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Philologie.
christlichen Mittelalter des Abendlandes eigentlich nicht die Rede sein. Vielmehr wardieses Zeitalter, so groß es war in Erbauung von philosophisch-theologischen Systemen,hingegeben an die Auctorität, von aller Kritik, von allen unbefangenen und gründlichenhistorischen Studien gänzlich abgekehrt und hatte keinen Sinn für Lebensgebiete, dieaußerhalb seines bestimmt abgegrenzten Gesichtskreises lagen. Mit der Erweiterungdieses Gesichtskreises in sinnlicher und geistiger Beziehung hört eben das Mittelalterans. Die lateinische Sprache wurde in den Kloster-, Stifts-, Dom-, Stadtschulen ge-lehrt und gelernt rein zu dem praktischen Zweck, die Sprache der Bildung zu verstehen,zu lesen, zu schreiben, zu sprechen. Dabei kam man denn auch allmählich, da es sichmehr von dem Latein der Gegenwart als der Vergangenheit handelte, von den Quellenab und hielt sich an untergeordnete, für Schnlzwecke bearbeitete Hülfsmittel (Donatus,Catonis Disticha, Orosius, Macrobius, Marcianus Capella, Boethius, Priscian, Ful-gentius, Cassiodor, Isidor, Rhabanus Maurus, Lambertus, Vincentius Bellovacensis,Bartholomäus Glanvillanus n. a.). Welche abenteuerliche Erscheinungen auf demGebiet der Exegese, Kritik, Mythologie, Geographie, Geschichte, Literaturgeschichte imMittelalter uns entgegentreten, hat Haase äo inockü usvl stuäüs plrilologiois Breslau1856 S. 6—32 in anschaulichen Beispielen gezeigt.
Im byzantinischen Reich behielt das Studium der griechischen Sprache undLiteratur, an welchem die Staatsoberhäupter selbst ans der makedonischen, komnenischen,paläologischen Dynastie bis in die letzten Zeiten des Reichs sich betheiligten, immereine große Bedeutung und die Bildung der höheren Stände beruhte wesentlich auf demStudium der Grammatik und Rhetorik in der Schule der alten Schriftsteller. Nichtsdesto weniger haben die Byzantiner, denen vorzugsweise die Rolle zngedacht schien,die griechische Literatur und Kunst zu conserviren, abgesehen davon, daß die Zeiten desBilderstreits im 8. und 9. Jahrhundert sowie die Zeit des lateinischen Kaiserthumsin der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wesentliche Verluste herbeigeführt haben,diese Aufgabe nur in sehr unvollkommener Weise gelöst und ihre Leistungen sindWesentlich nur compilatorischer Art. Ein anderes Urtheil vermögen die Namen desJohann von Stobi, des Stephanus von Byzanz, des Photius, Constantinus porphy-rogenitus, des Suidas, der Comnenen und Dukas, der Psellus, des Tzetzes, Eustathiusund Zonaras nicht zu begründen und es bleibt wahr, was Gibbon in seiner berühmtenGeschichte von dem Verfall des römischen Reichs am Schlüße des 53. Capitels sagt:„Sie hielten in ihren leblosen Händen den Reichthum ihrer Väter, ohne deren Geistzu erben. Sie lasen, priesen, sammelten, aber ihre matten Seelen waren gleich unfähigzum Denken wie zum Handeln. In den Umwälzungen von 10 Jahrhunderten ist nichteine einzige Entdeckung gemacht worden, welche die Würde oder das Glück des Men-schengeschlechts gehoben oder befördert hätte. Kein einziger Gedanke ist zu den specu-lativen Systemen des Alterthums gefügt worden. Kein einziges geschichtliches, philo-sophisches oder poetisches Werk ist durch die inneren Schönheiten des Stils oder derEmpfindung, origineller Phantasie oder auch nur glücklicher Nachahmung vor der Ver-gessenheit gerettet worden" rc.
Noch weniger Verdienste nm die Förderung der philologischen Studien haben sichdie Araber erworben. Zwar ist ein Theil der Cultnr, welche in den arabischenReichen zur Blüte kam, wesentlich unter dem Einfluß der elastischen Literatur erwachsen.Die Philosophie, Medicin, Mathematik, Geographie, Astronomie und die Naturwissen-schaften sind bei den Arabern aus den Schriften der Griechen, besonders des Aristo-teles, und der Alexandriner abznleiten; aber sie schöpften ihre Kenntnis nicht unmittel-bar aus den Quellen, sondern aus Uebersetzungen, für deren Fabrication die Khalifeneine große Menge Gelehrter anstellten und Handschriften aufkaufen ließen, die dannnach vollendeter Uebersetzung gering geachtet oder vernichtet wurden. Man sieht auch,daß diese Studien keineswegs die Erforschung und Darstellung des antiken Lebens zumZweck hatten, dessen Poesie, Geschichtschreibung und Kunst ihnen höchst gleichgültig war,