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5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
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Philanthropinismus.

zu betrachten, die darum auch mit freundlichem Sinne gegenseitig ihre Fortschritte zubeachten und über ihr sittliches Leben zu bestimmten Zeiten ein Urtheil abzugeben hät-ten.'*) Das äußere Leben der Einzelnen war auf das sorgfältigste geregelt, und dochlästiger, lähmender Zwang ausgeschloffen; der Unterricht stellte eine große Mannigfaltig-keit von Gegenständen dar, war aber genau bestimmt und abgestnft. Als höchstes Zielder Bemühungen galt die Wohlfahrt des Vaterlandes. Als die Schweiz am Endedes Jahrhunderts durch das republikanische Frankreich eine völlige Umwandlung ihrerStaatsverhältniffe erfuhr, konnte freilich auch das Philanthropin in Reichenau sich nichtbehaupten. — lieber das von Bahrdt 1776 in Heidesheim errichtete Philanthropins. d. Art. Bahrdt. — Das Bild eines stetigen, fröhlichen Gedeihens bietet unsSchncpfenthal unter Salzmanns besonnener Leitung. Salzmann hatte bei der Gründungseiner Anstalt allerdings die Absicht, im wesentlichen die Grundsätze des Dessauer Phi-lanthropins festzuhalten; aber doch ergab sich von vornherein in drei Beziehungen einerheblicher Unterschied: 1) darin, daß ein Oberhaupt das Ganze leitete, 2) darin, daßdie Zöglinge so viel als Möglich wie Glieder der Familie behandelt wurden, 3) darin,daß die Anstalt in ländlicher Stille sich entwickeln sollte. Das Weitere s. in den Art.Salzmann und GntsMuths. — Gewiß ist übrigens, daß eine Reihe anderer Er-ziehungsanstalten unter mancherlei Modificationen die Grundsätze des Philanthropinis-mus in Ausführung gebracht, ohne dies zu Empfehlung ihrer Sache besonders hervor-zuheben. Ueberhanpt dürfte die Entwicklung der so zahlreichen Privatinstitute zu einemguten Theile auf die in den Philanthropinen gegebenen Vorbilder zurückzuführen sein.

Ein weiteres Verdienst des Philanthropinismus ist ohne Zweifel dies, daß er vieldazu bcigetragen hat, die Pädagogik zu einer selbständigen Wissenschaft und Praxis zuerheben. ES ist freilich wahr, daß durch ihn die Pädagogik auch von den kirchlichenFundamenten hinwcggeleitet und den Schwankungen philosophischer Principienkämpfeüberliefert worden ist; aber man darf ihn doch auch wieder nicht für alle Folgen ver-antwortlich machen, muß vielmehr anerkennen, daß jene freiere Aufstellung der Päda-gogik durch die allgemeinen Bildungsverhältnisse zu einer Nothwendigkeit geworden war,und die Lockerung des natürlichen Zusammenhanges von Kirche, Schule und Hausz. Th. auch auf große Unterlassungssünden der Kirche zurückgeführt werden konnte.Gewiß war Salzmann ganz in seinem Rechte, wenn er in seinem Ameisenbüchlein be-merkte, daß die alte akademische Bildnngsweise sehr wenig zu pädagogischer Thätigkeit be-fähigt habe. Was der Philanthropinismus zunächst erstrebte, war übrigens nicht eigentlichAufstellung eines Lehrgebäudes, Entwicklung einer in Abstractionen sich bewegendenTheorie, sondern eine nach einfachen und, wie man denken konnte, dem natürlichenSinne von selbst empfohlenen Grundsätzen unternommene Praxis. Zu strengerenwissenschaftlichen Leistungen wäre am wenigsten Basedow der rechte Mann gewesen.Aber die neue Praxis mußte sich unter Widersprüchen rechtfertigen, und je weiter siesich ausdildete, desto nothwendiger schloß sich prüfendes, ausgleichendes, verknüpfendesNachdenken über das Einzelne und über das Ganze an. Was so der Philanthropinis-mus sich erarbeitet hat, das ist in den 16 Bänden der von Campe geleiteten „Allge-meinen Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens" und in dem „Braun-schweigischen Journal" desselben Schriftstellers, sowie in dem „Versuch einer Pädagogik"

*) Es waren daher auch wöchentliche Gerichtstage für die kleine Republik eingerichtet, andenen die Zöglinge unter einem Präsidenten aus ihrer Mitte, der Klage und Vertheidigung hörteund das Urtheil finden ließ, zu freier Ausgleichung ihrer persönlichen Collisionen kommen sollten.Monatlich fand ein Sittengericht statt zu gegenseitiger Beurtheilung der sittlichen Fortschritte undMängel in geheimer Abstimmung. Aehnlichc Einrichtungen im Seminar zu Haldenstein durchPlanta, s. Christoffel a. a. O. 40 ff.

Bekannt ist, daß in dieser Anstalt der flüchtige Herzog Ludwig Philipp von Orleans eineZeitlang als Lehrer gewirkt hat. Vgl. im allgemeinen Z scb o kke. Eine Selbstschan. Dritte Ausl.Aarau 1843.