums, der nicht unmittelbar von der Wurzel, sondern erst vom Stamme, ausgeht, und aus welchem die Zweige und Blätter Hervorkommen. Die Stellung der Äste ist sehr verschieden und gibt ein sicheres, charakteristisches Unterscheidungsmerkmal der Bäume. Die Äste entstehen immer in der Nähe Nähe des Blattes, entweder aus den Blattwinkeln, oder zwischen den Blättern. Junge, noch nicht ein Jahr alte Äste nennt man Reis. Bei den krautartigen Pflanzen liegen die Äste oft nieder und treiben Wurzeln in die Erde, die-man Ranken oder Ausläufer nennt. — In der Forstwissenschaft begreift man die Äste unter dem gemeinschaftlichen Ausdruck von Obergehölz und scheidet bei der Berechnung des Werthes eines Baums Stamm und Obergehölz. — Bildlich wird Ast, wie Stamm, auf Völker und Familien angcwcndct, indem man z.B. sagt: „Die Familie theilt sich in mehre Äste"; doch sind in diesem Sinne die Ausdrücke Zweig und Linie gewöhnlicher. — In der Jngenieursprache wird Ast für die Verzw eigung s der unterirdischen Minengänge gebraucht, daher der Ausdruck Minenäste. Auch die ver- schiedenen Winkelzweige, welche der um die Gräben einer Festung herumlaufende Gedeck te Weg ^ bildet, heißen zuweilen dessen Äste. Die krumme Linie oder Curve, welche die Flugbahn der Kugeln und Bomben bezeichnet, wird in einen aufsteigenden und absteigenden Ast get heilt,von venen jenerkie erste und dieser die zweite Hälfte der Curve bildet. Nach der parabolischen Theorie (im luftleeren Raume) ist der absteigende Ast dem aufsteigenden gleich, und beide stoßen in der Mktte der Curve, in ihrem Scheitel, zusammen. Bei den wirklichen Flugbahn: n der Ge- ^ schosse (im widerstehenden Mittel) ist der absteigende Ast, vermöge des Widerstande s, den die ! Geschosse in der Luft erleiden, bedeutend steiler als der aufsteigende, besonders bei Elevationen, die mehr als 15 Grad betragen, und wobei der Einfallswinkel in der Regel doppelt so groß angenommen wird als der Richtungswinkel. Ast (Georg Anton Friedrich), deutscher Philolog, geb. zu Gotha >778 gest. am 571 Astarte Aster (Ernst Ludw.) Z I.Dcc. >841, erhielt auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt eine gute wissenschaftliche Vor- bildung, die er bei seinem Abgänge durch die „Obssrvationes in Uropertii carmina" (Gött. 1799) auch öffentlich bewährte. Auf der Universität zu Jena, die er 1798 bezog, ging ervon den theologischen Studien, denen er anfangs sich widmete, sehr bald zur Philologie über, angeregt besonders durch die Lateinische Gesellschaft unter Eichstädt's Präsidium; zugleich aber suchte er sich auch in den philosophischen Wissenschaften heimisch zu machen. Nachdem er sich bereits 1802 zu Jena habilitirt hatte, nahm er 1805 einen Ruf als ordentlicher Professor der klassischen Literatur au der Universität zu Landshut an, mit welcher er in gleicher Eigenschaft 1826 nach München versetzt wurde, wo er als Hofrath und Mitglied der Akademie der - Wissenschaften starb. Seine Vorträge waren gründlich und anregend. Dasselbe Lob gebührt seinen zahlreichen Schriften, unter denen wir der Zeit nach anführen: die Übersetzung des Sophokles (Lpz. 1804); „Handbuch der Ästhetik" (Lpz. 1805); „Grundriß der Ästhetik" (Landsh. 1807); „Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und Kritik" (Landsh. 1808), ! „Grundlinien der Philosophie" (2. Aust., Landsh. 1809), in denen er sich den Änsichten ! Schelling's nähert, „Grundriß der Geschichte der Philosophie" (Landsh. 1807; 2. Ausl., 1825) und „Hauptmomente der Geschichte der Philosophie" (Münch. 1829). In späterer Zeit beschäftigte er sich fast ausschließend mit der Erklärung der Platonischen Werke. Außer - einer Einleitung in das Studium derselben, „Platon's Leben und Schriften" (Lpz. 1816), ! die zu den. besten Untersuchungen der Art gehört, und außer der Bearbeitung mehrer ein- ! zelncr Schriften des Platon, namentlich des „ktinsn8" (Lpz. 1810) und der „Üolitia" (2 Bde., Lpz. 1814), verdanken wir ihm eine Ausgabe sammtlicher Werke Platon's mit lat Übersetzung und sehr reichhaltigen Commentaren (11 Bde., Lpz. 1819—32), welcher er ein umfassendes „Ii>exicon Ulaionicuin" (3 Bde., Lpz. 1834 — 39) als Schluß hinzusügtc. Sein Verdienst um ein gründliches Verständnis des Platon bleibt unbestritten, wenn man auch in seiner Erklärung ein bloßes Aufhäufen von Massen nicht ohne Grund getadelt hak Astärte, eine Göttin der Phönizier und Syrer, bezeichnte den Venusplaneten, welchen man als Quelle des Glücks, der Liebe und der Zeugung betrachtete. In ihren Tempeln, insbesondere zu Hierapolis, wurden sehr ausschweifende Feste gefeiert. Ihr Dienst, vielleicht aus dem tiefernOrient entsprungen (s. Mylitta), pflanzte sich in die naheliegenden Länder, z.B. auf die Insel Cypern (s. Paphos), über, und auch von denHebräern wardbis- weilen ihre Verehrung angenommen, zumal unter der Regierung Salomon's. Aster (Ernst Ludw.), preuß. General der Infanterie, Generalinspector der Festungen und Chef der Ingenieurs und Pionniers, wurde im Nov. 1778 zu Dresden geboren, wo sein Vater, Friedr. Ludw. A., als Generalmajor und Commandeur des sächs. Ingenieur- corps am I.Dec. 1804 verstarb. Seine Erziehung erhielt er im väterlichen Hause, und nachdem er 1794 in das sächs. Jngenieurcorps eingerückt und 1800 zum Lieutenant avan- cirt war, wohnte er dem Feldzuge von 1806 gegen Frankreich bei. Im. I. 1809 wurde er als Capitain in den Generalstab versetzt und gegen Ende des I. I810erhielt er den Auftrag, Napoleon den Entwurf zur Befestigung von Torgau vorzulcgen. Als Generalstabsoffizicr vom Kaisernicht angenommen, kam er auf den Gedanken, sich als Jngenicuroffizicr melden , zu lassen, und fand nun sofort Annahme. Mit großer Umsicht und Offenheit begegnete er I den Einwürfen des Kaisers, der im Wesentlichen den ihm vorgelegten Entwurf genehmigte. Jm J. 1811 zum Major im Generalstabe befördert, machte er im folgenden Jahre den ! Feldzug gegen Rußland mit und wurde 1813 zum Oberstlieutenant und Chef des Generalstabes der Festung Torgau ernannt. Als solcher nahm er, nach erfolgter Wicderbesetzung dieser Festung durch die Franzosen, seine Entlassung aus dem sächs. Dienste und trat als Obcrst- lieutenant in den russ. Generalstab. Im Feldzuge von 18 l 3 führte er mehre kühne Unternehmungen mit einer Kosackenabtheilung in der Oberlausitz aus und wohnte dann den ! Schlachten von Bautzen und Leipzig bei. Bei der Reorganisation der sächs. Truppen ward er Oberquartiermeister, später Chef des Gencralstabs beim dritten deutschen Armeecorps, , und 1814 zum Oberst befördert. Nachdem er 1815 den erbetenen Abschied aus dem russ. Dienste erhalten, trat er als Oberst in das preuß. Jngenieurcorps, diente in dem Feldzüge in Frankreich als Chef des Generalstabs beim zweiten preuß. Armcecorps und war in den Schlachten bei Ligny und Bclle-Alliance, sowie bei den Belagerungen der Grenzfestungen 572 Asthenie Ästhetik Maubeuge, Landrecy, Philippcville, Rocroy und Eivet. Noch in demselben Jahre ward er zum Generalmajor befördert und erhielt seine jetzige Bestimmung. Hier eröffnete sich sei- ncr Thätigkeit ein weites Feld, indem er vielfache Gelegenheit fand, seine gesammelten Kennt- nisse in Anwendung zu bringen undmitseinemscharfen Verstände die ausgedehntenBefesti- gungsanlagcn in den seiner Aufsicht anvertrauten Festungen zu leiten. A. war ganz der Mann, der die Fähigkeit und den Willen besaß, die in der Idee längst vorbereiteten Verbisse- rungen in der Befestigungskunst, denen auch die preuß. Negierung huldigte, ins Leben zu rufen. Koblenz und Ehrenbrcitstein wurden unter seiner Leitung befestigt und seine Leistungen in dieser Beziehung durch wiederholte Auszeichnungen gewürdigt. Wellington selbst erklärte Ehrenbreitstein für unbezwinglich. Unter Beibehaltung seiner Stelle als Jngenieur- inspccteur, wardA. 1825 zum Festuugscommandanten von Koblenz und Ehrenbreitstein ernannt, 1827 Generallieutcnant, 1837 Mitglied des Staatsraths und 1812 General. Er ist einer der gelehrtesten Offiziere und ein ausgezeichneter Mathematiker; er hat das gesammte Gebiet der deutschen, franz., ital. und engl. Militairliteratur gründlich studirt, widmete sich aber vorzugsweise den Ingenieur- und Generalstabswissenschastcn, für welche er auch ansehnliche Sammlungen besitzt. — Sein Bruder, Karl Heinr. A., Artillerie-Oberst (seit 181 l)ln königlich sächs. Diensten, einsehr verdienter Offizier, geb. zu Dresden am 1. Febr. 1782, hat sich als militairischer Schriftsteller einen bedeutenden Namen erworben durch die in mehre Sprachen übersetzte und in Preußen als Lehrbuch eingcführte „Lehre vom Festungskriege" (2 Bde., Dresd. 1812—19; Bd. I, 3.Aust., 1835) und „UnterrichtfürPionnier-, Sapeur-, Artillerie- und Mineurunteroffiziere in den sie betreffenden technischen Arbeiten beim Festungskriegc" (3 Hefte, Dresd. 1837—11). Für die Kriegsgeschichte aber dürste die von ihm 1813 angekündigte „Schilderung der Kriegscreignisse vor und in Dresden im I. 1813" (Dresd.) eine bedeutende Bereicherung werden, da der Verfasser seit vielen Jahren zu diesem Zwecke die genauesten Forschungen angcstcllt hat. — Ein dritter Bruder Friedr. ErnstA., geb. in Dresden 1786, ist königlich sächs. Oberst und Abtheilungschcf im Kriegsministcrium; der vierte Adolf Wilh. A., geb. 1793, ebenfalls in königlich sächs. Diensten, Major bei der Linie. Asthenie kam durch Brown's Lehrsätze in der Medicin in Gebrauch und bezeichnet überhaupt bei ihm Schwäche der Erregung. Sie entsteht entweder, indem die Erregbarkeit des thierischen Körpers durch die auf sie zu schwach wirkenden Reize zu wenig in Thätigkeit gesetzt wird (directe Asthenie), oder indem durch vorhergcgangene zu starke Reize die Erregbarkeit vermindert worden ist(indirecte Asthenie). Asthenisch heißt demnach überhaupt schwach, kraftlos. Jetzt gebraucht man das Wort in der Medicin, um Schwächezuständc des Gefäßsystems zu bezeichnen und sprichtvon asthenischenFiebern, Entzündungen u.s. w. Ästhetik wurde, obwol schon die Alten den Begriff und die Bedeutung der Schönheit wissenschaftlichen Untersuchungen unterworfen hatten (vgl. Ed. Müller's „Geschichte der Theorie der Kunst bei den Alten", 2 Bde., Bresl. 1831—37), erst in der neuern Zeit die Wissenschaft von dem Schönen und seinen mannichfaltigen Darstellungsarten genannt, welche den Zweck hat, die Veurtheilnng des Schönen auf ein Vernunftprincip zurückzuführcn. Als durch Ehr. Wolf's Bestrebungen, die Philosophie in ein System zu bringen, eine Übersicht des Ganzen der Philosophie und ihrer Theile nothwendig geworden war, fühlte man sich insbesondere seranlaßt, auch eine Theorie des Schönen und mit ihr gewisse allgemcingültige Gesetze zur Bildung und Veurtheilung desselben aufzusteLen, welche auf dem Wesen der „schönen Erkenntniß selbst", bei welchem Ausdrucke man aber das Gefühlsvcrmögcn und die sinnliche Erkcnntniß verwechselte, beruhen sollte. Zu dieser Theorie legte Baum garten (s. d.), ein Schüler Wolfs, den ersten Grund. Der Standpunkt, von welchem man dabei ausging, war ein subjcctiver,d.h. man betrachtete das Schönezunächst nach seiner Wirkung aufEmpfindung und Gefühl, oder von Seiten der Fähigkeiten und Organe, mit welchen man dasselbe auffaßte. Da diese Betrachtung eine allgemeine Theorie des Empfindungsvermögens voraussetzte, so nannte man diese Wissenschaft Ästhetik, weil wovon jener Name hcrkommt, Empfindung, Gefühl, sinnliche Vorstellung und die sie begründenden Vermögen bezeichnet, welche nach den noch unausgebildetcn psychologischen Ansichten der damaligen Zeit auch mit dem Namen niederes oder sinnliches Erkenntnißvermögen umsaßt und voneinander wenig unter- rr i- t- i- er 'e- >u i> r- r- r- tt te ch n- :it >r. äe en fte m h' >er stf l hs- icl eit eit Pt -es eit sollen äs >e- cn i he M ar >'g te. s° m- he k M :r- Ästhetik 573 schieden wurden. Baumgarten kam durch Behandlung und Betrachtung des Empfindungsvermögens auf das Schöne und meinte die Gesetze dieser sinnlich erkannten Vollkommenheit (die ästhetischen Gesetze) aus dem Begriffe aller Vollkommenheiten ablciten zu können. Was er aber als solche Wissenschaft in seinen Vorträgen und Schriften aufstellte, enthielt mehr praktische Regeln über Erfindung und Beurtheilung, Anordnung und Ausdruck des Schönen in der Kunst, vorzüglich der Dicht- und Redekunst, als eine Untersuchung über das Wesen der Schönheit überhaupt. Das Princip der sinnlichen Vollkommenheit, welches Baumgarten aufstellte, wurde von seinen Nachfolgern weiter ausgebildet, indem man die Natur des Empfindungsvermögens genauer untersuchte und bald auf physiologischem und psychologischem Wege, welcher durch Locke's Sensualsystem und anderer Engländer, z. B- Vurke's, Untersuchungen sehr gangbar geworden war, die Natur ästhetischer Empfindungen erforschte, bald, vorzüglich durch Batteux, .du Bos und anderer Franzosen Beispiel geleitet, eine Theorie der Künste unter diesem Namen aufzustellen versuchte, welche jedoch meist sehr schwankend ausfiel, und auf einen zu engen Gesichtskreis beschränkt blieb. Kant, der das ganze Gebiet der philosophischen Wissenschaft feiner Beurtheilung unterwarf und nach der Möglichkeit einer philosophischen Erkenntniß, welche über die Erfahrung hinausgehe, fragte, unterschied zwar genauer sinnliche Erkenntniß und Gefühl; aber er betrachtete das Schöne immer noch blos in seiner Wirkung auf das Gefühl; wenn ihm nun, nachdem er dem Vorstellungsvermögen und dem Begehrungsvermögen ihre besondern Theorien angewiesen hatte, das Gefühlsvermögen übrig blieb, auf welches das Schöne mit der Voraussetzung bezogen wurve, daß es nur durch das Gefühl wahrgenommen werden könne, so ist cs begreiflich, wie er früher eine solche Wissenschaft für eine unmögliche halten und selbst den Namen derselben verwerfen konnte, da die Beurtheilung des Schönen, d. h. Dessen, was schön ist, ist nachjenen Voraussetzungen empirisch und subjectiv. Allein theils wurde schon von den bedeutendsten seiner Schüler, z. B. dem um die Ästhetik verdienten Heydenreich (s. d), entgegnet, daß auch die Geschmacks- urtheilc, oder das ästhetischeWohlgefallen überhaupt von gewissen ursprünglichen Bedingungen des Gemüths abhängig sein müssen, welche dann, zur Wissenschaft erhoben, eineGcschmacks- lehre werden und, sofern sie die Gegenstände nach ihrer Beziehung auf Lust oder Unlust, oder als Gegenstände eines allgemeinen und nothwendigen Wohlgefallens insbesondere betrachte, füglich Ästhetik genannt werden könnte; theils hat auch Kant in seiner später erschienenen „Kritik der Urtheilskraft" die Grundzüge zu einer solchen Geschniackslehre oder Kritik der ästhetischen Urtheilskraft (des Geschmacks) wirklich aufgestellt, in der er die Gesetze aufsuchen wollte, nach welchen der Verstand bei der Beurtheilung Dessen verfahre, was durch sich selbst gefällt. Die Ansicht Kant's wurde von mehren denkenden Männern seiner Schule ausgebildet und als eine Wissenschaft von den Gründen des ästhetischen Wohlgefallens dargestellt; selbst auf Schiller machten die Kant'schen Ansichten großen Eindruck, und er beschäftigte sich sehr eifrig mit ihrer Verarbeitung. Aber gegen diese der Kunst wenig zusagende Ansicht, namentlich gegen diese formale Bestimmung der Schönheit, als der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes ohne Vorstellung eines Zweckes, sträubte sich der wachsende Kunstsinn und die lebendigere Anschauung des Schönen, welche Kant zu fehlen schien. Umso dringender wurde bei täglicher Erweiterung des Kunstgebiets durch die Werke großer Zeitgenossen und bei erhöhtem Interesse für die Kunst das Bedürfniß einer unbeschränktem Untersuchung über das Wesen des Schönen und über die Bedingungen, unter welchen es sich dem menschlichen Geiste darstellt. Goethe, Schiller, Herder, Winckelmann, Klopstock, Lessing, Moritz und Heinse wirkten theils durch die geistvollen Ergebnisse ihrer Dichterkraft, theils durch mitgetheilte Ansichten, Bcurtheilungen und freie Behandlung mehrer der Kunst angehörigen Gegenstände, Schclling überhaupt durch eine Philosophie, welche, von dem Absoluten ausgehend, dasselbe auch in der Schönheit und im Geiste des Künstlers in eigenthümlicher Gestaltung wicderfindet, zu einer umfassenden und lebendigen Ansicht der SchönheitundKunst. Zu demselben Zwecke wirkten, wicwol mehr auf polemischem und kritischem als auf dem systematischen Wege, A. W. und Fr. Schlegel, wenn auch im Kampfe die Grenze der Wahrheit oft überschreitend, zu einer freiem, lebendigem und umfassendem Anschauung des Schönen in der Kunst. Der von Schelling eingcschlagenen Richtung, nach welcher die Aufgabe der Ästhetik darin besteht, das mannichfaltige Schöne namentlich in den verschiedenen Künsten >71 Ästhetisch als Darstellung der einen Idee des Schönen systematisch zu entwickeln, schlossen sich neben viele» Andern besonders Ast, So lger (s. d.), Trahndorff in der „Ästhetik oder Lehre von der Weltanschauung und der Kunst" (2 Bde., Berl. 1827) und Lommatzsch, „Die Wissenschaft des Ideals oder die Lehre vom Schönen" (Berl. 1835) an. Auch dieHcgel'sche Philosophie betrachtet das Schöne als eine Darstellung des Absoluten und zwar als diejenige, welche nur die Religion und die Philosophie noch über sich habe. Die eigene AsthetikHcgel's ist erst nach dessen Tode von Hotho (3 Abth., Berl. 1835) herausgegeben worden und zeichnete sich wesentlich durch den großen Ncichthum des in ihr verarbeiteten Stoffs fafi vor allen übrigen Darstellungen dieser Wissenschaftaus. Unter dem Einflüsse der Hegel'schcn Philosophie steht auch, unbeschadet der selbständigen Eigenthümlichkeit des Verfassers, „Die Ästhetik" von C.H. Weiße (2 Bde., Lpz. 1830). Als eine Darstellung derselben, die sich zu den jetzt herrschenden Ansichten verhält, wie Eberhard's „Ästhetische Briefe" zu den früher gcl> tcnden, kann W.E.Weber's „Ästhetik aus dem Gesichtspunkte gebildeter Freunde des Schönen" (2 Abth., Darmst. 1834—36) genanntwerden. Ohne großen Aufwand philosophischer Untersuchungen sucht dem Bedürfniß augenblicklicher Belehrung abzuhelfen Jcitteles' „Ästhet!- sches Lerikon"(Wien 1835), wie früher Sulzcr's „Theorie der schönen Künste", ebenfalls in .cxikalischer Form gethan hatte. Geistreiche Monographien über einzelne Hauptfragen der Ästhetik sindRuge's „Neue Vorschule der Ästhetik" (HalleI837), von der der Titel dcrtreff- lichen „Vorschule der Ästhetik" JeanPaul's nachgcbildet ist, und Vischer's Schrift „Über das Erhabene und Komische" (Stuttg. 1837). Noch andere gründliche Untersuchungen sind in neuerer Zeit, namentlich bei Erörterung einzelner Punkte der Kunstgeschichte, zu Tage gefördert worden. Beiweitem mehr, als man gewöhnlich zu glauben scheint, würde sich von den durch olle diese Untersuchungen in das Wesen der Künste gewonnenen Einsichten die Hcr- bart'sche Philosophie aneignen können, obgleich sie das Wesen des Schönen weder, wie die altern Schulen, psychologisch in gewissen Gcmüthszuständcn, noch metaphysisch, im Absoluten und dessen Manifestationen sucht. Herbark geht davon aus, daß es für die Ästhetik zunächst lediglich darauf ankomme, bestimmt und deutlich nachzuweisen, was als schön einer unbedingten Beifall aufsich zieht. Für die Bestimmung Dessen nun, was schön ist, dient ihm der Sah zum Leitfaden, daß das Schöne nirgend als vereinzeltes Element, sondern immer als Glied eines Verhältnisses sich darstcllt. Wie vielfach diese möglichen Verhältnisse, ja die Nassen dieser Verhältnisse, z. V. für das musikalisch, das plastisch, das poetisch Schöne u. s w., sind, so vielfach sind die Elemente des Schönen, deren Verbindung zu großer!» Ganzen erst zu dem Begriffe des Kunstwerks führt, bei dessen Auffassung das Schöne aus vielen Quellen zugleich auf uns einströmt und uns in jene Begeisterung versetzt, die die vereinzelten Elemente des Schönen niemals Hervorbringen können. In Folge dessen hält es Herbart für eine ganz leere, für die gründliche Untersuchung des Schönen unnütze Äbstraction, wenn man den allgemeinen Begriff des Schönen, der angeblich einen Idee desselben, dieFest- stellungDesscn, was zunächst in seiner Art auf reines ästhetisches Wohlgefallen Änspruch macht, nachsctzt. Indessen hat Hcrbart selbst vielmehr nur die Aufgabe der Ästhetik ausgesprochen, als ihr besondere Untersuchungen gewidmet, und was einige seiner Anhänger, z. B. Griepen- kerl sowie Bobrik in den „Freien Vorträgen über Ästhetik" (Zür. 1834) in dieser Beziehung versucht haben, entfernt sich zu sehr von den Anfoderungen, die Herbart von der Ästhetik erfüllt wissen wollte, als daß es als ein angemessener Ausdruck Dessen, was in dieser Richtung der Philosophie in Beziehung auf die Ästhetik liegt, angesehen werden könnte. Ästhetisch in weitester Bedeutung heißt Alles, was in Beziehung auf das Gefühl der Lust und Unlust steht oder zunächst in dieser subjektiven Beziehung betrachtet wird, ferner was dieses Gefühl, namentlich das Gefühl der Lust, durch innere oder äußere Anschauung entweder erweckt (ästhetischer Gegenstand, ästhetische Anschauung); daher redet man auch von einer ästhetischen Deutlichkeit, im Gegensätze der logischen, d. i. von der Deutlichkeit, welche durch anschauliche Darstellung erlangt oder durch das Gefühl bestimmt wird, von einem ästhetischen Urtheil und von ästhetischer Urtheilskraft und Geschmack im weitern Sinne. In der engern Bedeutung ist ästhetisch zunächst, was unabhängig von alle» andern Beziehungen, d. h. unbedingt und absolut in der begierdeloscn Auffassung, gefällt, oder das Schöne in weiterer Bedeutung nach Kant's Bestimmung, der Gegenstand eines l Asthma Astorga 575 reinen unintcressirtcn Wohlgefallens. In dieser Bedeutung redet man auch von ästhetischen Gefühlen, d. i. solchen Gefühlen, welche nicht durch den Stoff, d. i. das Materielle, oder durch den Begriff vom Nutzen der Dinge, sondern blos durch die angeschaute, in sich vollendete Form eines Gegenstandes erregt sind. Ferner versteht man unter ästhetisch, was durch ein Gefühl dieser Art bestimmt und von demselben abhängig ist, daher ästhetisches Wohlgefallen, ästhetisches Urthcil, ästhetische Urtheilskraft, d. i. Geschmack im engern Sinne; endlich, was zu dem Kreise der Ästhetik gehört, oder von ihr, als Wissenschaft des Schönen, abhängig ist und auf ihre Grundsätze wenigstens zurückgeführt werden sollte. Nach dieser Bedeutung haben allerdings die Ausdrücke ästhetisches Urtheil, ästhetische Beurthcilung, ästhetische Necension und ästhetische Kritik einen höher» Sinn, als Viele meinen. Asthma bezeichnet imAllgemeinendenZustand des schweren Athmens, insbesondere aber die krampfhafte Engbrüstigkeit oder den Brustkrampf, wo der Kranke plötzlich, besonders des Nachts, von Erstickungsgefahr befallen wird. Obgleich der Kranke mit der größten Anstrengung, wobei Gesicht und Hals anschwellen, möglichst viel Luft einzuziehen sucht, kann er es doch nur zu kurzen, oberflächlichen Äthemzügen bringen, wobei das Ausathmen von einem schnarchenden, pfeifenden Ton begleitet ist, wozu sich bald ein trockener, quälender Husten gesellt, der die Äthmungsnoth noch mehr erhöht. Gegen Ende des Anfalls wird der Husten feucht, die Krampferscheinungen lassen nach, und meist fällt der Kranke in einen erquickenden Schlaf. Selten ist die Krankheit mit einem Anfall beendet, meist kehrt sie in unbestimmten Zwischenräumen wieder, die dann nach und nach sehr nahe aneinander rücken und gewöhnlich materielle Veränderungen in der Respirationsschleimhaut, besonders chronische Entzündung mit verstärkter Absonderung Hervorrufen. Äls rein nervöses Übel befallt die Krankheit Kinder und Greise; bei jenen ist sie alsMillar' sches Asthma bekannt und geht leicht in Croup über. Erwachsene werden davon befallen, wenn ihr Geschäft sie zwingt, sich lange und anhaltend in einer mit Staub erfüllten Atmosphäre aufzuhalten, so Müller, Steinmetze, Kalkbrenner, Gypsarbeiter, Glasschleifer und Bergleute. Oft gesellt es sich aber symptomatisch zu Herz-und Lungenkrankheiten und wird zuweilen durch Metastasen von Gicht, Hämorrhoiden und chronischen Ausschlägen erregt. Bei Greisen stellt es sich in Folge gehemmter Urinse- und Excretion ein (^. urinosuw). Die Krankheit ist mehr qualvoll als gefährlich, wird dies aber durch die Folgekrankheiten, oder diejenigen, zu denen sie sich symptomatisch gesellt. Während des Anfalls suche man dem Kranken reine Luft im Zimmer zu verschaffen und durch Einreibungen erwärmter Öle in Brust und Hals den Krampf zu mäßigen, lege ihm Senfpflaster in die Handflächen, mache Hand- und Fußbäder, auch wol Klystire von Baldrian und Kamillen mit Zusatz von loeticku. Nach dem Anfälle ist die Hauptsache eine sorgfältige Diät, welche Alles vermeidet, was die Anfälle Hervorrufen könnte. Die innere Behandlung ist äußerst schwierig und eine radicale Heilung gelingt bei altern Personen j selten, bei Kindern dagegen fast immer, wenn sie zeitig vorgenommen wird. Vgl. Hoffbauer, „Über die Erkenntniß und Cur des Brustkrampfeß Erwachsener"(Lpz. 1828) und Ramadgc, „Das Asthma", aus dem Englischen von Nuoff(Stuttg. 1838). Astorga (Emanuelc d'), ein durch seine Schicksale nicht minder denn als Kirchen- componist berühmter Mann, wurde um 1680 in Sicilien geboren als der Sohn eines an- ^ gesehenen Neichsbarons, der im Kampfe gegen die Vereinigung der Insel mit Spanien von seinen Söldnern ausgeliefert und 1701 öffentlich hingerichtet ward. Mit seiner Mutter gezwungen, der schmählichen Hinrichtung des Vaters beizuwohnen, verfiel er in einen Zustand dumpfer Bewußtlosigkeit, während jene vor Entsetzen starb. Durch die Fürsprache der Prinzessin Ursini, der Obcrhofmeisterin der Gemahlin Philipp's V., kam er in ein Kloster . zu Astorga in Leon, nach welcher Stadt er sich spater nannte. Hier ward er in der Musik gebildet, die damals, namentlich in Italien in der Blüte stand und überall Nacheiferung erweckte. ! Nach einigen Jahren kam er an den Hof des Herzogs von Parma, der ihn seiner musikalischen Talente wegen sehr hoch achtete, ihn jedoch wegen eines Verhältnisses zu seiner Tochter, ! welches er, aber ohne Grund, muthmaßte, sehr bald von seinem Hose entfernte und an , den Kaiser Leopold empfahl. Nach dem Tode Lcopold's durchreiste er, unterstützt vom span. Hofe, fast alle gebildete Länder Europas. Zuletzt finden wir ihn in Prag, und man nimmt an, daß er sich in Böhmen in ein Kloster begeben und daselbst gestorben sei. Sein Asträa Astrognofie Hauptwerk ist die Meistercomposition des Stadst matsr, dessen Original in Oxford aufbe- wahrt wird. Außerdem schrieb er eine Oper „Daphne", die 1726 in Prag aufgeführt wurde; auch wird ihm ein Requiem zugeschrieben. Asträa, des Zeus und der Themis, nach Andern des Asträus und der Hemera oder Aurora Tochter, die Göttin der Gerechtigkeit, deshalb auch Dike genannt, war die letzte aller Göttinnen, die im ehernen Zeitalter, als die Menschen Waffen schmiedeten und Gewalttha- ten verübten, die Erde, auf welcher sie bis dahin gewohnt hatte, verließ. Seit ihrer Rück- kehr nach dem Himmel glanzt sie unter dem Namen der Jungfrau als Sternbild im Thier- kreise des Himmels. Die bildende Kunst stellt sie gewöhnlich mit einer Wage in der Hand und mit einem Sternenkranze um das Haupt dar. Asträus, der Sohn des Titanen Krius und der Eurybia, zeugte mit Aurora die Winde Zephyrus, Boreas, Notus, dcn Hesperus und die übrigen Sterne. Nach Später» soll A. den Jupiter mit bekriegt haben und dafür in den Tartarus verstoßen worden sein. Astrachan, ein großes tatar. Königreich bis zum 1.155 4, dann von Iwan Wasiljewitsch unter ruff. Herrschaft gebracht und mit Kaukasien zu einer Statthalterschaft vereinigt, bildet gegenwärtig eines der südöstlichsten Gouvernements des ruff. Reichs in Europa, in der Größe Von2820 mM. mit285500 E.,das im Süden vom Kaspischen Meere und Kaukasien, westlich vom Lande der dorischen Kosacken, im Norden vom Gouvernement Saratow und östlich von Orenburg begrenzt wird. Das Gouvernement liegt ganz im Bereiche der salzigen und sumpfigen Tiefsteppen des Kaspischen Meers, schon unter dem Einflüsse eines kontinentalen asiat. Klimas im Extreme strenger Winter und heißer Sommer, durchflrömt von der untern Wolga mit ihren Neben- und Mündungsarmen und bewohnt von Kalmücken und Kirghisen neben den Russen und vielen zum Theil nur zeitweilig im Interesse des Handels hier lebenden Fremden vieler Nationen. — Die Hauptstadt Astrachan auf der Wolgainsel Seitza, sechs Meilen vom Einfluß der Wolga in das Kaspische Meer, ist der Sitz eines griech. Erzbischofs und eines armen. Bischofs, hat 37 griech. und zwei röm.-katholische, eine protestantische, zwei armen. Kirchen, 15 Medscheds, einen ind. Tempel, ein Gymnasium, ein Priesterseminar, einen botanische» Garten und viele Fabriken. Ihr Umfang beträgt mit den Vorstädten eine Meile; sie zählt mit den Armeniern, Tataren, Persern und Hindus 35700 E. ohne die 20—25000 Fremden. Die Häuser sind von Holz, schlecht und unbequem. Die Umgegend ist mit Gärten und Weinbergen bedeckt. Wichtig ist vorzüglich in der Wolga der Fang der Störe,welche gesalzen durch fast ganz Rußland versendet werden, die Kaviarbereitung und der Seehunds- und Hausenfang. Vom Juli bis Ott. wird die Gegend häufig durch Heuschreckenschwärme heimgesucht. Sonst handelte A. nach Khiwa und Bokhara; jetzt beschränkt sich der Handel auf Persien und das Innere Rußlands, ist aber nicht unbedeutend. Ausgeführt werden Leder, Leinwand, Wollenzeug und andere curop. Waaren; dagegen von Persien eingeführt goldgcwirkte seidene Binden und Zeuge, Stoffe von Seide und Baumwolle, Reis, Baumwolle, Rhabarber und einige andere Apotheker- und Spezerciwaaren, vornehmlich aber rohe Seide. Astralgeister heißen die aus Luft und Feuer zusammengesetzten Geister. Solche glaubte man überall wahrzunehmen; in sie gingen nach Einiger Meinung die Seelen der Gestorbenen über und erhielten dadurch die Macht, wieder nach der Erde zurückzukehrcn. Paracelsus und Andere behaupteten sogar, daß der Mensch aus Seele, Leib und Astralgeist bestehe, und daß der letztere einige Zeit nach dem Tode in Lust und Feuer sich auflöse. Astrognöste heißt Kenntniß der Sternbilder und der dazugehörigen einzelnen Sterne. Das beste Mittel, die Gestirne des Himmels kennen zu lernen, ist ein Himmelsglobus. Zu diesem Zwecke muß aber der Globus zuerst orientirt,. d. h gehörig gestellt werden. Dieses Orientiren besteht darin: l) Man dreht den Globus stammt seinem Gestelle so, daß der Meridian (der messingene Kreis, welcher durch die beiden Pole geht) in der Richtung von Süd nach Nord zu liegen kommt, wozu man sich entweder einer Magnetnadel bedient, oder auch, da hier keine große Genauigkeit gefodert wird, nach der wenigstens ungefähr bekannten Lage des Nord- oder Südpunktes richtet. 2) Man stellt den Globus auf die Polhöhe feines Orts, d. h. mandreht die Kugel in ihrem Gestelle mit dem Pole auf- oder abwärts, bis der sichtbare Pol, also in Europa der Nordpol, ebenso hoch über dem Horizonte, dem horizontalen Ringe des Gestells, steht, als die geographische Breite des Orts beträgt, z. V- für Leipzig Astrolabium 577 auf 51° 20^. 3) Man bringt den Ort der Sonne, wo sie sich an dem Tage, für welchen der Globus orientirt wird, gerade befindet, unter den Meridian und stellt den Zeiger der Stundenschcibe auf 12 Uhr. Diesen Ort der Sonne findet man für jeden Monatstag auf dem Horizonte des Gestells bemerkt, so z. B. für den 17. Dec. den 25. Grad des Schützen, die Länge der Sonne gleich 8Zeichen 25 Grad. Man sucht daher auf dem Globusin der Linie der Ekliptik das Zeichen des Schützen und in diesem Zeichen den 25. Grad, und bringt diesen Punkt der Ekliptik unter den messingenen Meridian, während man den Zeiger der Stundenscheibe auf 12 Uhr stellt. Auf diese Weise ist der Globus orientirt, d. h. er stellt genau die Lage des Himmels und aller seiner Sternbilder so dar, wie er an diesem Tage zu Mittage in dem Beobachtungsorte in der That erscheint oder er- scheinen würde, wenn man um Mittag die Gestirne sehen könnte. Will man daher auf dem Globus die Lage des Himmels für irgend eine nächtliche Stunde dieses Tages haben, z. B. für 10 Uhr Abends, so dreht man die Kugel um ihre Achse so lange von Ost gegen Wesch bis der Zeiger der Stundenscheibe, der erst auf 12 Uhr stand, 10 Stunden durchlaufen hat und auf 10 Uhr steht. In dieser Lage wird der Globus als ein getreues Bild des Himmels anzusehen sein. Freilich muß man sich bei dem Gebrauch einer künstlichen Himmelskugel i>w. mer erst daran gewöhnen, sich in den Mittelpunkt der Kugel zu versetzen, um das auf der Oberfläche derselben Dargestellte demgemäß am Himmel aufzusuchen; außerdem würde man großen Jrrthümern ausgesctzt sein, weil der Natur der Sache nach am Himmel Dasjenige rechts erscheint, was auf der Oberfläche des Globus, von außen her gesehen, links zu sehen ist, und umgekehrt. Viele ziehen daher der Himmelskugel die Sternkarten vor, mittels deren es, wenn man nur erst einige Fststerne kennt, leicht ist, sich am Himmel zu orientiren und eine Kcnnt- niß der Sternbilder und wichtigsten Sterne zu erlangen. Bode's kleinere Karten sind zu diesem Zwecke sehr zu empfehlen. Eine für den Unterricht in der Astrognosie sehr zweckmäßige Methode ist die der Allignements, bei welcher die Sterne in.Gedanken durch Linien verbunden und durch diese und ihre gerade Verlängerungen die Örter anderer Sterne bestimmt werden. Beschränkt man sich blos auf die größern Sterne, so kann man in wenigen Stunden einer Hellen Nacht den ganzen sichtbaren Theil des Himmels kennen lernen. Außerdem suche man sich vor Allem die Sternbilder des Thierkreises einzuprägcn, weil dieselben in der Astronomie und physischen Geographie fortwährend Anwendung finden. Vgl. Bode, „Anleitung zur Kenntniß des gestirnten Himmels" (9. Aust., mit einer Himmelskarte und transparentem Horizont, Berl. 1823) und Westphal, „Astrognosie" (Berl. 1822). Astrolabium, Planisphärium, Analemma oder Winkelmesser ist ein Instrument, um Winkel nach Graden, Minuten und zuweilen auch nach Secunden zu messen. Früher bestand das Astrolabium, auch astronomischer Nin g genannt, aus einem in einzelne Grade eingetheilten Ringe, der an einem kleinern Ringe aufgehängt eine vertikale Lage einnahm und mittels eines Lineals (Alhidade) mit Absehen zum Höhenmessen ge- braucht wurde. Jetzt besteht das Astrolabium gemeiniglich aus einer^horizontalen Mctall- scheibe, die einen Halbkreis bildet und auf ihren» äußersten Umfange >enc Eintheilung hat. Durch eine besondere Vorrichtung (Nonius oder Vernier, früher durch Transversalen) kann die genaueste Schärfe in dem Abnehmen der Winkel erreicht werden. Auf jener Scheibe sind zwei Absehlineale (Diopterlineale), gewöhnlich mit zwischenlicgcnden Fcrnröhren, angebracht ; eines derselben steht in der Richtung des den Halbkreis begrenzenden Durchmessers fest; das andere bewegt sich um den Mittelpunkt des Instruments. Indem man von dem Scheitelpunkte eines Winkels aus nach zwei in den Richtungen seiner Schenkel befindlichen festen Punkten visirt, wird auf der Scheibe des Instruments ein Bogen abgeschnitten, welcher das Maß des Winkels ist. In der neuern Astronomie bedient man sich dieses Werkzeugs nicht mehr, da man jetzt die viel bessern Theo doli then (s. d.) hat; wol aber in der ange- wandten Geometrie. Die Erfindung, das Astrolabium bei der Schiffahrt anzuwcnden, machten die Ärzte Roderich und Joseph, sowie gleichzeitig Martin Behaim aus Nürnberg, als Johann II., König von Portugal, die Angabe eines Mittels wünschte, wodurch mau der Gefahr entginge, sich auf der See zu verirren; sie lehrten, wie man durch dasselbe auch ohne Magnetnadel aufder See wissen könne, in welcher Gegend inan sei. Auch in derMa- rinc ist das Astrolabium durch den viel genauer« Sextanten schon 'anast verdrängt. Conv.-Ler. Neunte Rufl. I. 37 578 Astrologie Astronomie Astrolögte oder Sterndeutekunst ist die trügerische Kunst, aus der Stellung der Gestirne künftige'Dinge, besonders das Schicksal der Menschen, vorherzusagen. Die Astrologie gehört zu den ältesten Arten des Aberglaubens und hat Jahrtausende hindurch den menschlichen Geist in Fesseln gehalten. Sie soll in Ägypten, nach Andern in Babylon oder in Chaldäa entstanden sein. Schon in den Büchern des Moses wird ihrer erwähnt. Bei den abergläubigen Römern, wo die Astrologen Chaldäer oder auch Mathematiker genannt wurden, spielten sie eine wichtige Nolle und behaupteten sich sehr lange, obschon sie öfter durch kaiserliche Verordnungen aus dem Reiche verwiesen wurden. Bei den Arabern und noch mehr im dunkeln Mittelalter feierte die Astrologie ihren Triumph; selbst aufgeklärte Fürsten und ausgezeichnete Gelehrte gaben sich ihr hin. Noch im l 7. Jahrh. wurde die Na- tivität gestellt, und daß der im Dreißigjährigen Kriege so berühmt gewordene Feldherr Wallenstein ein eifriger Anhänger der Astrologie war, kann nicht befremden, da selbst der große, scharfsinnige Kepler, dem die Astronomie so viel verdankt, sich von der Astrologie nicht ganz losreißen konnte und einen gewissen Zusammenhang zwischen den Stellungen der Planeten und den Eigenschaften der unter solchen geborenen Menschen nicht geradezu leugnete. In unfern Tagen ist endlich die Nichtigkeit der Astrologie allgemein anerkannt; doch fehlt cs nicht ganz an Rückfällen, wie Psassis „Astrologie" (Bamb. 1816) und „Der Stern der drei Weisen" (Bamb. 1821) zeigen. Für die Geschichte der Verirrungen des menschlichen Geistes bleibt die Astrologie immer höchst merkwürdig. Astronömie, Stern- oder Himmelskunde heißt die Lehre von den Weltkörpern und deren Bewegungen. Es ist ein unendlicher Unterschied zwischen der ersten gedankenlosen Betrachtung des Himmels und der allgemeinen Übersicht, mit welcher man das Weltgebäude übersieht. Dazu wurde die Vereinigung der vorzüglichsten Geister aller Zeiten und aller Nationen crfodert; man mußte viele Jahrhunderte hindurch Beobachtungen sammeln, siezweckmäßig untereinander verbinden, aus den bloßen Erscheinungen die wahren Bewegungen hervorsuchen und allmäligzu der Erkenntniß der Gesetze jener Bewegungen und von diesen Gesetzen endlich zu dem Princip der allgemeinen Gravitation sich erheben, um dadurch all' Phänomene des Himmels bis in ihre kleinsten Züge herab vollständig zu erklären. Man theilt diese Wissenschaft gewöhnlich in drei ihren Gegenständen nach verschiedene Abschnitte ein. 1) Die sphärische Astronomie beschäftigt sich blos mit den Erscheinungen des Himmels, wie sie unfern Sinnen sich darbieten, insofern wir alle Himmelskörper gleichsam an der inner« Fläche einer Kugel (Sphäre) erblicken. Hierher gehören also die Lehre von dem Auf- und Untergänge der Gestirne, von ihren Lagen gegen den Horizont, den Äquator und die Ekliptik, die Lehren von der wahren, Mittlern und Sternzeit; die allgemeinen Erscheinungen der Präcession, Nutation, Aberration, Parallaxe, Nefraction u. s.w. 2) Die theorische Astronomie sucht aus diesen äußern Erscheinungen die wahren Bewegungen darzustellen, welche denselben zu Grunde liegen. Hierher gehört demnach die Bewegung der Erde um ihre eigene Achse und um die Sonne, die elliptische Bewegung der Planeten und Kometen nebst den von Kepler entdeckten Gesetzen dieser Bewegungen; die Verwandlungen der heliocentrischen Orter de: Himmelskörper in geocentrische und umgekehrt, die Bestimmung der Elemente der Planeten- und Kometenbahnen aus Beobachtungen, die Berechnung der Finsternisse, Sternbedcckun- gen u.s.w. 3) Die physische Astronomie sucht die Ursache dieser Bewegungen in dem Gesetze der allgemeinen Schwere, welches sie in allen seinen Theilen entwickelt und auf die verschiedenen Erscheinungen des Himmels anwendet. Hierher gehört demnach die Theorie der elliptischen Bewegung der Planeten aus ihren ersten mechanischen Gründen, die Lehre von den gegenseitigen Störungen oder Perturbationen derselben, die Theorie der Bewegungen des Mondes und der übrigen Satelliten, die Lehre von den Ursachen der Präcession und Nutation u. s. w. Eine eigene Abtheilung dieser Wissenschaft, die von den Meisten zu einer der beiden erstgenannten gezählt wird, bildet die praktische Ästronomie, welche selbst wieder in die beobachtende und die rechnende zerfällt; jene enthält die Lehre von den verschiedenen Instrumenten, deren sich die Astronomen bedienen, von ihrer Einrichtung, Rectification und ihrem Gebrauche; diese lehrt die Art und Weise, wie man die Zeit, die geographische Länge und Breite, die Schiefe der Ekliptik, die Parallaxe der Himmelskörper, die Zeit der Rotation des Mondes und der Sonne aus Beobachtungen bestimmt und die letztere berechnet. Astronomie 579 Der Anfang der Geschichte der Astronomie ist in Dunkel gehüllt. Die Unterscheidung der Jahreszeiten, die Beschäftigung mit Ackerbau und Schiffahrt, der Wechsel der Gestalt des Mondes und seine Finsternisse, sowie der immer wiederkommende Auf- und Untergang der Gestirne sind die ältesten eigentlichen Beobachtungen, welche wir in den Annalen der Vorzeit antreffen. Die Wahrnehmung der täglichen und jährlichen Änderungen des Schat- tens jedes freistehenden Baums mußte auf den Gebrauch des Gnomon leiten, dieses ersten und einfachsten astronomischen Instruments, welches schon in den frühesten Zeiten angewen- dct wurde, um dadurch die Abtheilungen des Tages, die Länge des Jahres und der Jahreszeiten, die Schiefe der Ekliptik und die Polhöhen der verschiedenen Beobachtungsorte kennen ^ zu lernen. Eine genaue Bezeichnung der Epoche dieser ersten wissenschaftlichen Schritte ist unmöglich; doch läßt sich an dem hohen Alterthum derselben nicht zweifeln, da die Uin- laufszciten der Sonne, des Mondes und der Planeten, welche wir von den Völkern der Vorwelt erhalten haben und welche eine sehr lange Reihe aufmerksamer Beobachtungen voraussetzen, so genau sind, daß die neuesten und genauesten Beobachter nur sehr wenig ' an ihnen zu verbessern gefunden haben. Das älteste Volk, von dem wir einigermaßen zuverlässige astronomische Nachrichten aus jenen dunkeln Zeiten haben, sind die Chinesen, bei welchen die Sternkunde stets nicht blos als Wissenschaft, sondern auch zugleich als Neli- gions- und Staatsangelegenheit in hohem Ansehen stand. Zwar ist die älteste astronomische Beobachtung, die man zu besitzen glaubt, nämlich die in China angeblich angestellte ci- ^ ner Conjunction von fünf Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Merkur und Mond), welche > 2460 v. Ehr. stattgefunden haben soll, aller Wahrscheinlichkeit nach nur erdichtet, aber gewiß scheint zu sein, daß unter dem Kaiser Uao, um 2300 v. Ehr., die Astronomie in China bereits cultivirt wurde. Schon damals hatte man erkannt, daß das Sonnenjahr ziemlich genau 365'/, Tage enthält, und kannte die später von Meton in den griech. Kalender cinge- führte Periode von 19 Sonnenjahren, sowie auch die Woche von 7 Tagen. Auch bestand schon damals das astronomische Tribunal, das sich bis auf die neuesten Zeiten erhalten hat. Die älteste Nachricht, die wir von einer Sonnensinsterniß haben, ist vom I. 2155 v. Ehr.; sic soll den beiden Astronomen, die sie unrichtig berechnet hatten, das Leben gekostet haben; aber auch diese Nachricht ist wenig zuverlässig. Die ersten der Ästronomie nützlichen Beobachtungen sind von dem Kaiser Tschu-kong, der 1104—1098 V. Ehr. regierte; cssindSol- stitialbeobachtungen der Sonne an einem Gnomon angestellt in der Stadt Loyang, jetzt Honan-fu. Aus der Zeit 722 — 480 v. Ehr. verzeichnte Confucius eine Reihe von 36 Finsternissen. Als der Kaiser Tschi-Hoanti, von Andern Tsin-si-hoang genannt, um 230 v. Ehr. alle Bücher im Reiche verbrennen ließ, weil sie, wie er glaubte, die Kraft des Volks schwächten, mögen viele interessante Beobachtungen verloren gegangen sein. In spätem Zeiten wurde nebst andern Wissenschaften auch die Astronomie in China wieder cultivirt, und im Mittelalter zeichnete sich namentlich der Astronom Koschu-king, um 1280, aus, welcher bessere Instrumente einführte; aber eine hohe Stufe erreichte die Astronomie der Chinesen, welche sich von den Beobachtungen nicht zur Theorie erheben konnten, niemals. Auch dieInder machten schon in sehr frühen Zeiten bedeutende Fortschritte in der Astro- < nomie. Sie kannten die siderische Umlaufszeit der Sonne und des Mondes sehr genau, wußten die Finsternisse vorauszuberechnen und hatten ziemlich genaue Planetentafcln. Vgl. Stuhr, „Untersuchungen über die Ursprünglichkeit und Alterthümlichkeit der Sternkunde I unter den Chinesen und Indern und über den Einfluß der Griechen auf ihre Bildung" (Berl. ^ >831). Beiden Chaldäern und Ägyptern war die Astronomie das ausschließende Eigcnthum bestimmter Kasten, welche ihre Kenntnisse vor dem Volke gehcimhielten. Die ' Erstem rühmten sich, schon seit 1900 Jahren vor Alexander dem Großen, also seit mehr als 2200 v. Chr., astronomische Beobachtungen zu besitzen, doch führt Ptolcmäus keine frühern als die zwei Mondfinsternisse aus den I. 719 und 7 2 0 v. Chr. an. Sie kannten indeß die ! Periode der Wiederkehr der Sonnen- und Mondfinsternisse (von 223 Mondmonaten oder ^ 6585 Tagen), von ihnen Saros, in neuern Zeiten Halley'sche Periode genannt, welche sie ' nicht ohne eine lange Reihe von Beobachtungen hätten auffinden können, und scheinen wirklich di« ersten eigentlichen astronomischen Beobachtungen gesammelt zu haben, von welchen 37* 580 Astronomie uns noch mehre in dev Ptolemäus „Almagest" erhalten sind. Nicht so weit sind die Ägypter vorgedrungen, wovon die religiösen Einrichtungen die größte Schuld tragen, doch wissen wir wenig Gewisses über ihre astronomischen Kenntnisse und Beobachtungen. Ihnen schreibt man die Eintheilung des Jahres in 12 Monate von 30 Tagen zu. Die Geschichte unserer heutigen Astronomie beginnt eigentlich erst bei den Griechen, d/n Schülern der Ägypter, unter denen zuerst Thalcs, geb. 630v.Chr., sich durch seine in Ägypten erworbenen astronomischen Kenntnisse auszeichnete und sic unter andern durch Vor- hecsagung einer Sonnenstnsterniß (610 v. Ehr.) an den Tag legte, auch bereits lehrte, daß die Erde rund sei. Schon 13—13 Jahrhunderte». Ehr. scheinen die Griechen den Himmel in Sternbilder getheilt zu haben. Im Ganzen war die älteste Astronomie der Griechen mehr > eine metaphysische Natnrbetrachtung, die zu keinem Resultate führen konnte, weshalb auch ' Sokrates von aller weitern Beschäftigung mit der Astronomie als einer unnützen Arbeit ab- rieth. Von jener Art waren die Untersuchungen des Phcrecydes, Anaximander, Anaxime- ncs, Anaxagoras, Pythagoras (geb. 530 v. Ehr.), derindeß schon richtigere Begriffe gehabt zu haben scheint, namentlich über die doppelte Bewegung der Erde, des Philolaus, selbst die des Platon und Aristoteles. Die einzige aus jener Zeit der griech. Geschichte aus uns gekommene Beobachtung ist die deS Solstitiums imJ. 332 v. Ehr., angestellt von den Athenern Mcton und Eustemon, nach denen der Erstere sich durch den von ihm in den griech. Kalender eingeführtcn Cyklus von 19 Sonnenjahren, welche fast genau 235 Mondumläuse enthalten, berühmt gemacht hat. Etwa 100 Jahre später zeichnete sich Pytheas inMassilia (dem heutigen Marseille) aus, von dem wir eine Solstitialbercchnung des Gnomon haben, und > gleichzeitig schlug der Aihener Kalippus eine Verbesserung des Meton'schen Cyklus vor. Bedeutendere Fortschritte machte die Astronomie zur Zeit der Ptolemäer seit Gründung der alex- andrinischen Schule, deren Mitglieder den einzig richtigen Weg einschlugen, die Geheimnisse der Natur durch sorgfältige Beobachtungen zu erforschen. Unter diesen Beobachtern der alexandrinischen Schule sind namentlich folgende zu nennen: Aristyll und Timocharis, welche s um 290 v. Chr. ein vollständigeres Firsternverzeichniß anfertigten, Aristarch von SamoS, . der mehr als alle seine Vorgänger die Astronomie mit neuen Entdeckungen bereicherte, Era- ^ tosthenes, der sich durch seinen Versuch, die Größe der Erde zu bestimmen, berühmt machte, ! und vor Allen Hipparch (160—125 v. Chr.), der unter allen Astronomen des Alterthums den ersten Rang einnimmt und die genauesten Beobachtungen anstellte. Nach Hipparch zeichnete sich außer Posidonius aus Rhodus, der um 60 v. Chr. beobachtete und gleichfalls die Größe der Erde zu bestimmen suchte, nur noch Ptolemäus im 2. Jahrh. n. Chr. aus, der ein vollständiges System der Astronomie, den „Almagest", hinterlassen hat, welches Jahrhunderte hindurch als Hauptlehrbuch derselben diente und sich durch seine zwar unrichtige, aber gleichwol sinnreiche Erklärung der scheinbaren Bewegung der Sonne und der Planeten (das von ihm benannte Weltsystem) Ruhm erwarb. Die Römer haben in der Astronomie nur sehr wenig gcthan. Sie waren in dieser wie in so vielen andern Wissen- ^ schäften bloße Schüler und Nachbeter der Griechen. Was Sulpitius Gallus, Macrobius, Varro, Menelaus und Manilius geleistet, ist unbedeutend; besondere Erwähnung verdient aber Julius Cäsar, der sich um den röm. Kalender, den er in Verein mit dem griech. Astronomen SosigcneS verbesserte, ein großes Verdienst erworben hat. Nach dem Sturze des weström. Reichs versank Europa wieder auf eine Reihe von Jahrhunderten in die Nacht der Barbarei und Unwissenheit, und wir müssen uns, um die . Geschichte der Astronomie zu verfolgen, wieder nach Asien wenden, wodie Araber außer ! andern Wissenschaften namentlich auch die Astronomie cultivirten. Unter den thätigsten Beförderern derselben sind die Khalifen Almanzur, 753 — 775, der berühmte Harun ai Raschid, 786—809, und dessen Sohn Almamun, 813—833, zu nennen, von denen ^ der letzte selbst Beobachtungen anstellte, die Werke der Griechen übersetzen, die Schiefe der ^ Ekliptik uikd einen Erdgrad messen ließ u. s. w. Die ausgezeichnetsten arab. Astronomen ^ waren Alfargani (Alfraganus) um 850, Thabet den Korrah (Thebit) um 860, gest. 90l, ! Albatani (Albategnius) um 879, Ebn Zunis um 1003, Arsachel 1020, Alhazen 1106 Almanzur oder Almeon und Averrhoes (die vier Letzten in Spanien). Haben die Araber die Astronomie auch nicht erweitert, da sie sich zu viel mit der Astrologie beschäftigten unl Astronomie 561 zu sklavisch an Ptolemäus hingen, so haben sie gleichwol der Wissenschaft entschiedene Dienste geleistet, und ihr Verdienst dars keineswegs gering angeschlagen werden. Unter den Persern der neuern Zeiten, denn die Geschichte ihrer früher» Astronomie ist uns beinahe gänzlich unbekannt, zeichnete sich aus Omar-scheian gegen 1050, welcher einen verbesserten Kalender einführte, der sogar den Gregorianischen an Genauigkeit übertrifft, Na- sireddin um 1250, und Tamerlan's Enkel, Ulugh Beigh (1420—4»), der durch seinen Eifer für die Astronomie alle früher« Herrscher übertraf, selbst ein ausgezeichneter Beobachter war und 1437 die Schiefe der Ekliptik maß. Von der Astronomie der abendländischen Völker im Mittelalter ist wenig zu erzählen. Kaiser Friedrich 11., 1219—50, that Mehres für die Astronomie, wie für die Wissenschaft überhaupt. Noch mehr pflegte die Astronomie König Alfons X. von Castilien, 1252—82, welcher die nach ihm benannten Alfonsinischen Tafeln berechnen ließ, die erste bedeutende astronomische Arbeit der neuernZcit, die aber meist durch arab. Astronomen ausgeführt wurde. Noch sind aus dem 13. und 14.Jahrh. zu nennen Johann von Halifax, genannt Sacrobosco, gest. 1256, und Roger Baco, gest. 1294, beide Engländer, von denen der Letztere seiner Zeit weit vorauseilte. Im Ganzen sind die Leistungen jener Zeit höchst unbedeutend. Erst im 15. Jahrh. trat eine Reihe thätigcrer Astronomen auf, durch welche die Wissenschaft wesentlich gefördert wurde. Dahin gehören namentlich Purbach, gest. 1461, und dcffcnSchü- tcr Johannes Müller, von seinem Geburtsorte, Königsberg in Franken, gewöhnlich Rcgio- montanus genannt, gest. 1476, welche beide als Restauratoren der Astronomie in Europa zu betrachten sind. Der Letztere erwarb sich nicht nur durch Übersetzungen griech. Astronomen, sondern auch durch eigene Beobachtungen und Arbeiten große Verdienste, wurde jedoch weit übertroffcnvonKopcrnicus, ycst. 1543, dem Urheber unsers Weltsystems und Vater der neuern Astronomie, der die Lehre von der Bewegung der Erde zuerst durch klare und triftige Gründe bewies. Von seinen Anhängern und Schülern sind zu nennen Rhäticus, Apianus (Vater und Sohn), Landgraf Wilhelm l V. von Hessen-Kassel, ein sehr eifriger Freund und Beförderer der Astronomie, Rothmann, Byrgius u. s. w. Des Kopernicus Gegner, Tycho de Brahe, gest. 1601, stelltezwar irrige Meinungen über das Weltsystem auf, erwarb sich aber durch seinen Fleiß und die Genauigkeit seiner Beobachtungen, die alle frühem übertrafcn, großen Ruhm und hat eigentlich den Grund zur neuern praktischen Astronomie gelegt. In diese Periode fällt auch die Verbesserung unsers Kalenders, welche Papst Gregor XIII. mit Hülse des Astronomen Aloysius Lilius im I. 1582 zu Stande brachte. In der ersten Hälfte des 17. Jahrh. glänzte Kepler, gest. 1631, eine Zeit lang Tycho's Schüler und Gehülfe, dem wir die Gesetze der Planctcnbewegung verdanken, auf welche unsere ganze physische Astronomie gebaut ist. Um dieselbe Zeit machte Galilei, gest. 1642, mit Hülfe der kur; zuvor in Holland erfundenen Fernröhre wichtige Entdeckungen am Himmel und wurde zugleich durch Auffindung der Fallgesetze der Gründer der neuern Mechanik; außerdem erwarben sich Hevel, Dominico Cassini, Huyghens, Gassendi u. A. Verdienste. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. überragte der unsterbliche Newton, der das alle Bewegungen der Himmelskörper leitende Gesetz der Gravitation oder allgemeinen Schwere fand, und die von Kepler auf dem Wege der Erfahrung gefundenen Gesetze theoretisch begründete. Durch weitere Ausführung der von ihm aufgestellten Theorie machten sich in der folgenden Zeit vor Allen La- place („Mechanik des Himmls") und Gauß („Theorie der Bewegung der Himmelskörper") verdient, durch Beobachtungen und Entdeckungen am Himmel aber Flamstead, Hallcy, der zuerst eine Kometenbahn berechnete, Bradley, Tob. Mayer, Lalandc, Zach, Maskelync, W. Herschel, der 1781 den Planeten Uranus mit seinen Mmiden, Piazzi, der 1801 den Planeten Ceres, Olbers, der 1803 und 1807 die Planeten Pallas und Vesta, Harding, der 1804 die Juno entdeckte, Schröter, der die Oberfläche des Mondes genauer erforschte u.s. w. Die bedeutendsten Astronomen der neuesten Zeit endlich sind Arago, Airy, Argclander, Bcs- sel, Encke, Gruithuisen, Hansen, Herschel der Jüngere, Littrow, Mäkler, Santini, Schn- macher und Struvc. Zu bemerken ist noch, daß die Astronomie selbst in den untern Clas- sen von Zeit zu Zeit Verehrer gefunden hat, wie die Beispiele Arnold's (s. d.), Pall tsch's (s. d.), der mit Herschel dem älter« in Correspondenz stand, und des Sattlers Euler in Dresden beweisen, welche wenigstens in der beobachtenden Astronomie etwas leisteten. Die 582 Asturien vorzüglichsten Lehr- undHandbücherderAstronomicsind Biol's „'Limite ölementaired'ustrn- uomie" (2. Aust., 3 Bde., Par. 1810), Lalande's „Astronomie" (3. Aust-, 3 Bde., Par. 1793,4.), Schubert's „Astronomie" (3. Aufl.,Lpz. 1827), Delambre's „^strnomietlieor. et prat." (3 Bde., Par. I8>4, 4.), Woodhouse's „bilementar)-treatise on astronomie" (Lond. 1823), Brandcs's „Vorlesungen über die Astronomie" (2. Aust., Lpz. 1827), Lik- trow's „Theoretische und praktische Astronomie" (3 Bde., Wien 1821), Desselben „Vor- lesungen über Astronomie" (2 Bde., Wien 1830), Desselben „Wunder des Himmels" (3 Bde., 2. Aust., Stuttg. 1837), Piazzi's „Astronomie" (deutsch von Westphal, Berl. 1822) und Herschel's „Populaire Astronomie" (deutsch von Michaelis, Lpz. 1838). Die Geschichte dieser Wissenschaft haben bearbeitet Delambre, „Hist. Ns I'astronomis sncieime, ceile clu mo^en üge, et moderne" (5 Bde., Par. 1817 sg., 4.), Bailly, „Hist. de Gastronomie et trsite de I'astronomis indienne", Laplace, „bixposition du Systeme du monde", Montucla, Kästner, Schaubach, Jdeler u. A. Asturien, spanisch Ast urias, unter dem Titel eines Fürstenthums eine nördliche Provinz Spaniens, welche im Osten von Altcastilien, südlich von Leon, westlich von Gali- i eien und im Norden vom Biscayischen Meere begrenzt wird, in das es mit dem Cap-Pcüaö l am weitesten einragt. A. ist 173 OM. groß, zählt fast 465000 E. und bildet als eine» Theil des cantabrischen Küstengebirgs eine wilde Nandgebirgslandschaft Hesperiens. Die nieder» Vorberge von Leon und Altcastilien steigen allmälig zu dem die asturische Südgrenze verfolgenden Hauptkamm auf, welcher westlich mit der Sierra-Penamarella aus den gali- cischen Hochflächen hervorgeht, im Mittlern Theile die 7—8000 F. hohe Penas-de-Europa > bildet und sich östlich an das Alpenrevier der Liebana legt. Die Hauptstraße von Leon nach Oviedo überschreitet das Gebirge im Paß von Pajares. Steile und finstere Thalschluchte« zerklüften den Nordabfall, der aber nicht das Mecrufcr erreicht, sondern dieses einer zweiten parallelen Kette überläßt, welche durch die Sella in die westlichen Sierren von Peral und Norena und die östliche Pena-Mallera zerspalten wird. Nur kurze Küstenflüsse , durchrauschen mit reißendem Gefälle die tiefen Thalspalten, so die Navia, Pravia und ! Sella. Die noch bis zum Aug. mit Schnee bedeckten Gebirgsgipfel sind öde und nackt, ! oft ragen 2—400 F. hohe Marmorfelsen steil aus ihnen empor, Waldungen fehlen dem Hauptrücken und die Seitenlehnen sind mit Alpenweiden, die Thalsohlen mit grünen Wie- sentcppichcn bekleidet. Erst tiefer, wo die Thalgründe sich erweitern, sieht man Roggenfelder und nördliche Bäume, und erst fünf Meilen vom Hauptkamme trifft man Maisund Weizenfelder, Kastanien-, Nuß-und Maulbeerbäume; einzelne Feigen-, Oliven-und Orangenbäume und Nebenpflanzungen an geschützten Stellen erinnern an einen wärmern Himmelsstrich. Zn den niedern Gegenden befördert der Einfluß der See große Fruchtbarkeit, in den hohen engen Thälern, die selbst im Sommer an eisigen Nächten und kalten Morgen leiden, ist der Anbau spärlich und der Ertrag kärglich. Hier wird die Viehzucht, besonders die des Rindviehs und einer berühmten gewandten und starken Pferderace begünstigt, dort gewährt der Getreidebau kaum den Bedarf, an der Küste aber lohnt die Fischerei reichlich. Ol und Salz fehlen der Provinz; unter den verschiedenen Mineralien fördert man vorzugsweise Kupfer, Spießglanz und Steinkohlen; auch findet sich in den Niederungen Torf und Bernstein. Der Araber konnte nicht festen Fuß in A. fassen; den Go- ^ then war die Provinz im 8. Jahrh. schützender Zufluchtsort. Der Asturier hält sich daher i für einen freien Hidalgo; er ist stolz darauf, unvermischt mit Juden und Arabern geblieben ! zu sein; er ist einfach in seinen Sitten, tapfer bis zur Verwegenheit; aber weniger arbcit- > sam als der Galicier und wenig« gesellig als der Biscayer. Viele Asturier, die sich nicht im Lande ernähren können, wanoern in das übrige Spanien, um als Kutscher und Bediente ihr Brot zu suchen und den Rest ihrer Tage wieder in der Heimat vom ersparten Lohne zu ! verleben. Ein merkwürdiges Völkchen unter den Asturiern bilden die Vaqueros, die eine besondere Kaste ausmachen, sich blos untereinander vcrheirathen, im Winter an der See- i küste, im Sommer auf den Bergen von Leytariegos wohnen und nur der Heerdenzuchr ergeben ein wahres Nomadenleben führen. Zu den vielen Freiheiten, welche A. im Zollwe- ? sen, wie in der Verwaltung seit 1823 wieder genießt, kam 1830 das seil 190 Jahren nicht geübte Privilegium, eine eigene oberste Junta (eine Art Provinzialcortcsvcrsammlung) be- Äßimg Asymptote 583 rufen zu können zur Entscheidung der innern Berwaltungsangelegcnheiten und Einsprache in die Criminalurtheile. Schon seit 1341 führt der Thronerbe in Spanien den Titel eines Prinzen von A. Die Hauptstadt der Provinz istOviedo, nach welcher seit 1833 auch die ganze Provinz benannt wird. Die Stadt hat 7500 E., ist der Sih eines Bischofs, hat eine Kathedrale, eine 1580 gestiftete Universität, eine Zeichcnschule und ein Collegium und unterhalt Fabriken in Waffen, Leder und Steinöl. Nächst Oviedo sind Gijon als erster und Aviles als zweiter Hasenplatz die bedeutendsten Städte A.s. Äffung oder Aßung heißt eigentlich Futter, Nahrung, Weideplatz, daher in der Fsrstsprache die Nahrung des Roth-, Dain- und Rehwildes, der Gemsen, Hasen, Kaninchen, des Auer-, Birk- und Haselwiides und der Trappen; sich äßen, die Nahrung zu sich nehmen; ab äßen, abfressen. — Geäße nennt man auch das Maul beim Roth-, Dam- und Rehwild, sowie bei den Gemsen, Hasen und Kaninchen. Asyl oder Freistätte nennt man den Ort, wo Verbrecher Sicherheit finden. Die Einrichtung der Asyle hängt mit den Einflüssen des religiösen und kirchlichen Lebens auf dir Rechtspflege zusammen. Bei den Alten gewährten Tempel, Götterbilder, Altäre u. s. w. eine solche Zuflucht, und es galt für Frevel gegen die Götter, einen dahin Geflüchteten mit Gewalt hinwegzureißen. Misbräuche, die daraus entstanden, gaben zuweilen Gelegenheit, die Heiligkeit eines solchen Asyls nicht zu achten, wie die Lacedämonier gegen Pau- sanias im Tempel der Minerva thaten. Ja man pflegte wol einen auf solche Weise Geflüchteten entweder auszuhungern oder Feuer um die Freistätte anzulegen und ihn so zur Flucht zu nöthigen. Jedoch hatten nicht alle Tempel und heilige Örter das Recht der Frei- statte, sondern nur die dazu besonders geweihten. Kaiser Tiberius schaffte die Asyle gänzlich ab, mit Ausnahme der im Tempel der Juno und des Äskulap. Dieser heidnische Gebrauch, zu dem wir im jüdischen Alterthume Änalogien finden, ging auch in das Christenthum über; schon unter Konstantin dem Großen wurden die christlichen Kirchen solche Freistätten, und Thcodosius II. dehnte dieses Vorrecht im I. 431 auf alle Höfe, Gänge, Gärten und Häuser aus, die zum Gebiete der Kirchen gehörten. Es war hiermit ein Mittel gegeben, nicht blos Unschuldige vor ungerechter Verfolgung, namentlich die Sklaven vor der Strenge des Herrn zu schützen, sondern auch, die Strenge des Schuldrechts zu mildern. Die kirchliche Gesetzgebung erweiterte noch dieses Recht, wie denn z. B. die Synode zu Toledo im I. 681 den Raum der Freistätte auf 30 Schritte von jeder Kirche ausdehnte; es ward aber auch durch dieselbe der Charakter des Asylrechts verändert, insofern allmälig der kirchliche Grundsatz geltend gemacht ward, daß der Sünder nicht Strafe erleiden, sondern zur Buße geführt werden solle; daher der verfolgende Richter später dem in ein Asyl Geflüchteten Freiheit von jeder Leibes- und Lebcnsstrafc geloben mußte. So wurde die wohlthätige Seite der Asyle als einer Schutzwehr gegen den wilden Geist des Jahrhunderts nach der Völkerwanderung dadurch neutralisirt, daß man davon Veranlassung nahm, die bürgerli- chen Strafen in kirchliche zu verwandeln, und unter Umgehung der landesherrlichen Gerichtsbarkeit den Bereich der geistlichen zu erweitern. Ein Fortschritt lag darin, daß später päpstliche Verfügungen eine solche Jntercession der Kirche bei Verbrechen gewisser Gattung, namentlich den schweren oder den gegen Kirche und Kirchengut gerichteten, versagten. Mit der weitern Entwickelung der Gerechtigkeitspflege traten andere Beschränkungen Seiten der bürgerlichen Gesetzgebung ein und heutzutage kann, in Deutschland wenigstens, das Asylrccht nirgend mehr als praktisch betrachtet werden; in einzelnen Staaten, wie z. B. in Sachsen, ist es durch ausdrückliche Gesetze aufgehoben. Als eine misbräuchliche analoge Anwendung des Asylrechts ist das in frühem Zeiten häufig in Anspruch genommene Recht anzusehen, wornach auch die Wohnungen der Gesandten wegen der den letztem völkerrechtlich zustehenden Exterritorialität Freistätten für Verbrecher sein sollten. Asymptote, wörtlich die nichtzusammenfallcndc, heißt in der Geometrie eine gemeiniglich gerade, zuweilen aber auch krumme Linie von unbestimmter Länge, die neben einer andern krummen Linie von unbestimmter Länge fortläuft, dergestalt, daß ihre Abstände voneinander immer kleiner und kleiner werden, ohne daß sich beide Linien jemals schneiden können. Sie zeigt die Richtung an, welcher sich ein Zweig der krummen Linie zuletzt immer 584 Asyndeton Atellänen l mehr nähert. Unter den Kegelschnitten hat die Hyperbel allein Asymptoten, und zwar zwei, die durch ihren Mittelpunkt gehen und mit der Achse gleiche Winkel machen. Asyndöton heißt die Hinweglassung der im prosaischen Stile sonst ersodcrlichen Bindewörter, insofern dadurch die Rede an Nachdruck und Lebendigkeit gewinnt. Sie findet vorzüglich statt, wo mehre Begriffe, die sich aufeinander beziehen, in einer Folge oder Steigerung nebeneinander gesetzt werden, um der Rede Raschheit und stärkern Ausdruck zu geben. Dies ist der Fall in den Stellen, wo die Rede eine schnelle Handlung oder bewegten Zustand des Gemüths ausdrückt, und hier wird jenes Hinweglassen zur rhetorischen Figur; wie in dein Ausspruch des Cäsar: „Veni, viclhvici". Klopstock bringt diese Figur fast zu häufig an; so heißt es im siebenten Gesänge der „Mesfiade": ! Sie stürmten, rüsten, standen, weinten, staunte», verfluchten, segnete». <' Aterlanta, die Tochter des Zasus und der Klymene, eine Arkadien», berühmt als bogenkundige Jägerin, ward von ihrem Vater, der sich einen Sohn wünschte, aus dem Berge Parthenios ausgeseßt, von Jägern gefunden und erzogen, später jedoch ihren Altern zurückgegeben. Mit ihren Pfeilen erlegte sie die Centauren Nhökus und Hyläus, die ihr Gewalt anthun wollten; sie zog mit den Argonauten nach Kolchis und war nachher bei der Jagd des kalydonischen Ebers, dem sie den ersten Wurf beibrachte, weshalb Meleager ihr den Preis des Kampfes, den Kopf und die Haut des Ebers, darreichte. — Atalanta, die Tochter des Schöneus, Königs von Skyros, war berühmt durch ihre Schönheit und Schnelligkeit. Sie machte jedem ihrer Freier zur Bedingung, einen Wettlauf mit ihr zu bestehen; er lief unbewaffnet voran, sie folgte mit einem Speer. Holte sie ihn nicht ein, so war sie die Seinige; im Gegentheil war der Tod sein Loos. Viele hatten so den Tod gefunden, als Hippomenes, des Megarcus Sohn, sie durch der Venus Hülfe überlistete. Die » Göttin hatte ihm einige goldene Äpfel gegeben, die er während des Laufs, einen nach dem andern, ihr in den Weg warf. A. blieb zurück, um sie aufzuheben, und Hippomenes erreichte vor ihr das Ziel. Hippomenes vergaß aber der Venus zu danken; zur Strafe dafür reizte diese ihn zu so heftiger Liebe, daß er seine Braut im Heiligthum der Cybele, bei welchem der Wcttlauf gehalten wurde, umarmte. Darüber erzürnt, verwandelte letztere Beide in jenes Löwcnpaar, welches ihren Wagen zog. Beide Atalanten werden von den My- thographen oft verwechselt, und Otfr. Müller in der „Geschichte hellenischer Stämme" (Bd. I) behauptet, daß ihre Unterscheidung nicht durchzuführen sei. Ate, nach Homer die Tochter des Jupiter, nach Hesiod der Dysnomia, war eine ver- derbenbringcndc Göttin, welche Alle zu Vergehungen verleitet. Selbst den Jupiter hatte ' sic bei des Hercules Geburt bethört, sodaß Letzterer durch dessen übereilten Schwur dem ^ Eurysthcus unterthan ward. Dafür schleuderte sie Jupiter im Zorn aus dem Olymp auf die Erde und schwur, daß sie nie in den Olymp zurückkehren solle. Seitdem durcheilte sie die Erde in ungemessener Schnelle und waltete verderblich über den Werken der Menschen. Bei den Tragikern erscheint sie in veränderter Gestalt als Rächerin, nicht als Anstifterin, des Unrechts, und fällt demnach mit der Nemesis (s. d.) und Adrastra (s. d.) zusammen. Atellänen (lsbulse stellsnss), auch oscischeSchauspiele (!»cli 05 ci) genannt, waren eine Art Volksdrama, das aus der alten oscischen Stadt Atella (in Campanien zwischen Capua und Ncapolis) stammte, in Nom sehr früh Eingang fand und hier in s veränderter Gestalt als Mime bis in die Kaiserzcit beliebt blieb. Denn auch nachdem i durch Livius Andronicus (s. d.) das griech. Drama in Rom eingeführt worden war, > ließ sich das Volk doch sein vaterländisches Lustspiel nicht nehmen; es wurde entweder zwi- ! schen Tragödie und Komödie cingeschoben, oder zum Schluß der übrigen Schauspiele aufgeführt, um die Gemüther nach dem Trauerspiele wieder zu erheitern und fröhlich aufzuregen. Die Atellänen, ein echt italisches Lustspiel, sind daher mit dem griech. Satyrspiel nicht „zu verwechseln, wiewol die Natur beider ihnen eine Verwandtschaft durch Entstehung und Ähnlichkeit des Zwecks gibt. Als stehende Charaktermasken erscheinen in denselben der Maccus und Bucco, beide ähnlich dem Harlekin oder Pulicinello der neuern Burlesken. Die Sprache derselben war die oscische, die wegen des Alterthümlichcn und Sonderbaren in « den Wertformen schon an sich Stoff zum Lachen darbot, den Hauptstoff gaben Darstellungen des italischen Landlebens, im Gegensatz zum Stadtlcben; die Behandlung war im " Ath Athanasius 585 Ganzen anständiger und züchtiger als in den oft unsaubern Wechsclgesängen, den Fes- cennin en (s. d.). In ihnen traten röm. Jünglinge auf, da hingegen das Auftreten in dem eigentlichen, von den Griechen entlehnten Schauspiele den Verlust der bürgerlichen Ehre nach sich zog. Noch kennen wir die Namen mehrer Atellanendichter, wie Fabius Dorsennus, O.. Novius, L. Pomponius und Mummius; von den Gedichten selbst haben wir nur vereinzelte Nachrichten und spärliche Bruchstücke, zusammcngestellt in Bothe, „?oet. Ist. scen. IrsAinsnta" (Bd. 2, Lpz. 183-1). Vgl. Schober, „Versuch über die Atellanischen Schauspiele der Römer" (Lpz. 1825), Weyer, „Über die Atcllancn der Römer" (Manh. 1826) und Zell, „Ferienschriften" (Samml. 2, Freiburg 1829). > Ath, eine Stadt und starke Festung des Königreichs Belgien in Hennegau, an der Den- ' der, hat 9000 E-, welche Leinwand bleichen, Kattundruckercien, Färbereien, Spitzen- und Handschuhfabriken und einen lebhaften Handel unterhalten. Sic ward mehrmals belagert, namentlich 1697 durch Vauban, der hier dieParallclen zuerst systematisch gebrauchte und die erste 800, die zweite 400, die dritte aber 50 Schritt von den vorspringenden Winkeln des ! Bedeckten Wegs zog, auch sich des Nicochetschusses zuerst bediente. Im I. 1706 wurde die ^ Festung von den Alliirten belagert und 1745 in wenigTagen von den Franzosen erobert. ^ Athalra , die Schwester Achab's, Königs von Israel, und Gemahlin Joram's, Königs von Juda, bahnte sich nach dem Tode ihres Sohns Ahasja durch die Ermordung sämmtlicher Prinzen den Weg zum Throne. Nur des Ahasja junger Sohn, Joas, ward durch Josabed, die Schwester Joram's und die Gattin des Jojada, gerettet und heimlich im Tempel auferzogcn. Ihn setzte, nachdem A. sechs Jahre regiert hatte, der Hohepriester Jojada 879 v. Ehr. wieder auf den Thron seiner Väter. Herbeigezogen durch den Lärm des > Volks, das ksinzuströmte, der Krönung des Joas beizuwohnen, trat auch A. mit der Menge in den Tempel, wo die Feierlichkeit vor sich ging. Bei dem Anblicke des neuen Königs, der ruf dem Throne saß, umringt von den Priestern, Leviten, Großbeamten des Reichs und dem jauchzenden Volke, gcrieth sie außer sich, zerriß ihre Kleider und schrie Vcrrath. Jojada ließ sie sogleich durch Trabanten aus dem Bezirke des Tempels führen, mit dem Befehl, Alle niederzuhauen, die sie vcrtheidigen würden; an der Thür ihres Palastes aber ward sie umgebracht. Die Altäre des Baal, die sie hatte wieder aufrichten lassen, wurden umgcstürzt, und das Bündniß mit dem Herrn, das die Abgöttische zerrissen hatte, erneuert. Racine bearbeitete diesen Stoff in einem Trauerspiele, die Chöre desselben wurden nach Cramcr's Übersetzung von Joh. Abr. Pet. Schulz componirt (Kiel 1786). Später > hat Poißl eine Oper „Athalia" componirt. Athämas, der Sohn des thessalischcn Königs Äolus und der Enarete, Herrscher des nach ihm benannten Theils von Böoticn am Kopaissee und am Fuße des Ptoongebirgs, zeugte mit Nephele den Phrixus und die Helle, und nach deren Verstoßung mit Ino, der Tochter des Kadmus, den Learchus, Melikcrtes und die Euryklcia. Ino von der Juno, welcher A. nebst seiner Gattin wegen der Erziehung des ihnen vom Mercur übergebenen Bacchus verhaßt war, bethört, verursachte Miswachs durch Dörrung des Samengetreides und bewog die deshalb an das Orakel abgcsandten Voten durch Bestechung dazu, daß sie aussagten, dem Unglück könne nur dadurch abgcholfen werden, daß des A. Kinder von der s Nephele geopfert würden. Sie suchte diese nämlich aus jede Weise aus dem Wege zu schaffen. Allein dieses schlug fehl; Nephele, nach ihrer Verstoßung zur Göttin erhoben, rettete ihre Kinder auf jenem Widder mit dem goldenen Vließe. Jedoch der Zorn der Juno Härte 1 nicht auf, sondern A., durch dieselbe in Raserei versetzt, tödtctc in derselben den Learchus und verfolgte die Ino, welche sich mit dem Melikcrtes von der Klippe Moluris in Mcgaris ins Meer stürzte. Mit Blutschuld beladen und deswegen aus Böotien flüchtig geworden, > begab er sich nach Phthiotis in Thessalien, wo er Halos erbaute und sich mit Themisto, der ! Tochter des Hypseus, verkiählte, mit der er den Schöneres, Erythrius, Leukoncs und Ptous j zeugte. Der Mythus ist durch die tragischen Dichter und namentlich durch die spätem My- i thographcn vielfach verändert worden. * Athanasius, ein berühmter Kirchenlehrer, Patriarch von Alexandria, war daselbst gegen 296 geboren und erhielt eine christliche Erziehung. Nachdem er eine Zeit lang Ee- hcimschrciber des nachmaligen Patriarchen Alexander von Alexandria gewesen, suchte er den 586 Atheismus heil. Antonius aufund führte bei diesem ein asketisches Leben, bis er endlich wieder nachAler- andrien znrückkehrtc, wo er Diakonus wurde. Den erwähnten Patriarchen Alexander beglei- tete er auf die nicäische Kirchenvcrsammlnng und besonders durch seinen Einfluß kam cs bei der Verhandlung über die Lehren des Arius bis zur Verdammung desselben. Überdas damals ausgestellte sogenannte Athanasianische Gl aubensbckcnntniß s. Nicäa. Durch seine Feinde angeklagt, ließ ihn Kkiser Konstantin 335 vor die Synode von Tyrus laden, die ihn seines Amtes entsetzte, und nachdem die Synode zu Jerusalem im J. 336 dieses Urtheil bestätigt, ward er nach Trier verwiesen. Seine Verbannung endigte nach Kon- stantin's Tode. Konstantius, der Kaiser des Orients, rief ihn als Patriarchen 338 zurück, und sein Einzug in Alexandrien glich einem Triumph. Doch sehr bald traten die Arianer anfs neue mit Anklagen wider ihn auf, und schon 33l ward er zu Antiochia durch 90 Aria- nische Bischöfe abermals verurtheilt. Dagegen erklärten ihn 100 orthodoxe Bischöfe, die sich zu Alexandria versammelten, für unschuldig, und der Papst Julius bestätigte diesen Ausspruch unter der Zustimmung von mehr als 300 zu Sardica versammelten Bischöfen. Demzufolge kehrte er zum zweiten Male 339 zu seinem Sitze zurück. Als aber, nachdem s Konstantius 353 alleiniger Herrscher des Orients und Occidcnts geworden, die Arianer > wieder ihr Haupt erhoben, wurde auch A. auf den Concilien zu Arles und Mailand 356 von neuem verurtheilt und seines Amtes verlustig. Indem er erklärte, nur einem ausdrücklichen Befehle des Kaisers weichen zu wollen, drangen plötzlich, als er sich gerade zur Feier > eines Festes in der Kirche befand, 5000 Soldaten in die Kirche', um sich seiner zu bemäch- ! tigen; jedoch den ihn umgebenden Geistlichen und Mönchen gelang es, ihn in Sicherheit zu bringen. Er stüchtete in die Wüsten Ägyptens, und als ein Preis auf seinen Kovf gesetzt ward, zog er sich, um die Einsiedler, die seinen Aufenthaltsort nicht vcrrathen wollten, vor den Mishandlungen seiner Verfolger sicher zu stellen, in den völlig unbewohnten Theil der Wüste zurück, wohin ein treuer Diener ihm folgte, der ihm mit Lebensgefahr Nahrung verschaffte. Hier verfaßte er eine Menge Schriften voll Bercdtsamkeit, die Glä-ubigcn in s ihrem Glauben zu starken und die Kunstgriffe seiner Feinde zu enthüllen. Als Julian den ^ Thron bestieg und den orthodoxen Bischöfen erlaubte, zu ihren Kirchen zurückzukehren, kehrte auch A. 361 nach Alexandria zurück. Die Milde, mit der er sich gegen seine Feinde benahm, fand in Gallien, Spanien, Italien und Griechenland Nachahmung und führte den Frieden in die Kirche zurück. Dieser Friede ward aber durch die Anklagen der Heiden, deren Tempel durch A.'s Eifer immer leerer wurden, sehr bald gestört. Sie reizten den Kaiser wider ihn ans, und A. mußte, um sein Leben zu retten, wieder in die thebaische Wüste flüchten. Nach Julian's Tode, als 363 Jovian den Thron bestiegen, kehrte A. zurück; als indeß nach acht Monaten Valens Kaiser ward und die Arianer die Oberhand gewannen, mußte er 367 abermals fliehen. Vier Monate verbarg er sich im Grabe seines Vaters, bis Valens, durch die dringenden Bitten und Drohungen der Alexandriner bewogen, ihm erlaubte zurückzukehrcn, worauf er ungestört bis zu seinem Tode im I. 373 sein Amt verwaltete. Während seiner 36jährigen bischöflichen Amtsführung war er 20 Jahre in der Verbannung. Ä. gehört zu den bedeutendsten Männern, welche die Kirche aufweisen kann. Er war ein Mann von großem Verstände, vereinigte umfassende philosophische Kenntnisse mit Weltbildung in sich, war strengen und entschiedenen Charakters, vermochte l aber nicht die rechte Linie des Eifers gegen Das, was ihm häretisch erschien, zu finden. Seine Schriften sind polemischen, historischen und moralischen Inhalts. Die polemischen betreffe» hauptsächlich die Lehren von der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Christi und der Göttlichkeit des heiligen Geistes; die historischen sind von hoher Wichtigkeit für die Kirchcngeschichte. In allen ist die Schreibart durch Klarheit ausgezeichnet und der Ton angemessen. Die beste Ausgabe besorgte Montfaucon (3 Vde., Par. 1698, Fol.); als eine Ergänzung derselben ^ ist der zwZite Band von Montfaucon's „öibliotbeck ;>ntrum" (1*706) zu betrachten. Vgl. ! Möhler, „A. der Große und die Kirche seiner Zeit" (2 Bde., Mainz 1827). > Atheismus, ein Wort neuerer Zeit, gebildet aus dem Griechischen U-Aeoc, d. i. ohne Gott oder gottlos, bezeichnet im Allgemeinen Unglauben an das Sein Gottes, oder genauer e die Meinung, daß die Vernunftidce von Gott keine Realität oder Wirklichkeit habe. Leugnet man blos die Möglichkeit eines hinlänglichen Beweises für das Sein Gottes, so heißt dieses Athen» 587 skeptischer Atheismus; glaubt man aber das Nichtsein GottcS durch bestimmte Beweise er- Härten zu können, so heißt dieses dogmatischer Atheismus, Gottesleugmmg. Man unter- scheidet auch theoretischen und praktischen Atheismus. Jener verwirft blos die objective Realität der Gottesidee, räumt ihr aber subjektive Gültigkeit ein, d. i. betrachtet sie als das Regulativ unscrs Strebens und Thuns, als für uns verpflichtendes Ideal; dieser aber verwirft die objective und subjective Gültigkeit der Gottesidce und betrachtet sie und das Sittengesetz nicht als eine in der Vernunft nothwcndig liegende Idee, sondern als eine zufällig durch Erziehung und bürgerliche Verhältnisse entstandene Vorstellung. Dem praktischen Atheismus liegt immer der Materialismus zu Grunde, der alles Ideale für nichtig hält. Gottesvergessenheit oder Gottlosigkeit bezeichnet aber nicht den praktischen Atheismus, sondern nur die gänzliche Vernachlässigung der Gottcsidee im Handeln und kann daher auch bei Denen gefunden werden, welche die Realität Gottes theoretisch nicht leugnen. Da aber der Glaube an Gottes Sein das Sittengesetz zugleich heiligt, die Sittenlosigkeit aber nothwcndig auf Abschwächung des Glaubens an Gott hinwirkt, so ist zur Zeit eines tiefen sittlichen Verfalls immer auch der Atheismus hervorgetrctcn, wie unter den Griechen nach dem Zeitalter des Perikles, unter den Römern nach des Augustus Zeit, im Mittelalter bei dem sittlichen Verfall des Klerus und der Laien, und in der sittenlosen Periode in Frankreich vor der Revolution. Niemals aber steht zu fürchten, daß der theoretische oder der praktische Atheismus allgemein werden oder Dauer gewinnen könne; denn die Gottesidee ist, wie alle Ideen, der Vernunft wesentlich, und die ideale Anschauung steht mit der sinnlichen Anschauung auf gleicher Stufe der objective» Gültigkeit, indem beiderlei Anschauungen nach einer innern, in der Gesetzmäßigkeit des Erkenntnißvermögens liegenden Nothwendigkcit geglaubt werden muß, und dieser Glaube sich gegen alle theoretische Zweifel geltend macht, also der Glaube an die Realität der Sinnenwelt gegen den Idealismus, und der Glaube an die Realität der Idealwelt gegen den Atheismus und Materialismus. Mit dem Vorwurfe des Atheismus ist man aber zu allen Zeiten zu freigebig gewesen, indem man dabei zu sehr von subjektiven Standpunkten ausging. So beschuldigten die alten Griechen einige ihrer Philosophen, welche nicht die Realität der Gottesidee, sondern die Vielheit der Volksgötter verwarfen, Atheisten zu sein. So wurden in der christlichen Kirche nach Feststellung des Dogma von der Dreieinigkeit, Diejenigen als Atheisten betrachtet und bestraft, welche die Dreipersönlichkcit Gottes oder die Gottheit Christi leugneten. Auch in der neuesten Zeit ging man von der christlich-theistischen Vorstellung von Gott, als einer außerweltlichen Persönlichkeit, aus, wenn man die Idealisten und Pantheisten (Spinoza, Fichte, Schelling und Hegel) des Atheismus beschuldigte, da sie doch nicht das Sein Gottes überhaupt leugneten, sondern nur sein Sein als das einer von der Welt verschiedenen Persönlichkeit in Abrede stellten. (S. Pantheismus.) Den theoretischen Atheismus als ein Verbrechen ansehen und strafen zu wollen, ist unsinnig und ungerecht, da die wissenschaftlichen Überzeugungen nicht von unserm Willen abhängig sind. Selbst der praktische Atheismus kann nur insofern, als erin widergesetzliche Thatcn ausbricht, der Strafe der bürgerlichen Gesellschaft unterliegen. Athem oder Odem nennt man die Lust, welche während der Exspiration aus den Lungen durch die Nase und den Mund ansgeschieden wird. Diese ausgeathmcte Lust ist der Träger der Stimme und Sprache und enthält eine geringere Menge Sauerstoffgas, dagegen mehr kohlensaures Gas als die eingeathmete. Außerdem aber sind dem Athem viel wässerige Dünste, welche sich bei einiger Kälte der äußern Lust sichtbar nebelartig als Hauch Niederschlagen, und andere Stoffe beigemischt, welche von den Absonderungen in dem Munde, der Nase, der Luftröhre und den Lungen hcrrühren. Diese Absonderungen bewirken die Modifikationen des Athems, welche sich durch den Geruch wahrnehmcn lassen. Bei ganz Gesunden ist der Athem geruchlos; in der Jugend ist er häufig säuerlich und fade; er verliert diesen Geruch nach der Pubertätsepoche und riecht vielmehr angenehm. Je älter man wird, desto mehr nimmt der Athem gewöhnlich einen unangenehmen Geruch an. Der übelriechende Athem aber hängt oft von örtlichen Krankheiten der Nase, des Mundes oder der Luftwege ab; auch wird er von schlechten Zähnen, Unreinlichkeit des Mundes, von manchen Speisen und sieberhasten Krankheiten erzeugt. In dem letztern Falle entspricht er oft der Eigenthümlichkeit der Krankheit. Bei Frauen nimmt er öfters während der Menstruation, 585 Athen wahrend der Schwangerschaft, während des Wochenbettes und Stillens diese üble Beschaffenheit an. Zur Beseitigung des Übeln Geruchs bedient man sich einer schwachen Auflösung des Chlorkalks zum Gurgeln. Athen («-jene berühmte Stadt, dieHauptstadt des alten Königreichs Attika (s. d.) und des spätem Freistaats, aus deren Mitte sich das Licht hoher Geistesbildung durch Jahrtausende bis auf die Gegenwart verbreitet hat, zählte in ihrer blühendsten Epoche 21000 freie Bürger, was auf eine Bevölkerung von mehr als 200000 E. schließen läßt. Sie soll von Kckrops 1550 v. Chr. gegründet worden sein und in den ältesten Zeiten den Namen Kekropia geführt haben, der in der folgenden Zeit blos der Burg eigen blieb und erst unter der Negierung des Erichthonius der Athene oder Minerva zu Ehren Athen genannt worden sein. Das alte A. lag auf dem Gipfel eines Felsens mitten in einer weiten nnd schönen Ebene, welche erst in Folge der Vermehrung der Einwohner sich mit Gebäuden bedeckte. Dies veranlaßt die Unterscheidung zwischen Akropolis und Katapolis oder oberer und unterer Stadt. Die Stadt lag an dem Saronischen Meerbusen, der östlichen Küste des Peloponnes gegenüber und ward von zwei kleinen Flüssen, nördlich vom Kephissos, südlich vom Jlissos umflossen. Von der See, auf der ihre Wichtigkeit wesentlich beruhte, lag sie ungefähr vier Stunden entfernt. Die drei Häfen: Phaleros, der Stadt am nächsten, Muny- ! chia, der entfernteste, und Piräeos, der bequemste und als Stapelplatz des griech. Handels > wichtigste, lagen südwestlich; gegen Westen lag Salamis, gegen Nordwest Eleusis, gegen Nord ^ Phylä und Dekelea, gegen Nordost Marathon und gegen Süden der Hymettus. An der Küste rings umher gab es prächtige Gebäude, deren Glanz mit denen der Stadt wetteiferte. Die Mauern, welche die Häfen mit der Stadt verbanden, waren von Bruchsteinen und so breit, daß sich Wagen auf denselben ausweichen konnten. Die Akropolis schloß das Herrlichste an Kunstwerken ein, was A. aufzuweisen hatte. Ihre Hauptzierde war das Parthenon oder der Tempel der Athene oder Minerva. Dieses prächtige Gebäude, welches noch in seinen Trümmern die Bewunderung der Welt ist, war 217 F. lang, 98 breit und 65 hoch. Von den Persern zerstört, wurde es herrlicher von Perikles um -144 v. Chr. aufgebaut. Hier stand die Bildsäule der Minerva von Phidias, dieses Meisterstück der Bildhauerkunst, von Elfenbein gebildet, 46 F. hoch und reich mit Gold geziert, dessen Gewicht auf 40—44 Talente (2000—2200 Pf.) geschätzt ward, welche nach unserm Gelde einen Werth von ungefähr 800000 Thalern gehabt haben mögen. Den Eingang zum Parthenon bildeten die Propyläm, aus weißem Marmor gebaut. Dieses Gebäude lag auf der Nordseite der Akropolis, dicht dabei das Erechtheum, ebenfalls von weißem Marmor, bestehend aus zwei Tempeln, dem der Pallas und dem des Neptun, und ein anderes merkwürdiges Gebäude, Pandrosion benannt. In der Nähe des Tempels der Minerva stand auch der dieser Göttin heilige Ölbaum. Auf der «ordern Seite der Akropolis sah man das Theater des Bacchus, beider heutigen Kirche Panagia Spiliotissa, unddasOdeum; ersteres für das eigentliche Schauspiel, letzteres für musikalische Unterhaltung und in ausgezeichneter Pracht erbaut. Von hier führte nördlich eine Straße (Tripodos) nach dem Prytaneion, von da nordwestlich war das Anakeion, der Tempel der Dioskuren, daneben ein heiliger Platz und der Tempel des Pan und des Apollon in einer Grotte des Akropolisfelsens. Breite Marmortreppcn > führten durch die Propyläen auf die Burg Kekropia. In der Gegend Cinnä, gegen daS ^ Museion zu, lag der Tempel des Apollon Pythios. Auf dem Platze hinter der südöstlichen Ecke der Burg erhob sich das von Hadrian vollendete allen Göttern heilige Pantheon, die von demselben Kaiser angelegte, aber erst unter Antonin ausgebaute Wasserleitung und da§ Didaskalion. Südlich von der Burg stand der alte von Pisistratus angcfangene Tempel, Cimon's Haus, das Amazoneion, ein von Theseus zu Ehren seines Sieges über die Amazonen erbauter Tempel, und das Heiligthum des Herakles Mcnyses. In der nördlichsten Stadtgcgend, Melite, hatten Themistokles und Phocion ihre Häuser. Auch in der untern Stadt gab es mehre herrliche Werke der Baukunst, z. B. das Pökile oder die Galerie zur Aufstellung historischer Bilder, den Thurm der Winde von Andronikos Kyrrhcstes und mehre Denkmäler berühmter Männer. Zwei der herrlichsten Bauwerke befanden sich außerhalb der Stadt, nämlich der Tempel des Theseus und der des Jupiter Olympius, der eine ans der Nord-, der andere auf der Südseite der Stadt. Der erstere war von dorischer Bau- 589 Athen art und dem Parthenon ähnlich, und auf den Metopen sah man die vornehmsten Thaten des Theseus trefflich abgebildct. Der Tempel des Jupiter Olympius war von ionischer Bauart und übertraf fast alle übrige Gebäude A.s an Pracht und Schönheit. Man hatte unermeßliche Summen darauf verwendet; er wurde nach und nach immer mehr vergrößert und verschönert und endlich von Hadrian vollendet; das Äußere zierten ungefähr 120 cannclirte Säulen, 00 F. hoch und 6 F. im Durchmesser haltend. Das Innere dieses Gebäudes hatte wol eine halbe Stunde im Umfange. Hier stand die berühmte Statue des olympischen Jupiter, von Phidias aus Gold und Elfenbein gebildet. Außer diesen Wunderwerken der Kunst zeigte die Stadt noch andere Plätze und Punkte, welche durch die damit verbundene Erinnerung der Nachwelt ewig theuer bleiben werden; so die berühmte Akademie, wo Platon lehrte, ungefähr drei Viertelstunden nördlich von der Stadt gelegen und einen Theil des Platzes ausmachcnd, der Keramikus hieß; das Lyccum, jenseit desJlissos auf der andern Seite der Stadt, wo der Stifter der peripatetischcn Schule, Aristoteles, lehrte; nicht weit davon der Cynosarges, wo Antisthenes, der Stifter der cyni- schen Schule, lehrte; den Hügel des Areopagus, wo diese würdige Versammlung ihre Entscheidungen aussprach; das Prytaneion oder Haus des Senats; den Pnyx, wo das freie Volk sich beratschlagte, u. s. w. Nachdem mehr als zwei Jahrtausende des Kriegs und der Zerstörung, sowie des Wechsels gebildeter und roher Beherrscher über die herrliche Stadt hingegangen, erwecken ihre Trümmer noch gegenwärtig Erstaunen und Bewunderung. Von der Akropolis steht noch ein nicht unbeträchtlicher Theil. Die Türken haben sie mit breiten unregelmäßigen Mauern umgeben, zu denen sie auch die Neste der alten Mauern benutzten und in denen uns manches Bruchstück herrlicher Säulen erhalten ist. Von den Propyläen, welche den ehemaligen Eingang bildeten, war der rechte Flügel ein Tempel des Sieges. Vgl. Roß, Schaudert und Hansen, „Die Akropolis von A. nach den neuesten Ausgrabungen" (Abth. I, Tempel der NikeApteros, Berl. 1839 ). Derselbe wurde erst 1656 durch das Aufstiegen eines darin aufbcwahrtenPulvervvrraths vollends zerstört. Von dem gegcn- überstehenden Flügel der Propyläen sind noch sechs Säulen übrig und zwischen ihnen hohe Bogen. Diese Säulen, zur Hälfte durch eine von den Türken an der Vorderseite derselben aufgeführte Mauer bedeckt, sind von Marmor, weiß wie Schnee und von der feinsten Arbeit. Jede derselben besteht aus drei bis vier Stücken, welche so künstlich zusammengesetzt sind, daß, obgleich sie stets der Witterung ausgesetzt waren, dennoch keine Trennung bemerkt wird. Von dem Parthenon, dessen Inneres von den Türken als Moschee gebraucht wurde, stehen noch an der östlichen Vorderseite acht Säulen und an den Seiten mehre Säulengänge. Von dem Giebelfcldc, welches den Kampf des Neptun und der Minerva um A. verstellte, ist nichts übrig als der Kopf eines Seepferdes und die Figuren von zwei Frauen, ohne die Köpfe; allein in Allem ist die höchste Wahrheit und Schönheit zu bewundern. Besser ist der Kampf der Centauren mit den Lapithen erhalten. Von allen Bildsäulen, womit dieses Gebäude geschmückt war, ist blos noch die des Hadrian vorhanden. Auf dem Ganzen dieses so sehr verstümmelten Gebäudes ruht noch ein unaussprechlicher Ausdruck von Hoheit und Größe. Auch von dem Erechtheum, dem Tempel dcS Neptunus Erechtheus, sind bedeutende Überreste vorhanden, vornehmlich die schönen weiblichen Bildsäulen, die man Karyatiden nennt und welche zwei Bogengänge bilden. Von den beiden Theatern ist nur so viel übrig, daß man ihre Lage und ihre ungeheure Größe bestimmen kann. Die Arena ist versunken und es wird Getreide darauf gebaut. In der Stadt selbst finden sich keine Denkmale mehr von gleicher Vortrcfflichkeit und Größe. Nahe bei einer Kirche, die der Jungfrau Maria geweiht ist, stehen drei sehr schöne korinthische Säulen, die einen Architrav tragen. Man hielt sic für Überreste des Tempels des Jupiter Olympius, allein dies ist nicht gegründet. Wahrscheinlicher sind sie die Überreste des alten Pökilc. Der Thurm der Winde von AndronikoS Kyrrhcstes ist noch ganz übrig. Seine Gestalt bildet ein Achteck; aus jeder Seite ist er mit erhabener Arbeit bedeckt, welche einen von den Hauptwinden darstellt; die Arbeit ist vortrefflich. Das Gebäude verdankt seine Erhaltung dem Umstande, daß es Moschee eines Dcrwischordcns wurde. Von den Denkmälern ausgezeichneter Männer, womit eine ganze Straße angefüllt war, ist nur ein einziges, das des Lysikrates, erhalten; es besteht aus einem Fußgcstell, einem runden Säu- 5.00 Athen lengange und einer Kuppel von korinthischer Ordnung. Bon dem prachtvollen Gymnasium, welches Ptolemäus baute, sind nur in einigen verfallenen Mauern noch Überreste zu sehen. Außerhalb der Stadt wird die Aufmerksamkeit gefesselt durch die erhabenen Trümmer des Tempels des olympischen Jupiter. Von 120 Säulen sind 16 übrig; Bildsäulen sind gar nicht mehr vorhanden. Von den Fußgestellen und Inschriften fand man Einiges hier und da zerstreut, zum Theil unter der Erde vergraben. Der Tempel des Thcscus dagegen ist fast ganz erhalten, doch ist Manches daran neuern Ursprungs. Die Bildhaucrarbeiten an der Außenseite sind fast gänzlich verdorben; die, welche die Friese ini Innern schmücken, wohl- crhalten. Sie stellen die Thatcn des alten Helden dar. Auf der Anhöhe, wo der Arevpag seine Sitzungen hielt, findet man noch in den Felsen gehauene Stufen, sowie die Sitze der Richter, und diesen gegenüber die des Angeklagten und Anklägers. Der Hügel ist jetzt ein türk. Begräbnißplatz und mit Grabmälern bedeckt. Der Pnyx, der Versammlungsplatz des Volks unweit des Areopags, ist fast ganz noch in seinem ursprünglichen Zustande. Man steht den in den Fels gehauenen Nednerstuhl, die Sitze der Schreiber, und an beiden Enden die Sitze derjenigen Beamten, welche Stillschweigen geboten und die Ergebnisse der öffentlichen Verhandlungen bekannt machten. Auch die Nischen sind zu sehen, wo Die, welche vom Volk eine Gunst zu erhalten wünschten, die dargebrachten Geschenke hinlcgten. Noch läßt sich die Nennbahri, welche Herodes Attikus aus weißem Marmor erbaute, erkennen, wo die gymnastischen Übungen gehalten wurden. Der Platz des Lyceums ist nur durch eine Menge umherliegender Steine bezeichnet. Ein neueres Haus nebst Garten steht an dn Stelle der Akademie. Der Piräeos hat fast gar nichts mehr von seinem alten Glanze, nur wenig Säulentrümmer finden sich hier und da; Dasselbe ist der Fall bei dem Phalcros und bei Munychia. Vgl. Forchhammer, „Zur Topographie A.s" (Gött. 1833) und Derselbe in „Kieler philologische Studien" (Kiel 1831), mit einem Grundriß von dem alten A. Gründliche Forschungen über die Trümmer A.s enthalt Leake, os vvitll soilis romarlls on its antiguities" (Lond. 1821, mit einem Atlas, Ouerfol.; deutsch mit Anmerkungen von Meyer und Müller, herausgeg. von Rienäcker, Halle 1829, mit Kupfern und Karten). Vgl. ferner Stuart's und Nevett's Prachtwerk „Die Alterthümcr zu A." (Lond. 1762; neue Aust. 1823; deutsch, 2 Bde., Darmst. 1830 fg.), welches der Architekt Eberhard nachgebildct und, auf Zinkplatten abgedruckt, herauSgcgcben hat (28 Lieferungen, Darmst. 1823 fg., gr. Fol.); Hager und Hübsch, „Malerische Ansichten von A." (Darmst. 1823); Thürmer, „Ansichten von A. und seinen Denkmälern", nach der Natur gezeichnet und radirt(I5 Blatt, Nom 1823) und besonders die Berichte von Roß im tübinger „Kunstblatt" (1835 — 30). Leake macht es wahrscheinlich, daß zu des Pausanias Zeit noch manche Denkmäler übrig waren, die der Periode vor den pers. Kriegen angehorten, weil ein so vorübergehender Besitz, als Zierxes erzwang, ihm gerade nur Zeit gab, die Verthcidigungswcrke und die hauptsächlichsten öffentlichen Gebäude zu zerstören. Während Themistokles bei der Herstellung der Stadt mehr auf den Nutzen sah, Cimon durch eigenen Rcichthum und eine großartige Ansicht schon die Pracht beachtete, schien cs Perikles Vorbehalten, Beide durch seine Bauwerke weit zu überbieten. Doch was ihm mit dem Tribute der andern Staaten möglich gewesen war, konnte man in der Folgezeit nicht fortsetzen. So oft die Verwaltung der Staatseinkünfte in weise Hand fiel, sah zwar A- seinen alten Glan; zurückkchren; aber bald zeigte sich der Einfluß der Bildung, die von hier ausging, selbst bei Völkern, die in srühern Perioden nie in dem griech. Staatensysteme berechnet worden waren. Attika war keine Insel, und sobald folglich die natürlichen Hülfs- qucllen des fruchtbaren großen Makedoniens von einem kräftigen und aufgeklärten Beherrscher entwickelt worden waren, konnten die widerstrebenden Interessen einer Menge von Freistaaten nicht lange den strenggeübten Heeren eines kriegerischen Volks WHerstand leisten, die von einem thätigen, kräftigen und ehrgeizigen Monarchen geleitet wurden. Seit Sylla die Werke des Piräeos zerstörte, war der Verfall der Seemacht A.s entschieden, und mit ihr der Verfall der ganzen Stadt. Geschmeichelt durch die Triumvirn, durch Hadrian's Kunstliebe begünstigt, war A. wol zu keiner Zeit so glänzend als unter den Antonincn. Die Pracht von acht bis zehn Jahrhunderten lag noch vor Augen, des Perikles Werke wetteiferten in Erhaltung mit den neueste» Bauten, und Plutarch bewundert selbst, wie die Gebäude s I Athen SOI dcs JkrinoS, des Menejikles und des PhidiaS, die so überraschend schnell enrstandcn waren, diese aller Zeit trotzende Neuheit behalten konnten. Nirgend wol findet man so richtig ge- würdigt als bei Lcake, inwiefern die Nachrichten deS Pausanias und Strabo über Griechenland beachtet werden müssen. Die Römer, aus Achtung vor einem Glauben, dem ihr eigener so verwandt war, und in der Absicht, ein Volk zu gewinnen, das höhere Bildung hatte als sie selbst, trugen Scheu, die Tempel zu berauben, wo die Herrlichkeit der Kunstwerke als Weihgeschcnke aufgehoben war, nnd begnügten sich mit Zwangstcuern, während ans Sici- lien, wegen des frühem Einflusses von Karthago und Phönizicn, die Tempclschätze selbst Iveggebracht wurden. Gemälde möchten eher zu des Pausanias Zeit von ihrer Stelle gebracht worden sein. Der Kunstsammler Verschleppungen im Großen, die Verzierung Kon- stantinopcls zu einer Zeit, als das Selbstschaffcn neuer Kunstwerke den Baumeistern nicht mehr möglich schien, christlicher Eifer, Einfälle derBarbaren zerstörten nach und nach in A., was die Kaiser bisher unangetastet gelassen hatten. Noch nach Alarich's Zeit stand jedoch, wie man glauben darf, der Koloß der Athene Promachos. Ungefähr 120 ward der Paganismus zu A. vollständig vernichtet, und seit Justinian selbst die Schulen der Philosophen schließen ließ, verlor sich auch die Erinnerung an die Mythen. Aus dem Parthenon ward eine Kirche der Panagia und an des Theseus Stelle trat der heil. Georg. Der Gewcrb- thätigkeit, die sich noch erhielt, brachte Roger von Sicilien dadurch eine Wunde bei, daß er die Seidenwebcr mit sich nahm. Endlich siel im I. 1-156 A. in Omar's Hände. Um die Schmach zu vollenden, erhielt die Stadt der Minerva daS im Orient beneidete Vorrecht, al§ ein Leibgedinge des Harems von einem schwarzen Eunuchen verwaltet zu werden. Das Parthenon ward zur Moschee, und am Westende der Akropolis wurden die Veränderungen vorgenommen, die durch die neuern Erfindungen des Gcschützwescns nothwendig geworden waren. Erst 1687, bei der Belagerung A.s durch die Venetianer unter Morosini, scheint der Tempel der ungeflügelten Nike zerstört worden zu sein, von dem noch herrliche Überreste im Britischen Museum aufbewahrt werden. Wahrscheinlich kannten die Venetianer nicht, was sie zerstörten; diese Wirkung des Gcschützfeuers mochten sie nicht besorgen. Als Siegeszeichen wollten sie, nachdem ihnen die Burg am 29. Sept. geräumt worden, die Quadriga der Nike, die im westlichen Fronton dcs Parthenon stand, nach Venedig einschiffen, aber beim Abnchmen stürzte die Gruppe und zerstäubte. Schon am 8. Apr. 1688 ward A. von dcn Vcnetianern wieder den Türken überlassen, trotz der Erbietungen der Einwohner, die der Rückkchrcnden wilde Rache fürchteten. Gelehrte Reisende besuchten seitdem öfter A., und ihren Berichten und Zeichnungen verdanken wir das Verständniß einiger Denkmale, die in ihren Überresten jetzt unkenntlich geworden sind. Es wäre ungerecht, den Türken allein die Zerstörung so vieler ehrwürdigen Überreste Schuld zu geben. Mit altem Material zu bauen, war Jahrhunderte lang der Gebrauch der Griechen. Doch hat die gricch. Regierung neuerdings ein Gesetz erlassen, welches sich nicht nur auf die Sicherung und Erhaltung der noch vorhandenen Denkmäler, sondern auch auf die Ausgrabungen erstreckt. Dem Theseus soll A., nach der Sage, die Begründung seiner Macht verdanken, indem er die übrigen Staaten Attikas, über die er als König geherrscht, dahin vermocht, sich A-, als der Hauptstadt, untcrzuordnen. Er soll das große Volksfest, die Panathenäen, gestiftet, die ersten gesetzlichen Anordnungen getroffen und über strenge Beobachtung gewacht, das ganze Volk nach drei Classen in Vornehme, Ackerbauer und Handwerker getheilt, der ersten das Recht, die Heiligthümcr zu bewahren und die Gesetze zu erklären, zugesprochen, die Stadt verschönert und erweitert und das Land durch das Herbciziehen von Fremdlingen mehr nnd mehr bevölkert haben. Bis auf Kodrus von Königen beherrscht, ward, als dieser 1068 v. Ehr. den Tod im Kampfe gesucht und gesunden hatte, die königliche Würde in A. abgeschafft nnd ein auf Lebenszeit gewählter Archon mit der höchsten Gewalt bekleidet. Die Rcgicrungszeit des Archonten ward 752 v. Ehr. auf zehn Jahre, und 70 Jahre später, 683 v. Ehr., auf ein Jahr festgesetzt; dagegen traten von dieser Zeit an neun Archonten an die Spitze der Regierung. Die erste förmliche Gesetzgebung erhielt A. durch den Archon Drakon; doch die Strenge seiner Gesetze empörte die Gemüther. Neue mildere Gesetze und eine zweckmäßigere Verfassung gab Solon im I. 591 v. Ehr. Ihr zufolge sollte die Rc- gierungsforni demokratisch sein nnd ein Senat von 100 Mitgliedern, gewählt aus den 592 Athen ! Volksstämmen, die Gewalt des Volks leiten. Das Volk war nach dem Vermögen in vier Classen gethcilt. Aus den drei ersten sollten die Staatsämter besetzt werden, die vierte nahm bloS durch die Volksversammlung Thcil an der Gesetzgebung. Allein auch diese Verfassung war zu künstlich, um zu bestehen. Hierauftrat Pisistratus, ein Mann von Talenten, Kühnheit und Ehrbegierde, an die Spitze der armen Ctasse und bemächtigte sich der Herrschaft. Seine Negierung war glänzend und wohlthätig; doch seine Söhne, Hipparch und Hippias, vermochten sich nicht zu behaupten, jener ward ermordet, dieser vertrieben. „Spätem Misbräuchen suchte nun Klisthcnes, ebenfalls ein Freund des Volks, durch einige Änderungen in der So- lon'schen Verfassung vorzubauen. Er theilte das Volk in zehn Classen und ließ den Senat aus 500 Personen bestehen. Jetzt trat die glänzende Zeit des pers. Kriegs ein, welcher A. auf den höchsten Gipfel des Ansehens erhob. Miltiades vernichtete bei Marathon, Themi- stokles bei Salamis die Persermacht, Jener zu Lande, Dieser zur See; die Freiheit Griechenlands ging aus einem Kampfe hervor, der ihr anfangs den gewissen Untergang zu bereiten schien, und begeisterte die ganze Nation. Die Rechte des Volks wurden erweitert; die Archonten und andere Obrigkeiten ohne Unterschied aus allen Volksclassen gewählt. Der Zeitraum von den Pcrscrkriegen bis Alexander, 500—336 v. Ehr., war für die Entwickelung der Verfassung A.s der bedeutendste und eigenthümlichste. Die höchste Blüte A.s führten Cimon und Perikles, um 344 v. Ehr-, herbei; doch ward durch Letztem auch der Grund zu , dem nachhcrigen Sittenverderbniß und dem allmäligen Verfall des Staats gelegt. Denn ! unter ihm begann der peloponn. Krieg, der mit der Eroberung A.s durch die Lacedämonier endigte. Die Überwundenen mußten sehr demüthigende Bedingungen von den Siegern annehmen ; doch behielt der Staat noch den Schatten seines Daseins. Es wurden 30 obrigkeitliche Personen eingesetzt, welche den Staat regieren sollten, aber unter dem Schutze der - lacedämon. Besatzung Willkür und Grausamkeit übten. Nach acht schrecklichen Monaten , zertrümmerte Thrasybul diese Tyrannei, stellte die Freiheit her und führte die alte Versah - sung mit einigen Verbesserungen wieder ein. A. fing aufs neue an, sich unter den griech - , Staaten zu erheben und war im Bündnisse mit den Thebancm glücklich gegen Sparta. Allein dieser neue Zeitraum der Macht dauerte nicht lange. Ein gefährlicherer Feind stand im Norden auf; es warPhilipp von Macedonicn. Im phocischen Kriege hatten die Athener sich ihm widersetzt. Dafür nahm Philipp verschiedene mit ihnen verbündete Colonien weg. Die Griechen griffen zu den Waffen; allein die Schlacht bei Chäronea 338 v. Ehr. war das Grab ihrer Freiheit, und A., nebst andern Staaten Griechenlands, wurde nun von Macedonicn abhängig. Erfolglos versuchten die Athener nach Alexander's Tode ihre Freiheit wiederzuerlangen; sie mußten macedon. Besatzung in den Hafen Munychia einnehmen. Antipater verordnete, daß nur die Bürger an der Staatsverwaltung Theil nehmen sollten, welche über 2000 Drachmen im Vermögen besaßen. Bald darauf wurde A. von Kassan- der eingenommen, da es sich gegen Phociön's Rath auf die Seite seiner Feinde geschlagen hatte. Kaffander führte die Oligarchie wieder ein und ernannte den Demetrius PhalereuS zum Verwalter des Staats, der zehn Jahre demselben rühmlich Vorstand. Aber die Äthener, die ihn haßten, weil sie ihn nicht selbst gewählt hatten, riefen den Demetrius Poliorketes zu ^ Hülfe, welcher die Stadt einnahm, die alte Verfassung wiederherstellte und dafür von den Äthenern mit den ausschweifendsten Ehrenbezeigungen überhäuft wurde. Als er jedoch in ' § den Krieg zog, erlosch die Zuneigung des wankelmüthigen Volks, das ihm bei seiner Rück- ! § kehr die Stadt verschloß. Er eroberte A., vergab indeß den Bürgern und ließ ihnen die Freiheit, indem er blos Besatzungen in den Hafen Munychia und in den Piräeos legte, die , in der Folge von den Athenern vertrieben wurden, welche nun wieder eine Zeit lang ihre Frei- i heit behaupteten. Von neuem durch Antigonus Eonatas besiegt, blieben sie in diesem Zu- , § stände, bis sie sich von Macedonicn losrissen und dem achäischen Bunde beitraten. Später § verbanden sie sich mit den Römern gegen Philipp und behielten unter diesen ihre Freiheit. , Als sie sich aber verleiten ließen, dem Mithridates gegen die Römer beizustehen, zogen sie > , die Rache Roms auf sich. Sylla eroberte A. und ließ ihm mir einen Schein von Freiheit den cs unter Vespasian nebst Attika (s. d.) vollends verlor. ' , Das jetzige Athen, bei den Türken Athiniah oder Sctincs, ist die Haupt- und Resi- , denzstadt des neuen Königreichs Griechenland. Bis zur Zeit der griech. Revolution ( 1821 ) Athenafloras Athenäum 593 war A. eine Ptovinzialstadt von geringer Bedeutung, der Sitz eines griech. Erzbischofs (Metropoliten) und eines türk., vom Pascha in Euböa abhängigen Woiwoden. Die Ländereien waren meist in den Händen der vornehmen Türken, während die angesehenen Griechen (Archonten) einen verhältnißmäßig nur geringen Theil besaßen. Der Haupterwerbszweig bestand in Ackerbau und Viehzucht; die Industrie erstreckte sich nur auf die Sradt und Umgegend. Die Stadt selbst war völlig im türk. Stile erbaut, meist von hölzernen Häusern und mit krummen Straßen, nach außen mit einer im Z. 1772 gegen die damaligen Naubzüge der Albanesen leicht aufgeführten Mauer, die kaum 15 F. Höhe und 2 F. Dicke hatte, geschützt. Als im März 1821 der Freiheitskampf begonnen hatte, wurde im Juni des folgenden Jahres A. nebst dem festesten Punkte derselben, der Akropolis, von den Türken übergeben. Vier Jahre lang blieb nun A. im Besitze der Griechen; eine Verwaltung wurde organisirt, Schulen entstanden und selbst eine Buchdruckcrei wurde von Oberst Stanhope aus England herbeigeschafft. Aber im Aug. 1826 nahmen die Tür- ^ kcn mit überlegener Macht die Stadt wieder ein und im Juni 1827 fiel nach einer verzwei- ! selten Gegenwehr auch die Akropolis. A. glich jetzt einem Schutthaufen und blieb in diesem verödeten Zustande, bis durch das Protokoll der londoner Conferenz vom 3. Febr. 1830 i die Vereinigung Attikas mit Griechenland ausgesprochen wurde. Von nun an begannen ! viele Griechen und andere Europäer sich wiederum hier anzubauen. Noch mehr geschah ^ dies, als am 20. Mär; (l. Apr.) 18.33 die Baiern förmlich Besitz von A. nahmen, worauf der König Otto am '/iz. Dec. 183-1 die Residenz von Nauplia hierher verlegte. Die türk. Sitten und Einrichtungen mußten den fränkischen weichen. Mit unglaublicher Schnelle erhoben sich öffentliche und Privatgebäude, gerade und breite Straßen wurden durch das alte Trümmergewirre durchgeschlagen, unter denen sich besonders die Hermes-, Äolus-, Athenen- und neue Stadionstraße auszeichnen; endlich wurde im März 1836 der Grund zum königlichen Schlosse gelegt. Vgl. Traxel, „Topographischer Plan der Stadt A." (Par. 1836) l und Aldenhoven, „Karte von A." (Athen 1838). Über die Verwaltung der Stadt ist der ! unmittelbar dem Ministerium des Innern untergeordnete Präfect (ckm-xi/r^x) von Attika gesetzt, die städtischen Angelegenheiten aber besorgt ein Bürgermeister (ö^a^ox) nebst mehren Beisitzern und einem Gemeinderathe, die von der Gemeinde (ck^ox gewählt werden. Eine besondere Fürsorge hat man auch den geistigen Interessen gewidmet. Außer andern Bildungsanstalten wurde ein Gymnasium und eine Universität gegründet, an welcher gegenwärtig 36 ordentliche und außerordentliche Lehrer angestellt sind und gegen 300 Studirende sich befinden, und wie Deutsche zur Zeit des Kampfes ihr Blut für die Un- abhängigkeit Griechenlands willig Hingaben, so bringen Deutsche jetzt der entstehenden Universitätsbibliothek literarische Schätze unaufgefodert dar. Athenagöras, ein Platonischer Philosoph in der ersten christlichen Kirche, angeblich aus Athen und zu Alexandria Lehrer, ist durch eine griech. Apologie für die Christen an den Kaiser Marc Aurel, die er um 177 schrieb, als einer der ältesten Apologeten bekannt. In dieser „Oexstio pro Ollristianis", herausgegeben von Lindner (Langensalze 1771), recht- I fertigt er die Christen gegen die unter den Heiden umlaufenden Beschuldigungen des Atheis- , mus, der Blutschande und des Essens geschlachteter Kinder mit philosophischem Geist und in lichtvollem, bündigem Vortrag. Auch besitzen wir von ihm eine für die philosophische Religions- lehre noch jetzt wichtige Abhandlung über die Auferstehung der Tobten (Löwen 1511,1.). Athenäum war ein Tempel der Athene oder Minerva zu Athen, in welchem Gelehrte und Dichter ihre Werke vorzulesen pflegten. Zu gleichem Zwecke errichtete der Kaiser Ha- driannach seiner Rückkehr aus dem Orient um 133—139 n. Chr. zu Rom in der Gegend ! des Forum das berühmte Athenäum, eine Art Akademie, die sich bis ins 5. Jahrh. erhielt, > worin theils Unterricht in der Poesie und Rhetorik von eigens dazu bestellten Lehrern ertheilt wurde, theils Schriftsteller ihre Producte öffentlich vorlasen, wie dies im Allgemeinen schon seit Augustus Sitte war. In neuerer Zeit hat man das Wort auch als Collectivtitel für verschiedene Abhandlungen gebraucht, so Aug. Wilh. und Friedr. von Schlegel, sowie Günther und Wachsmuth; bekannt ist auch das in London erscheinende „^tkenseuw, journal ok litsrature, science sink Ille sine arts". Conv.