Druckschrift 
5 (1866) Nachhülfecurse - Philologenverein
Entstehung
Seite
239
Einzelbild herunterladen
 

Oekonomische Arbeiten.

239

schm und Völker unter einander. Wie hiedurch die Standesunterschiede angefangenhaben ihre scharfen Ecken zu verlieren und sich zu verschmelzen, so verallgemeinert sichauch die Bildung und nivellirt sich die Lebensweise, Nahrung, Kleidung, Wohnungu. dergl. Ueberall in den mittleren und unteren Ständen zeigt sich die Neigung, überdie unentbehrlichsten Bedürfnisse hinaus zu gehen und sich dem Luxus zu nähern. DerProceß nimmt seinen unaufhaltsamen Verlauf von oben nach unten. Diesem Zug derZeit gegenüber vervielfältigen und verfeinern sich die häuslichen Geschäfte, und dieAufgabe, das nachwachsende Geschlecht dazu heranzubilden, ist eine weniger fest um-grenzte, eine umfassendere.

Wie mannigfaltig aber die Sitten und Beschäftigungen sich gestalten mögen, dieKinder sind zunächst nur an ihre Familie, an die Lebensweise ihrer Eltern gewiesen,vorzugsweise an die Mutter, die nicht nur die Mädchen sondern auch die Knaben inihren jüngeren Jahren an sich und ihre Thätigkeit zu ketten hat. Hier haben wir dienaturgemäße Ordnung, daß die Anleitung der Kinder zu häuslichen Arbeiten und ihreErziehung zur Arbeitsamkeit in und von der Familie selbst geschieht, während die in-tellectuelle Bildung derselben ihrem größeren Theile nach außerhalb des häuslichenKreises fällt, und den öffentlichen Schulen und Anstalten zukommt. Es ist daher dieObliegenheit der Hausmutter, zu allen in ihren Beruf fallenden Arbeiten ihre Kinder,wenn auch anfangs nur zuschauend und spielend, heranzuziehen, das Verständnis der-selben in ihnen zu Wecken, durch einleitende Uebung ihnen zum Geschick für weitereund schwerere Geschäfte zu verhelfen und sie an Arbeitsamkeit zu gewöhnen. Die Kindermäßen es lernen, der Mutter und dem Vater in allerlei Dingen mit ihrer Kraft bei-zustehen, und wie sie theilhaben an allen Gütern und Freuden des Hauses, so auchzum Fortgange des Hauswesens mit kleineren und größeren Dienstleistungen beizutragen,und dies als theure Pflicht gegen ihre Eltern anzusehen. In diesem Zusammenhaltenund Zusammenwirken werden den Familien Segnungen und Genüsse bereitet, die auchfür die geistige und sittliche Entwicklung der Kinder von unberechenbarem Werthe sind.

Wie sieht es nun aber in der Wirklichkeit mit der Erziehung der Jugend zu häus-lichen Arbeiten unter unserem Volke aus? Dieselbe fehlt fast ganz in den dissolutenHaushaltungen der verarmten Leute, in welchen der Müßiggang für eines der höchstenGüter des Lebens gilt und man selbst in Nothzeiten statt zur Arbeit und Entbehrung seine Zu-flucht zum Bettel und Diebstahl nimmt. Man hat nur das Ziel im Auge, sich Nah-rung und Kleidung zu verschaffen oder noch lieber, die Mittel zu üppiger Genußsuchtund eitler Hoffart anfzubringen; über den Weg dazu, wie unsittlich und verderblicher auch sein mag, macht man sich kein Gewissen. Wo so jede geordnete Thätigkeit imHauswesen, ja aller Sinn dafür fehlt, wo vom Herzen des Familienlebens aus derHang zur Sünde genährt wird und die Kinder frühe zu ihren Werkzeugen gemachtWerden, da kann keine Rede sein von Anleitung derselben zu häuslicher Beschäftigung.Hier helfen auch die örtlichen Industrieschulen, die wenigstens die unentbehrlichstenHebungen, wie Stricken, Nähen, zu erzwingen suchen, nicht. Denn sie werden vonKindern aus solchen verkommenen Haushaltungen nicht oder doch nicht regelmäßig be-sucht und wirken auch im letzten Falle wenig, da ihrem Unterricht die Eltern stattUnterstützung Widerstand leisten. Erfahrung ist es, daß Kinder aus solchen Familienes gewöhnlich zu keiner Pünctlichkcit, Ausdauer und Geschicklichkeit in den Arbeitenbringen- Sie sind das Kreuz der Lehrerinnen und werden öfter auch nicht mit christlicherLiebe und Geduld behandelt. Die Folge ist, daß sie später zu Dienstboten und Haus-frauen nicht taugen, ihren Lauf in Sünden fortsetzen, für die kommende Generation diegleichen Früchte bringen und im Elend endigen.

An diese bejammernswerthen Leute reiht sich eine andere Classc an, die weitehrenwerther ist, aber den Zweck der Erziehung zu den häuslichen Arbeiten kaum bessererreicht, die Fabrikarbeiter, die Kleinbauern und Kleingewerbenden. Hier muß dieHausmutter mit ihrer Kraft und Zeit sich dem Manne anschließen, und oft genug für