Druckschrift 
6 (1864)
Entstehung
Seite
235
Einzelbild herunterladen
 

der Besserung entgegen zu gehen. Ich habe lange, lange dieStimme verloren, die Singcstimme meine ich, und noch will esnicht recht schallen. Ob das Frühjahr alte Blüthen wieder brin-gen wird, weiß ich nicht. Mit der Botanik reißt es nicht abund darf es nicht abreißen; aber zu der Botanik ist hinzugekommendie Sorge für das Institut, das mir jetzt anvertraut ist, die Komp-tabilität, die Korrespondenz, das Aktenschreibsn, und das alles istnicht recht meine Sache; es lastet auf mir und macht mich trübe. Mit den Kindern geht es gut, aber sechs ist eine große Zahl;zwei Straßenjungen auf der Schlittschuhbahn oder unter den Bän-ken des Gymnasiums oder lärmend zu Hause; zwei jüngere Mäd-chen, die bei den Jungen das Toben und Lärmen lernen, einJunge in den schönsten Jahren, wo sich die Sprache erst vervoll-kommnet, die Kräfte sich entwickeln und die Liebe so amnuthig ist;der Letzte noch auf dem Arm der Wärterin und nach langer be-drohlicher Krankheit in allem zurücke; ein Hauslehrer, eine Tante,zwei Dienstboten, Sie haben mit Ihren zwei englischen stilldichtenden kleinen Mädchen ein stilleres Paradies.

Ich verbringe mein Leben halb im Herbarium und halb zuHause und gehe sehr selten in die Stadt; ich besuche nur unsereliterarische Gesellschaft, worunter man sich keine Akademie, sondernnur einen Kreis von Freunden zu denken hat. Varnhagen sehe ichsehr selten, jedoch kann ich Ihnen sagen, daß er jetzt gefaßt in'sLeben zurückgetreten ist.

Ich sollte mit Ihnen von Rahels Briefen reden. Aber ich be-staune sie, wie ich sie selbst, ihre ganze Erscheinung stets bestaunthabe, ohne urtheilsmächtig mich darüber erheben zu können. Eshat nie ein Wesen wie sie gegeben und soll auch nicht ihrer vielegeben.

Ich umarme Assing. Bald werde ich Ihren Töchtern nurnoch ehrerbietig die Hand küssen dürfen, denn seit Anno dreißig sindmanche Blumen aufgeblüht. Liebe Rosa Maria! Die Kindersind die Meilenzeiger; wir würden sonst nicht den Weg bemerken,den wir zurücke gelegt haben. Es wandelt mich noch manchmalan, mich zu verwundern, nicht mehr der Junge zu sein, den man