-Lcr. Neunte Aufl. 1. 38 594 Athenäus Äthiopische Sprache, Schrift und Literatur Athenäus, ein griech. Rhetor und Grammatiker, aus Naukratis in Ägypten, lebte zu Ende des 2. und zu Anfänge des S. Jahrh. n. Chr., anfangs in Alexandria, später in Rom. Er hat ein Werk „Eastmahl der Gelehrten" („veipnosnpiüstu«"), in l 5 Büchern, von denen wir aber das zweite und den Anfang des dritten mir noch im Auszuge besitzen, geschrieben, worin in Gesprächsform fast alle Gegenstände der alten griech. Sitte, des häuslichen und öffentlichen Lebens, der Kunst und der Wissenschaft behandelt werden. Der Verlust einer Menge von Dichtern und andern Schriftstellern ist uns durch diese Sammlung wenigstens zum Theil ersetzt worden. Von der wichtigen Ausgabe des Casaubonus erschienen zuerst Text und die Übersetzung (Genf 1597), dann der Commentar (Lyon und endlich beide zusammen (Lyon 1612 und zuletzt 166-1). Vollständig und auf neue handschriftliche Vergleichungen begründet ist die Ausgabe von Schweighäuser (l-l Bde., Strasb. 1801—7). Eine gute und besonders in den Dichterfragmenten durchaus verbesserte Handausgabe gab W. Dindorf(3 Bde., Lpz. 1827). Athene, s. Minerva. Athenodörns, aus Tarsus gebürtig, war ein Anhänger der stoischen Philosophie, der um die Zeit der Geburt Christi in Rom lebte. Er war der Lehrer des Kaisers Augustus und ist nicht mit dem altern Athenodorus Kordylion, der ebenfalls aus Tarsus gebürtig und Vorsteher der pergamcnischcn Bibliothek, sowie Lehrer des Cato von Utica war, zu verwechseln. Schriften besitzen wir nicht von ihm. Äther wird in der heutigen Physik die äußerst feine elastische Flüssigkeit genannt, von der die Physiker, um die Gesetze verschiedener Erscheinungen in der Natur zu bestimmen, anneh- mcn, daß sie durch den ganzen Weltraum verbreitet sei. Scheinbar steht mit dieser Annahme in Widerspruch, daß die Planeten bei ihrer Bewegung um die Sonne keinen merklichen Widerstand erfahren, wie ihn eine im Welträume verbreiteteFlüssigkeit entgegensetzen müßte; allein dieser Umstand wird durch die im Vcrhältniß zur Dichtigkeit der Planeten sehr geringe Dichtigkeit des Äthers erklärlich, vermöge deren dieser Widerstand zu gering ist, um eine in die Beobachtung fallende Wirkung hervorzubringcn. Zudem haben sich in der Bewegung einiger genau beobachteten Kometen, die Körper von viel geringerer Dichte als die Planeten sind, wirklich Zeichen eiyes solchen Widerstandes mit großer Bestimmtheit zu erkennen gegeben. Nach Euler ist der Äther fast 39 Mill. mal dünner und 1278 mal elastischer als die atmosphärische Lust; doch kann man dieser Bestimmung keine große Zuverlässigkeit beimcssen. Viele Physiker erklären jetzt die Erscheinungen des Lichts durch Schwingungen des Äthers ebenso wie man die Erscheinungen des Schalls durch Schwingungen der Lust erklärt. — In der Chemie bedeutet Äther einefeine, farblose, durchsichtige, sehr leichte, flüchtige und entzündliche Flüssigkeit von angenehmem und durchdringendem Gerüche, die mittels der Säuren aus Älkohol erzeugt wird und nach der Verschiedenheit dieser Säuren verschiedene Namen hat. — In der Medicin wird der Äther als ein stark auf die Nerven wirkendss Mittel gebraucht; auch in den Künsten wendet man ihn vielfach an, z. B. zur Auflösung des elastischen Harzes, des Kopals u. s. w. Die Ätherarten nannte man sonst Naphtha (s. d.). Äthiopier, d. i. die von der Sonne Verbrannten, ist ein unbestimmter Nanie, mit welchem in den frühesten Zeiten alle Völker von dunkler oder schwarzer Farbe bezeichnet wurden, namentlich die Völker im nordöstlichen Afrika und südwestlichen Asien. Homer setzt daher Äthiopier in den Aufgang und Niedergang. Bei ihm heißen so vorzugsweise die Völkerschaften in den entferntesten Gegenden am Laufe des Nilstroms, die Neger in Nubien, und ein Theil derselben, die Makcrbij, im heutigen Sennaar und Habesch. Nach und nach schränkte sich der Name auf die eigentlichen afrikanischen Äthiopier ein. Diejenigen Äthiopier aber, welche im Alterthum am berühmtesten waren, waren die am Nil wohnenden des Staats Meroe (s.d.), die sich sehrsrüh durch die Errichtung großer Baudenkmäler, durch I Staatseinrichtungen und Gesetze, sowie überhaupt durch hohe Geistesbildung auszcichneten. Äthiopische Sprache, Schrift und Literatur. In dem Reiche Ab yssinic» (s. d.) herrschen verschiedene, zum größten Theil noch ganz unbekannte Sprachen und Dialekte. Die vorzugsweise Äthiopisch, von den Eingeborenen aber Gees oderGecz genannte Sprache gehört zu dem semitischen Sprachstamme und schließt sich am nächsten an den Athleten 595 seit Mohammed aus Arabien selbst fast ganz verdrängten südarab. Dialekt des Himjrriti- schen an, doch ist dieselbe weniger reich und ausgebildct als die arab. Schwester. Die eigcn- thümliche und von allen semitischen in Bildung und Richtung abweichende äthiopische Schrift ist ebenfalls identisch mit der himjaritischen Schrift und bestand ursprünglich nur aus Consonanten, die von der Rechten zur Linken geschrieben wurden; erst später, sit der Einführung des Christenthums, wurde nach dem Vorbilde der Griechen die Richtung der Schrift geändert und durch Hinzufügung der Vocalzcichen, die mit den Consonanten innig verschmolzen sind, ein vollständiges Syllabar begründet. Aus der Zeit vor der Einführung des Christenthums unter Konstantin dem Großen sind bis jetzt nur unbedeutende Fragmente äthiop. Inschriften bekannt geworden ; seit jener Zeit aber wurde eine Menge Werke, meist kirchlichen und historischen Inhalts, verfaßt. Die ganze Bibel, das Alte Testament nach der wurde von unbekannten aber christlichen Verfassern im -1. Jahrh. überseht; auch ist cs vollständig in Handschriften in Europa vorhanden, aber nur in einzelnen Theilen gedruckt, z. B. die Psalmen (äthiop. und lat. von Ludolf, Franks. 1701 -1., äthiop., Lond. 1815; vgl. Dorn, „Ile psslterio uetliittjücn", Lpz, 1825, -1.); das Neue Testament (2 Bde., Rom 1548, 4. und in der londoner Polyglotte) u. s. w. Vgl. Platt, catsIoAiie ak tbs etüiopie biblieai inanuscrijits" (Lond. 1823, 4.). Besonders reich ist die äthiop. kirchliche Literatur an Übersetzungen von Apokryphen, deren gricch. Originale verloren gegangen sind; darunter sind namentlich wichtig die Übersetzung des Buches Henoch (engl, von Lawrence, 2. Aust., Lond. 1833 ; deutsch von A. G. Hoffmann, Jena 1838; im Originaltext, Lond. 1840) und die „^seensio Isaiae vatis" (äthiop. und lat. von Lawrence, Oxf. 1819). Außerdem sind noch zu erwähnen „He liillascalia, on rg,o- etolicrü constitiition <>f tlls ab^ssinisn clnircb" (engl, und äthiop. Von Platt, Lond. 1834, 4.); „8)-naxar", das Leben der in Abyssinien verehrten Heiligen, Martyrologien und die Hymnen der äthiop. Kirche in roher unausgebildeter rhythmischer Form. Von den nicht unwichtigen historischen Schriften ist noch nichts durch den Druck bekannt gemacht worden; am berühmtesten istdas „Leder -a Negests", die traditionelle, mit vielen Legenden und Sagen vermischte Geschichte des einst mächtigen Reichs Axum enthaltend; ferner das „Tsreck tzlegusllti", die Chronik der Könige und andere Chroniken aus verschiedenen Zeiten, welche die Geschichte Abyssiniens bis auf die Gegenwart herabführen. Bearbeitet wurde die äthiop. Sprache auf eine meisterhafte Weise von Hiob Ludolf, der eine äthiop. Grammatik (Franks. 1702, Fol.) und ein äthiop. Lexikon (Franks 1699, Fol.) lieferte. Seit ihm ist verhältniß- mäßig wenig für die genauere Erforschung dieser Sprache gethan worden; doch sind hier zu nennen Platt, Lawrence, Dorn, Hupfeld, Hoffmann, Rüdiger und die Missionare Jsenberg, Blumberg, d'Abbadie u. A. Im 14. Jahrh. wurde die äthiop. Sprache durch eine Regierungsveränderung verdrängt, sodaß sie jetzt als eine tobte Sprache, deren man sich nur zu allen Arten schriftlicher Aufsätze bedient, zu betrachten ist. Statt ihrer wurde das Am- harische die herrschende Sprache, das zwar in allen wesentlichen Punkten mit dem Gees übereinflimmt, aber doch auch viele fremde urafrikanische Elemente enthält. Nach den schwachen Versuchen Ludolf's, der eine amharische Grammatik nebst Lexikon (Franks 1698, Fol.) hcrausgab, erschienen vollständige Bearbeitungen der Sprache durch den deut- . scheu Missionar der engl. Missionsgcsellschaft, Jsenberg, dem wir eine amharische Grammatik (Lond. 1842, 4.) und ein amharisches Lexikon (2 Bde., Lond. 1841, 4.) verdanken. Eine Literatur dieses Dialekts existirt noch nicht; man besitzt in ihm nur Übersetzungen der Bibel und andere religiöse Werke von den Missionaren Pearce, Jsenberg, Blumbcrg u. A. Der Dialekt von Tigree, der in der Gegend von Axum geredet wird, steht der alten Geez- sprache am nächsten, ist aber noch sehr wenig bekannt; noch mehr gilt dies von den Spra- ! chen der Schoas, Gallas und den andern Stämmen des abyssin. Reichs. Athleten, d. h. Kämpfer, Theilnehmcr an körperlichen Wettstreiten, nannte man im enger« Sinne in Griechenland Diejenigen, die aus der Athletik (s. Gymnastik) ihr Haupt- . geschäft niachten, besonders Ringer und Faustkämpfer. Ihre Bestimmung war, bei feierlichen Gelegenheiten öffentlich zu kämpfen, und ihre Lebensweise diesem Zwecke gemäß eingerichtet. Sic wandten die größte Sorgfalt auf Kräftigung des Körpers und enthielten sich 596 Athmen Athos daher auch der sinnlichen Liebe. Bevor sie bei öffentlichen Kämpfen zugelassen wurde», untersuchte man ihre Geburt, Sitten, Stand und Verhalten; ein Herold rief eines Je- den Namen aus und foderte Jedermann auf zu sprechen, wenn er etwas Nachtheiliges von ihm wisse. Erst nach bestandener Prüfung und nachdem der Athlet einen Eid geschworen, daß er allen Ersodernissen genügt habe und die Kampfgesetze genau beobachten wolle, bekam er die Erlaubniß zu kämpfen. Die Paare der Kämpfer wurden durch das Loos bestimmt. Den Sieger belohnten nicht nur der Beifall der Menge, sondern auch Kronen und Bildsäulen. Mau führte ihn im Triumph auf, schrieb seinen Namen in die öffentlichen Verzeichnisse, nannte wol auch die Olympiade nach ihm, und Dichter priesen ihn in Lobgesängen. Auch be- I willigte man ihm Freiheiten, einen Jahrgehalt und bei den feierlichen Spielen den vornehmsten ' Platz. Besondere Ehre erwies ihm seine Vaterstadt, denn alle seine Mitbürger theiltm seinen Ruhm. Vgl. Krause, „Gymnastik und Agonistik der Hellenen" (Bd. l, Halle 1835). Athmen oder Respiration nennt man die Verrichtung des thierischen Körpers, die in einer abwechselnden Einziehung und Ausstoßung von Lust (s. Ath em) besteht und daher mit Erweiterung und Verengerung der Brust verbunden ist. Das Athmen macht mit dem Blutumlaufe, mit dem es in enger Verbindung steht, den Grund des thierischen Lebens aus. Das Hauptorgan des Athmens ist die Lunge, deren Blutgefäße durch die wcchselsweise Aufschwellung und Verengerung der Lungenbläschen bald angespannt, bald erschlafft werden, und welche mit der eingeathmeten Luft in die innigste Berührung kommen. Hierdurch werden dem Blute gewisse heilsame Theile aus der eingeathmeten Lust zu-, und andere schädliche oder nicht mehr brauchbare abgeführt. Es geht nämlich beim Einathmen eine Zersetzung der atmosphärischen Luft (s. Gas ) vor sich; das Sauerstoffgas wird dem Blute zugeführt, dagegen das Stickgas unverändert, das kohlensaure Gas aber vermehrt wieder ausgeathmet. Ein erwachsener Mensch athmet bei jedem Zuge 40 Kubikzoll Lust ein, und wiederholt dies in einer Minute ungefähr 18 mal; folglich verschluckt er in dieser Zeit 720 Kubikzoll Lust, wovon sich 36 Kubikzoll in kohlensaures Gas verwandeln. Ein Theil des Sauerstoffgases der atmosphärischen Luft verbindet sich in der Lunge mit dem überflüssigen Wasserstoff und bildet Wasser, welches in der Gestalt von Dünsten, die bei 40" R. sichtbar sind, wieder mit ausgeathmet wird. Ein anderer Theil des Sauerstoffgases vereinigt sich in der Lunge mit dem Überschuß an Kohlenstoff im Blute und bildet dadurch kohlensaures Gas, welches mit den wässerigen Dünsten ausgehaucht wird. Aus allen Beobachtungen erhellt, daß das Sauerstossgas zum thierischen Leben unumgänglich nöthig ist. Wie es nach dem Einathmen im Körper wirke, darüber sind die Meinungen verschieden. iN Iiome. Unter diesem Titel waren die satirischen Darstellungen berühmt, welche der berühmte Komiker Matthews bis kurz vor seinem Tode, im J. 1834, auf dem Theater der engl. Oper oder dem Adelphi gab, indem er den ganzen Abend hindurch allein auf der Bühne erschien, als wäre er zu Hause. Wie Foote in gleicher Absicht und zu demselben Zweck, um ein Verbot gegen seine satirischen Darstellungen zu umgehen, seine Freunde und Gönner zum Thee einlud, so kündigte Matthews durch große Anschlagzettel an, daß er nt Käme, d. i. zu Hause, sei. Das satirische und dramatische Talent, das er in diesen Darstellungen entwickelte, war außerordentlich und die Mannichfaltigkeit der Charaktere, die er durch Stimme, . Geberde, Haltung und Costum dem Publicum vorführte, bewundernswerth. Später unter- > stützte ihn hierbei sein talentvoller Schüler Jates, und in wenigen Jahren brachte er rin großes Vermögen zusammen. Athor oder Athyr, eine ägypt. Göttin, spielt eine große Nolle in den Kosmo- gonicn als der dunkle Urgrund, die alte Nacht, aus der alle Dinge erzeugt werden. Sie ist die Repräsentantin der Zeugung und aller damit in Verbindung stehender Vorgänge, weshalb sie auch häufig mit der Isis und Nephthys zusammenfällt oder eine Modification derselben bildet. Die Griechen identificirten sie mit ihrer Aphrodite. Nach ihr wurde der dritte der ägypt. Monate benannt, und hauptsächlich ward sie in der Stadt Atarbechis verehrt. Athos, jetzt auch Agion Oros, d. i. heiliger Berg, im Italienischen Monte-Santo, ein hoher Berg und das Vorgebirge einer langen Bergreihe der türk. Provinz Makedonien t auf der östlichsten der drei Erdzungen, welche durch die Meerbusen von Salonichi und Kon- tessa gebildet werden. Diese Erdzunge ist es, welche ikerxcs, um dieselbe nicht zu umschiffen zu Ätiologie Atlantisches Meer 597 brauchen, als er seine Flotte an die thessalische Küste bringen wollte, durchgraben ließ, was durch neuere Untersuchungen,;. B. von Leake, nachdem man Solches früher in Zweifel gezogen, bestätigt worden ist. Der Athos erhebt sich gegen -120V F. über dem Spiegel des Meers und ist großentheils von Griechen bewohnt. Aus demselben liegen gegen 500 griech. Klöster, Kapellen und Einsiedeleien, die zusammen mehr als OOOOOrdensgeistliche, besonders rüss. Mönche vom Orden des heil. Basilius, zählen sollen. Die Klöster und Kirchen sind die einzigen im osman. Reiche, welche Glocken haben. Die Mönche leben auf dem Athos in völliger Abgeschiedenheit von der Welt und führen eine so strenge Clausur, daß sie kein weiblichesWe- sen, nicht einmal ein weibliches Hausthier um sich dulden. Sie unterhalten mehre Schulen, und ihre Bibliothekensind reich an literarischen, besonders handschriftlichen Schätzen, die theils vor der Eroberung Konstantinopels 1453 hier geborgen, theils geschenkt, zum großen Theile aber von den fleißigen Mönchen selbst geschrieben worden sind, von denen jedoch Manches schon in die Bibliotheken zu Paris, Wien u. s. w. gewandert ist. Auch schnitzen die Mönche viele Heiligenbilder, Agnus Dei und Paternoster, welche sie in dem auf dem Berge liegenden Marktflecken Kareis vorzüglich nach Rußland absetzen. An die Pforte und die türk. Be- fehlshaber haben sie jährlich bedeutende Geschenke zu machen. Ätiologie, die Lehre von den Ursachen der Krankheiten, s. P ath olo gie. Atlanten, auch Telamonen, heißen starke männliche Bildsäulen, die zuweilen bei Prachtgebäuden statt der Säulen und Pfeiler zum Tragen des Gebälks oder besonderer Vorsprünge und Gesimse desselben angewandt werden. Sie verlangen natürlich, um in Harmonie mit den Architcktursormen zu stehen, eine streng stilistische Behandlung. Atlantis ist einer uralten Sage nach, die Solon von den Priestern in Ägypten überkommen haben soll, der Name einer Ungeheuern Insel im Atlantischen Ocean, die ebenso groß als Klcinasien und Libyen war. Über die Lage derselben sind die Angaben der Alten sehr unzuverlässig, und da sie in eine Gegend gesetzt wird, wo sich in späterer Zeit keine Insel fand, so kam man auf den Gedanken, daß sie unterg-gangen. Andere wollten in den Canari- schen Inseln Überreste der versunkenen A. wiederfinden; noch Andere, wie Rudbeck in seiner „ärlsnlica", verstehen darunter die skandinavische Halbinsel. Den meisten Anklang hat jedoch in neuester Zeit die Vermuthung gefunden, die Bircherod in einer Abhandlung „De orbe novo non novo" (Altd. 1685) zuerst aufstellte, daß vielleicht phöniz. oder karthag. Handelsschiffe, durch Stürme und Strömungen von ihrem Wege abgetrieben, an die amerik. Küste verschlagen worden und von dort später glücklich nach ihrem Vaterlande zurückgekehrt sein könnten, und daß also unter der Insel A. des Platon im „Lritiso", sowie unter der großen namenlosen Insel, von welcher Diodor, Plinius und Arnobius sprechen, nichts Anderes als das heutige Amerika zu verstehen sei. Atlantisches Meer, entweder nach dem Atlasgebirge oder nach der fabelhaften Insel Atlantis so benannt, heißt derjenige Theil des Weltmeers, welcher die neue von der alten Welt trennt, im Norden und Süden in offenen« Zusammenhänge mit den beiden Eismeeren steht und für die Entwickelungsgeschichte seiner Gestadcländer von unendlicher Bedeutung ist. In merkwürdiger Parallelität seiner Gegenküsten, gleicht der Atlantische Ocean eher einer mächtigen Strombahn als einem offenen Weltmeere. Der nördliche Theil gliedert die Küsten Nordamerikas durch das Eingreifen der Hudsonsbai, des Lorenzbusens, des Mexikanischen und Karaibischen Golfs fast ebenso, wie Europa durch die Ost- und Nordsee, dasAqui- tanische, Mittelländische und Schwarze Meer; wogegen der südliche Theil die südamerik. und afrik. Küsten nur wenig zersplittert. Der Einbiegung des Golfs von Guinea in Afrika entspricht die Ausbiegung Brasiliens, ebenso der Hcrvorragung Sencgambicns und Sn- dans die Einspülung des Antillcnmcers. Das Atlantische Meer ist seit dem 15. und 16. Jahrh. die große Straße für die Culturvölker Europas geworden, auf der sie nach allen Gegenden der Welt segeln, in den verschiedensten Richtungen kreuzend, welche durch die Luft- und Wasserströmungen vorgezeichnet werden. Die Hauptströmungen des Atlantischen Oceans sind: 1) Die Äquatorialströmung aus dem Golf von Guinea westwärts nach Südamerikas Ostspitze, 2) ein nördlicher und 3) ein südlicher wieder rückkehrender Kreislauf. Dieser ist am bemerkbarsten nördlich im Golfstrome, südlich im brasil. Strome an den Küsten Amerikas in deren polarer Richtung. Auf den fast täglich verfolgten weestraßeu Atlas 598 erreichen Segelschiffe von Hamburg au§ die nordamcrik. Häfen der Ostküste in 10 — 50 Tagen, und Dampfschiffe in ungefähr >1 Tagen, die mittelamerik. Handelsplätze in 50 — 60 Tagen, Nio-Janeiro in 50 — 70 Tagen und die Capstadt in 60 — 70 Tagen > (mit Dampf in ungefähr -10 Tagen), während die Rückfahrten durch Benutzung begünstigender Strömungen um 8-1-1 Tage verkürzt werden. Die Jnselbildung des Atlantischen Oceans ist nur reichhaltig in der Nähe von Europas und Nordamerikas Küsten (s. Europ a und Amerika), im freien Occane steht sie jedoch der des Großen oder Stillen Weltmeers bciwcitcm nach. Als Stationen erscheinen wichtig: Island und die Färöer zwischen Europa und Polaramcrika, die Azoren und Bermuden zwischen Europa und dem Mittlern und süd- l liehen Nordamerika, Ascension, St.-Helena, Trinidad und Tristan-da-Cunha zwischen ^ Afrika und Südamerika und die Falklandsinseln, Südgeorgien und Sandwichsland zwischen > Südamerika und den antarktischen Gestaden. Der Größe nach ist das Atlantische Meer ^ das zweite Weltmeer, mit einem Areal von 1,626000 OM., wenn man cs im Norden und Süden durch die Polarkreise begrenzt. Atlas, ein Titane, der Sohn des Japetus und der Klymene und Bruder des Menö- tius, Prometheus und Epimctheus, war durch Plcone des Oceanus Tochter, oder Hesperis, die Tochter seines Bruders, Vater der Plejad en (s. d.). Da er mit den übrigen Titanen den Himmel stürmen wollte, verurtheilte ihn Jupiter, zur Strafe dafür das Himmelsgewölbe zu tragen. Nach der Erzählung späterer Schriftsteller war A. ein mächtiger König, welcher große Kcnntniß der Astronomie besaß; ja man führt sogar drei A. an, einen maurischen, italischen und arkadischen. Zufolge der Ansichten der Alten von dem Himmelsgewölbe und scinemVer- hältniß zur Erde, nach denen jenes auf einem festen Körper ruhen mußte, wurde dieser ursprünglich der Mythologie und Kosmographie ungehörige Name in die Geographie hinübcr- gezogen. — Bildlich nennt man Atlas, nach Mercatovs Vorgänge im 16. Jahrh., eine Sammlung von Land- und Himmelskarten, weil früher auf dem Titel A. als Träger der Himmelskugel abgebildet war. Später hat man diesen Namen auch auf anderartige Sammlungen übergetragen. — In der Anatomie hat man dem ersten Halswirbel, welcher den Kopf, wie der Titane A. den Himmel trägt, den Namen Atlas gegeben. Atlüs, ein Gebirge im westlichen Theil Nordafrikas, der heutigen Berberei, deren eigenthümlichcn physischen und geographischen Charakter es bestimmt. Schon Hcrodot erwähnt einen in die Wolken reichenden Berg dieses Namens, südwestlich von der kleinen Syrte, 20 Tagereisen westlich von den Garamanten, welchen die Eingeborenen die Säule des Himmels nennen. Von den spätern Schriftstellern, vorzüglich seit Polybius, wurde der ^ Name A. stets von der Gebirgskette im Nordosten Afrikas gebraucht, welche sich von der Insel Cerne (bei dem heutigen Cap-de-Ger) nordöstlich durch Mauretania-Tingitana Hinsicht. Bei den Eingeborenen hieß dieses Gebirge Dyris. Ptolemäus nannte es den Großem A., - zum Unterschiede von dem Kleinere A-, einem mit ihm parallel lausenden nördlichem Ge- , birgc. Fälschlich nahm man daher später zwei bestimmt gesonderte nebeneinander laufende Ketten desselben an, den Großen A. und den Kleinen A. Die neuesten geographischen Beobachtungen haben diese Annahme widerlegt und dargethan, daß der Atlas überhaupt gar nicht als eine Bergkette zu betrachten sei. Er stellt sich vielmehr als ein höchst unregelmäßiges , Gebirge dar, indem er aus einer Menge nach den verschiedensten Himmelsgegenden auslau- l senden, manchmal durch Gebirgsknoten, manchmal aber auch blos durch Joche und öfters selbst nur durch niedere Hügelreihen miteinander verbundener Bergketten, Berggruppcn und einzelner Berge besteht. Seine größte Höhe erreicht er in Marokko, wo er allein über die Schneelinie sich erhebt und der Miltsin seinen höchsten Gipfel bildet. Weiter nach Osten wird er niedriger und in Algier erheben sich seine höchsten Gipfel, z. B. der Dschurdschura, nicht über 7000 F. Von Algier senkt er sich nach Osten immer mehr, bis er in seinem östlichsten Ausläufer, dem höchstens 1500 F. hohen Ghuriano im Tripolitanischen, in die Wüste, ; welche hier in der großen Syrte bis ans Meer herantritt, abfällt. Zur Seite dachen sich die Ge- i birgszügc des Atlas sowol westlich und nördlich nach dem Meer, wie südlich nach der Wüste ab. Atlas oder Satin ist ein geköpertes seidenes Zeug von vorzüglichem Glanze. Man hat c halbseidenen, wollenen und leinenen Atlas, und hinsichtlich der Güte theilt man ihn in schweren, Mittlern und leichten. Den besten gemusterten Atlas liefern die Franzosen, im glatten machen ! Atmosphäre 599 die Deutschen den Italiener» den Rang streitig; der engl, ist schon, aber sehr theucr. Die schlechtesten Sorten sind der chines-, der moskowit., der ostind., der Roll- und Bällchenatlas. > Atmosphäre, Dunstkreis oder Dunstkugel wird zunächst die Luft, in welcher der Erdball gleichsam zu schwimmen scheint, im weitesten Sinne aber jede Masse feiner elastischer Flüssigkeiten genannt, von welcher ein Körper allenthalben umgeben ist. Man spricht daher von einer Atmosphäre der Sonne, des Mondes, der Planeten, elektrischer, magnetischer thierischer Körper u. s. w-, deren Dasein zwar nicht streng erwiesen, aber mit mehr oder weniger Gründen wahrscheinlich gemacht werden kann. Vermöge ihrer Schwere ist die Atmosphäre der Erde unzertrennlich mit derselben verbunden und drückt auf sie nach den Ge- , setzen schwerer elastischer Flüssigkeiten. Ihr gesammter Druck ist ihrem Gewicht gleich, wirkt aber, wie der Druck aller schweren elastischen Flüssigkeiten, von allen Seiten. Wird nun durch irgend einen Umstand an einem Orte ein stärkerer Druck verursacht, so nimmt man besondere Erscheinungen und Wirkungen wahr, die so lange fortdauern, bis das Gleichgewicht ^ wiederhergestellt ist. So steigt z. B. in der Röhre einer Pumpe das Wasser, seiner Natur und den Gesetzen der Schwere zuwider, in die Höhe, sobald zwischen demselben und dem in die Höhe gezogenen Kolben ein luftleerer Raum in der Röhre entsteht. Die Ursache davon ist das aufgehobene Gleichgewicht, indem die Lust fortwährend aus das außerhalb der Röhre befindliche Wasser drückt, innerhalb der Röhre aber keine Lust vorhanden ist. Durch diesen i Druck wird das Wasser, wenn die Röhre lang genug ist, bis 32 F. emporgetrieben. Dies ist das Gewicht, mit welchem die Atmosphäre auf die Erde drückt, und welches ebenso viel beträgt als der Druck eines 32 F. hohen Occans, wenn ein solcher über den ganzen Erdball verbreitet wäre. Hieraus ergibt sich, daß die Atmosphäre auf dem menschlichen Körper, nimmt man diesen zu12lHF. an, bei 28 Zoll Barometerhöhe mit einem Gewichte von 33320 Pf. ruht. Daß der Mensch diesen Druck nicht empfindet, kommt daher, weil die Luft ihn von allen Seiten umgibt, weil sie überdies auch in seinem Innern befindlich ist, also vermöge ihrer Elasticität von allen Seiten und selbst von innen nach außen wirkt, und mithin der über dem Körper befindlichen Luft das Gleichgewicht hält. Daß die Atmosphäre nicht einerlei Dichtigkeit habe, läßt sich schon daraus vermuthen, daß die untern Luftschichten die Last der obern mitzutragen haben, wodurch sie mehr zusammettgepreßt und dichter werden. Dem von Mariotte aufgestellten Gesetze gemäß nimmt die Dichtigkeit der Atmosphäre in geometrischer Progression ab, sowie die Höhen in arithmetischer Progression zunehmen. Bis an die äußersten Grenzen der Atmosphäre mag indeß auch dieses Gesetz nicht stattfinden, weil dort die Luft, frei von allem Drucke, völlig in ihrem natürlichen Zustande, d. h. ohne irgend eine Äußerung der Elasticität sein muß. Die Höhe der Atmosphäre ist von den Physikern, theils nach dem Drucke, den sie ausübt, theils nach der Dämmerung (indem anzunehmen ist, daß die Luft, so weit sie Licht zurückwirft oder Erleuchtung annimmt, zu unserm Planeten gehört) auf acht geographische Meilen geschätzt worden. Nach Delam- bre beträgt diese Höhe indeß Dschibel, d. h. Berg), der höchste der drei großen feuerspeienden Berge Europas, dessen senkrechte Höhe 1V226 F. beträgt, erhebt sich im nordöstlichen Theile der Insel Sicilien terrassenförmig aus der Ebene von Catania. Der Fuß des Bergs hat 15 deutsche Meilen im Umfange, besteht aus kleinen Bergen und wurde sonst von mehr als 199099 Menschen bewohnt. Die Ansicht auf der Nordseite von dem Oliveto des Kapuzinerklostcrs Trecastagnc zeigt den üppigsten Vorgrund mit Dattelpalme, ind. Feige, Aloe, Lorberbaum, Orange und Granate, und die reichste Ferne. Man theilt den Berg in drei Regionen, die erste, die angebaute, ist mit Städten, Dörfern und Klöstern angefüllt und wird von kleinen Lavabergen gebildet; die zweite, die Holz-oder Waldgegend, ist berühmt wegen des üppigen Wachsthnms ihrer Platanen,, Kastanien und Eichen; die dritte, die wüste oder nackte, mit Eis und Schnee bedeckt. Der Ätna versorgt nicht nur einen großen Theil Italiens mit dem den Einwohnern zu kühlenden Getränken unentbehrlichen Schnee, sondern auch Malta, und cs soll der Schneehandel, welcher für alleinige Rechnung des Bischofs von Catania betrieben wird, einen jährlichen Gewinn von 5—6990Thlrn. abwerfen. Inder drittcnNegion findet sich der sogenannte Philosophenthurm, den die Sage dem Empedokles zur Wohnung gibt, und ein im 1.1811 von Engländern angelegtes Gebäude (6asu donien und mußten zuletzt, 1 89 v. Chr., das Schicksal der Unterjochung mit den Macedo- niern theilen. Vgl. Lucas, „Über Polybius Darstellung des Äolischen Bundes" (Königsb. 1827) und Merleker, „Die Geschichte des ätolisch-achäischen Bundesgenossenkriegs" (Königsb. 1831). Gegenwärtig bildet es ein livadisches Gouvernement des Königreichs Griechenland in Vereinigung mit dem Untergouvernement Trichonia. Es wird begrenzt im Norden vom Gouvernement Eurytanes, westlich von Akarnanien, östlich vonPhthiotis undPho- kis und im Süden vom Busen von Patras. Das nordöstliche Panätoliongebirge bildet eine - rauhe Vorkette des livadischen Pindus, es fällt südwestlich steil zu den Mittlern Äolischen, theils morastigen, theils mit Reis- und Getreidefeldern bedeckten Ebenen ab, welche die nicht unbedeutenden Seen von Angelo-Kastron (Arsione) und von Vrachori (Trichonion) nördlich umschließen. Südlich der Seen erheben sich die Berzhausen des Zigros (das Arakynthos- gebirge der Alten), welche südwestlich steil zu einer sehr breiten von Morast und Lagunen erfüllten und von Sandbänken umsäumten Küstencbene abfallcn, während südöstlich noch über 3000 F. hohe Berggruppen an die Küste treten, wie z. B. der Chalkisberg, der mit dem Cap-Antirhion in das Meer taucht und dem Peloponnes. Vorgebirge Nhion auf 2-100 Schritt gegenüber tritt, die Straße von Lepanto (Naupaktos) bildend. Hauptflüsse Ä.s sind im Westen Aspropotamos (Acheloos), der nördlich des Cap-Skrophes mündet, und im Osten der Fidaris (Euenos). Unter den durch den letzten Freiheitskampf sehr herabgesunkencn Wohn- plätzen sind die wichtigsten Missolunghi (s. d.) als Gouvcrncmentshauptstadt, Lep anco (s. d.), zwischen beiden das Kastell von Rumelien, die Hauptstadt von Trichonion Agrinion und Vrachori. In den Ebenen wird Ackerbau und Fischerei getrieben, bei den Gebirgsbewohnern aber erkennt man die kriegerischen, freien und rohen Sitten der alten Ätolier wieder. Atomen heißen nach der Hypothese der meisten Naturforscher die untheilbaren, wie- wol selbst noch körperlichen Grundbestandtheile der Körper. Ganz unbegründet ist die Sage, daß schon Moschus aus Sidon, der vor dem trojanischen Kriege gelebt haben soll, eine Zusammensetzung des Urstoffs aus untheilbaren Körperchen gelehrt habe. Bei den Griechen setzten zuerst Lcucipp um 510 v. Chr. und Demokrit die Atomen an die Stelle der von den älter» ionischenPhilosophen bisher als Stoffprincipien angenommenen Elemente und wollten dadurch die Entstehung der Welt erklären. Epikur bildete dieses System bedeutend aus; seine Lehre haben Lucrez und unter den Neuern Gasscndi vorgetragen. Cartesius ward dadurch auf sein System von den Wirbeln geführt; auch Newton und Boerhaave nahmen an, daß der Grundstoff aus einer Anhäufung fester, harter, schwerer, undurchdringlicher, träger ^ und unbeweglicher Theilchen bestehe, von deren verschiedener Zusammenordnung die Ver- ! schiedenheit der Körper herrühre. In älterer Zeit suchte man dabei die verschiedenen Naturerscheinungen, vorzüglich oft in abenteuerlich spielender Weise, aus der Gestalt der Atome zu erklären, z. B. die Cohäsion aus Häkchen, womit sie aneinander hielten; in neuerer Zeit beruft man sich dagegen auf die den letzten Bestandtheilen inwohncnden Anziehungskräfte. Das auf jene Lehre von den Atomen, z. B. vonLesage gegründete System der Naturlehre, welches man das atomistische oder auch Corpuscularphilosophie nennt, steht als mechanische ^ Naturerklärung dem dynamischen entgegen (s. Dynamik), welches Kant begründete. Daß die Naturforschung bis auf die neueste Zeit herab der Atomistik den Vorzug gegeben hat, während diese von Seiten der Philosophie fortwährend bekämpft worden ist, hat seinen Grund vorzüglich in der Meinung, als lasse eine dynamische Naturansicht keine cxactcn mathematischen Bestimmungen zu. Daher die dynamische Naturansicht auch nicht eher den allgemeinen Beifall der Physiker gewinnen wird, als mit der Entwickelung des Begriffs der Kräfte zu- l gleich die Nothwendigkeit, bestimmte Größenverhältniffe ihrer Wirksamkeit anzunchmen, nachgewiesen wird. Für die Erklärung chemischer Verbindungen ist es meist am bequemsten gefunden worden, anzunehmen, daß die Körper aus Atomen von verschiedenem Gewichte (Atomgewichte) bestehen, die sich anziehen und zu chemischen Verbindungen vereinigen, f Daher der Zusammenhang zwischen Atomgewicht und Äquivalente. Atönie, Abspannung oder Erschlaffung bezeichnet eigentlich den Zustand der Verminderung oder des Verlustes der Elasticität der thicrischen Gewebe. Da hiermit fast 602 Atresie Atrophie immer der Mangel der Neactionskrast oder Irritabilität (s. d.) verbunden ist, so gebrauchen cs die Ärzte auch häufig gleichbedeutend mit Asthenie (s. d.) und sprechen von Atome des Magens, der Lungen u. s w., ebenso wie von «tonischen Geschwüren u. dgl. Atrksie bezeichnet den Zustand des Verschlossenseins der natürlichen Öffnungen am thierischen, besonders menschlichen Körper, so des Ästers, der Scheide, der Harnröhre, des Mundes u. s. w. In der Mehrzahl der Fälle ist die Atresie angeboren; doch wird sie auch hcrvorgebracht durch späteres Verwachsen in Folge von Wunden, Geschwüren u. s. w., und verlangt fast immer das Messer des Chirurgen zu ihrer Beseitigung. Atreus, der Sohn des Pelops, Königs von Elis, und der Hippodamia, einer Tochter des önomaus, der Enkel des Tantalus und Bruder des Thyestes, vermählte sich nach der Erzählung Späterer zuerst mit der Klcola, mit der er den Plisthcnes zeugte, und nach dessen Tode mit desselben Witwe Aerope, welche er nach Andern erst später, als er zum Eurysthcus geflüchtet, dessen Tochter sie war, heirathete. Mit seinem Bruder Thyestes ermordete er auf Anreizung der Hippodamia den Chrysippus, der ihr Halbbruder von der Axioche war, flüchtete deshalb nach Mykenä zum Eurysthcus und bekam, als Letzterer im Kampfe gegen die Heraklidcn gefallen war, die Herrschaft über Mykenä. Hier wurde Thyestes von Liebe gegen seines Bruders Gemahlin hingerissen und verführte dieselbe. Dieses ist der Anfangspunkt jener Reihe Greuelthaten im Hause des Tantalus, welche von den Tragikern so vielfach benutzt worden sind. Thyestes, welcher neben dem A. König im südlichen Theile von Mykenä war, wurde verbannt und sandte dafür, um sich zu rächen, den eigenen Sohn desA., welchen er bei sich erzogen, ab, diesen zu tödten; jedoch trat der entgegengesetzte Fall ein, und A. tödtete seinen eigenen Sohn, ohne zu wissen, daß dieser sein Sohn sei. Äls A. dieses erfuhr, sann er darauf, schreckliche Rache am Thyestes zu nehme». Er stellte sich versöhnt, rief ihn nebst seinen Söhnen, die er mit der Aerope gezeugt, zurück, tödtete aber letztere, setzte ihr Fleisch dem Vater als Speise vor und ließ während der Mahlzeit die Gebeine der getödteten Söhnbringen. Als wegen dieser Unthat das Land des Ä. von Unfruchtbarkeit heimgcsucht wurde und das Orakel dem A. befahl, seinen vertriebenen Bruder Thyestes zurückzurufen, machte er sich diesem Befehle gemäß auf, diesen zu suchen, und kam auf dieser Reise auch zum König Thesprotus, wo er die Pclopia, die Tochter des Thyestes, ohne ihre Herkunft zu wissen, hei- rathetc, welche schon von ihrem eigenen Vater schwanger, hernach denÄgisthus (s. d.) gebar, der später den A. tödtete, als dieser ihm befohlen hatte, seinen Vater Thyestes zu ermorden. Seine Söhne von der Aerope sind Ägamemnon und Menelaus (gewöhnlich Ätrid en genannt); nach Andern sind sie jedoch Söhne seines Sohns Plisthcnes, welche er nach dessen Tode adoptirte. Überhaupt ist die ganze Mythe von den Pelopiden äußerst lückenhaft und unsicher, wozu die Tragiker nicht wenig bcigetragen haben. Weder Homer noch sonst ein älterer Schriftsteller erörtert sie genau. Atrium, eine bedeckte Vorhalle, nachderStadt Atria in Etrurien so genannt, machte den Haupttheil eines röm. Hauses aus, in welchen man aus dem Vorhofe (vestiliulum) unmittelbar nach der inner« Thürc gelangte, worauf das unbedeckte Cavädium folgte, welches von Andern für das Atrium selbst gehalten wird. Das Atrium erhielt sein Licht von oben und hatte zu beiden Seiten wiederum Ausgänge in besondere Zimmer. Die Größe des Atriums richtete sich nach dem Verhältnisse der übrigen Theile des Hauses; eine besondere Sorgfalt und Pracht scheint man besonders nach dem Brande Noms unter Nero auf die innere Äusstattung verwcndot zu haben. Zn dem Atrium, welches als Versammlungsort für die Hausgenossen und Fremden, zugleich auch für die Klienten bei der Aufwartung diente, standen der Thür gegenüber das Brautbett und neben demselben die Wcbestühle der Sklavinnen, mit denen die Hausfrau gemeinschaftlich arbeitete; auch wurden hier die Familien- und sonstigen Gemälde aufbewahrt. Die Atrien der Tempel wurden zugleich zu Versammlungen des Senats und zu andern öffentlichen Verhandlungen benutzt. Den Grundriß eines röm. Hauses mit dem Atrium geben Becker im „Gallus" (Bd. I, Lpz. 1838) und Ruperti im „Handbuch der röm. Alterthümer" (Bd. I, Hann. 1841). Atrophie, Mangel an Ernährung oder Abmagerung ist entweder allgemein, oder örtlich, d. h. sic trifft nur einzelne Organe und Theile des thierischen Körpers und ist dann meist Folge anderweitiger vorausgegangcner Krankheitszustände, besonders der Lähmungen. Atropos Attentat 603 Auch die allgemeine Atrophie, welche sich von der Schwindsucht durch den Mangel über- mäßiger, colliquativer Ausleerungen unterscheidet, ist selten ohne anderweitige vorausge- gangenc, freilich oft sehr versteckte KrankheitSzustände vorhanden und dann wol immer Folge von Erschöpfung der Nervenkrast durch Gram, Kummer u. s. w., sowie durch Gifte, B-Sublimat, Arsenik, Grünspan, Blei in kleinern Gaben (Bcrgsucht, eVtropIüL ms- mllic.',), Aqua Tofana, Mekonsäure u. s. w. Das Zellgewebe des Körpers leidet am ersten, das darin enthaltene Fett wird, als der am ersten entbehrliche Stoff, auch zuerst aufgesogen, wahrscheinlich in seine Urbestandtheile aufgelöst und so zu verschiedenen Zwecken verwendet, die die Natur nicht mehr anders zu erreichen vermag. Wenn diese Fetttheile einmal verschwunden sind, so beginnt das Zellgewebe selbst zu schwinden, und wenn solche Kranke nach dem Tode zergliedert werden, findet man kaum eine Spur desselben. Was noch da ist, ist zäh und lcderartig. Dieses Schwinden erstreckt sich fast auf jeden Theil des Körpers. Die Haut wird dünn, verliert ihre Geschmeidigkeit, wird trocken, runzlig, rauh, körnig, sandig anzufühlcn, die Haarzwiebeln vertrocknen und die Haare fallen aus. Die Muskeln scheinen anfangs der Länge nach sich voneinander zu trennen, weil das Zellgewebe sic minder vereinigt; auch sie werden immer dünner und kraftloser. Am'Ende scheinen kaum Spuren von ihnen zu bleiben, und der Mensch besteht fast blos aus Haut und Knochen. Aber auch diese erfahren, wenn schon in geringeren Grade, eine Verminderung ihres Umfanges, und gleich ihnen scheinen, wenigstens nicht selten, auch die Eingeweide abzunehmcn. Eine Art dieser Krankheit ist das allmälige Schwinden aller Kräfte und die Abmagerung des Körpers im hohen Alter, wodurch der Tod hcrbeigeführt wird, wenn auch keine Krankheit denselben bewirkt. Sie ist unter dem Namen ülarssmus senilis bekannt. Im kindlichen Alter findet ebenfalls eine cigcnthümliche Atrophie statt, meist eine Folge ungesunder, schwerer, kleistriger Nahrung, feuchter kalter Luft, wodurch zuerst Würmer, Verschleimung der ersten Wege, Verstopfung der Gekrösdrüsen und dann die Abmagerung selbst veranlaßt werden, die zwar immer gefährlich, aber doch, wo jene schädlichen Einflüsse Wegfällen, sehr oft zu heilen iss Atröpos, eine der drei Parz en (s. d.). Muren bezeichnet in der Musik am Ende eines Satzes, daß der darauffolgende ohne Unterbrechung sich sogleich anschließen soll, z. B. ^ttscca silexi-o nach einem ^clsgio. Attakc ist eine Vorwärtsbewegung gegen den Feind, in der Absicht, ihn durch Waffengewalt aus seiner Stellung oder von dem Terrain, das er besetzt hält, zu vertreiben. Die Ättake unterscheidet sich also vom Angriff (s. d.) dadurch, daß cs bei ihr jedesmal ernstlich gemeint ist, was beim bloßen Angriff nicht immer der Fall zu sein braucht, da es auch falsche und Scheinangriffe gibt, aber keine solche Attaken. Wenn nun mit dem WortAttake dcrBe- griff eines gewaltsamen Zusammentreffens mit dem Feinde verbunden wird, so hat man dabei vorzugsweise die Anwendung der blanken Waffen (s. d.) im Auge, weshalb man den Ausdruck Attake oder attakiren auch nur für die Infanterie und Cavalerie, aber nicht für die Artillerie gebraucht. Die Attake der Infanterie wird Bayonnetattake, misbräuchlich Bayonnctangriff genannt, und die Attakc der Cavalerie heißt eine Charge (von dem franz. Worte (Karger), daher der Ausdruck chargiren für attakiren. Der letzte und heftigste Moment einer Cavalerieattake ycißt der Chok (s. d.). Attellage, d. i. Angespann, nennt man alles Geschirr- und Gespannwcscn bei den Artillerie- und andern Kriegsfuhrwerken, besonders aber die zweckmäßige Verwendung der Pferde als Zugthiere, theils hinter-, theils nebeneinander gespannt, sei es in der Gabel- oder Klustdcichscl, oder an der gewöhnlichen Langdeichsel. Zu einer guten Attellage gehört ein richtiges Zusammenwirken der (lebenden) Zugkräfte zur Fortbewegung der Last mittels eines zwei- oder vierrädrigen Fuhrwerks. Attentat heißt im prägnanten Sinne so viel als gesetzwidrige Unternehmung. Die altern criminalistischen Schriftsteller pflegten mit Attentat die erste Stufe des verbrecherischen Versuchs (s. d.) zu bezeichnen, den sogenannten conskns remotns. Auch im franz. wie im engl. Rechte kömmt dieses Wort vor, jedoch in der Bedeutung von enmmencement tl'execnti»», wo es also die schon weiter vorgeschrittene verbrecherische Handlung anzcigt. — Attentat heißt ferner die unerlaubte Selbsthülse des Privaten. In ähnlichem Sinne heißt Atten- rakcnstrafc die gewöhnlich in einer Geldbuße bestehende Strafe, in welche der Richter 4 604 Atterborn AtticuS verfällt, der ungeachtet einer mit Suspensivkraft versehenen Appellation die Verfügung, gegen welche appellirt worden ist, zur Vollziehung bringt. Atterbom (Per Daniel Amadeus), schweb.Dichter, geb. am IS.Jan. 1790 imKirch. sprenge! Äsbo in Ostgothland, nahe an der smälandischen Grenze, der Sohn eines Landgeist, lichen, besuchte das Gymnasium von Linköping und kam 1805 auf die Universität zu Upsala. Frühzeitig hatte er sich mit der deutschen Sprache bekannt zu machen gesucht, deren Kenntniß so wichtigen Einfluß aufseine literarische Laufbahn übte. Einige jüngere Gelehrte, welche die deutsche Literatur gründlich kannten, nahmen sich seiner in Upsala freundlich an und durch siegelang es ihm, sich eine ziemlich vollständige Übersicht der deutschen Literatur zu verschaffen. Mit mehren Freunden stiftete er 1807 eine poetisch-kritische Gesellschaft, „Bund der Aurora", die den Zweck hatte, die vaterländische Literatur und vor Allem die Poesie aus den Banden l der akademischen Steifheit und franz. Ziererei zu befreien und zu dem Urquell nationaler Begeisterung zurückzuführen. Aus den mannichfachen Arbeiten der Mitglieder des Bundes der Aurora entstand I8I0in Upsala die Zeitschrift „kbosplioroo", die bis 1813 fortgesetzt wurde. Gleichzeitig hatten Askelöf und Hammarsköld die Zeitung „kosiqibem" begründet, an der auch mehre der sogenannten Phosphoristen Theil nahmen, die aber 1812 aufhörte. Der oft schneidende und bittere Ton des „küosplinros" war durchaus nicht im Plane des Bundes; er wurde veranlaßt durch die übermüthigen Ausfälle der Gegenpartei. A.'s „Leinen" und einige seiner prosaischen Aufsätze, besonders sein sogenanntes tungusisches Schauspiel „RiminarbsnUet" (der Ncimerbund), sowie seine Abhandlung „Bedenken der neuen Schule über die schweb. Akademie und den guten Geschmack" haben für die Zwecke dieses Blattes kräftig mitgewirkt, aber auch nicht wenig dazu beigetragen, daß die Erbitterung der Gegner noch immer hauptsächlich gegen ihn gerichtet ist, obschon er seit Jahren aller Polemik sich enthalten. Vortreffliche Recensionen lieferte er in die von Palmblad und Hammarsköld zu Upsala herausgegebene „8vLasIc literstur-ticlning" (1813—24). Von 1812—22 gab erden „Loe- tisk bsleuäer" heraus. Als seine bedeutendsten Dichtungen in denselben sind zu erwähnen „Die Blumen", ein Cyklus gefühlvoller, musikalischer Nomanzen, und die Fragmente einer dramatischen Bearbeitung des Märchens „Vogel Blau". In den 1.1817—19 unternahm er eine Reise durch Deutschland nach Italien. In Deutschland ließ er sich das Studium deutscher Poesie und Philosophie vornehmlich angelegen sein und ward mit den berühmtesten Dichtern und Gelehrten persönlich bekannt. Was seine Freunde gewünscht hatten, war vollkommen erreicht; diese Reise entriß ihn dem polemischen Strudel, in welchem seine Gesundheit und sein Talent unterzugehen drohten. Nach seinerRückkehr ward er im Herbste 1819 Lehrer des Kronprinzen Oskar in der deutschen Sprache und Literatur. Von Üpsala, wo der Kronprinz damals studirte, begleitete er denselben im Winter 1819 nach Stockholm und lebte nun in der Hauptstadt, bis er 1821 zum Docenten der Geschichte ernannt wurde. Im 1.1822 ward er zum Adjunct der Philosophie in Upsala und 1828 zum Professor der Logik und Methaphysik befördert, vertauschte aber 1835 diese Professur mit der der Ästhetik. Durch seine im I. 1839 erfolgte Aufnahme in die Akademie war der alte Streit zwischen den Phosphoristen und der Akademie vollends beseitigt. Unter den Schriften j seines reifem Alters führen wir an „I^cüsuligketens O" (Ups. 1824—27; deutsch „Die . Insel der Glückseligkeit", 2 Abtheil., Lpz. 1831 — 33); „dritter" (Bd. I, Ups. 1835), ent- > haltend Studien zur Geschichte und dem System der Philosophie; „Samlaäs viktsr" (2 Bde., üps. 1836—37), durchgehend lyrischen Inhalts, und„8veriA68 siüre ocb slcsltler" (Bd. >, Ups. 1841), enthaltend Charakteristiken Swedenborg's und Ehrenswärd's. Auch nahm er thätigen Äntheil an den Zeitschriften „8vea", „8!cgncliu", „Nimer" u. s. w. Als Dichter j ist er tief, sinnig und reflectirend; seine Sprache und Verse sind vom höchsten Wohllaut, nur in der „Insel der Glückseligkeit" und in den ältern Dichtungen im Ausdruck etwas schwer- > fällig. Weil er überhaupt zu reich an Bilderpracht und künstlichen Anspielungen ist und sich wenig mit nationalen Gegenständen befaßt, ist er iudeß nicht sehr populair. Als Philosoph neigt er sich zu der theosophischen Ansicht und bemüht sich, die Spekulation mit dem Christcn- thum in Einklang zu bringen. f Atticus (Titus Pomponius), einer der uneigennützigsten und edelsten Männer Roms, wurde 109 v. Ehr., wenige Jahre vor Cicero, geboren. Die treffliche Erziehung, die er erhielt, Attika 0V5 erweckte schon frühzeitig in ihm eine seltene Begeisterung für die Wissenschaften, die durch einen mehrjährigen Aufenthalt in Athen, wohin er sich bei den innern Zerwürfnissen seines Vaterlandes 88 v. Chr. begeben hatte, noch vergrößert wurde. Als er daher auf Sulla's Veranlassung 65 v. Chr. nach Rom wieder zurückgekehrt war, lebte er hier nur den Wissenschaften und seinen Freunden, unter denen Cicero den ersten Platz behauptete, und starb 32 v. Chr., von Allen gleich geachtet und geliebt. Obgleich A. zur Annahme eines öffentlichen Amts sich nie bestimmen ließ, unterhielt er dennoch mit den angesehensten Staatsmännern und mit den Häuptern der verschiedenen Parteien seiner Zeit fortwährend einen freundschaftlichen Verkehr und übte auf diese Weise einen, wenngleich indirecten, doch stets sehr wohlthätigen / Einfluß auf den Gang der öffentlichen Angelegenheiten in den gefahrvollsten Zeiten des Staats und der Stadt. Von seinen Schriften, unter denen besonders die „^imales" von den Alten mit vielem Lobe erwähnt werden, ist keine auf uns gekommen. Außer Cicero's , „kpistolae all ^tticnm" in 16 Büchern haben wir von Cornelius Nepos eine höchst anziehende Biographie desselben. Vgl. Stuß, „Der große Privatmann oder T. P. Atticus" (Eisen. 1784) und Hüllemann, „viatribe in 1'. u. ^tticum" (Utr. 1838). Attika, eine der acht Provinzen, in welche Mittelgriechenland oder das eigentliche Hellas eingethcilt wurde, mit der Hauptstadt Athen, ist eine Halbinsel, welche gegen Norden nnt Böotien, gegen Westen mit Megaris zusammenhängt, im Süden von dem Saronischen Meerbusen, im Osten von dem Ägeischen Meere und dem Euripus begrenzt wird. Den Kern dieser Halbinsel bildet ein nach Osten und Südosten streifender Zweig des böotischcn Gebirgs Kithäron. A. war in mehre einzelne Ortschaften oder Demen (öMvi) eingethcilt, von denen die Alten selbst 174 anführen, deren Lage abertrotz der vielfachen Untersuchungen der neuesten Zeit nur von sehr wenigen ausgcmittelt ist. Vgl. Leake, „Die Demen von Attika" (aus dem Englischen übersetzt von Westermann, Braunschw. 1840). Die Unfruchtbarkeit des Bodens und Mangel an Wasser schützten das Land vor fremden Einwanderungen. Die Urbewohner lebten bis auf Kekrops, der um 1550 v. Chr. mit einer Colonie von Sais an der Mündung des Nil hierher kani und als erster König genannt wird, in ganz rohem Zustande. Er milderte ihre Sitten, lehrte sie den Ölbaum pflanzen, die Viehzucht pflegen und verschiedene Getreidearten bauen. Zugleich ordnete er die Verehrung der Götter, denen er von den Früchten des Landes zu opfern gebot; er gab Ehegesetze und befahl die Tobten zu begraben. Die Einwohner, etwa 20000, theilte er in vier Stämme und vermochte sie, ihre Wohnsitze ^ einander zu nähern und sie gegen räuberische Einfälle mit einer Umzäunung zu umgeben. Das war der Ursprung Athens, welches damals Kekropia hieß. Neben Athen wurden nachher noch elf andere Städte gegründet, die sich aber in der Folgezeit gegenseitig befehdeten. Theseus soll sämmtliche Staaten vermocht haben, sich zu vereinigen, die einzelnen Obrigkeiten abzuschaffen und Athen, wie nun Kekropia genannt wurde, als Hauptstadt des ganzen Landes anzuerkennen und derselben die gesetzliche Macht über den gesammten Verein zu geben. Hierauf theilte A. die Schicksale Athens (s. d.), mit dem es unter Vcspasian zur röm. Provinz wurde. Nach der Theilung des röm. Reichs gehörte es zum morgenl. ! Kaiserthume; im I. 396 n. Chr. ward es von Alarich, dem Gothen, erobert und das Land ^ verheert. Gegenwärtig bildet A. ein Gouvernement des Königreichs Griechenland im Verein mit den Untergouvernements Megaris und Ägina. Die Bodenoberfläche zeigt, wahrscheinlich als Folge plutonischer Gewalten, das Bild eines zertrümmerten Berglandes, in welchem zwischen kleinen Ebenen Berge und Hügel dicht aneinander gedrängt sind. Die bedeutendsten dieser Berge sind der Pentelikus (3420 F.), der Hymettus (3152 F.) und das kleine i Lauriongebirgc (1095 F.) in der attischen Halbinsel, während die Oneischen Berge zum Isthmus von Korinth hinüberziehen. Än den beiden Hauptflüssen, dem eleusischen und atti- ! schen Kephissus, breiten sich in Umgebung von Eleusis und Athen die bedeutendsten Ebenen aus. Das Ansehen des attischen Berglands ist steril; einzelne an dem Fuß der Höhen vertheilte Olivenpslanzungen ersetzen die sich selten findenden Wälder, und die Hänge des Launen sind ohne alle Vegetation und mit einer dichten Lage von Rollkieseln bedeckt. Die > Hauptstadt und zugleich die Residenz ist Athen (s. d.). Schon zur Zeit Solon's war A. gut angebaut. Die Weinlesen und Ernten waren sehr ergiebig und wurden von dem Volke durch große Feste gefeiert. Die attische Wolle war wegen ihrer Feinheit und der Färbung, die 606 Attika Attila man ihr zu geben verstand, allgemein berühmt. Der BergHymettus gab den köstlichsten Honig und der Berg Laurion enthielt reiche Minen, deren Ertrag zum Unterhalt der Flotte bestimmt war. Das genaueste und schönste Kupfcrwerk über die Alterthümcr A.s ist unstlited unticpiities <>s.^ttica, comprising tke urcbitectnrul remains «5 blleusis, UIimn- NUL, 8»ni„m SN Attika heißt in der Bauweise des antiken Stils ein über dem Hauptgesimse hinlau- j fendcr höherer Aufsatz. Dem System des griech. Säulenbaus widersprechend findet er nur im ^ System des röm. Bogcnbaus Anwendung, besonders über gewölbten Thoren und Triumph- j bögen, wo er zum festen Abschluß der Masse und zur Aufnahme von Inschriften dient. ^ Attila, der Sohn des Mandras, eines Hunnen von königlicher Abkunft, folgte seinem / Oheim Roas 434 n. Ehr. und theilte das höchste Ansehen mit seinem Bruder Bleda. An der Spitze der Barbaren, die sich in Ungarn und Scythien niedergelassen hatten, bedrohten beide das morgcnl. Kaiserthum und zwangen zweimal den schwachen Kaiser Thcodosius II., einen schimpflichen Frieden zu erkaufen; überhaupt wurde ihre Macht sehr bald allen Aöl- ! kern Europas und Asiens furchtbar. Die Hunnen selbst betrachteten A. als ihren unerschro- , ckensten Krieger und als den erfahrensten Feldherrn. Ihre Achtung gegen ihn ging bald in I abergläubige Ehrfurcht über. Er gab vor, das Schwert ihres Schutzgottes gefunden zu haben, j und stolz auf diese Waffe, die seiner Macht ein höheres Ansehen gab, dachte erdarauf, sic über ! die ganze Erde auszudehncn. Seinen Bruder Bleda ließ er 444 morden, und da er vorgab, cs sei auf göttliche Eingebung geschehen, so ward dieser Brudermord wie ein Sieg gefeiert. Als alleiniger Gebieter eines kriegerischen Volks mußte er bei seinem unbegrenzten Ehrgeize alle Völker in Schrecken setzen, und wie er sich selbst nannte, eine Geißel Gottes werden. In kurzer Zeit breitete er seine Herrschaft über alle Völker Germaniens und Scythicns aus, und der Orient und Occidcnt wurden ihm zinsbar. Die Vandalen, seine Bundesgenossen, die Ostgothcn, die Gepiden und ein Thcil der Franken vereinigten sich unter seinen Fahnen. Einige Geschichtschreiber versichern, daß sein Heer aus 700000 M. bestanden habe. Die Macht und Reichthümcr Persiens bewogen ihn zu einem Zuge dahin, und da er in den Ebenen von Armenien geschlagen ward, wußte er, umseine Raubsucht im morgcnl. Kaiser- thume zu stillen, leicht einenVorwand zum Kriege gegen dieses. So überzog er 447 Jllyricn unt^verwüstete alle Länder vom Schwarzen bis zum Adriatischcn Meere. Der Kaiser Thcodosius sammelte ein Heer, um sich dem Vordringen der Barbaren zu widersetzen; aber in drei blutigen Schlachten erklärte sich das Glück für sie. Konstantinopcl verdankte seine Rettung ' blos seiner Befestigung und der Unwissenheit der Feinde in der Belagerungskunst. Thrazien, Macedonicn und Griechenland erlagen dem Eroberer, der 70 blühende Städte zerstörte. Thcodosius mußte die Gnade des Siegers anflehcn, und nur durch Aufopferung seiner Schätze gelang cs ihm, den Frieden zu erkaufen. Einer von A.'s Leuten, Edckon, ließ sich von einem Eunuchen, Chrysaphius durch Bestechung zu dem Versprechen verleiten, seinen Herrn bei der Rückkehr an die Donau ermorden zu wollen; aber im Augenblicke der Ausführung schwand ihm der Muth; er stürzte zu seines Herrn Füßen und bekannte das verbrecherische Vorhaben. Man fürchtete A.'s Rache, und Konstantinopel zitterte; aber er begnügte sich, dem Theodosius wegen seiner Treulosigkeit Vorwürfe machen zu lassen und den Kopf des Chrysaphius zu ? verlangen. Hierauf richtete er sein Augenmerk aus Gallien. Mit einem Ungeheuern Heere ging er 451 über den Rhein, die Mosel und die Seine, kam an die Loire und lagerte sich unter den Mauern von Orleans. Die Einwohner dieser Stadt, durch ihren Bischof Agnan oder Anianus ermuthigt, hielten die ersten Angriffe der Barbaren ab, und durch die vereinigte Macht der Römer, unter dem Feldherrn Aetius, und der Wcstgothcn, unter ihrem König Thcodorich, ward A. gezwungen, die Belagerung aufzuhcbcn. Er zog sich nach Champagne zurück und erwartete den Feind in den Catalaunischen Feldern, wo jetzt Chalons an der Marne liegt. Bald trafen die beiden Heere zusammen. A., unruhig über den Ausgang der Schlacht, fragte die Wahrsager und sie verkündigten ihm eine Niederlage. Er verbarg seine Bestürzung, durchlief die Reihen seiner Krieger, erinnerte sie an ihre Thaten und zeigte ihnen seine Freude ^ über einen neuen Kampfund über die Belohnung ihrer Thaten. Durch die Reden und durch die Gegenwart ihres Anführers entflammt, waren die Hunnen ungeduldig zu kämpfen- j Beide Heere fochten tapfer; endlich wurden die Reihen der Römer und Gothen durchbrochen, i Attirail Attis 667 und schon hielt A. sich des Siegs gewiß, als der goth. Prinz Thorisnmnd, der Sohn Theo- dorich's, der gefallen war, von den benachbarten Anhöhen auf die Hunnen stürzte und dermaßen unter ihnen wüthcte, daß A. von allen Seiten bedrängt, mit Mühe nur sein Lager zu erreichen vermochte. Es war dies vielleicht die blutigste Schlacht, die je in Europa geliefert ward, denn nach einigen gleichzeitigen Geschichtschreibern bedeckten lllttttOtt Todte das Schlachtfeld. Im Lager ließ A. alle seine Eeräthschasten und Schätze auf einen Haufen zusammenbringen, um im äußersten Falle sich mit diesen zu verbrennen. Allein die Gegner begnügten sich mit dem Resultate der Schlacht. So entging A. seinem Untergänge; nur die Franken allein setzten ihm nach und verfolgten ihn seitwärts, bis er über den Rhein war. Doch war A. noch mächtig genug, um schon im nächsten Jahre Italien anzugrcifcn, als ihm Honoris, die Schwester Valentinian's III., die ihm früher heimlich ihre Hand augctragen hatte und um die er nun warb, abgeschlagen ward. Mit einer furchtbaren Macht drang er in Italien ein. Der Kaiser zitterte, und vergebens waren die Bitten der Gesandten. A. eroberte und zerstörte Aquilcja, Padua, Vicenza, Verona und Bergamo und verwüstete die Ebenen der Lombardei. Die Einwohner flohen auf die Alpen, Apenninen und auf die unbeachteten Inseln in den Sümpfen (Lagunen) des Adriatischen Meers, wo sie Venedig erbauten. Der Kaiser hatte ihm kein Heer entgegenzusehen. Das röm. Volk und der Senat nahmen ihre Zuflucht zu Thräncn und Bitten. Papst Leo I. begab sich mit den röm. Gesandten ins feindliche Lager, und es gelang ihm, den Frieden zu vermitteln, worauf A. nach Ungarn zurückkehrtc. Die Römer sahen ihre Rettung für ein Wunder an, und die alten Chroniken erzählen, daß die Drohungen des heil. Petrus und Paulus A. geschreckt hätten: eine Legende, welche die Kunst Rafacl's und Algardi's verewigt hat. Im folgenden Jahre, wo er einen neuen Einfall in Italien beabsichtigt haben soll, starb er, als er 153 zu seinen zahlreichen Weibern die schöne Jldiko heirathete. Als am Tage nach der Hochzeit die Hofleute und Krieger, ungeduldig, ihren Herrn zu grüßen, in das Zelt drangen, fanden sie Jldiko verschleiert bei dem erstarrten Leichnam ihres Gemahls sitzen. Während der Nacht war er am Blutstur; gestorben. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete Trauer und Schrecken im Heere. Sein Körper ward in drei Särge verschlossen; der erste war von Gold, der zweite von Silber und der dritte von Eisen; die Gefangenen, die das Grab gemacht hatten, wurden erwürgt. Das Bild, das Jor- nandes uns von A. hinterlasscn, erinnert an seinen mongolischen Ursprung. Er hatte einen dicken Kopf, eine stumpfe Nase, breite Schultern, einen kurzen unförmlichen Wnchs; sein Gang war stolz, seine Stimme stark und wohltönend. Daß der König Etzel im deutschen Nibelungenliede auf den historischen A. zu beziehen sei, scheint unzweifelhaft. Attirail nennt man die Geschirr- und Reitzeugstücke bei der Artillerie und dem Kriegsfuhrwesen nach ihrer materiellen und technischen Einrichtung, also im Allgemeinen die Geschirre, Sättel und Zäumungen. Beim Kriegsfuhrwcsen gibt cs zweierlei Arten Geschirre, Kumtgeschirr für die Hinter-oder Stangen-und für die Mittelpferde, und das Siclcngeschirr für die Vorderpferde, jedoch bedienen sich mehre Artillerien, wiedieruss. und engl., nur der das Kumtgcschirre und zwar mit entschiedenem Vortheil. Man hat zweierlei Sättel, den deutschen, fast ganz von Leder, für alle Zugpferde, sowie für die schwere Cavalcrie, und den Ungar. Bock, fast ganz von Holz, für die leichte Cavalcrie und die reitenden Artilleristen. Zur Zäumung gehört die Halfter, die Trense (Unterlage- und Wasser- oder Arbeitstrensc) und der Kandarm oder Stangcnzaum. Einige Reitereien bedienen sich auch des sogenannten Halfterzaums, wobei das Trensengebiß in die Halfter geknebelt wird und eine besondere Trense entbehrlich macht. Die meisten Artillerien machen ihr Attirail von schwarzem Blank- ledcr; in England gibt man dem braunen ungeschwärzten Noßleder wol mit Recht den Vorzug. Attis oder Atis, auch Attys und Atys nach Hermcsianax, ein Sohn dcs Kalaus, Königs von Phrygien, kam als ein Verschnittener zur Welt. Er soll, so erzählen Andere, ein großer Verehrer derCybele (s. d.) und einer ihrer ersten Priester gewesen sein, den aber Jupiter aus Eifersucht durch einen Eber entmannt oder getödtet habe. Nach Catull war A. ein junger Mann aus Phrygien, der mit einigen Altersgenossen in einen der Cybelc heiligen Hain gerathen, dort in Wahnsinn verfallen sei und sich entmannt habe. Als er im Begriff gewesen, den Hain zu verlassen, habe ihm Cybele einen Löw. n enkgegcngeschickt, dec ihn genöthigt, daselbst zu bleiben. Nach einer andern Erzählung verliebte sich in A-, de« 608 Attische Philosophie Attitüde ^ ! jungen schonen Priester der Cybele, ein König, der ihn, als er in den Hain seiner Göttin floh, ^ dorthin verfolgte und ihn entmannte. Halbtodt fanden A. die übrigen Priester der Cybele , unter einer Fichte, und alle Mittel, ihn vom Tode zu erretten, schlugen fehl. So verschieden die Mythen lauten mögen, so stimmen sie doch alle darin überein, daß A. entmannt, und die ^ meisten auch darin, daß er vom Tode wieder aufgeweckt, der Cybele steter Begleiter ward. Die Idee, welche dem Mythus zu Grunde liegt, ist jedenfalls die, daß man damit das Aus- ^ ruhen der Erde im Winter und dann, ohne von einer zeugenden Kraft befruchtet zu sein, das Erwachen derselben im Frühling ausdrücken wollte. A. zu Ehren wurde jährlich mit Frühlingsanfang ein Fest gefeiert. Am ersten Tage (den 21. März) hieb man eine Pinie um, an der das Bild des A. hing, und brachte dieselbe in den Tempel der Göttin. Diesen . ^ Tag und diese symbolische Handlung bezeichnete man durch den Spruch: „^rbor intrat." Am , zweiten Tage blies man aus den dumpf tönenden halbmondförmigen Hörnern; am dritten ^ ward A. gefunden, und vor Freude über diesen Fund geriethen die Priester der Cybele unter dem Getöse der Cymbeln, Handpauken, Pfeifen und Hörner in fanatische Wuth, tanzten bewaffnet enthusiastische Tänze, rannten mit Kienfackeln in den Händen durch Berg und ^ Thal und verwundeten ihre Arme und Füße. Unter andern Feierlichkeiten geschah die ^ Entmannung, wodurch die Priester Eunuchen wurden. — A. hieß ferner ein Sohn des ^ Hercules und der Omphale, nach Herodot des Manes, Königs der Mäonen, der Vater des j j Tyrrhenus und Lydus, und Stammvater der lydischen Könige, „welche nach ihm Aty aden ^ genannt wurden. — A. hieß auch ein junger Trojaner, der den Äneas nach Italien begleitete ^ und Stifter des Atischen Geschlechts war. — A. hieß endlichem Sohn des lydischen ; Königs Krösus, der von dem Adrastus auf einer Jagd zufällig getödtet wurde. , Attische Philosophie wird besonders die seit Sokrates in Athen blühende Philo- ^ sophie genannt. Man versteht daher unter diesem Namen vorzugsweise die Philosophie des j Sokrates und der Sokratischen Schulen, weil die Stifter und Häupter derselben fast alle in j Athen, dem damaligen Mittelpunkte der geistigen Cultur, lebten und lehrten. Zu ihnen ge- z hören Sokrates, Aristoteles, Platon, Antisthenes, Aristipp, Zeno u. A. > Attitüde ist ein franz. Kunstausdruck, der, vorzüglich in den plastischen Künsten ge- j braucht, die Stellung oder Lage lebendiger Figuren, vornehmlich in Zuständen der Ruhe be- j zeichnet; doch müssen diese Stellungen und Lagen der Figuren nicht nur die Formen der . Körper und ihre Verhältnisse an sich, oder in malerischer Hinsicht, durch den Reiz der Farben- , beleuchtung in einem vortheilhaften, das gebildete Auge erfreuenden Bilde zeigen, sondern auch, < dem Zwecke der Kunst entsprechend, durch alles Dieses einen interessanten Seelenzustand, , einen bedeutungsvollen Lebensmoment darstellen. Durch die Kunst der Attitüde und Panto- , mime (s. d.), die sich genau wie Ruhe und Bewegung voneinander unterscheiden, läßt sich das Gemälde sowol wie die Natur lebend wiedergeben. Jede dramatische Darstellung be- , dingt eigentlich eine Reihe Attitüden, jedes dramatische Product'gibt Gelegenheit dazu, und ! jede Pause entwickelt eine statuarische Attitüde, die entweder sitzend, knicend, liegend oder i stehend sein kann. Zu einer für sich bestehenden Kunst wurde die Attitüde zuerst gegen Ende des 18. Jahrh. durch die bewunderte Lady Hamilton (s. d.) erhoben, welche sich anfangs i auf die Nachahmung beschränkte, indem sie in dem Hause ihres Gemahls, des engl. Gesandten ^ zu Neapel, Proben in der Nachbildung von antiken Statuen durch Attitüden gab, durch ^ welche sie die ganze gebildete Welt jener Hauptstadt in Entzücken versetzte. Hierbei kam ihr § jenes Talent, welches auch bei den engl. Schauspielern so häufig gefunden wird und welches in der täuschenden Nachahmung lebender Personen besteht, wie ihre außerordentliche Körperschönheit zustatten. Später machte sie aus ihrer Geschicklichkeit ein wahres Kunststudium , und gab ihre Attitüden nicht blos in Italien, sondern auch an andern bedeutenden Orten, § selbst in Deutschland, und als sie bei ihrer genialen Ausgelassenheit immer tiefer in Elend > , und Noch versank, auch öffentlich den Blicken enthusiastischer Bewunderer preis, deren - Beifall ihrer Eitelkeit schmeichelte. Ihr Anzug bestand dabei in einer langen, weißen, falten- § reichen Tunica, welche sie mit einem Bande einfach unter der Brust zusammenknüpfte und worüber sie einen Shawl warf, mit welchem sie alle erfoderlichen Bekleidungen leicht hervor- l brachte. So war sie bald eine Diana oder Vestalin, bald eine rasende Bacchantin, bald eine ^ römische Matrone, bald eine Aspasia, und Lord Hamilton durfte mit Recht von seiner Ge- >h, elc en die :d. ,s> as ait iic m en ter en nd die >es >e§ en ete en lo- >es in ge- ;e> derer w- ch -d, o- ich >e- nd er de ;s :n ch hr r- m n, nd m n- nd >r- ne ie» ! Attorney Attribut 609 mahlin sagen, daß er in ihr eine ganze Sammlung Antiken besitze. Ihre von Nehberg nachgezeichneten und in diesen Abbildungen zu London erschienenen Darstellungen werden immer ! als Musterblätter für dieses Gebiet der Kunst gelten können. Höher noch gestaltete die berühmte deutsche Schauspielerin Hände l-S ch ü tz (s. d.) diese Kunst, indem sie, durch einen vorzüglich gewandten und wohlgebauten Körper begünstigt und mit einem ebenso feinen Bc- obachtungs- und Nachahmungstalent, als einer reichen und echt künstlerischen Erfindungsgabe ausgerüstet, in ihren pantomiillischen Darstellungen eine Reihe herrlicher Attitüden nicht nur im antiken sondern auch im neuern Kunststile zeigte. Sie suchte aber nicht blos Nachbildungen einzelner Statuen und Gemälde zu geben, sondern vielmehr den , Geist der wichtigsten Veränderungen der antiken Plastik und modernen Malerkunst durch eine lehrreiche Aufeinanderfolge mehrer anziehender Bilder der Mythologie und Geschichte sichtbar zu machen. Dabei besaß sie das noch größere Talent, poetische Attitüden zu erfinden und in dem ihnen angemessenen Stile darzustellen, sodaß sie sowol in Hinsicht der Idealität, als an Reichthum der Charaktere und Gestalten und in der Kenntniß der malerischen Wirkung, welche sich durch ungemeine Leichtigkeit in Handhabung der Gewänder überall an den Tag legte, ihre Vorgängerin weit übertroffen zu haben scheint. Zugleich wußte sie den Reiz ihres Costums und ihrer Attitüden durch eine wirkungsreiche passende Beleuchtung und den Ein- ! druck durch entsprechende musikalische Begleitung zu erhöhen. Von 1309—17 durchzog sie Deutschland und Rußland und erregte nicht nur hier, sondern auch in Stockholm, Kopenhagen, Amsterdam und Paris außerordentlichen Beifall. Pcroux und Ritter zeichneten ihre Attitüden, wenn auch nicht immer glücklich, nach und gaben diese Abbildungen 1809 zu Frankfurt am Main heraus. Einige sind auch in dem Taschenbuche „Urania" (1812) nachgebildet und mit einem sehr interessanten Aufsatz von Falk begleitet. Vgl. „Henriette 8enllel-8cbüt-i Asscbet^t bensvenZ bell leven" (Amst. 1816). Minder glücklich war in ähnlichen Darstellungen Elise Bürger, die geschiedene Gattin des berühmten Dichters Bürger (s. d.). Der letzte Versuch in dieser Art waren die pantomimischen Darstellungen der berühmten Sophie Schröder, welche sie auf ihren Gastreisen gab und worin sic die Gewandung und das sonstige Ncbenwcrk unterordnete, um durch den mimischen Ausdruck der verschiedensten Effecte in ihrer höchsten Steigerung allein zu wirken. Als männlicher Darsteller von Attitüden ist der in Amerika verstorbene von Seckendorfs (Patrik Pealc) zu nennen, welcher seine Darstellungen mit Vorlesungen begleitete und in seinem Werke über Declamation der Attitüde eine bedeutende Stelle einräumte. Die beliebt gewordenen lebenden Bilder, die living statnes, welche seit 1830 auf den kleinen Theatern in London dargestellk wurden, aber durch das weiße Tricot, die weiße Perrücke und die weiße, das Gesicht bedeckende Kreideauflösung, womit die Darsteller den Marmor der Statue nachzubilden dachten, nur einen unangenehmen Eindruck machen konnten, hängen mit dieser Kunst zusammen. — Im Ballet werden alle Stellungen aus einem Fuße, ohne Rücksicht auf die Bedeutung der Stellung, Attitüden genannt. , Attorney, s. Anwalt. I Attraktion, s-Anziehung. s Attribut heißt im allgemeinsten Sinne jede, besonders aber eine ehrenvolle Eigenschaft, welche Jemandem beigelegt wird; in der Logik der Kant'schen Schule eine aus wesentlichen Merkmalen eines Begriffs folgende Bestimmung, z. B. die Bcwegungsfähigkeit des Menschen als Folge des thierischen Körpers. Vorzüglich wichtig abcristdieBedcutungdieses Ausdrucks in der Kunst. In den bildenden Künsten nämlich versteht man unter Attribut ^ eine Art des Symbols oder Sinnbildes (s. d.), wodurch ein Gegenstand oder ein Begriff ^ bezeichnet wird, z. B. der Dreizack des Neptun, die Eule der Minerva u. s. w. Der Gebrauch und die Nothwendigkeit der Attribute in der bildenden Kunst gründet sich auf die Beschränktheit der letztem sowol in Hinsicht des Ausdrucks geistiger Eigenschaften und Begriffe, besonders wo diese personificirt werden sollen, als auch in der Darstellung und Bezeichnung besonderer Umstände und historischer Thatsachen, welche an sich der sichtbaren Darstellung unfähig sind oder doch nur in Darstellungen von größerm Umfange sichtbar gemacht werden können. Man bedarf daher, um den Sinn der dargestelltcn Figuren zu erklären, gewisser Conv.-kex. Neunte Ausl. I. 39 > «10 Atys Ätzmittel j äußerer Mittel und wählt zu diesem Zwecke Gegenstände, welche bald an sich eine gewisse innere, nothwendige Verbindung oder wirkliche Ähnlichkeit mit den darzustellenden Gegenständen und Begriffen haben (wesentliche Attribute), bald durch Gewohnheit und Überein- kommen verknüpft zu werden pflegen (conventionelle Attribute). Solche Gegenstände ge- j braucht man als Zeichen jener Eigenschaften und Umstände, und fügt sie der Figur bei, um dadurch den in irgend einer Hinsicht noch unbestimmten Sinn derselben zu bestimmen und i auf die wahre Bedeutung leichter hinzuführen. Wesentliche Attribute können auch solche j Gegenstände sein, welche, für sich allein gcseht, schon bezeichnend (Sinnbilder) sein würden, ! z. B. die Biene das Sinnbild des Fleißes, u. s. w. Im eigentlichsten Sinne aber werden die Attribute diejenigen Sinnbilder genannt, welche nur durch Verbindung mit einer Figur , bezeichnet sind, oder ihr gerade diese besondere Bedeutung geben; für sich gesetzt aber nicht verständlich sein würden, und auf diese Weise gleichsam zur Figur gehören, z. B. die Flügel der Genien, der Finger auf dem Munde des Harpokrates u. s. w. Denn aufdicse Weise erscheint das Attribut nicht als ein äußerer Zusatz, sondern verschmilzt gleichsam mit der Figur. Zu- ^ fällige oder conventionelle Attribute beruhen auf einer zufälligen Verbindung, z. B. der Anker als Sinnbild der Hoffnung, das Kreuz als Attribut des Glaubens. Die Bestimmung des Attributs ist, die Bedeutung eines Gegenstandes erklären zu helfen, nicht aber den charak- > teristischen Ausdruck der Figur entbehrlich zu machen. Oft hat der Gebrauch der Attribute nur in der persönlichen Beschränktheit des Künstlers ihren Grund, indeß im Gegentheile der geniale Künstler die Schwierigkeiten, welchen Jener nicht entgehen kann, durch sinnreiche Anordnung und Erfindung natürlicher Motive, vor Allem aber durch charakteristischen Ausdruck überwindet. Im Allgemeinen ist das Attribut um so besser, je natürlicher und ungesuchter es ist, und um so kälter und frostiger, je mehr cs auf Willkür beruht. Was übrigens die Poesie betrifft, so geht aus dem Gesagten hervor, daß dieselbe, weil sie hier unmittelbar auszudrücken vermag, was die bildende Kunst wegen ihrer natürlichen Beschränktheit nur andcuten kann, sich ihres Vorzugs unter den Künsten begeben würde, ohne doch die Wirkung der bildenden Kunst zu erreichen, wenn sie durch sinnliche Attribute, aus der Malerei entlehnt, einen Gegenstand oder Begriff pcrsonificiren, oder gar diese Attribute unverbunden anhäufen wollte. Daher nennt auch Herder mit Recht die Beschreibung der Fortuna in des Horaz bekannter Ode (l, 35) eine frostige Composition. Im Grunde gibt es also in der Poesie keine Attribute im engern Sinne, welche zur persönlichen Darstellung angcwendct werden müßten, weil es hier keiner Erklärung, wie in der bildenden Aunst, bedarf. — In der Theologiehießen im Mittelalter die göttlichen Eigenschaften Attribute, zum Unterschiede von Prädicatcn, welche man in Gott entweder gar nicht, oder nur als Begriffe von Verhältnissen, d. i. Wirksamkeiten Gottes, denkt. Atys,s.Attis. Ätzkunst, s. Kupferstecherkunst. Ätzmittel (Oonstica) nennt man in der Medicin solche Mittel, welche vermöge ihrer chemischen Eigenschaften zerstörend auf diejenigen Stellen einwirken, mit welchen sie in Berührung gebracht werden. Je nach der größer« oder geringer« Intensität ihrer Wirkung hat man sie in beizende ((äatbaeretica) und schorfmachende (llscbarotica) Ätzmittel cingetheilt, wodurch aber eigentlich keine natürliche Verschiedenheit der Mittel selbst bezeichnet wird. Auch die Aufsaugbarkeit der einzelnen Mittel gibt nur ein relatives Unterscheidungsmerkmal ab, denn wenn der Höllenstein z. B. in der Regel nicht aufgesogen wird, wenn man ihn als Arzneimittel anwandte, so kann dies doch leicht geschehen, wenn nach der Application Flüssigkeiten auf die Stelle einwirken. Die bekanntesten und gebräuchlichsten Ätzmittel sind die concentrirten Mincralsäurcn, Spießglanzbutter, Ätzstein, Ätzkalk, Höllenstein (salpetersaures Silber), ferner Sublimat, Arsenik u. s. w., welche theils in fester, theils in Pulverform oder im aufgelösten Zustande und in Salbcnform angewendet werden. Gewöhnlich benutzt man die Ätzmittel, um auf der äußern Haut oder auf den zugänglichen Schleimhäuten Afterbildungen (Warzen, Polypen und Condylome), regelwidrige Verwachsungen u. s. w. zu zerstören, Abscesse zu öffnen, Fontanellen zu bilden, wie überhaupt Eiterung behufs der Dcrivation oder Ableitung zu erregen, daher sie denn auchvorzug sweift in der Chirurgie ihre Anwendung finden. s- ! n- n. , >c- ! m . nd ! he I n, ! >ie ur , :r- er nt u- ! ler "S >k- ur ,e- n- je- ns ar ur »g »t, en re- en n, ck- ge fi- r> ik- -st n- p- it- in ils ie- en :r- pt s ist ÄHstein Auber 611 ÄHsteill oder I-spis csusticus heißt in der Meoicin das ätzende Kali (s. d.). dlubitine (üioit ll'), jus albinagü, vonalbanus, d. i. fremd, so viel als Fremdlingsrecht. Die Grundsätze des gcrm. Rechts über Ansässigkeit und Vollbürgcrrecht als nvthwcndigc Bedingung der vollen Rechtsfähigkeit innerhalb der Gemeinde führten zu einer Beschränkung der Rechte der Fremd en (s. d.) in der Weise, daß sogar die bei Hörigen vorkommenden Verhältnisse aus sie ungewendet wurden. In diesem Sinne bildete sich particularrechtlich das ckcoir il'inibaiue vorzugsweise in Frankreich aus, wo es auch am längsten bestanden hat, nämlich das Recht des Fiscus, sich die Verlassenschaft eines im Lande verstorbenen Fremden mit Ausschluß der sonstigen Erben anzueignen. Allerdings wurde es schon früh zu Gunsten der im Reiche lebenden Verwandten gemildert. Einige Städte, wie Lyon, bekamen 'zu Beförderung des Handels das Privilegium, daß die Verlaffenschaft der daselbst sterbenden Fremden den auswärtigen Erben zugute kam, und durch Staatsverträge wurde es mit einzelnen Staaten aufgehoben, z.B. 1777 mit Kursachsen. EinDecret der Nationalversammlung vom ti.Aug. 1790 hob es zwar auf, allein die Verwechselung mit dem in andern Staaten noch bestehenden Abzugsrechte veranlaßte, daß es der <7»üe Kspoleon wiederhcrstcllte. In dem weitern Sinne als Ausschließung der Fremden von der in dem Staate, wo dieses Recht gilt, ihnen anfallenden Erbschaft, wurde es durch ein Gesetz vom 14. Juli 1819 aufgehoben. Auber (Dan. Franc. Esprit), Director der königlichen Kapelle und seit 1842 an Cherubini's Stelle Director des Conservatoriums der Musik zu Paris, geb. den 29. Jan. 1784 zu Cacn in der Normandie, wohin seine Altern eine Reise von Paris aus gemacht hatten, wurdevon seinem Vater, einem wohlhabenden Kunsthändler, zum Handelsstande bestimmt. Zu diesem Zwecke begab er sich nach London, bis die Neigung zur Musik, der er früher zu seinem Vergnügen abgelegen hatte, die Oberhand gewann, worauf er nach Paris zurückkehrte. Hier wußte er sich durch kleinere Compositionen Eingang in geselligen Kreisen zu verschaffen. Dem liefern Studium der Komposition widmete er sich unter Boicldieu's und Cherubini's Leitung, und eine Messe war die erste Frucht dieser Studien. Seine ersten Versuche dramatischer Composition waren zwei komische Opern, die, für Liebhabcrgescll- schaften geschrieben, die Grenzen ihrer nächsten Bestimmung nicht überschritten haben. Öffentlich aufgeführt wurde zuerst 1813 die Oper „I^s sejour milituire", die jedoch so wenig Glück machte als eine spätere „H tsstament et les billets - ^ kession cstboligno ün sieur <1e 8anc)" und die „^ventures dalienmäßig kämpfen und unterlag. Zu einem Drama verarbeitet, kam diese Sage unter dem Titel „Der Hund des A. oder der Wald bei Bondy" auf die Bühne, wo namentlich der dressirte Pudel, der die Nolle des Hundes zu spielen hatte, den lautesten Beifall erntete. Zn Deutschland wurde das Stück zuerst auf den Nebentheatcrn Wiens aufgeführt; dann ini Sept. 1816 auf der königlichen Bühne zu Berlin. Als es auch in Weimar zur Aufführung bestimmt war, legte Goethe, noch elpe es geschah, die Leitung der Bühne nieder, in dessen Folge man die Verse aus Schiller's Gedicht an Goethe: Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, ! Und siegt Natur, so muß die Kunst enlweichen; in der Weise parodirte: Dem Hundcsiall soll nie die Bühne gleichen, Und kommt der Pudel, muß der Dichter weichen. Auburn, ein ansehnlicher Flecken im nordamerik. Freistaate Neuyork, der Hauptort des Bezirks Cayuga, am nördlichen Ende des Owascosees, mit ungefähr 3000 E-, ist i hauptsächlich bekannt wegen des hier von den Presbyterianern errichteten theologischen Se- ^ minars, das 1820 als öffentliche Anstalt anerkannt wurde. Dasselbe ist im Besitz eines großen Gebäudes, welches die Wohnungen für die Zöglinge, eine Kapelle und eine gute Bibliothek umfaßt; angestellt sind vier Professoren für Dogmatik, Kirchengeschichte, Ere- geft und Homiletik; die Zahl der Zöglinge beträgt fünfzig. » Auckland (William Eden, Baron), ein brit. Staatsmann, der unter Pitt großen I Einfluß hatte, war um 1750 geboren. Er begann 1776 als Parlamentsmitglied seine ^ politische Laufbahn und erhielt 1778 eine Sendung nach den insurgirten amerik. Colonicn, ^ ! Auctor Audh 013 um sie zur Unterwerfung zu bewegen. Da indeß die Unterhandlungen erfolglos blieben, so kehrte ec >779 wieder nach England zurück, wo er nun als Parlamentsmitglied sich große Verdienste um die Reform der Criminalgesetze, die Organisation der neuen Policeiverfas- sung und die bessere Einrichtung der Gefängnisse erwarb. Im 1.1780 erhielt er den sehr wichtigen Posten als Staatssecretair für Irland, den er 1785 mit dem eines Lord Oberse- cretairs des Kriegs- und Colonialraths vertauschte. Noch in demselben Jahre ging er als Gesandter nach Paris, wo er >780 einen Handelsvertrag mit Frankreich zu Stande brachte. Jm J. >788 ward er als Gesandter nach Spanien und im nächsten Jahre in derselben Eigenschaft nach den Niederlanden versetzt, wo er bis >794 blieb und wichtigen Antheil an dem durch die franz. Revolution hervorgerufenen politischen Treiben nahm. Wegen dieser seiner ^ amtlichen Thätigkeit nach seiner Rückkehr einer Untersuchung vom Parlament unterworfen, vectheidigte er sich trefflich, sodaß er freigcsprochen ward. Seit dieser Zeit bis zu seinem Tode imJ. >8>4 war er nur im Parlament thätig. — Sein Sohn, Georg Eden, i Baron A., geb. > 7 84, ist besonders bekannt durch seine Verwaltung der engl. Besitzungen in Ostindien, zu deren Gencralgouverneur er >835 von dem Ministerium Melbourne ernannt ward. In dieser Stellung hatte er bedeutenden Einfluß auf die Entwickelung der , Angelegenheiten mit China und den daraus hervorgehenden Krieg; noch wichtiger aber war sein Antheil an den Händeln mit Persien und Afghanistan, und die in dieser Angelegenheit von Seiten Englands befolgte Politik, sowie der >839 daraus hervorgegangene Krieg mit Afghanistan ist wol größtentheils als sein Werk zu betrachten. Schon >84> ward ihm vom Ministerium Peel in Lord Ellcnborough ein Nachfolger im Generalgouvernement über Ostindien gegeben, bei dessen Eintreffen in Kalkutta er sich nach Europa einschiffte, wo er nach einer achtmonatlichen Fahrt im Aug. >842 anlangte. Auctor in dem Sinne als Gewährsmann bezeichnet in der Rechtswissenschaft zunächst Denjenigen, von welchem Jemand durch einen onerosen Vertrag etwas erwirbt, , und der deshalb für die Eviction (s. d.) der erworbenen Sache einstehen und bis zu einem gewissen Grade auch für geheime physische Fehler der Sache haften muß; ferner Denjenigen, in dessen Namen ein Anderer eine Sache besitzt. Wird der Letztere mit einer dinglichen Klage in Betreff dieser Sache in Anspruch genommen, so kann er sich gegen diesen Anspruch ' durch Nennung des Auctors schützen. (S. Litis de nun eia tion.) — Auctor in dem Sinne alsUrh eber (s. d.) wird von den Urhebern eines Verbrechens im Gegensätze zu den Gehülfcn und Begünstigern gebraucht. Audäns oder Audius, nach dem sich eine des Anthropomorphismus (s.d.) beschuldigte Mönchspartei in Syrien Audäan er oder Audianer nannte, sonderte sich um 340, nachdem er in Mesopotamien als Sittenprediger gegen den Klerus im Volke großen Anhang, unter der Geistlichkeit aber viele Feinde gefunden hatte, von der katholischen Kirche ab. Von einem ihm gleichgesinnten Bischöfe geweiht, ging er dann zu den Gothen, deren viele er zum Christenthume bekehrte, wo er um 370 starb. Audh, Aude oder Oude, ein im hindostan. Tieslande gelegenes, unter brit. Schutz ^ stehendes Königreich (Nabobie), das von der Präsidentschaft Allahabad und dem unabhängigen Nepal umgrenzt wird und ungefähr >0— >>00 OM. mit 6 Mill. E. hat. Den Norden erfüllen die Vorstufen des Himalayagebirgs mit der waldigen Sumpfregion Tarai, der übrige größte Thcil ist eben, vom Ganges an der Südgrenze und imJnncrn vonRapti, Goggra, Gumty und Snye reichlich bewässert und unter dem Einfluß des üppigen indischen Klimas sehr fruchtbar. Reis, Baumwolle, Zucker, Indigo, Opium und Seide sind die Hauptrcichthümer des Landes, dessen Einkünfte über >3 Mill. betragen, während die ! Ausgaben nur auf 3'/- Mill. Thaler sich belaufen sollen. Das tributaire Abhängigkcits- ^ verhältniß zur Ostindischen Compagnie ist so groß, daß es eigentlich als ein unmittelbarer Bestandtheil der Präsidentschaft Allahabad angesehen werden kann. Die Hauptstadt des Landes ist Luknow, am Gumty, mit 300000 E., vielen Palästen und Gärten des Nabob und sehr bedeutendem Handel. Außerdem sind zu merken Fyzabad mit 60000 E-, Oude s oder Aude mit einem Hindutcmpel und prachtvoller Moschee, Manikpur, Beraytsch, Khy- rabad und Sultanpur. Der jetzige Vezier oder Nabob ist Suleiman Schah Nasir cddin Hcidcr, auf dessen Kosten das Werk „Tbc 8bak idlawell" (4 Bde., Kalk. >829) er- Audebert Audiffredi .5r i schien. Sein Vater Ghazi eddin Heider Redaeit ud Dowlah, der am 20. Oct. 1827 starb, ist vorzüglich durch die Herausgabe des Prachtwerks „Hebt liulsum, or ille seven soas, a llictionar^ anriArammar ok tbe psrsisn IsnAugge" (7 Bde., Luknow 1822, Fol.) berühmt geworden. Er selbst sammelte das Ganze und ließ es von den Gelehrten seines Hofes durchsehen. Zur Verkeilung nach Europa wurden der Asiatischen Gesellschaft in Kalkutta mehre Exemplare von ihm ausgehändigt und durch diese kamen die Universitäten zu Göttingen, Halle, Jena, Leipzig, Rostock und Wien, sowie die königlichen Bibliotheken zu Berlin, Dresden und München in Besitz desselben. Obschon das Werk keine philosophische Verarbeitung des Sprachschatzes nach europ. Weise enthält, so ist es doch reichhaltiger als Meninski und gibt einen erfreulichen Beweis umsichtigen Fleißes. Audebert (Jean Baptiste), ein berühmter franz. Naturforscher und Maler, geb. zu Rochcfort 1759, hatte sich in Paris zu einem ungemein geschickten Miniaturmaler ausgebildet, als Gigot d'Orcy, ein reicher Liebhaber der Naturgeschichte, ihn 1789 kennen lernte, ihn die seltensten Stücke seiner naturhistorischen Sammlungen malen ließ und ihn in der Folge nach England und Holland sandte, von wo A. eine Menge Zeichnungen zurückbrachte. Diese Beschäftigungen weckten A.'s Geschmack für die Naturgeschichte, der bald bis zur Leidenschaft stieg. Sein erstes selbständiges Werk war die „klistaire Naturells lies singes, Oer makis et lies galeopittlsgnes" (Par. 1800, Fol.), die von seinen Kenntnissen einen ebenso schönen Beleg gab, wie von seinem Talente als Zeichner und Kupferstecher. Hinsichtlich der für naturhistorische Gegenstände so wesentlichen Farben brachte er es zu einer vorher nicht erreichten Vollkommenheit. Nicht zuftieden, die verschiedenen Farben auf eine einzige Platte aufzutragen, sodaß eine Art Gemälde daraus ward, ging er weiter und bediente sich dabei, statt der Wasserfarben, der dauerhaftem Ölfarben, brachte es auch dahin, mit Gold zu drucken, dessen Farben er mannichfach veränderte, um den Glanz seiner Vorbilder nachzuahmen. Die Naturgeschichte gewann ungemein durch seine Werke, deren Pracht in Erstaunen setzt. Seine „üistoire lies colibris, «Iss oisesiix-inouckes, lies jacsmars et lies xromeroxs" (Par. 1802, Fol.) wird für das vollkommenste Werk gehalten, das je in dieser Gattung erschienen ist; 15 Exemplare desselben wurden mit goldenen Buchstaben-gedruckt. Noch hatte er dieses Werk nicht vollendet und die „Histoire «Iss grimpsresux et lies oiseaux «le paruliis" erst begonnen, als er im J. 1800 starb. Beide Werke wurden von Desray, der im Besitz seiner Materialien und der Verfahrungsart war, in würdiger Weise fortgesetzt und beendet. Auch um die Herausgabe von Levaillant's „Oisesux «I'-ViU^us" hat A. großes Verdienst, indem er bis zur 13. Lieferung den Druck der Kupfer leitete. Audienz ist das Angehör, welches eine höhere Gewalt, sei es ein Regent, ein hoher Staatsbeamter, ein Gerichtshof u. s. w. einem persönlich gestellten Anträge gibt. Bei manchen Tribunalen führen die Verhöre, Vorbescheide und mündlichen Verhandlungen diese» Namen; in Spanien ist es auf mehre Behörden übergegangcn, am gewöhnlichsten aber wird er an den Höfen gebraucht. Die Regenten nämlich geben zuvörderst solenne öffentliche Audienzen, welche mehr zu den Hoffeierlichkeiten gehören und zu denen alle Courfähigen Zutritt haben. Gesandte des ersten Rangs können zu jeder Zeit fodern, daß sie der Regem in öffentlicher Audienz, also in Gegenwart seines ganzen Hofstaats und unter Zulassung aller Courfähigen empfange. Gewöhnlich machen sie aber davon höchstens bei Antritt der Gesandtschaft oder Abgang von ihr Gebrauch und begnügen sich außerdem mitden Privataudienzen, die der Regent ihnen, wie den übrigen Gesandten, vcrstattet und nach Befinden auch andern Personen »erstatten kann. Neuerdings sind die wahrhaft öffentlichen Audienzen beliebt geworden, bei denen Jedermann zu dem Regenten Zutritt hat und ihm sein Gesuch Vorbringen kann. Liegt es auch in der Natur des jetzigen Staatswesens, daß der Regent auf solche Gesuche selten selbst und allein resolvire, sondern daß die Sache wieder an die Behörden verwiesen wird, so sind doch jedenfalls diese öffentlichen Audienzen ein Mittel, den Regenten dem Volke näher zu bringen und das Vertrauen zu festigen. Audiffredi (Giovanni Battista, eigentlich Julius Cäsar), ein ausgezeichneter Bibliograph und Kenner der alten Literatur, der sich zugleich aus Mathematik, Astronomie und Naturgeschichte legte und namentlich als Astronom durch seine Schriften und seinen scharfen Beobachtungsgcist großen Ruf erwarb, war zu Savigio bei Nizza in Piemont am 2. Fcbr. Auditeur Audran Oist 1714 geborenstmd Dominicaner im Kloster Alla-Minerva zu Nom. Bereits im Jünglingsalter erhielt er die Aufsicht über die treffliche Bibliothek dieses Klosters, die von ihrem Stifter die Casanatische genannt wird, und starb 1794. Sein musterhafter Katalog derselbe» (4 Bde., Rom 1761—88, Fol.) ist leider nicht vollständig gedruckt. Ein vorzügliches Werk ist sein historisch-kritischer Katalog der röm. Ausgaben des iS.Jahrh. (Nom 1783, 4.), dem nach seinem Tode ein ähnlicher, aber unvollendeter Katalog über die ital. Ausgaben folgte. Auditeur heißt beim Militair der den Regimentern, Brigaden oder Divisionen beigegebene Richter, der das rechtliche Verfahren bei denselben leitet, die Criminal- und an. dere Untersuchungen führt und bei den Kriegs- und Standrechten den Jnstructor macht, nach dessen Vortrag die dazu commandirten Beisitzer entscheiden. In der preuß. Armee sind die Auditeurs bei den Regimentern und Brigaden abgeschafft und nur noch bei den Divisionen und Armeecorps beibehalten; außerdem besteht für die Militairgerichtspstege eine Oberbehörde unter dem Namen General-Auditoriat. Bei den Regimentern sind an die Stelle der Auditeurs die untersuchungsführenden Offiziere getreten. Auditor heißt in der altern Gerichtssprache ein Beisitzer oder Abgeordneter des Gerichts, welchem die Vernehmung der Parteien übertragen war; in einem engem Sinne eiu Beamter zur Abnahme der Rechnungen. Der Auditeur du tükütslet (s. d.)in Frankreich war ein Mitglied dieses Gerichtshofs für die Stadt Paris, welchem die summarische Jnstruc- tion geringer persönlicher Rechtssachen, bis zu SO Fr., oblag, x In den elf Oberrechnungskammern (Ollsmbres des cowptes) von Frankreich theilten sich die Mitglieder in 6onseiller8 maitres und (loaseillers auditeurs, wie die deutschen Collegien in wirkliche Räthe und Assessoren. Von Napoleon wurde eine ähnliche Abtheilung in den Gerichtshöfen zwischen Ocmseillers und diiAL suditsurs eingeführt, welche in den Hofgerichten noch besteht. In England ist dieser Name für die Beamten zu Abnahme der Rechnungen gebräuchlich; die Oberrechnungskammer heißt Ollics kor nuditinF tlis public acccnmts Die Mitglieder der span. Gerichtshöfe heißen meistentheils Ozdnres. Auch bei den päpstlichen Behörden kommt diese Benennung vor; die zwölf Räthe der berühmten Rota romana heißen Auditores sa- «ri pslalii apostolici oder Auditores rotae, und in dem päpstlichen Finanzcollegium, der 6a- mein spostolica, deren Vorsteher der Cardinal-Kämmerer ist, befindet sich ein .Auditor eameras, welcher in den minder wichtigen Sachen die Gerichtsbarkeit des Collegiums auszuüben hat. Bei den deutschen Justiz- und Civilbchörden heißen Auditoren junge Leute, welche bei den Sitzungen zugelassen werden, um sich zu Gcschäftsmännern zu bilden; sie nehmen an den Verhandlungen keinen thäkigen Anthcil, ausgenommen wenn sie über ein besonderes ihnen anvertrautes Geschäft Bericht zu erstatten haben. Audouin (Jean Victor), einer der thätigsten und wissenschaftlichsten Zoologen der neuesten Zeit, geb.zu Paris 27. Apr. 1797, gest. daselbst 9. Nov. 1841, verließ frühzci- tig die ihm von seiner Familie bestimmte Laufbahn des Nechtsgelehrten und studirte Medi- ein. Später folgte er seiner ursprünglichen Neigung zum Naturstudium und fand Belehrung und Unterstützung bei Cuvier, Geoffroy St. -Hilaire, Brogniart u. A. Seine erste Arbeit über die Anatomie der Insekten, Krustenthiere und der bis dahin sehr vernachlässigten Ringelwürmer (1818) wurde mit großem Beifall ausgenommen. Andere, welche schnell folgten und seine Vielseitigkeit und Genauigkeit in das hellste Licht setzten, verschafften ihm 1826 die Stelle als Suppleant Lamarck's und Latreille's. Im I. 1833 wurde er Professor am Museum und trug insbesondere die Entomologie nach neuen Ansichten mit beispiellosem Beifalle vor. Im Aufträge der Regierung machte er mehre Reisen, um die Muscardine, eine tödtliche Epidemie der Seidenwürmcr, die Weinmotte, die in Nochefort eingewandcr- ren Termiten und andere Insekten zu studiren, welche dem öffentlichen Wohlstände den größten Schaden zugefügt, und entdeckte Mittel zur Bekämpfung derselben. 'Ausgezeichnet durch Ehrenämter, geehrt und allgemein bedauert erlag er einer allzu angespannten Thä- tigkeit. Von seinen zahlreichen Schriften gab er viele mit seinem Freunde, Milnc Edwards, heraus. Von großer Wichtigkeit sind dieselben für die Geschichte der Gliederthiere. Audran (Gerard), einer der berühmtesten Kupferstecher der franz. Schule, war zu Lyon 1640 geboren. Aus einer Familie herstammend, die im Fache des Kupferstichs viel- fach ausgezeichnet ist, und früh darin angeleitet, verdankte er feine höhere Ausbildung ins- 616 Aue AuerochS j besondere einem dreijährigen Aufenthalte in Nom, wo er unter Carlo Maratti studirte und " während welcher Zeit er sich durch ein Bildniß Papst Clemens' IX. berühmt machte. Sein Ruf bewog den Minister Colbert, ihn nach Paris kommen zu lassen, wo er zum königlichen Kupferstecher ernannt wurde. Hier stach er die vorzüglichsten Werke des Lebrun, mit dem ^ er in enger Verbindung lebte, und verherrlichte dessen Ruhm hauptsächlich durch die meisterhaften Stiche der Alexandersschlachten. Seine übrigen Werke sind sehr zahlreich. Er starb zu Paris 1703. — Seine Neffen Benoit A., geb. zu Lyon 166!, gest. zu Paris 17 21, undIean Louis A., geb. zu Lyon 1670, gest. zu Paris 1712, bildeten sich in seiner Schule zu vorzüglichen Kupferstechern, obgleich sie seine Meisterschaft nicht erreichten. Aue heißt ein fruchtbarer, durch sanfte Anhöhen eingeschlossencr Acker- und Wiesengrund an kleinern und Mittlern Flüssen im Innern eines Landes. Man findet in solchen Auen immer die fruchtbarsten Bodenarten (Aueböden), die einen sehr reichlichen Ertrag geben, jedoch nicht selten durch Überschwemmungen oder natürliche stagnirende Feuchtigkeit, zufolge welcher der Boden entweder nicht, oder nicht zur gehörigen Zeit bearbeitet werde» kann, oder wenigstens stark erhärtet, ganz oder theilweise vernichtet wird. Mehre solche > pandjtriche sind durch ihre ausgezeichnete Fruchtbarkeit berühmt; so die Goldene Aue (s. d.) an Helme und Unstrut, bei Nordhausen beginnend und bei Roßleben in dem Unstrutthale > endigend; die Pcganer Aue an der Elster auf. und abwärts von derStadtPegau u.s.w. Auerbach (Heinr.), der Erbauer des nach ihm benannten Au erb a ch'schen Hofs in Leipzig, hieß eigentlich Stromer, und entlehnte, nach der Sitte seiner Zeit, obigen Na- > men von der Stadt Auerbach im Voigtlande, wo er 1482 geboren war. Vom Herzoge von Sachsen, Georg dem Bärtigen, nach Leipzig berufen, ward er hicr Doctor und Professor der Arzneikunde und hernach Senator. Als 1519 die Disputation zwischen Eck und Lutbec gehalten wurde, trug er kein Bedenken, den Letztem zu Tische zu laden. Erstarb 1542. Das von ihm 1530 auf der Grimmaischen Gasse erbaute große Gebäude und dessen bedeu- tender Hof erhielten ihre Berühmtheit theils durch die Messen, indem früher während der- - selben hier das Neueste und Schönste aufgehäuft war, theils durch die Volkssage, daß aus dem Keller dieses Gebäudes der berühmte Johann Fau st (s. d.) auf einem Fasse, welches i die Weißkittel hatten herausziehcn sollen, herausgeritten sei. .An diese Sage erinnern noch ! jetzt zwei aufHolz gemalte Ölbilder mit der Jahrzahl 1525 in der Stube des Weinkellers. Auerhahn (Detrso 17roAuIIu8 bei Linne, (log steht an Körpergröße weit über dem zahmen Rindvieh, wird aber jetzt nicht so groß als in der ! Vorzeit. Gegenwärtig gibt es keine Individuen, die über 5 F. hoch und 7 F. lang wären. Das Haar ist jp nach der Jahreszeit veränderlich, am Ochsen gewöhnlich 6—8 Zoll lang, kamcel- artig, gelb und weich; die Hörner sind im Verhältnisse zur Größe des Thiers klein zu nennen; , die Stimme ist grunzend, nicht brüllend. Das Fleisch frei von dem Moschusgcruche des Fells, f am Geschmacke zwischen dem des Hirsches und zahmen Ochsen in der Mitte stehend, wurde auf den Tafeln der poln. Könige als Dclicatcssc aufgelragen. Ihr Lebensalter beträgt Auersperg (Fürsten u. Grafen v.) Auersperg (Ant. Alex., Graf v ) 617 etwa 30 Jahre, da aber viele Kühe unfruchtbar sind, so vermehren sich die Auerochsen nur langsam. Sie leben meist an Flüssen, zumal in schattigen Dickichten, welche sie nicht freiwillig verlassen, und in Heerden von 30—40 Stücken. Ihre Nahrung besteht in Gräsern, besonders in^ntlroxsnttlmn völoratum und Halens dareuüs; im Winter suchen sie vertrocknete Kräuter unter dem Schnee und werden nur durch Hunger zum Genüsse des ausgestreuten Heues gebracht. Sie sind sehr wild und selbst jung eingefangen schwer zu zähmen, verrathen unversöhnlichen Haß gegen zahmes Rindvieh und haben wegen ihrer großen Starke weder von Bären noch Wölfen etwas zu fürchten. Den Menschen vermeiden sie gemeiniglich, stürzen sich aber auf ihn bei plötzlichem Zusammentreffen und sind zur Zeit der Bremsen, gegen Ende August, und wenn sieJunge haben, gefährlich. Ehedem warensie über ganz Deutschland verbreitet, aber schon im 17.Jahrh. seinen Forst bei Tilsit beschränkt, wo man sie hegte und schützte. Doch unterlagen sie den Wilddieben, und 1775 soll der letzte einem solchen in die Hände gefallen sein. Jetzt kommen Auerochsen nur noch in dem.500 HiM. großen sumpfigen Forste von Bialowicz in Likhauen vor und sollen sich auf höchstens 600 Stück belaufen. Sie sind dort mehr durch die Natur als die sonst sehr strengen Gesetze geschützt. König August III. von Polen ließ dort am 27.Sept. 1752 bei einer großen Jagd 42 Stück schießen; Kaiser Alexander 1822 ein Paar für das Museum zu Wilna, und auf besondcrn Befehl wurden 1836 bei einer Jagd des Bicekönigs einige Stücke ge- tödtet, umdieMusecnDeutschlandszu bereichern. JhreJagd ist jetzt um so strenger verboten, da das Aussterben derArt überhaupt zu befürchten ist. Zufolge neuer Nachrichten des Akademikers von Baer soll der Aucrochs auch im Kaukasus verkommen. Die Annahme, daß der AuerochS der Stammvater unsers zahmen Rindviehs sei, ist durch Bojanus in den „Abhandlungen derKais.Leop. Akademie der Naturforscher" (XIII, 2) widerlegt worden. Auersperg (Fürsten und Grafen von), ein östr.