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6 (1867) Philologie, classische - Reformation
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Rabelais.

rakterbild in der Geschichte." Die Franzosen weisen natürlich mit Stolz auf diesengrößten Sohn ihres Landes", diesen würdigen Nebenbuhler des Cervantes, Vorbildund Meister von Swift und Sterne. Dennoch fehlt es auch bei ihnen weder an Tad-lern, noch an nüchternen Benrtheilern dieses Mannes und wir lesen z. B. in LouisBlancs Geschichte der französischen Revolution, einem Buche, das eine große Sym-pathie mit der deutschen Reformation zur Schau trägt:man ist geneigt an der Auf-richtigkeit der guten Lehren zu zweifeln, Weil man sie in so schlechter Umgebung findet;man zittert, wenn Rabelais ernst wird, da es doch vielleicht nur Spott sein könnte;man glaubt ihn, hinter seinem Werke versteckt, über die Einfalt derer lachen zu hören,die sich beikommen lassen, ihn zu bewundern."Das letzte Wort seiner Philosophieist: Stoßt an! Der Individualismus in Rabelais ist bloß abstoßend." Auch dieDeutschen sind noch zu keinem festen Urtheil gekommen. Dem gläubigen Hamann isterein Mönch stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke;" ihm ist es eineWollust" im Rabelais zu lesen, und unser aufgeklärter Schlosser findet kaum Worte,um seine sittliche Entrüstung gegen den Mann, dem nichts heilig ist, auszudrücken.Negis hat im zweiten Theil seines Rabelais (s. am Schluß des Artikels) S. 1370bis 1-181 die Urtheile der Franzosen, Deutschen und Engländer von 1550 bis 1835zusammengestellt. Neuerdings hat vr. Arnstadt in einem Programm: Franyois Rabelaisund sein traitö ck'eänention Plauen 1865, die am häufigsten ausgestellte, Lei den Deut-schen vorzüglich beliebte Rettung Rabelais, die auch 1852 von Schnackeuburg als selbst-verständlich gegeben wurde, reproducirt. Rabelais sei, sagt vr. Arnstädt, wenn erauch oft als gemeiner cynischer Spötter erscheine, im Grunde ein ernsthafter Geist.Durch seine Verkleidung schütze er sich in einer Zeit, wo jeder Denker kühn ausge-sprochene Ideen mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen büßte, vor einem ähnlichenSchicksal. So haben ihn seine Freunde bei dem König als einen lachlustigen, aber loyalenMenschen darstellcn können, der von der Nachwelt bewunderte Werke schaffen würde.Dogmatische Fragen habe er behutsamer Weise gar nicht oder nur leise berührt; aberdie großen Reformen eines spätern Zeitalters in Frankreich: die politische und religiöseFreiheit, die Organisation der Finanzen, die Aufhebung der Privilegien, die Vervoll-kommnung des Gerichtsverfahrens, habe er vorausgesehen und vorbereitet. Nehmenwir dies Urtheil als zutreffend an und sehen von der auffallenden Thatsache ab, daßsich bei Rabelais' Jünger Rousseau derselbe Widerspruch zwischen Ideal und Wirk-lichkeit, zwischen Theorie unv Praxis wiederholt, so müßen wir doch darauf Hinweisen,daß diese Darstellung die Frage nur umgeht, resp. sie gegen Rabelais entscheidetund diesen günstigsten Falls auf eine Stufe mit Erasmus stellt. Wer glaubet, fliehtnicht und wer Ideen, von denen er erfüllt ist, zur Geltung bringen will, der fürchtetden Scheiterhaufen so wenig, wie ihn Calvin, mit dem Rabelais zeitig gebrochen hat,wie ihn Zwingli, Luther und ihre rechtschaffenen Genossen gefürchtet haben. IndemR. seine Gedanken unter dem Schmutze seiner Darstellung versteckte, verzichtete er aufeine Wirksamkeit und es liegt wenig daran, ob er diese von der Zukunft erwarteteoder ob er sich nur am Brillantfeuer seiner Ideen ergötzte.

Dkan muß in der That die Fähigkeit haben, den ewigen Gehalt auch in einerForm zn finden, die ganz und gar einer bestimmten Zeit angehört, und die häßlichenFehler des Jahrhunderts dem einzelnen Sohne desselben nicht zuzurechnen, um sich füreinen Gelehrten gewinnen zu lassen, der seine Perle mit einer gewitzen Lust vor dieSäue wirft und die Knechtsgestalt, als wäre sie die ihm gebührende, zur Schau trägt.Der Meister in allen Facultäten, dem acht Sprachen geläufig waren, und der diesalles nicht äußerlich angelernt, sondern zum vollen geistigen Eigenthum gemacht hat,begegnet uns, obenein im geistlichen Ordensgewande, zu Rom als der Spaßmacherunter dem Gesinde eines Bischofs. Wie dem sei, Rabelais verdient eine Stelle in derGeschichte des Unterrichtswesens, welche im Grund überhaupt die der geistigen Bildungist, in derselben Weise etwa, wie Leibnitz. Seine Verwandtschaft mit diesem ist äugen-