Achilles Tatius 61
auf die Ferse, an der sie ihn hielt, unverwundbar wurde, während er bei Homer verwundetwerden kann. Gleich nach seiner Geburt war ihm ein kurzes Leben prophezeit worden. Umihn diesem Verhängniß zu entreißen, ließ seine Mutter kein Mittel unversucht. Als daherder Seher Kalchas den Griechen verkündete, Trojas Eroberung sei ohne A. unmöglich, ver-barg sie ihn als Mädchen verkleidet bei dem Könige Lykomedes auf Skyros, wo er mit dessenTochter Deidamia den Pyrrhus zeugte. Aber dem listigen Odysseus blieb sein Aufenthaltdaselbst nicht verborgen, und von ihm wurde er dort weggeholt. Zum Lehrer und Führerhatte ihm sein Vater den Phönix, den Sohn des Amyntor, gegeben; außerdem erhielt ervom Chiron Unterricht in der Arzneikunde. Von eigentlicher Erziehung des A. bei Chironund dessen Gattin Chariklo erzählen erst spätere Schriftsteller; Homer erwähnt davon nichts.Mit dem Phönix und seinem Freunde Patroklus nimmt er an der Spitze von 50 Schiffenam Auge gegen Troja Theil und zerstört zwölf Städte an der Küste und elf mitten im trojan.Gebiete, unter diesen Lyrnessus, wo er die Briseis, die Tochter des Brises, erbeutete, welcheihm Agamemnon entriß, da dieser die Chryscis, die Tochter des Chryses, eines Priesters desApollon, dem Vater znrückgcben mußte, um die Pest, welche Apollon über das griech. Heergeschickt hatte, wieder abzuwenden. Dieser Streit mit Agamemnon eröffnet die Jliade.Von da an nahm A. am Kampfe, sogar als die Griechen in der größten Noch waren, nichtmehr Theil, mrd selbst die glänzendsten Anerbietungen des Agamemnon waren fruchtlos.Als aber Patroklus, dem er am Kampfe Theil zu nehmen erlaubt hatte, durch denHektor(s. d.) gefallen und somit auch des A. Rüstung, die Jener trug, verloren gegangen war,konnte er nicht umhin, von neuem gegen die Trojaner zu kämpfen, um den Leichnam seinesFreundes zu retten. Seine Mutter selbst gab ihm neue, von Hephästos kunstvoll gearbeiteteWaffen, von denen besonders der Schild ein Meisterstück der Kunst war. Auch söhnte ersich wieder mit Agamemnon aus und erhielt die Briseis zurück. Weil er gelobt, ehe Patro-klus gerächt sei, keine Speise zu sich nehmen zu wollen, wurde er von der Pallas mit Nektarund Ambrosia gestärkt. Im Kampfe erlegte er viele trojan. Helden, unter ihnen den Lykaon,einen Sohn des Priamus. Über sein Morden unter den Trojanern geräth der FlußgottTanchus in solche Wuth, daß er seine Fluten gegen ihn austhürmte und ihn zu vernichtendrohte; allein Poseidon, Athene und Hephäst us standen ihm bei. Nachdem er die trojan.Scharen sämmtlich in die Stadt zurückgedrängt, war es nur Hektor, der vor dem skäischenThoce Stand hielt; allein zuletzt ward auch er erlegt und von A. an den Streitwagen ge-bunden ins Lager geschleift. Erst jetzt bestattete A. den Patroklus, und nachdem er noch denLeichnam des Hektor um den Grabhügel desselben geschleift, gab er denselben dem PriamuSauf dessen Bitten zurück. Zuletzt fand auch A. seinen Tod, den jedoch Homer nicht näherbestimmt, im trojan. Gebiete, und seine Asche ward mit der des Patroklus in einer Urne ver-einigt. Um seine Waffen stritten sich Odysseus und Ajax (s. d.). Hiermit schließt beiHomer die Erzählung. Seinen Tod erzählen die Spätern auf verschiedene Weise. Nach Ei-nigen wurde er im Tempel des thymbräischen Apollon, wohin er gegangen, um mildenTrojanern einen Vertrag wegen der Polyxena, des Priamus Tochter, in die er sich verliebthatte, abznschließen, vom Paris durch einen Stich in die Ferse hinterlistigermordet; nachAndern ist er von Apollon, der des Paris Gestalt.annahm, mit einem Pfeile gcködtet wor-den. — Berühmt ist der in der Dialektik kurzweg „Achilles" genannte Trugschluß desEleaten Zeno (nach Andern des Parmenides), womit dieser die Gültigkeit des Begriffs dexBewegung bestritt. Er behauptete nämlich, daß der langsamste Körper, z. B- die Schild-kröte, von dem geschwindesten, z. B. dem Achilles, nie würde eingeholt werden, wenn jenerdiesem auch nur um ein Weniges voraus wäre, weil dieser immer erst dahin kommen müsse,wo jener schon gewesen wäre. — Achillessehne nennt man in der Anatomie die starkegemeinschaftliche Sehne der die Waden bildenden Muskeln, welche sich an das Hintere Endedes Hackenknochens (calesneus) anseht. Den Grund zu dieser Benennung nahm manwahrscheinlich daher, daß die Verwundbarkeit des A. sich auf jene Stelle beschränkte und manbis auf die neuere Zeit Trennung der Achillessehne für unheilbar hielt.
Achilles Tatius, ein griech. erotischer Schriftsteller (Romandichtcr) im Anfängedes ä., nach Andern in der Mitte des 5. Jahrh. n. Chr., war aus Alexandria gebürtig, undsoll nach einer »«sichern Angabe im spätern Alter zu dem Christenthumc übergegangen und