-krainisches, ehemals reichsunmittelbares Geschlecht, das seinen Namen von dem Stammschlosse Auersperg in der demselben seit 1067 zugehörigen Herrschaft Gottschee (s. d.) in Kram entlehnte- Der nächste Stammvater des Hauses war Engelhard, gest. 1466, dessen Söhne, Pankraz und Vollrad, die beiden noch blühenden und nach ihnen benannten Linien stifteten. Das Haus erhielt 1631 die reichsgräfliche und die Pankrazische Linie 1653 die rcichsfürstlicheWürde. Auch erhielt letztere durch Ankauf der nachmals gefürsteten Grafschaft Thengen in Schwaben 1664 Sitz undStimme aufdcmschwäbifchenKreistage. Der Herzogtitel, den sie von denHerzog- thümern Münsterberg und Frankcnstein in Schlesien, die an den König von Preußen verkauft wurden, führten, wurde I7SI auf die nunmehrige Grafschaft Gottschce übertragen, und in demselben Jahre die reichsfürstliche Würde auf die ganze männliche und weibliche Nachkommenschaft des Fürsten ausgedehnt. Im I. > 811 kam Thengen unter badische Hoheit, und der Fürst gehört daher zu den bad. Standesherren. Die Familie ist in Besitz des Obersterblandkämmerer- und Obersterblandmarschall-Amts in Kram und der Windischen Mark; sie ist katholisch und Wien deren gewöhnliche Residenz. Der jetzt regierende Fürst Karl Wilhelm Philipp, Herzog zu Gottschee, geb. am l.März 1814, folgte seinem Vater Wilhelm l 827 unter mütterlicher Vormundschaft. Das HauS theilt sich zur Zeit in zwei i Linien, die ältere oder Paukrazische und.die jüngere oder Vollradische. Die erstere zerfällt s außer der fürstlichen in mehre gräfliche Äste; einem der letztem gehört der Graf Ant. Alex, von Au ersp erg(s.d.)an. Vgl. Schönleben, „OenealaFia familise principuin, comitnm et baronuin sb X." (Laibach 1681, Fol.). Auersperg (An t. Alex., Graf von), unter dem Namen Anastasius Grün als Dichter, besonders als Lyriker berühmt, ist am 11. Apr. 1806 zu Laibach in Kram geboren und erbte von seinem 18 >8 verstorbenen Vater dieHerrschaftenLhurn amHartund Gurkfeld. ^ Hier und in Wien hatte er seinen abwechselnden Aufenthalt, bis eine Reise nach Paris im I. >837 dieses Binnenleben unterbrach. Sein öffentlich gewordener Streit mit dem Ritter Braun von Braunthal und die daraus sich ergebenden Consequenzcn hatten zur Folge, daß er sich zu seinem wahren Namen bekannte, der übrigens seinen Verehrern nie ein Gehcim- niß war. Die Übertretung der Censurgesetze büßte er mit einer Strafe von 23 Dukaten. ' Seine Vermählung im I. 1839 mit Maria, der Tochter des Grafen Ignaz Maria von Attems, Landeshauptmanns in Steiermark, ist ihm von der radikalen Partei, gewiß mit <>18 Auerstüdt Auferstehung Unrecht, zum Vorwurf gemacht worden. Sei» erstes Gedicht, das gcmüthvolle, romantische Epos „Der letzte Ritter" (Stuttg. I 836; 3. Aufl. 1844) erregte sogleich nach seinem ersten Erscheinen großes Aufsehen. Dieses Epos behandelt nicht in streng zusammenhängender Form, sondern in einer Reihe von Balladen und im Rhythmus des ohne ängstliche Pedanterie angewandten Nibclungcnversmaßes, Leben und Thaten Maximilian's I. Durch Kraft und Kühnheit des Ausdrucks, durch offenen Freimuth, durch treffenden Witz, wie durch Schwung und Bilderfülle der Sprache zeichnen sich die anonym erschienenen „Spaziergänge eines wiener Poeten" aus (Hamb. 1831 ; 2. Aufl. 1832), die keiner von den Vielen, welche seitdem in Liedern politische Strafpredigten zu halten versuchten, übertroffen oder nur erreicht hat. Auch die zartsinnigen, bilderreichen, wenn schon etwas monoton weichlichen Elegien, die unter dem Titel „Schutt" (Lpz. 1835; 6. Aufl. 1844) erschienen, haben eine gleiche allgemein menschliche freisinnige Basis. Viel Schönes, Zartes und Frisches enthalten auch seine „Gedichte" (Lpz. 1837; 5. Aufl. 1844), in deren größerer Anzahl der allzuHeine'sche Typus, welcher noch seine „Blätter der Liebe" charaktcrisirt, glücklich beseitigt ist. Der Eindruck, den A.'s Dichtungen auf den wirklich poetisch fühlenden Leser machen, ist ein durchaus wohlthucndcr, milder und versöhnlicher, und wenn mcrn etwas als Manier tadeln sollte, so wäre es die Jagd nach oft gesuchten und unpassenden Bildern und Gleichnissen, die den Eindruck, statt zu verstärken, nur schwächen. Auerstädt, ein Dorf im preuß. Regierungsbezirk Merseburg, ist berühmt durch die Schlacht am 14. Oct. 1806 zwischen den Franzosen unter Davoust (s. d.), der hiernach den Titel eines Herzogs vonA. erhielt, und den Preußen unter dem Herzoge Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschwcig, dem hier später ein Denkmal errichtet wurde. Aufbereitung nennt man die mehr oder weniger vollständige Trennung des Erzes von den demselben beigemengten fremdartigen Theilen. Der Zweck derselben ist die mechanische Absonderung der verschiedenartigen Gemengtheile, mit welchen das Er; in dem Zustande, wie es auf seiner Lagerstätte gewonnen wird, verbunden ist. Bestehen die Beimengungen nur in Gebirgsarten, so beschränkt sich die Aufbereitung blos auf die mechanische Trennung derselben von dem Erze; sind aber Erze von verschiedenen Metallen miteinander gemengt, so sollen inderNcgelauch die verschiedenartigen Erze durch die Aufbereitung voneinander getrennt und für sich dargestellt werden. "Man unterscheidet die mechanische oder trockene, und die künstliche oder nasse Aufbereitung. Die erstere kann nur durch Menschenhände, nicht durch Maschinen bewerkstelligt werden. Vgl. Stifft, „Anleitung zur Aufbereitung der Erze" (Mark. 1818). Aufenthaltskarten oder Sicherheitskarten heißen Bescheinigungen, welche in großen Städten den Fremdengegen Zurücklassung ihres Passes ausgestellt werden, um sie bei sich zu tragen und jederzeit damit sich lcgitimiren zu können. Sie wurden zuerst in Frankreich während der Revolution eingeführt, um dadurch zu verhindern, daßkeine dem damaligen System abgeneigten Personen aus ihrer Gemeinde sich weder ins Ausland nochininsur- girte Departements begeben und dort die Waffen wider die Republik führen könnten. Später wurden sie auch in den meisten andern Ländern üblich; eine ausgedehntere Bedeutung erhalten sie indeß nur in unruhigen Zeiten, im Kriege, während ansteckender Krankheiten u, s. w. Neuerdings haben dieselben auch noch einen durch die Heimatsverhältniffeveranlaßten Zweck erhalten. Da sie nämlich nur auf Zeit gegeben und erneuert werden müssen, so dienen sie zur Controle, daß nicht Fremde durch unbemerkt verlängerten Aufenthalt im Lande das Heimatsrecht in ihm erhalten. Auferstehung ist ein biblisch-kirchlicher Begriff, zur Idee der Unsterblichkeit und Vergeltung gehörig. Vor ihrer Wegsührung nach Babylon hatten die Juden diese Vorstellung nicht, denn Jes.26,14.10. und Ezech. 37,1 —16. ist ein bloßes Bild, sondern glaubten, alle Seelen, gute und böse, kämen in die finstere Unterwelt (Scheol oder Hades), wo sie ohne Leben und Bewußtsein schlummerten. Im Exil wurden sie aber mit der Aufcrstchungslehre Zoroaster's bekannt, nahmen diese Vorstellung auf und glaubten, daß Die, welche als Märtyrer für die Verehrung des wahren Gottes und seines Gesetzes stürben, nicht in die Unterwelt, sondern, wie Henoch und Elias, zu Gott in den Himmel kämen, indem dabei ihr Körper wicderhergestcllt und verklärt werde. Vgl. 2 Makk. 7, 9 —36. 1 1 , 64. > 5, > 2 .- 16 . Dies- Auffenbcrg 019 Erwartung findet sich auch von den ersten christlichen Märtyrern im Neuen Testamente. Vgl. Apostclgesch. 7, 3». Offenb. 6, 9 — 11. 7,1—17. Hebr. 12, 23. Die Pharisäer und gewiß auch mit ihnen die Schristgslehrten glaubten, nach Josephus, daß die Seelen der Fromme» die Erlaubniß hätten, zur Belohnung die Unterwelt zu verlassen und wieder als Menschen in neuen Leibern geboren zu werden, daher sich die Anfragen an Jesus bei Matth.! 8, 13 fg., Luc. 9,19. und Joh. 1,21. erklären. Die Sadducäer leugneten diese Auferstehung. Man verknüpfte aber auch dieses Dogma mit den Erwartungen vom messianischen Reiche, indem man erwartete, die verstorbenen Frommen würden bei Eröffnung des messianischen Reichs von den Tobten erweckt werden und mit dem Messias herrschen (erste Auferstehung, Luc. 11,11. 1 Kor. 15, 23 fg., Offenb. 20,1 fg., vgl. I Thess. 1, 16. 2 Thess. I, 8. 2Timoth.2, II fg.), worauf dann am Ende dieses Reichs die allgemeine (zw eite) Ausi- erstehung der Guten und Bösen und das Gericht folgen werde, in Folge dessen die Guten mit Christus in den Himmel zu einem ewigen Leben ausgenommen, die Bösen aber wieder in die Unterwelt verstoßen werden würden. Die Kirche hat in der Folge die erste Auferstehung als eine jüdische Meinung verworfen und nur die zweite als Dogma festgestellt, nämlich die am Ende der Dinge zu erwartende neue Belebung des verstorbenen Leibes und seine neue und bleibende Wieder Verbindung mit der Seele. Schon zu der ApostelZeitcn gab es indeß Gegner dieser Lehre (1 Kor. 15, 2 Timoth. 2, 17.) und ebenso später in der Kirche, auch zur Zeit der Reformation. Eigentlich gehört dieses Dogma zur Lehre von der Vergeltung und nicht zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, mit welcher es nicht identisch ist. Es ist aber eine hinleitende Lehre oder eine Ubergangslchre zur Idee der Unsterblichkeit, indem sie den wichtigen Satz vermittelt, daß die Seelen nach dem Tode in den Himmel, d. i. das Weltall übergehen und mit einem neuen Organ zur Perception der Sinnenwelt bekleidet werden sollen. Die Auferstehung Christiist die Wiederbelebung seines gekreuzigten Körpers und dessen Hervorgehen aus dem Grabe. Verbürgt ist diese Thatsache, in dieser Fassung, nicht nur durch das cinmüthige, unvcrwerfliche Zcugniß der Apostel, sondern auch vurch den außerordentlichen Eindruck, den sie auf die Seelen derselben machte, indem dadurch ihr erschütterter Glaube an Christi göttliche Sendung über allen Zweifel erhoben und ihr Herz begeistert wurde, für Christus Alles zu wagen und zu opfern. Selbst Strauß in seinem „Leben Jesu" hat nicht vermocht, dieses zu verkennen, und nur vermuthcn wollen, die Apostel seien durch eine Erscheinung, die sie für Christum gehalten hätten, getäuscht worden, eine Vermuthung, die aber bei den anfänglichen Zweifeln der Apostel keine Wahrscheinlichkeit für sich hat. Auffenbcrg (Jos., Freiherr von), als fruchtbarer dramatischer Dichter und durch seine tragischen Schicksale in Spanien bekannt, wurde 1798 zu Freiburg im Breisgau geboren. Sein Vater, fürstlich fürstenbergischer Hofmarschall, suchte, obgleich selbst ein Verehrer der Dichtkunst, die sich in seinem Sohne regende Neigung zum Anbau derselben fast gewaltsam zu unterdrücken, bis ein anonymes Gedicht desselben, ihn, nachdem er den Verfasser erfahren, gegen das poetische Treiben seines Sohns günstiger stimmte. Im I. 1813 bezog A. ^ die Universität zu Freiburg, um der Jurisprudenz obzulicgen, verließ jedoch 1815 die Stadt heimlich, um mit einem Freunde nach Griechenland zu wandern. In den kläglichsten Um- ' ständen durchwanderten Beide Obcritalien und waren endlich froh, als die in Trcviso erwarteten andern Thcilnehmer nicht cintrafen, zu den Ihrigen zurückkehren zu können. Den Feld- zug von 1815 gegen Frankreich machte A. als vstr. Militair mit und entschied sich später, nach einem Besuche in Wien, ganz für die dramatische Dichtkunst. Sein in der kürzesten Zeit verfaßtes Trauerspiel „Pizarro" wurde zwar, von dem Hofburgtheater zurückgewie- ! sen, doch ermunterte ihn Schreivogel durch den Ausspruch, daß die Tragödie Talent verrathe. Auf den Wunsch seiner Altern nach Baden zurückgekchrt, trat er als Lieutenant in die badische Garde zu Pferde und vollendete in sehr kurzer Zeit sein bereits in Wien angefangenes Trauerspiel „Die Spartaner oder st'erxcs in Griechenland". Rasch folgten sich seine übrigen zahlreichen Stücke, deren mehre, besonders „Ludwig Xl. in Pcronne", „Das s böse Haus" und „Der Löwe von Kurdistan", auch außerhalb Karlsruhe mit Beifall aufgc- sührt wurden. Seit 1822 bei dem 1831 aufgelösten Hofthcatercomite angestellt und bald dar- i auf zum bad. Kammcrhcrrn und Präsident jenes Comirc ernannt, unternahm er 1832 seine 620 Auffodern . Aufgang - Reise nach Spanien. Bei Valencia ans einem abendlichen Spaziergänge, dicht am Thore der ^ Stadt, von Räubern angefallen und fortgerisse», entkam er ihnen nach verzweifelter Gegenwehr, blieb jedoch, abermals eingeholt, von 23 Wunden getroffen liegen. In ein Hospital ausgenommen und von weiblichen Religiösen sorgsam gepflegt, genas er allmälig, blieb aber noch lange Zeit für die Valenciancr ein Gegenstand des Staunens und der Bewunderung. Die Beschreibung jener merkwürdigen Reise unter dem Titel „Humoristische Pilgerfahrt nach Granada und Cordova" (8pz. und Stuttg. 1835) ist reich an Stoff und lcbenvollen Wahrnehmungen und enthält ein anschauliches, getreues und frisches Bild des span. Volks- lebens. Unter seinen Dramen, welche die Zahl 20 übersteigen mögen, ist noch besonders sein großes dramatisches Gedicht „Alhambra" (3Bde., Karlsr. 1829—30) zu nennen. Bereits , 1823 erschien eine Sammlung seiner dramatischen Werke (4Bde., Franks.) und neuerdings der „Sämmtlichen Werke" (21 Bde., Siegen 1842—44). Im I. 1839 wurde A. bad. Hofmarschall und 1843 Intendant der Kunstsammlungen und des Theaters in Karlsruhe. Auffodern heißt in der Kriegssprache das dem Feinde gemachte Anerbieten, die Was. fen zu strecken oder den im Besitz habenden Posten zu übergeben. Zu dem Eude begibt sich ein Offizier in Begleitung eines Tambours oder Trompeters zu den feindlichen Vorposten und macht ihnen die betreffende Eröffnung. Es ist ein völkerrechtlicher Gebrauch, eine bela- ^ gerte Festung, bevor man zum Sturm schreitet, dreimal auffodern zu lassen. , Auffrischeil nennt man in der Kunstsprache des Viehzüchters das Anwenden eines männlichen Thiers von derselben Nace, Zucht und Geschlecht, durch welches die Veredlung ausgegangen ist. Das A uffrische n ist bei solchen Züchtungen nothwendig, wo die Thiere in ihren Eigenthümlichkeitcn durch die Veredlung noch nicht constant genug im Blute sind. Aufführung (musikalische) nennt man vorzugsweise die Darstellung größerer, aus das Zusammengreifen vieler, theils massenhaft, theils einzeln wirkender Kräfte berechneter Tonwerke, z.B. Oratorien, Opern, Symphonien u. dgl. Für kleinere oder solche Compositio- ncn, welche von einer oder von wenigen einzelnen Personen zur Darstellung gebracht werden, bedient man sich der Ausdrücke ausführen oder vortragen. Wenn bei der Ausführung eines Werks der letzter» Gattung cs nur der richtigen Auffassung seines Charakters und geistigen Gehalts bedarf, um, die Zulänglichkeit des Talents und der technischen Fertigkeit vorausgesetzt, dasselbe diesem seinem Charakter gemäß vorzutragen, so wird eine Aufführung, jene Zulänglichkeit nicht minder vorausgesetzt, um so schwieriger und ihr Gelingen um so unberechenbarer, je höher die Zahl der Kräfte steigt, an deren Zusammenwirken dasselbe gcbun- ^ den ist. Das Erfassen des poetischen oder auch nur formellen Charakters des Werks ist aus den einzelnen, ausgesetzten Stimmen nicht, sondern nur aus der Partitur möglich, zunächst also Sache des Dirigenten. Doch wird nicht eher eine vollkommene Ausführung möglich sein, als bis allen Mitwirkenden ein Bild von der Eesammtwirkung im Geiste vorschwebt. Sie auf diesen Standpunkt zu bringen, liegt dem Dirigenten in den Proben ob,' deren Wirksamkeit und Zahl theils von seinen Fähigkeiten, theils von der Schwierigkeit des Werks im Vcrhältniß zur technischen Fertigkeit und der größern oder gcringern Anzahl der Mitwirkenden abhängt. Je größer die letztere ist, desto nöthiger wird cs, daß dem Hauptlciter i Gehülfen zur Seite stehen, die die Anführung einzelner Abthcilungen übernehmen. Vor Allem ist dies ein tüchtiger Conccrtmcister für die Jnstrumentalpartie und ein Chordirector für die Gesangmasse. Außerdem wird bei sehr großen Aufführungen an den einzelnen Chor- und den mehrfach besetzten Jnstrumentalstimmcn noch die Thätigkeit von Chorführern und Vorspielern nöthig, die, wie jene beiden, mit dem Hauptdirigenten nach vorgängigcr Übereinkunft wirken und daher schon wenigstens eine vorläufige Idee des Ganzen haben müssen. Die Musikaufführungen sind in neuerer Zeit oft, was die Masse der aufgebotcnen Kräfte betrifft, bis zum Kolossawu gesteigert worden. Daß indeß eine in allen Theilcn abgerundete Darstellung eines Werks von einer mäßigen Zahl zusammengespielter und an ihren Dircctor gewöhnter Musiker weit eher möglich, ja selbst kräftigere, entschiedenere Maffenwirkungen mit ihr zu erzielen sind, als mit einer großen aus verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten Masse unter ungewohnter, wenn auch noch so guter Leitung, hat die Erfahrung gelehrt, f Aufgang der Sterne heißt das Hcrvortrctcn derselben über den Horizont oder in ' die uns sichtbare Hälfte des Himmels, was an der Ost- oder Morgenseite des Horizont ec > i- al er g- rt !N S- in !s ;r d. e. f. ch :n a- es "g re >d. us icr io- ng nd eit us Hst ich bt. cn >eS »er ker j or . !or ' er- nd ereil, beete tor ;en >rt. f in ent Aufgebot 62 l stattsindet. In Folge der Kugelgestalt der Erde ist dieser Aufgang an verschiedenen Orten sehr verschieden. Unter dem Äquator gehen alle Sterne, und zwar senkrecht gegen den Horizont, auf und unter. Zwischen dem Äquator und den Polen gehen die Sterne in einer schiefen Lage gegen den Horizont auf und unter, aber ein Theil derselben und zwar ein desto größerer, je mehr man sich dem einen oder andern Pole nähert, geht gar nicht mehr auf oder bleibt immer unter dem Horizonte. Für die Bewohner der Pole endlich geht kein Stern mehr auf und unter, sondern sie beschreiben alle dem Horizont (in welchem für die Polbewohner der Himmelsäquator fällt) parallele Kreise; aber an jedem Pole ist deshalb nur die eine Hälfte des Himmels (am Nordpol die nördliche, am Südpol die südliche) sichtbar.. Ist die Poldistanz eines Sterns (Entfernung des Sterns von dem ihm nächsten Pole des Äquators) gleich der geographischen Brette des Orts, so geht der Stern nicht mehr auf und unter, sondern bleibt immerfort sichtbar oder über dem Horizonte und berührt denselben nur in seiner untern Kulmination. Ist die Poldistanz des Sterns kleiner als die geographische Breite, so erreicht der Stern den Horizont nicht mehr und ist daher immer über ihm oder immer sichtbar, wie dies bei uns für die dem Nordpole nahen Sterne der Fall ist. Ist die Poldistan; des Sterns größer als die geographische Breite, aber doch kleiner als die Ergänzung derselben zu 180 Grad, so geht der Stern auf und unter, bleibt aber desto längere Zeit sichtbar, je näher er deni Nordpole steht. Ein Stern, dessen Entfernung vom unsichtbaren Pole (bei uns also vom Südpole) der geographischen Breite gleich ist, streift den Horizont, ohne über ihn emporzukommen. Alle dem unsichtbaren Pole noch näher stehenden Sterne gehen gar nicht mehr auf, sondern sind für diese Breite immer unsichtbar, wie dies bei uns für die dem Südpole nahen Sterne der Fall ist. Zur Berechnung des Auf- und Untergangs aller Sterne hat man eigene Tafeln. Vgl. Littrow, „Kalendariographie" (Wien 1828). — Bei den alten Schriftstellern kommt das Wort Aufgang von den Gestirnen (Fixsternen) oft in einer ganz andern Bedeutung vor, und da diese Aufgänge namentlich bei Dichtern (Hesiod, Virgil u. s. w.) erwähnt werden, so nennt man sie die poetischenAufgänge der Gestirne. Diese Aufgänge, sowie die ihnen entsprechenden Untergänge betreffen drei verschiedene Erscheinungen und werden daher durch folgende Benennungen unterschieden: 1) Der heliacische Aufgang sindetstatt, wenn ein Stern zuerst wieder aus den Sonnenstrahlen hervortritt, d. h. zuerst lange genug vor der Sonne aufgeht, um in der Morgendämmerung noch sichtbar zu werden; ebenso bezeichnet der heliacische Untergang denZcitpunkt, wo ein Stern in den Sonnenstrahlen verschwindet, d. h. so kurze Zeit nach der Sonne untergeht, daß er der Dämmerung wegen gar nicht mehr gesehen werden kann; der erstere Fall tritt immer einige Zeit später als der letztere ein und in der Zwischenzeit ist der Stern ganz unsichtbar, weil er nur am Tage, also zu einer Zeit, wo er des Glanzes der Sonne wegen nicht gesehen werden kann, am Himmel steht. 2) DerkosmischeAufgang (Untergang) sindetstatt, wenn ein Stern zu derselben Zeit aufgeht (untergeht), wo die Sonne aufgeht; ebenso 3) der akronyktische Aufgang (Untergang), wenn ein Stern aufgeht (untergeht), indem die Sonne untergeht. Die Tage der beiden letzten Auf- und Untergänge können sehr leicht, ungefähr wenigstens, für einen gegebenen Ort und Stern mittels eines Himmelsglobus gefunden werden; die so erhaltenen Bestimmungen können aber mit den Angaben der Alten wegen der in der Lage der Himmclspole unter den Sternen seit ihren Zeiten cingetrctenen Veränderung, nicht ganz mehr übereinstimmen. Für Leipzig findet z. B. der kosmische Aufgang und Untergang des Sirius ungefähr am 8. Aug. und 17. Nov., der heliacische Äuf- und Untergang am 23. Äug. und 27. Apr., der akronyktische Auf- und Untergang am 8. Febr. und 17. Mai statt. Aufgebot heißt in einigen GcgendcnDeutschlands das Gebot des Preises auf eine zu verkaufende Sache oder das Angebot; dann auch der Aufruf au die Staatsbürger zu den Waffen zu greifen, und endlich die dadurch zusammengebrachtcn Truppen selbst. Das kirch- liche Aufgebot ist die öffentliche Verkündigung der zu schließenden christlichen Ehen in den christlichen Kirchen, das meist an drei verschiedenen Sonntagen stattsindet, um Denen, die den Verlobten einen Einspruch thun wollen, Gelegenheit zu geben, ihre vermeintlichen Rechte geltend zu machen. Es vertritt die Stelle der sogenannten Edictalicn. Schon seit dem 2. Jahrh. war eine Ankündigung der geschloffenen oder zu schließenden Ehen in den christlichen Versammlungen gewöhnlich gewesen, aber nicht als Gesetz. Gesetzlich eingeführt 622 Aufklärung Auflösung wurde das Aufgebot erst im 13. Jahrh. durch das vierte Lateranische Concilium. Nach dem „(locke Napoleon" gehört weder das kirchliche Aufgebot noch die kirchliche Trauung zu den Erfodernissen einer gültig zu schließenden Ehe. Aufklärung ist ein Begriff, dessen Bedeutung und Wahrheit so groß und so einleuch, tend ist, daß man kaum begreift, wie er habe in Übeln Ruf kommen können. Dennoch ist dieses seit der Mitte des 18. Jahrh. vielfach geschehen. Gewiß war bisweilen ein Mißbrauch mit dem Worte getrieben worden; besonders trug die Scheu vor dem Jlluminatismus dazu bei, daß man sich vor dem Namen zu scheuen begann, der diesem letzter» verwandt ist. Aber darum braucht man nicht den ganzen Gedanken wegzuwerfen. Unnütz ist cs, zwischen wah» rer und falscher Aufklärung zu unterscheiden, da die Aufklärung nur eine wahre sein kann, und thöricht, von Gefahren allgemeiner Aufklärung zu sprechen, da unter allen Verhältnissen der Mensch für Wahrheit und Licht bestimmt und dafür empfänglich und Aufklärung etwas anderes ist als gewisse Kcnntnisse und Beschäftigungen höherer Art, welche allerdings nicht für Alle im Volke gehören. Gesucht ist die Unterscheidung zwischen Aufklärung und Aufklärerei und witzlos die Unterscheidung zwischen Aufklärung und Ausklärung. Die Aufklärung unterscheidet sich nach dem eingeführten Sprachgebrauchs darin von der Bildung, daß sic ganz besonders auf die Gesammtheit, auf das Volk bezogen, und weder in bloßer Begriffsaufhellung, noch in Unterweisung, sondern in Klarheit, Sicherheit und Anwendbarkeit solcher Gedanken gefunden wird, welche sich aufallgcmein menschlicheJnteressen beziehen, daher man sie ganz vorzüglich in Sachen derReligion und des bürgerlichen Lebens verlangt und findet. Auflage nennt man die Gcsammtzahl der von einer Druckschrift gemachten Abdrucke. Die Stärke der Auflage wird in der Regel durch den Contract bestimmt, welchen der Verfasser mit dem Verleger abzuschließen pflegt. Von der richtigen Veurtheilung der Auflage nach dem Bedarf des Publicums hängt zum Theil das Gelingen einer buchhändlerischen Unternehmung, auch der zu stellende Preis für die Schrift ab. In juristischer Hinsicht ist die Frage besonders wichtig, inwieweit dem Verleger das Recht zustche, eine neue Auflage eines von ihm verlegten Buchs zu machen. Die Schriftsteller des gemeinen Rechts machen zum größcrn Theile dieses Recht von der Einwilligung des Verfassers abhängig, wogegen sie wiederum den Verfasser für verpflichtet halten, bevor die erste Auflage nicht vergriffen sei, keine neue Ausgabe bei einem andern Verleger zu veranstalten und selbst hinsichtlich der neuen Auflage unter gleichen Bedingungen dem ersten Verleger den Vorzug zu geben. In diesem Sinne spricht sich z. B. das badische Landrecht dahinaus, daß wenn die Zahl der Exemplare dem Verleger nicht vorgeschrieben war, das Verlagsrecht beim Mangel besonderer Verabredungen sich nur auf eine Auflage erstrecke. Das preuß. Landrecht stellt gerade den entgegengesetzten Grundsatz auf und unterscheidet zwischen Auflage und Au s- g ab e dergestalt, daß, wenn ein neuer unveränderter Abdruck einer Schrift in demselben For- mate veranstaltet werde, dies eine neue Auflage heiße, wenn aber eine Schrift in verändertem Formate oder mit Veränderungen im Inhalte von neuem gedruckt werde, solches eine neue Ausgabe genannt werde. Obwol dieser Unterschied als willkürlich nicht gebilligt werden mag, haben doch mehre Rechtslehrer, wie z. B. Bender in seinem Handelsrechte, dem erwähnten Grundsatz des preuß. Landrechts beigepflichtet. — In anderer Beziehung wird Auflage synonym mit Abgabe gebraucht. (S. Steuern.) Aufliegen, s. Decubitus. Auflösung in der chemischen Bedeutung dieses Worts kommt zu Staude durch die Anziehung, welche die Theilchen eines flüssigen Körpers auf die Theilchen eines damit in Berührung kommenden andern Körpers äußern. Daher man Auflösung auch von der beginnenden Verwesung thierischer Körper gebraucht, sofern die einzelnen Bestandtheile derselben durch die Lebenskraft nicht mehr zusammengehalten, nun andern mit ihnen in Verbindung gebrachten Stoffen folgen, z. B. Wärmestoff, Wasser u. s. w., zu denen sie mehr Verwandtschaft haben als zu den bisher mit ihnen verbundenen. Durch die Wärme wird die Auflöslichkeit fast aller Körper befördert; so lösen 100 Theile Wasser beim Frostpunkte des Wassers blos etwa 13 Theile, beim Siedepunkt aber mehr als 200 Theile Salpeter auf, und ähnliche Verhältnisse gelten für die meisten andern Salze, worauf es beruht, daß Auflösungen derselben, welche in der Wärme gesättigt waren, sich beim Erkalten durch Absatz eines Aufmarsch 023 Theils des Salzes trüben. Eene merkwürdige Ausnahme macht jedoch das Kochsalz, indem es sich in allen Temperaturen vom Frostpunkte bis zum Siedepunkte gleich gut im Wassec auflöst; ja einige wenige Körper, die jedoch ebenfalls nur als Ausnahmen zu betrachten sind, lösen sich sogar in derKälte reichlicher als in derWärmeauf; so der Kalk in Wasser. Manche Körper vermögen durch andere aus ihrer Auflösung verdrängt zu werden, wo dann Trübung der Auflösung oder Niederschlag daraus erfolgt; so wird, wenn man Lsn de 6oIoFne mit Wasser vermischt, das flüchtige Öl durch das Wasser aus der Verbindung mit dem Wein- gciste ausgeschieden und dieser dadurch milchig. Umgekehrt vermögen manche Körper die Löslichkeit anderer zu befördern; so löst sich der Kalk für sich nur wenig in Wasser, dagegen reichlich, wenn man zugleich Zucker zersetzt. — In der Musik heißt Auflösung die durch die Natur eines musikalischen Intervalls gcfoderte Fortbewegung der Melodie und im engern Sinne die nothwendigc stufenweise Fortschreitung einer Dissonanz in ein consonirendes Intervall. Die Dissonanzen treten bei ihrer Auflösung gewöhnlich eine Stufe abwärts, und nur die sogenannten übermäßigen und einige große Intervallen gehen zur Auflösung eine Stufe aufwärts. Der Schritt, welchen dabei die Grundstimme macht, bestimmt das Intervall der Auflösung. Bei den regulair aufgeführten Dissonanzen, d. i. bei den in dem schlechten Takttheile vorbereiteten, fällt die Auflösung immer wieder auf den schlechten Taktthcil; die irregulair, d. i. die im Durchgänge gebrauchten Dissonanzen werden auf der guten Taktzeit aufgelöst. Auflösungszeichen nennt man in der Notenschrift das sogenannte Bequadrat: tz. — In der Poesie, besonders im Roman und noch mehr im Drama, nennt man Auflösung die Katastrophe oder vielmehr den mit der Katastrophe eintretenden letzten Theil der Handlung, ihre Entwickelung, zu welcher alles Vorhergegangene nur die nothwendigc Vorbereitung gewesen ist. Die Auflösung muß, soll sie ästhetisch und psychologisch gerechtfertigt werden können, ohne sich aufzudringen, nothwendig und naturgemäß sein, ohne sich genau vorhersehcn zu lassen, auf die folgerichtigste Weise aus den frühern Handlungen und Charakteren rcsultiren, ohne durch peinliche Vorbereitungen zu ermüden, sorgfältig motivirt sein. Wo solches nicht der Fall ist, entstehen leicht jene unmotivirten, gegen Psychologie und Ästhetik verstoßenden Effectschläge und Ooups de tbeätre, welche nur die urtheilslose Menge befriedigen können, jetzt aber ihrer plötzlichen, wenn auch nicht nachhaltigen Wirkung wegen, besonders in franz. Dramen, sehr beliebt geworden sind. Größere Willkür gestattet allenfalls noch das Lustspiel. Die franz. Bezeichnung venonemont, d. h. Knotenlösung, ist jetzt auch in der deutschen Thcatersprache gebräuchlich. — In der Mathematik endlich heißtAuflösung die gehörige Beantwortung ein es mathematischen Problems. Die Auflösung der Gleichung besteht z.B. in der Bestimmung derWerthe, welche die in dieser Gleichung enthaltene veränderliche Größe, dieser Gleichung gemäß, haben kann. Aufmarsch heißt die Entwickelung einer in Colonne stehenden oder marschirenden Truppe in die Front- oder Schlachtlinie. Je nachdem die Truppe rechts, links oder aus der Mitte abmarschirt ist, geschieht der Aufmarsch entweder links, rechts oder links und rechts. Es gibt taktische und strategische Aufmärsche; unter den letztem wird die Ankunft der verschiedenen Heersabtheilungen aus denjenigen Punkten verstanden, von wo aus die gemeinschaftlichen Operationen beginnen sollen, und man sagt alsdann, die Armee habe ihren strategi- schen Aufmarsch vollendet. Als z.B. 1814 die Schlesische Armee unterBlücher bei Kaub, die Große Armee unter Schwarzenberg bei Basel über den Rhein gingen, jene an der Aisnc, diese bei Troyes angekommen waren, war der strategischeAufmarsch der zurOperation gegen Napoleon bestimmten Armeen als vollendet anzusehen. Eine Truppe, klein oder groß, welche während ihres Aufmarsches, derselbe sei strategisch oder taktisch, vom Feinde überrascht und angegriffen wird, befindet sich im entschiedenen Nachtheil gegen einen bereits aufmarschirtcn Feind. Die Linie (Frontlinic), in welche aufmarschirt wird, heißt das Allignement; die Punkte, auf welche die Spitzen der Colonnen sich dabei dirigiren, heißen die points do v»e. Früher gab man den Aufmärschen besondere Namen, z. B. Adjutanten-, Husarenaufmarsch u. s. w.; doch dies ist abgeschafft. Gegenwärtig gibt es nur dreierlei Arten Aufmärsche, nämlich entweder durch Frontmachen oder Einschwenken, wobei die im Flanken marsch begriffene Colonne Halt und gegen den Feind Front macht (einschwenkt) und dies isi der kürzeste Äusmarsch; oder durch Eventaillircn, wobei die hintern Äbthcilungen der Co- 624 Aufnehmm Aufschrift j lonne sich schräg (fächerartig) in die Front herausziehen; oder endlich durch Deployiren, wobei die hintern Abtheilungen rechtwinklig auf der Grundlinie seitwärts fortgehen, dann Front machen und gerade bis in das Allignemcnt vorrücken. Aufnehmen, s. Messung. Aufriß heißt in der Baukunst die Zeichnung der Außenseite oder Facade eines Gebäudes, geometrisch und nach verjüngtem Maßstabe. Zum Unterschied eines perspectivischen Risses spricht man in diesem Falle auch von einem orthographischen Aufrisse, weil in einer derartigen Zeichnung alle Hohen- und Breitenverhältnisse des Gebäudes und seiner cinzcl- > nen Theile nicht wie sie dem Auge aus der Entfernung erscheinen, sondern ihrem wahren I Verhältnisse gemäß, angegeben sein müssen, um den Werkleuten zur Richtschnur zu dienen. . Aufrollen, einen Flügel aufrollen heißt, die in der Schlacht auf demselben stehenden Truppen von der Seite und im Rücken so angreifen, daß sie nicht dazu kommen können, eine neue Stellung zu nehmen, sondern in Unordnung auf die Mitte geworfen werden. Bei der sonstigen Aufstellung in Linien war dies eher möglich als jetzt, wo die Stellung inAbthei- lungcn nicht mehr so schwache Seiten darbielct. Wenn indeß starke Massen dazu verwendet werden, so geschieht doch bisweilen etwas Ähnliches, wie z.B. in der Schlacht bei Wagram, wo der östr. linke Flügel bei Markgrafen-Neusiedel von Davoust, trotz einer schnell genommenen Aufstellung en potence, zurückgeworfen und so die Schlacht entschieden wurde. Aufruhr oder Tumult heißt das Zusammenlaufen Mehrer Personen, um sich irgend einer obrigkeitlichen Anordnung mit Gewalt zu widersetzen, ein Staatsverbrechen, welches zum Hochverrats übergeht, wenn der Zweck des Aufruhrs auf Umsturz der Staatsverfassung selbst gerichtet ist. Schon dieser Begriff unterscheidet den Aufruhr vom Aufstand e, indem der erste wol der Anfang und die Veranlassung zu dem letztem werden kann, aber an sich in einer ungeordneten und gewaltsamen Widersetzlichkeit besteht, welche, wenn sie langer fortgesetzt und der bewaffnete Widerstand allgemeiner und heftiger wird, den Namen der Em- porungoder Rebellion bekommt. Der Aufstand hingegen oder die Insurrection (s.,d.) j ist die Erhebung eines Volks zum geregelten Widerstande gegen eine für unrechtmäßig gehaltene Herrschaft. Daher kann beim Aufruhr nie die Frage von seiner Nechtmäßigkcü ^ sein, die Aufrührer sind vor dem bürgerlichen Gesetze immer strafbar; der Aufstand aber kann ! in der Idee wenigstens rechtmäßig sein, insofern er gegen eine unrechtmäßige Herrschaft gerichtet ist. Daher wird auch der Name Rebellen, welcher nur von den in einem strafbaren Widerstande Begriffenen gebraucht wird, mit dem der Insurgenten verwechselt, sobald das ^ Urtheil über die Ncchtmäßigkeit anfängt, wenigstens zweifelhaft zu werden. Gefangene Rebellen haben keinen Anspruch, als Kriegsgefangene behandelt zu werden, wol aber Insurgenten, welche unter dem Schutze völkerrechtlicher Grundsätze stehen, da die Gerechtigkeit ihrer Sache von dem Eottcsurtheil des Ausgangs abhängig gemacht ist. Im rechtlichen Begriffe gehören zu einem Aufruhre wenigstens zehn Menschen. In England wird, sobald eine Versammlung einen tumultuirenden Charakter anzunehmen scheint, dieselbe zufolge der Aufruhracte von 1817 durch eine Proclamation aufgefodert, bei Todesstrafe ruhig auseinanderzugehen, und erst eine Stunde darauf darf mit bewaffneter Macht cingeschritten werden. ^ Aufschlag heißt der Punkt, wo eine abgeschossenc Kugel den Erdboden trifft, von dem- ^ selben wieder abprallt und weiter fliegt. Bleibt die Kugel schon beim ersten Aufschläge stecken, so s verwandelt sich derselbe in einen Einschlag. Die Entfernung vomGeschütz bis zum ersten Aufschlag heißt die Aufschlagsweite, die Entfernung zwischen zwei Äufschlägen die Sprungweite ; der Bogen, den die Kugel dabei in der Luft macht, der Sprung (le ricocllet) und die höchste Höhe dieses Bogens über der Erde die Sprunghöhe. Den Winkel, unter dem die Kugel das Geschütz verläßt, nennt man den Abgangswinkel; der Winkel, unter dem sie die Erde trifft, heißt der Aufschlags-, Einfall- oder Fallwinkel; der Winkel, unter dem die Kugel weiter geht, der Abprallwinkel (in der Regel doppelt so groß als der Einfallwinkel). Jeder Ausschlag vermindert die Kraft der Kugel, daher werden bei jedem neuen Ausschläge die Sprungweiten immer kürzer, die Sprunghöhen immer niedriger und die Sprünge immer flacher, woraus zuletzt ein Roll schuß (s. d.) entsteht, bis endlich die Kugel nur noch auf der s Erde fortrollt und aus Ermattung liegen bleibt. j Aufschrift, s. Epigraphe. i Aufstand Auge 625 Aufstand, s- Aufruhr und Jnsurrection. Aufsteigung (sseonsio) oder auch Abstcigung. In der Sternkunde versteht man unter gerader Aufsteigung (recta a^consio) eines GßHirns denjenigen Bogen des Äquators, welcher zwischen dem Frühlingspunkte und dem Abweichungskreise dieses Gestirns enthalten ist. Der Name rührt daher, weil der die gerade Aufsteigung eines Gestirns begrenzende Punkt des himmlischen Äquators an jedem Orte des Äquators der Erde mit jenem Gestirne zugleich aufgeht oder mit ihm gerade ansstcigt, wie unter dem Äquator I alle Sterne gerade, d. h. senkrecht gegen den Horizont, aufsteigen. Die gerade Aufsteigung ! wird vom Frühlingspunkte an in der Richtung von Westen nach Osten bis 36» Grad fortgezählt. Durch die gerade Aufsteigung und Abweichung wird der Stand der Gestirne am Himmel ebenso bestimmt, wie die Lage der Örter auf der Erde durch die Länge und Breite. Unter schiefer Aufsteigung (ascon5io obliqua) versteht man denjenigen Bogen desHiiu- melsäquators, welcher zwischen dem Frühlingspunkte und dem mit einem Gestirne zugleich ausgehenden Punkte des Äquators enthalten ist. Der Unterschied zwischen der geraden und schiefen Aufsteigung eines Gestirns heißt seine Ascensionaldiffercnz. Auftakt, Aufschlag oder Äufstrich heißt der Anfang eines Musikstücks, wenn er nicht mit einem vollen Takte, nicht mildem ersten gewichtigsten, sondern in irgend einem andern Takttheile geschieht. Sein Zeitwerth muß vor einer Wiederholung, und eigentlich auch am Schluffe des Stücks, dem letzten Takte fehlen; doch ist in letztem, Falle die Beobachtung dieser Regel nicht unabweislich. Auftritt, Aufzug, s. Schauspiel. Auge nennt man das Werkzeug des Gesichts, welches das Bild der äußern Gegenstände mittels der davon hcrkommenden Lichtstrahlen aufnimmt. Das Auge oder der Augapfel ist bei dem Menschen ziemlich kugelrund, hart anzufühlen, leicht beweglich in der Augenhöhle und durch Zellgewebe an kleine Muskeln und hinterwärts an den Sehnerven befestigt. Betrachten wir das menschliche Auge in seiner natürlichen Lage gerade von vorn, so bemerken wir I) einen schwarzen runden Flecken in der Mitte, die Pupille; 2) um diesen einen breiten farbigen Kreis, die Iris, und 3) auf beiden Seiten das Weiße im Auge. Betrachten wir das Auge von der Seite, so bemerken wir das die Iris und Pupille bedeckende durchsichtige Gewölbe, von der sogenannten Hornhaut gebildet. Das Übrige des Augapfels ist in der Ä u g e n- höhle und unter den Augenlidern verborgen, welche zum Schutze gegen Eindringen fremder Körper, zu starken Lichts u. s. w. bestimmt sind und auf ihrer innern Fläche, sowie der ganzen »ordern Fläche des Augapfels mit einer Schleimhaut (constmetiva) überzogen sind. Der Augapfel wird von drei übcreinanderliegenden Häuten gebildet, welche verschiedene Flüssigkeiten einschließen. Die äußerste Haut ist die stärkste und härteste; sie wird deshalb die harte, auch feste und weiße Haut genannt, besteht aus mehren Blättern, ist elastisch, dick und weiß und umgibt den ganzen Augapfel. Nur nach außen hin verdünnt sie sich und wird vorn ganz durchsichtig. Dieser durchsichtige Theil führt den Namen Hornhaut. Sie ist der Abschnitt einer Kugel von etwas kleinern, Durchmesser als der Durchmesser des ganzen Aug- I apfels und sitzt gleichsam auf dem letztem, daher sich dieser auch bei der Hornhaut merklich . erhebt. Am hintern Theile des Augapfels befindet sich eine Öffnung in der harten Haut, durch welche der Sehnerv, dessen Ursprung im Gehirn ist, ins Auge geht. Unmittelbar unter der harten liegt die braune Haut oder Gefäßhaut, die ihren Anfang vom Rande des Sehnerven nimmt und sich bis an die Hornhaut erstreckt. Sie sieht von außen braun, inwendig ^ aber fast schwarz aus. Gegen den Anfang der Hornhaut hin vereinigt sic sich durch ein Zellgewebe mit der harten Haut in Gestalt eines weißen Kreises, der der Eiliarkreis genannt wird und in welchem der nach Fontana benannte Strahlenkanal befindlich ist. Vor dem Ciiiarkreise wendet sich das innere Blättchen (Lamelle) der braunen Haut nach dem Innern des Augapfels und bildet daselbst dicke, schön gefaltete, gefäßreiche Streifen, die mit einem schwarzen Pigment überzogen sind und das Strahlenband genannt werden. Aus dem . Strahlcnband entstehen die weiter aufwärts laufenden und bis an den Rand der Krysialllinse i reichenden Strahlcnfasern, welche um die Krysialllinse her einen schön gestreiften Ring, den - Strahlenkörper, bilden. Zwischen den Strahlenfascrn und der Hornhaut liegt die Regen- I Conv.-Lex. Neunte Aufl. k. 40 626 Auge Augenheilkunde ^ bogenhaut, deren Hintere, mit schwarzen Linien bekleidete Flache die Traubcnhaut heißt. Beide zusammen machen die Iris oder den Augenstern aus. In der Mitte dieser durchsich. tigcn Haut befindet sich die Pupille oder Öffnung des Augensterns, auch Sehe genannt, wodurch das Licht ins Auge sackt. Die Iris zieht sich wegen ihrer großen Empfindlichkeit gegen das Licht bei Vermehrung desselben zusammen, wodurch die Pupille sich verkleinert, wie sie im Gegentheil bei Verminderung des Lichts sich erweitert. An die braune Haut schließt sich die Netz- oder Markhaut, eine Verbreitung des durch die harte und braune Haut ins Auge getretenen Sehnerven. Sie schmiegt sich allenthalben bis zum großem Kreise der Strahlenfasern der braunen Haut an. Die sogenannten Flüssigkeiten oder Feuchtigkeiten des Auges liegen alle in der Mitte der beschriebenen Haute oder sind vielmehr von ihnen umgeben. Die erste heißt die krystallene oder Morgagni'schc Feuchtigkeit; sie umgibt die Krystalllinse und ist zugleich mit dieser von einem besonder» durchsichtigen Häutchen, der Kapsel der Krystall- linse, umgeben. Die Krystalllinse selbst ist ein linsenförmiger, gallertartiger, doch schon etwas festerer Körper und wird von den Strahlenfasern eingefaßt. Die wässerige Feuchtigkeit erfüllt den vordem Theil des Auges zwischen der Hornhaut und der Kapsel der Krystalllinse. Sie treibt die Hornhaut in die Höhe, ist dünnflüssig und sehr durchsichtig. Sie wird leicht wieder ersetzt, wenn sie durch eine Öffnung in der Hornhaut ausgeflossen ist. Die gläserne Feuchtigkeit füllt die ganze Höhle der Netzhaut aus und nimmt den größten Theil des inncrn Auges ein. Vorn hat sie eine durch die Gestalt der Krystalllinse, die sie berührt, hervorgebrachte Vertiefung und ist ihrem Wesen nach eine sehr durchsichtige Gallerte, die aus feinen Zellen besteht, in welchen die Flüssigkeit sich befindet. Die Function des Auges ist das Se- hen(s. Ge sicht). Da es Krankheiten gibt, welche eine theilweise oder gänzliche Zerstörung des Augapfels herbeiführen, so hat man schon frühzeitig versucht, künstliche Au gen von Glas oder Emaille zu formen, auf deren Öberfläche die sichtbaren Theile des gesunden Auges nachgebildet werden, was in der neuesten Zeit von Desjardins, Boissenau und Hazard-Mirault in Paris zu einer solchen Vollkommenheit gebracht ist, daß ein Erkennen für die Nichtein- geweihten beinahe unmöglich ist. Zu diesem Zweck wird aber auch eine äußerst genaue Abbildung des gesunden Auges und eine Form von Wachs oder Blei erfodert, welche den Umfang und die Form der kranken Augenhöhle und des zu jedem künstlichen Auge nöthigen, noch vorhandenen Stumpfes des Augapfels treu darstcllt, nebst einer Wachsplatte, welche die Wölbung des gesunden Auges und seine Größenverhältnisse angibt, weil hiernach das künstliche Auge geformt und gefertigt werden muß, was übrigens so geschieht, daß der Inhaber mit leichter Mühe dasselbe behufs der nöthigen Reinigung selbst entfernen und wieder cinsetzen kann. Auge, die Tochter des Aleus und der Neära, Priesterin der Minerva zu Tegra, zcugie mit Hercules ein Kind, daß sie im Tempel der Göttin verbarg. Als nun zur Strafe für diese Entheiligung Unfruchtbarkeit das Land traf, und das Orakel als Grund davon den Zorn der Minerva über Entheiligung ihres Tempels angab, ließ Aleus, nachdem er beim Durchsuchen desselben das Kind gefunden, dieses auf dem parthenischen Berge aussctzen, wo es von einer Hirschkuh gesäugt, von Hirten gefunden, erzogen und Telephus genannt > wurde; die Mutter aber übergab er dem Nauplios, um sie zu ermorden; dieser jedoch brachte ! sie zum König der Mysier, Teuthras, der sie zur Gattin nahm. Nach einer andern Sage ließ I Aleus die A. nebst ihrem Kinde in einem Kasten ins Meer werfen, worin sie in Mysien an j das Land schwamm. Hygin, wahrscheinlich «ach Euripides, erzählt, daß Teuthras die A. an Kindesstatt angenommen habe, und daß Telephus, um seine Mutter aufzusuchen, nach > Mysien gekommen sei, wo er den Teuthras von der Gefahr, sein Reich zu verlieren, befreit habe. Dafür habe ihm Teuthras die Hand seiner Tochter und das Reich versprochen. Als sich jedoch diese dessen geweigert und gedroht habe, den Telephus zu ermorden, sei von den Göttern ein Drache gesendet worden, der zwischen Beiden hingcfahren. Darübcr sei A. erschrocken und habe das Schwert fallen lassen, das nun Telephus ergriffen habe und im Begriff gewesen sei, die A. zu tödten, als er, in Folge dessen, daß letztere den Hercules um Beistand anrief, sie als seine Mutter erkannt und von der That abstand. Diese Wiedcrerkcn- nungsscene stellt ein sehr schönes Basrelief im Palast Ruspoli zu Rom dar. Augenheilkunde, nach dem Griechischen Ophthalmiatrik genannt, bildete schon l Augenpstcge ' in sehr früher Zeit einen wichtigen Thcil der Chirurgie und Medicin, du die Augenfchler und Augenkrankheiten, sowie die aus letztern entstehenden Augenübel um so verschiedenartiger und bedeutender sind, je zusammengesetzter und künstlicher der Bau, und je wichtiger und anhaltender die Thätigkeit des Auges ist. Unter den Augenfehlern sind die vorzüglichsten die Myopie oder Kurzsichtigkeit (s. d.), die Presbyopie oder Weitsichtigkeit (s. d.) und das Schielen (s. d.). Die gewöhnlichsten Augenkrankheiten sind Entzündung (s. d.) der Augenlider und der verschiedenen Häute des Auges, sowie her graue und schwarze Staar (s. d.). Vgl. Beer, „Die Lehre von den Augen" (2 Bde., Wim 1813—l 7), Weller, „Krankheiten des menschlichen Auges" (-1. Aust., Berl. 1830), Benedict, „Handbuch der praktischen Augenheilkunde" (-"> Bde., Lpz. 1822—27), Beck, „Handbuch der Augenheilkunde" (Heidelb. 1833), Rosas, „Handbuch der theoretischen und praktischen Augenheilkunde" (3 Bde., Wien 1830,), Jüngken, „Lehre von der Augenheilkunde" (3. Aust., Berl. 18-12) und Andrea, „Grundriß „der gesummten Augenheilkunde" (2 Bde., Magd. 1837—39).— Eine eigene Classe von Ärzten, Ophthalmologen oder Ophthalmia- triker genannt, die sich allein mit Heilung der Augenkrankheiten beschäftigten, bildete sich zu Alexandria schon vor des Celsus Zeit. Doch viele Jahrhunderte ward dann diese Wissenschaft ^gänzlich vernachlässigt, bis ihr wieder seit dem I7.Jahrh. Franzosen, Engländer, Italiener und namentlich Deutsche sich ausschließcnd widmeten. Doch erst in der neuern Zeit wurde die Augenheilkunde zu einem hohen Grade der Vollkommenheit geführt, indem man das Auge als integrirenden Theil des Organismus auffaßte und sich der früher gewohnten örtlichen Behandlung möglichst zu enthalten suchte, und Niemand sich mehr anmaßt, Augenarzt zu sein, der nicht zugleich tüchtiger innerer Arzt ist. Beer, Hinily, Gräfe, Walther, Dzondi, Jüngken, Ammon, Andreä, Jäger, Ritterich haben sich unter den Deutschen am meisten um die Augenheilkunde verdient gemacht. An einer vollständigen Geschichte derselben fehlt es zur Zeit noch; interessante Beiträge dazu enthalten Wallroth's „0;>sit!iaImoIoFia veter»nl" (Halle 1818), Beer's „GeschichtederÄugenheilkunde"(1. Heft, Wien 1813), Ammon's „Kurze Geschichte der Augenheilkunde in Sachsen" (Lpz. 1823), van Onsenoort's „Geschichte derÄugenheilkunde" (aus dem Holländischen, Bonn 1838) und Andreä, „Zur ältesten Geschichte der Augenheilkunde" (Magd. 1821). Augenmaß, (.Messungen. Augenpflege nennt man dasjenige Verhalten, welches man beobachten muß, um das Sehvermögen so gut als nach Umständen möglich ist, zu erhalten. Wie aber Niemand ein erkranktes Auge heilen kann, ohne auf den übrigen Körper Rücksicht zu nehmen, so kann auch Niemand seine Augen gesund erhalten, wenn er nicht seinen ganzen Körper auf eine zweckmäßige Weise zu pflegen sucht. Diese Pflege muß gleich nach der Geburt beginnen und ist hier gerade am nöthigstcn, da das Auge des Neugeborenen am leichtesten von sehr zerstörenden Krankheiten befallen wird. Abgesehen von der allgemeinen Pflege, bemerken wir hier nur Folgendes: der Ort des Aufenthaltes des Kindes muß zweckmäßig beleuchte! sein und nur nach und nach die Tageshelle bieten, das Sonnenlicht nie auf das Gesicht des Kindes ! fallen, wenngleich dessen Lager stets so gestellt werden muß, daß es dem Lichte entgegensieht, ! und alle glänzenden Gegenstände nur vor ihm, nicht hinter oder neben ihm stehen, weil dadurch s leicht Übersichtigkeit und Schielen herbeigeführt wird. Schleier und Hut muffen das an die > Luft getragene Kind vor dem Lichte der Sonne hinreichend schützen und jeden Morgen die Augen sorgfältig mit lauem, später mit kaltem Wasser gereinigt werden; Letzteres muß auch i der Erwachsene thun, welcher freilich einer beiweitem größeren Menge besonders die Seh- > kraft schwächender Einflüsse durch Beschäftigung und Lebensweise ausgesetzt ist. Wer die Augen zu seinen Geschäften häufig anstrengcn, viel lesen, schreiben, feine Gegenstände bearbeiten muß, hat dabei vorzüglich die Wahl der Zeit, die Art, wie man die Augen gebrauchen soll, und die Mittel, mit welchen man ihnen zu Hülfe kommen kann, zu beobachten. Die beste Zeit zum anstrengenden Gebrauch der Augen ist früh Morgens, überhaupt Vormittags und am Tage eher als beim Kerzenlichte. Abends ist die Sehkraft durch die Anstrengung den Lag hindurch schon mehr erschöpft. Man strenge die Augen nicht lange hintereinander an, ohne sie dazwischen zuweilen ruhen und sich erholen zu lassen. Beim Sehen muß man hinlängliches, 40 * M 628 Augenpffege j doch nicht zu starkes Licht haben. Man hüte sich, die Lichtstrahlen unmittelbar in bas Auge ! fallen zu lassen. Bei dem Sonnenlichte vermeidet es Jedermann zumeist schon von selbst, weil die Folgen schnell und auffallend eintrcten, und es eine vorübergehende Lähmung der Augennerven, ja selbst schwarzen Staar verursachen kann. Allein auch die Strahlen eines Lichts, das öftere Blicken ins Feuer und besonders in den Blitz ist der Sehkraft des Auges nachtheilig und verzehrt und vernichtet allmälig seine Nervcnkraft. Das Licht darf aber nicht zu schwach sein, weil das Auge sich dabei zu sehr anstrengcn muß, die Strahlen zu sammeln. Daher ist das Dämmerlicht zum Sehen so nachtheilig für die Augen. Am besten ist das milde Licht des Tages; nur darf beim Lesen, Schreiben, Nähen u. s. w. die Sonne nicht unmittelbar auf den weißen Gegenstand scheinen, weil durch dieses zu starke Licht die Ncrven- kraft der Netzhaut im Auge zu sehr gereizt und daher erschöpft wird. Wer des Abends zu arbeiten nicht vermeiden kann, muß auf die Auswahl der Beleuchtung die gehörige Sorgfalt wenden, wenn er seinen Augen nicht schaden will. Die beste Beleuchtung des Abends ist die von einer guten Lampe mit breitem Dochte. Ihr Licht ist hell genug und doch mild, gleich- mäßig, nicht flackernd. Weniger gut ist das Wachslicht; eins gibt nicht Heilung genug, mehre geben verschiedene Schatten, was schon unangenehm für die Augen ist. Am wenigsten tauglich sind die Unschlittlichter, theils weil sie ein unstetes, flackerndes Licht geben, theils weil das öfters nöthige Putzen den Arbeitenden nöthigt, zu oft in das Licht selbst zu sehen. Die beste Art der Beleuchtung wäre die von oben. Der Arbeiter muß das Licht zur linken Hand haben und hoch stellen; auf diese Weise ist die Beleuchtung auf dem Papiere am vortheilhaftesten. Das Zimmer, in welchem man am Tage arbeitet, sollte, der gleichmäßigen Beleuchtung wegen, nur auf einer Seite Fenster haben. Der Arbeitstisch muß so stehen, daß die Fenster zur linken Hand sind. Hat das Zimmer auf mehren Seiten Fenster, so bedecke man die der andern Seite mit grünen Vorhängen. Als Arbeitszimmer wähle man wo möglich keins mit der Aussicht auf eine hell erleuchtete, weiß, gelb oder roth angestrichene Wand; denn nichts ist schädlicher für die Augen als eine solche stete überreizende Einwirkung auf die Ncrvenkraft s der Netzhaut. Die Mittel, mit welchen man schwachen Augen zu Hülfe kommen kann, sind zunächst Brillen (s. d.). Die grünen sind gewöhnlich flach, vergrößern und verkleinern nicht und sind nur für solche Personen nützlich, welche empfindliche Augen haben und viel auf weiße Gegenstände, z. B. Papier, Leinwand u. dgl., bei starkem Lichte sehen müssen. Sie mildern blos die zu starke Einwirkung des Lichts auf die Augen. Die erhaben geschliffenen oder convexen Brillengläser, welche nach Maßgabe ihrer Rundung die Gegenstände vergrößern, kommen den weitsichtigen Augen zu Hülfe, weil sie dieselben in der Kraft, die Lichtstrahlen so zu vereinigen, daß von den Gegenständen ein deutliches Bild im Auge entstehen kann, unterstützen. Das Glas muß gerade nur so viel convex fein, als dem Auge Kraft fehlt, die Strahlen zu brechen; cs darf also nicht als Vergrößerungsglas auf das Auge wirken, sondern blos dazu helfen, das Bild naher Gegenstände, das ohne Glas undeutlich ist, ganz deutlich zu machen. Dies ist das Zeichen, daß es für das Auge paffend ist. Die hohlgeschliffencn oder concavcn Gläser kommen den kurzsichtigen Augen zu Hülfe, sie dürfen nur um so viel die Lichtstrahlen auseinanderstreuen, als das kurzsichtige Auge sie zu sehr ! bricht und daher zu bald vereinigt, und dürfen daher die Gegenstände nicht verkleinern, son- ! dcrn nur deutlich machen. Bei der Auswahl einer Brille ist große Vorsicht anzuwenden. Pas- 's sende Brillen sind dem Auge sehr nützlich, unterstützen das Sehvermögen und erleichtern daS j Schm so sehr, daß sich oft ein schwaches Auge wieder erholt; unpassende Gläser schaden, indem sie das Auge zwingen, sich mehr anzustrengcn, um wieder dem Fehler der Gläser cnt- gcgcnzuarbeiten. Ein weitsichtiges Auge, dem man eine zu convexe Brille gibt, wodurch die ! nahen Gegenstände vergrößert werden, zwingt man, noch weitsichtiger zu werden. Ein kurz- ! sichtiges Auge, dem man ein zu concavcs, die Gegenstände verkleinerndes Glas gibt, zwingt ^ man, sich anzustrengen, noch kurzsichtiger zu werden. Auch muß, wer weitsichtig ist, sich hüten, mit einer Brille, die ihm nahe Gegenstände deutlich macht, in die Ferne zu sehen; er muß, wenn er z. B. nicht mehr schreib^ oder liest, die Brille sogleich ablegen. Ein zweites Mittel, den Augen zu Hülfe zu kommen, besteht darin, die Nervcnkraft derselben zu erhöhen. Mittel, bar geschieht dies dadurch, daß man dem krankhaften Blutandrange nach den Augen Einhalt thut. Die Nervcnkraft und die Gewalt des Bluts stehen bis auf einen gewissen Punkt mit» Augenpunkt Augerenu 629 einander im Gegensätze. Ist die Nervenkrast noch ungeschwächt, so beherrscht sie die Bewegung des Bluts; umgekehrt erhält das Blutsystem ein Übergewicht. Bei Schwäche der Augen tritt demnach auch das Blut mehr nach denselben; sie bekomme» nach jeder nur mäßigen Anstrengung Hitze, Nüthe und Brennen. Man wasche daher die Augen mehrmals des Tages, besonders am Abend, mit frischem Wasser, mit einer Mischung von Wasser und Weingeist oder Arak. Ist die Schwäche mit ihren Folgen schon bedeutender, so lege man Abends Compresscn, mit einem kühlenden Augenwaffer befeuchtet, oder noch besser, halbe Pflaumen oder gefaulte, etwas ausgehöhlte Äpfel, auch geriebene oder gebratene und wieder kalt gewordene Äpfel, oder geriebene Erdapfel auf und lasseste wenigstens einige Stunden lang liegen. Vgl. Beer, „Das Auge" (Wien 1813), Weller, „Diätetik für gesunde und schwache Augen" (Bcrl. 1821) und Fabini, „Pflege gesunder und kranker Augen" (Pesth 1831). Augenpunkt heißt in der Perspective derjenige Punkt auf der Projektionsebene (Zeichnungstafel), wo eine vom Auge ausgehende senkrechte Linie jene Ebene trifft. Augereau (Pierre Francois Charles), Herzog von Castiglione, Marschall und Pair von Frankreich, zu Paris am II. Nov. 1757 als der Sohn eines Fruchthändlers geboren, diente zunächst als Carabinicr in der franz. Armee, ging dann in neapolit. Dienste und ließ sich 1787 in Neapel als Fechtmeister nieder. Alsermit seinen Landsleuten 1782 von hier verwiesen ward, trat er als Freiwilliger bei der Armee in Italien ein und schwang sich durch Verwegenheit und Einsicht schnell empor. Schon 1794 wurde er bei der Pyrenäenarmee als Brigade- und 1796 als Divisionsgencral bei der Armee von Italien angestcllt. Als Sieger ging er nun aus den Schlachten bei Millesimo, bei Ceva, bei Lodi, wo er an der Spitze seiner Division unter dem mörderischen Feuer der Feinde die Brücke und Verschan- zungcn erstürmte, bei Cästiglione, bei Rovcredo, bei Bassano, an der Brenta und bei Areale, wo er mit der Fahne in der Hand die Stürmenden anseucrnd mit verwegenem Mulhe voraneilte. Als er im Febr. 1797 dem Direktorium die m Italien eroberten Fahnen überreichte, erhielt er die, welche er bei Arcole getragen, zum Geschenke. Am 9. Aug. an General Hatry's StellezumBefehlshaber der 17. Militairdivision in Paris ernannt, vollzog er die Ge- waltthat am 18. Fructidor und ward von dem dccimirten gesetzgebenden Körper als der Rettet des Vaterlandes begrüßt. Im Sept. 1797 erhielt er das Commando der Rheinarmec, wurde aber sehr bald als Kommandant der zehnte» Militairdivision nach Perpignan versetzt. Im I. 1799 zum Deputaten im Rathe der 590 erwählt, gab er sein Commando auf. Am 19. Fructidor stellte er sich zur Verfügung Bonaparte's und erhielt darauf im 1.180» den Oberbefehl der Armee in Holland. Ä. führte das sranz.-batavische Heer nach dem Niederrhcin, wo er Moreau unterstützte, rückte über Frankfurt nach Würzburg und lieferte mehre Gefechte, bis die Schlacht von Hohenlinden den Feldzug endigte. Im Oct. >801 durch den General Victor abgelöst, blieb er ohne Anstellung bis 1803, wo ihm der Befehl über die gegen Portugal bestimmte Armee übertragen wurde. Da dieser Zug unterblieb, ging er nach Paris, wo ihn der Kaiser am 19. Mai 1804 zum Marschall, am I. Febr. 1805 zum Großoffizicr der Ehrenlegion und bald darauf zum Herwg von Castiglione ernannte. Gegen Ende des Z. 1805 befehligte er ein Corps der großen Armee in Deutschland, das die früher zu Brest unter seinen Befehlen vereinigten Truppen bildeten, und trug zu den verschiedenen Erfolgen bei, welche den presburger Frieden herbeiführten. Hierauf besetzte er im März 1800 Wetzlar und die umliegenden Gegenden, bis der Krieg mit Preußen ihn zu neuer Thärig- keit rief. Er nahm Theil an der Schlacht bei Jena, und gab bei Eylau den Beweis des ausdauerndsten Muthes, indem er, von einem hitzigen Fieber ergriffen, auf dem Pferde fest- gebunden, bis zur Entscheidung fortcommandirkc. Hicraufsendctc ihn der Kaiser zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nach Frankreich. Im I. 1809 focht er mit Erfolg in Italien; 1810 dagegen unglücklich in Spanien, weshalb ihn Macdonald 1811 ablöste, worauf er erst zu Anfänge des I. 1813 das Commando des elften Armcecorps in Berlin erhielt. Hier von dem Volke insultirk, ging er nach Baicrn, wo er Gcncralgouverncur von Frankfurt und Würzburg wurde; im Juli >813 führte er das in Baiern ausgestellte Heer nach Sachsen und nahm dann Theil an der Schlacht bei Leipzig. Beim Einrücken der Verbündeten in Frankreich sollte er Lyon decken, das er aber am 20. März übergeben mußte. In Valencc publicirte er den Soldaten die Abdankung Napolcon's , wie man sagt, unter Hmzufügung 63t> Augmentation Augsburg sehr harter Worte, weshalb ihn der Kaiser bei seiner Rückkehr für einen Verräther erklärte. Ludwig XVlll. ernannte ihn I8I-1 zum Pair und machte ihn zum Kommandanten der 11. Militairdiviskon, die er 18t 5 Napoleon zuführte, der ihm aber nicht traute. Nach der zweiten Rückkehr des Königs erschien er wieder in der Pairskammer und ward Mitglied des Kriegsgerichts über Ney, wobei er sich für incompetent erklärte, erhielt aber keine weitere Anstellung und starb am II. Juni l 816 auf seinem Gute La Houfsaie. Augmentation heißt in der musikalischen Kunstsprache die Einführung eines schon benutzten melodischen Gedankens in Noten von doppeltem Zeitwerth. Die Augmentation ist hauptsächlich in der thematischen Satzweise, namentlich beim Fugcnsatz von Bedeutung, und ihre geschickte Benutzung bietet oft großartige Wirkungen. Augras, s. Here ml es. Augsburg, die Hauptstadt im bair. Kreise Schwaben und Neuburg, zwischen der Wcrtach und dem Lech, auf der Ebene des Lcchfeldes, 1196 F. über dem Meere, hat 35999 E-, darunter gegen l 3999 Evangelische, und ist der Sitz desGcncralcommiffariats, eines Handels- appellationsgerichls und eines Bischofs. Eng und unregelmäßig gebaut, hat sie doch mehre große, mit Springbrunnen gezierte öffentliche Plätze und viele schöne Gebäude. Noch immer ist sie als ein Hauptsitz deutschen Kunstflcißes und Kunstsinns zu bewachten. Unter den öffentlichen Gebäuden sind besonders merkwürdig der Bischofshof, die ehemalige kaiserliche Pfalz, wo 1539 in dem großen Saale, der aber schon vor langer Zeit in mehre Zimmer gecheckt worden ist, die protestantischen Fürsten dem Kaiser Karl V. ihr Glaubcnsbekenntniß, die sogenannte Augsb urgischc Konfession (s.d.) überreichten; das Nachhaus mit dem goldenen Saale, welches für das schönste in Deutschland gilt; die Fuggerei, 196 kleine, von den Gebrüdern Fugger 1519 erbaute und zur Wohnung für arme Einwohner der Stadt bestimmte Häuser, ein Denkmal der Mildthätigkeit dieser reichen augsburger Bürger; die Domkirche, deren Bauart ein hohes Alter beurkundet (vgl. Braun's „Beschreibung der augsb. Domkirche", Augsb. 1829), das Hallgcbäude und unter den Privatgebäudcn die schönen Häuser der Freiherren von Liebert und von Schäzler, welcher Letztere seinen Wohlstand zur Stiftung mancher herrlichen Anstalt verwendet hat. A. hat ein polytechnisches Realinstitut, ein katholisches Studentenscminar, das 1828 vom Könige errichtet wurde, eine Gemäldegalerie, die besonders für die deutsche Schule von Wichtigkeit ist, sowie mehre andere Bücher- und Kunstsammlungen, ein Zeughaus, eine Kunstschule, viele höhere und niedere Lehranstalten, eine Menge Manufacturen und Fabriken in Kaliko, Seide, Gold - und Silberarbeit, Stück- und Schriftgießerei, Uhren und Instrumenten; auch ist daselbst die Expedition der 1798 begründeten „Allgemeinen Zeitung". Die augsburger Gold-,und Silber- waaren werden im Auslände geschätzt, und die freilich zum Theil fabrikmäßig behandelte Kupferstecherkunst ist ebenfalls ein einträglicher Nahrungszweig für die Stadt. Die Stadt treibt einen beträchtlichen Wechsel- und Speditionshandel, indem sie die wichtigsten Geschäfte mit Wien und Italien macht und zugleich ein Stapelplatz für die süddeutschen und ital. Maaren ist; sie ist bereits durch eine Eisenbahn mit München verbunden und wird es in nicht ferner Zeit auch mit Nürnberg sein. Ob A. vor Ankunft der Römer in dasiger Gegend vorhanden gewesen sei und den Namen Damasia geführt habe, ist nicht erwiesen; gewiß aber, daß der Kaiser Augustus, ums I. 12 v. Chr., nach der Besiegung der Mndelicier eine Kolonie daselbst (XiiAustu Vinclelico, ,,m) anlegte, welche man als den Anfang des heutigen A. anzusehen hat. Im 5. Jahrh. n. Chr. ward es von den Hunnen verwüstet und kam darauf unter die Botmäßigkeit der fränk. Könige. In dem Kriege Karl des Großen mit dem Herzoge Thassilo von Baiern wurde es abermals fast gänzlich zerstört. Nach der Thcilung des fränk. Reichs gerieth es unter die Botmäßigkeit der Herzoge in Schwaben, erkaufte aber, durch Handel und Gewerbe bereits reich geworden, von diesen nach und nach seine Freiheit und wurde 1276 eine freieReichsstadt. Jetzt erreichte es den höchsten Gipfel seines Wohlstandes und war nebst Nürnberg einHauptstapelplatz für den Handel des nördlichen Europa mit dem Süden, bis gegen Ende des 15. Jahrh. die Entdeckungen der Portugiesen und Spanier dem Welthandel eine veränderte Richtung gaben. Ausgebreitete Geschäfte trieben damals namentlich die Familien Fugger (s. d.) und Welscr (s. d.). In Folge eines Aufstandes der untern Bürgerclassen bekam 1368 die bis dahin aristokratische Regierung eine demokratische Form, Augsburgische Confession 6ZL bis 16V Jahre spater die patrizischcn Geschlechter mit Unterstützung Kaiser Karl's V. wieder die Oberhand gewannen. Viele Reichstage und Turniere wurden in A. gehalten, und >555 wurde daselbst der Religionsfriede geschloffen. Seine Reichsfreiheit verlor es 1806 mit der Aufhebung des Deutschen Reichs, worauf es im März 1 806 von Baiern in Besitz genommen wurde. Die Geschichte A.s haben geschrieben Gullmann (6 Bde., Augsb. 1819—22), Wagcnseil (3 Bde., Augsb. >820—22) und Jäger (Augsb. 1830). — Das sonst ebenfalls rcichsunmittelbare Bist hum Augsburg soll bereits im 6. Jahrh. gestiftet sein. Es umfaßte etwa 30 OM., wurde durch den Reichsdeputationshauptschluß 1803 säcularisirt und dessen Länderbesitz ebenfalls an Baiern gegeben. Vgl. Braun, „Geschichte der Bischöfe von A." (Augsb. 1829). Augsburgische Confession. Als Kaiser Karl V. zur Beseitigung der durch die Reformation entstandenen Rcligionsspaltung im I. 1530 einengroßen Reichstag nach Augsburg ausschrieb, befahl der Kurfürst Johann zu Sachsen seinen Theologen zu Wittenberg, eine Rechtfertigung der bisher vorgenommenen Veränderungen in der Lehre und den Gebräuchen aufzusetzen, die dem Kaiser vorgelegt werden konnte. Philipp Melanchthon unterzog sich dieser schwierigen Arbeit, die er in Tocgau bei dem Kurfürsten anfing, auf der Reise beim Verweilen in Koburg fortsetzte und dann in Augsburg selbst, kurz vor der Übergabe, erst beendigte. Es sollte anfangs kein Glaubensbekenntniß, sondern eine Apologie der vorgenommenen Veränderungen sein, daher Melanchthon zuerst die zweite Abthcilung der Confession ausarbeitete, die von den abgeschafften Misbräuchcn handelt. Da man aber die Protestanten verleumdet hatte, als ob sie alle alten, von der Kirche verdammten Ketzereien aufwärmten, so fand Melanchthon für nöthig, die Übereinstimmung der Protestanten mit der Kirche der ersten vier Jahrhunderte zu erweisen, und arbeitete in Augsburg noch die jetzige erste Abtheilung der Confession aus, welche ein kurzes allgemeines Glaubensbekenntniß der damalige» Protestanten enthält. Seine Schrift, die er selbst anfangs eine nannte, bekam dadurch den Charakter eines Glaubensbekenntnisses und erhielt auch noch in Augsburg diesen Namen, der ihr stets geblieben ist. Indem der Kurfürst zu Sachsen, der Landgraf von Hessen und andere protestantische Fürsten sic unterschrieben und so am 25. Juni dem Kaiser feierlich überreichten, gaben sie dieser Confession, als ihrer und ihrer Unterrhanen Glaubensbekenntnisse, eine öffentliche Autorität. Sie war zugleich in deutscher und lat. Sprache abgefaßt, und beide Exemplare wurden unterschrieben und dem Kaiser überreicht, daher beide Texte gleiche Autorität haben. Das deutsche Exemplar wurde dem Kurfürsten von Mainz zum Niederlegen in das Reichsarchiv gegeben, das lateinische nahm der Kaiser an sich. Beide Exemplare sind nicht mehr vorhanden, daher die diplomatische Untersuchung über den Urtext noch nicht beendigt ist. Noch während des Reichstags wurde die Confession aus ziemlich mangelhaften Abschriften sieben mal gedruckt (zwei mal lateinisch und fünf mal deutsch), daher Melanchthon selbst, als er von Augsburg zurück kam, noch im 1 . 15 30 eine Ausgabe veranstaltete, die dann oft wiedergedruckt und von Melanchthon immer mehr verbessert, zum Theil auch verändert wurde. Dieses geschah ganz besonders bei der Hauptausgabc im 1.1530, wo Melanchthon auch den zehnten Artikel vom Abendmahl so änderte, daß ihn selbst die Reformir- ten annehmenkonnten, die sich daher auch zu dieser veränderten Augsburgischen Confession beim Religionsfrieden imJ. 1555 bekannten und deshalb in diesen Frieden mit eingeschlossen wurden. Nach Melanchthon's Tode verwarfen aber die Protestanten diese Veränderte Augsburgische Confession und hieltensich streng an die unveränderte, dieauch imJ. 1580 mit unter die Symbolischen Bücher ausgenommen und zur Lehrnorm erhoben wurde. Das im I. 1830 einfallendeJubelfest ihrer Übergabe wurde in allen protestantischen Ländern sehr festlich begangen, und es erschienen dabei eine Menge Schriften über die Augsburgische Confession. Sic ist unstreitig das werkhvollste, richtigste und am besten gearbeitete Bekenntniß der protestantischen Kirche und übertrifft die andern Symbolischen Bücher weit an Einfachheit und Zweckmäßigkeit; doch hat auch sie ihre Gebrechen, denn nicht nur ist der deutsche und lat. Text, die doch beide Autorität haben, an vielen Stellen sehr abweichend, sondern die Confession hat auch noch ein drittes Sacrament in der Buße, sowie die katholische Lehre von der Transsub- stantiation im Abendmahle, was Beides die Protestanten haben falle» lassen, und cnthältübcr- 632 Augurn August j dies mehre offenbar falsche Säße. Vgl. über die äußere Geschichte und die Literatur der Augs» > burgischcn Confession Ed. Köllncr, „Symbolik der lutherischen Kirche" (Hamb. 1837). Auguru waren bei den Römern ein besonderes, in früherer Zeit hochgeachtetes > Pricstercollegium, das aus dem Fluge und Geschrei der Vögel, aus dem Blitze u. s. w. die ^ Zukunft und den Willen der Götter verkündigte. Die Augurn wurden sowol in öffentlichen > als Privatangelegenheiten befragt, und ihr Ansehen wie ihr Einfluß auf den Staat waren sehr groß. Durch das bloße clie", d. h. „Einen andern Tag", konnten sie die Fortsetzung der Volksversammlungen hindern und alle gefaßten Beschlüsse ungültig machen. Allein schon im Zeitalter des Cicero, in welchem sich kein gebildeter Römer von Amtswegen mit Divinatiön ! abgab, erschien ein Mitglied dieses Collegiums als lächerlich, wenn es wirklich den Willen der Götter erforschen wollte, und die Magistrate, welche die Auspicicn hatten, betrachteten sie als politisches Mittel zu willkürlichem Gebrauch oder nur noch als lästige Förmlichkeit. Ihre Aussprüche, sowie die Anzeichen, nach denen sie sich richteten, wurden Augurien ge- nannk. Öffentliche Augurien waren: l) Himmelserschcinungcn, wie Donner und Blitz. Man merkte dabei auf den Ort des Entstehens und Niederfahrens des Blitzstrahls. Der Augur begab sich an einen erhabenen, von allen Seiten eine freie Aussicht gewährenden Ort (arxodertempliim). Nach verrichtetem Opfer und feierlichem Gebet setzte ersich mit bedecktem Haupte, das Gesicht nach Osten gekehrt, und bezeichnete mit seinem Stabe (lituns) die Ge- , gendcn des Himmels, in deren Grenzen er seine Beobachtungen anstellen wollte. Zur Linken waren die glücklichen, zur Rechten die unglücklichen Anzeichen. 2) Die Stimme und der Flug der Vögel. Die Vorhersagungcn der Zukunft aus Beobachtung der Vögel hießen eigentlich Auspicicn und waren schon beiden Griechen gewöhnlich, die sic von den Chaldäern entnommen hatten. Nach und nach stieg das Ansehen der Augurn so hoch, daß bei den Römern in Kriegs- und Friedenszeiten nichts Wichtiges unternommen wurde, ohne die Vögel zuvor um Rath gefragt zu haben, denen man wegen ihres steten Umherfliegens die Kenntniß l der geheimsten Dinge zuschricb. Sie waren glücklicke oder unglückliche, entweder ihrer Natur f nach oder mit Rücksicht auf die Umstände, unter denen sie sich zeigten. Überhaupt zerfielen die vorhersagenden Vögel in solche, die durch ihren Flug etwas anzeigten, und in solche, deren Gesang oder Stimme etwas verkündigte. Durch ihr Geschrei gaben ein Anzeichen der Nabe, die Krähe, die Nachteule, der Hahn und einige andere; durch ihren Flug der Adler, die Krähe, der Nabe, der Habicht und der Geier. Die beiden letzter» waren stets unglücklich, der Adler hingegen glücklich, zumal wenn er von der Linken zur Rechten flog; die Krähe und der Rabe ^ waren zur Linken glücklich, zur Rechten unglücklich. 3) Das Fressen oder Nichtfressen der Hühner. Jenes bedeutete Glück, dieses Unglück. Man bediente sich der Hühner vornehmlich im Kriege, daher dem Heere immer ein Pontifex, einige Augurn und Haruspices (s. Har u- spex) nebst dem Pullarius mit seinem Hühnerkaften folgen mußten. Außer diesen drei Arten gab eS noch gewisse von vierfüßigen Thieren, ungewöhnlichen Vorfällen und unglücklichen Ereignissen (llirae) angenommene Anzeichen, z. B. wenn ein Thier über denWeg lief oder an einem ungewohnten Orte gesehen ward, plötzliches Traurigwerden, das Niesen, das Verschütten des Salzes auf den Tisch u. s. w. Die Augurn erklärten dergleichen Zeichen und lehrten dabei, wie die Götter wieder zu versöhnen seien. Das Recht der Auspicien, d. h. - das Recht, von den Göttern durch gewisse Anzeichen den Ausgang einer Kricgsunternehmung zu erforschen, stand nur dem Obcrfeldherrn zu; die Unterbesehlshaber fochten unter seinen Auspicien, d. h. die Verkündigung, die Jener erhalten, galt auch ihnen, und der glückliche oder unglückliche Ausgang ward Jenem allein beigemessen. August, der sechste Monat im röm. Jahre, welches mit dem März anfing, daher ursprünglich Sextilis genannt, bis Kaiser Augustus zum Andenken mehrer glücklichen Ereignisse, die ihm in diesem Monat widerfahren waren, demselben seinen eigenen Namen beilegte oder vielmehr vom Senate beilegen ließ. Diese Art der Schmeichelei des Senats begann bereits mit Julius Cäsar, dem zu Ehren der Monat tzuintilis Julius genannt wurde. Da aber 8exti!is nur 30, der Huintilis aber 3l Tage hatte, so verordnete der Senat ferner, um Augustus nicht hinter Julius Cäsar zurückstehcn zu lassen, daß der August.gleich dem Julius 31 Tage haben solle, wofür man einen Tag aus dem Februar wcgnahm, und diese Anordnung hat sich bis auf den heutjgen Tag erhalten. August (Kurfürst von Sachsen) 633 August, Kurfürst von Sachsen, 1553—86, der Sohn Herzog Heinrich des Frommen mit seiner Gemahlin, Katharina von Mecklenburg, wurde am 31. Juli 1526 zu Freiberg geboren, wo sein Vater, bis ihm 1536 die Negierung des Albertinischen Stammlandes zufiel, seinen Hof hielt. Er besuchte die Schule seines Geburtsorts unter dem gelehrten Johann Ni- vius, hielt sich dann einige Zeit am Hofe König Ferdinand's zu Prag auf, wo er mit deffcn Sohn Maximilian, dem nachherigen Kaiser, eine innige Freundschaft schloß, und bezog hierauf unter der Leitung desRivius die Universität zu Leipzig. Zugleich mit seinem Bruder Moritz (s.d.), nachdem dieser die Regierung der väterlichen Erblande übernommen hatte, empfing er 1531 die Huldigung. Seitdem lebte er, wenn er nichtin Anwesenheit des Bruders denRegierungsangele- genheiten sich unterziehen mußte, zumeist in Weißenfels. Im 1.1538 vermählte er sich mit Anna, der Tochter Christian's II l. von Dänemark, die sich durch strenge Anhänglichkeit an Luthers Lehre und sorgsamewirthschaftlichc Thätigkeit die allgemeinste Liebe erwarb. Nach seines Bruders Tode >553 zur Regierung und zur Kurwürdc berufen, hatte er die politischen Verwickelungen zu lösen, die aus den Wirren der deutschen Zustände, aus des Bruders Fehden und aus dem Zwiespalt mit den Ernestinischcn Vettern, welche, der ihrem Stammhauptwiderfahrenen Unbill eingedenk, auf Vergeltung und Wiedererwerbung des Verlorenen sannen, hervorgegangen waren, und zugleich die Wunden zu heilen, welche der Krieg dem Lande geschlagen. Hatte Moritz sein Erbe mit dem Schwerte vergrößert, so wußte A. durch kluge Benutzung der Ereignisse, durch schlaue Unterhandlung und durch Anspruch auf deS Kaisers Gunst seine landeshohcitlichen Rechte auszudehnen und Gebietserwerbungen zu machen; doch gerade in diesen Bemühungen zog er sich Vorwürfe zu, gegen welche die Geschichte ihn nicht ganz zu rechtfertigen vermag. Daß die drei geistlichen Stifter, Merseburg, Naumburg und Meißen, in eine entschiedcnereAbhängigkeitvonder landesfürstlichen Gewalt kamen, war eine nothwcndige Folge der Reformation. Nicht ganz in der Ordnung aber war der Gebietszuwachs, den er 1567 durch die Achtsvollziehung gegen den von dem meuterischen Wilhelm von Grum b ach (fi d.) verleiteten Herzog Johann Friedrich von Gotha gewann, der zeitlebens im Gefängniß zubringen mußte. Auch läßt er sich kaum gegen den Vorwurf ver- theidigen, daß er, die zudringlich übernommene Vormundschaft über seine Vettern, die Söhne Johann Wilhelm's von Weimar, benutzend, zum Nachtheil seiner Mündel durch diplomatische Künste die Hälfte der hennebergischen Erbschaft sich zugeeignet. Ein Hauptereigniß seiner Regierung war die Wendung, welche die Angelegenheiten der protestantischen Kirche durchseine Mitwirkung nahmen. Durchseine Hofthcologen für die calvinistische Ansicht in der Abendmahlslehre gewonnen, mußten die Geistlichen nicht nur im eigenen Lande, sondern auch im Gebiete seiner weimarischen Vettern diese Ansicht lehren, wenn sie nicht ihrer Stellen verlustig, vertrieben werden wollten, bis A., 1573 aus der Täuschung gezogen, vor dem heimlichen Calvinismus erschrak, und nun diesen mit viel größerer Strenge verfolgte, als früher die zum strenglutherischen Dogma sich Bekennenden. Dieses gegen künftige Gefahren zu schützen, brachte er nach langen Unterhandlungen 1580 die Concordienformel zu Stande, welche die protestantische Lehre, ganz gegen den Geist ihres Urhebers, in eine starre Form bannte. Könnte die Geschichte nur aus den angedeuteten Ereignissen die Züge zu der Charakterschilderung A.'s nehmen, so würde sie mehr Schatten als Lichter hineinlegen müssen, und derselbe keineswegs als einer der ausgezeichnetsten Fürsten Deutschlands im 16. Jahrh. dastehen. Allein es ist nicht zu übersehen, daß er als Gesetzgeber, alssorgsamerPflcgerjederCulturanstalt, als gewissenhafter und sparsamer Ordner des Staatshaushalts sein Land auf eine Stufe hob, die damals keines in Deutschland erstiegen. Von klugen Rächen unterstützt, mit seinen Landständen oft sich berathend, legte er einen guten Grund der Staatsverwaltung, der nur durch die Misgriffe und die Sorglosigkeit einer langen Reihe ihm unähnlicher Nachfolger und durch äußere Stürme erschüttert werden konnte. Der Staatsorganismus erhielt durch ihn eine Einrichtung, welche für jene Zeit die passendste zur Vereinfachung des Geschäftsganges war. In der Finanzverwaltung wurden die Steuern von den Kammereinkünsten geschieden und jene der ständischen Verwaltung überlassen. Die Rechtspflege wurde durch eine verbesserte Einrichtung der Gerichtsbehörden und durch neue Gesetze geordnet, welche unter dem Namen der Constitutionen ein gleichförmiges, die alten deutschen Rechtsgewohnheitcn durch röm. Nonnen verdrängendes Landrccht einsührten. Die glänzendste Seite seiner RcgierungS- 634 August ll. (Kurfürst von Sachsen) thätigkeit aber war die Sorgfalt, die innern Kräfte des Landes durch Volks- und Staats- wirthschast zu erhöhen und Ackerbau, Eewerbfleiß und Handel zu beleben. Überall mit eigenem Auge forschend, bereiste er sein Land nach allen Richtungen und ließ 156» durch Hiob Magdeburg auch eine Karte von Sachsen entwerfen. Zum Anbau wüsten Landes und zur Theilung großer Gemeindcgüter ward ermuntert, und der Ackerbau besonders durch das Beispiel der musterhaften Bewirthschaftung der fürstlichen Domainen, bei der die Sage seiner Gemahlin einen sehr bedeutenden Antheil zuschreibt, befördert. Vorzüglich suchte er den Obstbau zu heben und führte deshalb auf Reisen stets Kerne zum Vertheilen bei sich, schrieb auch ein „Künstlich Obst- und Gartenbüchlein" und befahl, daß jedes junge Paar im ersten Ehejahre zwei Obstbäume pflanzen sollte. Mehre Kammergüter wurden getheilt und in Erbpacht gegeben, die Pachter der Domainen mit genauen auf verständige Benutzung des Bodens berechneten Vorschriften versehen und selbst manche Frohnen durch Geld oder Fruchtzinsen abgelöst. Nicht minder sorgte er für bessere Betreibung der Forstwirthschaft und des Bergbaues. Den Gewerbflciß erhöhte er durch Aufnahme der ihres Glaubens wegen vertriebenen Niederländer, welche die Tuchmanufactur hoben und die Anfänge der Baumwollenmanufactur nach Sachsen brachten, sodaß sich damals 3000V Tuchmacher und 60000 Zeug- und Leinweber in Sachsen befanden. Den Handel, den die erhöhte Fabrikindustrie nährte, förderte er durch Begünstigung der leipziger Messen, durch Verbesserung der Hauptstraßen und durch Aufsicht über das Münzwesen. Während er in den Ämtern bedeutende Capitalien niederlcgte, um durch Darlehen den bedürftigen Fleiß gegen Wucher zu schützen, wurden nicht minder ansehnliche Summen zu großen Bauten in Dresden und andern Städten verwendet, wie er denn unter Anderm den Königstein befestigte und die Schlösser Augustusburg und Annaburg baute. Auch die geistige Bildung des Volks fand Förderung. Die innern Einrichtungen der Schulen wurden geordnet, auf beiden Universitäten neue Lehrstühle errichtet, botanische Gärten angelegt und im Geiste damaliger Staats- pflege die Studienplane bis ins Einzelne vorgezeichnet. Nicht nur die Bibliothek zu Dresden verdankt ihm ihre Grundlage, auch die meisten andern Sammlungen für Wissenschaft und Kunst, namentlich das Grüne Gewölbe, stammen aus seiner Zeit. Seine Lieblingsbeschäftigung war, neben dem Drechseln und Punktiren, die Alchemie, so sehr auch Betrüger ihn getäuscht hatten. Die Kurfürstin Anna theilte diese Neigung und bereitete in ihrem großen Laboratorium zu Annaburg mehre Arzneien, die sich lange in Ruf erhielten. Sie war auf ihren Gemahl nicht ohne Einfluß, den sie, wenn er cs geduldet, auch in Staatsangelegenheiten gern geltend gemacht hätte. Zn ihrer Ehe dem Volke ein Vorbild des einfachen Lebens im häuslichen Kreise, mußte sie von 15 Kindern 11 zu Grabe geleiten. Anna ward am I.Oct. 1585 das Opfer einer Seuche. Am 3. Jan. des nächsten Jahres vermählte sich A. wieder mit der 13jährigen Tochter des Fürsten Joachim von Anhalt. Doch schon am 11. Febr. 1586 ward er zu Moritzburg vom Schlage gerührt, starb am selbigen Tage zu Dresden und wurde im Dome zu Freiberg begraben. Ihm folgten in der Regierung nacheinander seine drei Söhne, Christian I-, der schon am 25. Sept. 1501 starb, Christian II., der am 23. Juni 1611 starb, und Johann Georg I. (s. d.). Seine junge Witwe vermählte sich wieder mit dem Herzoge Johann von Holstein. AugustII. (Friedrich), gewöhnlich der Starke genannt, Kurfürst von Sachsen. 1604—1733, und König von Polen, der zweite Sohn Johann Georg's III-, Kurfürsten von Sachsen, und der dänischen Prinzessin Anna Sophia, ward am 12. Mai 1670 zu Dresden geboren. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung, welche durch Übung in allen ritterlichen Künsten seine außerordentliche Körperstärke entwickelte und seine geistigen Anlagen pflegte, ohne ihm Charakterstärke und Sinn für die ernsten Aufgaben des Fürstenlebens zu geben. Von 1687 —89 bereiste er Deutschland, Frankreich, Holland, England, Spanien, Portugal, Italien und Ungarn; doch durfte er Rom in Folge eines Verbots von Seiten seines Vaters nicht besuchen. Während auf dieser Reise die Üppigkeit und Prachtliebe, die er an den Höfen von London und Versailles fand, ihn Hinriffen und blendeten, ward zugleich durch die Huldigungen, die seine persönlichen Vorzüge empfingen, ein Ehrgeiz in ihm genährt, dem sein Stammland zu klein werden mußte. Als sein Vater 1691 gestorben, ging er nach Wien, wo er mit dem röm. König Joseph einen Freundschastsbund knüpfte, der einen wesentlichen Einfluß 635 August kl. (Kurfürst von Sachsen) auf seine Politik hatte. Nach seines Bruders, Georg's IV., Tode am 24. Apr. 1694 zur Kurwürde gelangt, übernahm er, statt der anfänglich ihm bestimmten Führung des Reichshecrs gegen Frankreich, den Oberbefehl über das östr.-sächs. Heer gegen die Türken in Ungarn. Nach der Schlacht bei Olasch am 27. Aug. 1696 legte er indeß den Befehl nieder und kehrte nach Wien zurück, wo der Plan, um den durch den Tod Johann Sobieski's erledigten poln. Thron sich zu bewerben, von seinem eigenen Ehrgeize ihm eingegcben oder von Ostreichs Politik angeregt wurde. Nachdem der nachmalige Feldmarschall Flcmming den franz. Gesandten in Warschau, Abbe von Polignac, der den Prinzen von Conti auf den poln. Thron zu bringen suchte, ausgestochcn und von den feilen Großen die Krone für 16 Mill. poln. Gulden erworben hatte, entfernte A. das fernere Hindcrniß seiner Wahl sehr leicht dadurch, daßcram23. Mai 1697 zuBadcnbei Wien zur katholischen Kirche überging. DieKauffumme aufzubringen, verkaufte und verpfändete er mehre Thcile seines Erblandes, ja sogar an Brandenburg die letzten Überreste der Besitzungen des Stammhauses Wetlin. Am 27. Juni ward er von dem versammelten Reichstage zum Könige erwählt; da indeß eine Partei sich durchaus für den Prinzen von Conti erklärte, so rückte er mit 16666 Sachsen in Polen ein, worauf am 15. Sept. seine Krönung in Krakau stattfand, Conti aber Danzig verlassen und nach Frankreich zurückkehren mußte. Sehr bald fühlte Sachsen die Last der neuen Krone. A. hatte bei seiner Thronbesteigung versprochen, die an Schweden abgetretenen poln. Provinzen wieder mit dem Reiche zu vereinigen; dessenungeachtet waren die poln. Großen dem Kampfe abgeneigt, den nun A. mit sächs. Truppen und auf Kosten seines Erblandes führen mußte. (S- Nordischer Krieg.) Er verband sich mitDänemarkund dem ZarPetcr; doch Karl XII. nöthigte Dänemark zum Frieden von Travendal am 18. Aug. 1766; die Russen aber besiegte er beiNarva,und nachdem er am 26. Juli 1762 bei Kliffow einen vollständigen Sieg über die Sachsen erfochten und am 1. Mai 1763 die Reste des sächs. Heers bei Pultusk vollends geschlagen hatte, erklärte der Rcichsrath A. am 14. Fcbr. 1764 der poln. Krone verlustig, worauf am 12. Juli 1764 Stanislaus Lesczinski, Woiwode von Posen, als König erwählt wurde, den A. bald nachher, jedoch vergebens, in Warschau aufzuheben suchte. Das Vordringen Karl's Xll. nach Sachsen, in Folge des Sieges bei Fraustadt am 14. Febr. 1766 über den Feldmarschall Grafen Schulenburg, nöthigte A., der in Polen beim russ. Heere geblieben war, 1766 in Unterhandlungen zu treten, die den Frieden zu Altranstädt (s. d.) zur Folge hatten. Er besuchte Karl XII. am 18. Der. 17 66 im Lager zu Altranstädt, der, um seine Demüthigung vollständig zu machen, ihn nöthigte, Stanislaus mit einem Glück- wünschungsbriefe die Juwelen und die Archive der Krone zu übersenden. Nach seiner Rückkehr nach Dresden erhielt er ganz unerwartet von dem heimkehrenden Karl XII. einen Besuch. Unter fremdem Namen wohnte er 1768 dem Feldzuge gegen die Franzosen bei. Zu Eugen's Heere in den Niederlanden ließ er 9666 M. Sachsen stoßen. Er hatte sich zu einem neuen Zuge nach Polen gerüstet, als er die Nachricht von Karl's Xll. Niederlage bei Pultawa erhielt, worauf er in einer Bekanntmachung vom 8. Aug. 1769 den Bruch des Vertrags von Altranstädt zu rechtfertigen suchte. Mit einem glänzend gerüsteten Heere ging er nach Polen; aufs neue verband er sich mit dem Zar Peter, und es begann nun wieder der Krieg mit Schweden, der nach Karl's Xll. Rückkehr mit um so größerer Erbitterung entbrannte, bis der Tod des Letzter« in den Laufgräben bei Friedrichshall im Dec. 1718 der Sache eine andere Wendung gab. Die nächste Folge war der Waffenstillstand mit Schweden, der 1719 zu Stande kam, aber erst 1732 in einen Frieden verwandelt wurde. In Polen bildete sich jedoch gegen die sächs. Truppen eine Konföderation, an deren Spitze ein Edelmann, Ledekuski, stand; die Sachsen wurden auf allen Punkten angegriffen und mußten sich ergeben. Endlich kam es unter Peter's Vermittelung 1716 zwischen A. und der Republik Polen zu dem sogenannten warschauer Vertrage, zufolge dessen die sächs. Truppen das Königreich verlassen mußten. So sah sich A. genöthigt, den Gedanken, die Nation mit Gewalt unterwürfig zu machen, aufzugeben, und suchte nun durch andere Mittel seinen Zweck zu erreichen. In der Thal gelang es ihm, die Polen durch den Reiz eines glänzenden und üppigen Hofes zu gewinnen, und nur zu sehr folgten die Großen dem Beispiel ihres Königs. Sachsen aber hatte in Folge der Vereinigung beider Länder unter einem Beherrscher schwere Opfer zu bringen, und bald gcrieth der Staatshaushalt des ohncdis schon ver- 636 August III. (Kurfürst von Sachsen) armten Landes vollends in Zerrüttung. Günstlinge, schöne Frauen, natürliche Kinder und nebenbei Goldmacher, welche Lebenstincturcn zu bereiten versprachen, verschlangen ungeheure Summen. Zwar verschönerte A. die Hauptstadt seines Erblandes, in welche der Glanz seines Hofes und die von ihm selbst erfundenen und ungeordneten Feste zahlreiche Fremde lockten, aber während >7l9 bei der Vermählung seines Sohnes in Dresden -1 Mill. vergeudet wurden, war Theurung im Lande und Hungersnot!) im Erzgebirge. Die Wissenschaften hatten sich seiner Unterstützung wenig zu erfreuen und die Kunst meist nur insofern sie zu seiner Ver- hcrrlichung beitrug und seiner Prachtliebe diente. An den Verbesserungen in der Gesetzgebung und Rechtspflege, die während seiner Regierung versucht wurden, hatte er persönlich wenig Antheil. Cabinetsregierung und hierarchisch-jesuitischer Einfluß hatten ihre Anfänge in jener Zeit. In seinem Charakter wechselten Milde, Gutmüthigkeit und ritterliche Gesinnung mit despotischen Gewohnheiten, der Geschmack an Vergnügungen mit den Sorgen des Ehrgeizes, und die Unruhe kriegerischer Neigungen mit der Weichlichkeit eines wollüstigen Lebens. Der Tod überraschte ihn mitten unter den Entwürfen zu neuen Festen. Auf einer Reise nach Warschau zum Reichstage kam der Brand zu einer Wunde am Knie; er starb dort am I.Fcbr. 1733 und ward in Krakau begraben. Seine Gemahlin, Christine Ebcrhardine, Tochter des Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach, die lutherisch geblieben war und getrennt von ihm lebte, hinterließ ihm einen einzigen Sohn, Friedrich August III. (s. d.), der ihm in der Regierung folgte. Die Gräfin von Königsmark (s. d.) hatte ihm den berühmten Moritz (s. d.), Graf von Sachsen, die Gräfin Cosel (s. d.) den Grafen Rutowski geboren. August III- (Friedrich), Kurfürst von Sachsen >733—63, und König von Polen, der Sohn und Nachfolger des Vorigen, ward am 7. Ock. 169tVgeborcn und unter den Au- gen seiner vortrefflichen Mutter und dem Einflüsse seiner Großmutter im evangelischen Glauben erzogen, trotz den Abmahnungen des Papstes, der bei dem Vater aus einen katholischen Hofmeister drang. Als er 17II auf dem Schlosse zu Lichtcnau bei Torgau, wo seine Mutter lebte, das Abendmahl nach protestantischem Ritus empfangen hatte, trat kr eine Reise durch Deutschland, Frankreich und Italien an. Die röm, Curie, die auf den Übertritt des Albertinischen Hauses Sachsen große Hoffnungen für die Ausbreitung des Katholicismus baute, bot Alles auf, das glücklich begonnene Werk auszuführen, und wie mehre Umstände andeutcn, wurde der unerfahrene und lenksame Jüngling bald nach dem Antritte seiner Reise zudringlich zum Glaubenswechsel ermahnt.. Die Königin Anna von England dankte dem König August für die evangelische Erziehung des Prinzen und rieth, ihn aus Italien zurückzurufen; aber es war schon zu spät, der Prinz hatte am >2. Nov. 1712 sein Glaubensbekenntniß in die Hände des Cardinals Cusani zu Bologna heimlich abgelegt, was aber erst 1717 in Sachsen öffentlich bekannt gemacht wurde. Die Aussicht auf die poln. Krone und auf seine Verbindung mit der östr. Prinzessin Josephe, welche I7IS siattfand, mögen zu dem Entschlüsse des Prinzen beigetragen haben. Als Kurprinz lebte er gewöhnlich auf dem Schlosse zu Hubertsburg, wo er sich leidenschaftlich den Vergnügungen der Jagd überließ. Nachdem er 17 33 dem Vater in den Erblanden gefolgt, wurde er gegen Ende desselben Jahres, obschon Ludwig XV. Stanislaus Lesczinski, mit dessen Tochter er sich vermählt hatte, wieder auf den poln. Thron zu bringen suchte, von einem Theil des poln. Adels zuin König gewählt, jedoch erst 1736 in dem warschauer Friedenscongreß allgemein als König anerkannt. Ohne seines Vaters große Geistesgaben, folgte er wenigstens in äußern Dingen ganz dessen Beispiele, indem auch er sich durch glänzende Feste und eine ausschweifende Hofhaltung auszcichnete. AufGemälde und auf die Unterhaltung seiner Kapelle verwendete er bedeutende Summen, und seinem Kunstsinn, den er auf seinen Reisen ausgebildet hatte, verdankt Dresden treffliche Erwerbungen. Um die Negierung bekümmerte er sich noch weniger als sein Vater und überließ die Angelegenheiten des Staats seinem ersten Minister und Günstlinge, dem Grafen von Brühl (s. d.), der geschickt genug war, den trägen, schwachen, aber stolzen und aufseine Würde eifersüchtigen Monarchen in dem Glauben zu erhalten, daß er allein die höchste Gewalt ausübe. Beide hatten kein anderes politisches System als gänzliche Abhängigkeit von Rußland. A. lebte lieber in Dresden als in Warschau, und so war Polen fast ohne Negierung. Die Reichstage waren stürmisch uud gingen fast immer der unbedeutendsten Vorwände wegen auseinander; aller der Wirren un« »d j ne >es m, det »en er- ng ng ler mt es, )er ich br. »es on in ten n. en, lu- ^ »en ho. ws er l »cn ^ des ^ nie ^ cm l >vn » >h, , ov. ib> mf iS »er ;en ,cn j ker ^ »es , gc- !Ns ine käsen m- Attgust (Emil Leopold), Herzog zu Sachsen-Gotha und Altenbnrg 637 geachtet schien Polen zufrieden und glücklich. Als Friedrich ll. Schlesien erobert hatte, verband sich A., durch diese schnelle Vergrößerung Preußens beunruhigt, im Der. >7-12 mit Maria Theresia und verpflichtete sich im geheimen Tractate zu Leipzig am l8. Mai 1745 für die Hülfsgelder, welche England und Holland zu zahlen versprachen, 36666 M. Hülsskruppen zu stellen, die, nachdem sie in Schlesien cingerückt waren und sich niit dem östr. Heere vereinigt hatten, bei Hohenfriedberg am Juni 1745 eine gänzliche Niederlage erlitten. Sofort griff Friedrich II. Sachsen selbst an. Der Fürst Leopold von Dessau schlug bei Kesselsdorf unter den Mauern von Dresden das sächs. Heer abermals am 15. Dec. 1745. A. verließ seine Hauptstadt und rettete seine Kunstschätze, vergaß aber die Staatsarchive, die, namentlich was den geheimen Tractat zu Leipzig von 1745 anlangt, durch die Verräthcrci des geheimen Kanzclisten Menzel in die Hände des Siegers fielen. Durch den Frieden zu Dresden am 25. Dec. 1745 erhielt A. im nächsten Jahre Sachsen zurück; dochschon 1756 sah er sich aufs neue in einen Krieg mit Preußen verwickelt. DaA.'s Neutralitätsvorschlägc von Friedrich II. abgelchnt wurden, verließ er Dresden am 16. Sept. und begab sich ins Lager bei Pirna, wo 17666 M. sächs. Truppen versammelt waren. Friedrich II. aber schloß diese hier dermaßen ein, daß sie sich am 14. Oct. als Gefangene ergeben mußten. A. selbst flüchtete auf den Königstein und später nach Polen. Hier, wo sein Ansehen schon vorher nicht bedeutend gewesen war, sank es nach dem Verluste Sachsens noch tiefer. Dazu kam, daß die Kaiserin Katharina von Rußland die sächs Fürsten, als die Verbündeten Frankreichs, auf alle Weise aus Polen zu verdrängen suchte. Erst nach dem Abschlüsse des hubcrtsburger Friedens kehrte A. von Warschau nach Dresden zurück, wo er aber schon am 5. Oct. 1763starb. Sein Sohn, Friedrich Christian, folgte ihm als Kurfürst von Sachsen, und Stanislaus Poniatowski (s. d.) als König von Polen. Friedrich Christian starb schon am 17. Dec. 17ß3, und unter Vormundschaft des Prinzen -kavier folgte ihm sein unmündiger Sohn Friedrich August I. (s. d.). August (Emil Leopold), Herzog zu Sachsen-Gotha und Altenburg, der Sohn Her- zog Ernst's >>. und der Prinzessin Charlotte Amalie von Sachsen-Meiningen, geb. am 23. Nov. 1772, studirte seit 1788 nebst seinem jüngern Bruder Friedrich in Genf. Er vermählte sich 1767 mit der Prinzessin Luise Charlotte von Mecklenburg-Schwerin, un!i als sie in ihrem ersten Wochenbette 1866 gestorben, mit der Prinzessin Karolinc Amalie von Hessen-Kassel. Nach dem Ableben seines Vaters trat er am 26. Apr. 1864 die Regierung an, die er eben so gerecht als mild handhabte, während er zugleich Gewerbe, Handel, Sicherheit und Lebensglück seiner Unterthanen möglichst zu fördern bemüht war. Daher blieb, obschon er für die eigene Ökonomie allzu wenig Sorge trug, der Credit des Landes selbst in den schwierigsten Zeiten ungeschwächt; es mehrte sich der Wohlstand desselben; cs blühten die Bildungsanstalten aller Art; es wurden die wissenschaftlichen und Kunstsammlungen ansehnlich vermehrt, neue hinzugefügt und dem Gebrauche geöffnet, die Städte verschönert, die Landstraßen verbessert und neue angelegt. Ganz besonders nützte dem Lande die Gunst, in der er bei Napoleon stand, den er aber auch als Beförderer der Wissenschaft und Kunst hoch verehrte. Nicht minder genoß er nach Napoleon's Sturze die Achtung aller Monarchen, da er die Gunst des Kaisers nie zu persönlichen Vorthcilen benutzt und nach wiederhergestelltem Frieden zur Verpflegung und Fortschaffung der Truppen die mn- stcrhaftesten Einrichtungen getroffen hatte. Er starb am 17. Mai 1822 an einer Brust- krankhcit und wurde neben seinem Vater auf einer Insel in dem von diesem angelegten Garten zu Gotha begraben. Von Jugend auf schwächlich, halte sich sein Körper in den Jahren der Reife so glücklich entwickelt, daß man ihn einen schönen Mann nennen konnte; doch liebte er ein weichliches Leben, sodaß er häufig einen großen Theil des Tages im Bette zubrachtc. Er besaß viele und mannichfaltige Kenntnisse; überwiegend waren in ihm Phan- taste, Gcmüth und Witz. Im Umgänge sehr anziehend, war er jedoch leicht reizbar und heftig. Für Wissenschaften und Künste that er sehr viel; unter Andern ließ erSeetzen (s. d.) im Oriente reisen ; auch begründete er das sogenannte Chinesische Cabinct. Von seinen schriftstellerischen Erzeugnissen ist nur eines, „Kyllenion oder Auch ich war in Arkadien" (186s>), im Druck erschienen; andere, wie „Panedone" und „Emilianische Briefe", sind Manuscrirt geblieben. Vgl. Eichstädt, „lUemoria ^UAiisti ctneig 8i»xoii>ae prineij.is ,tlnni->rum nie." 638 August (Großh. zu Oldenburg) August (Prinz von Preußen) k (2. Aust., Gotha 1823). Ihm folgte in der Negierung sein Bruder, Friedrich IV., mit > welchem am 11. Fcbr. 1825 die Linie Sachsen-Gotha erlosch August (Paul Friedrich), Großherzog zu Oldenburg, der älteste Sohn des Herzogs , Peter Friedrich Ludwig und der Prinzessin Elisabeth von Würtemberg, wurde am > 3. Juli ^ 1783 auf dem Lustschlosse Rastede geboren. Nach der Besetzung Oldenburgs durch die i Franzosen begab er sich > 811 mit seinem Vater nack Rußland, wo sein jüngerer Bruder, Georg, gest. 1812, mit der Großfürstin Katharina, nachherigcr Königin von Würtemberg, vermählt, Gouverneur von Nowgorod, Twcr und Jaroslaw war. Gleich diesem nahm er khätigen Theil an dem Befreiungskriege. Im I. 1813 ward er Gouverneur von Reval und stiftete sich als solcher ein bleibendes Gedächtniß, insbesondere durch die von ihm geiei- teten Vorarbeiten zur Aushebung der Leibeigenschaft. Nach seiner Rückkehr nach Oldenburg imJ. 1816 vermählte er sich 1817 mit der Prinzessin Adelheid von Anhalt-Bernburg- Schaumburg, welche 1820 starb, >825 zum zweiten Male mit Jda, gest. 1828, der Schwester seiner verstorbenen Gemahlin, und 1831 zum dritten Male mitCacilie, der jüngsten Tochter des ehemaligen Königs von Schweden, Gustav's IV. Adolf. Aus erster Ehe stam- men die Prinzessinnen Amalia, seit 1836 mit dem KönigeOtto von Griechenland vermählt, und Friederike; aus der zweiten der Erbgroßherzog Nikolaus Friedrich Peter, gcb. am 8. Juni 1827; die Kinder dritter Ehe sind wieder verstorben. Schon als Erbprinz unterzog er sich seit 1821 mit lebhaftem Eifer den Regierungsgeschäften, und ganz besonders war sein Augenmerk auf Verbesserung einzelner Verwaltungszweige gerichtet. Bei seinem Regierungsantritte nahm er den großherzoglichen Titel an, der den oldenburg. Regenten durch den wiener Congreß zugestanden, von des Großherzogs Vater aber nicht geführt worden war. Zu gleicher Zeit wurde durch ein Familiengesetz den nachgeborencn Söhnen des Großherzogs der herzogliche Titel gesichert. Im I. 1830 schloß der Großherzog einen Vertrag mit Preußen, wegen Anschließung des Fürstenthums Birkenfeld an den prcuß.-hess. Zollverein, sowie einen Schifftchrts-ReciprocitLts-Vertrag und im I. 1836 eine Vereinbarung . mit Hannover und Braunschweig zur Annahme eines gleichmäßigen und gemeinschaftlichen Systems der Eingangs-, Durchgangs-, Ausgangs- und Verbrauchsabgaben. Im 1.1831 wurden die Diöcesanangelegenheiten der katholischen Einwohner regulirt, und sowol eine Commission zur Wahrnehmung des landesherrlichen Hoheitsrechtes, als ein unter dem Erz- i bischof von Münster ressortircndes Officialat in Vechta errichtet. Gegen das Ende des Z. 1831 ließ der Großherzog eine Gemcindcordnung für die Landgemeinden, als Grundlage der einzuführenden landständischen Verfassung, und zwei Jahre später die Stadtordnung für > die Hauptstadt publiciren, nachdem bereits 1830 eine neue Handwerksordnung erschienen war. Die Sehnsucht nach der verheißenen landständischen Verfassung spricht sich jetzt allerdings nicht mehr so laut aus, wie früher, da die Persönlichkeit des Regenten, seine Gerechtigkeitsliebe, seine Milde und landesväterliche Bereitwilligkeit, Jeden zu hören, den Untcr- thanen als eine feste und sichere Grundlage ihrer Wohlfahrt erscheint, und Fremde, wie Eingeborene, sich unter seiner Regierung glücklich fühlen. Das Andenken an die vor 25 Iah- ! ren erfolgte Rückkehr seines Vaters in seine Staaten feierte der Großherzog am 27. No». ! 1838 nicht nur durch die Stiftung eines Haus- und Verdienstordens, sondern auch durch die Legung des Grundsteins zu dem Peter-Friedrich-Ludwigs-Hospitale, welches, in groß- s artigem Stil erbaut und fürstlich ausgcstattct, im I. 1841 vollendet und eröffnet ward. ! Durch die 1831 festgesetzte neue Formation der zur bewaffneten Macht des Deutschen Bundes zu stellenden Truppencorps veranlaßt, hat der Großherzog 1833 mit den freien Hansestädten Lübeck, Hamburg und Bremen auf sechs Jahre eine Convention über die Organisation der gemeinschaftlichen Vundestruppen geschlossen. — Sein Neffe, Herzog Konstantin > Friedrich Peter, geb. 1812, vermählte sich 1837 mit der Prinzessin Therese von Nassau, mit der er eine Tochter und einen Sohn,' Nikolaus, geb. 1840, zeugte. > August (Friedrich Wilhelm Heinrich), Prinz von Preußen, General der Infanterie, Gcneralinspector und Chef der Artillerie, geb. 19. Sept. 1779, ist der Sohn des >813 gest. Prinzen August Ferdinand, des Bruders Friedrich des Großen, und der 1820 gest. Markgrastn s Anna Elisabeth Luise von Brandenburg-Schwedt. Für die Waffen erzogen, war er beim ! Ausbruch des Kriegs im I. 1806 Chef eines Grenadierbataillons, mit dem er an der Schlacht c 639 Augusti bei Jena Theil nahm und dann nach Prcnzlau sich zurückzog. Hier wurde er, nachdem er kühn nach einem Ausweg gesucht, nach der verzweifeltsten Gegenwehr von den Franzosen gefangen genommen und dann nach Frankreich gebracht, wo man ihm zunächst Nancy zum Aufenthaltsorte anwics. Später kam er nach Soiffons, dann nach Paris. Nach dreizehn- monatlicher Gefangenschaft in Frankreich freigegeben, machte er eine Reise durch die Schwei; und Oberitalien und ging dann nach Petersburg. Bei der Reorganisation der preuß. Ar- mee ward er zum Generalmajor und Chef der Artillerie ernannt und bemühte sich nun, seine Kenntnisse in diesem Fache in theoretischer und praktischer Hinsicht möglichst auszubilden. Da er jedoch als Chef der Artillerie nur anzuordnen hatte, dem Kampfe selbst aber fern blieb, so übernahm er nach dem Waffenstillstände von 1813 als Generallieutenant das Commando der zwölften Brigade beim zweiten (Kleist'schen) Armeecorps. An der Spitze dieser Heerabtheilung focht er in den Schlachten von Dresden, Kulm, Leipzig, Montmirail, Laon und Paris, sowie in vielen kleinern Gefechten. Mehrmals trugen er und seine Bri- gäbe zur Entscheidung des Sieges bei. Noch größer ward sein Wirken, als er 1815 das Commando über das zweite, norddeutsche Armeecorps erhielt, welches zur Belagerung der Festungen an der Nordgrcnze Frankreichs bestimmt war. Hierbei wich er von dem gewöhnlichen Gange der Belagerungen insofern ab, daß er, ohne die Truppen zu sehr auszusetzen, die Feinde meist durch Scheinangriffe täuschte, die Parallelen sehr nahe an der Festung eröffnete, mit den Laufgräben rasch vorging und die Werke und die Stadt durch starkes Feuer, besonders aus Wurfgeschütz, beunruhigte. In kurzer Zeit bewirkte er die Übergabe von Maubcuge, Philippevillc, Maricnbourg, Longwy, Rocroy, Givet, Mont- medy, Sedan und Mezicres. Nach dem Kriege übernahm er wieder das Commando der Artillerie, für deren höhere Ausbildung er auf das thätigste wirkte und die unter ihm zu einer sehr hohen Stufe der Vollkommenheit sich aufgeschwungen hat. Durch die Erbschaften von seinem Vater und seinem bei Saalfeld 1806 gebliebenen Bruder, Louis Ferdinand, besitzt er das größte Privatvermögen im preußischen Staate. Augusti (Joh. Christian Wilh.), einer der gelehrtesten Theologen der neuesten Zeit, geb. 1772 zu Eschenberga im Gothaischen, wo sein Großvater Friedr. Alb. A., der als Rabbi Herschel 1722> zum Christenthum übertrat, als Pastor starb und sein Vater Ernst Friedr. Ant. A., der später Superintendent zu Ichtershausen wurde und 1820 zu Jena starb, zur Zeit der Geburt des Sohnes Pfarrer war. A. verdankte seine erste Bildung dem gelehrten Pfarrer Möller zu Gierstedt im Gothaischen und studirtc in Jena. Hierauf lebte er in Gotha, bis er auf den Rath des damaligen Generalsuperintendentcn Löffler 1798 sich wieder nach Jena begab, wo er Privatdoccnt der Philosophie wurde und Vorlesungen übkr oriental. Sprachen hielt. Im 1.1800 zum außerordentlichen Professor der Philosophie, 1803 zum ordentlichen Professor der oriental. Sprachen zu Jena ernannt, folgte er 1812 einem Rufe als ordentlicher Professor der Theologie nach Breslau und 1819 nach Bonn, wo er 1828, jedoch mit Beibehaltung seiner Professur in Bonn, auch zum Obcrconfistorialrath in Koblenz, und als er 183 5 den Rufnach Darmstadt als Prälat ausgeschlagen hatte, zumCon- sistorialdirector ernannt wurde. In Koblenz, wohin er zur Candidatenprüfung gereist, starb er am 28. Apr. 1831. Über seine Gelehrsamkeit sowol als über seine Gesinnungist sehr verschieden geurtheilt worden; allgemein aber muß man ihm lebendige Darstcllungsgabe, Witz und große Geistesgewandthcit zugcstehen. Schon in Jena war er durch seine öffentlichen Disputationen berühmt. Unter Andcrm trieb er Fr. Schlegel, als dieser sich in Jena habi- litirte, durch seine Disputirkunst so in die Enge, daß dieser von dem Katheder sprang, um sich zu entfernen, und nur durch den Decan zurückgehaltcn werden konnte. Die verdienstlichsten seiner literarischen Arbeiten sind die „Denkwürdigkeiten aus der christlichen Archäologie" (12 Bde., Lpz. 1817 — 31), die er auch in einem neugeordncten und vielfach berichtigten Auszuge unter dem Titel „Handbuch der christlichen Archäologie" (3 Bde., Lpz. 1836 —37) erscheinen ließ, und nächst diesen das „Lehrbuch der christlichen Dogmengeschichtc" (Lpz. 1805; 3. Aust. 1835). In dogmatischer Hinsicht war er früher dem Rationalismus er- geben; doch schon in seinem „System der christlichen Dogmatik" (Lp;. 1809; 2. Aufl. 1826) erklärte er sich entschieden für das allkirchliche System. Viele Feinde zog er sich zu, als er in seiner „Kritik der preuß. Kirchenagende" (Franks. 1823) und in einem „Nacherage" «40 Augustiner Augustinus (Aurelius) zu dieser Schrift als entschiedener Vcrthcidiger nicht allein der neuen Liturgie auftrat, sondern auch auf das Bestimmteste für das Territorialsystem in seiner größten Ausdehnung sich erklärte. Noch erwähnen wir seinen „Grundriß einer historisch-kritischen Einleitung in das Alte Testament" (Lpz. 1806; 2. Aust. 1827), die mit de Wette unternommene Bibelübersetzung (6 Bde., Heidclb. 1809 — 12), das „Lorpus Ilbrorum svmbolicorum ecclesme ret'orms- torum" (Elberf. 