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Philologie.
In dieser Ausdehnung und in solcher oder ähnlicher Gliederung hat die klassischePhilologie nun freilich erst eine ganz kurze G eschi chte. Die epochemachende That,durch welche die klassische Philologie aus einer instinktiven Betriebsamkeit zumklaren Bewußtsein sich emporgcarbeitct hat, aus einer gelehrten Thätigkeit zu demRange einer ebenbürtigen Wissenschaft erhoben worden, ist die schon genannte Abhand-lung von F. A. Wolf „Darstellung der Altertumswissenschaft nach Begriff, Umfang,Zweck und Werth" in dem Museum der Alterthumswissenschaft von Wolf und Butt-mann I. S. 1 ff. Wir haben schon oben bemerkt, die richtige Benrthcilung dieserThat liege darin, daß sie als ein nothwendigcs Ergebnis der vorangehenden Bestre-bungen auf dem Gebiete der klassischen Philologie betrachtet wird, ein Ergebnis, welchesnunmehr zu ziehen die Zeit gekommen war. Dian hat in dieser That nicht sowohleinen Act unberechtigter Selbstüberhebung zu erkennen, womit eine subjektive Liebhabereiin die aristokratische Gesellschaft längst geadelter Wissenschaften sich eindrängen wollte,als vielmehr einen ersten Versuch, zerstreute Bestrebungen unter einer gemeinsamen Fahnezu sammeln und eine besonnene Begrenzung eines bisher noch nicht ausgeschiedenenGebietes zu vollziehen, auf welchem man zuvor theils maßlose Prätensionen erhoben,theils mit kleinmcistcrlicher Selbstgefälligkeit sich auf enge streife beschränkt oder mitunmotivirter Bescheidenheit sich zum Dienste anderer hcrgegebcn hatte.*)
Dagegen ist die Philologie als ein freies Bestreben, eine vergangene Cultur ausden Denkmälern der Schrift und stnnst zu erforschen und darznstellen, von uraltemDatum auch auf klassischem Boden. Die Keime der griechischen.Sprachwissenschaft,der Kritik und Exegese, der religiösen, Staats- und Privatalterthümer, der Kunsttheoriesind schon in der voraristotelischen Zeit zu suchen.**) Wir erinnern an die Orakel-deuter, Rhapsoden, an die vielfache Anwendung allegorischer Deutung der Mythen, andie Kritik des Homer und Hesiod, wie sie schon vor Plato den alten Philosophen,wie dem Tenophancs, zugeschrieben wird, an die Erörterungen Platos und der So-phisten über alterthümliche Zustände, Verfassungen, Gesetze, über das Wesen, denUrsprung der Sprache, der Wörter, der Beflandtheile und Arten der letzteren. Ganzbestimmt aber erweist sich eine philologische Kritik in der auf Feststellung der home-rischen (vielleicht auch anderer) Gedichte gerichteten ofsiciellen Thätigkeit, welche an dieNamen des Solon, Peisistratos, Hipparch und ihrer Gchülfen geknüpft ist, ferner inder Herstellung eines ofsiciellen Textes von den Dramen der drei großen Tragikerdurch den Redner Lykurg. ***)
Erscheint dieses philologische Streben noch vorherrschend als ein freies, unge-zwungenes, dilettantisches, so tritt uns von Aristoteles an in der alexandrinisch-römischcn Zeit neben diesem Dilettantismus eine berufsmäßige philologische Thätig-keit, die sich in den Händen von gelehrten Fachmännern befindet, entgegen, derenGegenstand nicht ausschließlich, aber vorzugsweise die alte griechische Literatur, Spracheund Kunst ist. Wir finden diese Thätigkeit in dem alexandrinischen Zeitalter, wiespäter in der römischen Zeit, begünstigt durch Regenten und Staatsmänner (Ptolemäer,Attaliden, Sulla, Lucullus, Cicero, Cäsar) und getragen durch wissenschaftliche Insti-tute, Bibliotheken und Museen.
Die Thätigkeit jener Gelehrten ist vor allein eine bibliographische undbibliothekarische, darauf gerichtet, das Lesen und Schreiben, Citiren und Rach-schlagen bequemer zu machen, daher die Einführung einer bequemer» Schrift, derZeichen für Interpunktion, Accente, die Einteilung der Werke in Bücher, Gesänge,
*) Wir erlauben uns hier, ein- für allemal uns zu beziehen ans bas Programm der philo-sophischen Facultät Tübingen von 1882. Grundznge zu einer Geschichte der klassischen Philologievon vr. C. Hirzel.
**) Vgl. Grafenhan, Geschichte der Philologie im Alterthnm Bd. I.
***) Vgl. De publica Loocbxli Lopboclis Laripiäls kabulariim exemplari L/car^o Lae-tare eonkecto scrips. Otto Korn. Lamms 1863.