Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
926
Einzelbild herunterladen
 

9L6

Naturwissenschaften.

es oft erfordert, zu einer einzigen wichtigen Einsicht zu gelangen, und wie viele ver-gebliche Versuche mitunter gemacht werden müßen, bis es dem richtigen Griff gelingt,die gesuchte Wahrheit zu entdecken, die uns, nachdem sie gefunden, so einfach erscheint,als hätte sie gar nicht unserem Blicke sich verbergen können. Vor allem aber erstarktin ihm der Sinn für Wahrheit, die Grundbedingung jeder wissenschaftlichen Forschungund die so schöne Zierde des Charakters, die um so werthvoller erscheint, je mehr sieuns in manchen Zeitläuften abhanden gekommen zu sein scheint.

So giebt die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur dem Menschen einen wesent-lichen, nicht zu entbehrenden Theil der Bildung seines Geistes, sie macht ihn erst zudem, wozu er bestimmt und wozu die Anlage ihm gegeben ist, zum Herrn der Schö-pfung, sie bereichert sein Gemüth und erschließt ihm eine unversiegbare Quelle der

edelsten Genüsse, sie läutert seinen Charakter und läßt ihn so selbst tüchtiger werden

für seine Wirksamkeit ans anderen Gebieten dem Menschenleben gegenüber. Es liegtdie Frage deshalb nahe, ob nicht ihr mächtiger Einfluß schon für die Bildung desjugendlichen Geistes von Werth und Erfolg sein könnte, und ob nicht zeitig schon,was ihm einst von so großer Wichtigkeit sein wird, begonnen werden sollte, besondersda, wo es gilt, im Menschen den Menschen zu erziehen.

Wo irgend ein Zweig des menschlichen Wissens bei der Erziehung des jugend--lichen Geistes zur Anwendung kommt, da kann dies in doppelter Rücksicht geschehen.Entweder liegt die Absicht vor, Erkenntnisse, die den Inhalt der Wissenschaft bilden,zum Eigenthum des jugendlichen Geistes zu machen, der ihrer jetzt oder später bedarf,oder es soll die mit der Aneignung derselben verbundene Arbeit zur Uebung der in An-spruch genommenen geistigen Kräfte und dadurch zur Entwicklung und Erstarkung derselbendienen. Im ersteren Fall ist das zu erlangende Wissen der Zweck, im letztem die

auch geleistet hat, so bleibt ihr doch noch unendlich mehr zu leisten übrig. Das erkennt

der Naturforscher selbst an und um so bereitwilliger, je mehr er diesen Namen verdient. Wennauch manche Zweige, so die Astronomie, viel weiter entwickelt sind, als man in der ersten Zeitihrer Anfänge hätte ahnen können, so halten andere noch so viele Räthsel ungelöst dem Forscherentgegen, daß man verzweifeln sollte, ob es gelingen dürfte, den dichten Schleier zu lüften, derdie Wahrheit in ihnen verhüllt. So namentlich die Zweige, welche sich mit den Lebenshergängenin der organischen Natur beschäftigen. Doch kann dies den Werth der ganzen Wissenschaft nichtmindern; das, was bereits errungen, ist viel und groß genug, um ihr eine wahrlich hoheBedeutung zu sichern.

*) Als ein heilsamer Einfluß, freilich viel niederer und untergeordneter Art, aber dochnicht ohne alle Bedeutung wenigstens für viele, den die Naturwissenschaften theilweise auf dieBildung des Menschen auszuüben vermögen, ließe sich noch anführen, wie manche Zweige günstigauf die körperliche Gesundheit wirken können. Ein großer Theil der Menschen und namentlichderer, die sich eine wissenschaftliche Beschäftigung zur Aufgabe gemacht haben, sind durch sie mehroder weniger an das Zimmer gebunden. Daß der dauernde Zimmeraufenthalt der körperlichenGesundheit nicht förderlich ist, bedarf keiner Bestätigung. Das theilweise, oft seltene Aufsuchender freien Luft giebt ihrem gewöhnlichen Verhalten kein ausreichendes Gegengewicht; was sie zuHause geistig beschäftigt, begleitet sie ins Freie, die körperliche Thätigkeit, die sie zum Gehenaus ebenem Wege entfalten müßen, ist höchst einseitig und die ungewohnte Kälte oder Nässetreibt sie bald wieder heim. Wie förverlich muß es Solchen sein, wenn ein Interesse sie insFreie ruft, sie dort zu verweilen nöthigt uud ihren Sinn auf das lenkt, was sie umgiebt. Einsolches Interesse würde für sie die Beschäftigung, wenn auch nur als Liebhaberei, mit den Zweigender Naturwissenschaft sein, die vollständig und allseitig nur in freier Natur betrieben werdenkönnen, so namentlich mit der Zoologie oder Botanik. Was ihnen die umgebende Natur bietenwürde, müßte ihre Gedanken ablenken von dem, was sie zu Hanse beschäftigte, das Aufsuchenund Beobachten der Thiere und Pflanzen würde ihre Sinne schärfen und zu gar manchen Körper-bewegungen nöthigen, zu denen sie zu Hause nie gekommen wären, Haut und Lunge, Nervenund Muskeln würden von dem heilsamen Einfluß der freien Lust und der Bewegung in ihrNutzen ziehen, ihr Geist würde erheitert, ihr Körper gekräftigt und abgehärtet und sie so füralles viel tüchtiger werden, als es bei bloß stubenhaftem Verhalten möglich wäre.