1827), die „Historisch-dogmatische Einleitung in die heilige Schrift" (Lpz. 1832), die „Beiträge zur Geschichte und Statistik der evangelischen Kirche" (3 Hefte, Lpz. 1837—38) und „Beiträge zur chriWcken Kunstgeschichte" (Bd. 1, Lpz. >8-11). Augustiner, der dem Range nach vierte Bcttelorden, entstand aus den seit der Mitte des 13. Jahrh. zum Klostcrleben vereinigten, früher ohne Ordensverband zerstreut lebenden Augustiner-Eremiten oder den Einsiedlern des heiligen Augustinus und wurde als solcher 1567 durch den Papst Pius V. bestätigt. Ihre Regel schreiben die Augustiner mit Unrecht dem Augustinus zu, der einen Orden mit fester Regel gar nicht gestiftet hat. Sie tragen schwarze Kleidung und theilen sich, gleich den andern Bettelorden, in beschuhte und unbeschuhte. Zur Zeit der Reformation zählte der Orden gegen 2000 Mönchs- und 300 Nonnenklöster; allein durch den Umstand, daß Luther selbst ein Augustinermönch war, erlitt er großen Eintrag. Noch zu Anfänge des 18. Jahrh. zählte er indeß 42 Provinzen; jetzt besteht er aber nur aus wenigen Klöstern in Italien, den östr. Staaten und besonders in Amerika. Mit mehr Recht als der Bettelorden leiten sich die kirchlichen Institute der Augustiner-Chorherren oder Canonici von Augustinus her. (S. Stift.) Augustinus (Aurelius), einer der berühmtesten und vielleicht der einflußreichste rmtcr den Lehrern der christlichen Kirche, war zu Tagaste, einer kleinen Stadt in Afrika, am 13. Nov. 35-1 geboren. Sein Leben erzählt er selbst in der Schrift „tlonlessiooes", die namentlich von A. Neandcr (Berl. 1823) herausgcgeben wurde. Den ersten Unter, richt erhielt er durch seine Mutter, Mouica, eine edle, sehr verständige Frau. Später zur Vollendung seiner Studien nach Madaura und Karthago geschickt, ergab sich der feurige Jüngling den Freuden der Welt und ließ sich von einer Geliebten fesseln, die ihm auch einen Sohn gebar. Die Sehnsucht nach Höherm erwachte erst in ihin, als des Cicero „Hortousiuz", ein Buch, das nicht auf unsere Zeiten gekommen ist, ihn auf das Studium der Philosophie leitete. Doch diese konnte ihn, den Gefühlsmenschen, nicht lange fesseln; er trat zur Sekte der Manichäer und war ihr neun Jahre lang zugethan. Als er aber auch bei ihr die verheißene Wahrheit nicht fand, verließ er sie und begab sich von Afrika nach Rom und von da nach Mailand, um hier als Lehrer der Beredtsamkeit aufzutreten. Durch den dasigen Bischof Ambrosius lernte er das Christenthum hochachten, und das fleißige Lesen der Briefe des Paulus brachte eine völlige Lebens- und Sinnesänderung in ihm hervor, welcher Begebenheit die katholische Kirche ein eigenes Fest am 3. Mai gewidmet hat. Er begab sich hierauf einige Zeit in die Einsamkeit, schrieb dort mehre Bücher und bereitete sich auf die Taufe vor, die er 387 mit seinem Sohne Adeodat durch Ambrosius empfing. Hierauf kehrte ernach Afrika zurück; doch zuvor verkaufte er seine Güter und behielt für sich nur so viel, um mäßig leben zu können; das Übrige schenkte er den Armen. Als er einst in der Kirche zu Hippo gegen- wärtig war, bezeigte der Bischof, dersehr alt war, das Verlangen, einen Priester zu weihen, der ihn unterstützen und einst als Bischof ihm folgen könne. Auf Bitten des Volks trat A. in den geistlichen Stand, predigte mit außerordentlichem Erfolge und ward 395 Bischof zu Hippo (jetzt Bona). Hier gerieth er mit dem Pelagius und Cölestins (s. Pelagiane r) in heftige Streitigkeiten über die Lehren vom freien Willen, von der Gnade und der Prädestination oder Gnadenwahl, und verfaßte viele Schriften über diese Gegenstände. A. behauptete nämlich, daß der Mensch blos durch die Gnade, d. i. durch die Wirksamkeit, Gottes gebessert und selig werde und daß nur der absolute göttliche Wille bestimme, wer unter den Menschen auS der tiefen moralischen Verdcrbniß oder der Erbsünde erlöst werden solle. (S. Gnade.) Er starb am 11., nach Andern 28. Aug. -130, während der ersten Belagerung Hippos durch die Vandalen. Es hat gelehrtere Kirchenväter gegeben als A., aber keinen scharfsinnigern, geistreichern und keinen, der cs mehr verstanden hätte, das menschliche Herz zu ergreifen und für Religion zu erwärmen. Die Maler geben ihm daher in ihren Gemälden zum Sym- bol ein flammendes Herz. Seinem Eifer für das Mönchsleben setzte er durch die Gründung Augustinus (Apostel der Engländer) Augustus 641 ' einiger Mönchs- und Nonnenklöster in Afrika ein freilich durch die Vandalen bald zerstörtes ) Denkmal. (S. Augustiner.) Seine Schriften erschienen zu Paris (I I Thle. in 8 Bdn., e 1679—>700,Fol.), zu Antwerpen (II Thle.inb Bdn., 1700—3, Fol.) und durch die z Benediktiner (l l Bde., Par. l 835—39); unter ihnen zeichnet sich das Werk „De civitats (lei libri XXII" (deutsch von Silbert, 2 Bde., Wien 1826) vorzüglich aus. Die Gebeine - des A. wurden durch seine Anhänger, um sie den arianischen Vandalen zu entreißen, nach l- Sardinien gebracht und, als diese Insel in die Hände der Sarazenen fiel, durch Luitprand, den König der Langobarden, mit schwerem Gelbe eingelöst. Seitdem in der Peterskirche zu e Pavia aufbewahrt, wurden sie mit Genehmigung des Papstes im Oct. 1842 nach Algier , ausgeliefert, um bei dem auf den Ruinen Hippos durch die sranz. Bischöfe errichteten Denk- r male des A. niedergelegt zu werden. t Augustmus, der Apostel der Engländer, ein Benedictiner, wurde vom Bischöfe u zu Rom, Gregor I., 596 mit 40 Mönchen über Gallien zu den Angelsachsen gesendet, um > sie zum Christenthume der röm. Kirche, wiewol mit vieler Anbequemung an die heidnischen l- Religionsgebräuche, zu bekehren und dadurch unter die röm. Oberherrschaft zu bringen, r Durch allerlei Wunder, die A. verrichtet haben sollte, und den Umstand, daß Bertha, König !- Edilbert's Gemahlin, eine eifrige Christin war, ward auch der König selbst und ein großer n Theil seines Volks sehr bald geneigt, sich taufen zu lassen; doch gingen diese geistlichen Er- >- vberungen unter des A. Nachfolger Laurentius zumeist wieder verloren. Sein Eifer, die altbrit. Christen zur Anerkennung Roms zu vermögen, verwickelte ihn in lange Strcitig- e keiten. Er ward 598 Erzbischof von Canterbury und starb 610. >, Augustülus, s. Romulus Augustulus. Augustus (Cajus Julius Cäsar Octavianus), eigentlich Cajus Octavius, der Sohn > des Cajus Octavius und der Atia, einer Tochter der Julia, der jüngern Schwester des Ju- lr lius Cäsar, der also sein Großonkel war, wurde am 23. Sept. 63 v. Chr. geboren. Die Falk , milie der Octavier stammte aus Veliträ im Lande der Bolfker. Der Zweig, zu welchem h A. gehörte, war reich und angesehen. A.'s Vater hatte sich bis zum Senator emporge- o schwungen und war, nachdem er die Prätur verwaltet, nach Macedonicn gegangen, wo er n sich in Krieg und Frieden rühmlich auszeichnete. Nach dem frühen Tode desselben wurde A. !r durch die Sorgfalt seiner Mutter und des Lucius Marcius Philippus, mit dem sich diese in ei zweiter Ehe vermählt hatte, sehr sorgfältig in Rom erzogen. Seine Talente erwarben ihm n die Gunst des Julius Casar, der ihn im1.45, da er sein Testament machte, in diesem zum n ! Haupterben einsetzte und an Kindesstatt annahm. Octavius befand sich damals zu Apol- r lonia in Epirus, wo er unter dem berühmten Redner Apollodor die Beredtsamkeit studirte. r Die Besorgnisse seiner Freunde nicht achtend, ging er nach Italien, um, wennsich ihm die Ge- h lcgenheit darböte, die Hoffnungen zu verfolgen, zu welchen die Adoption, in Folge deren er 'e sich Julius Cäsar Octavianus nannte, ihn berechtigte. Als er bei Brundusium landete, h kamen ihm Abgeordnete der daselbst versammelten Veteranen entgegen. Er wies sie zurück und eilte allein nach Rom. Hier gab es zwei Parteien: die Partei der Republikaner, die l- ! den Cäsar gestürzt hatte, und die Partei des Antonius und Lepidus, die unter dem Vor- r wände, Jenen zu rächen, ihre eigene Macht zu begründen strebte. Die letztere Partei hatte n ^ gesiegt, und der Konsul Antonius übte eine fast unbeschränkte Gewalt. Von diesem fodcrte u Octavian die Ausantwortung von Cäsar's Nachlaß. Die Streitigkeiten, die auf des An- n tonius Weigerung alsbald zwischen Beiden entstanden, wurden jedoch nach dem Wunsche i> der Veteranen, wenigstens scheinbar, ausgeglichen, und Antonius, der den jungen Octavian !e anfangs übermüthig behandelt hatte, zeigte sich nachgiebiger, als er sah, wie dieser das Volk ct und das Heer für sich zu gewinnen wußte. Als Antonius Rom verlassen hatte, um das n ^ cisalpinische Gallien dem Decimus Brutus abzunchmcn, begann Octavian ihm.entgcgcn- ,) zuarbeitcn und bewährte sich hierbei schon als Meister in der schlauen Politik, durch die er später h sich zum Herrn des röm. Staats machte. Er zog die für Antonius bestimmten Legionen an i, sich, gewann Senat und Volk durch Cicero, den er ganz für sich eingenommen hatte, und n ( der für die Republik zu wirken meinte, während er in der That für Octavian wirkte. Ihm i- > verdankte er es auch, daß er ein Feldherrnamt in dem mutinensischen Kriege erhielt, nach lg Eonv.-Lxx. Neunte Aufl. 1. 41 642 Augustus dessen Beendigung er bald seine wahre Gesinnung offenbarte und den Optimaten feindlich evkgegentrat. Er söhnte sich mit Antonius aus, als dieser mit Lepidus aus Gallien nach Italien zurückkehrte, und errichtete in Gemeinschaft mit Beiden ein Triumvirat, worauf sie, nach den schrecklichsten Blutscenen in Rom und Italien, das republikanische Heer unter Bru- Iris and Cassius in Macedonien besiegten. (S. Antonius.) Nach seiner Rückkehr nach Italien erregte 41 v. Ehr. Fulvia, des Antonius Gemahlin, in Gemeinschaft mit dessen Bruder Lucius Antonius, einen Krieg (den Perusinischcn) gegen ihn, in welchem auch die Bewohner von 18 italischen Städten, deren Besitzungen er seinen Veteranen hatte geben müssen, sich mit seinen Feinden verbanden. Anfangs siegreich, ließ sich Lu- cius Antonius durch Agrippa und Salvidicnus, Octavian's Feldherrn, in Perusia einschließen, wo er sich bald daraufergeben mußte. Man plünderte die Stadt, und 30V Senatoren wurden als ein den Manen des vergötterten Cäsar dargebrachtes Opfer zum Tode verurtheill. Fulvia entwich nach Griechenland; ihrer Tochter, Clodia, des Antonius Stieftochter, die an Octavian verheirathet war, hatte dieser den Scheidebrief zugeschickt. Schon drohte der Krieg zwischen Antonius, der sich mit Sextus Pompejus verband und nach Italien zurückkehrte, und Octavian auszubrechen, als der Tod der Fulvia eine Aussöhnung erleichterte. Durch den brundisinischcn Vergleich im I. 30, der durch die Verheirathung des Antonius mit Octavia, Octavian's tugendhafter Schwester, befestigt ward, erhielt Octa- vian den Westen des Reichs von Jllyrien an, also auch Italien. Octavian aber vermählte sich im folgenden Jahre, nachdem er seine zweite Gemahlin, Scribonia, verstoßen hatte, mit der berühmten Livia Drusilla, der Gemahlin des Claudius Nero, den er nöthigte, sich von ihr scheiden zu lassen. Mit Sextus Pompejus, dem die Zusagen, die ihm in dem Vergleich von Miftnum im I. 30 gethan worden waren', von Octavian nicht gehalten wurden, kam es im I. 38 zu einem Kriege, den Agrippa glücklich für den Letztem im J. 36 durch die Siege bei Mylä und Messana beendete. Lepidus, der Sicilien in Anspruch nahm, verlor, da ihn seine Truppen verließen, auch Afrika, das ihm im I. 40 gegeben worden war, mußte sich an Octavian ergeben und lebte fortan mit der Würde eines Pontifer Maximus bekleidet, ohne weitern Antheil an den politischen Ereignissen. So war nun Gewalt und Reich nur noch unter zwei Männer getheilt. Doch während Antonius im Orient allen Genüssen der Liebe und des Luxus sich hingab, verfolgte Octavian unausgesetzt seinen Plan, sich zum alleinigen Herrscher zu machen. Vor Allem strebte er sich die Liebe des Volks zu erwerben; er zeigte Milde und Großmuth, ohne den Schein zu haben, als strebe er nach der höchsten Gewalt, vielmehr erklärte er sich bereit, die Herrschaft niederzulegen, sobald Antonius von dem Kriege gegen die Parther zurückgekehrt sein würde. Je mehr er sich dem Volke näherte, um so offener erklärte er sich gegen Antonius. Besonders gelang es ihm, durch Bekanntmachung eines Testaments, worin Antonius die mit derKleo- patra erzeugten Söhne zu seinen Erben erklärte, den Unwillen der,Römer gegen denselben rege zu machen. Diese Stimmung benutzend, ließ er der Königin von Ägypten den Krieg erklären und führte eine bedeutende Kriegsmacht zur See und zu Lande nach dem Ambracischen Meerbusen, wo Agrippa (s. d.) die Schlacht bei Actium(s. d.) gewann, die den Octavian 31 v. Chr. zum Beherrscher der Welt machte. Er verfolgte seinen Nebenbuhler nach Ägypten und endigte hier den Krieg, nachdem er den Vorschlag des Antonius, ihre Streitigkeiten durch einen Zweikampf zu entscheiden, verworfen hatte. Kleopatra und Antoniusj, die sich selbst den Tod gaben, ließ er prachtvoll bestatten; einen Sohn des Antonius und der Fulvia opferte er seiner Sicherheit; gleiches Schicksal hatte Cäsarion, ein Sohn Cäsar's und der Kleopatra; alle andere Verwandte des Antonius blieben verschont, und im Ganzen brauchte er seine Macht mit Mäßigung. Er verweilte zwei Jahre im Orient, um die Ängelegenheiten Ägyptens, Griechenlands/Syriens, Kleinasicns und der Inseln zu ordnen; bei seinerRück- kehr nach Nom im 1.29 v. Chr. hielt er einen dreitägigen Triumph, und die Schließung des Janustemvels bezeichnete die Herstellung vollkommenen Friedens. Befreit von seinen Nebenbuhlern und Herr der Welt, war er einen Augenblick unentschieden über die Art seiner künftigen Gewalt und befragte darüber seine Vertrauten. Agrippa, dessen Siege ihm die Herrschaft gewonnen, rieth ihm, darauf Verzicht zu leisten; Mäcenas war der entgegengesetzten Meinung, und diesem, oder wol mehr seiner eigenen Neigung, folgt! AugnstuS 643 er. Um dem Volke den Wunsch einzuflößen, ihn als unumschränkten Herrscher zu sehen, schaffte er die Gesetze des Triumvirats ab, verschönerte die Stadt und beschäftigte sich mit Ausrottung der während der Bürgerkriege eingerissencn Misbräuche. Am Ende seines siebenten Consulats im I. 27 v. Ehr., begab er sich in den Senat und erklärte seine Absicht, die Negierung niederzulcgen. Der Senat, erstaunt über seine Mäßigung, beschwor ihn, die höchste Gewalt auch ferner zu behalten, und Octavian gab diesen dringenden Bitten nach. Er erhielt nun den Beinamen Augustus, der die geweihte Heiligkeit seiner Person und Würde bezeichnet?, und vereinigte nach und nach als Princeps, wodurch zunächst nur der Vorrang vor den Senatoren und damit vor allen übrigen Bürgern bezeichnet ward, in sich die Gewalt eines Imperators zu Wasser und zu Lande, der über Krieg und Frieden entschied, eines Proconsuls über alle Provinzen, eines beständigen Volkstribunen, wodurch seine Person für unverletzlich erklärt und ihm das Recht ertheilt war, sich allen Beschlüssen des Senats und der Magistrate widersetzen zu können, endlich eines Censors und Oberaufsehers der Sitten und eines Pontifex Maximus oder,Oberhauptes aller religiösen Angelegenheiten. Die Gesetze selbst wurden ihm untergeordnet, und die Beobachtung derselben seiner Willkür anheimgestellt. Seine eigenen Verordnungen (Constitutionen) sollten Gesetzeskraft haben, auch die unbegrenzte Strafgcwalt hatte er, und so ward durch ihn diejenige Form der räm. Monarchie festgestellt, die im Wesentlichen unverändert bis auf Diocletian bestand. Zu allen jenen Vorrechten fügte man den Titel eines Vaters des Vaterlandes. Es lag im Geiste seiner Staatsklugheit, die herkömmlichen republikanischen Namen und Formen beizubehalten; daher verweigerte er es standhaft, den durch Sulla und Cäsar verhaßt gewordenen Namen eines Diktators anzunehmen. A. führte mehre Kriege in Afrika, Asien und besonders in Spanien, wo er nach großen Anstrengungen über die Cantabrer und Asturer, 18 v. Chr., triumphirte. Seine Waffen unterwarfen unter Tiberius, dem ältern Sohn der Livia, Pannonien, Dalmatien, Jl- lyrien; unter Drusus, seinem jüngcrn Stiefsohn, der bis an die Elbe drang, die westlichen Germanen; sie hielten die Dacier, Numidier und Äthiopier in Schranken. MitdenPar- thern schloß er ein Bündniß, demzufolge sie Armenien abtraten und die dem Crassus und Äntonius genommenen Adler Zurückgaben. Am Fuße der Alpen errichtete er Denkmäler seiner Triumphe über die Bergvölker, von denen man noch zu Susa und Aosta stolze Überreste sieht. Nachdem er zu Lande und zur See die Welt beruhigt hatte, schloß er zum dritten Male seit Roms Erbauung 19 v. Chr. den Tempel des Janus. Dieser Friede ward 9 n. Chr. durch die Niederlage des Varus gestört, der drei Legionen gegen die Germanen unter Hcrmann (s. d.) verlor und verzweiflungsvoll sich selbst tödtete. Die Nachricht dieses Unglücks erschütterte A. tief. Er ließ seinen Bart und seine Haare wachsen und rief oft im äußersten Schmerz: „O Varus, gib mir meine Legionen wieder!" Doch wurden die Deutschen fortwährend durch Tiberius in Schranken gehalten. Während des Friedens erließ A. viele nützliche Verordnungen und stellte die Misbräuche in der Verwaltung ab. Er gab dem Senat eine neue Gestalt, beschäftigte sich mit der Verbesserung der Sitten, besonders durch Begünstigung der Ehen (die Lex Julia und Papia Poppäa), gab Luxusgesetze und stellte die Kriegszucht bei den Heeren und die Ordnung bei den circensischen Spielen wieder her; er verschönerte Rom, das er, wie er mit Wahrheit sich rühmte, aus Backsteinen erbaut gefunden hatte und aus Marmor erbaut hinterließ. Äuch machte er Reisen, um allenthalben die Segnungen des Friedens zu verbreiten; er besuchte Sicilien und Griechenland, Kleinasien, Syrien und Gallien; in mehren Gegenden gründete er Städte und Colonien. Die Völker errichteten ihm Altäre, und durch ein Decret des Senats ward dem Monate Sexti- lis der Name Augustus gegeben. Zwei Verschwörungen, die A.'s Leben bedrohten, scheiterten ; die eine leiteten Cäpio, Murena und Egnatius, die dafür mit dem Tode büßen mußten, die andere Cinna, dem A. großmüthig verzieh. Großen Kummer verursachten A. die Ausschweifungen seiner Tochter (von der Scn- bonia) Julia (s. d.); daher zeigte er sich auch härter gegen Diejenigen, welche die Ehre seiner Familie verletzt, als gegen Diejenigen, die sein Leben bedroht hatten. Die Geschichte sagt, daß er in höherm Alter von der Livia beherrscht wurde, vielleicht der einzigen Person, 41* 644 Aulnoy AurelianuS ^ die er wahrhaft geliebt hatte. Er hatte keine Söhne und verlor durch den Tod sowol seinen ^ Schwestersohn, Marcellus, als seine Tochtersöhne, Casus und Lucius, die er zu seinen Nachfolgern bestimmt hatte. Auch Drusus, sein Stiefsohn, den er liebte, starb frühzeitig, nur Tibcrius, der Bruder desselben, der ihm seiner bösen Eigenschaften wegen verhaßt war, blieb ihm übrig. Diese vielen Todesfälle, sein hohes Alter und seine stets schwächer werdende Gesundheit erweckten in ihm die Sehnsucht nach Ruhe. Er unternahm eine Reise nach Campanien, von dessen gesunder Luft er sich eine günstige Wirkung versprach; allein sein Übelbefinden nahm zu, und er starb zu Nola am 19. Aug. I 4 n. Chr., im 45. Jahre seiner Alleinherrschaft. Als er die Annäherung seines Todes fühlte, foderte er, wie erzählt wird, einen Spiegel, ordnete sein Haar und fragte die Umstehenden: „Habe ich meine Rolle gut gespielt?" Auf die bejahende Antwort fuhr er fort: „So applaudirt, sie ist aus!" Wäre dieser Letzte Zug aus dem Leben des A. zuverlässig, so würde er seinen Charakter, seine Politik und selbst sein Glück treffend bezeichnen. Gewiß ist es, daß sein Betragen stets abgemessen und überlegt war, und daß er die große Gabe besaß, mitten unter den Stürmen der Herrschaft kalt und unerschüttert zu bleiben. Geschickt seine Plane verbergend, benutzte er die Leidenschaften wie die Talente Anderer, um jene zu erreichen. Er besiegte Brutus durch Antonius und diesen durch Agrippa. Mehrmals wechselte er die Parteien, nie seine Plane, und wußte eine Herrschaft sich antragen, ja aufdringen zu lassen, die das Ziel aller seiner Bestrebungen gewesen. Man darf jedoch zu seinem Lobe nicht verschweigen, daß er seine große Macht mit Weisheit und Mäßigung gebrauchte und das Reich mit den Segnungen des Friedens beglückte, nachdem er es durch alle Schrecken des Bürgerkriegs geführt. Alles Große und Gute, wodurch seine Negierung sich auszcichnete, ging meist von ihm aus; er belebte den Ackerbau und begünstigte die Künste, mit feinem Geschmack und gewandtem Geiste begabt, liebte und schätzte er die Wissenschaften und übte die Dichtkunst selbst, sodaß er nicht unwerth war, einem Zeitalter seinen Namen zu geben, das sich durch geistige ,Bildung hoch auszeichnet, für röm. Kunst und Wissenschaft das goldene genannt , wird. Die Überreste seiner Schriften hat neuerdings Weichert herauszugeben begonnen (Abth. I, Grimma 1841). Die berühmtesten Gelehrten und Dichter gehörten zu seinem Umgänge, so Horaz, Virgil und viele Andere. Sein Tod versetzte das Reich in tiefe Trauer, man zählte ihn den Göttern bei und errichtete ihm Tempel und Altäre. Aulnoy oder Aunoy (Marie Catherine Jumelle deBerneville, Gräfin von), geb. ^ 1650, gcst. 1705, erhielt durch ihre Tante, die geistreiche Desloges, die an Ludwig's Xlll. Hose lebte, eine romanhafte Richtung. Durch ihre „6ontes 1698; neue Ausg. 5 Bde., Par. 1810), die noch jetzt gelesen werden, hat sie sich einen ^ Namen in der franz. Literatur erworben und nächst Perrault durch sie die Feenmär- ch e n (s. d.) in Aufnahme gebracht. Ihren Erzählungen liegen fast immer wahre, in ihrer Zeit durch besondere Umstände interessant gewordene Begebenheiten zum Grunde, die sie mit dem Märchenstoffe älterer Quellen verband, und leicht und witzig, aber oft redselig darstellte. Ihre Romane sind vergessen und die „Ulewaires eis la cour ä'Kspsgns", die „Vo^age en Ls- pagne", die „lUemoires ganz auf Aquäducten, die freilich zu großem Theile ebenso verfallen sind, wie die zahllose» I Moscheen und Paläste. Noch hat es indeß 00000 E., einen gutgefüllten Bazar und in der AuSarten Ausbruch 64? günstigen Lage zwischen Bengalen, Delhi, Bombay und Hyderabad verspricht eS ein baldiges Emporblühen gegen den gänzlichen Verfall seiner Größe und Pracht, die der mongolische Beherrscher Indiens Auren g-Zeyb (s. d.) gegründet, nach welchem es den Namen erhielt, während es früher Kirki hieß. Drei Meilen nordwestlich von A-, jenseit der merkwürdigen Festung Daulatabadss. d.), des prächtigen Grabmals Aureng-Zeyb's und des wundervolleni Grottenbaus von Ellora (s. d.) liegt auf einer romantischen Tafelhöhe das DorfRosah, das Montpellier Indiens, ausgezeichnet durchseine gesunde Luft und daher aus weiten Fernen besucht. Ausarten und Entarten. Das Ausarten ist eine bestimmte Umbildungsform der Gewächse, die in zweifacher Gestalt auftritt, einmal als wirkliche Abartung (ckegeaeratio), dann als Zurückartung einer Abart zu der ursprünglichen Art. Die wirkliche Abartung findet statt, wenn der Samenstaub der einen Art auf die Narbe einer andern derselben Gattung angehörenden Pflanze gebracht wird, was besonders bei den Leguminosen und Cruciaten der Fall ist. Die Zurückartung tritt in der Regel ein, wenn die Blumen der Abarten mit Samenstaub der väterlichen oder mütterlichen Pflanze befruchtet werden, wodurch zuerst ! Übergangsformen entstehen, die endlich zur ursprünglichen Art zurückkehren. Hierbei tritt l die noch unerklärte Erscheinung ein, daß zuweilen unter ganz reinem Samen einer Abart einige Körner die ursprüngliche Art wieder Hervorbringen, während die übrigen die gewünschte Abart geben, was besonders am Samen gefüllter Blumen beobachtet wird. Das sicherste Mittel zur Verhütung der Ausartung in ihren beiden Formen besteht darin, daß die Pflanze, deren Art rein erhalten werden soll, möglichst vor der Nachbarschaft ähnlicher und verwand- ter Arten bewahrt bleibe, damit kein Austausch des Samenstaubs stattfinden kann, und daß man sämmrliche Verhältnisse, unter denen die Art vorher gedieh, genau berücksichtigt, weil das Ausarten zuweilen auch stattfindet, wenn die Abart entweder durch besondere, dem Boden mitgetheilte Stoffe oder unter Mitwirkung einer besonders kräftigen Ernährung erzeugt i wurde. Die Entartung wird im gewöhnlichen Leben für eine bestimmte Bildungs-oder vielmehr Umbildungsform der Pflanzen erklärt und diese Ansicht nicht blos auf die Erfahrung, sondern auch auf die angeblich im Thierreiche wahrzunehmende Analogie gestützt. Aber die Erscheinungen, welche zum Beweis einer solchen Entartung dienen sollen, sind ! zum Theil so ganz von rein aus das animalische Leben bezüglichen Verhältnissen abhängig, ^ daß die Vergleichung derselben mit Zuständen des pflanzlichen Lebens nicht snzuwenden ist. Man leitet die Entartung davon her, daß der Same, der auf einem Stück Landes gewachsen, ! zur neuen Aussaat aus dasselbe Land gedient habe. So wäre also allein der Jncest, zu dem > der Same gezwungen wird, wenn derselbe dem nämlichen Boden, auf dem er gewachsen ist, wieder anvertraut wird, die Ursache der Entartung. Es wäre demnach eine Möglichkeit der Entartung, d. i. Verschlechterung, darin gegeben, daß die Aussaat mit schlecht eingeerntetcm, in Folge der Witterungsverhältnisse u. s. w. oder durch schlechte Aufbewahrung verdorbenem Samen gemacht worden ist. Die Entartung wird aber auch herbeigeführt, wenn eine ein- zige der Bedingungen, die die Pflanze zu ihrem Wachsthum nothwendig braucht, mangelt. Der Boden ist allerdings die Ursache der Schwächung der Vegetation, die dann auch keinen so vollkommenen Samen Hervorbringen kann als im normalen Zustande. Trotzdem kann ^ von einer wirklichen, im Pflanzenlcben begründeten Entartung, d. i. Verschlechterung der Art, nicht wohl die Rede sein, vielmehr hat die Botanik kein Wort für diesen Begriff. Ausbeute beißt im Bergwesen der reine Gewinn einer Grube für die Gewerken oder Besitzer der Kuxe, nach Abzug aller Kosten. Zur Auszahlung dieses Gewinns schlägt man auch die sogenannten Ausbeutethaler. Ausbruch heißen in Ungarn, vornehmlich zu Tokay, Eperies, St.-Georgen, Siklosch ! und Mcngosch diejenigen Weine, welche aus den schönsten und reifsten Beeren, ^die man ! kurz vor der allgemeinen Lese besonders ausgebrochen hat, gekeltert werden. Uber dem Ausbruch steht dieEssenz, welche aus den abgewelkten, rosinenartigcn Weinbeeren ohne Presse durch das eigene Gewicht sich auspreßt. Werden die Trauben, welche Essenz gegeben haben, mit Most von andern frischen guten Trauben begossen und gelind ausgepreßt, so heißt auch diese Sorte oft Ausbruch, richtiger aber Maschlach oder Maschlasch. Esgehtsehr Viel Betrug sowol mit dem Ausbruch als auch mit der Essenz vor, und selten bekommt man K 18 Auskultation Ausdünstung diese Weinlorten rein und echt. Auch am Rhein hat man das Ausbrechcn der reifsten und ^ schönsten Weinbeeren angefangen, um besonders edle Weine zu erzielen. Auskultation nennt man diejenige ärztliche Untersuchungsmethode, mittels welcher man die In und an dem menschlichen Körper wahrnehmbaren Töne und Geräusche zu erforschen und zu unterscheiden sucht, um dadurch den gesunden oder kranken Zustand seiner Theile oder Organe zu erkennen. Schon sehr frühzeitig hat man allerdings auf das Röcheln in der Brust bei Schleimanhäufungen in den Luftwegen, auf das knarrende Geräusch oder die Crcpitation der gebrochenen Knocken, auf den Schall, welchen Wasseranhäufungen in Brust und Bauch erregen, auf den hörbaren Schlag des Herzens geachtet und daraus auf die be- ' treffenden Krankheitszustände geschlossen, indessen waren dies immer nur vereinzelte Momente und betrafen Geräusche, welche man schon in einiger Entfernung des Kranken wahrnehmen konnte; daher gebührt dem ftanz. Arzte Laennec unzweifelhaft das Verdienst, die Wichtigkeit des Gehörsinns für die Diagnose der Krankheiten zuerst in einem wissenschaftlichen Zusammenhange..thatsächlich nachgewiesen und so wenigstens für die Krankheiten der Brustorgane eine neue Ara geschaffen zu haben; denn er zeigte dem Arzte, wie man zu hören vermöge, was im Innersten des Körpers vorgehe, indem er zugleich für diejenigen Fälle, wo das Ohr nicht im Stande ist, die zu schwachen Schallstrahlen zu sammeln, das Stethoskop (s. d.) erfand, wodurch die mittelbare Auscultation ausgeübt wird, während die unmittelbare durch das bloße an die Körperwandungen gelegte Ohr geschieht. Die Töne und Geräusche, welche wir auf diese Weise wahrnehmen, sind nun entweder natürlich vorhandene oder künstlich erregte; die Art und Weise, wie die letzter» hervorgerufen und beobachtet werden, belegt man mit dem Namen Percussion (s. d.). Die natürlichen Töne sind entweder solche, welche im gesunden, oder solche, welche im kranken Zustande wahrgenommen werden, und letztere sind wieder entweder bloße Abänderungen der erster« oder durch die krankhaften Verhältnisse ganz neu hervorgerufene. Hieraus erhellt, daß Jeder, welcher sich mit der Auscultation beschäftigen will, nothwendig zuerst sich eine genaue Kenntniß der gesunden oder i normalen Töne verschaffen muß, indem er nur dann im Stande ist, über das Vorhandensein von krankhaften Tönen und deren Beschaffenheit und Bedeutung zu urthcilen. Daß hierzu vor Allem ein sehr feingebildetes musikalisches Gehör nothwendig ist, bedarf kaum der Erinnerung, dennoch aber scheinen gar Viele dieses erste Requisit nicht zu kennen, und so kommt es, daß gar häufig die Phantasie das Fehlende ersetzt oder der Untersnchungsmcthode - Mängel und Fehler zugeschrieben werden, welche nur dem Untersucher anheimfallen. Daß daher über viele der wahrzunehmenden Töne wie über ihre richtige Deutung noch Zweifel herrschen, kann nicht Wunder nehmen, um so mehr, da Vorurtheil und verkehrtes Schamgefühl nicht selten einer ausreichenden Anwendung der Auscultation entgegen sind, um so mehr, da der größere Theil der ältern Ärzte noch immer ihr Vorhandensein ignorirt, während die jüngern freilich damit nicht gar selten eine gewisse Charlatanerie treiben. Vgl Laennec, „Von den Krankheiten der Lungen und des Herzens und der mittelbaren Auscul- tation als eines Mittels zu ihrer Erkenntniß" (deutsch von Meißner, 2 Bde., Lpz. 1832) und Skoda, „Über Percussion und Auscultation" ( 2 . Aust., Wien l 8-12). , Ausdehnung, s. Expansion und Elasticität. Ausdruck bezeichnet figürlich das Äußern eines innern Zustandes, das lebendige Her- ^ vortreten des Geistigen im Körperlichen. Sollen Wörter Ausdruck haben, so kommt es darauf an, daß sie genau Dem entsprechen, was der Darstellende uns durch sie mittheilen wollte. Von einem Gesichte oder von einem Bildnisse sagen wir, daß es Ausdruck habe, wenn in demselben nicht blos die allgemeine Form eines menschlichen Gesichts überhaupt sich findet, sondern wenn die dem Individuum, welchem es angehörk, inwohnende Seele in den Zügen des Gesichts'oder Bildnisses sich ankündigt. Der Anatom Charles Bell wollte ein besonderes Nervensystem als Vermittelung des psychologischenAusdrucks entdeckt haben. Vgl. dessen ou Ille anstoni^ SNli^ ok expreosion" (Lond. 1821, 1.). Ausdünstung heißt die Entwickelung von Dämpfen aus festen oder tropfbar flüssigen Körpern. Geschieht diese Ausdünstung sehr rasch, so erhält sie denNamenVerdampfung. l Alle Körper, feste sowol als flüssige, dünsten aus, um so mehr, je stärker sic erwärmt werden. Selbst Schnee und Eis entwickeln Dünste und verschwinden dadurch allmälig. Viele Dünste Ausfall Ausgabe 649 sind jedoch so dünn, daß sie durch physikalische Mittel nicht wahrnehmbar gemacht werden können. Wenn man annimmt, wozu die angestellten Versuche berechtigen, daß die jährliche Verdünstung des Wassers auf der Erdoberfläche im Durchschnitt 30 Zoll beträgt, so würden, die Oberfläche aller Gewässer auf der Erde zu 4 Mill. geogr. OM. angenommen, jähr> lich 200 Kubikmeilen Wasser in Dämpfe verwandelt. Diese Masse vergrößert sich aber noch bedeutend dadurch, daß die feuchte Erde und das ganze Thier- und Pflanzenreich wässerige Theile ausdünsten. Die Ausdünstung des thierischen Körpers heißt Schweiß (s. d.). Ausfall (sortis) heißt im Allgemeinen jede offensive Bewegung eines sich Vertheidi- genden. Zm Besondern wird Ausfall von den Besatzungen einer belagerten Festung gesagt, wenn ein Theil derselben herausgeht (einen Ausfall macht), um die feindlichen Arbeiten zu zerstören, die Laufgräben zuzuwerfen, die Kanonen zu vernageln u. s. w. Ausfälle, wenn sie häufig und mit Glück unternommen werden, können den Gang einer Belagerung sehr aufhalten, und der berühmte Carnot nennt sie einen Hauptnerv der Vcrtheidigung, besonders in den letzten Stadien der Belagerung. Ausfallthor (porte cke secours) nennt man in Festungen oder deren Citadellen das ins Frei» führende, gedeckt liegende Thor, aus dem ehemals die Ausfälle zu geschehen pflegten; gegenwärtig bedient man sich dazu eigener unter den Wällen angebrachter Durchgänge, welche Poternen (s. d.) heißen. — Inder Fechtkunst heißt Ausfall das Vorsetzen eines Fußes, um näher an den Gegner zu kommen und ihm desto sicherer einen Stoß oder Hieb beibringen zu können. — Ausfallbatterien heißen die aus leichten Kanonen bestehenden bespannten Batterien in einer Festung, welche die Bestimmung haben, die Ausfalltruppen zu begleiten und zu unterstützen. Ausflammen heißt ein Geschütz oder Gewehr mit einer kleinen Quantität Pulver laden und abfeuern, um das Innere des Rohrs zu erwärmen und die etwa vorhandene Feuchtigkeit zu entfernen. Ausfuhr, s. Ein- und Ausfuhr. Ausfuhrprämien oder Bonifikationen (franz. primes cke sortis; engl. bcmuliss) gibt in gewissen Fällen der Staat als Aufmunterung, um die Fabrikation neuer oder für das Land besonders wichtiger Artikel zu heben oder auch den einheimischen Producenten die Con- currenz mit dem Auslande zu erleichtern; sehr häufig hat es sich indeß gezeigt, daß ein Industriezweig durch Ausfuhrprämien nicht in die Höhe gekommen ist, und jedenfalls wird durch diese Prämien der Nation eine Abgabe auferlegt. Dem Consumenten ist es übrigens ohne Zweifel ganz gleich, woher der von ihm zu verbrauchende Stoff stammt; er wird bei gleicher Güte stets nach dem Billigsten greifen. In den deutschen Zollvereinsstaaten wurden Ausfuhrprämien ertheilt auf rassinirten, aus Colonialrohzucker erzeugten Zucker und auf fabri- zirten Taback. Von inländischen Artikeln genießen Branntwein, Bier, Mehl und Schiffszwieback eine Prämie bei der Ausfuhr. In England macht man einen Unterschied zwischen Ausfuhrprämien und Rückzöllen (ckruv-bucks); letztere werden nur auf solche Gegenstände gezahlt, welche in derselben unveränderten Gestalt, wie sie eingcführt und verzollt worden sind, auch wieder exportirt werden. In Frankreich existiren ziemlich verwickelte Berechnungsweisen der Ansätze für die Ausgangsprämien. Ausfuhrverbote werden theils gemacht, um dem Jnlande den Vorrath von unentbehrlichen Substanzen, wie z. B. Getreide, im Falle von Miswachs, zu sichern, theils um zu verhüten, daß Rohstoffe außer Landes gehen, die in inländischen Fabriken verarbeitet werden. Ausgabe nennt man in literarischer und buchhändlerischer Beziehung seit Erfindung der Buchdruckerkunst eine behufs der Vervielfältigung gedruckte Handschrift. Wird ein Werk öfter in demselben Formate und ohne Textesverändcrungen abgedruckt, so unterscheidet man erste, zweite Ausgabe u. s. w.; allein da in neuerer Zeit oft auch unveränderte Abdrücke einer früher» Ausgabe Auflage (s. d.) genannt wurden, so ist der Sprachgebrauch, welcher diese von jener zu unterscheiden suchte, schwankend geworden. Die Verschiedenheit der Ausgaben ist besonders bei alten Classikern und bei denjenigen Werken, wo auf die Lesarten »nd den Buchstaben Etwas ankommt, von hoher Wichtigkeit. Vorzüglich geschätzt sind die Ausgaben aus der frühesten Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst, dieIneunabcl n (s.d.) und die ersten Drucke eines Clasfikers (eckitiones ;>rinci;'ss) wegen der Seltenheit; die Ausgaben mancher Druckereien, wie der der Aldus, Giunti und Stephanus wegen der 650 Auögcdillg Ausgrabungen Correctheit, der der Elzevirc wegen der Ncinhcit und des säubern Drucks, endlich die Aus- gaben Baskerville's, Didot's, Bodoni's u.s.w. wegen der Pracht der äußern Ausstattung. Ausgeding heißt in einigen Gegenden Deutschlands Das, was sich Altern vorbe- halten (ausbedingen), wenn sic noch vor ihrem Tode den Kindern ihr Besihthum oder Ver- mögen überlassen. Dies geschieht mittels eines gesetzlichen Vertrags, und das Ausgeding hat alle Eigenschaften und Folgen eines solchen. Ausgehend heißt das Ende einer Gebirgsschicht oder eines Ganges, das sich bis an die Erdoberfläche erstreckt. Ausgrabungen. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Gegenständen des Alterthums sind in der neuesten Zeit so außerordentlich gewesen, daß wir hier nur die wichtigsten nach den verschiedenen Ländern zusammenfassen, indem wir mit dem elastischen Boden Griechenlands und Italiens beginnen. In Griechenland mußtensichdiefrühernNeisenden, wie Spon und Wheler, meist nur mit Abzeichnung der Inschriften und Denkmäler begnügen, denn erst in späterer Zeit gestatteten die Türken, in der Nähe großer Trümmer nachzugraben. Als den bedeutendsten Fund nennen wir hier die äginetischen Statuen beim Tempel des panhelle nischcn Zeus (s. Ägina) und die Friese von Phigalia in Arkadien. Jn Morea entdeckte ein franz. Expedition 1829 die Sculpturen des großen Tempels des Zeus zu Olympia, 18 Stück an der Zahl, die im Jahre darauf nach Paris geschafft wurden. Seit der Selbständig- keit Griechenlands und seitdem die griech. Regierung ein besonderes Gesetz über Nachgrabungen erlassen hat, wird die Untersuchung des Bodens dort planmäßig geleitet. So fand man von den Marmorwerken des Parthenon bei Wegschaffung des Schuttes mehre wohlerhaltene Menschen-und Thierfiguren; noch wichtiger waren die Trümmer des Tempels de: Nike Apteros, die man auf der Akropolis zu Tage förderte. (S. Athen.) Eine nicht minder reiche Ausbeute gaben die alten Gräber, unter denen die von Delphi durch Donaldson's Zeichnung bekannt geworden sind. Anderes erwartet man aus dem Nachlasse Otfr. Mül- ler's (s.d.). Auch die griech. Insel» haben neuerdings nicht Unbedeutendes geliefert. So stieß ) man 183 8 zu Ägina auf ein Capitäl mit der Aufschrift „Dem panhellenischen Zeus", nachdem man zehn Jahre früher schon einen Diskus von Bronze gefunden hatte; außerdem gewann man beim Nachgraben auf Andros zwei Statuen und eine Menge Spitzsäulen von Grabdenkmälern, auf Milos einen schöngearbeiteten Äskulapkopf, auf Mykone eine Bildsäule der Gäa von parischem Marmor, und auf Rhodus einen Cippus derHeliaden und Heliasten, der 1832 nach Venedig gebracht wurde. In Italien begannen die regelmäßigen Ausgrabungen mit dem Breve des Papstes Leo's X. vom 27. Aug. 1515. Besonders kam durch Rafael, der einen sehr freimüthigen Bericht an jenen Papst in dieser Angelegenheit erlassen hatte, mehr Ordnung in die frühere Willkür. Doch war der Boden noch zu reich, als daß an die Stelle des bloßen Auffindens und Sammelns eigentliche Ausgrabungen nach einem festen Plane hätten treten können. Vgl. Vacca, „De monumontis suo et mchorum aevo tieprekensis" (Rom 1593), vermehrt herausgegeben von Fea in „lVliscellsne» pliilologic», critic» et »ntiyusri»" (Rom 1790), In früherer Zeit erstreckten sich die Ausgrabungen fast nur auf einzelne Gräber, wie die der Nasonen und Scipionen, und erst in neuerer Zeit wurden dieselben mehr im Großen ange- stellt. In Oberitalien zunächst fand man zu Brescia, wo man seit 1815 nachgrub, einen ' Tempel von herrlicher Construction und eine treffliche Bronzestatue der Victoria; zu Velleja im vorigen Jahrhundert eine ausgezeichnete Statue des Hercules und viele andere Alterthü- mer; bei Firenzuola ein großes Mosaik; bei Zinasco 139 Goldstücke aus den Zeiten des Arkadius bis auf Anastasius; in Piacenza gemalte Vasen; in Verona 1828 Monumente von Blei und Gold und beim Nachgraben im dasigen Theater viele andere Kostbarkeiten. Ein Minerventempel wurde in dem zur veronesichen Campagna gehörigen Thale Poli- cella vom Grafen Orti ans Licht gezogen. Bei Adria, das schon in älterer Zeit durch seine ^ Vasenfunde berühmt war, wurden seit 1815, besonders 1819 und 1820 die Nachgrabungen mit dem glücklichsten Erfolge gekrönt. Bei Triest kam außer mehren Inschriften ein interessantes Marmorrelief zum Vorschein, welches den Tod der Semele und die Geburt des > Bacchus in getrennten Scenen darstcllt. In Aquileja wurde eine silberne Schale mit Bas- . reliefs, die Fabel des Triptolemus darstellend, ausgegraben. Zu Spalatro wurden Thermen, i Ausgrabungen 651 ein Junokopf von pentclischem Marmor, ein Torso des Apollon ausgegraben; zu Eivitavecchia Inschriften und Münzen; bei Piadona die Bronzestatue einer flügellosen Victoria aus der Zeit des Antoninus Pius; bei Modena fein gearbeitete Vasen von rother Farbe; zu Citta- nuova bei Modena, westlich über der Via-Ämilia, eine große Urne und ein Bronzeschild mit dem Medusenhaupt; endlich zu Bresccllo 80000 Goldmünzen, die sammtlich der Zeit vor den Kaisern angehören. In Toscana ist namentlich Florenz der Hauptplatz entdeckter Alterthümer. Im 1. 1829 wurden in dem nahgelegenen Fiesole 2110 Medaillen gefunden; bei Volaterra, wo man regelmäßige Ausgrabungen veranstaltete, Terracotten- würfel von länglichem Viereck; bei den Marmini und Belora Urnen, Vasen, Spiegel, Goldarbeiten, und bei erster» auch 1830 ein Grabmonument in konischer Form und 1832 runde Grotten mit Alabasterurnen und Terracotten; bei Arezzo >832 ein ganzes Lager von den im Alterthume unter dem Namen der aretiner Gefäße berühmten Töpfergeschirren, und 1837 in der Nähe der Stadt auch einige bemalte Vasen. Zu Chiufi, der ehemaligen berühmten Hauptstadt des Porsena, lieferten die geöffneten viereckigen Gräber eine große Anzahl Scarabeen mit etruskischen Darstellungen; in der Nähe der Stadt entdeckte man Vasen von ungebrannter schwarzer Erde mit rohen Thierzeichnungen und sonderbaren Deckeln und Henkeln, in der Stadt selbst 1 834 mehre Todtenurncn, Schalen und eine sogenannte mystische Eiste; besonders merkwürdig aberstnd die daselbst von Pietro Casuccini 1833 entdeckten Wandgemälde, die mit Deckfarben auf den nackten Stein aufgetragen sind. Einzelnes fand man auch zu Val-di-Chiana, Cortona und bei Austrocknung des kleinen Sees Ciliegeto. Der Mittelpunkt für die Ausgrabungen ist der Kirchenstaat. Zunächst wurden um Perugia im I. 1813 Bronzearbeiten und andere Geräthe, Elfenbein- und Kno- chenfragmente ausgegraben, in der Nähe vonTodi 1835 die Bronzestatue eines geharnischten Kriegers, wahrscheinlich des Mars, und auf der Via Cassia eine kolossale Büste. Sehr wichtige Entdeckungen machte man bei den Nachgrabungen in der Nekropole des alten Vulci, die i 1827 vom Fürsten von Canino begonnen und dann von Campanari und den Gebrüdern Feoli bis 1837 mit der größten Thätigkeit fortgesetzt wurden. Vgl. „6»taIoF<, <1i scelte sn- ticbits etru8ciie, trovste negli sesvi > 652 Ausgrabungen ehemalige Landhaus des Hora» zu entdecken. Vgl. „Necouverte cke Irr maison tls csn>;>sgn« ä'Hoi-Äce" (3 Bde., Rom 1767—69). Neuerdings hat man hier, sowie 1836 bei Poggio- Sommavilla bemalte Vasen entdeckt, 1826 bei Montecalvo Statuen eines Musenvereins, zu welchem die 1835 auf der Straße nach Rieti ausgegrabenen zwei Sängerstatuen und Reste einesZeus gehört zu haben scheinen. JncherNähe vonBologna fand man drei silberne Schalen, zwischen Ravenna und Cervia die Herme eines Hermaphroditen und zu Fano in einem Grabe Gold- und Erzmünzen des Theodosius und Valentinian. Die größten Antikenschätze aber bietet Nom mit den umliegenden Villen dar. Diese wurden besonders im 16. Jahrh. bei der Bildung des Museo Pio-Clcmcntino sorgfältig ausgebeutet. Die Ausgrabungen des röm. Forum begannen 1801 mit der Offenlegung des Septimius-Se- verusbogens. Bei Gelegenheit der Wiederherstellung des Colosseums 1804—7 wurde 1805 der Konstantinsbogen von Schutt befreit, und bei den Ausgrabungen, die man 1810—14 vornahm, die ganze Strecke vom Colosseum bis zum capitolinischen Hügel abgcräumt, wobei der riesenhafte Tempel der Venus und Roma und 1813 die Phokas-Säule zum Vorschein kamen. Dann ward 1819 die Basilika des Konstantin bei dem alten Forum Paris zu Tage gefördert. Später grub man 1826 — 28 in den sogenannten Badern des Paulus Amilius nach, und noch später wurde der Clivus des Capitols offen gelegt. Ferner entdeckte man den Tempel der Concordia bei dem Bogen des Septimius Severus und das Milliarium-Aurcum, von welchem ab alle Meilensteine auf den von Rom ausgehende» Hauptstraßen gezählt wurden, sowie gleichzeitig an der Höhe des Capitols einen Por- ticus- Andere Nachgrabungen geschahen 1824 in den Thermen des Caracalla, wo man auf Mosaikböden mit Gladiatorenbrustbildern stieß, ein Jahr darauf in dem Circus des Maxentius, 4830 an der Via Appia, wo man einen Sarkophag mit Kampfdarstellungen hcrvorzog. An der Via Latin« entdeckte man 1831 ein Columbarium mit Inschriften und Reliefs und 1838 an der Via Aurelia ein ähnliches. Endlich wurden in der Nähe des Forums des Trajan dicht am Valentinischen Palaste großartige Überreste des vom -Kaiser Hadrian zu Ehren Trajan's errichteten prachtvollen Tempels gefunden. Vgl. die reichhaltige Literatur in Otfr.Müllcr's „Handbuch der Archäologie der Kunst" (2.Ausg., Brest. 1835). In der Campagna grub man bei Aqua TraversaThermen aus; beiBottacia l 824 einen wohlerhaltenen Sarkophag; in Boville 1823 einen Circus und eine berühmte Ära des Juli- schcn Geschlechts; zu Civitavecchia, dem alten Centumcellac, den großartigen Nest eines Bronzekoloffes; in Falerii 1823 Relieftafeln und Sculpturen; zu Gabii 1837 Mosaikfußböden mit Inschrift; zu Ncttuno die Überreste einer alten Wasserleitung; zwischen diesem und Stura Mosaikböden; zu Ostia einen Endymions-Sarkophag, eine Alcestis und cinJphi- genien-Relief; zu Palestrina mehre mystische Cisten; zu Romavecchia 1824 einen Niobiden- Sarkophag; bei Tivoli 1827 einen großen Aquäduct; zu Tormarancia 1827 eine Herme; zu Tusculum Votivterracotten und eine alte gepflasterte Straße und 1834 einen bedeutenden Mosaikboden. Im jetzigen Königreich Sicilien diesseit der Meerenge war die Hauptstadt Neapel von früher Zeit an ergiebig an antiken Kunstdenkmälern, die in den dortigen Museen und Antikcnlagern zu finden find, ohne daß man über die nähern Umstände und den Ort der Auffindung etwas anzugeben vermag; vor allen belohnend aber waren die verständig geleiteten Ausgrabungen in den untergegangenen Städten Pompeji (s. d.)und Herculanum (s. d.). Zu Capua grub man im Theater 40 Stück Goldmünzen aus, die bis auf Anastasius herabreichen, auch wurden die unterirdischen Räume der Arena zu Tage gefördert; desgleichen entdeckte man zu Cicelli 1832 das Fragment einer Tabula slimentaris. Sehr ergiebig waren ferner die von 1825 — 29 angestellten Ausgrabungen zu Nola, wo man mehre Vasen, eineuKelch von bloßer Erde und einen Deckel mit der Hochzeit des Peleus und der Thetis gewann. In Pestum, wo schon früher Nachgrabungen stattgefundcn hatten, stieß man 1829 bei Anlegung einer neuen Straße auf griech. Gräber und 1830 auf einen Tempel in dorisch-korinthischer Bauart; zu Eboli, Sorrent und Cumä entdeckte man Vasen. Die ganze Provinz Basilicata lieferte eine zahllose Menge Vasen, besonders Anzi, Armento und Castellucciv-inserivre. Auch Apulien war reich an Vasen, namentlich fand man zu Bari die berühmte Triptolemus-Vase; andere zu Canosa und zu Oria in denJ. 1812 und 1827. In neuesten Zeiten zeichneten sich in dem ehemaligen Großgriechenland überhaupt Ausgrabungen 6'>> die Basenschätze von Nuvo auS, wo man unter Anderm 1833 auf einer Anhöhe eine Grab- kammer mit Wandgemälden, vielen Bronzen, Waffenrüstungen und Anticaglien entdeckte. Was die übrigen Provinzen des Königreichs betrifft, so wurde 1833 .zu Larino ein Sarko- phag aufgefunden und zu Locri ein bedeutender Fund von Vasen gemacht. Nicht minder wichtig waren die Ausgrabungen auf der Insel Sicilien, namentlich zu Acre, Catana, Cefalu, Centorbi und Comiso, noch mehr die zu Girgenti und in dessen Umgegend. In der Nähe von Messtna stieß man auf 200 Medaillen der ersten Kaiserzeit und auf der Südwestseite von Palermo auf griech. Gräber. Zu Segesta wurde ein Theate aufgeräumt und die 1822—32 in den Ruinen von Selinunt angestellten Nachforschungen brachten sechs Tempel mit vielen Denkmälern zu Tage. Zu Solunt entdeckte man 1825 einen Tempel mit einer Jupiter-Statue, zwei Kandelabern, einem Thron und einem Opfertisch. In Syrakus beschäftigt man sich noch gegenwärtig mit der Ausgrabung eines der prachtvollsten Theater. Auf mehren Inseln des Mittel meers kamen in neuester Zeit phönizische Alter- thümer zum Vorschein, besonders auf der Insel Gozzo bei Malta. In Frankreich hatte bereits Peiresc durch sein Beispiel bewiesen, wie reich der Boden dieses Landes für den rechten Sucher sei. Die wichtigsten Entdeckungen hat man seit 1820 gemacht. Zu den bedeutendsten Funden gehört der zu Berthonville in der Normandie, wo man über hundert Silbergefäße ausgrub, die seltene mythologische Darstellungen liefern und ursprünglich zu dem Schatze eines Tempels des Mercur gehörten. Darunter befinden sich ausgezeichnete Vasen mit dem Bildnisse des Jupiter, der Juno, des Pegasus u. s. w. Bei Soissons im Departement Aisne stieß man beim Bau der Festungswerke 1830 auf Niobiden- Statuen und 1836 fand man in der Nähe der Stadt eine kleine Bronzestatue aus dem 2. Jahrh., die einen auf einer Lanze lehnenden Krieger darstellt. Bei Angers im Departement Maine und Loire fand ein Landmann 40 Stück röm. Gefäße von der schönsten Form mit mythologischen Darstellungen. Zu Arles im Departement der Rhonemündungen stieß man im Theater auf sechs alte Bogen und in der Nähe auf Reste von Aquäducten. Ferner fand man zu Autun im Departement der Saone und Loire 1833 ein Medaillon von Achat mit dem Brustbilde des Tiberius oder Nero, zu Bavay im Departement du Nord die Bronzestatue des Hercules aus der Zeit der Antonine, zu Bernay die Statue eines Hermaphroditen, zu Dour- lexs Überreste einer röm. Wasserleitung, zu Lille die Reste eines prachtvollen antiken Baues; zu Livernay im Departement Cöte d'or zwischen Saulieu und Autun einen Stierkopf aus einer goldähnlichen Masse, vielleicht dem korinthischen Erze; zu Lillebonne im Departement der Niederseine, dem alten von Cäsar gegründeten Juliobona, 1824 eine sechs Fuß zwei Zoll hohe männliche Statue von vergoldeter Bronze, 1828 ein Marmorbild, endlich 1836 an der westlichen Mauer des alten röm. Theaters in einem massiven Grundbau Todtenurnm und Grabsteine mit Sculpturen.. Zu Lions im Departement der Eure fand man eine Menge Bronzegeräthe, darunter einige Äxte; bei dem Dorfe Margeaix unweit Puy im Departement der Oberloire Überreste eines mit Sculpturen geschmückten Tempels, unter denen sich ein mit Wasserpflanzen bekränzter Najadenkopf und drei 3'/- F. hohe Cupido-Statuen auszeichnen; zu Nismcs im Departement du Gard 1832 vor dem Tempel der Diana und in den Aquäducten verschiedene Alterthümer, und zu Milhaud ein mit Basreliefs verziertes Grab; ' zu Orleans im Departement derLoiret mehre architektonische Reste und Grabsteine mit Inschriften und Sculpturen. Zu Toulouse im Departement der Obergaronne entdeckte man 1833 ein Mosaik aus dem 3. oder 4. Jahrh.; zu Pont-de-Sargis im Departement du Cher Überbleibsel von röm. Marmorfußböden und Basreliefs von ausgesuchter Arbeit; zu Por- cheville in der Nähe von Nantes im Departement der Niederloire ein gemauertes Grab aus den Zeiten der alten Gallier mit Menschengebeinen und Überresten von schwärzlichen Thonge- säßen; unweit Suippe im Departement der Marne in der Nähe der ehemaligen Römerstraße 1836 ein Gefäß mit 616 Silbermünzen, worunter 200 der Consularzeit angehören, und bei ' Laval in demselben Departement an der alten röm. Straße von Rheims nach Verdun einen irdenen Krug mit 217 Silbermünzen, von denen 4 das Bildniß des Pompejus, 11 das des Julius Cäsar, 22 das des Antonius, und unter diesen 6 mit dem Kopfe der Kleopatra auf der Rückseite, 160 das des Augustus, 20 das des Tiberius darstellen. — In Belgien fand man bei Ettelbruck die Reste eines alten Baues und zu Tongern, dem ehemaligen ^lluatuc» 654 Ausgrabungen l'ullArorum, ein polygones Säulcnfragment mit der Angabe der verschiedenen Ortsentfernungen; auchinHolland stieß man 1841 an verschiedenen Orten auf Überbrückungen aus der Nömerzeit. — Nur Weniges hatEngland geliefert. Zwischen Jork und Dring. Hauses fand man 1836 ein schön gravirtes Siegel mit dem Profil des Flavius Domitius (81—96 n. Chr.), und in demselben Jahre bei der Ausgrabung zur Herstellung des westlichen Markts von Exeter Überbleibsel einer alten röm. Stadt, wahrscheinlich Jsca. Unter den hier aufgefundenen Gegenständen sind 400 Kupfer- und Silbermünzen von Claudius bis Valens, sowie eine große Menge rother Gefäße von samischer Erde, Graburnen, Opfer- schalen und Lanzen bemerkenswerth. Nicht unwichtig waren die Ausgrabungen neuerer Zeit inDeutschland, wo fie auch durch mehre der Historischen Vereine (s.d.) gefördert wurden. Am frühesten untersuchte man die Römerstraßen am Rhein. Die Römerreste inBaiern wurden besonders durch Naiser erforscht; namentlich entdeckte man beim Ausgraben des Ludwigkanals in derNähe von Bamberg röm. Alterthümer, unter diesen einen Ring mit schöner Mosaikarbeit. In Wirrten,- berg fand man zu Unterhorzen im Oberamte Wangen 1836 ein defectes antikes Gefäß mit 600 röm. Kaisermünzen von Silber, bei Rottenburg mehre röm. Münzen von Kupfer und Aurichalcum, einen 1F. hohen und i F.breitenDenkstein mit einer Abbildung des Apollon, ferner Gefäße aus Siegelerde; bei Nottweil Mosaiken und Frescobilder. Im Großhcr- zogthum Baden wurde in einem eine Stunde von der Stadt Baden gelegenen Dorfe Oos ein irdener Topf mit 5000 Bracteaten und 5000 Solidi ausgegrabcn, unter denen Münzen vom deutschen König Konrad, einige vom venetianischen Dogen Ziani (1172 gewählt) und viele des Bisthums Köln, namentlich von den Bischöfen Heinrich und Otto sich befinden; zu Bischofsheim kam man 1835 unter dem Fundamente der Kirche auf Alterthümer eines röm. Tempels, bestehend aus einer Minerva, einem Mercur und Bruchstücken anderer Statuen ; Anderes entdeckte man bei Steinsfurt. Die um Baden gefundenen Denkmäler sind in dem Museum Paläotechnicum daselbst aufbewahrt. Auch im Großherzogthum H essen wurde in dem Mainz gegenüberliegenden Städtchen Kastel unter Massen von Brandschutt ein gut erhaltener vierseitiger röm. Altar hervorgezogen, mit einer Inschrift und mittelmäßigen Darstellungen von fünf Gottheiten mit ihren Attributen in Basrelief, der sich jetzt zu Wiesbaden im Museum der Alterthümer befindet; Anderes lieferte die Umgegend von Mainz undAlzei. Ansehnliche röm. Ruinen fand man in einigen Gegenden des Herzogthums Nas- sau, z. B. bei Hedernheim, Dolzheim und Marienfels; Mithras-Denkmäler kamen in der Nähe von Wiesbaden zum Vorschein. Eine reichere Ausbeute gaben die Nachgrabungen in Preußen. Besonders wurden in der Nheinprovinz, wie bei Bonn, Neuwied u. s. w., viele röm. Denkmäler zu Tage gefördert, und namentlich stieß man 1842 in Köln auf mehre Mosaikböden aus der Römerzeit und einige Jahre früher in der Nähe von Aachen an dem Wege nach Frankenberg auf eine gut erhaltene röm. Wasserleitung. Doch auch andere Provinzen lieferten nicht Unbedeutendes. In der Nähe des Dorfes Günstedt bei Erfurt entdeckte man beim Graben einer Chaussee eine Urne von schwarzem, äußerlich glänzendem Thon und 50 Stück gut erhaltene röm. Silbermünzen und drei silberne, einfach von Draht gewundene Armbänder; bei Kolberg 1836 einen schön geflochtenen Halsring, ein zierlich gearbeitetes Ohrgehänge und andern Schmuck von Silber, vielleicht aus dem Orient abstammend, desgleichen eine abassidische Münze aus dem Jahre der Hedschra 228, außerdem Münzen vom Kaiser Lothar und Heinrich III.; endlich in der Nähe von Kleinkatz bei Danzig ein Heidengrab mit Urnen, die mit Schmuckketten und Ringen von unedlem Metall angefüllt waren. Ostreich hat erst in neuester Zeit Ausgrabungen anstellen lassen; die bei Lienz inTirol, wo das röm. Loncium gestanden haben soll, leitete 1829 Professor von Muchar; in Laibach entdeckte man 1836 beim Grundbau eines Hauses eine stark vergoldete männliche Kupfer- statue. Bei Pesth in Ungarn fand man eine ägypt. Vase von Silber; weit bedeutender aber waren die Funde in der Gegend des alten Sabaria, wo sich ein röm. Begräbnißort befand. In der Schweiz stieß man 1835 zu Zürich beim Grundgraben eines öffentlichen Gebäudes auf einen röm. Begräbnißplatz und fand zwei vortrefflich gearbeitete Urnen von röthlichem und schwarzem Thone; zu Amsoldingen im Canton Bern 1807 und 1813 eilen ' 3 - ius ili- tcr ins er- >ch . hte str m< m- nit md 011 , verlos ;en md m; irs ta- ind en i utt ßi> in; >s- dcr in ele !o- !ge en an nd ne es :s- ^ >m ei- :n. >l, >4 er- >er ! rrt j li- en 13 AuSkeilen Auslieferung 655 auf röm. Inschriften, desgleichen zu Mur in demselben Canton auf Inschriften, die einer Göttin Ortio und Noria gedenken, sowie auf mehre Bronzen. In Rußland hat besonders der Kaiser Alexander die Trümmer vergangener Jahrhunderte dem Schwarzen Meere entlang und in Taurien entweder weiter zu Tage fördern oder zeichnen lassen. Eine besondere Aufmerksamkeit haben seit 1828 die Altcrthümer von Kertsch, dem alten Panticapäum, in Taurien auf sich gezogen. Man fand hier in einem Grabe Vasen, Halsbänder und andern Schmuck, theils aus massivem Golde, theils Filigranarbeiten, ferner dünne Goldbleche mit getriebenen Arbeiten, bei spätem Nachgrabungen einen röm. Sarkophag mit Basreliefs und zuletzt eine etruskische Vase mit theilweise vergoldeten Reliefs. An der Mündung des Liman ins Schwarze Meer bei Otschakow, dem alten Axiakos, stieß man auf eine ^ Elle lange und Elle breite Marmorplatte mit einer gut erhaltenen griech. Inschrift aus dem 2. Jahrh. n. Ehr., die der von den Griechen am Pontus Euxinus zu Ehren des Achilles angestellten berühmten Spiele erwähnt; in der Nähe des Städtchens Staraja-Rjasan oder Alt-Räsan auf zwei steinerne Mauern mit Säulen und Nischen und drei Altäre. In der Walachei wurde bei Karakal, einem Marktflecken an der Alma, ein großer steinerner Sarkophag aus Einem Stücke mit Zierathen und Waffen zum Vorschein gebracht; in einem andern Grabhügel fand man Urnen und goldene Ohrringe. Aus Asien ist uns in der neuesten Zeit nur Vereinzeltes zugekommcn. Zu Tchafder (Azoni) stieß der Franzose Texier auf Inschriften, Tempel, Theater; er fand in den Königsgräbern von Phrygien tausende von Sculpturen und in den Ruinen von Pessinunt Porti- ken, die von der Familie des Attalus errichtet waren. Die Ruinen des Sonnentempels in Vaalbeck entdeckte Russegger; über die Theater von Sagalaffa berichtete 1828 Arundell, über die Altcrthümer bei Thyatira und auf dem Jda Prokesch; die Gräber von Jlium untersuchte Choiseul-Goufsier; auch fand man eine Karyatide von dem Grabmal des Mausolus zu Halikarnaß. In neuester Zeit zogen die vermeintlichen Monumente des Scsostris bei Nahr- el-kelb in der Nähe von Bairut die Aufmerksamkeit auf sich. In Afrika wurde namentlich Ägypten genauer untersucht. Einer der frühern Reisenden, die hier Ausgrabungen anstellten, war Pietro della Valle. Namentlich hat aber das Interesse für die Hieroglyphenschrift manches Denkmal zu Tage gefördert. Wichtig war die Entdeckung eines reichen Goldschatzes, bestehend in massiven Goldringen mit eingegrabenen Figuren, in Armbändern und andern Gegenständen, welcher 1834 in einer Pyramide von Meroe durch Ferlini aus Bologna gemacht wurde. Zu Kairo wurde 1835 ein Monument aus der Zeit Rhamses'Il. vom Schutt befreit. Auf Anrathen des damaligen stanz. Consuls Mimaut und Champollion's hat der Vicekönig von Ägypten 1838 ein Museum zu Kairo gegründet und die Ausfuhr von Alter- thümern untersagt. Vieles läßt sich aus dem Staate von Algier nach der Besitznahme durch die Franzosen erwarten; besonders reich an röm. Alterthümern ist die Stadt Konstantine, das alte Cirta, und die stanz. Regierung hat für diesen Zweck seit einiger Zeit eine eigene wissenschaftliche Commission ernannt. Selbst in Nordamerika gaben die seit 25 Jahren fortgesetzten Ausgrabungen, die nicht nur alte Geräthe, sondern auch große Bauwerke aufgedeckt haben, interessante Ausschlüsse über den Culturzustand der Urbewohner. Die bedeutendsten Altcrthümer finden sich in Mexico und den mexikanischen Staaten. Schon 1750 entdeckten einige Spanier in den Einöden des Bezirks Carmen von Guatemala die ungeheuren Trümmer einer Stadt; nähere Nachforschungen wurden erst 1786 von Seiten der span. Regierung angestellt, deren Ergebnisse in den Archiven von Mexico blieben. Im I. 1805 aber sandte Spanien den Hauptmann Dupaix nebst dem Zeichner Castaneda dahin, und was diese bis 1808 gesammelt haben, wird in den „Lntiyuites mericsioes" (Par. 1835 fg.) mitgetheilt. Auskeilen sagt man von Gängen und Gebirgsschichten, wenn sie nach oben oder unten immer schmaler werden und endlich ganz aufhören. Auslegung, s. Exegese und Hermeneutik. Auslieferung. Die Auslieferung Derer, welche der Verübung eines Verbrechens beschuldigt sind, ist einer der verwickeltsten Punkte des Völkerrechts. Eine allgemeine Pflicht dazu läßt sich nicht aunehmen, denn der Staat, welcher einem Fremden einmal seinen Schutz bewilligt hat, würbe oft durch Aufkündigung desselben auf die einseitige Beschuldigung 656 Ausnahmegesetze des requirirenden Staats hin widerrechtlich handeln, zumal diese letztere leicht das Product der zur Zeit dort geltenden politischen Ansichten sein kann. Andererseits hat jeder Staat ! gegen die andern die natürliche Pflicht, zu Handhabung der Gerechtigkeit gegenseitig Beistand zu eisten. Als leitender Grundsatz ist wol der der richtigste, daß sowol ein überall und insbesondere auch nach den Gesetzen des requirirten Staats zu bestrafendes Verbrechen vorliege und sodann daß die gegen den Auszuliefernden erhobene Beschuldigung hohe Wahrscheinlichkeit für sich habe. Es wird daher, wenn auch nicht ein richterliches Erkenntnis, doch eine genaue richterliche Cognition und ein Verhör vorhergehen müssen. Nach der formellen Seite wird die Auslieferungspflicht und das ihr correlate Auslieferungsrecht durch Verträge zwi- sehen den Staaten am füglichsten normirt und im einzelnen Fall auch noch die Auslieferung von der Genehmigung der höchsten Behörde abhängig gemacht. Was die einzelnen Staaten ' anlangt, so kann England, vermöge seiner Grundgesetze, der Regel nach Riemand^ausliefern, und höchstens dem Fremden den Aufenthalt versagen; hinsichtlich mchrer gemeinen Ver- brechen aber, wie Mord, Diebstahl, Fälschung u.s. w., wurde unter der Bedingung, daß Beweise, die zur Bestrafung im requirirten Staate hinreichten, bcigebracht würden, schon 1802 im Frieden von Amiens zwischen England, Frankreich, Spanien, Holland und andern verbündeten Staaten Frankreichs die Auslieferung gegenseitig zugesagt, und ein gleicher Vertrag ward unterm 9. Nov. 1794 zwischen England und Nordamerika errichtet. Nordamerika liefert in der Regel gar nicht aus, ebenso Frankreich, obwol es hier blos im Ermessen der Staatsregierung zu beruhen scheint, wie denn auch 1834 zwischen Frankreich und Belgien ein Auslieferungsvertrag geschlossen worden ist. Belgien hat ein ausführliches Gesetz über Auslieferung vom I. Oct. 1833. Ein Bundesschluß vom 18. Aug. 1826 enthält für alle deutsche Bundesstaaten die Verpflichtung, Individuen, welche sich die Anstiftung eines gegen den Souverain oder die Existenz, Integrität, Verfassung oder Sicherheit eines andern Bundesstaats gerichteten Unternehmens oder einer darauf abzielenden Verbindung zu Schulde» kommen ließen, auszuliefern; doch hängt die Gültigkeit dieses Schlusses für die einzelnen ^ Staaten von dessen Publikation in den letzternab. Jedenfalls wird eine Pflicht zur Auslieferung hinsichtlich anderer Verbrechen auch hier nur aus besonder« Verträgen abgeleitet werden können, wie deren z. B. zwischen Preußen und Sachsen vom 21. Dcc. 1839 auf zwölf Jahre, zwischen dem Königreich Sachsen und dem Großherzogthum Sachsen-Weimar vom I I. Mai 1829 u. s. w. bestehen. Sehr richtig ist auch in solchen Verträgen neuerlich immer mehr die Beweisführung über das angeschuldigte Verbrechen bedungen und somit diese ganze Frage mehr in den Kreis der Gerichte gezogen worden, wie z. B. durch die preuß.- russ. Cartelconvention vom 17. März 1839 und durch den Vertrag zwischen Ostreich und der Schweiz vom 14. Juli 1828. Veranlassung zu interessanten Verhandlungen gewährte 1824 die Frage über Auslieferung des Professors Cousin in Dresden und 1827 über die des Gcheimraths von Schmidt-Phiseldeck in Braunschweig. Ausnahmegesetze (Isis 6'exception) nennt man die Bevollmächtigung der obersten Staatsgewalt, im dringenden Falle und wenn der Zustand des Staats dahin gediehen ist, daß die gewöhnlichen Kräfte und Gesetze nicht mehr für ausreichend gehalten werden, nicht streng nach den bestehenden Gesetzen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Zn absoluten Staaten können keine Ausnahmegesetze Vorkommen, da hier die öffentliche Gewalt stets von allen Schranken frei ist, welche ihr durch die constitutionellen Verfassungen gesetzt werden. Bei den Römern vertraten die Ausnahmegesetze die Bevollmächtigung der beiden Consuln durch die Formel: „Villeant consuiss, ns guitl rsspublica cletrimenti cspiat" und, wenn sie nicht durchzukommen vermochten, die Dictatur. In England besteht in schwierigen Lagen des Staats die erste und wichtigste Maßregel darin, daß die Habeas-Corpus- A cte (s. d.) für eine bestimmte Zeit suspendirt wird. Eine zweite Maßregel dieser Art ist die Fremdenbill (s. d.), welche der Regierung eine außerordentliche Macht über alle Fremde einräumt. Eine Art individueller Ausnahmegesetze sind endlich die Strafbills (s. d.), welche in einzelnen Fällen stattsinden können. In Frankteich brauchte man vor 1790 keine Ausnahmegesetze, da die I-sttres 6 s ca cd et (s. d.) auch für diesen Zweck ausreichten. Allein als das Streben nach gesetzlicher Ordnung, durch Mangel an Aufrichtigkeit und Mäßigung von beiden Seiten, in einen wilden Parteikampf ausgeartet, waren Ausnahmegesetze ! «t Mt ! Nd 1s- :ge ch- ine !ite vi- ng !en m, erzeug er- ^ag ika der ien der >lle ;en in- >en >en ; is- tet ,uf >ar ich uit ß-- >er rte die en aß >'g ?n >lt 1 tzt m -d, en s- die ,de ne Ausoner Aussatz 657 oft wirklich nothwendig, oft aber wurden sie blos ergriffen, um den Sieg der Parteien zu befestigen. Die Suspension der Constitution, die revolutionaire Regierung von 1793, di: Permanenz des Revolutionstribunals waren echte Ausnahmegesehe. Eins der merkwürdigsten Ausnahmegesetze unter der Kaiserregierung war das vom 3. März 1810 über die Staats- gefängnissc, wodurch die alten lettres >1« cacliet fast ganz wieder eingeführt wurden. Auch unter der Restauration dauerten eine Menge Ausnahmegesetze fort; zu neuen gab die Ermordung des Herzogs von Bcrri Veranlassung. Die neuesten franz. Ausnahmegesetze find die aus den J. 1832 und 1833. Deutschland erhielt in Folge der Ermordung Kotzebue's durch Sand eine Art Ausnahmegesetze, welche eine besondere Aufsicht über die Universitäten, sowie eine verschärfte Censur mit sich brachten (s. Karlsbader Beschlüsse) und zur Zeit noch bestehen. Ausoner, der Name eines der italischen Urvölker, bezeichnet-, wie es scheint, ursprünglich nur einen einzelnen, von den Aurunkern nicht verschiedenen Stamm des Volks der Osker oder Opiker, das einen Theil des südwestlichen Italiens, namentlich das nachmalige Kampanien inne hatte. Nachher wurde er aber auch für dieses ganze Volk gebraucht, ja die spätem Griechen, denen die röm. Dichter nachahmten, dehnten den Namen Ausonia aus ganz Italien aus. Die eigentlichen Ausoner wurden im I. 313 v. Ehr. von den Römern nach der Einnahme ihrer Städte Ausona, Minturnä und Vescia vernichtet. Ausomus (Decius Magnus), der berühmteste röm. Dichter des 3. Jahrh., geb. zu Burdegala (Bordeaux) gegen 309, ein Sohn des Leibarztes des Kaisers Valentinian, Julius A-, erhielt eine treffliche Erziehung, anfangs Sachwalter in seiner Vaterstadt, später als Lehrer der Beredtsamkcit daselbst gewann er einen allgemeinen Ruf. Valentinian übertrug ihm die Erziehung seines Sohns Eratian und ernannte ihn nachher zum Quästor und Präfectus Prätorio. Als Gratian den Thron bestiegen, bezeigte er sich nicht minder dankbar gegen seinen Lehrer, den er um 379 zum Konsul in Gallien machte. Nach dem Tode Eratian's lebte A. auf einem Landgute bei Burdegala seinen Freunden, den Wissenschaften und ländlichen Freuden und starb um 392. Einige haben behauptet, daß er Heide gewesen sei; dies läßt sich jedoch mit seiner Stellung zu den Kaisern Valentinian und Eratian nicht vereinigen. Man hat von ihm Epigramme, deren Echtheit aber sehr in Zweifel gezogen wird; Eklogen, größtenthcils Übersetzungen aus dem Griechischen; Briefe in Versen; 20 sogenannte Idyllen, unter denen die „SlossUu" überschriebene, der didaktischen oder beschreibenden Dichtkunst ungehörig, die berühmteste, der „Oento imptislis" der Schlüpfrigkeithalber die berüchtigtste ist, und andere Dichtungen; außerdem einen inProsavcrfaßtcn, schwülstigen und mit den niedrigsten Schmeicheleien angefüllten „ksneg^ricus" auf den Kaiser Gratian. Die vorzüglichsten Ausgaben sind vonZos. Scaligcr (Leyd. 1575), Tollius (Amst. 1669 und 1671) und Souchay (Par. 1730,3.). Die„5loseIIa" ist besonders, mit deutscher metrischer Übersetzung, herausgcgebcn von Troß (Hamm 1821 und 1823) und Böcking lBerl. 1828). Eine franz. Übersetzung sämmtlicher Werke erschien von Zaubert (Par. 1769). Auspicien, s. Augurn. Aussatz und I-epr-r gehören zu den Ausdrücken, mit denen man in der Pathologie den größten MiSbrauch getrieben hat. War und ist cs an und für sich schon schwierig, genau an- zugcben, was die Griechen mit ihrer I-epr» bezeichneten, so mußte der blumenreiche Stil der Orientalen noch mehr Misdeutungen erleiden, die Verwirrung aber jedenfalls aufs höchste steigen, als man im Mittelalter den Ausdruck I-epr» zum Collectivnamen für sämmtliche entstellende und ansteckende chronische Hautkrankheiten, welche früher wie damals beobachtet wurden, erhob und als synonym mit dem nicht weniger vieldeutigen Ausdruck Aussatz (weil die Kranken von der menschlichen Gesellschaft ausgesetzt wurden) gebrauchte. So entstand ein Gemisch von gricch., arab-, oriental, und abcndländ. Ansichten und Beobachtungen, dessen Sichtung bis jetzt vergebens versucht ist und wahrscheinlich niemals gelingen wird. Das Höchste, wozu man gelangte, war die Trennung in O>epr» der Hebräer, der Araber und der Griechen, in morgenländ. und. abcndländ. Aussatz, welche aber häufig so willkürlich vorgenommen wurde, daß an eine Übereinstimmung der Ansichten nicht zu denken ist. Allen Beschreibungen, so minutiös man auch dabei zu Werke ging, sieht man es an, Conv.-Lex. Neunte Ausl. 1. 42 058 Aussah daß sie nicht aus einer Untersuchung hervorgingen, deren Zweck eine genauere Erforschung des Krankheitsprocesses war; vielmehr bestand ihr Ziel fast nur darin, jedes nur irgend verdächtige Zeichen aufzufindcn, nicht um den Kranken zu heilen, sondern so zeitig als möglich als Sondersiechen von der menschlichen Gesellschaft abzusondern und für bürgerlich todi zu erklären. Nur die sogenannten Vormäler oder Vorboten des Aussatzes fesselten daher die Aufmerksamkeit des Arztes, und sie wurden in der That mit „übergroßer Treue verzeichnet, während die ausgebildete Krankheit, deren Anblick selbst die Arzte möglichst vermieden, als reines Phantasiegemälde, mit möglichst Schrecken erregenden Farben geschildert ward. Eine Berichtigung des Gemäldes war nicht möglich, da die Krankheitsverhältnisse, als die Ärzte nach dem Wiederaufblühen der Wissenschaften dazu wirklich fähig waren, bereits eine ganz andere Gestalt angenommen hatten und nach der herrschenden Ansicht der wahre Aussatz sogar ganz abhanden gekommen war. So ist denn die Lehre vom Aussatze ganz der Conjccturalkritik anheimgefallen, und statt der Gewißheit müssen wir uns mit Vermuthungen begnügen. Das Wahrscheinlichste dürste indessen Folgendes sein. Die Ausdrücke illepm und Aussatz umfaßten sämmtliche Äußerungen dyskrasischer Krankheitsprocesse auf der Haut, und so mußte sich auch das mit den Dyskrasien verbundene Contagium vorzugsweise und in seiner ganzen Stärke manifestiren, da die endemischen Verhältnisse des Südens im Alterthume wie noch in der Gegenwart die Ablagerungen krankhaft gebildeter Stoffe auf die Haut, wodurch der innere Körper von ihnen befreit wird, vorzugsweise begünstigen, sodaß man vielleicht gar keine andern Formen jener Dyskrasien in diesen Ländern auffindet als die Hautformen, was die meisten Geschichtsforscher dermaßen irregeführt hat, daß sie das Vorhandensein jener Dyskrasien im Alterthum ganz leugneten. Namentlich ist dies mit den Skrofeln und der den Dyskrasien sehr nahestehenden Lustseuche der Fall, und doch stellte damals wie jetzt die Skrofulosis die verbreitetste Dyskrasie unter allen dar und bildete somit auch die gewöhnlichste Grundlage der dyskrasischcn Krankheitsprocesse. Halten wir dies fest, so dürfte es uns bald gelingen, in das Chaos des Aussatzes einiges Licht zu bringen, zumal wenn wir uns erinnern, daß die Äusscheidung materieller Krankheitsstoffe auf der Haut vorzugsweise und durch die in ihr in großer Zahl befindlichen Hautdrüsen erfolgt. In den heißen aber trockenen Ländern des Orients ist schon im gesunden Zustande die Ausscheidungsthätigkeit der Hautdrüsen am kräftigsten, die krankhaften Prodncte werden vollständig auf die äußere Hautfläche getrieben und in Form trockener Schorfen daselbst abgelagert; daher ist hier die Grundform des Aussatzes, als deren ausgebildetlles Genus man den weißen Aussatz (Lui-us, Llorpllaes. alb») betrachten kann, die vorherrschende, wie sie besonders von Moses geschildert wird. Die Con- tagiumbildung hielt hiermit gleichen Schritt, aber sie war nur an Extensität ausgezeichnet, nicht an Intensität, ihr Product war flüchtiger Natur. In den feuchten Niederungen Ägyptens gelang die Ausstoßung nicht vollständig, sie konnte nur durch den Verschwärungsproceß vermittelt werden, der sich selbst auf die Schleimhäute erstreckte und als Tuberkelform mit Hypertrophie des Zellgewebes einherschritt; daher erklären sich die ägyptischen Geschwüre und Beulen und die übereinstimmenden Angaben, daß Ägypten das Vaterland der ausge- bildctsten Form der Elephanti asis (s. d.) oder des knolligen Aussatz es sei, dessen Contagiumbildung nur langsam erfolgte und ein fixes Product lieferte, dafür aber auch einer weitern Verbreitung fähig war, wie die Übertragung nach Italien unter Pompejus zeigt Unter dem heitern Himmel Griechenlands finden wir zwar die Neigung zur Ausscheidung der krankhaften Producte noch vorherrschend, allein das Product selbst wird nur in geringer Menge gebildet, da überhaupt Dyskrasien dort keine tiefe Wurzel schlagen, und so erscheinen die dyskrasischcn Haulausschläge unter Papelbildung besonders als Schuppenformen, wie die eigentliche von den griech. Ärzten auch überall beschrieben wird. Italien theilte zwar im Ganzen das Klima Griechenlands, aber in den Sumpfstrecken näherte es sich mehr dem Unterägyptens; daher wird das krankhafte Product auch hier nur unvollkommen ausgeschieden, die dyskrasischcn Hautausschläge treten als Pustel und zur Verschwärung nei gende Tuberkeln (lUeutaKra, Ltc-ptiantissis) auf und Lymphdrüsenskrofeln sind gekannter '> in den höher gelegenen trockenen Theilen Italiens sowie im übrigen Südeuropa, welche Über Aussatzhäuser Ausschuß 659 gangsstellcn zwischen Süden und Norden bilden, zeigte sich ein Gemisch der verschiedenen Formen, woraus sich auch die Unbestimmtheit in der Beschreibung der Grundformen des Aussatzes erklärt. Über die Verhältnisse im Norden ist aus jenen Zeiten wenig bekannt, wahrscheinlich finden sich aber die noch jetzt bestehenden wenigstens an den Küstenstrichen, wo noch gegenwärtig die läetrasa in Island, die Radesyge (s. d.) in Schweden und Norwegen, die Krimsche Krankheit in der Krim als Aussaßformen betrachtet werden. In den feuchten dumpfen Thälern des südlichen Deutschlands und Tirols, sowie in den waldigsten Niederungen kam cs bei der fast gänzlichen Unthätigkeit der Haut selten oder nie zur Ausstoßung der Krankheitsproducte durch sie; die Skrofulosis zerstörte die innern Theile und trat besonders in Form der Rhachitis und des Kretinismus auf, nur die Hautdrüsen des Kopfs scheinen für die der übrigen Haut zu reagiren, und der Weichselzopf, welcher von Ungarn bis Liefland seinen Sitz hatte, gesellte sich zu den Entstellungen des Knochensystems. Im Mittelalter begünstigten viele Verhältnisse die Entstehung wie Verbreitung der dyskrasischen Hautkrankheiten in Europa, wohin auch die Kreuzzüge gehörten; aber eingeführt „wurde der Aussatz durch dieselben nicht, wie so Viele behaupten, er fand sich längst vor. Überall schritt er mit torpidem Charakter einher, bis zu Ende des I S.Jahrh. eine epidemische, exanthematische Constitution auftrat, die chronischen oder Grindsormen in acute oder Pustelformen umwandelte und so fast überall der Heilung zuführte, sodaß nur noch Spuren des Aussatzes übrigblieben. Die Lustseuche hat ihn weder verdrängt noch sich aus ihm entwickelt, wie man irrigerweise geglaubt hat. Beiträge zur ärztlichen Geschichte des Aussatzes liefert Hensler, „Vom abendländischen Aussatze im Mittelalter" (Hamb. 1700). Auch Thiere und Pflanzen leiden an Aussatz; bei den Schweinen hat man die Finnen, bei den Bäumen die Flechten so genannt.— DerAussatz der Kleiderin dem Alten Testament bezeichnet Stockflecke, Schimmelbildungen u. s. w-, wie sie als Signakeln im Mittelalter häufig vorkamen, derAussatz derHäuserist salpetriger Mauerfraß. Aussatzhäuser, Leproserien oder Malanterien nannte man im Mittelalter die zur Aufnahme der Aussätzigen bestimmten Hospitäler, mit deren Erbauung und Einrichtung der fromme Glaube einen nicht unbedeutenden Luxus trieb, wie denn Frankreich im 13. Jahrh. allein 2000 solcher Gebäude zählte. Ausschnitt eines Kreises oder Srctor heißt in der Geometrie derjenige Theil einer Kreisfläche, der durch zwei Halbmesser (Radien) und einen Bogen oder Theil des Ümfangs (der Peripherie) eingeschlossen wird. Ausschuß. Während der gewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Ausdrucke in der Regel Das bezeichnet, was als nicht oder minder tauglich von dem Normalen abgesondert oder ausgeschossen wird, z. B. schadhafte Papierbogen, fleckiges Porzellan, schlechtes Geld, so kommt dasselbe Wort im corporativen Leben der Auswahl der Tüchtigsten, der zu einem besonder» Geschäfte Erlesenen, der Repräsentanten und der Vorsteher der Gesellschaft zu. Förmliche Behörden werden damit bezeichnet, wiewol nur solche, welche auf Wahl beruhen. Ganz besondere Bedeutung aberhaben die Ausschüsse der deutschen Landstände. Nur im Namen liegt hier die Eigenthümlichkeit, sobald cs sich blos um die Deputationen, Commissionen und Comite's handelt, wie sie auch in England und Frankreich Vorkommen, die aber in Deutschland häufig in Erinnerung älterer Institute Ausschüsse genannt werden. Aber eine andere Bedeutung hat die Sache, wenn man an solche Deputationen denkt, die nicht blos den Standen Vorarbeiten, sondern dieselben vertreten und eigene Rechte ausüben sollen. Dieses Institut war besonders in dem ältern deutschen Ständewesen wichtig, wo die ursprünglich nur auf Zeit gewählten Ausschüsse, die man zur Vereinfachung und Abkürzung, der Verhandlungen zu benutzen schon durch die große Zahl der damaligen Ständemitglieder veranlaßt war, allmälig stehend wurden, eigene Gewalten, gewissermaßen Kammern mit Curiatstimme darstellten und meist die erfahrensten und einflußreichsten Ständemitglicdcr in sich vereinigten. Sie gehörten in jenes damalige System, das, ganz im Widerspruch zu dem neuern franz., aber wol in dem Geiste des engl., Regierung und Stände zu verschmelzen und die Stände auch bei der Verwaltung zu betheiligen suchte. Sie bildeten den großen Staatsrath des Fürsten und des Landes; in ihrer Mitte saßen seine ersten Räche, wenn sie 42 * 660 Anßenwerke Aussetzung Stände waren und Vertrauen gewannen, gleich wie Mitglieder der Ausschüsse verfassungsmäßigen Anthcil an den großen Landescollegicn und Gerichtshöfen nahmen. Sic waren die Richter und Hüter der Verfassung, und mit welcher Mannhaftigkeit und Ausdauer namentlich der ständische Ausschuß in Würtcmbcrg diesem Berufe gelebt hat, ist bekannt. ES soll aber auch nicht geleugnet werden, daß sie in den Zeiten politischer Trägheil und bei dem Mangel der Öffentlichkeit und des Einflusses öffentlicher Meinung entarteten und zur Ertödtung des ganzen ständischen Wesens beitrugen. Häufig ging auf sic dieHaupt- stimme der ständischen Wirksamkeit über und die Negierungen begünstigten das, weil sie den kleinern Kreis leichter zu gewinnen hofften als den größern; ihre Stellen wurden lebenslänglich; sie machten sich zu Führern und Vormündern ihrer Kommittenten; sie traten wo! , auch ganz an deren Stellen, sodaß fortan nur noch die Ausschüsse versammelt wurden, wo i es dann den Negierungen leicht ward, dem ganzen Institute den Halt zu nehmen und cs zu einer bloßen Formalität zu machen oder ganz bei Seite zu legen. In einigen neuern deutschen Verfassungen hat man das Institut des Ausschusses, als einer in der Zwischenzeit von Landtag zu Landtag wirrenden und für bestimmte Geschäfte, hauptsächlich aber um in jedem Falle, wo es nöthig sein möchte, die Rechte der Stände zu wahren, niedcrgesetzten Deputation begründet, oder mit Modifikationen der altern Einrichtung beibehalten, z. B. in Würtemberg, Kurhcssen, den sächsischen Herzogthümern, Braunschweig und anderwärts. In einigen bestehen die Ausschüsse noch in alter Weise, z. B. in den östr. Provinzen, in Mecklenburg u. s. w. Außenwerke heißen alle Werke einer Festung, die außerhalb des Hauptwalls dies- oder jenseit des Hauptgrabcns liegen. Sie haben den Zweck, den Angriff auf den Hauptwall aufzuhalten, die Schüsse gegen denselben aufzufangen und ihm Seitenverthcidigung zu geben. Alle Außenwcrke müssen daher so eingerichtet sein, l) daß sie der Feind angreifen muß, che er zum Hauptwalle gelangt, 2) daß sie dem Hauptwall Seitenverthcidigung geben, 3) daß sie den außerhalb des Glacis errichteten Batterien des Feindes alle Stellen f der Futtermauer des Hauptwalls vollkommen verdecken und 4) daß sie vom Hauptwall aus cingesehen werden. Meist, jedoch nicht immer, sind sie einige Fuß niedriger als der Hauptwall. Die gewöhnlichsten Außcnwerkc sind: I) Die Erabenschere (Grabentenaille), die im Graben zwischen zwei Bastionen vor der Courtine-liegt und gewöhnlich die Form eines eingehenden Winkels hat. 2) Das R av e l i n (s. d.). Neben ihm liegen zuweilen die 3) Lünetten oder Brillcn (s. d.). 4) Die Contregardcn (cvuvrelaces) liegen zur Deckung der Boll- werksfaccn zuweilen in Form eines ausgehenden Winkels vor dem Bollwerke. Jenseit des Hauptgrabens, jedoch durch ihren Graben mit ihm verbunden, liegen zur Festhaltung irgend eines wichtigen Punktes 5) die Hornwerke, die aus zwei halben mit einer Courtine verbundenen Bastionen bestehen, die wieder durch zwei Flügel, d. h. Wälle mit Gräben, an der Festung hängen. 6) Die Kronwerke, wo statt zwei halber eine ganze und zwei halbe Bastionen angelegt sind. 7) Die Scheren oder Tenaillcn, bestehend aus einem eingehenden Winkel, der durch Flügel an der Festung hängt. Sind zwei eingehende Winkel vorhanden, so heißt das Werk 8) eine doppelte Schere. Sind die Flügel nicht parallel, sondern hinten enger zusammengezogcn, so heißt die Schere mit zwei vorspringenden Spitzen ll) ein Schwal- benschwanz, mit drei Spitzen aber 10) eine Bischofsmütze (bounet ü pretrs). Alle außerhalb > dcsHauptwalles befindliche Werke, sowie die Waffenplätze des Bedeckten Wegs können eines « Reduits nicht entbehren, das der Besatzung zum Rückzüge dient und vielleicht ^u Wicder- eroberung des verlorenen Werks Gelegenheit gibt; es ist von mancherlei Gestalt, allezeit sturmfrei, bisweilen bombenftci (Blockhaus oder Caponier). Schanzen, welche noch vor dem Gedeckten Wege liegen, heißen vorgelegte oder Vorwerke. Man findet sie gewöhnlich als Flechen oder Lünetten am Fuße des Glacis, wol hinter einem Vorgraben oder noch weiter von der Festung entfernt, wo sie gewöhnlich die Namen detachirter Forts tragen. Aussetzung der Kinder war und ist bei vielen Völkern durch das Gesetz oder doch durch die Sitte gestattet. Der Grund davon ist darin zu suchen, daß der Mensch noch nicht in seiner persönlichen Würde, die Ehe noch nicht in ihrem wahren Wesen als eine > sittliche Gemeinschaft anerkannt wird, wenn auch die nächsten Ursachen in Übervölkerung, , in Armnth, Geiz, Gefühllosigkeit, Furcht vor Schande oder in religiösen und politischen ^ Aussetzung 061 Vorurtheilen liegen. Unter den Völkern des Alterthums sind cs nur die Juden, die Ägypter, die Thebancr und die Germanen, bei welchen das Aussehen der Kinder verboten oder nicht Sitte war; dagegen findet sich solche seit den ältesten Zeiten bei den Chinesen, Japanern, Hindus, Griechen, Römern und andern Völkern. Die hohe Bildung und der sonst milde Sinn der Griechen schützte nicht vor der barbarischen Sitte des Aussehens. Bei den Spartanern, welche den Menschen nur um des Staats willen achteten, wurden die Neugeborenen von obrigkeitlichen Personen untersucht und nur die als lebenskräftig anerkannten in die Liste der Bürger eingetragen; die schwächlichen und krüppclhaften dagegen mußten in einen Abgrund bei dem Berge Taygctos geworfen werden, was indcß bei der naturgemäßen Erziehung und den über Verheiratung bestehenden Gesetzen wol nicht oft vorgekommen sein mag. Bei den Söhnen der Könige scheinen überdies Ausnahmen gemacht worden zu sein. Gleiche Sitte, wie in Sparta, fand sich auch bei den Doriern aufKreta. In Athen wurde die vor Solon fast unbeschränkte väterliche Gewalt später in engere Grenzen eingeschlossen, und das Aussehen neugeborener Kinder scheint nur in wenigen Fällen erlaubt gewesen zu sein; in den Zeiten des Sittenverfallsund der Üppigkeit wurde cs aber durch Mißbrauch der väterlichen Gewalt häufiger. Jndeß wurden die Kinder nicht inuner in der Absicht ausgesetzt, daß sic umkommen sollten, sondern man legte sie häufig an besuchte Orte und gab ihnen auch wol irgend eine Sache von Werth mit, theils um dadurch Andere zur Aufnahme desto leichter zu bewegen, theils um sie daran später vielleicht wiedcrzuerkennen. Auch bei den ital. Äölkern scheint das Aussehen gewöhnlich gewesen zu sein, wie sich schon aus der Geschichte des Nomulus und Nemus ergibt; bei den Römern war es durch das „Zwölftafelgcsctz nur in gewissen Fällen erlaubt, wurde aber durch die später cinreißende Üppigkeit immer häufiger. Wie bei den Athenern, so wurde auch bei den Römern das neugeborene Kind vor dem Vater niedergelegt. Nahm dieser es auf, so erkannte er es dadurch als sei» Kind an und verpflichtete sich zur Erziehung desselben; nahm er cs aber nicht auf, so wurde es aus- l gesetzt, entweder an unbesuchten oder besuchten Orten, im letztem Falle häufig auf dem Ge- müsemarktc in der elften Region der Stadt, auch wol vor der Thüre kinderloser Leute. Bekanntlich spielen bei Griechen und Römern ausgcsctzte Kinder nicht nur in Dramen, sondern auch in der Hcroengeschichte eine wichtige Nolle, und selbst Philosophen wie Platon und Aristoteles halten die Aussetzung für erlaubt. Auch bei den alten Kelten, Skandinaviern, den slawischen Völkerschaften bis zur Annahme des Christcnthums war das Aussehen »erstattet, und ebenso findet cs sich nach den Berichten glaubwürdiger Reisenden seit den ältesten Zeiten und bis auf den heutigen Tag bei vielen heidnischen Völkern. In China werden jährlich Tausende von Kindern getödtct oder ausgesetzt, ebenso in Ostindien und Japan. Auf Madagaskar sollen alle an einem Dienstage, Donnerstage oder Sonnabende, im April oder wenn ein »»glückbringender Planet herrscht, geborene Kinder ausgesetzt werden. Den Mohammedanern verbietet zwar ihre Religion das Aussetzen der Kinder; dagegen hat aber die Vielweiberei und Verweichlichung Kindermvrd häufig in ihrem Gefolge. Erst das Christenthum, welches die persönliche Würde des Menschen anerkennt, dem weiblichen Geschleckte dieselben Menschenrechte wie dem männlichen einräumt und die Ehe für eine sittliche Gemeinschaft erklärt, trat der barbarischen Sitte des Aussehens kräftig entgegen. Die j Kirchenväter eifern nachdrücklich dagegen und sehen das Aussehen für ebenso strafbar an i als den Mord der Kinder. Da aber das Aussehen bei den Heiden nicht sogleich verhindert l werden konnte, so wurde hier und da verordnet, die Kinder wenigstens vor den Kirchen- gcbäuden auszusehcn, und zu diesem Zwecke war gewöhnlich vor den Kirchthürcn ein weites Becken angebracht. Das erste ausdrückliche Verbot des Aussehens scheint in die Regierung der Kaiser Valentinian, Valens und Gratian zu fallen, obgleich schon seit Konstantin dem Großen mehre Verordnungen dem Aussehen indircct cntgcgengewirkt hatten. Justinian I. erklärte endlich auch die ausgesetzten und von Fremden aufgenommencn und erzogenen Kinder für völlig frei, während dieselben bisher immer noch als Sklaven betrachtet werden konnten und meist ein sehr trauriges Loos hatten. Von nun an wurde die Ansicht mehr und l mehr herrschend, daß das -Aussehen der Kinder ein Verbrechen und wie durch Kirchenbuße, so auch von der weltlichen Obrigkeit zu strafen sei. Dennoch ist in manchen christlichen 662 Ausspielgeschäft Ausstellung Staaten das Aussehen gewissermaßen noch immer erlaubt, jedoch in milderer Form, insofern es nämlich den Altern »erstattet ist, ihre Kinder Findelhäusern (s. d.) zu übergeben. Vgl. Kröger, „Archiv für Waisen- und Armenerziehung" (2 Bdchen., Hamb. 1825—28). Ausspielgeschäft. In rechtlicher Hinsicht beruht das Ausspielgeschäft der Regel nach auf zwei Verträgen, dem eigentlichen Spielvertrage und einem diesem vorhergehenden, wodurch der bisherige Eigenthümer einer Sache sich verbindlich macht, dieselbe Dem, der in dem Spiele Sieger sein wird, abzuliefern. Nur in dem Falle, wenn bereits alle am Spiele Theilnehmenden ein gemeinschaftliches Eigenthumsrccht an der Sache haben, würde der letztere Vertrag wegfallen. Gerade dieser Vertrag ist es aber, welcher die verschiedenartigste Beurtheilung erfahren hat, und gleichwol einen um so wichtigem Punkt der Gesetzgebung bildet, je öfter in neuern Zeiten die Form des Glückspiels angewendet worden ist, um sich des Eigenthums solcher Dinge gegen baareS Geld zu entledigen, die nur schwer oder mit größcrm Verluste umzusetzen sind. Schon Grolman in seinem „Versuch einer Entwickelung der rechtlichen Natur des Ausspiclgeschäfts" (Gieß. 1797) hat darauf aufmerksam gemacht, daß zwei verschiedene Interessen hier Vorkommen können, das Verhältnis! des Aus- spielgeschäfts zum Staate, also die Bedingungen, unter welchen das Geschäft nach allgemeinen Ansichten und positiven Gesetzen zulässig und rechtsgültig sei, und das Verhält- niß der einzelnen dabei Betheiligten, also das des Unternehmers zu den Theilnehmern, zu den Bevollmächtigten (Collecteurs) und zu dem Gewinner und umgekehrt, sowie das des Letztem zur ausgespielten Sache. Was das erstcre Interesse anlangt, das des Staats, so waltet hier die Rücksicht aus die Wichtigkeit des Übergangs des Eigenthums, vorzüglich sobald dieses großen Werth hat und in Grundstücken besteht, und auf das Bedenken vor, daß die Hoffnung auf ein großes Glück bei geringer Aufopferung eine Menge Menschen verleiten kann, der Gewinnsucht Anderer unwissend zu fröhnen. Daher ist in den meisten deutschen Staaten, in Preußen, Baiern, Würtemberg, Baden und anderwärts, die Einholung der Staatserlaubniß dazu nöthig; in manchen, wie in Sachsen, ist es im Allgemeinen ganz verboten, und nur in gewissen Fällen das Ausspielen von Mobilien mit Genehmhaltung der Ortspoliceibehörde gestattet. Die privatrechtliche Seite des Ausspiclgeschäfts aber hat verschiedene Beurtheilung erfahren; am umfassendsten verbreitet sich darüber Lange in seiner „Rechtstheorie von dem Ausspielgeschäfte" (Erlang. 1818). Er nimmt an, daß das Außspiclgeschäft dem Hoffmmgskaufe am nächsten komme, und daß der Vertrag zwischen dem Unternehmer und den Mitspielern erst, wenn das Ausspielgeschäft wirklich vor sich geht und irgend einer der Theilnehmer nach den Gesehen des Spiels gewinnt, zur Vollendung gelange, daß folglich von diesem Zeitpunkte eine Verfügung über die Sache zu einem andern Zwecke nur mit Einverständnis sämmtlicher Theilnehmer geschehen dürfe und bis zur Entscheidung des Gewinns weder für die Theilnehmer, welche zu gemeinschaftlicher Hoffnung berechtigt sind, ein Recht, die Übergabe der Sache zu fodem, entsteht, noch das Eigen- thum mit seinen Nutzungen wie mit seinen Verbindlichkeiten auf sie übergeht, daß vielmehr, wenn aus irgend einem Grunde das Ausspielen nicht erfolgt, der Vertrag als aufgelöst zu betrachten ist. Nach andern Rechtslehrern, z. B. Mittermaier, ist das Ausspielgc- schäft vielmehr nach den Grundsätzen vom Kaufe zu beurtheilen. Ausstattung, s. Aussteuer. Ausstellung wird die öffentliche Auf- und Zusammenstellung der in einem Lande oder Landesthcile von Zeit zu Zeit hervorgebrachten Gegenstände der Kunst und des Gewerb- fleißes genannt. Da die Industrie dem täglichen Bedürfnisse zugänglicher ist, so hört man öfter von Kunstausstellungen svrechen, bei deren Begründung mehrerlei Absichten thätig sein mochten. Man sah ein, daß, um der Kunst einen höhern Aufschwung zu geben, man die in der Stille der Ateliers geschaffenen Kunstwerke der größer« Menge zugänglich machen müsse, man wollte den Schöpfungen der Künstler einen größern Absatz verschaffen; auch hatte man wol ideellere Zwecke dabei im Auge, man wollte unter den Künstlern selbst den Geist deS Wetteifers erwecken und sie durch das Urthcil der Verständigen aufmuntern und zum Streben nach Vervollkommnung fortdauernd anregen. Weniger leitete wol anfangs die in weiterer Aussicht stehende Hoffnung, daß man so den Geschmack des besonders im Norden mit Farben- und Formensinne nur mittelmäßig ausgcstatteten Publicnms fördern, bilde», ^ Ausstellung 663 ! an Besseres gewöhnen und so allmälig eine nationale Kunst- einen nationalen Kunstge- ! fchmack herbeiführen könne. Gerade in lehtercr Hinsicht aber haben die Kunstausstellungen , entschieden günstig gewirkt; der Geschmacksinn hat sich wesentlich gebessert, man hat urtheilen und das Bessere vom Schlechtem unterscheiden gelernt, man hat diesen gereinigten Geschmack auch auf andere Gegenstände des modernen Lebens übertragen und die Hervorbringungen des Gewerbsicißes haben eine kunstgemäßere Form gewonnen. Auch kann man nicht leugnen, daß besonders zu der Zeit, als die Kunstausstellungen in intensiv höchster Blüte standen, zu Anfang der dreißiger Jahre dieses Jahrh., in Frankreich wie in Deutschland große Talentedurch sie geweckt wurden odersich vollendeten und treffliche den Moment überdauernde Werke entstanden. Aber der plötzliche Aufschwung hatte eine ebenso schnelle Erschlaffung und Enttäuschung zur Folge, und obgleich die Theilnahme an den Kunstausstellungen fortwährend extensiv in Zunahme begriffen ist, so stehen wir jetzt in Deutschland, die von königlicher Gunst gepflegten mehr monumentalen und nicht transportablen Kunstleistungen in München abgerechnet, ziemlich auf demselbenStandpunktederKunst, vonwo aus der Anlauf genommen wurde. Ähnliche Klagen werden auch in Frankreich und in England laut. Die historische Malerei, die ohnehin größeres Talent und größern Aufwand an Zeitund Geldopfcrn verlangt, ist immer mehr von den flüchtigem und käuflichem Ephemeren der gangbarer» und leichter verständlichen Genremalerei verdrängt worden, zu welcher nur die wenigsten Künstler den erfoderlichen Fonds von Humorund Naturkraft besitzen ^sentimentale, glänzende Toilettenstücke werden beifälliger ausgenommen als Gemälde, denen der Stempeleines ernsten, strengen und großen Talents und Strcbens aufgedrückt ist u. s. w. Rühmend ist noch hervorzuheben, daß mit den Kunstausstellungen zugleich das Bestehen der so wohlthätigen Kunstvereine (s. d.) eng verflochten ist, die wiederum auf die Fortbildung der Kupferstechkunst den günstigsten Einfluß haben, und daß die Ausstellungen jetzt das Transportmittel geworden sind, durch welche nicht blos die verschiedenen Gegenden und Städte des deutschen Vaterlandes, , sondern auch Belgien, Frankreich und Deutschland und umgekehrt ihre Kunftschöpfungcn zur gegenseitigen Kenntniß bringen. Am berühmtesten sind in Deutschland die Kunstausstellungen in Berlin, die vorzugsweise die Blüte der düsseldorfer Kunst zur Folge hatten, die Ausstellungen zu Dresden und zu Leipzig, wo ein lebendiger Verkehr der verschiedenen deutschen Schulen, ja selbst der franz. und belg. Kunst wahrgenommen wird, die zu Wien in den Sälen des Polytechnischen Instituts, die zu Prag, diedcsAlbrecht-DürervereinsinNürnberg u. s. w. München hat eine fortwährende Kunstausstellung. Die westlich von der Elbe gele- legenen Kunstvereine zu Münster, Halbcrstadt, Hannover, Magdeburg, Halle und Braunschweig sind zur abwechselnden Ausstellung von Kunstwerken in den betreffenden Städten verbunden, ebenso die rheinischen Städte Mainz, Darmstadt, Manheim, Karlsruhe und Strasburg, von denen jene im 1.1841 eine Summe von 2" 800 Thlr., diese von 16948 Fl. auf den Ankauf von Gemälden verwenden konnten, und dann die Städte Danzig, Königsberg, Stettin, Breslau und Posen. Gleichwie im Norden Deutschlands verschiedene Vereine, so veranstalten auch in der Schwei; die zürichcr Kunstgescllschaft und der deiner und baseler Kunstverein Kunstausstellungen. In Brüssel findet eine Nationalkuustausstellung statt; berühmt ist die zu Paris in den Sälen des Louvre, die aber nicht blos im Wcrthe der ausgestellten 1 Kunstwerke, sondern auch ihrer Zahl nach gesunken ist, indem im I. >801 derKatalog 3050 Nummern, 1833 sogar 3318 Nummern, dagegen 1842 nur 2121 zur Anzeige brachte. Außerdem haben noch viele Provinzialstädte Frankreichs Kunstausstellungen, wie Nantes, Grenoble, Lyon, Besancon; doch können diese Provinzialaussiellungen nicht gedeihen, sondern sinken vielmehr tiefer und tiefer, da auch in dieser wie in jeder andern Hinsicht Paris Alles verschlingt und an sich reißt. In London ist, außer der Ausstellung des Britischen Instituts, l noch die größere der Königlichen Akademie zu erwähnen, welche 1842 zum 4 7. Male stattfand, i und die der Gesellschaft der Aquarellmaler. Selbst in Italien, besonders zu Rom, blühen die Ausstellungen oder fangen an zu blühen. Hieran schließt sich die Ausstellung von Kupferstichen und Nadirungen in historischer Überschau, welche der Kunstvercin zu Leipzig seit 1841 verrustaltet hat, sowie die Ausstellung typographischer Leistungen im I. 1840 und die in Folge der Versammlung der Architekten in Leipzig veranlaßtc Ausstellung. Unter den In- dustricausstellungen nehmen die von Zeit zu Zeit in Paris und Brüssel, ferner die in 664 Aussteuer Austerlitz Nürnberg und Prag stattfindcndcn den ersten Rang ein. Die sächs. Industrie wird in den aller zwei bis drei Jahre in Dresden und Leipzig stattfindcndcn Ausstellungen repräsentirt. Die Idee einer allgemeinen deutschen Industrieausstellung ward zuerst 1842 in Mainz in Ausführung gebracht. Auch gibt es an verschiedenen Orten Blumen- und Fruchtausstellungen, z. B. in Dresden; auch Ausstellungen von besondern Gegenständen der Industrie. Aussteuer oder Ausstattung heißt im Allgemeinen Dasjenige, was die Töchter bei ihrer Verheirathung aus dem älterlichen Vermögen erhalten. Es gelten hierüber in den deutschen Particularrcchten sehr verschiedene Bestimmungen, sowol was die Verpflichtung der Altern zur Aussteuer und die Größe derselben anlangt, als in Betreff der Anrechnung derselben bei der Erbtheilung. Hervorzuheben ist als eine besondere Art die Aussteuer der Töchter verstorbener Lehnsbesißer. Bisweilen wurde dieses Wort auch von ähnlichen Verhältnissen bei den Söhnen gebraucht, z. B. von Dem, was die in ein Kloster eintretenden Geistlichen Seiten ihrer Familie erhielten. Ausflüßen heißt in der Chemie aus einem Körper die darin befindlichen auflöslichen Theile durch Waschen mit Wasser hinwcgschaffen. Austerlitz, ein Städtchen in der fürstlich Kaunitz-Rietberg'schcn Herrschaft gleiches Namens in Mähren, zwei Meilen östlich von Brünn, mit 22Ü0 E., Schloß und Park, ist insbesondere bekannt durch die Schlacht am 2. Dec. und den Waffenstillstand am 6. Dec. 1805. Der Sieg Napoleon's bei A. vereitelte nicht nur Pitt's Plan, schon damals Frankreichs Macht durch brit.-ruff.-östr. Waffen in die Grenzen zurückzuführen, welche zehn Jahre später der pariser Friede ihr anwies, sondern er gründete auch recht eigentlich Napoleon's Continental- und Föderativst stem. Napoleon hatte nach Mack's Capital«- tion in Ulm am 17. Oct., weder durch die Östreicher bei Lambach und Mariazell noch durch die Russen bei Dürnstein aufgehalten, Wien besetzt und sich sogleich der Donaubrücke nach Mähren bemächtigt. Dadurch geschah es, daß Marschall Lannes schon am 15. das ruff. Heer unter Kutusow erreichte, der, um sich zu retten, die Nachhut von 6000 M. unter dem Fürsten Bagration aufzuopfern beschloß, denen es jedoch gelang, sich durchzuschlagen und zu dem Hauptheere zu stoßen. Nachdem Kaiser Alexander am 18. Nov. aus Berlin eingetroffen und an demselben Tage das zweite ruff. Heer unter Buxhöwden mit Kutusow sich vereinigt hatte, auch am 24. Nov. die ruff. Garden, 10006 M. stark, angelangt waren, beschlossen die beiden Kaiser, Alexander und Franz, in ihren Hauptquartieren zu Olmütz, zumal da das Heer an Lebensmitteln Mangel litt, am 2 7. Nov. aus dervortheilhaften Stellung von Olschen, 8 Meilen von A., in fünfParallelcolonnen gegen Brünn, wo Napoleon schon am 20. Nov. sein Hauptquartier genommen hatte, zu marschiren und ihm die Schlacht anzubieten. Allein die Russen verloren durch wiederholte Veränderungen in ihrem Angriffsplane mehre Tage, und Napoleon täuschte sie, indem er nicht nur Unterhandlungen anknüpfte, sondern auch, als ob er den Angriff vermeiden wollte, sich zurückzog und, um seine Stärke zu verbergen, die Truppen auf einen engen Raum zusammendrängte. Dadurch gewann er Zeit, bis zum I. Dec. das Corps unter Bernadotte und zwei Divisionen von D avoust an sich zu ziehen, woraufer sofort sein Heer, an Brünn gelehnt, zur Schlacht ordnete und den Sieg des kommenden Tags, des Jahrestags seiner Krönung, den Truppen verkündigte. Das franz. Heer, in einer Stellung, die Kutusow nicht kannte, war gegen 80000 W, stark; das Heer der Verbündeten zählte gegen 84000 M. mit 16000 Pferden, darunter 20000 M. Ostreicher. Am Morgen des 2. um 7 Uhr begann dieSchlacht. Französischerseits commandirten Murat, Davoust, Soult, Bernadotte, Lannes, Suchet, Caffarelli, Rivaud, Drouet, Vandamme, St.-Hilairc, Lcgrand u.s.w.; ausSciten der Verbündeten Kienmaycr, Doctorow, Langeron, Przybyszewski, Kollowrat, Liechtenstein, Bagration und Großfürst Konstantin. Das Ende der Schlacht war so sonderbar, daß franz. Truppen von dem rechten Flügel mit dem Rücken gegen A. gelehnt die Neste des linken Flügels der Verbündeten an- griffen und zu dem Ende von denselben Anhöhen herabkamen, von welchen herab die Verbündeten am Morgen gegen sie marschirt waren. Der linke Flügel litt besonders, als er sich über die gefrorenen Teiche bei Kobelnih und Satzschan und über einen schmalen Damm zurückzog und Napoleon das Eis mit Kartätschen einschießen ließ. In dieser Verwickelung wußte Generallieutenant Przybyszewski mit IIS Offizieren und 6000 M. das Gewehr Austern 665 strecken. Nach Kutusow's Bericht verloren die Russen 12000 M.; die Franzosen gaben den eigenen Verlust zu 4500 M., die Zahl der am 2. und 3. Dec. gemachten Gefangenen auf 20000 M. und die der genommenen Kanonen, welche größtcnthcils in dem morastigen Boden stecken geblieben waren, auf mehr als I50an. Die Östreicher hatten gegen 6000 M. an Tobten, Verwundeten und Gefangenen verloren. Schon am 3. Dec. war der Fürst Johann von Liechtenstein in Napoleon's Hauptquartier erschienen, und am 4. hatte Kaiser Franz selbst eine zweistündige Unterredung mit Napoleon bei den franz. Vorposten. Hierauf schloffen der Prinz Bcrthier und Fürst Liechtenstein am 6. einen Waffenstillstand ab, zufolge dessen die franz. Armee Ober- und Nicderöstreich, Venedig, einen Theil von Böhmen und Mähren, sowie Pcesburg besetzt hielt, das russ. Heer aber in bestimmten Fristen die östr. Staaten räumen, in Böhmen und Ungarn keiuVolksaufHebot stattfinden und kein fremdes Heer die Staaten des Hauses Ostreich betreten sollte. Überdies legte Napoleon am 7. den von seinen Truppen besetzten Ländern cimKriegssteuer von 200 Mill. Francs auf. Alexander zog nach dem Wunsche des Kaisers von Ostreich seine Armee zurück, trat jedoch nicht dem Waffenstillstände bei, sondern stellte seine Heere in Schlesien und in Niedersachsen zur Verfügung des Königs von Preußen; auch besetzten seine Truppen in Dalmatien am 4. März 1806 das von Ostreich an Frankreich abgetretene Cattaro. Der Waffenstillstand von A. lähmte alle Streitkräste der östr. Monarchie und zerriß ihre bisherigen politischen Verbindungen, sodaß der prcuß. Minister Graf von Haugwitz, welcher, um als Vermittler entscheidend aufzutrctcn, schon im Nov. zu Wien angekommen war, von Napoleon aber erst am 9. Dec. vorgelassen wurde, unter diesen veränderten Umständen, wo ihm der franz. Kaiser nur die Wahl zwischen offenem Kriege oder einer Allianz ließ, seiner Instruction ganz entgegen, den so verhängnisvollen Vertrag vom IS. Dec. abschloß, welcher Preußen aus einem Verbündeten Rußlands in einen Verbündeten Frankreichs verwandelte. Ostreich Unterzeichnete hierauf am 26. Dec. die harten Bedingungen des Friedens zuPresburg (s.d.), durch den es nicht nur einen Flächcnraum von II4I U>M. mit 2,785000 Bewohnern abtrat, sondern auch seine Verbindung mit der Schweiz und Italien und seinen Einfluß auf das Deutsche Reich verlor. So ward Napoleon's Oberherrschaft in Italien befestigt, die Abhängigkeit der Fürsten Süddeutschlands von der Politik Frankreichs entschieden und Preußen von seinem Ncutralitätssystemlosgeriffen. Austern sind Weichthiere oder Mollusken (s. d.) und bilden eine besondere Familie in der Ordnung der Akephalcn oder Kopflosen. Sie haben zwei Kaltschalen, von welchen die obere convex, die untere platt und gewöhnlich an Felsen, Steinen u. s. w. des Meeresgrundes angewachsen ist. Ihre Organisation ist ziemlich einfach; sie athmen durch Kiemen (den sogenannten Bart), haben weder sichtbare Sinnesorgane noch Kopfund eine mitweichen Rändern umschlossene Mundöffnung.Nur die weiblichen Fortpflanzungsorgane sind bekannt; da sie gewöhnlich angewachsen sind, muß man sie für Zwitter halten. Sie vermehren sich sehr schnell durch eine Art weißen Laich, in welchem unter dem Mikroskop zahllose kleine Austern erkennbar sind. Die Arten sind zahlreich, aber schwer zu unterscheiden. Die eßbare Auster Europas kömmt an den atlantischen und Nordküsten Frankreichs, im Kanal, an der Küste von Holstein, im Mittelmc-ere und Adriatischen Meere in großen Mengen vor und bildet die sogenannten Austerbänkc, deren Benutzung durch Gesetze geregelt ist. Die berühmtesten der letztem sind die in der Bai von Cancale; andere hat man zwischen 1770 — 75 an der engl. Küste dadurch begründet, daß man die an der franz. Seite gefischten Austern in kiesigen Untiefen in das Meer warf und dort mehre Jahre sich ungestört vermehren ließ. Die Austern kommen überhaupt nicht in großen Tiefen und von dem Lande entfernten Orten vor, daher ist es auch möglich geworden, ihre Zucht künstlich zu betreiben. Die flachen mit dem Meere verbundenen Teiche, in welchen dieses geschieht, heißen sowol bei Franzosen als Engländern A u st ernparke. Die richtige Bewirthschastung derselben setztmancherlei Kenntnisse voraus, wird aber in beiden Ländern wohl verstanden und ist von Gaillon im„3ourn820 ihre weitere Ausbildung erhalten hat. Das Wesentliche besteht darin, daß der verklagte Theil dem klagenden drei unparteiische Bundesglieder vorschlägt, woraus der Kläger einen zu erwählen hat, welche Wahlen bei Zögerung des dazu berechtigten Theils auf die Bundesversammlung selbst übergehen. Das oberste Gericht des erwählten Bundesgliedes muß alsdann die rechtliche Verhandlung und Entscheidung des Streits nach den bei ihm geltenden Proceß- normen im Namen und statt der Bundesversammlung vornehmen und das Erkenntnis Australasien Australien 6ü7 bekannt machen, wogegen nur eine Restitution wegen neu aufgefundener Beweismittel zu- lässig ist. Für die Vollziehung sorgt die Bundesversammlung nach der Executionsordnung vom 3. Aug. 1820. Durch die wiener Schlußakte ist dieser Austrägalgerichtsbarkeit der Bundesversammlung noch die wichtige Ausdehnung gegeben worden, daß sie auch alsdann eintreten soll, wenn Foderungcn von Privatpersonen deshalb nicht befriedigt werden können, weil die Verpflichtung, denselben Genüge zu leisten, zwischen mehren Bundesgliedern zweifelhaft oder bestritten ist. Ein Bundesbeschluß vom 19. Juni 1823 bestimmt das Verfahren bei den Austrägalgerichten naher, und zwei andere Beschlüsse vom 7. Oct. 1830 und vom 28. Febr. 1833 beziehen sich auf einzelne processualische Handlungen bei denselben. Ein einstimmiger Beschluß der Bundesversammlung in der Plenarsitzung vom 30 . Oct. 1833 setzte noch ein besonderes Schiedsgericht zur subsidiairen Entscheidung der Irrungen zwischen Negierungen und Ständen ein, wovon auch die Bundesglieder bei Streitigkeiten unter sich Gebrauch machen können. Schon sind mehre Streitigkeiten auf dem Austrägalwege entschieden worden, z. B. zwischen Darmstadt und Nassau über die Theilung mainzischcr Landesschulden, vom Oberappcllationsgericht zu München; zwischen Baden, Baiern und Hessen über ehemalige kurpfälzische Landesschulden, vom Oberappcllationsgericht zu Celle; zwischen Preußen, Baiern, Kurhessen und Frankfurt, die Sustentationsrückstände deS letzten Kurfürsten von Trier betreffend, von dem Oberappellationsgerichte zu Darmstadk; zwischen Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe über Landeshoheitsansprüche, vom Oberhofgerichte zu Manheim im I. 1838. Australasien, s. Asien. Australien, Oceania oder Polynesien bildet in einem Gesammtareal von 160000 lllM. den kleinsten der fünf Erdtheile und zerfällt in eine über den Großen Ocean weit verstreute Inselwelt und ein Festland, den Australkontinent oder Neuholland zwischen dem Indischen und Großen Weltmeere. Während der Continent im Südosten des ostindischcn Archipels zu beiden Seiten des südlichen Wendekreises noch ganz auf der Osthemisphäre liegt, dehnen sich die Gruppen der australischen Inseln am verbreitetsten auf der Westhemisphäre aus, vom 30° nördl. bis zum 50° südl. B. und von Ostindiens Nachbarschastbis zu Südamerikas Nähe. Vom Festlandc aus betrachtet, lassen sich, mit Ausnahme der unmittelbar anliegenden, die Inseln in eine innere und äußere Reihe und in die weiter zerstreut liegenden Gruppen classificiren. Zur innern australischen Reihe gehören Neuguinea, der Neubritan- nische Archipel, die Luisiadeinseln, der Salomonsarchipel, die Santa-Cruz- oder Charlotteninsel, die Neue Hebriden- oder Heiligegeistinsel, Neucaledonien, Neuseeland und Stewart; zur äußern Reihe die Pelewinseln, Karolinen, Lord-Mulgravesarchipel, die Fidji-, Schiffer- , Freundschafts- und Cooksinseln, die Gesellschaftsinseln, die Niedrige Insel und der Mendanasarchipel; entfernter und zerstreut liegen im Norden die Sandwichsinseln, östlich Sala-y-Gomez und die Osterinseln, die Kcrmader- und Chataminseln und im Süden der Auckland- und Macquariearchipel. Der Continent A. reicht vom 10° 41/ — 39° südl. B-, vom Cap-Jork bis zum Cap-Wilson und vom 132° 46/ — 173° 40/ östl. L., vom Stecp- Pvint zum Cap-Byron, innerhalb welcher äußerster Punkte sich in Gestalt eines südlich eingebogenen Ovals ein Flächeninhalt von 138000 OM. ausbreitet. Der Küstenumfang von nur 1950 M. stellt die Ufer des Continents in ziemlich einfacher Form zwischen die ungeheuren Wassermasscn des Großen und Indischen Occans, welche in folgenden Einbuchtungen eine unbedeutende Küstenglicderung versuchen. Im Norden die Torresstraße, der Golf von Carpentaria und von Cambridge, westlich die Haifisch-, Freycinet- und Geographenbucht, im Süden der Australgolf, die Spencer- und Vincentsbai und die Baßstraße, während im Osten das Meer von Neuseeland und das Korallenmeer nur geringe Busen bilden. Auf solche Weise ist die Zahl der Halbinseln auch eine beschränkte, denn nur Car- ventaria, Perron und Jork verdienen einer Erwähnung, wie denn auch die archipelagische Benachbarung in weniger reicher Entwickelung auftritt, und auf die Anführung der Mcl- ville- und Dampicrinseln im Nordwesten der Känguru-, Kings- und Furneauxinsel und Van- diemensland südlich, wie auf Howe und Norfolk im Osten sich rcduciren läßt. Die ge- ringen Räumlichkeiten der kontinentalen Theilc bekunden das Überwicgen der occanischen Natur; A. steht an der Spitze der occanischen Continente, wie Afrika die Reihe der continen- 668 Australien talen Erdtheile eröffnet; es erscheint im Bereiche der Wasserhalbe der Erde einförmig und unausgebildet, und als Gegensatz seines Antipoden Europas, wo oceanisches und contincn- tales Element zu höchster Ausbildung ineinander greifen. Die isolirte Stellung im fernen Oceane verbarg A. lange vor den Blicken der Europäer, und wenn auch die Inseln der Südsee seit Magelhaens allmälig aus ihrem Dunkel auftauchten, so konnte eine definitive Bekanntschaft mit dem Anstralftstlande doch erst mit der Begründung der Holland. Macht auf dem ostindischen Archipel erfolgen. Äon da aus und durch das östliche Verschlagen der um Afrikas Südspitze nach Ostindien segelnden Schiffe, auch vom Westen aus, wurde mit Beginn des 17. Jahrh. Neuholland von zwei Seiten, im Norden und Westen, angegriffen. Nach der Entdeckung von Neuguinea war das südliche Weiterschrcitcn der Holländer natürlich; sie entdeckten im Z. 1608 die Nordküsten Neuhollands durch das Schiff Duythen von Amboina aus. Gleich darauf führte ein Zufall den span. Seemann Torres in dieselben Gegenden, doch erst bei Eroberung von Manilla durch die Engländer im I. 1762 wurden dessen Berichte bekannt und er durch den Namen der Torresstraße geehrt. Die Holländer verfolgten ihre Entdeckungen durch Absendung der Schiffe Pcra und Arnhem im I. 1623, welche die gefundenen Nordküstcnstreckcn nach dem Generalstatthalter Indiens, Pet. Carpenter, Carpentaria nannten, ferner 1636 durch eine neue Expedition, vom Gcneralstatthalter van Diemen ausgesandt, die die gefundenen Länder Vandiemensland und Arnhcmsland taufte. Die gleichzeitige Auffindung der Westküste war mehr ein Werk des Zufalls und der Strömungen des Indischen Oceans, die 1616 das Schiff Eendracht, 1616 den Seefahrer Edel und später den Seefahrer de Witt hierhin führten, daher die Westküste Dewitts-, Eendrachts- und Edelsland heißt. Auf ähnliche Weise wurde den Holländern die Süd- küstc bekannt, indem das Schiff Lecuwin 1622 die Südwcstspitze sah und Peter Nuyts 1629 die Küste des Australgolfs im Westen befuhr, weshalb auch die Küstenstrecken Lecuwins- und Nuytsland benannt wurden. In den letzten Jahren der Statthalterschaft van Diemen's verfolgte der Holländer Abel Tasman die Entdeckungen mit rühmlichem Eifer auf mehren Fahrten; er nahm die Westküste zu größerm Theile auf, entdeckte 1632 die Insel Vandiemensland, löste den Wahn, daß A. das nördliche Ende eines großen Südpolarlandes sei und benannte die Lücke zwischen Vandiemcns- und Dewittsland Kova llal- Isnclm. Mit van Diemen's Tod imJ.I635 hörten die Erforschungen der Holländer andiesen Küsten fast ganz auf, und cs trat bis auf Cook, 1770, in den Entdeckungen A.s eine Epoche des Stillstandes ein, nur unterbrochen durch den Holländer Vlaming, 1696, und den berühmten franz. Seefahrer Dampier, 1699. Durch Cook kam, wie überhaupt die oceanische Halbe der Erde, auch A. mehr aus dem bisherigen Dunkel; 1770 betrat er das Land der Botanybai, also nun auch den Osten des Continents und nannte es Neusüdwales. Mit der Begründung der Kolonie Sydney durch den Gouverneur Philipp im J. 1788 begann eine neue Erforschungsperiode für A., im Anfang zwar mehr auf das Vordringen nach Innen, doch bald auch wieder auf die weitern Küstenverfolgungen gerichtet. Die Seefahrer Flinders, Grant und Baß zeichneten sich am Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrh. durch rastlose Thätigkeit aus, die auch durch die Namen Flinders- und Grantsland und Baßstraße verewigt worden; ebenso machte sich 1801 der Franzose Baudin verdient, den besonder» Dank aber erwarb sich der talentvolle Engländer King, dessen vier Entdeckungsreisen seit 1817 das Werk der Küstenerforschung A.s mit größter Sorgfalt fast ganz geschlossen haben. Bei dem Verfolg der allmäligen Entdeckungen sind zwar die einzelnen Küstenstriche unter bezüglichen Namen bekannt geworden; dieselben dürften aber nur thcilwcise Anerkennung und vorübergehenden Werth finden, cs erscheint daher eine naturgemäßeEinthcilung in Nord-, Süd-, West- und Ostaustralicn zweckmäßig. Nordaustralien umfaßt den tropischen Theil nördlich des Wendekreises, und Südaustralien die weitern Umgebungen des Spencer- und Vincentgolfs, wodurch der westliche Landcsthcil vom östlichen geschieden wird. Troß der geringen Kenntnisse vom Innern des Continents möchte es doch nicht zu bezweifeln lein, daß die Form des Tieflands vorherrscht und zwar in einer die Begründung einer höher» Bildung abschreckenden Natur. Man Hst bisher nur inselartig aufsteigendc Bergländcr in einförmiger Bildung mit wenig ausgedchntcn und entwickelten Stuftnländern gefunden, ebenso c! » i n si i- 3 je d> N § > ft si' L °s S lii sei B Lc w ur zu de >vi ' «e> ft da nö ft- gel bij z° sie Le denn la> liö K nv wi - M in > scs an , Ci nd m- iu- »i- rst on send nn o« ms be- md m- de- ria icn vü rö- rer i§-, üd- yt§ ken ast !fer die üd- ol- sen che be- che der »it nn en, r§, lst- rße :rn seit ein che en- »g >cn verroh eln crn !i>1- nso Australien VstU eine ungünstige und unvollkommene Gestaltung der Flüsse, da ihren Quellen wie weitern Bahnen bestimmte Abgrenzungen fast immer fehlen, und die Mündungen meist unverhält- ! nißmäßig große Busen bilden oder in Seen geschehen, die vom Meere aus schwer zugänglich ' sind. Von Nordaustralien sind nur einzelne Küsteneigenschaftcn bekannt, und zwar > zeigt sich der nordöstliche Saum des Landes hoch, von Bergzügen durchzogen (derDryander ^ 1300 F.), mit schönen Wäldern bedeckt, besser bewässert, als es die Gestade A.s sonst sind, jedoch der großen Felsriffe wegen, welche die Küste einfassen, sehr schwer zugänglich; der Norden ist dicht bewaldet und bis auf wenige Stellen eben, unfruchtbar und sehr wasserarm; der Nordwestcn endlich beginnt mit öden, nackten, auffallend geformten Sandsteinbergen, tiefen Sunden und Häfen und zahlreichen Inseln und Klippen, wird abe^ dann bald flach, sandig, sehr öde, pflanzcnarm und unwirthlich, welche Natur fast die ganze Westküste theilt. In dem südlichen Theile Wcstaustraliens begleitet die Küste in einiger Entfernung eine Reihe Bergzüge, welche, die Darlingkette genannt, vom Schwanenfluffe durchbrochen wird und östlich in ein niederes bewaldetes Plateau übergeht, das südlich mit theils steilen und felsigen Stufen, theils sanft verflachten Ebenen an die Südküste tritt. Dieselbe verwandelt ihren westlichen, öden und einförmigen Charakter inSüdaustrali en schnell; da wird das Gestade hoch, sehr zerschnitten und hafenreich, es wird von 2 —3000 F. hohen Bcrgzügcn (Lofty und Brown) begleitet und geht südöstlich bis zur Murraymündung in reiches und fruchtbares ' Land über. Der südliche Theil Ostaustraliens, Neusüdwules, ist der bekannteste, bewohnteste und wie cs scheint am vortheilhaftesten gebildete Theil des Australcontinents. ' Hier erhebt sich mit dem südlichen Cap-Wilson ein Vergland von geringer Breite und großer Abwechselung der Form, das nordwärts bis zu den Gegenden der Herveyboi zieht und bald näher bald ferner an die Küste tritt, einzelne fruchtbare Ebenen an ihr bildend, so die Ebene von Cumberland und die der Moretonbai. Den südlichsten Theil bildet das wiesenreiche, zur Viehzucht einladende, bis über 2000 F. aufsteigende Hochland der Schwar- ' zm Berge, dessen Ränder rauhere, höhere und meist mcridiangerichtcte Gebirgsketten bilden, so !m Westen die Gebirge Monaru, Warragong (bei wahrscheinlich 9—10000 F. Höhe) das höchste in A., und Argylc. Die nördliche Fortsetzung bildet das öde Hochland der Blauen Berge bis zu der von Ost nach West streichenden Liverpoolkette, an die sich nördlich die Liver- xovlebenen reihen, welche eingeschlossen werden im Westen von den Wallambanglekctten und nördlich von der Hardwickekettc. Dem östlich steil, fast ohne Übergangsform abfallenden Berglande entquellen aus oft wilden Qucrthälern hervorbrechcndeKüstenflüffe von geringer Bedeutung, wie Schoalhafen, Hawkesbury, Hunter, Hastings und Brisbane, während der Westabhang des Berglandes vorthcilhafter gebildet ist, indem sich hier ein Stufenland mit fruchtbaren und schönen Ebenen entwickelt, die zu den besten Thcilcn des ganzen Landes gehören; dahin gehören die Ebenen von Bathurst am Macquaric und von Paß am Morum- biji. Leider sind diese Ebenen von sehr beschränkter Ausdehnung, cs sind schmale Übergangs- zonen zu einem großen unwirthbaren Tieflande, das sich westlich allmälig verflacht und in steilen Rändern Plötzlich zur öden Südküste abznfallen scheint, welches, ans rothem sandigen Lehm bestehend, mit niederen Gesträuch, auch auf großen Strecken mit Salzpflanzen bewach- ^ sm ist und zur Regenzeit seinen wüsten Charakter in den unzugänglichen eines großen ^ Sumpfes verwandelt. Unzusammenhängende niedere Bergketten zeigen sich in den vcrschie- ! densten Richtungen, nur im Süden erhebt sich nahe dem Meere ein kleines isolirtes Bergland ^ mit schönen wohibewässerten Thälern, es ist die Reihe der Südgrampianbcrge. Dieses Tief- , land enthält ein Flußsystem, das von allen bekannten das unvollkommenste ist. Im nörd- j lichen Theile des Berglandes entspringt der Darling, der gleich seinen Zuflüssen Karaulc, Kindur und Macquaric, bald in großen Morästen eine bestimmte Stromrinne verliert und nur muthmaßlich als ein Nebenfluß des südlichen Hauptstroms, des Murray, bezeichnet wird. Dieser entquillt den schneercichen Warragongketten, empfängt rechts den vereinten Morumbiji und Lachlan, bildet zwar auch Sümpfe, doch nicht so bedeutende, und mündet in den seichten See Alexandrina, welcher in Umgebung eines reichen Landes, durch einen schmalen unzugänglichen Kanal mit dem Meere in Verbindung steht. Die Orographie der austral. Inseln unterscheidet hohe Urgebirgsinseln, hohe vulkanische und niedrige. Zur ersten l-lasse gehören die langgestreckten vielgezackten FelSeilande der inner» Reihe, welche sich 670 Australien durch ihr größeres Areal vor den übrigen auszeichnen, die zweite Classe zeichnet sich durch ihre kleinere abgerundete Form, durch innere kegelförmige Erhebungen und noch vorhandene mächtige thätige Vulkane, wie durch Umgebung von Riffen und niedrigen Inseln aus, wäh- cend die isolirten Gruppen oder Reihen der niedrigen Inseln in kleinem Areal zwar auch ar- rondirte Gestaltungen zeigen, aber säst durchgehends anstatt innerer Erhebungen einen Bin- nensee besitzen, der durch einen engen Kanal mit dem Meere in Verbindung steht. Beide, vulkanische und niedere Inseln, wechseln in ihrer Gruppirung miteinander ab. Das Klima A.s kann zwar im Allgemeinen als ein oceanisches bezeichnet werden, das durch Ausgleichen der Extreme eine gewisse Einförmigkeit hcrvorruft; es charakterisier sich jedoch anders bei dem Festlande, als bei den Inseln. Die größere Erweiterung der Landmasse des Australcontinents bedingt mannichfache Verschiedenheiten, wen» auch der oceanische Einfluß so mächtig ist, daß das ganze Festland in der Negenzone liegt und nur die einzelnen höher» Gebirgstheile dem veränderlichen Niederschlage überläßt. Nördlich einerLinie, welche die Westküste unterm 22" und die Ostküste unter dem 34"südl. B. schneidet, breitet sich der tropische Vegetationsgürtel aus, dessen nördliches Revier ausschließlich tropischen Charakter durch das Bestehen von nur zwei Jahreszeiten hat. Hier beginnt die Regenzeit im October und wird im Mai durch die trockene, gesundere, aber doch durch große Dürre bezeichnete Jahreszeit abgelöst; an der Ostküste aber wechseln vier Jahreszeiten miteinander. Der Frühling tritt im September ein, der Sommer im December, Herbst im März und Winter Ende des Mai; Frühling und Herbst sind durch häufige Regengüsse, Winter und Sommer durch Dürre charaktcrisirt, welche w«der durch den fallenden Thau noch durch heftige Gewittergüsse aufgehoben werden kann. Der Juli ist der kälteste, der Januar der heißeste Monat; der Sommer ist durch seine schwüle Hitze ungesund, der austral. Winter dagegen wird von den Europäern seiner angenehmen Kühle halber gepriesen und für die gesundeste Jahreszeit gehalten. Während diese Verschiedenheit der Jahreszeiten den Nordostcn in eine tropische Zone mit dem Repräsentanten der Palme, und eine südöstlichere subtropische Zone zerlegt, wo das Fortkommen eingeführter Edelfrüchte und europ.-tropischer Gctreidearten, d. i. Mais und Reis, bezeichnend ist, so gehört der südliche Theil A.s einem dritten Klimagürtel an, in welchem der Schnee zwar auch im Meeresniveau nicht auszudauern pflegt, der aber vermöge seiner occanischcn Lage eine geringere Sommertemperatur hat und durch das Gedeihen des Weinstocks und europ. Getreideartcn charaktcrisirt wird. Die geringe Abwechselung der klimatischen Verhältnisse, wie der äußern und inner« Bo- denbeschaffenheit, prägt sich in der Thier- und Pflanzenwelt, selbst in seinem Menschen wieder aus, ohne dadurch im etwaigen Mangel eigenthümlicher Formen des Besitzes eines eigenen austral. Typus beraubt zu werden, der gerade in den sonderbarsten und ausfallendsten Bildungen auftritt- Außerhalb der gesegneten Flußthäler des ostaustral. Berglandes und der tropischen Vegetation des Nordens in einzelnen mannichfacher gestalteten Revieren herrscht auf weiten Räumen Eine Thier-, Eine Pflanzenart vor und drückt den Landschaften den Stempel steppenartiger Eintönigkeit auf. Die mit einförmigem Rasen überzogenen Ebenen der Gebirge sind von einzelnen gleichartigen Bäumen beschattet und tragen bei gänzlichem Mangel an buschigem Unterholz oder krautartigen Gewächsen das Ansehen eines lichten parkähnlichen Waldes, dagegen in den unabsehbaren Tiefebenen wieder solche Wälder fehlen, und die krautartigen Gewächse und Gebüsche in einartigen Species ihre Stelle vertreten. Wie die Einförmigkeit in der Pflanzenwelt durch das Vorherrschen von nur vier Hauptfamilien hervortritt, so auch in der Thierwelt durch das entschiedene Überwiegen des Geschlechts der Beutelthiere. Auffallend für den Europäer mußten ihm in A. die Bäume enkgegentreten, deren lederartige Blätter senkrecht auf den Stengeln sitzen, die statt des Laubes ihre Rinde mit den Jahreszeiten wechseln, ferner der Mangel an eßbaren Früchten, der Reichthum an schönen, honigreichen aber dabei nicht wohlriechenden Blumen, baumartige Schilfe und mannshohe Gräser; ebenso im Thicrreiche das Zunehmen in Menge und Art mit den unvollkommener organisirten Geschöpfen, aber auch die abnormen Erscheinungen schwarzer Schwäne, weißer Adler, behaarter statt befiederter Vögel, der Schnabelthiere und Känguru u. dgl. Durch die Colonisation der Europäer Australien 071 sind auch europ. Formen eingezogen, willig von der Natur ausgenommen und schon mit großem Bortheil verbreitet. Dahin gehört die Cultur der europ. Getreide- und Kü- chcngewächse und die Einführung der früher gänzlich mangelnden Hausthiere, unter welchen das Schwein und Schaf bis jetzt am wichtigsten. Die austral. Inseln sind zwar auch arm an reichhaltigem Wechsel in den Thier- und Pflanzenarten, ihre Formen sind aber denen anderer Erdtheile ähnlich und weichen nicht so von den dort bekannten Gestaltungen ab, wie auf dem Festlande A.s, worin denn eine wesentliche Verschiedenheit mit diesem besteht, während hier wie dort, in den begünstigtem Gegenden, der oceanische Einfluß in der Üppigkeit des Pflanzenwuchses sich auf gleiche Weise ausspricht. Mit der östlichem Lage nimmt die Armuth an Thier- und Pflanzenarten zu, ebenso mit der Abnahme der Höhe der Inseln, denn auf den niedrigen Eilanden fehlen Wälder, und Cocospalme und Brotfruchtbaum bleiben noch die einzigen Verkünder eines höhern Pflanzenwuchses, während Neuguinea, Neuseeland, die Sandwich- und andere hohe Inseln Überfluß an Hochwaldungen haben (Sandelholz) und in Benachbarung des ostindischen Archipels auch noch dessen riesenförmige Üppig- keittheilen. Die auf einigen Inseln, den Marianen-, Sandwich-, Gesellschaftsinseln und zum Theil in Neuseeland eingeführtcn europ. Kulturpflanzen, wie Getreide, Wein, Edelfrüchte, Gemüse u. s. w., das Zuckerrohr und die Hausthiere gedeihen vortrefflich. Solche günstige und für die Zukunft wichtige Verhältnisse sind selbst bei entfernterer Lage von der Tropenzone, oder bei der unter andern Ümständen drückenden äquatorialen Lage, eine natürliche Folge des oceanische« Einflusses, der sich auf den Inseln in erhöhtem Maße geltend macht, in Benachbarung Ostindiens einen fast ewigen Frühling hervorruft und selbst auf Neuseeland noch tropische Pflanzenformen begünstigt und im Meeresnivcau den Schnee nicht erscheinen läßt, trotzdem daß der -17° südl. B. schon die Südspitze berührt. Die gewisse Gleichartigkeit der oceanischen Natur A.s wiederholt sich auch in seinem Bewohner, wenn auch mit der Zeit europ. Einfluß ein regeres und bewegteres Bild Hervorrufen wird, wie sich ja schon der Boden geneigt findet, europ. Formen aufzunehmen und in vor- theilhaften Aussichten zu verarbeiten. Nach einer allgemeinen Schätzung kann die Volkszahl zu 2 '/s Mill. angenommen werden, ein Verhältniß, das in Vergleich mit Europa zur Unbedeut- samkcit herabsinkt, da dieses l 18 mal dichter bevölkert erscheint, da hier nur 12—13 Menschen auf eine OM., dort 1123 zu rechnen sind. Mit Ausnahme von einem Fünftel Kaukasiern, die als europ. Kolonisten A. bewohnen, gehören die Bewohner dem malayischen Volksstamme an, den man, abgerechnet der natürlichen mehrfachen kleinern Verschiedenheiten unter sich, in zwei Hauptgruppen zerlegen muß, nämlich in die schwärzlichen Australneger oder Negritos und die Hellern, lichtbraunen Australier. Die erste Gruppe bewohnt das Festland und einige Inseln der Westhemisphäre, diezweite die weite Inselwelt der Osthemisphäre, beide aber finden sich oft auf ein und derselben Insel nebeneinander und gehen ineinander über. Die NcgritoS ähneln auf den ersten Anblick durch ihre dunkele, zuweilen schwärzliche Haut und häufiger krauses als schlichtes schwarzes Haar, den Negern; ihr Schädel- und Körperbau jedoch unterscheidet sie wesentlich von ihnen. Sie weisen mistrauisch den Fremden zurück und sind deshalb auch wenig gekannt, wiewvl ihr Charakter nicht bös, vielmehr natürlich gutmüthig zu sein scheint. Bei der Ausdehnung des Kontinents ist es natürlich, daß die Australier in verschiedene Stämme zerfallen, daß in Sprache, Religion und Bildungsgrad sich Verschiedenheiten zeigen, welche am auffallendsten hervortreten je nach den Himmelsstrichen, die sie bewohnen; die geringe Kenntniß des Landes aber läßt noch keine bestimmten Scheidungen zu, wenn man auch durch mannichfacheBeobachtungen dazu berechtigt ist, die Ostaustralier als am wenigsten roh und unzugänglich zu betrachten. Die Religionen sind echt heidnischer Natur, jedoch haben genauere Beobachtungen ergeben, daß sie ans gewissen und geregelten Vorstellungen ruhen, in denen ein guter Geist, Koyan, und ein böser, Petoyan, hervorleuchten, als beide miteinander im Kampfe liegen, und daß sogar bei dem Pricstcrthume ähnliche Institutionen bestehen, dessen Mitglieder in Ostaustralien Karrajis heißen. Die Lebensweisen der Negritos beschränken sich auf die rohesten und einfachsten Gewohnheiten. In der Tropcnzone gehen beide Geschlechter ohne alle Bekleidung, in den übrigen Landesthcilen erblickt man sie mit bloßen Leibgürtcln oder Mänteln aus Opossum, oder Kängurufellen; überall aber ist der Körper ganz bemalt und macht einen 673 Australien übstoßenden Eindruck. Polygamie ist erlaubt, scheint aber wegen Nahrungsmangel und dünn vcrtheilter Bevölkerung nicht benutzt zu werden. Von statischen Verfassungen findet sich keine Spur; die aus wenigen Familien bestehenden Stämme oder Horden schwei- fen in den Wildnissen des Innern und an den Küsten umher im Interesse der Jagd und Fischerei; alle ihre Thätigkeitsäußerungen scheinen blos auf Erhaltung des Körpers be- rechnet zu sein, daher Industrie und Kunst hier als unbekannte Worte erscheinen. Das Festsetzen und Wciterschreiten der Europäer droht den Einzelnen einen noch schnellem Un- tergang als den Indianern Amerikas; sie werden in die unwirthlichen Tiefebenen zurückgedrängt und in nicht ferner Zeit nach und nach ein Opfer ihrer Abneigung gegen die höhere Bildung des cingewanderten Colonisten werden. Anders zeigten sich bei Bekanntschaft mit den Europäern die hellfarbigen Malayen, welche je nach ihrer mehr östlichen oder westlichen Verbreitung eine mehr oder mindere Hinneigung zur mongolischen oder kaukasischen, und zwar besonders hinduschen Bildung zeigen. Hier lernte man pseudo-paradiesische Völker kennen, zutraulich, kindisch lenksam und naiv, im Besitze einer merkwürdigen und eigenthümlichen Cultur, bekannt mit Ackerbau, Industrie und Handel, dem Christcnthum und europ. Civilisation zugänglich. Wo beide Hauptgruppen auf einer Insel wohnen, erscheint der schwarze Stamm als unterwürfiger; doch auch unter den hellfarbigen Malayen fanden sich Stämme in gleicher Roheit, mit Untugenden versehen, die das Vordringen der Europäer erschwerten, und denen mancher kühne Seefahrer unterliegen niußte. Die politischen Zustände des austral. Festlandes und der nächsten Inseln sind noch in der Entwickelung begriffen, ihr gegenwärtiges Bild aber weisetschonso viel Charakteristisches, so viel Interessantes auf, daß cs keineswegs als voreilig ausgesprochen erscheinen kann, wenn man in ihrer Entfaltung eine der schönsten und segensreichsten Früchte des europ. Colonisationssystems bezeichnet. Die Geschichte der Colonien in A. beginnt äußerlich mit dem Abfalle der amerik. Colonien, besonders Virginiens, wohin seit dem Beginn des 17.Jahrh. Verbrecher deportirt wurden; innerlich aber liegt ihrKeim in dem krankhaften Zustande Europas, den es seit einem halben Jahrhundert zu vernichten strebt durch totale sittliche Reform seines ganzen Lebens, und worin England allen andern Nationen vorangeht. Der große Pitt faßte zuerst die Idee, zur Aufnahme und sittlichen Verbesserung Verur- thcilter eine besondere Colouie zu gründen, wozu von Banks die Gegend der Botanybai in Neusüdwalesausersehen wurde. Im Mai l787 segelte der zum Gouverneur bestimmte Schiffscapitain Philipp, der Sohn eines Deutschen zu Frankfurt am Main, dorthin ab, mit einer Flotte von elf Schiffen, auf der sich, außer den näthigcn Beamten, etwa 200 Seesoldaten, 776 Verbrecher und die nothwcndigenVorräthebefanden. Am26.Jan. 1788 legte Philipp den Grund zur Stadt Sydney, dem Mittelpunkt der Colonie Neusüdwales (s. Sydney und Neusüdwales) cs bedurfte aber seiner ganzen Energie und rastlosen Thätigkcit, die Besitzung zu behaupten, denn sie glich im ersten Vierkeljahrhundert nur einem Zuchthause im großartigen Stil, schlecht und kostspielig eingerichtet und fern von der Fürsorge der heimatlichen Regierung. Nachdem Niederlassungen bei Parramatta und auf der Ror- folkinsel gegründet, mehre freie Colonisten eingcwandcrt waren und solche aus den ausgedienten Soldaten oder den ihre Zeit abgcbüßten Verbrechern gemacht wurden, entstand eine freie Bevölkerung, die freilich keine besondere moralische Basis hatte, und deren vor- theilhastem Wirken eine verfehlte Maßregel entgegentrat. Man errichtete nämlich ein eigenes, nur für die Colonie bestimmtes, sich aus England rekrutircndeS Ncusüdwales-Negi- ment, dessen Mitglieder allmälig in Colonisten umgcwandelt werden sollten. DieOfsizier- stcllen wurden großentheils an unverheirathete Männer von nicht sehr festen moralischen Grundsätzen verkauft, welche streng zusammenhielten und gegen die wenigen Civilbeamten cm so überwiegendes Ansehen auf die verderblichste Weise geltend machten, daß sie bald den ganzen Handel an sich rissen, den Absatz geistiger Getränke und dadurch die Trunksucht beförderten, also in vielfacher Beziehung das Beispiel abstoßender Unsittlichkcit gaben. Als das Regiment Neusüdwalcs 1791 angelangt war, legte Philipp sein Amt 1792 nieder; ihm folgte 1795 der Gouverneur Hunter, der sich um Vermehrung der freien Bevölkerung und Gründungneuer Etablissements verdient wachte, denn es entstanden unter ihm Castlehill, Banks- town und Windsor, der aber den schädlichen Einfluß des OffiziercorpS nicht unterdrücken Australien 673 konnte und deshalb >806 wieder nach England zurückging. Hunter's Nachfolger war King, ein rauher, heftiger und leidenschaftlicher Mann, der sich aber sehr für neue Niederlassungen und Entdeckungen interessirte. Ihm folgte 1806Bligh, der sogleich den Kampf mit den Offizieren begann, aber als Opfer einer durch Macarthur geleiteten Rebellion sehr bald als Gefangener nach England zurückkchren mußte, sodaß erst mit der Verwaltung des 1810 ihm nachfolgenden Macquarie der Einfluß des Offiziercorps unterdrückt wurde. Das zwölfjährige Regiment Macquarie's bezeichnet überhaupt in der Geschichte von Neusüdwales einen glänzenden Abschnitt, es entstanden Liverpool, Niederlassungen bei Emuford, am Cow- pasture, inAppiu, Airds und Jllawara, imZnnern Bathurst (1815) und die ersten Colonien in Camden undArgyle; eine neue Spaltung aber konnte nicht unterdrückt werden, es war die der zwei Parteien der Exclusionisten, d. i. der reichen Grundbesitzer und Beamten, und der Emancipationisten, d. h. der Deportirten, eine Spaltung, die in geselliger und politischer Beziehung gewichtigen Einfluß auf die Colonialgeschichte geübt hat und noch gegenwärtig übt. Un- l.w den nachfolgenden Gouverneuren Brisbane (1822), Darling (1825) und Bourke(l83l) nahmen die Einwanderungen bedeutend zu, auch der Anbau des Landes schwang sich schnell empor. Die wichtige Einrichtung der Pönalstationen schloß die schwersten Verbrecher mehr ab und suchte den Colonien ein freieres sittlicheres Element zu verleihen. Noch schneller als Ncusüdwales hat sich indeß die schöne gebirgige Insel Van diemensland (s-h.) seit dem 1.1803 zu einer vielversprechenden blühenden Colonie emporgehobcn, ebenfalls aber auf dem Grunde eines bloßen Verbrecherdepots. Die übrigen Niederlassungen in A. entstanden nicht durch Verbrechercolonien, sondern durch freie Niederlassungen und zwar in West-, Süd- und Nordaustralien. Mit Bekämpfung großer Hindernisse, aber schon durch einigen eigenen Handel gekröntem Erfolg, legte der Gouverneur Stirling imJ. 1829 im südwestlichsten Theile des Continents an den Ebenen des Schwanenflusses und dem Fuße der Darlingketten den Grund zur Colonie Westaustralien und den drei Städten Guilford, Free- mantle und Perth, welches letztere Gouvernementssitz geworden. Schon 1833 erfolgten Niederlassungen am Vincentsgolfe in Südaustralien und im Jahre darauf deren Organisation zu einer Colonie, aber erst 1837 deren eigentliche Gründung durch die Hauptstadt Adelaide. In England hatte sich eine Actiengesellschast zur Übernahme des Colonisationsgcschästs gebildet, welche das Recht des Länderv?rkaufs unter der Bedingung erhielt, die gewonnenen Fonds zur Tilgung des Negierungsvorschnsses und im Interesse der Ansiedelungen zu verwenden, ferner, daß die Colonie, bis sie 50000 Einwohner zähle, von der Krone unmittelbar verwaltet, dann aber eine Repräsentativversassung erhalten werde. Der Gouverneur (imJ. 1836 Hindmarsch) ist zugleich der Beamte des Comite jener Gesellschaft, um allen Streitigkeiten vorzubeugen. Der Länderverkauf schritt so schnell vor, daß der Preis eines Morgens am 1. März 1836 bereits auf 1 Pf. St. gestiegen war und am I. Zan. 1838 schon 61358 Morgen verkauft waren, während die nicht gekauften Ländereien als Schafweiden, zu 2 Pf. der Morgen, gemiethet werden konnten. Engländer und Deutsche landeten 1836 und 1837, erbauten Adelaide mit Hülfe der mitgebrachten Utensilien, ja sogar hölzerner Hauser, die dort zusammengesetzt wurden, und erhoben die Stadt 1839 schon zur Zahl von 500 Häusern mit 3000 E- Es besteht iüAdelaide bereits eine Bank, die, wie durch einen Zauberschlag entstanden, sogleich Banknoten ausstellte und Wechsel auf Europa, Indien, das Cap u. s.w. zieht; auch hat die Stadt bereits zwei eigene Zeitungen. Zur größten Wohlhabenheit hat sich schnell die Schafzucht erhoben, denn schon 1838 zählte man 30000 Schafe, worunter viele Heerden Merinos, und jetzt mag sie sich wenigstens schon verzehnfacht haben. Während ein Jahr nach der Gründung von Adelaide am Specergolf eine neue Stadt, Port-Lincoln, entstand, war auch im Südosten der Murraymündung, im sogenannten ^nstralm «eiix eine Colonie Port-Philipp gegründet worden, mit der schnell aufblühcnden Hauptstadt Melbourne, unter unmittelbarer Verwaltung von Ncusüdwales. Der Versuch einer Niederlassung in Nordaustralien ist im I. 1838 von neuem gemacht worden, nachdem man 1829 genöthigt war, das Fort Dundas auf der Insel Melville und Wellington am Hafen Raffles aufzugeben. Die neue Ansiedelung liegt auf der Halbinsel Ko- burg im Port-Essington, heißt Victoria, ist von dichtem Wald, üppigen Tropenbäumcn Conv.-ker. Neunte Aufl. 1. ^ ft i-L 674 Australoccan Auswanderung ! mch Bergen umgeben und verspricht durch ihre Lage zum ostindischcn Archipel eine einstige hohe Bedeutung. , Nachdem sich die brit. Negierung im I. 1840 veranlaßt gesehen Hut, auch Neu- , sceland in Besitz zu nehmen und die Souverainetät darüber zu erlangen (s. Neusee- land), so zerfallen die austral. Colonicn der Europäer, und zwar der Briten, in folgende sechs Theile, welche ungefähr ein Gesammtarcal von 20000 lüM. bedecken und vielleicht 250000 E. zählen mögen: 1) Neusüdwales mit der Hauptstadt Sydney; 2) Vandicmensland mit Hobarttown; 3) Westaustralien mitPerth; 4) Südaustralien mit Adelaide; 5)Nord- australicn mit Victoria und 0) Neuseeland mit Wellington. Diese Colonicn haben ihre Gouverneure, denen ein executiver und legislativerNath zur Seite steht. Noch fehlen ihnen die durch Volkswahl besetzten Repräsentantenhäuser; aber gewiß zu eigenem Heile, denn zur Reife für l eine Repräsentativverfassung möchte sowol Enkstehungsart als die Zeit der Existenz der Colc- nicn noch nicht geeignet sein. Die brit. Regierung ist zuvörderst daraus bedacht, die innere Verwaltung zu ordnen und den Wohlstand zu befördern, um dem selbständigen Leben eine kräftige und verständige Basis zu geben. Zu ersterm trägt die administrative Abtheilung in Grafschaften viel bei (man zählt in Neusüdwales l!>, in Westäustralien 26 Grafschaften und in Vandicmensland 0 Districte) und zu letzter»: das seit 1830 eingeführte System des LandverkaHs, wornach die Ländereien nicht mehr auf eine Reihe von Jahren frei und dann gegen Einziehung von Grundzins an Jeden vergeben, sondern dieselben versteigert werden, aber Deportirte kein Land erhalten können. Auf solche Weise entstehen Grundbesitzer, für ihr Land mit Interesse arbeitend, es bilden sich Fonds, um die Colonisation aufjedc Weise unterstützen zu können und aus den besitzlosen Deportirte» Diener und Arbeiter, die bisher ganz fehlten. Blickt man auf die Jugend der austral. Colonicn und auf ihren schon jetzt erreichten ! hohen Stand, so erscheint das Jnselland der Südsee dem Europäer als eins der sichersten ! Asyle, zu dem er in Zeiten der Gefahr flüchten kann, als eine willkommene Stätte, in deren occanischer Frische sich seine Kräfte dereinst verjüngen können, als ein Land, an das er gar , ! bald durch innigere Bande geknüpft sein kann, wie an das sich immer mehrder Vormundschaft i entwindende Amerika. Vgl. Meinicke, „Das Festland A." (2 Bde., Prenzlau 1837). > Australocean, s. Südsee. Auswanderung nennt man das Austreten aus einem Staate, um sich in einem an- ! der» anzusiedeln. Es gehört das Aufgeben des bisherigen Vaterlandes und der staatsbür- ! gerlichen und Heimatsrechte, sowie die Absicht, sich in einem andern anzusicdeln, zu den we- , sentlichen Merkmalen der Auswanderung, indem sie sich dadurch sowol von der Colonisation, ! welche die Ansiedelung in einem von dem Hauptstaate abhängigen Lande ist, wobei der Co- c lonist in dem bisherigen Staatsvcrbande bleibt, als auch von der Emigration unterscheidet, l der blos temporairen Auswanderung mit der Absicht, unter veränderten Umständen zurückzu- l kehren, auch wol diese Veränderung vom Auslände aus bewirken zu helfen. Dieses bringt l in den rechtlichen Verhältnissen der Auswandernden sehr große Verschiedenheiten hervor. s Der Colonist und der Emigrant in dem angegebenen engem Sinne bleiben Unterthanen ihres s Vaterlandes und seinen Gesetzen unterworfen, wenngleich der letztere 8er factischen Regierung c desselben vielleicht keinen Gehorsam schuldig ist. Dagegen ist der völlig Ausgewanderte, so lange ! die Trennung von seiner früher:: Heimat besteht, nicht mehr Unterthan und Staatsbürger, ) i wndcrn Fremder, wiewol wegen der Möglichkeit der Rückkehr auch da noch gewisse Rechtsvcr- l hältnisse bestehen. Die Auswanderung selbst ist entweder eine freiwillige, oder eine gezwun- j ! gern, wenn der Staat selbst bisherige Unterthanen aus dem Lande treibt. Ein so Vertue- < bcner hat gegen sein bisheriges Vaterland und dessen Regierung keine Rechtspflichten mehr. l Was nun das Recht auszuwandern betrifft, so kann dieses keinem selbständigen Men- , ^ fthcn verwehrt werden, und selbst die Bedingung, welche jetzt häufig gemacht wird, daß i c der Auswandcrnde durch persönlichen Dienst oder einen Stellvertreter seine Militairvcr- s bindlichkcit erfüllt, dürfte wol nach allgemeinen Gründen manchen Zweifeln und Be- > ichränkungen unterworfen sein. Dasselbe gilt von der Bedingung, daß der Aus- l wandernde Nachweisen muß, daß er in einen: andern Staate werde ausgenommen werden. l Das Recht der Auswanderung fließt schon aus dem Umstande, daß es für den Einzelnen ! Pflicht werden kann, ein Land zu verlaü"», in welchen: er nicht seiner religiösen oder mo- Auswanderung 675 ralij'chcn Überzeugung gemäß handeln kann und mit seinem Gewissen und dem bürgerlichen Gehorsam in eine wahre Collision gcräth. So nachthcilig es auch für den Staat werden kann, wenn eine beträchtliche Zahl seiner Bürger das Land verlaßt, zumal wenn darunter Menschen sind, welche Fabrikgchcimnisse und Geschicklichkeiten mit sich in das Ausland nehmen, so ist doch ein Auswanderungsverbot immer das am wenigsten wirkende Mittel, selbst bei der größten Strenge in der Anwendung, wie denn unter Ludwig XIV., obschon er die Grenzen scharf bewachen ließ, viele Tausende seiner protestantischen Untcrthanen in fremde Länder gingen. Auch dürfte viel gegen die innere Gerechtigkeit eines solchen Verbots einzuwenden sein. Doch sic bestehen noch in manchen Staaten, theils allgemein, theilS für besondere Fälle und Verhältnisse, weint auch in der Ausübung sehr gelind. In England ist das Auswandern der Arbeiter in Wolle, Seide, Eisen u. s. w. verboten, und der König hat das Recht, alle außerhalb Landes Lebende durch Proklamation zurückzurufen und, wenn sie nicht kommen, ihre Güter zu seguestriren. Die Colonisation sicht unter dem gemeinen Landesrecht und dem für die Colonien etwa bestehenden besondern Gesetze, vornehmlich wegen der Vortheile, welche den Colonisten gewährt werden, und wegen der Bedingungen, welche sie dagegen zu erfüllen haben. Geschieht die Emigration aus Unzufriedenheit mit der bestehenden Negierung, so fällt die Untersuchung über ihre Zulässigkeit mit der über Demonstrationen gegen die Regierung überhaupt zusammen. Daß Gesetze Strafen für solchen Fall drohen, beweist freilich ihre Jmmoralität noch nicht. Die Auswanderung löst für den Augenblick das Band zwischen dem Einzelnen und dem Staate, aber nicht völlig; denn sowie auf der einen Seite dem Ausgewanderten immer sein Gebnrtsrecht noch nicht ganz entzogen wird und wieder auflebt, wenn er zurückkehren will oder muß, so behält er auch Pflichten gegen das Land seiner Geburt, welche keine Gewalt aufhebt. Er darf die Waffen gegen sein Geburtsland unter keiner Bedingung ergreifen, außer in gerechter Auflehnung gegen eine Usurpationsherrschaft, und große Staaten, welche es genau nehmen, gestatten ihm nicht, vor sei- , nein angeborenen Souverain als Repräsentant eines fremden Staats zu erscheinen, wie in England die Annahme des sonst hochgeachteten Grafen Numford als bair. Gesandter abgelehnt wurde, weil er ein geborenerUnterthan des Königs von England war. Früher traten die Auswanderungen aus Europa nur zeitweise in Folge besonderer Versuchung und örtlicher Unzufriedenheit ein. Regelmäßiger und allgemeiner wurden sie seit dem amerik. Unabhängigkeitskriege, und von da an bildet sich ein stetes Überströmen, besonders nach Amerika, sodaß man dort schon die Einwanderungen, die einen wesentlichen Antheil an der ersten Zunahme der dortigen Volkszahl haben, mehr als etwas Unangenehmes, denn als einen Vsrtheil zu betrachten anfängt. Die stärksten Contingente lieferte Irland; in Deutschland ist am öftersten in Würtembergischen das Auswandern zur Sucht geworden und hat nicht blos nach Amerika, sondern auch nach Rußland geführt. Die englische Negierung befördert das Auswandern ihrer überzähligen Bevölkerung und sucht sie in die eigenen Besitzungen, nach Canada, Westindien, Ncuholland und Neuseeland zu leiten. Auch die Schweiz sendet Jahr für Jahr viele Auswanderer, und in dcn J. 1833—37 griff das Auswandern auch in Mitteldeutschland sehr um sich, worauf dann religiöse Irrungen aus Preußen und Sachsen ganze Gesellschaften fortführten. Man hat mehrmals versucht, das Princip der 1 Association bei den Auswanderungen festzuhalten; indeß die Erfahrung hat gezeigt, daß diese Gesellschaften allemal auseinander fielen, wenn sie an Ort und Stelle gelangt waren. Nur ! dem religiösen Fanatismus ist cs in seltenen Fällen, wie bei dem Würtembcrger Rapp, gelungen, das Band zu halten. Die Regierungen können natürlich nur dann etwas Wirksames und Sicheres thun, wenn sie selbst Colonien besitzen und dazu eine kräftige Seemacht haben. Als Heilmittel des Pauperismus ist das Auswandern unkrästig. Könnte man heute alle Armen aus den von dem Pauperismus heimgesuchten Ländern fortschaffen, so würde cs doch, wenn seine Ursachen fortwirkten, in 20, vielleicht in 10 Jahren wieder ebenso viel geben. Eine fort- ' währende Auswanderung, soweit sie sich nicht von selbst bildet, zu organisircn, würde ans die Dauer unerschwingbaren Aufwand verursachen, wenn man nicht in einer ^agc ist, wie England mit seinem unermeßlichen Kolonialbesitz und mit der Gelegenheit, sich in dem Handel niit den Colonien Ersatz zu holen. Gegen den Pauperismus wird dieses Mittel auch in 676 Ausweichung Autcurieth ' England nicht ausreichcn, aber wol ist es als Linderungsmittel bestehender Armulh zu empfehlen. Hauptsächlich soll der Staatdahm streben, in seinem Innern solche Zustände zu gründen und zu erhalten, bei denen wenigstens nicht Noch und Unzufriedenheit die Men- , schm forttreibt. Übrigens scheinen bis jetzt bei den Auswanderungen nach Nordamerika und Australien noch die meisten Erfolge für die Auswandernden geerntet worden zu sein, wicwol auch hier sowol Geschick als Glück dazu gehörten. Vgl. Brauns, „Ideen über die Auswanderung nach dne Vereinigten Staaten in Nordamerika" (Gott. 1827). Ausweichung (in der Musik). Das Fortschreiten derHarmonie von einem Accorde zum andern überhaupt nennt man im weitern Sinne Modulation; überschreitet dieselbe die Grcn- zcn der Erundtonart, so wird sie zur Ausweichung, Modulation im engern Sinne; zum Übergang aber, wenn sie in einer andern Tonart schließt, als von der sie ausging. Der Zweck des Übergangs ist stets die Einführung einer neuen Tonart, während die Ausweichung häufig nur behufs eines besondcrn Aufschwungs der Harmonie mehre näher oder entfernter liegende Tonarten durchstreifend, doch mit einem Schluß in der Haupt- oder Anfangstonart endigt. Drei Hauptwcge namentlich stehen für die Ausweichung offen, die jedoch der Willkür den freiesten Spielraum lassen zu zahllosen Modifikationen, je nachdem man mit mehr oder weniger Pomp in die neue Tonart übergehen will. Der erste führt durch den Quinten- oder Quartencirkel. So bequem als sicher, ist er überall ausreichend, wo es blos gilt, eine Pause auszufüllen, und hat somit seinen praktischen Werth, z. B. für Organisten; eine ästhetische Bedeutung kann ihm nur die Kunst der Stimmenführung oder sonst eine cigcn- rhümliche Ausstattung gebe». Einen andern Weg bahnt der Ümstand, daß jeder Accord in mehr als einer Tonart leitcreigen (s. d.) sein kann, mit deren übrigen Accorden er sich leicht verbindet. So kann der D-me>II-Accord der Vermittler zwischen dem L'-elur- und dem L-llur-Accord und deren Tonarten werden, da er mit dem letzter« in mit deni erster« in mehr als einer Tonart leitcreigen ist. ES ist diese Gattung namentlich da am Platze, wo es sich um das Vorarbeiten und Fortspinnen eines Gedankens handelt, so im zweiten i Theile von Sonaten-, Symphonie-Sätzen u. s. w., sowie in allen contrapunktischen Satzgat- lungen. Sie ist die künstlerisch edelste, weil sie nicht nur an sich der Speculation ein reiches Feld bietet, sondern in jeder andern Hinsicht, in Stimmenführung, auch der künstlichsten, in Declamation, Rhythmik u. s. w. den freisten Spielraum läßt, uuo öfters eine recht willkommene Hülfe leistet. Bei der dritten Gattung der Ausweichung endlich ist es immer auf eine Überraschung oder Täuschung des Gehörs abgesehen und die Vieldeutigkeit gewisser abgeleiteten Accorde ist dabei ein Haupthebel. Die bedeutendste Rolle spielen namentlich hier die Accorde der verminderten Septime und der übermäßigen Sexte. Wo der Übergang in eine sehr entfernte Tonart möglichst schnell, oder auf eindringliche Weise geschehen, wo einer lan- gern Modulation ein imponirender Schluß gegeben werden soll, überall wo sichs um entschei- dende Maßregeln handelt, ist diese Gattung in ihrer eigenthümlichen Sphäre. Auszehrung, s. Schwindsucht. Autcurieth (Joh. Heinr. Ferd. von), ein bekannter klinischer Lehrer und Mkdicini- scher Schriftsteller, gest. am 2. Mai 1835, wurde zu Stuttgart, wo sein Vater Geheimrath war, am 20. Ott. 1772 geboren. Früh entwickelte er ausgezeichnete Gaben für das Fach naturwissenschaftlicher Thätigkeit; eine feurige Vorstellungskraft und ein außerordenl- 's liches Gedächtniß begünstigten seine Studien. Nachdem er 1702 Doctor geworden, ging er nach Italien, Ostreich und Ungarn, um besonders Scarpa und Frank zu hören, und ließ sich ! 1794 als Arzt in Stuttgard nieder. Mit seinem Vater machte er bald darauf eine Reise nach Pennsylvanicn und prakticirte zu Lancaster, wo er, vom gelben Fieber befallen, allein und ohne Hülfe, durch einen kühnen Aderlaß sich selbst vom Tode rettete. Nach seiner Rückkehr wurde er 1797 Professor der Arzneikunde in Tübingen, 1819 Vicckanzler und 1822 j Kanzler der Universität, auf deren neueste Organisation er bedeutend eingewirkt hat. Unausgesetzt thätig durch geistvolle Vorträge, sowie als Schriftsteller, erhielt er doch seinen höchsten Ruhm als klinischer Lehrer; indem er factisch nachwies, was eine innige Verbindung einer tieftmrchdachten Theorie mit der Praxis zu leisten vermöge, wurde er der Begründer > einer wahrhaft rationellen Krankenbehandlung, welche Württembergs Ärzte auszeichnet. Als ! Mensch war A. streng sittlich und religiös und beschäftigte sich gern, zumal in den letzten Le- ! Auteroche Auto da Fe 677 bensjahren, mit dem Studium der Bibel, kvie die nach seinem Lode erschienenen „Ansichten über Natur-und Seelenleben" (Stutkg. 1836 ) und seine Nede „Über den Menschen und seine Hoffnung einer Fortdauer" (Tüb. 1825 ) darthun. Sein Hauptwerk ist das „Handbuch der empirischen menschlichen Physiologie" (3 Vde., Tüb. 1801 — 2 ). Mit Neil gab er das „Archiv für Physiologie" (Vd. 7 — 12 ) und mit von Bohnenberger die „Tübinger Blät- rer für Naturwissenschaft und Arzneikunde" (3 Bde., Tüb. < 815 — 17 ) heraus.— Sein Sohn Her in. Friedr. A. wurde am 5 . Mai 1790 zu Tübingen geboren und erhielt auch hier seine wissenschaftliche Bildung als Arzt. Nach seiner Promotion im J. 1821 machte er große Reisen, namentlich auch nach Großbritannien, als deren Resultat seine Schrift „Über die Volkskrankheiten in Großbritannien" (Tüb. 1823 ) erschien. Jni J. 1823 nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt, habilitirte er sich bald nachher daselbst als Privatdocent; im I. 1826 wurde er außerordentlicher Professor und übernahm später einen Theil der Vorlesungen seines Vaters, dem cr später im Amte folgte. Außer mehren Dissertationen besitzen wir von ihm ein Werk „Über das Gift der Fische" (Tüb. 1833 ) und die Schrift „Das Schwefelbad zu Sebastiansweilec in Würtemberg" (Tüb. 1833 ). Auteroche, s. Chappe d'A Utero che zJean). Auteuil, ein Dorf mit 1 800 E., am Eingänge des Gehölzes von Boulogne, eine kleine Meile von Paris, ist als Wohnort literarisch bcrühmterMänner bekannt. Hier lebten Boileau, Moliere, den Andrienr in seinem ,,->I»!iörs »vse sss amis, ou Io sou^er 5 auf die Bühne brachte, und des Helvetius geistreiche Witwe, in deren Gesellschaften auch Bonaparte in den I. 1798 und 1799 sehr oft weilte. Letztere wurde in ihrem Garten zu A. begraben. Auf dem Kirchhofe findet sich des Kanzlers d'Aguesscau (s. d.) Grabmal. Authentlken (^utllenticue) sind kurze Auszüge aus denjenigen Stellen der Novellen (s. d.), welche Abänderungen einzelner im Codex oder den Pandekten sich findenden Bestimmungen enthalten. Um diese Abänderungen bei den betreffenden Stellen leichter zu übersehen, verfaßten die Glossatoren solche Auszüge, die sie mit ex mitlientici« bezeichneten, weil sie die Novellen selbst sutkenticas nannten. Später legte man jenen Auszügen den obgleich unpassenden Namen ^utlionticae bei, während man den Novellen ihren jetzigen Namen gab. Sie sind zwar in dem Ooiqnis juils ausgenommen, haben aber als bloße Privatarbeit keine Gesetzeskraft. Dagegen haben die ^utdentioae b'riclericiauae, dreizehn Verordnungen, welche die deutschen Kaiser Friedrich I. und Friedrich 11. in Italien erließen und an die Juristen in Bologna mit dem Befehle schickten, sie, gleich den obgenannten Authentiken, an passenden Orten in den Justinianeischcn Codex einzuschalten, praktische Gültigkeit. Authentisch wird eine Schrift oderUrkunde genannt, insofern sie in derThat von dem Verfasser herrührt, dem sie beigelegt wird. Über Auth entie der biblischen Bücher s. Biblische Ein lei tung und Kanon. DieGesehcrklärung oder Interpretation heißt authentisch, wenn sie von dem Gesetzgeber selbst gegeben wird, daher z.B. in constitutionellen Staaten eine authentische Interpretation nur unter Mitwirkung der Stände erfolgen kann. Im weitern Sinne als beglaubigt, wird das Wort in der franz. Rechtssprache gebraucht, wenn man von titre nutkentique spricht. — über authentische Tonarten s. Ton und Tonarten. Autobiographie heißt nach dem Griechischen eine selbstverfaßte Biographie. Es gehört zur Autobiographie ein seltener Grad von Selbsterkenntnis; und ein noch seltenerer Grad von Wahrheitsliebe, zwei Eigenschaften, die nur von Demjenigen zu erwarten sind, der im gerechten Gefühle seines moralischen Wcrthcs auch seine Schwächen und Fehler ohne Beschämung bekennen darf, wie wir dies z. B. in Alfieri's trefflicher Autobiographie finden. Auto da Fe (actu8 liclei) hieß die sonst in Spanien und Portugal mit den von der Inquisition (s. d.) zum Tode verurtheilten Ketzern vorgenommene Procession. Gewöhnlich ward dieselbe an einem Sonntage zwischen Pfingsten und Advent, sehr oft amTage AUcr- heiligen veranstaltet. Bei Tagesanbruch ertönte der dumpfe Schall der großen Glocke der Hauptkirche als Zeichen zum Beginn des schrecklichen Schauspiels; denn als solches ward es vom Volke betrachtet, das in Scharen sich herandrängte, da man im bloßen Zuschauen schon ein gutes Werk zu verrichten meinte. Die vornehmsten Männer rechneten cs sich zum Verdienst, bei diesen Processionen dem heiligen Gerichte sich gefällig zu erweisen und selbst Granden von Castilien scheuten sich nicht, die Schergen der Inquisition zu machen. Dm 678 Autodidakten Autokratie Zug eröffncte» die Dominicaner mit der Fahne der Inquisition. Zunächst folgten die Reuigen, denen nur Buße aufcrlegt war, hinter ihnen durch ein großes Kreuz, welches vorgctra- gen ward, barfuß mit dem Sanbenito angethan und einer spitzen Mütze auf dem Kopfe die zum Tode^Lerurtheilten, dann die Bildnisse der Entflohenen und endlich die Gebeine verstorbener Angeklagten in schwarzen, mit Flammen und höllischen Sinnbildern bemalten Särgen. Den furchtbaren Zug schloß das Heer der Priester und Mönche. Durch die Hauptstraßen ging es zur Kirche, wo nach der Glaubenspredigt das Urthcil verkündigt wurde. Inzwischen standen die Angeklagten mit ausgelöschtcr Kerze in der Hand vor einem Ermisst. Nachdem das Urthcil ihnen verlesen worden war, gab ein Jnquisitionsbcamtcr jedem der Verurtheiltcn mit der Hand einen Schlag aus die Brust, zum Zeichen, daß sie von der Inquisition der weltlichen Dbrigkeit überantwortet wären, worauf ein weltlicher Beamter die Bcrurtheilten übernahm, fesseln und nach dem Gefängniß bringen ließ. Wenige Stunden daraus wurden sie zum Richtplatzc geführt. Bekannten sie sich schließlich noch zum katholischen Glauben, so wurden sie vorher erdrosselt, außerdem aber lebendig verbrannt und mit ihnen auch die Bildnisse und Gebeine der Entflohenen oder verstorbenen Angeklagten. Der König mußte in der Regel nebst seinem ganzen Hose die Feierlichkeit der grausen Handlung durch seine Gegenwart erhöhen. Das glänzendste Auto da Fe fand 1680 unter Karl II. zu Madrid statt, die letzten bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Autodidakten oder Selb stgelehrte im strengem Sinne sind Diejenigen, welche ohne allen fremden Unterricht blos durch sich selbst entweder ihr ganzes Wissen oder doch einen Theil desselben erworben haben. Solche Autodidakten hat es wol niemals gegeben. Gewöhnlich versteht man aber darunter nur Solche, die sich in irgend einer Kunst oder Wissenschaft ohne schulgerechtc Beihülfe Anderer, namentlich ohne mündlichen Unterricht, Kenntniß und Fertigkeit erworben haben. In diesem Sinne hat es zu allen Zeiten Autodidakten gegeben, aber nicht häufig; den» cs ist dazu ein entschiedenes Genie crfoderlich, wenn der Autodidakt etwas Tüchtiges leisten will. Dem Selbstunterrichte ist allerdings der Vortheil größerer geistiger Anregung, der Gründlichkeit und Lebendigkeit des Wissens, der Selbständigkeit und Originalität nicht ganz abzusprechen, er ist aber auch mit nicht unbedeutenden Nachtheilen selbst für das Genie, besonders mit Zeitverlust, Mangel an Umfang, Einseitigkeit und Unklarheit des Wissens, z.B. bei Jakob Böhme, Pedanterie, Eigendünkel verbunden und für den mittelmäßigen Kopf, der wenigstens in der Erziehung die meiste Beachtung verdient, gar nicht geeignet. Einer der merkwürdigsten Autodidakten warV. I. D u v al (s.d.); auch Friedr. Aug. Wolf (s. d.) ist hier zu nennen. Autogräpha heißen Urschriften oder Handschriften, die der Verfasser selbst geschrieben hat. Sie sind zu einem besonder« Gegenstand des Sanimlcreifers und mithin auch des literarischen Handels- und Auctionsverkehrs geworden. Ihren Werth bestimmt das Interesse an der schreibenden Person, die Seltenheit solcher Überbleibsel von ihr und der Inhalt des Geschriebenen. Bildnisse allein genügen nicht mehr, man will, zumal von berühmten Zeitgenossen, auch eine Handschriftprobc, oder wenigstens ihren eigenhändigen Namenszug besitzen, Venn die Eigenthümlichkeit der Schreibart, die Physiognomie der Handschrift macht dieKennt- niß der.Persönlichkeit vollständiger. Hier kommt besonders die Lithographie zu Hülfe, nicht blos durch Zugaben von Faksimiles in historischen und biographischen Werken und Bildnissen, sondern durch gedruckte Sammlungen älterer und neuerer Autographien, wie in England von Smith, in Holland von Natan, in Deutschland von Dorow, vor Allen aber die „lsoAi-az,bie des Kammes celekrer" (3 Bde., Par. 1828—30), wozu 1839 Supplemente in Lieferungen erschienen. Für die Sammler ist Fontaine's ,MsmieI !u>erici»e" (Strasb. >572), enthalten größtcntheils nur solche Aufgaben der sphärischen Astronomie, welche mit Hülfe eines Globus gefunden werden können, und welche, statt die Kenntniß der sphärischen Trigonometrie vorauszusetzen, vielmehr zu beweisen scheinen, daßA. diese selbst noch nicht gekannt hat. » Automat nennt man einen sich selbst bewegenden leblosen Körper, überhaupt jede Maschine, welche ihre bewegende Kraft in sich verborgen hält und sich also von selbst zu I bewegen scheint. Hat der Automat die Gestalt eines Menschen, so nennt man ihn auch Androide. Schon die Alten kannten Aukomate; die wandelnden Statuen des Däda- lus und die fliegende Taube des Archytas scheinen solche gewesen zu sein. Im Mittelalter sollen Noger Baco, Albertus Magnus und Negiomontanus an Automaten gearbeitet haben. , Im 10. Jahrh. fertigten Hans Slottheim und Christoph Schißler dergleichen Maschinen; im >7. Achilles Langenbucher, der wegen seiner Geschicklichkeit WIO in Augsburg das Bürgerrecht erhielt. Unter die bewundernswürdigsten Automate gehören aus dem 18. Jahrh. die von Vaucanson (s. d.) und die der beiden Brüder Droz (s. d.) in Chaux-de-Foüds; ferner aus neuerer Zeit die von Mälzt in Wien und Kaufmann in Dresden. Die Schach- maschine Kempclen's kann nicht zu den Automaten oder Androiden gerechnet werden, weil sie der Hülfe eines (versteckten) Menschen bedurfte. Antonömie, d. h. Sclbstgesetzgebung, ist die Einrichtung, vermöge welcher die Bürger eines Staats ihre Gesetzgebung und Verwaltung selbst besorgen, im Gegensätze der Autokratie, wo dies durch einen Andern ohne Theilnahme des Bürgers geschieht. — In der ' Moralphilosophie Kant's wird Autonomie die Vernunftgesetzgebung genannt, weil sie die eigene Gesetzgebung des Menschen ist, das Gesetz, welchem der Mensch folgt, wenn er dem durch eigene Vernunft erkannten Sittcngesetze gemäß handelt und daher diejenige Beschaffenheit eines vernunftgemäßen Willens, wodurch er sich selbst Gesetz ist, ohne Einfluß äußerer Triebfedern. Ihr entgegen steht die Hetero n o mie des Willens, wenn derselbe einem frem- den, außer der Vernunft liegenden Antriebe folgt. Unabhängigkeit von den bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt ist Freiheit in negativer Bedeutung, und mit dieser steht diese Autonomie des Willens in unzertrennlicher Verbindung. Autopsie oder Augenschein nennt man die eigene, sinnliche Wahrnehmung irgend eines Naturgcgenstandcs, im Gegensätze der Kenntniß, welche man durch Beschreibung, Erzählung u. s. w. davon erhalten kann. In der Naturwissenschaft überhaupt und in der Arzneikunst insbesondere ist die Autopsie ein Bildungsmittel, welches alle andern übcrtrifft; doch darf die Anleitung dabei nicht fehlen. Auvergne, eine südliche Centrallandschaft Frankreichs, zwischen Bourbvnnais, Marche, Limousin, Guienne, Languedoc und Lyonnais, führte früher den Titel einer Graf- schaft, in der Größe von 302 lüM. mit beinahe 900000 E., war vor der Revolution eine besondere Provinz und bildet jetzt fast ausschließlich die Departements des Cantal und Puy-de-Dome. Zwischen dem Allier und dem obern Lauf der Dordogne und des Lot erhebt sich die A. als ein Hochland, zu dem man über die Vorterrassen von Boürbonnais, Limousin und Nouerge aus den westlichen Tiefebenen aufsteigt, während es im Osten an die Sevennen und die Centrallandschaft des südlichen Hochfrankreichs gelagert ist. Nicht allein der plateauartige Charakter der kahlen Oberfläche und die kegel- und domförmige Gestaltung der Gipfel verräth die vulkanische Bildung, sondern auch die mächtigen, aus einer Granit- und Gneisplatte hervorbrechendcn Basalt- und Trachytmassen, wie andere Schlackcngcstcine, lassen hier einen Hanptherd der plutonischcn Hebungen suchen. Unter den Gipfeln, die früher wahrscheinlich Vulkane waren, sind am bedeutendsten der Cantal (6320 F.), der Mont-d'Or s (6 > 60 F.) und der Puy-dc-Domc (1781F.). Nach einer natürlichen Eintheilung zerfällt die A. in die südliche Ober- und nördliche Nicderauvergne, in welcher letzter» am linken Ufer des Allier ! 680 Auxerre Ava dieThallandschastLimagne durch besondere Fruchtbarkeit ausgezeichnet ist. Das Klima ist in den Berggcgenden kälter, als es für die südliche Lage in Frankreich bei geringerer Höhe zu er- warten ist, undnoch insbesondere durch wüthende Sturmwinde und heftige Gewittererscheinun- ' gen bezeichnet, in den tiefen Thälern aber macht sich der Sommer oft durch drückende Hitze geltend. Die mit vulkanischem Gestein bedeckten Plateaus sind öde, die Hänge aber und Thäler begünstigen größtenteils unter der Decke verwitterter vulkanischer Erden eine reiche Bodenfruchtbarkeit, bezeichnet durch Getreide, Gartenfrüchte, schönes Obst, Wein, im Süden durch die Kastanie und nördlich durch die Wallnuß in Überfluß, wie durch ausgedehnte kräftige Waldungen, neben den Hanf- und Flachsfeldern und Wcideflächen der ärmern Gegenden. Der Ackerbau ist theilweise vernachlässigt,- die Viehzucht dagegen gut und besonders die - Mauleselzucht ausgezeichnet. Außer den gewöhnlichen Hausthieren ist die A. reich an Wild, ! Geflügel, Fischen und Bienen. Dem reichlichen Besitz guter Bau- und Mühlsteine schließt sich der Besitz nützlicher Metalle an, wie Eisen, Blei, Kupfer, Spießglas u. s. w., ebenso ergiebige Steinkohlenlager und eine Menge kräftiger Mineralwasser. Die Auvergnaten sind jetzt ein Gebirgsvolk ohne Wichtigkeit, roh in ihren Sitte», arm, unwissend und nicht vorwärtsschreitend, dabei rechtschaffen und liebreich, aber doch nicht ohne Rachsucht. Sie leben als Hirten und Ackerbauer» und wandern nach Paris als Arbeiter aus; der heimische Fa- brikfleiß ist daher fast nur auf die Erzeugnisse der Weberei, Gerberei und Papierfabrikation beschränkt. Das Land hat den Namen von den alten Averncrn, die ihre Gebirgsveste lange > gegen Cäsar vertheidigten, wie später gegen die Gothen, Burgunder und Franken, mit wel- ^ chen sie sich endlich vermischten. Zn den ersten Jahrhunderten nach Chlodwig erhielt das Land feste Grenzen, auch bald eigene Grafen, durch deren Ausstcrben es 1103 Frankreich wieder zusiel. Die beiden Hauptstädte sind südlich Aurillac und nördlich Clermont (s. d.). Auxerre, eine alte Stadt im franz. Departement der Nonne am linken Ufer der Uonne, mit I200Ü E-, die größtentheils durch Wollfabriken, Gerbereien und sehr lebhaft ^ ten Wein- und Holzhandel beschäftigt werden, besitzt ein College, Schullehrerseminar, eine 1 öffentliche Bibliothek, Ackerbaugesellschaft, ein Antiquitäten- und Naturaliencabinct und einen botanischen Garten. Unter den Gebäuden sind besonders bemerkenSwerth der schöne Dom, das Präfecturhotel und der Thurm Guillarde mit einer merkwürdigen Uhr. Auzout (Adrian), ein ausgezeichneter Astronom, der sich besonders mit Verfertigung Von Fernröhrcn beschäftigte, geb. zu Rouen, gest. zu Paris >695. Da man damals die achromatischen Linsen noch nicht kannte, so bestrebten sich die Optiker, immer längere Fernröhre zu verfertigen, um dadurch eine starke Vergrößerung, verbunden mit hinreichender Helligkeit und Deutlichkeit, zu erzielen. A. stellte Fernröhre von außerordentlicher Länge auf, die aber wegen dieser Länge nicht bequem zu Beobachtungen gebraucht worden konnten und seit der Erfindung der Spiegelteleskope und der achromatischen Fernröhre ganz in Vergessenheit gekommen sind> ein von ihm verfertigtes Glas hatte nicht weniger als 600 F. Brennweite, konnte aber aus Mangel an einer bequemen Aufstellung gar nicht gebraucht werden. A. war cs auch, der mit Picard die Absehen an den astronomischen Meßinstrumenten, Quadranten, Astrolabien u. s. w. abschaffte und sie durch Fernröhre ersetzte. Ava bildete im breiten Längenthale des Zrawaddistroms der hinterindischen Halbinsel dereinst ein mächtiges Königreich, welches seine Macht auch über das benachbarte P e gu ss.d.) ^ ausdehnte, von diesem aber durch wiederholte Überfälle unterjocht wurde. Dieser Druck rief einen heldenmüthigen Landmann zu den Waffen, der an der Spitze einer tapfer» Schar 1757 Pegu wiedereroberte, sich den Ehrennamen Alompra gab und die gegenwärtigcHerr- scherbynastie stiftete. Die Bewohner A.s hießen früher Maramas, was in der am Ende des 18. Zrhrh. in diplomatischen Verhandlungen üblichen pers. Sprache durch die Briten in Birma (in der Mehrzahl Birman) verdreht wurde, daher auch Ava seitdem allgemein Birmane nrei ch (s. d.) genannt worden. — Ava, die Residenz des Birmanenreichs seit 1822 , wie sie es schon zweimal 1361 und 1761 gewesen, liegt in einerreichbewäfferten, sehrfrucht- bsren Culturebene am Südostufer des daselbst fast 1000 F. breiten Zrawaddistroms, der hier zwei durch einen Kanal verbundene Zuflüsse aufnimmt, von denen der Mytage den Stadt- 1 Hafen bewäflcrt und Schiffe von 50 — 60 Tonnen trägt, und somit die Umschiffung der stanzen Stadt gewährt. Der Name A. ist eine durch die Hindus und Malayen und dann . A- Avanciren Avantgarde 081 auch auf Europäer gemachte Verstümmlung von Aeugwa oder Acn-ua, d.h. Fischteich (nach den sieben, jetzt noch fünf großen Fischsccn), und im eigenen Lande unbekannt, wo in ofsiciel- len Urkunden gewöhnlich der Name Natanapura, d. i-Juwclenstadt, gebraucht wird. Die Residenz A. ist in ihrem Umfang, von 2'/, — 3 Stunden, umgeben von einer 15 F. hohen und 10 F. dicken Mauer, einer innern Terrasse mid äußern Graben, und hat 21 Thore. Der nordöstliche Stadttheil ist als sogenannte Königsstadt durch eine 20 F. hohe Mauer besonders abgeschlossen und enthält neben dem Königspalast viele öffentliche Gebäude. Der imposante Anblick, welchen von der Ferne her die vielen weißen Tempel mit vergoldeten Thürmen gewähren, wird beim Eintritt in die Stadt enttäuscht, da die meisten Wohnungen in bloßen mit Gras bedeckten Hütten bestehen und nur die Häuser der Chefs von Planken und mit Ziegeldächern versehen sind. In einem der größten Tempel, Logatharbu, zeichnet sich ein kolossales Sandsteinbild (nicht Marmorbild, wie Symes behauptet) des Gottes Gautama aus. Die Stadt soll nur ungefähr 30000 E. haben. A. gegenüber liegt zwischen Obsthainen auf wohlbebauten, mit Tempeln und Klöstern besetzten Anhöhen die im l ä.Jahrh. schon zweimal zur Residenz erwählte Stadt Saigang und in ihrer Nähe dasDorfKyauksit, d. h. Steinmetz, das durch seine 30 Steinmetzwerkstätten merkwürdig ist, welche ganz Hinterindien mit Steinbildern des Gautama versehen, die geschmacklos und plump aus einem zehn Meilen östlich von A. gebrochenen sehr schönen weißen Marmor gearbeitet werden. Avancirrn hat in der Kriegssprache eine dreifache Bedeutung. Es bezeichnet im Allgemeinen das Vorgehen gegen den Feind in Schlachtordnung; ferner das Vorbewcgen ab- geprotzter Geschütze durch vorgclegte Pferde mit Hülfe eines starken Seils, Prolonge oder Langtau genannt, oder auch, wie dies in ältern Zeiten geschah, durch die Bedienungsmannschaft selbst, welche zu dem Ende mit über die Schulter gehangenen Riemen, woran sie deshalb von den Engländern non-commissionsii »kkcsrs genannt. Fähnriche, welche ein Patent besitzen, gehören zwar noch zu den Chargen, aber streng genommen nicht mehr zu den Avancirten. Avanie oder Aw ni nannte man sonst die ungesetzlichen Zollabgaben, welche in der Türkei die Beamten den christlichen Kaufleuten auferlegten. Avantgarde, Vorhut oder Vortrab heißt derjenige Theil der Mannschaft, welchen marschirende Truppen zu ihrer Sicherstellung gegen den Feind vor sich hergehen lassen, um nicht durch einen Angriff überrascht zu werden. Die Stärke des Vortrabs richtet sich in der Regel nach der Stärke der marschirenden Hceresabtheilung und kann bei einer bcdeu- tenden Armee selbst wieder ein aus allen Waffengattungen zusammengesetztes Corps bilden. Die Entfernung, in welcher sich der Vortrab von seiner Abtheilung zu halten hat, hängt theils von der Nähe des Feindes, theils von den Umständen ab und verändert sich mit der Beschaffenheit des Terrains. Immer gilt das Gesetz: der Vortrab muß kleinere Hindernisse der marschirenden Colonne aus dem Wege räumen und beträchtlichere feindliche Kräfte so lange aufhalten können, bis die Colonne sich dazu angeschickt hat, denselben zu begegnen. Es ist daher eine Hauptsache der Avantgarde, den Feind zeitig zu entdecken und ihn aus jedem möglichen Verstecke aufzuspüren. Da hierzu größere Gewandtheit und ein schärferer, geistiger und physischer Blick erfodert werden, so pflegt man zu Avantcorps gern die beweglichsten Truppen zu wählen und ihnen einen besonders zu solchem Geschäfte geeigneten, erfahrenen Anführer zu geben. Dieser muß verstehen, den sogenannten kleinen Krieg für sich zu führen und alle seine Unternehmungen dem Hauptzwecke der marschirenden Colonne gemäß einzurichten. Nicht selten bekommt auch der Vortrab den Auftrag, die Colonnenwege, wo sie unbrauchbar sind, Herstellen zu lassen, Verpflegungsmittel hcrbeizutreiben, Nachrichten anszusircuen u. s. w.; jederzeit aber liegt es ihm ob, überall Nachrichten von der Lage der Dinge einzuziehen. Der Führer einer Avantgarde muß neben großer Umsicht auch viel kaltes Blut und Ruhe besitzen. Der ungestümen Jugendhitze des so tapfer« als liebcns- 682 ^vant I» lettre Avernuö würdigen prcuß. Prinzen Louis Ferdinand wird der unglückliche Ausgang des Gefechts der preuß. Avantgarde bei Saatfeld am 10. Oct. 1806 beigemessen, flvunt In lettre, s. Kupferd r uck. Avalen, eine Völkerschaft mongolischen Stammes, erschienen hundert Jahre später als die Bulgaren in den Gegenden um den Don, das Kaspische Meer und die Wolga. Ein Theil derselben blieb am Kaukasus, ein andererThcil drang um 555 an die Donau vor und ließ sich in Dacicn nieder. Hier dienten sie in Justinian'sHeere, halfen den Longobardcn das Reich der Gepiden zerstören und eroberten allmälig zu Ende des 5. Jahrh., besonders unter dem mächtigen Khan Bajan, Pannonien. Später bemeisterten sie sich Dalmatiens, drangen in verheerenden Zügen in Deutschland bis Thüringen und in Italien ein, wo sie mit den Franken und Longobardcn kriegten, und breiteten ihre Herrschaft über die an der Donau und weiter nordwärts wohnenden Slawen, sowie über die Bulgaren bis ans Schwarze Meer aus, bis sich diese Völker gegen sie erhoben und sie 640 aus Dalmatien vertrieben. Auf Pannonien beschränkt, wurden sic von Karl dem Großen 7 06 besiegt und von den Mähren und Petschcncgen ziemlich aufgcrieben, sodaß sie nach 827 aus der Geschichte verschwinden. Sie pflegten ihre Wohnsitze durch Umwallungen von eingcrammten Pfählen und Erde zu umschließen, von denen sich in den von ihnen besessenen Ländern noch Spuren unter dem Namen der avarischen Ringe finden. Bisweilen ist ihr Name irrthümlich auf die frühem Hunnen und die später» Ungarn übertragen worden. Avarie, Averie, s. Haverei. Avellmo, Hauptstadt der ncapolit. Provinz Principato-uiteriore oder Montefusco mit 12000 E, auf der Straße von Neapel nach Bari am Fuße des Monte-Vergine, der Sitz eines Bischofs, gewann durch die Revolution von 1820 eine neue Bedeutung. Sie ist schlecht gebaut und hat durch die Erdbeben in den I. 1604, 1731 und 1805 sehr viel gelitten, liegt aber äußerst angenehm. Dem Marktplatz gereicht ein prachtvoller Obelisk zur bcsondern Zierde. Sie gehört dem Fürsten Carraccioli, hat bedeutende Färbereien, welche durch das weiche Wasser der Umgegend sehr begünstigt werden, und treibt einen starken Handel mit Maccheroni und Getreide. In der Umgegend wachsen häufig Kastanien und sehr große Haselnüsse, die dem Landmann oft das Brot ersetzen. Schon Plinius erwähnt der letzter» unter dem Ncpmcn nuces »veiimca--. Zwischen A. und Benevcnto liegen unfern des Fleckens Arpaja die Caudinisch en Pässe (s. d.). Ave Maria, s. Englischer Gruß. AveilLinus (Johannes), eigentlich Thurnmayr, der bekannte bair. Geschichtschrei- ber, war zu Abensbcrg (Vventinum), wornach er sich nannte, 1466 geboren. Er studirte zu Ingolstadt, dann in Paris, hielt sich hierauf einige Zeit in Wien auf, ging später nach Polen und wurde, nachdem er von dort nach Ingolstadt zurückgekehrt, 1512 Lehrer der jünger» Brüder des Herzogs Wilhelm's IV. von Baiern. Den Prinzen Ernst von Baiem begleitete er 1515 nach Italien, und 1517 wurde er bair. Historiograph. Nach manchen harten Schicksalen, indem man ihn namentlich auch in den Verdacht der Ketzerei gebracht hatte, starb er zu Rcgensburg am 9. Jan. 1534. Seine „^mudes Rojorum", die zuletzt Eundling (Lpz. 1710, Fol.) herausgab, und sein „Olironicon Rsvsriae" (Nürnb. 1522, Fol.) sind ausgezeichnete Werke; durch seine „Rudiment» grammaticas latinae" (1512) machte er sich auch um die Philologie in Deutschland verdient. Aventurin heißt in der Mineralogie eine röthlich-braune Abänderung des Quarzes, welche durch zarte Sprünge, wodurch die Lichtstrahlen mannichfaltig gebrochen werden, einen Goldschimmcr erhält. Man findet ihn am Ural, in Steyermark, in der Gegend von Madrid u. s. w., und er wird zu Ningsteinen, Ohrgehängen, Dosen u. dgl. verarbeitet. Avernus, im Griechischen Aornos, d. i. der Vogellose, ein an einigen Stellen bis 180 F. tiefer, in der Nähe von Cumä, Puteoli und Bajä befindlicher, fast ganz von steilen und waldigen Höhen cingeschlossener See (jetzt Lago-d'Averno), dessen mcphitische Dünste die darüber fliegenden Vögel tödteten. Durch seine schaurige Beschaffenheit ist er der Mittelpunkt fast aller Sagen vom Schattenreiche geworden. Hierher verlegte man Homcr's Nckyia, den Eingang in die Unterwelt: hier sollen die Kimmerier gewohnt haben, welche sich in tiefen Höhlen aufhallcnd nicht an das Tageslicht hervorkamen, Metalle such- AverrhoeS Avicenna 683 ten und stygische Orakel ertheilten; desgleichen waren hier der Hain der Hekate und die Grotte der berühmten cumäischen Sibylle. Agrippa ließ die dichten Wälder lichten, wodurch die Gegend ihre Rauhigkeit verlor, und durch Cocccjus jenen berühmten Tunnel unter dem Berge nach Cumä führen, welcher zumTheil jetzt verschüttet, unter dem Namen dcrGrotta- di-Sibylla bekannt ist. Averrhöes, eigentlich Jbn Noschd, der berühmteste Philosoph der Araber, wurde I l49 zu Cordova in Spanien geboren. Sein Vater, welcher Oberrichter und Mufti daselbst war, unterrichtete ihn in dem mohammedan. Gesetze; in der Theologie und Philosophie hatte er Thophail, in der Meinem Jbn Zohr den Altern zum Lehrer. Sein Talent und seine Kenntnisse machten ihn zum Nachfolger seines Vaters; darauf wurde er Oberlichter in der Provinz Mauritanien. Aus Neid der Abweichung von den mohammed. Glaubenslehren beschuldigt, seines Amts entsetzt und von dem Glaubensgerichte zu Marokko zu Widerruf und öffentlicher Buße verdammt, kehrte er in sein Vaterland zurück und lebte in großer Armuth daselbst, bis der Khalif Al Manznr ihn wieder in seine Würden einsctzte, worauf er abermals nach Marokko ging und daselbst 1198 oder 1206 starb. A. hielt den Aristoteles für den größten Philosophen; er übersetzte und' erläuterte dessen Schriften mit tiefer Einsicht, doch läßt sich in seinen Arbeiten, wie bei den meisten der arab. Philosophen, der Einfluß der alexandrin. Ansichten, wie sie in den Commentarcn des Ammonius, Themistius u. A. niedergelegt sind, nicht verkennen. Gegen die arab. Orthodoxen, besonders gegen den Algazeli, trat er als rationalistischer Vertheidiger der Philosophie auf. Vorzugsweise nannten ihn die Araber den Ausleger (des Aristoteles), und es stand unter ihnen seine nach dem Syrischen gearbeitete Übersetzung des Aristoteles in hohem Ansehen. Wir kennen seine Schriften (Ven. 1489, Fol.) nur aus lat. Übersetzungen. Seine Commentarien zum Aristoteles erschienen lat. in der Ausgabe des Aristoteles (11 Bde., Ven. 1560, Fol.). Auch schrieb er eine Art medicinisches System, welches unter dem Namen „Colliget" (eine Verstümmelung des arab. Titels „Kulliyat", d. i. das Ganze, System) in das Lateinische übersetzt und öfters gedruckt wurde (Ven. 1482 und 1514, Fol.). In der Kirche hatte A. schon im 13. Jahrh. die größte Bedeutung, so auch unter den orthodoxen Philosophen, wie- wol viele seiner Lehren, besonders die allerdings ganz pantheistische von der Einheit des wirksamen Princips im Universum, oft als Jrrthum verworfen, auch die Astrologie alsAver - rhoismus bezeichnet wurde. — Aver nannten sich seine Anhänger, im >5. und 16. Zahrh., deren Haupt Alessandro Achillini war. Avers, s. Münzkunde. Avertissementsposten, Benachrichtigungs- oder Avisoposten sind kleine Trupps, welche vor-, seitwärts und selbst im Rücken einer lagernden oder cantonnirenden Truppenabtheilung ausgestellt werden und die Verpflichtung größter Wachsamkeit haben, mit der Bestimmung, die Truppe von Allem, was vorgeht, und besonders vom Anrücken des Feindes schnell zu benachrichtigen, sei es durch berittene Ordonnanzen, oder durch Abschießen eines Feuergewehrs, Abbrennen einiger Raketen, oder durch ein sonstiges verabredetes Signal. Der schnellern Beförderung der Meldungen wegen nimmt man gern gutbcrittene Cavalerie zu solchen Posten und gibt ihnen einen umsichtigen, zuverlässigen Befehlshaber, sogar vom Range eines Offiziers. Da ein solcher Posten nur den Zweck hat zu beobachten, aber nicht sich mit dem Feinde herumzuschlagen, so zieht man ihn sogleich zurück, sobald er seine Bestimmung erfüllt hat. Der Wachsamkeit eines bei Marchienne-au-pont ausgestellten Avcrtissementspostens verdankte die preuß. Armee an der Sambre am 14. Juni 1815, daß sic sich schnell concentriren konnte und nicht von Napoleon überrascht wurde. Aviänus, von Andern Avienus oderAnianus geschrieben, lebte vielleicht zu Ende des 4. Jahrh. n. Ehr. Es wird ihm eine Sammlung von 42 Äsopischen Fabeln in lat. Sprache und elegischem Versmaße beigelegt, die aber der altern unter dem Namen des Phädrus bekannten Sammlung sowol in Hinsicht der Sprache als der Darstellung weit Nachsicht. Herausgegeben wurde sie von Nevelet in der „iHztlwIoxis sosnssicn" ( 1610 ), Cannegictcr (Amst. 1731) und Nodcll (Amst. 1787). Avicenna, eigentlich Jbn Sina, ein berühmter arab. Philosoph und Arzt, dessen Autorität in der Medicin viele Jahrhunderte lang als unumstößlich gegolten hat, wurde 664 Avienus Avis zu Afschema, einem Flecken in der Nähe der zu Bokhara gehörenden Stabt Charmatia, im I. 980 geboren und erhielt zu Bokhara eine sehr gelehrte Erziehung. Mit besonderer Bor- liebe studirte er Mathematik, Astronomie, Philosophie und Medicin. Er war Leibarzt bei mehren Herrschern der samanidischcn und dilemitischen Sultane, auch eine Zeitlang Vezier in Hamadan, zog sich aber dann nach Jspahan zurück und starb ans einem Zuge des Emir Ala cd Daula gegen Hamadan im I. 1037. Er h'intcrlicß eine Menge Schriften, unter denen besonders sein System der Medicin „Kamm fi 'lTibb" den größten Nus erlangte. Es zeich. net sich dasselbe weniger durch Originalität aus als durch die verständige Anordnung und zweckmäßige Auswahl aus den Schriften der griech. Ärzte zu einer Zeit, wo die ÄcnntniK des Griechischen noch wenig verbreitet war, und die A. durch arab. Übersetzungen zugäng- lich waren. Der arab. Text des „Kanun" und mchrer seiner philosophischen Schriften, unter welchen seine Metaphysik die Aufmerksamkeit der Scholastiker auf sich zog, erschien zu Nom 1593 (2 Bde., Fol.). Von Gerardus Cremonensis wurdeder „Kanun" in das Latei- nische übersetzt und öfters gedruckt (zuletzt, 2 Bde., Ven. 1595, Fol.). Auch seine philosophischen Schriften erschienen wiederholt in lat. Übersetzungen (Ven. 1199, 1523 und 1561). AvieilUs (Festus Nufus), ein röm. Dichter, aus Volsinii in Etrurien, wahrscheinlich im 1. Jahrh. n. Ehr., ist der Verfasser einer Metaphrase des geographischen Gedichts des Dionysius, in lat. Hexametern, „DsscrPtio nrbis terrae" überschrieben, und eines Werks in Jamben „Ora maritima", das aber nur unvollständig auf uns gekommen ist, herausgege- bcn in den Sammlungen der kleinen lat. Dichter von Mattaire (Bd. 2) und Wernsdorf (Bd. 5), auch in den „OeoFrspki miliares" von Hudson (Bd. 1) und von Bernhardy (Bd. I), und einzeln von Friesemann (Amst. 1786). Avignon, Hauptstadt des Departements Vaucluse im südöstlichen Frankreich, am linken Ufer der Rhone, eng und winkelig gebaut, hat eine Menge Kirchen und geistliche Gebäude, unter denen die Kathedrale und die Franciscanerkirche sowie das alte päpstliche Schloß sich auszeichnen, ein Athenäum und mehre andere wissenschaftliche Anstalten, über 3 l 860 E-, ansehnliche Seidenmanufacturen, Seidenfärbereien und andere Fabriken. Die zu A. 1303 gestiftete Universität wurde 1791 aufgehoben. Das ehemalige Dominicanerkloster ist jetzt eine Kanonengießerei. Die Gegend um A. ist reizend, äußerst fruchtbar an Korn, Wein, Oliven, sogenannten Avignonbeeren (gr-linss ck'Xvignon) und den herrlichsten Südfrüchten. In A. verlebte Petrarca mehre Jahre, hier sah er seine Laura, der er seine schönsten Lieder sang, und deren Grabmal in der Franciscanerkirche befindlich ist. DaS durch ihn verewigte Vaucluse liegt drei Stunden von der Stadt. A. mit seinem Gebiete war im Mittelalter eine Grafschaft, welche die Päpste, die bereits die Grafschaft Venaissin 1273 vom König Philipp ill. zum Geschenk erhalten hatten, von Johanna, Königin von Sicilien und Gräfin von Provence, 1318 für 80000 Flor, ankauften. Beide Länder regierte der Papst durch einen Vicelcgatcn und besaß sie bis 1790, wo nach mehren stürmischen Auftritten, zuletzt am 16. Oct. 1791, die Stadt mit ihrem Gebiete sich an Frankreich anschloß, worauf der Papst im Frieden zu Tolentino am 19. Fcbr. 1797 aus A. und Venaissin Verzicht leistete. Historisch merkwürdig ist A. in der Kirchengeschichte auch noch darum, weil auf Anordnung König Philipp's IV. von Frankreich Papst Clemens V. und seine sechs Nachfolger bis auf Gregor XI. (1309—77) ihren Sitz daselbst nehmen mußten. Später residirten zu A. noch mehre nicht anerkannte Päpste. Zwei Kirchenversammlungcn, 1326 und 1337, wurden daselbst gehalten, die erste berieth das Verhältniß der Geistlichkeit zu den Laien, die andere die schlechte Aufführung des Klerus. Sowol in als bei A. findet man noch viel Überreste aus der Römerzeit. Avila, Hauptstadt der Provinz gleiches Namens im span. Königreiche Altcastilien, am Adaja, mit 1000 E., der Sitz eines Bischofs, ist historisch dadurch merkwürdig, daß sich hier 1165 der altcastilische Adel versammelte, über den König Heinrich IV. Gericht hielt, ihn des Throns verlustig erklärte und Alfonso, Heinrich's Bruder, zum König von Leon und Castilien erwählte. Zu A. ward auch 1520 die Versammlung des sogenannten drittui Standes oder des heiligen Bundes unter Juan Padilla's Leitung gehalten, zu welcher fast alle Städte Castiliens Abgeordnete sendeten. Die Universität zu A. ist seit 1807 aufgehoben Avis oder Avisbrief, auch Bericht heißt im kaufmännischen Geschäftsleben kie Axel Axum 685» Christliche Anzeige, die der Aussteller eines Wechsels dem Bezogenen in der Absicht inacht, um Letztem zu rechter Zeit Kenntniß von seiner Tratte (Ziehung) zu geben. (S. Wech sel.) Auch die Anzeige von der Absendung von Geld oder Waaren pflegt inan Avis zu nennen. Axel oder Ab sal o n, Erzbischof in Lund und Bischof in Nveskilde, zugleich Minister und Feldherr des Königs Waldemar l., geb. 1128, gest. l20I, stammte aus einem sehr ansehnlichen Geschlechte und studirte in seiner Jugend zu Paris. Schon als Prinz hatte Waldemar ihm sein Vertrauen und seine Freundschaft geschenkt; diese Freundschaft dauerte bis zum Tode des Königs fort und ging auf seinen Sohn, König Knud VI., über, dem A. mit derselben Treue und gleichem Eifer diente. A. zeichnete sich durch Weisheit und Rechtlichkeit im Frieden sowie durch Muth und Klugheit im Kriege aus. Die wendischen Seeräuber wurden nicbr nur von den Küsten Dänemarks entfernt, sondern in ihrer Heimat bekriegt und überwunden. Den pommerschen Fürsten Bogislaw schlug er und machte ihn Dänemark lehnspflichttg. An den weisen Gesetzen Waldemar's und seines Scchns hatte er vielen Antheil. Er liebte und förderte gelehrte Studien und Arbeiten, und seiner Aufmunterung verdankt man die erste im Zusammenhang geschriebene Geschichte Dänemarks von Saxo Grammaticus, sowie die des Svend Aagescn. Durch den Bau eines befestigten Schlosses (Axelhuus) zur Vertheidigung gegen die Seeräuber legte er den Grund zur künftigen Größe Kopenhagens, das damals ein geringes Dörfchen war, wo nur Fischer wohnten. Von diesem Ursprung (Axelhuus) und dem Geburtsnamcn A.'s schreibt sich der Name Axelstadt, den man bisweilen Kopenhagen gegeben hat. In der Kirche zu Soroe, dessen Mönchskloster er stiftete, liegt A. begraben. Die Reliquien, welche im I. IN27, als sein Grab eröffnet ward, in demselben gefunden wurden, vornehmlich Bischofsstab und Ring, werden in der neuesten und ausführlichsten Geschichte A.'s von Estrup (deutsch von Mohnike in Jllgen's „Zeitschrift für historische Theologie", Bd. 2, Lpz. l832) bejchricben. Axiom heißt im engern und wissenschaftlichen Sinne ein allgemeiner Satz, den der Verstand als richtig erkennen muß, sobald er nur den Sinn und die Worte desselben versteht, der also unmittelbar gewiß und aus keinem andern abzuleiten ist. Dahin gehören z. B. alle Sätze, deren Prädicat ein wesentliches Merkmal des Subjectbegriffs enthält. So ist der Satz: Ein Dreieck hat drei Seiten, ein Axiom, weil bas Subject Dreieck nicht anders als dreiseitig gedacht werden kann. Jede Vernunftwisscnschaft verlangt solche Grundsätze, aus welchen Alles, was zu ihr gehört, abgeleitet wird; wie z. B. die ganze Geometrie aus verhältnißmäßig sehr wenigen Axiomen beruht. Ob es ein einziges für die gesammtc menschliche Erkenntnis; absolut erstes Axiom gebe, aus welchem alles übrige Wissen abgeleitet werden könne, ist eine Frage, über die zwar viel gestritten worden ist, deren Verneinung aber in der Thatsache liegt, daß es verschiedene Anfangspunkte des menschlichen Wissens gibt. In formeller Beziehung müssen die logischen Grundsätze, der Satz des Widerspruchs, der Identität, des ausgeschlossenen Dritten für solche Axiome erklärt werden, welche nicht blos für das menschliche, sondern für jedes Denken, welches fähig ist, sich nach dem Inhalte des Gedachten zu richten, gültig sind. Die kritische Philosophie nimmt das Wort Axiom in einer beschränkenden Bedeutung und versteht darunter synthetische Sätze a priori von unmittelbarer, d. i. anschaulicher, Gewißheit. Sie behauptet, daß nur die Mathematik dergleichen habe, und nennt die Axiome der Philosophie nur discursive Grundsätze, deren Gültigkeit für uns durch die Form unserer Anschauung bedingt sei, wie z. B. den Satz: Jede sinnliche Empfindung hat einen gewissen Grad. — Die Mathematiker nennen ihre theoretisch unmittelbar gewissen Sätze Axiome, z. B. den Sah: Jede Größe ist sich selbst gleich; die Federungen aber, deren Ausführbarkeit unmittelbar erhellt, z. B. zwischen zwei Punkten eine gerade Linie zu ziehen, Postulate. Axum, einst die Hauptstadt des äthiop. Reichs gleiches Namens im heutigen abyssin. Staat Tigree, westlich von Adowa, liegt gegenwärtig in Trümmern, mitten unter denen die neue, 1657 in einem edeln Stil erbaute Hauptkirche Abyssiniens steht. Noch zeugen von der ehemaligen Größe die in Felsen gehauenen Bauwerke, der Königsstuhl, zwei Gruppe» von 36, einst 55 schön gearbeiteten, jedoch der Hieroglyphen entbehrenden Obelisken, und die bekannte axumitische Inschrift, worauf der axumitische König Aizanes, um 333 n. Ehr., in gricch. Sprache unter Aufzählung seiner Besitzungen einen Sieg feiert, und dafür dem 68tt Ayala Ares Statuen weiht. Man ersieht aus diesen Denkmälern, daß das axumitische Reich, das, wie die erwähnten Bauwerke zu beweisen scheinen, in den beiden Jahrhunderten unmittelbar vor und nach Chr. Geb. aus den Trümmern von Mcroe sich erhob, sich über Abyssinien, die angrenzenden Gebiete auf der Westseite des Rothen Meers und selbst über Jemen und Saba in Arabien erstreckte und die Herrschaft über das Rothe Meer erlangte. Es ward politisch wichtig dadurch, daß es im Süden die Grcnzmacht wurde, an welcher sich die weltcr- obernde Macht des röm. Reichs, wie der bis nach Arabien vordringcndcn Partherbrach; von den byzantin. Kaisern ward ihm sogar ein Tribut gezahlt. Dagegen war es auch der äußerste Punkt gegen Süden, bis wohin, und zwar über Ägypten, griech. Bildung drang, sodaß die griech. Sprache sogar zur Hof- und Pricstersprache wurde. Unter dem erwähnten König Aizanes, der sich in der Inschrift noch als Heiden zeigt, erhielt das „Land durch die beiden abyssin. Apostel Frumentius und Ädesius das Christenthum über Ägypten, woher auch vieler Priester einwandertcn. Die neue Lehre verbreitete sich schnell über das ganze Land, Frumentius ward der erstt Bischof von A. und ihm zu Ehren Fremona erbaut. Die noch durch ganz Abyssinien zerstreuten zahlreichen, zum Theil höchst imposanten Felsenkirchen, deren Architektur ein Werk ägypt. Priester ist, entstanden in jener Zeit, ebenso die berühmtesten abyssin. Klöster und Einsiedeleien. Das axumitische Reich stand über Ad ule (s. d.) in lebhaftem Handelsverkehr mit Arabien und Indien und bildete das äußerste Bollwerk des Christenthums, als welches es sich besonders vom 6. Jahrh. an der Christen in Arabien annahm und zum natürlichen Gegner des Mohammedanismus wurde. Die Kämpfe, in welche cs sogleich mit diesem verwickelt wurde, stürzten cs, indem sie es nach und nach seiner Besitzungen in Arabien nnd des ganzen Küstenstrichs am Rothen Meere und Meerbusen von Ädcn beraubten, dadurch ihm alle Wege des Verkehrs abschnitten und cs durch unaufhörliche Kriege schwächten, bis innere Kriege seine völlige Auflösung hcrbeiführten. Astäla (Pero Lopez de), el Vicjo genannt, zum Unterschiede von scmcm gleichnamigen Sohne, aus einem der ersten Häuser des castilischcn Adels, 1,332 zu Murcia geboren, stand in hohem Ansehen bei mehren Königen von Castilien und bekleidete die ersten Neichswürdcn, zuletzt die eines Großkanzlers und Oberkammerhcrrn von Castilien. Er hatte zweimal das Unglück, in Gefangenschaft zu gerathen; 1367 in der Schlacht von Najcra wurde er von den mit Peter dem Grausamen verbündeten Engländern, um 1385 in der Schlacht von Aljubar- rota von den Portugiesen gefangen genommen. Er starb zu Calahorra 1-107. Doch nichtblos als Staatsmann, sondern auch als Schriftsteller, besonders als Geschichtschreiber und Dichter hat er sich berühmt gemacht. Äm bekanntesten ist sein Geschichtswerk „Oünicas els los rez-es cke tmstilluL.Uellro, V.Iönricjiiell., I). äurml., 1). blnri^nslll." (2 Bde.,Madr. 1780, 1.; die ältcrn Ausgaben von 1105 und >591 sind unvollständig), worin er der Erste unter den Spaniern es versucht hat, statt der bisher üblichen einfachen Berichte nach der Zeitsolge eine mehr pragmatische Darstellung der Begebenheiten nach den Gesetzen der historischen Kunst zu geben. Natürlich hatte seine Beschäftigung mit lat. und ital. Schriftstellern, deren er mehre übersetzte, und vorzüglich mit Livius, den er zuerst ins Castilische übertrug (Sa- lamanca 1197 und 1552), Einfluß auf Stil und Darstellung, welcher trotz der meist noch mislungcnen Nachahmung doch immer beachtenswerth bleibt. Erft in neuerer Zeit sind auch seine poetischen Werke wieder aufgesundcn worden, darunter das bedeutendste sein „lll'.bro » rimsilo cke ziiilacio". Dieses „Buch in Neimen über das Hoflebcn", wie man dessen sonderbaren Titel etwa übersetzen könnte, ist während des Dichters erster Gefangenschaft in England begonnen worden, in der alten einheimischen Form der vierzciligen cin- reimigcn Alexandrinerstrophcn abgefaßt und satirisch-didaktischen Inhalts. Es enthält nicht nur Nathschläge über die Einrichtung eines wohlgeordneten Hofstaats und Lehren der Negierungskunst für die Könige und Großen des Reichs, sondern auch satirische Schilderungen des damaligen Zustands in Staat und Kirche, der Laster und Thorheiten der verschiedenen Stände und insbesondere der damals in Castilien herrschenden Misbräuche, mit großer Freimüthigkeit, der Sachkentniß eines selbst einen hohen Posten bekleidenden und zu den wichtigsten Unterhandlungen gebrauchten Staatsmannes, und dem gesunden Urtheile eines seine Zeit scharf beobachtenden Denkers entworfen, die daher auch für den Geschichtsforscher von Werth sind. Diesem größern Werke finde» sich in den handschriftlichen Sammlungen Ayrenhoff Ayuntanüento 687 seiner Gedichte noch mehre lyrische ((lantures und Decires) beigefügt, die bald moralisch- ascetische Betrachtungen, bald den Ausdruck subjectivcr Gefühle und Zustände, bald mystisch- fromme Bitt- und Lobgesängc, besonders auf die Jungfrau Maria, enthalten und die theils noch in den altern nationalen, theils schon in den der provenzalischenHofpocsie nachgebildcten Formen abgefaßt sind, sodaß A. auch in seinen poetischen Werken als ein merkwürdiger Repräsentant jener Übergangscpochc der span. Nationalliteratur aus einer mehr volksmäßigen, originalen in eine mehr kunstmaßige, nachahmende erscheint. Ayrenhoff (Corn. Herm. von), einer der bessern Lustspieldichtcr des vorigen Jahrh. geb. 1734 zu Wien, wurde 1814 als Feldmarschallieutcnant pensionirt und starb 1819. Man besitzt von ihm sechs Trauerspiele, welche nach dem Maßstabe der Weiße'schen Periode zugeschnitten und höchstens von Seiten der Anlage zu loben sind, und neun Lustspiele, die, in ziemlich fließenden Alexandrinern geschrieben, einige Munterkeit und Laune entwickeln. Unter ihnen erwarb ihm das Lustspiel „Der Postzug" einen bedeutenden Ruf, da es zu den wenigen Productcn deutscher Dichtkunst gehörte, welche vor Friedrich des Großen Augen Gnade fanden. Auch das Lustspiel „Die große Batterie" gehört zu seinen bessern Arbeiten. A. war und blieb ein Gegner Shakspeare's, wie der gesammten neuern Richtung, welche in Goethe und dessen Zeitgenossen in Deutschland zum Durchbruche kam. Außerdem hat man von ihm „Briefe über Italien" (Wien > 803) und „Kleine Gedichte" (Wien 1816). Seine „Sämmtlichen Werke" (6 Vdc., Wien 1863) wurden in der 3. Auf- läge von Freiherr» von Netzer herausgegeben (6 Bde., Wien 1814). Ayrer (Jak.) ist nächst Hans „Sachs der fruchtbarste und bedeutendste dramatische Dichter der Deutschen im 16. Jahrh, Überfeine Lebensumstände herrscht Dunkel; wahrscheinlich ist er aus Franken gebürtig; in Nürnberg begründete er mit geringen Mitteln einen Eisenkram. Später soll er nach Bamberg gegangen sein und dort als Schreiber die Grundlage zu seiner künftigen höhern Bildung und Stellung erworben haben. So viel ist gewiß, daß er 1594 Bürger und Gerichtsprocurator in Nürnberg war, wohin znrückzugehcn ihn, wie cs heißt, Neligionsstreitigkeiten veranlaßten, daß er später auch kaiserlicher Notar wurde und >605 starb. Von seinen Lustspielen sind bei seinen Lebzeiten einzelne gedruckt worden, aber erst seine Erben sammelten einen Theil derselben unter dem Titel „Opus tüestricum, dreißig ausbündig schöne Komödien und Tragödien u.s.w., sammt noch andern 36 schönen lustigen und kurzweiligen Fastnachtspielen" (Nürnb. 1618, Fol.); ein zweiter Theil mit 40 Komödien und Tragödien ist in der Vorrede zwar versprochen, aber nicht erschienen. Geschichte, Volkssage und Legende bieten die Stoffe zu A.'s Dramen; Livius, Plautus, das Heldenbuch, Frischlin, Boccaccio, Chroniken, Volksbücher und gleichzeitige Nachrichten sind die Quellen, aus denen er schöpft und die er in der Regel durch den Mund des Ehrenholds, der als Prolvgus das Stück cinleitet und als Epilogus schließt, getreulich aufzählt. Als Lust- spieldichier steht er dem Hans Sachs am nächsten; er hat mit ihm die geschwätzige Breite des Dü-iogs gemein, doch ist er regelmäßiger als jener. Seine Tragödien sind dialogisirte Geschichte ohne wahre Einheit der Handlung, und mit sehr häufigem Wechsel von Zeit und Ort, und Ernst und Scherz mischen sich in ihnen willkürlich durcheinander. Unverkennbar ist in denselben, namentlich in seiner „Petinoxeria", sowie auch in den Werken der Zeitgenossen A.'s, der Einfluß altenglischer Stücke, die durch wandernde engl. Schauspieler in Deutschland bekannt wurden. Das dramatische Talent A.'s bekundet sich indessen deutlich in geschickter Anlage, namentlich in den Lustspielen, und in einem freilich nicht immer gelungenen Streben nach Charakterzciclmung. Seine Sprache ist körnig und gediegen und erhebt sich durch Reinheit und Leichtigkeit weit über die seiner Vorgänger. Merkwürdig ist, daß manche seiner Fastnachtspiele, in denen er übrigens an Witz und Laune seinem Vorgänger Hans Sachs nachsteht, sich durch eine eigenthümliche Vcrsification, lyrische Strophen, die gleich lang, aber in dialogische Absätze ungleich zerschnitten sind, und die wie ein Volkslied und zwar noch mehre nach Einer Melodie gesungen wurden, dem Singspiele nähern. Tieck hat in sein „Deutsches Theater" (Bd. 1) fünf Stücke von A. ausgenommen. Ayuntamiento heißt in Spanien zunächst die Municipalgewalt; dann versteht man darunter eine Vereinigung der in der Ausübung getrennten Gemeindebehörden zu einer die Gesammtcorporation darstellenden Junta. Das sranzösirende Gesetz über die Ayuntamicntos 688 Azara Azineomt und die Unzufriedenheit, die es aufregte, gaben Espartero zu seiner Opposition gegen das Ministerium, wrlche 1840 zu dem Exile der Königin-Regentin Christine führte, den äußern Anlaß. Azära (Jose Nicvlo d'), geb. 1731 zu Barbenales in Aragon, zeigte schon während der Zeit, die er auf den Universitäten zu Huesca und Salamanca zubrachte, eine lebhafte Neigung für Wissenschaft und Kunst, die sich noch mehr entwickelte, als er 1765 zum Ge- schäststrägcr des Königs von Spanien in Rom ernannt, dort mit den ausgezeichnetsten Gelehrten und Künstlern, besonders aber mit Meugs, der in die Dienste des Königs von Spanien getreten war, in eine vertraute Verbindung kam. In den Verhandlungen mit Clemens XIII. bewies er viele diplomatische Gewandtheit und fortwährend behauptete er einen großen Einfluß auf die wichtigsten Verhältnisse seines Hofes zu dem päpstlichen Stuhle, namentlich unter Clemens XIV. Er trug zu den Beschlüssen wegen Parma und wegen der Jesuiten am meisten bei; auch hatte er den größten Einfluß auf die Wahl Pius' VI. Um für Nom Gnade zu erflehen, ward er I7S6 dem Eroberer Italiens cntge- gengesandt. Bonaparte erkannte in ihm sogleich den Mann von Geist, machte aber auch auf ihn bei dieser ersten Zusammenkunft den mächtigsten Eindruck. In diplomatischen Aufträgen ward er 1798 nach Paris gesandt, I8N1 zurückbcrufen und nach Barcelona verwiesen, im folgenden Jahre wieder als Botschafter nach Paris geschickt, jedoch 1803 von neuem dieses Postens verlustig. Seine ohnedies sehr erschütterte Gesundheit erlag diesen mehrmaligen Stürmen; er starb zu Paris am 26. Jan. 1804. A. war im Besitz einer reichen Bibliothek, Gemälde- und Antikensammlung; er gab die Werke seines Freunde« Mengst? d.) heraus, dessen Leben er auch beschrieb. Azilnth bedeutet in der kabbalistischen Sprache des spätem Judenthums, aus welcher es in die thcosophische der folgenden Zeiten überging, die geistigst? Art des göttlichen Hervorbringens, nämlich durch Emanation; daher auch der Ausdruck aziluthischeWelt, d. h. die geistig vorbildende, im Gegensätze der drei andern mevern Welken. Azrmuth eines Gestirns nennt man den zwischen dem Höhenkreise dieses Gestirns und dem Meridian enthaltenen Bogen des Horizonts. Es ist östlich oder westlich, jenachdem ein Stern östlich oder westlich vom Meridiane steht, aber —0, wenn er im (südlichen) Meridiane selbst steht oder im Augenblicke der (obern) Culmination beobachtet wird. Das Wort kommt aus dem Arabischen und soll von einem Worte, welches Himmelsgegend bedeutet, abstammen. Man pflegt mit dem beweglichen Quadranten einen eingetheiltcn horizontalen Kreis, den Azimuthalkreis, zu verbinden. Wird dann der zum Nullpunkt des letztem gehende Thcilstrich in die Lage der Mittagslinie gerückt, so hat man das Azimuth des Gestirns, dessen Höhe über dem Horizonte das Fernrohr angibt. Azincourt oder Aginco urt, ein franz. Dorf im Bezirk St.-Pol im Departement Pas-de-Calais, berühmt durch die Schlacht zwischen den Engländern und Franzosen am 25. Oct. >415. Die innere Zerrüttung Frankreichs unter dem geisteskranken König Karl VI. hatte England crmuthigt, seinen alten Ansprüchen auf Frankreich Geltung zu verschaffen. König Heinrich V. war bei Honfleur gelandet, hatte diese Festung erstürmt und wollte durch die Picardie nach Calais marschiren, um dort Winterquartiere zu beziehen. Mit einer großen Macht rückte ihm der Dauphin entgegen. Viele Edle begleiteten ihn, und ihr Stolz war so groß, daß die angebotene Hülfe des Herzogs von Burgund und der Stadt Paris ausgeschlao en ward. Heinrich V. eilte der Somme zu; doch die Franzosen folgten ihm und hinderten ihnam Übergange, den er erst bei St.-Quentin zu bewerkstelligen vermochte. Sehr an Truppen geschwächt und aus Mangel am Nöthigsten erbot sich Heinrich, den Frieden durch Schadenersatz zu erkaufen. Doch die Franzosen wollten von einer Unterhandlung nichts wissen, da sie die Hoffnung hegten, das engl. Heer gänzlich zu vernichten. Wirklich gewannen sie bei den Dörfern A. und Framecourt hinter dem Flüßchen Ternoise die Straße nach Calais eher als die Engländer, die sich, noch 14000 M. stark, darunter 2000 Ritter, in einem Treffen, die Bogenschützen an den Flügeln zwischen zwei Gehölzen, aufgestellt hatten. Die Franzosen, von dem Connetable d'Albret befehligt, 50000 M. stark, stellten sich in zwei Treffen auf, die Ritter, von denen nur 2000 zu Pferde waren, im ersten. Die Engländer setzten sich zuerst in Bewegung. Die franz. Ritter eilten ihnen sogleich entgegen, wurden aber von den Bogen- Azoren Azyurtten 689 schützen mit einem solchen Pfcilhagel empfangt, daß sie die Flucht ergriffen, sich auf das erste Treffen warfen und dieses in Unordnung brachten. Hierauf griffen die leicht bewaffneten Bogenschützen zu ihren Keulen und Streitäxten und brachen in die Reihen der Ritter zu Fuß ein, wo sie, da diese wegen der schweren Panzer und der Gedrängtheit ihrer Schlachtordnung sich nicht bewegen konnten, die größte Verwüstung anrichteten. Als vollends die engl. Ritter nacheilteu, floh nicht nur das franz. erste Treffen, auch das zweite konnte die ungestümen Sieger nicht aufhalten, und bald löste sich die ganze franz. Armee völlig auf. Der Sieg war entschieden. Einen Augenblick glaubte Heinrich, daß die sich sammelnden Haufen die Schlacht erneuern würden, ja durch die Nachricht, daß eine Schar bewaffneter Bauern sein Gepäck plündere, noch mehr gereizt, befahl er, alle Gefangene niederzumetzeln. Schon ward der Befehl vollführt, als er die Grundlosigkeit seiner Befürchtung einsah. Gegen 10000 getödtcte Franzosen deckten das Schlachtfeld, darunter der Connetable nebst sechs Herzogen und Prinzen, dem Herzog von Brabant, dem Grafen von NeverS, dem Herzoge vonAlenxon, dem Herzoge von Bar und seinen beiden Brüdern. FünfPrinzen, unter ihnen die Herzoge von Orleans und Bourbon, waren gefangen. Die Engländer verloren 1600 Todte, unter ihnen den Herzog von Jork, des Königs Großoheim, welchen der Herzog von Alencon, der, um den Tod zu suchen, auf den König Heinrich eindrang, an dessen Seite tödtete. Schon hatte er auch dem König die Krone vom Haupt geschlagen und die Hand zum zweiten Male zum tödtlichen Streich erhoben, als alle Anwesende ihn umringten und mit vielen Streichen tödteten. Heinrich war zwar Sieger, aber zu schwach, um etwas ftrnerweit zu unternehmen; daher setzte er seinen Marsch nach Calais fort, wo er sich nach England einschiffte. Azören oder Habichtsinseln, eine zu Portugal (s. d.) gehörige Inselgruppe im Atlantischen Meere zwischen Afrika und Amerika von 52 OM. mit 200000 E.» die von Portugiesen abstammcn und nach portug. Gesetzen regiert werden. Die einzelnen Inseln heißen: S.-Miguel mit 85000, Terceira (s. d.), Pico mit 25000, Fayal mit 21000, Sta.-Maria mit 5000, S.-Jorge mit 12000, Graciosa mit 7500, Flores mit 13000 und Corvo mit 800 E. Der Boden ist vulkanisch und gebirgig, aber gut bewässert undungemein fruchtbar; der höchste Berg ist der Pic aufPico, 7—8000 F. hoch. Das Klima ist mild und gesund; Haupterzeugnisse sind Wein, Korn und Südfrüchte; auch treiben die Einwohner starke Viehzucht, Fischerei, Manufakturen und etwas Handel; an einem guten Hafen fehlt es jedock. Tournefort, Kircher, Raynal, Bory de St.-Vmcent halten die A. und die Cana- rien für Reste der untergcgangencn Atlantis; allein A. von Humboldt und Leop. von Buch haben zu beweisen gesucht, daß sie durch submarinische vulkanische AusbrücheauS dem Boden des Meers emporgehoben wurden. Die Portugiesen haben die A. 1116 entdeckt, doch wollen niederländ. Seefahrer sie schon früher gesehen haben; daher die Holländer ihnen den Namen der Flandrischen oder Flämischen Inseln beilegen. Vgl. Bular, „4, vintsr in icke (2 Bde., Land. 1812). Azot, s- Stickstoff. AzyMlten wurden die röm.-katholischen Christen, als die griech. Kirche im 11. Jahrh. von ihnen sichtrennte, von Michael Cerularius, Patriarchen von Konstantinopel, benannt, weil sie beim heiligen Abendmahl sich des Azymon, d. h. ungesäuerten Brots, bedienten. Der Name wurde vorzüglich nach den fehlgeschlagenen Vereinigungsversuchen zu Florenz, 1139, unter den Griechen gangbar, indem man immer mehr den Gebrauch des gesäuerten oder ungesäuerten Brots als wesentliches Unterscheidungsmerkmal betrachtete. Die Griechen wurden dafür von den Lateinern Prozpmiten genannt. Eonv.-Ler. Neunte Ausl. 1. 44 660 O, s. Ton und Tonarten. Baader (Franz -kavcr), bekannt als mystisch-religiöser Philosoph, geb. zu München 17 6 5, gest. daselbst am 2 Z. Mai 18-11, wurde durch die Krankheit des Nachtwandelns in seiner frühem Entwickelung sehr gehemmt. Er studirte in Ingolstadt und Wien Mcdicin, wendete sich aber nachher dem Bergwesen zu, welches er namentlich unter Werner in Freiberg seit 1788 kennen lernte, machte theils allein, theils mit seinem Bruder Joseph mehre Reisen und erhielt 1798 in Baiern mit der Stelle eines Gencraldircctors die eines Oberbcrg- und Hüttenmeisters. Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften fand er auch eine äußere Veranlassung, sich naturphilosophischen Studien, auf welche die Schelling'sche Philosophie großen Einfluß gewonnen hakte,zu widmen und schrieb eine Menge kleinerer Aufsätze und Abhandlungen, z. B. „Beiträge zur Elementarphysiologie" (Hamb. 1797), „Über das pytha- goraische Quadrat in der Natur" (Tüb. I799)u.s.w., die er in den „Beiträgen zur dynamischen Physik" (Berl. 1899) und in den „Philosophischen Schriften" (2 Bde., Münst. 1831) sammelte. Bei der Stiftung der Universität zuMünchcn wurde sein Wunsch, von dem Mechanismus des Geschäftslebens befreit zu werden, erfüllt und er als Professor der spekulativen Dogmatik angestellt, welche Stelle er bis zu seinem Tode begleitete. Der Grundgedanke der Jdentitätsphilosophie stimmte mit seiner natürlichen Neigung zum Mystischen und Überschwenglichen überein, erhielt aber von ihm eine eigenthümliche Ausführung und Anwendung. Auf diese Weise fand er die Hauptaufgabe seines Lebens darin, eineNaturansicht (Phystosophie), die zugleich Theologie oder vielmehr Theosophie wäre und deren Principien den Schriften des von ihm vielleicht unter allen Denkern am höchsten gestellten Jak. Böhme (s. d.) stillschweigend zum Grunde lägen, zur Anschauung zu bringen. Er versuchte dies theils direct, theils indirect und polemisch, z. B. in der „Revision der Philosophen« der Hcgel'schen Schule,bezüglich aufdasChristenthum"(Stuttg. 1836), in einer Menge Schriften, darunter namentlich „Vorlesungen über speculative Dogmatik" (5 Hefte, Stuttg. und Münst. 1828 —38) und „Vorlesungen über eine künftige Theosie des Opfers oder des Cultus" (Münst. 1836). Als ein Versuch, B.'s Ansichten, die er selbst meist nur in aphoristischer Form ausgesprochen hatte, in pin Ganzes zu bringen, ist zu nennen F. Hoffmann's „Vorhalle zur spekulativen Lehre Franz B.'s" (Aschaffenb. 1836). Auch zwischen die confessionellen und kirchlichen Streitigkeiten der neuesten Zeit versuchte B. vermittelnd einzutrcten, z. B. in der erst nach seinem Tode herausgekvmmenen Schrift „Der morgenländische und abendländische Ka- tholicismns" (Lpz. 18-11). — Sein älterer Bruder Clemens Alois B-, bekannt als Herausgeber des „Gelehrten Baierns", geb. am 8. Apr. 1762, starb als bair. Regierungsund Schulrath am 23. März 1838. — Sein jüngerer Bruder, Jos ephvon B-, bair. Obcr- bergrath, berühmt als Ingenieur und Mechaniker, geb. zu München 1763, gest. daselbst am 2V.Nov> 1835, hatte ursprünglich Medicinstudirtund auch in dieser Wissenschaftpromovirt, entsagte ihr aber später und wurde 1798 wegen seiner ausgezeichneten Talente für die Technologie Director der Maschinen und des Bergbaus und 1808 als Gehcimrath bei der Gcne- raldirectisn des Bergbaus und der Salinen von Baiern angestellt. Auf seinen Reisen in England von 1787—95 und 1815 in Frankreich und andern Ländern hatte er einen reichen Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen gesammelt. Sinnreich waren seine Vorschläge zur Wiederherstellung der großen Wassermaschine zu Marly oder zur Ersetzung derselben durch eine andere. Er machte viele glüMche Versuche und Erfindungen und wußte die Mangel der engl. Eisenbahnen, namentlich in Beziehung auf die Erleichterung des Transports, vielfach zu heben. Mit seinen spätern Ansichten übcr Eiscnbahnbau, die er in mehren Schriftchen Baaken Baalbek 601 en er Ue ' eit ad ,t- u> !0- b- L- L- st- M U- d- nd n- ht ^ en re ks en er !8 st- >e- h- est L- ls s- r- m i ct, h. ie- in en ur ch ;cl cl- darlegte, vermochte er aber nicht durchzudringen; es fehlt ihnen daher die praktische Bewäh rung. Unter seinen Schriften erwähnen wir die „Theorie der Saug - und Hebepumpen" (Bair. 1797, 4.; 2. Auch, Hof 1820); „NeueVorschläge und Erfindungen zur Verbesserung der Wasserkünste bei dem Bergbau und Salinenwesen" (Bair. 1800, 4.; 2. Auch, Hof 1820); „Über ein neues System der fortschaffenden Mechanik" (Münch. 1817) und „Huskiffon u»d die Eisenbahnen" (Münch. 1830). Baaken, Blüsen oder Bojen heißen die für Schiffer und Lootsen am Strande oder in der See selbst, auch in großen Strömen unterhaltenen Zeichen, durch welche theils die Einfahrt, theils Klippen, Untiefen und andere gefährliche Punkte angedeutet werden. Als Signale am Ufer werden gewöhnlich Pechpfannen oder Steinkohlen in, großen eisernen Körben angezündet, die im Kleinen den Nutzen der Leuchtthürme (s. d.) gewähren; auf der See selbst werden an Ketten schwimmende Tonnen oder andere bemerkbare Dinge zum Zeichengelegt. Die Errichtung der Baaken steht unter Aufsicht der Regierungen, welchcnzur Unterhaltung derselben von den Schiffen ein Baaken,- Blüse- oder Tonnengeld bezahlt wird, das der Baakmeister einfodert. Auch pflegt man, wenn in der Gefahr ein Tau gekappt und ein Anker zurückgelassen werden muß, durch ein Baakzeicheu den Ort der Versenkung zu bezeichnen. Baal bei den Babyloniern Bel, bei den Phöniziern so viyl als Gott ist der allgemeine Name für Gottheit und daher nicht in einer bestimmten Deutung zu nehmen. Noch weniger ist B. mit einer höhern oder nieder« Gottheit der Griechen zu vergleichen; doch haben die Sagen von Hercules und dessen Verehrung die meiste Ähnlichkeit mit dem Baalsdienste, wahrscheinlich deshalb, weil jene von den Phöniziern herstammen. Dem B. stand die Baal tis als weibliche Gottheit zur Seite, bei den Phöniziern Ästa r t e (s. d.) genannt. Auch das Alte Testament erwähnt den B. in sehr verschiedenen Arten und Formen, daher mit allerlei Beinamen, unter denen Baalsefuf (in der griech. Form Beelzebub), 1 Kön. 1 erwähnt, der bekannteste ist. Als Name einer schadenden Gottheit (Gott der Fliegen, Gott des Ungeziefers) wurde er von den Juden auf den Satan übergetragen, und kommt so auch im Neuen Testamente vor. Viele babylonische, phönizische und karthagische Namen sind mit Baal zusammengesetzt, so Hannibal, Astrubal u. s. w. Baalbek oder Balbek, d. i. Stadt des Baal oder des Sonnengottes, daher bei den Griechen und Römern Heliopolis, d. i. Sonnenstadt, genannt, gegenwärtig eine kleine, unansehnliche, unter einem besondcrn Emir stehende Stadt mit ungefähr 5—600 E-, im Ejalet Akka der afiat. Türkei, am Fuße des Antilibanon, auf einem der niedern Ausläufer des Gebirgs in die Thalebene El-Beka, im alten Cölesyrien, ist wegen der Ruinen ihrer alten Prachtbauten merkwürdig, die zu den großartigsten in ganz Vordcrasien gehören. Am bedeutendsten und imposantesten sind die Überbleibsel des großen Sonnentempels, der außer dem eigentlichen Tcmpelgebäude, wie man aus dem noch vorhandenen Unterbau sieht, aus zwei großen Vorhöfen bestand, die mit Säulengängen und galerieartigen Gebäuden umgeben waren und zu denen ein prächtiger Porticus führte. Das Tempelgebäude im Hintergründe des zweiten größer« Vorhofs bildete ein längliches Viereck von 268 F. Länge, 146 F. Breite, dessen Dach von einem Peristyl von 54 korinthischen Säulen getragen ward, von denen sechs noch stehen, die im Umfang gegen 22 par. F., der Länge nach im Schafte 58 und mit dem Fußgestell und dem darauf ruhenden Gebälk gegen 72 F. messen. Älles Übrige liegt meist in Trümmern umher, von denen der ganze Boden bedeckt ist. Merkwürdig ist die Größe der zu den Substructionen verwandten Steine, von denen einige gegen 60 F. lang sind, bei einer Dicke von 12 F. Südlich von diesem großen Tempel steht noch ein kleinerer, ebenfalls in länglichem Viereck gebaut, dessen Peristyl und Umfassungsmauern der Cella größtentheils noch stehen. Beide Tempel, die der Grundform nach den griech. sich anschließen, sind sowie die Vorhöfe in einem reich verzierten röm. Stile aus Kalkstein gebaut. Außer ihnen findet man noch in einiger Entfernung von der Stadt ein achteckiges, von acht Granit- faulen getragenes Gebäude, dessen Dach eingestürzt ist, und das von den Bewohnern Kubbek- Duris genannt wird. Die älteste Geschichte B.s liegt in völligem Dunkel. Nur so viel ist gewiß, daß es seit uralten Zeiten ein Hauptsih des Sonnencults gewesen, wie schon sein Name beweist. Ob B. mit den biblischen Ortsnamen Baal-Gad, Baal-Hamon und Baalatz 692 Baar Babbage identisch sei, ist nicht entschieden. Erst mit Ver Römerzeit wird die Geschichte B.ß lichter. Unter Augustus hatte eS eine röm. Besatzung; Antoninus Pius baute den großen Tempel, den die unter dm jetzigen Bewohnern der Stadt herrschende Sage für ein Werk des Königs Salomon hält. Daß der Jupitersdienst sich hier mit dem Sonnendienst vermischte, zeigen noch übrige Kassetten vom Gewölbe des kleinen Tempels, die außer den Büsten röm. Kaiser und Kaiserinnen auch Jupiter, Leda und Diana im Relicfdarstellen. Nachdem das Christenthum unter Conflantin zur herrschenden Religion geworden, ward der Tempel in eine christliche Kirche umgewandelt. Mit der Einnahme der Stadt durch die Araber beginnt sein Verfall. In den darauf folgenden immerwährenden Kriegen ward er mit dem kleinen Tempel in eine Festung umgewandelt, von der man noch die Zinnen sicht, und weshalb der Platz, auf dem beide stehen, den Namen Castell führt. So war es ganz natürlich, daß beide bald in Trümmer fallen mußten, wie denn auch die Stadt selbst, die im Alterthum vielgcößer war, durch die unglücklichen Schicksale, die Syrien das ganze Mittelalter hindurch bis zur neuesten Zeit betrafen, immer mehr herabsank. Was das Schwert der Araber, Tataren und Türken noch verschont halte, wurde 1759 von einem furchtbaren Erdbeben meist zerstört. Vgl. Wood und Dawkins, „lüe ruins ok 8. etc." (Lond. 1757); ferner die Reisewcrke von Volney, Caffas, Maundrell, Burckhardt und O. von Richter. Baar, eine ehemals reichsunmittelbare Landgrafschaft im See- und Donaukreise des Großherzogthums Baden, der Hauptbestandtheil des Fürstenthums Fürstenberg, mit etwa 30000 E. bevölkert, soll den Namen von Baar oder Para, d. i. Gericht, welcher urkundlich schon in der Mitte des 8. Jahrh. vorkommt, erhalten haben und hatte im 11. Jahrh. einen viel größer» Umfang. Die Landgrafschaft ist sehr hoch gelegen und die im Norden aufsteigende höchste Gebirgsgegend heißt A u f d e r B a a r. Die Hauptstadt derselben ist Donau- eschingen, die Residenz des Fürsten von Fürstenberg, wo die Donau ihre Quellen hat. Die Grafen von Baar werden häufig schon in der Zeit der Karolinger erwähnt. Nachher war die Landgrafschaft im Besitze der Grafen von Sulz, die sie nach und nach freiwillig an dieGrafen von Fürstenberg abtraten, die 1283 vom Kaiser Rudolf!, damit belehnt wurden. Ihre Neichsunmittelbarkeit verlor sie 1803. Baarle, s. Bar laus. Babbage (Charles), Professor der Mathematik zu Cambridge, geb.um 1790, ist einer der gefeiertsten engl. Gelehrten, in welchem Erfindungsgeist und Beobachtungsgabe mit einer tiefen wissenschaftlichen Bildung sich ungewöhnlich glücklich verbinden. Unter seinen literarischen Leistungen erwähnen wir zuerst seine logarithmischen und trigonometrischen Tafeln („Logarithmen der natürlichen Zahlen", 3. Aust., Lond. 1831), die sich ebenso durch äußerste Correctheit, wie durch schöne und zweckmäßige Ausstattung und bequeme Einrichtung auszeichnen. B. war der Erste, der die Art der Ausstattung solcher Tabellen zu einem Gegenstände ernstcnNachdenkenS machte und zwölfPunkte aufstcllte, inwclchen die gesummten Bedingungen der Zifferformen, ihre Zusammcnordnung und Vereinigung mit Linien zusammengefaßt sind, sofern durch dieselben gehörig brauchbare Tafeln gebildet werden sollen. Bei der Schwierigkeit, größere Tabellenwerke correct zu fertigen, geriethB. aufden Gedanken, die Vollendung derselben einer Maschine anzuvertrauen. Von der Regierung mit der Beaufsichtigung des Baues einer solchen beauftragt, besuchte er, bevor der wirkliche Bau angefangen wurde, eine bedeutende Anzuhl mechanischer Werkstätten und Maschinensysteme, sowol in seinen! Vaterlande als auf dem Festlande, um die gesummten Hilfsquellen mechanischer Künste kennen zu lernen und sich in den Stand zu setzen, dieselben bei seinem Riesenbau com- binirt zu benutzen. Diese Umschau war die nächste Veranlassung zu dem so geistreichen Werke „Über Maschinen und Fabrikcnwesen" (deutsch von Friedenberg, Werk. 1833), in welchem die gesammtcn mechanischen Processc unter höhern Gesichtspunkten zusammengeordnet und die interessantesten Beispiele für die verschiedensten Fabrikationen ausgestellt sind. Er war es, der hier zuerst die Principe der Theilung der Arbeit und des Copirens, welche die Grundlage alles Fabrikbetriebs bilden, recht klar erörterte. Nächst der Schrift „Vergleichende Darstellung der verschiedenen Lebens-Affccuranz-Gescllschaften"(deutsch, Weim. 1827) und der„vec!ine c>k scisnce in Liiglancl" hat B. eine Menge höchst interessanter Abhandlungen in den Babenberg Babeuf 64L „ 1 >si^ctivu°" der edinburger und der londoner Gesellschaft geliefert. Seine Rechenmaschine (s. d.) besteht zufolge ihres Zwecks, mathematische und seemännische Tafeln zu berechnen und zu drucken, aus zwei wesentlich verschiedenen Theilen, einem rechnenden und einem druckenden. Der erste wurde im I. 1828 zu bauen angcfangcn und war 1833 zum größten Theil in bewundernswürdiger Schönheit und Vollkommenheit vollendet, als eine Unterbrechung im Vau der Maschine cintrat; der druckende Theil war damals noch nicht halb fertig und dennoch war der Gesammtaufwand beim Bau bis auf 17000 Pf. St. gestiegen. Da die vollständige Ausführung noch auf doppelt so viel veranschlagt wurde, so ließ man die Sache liegen. Gegenwärtig ist B. mit Entwürfen zu größern Maschinen für alle algebraischen Operationen beschäftigt. Babenberg (Grafen von), eines der ältesten deutschen Geschlechter, welches seinen Namen von dem Stammsitze Babenberg im Westen von Bamberg entlehnte und sich von den fränk. Königen ableitete. Die Babenberger scheinen schon im 9. Jahrh. im heutigen Oberfranken reich begütert and namentlich auch im Besitze der Gegend um Bamberg, das nach ihrer Burg sich nannte, gewesen zu sein, bis Adalbert Graf von B. hingerichtet wurde, worauf seit 908 Gaugrafen über diese Gegend herrschten. Politische Bedeutung erhielten die Babenberger, als der aus denselben entsprossene Leopold,!. 983 Markgraf von Ostreich (s. d.) wurde. Ihr Stamm erlosch mit dem Herzoge von Ostreich, Friedrich dem Streitbaren, im I. 1246. Eine Nebenlinie der Babenberger, die Heinrich, den jüngern Sohn Heinrich Jasomirgotl'S (gest. 117 7), zum Ahnherrn hatte und deren Häupter sich Herzoge von Ostreich-Mödling nannten und Herren des Landes unter dem Gebirge waren, war schon vorher 1226 mit Heinrich dem Grausamen erloschen. Babenhausen, ehemals eine Reichsherrschaft, gegenwärtig ein Herrschaftsgericht der Fürsten Fugger im bair. Kreise Schwaben und Neuburg, von 7 OM. mit 11000 E- — Der Hauptort darin ist der Marktflecken Babenhausen, mit zwei Schlössern, schönen Gärten und 1700 E-, die Residenz der Fürsten Fugger-Babenhausen. Bonden alten Herren von Babenhausen kam die Herrschaft um die Mitte des 15. Jahrh. an die Grasen von Kirchberg, dann an die Herren von Färber und Hieraufan die Freiherren von Rechbcrg, die sie 1538 an den Grafen Fugger verkauften. Ihre Mcdiatisirung erfolgte im 1.1806. — Die Stadt Babenhausen in der großhcrzoglich hessischen Provinz Starkcnburg mit 1700 E. war früher dies Rösidcnz der Grafen von Hanau-Lichtenberg. Wegendes Amts Babenhausen kam es nach dem Tode des letzten Grafen von Hanau-Lichtenberg im Anfänge des 18. Jahrh. zu einem langwierigen Besißstreite zwischen Hessen-Darmstadt und Hessen- Kassel, und im I. > 773 in Folge eines Vergleichs die Stadt an Hessen-Kassel, welches sie aber 1810 in einem Tractat mit Napoleon wieder an Hessen-Darmstadt abtrat. Babeuf (Franc. Noel), bekannt durch das politische Apostolat, zu dem er sich berufen glaubte, war 1761 zu St.-Quent!n geboren. Sein Vater hatte 30 Jahre in östr. Diensten gestanden und war Lehrer Kaiser Lcopold's !. gewesen. B. verrieth sehr glückliche Anlagen und verfaßte, 16 Jahre alt, eine mathematische Abhandlung „De cacknstre perpetusl", die er später der Nationalversammlung zucigncte. Er begrüßte die Revolution mit Begeisterung, und die politischen Artikel, die er im „Oorrcsponckant sscsrck" einrücken ließ, lenkten die Aufmcrksanlkeit der Police! auf ihn. Er ward nach Paris gebracht und vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Einige Zeit später bekam er bei der Administration des Seinedepartements eine einflußreiche Stelle. Hier gerieth er nachher mit Manuel in Streit und trug wesentlich zum Sturze Robespicrre's bei. Nach dem Tode Carrier's veröffentlichte er eine Schrift unter dem Titel „Du szrteme cke ciepopulation ou Is. vie et ies crime? «Is cüsrrier"; dann gründete er das Journaltribuus «In zieuple", dem er das Motto von I- I. Rousseau gab: „De Imt cie la societs est Is bonbeur commun." Er huldigte in demselben dem reinsten Demokratismus und suchte allen Lug und Trug zu bekämpfen. Seine Artikel waren Casus Gracchus B. bezeichnet. Nachdem er seiner Freimüthigkeit wegen bereits mehre Male im Eefängniß gewesen war, ward er im Mai 1796 aufs neue mit mehren seiner eifrigsten Anhänger wegen Verschwörung gegen die Constitution festgenommen und vor e!» außerordentliches Gericht zu Vendömc gestellt. Ganz Frankreich sah auf diesen Proceß, der mit allem Pomp der Öffentlichkeit eingeleitet ward. Mit einem gewissenDarthewurde er 1 KL4 Babirussa Babylonien am 5. Prairial des Jahres V (25. Mai 1797) zum Tode verurtheilt. In demselben Augen- ^ blicke, wo man ihnen den Spruch ankündigte, stieß jeder der beiden Gefangenen sich einen , Dolch in die Brust. V. hatte sich jedoch nicht glücklich getroffen und wurde nach einem ^ 24stündigen Todcskampfe noch aufs Schaffst geschleppt. — Sein ältester Sohn EmileB., ^ geb. am 29. Sept. 1785, widmete dem Andenken seines Vaters, dessen schmählichem Tode I er beigewohnt hatte, einen wahren Cultus. Nachdem sein Wohlthäter, der Graf Felix Le- i pelletier, der sich der Waise angenommen hatte, deportirt war, trat er in eine Buchhandlung, in der er sechs Jahre blieb. Hierauf bereiste er für das Haus Turneisen zu Basel einen großen Theil Europas. Auf einer dieser Reisen in Spanien traf er den Ankläger seines Vaters, foderte ihn heraus und tödtetc ihn, wurde aber dabei selbst gefährlich verwundet, i Hierauf ließ er sich in Lyon nieder, wo er sich 1812 als Buchhändler etablirte. Er begleitete Napoleon nach Elba, blieb aber nicht lange daselbst und begab sich nach Paris, wo er ebenfalls einen Buchhandel anlegte. Er machte sich besonders als Herausgeber des „Kain tricolore" bekannt und ward der Frcimüthigkeit dieses Blattes wegen zur Deportation verdammt. Nachdem er zwei Jahre in der Conciergerie und ein Jahr in der Festung zu St.-Michel gesessen hatte, kam er nach Paris zurück und cröffnete von neuem seinen Buchladen. Babirussa, s. Schwein. Babo (Joseph Maria von), ein bekannter deutscher Bühnendichter, geb. am 14. Jan. 1756 zu Ehrenbreitstein, wurde, nachdem er sich als Dichter einigen Ruf erworben, 1778, als auf Karl Theodor dieKurwürde inBaiern übergegangen, mit der berühmten Marchand'- schcn Schauspiclergesellschaft als Intendant von Manheim, wo er als geheimer Secrctair angestellt war, nach München verseht. Zwar zog er sich nachher eine Zeit lang von der Verwaltung der Bühne zurück, übernahm jedoch 1792, als die Bühne in ihrer Versunkenheit einer gänzlichen Reorganisation bedurfte, von neuem die Intendantur und führte sie mit so großer Geschäftskenntniß, praktischer Umsicht und poetischem Geschmack, daß die münchener . Bühne, besonders im recitirendcn Drama, unter ihm ihre Blütenperiode erlebte. Nachdem er 1819 die Verwaltung der Bühne abgegeben, starb er am 5. Febr. 1822. Er war ein gewandter und talentvoller Bühnendichter und namentlich behauptete sein noch jetzt gern gesehenes Trauerspiel „Otto von Wittelsbach", welches den berühmtesten deutschen Schauspielern Gelegenheit bot, sich zu zeigen, unter allen Nitterstücken, die sich an Goethc's „Götz von Berlichingen" anschlosscn, den ersten Rang. Unter seinen übrigen ziemlich vergessenen Dramen zeichnet sich „Arno" als ein Versuch aus, ein Schauspiel zu schreiben, worin das Weib und die Liebe gar keine Rolle spielen. Außerdem schrieb er die Trauerspiele „Genua und die Rache", „Jda", „Dagobert der Frankenkönig", „Die Römer in Deutschland", das Schauspiel „Die Strelihen", das Melodrama „Cora und Alonzo" und mehre Lustspiele, unter denen „Bürgerglück" und „Der Puls" auf der Bühne vieles Glück machten. Seine Dramen erschienen gesammelt unter dem Titel „Schauspiele" (Berl. 1793) und „Neue Schauspiele" (Bd. I, Berk. 1894). Babrüls oder Babrias, wahrscheinlich um 150 v. Ehr., nach Andern zur Zeit des Bion und Moschus, brachte die Äsopischen Fabeln in Choliambcn oder Scazonten, wie dies schon Sokrates im Gefängnisse gethan haben soll. Dieses Fabelbuch des B-, welches -tz nach dem Zeugnisse der Alten aus zehn Büchern bestand und nur sehr unvollständig auf uns gekommen ist, diente allen spätem Fabeldichtern als Quelle. Vgl. Tyrwhitt, „I)s Labrio ta- dulsrum ^esopearuin scriptore" (Lond. 1776, Erlang. 1785). Die noch vorhandenen Überreste, die sich in den Ausgaben des Äsop von dcFuria und Schneider finden, sind in neuester Zeit am sorgfältigsten zusammcngestellt und erklärt worden von Knoch (Halle 1835). Babur oder Baber, d.i. der Löwe, ein Nachkomme Tamerlan's, geb. 1483, gest. 1530, wurde 1525 durch die Eroberung Delhis und Agras der Stifter der Dynastie der sogenannten Großmoguls im nördlichen Indien. (S. Hindostan.) Babylonien war im Alterthume der Name des Tieflandes am untern Euphrat, das jetzt Jrak-Arabi genannt wird und das gegen Nord an Mesopotamien, gegen Ost, wo der l Tigris, an Assyrien und Susiana, gegen Südost an den Persischen Meerbusen und gegen I Süd und West an das Wüste Arabien grenzte. Die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens ward durch die sorgfältigste gartcnmäßige Bestellung unh schon seit ältester Zeit durch Be- ^ Babylonien 695 wässerlmgskanäle gehoben, die, zum Theil den Tigris und Euphrat verbindend, das durchgängig flache Land durchschnitten und zugleich Schutz gegen die fast alljährlichen Überschwem- mungen des Euphrat darboten. Als Baumaterial diente dir reichlich vorhandene Ziegelcrde, die, an der Sonne gedörrt oder in Öfen gebrannt, dauerhafte Steine gab, welche in den vorhandenen Ruinen noch jetzt der Witterung widerstehen; zum Mörtel bediente man sich des Erdharzes, das allenthalben reichlich hervorquoll. Die Babylonier, nach ihrer Sprache, einer aramäischen oder syr. Mundart, ein semitischer Völkerstamm, erscheinen schon in den ältesten Zeiten der Geschichte als ein Volk, das feste Wohnsitze und Civilisation hatte. Ihre Religion war Sabäismus, sie beteten Sonne, Mond und Sterne und die fruchtbare Erde an. Baal (s. d.) und Baaltis hießen ihre Hauptgottheiten. Vgl. Munter, „Die Religion der Babylonier" (Kopenh. 1821 ). Die mosaischen Nachrichten nennen Nimrod, spätere Griechen den Gott Baal oder Bel als Gründer des ersten babylon. Reichs, das auch sicher älter war als das assyrische, von dem cS später unter Ninus und Semiramis in Abhängigkeit geriet!). Im 7 . Jahrh. v. Ehr., nach Andern viel früher, wurden die Chaldäer (s. d.), ein kriegerisches Volk aus den Gebirgslandschaften am Schwarzen Meere, durch assyr. Könige in B. angesiedclt, dessen südlicher Theil nach ihnen auch Chaldäa genannt wird, und deren Name dann ans die Priesterkaste überging, die in der pers. Zeit mieden Magiern verbunden ward. Der Chaldäer Nabopo- lassar machte sich zu Ende des 7 . Jahrh. von der assyr. Herrschaft, die er mit Kyaxares von Medien zerstörte, frei und stiftete das neu-babylon. oder chaldäische Reich. Sein Sohn Nebukadnezar, der noch unter ihm den ägypt. König Necho bei Circesium (Charchemisch) am Euphrat 601 geschlagen und Jojakim, König von Judäa, unterworfen hatte, herrschte mit großer Kraft; er löste das Reich Juda (s. d.), da die Juden sich empörten, völlig auf, unterwarf Phönizien und unternahm Eroberungszüge bis nach Afrika und nach Ostpersien. Nach seinem Tode, gegen 560 , sank die Macht des babylon. Reichs schnell und unter Nabo- nedus (bei Hcrodot Labynetus), der sich mit Krösus gegen Cyrus verband, ward sie von diesem nach Einnahme der Hauptstadt im I. 538 ganz vernichtet. Die Babylonier waren berühmt durch ihren Kunstfleiß, namentlich wurden ihre Teppiche und Gewänder noch in der röm. Zeit hochgeschätzt; der Handel, für den Babylon ein wichtiger Platz war, führte Neichthum herbei, der die Liebe zur Pracht und zu einem Luxus, der bis zu wollüstiger Üppigkeit stieg, erweckte. Astronomische und astrologische Kenntnisse waren schon seit alter Zeit ein Eigcnthum der Priester; sie sollen zuerst die Mittagslinie zu ziehen und die Tagesstunden zu bestimmen verstanden haben. Aus der pers. Herrschaft ging B. in die Alexander des Großen über, nach dessen Tod Selcucus l., dem es 321 auf der Versammlung von Triparadisos zugesprochcn worden war, seinen Besitz von Antigonus im I. 312 erkämpfte. Den syr. Herrschern ward es um 110 v. Chr. durch die Parthcr entrissen; in röm. Gewalt kam es nur vorübergehend unter Trajan imJ. 111 n.Chr., Scptimius Severus im I. ISS und Julian im I. 363 . Als Mohammed's Nachfolger im I. 650 dem neupcrs. Reiche der Sassanidcn ein Ende gemacht hatten, ward B-, wo 755 Bagdad (s. d.) erbaut wurde, der Sitz der Khalifcn bis 1258 . Seit 1638 , wo es die Türken den Persern zum zweiten Male entrissen, ist es unter türk. Herrschaft, getheilt in die Paschaliks Bagdad (s. d.) und Basra (s. d.), geblieben. — Die alte Hauptstadt Babylon, vom Euphrat durchsirömt, wird in einer an das Wunderbare grenzenden Weise geschildert. Die Mauer, welche die Stadt umgab, M nach Herodot 200 Ellen hoch, 50 breit gewesen sein, 100 eherne Thore und 18 » Stadien im Umfange gehabt haben. Der Tempel des Baal und die hängenden auf Mauern angelegten Gärten, welche die Sage nach der Semiramis benennt, gehörten zu den größten Merkwürdigkeiten dieser Riesenstadt, deren erste Gründung dem Vel oder Baal, von Andern der Semiramis zugeschrieben ward, deren große Bauwerke aber wahrscheinlich von Nebukadnezar und seiner Gemahlin Nitokris herrührtcn. Ihre Mauern und Thore wurden zum größten Theil durch Darius Hysiaspis, als er die Stadt, die sich empört hatte, nach zweijähriger Belagerung durch des Zopyrus List eingenommen hatte, niedergcrissen. Nach ihm war Babylon häufig Residenz der pers. Könige, und Alexander, der bei seinem Einzug im I. 331 den Bewohnern die Wicdcranfbauung der von Mrxes zerstörten Tempel gestattete, beabsichtigte sic zur Hauptstadt seines Reichs zu 696 Baecalaureus Bacchus mrchen. Als aber Seleucüs I., der sie 312 dem Antigonus abnahm, Seleucia am Tigris gründete und die Bewohner des acht Stunden davon entfernten Babylons dahin versetzte, verfiel sie und verschwindet seitdem in der Geschichte. Die Ruinen Babylons werden am genauesten beschrieben in Rich's „dlemoir on ibe ruins ok Usliz-Ion" (3. Aust., Land. 1818, mit Kpftn.) und Keppel's „Lersonal narrative os a snukns^ to L»Alan6, 8us- sorab, Lsgäscl, tbe ruins ok Lair^Ion etc." (Lond. 1826,1.). Rich, Nicbuhr und Renne! nehmen die Lage des alten Babylon im türk. Paschalik Bagdad, bei dem Orte Hill oder Hella an, der an der Ostseite des Euphrat liegt und etwa 7060 E. enthält. Die Ruinen bestehen in großen Haufen und Hügeln gebrannter und ungebrannter Ziegel, die auf der Oberfläche wieder zu Erde geworden, im Innern noch unversehrt sind und unter denen man Cylinder von Achaten, Jntaglios auf Onyxen und auch Basreliefs findet. Während Della Walle und Rennel in der Ruine, genannt El-mukallibe, den Thurm des Baal gefunden zu haben meinten, glaubten ihn Rich und Kcr Porter in dem ungeheuren Oblongum an der Westseite des Euphrat, von den Arabern Birs-Nimrud, d. i. Thurm des Nimrod, zu entdecken. Um die Entzifferung der an den Ruinen enthaltenen keilförmigen Inschriften Hai sich vorzüglich G. E. Grotefend (s. d.) verdient gemacht. Baecalaureus oder, wie es in alten Urkunden heißt, Baccalareus, Bacuke. rius und BacillariuS, gewöhnlich abgeleitet von baccs laurc», Lorber, oder lisculu«, der Stock, bezeichnete im mittelalterlichen Latein einen Knappen, der unter einem Ritter diente und den Ritterschlag zu erhalten wünschte (Lscbslier); dann einen Kanonikus des untersten Rangs. Als akademischer Titel wurde eS im 13. Jahrh. durch Papst Gregor IX. auf der Universität zu Paris in der theologischen Facultät eingeführt, zur Bezeichnung eines Candidaten, der die akademischen Cursus oder Prüfungen bestanden hatte und Vorlesungen zu Hallen berechtigt war, ohne jedoch den selbständigen Docenten beigezählt zu werden. Nach den drei zu bestehenden Prüfungen unterschied man drei Elasten Baccalaureen: 1) den 8. simplsx, 2) den 8 . biblicus oder currens, dem es erlaubt war, über die Bibel Vorlesungen zu halten, und 3) den 8. sententisrius oder formst, is, der des PetrusLombardus „8eotco- tias" erklären durste. Erst der Letztere konnte Licentiat werden, d. h. alle Rechte eines akademischen Docenten erhalten. Später wurde das Baccalaureat auch bei den andern Facultäten als niedrigste akademische Würde eingeführt. Noch jetzt besteht es in alterthümlicher Einrichtung in England, wo man zwischen kormsä bsekelor, dem verfassungsmäßig creirten, und current bsclielor, dem durch ein Diplom außerordentlich creirten Baecalaureus unterscheidet, und auch Baccalaureen der Musik ernennt. In Frankreich hat die Revolution die ursprüngliche Einrichtung des Baccalaureats beseitigt. Auf den meisten deutschen Universitäten ist c§ als erster Grad für die zu Doctoren zu Promovirenden beibehalten worden. Bacchanalien, s. Bacchus. Bacchanten hießen im Alterthume die Theilnehmer an den nächtlichen Bacchusfesten; im 12. und 13. Jahrh. die angehenden Studenten, die 8esm, Gelbschnäbel, Rabschnäbel, später Füchse genannt; im 11., 15. und 16. Jahrh. die erwachsenen fahrenden Schüler, welche von einer Schule zur andern wanderten, um entweder bessern Unterricht oder ein besseres Unterkommen zu suchen. Durch die damaligen Sitten und die fromme Wohlthätigkeit der Kirche wie der Privaten wurde die herumschwcifcnde Lebensart der B. begünstigt; in grö- ßern Städten bestanden oft sogar Verpflegungsanstalten für sie. Noch im 16. Jahrh. war es für eine Schule rühmlich, viele solcher Individuen zu haben. Die B. hatten jüngere fahrende Schüler, Schützen genannt, bei sich, die Schutz und Unterricht von ihnen erhalten sollten, dafür mußten aber die Schützen ihnen aufwarten, für sie betteln, ja stehlen und wurden meist sehr tyrannisch behandelt. Nicht selten blieben die B. bis in ihr 32. Lebensjahr in den Schulen und erhielten dann oft Unterlehrerstellen. Die merkwürdigsten Beispiele von B. liefern Burkard Zingg und Thomas Plater, die ihr Leben selbst beschrieben haben. Bucchttls oder Baccheus, s. Rhythmus. Bacchus, Bakchos, Dionysos, auch, besonders in den Mysterien, Jakchos genannt, der Wcingott, war der Sohn des Zeus und derSemele (s.d.) der Tochter des Kad- mus. Semcle fand noch vor seiner Geburt den Tod, indem sie ein Opfer des arglistigen Rathes der eifersüchtigen Here ward, von der sie zu der thörichten Bitte sich verleiten ließ, den Zeus Bacchus 697 in seiner wahren Gestalt sehen zu wollen. Um die erst sechsmonatliche Frucht zu retten und reifen zu lassen, verschloß sie Zeus in seine Hüfte. So erzählt schon Pherecydes. Jndeß ist der einfache Gedanke wol der, daß die sterbliche Mutter die Geburt des Gottes mit dem Tod» bezahlen mußte. Nach dieser Hüftengcburt übergab Zeus das Kind der Ino, der Schwester der Semele, und ihrem Gemahl Athamas, ließ es aber hierauf, als Ino und Athamas von der Here in Raserei versetzt worden waren, nach Nysa in Thrazien zu den Nymphen bringen. Hier war es, wo B. die Pflanzung des Weinstocks lehrte und aus den Trauben den bekannten Trank bereitete. Um seine Erfindung der Menschheit mitzuthcilcn, durchzog er in Begleitung der Nymphen, welche mit Epheu und Weinlaub bekränzt waren undbebäm dcrte und umwundene Stäbe (Thyrsen genannt, und aus der Pflanze Narthex gemacht) in den Händen hatten, viele Länder. Dieser Zug erstreckte sich nach einer später» Sage sogar bis Baktrien und Medien, bis Ägypten und Indien, woselbst B. östliche Grenzsäulcn der Welt aufgestellt haben soll. Überall, wo er auf seinen weiten Zügen hinkam, findet sich ein Nysa. Äuf diese Weise war der Dienst des Gottes, welcher aus dem Oriente stammte und von Melampus nach Griechenland gebracht worden war, fast über die damals bekannte Erde ausgebreitet und somit der Mythus des B. vielfach durch die verschiedenen Völker motivirk, wodurch er einer der verwickeltsten undschwierigsten geworden ist. Äußerdem warB. auchBe» schüßer derObstbäume und überhaupt der Früchte. Da sein Dienst so weitverbreitet war und seine Feste mit Gesängen gefeiert wurden, so war es natürlich, daß er viele Beinamen erhielt) z. B. hieß er Lenäos von der Kelter, Bromios vom Lärm, Euios (im Lateinischen Evius) vom Zuruf Euoi und der Goldgekrönte von seiner goldenen Haarbinde. Jenen idealen Zug bildete sich die Phantasie nach dem Vorbilde der Bacchusfeste, wobei Mänadcn in verstellter oder künstlicher Raserei umherschwärmtcn und auf Berge zur Nachtzeit mit Fackeln zogcm Auf seinen Zügen fand er vielen Widerstand, da Manche seine Gottheit nicht anerkennen wollten; so widersetzte sich ihm Lykurgus, König der Edonen, über dessen Tod Verschiedenes erzählt wird und in Theben Pcntheus (s. d.), der dafür vonseinereigenen Mutter und ihren Schwestern zerrissen ward. Die Töchter des Mynias (s. d.), welche seine Feste nicht feiern wollten, bestrafte er mit Raserei und Verwandlung. Als er nach Naxos übersetzte, wollten ihn die tyrrhenischen Schiffer nach Italien entführen und legten ihn deshalb in Fesseln. Allein diese fielen von ihm ab, Neben und Epheu umschlangen das Schiff und hielten es mitten im Meere fest. Er selbst verwandelte sich in einen Löwen und die Schiffer sprangen aus Furcht ins Meer, wo sie in Delphine umgestaltet wurden. Diejenigen hingegen, die ihn gastlich und mit Ehrsurcht aufnahmeu, belohnte er, so den Mi das (s. d.). Überhaupt ist sein Charakter sanft. Bei den Künstlern ist sein Typus eine sich zum Weiblichen neigende Jünglingsgestalt. Seine ihm cigcnthümliche Zierde ist die Stirnbinde; die langen, wolligen Haare sind hinten in einen Knoten geschürzt, und nur einzelne Locken fallen von beiden Seiten über die Achseln vor; von einer Weinlaub- oder Epheuranke sind die Haare umgeben; er selbst ist weder untersetzt noch schlank. Gewöhnlich ist er ganz nackt gebildet; manchmal hat er eine weite Palla nachlässig umgehängt, die bald einen Theil der Schultern und Hüften deckt, bald, jedoch seltner, den größer» Theil des Körpers einhüllt; manchmal hängt auch ein Rehfell quer über die Brust; bisweilen trägt er Schuhe, seltner Kothurnen. Von diesem, dem eigentlich griech. B-, unterscheidet sich durchaus der bärtige oder indische, der von würdevoller, hoher, königlicher Bildung ist. Dieser ist mit einer bis zu den Füßen reichenden Tunica versehen, über der er einen weiten, prachtvollen Mantel hat. Als Krieger erscheint er hier in einer kurzen, um die Hüften gegürteten Tunica, mit Kothurnen an den Füßen; zum Schild dient ihm das Pantherfcll. Außerdem sieht man ihn auch noch mit Hörnern. Nach Ausbildung der EleusinischcnMysterienhatte man seinen Dienst mit diesen inVerbindung gesetzt, daher ist er bei Pindar Beisitzer der Demeter. Da er ferner bei den Orphikern noch Sonncm gvtt war, hatte er auch Theil an dem delphischen Orakel. Sein Dienst wurde mit geräuschvollen Festen begangen; für den ältesten Mittelpunkt desselben galt in Griechenland das Kadmeische Theben, das auch als Geburtsort des Gottes l angeführt wird. In Athen war der Dienst des Lenäischen der älteste, von dem sich Spuren bis in die mythische Vorzeit finden. Als Opfer wurden ihm besonders Böcke, Ziegen und Stiere dargebracht, letztere, weil er selbst als Stier gedacht und gebildet wurde. Besondere Erwäh- 698 Bacchylides nung verdienen hier: I) Die attischen Dionysien, von denen die kleinen oder ländlichen im Monat Poseidcon zur Zeit der Weinlese auf dem Lande gefeiert wurden. Zu den charakteristischen Ergötzlichkcitcn dabei gehörten die sogenannten Askolien, welche darin bestanden, daß die Dorfjugcnd mit einem Fuße auf gefüllte, mit Öl bestrichene Schläuche sprang und durch häufiges Hinfallen Gelächter erregte, und Aufführung von Theaterstücken. Wahrscheinlich evurde dieses Fest beim Herannahen der Weinlese gefeiert, und beim Schluß derselben das der Halocu. Auf diese folgte das der Leuäen (das Kelterfest) im Monat Chamelion, welches blos der Stadt Athen eigcnthümlich war. Die Festlichkeiten dabei, außer den Theatervorstellungen, bestanden in einem großen Schmause, wozu der Staat das Fleisch lieferte, und in einer Procession durch die Stadt, bei dtr die an den Dionysosfesten gewöhnlichen Neckereien stattfanden. Nach den Lcnäcn kamen die Anthestcrien im Monat Anthesterion (den t I., 12. und 13.) an welchen der neue Wein zuerst getrunken wurde. Am zweiten Tage dieses Festes bestand die Hauptseierlichkcit in einem großen öffentlichen Mahle, wobei man, mit Frühlingsblumen bekränzt, unter Trompctemnusik förmliche Wettkämpfe im Trinken anstellte, und außerdem in einem geheimen Opfer für das Wohl des Staats von der Gemahlin des Archon Basi- leus dargebracht, welche dabei auf eine symbolische Weise dem Gotte angetraut wurde. Am dritten Tage endlich ward dem chthonischen Hermes und den Geistern der Verstorbenen ein Opfer dargebracht. Zuletzt folgten die großen oder städtischen Dionysien, welche im Monat Elaphebolion begangen wurden, an denen neue Komödien und Tragödien zur Aufführung kamön. 2) Die triaterische Dionysosfcier, welche in der Mitte des Winters von Frauen und Mädchen, Mänaden genannt, zur Nachtzeit mit dem wildesten Enthusiasmus unter Fackelglan; auf Bergen ein Jahr ums andere begangen wurde. Diese mystische Feier stammte jedenfalls aus Thrazien, und ihre Ausbildung wird auf den Orpheus zurückgcführt. Wann sie in Griechenland Aufnahme fand, läßt sich nicht genau ermitteln; am frühesten findet man sie in Böoticn, besonders zu Theben, wo die Frauen sie auf dem Kithäron begingen. Ein wichtiger Punkt ist auch der Parnaß, auf dessen höchstem Gipfel attische und delphische Frauen dem B. und Apollon zu Ehren nächtliche Orgien feierten. Die Mänaden waren dabei in Felle von Hirschkälbern gekleidet, schwangen den Thyrsos, machten Lärm mit Handpauken und tanzten mit aufgelöstem Haar, auf die wildeste Weise. Der Gott selbst wurde bei dieser ekstatischen Feier von dem ihm heiligen Opfcrthiere, dem Stiere, vertreten, welchen die Mänaden in ihrer Wuth zerrissen. In der ältesten Zeit waren sogar Menschenopfer nicht selten. Beschreibungen dieser wildschaurigen Feier finden sich bei den Dichtern nicht selten. 3) Die Bacchanalien der spätem Zeit, zu denen die Grundlage in Athen zur Zeit des peloponnesischen Kriegs durch Einführung fremder Gottesdienste und Conventikelwesen gelegt wurde. Von Griechenland kamen sie nach Italien. Schon im I. -196 v. Ehr. war der griech. Bacchusdienst zugleich mit dem der Ceres in Rom eingeführt worden, und Ceres, Liber und Libera wurden in gemeinschaftlichem Tempel verehrt. Diesen zu Ehren wurden die Liberalien am 17. Mär; gefeiert, und zwar damals in einer noch einfachem und ruhigem Weise als die städtischen Dionysien zu Athen. Später aber artete dieser Dienst gänzlich aus und wurde mit einer Zügellosigkeit begangen, die den Sitten und dem Staate selbst Gefahr drohte. Es fand die widernatürlichste Ausschweifung dabei statt. Zuerst wurden nur Frauen in diesen bacchischen Geheimdienst ausgenommen, später aber auch Männer zugelassen. Za man ging endlich so weit, daß Niemand mehr, der das 20. Jahr überschritten, ausgenommen werden sollte. Als dieser Unfug die höchste Spitze erreicht, leitete der Staat im I 186 v. Ehr. eine Untersuchung deswegen ein und rottete die Bacchanalien mit der größten Strenge aus. Bekannt ist in Bezug darauf das Leontus conmltum 810 , starb zu Nom am 7. Apr. 1833 in Folge eines Sturzes vom Pferde. — Ihre Tochter Napoleone Elisa B., geb. am 3. Juni t 806, die große Ähnlichkeit mit > Napoleon haben soll, vermählte sich 1825 mit dem Grafen Camorasa, einem der reichsten Edellcute der Mark Ancona, und lebt seit 1836 auf dem Schlosse Canale bei Görz. Büch nennt man ein natürlich fließendes Gewässer von so geringer Wasserfülle, daß eS noch überall zu durchwaten ist. Gebirgige Gegenden sind reicher an Bächen und zwar an solchen mit tiefcingeschnittenem, steinigem und sehr oft den Waffcrstand wechselndem Bett, als die Niederungen, wo die Wassermcnge sich häufiger in Weichland und Seen sammelt, bevor sie Bäche in bestimmt eingefurchten Betten bildet. Man unterscheidet folgende Arten Bäche: 1) Faulbäche; sie gehören den Niederungen an, haben oft ein so geringes Gefälle, daß sie zu stehen scheinen und vereinen oft mit tiefem Bett weiche Ufcrränder, sodaß sie schwer zu passirensind; 2) Regen fließe, die erst nach anhaltendem Regen mit Wasser gefüllt erscheinen und im lockern Sandboden am häufigsten Vorkommen; 3) Wild- oder R egen bä che; sie enthalten ebenfalls nur periodisch Wasser in Folge der Schneeschmelze und heftiger Regen, man findet sie aber nur im Gebirge, durch felsige, steile und wildeBetten ausgczeich- net, zur Zeit ihrer Trockenheit oft zu Wegen nach sonst unzugänglichen Gegenden benutzt) 4) Gieß- und Waldbäche, die fast nie versiegen, da sie aus Quellen entstehen; 5) Gletscherbäche, die den Gletschern ihr Dasein verdanken, und daher nie ausblei- ben; sie wachsen wie die vorher angeführten bei vermehrtem Niederschlag nicht selten zu tiefen Flüssen an und geben wie diese den meisten großen Flüssen ihre Entstehung; 6) Rausch-, Sturz- und Staubbäche, d. h. solche, welche mit heftigem Geräusch stark geneigte oder senkrechte Felswände Hinabstürzen, dann Wasserfälle bilden oder durch den Widerstand der Luft bei hohem Fall gleichsam in Staubregen aufgelöst werden und einen romantischen Naturschmuck vieler Hochgebirge bilden; und 7) Steppenbäche, die sich im Sande ohne eine bestimmte Mündung verlieren. ' Büch ist der Familienname mehcer sehr berühmter deutscher Tonkünstlcr des vorigen Jahrhunderts. Die Familie stammt aus Prcsburg in Ungarn, und ein VeitB. wird als ihr Stammvater genannt. Er, oder nach Andern ein Nachkomme desselben, Joh. Ambrosius B., gest. 1695 als Hofmusikus in Eisenach, verließ Ungarn der Religion wegen und übersiedelte nach Deutschland.— Sein Sohn,Joh. SebastianB-, dieser größte deutsche Cantor, geb. zu Eisenach am 21. März 1685,gest. 28.Juli 1750 zu Leipzig, erhielt zuerst Unterricht durch seinen Bruder Joh. Eh ristophB. zu Ohrdrufs, dann in Hamburg durch den berühmten Organisten Reinke. Nach einander wurde er Organist in Arnstadt, Mühlhausen und Weimar, 1714 Concertmeistcr, >717 Kapellmeister des Fürsten von Anhalt-Köthen und 1723 Cantor an der Thomasschule zu Leipzig. Hier war es, wo er durch Lehre und Vorbild einen Stamm trefflicher Organisten und Cantoren bildete, der zunächst durch Sachsen und Thüringen über ganz Norddeutschland sich verbreitete. Was Albrechtsberger, Kirnberger und Marpurg in der Theorie des Satzes geleistet, läßt sich auf B. zurücksühren, gleichwie in ihm jene Clavierschule wurzelt, die durch seinen Sohn Philipp Emanuel Aufsehen erregte, durch Clement! und Cramer weiter geführt ward und in Hummel scheinbar ihren Abschluß erhalten hat. Wieweit, was seitdem geltend geworden im Clavierspiel, neu, " wieweites gleichfalls in B. wurzelnd nur ein einseitig überwuchernder Zweig jener Schule sein möge, ist hier nicht zu erörtern; so viel aber ist gewiß, daß Das, was man Vollstim- migkeit, orchestcrmäßiges Spiel und dergleichen nennt, jene blendende, dem Virtuosenthum so zusagende Vieltönigkeit gegen Bach'sche Vielstimmigkeit arm und unkünstlerisch erscheint. Wenn schon indeß dieser entschiedene, lange nachwirkende Einfluß B.'s in Theorie und Praxis auf den Culturgang der musikalischen Kunst und Wissenschaft unbezwcifelt ist, und mehr als irgend Jemand B. das Prädicat eines Vaters der neuern Musik zukommt, so ist es doch ^ noch mehr der reiche Schatz seiner Compositionen an sich, abgesehen von ihrer Einwirkung auf Zeitgenossen und Nachkommen, wodurch er sich vor Allem das Andenken der Nachwelt gesichert hat. Noch mag wol Mancher meinen, es liege das Hauptvcrdicnst, ja das eigentlichste s Wesen der B. 'schen Compositionen in der hohen contrapunktischen Kunst, in der Meisterschaft der Arbeit, ur,e> allerdings ist diese Kunst so groß und reich, daß ihr Studium allein schon Bach (Familie) 701 Lohnes genug gewährt an Genuß und bildendem, förderndem Einfluß, Allein wo D. nicht geradezu und allein auf einen instrucliven Zweck ausgeht, und nur in verhältnismäßig sehr wenigen seiner Compositionen ist dies der Fall, da ist ihm jene Kunst stets nur Mittel, nie Zweck. Darum hascht er auch gar nicht nach jenen herausgesuchten contrapunklischen Künstlichkeiten. Zur rechten Zeit, am rechten Ort finden sie sich ein, ungesucht und mit überzcu- gender Folgerichtigkeit, nicht um ihrer selbst willen, um Aufsehen zu erregen, sondern aus innerer Nothwendigkeit. Wie viele von den -18 Fugen des „Wohltempcrirten Klaviers" entbehren aller so oft als Deckmantel der Erfindungslofigkeil gebrauchten Umkehrungen, Aug. mentationen und dergleichen. Freilich macht diese ganze Weise an den Vortragenden so gut wie an den Hörenden Ansprüche, ohne welche ein Genuß, ja nur ein nothdürftiges Erkennen des eigentlichen Gehalts nicht möglich wird. Es darf der Hörer sich nicht in passiver Erwartung dem bloßen sinnlichen Eindruck überlassen; es wird von ihm ein williges Eingehen und Folgen in der Gedanken- und Formenentwickclung verlangt, keineswegs jedoch eigene Kenntnis oder gar Fertigkeit in der Handhabung dieser künstlichen Satzweise. Er darf nicht Eine vorherrschende Stimme (Melodie im gewöhnlichen Sinne) suchen und sie allein verfolgen, sondern muß auf alle achten, und allmälig wird ihm ein Schatz sich erschließen von kaum geahnetcm Glanz und Neichthum. Was hier zunächst von B.'s Claviersachen gesagt ist, das gilt in weiterer Ausdehnung auch von seinen größern Werken, von den Orchester- und Kirchencompositionen, von den Suiten für Orchester, die alle Keime der jetzigen Symphonie enthalten, von den achtstimmigen Motetten, den Passionsmusiken nach den vier Evangelien. Viele seiner Werke sind gedruckt, eine Gesammtausgabe fehlt indeß noch; Vieles befindet sich in Privatsammlungen, nicht Weniges scheint verloren. Sammlungen seiner Clavier- und Orgelsachen begannen Peters in Leipzig und Haßlinger in Wien. Seine „Vierstimmigen Choralgesänge" wurden von seinem Sohn Karl Phil. Emanuel herausgegeben (2 Bde., Berl.und Lpz. 1765—69), dann von diesem und Kirnberger (4Bdc., Lpz. 1781 — 87; neuer Abdr. 1832) und zuletzt von Becker (Lp;. 18-13). Wie B.'S Kompositionen fortwährend bis in die neueste Zeit herab viele Theilnahme gefunden hatten , so geschah cs auch durch Mendclssohn-Bartholdy's Veranstaltung, daß ihm hier im Z. 1812 an der Thomasschule ein schönes Denkmal errichtet wurde. — Von seinen elf Söhnen haben folgende die meiste kunstgeschichtliche Bedeutung: Wilh. Friedemann B., geb. 1710 zu Weimar, vielleicht der begabteste von allen, aber auch der unglücklichste. Er war erst Organist in Dresden an der Sophienkirche, hierauf in Halle; dann lebte er abwechselnd in Leipzig, Braunschweig, Güttingen und Berlin, wo er 1781 kümmerlich sein Leben beschloß. Von seinem störrischen, zanksüchtigen, zerstreuten, ordnungsloscn Wesen wird viel und wol manches Unerweisliche und Übertriebene erzählt. Seine nicht zahlreichen Compositionen, Sonaten und Concerte für Clavier, Orgelstücke und Kirchenmusik sind sehr selten geworden. Eine neue Ausgabe derselben zum Besten der Wiederherstellung der Nikolai- vrgel in Hamburg veranstaltete 1812 Wiedemann. — Karl Phil. Emanuel B-, geb. zu Weimar l l. März 1711, studirte in Leipzig die Rechte und ging dann nach Frankfurt und nach Berlin, wo er 1710 Kammermusikus und Begleiter Friedrich des Großen beim Flötcnspicl ward. Im I. 1767 kam er als Musikdirector nach Hamburg, wo er am 15. Sept. 1788 starb. Eine Lebensbeschreibung von ihm selbst verfaßt, findet man in Burney's „Tagebuch einer musikalischen Reise" (3 Bde., Lpz. 1772). Sein Hauptverdienst besteht in seinem Einfluß auf das Clavierspiel durch seinen „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen" (2 Bde., Lpz. 1787—97, 1.), sowie durch seine eigene hohe Meisterschaft und seine Compositionen. Die letztem, bestehend in Phantasien, Sonaten und Rondos, haben durch Originalität und Frische in Stoffund Form einen vor dem Veralten gesicherten Werth, und sind heute noch als fördernd und ergötzend zu empfehlen. Von gleich hohem Werth, wenngleich von minder entscheidendem Einfluß auf den allgemeinen Bildungsgang sind seine kirchlichen Compositionen, worunter namentlich ein zweichöriges „Heilig" und ein Oratorium „Die Israeliten in der Wüste" Berühmtheit erlangten. — Joh. Christian B., der Mailänder oder englische B. genannt, geb. 1735, schrieb hauptsächlich Opern und andere sogenannte galante Gesang- und Claviercompositionen. Er war seit 1751 Organist in Mailand, seit 1759 Kapellmeister in London, wo er 1792 starb. ----- Joh. Ehri- 702 Bacharach Bachmaun (Ludw. Ernst) - ftoph Fricdr. B., der bückeburger B. genannt, gcb. 1732, gest. 1795 als Kapell- ! meister des Grafen Wilhelm von Schaumburg zu Bückcburg, lieferte mehre Compositionen ^ für das Clavier und verschiedene Gesangwerke, darunter ein größeres, „DieAmerikanerin". - Bacharach, ein romantisch gelegenes Städtchen der preuß. Nheinprovinz am linken > Rhcinufer südöstlich von Koblenz, mit 1650 E-, im Besitze einer Sasfianfabrik, lebhaf- ken Handels- und Schiffahrtsverkehrs und guten Weinbaues, soll, wie man meint, nach Bacchus den Namen erhalten haben. Der bacharacher Wein gehört jedoch keineswegs zu den besten Rheinweinen, wol aber war hier vor Erweiterung des Bingerlochs eine Hauptniederlage und Stapelplatz aller edlen Rheinweine. Im Verein mit den Thälern Mannubach, Dicbach und Steg bildet B. den Bezirk der sogenannten Vierthäler, welche die Wiege der bis über Heidelberg hinausreichenden Pfalz ausmachten, eigentlich zu Köln i gehörten und von da aus einem Grafen Goßwin von Stahleck aufderBurg bei B. zur Lehen gegeben wurden. Durch des Letztem Sohn Hermann kam zwar die Grafschaft Stahleck an Konrad, den Halbbruder Friedrich Barbarossas; sie verblieb jedoch nächst den Vicrthälern fortan bei der Pfalzgrafschafk, deren Herren mit den Bischöfen von Köln vielerlei Gerechtsame und Einkünfte theilen mußten. Der Bischof von Köln hatte zu B. den Fronhof, den langen Hofund den Saal, den frühem Palast der fränkischen Könige, und mußte nach bemalten bacharacher Blutrechte als Lehnherr und Schultheiß einen Unterschultheiß cinsetzen. Einer dieser letzten war der Vater des Malers Gerh. von Küg eigen (s. d.). Die Burg Stahleck, jetzt ein Eigenthum der Königin von Preußen, gehört zu den schönsten Ruinen der Rheinufer. . Bachmann (Karl Friedrich), Geh. Hofrath und Professor der Philosophie zu Jena, geb. zu Altenburg am 23. Juni 1785, besuchte das dasige Gymnasium und seit Ostern 1893 die Universität zu Jena, wo er erst Theologie, nachher Philosophie studirte. Im Frühjahre 1897 ging er nach Dresden, um durch die Benutzung der dortigen Bibliothek sich auf die akademische Laufbahn vorzubereiten, im Herbste 1808 nach Heidelberg, in der Absicht, daselbst als Privatdocent aufzutrcten. Eine Krankheit veranlaßte ihn, eine Hauslehrerstelle , in der Nähe von Bern anzunehmen. Im Sommer 1810 kehrte er nach Jena zurück, wo er sich nun habilitirte, 1812 eine außerordentliche und 1813 die ordentliche Professur der Moralund Politik erhielt. Noch mehre Jahre besuchte er hier die naturwissenschaftlichen Vorlesungen seiner Collegen und mit ganz besonderer Liebe wendete er sich dem Studium der Mineralogie zu. Nach des Bergraths Lenz Tode, 1832, wurde er daher auch zum Direktor der Mineralogischen Gesellschaft ernannt. Von seinen Schriften erwähnen wir neben der Abhandlung „Über dieHoffnung einer Vereinigung zwischen Physik und Psychologie" (Utrecht 1821 ), die von der Gesellschaft der Künste und Wissenschaften in Utrecht mit dem Preise gekrönt wurde, sein sehr fleißig gearbeitetes „System der Logik" (Lpz. 1828), welches 1831 ins Russische übersetzt wurde. Seit 1833 trat er mit scharfer Polemik gegen das Hegel'sche System auf und wurde deshalb namentlich von K. Rosenkranz angegriffen. Bachmann (Ludw. Ernst), ordentlicher Professor der klassischen Literatur an der Uni- versität zu Rostock und Director des Gymnasiums und der Realschule daselbst, gcb. am I. Jan. 1792 zu Leipzig, war 1806—12 in Pforte und studirte dann bis 1816 zu Leipzig und Jena. Hierauf nahm er eine Lehrerstelle am Pädagogium in Halle und einige Monatespäter an dem Gymnasium zu Wertheim in Baden an; legte jedoch letztere 1823 freiwillig nieder, ^ um eine größere wissenschaftliche Reise unternehmen zu können. Drei Jahre lang benutzte er nun namentlich die Bibliotheken zu Wien, Nom, Neapel und Paris für literarische Zwecke, und als Ergebnisse dieser Reise erschienen von ihm'in der Zeit seines Aufenthalts in Leipzig „Die ägypt. Papyrus der Vatikanischen Bibliothek" (Lpz. 1828) und „^necdoM ssraecs o codd. bil-I. ress, psiis." (2 Bde., Lpz. 1828), in welchem lehtern Werke er alles Das vollständig gab, was Bekker in seinen „^uecdotu graeca" aus guten Gründen entweder nur im Auszuge mitgetheilt oder als unbrauchbar gänzlich verworfen hatte. Seine Bearbeitung der „Alexandra" des Lykophron wurde mit dem ersten Bande (Lpz. 1839), welcher den Text nebst kritischen Anmerkungen enthält, unterbrochen. Während der Zeit seiner Amtsthätig- kcit in Rostock, wohin er 1832 berufen wurde, hat er als Früchte seiner fortgesetzten literari- / schen Beschäftigung neben einigen Programmen die „Sclloliu in Homeri Iliadem ex cod. I dibl. kaull. acad. lüji». nunc primum intessra edita" (3 Abtheil., Lpz. 1835—38) geliefert. Back Backhuysen 706 Back (George), Capitain der brit. Marine, erwarb sich als Begleiter Franklin's und Richardson's auf den Expeditionen nach der Nordküste Amerikas zuerst einen Namen. Während eines Sommeraufcnthalts in Italien im 1.1832 faßte er den Entschluß, den seit drei Jahren abwesenden und für verunglückt gehaltenen Capitain Noß (s. d.) im Eismeere aufzusuchcn, und erhielt hierzu leicht die Unterstützung der brit. Negierung. Er verließ London am 17.Febr. 1833, begleitet vom Wundarzte King und drei andern Personen, von denen zwei schon Antheil an Franklin's Reise genommen hatten. Die Expedition berührte Neuyork, Montreal und verweilte zunächst einige Zeit in Norwayhouse, einem der Hauptcomptoirs der Hudsonsbai-Comvagnie, wo er 16 Bootsleute, Fischer und Zimmerleute anwarb und in einem einzigen Boote am 28. Juni die Reise antrat. Er erreichte am8.Aug. das am großen Sklavensee gelegene Fort Resolution und setzte am II. Aug. mit überfülltem Boote unter großen Schwierigkeiten die Reise fort. Wiederholt mußten Kahn, Gepäck und Lebensmittel über 2000 F. hohe Felsen getragen werden. Auf dieser Reise entdeckte er den Thlewi-Schoch, seitdem Backstrom genannt, den Waldeslei- und den Artillericsee. Den Winter brachte er am großen Sklavensce zu, wo es ihm weniger empfindlich war, selbst Mangel zu leiden als das grenzenlose Elend mit anzusehen, welches der cintrctende Mangel über die Indianer brachte, die in Massen seiner Hütte zuströmten und Hülfe suchten. Gegen Ende des Dec. sank das Thermometer auf — 52'/-° R. herab und in der Hütte konnte man es, ungeachtet des fortwährend unterhaltenen großen Feuers in der Mitte derselben, doch nicht über — 19° R. bringen. Der Eindruck dieser Kälte auf den menschlichen Körper war höchst peinlich; um die Schmerzen nur einigermaßen zu stillen, mußte man die geborstene Haut mit Fett bestreichen. Alles, was Leben hatte, war geschwunden; auch von den Indianern, die zur Expedition gehörten, unterlagen ihrer neun. Erst um die Mitte des April trat Thauwetter ein. Schon am 25. Apr. erhielt B. indcß die Nachricht, daß Roß und seine Gefährten geborgen seien, und beschloß nun, sich gegen das Arktische Meer zu wenden. Er verließ am 7. Juni 1834 mit den übriggebliebenen neun Gefährten seinen Aufenthaltsort und fuhr, nachdem er sein Boot am 28. Juni über eine schmale Wasserscheide hatte tragen lassen, den Backstrom hinunter. Die Witterung war noch immer sehr rauh; indessen sneg im Mai das Thermometer in der Sonne auf -j- 4°jR. Am 19. Juli entdeckte er unter 66° nördl. B. einen großen, von Ungeheuern Eisfeldern begrenzten See. Am 22. Juli fand er eine Durchfahrt mitten durch die Eismassen und verfolgte den gefährlichen Strom einige 20 deutsche Meilen weit, bis er einen Trupp Eskimos gewahr wurde, welcher ihm die Nähe des Eismeers verkündigte. Nur durch die freundliche Hinweisung dieser Leute ward er auf einen furchtbaren Wassersturz aufmerksam gemacht und nur durch ihre Beihülfc ward es ihm möglich, das Boot über alle Hindernisse hinwcgzubrmgcn. Am 29. JuliVr- reichte er jenseit eines Vorgebirgs, welches er Cap-Victoria nannte, das Eismeer. Nachdem er am 10. Aug. bis 68" 10' nördl. B. auf der westlichen Seite der Ausmündung des Stroms vorgedrungen war, hatte er dermaßen mit dem Eise zu kämpfen, daß der Vorsatz, bis zum Cap-Turnagain vorzudringen, aufgegeben werden mußte. Die entdeckte Gegend nannte er Wilhelm's IV. Land und nahm davon für England Besitz. Das Vorgebirge Richard- svn, die nördlichste Spitze, bis zu welcher er vorgedrungen war, befindet sich 68° 46'nördl. B. und 96° 20' westl. L. Er schiffte nun dem Backstrome wieder entgegen; die mühsame Fahrt dauerte 36 Tage und gegen Ende Scpt. erreichte man die vorjährigen Winterquartiere. Im I. 1835 setzte er mit großer Beharrlichkeit seine Nachforschungen im Eismeere fort, bliest vom Aug. 1836 bis dahin 1837 im Eise stecken und langte am Ende des letztem Jahres auf dem königlichen Fahrzeuge Terror im traurigsten Zustande zu Lough-Scilly in Irland an. Vgl. seinen öffentlichen Bericht in der „Narrative »5 tsts arctic land oxpockition to tsto moiitst ns Iste great 6sst river, and along tlie sstoreo ok tsts arctic vcean, in tste ?ears 1833, 1834 and 1835" (Lond. 1836; deutsch von Andrer, Lp;. 1836). Backbord, im Gegensatz von Steuerbord heißt die linke Seite eines Schiffes, was sich selbst auf das lebende und tobte Material ausdehnt, sodaß z. B. die Besatzung oder Wache auf der linken Seite eines Kriegsschiffs die Backbord wache genannt wird, während die auf der rechten Seite Steuerbordswache heißt. Backhuysen oder Bakhuysen (Ludolf), einer der berühmtesten Maler der nieder. 704 Büro länd. Schule, ein Meister in Seestücken, geb. 1631 zu Emden, arbeitete bis in sein IS. Jahr bei seinem Vater, der Secretair der Gcneralstaaten war, als Schreiber, und kam dann l050 in ein Handelshaus nach Amsterdam, wo sein Talent für die Kunst sich zu zei- gen begann. Entschlossen, sich ganz der Malerei zu widmen, nahm er Unterricht bei Ever- dingen und erlangte durch Fleiß und häufiges Besuchen der Werkstätten der besten Künstler > in kurzem eine außerordentliche Gewandtheit und Fertigkeit; doch ani meisten wurden seine Fortschritte durch den Eifer befördert, womit er die Natur studirte. Oft bestieg er bei einem herannahcndcn Sturme ein leichtes Fahrzeug und beobachtete die Bewegung der Wellen, ihre furchtbaren Brandungen, den Sturm, der die Schiffe zerstreute und zertrümmerte. Voll des Gesehenen eilte er dann nach Hause und führte mit bewundernswürdiger Wahrheit in den Einzelheiten die früher entworfenen Skizzen aus. Dieses muthige Streben verschaffte > seinen Gemälden den ersten Rang in dieser Gattung. Berühmt ist besonders das Seestück im Museum zu Paris, das er auf Bestellung des Magistrats zu Amsterdam arbeitete, der cs 1665 Ludwig XIV. als Geschenk übersandte. In allen seinen Bildern herrscht die äußerste Wahrheit, zugleich aber auch die ganze Poesie des bewegten Elements. Seine Farben sind trefflich, und sein Pinselstrich ist ganz vorzüglich geeignet, das Wasser und dessen Bewegung nachzuahmen; sein Himmel ist leicht und unendlich mannichfach. Erst in seinem 71. Jahre fing er an, in Kupfer zu ätzen. Auch versuchte er sich in der Dichtkunst und gab Unterricht in der Schreibkunst, zu deren Vervollkommnung er Vieles beitrug. Er starb nach langen Leiden im 1.1709. — Sein Enkel, LudolfB, geb. 1717, gest. 1782, zuerst Kaufmann, dann Soldat, wendete sich später ebenfalls der Malerkunst zu und hat mehre treffliche Kriegsscenen geliefert. Baco oder Bacon (Roger), ein engl. Mönch, der durch die Kraft seines Geistes sich weit über sein Zeitalter erhob, in mehren Wissenschaften bewundernswürdige Entdeckungen machte und zur Erweiterung der damals dürftigen Nealkenntnisse viel beitrug, stammte auS einer alten, angesehenen Familie und wurde 1214 zu Jlchester in der Grafschaft Somerset geboren. Er studirte in Oxford, dann in Paris, wo er die theologische Doctorwürde erhielt. Wenn nicht schon in Frankreich, doch bald nach seiner Rückkehr in die Heimat, 1240, trat er in den Franciscanerorden und ließ sich zu Oxford nieder. Die Physik scheint damals der Hauptgegenstandseiner Arbeiten gewesen zu sein; großmüthigeFreunde der Wissenschaft unterstützten ihn in seinen Studien mit den nöthigen Geldmitteln. Indem er die Geheimnisse der Natur untersuchte, machte er Entdeckungen und leitete daraus Wirkungen ab, die dem Einsichtsvollen, der ihren natürlichen Zusammenhang begriff, Bewunderung abnöthigten, in denen aber die Unwissenden die Werke höllischer Zauberkunst zu sehen vermeinten. Noch mehr wurde dieser Wahn durch die Eifersucht und den Haß angefacht, womit die übrigen Mönche des Klosters seine Überlegenheit betrachteten. Zudem tadelte er laut die Unwissenheit und das Sittenvcrderbniß der Geistlichen, besonders der Mönche, und schrieb sogar einenBrief an den Papst, worin er ihm die Nothwendigkeit einer Reform der Geistlichkeit vorstellte. Aus Rache am päpstlichen Hofe verklagt, sowol wegen seiner verdächtigen Grundsätze als wegen der außerordentlichen Dinge, die er verrichtete, und die man für die Werke des Teufels ausgab, verbot ihm der Papst, auf der Universität zu lehren. Bald darauf sperrte man ihn in ein Gcfängniß, wo jeder menschliche Umgang ihm abgeschnitten war , und selbst hinreichende Nahrung ihm fehlte. Unter den wenigen Hellsehenden, die B-'s Geist bewunderten und sein Unglück bedauerten, war der Cardinalbischof von Sabina, damals päpstlicher Legat in England, der kaum den päpstlichen Stuhl unter dem Namen Clemens lV. bestiegen hatte, als er den Eingekerkerten befreite und unter seinen Schutz nahm. In Folge einer Auffoderung Clemens' IV. schrieb er sein „Opusmujus" (herausgegeben von Jebb, Lond. 1733, Fol.), das er ihm durch seinen Lieblingsschülcr, Johann von Paris, 1267 überschickte und in welchem er die Nothwendigkeit einer Reform der Wissenschaften durch eifrigeres Studium der Sprachen und der Natur darstellte. Nach Clemens' IV. Tode unter Nikolaus III. erklärte sich der General des Franciscanerordens, Hieronymus von Esculo, gegen B-, verbot das Lesen seiner Schriften und erließ einen Befehl, ihn einzukerkern, den der Papst auch bestätigte. Diese neue Gefangenschaft währte zehn Jahre; umsonst versuchte B-, als Hie- > ronymuS von ESculo unter dem Namen Nikolaus lV. Papst geworden war, denselben >> Bacon 705 durch eine Abhandlung über die Mittel, die Krankheiten des Alters zu verhüten (lat., Oxf. 1590 ; engl, von Brown 1683), von der Unschuld und Nützlichkeit seiner Arbeiten zu überzeugen. Erst nach dem Tode Nikolaus' IV. erlangte er auf Verwendung einiger vornehmen Engländer seine Freiheit wieder. Er kehrte nach Oxford zurück, schrieb einen Abriß der Theologie und starb bald darauf, nach Einigen 1292, nach Andern 1294. Obgleich ein außerordentlicher Geist, konnte sich B. doch nicht von allen Vorurthcilcn seiner Zeit frei machen. Er glaubte an den Stein der Weisen und an die Astrologie. Seine Haupterstndung sind die Vergrößerungsgläser. Außerdem finden sich in seinen Schriften neue und sinnreiche Ansichten von der Optik, z. B. über die Strahlenbrechung, über die scheinbare Größe der Gegenstände, über den um Vieles vergrößerten Umfang der Sonne und des Mondes am Horizont; dagegen ist er über andere Gegenständein den größten Jrrthümern befangen. Aus seinen irrigen Angaben geht hervor, daß er den Gebrauch des Teleskops nicht kannte. Er machte mehre chemische Erfindungen, welche Geheimnisse für die damalige Zeit waren. So wußte er z. B. schon, daß man mit Schwefel, Salpeter und Kohle den Blitz nachmachen und Explosionen erzeugen könne. Die Mathematik, angewandt auf Beobachtung, betrachtete er als den einzigen Weg zur Erkenntniß der Natur. Er studirte mehre Sprachen und schrieb lateinisch mit großer Zierlichkeit und Klarheit. Ehrenvolle Erwähnung verdienen seine Entdeckungen der im Kalender obwaltenden Jrrthümer, ihrer Ursachen, und seine Vorschläge und Angaben, denselben abzuhelfen, wobei er der Wahrheit sehr nahe kam. Er verfertigte selbst einen berichtigten Kalender, von dem noch eine Abschrift aus der oxforder Bibliothek aufbewahrt wird. Wegen seiner ar»sgebreiteten Kenntnisse erhielt er den Beinamen voctor mi- rsbilis. Mehre seiner Schriften sind noch ungedruckt und werden im Britischen Museum unter den Cottonischcn Handschriften aufbewahrt. Bacon (Francis), Sir von Verulam, einer der außerordentlichsten Geister, deren irgend ein Zeitalter sich zu rühmen hat, und als Reformator der Philosophie durch Richtung auf Erfahrung und Natur gewissermaßen Roger Bacon's (s. d.) Nachfolger, war zu London am 22.Jan. 1561 geboren, der Sohn des großen Rechtsgelehrten, Sir Nicho las B., der unter der Königin Elisabeth Großsiegelbewahrcr war und 1579 starb. Von früher Kindheit an gab er Proben überlegener Geisteskraft und war wegen seiner Lebendigkeit ein Liebling der Königin Elisabeth. Schon im 14. Jahre bezog er die Universität zu Cambridge; zwei Jahre darauf schrieb er gegen die scholastisch-aristotelische Philosophie; dann ging er im Gefolge des Sir Annas Paulet nach Paris. Der Tod seines Vaters rief ihn nach England zurück, wo er 1588 zum außerordentlichen Rath der Königin ernannt wurde. Mitten unter seinen Berufsarbeiten hielt er die früh gefaßte Idee fest, den Plan der scholastischen Studien zu verbessern und für eine gesunde Philosophie zweckmäßiger einzurichten. Seine Verbindung mit dem Grafen Essex, welcher sein Freund und Beschützer war, hinderte seine Beförderung, da besonders sein Verwandter, der vielgeltende Sir Robert Cecil, ihm entgegen war; doch entschuldigt dies nicht den Undank, mit welchem er sich gegen Essex benahm, als dieser in Ungnade gefallen. Von Middlesex ins Unterhaus gewählt, stimmte er anfangs für die Volkspartci gegen die Maßregeln der Minister, aber von Geldverlegenheiten gedrückt, näherte er sich in der letzten Zeit der Negierung der Königin Elisabeth wieder den Machtha- bern und widersetzte sich allen Maßregeln, die das Parlament gegen Monopole nahm. Unter Jakob I. stieg B. sehr schnell; nachdem er 1603 die Nitterwürde erhalten, ward er dann zum königlichen Rath ernannt, 1617 Siegelbewahrer, 1619 Lordkanzler und zugleich zum Baron von Verulam, und im folgenden Jahre zum Viscount von St.-Albans erhoben. Allein schon 1621 ward er vor dem Odcrhause angeklagt, Ämter und Privilegien für Geld unter dem Staatssiegel ertheilt zu haben, und nachdem er Alles eingestanden, zu einer Geldstrafe von 40000 Pf. und zur Einkerkerung in den Tower auf königliche Gnade verurtheilt, auch für unfähig erklärt, je wieder ein öffentliches Amt zu bekleiden, im Parlamente zu sitzen und sich dem Orte zu nähern, wo der König Hof hielte. Wohl mag dieses harte Urtheil ein vollkommen gerechtes gewesen sein; doch muß zur Entschuldigung B.'s hinzugefügt werden, daß die großen Verbrechen, deren er beschuldigt ward, nicht in Geiz, Habsucht und Verderbtheit seines Herzens wurzelten, sondern in Charakterschwäche, die namentlich seine Dienerschaft auf das schmählichste misbrauchte. Seine Gefängnisstrafe dauerte nicht lange; auch die Cenv.-gex. Neunte Aufl.I ^ 706 Bacon (John) Bad übrigen Verfügungen des Urtheils wurden gemildert, und selbst der König wendete ihm wieder seine Gunst zu. Nach Karl's I. Thronbesteigung ward er völlig begnadigt und sogar wieder ins Parlament gewählt, doch erlaubte ihm seine Kränklichkeit nicht, seinen Sitz einzu- nehmen. Er starb auf einer Reise im Landhause des Grafen von Arundel zu Highgate im Apr. 1626. Alle Studien rmd Bestrebungen dieses von Natur so herrlich ausgestattctcn Mannes gingen auf eine Reform in den Systemen der Wissenschaften. Er übersah den ganzen Kreis der menschlichen Kenntnisse, hatte die Beziehungen, durch welche sie untereinander verbunden sind, genau erforscht und suchte sie in seiner Encyklopädie der Wissenschaften „De cki^ni- ! istv et suFmsntis scisntiorum" (1605; lat. Lond. 1623; deutsch von Pfingsten, 2 Bde., Pesth 1783) nach den verschiedenen Fähigkeiten des menschlichen Geistes, welche sie vorzugsweise in Anspruch nehmen, zu ordnen. Den Sah, daß in allen Zweigen der positiven Wissenschaften der einzige Weg zur Wahrheit die Beobachtung der Natur sei, suchte er, wie schon indem erwähnten Werke, so insbesondere in dem „Novum orgsnum scientiurum" (1620; deutsch von Brück, Lpz. 1830) durchzuführen. Als Physiker hat er sehr sinnreiche Ansichten aufgestellt und sich auf dem Wege mehrer wichtigen Entdeckungen befunden. Er hatte eine Art pneumatischer Maschine ersonnen, mittels welcher er der Elasticität und Schwere der Lust, die Galilei und Torricelli nach ihm entdeckten, auf die Spur gekommerl'zu sein scheint. Von der Anziehung der Körper, die später Newton bewies, hatte er die richtigsten Begriffe. Auch die Naturgeschichte behandelte er inseinem Werke „8xlva szävarum". Selbst über Arz- neikunde hat er mehre Aussätze geschrieben. Die Rechtswissenschaft betrachtete er nicht als bloßer Rechtsgelehrter, sondern auch als Gesetzgeber und Philosoph. Man hat von ihm Aphorismen, ebenso merkwürdig durch Tiefe der Gedanken wie durch die Kraft und Genauig- keit des Ausdrucks. Von der Moral handelt eins seiner schönsten Werke, die „Sermones kiieles", ein Schatz der tiefsten Kenntniß des Menschen und der menschlichen Verhältnisse, in einem blühenden, kraftvollen Stil. Seine „Nova ^tlsaiis", eine Allegorie, beziehen Einige auf die Freimaurerei. Als Geschichtschreiber hat er in seiner „llistoria regni Leo- , rici VII., Vn^l, rsgis" nur wenig geleistet. Von seiner Kenntniß des Alterthums aber zeugt sein Werk „De sspieutia vslerum", worin er die Fabeln der alten Zeit durch sinnreiche Allegorien erklärt. Die einzige Wissenschaft, in der B. weniger gründliche Kenntnisse besaß, war die Mathematik, und diesem Mangel ist cs zuzuschreiben, daß er, der allenthalben die Jrrthümer entdeckte und die richtigen Lehrarten anzeigtc, das Kopcrnicanische System bestreiten konnte. Nur in diesem Punkte allein stand er tiefer als die aufgeklärten Männer seiner Zeit; in allen übrigen Thcilen der menschlichen Forschung hatte er sich zu einer Höhe cmporgeschwungen, daß keiner seiner Zeitgenossen die Kraft seines Genies, die Richtigkeit seiner Ansichten und die Wichtigkeit seiner Arbeiten vollkommen zu würdigen vermochte. Er durfte daher mit gerechtem Stolze in seinem letzten Willen sagen: „Meinen Namen und mein Andenken vererbe ich den Nationen des Auslandes und meinen eigenen Mitbürgern, wann einige Zeit verflossen sein wird." Die Schriften B.'s sind theils in engl., theils i» lat. Sprache geschrieben und sehr oft neu gedruckt worden. Eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke von Mallet, der auch das Leben B.'s schrieb, erschien in fünf Bänden (Lond. 1765, 4.) und wurde öfter wiederholt.' Bacon (John), ausgezeichneter engl. Bildhauer, geb. 17 40 zu London, starb daselbst > am 7. Aug. 17SS. Anfangs Porzellanmalcr, fing er erst inseinem 23. Jahre an, in Marmor zu arbeiten; doch erhielt er neben andern Preisen schon 1768 den ersten bei der königlichen Akademie, deren Mitglied er bald nachher wurde. Berühmt machte ihn zunächst seine Statue des Mars. Zu seinen vorzüglichsten Werken gehören zwei Büsten Georg's 111. (im Christchurch-College zu Oxford und in der Universitätsbibliothek zu Göttingen), die Denkmale auf Lord Chatham in der Westminsterabtei und in Guildhall, Howard's und Samuel Johnson's Statuen in der Paulskirche zu London und Blackstone's Marmorbild in Oxford. Bad nennt man im engern Sinne die längere oder kürzere Eintauchung des menschlichen Körpers oder einzelner Theile desselben in eine tropfbare Flüssigkeit; im weitern das Eintauchen oder Einhüllen in dunst- und dampfförmige, gasartige, selbst imponderable » Flüssigkeiten und trockene oder fcstweiche Substanzen. Nicht minder gibt man der Anwen- Bad 707 düng strömender oder fallender Flüssigkeiten auf den ganzen Körper den Namen eines Bades. Endlich werden auch die Orte Bäder genannt, in denen die nöthigen Vorrichtungen und Anstalten zum leichtern und bequemer» Gebrauch des Badens getroffen sind. Abgesehen von den Bädern in der letzten Bedeutung, theilt nian dieselben ein: l) nach den Substanzen, mit welchen man den Körper umgibt, in Wasser-, Wein-, Blut-, Milch-, Gas-, Erd-, Sand- und elektrische Bäder; 2) nach der Art, auf welche diese Substanzen dem Körper applicirt werden, in Fluß-, Wannen-, Sturz-, Tauch-, Tropf-, Dampf- undDou- chebäder; 3) nach den Theilen des Körpers', welche der Behandlung mit diesen Substanzen ausgesetzt werden, in ganze, halbe, Fluß-, Hand- und Augenbäder; und 3) nach der Temperatur, welche die den Körper umgebenden Substanzen haben, in kalte, laue, warme und heiße Bäder. Der Gebrauch des Bades steigt unstreitig zu den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hinauf, und schon die ältesten Nachrichten, die wir haben, erwähnen desselben. Die Tochter Pharao's ging sich zu baden, als sie Moses fand, und Letzterer sch.lug die Bedeutung und Wichtigkeit des Bades so hoch an, daß er in seiner Gesetzgebung den Gebrauch desselben als eine der äußern Neligionsübungen einsetztc. Ohne Zweifel wurde das Bad schon bei den Ägyptern in dieser Eigenschaft angewendet, da wir im ganzen Alterthume die Meinung verbreitet finden, daß durch körperliche Reinigung auch eine moralische Reinheit hcrbcigeführt werde. Nein an Körper und Seele sollte der Mensch bei einer Handlung erscheinen, mit welcher er seinem Gotte diente, oder durch welche er mit diesem in unmittelbare Berührung zu kommen meinte. Moses mag bei der Änordnung des Bades wol als Hauptzweck im Auge gehabt haben, sein Volk vor den im Orient so häufigen ansteckenden Hautkrankheiten zu bewahren, und diese selbst durch öfteres Baden schneller zu heilen. Daß die Juden schon damals meist in ihren Wohnungen badeten, geht daraus hervor, daß die mosaischen Gesetze in einigen Fällen ausdrücklich den Gebrauch fließenden Wassers vorschreiben. In Palästina hatten die Vornehmen eigene Badeanstalten im Hause, auch Bassins in den Gärten, eine Einrichtung, die in allen cultivirtcn Theilen des Orients herrschend war. Außerdem gab es öffentliche Badehäuser sowol bei den Juden als bei den Heiden. Auch unter den Griechen war das Bad in sehr früher Zeit im Gebrauche. Die Mythe läßt Midas durch ein Bad im Paktolus von seiner Goldkrankheit heilen und Aeson durch die Medea mittels eines Kräuterbades verjüngen. Im Homer wird häufig der Bäder gedacht; die Helden vor Troja bedienen sich derselben in ihren Zelten, und das Erste, was man dem Gast bietet, ist, daß man ihm ein Bad bereitet. Wie bei den andern alten Völkern des Orients, gehörte bei den Griechen dasBad zu den gottesdienstlichen Handlungen und war mit den Vorbereitungen zum Opfern, zum Empfange der Orakelsprüche, zur Hochzeit u. s. w. verbunden. Über die Einrichtung aber sowol der Privat- als der öffcnt- lichen Bäder in Griechenland, welche letztere meist mit den Gymnasien verbunden waren, mangeln uns ausführliche Nachrichten. Übrigens scheint dem Griechen das Bad nicht ein solches Lebensbedürfniß gewesen zu sein, wie dem Römer, da der Gebrauch des warmen Bades in der Blütezeit Griechenlands häufig für Lurus erklärt wird. Die Männer badeten gemeinschaftlich; daß cs für Frauen öffentliche Bäder gegeben habe, machen verschie- ' dene Denkmale des Alterthums wahrscheinlich; doch dürfte solches schwerlich in Athen der Fall gewesen sein, da hier die ganze Lebensweise der Frauen widerspricht. Bei den Römern kamen die Bäder (tbermav), wenn schon sie auch in der frühesten Zeit angewendet wurden, doch erst später mehr in Aufnahme, wo aber freilich der gesteigerte und allgemeine Luxus den eigentlichen Zweck des Bades fast ganz in den Hintergrund drängte, sodaß die öffentlichen Bäder nur als allgemeine Vergnügungsorte betrachtet wurden. Die meisten derselben wurden vor und unter den Kaisern erbaut. Zn Rom gab es deren über 80V, und in den Provinzialstädten eine verhältnißmäßige Anzahl. Ihre Einrichtung läßt sich aus den zahlreichen Überresten derselben und ihren Beschreibungen bei den röm. Schriftstellern entnehmen. Wesentlich gehörte zu einem Bade: 1) DasHypocaustum j oder Heizzimmer im Kellergeschoß zur Erwärmung sowol der Badezimmer als des Badewassers. Letzteres b cfand sich in drei Kesseln, welche ^ übereinander angebracht waren, daß der 45* 708 Bad unterste unmittelbar über dem Feuer das heiße, der mittlere das laue und der oberste das kalte Badewasser enthielt. Diese Kessel standen durch Röhren sowol mit den einzelnen Badezimmern als auch untereinander selbst in Verbindung, sodaß bei Abgang des heißen Wassers dieses aus dem Kessel, der laues enthielt, ersetzt, während dieser wieder aus dem ober- sten gefüllt wurde. 2) Das Apodyterium oder Auskleidezimmer. 3) Das FrigidariM oder die cell» tnAiilsris, ein Zimmer mit einem Bassin zum kalten Bade. 4) Das Tepidarium, dessen Bestimmung sich zwar nicht genau ermitteln läßt, das aber sowol zum Bade im lauwarmen Wasser wie zum Aufenthalt in mäßig warmer Temperatur bestimmt ge- wesen zu sein scheint. 5) Das Caldarium, in welchem theils die ruästio, d. h. das Schwitzbad, theils das wirkliche heiße Wasserbad stattfand. Dieses Zimmer hatte hohle Wände, und der Fußboden ruhete auf niedrigen Pfeilern über dem Hypocaustum, sodaß eS überall von erwärmter Luft umgeben war. DasLaconicum, welches als ein Theil des Caldarium erwähnt wird, war wahrscheinlich eine Art Ofen, der vom Hypocaustum aus geheizt wurde und dazu beitrug, die Temperatur zu erhöhen. In den Badezimmern waren Bassins zur Aufnahme des Wassers, an den Wänden liefen Bänke herum, die im Caldarium amphitheatralisch erhöht waren, um die Badenden in den Stand zu sehen, in di« höhere Temperatur des obern Zimmertheils hinaufzusteigen. Letzteres Zimmer enthielt auch noch ein Becken (labrmn) von mehren Fuß in Durchmesser, welches mit dem kalten Wasser gefüllt war, in das man sich nach dem heißen Bade tauchte. Mit diesen wesentlicher. Theilen eines Bades standen gewöhnlich noch in Verbindung ein Unctuarium oder Eläo- thesium, d. h. ein Zimmer zum Salben des Körpers, Gärten, bedeckte Spaziergänge, Säle zu Spielen u. s. w. Durch eine leichte Bewegung zum Bade vorbereitet, ging man zuerst in das Apodyterium, dann in das Tepidarium, wo man sich mit Öl salbte, was auch während des Badens wiederholt wurde. Demnächst wurde der Körper mit dem Schabeisen (strigilis) behandelt, worauf man sich in das Caldarium begab, um entweder nur zu schwitzen, oder auch das heiße Wasserbad, welches einen bedeutenden Tempcraturgrad hatte, zu gebrauchen. War dieses vorüber, so ließ man sich mit kaltem Wasser übergießen und ging dann sogleich in das Frigidarium, um durch das kalte Bab die erschlaffte Haut wieder zu stärken, worauf der Körper nochmals mit Öl gesalbt wurde. Die gewöhnliche Badezeit war zwischen Mittag und Abend. Das Zeichen zur Eröffnung der Thermen wurde mit einer Glocke gegeben. Die öffentlichen Bäder für Frauen waren von gleicher Einrichtung und wurden fleißig auch von den vornehmsten Frauen besucht. Übrigens badeten diese wie die Männer gemeinschaftlich. Der Unsitte, daß Männer und Frauen zusammenbadeten, wird auch von den alten Schriftstellern gedacht, wie denn überhaupt in späterer Zeit die Bäder Orte der Schwelgerei jeder Art wurden, so namentlich Bajä (s. d.). Die berühmtesten Überreste röm. Bäder sind die der Bäder des Titus, des Caracalla und des Diocletian in Rom und die neuerlich ausgegrabenen Thermen in Pompeji; auch findet man deren in Deutschland, Frankreich und England. Vgl. Wichelhausen, „Uber die Bäder des Alterthums" (Manh. 1807). Als durch die german. Sitten der röm. Luxus verdrängt wurde und der Norden Europas über den Süden die Oberhand gewann, hörte auch die öffentliche Wichtigkeit der Bäder auf, und durch die Stürme der Völkerwanderung zerfielen jene prachtvollen Bauten in Ruinen. Das Christenthum aber selbst hatte durch Einsetzung der Taufe dafür gesorgt, dem Bade seine höhere Deutung zu bewahren und auch im Mittelalter durfte unter den Ceremonien, die einem feierlichen Ritterschläge vorangingen, das Bad nicht fehlen. Gegenüber dem Christen- thume und den Germanen hatten der Islam und die Araber das Bad in ihre Sitten und Gebräuche ausgenommen. Ersterer schreibt dem Muselmann sorgfältige Beobachtung der körperlichen Reinlichkeit und zu diesem Zwecke wiederholte tägliche Waschungen vor. Gewisse Umstände und Zeiten veranlassen noch außerdem vorschriftsmäßig sowol Männer wie Frauen zum Gebrauch des Bades. Zu diesem Behufs richteten sich nicht blos Reiche prachtvolle Badeanstalten in ihren Häusern und Gärten ein, auch für das Volk im Allgemeinen wurden in jeder Stadt, in der sich eine Moschee befand, Badehäuser angelegt. Der Luxus im Orient dürfte seit der Blütezeit der Araber nur wenig vorgeschritten sein, daher man wol in den Bad 709 jetzigen öffentlichen Badehäusern der Türken ein getreue- Abbild der vormakigen arabischen besitzt. Zn Deutschland, Frankreich und England waren öffentliche Badeanstalten lange Zeit unbekannt; erst während der Kreuzzüge, als durch die Berührung, in welche die Abend- länder mit den Morgenländern kamen, theils die Bader letzterer genauer bekannt wurden, theilS «eben andern Hautkrankheiten auch der Aussatz sich im westlichen Europa einheimisch machte, wurde dieser Mangel lebhafter empfunden. Zuerst suchte man diesem Übel durch Anlegung von Hospitälern zu begegnen, als diese aber nicht mehr hinreichten, entstanden die Baoer und Badestuben, welche letztere nach und nach zu öffentlichen Badeanstalten wurden. Demnächst finden sich gegenwärtig in den größer» Städten Europas Nachahmungen der russ. Dampfbäder, welche in Rußland schon seit langen Zeiten allgemein gebräuchlich sind. Das russische Bad besteht in einem einzigen Saale aus Holz gebaut, mit einem mächtigen metallenen Ofen, der mit Flußkieseln bedeckt dieselben glühend macht, und rings um denselben herumlaufenden breiten Bänken, die mit Matratzen versehen sind. Beim Eintritt in dasselbe fühlt man sich dergestalt von Glut befallen, daß, wer nicht daran gewöhnt ist, diesen Zustand nur wenige Augenblicke ertragen kann. Diejenigen aber, die im Stande sind, einige Zeit darin zu dauern, entkleiden sich und legen sich auf eine der Bänke. Durch von fünf zu fünf Minuten wiederholtes Übergießen der glühende» Kiesel mit kaltem Wasser wird sodann ein dicker heißer Dampf erzeugt, der den Badenden einschließt und ihn so stark erhitzt, daß der Schweiß über seinen ganzen Körper ausbricht. Das Thermometer steigt in diesen erhitzten Dämpfen gewöhnlich auf 40°—50° R. Nach einem solchen Bade läßt sich der Russe noch mit eingeweichten Birkenruthen peitschen, zur Verminderung des Schweißes mit Seife reiben und darauf mit lauem, später mit kaltem Wasser waschen und zuletzt mit solchem übergießen. Auch springt er wol unmittelbar nach dem Schwitzbade in einen Fluß oder Teich oder steckt sich in den Schnee. Der vornehme Russe genießt nach dem Bade ein Getränk, bereitet aus engl. Biere, weißem Weine, geröstetem Brote, Zucker und Citronen, und ruht auf einem Bette aus; der gemeine hingegen trinkt einige Gläser Branntwein und geht wieder an seine Arbeit. Diese Bäder sind ein Bedürfniß in Rußland, und man findet sie in jedem Dorfe. Verschieden von ihnen sind die Schwitzbäder der Finnländer, die in niedrigen Erdhütten bestehen, welche durch Feuer erhitzt werden; gleichwie auch die Irländer Schwitzhöhlen haben, die sie mit Torf Heizen. Im Orient sind die Bäder allgemein im Gebrauch und die Privatbäder der Rei- chen mit allen Gegenständen asiat. Pracht und Üppigkeit ausgeschmückt. Außer den gewöhnlichen Bädern werden auch die Schwitzbäder häufig angewendet. Die Gebäude, die dazu dienen, sind aus Stein gebaut, die Badezimmer haben Fußböden von Marmor, der von unten erhitzt wird, und Röhren in den Wänden leiten die Wärme nach allen Seiten. Der Badende entkleidet sich, wickelt sich in wollene Decken, zieht, um sich gegen die Hitze des Fußbodens zu schützen, hölzerne Pantoffeln an und begibt sich in das Badezimmer. Hier dringt bald ein allgemeiner Schweiß durch die Haut, welcher mit kaltem Wasser abgewaschcn wird. Hierauf wird der Körper noch mit wollenen Tüchern gerieben und mit einer der Haut zuträglichen Seife oder Salbe bestrichen, welche aus ungelöschtem Kalk und Operment bestehen und besonders das Ausfallen der Haare am Körper befördern soll. Nach diesem Bade ruht man auf einem Bette und trinkt Kaffee, Sorbet oder Limonade. Die türk. Frauen baden auf diese Art täglich, die Männer nicht so oft. Für die Frauen, auch die .Vornehmern sind die öffentlichen Badehäuscr, in denen gemeinschaftlich gebadet wird, eine große Annehmlichkeit, da die Sitte alle andern Zusammenkünfte verbietet. Außer diesem Schwitzbade ist noch eine eigenthümliche Art des Bades im ganzen Orient verbreitet, welche folgendermaßen beschrieben wird. Der Badewärter streckt den Badenden auf einer Tafel aus, begießt ihn mit warmem Wasser und beginnt darauf den ganzen Körper desselben mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit zu drücken, zu pressen und zu renken. Alle Glieder werden gedehnt und ausgereckt, und ist er mit der einen Seite fertig, so fängt er bei der andern an; bald kniet er auf dem Badenden, bald saßt er ihn bei den Schultern, bald läßt er das Nückgrath krachen, indem er alle Wirbel desselben erschüttert, bald führt er sanfte Schläge auf die fleischigsten und muskulösesten Theile. Darauf nimmt er ein härenes Tuch und reibt damit den ganzen Körper, bis er fast selbst darüber in Schweiß geräth; reibt mit Bimstein die harte Haut an 710 Bad den Füßen ab, salbt den Badenden mit Seife und Wohlgcrüchen und endigt damit, daß er ibm den Bart und die Haare abschecrt. Diese Behandlung dauert etwa drei Viertelstunden und man fühlt sich nach derselben wie neu geboren; ein Wohlbehagen von unaussprechlichem Reiz durchdringt den Körper und löst sich bald in einen süßen Schlaf auf. Von der größten-Bedcutung sind die Bäder für die Heilkunde, und daß sie in dieser Hinsicht schon in der ältesten Zeit richtig gewürdigt wurden, zeigen Einrichtungen und Gesetze. Abgesehen hier von den Badern in Mineralwässern (s. d.), ist schon das einfache allgemeine Flußbad in der wärmern Jahreszeit für Jedermann eines der hauptsächlichsten diätetischen Mittel. Bei diesem Bade wirken gleichmäßig wohlthätig die Kälte, der Druck, die Erschütterung des Körpers und die Reinigung der Haut. Durch diese Einwirkungen wird die Stärke der festen Theile vermehrt, der Umlauf des Bluts befördert und die Ausdünstung erleichtert, die krankhafte Reizbarkeit der Muskelsiebern und Nerven sowie die trockene Hitze des Körpers vermindert. Daher wendet man dieses Bad auch bei Krankheiten an, welche von einer krankhaften Reizbarkeit und einer widernatürlichen Schwäche hcrrüh- rcn oder damit gepaart sind, z. B. bei hysterischen und hypochondrischen Beschwerden, skrofulösen und rhachitischen Krankheiten. WarmeWasserbäder haben vorzüglich die Erweichung der Haut zur Beförderung der Ausdünstung und der darunter gelegenen Theile zum Zweck und finden deshalb auch ihre Anwendung in Krankheiten, wo durch'diese Wirkungen eine Heilung erzielt werden soll, besonders bei Hautkrankheiten. Sic dürfen jedoch nicht zu oft angewendet werden, weil die Haut sonst zu sehr erschlafft und für äußere Einwirkungen zu empfänglich gemacht wird, weshalb auch unmittelbar nach dem jedesmaligen Gebrauche die Haut vorsichtig gegen Kälte zu schützen ist. Die Anwendung der allgemeinen kalten Bäder unter -j- 2ܰR. und der heißen über -j- 33° N. ist bedeutend eingeschränkt und bedarf sehr bestimmter Heilanzeigen, da beide sehr leicht unangenehme, ja selbst lebensgefährliche Zufälle hcrbeiführen können, besonders sehr heftigen Blutandrang nach dem Gehirn und den Lungen. Ziemlich dieselben Wirkungen, wie die warmen Bäder, nur in erhöhtem Grade, besitztdas allgemeine Wasserdampfbad, von welchem nicht nur die gan^e äußere Oberfläche des Körpers, sondern auch die innere Auskleidung der Respirationsorgane berührt wird. Weil dieses Bad stärkere Wirkungen äußert als jenes, so erleidet seine Anwendung auch mehr Einschränkungen durch wohl zu berücksichtigende Nebcnumstände, namentlich durch den Zustand der Luftröhre und der Lungen. Sehr modificirt jedoch wird die Wirkung des kalten und heißen Wassers und des Wafscrdampfes durch seine Anwendung auf einzelne Theile des Körpers. Im Allgemeinen gilt die Regel, daß heißes Wasser das Blut nach dem von ihm umgebenen Theile zieht, kaltes hingegen es von dem betreffenden Theile entfernt. Daher wendet man heiße Fuß- und Handbädcr an, um de» Blutandrang vom Gehirn und von den Lungen nach den Extremitäten hinzuleiten. Kaltes Wasser wird in der Form von Sturz-, Tropf-, Regen- und Staubbädern gewöhnlich an den vbern Thcilcn des Körpers, besonders am Kopfe angewendet. Vortreffliche Dienste leistet es in dieser Art oft bei Geisteskranken. Eine ganz eigenthümliche, sehr energisch wirkende Art stellen dieDouche- oder Spritzbäder dar. Ein mehr oder weniger starker Wasserstrahl wird nämlich auf einen gewissen Punkt des Körpers geleitet, wo er besonders auf härtern Stellen oft Entzündung und Geschwulst, ja selbst noch bedeutendere Wirkungen hcrvorbringen kann. Die Heilkräfte dieses Bades beziehen sich besonders auf Abnormitäten des Nervensystems und krankhafte Ablagerungen. , Da die Haut gegen das Eindringen fremder Substanzen durchaus nicht verschlossen ist, da übrigens kein anderes Organ einem dem Körper cinzuverleibenden Mtttel auf einmal eine so große Oberfläche darbietet, und da zuweilen die übrigen Wege, durch welche Arzneimittel in den Körper gebracht werden, nicht benutzt werden können, so bedient man sich des Bades sehr häufig, um den dem Wasser bcigemischtcn Stoffen Eintritt in das Innere des Organismus zu verschaffen. Es wirken diese Mittel, ein weniger emvfindlichcs Organ berührend und doch von vielen Punkten aus auf einmal und höchst fein zerthcilt cindringend, sowolfür den Augenblick milder als für die folgende Zeit intensiver. In andern Fällen wird »berauch durch solche dem Wasser beigemischte Arzneistoffe einem krankhaften Zustande der ganzen Haut oder einzelnen Stellen derselben begegnet. Solche Bäder sind theils Nach- Bad 7L1 ahmungen der natürlichen Mineralwässer, theils andere beliebige Mischungen. V»n mineralischen Substanzen mischt man uilter das Wasser Koch-, Stein- und Seesalz, salz- sauren Kalk, Salpetersalzsäure, ätzenden Quecksilbersublimat, ätzendes und kohlcnsauresKali oder Natron, Asche, Seife, Schwefel und Eisen; von vegetabilischen Wein, Essig, Auflösungen ätherischer Öle, Aufgüsse von Thymian, Rosmarin, Lavendel, Wermuth, Kalmus, Weiden-, Eichen-, Chinarinde u. s. w.; von animalischen Milch, Blut, Fleischbrühe u. s. w. Die Wirkungen der mit mineralischen Stoffen zusammengesetzten Bäder sind sehr verschieden; die mit vegetabilischen und animalischen Substanzen wirken fast durchgehend stärkend, und zwar die erstem durch Erregung des Nerven- und Blutlebens, die andern durch wirkliche Ernährung. Auch dem Wasser, welches man als Dampf auf den Körper einwirken läßt, hat man mit gutem Erfolg Arzneistoffe zugesetzt, die natürlich flüchtiger Natur sein müssen. Ist das Dampfbad allgemein, so müssen Stoffe vermieden werden, welche einen nachtheiligen Einfluß auf die Respirationsorgane äußern, bei partiellen, die in gewissen Apparaten angewendet werden, ist dieses weniger zu berücksichtigen. Hieran schließen sich die sogenannten Rauchbäder, in denen der ganze Körper mit Ausschluß des Kopfes oder einzelner Theile desselben mit Dämpfen in Berührung gebracht werden, die man durch vollständige oder teilweise Verflüchtigung trockener Arzneistoffe erzeugt. Angewendet werden hierzu harzige aromatische Substanzen, Weihrauch, Myrrhe, Benzoe, Bernstein, Schwefel und Quecksilber. Die Anwendung muß in einem sogenannten Räucherungskastcn geschehen, in welchem nur der bestimmte Körpertheil mit den Dämpfen eingeschlossen wird, damit die Respirationsorgane nicht belästigt werden. Die größte Vorsicht ist bei denRauchbädern von Schwefelund Quecksilber nöthig, weil sie leicht gefährliche Zufälle herbeiführen; zudem ist ihr guter Erfolg immer unsicher. Eine Art animalisches Rauch- oder Dunstbad ist das sogenannte Thierbad, welches schon den Alten bekannt war. Entweder wird der ganze Körper in die Haut eines frisch geschlachteten Thiers eingehüllt, oder es werden die kranken Theile in die geöffnete Brust-oder Bauchhöhle des noch lebenswarmen Thiers hincingehalten. Auch legt man kleinere gespaltene eben getödtete Thiere auf die kranken Stellen des Körpers. Besonders erweisen sich diese Bäder bei Lähmungen nützlich. Hierher dürfte wol auch der Aufenthalt in Kuhställen zu rechnen sein; ja um nichts unversucht zu lassen, hat man Kranken, deren Hauptübel allgemeine Schwäche war, das Bad in der Atmosphäre gesunder, kräftiger Menschen durch Zusammenliegen im Bette verordnet. Die Gasarten, die man zu Bädern verwendet, sind Schwefelwasserstcffgas und Kohlensäure. Erstercs, in geringer Quantität der atmosphärischen Luft zugesetzt, stimmt die Reizbarkeit der Lungen herab und mäßigt die Beschwerden der Krankheiten, denen Lungenreizung zu Grunde liegt. In stärkerer Quantität mit der Haut in Berührung gebracht, ist cs bei Krankheiten von Nutzen, welche sich von unterdrückten Hautfunctionen herleiten lassen. Letztere wirkt ziemlich in derselben Art. Beide müssen, wenn sie nur aufdie Haut wirken sollen, in besonder« Apparaten angcwendet werden. Ein Bad in einer imponderabeln Flüssigkeit gebraucht man, wenn man den Körper den Einwirkungen des Sonnenlichts oder der Elcktri- cität aussetzt. Letztere wird entweder so angcwendet, daß man den Körper isolirt und mit Elek« tricität anfüllt, oder daß man den elektrischen Hauch wie eine Douche auf eine bestimmte Stelle ausströmen läßt. Beide Arten sind in gewissen Nervenleiden von Nutzen. Bäder in festwcichen Substanzen sind dieSchlammbäder. (S.Mincralwässer.) Unter die Bäder in festen Stoffen endlich rechnet man das Schneebad, das Erdbad, das Sandbad, das Aschenbad und das Bad in trockenen Vegetabilien. Das Schneebad wendet man an, um Erfrorene wieder ins Leben zurückzurufen. Man umgibt den ganzen Körper mit Schnee und bringt diesen durch äußere Wärme zum Schmelzen. Das Erdbad, nämlich das Eingrabcn oder Bedecken des ganzen Körpers ausschließlich des Kopfes mit frischer Erde wird mit Nutzen bei Scheintod nach dem Blitzschläge angewendet. Trockene Aschen- und Sand- bäder, mäßig erwärmt, haben besonders bei Wiederbelebung Ertrunkener gute Dienste geleistet. Fußbäder in trockenem Birkenlaube wirken kräftig schweißtreibend. — Die Benennungen Wasserbad und Sandbad sind auch in die Chemie übergcgangcn und bezeichnen eine Vorrichtung, mittels welcher Gefäße, die erhitzt werden sollen, nicht unmittelbar mit dem Fener in Berührung kommen, sondern mittelbar durch heißes Wasser oder heißen 712 Bo-ajoz Baden (Geogr. u. Statist.) Sand ihre Wärme erhalten, sodaß dadurch eine gleichmäßige Erhitzung erzielt wird. Vgl. Marcard, „Über die Natur und den Gebrauch der Bäder" (Haunov. 1793), Speier, „Ideen über die Natur und Anwcndungsart natürlicher und künstlicher Bäder" (Berl. > 803), Kausch, „Über die Bäder" (Lpz. > 806), Engclmann, „Über die Wirkungsweise und den diätetischen Werth des russ. Dampfbades" (Köuigsb. 1828) und Hille, „Das Dampfbad, seine Einrich. tung, Wirkung und Anwendung" (Lpz. 1820). Badajoz, bei den Römern kux.4ug»stkr und daher bei den Mauren Lsr^iiAOi genannt, die befestigte Hauptstadt der span. Landschaft Estremadura, liegt am linken Ufer der Guadiana, über welche eine steinerne Brücke non 28 Bogen führt, in einer fruchtbaren Gegend unfern der portug. Grenze und hat 15000 E. Sie ist der Sitz eines Generalcapi- tains und eines Bischofs, hat eine Stückgicßerei, einen merkwürdigen Dom mit prachtvol- ler Orgel und unterhält bei lebhaftem Handel Fabriken für Hüte, Leder und Fayence. Als ein Schlüssel zuPortugal ist sie in der Kriegsgeschichte vielfach wichtig geworden. Sie wurde 1658 von den Portugiesen und 1705 im span. Erbfolgekriege von den Alliirten vergeblich belagert. Im franz. Kriege wurde B. dreimal durch die Engländer unter Wellington belagert, zum ersten Male nach der Eroberung von Olivenza am 10. Apr. 1811, doch mußte, da Soult zum Entsatz anrückte, die Belagerung am 14. Mai aufgehoben werden; zum zweiten Male nach den Schlachten von Fueutes d'Ouor und bei Albuera, vom 25. Mai— 16. Juni 1811, doch ebenfalls vergebens. Die dritte Einschließung am 17. März 1812 endete mit der Eroberung der Stadt durch Sturm am 7. Apr., nach einem mörderischen Kampfe und einem Verluste während der zwanzigtägigcn Belagerung von 72 Offizieren und 963 M. an Tobten und 306 Offizieren und 3383 M. an Verwundeten. Die Besatzung mit dem commandirendcn General Philippon ward gefangen. Im Frieden zu B., geschlossen zwischen Spanien und Portugal am 6. Juni 1801, versprach Portugal seine Häfen den Engländern zu verschließen; Spanien aber behielt das eroberte Olivenza und dessen Gebiet an der Guadiana. Hierauf schloß auch Frankreich Frieden mit Portugal am 2 9. Sept., durch welchen cs vortheilhafterc Handclsbewilligungen und eine neue Grenze in Guiana erhielt. Baden, das Großherzogthum, ist der südwestlichste der deutschen Bundesstaaten, welcher sich bei einer Größe von 276 IHM. in Richtung der oberrheinischen Tiefebene und des Schwarzwaldes von dem Wertheimer Südknie des Main bis zum Bodensee erstreckt, im Osten und Norden von Baiern und Würtcmberg, Hohenzollern-Sigmaringen und Hesscn- Darmstadt begrenzt und durch den Rhein westlich von der bairischen Pfalz und von Frankreich wie südlich von der Schweiz geschieden. Politisch ist es eingetheilt in vier Kreise und zwar von Süd nach Nord in den Seckreis, Ober-, Mittel- und Unter-Rheinkrcis, welche wieder in 78 Bezirksämter zerfallen; in physischer Rücksicht ist die Eintheilung des westlichen am rechten Nheinufer gelegenen Tieflandes und des östlichen Gcbirgs- und Hügellandes charakteristisch und zwar in solchem Zahlenverhältniß, daß der Tiefebene '/s und dem Berglande */s des Areals zufallen. Unter den Gebirgen tritt der Schwarzwald (s. d,) am bedeutendsten hervor. Er gehört auf eine Strecke von 21 Meilen, von Säcking bis Pforzheim, fast ausschließend B. an, fällt mit steilen Rändern westlich ab und'geht durch höhere Bergebenen zu den würtcmberg. Neckarplateaus über. Er nimmt von Süd nach Nord in seiner Mittlern Höhe von 3900—2600 F. ab, wird durch tiefe romantische und wilde Thäler mehrfach gruppirt und trägt als ausgezeichnetste Gipfel im Süden denFcldberg und Belchen. Die Erniedrigung des badischen Berglandes im Norden der Murg wird im Allgemeinen das Neckargebirge genannt bis zum steilen Quercinschnitt des Neckarthals, jenseit dessen sich der Odenwald (s. d.) erhebt, der seine Massen fast ganz im Großherzogthum Hessen aus- breitct und nur mit seinen Ostgrenzen in Umgebung des Katzenbuckels unweit Eberbach auf badischem Boden ruht. Im südöstlichen Theile, im Seekreise, erheben sich die langgestreckten Plateauflächen des deutschen Jura zwischen den Rhein- und Donaudurchbrüchen, in B. unter dem Localnamen des Randen, der im Nordwesten steil und kurz abfällt, aber im Osten zu den schwäbischen Plateauabschnitten des nellenburger und hegauer Hügellandes in sanften Formen übergeht. Jsolirt in dem ebenen Rheinthale steht im Obcr- rheinkrcise zwischen Altbrcisach und Endingcn die kleine basaltische Berggruppe des Kaiserstuhls, 1100 F. über dem Rheinspicgel. B. wird durch den Rhein und die Donau in den Baden (Geogr. u. Statist.) 713 Bereich zweier entgegengesetzter Meergebiete gezogen; doch greift die Donau nur mit ihrem ungefähr 16 mM. fassenden Quellgebiete in den nördlichen Theil des Seekreises. Nachdem der Flußsee des Rhein, der Bodensee, mit den nordwestlichen Theilen des Überlinger-, Unter- und Zellersees „in B. eingebuchtet, bildet der Strom in unruhigem Laufe, mehrfach durch schweizerische Übergreifungen unterbrochen, die Südgrenze, unterhalb Basel aber bis unter- I halb Manheim macht er die natürliche Westgrenze aus. Durch inselreichcn und mannich- fach geschlängelten Lauf charakterisiert, trägt er von Basel bis Strasburg Fahrzeuge von 5—600Ctr., von Strasburg ab Schiffe von 2500 Ctr. und von Leopoldshafen an (3 Stunden nördlich von Karlsruhe) Dampfboote. An seiner rechten Uferseile nimmt er folgende . Nebenflüsse auf: die Wiese, El; mit der Dreisam, Kinzig mit der Schütter, Murg, Pfinz und Neckar. Die nordöstliche Grenzberührung des Main ist durch die Taubereinmündung bei Wertheim wichtig. Außer dem Antheil am Bodensee besitzt B. keinen See von Bedeutung, wol aber auf dem Schwarzwalde folgende unter dem Namen von Seen vorkommende Wassersammlungen kleinern Umfanges: Mummelsee, Wilde See, Feldsee, Tittsee und den Nonnenmattweiher mit einer schwimmenden Insel. Da die Differenz zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkte in B. (Feldbcrg 4600 F. und Manheim 258 F.) 4300 F. beträgt, so findet natürlich auch ein großer klimatischer Wechsel, namentlich in der Wärmevertheilung, statt. Es läßt sich die mittlere Temperatur der Ebene zu 8° und die des Gcbirgslandes zu 5'/s°N. snnehmen und es gehört sonach die badische Nheinebene zu den wärmsten Gegenden ganz Deutschlands. Diese glücklichen, durch die meteorologischen Erscheinungen des Niederschlags, des Luftzugs und der Gewitter keineswegs nachtheilig beeinträchtigten Klimaverhältnisse stempeln B. im Allgemeinen zu einem der gesegnetsten Länder Europas, die Rheinebene, mit geringer Ausnahme einiger Sand- und Kieferstrecken im Süden, zu einem reichen Fruchtfelde, die östlichen Vorberge zu einem lachenden Garten. Neben vielfältig tragenden Roggen-, Gerste- und Weizenfeldern erblickt man Maisfeldcr, die 340—350fältig tragen; sie wechseln ab mit den schönsten Obsthainen des Nuß-, Kirsch-, Pflaumen-, Apfel-und Birnbaums und dem die westlichen Terrassen des Schwarzwaldes schmückenden Weinstock. An diesen reizenden Vorbergen steigt der Nußbaum bis zur Höhe von 1300, die Rebe bis zu 1400 F., die übrigen Obstsorten begleiten die höhern Regionen bis zu 2000, der wilde Kirschbaum sogar bis 2500 F., immer noch in Gesellschaft der ergiebigen Cultur der Cerealien, unter denen der Hafer noch bis 3500 F. ansteigt, von wo an er durch herrliche Futter- kcäuter vertreten wird, die die ausschließliche Zone der Viehzucht bezeichnen. Auf solche Weise reich von der Natur unterstützt, wuchs die Bevölkerung in letzter Zeit alljährlich im Durchschnitt um 10600Köpfe, sodaß sie sich 1843 über 1,290000 veranschlagen ließ. Sie besteht fast ausschließlich aus Deutschen, und zwar allemannischcn Stamms in den hohen Schwarzwaldgegenden bis zur Murg, fränkischen von der Murg nordostwärts und schwäbischen Stamms in den Plateaugegenden am Bodensee. Als längst mit der Volksmaffe verschmolzene Fremdlinge erscheinen die Waldenser und Hugenotten, während als eigentliche Fremde nur die Juden zu betrachten sind. Die röm.-katholische Kirche ist die herrschende, zu ihr bekennen sich unter 1000 Bewohnern 671, dagegen 312 zum cvan- ^ gelischcn, 16 zum mosaischen und 1 zum mennonitischen Glauben. Unter den Beschäftigungen der Bewohner ist der Betrieb der Landwirthschaft überwiegend; da viele der Gcwerbctrci- benden sich auch mit dem Ackerbau beschäftigen, so kann man annehmen, daß unter 1000 Familien sich 666 der Landwirthschaft widmen, 169 aber ausschließlich Gewerbe treiben, mithin 835 Familien allein der producirenden Claffe angehören. Die physische Cultur des Landes gewährt reichliche Ausbeute. Ein Raum von 91 '/r OM. wird von Acker- und Gartenland (dieses nur 2 V-OM.) bedeckt, auf ihm erzieht man über die Hälfte Dinkel, dem- nächst Hafer, Roggen, Gerste, Weizen, viel Mais, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Gemüse aller Art. Auf 42 OM. pflegt man Handelsgewächse, namentlich Hanf mit jährlichem Ertrag von 48000 Ctr., Taback mit 150000 Ctr. jährlicher Ernte im Geldwerthe von 1,350000 Fl., sehr schönen Hopfen und überall Raps und Mohn, dagegen nur in den Ge- 1 birgsgegenden Flachs, während einen wichtigen Culturzwcig die Obstzucht auf Kern- und Steinobst, Kastanien, Wallnüsse, Mandeln u. dgl. ausmacht; Wein wird auf 4'/, OM. gezogen in verschiedenen Sorten, wie Affenthaler, Wcrtheimer, Bergsträßer und Scewein 714 Baden (Geostr. u. Statist.) angeführt und in einer Durchschnittsernte von jährlich <107540 Ohm gewonnen; etwa 27 cuM. gehören zum schönsten Wiesenbestand und 22 IHM. zu Weiden oderHutungcn und sogenanntem Rcutfeld, d. h. solchem, das nur in größer» Zeitzwischenräumen bebaut wird. Ein sehr wichtiges und ausgedehntes Feld hat die Forstcultur, denn fast'/-des ganzen Landes (85 LM.) ist mit Wald bestanden. Der Schwarzwald gehört zu den ausgezeichnetsten dcut- sehen Nadelholzwaldungen, in ihm erblickt man ganze Bestände herrlicher Weißtannen von 180—180 F.Höhe, die zum Schiffbau in die Niederlande ausgeführt werden. Nur etwa <1 IHM. mögen demnach den unangebauten Boden des Landes bilden. Hand in Hand mit der ausgedehnten Acker- und Wiesencultur und dem reichlich verbreiteten kräftig grünenden Waldboden geht die Unterhaltung einer ansehnlichen Viehzucht, die ungefähr in folgenden Zahlen einen hohen Werth rcpräscntirt, 73200 Pferde, 700 Esel, 481000 Stück Rindvieh, 189000 Schafe, 22100 Ziegen, 300000 Schweine, sonach ein Totalviehstand von 1,06600V Stück, zu dem noch die Pflege von 14030 Bienenstöcken kommt. Zur Belebung und Vervollkommnung der Landwirthschaft und Viehzucht wirkt der Landwirthschastliche Verein zu Karlsruhe mit seinen Zweigvcreinen zu Heidelberg, Wertheim, Freiburg und Donaueschingen, wie für die Verbesserung der Pferdezucht ein Landgestüt mit Ställen in Karlsruhe, Bruchsal und Waghäusel. Der Mineralreichthum des Landes scheint noch nicht in dem Maße durch den Bergbaubetrieb gewürdigt zu sein, wie er wohl verdient; doch mit jedem Jahre entspricht die thätige Wirksamkeit der Bergwerksgesellschaft zu Karlsruhe mehr den gerechten Erwartungen. Die Hauptcrzcugniffe deS Mineralreichthums lassen sich im Allgemeinen durch folgende Zahlenwerthe darstellen: 7 Mark Gold und 600 Mark Silber, 000 Ctr. Kupfer, 1900 Blei, 1200 Glätte, 173770 Eisen, 500 Braunstein, 150 Kobalt, 300000 Kochsalz und 30000 Ctr. Steinkohlen. Gold wird aus dem Nheinsande gewaschen, früher, als man noch die Dukaten mit der Umschrift „8ic lulgenl litora KKeni" daraus schlug, in dem ganzen Bereiche von Basel bis Manheim, jetzt nun noch bei Wittenweier im Amte Lahr und Philippsburg. Die beiden Hauptsalinen sind die Ludwigssaline bei Rappenau im Unter- ' rheinkreise und die gleichnamige bei Dürrheim im Seekreise. Einen großen Reichthum besitzt B. an Mineralquellen, deren fast 60, kheils Schwefel- theils Stahlwasser, theils Säuerlinge gezählt werden. Daher gibt es eine Menge vielbesuchter Badeorte, so z. B. Baden-Baden, Antogast, Griesbach, Freiersbach, Glotterthal, Langenbrücken, Nordwasser, Petersthal, Rappenau, Nippoltsau und Überlingen. Für die steigende Regsamkeit der Betriebszweige technischer Cultur zeugen mehr, als die summarische Anführung von ungefähr 300 Fabriken und Manufacturen mit mehr denn 9000 Arbeitern und einer jährlichen Production von 14 Mill. Fl., die Vermehrungszahl sei! dem Anschluß an den deutschen Zollverein im I. 1835 neuentstandenen 60 Fabriken mit ungefähr 1500 Arbeitern und der Mehrproduktion von fast 3,300000 Fl. Schon zwei Jahre nach dem Beitritt zum Zollverein zählte man acht Runkelrübenzuckerfabriken, während cs bis 1835 gar keine gab. Die Jndustricthätigkeit erstreckt sich vorzugsweise auf folgende Gegenstände: Band- und Baumwollenmanufacturen, am bedeutendsten zu St.-Blasien; ausgezeichnete Bijouteriearbeiten und Tabackfabrikation, die unter allen wol die erste Stelle einnimmt; ferner Cichoricnbercitung, Papier-, Tuch-und Lederfabrikation, Bierbrauerei und für die Schwarzwalddistricte als charakteristisch und in der ganzen Welt bekannt die Verfertigung ' hölzerner Uhren und Strohsiechtwaaren. Die Beobachtungen der neuesten Zeit berechtigen auf solche Weise zu der Hoffnung, daß sich B.s Activhandel gegen den bisher herrschenden Spedi- tions- und Transitohandel schnell entfalten wird, um so mehr, da der Verkehr materiell wie geistig stets neue Stützen erhält. Die beiden Hauptausfuhrartikel sind Wein und Holz, welches letztere, fast ausschließend den Niederlanden zugeführt, ein Capital von mindestens 3 Mill. Fl. cinbringt; demnächst Getreide, Hanf, Taback, Obst, Öl, Kirschwasser, Salz, Leinwand, Baumwollcnzeuge, Schwarzwälder Uhren, Holz- und Strohwaaren, Bijouterie- waarcn, Papier u. s. w.; wesentliche Einfuhrartikel sind Colonialwaaren, Südfrüchte, Arzneiwaaren, Pferde, Wolle, Baumwolle, Seidcnwaaren, Eisen, Stahl und Luxusartikel. Der badische Münzfuß ist der 2-iGuldenfuß, der Gulden zu 60 Kreuzer; Maß und Gc< i wicht ist nach dem Decimalsystem eingetheilt. Wie im Allgemeinen der Aufschwung des Zndustricwesens für einen höher» geistigen Culturgrad des Volks spricht, so gilt das auch Baden (Geschichte) 715 ganz besonders in B., dessen Bewohner aufeincrBildungsstufe stehen, die Deutschland würdig rcpräscntirt. Die trefflichsten Schuleinrichtungcn verleihen allgemein angemessene Bildung dem Volke und geben zur höchsten Ausbildung dem Einzelnen Gelegenheit; ein gediegener Geist durchweht alle Anstalten von der niedrigsten Elementarschule bis zu den beiden Universitäten zu Heidelberg und Frciburg, und eine Menge gemeinnütziger Institute, wie Bibliotheken, Museen und Cabinctc aller Art sind laut sprechende Zierden der feinem Civilisation. Die Regentschaft des in allen seinen Theilen untheilbaren und unveräußerlichen Großherzogthums ist nach dem Rechte der Erstgeburt in männlicher und nach deren Aus- sterbcn auch in weiblicher Linie erblich. Der Thronfolger heißt Erbgroßherzog, alle »ach- gcborcnen Söhne und Töchter heißen Markgrafen und Markgräfinnen von B. Der Regent ist an eine ständische Verfassung gebunden. Die Ständeversammlung, welche alle zwei Jahre zu einer ordentlichen Sitzung berufen wird, besteht aus zwei Kammern und hat in ihrem Wirken, sei es im Einverständniß mit der Regierung oder in würdig gehaltener Opposition und energischer Vertretung der Landcsvorkheile, nicht allein glänzende Resultate aufzuweisen, sondern sich auch in weitestem Kreise die achtungswertheste Aufmerksamkeit zugewendct. Die erste Kammer besteht aus den Prinzen des großhcrzoglichen Hauses, den Häuptern der standcsherrlichcn Familien (sieben Fürsten und drei Grafen) und der adeligen Familien, welchen, wenn sie ein Stamm- und Lehngut von wenigstens 300000 Fl. besitzen, der Großherzog die Würde des hohen Adels verleiht, dem katholischen Lanbesbischof und evangelischen Prälaten, zwei Abgeordneten der Landesunivcrsitäten und acht vom Großherzog ohne Rücksicht auf Stand und Geburt erwählten Mitgliedern; die zweite Kammer aus 63 für acht Jahre gewählten Abgeordneten, und zwar 22 Abgeordneten bestimmter Städte und den De- putirten der 41 Wahlbezirke der Ämter, sodaß ungefähr 16000 Seelen durch einen Deputaten vertreten werden. Weniger als anderwärts hat man in B. bei dem Wahlrecht auf Besitz gesehen; jeder angesessene Staatsbürger und alle Staatsbeamten können an der Ernennung der Wahlmänner Theil nehmen und Wahlmänner werden. Nur Abgeordnete müssen entweder ein steuerbares Capital von 10000 Fl., oder ein geistliches oder weltliches Amt besitzen, das wenigstens 1500 Fl. einträgt. Die höchste vollziehende und belachende Landesbehörde ist das Staatsministerium; der Großherzog führt in ihm den Vorsitz, und cs zerfällt in die Ministerien des großherzoglichen Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten, der Justiz, des Innern, des Kriegs und der Finanzen. Das Finanzbudgct beträgt durchschnittlich l 3 Mill. Fl., die reine Einnahme nach Abzug aller Verwaltungskostcn und Nevcnuenzweige ungefähr 8,256000 Fl., die Staatsschuld gegen 13 Mill. Fl., und der Tilgungsfonds ist zu Procent berechnet. Das Militair wird durch allgemeine Dicnst- psiichtigkeit, mit Ausnahme der standeshcrrlichen Familien, rekrutirt und stellt zum achten Armeecorps des deutschen Bundeshcers ein Contingent von 10400 M. mit einer Reserve von 3333 M. Es bestehen drei Ritterorden. I) der 1715 gestiftete Hausordcn der Treue, 2) der 1807 gegründete und mit einer jährlichen Rente verbundene Karl-Fricd- richs-Verdienstorden und 3) der 1812 gestiftete Zähringcr Löwenorden; außerdem gibt es eine Militair-Vcrdicnstmedaille und gleiche Dienstauszcichnung. Haupt- und Residenzstadt ist Karlsruhe (s. d.), die Kreishauptstädte sind Konstanz (s. d.), Freiburg (s. d.), Rastadt (s. d.) und Manheim (s. d.). Nachdem die Alemannen in V. unter die Suprematie der Franken gekommen, ward auch unter ihnen das Christenthum meist durch irische Missionare verbreitet. Wiederholte Versuche zur Herstellung ihrer Unabhängigkeit, namentlich unter ihrem Herzog Gottfried, aus dessen Hause die jetzigen Regenten ihren Ursprung ableiten, hatten keinen Erfolg. Durch Pipin den Kleinen wurde 748 das Herzogthum Alemannien aufgelöst; doch blieben die Abkömmlinge Gottfried's, unter diesen ein Gerold und dessen Sohn Berthold, Gau- oder Landgrafen in der Baar, welche Landgrafschaft jetzt die Fürsten von Fürstenberg unter bad. Hoheit besitzen. Später kommt ein Gebhard, der von einem Berthold in der Baar abstammen soll, als Graf im Breisgau vor. Er ist der Vater des Herzogs Berthold, der das Schloß Zähringen im Breisgau erbaute, und mit dem die ununterbrochene Reihe der Fürsten aus dem Hause Zähringen beginnt. Dieser Berthold, der von Kaiser Heinrich III., für den Todesfall des bejahrten Herzogs Otto von Schwcinfurt die Anwartschaft auf das 716 Baden (Geschichte) Herzogthum Schwaben bekam, nahm noch bei dessen Lebzeiten den herzoglichen Titel a», den er nach mannichfachem Wechsel von Erwerb und Verlust nebst seinen Gütern im Breisgau, in der Ortenau, im Schwarzwalde und Neckargau 1078 auf seinen ältesten Sohn, Berthold II., vererbte. Die männlichen Nachkommen desselben erhielten das Her- zogthum Burgund, konnten cs aber nur zum Theil behaupten und starben 1218 mit Bert- hold V. aus. Diesen Letztem beerbten zwei Töchter, von denen Agnes, des Grafen von Urach Gemahlin, die meisten zähring. Güter in Schwaben, nebst Freiburg im Breisgau, und Anna, des Grafen von Kyburg Gemahlin, die schweiz. und burgund. Freigüter erhielt. Das Übrige fiel dem Reiche zu. Berthold's 1. zweiter Sohn, Hermann I., besaß schon bei seines Vaters Lebzeiten Hochberg im Breisgau, wozu auch B. gehörte, und nahm den Mark- graftntitel an. Später zog er sich in das Kloster zu Clugny zurück und starb hier noch vor seinem Vater 1074. Sein Erbe war sein Sohn Hermann II., der sich zuerst Markgraf vonBaden nannte und Stammvater des jetzt noch blühenden Hauses B. ward. Er starb 1130, nachdem er den hohenstauf. Kaisern, Konrad und Friedrich 1., wichtige Dienste geleistet hatte und von diesen zum Herzog von Verona ernannt worden war. Sein Sohn, Hermann 111., der jenen Titel behielt, ein Liebling Kaiser Friedrich's 1-, starb 1160 auf einem Kreuzzuge in Antiochien. Seine Söhne, Hermann IV. und Heinrich, theilten die Lande um das 1 . 1190 und stifteten zwei Linien, jener die badische, dieser die hochbergische. Hermann IV. erhielt vom Kaiser Friedrich II. für die durch seine Gemahlin ererbte Hälfte der Stadt Braunschweig die Stadt Durlach, ein ehemaliges Eigcnthum der Herzoge von Zähringen, als Freigut und Ettlingen als Lehen. Von seinen beiden Söhnen pflanzte Rudolf den bad. Stamm fort; der ältere aber, Hermann V., erhielt durch seine Gemahlin Gertrud, Herzogin von Ostreich, ein Recht auf dieses Herzogthum, kam auch in den Besitz desselben, ward jedoch zwei Jahre daraus vergiftet, und sein Sohn Friedrich mit Konradin von Schwaben 1268 in Neapel enthauptet, daher das Haus die reiche Erbschaft wieder verlor. Elisabeth aber, Hermann's V. Schwestertochter, heirathcte den Herzog Albert, Kaiser Rudolfs von Habsburg Sohn, demnach der Meinung der damaligen Zeit, nun erst ein volles Recht auf Ostreich erhielt. Hermann's V. Bruder, Markgraf Rudolf von B., vereinigte die Herrschaft Eberstein mit seinen Landen und zog mehre hohenstausische Güter während des großen Zwischcnrcichs an sich; Kaiser Rudolf l. aber nahm ihm diese wieder ab. Ihm folgte Hermann VI., dessen Söhne Friedrich und Rudolf IV. abermals zwei Linien stifteten. Friedrich's Linie starb bald aus > Rudolf hingegen pflanzte seinen Stamm fort. Die weitere Geschichte von B. enthält fortgesetzte Theilungen, die dem Lande sehr schädlich waren. Markgraf Christoph, gest. 1527, der sämmtliche bad. Lande vereinigte, theilte dieselben aufs neue unter seine drei Söhne, von denen der eine bald starb, die beiden andern die Linien Baden-Baden und Baden-Durlach stifteten. Bernhard, gest. 1537, der Stifter des Hauses Baden-Baden, führte die Reformation in seinen Landen ein. Sein Enkel Philipp kam unter die Vormundschaft des Herzogs von Baiern, welcher während derselben die evangelische Lehre wieder abschaffte. Philipp starb 1588, und das Land fiel an seinen Vetter Eduard, der zur katholischen Kirche überging. Eduard bekümmerte sich wenig um die Regierung, lebte in der Fremde und machte bedeutende Schulden. Kaiser Rudolf II. übertrug daher die Verwaltung des Landes den Herzogen von Baiern und Lothringen. Diesem Beschlüsse widersetzte sich der Markgraf Ernst Friedrich und nahm das Land 1595 in Besitz; erst 1629 ward cs dem Markgrafen Wilhelm, Eduard's Sohn, wieder cingeräumt. Die Linie Baden-Baden starb im 1.1771 aus und alle bad. Lande wurden nun wieder vereinigt. Christoph's I. zweiter Sohn, Ernst, gest. 1553, war der Stifter der Linie Baden- Durl a ch. Er nahm die evangelische Lehre an, welche von seinem Sohne Karl II. im ganzen Lande eingeführt ward. Der Sohn des Letztem, Ernst Friedrich, theilte 1584 aufs neue mit seinen Brüdern Jakob und Georg Friedrich. Er trat von der evangelischen Kirche zur rcformirten über, verkaufte zum unersetzlichen,Schaden des Landes 1590 die Ämter Besigheim und Mündelsheim und 1603 auch die Ämter Altensteig und Liebenzell an Wür- tcmberg und starb 1604 ohne Kinder. Sein Bruder, Georg Friedrich, der ihm folgte, trat seinem ältesten Sohne, Friedrich V., die Regierung ab, während er selbst mit einem neugeworbenen Kriegshecre gegen Kaiser Ferdinand II. zur Bcschützung des Kurfürsten von der Baden (Geschichte) 717 Pfalz, Friedrich V., zu Felde zog. Auf Friedrich V., der die hohengeroldscckischen Freigüter erbte, aber nicht behielt, folgte 1659 Friedrich VI., dessen Sohn, Friedrich Magnus, 1677 die Regierung übernahm. Wegen des Einfalls der Franzosen mußte sich dieser bis 1697 zu Basel aufhalten. Nach dem ryswicker Frieden suchte er den Wohlstand des Landes herzustellen und starb 1709. Ihm folgte sein Sohn Karl III., der 1715 die neue Residenz Karlsruhe erbaute und zum Andenken daran den Orden der Treue stiftete. Sein einziger Sohn Friedrich starb vor ihm, hinterließ aber zwei Prinzen, von denen der-älleste, Karl Friedrich (s. d.), geb. 1728, im I. 17-10 die Regierung antrat. Unter diesem musterhaften Regenten, dem die trefflichen Minister von Hahn und von Edelsheim zur Seite standen, gewann B. bedeutend an Größe. Bis zum luneviller Frieden im I. 1801 umfaßten die bad. Länder 77 OM. mit 210000 E. In diesem Frieden wurden zwar 8 OM. mit 25000 E. abgetreten, allein dafür 60 OM. mit 2-15000 E. erworben, worauf der Markgraf im Mai 1803 die Kurwürde annahm. Durch den prcsburger Frieden im I. 1805 kam auch der Breisgau, das alte Stammland der Herzoge von Zähringen, an B. Dem Beitritte zum Rheinbünde verdankt es den großherzoglichen Titel, die Souverainetät über den größten Theil der fürstenbergischen Lande, die Landgrafschaft Klettgau, das Fürsten- lhum Lciningen u. s. w. Der Läuderaustausch mit Würtemberg verschaffte ihm einen Zuwachs von fast 30000 E. Vgl. Drais, „Geschichtliche Darstellung der Regierung Karl Friedrich's u. s. w." (2 Bde., Karlsr. 1816—19). Der Großherzog Karl Friedrich starb am 10. Juni 1811, und da sein ältester Sohn auf einer Reise in Schweden durch einen Sturz mit dem Wagen am 15. Dec. 1801 ums Leben gekommen war, so fiel die Regierung an seinen Enkel Karl Ludwig Friedrich, geb. 1786, der sich 1806 mit Stephanie Luise Adrienne Napoleone, einer Adoptivtochter Napaleon's, vermählte. Er trat nach der Schlacht bei Leipzig vom Rheinbunde ab und 1815 dem Deutschen Bunde bei, in dessen engerer Versammlung B. die siebente Stimme einnimmt. Schon „früh hatte die Markgrafschast B. Landstände. Sie waren aus Abgeordneten der Städte, Ämter und Abteien gebildet, ohne Theilnahme des Adels, der sich von der Lan- dcsherrlichkeit so weit frei erhalten hatte, daß es nur wenige landsässige adelige Güter gab. Seit Mitte des 17. Jahrh. war aber die ständische Verfassung in Verfall gerathen und auch in den neuen bad. Landestheilen, wie in der Nheinpfalz, im Bisthum Konstanz und dem Johannitermeisterthum, gab es keine Landstände. Anders wares im Breisgau, wo sie ans den drei Bänken der Prälaten, der Ritter und der Städte und Ämter bestanden. Unter den erstern erschienen der Reichsstand und Johannitermeister, der Fürstabt von St.-Blasicn u. A. Durch die Erklärung des Kurfürsten Karl Friedrich zum unumschränkten Souverain am 5? Mai 1806 erlosch auch die ständische Verfassung des Breisgau und auf dem wiener Congresse gehörte B. zu den Negierungen, die sich gegen eine allgemeine Verpflichtung zur Einführung des Repräsentativsystems erklärten. Allein die Bewohner verlangten staatsrechtliche Garantien und gleichzeitig erhob Baiern, auf den rieder Vertrag und eine alte spon- heimische Erbeinsehung gestützt, theils unbedingte, theils eventuelle Ansprüche auf einen großen Theil des bad. Landes. Der Großherzog Karl wies diese entschieden zurück, octroyirte aber kurz vor seinem Tode am 8. Dec. 1818 als neues Band der Vereinigung für alle Bewohner die Constitution vom 22. Aug. 1818, worin auch der Grundsatz der Unthcilbarkeit des Landes ausgesprochen wurde. Karl starb ohne männliche Nachkommen und hatte seines Vaters Bruder, Markgraf Ludwig Wilhelm August, geb. 9. Febr. 1763, zum Nachfolger. Unter diesem ward in Folge des Recesses der Commission zu Frankfurt vom 10. Juli 181S die seit 1814 von Ostreich sequestrirte Grafschaft Hohengcroldseck am Schwarzwalde mit B. vereinigt, wogegen letzteres einen verhältnißmäßigen Theil des Amts Wertheim an Ostreich überließ. Derselbe Receß stellte die Integrität B.s unter den Schutz Rußlands, Ostreichs, ^Englands und Preußens, auch erkannte es das Erbfolgerecht der Halbbrüder des Großherzogs, der Markgrafen vonHochberg, an, was jedoch Baiern nicht hinderte, am 3. Juli 1827 seinen Entschädigungsanspruch für den von B. an Frankreich abgetretenen Theil der Grafschaft Sponheim zu erneuern. Vgl. „Über die Änsprüche der Krone Baiern an Landestheile des Großherzogthums B."(Manh. 1828). Die Stände kamen zum ersten Male im Apr. 1819 zusammen, wurde» aber wegen bald eingetretener 718 Baden (Geschichte) Reibungen mit dem Ministerium, sowie zwischen der ersten und zweiten Kammer, am 28 Juli entlassen, sodaß die im ersten constitutionellen Aufschwung gestellten Anträge auf Preß, frciheit, Einführung der Jury, Abschaffung der Frohnen und Zehnten nur in Anregung kamen. Die Rechte der Standes- und Grundherren und das darüber ergangene Edict waren ein hauptsächliches Hinderniß der Eintracht, und es ließ sich sogar der eine Theil verlei- ten, die Gesinnungen der Andern, die gegen die Erweiterung der Standesvorrcchte stimmten, als revolutionair zu verdächtigen. Während der zweiten Versammlung, im Sept. l 820, schien die gegenseitige Stimmung im Anfänge nicht günstiger mehren Deputirten wurde der Urlaub versagt und der Abgeordnete Winter von Heidelberg verhaftet. Beide Kammern näherten sich indeß sehr bald in wichtigen Dingen, z. B. hinsichtlich der Aufhebung der Über- blcibscl der Leibeigenschaft, des Gesetzentwurfs über Verantwortlichkeit der Minister, dcr Vorstellung gegen die Strenge des Censuredicts und der Gemeindeverfassung, und die Regierung kam gleichfalls versöhnend entgegen. Die Namen Duttlinger, Winter, Liebenstcin, Rotteck, Wcsscnberg u.A. waren durch diese Verhandlungen Allen werth geworden, welchen die Herstellung und Erhaltung einer gesetzlichen Ordnung am Herzen lag. Vgl. Rottecks „Archiv für landständische Angelegenheiten im Großherzogthum B." (2 Bde,, Karlsr. 1820). Der dritte siebenmonatliche Landtag ward, ohne seine Geschäfte beendigt zu haben, am 31. Jan. 1823 plötzlich entlassen, unter öffentlichem und strengem Tadel gegen die zweiteKam- mer, die sich mit der Regierung über die für das Militair gefoderte Summe nicht vereinigen konnte. Diese verlangte jährlich 1,600000 oder mindestens 1,550000 Fl., die Stände aber wollten nur 1,500000 verwilligen. Im Dec. 1824 folgte die Auflösung der zweiten Kammer, und bei den neuen Wahlen wurde viel über Einwirkung der Regierung geklagt. Eine der ersten Verhandlungen des vierten Landtags, vom 24. Jan.—4. Mai 1825, betraf eine wichtige Abänderung der Verfassung. Statt der bisherigen theilweisen Erneuerung dcr zweiten Kammer sollte sie alle sechs Jahre gänzlich erneuert, die Perioden der Landtage sollten von zwei Jahren auf drei verlängert werden, und es geschah Solches durch das Gesetz vom 14. Apr. 1825. Auf demselben Landtage bestand die ganze Opposition der zweiten Kammer nur in drei Mitgliedern, ja es liefen in dieser Zeit der Reaction aus mehren Lan- dcsthcilen von Ortsvorständen Unterzeichnete Adressen um gänzliche Aufhebung der Verfassung oder wenigstens um ihre Suspension für die Lebensdauer des regierenden Fürsten ein. Der fünfte Landtag vom 29. Febr. — 14. Mai 1828 brachte fast gar nichts zu Stande. Durch einen Vergleich mit Frankreich, im Nov. 1828, wurde zur Umgehung der Stadt Basel ein Straßenzug von Lörrach nach der neuen Rheinbrückc von Großhüningen angcordnet, sowie 1829, auf den Grund des franz. Maßsystems, eine neue Maß- und Gcwichtsordnung eingeführt. Der Großherzog Ludwig starb kinderlos am 30. März 1830, und ihm folgte der jetzige Großherzog Leopold (s. d.), der älteste Sohn aus der morganatischen Ehe des Eroßherzogs Karl Friedrich mit dcr Gräfin von Hochberg, aus dem alten reichsritterschaftlichen Geschlecht Geyer von Geyersbcrg. .Die eventuelle Successions- fähigkeit der Nachkommen aus dieser Ehe war, kraft der vor der Vermählung gegebenen Versicherungsurkunde, schon durch Statut von 1806 und durch das Patent vom4. Oct. 1817 crtheilt und 1819 von den Hauptmächten anerkannt worden. Baiern aber schien jetzt mit Gewalt seine Foderungen durchsetzen zu wollen, sodaß man auch badischer Seits mi- litairische Vorsichtsmaßregeln anordnete, bis endlich der Streit, besonders durch Ostreichs Vermittelung, zu Gunsten B.s geschlichtet wurde. Mit Leopold's Regierungsantritt schien nach der Cabinets- und Günstlingsherrschaft unter Ludwig ein frischeres constitutionelles Leben zu beginnen. Die Negierung hatte die Wahlen zu dem am 17. März 1831 unter gespannter Erwartung eröffneten sechsten Landtage ihrem freien Gange überlassen. Von ihrer Seite waren Gesetzentwürfe über eine Gemeindeordnung, eine bürgerliche Proceßordnung mit Öffentlichkeit und die Aufhebung der Staatsfrohnen vorbereitet. Die zweite Kammer drang besonders nach Jtzstein's Antrag auf die bald zugestandene Zurücknahme des Gesetzes vom 14. Apr. 1825, auf Vollendung der Gesetze über Ministerverantwortlichkeit, auf Erleichterung der Frohnablösung nach dem Gesetz von 1820, auf Ablösung der Zehnten u. s. w. In der Sorge für größere Sparsamkeit und größere Ördnung im Staatshaushalt kam die Negierung der zweiten Kam- Baden (Geschichte) 719 me: entgegen; der Militairetat ward um -150000 Fl. herabgesetzt, und überhaupt wurden die öffentlichen Lasten im Vergleich zur Finanzperiode von 1825 um 747000 Fl. vermindert, wobei ohne neue Steuer 290000 Fl. für Gegenstände des Gemeinwohls, z. B. 30000 Fl. zur Verbesserung der Landschullchrerstellen, verwendbar blieben. Durchgesetzt wurden ein Jnjuriengesetz, eine Militairdienstpragmatik, die Statuten derAmor- tisationskasse, ein Apanagegesetz, eine neue Civilproceßordnung mit Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens und, nach langem Zwiespalt mit der ersten Kammer, die Gemeincdeordnung. Ungeachtet des anfänglichen Widerspruchs der ersten Kammer kam sodann auch die Ablösung der Frohnen zu Stande und eine im Geiste der Aristokratie abgefaßte Adresse der Fürsten von Löwenstcin gegen die gesetzgebende Gewalt des Staats wurde vom Ministerium selbst mit Nachdruck zurückgewiesen. Die Ablösung der Zehnten blieb für den nächsten Landtag ausgesetzt. Mit besonderm Nachdruck und mit großer Übereinstimmung hatte die zweite Kammer, nach Welcker's Antrag, die Sache der Preßfteiheit betrieben und, gehoben von der nach den Julitagen noch steigenden Flut der öffentlichen Meinung, endlich die wichtigsten Bedenklichkeiten der ersten Kammer, sowie der Regierung zu beseitigen gewußt. Ein Gesetz, das, wenn auch ohne Schwurgericht, doch in innern Angelegenheiten volle Preßfreiheit aussprach, kam am 24. Dec. 1831, kurz vor dem Schlüsse des Landtags, der am 31. Dec. erfolgte, zu Stande und wurde in B., wie in ganz Deutschland, mit lautem Jubel begrüßt, der aber leider von kurzer Dauer war. Die Regierung, von dem seit dem Falle Warschaus wieder mächtiger gewordenen Strom der Rcaction ergriffen, erklärte schon am 28. Juli 1832 das neue Gesetz für unwirksam, „weil es mit der damaligen Bundesgesetz- gcbung über die Presse unvereinbar sei und daher nicht bestehen dürfe, insoweit es der Bundescommissionsbericht als der Pceßgesetzgebung des Bundes widersprechend bezeichne". Damit war ein abermaliger Wendepunkt im öffentlichen Leben gekommen und schon auf dem Landtag vom 20. Mai — 13. Nov. 1833, obgleich mit wenigen Ausnahmen fast dieselben Männer wieder erschienen, zeigte sich bei der Mehrheit die auf den nächstfolgenden Versammlungen noch sichtlicher werdende Ermattung des politischen Geistes. Die Stände beschäftigten sich hauptsächlich mit der nach heftigem Kampfe beider Kammern erledigten Zehntenfrage, sowie mit einem neuen Forstgesetz und beschränkten sich übrigens auf rechtsverwahrende Klagen wegen der einseitig erfolgten Aufhebung des Preßgesetzes und wegen muthmaßlicher Absichten des Bundestags. Diese Verwahrungen wiederholten sich erfolglos auch auf den später« Landtagen. Eine Motion Rotteck's zur Ernennung einer Commission, die den Zustand des Vaterlandes in Erwägung ziehen solle, wurde zwar vielstimmig unterstützt, doch endlich durch die motivirte Tagesordnung beseitigt, d. h. durch eine zu Protokoll gegebene wiederholte Verwahrung gegen jede für die Verfassung etwa verletzende Interpretation der Bundesbeschlüsse. Bei einem ähnlichen Anträge desselben Abgeordneten am folgenden Landtage widcrsetzte sich das Ministerium sogar dem früher beschlossenen gesonderten Druck der Motion. Doch setzte die Opposition von 1833 wenigstens die Vorlage eines von der zweiten Kammer einstimmig genehmigten Gesetzes durch, welches die in einer früher» Ordonnanz verbotenen Volksversammlungen und gesellschaftlichen Verbindungen, vorbehaltlich der in concreten Fällen von der Policei zu erlassenden Verbote, wieder für erlaubt erklärte. Vom I. Jan. 1834 an trat der Anschluß B.s an den deutschen Zollverein in Wirksamkeit, Verschon von den Abgeordneten von 1831 bedingungsweise gutgehcißen war und nun auch auf dem Landtage von 1835 (28. Mai — 28. Aug.) bestätigt wurde. Auf dem Landtage von 1837 erhielt die Regierung die Genehmigung der Stände zu einer wesentlichen Veränderung der in echtfreisinnigem Geiste abgefaßten Gemeindeordnnng von 1831. Doch sprachen sich dieselben Abgeordneten der zweiten Kammer einstimmig für die von Jtzstein in Anregung gebrachte Verwendung der Regierung zur Herstellung des Rechts- zustandes in Hannover aus, was zuletzt auf dem außerordentlichen Landtage von 1838 geschah, der das schon seit 1831 zur Sprache gekommene Project einer Eisenbahn von Heidelberg über Manheim nach Basel genehmigte, die in der erstbezeichnetcn Strecke zu Ende des 1.1840 vollendet wurde. Das Schicksal Hannovers und die allgemeine lebendigere Theil- nähme daran, die politischen Constellationen des I. 1840, sodann die veränderte Stellung des Ministeriums zur zweiten Kammer seit dem Tode des beliebten Staatsministcrs Wim- 720 Baden ter (s. d.) am 31. März 1839 blieben nicht ohne Einfluß auf den Geist des Volks und seiner Vertreter. Diese Umstimmung trat schon bei der Versammlung der Stände von 1839 auf 1840 hervor, obgleich sie ihre Verhandlungen hauptsächlich um die noch nicht zum völligen Schluß gekommene Berathung über ein neues Strafgesetzbuch drehten. Zur Erfüllung eines seit Jahren gegebenen Versprechens erließ die Negierung im Jan. 1840 die Verordnung zur bessern Sicherung der Schriftsteller gegen Censurwillkür. Nach verfassungsmäßiger partieller Erneuerung der Abgeordneten und Eröffnung eines neuen Landtags am 17. Apr. 1841 erhob sich ein lebhafter Streit über das von der zweiten Kammer schon auf stühern Versammlungen beanstandete, vom Ministerium dagegen behauptete Recht der Verweigerung des Urlaubs für die zu Deputaten ernannten Staats- dicner. Als sich dieser Principienkampf nach längerer Vertagung der Sitzungen erneuerte, ward die Kammer am 19. Febr. 1842 aufgelöst. In Folge der neuen Wahlen trat eine nicht unbedeutende Personalveränderung ein, doch behielt die Opposition der zweiten Kammer ein starkes Übergewicht. Vergebens wollte die Eröffnüngsrede, am 23. Mai 1842, den Ständen einzig die Verhandlung der Eisenbahnsache und des Budgets, alles Weitere dagegen dem nächsten ordentlichen Landtage zuweisen. Die Motionen Welcker's wegen Erleichterung materieller Lasten und gleichzeitiger Förderung der geistigen Interessen, namentlich durch Errichtung einer Landwehr und ihre organische Verbindung mit dem zu vermindernden stehenden Heere, sodann zur Aufhebung aller Ausnahmsmaßregeln des Deutschen Bundes und dessen Zurückführung auf die Grundlagen und Verheißungen dcrBun- dcsacte, sowie die Motion Sander's über den Zustand der Presse, die lebhaftere Angriffe, als kaum noch in einer deutschen Kammer vorgekommen waren, gegen das Institut der Censur hervorrief, und mehre andere Anträge hatten interessante und heftige Debatten zur Folge. Ganz besonders geschah dies in Folge des Antrags Jtzstein's in Betreff der Einmischung der Negierung in die Wahlen und dervon den Ministcrialchefs zudiesemZwecke erlassenen Rundschreiben, wodurch im ganzen Lande große Aufregung erzeugt worden war. Ungeachtet einer Protestation des Ministeriums beschloß die zweite Kammer mit 34 gegen 24 Stimmen, den Ausdruck der Misbilligung wegen Beschränkung der Wahlfreiheit in ihre Protokolle niederzulegen. Auch bei der Verhandlung des Budgets that sich die Unzufriedenheit der Deputaten mit dem in den letzten Jahren befolgten Regierungssystem kund; doch wurden die Steuern bewilligt, und die Elsenbahnsache fand nach den Vorschlägen der Negierung ihre Erledigung. Auf der andern Seite sprach sich die erste Kammer, bei Gelegenheit eines Antrags des Frei- hcrrn von Andlaw, in Opposition mit der Volkskammer aus. Am 9. Sept. 1842 wurde der in der Geschichte des constitutionellen Großherzogthums Epoche machende Landtag im Aufträge des Großherzogs mit einer Rede geschlossen, die der zweiten Kammer keine Hoffnung auf eine Veränderung des Ministeriums ließ; dagegen wurden die heimkehrenden Mitglieder der Opposition von ihren Committenten und vom Volke mit Festlichkeiten und man- nichfachen Zeichen der Anerkennung empfangen. Vgl. Sachs, „Geschichte der Markgraf- schaftB."(5Bde.,Karlsr. 1764—78), A. Schreiber,„Badische Geschichte" (Karlsr.1817), Wiler, „Die Ergebnisse deS badischen Landtags von 1831" (Freib. 1832) und die amtlich herausgegebenen Verhandlungen beider Kammern. Baden, auch Baden-Baden genannt, Stadt im GroßherzogthumcBaden an der Aar, in einem reizenden Thale am Fuße des Schwarzwaldes, zwei Stunden vom Rhein und drei Stunden von Nastadt, war seiner Heilquellen wegen schon den Römern bekannt, welche es zu Ehren des Kaisers Aurelius Alexander Severus ^urslia a^ueusis nannten und Bäder anlegtcn, von denen Ort und Land nachher den Namen erhielten. Es war früher gegen 600 Jahre lang Residenz der Markgrafen von Baden und zählt gegenwärtig 4600 E. Das Schloß enthält eine Menge unterirdischer Gewölbe, die, der Sage nach, der Fehm zum Sitze gedient haben und wahrscheinlich ein Werk der Römer sind. Die AntiquitLtenhalle ()1useum palaeoteciillicum) vereinigt die um B. gefundenen räm. Denkmäler. Die Collegiat- oder Pfarrkirche enthält die Grabstätten der Markgrafen von Baden seit 1431. Die Bäder kamen vorzüglich seit dem 16. Jahrh. von neuem in Aufnahme und wurden 1804 man- nichfach verschönert. Das jetzige Conversationshaus war ehedem ein Jesuitcnkloster. Überhaupt hat B. 26 Mineralquellen. Äie Hauptquelle, Ursprung genannt, deren Tein- Baden bei Wien Baden (Familie) 72 t xeratur von 43°—54° N. steigt, liefert in 24 Stunden 7,345440 Kubikzoll Wasser. Der Fels, aus welchem sie hervorbricht, ist noch zum Theil aus der Römer Zeit mit carrarischem Marmor bekleidet- Auch bei dem vormaligen Armenbade finden sich mehre Überreste röm. Bader. Zu den bekanntesten Quellen gehören außerdem die Judenquelle, die Höllenquelle, die Quelle zum Ungemach, ferner die Klosterquelle, der Brühlbrunnen, die zwei Muhrquellen, die Quelle zum Kühlen Brunnen und die vier Quellen derBätlü. Das Wasser enthält außer dem kohlensauren Gase salzsaures Natron, salzsaure Kalk- und Talkerde, schwefelsanre Kalkerde und kohlensaurcs Eisen; es wird besonders gegen Stockungen im Pfortadersystem und Menstruationsstörungen als Bad, Douche, Einspritzung und Getränk, aber auch gegen chronische Hautkrankheiten und Lähmungen, besonders in Form der Schlammbäder angewendet. In der neuesten Zeit ist B. wegen seiner Spielbanken berüchtigt. Vgl. Schreiber, „Baden-Baden, die Stadt, ihre Heilquellen und Umgebung" (Stuttg. 1840) und Heyfclder, „Die Heilquellen des Großherzogthums Baden, des Elsaß und des Wasgau" (Stuttg. 1841). In der Nähe befindet sich die eisenhaltige Mineralquelle zu Li ch tent hal, deren sich die Curgäste von B. oft mit Nutzen als Nachcur bedienen. Baden-, auch Baden bei Wien genannt, Stadt in Niederöstreich, liegt etwa zwei Meilen in südlicher Richtung von Wien entfernt, in einer reizenden Gegend, am Fuße eines Weingebirgcs, dessen Gewächs mit zu den besten östr. Weinen gehört, und hat 5000 E. Sie ist jetzt Sommcrresidenz mehrcr Erzherzoge von Ostreich und ihre vorzüglichsten Gebäude sind das Redoutengebäude, die Häuser der Erzherzoge und das Casino. Neben dem Park beim Thercsicnbade mit seinen schönen Baumgängen ist der Kalkfelsen, aus welchem die wohl- thätige Quelle hervorsprudelt. Ihr Wasser gehört zu denerdigsalinischen warmen Schwefelwassern und kommt in seiner Wirkung dem von Aachen ziemlich nahe, nur daß es weniger erhitzend und reizend ist. Die heißesten Quellen sind der Ursprung, das Frauen- und das Josephsbad. Man badet gemeinschaftlich, und jedes der Bäder faßt 40—150 Personen; doch kann man zu bestimmten Stunden auch allein baden. Die Höhle beim Ursprung ist dadurch merkwürdig, daß auf ihrem Fußboden sich eine salzige Masse absetzt, welche alsBadener Salz bekannt ist. Ein herrlicher Spaziergang ist das Helenenthal, das, je weiter man es verfolgt, desto romantischer und wilder wird. In der Nähe ist das Schloß Weilburg, welches dem Erzherzoge Karl gehört, und in dem Helcnenthale sind die alten Ritterburgen Rauhenstein, Rauhcncgg und Scharfencck. Vgl. Rollet, „B. in Ostreich" (Wien 1838). Baden in der Schweiz, im Cankon Aargau, an der Limmat, mit 1800 E-, in einer sehr angenehmen Gegend, wurde von den Römern, die die dasigcn Heilquellen kannten, angelegt. Sie bauten an der Stelle, wo jetzt die Stadt steht, eine Feste, csstsllmn Uiermarum genannt. Noch jetzt findet man in und umB. röm. Inschriften, Bildsäulen, Münzen, Haus- geräthe und andere Alterthümer. In B. wurden bis 1712 die eidgenössischen Tagsatzungen gehalten, die der Stadt manchen Vortheil brachten. Unter den öffentlichen Gebäuden sind zu erwähnen die katholische Kirche und das Nathhaus, aufwelchemam7.Sept. 1714 Eugen von Savoyen als Bevollmächtigter des Kaisers und desRcichs den badener Frieden mit Frankreich Unterzeichnete. Die Stadt hat die Gerichtsbarkeit über die Bäder, die tief unten am Ufer der Limmat liegen und täglich über 3 Mill. Pf. Wasser liefern, welches, obschon es kein Schwcfelwafferstoffgas enthält, doch den Schwcselwassern zuzuzählen ist, nur daß es sich mehr den salinischen Quellen anschließt. Seine Hauptwirkung zeigt es gegen skrofulöse und herpetische Dyskrasie. Eine breite, mit einer Reihe von Kirchen, Kapellen und Wohnhäusern besetzte Straße führt zu den Quellen. Neben zwei öffentlichen gibt es 142 Privatbäder. Das wärmste oder das Veronabad von 37° R. ist ein öffentliches und faßt 8V—100 Menschen. Die Figur auf einer Säule im Veronabade soll die Isis sein, von welcher man glaubt, daß sie zu B. einen Tempel gehabt habe. Vgl. Heß, „Badcnfahrt" (Zür. 1818) und Löwig, „Die Mineralquellen von B. im Canton Aargau" (Zür. 1837). Baden, eine dänische Familie, aus welcher mehre Glieder als Schriftsteller und Gelehrte sich bekannt gemacht haben. — Jakob B., gcb. 1735 zu Wordingborg, gest. zu Kopenhagen 1804, der sich namentlich als Kritiker, Grammatiker und Philolog große Verdienste erworben hat, studirte zu Kopenhagen, dann seit 1750 zu Göttingen und Leip- Conv.-Lex. Neunte Ausl. l. ^0 722 Badeschwamm zig und hielt, nach seiiar Rückkehr ins Vaterland 1760, zuerst kurze Zeit Vorlestmgen in Kopenhagen. Nachher ward er Rector am Pädagogium zu Altona, 1766 an der Gelchrtenschule zu Helsingör und 177» Professor der Eloquenz und der lat. Sprache zu Kopenhagen. Er gründete das sogenannte „Kritiske Journal" (1768 — 79), das durch eine ungewöhnliche Schärfe und Tüchtigkeit der Urtheile ausgezeichnet, zur Bildung des Geschmacks sehrviel beitrug. So war er auch der Erste, der über dänische Sprache Vorlesungen hielt, und seine Grammatik derselben galt lange für ein Musterbuch. Bahnbrechend war ferner sein lat.-däu. und dän.-lat. Wörterbuch; auch besorgte er Schulausgaben von Hora;, Virgil, Phädrus, denen sich mehre Übersetzungen anschlossen, unter welchen die des Horaz zugleich einen nach Handschriften verbesserten Text enthält. Was er als Latinist leistete, zeigen seine „Opnsoulit" (1793). Das von ihm herausgegebene „Universitätsjournal" (17S3 — 1801 ) enthält werthvolle Beiträge zur Geschichte der Verwaltung der Universität zu Kopen- Hagen. — Sein ältester Sohn, Gustav Ludwig B., geb. 1764, hat sich als Geschichtsforscher und Rechtsgelehrter einen Namen erworben; mehre seiner historischen Monographien, z. B. über Handel und Gewerbe im Norden, über die Geschichte der dän.-norweg. Gesctzkunde, vom Erbadel im Norden, bieten einen ziemlich reichen Stoffdar. Als Geschichtschreiberhingegen geht ihm in dem Grade alle Objectivität ab, daß er Zeiten, Personen und Zustände nach dem allerbcschränktesten Maßstabe beurtheiit und sie nie aus ihnen selbst heraus aufzufassen strebt; hierzu kommt noch ein gänzlicher Mangel an historischer Diction. An allen diesen Gebrechen leidet namentlich sein neuestes und umfangreichstes Werk „Danmarks Riges Historie" (5Bde., Kopenh. 1829—32). — Der Bruder des Letzter», Torke l B., alsgeschmackvoller Archäolog ausgezeichnet, geb. 1765, brachte nach vollendeten Universitätsstudien mehre Jahre aus Reisenin Deutschland und Italien zu. Er ward 1794 Professor der Beredlsam- keit und Philosophie zu Kiel und 1804 Secretair an der Kunstakademie zu Kopenhagen, welches Amt er 1823 abgab. Seine Schriften über die alte Kunst: „De arte sc juclicio L7. ktuiostrati in «loscribsnetis imagsinibuz" (1792); „Om Solens Billede paa en antik Marmortavle" (1794); „Om Tilhyllens-Maleriet" (1797); „Kort Begreb afdet gräske Maleries Historie" (l 825), brachten ihn in Verbindung mit den geachtetstcn Archäologen und Kunstfreunden des Auslandes. Als eine Frucht davon ist zu betrachten die von ihm veranstaltete Sammlung der „Briefe über die Kunst von und an C. L. von Hagedorn" (Lpz. 1797). In seinem Streite mit Finn Magnusen über die Brauchbarkeit der nordischen Mythologie für die schönen Künste (1820) hatte er gewiß insofern Recht, diese in Abrede zu stellen, als gerade die nordische Mythologie eine Idealität entwickelt hat, die am wenigsten der bildnerischen Auffassung zusagt, und da selbst die größten Gestalten derselben, wie Balder, ebendeshalb mehr dramatisch als plastisch sich vollenden, während er wol auf der andern Seite diese cigenthümliche Herrlichkeit der nordischen Sagendichtung aus einem mis- verstandcnen klassischen Interesse herabzusetzen bemüht war. Seine Ausgabe der Tragödien Scneca's(2 Bde., Lpz. 1821) ist das Werk einer tüchtigen philologischen Bildung und viel- jähriger kritischer Collation. Badeschwamm oder der Waschschwamm entsteht durch Bereitung gewisser, im Meere fast ausschließlich vorkommcnder Körper, welche die hinsichtlich ihrer naturhistorischen Stellung sehr problematische, zahlreiche Gruppe der Schwämme (Spongien) bilden. Die Schwämme, wie sie im Handel und in Sammlungen Vorkommen, sind eigentlich nur Skelette, welche aus sehr feinen, hornigen und elastischen Fasern zusammengewebt, überaus poröserscheinen, in den meisten Arten aber noch feine und nadelförmige Körper enthalten, die aus Kiesel- oder Kalkcrde bestehen, in jeder Art eine cigenthümliche und sich gleichblcibende Bildung zeigen und bei mäßiger Vergrößerung sichtbar werden. Im frischen Zustande sind diese überaus mannichfach gestalteten Körper mit einem sehr vergänglichen, schleimigen Überzüge versehen, der den eigentlich lebenden, mit einem sehr geringen Grade von Beweglichkeit versehenen, wahrscheinlich thierischen Theil darstellt. Neuere Forscher wollen einigemal unter ungewöhnlich günstigen Umständen auf dieser Rinde kleine Po lypen (s. d.) bemerkt haben; bestätigt sich das Vorhandensein der Letzter», sowürde dienahc Verwandtschaft der Schwämme und K or allen (>. d.) erwiesen sein. Alle Schwämme sind festgcwachsen an andere Körper; ihre Lebensäußerungen sind sehr gering und dunkel und beschränken sich aufdie Hcrvorbringung Badia y Leblich 723 kleiner Strömungen im umgebenden Wasser, welches durch die kleinern Poren aufgesaugt, durch die größer» im fortdauernden Strome ausgestoßen wird und bei seinem Durchgänge aufgelöste organische Stoffe zur Nahrung zurückläßt. Hervorgebracht wird diese Strömung durch neuerdings entdeckte, aber nur bei starker Vergrößerung sichtbare feine Wimpern (Cilien), welche in anhaltend drehender Bewegung sind und die einzigen bis jetzt entdeckten Organe ausmachen. Ungeachtet der angestrengtesten Untersuchungen, welche in den letzten Jahren von Milne Edwards, Dujardin, zumal aber von Grant, Johnson und Fielding an lebenden Individuen angcstellt wurden, ist die Frage, ob Schwämme dem Thier- oder Pflanzenreich zuzuzählen, noch nicht entschieden, denn beide Ansichten finden gleich tüchtige Vertheidiger. Der gemeine oder derBadeschwamm, auch der levantische Schwamm genannt, der in den griech. Meeren, insbesondere umRhodus, durch Taucher gesammelt wird, ist der Gegenstand eines regelmäßigen und sehr bedeutenden Betriebs und kömmt zu uns fast nur über Triest. Den Alten war er bereits wohlbekannt. Im Handel unterscheidet man mehre Sorten je nach der Bereitung, Weichheit, Porosität u. s. w. Die feinsten und theuersten kommen von den Antillen. Der bedeutende Antheil von Jod, welchen sie enthalten, hat eine Zeit lang verursacht, daß man sie gegen Skrofeln, Kropf u. s. w. anwendete. In den Meeren der heißern Zonen sind sie sehr artenreich, selten in der Nordsee; der Ostsee fehlen sie ganz. In unfern Teichen kömmt ein schwammähnliches Gebilde vor, welches jedenfalls dem Pflanzenreich zuzuzählen ist. Badtll y Leblich (Domingo), bekannter unter dem Namen Ali Bei el Abbassl, einer der unternehmendsten Reisenden der neuesten Zeit, war zu Barcelona am I. Apr. 176'' geboren. Früher als Administrator bei der Tabackregie zu Cordova angestellt, gab er >797 diese Anstellung auf, um nach Madrid zu gehen und der Regierung den Plan zu einer mer- cantilisch-politischcn und wissenschaftlichen Bereisung Afrikas vorzulegen. Die arab. Sprache erlernte er bei dem berühmten Naturforscher und Professor der arab. Sprache zu Madrid, Christobal de Nojas Elemente, den er dergestalt für seinen Reiseplan zu begeistern wußte, daß sich derselbe entschloß, ihn zu begleiten, nachdem die Regierung die nöthige Unterstützung bewilligt hatte. Am 12. Mai 1802 verließen sie Madrid und begaben sich vorerst nach Paris und London, um den erfoderlichen wissenschaftlichen Apparat anzuschaffen. Um im Oriente als Moslims auftreten zu können, beschlossen sie sich der Beschneidung zu unterwerfen; B. hatte den Muth, diese Operation an sich selbst vorzunehmen; aber die Lebensgefahr, in die er dadurch gcrieth, schreckte seinen Gefährten davon ab, dieser blieb daher in Cadiz zurück, wohin sie sich ein- geschifft hatten, um von da nach Afrika überzusetzen. B. langte am 29. Juni 1893 in Afrikaan; er nannte sich Ali Bei, gab sich für einen Sohn Osman Bei's und einen Abkömmling aus dem Khalifen-Geschlechte der Abbassiden aus, und wußte sich ball^durch den Luxus, mit dem er sich umgab, und seine astronomischen Kenntnisse solches Ansehen zu verschaffen, daß sein Ruf bis zu Mulei Suleiman, dem Kaiser von Fez undMarokko, drang, der sich zu Tanger befand und ihn einlud, ihm nach seinen Residenzen zu folgen. B. besuchte nun nicht nur Fez, Mekines, Marokko und Mogador, sondern durchzog auch zweimal die Wüste Augat. Nachdem er zwei Jahre namentlich das marokkanische Kaiserreich durchforscht und sich eine so genaue Kennt- niß der oriental. Sitten und Sprachen erworben hatte, daß die Moslims an der Echtheit seiner Angaben nicht mehr zweifelten, trat er im Oct. 1895 die Pilgerfahrt nach Mekka an. Eine damals in Algier ausgebrochene Revolution verhinderte ihn indeß, sich zu Lande nach der Levante zu begeben. Am 26. Jan. 1896 langte er in Alexandria an, wurde dann in Kairo, wo er den Ramadan mitscicrte, von Mchcmcd Ali sehr gut ausgenommen, und begab sich von hier nach Mekka, wo er mit einer großen Karavane am 23. Jan. 1897 seinen Einzug hielt. Er war der erste Christ, der seit der Stiftung des Islam diese heiligen Örter besuchte; ihm wurde die hohe Ehre zu Theil, da man ihn für einen Nachkömmling des Propheten hielt, mit dem Sultan Schcrif Ghalcb dasJnnerc der Kaaba zu waschen und zu durchräuchern. Als er jedoch trotz des ausdrücklichen Verbots Saaud's, des Sultans der Wehhabitcn, nach Medina sich begebeu wollte, wurde er zu Dschide'i'deh gefangen genommen. Nach wiedercrlangter Freiheit ging er wieder nach Kairo, und dann durch die Wüste über Gaza nach Jerusalem. Auch hier war er der erste Christ, dcrin das Innere der Moschee cindrang. Nachdem er alle übrigen den Christen und den Moslims heiligen Örter Palästinas und Sy- 724 Baer riens besucht hatte, »ahm er überDimasthk, Haleb und durch ganz Klcinastcn seinen Rückweg nach Europa, von welchen Gegenden, sowie überhauptvonallcn, die ec besuchte, er genaue Beschreibungen und Karten mitbrachte. So traf er am 2l. Oct. 1807 zu Konstantinopel ein, wo es ihm abermals unter den Christen zuerst gelang, in das Innere der Moschee Cjab eingelassen zu werden. Da er jedoch von einem treulosen Diener dem Divan als verkappter Christ angczcigt und von einem Freunde, dem damaligen Kaimakam, vor der Gefährlichkeit eines langem Aufenthalts gewarnt wurde, so verließ er eilig Konstantinopel und begab sich über Wien nach München, wo er sein orientalisches Costum ablegte. Auf dem Heimweg ins Vaterland erhielt er in Bayonne, wo er sich am 9. Mai 1808 dem Könige Karl IV. verstellte, von diesem selbst die Weisung, von nun an seine Dienste dem Kaiser Napoleon und dessen Familie zu weihen; der Kaiser nahm B. sehr wohlwollend auf und ertheilte ihm später den Befehl, dem Könige Joseph nach Madrid zu folgen. Obgleich er schon 1804 von dem Fricdcnsfürstcn zum Brigadier in der Armee und von Karl IV. zum Intendanten ernannt worden war, ließ ihn die Centcaljunta von Aranjuez doch längere Zeit ohne Anstellung, wodurch er sich vieler Noth ausgeseht sah. Nachher ward er Intendant von Scgovia, darauf Präfect von Cordova und zuletzt von Valencia. Bei der Restauration mußte er als Afrancesado nach Frankreich auswandern, wo er nun die „Vorige.? . Aug. diese zwar unwlrth- lichen Gestade, wo man aber gegen alle Erwartung 90 Arten phanerogamischer Pflanzen gesammelt hatte. Ein Versuch, Kola in Lappland zu erreichen, mußte wegen heftiger Stürme aufgegebcn werden, die jedoch die Schiffe so rasch forttrieben, daß sie bereits am l>. Sept. wieder vor Archangel Anker warfen. Die Ausbeute dieser Expedition, bereits der elften der auf öffentliche Kosten dorthin gesendeten, ist verhältnißmäßig sehr bedeutend gewesen, allein bis jetzt noch nicht vollständig beschrieben. Sie läßt die Fauna und Flora von Novaja-Semlj« in bessern« Lichte erscheinen als man erwarten möchte, wenn man der Kälte des Klima gedenkt, und bietet ein werthvolles Material für fernere Untersuchungen. Das physische Gemälde der besuchten Küsten, die geographische Verbreitung der Thiere und Pflanzen auf , Novaja-Semlja und die Geschichte des Erlebten hat B-, der am 21. Oct. in Petersburg wieder eintraf, in Vorträgen mitgctheilt, die theils in den ,Memnires eie I'scackemie eie 8t.- kötersboni'A", theils in den „ Ulilletins scieiitiligeies ele l'acaelemis " (1837) abgedruckt sind. Im I. 1812 bereitete sich B. zu einer andern Expedition nach dem Norden vor, die, wie es schien, in einem großartigen Maßstabe ausgerüstet werden sollte. Baert (Jean), dem die franz. Seemacht unter Ludwig XIV. zum guten Theil die Achtung verdankte, die sie bei andern Nationen genoß, war 1651 zu Dünkirchen, nach Andern zu Corban in dem berncr Oberamte Münster geboren und der Sohn eines Fischers. Durch seine Kühnheit schwang er sich unter Ludwig XIV. zum Befehlshaber eines Geschwaders empor. Als der König in Versailles ihn anredete: „Jean Bart, ich habe Euch zum Befehlshaber eines Geschwaders ernannt", antwortete er in seiner geraden Weise: „Sire, daran haben Sie wohlgcthan"; die Hofleute lachten über diese naive Antwort, Ludwig aber sagte zu ihnen: „So antwortet ein Mann, der seinen Werth fühlt." Von 1689 an nahmund vernichtete er eine Menge Holland, und brit. Schiffe. Er landete in Newcastle, schlug mit drei Kriegsschiffen 1692 eine holl. Flotte, die mit Getreide beladen, aus dem Baltischen Meere kam, und nahm 16 Kauffahrteischiffe. Während der Blockade Dünkirchens gelang cs ihm, trotz der Wachsamkeit der Engländer, mehrmals Schiffe mit Getreide einlaufen zu lassen und so die Stadt vor Hungersnoth zu bewahren. Der Friede zu Nyswijk setzte den Thaten des tapfer» Seehelden ein Ziel. Er brachte die letzten Jahre seines Lebens in Dünkirchen zu und stacb daselbst 1702. Engländer, Holländer und Spanier nannten ihn gewöhnlich den franz. Teufel. Bäffchen oder Überschlägelchen. Als gegen das Ende des 17. Jahrh. die Perücken Mode wurden, verschnitt man die bis dahin als Theil der Männertracht überhaupt üblichen Überschlagkragen von hinten nach vorn zu, sodaß sie im Nacken schmal über den Rockkragen schlugen, vorn aber lang blieben. Später, als man die unter dem Oberrocke, bei der Geistlichkeit unter dem Chorrocke befindliche Kleidung nicht mehr oben am Halse geschlossen trug, wurde der ganze Hintere Theil des Halskragens in Wegfall gebracht, seine vorder» Klappenden zusammengenäht und mit einer schmalen Binde um den Hals befestigt. Seit der Mitte des 18. Jahrh. haben die Überschläge ungefähr die jetzige Form, nur daß sie etwas länger und breiter waren; sie werden von den Geistlichen blos bei Amtsverrichtungen, nicht wie früher auch im Privatleben getragen. In der evangelischen Kirche sind sie weiß, in , der katholischen schwarz mit weißen Rändern. ' Baffinsbai, der größte und nördlichste Meerbusen Nordamerikas, zwischen 65 '—78° nördl. B., ist eigentlich ein Meer, das vom brit. Steuermann Bassin, der 1612 seine erste Fahrt nach Westgrönland machte, wahrscheinlich auf seiner Reise von 1622—23 zuerst befahren und nach ihm benannt wurde, aber schon 1562 von Bears entdeckt worden war. Durch die Bafßns- und Davisstraße zwischen dem Cap-Chidley an der Küste von Labrador und Cap-Farewell an der Küste von Westgrönland strömt das Wasser der Baffinsbai in das Atlantische Meer. Durch ein« Inselgruppe an der südwestlichen Seite der Davis- straße steht sie in Verbindung mit der Hudsonsbai. (S. Polarländer.) Bagage wird das Gepäck einer Armee oder Truppenabtheilung genannt, welches entweder auf Wagen, Packpferden oder Maulthieren fortgeschafft wird. Ehemals wurde die Bagage in große und kleine gctheilt; zu der großen gehörten die Zelte, zu der kleinen blos die dringendnothtpendigsten Bedürfnisse. Noch im franz. Revolutisnskriege wurde die Bagatellsachen Bagdad 727 Bagage bei den deutschen Armeen sehr beträchtlich, da jeder Offizier ein Zelt und Federbett mit ins Feld führte und selbst bei der Infanterie beritten war. Gegenwärtig beschränkt sich die Bagage auf die unentbehrlichsten Bedürfnisse der Bequemlichkeit, sodaß z. B. für alle Offiziere eines Bataillons ein einziger vierspänniger Wagen zur Fortschaffung ihrer in Mantelsäcke verpackten Bagage etatsmäßig gutgethan wird und kein Subalternofsizier bei der Infanterie beritten ist, wodurch der lästige Troß bei den neuern Heeren sich sehr ver- mindert hat. WaS an Bagage mit ins Feld genommen werden darf, darüber bestehen Tarife, welche mit unerbittlicher Strenge aufrecht erhalten werden. Ehemals war jedem Regimentskommandeur eine in Federn hängende Chaise zugcstanden, angeblich zur Fortschaffung schwer verwundeter Offiziere; allein auch diese Chaisen sind abgeschafft. Auf dem Marsch muß die Bagage stets zusammen bleiben, und erhält eigene Wege und Aufbruchzeiten angewiesen, damit sie den Marsch der Armee in keiner Art hindern kann. Sie wird unter die Aufsicht eines Offiziers gestellt, und da, wo sie in Gefahr kommt, vom Feinde genommen zu werden, wird ihr eine angemessene Bedeckung Infanterie mitgegeben. Bagatellsachen oder g e r i n g f ü g l g e R e ch t s sa ch e n. Es liegt in der Natur der Sache, daß wemger bedeutende, einen Gegenstand von geringem Werthe betreffende Rechtshändel eine kürzere, an weniger Formalitäten gebundene Behandlung beim gerichtlichen Verfahren wünschenswerth erscheinen lassen; denn nicht nur würden die Proceßkosten in der Regel zu dem Object in keinem angemessenen Verhältnisse stehen, sondern cs würde auch die Rechtspflegeselbst eine ungemessene Ausdehnung erhalten. DiesemBedürfnisse ist in neuererZcit in den meisten deutschen Particulargesetzgebungen entsprochen worden, während das röm. Recht nur wenige, jetzt ganz unpraktische, das kanonische Recht einige das summarische Recht im Allgemeinen berührende, die Reichsgesetze endlich gar keine Vorschriften darüberenthielten. Nächst einer anhalt-zerbster Verordnung vom I. 1751 ist das königliche sächs. Mandat vom 28. Nov. 1753 eine der frühesten Erscheinungen der Particulargesetz- gebung in dieser Richtung; später folgten 1787 Schwarzburg-Sondershausen, 1817 Sachsen-Weimar und 1827 Sachsen-Altenburg mit besondcrn Gesetzen und andere deutsche Staaten durch einschlagende Bestimmungen in größer» Gesetzen. Das neueste Gesetz ist die preuß. Verordnung vom 1. Jan. 1833. In Sachsen unterscheidet man noch von den geringfügigen Rechtssachen (causae minutae) die ganz geringfügigen Rechtssachen (csusae minimae), bei welchen ein noch kürzeres proceffualisches Verfahren durch das Gesetz vom 16. Mai 1839 eingeführt ist. Das Quantum, wornach die Geringfügigkeit zu beur- theilen ist, ist in Preußen und Sachsen auf 50 Thlr. festgesetzt, in einigen andern Ländern, namentlich wo man nach Gulden rechnet, beträgt es weniger; in Frankreich ist es durch den Lo«le rle proceäure auf 1000 Francs festgesetzt. Bagdad, die Hauptstadt des türk.Paschaliks gleiches Namens, im südlichen Theile der Provinz Jrak-Arabi, liegt größtentheils an der Ostseite des Tigris, überden eine 620 F. lange Schiffbrücke geht, während das alte B., die Residenz der Khalifen und einst die größte Stadt der Mohammedaner, an der Westseite des Flusses lag. Es ist mit einer Mauer von Ziegelsteinen, ungefähr eine deutsche Meile im Umfange, und mit einem sehr tiefen Graben umgeben, in den der Tigris geleitet werden kann. Die Häuser, meist aus Ziegelsteinen gebaut, sind mitwenigen Ausnahmen nur ein Stockwerk hoch, die Straßen unreinlich, ungepflastert und sehr eng. Das ausgezeichnetste Gebäude ist der Palast des Statthalters. Die öffentlichen Bäder und Kaffeehäuser, welche viel besucht werden, sind in schlechtem Zustande. Im Sommer istdieHiße so bedeutend, daß die Bewohner in unterirdischen Gemächern Kühlung suchen müssen; dagegen wird es im Winter so kalt, daß man der Heizung bedarf. Die Zahl der Bewohner, mit Einschluß von 20000 Arabern, Hindostanern, Afghanen und Ägypter», die sich hier des Handels wegen aufzuhalten pflegen, mag sich,jetzt auf 80000 belaufen; bis zum I. 1831, wo die Pest im Vereine mit verheerenden Überschwemmungen fürchterlick wüthete, war sie über 100000 angestiegen. Außerdem halten sich hier auf Perser, Juden und in geringer Zahl armenische Christen. .Die Perser treiben unter dem Schuhe der Negierung einen ausgebreiteten Handel und stehen ihrer Aufrichtigkeit und Rechtlichkeit wegen in gutem Rufe Die Juden sind auf einen abgesonderten Stadtbezirk beschränkt und leben in äußerst gedrückten Verhältnissen. Die höhcrn Volksclaffen sind in D. gegen Fremde höflicher 728 Bagger Vaggesen und freundlicher, als dies in andern mohammedanischen Städten der Fall zu sein pflegt; die , niedcrn Classen dagegen von allen vorherrschenden Lastern des Orients angestcckt. Nächst den Handeltreibenden strömen auch viele Fremde in B. zusammen, um die Gräber der Heiligen, darunter das des Phrophcten Ezechiel, zu besuchen. B. ist eine Hauptniederlage für arab., indische und pers. Erzeugnisse, sowie für europ. Manufacturwaaren, und versieht Kleinasien, Syrien und einen Theil Europas mit indischen Maaren, die zu Bassora eingeführt, den > Tigris in Booten stromaufwärts geführt und durchKaravanen nach Tokat, Konstantinopel, Aleppo, Damaskus und in die westlichen TheilePcrsicnsgebrachtwerden. AuchmitJuwelen wird einiger Handel getrieben. Einen glänzenden Anblick gewähren die Bazars mit ihren 1200 Läden, gefüllt mit allen Gattungen orientalischer Maaren. Die Hauptfabrikate bestehen in rothem und gelbem Leder, das in großem Rufe steht, auch in seidenen, baumwollenen und ' wollenen Zeugen. Ein engl. Postschiff geht zwischen B. und Bassora. Die Stadt ward 766 vom Khalifen Almanzur gegründet und in vier Jahren vollendet, im 9. Jahrh. von Harun al Raschid zu hohem Glanze erhoben, hundert Jahre später aber von den Türken zerstört. Im 13. Jahrh. eroberte sie Dschingis-Khan's Enkel, Holaku, der den regierenden Khalifen ums Leben bringen ließ und das Khalifat vernichtete. Die Nachkommen des Eroberers vertrieb Tamerlan aus dem Besitze der Stadt, berste 1393 eroberte. Zu Anfänge des 16 -Jahrh. bemeisterte sich ihrer Schah Jsmael, der erste Regent Persiens aus dem Hause Sofi, und fortan blieb sie ein Zankapfel zwischen den Türken und Persern. Nach einer denkwürdigen Belagerung ward sie 1638 vom Sultan Murad IV. erobert, und vergebens versuchte im 18. Jahrh. Schah Nadir sie den Türken zu entreißen. Als der Schauplatz eines großen Theils der Märchen in „Tausend und eine Nacht" erlangte es vorzüglich romantische Berühmtheit. Bagger oder Baggert ist eine Maschine zum Reinigen oder Baggern der Häfen, Kanäle und Flüsse von Schlamm, Sand und Steinen. Die von Belidor construirten Bagger wurden neuerdings durch die von Cochaux erfundenen Dampsbagger verdrängt. Baggösen (Jens), ein dän. Dichter, der zugleich der deutschen Literatur angehört, geb. am 15. Febr. 1764 zu Korsör auf Seeland, gest. zu Hamburg am 3. Oct. 1826, machte sich zuerst einen Namen durch die „Comiske Fortällinger" (1785, deutsch 1792), die Oper „Holger Danske" (1790), sowie durch mehre Oden und Lieder. Mit Unterstützung des Prinzen von Augustenburg machteer 1789 eine Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Seit der Zeit betrachtete und liebte er die deutsche Sprache als seine zweite Muttersprache und sang in ihr, was ihm das Liebste war. Der Aufenthalt zu Paris in den ersten Zeiten der Revolution gab seinem stürmischen Freiheitssinne vielfache Nahrung. In Bern vermählte er sich dann mit einer Enkelin des großen Haller. Schon 1793 machte er wieder mit öffentlicher Unterstützung eine Reise nach der Schweiz und hierauf über Wien nach Italien. Nach seiner Rückkehr erhielt er 1796 eine Anstellung in Kopenhagen, verzichtete-aber sehr bald auf dieselbe, um 1797 eine neue Reise ins Ausland zu unternehmen, auf der er seine Gattin durch den Tod verlor, worauf er sich in Paris mit einer Genferin verheirathete, mit der er 1798 nach Kopenhagen zurückkehrte. In der Absicht, sich mit seiner Familie für immer in Frankreich niederzulassen, ging er schon im 1 . 1800 wieder nach Paris, wo ihm 1803 von Dänemark eine Pension zu Theil wurde. Im I. 1811 mit dem Titel H eines Justizraths zum Professor der dän. Sprache und Literatur zu Kiel ernannt, nahm er auch hier, ohne die Stelle angetreten zu haben, 1814 seine Entlassung und ging nach Kopenhagen, wo er eine jährliche Pension von 1500 Nthlrn. bezog. Hier begann er den mehre Jahre fortgesetzten sehr unwürdigen Streit mit Ohlenschläger und dessen Partei, den Letzterer, nachdem er lange nichts erwidert hatte, dadurch beseitigte, daß, er eine Erklärung an das Publicum über seine frühem persönlichen Verhältnisse zu B. ausgehm ließ. Im I. 1820 wendete sich B. ganz aus dem Vaterlande; doch ergriff ihn zuletzt wieder die Sehnsucht nach der Heimat, das er aber nicht mehr erreichte, indem er auf der Reise dahin starb. Wie in B.'s ganzem Wesen Stolz und Demuth, Empfindung und Reflexion, Liebe und Haß, Freidenkerei und Glaube in stetem Kampfe lagen, zeigt sich auch in seinen ^ Gedichten, die oft ein großes Talent, ein inniges Gefühl und eine rege, nicht selten bis ins Riesenhafte bildende Phantasie, nie aber etwas durchaus Ganzes und Vollendetes erblicken Bagnacavallo Bagneres de Bigsrre 729 lasse». Klopstock, Wieland und Voß waren die Meister, nach denen er sich bildete. Ihr Einfluß zeigte sich schon in der ersten Sammlung seiner deutschen „Gedichte" (2 Bde., Hamb. 1803) und in den „Haidcblumen" (Amst. 1808). Sein idyllisches Epos „Parthenais oder die Alpenreise" zeichnet sich, besonders in der letzten Umarbeitung (1812; neue Aufl., 2 Bde., Lpz. 1810), durch den wohlgefügten Bau der Hexameter wie durch einzelne Schönheiten aus, während das veraltete epische Maschinenwerk keinen erfreulichen Eindruck macht. Seine Oper „Die Zaubcrharfc" zog ihm die Anklage eines Plagiats zu. Das Lyrische gelang B. nicht, und nur wenige unter seinen Liedern zeichnen sich durch Einfachheit und Zartheit, sehr wenige durch Originalität aus; seine Oden sind durchweg nach Klopstock's Mustern gearbeitet, ohne an Kraft des Ausdrucks und Fülle der Gedanken das große Vorbild irgend zu erreichen. Dagegen steht er in seinen eigentlich humoristischenProductionen, wenn schon ihr Werth ungleich ist und mancher triviale Spaß störend wirkt, auf einer sehr hohen Stufe, namentlich in seinem humoristischen Drama „Der vollendete Faust", worin er mit der ergötzlichsten Satire, mit dem treffendsten Witze und einer oft ausgelassenen Laune literarische, wissenschaftliche und politische Lächerlichkeiten und Schwächen der Zeit verspottet und parodirt. Auch seine kleinen Epigramme, Scherz- und Stichgcdichte zeichnen sich durch schlagenden Witz aus. In seinem „Klingklingelalmanach" (Tüb. 1820) suchte er die um jene Zeit vielfach gemis- brauchten südlichen Dichtformen lächerlich zu machen.' Überhaupt kämpfte er mit Entschiedenheit, Muth und Gesinnung, aber auch mit großer Einseitigkeit fortdauernd gegen Alles, waS seinen Ansichten über Kunst und Philosophie widerstrebte, besonders gegen die von ihm söge- nannte mystisch-romantische Schule, deren innern poetischen Kern er über die oft spielende Form, in welche sie ihre Anschauungen zu kleiden liebte, gänzlich verkannte. Sein letztes und größtes Werk in deutscher Sprache „Adam und Eva oder die Geschichte des Sündenfalls" (Lpz. 1826) nennt er selbst ein humoristisches Epos; es ist aber unmöglich, mit wenigen Worten die wunderbar gemischte, fast verworrene Natur dieses in gereimten, bald kürzer» bald länger» Jamben geschriebenen Gedichts zu bezeichnen. Es ist nicht durchgängig humoristisch; der Dichter wird zuweilen trivial-satirisch, zuweilen aber auch ernsthaft und pathetisch; ermüdend ist die Weitschweifigkeit des Ganzen, und anstößig nicht selten die ftivole, tändelnde Manier. Seine „Poetische Werke in deutscher Sprache" (5 Bde., Lpz. 1836) wurden von seinen Söhnen Karl und August B. mit einer trefflichen und unparteiischen Biographie desselben herausgegeben. B.'s dramatische Gedichte in dän. Sprache sind unbedeutend; allein als Lyriker und komischer Epiker nimmt er i-n der dän. Literatur eine der höchsten Stellen ein. Unter seinen prosaischen Schriften in dän. Sprache ist „Labyrinthen; Digtervan- dünger i Europa u. s. w." (4 Bde.) die bedeutendste. Gesammelt wurden seine dän. Schriften ebenfalls von seinen Söhnen herausgegeben (l I Bde., Kopenh. 1827—31). Vgl. auch „B-'s Briefwechsel mit K. L. Reinhold und F. H. Jacob!" (2 Bde., Lpz. 1831). Bagnacavallo, eigentlich Bartolommeo Ramenghi, geb. zu Bologna um I - 186 , gest, 1512, einer der ausgezeichnetsten Schüler Nafael's, früher Francia's, stammte aus Bagnacavallo, daher er auch seinen Beinamen entlehnte. Er malte mehre Gemälde in den Zimmern des Vatikans; später lebte er zu Bologna, wo seine herrlichen Schöpfungen in der Kirche des heil. Petronius, die Carracci studirte, die Zeit vertilgt hat. Eins seiner vorzüglichsten Gemälde, Maria mit dem Kinde und den Heiligen, findet sich in der Galerie zu Dresden. Ein edler Stil und kraftvolle Farbenmischung zeichneten seine Gemälde aus. Bagneres de Bigorre, einer der berühmtesten Badeorte Frankreichs, im Departement der Hochpyrenäen'am Adour und am Eingänge der beiden romantischen Thälcr von Medouse und Campari, wie am Fuße des Mont-Olivet, mit ungefähr 8000 E., ist schön und zierlich gebaut, besitzt ein College und ein interessantes Pyrenäenmuseum und hat lebhafte Fabrikthätigkeit in Wolle, Leder und Papier. Schon die Römer kannten B. und nannten die Bewohner Viconi uPrenses; die Gothen zerstörten die Stadt mit ihren Badern, jedoch nicht ihren Ruf, der bald wieder sich hob und noch gegenwärtig jährlich eine außerordentliche Menge Fremder herbeizieht. — Bagneres de Luchon, das ^quae con- veiunum der Römer, von denen sich noch zahlreiche Alterthümer finden, gehört ebenfalls zu den besuchtesten Badeorten Frankreichs. Es liegt am Zusammenfluß des Pique und So, 730 Bagno Bahamainseln in einem reizenden Thale des Bezirks Sk.-Gaudeus im Departement der obern Garonn« und zählt gegen 2000 E., die einen ziemlich lebhaften Handel unterhalten. Bagno bedeutet im Italienischen Bad und ist daher der Name mehrcr Badeorte in Italien, die man gewöhnlich durch einen Zusatz unterscheidet. Die wichtigsten Md B.-della- Perla, B.-dclla-Nogna, B.-di-S.-Michele, B.-del-re-Porsenna, B.-di- Aqua, B.-a-Vaccanella und B.-a-Rostone im Manischen Gebiete, B.-a-Nipoli im florentinischen und B.-de-Nosclle im sienesischen Eebiete'des Großherzogthums Tos- cana, B.-di-Salazzi, B.-Giasinelli und B.-di-Stigliano im nordwestlichen Theile des Kirchenstaats. — Bagno heißt ferner ein Aufbewahrungsort der Galeeren- sträflinge, z. B. in Toulon, dann auch der Sklaven und vorzugsweise der Ort bei Galata in der Nähe von Konstantinopcl, wo sich auch eine griech. und zwei röm.-katholische Kirchen für ' die Sklaven befinden. Bagration (Peter, Fürst), einer der ausgezeichnetsten russ. Generale, aus einem georgischen Fürstengeschlecht stammend, geb. um 1762, trat 1783 in russ. Dienste und bildete seine militairischen Talente unter Suwarow. Er war 1788 bei der Bestürmung Ocza- kows, focht 1792 und 179-t als General mit gegen die Polen, 1799 in Italien und in der Schweiz, wo er zweimal gefährlich verwundet wurde. Neue und noch größere Thätigkeit zeigte er im östr.-russ. Kriege von 1805, und namentlich war es der 16. Nov. dieses Jahres, an welchem er sich durch einen heldenmüthigen Kampf einen bleibenden Lorber errang. Der russ. Obergencral Kutusow war am 13. Nov. nach Znaym aufgebrochcn und fürchtete mit Recht, als er den Donauübergang der Franzosen bei Wien erfahren hatte, daß diese Znaym vor ihm erreichen und ihn dann aufreiben würden. In dieser mislichen Lage sendete er 8000 M. seiner besten Truppen .unter B. nach Hollabrunn dem Prinzen Murat entgegen, mit dem Befehl, sich auf das Äußerste zu vertheidigen, bis die Hauptarmee Sprottenthal Pas- firt sei. Am 16. Nov. kam es zwischen Murat mit dem ganzen Lannes'schen Corps und der Neservecavalerie und B.'s kleiner Macht zu einem blutigen Kampfe. Bedeckten auch am - Abend 3000 theils verwundete, theils tobte Russen das Schlachtfeld, so trug doch B. den Ruhm davon, sich sechs Stunden lang gegen den vierfach überlegenen Feind gewehrt und glücklich bewirkt zu haben, daß Kutusow mit der Hauptarmee Znaym unterdcß erreichte. Thätigen Antheil nahm B. gleich darauf auch au der Schlacht bei Austerlitz. Er befehligte hier als Gencrallieutenant die 6000 M. starke Avantgarde bei der fünften Colonne unter dem Fürsten Johann von Liechtenstein, welche den rechten Flügel bildete und sich über Bla- sowitz und Kruh bis über die nach Brünn führende Chaussee ausdehnte. Nicht minder tapfer focht er in den Schlachten beiEylau und Friedland. Als darauf Rußland durch den Beitritt zum Continentalsystem in Krieg mit England und Schweden verwickelt ward, wußte B. den Sieg abermals an seine Fahnen zu fesseln. Während Buxhöwden am 21. Febr. 1808 in Finnland eindrang und diese ganze Provinz nebst Westbothnien eroberte, besetzte B. die Alandsinseln, die Rußland zufolge der Convention zu Olkioski vom 19. Nov. abgetreten erhielt. Im dem russ. Feldzuge gegen die Türken im I. 1809 nahm er Theil an den blutigen Kämpfen bei Silistria, und als hierauf Pascha Pechliwan mit 15000 M. zum Entsatz dieser Festung aus dem Lager von Ädrianopcl abgcsendet ward, ging er demselben entgegen und brachte, nachdem er angeblich des schlechten Wetters und der angeschwollenen Gewässer j halber bei Hirsowa über die Donau zurückgegangen war, diesen Feldzug zu Ende. In dem Kampfe von 1812 befehligte er die zweite Westarmce, hatte dabei zwar das Unglück, daß sein Angriff auf Davoust bei Mohilew mislang, doch aber auch wieder das Glück, daß er sich bei Smoleuök mit der ersten Westarmee vereinigen konnte. In der Schlacht bei Mosaisk wurde er tödtlich verwundet und starb bald darauf am 7. Oct. 1812. Bahamainseln oder Lucayos (vom span. los csyos, d. h. die Kaien), eine auf 150 deutsche Meilen zu beiden Seiten des nördlichen Wendekreises sich erstreckende amerik. Jnselreihe, von den Südostküsten Floridas bis zu den Nordküsten Haitis. Durch die Straße von Florida vom Festlande, durch den alten Bahamakanal von der Insel Cuba getrennt, erhebt sich die ganze Gruppe der B. auf einem großen Korallenriffe (der Bahamabank) in Form langgestreckter Inseln, Riffe und Kaien, deren man mehr als 500 annimmt, über 200 deutsche OM. einnehmend. Der Archipel läßt sich in folgende 20 Gruppen zerlegen' Bahia 731 I) Neuprovidence, 2) Androsinscln, 3) Berryinseln, 4) Großbahama, 5) Groß- und Kleinabaco, 6)Harbourinsel, 7) Eleuthcra, Noyal und Egg, 8) S.-Salvador, 9) Wat- lings und Windward, 10) Numkaie, II) Raggedinsel, l2) Groß- und Kleinepuma, 13) Crooked-und Acklinsinsel, 14) Longinsel, 15) Atwoodkaien, 16) Mayaguana-und Frcnchkaien, 17) Groß- und Kleinheneague, 18) Caicosinseln, 19) Turksinseln und 20) Kaysal und Anguilla. Der Boden der Inseln ist sandig und wenig fruchtbar, das Klima heiß, aber von Seewinden gemäßigt. Ausfuhrartikel sind Kaffee, Baumwolle, Far- behölzcr, Mahagony, Früchte und Salz, im Gcsammtwerth von ungefähr 9000» Pf. St. Bewohnt find nur 2 5 dieser Inseln und die in ihrer unmittelbaren Nähe gelegenen Riffe. Die gegen 20000 Seelen zählende Bevölkerung besteht ziemlich zur Hälfte aus Schwarzen, den frühern Sklave». Der Archipel bildet ein brit. Gouvernement, mit einer NegierungSver- fassung nach dem Beispiele der.nordamerik. Besitzungen; die finanziellen Verhältnisse aber werden noch nicht durch einen Uberschuß des Ausfuhrhandels zu genügender Deckung der Ausgaben unterstützt, sodaß der Hauptwerth dieses Colonialbesitzcs vorzugsweise in seiner wichtigen Lage zu suchen ist. Die Hauptstadt und der Centralpunkt des Handels ist Nassau, eine Festung auf Providence mit einem schönen Hafen und 0000 E. Die Spanier wurden durch den Besitz von Guanahani oder San-Salvador (s. d.) Herren des Bahama- archipcls und fanden bei dem friedlichen Volke karaibischen Stamms die freundlichste Aufnahme. Als sie jedoch auf den öden Inseln ihre Erwartungen getäuscht fanden, verließen sie, nachdem sie die Einwohner in die Bergwerke von San-Domingo gebracht, 1688 endlich ganz den Archipel, der nun den Flibustiern und andern Korsaren als willkommener Schlupfwinkel diente. Letztere vernichtete 1718 der brit. Seecapitain Woods Rogers, der hierauf die Inseln für England in Besitz nahm. Nicht kräftig von der Krone unterstützt, eroberten die Spanier 1781 den Archipel von neuem, den sie in dem Friedensschlüsse von 1783 den Briten wieder abtraten. Bahia oder San-Salvador-de-Bahia, die Hauptstadt der brasst. Provinz gleiches Namens, liegt an der Westküste der Allerheiligenbai, welche, sich sechs deutsche Meilen von Süden nach Norden und ungefähr 4'/2 Meile von Osten nach Westen erstreckt. Die Stadt besteht aus zwei Thcilcn, der Praya oder Citade-Bara und der Ci- tade-Alta. Letztere liegt auf einem 2 — 300 F. hohen Hügel, beinahe senkrecht über der Praya, einer einzigen am Ufer hinlaufcnden, nahe an einer deutschen Meile langen Straße, worin die Kaufhäuser und Niederlagen europ. und inländischer Produkte sich befinden. Die Citade-Alta ist gut gebaut und enthält mehre schöne öffentliche Plätze und Gebäude, worunter das Hospital und die Kathedrale die merkwürdigsten. Die Umgebungen der Stadt find reizend und das Klima ist außerordentlich gesund. Die Bevölkerung schlägt man auf 180000 Individuen an, worunter 40000 Weiße. Die der Stadt gegenüberliegende Insel Jtapa- rica, deren östliches und westliches Ende die beiden Eingänge zur Bai bilden, zählt 16000 E-, wovon 7000 auf die Stadt San-Gonzalo kommen, deren Einwohner hauptsächlich vom Walfischfang in der Südsee leben. — Die Stadthalterschaft Bahia zählt über eine halbe Mill. E-, worunter ein Drittel Sklaven. Sie erstreckt sich vom Rio-Grande-do-Bel- monte bis zum Rio-Real und westlich bis zum Ufer des San-Francisco. Der Boden ist im Ganzen äußerst fruchtbar, namentlich in der Nachbarschaft der Bahia, in der Gegend, welche Neconcavo heißt. Das Thal von San-Francisco ist mittelmäßig fruchtbar. Die Provinz wird von den Gebirgen Erio und Champada in einer Entfernung von ungefähr 12 deutsche» Meilen von der Küste durchzogen. Schiffbare Ströme sind der Rio-Grande-do-Belmonte, der Rio-Pardo oder Patype, der Rio-de-Contas, der Paraguassu und der Jtapicuru. Ausgc- führt werden Farbe- und Nutzhölzer, Südfrüchte, Reis, Maniok, Häute, Zucker, Taback, Baumwolle und eine geringe Sorte Kaffee, heimlich auch Gold und Diamanten. Die Bai von Bahia wurde zuerst von dem Portugiesen Christophao Jacques im J. 1503 entdeckt; Diego Alvarcz Correa bildete die erste Niederlassung. Von 1623—54 war die ganze Küste von Bahia bis nach Para im Besitz der Holländer; im Frieden von 1660 wurde sie wie- der an Portugal abgetreten. Von l 820—24 war die Provinz der Zufluchtsort der in den Unruhen von Brasilien verfolgten Portugiesen, fügte sich aber in diesem Jahre der von Dom Pedro gegebenen Constitnkion. (S. Brasilien.) 732 Bähr Bahrdt Bähr (Joh. Christian Felix), Hofrath, ordentlicher Professor der klassischen Literatur und Oberbibliothekar, auch Ephorus des Lyceums zu Heidelberg, ist am 13. Juni 1708 zu Darmstadt geboren, wo sein Vater, der nachmalige Prälat Johannes B., gest. zu Karlsruhe am 4. Apr. 1828, damals reformirter Prediger war. In Folge der Anstellung seines Vaters, kam er in früher Jugend nach Heidelberg, wo er das Gymnasium besuchte und 1815 zur Universität überging. Schon als Student erwarb er sich das besondere Wohlwollen Crcuzcr's, dessen symbolisch-mythologische Richtung er auch später befolgte. Nachdem er sich im Herbste 1819 bei der Universität habilitirt, erhielt er bereits 1821 eine außerordentliche, und, nachdem er mehre auswärtige ehrenvolle Anerbietungen abgelehnt hatte, 1826 eine ordentliche Professur. In dieser Zeit beschäftigte er sich vorzugsweise mit der Kritik und Erklärung des Plutarch und hatte zu diesem Behufc 1821 eine Reise nach Paris unternommen. Als Frucht dieser Studien erschienen die mit reichhaltigem Kommentar versehenen Ausgaben des „^Icidisdes" (Heidelb. 1822) nnd dcs„U!üIopoemen,1?Ismilli»r, k/rrtliis" (Lpz. 1826). Außerdem wurden in dieser Zeit die Bruchstücke desKtesias'(Frankf. 182 -l) von ihm gesammelt und erläutert. Eine größere Aufmerksamkeit aber erregte seine durch Klarheit ebenso wie durch Vollständigkeit ausgezeichnete „Geschichte der röm. Literatur" (Karlsr. 1828 ; 2. Aust. 1832), woran sich drei Supplemcntbände: „Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber Noms" (Karlsr. 1836), „Die christlich-röm. Theologie" (Karlsr. 1837) und „Geschichte der röm. Literatur im karolingischen Zeitalter" (Karlsr. 1840), schließen, und denen bald ein vierter folgen wird, welcher die Literatur bis in die ersten Decennien des 12. Jahrh. fortsetzen soll. Auch ließ er einen kurzen „Abriß der röm. Literaturgeschichte" (Heidelb. 1833) erscheinen, der von Noulez ins Französische übersetzt wurde (Löwen 1838) . Als zweites Hauptwerk ist seine Bearbeitung des Herodot (4 Bde., Lpz. 1832 —35) zu betrachten. Mit Eifer und Kenntniß ist von B. hier besonders die Sacherklärung bis zu einem Punkte gebracht worden, der wenig mehr zu wünschen übrig läßt, da wir in geschichtlicher, geographischer und naturwissenschaftlicher Hinsicht aus den neuesten Werken, namentlich aus den Reisebeschreibungen der Franzosen und Engländer, Alles, was nur irgendwie zur Bestätigung, Berichtigung und Aufklärung der Hcrodoteischen Erzählung dient, zusammengestellt finden. Auch lieferte er nächst einigen akademischen Abhandluirgen, von denen wir die „Ile literarnm univsrsitats Ovlistsntiliopoli gnilito 8seculo condita" (Heidelb. 1835) herausheben, zahlreiche Beiträge zu Jahn's „Jahrbücher für Philologie", zu Pauly's „Nealencyklopädie der klassischen Alterthumswissenschaft", zu Ersch's und Gru- ber's „Encyklopädie", und nahm seit 1821 thätigen Antheil an den „Heidelberger Jahrbüchern", die er in Verbindung mit Schlosser und Muncke seit 1834 redigirt. In seiner amtlichen Thätigkeit hat B., außer seinen vielfachen Verdiensten als akademischer Lehrer, ein hohes Verdienst sich noch dadurch erworben, daß er die Bibliothek, an deren Spitze er 1833 gestellt wurde, besser ordnete, und seit der Übernahme der obersten Leitung des Lyceums im J. 1839 zum erfreulichen Gedeihen desselben wesentlich beitrug. Bahrdt (Karl Fricdr.), ein bekannter Theolog, geb. am 25. Aug. 1741 zuBischofs- wcrda in Sachsen, der Sohn des als Professor der Theologie und Superintendent 1775 zu Leipzig verstorbenen Joh. Friede. B-, besuchte die Schulen zu Leipzig und Pforte und dann die Universität an erstcrm Orte. Mit seltenen Fähigkeiten ausgerüstet, that er sich bald hervor; aber diese frühen Erfolge erzeugten einen Geist der Unruhe und Flüchtigkeit in allen seinen Studien, der auf seine ganze literarische Laufbahn einen nachtheiligen Einfluß hatte. Er ward 1762 Katechet in Leipzig und bei der Universität als außerordentlicher Professor der biblischen Philologie angestellt. Schon die von ihm in dieser Zeit heransgegebenen Schriften über Theologie und biblische Kritik ließen die Richtung seines Geistes und die Meinungen wahrnehmen, die ihn in der Folge auszeichnetcn. Sein Talent als Kanzelredner hatte ihm bereits bedeutende Theilnahmc erworben, als die in die Öffentlichkeit gelangte Kunde von den Folgen seines unerlaubten Umgangs mit dem weiblichen Geschlecht«: ihn nö- thigte, 1768 Leipzig zu verlassen. Er begab sich nach Erfurt, wo er als Professor der Philosophie und der hebr. Alterthümer angestellt wurde, erwarb sich 1769 in Erlangen die theologische Doctorwürde und erlangte dadurch das Recht, theologische Vorlesungen zu halten. In Erfurt schrieb er die „Briefe über die systematische Theologie" (2 Bde., Eisenach Bahrrecht Bähung 733 1770 — 72) und, ohne sich zu nennen, die „Wünsche eines stummen Patrioten" (Erf. l770), zwei Werke, deren heterodoxe Sähe ihn in heftige Streitigkeiten verwickelten. Die theologische Facultät zu Wittenberg erklärte ihn wegen seiner Lehren für abseßungswürdig, während die göttinger minder ungünstig über ihn urthcilte. Mancherlei Unannehmlichkei- ten, verbunden mit seiner natürlichen Unruhe, machten ihm indeß in Erfurt den Aufenthalt bald unerträglich. Er ging 1771 nach Gießen, wo er ebenfalls theologische Vorlesungen hielt und mit Beifall predigte; doch seine heterodoxen Meinungen und der Haß der Geistlichkeit, die er zu wenig schonte, zogen ihm auch hier bald neue Händel zu. Sein persönliches Betragen, das nie regelmäßig gewesen, brachte ihn in kurzem um die öffentliche Achtung. Daher nahm er 1775 die Einladung an, die zu Marschlins in Graubündten unter dem Namen eines Philanthropins bestehende Erziehungsanstalt zu leiten, blieb aber daselbst, unzufrieden mit dem Vorsteher, nur ein Jahr und ging dann als Generalsuperintendent nach Dürkheim im Fürstenthume Leiningcn-Dachsburg. Aber auch hier war sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer. Erließ sich 1777 das unbewohnte Schloß zu Heidesheim bei Worms einräumen, um eine dem Philanthropin ähnliche Anstalt zu errichten, die aber, übel organisirt und geleitet, nicht bestehen konnte. In dieser Zeit veranlaßt die zweite Ausgabe seiner von seltener Frivolität zeugenden Übersetzung,dcsReuen Testaments den Urtheilsspruch des Reichs- hofrathS, der ihn für unfähig erklärte, irgend ein geistliches Amt zu verwalten, und ihm verbot, im ganzen Reiche etwas im Druck herauszugeben, bevor er nicht die in seinen frühem Schriften ausgesprochenen religiösen Meinungen widerrufen habe. Aller Aussichten beraubt, fand er eine Zuflucht in den Ländern des Königs von Preußen. Er ging 1779 nach Halle, wo er sein Glaubensbekenntnis herausgab, in welchem er weniger als je die Orthodoxie und die Geistlichkeit schonte. Seine Lehre war ein reiner Deismus, der hauptsächlich die Wunder verwarf. Auch gehörte die Unsterblichkeit der Seele nicht zu seinen positiven Sätzen. Zu Halle las er über Philosophie, Rhetorik und alte Sprachen und setzte zugleich seine theologischen Arbeiten fort. Aus dieser Zeit stammen z. B. die „Briefe über die Bibel im Volkston". Sein Ruf verschaffte ihm auch in Halle viele Zuhörer; aber sein unruhiger, streitsüchtiger Geist zog ihm auch neue Widerwärtigkeiten von Seiten der Geistlichen zu. Er verließ die Stadt, um eine halbe Stunde davon einen Weinberg zu beziehen, wo er die Nolle eines Gastwirths übernahm und bald ehemalige Zuhörer sowie Neugierige durch seinen Ruf herbcizog. Das ärgerliche Leben, welches er hier führte, sowie die beiden Schriften, „Das Neligionsedict", ein Pasquill auf das preuß. Neligionsedict von >788, und „Die deutsche Union", worin er den Vorschlag zu einer religiösen Verbindung machte, der sowol die Theologen als die Regierung beunruhigte, verwickelte ihn in eine Untersuchung, in deren Folge er zu zweijähriger Festungshaft in Magdeburg verurtheilt wurde, die jedoch der König auf die Hälfte herabsetzte. In dieser Zeit ließ Kotzebne unter Knigge's Namen seine berüchtigte Schrift, „v. Barth mit der eisernen Stirn" erscheinen. B. benutzte die Zeit der Haft, die „Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und seiner Schicksale" (4 Bdc., Berl. 1790) zu schreiben, lebte nach Wiedcrcrlangter Freiheit wieder in Halle auf die vorige Weise und starb daselbst am 23. Apr. 1792. Unregelmäßigkeit, sclbstbereitetes Unglück und häuslicher Kummer kürzten sein Leben. Er sprach und schrieb mit einnehmender Leichtigkeit; aber seine Werke, selbst die gelehrtesten, verrathen Mangel an Kenntnissen; es fehlte ihm an der Muße und Geistesruhe, ohne die kein Studium mit Nutzen betrieben werden kann. Bahrrecht, s. Ordalien. Bähung nennt man sowol den Act der Anwendung von feuchter Wärme auf irgend einen äußern Theil des erkrankten Körpers zur Erreichung eines Heilzwecks slomentutln), als auch die besondere Form oder Gestalt, in welcher die feuchte Wärme angcwendet wird (lomentum), wo es dann gleichbedeutend ist mit warmenUmschlägen. Diese Begriffe werden aber weder im gemeinen Leben noch auch von den Ärzten festgehalten, vielmehr der Ausdruck Bähung auf die örtliche Anwendung von Wärme und Kälte überhaupt übertragen, und so spricht man von feuchten und trocknen, warmen und kalten Bähungen. Bei den feuchten Bähungen wird die Flüssigkeit nicht unmittelbar, sondern an einem Vehikel mittels Leinwand, Flanell, Schwamm, oder in eine Blase gefüllt, angewendet; zur trocknen 734 Bai Baiern (Geogr. n. Statist.) Bähung bedient man sich der erwärmten Tücher, des darin cingehüllten warmen Sandes, der warmen Asche und verschiedener Kräuter in Gestalt der Kräuterkissen. Bai wird jede Einbiegung des Meers in das Land genannt. Die Bai unterscheidet sich durch geringem Umfang vom Meerbusen und Golf und durch großem von der Bucht. Am häufigsten trifft man die Baibildung an den Küsten, welche von einem Parallelgcbirge be- gleitet werden, dessen Seitenästc mit Vorgebirgen ins Meer springen und die Bai schützen. Baiern, nach seiner Größe der dritte der deutschen Bundesstaaten und seit dem preß, kurzer Frieden von 1805 als Königreich anerkannt, besteht aus zwei abgesonderten ungleich großen Ländermassen, die eine kleinere jenseit, die andere diesseit des Rhein. Die größere Masse wird begrenzt im Süden und Osten von Ostreich und zwar von Tirol, dem Erzherzog, thum und Böhmen, im Norden vom Königreich Sachsen, den reußischen, den herzoglich säch- fischen Landen und Kurhessen und im Westen von Hessen bei Rhein, Baden und Würtcm- bcrg. Die am linken Rheinufcr liegende Pfalz stößt im Osten an die badische Nheingrcnze, nördlich an Hessen bei Rhein und Preußen, westlich wiederum an Preußen und an das hom. burgische Amt Meisenheim und gegen Süden an Frankreich. Der Flächeninhalt des ganzen Staats beträgt 1398 OM., von denen 105 OM. auf die Pfalz kommen. Die politische Eintheilung in acht nach den betreffenden Hauptflüssen benannte Kreise ist seit 1838 einer neuen, der alten deutschen Neichsverfassung entnommenen gewichen, welche indeß mehr oder minder mit den Grenzen der frühem Eintheilung übereinstimmt. Im Süden ist Ober- baiern (früher Jsarkreis), Nicderbaiern (Untcrdonaukreis) und Schwaben und Neuburg (Oberdonaukreis), in der Mitte Mittelfranken (Nczatkrcis) und Oberpfalz und Regensburg (Regenkrcis), im Norden Oberfranken (Obermainkreis) und Unterfranken und Aschaffen, bürg (Untermainkreis) und im Nordwcsten isolirt die Pfalz (Nheinkreis). Ferner ist es ein- getheilk in Landgerichts- und Herrschaftsgerichtsbezirke und ein Kreis in Landcommissariats- bezirke und Cantone. In der Pfalz erhebt sich die Hardt und das pfälzische Gebirge in Umgebung des 2100 F. hohen Donnersberges, als ein von den Vogesen nördlich abgcsprengteS und östlich steil zur oberrheinischen Tiefebene absteigendes Bcrgland, reich an Terrassen, Thä- lern, Wald und Wein, während der Ostkörper des Landes eines jener Plateaugebicte erfüllt, welches die Alpen mit dem hercynischen Gebirgssystem verbindet. In die südlichen Grenz- reviere greifen die Ketten der Algauer und Salzburger Alpen ein noch mit immerwährend in Schnee gehüllten Gipfeln, wie die 9069 F. hohe Zugspitze, der 818-1 F. hohe Watzmann und das 8107 F. hohe Mädelhorn, und zahlreichen von 5—7000 F. erhabenen Felshörnern, während sich von dem seegeschmückten Alpcnfuße bis zur Donau ein einförmiges Hochland, als die südlichste höchste deutsche Terrasse in Höhe von 1500—1200 F. ausbreitet, zu Seiten der Flüsse mit Rieden und Moosen bedeckt, wie z. B. das Donaumoos bei Ingolstadt 4 OM. und das Erdingermoos an der Isar und Donau 5 OM. Schon mannichfaltiger gestaltet sich die Bodenform zwischen Donau und Main in Centralbaicrn. Hier zeigt sich im Osten der Böhmerwald mit steilen Gehängen, hohen Berggipfeln, wie dem 4540 F. hohen Arber und dem 4460 F. hohen Rachel, und wilden Vorbcrgsgruppen, wie dem Bairischen Wald zwischen Regen und Donau; in der Mitte erhebt sich das fränkische Plateau mit dem erhöheten Westrande des fränkischen Jura, dem sich im Westen die schwäbischen Terrassen anlegen. Zn das nördliche B. jenseit des Main ragt das hcrcynische Gebirgssystem mit folgenden Gruppen ein: im Osten als kleines Platcaumassengebirge und centrales Qucllland Deutschlands das Fichtelgebirge mit dem 3237 F. hohen Schneebcrg und dem 3135 F. hohen Ochsenkopf, und das nördlich anliegende Hügelplateau des Frankenwalds; in der Mitte die basaltische Erhebung der Hohen Rhön mit dem 2888 F. hohen Kreuzberg und im Westen der Spessart mit dem 1900 F. hohen Geiersberg. Die tiefsten Punkte B.s sind, wenn man die Pfalz ausschließt, an der Donau bei Passau 868 F. und unterhalb Aschaffenburg 325 F.; ein eigentliches Tiefland aber besitzt das Königreich nur in dem kleinen westlichen Abschnitte der pfälzischen Rheinebenen. Vier deutsche Flußgebiete haben Theil am bair. Boden, doch das der Elbe und Weser nur mit sehr unbedeutenden Räumen im Norden und selbst das unmittelbare Nhcingebiet nur mit einer kurzen Grenzbcrührung und unbedeutenden linken Zuflüssen; dagegen sind die Hauptflüsse des Landes der Main und die Donau, der erste im Norden, letzterer im Süd- . d§r eine mit der Richtung nach Westen, der andere Baiern (Geogr. u. Statist.) 7!i5 nach Osten, beide in neuester Zeit miteinander verbunden durch den Ludwigskanak, mittels des Wassers von Altmühl und Regnitz. Die Donau sammelt auf bair. Gebiete rechts Iller, Lech, Isar und Inn, links Wernitz, Altmühl, Naab und Regen; der durch den Zusam- menfluß vom Rothen und Weißen Main unterhalb Vaireuth gebildete Main, rechts Nodach, Ih und Saale, links die Regnitz. Unter den Seen verdienen als alpinische Flußseen besonderer Erwähnung der Bodensee mit unbedeutender Berührung bei Lindau, der Ammer-, Würm-, Tegern- und Chiemsee. Die nur durch Einsenkung am Rhein und untern Main gestörte durchschnittliche Allgeineinerhebung des von Gebirgszügen und höhern Vergebenen erfüllten bair. Landes bedingt ein Temperaturverhältniß von niedriger» Mittelwerthen, als in Hamburg und Bergen in Norwegen und gleichen Resultaten mit der Ostküste Schottlands in mittlerer Jahrestemperatur von 6^° R.; doch das bair. Klima trägt einen mehr kontinentalen Charakter, durch strengern Winter und heißer» Sommer (l3'/i"N.) bezeichnet. Im Verein mit dem mannichsaltigen Wechsel von Höhe und Tiefe und günstiger Boden- beschaffcnheit macht es das Königreich zu einer der fruchtbarsten Gegenden deutschen Landes. Eine allgemeine Eintheilung der Vegetationsregionen läßt die Stufe des Ackerbaus bis zu 3000 F., die Region der Wälder, welche vorherrschend ans Schwarzholz bestehen, bis zu 5000 F. und die Alpenregion bis zu 8000 §, ansteigcn, während nur wenige Punkte des Hochgebirgs in die ewige Schneeregion einragen. DieBevölkerung B.S beläuft sich gegenwärtig auf ungefähr 3,350000 E-, welche bis auf 3500 Franzosen, 60000 Inden und wenige Neste slawischer Abkunft in den östlichen Gegenden, echt deutschen Stammes sind, und sich in der Mehrzahl von 3,019000 zur katholischen Kirche bekennen, während die Zahl der Protestanten 1,226753, die dcrMennoniten und Herrnhuter ungefähr 1000 beträgt. Auffallend ist in B. die Zahl der unehelichen Geburten, da sich im ganzen Lande die fünfte, in München sogar fast die zweite als eine solche ergibt. Den Beschäftigungen nach unterscheidet man unter 100 Bewohnern 33, welche sich der reinen Landwirthschaft, 23, die sich der ge. mischten Landwirthschaft und 12, die sich den reinen Gewerben widmen. Zum hohen Adel gehören in B. 23 Standesherrcn, früher reichsunmittelbare Fürsten und Grafen, deren Gebiet ein Gcsammtareal von 69 IHM. mit fast 200000 E. umfaßt. Die physische Cultur des Landes bekundetdurch die Benutzung von 33Proccnlder ganzen Landfläche zu Ackerland, die Hauptgrundlage der Landwirthschaft im Ackerbau, welcher Getreide aller Art und besonders auch viel Kartoffeln erzieht. Handelsgewächse verschiedener Art, wie Krapp, Hanf und Flachs, Taback und besonders ausgezeichneter Hopfen, werden allgemein cultivirt; Obst wird in guter und reicher Ernte zumal in der Pfalz und m den fränkischen Kreisen gewonnen, der Weinbau blüht in der Pfalz und Unterfranken und einen großen Neichthum bietet die Forstcultur, welche in herrlichen Waldungen an 30 Procent deS Bodens bedeckt und jährlich mit mehr als 2 Mill. Klaftern Holz rentirt. Die Viehzucht ist im Allgemeinen der Landwirthschaft zugescllt und bildet deshalb einen nicht unbedeutenden überall verbreiteten Zweig der physischen Cultur. Die Alpengcgenden wetteifern mit der Schweizerwirthschaft, Obcrfranken ist weit und breit durch vortreffliches Schlachtvieh berühmt und Mittelftanken betreibt neben einer sehr erheblichen Federviehzucht am regsten in B. die . Schafzucht, wenn es auch hierin noch vielen andern deutschen Ländern Nachsicht. Der Vieh- ' stand des Landes spricht sich ungefähr in folgenden Zahlen aus: 330700 Pferde, 2,350500 Stück Rindvieh, 1,383100 Schafe, 866900 Schweine und 101600 Ziegen, wozu noch 3,500000 Stück Federvieh und I7I360 Bienenstöcke zu rechnen sind. Die Ausbeuten des bair. Bergbaus sind gerade in den drei nützlichsten Mincralstoffen, Eisen, Steinkohlen und Salz, am reichsten, was die Armuth an den edlem Metallen leicht verschmerzen läßt. Der jährliche Gewinn läßt sich im Durchschnitt annehmcn an Kupfer auf 770 Ctr., Eisen 332500, Braunstein 110, Kobaltartcn 520, Quecksilber 110, Kochsalz 555500, Vitriole aller Art 3000, Alaun 1010, Steinkohlen 307520, an Braunkohlen auf 30000 Ctr. und an Silber auf 150 köln.Mark. Die früher in Oberbaicrn bestehenden vier Goldwäschcrcien, welche von 1761—73 zwischen 16 und 17 Mark lieferten, sind längst aufgegebcn, dagegen 1 wird immer mehr Fleiß verwendet auf den Gewinn des Quecksilbers, dessen bedeutendste Fundorte die Gruben bei Obermoschel, Stahlberg und Wolfstein sind. Die Hauptfabrikation des Kochsalzes, als Stein- und Qncllsalz, sind Berchtesgaden, Neichenhall. Traunstein, Rosen- 736 Baiern (Geogr. u. Statist.) heim, Kissingen, Sode», Orb, Dürkheim und Philippschal, welche noch zur Ausfuhr produ- ! ciren. Nächst einem großen Neichthum au verschiedenen andern Mineralproductcn und auch besonders schönem Baumaterial, verdient der Jurakalkstein vorzüglich hervorgehoben zu werden als das weit verbreitete Material der Stcindruckplatten, unter dem Namen des Lithographischen Steins, welcher am besten bei Solnhofen an der Altmühl unweit Kellheim vorkommt. Unter den zahlreichen Mineralquellen sind die zu Brückenau und Kissingen die besuchtesten. Der industriöse Sinn des bair. Volks wurde zwar schon im Mittelalter durch den Besitz der großen continentalen Handelsstraße von Süd- nach Nordeuropa so vielfach angeregt, daß sehr frühe eine Reihe gewerbsamer Städte unter dem Vortritte von Augsburg und Nürnberg dem ganzen deutschen Lande mit schönem Beispiele voranging, doch der veränderte Waarenzug gestaltete Vieles anders. Es sind zwar die alten Reichsstädte * noch immer bedeutend, ihr Glanz aber hat abgenommen, und die technische Cultur hat sich noch nicht so allgemein verbreitet wie in vielen andern deutschen Staaten und wie es wol der mannichfache Naturrcichthum zuläßt. Leinwand-, Wollen-, Baumwollen- und Seiden- manufacturen stehen noch auf niedrigerer Stufe als in den Nachbarstaaten und erzeugen in den ersten Artikeln keine feinen Producte; ebenso könnte die Lederfabrikation auch blühender sein. Ausgebreiteter und im Steigen begriffen ist die Fabrikation der Eisen- und Stahlwaaren ' und noch behaupten die Gold- und Silberarbeiten Augsburgs den alten Ruf. Die Graphitgeschirre von Deggendorf und Obern- oder Hafnerzell gehen alsPassauer Schmelztiegel und dergleichen bis nach Amerika und Asien, und die Porzellanfabrikate gewinnen auch im Auslande immer mehr Ruf. Wenn die Glasfabrikation mit Böhmen wetteifert, so ist dagegen die Verfertigung optischer Instrumente in dem von Fraunhofer zu München gegründeten Institute auf dem ganzen europ. Continente noch nicht in gleicher Vortrefflichkeil erreicht. Die hölzernen Schnitz- und Spielwaaren von Nürnberg und Fürth und der Alpengegendcn find weltbekannt und nicht minder das blühende Gewerbe der Bierbrauerei, die in ungefähr 6000 Bierbrauereien jährlich an 8 Mill. Eimer producirt. Für den Handel ist die centroeurop. Lage des Landes mit seinen schiffbaren Flüssen höchst einladend; er ist daher auch äußerst lebhaft, besonders als Transitohandel, und seit dem Anschluß an den deutschen Zollverein wesentlich gefördert worden und wird durch die trefflichsten Verkehrsmittel unterstützt, wenn auch der Ludwigskanal erst dann am werthvollsten erscheinen möchte, wenn ihn eine Eisenbahn begleitet. Zur Ausfuhr kommen vorzugsweise folgende Gegenstände: Vieh aller Art, Alpenwirthschaftserzcugniffe, Häute und Wolle, frisches und getrocknetes Obst, Holz und Holzwaaren, Süßholz aus der Gegend von Bamberg, Flachs und Hanf, Hopfen, Bier, Wein, Nürnberger Maaren u. s. w.; die wesentlichsten Einfuhrartikel bilden Pferde und Maulthiere, auch anderes Vieh, Wolle, Baumwolle und Seide, theils roh, thcils verarbeitet ; ferner Colonial- und Arzneiwaaren, Öl, Pelze und Seefische. Der Werth der Ausfuhr wird zu II Mill., der der Einfuhr zu IO Mill. Fl. berechnet. Die wichtigsten Handelsplätze sind im Norden Bamberg, Schweinfurt und Würzburg, in der Mitte Nürnberg und Fürth und im Süden Augsburg, als ein wichtiger Stapelplatz für ital. und levant. Producte. Der bair. Münzfuß ist der 2a Guldenfuß, der Gulden zu 60 Kreuzer ü 1 Heller. Das allgemeine Durchdringen des praktisch-intcllectuellen Strebens und der höher» geistigen Bildung möchte dem bair. Volke noch nicht so Eigcnthum sein wie den nördlichen und westlichen Nachbarn, wenigstens sind bisher die nicht zu verkennenden hohen Standpunkte der Einzelnen noch nicht im Stande gewesen, siegreich die Verhältnisse niederzukämpfen, welche in der Heraufbeschwärung mittelalterlicher Formen den beflügelten Schritt des Zeitalters nur hemmen können. Scharf steht der thätige und geweckte Franke dem ernstcrn, rauher» und langsamer vorschreitenden Altbaier gegenüber; noch trennt Beide eine Kluft, die nur allgemein verbreitete unbefangene Geistesbildung unmerklich machen kann. Drei Universitäten, eine protestantische zu Erlangen und zwei katholische zu München und Würzburg, fördern die höhere wissenschaftliche Ausbildung, unterstützt durch zahlreiche Vorberei- tungsanstaltcn, welche neben mannichfaltigen technischen Lehranstalten im Vergleich mit der jüngst vergangenen Zeit allerdings bedeutende Fortschritte bekunden, die aber theilweise durch ^ strenge Principien in freier Bewegung und genialer Entwickelung hier und da beschränkt erscheinen. Wie sich die industriöse Thätigkeit, mit Ausnahme einiger Bezirke, in B. mehr als ! >d id ii n te ei- ici ch i er- ils Baiern (Geogr. u. Statist.) 737 den in norddeutschen Staaten auf einige Capitalen beschrankt, so auch die Concentrirung der geistigen Kräfte, und hierin möchte München an der Spitze seiner Nebenbuhler Augsburg, Nürnberg, Erlangen und Würzburg stehen. München besitzt nächst Paris die größte Bibliothek der Welt, es ist die Wiege mancher unschätzbaren Erfindungen und unter dem persönlichen Schuhe des Königs einer der ersten Herde der bildenden Künste. Das Königreich B. ist ein souverainer monarchischer Staat, dessen Oberhaupt der König ist, der zwar alle Rechte der Staatsgewalt in sich vereint und ausübt, der aber durch die Urkunde vom 26. Mai 1818 von neuem an eine ständische Verfassung gebunden ist, welche das Volk in eine Repräsentativstcllung zur Regierung stellt, obschon dieser consti- tutionelle Charakter das Wesen des Monarchenthums wenig oder gar nicht beschränkt. Die wenigstens alle drei Jahre zusammcnzuberufende Ständeversammlung besteht aus zwei Kammern, der der Reichsräthe und derber Abgeordneten. Die Kammer der Reichsräthe besteht aus den volljährigen Prinzen des königlichen Hauses, den Kronbeamten des Reichs, den beiden Erzbischöfen, den Häuptern der ehemals reichsständischen, fürstlichen und gräflichen Familien als erblichen Reichsräthen, aus einem vom König ernannten Bischof und dem Präsidenten des protestantischen Consistoriums und aus den vom König entweder erblich oder lebenslänglich besonders ernannten Mitgliedern; jedoch darf die Zahl der letztern den dritten Theil der erblichen Reichsräthe nicht übersteigen. Die Kammer,der Abgeordneten wird besetzt von gutsherrlichen Grundbesitzern ohne Recht auf den Sitz in der ersten Kammer, von Abgeordneten der Universitäten, der Geistlichen beider Hauptconfesfionen, der Städte und Marktflecken und der zuerst nicht zu den erwähnten Grundbesitzern gehörigen Landcigenthü- mer. Zu dieser Kammer kann jeder Staatsbürger gewählt werden nach Zurücklegung des 30. Lebensjahres und Nachweis eines einen unabhängigen Lebensunterhalt sichernden Vermögens. Die Zahl der Kammermitglieder richtet sich nach dem Verhältniß, daß auf 7000 Familien, also ungefähr auf 35000 Seflen ein Abgeordneter gerechnet wird. Die compli- cirten, von sechs zu sechs Jahren vorzunehmenden Wahlen gründen sich auf die Gemeinde- Verfassung und sind, mit Ausschluß aller unmittelbaren Theilnahme der Bürger, für Städte und Dörfer nur in die Hände der Magistrate und Gemeindebevollmächtigten gelegt. Die Vermögensbedingung für das passive Wahlrecht ist ein Steuersimplum von 10 Fl., das ein Grundvermögen von nicht weniger als 8000 Fl. voraussetzt, sodaß ganze Districte von der Repräsentation ausgeschlossen bleiben. Von den wesentlichen Rechten der Repräsentation, Concurrenz an Gesetzgebung und Steuerbewilligung, Recht der Beschwerden und Bitten, auch des Antrags auf Abänderung der Gesetze, ist den bair. Ständen keins entzogen. Derbair. Thron ist nach dem Rechte der Erstgeburt in männlicher und weiblicher Linie, jedoch mit Bevorzugung der ersten, erblich. DerStaat hat folgende sieben Orden: 1) den 114-1 gestifteten und 17 09 erneuerten Orden des heil. Hubertus, 2) den Orden des heil. Georg, gestiftet im I2.Jahrh., erneuert 1729, 3) den Orden des heil. Michael, gestiftet 1693 und erneuert 1808, 4) den Max-Josephsorden, gestiftet 1806, 5) den 1827 für 50jährige treue Staatsdienste gestiftetenLudwiaLo rdcn, 6) den 180 8 gestifteten Civilverdienflorden der bair. Krone und 7) den an zwölf Edelfräulein mit einer Präbende von 300 Fl. zu vertheilenden There- sienorden, gestiftet 1827. Neben diesen Orden besteht noch eine goldene und eine silberne Verdienstmedaille. Die beiden Centralbehörden der Staatsverwaltung sind der Staatsrath und das Staatsministerium. Der Staatsrath steht als die oberste berathende Behörde unmittelbar unter dem Könige, der den Vorsitz führt, und hat als Beisitzer den Kronprinzen, bei erreichter Volljährigkeit, die volljährigen Prinzen des königlichen Hauses in gerader Linie, die activen Minister, den Feldmarschall und nebst einem Generalsccretair sechs vom König ernannte Staatsräthe. Das die oberste Verwaltung handhabende Staatsministerium zerfällt in die Ministerien des königlichen Hauses und des Äußern, des Innern, der Justiz, der Finanzen und des Kriegs. Die Finanzverhältnisse des Staats sind trotz der Staatsschuld von 130,860000 Fl. mit einer Zinsenlast von fast 5 Mill. Fl. (am.I. Oct. 1835) durch jährliche Mehreinnahme sehr günstig gestellt, indem die Einnahme von 1835 auf 30,195933 Kl. stand, wogegen der Ausgabeetat für die Finanzperiode von 1837 —40 nurauf29,983827 Fl. lautet. Das in allen seinen Theilen sehr gut organisicte bair. Heer hat einen Kriegsetat Conv. - Lex. Neunte Äufl. 1. ^ 733 Baier» (Geschichte) von 55200 M. und einen Friedensfuß von 5360» M. für das stehende Heer; durch das Beurlaubungssystcm wird die active Stärke jedoch auf ein Dritthcil herabgesetzt. Mit Ausnahme des geistlichen Standes, besteht allgemeine Dienstpflichngkeir vom 2 1 .— 25. Lebens- jahre beim stehenden Heere und bis zum 6». Lebensjahre bei der zurVaterlandsvertheidigung bestimmten Landwehr. Die Armee besteht aus 16 Regimentern Linicn-Jnfanteric, vier Jäger-Bataillons, acht Regimentern Cavalerie, zwei Regimentern Artillerie mit 102 Ge- schützen, zwei Compagnien Sapeurs, einer Compagnie MincurS und einer Handwerks- compagnie, wovon zum deutschen Bundesheere 35600 M. und 72 Geschütze stoßen und dessen siebentes Armcecorps bilden. Die wichtigsten Festungen sind Passau, Ingolstadt, Fvrchheim, Würzburg mit dem Marienberge, Germersheim und Landau, welche letztere als Bundcsfestung im Frieden ausschließlich von Baiern beseht wird. Die acht Krcishaupt- städte des Landes sind München, zugleich die Residenz, Passau, Augsburg, Regensburg, Baireuth, Ansbach, Würzburg und Speier. Nach Einigen waren es die keltischen Bojer, ein Hauptbestandthcil der Bajoarier, vor welchen die heutigen Baiern abstammcn, allein nach Mannrrt's Ansicht sind die im südlichen Deutschland ursprünglich ansässig gewesenen Donaukelten (Bojer) vertilgt oder ausgetrieben worden. In ihre verheerten Wohnsitze, die um Cäsar's Zeit eine Wüste waren und seit Au- gustuS die röm. Provinzen Vindelicien und Noricum bildeten, zogen um die Zeit der Völkerwanderung rein germanische Völker ein, und am Ende des, 5. Jahrh. erwuchsen aus Herulern, Rugiern, Turcilingen und Skyren, vielleicht aus den Überresten der alten Bojer und Quaden, die Bajoarier, ein Völkerbund gleich den Franken und den Markomannen. Sie breiteten sich von Noricum westlich aus bis zum Lech, und Rezensburg wurde der Hauptort. Dieses Land hieß damals Noricum und war, nach Männert, den Ostgothen nie unterworfen. Zum ostgoth. Reiche gehörte 306 blos das zum Theil von den aufgenommenen Alemannen bewohnte Rhätien, welches der Lech von B. schied. Nach dem Falle des ostgoth. Reichs kamen die Franken in den Besitz von Rhätien, und dieBajoarier, obwol unter eigenen Regenten, wurden abhängig von den fränk. Königen in Austrasien. Diese Abhängigkeit ward aber erst unter den Karolingern befestigt. Die Baiern retteten ihre Vorrechte und die Freiheit, ihre Feldherren und Fürsten selbst zu wählen; doch ist man nicht gewiß, ob sie diese Könige oder Herzoge nannten. Die Geschichte nennt uns um 556 das Geschlecht der Agilolfin- ger (s. d.), das bis Ende des 8. Jahrh, sich in jener Würde behauptete. Unter ihnen wurde Thassilo's I. (500) Regierung durch den Anfang der Kriege mit den slawischen Stämmen und deren Bundesgenossen, den Avaren, merkwürdig. Unter Garibaldi!., um 630, erhielten die Baiern vom fränk. König Dagobert die ersten geschriebenen Gesetze. Odilo, der Schwiegersohn Karl Martell's, nahm den königlichen Titel förmlich an, ward aber von seinen Schwägern Karlmann und Pipin besiegt, als er 733 der fränk. Oberhoheit sich entziehen wollte. Schon im 7. Jahrh. hatten fränk. Missionare, St.-Emmeran zu Regensburg und Rupert zu Salzburg, das Christenthum eingeführt. Unter Odilo theilte der Erzbischof Boni- facius die bair. Kirche in die vierBisthümer Salzburg, Passau, Regensburg und Freisingen; auch wurden mehre Klöster gestiftet. Thassilo ll. mußte 738 dem fränk. Könige Pipin dem Kleinen auf dem Reichstage zu Compiegne den Vasalleneid schwören, erklärte diesen aber später für ungültig und verband sich mit dem Longobardenkönige Desiderius, seinemSchwieger- vater, und dem aquitanischen Herzoge. Er nahm 777 seinen Sohn Theodor zum Mitregenten an und schloß nach dem Falle der longobardischcn Dynastie, deren Krone sich Karl der Große aufgesetzt hatte, gegen diesen mit den Avaren einen Bund. Bon Karl besiegt, in der Folge von diesem aufs neue der verletzten Lehnstreue beschuldigt und vom Reichstage zu Ingelheim 788 zum Tode verurtheilt, wurde er von Karl dem Großen mit seiner ganzen Familie in Klöster verbannr, wo sein Geschlecht erlosch. Auch hob Karl der Große auf einem Landtage zu Rcgensburg 788 die herzogliche Würde in B. auf, obwol es den Titel und Rang eines Hcrzogthums behielt; er bestellte seinen Schwager, den schwäb. Grafen Gerold, zum Statthalter und führte die fränk. Verfassung in Hinsicht der Gerichtspflege, der Verwaltung der Gaue durch Grafen und des Heerbannes ein. Vgl. Lang, „B.s Gauen nach den drei Volksstämmen der Alemannen, Franken und Bojoaren" (Nürnb. 1830), Damals wurde ein bair. Graf Guntram der erste Markgraf der bair. Ostmark, später Östreick genannt. Dü Buieru (Geschichte) 739 Familienbesitzungen der Agilolfinger wurden königliche Kammcrgüter, der Zehnten für die Geistlichkeit wurde eingcführt, das vom Gute der Agilolfinger ausgestattetr Bisthum Salzburg zum Erzbislhume erhoben, und an den Grenzen wurden Markgraffchaften gegen die feindlichen Nachbarn, die Sorben und Böhmen, errichtet. Der Einstuß der Raab in die Donau ward 709 B.s Grenze, das nun außer dem eigentlichen B. Tirol, Salzburg, den größten Theil Ostreichs, die Oberpfalz, Neuburg, Eichstädt, Ansbach, Baireuth, Bamberg, Nürnberg und die Gebiete von Weißenburg, Nördlingen und Dünkelsbühl umfaßte. Bei der Ländertheilung aber, die Karl der Große vornahm, erhielt Pipin nebst Italien auch B., wie Thassilo I l. es besessen hatte. Nach Karl des Großen Tod gab Ludwig der Fromme, der einzige stiner Söhne, welcher ihn überlebte, das Land seinem ältesten Sohne Lothar als Königreich, welches nach dessen Erhebung zur Mitregentschast auf den Kaiscrthron iniJ. 8 l 7 an Ludwig den Deutschen fiel, der sich rex Lojoariorum nannte. Die weltliche Macht der Bischöfe hatte bisher sich immer mehr befestigt; zugleich gelangten die an die Stelle des Statt- Halters eingesetzten Pfalzgrafen zu großem Ansehen. Nach Ludwig des Frommen Tode im I. 840 ward sein Sohn Karlmann König von B., wozu damals auch Kärnten, Kram, Istrien, Friaul, Pannonien, Böhmen und Mähren gehörten. Karlmann's Bruder, Ludwig III,, folgte ihm 880 durch freie Wahl der Stände B.s in diesem Lande, wovon aber Kärnten abgerissen wurde. Durch seinen Tod im I. 882 kam B. an Karl den Dicken, nach diesem 887 an Arnulf und dann 899 an dessen Sohn Ludwig IV. Bon Karl dem Dicken an machte B. einen Theil der wieder unter einem Herrn vereinigten Staaten Karl des Großen aus, litt aber besonders unter Ludwig's Negierung viel durch die Einfälle der Ungarn. Mit Ludwig IV. war 911 das karolingische Geschlecht ausgestorben, und Arnulf II., der Sohn des bair. Feldherrn Luitpold, seit 907 Markgraf und Befehlshaber, nahm mit Zustimmung des Volks die herzogliche Würde und souveraine Gewalt an, als „aus Gottes Vorsehung Herzog von Baiern und der umliegenden Länder", wie er sich selbst schrieb. Nach seinem Streite mit dem deutschen König Konrad empfing er von diesem B-als Lehen. Unter seinen Nachfolgern war das Land der Schauplatz fortdauernder Kämpfe von außen und im Innern, unter denen wir der Empörung des^)falzgrafen Arnulf von Scheyern gegen den Herzog Heinrich I. und der Streitigkeiten Hemrich II. mit Otto und Hezilo gedenken. Wie das Deutsche Reich selbst oft mehre Könige neben- und widereinander hatte, so besaß auch B. mehre Male zwei Herzoge zugleich. Nachdem es durch die entvölkernden Kreuzzüge und den steten Wechsel der Herzoge, denen es von den Kaisern bald gegeben, bald genommen wurde, einige Jahrhunderte hindurch vielfach gelitten hatte, erhielt cs 1180 nach der Achtserklärung Heinrich des Löwen (s. d.) der bair. Pfalzgraf Otto von Wittelsbach (s.d.), ein Nachkomme des erwähnten Arnulfs, Grafen von Scheyern. Jedoch waren Steiermark, die welfischen Familiengüter und mehre bedeutende Ländereien, die letztem zu Gunstender Geistlichkeit, abgerissen worden. Der Herzog Otto von Wittelsbach, gest. 1183, ist der Stammvater des noch jetzt regierenden Hauses. Er und sein thätiger Nachfolger, Ludwig l-, vermehrten beträchtlich ihre Stammgüter; auch erhielt Letzterer von Kaiser Friedrich 1^. die Rheinpfalz zu Lehen. Er ward 1231, wahrscheinlich auf Anstiften des deutschen Königs Heinrich, über dessen Empörung gegen seinen Vater, Kaiser Friedrich II., der Herzog sich mißbilligend geäußert hatte, ermordet und hatte seinen Sohn, den Pfalzgrafen am Rhein, Otto den Erlauchten, zum Nachfolger. Unter diesem machten sich die Bischöfe unabhängig; doch ward das Gebiet des Staats nicht unbedeutend erweitert. Seine Hinneigung zum Kaiser zog ihm den päpstlichen Bannstrahl zu. Er starb 1253. Seine Söhne, Ludwig und Heinrich, regierten zwei Jahre gemeinschaftlich; 1255 theilten sie sich in das Land, sodaß Ludwig Oberbaiern mit der Rheinpfalz und Kurwürde, Heinrich aber, dessen Linie schon nach wenigen Jahren ausstarb, Niederbaiern erhielt. An Beide zusammen fiel die Erbschaft des unglücklichen Konradin von Hohenstaufen. Einer von Ludwig's beiden Söhnen, Ludwig, gelangte 1 314 zur Kaiserwürde..(S. LudwigIV., der Baier.) Dieser schloß 1329 zu Pavia mit seines Bruders Söhnen einen Theilungsvertrag, wonach die Erbfolge von Linie zu Linie, sowie das Wechseln der Kurstimme zwischen beiden Linien bestimmt wurde. Diese wechselnde Führung der Kurstimme hob aber schon die Goldene Bulle 1356 wieder aus und wies sie 47 * 7-tv Baiern (Geschichte) dem pfälzischen Geschlechts zu. Nach dem Erlöschen der niederbair. Linie verband Kaiser Ludwig nach dem Willen der Stände ganz Nicderbaiern mit Oberbaiern. Die Ansprüche der Pfalzgrafen am Rhein und der Herzoge von Ostreich wurden dabei nicht beachtet; sie erhielten blos 1348 eine Abfindung. Kaiser Ludwig, groß als Kaiser Deutschlands und groß als Regent von B., erwarb sich um sein Stammland unendliche Verdienste, indem er ein neues Gesetzbuch für Oberbaiern, eine Gerichtsordnung für Nicderbaiern einführte, München das Stadtrecht ertheilte und die innere Verwaltung ordnete. Unleugbar legte er aber durch seine Zurücksetzung der Pfälzer Linie den Grund zu dem Familienzwiste dieser und der bair. Linie. Kaiser Ludwig IV. starb am II. Oct. 1347. Er hinterließ sechs Söhne und ein reiches Erbe, das nicht nur aus B. bestand, sondern mit dem auch Brandenburg, die Holland, und seeländ. Provinzen, Tirol u. s. w. verbunden waren. Doch diese Provinzen gingen durch Theilungen und den Zwist der Linien bald verloren. Die meisten der von den sechs Brüdern gegründeten Linien starben schnell aus; die Linie München vereinigte das zerrissene Erbe zum Theil wieder. In der letzten Hälfte des 14. Jahrh. veranlaßten die wachsenden Bedürfnisse der Regenten die allmälige Ausbildung einer Art landständischer Verfassung. Die Stände bestanden aus den Prälaten, unter welchen die Landesuniversität den ersten Platz hatte und wozu viele Stifter und ein Großpriorat des Johanniterordens gehörten, aus der Ritterschaft und aus den Vertretern ansehnlicher Städte und Märkte. Ohne ihre Zustimmung durfte keine Steuer erhoben werden; sollte dies dennoch geschehen, so waten die Stände im 14. und 15. Jahrh. nicht selten in Vereine zusammen, um sich der Fode- rung der Regenten mit bewaffneter Hand entgegenzusctzen. Dieser als ein gutes Recht betrachteten Selbsthülfe wurde seit dem allgemeinen Landfrieden (1495) ein Ende gemacht. Vorher und nachher wußten aber die Stände die Verlegenheiten der Fürsten zu benutzen, um sich weitere Vorrechte zu verschaffen und alle Last auf die nicht vertretene Masse des Volks zu wälzen. Von 1542 an kamen zu den Grundsteuern noch die ständischen Bewilligungen indirecter Abgaben. Im I. 1506 hatten sich die oberbair. und niederbair. Land- stände zu einer Landstandschaft vereinigt und Herzog Albert IV. von der münchener Linie, von den Nachtheilen der bisherigen öfter» Theilungen überzeugt, errichtete mit Einwilligung seines Bruders Wolfgang und der Landstände eine pragmatische Sanction, worin die Primogenitur eingeführt und die jährliche Abfindung der nachgcborenen Söhne bestimmt wurde. Albert starb 1508. Von seinen drei Söhnen, Wilhelm IV., Ludwig und Ernst, sollte Wilhelm die alleinige Negierung erhalten > doch nach manchen Streitigkeiten kam es zu einer gemeinschaftlichen Regierung Wilhelm's IV. und Ludwig's von 1515 bis zu Ludwig's Tode im I. 1534. Beide Fürsten leisteten der Reformation, die auch in B. zahlreiche Anhänger fand, den kräftigsten Widerstand. Luther's ergrimmtester Widersacher, Johann Eck zu Ingolstadt, lebte unter ihrem Schutze und schon 1541 wurde den Jesuiten freundliche Ausnahme zu Theil. Wilhelm starb 1550. Sein Sohn Albert V., der Großmüthige, begünstigte gleichfalls die Jesuiten, war aber auch freigebiger Beförderer der Wissenschaften und Künste. Auf der trienter Kirchenversammlung ermächtigte er seinen Gesandten, den Genuß des Abendmahls unter beiderlei Gestalt vorzuschlagen. Von seinen drei Söhnen folgte ihm 1579 Wilhelm V., genannt der Fromme, der schon 1596 seinem ältesten Sohne, Maximilian!., die Regierung überließ und sich in die klösterliche Einsamkeit zurückzog. Mit seiner Genehmigung hatte sich sein Bruder Ferdinand mit Maria Peterbeck, der Tochter eines Nentschreibers in München, verheirathet, deren Kinder vom Kaiser zu Grafen von Wartenberg ernannt wurden. Maximilian I., mit seltenen Gaben ausgestattet, war di- Seele der gegen die Union der Protestanten sich bildenden Ligue. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde er vom Kaiser Ferdinand II. 1623 mit der pfälz. Kurwürde und dem Erbtruchseßamte belehnt und Beides 1628 auf die ganze Wilhelm'fche Linie ausgedehnt. Der westfälische Friede sicherte Maximilian (s.d.) die fünfte Kurwürde und den Besitz der Oberpfalz, gegen Verzicht auf das wegen 13 Mill. liquidirter Kriegskosten verpfändete Oberöstreich, wogegen eine achte Kur für die pfälz. Linie errichtet und deren Nachfolge in Würden und Ländern, nach dem Erlöschen der Wilhelm'schen Linie, festgesetzt ward. Maximilian starb am 27. Sept. 1651 nach 55jähriger Regierung. Unter seinem friedlichen und spar- Baiern (Geschichte) 741 sawen Nachfolger, Ferdinand Maria, wurde >669 der letzte und nur noch schwach besuchte Landtag gehalten, indem die Ausübung der Rechte desselben fortan auf einen ständischen Ausschuß, Landschaftsverordnung genannt und zunächst nur auf neun Jahre gewählt, über- ging. Auf Ferdinand Maria folgte nach dessen Tode imJ. 167 9 sein Sohn Maximilian Ema- nuel in der Regierung und erklärte sich im span. Erbfolgekriege für Frankreich. Daher ward nach der Schlacht beiHöchstädt, >70-1, B. vom Kaiser als erobertes Land behandelt, der Kur- fürst 1706 geächtet und erst im Frieden zu Baden 1711 wieder in seine Länder eingesetzt. Ihm folgte 1726 Karl Albert in der Kurwürde. Dieser nahm nach Kaiser Karl's VI. Tode und dem für den König von Preußen glücklichen Anfänge des ersten schlesischen Kriegs gegen Maria Theresia die ganze östr. Erbschaft in Anspruch mit Berufung auf den Ehevertrag zwischen dem Herzog Albert V. und dessen Gemahlin Anna, Kaiser Ferdinand's I. Tochter, der auch durch Ferdinand's Testament bekräftigt worden war. Darin soll es ausdrücklich geheißen haben, daß Anna, oder deren Nachkommen, alle östr. Staaten erben sollten, wenn Ferdinand's Stamm ohne männliche Erben aussterbcn würde. In Wien behauptete man dagegen, es stehe in jenem Vertrage: «ohne einige Erben", und dann war das Recht auf Maria Theresia's Seite. Karl Albert erwarb sich mit Gewalt der Waffen ganz Oberöstreich, nahm 1711 den Titel eines Erzherzogs von Ostreich an, ließ sich in demselben Jahre nach der Einnahme von Prag als König von Böhmen huldigen und ward sogar 1712 zu Frankfurt zum deutschen Kaiser als Karl VII. gewählt. Doch hiermit hatte er den Gipfel seines Glücks erreicht. Als er von Ostreich und Böhmen sich hatte huldigen lassen, so ließ sich, nach der plötzlichen Wendung des Waffenglücks im 1.1713, Maria Theresia von B.s Stän- den und der Oberpfalz huldigen. Ungeachtet der zwischen ihm, dem Landgrafen von Hessen- Kassel und Friedrich II. 1711 geschlossenen Union und der Fortschritte der preuß,. Waffen, kam Karl besonders durch des östr. Feldherrn, Karl's von Lothringen, Talent und Übermacht abermals in die Lage, B. preisgeben zu müssen. Er erlebte das Ende des Kriegs nicht und starb am 20. Jan. 1715. Sein Sohn und.Nachfolger, Maximilian Joseph III., der anfangs auch den Titel eines Erzherzogs von Ostreich angenommen hatte, versöhnte sich mit Ostreich einige Monate darauf zu Füssen am 22. Axr. 1755, trat der Gewährleistung der pragmatischen Sanktion bei, sicherte dem Gemahl Maria Theresia's seine Stimme zur Kaiserwahl zu und erhielt dagegen alle von Ostreich eroberten bair. Lande zurück. Maximi- lian Joseph widmete sich nun ganz dem Bestreben, sein Land glücklich zu machen. Acker- bau, Gewerbfleiß, Bergbau, Gerichtspflege, Policei, Finanzwesen und Schulen wurden mit gleicher Umsicht und Eifer beachtet; die Wissenschaften erhielten 1759 einen Stütz- und Vereinigungspunkt durch die Stiftung der Akademie der Wissenschaften zu München, und die Künste fanden an ihm einen großmüthigcn Beschützer. Alle seit dem Vertrage von Pavia 1329 bestehende Erbverträge mit dem pfälz. Kurhause bestätigte er, der ohne Kinder war, und vergönnte noch vor seinem Tode dem Kurfürsten Karl Theodor von Per Pfalz die Rechte des Miteigcnthums. Sowol nach den Verträgen des Wittelsbach'schen Hauses, als nach der Bestimmung des westfälischen Friedens gehörte Hem Kurfürsten von der Pfalz unstreitig die Nachfolge in B., als mit dem Tode Maximilian Joseph's am 30. Dec. 1777 die wittelsbach-bair. Linie erlosch. Aber plötzlich trat Ostreich mit Ansprüchen auf Nieder- baiern hervor, die es noch vor einer bestimmten Erklärung mit den Waffen in der Hand durchsetzen wollte. Der kinderlose Karl Theodor ließ sich bereden, am 3. und 11. Jan. 1778 eine Übereinkunft zu unterschreiben, in welcher er auf die bair. Erbschaft förmlich verzichtete. Allein der Herzog von Zweibrücken erklärte sich als nächster Agnat und muthmaßlicher Erbe, durch Friedrich II. bewogen, gegen jenen Verzicht. Hierdurch wurde der bair. Erbfolge- krieg (s. d.) veranlaßt, der jedoch, noch ehe eine Schlacht geliefert worden war, hauptsächlich nach der Erklärung Rußlands wider Ostreich, durch den teschsner Frieden am 13. Mai 1779 beendigt wurde. Dem Kurfürsten von Pfalzbaiern wurde der Besitz B.s, von welchem Ostreich nur das Jnnviertcl mit Braunau erhielt (38 LIM.), auf die pfalzbair. Hausvcrträge zuge- sichert und verbürgt. Durch diese Vereinigung der bair. Lande erlosch zugleich, nach der Vorschrift des westfälischen Friedens, die achte Kurwürde. Doch 1781 erwachte wieder in Wien der Wunsch nach dem Besitze B.s, und man schlug einen Tauschplan vor, der schon im Anfang dcs Jahrh. iur Sprache gekommen war. Kaiser Joseph II. nämlich ließ dem 742 Baicru (Geschichte) Kurfürsten den Antrag machen, D. gegen die östr. Niederlande, mit Ausschluß Luxein- burgs und Namurs, gegen die Summe von 3 Mill. Fl. für sich und den Herzog von Zwei- brücken, und Annahme des Titels als König von Burgund zu vertauschen. Doch diese von Rußland begünstigten Unterhandlungen scheiterten an der Festigkeit des Herzogs von Zweibrücken, der aus Preußens Schutz rechnend erklärte, „daß er nie seine Einwilligung in eine Vertauschung seiner Erblandr geben werde". Der Ernst, mit welchem Friedrich l>. sich der Sache B.s annahm, da er einen solchen Tausch nicht nur als einen Bruch des teschener Friedens, sondern hauptsächlich auch als eine Verletzung des reichsverfassungs- mäßigen Gleichgewichts der deutschen Staaten betrachtete, verursachte, daß man in Wien jene Idee wieder fallen ließ und zugleich erklärte, „daß man an einem erzwungenen oder gewaltsamen Tausch nie gedacht habe und nie denken werde". (S. Fürstenbund.) Merkwürdig ward noch Karl Theodor's Regierung durch den in B. entstandenen Orden der Jl- luminaten (s. d.), den gegen diese geführten Proceß und den sich wieder emporhebenden Jesuitismus. Die Preßfreiheit ward unter diesen innern Kämpfen immer mehr beengt, und es drohte eine Zeit wahrer Verfinsterung einzubrechcn. Während des Revolutionskriegs litt die Pfalz sehr viel und 1796 ward B. selbst der Schauplatz des Kriegs. Mitten in dieser Krisis am 16. Febr. 1799 starb Karl Theodor, ohne Erben, sodaß mit ihm der sulzbachische Stamm des Pfalz. Hauses erlosch, und derHerzog Maximilian Joseph (s. d.) von Zweibrücken zum Besitz der gesammten bair. Lande und zur Kurwürde gelangte. Der Friede von Luneville am 9. Febr. 1861 machte dem wieder ausgebrochenen Kriege ein Ende, und sein hauptsächlichstes Ergebniß, die Abtretung des linken Rheinufcrs an Frankreich, hatte für B. die wichtigsten Folgen. Indem es auf der einen Seite die beträchtlichen Besitzungen auf dem linken Rheinufer verlor und überdies seine diesseit des Rhein gelegenen Pfalz. Lande abtrat, erhielt es dagegen durch dcnRcichsdeputationshaupt- schluß eine Entschädigung, wobei sein Gewinn 99^4 OM. mit 216606 E. betrug. Die politische Wichtigkeit, die B. für Ostreich wie für Frankreich hatte, trat beim Ausbruche des Kriegs von 1805 hervor. Als Ostreich sich rüstete, verlangte es zugleich vomKurfürsten von B., daß er alsbald seine Truppen mit dem östr. Heer vereinige, und verweigerte ihm die gewünschte Neutralität, die, wie Kaiser Franz am 3. Sept. 186-1 an den Kurfürsten schrieb, „Frankreich selbst auch nur so lange wirklich bestehen lassen würde, als es mit seinem Vortheile vereinbarlich sei". Doch B. fand cs seinem Staatsinteresse nicht angemessen, sich Ostreich hinzugeben. Beim Ausbruche des Kriegs vereinigte der Kurfürst gegen 36666 M. seiner Truppen mit den Franzosen. Der presburger Friede verschaffte dem Staate eine Vergrößerung von 566 OM. mit einer Mill. E., darunter den größer» Theil von Tirol, dem Kurfürsten aber die königliche Würde mit voller Souverainetät, wogegen dieser Würzburg abtrat, das statt des an Ostreich gefallenen Kurfürstenthums Salzburg zu einem besonder» Kurfürstenthum erhoben wurde. Jetzt setzte sich B., gleich Würtemberg und Baden, auch in den Besitz der in seinen Grenzen eingeschloffenen reichsritterschaftlichen Besitzungen. Das mit Frankreich neugeknüpste politische Band ward durch die Vermählung der Prinzessin Auguste, des Königs Tochter, mit Eugen Napoleon, dem zum Vicekönig von Italien ernannten Stiefsohne des franz. Kaisers, noch fester geknüpft. Unmittelbare Folge dieser Vereinigung war die Vertauschung von Berg, das B. an Napoleon abtrat, gegen Ansbach, das Preußen an Frankreich gegen Hannover überlassen hatte, und endlich der wichtigste Schritt, die Unterzeichnung der Nheinbundsacte am 12. Juli 1866, worin sich B. zur Stellung eines Bundescontingents von 36606 M., sowie zur Befestigung von Augsburg und Lindau verpflichtete, und sogleich am Kriege gegen Preußen Theil nehmen mußte. Schon die Säkularisation der Stifter im I. 1863 hatte in die alte ständische Verfassung eine Lücke gerissen. Viele der mit B. neuverbundenen Landestheile hatten schon als selbständige Staaten des Deutschen Reichs keine Landstände mehr, oder nie gehabt, wie Bamberg, Würzburg, Augsburg, Freisingen, Regensburg u.s. w. In den übrigen Landes- theilen wurden im Juni 1867 die den Anordnungen der Regierung oft hemmend cntgegen- tretenden Provinzialstände aufgehoben. Dagegen wurde für den Gesammtstaat vom >. Mai 1808 eine Constitution bekannt gemacht. In jedem Kreise sollten zufolge derselben aus den 266 reichsten Einwohnern sieben Deputirte auf sechs Jahre gewählt werden und Baiern (Geschichte) 743 zusammen die Reichsstände bilden. Diese Einrichtung, die nur eine Nachahmung des Schattenbildes der westfäl. Reichsständc war, kam aber nicht zum Vollzug, und daß sie nicht ins Leben trat, Warschon darum kein Nachtheil, weil in dieser Nationalrepräsentation keine freie DiScussion, sondern bloS stumme und geheime Abstimmung stattsinden sollte. Nach Beendigung des Kriegs von 1809 gegen Ostreich, der den Aufstand in Tirol unter Hofer entflammt hatte, erhielt B. weitere Vergrößerungen, theils auf Kosten Ostreichs, theils durch Tauschverträge mit Würtemberg und Würzburg. Als l 8 l 2 der Krieg zwischen Frankreich und Rußland ausbrach, stellte B. das vertragsmäßige Contingent aufs neue zur franz. Armee. Nur unbedeutende Trümmer kamen von 30000 Baiern im Frühjahre 1813 zurück. Doch stellte Maximilian Joseph, ungeachtet aller Schwierigkeiten, abermals frische Truppen unterNapoleon's Befehl, als dieser in den letzten Tagen des April den neuen Feldzug eröffneke. Nicht gering war der Verlust dieses Contingenks, bas unter dem Oberbefehle des Marschalls Oudinot mit gewohnter Tapferkeit in den Treffen von Luckau und Großbeeren sich auszeichnete. Da änderte sich plötzlich B.s politisches System. Während eine franz. Beobachtungsarmee bei Würzburg unter Augereau gebildet worden war, hatte sich ein bair. Beobachtungsheer am Inn einer östr. Heeresabtheilung gegenübergcstellt. Lange blieben beide Thcile unthätig. Der Abmarsch des Augercau'fchcn Corps, wodurch B. auf dem verwundbarsten Punkte preisgegeben wurde, beschleunigte den E'ttMuß des Königs. Der bair. General Wrede schloß mit dem östr. General Frimont am 8. Oct. zu Nied eine Übereinkunft ab, auf welche eine amtliche Erklärung vom 15. Oct. folgte, wonach sich der König von B. vom Rheinbunde lossagte und seine Streitkräfte gegen Frankreich wendete. Vermöge dieses Vertrags, worin dem Könige der bisherige Ländcrbesitz mit aller Souverainctät und für die Abtretungen, die er etwa an Ostreich machen würde, eine vortheilhafte Abrundung zugcsichert wurde, vereinigte Wrede mit seinem Corps das östr., zum Oberbefehlshaber für beide ernannt. In der Schlacht bei Hanau trafen die Franzosen zuerst mit den Baiern zusammen, und im ganzen Verfolg des Kriegs bis zum Frieden von Paris 1814 bewährten B.s Krieger den wohlerrungenen Ruf deutscher Tapferkeit. Beim Ausbruche des neuen Kampfes im J. 1815 trat der Kronprinz Ludwig an die Spitze des bair. Heers. Unterdessen hatte der Kongreß zu Wien, und namentlich die Bearbeitung der Deutschen Bundesacte, sowie alle die verschiedenartigen Interessen, die aus dem neuerste- hcnden europ. und insbesondere deutschen Staatensysteme hervortraten, der bair. Negierung hinlängliche Gelegenheit gegeben, auch ihre diplomatische Kunst zu entwickeln. B zeigte sich stets auf dem von ihm aufgefaßten Standpunkte eines unabhängigen, souverainen Staats. Nachdem es, in Folge des pariser Friedens vom 3V. Mai 1814, Tirol und Vorarlberg an Ostreich gegen Überlassung des Großherzogthums Würzburg und Aschaffenburg bereits abgetreten hatte, überließ es demselben vermöge eines am 14. Apr. 1816 abgeschlossenen Vertrags noch 1) die Theile des Hausruckviertels und das Jnnviertel, wie sie 1809 von Ostreich an B- abgetreten worden waren, 2) das Fürstenthum, Salzburg, mit Ausnahme der auf dem rechten stsfxr der S aftach und Saale gelegenen vier Ämter, und 3) das Amt Vils. Dagegen erhielt es den ganzen jetzigen Rheinkreis,'sowie die ehemaligen fuldaischen Bezirksämter Hammelburg mit Thulba und Saaleck, Brückenau mit Mollen, das Amt Weisers, ausgenommen die Dörfer Melters und Hattenrodt, dann einen Theil des Amts Bieberstein, und die Zusicherung, durch den bad. Main- und Tauberkreis und, »ach Aussterben der männlichen directen Linie des Großherzogs von Baden, durch die ganze bad. Nheinpfalz entschädigt zu werden. Nachdem aber der frankfurter Neceß von l8lg Badens Integrität festgestellt hatte, verlangte B. am 3. Juli 1826 eine Entschädigung für den einst von Baden an Frankreich abgetretenen Theil der Grafschaft Sponheim. (S. Baden.) Durch Maximilian Joseph ward am 5. Juni 1817 ein Concordat mit dem päpstlichen Stuhle abgeschlossen. Bei dem wiener Kongresse erklärte sich B. gegen die damaligen Versuche, eine Art Normalverfassung für die Landstände aller deutschen Staaten aufzustellen, erfüllte aber das Versprechen des 13. Art. früher und in größerm Umfange als andere Staaten, die sich damals durch großen konstitutionellen Eifer den Dankder deutschen Völker erwarben. Die bair. Verfassungsurkunde vom 26. Mai 1818, mit der vorangegangencn neuen 7i44 Baiern (Geschichte) Einrichtung der Gcmeindevcrfassung, begründet für das öffentliche Leben B.s einen neuen Abschnitt. Sie umfaßt, wenn man noch das Concordat von 1817 damit verbindet, alle Theile des öffentlichen Rechts. In der Frische des constitutionellcn Lebens offenbarte sich auf dem ersten Landtage, vom 4.Febr.—25.Juli 1819, bei den Abgeordneten zur zweiten Kammer eine beachtcnswcrthc Freimüthigkeit, varlamentarische Gewandtheit und Sicherheit, so- daß manches Heilsame wenigstens in Anregung gebracht wurde. Allein gegenüber der Volks- kammer sprachen die Reichsräthe in ihrer Antwort auf die Eröffnungsrede von einem wider den Thron anwogenden Volke, wogegen sie diesen zu schützen hätten, und schienen sich dadurch in eine Stellung zu versetzen, die sogleich auf Seite der Abgeordneten lebhaften Widerspruch erregte. Derselbe Neichsrath verwarf die Einführung der Kreislandräthe; auch über das Budget und ein Deficit von 2 Mill. Fl. bei einer Einnahme von 28 Mill. erhoben sich harte Kämpfe. Bis zur Wiederversammlung der Stände, vom Jan. — 2. Juni 1822, war inzwischen im Staatshaushalt größere Ökonomie eingeführt und die Einnahme,bis auf 34 Mill. gesteigert worden, sodaß sich statt des Deficits ein nicht unbeträchtlicher Überschuß zeigte. Dagegen fanden die Abgeordneten zum dritten Landtage, im 1.1825, Veranlassung genug, der Regierung die Kostspieligkeit ihrer Verwaltung und als Folge davon die seit 1820 unvermindert fortdauernde bedeutende Staatsschuldenlast zum Vorwurfe zu machen. Auch die Vernachlässigung der Bodencultur und des Justizwesens wurde vielfach getadelt, und lebhafter kam der Wunsch für die Öffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens zum Vorschein. Bald nach dem Schluffe dieses Landtags, am 13. Öct. 1825, starb Maximilian Joseph, und B. trat jetzt in eine neue Periode glänzender Hoffnungen im Anfänge der Regierung seines Sohnes und Nachfolgers Ludwig 's I. (s. d.). Mit großem Eifer wurden alsbald unter dem neuen Regenten wichtige Reformen und Reduktionen in der Civilverwal- tung und im Militairwesen vorgenommen und die im Mlitairetät gemachten Ersparnisse von 1 Mill. Fl. dem Schuldentilgungsfond zugewiesen. Auf der andern Seite zeigte sich die Kunstliebe des neuen Monarchen im wachsenden Aufwande für Prachtbauten aller Art, hauptsächlich zur Verschönerung der schnell in die Höhe getriebenen Residenz. Auch die Beförderung der Wissenschaften und eines freien geistigen Verkehrs schien sich Ludwig I. zur angelegentlichsten Sorge zu machen; die Censur für alle nichtpolitische Blätter wurde aufgehoben und die Universität Landshut reichlicher ausgestattet im J. 1827 nach München verlegt. In demselben Jahre kam am 12. Apr. der Handelsvercin mit Würtem- berg und Hohenzollern zu Stande. Aber gleichzeitig begann auch auf den Grund concordat- mäßiger Stipulationen die Herstellung mehrer geistlichen Orden und Klöster. Dem ersten Landtage unter der RegierungLudwig's I., von 1827—28, verdankt B. die Einführung des Instituts der Kreisstände oder Landräthe, sowie die Aufhebung der Militairgerichtsbarkeit in bürgerlichen Rechtssachen. Die Julirevolution hatte nirgend in B. eine Störung der äußerlichen Ruhe von einiger Bedeutung, wol aber eine allgemeinere geistige Aufregung zur Folge. Im Gedränge widersprechender Wünsche und Foderungen kam die Regierung in eine schwankende Haltung. Öhne directen Einfluß auf die Wahlen zum neuen Landtage von 1831 auszuüben, machte sie doch von ihrem Recht der Urlaubsverwcigerung gegen Abgeordnete aus der Claffe der öffentlichen Diener in sehr weitem Umfange Gebrauch, und die Mißstimmung steigerte sich, als am Vorabend der Ständeversammlung mit Überschreitung der Befugnisse der vollziehenden Gewalt eine die Preßfreiheit beschränkende Ordonnanz erlassen wurde. In diesen Schritten entdeckte man die deutlichen Spuren des Einflusses einer Ca- marilla, wogegen sich die Mehrheit der zweiten Kammer mit Nachdruck erhob. Endlich entschloß sich die Negierung zur Zurücknahme der anstößigen Preßordonnanz, zur Entfernung ihres Urhebers, des Ministers des Innern, von seinem Posten und zur Vorlage eines neuen Preßgesetzes. Letzteres war von der Art, daß man sich dasselbe in minder bewegter Zeit als Abschlagszahlung auf die gerechte Foderung der unverkümmerten Preßfreiheit wol gern bätte gefallen lassen; jetzt aber kam das Gesetz bei fortdauerndem Zwiespalt der Abgeordneten mit der ersten Kammer und mit der Regierung nicht zu Stande. Gleiches Schicksal hatte ein Gesctzesentwurf zur Beschränkung der Befugniß der Regierung, den Abgeordnete» aus dem Beamtenstande den Eintritt in die Kammer verweigern zu dürfen. Weitere Dis- Baiern (Geschichte) 745 ferenzen erhoben sich über mehre ohne ständische Verwilligung vorgenommene Ausgaben und bei der Verhandlung des Budgets von 1831—37, da sich die zweite Kammer für einige Ersparnisse, namentlich für eine kleine Verminderung der sehr bedeutenden Civilliste erklärte. Die Krone legte dagegen im Landtagsabschied eine Verwahrung der von ihr behaupteten Rechte ein. Der beständige Zwiespalt zwischen den drei Factoren der Gesetzgebung macht es erklärlich, daß der unter den größten Erwartungen begonnene Landtag von 1831 zwar viel zur Sprache, aber wenig zu Stande brachte. Während seiner Dauer, I.März—29. Dec., hatte sich indessen die bair. Presse, aus eine freisinnige Volkskammer gestützt, für kurze Zeit thatsächlich zu emancipiren gewußt. Nach seinem Schlüsse versuchte sie sich mit ihrer Opposition hauptsächlich noch in Rheinbaicrn unter dem Schutz der Gesetzgebung dieser Provinz; die Bewegung der öffentlichen Meinung steigerte sich, bis sie im hambacher Feste und gleichzeitigen ähnlichen Demonstrationen an andern Orten B.s ihren Gipfel erreichte. Jetzt aber entwickelte entschiedener auch die Regierung ein schon nach Beendigung des Landtags deutlich angekündigtes System der Reaction. Die kühnsten oder lautesten Wortführer der Opposition mußten in nicht geringer Zahl entweder in der Flucht ihr Heil suchen, oder das ihnen zur Last Gelegte durch lange Gefangenschaft, häufig auch durch Abbitte vor dem Bildnisse des Königs büßen. Erst in neuerer Zeit hat die Regierung Milderungen im Schicksale ihrer Staatsgefangenen (s. Behr) eintrcten lassen, ohne sich doch, nach dem Beispiele anderer Staaten, zur Ertheilung einer allgemeinen Amnestie entschließen zu können. Im 1.1832 ward der zweite Sohn des Königs, Otto (s. ).), durch den londoner Vertrag vom 7. Mai zum Könige von Griechenland ernannt. Zur Befestigung des neuen Throns wurden bair. Truppen dahin entsendet und vor der Abreise des jungen Königs schlossen Vater und Sohn am S. Dec. 1832 ein Schutz- und Trutzbündniß zwischen B. und Griechenland. Im folgenden Jahre, durch den Vertrag vom 15. Mai 1833, schloß sich B. mit Würtemberg dem deutschen Zollverbande an; in demselben Jahre ward der jetzt seiner Vollendung nahe Ludwigskanal zur Verbindung der Donau und des Main begonnen. Am Jahrestage des hambacher Festes kam es in und bei Neustadt zwischen Militair und Bürgern zu blutigen Auftritten. Die nach diesen letzten Spuren der Aufregung eintretende Erschlaffung des öffentlichen Geistes offenbarte sich schon deutlich in der Ständevcrsamm- lung vom 8. März—28. Juni > 831, obgleich die zweite Kammer größtentheils aus denselben Mitgliedern wie die von 1831 bestand. Fast alle Beschlüsse fielen im Sinn der Regierung aus; es wurden über 18 Mill. Fl. zum Bau der Festung Ingolstadt verwilligt und man verständigte sich über eine permanente Civilliste von etwas über 2,350,000 Fl. Jm J. 1835 wurde die Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth, die erste in Deutschland, eröffnet und 1840 die von München nach Augsburg; auch hierauf zur Fortsetzung dieser letztem Bahn in nördlicher und südlicher Richtung Einleitung getroffen und 1842 die sächsisch-bairische Bahn in Angriff genommen. Die im Aug. 1830 in einem Theile Altbaicrns, namentlich in der Hauptstadt ausgebrochene Cholera war wieder verschwunden, als sich am 11. Febr. 1837 ein neuer Landtag bis zum 4. Lov^versammelle, um Ich fast ausschließlich mit Gegenständen des materiellen Interesses zu beschäftigen. Im Staatshaushalt hatten sich bedeutende Überschüsse ergeben; doch kam es wegen ihrer Verwendung, wegen Überschreitungen der verwilligten Credite und wegen der ständischen Voranschläge des Ertrags mehrer indirecten Auflagen zu Differenzen mit der Regierung, die im Landtagsabschiede durch eine Verwahrung der Rechte der Krone das ständische Steuerverwilligungsrecht in sehr enge Schranken zu weisen suchte. Ihrerseits legten die Stände auf dem vom Jan. — Apr. 1838 versammelten Landtage Verwahrung gegen diese beschränkenden Versuche ein. Übrigens beschäftigte sich dieser Landtag, wie der vorhergehende, hauptsächlich mit Fragen des materiellen Wohls, wohin namentlich die Sanctionirung der bair. Wechsel- und Hypothekenbank gehört, endigte jedoch mit großer Aufregung, welche durch den Streit deS Ministers des Innern, von Abel (s. d.), mit seinem Vorgänger, dem Fürsten von Öttingen-Wal- lerstein (s. d.), hervorgerufen wurde. Vor und nach diesem Landtage war der wachsende Einfluß der hierarchischen Partei immer merkbarer geworden, wodurch bei Ständen, Krcis- räthen, Corporationen und Einzelnen lebhafter Widerspruch und mannichfache Reklamationen laut wurden. Besonderes Aufsehen machte die Verordnung über die Kniebeugung (46 Bailli Baillie protestantischer Landwehrnränner vor dem Venerabile. Auf dem Landtage von 1837 und schon auf dem von 1 83 l hatte die zweite Kammer gegen die weitere Vermehrung der Klöster und klostecähnlichen Institute Einsprache gethan; gleichwvl ist ihre Zahl in den I. l83t —40 von 42 auf 105 gestiegen. Der am l4. Nov. l842 einberufene Landtag zeigte na- mentlich in einigen Persönlichkeiten ein regeres Leben; aber freilich auch das unerfreuliche Beispiel, daß zwei pfälzische Deputirte wegen fortgesetzter Weigerung, in die Kammer ein- zutreten, von derselben ausgeschlossen werden mußten. Vorzugsweise zeichneten sich als Sprecher und ihre durch Anträge aus der Bürgermeister von Negcnsburg Thon-Dittmer, Schwindel und Bestelmcicr. Besonderes Aussehen erregte der von der ersten Kammer an- genommene, von der zweiten verworfene Antrag der Negierung wegen Wiederherstellung von Erbämtcrn und der von der zweiten Kammer angenommene, dagegen von der der Reichs- räthe abgcworfene Antrag wegen Abschaffung der Knicbeugung derprotestantischen Soldaten. Vgl. Büchner, ,Geschichte von B. aus den Quellen" (5 Bde., Negensb. 1820—31) nebst den dazu gehörigen „Documenten" (2 Bde., Münch. 1832 — 35), Zschokke, „Bair. Geschichten" (2. Aust., Aarau 1821), Männert, „Geschichte B.s" (2 Bde., Lpz. 1826), Klemm, „Geschichte B.s" (3 Bdchcn., Dresd. 1828), Böttiger, „Geschichte B.s" (Erl. 1832), Rudhart, Geschichte der Landstände in B." (2 Bdk.; 2. Aufl., Münch. 1810), „Sammlung bair. und landständischer FreiheitSbricfe" (Münch. 1794, 4.), „Landtagsverhandlungen von 1429—1513" herausgcgeben von Kremier (18 Bde., Münch. 1803 — 5) und die seit 1819 officiell herausgegebenen Verhandlungen der beiden Kammern der Ständevcrsammlung. Bailli im Französischen, Bailiff im Englischen, Lallivn, im Lateinischen, Balio im Italienischen und Bajulos im Griechischen bezeichnet überhaupt einen Vorsteher. Am griech. Kaiserhofe zu Konstantinopel hieß der Oberaufsehcr der kaiserlichen Kinder Bajulos. Denselben Titel scheint in Konstantinopel auch der Vorsteher der fremden Kaufleute geführt zu haben, den die Venetianer zu ernennen hatten, und von ihm mag der Titel Balio auf den venetian. Gesandten daselbst übergegangen sein. Durch den Johannikcrorden verbreitete sich der Name vallivus auch nach dem südlichen und westlichen Europa, indem die acht Mitglieder des Capitels desselben vallivi conventusli hießen, was dann wieder den Namen Ballei (s. d.) bei der Eintheilung seiner Besitzungen in Kreise veranlaßte. In Frankreich waren die königlichen Baillis früher zugleich Anführer des Heerbanns, Domainenverwalter und Richter des ihnen anvertrauten Bezirks. Später aber enthob man den königlichen Bailli der beiden letzter»Functionen, weshalb er nun vailli genhcit des Vortrags von zahlreichen Schülern besucht ward; indessen widmete er einen : Theil seiner Zeit auch der Praxis, und zwar mit nicht weniger glänzendem Erfolge, sodaß ihm bereits 1787 die Stelle eines Arztes am St.-Georgehospital übergeben ward. Hier- > durch erhielt er Gelegenheit, ein sorgfältiges Studium der pathologischen Anatomie zu trei- r ben und sich ein eigenes anatomisch-pathologisches Museum anzulegen, welches er zwei - Jahre vor seinem Tode dem Collegium der Ärzte zu London, dessen Mitglied er war, zum ! Geschenk machte. Im I. l 7 89 promovirte er zu London und begann nun die Bearbeitung , seines pathologisch-anatomischen Handbuchs, welches seinen Ruf auch im Auslande bcgrün- ' dete. Später häuften sich seine praktischen Geschäfte so sehr, daß er sich genöthigtsah, nicht ; . nur seine anatomischen Vorträge, sondern auch seine Stelle als Arzt am St.-Georgehospi- ' tal aufzugeben, um sich ganz der Praxis widmen zu können, in welcher er durch seine feine >- Diagnose ebenso sehr als durch die Leutseligkeit seines Betragens und seine seltene Uncigcn- 3 nützigkeit sich auszeichnete. Er ward Leibarzt der Prinzessin Charlotte von Wales und > consultirender Arzt des Königs Georg III. und starb am 23. Sept. 1823. Von seinen Wer- h ken erwähnen Wir „1'ko morbiel bumsn an-itomz' vf som« ok tüe mast important pari» l. »f tbs iiumgn bollx" (Lond. 1793, neuesteAufl. 1812; deutsch von Hohnbaum und Söm- ), merring, Bcrl. 182V), series ol eugravings to illustrate tde morl-itl snstom^ ok tk» iminnn (IO Hefte, Lond. 1799—1812, 4.), ,,I.ectiires an-) an. Auch mit Lcvasseur, Catel und Baudiot gab er eine Violinschule zum Gebrauch des g' Conservatoriums heraus, die er ebenfalls mit Übungsstücken begleitete, er Bailly (Jean Sylvain), Präsident der ersten franz. Nationalversammlung im I. m i789 und Maire von Paris, war daselbst am 15. Sept. 1736 geboren. Von seinemVa- le- ter, welcher Aufseher der königlichen Bildergalerie war, zum Maler bestimmt, folgte er indeß m seiner Neigung zu literarischen Beschäftigungen und versuchte sich zuerst in der Dichtkunst, l'g bis er mit Lacaille bekannt wurde, dessen Unterricht ihn ganz für die Ästronomie gewann, n, und den er 1763 nach dessen Tode in der königlichen Akademie der Wissenschaften ersetzte, lb Hierauf ließ ec seine „Observation» I„nsirez"(I 763), „siitoiles rncliaenles" (1764), ,,1'issai ie- sur los satellites Oe äupiter" (1766) erscheinen und 1771 seine Abhandlung über das von >r< den Jupiterstrabanten zürückgeworfene Licht, welches er ans eine sinnreiche Weise zu messen unternahm. Seine schön geschriebenen Lobreden auf Pierre Corneille, Karl V., Moliere, " Leibnitz, Cook, Gresset und Lacaille wurden sehr günstig ausgenommen. Seine „Uisinire r» l er jetzt Mitglied aller drei Akademien war, eine Ehre, die vor ihm nur Fontenelle widerfahren; ul' auch wurde er von der Regierung zum Mitgliede einer Commission ernannt, welche die Wir- w' kungcn des von Mesmer entdeckten thierischen Magnetismus prüfen sollte. B. stattete einen che Bericht darüber ab, der seiner Einsicht und Beurtheilungskcast große Ehre machte. Doch der von nun an riß die Revolution ihn aus seiner friedlichen Laufbahn. Von der Stadt Paris ßer am 12. Mai 1789 zum ersten Deputieren des Bürgerstandes für die allgemeine Stände- md ^ Versammlung ernannt, wurde er in der Versammlung selbst zum ersten Präsidenten er- wählt, was er auch blieb, nachdem die Deputieren sich zur National», rsammlung erklärt hatten. Als der König die Versammlung aufgehoben und den Versai-milungssaal hatte 748 Baini schließen lassen, war es B., der die Deputaten am 26. Juni I78S nach de», Ballhause führte, wo alle durch einen Eid gelobten, nicht eher sich zu trennen, bis Frankreich eine neue Verfassung erhalten habe. Nach der Stürmung der Bastille am 16. Juli xum Maire von Paris ernannt, verwaltete er auch dieses Amt mit gewohnter Redlichkeit und UneigennüHigkeit. Doch diese Privattugenden reichten nicht mehr hin, eine aufgeregte Volksmasse in Schranken zu halten, die abwechselnd dem Einflüsse entgegengesetzter Par- teicn preisgcgeben war. Die unzureichenden Mittel, welche er zur Erhaltung einer scheinbaren Ruhe anwendete, konnten wol den Ausbruch der Gährung verzögern, aber nicht ersticken; doch war es vielleicht auch schon zu spät zum kräftigsten Widerstande. Ein einziges Mal und bei der gerechtesten Veranlassung griff er zu gewaltsamen Maßregeln. Es geschah dies nach der Rückkehr Ludwig's XVl. von Varennes, als die erhitzten Massen am 17. Juli 1791 auf dem Marsfelde sich versammelten, um auf dem Altar des Vaterlandes eine Bittschrift wegen Absetzung des Königs zu unterzeichnen. Von Nationalgarden begleitet, begab er sich auf das Marsfeld und befahl den Aufrührern auseinanderzugehen, und als sie sich weigerten, ließ er sie zerstreuen. Die Nationalversammlung billigte sein Betragen; dennoch nahm er, da seine Stelle als Maire immer gefahrvoller wurde, seine Entlassung, worauf Petion (s. d.) sein Nachfolger wurde. Seiner geschwächten Gesundheit wegen zog er sich ganz von den öffentlichen Angelegenheiten zurück und lebte anfangs auf dem Lande in der Gegend von Nantes, und als die zunehmenden Unruhen ihm auch hier keinen sichern Aufenthalt gestatteten, bei seinem Freunde Laplace zu Melun. Hier wurde er in der Schreckenszeit, da er die Warnungen Laplace's vor ihm drohender Gefahr unbeachtet ließ, verhaftet, nach Paris gebracht, am 11. Nov. 1793 zum Tode verurtheilt und am 12. unter vielen Mißhandlungen hingerichtet. Während seiner Abwesenheit von Paris war besonders die Partei des Herzogs von Orleans bemüht gewesen, ihm allerlei Vergehungen aufzubürden. Die Verbrechen, die man ihm beimaß, waren die auf dem Marsfelde ergriffenen Maßregeln, die Offenheit, mit welcher er sich über die Grundlosigkeit der wider die Königin erhobenen Anklagepunkte geäußert hatte, und heimliche Verbindungen mit der königlichen Familie während ihrer Gefangenschaft. Er starb mit der ruhigsten Fassung. Aus seinen Papieren wurden herausgegeben „blsssi sur i'oriAine lies Isbles et 3) Anregung und Gelegenheit fand, und vor Allem die „lUemoris storico-criticlls clella vito e (Iclle npero <>v. Uier- Inigi tl» kÄlestrilm etc." (2 Bde., Nom 1828, 3.) eine bleibende Stelle in der musikalischen Literatur. Dieses letztere Werk, wie manche Einseitigkeiten und Mängel, namentlich im Betreff ausländischer Werke und Meister ihm auch zur Last fallen mögen, enthält einen reichen Schatz der wichtigsten, großentheils neuen historischen und literarischen Notizen auch der vorpalestrinischcn Zeit, und wird bei der Unzugänglichkeit der Quellen, aus denen B. schöpfte, für lange Zeit als Hauptquelle gelten. Die deutsche Ausgabe desselben mit Berichtigungen und Erläuterungen von Kandier, hceausgegcben von Kiescwettcr (Lpz. 1833), ist um so verdienstlicher, als das nur in sehr beschränkter Auflage gedruckte Original bald nach seinem Erscheinen bereits zu den Seltenheiten gehörte. Einen Auszug desselben mit kriti- Baireuth Bajaderen 749 schen Bemerkungen gab auch Wintcrfcld (Brest. >832) heraus. Seit 30 Jahren sammelt er zu einer Ausgabe der Werke Palestrina's. Er starb am io. Mai 184-1. Baireuth, die Hauptstadt des bair. Kreises Oberfranken und des ehemaligen Für- stcnthums (s. Ansbach), Sitz der Kreisbehörden, mit Ausnahme des Appellationsgerichts, liegt >050 F. über dem Meere am linken Ufer des Rothen Main, in einer reizenden und fruchtbaren Gegend. Es hat breite und regelmäßige Straßen; die Vorstädte und da- Städtchen St.-Georg am See, wo einZuchthaus, eine Irrenanstalt, Glasschleiferei, Marmor- und Spiclkartcnfabrik sich befinden, mitgerechnet, 13000 E.; ferner ein Gymnasium, ein schönes Schloß, wo der Prinz Pius, der Sohn des Herzogs Wilhelm von Baiern- Birkenfeld, abwechselnd mit Driesdorf bei Ansbach, residirte, ein Schauspielhaus, eine Münze und sehr schöne Kasernen. Die Fabrikthätigkeit ist gerichtet auf Bergwerksproducte, Taback, Pfeifen, Töpferwaaren, Tuch, Leder und Pergament. In der Nähe der Stadt liegen die Lustschlösser Sansparcil undPhantasie (jetzt Eigenthum und Lieblingswohnsitz des Herzogs Alexander von Würtemberg), das blühende Dorf Alt-Baireuth und eine Meile davon das Lustschoß Eremitage, insgesamt glänzende Zeugnisse langer Herrschaft prachtliebender Fürsten. In B. lebte bis zu seinem Tode im 1.1825 Jean Paul in anspruchloser Umgebung; die ihm daselbst 1841 errichtete Statue ist eine Zierde der Stadt. Bairischer Htksel, eigentlich Matthias Kl ostermeier, ein Räuberanführer, der ganz Baiern und die benachbarten Länder eine Zeit lang in Furcht und Schrecken hielt, war aus Kissingen in Baiern gebürtig und 1738 geboren. Von Jugend auf roh, ungestüm und wild, wußte er auch, als er die Jahre der Mannbarkeit erreicht, sich nicht in die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens zu schicken und wurde Wildschütz. Als solcher erwarb er sich mehre Jahre seinen Lebensunterhalt und machte alle Forstbeamte Baierns zittern vor seinem Namen, da er sie mit furchtbarer Grausamkeit behandelte, sobald sie ihm in den Weg kamen, und oft auch aus reinem Ubermuth sie aufsuchte. Immer mehr jedes Gefühl abstumpfend, ward er endlich zum gemeinen Räuber und sammelte nun eine Bande um sich, meist aus dem Bauernstände, zu größer« Unternehmungen. Fast ebenso gefürchtet wie er selbst war sein Hund Tyras, der nie von seiner Seite wich. Nachdem er eine Reihe gräß- licher Unthaten verübt, ward er nach hartnäckiger Gegenwehr mit einem Theile seiner Bande 1771 eingefangen und hierauf in Dillingen hingerichtet. Baisse heißt im Französischen das Sinken des Curses der Staatspapiere oder Aktien, dann das Herabdrücken derselben; daher Baisseur ein Börsenspekulant, der auf das Fallen der Papiere rechnet. Baize oder Beize nannte man die ehedem übliche Jagd mit abgerichteten Raubvögeln, namentlich Falken (s. Falknerei) und Sperbern, aus Hasen, Hühner, Reiher u,s. w. Der bei dieser Jagd zum Aufsuchen und Aufjagen abgerichtete Hund hieß Bai zh und. Bajaderen heißen mit einem aus dem portug. imilacleira, d. i. Tänzerin, entstellten Namen die öffentlichen Tänzerinnen und Sängerinnen in Indien, die in zwei große Elassen zerfallen, deren jede'mehre Unterabtheilungen -zählt. Zu der ersten Elaste gehören die dem Dienste der Tempel und Götter geweihten, zu der zweiten die im Lande umherziehendcn Tänzerinnen. Die erstem, die man Devadasi, d. i. Göttersklavinnen, nennt, unterscheiden sich nach dem Range der Familie, aus der sie stammen, nach der Würde der Gottheit, der sie sich weihen, und nach dem Ansehen und Reichthum des Tempels, dem sie angehö- ren, in zwei Rangclassen. Die des ersten Ranges werden aus den angesehensten Familien der Vaisyakaste, wozu die reichen Landeigenthümer, Grundbesitzer und Kaufleute gehören, gewählt, die des zweiten aus den vornehmsten Sudrafamilien, die unfern Handwerkern entsprechen. Nur Mädchen, die noch im Alter der Kindheit sich befinden undffrei von allen körperlichen Gebrechen sind, werden als Devadasis ausgenommen, und die Altern müssen durch feierlichen Vertrag auf alle ihre Rechte an dem Kinde Verzicht leisten, das nun zunächst den nöthigen Unterricht erhält. Die Devadasis haben bei Festen und feierlichen Umzügen ihres Gottes das Lob desselben zu singen, seine Thaten und Siege zu preisen und vor demselben herzutanzen, die Blumenkränze zu flechten, mit welchen die Götterbilder vcr- ziert werden, überhaupt alle niedern Dienste im Tempel und für die Priester zu verrichten. Dagegen sind sie ausgeschlossen von dem Dienste bei den eigentlich heiligen Religionsccre' 750 Bajä monien, z. B. Lodtenopfern, Brandopfern u. s. w. Dic Devadasis ersten Ranges wohnen innerhalb der-Ringmauern des Tempels und dürfen diesen ohne besondere Erlaubniß des Oberpriesters nicht verlassen. Sie können ihr ganzes Leben hindurch im jungfräulichen Stande bleiben; doch steht es ihnen auch frei, sich einen Liebhaber innerhalb oder außerhalb des Tempels zu wählen, wenn er nur den obern Kasten angchört; ein Liebesverhältniß aber mit einem Manne niedern Standes wird mit großer Härte bestraft. Erhalten sie Kin- der, so werden die Mädchen in dem Gewerbe der Mutter erzogen, die Knaben aber zu Mu- sikcrn gebildet. Die Devadasis zweiten Ranges unterscheiden sich im Ganzen wenig von denen des ersten Ranges, nur daß sie nicht so gebunden sind, weil sie außerhalb der Tempel wohnen. Täglich muß eine bestimmte Zahl derselben der Reihe nach den Dienst im Tempel versehen; bei öffentlichen Proccssionen aber müssen sie alle erscheinen. Sie tanzen und singen nicht allein vor den Götterbildern, wofür sie ein bestimmtes Einkommen an Reis und Geld erhalten, sondern werden zu gleichem Zwecke auch bei andern Feierlichkeiten, z. B. Hochzeiten, Gastereien u. s w. von den Vornehmen berufen. Alle Devadasis verehren als ihre besondere Schutzpatrouin die Göttin Rambha, eine der schönsten Tänzerinnen im Pa- radiese des Indra; ihr und dem Gotte derLiebe werden jährlich imFrühjahr Opfer gebracht. Wesentlich verschieden von den Devadasis sind die Tänzerinnen, die, frei im Lande umher- ziehend, nur bei Privatfestlichkeiten herbeigerufen, in den Tschultriß oder öffentlichen Herbergen die Fremden unterhalten,, und bald Nati oder in der gewöhnlichen Form Ratsch, bald Kuttani, bald Sutradhari, je nach der verschiedenen Kunst, in der sie sich gerade auszeichnen, benannt werden. Einige derselben leben unabhängig beisammen in Truppen von zehn bis zwölf Köpfen, ziehen im Lande herum und theilen ihren Gewinn mit den Musikanten, die sie begleiten. Andere stehen unter der Aufsicht von Dayas oder alten Tänzerinnen, die allein allen Gewinn ziehen und diesen Mädchen dafür nur Kost und Kleidung ge- ben. Noch andere sind wirkliche Sklavinnen solcher alten Weiber, welche sie in ihren jünger» Jahren durch Kauf oder Annahme an Kindesstatt an sich gebracht und in ihrer Kunst unterrichtet haben. Zu einer dieser Gattungen gehörten jene Bajaderen, die im I. 183v die Hauptstädte Europas besuchten. Außer den genannten gibt es noch mancherlei Arten Tänzerinnen, Tänzer und Sänger, welche meist alle umherwandernde Truppen bilden; dahin gehören namentlich die Bikar, welche die Kriege der Götter besingen. Die Tracht der Bajaderen ist originell und nicht ohne verführerischen Reiz. Ihre Tänze entsprechen nicht Dem, was wir unter Tanz zu verstehen gewohnt sind; es sind vielmehr Pantomimen, deren Erklärung in den Gesängen liegt, die die begleitenden Musiker recitiren; es sind meist die Themas der glücklichen oder verzweifelnden Liebe, der Eifersucht, der Erwartung des Geliebten u. s. w. Europäische Reisende sprechen mit großer Begeisterung von dem Reize dieser Pantomimen ; nach Dem aber zu urtheilen, was die vorerwähnten Bajaderen bei ihrem Austreten in Europa geleistet, muß man diese Schilderungen für sehr übertrieben halten; denn bei großer körperlicher Gewandtheit fehlte ihren Bewegungen Anmuth und Grazie. Basä, eine kleine Stadt an der Küste Campaniens, in der Nähe von Neapel, wo jetzt das Castell Baja, ein Werk des Vicekönigs Peter von Toledo, sich befindet, war einst seiner reizenden Lage wegen der Ort, wo die vornehmen und reichen Römer während des Sommers sich aufhielten und prächtige Landhäuser besaßen. Den Reiz und Glanz der Stadt erhöhten die warmen Bäder, die jedoch von den Römern nicht sowol der Gesundheit wegen, als vielmehr zur Befriedigung der Wollust benutzt wurden. Daher hielten sich hier die Ambubajen, eine Art syrischer Lustdirnen in Rom, am liebsten auf, und es war der Ort schon zu den Zeiten der Republik so in Verruf gekommen, daß Cicero in seiner Vertheidigung des jungen M. Cölius sich rechtfertigt, daß er eines Menschen sich annehme, „der kein Gelag ausschlage, der sogar schon B. besucht habe". Ebenso kann der Dichter Properz seine Geliebte nicht schnell genug von diesem gefährlichen Aufenthalte, „der viele Liebende schon zur Trennung gebracht habe", zurückrufen. Die Schweseldämpfe der heißen Quellen erzeugten schon in den frühesten Zeiten in B. eine ungesunde Lust, die jetzt bei der Unbewohntheit der Gegend und bei der Versumpfung der Wasserabzüge bedeutend zugenommen hat. Noch jetzt sind die . Trümmer der Bäder und Paläste, namentlich unter den Wellen des Meers sichtbar, da I 751 Bajazet Bujus man, um nur Platz zu Gebäuden zu gewinnen, selbst ins Meer hineinbaute. Eine sehr an- jiehende Schilderung des alten B. gibt Zell in seinen „Ferienschriften" (Freiburg 1826). Bajäzet oder Bajasid I., türk. Sultan, gcb. 1347, folgte 1389 seinem Vater Murad I., der in der Schlacht bei Kossova gegen dir Serbier geblieben war. Den Weg zum Thron hatte er sich durch die Erdrosselung seines altern Bruders Jakob gebahnt. In drei Jahren eroberte er die Bulgarei, einen Thcil Serbiens, Macedoniens und Thessaliens) auch unterwarf er sich die meisten Staaten Kleinasiens. Wegen der Schnelle dieser außerordentlichen Eroberungen erhielt er den Beinamen „der Blitz". Selbst Konstantinopel schloß er zehn Jahre hindurch ein, um es durch Hunger zu bezwingen. Die Stadt zu retten, brachte König Sigismund von Ungarn, der nachmalige deutsche Kaiser, ein großes Heer zusammen, bei welchem sich auch franz. Truppen, namentlich 2666 Edclleute, unter der Anführung des Herzogs von Nivey befanden, und griff die an der Donau gelegene Stadt Nikopolis in der Bulgarei an. Allein B. eilte herbei und errang über die verbundenen Ungarn, Polen und Franzosen am 28. Sept. 1396 einen entscheidenden Sieg. Sigismund entging verkleidet durch eine schleunige Flucht der Gefangenschaft; die Franzosen aber, durch deren ungestüme Hitze die Schlacht verloren ging, wurden gräßtentheils gefangen und fast alle hingerichtet. Jetzt würde B. das griech. Kaiserthum gestürzt haben, wenn er nicht durch Timur (s.d.), der seine Besitzungen in Natolien angriff,' am' 16. Juni 1461 bei Angora in Galatien eine gänzliche Niederlage erlitten hätte. Er selbst fiel in die Gewalt seines Besiegers, der ihn jedoch mit Großmuth behandelte; denn die Erzählung, daß er von demselben in einem Käfig herumgeführl worden sei, ist ohne historischen Beweis. B. starb 1463 in Timur's Lager in Karmanien, und ihm folgte in der Regierung sein Sohn Soliman I. Bajazzo, von dem ital. Kaja, d. i. Spaß, oder bsjsccis, d. i. schlechter, einfältiger Spaß, nach Andern, jedoch minder passend, von psgliajo, d. i. Häckerling (franz. p»il- Insse, d. i. Strohmann, Pickelhäring) abgeleitet, weil der Pagliazzo oder Pajazzo, wie man ihn nannte, ausgeschnittenem Stroh habe schlafen müssen, heißt bei Seiltänzern, Akrobaten, Kunstreitern und andern herumziehenden Gesellschaften der Spaßmacher und Possenreißer, auf deutsch Hanswurst. Flöget führt seinen Ursprung wie den der verwandten Harlekins, Pulcinells, Kasperls, Pickclhärings,Jack Puddings u. s.w. auf die Atellanen zurück. Sein Costum nähert sich dem des Pierrot (s. d.). England, dann Italien haben die zahlreichsten und besten Bajazzos aufzuweisen gehabt. Bajus (Michael), eigentlich de B ay , einer der größten Theologen der katholischen Kirche im 16. Jahrh., war 1513 zu Melun im Hennegau geboren. Er studirte zu Löwen, wurde 1556 Professor der Theologie daselbst und war 1563 und 1564 bei der Kirchenver- sammlung zu Trient. Durch ihn wurde die systematische Theologie, mit Beseitigung der scholastischen Methode, unmittelbar auf die Bibel und die Kirchenväter gegründet. Die Schriften des heil. Augustinus hatte er neunmal gelesen und bewegte sich daher ganz in dem Jdeenkreise dieses Kirchenvaters, dessen Lehren von der gänzlichen Unfähigkeit des menschlichen Willens zum Guten und VM ddr UnverdienMchkeir guter Werke er gegen die gefälligere Moral der Jesuiten zuerst geltend machte. Die Behauptung, daß der Wille des Menschen, so lange er sich selbst überlassen wäre, nur sündigen könne, daß auch die Mutter Jesu nicht frei von Erb-und wirklicher Sünde gewesen, daß jede Handlung, die nicht aus reiner Liebe zu Gott entspringe, Sünde, und daß kein Werk der Buße zur Rechtfertigung des Sünders wirksam, sondern daß Alles allein der GnadeGottes in Christo zu verdanken sei, und andere Lehren zogen ihm Verketzerungen von Seiten der alten Scotisten und besonders der Jesuiten zu, die es ungeachtet der Gunst, in der B. am span. Hofe stand, doch endlich dahin brachten, daß 1567 durch eine päpstliche Bulle 76 seiner Sätze, darunter auch einige des Augu- stinus, verdammt wurden. Um doch etwas gethan zu haben, unterwarf sich B.; beharrte aber nach wie vor bei seinen Lehren, daher auch die Verfolgungen gegen ihn nicht nachließen. Da indeß die theologische Facultät zu Löwen ganz auf seiner Seite war, so blieb er nicht nur in seinem Amte, sondern wurde auch 1575 zum Dechant zu St.-Peter und 1578 zum Kanzler der Universität ernannt. Der König von Spanien übertrug ihm sogar das Amt eines Generalinquisitors in den Niederlanden. Er starb am 16. Dec. 1589 mit dem Ruhme großer Gelehrsamkeit, reiner Sitten und seltener Bescheidenheit. Seine Augustinischen An- 752 Bake Baktrien sichten, die man damals Ba; anismus nannte, erbten auf die Jansenisten fort, als deren Vorläufer er anzusehen ist, und unter ihren Händen erhielten sie eine dem Jesuitismus und den Misbräuchen der Papstgcwalt furchtbare Bedeutung. (S. Ianse n.) Seine Schriften, meist polemischen Inhalts, wurden von Gerberon (2 Bde., Köln 1696, 4.) herausgegeben. Bake (John), einer der tüchtigsten Philologen Hollands und trefflicher lat. Stilist, geb. zu Leyden am I. Sept. 1787, wurde 1815 außerordentlicher und 1817 ordentlicher Professor der griech. und röm. Literatur in seiner Vaterstadt. Mt Geel, Hamaker und Peerlkamp gab er die höchst tüchtige „kibliotbeca critic» novr»"(5 Bde., Leyd. >825—31) heraus. Von bedeutendem Werthe sind seine „8cb»Iica lixpomnemnta" (2 Bde., Leyd. 1837—39), eine Reihe meist philologischer Aufsätze, hauptsächlich Bemerkungen zu Cicero, die von ebenso viel Scharfsinn als ausgebreiteter Belesenheit zeugen und die feinsten Beobachtungen enthalten; ihnen folgte die Ausgabe des Cicero „De legibus" (Leyd. 18-12). Beachtenswerth sind auch noch seine Reden „I>e principum trsgicorum meritis, praeser- tim Liiripidis" und „De custodia veteris doctrinae et elegsutise, praecipuo grammatici vfllcio", beide abgedruckt in den „banales acsd. Imgd. Lat." (1815 und 1818). Bakewell (Robert), ein berühmter engl. Landwirth und Viehzüchter, geb. 1726 zu Dishley in der Grafschaft Leicester, gest. 1795, »»achte sich besonders durch seine Versuche mit Veredelung der Hausthiere verdient. Da er die Beobachtung gemacht, daß bei denThie- ren die Nachkommen den Altern in ihren Eigenschaften fast ganz glichen, so schloß er, daß man, wenn die ausgezeichnetsten und nutzbringendsten Racen und Exemplare miteinander gepaart würden, endlich einen Viehstamm erhalten müsse, der alle wünschenswerlhe Eigenschaften in sich vereinigte. Aus solche Weise brachte er es in der Veredelung der Hausthiere so weit, daßman ihmI76v für einen Hammel drei Guineen und für einen während der Sprungzeit vermietheten Widder 25 Guineen zahlte. Mit der Zeit vermehrte sich aber der Ruf seiner Heerde so, daß man ihm 1795 für die Sprungzeit eines Widders 400 Guineen und mehr zahlte. Mit dem besten Erfolge wurden B.'s Bemühungen in der Veredlung der Dishley- Schafracc, in der des langhörnigen Rindviehs und in der Veredelung der großen, starken Pferde, die besonders zum Kriegsdienste und für Brauereien geeignet sind, gekrönt. Seine Beschäler waren so gesucht, daß er für einen Sprung hundert und mehr Guineen erhielt, und seine Pferde ernteten die allgemeinste Bewunderung. Hauptgrundsah bei der Veredelung war, einen Schlag hervorzubringen, der von einer gegebenen Menge Futter das meiste und beste Fleisch ansetzte. Seine Erfahrungen legte er in der „vomestical enc>clopsedia" (Bd. I) nieder. Baktrien hieß im Alterthume das Land zwischen dem westlichen Theile des indischen Kaukasus (Hindu-Kuh), dem Paropamisus und dem Fluß Oxus (Amu oder Gihon), der es von dem nördlichem Sogdiana schied, das jetzige Balkh (s. d.). Die Baktrier bildeten mit den Persern und Medern einen Zweig des indogerman. Völkerstamms, den arischen oder persischen, auch nach der gemeinsamen Zendsprache das Zendvolk genannt. B. war in uralter Zeit das Hauptland eines mächtigen Reichs, das sich noch weiter über Ostpersien ausbreitete, von dessen Geschichte unS aber außer der sagenhaften Kunde von einem Zuge, den Ninus und Semiramis gegen dasselbe unternahm, fast nichts überliefert ist; mit dem medischen Reiche, zu dem es, wie es scheint, später gehörte, ward es unter Cyrus ein Theil des von diesem gegründeten persischen. Die altpers. Religion war in B., das schon früh als ein Sitz der Cultur, und dessen Hauptstadt Baktra, jetzt Balkh, ein wichtiger Platz für den Handel des inner» Asiens war, zuerst ausgebildet worden; sie ward ebenda von den Entstellungen, die sie durch die Magier erfahren hatte, durch Zoroaster (s. d.) gereinigt, dessen Lehre wir aus den heiligen Schriften der Parsen, der Zendavesta (s. d.), kennen. Mit dem übrigen pers. Reiche ward auch die Satrapie B. von Alexander dem Großen unterworfen, der daselbst Städte gründete und 14000 Griechen zurückließ, durch welche eine neue Civilisation in diesen Gegenden vermittelt ward. Nach Alexander's Tode erhielt bei der Versammlung von TriparadisuS im I. 321 v. Chr. Stasanor aus Soli sowol B. als Sogdiana; aber schon bei dem indischen Zuge Seleukus' I. im I. 307 v. Chr. waren beide Länder mit dem syr. Reiche vereinigt. Unabhängig von diesem machte sich in B. unter Antiochus II. Theos tf. Antiochus) der Statthalter Theodotus oder Diodotus 1. im I. 2 5 6 und ward so der Begründer eines griech. Reichs in Binnenasien, des neubaktrischen, das sich unter mannich- Balancirstange Balbi 753 fachen Schicksalen anderthalbhundert Jahre erhielt. Euthydemus, der auf Theodotus H. folgte, um 220—190, ward von Antiochus dem Großen bei dessen Auge gegen Indien be- siegt, aber zur Hut gegen die nördlichen Nomaden, die über Sogdiana sich ausgebreitet hat» ten, im Befiß des Königthums gelassen. Sein Sohn Demetrius und dessen Nachfolger Eukratides, gest. 147, dehnten das Reich gegen Süden über den Paropamisüs aus, und hier am Kabulfluß und Indus erhielt sich, obwol von Westen her durch dieParther bedrängt, die griech. Herrschaft, nachdem sie im eigentlichen B. von scythischen Stämmen, namentlich den Sakern, bei deren Zusammentreffen mit den Parthern im I. 127 v. Chr. zerstört worden war. Vornehmlich Menander scheint sie daselbst, nach 126, wieder befestigt und aus- gebreitet zu haben; nach seinem Tode erlag sie, wol unter dem König Hermäus um daS I. 90, jenen Sakern, die nun längs des Indus bis zu seiner Mündung ein indo-scythisches Reich gründeten. Für die Geschichte des neubaktrischen Reichs waren lange Zeit spärliche Notizen bei den alten Schriftstellern die fast alleinige, höchst ungenügende Quelle; erst in den beiden letzten Jahrzehnden ist eine zusammenhängendere und genauere Kenntniß derselben möglich gemacht worden durch eine große Anzahl griech.-baktrischer Münzen, die zugleich mit indo-scytHischen^ Saffaniden-, indischen und indo-mohammedanischen Münzen in Afghanistan' in sogenannten Lopes, d.ch. GrabbtzgA^ gufgessmden worden sind. Sie liefern eine Reihe Königsnamen und geben durch ihre Zeichen und Inschriften auch mannichfache andere Ausschlüsse über die politische und die Culturgeschichte jenes griech. Reichs. Auf denen des Eukratides erscheint zuerst neben der griech. eine fremde Sprache, die sich als ein Dialekt des Sanskrit erweist, deren Schrift aber Alphabeten phönizischen Ursprungs angehört; aber das Griechische erhält sich noch lange auch auf den Münzen dcr scy- thische» Herrscher, durch welche demnach die griech. Cultur nicht sofort untergegangcn zu sein scheint. Über diese Münzen, die auch franz. und deutsche Gelehrte, wie Raoul Rochette, Lassen, Grotefend, Otfr. Müller mehrfach beschäftigt haben, sowie über die sich aus ihnen ergebenden Resultate vgl. H. Wilson, „Xnana emtigua" (Land. 1841). Balancirstange nennt man die an den Enden mit Blei ausgegossene hölzerne Stange, deren sich die Seiltänzer bedienen, um im Gleichgewicht sich zu erhalten. Balanen, Meereicheln oder Entenmuscheln, sonst ihrer äußern Bekleidung wegen zu den vielschaligen Weichthieren gerechnet, sind Gliederthiere, welche große Verwandtschaft mit den niedrigem Formen der Krustenthiere (Krebse) haben, zwölf Paar gewimperte fußähnliche Organe besitzen (daher der Name Cirrhopoden, Rankenfüßler für ihren Stamm) in einem vielschaligen Kalkgehäuse angewachsen und stets an andere Gegenstände befestigt sind, entweder mit Stiel (Entenmuscheln), oder ohne solchen (Meereicheln). Sie kommen nur im Meere vor, an Felsen, Schiffskielen, auf andern Muscheln, auf großen Fischen u. s. w. Von einer nordischen Art fabelte man ehedem, daß sie sich in die Barnakelenteverwandele. In Chile gibt es sehr große eßbare Arten. ist zu Familie. In Italien gewann er 1808 gleich durch seine erste geographische Arbeit so viel Gunst, daß er Lehrer der Geographie am Collegium S.-Michele zu Murano, dann 1811 Lehrer der Physik am Lyceum zu Fermo wurde und 1813 einen Ruf nach Padua erhielt, wo eigenes für ihn ein Lehrstuhl der Statistik gegründet ward. Die politischen Ereignisse verhinderten ihn jedoch, dieses Amt anzutreten und auch seines Amtes in Fermo wurde er von der päpstlichen Regierung als Ausländer 1815 entsetzt, worauf er bei der Zolldirection in Venedig Anstellung fand. Familienangelegenheiten führten ihn, da seine Gattin früher in Lissabon gelebt, 1820 nach Portugal. Im folgenden Jahre ging er nach Parks, um hier den Druck seines mit Benutzung der Archive ausgearbeiteten „Lssai statistigue sur ls roxamne cke I?ortiixsl et 6'^Igarve" (2 Bde., Par. 1822) zu besorgen, der besonders wegen der Rückblicke auf die Zeit der Römer wie auf den geistigen Culturzustand des Landes wcrthvoll ist. In Paris lebte er bis 1832 und stand mit Maltebrun in Verbindung, aus dessen Papieren er in Gemeinschaft mit Larenaudiere und Huot den „Iraite elomcutaire Oe ßeograpkis" (2 Bde., Par. 1830—31) herausgab. Sein „^tlas etd>»»gr»pliiyiie 6» gloke." (Par. 1826) zcich- Conv.-Lex. Neunte Aufl. I. 48 754 Balboa Balbnena net sich durch die reichen Zusammenstellungen und Übersichten aus, bei denen auch auf die deutschen Forschungen Rücksicht genommen und unter Andern, auf vergleichende Sprach- künde eingegangen ist. B.'s bekanntestes Werk ist indeß der „^Krege <1e geogrspkie" (3. Aust.,Par. 1838), deutsch bearbeitet von Andrer (2 Bde., Braunschw. 1833-3-1) und von Cannabich (2 Bde., Güns 1834). Außerdem lieferte er in pariser Zourualen eine Menge Aussätze, die reich an Materialien sind, sowie eine Reihe statistischer Tabellen über einzelne Länder, z.B. Persien (1827). Im Z. 1832 kehrte er nach Padua zurück, wo er den „Lssai sur les bibliotköyues cke Vienne" (Wien 1835) erscheinen ließ und neuerdings eine Sammlung seiner „8critti geograkei", die bis zum fünften Band (Turin 1842) gediehen ist. Balböa (Vasco Nunez de), nach dem Urthcile der besten span. Historiker einer der merkwürdigsten und achtbarsten Konquistadoren (Entdecker), geb. 1475 zuLerez-de-Badajoz, führte in seiner Jugend ein ziemlich lockeres Leben, ging nach S.-Domingo und schloß sich dort, wie die Sage geht, um seinen Gläubigern zu entgehen, in einem Fasse in das Schiff eingeschmuggelt, der Expedition an, welche Francisco de Enrico 151v gegen Dänen führte. Einer der Ausstände, welche di« Eroberung Amerikas so häufig bezeichnen, verschaffte B. den Oberbefehl über die neue Colonie. Dunkle Nachrichten von einem großen westlichen Ocean bewogen ihn l 513 auf Entdeckung ausznziehfn. AmTT.^ept. dieses Jahres erblickte er wirklich das Meer von einer Bergspitze des Isthmus von Panama; sein gerechter Enthusiasmus über diese große Entdeckung theilte sich allen gebildeten Zeitgenossen mit, und die bei den Qucllenschriftstellern verkommenden Schilderungen desselben liest man selbst noch gegenwärtig mit Interesse. Jntriguen am span. Hofe verschafften dem Pedrarias Davila den Befehl über die von B. eroberten Landstriche. B. unterwarf sich 1514 dem neuen Gouverneur, einem engherzige» und grausamen Manne, und unternahm in untergeordneter Stellung noch mehre glückliche Eroberungen; allein diese und andere Verdienste vermehrten nur den geheimen Haß des Pedrarias Davila gegen ihn. Die Regierung des Mutterlandes suchte zwar zu vermitteln, B. heirathete sogar die Tochter des Pedrarias, allein von diesem bei erster Gelegenheit verlockt, sich selbst zu überliefern, wurde er der Absicht der Rebellion angeklagt und unter lautem Jammer des Volks und mit Verletzung aller rechtlichen Formen, in S.-Maria-del-Darien 1517 enthauptet. Balbuena (Don Bernardo de), einer der ausgezeichnetsten epischen Dichter der Spanier, wurde 1 568 zu Valdepcnas in der Provinz Manch« geboren. Noch sehr jung kam er nach Neuspanien, wo er in einem Collegium Mexicos seine theologischen Studien vollendete. Schon damals zeichnete er sich nicht nur durch seine Kenntnisse, sondern auch durch seine Anlage zur Dichtkunst vortheilhaft aus, indem er in den dort häufig abgchaltenen poetischen Wettkämpfen meist den Preis errang. Im 1.1668 kehrte er nach Spanien zurück; kurze Zeit nachher wurde er zum Propst auf Jamaica und 1626 zum Bischof von Puorto- rico ernannt. Er starb daselbst 1627. Von seinen Werken haben sich nur drei erhalten: „Ls Frsnckers mejicsns" (Mcx. I66S), eine poetische Beschreibung dieser Hauptstadt; „LI sißla ckeoro" (Madr. 1668), eine Schäfernovelle in Prosa und Versen, und „LI Lernarcko, 6 «ca la victoria 6 rommen- äataire. Abbitte. Abbot (Charles), s. Col- chester.. Abbreviatoren. Abbreviaturen. Abbt (Thomas). A-b-c-bücher .. . "7777.. Abchasten. Abdallah.. Abdampfen . Abdecker. Abd-el-Kader. Abdera. Abdication. Abdominaltyphus ...... Abegg (Jul. Friedr.Hcinr.) Abel. Abel (Niels Henrik).... Abel (Karl von). Abeliten. Abenceragen. Abend. Abendmahl (das heilige).. Abendmahlsgerichte, s. Or- dalien. A. Seite Seite Seite 1 Abendschulen. 23 Abrantes (Andoche Junot, Herzog von—Napoleon) 35 Aden Esra. — — Abensberg. — Abrantes(JosephineJunot, — Abenteuerlich. 24 Herzogin von). Abercromby (James — Abravanel (Jsaak-ben-Je- — Ralph). — huda — Jehuda Leone) — 5 Aberdeen. 25 Abraxassteine. 37 — Aberdeen (George Gordon Abruzzen. — — Graf von). — Absalon, Erzbischof, s. 38 — Aberglaube. — Axel. 7 Aberli (Joh. Ludw.). - - - 26 Absceß. — — Abernethy (John). — Abschatz (Hans Aßmann 39 — Aberration, s. Abirrung des Lichts. Freiherr von). — — Abschichtunq.. — — Aberwitz. — Abschied. — — Abführen. — Abschnitt. — 8 Abgaben s. Steuern-... 27 Abschoß. — — Abgar . — Absolut. 49 9 Abgott. — — Abaüsse. — 10 Abhärtung. 28 — Abildgaard (Sören—Pet. Christian — Nicol. — Abrah.). — — intestato, (.Erbfolge. 29 Abiponer. — 11 Abirrung des Lichts. — — Abklatsch. — — Ablactiren.. — — Ablaß. — 12 Ableger. 3l — Lbleitende Methode. — 13 Ablösung, s. Grundeigen- — thum. 32 — Abmeierungsrecht. — — Abnorm—Abnormitäten — 10 Abo. — — Abolition, s. Begnadi- — gungsrecht. 33 17 Aboriginer. — — Abplattung der Erde... - — 18 Abracadabra. — — Abraham. 34 19 Abraham a Sancta Clara. — — Abrahamiten. — — Abrahamson (Wern. Hans 20 Friedr. — Joh. Nicol. Benj.). 35 23 Abramson (Abraham)--- — Absolution Absolutismus. 4l Adsorbentia. — Abspannung-.--. — Abstand. — Abstcigung, s. Aufsteigung 42 Abstimmung. .... — Abstract. — Absurd. 43 Absyrtlls, s. Argonauten. — Abt. — Abubekr. 44 Abukir. — Abulfeda (Ismail). 45 Abulghazi Behadur. — Abulie. — Abuschähr.. — Abwechselung. 46 Abweichung. — Abweiser. — Abwesenheit. — Abydos . — Abyssinien. 47 Abzugsgeld. 49 Acapulco.. — Acca. 5» Acceleration. — Accent. ....... ^ Xccentu» eccivsiastiri .. 52 Acccpt, s. Wechsel und Wechselrecht... — 48 * 756 Verzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. Seite Accesston. 52 Accesfit. 53 Accidens. — Accise. — Acclimatisation. ^— Accommodation. 54 Accompagnement, s. Begleitung. 55 Accord. — Accreditiren. 56 Accusationsproceß, s. Anklage . 57 Acerbi(Giuseppe—Enrico) — Achäer. — Achaja. — Achaltsiche.. 58 Achard (Franz Karl).... 59 Acharius (Erik). — Achelous. — Achenwall (Gottfr.—Sophia Eleonora). 60 Acheron, Acherusia. — ^-oKsvai-Stellungen... — Achilles. — Achilles Tatius. 6k Achmed I.— II.—lkl.... 62 Achromatisch. — Achse. 63 Acht. — Acker.. 64 Ackerbau. 65 Ackergcräthe.. 68 Ackergcfttze, s. Agrarische Gesetze.. 69 Ackerkrume.. Ackermann (Konr. Ernst — Sophie Charl. — Charl.). — Ackermann (Rud.). 70 Acosta (Gabriel). — Acre (St.-Zean d'), s. Acca 71 Act. ... — ^ct, Xcte und Acte. — ^ota Ülruäitorum. 72 ^ota 8snctorum. — Acten. 73 Actenversendung. — Actie und Actienwesen. - - - 74 Action.. 76 Actium.. 77 Activ und passiv. — Acton (Joseph, Fürst).... — Actor — Actorium. 78 Actuarius.. — Acupunctur. — Acutus, s. Accent. 79 Adagio. — Adalbert.. — Adalbert der Heilige. — Adalbert (Erzbischof).... 80 Adam. — Adam von Bremen. 81 Adam (Albrecht).. — Adam (Charles Adolphe) - — Seite Adamberger (Maria Anna 82 Adamianer. Adamiten. Adams (John Quincy)-. Adams (Samuel). 84 86 Ädamspik—Adamsspitze - — Ädanson (Michel). 67 Ndka .. 88 Addington (Henry),s.Sid- Addison^Jos.). Adel. Adelheidsquelle. At>e7«Lette .. 94 Adelung (Ich. Christoph) Adelung (Friedr. von). - - NNen . 95 Adept, s. Alchemie. Aderlaß, s. Blutentzie- 96 Hungen. — Adern. — Adersbacher Gebirge - - -. — Adhäsion, Adhäsionsproceß — Adiaphora. — Ädilen.. 87 Adjectiv. — Adjoint. — Adjudication. — Adjunctus. 88 Adjustiren..— Adjutant. — Adler. — Adlersparre (Georg, Graf — KarlAug.). 99 ^6 libitum. ,... 100 Admetus. — Administration. 101 Admiral. — Adolf von Nassau. — Adonai. 102 Adonis. — Adonisch. 103 Adoptianischer Streit ... — Adoption. — Adrastea. 104 Adrastus. — Adresse. — Adrianopel. 105 Ldriatisches Meer. — Adular. 106 Adule.... Advent. - - > Adverbium Adversaria Advocat -. Advocatenvereine. 109 t4äv»«»t> «eelesiae, s. Schirmvögte. 110 Xclvocatus üisboli.— Seit« Aerianer. IIO Aedon. — Aer, Aerodynamik. III Aerostat. — Aeson. 113 Äetes. — Affaire. — Affe. - Affect. 114 Affectation. — Affection. — Affenbrotbaum. — Afsiliirte. 115 Affinität. — Affirmativ.. .. — Affry (Ludw. Augustin Phil., Graf von). — Affüte, Affütage, s.Laffete — Afghanistan. — Afra.119 Afrancesados, s. Josesinos — Afranius (Lucius). — Asranius (Lucius). — Afrika. 120 Afrikanische Gesellschaften 129 Afrikanischer Krieg. 130 After. 131 Asterlehen. — Afzelius (Adam — Johan — Pehr von — Anders Erik—Arvid Aug.)--. — Aga. 132 Ägadische oderauch ägati- sche Inseln. — Agamemnon. — Aganippe. — Ägäon. - 133 Agapen, s.Liebesmahle... — Agardh(KarlAdolf—Jak. Georg). — Agassiz (Louis). — Agathias. 135 Agathodämon, s. Dämonen — Agathokles. — Agathon. 136 Agave. — Agelaus. — Agende, s. Kirchenagende. — Agenor . — Agent, s. Gesandte.137 Agesilaus. — Ägeus. — Aggregat.138 Agilolfinger. — Agincourt (Jean Baptiste , LouisGeorgesSerouxd') — Ägide. — Ägina. — Agio, Agiotage.HO Ägisthus. — Agitator. — Aglaia-... . — Aglaophamos. — Agnano. — Agnaten. >11 1 Verzeichniß der im erste» Bande enthaltenen Artikel. 757 Seite UgneS, die Heilige. 141 Agnes von Ostreich. — Agnes, Gräfin von Orla- münde. — Agnesen-Rollen. — Ägnesi (Maria Gaetana— Maria Theresia). — Ag nition. 142 Agnoeten, s. Monophysiten — Agnus Dei. — Agon—Agonostiker. — Ägos-Potamos. — Agra. — Agram. — Agrarische Gesetze.143 Agricola (Cnejus Julius) — Agricola (Georg). — Agricola (Joh.). — Agricola (Joh. Friedr,) :^ 144 Agricola (Martin)...... — Agricola (Rud.). — Agriculturchemie. >45 Agricultursystem, s. Phy- siokratisches System . - — Agrigent. — Agrionia. 140 Agrippa (Marcus Bip- sanius). — Agrippa(CorneliusHeinr.) — Agrippina.^. 147 Agronomisch. — Agrypnie. — Agtcleker Höhle. — Aguado(AlexandreMaria) — Ägypten. 148 Ägyptische Augenentzün - .. düng . 157 Ägyptische Mythologie-- — Ahasverus, s. EwigerJude 161 Ahlwardt(ChristianWilh.) — Ahnen — Ahnenprsbe--- — Ahnung. — Ahorn. 162 Ahriman, s. Dämon. — Ahumada ( Don P edro Giro«, Marqmsdelas Amarillatz, Herzog von) — Aichen oder eichen. 163 äe camp. — Aiäs-toi et Iscielt'aiäera — Aiguillon (Armand Big- nerot Duplessis Richelieu, Herzog von — Ar- mandVignerotDuplessis) — Aireph, s. Sabbath. 164 Äitzema (Lieuwe van) ... — Air. — Ajaccio. 165 Ajax. — Akademie. — Akademien.167 Akalephen. — Akarnanien. 168 Akastus. — Akatholiken. — Seite Akazie. >68 Akbar. 169 Akenside(Marc).--. — Akephalen, s. Mollusken.. — Akephali. — Äkerblad (Joh. Dav.)... — Akiba. 170 Akiurgie. — Akjerman. — Akoemeten. 171 Akoluthen. — Akotyledonen s. Kryptogamen . — Akridophagen. — Akriflus. - Akrostichon. — Aktäon. — Aktinien. — Akustik. 172 Akute Krankheiten., 173 Alabama. — Alabaster. 174 Älandsinseln. — Alanen. — Alarich. 175 Alarm. — Alaun. 176 Alava. — Alava (Don Miguel Ricardo dei. 177 Alba. — Alba (Ferd. Alvarez von Toledo, Herzog von). - — Albalonga. 179 Albani (Francesco). — Albani (Giov. Franc. — Annibale — Alessandro Carlo—Giov.Franc. — Giuseppe). — Albania. 180 Albanien. — Albano. 181 Albany. 182 Albany (LuiseMarie Karo- line, od.Aloysia, Gräfin) — Albatros. — Albemarle (Herzog von) s. Monk (George). 183 Albergati Capacelli(Fran- cesco). — Alberoni (Giulio). — Albert (der Große). 184 Albert (Herzog von Sachsen-Teschen. — Albert(Wilh.Jonath.Karl, der nicht gestorben ist — Ludw. von, der 1836 starb). 185 Alberti (Leo Battista).. - — Albertrandy (Jan Baptist) 186 Albertusthaler. — Albigenser. 187 Albini (Franz Jos. von) — Albinos, s. Kakerlaken... 188 Seite AlbinovanuS (C. Pedo).. 188 Albinus (Beruh. Siegfr.— Friedr. Bernh.). — Albion. — Llbion, s. Wittekind. — Albo(Jos.). - Alboin. 188 Albrechtl. >89 Albrecht II.. 190 Albrecht II., Herzog von Ostreich. — Albrecht der Unartige ... 191 Albrecht der Beherzte... - Albrecht der Bär. 192 Albrecht (Erzbischof).... — Albrecht (Wilh. Eduard)>93 Albrechtsberger (Joh. Licora).. 194 Albuera. — Albufera. — Album. — Albuquerque (Alfonso von) — Albus. I9S Alcala de HenareS. — Alcalde. — Alcantara . — Alcäus. — Alcestis. — Alchemie. — Alciati (Andrea). >97 Llcibiades . — AI «des, s. Hercules..... 198 Alcinous . . — Alciphron . — Alcudia(Manuel deGodoy, Herzog von). 199 Alcuinus. 290 Aldegonde (Herr vonMont Saint-), s.Marnix(Phi- lippvon).'. — Aldegrever (Heinr.). — Aldenhoven. 201 Alderman. — Aldinen.. — Aldini (Antonio, Graf von — Giovanni).202 Aldvbrandinische Hochzeit — Ale. 203 Alekto, s. Eumeniden.... — Alemannen. — Alembert (Jean leRond d') — Alenxon. 205 Llentejo. — Aleppo. — Alesia.. . - Aleffandri (Alessandro). 206 Lleffandria. — Alessi (Galeazzo). — Aleuten.207 Alexander der Große.... — Alexander Severus.210 Alexander 1. bis VIH. (Päpste).211 758 Verzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. Seite Alexander Newskoi.211 Alexander 1. 212 Alexander aus Aphrodisias 216 Alexander von Hales.... — Alexandersbad. — Alexandria. — Alexandriner. — Alexandrinische Bibliothek 218 Alexandrinischer Codex.. 219 Alexandrinischer Dialekt. — Alexandrinischer Krieg... — Alexandrinische Schule... — Alexandrinische Übersetzung, s. Septuaginta. 221 Alexei Petrowitsch. — Alexianer, s. Lollharden.. — Alexipharmaka. — Alexisbad. — AlexiusKomnenus, s.Kom- nenen. — Alfieri (Vittorio, Graf).. — Alfons HI. 223 Alfons X. — Alfort. 224 Alfred. — Algarbien. 225 Algardi (Alefsandro).... — Algarotti (Francesco, Graf). — Algebra. 226 Algebraische Gleichung. ^ 227 Algen, s. Kryptogamen .. — Alhambra. 239 Ali ben Abi Taleb.240 Ali. — Älianus (der Taktiker).. 241 Älianus (Claudius). — Alibaud (Louis). 242 Alibi. — Alicante. — Alighieri, s. Dante. — Alimente. — Aliquot. 243 Alkali. — Alkalimeter. >— Alkaloide. — Alkmaar. 244 Alkman. — Alkmäon. — Alkmene. — Alkohol. 245 Alkoran, s. Koran. — Xllsbrevo. — Allah. — Allahabad. 246 Allard. — Alle für Einen und Einer für Alle, (.Solidarisch. 247 Alleghany, s. Apalachen.. — Allegorie. — Allegorische Auslegung... — Allegri (Antonio), s. Correggio . 248 Allegri (Gregorio). — Seite Allegro. 248 Allemande. 249 Allexchristlichste Majestät — Allergetreuester.... — Allerheiligen. — Allerheiligstes. — Aller Seelen. — Allia. — Allianz. — Alligationsrechnung .... 250 Alligator, s. Krokodil... — Allioli (Jof Franz). - Alliteration. — Allix (Jacq. Alex. Franx.) 251 Allmanden. — Allobroger. — Allocution. — Allodium. — Allopathie. 252 Allori (Alessandro — Cri- stoforo). — Alluvionsrecht,s.Accession — Almaden. — Almanach. — XImsrco. — Almeida. — Almendingcn (Ludw. Harscher von). 253 Almodovar (Don Jldefonso Diez de Ribera, Gras von). — Almosen. — Almosenier.254 Aloe. — Aloger. — Aloiden. — Alopecie. — Alp. — Alp oder Alpdrücken.... 255 Alpacas. — Al psri. — Alpen. — Alpenpflanzen.262 Alpenstich.263 Alpenwirthschasten. — Alphen (Hieronymus van) — Alpheus. 264 Alraunen. — Alt. — Altai. 265 Altar. — Altdorf. 266 Altdorfer (Albrecht). — Alten (Karl Aug., Graf von). — Altenburg.267 Altenstein. — Altenstein (Karl, Freiherr von Stein zum). 268 Altenzelle. — Alters psr» ketri.269 Alter eg». — Alternative. — Alterniren. 270 AltersfolgederGebirgsarten — Seile Alter Stil. 270 Alterthum. — Althäa. 272 Althaldensleben. Althorp (Biscount), s. Spencer (George John, Graf).. Altona. Altranstädt. Altwasser. 273 Alvarez (Don Jose—Don Anibal). — Alvensleben (Albrecht, Graf von). 274 AIxinger(Joh.Baptistvon) 275 Amadeisten, s. Francis - caner. — Amadis. — Anralfi.^-.. 277 Amalgam. — Amalia (Anna). — Amalie (Marie Friederike Auguste). 278 Amalthea. — Amaranth. — s. Ahumada (Don Pedro Giron, Marquis de)-- 279 Amathos. — Amati. — Amaurosis, s. Staar.... — Amazonen. — Ambassadeur, s. Gesandter — Amberg. — Amberger (Christoph)... 280 Amboina. — Amboise. — Ambra. — Ambras. — Ambrosi (Podobjadow).. — Ambrosia, s. Götterspeise. 281 Ambrosianische Bibliothek — Ambrosius. — Ambulance. 282 Ameisen . . ...... — Ameisenbär.283 Ameisenlöwe..... — Amelungen. — Amen. — Amendements. — Amenorrhoe. — Amenthes. — Amerighi, s. Caravaggio (Michel Angela da). - - — Amerigo Vespucci. — Amerika. 284 Amethyst. 294 Amianth. — Amici (Giovanni Battista) — Amiens. 295 Ämilius (Paul.—Ämilius Paulus Macedonicus). — Amiot. 29k Amman. — Amman (Joh. Konr.).... — Berzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. 759 Seite Seite Seite Amme. 296 Analeptika. Andronicus, s. Livius An- Ammianus Marcellinus.. — Analogie. dronicus. 338 Ammon. 297 Analysis. Androphagen, s. Anthro- Ammon (Christoph Friedr. Analytik. pophagen. — von — Friedr. Wilh. Anam. Andros. — Phil, von). — Anämie. Äneas. — Ammon (Friedr. Aug. von) — Anamorphose. Äneas. 339 Animo» (Karl Wilh. — Ananas . Äneas Sylvius, s. Picco- Georg Gottlieb). 299 Anapäst, s. Rhythmus.. . - lomini. — Ammoniak. 300 Anaphora. Anekdota. — Ammoniten. — Anarchie. Anekdote. — Ammoniter. — Ammonium. — Ammonius. — Amnestie. 301 Amnium. 302 Amöneburg. — Amor. — Amoretti (Carl^—Maria Pellegrina). — Amortisation. 303 Amos. — Ampel. — Ampelius (Lucius). — Ampere (Andre Marie). - Ampere (Jean Jacques). Amphiaraus. Amphibien.. Amphiboli. Amphibrachys, s.Rhythmus . Amphion.... Amphitheater Amphitrite-. > Amphitruo... Amphora.... Amplification. Ampulla. — Amputation. 308 Amsdorf (Nik. von). — Amsler (Samuel). — Amsterdam.. 309, Amt der Schlüssel. 311 Amu, s. Aralsee. — Amulet. — Amusetten. — Amyklä. 312 Ana. — Anabaptisten, s. Tauf- gesinnte Anacharsis Anachoreten Anachronismus. 313 Anadyomene. — Anagogische Auslegung.. — Anagramm. — Anakephaläosis, s. Rekapitulation . — Anakoluthon. — Anakreon. — Anakrusis. 314 Analekten . — Anasarka. — Anastast (Bratanowski).. 3IS Anästhesie. — Anastomose. — Anastrophe. — Anathema. — Anatocismus. — Ana tomie- -. — Anaxagoras.... 323 Anaximander. 324 Anaximenes. — Ancelot (Jacq. Arstne Po- lycarpe Frans.— Vir - Anemone Anemoskop. Änesidemus. 340 Anerbe. — Aneurysma. — Anfossi(Pasquale). — Angeboren. 341 Angelfischerei. — Augelico (Fra Giovanni), s. Fiesole. — Angeln. — Angelsachsen. 342 Angelus Silesius. 343 — ginie) . — Angely (Louis). — — Anceps. 325 Angenehm. — 304 Anchises. — Angerona. 344 .. ^ — Anciennetät. — Angers. — - 305 Ancillon (Dav.—Chart— Angiologie. — Ludw.Friedr.—Friedr.) — Anglaise. — — Anchovis. 326 Anglesey (Henry William 306 Anckarivärd (Karl Henrik, Graf). 327 Paget, Graf von Ux- bridge, Marquis von).. — — Ancona. — Anglikanische Kirche, s. — Ancre (Baron von Lussigny, Hochkirche. — — Marschall d'). 328 Angora.- — — Ancyra, s. Angora. 329 Anqouleme (Louis Antoine 307 Andacht. — deBourbon,Herzog von) 345 — Andalusien... — Angouleme (MarieTherese — Andante. Charl.» Herzogin von) 346 Andechs. Anden, s. Cordilleras de los Andes .. — Anderloni (Pietro—Fau- AL^7^77»?3I Andersen (Hans Christian) — Andocides. 332 Andorra. — Andover. 333 Andrada (Familie,Jos.Bo- nifacio—Antonio Carlo —Francesco). — Andre (Christian Karl— Rud. — Emil). 334 Andreä (Jakob). 335 Andreä (Joh. Valent.)... — Andreas. 336 Andreossy (Antoine Fran- svis, Graf). — Andrieur (Frans. Guil- laume Jean Stanislas) 337 Andromache. — Andromachus . 338 Andromeda. — Angriff. Angst. 349 Anhalt. — Animismus.. 353 Anis. — Anjou. — Ankarström(Joh.Jak-).. 354 Anker. — Anker (Bernhard). 355 Anklage undAnklageproceß — Ankylosis. 356 Anlage. — Anländung. 357 Anleihen. — Anna (die Heilige). 360 Anna (Königin von Großbritannien) .361 Anna (Gemahlin des Kurfürsten von Sachsen).. — AnnaBolcyn. — Anna Jwanowna. 362 Anna Komnena, s. Kom- nenen. 363 AnnaKarlowna.. — Annaberg... — 760 Verzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. Seite Annaburg. 364 Annalen. — Annaten. — Anneliden. 365 Anno. — Annomination. — Annuität. — Annunciaten, s. Francis- caner. 366 Anodyna. — Anomalie. — Anomöer, s. Arianer.... — Anonym. — Anordnung . — Anorexie. 467 Anorganisch. — Anquetil (Louis Pierre).. — Lnquetil Duperron (Abraham Hyacinthe). — Anquicken ............ 368 Anrüchigkeit. — Ansatz. — Anschauung. — Lnschauungsübungen ... 369 Anschlag.370 Ansbach. — Anschütz(Heinr.—Joseph. — Emilie—Eduard).. 371 Anselm von Canterbury.. — Ansgar. 372 Ansicht. — Anslo (Reinier). — Anson (George). 373 Anspielung. — Ansprechen. 374 Ansprung, s. Milchschorf. — Anstand. — Ansteckende Krankheiten.. — Antagonismus...,. — Antanaklasis.375 Antar. — Antarktisches-Polarland.. — Antäus. 376 Antediluvianisch. — Antejustianeisches Recht. — Antenor. — Anteros. 377 Anthologie.... — Anthropolaträ, s. Apollinaris..... 379 Anthropolithen. — Anthropologie. — Anthropomorphismus... 380 Anthropophag.... — Antibacchius, (.Rhythmus 381 Anticaglien... — Antichrese. — Antichrist. — Anticyra. 382 Antidikomarianer,s.Maria — Antidotum. — Antigone. — Antigonus. — AntigonusKarystiuü.... 383 Antik. — Seite Antiklimax, s. Gradation. 386 Antilegomena. — Antillen. — Antilochus. — Antilope. — Antimachus.387 Antimon, s. Spießglanz.. — Antinomie. — Antinomismus.. — Antinous. 388 Antiochia. — Antiochus. 389 Antiope.. 390 Antiparos, s. Paros. — Antipater,. — Antipathie. — Antiphlogistisch. — Antiphon. 391 Antiphonie. — AntkphrasiS. — Antipoden, s. Gegenfüßler — Antigua. — Antiquare. — Antiquitäten,s.Alterthümer — Antispast, (.Rhythmus.. — Antisthenes. — Antistrophe, s. Strophe.. 392 Antithese. — Antitrinitarier. — Antoinette-..... — Antommarchi «.Francesco) — Anton (König von Sachsen) — Anton (Karl Gottlob von) 395 Antonello von Messina.. — Antoninus Pius (Titus Aurelius Fulvus). 396 Antoninus (Marcus An- nius VerusAurelius).. — Antoninus Liberalis.397 Antonius (Marcus). — Antonius (derHeilige)... 399 Antonius von Padua.... 400 Antonomasie. — Antraigues(EmanuelLouiS HenriDelaunay,Grafd') — Antwerpen.401 Anubis. 402 Anville (Jean Baptiste Bourguignon d'). — Anwachsungsrecht.403 Anwalt, s. Advocat. — Anweisung. — Anzeige. 404 Anziehung. — Anzugsgeld. 405 Äoler. — Äolodion,s.Physharmonika — Äolsharfe. — Äolus. — Äon. 406 Aorist. — Aorta, s. Gefäßsystem... — Aosta. — Apagogischer Beweis, s. Beweis. — Seite 406 407 Apalachen. Apanage . Apnreillo. — Apathie. — Apel (Joh. Aug.). — Apclles. 408 Apenninen. — Aphareus. 409 Aphelium. — Aphorismen. — Aphrodite. 410 Aphrodisia. — Aphrodisiaka, s. Liebes - tränke. — Aphthonius. — Apianus (Petrus). —> Apicius (M. Gabius)... — Apis. — Apvbakes ... 411 Lpocrisiarius. — Apodiktisch. — Apogäum. — Apokalypse. — Apokalypriker. — Apokalyptische Zahl. — Apokatastasc. — Apokope. 412 Apokryphen. — Apollinaris. — Apollodor (der Maler)... 413 Apollodor (derGrammatiker). — Apollodor(derBaumeister) — Apollon. — Apollonia. 414 Apollonius von Perga... 415 Apollonius von Rhodus.. — Apollonius von Lyana... — Apollonius.416 Apollos. — Apolog, s. Fabel. — Apologie. — Aponeurosen. 417 Apophthegma. — Apoplexie, s. Schlagfluß.^ — Aporetiker, s. Skeptiker.. — Aposiopesis. — Apostasie. — Apostel. — Apostel.. 418 Apostelbrüder. A posteriori, s. X priori. — Apostoliker. — Apostolisch. — Apostolische Kanonen.... 419 Apostolischer König. — Apostolisches Symbolum. — Apostolische Väter. — Apostoolen, s. Laufgesinnte — Apostroph. — Apostrophe. — Apotheke.. — Apothekerkunst, s. Phar macie.. Apotheose. 420 Appell. Appellation. Appcllationsgerichte. Appenzell... 423 Appetit. 424 Appiani (Andrea) Appianus. 425 Appische Straße. — Appius (Claudius Craffus) — Applicatur, s.Fingersetzung 426 XppoMLto. .. Appretur. — Approchen s. Laufgräben. — Appropriationsclausel... — Approximation. 427 Appulejus (A. Lucius)... — April. 428 ä. priori. — Apsiden. — Apulien. — AquaBinelli. — Aquäduct. — Aquarell, s. Wasserfarben 429 Aquatinta. — Aqua Tofana. 430 Äquator. — Aquaviva.431 Aquila. — Aquila (Ponticus). Aquileja. Äquilibrist. Äquinoktialstürme. Äquinoktium. Äquipollenz. Aquitanien. Äquivalent. Ära. Arabeske, s. Groteske... Arabici. Arabien. Arabische Literatur und Sprache.438 Arabischer Meerbusen, s. Rothes Meer.444 Aracan....... Arachne...... Arachniden.... Arachnologie.445 Arachyde . Arago(DominiqueFrany.) 446 Aragon. 447 Arak. i der im ersten Bande enthaltenen Artikel. 761 Seite Seite Seit« . - Arbeitshäuser. 452 Argentan. . - Arbeitslohn. — Argentinische Republik 421 Arbela. 453 s. Buenos-Ayres .... . 471 423 Arbiter. — Argiphontes. 424 Arbitrage. — Argolis. . - Arc (Jeanne d'), s. Jeanne Argonauten. 425 d'Arc. — Argos. Arcade. 453 Arcadius. — Arcana. — Aroanidiscipliiis. 454 Arcesilaus. 455 Archaismus. — Archangelsk. —- Archäologie. 456 Arche. 457 Archenholz (Ioh. Wilh., Baron von). — Archi. — Archeus.. .— Archias (Aulus Licinius)'. 458 Archidiakonus. — Archigenes. — Archilochus.459 Archimandriten. — Archimedes. — Archipelagus.460 Architektonik, Architektur, Argos (die Stadt). — Argoulets. — Argout (Apollinaire, Grafd'). — Arguelles (Augustin).... 474 Argumentum ......... — Argyle. 475 Aria, s. Iran-.... — Ariacattiva. — Ariadne. — Arianer. Arie. Ariman, s. Dämon.. — Arimaspen.. .... — Arion. — Ariosts (Lodovico). 477 Ariovist. 478 Aristänetus. — Aristäus. — Aristarchus (der Astronom) — Aristarchus (der Gram- 476 — s. Baukunst. — matiker)... . - — Architrav. — Aristeas. . 479 — Archiv. — Aristides (derGerechte). . - — Arcbon. 461 Aristides (Mus). . 480 — Archytas. — Aristipp... . - 432 Arcole. — Aristobulus. . 481 — Arcon (Jean Claude El-'o- Aristokratie. . — — noreLemicaud d'). 462 Aristophanes.. . 484 433 Ardennen... — Aristophanes von Byzanz 485 435 Ardey .. — Aristoteles..... . - — Are. 463 Aristoxenus. . 487 Arelat. — Aristyll. . - Arenberq . — Arithmetik.. . - 438 Arena, s. Amphitheater.. 464 Arius, s. Arianer. 488 Arendt (Martin Friedr.). — Arkadien. . - 444 Arene. — Arkadier. . 489 — Lrens(FranzJos.,Freih.v.) — Arkansas. . - Areopagirischr Lh««l>o- Arkebuse. . - — gie, s. Dionysius Areo- Arkon. . — 445 ' pagita. 465 Arktisch. . - — Areopagus. — Arkwright (Sir Richard) 4W 446 Ares, s. Mars. — Arlay. . - Aretäus. Arete - Arles. Arlincourt (Victor, Vi- Arakatscha. 448 Arethusa. — comte d'). — Aralsee. — Aretin (Adam, Freiherr Armada. 491 Aramäa. — v.—Georg—Christoph) 466 Armadilla. — Aranda (Petro Pablo Abaraca de Bolea, Graf Aretino (Pietro). 467 Arezzo. 468 Armagnac. Armansperg (Jos. Ludw-, von). — Argelander (Friedr. Wilh. Graf von). 492 Aranjuez . 449 Mg.). - Armatolen.. 493 Aräometer. — Argens (Jean Baptiste de Armatur. — Ararat. — Boyer—CurdeBoyer) — Armbrust. — Aratus von Sicyon. — Arqcnsola (Lupercio und Armee. 494 Aratus aus Soli. 450 Bartolome Leonardo de) — Argcnson (Marc Ren- Armencolonicn. — Araucos. — Armenien. 495 Arbeit. — Voyer, Marquis d') .. 469 Armenische Kirche. 498 762 Verzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. Seite Seite Seite Armenische Literatur.... 499 Arsenal. 520 tsns, s. Claudius (Ma- H Armenrecht. 501 Arsenik. — thias). 560 Armenschulen. — Arsenikvergistung. 521 Äson, s. Argonauten. 561 Armcntare. 502 Arsinoe. 522 Äsopus. — Armenwesen. — Arsis, (Rhythmus. — Äsopus. — Lrmfelt (Gust. Mor., Baron, später Graf). Artarerresl.,11., III.... — Asow. — 505 Artemidorus. — Aspaska. 562 I Arminia. Arminianer, s. Remon- 506 Artemidorus (Daldianus) Artemidorus (der Gram- Aspecten. Aspcr. 563 j stranten. Arminius, s. Hermann.. — Armiren. — Armorica. — Arnaud (Franyois Thomas Marie Bacu- lardd'). — Arnauld(Antoine—Antoine der große—Rob.A.d'An- dilly)...... — Arnault (Antoine Bincent Lucken Emile). 5l>7 Arnaut, (.Albanien. 508 Arnd (Joh.). — Arndt (Ernst Moritz)... — Arne (Thomas Augustin) 509 Arnheim . — Arnim (Ludw. Achim von) 510 matiker). 522 Artemis, s. Diana. — Artemisia. 523 Artemon. — Arterien, s. Gefäßsystem.. — Artefische Brunnen. — Arthritisch. 524 Artikel. — Artillerie. — ArtilleriecorpS. 520 Artilleriemaßstab,- s. Kali^ ' berstab.527 Artillerieschulen. — Artillerietrain. — Artilleriewiffenschaft.... — Artischocke. 528 Artois Artus Arnobius Arnold von Brescia. Arnoldisten, s. Arnold von Arnould (Sophie—Zean Fran?. Mussot). — Arnsberg. — Arntzenius (Joh.—Heinr. Joh. —Pet.Nik.).... 515 Arolsen. — ^rpeggio. 516 Arpent, s. Maße und Ge- — Arwidsson (Adolf Zwar). 529 Assuan . — 511 Arundelianischer Marmor, Affumption. 570 — s. Marmorchronik.... — Assyrien. — — Arzneimittellehre, s. Phar- Ast. — — makologie. — Ast (Georg Anton Friedr.) — 512 Arzt und ärztlicher Stand — Astarte. 571 513 As. 532 Aster (Ernst Ludw.—Karl — Äsn koetiäa. — Heinr. — Friedr. Ernst — Asbest. — —Adolph Wilh.). — Ascanius. 533 Asthenie. 572 514 Ascendenten. — Ästhetik. — Ascension, (.Aufsteigung. — Ascension. — Asceten. 534 Aschaffenburg. — Aschanti.535 Aschbach (Jos.). — Asche. 536 Äsche.r- . -7 . - , .w — Ästhetisch. 574 Asthma. 575 Astorga (Emanuele d')... — Asträa. 576 Asträus. — Astrachan. — Aftralgeister. — Astrognöffk Wichte. — Aschermittwoch. 537 Astrolabium. .577 Arrangiren. — Äschines. — Astrologie. .578 Arras. — Äschines (derRedner)... — Astronomie. Arrende. — Äschylus. — Asturien. .582 Arrest. 517 Asenlehre. 538 Äßung. .583 Arrhidäus (Philippus III.) — Aserbeidschan. 545 Asyl. Arria. 518 Asiatische Gesellschaften Asymptote. Arrianus. — und Museen. — Asyndeton. .584 Arrraza y Superviela (Don Asien.. 546 Atalanta.. .>. Juan Bautistade).... — Askanien. 558 Ate. . . Arrieregarde. 519 Askariden. — Atellanen. . Arrighi. — Askelöf (Joh. Christopher) — Ath. .585 Arroba, s. Maße und Ge- Asklepiaden. 559 Athalia. Wichte. 520 Asklepiades. — Athamas. Arrogation, s. Adoption.. — Äskulap. — Athanasius. Arrosement. — Asmai. 560 Atheismus . .586 Arsaciden. -- Asmannshausen. — Athen,. .587 Arschin, s. Maße und Ge- Asmodi. — Athen. .588 Wichte .. — Äsmus omnia secnm por- Athenagoras . .593 Aspern und Esling Asphalt, Asphyxie.564 Assam. — Assas (Nicolas, Chevalier d'). 565 Affassinen. — Assecuranz, (.Versicherung 566 Assemani (Jos. Sim.— _Sim.-Steph.Evodius) — Assertorisch-r.----. 567 Assiento. — Assignat. — Assimilation. — Assisen. 568 Association. — Association der Ideen... — Assonanz. 569 Verzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. 703 » Seite Athenäum. 593 Athenäus. 594 Athene, s. Minerva. — Athenodorus. — Äther. — , Äthiopier. — Äthiopische Sprache, ! Schrift und Literatur.. — ! Athleten. 595 Athmen. 596 ) stimme. — f Athor. — > AthoS. — Ätiologie. 597 Atlanten .. — Atlantis. 597 Atlantisches Meer. — Atlas. 598 Atlas (das Gebirge).^-. Atlas (das ZeuchfrvT)... Atmosphäre.599 Ätna. 600 Ätolien. — Atomen. 601 Atome. — Atresie. 602 Atreus. — Atrium. — Atrophie. — Atropos. 603 ° Attsoca. — Attake. —' Attellage. — Attentat. — Atterbom (Per Daniel Amadeus). 604 Atticus (Titus Pom - ponius). — Attika. 605 Attika. 606 . Attila. — Attirail. 607 Attis. — Attische Philosophie.608 Attitüde....- — Attorney, s. Anwalt.... 609 Attraction, s. Anziehung. — Attribut. — , AtYs,s. Attis. 6l0 i Ätzkunst, s. Kupferstecher- .. kunst. — Ätzmittel. — Ätzstein.61 l Aubsilis. — Auber (Daniel Frans. Esprit). — Aubigne (Lheod. Agrippa d'—Constant d').612 Aubry de Montdidier.... — Auburn. — , Auckland (William Eden, / Baron — Georg Eden) — 1 Auctor. 613 Audäus. — ^ Ludh. — Seite Audebert (Jean Baptiste) 614 Audienz. — Audiffredi (Giovanni Bat- tista, eigentlich Julius Cäsar). — Auditeur. 615 Auditor. — . Audouin (Jean Victor).. — Audran (G-'rard—Be'noit —Jean Louis). — Aue. 616 Auerbach (Heinr.). — Auerhahn. — Auerochs. — Auersperg (Fürsten und Grafen von).617 Auersperg (Ant. Alex., Graf von). — Auerstädt. 618 Aufbereitung. — Aufenthaltskarten. — Auferstehung. — Auffenberg (Jos.,Freih.v.) 619 Auffodern. 620 Auffrischen. — Aufführung. — Aufgang der Sterne. — Aufgebot.621 Aufklärung.622 Auflage. — Aufliegen, s. Decubitus.. — Auflösung. — Aufmarsch.623 Aufnehmen, s. Messung.. 624 Aufriß. — Aufrollen. — Aufruhr. — Aufschlag. — Aufschrift, s. Epigraphe.. — Aufstand, s. Aufruhr und Jnsurrection.625 Aufsteigung. — Auftakt. — Austritt oder Aufzug, s. Schauspiel. — AugN..!^7^7.. — Auge (die Priesterin).... 626 Augenheilkunde. — Augenmaß, s. Messungen. 627 Augenpflege. — Augenpunkt.629 Augereau (Pierre Fran- sois Charles). — Augmentation. 630 Augias, (.Hercules. — Augsburg. — Augsburgifche Constssion. 631 Augurn. 632 August (der Monat). — August (Kurfürst von Sachsen). 633 August II. (Kurfürst von Sachsen).634 August HI. (Kurfürst von Sachsen). 636 Seite August (Emil Leopold), Herzog zu Sachsen- Gotha und Altenburg 637 August (Paul Friedrich, Großh. zu Oldenburg) 638 August (Friedrich Wilhelm Heinrich), Prinz von Preußen. — August! (Joh. Christian Wilh.).639 Augustiner. 640 Augustinus (Aurelius).. — Augustinus.641 Augustulus, s. Romulus Augustulus. — Augustus (Cajus Julius Cäsar Octavianus)... — Aulnoy (Marie Catherine Jumelle de Berneville, - -Gräfin von).644 Aumale. — Aurelianus (Cajus Do- mitius). — Aurelius Victor (Sextus) 645 Aureng-Zeyb. — Aurich. — Aurikel. 646 Aurora. — Aurungabad . — Ausarten. 647 Ausbeute. — Ausbruch. — Auscultation. 648 Ausdehnung, s. Expansion und Elasticität. — Ausdruck. — Ausdünstung. — Ausfall. 649 Ausflammen. — Ausfuhr, s. Ein- und Ausfuhr. — Ausfuhrprämien. — Ausfuhrverbote. — Ausgabe... — Ausgeding.650 Ausgehend. — Ausgrabungen. — Auskeilen. 655 Auslegung, s. Exegese und Hermeneutik. — Auslieferung. — Ausnahmegesetze. 656 Ausoner. 657 Ausonius(DeciusMagnus) — Auspicien, s. Augurn.... — Aussatzhäuser.659 Ausschnitt. — Ausschuß. — Außenwerke.--- 660 Aussetzung. — Ausspielgeschäst.662 Ausstattung, (Aussteuer. — Ausstellung. — Aussteuer.664 Berzeichniß der im ersten Bande enthaltenen Artikel. 764 Seite Aussüßen. 664 Austerlitz. — Austern. 665 Austrägalgericht. 666 Australasien.M.. 667 Australien... — Australocean, s. Südsee.. 674 Auswanderung .. — Ausweichung. 676 Auszehrung, s. Schwindsucht. — Autenrieth (Joh. Heinr. Ferd. von — Herm. Friedr.). — Auteroche, s. Chappe dÄuteroche (Jean)... 677 Auteuil. — Anthcntikcn. — Authentisch. — Autobiographie.. .-r-rp-r?» — Auto da F-. — Autodidakten.678 ' Autographa. — Autokratie. — AutolykuS. 679 Automat. — Autonomie. — Autopsie. — Auvergne. — Auxerre. 680 Auzout (Adrian)....... — Ava. — Avanciren.684 Avanie. — Avantgarde. — ^vant la lettre, s. Kupferdruck . 682 Avaren. — Avarie, Averie, s. Haverei — Avellino. — Ave Maria, s. Englischer Gruß. — Aventinus (Johannes)... — Aventurin. — Avernus. Averrhoes.683 Avers, s. Münzkunde... — Avertiffementsposten.... — Avianus. — Avicenna. — Avienus (Festus Rufus).. 684 Avignon. — Avila. — Avis. — Arel. 685 Axiom. — Axum. — Ayala (Pero Lopez^e)... 686 Seite Ayrenhoff(Corn.Herm.v.) 687 Ayrer iJak.). — Ayuntamiento. — Azara (JoseNicolod')... 688 Aziluth. — Azimuth. — Azincourt. — Azoren. 689 Azot, s. Stickstoff. — Azymiten.. — B. 692 693 694 6/ s. Ton und Tonarten 690 Baader (Franz Xaver — Clem. Alois—JoHvo»)- NääLen. 694 Baal. — Baalbek.. Baar. Baarle, s. Barläus..... Babbage (Charles). Babenberg (Grafen von). Babenhausen. Babeuf(Fran?. Noel)... Babiruffa, s. Schwein... Babo (Joseph Maria von) — Babrius. — Babur. — Babylonien. — Baccalaureus... 696 Bacchanalien, s. Bacchus — Bacchanten. — Bacchius oder Baccheus, s. Rhythmus. — Bacchus. — Bacchylides.693 Baccio della Porta.699 Bacciocchi (Felice Pas- quale—MariaAnnaBo- naparte—Friedr.Napo- leon — NaMeone Elisa Seit» Baco oder Bacon (Roger) 704 Bacon (Francis).705 Bacon (John).7< Bad. - Badajoz. 742 Baden (Großherzogthum) — Baden (in Baden). 720 Buden (bei Wien). 724 Baden (in der Schweiz).. — Baden (Jak.—Gust.Ludw. — Torkel). — Badeschwamm. 722 Badia y Leblich (Domingo) 723 Baer (Karl Ernst von).. 724 Baert(Jean). 726 Bäffchen.. — Bafflnsbai. — Bagage. — -Bagatellsache»... 727 Bagdckd. — Bagger.728 Baggesen «Jens). — Bagnacavallo.729 Bagn'eres de Bigorre... — Bagno.730 Bagration (Peter, Fürst) — Bahamainseln. Bahia.. Bähr (Joh. Christian Felix). Bahrdt (Karl Friedr.).. — Bahrrecht, s Ordalien... 733 Bähung. 734 Bai. — Baiern. — Bailli. 748 Baillie (Matthew). — Baillot (Pierre).747 Bailly (Jean Sylvain)... — Baini (Giuseppe). 718 Baireuth. 749 Bairischer Hiesel. — Baisse. — Baize. — Bajaderen »> Bach (das Gewässer).... 700 Bajä. Bach (Familie, Joh. Seba- Bajazet.. ... 754 stian — Wilh. Friede- Bajazzo. mann—KarlPhil.Ema- Bajus (Michael)- nuel—Joh. Christian— Bake (John). ... 752 Joh. Christoph Friedr.) — Bakewell (Robert)... Bacharach. 702 Baktrien. Bachmann(KarlFriedrich) — Balancirstange.. ... 753 Bachmann (Ludw. Ernst) — Back (George). 703 Backbord. — Backhuysen oderBakhuy- sen (Ludolf). — 4 734 732 Balanen, s. Meereicheln.. — Balbi (Andriano). — Balboa (Basco Nunez de) 754 Balbuena (Don Bernardo de). — 2 o S- T